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Evb erklaerung 11 15

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DAS MAGAZIN DER ERKLÄRUNG VON BERN

# 06 NOVEMBER_15

Stevia: Gestohlene Süsse


2 __ E D I TO

Weder natürlich noch fair

SUSANNE RUDOLF

Kalorienfrei, natürlich, zahnschonend: Es verwundert nicht, dass der Pflanze Stevia ein enormes Potenzial als Süssungsmittel zugesprochen wird. Fast täglich kommen neue «steviagesüsste» Produkte auf den Markt. Doch was viele Konsumentinnen und Konsumenten nicht wissen: In den oft als «natürlich gesüsst» angepriesenen Softdrinks, Bonbons und Schokoladen steckt nicht die Pflanze Stevia. Als Süssungsmittel zugelassen sind bei uns nur Steviolglykoside: Stoffe, die in einem aufwendigen chemischen Prozess aus den Steviablättern gewonnen, danach aufgereinigt und in Pulverform gebracht werden. Als « natürlich » können die damit hergestellten Süssstoffe kaum bezeichnet werden. Bisher benötigten die Produzenten immerhin noch Steviablätter, um die Steviolglykoside daraus zu gewinnen. Doch auch das ändert sich gerade. Vor einem Monat hat die Schweizer Firma Evolva zusammen mit dem USLebensmittelmulti Cargill das Produkt «Eversweet» präsentiert: einen Süssstoff, der mithilfe von synthetischer Biologie produzierte Steviolglykoside enthält. Dabei werden am Computer Gensequenzen entworfen und in eine Hefezelle eingesetzt, die dann mittels Fermentation Steviolglykoside produziert. Mit der Pflanze Stevia hat dieser Süssstoff nicht mehr viel zu tun. Dass dem Konsumentinnen und Konsumenten künstlich gesüsste Produkte als natürlich verkauft werden, ist die eine bittere Seite des SteviaBooms. Die andere ist die, dass die in Paraguay und in Brasilien lebenden Guaraní von der Kommerzialisierung der Pflanze nicht profitieren. Sie, die von ihren Territorien vertrieben wurden und heute unter schlimmen Bedingungen in Reservaten oder gar am Strassenrand leben, waren es, die die Pflanze als Süssungsmittel entdeckt haben. Gemäss der Biodiversitäts-Konvention der UNO hätten sie und die Staaten Brasilien und Paraguay das Recht, am Geschäft mit «ihrer» Pflanze beteiligt zu werden. Doch bisher gehen sie leer aus: ein klarer Fall von Biopiraterie. So gerne die Produzenten und Verarbeiter von Steviolglykosiden ihre Produkte mit dem «jahrhundertealten Wissen der Guaraní» bewerben, so wenig scheinen sie die Rechte dieses Volkes zu interessieren. Es ist höchste Zeit, dass die Guaraní am Stevia-Boom beteiligt werden.

Inhalt

3__Bittersüsser Stevia-Boom 5_Von wegen «natürlich» Was tatsächlich in den Produkten steckt 7_Die Stevia-Industrie Infografik 8_Unsere Forderungen 9__«Wir müssen unbedingt wieder mehr Junge gewinnen» Kakaobauer Francis Otu Acquah im Interview 12__Die Gefahren der Mega-Deals TPP, TTIP und TiSA 13__Generika: Bietet Kolumbien Novartis die Stirn? 14__Die Regionalgruppen der EvB Werden auch Sie Mitglied! 15__Das Honig-Dilemma Konsumkolumne 16__«Gut für den Magen – und für den Kopf» Köchin Meret Bissegger im Porträt

erklärung! 06/2015 AUFLAGE 22 600 Exemplare Erklärung von Bern (EvB), Dienerstrasse 12, Postfach, 8026 Zürich, Telefon 044 277 70 00, Fax 044 277 70 01, info@evb.ch, www.evb.ch REDAKTION Timo Kollbrunner GESTALTUNG/INFOGRAFIK Clerici Partner Design, Zürich T I T E L B I L D Anführerin einer Guaraní-Gemeinde im Süden Brasiliens. Lunae Parracho / Reuters D R U C K ROPRESS Genossenschaft, Zürich; gedruckt mit Biofarben auf Cyclus Print, 100 % Altpapier, klimaneutraler Druck IMP R E S S U M

H E R A U S G E B E R IN

«ERKLÄRUNG!» ERSCHEINT 4- BIS 6-MAL JÄHRLICH. MITGLIEDERBEITRAG: FR. 60.– PRO KALENDERJAHR (INKLUSIVE ABONNEMENT «ERKLÄRUNG!» UND EVB- DOKUMENTATION). POSTKONTO 80-8885-4

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Linda Forsell / Keystone / Kontinent

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ST E V IA - B A U ER I N P A RA GUA Y : Wer profitiert vom Geschäft mit der Pflanze?

HA N D E L

Bittersüsser Stevia-Boom Stevia soll der neue Zuckerersatz sein. Immer mehr steviagesüsste Produkte kommen auf den Markt. Die Schattenseite der Erfolgsgeschichte: Die indigenen Guaraní in Paraguay und Brasilien, die das Potenzial der Pflanze als Süssstoff entdeckt haben, drohen dabei leer auszugehen. Doch noch kann sich das ändern. TE X T _ T I M O K O L L B R U N N E R

