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das Magazin der ERklärung von bern

Weltbank

Widersprüchliche Energiepolitik

# 03 Juni_11

Trotz des Bekenntnisses zur CO2-armen Energieerzeugung, geht ein Grossteil der Weltbankkredite wei ter h in a n fo s s i l e Ener g i ep roj ekte.

Europa diskutiert über Energie, wieder einmal brauchte es dazu eine Katastrophe: Nach Fukushima werden endlich nicht nur technische und wirtschaftliche, sondern auch ethische Fragen angesprochen. Welche Energieversorgung ist sicher, günstig, ökologisch, sozial und gleichzeitig klimaverträglich? Text_Christine Eberlein/Titelbild_fotolia

Im Juli 2011 plant die Weltbank die Verabschie­ dung einer neuen Strategie für Kredite an den Energiesektor. Als Kreditgeber und Versicherer gehört sie zu den grossen Playern im Energie­

geschäft. Sie unterstützt im Süden Energieinfra­ strukturprojekte, die aufgrund der politischen Risiken sonst nicht gebaut werden könnten. Nach Schätzungen der Weltbank haben heute weltweit über 1,4 Mrd. Menschen keinen Zugang zu Strom. Das liegt zum einen an der fehlenden Produk­ tion, an fehlenden Stromnetzen und an schwa­ chen Behörden. Zum anderen auch schlicht an der fehlenden Kaufkraft. So kommt der Strom der meisten Energieprojekte vor allem grossen Roh­ stoff-Unternehmen und transnationalen Firmen zu, was immer wieder zu Interessenkonflikten führt. Denn Kohlekraftwerke, Öl- und Gaspipe­ F or tse tzung>>


2 __ Wel tbank

>>Fortse t z u n g v o n Se i te 1

Zielkonflikte zwischen Armutsbekämpfung, Energie- und Klimafinanzierung Die Weltbank wurde 1944 gegründet, um günsti­ ge Kredite zum Wiederaufbau kriegsgeschädigter Länder sowie zur Armutsbekämpfung und Infra­ strukturfinanzierung bereitzustellen. Seitdem hat sich jedoch das Mandat stark diversifiziert, und mit der Tochtergruppe International Finance Corporation (IFC) kam 1956 ein Kreditinstrument für den privaten Sektor hinzu, dessen Hauptein­ nahmequelle Infrastrukturfinanzierungen im Roh­ stoff- und Energiesektor sind. Die Kreditfinan­ zierung von Projekten fossiler Energieträger der gesamten Weltbankgruppe ist ein einträgliches Geschäft und stieg 2010 auf 6,6 Mrd. US-Dollar. Schlagzeilen machen vor allem Megaprojekte, die privat nicht finanzierbar sind: 2010 bewilligte die Weltbank 3 Mrd. US-Dollar Kredit an das Medu­ pi-Kohlekreaftwerk in Südafrika, das viertgrösste der Welt, das jährlich 25 Millionen metrische Tonnen klimaschädlicher Emissionen verursacht. 2008 unterstützte die IFC mit 450 Mio. US-Dollar das 4000-MW-Kohlekraftwerk Tata Mundra im indischen Gujarat. Und trotz strenger ökologi­ scher Auflagen gibt es beim Bau von Mega-Stau­ dämmen nach wie vor massive Probleme, so zum Beispiel in Laos oder Brasilien. Die neue Energiestrategie: Leben mit Widersprüchen Bis 2020 will die Weltbank 60 bis 80 Millionen in Armut lebenden Menschen Zugang zu Energie verschaffen und zu einer nachhaltigen und CO2-

Keystone

lines oder grosse Staudämme haben oft grosse ökologische und soziale Folgen, was aufgrund der fehlenden Anwaltschaft der Betroffenen und feh­ lender Pressefreiheit nicht an die Öffentlichkeit im Norden gelangt.

