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Malta laurids brigge

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ERWACHSENE

LEKTÜREN

NIVEAU 2

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

- Vereinfachter und gekürzter Text mit Erklärung schwieriger Wörter in Fußnoten - Übungen zu Leseverständnis, Wortschatz und Grammatik - Übungen zur Prüfungsvorbereitung A2 - Abschlusstest

Themen Paris

Kindheit

Krankheit und Tod

Identität

A1

START DEUTSCH 1

NIVEAU 2

A2

START DEUTSCH 2

NIVEAU 3

B1

ZERTIFIKAT DEUTSCH - ZD

NIVEAU 4

B2

GOETHE-ZERTIFIKAT B2

IS

www.elireaders.com

DAF A 2

N RE Ü KT l. E en ge .r. I L g rig -6 I s EL nun B 60 EL E ich rids -17 N e u 6 SE fz a 53 H Au te L 88AC ie al 8W D s M 97 ER de BN

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ERWACHSENE ELI LEKTÜREN

NIVEAU 1

Klassiker

DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE

Malte, ein junger Schriftsteller, kommt nach Paris und beschreibt in seinem Tagebuch seine Eindrücke der Stadt: Menschen, Straßen, Gebäude, Verkehr, Geräusche der Stadt und im Nebenzimmer, Kranke in einem Wartezimmer, aber auch Kindheitserinnerungen, Familiengeschichten und die erste Liebe. Eine klassische Handlung fehlt, es geht vielmehr um persönliche Wahrnehmungen der fiktiven Figur des Malte Laurids Brigge. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, erschienen 1910, ist der einzige Roman von Rainer Maria Rilke.

RAINER MARIA RILKE

Rainer Maria Rilke

NIVEAU 2

ELI-Lektüren: Texte für Leser jeden Alters. Von spannenden und aktuellen Geschichten bis hin zur zeitlosen Größe der Klassiker.

RAINER MARIA RILKE DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE

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Die FSC-Zertifizierung garantiert, dass das für diese Veröffentlichung verwendete Papier aus zertifizierten Wäldern stammt und damit weltweit eine verantwortungsvolle Forstwirtschaft unterstützt.

Für diese Reihe an Lektüreheften wurden 5000 Bäume gepflanzt.


Rainer Maria Rilke

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge Sprachlich angepasst von Kerstin Salvador Illustrationen von Valerio Vidali

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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge Rainer Maria Rilke Sprachlich angepasst von Kerstin Salvador Übungen: Kerstin Salvador Illustrationen: Valerio Vidali Redaktion: Iris Faigle ELI Lektüren Konzeption: Paola Accattoli, Grazia Ancillani, Daniele Garbuglia (Art Director) Grafische Gestaltung Airone Comunicazione - Sergio Elisei Layout Airone Comunicazione - Marcello Muzi Produktionsleitung Francesco Capitano Fotos Gettyimages © 2014 ELI S.r.l. B.P. 6 - 62019 Recanati - Italien Tel. +39 071 750701 Fax +39 071 977851 info@elionline.com www.elionline.com Verwendeter Schriftsatz: Monotype Dante 11,5/15 Druck in Italien: Tecnostampa Recanati - ERA 218.01 ISBN 978-88-536-1760-6 Erste Auflage Februar 2014 www.elireaders.com


Inhalt 6 8

Hauptfiguren Vor dem Lesen

10 18 20 28 31 38 40 48 50 57 60 68 70 78 80 86

Kapitel 1 Aufgaben Kapitel 2 Aufgaben Kapitel 3 Aufgaben Kapitel 4 Aufgaben Kapitel 5 Aufgaben Kapitel 6 Aufgaben Kapitel 7 Aufgaben Kapitel 8 Aufgaben

Erste Eindrücke in Paris Kindheit und Familie Mummenschanz Kindheitserlebnisse mit der Mutter Beim Arzt im Wartezimmer Geräusche im Nebenzimmer Furcht vor dem Tod Abelone

88 Zum Weiterlesen

Rainer Maria Rilke

90 Zum Weiterlesen

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge - ein ungewöhnlicher Roman

