Fokus
18. September 2011
Sambia Seite 18 Verheerende Folgen des Kupferabbaus in Mufulira Dobelli Seite 20 Warum wir uns gerne über Wahrheiten hinwegtäuschen
James Breiding
Henning Mankell
Mittagessen mit dem Banker und Autor
Der Krimi-Autor über sein Polit-Engagement
Seite 21
Seite 23
Schawinski Seite 20 Kaspar Villigers Versagen nach dem UBS-Debakel
15 Anlagen der Konkola Copper Mines bei Kitwe: Gefährdete Umwelt foto: Meinrad schade
Die Schweiz ist eine Drehscheibe des internationalen Rohstoffhandels. Händler von Firmen wie Glencore macht er zu Milliardären. Die Bevölkerung in den Förderländern leidet unter massiven Umweltschäden.
rohe geschäfte von MICHAEL SOUKUP
Es ist eine heile Welt, die uns die Boulevardpresse vorgaukelt. Letzte Woche berichtete der «Blick» aus Monaco. Fürst Albert II. und seine Gattin Charlène hatten geladen. «Und mittendrin eine Ex-Miss-Schweiz! Fiona Hefti, 33, hatte auch Grund zum Feiern. Mit ihrem Mann, dem Rohstoffhändler Christian Wolfensberger, 40, und den Kindern Juri, 2, und Polina, 3 Monate, ist sie in ihr neues Haus am Zürichsee eingezogen.» Der Glamour-Gatte arbeitet bei Glencore. Als leitender Händler gehört er einem neunköpfigen Team an, das die Geschäftsbereiche Metalle, Energieprodukte und Agrarprodukte
verantwortet. Dank dem Börsengang des weltgrössten Rohstoffhändlers vergangenen Mai wurde Wolfensberger auf einen Schlag steinreich. Die «Bilanz» schätzt, dass Wolfensberger eine Beteiligung von 1 bis 3 Prozent an Glencore hält. In Zahlen ausgedrückt: Am Tag des Börsengangs betrug der Wert seines Aktienpakets zwischen 0,5 und 1,6 Milliarden Franken. Wie ist das möglich? Schliesslich sitzt ein Händler wie Wolfensberger meist in seinem Büro, starrt auf Bildschirme und tippt auf die Tastatur. Als Co-Direktor verantwortet Wolfensberger die Abteilung Eisenlegierung, Nickel und Kobalt. Sie gehört zu den lukrativsten Geschäftsfeldern von Glencore. Die Marktanteile bei
den Metallen am Welthandelsvolumen sind unglaublich hoch: alleine bei Kupfer 50 Prozent, bei Kobalt respektive Nickel 23 und 14 Prozent. Eingesetzte Schwefelsäure ist verheerend für die Menschen
Kobalt ist ein seltenes wie strategisch wichtiges Metall, das beispielsweise in Farben, Lacken und Batterien Verwendung findet. Gewonnen wird Kobalt überwiegend aus Kupfer- und Nickelerzen, die grösstenteils im Kongo und in Sambia abgebaut werden. In beiden afrikanischen Ländern besitzt Glencore Kupfer- und Kobaltminen. Zum Beispiel die Mopani Copper Mine (MCM) in Mufulira, die grösste Kupferhütte Afrikas und zugleich pro-
fitabelste Sambias. In der Mopani-Mine rackern sich 16 000 Menschen mehrere Hundert Meter unter der Erde ab. Um die Metalle herauszulösen, werden grosse Mengen Schwefelsäurein die unteren Bodenschichten gespritzt – mit verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt. 2008 vergifteten sich 800 Anwohner mit dem schwefelverseuchten Wasser. Eine französische Journalistin besuchte die Kupfermine von Mopani, wo sie mit Zeugen sprach: «Alle berichten in etwa dasselbe: An diesem Morgen hätten sie das Gefühl gehabt, Rasierklingen zu schlucken. Erbrechen, starker Durchfall – manche hatten sich erst nach mehreren Wochen vollständig davon erholt.»