armen Energiewende beitragen. Das tönt vielver­ sprechend, bei näherer Betrachtung steckt die Weltbank-Energiestrategie jedoch voller Wider­ sprüche. So sollen einerseits wesentlich mehr saubere Energieprojekte und Energie-Effizienz­ programme auf Haushaltsebene unterstützt wer­ den. Andererseits werden in den kommenden fünf Jahren weiterhin mindestens 25 Prozent der Gelder an fossile Energieprojekte und damit in klimaschädliche Energien fliessen. Immerhin muss zukünftig nachgewiesen werden, in wel­ chem Ausmass arme Menschen von diesen Pro­ jekten profitieren. Zugleich bietet die Klimade­ batte Hand für die Rechtfertigung des Baus von grossen Staudämmen. Auf die negativen ökologi­ schen und sozialen Auswirkungen und die vielen Probleme, die sich die Weltbank mit ihren Mega­ dämmen in den 90er-Jahren eingehandelt hat, geht die Strategie mit keinem Wort ein. Deshalb forderte die EvB im April 2011 in einem Brief an die europäischen Exekutivdirektoren der Welt­ bank, dass die Förderung von Wasserkraft nur genehmigt werden darf, wenn negative Folgen nachweislich minimiert werden können. Nichtregierungsorganisationen (NGO) sind nicht die einzigen, die Kritik üben. Anfang April

Bis 80 Millionen Menschen in Armut möchte die Weltbank mit Energie beliefern: der Weg do r t h in i s t JE D O CH h öc h s t um st r itten.

Z ahlen sagen mehr a l s W o r t e...

13 Mrd. US-$ vergab die Weltbank gesamthaft an Krediten für Energieprojekte. 6,6 Mrd. US-$ vergab die Weltbank 2010 gesamthaft an Kre­diten für fossile Energieprojekte. Dieser Anteil stieg seit 2006 um 400 Prozent.

4,4 Mrd. US-$

1,7 Mrd. US-$

gingen davon an Kohlekraftwerke; 3 Mrd. US-$ im Jahr 2010 allein an das Medupi-Kohlekraftwerk in Südafrika.

vergab die Weltbank 2010 an Projekte zur Einsparung von Energie (Energie­ effizienz).

1,5 Mrd. US-$ vergab die Weltbank 2010 an Krediten für Projekte im Bereich Sonnen­energie und Windkraft.


K ampagnen E di to __ 3

gab es im Weltbank-Entwicklungsausschuss ei­ nen Eklat: Zukünftig sollen nur noch sehr arme Länder Kredite für Kohlekraftwerke erhalten, weil Kohleverstromung die klimaschädlichste Art der Energiegewinnung ist. Die Exekutivdi­ rektoren der Länder mit mittlerem Einkommen fühlten sich diskriminiert und protestieren hef­ tig. Rogério Studart, Brasiliens Direktor kom­ mentierte: «Das ist, wie wenn man in einem Nachtklub nur noch die ärmsten Besucher rau­ chen lassen würde.» Wenn man Kohlekraftwerke abschaffe, beraube man Länder ihrer Entwick­ lungschancen. Denn Kohlekraftwerke seien im Süden die günstigste Art der Energieproduktion. Solche Aussagen heizen die Proteste von Organi­ sationen an, die seit Jahren vehement eine ko­ härente Klimapolitik der Weltbank und damit einen Stopp für Kredite an Kohlekraftwerke und Öl­projekte fordern. Der Disput zeigt, dass nun der Interessenkonflikt zwischen Industrie- und Schwellen- bzw. armen Ländern, welcher die Uno-Klimaverhandlungen blockiert, auch die Weltbank erreicht hat. Die Industrieländer räu­ men dem Klimaschutz erste Priorität ein, wäh­ rend südliche Länder Wettbewerbsnachteile und Rückschläge in der Armutsbekämpfung fürchten, wenn sie gezwungen werden, auf nachhaltigere aber auch teurere Energiequellen umzustellen. Der Ausgang der Debatte ist ungewiss, aber man kann annehmen, dass der Norden nachgibt. Eine Debatte wird hingegen in der Weltbank seit Jahren nicht mehr geführt: Atomstrom will sie auch in Zukunft nicht fördern. Das wird auch der japanische Exekutivdirektor nicht ändern kön­ nen, der Angst hatte, man könnte diese Strategie alleine auf die Vorfälle in Japan zurückführen.