92 Zum Weiterlesen 94 Selbstkontrolle 95 Syllabus

Rilke und Rodin

Zeichen für die Hörtexte auf der CD Anfang

Ende


Abelone

Grossvater

Sieversen die Haush채lterin

Mademoiselle das Kinderm채dchen

HAUPTFIGUREN


Malte 12 Jahre alt

Malte 28 Jahre alt

Vater

Mutter


VOR DEM LESEN

Wortschatz 1

Setzen Sie die passenden Wörter ein (es gibt für jedes Wort eine Lücke). Großvater • Tagebuch • Paris • Eltern • Familie Kindheit • Gerüche • Däne

2

Malte Laurids Brigge ist ein 28 Jahre alter (1) ........................ und stammt aus einer aussterbenden adeligen (2) ........................ . Nach dem Tod seiner (3) ........................ ist er besitzlos geworden und versucht, als Dichter in (4) ........................ zu leben. In seinem (5) ........................ beschreibt er Dinge, die er in der Stadt beobachtet: Straßen, Menschen, (6) ........................ und seine Gedanken dazu. Er erinnert sich an seine (7) ........................ , an seine Mutter, seinen Vater, seinen (8) ........................ und an Abelone, die jüngste Schwester seiner Mutter. Welches Wort passt nicht? Streichen Sie das unpassende Wort durch.

Stadt: 1 Geräusche: 2 Farben: 3 Geschmack: 4 Familie: 5 Paris: 6 Körperteile: 7 Pflanzen: 8 Tiere:

8

Straße – Kind – Mauer – Haus bellen – knallen – essen – hupen Blau – Baum – Grün – Grau süß – scharf – salzig – gelb Vater – Lehrerin – Schwester – Großmutter Seine – Eiffelturm – Freiheitsstatue – Notre Dame Hose – Arm – Kopf – Fuß Blume – Strauch – Vogel – Wiese Hund – Fisch – Katze – Ball


3

Komposita Aus welchen Substantiven setzen sich die folgenden Wörter zusammen? Trennen Sie die zusammengesetzten Wörter und nennen Sie auch die Artikel. das Tagebuch

der Tag

das Buch

1 die Straßenbahn 2 der Kinderwagen 3 das Geburtshaus 4 die Glasscheibe 5 das Sommerkleid 6 der Fußboden 7 der Kleiderschrank 8 das Turmzimmer

4 Definitionen

Welche Definition ist richtig? Kreuzen Sie an.

1 eine aussterbende adelige Familie a ■ eine Familie, die keine Nachkommen mehr hat und deshalb nicht weiter besteht b ■ eine Familie, die krank ist c ■ eine arme Familie 2 ein Tagebuch a ■ ein Buch, in dem man nur tagsüber liest b ■ ein Buch, das man an einem bestimmten Tag liest c ■ ein Buch, in das man täglich seine Erlebnisse schreibt 3 ein Dichter a ■ dichtet undichte Rohre ab b ■ schreibt Gedichte c ■ ist dicht dran am Geschehen

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Kapitel 1

Erste Eindrücke in Paris

2 11. September, rue Toullier.

Hierher kommen die Leute also, um zu leben. Oder auch, um zu sterben. Ich bin spazieren gegangen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, der schwankte und umfiel. Die Leute versammelten sich um ihn, so konnte ich ihn nicht mehr sehen. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie ging mühsam an einer hohen Mauer entlang. Manchmal tastete sie daran, als müsste sie prüfen, ob die Mauer noch da sei. Ja, sie war noch da. Was war hinter der Mauer? Ich suchte auf meinem Stadtplan: Maison d’Accouchement, Geburtshaus. Gut. Man wird dort ihr Baby zur Welt bringen. Weiter zur Rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an: Val-de-grâce, Hôspital militaire, Militärkrankenhaus. Die Gasse begann, von allen Seiten zu riechen. Es roch, soweit man es unterscheiden konnte, nach Jodoform1, nach dem Fett von Pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentümliches2 Haus gesehen, es war auf dem Stadtplan nicht zu finden. Aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit, Nachtasyl3. Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer. 1 2

