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Die verdorbene Quelle

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John Laughlands letztes Buch, The Death of Politics, wurde 1994 von einem Rezensenten als "das wichtigste Buch des Jahres" bezeichnet. John Laughland, der als Kommentator europäischer Angelegenheiten für das Wall Street Journal Europe, den Spectator, den Sunday Telegraph und andere Zeitungen bekannt ist, lehrte fünf Jahre lang Politik und Philosophie in Paris, zunächst an der Sorbonne und dann am Institut für Politikwissenschaft. Er hat an den Universitäten Oxford und Mü nchen studiert und war Gastdozent an der Universität von Bukarest. Er ist Treuhänder der British Helsinki Human Rights Group in Oxford und europäischer Direktor der European Foundation in London. John Laughland lebt heute in Brüssel.


Die verdorbene Quelle Die undemokratischen Ursprünge des europäischen Gedankens

JOHN LAUGHLAND


E in W arn er - Bu c h E rs t mal s v er ö ff en t li ch t i n G roßb rit an n i en 1 99 7 v on Li ttl e, B ro wn an d C o mp an y D i es e Au sga b e e r sch i en 1 9 98 b ei Wa rn er Boo k s

Cop y ri gh t © 19 9 7, 1 9 98 vo n Joh n Lau gh la n d

AB BI LD UN G SNA CH WE I S p . 1 0: Lap i -V iol l et p . 8 2: E . T . A rch i v, N a ti on al gal e ri e (R ich e li eu ), u n d Z eit s ch r i ft fü r G e op olit ik, Au gu st Se p t e mb e r 19 39 (H au sh of er ) S. 15 4 : UE s p r e s so, 27 . D e ze mb e r 1 99 2, Fr a n kr ei ch All e ma gn e. Par lon s f ran c von J . - P. Ch e v f en em en t (P lon , Pa ri s, 19 9 6) ; Ka rte © Harp er Co ll in s Car tog rap h ic S. 1 58 : P ala zzo Pu b b lic o, Si en a p . 2 30 : Br ian R ead i n g, ' E con o m ic R ea lit ie s Fa ci n g E u r op e' in Vi s ion s of E u rop e, ed . St ep h en H il l ( Du ck wo rth , Lon d o n , 1 9 93 ) S. 26 0 : Ul l st ein - Ph ot o lin e

Da s mo ral i sch e R ech t d e s Au to r s i st g el te n d g e m ach t w ord en .

All e R ec h t e vor b eh alt en . Ke in T ei l d ie s e r Pu b lik at ion d a r f oh n e vo rh er ig e s ch ri ft li ch e G en eh mi gu n g d e s Her au sg eb er s in ir ge n d e in e r For m od er mi t i rg e n d w el ch en Mit t eln v er v i el fä lti gt, in e i n em Ab f ra ge sy s te m g e sp ei ch ert od er ü b e rtr ag en w er d en , n och in e in er an d e ren Fo r m d er Bin d u n g od er d e s E in b a n d s al s d er , in d e r si e v erö f f en t li ch t wu rd e, in U mla u f g eb r ach t w erd en , oh n e d a s s d e m sp ä te r en K äu fe r ein e äh n li ch e B ed in g u n g e in sch li eßl ic h d i e s er Be d in gu n g au f erl e gt w ir d .

E in CIP - Kat alo g ein t ra g f ü r d i e s e s Bu ch i st b e i d er Br it i sh L ib ra ry erh ält l ich .

IS BN: 0 75 1 5 2 3 24 0 Satz in G ou d y von M Ru l e s G ed ru ckt u n d g eb u n d en in G roßb ritan n i en vo n Cla ys Ltd , S t I v e s p ic

Warn er B ook s E in e Ab te ilu n g vo n Litt l e, Bro wn an d Co mp an y ( U K) Br et ten h a m Ho u s e Lan c ast e r P lac e Lon d on WC 2E 7E N


Für M., M. und O. mit Liebe


Danksagung In den letzten sechs Jahren habe ich von Gesprächen und Diskussionen über europäische Fragen mit vielen F reunden und Kollegen ungemein profitiert. Während der Vorbereitung dieses Buches haben viele von ihnen geholfen, Dokumente zu finden, haben frühe Versionen des Textes gelesen und waren die Quelle von Ideen. Besonders zu Dank verpflichtet bin ich Mark Almon d, Bill Cash, Bernard Cherlonneix, Marie -France Garaud, Edouard Husson, Russell Lewis, John London, Michael Neal, Christine Stone, Johnathan Sunley, Radu Portocala und Eugen Weber. Ich möchte auch dem Herausgeber dieses Buches, Alan Samson, für seine Freun dschaft, Ermutigung und Professionalität danken.


Da die Vergangenheit aufgehört hat, ihr Licht auf die Zukunft zu werfen, irrt der Geist des Menschen im Dunkeln. Alexis de Tocqueville


I Der Verwelkende Staat Ein tapferes Volk wird gewiss die Freiheit, die mit einer tugendhaften Armut einhergeht, einer verderbten und reichen Knechtschaft vorziehen. Edmund Burke, Reflexionen über die Revolution in Frankreich

In den letzten Jahren hat die europäische Politik e in dumpfes, sich wiederholendes Geräusch von sich gegeben: das Geräusch von Nägeln, die in den Sarg der Demokratie geschlagen werden. Der letzte Schlag erfolgte im Juni 1997, als der französische Präsident vorgezogene Neuwahlen ansetzte, um das Mandat seiner Regierung für die Vorbereitung des Landes auf die Währungsunion zu erneuern: als das französische Volk ihm dieses Mandat verweigerte, blieben sowohl das Ziel als auch alle damit verbundenen Politiken dennoch bestehen. In Großbritannien wurden die beiden großen Parteien nur durch das zufällige Eingreifen einer externen Kraft - in Form des verstorbenen Sir James Goldsmith - gezwungen, ein Referendum über die gemeinsame Währung zuzulassen. Als die Dänen im Referendum von 1992 mit "Nein" stimmten, wurden sie aufgefordert, erneut über denselben Text abzustimmen, bis sie die richtige Antwort gefunden hatten. Im Juli 1996 setzte Belgien die parlamentarische Kontrolle faktisch aus. Das Land, das die wichtigsten Institutionen der Europäischen Union beherbergt, erteilte seiner Regierung Sondervollmachten, um anderthalb Jahre lang per Dekret über die beiden wichtigsten politischen Fragen des Staates zu entscheiden: den Haushalt und die Reform des Sozialversicherungssystems. Die Regierung hat sich diesen Freibrief sel bst erteilt, obwohl die Verfassung derartige Befugnisse nur in Zeiten des nationalen Notstands zulässt. Dieser Schritt sollte es der Regierung ermöglichen, das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen, um das Land für die Europäische Währungsunion zu qualifizieren. Es ist allgemein anerkannt, dass Belgien die Chance hat, sich dafür zu qualifizieren, obwohl seine Staatsverschuldung mehr als doppelt so hoch ist, wie es der Vertrag von Maastricht vorschreibt: Durch eine seltsame politische Alchemie kann ein L and, das am Rande des Bankrotts steht, in den Augen der Europäer offenbar als Musterbeispiel für finanzielle Umsicht glänzen. Aber warum die nationale Legislative als untätig angesehen wurde, wurde nie erklärt. Der Premierminister schien einfach der Meinun g zu sein,


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dass das Land ohne sein Parlament auskommen könne. Das Wichtigste ist, dass die Sozialpartner sich einig sind", sagte er. Belgien ist ein Mikrokosmos für Europa. Im Dezember des Vorjahres hatte die neu gewählte französische Regierung ebenfalls die Befugnis * erhalten, per Dekret zu regieren, um das Sozialversicherungssystem zu reformieren und das Haushaltsdefizit zu verringern. Die Fünfte Französische Republik hat ein notorisch schwaches Parlament, das im politisc hen Leben des Landes kaum eine Rolle spielt, was sich darin widerspiegelt, dass die französische Regierung im Gegensatz zur belgischen Regierung nicht um ihre Sondervollmachten gebeten hat. Stattdessen erzwang sie diese von der Nationalversammlung, indem sie den autoritärsten Artikel der französischen Verfassung nutzte. Der berüchtigte Artikel 49.3 erlaubt es, dass ein Gesetz sofort und ohne Debatte in Kraft tritt, wenn die Regierung es zur Vertrauensfrage erklärt und nicht innerhalb von vierundzwanzig Stun den abgewählt wird. Nachdem beide Regierungen den nationalen Gesetzgebern einen Maulkorb verpasst hatten, luden sie die Gewerkschaften ein, über ein breites Spektrum von Regierungspolitiken zu diskutieren, darunter auch über die wichtigsten. Auf der einen Seite wurden also die gewählten Parlamente ausgehebelt, auf der anderen Seite luden die Regierungen Personen ein, die kein Mandat zum Erlass von Gesetzen haben und das Volk nicht vertreten, um mit ihnen über die Politik zu entscheiden. Frankreich und Belgi en haben sich damit in eine ähnliche verfassungsrechtliche Lage gebracht wie Großbritannien in den 1970er Jahren, als im Namen eines "Sozialvertrags" Gewerkschaftsführer und andere nicht gewählte Personen als Teil des Regierungsapparats anerkannt wurden un d das Recht hatten, an der allgemeinen Formulierung der Wirtschaftspolitik mitzuwirken. Erst als die Reformer in Großbritannien begriffen, dass dies, wie einer von ihnen es ausdrückte, "eine fast unglaublich eklatante Verletzung der Verfassung" war (ganz a bgesehen davon, dass es sich um ein wirtschaftliches Handicap handelte), waren sie in der Lage, die konzeptionellen Grundlagen für die Wiederherstellung einer liberalen politischen und damit auch wirtschaftlichen Ordnung im Lande zu schaffen. Eine liberale Wirtschaft braucht einen liberalen Staat.


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Die Vorstellung, dass die nationale parlamentarische Herrschaft für die Bewältigung der großen politischen Fragen unserer Zeit unbrauchbar ist, ist Teil eines weltweiten T rends zur supranationalen Verwaltung. Nach Ansicht der europäischen Föderalisten, der Propheten der Weltregierung und der technokratischen Liberalen ist die Nation eine zu kleine und anachronistische Form der sozialen Ordnung, um den Herausforderungen der modernen Welt und ihrer Wirtschaft gerecht zu werden. Nur wenige dieser Leute haben den Mut zu sagen, dass sie den Nationalstaat ganz abschaffen wollen. Aber alle ihre anderen Theorien unterstützen seine Abschaffung. Sie argumentieren, dass "Souveränität" angesichts des modernen Massentransports, der Kommunikation, der Technologie und einer zunehmend voneinander abhängigen internationalen Wirtschaft bedeutungslos ist; dass der "Regionalstaat" den Nationalstaat ersetzen wird; dass multinationale Unternehmen heute mächtiger sind als Staaten und bald viele ihrer Funktionen übernehmen werden; oder dass wir uns zu Regierungsstrukturen für den gesamten Planeten entwickeln. Wie die Marxisten glauben solche Leute, dass die Strukturen des Staates von denen der Wirtschaft abhängen: dass das eine ein "Überbau" des anderen ist. Sie haben ein eher ökonomisches als politisches Verständnis von Staat und Recht und sind der Meinung, dass sich der Staat den Veränderungen in der Wirtschaft anpassen muss. Sie haben eine determin istische Sicht der Geschichte wie auch der menschlichen Natur und glauben, dass beide von den Gesetzen der Wirtschaft und nicht von Intelligenz und freier Entscheidung bestimmt werden. Der Staat und insbesondere sein Recht schaffen den Markt, indem sie dafür sorgen, dass frei geschlossene Verträge eingehalten und durch einen rechtlichen Rahmen durchgesetzt werden. Dieser Irrtum resultiert zum Teil aus dem Würgegriff des ökonomischen Denkens über die moderne Regierung. In den letzten Jahren haben sich die mo dernen Politiker immer mehr in die Fänge eines wirtschaftspolitischen Ansatzes begeben, der durch seine obsessive Konzentration auf globale quantitative Analysen die Gefahr birgt, die Grundlagen der liberalen Ordnung zu untergraben. Der übermäßige Rückgriff auf makroökonomische Daten als wichtigster Orientierungspunkt für politische Entscheidungen fördert die Illusion, dass die (wirtschaftlichen) Interessen aller Menschen gleich sind und dass die einzige Frage darin besteht, wie die Gesellschaft rational or ganisiert werden kann, um sie zu verwirklichen. Er fördert auch den Glauben, dass ein Land wie ein Wirtschaftsunternehmen geführt werden sollte. In der Tat ändert die moderne internationale Wirtschaft wenig am traditionellen liberalen Verständnis von Staat lichkeit, das immer davon ausging, dass die Rolle des Staates politisch und rechtlich und nicht in erster Linie wirtschaftlich ist. Der liberale Nationalstaat war eben nie eine autarke


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Wirtschaftseinheit (er ist das Gegentei l davon), und die Zugehörigkeit zu einem liberalen Staat wurde nie als unvereinbar mit dem Reisen außerhalb dieses Staates betrachtet. Souveränität bedeutete nie Isolation. Außerdem ist der moderne Handel schon seit mehreren Jahrhunderten multilateral und nicht mehr national oder gar regional. Auch die internationale elektronische Kommunikation ist alt: Das erste transatlantische Telegrafenkabel wurde vor über 100 Jahren verlegt, und der erste transatlantische Dampfer überquerte den Ozean im Jahr 1818. Außerdem ist die Regierung nicht nur eine makroökonomische Buchführung oder sollte es nicht sein. Politik sollte auf der Erkenntnis beruhen, dass der Staat eine öffentliche Einrichtung ist, die auf dem Recht basiert, und nicht ein Unternehmen, das durch - privat getroffene - Managemententscheidungen geführt wird. Regierung ist eine öffentliche Tätigkeit, die Führung und klare Entscheidungen erfordert, um die Menschen mitzunehmen. Die Ansicht, dass es beim Regieren nur darum geht, bestimmte materielle Ergebnis se zu erzielen, und dass Politiker danach gewählt werden sollten, inwieweit sie "die Waren liefern" können, ist nur eine Illusion, die auf einer entwerteten Vorstellung von politischer Legitimität beruht. In ihren schlimmsten Formen nähert sie sich einer A rt Feudalismus, in dem Gefolgschaft mit Schutz erkauft wird. Als solcher untergräbt er den Sinn für Staatsbürgerschaft und Gemeinschaft. In weiten Teilen Kontinentaleuropas wird der Wohlfahrtsstaat ausdrücklich als der Kitt angesehen, der den Staat zusamme nhält. Besonders ausgeprägt ist diese Sichtweise in Frankreich, Deutschland, den Benelux -Ländern, Skandinavien und Österreich. So attraktiv diese Systeme von außen betrachtet auch erscheinen mögen, sie ermutigen die Bürger zu der Annahme, dass ihr Land - und damit auch ihre Mitbürger - ihnen einen Lebensunterhalt schuldet und dass ihre Loyalität zu diesem Land davon abhängt, was sie materiell davon haben. Dies untergräbt den großzügigen Sinn für öffentliche Pflichten und Verantwortung, der eigentlich das Ma rkenzeichen des Bürgers sein sollte, und ersetzt ihn stattdessen durch eine habgierige, egoistische Mentalität. Politische Spannungen werden dadurch verschärft, insbesondere wenn der Honigtopf zu versiegen beginnt. Auch das politische Leben wird dadurch sklerotisch: Obwohl die Gesundheits - und Rentensysteme der meisten kontinentalen Länder bankrott sind, ist keine Regierung wirklich bereit, eine Reform in Angriff zu nehmen. Solche Systeme sind per definitionem dirigistisch. Dirigismus ist ein Regierungssystem, in dem die diskretionäre exekutive Politikgestaltung der Regierungen gegenüber der neutralen Gesetzgebung der Parlamente überwiegt. Es handelt sich um ein managerielles oder administratives


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Herrschaftssystem, in de m die Regierung sich selbst als Befehlsgeber für die Gesellschaft sieht, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und nicht um ein primär gesetzesbasiertes System, in dem das Hauptziel der Regierung darin besteht, eine bestehende Rechtsordnung (die Rechtsstaat lichkeit) aufrechtzuerhalten, indem sie sie an die sich ändernden Gegebenheiten von Zeit und Ort anpasst. In der Außenpolitik fördert die Ersetzung der Regierung durch die Verwaltung den Wildwuchs an internationalen Gremien und die Illusion, dass die Welt von oben herab gesteuert werden kann. Sie fördert auch die Ansicht, dass internationale Verhandlungen ein Selbstzweck sind, bei dem keine schwierigen Entscheidungen zwischen gegensätzlichen Interessen getroffen werden müssen. Da eine politisch unabhängige Nation entscheiden muss, wie sie mit dem Rest der Welt interagiert und wie sie ihre eigenen Bürger regiert, werden die Entscheidungen, die sie in Bezug auf ihre eigenen Interessen trifft, zwangsläufig anders ausfallen als die einer anderen Nation. Die Nationen werden in der Tat als das Problem angesehen. So wie diese unpolitische Sichtweise die freien individuellen Entscheidungen der Bürger als Potenzial für Zwietracht und Konflikte ansieht (anstatt zu erkennen, dass solche Konflikte, richtig ausgedrückt, z um menschlichen Leben gehören), so werden freie Nationen als Bedrohung für Stabilität und rationale Wirtschaftsplanung angesehen. Schlimmstenfalls wird davon ausgegangen, dass die Nation - mit ihrer angeblich unvermeidlichen Begleiterscheinung, dem Nationalismus - den Krieg in sich trägt wie die Sturmwolke den Sturm. Um solche Kriege zu verhindern, so die Argumentation, ist es notwendig, die Nationen in supranationalen Ensembles zusammenzufassen, so dass in der "postnationalen" Zukunft alle politischen Unte rschiede verschwinden.

Nirgendwo wird eine postnationale Zukunft mit größerem Nachdruck angestrebt als in Europa. Es ist kein Zufall, dass die Abschaffung der nationalen Parlamente als Vorbereitung auf die europäische Währungsunion in die Schublade der Geschichte wandert. Denn dieses technokratische Programm ist unpolitisch und antinational. In verfassungsrechtlicher Hinsicht geht es weit über das Projekt der Schaffung eines Binnenmarktes hinaus und unterscheidet sich qualitativ von diesem, auch wenn es si ch der Sprache des freien Austausches zwischen den Nationen bedient, um sein Projekt der Errichtung einer zentralen Kontrolle über sie zu verschleiern. Ihre Anhänger betrachten den natürlichen Konflikt zwischen Personen, Parteien, Nationen und zwischen ihren Werten und Zielen, die - da der Mensch ein politisches Tier ist - die entscheidenden Elemente der menschlichen Gesellschaft sind, mit Misstrauen.


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Der europäischen Ideologie zufolge bedeutet Vielfalt Unordnung, und Ordnung erfordert Einheitlichkeit. Die christdemokratische Geschichtsauffassung besagt, dass die Nationalstaaten eine überholte Form der politischen Organisation sind. Der Nationalstaat ... kann die großen Probleme des 21. Jahrhunderts nicht lösen", sagt Bundeskanzler Kohl.1 Allerdings sagen die Ideologen eines postnationalen Europas nie, dass die Nationen als solche durch ein postnationales Europa bedroht sind. Sie glauben stattdessen, dass Nationen nicht in Staaten konstituiert sein müssen, um zu existieren: "Na tion und Nationalstaat sind nicht identisch. "2 Aber die "kulturelle Identität" einer Nation - was auch immer das sein mag - ist ebenso wenig ein Ersatz für ihre politische Identität und Unabhängigkeit, wie das kitschige Glühen eines elektrischen Kaminofen s ein zufriedenstellender Ersatz für die Glut eines echten Feuers ist. Ein unabhängiger Nationalstaat ist der politische Ausdruck eines Volkes, das sich der Herausforderung stellt, seine eigenen Angelegenheiten zu regeln und sich aus der Erstarrung des Imp eriums zu lösen. Ein unabhängiger Nationalstaat ist ein Staat, in dem Entscheidungen politisch getroffen werden, durch öffentliche Debatte und Opposition. Da es sich um eine politische Form der menschlichen Vereinigung handelt, in der der Konflikt als gesu nder Bestandteil des Gemeinwesens anerkannt und sogar institutionalisiert ist, ist er ein Staat, der Recht und nicht Richtlinien schafft. Zu glauben, dass verfassungsrechtliche Unabhängigkeit oder Souveränität als Begriffe irrelevant sind, bedeutet zu glau ben, dass politische Freiheiten und Rechtsstaatlichkeit ohne den Staat existieren können. Die Vichy-Regierung glaubte, dass Frankreichs Identität und Nationalität auch ohne nationale Souveränität bewahrt werden könnten: Sie zerstörte damit die politischen Grundlagen der französischen Nation und damit der französischen Staatsbürgerschaft. Abgesehen davon, dass das edle, demokratische und herausfordernde Konzept der politischen Nation auf das Niveau einer verachtenswerten und schwachsinnigen Folklore reduzier t wurde - während De Gaulle die Résistance anführte, bat Marschall Petain alle französischen Kinder, ihm eine Zeichnung ihres Dorfes zu schicken -, blieb dem VichyFrankreich keine andere Vorstellung von Staatsbürgerschaft, auf die es zurückgreifen konnte, außer der rassischen. Das Ergebnis waren Busse nach Auschwitz. Zu glauben, dass Grenzen - jene Abgrenzungen von Zuständigkeiten, die klar gezogen werden müssen, um zu existieren - abgeschafft oder irrelevant gemacht werden können, bedeutet schließlich, da ss die Klarheit und Strenge des Gesetzes und die öffentliche Aktivität der Politik zugunsten der Unklarheit


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der bürokratischen Regulierung und der Macht des Korridors aufgegeben werden können. Das Projekt der Europäisc hen Währungsunion ist ein Beispiel für die letzte Option. Es schlägt vor, die parlamentarischen Systeme in jedem europäischen Mitgliedstaat (so wie sie sind) unter die wirtschaftliche Kontrolle einer einzigen unabhängigen Zentralbank zu stellen. Darüber hi naus wird vorgeschlagen, dass der Gesamtrahmen der Wirtschaftspolitik (insbesondere der Haushalt) vom Europäischen Ministerrat oder einer seiner Untergruppen beschlossen wird, auch wenn dieses Gremium keinem Parlament und keiner Wählerschaft gegenüber rech enschaftspflichtig ist. In einem solchen Europa werden alle wesentlichen Exekutiv - und Legislativbefugnisse zwischen drei ebenfalls nicht rechenschaftspflichtigen und nicht gewählten Institutionen aufgeteilt: der Zentralbank, dem Ministerrat und der Europä ischen Kommission. Die europäischen Föderalisten lyrisieren die utopische Idee, dass alle europäischen Staaten die gleichen Interessen haben, mit dem Begriff "Schicksalsgemeinschaft", aber in Wirklichkeit ist diese selige Vision nichts anderes als ihre auf die internationale Ebene gehobenen unitarischen Vorstellungen von innerstaatlichen Regelungen: Wenn die Interessen aller Bürger als gleich gelten, warum sollten dann nicht auch die Interessen der verschiedenen Nationen identisch sein? Durch die einschläfe rnde Sprache der Unvermeidlichkeit und des Determinismus räumt dieser verwaltungstechnische Ansatz der Regierung den Begriff der politischen Wahl und Führung aus dem Weg. Er macht die Regierung anonym und verwischt die Verantwortungslinien, die die eigentl iche Grundlage der Demokratie bilden. Er lässt keinen Raum für die Vorstellung, die der Doktrin der "Rechtsstaatlichkeit" zugrunde liegt: dass die Bürger im Rahmen des Gesetzes auf der Grundlage ihres Verständnisses der Situation, in der sie sich befinden, intelligent miteinander umgehen. Indem dieses Grundgefüge einer freien Gesellschaft ignoriert oder heruntergespielt wird indem nicht erkannt wird, dass gerade die Unvorhersehbarkeit des individuellen wirtschaftlichen Verhaltens eine Stärke ist - läuft diese planerische Vision auch Gefahr, die Quellen des Wohlstands zu zerstören. Der Glaube, dass die parlamentarische Herrschaft anarchisch ist, dass der Markt unorganisiert ist und dass die freie Interaktion zwischen Nationen zu Krieg führt, ist alt. Es ist an der Zeit, die Herkunft dieser Ideen zu untersuchen und zu fragen, welche politischen, konstitutionellen und wirtschaftlichen Auswirkungen es hat, ihnen zu folgen.


Die Waffen-SS kämpft für Europa", heißt es auf einer Ausstellung der französischen Waffen -SS in Paris im Januar 1944. Etwas mehr als ein Jahr später gehören Soldaten der französischen Waffen -SS-Division "Charlemagne" zu den letzten, die den Reichstag in Berlin gegen die Sowjets verteidigen.


II Faschisten und Föderalisten "Ich bin überzeugt, dass die Menschen in fünfzig Jahren nicht mehr in Ländern denken werden. Joseph Goebbels, 1940¹

Nach dem Verwaltungsverständnis der Regierung führt Nationalität zu Nationalismus, der zu Krieg führt. Davor hat der deutsche Bundeska nzler im Februar 1996 in einer Rede im belgischen Löwen gewarnt, als er sagte, die europäische Integration sei "eine Frage von Krieg und Frieden im einundzwanzigsten Jahrhundert". ² Der Vorsitzende der deutschen Grünen hat denselben Gedanken noch provokante r ausgedrückt, indem er sagte, nach Auschwitz sei es nicht mehr zulässig, "gegen Europa" zu sein. Pro Europäismus, so scheint es, ist der Lackmustest für politische Seriosität. In ähnlicher Weise wird behauptet, das Projekt der europäischen Integration sei aus den Folgen des Zweiten Weltkriegs und als Gegenmittel zu diesem entstanden. Während dieses Konflikts, so die Argumentation, habe der Nationalismus seine abscheulichsten Auswüchse erreicht, und so erkannten die Befürworter der europäischen Integration, dass die europäischen Staaten durch supranationale Institutionen zusammengehalten werden müssten, damit nie wieder Krieg in Europa wütet. So erklärte ein Mitglied des Bundesbankdirektoriums im November 1995, die Währungsunion sei "als letzter Schritt eine s Integrationsprozesses zu sehen, der nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen wurde, um Europa Frieden und Wohlstand zu bringen, und der in den Römischen Verträgen seinen ersten klaren Ausdruck gefunden hat".³ Nach dieser Version der Geschichte hat der Glaube an den Supranationalismus seinen Ursprung in den Überlegungen der Widerstandskreise während des Zweiten Weltkriegs. Im Jahr 1943 erklärten die politischen Thesen und allgemeinen Richtlinien des Movimento Federalista Europeo, dass die Nation en nicht mehr das Recht haben sollten, Krieg zu führen und Frieden zu schließen. Die Autoren waren der Ansicht, dass in einer Nachkriegswelt, in der jeder Staat seine nationale Souveränität beibehält, die Grundlage für einen dritten Weltkrieg weiterhin bes tehen würde. Militarismus, Despotismus und Kriege", so schrieben sie, "können nur durch die Schaffung einer europäischen Föderation abgeschafft werden, auf die souveräne Rechte übertragen werden, die die Interessen aller Europäer


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betreffen: Rechte, die heute in den Händen der Nationalstaaten liegen, bringen Tod und Zerstörung mit sich. " ⁴ Das Argument lautet, dass die Staaten, wenn sie frei sind, sich gegenseitig bekämpfen werden und dass deshalb ihre Freiheit eingeschränkt und ihre souveränen Befugnisse unter supranationale Kontrolle gestellt werden müssen. Der Gedanke, dass die Bevölkerung selbst unverantwortliches Handeln der Herrschenden einschränken könnte, scheint in dieser Gleichung keine Rolle zu spielen. Der Stammbaum dieser Theorien ist jedoch weit weniger politisch korrekt, als ihre Befürworter glauben machen wollen. Insbesondere ist es falsch zu behaupten, dass die Ideologie der europäischen Einigung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist oder dass sie ü berhaupt nur in Opposition zu dessen schlimmsten Auswüchsen entwickelt wurde. Im Gegenteil, nicht nur die Nazis, sondern auch Faschisten und Kollaborateure aus vielen europäischen Ländern bedienten sich in großem Umfang der europäischen Ideologie, um ihre Aggressionen zu rechtfertigen. Nazis, Vichyisten, italienische Faschisten und andere verbrachten viele Kriegsjahre damit - wie sie oder ihre geistigen Väter in den 1930er Jahren - ausgeklügelte Programme zur wirtschaftlichen und politischen Integration Eur opas zu entwickeln. In der Zwischenzeit unternahm die deutsche Propaganda in den besetzten Ländern enorme Anstrengungen, um das übrige Europa davon zu überzeugen, dass die Arbeitsbedingungen der deutschen Arbeiter, ihr Sozialversicherungssystem und ihr Woh nungsbau, die Verkehrsinfrastruktur und die Wirtschaft im Allgemeinen weitaus besser seien als anderswo in Europa und dass Europa daher nach dem deutschen Modell integriert werden sollte. Hitlers Wunsch, eine einzige politische Einheit in ganz Europa zu schaffen, sein Die Notwendigkeit, in den besetzten Ländern um Unterstützung zu werben, und viele zentrale Elemente der nationalsozialistischen Philosophie (einschließlich der Faszination für die Planwirtschaft) führten zu einem kohärenten, pro-europäischen Gedankengut der Nationalsozialisten, das man nur als kohärent bezeichnen kann. Wenn seine Existenz zugegeben wird, wird der europäische Gedanke des Nationalsozialismus manchmal als eine heuchlerische Erfindung abgetan, die 1940 als Feigenblatt für die deuts che Aggression geschaffen wurde. Doch die Chronologie bestätigt dies nicht. Hitler hat sich während seiner gesamten Amtszeit, auch vor dem Krieg, regelmäßig auf Europa bezogen. (Sie sind unter anderem in einem reich bebilderten Bildband mit dem Titel "Euro pa" gesammelt, für den Ribbentrop das Vorwort schrieb.⁵) 1937 sagte er beispielsweise auf dem Reichsparteitag in Nürnberg: "Wir sind vielleicht mehr an Europa interessiert, als es andere Länder zu sein brauchen. Unser Land, unser Volk, unsere Kultur und unsere Wirtschaft sind


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aus den allgemeinen europäischen Verhältnissen erwachsen. Deshalb müssen wir der Feind jedes Versuchs sein, Elemente der Zwietracht und der Zerstörung in diese europäische Völkerfamilie einzubringen. " ⁶ In ähnlicher Weise organisierte Rudolf Hess 193 8 auf dem NS-Parteitag eine Ausstellung mit dem Titel "Europas Schicksalskampf im Osten", in der erklärt wurde, warum die deutsche Kolonisierung Russlands den barbarischen Slawen die europäische Zivilisation bringen würde. ⁷ Noch bevor die Nazis an die Mach t kamen, im Jahr 1932, nahm Alfred Rosenberg, ein prominenter Nazi, an einem "Europakongress" in Rom teil. ⁸ Die europäische Propaganda der Nazis kann auch nicht als bloße Propaganda abgetan werden. Dafür war sie zu ausgeklügelt, wie wir bei näherer Betrachtung sehen werden. Die verschiedenen Themen greifen nicht nur ineinander, um eine kohärente Philosophie zu bilden; man könnte sogar sagen, dass die Überzeugung der Nationalsozialisten, selbstlos für ein neues Europa zu kämpfen, die Räder der deutschen Aggr ession geradezu geölt hat. Die Aufmerksamkeit auf die Details der nationalsozialistischen Propaganda über Europa zu lenken, soll nicht bedeuten, dass moderne Pro -Europäer Faschisten sind. Das wäre absurd. Moderne Pro -Europäer sind offensichtlich weder rassistisch noch militärisch aggressiv. Der Zweck ist vielmehr ein vierfacher. Erstens ist es von einfachem historischem Interesse, das noch nicht ausreichend untersucht wurde, dass diese Ideen in den Kriegsjahren von den grausamsten Unholden Europas diskutier t wurden. Zweitens geht es darum, das Argument zu widerlegen, dass diejenigen, die gegen die europäische Integration sind, irgendwie mit dem Teufel im Bunde sind, wenn sie die Nationalstaatlichkeit unterstützen. Wie wir sehen werden, ist es genau andersherum. Drittens soll gezeigt werden, wie leicht man in heuchlerische Positionen abrutschen kann: Indem man vorgibt, alles für "Europa" zu tun, lassen sich viele eigennützige Handlungen leicht verschleiern. Aber viertens, und das ist der sensibelste Punkt, geh t es darum, zu argumentieren, dass die Ablehnung des Nationalstaates als lebensfähige politische und wirtschaftliche Einheit antiliberale Implikationen hat. Dieser Gedanke wird an anderer Stelle des Buches weiter ausgeführt; dieses Kapitel schließt jedoch mit einigen modernen pro-europäischen Autoren, die ausdrücklich gesagt haben, dass die Werke einiger Nazi-Theoretiker das moderne pro -europäische Denken nähren. Es wird auch auf einige persönliche Verbindungen zwischen der Kriegszeit in Frankreich und Belg ien und dem europäischen Aufbau der Nachkriegszeit hingewiesen. Mit diesen Punkten im Hinterkopf wird der Leser nun aufgefordert, sich eingehend damit zu befassen, was die Nazis und ihre Verbündeten tatsächlich sagten.