Wichtiger Hinweis

Bitte melden Sie uns Ihren Umzug frühzeitig! Die Post teilt Adressänderungen seit einigen Jahren nicht mehr mit. Die Nachsendefrist dauert lediglich ein Jahr, danach werden die Briefe mit dem Vermerk «Empfänger unbekannt» an uns zurückgeschickt.

erklärung! 3/2011 Auflage 20 000 Exemplare Erklärung von Bern (EvB), Dienerstrasse 12, Post­ fach, 8026 Zürich, Telefon 044 277 70 00, Fax 044 277 70 01, info@evb.ch, www.evb.ch Re­d ­ a k­t ion S ­ usanne Rudolf ­G est altung Clerici Partner AG, Zürich Dr uck ROPRESS Genossenschaft, Zürich; gedruckt mit Bio­farben auf Cyclus Print, 100 % Altpapier, klimaneutraler Druck Impr ess um

Heraus­geberin

« e r k l ä r ung ! » e r s c h e i nt 4 - b i s 5 - m a l j ä h r l i c h . M i t­g l i ede r beitrag: Fr. 60.– pro ­K alenderjahr (inklusive Abonnement «erklärung!» und EvB-­D okumentation). Postkonto 80-8885-4

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Im Zeichen der Rohstoffe Susanne Rudolf

Es gibt Momente, in denen alles zusammenpasst. Das Timing war perfekt: Am 12. April reichte die EvB Beschwerde gegen den Zuger Rohstoffgiganten Glencore ein. Wir deponierten diese mit Partnerorganisationen beim «Nationalen Kontaktpunkt» der OECD-Richtlinien für multinationale Unternehmen, der beim Staatssekretariat für Wirtschaft angesiedelt ist. Glencore wird verdächtigt, mit Buchführungstricks zu wenig Steuern in Sambia abgeliefert zu haben. Zwei Tage später, am 14. April, besuchte uns das Filmteam der Nachrichtensendung «10vor10», denn Glencore hatte seinen Börsengang angekündigt. Wir konnten unsere Kritik an der Glencore-Geschäftspraxis so prominent platzieren. Der Konzern steht nicht zum ersten Mal im Fokus der EvB. Bereits 2008 gewann Glencore den Public Eye Swiss Award für die Missachtung von Gewerkschaftsrechten, massive Umwelt­ verschmutzung und Gesundheitsschäden bei der Bevölkerung in ihrer Kohlemine in Kolumbien. Passend dazu erschien am gleichen Tag unser neues Stelleninserat: Die EvB sucht eine verantwortliche Fachperson für den Rohstoffsektor. Die neu geschaffene Stelle wird uns ermöglichen, unser Engagement im höchst brisanten Rohstoffsektor zu verstärken. Das ist auch dringend notwendig, ist die Schweiz inzwischen doch Sitz von unzähligen weiteren Rohstoff­ firmen, die auf Kosten der rohstoffreichen und trotzdem armen Länder von der komfortablen Steueroase profitieren. Der ganze Frühling stand aus Sicht der EvB im Zeichen der Rohstoffe. So arbeiteten einige Team­mitglieder in Zürich und Lausanne eifrig an der Fertigstellung des neuen Buches «Rohstoffe – das gefährlichste Geschäft der Schweiz». Dieses bringt Anfang September Licht ins Dunkel der Rohstoffdrehscheibe Schweiz. Sichern Sie sich bereits jetzt mit dem beiliegenden Flyer ein druckfrisches Exemplar!


4 __ U n ternehmensvera ntwo r tu n g

Pestizide

Wichtiger Schritt zur Ächtung von Paraquat Paraquat steht vor der Aufnahme in die Rotterdam-Konvention. Dies ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen das hochgiftige Syngenta-Pestizid. Text_Fra n ç o i s Me i e n b e r g