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Glencore betont, dass in den letzten Jahren über 2 Milliarden Dollar in Mopani investiert wurden, unter anderem, um in Übereinstimmung mit der Regierung bis zum Jahr 2015 alle Schwefeldioxid-Emissionen abzufangen. Und damit ein Problem zu lösen, das bereits mehr als 60 Jahre vor Glencores Engagement in Mopani entstanden sei. Die Reportage über die Zustände in Glencores Kupfermine findet sich im Buch «Rohstoff – das gefährlichste Geschäft der Schweiz», das von der Nichtregierungsorganisation Erklärung von Bern (EvB) herausgegeben wird und morgen erscheint (siehe Vorabdruck mit Glencores Stellungnahfortsetzung auf seite 17
RohstoffhandelFokus
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18. September 2011
Rohstoffmarkt nach Marktanteilen
Marktanteile der Genfer Rohstoffhändler
35
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Alum
Öl
Edelsteine
GR
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Quellen: EvB, UNCTAD 2010
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*Beinhaltet auch Früchte und Gemüse, die keine standardisierten «Commodities» darstellen
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35 % 25 % 20 % 15 % 5%
Genferseeregion London New York, Houston Singapur Andere
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Genferseeregion London Paris Nord- und Südamerika
50 % 10 % 20 % 5% 5% 10 %
Genferseeregion Zürich/Winterthur Hamburg Singapur New York Andere
Mio. Tonnen
Anteil am freien Rohstoffmarkt
Eisen
9,3
1%
Aluminium
3,9
22%
Zink
1,7
60%
Ferrochrome (für Stahlveredelung)
1,5
16%
Kupfer
1,4
50%
Blei
0,3
45%
Nickel
0,2
14%
Kobalt
0,02
23%
Kohle (thermisch)
196
28%
125
5%*
METALLE
AgrarRohstoffe
Trafigura
79
6000
Luzern
AGRAR
3.
Xstrata
30
38 500
Zug
4.
Mercuria
29
800
Genf
Getreide
19
9%
5.
Cargill
22
130 000
Genf
Pflanzenöl und Ölsaaten
8
4%
Kerngeschäft der Firma Nebengeschäft der Firma
ENERGIE SITZ
ZUCKER
2.
GETREIDE
Öl
EISEN
Baar ZG
ALU
57 500
KUPFER
145
KOHLE
Glencore
ERDGAS
MITARBEITER WELTWEIT
Firmendaten
UMSATZ*
PflANZENFETTE
Mineralische Rohstoffe
1.
ERDÖL SoZ Candrian; Foto: shutterstock
10
Rohstoff
kte*
EnergieRohstoffe
20
Glencores Marktmacht (2010)
Märkte der wichtigsten Schweizer Rohstofffirmen Firma
50 20
10
25
Eisenerz
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ENERGIE
50
15
20
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10
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35
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Koh
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KAFFEE
15
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15
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Gas
ZUCKER
GETREIDE, ÖLSAATEN
ERDÖL 5
Quellen: EvB, GTSA
(Monetäre Anteile an Weltexporten)
*Volumen des freien Rohstoffmarkts nicht bekannt, deshalb Welthandelsvolumen gemäss UNCTAD 2010
*in Milliarden Franken 2010
Quellen: EvB, Glencore-Emissionsprospekte und -Jahresberichte, UNCTAD 2010
Quellen: EvB, Handelszeitung, Firmenangaben
3 Fortsetzung von Seite 15
Rohe Geschäfte me auf Seite 18 und www.sonntagszeitung.ch/fokus). Die Brisanz des Buches liegt weniger im Aufdecken neuer Skandale als in der Verdichtung unzähliger, meist öffentlich zugänglicher Informationen zu einem Gesamtbild des globalen Rohstoffhandels mit Zentrum Schweiz. Meist beschränkt sich die Berichterstattung auf die gigantischen Umsätze der Rohstoffbranche. So befinden sich unter den 20 umsatzstärksten Schweizer Firmen sechs Rohstoffhändler: Glencore (Platz 1), Trafigura (3), Xstrata (7), Mercuria (8), Cargill (11) und Petroplus (13). «Bekannt ist über diese verschwiegene Branche, die hier in der Schweiz etwa gleich viel zum Bruttoinlandprodukt beiträgt wie der Maschinenbau, so gut wie gar nichts», schreibt die EvB. Der Gang Glencores an die Börse zeigt jedoch eindrücklich auf, dass der «Rohstofffluch» auch lange nach dem Ende der europäischen Kolonialherrschaft weiterhin wirkt: Rohstoffreiche Länder sind und bleiben sehr arm, während Rohstoffhändler aus der industrialisierten Welt unermesslich reich werden. «Rohstoffhändler», sagte der grüne Zuger Politiker Josef Lang über Glencore-Gründer Marc Rich, «sind die Blutsauger der Dritten Welt.»
