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Onkel Herberts Vermächtnis - Teil 3 der Yurumi-Gang

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Bernd Gieseking

Onkel Herberts Vermächtnis

Yurumi-Gang, Band 3

Illustrationen von Bettina Brökelschen


Yurumi-Gang Onkel Herberts Vermächtnis Sonderdruck 2010 Alle Rechte vorbehalten. DSW21 Deggingstraße 40 44141 Dortmund www.yurumi-gang.de Yurumi-Gang ist ein eingetragenes Warenzeichen von DSW21, deinem Unternehmensverbund für das Leben in dieser Stadt. Denn Zukunft braucht Bewegung.


Bernd Gieseking

Onkel Herberts Vermächtnis

Yurumi-Gang, Band 3

Illustrationen von Bettina Brökelschen


1 Im Stadion Maradonna erzählt Onkel Herbert hielt es kaum noch auf dem Sitz. Er drehte mir nur kurz den Kopf zu und flüsterte schon fast: „Ganz schön eng!“ Wir saßen im Stadion, im Signal Iduna Park, und sahen ein Spiel von, na klar, von Borussia Dortmund. Onkel Herbert starrte schon wieder auf das Spielfeld. „1:0! Das ist eng“, sagte ich. „Mehr als eng!“, stöhnte Onkel Herbert. Der Gegner drängte auf den Ausgleich. Die Borussia

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eroberte den Ball, Barrios bekam den Ball zugespielt. Onkel Herbert stieß mich an. „Da, er zieht rein. Der spielt den...“ Und dann rissen wir unsere Arme hoch und schrien auch schon beide: „TOR!!!“ Ein super Tor!! Direkt in den Winkel geschossen. Oben links. Wir lächelten uns an und klatschten uns ab. Dann ließen wir die Arme sinken und schauten wieder auf das Spielfeld. Im selben Moment merkte ich, dass Onkel Herberts Blick ruckartig wieder zu mir zurück ging. Ich sah ihn fragend an. „Samma“, sagte er langsam in seinem Dortmunder Dialekt, „als du da grad gejubelt hast… an deinem Arm… Du hast da was an deinem linken Arm! Ich glaube, du bist da… ganz… dreckig!“ Er nahm vorsichtig meinen Arm und dreht ihn etwas, um genauer sehen zu können. „Das ist ja… Nee, oder? Ich glaube, ich spinne. DU HAST NE TÄTOWIERUNG???“ Er starrte auf meinen Arm. „Cool, oder?“, grinste ich und zog den Arm zurück. Er schnaubte. „Samma, was steht denn da?“ „Was denn? Was hast du, Onkel Herbert?“ „Da steht doch was! Zeig das mal her!“ Ich hob meinen Arm. Aber ich sagte kein Wort. „Thomas. Da steht Thomas.“ Ich sagte immer noch nichts. Seine Stimme wurde lauter und strenger. „Thomas? Hast du einen Freund?“ Ich lachte. „Vielleicht.“

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Onkel Herbert sog die Luft ein wie Gewichtheber vor dem Reißen. Sein Brustkorb dehnte sich regelrecht aus. Dann platzte er: „Du bist doch viel zu jung für ’ne Tätowierung! Was machst du denn, wenn ein anderer kommt und sich in dich verliebt? Oder du dich in den? Wissen das deine Eltern überhaupt? Weiß das deine Mutter? Ich reg mich auf!“ Ich sah ihn an und musste weiter grinsen. Das brachte ihn nur noch mehr auf die Palme. Wieder sog er die Luft ein und er versuchte, sich irgendwie zu beruhigen, während unten im Stadion längst weitergespielt wurde.

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Noch nie hatte Onkel Herbert während eines Spiels so lange nicht auf den Platz geschaut. Dann ballte er die Fäuste und sagte: „Ich reg mich nicht auf. Ich muss mich schon genug wegen Fußball aufregen. Was geht mich dein Arm an.“ „Eben!“, sagte ich. Mit einem letzten Schnauben drehte er sich wieder dem Spiel zu. Zwei Sekunden später schien er mich vergessen zu haben und rief hinunter zum Rasen: „EY!!! Vorsicht da unten. HINTERMANN!!“

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2 Die Yurumi Gang Maradonna erzählt Wenn du mich noch nicht erkannt hast – ich bin Maradonna. Eigentlich heiße ich Clara, aber alle nennen mich Maradonna. Onkel Herbert ist schuld. Der hatte sich vor ein paar Jahren mal sehr über mich geärgert und gerufen: „Maradonna, Donna Clara!“ Seitdem sagen alle Maradonna zu mir, sogar meine Lehrer. Und mit diesem Onkel Herbert bin ich grad im Stadion. Heute ist ein Sonntagsspiel. Da kann ich endlich mal zu einem Heimspiel gehen. Samstags ist das für mich fast unmöglich, da spiele ich nämlich immer selbst. Beim SV Berghofen in der U15-Mädchenmannschaft. Vorne rechts. Vielleicht werde ich Profifußballerin und dann spiele ich auch in so einem Stadion. Oder sogar in der Nationalelf. Das wäre cool. Die Frauenfußballnationalmannschaft wird nämlich immer Weltmeister. Die sind total gut. Aber vielleicht mache ich später auch was ganz anderes. Tierärztin womöglich. Oder Tierpflegerin. Wer weiß. Jedenfalls war es genau der Tag, bevor mein Schulpraktikum im Zoo begann. Das wollte ich zusammen mit Doktor machen. Der gehört auch zu unserer Gang. Doktor heißt eigentlich Richard, aber wir in der Yurumi-Gang nennen ihn nur Doktor. Weil er so viel weiß! Doktor ist ein echter Computer-Freak und hat voll den Plan. Er wollte das Praktikum im Zoo machen, weil er an einem Pro-

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gramm für Handys schreiben wollte, einem Programm, das den Besuchern die Zootiere erläutert. Das soll eine Zusatzfunktion für das Handy werden. Die nennt man »App« und Doktor macht die komplett selbst. Der Dritte in unserer Gang ist Musti. Er hatte Lust auf etwas ganz anderes, darum hatte er sich einen Praktikumsplatz bei einer Band gesucht. Hier in Dortmund. Bei King’s Tonic. Die spielen schon lange nicht nur in Dortmund oder Deutschland, die waren schon in Russland und auf einer Asien- und einer Amerika-Tournee. Die haben was ganz Neues gemacht. Die haben sich richtig als Firma organisiert. Musti meinte, er würde dort lernen, wie man eine Band managt und dann würde er meine managen. Musti sagte, tagelang, immer wieder, die Unterhaltungsbranche wäre die Zukunft. Ein paar Jahre müssen wir zwar noch zur Schule, aber für Doktor und Musti ist die Zukunft schon klar, jedenfalls im Moment. Doktor programmiert jede Menge Apps und Musti managt meine Band. Ich spiele Drums, also Schlagzeug, in einer Mädchen-Rockband. Sehr coole Mädels. Wir heißen »Madranga«. Das ist ein Wortspiel, oder eher sogar ein Klangspiel: eine Mischung aus Maradonna, Mangas, Dragon, also Drache, und „dangerous“, das ist auch Englisch, wie „Dragon“, und heißt gefährlich. Guter Name, oder? Aber ich habe auch wirklich volles Programm. Dienstags ist Bandprobe, montags und mittwochs ist Fußballtraining und samstags sind die Fußballspiele. Da bleibt nicht so viel Zeit. Aber immer

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montags vor dem Training und jeden Donnerstag treffe ich mich weiter mit Musti und Doktor. Warum wir uns treffen? Wir sind die Yurumi-Gang!! Seit wir einige Abenteuer erlebt haben, kennt man uns in der ganzen Stadt. Wir drei haben zusammen im Zoo eine Patenschaft für eine Ameisenbärin, für unsere Sandra. Und Mantel, ein echter Gangster, sollte die für seinen Boss Klunker entführen. Klunker ist ein verrückter Tierliebhaber und wollte damals auf seinem Bauernhof in Persebeck einen kleinen Privatzoo bauen. Wir, die Yurumi-Gang, haben das verhindert. Das war voll das Abenteuer. Das ist jetzt vier Jahre her. Und dann haben wir die beiden Gauner vor zwei Jahren wieder getroffen. Da wollten sie einen Schatz klauen, das Notizbuch der weltberühmten Spionin Elisabeth Schragmüller. Aber wir haben wieder gesiegt. Die Yurumi-Gang, Doktor, Musti und ich. Wir sind damals ziemlich bekannt gewesen. Jedenfalls in Dortmund. Nicht so berühmt wie die BVB-Spieler, aber immerhin. Onkel Herbert war auch jedes Mal mit dabei, der hatte uns geholfen. Aber er glaubt immer noch, ich wäre seine kleine Nichte, die im Hof Ball spielt und sich auf ein Eis freut.

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3 Von gelben Bananen Onkel Herbert erzählt Maradonna saß neben mir, und während ich auf das Spielfeld sah, musste ich doch immer wieder daran denken, dass neben mir eine Jugendliche saß und nicht mehr das kleine verspielte Kind, das Maradonna einmal gewesen war. Das schien sie auch zu beschäftigen, denn plötzlich sagte sie mit Nachdruck: „Onkel Herbert, Ich bin nicht mehr so klein wie du denkst. Ich gehe sogar schon zur Arbeit!“ Da war ich von den Socken. Ich dachte, sie ginge zur Schule. „Arbeit? Das wüsste ich aber! Wo arbeitest du denn? Und seit wann?“ „Ab morgen mache ich ein Praktikum“, sagte sie, „im Zoo. Da bleibt dir wohl die Spucke weg, Onkel Herbert?“ Ich sah zu ihr, dann auf das Spielfeld, dann wieder zu ihr! Jetzt musste aber was Witziges von mir kommen, sonst war ich der cleveren Maradonna geliefert. „Praktikum im Zoo? Da lernst du doch nix. Da lernst du höchstens, wie man den Affen die Bananen pellt!“ Maradonna musste lachen. Dann sagte sie: „Nicht schlecht! Und dann zeig ich dir, wie das geht.“ „Ich bin ein Affe?“, fragte ich. Sie grinste mich an: „Jedenfalls müssten gelbe Bananen doch deine Lieblingsfrucht sein, so als schwarz-gelber BVB-Fan.“

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Sie hatte mehr recht als sie ahnte. 1989 waren wir BVBFans mit Plastik-Bananen, die man aufblasen konnte, zum Pokalfinale nach Berlin gefahren! Und wir haben den Pokal geholt! Gegen Werder Bremen. Damals hat ganz Deutschland über unsere Bananen geschrieben. Das erzählte ich ihr nun und sagte dann: „Und ich habe meine immer noch! Sie hält nicht mehr so gut die Luft, aber egal. Aber das sind so wertvolle Erinnerungsstücke, davon verstehst du ja nix.“ „Versteh ich wohl!“ Maradonna ärgerte sich, dass ich ihr das nicht zugetraut hatte. Solche Erinnerungsstücke an Fußballereignisse, die sind sehr wertvoll für mich. Ich habe nicht viele, aber die, die ich habe, die sind mein Ein und Alles. Ich sagte: „Die Banane würde ich für kein berühmtes Bild aus dem Museum eintauschen. Das kannst du mir glauben!“ „Glaub ich dir doch“, sagte sie. Und brach mitten im Satz ab. Dann zeigte sie aufgeregt mit dem Finger schräg nach oben. „Onkel Herbert, da drüben. Guck mal, unter der Pressetribüne, der weiße Fleck da. Ist das nicht... Klunker?“ Ich schaute zur Tribüne. „Du meinst DEN Klunker? Den Gangster?“ „Ja! Der unsere Sandra klauen wollte! Der Klunker, den wir zweimal in den Knast gebracht haben!“ Die Sonne blendete und ich hielt mir die Hand über die Augen. Maradonna sagte: „Der sieht doch genauso aus.“

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Der da drüben hatte tatsächlich komplett weiße Klamotten an, genau wie Klunker. Die gedrungene Gestalt, genau wie Klunker. Der glatt rasierte Schädel war nicht zu sehen, denn die Sonne knallte vom Himmel und der Mann trug einen weißen Hut, genau wie Klunker ihn tragen könnte. Das könnte er tatsächlich sein. Immer wenn ich nur an Klunker und Mantel dachte, machte ich mir Sorgen. Sorgen um Maradonna und die gesamte Yurumi-Gang. Klunker und Mantel waren Gangster. Gangster der wirklich harten Sorte. Die Kinder waren clever, aber es hatte auch eine gehörige Portion Glück dazugehört, dass den Kindern in den Abenteuern mit den beiden nie etwas passiert war. „Das könnte er sein.“ „Onkel Herbert, das ist der! Schau doch mal richtig hin!“ Sie hatte recht. Ich sagte: „Jau, das ist Klunker. Wer alles so zum Fußball geht! Hier sind über 80.000 Menschen im Stadion. Da kann man sich die Leute wahrscheinlich nicht aussuchen.“ Ich wollte Maradonna ablenken und mich selber auch. Klunkers Anwesenheit und Anblick machten mir Sorgen, auch ganz ohne äußeren Anlass. Ich zeigte auf das Spielfeld und sagte: „Da, schau dir das an, Maradonna.“ Einer unserer Spieler wurde grad vom Gegner ausgespielt, und als ob der mich hören könnte, rief ich hinunter: „Mensch, lass dich doch nicht verarschen! Setz nach!“

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Aber ich war nicht mehr so unbeschwert wie vorher. Hoffentlich würde Maradonna diesem Klunker nie wieder begegnen, dachte ich. Diese Hoffnung sollte sich leider nicht erfüllen.

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4 Praktische Tanten Doktor erzählt Es war Montag und heute begann unser Praktikum im Dortmunder Zoo. Ich war mit Maradonna zusammen im Bus hingefahren. Wir waren aufgeregt, obwohl wir doch schon so oft den Zoo besucht hatten. Und ich hatte jede Menge gelesen, in Büchern, im Internet und ich hatte Filme gesehen. Wir hatten bei unseren Besuchen mit Ilona, der Tierpflegerin, auch schon ein paar der Tiere streicheln dürfen. Aber das war nun etwas ganz anderes. Wir würden dort arbeiten, als Tierpfleger. Ja, gut, es war nur ein Praktikum, aber trotzdem! Wir waren nun für eine ganze Woche Teil des Zoos und nicht nur Besucher wie sonst. Der Haupt-Eingang war noch geschlossen und wir gingen zum Seitentor. Wir klingelten und eine Stimme fragte: „Ja, bitte?“ „Wir sind die Praktikanten“, sagte ich. In diesem Augenblick flüsterte mir Maradonna ins Ohr: „Die praktischen Tanten!“ Das Schloss summte. Lachend drückten wir das Tor auf und gingen am Teich entlang, bogen rechts ein und gingen an den Kängurus vorbei, bogen nach links und schauten dabei kurz den roten Pandas zu, die schon in den Ästen herumkletterten. Dann bogen wir über den Spielplatz rechts hoch zum Tamandua-Haus. Dort hat-

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ten wir uns mit Ilona, der Tierpflegerin, die über die Jahre unsere Freundin geworden war, verabredet. „Hallo Yurumis“, sagte sie. „Hier sind deine Praktikanten“, sagte ich. „Zuerst bitte umziehen. Habt ihr Arbeitsklamotten dabei?“ „Klar“, sagte Maradonna. „Drüben neben den Tapirställen ist quasi unser Büro und Aufenthaltsraum“, sagte Ilona. Sie führte uns hinüber. „Ich freue mich wirklich, dass ihr mich hier unterstützt.“ Maradonna grinste: „Und ich freue mich erst! Eine Woche lang keine Schule.“ „Das ist hoffentlich nicht eure Motivation!“ Maradonna war fast entrüstet: „Ilona, du kennst uns doch! Wir mögen die Tiere. Besonders die Ameisenbären. Aber eine Woche hier helfen zu können und nicht jeden Tag zur Schule, kein Unterricht und so, das ist doch voll cool.“ „Ja, ich weiß, ich wollte das nur noch mal klarstellen.“

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5 Hilfe und Hilfe suchen Ilona erzählt Ich bin es, Ilona. Ich bin jetzt schon fast 20 Jahre hier im Dortmunder Zoo als Tierpflegerin. Und natürlich hatte Maradonna recht. Ich kannte sie und die beiden Jungs der Yurumi-Gang gut und ich wusste auch, dass sie sich wirklich freuten, hier arbeiten zu können. Jetzt würde ich eine Woche lang ein neues Team haben. Man muss bei Praktikanten immer sorgfältig überlegen. Schnell dauert die Einweisung länger als man bräuchte, um die Arbeit selbst zu machen. Aber bei Doktor und Maradonna war ich sicher, dass wir eine schöne Woche mit guter Arbeit und Zusammenarbeit haben würden. Außer meinen beiden Yurumis hatte ich noch einen dritten Helfer zugeteilt bekommen. Bei dem war ich noch nicht so sicher, wie es laufen würde, und das bekam ich in diesem Moment bestätigt. Gerade wollte ich den beiden erzählen, wer noch in das Team käme. „Ihr bekommt noch Gesellschaft. Noch eine Hilfe. Ich hab echt Glück diese Woche!“ Doktor fragte: „Super, wer ist es d...?“ Mitten in seine Frage hinein hörten wir drei einen Schrei. „HILFEEEEEEE!“ Der Schrei kam aus dem Nashorngehege, das direkt an unsere Tapirställe grenzt.

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Dort trennen ein paar Betonsäulen das Nashorngehege von unseren Ställen. Sie stehen so, dass ein Mensch zwischen ihnen durch kann, wenn es sein muss, aber kein Nashorn. Wir können die Tiere dort direkt an die Pfeiler locken und durch sie hindurch völlig gefahrlos die Tiere versorgen. Wir drei sahen uns nur kurz an. Dann hörten wir es wieder: „Hilfeeee! Hallo! Hört mich denn keiner... Das Vieh kommt auf mich zu!!“ „Zum Nashorngehege. Schnell!“, rief ich und lief los.

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6 Rettung in höchster Not Maradonna erzählt Wir liefen zu den Betonsäulen. Mitten im Nashorngehege stand ein Mann. Er hielt einen seltsamen Gegenstand in der Hand und sah sich um. Auf dem Kopf hatte er einen Cowboyhut und er trug einen langen Mantel. Und von da, wo er hinsah, kam ein Nashorn auf ihn zu. Snoopy, der alte Nashornbulle. Er wechselte grad von einem leichten Trab in ein echtes Laufen. Wir hörten ihn schnauben, aber der Mann mitten im Gehege stand wie angewurzelt und starrte dem Tier entgegen. Er rief nur wieder: „HILFEEEE!“ Ilona starrte ihn an und rief entsetzt: „Was macht der Kerl da? Der ist doch völlig bekloppt!!“ Doktor sagte nur: „Oha! Snoopy rennt auf ihn zu.“ Der Mann rührte sich immer noch nicht und sagte nur immer wieder: „Der ist groß! Der ist vielleicht groß. Und der wird immer größer.“ Ilona rief: „Laufen Sie! Laufen Sie weg! Los! Hierher!“ Der Mann rief wieder: „Das Vieh ist nicht nur groß, das ist auch schwer. Und sauer!“ Er schien Ilona gar nicht zu hören. „Hey, Sie müssen hier zwischen den Betonpfeilern durch!! Bleibt der Kerl vor Angst stehen!! Jetzt... Nein, nicht in den Nashornstall. Da sind noch die anderen Tiere drin, hier rüber!! Oh Gott, das kann schief gehen!!“

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Mir fiel nichts anderes ein als zu rufen: „Doktor!! Mach was!“ Doktor sah mich an, als hätte ich ihn aufgeweckt. Dann schaute er wieder in das Gehege und sagte: „Äh, ja. Genau!“ Sein Hirn arbeitete. Und dann rief er einfach, immer lauter werdend: „Snoopy! Snoopy! Snoopy!!!“ Und in dem Moment hielt Snoopy an. Er sah sich suchend um und versuchte zu orten, woher denn die Stimme käme. Ich sagte: „Ilona, Snoopy ist stehen geblieben.“ „Klar, der hört auf seinen Namen!“, sagte sie. „Das war eine gute Idee, Doktor.“ „Naja, ich hatte ja quasi den Auftrag von Maradonna.“ Ilona lachte: „Aber jetzt muss der Kerl sich trotzdem bewegen.“ Sie trat zwischen die Pfeiler und ging einen kleinen Schritt auf den Mann zu. „Kommen Sie jetzt endlich her. Aber schnell. Bevor der Bulle sich das noch anders überlegt!!“ Der Mann blickte erst zu Ilona, dann zu Snoopy, der wieder begann, mit einem Vorderhuf zu kratzen und zu schnauben und dann endlich stürzte der Mann vor, auf uns zu und folgte Ilona und drückte sich durch die Betonpfeiler hindurch, ließ sich zur Erde sinken und lehnte sich an den Zaun. Atemlos flüsterte er: „Gut, dass die Pfeiler so eng stehen! Da kommt das Nashorn nicht durch!“ „Nee, das kommt da nicht durch. Muss wohl Absicht gewesen sein, als wir die gebaut haben“, sagte Ilona ironisch.

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Der Mann flüsterte weiter: „Zerquetschen! Der wollte mich zerquetschen!!“ Ilona lachte schon wieder: „Der wollte Sie nicht zerquetschen. Snoopy wollte nur sein Revier verteidigen. Da sind Sie nämlich eingebrochen! Quasi.“ In diesem Moment sagte Doktor: „Ich fasse es nicht. Eingebrochen. Klar. Das ist ja auch ein Einbrecher. Ein Verbrecher. Das ist doch Mantel!“ Nun erkannte ich ihn auch. „Doktor, ich glaub es nicht. Das ist Mantel! Was will der denn hier?“ Mantel selber hatte uns noch gar nicht bemerkt. Snoopy war inzwischen zu uns getrabt und sah uns durch die Pfeiler hindurch an. Ilona streichelte ihn und beruhigte ihn. Nur Mantel beruhigte sich nicht. „Das Vieh schaut mich immer noch so an.“ Doktor erklärte ihm: „Nashörner sehen ganz schlecht, aber riechen können sie gut. Vielleicht gefällt Snoopy dein Deo nicht.“ „Deo? Ich nehme aber kein Deo.“ Doktor lachte: „Na, dann ist das wohl die Erklärung.“ Mantel war weiter panisch und umklammerte den seltsamen Gegenstand, den er in Hand hielt, als wäre das ein Schutzschild. „Einer muss das Vieh erschießen. Habt ihr kein Gewehr?“ Nun war Ilona aber endgültig sauer. „Erschießen? Ein Tier hier im Zoo? Weil Sie so dämlich sind und mitten durch sein Revier tapern? Ich glaube, ich spinne. Und Gewehre haben wir hier sowieso nicht. Unsere Tierärztin hat ein Blasrohr mit Betäubungspfeilen. Aber das sollte man eher

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Ihnen in den Hintern schießen. Warum laufen Sie da auch durch? Sie sollten doch nur den Aufsatz für den Hochdruckreiniger aus der Seelöwenanlage rüberholen!“ Mantel sagte kleinlaut: „Ich wollte den Weg abkürzen.“ Ilona war weiter total geladen: „Sie hätten fast Ihr Leben abgekürzt. Gut, dass wir die Pfeiler haben.“ Wir atmeten alle durch. „Okay, gehen wir rüber ins Tamandua-Haus. Dann machen wir eine allgemeine Einführung für euch drei.“ „Wieso für uns drei? Und wieso ist Mantel hier? Und warum sollte der was für den Hochdruckreiniger holen?“ Ilona sagte: „Alles berechtigte Fragen, Doktor. Klären wir alles drüben. Also los.“

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7 Julius greift zu Doktor erzählt Nach der Aufregung gingen wir hinüber ins TamanduaHaus. Man spürte, dass Mantel immer noch die Knie zitterten, und er sah sich noch zweimal nach Snoopy um, als hätte er Angst, dass ihm das Tier folgen würde. Im Tamandua-Haus leben große Ameisenbären, die Yurumis, wie sie bei der Urbevölkerung Südamerikas genannt werden, und die kleinen Ameisenbären, die Tamanduas. Und nach diesen Yurumis und wegen der Patenschaft für

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Sandra haben wir unsere Gang benannt. Außerdem wohnen hier noch das Faultier Julius mit seiner Frau Evita und Kasimir und Consuela, zwei Gürteltiere. Von der Decke des Hauses hängen Äste, im Kreis angeordnet. Julius klettert oft an ihnen entlang, bewegt seine Arme und Beine für ein Faultier fast atemberaubend schnell und schaut sich genauso die Besucher an wie sie ihn. Und manchmal klaut er denen ihre Hüte, Mützen oder Kappen. Einmal sogar das Toupet eines älteren Herrn. Wir standen nun zusammen und Ilona sprach noch einmal eindringlich auf Mantel ein. „Herr Cappotto...“ „Mantel bitte. Alle sagen Mantel zu mir.“ „Okay, dann also Herr Mantel.“ „Nein, einfach nur Mantel.“ Ilona seufzte. „Dann einfach nur Mantel. Von mir aus! Übrigens, den Mantel müssen Sie bei der Arbeit ausziehen. Wir tragen hier alle einen Overall.“ „Keinen Mantel?“, fragte er entgeistert. Ilona schüttelte den Kopf. „Keinen Mantel.“ „Aber dann bin ich ja praktisch nackt!“ Maradonna lachte sich kaputt. „Mantel, und du heißt wirklich mit richtigem Namen Cappotto?“ „Ja. Was ist denn daran komisch? Mein Großvater war Italiener.“ Maradonna fragte noch einmal: „Und was heißt das? Hat der Name eine Bedeutung?“ Mantel sah sie etwas verschüchtert an. „Mantel. Cappotto heißt Mantel!“

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Maradonna rollte sich ab vor Lachen. „Nee, ist klar“, sagte sie. „Da ist nichts Komisches dran“, sagte Mantel leicht sauer. „Ich finde schon!“, lachte Maradonna weiter. Nun setzte Ilona noch mal an: „Nashörner sind wirklich gefährlich, Mantel. Da können Sie doch nicht einfach so in das Gehege gehen!“ „Nicht nur gefährlich“, sagte Mantel, „auch schnell!“ Ich wusste einiges über die Tiere. Gerade gestern hatte ich für meine Zoo-App aus dem Internet Informationen über Nashörner zusammengestellt. Ich sagte: „Die sind viel schneller als du glaubst. Ein Nashorn kann bis zu 50 Kilometer schnell rennen. Das kommt durch die Muskeln und durch die kurzen Gliedmaße. Normalerweise läuft ein Nashorn ungefähr 15 bis 20 Stundenkilometer schnell. Sollte man gar nicht meinen, bei dem Gewicht, oder? Mantel?“ „Mir wäre lieber, es wäre 20 Kilometer weit weg gewesen und hätte eine Stunde gebraucht, bis es bei mir gewesen wäre. Wer weiß denn so’n ganzen Scheiß?“ „Das weiß meine App, wenn sie fertig ist.“ „App?“ Manche haben wirklich keinen Schimmer. Typisch Mantel. „Apps. Applications! Das sind Zusatzprogramme für dein Handy. Du stellst dich vor ein Gehege und dein Mobiltelefon erkennt, wo du stehst und dann kann man damit die Informationen zu den Tieren abrufen, die du dir grad ansiehst. Gewicht. Lebensraum. Tragezeiten. Oder man kann

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über die App Videos von den Tieren in freier Wildbahn schauen. Oder Videos über die Geburten hier im Zoo.“ Mantel sah mich mit aufgerissenen Augen an. „Woher weiß das Telefon denn überhaupt, wo ich stehe? In welchem Land ich grad bin oder vor welchem Gehege ich bin? Das kann es doch gar nicht...“ Ich unterbrach ihn. Der Mann hatte ja total keine Ahnung! „Über GPS oder über die Wabe, die man für das Telefon nutzt...“ Jetzt unterbrach er mich: „Ich verstehe nur Bahnhof! Ein Telefon, so ein Handy, das muss teuer aussehen und es muss geile Klingeltöne haben. Aber das muss doch nicht die Viecher im Zoo erkennen.“ Dann musste er plötzlich lachen. „Obwohl, im Knast wäre das praktisch gewesen. Da könnte einem das Handy dann sagen, wer schon in der Zelle gesessen hat und warum...“ Er lachte. Wir anderen lachten nicht. Dann sah er uns an, klappte den Mund zu und sagte: „Na egal. Wer will eine Cola? Ich gebe meinen Lebensrettern einen aus. Auch als Einstand sozusagen.“ „Einstand?“, fragte Maradonna. Ilona schaltete sich ein: „Das hatte ich euch die ganze Zeit schon erzählen wollen. Herr Mantel leistet hier seine Sozialstunden ab.“ „Einfach nur »Mantel« bitte“, sagte Mantel. Sozialstunden, das erklärte nun Ilona, würden die Richter bei leichten Straftaten verhängen, statt Gefängnis,

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damit der Straftäter durch solche Arbeit etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft ableistet, um Schuld zu erkennen und sich zu bessern. Mantel brummte: „Jau, hat mir der Richter aufgebrummt. Mir ist so eine Olle hintendrauf gefahren, die war voll am Pennen. Und da hab ich auch mal meine Meinung gesagt. Leider war das aber die Staatsanwältin und ich hab trotzdem nicht aufgehört, ihr meine Meinung zu sagen, und da hat sie mich wegen Beleidigung angezeigt. Und der Richter, der mich ja noch kannte, der wusste die Geschichte mit der Ameisenbärin, als wir Sandra klauen wollten. Der wusste auch, dass ich Tiere gerne habe und er hat mir 35 Sozialstunden im Zoo verpasst.“ Ich dachte laut: „Keine schlechte Idee, zur Resozialisierung.“ Mantel kapierte mal wieder gar nichts. „Ach, geh weg mit deiner Sanierung.“ Dann wandte er sich an Ilona und sagte strahlend: „Aber egal, vielleicht wäre Tierpfleger ja echt was für mich. Wenn Sie das können, kann ich das auch!“ Ilona sog die Luft durch die Nase ein und wurde leicht sauer. Mantel merkte gar nicht, wie unverschämt er war, und machte einfach weiter: „Ich habe für Klunker einen deutschen Riesen gepflegt. Das ist ein riesengroßer Hase.“ Mit den Händen deutete er die Größe des Tieres an. In diesem Moment gab mir Maradonna ein kleines Zeichen.