Auf der Homepage von Coca-Cola Deutschland spricht eine Pflanze. Stevia, die «süsseste Latina der Welt». Und sie sagt: «Die Guaraní benutzen meine Blätter für ihren Mate-Tee und als Heilmittel. (…) Auch heute werde ich in Paraguay zum Süssen von Tees und zur Herstellung von Süssigkeiten verwendet. Denn wir Paraguayer mögen es sehr süss! Wir leben im Einklang mit der Natur und müssen uns nichts verkneifen. Vielleicht bezeichnen wir uns deshalb in Umfragen immer wieder als die glücklichsten Menschen der Welt.» Coca-Cola hat sein mit Steviolglykosiden gesüsstes Coke Life (zur wichtigen Unterscheidung der Pflanze Stevia und der aus ihr gewonnen Süss-

stoffe siehe Seite 5) nun auch in der Schweiz lanciert – und liegt damit im Trend. Stevia boomt: Die aus der Pflanze extrahierten Süssstoffe sind bis zu 300-mal süsser als Zucker und fördern weder Diabetes noch Karies. Softdrinks, Schokolade, Bonbons – die Auswahl an steviagesüssten Produkten auf dem Markt wird immer grösser. Im Jahr 2015 werden weltweit schätzungsweise bereits acht bis elf Milliarden Franken mit ihnen umgesetzt, Tendenz stark steigend. Eine natürlich süsse Pflanze, die Indigene seit Jahrhunderten nutzen, erobert als gesunde Zuckeralternative den Lebensmittelmarkt. Was für eine Erfolgsgeschichte! Tatsächlich? Ein Bericht der Erklärung FORTSETZUNG>>

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4 __ S T E VIA

Norberto Duarte / AFP / Getty Images

IND UST R I EL L U N D M I T H ILFE VO N C H EM I E W E RD E N D I E S TEV I O L -

von Bern beleuchtet die bitteren Seiten des Geschäfts mit dem süssen Stoff. Am Anfang stand ein Schweizer Die Industrieländer entdeckten Stevia im Jahr 1887. Damals wurde der Schweizer Botaniker Moisés Bertoni während seiner Erkundungen in den Wäldern im Osten Paraguays von Indigenen über eine wundersame Pflanze unterrichtet: Ka’a he’e˜, Süsskraut, nannten sie sie. Schon vor Jahrhunderten hatten die Guaraní in Paraguay und im Südwesten Brasiliens die Qualitäten der Pflanze als Süssungsmittel und Medizin entdeckt. Ihr traditionelles Wissen ist die Grundlage der Stevia-Kommerzialisierung. Doch was hat der Boom um «ihre» Pflanze den Indigenen gebracht? Die Geschichte der Guaraní ist nicht die eines glücklichen, im Einklang mit der Natur lebenden Volkes, sondern die von Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung und Verarmung. Eine Studie

von 2014 besagt, dass die Selbstmordrate unter den brasilianischen Guaraní-Kaiowá die höchste der Welt ist. Ihre Hauptsorge ist der Verlust ihrer angestammten Territorien – zu grossen Teilen auf Kosten von wachsenden Zuckerrohrplantagen. Die Guaraní verlieren also ihr Territorium wegen des Zuckerbedarfs genau jener Firmen, die mit Stevia-Produkten nun ein grosses Geschäft wittern. Die Kommerzialisierung von Stevia ist ein klassischer Fall von Biopiraterie: einer unrechtmässigen Aneignung genetischer Ressourcen und des damit verbundenen traditionellen Wissens. Eigentlich sollte die Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen, die seit 1993 besteht, genau dies verhindern: Sie sieht vor, dass traditionelle Gemeinden einer kommerziellen Nutzung «ihrer» Ressourcen zustimmen müssen (Prior Informed Consent) und dass sie am Geschäft mit dieser Ressource gerecht beteiligt werden (Access and

GLYKOS I D E A U S D EN BLÄ T T E R N G EW O N N EN .

Diese Anlage steht in Paraguay, der Grossteil der Produktion findet aber im Ausland statt.

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Von wegen «natürlich» D I E PFL A NZ E ST E V I A – UN D WAS DAVO N TATSÄC H LI C H I N UN S ER E PRO DUK T E KO M M T

Steviaprodukte sind nicht so «natürlich», wie ihre Produzenten gerne glauben machen. Und schon bald wird die Steviasüsse für viele Produkte wohl komplett künstlich hergestellt werden.

Ein Problem, mit dem sich die Stevia-Industrie herumschlägt: Jene Steviolglykoside, die sich chemisch aus der Pflanze extrahieren lassen, haben einen bitteren Geschmack. Ihr Einsatz hat deshalb Grenzen: Coca-Cola etwa hat bei Coke Life nur einen Drittel des Zuckers durch Steviolglykoside ersetzt. Jene Steviolglykoside, die sich geschmacklich besser eignen, kommen in den Steviablättern nur in so kleiner Konzentration vor, dass sich eine chemische Extraktion nicht lohnt. PAT EN T W ET TST R EI T U M SY N TH ET I SC H E SÜS S E

Doch die Industrie arbeitet mit Hochdruck an einer profitablen Lösung. Sie hat Wege gefunden, nichtbittere Steviolglykoside herzustellen, ohne dass dafür überhaupt eine Steviapflanze benötigt wird: mithilfe von synthetischer Biologie. Das relativ neue Feld der «Synbio» wird häufig als eine extreme Form von Gentechnik beschrieben. Dabei werden komplett neue Gensequenzen mit den gewünschten Eigenschaften konstruiert und in einen Wirt, zum Beispiel eine genmanipulierte Hefezelle, eingesetzt. Durch synthetische Biologie öffnet sich ein neues Feld: das der digitalen Biopiraterie. Anders als bei der traditionellen Biopiraterie muss dafür gar kein Material (wie die Steviapflanze) mehr von seinem Ursprungsort «gestohlen» werden. Um die synthetische Herstellung von Steviolglykosiden liefern sich derzeit mehrere Firmen einen Patentwettstreit. Gut im Rennen ist das Schweizer Unternehmen Evolva, das zusammen mit dem amerikanischen Lebensmittelmulti Cargill Anfang Oktober das Süssungsmittel «Eversweet» präsentiert hat, das synthetisch hergestellte Steviolglykoside enthält und nächstes Jahr auf den Markt kommen soll.