s Jodoform, - Desinfektionsmittel eigentümlich eigenartig, merkwürdig

10

3

s Nachtasyl, e Herberge


DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE

Und sonst? Ein Kind in einem Kinderwagen: Es war dick, grünlich und hatte einen deutlichen Ausschlag1 auf der Stirn. Er heilte offenbar und tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war offen. Es atmete Jodoform, Pommes frites, Angst. Das war nun mal so. Die Hauptsache war, dass man lebte. Das war die Hauptsache. Dass ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Die Geräusche der Stadt dringen zu mir herein. Straßenbahnen rasen läutend durch mein Zimmer. Automobile fahren über mich hinweg. Eine Tür knallt zu. Irgendwo fällt klirrend eine Glasscheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann plötzlich dumpfer, eingeschlossener Lärm von der anderen Seite, drinnen im Haus. Jemand steigt die knarzende Treppe hoch. Kommt unauf hörlich2 näher. Ist da, bleibt stehen und geht vorbei. Und wieder die Straße. Ein Mädchen kreischt3. Die Tram rollt quietschend heran, rollt fort über alles. Jemand ruft. Leute laufen, überholen sich. Ein Hund bellt. Was für eine Erleichterung: ein Hund. Gegen Morgen kräht sogar ein Hahn, das tut unheimlich gut. Ein angenehmes Geräusch. Dann schlafe ich plötzlich ein. Das sind die Geräusche. Aber es gibt hier etwas, was furchtbarer ist: die Stille. Ich glaube, bei großen Bränden tritt manchmal so ein Augenblick von äußerster Spannung ein. Das Wasser wird abgedreht, die Feuerwehrleute klettern nicht mehr, niemand rührt sich. Lautlos schiebt sich ein schwarzer Mauervorsprung4 vor, und eine hohe Mauer, hinter welcher das Feuer lodert, neigt5 sich, lautlos. Alle stehen und warten mit hochgeschobenen Schultern, die Gesichter über die Augen zusammengezogen, auf den schrecklichen Schlag. So ist hier die Stille. r Ausschlag, “e Hautkrankheit unaufhörlich ohne Unterbrechung 3 kreischen schrill schreien 1

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2

5

r Mauervorsprung, “e Verzierung an der Fassade sich neigen Mauer, die langsam nach vorne kippt

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RAINER MARIA RILKE

Heute war ein schöner, herbstlicher Morgen. Ich ging durch die Tuilerien. Wenn man Richtung Osten schaute, blendete die Sonne. Das Angeschienene1 war vom Nebel verhüllt, wie von einem hellgrauen Vorhang. Die Statuen sonnten sich im Grau in den noch nicht enthüllten2 Gärten. Einzelne Blumen in den Beeten standen auf und sagten: Rot, mit einer erschrockenen Stimme. Dann kam ein sehr großer, schlanker Mann um die Ecke, von den ChampsElysées her. Er ging an einer Krücke3, die er aber nicht unter die Schulter geschoben hatte, sondern die er vor sich hielt. Ab und zu stellte er sie fest und laut auf wie einen Heroldstab. Er konnte ein Lächeln der Freude nicht verbergen und lächelte der Sonne und den Bäumen zu. Sein Schritt war schüchtern wie der von einem Kind, aber ungewöhnlich leicht, so als erinnerte er sich daran, wie er früher ohne Krücke gegangen war. Ich schaue aus dem Fenster. Unten sehe ich Folgendes: Ein kleiner Handwagen, von einer Frau geschoben; vorn darauf ein Leierkasten4, der Länge nach. Dahinter quer ein Kinderkorb, in dem ein ganz Kleines vergnügt auf seinen Beinen steht und sich nicht setzen mag. Von Zeit zu Zeit dreht die Frau am Orgelkasten. Das ganz Kleine stellt sich dann sofort stampfend in seinem Korb wieder auf. Ein kleines Mädchen in einem grünen Sonntagskleid tanzt und schlägt Tamburin zu den Fenstern hinauf. Es ist lächerlich. Ich sitze hier in meinem kleinen Zimmer, ich, Brigge, der achtundzwanzig Jahre alt geworden ist und von dem niemand weiß. Ich sitze hier und bin nichts. Und dennoch, dieses Nichts fängt an zu denken und denkt in der fünften Etage an einem grauen Pariser Nachmittag diese Gedanken. 1 2

s Angeschienene das, was von der Sonne angeschienen wird enthüllen die Nebel haben sich noch nicht ganz gelichtet

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3 4

e Krücke, n Stock als Gehhilfe r Leierkasten, “- mechanisches Musikinstrument mit Kurbel


DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE

??