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Ich sollte nach oben schauen. Julius, das Faultier, war gemächlich unter der Decke zu uns herüber geklettert und ließ sich nun langsam herunter und streckte eine Pfote aus. Nach Mantels Hut. Ilona sagte grad noch angesäuerter als vorher: „Ich weiß, was ein deutscher Riese ist. Und vor allem ist es ein Kaninchen und kein Hase!“ Mantel quasselte unbeirrt weiter: „Ich mag Tiere wirklich...“ Und in diesem Moment griff Julius zu. Den Hut in der einen Pfote, zog er wieder zur Decke hoch. Mantel griff erschrocken auf seinen Kopf, schaute dann hoch und schaute in das Gesicht von Julius und irgendwie sah es aus, als ob der tatsächlich lachen würde. Mantel war in einem Zustand zwischen völligem Schreck

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und Ärger: „ Ey du scheiß Affe...lass meinen Hut...! Gib den...“ Ilona kreuzte die Arme vor der Brust: „So, so! Sie, Herr Mantel verstehen also was von Tieren? Das ist kein Affe, das ist Julius, unser Faultier.“

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8 Ein Hut für einen Mantel Mantel erzählt Ich bin es, Mantel. Bevor die hier immer über mich erzählen, sage ich lieber selber was. Ich weiß nämlich selber am besten, wie es mir ging, als ich da so fies beklaut wurde. Ich sah noch kurz zu dieser Frau Ilona, dann wieder zu diesem Faultier Julius. Ich war echt sauer. Und das sagte ich auch: „Faultier? Aber der klaut Hüte. Der gehört ins Gefängnis. Mein Hut… Wo...wo geht der denn da mit hin?“ Das Tier haute ab. Es kletterte alles andere als faul oben durch die Äste. Wo wollte dieser Julius hin? Mit meinem Hut? In diesem Augenblick sagte der kleine, freche, aber leider überkluge Junge, den ja alle sowieso nur Doktor nannten, wohl weil er so verdammt klug war, der sagte zu mir: „Ein Faultier geht fast nie. Es fühlt sich unsicher auf der Erde. Es klettert!“ Ich sah den Doktor einen Augenblick an und dann explodierte ich: „Du weißt ja scheinbar alles! Aber weißt du auch, wie ich meinen Hut zurückbekomme? Na? Das weißt du nämlich ni...“ Ich hörte mitten im Wort auf zu sprechen. Ich sah nach oben. Keine Spur mehr von Julius. Ich dachte, sehr sauer: „Julius, du Ratte, gib mir meinen Hut zurück!“ Aber ich sagte, leicht verzweifelt: „Wo ist der hin? Wo ist mein Hut? Da wird man mitten im Zoo beklaut. Von den

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Tieren! Wo gibt es das?“ Ilona unterbrach mich einfach und sagte, ich sollte mit an die Leiter fassen. Sie lehnte die Leiter an das kleine Gürteltiergehege und stieg zu einem Holzkasten hoch. Hier gab es eine direkte Verbindung zu den Ästen, die als Kranz den ganzen Raum füllten. Die Frau Ilona sagte, dieser Kranz sei die »Rennstrecke« von Julius und der sei praktisch der Sebastian Vettel vom Tamandua-Haus. Unter dem Kasten war eine Wärmelampe montiert, für die Gürteltiere. In dem Holzkasten selber war der Lieblingsschlafplatz von Julius, durch ein Loch, etwas größer als ein Fußball, stieg er ein. Also, er war scheinbar ­hineingeklettert, ohne dass ich es bemerkt hätte. Diesmal mit meinem Hut. Den wollte ich zurück. Ohne Hut war ich genauso nackt wie ohne Mantel. Ich brauchte doch wenigstens meinen Hut, wenn ich schon keinen Mantel bei der Arbeit tragen durfte! Ilona erklärte weiter, dass Julius seine kleinen Errungenschaften, egal ob Hut oder Obst, gerne in seine Schlafhöhle schleppt. Ich war entsetzt: „Der legt jetzt meinen Hut in sein Essen?“ Ilona sagte nur: „Gott, ist der Mann hysterisch! Sind denn alle Verbrecher so?“ Meinte die mich? Sie fasste in das Loch, kraulte den darin liegenden Julius und zog den Hut heraus. „Bitte. Ihr Hut, Sie Mantel!“ Ich sah den Hut von allen Seiten an. Doktor faselte wieder von seinen Apps, und die Geschichte mit dem

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Schlafplatz wäre doch echt interessant dafür. Mir reichte es. Ich war froh, dass ich den Hut wieder hatte. Ich sah ihn von allen Seiten an. Besonders von innen. Wer weiß, was das Tier da rein gelegt hatte. Das wollte ich mir nicht unbesehen auf den Kopf stülpen. Ich hatte aber Glück, der Hut war leer, er war nicht beschmiert und nicht zerknautscht. Ich sagte, ich würde jetzt erst mal Cola und Käsebrötchen für alle holen. Dieses Mal naseweiste die Frau Ilona: „Gegessen wird aber später. Wir versorgen immer erst die Tiere. Die haben nämlich auch Hunger!“ Wer wohl mehr Hunger hatte, die Tiere oder ich? Ich wusste die Antwort. Ein Brötchen könnte ich ja unterwegs schon mal essen.

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9 Rock’n’Roll Business Musti erzählt Hallo. Ich bin es, Musti. Ich hatte mich ja für einen ganz anderen Praktikumsplatz entschieden. Ich wollte ein Praktikum machen bei „King’s Tonic“, einer super Band aus Dortmund. Ich hatte in der »einundzwanzig«, dem Magazin von DSW21, über sie gelesen und hatte ihre Songs im Internet gehört. Bei einem Konzert war ich noch nicht. Die fangen so spät an, dafür bin ich noch zu jung, und aus meiner Familie würde höchstens mein Bruder mal mit mir hingehen, aber mein Bruder arbeitete grad für meinen Onkel in Mannheim. Ich wusste früher gar nicht, dass die Musik zu manchen Skater- und BMX-Filmen von diesen Jungs aus Dortmund stammte. Ich fand, die waren sehr cool. Und ich wollte was über das Business lernen. Wie man Musik macht und wie man Musik verkauft. Und dann würde ich Maradonnas Band managen. »Madranga«. Der Name klang super, fand ich. Und ihre Musik rockte. Das war also schon mal alles klar und abgemacht und eingetütet. Den Rest würde ich hier lernen. Pünktlich um 9 Uhr war ich da. Ich klingelte, aber niemand machte auf. Ich wartete. Zwei Stunden später kam ein verschlafener, verwuschelter blonder Mann im Kapuzen-T-Shirt. James Mean. Der Sänger. Ich war langsam echt genervt!

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„Oh Mann!! Effendim. Ich warte schon zwei Stunden.“ James grinste mich an: „Worauf? Auf den Bus? Hier hält keiner.“ „Effendim. Sehr lustig. Ich warte auf Sie!“ „Autogramm? Kein Problem!“ „Quatsch. Heute beginnt hier mein Praktikum bei Ihnen. Ich bin Mustafa.“ Er sah mich noch etwas verständnislos an. „Mustafa. Ich hatte mich per Mail bei der King´s Tonic GmbH und Co. KG beworben.“ „Ja. Genau. Da war was. Du bist Schüler, oder?“ Ich nickte. „Ich heiße James. Du kannst mich duzen. Also, zuerst, wir sind im Musikgeschäft und nicht bei der Post. Wir fangen um 11 Uhr an.“ „Das hätte mir auch einer sagen können!“ „Jetzt komm mal wieder runter. Ja, hätte! Aber manchmal ist es gut, wenn man seine eigenen Erfahrungen im harten Alltag sammelt.“ Er lachte. „Mein Vater sagt auch solche Sätze“, entgegnete ich ihm. „Kluger Kerl, dein Vater.“ Inzwischen waren wir im Büro. Tische. Regale. CDs. Jede Menge Kartons. Kaffeebecher. CD-Player. TV. Bürostühle. Zwei Gitarren. Dahinter kamen die Studio-Räume. Poster an den Wänden von King’s Tonic-Auftritten in Singapur, Thailand und Malaysia, in Peking, Los Angeles und Novorossiysk. Bei diesem Ort wusste ich nicht, wie man den ausspricht. Auftritte auf der ganzen Welt, aber kaum in ihrer Heimat Dortmund. Verrückt, dachte ich.

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„Okay. Hab ich verstanden. Dann können wir jetzt ja mal richtig einen losrocken“, sagte ich. James grinste mich an: „Klar. Du kannst schon mal die 500 T-Shirts da nach Größen sortieren und die Preisschilder draufkleben und ich koch erst mal einen Kaffee.“ Ich sah ihn an. Ich sah ihn ziemlich verwirrt an. „Ich wollte nicht T-Shirts sortieren. Da hätte ich auch zu meiner Tante Sefta gehen können, die hat ein Bekleidungsgeschäft. Ich wollte ins Musikgeschäft einsteigen. Popbusiness und so.“ James klappte kurz den Mund auf. Dann schloss er ihn wieder, lachte mich mehr aus als an und sagte: „Genau. Popbusiness und so. Und das funktioniert ganz anders, als man sich das so denkt als Fan. Das Geld verdient man mittlerweile mit Tourneen und Merchandising, also mit Fanartikeln wie T-Shirts, Schweißbändern und

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so’nem Kram. Und genau die machst du für unsere ­nächste US-Tour nun fertig.“ US-Tour. Also eine Auftrittsreise durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Das hörte sich schon ganz anders an. Ich würde also Preise in Dollar an die T-Shirts kleben und jemand in Las Vegas oder sonst wo würde sie dann kaufen. Das machte doch Sinn, oder? „Ich muss aber auch an meinen Praktikumsbericht denken“, sagte ich. „Soll ich da schreiben, ich hätte T-Shirts gestapelt?“ James lachte: „Da wird uns schon was Spannendes einfallen. Irgendwas Lustiges passiert bei uns sowieso immer. Aber vor dem Vergnügen kommt die Arbeit.“ Den Satz kannte ich auch von meinem Vater. Dann preiste ich aus, so heißt das, T-Shirts von S bis XXL.

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10 Shoppen, Fußball und Physik Onkel Herbert erzählt Ich bin es, Onkel Herbert. Ich war gerädert und ich war genervt. Ich war mit Maradonna in der Stadt unterwegs. Maradonna war nun wirklich kein Kind mehr, das wurde mir deutlich bewusst. Sie war ein junges Mädchen, und sie begann sich für Mode zu interessieren. Und da scheinbar besonders für Schuhe. Als wir nach Fuß­ballschuhen suchten, hatte ich das noch nicht gleich gemerkt, aber nun, als sie nach passenden Stiefeln suchte, registrierte ich erst, wie modebewusst schon ihre Suche nach neuen Fußballschuhen gewesen war. Ich hatte ihr diesen Onkel-Nichte-Einkaufstag geschenkt als Belohnung für ihre beiden Knaller-Tore neulich im Pokalspiel. Maradonnas Mannschaft war durch diese Tore nun in der vorletzten Runde. Und ich hatte stolz am Spielfeldrand gestanden und ihr danach einen Einkaufstag mit Gutschein für neue Fußballschuhe geschenkt. Ich wusste nicht, dass da noch eine weitere Einkaufstour für braune Stiefel dranhing. Ich flehte um Gnade. „Nein, nicht da auch noch rein. Wir waren in einhundert Schuhgeschäften…“ „So viele waren es nicht. Und es ist nicht meine Schuld, wenn es keine braunen Stiefel gibt, die mir passen.“ „Gepasst hätten schon welche“, sagte ich.

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„Die zu mir passen“, verbesserte sie sich. „Du hättest ja nicht mitkommen brauchen.“ „Als Belohnung für deine Tore fand ich das erst gut.“ „Letztlich ist das alles Physik. Auch Tore.“ Physik? Was hatte Fußball mit Physik zu tun? Ich sagte: „Es gibt nur eine Fußballregel: Das Runde muss ins Eckige. Was ist denn daran Physik? Physik, das ist Kraft mal Weg. Das ist Billard – Einfallswinkel gleich Ausfallwinkel.“ Maradonna unterbrach mich lächelnd: „Einfallspinsel bleibt Einfallspinsel, ich habe in Physik auf dem Halbjahreszeugnis sogar eine Eins.“ Mir blieb die Spucke weg. „Glaub ich nicht.“ Was war denn das für ein Mädchen, meine Maradonna? Konnte Fussball und dann auch noch Physik? Unglaublich. Sie grinste: „Wetten?“ „Um was?“ Sie überlegte: „Um... das wertvollste Erinnerungsstück, das du hast.“ Ich musste lachen. „Was krieg ich denn dann aus deinem kurzen Leben, Maradonna? Deine Barbie-Sammlung?“ Sofort verzog sie den Mund. Jetzt hatte ich sie wohl beleidigt! „Mann, Onkel Herbert! Das ist gemein! Ich bin nicht so eine süße Schnuckie-Tussie-Barbie-Nichte! So eine hättest du wohl gern gehabt!“, setzte sie nach. „Nee, gar nicht!“, sagte ich schnell. „Ich setze mein Paraguay-Trikot, das mit Barrios. Und du?“ Ich überlegte nicht eine Sekunde. „Okay. Das ist was wert. Da halte ich dagegen. Aber ich habe etwas wirklich

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Wertvolles. Da wirst du staunen! Aber du gewinnst ja eh nicht. Mädchen und Physik, is klar!“ Sie sah mich lange an und sagte dann ganz kühl und cool: „Ich kauf mir jetzt sogar noch ein Buch von einem Dortmunder Physikprofessor über Fußball und Physik und das Geheimnis der Bananenflanke!! Wir gehen jetzt also da hin, wo es echt gefährlich ist, wo du dich schon jahrelang nicht mehr hingetraut hast – in einen Buchladen!!“ Buchladen? Noch ein Geschäft? Mir taten die Füße weh und wenn ich an Bücher dachte, auch schon die Augen. „Weißt du was? Ich nehme jetzt die nächste Bahn und fahr nach Hause. Du kannst ja noch in den Buchladen gehen. Ich höre lieber. Am liebsten Fußballreportagen im Radio.“ Jetzt wurde meine belesene Nichte aber ganz streng: „Onkel Herbert! Es gibt da auch Hörbücher, wenn du nicht mehr so gut gucken kannst oder wenn das mit dem Lesen nicht mehr so hinhaut.“ Dann sah sie mich noch mal an und holte aus: „Sind ja auch ziemlich viele Buchstaben. Und alle so verschieden.“ Mir reichte es. Sollte ich mir das gefallen lassen, wo ich grad schon die super neuen, sauteuren Fußballschuhe bezahlt hatte? Außerdem hatte ich früher ganz viel gelesen. Dicke Bücher. Alles von Karl May. Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Die Bücher hatte ich noch. Maradonna las »Tintenherz«. Drei Bücher, noch dicker als die von Karl May. Und ich dachte, ich könnte wirklich mal wieder mehr lesen und eigentlich hat sie ja recht, aber ich wollte nicht klein beigeben. „Weißt du eigentlich, wie frech du geworden bist?“

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Sie grinste mich stolz an. Ich sagte zu ihr: „Wenn es Yurumi-Gang-Bücher gäbe, die würd ich lesen. Aber so Liebesromane, nee, kommt mir nicht in die Tüte. Und Physikbücher über Fußball, die soll der Bundestrainer lesen. Oder Kloppo von mir aus. Aber ich nicht. Ich habe Spaß am Fußball auch ohne Physik. Also, ich geh dann mal. Also tschüss.“ Maradonna sagte: „Ich geh dann nach dem Buchladen noch zu Mishido.“ Sofort wurde ich hellhörig. „Mishido? Ist das dein Freund? Dann musst du den Thomas auf deinem linken Arm aber schon wieder durchstreichen.“ Maradonna lachte: „Du kennst dich echt nicht mehr aus in der Innenstadt, oder? Das ist ein neuer Laden, echt cool. Mishido. Das heißt »Milchshakes in Dortmund«, Nähe Reinoldikirche und da treffe ich mich mit Musti und Doktor. Wir müssen uns ja schließlich über unseren ersten Arbeitstag unterhalten.“ Ich schüttelte den Kopf: „Was ihr so Arbeit nennt! 100 Schuhläden abklappern, das ist echte Maloche. Davon bin ich kaputt. Das ist dreimal schlimmer als ein Tag im Hafen mit Überstunden. Ich fahr nach Hause und leg mich hin. Ich kann nicht mehr! Grüß mir deine Mutter und meinen holden Bruder und sag ihnen, dass ihre Tochter verdammt groß und frech geworden ist.“ Sie küsste mich auf die Wange. Tolles Mädchen. Leider auf dem Weg, so richtig erwachsen zu werden. Früher mussten ihre Schuhe passen, jetzt mussten die auch noch aussehen!

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11 Bügeleisen on the rocks Maradonna erzählt Nachdem ich noch im Buchladen gewesen war und in zwei oder drei andere Läden geschaut hatte, stürmte ich ins Mishido. Musti sah auf meine Einkaufstüten: „Wow, wie viele Tüten hast du denn da?“ Was sollte das denn? Das waren wirklich nicht viele! Und dass dabei auch noch eine Tüte aus der Buchhandlung war, übersah er wohl völlig. Ich war doch keine Tussi. Doktor, unser Umweltaktivist, hatte natürlich auch sofort was zu kritisieren. „Baumwolltragetaschen wären umweltfreundlicher gewesen.“ Sollte ich da ernst drauf antworten? Nein! Ich hatte grad schon genug mit Onkel Herbert diskutiert. „Baumwolltaschen? Aber dann weiß ich doch gar nicht, in welchen Geschäften ich schon gewesen bin, ich bin doch schließlich eine blonde Frau…“ Doktor war leicht beleidigt über meine Ironie, Musti aber lachte: „Ist klar! Hoffentlich hast du dir im Zoo wenigstens gemerkt, welche Tiere du schon gefüttert hast? Oder hat

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Doktor den ganzen Vanillepudding gegessen, der für die Ameisenbären bestimmt war?“ Das war eine Anspielung von Musti, weil die Ameisenbären sehr, sehr gerne Avokados essen oder Vanillepudding. Wir lachten alle zusammen. Wir drei kannten uns schon seit dem Kindergarten. Das waren jetzt fast 10 Jahre. Und seitdem waren wir dicke Freunde und eben auch eine richtige Gang. Inzwischen hatten wir alle so viel zu tun, dass sich die Yurumi-Gang oft nur noch zweimal in der Woche traf, und wir erlebten auch keine Abenteuer mehr, sondern gingen Milchshakes trinken. Doktor und ich haben von Mantel erzählt und seinen Sozialstunden, dass wir ihm das Leben gerettet hatten, Musti war mächtig stolz auf uns, wie Julius ihm den Hut geklaut hatte und dass der eigentlich ganz nett war, mit der Cola zum Einstand und überhaupt. Doktor hat dann von seiner App erzählt, was er da alles programmiert, dass er schon Videos und Fotos aufnimmt, wie man sich die später zu Hause anschauen kann, sozusagen ein Zoobummel auf dem Sofa, dass es aber vor allem für die Leute ist, die immer wissen wollen, was das für Tiere da sind, für Eltern und Kinder, die echt keinen Plan haben und sogar einen Leopard für einen Tiger halten, oder für Eltern mit neugierigen Kindern, wenn den Erwachsenen die Antworten ausgehen. Musti hat kaum was gesagt. Ganz ungewöhnlich für ihn. Dann rückte er mit der Sprache raus. Er war total unzufrieden, denn sein Praktikum bei King´s Tonic war kein

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Rock’n’Roll, sondern ein stinklangweiliger Bürojob. T-Shirts sortieren, CDs für die Post verpacken und Presse­infos kopieren für die neue CD. Interessant wäre das schon alles, sagte er, aber nicht spannend. Er hatte sich diese Woche komplett anders vorgestellt. Eigentlich bedauerten wir ihn, aber am Schluss alberten wir rum, dass Musti morgen wahrscheinlich den ganzen Tag die Bühnenhandtücher bügeln müsste. „Sehr witzig!“, sagte Musti. Genau in diesem Augenblick kam die Kellnerin und fragte: „Darf es bei euch noch was sein?“ Und Musti rutschte es regelrecht heraus: „Oh ja, ein Bügeleisen bitte!“ Die Kellnerin sah ihn an wie ein Auto. Musti entschuldigte sich fast und sagte: „Das war nur ein Scherz. Ich nehme einen Mangoshake.“ Ich bestellte einen Bananenshake. Und dann war es Doktor, der mal wieder mit seinem viel zu vielen Wissen auffiel. „Ich hätte gern die Papaya-Schorle, aber können Sie mir sagen, ob es eine Flug-Papaya-Schorle ist?“, sagte er. Die Kellnerin fühlte sich langsam total vereimert von uns, aber unser Umweltaktivist Doktor war schon drin in seinem nächsten kleinen Vortrag und erklärte ihr: „Flugananas sind Ananas, die reif aus dem Herkunftsland nach Deutschland geflogen werden, im Gegensatz zu Ananas, die auf der Schifffahrt hierher im Container reifen. Das Gleiche gibt es bei Papaya. Entscheidend ist die sogenannte Sonnenreife. Steht hier in meiner

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Sterne-Koch-App, die ich auf meinem Handy habe.“ Die Kellnerin sah ihn von oben an und sagte dann: „Sterne-Koch-App. Auf deinem Handy?“ Doktor nickte. Sie unterdrückte ein Grinsen und fragte: „Interessant, hat das auch einen tollen Klingelton?“ Daraufhin stöhnte Doktor, der sich wieder mal völlig unverstanden fühlte: „Oh, Mann, Sie sind genau wie Mantel.“ Die Kellnerin starrte von einem zum anderen: „Bügel­ eisen. Flug-Papaya. Mantel. Ihr habt sie echt nicht mehr alle. Naja, du mit den Einkaufstüten scheinst als einzige noch ein bisschen normal zu sein.“ Sie ging, ich kicherte und die beiden Jungs bekamen den Mund nicht wieder zu. Ich sagte: „Wahrscheinlich denkt sie, wir wären aus der Irrenanstalt entlaufen. Kommt. Unser Zeichen. Aber leise! Sonst ruft sie noch den Krankenwagen!“ Jetzt kicherten wir alle drei. Dann flüsterten wir „Big Bang Yurumi-Gang OOOh Yurumi“, legten dabei nach jeder Silbe eine Hand auf die Hände der anderen, hoben sie am Ende hoch und klatschten uns unhörbar ab! Dann kamen aber

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schon unsere Milchshakes, die Kellnerin hatte das Ende unserer kleinen Zeremonie gehört und gesehen, schüttelte nur den Kopf, ging wieder und ließ uns lachend zurück. Im Gehen sagte sie: „Wenn ich gewusst hätte, dass Milchshakes so eine Wirkung haben! Wir sollten das Zeug viel teurer verkaufen!“

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12 Die verlorene Wette Onkel Herbert erzählt Ich hatte am Morgen frei und wollte mir grad am Kiosk eine Zeitung holen, als es an meiner Haustür klingelte. Ich öffnete und vor mir stand Maradonna und sie blies auf einer Vuvuzela. Mich hatten die Dinger bei der WM etwas genervt, aber eine alleine klang ganz lustig. Besonders wenn sie von meiner Lieblings-Nichte geblasen wurde. Maradonna setzte das Instrument ab und rief noch mal und laut: „Tatatata!“ „Leise! Du bist im Hausflur eines Vier-Parteien-Hauses. Auch wenn ihr davon eine seid und ich schon die zweite, vielleicht will noch irgendwer schlafen.“ Sie ließ sich gar nicht beirren: „Guten Morgen! Hier, Onkel Herbert, mein Halbjahreszeugnis.“ „Wie, bist du schon fertig mit dem Praktikum?“ „Mein Halbjahreszeugnis habe ich schon seit Ende Januar!“ „Das heißt, du hast gestern schon gewusst, welche Zensur du da in Physik bekommen hast?“ „Ja, klar!“ „Das ist gemogelt.“ „Nein, clever. War doch klar, dass es die Halbjahrszeugnisse längst gegeben hat. In ein paar Wochen sind schon Ferien. Da gibt es die Versetzungszeugnisse. Und da krieg ich wieder eine Eins. Eigentlich hab ich dann sogar

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zwei Wetten gewonnen!“ „Nächstes Mal zeigst du mir dein Halbjahreszeugnis sofort.“ „Du interessierst dich doch gar nicht für meine Zensuren. Außer in Sport. Dich interessiert doch nur, ob ich samstags ein Tor schieße.“ So? Stimmte das? Jedenfalls fragte ich sie, warum sie nicht auf der Arbeit sei. „Heute nur von zehn bis zwei“, sagte sie. Doktor und sie würden heute später anfangen, aber auch eher aufhören. „Schöne Arbeit“, sagte ich. Sie grinste. Ilona müsse am späten Nachmittag noch einen Termin außerhalb wahrnehmen, und ohne Praktikumsanleiterin sollten sie nicht arbeiten. Dafür würden sie morgen sehr lange bleiben, um auch zu sehen und zu lernen, was die anderen Schichten an Aufgaben hätten. Wenn sie sonst morgens die Tiere auf das Gelände hinaus ließen, so mussten sie morgen Abend die Tiere vom Gelände herunter in die Ställe führen. Außerdem hätten sie eine hochschwangere Tapirdame, die Ilona zusammen mit der Tierärztin sorgfältig beobachtet und vielleicht käme es schon morgen oder übermorgen, aber bestimmt noch in dieser Woche zur Geburt. Sie sprudelte über von Details aus dem Zooalltag und ich stand da mit ihrem Halbjahreszeugnis in der Hand und ihrer Eins in Physik. In Tierpflege würde sie sicher auch eine Eins bekommen. Als ihr Redeschwall vorüber war – früher war sie immer so ein stilles Mädchen gewesen, außer wenn sie mit dem

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Fußball gegen die Garagenwand ballerte und Torschüsse übte – sagte sie übergangslos, es sei gleich halb zehn. Sie müsse los. Ich sagte: „Klar, den Affen das zweite Frühstück bringen.“ „Lenk nicht ab“, sagte sie. „Da steht mein Name auf dem Zeugnis und bei Physik steht Eins!“ Sie hatte recht. „Maradonna, Donna Clara! Ich bin erstaunt.“ Sie lächelte glücklich. „Wette gewonnen“, sagte sie. „Und jetzt will ich das wertvollste Erinnerungsstück, das du hast. Das war abgemacht und Spielschulden sind Ehrenschulden!“ „Wo hast du das denn her?“ „Sagt Papa immer. Der wettet auch manchmal mit mir.“ „Und wer gewinnt?“ „Ich. Ist doch klar. Ich würde nie wetten, wenn ich verliere. Also, Onkel Herbert. Was ist es? Deine Kapitänsbinde von der Schulmannschaft?“ So, dachte ich. Nu aber Butter bei die Fische. Ich hatte wirklich etwas total Wertvolles gesetzt. Sozusagen meinen Nachlass. Das einzig Wertvolle, was ich mal zu vererben haben würde. Aber ich wollte das nicht vererben, ich hatte seit Jahren diesen Gegenstand verschenken wollen. Ich hatte ihn Maradonna schenken wollen. Ich hatte das Gefühl, sie war die Einzige in der Familie, die das wirklich würdigen könnte. Außerdem hatte der Gegenstand tatsächlich einen beträchtlichen Wert, mindestens in Sammlerkreisen, da war ich sicher. Den sollte meine Lieblingsnichte kriegen. Und nicht, dass

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man eines Tages dachte: „Och, was ist denn das für ein olles Ding? Weg damit!“ Oder dass sich irgendein angeheirateter Cousin das Ding unter den Nagel riss. Maradonna unterbrach mich in meinen Gedanken. „Zeig her, du machst mich ganz kribbelig.“ Das ging nicht so einfach. „Ist im Tresor.“ Maradonna bekam große Augen: „Bei der Bank? Gold?“ „Für mich ist er Gold wert. Bei Günther im Tresor.“ Günther war ein alter Freund von mir, Maradonna kannte ihn auch. Er fuhr die alte Lok, die früher auf dem Hoesch-Gelände im Einsatz gewesen war und mit der wir im Abenteuer um den Schatz der Spionin Schragmüller vor zwei Jahren durch ganz Dortmund nach Hörde gefahren waren. Günther hat auch einen alten Fahrkartentresor und darin lag mein wertvollstes Erinnerungsstück. Ich rief ihn an: „Günther! Hier ist Herbert. Hömma, kann ich heute Nachmittag vorbeikommen und meine Pocke aus deinem Safe haben? Keine Zeit? Was machst du denn? Du gehst zum Training vom BVB nach Hohenbuschei? Zum neuen Trainingsgelände? Klar weiß ich, wo das ist. Weißt du was? Bringst du mir den mit? Sogar der Rucksack ist noch da, mit dem ich ihn gebracht habe? Super. Warum ich so drumrum rede? Maradonna steht neben mir und es soll es ja eine Überraschung für sie werden. Nein, es ist jetzt eigentlich kein Geschenk mehr. Ich hab ne Wette gegen sie verloren. Wieso ist das typisch, dass ich meine Wetten verliere? Egal. Jedenfalls

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komm ich dann auch hin. Mit Maradonna. Das ist genau der richtige Ort für diese Übergabe. Bis heute Nachmittag am Trainingsgelände.“ Dann sah ich Maradonna an: „Du kannst doch nachher, oder?“ „Ich müsste mal schoppen gehen, du weißt doch, ich suche diese braunen Stiefel...“ „Was?“, entfuhr es mir, laut und sauer. „Du warst doch gestern erst...“ Maradonna lachte sich kaputt. „Spaß, Onkel Herbert, das war Spaß. Natürlich komme ich mit zum Trainingsgelände. Da war ich noch nie.“ „Wir nehmen die Bahn, okay?“ „Klar.“ „15 Uhr Reinoldikirche?“ Sie nickte. „Und dann treffen wir Günther mit meinem Nachlass!“ „Na, du machst es aber spannend, Onkel Herbert.“

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13 Wer ist der Boss? Doktor erzählt Ich muss zugeben, dass ich manchmal in der Theorie besser bin als in der Praxis, und ich kann besser mit einem Computer umgehen als mit Schippen und Schrubbern. Ich hatte noch nie Blasen bekommen, wenn ich am Computer saß, aber nun hatte ich vom Reinigen der Gehege, von den ganzen Arbeiten schon drei Blasen und zwei Pflaster, weil ich mir was aufgeschrabbt hatte. Trotzdem machte sie mir Spaß, diese Art von Handarbeit. Aber ich wollte später lieber darüber berichten, als so etwas ständig selber machen zu müssen. Maradonna war aber sehr geschickt, sie musste zu Hause viel helfen, auch in deren kleinem Garten. Wir hatten bei uns nur Rasen, und den musste ich nur ganz selten mähen, weil mein Vater diese Arbeiten so gerne als Ausgleich machte zu seinem Job. Und ganz ehrlich, so viel Rasen war es nicht, dass überhaupt zwei Mann daran hätten arbeiten können. Mantel blühte richtig auf bei dieser Arbeit im Zoo. Dem machte das alles Spaß. Ilona sagte uns gerade, wir müssten uns jetzt um das Außengehege der Tamanduas kümmern und neue Bäume holen. Ich hatte noch nie einen Baum gepflanzt! Als ich das sagte, grinste Maradonna und sagte, die Bäume, von denen Ilona reden würde, seien doch wohl eher als Spiel- und Kletterbäu-

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me für die Tamanduas gedacht und wir würden dort nicht neue einpflanzen, die ja sehr klein und sehr dünn wären und Jahre brauchen würden, bis die Tamanduas an ihnen hochklettern könnten. Ilona kam mit Zollstock und Bandmaß und wir notierten die Maße des Geheges und die Höhe und die Maße des alten Baumes, der nun zu morsch war und schon leicht zusammenkrachte, und anschließend wollten wir mit dem Transporter in den Wald und mit dem Förster zwei oder drei geeignete Bäume suchen. Ilona erklärte, sie müssten stabil sein, aber auch die richtige Länge haben für das Gehege. Nicht zu kurz, nicht zu lang. Mantel war wieder zu uns gestoßen, der noch im Streichelzoo gearbeitet hatte. Er fragte, ob wir vor der Fahrt nicht noch eine Pause machen könnten. Ilona sagte, im Auto in den Wald zu fahren sei aber auch eine Art Pause. Und ob alle Tiere versorgt seien. Die Papageien noch nicht, sagte er. Und das Futter für die Ameisenbären sei noch nicht vorbereitet. Ilona sagte: „Mantel, noch mal und grundsätzlich: Pausen für uns Menschen hier gibt es immer erst, wenn alle Tiere versorgt sind. Vorher gibt es da gar nichts.“ Er schaute etwas bedröppelt. „Ich bin aber kaputt, Frau Ilona.“ Sie sah ihn an: „Nur von dem bisschen Sand streuen im Streichelzoo?“ Er war leicht empört: „Na, das war aber nicht nur ein bisschen!“ Maradonna sprang im zur Seite: „Das war aber auch

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wirklich nett, dass du da so reingehauen hast und wir nicht so viel schippen mussten wie du.“ Fand ich auch und berührte meine Blasen. Mantel sah sie erstaunt an: „Das fandest du nett? Von mir? Naja, ihr seid ja noch...Kinder. Kann man ja mal machen.“ Ilona fragte ihn: „Sie sind doch ganz fleißig, Mantel. Sie sind körperliche Arbeit wohl gewohnt?“ Etwas verlegen steckte er die Hände in die Taschen: „Och, manchmal muss ich ja ganz schön ran! Also, mein Chef, der Klunker, der sagt immer...“ Als er von Klunker anfing, rutschte es mir regelrecht heraus: „Mantel, warum arbeitest du eigentlich für so einen Kriminellen?“ Fast verständnislos sah er mich an: „Für wen soll ich denn sonst arbeiten?“ Ilona sah nun ihn an und sagte, vernünftige Arbeit gäbe es doch genug. Zum Beispiel so ein Job wie hier im Zoo. Warum er sich nicht so eine Arbeit suchen würde. Warum er nicht in normalen Jobs arbeiten würde. „Oder wie mein Onkel Herbert, im Hafen“, sagte Maradonna. „Oder wie mein Vater, du könntest was mit Computern machen“, sagte ich. Mantel sah mich an: „Kapier ich nicht, so einen Computer.“ „Hast du das überhaupt schon mal versucht?“, fragte ich. Er sah mich weiter an. Dann stotterte er fast: „Äh. Nee! Noch nie!”