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Heiner Heine / Keystone / /Imagebroker

Es gibt einen grossen Unterschied zwischen den in Lateinamerika traditionell als Süssungsmittel verwendeten Steviablättern und den sogenannten Steviolglykosiden, die sich in westlichen Produkten finden. Diese Süssstoffe werden mithilfe eines mehrstufigen, chemisch aufwendigen Verfahrens aus den Pflanzenblättern extrahiert. Slogans wie «auf natürliche Weise gesüsst» oder «natürlicher Geschmack» sind also irreführend – und werden zunehmend auch eingeschränkt. Werbung mit den Guaraní aber, wie sie etwa Coca-Cola Deutschland betreibt, wurde bisher nicht beanstandet.

Seit Jahrhunderten und bis heute

SÜSSE N D IE GUA RA NÍ IH RE N M A TE-TEE M I T

ST E V IA BLÄ T T E RN.

EIGENSCHAFTEN VON STEVIA

> Die aus der Pflanze gewonnenen Steviolglykoside sind bis zu 300-mal süsser als Zucker > Geeignet für Diabetiker > Zahnfreundlich > 0 Kalorien Genutzt in der traditionellen Medizin bei: > Diabetes > Magenproblemen > Bluthochdruck

70

100


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Karin Hutter

Die Steviolglykoside, mit denen bei uns erhältliche «Stevia»Produkte gesüsst sind, W E RD E N CH E M ISCH P ROD UZ IE RT . Norberto Duarte / AFP / Getty Images

Benefit Sharing). Das heisst: Macht jemand Profit mit Stevia oder Steviolglykosiden, sollten die Guaraní und die Staaten Brasilien und Paraguay diesem Geschäft zustimmen und an ihm beteiligt werden. Statt Indigene profitieren Konzerne Die Realität sieht anders aus. Das liegt einerseits daran, dass die Biodiversitätskonvention und das Abkommen zu deren Umsetzung, das NagoyaProtokoll, in den einzelnen Ländern noch ungenügend verankert und von einigen – etwa den USA – noch nicht einmal ratifiziert sind; weshalb westliche Firmen nach wie vor ungestraft mit «gestohlenen» Gütern Geschäfte machen können. Im Fall von Stevia besteht zudem eine geradezu

absurde Situation bei der Zulassung: Während in Paraguay Steviablätter frei gehandelt und als Süssungsmittel konsumiert werden, ist deren Verkauf in den USA, der EU und der Schweiz nicht erlaubt. Die Lebensmittelsicherheitsbehörden haben in den USA (im Jahr 2008) und in der EU (2011) lediglich aus der Pflanze aufwendig extrahierte Steviolglykoside zugelassen. Voraussetzung dafür waren komplexe wissenschaftliche Studien, die belegten, dass diese gesundheitlich unbedenklich sind. Weil das marktwirtschaftliche Potenzial der Pflanze Stevia zu klein ist, investiert hier kein Konzern in Studien. Während den Steviabäuerinnen und -bauern also nur die Rolle als Zulieferer bleibt, kämpfen einige wenige westliche Konzerne mit Patenten um ihren An-

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DIE STEVIA-INDUSTRIE WENIGE KONZERNE PROFITIEREN Paraguay/Brasilien Das wilde Stevia rebaudiana wuchs ursprünglich im Grenzland von Paraguay und Brasilien, auf dem Territorium der Guaraní.

Die Guaraní nutzen die Steviablätter … > als Süssstoff > in der traditionellen Medizin, etwa zur Behandlung von Diabetes oder Magenproblemen In Europa und anderen Gebieten ist die Verwendung der Blätter als Süssstoff stark eingeschränkt oder verboten.

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Z U N G vo n S te viablät

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Herstellung von Steviolglykosiden durch synthetische Biologie, ohne dass dafür eine Stevia-Pflanze nötig ist – und ohne dass die Guaraní und die Staaten Paraguay und Brasilien beteiligt werden.

Weder das Volk der Guaraní noch die Staaten Brasilien und Paraguay haben Zustimmung zur Nutzung von Stevia oder der daraus gewonnenen Steviolglykoside gegeben oder werden am Gewinn aus dieser Nutzung beteiligt.

S t e v io lg l y k o si d e n

DAS IST DIGITALE BIOPIRATERIE !

DAS IST BIOPIRATERIE !

BIODIVERSITÄTSKONVENTION:

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werden jährlich mit Produkten umgesetzt, die mit Steviolglykosiden gesüsst sind. Bald dürften Steviolglykoside 20 – 30 % des Markts mit Zuckerersatzstoffen ausmachen.

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Grosser Markt, wenig Profiteure

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ZU 95 % REI NES STE VIO LGLYKO SID E 960

46 % der 450 Patente zu Steviolglykosiden sind im Besitz von acht Unternehmen: > Cargill > Coca-Cola > DSM > Evolva SA > McNeil Nutritionals LLC > Pepsi-Cola Ursprungs> Pure Circle länder pro> Suntory Holdings

fitieren kaum von der Produktion

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Schweizerisches Synbio-Unternehmen Evolva bringt nächstes Jahr zusammen mit Cargill den Süssstoff «Eversweet» auf den Markt.

von

Gerechte Aufteilung der Vorteile bei der Nutzung von genetischen Ressourcen und traditionellem Wissen.

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CHF 8 –11 Mia.

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80 % Industrieller Stevia-Anbau 2011

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Synthetische Biologie (Synbio) Bei der synthetischen Herstellung werden Her Gensequenzen am Gen Computer zusammenCom gesetzt und in eine ges Hefezelle eingesetzt. He Mittels Fermentation M entstehen Steviole glykoside. g

China Paraguay Brasilien Andere Länder

Von wegen « natürlich » !


8 __ S T E VIA

Diskriminierung, Vertreibung, Verarmung: GUA RA NÍ- FRA U M IT KIND E RN IN P A RA GUA Y.

teil am einträglichen Geschäft mit der Herstellung und dem Verkauf von Steviolglykosiden. Über 1000 Patente in Bezug auf Stevia und Steviolglykoside wurden bis Ende 2014 beantragt, 46 Prozent davon allein von acht Firmen; unter ihnen etwa der Lebensmittelmulti Cargill und Coca-Cola.

