das Magazin der ERklärung von bern
V ie l A rbe i t f ü r
CCC
w e n i g Ge l d
in mazedonischen Textilfabriken.
Made in Europe Der Sektor ist gross: Knapp zwei Millionen Personen, also fast 50 Prozent aller berufstäti gen Personen der Schweiz, tragen immer oder für gewisse Tätigkeiten Berufsbekleidung¹. Doch wie und wo wird Berufsbekleidung her gestellt? Die EvB wollte im Rahmen der Clean Clothes Campaign mehr wissen. Text_Christ a Luginbühl / / B i l d _ S u s a n n e H ö r e n z / C C C
«In der Fabrik ist es sehr kalt, ich muss vier bis fünf Blusen übereinander anziehen. Wir sitzen an den Nähmaschinen und fühlen den kalten Luftzug von den Fenstern her. Wenn wir selber
Frühstück mitbringen, haben wir etwas zu essen – sonst gibt es nichts. Wenn der Chef sagt, dass wir einen Auftrag fertig machen müssen, bleibt uns nichts anderes übrig, als in der Fabrik zu bleiben. Mein Mann ist wegen einer Behinderung arbeitsunfähig. Mein Sohn ist arbeitslos, seine Frau arbeitet wie ich in der Fabrik, und sie haben ein Kind. Meine Tochter ist Lehrerin, findet aber keinen Job. Mit den zwei Einkommen haben wir für sechs Personen insgesamt 12 000 Denar (234 Franken) pro Monat zur Verfügung. Irgendwie geht es. Ich bete, dass ich nicht krank werde, da sonst mein Gehalt gekürzt wird», so Lijana². EmiF o r ts e tz u n g > >
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lia fügt an: «Es ist gut, dass wir an den Sonntagen nicht arbeiten müssen, dann kann ich den Haushalt machen.» Und Biljana, eine 26-jährige dreifache Mutter ergänzt: «Ich bin glücklich, dass ich in der Fabrik arbeiten kann, denn mit der Anstellung erhalte ich wenigstens eine Krankenversicherung und Pensionskassenbeiträge.» Die drei Frauen wurden im Februar/März 2012 zusammen mit 44 anderen Personen für eine Recherche der CCC und ihren Partnerorganisationen befragt. Alle drei sind bei Zulieferern von Schweizer Berufsbekleidungsfirmen angestellt. Produkte, die Lijana, Emilia und Biljana hergestellt haben, finden wir in unserem Alltag zuhauf: Mazedonien hat sich als Produktionsland für Berufsbekleidung einen Namen gemacht und stellt unter anderem Uniformen für die Polizei und die Armee her, produziert Berufsbekleidung für Spitalangestellte oder die Swisscom und näht die Uniformen der Swiss-Crew. Die räumliche Nähe Mazedoniens zur Schweiz ist attraktiv; Transportkosten werden gespart, (Qualitäts-)kontrollen können einfacher durchgeführt werden, und Europa hat als Produktionsregion einen besseren Ruf als Asien. Mazedonien verfügt zudem über lange Erfahrung als Produktionsland von Bekleidung, kann Stabilität und verlässliche Qualität bieten und hat eine gut ausgebildete Belegschaft. Der grösste Vorteil liegt aber bei den Tiefstlöhnen. Der gesetzliche Mindestlohn in Mazedonien ist mit 122 Franken/Monat sogar tiefer als in China und Indonesien und deckt weniger als 20 Prozent eines Existenzlohnes³ ab. Die staatliche Statistik weist als durchschnittliche Haushaltausgaben knapp 600 Franken/Monat aus. In den fünf untersuchten Fabriken sind die tatsächlich ausbezahlten Löhne für eine Regel arbeitswoche (nach Gesetz 40 h) teilweise noch tiefer als der gesetzliche Mindestlohn. Das tiefste erhobene Gehalt beträgt gerade mal 66 Franken
Keystone
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monatlich. Die ArbeiterInnen mit den tiefsten Löhnen müssten demnach jeden Monat 150 zusätzliche Stunden leisten, um auf das Lohnniveau des gesetzlichen Mindestlohnes zu kommen. In allen fünf Fabriken erhalten die Angestellten zudem nur befristete Arbeitsverträge. Das garantiert den Fabrikmanagern und den Einkäufern vollste Flexibilität, beraubt die NäherInnen und ihre Familien aber jeglicher Zukunftsplanung. Mit einer Arbeitslosenrate von fast 32 Prozent und einer Armutsrate von 31 Prozent (gemäss offizieller Statistik in Mazedonien) sind die raren Jobs begehrt und die Näherinnen oft die einzigen in der Familie, die über ein regelmässiges Einkommen verfügen. Ohne Subsistenzwirtschaft und Rücküberweisungen von Verwandten aus dem Ausland wäre der Alltag für viele Familien in Mazedonien nicht zu bewältigen. Die Bekleidungsindustrie als eines der wichtigsten Standbeine bezüglich Export, Arbeitsplätze und BIP könnte in Mazedonien eine Chance sein, dem Land Entwicklungspotenzial und den Menschen eine Perspektive für ein Leben jenseits der Armut zu bieten. Schweizer Berufs-
Wege n der h o h e n A rbe its l o s i g kei t sind NäherInnen oft die einzigen in der Fami lie mit einem regel mässigen Einkommen.