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Die faschistische Verachtung des souveränen Nationalstaates

Die übliche Sichtweise ist, dass Faschisten als hysterische Nationalisten den Nationalstaat und alles, was er tut, verherrlichen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Erstens ist es offensichtlich, dass H itler sich wenig um die nationale Souveränität der Länder kümmerte, die er eroberte. Zweitens ist es wichtig zu begreifen, dass die Faschisten den Nationalstaat bei weitem nicht verherrlichten, sondern ihn im Allgemeinen hassten. Dies zu erkennen, bedeutet, einen wichtigen Punkt über das Wesen des Faschismus selbst und die gefährliche unpolitische Mentalität, die ihn inspirierte, zu erkennen. Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, die ideologischen Wurzeln von Nationalsozialismus und Faschismus kritisc h zu beleuchten. Es ist jedoch klar, dass es sich um grundsätzlich anti -individualistische, anti -liberale, antiparlamentarische und anti -kapitalistische Bewegungen handelte. (In der Tat, wie der französische faschistische Schriftsteller Pierre Drieu La Ro chelle sagte: "Wir sind gegen alles. Wir bekämpfen alle. Das ist Faschismus. " ⁹) Vor allem hassten die Faschisten die Idee, dass kleine Nationen oder Individuen ihre eigenen Entscheidungen treffen könnten. Wenn man sich genau ansieht, was Nazis und andere Faschisten tatsächlich sagten, wird klar, dass sie davon überzeugt waren, dass groß schön ist, und dass sie für Pluralismus nur Verachtung übrig hatten. Vielfältigkeit bedeutete Unordnung. Darüber hinaus ist der Rassismus als eine Form des materialistische n Determinismus ein nicht -nationales Konzept. Die Rasse überschreitet die Grenzen der Nation und des Staates, und die rassistische Theorie ist somit per definitionem eine internationale Doktrin. Sie ist auch unpolitisch, da sie von der Auffassung ausgeht, dass Gemeinwesen und politisches Verhalten durch biologische Kräfte bestimmt werden und nicht durch freie Wahl oder verständliches öffentliches Verhalten. In der Tat betrachtet der Rassismus Wahlmöglichkeiten und Freiheit oft als irrational, verglichen mit der "Wissenschaft", die er vorgibt zu sein. Aber wenn Individuen nicht frei sind oder nicht frei sein sollten, dann gibt es keinen Grund, warum Gruppen von Menschen oder Nationen das auch nicht sein sollten. Keiner der nationalsozialistischen oder pro -nationalsozialistischen Autoren lehnte das Prinzip der Nationalität rundweg ab. Wie das Deutsche Institut für Auswärtige Politikforschung behaupteten sie im Allgemeinen, die "Europa Idee" sei "die Idee einer geistigen und politischen Zusammenarbeit, die zu einer höheren Einheit zusammenführt, ohne jedoch die nationalen Unterschiede zu zerstören". ¹⁰ Ein spanischer Nazi-Anhänger war typisch, als er schrieb, dass die neue europäische Ordnung nicht geschaffen werden könne,


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ohne auf dem festen Boden des nationalen Geistes zu stehen; aber er argumentierte wie die an deren auch, dass Europa in der Vergangenheit nicht in der Lage gewesen sei, sich zu behaupten, weil es in nationale Gruppen aufgeteilt war. ¹¹ Ein italienischer Faschist schrieb von der Notwendigkeit, eine organische europäische Einheit zu schaffen und die nationale und politische Individualität der europäischen Völker zu bewahren. ¹² Und der Präsident des Deutschen Instituts für Auswärtige Politik, Karl -Heinz Pfeffer, vertrat 1944 die Auffassung, dass der "europäische Nationalismus" zwar notwendig sei, abe r den Nationalismus der europäischen Völker nicht zerstören dürfe, "sondern ihn im hegelschen Sinne sublimieren müsse, so dass er weiterbesteht, aber zu einem lebendigen Element einer größeren Einheit wird ... . Was wir anbieten, ist nicht so sehr ein Prog ramm als vielmehr eine Idee - die Idee Europas selbst."¹³ Andererseits war die Ablehnung des souveränen Nationalstaates als lebensfähige politische und wirtschaftliche Einheit im nationalsozialistischen und faschistischen Denken ausdrücklich vorhanden. Wer ner Daitz, der prominente nationalsozialistische Wirtschaftswissenschaftler, griff die Konzepte der nationalen Souveränität und Staatlichkeit selbst an: 1938 argumentierte er, dass das nationalsozialistische völkische* Denken das Primat des Staates auflöst e, eine Idee, deren Ursprünge im britischen politischen Denken und in der französischen Revolution lagen. Wenn der biologische, auf dem Leben basierende Prozess, durch den die europäische Völkerfamilie wieder zusammenwächst, einen gewissen Abbau der staatl ichen Souveränitäten der einzelnen Völker erfordert, die von der englischen politischen und rechtlichen Philosophie in den letzten vierhundert Jahren übertrieben worden sind, dann wird dieser notwendige Abbau der staatlichen Souveränität durch eine Zunahme der völkischen Souveränität ausgeglichen werden. "¹⁴ Das völkische Denken, so machte Daitz deutlich, sei das Gegenteil von Liberalismus, Kapitalismus und Parlamentarismus, die jeweils nur Aspekte ein und derselben Sache seien. Staatliche Souveränität, erklärte er, dürfe niemals primär oder gar Selbstzweck sein. Durch diese falsche englische politische Philosophie wird die biologische Zusammengehörigkeit, die biologische Gesamtheit der europäischen Völkerfamilie, zerschnitten und aufgelöst in staatliche Souveränitäten, die nichts miteinander zu tun haben. " ¹⁵ Daitz vertrat die Auffassung, dass die Nation klein und egoistisch sei im Vergleich zu dem großen gemeinsamen Unternehmen, das Europa sei. Diese neue Moral * Da s W ort " völ ki s ch " k an n n ich t an g e m e s se n i n s E n g li s ch e ü b e r s etzt w erd en . Ab g e le it et von " Vo lk " wa r e s ein z e n tral e s n at ion a l soz ial i st is ch e s Kon z ep t mit sta rk ra s si st i sch en u n d rea kti on är en K on n ot ati on en , d i e d a s n äch s tl i eg en d e e n g li s ch e Ä q u i va le n t, "n ati on al ", n ich t e r fa s s en kan n .


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innerhalb der europäischen Völkerfa milie ... muss auch eine Haltung der gegenseitigen Bevorzugung der europäischen Völker in politischen und kulturellen Fragen voraussetzen oder bewirken. Die gemeinsamen Interessen Europas haben Vorrang vor den egoistischen Interessen der Nationen. " ¹⁶ So war es eine gängige Diagnose, dass Europa im neunzehnten Jahrhundert jegliches Gemeinschaftsgefühl vermissen ließ und stattdessen durch egoistische Rivalität und Wettbewerb gespalten war. Dieser Gedanke ist im modernen pro-europäischen Diskurs verbrei tet, der die Idee der "Gemeinschaft", die er zu verteidigen glaubt, von der Idee des egoistischen nationalen Eigeninteresses unterscheidet, das er für selbstzerstörerisch und chaotisch hält. In einem pro -nazistischen Werk aus dem Jahr 1944 mit dem Titel Deutsche Taten für Europa heißt es, dass vor Bismarck "Europa schmerzhaft zerfiel und seine Staaten gegeneinander krachten. Es hatte längst jeden verbindlichen Gemeinschaftssinn verloren. Seine einzelnen Teile hatten sich zu scharf abgegrenzten Interessenzon en entwickelt, die auf engem Raum zusammengedrängt waren. Die Bewohner der einzelnen Zonen betrachteten die anderen Zonen mit Neid und Misstrauen und wachten ehrgeizig über die Vorteile der anderen. In der Tat strebten sie oft nach ihrer eigenen Vergrößerung auf Kosten der schwächeren Nachbarn. " ¹⁷ Ähnlich schrieb ein Schwede: "Wir müssen lernen, Europäer zu werden. Wir müssen begreifen, dass die Zeit der europäischen Bürgerkriege enden und die Zeit der Zusammenarbeit beginnen muss. " ¹⁸ Arthur Seyss-Inquart, der österreichische Minister für Sicherh eit und Inneres von 1938, der später Kommissar für die besetzten Niederlande wurde, vertrat ebenfalls die Ansicht, dass der Nationalstaat klein und mickrig sei im Vergleich zu dem großen Ensemble, das Deutschland in Europa schuf. An seine niederländischen Untertanen gewandt, sagte er: Über den Begriff des Nationalstaates hinaus wird die Idee einer neuen Gemeinschaft den Lebensraum, den die Geschichte uns allen gegeben hat, in ein neues geistiges Reich verwandeln ... . Das neue Europa der Solidarität und der Zusammenarbeit aller seiner Völker, ein Europa ohne Arbeitslosigkeit, Wirtschafts - und Währungskrisen, ein Europa der Planung und der Arbeitsteilung, das über die modernsten Produktionstechniken und ein auf gemeinsamer Grundlage entwickeltes kontinentales Handels- und Kommunikationssystem verfügt, wird nach der Beseitigung der nationalen Wirtschaftsschranken eine sichere Grundlage und einen rasch wachsenden Wohlstand finden. Zweifellos mit Blick auf die Sorgen seiner Zuhörer fuhr er fort: "Talente verkümmern, wenn sie auf kleine nationale politische und geografische Grenzen beschränkt sind. In einem größeren Rahmen ist es auch für kleine


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Länder und ihre Bürger möglich, ihr kulturelles, wirtschaftliches und menschliches Potenzial voll zu entfalten. Nationen und Menschen können sich nur dann voll entfalten, wenn sie aktiv an einer großen Schicksalsgemeinschaft teilnehmen. "¹⁹ Walther Funk, der nationalsozialistische Finanzminister, stimmte zu, dass die gemeinsamen Interessen Vorrang vor den partikularen Interessen haben müssten. Es muss die Bereitschaft bestehen, die eigenen Interessen in bestimmten Fällen den Interessen der Europäischen Gemeinschaft unterzuordnen", schrieb er. ²⁰ In ähnlicher Weise argumentierte der vichyistische Wirtschaftswissenschaftler Francis Delaisi, dass zu den Kriegszielen Deutschlands und seiner Verbündeten nicht nur die Zerstörung des Liberalismus, sondern auch die Überwindung der Aufteilung der Welt in Nationalstaaten gehörte: Für die Männer der Achse ist das Universum zu groß... die Nation zu klein: die Welt muss in "vitale Räume" aufgeteilt werden.'²¹ Wie die modernen Pro -Europäer glaubten auch die Nazis, dass das nationalstaatliche System die Teilung und den Krieg in Europa förderte und dass die Kriege in Europa aufhören würden, wenn es überwunden werden könnte. Ein Nazi-Propagandist bestand darauf, dass die neue Ordnung in Europa die Ursachen bese itigen würde, die in der Vergangenheit zu innereuropäischen Kriegen geführt hatten. Die Nationen Europas würden sich nicht mehr gegenseitig feindlich gegenüberstehen, und das Zeitalter des europäischen Partikularismus würde für immer vorbei sein. In einem friedlichen Europa, das als höhere Einheit organisiert ist, werden alle europäischen Nationen ihren rechtmäßigen und würdigen Platz finden. " ²² In ähnlicher Weise vertrat Vidkun Quisling, der norwegische Kollaborationsführer, die Ansicht, dass Europa nur d ann stark und friedlich sein würde, wenn es vereint wäre: "Wir müssen ein Europa schaffen, das sein Blut und seine Kraft nicht in internen Konflikten verschwendet, sondern eine kompakte Einheit bildet. Auf diese Weise wird es reicher, stärker und zivilisierter werden und seinen alten Platz in der Welt wieder einnehmen. " ² ³ Ein Beamter des nationalsozialistischen Außenministeriums schrieb in ähnlicher Weise, dass es das Ziel der Neuen Europäischen Ordnung sein würde, die Ursachen zu beseitigen, die in der Ve rgangenheit zu Kriegen in Europa geführt hatten, die Zeit der Intestine -Kriege zu beenden und den "europäischen Partikularismus" zu überwinden. Europa ist zu klein geworden für Fehden und in sich geschlossene Souveränitäten. Ein zersplittertes Europa ist zu schwach, um seinen individuellen Charakter zu bewahren und den Frieden zu erhalten, während es sich selbst als Kraft in der Welt behauptet "²⁴: Nationale Spannungen und kleinliche Eifersüchteleien werden in einem frei föderal organisierten Europa ihre Bedeutung verlieren. Die weltpolitische


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Entwicklung besteht zwangsläufig in der Bildung größerer politischer und wirtschaftlicher Sphären.'² ⁵ Selbst Hitler, der sich weniger für die europäische Idee interessierte als sein Propagandachef Joseph Goebbels oder sein Außenminister Joachim von Ribbentrop, vertrat die Ansicht, dass ein auf unabhängigen Nationalstaaten basierendes europäisches System anarchisch sei. Im August 1941 gaben er und Mussolini ein gemeinsames Kommuniqué heraus, in dem es hieß, dass die neue europäische Ordnung, die auf den Sieg der Achsenmächte folgen würde, die Ursachen beseitigen sollte, die in d er Vergangenheit zu europäischen Kriegen geführt hatten. Die Vernichtung der bolschewistischen Gefahr und der plutokratischen Ausbeutung wird die Möglichkeit für eine friedliche, harmonische und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen allen Völkern des europäischen Kontinents schaffen, sowohl im politischen als auch im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich. ²⁶ In ähnlicher Weise bestand Hitler 1943 darauf, dass "das Durcheinander der kleinen Nationen" (für das er das verächtliche W ort "Kleinstaatengerü mpel" verwendete) liquidiert werden müsse. (Das Wort "Kleinstaaterei" wird von den heutigen Deutschen verwendet, um die Aufteilung Europas in Einzelstaaten als anachronistisch abzutun.) Ziel des nationalsozialistischen Kampfes war es, stattdessen ein vereintes Eur opa zu schaffen.²⁷ Nach dem Überfall auf die Sowjetunion äußerte sich Hitler gegenüber dem italienischen Botschafter Graf Ciano sehr positiv über das "europäische Zusammengehörigkeitsgefühl". ²⁸ Er soll gesagt haben, dass die Zukunft "nicht dem lächerlichen, halbzivilisiert en Amerika, sondern dem neu entstandenen Europa gehört, das sich mit seinem Volk, seiner Wirtschaft und seinen geistigen und kulturellen Werten auch endgültig durchsetzen wird, unter der Bedingung, dass der Osten in den Dienst der europäischen Idee gestell t wird und nicht gegen Europa arbeitet... Die ältere Kultur und das höhere geistige Niveau Europas würden am Ende den Sieg davontragen.'²⁹ Da die Faschisten glaubten, die Vorboten einer neuen Ordnung zu sein (ein Großteil des faschistischen Gedankenguts war offenkundig futuristisch), argumentierten sie, dass das Konzept der nationalen Souveränität einfach überholt sei - eine Ansicht, die he ute von Pro-Europäern vehement vertreten wird. In Vichy-Frankreich erklärte der ranghöchste Vichy -Minister und Hitler Verehrer Jacques Benoist -Mechin, der von Juni 1941 bis September 1942 als Staatssekretär in der Vichy -Regierung für die deutsch -französischen Beziehungen zuständig war, dass die französische Kollaborationspolitik "die Aufgabe alter Illusionen" erfordere. Frankreich könne sich dem neuen Europa nur anschließen, "wenn es alle zerbröckelnden Formen des Nationalismus aufgibt - der in Wirklichkeit nur ein anachronistischer Partikularismus war -


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und wenn es seinen Platz in der europäischen Gemeinschaft mit Ehre einnimmt... " ³⁰ Die italienischen Faschisten vertraten ähnliche Ansichten. Aldo Bertele vertrat in seinem Aufsatz "Über das Prinzip der Nationalität: Die Ursprünge, das Leben und die Überwindung der Nationalitäten", dass die internationale Anarchie aus dem Primat des Nationalstaats als Grundlage der Weltordnung resultiere. ³¹ Ein anderer italienischer Komm entator behauptete, dass das Nationalitätsprinzip selbst im Widerspruch zum Wirtschaftsleben der modernen Staaten stehe. ³² Einer der prominentesten und intelligentesten Mitarbeiter Mussolinis, Giuseppe Bottai, Mussolinis Erziehungsminister, der die Zeitsch rift Critica Fascista herausgab (und dessen Name 1995 in die Zeitung kam, als der Bürgermeister von Rom eine Straße nach ihm benennen wollte), schrieb 1943:

Der Nationalismus kann entweder als unausweichlicher Bestandteil der menschlichen Weltanschauung o der als die Verknöcherung eines politischen Prinzips betrachtet werden, das ausgedient hat. Im letzteren Fall wird er irgendwann zu einem Hindernis für den allgemeinen Fortschritt der Zivilisation. Er kann dies entweder zufällig tun, indem er lebenswichtige Probleme verschärft, für die er keine Lösung anbietet, so dass es keinen anderen Ausweg als den des Kommunismus gibt, oder aber durch die ihm innewohnende Eigenschaft, die Entwicklung der erhabensten Produkte des menschlichen Geistes, sei es auf dem Gebi et der Kultur oder der Industrie, zu hemmen und seine höchsten Ansprüche zu vereiteln.³³

Oder Alberto de Stefani, ein Dozent für Finanzen und politische Ökonomie, der vom Marsch auf Rom (Oktober 1922) bis 1925 Finanzminister war - und der mit einer deflationistischen Politik des Haushaltsausgleichs und der Begrenzung der Staatsausgaben verbunden war - schrieb (mit ausdrücklichem Respekt vor dem nationalsozialistischen Wirtschaftsminister Walther Funk, dessen öffentliche Erklärungen ständige Bezugspunkte fü r die faschistischen Formulierungen einer neuen Wirtschaftsordnung in Italien waren ³⁴):

Die Nationalitäten bilden aufgrund ihrer Vielfalt und ihrer traditionellen Unnachgiebigkeit keine solide Grundlage fü r die geplante neue Ordnung... . Die Geschichte zeigt, dass Unvereinbarkeiten aufgrund von nationalistischer Unnachgiebigkeit und über triebenem Autonomiestreben zu Reibungen und Kriegen führen... Es ist allen klar,


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dass das Fortbestehen eines unnachgiebigen Nationalismus, der blind für die Notwendigkeit einer kontinentalen Politik ist, Europa schließlich gegen sich selbst aufgebracht hat... Wenn es gelingt, das nationalistische Prinzip in dem Sinne zu überwinden, daß es mit dem Prinzip der Einheit in Einklang gebracht wird, so muß diese Lösung ihre eigene Garantie und ihr angemessenes Gegenstück in der Ach tung gewisser geistiger Autonomien und der Interessen der einzelnen Völker in angemessenem Verhältnis zu denen des gesamten Kontinents finden. Wenn die neue Ordnung stabil und fruchtbar sein soll, muss sie sich auf dieses Prinzip stützen. Die Folgen von üb ermäßigem Nationalismus und territorialer Zersplitterung sind für alle erfahrbar. Es gibt also nur eine Hoffnung auf Frieden durch einen Prozess, der einerseits das unveräußerliche, fundamentale Erbe jeder Nation respektiert, andererseits aber diese mäßigt und einer kontinentalen Politik unterordnet ... Eine europäische Union könnte nicht den Schwankungen der Innenpolitik unterworfen sein, die für liberale Regime charakteristisch sind. ³⁵

Ein weiterer wortgewaltiger faschistischer Gegner des Nationalstaates war Camillo Pellizi, der Herausgeber der Zeitschrift Civilta Fascista. In einem Artikel mit dem Titel "Die Idee von Europa " ³⁶ argumentierte Pellizi, dass das neue Europa die Nationalität nicht zerstören würde: "Ein neues Europa: das ist der Punkt, und da s ist die Aufgabe, die vor uns liegt. Es bedeutet nicht, dass die Italiener, die Deutschen und alle anderen Nationen der europäischen Familie ihre Flecken wechseln und sich selbst oder einander von einem Tag auf den anderen oder von einem Jahr auf das ande re nicht mehr wiedererkennen sollen. Es wird ein neues Europa sein, weil eine neue Inspiration und ein neues bestimmendes Prinzip unter all diesen Völkern entstehen wird. Auf der anderen Seite würde das faschistische Prinzip den "Partikularismus" der europäischen Nationalstaaten überwinden: Die Achse ist oder kann der erste definitive Schritt sein, um das typisch europäische Phänomen, das wir Nation nennen, zu überwinden oder in einer höheren Form zum Ausdruck zu bringen, mit seiner unvermeidlichen, man kön nte sagen physiologischen Folge des Nationalismus... Man kann Europa nicht ohne die Nationen oder gegen sie "erschaffen": Man muss es aus den verschiedenen Nationen erschaffen und dabei den nationalen Partikularismus so weit wie nötig unterdrücken. " ³⁷ Pellizi schloss seinen Bericht mit einigen metaphysischen Begründungen für seinen Wunsch, die Nationen Europas zu einer höheren Einheit zu verschmelzen. Es geht darum, von der partikularen und parochialen Einheit wegzukommen, von der fensterlosen Monade der einzelnen Nation, die sich


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selbst als das A und O ihrer Handlungen und Motivationen sieht. Wir beide müssen eins werden und doch verschieden bleiben, damit aus diesem Zwei -ineinem das Viele-in-einem entstehen kan n, das das neue Europa ausmachen muss, wenn es jemals entstehen soll " ³⁸. Es ist vielleicht nicht verwunderlich, dass Pellizi im August 1943, d. h. nach der Landung der Alliierten in Italien, vom "Movimento Federalista Europeo" wegen seiner Arbeit zur europäischen Integration unter Mussolini kontaktiert wurde. Obwohl die Föde ralisten den Kontakt zu ihm fast sofort abzubrechen schienen, gab er seine Grundüberzeugungen nicht auf. In der Tat klingen seine Schriften nach der Landung der Alliierten in Italien wie ein Aktionsplan für die Art von Integration "hinter den Kulissen", di e Jean Monnet in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zu seinem Markenzeichen machen sollte: "Das Problem der Hierarchie der Staaten wird sich nicht mehr stellen, zumindest nicht in seiner üblichen Form, wenn wir dem Drachen den Kopf abgeschlagen haben, d. h. dem Begriff der staatlichen Souveränität. Dies muss im Übrigen nicht direkt geschehen, sondern kann indirekt erreicht werden, z.B. durch die Schaffung zwischenstaatlicher europäischer Gremien, die sich um bestimmte gemeinsame Interessen kümmern (We chselkurse, Kommunikation, Außenhandel usw., dann Verteidigung und Kolonien usw.). ³⁹ In der Nachkriegszeit erkannten die Faschisten weiterhin, dass die Vielfalt des nationalstaatlichen Systems ein Hindernis für ihre großen Pläne auf dem Kontinent war. Der ehemalige Führer der British Union of Fascists, Sir Oswald Mosley, setzte sich nach dem Krieg intensiv für die europäische Integration ein. Im Jahr 1953 gründete er die Zeitschrift The European, und 1958 veröffentlichte er das Buch Europe: Faith and Plan - A Way Out from the Coming Crises and an Introduction to Thinking as a European. ⁴⁰ Darin schrieb er: "Wir brauchen den Schwung und den Idealismus des Volkes, um das Labyrinth der Diplomatie und des Feilschens zu durchbrechen, das heute die europäische Einigung behindert. Die Staatsmänner der gespaltenen Nationen verlieren sich im Detail ihrer Suche nach kleinen individuellen Vorteilen, und das Ganze, das allein dem wirklichen Vorteil aller dienen kann, gerät in Vergessenheit. "⁴¹ Ohne Einheit sei Europa zur Schwäche verdammt: "Können diese relativ kleinen, isolierten, einzelnen Nationen Westeuropas fünfzehn Jahre lang auf den Weltmärkten dem Wettbewerb des normalen amerikanischen Produktionsüberschusses und dem absichtlichen marktbrechenden Dumping der Sowjets zu Preisen unterhalb der europäischen Produktionskosten standhalten? ⁴² Nein, denn "kleine, einzelne Nationen sind für ihre Industrien von externen Rohstofflieferungen abhängig ... sie sind gezwungen, diese Notwendigkeiten durch Exporte zu bezahlen, die im offenen Wettbewerb auf den Weltmärkten verkauft werden, unter Bedingungen, auf die sie keinerlei Einfluss haben". ⁴³ Er schloss: 'Wir brauchen ein geschlossenes


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System, das vom Weltkostensys tem unabhängig ist, aber innerhalb des notwendigen Bereichs kann es eine freie Wirtschaft sein' ⁴⁴.*

Die Besessenheit Interdependenz

von

moderner

Technologie

und

wirtschaftlicher

Einer der Hauptgründe für die Überzeugung der Faschisten, dass der Nationalstaat am Ende sei, lag in der technologischen Entwicklung. Sie waren der Meinung, dass die Vorstellung von nationaler Souveränität in einer modernen Welt mit einer voneinander abhängigen Wirtschaft, internationalem Verkehr und elektronischer Telekommunikati on einfach anachronistisch sei. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, was sie sagten. Camillo Pellizi, zum Beispiel, argumentierte:

Kein einziges europäisches Land kann heute und erst recht nicht in Zukunft hoffen, militärisch, wirtschaftlich oder kulturell mit den großen Mächten zu konkurrieren, die außerhalb Europas im Entstehen begriffen oder bereits im Entstehen begriffen sind ... . Die moderne Technologie benötigt riesige Flächen und ungeheure Ressourcen, um ihre höchste Effizienz zu erreichen, und auße rhalb Europas gibt es diese riesigen Gebiete und Ressourcenkonzentrationen bereits oder sie sind dabei, sich zu bilden. Schon aus elementaren Gründen der Verteidigung muss Europa entweder zu einer "Konzentration" (ein hässlicher, aber aussagekräftiger Begr iff) ähnlichen Ausmaßes werden oder sich damit abfinden, über kurz oder lang ein bloßes Anhängsel des asiatischen Kontinents zu werden... Zu viele altmodische nationale Interessen veralteter und partikularistischer Art, ob bewusst oder unbewusst, * Al s d i e s er Au to r a m 2 2. S ep t e mb er 19 96 ein en A rti ke l i m Su n d ay T el eg rap h v erö f f en t li ch t e, in d e m e r a u f d i e p ro - eu rop äi sch e Id eo log i e vo n S ir O s wal d Mo sl ey h in wi e s, lö st e d e r Ar tik e l in p r o -e u rop äi s ch e n Kr ei s en E mp öru n g au s. D o ch Mo sl ey s W it w e, Lad y Dia n a Mo sl ey , s ch i ckt e ein en B ri e f an d en Her au sg eb er d er Ze itu n g, u m d en Ar tik e l zu u n te r stü tz en , d er am 6. Okto b e r v erö f f en t li c h t wu rd e. Mo s l ey s W ir ts ch a ft sp o li tik d e r Vor kri e g sz eit b a s i ert e v oll st än d i g au f u n s e re m E mp ir e" , s ch r ie b si e . 19 45, a ls d a s E mp i r e v er lor en war, b e sch lo s s er , d a s s d i e e in zi ge akz ep tab l e u n d p r of itab le R ol le fü r Gr oßb r itan n i en in d er e u rop ä i sch en Un i on la g. Fü r d en R e st s ein e s L eb en s b eton t e er d ie s in s ein en R ed en u n d S c h ri ft en . G roß b ri tan n ien v er b lü f ft e E u r op a d u r c h s e in e zö g erl i ch e Tak tik u n d li eß j ed e G el eg en h e it u n g en u t zt v er s tre ic h e n . J etz t, wo d i e r el ati v e S ch wäch e im m er m eh r zu n i m mt, i st d ie Un i on u n ve r zich tb ar ge w ord en . Wi r h a b en a u f d er gep u n kt et en Lin ie u n t e rs ch r i eb en u n d d ü rf en n ich t zu l a ss en , d a s s e i n ge f l ei sc h t e Tor ie s ein e b lü h en d e Zu ku n ft f ü r u n s er Lan d ze r stö ren .