Florian Kopp / Keystone / Imagebroker

Bäuerinnen und Bauern bleiben aussen vor Auch beim Verkauf von Steviapflanzen an die Verarbeitungsfirmen spielen Paraguay und Brasilien nur eine kleine Rolle. 2011 wuchsen 80 Prozent aller zur kommerziellen Nutzung bestimmten Steviapflanzen in China. Paraguay produzierte nur fünf, Brasilien gar nur drei Prozent. Meist wird Stevia von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Mischwirtschaft mit anderen Pflanzen angebaut. Eigentlich liegt im kleinbäuerlichen Stevia-Anbau ein grosses Potenzial: er ist zwar arbeitsintensiv, aber auch ertragsreich. Doch schon bald werden Steviolglykoside, die mithilfe von synthetischer Biologie hergestellt wurden, auf den Markt kommen (siehe Text Seite 5). Setzen sie sich durch, würden die Länder, die Stevia anbauen, komplett leer ausgehen, und der ganze Profit bliebe bei wenigen grossen Firmen im Norden. Weitere Informationen und die Studie finden Sie unter: www.evb.ch/stevia

Biopiraterie – oder eine faire Lösung

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D I E E V B UN D D I E M I TH ER AUSG EB ER I N N EN D ER S T U D I E V ER L A N G EN I N S B ESO N D ER E,

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FO R D ERUN G EN

Fieberhaft arbeiten die Unternehmen, die Steviolglykoside herstellen oder verwenden, derzeit daran, dass ihr Süssstoff seinen bitteren Beigeschmack verliert. Es liegt an ihnen, dass dies auch im übertragenen Sinne geschieht und die Guaraní für ihr traditionelles Wissen entschädigt werden. Noch kann dieser klare Fall von Biopiraterie gelöst und eine faire Übereinkunft mit den Guaraní erzielt werden.

• •

dass Konzerne wie Cargill oder Coca-Cola, die Steviolglykoside herstellen oder nutzen, unverzüglich mit den Guaraní Verhandlungen darüber aufnehmen, wie diese zu ihrem Recht kommen, am Stevia-Boom beteiligt zu werden. dass keine mithilfe von synthetischer Biologie hergestellten Steviolglykoside produziert und verkauft werden, solange keine Studien zu deren sozioökonomischen Auswirkungen existieren. dass die Konzerne die bewusste Verbreitung von Falschinformationen bei der Vermarktung ihrer mit Steviolglykosiden gesüssten Produkte stoppen – und diese weder als «natürlich» noch als auf dem «traditionellen Wissen der Guaraní» beruhend bewerben dürfen.

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Arne Schollaert

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KA KA OBA UE R FRA NC I S O TU A CQUA H IST ÜBE RZ EU G T: Nur der nachhaltige Anbau hat eine Zukunft.

K A K A O ANBAU IN GHA N A

«Wir müssen unbedingt wieder mehr Junge gewinnen» Francis Otu Acquah, Kakaobauer im Osten Ghanas und Präsident der Cocoa Organic Farmers Association, spricht über die Veränderungen, die nötig sind, damit der Kakaoanbau in seinem Land eine Zukunft hat – und sich auch die Jungen wieder dafür interessieren. INTERVIEW_TIMO KOLLBRUNN E R

Herr Otu, als Präsident der Cocoa Organic Farmers Association vertreten Sie die biologisch anbauenden Kakaobauernfamilien. Bestellen Sie auch eine eigene Farm? Ja, mir gehört eine Farm von fünf Hektaren. Ich habe die Plantage von meinem Vater geerbt, vor knapp fünfzehn Jahren. Von den Einkünften leben meine Frau, meine drei Kinder und ich. erklärung!_06_2015

Sie sind nun 55 Jahre alt. Was wird mit Ihrer Plantage geschehen, wenn Sie sie nicht mehr bestellen können? In zehn, fünfzehn Jahren werde ich zu alt sein, um die Plantage selbst zu bewirtschaften. Ich hoffe sehr, dass mein Sohn, der im Moment an der Universität studiert, sie dann übernehmen wird und mit seinen Einkünften auch für meine Frau und mich sorgen können wird. Viele junge Ghanaerinnen und Ghanaer ziehen heute lieber in die Städte, als die Plantagen ihrer Eltern zu übernehmen. Das ist ein grosses Problem. Heute sind die meisten Farmer älter als 50. Früher oder später werden sie ihre Plantagen nicht mehr bestellen können.

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1 0 __ K A KAO

Wie kann das gelingen? Wichtig ist, dass die ländliche Infrastruktur verbessert wird, dass dort Strassen entstehen, Schulen und Spitäler. Sonst ist die Gefahr gross, dass die Jungen weiterhin in die Städte abwandern. Ein grosses Hindernis ist auch, dass angehende Kakaobauern und Kakaobäuerinnen heute kaum Zugang zu Krediten haben. Wenn ein junger Mann oder eine junge Frau eine Farm aufbauen wollen, müssen sie das zu hundert Prozent mit ihren eigenen Ressourcen tun. Es wäre sehr wichtig, dass rasch ein funktionierendes Kreditsystem für angehende Bauern und Bäuerinnen aufgebaut würde. Sie bauen Kakao biologisch, also ohne Einsatz von synthetischen Chemikalien an. Damit sind Sie heute noch eine grosse Ausnahme. Ist das der Weg für die Zukunft? Davon bin ich überzeugt! Wenn der Kakaoanbau eine Zukunft haben soll, müssen wir beginnen, unsere Plantagen nachhaltig zu bestellen. Man muss Sorge tragen zur Natur, zur Plantage, damit sie noch lange Ertrag abwirft. Deshalb muss schonende, nachhaltige Landwirtschaft belohnt werden. Bauernfamilien, die wie wir biologisch pro-

