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Mah Chonggi

Augen aus Tau

Edition Delta


Edition Delta K o r e a n i s c h e L i t e r atur Herausgegeben von Juana Burghardt


Die Übersetzung und Veröffentlichung der Werkauswahl von Mah Chonggi erfolgt mit freundlicher Förderung des Koreanischen Instituts für Literaturübersetzungen (KLTI) in Seoul

www.edition-delta.de info@edition-delta.de © 2012 Edition Delta, Stuttgart. Alle deutschsprachigen Rechte © Originaltexte: Mah Chonggi Umschlaggestaltung: Juana Burghardt Herstellung und Druck in Deutschland ISBN 978-3-927648-45-6


Mah Chonggi

AUGEN AUS TAU (Gedichte 1960-2010)

Aus dem Koreanischen und mit einem Nachwort von Gwi-Bun Schibel-Yang und Wolfgang Schibel

Edition Delta


INHALT aus: STILLER TRIUMPH (1960) Anatomielabor II Stille Gebete (1-2) Psychiatrische Station Lied von der Liebe IV Totenbett Zur Erinnerung II (1-2) Hörsaal Nr. 3 (1-5)

9 10 12 13 14 15 17

aus: DAS WOHLTEMPERIERTE KLAVIER (1968) Wintererzählung I Zur Erinnerung III Lied von der Liebe IX (1-3) Lied von der Liebe X (1-3) Lernen, ein Arzt zu werden

22 23 24 26 28

aus: UNSICHTBARES LAND DER LIEBE (1980) Malen Das Geheimnis des Erwachsenseins Der Wind spricht Ein Frosch (1-2) Angeln Unsichtbares Land der Liebe 1 – Hanf aus Okcheo 2 – Der Strom des Jahres Kihae (1839/40) 3 – Zwiegespräch

29 30 31 32 34 35 36 37

aus: WARUM SOLLTE NUR DAS SCHILFROHR ZUSAMMEN LEBEN? (1986) Unser Hintergrund Physiologie des Blutes (1-2) Wozu ein Dichter gut ist (1-2)

39 40 41


Regloses Wasser Wasserbestattung Gesang für einen toten Baum Südamerikanischer Winter (1-3) Ein Gedicht in einer fremden Sprache Nachtgesang IV Gebet

43 44 46 47 49 50 51

aus: DIE FARBE DES HIMMELS IN JENEM LAND (1991) Die Orchidee Das Schlafen meiner Frau In einem Berg noch ein Berg Das Blut des Schilfrohrs Ein Regentag Der Glanz des Wassers

52 53 54 55 56 57

aus: AUGEN AUS TAU (1997) Der Besuch Augen aus Tau Die Insel Berg im Herbst Der lange Strom dieser Welt (1-2) Das Schilfrohr Auf Sichtbares hoffen ist keine Hoffnung

58 59 60 62 63 65 66

aus: IM TRAUM DER VÖGEL DUFTEN DIE BÄUME (2002) Blumen des Festes Gregorianischer Gesang II Gedanken über den Herbst Grab im Winter Kaeshim-sa – Tempel des offenen Herzens Der Weg Mein Haus Von der Güte

67 68 69 70 71 72 73 74


aus: RUFEN WIR EINANDER BEIM NAMEN (2006) Wie die Wellen sprechen 1 Wie die Wellen sprechen 2 Beim Namen rufen Wenn du träumst Nachtregen Die Eidechse 1 Die Heimkehr (1-3) Gedichte schreiben Die Wunde 4 Die Wunde 5 Die Enkelin in meinem Arm Schon seit zehn Jahren

75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86

aus: DIE NACKTE HAUT DES HIMMELS (2010) Der Wind, der an der Straßenecke steht Wintermeer Winterschlaf (1-3) Die Landesgrenze ist grausam Die Horizontlinie, meine Endstation Demenz Mein Land Das Schlaflied Das Schweigen des Sommers Der Tag, an dem sich der Vogel ein Nest baut Nur ein Augenblick Waldbestattung Die Wasserlilie Das Ägypten meines Bruders Stielblütengras an der Nordsee Abenddämmerung in der Diaspora Die Schafe Patagoniens