Faschisten und Föderalisten

haben zum Ausbruch des gegenwärtigen beeinflussen noch immer seinen Verlauf. ⁴⁵

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Krieges

geführt

und

Die Nationalsozialisten waren in der Regel der Ansicht, dass "die Entwicklung zu größeren Einheiten" wirtschaftlich unvermeidlich sei. Ein Beamter des nationalsozialistischen Außenministeriums, der für die Information zuständig war, teilte der Presse m it, dass "die Aufteilung Europas in kleine oder winzige nationale Volkswirtschaften und Kommunikationssysteme überholt ist. Keine Pässe und Visa mehr. Der allgemeine europäische Wohlstand wird Wohlstand und wirtschaftliche Sicherheit für alle Mitglieder mi t sich bringen. Die Einigung Europas ... erweist sich bereits als unvermeidliche Entwicklung nach den ehernen Gesetzen der Geschichte. " ⁴⁶ Auch der Führer der niederländischen Nazis, Anton Adriaan Mussert, vertrat die Ansicht, dass die technische Entwicklung die Völker der Welt einander näher bringt. Auf dem Gebiet der Wirtschaft und der Kommunikation", behauptet er, "geht die Entwicklung zu größeren Einheiten. Nach Jahrhunderten des Separatismus und der Dezentralisierung ist wieder eine Zeit gekommen, in der sich die europäischen Völker ihres Bedürfnisses nach Solidarität bewusst sind. " ⁴⁷ Joseph Goebbels, Hitlers Propagandazauberer, war e benfalls davon überzeugt, dass die Technologie die Völker zusammenbringt und Grenzen anachronistisch macht - ein Gedanke, der bei modernen Pro -Europäern und anderen, die vom Untergang des Nationalstaats sprechen, weit verbreitet ist. In einer Rede mit dem Titel "Das Europa der Zukunft" behauptete Goebbels, dass die Technik "nicht nur Stämme, sondern ganze Völker näher zusammengebracht hat, als es früher vorstellbar war. Während ich früher vierundzwanzig Stunden brauchte, um auf dem Umweg über die Presse von Berlin nach Prag zu sprechen, brauche ich heute nicht eine Sekunde länger ... Während ich früher zwölf Stunden brauchte, um mit der Bahn nach Prag zu fahren, kann ich heute in einer Stunde hinfliegen ... In dem Maße, wie diese technischen Errungenschaften genutzt werden, rücken die Kontinente zwangsläufig näher zusammen. Inzwischen wird den europäischen Völkern immer klarer, dass viele der Probleme zwischen uns nur Familienzwist sind, verglichen mit den großen Problemen, die heute zwischen den Kontinenten gelöst werden müssen. " ⁴⁸ Goebbels verwendet sogar die für die moderne europäische Ideologie so zentrale Metapher des "Grenzabbaus". Es bedeutet für euch, dass ihr bereits Mitglieder eines großen Reiches seid, das sich anschickt, Europa neu zu ordnen, die Schranken, die die europäischen Völker noch trennen, niederzureißen und ihnen das Zusammenkommen zu erleichtern. ⁴⁹ Wie viele andere Nazis und ihre Anhänger ging er davon aus, dass politische Einheiten vermeintlichen wirtschaftlichen "Räumen" entsprechen so llten und dass die


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Aufteilung Europas in Nationalstaaten daher analog und ebenso unsinnig sei wie die Aufteilung Deutschlands in Kleinstaaten nach dem Westfälischen Frieden von 1648. Über die europäische Einigung, die Deuts chland herbeigeführt hatte, schrieb Goebbels 1940. Vor etwa hundert Jahren hat unser Deutsches Reich einen ähnlichen Prozess durchlaufen. Damals war es in ebenso viele größere und kleinere Teile zersplittert, wie es heute Europa ist. Dieses Sammelsurium vo n Kleinstaaten war so lange erträglich, als die technischen Einrichtungen, vor allem die der Kommunikation, noch nicht so weit entwickelt waren, dass man in zu kurzer Zeit von einem kleinen Land zum anderen reisen konnte. Aber die Erfindung der Dampfkraft machte die alten Verhältnisse unerträglich.' ⁵⁰ Die vielleicht markanteste Behauptung von Goebbels ist, dass "in fünfzig Jahren" die Menschen nicht mehr "in Ländern denken" würden. Ich bin der festen Überzeugung", so Goebbels, "dass, so wie wir heute lächeln, wenn wir auf die parochialen Streitigkeit en zurückblicken, die die deutschen Völker in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts geteilt haben, so ... künftige Generationen werden sich über die politischen Auseinandersetzungen, die heute in Europa stattfinden, nicht minder amüsieren.' ⁵¹ Viele moderne deutsche Politiker betonen auch, dass es nicht mehr angebracht ist, in Begriffen von Nationen zu denken - als ob die Realität vom Verstand abhinge. Der altgediente Außenminister Hans -Dietrich Genscher sprach oft von der Notwendigkeit eines eur opäischen "Bewusstseins", als ob es mehr darauf ankäme, was die Menschen denken, als was sie tun.

Großraumwirtschaft* und Wirtschaftsgemeinschaft

die

nationalsozialistische

"Europäische

Die Nazis schlugen vor, die wirtschaftliche Integration zu nutzen, u m den europäischen Partikularismus nach Kriegsende zu beseitigen. Hier liegen in der Tat die auffälligsten Ähnlichkeiten zwischen dem nationalsozialistischen Gedankengut und dem Pro -Europäismus unserer Tage. In einem frühen Plan der Nazis für die europäisc he Integration hieß es, die wichtigste Voraussetzung sei die Beseitigung der "wirtschaftlichen Balkanisierung Europas": Es wird ein neuer großer Wirtschaftsraum entstehen, in dem sich die Wirtschaft nur noch in Grundzügen staatlich gelenkt entwickeln kann ...

* Gr ea t S p ac e E con o my " od e r "La rg e Ar ea E con o my ".


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Diese Schaffung wurde nach dem und die damit Ergebnis war die

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eines Wirtschaftsraumes im europäischen Maßstab Weltkrieg durch den diktierten Frieden von Versailles verbundenen Vert räge willkürlich verhindert. Das Gründung von 35 unabhängigen europäischen Staaten,

von denen 16 weniger als 10 Millionen Einwohner hatten, und die Schaffung von 7.000 Kilometern neuer Zollgrenzen. Einigungsversuche, wie z.B. der Anschluss des ehemaligen Staates Österreich an Deutschland, wurden vereitelt und das Regime der kleinen Wirtschaftseinheiten künstlich gefördert. ⁵² Mit anderen Worten: Der Hass auf den Nationalstaat und der Wunsch, einen großen europäischen Wirtschaftsraum zu schaf fen, waren zwei Seiten ein und derselben Medaille. In der Tat war es eine Untertreibung, wenn Vidkun Quisling sagte, dass es keinen Gegensatz zwischen der europäischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit und dem Nationalsozialismus gab. ⁵³ Dies lag nicht zuletzt an den geoökonomischen Zielen des Krieges, den Hitler begonnen hatte. Die Nazis waren davon überzeugt, dass sie gegen die britische Blockade eine wirtschaftliche Autarkie sicherstellen mussten. Die Unabhängigkeit, so meinten sie, würde erhöht, wenn die E uropäer sich selbst versorgen könnten. Was sie wirklich meinten, war, dass die Staatsmacht durch den Freihandel bedroht war: "Die Schaffung einer Weltwirtschaft hätte die Zerstörung der wirtschaftlichen Souveränität Europas bedeutet", wie es ein Ideologe l apidar formulierte⁵⁴. Die Geschichte der nationalsozialistischen Planungen für eine neue europäische Wirtschaftsordnung begann am 22. Juni 1940, als Göring Befehle erteilte, aus denen ein am 9. Juli 1940 der Reichskanzlei vorgelegtes Projekt für die "großräumige wirtschaftliche Einigung Europas " ⁵⁵ oder "Mitteleuropäische Wirtschaftsgemeinschaft " ⁵⁶ hervorging. Darin wurden die Festlegung fester Wechselkurse zwischen den Währungen anderer Länder und der Reichsmark, die Beseitigung der Zollschranken in Europ a und die Schaffung eines "zollfreien Absatzgebietes", die Notwendigkeit einer "stärkeren Einflussnahme bei Handelsverhandlungen und in den Beziehungen zu anderen Ländern" sowie der Schutz der Landwirtschaft genannt. Kurz darauf entwarfen zwei Beamte des Außenministeriums, Carl Clodius (stellvertretender Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik und später zuständiger Minister für die Wirtschaftsbeziehungen zu Italien und den Balkanländern) und Botschafter Ritter, Pläne für eine zukünftige "kontinentale Wirts chaft", für die Präferenzzölle, eine Zollunion, eine Zoll - und Währungsunion oder eine Wirtschaftsunion als Mögl ichkeiten vorgeschlagen wurden. ⁵⁷ Die Vorstellung der Nationalsozialisten von der "Großraumwirtschaft", zu der sie Europa machen wollten, beruht e auf der Idee, dass wirtschaftliche


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Aktivitäten und Interaktionen hauptsächlich auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt werden könnten und sollten. Einer der einflussreichsten Theoretiker dieser Auffassung war Werner Daitz, d er Leiter des deutschen Zentralinstituts für Volkswirtschaftsordnung und Großraumwirtschaft. Daitz verbrachte die meiste Zeit des Krieges damit, über den Begriff der Großraumwirtschaft zu schreiben und zu sprechen. Wie andere Nationalsozialisten sah er die Entwicklung eines wirtschaftlich und politisch integrierten Europas als Teil eines historischen antiliberalen Prozesses: Die Ideologien der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Parlamentarismus, die von Großbritannien im letzten Jahrhundert erfunden wur den, um diese unnatürliche Form des europäischen Lebens zu rechtfertigen und zu verlängern, verlieren an Boden und verschwinden zusammen mit dem ebenso unnatürlichen Phänomen der britischen Hegemonie. " ⁵⁸ Daitz argumentierte, dass die Entwicklung zur Großraumwirtschaft von unpersönlichen Faktoren wie dem Bevölkerungswachstum diktiert wurde. Dies habe zu einer "Spannung zwischen Lebensraum und politischem Raum" geführt. Er vertrat die Auffassung, dass die Konzepte Volkstum und völkischer Lebensraum nach dem Ersten Weltkrieg als der Idee des territorialen Staates (Staatsraum) überlegen hätten anerkannt werden müssen. Da das Versailler System dies nicht tat, waren die konstruierten territorialen Einheiten mi t den Bedürfnissen der Wirtschaft nicht vereinbar. In der Tat hilft uns Daitz' Schrift zu verstehen, wie zentral das Streben nach europäischer Integration für die nationalsozialistische Philosophie wirklich war. Mit einem einfachen Malthusianismus glaubten die Nazis, dass ihre Bevölkerungen nicht genug "Raum" hatten. Bereits 1936 hatte Hitler vor dem Reichstag erklärt:

Wie viel Mühe wäre der Menschheit und insbesondere den europäischen Völkern erspart geblieben, wenn bei der politischen Gestaltung des europäischen Lebensraumes und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit die natürlichen und selbstverständlichen Lebensbedingungen beachtet worden wären ... Die europäischen Völker stellen eine Familie in dieser Welt dar ... Es ist nicht sehr klug, sich vorzustellen , dass eine Völkergemeinschaft in einem so engen Haus wie dem europäischen auf Dauer unterschiedliche Rechtssysteme und unterschiedliche Rechtsauffassungen aufrechterhal ten kann.⁵⁹

Mehr Raum" war natürlich auch eine notwendige Voraussetzung für die


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autarke und monopolistische Kontrolle des gesamten Kontinents, die die Nazis zu errichten beabsichtigten.

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europäischen

Das Konzept der Gro ßraumwirtschaft war also eng mit dem bekannteren NS Konzept des Lebensraums verknüpft, und die Theoretiker der Großraumwirtschaft machten diese Verbindung sicherlich oft deutlich. ⁶⁰ Ein Ideologe hielt einen Vortrag über den "Reichsbegriff und die europäische Wirtschaft", während ein prominenter deutscher NS -Ideologie schottischer Abstammung, Colin Ross, in einem Vortrag mit dem Titel "The Coming of a New Europe Within the Framework of a New World Order" sagte: "Der Nationalsozialismus ist eine regionale Idee. Auf diesem Planeten, der klein und eng geworden ist, gibt es keine Einzelschicksale von Einzelvölkern mehr. Es ist ein Gesetz, dass der Lebensraum der Gemeinschaften immer weit er wird, und so sehen sich die europäischen Völker gezwungen, gemeinsam eine größere Gemeinschaft zu bilden. Und so ist der erste Schritt, den es von nun an zu tun gilt, die Schaffung von Europa.' ⁶¹ Daitz glaubt, dass die erste Groß raumwirtschaft bereits vor 1500 existierte, als die Hanse der Mittelpunkt des Handels zwischen Mitteleuropa und Russland war. Die Entdeckung Amerikas (ein neuer Raum) habe dieses integrierte Wirtschaftssystem zum Einstur z gebracht, und die "sogenannte freie Wirtschaft" habe "die natürliche Ordnung, die Bindungen und Arrangements" der ursprünglichen europäischen Wirtschaft zerstört. ⁶² Nun sei die Weltwirtschaft ihrerseits zusammengebrochen, und die Dinge kehrten zu ihrer ursprünglichen Ordnung zurück. Die Welt teilte sich in große Wirtschaftszonen auf, und die wiedergewonnene Stabilität beruhte auf der Erkenntnis der Nazis, dass die Landwirtschaft die Grundlage aller Volkswirtschaften war. Daitz fügte hinzu, dass die Groß raumwirtschaft notwendig sei, um Europa gegen das Währungsdumping der Vereinigten Staaten und Großbritanniens abzuschirmen. Die Großraumwirtschaften erweisen sich damit als Bestandteile einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die ihr in Zukunft mehr Stabilität v erleihen wird "⁶³ , erklärte er. Daitz plädierte daher für eine "räumlich -politische Einheit" von Gibraltar bis zum Ural und vom Nordkap bis Zypern. Im Gegensatz zur liberal en Weltwirtschaft würde die Groß raumwirtschaft Europa mehr Unabhängigkeit in der Welt verschaffen. Er war auch davon überzeugt, dass das, was für Deutschland gut war, auch für Europa gut war. Das Reich ist von Anfang an eine germanische und auch europäische Idee gewesen. Ein starkes Reich war immer notwendig für ein starkes Europa, und u mgekehrt ist ein starkes Europa nicht denkbar ohne ein starkes Reich. Das ist das politische Gesetz Europas.' ⁶⁴ Ein weiterer Theoretiker der Gro ßraumwirtschaft, Alfred Oesterheld, betonte ebenfalls die politischen Implikationen der wirtschaftlichen Integration. Er


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unterschied zwischen Handel und Wirtschaft und argumentierte, dass ersterer sich überall orientieren könne, dass aber ein fester Wirtschaftsraum notwendig sei, um die Einheit der Produktion in letzterem zu gewährleisten. Großraumwirtschaft", so argumentierte er, "ist nicht nur eine wirtschaftliche Konstruktion, sondern vi elmehr der wirtschaftliche Aspekt eines politischen Konzepts".⁶⁵ Die "Raumgestaltung" sei "eine europäische Idee". ⁶⁶ Die detailliertesten Überlegungen der Nationalsozialisten zur künftigen wirtschaftlichen Integration Europas stammen jedoch aus dem Jahr 1942, als der Berliner Verband der Kaufleute und Industriellen z usammen mit der Wirtschaftsuniversität Berlin eine hochrangige Konferenz mit dem Titel "Europäische Wirtschaftsgemeinschaft" einberief, auf der zahlreiche Minister und führende Industrielle sprachen. ⁶⁷ Es ist auffällig, dass diese Konferenz selbst in den ansonsten detaillierten Nachkriegsberichten über die nationalsozialistische Euro -Propaganda fast nie erwähnt wird. Diese Auslassung ist nicht nur wegen des hohen Bekanntheitsgrades der Konferenz merkwürdig, sondern auch, weil die Vorträge in einem Buch abge druckt wurden, das zwei Auflagen erlebte. Vielleicht ist es einfach zu nah am Geschehen. Die Titel der auf dieser Konferenz gehaltenen Vorträge erinnern auf unheimliche Weise an den modernen pro -europäischen Diskurs: "Das wirtschaftliche Gesicht des neuen Europa", "Die Entwicklung zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft", "Die europäische Landwirtschaft", "Die europäische Industriewirtschaft", "Beschäftigung in Europa", "Europäische Verkehrsfragen", "Europäische Währungsfragen", "Europäische Handels - und Wirtschaftsverträge", "Die Grundsatzfrage: Ist Europa ein geographisches Konzept oder eine politische Tatsache? Die Einleitung wurde von Professor Heinrich Hunke verfasst, dem Wirtschaftsreferenten des NSDAP -Gaues Berlin, der auch Präsident des Berliner Ver bandes der Kaufleute und Industriellen war. Hunke vertrat die Auffassung, dass der europäische Kontinent 1940 die englische Wirtschaftsauffassung verdrängt habe und dass die uralte englische Doktrin des Gleichgewichts der Kräfte militärisch zerschlagen wor den sei. Er betonte die Verbindung zwischen dem Begriff "Reich", der europäischen Wirtschaft und der Idee der politischen Union in Europa und verwendete Formulierungen wie "die historische, kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Wirtschafts ordnung" und "das Wesen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft". ⁶⁸ Er behauptete, dass "die Völker Europas längst erkannt haben, dass sie einer "Schicksalsgemeinschaft" angehören". ⁶⁹ Hunke schrieb auch ein Nachwort zur veröffentlichten Fassung der Konfer enz, in dem er seine Bewunderung für Friedrich List zum Ausdruck brachte, dessen


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Theorien er Punkt für Punkt mit der liberalen Vision von Adam Smith kontrastierte. ⁷⁰ Den Leiter der Wirtschaftsabteilung der I. G. Farbe n, Dr. Anton Reithinger, beschäftigte vor allem die Bedrohung der europäischen Industrie durch das Wirtschaftswachstum in den Peripherieländern. Die alten Industriestaaten waren durch die billige Konkurrenz und die schnelle Industrialisierung in Entwicklungsländern wie Japan, Indien und der Sowjetunion bedroht. Südeuropa wuchs, während Mittel - und Nordeuropa schrumpften. Da England seine "kontinentale Aufgabe" - bedingt durch seine zahlreichen überseeischen Interessen - nicht wahrgenommen habe, müssten die kontinentaleuropäischen Völker diese selbst lösen. ⁷¹ Walther Funk, Reichswirtschaftsminister und Präsident der Reichsbank, vertrat die Auffassung, dass der Aufbau von Wirtschaftsräumen "einem natürlichen Gesetz der Entwicklung" folge. ⁷² Er erinnerte an die rückständige Zeit, als ein Reisender in Deutschland Hunderte von Grenzen zwischen den unzähligen Kleinstaaten mit jeweils eigener Währung und eigenen Gesetzen überqueren musste, die durch Tausende von Mautschranken voneinander getrennt waren, und wies dar auf hin, dass die politischen Führer jener Zeit nicht verstanden, dass Frankreich und England damals weitaus fortschrittlicher waren als Deutschland, weil sie große einheitliche Volkswirtschaften hatten. ⁷³ Er griff die liberale Wirtschaftstheorie an, die auf der autonomen Suche des Einzelnen nach seinem Eigeninteresse beruhte. Im Gegensatz dazu sollte die Wirtschaft sozialen Zielen dienen: "Diese ökonomische Mentalität verlangt ein soziales Gewissen. " ⁷⁴ Wie Hunke glaubt auch Funk, dass dieser Missstand dank der Theorien von Friedrich List und dank der Entwicklung von Technik und Verkehr überwunden wurde. Für Funk sollte die wirtschaftliche Integration Europas nach dem gleichen Muster verlaufen wie die Deu tschlands: Die Beschleunigung des Zugverkehrs, die Ausdehnung des Netzes über den gesamten Kontinent, "all das hat die Grenzen einander näher gebracht". ⁷⁵ "Europa kann in seinem eigenen Interesse nicht in der rückständigen Romantik der Postkutschenzeit verharren", so Funk weiter. Es ist wahr, dass die wirtschaftliche Integration Europas schwieriger zu überwinden sein wird als die des deutschen Zollvereins. Auch die Methoden werden anders und komplizierter sein, und sie werden mit einer Zollunion nicht zu bewältigen sein. Dennoch: Die europäische Wirtschaftseinheit wird komme n, denn ihre Zeit ist gekommen. "⁷⁶ Die sofortige Abschaffung aller Grenzkontrollen konnte Funk zwar nicht versprechen, wohl aber Vollbeschäftigung und starkes Wachstum. Das Wort "Arbeitslosigkeit" wird aus dem europäischen Wörterbuch verschwinden", kündigte er an.⁷⁷ Seine Beschreibung, wie die Wirtschaft funktionieren sollte,


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war eine typisch keynesianische Mischung aus sozialistischem Euphemismus und Lippenbekenntnissen zum Markt: Er akzeptierte die "Bedeutung des Unternehmers" und des Privatkapitals, betonte aber auch die Notwendigkeit einer "rationalen Organisation der Wirtschaft".

Die Architekten des neuen Europa

Doch die Pläne der Nazis für die europäische Integration waren ebenso politisch wie wirtschaftlich. Wie Heinrich Hunke sagte: "Die Notwendigkeit einer politischen Ordnung für die wirtschaftli che Zusammenarbeit der Völker ist anerkannt. " ⁷⁸ Ab Mitte 1941 begann Goebbels daher, die "europäische Frage" stärker in die Hand zu nehmen, und er widmete ihr zahlreiche Reden, Versammlungen und Zeitungsartikel. Er füllt die Seiten seiner Wochenzeitung "Das Reich" mit europäischen Slogans: "das neue Europa", "die neue europäische Ordnung", "der Lebensraum Europa", "die Vision eines neuen Europas" usw. Gleichzeitig betonte Ribbentrop, dass der Kampf gegen den Bolschewismus, der viele Völker im Osten Europas vereinte, ein Beweis für ... eine ständig wachsende moralische Einheit Europas innerhalb der neuen Ordnung sei, die unsere großen Führer verkündet und für die Zukunft der zivilisierten Nationen vorbereitet haben. Hierin liegt die tiefe Bedeutung des Krieges gegen den Bolschewismus. Er ist das Zeichen der geistigen Wiedergeburt Europas. ⁷⁹ Innerhalb des Außenministeriums gipfelte das Interesse an "Europa" in der Einsetzung eines "Europa -Ausschusses" im Herbst 1942. Dem Ausschuss gehörten Beamte des Außenmini steriums und leitende Beamte des Instituts für das Studium fremder Länder an. Die führenden Köpfe waren Alfred Six, der Leiter des Instituts für Auslandsstudien - der 1941 eine Konferenz mit dem Titel "Das neue Europa" für 303 Studenten aus 38 Ländern orga nisiert hatte und Werner Daitz. Bis März 1943 wurden formelle Pläne für eine europäische Konföderation ausgearbeitet. Diese hatten die Form von Verfassungen oder Verträgen, in denen die Zuständigkeiten und die Struktur des künftigen europäischen Staatenb undes festgelegt wurden. Eine von Ribbentrop am 21. März 1943 verfasste Notiz beginnt: "Ich bin der Meinung, dass wir, wie ich dem Führer bereits in meinem früheren Protokoll vorgeschlagen habe, zum frühestmöglichen Zeitpunkt, sobald wir einen bedeutenden militärischen Erfolg errungen haben, den Europäischen Bund in einer ganz bestimmten Form proklamieren sollten. " ⁸⁰ Ribbentrop schlug vor, alle betroffenen Staatsoberhäupter (Deutschland, Italien, Frankreich, Dänemark, Norwegen, Finnland, Slowakei, Ungarn,


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Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Serbien, Griechenland und Spanien) einzuladen, die Urkunde zur Gründung des Bundes zu unterzeichnen. Dem Memorandum war der Entwurf eines Dokuments beigefügt, in dem vom "gemeinsamen Schicksal der europäischen Völker" die Rede war und von dem Ziel, "dafür zu sorgen, dass unter ihnen niemals Kriege ausbrechen". Er sah auch die Abschaffung der Zollschranken zwischen den Teilnehmerstaaten vor. Im Juni 1943 legte ein Beamter einem der Mitglieder des Europaausschusses die "Grundzüge eines Plans für das neue Europa" vor. Gespickt mit den üblichen Mantras über die "Sehnsucht der Völker nach Frieden", sieht der Abschnitt "Die wirtschaftliche Organisation Europas" einen Handel auf der Grundlage des Prinzips der europäischen Präferenz gegenüber außereuropäischen Ländern vor, mit dem Ziel einer europäischen Zo llunion, einer europäischen Verrechnungsstelle und stabilen Währungskursen in Europa, mit dem Ziel einer europäischen Währungsunion, sowie die "Harmonisierung der Arbeitsbedingungen und der sozialen Fürsorge im Hinblick auf die Verbesserung der Standards". ⁸¹ Es sieht "Konferenzen" in jedem Bereich (Arbeit, Landwirtschaft usw.) vor, die die Politik für den gesamten Bund bestimmen. Diesem Dokument folgt im August 1943 eine "Note on the Establishment of a European Confederation". Ihre Verfasserin, Cecile von R enthe-Fink, die den diplomatischen Rang eines Ministers innehatte, schrieb:

In dem gewaltigen Ringen um die Zukunft Europas sind wir Deutschen Vorkämpfer für eine neue, bessere Ordnung, in der alle europäischen Völker einen rechtmäßigen und würdigen Platz finden. Bis jetzt haben wir es vermieden, einen konkreten Vorschlag zur europäischen Frage zu machen ... Wenn wir jetzt den Gedanken einer konföderalen Lösung auf der Grundlage einer freien Zusammenarbeit zwischen unabhängigen Nationen vorbringen würden, würde dies sicherlich das Vertrauen der europäischen Völker in unsere Politik bestätigen und ihre Bereitschaft erhöhen, unserer Führung zu folgen und für unseren Sieg zu arbeiten. ⁸²

In den "Grundsätzen der Gründungsakte des Europäischen Staatenbundes", di e dem Memorandum beigefügt waren, hieß es zwar, dass der Europäische Staatenbund eine Gemeinschaft souveräner Staaten sei, die sich gegenseitig ihre Freiheit und Unabhängigkeit garantierten, aber es ist klar, dass der Staatenbund die inneren Angelegenheite n seiner Mitgliedstaaten nahezu vollständig kontrollieren sollte. Die europäische Wirtschaft wird von den Mitgliedstaaten gemeinsam auf der Grundlage ihrer gemeinsamen und


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nationalen Interessen geplant", heißt es in dem Dok ument. Das Ziel wird sein, den materiellen Wohlstand, die soziale Gerechtigkeit und die soziale Sicherheit in den einzelnen Staaten zu erhöhen und die materiellen und arbeitsmäßigen Ressourcen Europas zu entwickeln ... die europäische Wirtschaft gegen Kris en und wirtschaftliche Bedrohungen von außen zu schützen ... Sie schlug vor, dass "die Zollschranken, die einer Ausweitung des Handels zwischen den einzelnen Mitgliedern des Bundes im Wege stehen, schrittweise beseitigt werden" und dass "das innereuropäisc he Verkehrssystem auf der Schiene, den Autobahnen, den Wasserstraßen und den Fluglinien nach einem einhe itlichen Plan ausgebaut wird". ⁸³ Bezeichnenderweise wird in dem Dokument auch die Auffassung vertreten, dass die Integration Europas aufgrund der techno logischen Entwicklung unvermeidlich sei. Es vertrat die Ansicht, dass die europäischen Nationen ein gemeinsames Schicksal hätten. Es fügte hinzu, dass Deutschland Europa "auf föderaler Grundlage" vereinen wolle, und obwohl es betonte, dass es nicht die Absicht habe, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen, fügte es den allgemeinen Vorbehalt hinzu, dass "von den europäischen Staaten nur verlangt wird, dass sie loyale, pro -europäische Mitglieder der Gemeinschaft sind und bereitwillig a n ihren Aufgaben mitarbeiten... Ziel der europäischen Zusammenarbeit ist es, den Frieden, die Sicherheit und das Wohlergehen aller europäischen Staaten und ihrer Bevölkerung zu fördern". Es gehe nicht darum, dass ein Staat oder eine Gruppe von Staaten die anderen dominiere, sondern vielmehr "um ein gegenseitiges Verhältnis des Vertrauens und der Loyalität anstelle der imperialen Methoden der früheren Zeit".⁸⁴ In ähnlicher - und ebenso absurder - Weise erklärte Werner Daitz, dass "Europa nicht zentral verwaltet werden kann: Es muss dezentral geführt werden". ⁸⁵ Es ist auffallend, wie wenig aggressiv der Großteil der nationalsozialistischen Europapropaganda ist und wie sehr sie sich selbst betrügt. Goebbels hatte die Frechheit zu behaupten, dass "es nie unsere Absicht war, diese neue Ordnung oder Neuordnung Europas mit Gewalt herbeizuführen. Sie dürfen auf keinen Fall denken, dass wir Deutschen, wenn wir eine be stimmte Ordnung in Europa herbeiführen, dies in der Absicht tun, einzelne Völker zu unterdrücken. " ⁸⁶ Er führte das altbekannte Argument ins Feld, dass die europäische Integration nur realistisch sei: "Meines Erachtens muss die Auffassung einer Nation von ihrer eigenen Freiheit mit den heutigen Tatsachen und den einfachen Fragen der Effizienz und des Zw ecks in Einklang gebracht werden. So wie kein Mitglied einer Familie das Recht hat, den Frieden aus eigennützigen Gründen zu stören, so darf auch keine einzelne europäische Nation auf Dauer dem allgemeinen Organisationsprozess im Wege stehen. " ⁸⁷ In diesem Sinne erklärte ein