Ivan Glasenberg, CEO von Glencore, wurde praktisch über Nacht zum sechstreichsten Schweizer. Der Wert seines Aktienpakets entsprach mit 8,2 Milliarden Franken der Hälfte des Brutto inlandpro-dukts Sambias. Und die für den Handel mit Kupfer, Zink und Blei zuständigen Senior Traders, Daniel Maté und Telis Mistakidis, sind der viertreichste Spanier respektive der zweitreichste Grieche. «Unternehmen wie Glencore machen, was sie wollen»
Die steuerliche Optimierung von Konzernstrukturen ist genauso Strategie wie der lockere Umgang mit Umweltauflagen oder Arbeitsrechten. In Norwegen fliessen 70 Prozent der Gewinne aus den Ölexporten in die Staatskasse. In Sambia hingegen liegt dieser Anteil unter 5 Prozent. Der sambische Ökonom und Aktivist Savior Mwambwa weiss warum: «Unternehmen wie Glencore verbuchen die Gewinne in extra dafür in Steuerparadiesen angesiedelten Filialen.» Sie hätten die besten Anwälte und die besten Buchhalter der Welt: «Sie machen, was sie wollen.» Und das geht laut EvB so: Glencore besitzt über eine Finanztochter in der Steueroase Bermuda und ein Investmentvehikel auf British Virgin Island seit 2000 einen Mehrheitsanteil an der Mopani-Mine. Hauptsitz Glencores ist wiederum die Schweiz. So kommt es, dass laut UNO-Handelsstatistik der Anteil der sambischen Exporte in die Schweiz am
Gesamtvolumen seit 2002 dramatisch zugenommen hat: 2008 betrug er rund 50 Prozent. Damit ist die Schweiz der grösste Kupferverbraucher der Welt. Freilich nur auf dem Papier. Denn es handelt sich dabei um virtuelle Kupferladungen, die per Mausklick verschoben werden. Jedenfalls taucht Sambia in der Importstatistik der Eidgenössischen Zollverwaltung für Kupfer nirgendwo auf. Eine Untersuchung der Buchprüfungsfirma Grant Thornton und der Beratungsfirma Econ Pöyry im Auftrag der sambischen Steuerbehörden kam Ende 2010 zum Schluss, dass Glencore in Sambia gezielt die Kosten aufblähe und intern keine Marktpreise verrechne. Statt Gewinnsteuern zu zahlen, schreibe Glencore in Sambia seit Jahren Verluste – obwohl der Kupferpreis dieses Jahr mit 10 000 Dollar pro Tonne so hoch wie noch nie war. Ein raffiniertes Instrument zur Steuervermeidung sind DerivateGeschäfte, die der Preisabsicherung dienen. Die Rechnungsprüfer fanden Derivate-Deals, die so strukturiert waren, dass Mopani sowohl bei steigenden als auch sinkenden Preisen verliert. Die jeweilige Gegenpartei war eine andere Glencore-Tochter. Glencore widerspricht vehement dieser Darstellung: «Wir haben öffentlich und wiederholt Vorwürfe in Bezug auf Mopanis Steuerzahlungen zurückgewiesen. Die gemachten Behauptungen basieren auf einem Entwurf eines vorläufigen Berichts, der vor
einigen Monaten in Sambia in Umlauf gebracht wurde und den die sambische Finanzbehörde als ‹vertraulichen, vorläufigen und unvollständigen Entwurf› beschrieb.» Dieser enthalte grundlegende sachliche Fehler, zu denen Glencore auf seiner Website Stellung nehme. Trafiguras verschachteltes Imperium optimiert Steuern