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RAINER MARIA RILKE

Ich glaube, ich müsste anfangen, etwas zu arbeiten. Jetzt, wo ich sehen lerne. Ich bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen. Wiederholen wir: Ich habe eine Studie über Carpaccio geschrieben, ein Drama und ein paar Gedichte. Ach, aber Gedichte werden nicht gut, wenn man sie schreibt, solange man noch jung ist. Man sollte damit warten und ein ganzes Leben lang Sinn und Süßigkeit1 sammeln. Und dann, ganz zum Schluss, könnte man vielleicht zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Gedichte sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), – es sind Erfahrungen. Um ein Gedicht zu schreiben, muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen, man muss fühlen, wie die Vögel fliegen und die Bewegung kennen, mit der die kleinen Blumen aufgehen am Morgen. Man muss zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede. An Kindheitstage, die man schon vergessen hatte. An die Eltern, die man kränken2 musste, wenn sie einem eine Freude bereiten wollten, die man aber nicht verstand. An Kinderkrankheiten und an Tage, die man im stillen Zimmer verbracht hat. Und an Tage am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere. An Reisenächte, die vorbeirauschten und mit allen Sternen flogen. Und es ist noch nicht genug, wenn man an all das denken darf. Man muss Erinnerungen an viele Liebesnächte haben, von denen keine der andern glich, an Schreie von gebärenden Müttern und an schlafende Mütter nach der Geburt. Aber auch bei Sterbenden muss man gesessen haben in der Stube bei offenem Fenster und den stoßweisen3 Geräuschen. Aber es genügt noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen können, wenn es zu viele sind. Und man muss viel Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen. Denn 2 3

e Süßigkeit, en die angenehmen Dinge im Leben jmd. kränken jmd. weh tun; Gefühle verletzen

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4

stoßweise ruckartig


DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE

die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst, wenn sie uns ins Blut gehen, wir sie im Blick und in den Bewegungen spüren, wenn die Erinnerungen nicht mehr zu unterscheiden sind von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen hervorgeht Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es dringt alles tiefer in mich hinein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich vorher nichts wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht. Ich habe heute einen Brief geschrieben. Dabei ist es mir aufgefallen, dass ich erst seit drei Wochen hier bin. Drei Wochen woanders, das konnte sein wie ein Tag, hier sind es Jahre. Ich will auch keinen Brief mehr schreiben. Wozu soll ich jemandem sagen, dass ich mich verändere? Ich bleibe ja doch nicht der, der ich war. Und bin ich ein anderer als bisher, so ist klar, dass ich keine Bekannten habe. Und an fremde Leute kann ich unmöglich schreiben. Vorher ist es mir niemals ins Bewusstsein1 gekommen, wie viele Gesichter es gibt. Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang. Natürlich nutzt2 es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute. Sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt man sich, wenn sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den anderen? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, dass ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? 1 2

s Bewusstsein Erkenntnis; Wissen um etwas sich abnutzen durch den Gebrauch kaputt gehen

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RAINER MARIA RILKE

Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem andern, und tragen sie ab. Zuerst scheint es ihnen, als hätten sie unendlich viele Gesichter, aber kaum sind sie vierzig Jahre alt, da haben sie schon das Letzte. Das hat natürlich seine Tragik. Sie sind es nicht gewohnt, Gesichter zu schonen1, ihr letztes ist in acht Tagen durch, hat Löcher, ist an vielen Stellen dünn wie Papier. Nach und nach kommt dann die Unterlage2 heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum. Wird man es glauben, dass es solche Häuser gibt? Nein, man wird sagen, ich fälsche. Häuser? Aber, um genau zu sein, es waren Häuser, die nicht mehr da sind. Häuser, die man abgerissen hatte. Was noch da war, das waren die anderen Häuser, die danebengestanden hatten. Offenbar waren sie in Gefahr umzufallen, denn ein ganzes Gerüst von langen Stangen war schräg zwischen den Boden und die Mauer gerammt3. Man sah ihre Innenseite. Man sah in den verschiedenen Stockwerken4 Zimmerwände, an denen noch die Tapeten klebten, hier und da den Ansatz des Fußbodens oder der Decke. Neben den Wänden blieb entlang der Mauer noch ein schmutzig-weißer Raum, durch den die Abortröhre5 kroch. Am unvergesslichsten aber waren die Wände selbst. Das Leben, das einmal in diesen Zimmern war, war noch da. Es hielt sich fest an den Nägeln, die geblieben waren, es stand auf dem schmalen Rest der Fußböden, es hatte sich in die Ecken, wo es noch ein klein wenig Innenraum gab, zusammengekrochen. Man konnte sehen, dass es in der Farbe war, die sich langsam, Jahr um Jahr, verwandelt hatte: Blau in schimmerndes Grün, Grün in Grau und Gelb in ein altes, abgestandenes Weiß, das fault. Aber das Leben war auch hinter Spiegeln, Bildern und Schränken. etw. schonen sorgsam mit etwas umgehen e Unterlage, n untere Schicht 3 rammen etw. fest in den Boden stemmen 1