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„Siehste!“, sagte ich. Seine Antwort klang fast traurig: „Mir hat eigentlich noch nie jemand so richtig was erklärt.“ „Aber du bist doch nicht blöd, oder?“ fragte ich. Nun war er fast sauer und rief laut: „Nee, blöd bin ich nicht!“ Darauf sagte Maradonna leise: „Du bist vielleicht nicht blöd, aber du bist bekloppt, wenn du für so einen Boss arbeitest wie Klunker.“ In diesem Moment zeigte Ilona den Weg hinunter zum Spielplatz. Von dort kam eine weiß gekleidete Gestalt mit rasiertem Schädel. „Wenn man vom Teufel spricht...“, sagte sie. Maradonna erschrak sich regelrecht: „Ach du liebe Zeit! Da kommt er! Klunker.“ Klunker kam zu uns herauf und grinste arrogant in die Runde: „Ah, die berühmte Yurumi-Gang!“ Es rutschte mir richtig heraus: „Wie ist der denn hier rein gekommen?“ Klunker blickte zu mir. Es sah so aus, als sortiere er etwas in seinem Hirn. Dann lächelte er weiter, während er redete und seine Stimme klang überheblich und irgendwie auch gefährlich: „Das ist doch der vorlaute, oberkluge Doktor, wenn ich nicht irre! Ich bin hier Stammgast. Ich, Doktor, habe eine Jahreskarte für den Zoo. Ich interessiere mich nämlich für Tiere.“ „Du interessierst dich für Klunker“, sagte Maradonna. Klunker ließ sich nicht aus seiner gefährlichen Ruhe bringen und sprach einfach im gleichen Ton weiter: „Ich

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habe sogar eine Tierpatenschaft. Für die Schneeeulen.“ „Klar“, sagte ich, „weil die auch so weiß sind wie deine Klamotten.“ Er sah mich von oben bis unten an und ich bekam eine richtige Gänsehaut, obwohl ich grad noch von der Arbeit geschwitzt hatte: „Genau, Doktor! Aber was rede ich mit euch Blagen? Mantel, kommst du mal? Ich habe was mit dir zu bereden.“ Mantel war jetzt sehr nervös. Unsicher. Er schaute zu Ilona und sagte: „Ich muss aber erst noch...“ Klunker fuhr ihn an: „Hör mal, ich bin dein Boss!“ Leise entgegnete Mantel: „Grad nicht. Grad ist Frau Ilona mein Boss. Jedenfalls so lange ich hier Sozialstunden mache.“ Klunkers Kopf lief rot an. „Was sind denn das für Töne, Mantel? Du spinnst wohl! Hier ist nur einer Boss, und das bin ich. Also lass die blöden Kinder und ko...“ Mantel war jetzt auch leicht gereizt und fiel ihm ins Wort: „Die Kinder haben mir gestern das Leben gerettet...“ Klunker riss die Augen auf. „DIESE KINDER?“, rief er laut und zeigte auf uns. Mantel begann zu erklären: „Als ich bei den Nashörnern...“ Klunker unterbrach ihn und rief ärgerlich: „Quatsch mir kein Ohr ab, Mantel.“ Jetzt mischte sich Maradonna ein: „Ich hab dich gesehen, Klunker.“ „So? Wo denn?“, fragte er sichtlich überrascht.

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„Im Stadion. Sonntag.“ Klunker war wieder die Ruhe selbst: „Na und? Ich hab ne Dauerkarte.“ Ich sagte: „Und die ist von eurem geklauten Geld bezahlt! Genau wie die Jahreskarte für den Zoo und die Patenschaft für die Schneeeulen. Alles geklaut und mit dem Geld anderer Leute bezahlt!“ Er sah mich an, wie eine Katze die Maus ansieht, bevor sie springt. Seine Stimme wurde sehr leise und einschneidend: „Hör mal, Doktor. Das ist eine Unterstellung. Ein nicht bewiesener Verdacht. Dafür kann man verklagt werden. Klar?“ Ich weiß nicht, ob Maradonna es so meinte oder ob es ihr herausrutschte. Sie sagte: „Ach, mach dein Gesicht zu!“ Das hatte gesessen. Er wandte sich der anderen Maus zu. Er ging einen Schritt auf Maradonna zu. Sie wich zurück. „Soso, du gehst also auch ins Stadion, Maradonna? Da haben wir ja endlich mal was gemeinsam. Wir mögen den gleichen Verein!“ Maradonna schrie: „Ich habe gar nichts mit dir gemeinsam!“

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14 Vorübergehender Engpass Klunker erzählt Ich bin es, Klunker. Da stand doch dieses kleine, freche Mädchen vor mir und war inzwischen gar nicht mehr so klein wie noch vor vier Jahren, als ich ihr das erste Mal begegnet war. Ich hatte nichts vergessen, nicht die kleinste Kleinigkeit. Zweimal war ich wegen ihr und ihren Freunden, der Yurumi-Gang, schon im Knast gelandet. Und vor allem hatte ich nicht vergessen, wie sie mir damals den Fußball an den Kopf geschossen hatte. Mit einem Fußball k.o. geschossen! Von einem Mädchen! Ich! Klunker! Einer der gerissensten Gangster der ganzen Stadt, auch von ganz Nordrhein-Westfalen und von Deutschland überhaupt. Da hatte ich mir im Knast ganz schön was anhören müssen. Aber nun würde ich diesem Mädel mal zeigen, wie clever ich war. Wir hätten gar nichts gemeinsam, sagte sie. Na warte, dachte ich. Dich bringe ich noch weiter auf die Palme. Ich provozierte sie weiter und sagte: „Tiere mögen wir auch beide!“ Ihr fiel nichts anderes ein als „Blödmann!“ zu sagen. Ich konterte und sagte gespielt beleidigt: „Oh, eine ­Beleidigung!“ Aber nun mischte sich überraschend Mantel ein und ­furzte mich an!! Er sagte: „Lass die beiden in Ruhe, Klunker! Die haben dir nichts getan!“

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Ich war etwas erstaunt. Was bildete sich Mantel denn ein? War der weich in der Birne? Ich sagte: „Quatsch keine Opern. Komm jetzt mal kurz.“ Und dann fragte er doch tatsächlich diese Tierpflegerin um Erlaubnis. Als ob die ihm was zu sagen hätte! Als ob die bestimmen könnte, wann ich mit Mantel quatschte. Ich war sein Boss und nicht irgend so eine Tierpflegerin aus dem Dortmunder Zoo, wo Mantel diese mistigen Sozialstunden abreißen musste, weil er sein Maul nicht hatte halten können, als die Staatsanwältin ihm hintendrauf fuhr! „Darf ich, Frau Ilona?“, winselte er. Ich machte seinen unterwürfigen Tonfall ziemlich verächtlich nach: „Darf ich, Frau Ilona?“ Diese Frau Ilona sah erst mich an, dann Mantel, dann die Kinder und dann wieder mich und sagte seelenruhig: „Gehen Sie ruhig, Mantel. Aber in zehn Minuten geht es weiter.“ „Geht klar!“ murmelte er diensteifrig. Wenn er bei mir immer so eifrig wäre! Ich konnte es mir nicht verkneifen und grinste die Kinder an: „Auf Wiedersehen, ihr Yurumis!“ Maradonna starrte mir in die Augen und zischte: „Lieber nicht!“ Schön, die war richtig sauer auf mich. Das gefiel mir. Ich zog Mantel auf die Seite und marschierte mit ihm zum Löwengehege. Schade, dass Löwen nicht richtig weiß sind, dann wären die meine Lieblingstiere. Ich bin ja selber so eine Art Löwe. Ich bin sogar im Sternzeichen

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Löwe geboren. Das symbolisiert Überlegenheit, Mut und Kraft. Das passte genau zu mir. Mantel unterbrach mich in meinen Gedanken. „Was ist denn los, Klunker? Du machst hier alle wuschig!“ Nun, ich hatte ihm ein kleines Geständnis zu machen. Unsere Geschäfte liefen nicht gut in den letzten Wochen und ich hatte die Rücklagen verbraucht. „Hör zu Mantel. Ich hab da ein bisschen Pech gehabt in den letzten Wochen. Mit der Kohle.“ Erschrocken sah er mich an: „Was soll das heißen, Boss?“ Ich wollte ehrlich sein. Gegenüber Mantel bin ich immer ehrlich. Na, sagen wir, fast immer. Also oft. Jedenfalls meistens. „Naja, ich war zocken. Jedenfalls ich bin grad fast blank.“ „Du hast unsere Kohle verspielt?“ „Ich hatte die eingesetzt, um mehr draus zu machen, Mantel.“ „Wie? Du bist blank, Klunker?“ „Nur vorübergehend.“ Er sah mich verdattert an. Dann begriff er langsam. Und dann sagte er fast weinerlich: „Aber mir schuldest du auch noch Geld!“ Ich sagte nichts. Wir schauten zu den Löwen. Er fragte noch mal: „Wir sind pleite?“ Ich nickte. „So könnte man das sagen.“ Dann sagte er sauer: „Ich denke, du bist so ein raffinierter Boss!“

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Ich wollte ihm nicht widersprechen. Ich sagte ihm, wir müssten dringend was machen, irgendwas Kurzfristiges! „Ich hab gedacht, du könntest hier was tun. Weißt du, da stehen so viele Autos auf dem Parkplatz. Vielleicht findest du in denen was?“ Entgeistert sah er mich an und fragte: „Hör mal. Glaubst du, ich bin blöd, Boss?“ Es rutschte mir einfach raus: „Ja. Äh, nein, natürlich nicht!“ Da hatte ich grad noch mal die Kurve gekriegt. Natürlich hielt ich ihn für blöd, aber ich brauchte ihn für die vielen kleinen Arbeiten, vor allem für die, bei denen man sich schmutzig machen konnte. Oder wo man leicht erwischt werden konnte. Da schickte ich seit Jahren immer ihn los. Und ein paar Mal hatten sie auch ihn erwischt und nicht mich. Mantel hatte das nie gemerkt. Jetzt zischte er: „Wenn hier am Zoo einer irgendwas klaut oder in irgendein Auto einbricht, wo ich hier grad meine Sozialstunden abreiße, da kommt doch jeder drauf, dass ich das war!“ Ich versuchte ihn zu besänftigen: „Ich will nur, dass du die Augen aufhältst. Vielleicht ergibt sich was!“ Er war jetzt richtig laut und dahinten kamen ein paar Besucher, aber Mantel war nicht zu bremsen: „Hier ist der Zoo. Hier leben Tiere. Ich klau dir keine Tiere mehr. Und ich klau auch nix von den Zoobesuchern. Ich hab sowieso manchmal keinen Bock mehr auf Klauen und auf Gangster sein und dann doch dauernd in den Knast wandern und monatelang sitzen.“ In diesem Moment hörten wir beide diese Frau Ilona, die

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Tierpflegerin. „Herr Mantel. Die Pause ist rum.“ „Soso“, sagte ich. „Hier bist du also HERR Mantel.“ Er reagierte gar nicht und rief: „Ich komme!“ Ich packte ihn an seiner Arbeitsjacke. Er sah seltsam aus ohne Mantel. „Herr Mantel! Heute Abend reden wir weiter. Ich muss jetzt los. Ich muss kurz nach Hause, mit dem Hund Gassi gehen. Und dann geh ich zum Trainingsgelände vom BVB.“ Mantel argumentierte erstaunlich clever: „Sieh lieber zu, dass wir zu Geld kommen. Immer nur Fußball. Was willst du am Trainingsgelände? Ich grinste: „Schauen, was geht, Alter. Mantel, es ist wichtig, dass man weiß, was läuft! Köpfchen. Planen. Lauschen. Auschecken. Warum bin ich wohl der Boss?“ Mir schien er plötzlich klüger, als ich ihn je kannte, denn er sagte: „Und warum sind wir dann pleite?“ „Ein vorübergehender Engpass, Mantel!“ Er stapfte davon. Ich brüllte dem Löwenmännchen zu. Aber leise. Es waren ja noch andere Besucher im Zoo. Was sollten die von mir denken?

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15 Der Ball der Pokalsieger Onkel Herbert erzählt Wir standen am hinteren Trainingsplatz auf dem neuen Trainingsgelände auf Hohenbuschei. Drüben am Gebäude parkten die Autos der Spieler, ein paar hatten uns überholt, als wir die letzten Meter zu Fuß gingen, Maradonna und ich. Nach dem lockeren Auslaufen gaben die Spieler nun zum Trainingsende noch Autogramme. Maradonna versuchte, eines von Weidenfeller zu bekommen. Ich suchte jetzt Günther, denn es waren so viele Zuschauer da, dass wir uns zu Beginn des Trainings gar nicht gefunden hatten. Da kam er auf mich zu. „Herbert, altes Haus, da bist du ja. Mensch, das ist hier

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heute ein Auflauf! Ich hab dich schon gesucht.“ „Und gefunden. Günther, alte Socke. Alles klar?“ „Na, wenn die Samstag so spielen, wie sie heute trainiert haben, kann nichts schief gehen, oder?“ „Würde ich mal sagen. Ich bin ein bisschen aufgeregt, Günther. Hast du die Pocke dabei?“ Er grinste. „Meinst du, ich habe ein Straußenei im Rucksack?“ „Dann müssen wir nur noch auf Maradonna warten.“ „Du musst alleine warten. Ich muss sofort los. Hier hast du das gute Stück. Fährst du Samstag mit zum Auswärtsspiel?“ „Nee, leider. Ich hab Schicht im Hafen.“ „Dann bis nächste Woche irgendwann. Herbert.“ „Bis nächste Woche irgendwann, Günther. Und danke für den Transport heute und die jahrelange Aufbewahrung.“ „Dafür nicht! Ich hab noch aufgepumpt. Tschüß!“ „Mach gut.“ Dann stand ich mit meinem alten Rucksack und meiner Überraschung für Maradonna am Spielfeldrand. Um Weidenfeller war noch immer eine kleine Menschentraube, die alle auf Autogramme warteten, aber dann sah ich Maradonna auf mich zu laufen. „Und?“, fragte ich. „Der ist total nett“, sprudelte es aus ihr heraus. „Er hat sogar auf meinem Trikot unterschrieben. Ein echtes Erinnerungsstück.“ Ich bestaunte den Schriftzug. Das war nah dran an einer Arztunterschrift. Die konnte man auch nie entziffern.

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Das „W“ konnte man gut lesen, den Rest musste man sich denken. Aber die Autogramme in meiner Fußballsammlung sahen auch nicht anders aus. Auf meiner Autogrammkarte von Pierre Littbarski erkannte man auch nur „P“ und „L“ und zwei „t“. Immerhin gab es bei den Autogrammen damals noch Zeit für den Vornamen. Ich lachte über meine eigenen Gedanken und sagte: „Super, dann kannst du es ja zu Hause einrahmen und an die Wand hägen.“ „Wo ist denn Günther, den wollten wir doch treffen.“ „Musste schon weg.“ „Und dein Wetteinsatz? Also, ich meine, mein Gewinn?“ „Hängt über meiner Schulter.“ Maradonna sah sich den Rucksack an. „Ein Rucksack? Und außerdem – ein ziemlich alter Rucksack?“ „Nee, eher das, was drin ist.“ „Du machst es aber geheimnisvoll, Onkel Herbert.“ Ich setzte den Rucksack auf die Erde. Wir hockten uns drumrum. Ein paar andere Zuschauer, die langsam nach Hause gingen, wollten neugierig schauen, was da drin ist. Aber ich hatte keine Zeit, mich um die zu kümmern. Das war jetzt der große Augenblick. Das war für mich wie die Ziehung der Lottozahlen. Aber hier kannte ich schon die Zahlen. Ich wusste ja, was drin war. Doch ich war gespannt, ob Maradonna sich wirklich freuen würde. Ich zog den Reißverschluss auf. Da lag er, eine weiß-schwarze Schönheit. „Ein Ball?“, fragte Maradonna. Es klang neugierig, nicht enttäuscht. Das war schon mal gut!

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„Jau“, sagte ich. „Ein Ball.“ „Muss ja ein besonderer Ball sein“, sagte sie. „Es ist ein besonderer Ball“, sagte ich. „Und der hat was mit dem BVB zu tun?“ Feierlich wie bei der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin sagte ich: „Maradonna, dies ist der Ball, mit dem Lars Ricken 1997 sein legendäres Tor geschossen hat. Im Finale der Champions League.“ „Das 3:1?“ Ich nickte. Sie sah mich an, sah den Ball an, legte ihre Hand drauf und befühlte ihn. „In München damals? Gegen Juventus Turin?“ „Genau!“ „Das ist ja krass!“ „Was ist das?“ „Krass.“ „Ist jetzt deiner, Maradonna.“ „Wirklich?“ Ungläubig sah sie zu mir. Sie hatte den Ball herausgeholt. „Wo hast du den Ball denn her?“ Das war jetzt keine ganz einfache Geschichte. „Der wurde im Spiel noch ins Aus geschossen. Auf die Tribüne. Direkt in meine Arme. Ich war damals im Stadion. In München. Und unten haben sie direkt mit einem anderen Ball weitergespielt und ich hab den Ball dann einfach unter meinem Trikot versteckt. So als Erinnerung und weil ich mich so gefreut habe. Und dann habe ich ihn erst bei mir auf dem Wohnzimmertisch gehabt, wochenlang, dann hab ich ihn ins Regal gestellt und dann ein paar Monate später habe ich ihn aber bei

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Günther in den Tresor gepackt. Weil ich damals schon wollte, dass du den mal bekommst. Das Spiel war nämlich an deinem Geburtstag.“ Maradonna kam auf mich zu und umarmte mich stumm. Dabei rollte eine kleine Träne über ihre Wange. Sie umarmte mich mit einem Arm. Im anderen hielt sie den Fußball. Maradonna. Die beste Nichte der Welt. Ein ganz besonderes Mädchen. Mitglied der Yurumi-Gang. TopFußballerin und Schlagzeugerin und überhaupt und mir lief auch eine Träne über das Gesicht.

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16 Schwarz-gelb geboren Klunker erzählt Ich hatte mal wieder das Training vom BVB besucht. Ich schaute den Jungs total gern beim Training zu. Ich interessiere mich nicht nur für Tiere, ich interessiere mich noch mehr für den BVB. Der Roman ist mein großes Vorbild. Nein, nicht der Roman Weidenfeller. Der ist natürlich ein Top-Torwart. Ist klar. Aber mein Vorbild ist der Roman Abramowitsch. Das ist ein russischer Unternehmer und er ist extrem reich und ihm gehört ein eigener und äußerst erfolgreicher Fußballverein, der FC Chelsea in England. Manchmal träume ich davon, dass ich so reich wäre, dass mir auch ein Fußballverein gehört. Und da kommt nur einer in Frage. Ich war grad in solchen Gedanken und ging langsam vom Fußballplatz zurück, das Training war beendet. Da hörte ich zwei Fans miteinander sprechen. Der erste hatte ein BVB-Fan-Kappe auf, der andere trug einen Schal. Der mit dem Schal sagte: „ Hammer, oder? Der mit der Mütze fragte: „Was denn?“ „Hast du das nicht gehört?“ Mütze fragte noch mal: „Nee, was denn? Der Schal sagte: „Das Mädel da. Der Ball, den die im Arm hat. Das ist der Ball von Ricken, den die hat. Damals, 97.“ „Nee?“ Der Schal war ganz aufgeregt: „Wenn ich es doch sage!!“ Nun mischte ich mich ein und fragte: „Moment. Was is los?

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Der Schal starrte mich an: „Oh, ein ganz Weißer! Bist du in einen Eimer Deckweiß gefallen, oder was?“ Die beiden fanden sich wohl sehr witzig. Und jetzt kam auch noch Mütze mit einer ganz kühnen Vermutung: „Oder bist du ein getarnter Blau-Weißer...“ Ich wollte hier keinen Ärger, ich wollte eine Information und außerdem war das ja wohl die dickste Beleidigung, mich als Blau-Weißen zu bezeichnen. Etwas lauter sagte ich: „Ganz ruhig, ich bin Schwarzgelb geboren!! Damit das klar ist... Was ist das für ein Ball?“ Der Schal flüsterte jetzt: „Der von Ricken. Von 97.“ Ungläubig fragte ich: „Der da? Den das Mädchen da hält?“ Er nickte wie ein Wackel-Dackel auf Kopfsteinpflaster. Sein Kumpel, die Mütze, hatte sich was überlegt: „Was meinst du, was der jetzt wert ist?“ Der Schal zuckte mit den Schultern: „Da kannst du dir aber bestimmt ein schönes Auto für kaufen, wenn du den im Internet verscherbelst.“ Ich war etwas sprachlos. „Nee, oder?“ Der Schal textete mich voll: „Wenn ich es doch sage!! Und der gehört jetzt dem Mädel da.“ Ich sah genau hin. Das Mädel kannte ich doch! Und dann entfuhr es mir: „Maradonna!!“ Die Mütze sah mich entgeistert an und deutete dann auf den Ball: „Quatsch. Maradonna! Du hast ja keine Ahnung. Ricken war das! Und du willst Schwarz-gelb sein!“ Aber da hatte ich mich schon aus dem Staub gemacht.

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Innerhalb weniger Sekunden hatte ich einen Plan entworfen. Ich musste nur noch in Windeseile ein paar Vorbereitungen machen, denn viel Zeit hatte ich nicht, das war klar. Ich musste schnell sein. Aber das war alles kein Problem. Köpfchen. Planen. Lauschen. Auschecken. Wozu war ich der Boss?

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17 Der schwarze Mann Maradonna erzählt Mein Wettgewinn war der Ball der Pokalsieger. Ich war total glücklich. Und ziemlich gerührt. Onkel Herbert auch. Deshalb hatten wir sehr lange auf dem Trainingsgelände gestanden. Es war kaum noch jemand da, als wir endlich gingen, und der Bus war uns vor der Nase weggefahren. Wir überlegten, ob wir auf den nächsten warten sollten. Dann entschieden wir uns, ein paar Meter zu laufen, vorbei an den steinernen Löwen im Kreisel an der Adi-Preißler-Allee und dann direkt in den Heßlingsweg. Onkel Herbert erzählte, dass er ewig schon nicht mehr hier gewesen sei und dass er früher hier mal eine Freundin hatte, in Brackel. „In dieser Straße?“, fragte ich. „Nee, hier ist Gewerbegebiet“, erklärte er mir und wir kämen am Ende auf die Flughafenstraße. Wir gingen an Fabriken entlang. Herbert zeigte auf die

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Kafferrösterei Schirmer und ich sagte gerade: „Viel Verkehr ist hier ja nicht.“ In diesem Moment hörten wir ein blubberndes Motor­ geräusch. Onkel Herbert lachte: „Aber es existiert Leben!! Ich höre sogar ein Auto hinter uns. Klingt amerikanisch. Viele Zylinder.“ Aber in dem Moment, als er sich umdrehte, war es auch schon abgebogen. Mir war etwas langweilig und ich hatte Lust auf ein Spiel, dass ich oft mit Mama und Papa spiele, wenn wir auf langen Autofahrten sind. „Komm, welche Farbe hat der nächste Wagen, der kommt?“ „Als Spiel oder als Wette?“, fragte Onkel Herbert grinsend. „Als Spiel natürlich. Ich wette doch nur, wenn ich auch bestimmt gewinne“, sagte ich. „Rot!“, sagte Onkel Herbert. Ich überlegte. „Okay...ich sage...silber...da...die Kaffee­ rösterei. Wie sieht eigentlich eine Kaffeepflanze aus?“ Ich hatte die Frage gerade ausgesprochen, als wir schnelle Schritte hinter uns hörten. Onkel Herbert war scheinbar in Spiellaune und ging gar nicht auf meine Frage ein. Er sagte nur: „Welche Farbe hat die Jacke von dem, der uns gleich überholt? Nicht umdrehen, Maradonna. Raten.“ Ich vergaß meine Neugier nach Kaffeepflanzen sofort und überlegte: „Äh. Braun... Nee...warte...blau...oder doch...“ „Hörst du, der ist gleich da...schnell...du musst eine

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Farbe sagen!“, drängte Onkel Herbert. „Schwarz“, rief ich. „Ok. Ich sage Beige. Ein helles Beige. Umdrehen.“ Und wir blieben stehen und drehten uns um. Wir rissen die Augen auf. Onkel Herbert sagte nur: „Scheiße!! Du hast recht!“ Vor uns stand ein Mann. Ganz in schwarzer Kleidung. Auch ich sagte nur noch: „Schwarz!“ „Ganz schwarz!“, bestätigte Onkel Herbert. Auch die Maske auf seinem Kopf war schwarz und dann hörten wir seine Stimme. „Hände hoch!! Sofort.“ Wir sahen beide im selben Moment, dass er was in der Hand hielt. Und was er in der Hand hielt. Und damit zielte er auf uns. Ich konnte nur noch leise sprechen: „Der hat eine...“ Onkel Herbert beendete meinen Satz: „Eine Wumme!“ „Eine Pistole“, sagte ich. „Das ist dasselbe“, flüsterte Onkel Herbert. „Wir machen alles so, wie er sagt, okay Maradonna? Keine Helden­ taten! Okay?“ Ich nickte. Der schwarze Mann schrie uns an: „Maul halten.“ Ich flüsterte: „Ich habe nur noch genickt.“ Wieder schrie er: „Maul halten! Und Hände hoch.“ Hatten wir aber schon. Ich war wie hypnotisiert von der Waffe: „Ist die echt?“ Onkel Herbert flüsterte mir zu: „Darauf lassen wir es nicht ankommen, Maradonna, bleib ganz ruhig.“

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Die schwarze Maske nickte. „Sehr klug. Schnauze, sonst gibt’s was!! Los, hinlegen. Auf die Straße legen, alle beide. Auf den Bauch. Das Gesicht nach unten. Und den Rucksack da hinstellen. DEN RUCKSACK DA HIN? Klar? Wenn alle tun, was ich sage, passiert NICHTS!“ Wir legten uns hin, obwohl wir dazu ja kurz die Hände runternehmen mussten. Und wenn man liegt, ist es auch schwierig, die Hände hoch zu halten. Und als ich auf dem Bauch lag, musste ich mich erst wieder aufrichten, um den Rucksack vom Rücken zu nehmen. Die Reihenfolge seiner Befehle war nicht ganz optimal. Keine gute Planung, dachte ich. Onkel Herbert fragte den schwarzen Mann: „Was willst du überhaupt? Ich hab kaum Geld dabei. Meine Uhr?“ Die Stimme sagte: „Ich hab schon alles.“ Dann fragte er: „Kennt ihr Räuber Hotzenplotz?“ Ich war irritiert. Warum fragte uns einer, der uns gerade überfiel und beraubte, nach dem Räuber Hotzenplotz? „Was soll das denn jetzt?“, fragte ich. Man hörte, wie der schwarze Mann grinste: „Der lässt die Oma auch zählen, bis er verschwunden ist. Und ihr bleibt jetzt liegen und zählt auch schön bis 100. Kapiert? Dann passiert keinem was. Wenn ihr schon bei 78 aufhört oder noch eher, passiert aber was!“ Wir hörten, wie der Mann sich umdrehte und weglief. Die Schritte wurden leiser. Ich hob den Kopf und schielte zu Onkel Herbert. Wir hörten, wie er in ein Auto stieg, die Tür zuschlug, den Wagen anließ und mit quietschenden Reifen davonfuhr. Es gab einen kurzen Moment der

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Ruhe. Dann hörte ich Onkel Herbert: „Zweiunddreißig, dreiund…“ Ich sagte: „Hör auf, der ist weg!! So ein Mist.“ „Bist du okay?“, fragte er. Ich nickte und saß auf der Straße. „Was hat der gewollt?“ Ich sagte: „Den Rucksack!“ Dann sahen wir uns an und sagten im gleichen Moment: „Den Ball von Lars Ricken!!!“

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18 Verschwitzte Bandprobe Musti erzählt Ich war im Übungsraum von Maradonnas Band Madranga und wir warteten schon eine halbe Stunde auf sie. Die Mädels und ich waren kurz davor, richtig sauer zu werden, und ich ging raus und rief sie von meinem Handy aus an. Sie nahm ab und ich sagte: „Hey Maradonna, hier ist dein Manager. Wir warten! Heute ist Bandprobe.“ Sie war völlig geplättet. Die Probe hatte sie komplett verschwitzt. Aber kein Wunder bei der Geschichte, die sie erzählte. Sie war überfallen worden, sie und Onkel Herbert, auf dem Rückweg vom Trainingsgelände des BVB. Onkel Herbert hatte ihr sein wertvollstes Erinnerungsstück geschenkt, den Champions-League-Endspiel-Ball, mit dem Lars Ricken das entscheidende Tor geschossen hatte. Krass. Ein Typ in komplett schwarzen Klamotten hatte ihnen den Ball geklaut, mit Überfall und Pistole und allem Schnick und Schnack. Dabei hatte eigentlich niemand von dem Ball wissen können. Ich fragte, ob sie vielleicht Mantel von dem Ball erzählt hätte, aber sie wusste ja selber erst seit ein paar Stunden von dem Ball und Mantel hatte noch Dienst im Zoo. Außerdem wäre der Typ auch viel kräftiger gewesen als Mantel und etwas kleiner. Natürlich kam mir gleich die nächste Vermutung. Klunker. Der war auch Fußballfan. Maradonna überlegte

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kurz, sagte dann aber, der Gangster hätte schwarze Klamotten angehabt, komplett schwarz. Das würde Klunker nie machen, der habe doch immer nur weiß an. Ich war nicht überzeugt. „Wäre doch ne tolle Tarnung“, sagte ich. „Aber warum klaut einer den Ball? Was ist so ein Ball denn wert?“ Das hatten sich Onkel Herbert und Maradonna nach dem Überfall auch schon gefragt. Sie hatte im Internet auf einer englischen Fanseite nachgeschaut. Dort wurden auch Trikots und Schuhe gehandelt. Maradonna sagte: „Da bringt ein Paar Torwarthandschuhe aus der Europameisterschaft schon 1.600 Pfund. Das sind über 1.870 Euro. Was die da für Preise haben, Hammer.“ Das war also eine Erklärung. Ein Motiv. Der Grund für den Überfall. Maradonna war aber insgesamt völlig fertig. Ihre Stimme wackelte. Das war ein echter Schock gewesen. „Also Manager“, sagte sie. „Sag meinen Mädels, wir proben nächsten Dienstag eine Stunde länger.“ „Tamam,“ sagte ich. „Aber eigentlich haben wir ja jetzt keine Zeit mehr.“ „Warum?“, fragte sie ins Telefon. „Weil wir mitten in unserem dritten Abenteuer sind. Dir wurde ein sauwertvoller Ball geklaut – und den holen wir jetzt zurück.“ Die Yurumi-Gang war wieder unterwegs.