Za h l e n sagen mehr a l s W o r t e...
2 Mio.
Fast Personen in der Schweiz tragen Berufsbekleidung.
Der Mindestlohn in Mazedonien deckt weniger als eines Existenzlohns.
20 %
42 000
Personen arbeiten in Gut Mazedonien in der Bekleidungsindustrie.
Manche ArbeiterInnen müssten monatlich Gratisstunden leisten, um den gesetzlichen Min destlohn von CHF zu erhalten.
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bekleidungsfirmen und Schweizer Beschaffungs stellen sollten in Mazedonien als Produktionsstandort investieren – aber zu fairen Bedingungen für alle. ¹ Eigene Berechnungen aufgrund der Eidgenössischen Betriebs zählung BZ, 2008 (aktuellstes aufbereitetes Zahlenmaterial) ² Namen wurden zum Schutz der Arbeiterinnen geändert ³ Schätzungen gemäss CCC-Partnerorganisationen in Mazedonien für das minimal benötigte Haushaltsbudget einer vierköpfigen Familie
Ausbeutung darf nicht mit Steuergeldern finanziert werden!
Ein grosser Teil der Berufsbekleidung wird von der öffentlichen Hand und mit unseren Steuergeldern be schafft, z.B. die Bekleidung für die Stadtfeuerwehr, die Kantonspolizei oder die FahrerInnen der städ tischen Verkehrsbetriebe. Die EvB wollte wissen, inwiefern diese Beschaf fungsstellen darauf achten, dass die eingekauften Pro dukte unter fairen Bedingungen hergestellt werden. Dazu wurden 27 Berufsbekleidungsfirmen sowie 27 öffentliche Beschaffungsstellen (Bund, Kantone, Ge meinden, Spitäler) und 10 private Beschaffungsstellen von grossen Firmen befragt. Obwohl etwa drei Viertel der Beschaffungsstellen und rund die Hälfte der be fragten Firmen reagierten, gaben sich viele Stellen bedeckt. Insgesamt zeigt sich eine verschwiegene Branche, die über viel Ausbaupotenzial bezüglich der sozialver träglichen Herstellung von Berufsbekleidung verfügt. Für die Beschaffung durch die öffentliche Hand gibt es gesetzliche Spielregeln, die gegenwärtig überarbeitet werden. Die neue EvB-Kampagne setzt sich für die Integra tion sozialer Kriterien in das Gesetz ein – damit Uni formen nur noch fair beschafft werden. Unterstützen Sie uns und unterschreiben Sie jetzt unsere Forderung nach fair hergestellten Uniformen: www.evb.ch
Wichtiger Hinweis
Bitte melden Sie uns Ihren Umzug frühzeitig! Die Post teilt Adressänderungen seit einigen Jahren nicht mehr mit. Die Nachsendefrist dauert lediglich ein Jahr, danach werden die Briefe mit dem Vermerk «Empfänger unbekannt» an uns zurückgeschickt.