Sind die Milliardengewinne einmal in der Schweiz parkiert, kommen das milde Steuerklima und die willigen Steuerbehörden ins Spiel. Entscheidend sind nicht die an sich bereits europaweit rekordtiefen Unternehmenssteuern, sondern die Sonderregeln. Neben Genf ist Zug mit rund 100 Handelshäusern einer der weltweit wichtigsten RohstoffDrehscheiben. Die Händler fanden in den 70er-Jahren Gefallen an einer Zuger Spezialität: der gemischten Domizilgesellschaft. Dank dieses gewitzten Kunstgriffs profitieren die Händler von den Tiefststeuersätzen, die eigentlich nur für Briefkastenfirmen gelten – obwohl beispielsweise in Glencores «Briefkasten» derzeit 550 Händler arbeiten. Sie dürfen in Zug eine Geschäftstätigkeit ausüben, wenn der Anteil des Auslandsgeschäfts mindestens 80 Prozent beträgt. Damit bleibt das Gros der im Ausland erzielten Erträge weitgehend steuerfrei. Letztes Jahr betrug Glencores Gewinn immerhin 3,8 Milliarden Franken. Mittlerweile mischen auch andere Kantone mit. Die in Luzern ansässige Trafigura ist mit 79 Milliar-
den Franken Umsatz zweitgrösster Rohstoffhändler der Schweiz. Auch er optimiert meisterhaft seine Steuern – dank einem verschachtelten Imperium, bestehend aus 40 Tochtergesellschaften. Die Verwirrung fängt schon bei der Firmenadresse an: «Trafigura Beheer B.V. Amsterdam, Zürichstrasse 31, 6002 Lucerne». Erst eine Recherche der SonntagsZeitung ergibt Folgendes: Die Muttergesellschaft Farringford NV ist auf den Niederländischen Antillen registriert, der Holdingsitz befindet sich in Amsterdam, gehandelt wird aber in London, Genf und Luzern. In der Innerschweiz schlägt das Herz Trafiguras: der Handelsraum für Kupfer, Blei, Zink und Aluminium mit 200 Mitarbeitern. Da in Luzern in den Neunzigerjahren die regulären Unternehmenssteuern hoch waren, konnte Trafigura wohl nur mit einem privilegierten Steuersatz für gemischte Domizilgesellschaft geködert werden. Statt aktuell 10,5 Prozent Gewinnsteuern bewegen sich die reduzierten Sätze in Luzern zwischen 0 und 3 Prozent. Bei einer knappen Milliarde Franken Gewinn zahlte Trafigura so 2009 höchstens 30 Millionen Franken Steuern. Damit zählt Trafigura zu den grössten Steuerzahlern Luzerns, gleichzeitig entgehen aber den Produktionsländern Hunderte von Millionen Franken an Steuergeldern. Laut der welschen Wirtschaftszeitung «L’Agefi» verlegt Trafigura auf Ende Jahr seinen juristischen Sitz nach Genf. Dabei spielten die ebenfalls attraktiven Gen-
fer Steuersätze eine nur untergeordnete Rolle. Entscheidend war die Entwicklung Genfs zur global dominierenden Erdöldrehscheibe: Von drei Liter Erdöl, die auf dem Weltmarkt verkauft werden, wird einer über die Schweiz gehandelt. Allein die fünf grössten in Genf angesiedelten Ölkonzerne haben einen Weltmarktanteil von 28 Prozent. Glencore steuert aus Baar weitere 5 Prozent dazu. Um den Kauf weiterer Minen finanzieren zu können, wagte Glencore den Schritt an die Börse. Dafür steht der Rohstoffkoloss nun im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Werden von Nichtregierungsorganisationen gravierende Verstösse gegen Umweltauflagen oder Menschenrechte angeprangert, wirkt sich dies negativ auf den Aktienkurs aus, und institutionelle Investoren wie Pensionskassen machen einen weiten Bogen um Glencore. Trafigura hat praktisch keine Informationspflichten
Als letztes Jahr ein Bankenanalyst bei einer Präsentation für Investoren Trafigura fragte, ob sie einen Börsengang plane, erntete er ungläubige Blicke. Der Rohstoffgigant würde sicherlich nicht an die Börse gehen. Denn als Privatfirma hat er praktisch keine Informationspflichten. Der gegen Korruption und übermächtige Konzerne kämpfende US-Bundesrichter Lous Brandeis stellte schon vor hundert Jahren fest: «Sunlight is the best disinfectant – Sonnenlicht ist das beste Desinfektionsmittel.»