Das Chemical Review Committee der Rotterdam-Konvention empfiehlt die Aufnahme von Pestiziden mit einem Gehalt von mindestens 20 Pro­ zent Paraquat in den Annex der Kon­ vention. Für die als sehr gefährlich eingestuften Produkte auf diesem An­ nex braucht es beim Import die expli­ zite informierte Zustimmung des Im­ portlandes. Die Erfahrung zeigt, dass viele Entwicklungsländer auf diese Weise den Import gefährlicher Stoffe stoppen. Der Antrag für die Aufnahme wur­ de von Burkina Faso gestellt und da­

mit begründet, dass von 296 dokumen­ tierten Pestizidvergiftungen ein Fünf­ tel dem Syngenta-Produkt Gramoxone Super zugeschrieben wurde. Die meis­ ten Bäuerinnen und Bauern in Burkina Faso sind Analphabeten und daher nicht in der Lage, die Anwendungs­ bestimmungen zu lesen. Zudem tragen Paraquatbenutzer und -benutzerinnen in vielen Fällen ungenügende oder keine Schutzklei­ dung. Die Opfer berichteten unter an­ derem von Hautverätzungen, Fieber, Schwindel, Bewusstlosigkeit, Atembe­ schwerden und Erbrechen. Das Komi­ tee hielt fest, dass die Bedingungen in Burkina Faso vergleichbar seien mit anderen Ländern und Regionen. So wurden zum Beispiel in El Salvador im Zeitraum von 2005 bis 2010 im Jah­ resdurchschnitt 344 Vergiftungen mit Gramoxone gemeldet.

Syngenta, der weltweit wichtigste Verkäufer von Paraquat, versuchte mehrmals die von Paraquat ausgehen­ den Gefahren herunterzuspielen und das Komitee dazu zu bewegen, den Antrag von Burkina Faso als ungenü­ gend zu bewerten. Erfolglos. Syngentas Lobbying zielt darauf ab, den Ent­ wicklungsländern die Möglichkeit zu verwehren, sich gegen Importe gefähr­ licher Pestizide auszusprechen. Die endgültige Entscheidung wird von der Vertragsstaatenkonferenz der Konven­ tion 2013 getroffen.

Weitere Informationen zu Paraquat im neu aufgelegten EvB-Bericht «Paraquat – Unacceptable health risks for users» unter www.paraquat.ch.

L and w irtschaft

Public Eye

Toxanella?

Neste Oil akzeptiert Schmähpreis in Genf

Text_Fra n ç o i s Me i e n b e r g

Tex t_ O liver Classen

Letzten Sommer haben wir Konsumentinnen und Konsu­ menten auf den Zusammenhang zwischen der Marken-To­ mate Toscanella und Syngenta aufmerksam gemacht. Viele waren erstaunt, dass sie mit ihrem Einkauf den verantwor­ tungslosen Pestizidkonzern unterstützen. Ein Teil unserer Kritik war, dass dieser Zusammenhang nicht ersichtlich ist. Syngenta konterte, dass auf der Verpackung die Website www.toscanella.ch angegeben ist, auf welcher (wenn auch versteckt und unvollständig) Syngenta erwähnt ist. Wir ha­ ben diese Transparenz begrüsst. Doch der Hinweis auf die Website verschwand bald nach unserer Aktion wieder. Auch haben wir bei Detailhändlern die Marktanteile einzel­ ner Sorten und Saatgutfirmen in ihrem Sortiment nachge­ fragt und mussten feststellen, dass diese Zahlen unbekannt sind. Da werden wir weiterbohren.

Ende Januar räumte ein bis dahin relativ unbekannter fin­ nischer Energiekonzern mit über 17 000 (von total 53 000) Stimmen den webbasierten Public Eye People’s Award ab. Der Grund: Als führender Produzent von sogenanntem «Biodiesel» treibt Neste Oil die globale Nachfrage nach Palmöl in die Höhe, was zur Zerstörung von Regenwäldern in Indonesien und Malaysia führt. Entgegengenommen wurde der Publikumspreis von Vize-Präsident und Nach­ haltigkeitschef Simo Honkanan, der extra dafür nach Genf kam, wo Neste Oil seinen Handelshauptsitz hat. Diese offi­ zielle Geste kurz vor Neste Oils Generalversammlung in Helsinki zeigt die wachsende Bedeutung der Public Eye Awards und dass der Agroenergiemulti das Urteil der Inter­ net-Community und das damit einhergehende Imageprob­ lem endlich ernst nimmt. erklärung!_03_2011