erklärung! 3/2012 Auflage 20 000 Exemplare Erklärung von Bern (EvB), Dienerstrasse 12, Postfach, 8026 Zürich, Telefon 044 277 70 00, Fax 044 277 70 01, info@evb.ch, www.evb.ch R edaktio n Susanne Rudolf Gesta ltung Clerici Partner Design, Zürich Dru ck ROPRESS Genossenschaft, Zürich; gedruckt mit Biofarben auf Cyclus Print, 100 % Altpapier, klimaneutraler Druck Impressu m
Herausgeberin
« erk l ä r u n g ! » ersc h e i n t 4 - b i s 5 -ma l j ä h r l i c h . M i tg l i ederbeitrag: Fr. 60.– pro K alenderjahr (inklusive Abonnement «erklärung!» und EvB-D okumentation). Postkonto 80-8885-4
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Armutsbe kämpfung durch eine grüne Wirtschaft? Susanne Rudolf
Führt eine «grüne Wirtschaft» automatisch zu nachhaltiger Entwicklung und Armutsbekämp fung? Dies postuliert zumindest die vom 20. bis 22. Juni in Rio de Janeiro stattfindende UnoKonferenz über nachhaltige Entwicklung. Bereits im Vorfeld der Konferenz wurde Kritik von ver schiedenen Seiten laut, da die Fokussierung auf Wachstum in einem grünen Mantel nicht an den Ursachen der Armut ansetzt. Ein Aufruf der inter nationalen Nichtregierungsorganisation «Friends of the Earth», der auch von der EvB unterstützt wird, warnt zudem vor einem wachsenden Ein fluss der Wirt schaft auf die Uno-Konferenz für Nachhaltigkeit. Gemäss der Definition einer grünen Wirtschaft auf der Schweizer Plattform zur «Rio+20»-Kon ferenz soll eine grüne Wirtschaft einerseits die Knappheit der natürlichen Ressourcen berück sichtigen, denn es dürften nicht mehr Ressourcen verbraucht werden, als zur Verfügung stehen. An derseits soll eine grüne Wirtschaft auch zur Ar mutsreduktion durch wirtschaftliche Entwicklung beitragen. Mit dem Konzept grüne Wirtschaft wird jedoch nicht an den herrschenden Machtverhältnissen und strukturellen Ungerechtigkeiten gerüttelt, die der Armut zugrunde liegen. Unternehmen werden neu zu Förderinnen einer nachhaltigen Entwicklung, solange sie die richtigen Produkte produzieren. Dieser Ansatz greift zu kurz: Grüne Produkte führen nur dann zu einer Verringerung der Armut, wenn die betroffenen Arbeitstätigen existenzsichernd entlöhnt werden und unter menschenwürdigen Bedingungen leben können. Verschwiegen wird zudem, dass weltweit täti ge Unternehmen für ihre Umweltvergehen und Missachtung von Menschenrechten nach wie vor nicht grenzüberschreitend zur Rechenschaft gezogen werden können. Denn erst wenn diese Machtverhältnisse geändert haben und mehr glo bale Gerechtigkeit herrscht, kann von einer nach haltigen Entwicklung gesprochen werden.
4 __ Un ternehmensverant wort ung
Ro h s t off
Weltrohstoffgipfel am Genfersee Das erste öffentliche Stelldichein von Topmanagern globaler Rohstoff konzerne erlaubte Einblicke in eine Branche, die erst seit Kurzem von einer kritischen Öffentlichkeit beobachtet wird. Text_Urs R ybi
Ende April lud die «Financial Times» (FT) das globale Who’s Who der Rohstoffbranche in die Schweiz, Drehscheibe des Rohstoffhandels, ein. 350 Händler, Banker und BranchendienstleisterInnen nahmen an der Konferenz in Lausanne teil. Auch die EvB mischte mit und sicherte gemeinsam mit dem US-amerikanischen Revenue Watch Institute der Zivilgesellschaft eine Minimalpräsenz. Schon in seiner Eröffnung machte FT-Chefredaktor Lionel Barber klar:
Die Zeiten der Geheimniskrämerei sind auch im Rohstoffhandel vorbei. Dieser Losung entsprechend berichtete die FT zum Konferenzauftakt über eine neue Studie von Revenue Watch zur Transparenz im Ölhandel und publizierte eine ausführliche Rezension unseres Bestsellers zum Rohstoffplatz Schweiz. Mit dem neuen öffentlichen Interesse an ihren Geschäften und Strukturen gehen die Firmen unterschiedlich um. Glencore etwa brach mit seinem letztjährigen Börsengang ein Branchentabu und musste seine Kommunikation deshalb stark ausbauen. Und so absolvierte deren Ölhandelschef Alex Beard – notabene nach fünf Jahren im Topmanagement der zweitgrössten Schweizer Firma – in Lausanne seinen ersten öffentlichen Auftritt. Derweil freute sich Ian Taylor, Boss des weltgrössten Öl-
händlers Vitol, dass sie als private Firma weiterhin «kaum Zeit für externe Journalisten und andere externe Stakeholder» aufwenden müssten. Der Leiter der Metallsparte bei Trafigura, Simon Collins, freute sich: Glencore wird durch das grosse Medieninteresse vom eigentlichen Geschäft abgelenkt, während wir uns weiterhin voll darauf konzentrieren können. Die im September 2011 publizierte erste Auflage des EvB-Rohstoffbuchs ist – in Deutsch wie auch Französisch – bereits ausverkauft. Seit Mitte Mai liegt die zweite, leicht aktualisierte Auflage in den Buchläden. Als exklusiver Bonus ist die Sambia-Reportage aus dem Buch ab sofort als einstündiger Dokumentarfilm in Bild und Ton verfügbar! Kostenlos auf: www.evb.ch/sambiafilm
Sch u l besuche
Recht ohne Grenzen
Gerechtigkeit im Klassenzimmer
Über 92 000 Personen fordern: «Recht ohne Grenzen»
Melden Sie Ihre Klasse für einen Schulbesuch der EvB an! «Wer ist noch nie im Leben ungerecht behandelt worden?» – Niemand erhebt die Hand, aber in der Klasse herrscht Einigkeit: Gegen Unrecht sollte man sich zur Wehr setzen. Um den SchülerInnen aufzuzeigen, wie sie sich aktiv für eine bessere Welt einsetzen können, führt die EvB seit Jahren Schulbesuche durch. Mit dem normalen Unterricht haben die Schulbesuche der EvB wenig gemein. Aber nur ‹lässig› sind sie auch nicht – dafür sind die Themen der EvB zu ernst. Mit einer positiven Haltung und auf ansprechende, motivierende Weise möchten wir die Jugendlichen zum ernsthaften Nachdenken, Mitdiskutieren und zu eigenem Handeln anregen. Im Angebot des Schulbesuchsteams stehen folgende Themen: Kleider, Handy/PC, Ernährung, Schokolade und fairer Handel. Keimen in den Jugendlichen Überzeugungen wie: «Mit bewusstem Einkaufen als Konsumentin und Konsument kann ich etwas bewirken», ist unser Ziel erreicht. / / Mb , RB
Unternehmen sollen auch bei Geschäften im Ausland Mensch und Umwelt respektieren. Im Mai befassten sich ParlamentarierInnen mit der Fragestellung. SP, Grüne, GLP und eine starke Mehrheit der CVP verankerten gemeinsam in der Legislaturplanung 2011 – 2015 die Forderung nach einer Strategie, welche sicherstellen soll, dass Unternehmen ihre Verantwortung im Bereich Menschenrechte und Korruption wahrnehmen. Nun gelangt die Vorlage in den Ständerat. Die Kampagne «Recht ohne Grenzen» setzt in der letzten Woche der Sommersession mit der Einreichung der Petition ein kräftiges Zeichen für zukünftige Fortschritte. Innerhalb von lediglich 6 Monaten hat die breite Koalition über 92 000 Unterschriften mobilisieren können. Insbesondere die Freiwilligen in den fünf Regionalgruppen der EvB haben an zahlreichen Anlässen während des Frühlings Tausende von Unterschriften gesammelt. Allein am 1. Mai kamen weit über 1000 Unterschriften zusammen – ein grosser Sammelerfolg! //UR
Weitere Informationen sowie das Anmeldeformular finden Sie auf www.evb.ch/schulbesuch. Kontaktieren Sie uns über schulbesuch@evb.ch / 044 277 70 00.