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FokusRohstoffhandel 18. September 2011
«Das hier ist Bagdad, einfach ohne Krieg» Eine Reportage aus Mufulira in Sambia, wo eine Tochterfirma des Schweizer Rohstoffkonzerns Glencore die grösste Kupferhütte Afrikas betreibt
Zweimal, 2009 und 2010, ist die französische Filmjournalistin Alice Odiot nach Sambia im südlichen Afrika gereist, um in der Kupfermine von Mopani, die von einer Tochtergesellschaft des Schweizer Rohstoffkonzerns Glencore betrieben wird, zu den sozialen und ökologischen Folgen des Bergbaus zu recherchieren. Zum ersten Mal trafen wir Christopher Nkatha im Juni 2009. Christopher ist Bergarbeiter. Er arbeitete für Mopani Copper Mines (MCM), jene Bergbaugesellschaft, die die Kupfervorkommen in Mufulira ausbeutet. Das Abbaugebiet erstreckt sich über 19 000 Hektar im Herzen der Industrieregion Copperbelt. Mufulira liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo entfernt (...). Hier haben die Betreiber der Mopani-Mine die grösste Kupferhütte Afrikas errichtet. Es ist einer der rentabelsten Bergbaustandorte des Landes (...). Wir sind in Begleitung von Herrn Chileshe, einem arbeits losen Bergarbeiter. Wir fahren am Minengelände entlang (...). Herr Chileshe führt uns nach Kankoyo. Das ist jener Stadtteil von Mufulira, der unmittelbar an das Bergbaugelände grenzt und 40 000 Einwohnerinnen und Einwohner hat (...). Je weiter wir auf der holprigen Strasse vorankommen, desto mehr wird vom Minenkomplex sichtbar. Bläulicher, weisser und schwarzer Rauch steigt aus einem unglaublichen Wirrwarr gigantischer Rohre, Leitungen und Trichter auf (...). Seit einer halben Stunde, also seitdem wir hier sind, habe ich einen eigenartigen, leicht süsslichen Geschmack im Mund. Dann verändert er sich, so als hätte ich eine Bleistiftspitze gegessen. Es schmeckt metallisch und unangenehm. Ich atme durch die Nase und meine Lunge zieht sich zusammen. Ich spüre ein Brennen in der Luftröhre. Herr Chileshe hat den Ellen bogen vor das Gesicht genommen und schützt sich mit dem Jackenärmel. Er lächelt etwas verlegen. «Das ist das Centa», gesteht er uns. Diesen Namen haben die Bewohnerinnen und Bewohner von Kankoyo dem giftigen Gas gegeben, das aus den Anlagen strömt. Schwefeldioxid. Der Husten lässt sich nicht unterdrücken, doch je mehr man hustet und einatmet, um wieder Luft zu bekommen, desto mehr tut einem der Brustkorb weh. Wir möchten nur noch weg. Nie zuvor habe ich so eine Luft eingeatmet. «Wir haben uns auch nie daran gewöhnt», sagt uns Herr Chileshe, als wir den kleinen Hof vor Christophers Haus betreten. Rissige Wände bilden zwei Räume unter einem rostzerfressenen Blechdach. Alle Dächer des Viertels sind in diesem Zustand. Alle sind vom sauren Regen gezeichnet. Im Kontakt mit Wasser verwandelt sich Schwefeldioxid nämlich in Schwefelsäure. Deshalb sind Regenfälle hier eine echte Bedrohung, sie machen die Böden unfruchtbar. Überall nur Staub. Unmöglich, einen Gemüsegarten zu unterhalten. Christopher bittet uns herein und stellt uns seine Familie vor.