A r b e i tsre c ht e __ 5

CCC

Gefangen in der Fabrik «Bringt uns die hübschen Mädchen und macht ihr Leben strahlend wie ein Leuchtturm.» Mit solchen Ausschreibungen werben indische Fabriken um junge Mädchen und prä­ sentieren ihnen das «Sumangali-Programm» als einmalige Chance, genügend Geld für eine Mitgift zu verdienen.

erklärung!_ 0 3 _ 2 0 1 1

Schuften fü r d i e M itg ift? Von falschen Versprechen angelockt, müssen junge Frauen im Sumangali-Programm Zwangsarbeit leisten.

dungsfabriken eingeführt und ist heu­ te in Tamil Nadu weitverbreitet. Schät­ zungen gehen von rund 120 000 Suman­ gali-Arbeiterinnen aus. Davon sind 10 bis 20 Prozent Kinder im Alter von 11 bis 14 Jahren sowie ein grosser Teil Ju­ gendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Der neuste Bericht der niederländi­ schen Clean-Clothes-Partnerorganisa­ tion SOMO und ICN belegt, dass viele international bekannte Kleidermarken ihre Ware aus Fabriken, die mit dem Sumangali-System arbeiten, beziehen. Auch die beiden Schweizer Firmen Mi­ gros und Charles Veillon gehören dazu. Mit den Recherche-Ergebnissen kon­ frontiert, zeigt sich Migros betroffen und lässt ausrichten, dass der Zuliefe­ rer zwischenzeitlich das SumangaliProgramm eingestellt habe. In einer Zusatzrecherche im April 2011 wurde dies von SOMO bestätigt, verschiede­ ne arbeitsrechtliche Probleme bleiben aber bestehen. Charles Veillon reagier­ te nicht auf die brisante Recherche. Ganzer Bericht auf Englisch unter www.evb.ch/ccc

Allison Joyce

Eine Mitgiftforderung ist zwar in In­ dien gesetzlich untersagt, aber immer noch weitverbreitet. Das SumangaliProgramm – auf Tamil bezeichnet Su­ mangali eine glücklich verheiratete und wohlhabende Frau – offeriert nebst einer einmalig ausbezahlten Geldsum­ me auch bequeme Unterkunft, Ver­ pflegung sowie Freizeit- und Weiter­ bildungsaktivitäten. Diese Verspre­ chungen sind attraktiv für verarmte Familien. Einmal in der Fabrik angekommen, sind die Mädchen nichts anderes als Zwangsarbeiterinnen: ein Teil ihres Verdienstes wird zurückbehalten und – wenn überhaupt – erst nach Beendi­ gung der dreijährigen Anstellung aus­ bezahlt. Insgesamt verdienen sie im Schnitt nur 50 bis 60 Prozent des ge­ setzlichen Mindestlohnes. Die Mehr­ heit wohnt auf dem Fabrikgelände und darf dieses kaum unbeaufsichtigt ver­ lassen. Die Mädchen leiden unter Stress und ungesunden Arbeitsbedin­ gungen. Eine sagt, sie sei in der Fabrik von 42 auf 33 Kilo abgemagert. Eine 19-Jährige berichtet, sie sei verlobt ge­ wesen, aber die Hochzeit sei abgebla­ sen worden, weil sie die Mitgift nicht habe bezahlen können. Denn nach ihrer Anstellung musste sie operiert werden, was sie den ganzen Verdienst kostete. In ihrem Magen hatte sich ein Ball von Baumwollfasern abgelagert, die sie in der Fabrik ständig einatmete. Das Sumangali-Programm wurde vor 10 Jahren von Textil- und Beklei­

Coni Hörler

Text_Chr i sta Lu g i n b ü h l

No more Killer Jeans: Die Kampagne für ein globales Ende der Sandstrahltechnik in der Jeans-Industrie zeigt erste Erfolge: Über 20 Markenfirmen haben inzwischen öffentlich ein Sandstrahlverbot erlassen. Informations-Video, Firmenliste und Vorschläge zum selber aktiv werden unter: www.evb.ch/ sandstrahlen.