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Beamter des NS-Arbeitsministeriums, Deutschland könne behaupten, es kämpfe nicht für sich selbst, sondern für Europa. ⁸⁸ Oft wurde der Gedanke betont, dass die Staaten dem neuen Europa auf freiwilliger Basis beitreten würden. Führung bedeutet nicht Herrschaft, sondern Schutz nach außen und Verantwortung nach innen", erklärte ein Propagandist. Deutschland und Italien wollten keine Unterwerfung, sondern nur eine aufrichtige Zusammenarbeit. Alle europä ischen Völker, die sich historisch bewährt haben, sind als Mitglieder des neuen Europa willkommen. Ihre nationale und kulturelle Entwicklung in Freiheit und Unabhängigkeit ist gewährleistet. Sehr unglaubwürdig argumentierte er, dass die Beispiele Finnland, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Kroatien und Slowakei bewiesen, dass man sich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einmischen wolle: Unsere einzige Forderung an die europäischen Staaten ist, dass sie aufrichtige und enthusiastische Mitglieder Europas sind. "⁸⁹ Deutschland hatte einen neuen Weg gefunden, Europa zu führen, ohne es zu dominieren: "Die Idee der Führung, die die vorherrschende Konzeption des neuen internationalen Lebens Europas sein wird, ist die Verneinung der imperialistischen Methoden eines ver gangenen Zeitalters: Sie bedeutet die Anerkennung der vertrauensvollen Zusammenarbeit der unabhängigen kleineren Staaten bei der Bewältigung der neuen gemeinsamen Aufgaben. " ⁹⁰ In ähnlicher Weise schrieb Arthur Seyss -Inquart, niemand wolle ein von Deutschland dominiertes Europa sehen. Unser einziger Wunsch ist, dass ein Europa entsteht, das wirklich europäisch ist und sich seiner europäischen Aufgabe bewusst ist. " ⁹¹ Auch die Massenzeitschrift Signal schrieb nach dem Überfall auf die Sowjetunion, dass es ke in deutsches Europa geben werde: "In Wirklichkeit verteidigen die Soldaten des Reiches nicht nur die Sache ihres eigenen Vaterlandes, sondern schützen jede europäische Nation, d ie diesen Namen verdient. "⁹² In der Tat war es ein fester Bestandteil der deut schen Selbsttäuschung, von ihren "Partnern und Nachbarn" zu sprechen und mit der Idee hausieren zu gehen, dass die gemeinsame Verfolgung gemeinsamer Interessen an die Stelle der feindlichen Konkurrenz getreten sei. Viel Propaganda widmete sich verwandten Themen wie dem "europäischen Gemeinschaftssinn". ⁹³ Dr. Anton Reithinger von der I. G. Farben sprach auf der Konferenz "Europäische Wirtschaftsgemeinschaft" 1942 vom Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen der einzelnen Partner des europäischen Wirtschaftsraums einerseits und den gemeinsamen Interessen aller europäischen Völker andererseits: "Die Verwirklichung dieser Interessen erfordert ... den Glauben an die europäische Idee und an die europäi sche Aufgabe Deutschlands... " ⁹⁴


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Wie viele moderne Deutsche glaubte Goebbels, dass der deutsche Regionalismus ein Modell für Europa sein könnte, weil die sensible Aufnahme der deutschen Staaten in das Deutsche Reich funktioniert hatte. Die europäischen Staaten könnten auf diese Weise harmonisch integriert werden, ohne ihre Identität zu verletzen: "Wenn wir mit unserer großdeutschen Gesinnung kein Interesse daran haben, die wirtschaftlichen, kulturellen oder sozialen Eigenheiten etwa der Bayern oder der Sachsen zu verletzen, so liegt es auch nicht in unserem Interesse, die wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Individualität etwa des tschechischen Volkes zu verletzen. " ⁹⁵ Sein Fehler - der von den heutigen Pro -Europäern geteilt wird - bestand offensichtlich in der Annahme, dass die Nationen Europas nur "Regionen" von Euro pa seien. Aber auch seine Lakaien in ganz Europa waren sich einig, dass Deutschland ein Modell sei: Vidkun Quisling erklärte, dass "ein germanischer Bund" als Modell für die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Staaten dienen könne. ⁹⁶ In der Tat behauptete eine spätere Version des Vermerks über den Europäischen Bund, dass Deutschlands Rolle in Europa darin bestehe, "die besonderen Interessen der europäischen Staaten mit den Interessen Europas als Ganzes in Einklang zu bringen". Zu dieser bereits recht ge nscheritischen Haltung kam die Ansicht hinzu, dass "die Interessen und Bedürfnisse Deutschlands wesentlich und untrennbar mit denen Europas verbunden sind". ⁹⁷ Das Dokument kehrt auch zum Thema Föderalismus zurück, in der Hoffnung, in ihm die Lösung für den Widerspruch zwischen Vielheit und Einheit zu finden. Es argumentiert, dass die Besonderheit des europäischen Problems darin besteht, dass eine Vielzahl von Völkern auf einem vergleichsweise kleinen Gebiet in einer Kombination aus Einheit und Unabhängigkeit leben muss.

Ihre Einheit muss so fest sein, dass es nie wieder Krieg zwischen ihnen geben kann und dass die äußeren Interessen Europas gemeinsam gewahrt werden können. Gleichzeitig müssen die europäischen Staaten ihre Freiheit und Unabhängigkeit bewahren, um entsprechend ihren sehr unterschiedlichen Situationen und nationalen Aufgaben zu handeln und ihre besonderen Funktionen im größeren Rahmen freudig un d kreativ zu erfüllen. Die Stärke und Sicherheit Europas hängt nicht von der erzwungenen oder geforderten Unterordnung einer europäischen Macht unter eine andere ab, sondern von der Vereinigung aller. ... Das europäische Problem kann nur auf föderaler Grun dlage gelöst werden, indem sich die europäischen Staaten aus freien Stücken und auf der Grundlage der Anerkennung der Notwendigkeit zu einer Gemeinschaft souveräner Staaten zusammenschließen. Diese Gemeinschaft kann als europäische Konföderation bezeichnet werden.⁹⁸


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Wie im ersten Dokument wurde darauf bestanden, dass alle Mitgliedsstaaten "pro-europäisch" sein und sicherstellen sollten, dass auf ihrem Territorium keine Handlungen begangen werden, die mit der "europäisch en Solidarität und den europäischen Ver pflichtungen" unvereinbar sind. ⁹⁹ Wie wir gesehen haben, war es üblich, dass die nationalsozialistischen Theoretiker der europäischen Integration erklärten, dass ihre Pläne die Aufrechterhaltung der nationalen Souverä nität der europäischen Mitgliedstaaten vorsahen.¹ ⁰⁰ Aber dieselben Theoretiker fügten ebenso oft Zusätze hinzu, die jeden Anschein einer solchen Aufrechterhaltung auslöschten. Ein Verfassungsentwurf für das "Neue Europa" forderte "das Recht eines jeden Lan des, sein nationales Leben so zu gestalten, wie es ihm angemessen erscheint, sofern es seine Verpflichtungen gegenüber der europäischen Gemeinschaft respektiert".¹ ⁰¹ Andere Dokumente wiederholten denselben Gedanken: "Der gegenwärtige Krieg ist auch ein Kri eg für die Einheit und Freiheit Europas", schrieb der stellvertretende Leiter der zweiten Abteilung des Außenministeriums.

Ihre Ziele sind die Herbeiführung und Gewährleistung eines dauerhaften Friedens für die europäischen Länder ... die Beseitigung der Ursachen der europäischen Kriege, insbesondere des Systems des "Gleichgewichts der Kräfte" ... die Überwindung des europäischen Partikularismus durch freie friedliche Zusammenarbeit der europäischen Völker. Loyalität zu Europa bedeutet nicht Unterwerfung, sondern ehrliche Zusammenarbeit auf der Grundlage gleicher Rechte. Jedes europäische Volk muss sich auf seine Weise am neuen Europa beteiligen. Das einzige Erfordernis ist, dass die europäischen Staaten dem Europa, dem sie angehören, ehrlich treu sind.¹⁰²

Oder: "Jeder kontinentale Staat muss sich seiner Verantwortung gegenüber der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bewusst bleiben. " ¹⁰³ Obwohl der Verfasser dieser Pläne behauptete, weder eine "supranationale Bürokratie" noch ein Konferenzsystem zu wollen , sah er doch die Notwendigkeit eines "Wirtschaftsrates" vor, der sich aus Vertretern der Mitgliedstaaten zusammensetzte und in Ausschüsse für Handel, Industrie und Schifffahrt, Finanz- und Währungsfragen, Arbeits - und Sozialfragen sowie Ernährung, Land- und Forstwirtschaft unterteilt war. ¹⁰⁴ Das Dokument wiederholte die Endziele des Bundes:


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Die Lösung wirtschaftlicher Probleme im Hinblick auf Blockadefreiheit, die Regulierung des Handels auf der Grundlage der europäischen Präferenz gegenüber dem Rest der We lt, mit dem Ziel einer europäischen Zollunion und eines freien europäischen Marktes, eines europäischen zentralen Clearingsystems und stabiler Wechselkurse in Europa mit Blick auf eine europäische Währungsunion. Zu den Zielen gehören die Vereinheitlichung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der sozialen Sicherheit sowie eine langfristige Produktionsplanung im Bereich der Industrie, d er Land- und Forstwirtschaft.¹⁰⁵ (In der Tat spielte die Landwirtschaft in den europapolitischen Papieren der Nazis häufig eine wichtige Rolle. ¹⁰⁶) In diesen Dokumenten wurde oft behauptet, dass die Zersplitterung der wirtschaftlichen Ressourcen in Europa ein ernsthaftes Hindernis für den Wohlstand und den sozialen Fortschritt in den verschiedenen Ländern darstellte.¹⁰⁷ Daher waren wirtschaftliche Planung und "zielgerichtete Koordinierung" notwendig. Um den gegenseitigen Handel zu fördern und einen großen europäischen Markt zu schaffen , werden die Zölle und sonstigen Schranken zwischen den Ländern schrittweise beseitigt. " ¹⁰⁸ Die europäische Landwirtschaft muss sich selbst versorgen können. ¹⁰⁹ Arbeit statt Kapital muss der wirtschaftliche und soziale Maßstab sein. Bestimmte Industrien s ollen geschützt und ein hoher Lebensstandard aufrechterhalten werden. Außerdem müsse das ausgebaut werden, was Jacques Delors fünfzig Jahre später als "transeuropäische Netze" bezeichnen sollte: "Die Erfahrung hat gezeigt, dass das derzeitige europäische K ommunikationssystem der gestiegenen Nachfrage nicht gerecht wird. Das innere Netz der Eisenbahnen, der Straßen und der Fluglinien wird nach einem gemeinsamen Plan ausgebaut werden. "¹¹⁰ Dies war ein Lieblingsthema der Nazis: Es entsprach dem faschistischen Gefühl, an der Spitze der Moderne zu stehen. So wie der vichyistische Minister Jacques Benoist -Mechin die Zentralisierung des französischen Verkehrssystems beklagte ("als ob Paris d as einzige Zentrum der Welt wäre "¹¹¹) und neue Verbindungswege zu den deutschen und italienischen Autobahnen forderte, um der französischen Verkehrsinfrastruktur "einen wirklich europäischen Charakter" zu verleihen ¹¹² , so verkündete ein Redner auf der Konferenz der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dass "die Zukunft dem Autoverkehr gehört " ¹¹³.


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Die Währung als Instrument der Staatsmacht: Der faschistische Hass auf das Gold

Als Deutschland nach West - und Osteuropa expandierte, begannen sich Fragen des Devisenverkehrs zu stellen, insbesondere im Zusammenhang mit den deutschen Plänen für die künftige Neuordnung des Kontinents. Wie viele seiner Kollegen legte Walther Funk Wert auf ein "zentrales Clearing -System", das das alte multilaterale Clearing -System ersetzen sollte. Er hatte dieses Thema bereits 1940 in einer der frühesten nationalsozialistischen Erklärungen zur europäischen Wirtschaft angesprochen, als er sich für stabile Wechselkurse zwischen den europäische n Währungen und der dominierenden Reichsmark sowie für ein integriertes europäisches Clearing -System aussprach.¹¹⁴ Er hielt die Diskussion über eine Währungsunion für verfrüht. In der Tat ist es amüsant, dass Dr. Horst Jecht, Professor an der Wirtschaftsho chschule in Berlin, 1942 auf der Konferenz über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft sagte, dass eine Währungsunion nicht wünschenswert sei, weil sie die Achtung der Unabhängigkeit der betroff enen Staaten verletzen würde. ¹¹⁵ Diese so genannten "Clearing "-Vereinbarungen (oder "Kompensations" Vereinbarungen) sollten zu einem der wichtigsten Herrschaftsinstrumente der Nazis werden. Die Idee war, dass die Staaten untereinander ohne Bezahlung kaufen und verkaufen würden, bis zu einem bestimmten Datum, an dem der Nettowert der Importe und Exporte berechnet und die Nettozahlungen geleistet wurden. Wenn ein Franzose eine Ware an jemanden in Deutschland verkaufte, wurde er von einer "caisse de compensation" ("Ausgleichskasse") in Paris bezahlt. In der Zwischenzeit zahlte der deutsche Käufer den Betrag, den er dem Franzosen schuldete, an eine deutsch -französische Ausgleichskasse in Berlin. Diese Summe blieb jedoch bis zum Tag der Abrechnung in Berlin. Das System sollte in beide Richtungen funktionieren, aber tatsäch lich kaufte das Reich viel mehr von seinen Partnern, als es an sie verkaufte (und ließ sie wegen des künstlich hohen Wechselkurses für die Reichsmark sehr hohe Preise für das zahlen, was es verkaufte). So gelangten die Waren unmittelbar nach dem Kauf nach Deutschland, während das Geld selbst in Deutschland blieb. Noch 1942 verteidigt Funk die Notwendigkeit der staatlichen Devisenkontrolle mit dem Argument, dass dadurch verhindert werde, dass unkontrollierbare Kapitalströme die Wirtschaftsplanung stören. Die Deutschen sorgten natürlich durch Preiskontrollen für Preisstabilität, und Funk sah darin die einzige Alternative zur Inflation. ¹¹⁶ Aber die Kontrolle der Preise war nicht die einzige Möglichkeit, die Wirtschaft zu stabilisieren: Auch die Löhne mussten unter


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Kontrolle gehalten werden. Die öffentlichen Ausgaben mussten kontrolliert werden, ebenso wie Geld, Kredite und Konsum. ¹¹⁷ Funk erklärte, dass niemand um die Stabilität der Reichsmark fürchten müsse, und er war der Ansicht, dass wirtschaftliche Konvergenz notwendig sei, um eine Stabilisierung der Wechselkurse zu erreichen. Das Ausmaß der staatlich en Kontrolle, die die Nationalsozialisten sowohl auf die nationalen als auch auf die internationalen Währungsvereinbarungen ausübten, erklärt ihre allgemeine Feindseligkeit gegenüber dem Goldstandard. Wie alle Faschisten erkannte auch Funk, dass der Goldst andard - insbesondere das Recht des Inhabers einer Banknote, diese auf Verlangen gegen Goldgeld einzulösen - das Herzstück des liberalen Systems war, das er zerstören wollte. Anstatt den Menschen und Unternehmen den freien Handel mit einer nicht staatlich kontrollierten Warenwährung zu ermöglichen, zogen es totalitäre Systeme aller Art vor, die Wirtschaft zentral zu steuern. Ein Kommentator erinnert uns daran, dass die Achsenmächte Gold unter anderem deshalb ablehnten, weil sie nicht viel hatten.

Die Ablehnung des Goldes hatte in der Wirtschaftspropaganda der Achsenmächte aber auch eine emblematische und ideologische Bedeutung, denn sie markierte den Übergang von der materialistischen, liberalen kapitalistischen Wirtschaft zur totalitären, korporativ organisierten Wirtschaft der Neuen Europäischen Ordnung. Gold war irrelevant, als die Preise nicht mehr vom freien Markt, sondern von Regierungen bestimmt wurden, die die gesamte Wirtschaftstätigkeit regulierten, und als der Handel durch Clearing -Vereinbarungen geregelt wurde. Die zugrundeliegende Stärke der "faschistischen" europäischen Wirtschaft und ihrer vorherrschenden Währungen, der Lira und der Mark, entspräche nicht dem willkürlichen Besitz von Gold, sondern dem politischen Willen des Staates sowie der Ka pazität und dem Potenzi al von Arbeit und Produktion. ¹¹⁸

Die Nazis waren entschlossen, das marktwirtschaftliche Geldsystem durch ein staatlich gelenktes zu ersetzen. Werner Daitz schrieb: "Gold wird in Zukunft als Grundlage für die europäischen Währungen k eine Rolle mehr spielen, denn eine Währung ist nicht abhängig von dem, was sie deckt, sondern von dem Wert, der ihr vom Staat oder in diesem Fall von der staatlich gelenkten Wirtschaftsordnung gegeben wird. " ¹¹⁹ Joachim Radler schrieb in einem Aufsatz mit dem Untertitel "Kann man schon von einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sprechen?": "Seit wir die Golddeckung aufgegeben


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haben, gibt es nur noch "Staatsgeld", das nur in dem staatlich gelenkten Wirtschaftsraum e ine Kaufkraft hat. "¹²⁰ Walther Funk erkannte, dass für eine möglichst weitgehende wirtschaftliche und politische Autarkie eine Währungsordnung geschaffen werden musste, die Europa vor äußeren Einflüssen schützte. Wir in Deutschland", erklärte er, "werden unter keinen Umständen mehr die sogenannte Goldwährung versuchen ..., die unsere Wirtschaft unkontrollierbaren internationalen Einflüssen ausliefern würde und als Instrument für machtpolitische Versuche, uns zu unterdrücken, benutzt werden könnte. " ¹²¹ Da der freie Weltmarkt in Wirklichkeit "eine anglo -amerikanische Welthegemonie" sei, bestehe der Sinn der kontinentalen Wirtschaft darin, den europäischen "Lebens - und Wirtschaftsraum" vor Manipulationen durch ausländische Mächte zu schützen.¹²² An anderer Stelle wiederholt er: "W ir weigern uns gewiss, unsere Wirtschaft dem Automatismus des Goldes und damit den Schwankungen der internationalen Wirtschaft auszuliefern, die sich unserer Kontrolle entziehen".¹²³ Auch der Referent über "Europäische Währungsfragen" auf der Konferenz der "Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft" im Jahr 1942, Dr. Bernhard Benning, der Leiter der Reichskreditanstalt, stand dem Goldstandard ablehnend gegenüber - auch wenn er die Bedeutung des Ziels der Preisstabilität bei der Währungssteuerung betonte. ¹²⁴ Jahrhunderts, Georg Friedrich Knapp, dafür, dass er in seinem Buch Die Staatstheorie des Geldes die philosophischen Grundlagen des Goldstandards zerstört hatte. ¹²⁵ Benning behauptete, dass Gold die Länder Schwankungen und Einflüssen aus dem Ausland ausse tze, weil es dem Wechselkurs Vorrang gewähre. Er befürwortete daher ein System fester, aber flexibler Wechselkurse mit der Reichsmark als Leitwährung. Er vertrat die Auffassung, dass Vollbeschäftigung und Kaufkraftstabilität die vorrangigen Ziele der Währu ngspolitik sein sollten, während die Wechselkursstabilität zweitrangig sein sollte. Er war stolz darauf, dass die deutsche Geldpolitik seit 1936 auf Preisstabilität ausgerichtet war, für deren Erfolg die Preiskontrolle verantwortlich war. Benning ging auch auf die Frage der Europäischen Währungsunion ein. Er sprach von verschiedenen "Phasen", in denen die Währungseinheit in Europa erreicht werden könnte (wofür er die Preisäquivalenz für eine notwendige Voraussetzung hielt), hielt aber eine einheitliche Währ ung in unmittelbarer Zukunft für unmöglich und unerwünscht. Stattdessen war er der Meinung, dass die Reichsmark eine führende Rolle im europäischen Währungsmanagement übernehmen und Berlin London als Zentrum der Finanz - und Handelsgeschäfte ablösen sollte.¹²⁶ Nach dem Krieg wurde Benning übrigens Mitglied des Direktoriums der Bank deutscher Länder, der neuen Zentralbank, die 1958 zur


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Bundesbank wurde. Er blieb im Direktorium der Bundesbank bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1972, als sein Platz vom späteren Bundesbankpräsidenten Helmut Schlesinger eingenommen wurde. Ähnliche Ansichten vertrat auch Professor Ferdinand Fried. Er war ein prominenter Journalist und Wirtschaftsprofessor, der im Büro des nationalsozialistischen La ndwirtschaftsministers Walter Darre arbeitete und so erbauliche Traktate der nationalsozialistischen Wirtschaftstheorie wie Das Ende des Kapitalismus (1931), Autarkie (1932), Der Aufstieg der Juden (1936), Die Veränderung der Weltwirtschaft (1937) und Die Zukunft des Welthandels (1941) schrieb. Er stimmte zu, dass Goldgeld mit totaler Staatsgewalt unvereinbar sei. In seinem Vortrag "Soziale Probleme im neuen Europa", den er 1941 vor der Groupe "Collaboration" in Paris hielt, erklärte er, dass Geld von Natur aus wandernd und international sei. Als der Staat schwach war - als das Geld dominierte - musste das Geld durch echtes Gold gedeckt werden. Aber als der Staat wieder stark wurde, spielte die Golddeckung keine Rolle mehr: Das umlaufende Geld ist durch die Autorität des Staates gedeckt.... Das Geld ist durch die Tatsache gedeckt, dass es nichts anderes mehr ist als eine Funktion des Staates und seiner Kräfte. Das bedeutet, dass die Preise nicht mehr das Regulativ für alle wirtschaftlichen Phänomene sind. Sta ttdessen werden die Preise vom Staat entsprechend den Bedürfnissen der Gemeinschaft reguliert.'¹²⁷ Auch andere Redner, die auf den Treffen der Groupe Collaboration sprachen, griffen das Gold an. In der Einleitung zum Vortrag von Jean Maillot über "Die technische Revolution und ihre Folgen" lehnt Jacques Duboin den Goldstandard als integralen Bestandte il des Wirtschaftsliberalismus ausdrücklich ab. Es komme nicht in Frage, auf die Gelehrten des Liberalismus und des Goldstandards zurückzugreifen, um eine Lösung für wirtschaftliche und soziale Probleme zu finden. Der Sozialismus des Überflusses kann nur i n einem geeinten Europa verwirklicht werden, in dem sich jedes Volk der Solidarität bewusst ist, die es mit allen anderen verbindet " ¹²⁸. Im Allgemeinen formulierten Faschisten und Nazis Pläne für einen "Arbeitsstandard" im G egensatz zu einem Goldstandard. ¹²⁹ Daitz schlug auf jeden Fall vor, dass Arbeit und nicht Kapital der Währungsstandard sein sollte.¹³⁰ Nach dem Krieg vertrat Sir Oswa ld Mosley Wirtschaftstheorien, die mit denen der Nazis fast identisch waren - wie die Schaffung großer Handelsblöcke und einer gemeinsamen Agrarpolitik - und auch er war stolz auf etwas, das er "den Lohn -Preis-Mechanismus" nannte. Das bedeutet, dass die Höhe der Löhne und der Preise aneinander gekoppelt werden. ¹³¹ Er befürwortet auch eine "geplante Investitions - und Entwicklungspolitik".


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Denn die Nationalsozialisten sahen sich als Verfechter der Sozialpolitik. Besondere kollektive Anstrengungen müssen unternommen werden, um die rückständigen Volkswirtschaften Europas zu entwickeln", heißt es in einem Memorandum. Der Lebensstandard der breiten Masse Europas muss systematisch verbessert werden, und es müssen weitsichtige Vorkehrungen für die soziale Stabilität getroffen werden. " ¹³² In einer anderen Denkschrift heißt es:

Deutschland leistet seinen Beitrag auf sozialem Gebiet: Eingliederung breiter Massen in die Volksgemeinschaft, soziale Fürsorge, Gleichberechtigung, Aner kennung der Würde der Arbeit und der Leistung, Verantwortung des Einzelnen für die Nation und umgekehrt, Versorgung mit dem Notwendigen von unten nach oben, gerechter Tageslohn, soziale Solidarität, Wiederherstellung der Familie und Freude am Kinderkriegen - all das hat das deutsche Volk in Frieden und Krieg gezeigt. Die Anwendung dieser Ideen auf die gegenseitigen Beziehungen der europäischen Völker wird ein größeres Maß an sozialer Gerechtigkeit als zwischen den Nationen gewährleisten.

Das Memorandum sch loss phantasievoll: "Der Kampf gilt der Wiederherstellung des Begriffs der Persönlichkeit, des Privateigentums und der Glaubensfreiheit. ¹³³ Einer der fähigsten Theoretiker der faschistischen Geldtheorie - und der Goldfeindlichkeit - war der Franzose Franci s Delaisi. Vor dem Krieg war Delaisi Gewerkschafter und ein langjähriger Befürworter der europäischen Integration. Er hatte sie erstmals 1925 in seinem Buch Les Contradictions du monde moderne (Die Widersprüche der modernen Welt) gefordert und war anschließend (als Mitglied des Ehrenausschusses) in einer aggressiv föderalistischen Zeitschrift namens Jeune Europe aktiv, die in Brüssel und Genf erschien. Nach dem Fall Frankreichs wurde Delaisi - vor allem aus wirtschaftlichen Gründen - zu einem prominenten Ap ologeten der Nazis, was er in seinem Buch La Revolution europ éenne (1942) begründete. Die "europäische Revolution", auf die sich der Titel bezog, war die endgültige Aufgabe des Wirtschaftsliberalismus und des Internationalismus insbesondere des Goldstand ards, den Delaisi als dessen Herzstück betrachtete - und ihre Ersetzung durch Rationierung, Preisfestsetzung und die Schaffung einer vereinheitlichten europäischen Wirtschaft. Delaisi ist überzeugt, dass die Wirtschaftsgeschichte Europas nach 1918 gezeigt hat, dass das kapitalistische System kurz vor dem Zusammenbruch steht. Er argumentierte


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(zu Recht), dass die Kreditexplosion zwischen 1919 und 1929 in den Vereinigten Staaten zum Zusammenbruch von 1929 geführt hatte und das s die darauf folgende Depression in den angelsächsischen Volkswirtschaften zu massiver Arbeitslosigkeit geführt hatte. Dies drohte die gesamte soziale Struktur Europas zu zerstören. Delaisi war jedoch entschlossen, das Kind mit dem Bade auszuschütten, inde m er das Prinzip des Goldstandards an sich verurteilte, während in Wirklichkeit bestimmte Vereinbarungen im Rahmen des pervertierten Goldtauschstandards nach dem Ersten Weltkrieg die Schuld trugen. Wie Marschall Petain hasste Delaisi die "Herrschaft des Ge ldes", aber er erkannte auch die Übel der Inflation. Er schreibt, dass die wichtigste Voraussetzung für den sozialen Frieden die Geldstabilität sei. Deutschland habe Geldwertstabilität ohne Gold geschaffen und stattdessen den wöchentlichen "Warenkorb" der Hausfrau zur Berechnung der Geldwertstabilität herangezogen. ¹³⁴ So sei der Einzelhandelspreisindex erfunden worden. Er argumentierte, dass dies ein direkter Weg zur Preiskontrolle sei, viel besser als die indirekte Methode, die der Goldstandard darstellte. So sei die Reichsmark zur stabilsten Währung in Europa geworden.¹³⁵ Die Abschaffung des Goldes war laut Delaisi keine beiläufige Angelegenheit der Währungspolitik, sondern ein integraler Bestandteil der totalitären Wirtschaft. Er zeigt, dass Hitler den Preismechanismus abschaffen wollte (den liberale Philosophen als numerischen Ausdruck der Rechte der Geldbesitzer verstehen) und dass er dies durch Preisfestsetzung und Rationierung tat. Delaisi lässt keinen Zweifel am totalitären Charakter der von ihm befürworteten Wirtschaftskontrollen aufkommen: Wie kann man selbst die kleinsten Transaktionen in weit entfernten Dörfern wirksam überwachen, und wie kann man Betrug unterdrücken, über den sich die Käufer offensichtlich nie beschweren? Hier hat die nationalsozialistische Partei eingegriffen. " ¹³⁶ Delaisi vertrat die Ansicht, dass der Goldstandard den sozialen Fortschritt behindere, weil er als Weltwährung die Arbeitsmärkte für den weltweiten Wettbewerb öffne und dadurch die Löhne drücke. Er hält den Goldstandard für ein Instrument des unmenschlic hen Wettbewerbs.¹³⁷ Es sei wichtig, die Produzenten von der Konkurrenz exotischer Länder zu befreien, deren Lebensstandard zu niedrig sei. ¹³⁸ Statt eines Währungsstandards schlug er daher einen Standard vor, der auf der Arbeit basiert: "Der Mensch, nicht d as Gold, ist das Maß aller Dinge. ¹³⁹ Er ist der Meinung, dass die Sozialpolitik des Reiches sein "schönster Erfolg" ist. ¹⁴⁰ Hitler musste 6 Millionen Menschen wieder in Arbeit bringen und daher die Auswirkungen der ausländischen Konkurrenz beseitigen: Es w ar daher unerlässlich, den Goldstandard


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abzuschaffen, was er bei seiner Machtübernahme 1933 auch tat. ¹⁴¹ Die europäische Revolution, so Delaisi, schützte die Löhne vor der Niedriglohnkonkurrenz in anderen Ländern. ¹⁴² Anstelle des "Jochs des Handels und der Konkurrenz exotischer Länder " ¹⁴³ schlug er "einen einheitlichen wirtschaftlichen Lebensraum mit einer einheitlichen Währung" vor. ¹⁴⁴ Mit einer charmanten Sorge um das Wohlergehen der Menschen, die unter dem Nationalsozialismus lebten, wies er darauf hin, dass die Rationierung zwar die Auswahl für die Verbraucher einschränkte (es gab z. B. keinen Kaffee oder keine Bananen mehr), aber das Leben dadurch viel einfacher wurde. Wegen der Preiskontrollen und der Rationierun g könne der Arbeiter ohnehin nicht sein ganzes Gehalt ausgeben. Außerdem", so schloss er, "denkt der Staat für ihn. "¹⁴⁵