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5 __ K AMPAGNE
CC C
Urgent Appeals – die Appelle aus dem Süden
Text_Jul ia S pet zl er
Urgent Appeals ermöglichen es Opfern von Menschen- beziehungsweise Arbeitsrechtsverletzungen in der Textilindustrie, an die internationale Gemeinschaft zu appellieren. Öffentliche Kampagnen, Petitionen und Protestbriefe sollen Kleiderunternehmen und Regierungen unter Druck setzen. Bis heute hat das Netzwerk rund 345 Fälle zu Menschenrechtsverletzungen – vor wiegend aus Asien – aufgenommen und wird seit 2009 auch von der EU unterstützt. Die Fälle widerspiegeln die Herausforderungen und das Ausmass der lebensbedrohlichen Situationen für die Menschen, die sich für mehr Gerechtigkeit in der Textilindustrie einsetzen. Mit der Ermordung eines CCC-
Netzwerkmitglieds und Arbeitsrechtsaktivisten aus Bangladesch im April 2012 hat die EvB einen neuen Fall. Viele Indizien sprechen dafür, dass der ehemalige Textilarbeiter wegen seines Engagements für Arbeitsrechte gefoltert und ermordet wurde. Repressionen gegen Gewerkschafterinnen und Arbeitsrechtaktivisten sind in Bangladesch ein ernsthaftes Problem. Mittels Urgent Appeal sind die EU und diverse Ländervertretungen in Bangladesch aufgefordert, sich für eine unabhängige Untersuchung des Mordes einzusetzen. Die EvB koordiniert seit Kurzem auch einen Fall von Verhaftung und Folterung von Webmaschinenarbeitern in Pakistan. Die Arbeiter wurden unter dem Anti-Terror-Gesetz angeklagt, teils verhaftet und gefoltert. Vorgeworfen wird ihnen die Bestechung des Firmenmanagements. Die Betroffenen vermuten, dass diese Verhaftung als Abschreckung dient. Die CCC konnte finanzielle Mittel für die Bezahlung der Anwaltskosten der Angeklagten auftreiben. Ein erster Erfolg wurde bereits verzeichnet. Die Rich terin des Anti-Terror-Gerichtes hat die
inhaftierten Arbeiter auf Kaution freigelassen. Je nach Verlauf des Gerichtsprozesses werden weitere Massnahmen ergriffen, und der Fall wird zur Erzeugung öffentlichen Drucks publik gemacht. Solidarität für faire Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ist dringend nötig. Sobald die Fälle an die Öffentlichkeit getragen werden, ist das CCC-Netzwerk auf die Unterstützung durch Petitionen, Protestbriefe oder Kundgebungen der Zivilgesellschaft angewiesen.
zvg
Im Rahmen der Clean Clothes Cam paign (CCC) kämpft die EvB für die Verbesserung der Arbeitsbedingun gen in der Textilindustrie weltweit. Dazu gehört auch die Unterstützung von sogenannten Urgent Appeals – Aufrufen von direkt Betroffenen aus südlichen Produktionsländern.
P r oteste in P ak ista n wegen der Verhaftung von Arbeitern aus der Textilindustrie.
Ha n d e lspolitik
EvB-Spiel gewinnt die «Goldene Schiefertafel 2012» jedes Jahr herausragende Lehr- und Lernmedien mit der «Goldenen Schiefertafel». Dieses Jahr geht der Preis an das von der EvB und Alliance Sud herausgegebene WTO-Spiel. Wir freuen uns sehr! //TB
Bestellen Sie «GrosseKleineWelt – Spielend den Welthandel kennenlernen»: www.evb.ch/welthandel Der Preis für Mitglieder beträgt Fr. 53.–. erklärung!_03_2012
Clerici Partner Design
Im strategischen Brettspiel «Grosse KleineWelt» können Jugendliche und Erwachsene spielend den Welthandel und die Funktionsweise der Welthandelsorganisation (WTO) entdecken. Der Verein Jugend und Wirtschaft ehrt
L o b b y - Arbeit __ 6
Pa t e n te
Die Patentvergabe auf Pflanzen und Tiere stoppen
Text_ Flurina D oppel er