6 __ R ohstoff

Partnerorganisat i o n

Erfolg für chinesische SchmucksteinschleiferInnen Seit Jahren unterstützt der von der EvB mitbegründete und getragene SOLIFONDS chinesische Arbeiter und Arbeiterinnen in einer Kampagne für Entschädigungszahlungen. Diese hat nun Erfolg gezeigt. Text_Yvo n n e Z i m m e r m a n n , S o l i f o n d s

Wanderarbeiterinnen und -arbeiter in China, die Schmucksteine zuschnei­ den und schlei­fen, sind oft schutzlos feinstem Staub ausgesetzt. Viele von ihnen erkranken deshalb an der unheil­ baren Lungenkrankheit Silikose. Seit Jahren kämpfen betroffene Schmuck­ steinschleifer und -schleiferinnen zu­ sammen mit der Hongkonger Arbeits­

rechtsorganisation Labour Action Chi­ na (LAC) für Entschädigungszahlungen. Als die Firma Lucky Gems, eine der Hauptverantwortlichen, nicht reagier­ te, hat sich LAC an den SOLIFONDS gewandt. Daraus entstand eine Kampa­ gne rund um die Uhren- und Schmuck­ messe Baselworld, an der sich auch die Gewerkschaft Unia beteiligte. Nach fünf Jahren kann die Kampagne nun Erfolge aufweisen: Im vergange­ nen Jahr durfte die Schmucksteinfir­ ma Lucky Gems erstmals nicht an der Baselworld teilnehmen. Die Firma war von chinesischen Gerichten zu Ent­ schädigungszahlungen verurteilt wor­ den, hatte aber mit allen Mitteln ver­

sucht, die Zahlungen zu umgehen. Mit dem Ausschluss von der Baselworld geriet sie unter Druck – sie wurde in der Folge auch von einer Messe in Hongkong ausgeschlossen – und ent­ richtete schliesslich doch mit viel Ver­ spätung Entschädigungszahlungen an sechs Arbeiter. Weil die Firma nicht belegen konnte, dass sie die Arbeits­ bedingungen verbessert hat, durfte sie jedoch auch dieses Jahr nicht an der Basler Messe teilnehmen. Die Arbei­ terInnen fordern, dass Lucky Gems zu einer kollektiven Regelung für die wei­ teren Silikoseopfer bereit sein muss.

F inan zplatz Schw e i z

EvB-Beschwerde gegen Glencores Steuerpraktiken Die EvB hat mit Partnerorganisa­ tionen in Sambia, Frankreich und Kanada eine Beschwerde gegen Glencore deponiert. Unser Vorwurf: Massive Manipulationen und Buchführungstricks in Sambia. Text_And r e a s Mi s s b ac h

Trotz rekordhohen Kupferpreisen hat die Glencore-Tochter Mopani in den letzten Jahren immer nur Verluste aus­ gewiesen und deshalb nie Gewinn­ steuern bezahlt. Die Beschwerde der EvB stützt sich auf ein Audit der Buch­ prüfungsfirmen Grant Thornton und Econ Pöyry, das im Auftrag der sambi­ schen Steuerbehörden mit Unterstüt­ zung Norwegens durchgeführt wurde. Zu den auffälligsten Unregelmäs­ sigkeiten gehören die unerklärlich auf­ geblasenen Betriebskosten der Glen­ core-Tochter Mopani. Allein fürs Jahr 2007 haben die Buchprüfer für 380

Millionen Dollar keinerlei plausible Erklärung gefunden. Dazu kommen im Vergleich mit anderen Minen viel zu geringe Kobalterträge und zu tiefe Ver­ kaufspreise für Kupfer, die weit unter dem internationalen Referenzpreis la­ gen. Da Glencore fast alleiniger Ab­ nehmer der Minenproduktion von Mopani ist, verletzt der Konzern die OECD-Richtlinie, auch im firmenin­ ternen Handel Marktpreise zu ver­ rechnen. Der Zuger Rohstoffkonzern Glen­ core bringt somit das bitterarme Sam­ bia und seine Bevölkerung durch zy­nische Buchführungstricks um die Früchte des Kupferbooms. Entspre­ chend fordert die Erklärung von Bern, dass die Glencore-Tochter Mopani in angemessenem Umfang Nachsteuern zahlt, ab sofort auf jegliche Manipula­ tionen verzichtet und die sambischen Steuergesetze respektiert.