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19 Legenden werden geboren Musti erzählt Am nächsten Tag, es war Mittwoch, musste ich wieder zu King’s Tonic. Ich hatte mich schon wieder eingestellt auf CDs versenden oder T-Shirts auspreisen. Aber scheinbar arbeitete man sich hier im Laufe des Praktikums hoch. Nach zwei Tagen Büro kam jetzt Rock’n’Roll. Und schon wieder ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. James nahm mich mit in das Ton-Studio. Die Aufnahme hatten sie schon vor einigen Tagen eingespielt. Jetzt wurde abgemischt, also, jetzt wurde der Ton technisch bearbeitet. Erst hörten wir den Song komplett durch, dann noch mal und dann noch mal, und ab da immer nur ein paar Takte. Aber jetzt nicht mehr der ganze Song, sondern einzelne Spuren. Das bedeutet, jedes Instrument war auf einer eigenen Spur aufgenommen, man konnte alle zusammen anhören, also den ganzen Song vollständig, oder eben nur das einzelne Instrument. Beziehungsweise von einem Instrument wie dem Schlagzeug auch nur eine Trommel. Das wär was für meine Trommlerin Maradonna gewesen. Immer wieder. Bumm Bumm…Bumm Bumm – die Bassdrumspur! Der Toningenieur gab etwas Hall dazu. Wir hörten. Dann weniger. Wir hörten. Lauter. Wir hörten. Leiser. Wir hörten. Plötzlich schob er seinen rollbaren Schreibtischstuhl zurück und sagte zufrieden: „Geil, genau so.“

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Ich sah James verständnislos an. „Ich hör gar keinen Unterschied.“ „Echt? Mensch, das ist doch jetzt richtig fett.“ „Ich hör nur Bumm und das seit einer Stunde.“ Er dozierte wie mein Physik-Lehrer: „Bei so einer Mischung kommt es auf alle Feinheiten an, alle Teile müssen exakt zueinander passen, damit es ein fetter Mix wird.“ Ich war enttäuscht. Das war das Rock-Business? „Ich hab mir das spannender vorgestellt.“ James grinste: „Musik ist Warten. Warten auf die richtige Idee, den richtigen Text, den Auftritt, die richtige Mischung. Warten, warten, warten und dran bleiben, nicht nachlassen.“ Langsam begriff ich: „Tja, ungefähr wie bei einer Schatzsuche.“ Das gefiel ihm: „Genau. Wie bei Indiana Jones. Aber wie kommst du jetzt da drauf?“ Ich erzählte ihm Maradonnas Geschichte, dass ihr ein total wertvoller Ball geklaut worden war. Der Endspielball von Lars Ricken aus dem Spiel gegen Juventus

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Turin. James setzte sich gerade: „Der Ball, den Ricken aus dem vollen Lauf gelupft hat? Das BVB-Jahrhunderttor? Hammer!“ Und dann spielte er uns beiden das Tor vor, im Internet kann man es auf Youtube sehen. Der Reporter rief: „Lupfen jetzt! JAAA! LARS RICKEN! Die Gebrüder Grimm drehen sich im Grabe um. Also das sind Märchen, die gibt’s nicht. 5 Sekunden ist der auf dem Platz. 20 Schritte ist der vielleicht gelaufen. Das kann man nicht erfinden. Legenden werden geboren und Sie sind live dabei! Was für ein verrücktes Spiel!“ James drehte sich auf seinem Stuhl zu mir und sagte: „Den Ball hätte ich auch geklaut.“

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20 Amerikanisches Cabrio Mantel erzählt Frau Ilona gab uns das Zeichen zum Feierabend. Und dann bedankte sie sich bei uns für die Hilfe. Sie sagte: „Das war jetzt schon euer dritter Tag. Ihr habt euch klasse eingearbeitet. Alle drei. Sogar Sie, Mantel.“ Bei mir hatte sich noch nie jemand für meine Arbeit bedankt. Klunker meckerte höchstens rum, weil ich ihm die Sachen nie schnell genug erledigte und nie gut genug. Sie sagte noch zu mir: „Bis morgen, Mantel. Und das war ganz schön, wie Sie den Kindern geholfen haben. Bei der Arbeit. Und auch gestern gegen Klunker.“ Jetzt war ich regelrecht verlegen. „Och, das ist doch... also...na ja.“ Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Dann hörte ich Doktor: „Ja, danke noch mal, Mantel.“ Ich drehte mich überrascht zu ihm und fragte ihn, ob er das wirklich ernst meinte. „Klar meine ich das wirklich.“ Und dann sagte sogar Maradonna: „Doktor hat recht. Du bist gar kein so mieser Typ, wie wir alle dachten.“ „Ihr auch nicht“, rutschte es mir raus. Ich sah die beiden Kinder an und ich war tatsächlich ein bisschen gerührt. „Und die Arbeit im Zoo macht fast schon Spaß. Und sie ist ... Also, da weiß man irgendwie, wofür man das macht!“

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Doktor grinste mich an: „Kommt da doch noch Verstand durch?“ Moment. Wie meinte der das? „Willst du sagen, ich bin blöd?“ Maradonna schlichtete sofort und sagte: „Jetzt keinen Streit bitte!“ Ich verabschiedete mich von beiden und ging schon Richtung Ausgang. Unterwegs hatte ich eine Idee. Ich ging langsamer, damit mich die Kinder einholen konnten. „Hey, Mantel“, rief Doktor fröhlich. „Kannst du nicht schneller oder kannst du dich nicht trennen?“ Ich fragte nur: „Geht ihr zum Bus?“ Beide nickten. „Ich meine, also, nur wenn ihr wollt...ich meine...ihr habt mir doch das Leben gerettet...mit Snoopy...als der auf mich zu lief...ich würde mich gerne...ich dachte, ich kann euch mal nach Hause fahren...und...ich bin auch nicht mehr sauer, dass ich wegen euch im Knast war...ich war ja selber schuld...“ Maradonna zog die Augenbrauen hoch. Die Kinder sahen sich an. Maradonna fragte: „Was meinst du, Doktor?“ „Na ja. Warum nicht?“, sagte er Maradonna blickte mich an und sagte dann: „Ok, dann einmal bis Hörde!“ Wir gingen zum Parkplatz. Dort stand mein amerikanischer Straßenkreuzer. Das Wetter war super und ich ließ das Verdeck herunter. „Bitte sehr“, sagte ich und lud die beiden auf die hintere Bank ein.

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„Cool“, sagte Maradonna. „Mit Chauffeur nach Hörde! Im offenen Cabrio!“ Ich fragte: „Und ihr seid also beide Fußball-Fans?“ „Geht so“, kam es von Doktor. „Ich schon“, versicherte Maradonna. Ich erzählte ihnen, dass ich ein echter Fan wäre und immer gern zu den Spielen der Borussia ginge. Maradonna erzählte, sie würde selber spielen. Aber Sonntag wäre sie mal wieder im Stadion gewesen. Mit ihrem Onkel. Den kannte ich ja auch. Der hatte den Container angehoben, in dem wir damals die Ameisenbärin versteckt hatten und hatte uns damit in der Luft festgesetzt. Naja, ich wollte jetzt aber nicht an alte Sünden denken. Aber Maradonna war plötzlich ganz still geworden. Ich fragte sie, warum. „Onkel Herbert hat mir den Endspiel-Ball vom Match gegen Turin geschenkt, aber gestern wurden wir über­ fallen und der Ball ist weg.“ Ich war total baff. „Dein..., also der Onkel Herbert, der hatte diesen Ball...??“ „Klaro. Der ist der größte Fußballfan von allen. Deshalb war der sogar damals in München. 1997. Beim Endspiel. Von da war ja der Ball.“ Das war ja ein Zufall. „Da war ich auch“, sagte ich. Doktor staunte: „Krass. Dann seid ihr beiden also schon mal zur gleichen Zeit am gleichen Ort gewesen, ohne dass ihr was voneinander wusstet.“ „Ja, Klunker war natürlich auch mit.“ Als ich das gesagt hatte, biss ich mir fast auf die Zunge. Auf Klunker waren

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die Kinder gar nicht gut zu sprechen und Doktor sagte auch sofort: „Natürlich. Dich gibt es gar nicht ohne Klunker, oder?“ „Was soll das jetzt heißen?“, fragte ich. „Ach nix. Aber ich habe das Gefühl, Klunker bringt dir kein Glück.“ Maradonna war derselben Meinung und sagte: „Oder um das mal so zu sagen – der hat keinen guten Einfluss auf dich.“ „Aber der hat mir immer Arbeit besorgt“, verteidigte ich mich und ihn. Jetzt wurde Doktor ganz vorwurfsvoll: „Ihr habt Dinger gedreht. Ihr habt geklaut. Ihr habt Einbrüche gemacht. Das ist keine Arbeit, das ist kriminell. Alles was ihr macht, ist verboten, und es geht auf Kosten anderer, die ihr beklaut!“ Er hatte ja recht, aber ich wollte das nicht hören. Und schon gar nicht von einem Kind. Und schon überhaupt nicht von den Mitgliedern der Yurumi-Gang, wegen denen ich schon zweimal im Knast gewesen war: „Können wir nicht lieber über Fußball reden?“ Doktor kreuzte die Arme vor der Brust: „Ich sag’s ja nur...“ Ich fragte vorsichtig nach: „Und den Ball aus dem Spiel damals, Maradonna...den hat dir einer geklaut?“ Ich sah das noch genau vor mir. Diese Szene damals. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Da wird der Lars Ricken eingewechselt, steht nur ein paar Sekunden auf dem Platz und dann macht der das Ding rein zum 3:1. Da wäre ich sogar fast noch lieber zu Hause vor dem Fern-

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seher gewesen als im Stadion. Im Stadion sieht man die Szene ja nur einmal, aber im Fernsehen, da zeigen sie die Wiederholung noch mal und noch mal und aus verschiedenen Perspektiven. Das hast du im Stadion natürlich nicht. Sie holte mich aus meinen Gedanken: „Genau. Und der Ball ist weg.“ „Wer macht denn so was?“, fragte ich und ich meinte das ganz ehrlich. Einen Fußball-Fan beklauen, das macht man einfach nicht.

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21 Hundertausend Besucher Doktor erzählt Ich erklärte Mantel, dass ich vermutete, es sei ein Hehler gewesen. Einer, der geklaute Sachen verscherbelt. Ich war erstaunt, wie wenig Mantel über seinen eigenen Beruf wusste. Aber Klunker war da wohl der große Planer und Mantel war der, der alles brav und naiv durchzog. Schade, der Mantel war eigentlich ein netter Kerl. Ich erklärte ihm, dass es manchmal für die Diebe leichter sei, reihenweise Kunst oder andere Sachen zu klauen als Geld. Sammlerstücke. Und je einzigartiger und älter die Objekte sind, umso mehr Geld würde man dafür bekommen. Von verrückten Sammlern, denen egal sei, woher das Zeug käme. Ich sagte noch, so was sei nur im Museum richtig sicher, als ich eine grandiose Idee hatte. Ich rief: „Mensch, Maradonna. Im neuen Deutschen Fußballmuseum, hier in Dortmund, da wäre der Ball ne echte Attraktion gewesen.“ Der Deutsche Fußball-Bund, der DFB, plant ein Museum, hier mitten bei uns in der Stadt. Ich hatte gerade einen großen Bericht darüber gelesen. Dort könnte man den Ball ausstellen. Und in einer App für das Museum könnte man dann das Tor sehen – als Video. Außerdem die Berechnung der Flugbahn des Balles, aus physikalischer Sicht. Und ein Interview mit Lars Ricken. Ich hatte sofort einen Plan für diese App, sozusagen für den Fall, dass der Ball in die-

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sem Museum gezeigt würde. Ich war gar nicht mehr zu bremsen und phantasierte das glasklar und ich glaube, ich textete die anderen beiden im Auto ziemlich zu. Aber dann stiegen sie sogar ein in meine Planungen. Ich sagte: „Und da wird dann ein Schild an die Vitrine mit dem Ball geschraubt, darauf steht: „Dieser Ball wurde gespendet von Maradonna.“ Sie ergänzte: „...und von Onkel Herbert!“ Das gefiel ihr, denn sie sagte weiter: „Stell dir mal vor, da kommen Leute und sehen deinen Ball an.“ „Also, deinen Ball“, verbesserte ich sie. „Ja, meinen.“ Auch Mantel machte mit und entwarf dieses künftige Szenario: „Und da kommen Leute. Jeden Tag. Hundert. Bestimmt.“ Maradonna erhöhte: „Das ganze Jahr. Irgendwann sind das Tausend!“ „Zehntausend!!“, rief ich. „Hunderttausend!!“, rief Mantel vom Fahrersitz. „In einem Jahr!“ Maradonna strahlte. „Mehr!“ Ich war mir sicher. Mantel war ganz euphorisch: „Irgendwann haben dann eine Million Menschen deinen Ball gesehen, Maradonna.“ „Cool!“, sagte sie ganz leise. Und dann war sie plötzlich wieder total traurig. „Was ist denn?“, fragte Mantel. „Jetzt ist er aber weg“, sagte sie. „Vielleicht kriegst du ihn ja wieder“, wollte er sie aufheitern. Resigniert sagte sie nur: „Wie denn?“

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22 Nix wie weiter Mantel erzählt Maradonna war plötzlich total traurig. Sie war traurig, weil ihr Ball weg war. Mir war noch nie etwas geklaut worden. Ich bin ja sonst immer der, der andere beklaut. Trotzdem konnte ich sie gut verstehen. Da bekam man so ein schönes Geschenk, und dann war das weg. Und niemand konnte diesen Ball ersetzen. Der war was total Besonderes. Immerhin war es der Endspielball von 1997. Nicht mal Lars Ricken selber hatte den. Den hatte nur Maradonna. Gehabt. Ich hätte sie gerne getröstet. In diesem Moment kamen wir vor Maradonnas Haus in Hörde an. Draußen auf der Straße stand zufällig ihr Onkel Herbert. Als der mich sah, schaute er so sauer, als wäre er der Torwart von Juventus Turin, der grad den Ball von Ricken reingedonnert bekommen hatte. Ich hielt den Wagen an, ließ Maradonna und Doktor aussteigen und sagte: „So wie der guckt, fahre ich lieber gleich weiter. Tschüß, bis morgen.“ Auch Doktor sah den Ärger in Onkel Herberts Gesicht: „Ja. Tschüß, Mantel.“ Maradonna sagte noch: „Danke für die Heimfahrt!“ „Gerne“, sagte ich, und fuhr schnell weiter.

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23 Massiver Ärger Maradonna erzählt Wir stiegen aus Mantels Auto aus. Der gab Gas und war sofort weg. Vor uns stand Onkel Herbert. Er lief regelrecht rot an. Das roch nach Ärger. Aber ich wusste nicht warum. „Hallo, Onkel Herbert“, sagte ich. Er kreuzte die Arme vor der Brust und scheinbar versuchte er, einigermaßen ruhig zu bleiben, aber es zischte aus ihm heraus: „Das glaub ich jetzt nicht.“ Ich sagte: „Hey! Hallo!! Was ist los?“ Doktor flüsterte mir zu: „Vorsicht, der platzt gleich.“ „Was ist denn?“, fragte ich noch mal. „Clara – sag mal, hab ich das grad richtig gesehen?“ Wenn Onkel Herbert mich mit meinem richtigen ­Namen ansprach, dann war alles nicht mehr wie sonst. Dann war Alarm. Allerhöchste Alarmstufe. Aber weshalb? Ich hatte keinen Schimmer. War mir auch egal. Wenn er was wollte, sollte er das sagen. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Ich hatte ihn nicht in seinem Mittagsschlaf mit Fußballschüssen auf das Garagentor geweckt. Ich fragte zum dritten Mal: „Was ist denn?“ Total streng und laut sagte er: „Mit wem bist du denn da gekommen? In dem Ami-Schlitten?“ „Das war Mantel.“

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Er sah mich an und dann wurde er noch ernster: „Mantel also. Mantel. Der Gangster und Gauner Mantel? Bei dem fährst du im Auto!“ Jetzt wurde ich auch langsam sauer: „Der ist aber ganz nett. Der hat uns nur nach Hau...“ Onkel Herbert unterbrach mich und schrie mich an: „Bist du bescheuert? Man steigt nicht zu fremden Leuten in’s Auto!“ Ich verstand ihn gar nicht. „Aber...der ist doch nicht fremd...wir arbeiten mit dem zusa...“ Onkel Herbert wurde immer wütender: „Du hast sie wohl nicht mehr alle auf der Tanne!! Maradonna Donna Clara... Du fährst mit einem Gangster spazieren! Hier mitten durch Hörde! Bist du verrückt? Der war im Knast. Der hat dich und die ganze Yurumi-Gang angegriffen im Stollen unter der Hörder Burg! Der ist nicht nett, der ist ein Verbrecher!“ Aber Onkel Herbert kannte den doch gar nicht und das sagte ich ihm auch. „Der ist ganz nett. Und außerdem hat er sich mit der Fahrt nur bedankt, dass wir ihm das Leben gerettet haben. Und Doktor war ja auch dabei, vor allem beim Leben retten. Und jetzt bei der Fahrt.“ Natürlich wusste ich, dass Onkel Herberts Sorgen berechtigt waren. Darum sagte ich noch extra: „Allein steig ich ja zu keinem ins Auto. Schon gar nicht zu Fremden. Aber das ist doch...wie Kollegen, die sich mal nach Hause bringen. Papa und du, ihr fahrt doch auch zusammen zum Hafen.“ Jetzt lief Onkel Herbert fast Amok. „Du vergleichst dei-

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nen Vater und mich mit Mantel? Du vergleichst uns beide mit Gangstern?“ Das hatte ich doch ganz anders gemeint, das war nur ein Beispiel gewesen, aber er war gar nicht mehr zu beruhigen. Er kannte Mantel doch gar nicht, er kannte den nur als Verbrecher, und dass der auch nette Seiten hatte, schien Onkel Herbert gar nicht zu interessieren. Und außerdem hatten wir Mantel doch das Leben gerettet. „Ja, und da muss man den doch Danke sagen lassen können!“, verteidigte ich mich weiter. Er sog die Luft ein und schnaubte weiter wie ein wütender Stier: „Du kannst doch nicht zu einem Kriminellen in’s Auto steigen.“

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24 Denken und Nachdenken Onkel Herbert erzählt Ich war auf Hundertachtzig. Vor Ärger und vor Sorge. Was konnte da alles passieren. Entführungen. Was weiß ich. Gestern waren wir gerade überfallen worden und heute stieg Maradonna zu einem anderen Kriminellen ins Auto. So was Naives. Was hatte sie jetzt gesagt? „Bitte? Ich hab dich nicht verstanden, Maradonna!“ „Nochmal… Doktor ist doch auch mitgefahren.“ Doktor hatte unseren Wortwechsel bis jetzt mit offenem Mund mitverfolgt und hatte nur immer von einem zur anderen geschaut. Und jetzt sprang er ihr natürlich zur Seite: „Ja, bin i…“ Ich ließ ihn gar nicht ausreden. „Und du bist genauso so bescheuert, Doktor! Wie könnt ihr da einsteigen!!! Ich denke, du bist so clever, Doktor? MannMannMannMann!“ Er versuchte, sich zu rechtfertigen: „Wir dachten...“ Ich war so sauer, dass ich schon wieder dazwischen ging. Und zwar laut. Am liebsten hätte ich den beiden vor die Stirn getippt! „Nicht denken, nachdenken! Was hätte da alles passieren können? Ich möchte nicht, dass so Typen überhaupt wissen, wo ich wohne. Und wo du wohnst, Maradonna, schon gar nicht. Nie wieder, ist das klar? Nie wieder steigst du da ein!“

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Wir sahen uns an. Maradonna und ich. Doktor stand wieder ein wenig abseits und schwieg und schaute etwas betreten zu Boden. Der wusste, dass das falsch gewesen war. Aber Maradonna gab noch keinen Zentimeter nach und sie gab noch nichts zu. Wir belauerten uns wie zwei Büffel, die gleich mit ihren Schädeln auf­ einander losgehen würden. Jeder hatte jetzt einen Moment Zeit zum Nachdenken, einen Moment, um sich zu beruhigen. Nach endlosen zwei Minuten fragte ich: „Und?“ Nun kreuzte sie die Arme: „Okay, das Mitfahren war blöd! Das mache ich nie wieder! Aber der Mantel ist kein schlechter Kerl.“ Warum verteidigte sie einen Gangster? „Nee, ein schlechter Witz ist der und jetzt muss ich zur Arbeit.“ „Mit Papa?“ Das war ja nun eine selten dumme Frage. Natürlich mit ihrem Vater. Mit wem denn sonst? „Nee, mit Klunker“, sagte ich. „Haha.“ „Du kannst mir ruhig richtig antworten“, sagte sie. „Nur weil du erwachsen bist, hast du nicht mit allem recht!“ „Und nur weil du ein Kind bist, darfst du nicht alles tun, was dir grad in den Kopf kommt. Nachdenken!“ Damit hatte ich Maradonna an einer empfindlichen Stelle getroffen. „Ich bin kein Kind mehr.“ Ich konnte es nicht lassen und sagte noch: „Scheinbar doch!“

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Nun mischte Doktor sich ein und das war vielleicht ganz gut so. „Ich glaube, ihr könnt langsam aufhören. Ihr habt alle Argumente ausgetauscht.“ „Die haben wir eher hin und her geschrien“, sagte Maradonna. „Sag mal“, begann Doktor nun an mich gewandt, „Warst du eigentlich wegen des Überfalls schon bei der Polizei, Onkel Herbert?“ Was sollte das denn jetzt? Was ging das ihn an? Und außerdem war das ein hoch komplizierter Sachverhalt. Das musste ich mich nicht fragen lassen, von so einem Bengel. Ich versuchte es mit Vorwärtsverteidigung: „Sag mal, ist dir heute das Gehirn rausgerutscht? Erst steigst du mit meiner Nichte in das Auto eines Verbrechers und dann fragst du, ob ich bei der Polizei war. Wegen dem Ball? Den darf ich doch eigentlich gar nicht haben.“ Jetzt hatte ich schon zu viel geredet, aber ich fing den nächsten Satz an und hörte mitten drin auf. „Der Ball ist doch halb...“ Und Maradonna beendete ihn und sprach das Wort als Frage aus: „...geklaut?“ Tja, da hing ich wirklich in einer Zwickmühle. Und das ausgerechnet jetzt. Nach meiner Predigt an die beiden. Wem gehört ein Ball, der auf die Ränge geschossen wird? Dem Verein? Oder darf man den behalten? Ist es ein Kavaliersdelikt, wenn man ihn behält? Also, darf man den behalten, obwohl man es eigentlich nicht darf? Oder ist das ein Diebstahl, und man hätte ihn eigentlich zurückgeben müssen? Es war eine Grauzone, in der

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nicht ganz klar war, was nun richtig und was falsch war, was erlaubt und was nicht erlaubt war. Aber kein Fan würde den Ball zurückgeben, so lange die unten auf dem Fußballplatz noch einen zweiten hatten zum Spielen, oder? Und mittlerweile haben die Vereine während der Spiele ganz viele Ersatz-Bälle da unten, die sie einsetzen, wenn ein Ball ins Aus geschossen wird. Ich versuchte also, mich zu erklären: „Naja. Nein. Geklaut ist der eigentlich nicht. Oder nur halb.“ „Das geht?“, fragte Maradonna. „Man kann etwas halb klauen?“ Sie grinste. Ich verteidigte mich weiter: „Also, ich bin ja Fan. Jedenfalls ist das...das war was ganz anderes. Ich hatte ja keinen geschädigt. Aber deswegen, Doktor, kann ich wegen dem Ball nicht zur Polizei. Wie soll das denn gehen?“ Doktor sagte völlig zu Recht: „Aber ihr seid überfallen worden. Das muss man doch anzeigen.“ Ich zuckte mit den Schultern: „Ja, aber wir haben keinen Zeugen dafür und uns wurde ein Ball geklaut, den ich unter’m Trikot aus dem Stadion geschmuggelt habe.“ Scheinbar wollte mich Doktor wohl trösten: „Wir finden den bestimmt wieder.“ Jetzt hatte ich noch mal so richtig den Quark offen. Was sollte das denn? Wie sollten wir den denn wieder kriegen? So ein Unsinn! Unmöglich. Und das sagte ich ihm auch als Antwort: „Klar und die Erde ist eine Scheibe und Nürnberg wird Deutscher Meister.“

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Damit ging ich über den Hof zu meinem Auto und hupte Maradonnas Vater herunter, um endlich zur Arbeit zu kommen. Ich hörte nur noch, wie Doktor hinter mir sagte: „Mann, hat der eine Laune.“

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25 Halbe und Volle Klunker erzählt Ich trank den dritten Kaffee. Halb fünf ist halb fünf und nicht halb sechs. Wo blieb Mantel? Wir waren verabredet zum Billard spielen. Und beim Billardspielen regeln wir meist auch ein paar andere Sachen. Ich erzähle ihm neue Pläne, außer natürlich, sie sind so geheim, dass sie niemand hören darf. Aber wir spielen meistens an einem Tisch, der weit genug von den anderen entfernt ist, dass niemand uns belauschen oder zufällig was aufschnappen könnte. Endlich kam er. Wie immer im Mantel und mit seinem Cowboyhut. „Mantel, sag mal, wo steckst du die ganze Zeit? Soll ich hier alleine gegen mich Billard spielen? Die Arbeit im Zoo hat keinen guten Einfluss auf dich. Nach der Arbeit kommst du gefälligst sofort hierher. Wo hast du gesteckt?“

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Er war irgendwie nachdenklich. So kannte ich ihn gar nicht. Mantel und denken? Das war wie Feuer und Wasser. Tag und Nacht. In unserem Team war seit jeher ich der, der dachte, und er der, der machte. Gute Arbeitsverteilung. Bei der Geldverteilung ging es etwas andersrum. Das machte ich und er bekam immer etwas weniger als er dachte. Superkluger, witziger Gedanke gerade, dachte ich, als Mantel ansetzte, meine Frage zu beantworteten: „Klunker, hör mal... Ich...ach. Nix.“ Ich baute die Billardkugeln in Dreiecksform auf den Tisch und fragte: „Wie? Nix?“ Mantel stieß an und die gelbe Neun fiel in’s Loch. Eine sogenannte »Halbe«, da sie einen gelben Ring um den weißen Kugelkörper hatte. »Ganze« sind einfarbige Kugeln, aber auch durchnummeriert. Einer muss die Halben, der andere die Ganzen spielen. „Ich hab die Halben. Um einen Zehner?“, fragte er. Wir spielen immer um Geld. Und natürlich spielten wir immer um einen Zehner. Um Zehn Euro. Wir sind schließlich Gangster, da spielt man nicht um 10 Cent. Aber was sollte diese Frage, wo wir doch immer um einen Zehner spielten? „Ja, um einen Zehner. Wo du gesteckt hast, will ich wissen!“ Mantel sagte sehr, sehr leise vor sich hin: „Ach, ich hab die zwei nach Hause gefahren.“ Ich sagte sehr laut zu ihm: „Was? Ich hör nix!“ Ich stieß die volle Zwei, eine blaue Kugel, und die volle Vier, eine violette, in die Löcher.

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In Fachkreisen heißen die übrigens Taschen. Noch leiser als vorher nuschelte Mantel: „Ich hab Maradonna und Doktor von der Yurumi-Gang nach Hause gefahren.“ Ich hatte mich doch wohl verhört. Mantel war dran mit einem Stoß, versemmelte aber grad alles. Ich sagte: „Spinnst du komplett? Nach Hause gefahren? Was soll das denn? Hast du neue Kumpels?“ Mantel schaute mich etwas ängstlich an. Dann zuckte er mit den Schultern: „Die haben mir das Leben gerettet. Als ich im Nashorngehege war.“ Ich richtete mich auf: „Was machst du Döskopp denn auch im Nashorngehege?“ Das wäre doch jetzt egal, sagte er. „Jedenfalls haben die mich gerettet.“ Ich war echt bedient. Und sauer. „Ich glaube, ich spinne. Fängt der an, sich mit denen zu verbrüdern. Die haben uns in den Knast gebracht, Mantel. Schon zweimal. Wegen denen haben wir monatelang gesessen.“ Er sah zerknirscht zu Boden: „Wir waren aber auch selber schuld.“ Was war das denn? Wir waren selber schuld? Wie war der denn drauf? „Das wird ja immer schöner, Mantel!“ Er sagte nichts, sondern haute wieder eine Kugel neben das Loch. Mir sollte es recht sein, wenn er so mies spielte. Ich versenkte meine orangene Fünf. Meine grüne Sechs sprang direkt aus dem Loch noch mal raus. Mantel war wieder dran. Ich war versöhnlich gestimmt, denn ich würde mein Spiel gleich gewonnen haben, ich war ganz sicher.„Na egal. Jedenfalls, ich habe auf jeden Fall

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eine neue Einnahmequelle aufgetan“, sagte ich. Er sah mich nicht an, sondern versuchte sich auf seinen Stoß zu konzentrieren: „So, was denn?“ „Devotionalien“, sagte ich. „Devo was?“ Ich lachte. Ich wusste, dass er das Wort nicht kannte. Ich erklärte es ihm: „Devotionalien. Kultgegenstände.“ Verständnislos sah er mich an: „Jetzt versteh ich gar nichts mehr.“ Ich erklärte weiter: „Fußballdevotionalien. Fußball-Kultgegenstände.“ „Häh?“ „Erinnerungen. Trikots. Pokale! Mit so was wird gehandelt. Da werden zum Teil irre Summen gezahlt. Und noch besser: Hier in Dortmund wird das neue DFB-Museum gebaut. Und die brauchen dafür Sammlerstücke. Trikots. Fußballschuhe. Erinnerungen an die Spiele, an die Spieler, an Meisterschaften und so weiter.“ 100


Langsam begriff Mantel, worum es ging. Und er entdeckte sogar ein Problem! „Aber Klunker, wo willst du die herkriegen?“ Und ich sagte ihm die Lösung: „Von Sammlern. Von Fußballspielern. Von ehemaligen Fußballspielern. Wir gehen jetzt immer schön klauen, wenn die Spieler beim Training sind, und verkaufen das danach an Sammler aus aller Welt!“ Mantel sah mich mit weiten Augen an: „Du willst die Spieler beklauen? Aber du bist doch ein Fan von denen.“ „Das ist egal, grad brauch ich Geld. Und ich habe gestern den ersten Versuch gemacht. Und ich war erfolgreich. Ich habe jetzt den Ball der Pokalsieger.“ Ich strahlte und stieß meine letzte Kugel in die Tasche unten links. Jetzt blieb nur noch die schwarze Acht. Sie musste in das Loch gegenüber gespielt werden. Mantel sah mich ungläubig an: „Was hast du?“ Ich triumphierte: „1997! Weißt du noch? Finale ­Championsleague. Du und ich in München. Lars Ricken. Das 3:1.“ „Du warst das!“, rief er plötzlich. „Was war ich?“ „Du hast Maradonna überfallen!“ Und dann wurde Mantel ganz leise und ging langsam auf mich zu: „Spinnst du eigentlich, Klunker? Ein Kind überfallen? Was ist denn da mit der Ganovenehre?“ Er stand direkt vor mir und ich schob ihn auf Armlänge zurück. Wurde der größenwahnsinnig? Wollte der mich angreifen? „Spinnst du, Mantel? Der Ball ist ein paar

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Tausend Euro wert. Wenn nicht Zehntausend.“ Das gab ihm sichtlich zu denken. „Hm. Trotzdem, mir gefällt das nicht! Ich finde das sogar scheiße!! Die hat mich immerhin gerettet. Das Mädchen hat mein Leben gerettet zusammen mit dem Doktor. Das Nashorn hätte mich platt gemacht!“ Ich versenkte meine schwarze Acht im richtigen Loch. „Ich hab dich auch grad platt gemacht, Mantel! Gewonnen! So, gib die Kohle.“ Er stand am Billardtisch und rollte gedankenverloren seine restlichen Bälle mit der Hand in die Taschen des Tisches. Ich sah ihm zu. Dann tippte ich mit meinem Finger an seine Brust und zwang ihn, mich anzusehen: „Und warum hab ich gewonnen? Weil ich ein Gewinner bin, verstehst du? Mantel! Deshalb hab ich auch den Ball der Pokalsieger. Aber, Alter, mein Ball – ist auch dein Ball. Wir sind nämlich Kumpels.“ Ich schlug ihm auf die Schulter. Mantel war immer noch verärgert: „Du bist ein scheiß Kumpel, Klunker. Dir geht es immer nur um dich!“ Ich lachte. Ich lachte laut und lange. Mantel griff in die Tasche und gab mir zehn Euro, das heißt, er gab sie mir nicht, sondern schmiss sie auf den Billardtisch. Ich steckte das Geld ein.