In den letzten Jahren haben die Patentanträge auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere stetig zugenommen. Die Anmeldungen erstrecken sich auf Material und Verfahren zur Züchtung, auf ganze Pflanzen und Tiere und auf daraus gewonnene Lebensmittel. Trotz geltender Verbote sind mehrere solcher Patente bereits erteilt worden. Allein 2011 hiess das Europäische Patentamt (EPA) mehr als ein Dutzend Anträge gut. Dies, obwohl die grosse Beschwerdekammer des EPA erst 2010 bestätigt hat, dass solche Patente nicht zulässig sind. Das europäische Patentübereinkommen – welches auch für die Schweiz massgebend ist – verbietet die Patentierung von einer «im Wesentlichen biologischen» Zucht von Pflanzen und Tieren. Strittig ist, ob dieses Verbot
auch für die aus solchen Verfahren hervorgegangenen Produkte gilt. Eindeutig ist hingegen das Verbot von Patenten auf Pflanzensorten und Tierrassen. Doch ein Blick auf eine von Syngenta veröffentlichte Liste ihrer Gemüsepatente zeigt, dass dennoch Patente vergeben werden, die sich klar auf Pflanzensorten beziehen. In den letzten Monaten haben Bauern, Züchter und Lebensmittelhersteller starke Bedenken gegenüber dieser Entwicklung geäussert. Und langsam finden diese auch in der Politik Gehör. Der Deutsche Bundestag hat sich im Februar einstimmig gegen Patente auf Pflanzen und Tiere aus konventioneller Zucht ausgesprochen. Auch das niederländische Parlament äusserte sich kritisch. Im Mai hat sich nun auch das EU-Parlament erstmals zur Problematik geäussert und das EPA aufgefordert, weder auf konventionelle Züchtungsmethoden noch auf daraus hervorgegangene Produkte Patente zu erteilen. Lässt sich der aktuelle Trend bei den Patentierungen nicht stoppen, werden in Zukunft Konzerne wie Monsan-
to und Syngenta darüber entscheiden, welches Saatgut auf den Markt kommt. Die grossen Agrokonzerne halten nicht nur die Patente, sondern verfügen auch über die wirtschaftliche Macht, die Märkte zu dominieren. Dadurch können sie bestimmen, welche Nahrungsmittel produziert werden und welche Preise die Bauern, Lebensmittelhersteller und VerbraucherInnen bezahlen müssen. Eine politische Klärung der Situation ist notwendig, um diesen Ausverkauf der allgemeinen Lebensgrundlagen zu stoppen. Mehr zu den aktuellen Entwicklungen bei Pflanzenpatenten auf www.evb.ch/patente
fotolia
Die Industrie nutzt rechtliche Grau zonen, um Patente auf Saatgut, Pflanzen und Lebensmittel zu erlan gen. Die Koalition no patents on seeds fordert ein klares Verbot von Patenten auf Pflanzen und Tiere.
T r ot z V erb ot wurden Patente auf Pflanzen und Tiere vergeben.
Ge s u n dheit
Ein grosser Spagat Die im März genehmigte, revidierte Fassung der Gesundheitsaussen politik der Schweiz (GAP) soll die Kohärenz innerhalb der Bundesver waltung bezüglich internationaler Gesundheitsfragen stärken. Text_ Pat rick D urisc h
Wie in der ersten Version von 2006 ist ein grosser inhaltlicher Spagat erkennbar: Einerseits will die Schweiz die Einhaltung der Menschenrechte garantieren, anderseits wahrt sie die Interes-
sen von Schweizer Akteuren. Die Pharmaindustrie z.B. verhindert mit ihrer Patentpolitik der Bevölkerung im Süden den Zugang zu erschwinglichen Medikamenten. Auch die Haltung der Schweiz zu vernachlässigten Krankheiten ist ambivalent. So empfahl eine Expertengruppe der WHO Anfang April, Verhandlungen für ein Abkommen zur Förderung der pharmazeutischen Recherche bezüglich Krankheiten des Südens aufzunehmen. Die Schweiz jedoch will der WHO eine Resolution
vorlegen, die während eines Jahres jegliche Entscheidungen diesbezüglich aufschiebt um «die Vorschläge studieren zu können». Für die revidierte Fassung wurden Akteure aus der Zivilgesellschaft, der Privatwirtschaft und der Forschung konsultiert. Die EvB war Teil davon und betonte, wie wichtig die Vor anstellung der Menschenrechte über wirtschaftlichen Profit ist. In die endgültige Version eingegangen ist diesbezüglich leider nur wenig. erklärung!_03_2012
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W e l t b ank
Tagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds
K o l u m n e A n d r ea Hüsser