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K onsum __ 7 K ampagnen

Konsum

Fleischkampagne: Fleischlos oder zahnlos?

K o l u m n e A n d r ea Hüsser

Gekündigt – wegen Mangels an Ersatzteilen

Den einen geht die EvB-Forderung nach der Halbierung des Fleischkonsums zu weit, den anderen erscheint sie lauwarm. Text_And r e a Hü s s e r

Die Empfehlung, nicht mehr als 500 Gramm Fleisch pro Woche und Person zu essen, ent­ springt einem entwicklungspolitischen Kontext und dem Gedanken einer nachhaltigen Landwirt­ schaft. In kaum einem Bereich können Konsu­ mentinnen und Konsumenten mit ihrem Verhal­ ten so viel ausrichten wie beim Fleischkonsum. Sinkt die Nachfrage, muss auch das Angebot an­ gepasst werden. Gegen 60 Gastrobetriebe in der Deutsch­ schweiz sind sich ihrer Mitverantwortung be­ wusst und unterstützen das Anliegen, den Fleischkonsum zu reduzieren. Mit EvB-Serviet­ ten motivierten sie im Mai und Juni ihre Gäste, den Fleischkonsum zu halbieren. An den Um­ welttagen in Bern, Basel und Zürich sowie an verschiedenen Vegi- und Vegan-Kochveranstal­ tungen zeigten die Regionalgruppen der EvB kreative Alternativen zu hohem Fleischkonsum.

Tofu selber machen:

Im Frühling 2010 stand der biologische Soja-An­ bau in Brasilien vor dem Aus: In der Ernte von 300 Biobauern wurden Spuren des Pestizids Endosulfan gefunden. Es war von benachbarten konventionellen Feldern über Wind und Regen auf die Biofelder gelangt. Die Kleinbauern forder­ ten ihre Regierung sofort auf, Endosulfan und Paraquat zu verbieten. Die EvB und Gebana unter­ stützten diese Forderungen mit zahlreichen Unterschriften ihrer Mitglieder. Das zeigte Wir­ kung: Bis 2013 wird Endosulfan in Brasilien schrittweise eliminiert. Bei Gebana kann man jetzt die Soja der Kleinbauern direkt beziehen und daraus einfach eigenen Tofu herstellen. Das Re­ zept wird mitgeliefert. erklärung!_ 0 3 _ 2 0 1 1

Wenn es darum geht, einen nachhaltigen Konsumentscheid zu treffen, sieht sich auch die EvB immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert. So erhielt unsere Administration kürzlich die Kündigung des Wartungsvertrags für das Kopiergerät, das vor neun Jahren angeschafft worden war. Grund ist, dass die Verfügbarkeit von Ersatzteilen und Verbrauchsmaterialien nicht mehr gewährleistet werden kann. Somit könne die Firma keine vollumfängliche Wartung mehr sicherstellen und müsse den Vertrag kündigen, heisst es im Schreiben. Das Gerät funktioniert grundsätzlich aber noch einwandfrei. Papierstaus oder andere für Laien unerklärliche Launen der Technik würden nun jedoch ohne Wartungsvertrag plötzlich absurd hohe Kosten verursachen, wenn dafür jedes Mal eine externe technische Assistenz herbeige­ zogen werden müsste. Die EvB vertritt ganz klar den Grundsatz: Auch die Konsumentinnen und Konsumenten stehen in der Pflicht, nicht auf Kosten anderer zu leben, indem sie Ressourcen ungerechtfertigt verbrauchen. Dazu gehört auch, Güter aus der Elektronikindus­trie so lange zu brauchen, wie sie funktionieren. Denn die Ausbeutung vieler Rohstoffe, die für die Herstellung von Kopiergeräten gebraucht werden, ist verbunden mit der Missachtung fundamentaler Menschenrechte und ökologischer Zerstörung. Was tun? Bei den Verhandlungen um ein neues Gerät wird die Frage nach der Garantiedauer und jene nach der Länge des Wartungsvertrags eine wichtige Rolle spielen. Bis zu seinem letzten Atemzug bleibt der Kopierapparat noch im Einsatz – in der Hoffnung, dass es kein trivialer Papierstau sein wird, der für die endgültige Einlieferung in den Recyclingbetrieb verantwortlich ist.