Das faschistische Italien: Korporatismus auf supranationaler Ebene

Das faschistische Denken über die Zukunft Europas war nicht auf Deutschland beschränkt. Tatsächlich drehten sich die italienischen Überlegungen zu Europa während des Krieges vor allem darum, wie man die künftige deutsche wirtschaftliche Hegemonie begrenzen konnte. Giuseppe Bottai ärgerte sich über die Argumente von Carl Clodius, die darauf hinausliefen, Italien auf den Status eines agrarischen Klienten Staates zu reduzieren, ¹⁴⁶ und die Unzulänglichkeiten des italienischen Staates im Vergleich zu Deutschland spielten eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Bottais Europäismus. Am 20. Juli 1940 schrieb er an Mussolini, dass Italien nach dem Krieg vor dem Problem der wirtschaftlichen A bhängigkeit von Deutschland stehe. Aus diesem Grund forderte er den Duce auf, Gruppen zu bilden, die sich mit dem Problem der europäischen Integration befassen sollten. Dies führte dazu, dass Bottai in seinen Rezensionen häufig auf das europäische Problem einging. Viele Zeitschriften widmeten den kulturellen und institutionellen Problemen der europäischen Integration große Aufmerksamkeit, und das Thema wurde häufig in Leitartikeln in Primato und Critica Fastista behandelt. ¹⁴⁷ Wie in Deutschland hatte auch d er italienische faschistische Pro -Europäismus ein starkes moralisches oder spiritualistisches Element. Der Faschismus war der Träger einer "neuen Zivilisation", die auf der Antithese der Prinzipien von 1789 beruhte: Er bot eine geistige und moralische Umwa ndlung der Europäer an, die durch den Materialismus und Individualismus der liberal demokratischen Werte korrumpiert waren. Wie Mussolini am 14. November 1933 vor dem Nationalen Rat der Korporationen erklärte, "kann Europa wieder an die Spitze der Weltzivi lisation gelangen, wenn es ein Mindestmaß an


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politischer Einheit entwickelt. ¹⁴⁸ Und im Einklang mit der trilateralen Weltanschauung, die Faschisten und Nazis gleichermaßen liebten, wurde Mussolini nicht müde, das Bild eines Europas zu beschwören, das vom US Imperialismus im Westen und dem japanischen Vormarsch im Osten bedroht war: Ein Historiker des Eurofaschismus ist der Ansicht, dass die Idee einer "europäischen Gemeinschaft, die sich sowohl dem Kapitalismus als auch dem Kommunismus entgegenstellt", die Essenz von Mussolinis Europäismus war und dass sie über frühere faschistische Vorstellungen wie den "heiligen Egoismus" und den Vorrang des italienischen Geistes hinausging. ¹⁴⁹ Die italienischen Faschisten vertraten die Auffassung, dass die Dekadenz des Westens auf den Triumph einer materialistischen Lebensweise und eines auf Klasseninteressen beruhenden politischen Systems über die Interessen der Gemeinschaft als Ganzes zurü ckzuführen sei. Diese Dekadenz könne nur durch den Triumph einer politischen Philosophie geheilt werden, die sich an höheren geistigen Werten orientiere. Die wirtschaftliche Komponente dieser Überlegungen war wichtig. Wie R. Riccardi, der Minister für Devi sen und Währung, in "Die Wirtschaft als Grundlage der neu en europäischen Zivilisation"¹⁵⁰ schreibt, hängen die Dauerhaftigkeit und der Erfolg der neuen europäischen Wirtschaftsordnung von einem veränderten Bewusstsein und der Durchsetzung der geistigen und moralischen Werte des Faschismus ab. Aus diesem Grund bestanden die Befürworter der n euen europäischen Wirtschaftsordnung trotz gelegentlicher Rhetorik zur Wahrung der nationalen Souveränität im neuen Europa auf einer Harmonisierung der internen politischen und sozialen Systeme als Voraussetzung für die wirtschaftliche Neuordnung Europas. Für die Italiener war der Korporatismus das Herzstück des europäischen Faschismus (wie auch des Vichy -Frankreichs). Einer der produktivsten Theoretiker des Korporatismus war Bottai. Er beschrieb die neue europäische Wirtschaftsordnung in der Tat als "die P rojektion des korporativen Regimes auf die Beziehungen zwischen den Nationen". ¹⁵¹ Wie die Nazis waren auch die italienischen Faschisten davon überzeugt, dass die Nationalstaaten, wenn sie sich selbst überlassen blieben, anarchisch ihre eigenen individualis tischen Eigeninteressen verfolgen würden. So wie es für den Einzelnen unannehmbar ist, seine eigenen Interessen zu verfolgen, so war die staatliche Kontrolle auf supranationaler Ebene eine rationalere Art, die europäische Wirtschaft zu organisieren. Der Korporatismus, wie er zuerst von Mussolini formuliert wurde, ging davon aus, dass die Interessen der Menschen, da sie sich politisch nicht artikulieren können, nur durch Institutionen berücksichtigt werden können, die direkt mit ihren Berufen verbunden sind. Eine kleine herrschende Elite, die mit der


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Leitung dieser Institutionen betraut ist, würde das Volk sowohl leiten als auch von ihm geführt werden. In Vichy -Frankreich zum Beispiel wurde die Charta der Arbeit als eine r der Hauptpfeiler der nationalen Revolution angekündigt: Sie sollte den Klassenkampf beenden, indem sie ein einheitliches und obligatorisches syndikalistisches System und Sozialausschüsse ersetzte. Wie die Nazis befürworteten auch die italienischen Fasch isten eine Wirtschaftsplanung. Wie in Vichy -Frankreich gingen auch im italienischen Faschismus die wichtigsten Impulse zum einen von den Theoretikern der "neuen Zivilisation" und zum anderen von den Technokraten aus. So waren viele Italiener der Meinung, d ass die Wirtschaftsplanung die Schaffung einer europäischen supranationalen politischen Autorität erforderte. ¹⁵² Korporatisten wie zeitgenössische Antikapitalisten wollten die ihrer Meinung nach konfliktreichen Beziehungen des kapitalistischen Regimes und die damit verbundene "anonyme Macht" durch eine "Vergesellschaftung im Sinne einer Selbstverwaltung auf syndi kaler Basis" ersetzen. ¹⁵³ Deshalb glaubten korporatistische Faschisten in Italien - wiederum wie die Nazis -, sie könnten "die Interessen der Mitgliedsstaaten harmonisieren und sowohl Sieger als auch Besiegte in einem gemeinschaftlichen europäischen "Gemei nschafts"Rahmen vereinen und so Gerechtigkeit und Frieden unter den Nationen sicherstellen . . . Korporationen wären die Grundlage für eine soziale Einheit innerhalb der Nationen und im weiteren Sinne auch für die Einheit und Versöhnung zwischen den Natio nen; ein System, das auf nationaler Ebene angewandt wird, um Harmonie zwischen den Klassen zu schaffen, würde, wenn es auf internationaler Ebene angewandt wird, für die Zusammenarbeit zwischen den Nationen sorgen. ¹⁵⁴ Die Korporatisten glaubten also, eine neue Form der internationalen Solidarität zu schaffen, in der die einzelnen Nationen zwar ihre Identität, aber nicht ihre politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit bewahren könnten. Aber es ist natürlich genau der Unterschied zwischen der liberalen Auffassung von Nation einerseits und der europäischen Ideologie andererseits, dass Nationen im Allgemeinen eine politische Existenz haben sollten. Die bloße Bewahrung von "Kultur" oder "Identität" reicht nicht aus.

Das deutsch-französische Paar im faschistischen Stil

Wie in Italien war ein Großteil des proeuropäischen Denkens im Frankreich der Kriegszeit die natürliche Fortsetzung von Denkströmungen, die in den 1930er Jahren vorherrschend gewesen waren. Die Ideologie der Nationalen Revolution von Marschall Petain basierte auf einer pro -deutschen, anti-


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britischen, pro-kommunitären und anti -liberalen Auffassung von Wirtschaft und Politik. Auch pro -europäisches Denken war ein zentrales El ement. Als Marschall Petain nach seinem Treffen mit Hitler in Montoire im Juni 1941 die Politik der Kollaboration verkündete, nannte er ausdrücklich die Neue Europäische Ordnung als eine zentrale Rechtfertigung dafür. In der Ehre und zur Wahrung der franzö sischen Einheit, einer Einheit, die zehn Jahrhunderte alt ist", sagte er zu den Franzosen, "und im Rahmen einer konstruktiven Tätigkeit der Neuen Europäischen Ordnung beschreite ich heute den Weg der Zusammenarbeit". Ein Großteil der vichyistischen Propaga nda war daher europäisch. Als französische Arbeiter ermutigt wurden, in deutschen Fabriken zu arbeiten, forderten Plakate sie auf, "für Europa zu arbeiten". ¹⁵⁵ Eine Osterkarte aus dem Jahr 1942 zeigte eine Glucke mit der Aufschrift "Europa, unsere Mutter" auf der Brust: Sie versammelt ihre Küken um sich, von denen jedes die Flagge eines mit Nazideutschland verbündeten Landes trägt - Vichy-Frankreich, das faschistische Italien, Nazideutschland selbst und so weiter. Zwei Küken zögern noch: Dänemark und die Schweiz. (Fünfzig Jahre später sollte Dänemark beim Referendum von Maastricht im Juni 1992 gegen "Europa" stimmen, während die Schweiz gegen den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum stimmte. Die Europäische Kommission warb 1993 mit dem Slogan "Mutter Europa muss ihre Kinder beschützen".) Ein letztes Küken, das die Unionsflagge trägt, stürmt in eine jüdisch-bolschewistisch -amerikanische Kiste.¹⁵⁶ Noch unheimlicher war die ausdrücklich pro -europäische Propaganda, die die Gründung einer französischen SS -Brigade im Juli 1943 begleitete. (Die berühmteste Division der Brigade, "Charlemagne", war eine der letzten Einheiten, die im Mai 1945 den Reichs tag in Berlin gegen den sowjetischen Angriff verteidigte.) Ein Plakat aus dieser Zeit zeigt die Reihen der SS in Reih und Glied mit dem Slogan: "Mit deinen europäischen Kameraden, unter dem Zeichen der SS, wirst du siegen. " ¹⁵⁷ Auf einem anderen Einberufun gsplakat heißt es, dass es das Ziel der SS sei, "die Existenz des Abendlandes zu bewahren und die geistige Kultur Frankreichs und Europas zu erhalten". ¹⁵⁸ Die Monatszeitschrift der französischen SS mit dem Namen Devenir (Werden), deren erste Ausgabe im Fe bruar 1944 mit einem Hakenkreuz und einem Porträt Hitlers in heroischer Pose geschmückt war, trug den Untertitel "Kampfblatt der europäischen Gem einschaft".¹⁵⁹ Der nationalsozialistische Schriftsteller Alphonse de Chateaubriant, der Hitler für einen Handlanger Gottes hielt, erklärte in Wochenschauen die Notwendigkeit, dass Frankreich wie andere Nationen in die großen neuen geoökonomischen und geopolitischen Zusammenhänge eintauchen müsse, die der technische Fortschritt unvermeidlich mache. Auch der offen fa schistische


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Führer Jacques Doriot, der davon träumte, Führer eines vollständig faschistischen Frankreichs zu werden, ließ auf seinen Kundgebungen Spruchbänder mit der Aufschrift "L'Europe Unie" (Europa vereint) anbringen.¹⁶⁰ Generell ist zu unterscheiden zwischen der Regierung von Vichy, die sich einbildet, den Exzessen Nazi -Deutschlands die Stirn zu bieten, und den Pariser Kollaborateuren, die die nationalsozialistische Sache und alles, was sie mit sich bringt, von ga nzem Herzen unterstützen. ¹⁶¹ Die Pariser Kollaborateure sind größtenteils überzeugte Faschisten und Europäer, während die typischen Vichyisten reaktionär, engstirnig patriotisch und vor allem defätistisch sind. Andererseits war ein wichtiges Motiv für die Kollaborationspolitik von Vichy mit Nazideutschland - vor allem für den Premierminister Pierre Laval - die Angst, übergangen zu werden: "Ein Großteil der Kollaboration diente dazu, Frankreichs Platz in Deutschlands neuem Europa zu sichern. Robert Paxton, der große amerikanische Vichy -Historiker, schreibt von einer "breit angelegten und konzertierten Vichy -Politik, die sich darauf vorbereitete, über den Waffenstillstand hinaus in ein Entgegenkommen gegenüber Hitlers Europa einzutreten".¹⁶² So heißt es in Lavals Matignon -Erklärung vom 31. Oktober 1940: "Auf allen Gebieten, insbesondere auf wirtschaftlichem und kolonialem Gebiet, haben wir erörtert und werden wir weiterhin prüfen, in welcher praktischen Form unsere Zusammenarbeit den Inter essen Frankreichs, Deutschlands und Europas dienen kann. ¹⁶³ Ein überzeugter Ideologe der Kollaboration sagt 1941, Marschall Petain habe verstanden, dass das Schicksal Frankreichs nicht von dem der Welt, die sich "unter unseren Augen formt", getrennt werden kann.¹⁶⁴ Ein anderer erklärt: "Unsere Aktionen werden Deutschland beweisen, bevor es zu spät ist, dass es hier in Frankreich viele Menschen gibt, für die das Wort "Kollaboration" kein toter Buchstabe ist und die nicht wollen, dass Europa ohne Frankreich a ufgebaut wird. "¹⁶⁵ Auch in ihren Beziehungen zur Vichy -Regierung geben die Deutschen diesem französischen Drängen nach. Joachim von Ribbentrop versichert Admiral Darlan bei ihrem Treffen am 11. Mai 1941, dass (laut Protokoll) Frankreich unbedingt begreife n müsse, dass Deutschland nicht die Absicht habe, Frankreich das Leben und das französische Volk die Existenzgrundlage zu entziehen. Niemand in Deutschland wollte das. Gerade in den letzten Tagen", so heißt es weiter, "hatte der Führer auf die französische Kultur verwiesen, die in der Vergangenheit so viel geleistet habe und als positiver Faktor erhalten werden müsse. Im Europa der Zukunft müssen sich die deutsche und die französische Kultur gegenseitig bereichern und durch diesen Austausch neue Werte schaf fen. "¹⁶⁶ Dies bedeutete natürlich, dass man davon ausging, dass die Aufrechterhaltung der "Kultur" und der


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"Identität" einer Nation (was auch immer das heißen mag) ausreicht, damit die Nation in irgendeinem sinnvollen Sinn e existieren kann. Ribbentrop fuhr fort, die französischen Ängste zu beschwichtigen, dass sie von Deutschland beherrscht werden würden. Er betonte, dass die Vereinigung der deutschen Nation mit den ihr nahestehenden Staaten Deutschland zwar zum vorherrschenden Machtzentrum im neuen Europa machen würde, dass aber den anderen Nationen die ihnen zustehenden Ehrenplätze garantiert würden. Der Führer glaube, dass auf dieser Grundlage eine wirkliche und aufrichtige Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschla nd im Verlauf der künftigen Entwicklung gewährleistet werden könne. Die entscheidende Frage sei, ob Frankreich diese Zusammenarbeit auch wirklich wolle. Ribbentrop sagte, er sei sich bewusst, dass es in Frankreich Kreise gebe, die mit dem Gedanken einer ne uen Koalition gegen Deutschland spielten. Diese Haltung sei natürlich unvereinbar mit dem großen europäischen Gedanken... Es würde eine Konföderation der europäischen Nationen entstehen. Eine Zusammenarbeit in absoluter Harmonie würde die Möglichkeit eines inneren Krieges in Europa ausschließen.' ¹⁶⁷ Und dann die für die proeuropäische Ideologie unserer Tage übliche Behauptung, dass der Prozess der Integration unausweichlich sei: "Ob es einem gefällt oder nicht, es wäre unmöglich, diesen Trend der Entwicklun g aufzuhalten, und es wäre gut für die Völker, wenn die Regierenden sich dessen klar bewusst wären. Am nächsten Tag besuchte Darlan Hitler in Berchtesgaden. Nach seiner Rückkehr schrieb er dem Führer erfreut über "erste Schritte zu einer glücklicheren Zuku nft unserer beiden Länder und die Zukunft der 'europäischen Zusammenarbeit'". ¹⁶⁸ Für den französischen Verbrauch kündigte er an, dass ein "neues Europa" in Vorbereitung sei, das nur überleben könne, "wenn Frankreich seinen ehrenvollen Platz einnimmt".¹⁶⁹

Die Gruppe "Collaboration" und ihr Umfeld

Um eine Politik der uneingeschränk ten Unterstützung der nationalsozialistischen europäischen Integration zu propagieren, gründete der aristokratische Essayist und Hitler -Bewunderer Alphonse de Chateaubriant am 24. September 1940 in Paris eine Gruppe namens Le Groupe "Collaboration" (Kollaboration, ein Zusammenschluss von Kräften für die europäische Einheit). Chateaubriant war 1937 mit der Veröffentlichung seines Buches La Gerbe des forces (Der Kranz der Macht) als deutsch - und nazifreundlich bekannt geworden.¹⁷⁰ Obwohl die Gruppe nicht offen faschistisch war, war sie von einem positiven Interesse an Deutschland und vor allem von der Überzeugung


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beseelt, dass in Deutschland Antworten auf die französischen Probleme gefunden werden könnten. Die Mitglieder der Gruppe stammen größtenteils aus den deutschfreundlichen Kreisen, die es in Frankreich vor dem Krieg gegeben hatte und die während des Krieges in pro -nazistische Positionen abglitten. Diese extremsten Elemente im besetzte n Frankreich waren die pro europäischsten. Zu ihnen gehörte das "Comite France -Allemagne", das 1935 gegründete deutsch -französische Versöhnungskomitee, an dessen Spitze Georges Scapini stand, ein im Ersten Weltkrieg erblindeter Veteran, der unter Vichy französischer Beauftragter für Kriegsgefangene in Berlin wurde und eine wichtige Rolle als Verfechter der Kollaboration spielte. Andere Mitglieder der Gruppe und der ihr nahestehenden Kreise waren hingegen keine aktiven Kollaborateure, auch wenn sie in der Ze it vor dem Krieg und sogar zu Beginn des Krieges pro-nazistische oder pro -deutsche Positionen vertraten. Das Comite France -Allemagne war ein wichtiges Element der Vorkriegsstrategie der Nationalsozialisten, um Frankreich zu umwerben. Es wurde auf deutsche Initiative hin gegründet, zeitgleich mit der Gründung einer Schwesterorganisation in Deutschland, der "Deutsch -Französischen Gesellschaft" (DFG). Die letztgenannte Organisation wurde von einer der Schlüsselfiguren der nationalsozialistischen Verfechter ein er "deutschfranzösischen Annäherung", dem späteren deutschen Botschafter in Paris, Otto Abetz, gegründet. (Die ursprüngliche Deutsch -Französische Gesellschaft, die 1926 gegründet worden war, wurde von den Nazis aufgelöst). Die Eröffnungsfeier fand in Anwe senheit von Ribbentrop und des französischen Botschafters in Berlin, Andre Fran cois-Poncet, statt (dessen Sohn Jean wurde unter Giscard französischer Außenminister und ist bis heute ein prominenter französischer Sprecher für die europäische Integration). D er DeutschFranzösischen Gesellschaft gehörten als Kollektivmitglieder die NS Organisationen "Kraft durch Freude", "Bund Nationalsozialistischer Frauen" und "Nationalsoz ialistischer Hilfsverein" an. ¹⁷¹ Abetz spielte in der Zwischenkriegszeit eine entscheidende Rolle bei der Aussöhnung zwischen Frankreich und Nazideutschland. Er wurde 1934 in den Rang eines Unteroffiziers der Reichsjugendführung befördert und als deren Experte für französische Angeleg enheiten mit der Aufgabe betraut, eine deutsch-französische Verbindungsorganisation einzurichten. Er knüpfte Kontakte zwischen hochrangigen nationalsozialistischen Propagandabeamten (Baldur von Schirach, Johannes Maas) und französischen Meinungsmachern (Bertrand de Jouvenel und Jean Luchaire von der pro -Briand-Zeitschrift Notre Temps; Denis de Rougemont und andere von der Zeitschrift Ordre Nouveau; Thierry Maulnier von L'Action frangaise).


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Diese Bemühungen gipfelten in der G ründung der Deutsch -Französischen Gesellschaft und des Comite France -Allemagne im Jahr 1935. Die Mitglieder des Comite France -Allemagne wurden fast alle zu führenden Köpfen der französischen Kollaboration mit den Nazis nach 1940. Zu ihnen gehörten Fernand de Brinon als einer der Vizepräsidenten, der Botschafter von Vichy Frankreich in Deutschland wurde, Jacques Benoist -Mechin, Mitglied des politischen Büros der Gruppe, der ein hochrangiger Vichy -Minister wurde, und Jean Weiland, Mitglied des Verwaltungsrate s, der eine führende Rolle in der Groupe "Collaboration" in Paris einnahm. Brinon, der vor dem Krieg pro deutsch war, wurde während des Krieges explizit pro -nazistisch und versuchte sogar, eine Regierung im Stil der Nazis zu errichten, als er 1944 mit Mars chall Petain in Sigmaringen im Exil war. Bei seinem Prozess nach dem Krieg erklärte er, dass jegliches Gerede über ein raffiniertes "doppeltes Spiel" von Marschall Petain Unsinn sei: Der alte Marschall sei, so Brinon, ein gründlicher und echter Unterstützer der Kollaboration gewesen. ¹⁷² So wurde das Comite in den zahlreichen deutsch -französischen Krisen der 1930er Jahre nach den Worten von Abetz zu einem wichtigen "Kurzschluss". Er wurde von der französischen Regierung anerkannt und subventioniert und hatte Vertreter in ganz Frankreich. Jean Weiland rühmte sich sogar, dass das Comite zum "Erfolg" der Münchner Konferenz von 1938 beigetragen habe. Seine 1935 gegründete Zeit schrift, die Cahiers franco - allemands, ging aus den Cahiers du Sohlberg (Sohlbergkreis) hervor, die wiederum aus den Treffen von Freunden entstanden, die sich im Sommer 1930 unter der Schirmherrschaft von Abetz in Sohlberg trafen. Die Gruppe diskutierte Themen wie "Die französische und deutsche Jugend vor der Europäischen Union" und "Die eur opäischen Aufgaben der franz ösischen und deutschen Jugend". ¹⁷³ Sie bringt viele der großen Pro -Europäer jener Zeit aus Frankreich, Deutschland und Belgien zusammen, darunter Henri de Man, den künftigen Führer der belgischen Sozialisten, Moeller van den Bru ck, den Star der jungkonservativen Bewegung in Deutschland, Bertrand de Jouvenel, Jean Luchaire, zahlreiche Sympathisanten des französischen Faschismus, der L' Action frangaise und der von Maurice Barres inspirierten französischen romantischen Nationalbewe gung.¹⁷⁴ Abetz stellt sich als friedliebender Demokrat dar, tatsächlich aber schreibt er für das deutsche Außenministerium regelmäßig Berichte über die Treffen der Gruppe, die er ab 1934 mit "M it Hitlerheil" unterschreibt. ¹⁷⁵ Die von Abetz geleiteten Cahiers fr anco-allemands / Deutsch Französische Monatshefte, die sowohl in französischer als auch in deutscher Sprache erschienen, sind ein großes Denkmal des nationalsozialistischen Pro Europäismus. Sie predigten die deutsch -französische Versöhnung und die Idee


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des "deutsch-französischen Paares". ¹⁷⁶ Die Titel der Artikel sprechen für sich: "Europa wird sein" (Marcel Deat); "Wie hat Napoleon Europa gedacht? ' (Hans Friedrich); 'Marschall Petains Politik der Zusammenarbeit aus wirtschaftlicher Sicht' (Dr. Wilhelm Grotkoop); 'Das neue Europa' (Dr. Ka rl Megerle); 'Für eine Renaissance Europas' (Reichsleiter Alfred Rosenberg); 'Die deutsche Auffassung vom Lebensraum' (Prof. Dr. Ludwig Schmitt); 'Das Schicksal Europas aus historischer Sicht' (Prof. Wilhelm Weber); ¹⁷⁷ 'Die enge kulturelle Beziehung zwisch en Frankreich und Deutschland' (J. Noulens); "Deutsche Jugend und Glück" (Otto Abetz); "Franzosen und Deutsche" (Henri de Montherlant); "Über Mein Kampf" (unsigniert, im Literaturteil); "Der Dokumentarfilm als Kunstwerk" (Leni Riefenstahl); ¹⁷⁸ "Das große Europa";¹⁷⁹ "Karl der Große, der erste Einiger Europas"; ¹⁸⁰ und "England gegen Europa". ¹⁸¹ Die Zeitschrift zeigte auch volkstümliche Fotos vom bäuerlichen Leben in den beiden Ländern, Bilder von deutsch -französischen Begegnungen und üppige Fotos von Nazikun dgebungen in Nürnberg. ¹⁸² Die Leitartikel enthielten die übliche Anprangerung der liberalen angelsächsischen Ordnung, wie wir sie in der NS-Propaganda auch anderswo kennengelernt haben. In der November Dezember-Ausgabe 1940 behauptete der Leitartikel mit d em Titel "Das Jahr Europas": "Das liberale System ist in diesem Jahr auf unserem Kontinent mit einer so erstaunlichen Geschwindigkeit zusammengebrochen, dass selbst seine ehemaligen Anhänger ihm nur noch formale Trauer zugestehen. Die "guten Europäer" soll ten sich fragen, was England Europa zu bieten habe: ein Gleichgewicht der Kräfte? Wirtschaftliche Freiheit? Ein Weltsystem auf der Grundlage des Goldstandards? All dies lehnt er ab und kommt zu dem Schluss, dass Frankreich diesen Herausforderungen umso gel assener und wirksamer begegnen kann, je stärker es sich in die e uropäische Solidarität einfügt. ¹⁸³ All dies ist letztlich das Verdienst von Abetz. Seine Bemühungen wurden 1938 belohnt, als sein Mentor, Joachim von Ribbentrop, der Nazi -Botschafter in London, deutscher Außenminister wurde. Nach dem Fall Frankreichs ernannte Ribbentrop Abetz zum deutschen Botschafter in Paris. Er schreibt am 30. Juli 1940 an Hitler, dass Deutschland seine Strategie der Schwächung Frankreichs fortsetzen solle, um es in ein deut sches Europa einzugliedern: "So wie das nationalsozialistische Deutschland den Friedensgedanken an sich gerissen hat, der die moralische Schwächung Frankreichs bewirkt hat, ohne den kämpferischen Geist Deutschlands zu unterdrücken, so kann das Reich von nu n an den europäischen Gedanken an sich reißen, ohne den Willen zur kontinentalen Hegemonie zu beeinträchtigen, den der Nationalsozialismus im deutschen Volk verankert hat. " ¹⁸⁴ Ein weiterer Wegbereiter der deutsch -französischen Aussöhnung im Jahr 1940 war Friedrich Grimm. Grimm trat im April 1933 in die Nazipartei ein und


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veröffentlichte 1936 "Hitler und Europa". Im Jahr 1937 nahm er ein Mandat von Ribbentrop an, um Vizepräsident der Deutsch -Französischen Gesellschaft zu werden. Er schreibt Vorworte zu den Werken des französischen Historikers Jacques Bainville, die er 1939 veröffentlicht, um einerseits die unbestrittene Größe Bainvilles zu demonstrieren (und damit die französische nationalistische Rechte zu umwerben), anderer seits aber auch um die Vergeblichkeit der traditionellen französischen Politik der Schwächung Deutschlands aufzuzeigen. Seit Beginn des Krieges ist Grimm halboffiziell für die nationalsozialistische Propaganda in Frankreich zuständig. Er versuchte insbeson dere, die antibolschewistischen und antisemitischen Teile der französischen Rechten für sich zu gewinnen und sie davon zu überzeugen, dass nur ein deutsch französisches Abkommen Europa vor den Bolschewiken und den Juden retten würde. Er hilft bei der Gründ ung der Groupe "Collaboration" und ruft für den Rest des Krieges zu einer "neuen europäischen Ordnung" auf, um der "jüdisch englischen Vorherrschaft" und dem "jüdischen Bolschewismus" die Stirn zu bieten.¹⁸⁵ Es ist ziemlich überraschend, dass ein moderner pro-europäischer Kommentator ihn als "deutschen Patrioten und überzeugten Europäer" bezeichnet.¹⁸⁶ Der Höhepunkt all dieser Aktivitäten war die Gründung der Gruppe "Kollaboration". Ab 1940 hält die Gruppe eine Reihe von Konferenzen mit deutlich pro-europäischem Charakter ab, organisiert öffentliche Diskussionen über kollaborative Themen, zeigt in den Achsenländern produzierte Filme und sponsert Vorträge deutscher Gäste. ¹⁸⁷ Sie wirbt für die "französische Erneuerung, die deutsch -französische Versöhnung und d ie europäische Solidarität "¹⁸⁸ , und auf ihrer ersten Sitzung wird der Begriff "europäische Gemeinschaft" verwendet. ¹⁸⁹ Einer der früheren Vorträge der Fraktion, "Auf dem Weg zu einem neuen Europa", wurde von einem deutschen Diplomaten und Parlamentarier, Baron Werner von Rheinbaben, gehalten, der in den 1920er Jahren deutscher Botschafter beim Völkerbund und Vizepräsident der deutsch -französischen Fraktion im Reichstag gewesen war. Wie fast alle Pro -Europäer vor und nach ihm war auch Rheinbaben der Meinun g, dass alle Konflikte und Spannungen zwischen den europäischen Nationen beseitigt werden könnten. Den Vorschlägen der Abrüstungskonferenz stand er ablehnend gegenüber, da er der Meinung war, dass die Wunden, die der letzte Krieg verursacht hatte, geheilt werden müssten. Die Teilung Europas müsse verschwinden, und die Spannungen zwischen den Nationen müssten überwunden werden. Es muss ein neues System des Zusammenlebens der Völker geschaffen werden " ¹⁹⁰ . Es sei