87 88 89 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 106

Nachwort. Gwi-Bun Schibel-Yang und Wolfgang Schibel

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ANATOMIELABOR II Schau dir doch nur dies Kind an, dies Mädchen mit fest geschlossenen Augen, das lächelt, die Brust mit weißen Blüten bedeckt. Wir können hier nicht weinen, nicht einmal still für uns, denn hier gibt es kein Grab. Du wolltest ein Leben vollenden, doch nun ist alles verloren, endgültig aus. Deine Haut ist bleich geworden, schau du nur zur weißen Decke hoch. Die Jungen, die dich früher gerne neckten, haben sich, einsam zurückgeblieben, nacheinander zerstreut. Kleines Mädchen, das schüchtern die Augen nicht öffnet, sprich dich nur aus. Früher streiftest du oft in den Bergen umher, an Blüten naschend spucktest du verfärbten Speichel aus; oft lachtest du einfach über diesen Duft, den Duft der einfallenden Sonnenstrahlen. Mit beiden Händen halten wir den Atem an. Schau dir doch nur dies Kind an, noch immer mit Grübchen in den Wangen lächelnd, das uns vor unsern kalten Händen die warme Kunst des Abschieds lehrt. Horch auf den Blütenatem dieses Mädchens.

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STILLE GEBETE 1 Entrücktheit und Wärme treten ans Licht, wenn wir am Ende unser Gesicht ungeschminkt zeigen. Während ich in der Hand einen Schädel halte, spüre ich den frischen Duft meines eignen Gesichts. Gestern das Lachen – und aller Trübsinn vergessen, mein Gesicht lachend, die Gesichter der Freunde – jedes eine solch feine Skulptur aus weißem Ton. Wenn ich die Muskeln einzeln ablöse, höre ich jedesmal Meeresrauschen wie einst am Sommerabend – der schöne Klang ist mir noch in Erinnerung. Wie befreit muss sich dieses Mädchen jetzt fühlen, da ich ihre zerschlissene und verschmutzte Bekleidung mit Mühe abziehe.

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2 Lass doch die Kleidung – noch trage ich sie gern – sich langsam, unmerklich in alte Lumpen verwandeln. Ist dann die Zeit gekommen, lass mich ohne Zögern die neue Kleidung anlegen und auf und davon fliegen, leicht mit den Armen schlagend. Lass mich dann weiter aufsteigen und fliegend ein geheimnisvolles Glücksgefühl genießen. Wie dieses Mädchen, das mit geschlossenen Augen auf dem Seziertisch liegt, lass mich zu etwas dienen, lass mich neu beginnen.

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DIE PSYCHIATRISCHE STATION An einem Regennachmittag im Herbst steht vor mir die psychiatrische Station. Jetzt ist Frühling, nach dem Frühling kommt der Winter, und nach dem Winter kommen die Einbrecher. Wie alt ich bin? Fünfhundertzwei. Einundzwanzig Frauen hab‘ ich. Ein kräftig gebauter junger Mann steht da – zusammengebrochen, als er sich auf das Examen für höhere Beamte vorbereitete. Ein absterbender Baum lacht. Nun, was Wagners Stil angeht, so kann ich über diese Frage nur lachen. Finden Sie nicht auch? In jedem Winkel der psychiatrischen Station sprießt Moos der Urzeit. Der Wasserspiegel des Narziss glänzt, benetzt von Regen. Alle sind sie jetzt zurückgekommen. Ein Kunststudent ist, während er abstrakt malte und weiter abstrakt malte, selbst zur Abstraktion geworden. Den ganzen Tag bringt er damit zu, unermüdlich auf ein weißes Blatt zu starren. Und der Pierrot im Kittel wird nur traurig, wenn es regnet. Jetzt sind wir alle aufgewacht.

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LIED VON DER LIEBE IV Während du, plötzlich in eine junge Feldblume verwandelt, hier am Meer stehst, werde ich mich eines Tages, nach einem langen hohen Fieber von Schwindel erfasst, auf die Reise machen. Meine glückliche Schwester, am Strand des Vergessens liegst du mit offenem Herzen. Die Menge, die zurückrollt, beachtet dich nicht weiter. So ist die Liebe doch nur eine Kleinigkeit.