duzieren, müssen sich darauf verlassen können, dass sie dafür tatsächlich einen höheren Ertrag erhalten. Das tiefe Einkommen für die Bauernfamilien ist ein grundsätzliches Problem. Ja. Wir sind es, die den Kakao produzieren. Ohne uns gibt es keinen Kakao, keine Schokolade. Aber wir bekommen noch immer zu wenig. Damit in Ghana eine nachhaltige Kakaoproduktion möglich ist, müssen die Bauern und Bäuerinnen einen grösseren Anteil vom Marktpreis erhalten. Darum kämpfen wir. Mit Erfolg? Der Erfolg ist noch nicht so gross, wie er sein könnte. Ein grosses Problem ist, dass die Bäuerinnen und Bauern nicht gut informiert und schlecht organisiert sind. Wir müssen uns zusammenschliessen, Organisationen gründen. Wir müssen einen Dialog etablieren zwischen uns, den Verarbeitungsfirmen und den Konsumierenden. Nur so können wir unsere Bedürfnisse einbringen. Viele von uns wissen heute noch wenig darüber, wie der Markt funktioniert, welche Bohnenqualität verlangt wird. Manche wissen nicht einmal, dass aus ihren Bohnen Schokolade entsteht. Und Sie? Mögen Sie Schokolade? Ja, sehr. Aber hier in Ghana ist sie ein bisschen teuer. Mindestens fünf ghanaische Cedis, über einen Dollar, kostet eine Tafel. Das können wir uns nicht leisten.

Thorsten Futh / Keystone / Laif

Ich versuche meinem Sohn täglich vorzuleben: Wenn man als Kakaofarmer verantwortungsbewusst und sorgfältig arbeitet, kann man bessere Einkünfte erzielen, als wenn man in einem Büro sitzt. Wir müssen unbedingt wieder mehr Junge für den Kakaoanbau gewinnen.

D IE KA KA O B A U ER N I N GH A NA W ER D EN IM M E R Ä L TER – und das Interesse der Jungen für den Kakaoanbau ist gering.

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Thorsten Futh / Keystone / Laif

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Die Kakaobohnen werden I N D ER S O N -

Kakaoanbauende wollen beim Preis mitreden An einem von der Erklärung von Bern mitorganisierten Workshop in Ghana haben Kakaobäuerinnen und -bauern aus Westafrika und Indonesien über die aus ihrer Sicht dringendsten Massnahmen im Sektor debattiert. TEXT_ANDREA HÜSSER

Im September hat die EvB als Teil des Netzwerks Voice (Voice of Organizations in Cocoa in Europe) einen zweitägigen Workshop in der ghanaischen Hauptstadt Accra organisiert. 35 Teilnehmende – Bäuerinnen und Bauern aus Westafrika und Indonesien sowie Vertreter und Vertreterinnen von Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft – diskutierten die Fragen: Wie kann die Stimme der Anbauenden gestärkt werden? Und welche Veränderungen im Kakaosektor sind aus ihrer Sicht am dringendsten? erklärung!_06_2015

Im Plenum wurde eine Reihe von vorrangigen Themen ausgearbeitet, die in den kommenden Jahren ins Zentrum gerückt werden sollen. Es zeigte sich: Eines der Hauptanliegen ist die Herausbildung und Stärkung der nationalen und internationalen Netzwerke von Kakaoanbauenden, um der politischen Stimme der Produzentinnen und Produzenten mehr Gewicht zu verleihen und die öffentliche Debatte über das Kakaogeschäft zu befördern. Ein weiteres zentrales Anliegen: Die Anbauenden möchten bei der Preisbildung auf nationalem und globalem Niveau aktiv eingebunden werden und verlangen, dass diese transparenter gestaltet wird als bis anhin. Zur Bekämpfung der auf vielen Plantagen nach wie vor grassierenden Kinderarbeit wünschen sie sich einen besseren Zugang zu Schulbildung. Und auch die Berufsbildung für Kakaobäuerinnen und -bauern zu Themen wie Einkommensmanagement, Klimawandel oder gemischte Anbausysteme sollte aus ihrer Sicht ausgebaut werden. Der Workshop lieferte eine wertvolle Bestandesaufnahme, auf deren Grundlage sich die EvB und das Voice-Netzwerk weiterhin für die Rechte und Forderungen der Kakaoanbauenden einsetzen werden.

NE GE T R O C K N ET UND IMM ER W I ED ER V ON H A N D U M G ESCH ICH TET.


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F R E I H ANDELSABKOM M E N

Die Gefahren der Mega-Deals TPP, TTIP und TiSA Mit den mega-regionalen Handelsabkommen, die derzeit verhandelt werden, drohen ein Demokratieabbau und eine Verschlechterung der Lebensbedingungen der ärmeren Bevölkerung. TEXT_ANDREAS MISSBACH

Seit Jahren bemühen sich vor allem die USA darum, «mega-regionale Handelsabkommen» mit ganzen Gruppen von Ländern abzuschliessen: Anfang Oktober haben sie sich mit elf weiteren Pazifik-Anrainern auf das Freihandelsabkommen TPP (Trans-Pacific Partnership) geeinigt. Das transatlantische TTIP (Trans-Atlantic Trade and Investment Partnership) soll dereinst die USA und die EU verbinden, zudem wird von den USA, der EU, der Schweiz und 20 weiteren Staaten das Abkommen zum Handel mit Dienstleistungen TiSA (Trade in Services Agreement) verhandelt. Kern dieser «Partnerschaften» sind liberalere Bestimmungen z.B. beim Zollabbau, bei den Privatisierungen oder beim öffentlichen Beschaffungswesen. Besser geschützt werden sollen der Marktzugang für ausländische Unternehmen, Direktinvestitionen und das geistige Eigentum (Patente, Marken, Daten usw.). Gemeinsam ist den drei Abkommen, dass sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber unter aktiver Beteiligung der Konzernlobbyisten ausgehandelt werden. Und dass für den Fall ihrer Realisierung Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze in Aussicht gestellt werden. Nur: Diese Versprechen basieren auf zweifelhaften ökonomischen Annahmen. Was sind die problematischsten Punkte? Die Industrieländer sind bei allen Verhandlungen in der Mehrheit, die USA oder die EU dominieren die Gremien. Nur ausgewählte koopera-