8 __ por K ampagnen trät

Manon Schick

Menschenrechtlerin mit Mission Erst Freiwillige, dann Mediensprecherin, nun neue Geschäftsleiterin: Manon Schicks steile interne Karriere bedeutet für die Schweizer Sektion von Amnesty International (AI) einen Generationen-, jedoch keinen Richtungswechsel. Dafür eine Stärkung der Basis.

Seit Anfang März steuert eine gerade mal 36-jäh­ rige Frau die Geschicke der grössten Schweizer Menschenrechtsorganisation. Beerbt hat sie Da­ niel Bolomey, 59, mit dem sie laut eigener Aus­ kunft «viel gemeinsam» hat – weit mehr jeden­ falls, als Alters- und Geschlechtsunterschied vermuten liessen. Ein Grund dafür: Wie er anno 2001, rückte auch sie aus der Kommunikation in die Geschäftsleitung auf. «Dieser Hintergrund prägt die inhaltliche und strategische Perspekti­ ve auf unsere tägliche Arbeit», meint sie. Ausser­ dem ist Schick schon seit 2007 Mitglied des Schweizer AI-Direktoriums und steht deshalb für «programmatische Kontinuität». Sie will aber zugleich neue Akzente setzen. Ein Fokus liegt dabei auf der weiteren Auf­ wertung und dem Ausbau der Freiwilligenarbeit. Denn diese bildet für die gebürtige Lausannerin «das Rückgrat und die DNA unserer Organisa­ tion». Als Studentin hat sie selbst eifrig Briefe geschrieben, Unterschriften gesammelt und so­

___«Hätte es in Lausanne damals eine EvB-Regionalgruppe gegeben, hätte ich mich vielleicht dort aktiv engagiert»

gar mal eine Theatertournee organisiert. Ihre rei­ che Basiserfahrung gibt Schick «Halt und Orien­ tierung» für die neue Aufgabe. Und dem Vorstand gab dieser Stallgeruch offenbar das nötige Ver­ trauen für diesen mutigen Generationenwechsel im Jubeljahr zum 50. Geburtstag der «Fackelträge­ rin der Freiheit», wie die «Frankfurter Rund­ schau» die Institution Amnesty International kürzlich nannte.

Amnesty International

Text_Oli v e r C l a s s e n

«Hätte es in Lausanne damals eine EvB-Regio­ nalgruppe gegeben, hätte ich mich vielleicht dort aktiv engagiert», meint Schick augenzwinkernd, «Mitglied war ich jedenfalls.» Wie in vielen Or­ ganisationen beobachte man auch bei Amnesty immer mehr Überschneidungen von Menschen­ rechts- und Entwicklungsthemen. Bevor sie 2004 Mediensprecherin für die Romandie wurde, be­ reiste die ehemalige Radio- und Zeitungsjourna­ listin mit Peace Brigades das konfliktreiche Ko­ lumbien. «Dort habe ich gesehen, wie untrennbar diese beiden Bereiche in der Realität der betrof­ fenen Menschen ineinander verwoben sind.» Bleibt die Frage, was Manon Schick an der aktuellen Schweizer Amnesty-Schnittstelle von Tradition (50 Jahre) und Innovation (Generatio­ nen- und Stilwechsel) bewegen kann und will. «Zum einen gilt es sicherzustellen, dass unsere reiche Sektion weiterhin materiell so viel wie möglich dazu beiträgt, dass sich Amnesty im glo­ balen Süden noch besser verankern kann.» Die Menschenrechtsarbeit in der Schweiz sei für sie deshalb aber nicht primär ein Fundraising-Ins­ trument, sondern angesichts der Migrationsprob­ leme und Fremdenfeindlichkeit in diesem Land «bitterer nötig denn je».

An der Spitze von Amnesty steht seit März eine Frau: M a non Sc h ick .

erklärung!_03_2011


Erklärung 3/2011