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notwendig, das System des Kräftegleichgewichts zu vermeiden, nach dem sich die Länder in Koalitionen gegeneinander zusammenschließen. Rheinbaben plädiert in seiner Rede dafür, dass Frankreich durch die deutsch französische Zusammenarbeit zum neuen Europa beiträ gt.¹⁹¹ Die deutschfranzösische Zusammenarbeit sei die wesentliche Voraussetzung für den Aufbau des neuen Europas. ¹⁹² "Der einzige Weg, der Frankreich heute zu einem neuen Europa führen wird, ist die enge Zusammenarbeit mit Deutschland. " ¹⁹³ In Anlehnung an d ie bekannte Formulierung von Marschall Petain müsse die Zusammenarbeit Frankreichs mit dem neuen Europa die bestimmende und entscheidende Richtlinie für die Zukunft Frankreichs werden. ¹⁹⁴ In Anlehnung an ein allgemeines deutsches Thema prangert Rheinbaben die "englische Politik der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der Kräfte" an. Diese Politik bestehe darin, die europäischen Mächte gegeneinander auszuspielen, um ihre gegenseitige Schwächung und die Vorherrschaft Englands in der Welt zu erreichen. ¹⁹⁵ "In der Zeit des Aufbaus des neuen Europa", so Rheinbaben weiter, "darf es keine halben Sachen geben und keine Möglichkeit für Hintergedanken. Die Frage der deutsch -französischen Zusammenarbeit wird immer drängender. Rheinbaben wies die Behauptung zurück, das deutsche Gerede vom "neuen Europa" sei nur ein Vorwand für die deutsche Vorherrschaft in Europa. Frankreich könne von dem neuen Europa politisch und wirtschaftlich nur profitieren. Wollte Frankreich keinen Zugang zu den deutschen Märkten? Die Engländer mü ssten ein für alle Mal vom Kontinent vertrieben werden, und das neue Europa müsse sich von den Vereinigten Staaten fernhalten. Es sei notwendig, "das neue europäische Haus" ohne amerikanische Hilfe aufzubauen. ¹⁹⁶ Auch Dr. Colin Ross sprach vor der Fraktion . Den Vorsitz der Sitzung führte Rene Pichard du Page, der Ross als Verfechter der "deutsch -französischen Verständigung" bezeichnete, "der soliden und einzig möglichen Grundlage für diese patrie europeenne, die geschaffen werden muss - oder besser gesagt, wiederbelebt werden muss, denn wie er in Erinnerung rufen wird, war das Reich Karls des Groß en der erste Entwurf dafür... ¹⁹⁷ Ross enttäuschte seine Zuhörer nicht und beendete seine Rede mit den Worten: "Wir müssen in irgendeiner Form zum Reich Karls des Großen zurückkehren, was bedeutet, dass wir das, was uns eint, jenseits dessen, was uns trennt, wiederentdecken müssen ... Es ist diese Art von Gemeinschaft, die wir wiederherstellen müssen, und wir werden sie trotz allem wiederherstellen. Ich glaube nicht nur an eine Wiederannäherung zwischen Frankreich und Deutschland. Ich glaube an Europa, an UNSER EUROPA, an das neue Europ a, das das große gemeinsame Vaterland der Franzosen und der Deutschen sein wird. " ¹⁹⁸


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In einer Rede mit dem Titel "Unsere europäische Rolle" spricht Jacques de Lesdain von der "Wiederauferstehung Frankreichs in Europa". ¹⁹⁹ "Ein Gast ist vor unsere Tür getreten", fährt er etwas unwahrscheinlich fort. Der Name dieses Gastes ist "Europa". Frankreich muss die Tür zu Europa öffnen, sonst droht ihm noch größeres Unheil als das, das es gerade erlitten hat. Frankreichs langfristige Sicherheit und Wohlstand hängen von Europa ab.... Unser Wohlstand und der Wohlstan d unserer Nachbarn stehen in einem direkten Verhältnis von Ursache und Wirkung zu den Entscheidungen, die wir freiwillig treffen werden - ich betone das Adverb "freiwillig" -, ob wir mit Europa zusammenarbeiten werden oder nicht; mit einem Wort, ob Frankre ich von ganzem Herzen akzeptieren wird, ein europäisches Frankreich zu werden oder nicht". Aber Frankreich war nicht die einzige Nation, die europäisch werden musste: das Reich selbst, Italien und Spanien mussten sich ebenfalls als europäisch erweisen wie Frankreich.²⁰⁰ In seiner Analyse der Notwendigkeit der europäischen Einigung greift Lesdain alle zuvor genannten Themen auf. Europa ist zu klein, als dass kleine Länder, die sich bekriegen, gegeneinander antreten könnten. Sehen Sie sich die Karte Europas und die zwanz ig Nationen an, aus denen es besteht. Diese zwanzig Völker haben, anstatt sich gegenseitig die Hand zu reichen, den Geist der guten Nachbarschaft zu pflegen und sich gegenseitig zu helfen, die Gewohnheit, sich unter finanziellen Einflüssen von außerhalb Eu ropas den Rücken zuzukehren, aufeinander eifersüchtig zu sein und das, was sie zum offensichtlichen Nutzen miteinander tauschen könnten, von weit her zu kaufen. "²⁰¹ Die Macht der "Trusts" in London, New York und Amsterdam anprangernd, argumentiert De Lesdain, dass die Theorie des "vitalen Raums" nichts anderes als eine selbstverständliche Notwendigkeit sei. Einmal in die Praxis umgesetzt, bestünden diese Lebensräum e einfach darin, jene rationalen Beziehungen herzustellen, die seit Jahrhunderten zwischen benachbarten Völkern bestehen sollten. ²⁰² Unter Verwendung der Metapher eines "Bauwerks" argumentierte De Lesdain einfach, dass die europäische Wirtschaft rationelle r geplant werden müsse, wobei jedes Land das tue, was es am besten könne. In ähnlicher Weise betonte ein anderer Redner, der sich mit der Landwirtschaft befasste, dass die französische Landwirtschaft ohne Europa weder sicher noch wohlhabend sein könne. Eur opa ist der lebenswichtige Raum für die französische Landwirtschaft ... Unser Markt, unser Lebensraum, liegt direkt vor unserer Haustür: Europa. " ²⁰³ Er schloss: Der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft setzt ein sofortiges Aktionsprogramm voraus, das wir verwirklichen müssen " ²⁰⁴. Lesdain ist auch der Initiator einer Ausstellung, die am 31. Mai 1941 im Grand Palais in Paris unter dem Titel La Fran ce europeenne eröffnet wird und "die


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Rolle Frankreichs im neuen Europa" zeigen soll. ²⁰⁵ Eine gleichnamige Zeitschrift wird herausgegeben. Lesdain selbst sagt, dass die Ausstellung "vor allem ein Akt des Glaubens" sei, der das Vertrauen der Franzosen in sich selbst nach der Niederlage wiederherstellen solle. Die Aussicht auf eine "Integration Frankreichs in Europa " ²⁰⁶ erforderte viel Disziplin, aber auch Enthusiasmus. Für Frankreich gibt es keine Zukunft außerhalb Euro pas, und die nationalen Industrien müssen sich in die europäische Industrie integrieren, um zu gedeihen. Die Ausstellung, die von Fernand de Brinon in Begleitung von General von Stülpnagel, dem deutschen Militärbefehlshaber in Frankreich, eröffnet wurde, w ar eine Art grandiose "son et lumiere" -Schau über Frankreichs europäisches Schicksal: Die Geister der französischen Geschichte waren alle anwesend - Sainte Genevieve, Karl der Große, Ludwig XIV, Sully, Colbert, Napoleon, Victor Hugo, der unbekannte Soldat. Es gab Bilder aus dem französischen Leben - ein Bauerndorf, eine Handwerkerwerkstatt, ein Dorf in einer afrikanischen Kolonie. Die abschließende Apotheose zeigte Frankreich und Europa, wie sie ihre Einheit besiegeln. Ein Orchester spielte eine Hymne auf das "europäische Frankreich" als stimmungsvollen Abschluss jeder Sitzung.²⁰⁷ Die Groupe "Collaboration" bleibt während des gesamten Krieges aktiv. Sie wird von den Deutschen mit 2 Millionen Francs pro Jahr finanziert und zählt 1943 über hunderttausend Mitglieder, manche Schätzungen gehen sogar von der doppelten Zahl aus. ²⁰⁸ 1943 richtet sie ein Büro in Vichy ein. Am 4. März 1944 hält kein Geringerer als Werner Daitz eine Rede zum Thema "Die Kontinentalpolitik Napoleons, Vorwegnahme der Europapolitik des Reiches".²⁰⁹ Seine französischen Redakteure sagen später, dass Daitz der erst e Mann war, der "die Zukunft unseres Kontinents und die Rolle, die Frankreich darin spielen kann", beleuchtet hat. Aber Daitz war nicht der erste, der einen ausdrücklichen Vergleich zwischen der Wirtschaftspolitik Napoleons und der der Nazis zog. Der Geopo litiker Kurt Vowinkel hatte dies bereits 1941 getan. ²¹⁰ Auch Bertrand de Jouvenel hatte 1938 sein Interesse an diesem Thema bekundet. De Jouvenel war in den 1930er Jahren einer der führenden Intellektuellen in Frankreich, und einige seiner Bücher über politische Philosophie - wie zum Beispiel Du pouvoir (Übe r die Macht) - sind bis heute anerkannte Klassiker. Vor und während des Krieges stand Jouvenel jedoch dem antikapitalistischen und korporatistischen Denken nahe, das die französischen, belgischen, italienischen und deutschen Faschisten und Protofaschisten prägte. Bei einem deutsch -französischen Treffen in Berlin im Jahr 1934 hatte Jouvenel seine Bewunderung für die deutsche Planwirtschaft zum Ausdruck gebracht. ²¹¹ In diesem Sinne schrieb er 1942, auf dem Höhepunkt der Einführung der NS -Wirtschaft, das Buch Napoleon oder Die


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gelenkte Wirtschaft: Der Kontinentalblock, das von dem pro -faschistischen Verlag Les Editions de la Toison d'Or in Brüssel veröffentlicht wurde. Es überrascht nicht, dass Jouvenel aufgrund seiner Ansichten zur Wirtschaftsplanung zwangsläufig proeuropäisch und sogar weltoffen war. Er hatte 1938 "Europas Erwachen" und 1930 "Auf dem Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa" geschrieben. Im Jahr 1931 veröffentlichte er Von der europäischen Wirtschaftseinheit z ur gelenkten Weltwirtschaft. Jouvenel war auch dafür berüchtigt, 1936 ein sehr lobendes Interview mit Hitler geschrieben zu haben²¹² - und das, obwohl er 1938 wegen München aus dem Comite France Allemagne austrat. Die Gruppe "Collaboration" unterstützte au ch eine Jugendbewegung, die "Jeunesse de l'Europe Nouvelle" (Jugend des Neuen Europa). Ihre Gründung dauerte ein Jahr, von Mai 1941 bis zu ihrer Etablierung im besetzten und unbesetzten Frankreich im Juni 1942. Zwar unterhält sie keine Kontakte zu den paramilitärischen Jugendbewegungen von Vichy - "Les Chantiers de la Jeunesse" oder "Les Compagnons de France" (denen der junge Jacques Delors angehörte und die Marschall Petain zur "Avantgarde der nationalen Revolution "²¹³ erklärte) -, aber wie diese verwende t die Jeunesse de l'Europe Nouvelle ein Runenzeichen und ihre Mitglieder tragen Uniformen. Auf dem Höhepunkt ihres Einflusses, im Jahr 1943, zählte sie etwa 4.000 Mitglieder. Sie lösten sich nach und nach in andere Gruppen wie das Nationalsozialistische Lastwagenkorps, die Antibolschewistische Legion und die Waffen -SS auf. Der Führer der Jeunesse de l'Europe Nouvelle, Jacques Schweizer, erklärt auf dem Kongress der Gruppe im Januar 1944, dass die nationale Revolution "ein europäisches Frankreich und den Nat ionalsozialismus" bedeute. ²¹⁴ 1944 verfügt die Jeunesse de l'Europe Nouvelle bereits über die rudimentären Organe einer totalitären Bewegung: Schutztrupps, die die Versammlungen der Groupe "Collaboration" und die eigenen Versammlungen bewachen, Kadetten für Kinder im Alter von elf b is vierzehn Jahren und eine Frauenhilfsgruppe. ²¹⁵

Personalismus

Die wahrscheinlich faszinierendste direkte Verbindung zwischen dem Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegseuropäismus ist der Personalismus. Der Personalismus ist eine nebulöse Philosophie, die t rotz (oder vielleicht gerade wegen) ihrer Unbestimmtheit großen Einfluss auf das kontinentale Europa der Nachkriegszeit ausgeübt hat. Er ist ein antiliberales, linkes, katholisch ökumenisches, föderalistisches, pro -europäisches, anti-individualistisches Bekenntnis zum Dritten Weg. In den 1930er Jahren wurde sie mit einem


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virulenten gebracht.

Antiparlamentarismus

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in

Verbindung

Ihr berühmtester Anhänger ist Jacques Delors, der den prominentesten Vertreter dieser Doktrin, Emmanuel Mounier, als einen seiner geistigen Paten bezeichnet. Mounier ist in Großbritannien nicht sehr bekannt, aber sein Einfluss in Frankreich und anderswo auf dem Kontinent ist sehr groß. Als lebenslanger Verfechter eines föderale n Europas war Mouniers Denken auch eine wichtige treibende Kraft hinter der Sozialphilosophie und humanistischen Theologie, die sich der katholischen Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil aufdrängte. Die beiden wichtigsten personalistischen Zeitschri ften in den 1930er Jahren waren Esprit, gegründet und herausgegeben von Emmanuel Mounier, und Ordre Nouveau, gegründet von Alexandre Marc. Beide Kreise einte eine tiefe Abneigung gegen den Nationalstaat. Eine dritte Figur, der Schweizer Philosoph Denis de Rougemont, gehörte zu beiden Gruppen. Er war ein lebenslanger europäischer Föderalist und in den 1930er Jahren ein glühender Verfechter des Begriffs "Revolution". Wie viele andere, die mit den wirtschaftlichen Turbulenzen dieser Zeit und der endemischen Sc hwäche des parlamentarischen Systems in Frankreich konfrontiert waren, war Denis de Rougemont zutiefst antiliberal, antikapitalistisch und antiparlamentarisch. Er war auch das Bindeglied zwischen den beiden Zeitschriften, denn er war die einzige Person, die über einen längeren Zeitraum für beide Zeitschriften schrieb. De Rougemont verbindet in der Tat mit einer seltenen Klarheit die Verbindung zwischen Personalismus, Föderalismus, Pro -Europäismus und dem Hass auf die Politik. Er schreibt: "Eine politische K onsequenz des Personalismus ist der Föderalismus. Gesetze, die auf der Person beruhen, müssen in erster Linie die persönlichen, lokalen und regionalen Unterschiede berücksichtigen. " ²¹⁶ Die "europäische Revolution", für die er kämpft, muss seiner Meinung n ach das politische Leben "in den Mittelpunkt des Menschen selbst, in die Person" und nicht in den Nationalstaat bringen. ²¹⁷ Seine Vision war utopisch und ganzheitlich: Er glaubte, dass sich alle Konflikte zwischen den Menschen - und damit auch die Politik - in allgemeiner Harmonie und Freundlichkeit auflösen würden, sobald die richtigen Strukturen geschaffen wären: "Ich mache Politik, damit es keine Politik mehr gibt", erklärte er. ²¹⁸ Im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen ging De Rougemont nie Kompromisse mit dem Nationalsozialismus ein, auch wenn er ihn aus nächster Nähe beobachtete. Er war ein Jahr lang Dozent an der Universität Frankfurt (1935 36) und nahm, wie wir noch sehen werden, Emmanuel Mounier zu einer Nazikundgebung mit. Aus Verärgerung über den Schweizer Neutralismus


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gründete er eine Widerstandsgruppe, die sich "Liga von Gothard" nannte, obwohl sie nie wirklich in den Kampf gegen Nazideutschland eingriff. Seltsamerweise erlebte De Rougemont seine tiefste Bekehrun g zum Europäertum beim Betrachten von Zügen: Er beschrieb, wie er internationale Schnellzüge beobachtete, die das besetzte Europa durchquerten, und schrieb: "Ich konnte auf den langen braunen Waggons "Amsterdam, Basel, Mailand, Zagreb, Bukarest" lesen. Zum ersten Mal spürte ich Europa. " ²¹⁹ Ab 1937 war er überzeugt, dass der Schweizer Föderalismus ein Modell für Europa sei. ²²⁰ Sein Hass auf den Nationalstaat, auf die parlamentarische Herrschaft und auf den Liberalismus war Teil desselben Gedankens. Er ist der Meinung, dass das parlamentarische System nur die Interessen der Menschen berücksichtigt, nicht aber ihre Bedürfnisse. Er ist der Meinung, dass ein gemütlicher Kommunitarismus im kleinen Rahmen Harmonie schaffen kann, die auf geistiger Zusammengehörigkeit und einer teleologischen Sicht der Gesellschaft beruht. Der Liberalismus und das parlamentarische Regime, das sich auf den Nationalstaat stützt, sind für ihn nichts anderes als grober Materialismus. In diesen Theorien gibt es einige Übereinstimmungen mit dem Faschismus. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass der Personalismus den Faschismus beeinflusst haben könnte. De Rougemont zufolge übernahmen Joachim von Ribbentrop und Otto Abetz den Begriff "Neue Ordnung", mit dem sie die nationalsozialistische Vision von Europa beschrieben, aus dem Titel von Marcs Zeitschrift Ordre Nouveau. ²²¹ Ordre Nouveau war in der Tat oft pro -nazistisch und pro-mussoliniistisch eingestellt, auch wenn es hier und da Kritik an deren Bewegungen übte. Was den Autoren am Nationalsozialismus besonders gefiel, war seine Feindseligkeit gegenüber Liberalismus, Kommunismus und parlamentarischer Demokratie. Im November 1933 veröffentlichte die Zeitschrift einen "Brief an Adolf Hitler, Reichskanzler". Darin heißt es unter der Unterschrift Ordre Nouveau: "Ihr Werk ist mutig, e s ist großartig". Er spricht von "Heldentum", "Aufopferung", "Entsagung" und "Protest gegen den zeitgenössischen Materialismus". ²²² "Sie haben einer Lüge ein Ende gesetzt", so die Zeitschrift, "der Lüge der liberalen Demokratie". ²²³ Der Artikel endet mit der Feststellung, dass Hitler nicht weit genug gegangen sei. Der Gründer des Ordre Nouveau, Alexandre Marc, ist wie De Rougemont ein Föderalist. Er wurde 1904 in Russland geboren und b ewunderte Trotzki im Jahr 1917.²²⁴ 1933 schrieb er ein Buch mit dem Titel Jeune Europe, in dem er behauptete, dass sich das Naziregime "in Verzweiflung, Chaos, Schlamm und Blut" auflösen würde, wenn es nicht "über sich selbst hinauswachsen" würde, indem es einige der Ideen der Elite der deutschen Jugend, "den Vorrang der


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menschlichen Person, den Föderalismus und den regionalen Korporatismus", übernahm.²²⁵ Marc spielte eine zentrale Rolle in der personalistischen Verbindung zwischen Emmanuel Mouniers Esprit und der nationalsozialistischen Linken - jenen "dissidenten" Nationalsozialisten, die mit Hitlers Führung der Arbeiterparteibewegung in den frühen 1930 er Jahren unzufrieden waren. Bevor er den Ordre Nouveau gründete, hatte er an einer Zeitschrift namens Plans mitgearbeitet, die 1931 von dem jungen Rechtsanwalt Philippe Lamour gegründet worden war. Lamour war ein militantes Blauhemd in der faschistischen "Faisceau"-Partei von Georges Valois gewesen, bevor er versuchte, seine eigene "Revolutionäre Faschistische Partei" zu gründen. Er interessierte sich für den Planismus des belgischen Sozialisten und späteren Nazi-Kollaborateurs Henri de Man (der 1943 in ei ner deutschen Zeitschrift schreiben sollte, dass "die Souveränität der Nationalstaaten in Zoll - und Handelsfragen wirtschaftlicher Unsinn ist " ²²⁶), hatte verschiedene Wissenschaftler und Künstler, darunter Le Corbusier, gesammelt und romantische Bilder vo n Hitler und Mussolini veröffentlicht. Jacques Maritain, der sonst Emmanuel Mouniers geistiger Pate war, sollte Mounier vorwerfen, mit der "Gänsefüßchen -Philosophie" von Marc und seinen Freunden etwas zu tun zu haben.²²⁷ Marc hatte im Sommer 1930 an Treffe n mit jungen Deutschen im Lager Sohlberg teilgenommen, wo er Otto Abetz kennenlernte. Obwohl Abetz damals nur ein Zeichenlehrer war, hatte er bereits eine führende Rolle bei der Förderung von Kontakten zwischen deutschen und französischen Jugendlichen übernommen. Marcs Freund Rene Dupuis, mit dem er 1933 gemeinsam die Zeitschrift Jeune Europe herausgab, verfasste ein Manifest für eine "Einheitsfront der europäischen Jugend", in dem ein gemeinsamer revolutionärer Kampf der Jugend Frankreichs und Deutschlands , eine "Rückkehr zum wahren Menschen", "Föderalismus" und die "Ausarbeitung eines europäischen Plans" gefordert wurden. ²²⁸ Philippe Lamour erklärt, dass die Leute, die sich um den Ordre Nouveau und Plans scharen, allesamt "Anti -Individualisten" sind, weil sie alle "Personalisten" sind. ²²⁹ Auf der deutsch -französischen Jugendkonferenz 1932 in Frankfurt wird eine deutsche Version von Plans gegründet, die sich Planen nennt: Otto Strasser und Otto Abetz ernennen einen mit Marc befreundeten linken Nationalsozial isten zu dessen Leiter. Überall in Europa werden "Freunde von Planen" gegründet. Der Ordre Nouveau inspirierte auch die Gründung von Esprit: Mounier sagte Marc im Sommer 1930, er wolle eine katholische Version von Plans gründen. ²³⁰ Und genau das wurde Espr it und ist es bis heute geblieben: eine katholische,


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kommunitaristische, linksgerichtete, pro -europäische Zeitung mit großem Einfluss. Marc wollte Esprit und Plans zusammenlegen und Plans zum literarischen Organ von Plans m achen, da Marc und seine Freunde in ihrer Einheitsfront der europäischen Jugend einen "Personalismus" entwickelten. Mounier gründet Esprit schließlich unabhängig, aber Marc arbeitet daran mit. Wie der Ordre Nouveau bekennt sich auch Esprit zum Hass auf die liberale Demokratie und zur tiefen Überzeugung von der Krankheit und Schwäche Frankreichs. In der zweiten Nummer von Mouniers Zeitschrift rief Marc zu einem "revolutionären Föderalismus" auf. Im Februar 1933 veröffentlicht Esprit einen Angriff auf Hitler, der schwach und unentschlossen sei, ein Mann, der nicht revolutionär genug sei. ²³¹ Einige der frühen Ausgaben von Esprit enthielten lange Artikel von Otto Strasser. Otto Abetz veröffentlichte 1936 Emmanuel Mounier in den Cahiers franco -allemands / Deutsch -Französische Monatshefte, weil er immer auf der Suche nach "Zeichen der Gesundheit" im dekadenten, "kapitalistisch en und liberalen" Europa war.²³² So genossen die Personalisten in den 1930er Jahren einen faschistischen Ruf.²³³ Jacques Bartoli bezeichnete Esprit als "präfaschistisch" und nicht als "faschistisch" und sagte voraus, dass viele aus der Gruppe bald zu einem "anerkannten Faschismus" übergehen würden. ²³⁴ Tatsächlich wurde Mounier sogar innerhalb der Esprit -Gruppe dafür kritisiert, dass er vom 21. bis 25. Mai 1935 an einer Konferenz in Rom teilnahm, die vom Institut für faschistische Kultur organisiert wurde, um den korporatistischen Staat zu studieren. E r erwähnte "ihre Jugend, ihren Eifer, ihren kämpferischen Geist. . . Selbst diejenigen in der französischen Delegation, die als eingeschworene Feinde des Faschismus aufgewachsen waren, sprachen öffentlich von der tiefen Verwandtschaft, die sie zwischen sic h und dem konstruktiven Elan dieser neuen Generationen empfanden. " ²³⁵ Esprit ist in der Tat einzigartig unter den französischen Zeitschriften, was die Anzahl seiner Mitarbeiter mit deutschen philosophischen Wurzeln betrifft. Viele Esprit-Anhänger verraten ihre Bewunderung für den "Gemeinschaftsgeist" der deutschen National sozialisten, weil er auf der gleichen Wellenlänge liegt wie ihre eigenen kommunitären Ideale. Gerade die Verbundenheit mit dem volkstümlichen oder "europäisch geprägten" Nationalsozialismus von Otto Strasser und dem "sozialdemokratischen" Nationalsozialismus von Otto Abetz förderte die Verachtung des Esprit für die eher militaristischen Elemente des Hitlerismus. Wie John Heilman sagt: "Der von der personalistischen Bewegung favorisierte nationale Sozialismus war revolutionär, wurde von der Jugend angeführt und war in den europäischen Föderalismus eingebunden. " ²³⁶


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Das Dreieck Berlin -Paris-Brüssel

Mounier und Esprit waren sowohl in Brüssel als auch in Paris aktiv. Im Mai 1934 waren die Freunde von Esprit in Brüssel zahl reich geworden. Sie interessieren sich besonders für den pianistischen Sozialismus des zukünftigen belgischen Kollaborateurs Henri de Man sowie für die Initiativen eines jungen Führers der Katholischen Aktion, Raymond de Becker, der die große Inspiration für Esprit-Belgien ist. Mounier erklärt, dass de Beckers neue Zeitschrift, Esprit Nouveau, seiner eigenen bemerkenswert ähnlich sei. De Becker war seinerseits beeindruckt von Leon Degrelle, dem späteren Führer der belgischen faschistischen Bewegung, den Rex isten. De Becker wurde 1934 Direktor von L'Avant Garde, der Studentenzeitung von Löwen, die Degrelle unter der belgischen Jugend einflussreich gemacht hatte. Mounier reiste häufig nach Belgien. Im Jahr 1936 nahm er an einem Sommerlager der Hitlerjugend tei l, das Edouard Didier vom 11. bis 19. Juli im belgischen Küstenort Zoute organisierte. Er äußert Verständnis für die "historische Vernunft" der deutschen Bewegung, ist aber der Meinung, dass ihr Nationalismus ihren Sozialismus erstickt. Nichtsdestotrotz be merken "in internationalen Angelegenheiten alle eine fast vollständige Übereinstimmung und reale Möglichkeiten der Zusammenarbeit". ²³⁷ Im Dezember desselben Jahres kann Mounier schreiben, dass "das Gemeinschaftsgefühl einer der aufregendsten psychologische n Aspekte der nationalsozialistischen Weltanschauung ist".²³⁸ Er ist der Meinung, dass der Nationalsozialismus, wie der russische Kommunismus, zu einem integralen Personalismus übergehen könnte. Obwohl er gewöhnlich den einen oder anderen Grund fand, sich vom Nationalsozialismus und Faschismus zu distanzieren, schien er immer wichtige positive Elemente darin zu finden. Vor allem der Gedanke der Gemeinschaft faszinierte ihn. Faschismus und Kommunismus", so behauptet er, "sind die ersten Anfänge einer gewalti gen gemeinschaftlichen Welle, die über Europa hereinbricht. "²³⁹ In der Tat vertrat Esprit vor Ausbruch des Krieges im Allgemeinen eine sehr sanfte Linie gegenüber dem Nazismus. Obwohl es gelegentlich Artikel veröffentlichte, die die deutsche Politik kritisierten (z. B. nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei 1939) , scheint es keinen Zweifel daran zu geben, dass Mounier vom Nationalsozialismus fasziniert war. Nach seiner Reise im Jahr 1936 zu Denis de Rougemont nach Frankfurt schrieb Mounier über die "authentische geistige Kraft", die er b ei den Nazis empfunden hatte.²⁴⁰ Belgien war auch ein Ort, an dem Abetz seine Energien ko nzentrierte. Die Cahiers franco-allemands / Deutsch -Französische Monatshefte drängten auf eine Versöhnung zwischen Nationalisten und Sozialisten sowohl in Belgien als


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auch in Frankreich. Abetz hatte seine eigene streng katholische Erziehung und seine jugendlichen sozialdemokratischen Neigungen zu einer persönlichen Form des Nationalsozialismus verschmolzen und schien seine persönliche Synthese auf beide Länder projiz ieren zu wollen, indem er die belgische und französische Jugend in eine neue Gesellschaftsordnung einführte. Beide Länder erwiesen sich als reif für seinen Einfluss: Sie verfügten über die richtige Kombination aus autoritären Führern (König Leopold III., M arschall Petain) und pianistischen Traditionen (Henri de Man in Belgien - Mouniers Idol - und Francois Perroux, der prominente korporatistische Wirtschaftswissenschaftler in Frankreich). Außerdem gab es in beiden Ländern eine Vielzahl von Jugendbewegungen, die eine "geistige Revolution" anstrebten: Esprit, Communaute, Jeune Europe, Ordre Nouveau und die rexistischen Gruppen in Belgien. Als Abetz 1939 aus Frankreich verbannt wurde, setzte er sich über seine Kontakte in Brüssel weiterhin für die deutsch -französische Aussöhnung ein. Edouard Didier, der 1936 das Lager in Zoute organisierte, war einer der wichtigsten Männer, durch die Otto Abetz ideologischen Einfluss in Belgien ausübte. Er war der Delegierte für Belgien im Zentralkomitee der Bewegung "Junges Europa: Liga für die Vereinigten Staaten von Europa", deren Zeitschrift Jeune Europe in Brüssel und Genf herausgegeben wurde. Otto Abetz sprach auf Versammlungen, die unter der Schirmherrschaft von Jeune Europe organisiert wurden. (Ironischerweise wurde von 1 952 bis 1967 auch eine föderalistische Zeitschrift mit dem Namen Jeune Europe vom "Mouvement Jeune Europe" herausgegeben). Didier gründete später einen Verlag, Les Editions de la Toison d'Or, der unter anderem 1942 Francis Delaisis La Revolution europeenne sowie die Visionen des pro -nazistischen Belgiers Raymond de Becker und von Henri de Man, dem großen Theoretiker des pianistischen Sozialismus, veröffentlichte. Von Ribbentrop stellte auch geheime Mittel für Les Editions de la Toison d'Or zur Verfügung. ²⁴¹ Es überrascht nicht, dass Jeune Europe eine Annäherung an Deutschland befürwortet. Ihr Programm für einen europäischen Föderalismus wurde in Abetz' Zeitschrift Sohlbergkreis und in Esprit als neue Hoffnung für Belgien dargestellt. Es beinhaltete vorhers ehbarerweise "die Aufgabe des Prinzips der absoluten Souveränität der Staaten" und Pläne für eine europ äische Wirtschaftsintegration.² ⁴² (Seltsamerweise ist dieses Dokument nicht in der offiziellen Bibliographie von Mouniers Schriften zu finden, einer der vielen Fälle, in denen Mounier seine eigene Kriegs - und Vorkriegsgeschichte frisiert hat). Es war selten, dass Abetz in seiner Zeitschrift andere Ideologien als den Planismus von Henri de Man oder den "faschistischen Sozialismus" von Marcel Deat und dem Romancier Pierre Drieu La Rochelle behandelte. In dieser Ausgabe kehrte sie jedoch zu einer Analyse von Mounier und De Rougemont