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Keystone / AP / Kyodo

Proteste im Oktober vor dem Gebäude in Atlanta, wo D A S

FRE IH A ND E LS-

ABKOM M E N T RA NS- P A CIFIC P A RT NE RSH IP ( T P P ) BE SCH LOSSE N W URD E

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•

tive Länder dürfen mitmachen, die Möglichkeit einer Blockade durch eine Koalition von Entwicklungsund Schwellenländern besteht also nicht. Gleichzeitig werden mit diesen Abkommen faktisch die zukünftigen weltwirtschaftlichen Regeln verhandelt, was offensichtlich auch für alle (noch) nicht beteiligten Entwicklungs- und Schwellenländer von grösster Bedeutung ist. Die Mega-Abkommen benachteiligen Nicht-Mitglieder, vor allem durch Umlenkungseffekte (trade diversion). So fürchten z.B. afrikanische Länder Einbussen bei der Ausfuhr von Kleidern in die USA, wenn die vietnamesische Textilindustrie dank TPP von Zöllen befreit wird. Auch im Fall TTIP werden negative Effekte für lateinamerikanische und afrikanische Länder prognostiziert. Die Abkommen stärken die Position internationaler Unternehmen und schränken die Möglichkeiten für staatliche Regulierungen in Ent-

wicklungsländern massiv ein. Mit TPP werden ausländische Unternehmen nicht nur einen verbesserten Marktzugang erhalten, sondern auch mehr Möglichkeiten, um vor privaten Schiedsgerichten gegen staatliche Regulierungen vorzugehen. Der erweiterte Schutz von geistigem Eigentum im Interesse amerikanischer und japanischer PharmaKonzerne etwa bedeutet teurere Medikamente in Entwicklungsländern, weil mehr und längere Patente erteilt werden müssen – auch für überlebenswichtige HIV- und Krebsmedikamente. TPP-Bestimmungen werden auch Sortenschutzrechte verankern und somit den freien Nachbau und Austausch von Saatgut durch Bauern einschränken. Die Patentierung von Pflanzen und Tieren wird weiter gestärkt werden. Positiv zu vermerken ist das «Labour Chapter» in TPP. Zumindest dann, wenn es tatsächlich umgesetzt wird und dann auch wirklich griffige Bestimerklärung!_06_2015


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mungen zur Verbesserung der Arbeitnehmerrechte enthält, vor allem im Hinblick auf die Beendigung von Kinder- und Zwangsarbeit und die Durchsetzung von Gewerkschaftsfreiheit in den beteiligten südostasiatischen Ländern. TiSA sieht den radikalen Abbau sogenannter «Marktzutrittsbarrieren» im Dienstleistungssektor vor, also eine Deregulierung öffentlicher Dienstleistungen zur Gesundheits-, Wasser- und Energieversorgung, des Bildungssystems und des Finanzsektors. Staatliche Energie- und Wasserunternehmen beispielsweise sollen privatisiert und eine Rekommunalisierung definitiv ausgeschlossen

werden. Die bisherigen Erfahrungen mit Privatisierungen sind vor allem für die ärmeren Bevölkerungsteile in Entwicklungsländern nicht positiv: Während sich die Versorgung nicht durchgängig verbesserte, explodierten die Preise, und viele konnten sich Wasser und Strom nicht oder kaum mehr leisten. TiSA bringt einen Bedeutungsverlust politischer Demokratie mit sich: Die Regulierungsfähigkeit des Staates bei der Versorgung der Bevölkerung wird abgebaut und diese wird dem globalisierten und deregulierten Markt geöffnet. Bei allen drei Mega-Deals geht es um eine möglichst unumkehrbare Vergrös-

serung der Möglichkeiten von multinationalen Konzernen und um eine Ausdehnung des Bereiches privatwirtschaftlich verwertbaren Eigentums auf Kosten des Gemeineigentums, öffentlicher Dienste und staatlicher Regulierungen. Die Folgen wären ein Demokratieabbau und eine Verschlechterung der Lebenschancen des ärmsten Bevölkerungsteils. Zu allen drei Abkommen gibt es breite NGO -Widerstandskoalitionen. Die EvB wird die Verhandlungen weiter verfolgen, sich im Rahmen ihrer Netzwerke an diesen Koalitionen beteiligen und ein darüber hinaus gehendes Engagement regelmässig prüfen.

ZUGANG ZU MEDIKAMENTEN

Bietet Kolumbien Novartis und dem Bundesrat die Stirn? Novartis und die Schweizer Behörden üben Druck auf die kolumbianische Regierung aus, um den Verkauf von Generika des Medikaments Glivec zu verhindern. TE X T _ P A T R I C K D U R I S C H