4

2

5

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s Stockwerk Etage e Abortröhre, n Toilettenrohr


DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE

Man sah die Umrisse1 an Stellen, die jetzt bloß lagen. Es war in jedem Teil, das nun abgerissen war. Es war in den feuchten Blasen am unteren Rand der Tapeten. Es saß in den abgerissenen Fetzen, und in den ekeligen2 Flecken, die vor langer Zeit entstanden waren. Und an diesen früher blauen, grünen und gelben Wänden, die eingerahmt waren von zerstörten Zwischenmauern, stand stickige Luft, die der Wind noch nicht zerstreut hatte. Da standen Essensgerüche, Krankheiten, das Ausgeatmete und jahrealter Rauch und Schweiß, der unter den Achseln ausbricht. Und das Fade3 aus Mündern und der Fuselgeruch schwitzender Füße. Da stand das Scharfe vom Urin und das Brennen vom Ruß und der schwere Gestank von altem Fett. Der süße Geruch von vernachlässigten4 Säuglingen war da und der Angstgeruch der Kinder, die in die Schule gehen. Und das Schwüle aus den Betten pubertierender Knaben. Und vieles kam noch unten von der Gasse hinzu, das verdunstete, und anderes war mit dem Regen von oben herabgesickert, der über den Städten nicht sauber ist. Und manches hatte die schwachen Winde um die Häuser, die immer in derselben Straße bleiben, zugetragen. Und vieles war da, wovon man nicht wusste, woher es kam. Habe ich erwähnt, dass man alle Mauern abgerissen hatte bis auf die hinterste? Nun von dieser Mauer spreche ich die ganze Zeit. Man könnte meinen, ich hätte lange davorgestanden, um sie zu betrachten. Aber ich begann zu laufen, sobald ich die Mauer erkannt hatte. Das Schreckliche dabei ist, dass ich sie erkannt habe. Ich erkenne das alles hier, und deshalb geht es mir so nahe: Es ist zu Hause in mir.

1 2

r Umriss, e Silhouette, Kontur ekelig unappetitlich

3 4

s Fade Mundgeruch vernachlässigen sich nicht kümmern

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AUFGABEN

START 2 – Leseverständnis 1

Sind die folgenden Aussagen richtig (R) oder falsch (F)? Kreuzen Sie an.

Beispiel: R F 5 ■ Malte schläft immer bei offenem Fenster. ■ 1 Malte beobachtet aus dem Fenster einen Mann ■ ■ mit einem Leierkasten. 2 Gedichte sollte man nur schreiben, wenn man jung ist. ■ ■ 3 Malte beschreibt ein Haus, das abgerissen wurde. ■ ■

Schreiben 2

Bringen Sie die Wörter in die richtige Reihenfolge. Schreiben Sie die Sätze und achten Sie dabei auf die Zeichensetzung (Komma und Punkt) und auf Groß- und Kleinschreibung.

Beispiel: einem hellgrauen – wie von – verhangen, – Vorhang. – war vom Nebel – Das Angeschienene Das Angeschienene war vom Nebel verhangen, wie von einem .............................................................................................................................. hellgrauen Vorhang. .............................................................................................................................. 1 Sonntagskleid – und schlägt Tamburin. – Ein kleines Mädchen – in einem grünen – tanzt .............................................................................................................................. .............................................................................................................................. 2 zu arbeiten. – müsste anfangen, – Ich glaube, – ich – etwas .............................................................................................................................. 3 einen Brief geschrieben, – erst drei Wochen hier bin. – dass ich – Ich habe heute – dabei ist es mir aufgefallen, .............................................................................................................................. .............................................................................................................................. 4 ich habe nichts weggelassen – Aber diesmal – auch nichts hinzugetan. – und natürlich – ist es Wahrheit, .............................................................................................................................. ..............................................................................................................................

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Wortschatz 3

Lesen Sie noch einmal auf Seite 11, wie Malte die Stadt und ihre Geräusche beschreibt. Ordnen Sie dann die Verben (in der Grundform) zu und konjugieren Sie.