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zurück. Mounier hatte in Jeune Europe eine Revision des Versailler Vertrags zu Gunsten Deutschlands und einen europäischen Föderalismus gefordert. ²⁴³ Abetz wählte auch Raymond de Beckers Communaute -Bewegung als besonders vielversprechend in Belgien aus, da er der Meinung war, dass sie, wie andere Gruppen, einschließlich der Gruppen um Henri de Mans Planismus, Esprit und Terre Wallonne, "gegen Versailles und für eine neue Verständigung mit Deutschland" kämpften. ²⁴⁴ Abetz' Interesse an diesen Gruppen steht im Gegensatz zur Verachtung der Nazis für die offen faschistische Bewegung in Belgien, Leon Degrelles Rexisten.²⁴⁵ Im Juli 1936 reiste De Becker zum Internationalen Kongress für Arbeiterferien nach Hamburg und anschließend nach Berlin und Bayern. Besonders beeindruckt war er von dem Abend, den er mit Joachim von Ribbentrop verbrachte und an dem e r die "demokratische Herkunft" der Männer um ihn herum bemerkte. Nach seiner Rückkehr organisierte er den ersten Besuch der nationalsozialistischen Presse in Belgien und erläuterte den Cahiers franco allemands / Deutsch -Französischen Monatsheften die Unter schiede zwischen den rexistischen und den Communaute -Strömungen des belgischen Nationalismus. Im Dezember fahren seine personalistischen Kollegen mit Max Liebe, dem belgischen Experten von Abetz, und der Hitlerjugend zum Skifahren. Ein weiterer wichtiger E sprit-Kontakt in Belgien war Paul -Henri Spaak, einer der späteren Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft: Die Schlussfolgerungen der Regierungskonferenz unter dem Vorsitz von Spaak, die im April 1956 veröffentlicht wurden und als "Spaak -Bericht" bekannt sind, empfahlen die Schaffung des Gemeinsamen Marktes und von Euratom, was zwei Jahre später auch geschah. Vor dem Krieg war Spaak Mitglied der Belgischen Arbeiterpartei, deren Vizepräsident De Man war. Spaak bezeichnete sich selbst als "nationaler Sozia list", und Mounier unterstützte ihn in Belgien. Wie De Becker bewundert Spaak "einige der großartigen Errungenschaften Hitlers", aber Spaak "hält den Preis für zu hoch, um sie nach Belgien zu importieren". Im Herbst 1936 interessierten sich beide Männer fü r einen "personalistischen Sozialismus", aber nach De Beckers Worten wurde ihr Dogma im Laufe der Zeit "für uns mehr und mehr zu e inem nationalen Sozialismus".²⁴⁶ Paul-Henri Spaak erklärt im Februar 1937, dass "die Stunde des belgischen Nationalsozialismus gekommen ist". Im März 1938 drängen er und Henri de Man auf die belgische Neutralität nach dem deutschen Anschluss Österreichs. Im März 1938 unterstützte Mouni er die De Becker-Spaak-Kabale in Belgien. Auch wenn ein Aufsatz in Esprit im November 1938 Spaak für seine Zusammenarbeit mit pro -nationalsozialistischen Gruppen kritisierte und


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Frankreich empfahl, Maßnahmen zu ergreifen, b evor Belgien unwiederbringlich pro -nationalsozialistisch würde, wurde Spaak in der folgenden Ausgabe (im Dezember) verteidigt. Unterdessen näherte sich Raymond de Becker immer mehr dem Nationalsozialismus an und fühlte sich "befreit", als er Ende des Jahre s aus der katholischen Kirche austrat. ²⁴⁷ Im Mai 1939 wird Henri de Man mit der Unterstützung von Spaak zum Vorsitzenden der Belgischen Arbeiterpartei gewählt. Sein Programm sieht einen "nationalen Sozialismus", den Kampf gegen den Kapitalismus und ein autoritäres System vor, das auf einer Stärkung des Staates durch eine verstärkte Exekutivgewalt beruht. Im darauffolgenden Sommer wird Otto Abetz die Einreise nach Frankreich verweigert, weil er dort einen Spionagering leiten und aufwendige Publikationen fina nzieren soll, aber er kann Belgien besuchen. Dort ermutigt er den Kern der jungen Intellektuellen des Salons Didier um Spaak und De Man, den Kriegseintritt Belgiens auf der Seite der Alliierten zu verhindern. Als der Krieg ausbricht, unterstützt Spaak De M an bei der Gründung einer Wochenzeitung, Ouest, die die neutralistische Haltung verstärkt. Im Frühjahr 1940 erhielt die Zeitung einen großen Beitrag von Max Liebe, dem Stellvertreter von Abetz. Möglicherweise unter dem Einfluss von De Man streikten am Tag des Einmarsches der deutschen Truppen in Belgien die belgischen Züge, so dass die alliierten Truppen nicht an die Front gelangen konnten. Spaak und andere belgische Minister bemühten sich um einen Waffenstillstand mit den Deutschen (wie es Marschall Petain in Frankreich erfolgreich tun sollte), aber die Deutschen lehnten ab. ²⁴⁸ Als sich De Becker Anfang 1938 für den belgischen Nationalsozialismus entschied, wurden die Befürchtungen von Jacques Maritain und anderen bestätigt: Mouniers Personalismus war zu ei nem Krypto-Nazismus geworden, obwohl Mounier selbst natürlich nicht direkt für die Handlungen seines Freundes verantwortlich gemacht werden kann. Während des Krieges gibt Raymond de Becker die führende Brüsseler Tageszeitung Le Soir heraus, die von Abetz heimlich finanziert wird. Mit Hilfe des begabten Rexisten Pierre Daye, der das Buch L'Europe aux europeens (Europa für die Europäer) verfasst,²⁴⁹ erreicht er bald eine Auflage von 25.000 Exemplaren pro Tag. Wie John Heilman sagt, "hatte der Personalismus die Welt der Zeitschriften mit geringer Auflage hinter sich gelassen und wurde in der Vorstellung von De Becker und Spaak zur Zukunftsorientieru ng der gesamten belgischen Gesellschaft.... De Becker, begeistert von der Vision eines goldenen europäischen Zeitalters, die ihm auf der bayerischen Ordensburg zuteilwurde, forderte bald ein Europa, das von Adolf Hitler beherrscht wird. " ²⁵⁰ Mounier hat die Option seines Freundes nie verleugnet oder auch nur kommentiert, auch wenn er ab Herbst 1938 in Belgien viele Anhänger an Spaaks Nationalsozialismus verlor.


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Uriage: der Schmelztiegel des Pro -Europäismus der Nachkrieg szeit

Nach dem Fall Frankreichs beteiligte sich Emmanuel Mounier aktiv an der vichyistischen "Nationalen Revolution". Unter Vichy erlangte Esprit in Frankreich die Bedeutung, die es unter Raymond de Becker in Belgien hatte: Vor 1940 war es eine eher obsku re Außenseiterzeitschrift mit einer Leserschaft aus Linkskatholiken, spiritistischen Sozialisten, autoritären Bildungsreformern, arbeitslosen Intellektuellen, abenteuerlustigen Priestern und Lehrern in den Provinzen. Ende 1940 wird die Zeitschrift zur wich tigsten Publikation im Rahmen der Bemühungen, die gesamte französische Jugend zu verändern. Einige der Autoren waren Berater von Marschall Petain, Berater seiner Ministerpräsidenten, Führer der Jugendbewegung oder führende Köpfe der neuen Höheren Nationale n Offiziersschule in Uriage, an der Mounier unterrichten sollte. Insbesondere der Aufruf von Esprit zu einer geistigen Revolution unter der Jugend, die weder "rechts" noch "links" ist, kommt der Rhetorik der nationalen Revolution sehr nahe. Einem bekannten Historiker von Vichy zufolge gehörten zu den drei Grundlagen der nationalen Revolution der antidemokratische Nationalismus der Action frangaise, der Personalismus der jungen Katholiken und die korporatistische Ökonomie, deren Ziel es war, die Person durch die Einrichtung von Zwischengesellschaften vor der übermächtigen Macht des Staates zu schützen. ²⁵¹ Die Jugendbewegungen von Vichy - "Les Compagnons de France", "Les Chantiers de la Jeunesse" - waren ebenfalls stark von dem jugendlichen Optimismus und dem Linkskatholizismus Esprits beeinflusst. Marschall Petain führt wie Mounier die Niederlage Frankreichs auf geistige und moralische Ursachen zurück, die das Schulsystem beheben sollte. Mit einem Wortschatz, der sich nicht von dem Mouniers unterscheidet, schr eibt Petain: "Der Individualismus hat uns fast umgebracht ... Der Individualismus hat nichts mit der Achtung vor der menschlichen Person zu tun ... Die französische Schule von morgen wird die Achtung der menschlichen Person, der Familie, der Gesellschaft, des Vaterlandes lehren. " ²⁵² Diese Ähnlichkeit zwischen den Vorkriegsbestrebungen des Esprit und einem Teil der Rhetorik von Vichy könnte zu einem großen Teil dadurch erklärt werden, dass die ersten Erklärungen Petains zur Nationalen Revolution von alten A nhängern des Ordre Nouveau und des Esprit verfasst wurden. ²⁵³ Die Charta der Arbeit von Vichy, das Kernstück der Sozialpolitik der Nationalen Revolution, stützte sich stark auf die korporatistischen Wirtschaftstheorien von Francois Perroux von Esprit (der nach dem Krieg weiterhin wichtige wirtschaftliche Publikationen veröffentlichte, insbesondere ein Buch, in dem er erklärte, warum Staaten in


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einer modernen, interdependenten Wirtschaft nicht mehr als unabhängig angesehen werden konnten.²⁵⁴ Mounier selbst wurde Dozent an der Höheren Nationalen Offiziersschule in Uriage, der intellektuellen Ideenschmiede und wichtigsten Bildungseinrichtung der nationalen Revolution. Der Personalismus von Esprit wurde zur inoffiziellen Doktrin. Mouniers Einf luss auf die Nationale Revolution wächst im Frühjahr und Sommer 1941, auch wenn er sich, wie viele andere in Uriage, zweifellos vormacht, dass er eine Art "inneren Widerstand" gegen den Feind organisiert. Esprit floriert im ersten Jahr unter Petain: Das Außenministerium nimmt 250 Abonnements für seine Botschaften und Konsulate in aller Welt entgegen. Im Februar 1941 erhält Mounier Glückwünsche des Jugendministers für sein Jugendprogramm. Esprit wird im nationalen Bulletin von "Les Chantiers de la Jeunesse" empfohlen. Mounier fiel jedoch 1942 in Ungnade, als eine antikatholische Säuberung innerhalb der Machtstrukturen von Vichy stattfand. Er wurde schließlich als Widerstandskämpfer verhaftet: Er war damals entrüstet und beteuerte, dass er nie Kontakte zum Wid erstand gehabt habe. Aber nach dem Krieg ermöglichte es ihm dieses Ereignis, seine Vorträge in Uriage als geschicktes Doppelspiel des inneren Widerstands darzustellen, und seine heutigen Anhänger glauben vermutlich diese Version der Ereignisse. Aber Mounie r verlor auch nicht seine Faszination für autoritäre Regime: Sein Hass auf den "Kapitalismus" war so groß, dass er nach dem Krieg zu einem der führenden französischen Befürworter der stalinistischen kommunistischen Machtübernahme in Osteuropa wurde.² ⁵⁵ Mouniers zweideutige Rolle gab Anfang der 1990er Jahre Anlass zu einem heftigen Pariser Streit, als ein Historiker den Gründer von Esprit als "Kulturminister von Vichy" bezeichnete. ²⁵⁶ Er nannte ihn auch "den französischen Heidegger". Andere Historiker stimmt en darin überein, dass Mounier positive Elemente im "faschistischen Elan" sah. ²⁵⁷ Mouniers Freunde und Anhänger reagierten schockiert und empört, wobei einer von ihnen auf die Anschuldigungen des kanadischen Historikers John Heilman mit folgendem Coup de Grace antwortete: "Wie kann ein Historiker mit angelsächsischer Bildung überhaupt verstehen, was in Frankreich zwischen 1930 und 1950 geschah?² ⁵⁸ In jüngster Zeit hat ein Historiker versucht zu beweisen, dass Mounier zu jeder Zeit vehement gegen Nazis und V ichyisten eingestellt war, indem er nachwies, dass sein Engagement als Offizier in der Jugendbewegung Jeune France, einer vom Vichy -Jugendministerium geleiteten Organisation und damit einem Schlüsselelement der Kulturpolitik des Regimes, seine Prinzipien nicht beeinträchtigte. ²⁵⁹


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Eine weitere Persönlichkeit von Uriage, die nach dem Krieg sehr großen Einfluss erlangen sollte, war Hubert Beuve -Mery, der spätere Herausgeber der französischen Tageszeitung Le Monde. ²⁶⁰ Beuve-Mery, der Mitte der 1920er Jahre direkt an einer militanten rechten, ja sogar protofaschistischen Jugendbewegung beteiligt gewesen war, ²⁶¹ wird zu einem führenden Ideologen von Uriage: Er hat eine ziemlich klare Vorstellung von einem autoritären, aber neu christlichen Frankre ich, das in einem von Hitlerdeutschland beherrschten Europa entstehen könnte. Im Februar 1939 schrieb er in seinem Buch Vers la plus grande Allemagne (Auf dem Weg zu einem Großdeutschland), dass trotz der Elemente der Unordnung und der Gewalt "die Elemente einer neuen Synthese geblieben sind ... Und es ist noch nicht zu spät, um jenseits der ... Träume des Kanzlers Hitler das Kommen eines geeinteren und gerechteren Europas vorzubereiten". Da das Buch die Aufmerksamkeit politischer und diplomatischer Kreise erregte, wurde Beuve -Mery 1939 zu einem Abendessen in Berlin eingeladen, wo er Goebbels und Himmler gegenüber saß. ²⁶² Im März 1941 veröffentlicht Beuve -Mery im Esprit einen Artikel mit dem Titel "Nationale Revolutionen, menschliche Revolutionen". Er sieht ein autoritäres und germanisiertes Europa voraus, in dem ein nach dem Vorbild von Salazars Portugal umgebautes Frankreich seinen Platz finden wird. In Ablehnung des Versailler Abkommens behandelt Beuve -Mery ein Thema, das, wie wir bereits gesehen haben, viele Pro-Europäer jener Zeit beschäftigt: "Die Prinzipien, auf denen Europa lange Zeit beruhte - die absolute Souveränität der kleinen oder großen Staaten, das europäische Gleichgewicht (d. h. das Gleichgewicht der Mächte), das Recht auf Neutralität - müssen ihren Platz an eine geordnetere Ordnung des Kontinents abtreten". ²⁶³ Wie viele seiner Zeitgenossen hasst Beuve -Mery den "anarchischen Individualismus" des Liberalismus und des Kapitalismus sowie "die Herrschaft des Geldes". Er wünscht sich stattdessen ei nen autoritären Staat, der durch zwischengeschaltete Instanzen ausgeglichen wird. In dieser Hinsicht wurde er vom Korporatismus von Francois Perroux (selbst ein Bewunderer der konservativen Revolution in Deutschland) und dem Planismus von Henri de Man beeinflusst. John Heilman schreibt: "Er befürwortete die Idee einer europaweiten Rückkehr zu den alten Provinzen nach Schweizer Vorbild als Gegenmittel zur Tyrannei. In Uriage schien eine Art volkstümlicher Föderalismus, ähnlich dem, der in Gruppen wie dem Ord re Nouveau vor dem Krieg gepflegt wurde, im Kontrast zu der Sorge um die grundlegenden liberalen und demokratischen Werte zu stehen, die andere als wesentlich für den Widerstand gegen den weltweiten Totalitarismus und Faschismus ansahen. ²⁶⁴ In der Tat, wie einer der anderen wichtigen Historiker von Uriage bemerkt hat, "war es vielleicht die europäische Frage, in der die Bedeutung des Geistes von Uriage für Le Monde am deutlichsten zu sehen war. " ²⁶⁵


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Die verdorbene Quelle

Alexandre Marc und viele s einer Mitarbeiter am Ordre Nouveau, darunter Denis de Rougemont, setzten sich auch nach dem Krieg für den europäischen Föderalismus ein. Marc, der vor dem Krieg eine Zeitschrift mit pro -deutschen Sympathien geleitet hatte, unterstützte De Gaulle während de s Krieges. Doch 1958 brach er mit dem Gaullismus über Europa, nachdem er 1946 erster Generalsekretär der Europäischen Union der Föderalisten geworden war. Dieser Vereinigung gehörten etwa fünfzig föderalistische Gruppen an, darunter Altiero Spinelli und He nri Brugmans. Der Gründungskongress fand vom 27. bis 31. August 1947 in Montreux statt: Denis de Rougemont wurde beauftragt, den ersten Bericht mit dem Titel "Die föderalistische Haltung" zu verfassen. Weniger als ein Jahr später, im Mai 1948, trat der Eur oparat in Den Haag unter dem Vorsitz von Churchill zusammen. Denis de Rougemont und Alexandre Marc waren Ko -Berichterstatter der Kulturkommission des Europarates. In dem von de Rougemont veröffentlichten Manifest "Botschaft an die Europäer" werden der Euro parat und die Europäische Gemeinschaft vorweggenommen. Rougemont hatte auch die Idee, einen Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einzurichten. Spaak hingegen spielte - wie wir gesehen haben - eine entscheidende Rolle bei der Gründung der Europäische n Wirtschaftsgemeinschaft.

Robert Schuman und Jean Monnet

Die vielleicht faszinierendste Verbindung zwischen Vichy -Frankreich und der Europäischen Gemeinschaft ist jedoch Robert Schuman. Robert Schuman war der französische Außenminister, der zusammen mit Jean Monnet als einer der beiden großen Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft gilt, da sie 1951 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl ins Leben riefen. ²⁶⁶ Die Europäische Kommission in Brüssel befindet sich an einem nach Schuman benannten Kreisverkehr. Schuman wurde 1870 in Luxemburg als Sohn eines französischen Vaters und einer luxemburgischen Mutter geboren. Sein Vater kämpfte 1870 gegen die Preußen und weigerte sich, in seine lothringische Heimat zurückzukehren, die daraufhin von den Pre ußen besetzt wurde. Robert Schuman hingegen hatte keine solchen Skrupel und ließ sich am Ende seiner Schullaufbahn im Reichsland Lothringen, in Metz, nieder, wo er die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Er studierte nicht französisches, sondern deutsches Recht in Bonn, München, Berlin und (deutschem) Straßburg. Im Jahr 1911 wurde er Rechtsanwalt in Metz, wo er nach dem Tod seiner Mutter bei einem Autounfall beinahe Priester geworden wäre.


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Während des Ersten Weltkriegs wurde Schuman in die deutsche Armee einberufen. Zunächst war er bei einer nicht kämpfenden Einheit in Metz stationiert, dann wurde er 1915 in den Zivildienst in der Verwaltung des Kreises Boulay, etwa dreißig Kilometer östlich von Metz, versetzt. 1919, als das Elsass und Lothringen an Frankreich zurückgegeben wurden, wurde Schuman in die französische Nationalversammlung gewählt, wo er über vierzig Jahre lang bleiben sollte. Mit anderen Worten: Seine Hauptverbundenheit galt immer Lothringen, ob es nun franzö sisch oder deutsch war. Im Jahr 1938 spielte Schuman eine wichtige Rolle beim Münchner Abkommen. In einem Artikel in der Zeitung Le Lorrain vom 11. September 1938 unterstützt er das Münchner Abkommen mit der Begründung, dass Deutschland Frankreich nicht ohne Provokation angreifen würde und es daher besser sei, Frankreich keine Provokation anzubieten. Am 25. September 1938 kommt er in der deutschsprachigen Zeitung Elsasser auf das Thema zurück und verwendet eine juristische Analyse des französisch -tschechischen Vertrags vom 16. Oktober 1925, um die französischen Verpflichtungen gegenüber der Tschechoslowakei zu minimieren: Frankreich dürfe unter keinen Umständen Schritte unternehmen, die den "Frieden" destabilisieren könnten. Am 27. September ging er sogar no ch weiter, als eine Gruppe elsässischer Abgeordneter in Straßburg zusammentrat und Papst Pius XI. aufforderte, Mussolini zu überreden, bei Hitler zu intervenieren. Am 28. September begibt sich Schuman an der Spitze einer Delegation elsässischer und lothrin gischer Abgeordneter zum französischen Premierminister Edouard Daladier, um den tiefen Friedenswillen seiner Wähler zu unterstreichen. Schumans Biograph deutet sogar an, dass er damit gedroht haben könnte, gegen die notwendi gen Militärkredite zu stimmen.² ⁶⁷ Dieses Treffen fand am Tag vor Daladiers Abreise nach München statt, und am 29. September stimmte Schumans Partei für einen neuen Vertrauensantrag an Daladier, "um den Frieden in Ehre und Würde zu retten". Es ist hervorzuheben, dass die Befürworter von München in Schumans Partei in der Minderheit waren, aber seine Haltung hat sich offensichtlich durchgesetzt. Während die Elsässer mit überwältigender Mehrheit für Deutschland und für München waren - die elsässische Partei organisierte Versammlungen, um Mün chen zu unterstützen und eine deutsch -französische Annäherung zu fordern - war die Stimmung in Schumans Heimat Lothringen anders, wo die Presse Schumans Unterstützung für ein Abkommen angriff, das sie als Niederlage ansah. In der eigentlichen Vichy -Periode löst Paul Reynaud am 21. März 1940 Daladier ab. Schuman wird zum ersten Mal Minister, als er zum Unterstaatssekretär für Flüchtlinge in der Regierung ernannt wird, die Reynaud am nächsten Tag dem Parlament vorstellt. Schuman bleibt auf seinem Ministerpost en, als Reynaud


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selbst am 16. Juni 1940 durch Philippe Petain ersetzt wird. Mit anderen Worten: Einer der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft war Minister in der ersten Regierung unter Marschall Petain. Der Waffenstillstand wird am 22. Juni unterzeichnet. Schuman begibt sich nach Vichy, immer noch als Minister der Regierung. Am 10. Juli 1940 gehörte er zu den 569 Abgeordneten, die für das Ende der Dritten Republik in Frankreich oder besser gesagt, der Republik insge samt - stimmten, als die französische Nationalversammlung eine Reihe von Verfassungsgesetzen verabschiedete, die der Dritten Republik und damit der französischen Demokratie ein Ende bereiteten, indem sie Marschall Petain die verfassungsgebenden Befugnisse übertrugen. Am nächsten Tag rief Petain den "französischen Staat" (Etat francais) aus, der an die Stelle der Republik trat, und von nun an ging alle Staatsgewalt von seiner Person aus. Es war diese Übertragung der nationalen Souveränität durch ein Organ, d as lediglich ihr Verwalter, nicht aber ihr Eigentümer war, auf die de Gaulle stets beharrte und die Vichy null und nichtig und illegitim machte und die der große Historiker Frankreichs, Eugen Weber, treffend als "Gruppenvergewaltigung von Republik, Verfass ung, Parlament, Demokratie und Freiheit" bezeichnet hat. Eine interessante Parallele ist, dass Jean Monnet zur gleichen Zeit auch einen kleinen privaten Kampf gegen De Gaulle in Großbritannien führte. Unmittelbar nach seiner Ankunft in London bat De Gaulle Churchill um die Erlaubnis, bei der BBC sprechen zu dürfen. Die Erlaubnis wurde erteilt, und de Gaulle hielt am 18. Juni 1940 seinen bahnbrechenden "Appel", in dem er die Franzosen aufforderte, den Krieg fortzusetzen, obwohl die Schlacht um Frankreich verloren worden war. Am nächsten Tag suchte De Gaulle den Mann auf, der ihn aus Bordeaux herausgeholt hatte, Generalmajor Sir Edward Spears. Werden Sie heute wieder sprechen, Herr General7", fragt Spears. 'Ich spreche jeden Tag', antwortete de Gaulle. Aber er hatte die Rechnung ohne Jean Monnet gemacht, der 1939 von Edouard Daladier nach London geschickt worden war, um Waffen für Frankreich zu kaufen, und der nach der Auflösung der Regierung Reynaud einen Posten im Außenministerium erhalten hatte. Monnet überzeugte Lord Halifax, den Außenminister und einstigen Architekten des Appeasement, dass de Gaulle nicht sprechen dürfe, und am 20. und 21. Juni wurde de Gaulle tatsächlich daran gehindert, eine Rede zu halten. Erst als Spears und Duff Cooper am 22. Juni Chur chill in Chequers anriefen, hob der Premierminister, der entsetzt von dieser Entscheidung erfuhr, sie auf. De Gaulles Reden in der BBC wurden noch am se lben Abend wieder aufgenommen.² ⁶⁸ Schuman verließ die alte Petain -Regierung, als die "pleins pouvoirs" gewählt wurden, und ging Ende August nach Metz, wo er das Privileg hatte, am 17.


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September 1940 als erster französischer Politiker von den Deutsc hen verhaftet zu werden. Er bleibt bis zum 12. April 1942 im Gefängnis von Metz, wo er die Geschichte der Päpste von Mommsen liest. Danach wird er in der Pfalz inhaftiert, kann aber entkommen und sich nach Lyon durchschlagen. Nach seiner Flucht war er ents chlossen, eine Privataudienz bei Marschall Petain zu erhalten, da er überzeugt war, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, und ihm dies mitteilen wollte. Er traf den Marschall bei einem Mittagessen und erzählte ihm von seiner Überzeugung und dem Zusta nd der Männer aus dem Elsass und Lothringen, die in die deutsche Armee gepresst worden waren, aber Petain war anscheinend nicht interessiert. Nach der Besetzung Südfrankreichs im November 1942 musste sich Schuman verstecken und wanderte zwei Jahre lang von Kloster zu Kloster und las Shakespeare und Thomas von Aquin. Nach der Befreiung ernennt ihn Marschall de Lattre im August 1944 zum Berater für die Elsass -Lothringen-Frage. Schuman bleibt jedoch nur drei Wochen in diesem Amt, da Kriegsminister Andre Diethelm de Lattre befiehlt, "dieses Produkt von Vichy loszuwerden". Nach seiner Rückkehr nach Metz wird er von den Befreiungsbehörden als ehemaliger Minister von Petain und als Abgeordneter, der 1940 für die "pleins pouvoirs" gestimmt hatte, ebenfalls mit Missa chtung gestraft. Schuman wird für mehrere Monate als nicht wählbar für öffentliche Ämter erklärt. Gegen ihn wurde ein Haftbefehl erlassen, aber Schuman gelang es, im Februar 1945 in einen Befreiungsausschuss zu gelangen. Erst durch die Intervention von De Gaulle selbst wurde das Verfahren gegen Schuman eingestellt, da er am 17. Juli 1940 aus der Regierung Petain ausgetreten war und seither die Résistance unterstützt hatte - auch wenn sich seine Aktivitäten in der Résistance auf das Hören der BBC zu beschrän ken scheinen. Seine Unwählbarkeit wurde somit aufgehoben und er wurde im Oktober 1945 in die neue verfassungsgebende Versammlung gewählt. Offenbar behielt er für den Rest seines Lebens eine bittere Erinnerung an die "Demütigung", der er sich unterziehen musste, um seinen Namen reinzuwaschen.² ⁶⁹

Schlussfolgerung

Es gibt also einige Verbindungen zwischen dem nationalsozialistischen, vichyistischen und faschistischen Gedankengut und der Ideologie der europäischen Integration in unserer Zeit. Ein zeitgenössis cher Pro-Europäer schreibt sogar von den "Errungenschaften" der nationalsozialistischen Großraum-Wirtschaftspolitik, und dass die nach den Siegen von 1940 formulierten europäischen Lösungen "fast praktisch" waren. ²⁷⁰ Derselbe


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Kommentator fügt hinzu, dass die Idee von Mitteleuropa auf "harten wirtschaftspolitischen Fakten" beruhte. Er fährt fort: "Es war kein Zufall, dass alle Versuche, Europa zu integrieren, ihren Ursprung in wirtschaftlichen Konzepten hatten, und es ist kei ne Überraschung, dass Deutschland die Führung bei der Planung für Europa übernahm: Bereits 1940 wurden weitreichende Pläne zur wirtschaftlichen Umgestaltung und Integration nicht von Politikern, sondern von Industriemanagern entwickelt. " ²⁷¹ In ähnlicher Weise hat ein anderer pro -europäischer Kommentator in einem vom Europakolleg in Brügge veröffentlichten Buch auf den Einfluss der Theorien von Friedrich List (den viele Nazi -Wirtschaftswissenschaftler bewunderten) auf die wirtschaftliche In tegration der Europäischen Gemeinschaft nach dem Krieg hingewiesen.²⁷² Im folgenden Kapitel, in dem die Wissenschaft der Geopolitik erörtert wird, wird viel Bezug auf ein kürzlich in Deutschland erschienenes Buch über Karl Haushofer, den führenden Ge opolitiker der Nazis, genommen.² ⁷³ Das Buch ist ein entschlossener Versuch, den Mann zu rehabilitieren, der Hitler so viele ideologische Anregungen gegeben hat, und der Autor besteht bei jeder Gelegenheit darauf, dass Haushofer weder militärische Aggression noch Rassismus gutgeheißen hat. Die Argumentation erscheint unwahrscheinlich, und die politischen Motive, die dahinter stehen, werden vielleicht durch die Tatsache offenbart, dass das Buch unter der Schirmherrschaft eines Instituts veröffentlicht wird, dessen Vorsitzender 1932 der Nazipartei beitrat und mit dem am Ende ein Interview geführt wird Interessant ist jedoch, dass der Autor versucht, Haushofers Ruf vor allem dadurch zu verteidigen, dass er die ideologischen Verbindungen zwischen seinen Theorien und de nen der modernen europäischen Integrationisten hervorhebt. Der Autor behauptet, dass viele von Haushofers Themen heute in der deutschen Europadebatte offen diskutiert werden - zum Beispiel auf einer Europakonferenz, die 1991 in Deutschland stattfand - insbesondere die Konzepte der Mittellage Deutschlands in Europa, Mitteleuropas und der Art und Weise, wie die "Regionen" in Europa "anachronistische Vorstellungen von Grenzen überwinden" werden.² ⁷⁴ Er schreibt, dass Haushofers geopolitische Theorien - die noch vor fünfzig Jahren als Entschuldigung für die abscheulichste Aggression aller Zeiten geschmäht wurden - als "fruchtbare Grundlage" für den Aufbau eines europäischen Denkens betrachtet werden können. Und die Wissenschaft der Geopolitik, wie sie von Haushofer ausgearbeitet wurde, sei "ein notwendiger Bestandteil des politischen Pragmatismus und des europäischen Denkens in einer wichtigen Phase d er europäischen Integration".² ⁷⁵


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Damit soll nicht behauptet werden, dass die europäische Idee direkt von den Nazis oder ihren Verbündeten inspiriert wurde (auch wenn über die Kontinuität der offiziellen Eliten in Frankreich und Deutschland in der Kriegs und Nachkriegszeit ein ganzes Buch geschrieben werden könnte). Vielmehr soll gezeigt werden, dass es eine gewisse Überschneidung zwischen zwei Denkströmungen gibt - dem Nationalsozialismus und dem modernen Pro Europäismus -, deren Vorläufer (die "verdorbene Quelle" im Titel dieses Buches) in der europäischen intellektuellen und geopolitischen Geschichte bis weit vor den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zurückreichen - wie wir in den nächsten beiden Kapiteln sehen werden.