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26 Die braune Tasche Maradonna erzählt Es war Donnerstag. Fast Mittag. Nach dem Ärger gestern mit Onkel Herbert hatte dieser Tag eigentlich ganz gut begonnen. Wir hatten die Tapire auf das SüdamerikaGelände geführt, wir hatten die Ameisenbären raus­ gelassen, die Ställe waren sauber gemacht und das Obst für die Tiere war auch schon geschnitten, als Doktor mich anstieß: „Maradonna, sieh mal. Da kommt Klunker schon wieder.“ Der hatte mir gerade noch gefehlt. „Der kommt jeden Tag, was?“, sagte ich mehr, als dass ich es fragte. Doktor hob beschwichtigend die Hände: „Naja, er hat nun mal seine Jahreskarte.“ Diesmal schleppte Klunker eine Tasche mit sich. Das fiel richtig auf. Sie war braun. Alles andere an ihm war wieder weiß, die Schuhe, die Hose, das T-Shirt, das Jacket. Nur diese Tasche, die war braun. Seltsam. Und dann quatschte er uns schon an. Warum hielt der nicht einfach die Klappe. Warum redete der mit mir? Strahlend sagte er: „Ah, alle Arbeitskollegen sind bei der Arbeit! Damit es meinen Tieren hier gut geht.“ Ich fuhr ihn an: „Das sind nicht deine Tiere, Klunker!“ „Lass dich nicht provozieren“, wollte Doktor mich beruhigen.

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„Ist doch wahr!“, sagte ich, schon wieder total sauer. Den Kerl brauchte ich nur sehen, und ich hing an der Decke vor Wut und Ärger. Das war sicher auch nicht gesund, aber der reizte mich und Klunker merkte das und nutzte das aus und machte natürlich weiter. „Mantel schwärmt schon jeden Tag von seinen neuen Kollegen. Ihr seid ihm beinah lieber als ich.“ „Da kannst du ja mal drüber nachdenken, Klunker“, sagte ich. Doktor wollte wohl ablenken und schlichten und fragte ihn darum: „Was ist das denn für eine Tasche? Das ist ja das erste Mal, dass ich dich mit was sehe, was nicht weiß ist.“ Er hob die Tasche und schaute sie sich an, als ob er sie zum ersten Mal sähe. 104


„Naja, der BVB-Schal ist auch nicht weiß, der ist schwarz-gelb.“ Jetzt fing der auch noch mit Fußball an. Wenn man jemanden überhaupt nicht leiden kann, dann ist es echt schrecklich, wenn der sich für die gleichen Sachen interessiert wie du selbst, wenn der immer dort auftaucht, wo du bist. „Schrecklich, dass du vom gleichen Verein Fan bist wie ich“, sagte ich. „Such dir doch einen neuen“, antwortete Klunker. „Das könnte dir so passen!“, sagte ich. In diesem Moment kam Mantel zu uns, er hatte Stroh mit der Schubkarre geholt und grüßte Klunker. Aber sehr zurückhaltend, wie ich fand, und endlich mal nicht so unterwürfig-schleimig wie sonst. Klunker schlug ihm auf die Schulter und rief fröhlich: „Mantel, ich hab dir deine Sportsachen gebracht.“ Mantel schien etwas irritiert. „Meine Sportsachen?“ Doktor fragte erstaunt: „Mantel, du machst Sport?“ Und, typisch, nicht Mantel antwortete, sondern Klunker quasselte dazwischen. „Wir gehen ins Fitnesscenter. Wir müssen ja fit bleiben.“ „Wir trainieren heute?“, fragte ihn Mantel. Klunker war überhaupt nicht auszurechnen. Tat Mantel nur so überrascht oder was lief da ab? Mit Nachdruck sagte Klunker: „Ja, du wolltest doch nachher mit mir auf’s Laufband und danach noch ein paar Hanteln hochheben.“ „Wollte ich?“ Mantel schien sich gar nicht zu erinnern.

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Klunker beugte sich zu ihm und sagte etwas lauter als nötig: „Wolltest du! Du hattest mich doch extra angerufen.“ Und dann sagte er viel leiser, aber ich verstand es genau: „Sag jetzt bloß ja, Mantel.“ Und der machte natürlich, was sein Boss ihm befahl: „Ach so, ja, ich...äh, ich glaube...ich erinnere mich...äh, danke!!“ Ich hatte genug. Genug von Klunker hatte ich schon lange und nun auch von Mantel, wegen dem ich mich gestern mit Onkel Herbert gestritten hatte. Den hatte ich verteidigt! Und der ließ sich wieder von Klunker einmachen. Einmal Gangster, immer Gangster. Ich wollte davon nichts mehr hören und sehen. Wenn die hier am Tamandua-Haus rumstanden, wollte ich woanders sein. „Komm, Doktor! Ich kann den nicht mehr ertragen. Arbeiten wir lieber woanders. Der Zoo ist ja Gottseidank groß genug. Wir gehen zum Südamerika-Haus.“ Wir setzten uns in Bewegung. Doktor flüsterte mir zu, dass er lieber geblieben wäre, man wisse ja nie, was die beiden ausheckten, und das mit dem Sport sei doch bestimmt auch erstunken und erlogen, aber ich war froh, Klunker nicht mehr ertragen zu müssen. Wenn ich diesen Spinner schon sah in seinen weißen Klamotten. Wir brachten Futter zu den Zwergseidenaffen und den Kaiserschnurrbarttamarinen im Südamerika-Haus.

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27 Komplizenschaft Klunker erzählt Ich machte innerlich drei Kreuze, als die Blagen weg waren. Mann, konnte das Mädchen nerven. Hoffentlich war deren Praktikum bald vorbei! Ständig waren die im Zoo, wenn ich auch hier war. Hoffentlich war Mantels Strafarbeit endlich rum, damit man den Mann wieder zu ganz normalen Zeiten für unsere eigentliche Arbeit einsetzen konnte. Dem schien die Arbeit hier langsam Spaß zu machen und das war nicht gut so. „Gut, dass die Nervensägen abgezogen sind“, sagte ich. „Red nicht so über die!“, sagte Mantel. Der war nicht mehr ganz dicht. Der nervte langsam. Wurde Zeit, dass der hier raus kam. Dem musste ich jetzt mal kräftig in’s Gewissen reden. „Du spinnst total, Mantel. Sag mal, weißt du überhaupt noch, zu wem du gehörst ? Wer hat dich denn all die Jahre ernährt? Wer macht die Pläne? Wer? Häh? Das bin nämlich ich!! Dafür bist du nämlich zu dämlich, Mantel!“ Er brauste auf: „Keiner sagt, dass ich däm...“ Diesmal wollte ich das ein für alle Mal klären: „Doch, du bist dämlich. Und jetzt wirst du noch so ein verdammtes Weichei, das sich von dieser Yurumi-Gang einseifen lässt.“ Mantel verteidigte sich sofort: „Quatsch! Ich lass mich von keinem einseifen!“

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„Nicht?“, fragte ich. „Nein!“, sagte er standhaft. Jetzt hatte ich ihn langsam da, wo ich ihn hin haben wollte. „Dann ist es ja gut! Wir sind ein Team!! Oder? Sind wir weiter ein Team? Mantel?“ Er schaute nach unten. Er ließ sich das alles scheinbar durch den Kopf gehen, nahm ich an. Jedenfalls so weit ihm das mit seinen beschränkten Mitteln möglich war. Ich war mittlerweile echt sauer auf den Kerl. Der sollte funktionieren. Ich brauchte ihn noch für dieses und jenes. Also musste ich ein paar psychologische Tricks anwenden, ihn unter Druck setzen und ihm klarmachen, dass er ohne mich total verratzt war. Langsam schien es ihm zu dämmern, was gut war für ihn und was nicht: „Ja,… klar, Klunker. Natürlich sind wir ein Team.“ Und dann sah er mir in die Augen und sagte mit Nachdruck: „Da kannst du dich auf mich verlassen! Hundertprozentig!“ Alles klar. Dann konnte ich ja jetzt zur Sache kommen. Ich hatte einen Auftrag für ihn, und den durfte er auf keinen Fall versemmeln. Ich hielt ihm die braune Sporttasche hin. „Okay, Mantel. Hier sind gar keine Sportsachen drin. Da ist was drin, was du dringend verstecken musst!“ „Was ist denn drin?“ „Sieh nach“, sagte ich. Er zog den Reißverschluss der Tasche auf, blickte hinein,

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sah den Ball und begriff sofort. „Mist. Der Ball der Pokalsieger.“ Ich grinste. „Genau, Mantel. Du bist clever! Viel klüger als ich dachte.“ Ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Angstschweiß! Damit hatte ich gerechnet. Nun erzählte ich ihm meinen Plan und meine Überlegungen. „Könnte doch gut sein, dass dieser Onkel Herbert eine Anzeige gemacht hat. Und vielleicht haben die Yurumis oder der Onkel auch eine Vermutung in meine Richtung. Vielleicht haben die bei der Polizei eine Andeutung gemacht. Oder die haben die Staatsanwältin heiß gemacht, die dich hier die Scheiße schippen lässt. Dann ist die Polizei doch ruckzuck bei mir und sucht den Ball. Die suchen den ganzen Hof ab, im Haus. Und vielleicht kommen die auch zu dir nach Hause, obwohl du hier in der Zeit gearbeitet hast, als das passierte. Aber hier im Zoo, da vermutet keiner den Ball! Da kommt niemand drauf! Und, was sagst du?“ „Hm. Nicht blöd, deine Überlegungen.“ „Nicht blöd? Das ist clever, Mantel. Clever!!“ „Und jetzt?“ „Samma, du kapierst auch gar nichts. Du versteckst jetzt hier den Ball.“ „Aber wo denn?“ „Mantel! Das ist nun wirklich dein Problem. Ich hab den schon geklaut. Jetzt bist du mal dran. Du bist doch so ungeheuer schlau. Denk dir was aus. Du kennst doch hier alles. Also los. Und jetzt sieh zu, dass dich niemand erwischt!“

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In diesem Moment störte wieder diese Frau Ilona unser Gespräch. Von weitem rief sie: „Mantel, ich habe Sie schon gesucht. Sie sind hier zum Arbeiten und nicht zum Quasseln!“ Er rief ganz widerlich dienstbeflissen zurück: „Sofort, Frau Ilona.“ Dann sah er zu mir und es schien mir einen Moment, als wäre mein ganzes Reden hier umsonst gewesen. Der Zoo hatte keinen guten Einfluss auf meinen Mann!! Mantel sagte: „Mist... Mist... du bist so ein...“ Ich hatte jetzt genug von Diplomatie. Ich griff ihn an seiner Arbeitsjacke und zog ihn zu mir, direkt vor meine Nase: „Halt die Fresse, Mantel. Wenn wir erwischt werden, hängst du mit drin...“ Er war total überrascht und stotterte: „Aber ich habe doch gar nichts gemacht. Du hast die doch überfallen.“ Ich ließ ihn los und sah ihn an. Er wurde immer unsicherer. „Nichts gemacht? Und wer soll dir das glauben? Deine neue Freundin Maradonna etwa? Der Rest der YurumiGang? Die denken doch sofort, du hättest sie verraten!! Und dann kannst du mal sehen, wie lange deren Freundschaft reicht! Also, sieh zu, dass du einen guten Platz findest. Und wenn nicht“, ich trat noch einmal ganz nah an ihn heran, „dann lernst du mich kennen, Mantel!“

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28 Nicht zu den Löwen Mantel erzählt Ich hatte nur noch den einen Gedanken: „MistMistMistMistMistMistMistMist!!!“ Klunker hatte mich grad ganz schön fertiggemacht. Klar, er hatte recht. Wenn die Yurumi-Gang erfuhr, dass ich hier den Ball hatte, dann war klar, was die dachten. Niemand würde mir glauben, dass ich diesmal wirklich unschuldig war. Und dass Klunker mich mit reingerissen hatte und dass er mich gezwungen hatte, mitzumachen und den Ball zu verstecken. Aber wohin damit? Wo sollte ich den verstecken? Dem Ball durfte nichts passieren. Das war mir klar. Vielleicht in’s Südamerikagehege? Zu den harmlosen Tapiren und den Wasserschweinen, den Kapibaras? Das ging ja gar nicht. Da gab es höchstens ein paar Büsche, wo ich den Ball hätte verstecken können, aber da könnte ihn jeder sehen. Eingraben? Das würde auffallen, sofort. Wann sollte ich das auch machen? Bei den Nashörnern? In das Gehege traute ich mich selber nicht mehr rein. Bei den Seelöwen? Die würden gleich damit jonglieren. Und außerdem war der Ball ja wertvoll. Wer weiß, wie es dem gehen würde, wenn der jetzt tagelang im Wasser läge. Ich brauchte einen echten Plan. Ich dachte immer wieder: „MistMistMistMistMistMistMistMist!!!“ Zu den Löwen? Nein, auf keinen Fall zu den

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Löwen. Die würden den teuren Ball sofort in Stücke reißen. Bei den Antilopen oder Hirschen? Da gab es in der Mitte des einen Geheges einen Holzhaufen, über den sie immer drüber sprangen. Nee, die sind so hektisch, die würden sofort einen Herzinfarkt kriegen, wenn ich da nur versuchen würde, den Ball zu verstecken. Ich brauchte ein richtig faules Tier, eins, das nichts macht. Aber am besten auch eins, dass mir irgendwie helfen könnte. Und dann hatte ich die Lösung. Quasi direkt vor mir. Ein faules Tier ist ein Faultier, dachte ich!!! Julius! Warum war ich da nicht gleich drauf gekommen. Julius war die Lösung. Sein Lieblingsschlafplatz. In den er meinen Hut geschleppt hatte. Das war es! Das Loch im Kasten war groß genug für einen Ball!

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29 Flug-Birnen-Shakes Die Kellnerin erzählt Na, das ist ja toll, dass ich hier auch mal zu Wort komme. Ich bin Tina, ich jobbe im Mishido. Eigentlich studiere ich, aber zweimal die Woche, am Montag und am Donnerstag, arbeite ich hier an den Nachmittagen. Und da kamen sie wieder, zwei Jungs und ein Mädchen. Ich hatte nur mitbekommen, dass sie eine Gang waren. Yumusi oder so ähnlich. Ich wollte nicht extra fragen. Ich

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wollte nicht neugierig wirken. Ich fand, sie waren eigentlich schon zu alt für eine Kinder-Gang, aber sie machten heimlich immer so ein lustiges Ritual, sagten irgendwelche Sprüche auf, legten dabei die Hände aufeinander und klatschten sich ab. Die drei waren ganz lustig, aber auch komplett unterschiedlich. Der eine war meist etwas ernst und völlig klug. Ich hatte das Gefühl, der würde mein Studium besser schaffen als ich, obwohl der mindestens acht Jahre jünger war als ich. Dann der kleine Schwarzhaarige, der immer versuchte, mit mir zu flirten. Und das Mädchen. Sie hieß wie ein Popstar, Madonna oder so. Bei ihrem letzten Besuch hatten sie mir erklärt, wie lange Ananas um die Erde geflogen wurden. Das musste man sich ja einfach merken. Ich meine, hier mitten in der Stadt kommen viele verschiedene Gäste, da ist es schwer, sich Gesichter zu merken, vor allem, wenn man wie ich nur zwei Mal die Woche überhaupt hier arbeitet. Aber so eine „Flug-Ananas“, die bleibt schon hängen. Als sie saßen, wollte ich sie überraschen. „Hallo, ich habe heute Flug-Birnen-Shakes im Angebot“, sagte ich. Der Clevere, der mit der Brille, sagte: „Toll, dann nehme ich davon einen halben Liter, ich hab heute bestimmt zwanzig Tonnen Fleisch für die Löwen geschleppt.“ Ich war perplex? Fleisch? Für Löwen? „Bist du vom Zirkus?“, fragte ich. Der Schwarzhaarige mischte sich ein: „Ja, aber nur vom Flohzirkus!“ Ich musste lachen. Die waren schlagfertig!

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30 Diebe und Daten Doktor erzählt Die Kellnerin schien sich an uns zu erinnern. Und an meine Flug-Papaya. Cool. Wichtige Dinge bleiben den Menschen eben in Erinnerung. Wir hatten uns wieder im Mishido getroffen und erzählten uns gegenseitig von unseren Praktika und Maradonna berichtete völlig genervt davon, dass Klunker schon wieder im Zoo gewesen war. Und natürlich, dass er das erste Mal mit etwas unterwegs war, das nicht weiß gewesen war, der Sporttasche für Mantel. Musti war total erstaunt, aber nicht wegen der Farbe der Tasche. „Mantel macht Sport?“, fragte er. „Ja“, sagte ich, „Kraftsport.“ Musti lachte sich kaputt: „Klar, der ist ja zu blöd, einen Tresor zu öffnen, da muss er den wenigstens wegtragen können.“ Dann überlegte er: „Moment mal. Klunker ist doch auch ein Sportfan. Und BVB-Fan. Maradonna. Den müsste doch dein Ball interessieren wie nichts anderes!!! Wenn der wüsste, wo der ist, würde der den sofort kaufen wollen!“ „Oder klauen“, sagte Maradonna, wieder sehr traurig. Musti überlegte weiter: „Wenn einer so was geklaut hat, und den Ball nun verkaufen will, wo findet der seine Käufer? Der geht doch damit nicht auf den Wochenmarkt.“ „Nee“, sagte Maradonna, „das wird im Internet gehandelt,

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ist doch klar. Ebay oder so.“ „Genau“, sagte ich. „Vielleicht finden wir da deinen Ball. Schauen wir mal.“ Musti war zwar ein super Sportler und da muss man computertechnisch nicht unbedingt auf dem neuesten Stand sein, aber wenn er wirklich Manager von Maradonnas Band werden wollte, dann sollte er auf diesem Feld schnell noch etwas lernen. Ich war jedenfalls regelrecht erstaunt, als er fragte: „Was suchst du denn auf deinem Handy?“ Ich tippte weiter, während ich es ihm erklärte: „Ich schaue online nach, ob es irgendwo ein Angebot gibt, das vielleicht Maradonnas Ball sein könnte. Hier! Soccer-collectors.com ist zum Beispiel eine Seite für Fans, auf der Fußballsammlerstücke gehandelt werden.“ Maradonna wurde ganz unruhig und wollte mit zuschauen. Und ich konnte ihr sogar schon etwas zeigen. „Hier. Das könnte was sein. Mein Gott, tatsächlich. Das gibt’s doch gar nicht. Hier – schaut mal!“ Beide waren aufgesprungen und schauten mir über die Schulter. Musti las vor: “Lars-Ricken-Super-Goal-Ball against Juve.” Maradonna rief: „Das gibt’s doch nicht!“ Sie hatte so laut gerufen, dass sich sogar ein paar der Mishido-Gäste nach uns umsahen. Ich scrollte weiter den Bildschirm runter: „Doch, und hier steht auch, dass diese Auktion am Freitagabend endet. Und schau mal, die sind schon bei 8.000 Pfund.“ „Wie viel ist das“, fragte Musti.

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„Moment, ich rufe eine Umrechnungstabelle auf. Hammer. Das sind...“ Maradonna sprach die Zahl völlig ungläubig aus: „Das sind 9.711 Euro und 9 Cent. Fast 10.000 Euro!“ „Und die Versteigerung ist noch nicht zu Ende!“ „Ich hätte nie gedacht, dass mein Ball so viel wert ist. Und den hatten wir einfach so im Rucksack.“ „Aber wie konnte der Dieb...“, sagte Musti, und schon fiel ihm Maradonna in’s Wort. „Moment, der hat ja nicht nur geklaut, der hat uns ja auch noch überfallen, mit einer Waffe!!“ „Wer konnte wissen, was im Rucksack war?“ fragte Musti. „Keiner. Der Ball war lange Jahre bei Günther im Tresor. Ihr wisst doch, der Lokführer.“ „Hm, der hat also davon gewusst!“, sagte ich. Maradonna schüttelte den Kopf: „Aber das ist doch Quatsch. Günther war das nie im Leben. Der würde alles für Onkel Herbert tun.“ Ich überlegte weiter: „Wo hat Onkel Herbert dir den Ball denn gegeben und geschenkt?“ „Na, da.“ Musti hakte nach: „Direkt am Trainingsgelände?“ Maradonna nickte. Musti fragte: „Und ihr wart allein?“ „Nein, um uns rum waren viele andere, der ein oder andere könnte das natürlich aufgeschnappt haben.“ Ich kombinierte: „Und woanders könnte man die Information auch gar nicht bekommen haben, richtig?“ „Richtig.“

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Das war interessant. Ich überlegte laut: „Das heißt, ein Fan, der aber ungünstiger Weise auch noch Verbrecher ist, hört das zufällig und reagiert sofort. Und hat auch alles dabei, Knarre, Strumpfmaske.“ Musti nahm meinen Gedanken auf: „Ja, ein Profi. Auf alles vorbereitet. Und bereit, blitzschnell zu reagieren und zu handeln.“ „Jemand wie Klunker“, sagte ich. „War der denn da?“ Musti schaute Maradonna an. „Sonntag im Stadion war er da.“ „Und jetzt am Trainingsgelände?“ „Hab ich nicht drauf geachtet.“ Ich schaltete mich wieder ein: „Seine weißen Klamotten fallen eigentlich auf, aber wenn da so viele rumrennen, wenn er einen Fanschal umhat, wenn ihr natürlich so mit euch beschäftigt gewesen seid... vielleicht hat er zufällig etwas erfahren.“ „Naja“, gab Maradonna wieder zu bedenken, „der war aber schwarz gekleidet.“ „Ich habe das ja schon mal gesagt, das wäre eine super Tarnung für ihn, weil sich niemand vorstellen kann, dass der sich mal was ganz anderes anzieht.“ „Ob Klunker oder jemand anderes“, sagte ich, „wir müssen rauskriegen, was hinter dieser Anzeige steckt.“ Maradonna sagte ratlos: „Okay, aber wie?“ Ich grinste sie an: „Na, wir bieten mit.“ „He? Wie soll das denn gehen?“ Ich hatte meinen Plan gemacht, während wir redeten und diskutierten. „Gangster muss man mit ihren eigenen

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Waffen schlagen“, sagte ich. Musti fragte: „Doch nicht mit Gewalt? Mit einer Waffe?“ „Quatsch, mit Cleverness. Mit einem Bluff. Mit ein bisschen Hochstapelei. Ich richte mir mal eben ein neues Mailkonto ein.“ Ich tippte in mein Handy. „So. Und jetzt bieten wir 10.000 Pfund für diesen Ball.“ Maradonna sagte erschrocken: „Aber wir haben doch keine zehn...“ Und dann begriff sie: „Verstehe, Doktor!“ Ich arbeitete weiter an meinem kleinen Bildschirm: „Okay. Ja. Hier. Kontakt mit dem Verkäufer. Besondere Fragen. Ja, da haben wir eine: “Which procedure will be available to get the ball?” Wie können wir die Ballübergabe regeln? Gezeichnet...Roman Abramowitsch.“ Musti stand der Mund offen: „Du nimmst den Namen vom Chelsea-Chef!! Krass.“ Ich grinste: „Wenn schon auf die Kacke hauen, dann richtig. Und so locken wir den Verkäufer. Bei dem Namen, da riecht der Fußballdieb doch regelrecht das Geld des Sammlers.“ Maradonna sah mich zweifelnd an: „Meinst du, da gibt es eine Antwort?“ Musti sagte fröhlich: „Versuch macht kluch!“ Ich war mir ganz sicher: „Klar, der will schnell Kohle machen. Außerdem muss er damit rechnen, dass ihr den Überfall angezeigt habt. Der sitzt auf Hehlerware. Je eher er die los wird, umso besser. Vielleicht ist er sogar grad knapp bei Kasse. Sonst könnte er die Versteigerung ja auch etwas länger laufen lassen. Hier steht Barzahlung bei Abholung. Da muss er ja was zu sagen. Er muss also

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schreiben, wie und wo der Käufer ihm das Geld rüberschieben soll.“ „Und jetzt?“, fragte Maradonna. „Warten“, sagte ich.

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31 Mister Diamond Musti erzählt Statt zu warten, erzählte ich von meinem Praktikum. Ich erzählte, wie mühsam das Abmischen eines Liedes ist. James hatte mir erlaubt, das neue Lied auf mein Handy zu laden, und ich spielte es Doktor und Maradonna vor. Ich steckte die Kopfhörer in das Handy und die beiden steckten sich je einen Lautsprecher ins Ohr. Ich startete den Song. Nach wenigen Sekunden wippten sie mit den Köpfen. „Cool“, sagte Maradonna. „Geiler Sound“, meinte Doktor. „Und da hast du mit dran rumgeschraubt?“ „Ich durfte mal kurz an den Reglern drehen, um zu kapieren, wie das funktioniert. Aber wirklich gemischt habe ich nichts. Das sind echt Feinheiten. Ich hab da manchmal gar keinen Unterschied zwischen vorher und nachher gehört. Bei dem Song habe ich eigentlich nur den ganzen Tag daneben gesessen und zugehört. Eigentlich war es da genauso wie hier grade – warten.“ In diesem Moment gab es einen Ton wie von einer Kirchenglocke. Maradonna und ich zuckten leicht zusammen. Doktor kicherte. Den Klang oder besser, den Gong, diesen Riesen-Klong, hatte er als Signal-Ton im Handy als Zeichen, wenn eine Mail für ihn eingegangen war. „Eine Mail“, erklärte Doktor lachend.

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Dann rief er sie auf. Er schaute auf den Bildschirm und blickte triumphierend zu uns! „Bingo! Darauf haben wir gewartet. Eine Antwort.“ „Lies vor!“ sagte ich. „Ist aber englisch, sagte Doktor. „Klar, du hast ihm ja auch als Roman Abramowitsch auf Englisch geschrieben. Da wird er dir auch Englisch antworten.“ Maradonna sah fragend auf das Handydisplay: „Ja, schon, aber wer ist dieser »Er«? „Könnte das Klunker sein?“, fragte ich. „Oder Mantel?“ „Können die englisch?“, fragte Maradonna. „Dumm sind die nicht!“, meinte Doktor. „Außer Mantel“, sagte ich, aber plötzlich sahen mich Doktor und Maradonna ganz vorwurfsvoll an. „Der ist irgendwie ganz okay“, verteidigte ihn Maradonna. „Aber kann der englisch?“, fragte ich noch mal. „Bestimmt“, sagt Doktor. „Und Klunker auf alle Fälle.“ „Aber wenn Klunker so ein cleverer Typ ist und wenn er dahinter steckt, dann hätte er dir doch auch auf Russisch antworten können,“ sagte ich. Wir grinsten alle drei bei dem Gedanken, wie Klunker versuchen würde, russisch zu schreiben oder zu sprechen. „Schon englisch kann ich mir bei dem eigentlich nicht vorstellen“, sagte Maradonna. „Wart’s ab“, sagte Doktor. Dann las er vor: „Dear Mister Abramowitsch, bring the money cash to Dortmund, the heart of football. I will meet you in the flying port on Saturday, Mr. Diamond.

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Hammer, jede Menge Fehler.“ Maradonna lachte laut: „Flying port! Fliegender Hafen! Ich lach mich kaputt. Das heißt Airport.“ Ich sagte: „In the flying port, das ist auch falsch. Wenn schon, dann at the flying port!“ Und Doktor reimte: „In the flying port – is die Übergabeort!“ Wir lachten Tränen und die Kellnerin, die grad an uns vorbeiging, schüttelte nur den Kopf über uns. Ich fasste alles zusammen: „Grausiges Englisch, aber er meint den Flughafen und dass er da die Geldübergabe plant.“ Doktor sagte: „Er hat unterzeichnet mit Mister Diamond. Diamond heißt Diamant. Mister Diamond.“ Maradonna hauchte den Namen regelrecht: „Klunker...“ Ich sagte: „Natürlich Klunker! Mensch, Klunker hat den Ball. Ganz klar.“ Maradonna war auf einmal ganz leise. „Dann war das wahrscheinlich Klunker, der Onkel Herbert und mich überfallen hat. Auch wenn der schwarze Klamotten angehabt hat.“ Man spürte, dass sie noch mal den ganzen Schrecken des Überfalls durchlebte, die Pistole, die Schreierei, ihre Angst dabei und wie sie sich beide auf die Straße hatten legen müssen. Dann platzte es richtig aus ihr heraus: „Klunker ist ein echter Drecksack!“ „Ist er“, sagte ich. Doktor sah uns beide an: „ Wo der wohnt, wissen wir doch.“

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Das war eine super Idee. Ich sprach aus, was wir alle drei dachten: „Wir sollten unseren alten Freund Klunker besuchen!“ Ich hielt meine Hand hin, die anderen legten nacheinander ihre darauf und dabei sagten wir, und diesmal flüs­ terten wir nicht, obwohl wir mitten im Mishido saßen: „Big Bang Yurumi-Gang.“ Dann warfen wir die Hände hoch und sagten etwas lauter: „Ooooh“ und dann riefen wir: „Yurumi!“ und klatschten uns ab. Die Kellnerin sah zu uns herüber und sagte: „Ihr spinnt komplett, oder?“

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32 Einbrecher Maradonna erzählt Wir haben uns vom Mishido dann sofort auf den Weg gemacht. Diesmal hatten wir allerdings unsere Skateboards nicht dabei, wie vor ein paar Jahren, als wir zum ersten Mal zu Klunkers Haus in Persebeck gefahren waren. Mit den Boards waren wir damals vor seinem Hund geflüchtet. Jetzt kamen wir zu Fuß aus genau dieser Richtung, die Straße stieg leicht an. Wir redeten nicht viel. Wir hingen alle unseren Gedanken nach. Musti wirkte dabei wie immer unbeschwert und abenteuer­ lustig. Er ist ein unverbesserlicher Optimist. Doktor drückte dauernd auf seinem Handy herum. Soweit ich sehen konnte, hatte er eine Art Navigationssystem aufgerufen. Auf seinem Display war eine Straßenkarte von Dortmund-Persebeck und er sah sich die Wege in der Nähe an. Vielleicht arbeitete er an einem Fluchtweg für uns, falls wir in eine brenzlige Situation geraten würden, wenn es nötig werden sollte für uns, ganz schnell abzuhauen. Wir hörten ein Auto von hinten und sahen uns um. „Und wenn das Klunker ist?“, fragte Doktor. „Verstecken!“, meinte Musti. „Wo denn?“, sagte ich. „Wir alle drei hinter einen Baum?“ Es gab weit und breit nichts, wo wir uns hätten verstecken können. Nun war das Auto zu sehen. Es war aber

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kein weißer Cadillac, sondern nur ein Kleintransporter. „Also weiter“, sagte Musti. Ich selber ging mit leicht gesenkten Kopf und musste an alles Mögliche denken. Den Überfall auf Onkel Herbert und mich. Die Begegnungen mit Klunker, der mich immer ärgerte und reizte. Die Zusammenarbeit im Zoo mit Mantel, der eigentlich gar kein so schlechter Kerl war. Mitten in meine Gedanken hinein sagte Musti: „Da vorne ist Klunkers Bauernhof.“ Doktor fragte: „Ob er seinen Hund noch hat?“ Ich sagte: „Quatsch. Den Hof bewachen doch jetzt seine Deutschen Riesen!“ Wir lachten alle. Wir lachten einen Teil unserer Anspannung weg. Der Hund. An den hatte ich auch schon gedacht. Wir waren wirklich spontan aufgebrochen und hatten uns überhaupt nicht vorbereitet. Sonst hätten wir wenigstens eine Wurst kaufen können, für den Fall der Fälle. Mit einer Wurst ließ sich jeder Hund jederzeit bestechen. Keine Skateboards dabei und keine Wurst. Ich war gespannt, was uns noch alles fehlen würde. Dann waren wir da. In der Kurve zweigte die Hofeinfahrt nach rechts ab. „Einfach reingehen?“, fragte Doktor. Musti schüttelte den Kopf: „Das Tor ist sowieso zu.“ „Vielleicht aber nicht abgeschlossen“, sagte Doktor. Ich stutzte: „Meinst du, ein Verbrecher schließt sein Tor nicht zu?“ Doktor zuckte mit den Schultern und fragte: „Seht ihr sein Auto?“

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Wir schauten auf dem Hof umher. Musti sagte: „Nee. Scheinbar ist keiner da.“ „Und jetzt? Was machen wir?“, fragte Doktor. Wir gingen ein paar Schritte auf der Straße weiter, an Klunkers Grundstück entlang. Wir suchten eine Lösung und wir suchten einen Weg. Wir wollten da rein. Um das Grundstück herum lief eine Mauer, ungefähr zwei Meter hoch. „Kommen wir da rüber?“, fragte Musti. Ich entdeckte einen schmalen Fußweg, der von der Straße weg an der Mauer entlang führte. „Hier außen führt ein Weg lang.“ Die beiden Jungs nickten. Wir gingen nun diesen Weg entlang. Bäume und Büsche standen links von uns, rechts ragte die Mauer hoch. Der Weg war so schmal, dass wir hintereinander gehen mussten. Musti war vorn, ich in der Mitte und hinter uns Doktor. Musti flüsterte: „Da vorne. Eine Art Gartentor in der Mauer.“ Er fasste die Klinke an. „Offen!“, grinste er und schob das Tor auf. Mir wurde mulmig: „Gehen wir rein?“ „Wozu sind wir denn sonst hier?“, fragte Musti. Ich wollte ganz ehrlich sein: „Ich...ich hab Schiss!“ Musti sah mich an: „Und dein Fußball?“ „Trotzdem“, sagte ich. „Ich hab auch Schiss“, sagte Doktor. „Zweimal Schiss und ein Held“, sagte ich. „Aber es nützt ja nichts. Also, Augen zu und durch. Gehen wir rein.“ Und dann ging ich an Musti vorbei auf Klunkers Grundstück.