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TOTENBETT Wenn aus dem nach Westen gelegenen Krankenzimmer das Licht weicht und der dunkle Schatten des Winters sich auf die niedrigen Hügel senkt, wenn die kalten Backsteinmauern des Anatomiesaals vom Zersägen der Knochen widerhallen, ist das kein Schlussakt. Das Leben des Körpers habe ich zuerst im Anatomieunterricht kennengelernt. Damals ist die Kälte eingezogen. Als junger Mann einsam im Bett liegend, kam ich mir oft wie ein zum Tode Verurteilter vor, benommen und schwindelnd vor der mir noch verbleibenden Zeit. Erkennst du es nicht? Das einsame Totenbett des großen Kerls, mit dem es nun aus ist. Erkennst du es nicht? Das ist kein Schlussakt.

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ZUR ERINNERUNG II

unddochistEiner,welcherdiesesFallen unendlich sanft in seinen Händen hält. Rainer Maria Rilke

1 Die Exhumierung findet an einem trüben Wintertag statt. Zehn Jahre schon ist er tot, kriegt keine Luft, liegt auf der Seite, und fühllos arbeitet sich die Geschichte erdwärts in die Tiefe vor. Sein Herz war groß, sein Schädel ist leicht. Wir verstehen, warum seine Tränen kalt sind. Dünne Baumwurzeln schlummern in den Augenhöhlen, zwischen den Zehenknochen, während sich Sonnenuntergänge, die er im tiefen Schlaf hinter sich gelassen hat, und unbekannte Lüfte, die auf nacktes Fleisch treffen, sämtlich erdwärts ausgerichtet in die Tiefe vorarbeiten. Du, ein Wanderer einst, bist nun verwandelt in ein Stück Erde, das Blumensaaten nährt.

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2 Nach der Behandlung eines neunzehnjährigen syphiliskranken Fahrers ging ich vom Dienst nach Hause. Da war der Winter schon in der Innenstadt angekommen, und die Bäume waren kahl und nackt. Jener Fahrer hatte gekichert, als er sich ausziehen musste. Wo soll ich aussteigen? In der Nähe von Kwanghwa-mun oder Anguk-dong oder Donhwa-mun? Plötzlich ruft mich ein verstorbener Freund und winkt mit der Hand. Ich habe einen älteren Offizier beraten, der vor lauter Minderwertigkeitsgefühl nicht mehr schlafen konnte. Dabei habe ich mich am Kopf gekratzt und ihm dann wieder nur Medikamente verschrieben. Inzwischen hat sich der Winter eingerichtet, und Schnee lässt sich auf meiner leeren Handfläche nieder. Die Schneeflocken schmelzen auf meiner leeren Hand – sag doch, wo soll ich aussteigen?

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HÖRSAAL NR. 3 1 Im dritten Jahr der klinischen Ausbildung saß ich an einem hellen, sonnigen Herbstnachmittag an einem etwa dreißig Jahre alten Pult und hörte eine Vorlesung über Geburtshilfe; es war im Hörsaal Nr. 3 im zweiten Stock. Das Kind war gerade dabei, mit gebeugtem Kopf aus dem Becken der Mutter herauszukommen, während diese den Schmerz, den Muttermund auf zehn Zentimeter Durchmesser dehnen zu müssen, mit ihrem ganzen Leib durchlitt. Doch bei der Geburt dieses Lebewesens, das ihr mehr bedeutete als der Schmerz, ging das Kind ganz im Schmerz der Mutter auf und begann zu schreien. Diesen Hörsaal hatten in den fünfzig Jahren vor mir wohl schon tausend Studenten durchlaufen. Ich verfolgte die Vorlesung eine Weile aufmerksam; dann aber lehnte ich den Kopf an die Wand, und die Wand leitete all meine Ängste ab und schob alle möglichen schweren Herausforderungen weit hinaus. Plötzlich fiel mir ein, dass hinter der Wand das Sektionslabor war, wo die Leichen aufgereiht waren, eine neben der anderen. Da lagen die Freunde meiner Zukunft, die mich lehren sollten zu trinken, dann aber, zum Gedichteschreiben zurückzukehren und zum Glauben.