1 die Straßenbahn 2 das Automobil 3 die Tür 4 die Glasscheibe 5 die Treppe 6 das Mädchen 7 die Leute 8 der Hund 9 der Hahn

knarzen kreischen bellen quietschen krähen fahren zerspringen knallen rufen

Vor dem Lesen 4 Was glauben Sie? Was passiert im nächsten Kapitel? Kreuzen

Sie die Alternative an, die Sie für richtig halten. Sie dürfen dabei ruhig schon mal ein paar Seiten vorblättern.

1 a ■ Malte erinnert sich, als er zwölf oder dreizehn Jahre alt war. b ■ Malte erinnert sich, als er fünf oder sechs Jahre alt war. 2 a ■ Malte ist mit seiner Mutter zum Schloss der Familie gefahren. b ■ Malte ist mit seinem Vater zum Schloss der Familie gefahren.

3 a ■ Jeden Abend um sieben Uhr versammelt sich die Familie im Speisesaal. b ■ Jeden Mittag um zwölf Uhr versammelt sich die Familie im Speisesaal.

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ZUM WEITERLESEN

Rainer Maria Rilke Rainer Maria Rilke, der eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke hieß, wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren und starb 1926 in einem Schweizer Sanatorium an Leukämie. Er gilt als einer der bedeutendsten Lyriker seiner Zeit. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge ist sein einziger Roman. Neben Gedichten schrieb er viele Briefe, u. a. an Lou AndreasSalomé, aber auch Aufsätze zu Kunst und Kultur.

Seine Kindheit und Schulzeit Rilke hatte keine leichte Kindheit. Seine Eltern trennten sich, als er neun Jahre alt war. Das Verhältnis zur Mutter war eng aber dennoch sehr belastet. Seine ältere Schwester starb sehr früh. Die Mutter kam darüber nicht hinweg und steckte René in Mädchenkleider, so wie es Rilke in seinem Roman beschreibt. Als Kind war René sehr oft krank, hatte Fieber und viel Angst. Seine Mutter saß in der Zeit oft an seinem Bettrand. Die Eltern schickten den sensiblen und künstlerisch begabten Sohn auf eine strenge Militärschule, worunter er sehr litt und krank wurde. Danach kam er auf eine Handelsschule, die er aber bald wieder verlassen musste, nachdem er eine Liebesaffäre mit einem älteren 88

Kindermädchen gehabt hatte. Auch hier zeigen sich Parallelen zur Militärschule und zur Figur der Abelone in dem Roman.

München und frühe Entwicklungsjahre In München lernt Rilke 1897 die exzentrische Dichterin und Denkerin Lou Andreas-Salomé kennen. Er verliebt sich in die ältere und verheiratete Frau und sieht sie als Muse und Mutter, später dann als gute Freundin. Sie schreiben sich viele Briefe, ziehen nach Berlin und reisen zusammen durch Russland. Lou riet ihm auch, sich statt René Rainer zu nennen, weil Lou Andreas-Salomé der Name literarischer klingt.


SYLLABUS Europäischer Referenzrahmen – Niveaustufe A2 Themen Paris Beschreibung von Häusern, Straßen und Gebäuden Beschreibung von Menschen Beschreibung von Geräuschen Krankheit und Tod Kindheitserlebnisse Ängste Gefühle und Empfindungen Sprechen sich vorstellen, Aussagen überprüfen, ein gruseliges Erlebnis beschreiben, Wortschatz erweitern, Fragen formulieren Schreiben Reihenfolge festlegen, Raumbeschreibung, auf Fragen antworten, Dialoge schreiben, passende Antworten finden Grammatik Adjektive, Verben (Präsens, Perfekt, Präteritum), trennbare Verben, Präpositionen, Pronomen, Satzbau

95


ERWACHSENE

LEKTÜREN

NIVEAU 1

Emanuel Schikaneder, Die Zauberflöte

NIVEAU 2

Joseph Roth, Die Kapuzinergruft Joseph von Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts Theodor Fontane, Effi Briest Anselm von Feuerbach, Kaspar Hauser Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

NIVEAU 3

J. W. von Goethe, Die Leiden des jungen Werther Franz Kafka, Die Verwandlung Georg Büchner, Woyzeck


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NIVEAU 2

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

- Vereinfachter und gekürzter Text mit Erklärung schwieriger Wörter in Fußnoten - Übungen zu Leseverständnis, Wortschatz und Grammatik - Übungen zur Prüfungsvorbereitung A2 - Abschlusstest

Themen Paris

Kindheit

Krankheit und Tod

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