Als Novartis 2012 in Kolumbien ein Patent auf das Medikament Glivec erhielt, verschwanden die viel günstigeren Generika über Nacht vom Markt. Eine Behandlung mit dem Medikament gegen Leukämie und Magen-Darm-Krebs kostet seither 20 000 Franken pro Jahr – deutlich mehr, als Kolumbianerinnen und Kolumbianer im Durchschnitt verdienen. Aufgrund der Monopolstellung von Novartis wird das schon überlastete staatliche Gesundheitsbudget Kolumbiens um schätzungsweise 15 Millionen Franken pro Jahr zusätzlich erhöht. Aufgrund dieser Situation haben zivilgesellschaftliche kolumbianische Organisationen den Antrag an das Gesundheitsministerium gestellt, den Zugang zu Glivec als von öffentlichem Interesse einzustufen. Diese Entscheidung würde den Weg zu einer Zwangslizenz ebnen. Mittels solcher Lizenzen können Staaten den Verkauf von günstigeren Generika trotz besteerklärung!_06_2015

hender Patente ermöglichen. Das läuft nicht nur den Interessen von Novartis zuwider, sondern offenbar auch jenen der Schweizer Behörden. Der Bundesrat hat mittels eines offiziellen Schreibens versucht, Kolumbien von diesem Schritt abzubringen. Darin bezeichnete er Zwangslizenzen fälschlicherweise als Versuch einer Patententeignung. In einem Brief hat eine von der EvB angeführte Koalition von NGOs den Bundesrat daraufhin im August aufgefordert, seine Druckversuche einzustellen und das lateinamerikanische Land souverän entscheiden zu lassen. Noch steht der Beschluss der kolumbianischen Regierung aus, ob sie dem Antrag stattgibt. Es ist zu hoffen, dass sie standfest bleibt und die Bedürfnisse ihres Gesundheitssektors höher gewichtet als wirtschaftspolitische Interessen. Ein solches Vorgehen könnte für andere Länder als Beispiel dienen, dass Zwangslizenzen ein probates Mittel sind, um exorbitante Medikamentenkosten aufgrund von Monopolstellungen zu bekämpfen. Im Süden und im Osten, aber auch im Norden, wo die Kosten für sehr teure Behandlungen von den Krankenkassen zuweilen nur beschränkt übernommen werden.


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DI E REGIONALGRUPP E N D E R E V B

«Die Welt im Einkaufswagen» TEXT_URSINA MAYOR

Monatelang hatten Mitglieder der Regionalgruppen Zürich und Winterthur an dem Projekt gefeilt, geplant, gebastelt. Im September 2015 war es dann soweit: In der Zürcher Innenstadt standen an sieben Standorten Einkaufswagen, gefüllt mit Schokolade-, Kaffee-, Peperoni-, Milch-, Bananen-, Fleisch- und Brotattrappen. «Die Welt im Einkaufswagen» hiess die Aktion im Rahmen des «Erlebnismonats ‹Zürich isst›». Auf Plakaten konnten sich Interessierte über wichtige Aspekte einer nachhaltigen Ernährung informieren und eine der acht Führungen besuchen, welche die Regionalgruppen-Mitglieder anboten. Das ist nur ein Beispiel aus der Fülle der von unseren Regionalgruppen organisierten Aktionen. Die ehrenamtlichen Mitglieder sind eine wichtige Stütze für die EvB. Schweizweit gibt es mittlerweile neun Regionalgruppen oder «Regrus»: Aargau, Basel, Bern, Genf, Lausanne, Ostschweiz, Winterthur, Zentralschweiz und Zürich. Ihre Mitglieder tragen in Freiwilligenarbeit dazu bei, die Anliegen und Forderungen der EvB in ihrer Region zu verbreiten, indem sie:

Fotos: Martin Bichsel

– Unterschriften sammeln, dieses und nächstes Jahr in erster Linie für die Konzernverantwortungsinitiative, – Filmabende, Vorträge oder Lesungen veranstalten, – Strassenaktionen organisieren, – Kleidertauschbörsen unterstützen, – Führungen zu EvB-Themen anbieten, – sich mit eigenen Ideen für die EvB einsetzen.

KO NZ ER N V ER AN T WO R TUN GSI N I TIATIV E: AUF KU RS, AB ER N O C H N I C H T A M Z I EL .

Firmen mit Sitz in der Schweiz müssen den Schutz von Menschenrechten und der Umwelt verbindlich in ihre Geschäftsabläufe einbauen – auch bei Tätigkeiten im Ausland. Das ist die Forderung der Konzernverantwortungsinitiative, die die Erklärung von Bern im April gemeinsam mit 65 weiteren NGOs

lanciert hat. Nach gut einem halben Jahr ist die Unterschriftensammlung auf Kurs, auch wenn wir noch nicht am Ziel sind. Alleine die EvB hat bisher gut 30 000 Unterschriften gesammelt – auch dank des grossen Einsatzes unserer Regionalgruppen. Herzlichen Dank!

erklärung!_06_2015


K O N S U M __ 1 5

Deshalb engagieren sie sich in einer Regionalgruppe:

KOLUMNE

A N D R EA HÜSSER

Das Honig-Dilemma MYRIAM, SEIT 2007 DABEI:

«Weil ich es wichtig finde, vor der eigenen Haustür zu wischen, anstatt das Ausland zu kritisieren.»

NICO, SEIT 2014 DABEI:

«Weil internationale Gerechtigkeit uns alle angeht und ich die Thematik in die Bevölkerung tragen möchte.»

LORENZ, SEIT 2011 DABEI:

«Weil ich als Freiwilliger in der Regru meine Verantwortung wahrnehmen kann, als privilegierter Bürger der Schweiz.»

REBEKKA, SEIT 2010 DABEI:

«Weil ich mich für eine bessere Welt einsetzen will.»

Unsere Regionalgruppen suchen Mitglieder Schliessen Sie sich einer Gruppe an und engagieren Sie sich mit Gleichgesinnten für eine gerechtere Welt! Momentan suchen in der Deutschschweiz insbesondere die Regionalgruppen Aargau, Winterthur und Zentralschweiz neue Mitglieder. Kontakt: regrus@evb.ch, Tel. 044 228 70 27 Weitere Infos auf www.evb.ch/regionalgruppen