Arbeiter der Mopani Copper Mines: «Mopani nimmt unser Kupfer und verseucht unsere Umwelt» foto: meinrad schade
Er hat sieben Kinder (...). Cleopatra, seine älteste Tochter, ist 17. Sie trägt ein weites, ärmelloses TShirt und auf ihrer Haut sind deutlich Schwangerschaftsstreifen zu sehen. Cleopatra hat gerade ihr nur wenige Monate altes Baby verloren. Vor zwei Wochen hat sie es beerdigt. Doch richtig kann sie das immer noch nicht begreifen. Sie hat Albträume. «Mein Kind ist nicht an einer Krankheit gestorben.» Sie meint, die Anlage stosse immer noch Schwefel dioxid aus, trotz der Entschwefelungssysteme (...). «Es ging dem Baby nicht gut, es hatte Atemnot», sagt Christopher. «Wir haben es sofort ins Gesundheitszentrum gebracht. Dort gibt es aber keinen Arzt und die Krankenschwestern waren im Streik.
Und dann riechst du diese Luft. Stell dir mal vor, wie es einem Säugling dabei geht. Hier kann man nicht sicher sein, ein Kind aufwachsen zu sehen, solange es nicht das Alter von anderthalb Jahren erreicht hat.» (...) In einem Hotel im Copperbelt treffen wir zufällig Dimitri, einen Glencore-Berater (...). Er schult für Glencore ein zehnköpfiges Team kasachischer Ingenieure in einer neuen, von Mopani entwickelten Fördermethode. In seinem Zimmer bügelt Dimitri sein Hemd und mit freiem Oberkörper erläutert er: «In die Lagerstätte wird Säure gespritzt, die eindringt und die Metalle herauslöst. Das Gemisch wird in Reservoirs gespeichert und dann an die Ober-
fläche gepumpt. Mittels Hydrolyse wird anschliessend das Kupfer herausgelöst.» Bei dieser Laugung werden also täglich grosse Mengen Schwefelsäure direkt in die unteren Bodenschichten von Mufulira eingespritzt (...). Diese Laugungstechnik verursacht verheerende Umweltschäden, doch sie ist rentabel: Man kann das Kupfer schneller und mit weitaus weniger Arbeitskräften fördern (...). Unterhalb der Lagerstätten, in die täglich Hunderte Liter Schwefelsäure gespritzt werden, befindet sich das Trinkwasserreservoir der städtischen Gesellschaft Mulonga Water. Ein Pumpensystem sollte verhindern, dass dort Säure eindringt. Am 2. Januar 2008 haben sich mit diesem Trinkwas-
ser dennoch über 800 Personen vergiftet. Einer davon war Junior, Christophers ältester Sohn. Er erinnert sich noch sehr genau daran: «Als ich ins Krankenhaus kam, waren dort viele Leute. Alle klagten. Ich hatte Angst zu sterben.» Ein Jahr später, 2010, sind wir wieder in Mufulira (...). Wir nehmen am ersten öffentlichen Meeting der von Christopher gegründeten Organisation Green and Justice teil. Sie findet an einem Samstag im August im Hof der Kirche von Kankoyo statt (...). «Wir wollen mit Green and Justice für diejenigen sprechen, die keine Stimme haben, und das anprangern, was hier in unserer Gemeinde passiert.» Christopher ist Vorsitzender des Vereins.