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2 Von der Decke hatte sich Verputz abgeschält, so dass sie beinahe plastisch wirkte. Fliegenschwärme gaben dort die Ängste von sich, die sie mit dem Menschenfleisch verschlungen hatten. Doch schau! Einer, zwei und dort noch ein goldener Strahl des Sonnenlichts tanzen hin und her! Das muss wieder das Spiel jener Mädchen sein. Hinter dem Unterrichtsraum, draußen vor dem Fenster, war eine Gasse, so verschlungen wie unser Nervensystem; sie verlief zwischen Hütten, die mit alten Zeltplanen der Armee gedeckt waren. Ich blickte hinunter, und es waren tatsächlich wieder jene Mädchen. Nur wenige Kunden kommen am hellen Tag, und so treiben jene immer wieder dasselbe Spiel, wenn sie morgens aus ihrem Schlummer erwachen, noch bevor sie sich waschen. Ein zerbrochener Spiegel in der Hand irgendeiner Frau, deren Ehe zerbrochen ist, wirft Sonnenstrahlen in den Unterrichtsraum. „Komm schon herunter! Komm schon herunter! Ich mache es kostenlos.“ Sie versprachen, uns Lieder zum Lob der Jugend beizubringen, die sie von ihren zahlreichen nächtlichen Kunden gelernt hatten. „Komm schon herunter! Komm schon herunter!“ Wenn wir diesen zauberhaften Tanz der Sonnenstrahlen beobachteten, leuchteten unsere Augen, und wir fühlten uns allmählich frischer, so als hörten wir Mozarts Klarinettenkonzert. Komm schon herunter! Komm schon herunter! Kostenlos! Wir waren damals noch nicht im Stande, Musik unbewegt anzuhören – so wie das Reden der Leute.

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3 Wir sahen zu, wie eine Frau, die gerade eine schwere Geburt mit falscher Kindslage durchgemacht hatte, in gekrümmter Haltung – ähnlich einem Krebs – zum Schlafen gebracht wurde. Damit war der Unterricht beendet. Es begann zu regnen. Beim traurigen Geräusch der Tropfen zogen sich die „Komm doch herunter“Mädchen, die so fröhlich gewesen waren, in ihre Traumpaläste zurück. Unterdessen hörte man von unterhalb des Fensters drüben eine herzzerreißende Klage. Sie kam vom Anatomiesaal des einstöckigen Pathologiebaus. Eine ältere Frau vom Land rief immer wieder „Sun-a, Sun-a“ und trommelte mit beiden Fäusten gegen die rote Backsteinwand. Doch im Hörsaal Nr. 3 hatten wir diese Klagerufe schon seit Wochen täglich ein oder zwei Mal gehört. Zuerst hatte es mir die Kehle zugeschnürt, dann mich nachdenklich gemacht; später war ich allmählich taub und gleichgültig geworden. Doch jetzt waren meine Ohren geöffnet und es klang mir wie Musik – eine Art Musik, wie man sie auch in den Steppen Zentralasiens hören kann. Als nun der Regen fiel und an den herbstlichen Blättern Regentropfenperlen hingen, dachte ich plötzlich an die Sun-i meiner Kindheit. ‚Sun-a, Sun-a, du und ich, wir wollen zusammen leben und jeden Tag lachen.‘ Als ich damals so unbeholfen sprach, gab es für mich nur eine Sun-i auf der Welt. „Aigo, aigo, o weh, arme kleine Sun-a!“ Die heisere Stimme der Mutter war schwach, doch ihr Weinen brach zitternd hervor, irgendwo zwischen ihrem langen, vom Regen durchnässten Haar und ihrem weißen Baumwollrock. Ihr unschuldiges Kind war vor ihr gestorben, und auf dem Seziertisch im Anatomiesaal sägte gerade ein älterer Kommilitone Sun-i den Brustkorb auf, um Lunge und Herz zu entnehmen. Wässriges Blut sickerte heraus; es erinnerte an die Zeit, wo sie noch am Leben war.

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ISBN 978-3-927648-45-6

Mah Chonggi  

Augen aus Tau Buchvorschau: Einblick in die ersten 20 Seiten. Das Buch ist auf www.edition-delta.de bestellbar.

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