«Ein Mineralwasser, bitte»
Ein neuer Direktor für die Weltbank und mehr Gelder für den IWF. Text_ Ch rist ine E berl ein
Mitte April diskutierten in Washington D.C. RegierungsvertreterInnen und Wirtschaftswissenschaftler aus mehr als 180 Staaten über die Lage der Weltwirtschaft und notwendige Reformen für die Bekämpfung der Armut. Der IWF warnte, dass die steigenden Ölpreise und das abflachende Wirtschaftswachstum in Schwellenländern die globalen Krisenherde bald wieder verschärfen könnten. Zur Bewältigung der Schuldenkrise genehmigten die Mitgliedsländer eine erneute Aufstockung des IWF-Rettungsschirms um 430 Milliarden Dollar. Damit steht dem IWF künftig mehr als doppelt so viel Geld für Notkredite zur Verfügung. Der Schweizer Bundesrat erklärte sich bereit, ebenfalls einen substanziellen Beitrag zu leisten, sollte das Parlament zustimmen. Bei der Weltbank wählte der Exekutivrat den US-Mediziner Dr. Jim Yong Kim zum neuen Präsidenten. Nichtregierungsorganisationen (NGO) hatten die nigerianische Finanzministerin favorisiert, doch die Weltbank blieb der Tradition treu, dass sie von einem Amerikaner geführt wird, während der IWF stets eine europäische Spitze bekommt. NGO forderten anlässlich der Tagung, dass die Weltbank zukünftig bei grossen Projekten die Menschenrechte strikt einhält und diese auch bei der anstehenden Revision des Weltbank-Regelwerks zum Schutz von Menschen und Umwelt stärker berücksichtigt. Zentrales Thema des Entwicklungsausschusses der Weltbank waren jedoch nicht die Menschenrechte, sondern die stärkere Förderung des Privatsektors. Organisationen warnten vor einem Trend, hauptsächlich private Grossprojekte ausländischer Firmen zu fördern, da diese zu wenig Rücksicht auf die speziellen Bedürfnisse von armen Menschen nehmen. Sinnvoller seien dezentrale und angepasste Lösungen sowie die Förderung des lokalen Kleingewerbes.
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«Mit oder ohne?», lautet die routinierte Frage der Kellnerin. «Mit, bitte», klingt es ebenso routiniert aus meinem Munde. Während wir auf die Bestel lung warten, fragt mich meine Begleiterin: «Sag mal, welche Marke gehört schon wieder zu Nestlé?» Dass Nestlé Weltmarktführerin im Mineralwas sergeschäft ist, wissen viele. Aber auch Danone und Coca-Cola mischen wacker mit im Riesenge schäft mit dem Grundwasser. Wie sieht es jedoch mit den Besitzverhältnissen von Quellen und Mar ken in der Schweiz aus? Nestlé besitzt die beiden Schweizer Marken und Quellen von Henniez und Cristalp. Ebenso gehören das italienische San Pellegrino und Aqua Panna sowie die französischen Marken Perrier, Vittel und Contrex zu Nestlé. Die Valser Quelle in der Schweiz gehört Coca Cola. Danone besitzt in der Schweiz keine Quelle, vertreibt hier aber die französischen Marken Evian, Volvic und Badoit. Elmer Mineral und Volg Mineralwasser sind im Besitz von Ramseier Suisse AG und Calanda Aqua gehört Heineken. Rhäzünser und Arkina gehören der Feld schlösschen Getränke AG, die wiederum im Besitz der dänischen Carlsberg Breweries ist. Die Hersteller von Flaschenwasser, allen voran Nestlé, geraten immer wieder in die Kritik, abge saugtes Grundwasser in Flaschen teuer zu ver kaufen. In Nigeria beispielsweise ist eine Flasche «Pure Life» (Nestlé) bisweilen teurer als ein Liter Benzin, heisst es im neuen Film «Bottled Life» von Urs Schnell und Res Gehriger (in der Schweiz ko sten 1000 Liter Trinkwasser so viel wie ein Liter Benzin). Das Anzapfen der Quellen verursacht in der Schweiz zwar kein Grundwasserproblem. Mit dem Konsum von Mineralwasser der Marktführer unterstützen wir indirekt jedoch die Machenschaf ten dieser Konzerne. Deshalb: Warum nicht öfter zurück zum gewöhnlichen Leitungswasser? So unbedenklich gut wie in der Schweiz ist es nicht überall.