erklärung!_06_2015

Die Auswahl an Honigsorten in den Gestellen ist enorm: Lokal produzierte und importierte, teure und günstige, solche mit Fairtrade- und solche mit Bio-Label. Worauf muss ich achten, wenn ich guten Gewissens Honig einkaufen möchte? Honigbienen produzieren nicht nur Honig. Als Bestäuber sind sie unabdingbar, damit unsere Nahrungsmittel wachsen. Aber in den letzten Jahren sterben mehr und mehr Bienen, ganze Völker kollabieren. Als Hauptursache des Massensterbens gilt die Varroamilbe, aber auch Pestizide werden mitverantwortlich gemacht. 2012 rief die EU ein Moratorium für drei Insektizide von Bayer CropScience und Syngenta aus, die Bienen schädigen sollen. Die Konzerne wehren sich gerichtlich gegen das Verbot, in der Schweiz ist die Bewilligung vorerst suspendiert. Klar ist: Die industrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und ihrem exzessiven Chemieeinsatz ist eine der grössten Bedrohungen für die Bienenvölker. Mit dem Kauf von Bio-Produkten unterstützen Sie eine Landwirtschaft, mit der der Lebensraum der Bienen besser geschützt wird. Sicher macht es auch Sinn, Bio-Honig zu kaufen – obwohl das ein schwieriger Begriff ist, weil sich Bienen nicht total kontrollieren lassen. Um ein reines Bio-Produkt zu garantieren, müssten Imkerinnen und Imker sicherstellen können, dass ihre Bienen keine Pflanzen anfliegen, die mit Pestiziden behandelt worden sind. Das ist kaum möglich. Die gesetzlichen Bestimmungen für die Produktion von Bio-Honig gewährleisten aber doch einiges: Etwa, dass Schädlinge nur mit unbedenklichen Mitteln bekämpft, die Bienen an geeigneten Orten gehalten und im Winter mit «gesundem» Futter versorgt werden. Aus ökologischer Sicht sinnvoll ist ganz sicher auch der Kauf von Honig aus der Region. Nur: Lediglich ein Drittel unseres Bedarfs kann mit hiesigem Honig gedeckt werden, der Rest wird importiert. Kauft man Honig von weit weg, sollte dieser fairtrade sein.


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M E R E T BISSEGGER

Hans-Peter Siffert

Gut für den Magen – und für den Kopf Rotkohl-Kaviar mit Beluga-Linsen auf gebratenem Sellerie, Kastanien-Pilz-Ragout oder Topinambur mit Fenchel à la grèque: Es gebe keinen Grund, sich dem Gemüse nicht mit derselben Leidenschaft zu widmen wie dem Fleisch, sagt Meret Bissegger, Autorin des Buchs «Meine Gemüseküche für Herbst und Winter». TEXT_ RAP HAËL DE RIEDMATT E N

Sie koche «leidenschaftlich, genussbetont und spielerisch», sagt Meret Bissegger. Neben Gewürzen, Kräutern und essbaren Wildpflanzen ist das Gemüse ihr «Lieblingsthema», und in den meisten ihrer Rezepte steht es im Zentrum – beim Aperitif, bei Vorspeisen und Hauptgängen und auch bei manchen Desserts. Im Laufe der Jahre hat Meret Bissegger eine geschmackvolle, authentische Küche entwickelt, die stark von der jeweiligen Saison geprägt ist und «in der fast jedes Gemüse seine Zeit hat und dann auch entsprechend gefeiert wird». Dass bei ihr im Winter kein typisches Sommergemüse in die Pfanne komme, verstehe sich von selbst. Im Buch «Meine Gemüseküche für Herbst und Winter» stellt sie 150 ihrer Rezepte vor, die auch dazu einladen, unter dem Uniformitätsdruck der globalen Lebensmittelindustrie vernachlässigte oder nahezu vergessene Gemüse neu zu entdecken – mit dem Gaumen und mit dem Auge. «Wer auf das einheimische, wirklich ausgereifte Gemüse der jeweiligen Saison warten kann, der wird belohnt mit viel Geschmack, Freude und zudem einem guten Gewissen.»

Durch EvB sensibilisiert Begleitet vom Fotografen Hans-Peter Siffert hat sich Meret Bissegger für ihr Buch auf den Weg zu Biohöfen, Märkten und Gemüsegärten gemacht, um Bäuerinnen und Produzenten zu treffen und neue Geschmäcke kennenzulernen. «Es ist mir wichtig zu wissen, woher die Produkte kommen, und ich entscheide beim Einkauf so gut wie möglich nach den Prinzipien: ökologisch, nachhaltig, fair.» Die im Tessin aufgewachsene Meret Bisseg-

UM E INE N K Ü R B I S

ger, engagierte Mitstreiterin der Slow-Food-Bewegung, verdankt ihre «Politisierung» in Bezug auf Fragen der Ernährung und Landwirtschaft auch der EvB, bei der sie Mitglied ist. «Meine ersten Aha-Erlebnisse hatte ich in den 80er-Jahren bei der Lektüre von Kochbüchern der EvB. Themen wie Nachhaltigkeit, fairer Handel oder Pestizidrückstände wurden hier zwischen den Rezepten klar und knapp aufgegriffen, so dass man sich eine eigene Meinung bilden konnte.» Nur folgerichtig also, dass die EvB nun auch für Meret Bisseggers Gemüse-Buch Texte zu Patenten, zum Schaden der Schädlingsbekämpfung oder zur Welternährung beigesteuert hat. Entstanden ist eine GastroBibel für regionale Gerichte aus dem Garten, die Leserinnen und Leser ermuntert, über die eigene Ernährung nachzudenken und dann konkret zu handeln: am Herd. Ganz nach Meret Bisseggers Credo: «Wer auf das einheimische, wirklich ausgereifte Gemüse der jeweiligen Saison warten kann, der wird belohnt mit viel Geschmack, Freude und zudem einem guten Gewissen.»

Z U ÖFFN EN , I S T EI N GROSSES M ES S ER NÖT IG – und manchmal gar ein Hammer.

Das 384-seitige Buch «Meine Gemüseküche für Herbst und Winter», das letzten Herbst erschienen ist, kann online in unserem Webshop unter www.evb.ch/shop oder telefonisch unter 044 277 70 00 bestellt werden. Regulär kostet es Fr. 49.90, für EvB-Mitglieder Fr. 39.90. erklärung!_06_2015


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