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Obstbäume standen hier. Und wir konnten durch die Bäume Klunkers Haus sehen. Wir gingen auf seine Veranda zu. Zwischen zwei Bäumen war eine Wäsche­ leine gespannt. „Da!“, sagte Doktor und zeigte nach vorne. „Was denn?“, fragte ich. Er zeigte weiter nach vorne. „Auf der Wäscheleine...“ Und jetzt sah ich es auch. Es war eine weitere Wäscheleine gespannt. Daran hingen eine schwarze Hose, ein schwarzes T-Shirt, zwei schwarze Socken, ein schwarzer Pullover und noch etwas Schwarzes. Ich schaute genau hin. Aus dünnem Stoff. Mit zwei kleinen Öffnungen. Eine Art Strumpfmaske. Eine, wie sie Motorradfahrer bei Kälte über den Kopf ziehen, mit nur zwei Augenlöchern darin. „Sturmhaube“ sagte Onkel Herbert dazu. „Schwarze Klamotten, ich werd verrückt“, flüsterte Doktor. Bei Klunker, der immer nur weiße Klamotten trug, hing schwarze Kleidung auf der Leine. Und genau solche Kleidungsstücke hatte der Typ getragen, der Onkel Herbert und mich überfallen hatte. Eine solche Sturmhaube aus schwarzem Seidenstoff, wie sie dort hing, hatte der Gangster über dem Kopf gehabt. Musti nickte: „Die sehen wir uns näher an!“ Doktor gab zu bedenken: „Und wenn der Hund kommt?“ Musti überlegte. Er sah sich suchend auf der Erde um. Dann bückte er sich und hob einen Stein auf. „Wartet. Ich werfe den Stein rüber zu den Ställen.“ Die standen links hinter dem Haus und blitzten zwi-

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schen den Bäumen durch. Er nahm einen kurzen Anlauf und warf, aber er war unzufrieden und fluchte: „Mist, der Wurf ist verrutscht.“ Der Stein flog trotzdem weit genug und schlug an die hölzerne Stallwand. Sofort setzte ein lautes und heftiges Kläffen ein. Wir zuckten alle drei zusammen! Musti fing sich aber sofort wieder. „Hat gewirkt!“ Ich wollte mir meine Angst nicht anmerken lassen. „Könnte ja sein, dass das ein deutscher Riese ist, der da bellt.“ Wir grinsten. „Jedenfalls ist der Hund noch da“, analysierte Doktor. „Und er sitzt im Zwinger, wie es aussieht.“ Wir hörten weiter das Bellen, aber in gleicher Entfernung. Musti nickte. „Ja, wenn er nur bellt und nicht kommt, heißt das, er ist entweder im Zwinger oder angeleint.“ Ich ging jetzt rüber zu der Wäscheleine. Nun sah ich mir alle Klamotten noch mal von nahem an, ganz genau, besonders die schwarze Maske, und nun konnte ich es den Yurumis bestätigen: „Genau so Sachen hatte der an, der uns überfallen hat. Und vor allem – genau so eine schwarze Maske mit Augenschlitzen.“ Ich tippte sie an und sie schaukelte auf der Leine. Musti sagte: „Seltsamer Vogel. Trägt immer nur weiße Sachen, und wenn er was Schwarzes anhatte, wäscht er es scheinbar sofort.“ Doktor fragte, ob wir die Klamotten mitnehmen sollten, als Beweisstück.

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Musti entschied: „Noch nicht, erst schleichen wir zum Haus und schauen wenigstens ins Fenster.“ Doktor sagte zweifelnd: „Wenn er den Ball wirklich geklaut...“ Musti unterbrach ihn: „Ja, glaubst du etwa nicht?“ „Ich glaube mindestens, dass er es gewesen sein könnte. Die Indizien sprechen klar gegen ihn. Mister Diamond. Aber glaubst du, er legt den Fußball mitten auf den Tisch, wenn er ihn geklaut hat?“ Musti zuckte mit den Schultern. „Vielleicht stellt er sich den ins Regal! Als Trophäe.“ Dann sah er sich wieder um und bückte sich. Ich fragte ihn: „Was machst du da?“ „Ich nehme noch einen Stein mit.“ „Wozu?“ „Mal sehen.“ „Und jetzt?“, fragte ich. „Rückzug?“, kam es von Doktor. Musti war aber nicht zu bremsen: „Noch nicht! Los, wir schleichen auf die Veranda und sehen wenigstens durch die Tür!!“ Doktor und ich flüsterten: „Wir haben aber Schiss.“ „Dann gehe ich alleine.“ Das wollten wir nicht auf uns sitzen lassen. Wir schlichen zu dritt durch den Garten. Wir suchten Deckung und liefen von einem Baum zum anderen immer weiter auf das Haus zu. Der Hund hatte sich mittlerweile beruhigt und wir hörten kein Bellen mehr. Das war mir auch lieber. Es klang wirklich bedrohlich, wenn der Hund so loslegte.

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Wir mussten noch an zwei Bäumen vorbei, dann waren wir auf der Veranda. Eine Glastür führte ins Haus. Es war kein Vorhang vor der Scheibe, aber wir konnten von weitem nichts innen erkennen. Auf der Veranda selber standen Gartenmöbel und ein riesiger Grill. Doktor kicherte: „Der XXLGrill für seine weißen Riesen!“ Ich sagte: „Die würde der doch nie essen!“ Doktor sagte: „Wenn der Hunger hat, kennt der keine Freunde mehr.“ Wir unterdrückten unser Lachen und betraten die Veranda. Vorsichtig setzten wir einen Fuß vor den anderen. Wir bewegten uns, als würden wir einen zugefrorenen See betreten und wären aber noch nicht sicher, ob das Eis hält. Wir hatten die ganze Zeit schon sehr leise gesprochen, ab jetzt flüsterten wir nur noch.

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Ich sagte: „Sind wir jetzt schon selber Einbrecher?“ Musti schüttelte den Kopf: „Nee, wir sind doch nicht im Haus. Und wir haben nichts kaputt...“ Doktor flüsterte dazwischen: „Juristisch gesehen...“ Wir unterbrachen uns gegenseitig, ein Zeichen dafür, wie aufgeregt wir waren. Unser Atem ging, als hätten wir einen Turm bestiegen. „Leise jetzt!“, sagte Musti. „Aber es sagt doch keiner was“, meinte Doktor. „Ich seh mal durch die Scheibe“, sagte Musti. Ich sah zu ihm herüber: „Sei vorsichtig!“ Musti schlich sich erst an die Hauswand, dann an ihr entlang Richtung Tür. Jetzt hatte er sie erreicht. Alles leise. Kein Geräusch war zu hören. Nur unser Atmen. Musti drehte sich zur Tür. Er stand vor der Scheibe und sah hindurch. Das Glas schien zu spiegeln, denn er hielt seine Hände an die Scheibe, um dann in diesem Schatten vielleicht etwas zu erkennen. „Siehst du was?“, fragte Doktor. „Nein, nichts. Alles ruhig“, antwortete Musti. „Da stehen nur Möbel rum und nichts rührt sich.“ In genau diesem Moment geschah es. Ein Bellen zerriss die Luft. Von innen warf sich ein Hund gegen die Scheibe, sprang an ihr hoch. Er bellte rasend, kratzte am Glas und am Türholz, fletschte die Zähne und versuchte, regelrecht durch die Scheibe hindurch zu beißen. Musti hatte kurz geschrien, war vor Schreck regelrecht zurückgeflogen und starrte nun in dieses riesige Hundegebiss. Ein Dobermann. Und der war völlig außer sich. Der würde

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uns in Stücke reißen. Also, der hätte uns in Stücke gerissen, wenn er nicht innen, hinter der Tür, gewesen wäre. Doktor und ich waren genauso erschrocken wie Musti, wenn wir auch nicht ganz so nah dran waren. Der Hund beruhigte sich gar nicht wieder. Wir uns auch nicht. Mein Atem ging stoßweise, mein Herz klopfte. Wir starrten auf das rasende Tier, das gar nicht ruhiger wurde. Musti sagte: „Mist. Der Hund!!“ Der hatte eine kurzen Moment aufgehört zu bellen, sprang jetzt nicht mehr hoch, sondern stand leicht geduckt, wie zum Sprung vor der Tür, sah uns wütend an und knurrte tief. Dann bellte er wieder. Nun trauten wir uns zum ersten Mal, die Blicke von dem Tier zu lösen. Gerührt hatten wir drei uns aber keinen Zentimeter. Es war, als ob wir eingefroren wären. Und kalt war mir dabei auch. Eiskalt. Musti hatte als erster seine Stimme wieder und er versuchte, seine Erstarrung abzuschütteln: „Mist, hab ich mich erschrocken!! Hammer!! Jetzt hatte ich auch Schiss!! Aber der ist drin!! Gottseidank ist der innen. Mann, stell dir vor, der wäre hier draußen. Der hätte uns in Stücke gerissen!“ Natürlich war es Doktor, dem die erste kluge Analyse dieser Situation gelang: „Aber wie kommt der rein? Eben war der doch noch draußen!!!“ In diesem Augenblick hörten wir eine Stimme hinter uns. „Gute Frage! Wie kommt der Hund da rein? Und wie kommt ihr hierher?“

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War uns vorher schon eiskalt, schien unser Blut nun gefroren. Ich kannte die Stimme genau und ich wusste, hinter uns stand ein Mann in weißen Klamotten. „Scheiße! Klunker!“, sagte Musti. Wir drehten uns langsam zu ihm. Wir trauten uns kaum, dem Hund den Rücken zuzudrehen, aber hier kam die nächste Gefahr. Und da stand er, feist und aggressiv. Die Arme hatte er vor der Brust gekreuzt und er sah auf uns hinab wie der Bussard auf die Maus. Ich hatte das Gefühl, er würde uns verspeisen. Nicht mal kauen dabei, sondern nur zugreifen und auf einen Haps runterschlucken. Langsam, ganz langsam sagte Klunker, als würde er jedes Wort einzeln genießen: „Das ist mein Grundstück... Das ist...ein Einbruch!!“ Doktor hatte seinen Schreck überwunden und sagte ganz ruhig: „Juristisch gesehen...“ Klunker lies ihn gar nicht ausreden und schrie ihn an: „Von juristisch hast du noch gar keine Ahnung, Kleiner. Dies ist jedenfalls ein astreiner Einbruch.“ Doktor hielt weiter dagegen: „Aber wir sind ja gar nicht drin, sondern draußen. Für einen Einbruch muss man drin sein. Wir haben keine Tür geöffnet und kein Fenster einge...“ „Halt die Fresse, Klugscheißer“, zischte Klunker. Langsam nahm er die Arme runter. „Ihr seid auf mein Grundstück...“ „Das Tor war aber offen“, ließ Doktor nicht locker. „Klugscheißer!! Was hab ich gesagt? Schnauze halten.“ Klunkers Stimme war genauso laut wie das Hunde­

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gebell. Er brüllte. „Und da, was sehe ich denn da? Was hast du da in der Hand, Musti? Du heißt doch Musti, oder? Ein Stein. Aha. Ein Stein also. Du wolltest damit meine Scheibe einwerfen! Das passiert nicht oft, dass man Einbrecher auf frischer Tat ertappt.“ Das verschlug mir die Sprache. Nein, anders. Eigentlich sogar im Gegenteil. Ich war so perplex, dass es mir regelrecht rausrutschte: „Aber wir sind doch keine Einbrecher. Wir nicht. Du bist ein Verbrecher und Einbrecher. Du bist das! Nicht wir!“ Nun baute er sich vor mir auf: „Ich? Ich wohne hier, mein Fräulein!“ Neben mir sagte Doktor leise: „Mist. Juristisch gesehen hat er recht! Wir sind auf seinem Grundstück.“ Musti machte zwei Schritte auf uns zu: „Ja, aber nur... weil die Pforte offen stand... und...unser Hund hier reingelaufen ist...den wollten wir wiederholen. Genau!“ Keine schlechte Geschichte, die er sich da so schnell ausgedacht hatte, fand ich. Klunker sah erst erstaunt zu Musti und fing dann an zu lachen: „Euer... Hund! Nicht dumm! Aber wo ist er denn, euer Hund?“ Ohne weiter nachzudenken, sagte ich: „Der hat wohl Angst bekommen vor deinem!“ Klunker grinste wieder sein fieses Verbrechergrinsen: „Ja, meiner. Ich hol mal meinen Hund. Vielleicht findet der euren.“ Klunker schritt einfach so mitten zwischen uns hindurch und wir standen immer noch wie eingefroren auf der

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Veranda. Klunker öffnete die Veranda-Tür. Der Dobermann knurrte. „Dobi, komm!“, sagte Klunker streng und griff das Tier am Halsband. „Einfallsreicher Name“, flüsterte Doktor mir zu. Klunker hatte das aber auch gehört und zischte: „Klugscheißer! Sag ich doch, du bist ein verdammter Klugscheißer.“ Er führte das Tier heraus. Dobi hatte wieder angefangen, wie verrückt zu bellen. Der Hund ließ uns nicht eine Sekunde aus den Augen. Musti, Doktor und ich gingen vorsichtig, mit kleinen Schritten an den äußersten Rand der Veranda. Dann sagte Musti kaum hörbar: „Wenn ich „jetzt“ sage, lauft ihr los!“ Doktor war erschrocken über diesen Plan. „Spinnst du? Der Hund ist zehnmal schneller als wir!“ In diesem Moment hörten wir eine Stimme. Eine bekannte Stimme. „Was machst du da, Klunker?“ Mantel! Klunker war erstaunt: „Mantel, wo kommst du denn her?“ Mantel antwortete gar nicht darauf, sondern sagte leise und bestimmt: „Lass die Yurumis in Ruhe.“ Klunker grinste schon wieder und setzte ein unschuldiges Gesicht auf, hielt mit der rechten Hand weiter den Hund am Halsband und zeigte mit der linken auf uns: „Die sind auf meinem Grundstück eingebrochen.“ Mantel sagte kalt: „Halt den Hund fest, Klunker.“

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Der spielte seine Rolle weiter und sagte theatralisch: „Oh, Mantel, der Hund soll aber Räuber verjagen. Und hier sind Räuber. Gleich drei Stück.“ Mantel sah Klunker an und sagte: „Mach keinen Quatsch, das sind Kinder!“ Klunker sah Mantel in die Augen. Es war, als würden sie eine Kraftprobe austragen mit ihren Blicken. Aber plötzlich ging ein kleines Zucken durch Klunkers Körper, seine Hand öffnete sich und ließ das Halsband des Hundes frei. Der war im ersten Augenblick etwas überrascht, unterbrach sein Bellen und schaute kurz zu Klunker auf. Der sagte: „Huch... Da hat sich der Hund losgerissen! Der war nicht mehr zu halten...“ Mantels Stimme überschlug sich: „Spinnst du Klunker? Du hast den absichtlich losgelassen!“ In diesem Moment wollte Dobi seine neue Freiheit auch genießen. Der Hund duckte sich ein wenig, um im ­nächsten Augenblick auf uns zu springen. Da trat Musti sogar noch einen Schritt auf den Hund zu. Ich dachte noch: „Ist der denn völlig wahnsinnig?“ Der Dobermann würde Musti zerfetzen! Musti sagte mit einer ganz weichen Stimme: „Hier Dobi. Hier, siehst du, Hund? Hol den Stein!“ Und er zeigte dem Dobermann den Stein. Der legte den Kopf schief, setzte sich kurz überrascht auf die Hinterbeine, stellte sich wieder auf und sah fasziniert auf Mustis Hand mit dem Stein darin. Der wiederholte: „Hol den Stein, Dobi. Hier. Da fliegt er.“ Und Musti hatte ausgeholt und den Stein weit hinter die

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Stallungen geworfen. Der Hund sprang hinterher. „Super Wurf!!“, lobte ich noch, als Musti „JETZT!“ schrie. Klunker war außer sich: „Blöder Köter!! Rennt der hinter dem Stein her.“ Musti rief noch einmal: „Los, weg jetzt. Ganz schnell.“ Und wir rannten los, drehten uns nicht mehr um und umrundeten die Bäume auf unserem Weg zur Gartenpforte. Ich überlegte laut: „Wie lange braucht der Hund für den Stein?“ „Scheiß egal. Lauf!“, rief Musti. Wir stürmten durch das Tor hinaus, an der Mauer entlang. Doktor lief vorn und rief Musti zu: „Mach das Tor zu.“ „Glaubst du, ich bin blöd?“ Doktor keuchte ein „Tschuldigung!“ Musti sagte: „Is schon gut. Lauf!“ Dann stürmten wir auf die Straße. „Links ist die Hofeinfahrt. Lieber rechts rum“, entschied Doktor. Wir liefen schneller als bei den Bundesjugendspielen. „Links ab nach Witten. Da nehmen wir den Bus. Wenn Klunker uns verfolgt, denkt er, wir sind bestimmt Richtung Innenstadt unterwegs.“ „Wieso kennst du dich hier aus?“, fragte Musti im Laufen. „Hab ich vorhin mit meiner Navigations-App vorbereitet. Da hab ich mir die Gegend und die Straßen angesehen.“ Ich traute mich kaum, mich umzudrehen. „Seht ihr jemand hinter uns?“ Wir hielten kurz an. Doktor schnaufte: „Nee, ich glaub, es

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kommt kein Hund und kein Klunker und kein Mantel.“ Ich sah die beiden an: „Das war knapp!!“ „Das war milliknapp!!“ bestätigte Doktor. „Das war so knapp, so knapp geht gar nicht!“, sagte Musti. Der Mann musste gelobt werden: „Super Idee, mit dem Stein. Aber dass du dann auch so cool warst, um das durchzuziehen!“ „Ich hab gar nicht weiter drüber nachgedacht“, sagte Musti. „Mantel – hat der uns – irgendwie geholfen“, sagte ich. Doktor nickte. „Hat er.“ „Okay, okay, die Luft ist rein. Keiner scheint uns im Moment zu verfolgen. Aber trotzdem, hier müssen wir schnell weg“, sagte Musti. Doktor hatte schon wieder in seinem Handy die Navigations-App aufgerufen. „Wir können auch laufen“, sagte er. „ Es sind nur 11,5 Kilometer bis zur Innenstadt.“ „Dann lieber nach Witten!“ sagte Musti. „ Und dann in den Bus. Aber erst unser Zeichen!“ Musti hielt uns seine Hand hin, ich schlug meine drauf, dann Doktor seine und so fort und dabei riefen wir “Big Bang Yurumi-Gang – Ohhh – Yurumi“, wir warfen die Hände hoch und klatschten uns ab. So knapp war es noch nie gewesen!

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33 Zwischen den Stühlen Mantel erzählt Es war Freitagmorgen. Für Maradonna und Doktor war heute der letzte Tag ihres Praktikums. Unser letzter gemeinsamer Arbeitstag. Ich hatte gestern mit Klunker einen dicken Streit gehabt, nachdem er fast den Hund auf die Kinder gehetzt hatte. Er wollte mit Dobi hinter den flüchtenden Kindern her. Ich konnte ihn gerade noch zurückhalten. Am Teich bei den Flamingos traf ich die beiden. „Guten Morgen!“, sagte ich. Maradonna sah mich an: „Guten Morgen, Mantel. Du

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hast uns gestern irgendwie geholfen. Danke dafür.“ „Ja“, sagte Doktor. „Und wir wissen jetzt auch, dass es Klunker war.“ „Klunker ist total sauer auf euch.“ Jetzt ging Maradonna unter die Decke, von einer Sekunde auf die andere. „Der? Der ist sauer auf uns? Der ist ja nicht mehr ganz dicht. Der hat MICH überfallen! Und wir wollen den Ball zurück.“ „Und Klunker muss in den Knast“, sagte Doktor. „Du musst uns helfen. Du bist unser Zeuge. Du weißt doch, wie alles war.“ „Ich? Ich kann doch nicht euer Zeuge sein.“ Was erwarteten die Kinder denn da von mir? Ich hatte seit vielen Jahren mit Klunker zusammengearbeitet. Auch wenn das meiste kriminell war, was wir gemacht hatten. Wir spielten Billard zusammen. Wir verdienten zusammen unser Geld. Wir waren Kumpels, wir waren Freunde. Und ich sollte jetzt helfen, dass Klunker in den Knast kam? Ich sollte aussagen? Vor Gericht? Damit mein Kumpel für ein paar Monate eingesperrt werden würde? Das ging auf keinen Fall. Ich versuchte ihnen das zu erklären: „Man kann doch einen Freund nicht verraten.“ Doktor sagte sofort: „Aber dann deckst du einen Dieb und Räuber.“ „Genau!“, kam es von Maradonna. „Das ist nicht leicht für mich. Aber, man verpfeift keinen.“ Maradonna sah mich lange an und sagte mit einer traurigen Stimme: „Aber wenn so ein Verbrecher dein Freund

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bleiben soll...“ Sie sprach den Satz erst nicht zu Ende, aber dann schluckte sie, sah mich an: „Du kannst nicht unser Freund sein, wenn du Klunkers Freund bist und bleibst.“ Das war eine echte Zwickmühle. Ich saß irgendwie in der Falle. Was ich auch machen würde, es war nicht richtig. Ich war verzweifelt. Warum verstanden sie mich nicht? Ich wollte gern der Kumpel der Yurumi-Gang sein und trotzdem der Freund von Klunker bleiben. „Du musst dich entscheiden“, sagte Doktor. Ich zuckte mit den Schultern. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich konnte Klunker nicht verraten. Natürlich hatte er Maradonna überfallen und das war eine Riesensauerei. Sie zu überfallen und zu bedrohen war bestimmt noch schlimmer, als ihr überhaupt den Ball zu klauen. Beides war Mist. Blöder Klunker, dachte ich. Aber trotzdem, ich konnte den nicht ins Gefängnis bringen. Außerdem hatte ich den Überfall gar nicht gesehen. Ich war also gar kein richtiger Zeuge. Ich wusste ja nur, dass es Klunker gewesen war, aber ich hatte nichts gesehen. Es war schrecklich. Ich fand keine Lösung. Und vor mir standen die Kinder und sahen mich erst ganz erwartungsvoll und nun langsam ärgerlich an. War doch nicht mein Überfall. Ich hatte doch nichts gemacht. Warum waren die sauer auf mich? Ich hatte denen ges­ tern sogar geholfen gegen Klunker. Der wäre mit seinem Hund danach fast auf mich losgegangen, so sauer war der. Gut, wenn ein Kumpel so was macht, also mit einem Hund fast auf einen los geht, konnte man den dann

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verraten? Gegen den aussagen? Ich saß hier plötzlich mitten zwischen den Stühlen. Dabei ging mich das eigentlich gar nichts an. Das war alles nicht mein Problem. War jetzt aber mein Problem. Klunker benahm sich manchmal wie die Axt im Walde. Der war schon ein fieser Gangster. So fies war ich eigentlich gar nicht. Meiner Meinung nach. Und darum fand ich es ungerecht, dass die Kinder nun sauer auf mich waren. Und ich sollte mich entscheiden? Das ging aber nicht. Ich konnte Klunker nicht verraten und ich wollte ihn auch nicht verraten. Ratlos zog ich die Schultern hoch, sah Maradonna und Doktor an und sagte: „Ich geh dann mal. Ich muss füttern im Streichelzoo.“

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34 Die Bergmannskuh Doktor erzählt Mantel hatte uns einfach so stehen lassen. Er wollte uns also nicht helfen, Klunker in den Knast zu bringen. „Da zieht er ab“, sagte ich. Wir gingen ein paar Schritte weiter hinter ihm her in Richtung Streichelzoo und hingen beide unseren Gedanken nach. Eigentlich war Mantel kein schlechter Kerl. In diesem Moment stürmte eine Horde Schulkinder an uns vorbei. Zweite oder dritte Klasse, schätzte ich. Sie stürmten nicht nur an uns vorbei, sie stürmten den Streichelzoo und stürzten sich auf die Tiere, die regelrecht verschreckt auseinander sprangen. In diesem Moment kam Mantel aus dem Stall. Er sah das Durcheinander, das die Kinder anrichteten und rief laut: „Hey! Vorsicht! Eine lebende Ziege ist kein Stofftier!“ Die Kinder reagierten nicht. Sie schienen ihn gar nicht zu hören. Er ging mitten in die Gruppe hinein und sagte noch mal und sehr laut: „Hey, ihr da, ihr Kinder! Spinnt ihr? Nimm den Schokoriegel da weg! Damit kann man doch keine Tiere füttern!“ Nun schauten die Kinder ihn verblüfft an. „Bei den Tieren braucht ihr Vorsicht und Respekt!“ Seine Stimme war ruhiger geworden. Er sah einen Jungen an und sagte: „Was machst du denn da? Nicht die Ziege hochheben. Vorsicht, du kannst sie sonst

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ganz schnell verletzen.“ Und einem anderen rief er zu: „Du da! Mach sofort das Tor zu!! Du hättest beinah die Ziegen rausgelassen!!!“ Er holte tief Luft, merkte, dass die Kinder zu ihm aufschauten, und sagte dann: „Ruhe jetzt mal alle und hergehört! MannMannnMann. Den Tieren muss man sich behutsam nähern! Mit Respekt. Ihr müsst abwarten. Auch abwarten, ob die Tiere grad gestreichelt werden wollen! Ist das klar? Hier stehen alle diese Regeln.“ Er zeigte auf das Schild mit den Regeln für den Streichelzoo. „Ihr könnt doch lesen? Oder?“ Ein Mädchen sagte ganz stolz: „Ja, wir können lesen.“ Mantel lächelte jetzt: „Aber lesen alleine reicht nicht. Ihr müsst auch begreifen. Könnt ihr auch begreifen, was da steht? Also, lest das bitte und richtet euch danach!“ In diesem Moment kam eine Frau angehechtet und sagte etwas atemlos: „Entschuldigung, die Kinder waren vorgelaufen. Ich bin die Lehrerin. Kinder – hört ihr bitte genau zu, was der Tierpfleger hier sagt.“

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Mantel wollte sie unterbrechen und sagte: „Ich bin gar kein gar kein Tierpfle...“ Aber die Lehrerin hatte ihm gar nicht zugehört und unterbrach ihn: „Guten Tag übrigens, Schuth mein Name. Wie gesagt. Die Lehrerin.“ Mantel wurde etwas rot und merkte, als sie ihm die Hand hin hielt, dass er sich nun auch vorstellen müsste. Er schüttelte ihr die Hand. Ich glaube, etwas zu stark. Aber er war wirklich verwirrt und sagte: „Äh, Mantel.“ Die Lehrerin drehte sich wieder zu ihrer Klasse: „Kinder! Herr Mantel ist hier der Tierpfleger und wird euch nun ein paar Sachen erklären zum Streichelzoo! Also, aufpassen bitte!“ Nun war Mantel ganz verwirrt: „Aber ich...äh, also, was? Ich? Erklären? Äh, ja. Gut. Dann! Was wollt ihr denn wissen?“ Eines der Kinder zeigte auf eine Ziege und fragte: „Ist das ein Schaf?“ Mantel war entsetzt: „WAS? Schaf? Das? Nie im Leben! Lernst du denn nichts in der Schule?“ Das Kind schaute ihn sehr bedröppelt an und Mantel merkte langsam, dass sein Ton zu streng war, und er fragte etwas freundlicher: „Passt du denn gar nicht auf bei Frau Schuth?“ Ein anderes Kind sagte: „Eine Ziege! Das ist eine Ziege.“ Nun stellte sich Mantel hin, kreuzte die Arme vor der Brust und sagte, gespielt überheblich: „Nein! Das ist nämlich eine Bergmannskuh!“ Die Kinder waren entsetzt. Schauten erst auf die Ziege, dann auf Mantel, dann wieder auf die Ziege und sie

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riefen fröhlich durcheinander: „Stimmt nicht!“ „Gelügt!“ „Das ist gar keine Kuh!“ „Du lügst, das ist eine Ziege.“ Mantel lachte laut zusammen mit den Kindern, ging in die Hocke, streichelte die Ziege und sagte: „Diese Ziege ist eine sogenannte Bergmannskuh. Eine Edelziege. Man nannte sie Bergmannskuh, weil die Bergarbeiter sich früher keine Kuh leisten konnten. Die war zu teuer. Und in ihren kleinen Gärten konnten sie auch keine Kuh halten. Die Gärten der Bergleute waren zu klein. Darum hatten sie Ziegen, um Milch zu bekommen. Milch, um zu trinken und um daraus Käse und Butter zu machen! Und darum heißt hier im Ruhrgebiet so eine Ziege manchmal auch Bergmannskuh.“ Maradonna flüsterte mir zu: „Eigentlich macht Mantel das ganz gut, oder, Doktor?“ Ich gab ihr recht. „Ja, er erklärt auch ganz toll, der Herr Mantel.“ „Und Frau Schuth hat ihn auch schon richtig lieb gewonnen.“