8 __ p Ko ar m trät pagnen
An d r é Gstettenhof e r
Ein instinktsicherer und ideologiefreier Buchmensch Überraschend am Rohstoffbuch der EvB ist nicht nur sein Erfolg, sondern – zumindest für Branchenkenner – auch der dafür mitverant wortliche Verlag. Mitte Mai ging der Bestseller aus dem politisch bislang unverdächtigen Hause «Salis» in die Zweitauflage. Zeit für eine Begegnung mit unserem Verleger André Gstettenhofer. Text_Ol i ver Cl assen
Seine Strubbelmähne und das verschmitzte, jungenhafte Lächeln passen gar nicht zum landläu figen Bild des soignierten, graumelierten Buchfürsten. Und nicht nur optisch, auch inhaltlich unterläuft der 40-jährige Verleger gerne und fast genüsslich externe Erwartungen. So auch bei der Aufnahme unseres «Rohstoff»-Manuskripts in sein bis anhin vergleichsweise unpolitisches Sachbuchprogramm. Ungeachtet seiner privaten Sympathien für die Botschaft des Buchs und der EvB im Allgemeinen sagt André Gstettenhofer: «Den Ausschlag gab letztlich das Marktpotenzial dieser wichtigen investigativen Analyse eines ebenso unbekannten wie problematischen Wirtschaftsbereichs.»
zvg
___«Verkaufsfördernd wirken alle Medienberichte, die nicht als Rezension im Feuilleton stattfinden.»
Aus der Überzeugung, dass unser Manuskript das Zeug zum Standardwerk über diese Branche hat, investierte der ehemalige Produktmanager und ausgebildete PR-Fachmann viel Herzblut und Eigenmittel in eine Buchherstellung, die fast so intensiv war wie unsere Recherchearbeit. Als besonders aufwendig erwiesen sich die vielen Infografiken, dank derer das komplexe Thema anschaulich und das Produkt so «aamächelig» wurde, «dass wir damit auch Leute erreichen, die bloss wegen Titel und Autorschaft kaum zugreifen würden», so Gstettenhofer. 8000 Exemplare sind bislang über die Ladentische gegangen, fast die Hälfte davon in Deutschland, wohin der 2007 in Zürich gegründete Salis-Verlag letztes Jahr expandierte. Verkauft sich die halb so grosse Zweitauflage ähnlich gut, avanciert «Rohstoff» zum erfolgreichsten Verlagsprodukt. Ins Buchbusiness eingeführt wurde der mit seiner Frau, einer im Non-Profit-Bereich tätigen Ethnologin, heute mehrheitlich in Berlin lebende «Nicht-mehr-ganz-Jungverleger» (Selbstbeschrieb) vom legendären Walter Keller. In dessen renommiertem Scalo-Verlag leitete Gstettenhofer bis 2006 die internationale Kommunikation. Aus dieser Zeit weiss er auch: «Verkaufsfördernd wirken alle Medienberichte, die nicht als Rezension im Feuilleton stattfinden.» Entsprechend erfreut war er darüber, dass für viele Redaktionen die im Buch versammelten Fakten so neu und relevant waren, dass auch Medien wie «Die Zeit», «Tages-Anzeiger» und «Süddeutsche Zeitung» darüber in ihren Wirtschaftsoder Politikspalten berichteten. Vermittelt hat uns den Verlag mit dem sympathischen kleinen Salzstreuer übrigens Patrick Frey, der als Satiriker (mit diversen Public-EyeAuftritten) weit bekannter ist denn als Verleger. Der Schreibende erinnert sich noch gut an seine Empfehlung «geh zum André, das ist euer Mann». Womit sich Frey als ebenso instinktsicher erwies wie Gstettenhofer – und, last but not least, auch die EvB bei ihrer Themenwahl fürs erste Buchprojekt seit Jahren.
«Rohstoff – Das gefährlichste Geschäft der Schweiz» Herausgeberin: EvB. Gebunden, 440 Seiten, Salis Verlag, CHF 34.80/ EvB-Mitglieder: CHF 29.–
Verleger André Gstettenhofer investierte v ie l Her z b lut
in die Buchherstellung.
erklärung!_03_2012