Danach erhebt sich Savior (Leiter einer sambischen Nichtregierungsorganisation, Anmerkung der Redaktion): «Mopani behauptet, keine Gewinne zu machen und zahlt deshalb keine Steuern. Könnt ihr das glauben?» Die auf Bänken unter einem Baum sitzenden Leute schütteln schüchtern die Köpfe. «Wenn sie wirklich keine Gewinne machen würden, wären sie doch längst abgehauen, oder?» Lautstarke Zustimmung. Nun hebt Savior die Stimme: «Das bedeutet, dass sie lügen und ihre Konten frisieren. Mopani nimmt unser Kupfer, verseucht unsere Umwelt und zahlt keine Steuern. Wir können sie verklagen. Das ist möglich, kostet aber Zeit …» Ein Mann steht auf und stimmt zu: «Wir müssen etwas tun. Das hier ist Bagdad, einfach ohne Krieg.» Niemand in Mufulira wurde für die Vergiftung entschädigt. Mopani hat ein Bussgeld von etwa hundert Dollar an die örtliche Zweigstelle des Umweltministeriums gezahlt und weiter mit Schwefelsäure gefördert (...). Die Mitglieder von Green and Justice sammeln im ganzen Viertel Aussagen. Sie lassen sich von jedem Zeugen eine Genehmigung unterschreiben, damit er von einem Anwalt vertreten werden kann (...). Charles Mwandila ist besorgt über die Fördermethode mit Säure. Das Grundwasser war bereits 2004 und 2005 verunreinigt worden. In den Büros des Verwaltungschefs der Gemeinde Mufulira schwenkt er vor unseren Augen eine Wasseranalyse, die die Ereignisse vom 2. Januar 2008 belegt. «Man spricht von ‹Emissionen›, in Wirklichkeit handelt es sich aber um Vergiftung», sagt er aufgebracht. Seit 2000 halte sich Mopani nicht an die in Sambia geltenden Normen für den Ausstoss von Schwefeldioxid in die Atmosphäre. Und die Tochtergesellschaft von Glencore gedenkt, bis 2015 weiter so zu verfahren. Charles zeigt eine der wenigen Luftanalysen, die ihm vorliegen. Im Juli 2009 lag der Schwefeldioxidanteil 72-mal über der Norm. Auch die Arsenemissionen übersteigen die gesetzlichen Grenzwerte um das 16-Fache (...). Ende August 2010 hat Green and Justice 97 Zeugenaussagen gesammelt. Savior ist zurückgekommen, um die Mitglieder unter dem Baum bei der Kirche von Kankoyo zu informieren. Es wird ein langwieriges, kompliziertes Verfahren werden, doch die Opfer im Süden Afrikas wollen sich nichts mehr gefallen lassen.
Glencore nimmt Stellung: «Mopani investierte 2010 mehr als 15 Mio. Dollar in zivile Projekte»
Brisanter Stoff
«In Mopani wurden seit der Priva tisierung mehr als 2 Mia. Dollar von den Eigentümern investiert. Diese Investitionen sichern die langfristige Zukunft des Unter nehmens. Ein Zustand, der vor dem Einstieg von Glencore kei nesfalls gegeben war. Glencore ist überzeugt, dass Mopani über die kommenden Jahrzehnte Wert schöpfung für Sambia und seine Partner liefert, sichere und drin gend benötigte Arbeitsplätze für viele Tausend Menschen schafft
Alice Odiots Reportage aus Sambia ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Buch «Roh stoff – das gefähr lichste Geschäft der Schweiz», 434 S., 34.80 Fr., Salis-Verlag. Das Buch der entwicklungs politischen Organisation Erklärung von Bern (EvB) kommt nächste Woche in den Handel.
und sich Umweltproblemen an nimmt, die vor der Privatisierung während Jahrzehnten schlichtweg unbeachtet blieben. In dieser Zeit hat Glencore nicht einen einzigen Cent an Dividenden aus dem Unternehmen entnommen. Dank den Investitionen ist Mopani einer der grössten Arbeitgeber des Landes (...). Glencore teilt die Besorgnis über die Schwefel dioxid-Emissionen in Mufulira, die bereits viele Jahrzehnte vor der Beteiligung von Glencore ein The
ma waren. Nach erheblichen In vestitionen und im Einklang mit dem mit den sambischen Behör den vereinbarten Umweltmanage mentplan wird heute bereits die Hälfte aller Schwefeldioxid-Emis sionen abgefangen. Die Anlagen vor Glencores Übernahme hatten keinerlei dieser Vorrichtungen zum Auffangen von Schwefel dioxid- oder Staubemissionen. Im Zuge der weiteren Modernisie rung der Schmelzanlagen rechnet Glencore damit, dass bis zum
Jahr 2015 praktisch alle Schwe feldioxid-Emissionen abgefangen werden. Die Investitionen in Mo pani ermöglichen dem Unterneh men, die lokale Bevölkerung auf breiter Basis zu unterstützen. Mo pani investierte 2010 mehr als 15 Mio. Dollar in zivile Projekte, vor allem im Gesundheitsbereich. Das Unternehmen betreibt zwei Kran kenhäuser, sieben Kliniken und fünf Erste-Hilfe-Zentren (...).» Die vollständige Stellungnahme unter www.sonntagszeitung.ch/fokus