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35 Auf frischer Tat Maradonna erzählt Ich hatte gerade den beiden Faultieren im SüdamerikaHaus Futter gebracht, als Doktor ganz aufgeregt zu mir gelaufen kam. „Maradonna – du glaubst nicht, wo dein Ball ist.“ „Bei einem Mr. Diamond jedenfalls.“ Er beugte sich zu mir und flüsterte: „Dein Fußball ist hier im Zoo!” Mein Ball? Hier im Zoo? Das konnte ja wohl überhaupt nicht sein. „Erinnerst du dich an die Sporttasche für Mantel?“, fragte Doktor. „Die braune? Die Klunker mit angeschleppt hat? Ja klar.“ „Und genau die Tasche habe ich eben gefunden. Zufällig. Im Tamandua-Haus im Futterraum. Im Schrank unten drin. Sie war zusammengeknautscht. Und sie war leer.“ „Du meinst, da war gar kein Sportzeug drin?“

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„Genau. Da war wohl der Ball drin, schätze ich. Ich wollte für meine Zoo-App ein Foto machen vom schlafenden Julius. Ich habe die Leiter geholt, um ihn in seiner Schlafhöhle fotografieren zu können. Ich lege also die Leiter an und steige hoch. Und was sehe ich? Es liegt was in seiner Schlafhöhle. Eine kleine Wölbung. Aber ganz ohne Haare. Und es war kein Julius, sondern ein Ball! Und dann sah ich, Julius lag oben auf dem Kasten drauf. Weil in seiner Schlafhöhle kein Platz mehr für ihn war. Da lag ja dieser Ball. Ein Fußball. Weiß-schwarz. Und es ist genau der gleiche Ball wie auf der Auktionsseite im Internet.“ „Doktor, du bist großartig! Du bist ein super Detektiv“, sagte ich und umarmte ihn spontan, ließ ihn aber sofort wieder los. Wir liefen beide etwas rot an. „Tschuldigung“, sagte ich. „Schon gut“, sagte er. „Mensch, klasse, Doktor. Hast du ihn schon rausgeholt?“ Er schüttelte den Kopf. „Den holen wir uns jetzt“, sagte ich. Ich war sehr, sehr glücklich, den Ball wiederzuhaben. Onkel Herberts Geschenk, der legendäre Fußball aus dem Championsleague-Finale. Ich war kurz davor, Doktor ein zweites Mal zu umarmen, egal, wer von uns beiden dabei rot anlaufen würde. Aber Doktor bremste mich in meinen Überlegungen. „Maradonna, hör mal.“ Moment, was sollte das denn jetzt? Das klang aber, als käme jetzt was Kompliziertes. Doktor sagte: „ Ich hätte

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den Ball ja gleich mitbringen können. Aber ich hatte eine bessere Idee. Heute endet doch die Internet-VerkaufsAktion, und morgen soll die Geldübergabe am Flughafen sein. Das heißt, der Dieb muss sich heute den Ball hier wieder abholen. Und dabei erwischen wir ihn.“ „Ich soll den Ball weiter da bei Julius liegen lassen und dem Dieb mitgeben?“ „Nein, wir erwischen den Dieb! Auf frischer Tat sozusagen.“ Ich wollte aber nur meinen Fußball zurückhaben. Ich wollte am liebsten direkt zu Julius rüberstürmen und meinen Ball aus seiner Schlafhöhle holen und ihn wieder nach Hause bringen. In unser Haus. In mein Zimmer. Doktor sah mir meine Gedanken regelrecht an. „Willst du denn nicht, dass der Dieb bestraft wird?“ „Eigentlich schon.“ Ich überlegte. „Aber wenn das schief geht!“ „Und was soll da schief gehen?“ „Naja, der Dieb könnte wiederkommen und den Ball holen, ohne dass wir das merken. Und dann ist der Ball endgültig weg.“ „Dann haben wir noch eine Chance bei der Geldübergabe. Der will den Ball doch verkaufen. Der will doch Geld dafür.“ „Ich weiß nicht.“ „Mensch, Maradonna. Was ist denn los? Klunker hat dich und Onkel Herbert überfallen. Gestern hat er den Hund auf uns losgejagt. Der nervt uns sowieso schon die ganze Woche hier im Zoo.“

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„Andere nerven ist aber nicht strafbar.“ „Das stimmt“, grinste Doktor, „aber alles andere.“ Er sah mir in die Augen und sagte mit fester Stimme: „Wir sind die Yurumi-Gang. Wollen wir uns von Klunker eintüten lassen und ihn ohne Strafe davonkommen lassen?“ „Nee, eigentlich nicht.“ „Na also!“ „Aber wie gehen wir vor, Doktor?“ „Also, ich glaube, Mantel hat den Ball versteckt. Um so etwas zu machen, war Klunker nie lange genug hier. Aber Mantel kann den Ball jetzt nicht vom Gelände schmuggeln. Also wird Klunker den Ball holen müssen. Aber Klunker wird sich den Fußball nicht während der normalen Öffnungszeiten holen. Der kommt heute Nacht.“ Das klang absolut schlüssig. Ich überlegte. Also mussten wir auch heute Nacht im Zoo bleiben. Wie sollten wir das hinkriegen? Der Zoo musste uns erlauben, über Nacht zu bleiben und unsere Eltern auch. Doktor hatte schon die Lösung. „Heute Nacht kommt doch noch jemand!“ Ich verstand nur Bahnhof. „Was meinst du damit, Doktor?“ „Heute Nacht kommt doch voraussichtlich das Tapirjunge. Die Ärztin und Ilona bereiten sich doch schon darauf vor, heute Nacht hierzubleiben. Und wir fragen, ob wir nicht dabei sein dürfen, als Höhepunkt unseres ZooPraktikums eine Tiergeburt erleben zu können. Das können uns auch unsere Eltern nicht verbieten.“

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„Super Plan“, sagte ich. „Brauchen wir Hilfe? Onkel Herbert sollten wir diesmal lieber nicht einweihen. Der dreht durch, wenn wir uns schon wieder in eine so gefährliche Situation bringen.“ „Wir drei Yurumis kriegen das hin.“ Genau, wir waren ja drei. Musti sollte natürlich mit dazu kommen, der machte ja heute auch seinen letzten Tag im Praktikum bei King’s Tonic. Ich sollte ihn anrufen. Und dann kam mir noch ein Gedanke. „Und wenn sich ­herausstellt, dass Mantel doch irgendwie mit drin hängt? Viel mehr, als wir glauben?“ „Dann kommt der wieder ins Nashorngehege.“

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36 Der Trick Ilona erzählt Doktor kam zu mir. Ich muss wirklich sagen, ich war total begeistert von der Mitarbeit der Kinder. Sie waren so interessiert und engagiert. Natürlich ahnte ich nicht, als Doktor mich ansprach, dass die Yurumi-Gang schon wieder auf Verbrecherjagd war, sonst hätte ich mich da nicht überreden und überrumpeln lassen von Doktor. Er hatte wieder sein Wissenschaftler-Gesicht aufgesetzt. Dann schaute er sehr ernsthaft, machte sich immer Notizen in sein Handy und ich war total fasziniert, wie er mit diesen Dingern umgehen konnte. Er zeigte mir im Display einige Fotos, die er in den letzten Tagen von verschiedenen Tieren gemacht hatte. Er erklärte, die seien für seine Zoo-App und er würde sie alle mit Bildunterschriften versehen. Und er wollte seinen Praktikumsbericht am Computer schreiben, mit den Fotos drin, und ob ich auch eine Datei davon zugeschickt haben wollte. Und es wäre traurig, sagte er, dass heute schon der letzte Praktikums-Tag sei. Für so ein ausführliches Gespräch hatte ich mir später am Tag Zeit nehmen wollen. Ich musste jetzt eigentlich zu unserer Tierärztin. Wir wollten die Nacht vorbesprechen. Heute Nacht würde unsere Tapirdame wohl Mutter werden und wir alle in unserer Abteilung waren schon seit Tagen etwas aufgeregt. Ich sagte Doktor, ich hätte

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grad keine Zeit und müste wegen der Geburt noch mal rüber in eine Besprechung. Mein kleiner Wissenschaftler kommentierte das wieder mit einer unglaublichen Faktenkenntnis: „Na, wird auch Zeit, nach über 390 Tagen.“ Genau. So lange war die Tragzeit und ich sagte: „Stimmt, 13 Monate statt neun wie bei den Menschen, und immerhin wiegt das Kleine dann schon sieben Kilo – das ist doch mal was, auf das man sich freuen kann.“ Ich arbeite jetzt schon 20 Jahre hier im Dortmunder Zoo, aber jede Geburt ist für mich immer wieder aufregend, ein großes Geschenk der Natur. Und wir konnten den Tieren hier einen sicheren Platz zum Leben und zum Gebären bieten. Ich wollte grad gehen, als Doktor fragte: „Ilona, sag mal. Für meine Zoo-App würde ich total gerne von der Geburt ein Video machen. Meinst du, das ginge?“ Ich war im ersten Moment etwas unentschlossen. Die Geburt wäre, wenn sie überhaupt heute passierte, erst in der Nacht. „Da müsstet ihr lange warten.“ Doktor sagte, das sei kein Problem. „Unsere Eltern erlauben uns das ganz bestimmt! Und das wäre für uns doch ein einmaliges Erlebnis im Praktikum. Und ich habe noch nie eine Tiergeburt gesehen. Außer im Film natürlich.“ Ich kapitulierte vor so viel Einsatz und Neugier und Begeisterung: „Ich spreche mit unserer Tierärztin. Und schließlich seid ihr ja mittlerweile Profis.“

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37 A night in the zoo Musti erzählt Ich saß noch im Büro von King’s Tonic. Maradonna hatte mir grad am Telefon von Doktors Plan erzählt. Klang super. Ich ging zu James in das Studio. Er arbeitete grad an einer Gitarrenspur. Ich setzte mich neben ihn, hörte zu, beobachtete ihn, wie er den Sound bearbeitete und mischte und wartete, bis er eine Pause machte. Er sah mich an und ich sagte: „Okay, das war es dann mit mir. Danke fürs Praktikum.“ James lehnte sich zurück: „Danke für deine Hilfe. Echt cool.“ „Ja, und danke für den Einblick ins Musikgeschäft.“ James grinste: „Genau, mit Betonung auf Geschäft. Rock’n’Roll ist eben doch ein knochentrockenes Business. Wir müssen von irgendwas leben, und dafür müssen wir was verkaufen. Unsere Musik und die Produkte rundherum. Und das muss organisiert werden. Es war super, wie du alles gemacht hast. Auch die nervigen Arbeiten wie T-Shirts auszeichnen.“ „Gehört nun mal dazu“, sagte ich. „Ja, aber daran scheitern viele, weil sie nicht begreifen, was alles an so einer Existenz wie der von unserer Band dranhängt. Du kannst dich nicht nur abends auf die Bühne stellen und einen Set spielen und denken, du bist ein Popstar.“

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„Schon klar“, sagte ich. „Begreifen aber nicht alle. Vielleicht hat es dir ja doch ein wenig Spaß gemacht. Und du warst wirklich ganz ungewöhnlich für einen Praktikanten. Sehr neugierig. Und trotzdem fleißig. Wenn ich den T-Shirt-Test mache, fallen die meisten schon durch. Die schönen Sachen wie Studio-Arbeit kommen eben erst in der zweiten Hälfte vom Praktikum. Oder gar nicht, wenn mich einer nervt. Aber du warst wirklich cool. Wenn ich mal was für dich tun kann, irgendwann, sag Bescheid.“ Mir kam ein Gedanke: „Irgendwann vielleicht nicht, besser jetzt.“ James sah mich an: „Oha, Probleme?“ Ich überlegte, wie ich das formulieren sollte. „Irgendwie schon. Ich sag mal so: Einen mehr könnten wir brauchen.

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Wir müssten aber zum Zoo. Und zwar jetzt, damit wir reinkommen, bevor der Zoo zumacht und – dann dauert das vielleicht die ganze Nacht.“ „Das klingt geheimnisvoll. Die ganze Nacht. Aber mehr willst du scheinbar nicht verraten, oder?“ „Nachher machst du nicht mit.“ James lachte laut: „Freitagabend im Zoo, okay, ist mal was anderes!“ Ich versuchte, ein bisschen zu erklären, ohne alles zu verraten: „Eigentlich geht es um eine Tapirgeburt, aber eigentlich auch gar nicht. Es geht um Maradonnas geklauten Ball. Wir wollen den Dieb erwischen. Mehr weiß ich auch noch nicht. Jedenfalls bist du dann unterwegs mit der Yurumi-Gang und es könnte gefährlich werden.“ Er setzte seine Sonnenbrille auf und sagte mit extra tiefer Stimme: „Gefahr ist mein zweiter Vorname: James Danger Mean. Alles andere kannst du mir unterwegs erzählen.“ „Supercool!!“, rief ich. James sagte: „Ich sichere grad noch die Tonspur und fahre die Rechner runter. Dann lernst du am Ende deines Praktikums auch mal, wie man den ganzen Laden am Abend zumacht. Darum, deine letzte Aufgabe, Praktikant: Rumgehen und alle Fenster zumachen.“ „Okay. Und es ist wirklich der Hammer, dass du einfach so mitmachst, obwohl du noch gar nicht weißt, um was es da alles geht.“ „Man muss sich auf Überraschungen einlassen. Und

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eventuell wird aus der Nacht die Story für einen neuen Songtext! A night at the zoo! Äh, Musti?“ „Ja?“ „Wie viele sind wir denn bei diesem Abenteuer?“ Na, wahrscheinlich vier, die Yurumis und du. Warum?“ „Für unseren Einkauf. Ich spendier Cola und Brötchen für alle.“ „Guter Chef“, sagte ich. „Guter Praktikant“, sagte James.

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38 Zwischen allen Stühlen Mantel erzählt Dieser Tag war irgendwie Mist. Bis auf das kleine Erlebnis mit einer Schulklasse heute Morgen, die eine wirklich sehr nette Lehrerin hatte, war alles schief gelaufen. Die Yurumis waren sauer auf mich und hatten mir die Freundschaft gekündigt. Klunker war sauer auf mich, weil ich mich mit der Yurumi-Gang angefreundet hatte. Und jetzt hatte Klunker mich auch noch angerufen, ich sollte ihm den Ball bringen. „Jetzt?“, hatte ich gefragt. Der Zoo war voller Menschen. Überall waren Besucher, die Kollegen vom Zoo. Und vor allem konnten immer und überall Doktor und Maradonna auftauchen. Ich hatte Klunker genau beschrieben, wo ich den Fußball versteckt hatte. Er hatte sich erst furchtbar aufgeregt. Wie ich den Ball zu dem Faultier legen könnte. Wenn der drauf scheißen würde. Das würde den im Wert drücken. Und dabei schrie er rum und schrie mich an. Dann war auch ich endgültig sauer und schrie zurück. Er sollte mich aus seinem ganzen Ballkram raushalten, und wenn ihm meine Verstecke nicht gefallen würden, sollte er doch selber eins suchen. Da wurde er wieder ganz friedlich und freundlich. Nun hatte er mich angerufen. Er würde den Ball Samstag brauchen. „Hol ihn dir doch“, hatte ich gesagt. „Du bringst den mit“, sagte er. „Wie denn? Wenn die Kinder mich mit einer Tasche raus-

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gehen sehen, mit der sie mich nicht haben reinkommen sehen, da wissen die doch sofort, was los ist.“ Und die braune Tasche, mit der Klunker den Ball gebracht hatte, die lag zwar im Tamandua-Haus in einem der Schränke unten drin, aber das war ja angeblich meine Sporttasche gewesen. „Und wie soll ich dann an den Ball rankommen?“, fragte Klunker. „Na, den musst du heute Nacht rausholen. Du bist doch ein Einbrecher und wirst ja wohl grad noch in den Zoo und in das Tamandua Haus kommen, um da einen Ball abzuholen. Da hast du schon ganz andere Einbrüche gemacht“, sagte ich. „Dann kriegst du nichts vom Verkauf ab“, schnauzte Klunker ins Telefon. „So?“, schnauzte ich zurück, „Immerhin hab ich deinen bekloppten Ball versteckt. Aber mir reicht, wenn du mir das gibst, was du mir noch schuldest. An Maradonnas Fußball will ich auch gar nichts verdienen!“ „Yurumi-Freund!“, bölkte er ins Telefon. Ich sagte: „Du weißt, wo der Ball ist! Mehr kann ich hier nicht für dich tun.“ Ich legte auf. Das war der blödeste Tag in meinem Leben. Ich wusste, wo Maradonnas Ball war und hatte ihn sogar selber versteckt und mein alter Freund und Komplize Klunker wollte den zu Geld machen, das er dringend brauchte. Was ich auch machen würde, es war falsch. Hoffentlich hatte Frau Ilona noch Arbeit für mich. Wenn ich arbeitete, hatte ich wenigstens keine Zeit, über diesen ganzen Mist nachzudenken.

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39 Verplappert Doktor erzählt Ich ging in den Tapirstall und wollte nach den Ameisenbären sehen, die heute nicht draußen in der Anlage gewesen waren. Ich stutzte. Mantel spritzte den Stall aus. Das hatten wir heute Morgen schon gemacht und seitdem war kein Tapir im Stall gewesen. „Mantel, was soll das? Das haben wir doch heute Morgen schon gemacht.“ Er sah mich an, schaute wieder zu Boden, und spritzte weiter den Boden und die Wände ab. „Ich dachte, es kann nicht schaden, wenn ich das noch mal mache.“ „Ist was?“, fragte ich. „Ja. Nein. Also, nee. Ist schon gut.“ Er stammelte rum. Dann stellte er das Wasser ab und kam zu mir und sagte: „Naja, das ist alles ziemlich kompliziert für mich, mit Klunker und mit euch. Jedenfalls war es toll, mit euch zusammenzuarbeiten. Ihr macht ja gleich Feier­ abend und das war dann unser letzter gemeinsamer Tag hier. Ich wollte das nur mal sagen. Falls wir uns nicht mehr sehen. Grüß Maradonna. Ich mache heute noch ein bisschen länger.“ Da rutschte es mir regelrecht raus: „Wir bleiben heute auch länger. Sogar die ganze Nacht.“ Fragend sah mich Mantel an und ich erzählte weiter: „Wir warten auf die Geburt vom Tapirjungen. Von daher freut sich das Junge

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bestimmt, wenn du den Stall noch mal und so gründlich sauber gemacht hast.“ „Ihr bleibt die ganze Nacht?“, fragte Mantel regelrecht erschrocken. Hatte ich jetzt schon zu viel verraten? Was, wenn er Klunker warnen würde? Aber jetzt war es zu spät. Gesagt war gesagt. Und Mantel konnte nicht ahnen, dass wir Klunker quasi eine Falle stellen wollten. Mantel konnte nicht ahnen, dass wir den Ball gefunden hatten. Er konnte nicht wissen, dass wir das Versteck kannten. Oder? „Dann bleibe ich auch“, sagte Mantel. Und mit Nachdruck schob er hinterher: „Das wird bestimmt eine interessante Nacht, so eine Tapirgeburt.“ Ja, das würde bestimmt eine interessante Nacht. So ein Mist! Hätte ich nur den Mund gehalten. Was sollte ich denn jetzt machen?

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40 Der Schleicher Musti erzählt Ich war mit James zum Zoo gefahren und hatte ihm alles erzählt, was ich wusste. Die Details würden die anderen beiden ihm und mir später erzählen. Wir trafen Maradonna, Doktor und Ilona. James gab Ilona die Hand. „Ich bin Ilona, die Chefin von den beiden hier aus der Yurumi-Bande.“ „Yurumi-Gang“, verbesserte Maradonna. „Hi, ich bin James. Ich bin der Boss von diesem jungen Rock’n’Roll- Manager.“ Ilona sagte: „ Ah, der Rockstar!“ James lachte: „Du kennst uns?“ „Ehrlich gesagt, nein. Doktor und Maradonna haben von dir erzählt.“ James sagte grinsend: „Als ich hörte, dass die Praktikanten alle zusammen heute auf die Geburt eines Tapirjungen warten, hab ich gedacht, es wäre sicher sehr cool, das zu erleben.“ Das machte er super und ließ gar keinen Verdacht bei Ilona aufkommen, dass es heute Nacht noch um etwas anders gehen könnte als um die Geburt. „Naja, wann es passiert, kann man nie ganz genau sagen“, erzählte Ilona. „Aber es könnte gut sein, dass es heute Nacht passiert. Aber eher in den Morgenstunden.“

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„Okay, dann haben wir ja jede Menge Zeit für eine Nacht im Zoo. Davon habe ich schon immer geträumt“, sagte James. „Aber noch wird nicht geträumt“ sagte Ilona, „noch wird gearbeitet. Doktor, Maradonna, euer Praktikum ist noch nicht zu Ende. Die Tiere müssen von der SüdamerikaWiese geholt werden.“ „Dürfen wir zusehen?“, fragte James. „Klar“, antwortete Ilona. „Wo ist eigentlich Mantel?“, fragte Doktor. „Der ist im Arbeitsrausch, der sucht sich immer neue Arbeiten heute. Ich weiß auch nicht, was der abreagieren muss. Der hätte längst gehen können, aber plötzlich will der auch bleiben. Eigentlich sind wir längst zu viele für heute Nacht, aber irgendwie wird es schon gehen.“ Ich sah plötzlich Mantel mit einer Schubkarre unterwegs. „Da ist er.“ Ilona erklärte: „Mantel sucht das Gelände nach Abfall ab. Eigentlich wollte er grad das dritte Mal den Stall sauber machen. Dann soll er lieber Müll einsammeln. Die Besucher schmeißen immer noch Papier und anderen Kram ab und zu einfach so weg statt in die Abfallbehälter.“ James und ich standen an der Südamerika-Wiese und sahen zu, wie Ilona, Doktor und Maradonna die Tiere in die Ställe brachten. Und dann gingen wir natürlich zu Sandra und stellten ihr James vor und er durfte sie streicheln und war total begeistert, den Tieren so nah kommen zu können. „Mensch“, sagte er zu mir „das hättest du im Praktikum

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auch machen können? Und da bist du zu uns gekommen?“ Ich sagte, ich hätte schon gewusst, wie sich Tiere anfühlen, aber einen echten Rockstar hätte ich noch nie von so nah gesehen. Und dann sagte ich: „In echter Studio-Käfighaltung!“ James lachte. Als alle Tiere drin waren, begann eine leichte Dämmerung. Wir Yurumis durften noch mit James durch den Zoo streifen und ihm Tiere zeigen, die nun ganz entspannt in den Gehegen lagen oder wild brüllten wie die Seelöwen oder laut schrien wie die Brüllaffen. Eine tolle Abendstimmung. Aber überall, wo wir auch hinkamen, war Mantel nicht weit. Aber auch nie richtig nah. Es war, als würde er mit seiner Schubkarre hinter uns her fahren. Ein Schleicher. Er schien uns zu beobachten.

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41 Das lange Warten Doktor erzählt Der Abend war kühl und mittlerweile war es fast dunkel. Wir setzten uns ins Tamandua-Haus. James und Musti hatten Cola mitgebracht und Brötchen für alle. Wir veranstalteten ein kleines Picknick. Jetzt war es Zeit, James alles zu erzählen, worauf er sich eingelassen hatte. Wir berichteten ihm über den Überfall, das Versteck und den Besuch bei Klunker und wer Mantel ist. Ich erzählte ihm, dass ich gefragt hatte, ob ich die Geburt für meine App filmen durfte. James wurde sofort hellhörig: „Du programmierst Apps?“ Ich nickte. James sagte: „Darüber reden wir noch mal, wenn das ganze Abenteuer hier überstanden ist. Wir überlegen nämlich, ob wir eine eigene App für King’s Tonic entwickeln sollen.“ Draußen schlich Mantel vorbei mit seiner Schubkarre. ­ Er schaute zu uns hinein und gleich wieder weg. Maradonna fragte: „Wollen wir ihn reinholen?“ James sagte: „Klar. Dann haben wir den doch viel besser unter Kontrolle, als wenn wir gar nicht wissen, wo der in der Dunkelheit rumläuft. Okay?“ Wir nickten. James stand auf und rief: „Hey, Mantel. Wir haben Brötchen und Getränke für alle. Das wird doch noch eine lange Nacht. Hast du Lust, mit uns zu essen? Hunger?

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Durst? Wir laden dich ein!“ „Weiß nicht“, sagte er und setzte die Karre ab. „Die Kinder sind nicht so gut auf mich zu sprechen.“ Maradonna rief ihm zu: „Ist schon okay. Du bist eben hoffnungslos an den ollen Klunker gebunden.“ Bei dem Wort Klunker zuckte Mantel zusammen. Dann steckte er die Hände tief in die Taschen, zog die Schultern hoch und kam langsam auf uns zu. Im Tamandua-Haus sind die Käfige fast wie im Kreis angeordnet. Geht man links herum, kommen erst zwei Schlafkammern mit Tamanudas, dann eine kleine Futterküche, um alles für die Pflege der Tiere vorbereiten zu können, dann weiter die Käfige mit großen Ameisenbären. Am Ende der Runde, also wenn man eintritt gleich rechts, leben die Gürteltiere. Ich sagte, um die Tiere hier nicht in ihrem Rhythmus zu stören, sollten wir lieber in die Futterküche gehen. Kasimir und Consuela waren ausgiebig unterwegs. Wir hörten die beiden Gürteltiere in ihrem Käfig rascheln. Julius hatte, als er uns sah, einige neugierige Runden gedreht. Wir hockten uns nebeneinander auf den Boden in die Futterküche, Stühle gab es hier nicht. Wir waren fünf, drei Yurumis, James und Mantel. James hatte Brötchen und Cola mitgebracht. Wir kauten und tranken und schwiegen. Mittlerweile war es fast stockduster geworden. Ich zog die Tür der Fütterküche zu. Mantel war sichtbar nervös. Und er wurde von Minute zu Minute nervöser.

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Dann hielt er es scheinbar nicht mehr aus und sagte: „Ist alles so leise. Wir könnten Musik hören. Von King’s Tonic. Wo schon der Sänger da ist.“ James fragte: „Du kennst mich?“ Mantel hustete verlegen und nickte: „Ich bin Fan. Ich hab euch schon zwei Mal gesehen.“ „Interessant, wer alles unser Fan ist“, sagte James. „Was soll denn das heißen? Haben die Kinder was von mir erzählt?“, maulte Mantel. „Wieso?“ sagte James ganz unschuldig, „Ist doch interessant, wenn ein Tierpfleger unser Fan ist.“ Das machte James wirklich klasse. Er war nicht nur ein toller Sänger, sondern auch als Schauspieler gar nicht schlecht. Maradonna sagte spitz zu Mantel herüber: „Ich kenne Gangster, die sind Fans und gehen zu den Spielen vom gleichen Fußballverein wie ich.“ Nach ein paar Minuten Schweigen fing Mantel wieder an. „Warum warten wir im Dunkeln hier auf die Tapir­ geburt? Wir könnten doch wenigstens Licht machen.“ „So ist es romantischer“, sagte Maradonna. Mantel sagte leise: „Mir ist das eher unheimlich.“ Ich musste lachen. So ein Kerl von Mann und fand das unheimlich. „Ich finde es schön.“ Mantel sagte: „Hast du schon eine App für die Nacht im Zoo? Da brauchst du gar nichts aufnehmen, da reicht es, wenn du das Display dunkel lässt.“ Das sollte wohl ein Witz sein. Mantel hatte echt keinen Plan von medialen Auftritten. „Dann fehlen mir aber die Tierstimmen, der Wind, die

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Atmosphäre“, erwiderte ich. Durch das Glasdach des Tamandua-Hauses fiel schräg ein Strahl Mondlicht. James war total gut drauf: „Echt cool, Alter. Mondlichtsitzung im Zoo. Herr Mantel, noch ein Getränk?“ „Nee, Cola bekommt mir nicht.“ Maradonna war erstaunt: „Aber neulich hast du uns doch eine spendiert.

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Seine Stimme klang etwas wackelig. „Ich...bin nervös heute.“ Dann räusperte er sich und stellte sich hin und sah uns nacheinander an: „Äh. Also ich wüsste schon gerne, was hier los ist. Ich bin vielleicht blöd, aber so benagelt auch wieder nicht. Ilona und die Tierärztin liegen im Verwaltungsgebäude und machen ein Nickerchen und wir sitzen hier im dunklen Tamandua-Haus. Und der Tapir liegt drüben in seinem Stall. Aber wir warten hier auf die Geburt. Das ist doch seltsam.“ Maradonna antwortete: „Okay, die Geburt ist wahrscheinlich morgen früh so zwischen vier und sechs.“ Mantel war völlig baff: „Und so lange sitzen wir hier?“ Nun fand ich es an der Zeit, ihm gegenüber unser Geheimnis und Wissen zu lüften. Ich fing an: „Nö. Also eigentlich warten wir auf den Typ, der den Ball da oben aus der Höhle von Julius holt, und der kommt bestimmt früher oder später.“ Mantel hustete plötzlich und würgte dann fast die Worte heraus: „Was für ein Ball?“ Maradonna sagte von der Seite: „Mein Fußball. Der Lars-Ricken-Jahrhundertball.“ „Der ist hier?“ Mantel tat ganz naiv. „Im Holzkasten. In der Schlafhöhle von Julius.“ Ich erklärte ihm, was er ja längst wusste. Mantel spielte seine Rolle weiter: „Wie kommt denn Julius an den Ball?“ Nun mischte sich Musti ein und sagte mit ironischer Stimme: „Tja, vielleicht hat er ja Maradonna und Onkel Herbert überfallen.“

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„Ein Faultier?“, rutschte es Mantel heraus. „Wie soll das denn gehen?“ Musti sprach weiter: „Julius ist vielleicht gar nicht so faul wie man glaubt.“ „Ja“, sagte ich. „Vielleicht sind manche ja auch nicht so blöd wie sie tun.“

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42 Die Warnung Mantel erzählt Ich wusste genau, worauf Doktor da anspielte. Ich war vielleicht manchmal etwas blöd, aber ich war nicht doof. „HeyHeyHey! Ich verstehe schon, was du meinst. Aber mit dem geklauten Ball habe ich nichts zu tun. Als Maradonna überfallen wurde, war ich hier im Zoo und habe gearbeitet.“ „Das stimmt“, gab Maradonna mir recht. „Siehste, Herr Doktor. Das sind nämlich alles Unterstellungen. Juristisch gesehen, Herr Doktor. Alles nur Unterstellungen.“ Während ich mich hier stritt, versuchte ich fieberhaft weiterzudenken, aber zwei Dinge auf einmal tun, streiten und weiterdenken, das ist schon eine extrem schwierige Übung. Jedenfalls musste ich Klunker warnen. Der würde hier komplett in die Falle laufen. Ich stand auf und machte schnell einen Schritt auf die Tür zu. Lauernd fragte jetzt James, der Sänger, allerdings ohne sich zu rühren oder aufzustehen: „Wohin so schnell, Kollege?“ „Äh, ich muss mal. Ich muss pissen. Also austreten. Einmal für kleine Königstiger. Bin gleich wieder da.“ Mir war ganz heiß geworden da drin, draußen war es kühl. Ich ging schnell ein paar Schritte den Weg hoch. Ich

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musste Klunker warnen. Ich musste ihn anrufen, aber die Yurumis durften mich nicht hören. Ich ging nach rechts. Plötzlich ein lautes Brüllen! Mist, die Panther waren wach. Ich hatte mich ganz schön erschreckt! Meine Finger zitterten etwas. Ich drückte Klunkers Nummer in meinem Handy. Es klingelte nur einmal, dann ging seine Mailbox an. Was war das denn? Dann hörte ich zwar Klunkers Stimme, aber er sprach Englisch. “Good evening. This ist the mailbox from Mister Diamond. If you like soccer I will bring you in heaven. – Fan stuff from all over the world for fair prices. I call you back.” Was sollte jetzt der Scheiß? Mr. Diamond? Ich kontrollierte noch mal die Nummer. Das war die von Klunker. Ich konnte etwas Englisch, hatte aber nur verstanden, dass er sich Mister Diamond nannte. Na, das passte ja. Ich wählte noch einmal, wieder ging die Mailbox an. Jetzt verstand ich den Text. Der Mr. Diamond sagte, wenn man Fußball lieben würde, könnte er die Fans in den Himmel bringen, denn er bot Fußball-Fanartikel aus aller Welt an zu fairen Preisen. Und er würde zurückrufen. Dann der Pfeifton. Ich sprach mit unterdrückter Stimme auf seine Mailbox: „Hallo Klunker, hier ist Mantel. Komm heute nicht in den Zoo. Hier ist eine Falle. Hast du gehört? Heute nicht in den Zoo. Hol heute den Ball nicht ab!“ Ich legte auf. Der Panther nebenan fauchte.

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43 Nächtlicher Anruf Klunker erzählt Rund um mich herum war dunkle Nacht. Ich trug wieder meine schwarze Arbeitskleidung. Niemand würde mich sehen können. Ich trug meine frisch gewaschenen schwarzen Einbruchsklamotten, auf dem Kopf trug ich eine Motorradhaube aus Seide und ich verschmolz perfekt mit der Dunkelheit rundum. Die Tür unten am Zooeingang war kein Problem gewesen. Nun schlich ich an den Gehegen entlang. Eine eigenartige Stimmung lag über dem Gelände. Hier und da hörte ich Tierstimmen und Geräusche. Ich versuchte, zu raten, welches Tier das jeweils gewesen sein konnte, aber dann konzentrierte ich mich wieder auf meine Arbeit. Plötzlich riss ein Klingelton mich aus meinen Gedanken. Mein Handy! Mist. Warum hatte ich Blödmann das angelassen? Ich hatte das Gefühl, als ob in der Stille der Nacht das Klingeln von hier bis zum Polizeipräsidium zu hören gewesen wäre. Ich drückte den Anruf weg und sah dabei auf dem Display, dass Mantel mich angerufen hatte. Mantel! So bekloppt ist auch nur der, dachte ich. Störte mich hier bei der Arbeit und sein Anruf konnte den ganzen Zoo wecken. Ich hielt an, stellte das Handy ganz aus und verharrte mindestens zwei Minuten in absoluter Stille. Ich wagte kaum zu atmen. Niemand schien den Anruf gehört zu haben. Drüben im

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Verwaltungsgebäude war ein Fenster erleuchtet, aber es war niemand zu sehen. Die hatten wohl vergessen, das Licht auszumachen. Aber ich selber war nun absolut wach und schob mich weiter voran. Ein halber Mond gab ausreichend Licht und ich schlich und pirschte mich immer weiter vor bis hoch zum Tamandua-Haus.

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44 Hals im Griff James erzählt Hallo. Ich bin James. Ich hatte richtig Spaß an unserem nächtlichen Abenteuer. Da werde ich garantiert einen Song drüber schreiben. Inzwischen war Mantel wieder zurückgekommen. Ich war sicher, er hatte versucht diesen anderen Gangster, diesen Klunker, zu warnen. Ich wusste nicht, ob es richtig gewesen war von Doktor, diesen Streit vorhin mit Mantel anzufangen. Mantel war wieder da und saß jetzt neben mir. In diesem Moment hörten wir, wie die Tür des Tamandua-Hauses aufging. Eine Stimme sagte halblaut: „ Scheiß-dunkel hier. Eben noch der Mond und jetzt diese bekloppte Wolke davor. Man sieht ja gar nix. Ist hier ein Lichtschalter? Nee, besser nicht. Und was ist das für eine funzelige Taschenlampe? Wer kauft so einen Scheiß? Das war garantiert Mantel. Man darf nie sparen beim Werkzeug! MannMannMann. Wenn man schon einbricht, dann doch mit vernünftigem Werkzeug. Aber hier schließen sie ja scheinbar nachts nicht mal das Tamandua-Haus ab, wie es aussieht. Das macht doch keinen Spaß, ganz ohne ein Schloss zu knacken hereinspazieren zu können. Und diese schwarzen Klamotten gehen mir langsam komplett auf den Geist. Gute Tarnung, aber ich bin doch kein Gruftie und kein Emo. Und kein Emu!“ Er kicherte über seinen eigenen Witz.

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Neben mir zuckte Mantel und ich merkte, wie er Klunker warnen wollte. Ich hörte aus seinem Mund ein „Vo...“, aber bevor er noch „Vorsicht“ zu Ende sagen konnte, hatte ich ihm schon eine Hand über die Lippen gelegt und mit der anderen griff ich ihm an die Kehle und flüs­ terte unhörbar: „Keinen Ton, Mantel!“ Der war so überrascht und steif vor Schreck, dass er sich tatsächlich nicht bewegte. Immer wenn er sich muckste, spielte ich mit meinen Fingerspitzen einen Gitarrenriff an seinem Hals, ich drückte auf seine Kehle, als würde ich die Saiten meiner Gitarre greifen. Dann war sofort Ruhe. Vor der Tür zu unserer Futterküche führte Klunker seine Selbstgespräche weiter: „Okay, hier bin ich richtig, da sind die Gürteltiere. Aber wo ist hier ein kreisrundes Loch? Wo hat Mantel gesagt, pennt das Faultier? Mantel und das Faultier. Ich lach mich kaputt. Ein tolles Team. Einer blöder als der andere. Lampe, leuchte! Die Batterien machen es nicht mehr lange. Ah, da oben. Der Holzkasten. Und von oben drauf hängt ein Arm runter. Da oben pennt wohl das Faultier. Und da an der Seite...ein kreisrundes Loch. Wer sagt es denn? Und da drin liegt dann mein Ball. Verdammt, ich brauch eine Leiter. Na vielleicht hier hinter der Tür.“ Schneller als wir alle damit gerechnet hatten, war er an die Tür zur Futterküche getreten. Wir hockten noch alle fünf auf der Erde, da wir nicht gewagt hatten, uns seit Klunkers Ankunft zu bewegen. Jetzt leuchtete er von oben jedem von uns ins Gesicht. Und dabei funktionierte

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seine Taschenlampe sehr gut. Leider. Wir waren total geblendet, weil wir schon so lange im Dunkeln gesessen hatten. Ich ließ Mantel los.

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45 Hühner auf der Stange Maradonna erzählt Klunker leuchtet uns in die Gesichter. Wir hatten ihn an der Stimme erkannt. Klunker. Eindeutig. Wir hockten auf der Erde wie beim Picknick. So konnte man noch nicht mal weglaufen. Mist. Er hatte uns total überrascht, in der Ameisenbären-Futterküche überrumpelt, obwohl wir wussten, dass er kommen würde. So ein Mist. Sehen konnten wir ihn noch gar nicht, weil er im Dunkeln stand, und später bemerkten wir, dass er wieder seine schwarzen Überfall-Klamotten trug. „Das gibt es ja gar nicht“, sagte er. „Die ganze Yurumi-Gang. Wie die Hühner auf der Stange. Und Mantel, der Freund aller Kinder. Und wer bist du?“ Er leuchtete James in das Gesicht, wartete aber erst gar keine Antwort ab, sondern bewegte sich etwas zurück, und nun sah ich im Mondlicht, dass er plötzlich eine Waffe in der Hand hielt. Die kannte ich. Es war die gleiche Pistole, die ich schon beim Überfall auf Onkel Herbert und mich gesehen hatte. Durch das Mondlicht konnte ich sie genau erkennen. Wir waren total wehrlos. Wir hatten nichts, womit wir uns verteidigen konnten. Wir hätten wissen müssen, wie gefährlich Klunker ist. Ich kam gar nicht dazu, weiterzudenken. Klunker trat einen Schritt zurück. Er schrie: „Los, raus da, alle. Du zuerst, Mantel. Du Oberarmleuchter! Los, stellt euch da

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links vor die Gürteltier-Box, damit ich euch sehen kann. Hände hoch. Und keinen Mucks. So, Mantel, dann hol mir jetzt meinen Fußball da raus. „Das ist meiner!“, sagte ich. „Gewesen!“, zischte Klunker. Mantel zögerte. Auch er stand mit erhobenen Armen da. „Nimm die Flossen runter und hol die Leiter. Und dann den Ball da raus und nichts wie weg. Komm in Wallung!“, schnauzte Klunker ihn an. Mantel rührte sich immer noch nicht. Er hatte weiter die Hände erhoben und sah etwas erschrocken zu Klunker, jedenfalls so weit ich das hier im Halbdunkel erkennen konnte. „Ich warte nicht mehr lange, Mantel. Hol den Ball! Sonst schieße ich deiner kleinen Freundin Maradonna ein Loch ins Knie. Und dann ist Schluss mit ihrer Fußballkarriere. Dann kann die keinen mehr k.o. schießen.“ Mantel nahm langsam die Hände runter und sagte ganz ruhig: „KLUNKER, das geht zu weit. Du kannst doch nicht auf Leute schießen. Und schon gar nicht auf Kinder.“ Klunker starrte ihn an wie die Maus den Käse: „Für 10.000 Pfund versenke ich dich sogar im Hafenbecken, du Idiot. Und wenn du jetzt nicht spurst, dann drück ich ab. Erst das Knie deiner Freundin, dann schieß ich dem kleinen Oberschlauen da in die Hand, dass der nie wieder auf einer Computer-Tastatur rumhacken kann, und dem da, dem baller ich die Cola aus der Flosse, dass es nur so spritzt.“ Ich hätte fast gelacht. Musti hielt die Hände hoch, hatte

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aber in der Hand immer noch seine Cola-Flasche. Aber es war nicht zum Lachen. Es war ganz und gar nicht zum Lachen, was hier abging. Klunker redete sich in Wut: „Und zum Ende bist du dran, Mantel. Also, ich zähl bis zehn und ich hoffe, du weißt, was nach neun kommt... Es geht los! Eins!“ Ich wollte auf einmal, dass Mantel den Ball holt. Kein Besitz der Welt ist es wert, dass jemand verletzt wird. „Zwei!“ Mein Knie war mir wichtiger als der Ball. Und ich sorgte mich natürlich um alle anderen genauso wie um mich. „Drei!“ „Hol ihm den Ball“, flüsterte ich.

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46 Das Ende einer Freundschaft Musti erzählt Mantel sah sich Hilfe suchend um. Ich hatte die Hände oben und hatte eine volle Halb-Liter-Flasche in der Hand. Die wollte ich Klunker ins Gesicht oder an den Kopf werfen. Ich bin ein ganz guter Handballer. Aber ich durfte nicht riskieren, dass er dabei aus Versehen abdrückte. Ich wartete auf eine Gelegenheit. Ich wartete, dass er die Waffe etwas herunternahm oder in eine andere Richtung sah oder nicht aufpasste. Klunker war gefährlich wie ein Löwe. Ich hörte seine schneidende Stimme. „Vier“, sagte er. „Scheiße, wo ist denn die Leiter? “, rief Mantel. „Fünf!“ „Ich mach doch schon“, schrie Mantel jetzt. „Sechs!“ „Verdammt, Klunker, mach keinen Scheiß.“ „Sieben!“ Klunkers Stimme klang unerbittlich. Wir anderen zitterten. Klunker starrte Mantel an. Ich holte mit der Cola-Flasche aus. James spannte seinen Körper an und duckte sich etwas und sah dabei aus, als wollte er sich gleich auf Klunker stürzen. Sollte ich werfen? Jetzt? „Acht!“ In diesem Moment zischte etwas durch die Luft. Wir

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hörten nur ein „Pffft!“. Dann ein „Ah“. Dann einen dumpfen Schlag. Und mit einem Mal wurde es hell. Das Licht war an. Ich schloss für einen Moment geblendet die Augen. Meine Gedanken rasten. Hatte Klunker geschossen? Mit einem Schalldämpfer? War Mantel getroffen? Oder Maradonna? Oder ich? Ich riß die Augen wieder auf. Klunker lag plötzlich am Boden und zuckte mit der Hand. James sprang vor und trat gegen seine Hand, die noch die Pistole umklammerte. Er kickte ihm die Waffe weg. Dann rührte Klunker sich nicht mehr. Wir sahen zur Tür des Tamandua-Hauses. Am Lichtschalter stand Ilona. Sie hatte ein Seil aufgerollt über der Schulter. Neben ihr stand die Tierärztin. Sie hatte ein langes Rohr in der Hand. Ein Blasrohr, das sie gerade von den Lippen absetzte. Sie grinste. Dann zeigte sie das Rohr zu uns herüber und erklärte: „Damit verschießt man Betäubungspfeile. Das war die Portion für einen Orang Utan!“ Sie sah uns an und sagte: „Entwarnung. Keine Eile, der schläft bestimmt mindestens einen ganzen Tag.“ Ilona grinste Doktor und Maradonna an: „Ihr könnt jetzt übrigens die Hände wieder runternehmen.“ Die lösten sich allmählich aus ihrer Erstarrung. James fragte: „Wo kommen Sie denn auf einmal her?“ Die Tierärztin sagte: „Keiner schläft vor so einer aufregenden Geburt. Wir sind noch einmal alles durchgegangen im Büro. Das Fenster war offen. Und die Tiere haben verschreckt reagiert. Wir sind in das Zimmer nebenan gegangen, in dem kein Licht war. Dort haben wir ein Quietschen gehört. Jemand trat durch das Tor und

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schlich herein. Der hatte vorher das Torschloss geknackt.“ „Ist seine Spezialität“, warf Mantel ein. „Niemand macht Schlösser schneller auf als Klunker.“ „Dann klingelte kurz ein Telefon in der Nacht.“ Die Tierärztin lachte laut. „Ein Verbrecher, der sein Handy nicht abstellt. Selten dämlich!“ „Das war ich. Ich hatte ihn angerufen, um ihn zu warnen“, gestand Mantel. Nun erzählte Ilona, während sie Klunker mit dem Seil die Arme auf dem Rücken zusammenband und das Seil dann noch zusätzlich um seine Beine und Füße schlang: „Und da dachten wir uns, da stimmt was nicht. Und wir haben mal zur Sicherheit das Betäubungsblasrohr mitgenommen. Und dann hörten wir genau den Weg, den Klunker nahm, weil überall die Tiere in der Nacht reagiert haben, entweder verschreckt oder leicht aggressiv.“ „Mich hatte der Panther beim Telefonieren angefaucht“, sagte Mantel. „Mann, hatte ich Schiss!“ Nun erzählte die Tierärztin weiter: „Wenn man so lange im Zoo arbeitet, dann kennt man die Geräusche. Und das Geschnaufe von dem Kerl da, das war eindeutig zu orten. Der sollte mal Sport machen.“ Doktor sagte: „Sie haben das Gehör eines Nashorns!“ Die Tierärztin lachte: „Du machst aber komische Komplimente. Aber egal. Kommt. Wir sperren den Kerl hier in die Transportbox der Ameisenbären. Dann schauen wir mal nach unserer Tapirdame. Und ihr ruft schon mal die Polizei an, okay?“

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Ilona sah uns einzeln an: „Aber vor allem erzählt ihr uns erst mal, was hier eigentlich los war. Wieso war Klunker hier? Was soll das alles? Da steckt doch wieder ihr Yurumis hinter?“ Mantel stieg auf die Leiter und holte den Ball aus dem Kasten über dem Gürteltier-Käfig und sagte gespielt unschuldig. „Julius hatte scheinbar einen weiteren Beutezug unternommen.“ Ilona sagte: „Der klaut aber doch nur Hüte.“ Mantel sagte: „Naja, ganz unschuldig bin ich nicht, aber eigentlich bin ich diesmal unschuldig.“ Klunker lag inzwischen paketgerecht verschnürt auf dem Boden und schlief, betäubt vom Pfeil. Mantel fasste ihn unter den Schultern. „Ich mach das schon“, sagte Mantel. „Hilfst du mir, James?“ Der nickte. „Macht richtig Spaß, den in einen Käfig zu legen“, sagte Mantel. Maradonna sah Mantel an: „Ich denke, das ist dein Freund?“ „Gewesen“, sagte Mantel. Dann sagte er sehr wütend und schnaubte dabei wie ein heranstürmendes Nashorn: „Ich würde dem am liebsten noch eins überbraten. Oder ihn ins Nashorngehege stecken. Auf euch schießen wollen! Und mich im Hafen versenken!“ Zum betäubten Klunker hin sagte er: „Da ist es aus mit unserer Freundschaft, du blöder Sack!“

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47 Berichte und Geständnisse Ilona erzählt Es war eine aufregende Nacht. Doktor erzählte, wie er den Ball gefunden hatte, Mantel erzählte, wie er gezwungen war, den Ball für Klunker zu verstecken, Musti erzählte, dass er James als Helfer mitgebracht hatte, James sagte, er würde aus den Abenteuern dieser Nacht mindestens drei Songs schreiben, und dann erinnerte uns das Schnauben der Tapirdame an das eigentliche Abenteuer dieser Nacht – die Geburt. Die Polizei hatte Klunker inzwischen abgeholt. Und morgens um sechs Uhr vierzig wurde ein Tapirjunges geboren. Ohne Komplikationen. Eine junge Dame. Doktor filmte für seine App und war absolut glücklich. Unsere Tierärztin untersuchte das Junge. Es war kerngesund. Dann frühstückten wir gemeinsam und James und ich waren sehr stolz auf unsere jungen Praktikanten.

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48 Die Grundsteinlegung Doktor erzählt Einige Wochen später wurden wir eingeladen. Es war ein Samstag. Die ganze Yurumi-Gang, vor allem aber Maradonna und Onkel Herbert. Ich hatte inzwischen mehrere Apps über den Zoo fertiggestellt. Heute wollte ich an einer ganz anderen App arbeiten. Zum Thema Fußball und Fußball-Museum. Und darum ging es heute. Es war der Tag der feierlichen Grundsteinlegung für das deutsche Fußballmuseum hier in Dortmund, in der Heimat des Fußballs! Was für ein Prominenten-Auflauf. Alle waren da, der Oberbürgermeister, der BVB-Trainer, einige Spieler, aber auch der Kaiser persönlich, Franz Beckenbauer, und der DFB-Präsident. Ganz Dortmund war auf den Beinen. Die Stadt mit den besten Fans der Welt. Das goldene U blitzte mit der Sonne um die Wette. Wir waren auf dem Gelände des ehemaligen Busbahnhofs, gegenüber vom Hauptbahnhof. Ich filmte alle Leute. Wir waren Ehren­ gäste und hatten VIP-Ausweise, die an DFB-Schlüsselbändern um unseren Hals hingen. Wir waren also an diesem Tag sehr wichtig! Und wir hatten damit die Berechtigung, überall hinzugehen. Und ich konnte alles filmen.

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49 VIPs Maradonna erzählt

Wir waren VIPs. Very important persons. Also, sehr ­wichtige Personen. Da wollte ich natürlich nicht in den gleichen Klamotten hingehen wie in die Schule und ich hatte extra eine weiße Jeans mit tollen braunen Stiefeln an. Die hatte ich morgens noch schnell in Hörde gekauft. Da läuft man durch die ganze Stadt und treibt Onkel Herbert von einem Geschäft in das nächste und im Geschäft um die Ecke gibt es dann das, was man sucht. Papa hat die Stiefel ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt. Warum wir VIPs sind? Ich hatte den Museumsdirektor angeschrieben, den Direktor vom geplanten Fuß­ball-Museum in Dortmund, und gefragt, ob er den Jahrhundertball von Ricken für das Museum haben wollte. Ich wollte diesen wertvollen Ball nicht mehr bei mir zu Hause haben. Bevor noch ein Dieb auf die Idee kam, mir in das Knie schießen zu wollen, sollte der Ball lieber in einer Vitrine im Museum liegen. Und ich fand es toll, wenn ganz viele Menschen den würden ansehen können. Der Museumsdirektor war voll begeistert. Er hatte mich sofort als Ehrengast eingeladen, aber ich sagte ihm, dass wir dann eigentlich vier Ehrengäste sein müssten, die Yurumis und Onkel Herbert.

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Der DFB-Präsident redete und Doktor filmte ihn dabei. Der Präsident sagte: „Hier entsteht das größte und schönste Fußball-Museum. Eines der – wie Franz ­Beckenbauer gerade sagte – wertvollsten Exponate des zukünftigen Museums stammt hier von einer mutigen jungen Frau und ihren Freunden.“ Damit hat er uns gemeint, die Yurumi-Gang – und wow – alle haben geklatscht! Und ich habe so vielen Prominenten die Hand geschüttelt, dass ich sie eigentlich gar nicht mehr waschen möchte. Der BVB-Trainer und die Spieler. Das war echt cool. Sie haben mich eingeladen zu einem Extra-Training. Das finde ich noch besser als die anderen Geschenke: Wir Yurumis haben jetzt lebenslang gültige Ehrenkarten für das Museum und VIP-Einladungen für das nächste Länderspiel in Dortmund. Hammer, oder? Onkel Herbert hat natürlich auch eine bekommen und dem Kaiser Franz, dem hat er so lange die Hand geschüttelt, dass der bestimmt gedacht hat, gleich ist der Arm ab. ­Hinterher hat Onkel Herbert mir zugeflüstert: „Maradonna, Donna Clara. Ich glaub das alles nicht! Wie im Traum!“ Und dann standen wir sogar vor Lars Ricken und er grinste und redete mit uns, als wären wir alte Kumpels. Na ja, er und Onkel Herbert waren das ja irgendwie. Ich war total aufgeregt, als der Kaiser, der Herr Beckenbauer, kurz mit mir gesprochen hat. Er hat „Maradonna Zwei“ zu mir gesagt. Dann hat er gegrinst und

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gesagt, er hätte den weltberühmten Diego Maradona, der bis vor kurzem Nationaltrainer in Argentinien war, zuerst kennen gelernt, also sei ich Maradonna zwei.

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50 Unsterblich Musti erzählt Doktor filmte noch mal unseren Ball. Also, Maradonnas Ball. Auf einer Tafel steht jetzt tatsächlich: „Leihgabe von Maradonna und Onkel Herbert.“ Drei Wachmänner standen um den Ball und dann wurde ein goldener Stein in den Boden eingelassen, und der Museumsdirektor hatte gefragt, ob Maradonna auch was in den Grundstein hineintun wollte. Klar wollte sie. Und dann hat sie auf einen Zettel unseren Ruf geschrieben: „Big Bang Yurumi-Gang, Ohhhh Yurumi.“ Den hat sie dort reingesteckt. Wenn das in 1000 Jahren jemand ausgräbt, dann hat er etwas von uns und kann vielleicht die ganze Geschichte unserer Abenteuer rekonstruieren. Jetzt sind wir unsterblich. Wir sind jetzt ein Teil der Stadtgeschichte. Wir – die Kinder und Jugendlichen von Dortmund – sind die Yurumis. Das ist cool, oder?

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51 Späte Sorgen Onkel Herbert erzählt Wir waren Ehrengäste. Wir bekamen jede Menge zu trinken und zu essen, wobei mir aber nicht alles geschmeckt hat, was es gab, und eigentlich wäre mir eine gute Frikadelle lieber gewesen als dieser ganze Edelkram. Ich stand grad mit den Kindern zusammen, mit Musti, Doktor und Maradonna, als ich auf der Straße einen Mann sah, im Mantel und mit Cowboyhut. Er stand abseits und schaute zu unserer VIP-Abteilung herüber. Ich sagte: „Ist das da drüben Mantel?“ „Kann nur Mantel sein“, sagte Doktor. Ich war ja stocksauer gewesen, als Doktor und Maradonna bei Mantel im Auto mitgefahren waren, aber im Laufe des Abenteuers hatte er den Kindern mehrfach beigestanden gegen Klunker. „Ich sollte mich noch bei dem bedanken, der hat euch doch geholfen.“ Musti sagte: „Geholfen haben noch mehr. James, Ilona, die Ärztin mit ihrem super Blasrohr-Schuss.“ Maradonna sagte zu Doktor: „Und deine ewige Neugierde hat uns geholfen. Weil du für deine Zoo-App das Foto von Julius machen wolltest.“ Doktor hörte gar nicht richtig zu und filmte schon wieder und erzählte zum dritten Mal: „Für’s Fußball-Museum mach ich auch ne App.“ Aber keiner war genervt, nicht mal ich. Musti grinste

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sogar: „Klar, und eine für den Flohzirkus mit Makroaufnahmen vom Todessprung.“ Wir lachten. Ich hatte mir wieder mal erst nach dem Abenteuer richtig Sorgen machen können. Als alles gut ausgegangen war. Ich sagte: „Wenn ich dran denke, wird mir noch ömmelig. Der Klunker hätte euch alle erschießen können.“ Maradonna sagte: „Da hätte Mantel sich aber bestimmt zwischen geworfen.“ Mein Auge zuckte. Doktor sah mich kritisch an und ich merkte es. Da kullerte etwas über meine Wange. Doktor sagte: „Ey, Onkel Herbert, ist das da eine Träne?“ Musti sagte bedeutungsvoll: „Bestimmt, weil er dem Lars Ricken und dem Kaiser die Hand geschüttelt hat.“

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52 Seitenwechsel Maradonna erzählt Mein großer Held, mein Onkel Herbert war glücklich und er weinte eine Träne. Er weinte in einer Mischung von Gefühlen und ich wollte ihn ein wenig in Schutz nehmen, weil Musti ihn fast veräppelte und weil ich fürchtete, Doktor würde sogar diese Träne für irgendeine App filmen und Onkel Herbert würde sich und anderen so eine kleine »Schwäche« natürlich nie eingestehen wollen. Also verteidigte ich ihn und sagte: „Nein, er ist ganz gerührt, weil er sich Sorgen gemacht hat und weil er stolz ist auf uns und weil der Ball jetzt hier so schön ausgestellt ist, da kann man schon mal eine Träne verdrücken.“ Da brauste Onkel Herbert auf: „Eine Träne? Du spinnst wohl. Ich und heulen? Das war der Wind! Nein, es ist nicht windstill. Da wo ihr steht, vielleicht. Bei mir zieht

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es. Ich und heulen! Warum denn? Wegen dir, Maradonna? Oder weil alles so schön ist oder weil die Yurumis wieder gesiegt haben? Ihr kriegt erst mal ne Limo und nachher was zu hören, wenn die feinen Leute hier mal alle wieder weg sind.“ In diesem Moment sah er auf meinen Arm. „Sag mal, dein linker Arm...das Tattoo…wieso ist das auf einmal rechts? Hat dein Thomas die Seite gewechselt?“ Ich sagte: „In der zweiten Halbzeit werden doch immer die Seiten gewechselt. Mensch, Onkel Herbert, das ist ein Sprühtattoo. Ein echtes würde ich mir nie machen lassen.“ „Nicht echt?“, fragte er. „Nicht echt“, versicherte ich. „Und ich reg mich auf!“, sagte er.

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53 Das Geheimnis Onkel Herbert erzählt Ich war komplett überwältigt. Ich traf meine alten und neuen Fußballgötter. Nur weil ich damals den Ball mitgenommen hatte. Nur weil meine brillante Nichte mit ihren Yurumi-Freunden den Ball wiederbesorgt hatte. Ich hatte eine lebenslang gültige Karte für das FußballMuseum. Ich war glücklich und Dortmund ist die schönste Stadt der Welt. Wo sonst sollen denn solche Geschichten passieren? Aber nun musste ich mir noch eine kleine Predigt von Maradonna anhören. „Ja, du regst dich manchmal zu früh auf, Onkel Herbert. Mantel ist auch eigentlich ein netter Kerl und du hattest unrecht.“ Ja. Das stimmte. Und meine Clara hatte recht. „Ja, Maradonna, da hatte ich mich vertan. Das konnte ich aber nicht wissen, dass der auch nette Seiten hat.“ In diesem Moment sah ich wieder auf Maradonnas Arm und fragte: „Und wer ist jetzt dieser geheimnisvolle Thomas?“ Sie sagte geheimnisvoll. „Dann will ich dir mein Geheimnis verraten.“ Sie winkte mich zu sich runter. Ich war gespannt und neugierig. Ich beugte mein Ohr zu ihrem Mund und sie flüsterte: „Ich bin doch Fan von Lucas Barrios! Und der hat genau dieses Tattoo für seinen Sohn Thomas auf dem Arm.“

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Und dann lachte sie sich kaputt. Mir stand der Mund offen. Jetzt musste aber was Witziges von mir kommen, sonst war ich der cleveren Maradonna schon wieder ausgeliefert. Da hatte ich die rettende Idee und sagte, sehr cool und grinsend : „Was für ein Glück, dass du nicht Fan bist von Roque Luis Santa Cruz Cantero – der Name ist so lang – für das Sprühtattoo würden deine beiden Arme nicht mal reichen.“

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Inhalt

Im Stadion......................................................................... 5 Die Yurumi Gang................................................................ 9 Von gelben Bananen....................................................... 12 Praktische Tanten........................................................... 16 Hilfe und Hilfe suchen.................................................... 18 Rettung in höchster Not................................................. 20 Julius greift zu................................................................. 24 Ein Hut für einen Mantel................................................ 31 Rock’n’Roll Business....................................................... 34 Shoppen, Fußball und Physik......................................... 38 Bügeleisen on the rocks................................................. 42 Die verlorene Wette......................................................... 47 Wer ist der Boss?............................................................. 52 Vorübergehender Engpass............................................. 58 Der Ball der Pokalsieger................................................. 63 Schwarz-gelb geboren.................................................... 68 Der schwarze Mann........................................................ 71 Verschwitzte Bandprobe................................................ 76 Legenden werden geboren............................................. 78 Amerikanisches Cabrio................................................... 81 Hundertausend Besucher.............................................. 86 Nix wie weiter.................................................................. 88 Massiver Ärger................................................................ 89 Denken und Nachdenken............................................... 92

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Halbe und Volle............................................................... 97 Die braune Tasche......................................................... 103 Komplizenschaft........................................................... 107 Nicht zu den Löwen....................................................... 111 Flug-Birnen-Shakes..................................................... 113 Diebe und Daten...............................................................115 Mister Diamond............................................................. 121 Einbrecher..................................................................... 125 Zwischen den Stühlen.....................................................140 Die Bergmannskuh...........................................................144 Auf frischer Tat..................................................................148 Der Trick.............................................................................153 A night in the zoo..............................................................155 Zwischen allen Stühlen...................................................159 Verplappert.......................................................................161 Der Schleicher...................................................................163 Das lange Warten.............................................................166 Die Warnung......................................................................172 Nächtlicher Anruf.............................................................174 Hals im Griff.................................................................. 176 Hühner auf der Stange.....................................................179 Das Ende einer Freundschaft..........................................182 Berichte und Geständnisse ............................................186 Die Grundsteinlegung.......................................................187 VIPs....................................................................................188 Unsterblich........................................................................191 Späte Sorgen.....................................................................192 Seitenwechsel...................................................................194 Das Geheimnis..................................................................196

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Die Macher Bernd Gieseking, Autor und Kabarettist, Jahrgang 1958, schreibt Kinderhörspiele für den WDR und ist auf den Sprechbühnen im deutschsprachigen Raum unterwegs. Bernd wohnt in Dortmund und war sogar schon auf Expedition in der Arktis. Bettina Brökelschen, Werbezeichnerin und Veranstaltungskauffrau aus Dortmund, Jahrgang 1962. Neben ihrer Künstlertätigkeit und ihrer Zusammenarbeit mit Luigi Colani ist sie auch eine engagierte Förderin junger Kunstschaffender. DSW21 – dein Unternehmensverbund für Dortmund. Mit den Tochtergesellschaften sorgt DSW21 für reibungslose Abläufe auf Schienen, Straßen, zu Wasser und in der Luft und steht weder bei der Energieversorgung noch bei der Telekommunikation auf der Leitung. Auch Wohnräume und die Stadtentwicklung gehören zu den Aufgaben. Jeden Tag passieren unglaublich viele unsichtbare Abenteuer, damit Dortmund funktioniert. Viele Infos zu deiner Stadt, DSW21 und den Kinder­aktionen findest Du unter www.yurumi-gang.de. Videoclips aus Dortmund gibt es auch. Schau mal unter www.herzvorkommen. de.

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Onkel Herberts Vermächtnis - Teil 3 der Yurumi-Gang by Dortmund - Issuu