BILD

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Zwei gegensätzliche Theoretiker der europäischen Geopolitik: Kardinal Richelieu (oben), Premierminister von Louis Hill, nach einem Porträt von Philippe de Champagne, und Karl Haushofer, der versuchte, der nationalsozialistischen Doktrin des Lebensraums wisse nschaftliche Geltung zu verschaffen.


III

Das Zentrum halten Die Idee des Völkerrechts setzt die Unterscheidung zwischen unabhängigen Staaten voraus. Das ist zwar ein Kriegszustand ... aber der Vernunft nach immer noch besser als die Verschmelzung dieser Staaten durch eine Machthierarchie, die in einer Universalmonarchie gipfelt. Gesetze, die für ein großes Gebiet erlassen werden, verlieren ihre Kraft, und ein solcher seelenloser Despotismus bricht, nachdem er den Kern des Guten ausgehöhlt hat, schließlich in Anarchie zusammen. Immanuel Kant¹

John of Salisbury war wütend. Wer hat die Deutschen zu Richtern der Nationen gemacht? Wer hat diesem brutalen und ungestümen Volk die Vollmacht gegeben, nach eigenem Gutdünken zu bestimmen, wer der Fürst über die Köpfe der Menschenkinder sein soll? Der englische Bischof von Chartres schrieb im Jahr 1160 an seinen Freund Randulf von Sarre, um gegen die Manöver des römischen Kaisers Friedrich I. Barbarossa zu protestieren. Auf dem Konzil von Pavia war es dem Kaiser ge lungen, seinen Mann zum Papst Victor IV. wählen zu lassen. Es ging um die Kontrolle über die Kirche, der das gesamte mittelalterliche Europa angehörte. Johannes wandte sich gegen die Art und Weise, wie es dem deutschen Kaiser gelungen war, die Kirche zu en tführen und so seine eigene Macht in Europa zu vergrößern. Mit anderen Worten: Er wandte sich dagegen, dass eine supranationale Organisation die Macht ihres mächtigsten Mitglieds eher noch verstärken als abschwächen konnte. Das Gefühl, das John gegenüber den Deutschen zum Ausdruck brachte, war nicht neu. Auch Odo de Deuil, ein Chronist der Kreuzzüge, hatte die Deutschen als importabiles Alemmani - die unerträglichen Deutschen - angegriffen, die sich um die Angelegenheiten aller anderen kümmerten und deshalb "alles störten".² John of Salisbury war im Jahr zuvor sehr produktiv gewesen. Er hatte sein großes politisches Traktat veröffentlicht - das Werk, für das er in erster Linie in Erinnerung geblieben ist - "Policraticus: Von den Frivolitäten der Höflinge


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und den Fußstapfen der Philosophen". Obwohl er kein ausgebildeter Jurist war, zeigte er großes Talent im Umgang mit der bestehenden Rechtsprechung, insbesondere mit der römischen. Sein größter Beitrag zur Entwicklung der mittelalterlichen Jurisprudenz - und damit auch zur mittelalterlichen politischen Theologie - war seine Beschreibung der Rolle des Königs als Abbild der Billigkeit oder Gerechtigkeit. Dies war ein altes Bild, das Johannes nicht erfunden hatte.³ Neu war die Nuan cierung, die Johannes ihm gab. Er betonte den rechtlichen Aspekt der Rolle des Königs und nicht nur seine liturgischen Funktionen. Insbesondere versuchte er, die Quadratur des Kreises zwischen der absoluten Macht des Königs einerseits und seiner absoluten Begrenzung durch das Gesetz andererseits zu schaffen. Er schrieb: "Dass der Fürst, obwohl er nicht an das Gesetz gebunden ist, doch der Diener des Gesetzes und der Gerechtigkeit ist; dass er eine öffentliche Person ist und das s er ohne Schuld Blut vergießt ."⁴ Mit anderen Worten: Das politische Denken von John of Salisbury ist ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung einer Theorie, die wir heute als Rechtsstaatlichkeit kennen. John vertrat die Ansicht, dass der Fürst, obwohl er nicht durch das Zivilrecht eingeschränkt war, kein Unrecht begehen durfte. Im Gegenteil, von ihm wurde erwartet, dass er auf der Grundlage seines angeborenen Gerechtigkeitssinns handelte. Er war von Amts wegen verpflichtet, das Recht und die Gerechtigkeit zu achten. Er handelte als öffentliche Person (persona publica) zum Wohle des Gemeinwesens (res publica) und nicht mit Blick auf seinen privaten Willen. Der König als öffentliche Person war sowohl frei vom Gesetz als auch dem Gesetz verpflichtet. Johannes unterscheidet nicht nur zw ischen dem Mann und seinem Amt, sondern weist auch auf die merkwürdige Dualität des Königtums selbst hin. Die Regierung ist sowohl sterblich als auch ewig: Sie besteht durch die Zeit hindurch, auch wenn sich ihre einzelnen Mitglieder verändern. Obwohl der König eine Person ist, stirbt der König nie. Wie Christus, der sowohl gestorben als auch unsterblich ist, ist der König zugleich Vater und Sohn des Gesetzes. Als Abbild der Gerechtigkeit ist der König die Verkörperung dieser Gerechtigkeit auf Erden. Die pe rsönliche Herrschaft des Königs wurde daher nicht als direkte oder wissenschaftliche Anwendung universeller Prinzipien auf irdische Angelegenheiten verstanden, sondern eher als eine Art Dienst. Als Mensch versucht der König, die Gerechtigkeit auf der Erde zu verwirklichen zu realisieren. Aber da er ein Mensch ist, ist dieser Versuch, die irdischen Angelegenheiten auf diese universellen Standards zu bringen, notwendigerweise fehlbar.


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Der Einfluss von John of Salisbury war sehr groß, insbesondere auf einen anderen englischen Juristen des Mittelalters, Henry Bracton. Den größten Einfluss hatte die Lehre von den "zwei Körpern des Königs", die durch seine Theorien gestärkt wurde, nämlich die Einsicht, dass der König sowohl ein privates als auch ein öffentliches Selbst hat und dass das Königtum von Natur aus teils menschlich und teils göttlich, teils sterblich und teils ewig ist. Diesen Theorien ist es zu verdanken, dass der Begriff der Körperschaft aufkam: Nur indem man die Idee formulieren konnte, dass ein Körper weiterleben könnte, während seine einzelnen Mitglieder starben, war der mittelalterliche Geist in der Lage, sich z. B. "Bologna" als eine juristische Einheit vorzustellen, die in der Zeit fortbestand, auch wenn ein zelne Bürger ständig starben und geboren wurden. Wie Tocqueville gezeigt hat, waren die Stärke des Begriffs der Körperschaft im angelsächsischen Recht und die tatsächliche Stärke der realen Körperschaften in England und Amerika entscheidende Elemente für d ie Konstituierung der dortigen liberalen Ordnungen. Tatsächlich fand die Theorie der zwei Körper des Königs auf dem Kontinent weniger Anklang als in England. In Deutschland rechtfertigte die Entwicklung der Theorie unter dem römischen Kaiser Friedrich II. eher die Staatsraison als die "rechte Vernunft", die der mittelalterliche Verstand als das Mittel ansah, mit dem wir (fehlerhaft) das Recht erfassen. In Frankreich erhielt die Lehre von den zwei Körpern des Königs den Gnadenstoß, als Ludwig XIV. den Staat mit sich selbst gleichsetzte. Während die kontinentale Rechtswissenschaft leicht zu einem abstrakten Begriff des "Staates" gelangen oder den Fürsten mit diesem Staat identifizieren konnte, gelangte sie nie dazu, den Fürsten als eine "Körperschaft allein" z u begreifen..., von der der politische Körper, wie er durch das Parlament repräsentiert wurde, nie ausgeschlossen werden konnte".⁵ In England inspirierte die Theorie einige bahnbrechende Rechtsfälle, die das britische Rechtssystem, wie wir es kennen, begründen sollten. Einer dieser Fälle war Calvin's Case im Jahr 1608, in dem der große Rechtsgelehrte Sir Edward Coke die Grenzen und die Bedeutung der politischen Loyalität und des Rechtsraums sowie die damit verbundenen Pflichten und Rechte von Herrscher und Untertanen definierte. ⁶ Letztendlich führte die Theorie der beiden Körper des Königs zu der rechtlichen Fiktion, die es ermöglich te, den König, Karl I., als Privatperson im Namen des Königs (oder der Monarchie) als Institution hinzurichten. Der natürliche Körper des Königs wurde getötet, ohne dass der politische Körper beeinträchtigt oder ernsthaft geschädigt wurde - anders als in Frankreich im Jahr 1793. Mit anderen Worten: Die englische Revolution war im Wesentlichen konservativ - sie sollte alte Rechte wiederherstellen, die in jüngster Zeit missbraucht worden waren - und nicht zerstörerisch gegenüber der Vergangenheit, wie es die französische Revolution sein sollte. Die Theorie,


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die John of Salisbury mitentwickelt hat, ist also die Grundlage für unsere Vorstellungen von Recht und parlamentarischer Herrschaft. Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnen d, dass sich John of Salisbury auch für die Frage des Kräfteverhältnisses in Europa interessierte. Die Haltung, die andere Länder - beispielsweise Deutschland - gegenüber dem Rechtsstaat und der Kirche einnahmen, konnte Entscheidungen beeinflussen, die sic h auf andere Völker auswirkten. Um eine maximalistische Position einzunehmen, die John of Salisbury nicht explizit macht, könnte man sagen, dass die Frage des Gleichgewichts der Kräfte in Europa eng mit der Frage der Rechtsstaatlichkeit in Europa verbunden ist. Es lohnt sich, einen Blick auf die deutsche Geschichte zu werfen, um zu sehen, warum das so ist.

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Der Mensch ist von Natur aus begrenzt, aber unendlich in seinem Verlangen. Die Welt ist also voll von gegensätzlichen Kräften. Natürlich ist es der menschlichen Weisheit oft gelungen, zu verhindern, dass diese Rivalitäten in mörderische Konflikte ausarten. Aber der Wettbewerb der Kräfte ist die Bedingung des Lebens. Letztlich wird die Welt, wie immer, nur im Gleichgewicht Frieden finden. Charles de Gaulle⁷

Das Thema des Gleichgewichts der Kräfte taucht in der modernen europäischen Ideologie häufig auf, insbesondere in Deutschland. Es wird dort fast immer als ein tragfähiges internationales System für Europa abgelehnt. Die Ablehnung geht Hand in Hand mit d er Ablehnung dessen, was die Deutschen etwas unbeholfen als "Nationalstaat des 19. Jahrhunderts" bezeichnen.⁸ Es wird behauptet, dass die supranationale und wirtschaftliche Integration die einzige Alternative zu dieser Anarchie und dem Krieg ist: Der deutsche Präsident des Europäischen Parlaments, Klaus Hansch, hat für die europäische Währungs - und politische Union mit den Worten argumentiert: "Nie wieder darf ein Staat so souverän sein, dass er über Wohl und Wehe, über Krieg und Frieden entscheiden kann. ⁹ Mit anderen Worten: Die Gefahr, die von den Nationen ausgeht, geht nicht nur vom "Nationalismus" aus, sondern auch von der "Rivalität der Nationalstaaten nach dem Vorbild des 19. Jahrhunderts", die es nach offizieller deutscher Regier ungspolitik zu verhindern gilt.¹⁰


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Deutsche Politiker richten ihre Äußerungen über das Gleichgewicht der Kräfte oft speziell an die Briten. Der außenpolitische Sprecher der regierenden CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Deutschland, Karl Lamers, warb auf einer Tournee durch ausländische Hauptstädte für die Vision seiner Partei von einem Europa der konzentrischen Kreise, das von einem starken "harten Kern" im Zentrum gelenkt wird, Karl Lamers, der auf seiner Reise durch ausländische Hauptstädte für die Visi on seiner Partei von einem Europa der konzentrierten Kreise wirbt, das von einem starken "harten Kern" in der Mitte gelenkt wird, nahm 1994 in einer Rede in London noch einmal ausdrücklich Bezug auf das Gleichgewicht der Kräfte. Heute ist die Insellage jed och kein entscheidendes Ziel und nicht einmal mehr wirklich ein strategischer Faktor... "Nebel über dem Kanal, Kontinent isoliert" scheint mir keine realistische Beschreibung der Realität mehr zu sein. Nach einer Aufzählung verschiedener Gründe, warum dies so ist, kam Lamers zu dem Schluss, dass die britischen Versuche, die deutsch-französische Achse zu brechen, nichts anderes als "ein ziemlich schwaches Echo des glorreichen "Gleichgewichts der Kräfte" der vergangenen Jahrhunderte" seien. ¹¹ Mit anderen Wort en: Das Gleichgewicht der Kräfte war eine Hegemonialpolitik, von der sich Großbritannien für immer verabschieden sollte. Ähnlich äußerte sich Lamers' Chef, der Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion Wolfgang Schäuble (einer der Männer, die als Nachfolg er von Bundeskanzler Kohl gehandelt werden), 1993 vor der britischen Handelskammer in Köln: Großbritannien war jahrhundertelang eine der Großmächte, die für Ordnung in Europa sorgten. Seit dem Vertrag von Utrecht [1713] hat Großbritannien immer wieder als Schiedsrichter in Europa interveniert und eine ausgleichende Kraft in europäischen Angelegenheiten ausgeübt. Aber heute geht es nicht mehr um Vorstellungen vom Gleichgewicht der Kräfte oder um alte Vorstellungen von Gleichgewicht oder Hegemonie. " ¹² Diesen Aussagen liegt der Gedanke zugrunde, dass die europäische Integration die Machtpolitik durch einen besser strukturierten, auf Recht basierenden Rahmen für die Interaktion zwischen den Staaten ersetzt hat. In einer feierlichen Rede anlässlich des fünfzigst en Jahrestages des Zweiten Weltkrieges erklärte der deutsche Bundespräsident Roman Herzog, dass "die Westeuropäer . Jahrestag des Zweiten Weltkriegs erklärte der deutsche Bundespräsident Roman Herzog, dass "die Westeuropäer gelernt haben, dass man in Nationen weiterleben kann, ohne den Nationalstaat des 19. Jahrhunderts für immer zu bewahren, und dass Zusammenarbeit klüger ist als das Beharren auf Souveränitätsvorstellungen, die ver gangenen Generationen angehören."¹³


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Die europäischen Föderalisten neigen in der Tat zu der Auffassung, dass es gerade der unstrukturierte Charakter des Kräfteverhältnisses war, der 1914 und 1939 "zusammenbrach". Sie glauben, dass das Fehlen von Strukturen zu Anarchie geführt hat. Die Vollendung der Währungsunion und die Schaffung eines Europas der konzentrischen Kreise mit einem harten Kern werden daher als einziger Schutz davor angesehen, dass die Staaten untereinander um ihre Positionen rangeln und sich schließlich vielleicht gegenseitig bekämpfen . Mit diesen Ansichten wiederholen die europäischen Föderalisten lediglich eines der Prinzipien, die der Gründervater der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Jean Monnet, als seine wichtigste Errungenschaft ansah. Monnet wurde nicht müde zu beto nen, dass er die anarchische und potenziell destabilisierende Machtpolitik durch eine Rechtsordnung zur Regelung der Beziehungen zwischen den europäischen Staaten ersetzen wollte. In der Überzeugung, dass es ihm gelungen war, die Beziehungen zwischen den europäischen Staaten zu "zivilisieren", träumte Monnet in seinem späteren Leben davon, ein Buch in zwei Teilen zu schreiben - "Gestern, die Macht", und "Heute, das Recht".¹⁴ Er glaubte, dass die wirtschaftliche Integration der Weg sei, dies zu erreichen. Dieses Gefühl war nach den Erschütterungen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht unberechtigt. In dieser Zeit war die klassische europäische Diplomatie 1914 von den Schrecken der modernen Kriegsführung überwältigt worden. Nach dem Ersten Weltk rieg wurde Europa ein unausführbares Abkommen auferlegt, das ebenfalls scheiterte. Sicherlich, so dachten viele 1945 (und davor), war es jetzt an der Zeit, das Machtspiel durch eine Rechtsordnung zu ersetzen, zumal sich das alte System des "Gleichgewichts der Kräfte" als unsicher erwiesen hatte. Vieles an dieser Theorie ist wertvoll. Es besteht kein Zweifel daran, dass sich die Beziehungen zwischen den Staaten Westeuropas in dem halben Jahrhundert seit 1945 bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. Andererse its fand dieser Wandel unter den außergewöhnlichen Umständen des Kalten Krieges statt, als die westeuropäischen Staaten durch die Anwesenheit sowjetischer Truppen vor ihrer Haustür zusammengedrängt wurden. Auch die Pax Americana trug dazu bei. Mit anderen Worten: Die Schaffung der EG und des Rechts, das heute die innergemeinschaftlichen Beziehungen regelt, war selbst das Ergebnis eines Machtgleichgewichts zwischen den Hauptakteuren, Frankreich und Deutschland, das von den Vereinigten Staaten garantiert wurde. Sie war das natürliche Ergebnis eines Gleichgewichts, ohne dass sie nicht hätte bestehen können. In der Tat ist jeder Rechtszustand - ob innerstaatlich oder international - in der Regel das Ergebnis eines solchen Gleichgewichts. Die Wiedervereinigung De utschlands hat dieses Gleichgewicht


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unbestreitbar verändert. Darüber hinaus ist in Ostmitteleuropa ein machtpolitisches Vakuum entstanden. Die deutsch -französische Aussöhnung fand statt, als sich die beiden Länder im Gleichgewicht befanden: Dass die Deutschen nun sagen, dass eine weitere europäische Integration notwendiger denn je ist, bedeutet, dass sie der Meinung sind, dass das Gleichgewicht nun gekippt ist. Es bedeutet, dass ein wiedervereinigtes Deutschland eine a ndere geopolitische Rolle spielt als die alte westliche Bundesrepublik. Und der Vorschlag, Europa von einem System, in dem europäisches Recht und europäische Politik für alle Staaten gleichermaßen gelten, zu einem System umzustrukturieren, in dem ein harte r Kern den gesamten Kontinent anführt, impliziert, dass auch die alte Rechtsordnung, die aus diesem früheren Gleichgewicht hervorgegangen ist, aufgegeben werden muss. Es ist auch schwer zu erkennen, wie dieser proklamierte Verzicht auf Machtpolitik mit dem ebenfalls proklamierten Ziel vereinbar ist, dass ein "starkes, geeintes Europa" sich in der Welt stärker behaupten kann. Dieser Gedanke, der wohl oder übel dem klassischen machtpolitischen Denken entsprungen zu sein scheint, wird häufig als Begründung für die europäische Integration angeführt. In einer typischen Äußerung hat Bundeskanzler Kohl darauf hingewiesen, dass er sich die Welt als aus drei Blöcken - Europa, Nordamerika und Fernost - zusammengesetzt vorstellt, mit denen ein geeinte s Europa "konkurrieren" müsse.¹⁵

Nationen und Reiche

Die modernen deutschen Angriffe auf das "Gleichgewicht der Kräfte" als hegemoniale britische Politik sind historischer Unsinn. Wie Wolfgang Schauble die beiden Begriffe identifiziert hat, ist das Gleichgewicht der Kräft e in der Regel das Gegenteil von Hegemonie. Der Titel eines 1948 erschienenen Buches fasst den Gegensatz treffend zusammen: Balance of Power or Hegemony. ¹⁶ Denn die Lehre vom Gleichgewicht der Kräfte ist genau die Lehre, die sich gegen die Errichtung einer Hegemonialmacht auf dem europäischen Kontinent wendet. Andererseits sind die deutschen Angriffe auf das Gleichgewicht der Kräfte nichts Neues, wie wir noch sehen werden. Der Gegensatz zwischen Machtgleichgewicht und Hegemonie charakterisiert in der Tat da s ewige Hin und Her in der europäischen Geschichte zwischen der Stärke des Reiches in der Mitte Europas und der Stärke der europäischen Randmächte. Das Aufeinanderprallen der beiden Optionen kennzeichnet insbesondere die deutsche Frage im neunzehnten Jahrh undert und bis zum Ende des Zweiten


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Weltkriegs. Aber er kennzeichnet auch einen Großteil der europäischen Diplomatie, und zwar schon Jahrhunderte, bevor die "deutsche Frage" in diesem Sinne formuliert wurde. So wie die Deut schen törichterweise "den Nationalstaat" mit "dem neunzehnten Jahrhundert" gleichsetzen, so sprechen sie ungewollt nur über ihr eigenes Land, wenn sie "das neunzehnte Jahrhundert" mit der Art von Machtpolitik in Verbindung bringen, die sie jetzt angeblich vermeiden wollen. Denn die Politik der Aufrechterhaltung des Machtgleichgewichts in Europa und die auf staatlichen Machtüberlegungen (und nicht auf Ideologie oder Religion) basierende Diplomatie stammen ebenso wie der Nationalstaat nicht aus dem neunzehnten Jahrhundert. Im Gegenteil, gerade im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert wurde diese Art von Diplomatie zerstört. Jahrhundert, als der alte mittelalterliche Traum vom universellen Imperium durch den Aufstieg des Säkularismus und des modernen S taates entscheidend verdrängt wurde. In der Tat sind die beiden Konzepte - Staatlichkeit und Imperium - gegensätzlich. Jahrhunderts, Otto Gierke, argumentierte: "Der Gedanke einer Konzentration des gesamten Lebens der Gemeinschaft an einem einzigen Punkt . .. stand in der Theorie im Gegensatz zu ... dem mittelalterlichen Gedanken einer harmonisch gegliederten Universalgemeinschaft, deren Struktur von oben nach unten föderalistisch war. "¹⁷ Letztlich ist das Konzept des Machtgleichgewichts jedoch - wie auch der Nationalstaat - älter als das siebzehnte Jahrhundert. In anderer, aber im Wesentlichen unveränderter Form prägt es einen Großteil der europäischen Diplomatie des dreizehnten und vie rzehnten Jahrhunderts. (Einige Historiker behaupten sogar, dass die antiken griechischen Stadtstaaten die Grundsätze des Machtgleichgewichts sehr gut verstanden haben. ¹⁸) Als die Capetianer Dynastie in Frankreich zu regieren begann (Hugues Capet bestieg de n Thron im Jahr 987), war der französische König im Vergleich zum Heiligen Römischen Kaiser selbst ein kleiner Fisch. Die schiere Ausdehnung seines Herrschaftsgebiets, die kaiserlichen und göttlichen Quellen seiner Autorität und sein Status als Erbe Karls des Großen verliehen ihm eine enorme Machtfülle. Wie jede Macht stieß auch die des Heiligen Römischen Kaisers auf Gegenkräfte. Insbesondere die Päpste waren in der Regel bestrebt, die Macht der Kaiser in gewissen Grenzen zu halten. Da auch der französische König ein Interesse daran hatte, die Entstehung einer mächtigen zentralisierten Monarchie im Osten zu verhindern, entstand ein natürliches Bündnis zwischen dem Heiligen Stuhl und der jungen französischen Monarchie, das sich gegen den Machtzuwachs des Heil igen Römischen Kaisers Deutscher Nation richtete.


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Spätestens seit Philippe Auguste (gekrönt 1180) und Innozenz III. und trotz der zahlreichen Streitigkeiten, die zwischen dem französischen König und dem Papst in Rom ausgetragen wurden, galt also das Prinzip dessen, was die Franzosen als "europäisches Gleichgewicht" bezeichnen. Trotz der unvermeidlichen Wechselfälle der Geschichte blieb dies über Jahrhunderte eine Konstante in der europäischen Diplomatie. Frankreich verbündete sich mit Rom, weil dessen Macht supranational war. Sie stellte eine von oben auferlegte Beschränkung für das Reich dar. Aber es gab noch ein zweites Instrument, das Frankreich und Rom traditionell nutzten, um die Macht des Reiches zu beschränken: d ie interne Dezentralisierung. Da der Kaiser von den Fürsten gewählt wurde, war die kaiserliche Macht internen Zwängen unterworfen. Die Hauptgegner der Versuche des Kaisers, die Fesseln der Wahl abzuschütteln und eine erbliche Kaiserlinie einzuführen, waren die Fürsten selbst, die ihn verdächtigten, nach absoluter Macht in Deutschland und in der Welt zu streben. Fürsten, Herzöge, Markgrafen - der große französische Historiker Jacques Bainville nannte sie "den ganzen Staub der deutschen Dynastien des Mittelal ters"¹⁹ - hassten die Idee einer einzigen Dynastie, die ihre eigenen Hoheitsrechte eingeschränkt hätte. Unterstützt wurden sie dabei von den verschiedenen Kirchenfürsten, den Hansestädten, den freien Städten und den Bauerngemeinden (von denen die Schweizer Kantone der moderne Rest sind). Sie alle erkannten, dass eine Erbmonarchie Voraussetzung für die Entwicklung eines Zentralstaates war. Die Päpste erkannten, dass diese beiden Zwänge - der supranationale und der interne - untrennbar miteinander verbunden w aren. Wenn die Kaiser jemals dem Zwang der Wahl entkamen, würden sie versuchen, sich von dem zweiten Zwang, der geistlichen Vormundschaft des Papstes, zu befreien. Die Päpste betrachteten daher die Aufrechterhaltung der Macht der Fürsten, die ihre lokalen Privilegien gegen die zentralisierenden Tendenzen des Kaisers schützen wollten, als ein wesentliches inneres Gegengewicht zur Macht des Kaisers. Sie lehnten daher die Schaffung eines erblichen staufischen Kaisertums ab. Mit anderen Worten: Seit dem Mittela lter entstand ein natürliches Bündnis zwischen ausländischen Mächten, die Angst vor der deutschen Stärke hatten, insbesondere Frankreich, und jenen Elementen innerhalb des Reiches, die sich gegen die Entwicklung einer starken Zentralgewalt in ihrem Land we hrten. Jacques Bainville war überzeugt, dass er in den deutsch-französischen Beziehungen ein Muster erkennen konnte. Jedes Mal, wenn Deutschland ein großes politisches Gebilde ist, wie es unter Otto dem Großen, Karl V. und den Hohenzollern der Fall war, ko mmt es zu Antagonismus und gewaltsamen Konflikten... Im Gegensatz dazu sind Kriege immer dann, wenn Deutschland in verschiedene unabhängige Staaten aufgeteilt ist, die nur durch mehr oder weniger kohärente föderale


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Verbindungen miteinander verbunden sind, selten, lokal begrenzt und frei von jenem nationalen Charakter, der sie erbarmungslos macht...' ²⁰ Es ist vielleicht nicht allzu abwegig, in diesem frühen Bündnis zwischen den französischen Königen und der geistlichen (supra nationalen) Macht Roms einen Vorläufer dafür zu sehen, dass Paris nach dem Krieg die supranationalen Befugnisse der Römischen Verträge von 1957 (mit denen die EWG gegründet wurde) nutzte, um Deutschland in Schach zu halten. Die Parallele ist besonders eng, weil diese supranationalen Befugnisse nur durchgesetzt werden konnten, weil Deutschland damals innerlich geteilt war: Es gab nicht nur zwei deutsche Staaten, sondern auch den westdeutschen Föderalismus, der eine wichtige Kontrolle über das Entstehen einer starken Zentralmacht in Bonn darstellte. Charles de Gaulle verstand die Symbiose zwischen diesen beiden Beschränkungen der deutschen Macht sehr gut: Er pflegte die Sitzungen des französischen Ministerrats zu unterbrechen, wenn jemand l‘Allemagne" sagte und darauf zu bestehen, dass man stattdessen „les Allemagnes" sagte. Diese Konstanten der französischen Außenpolitik erreichten ihren Höhepunkt am Ende des Dreißigjährigen Krieges mit dem Westfälischen Frieden von 1648. Deutschland war durch die dreißigjähri gen Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken auf seinem Boden ausgeblutet, was durch die Intervention der europäischen Randmächte noch verschärft wurde. Es hatte ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Der Vertrag, der den Krieg beendete, verfestigte d as Mosaik der inneren politischen Ordnung Deutschlands: Auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches gab es etwa dreihundert Kleinstaaten und insgesamt fast zweitausend politische Untergliederungen. Für Frankreich war das Interesse an einem schwachen und geteilten Reich sehr direkt. Seine Hauptstadt Paris lag nicht weit entfernt von Gebieten, die dem Kaiser gehörten. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert war Frankreich von kaiserlichen Besitzungen umgeben - von Spanien im Süden bis zu den Spanischen Niederlanden im Norden und dem Reich selbst im Osten, einschließlich Burgund, Franche -Comte, Luxemburg und Savoyen. An diesem Punkt erfand der erste Minister Ludwigs XIII., Kardinal Richelieu, obwohl er ein Kirchenfürst war, eine neue Idee: die Staatsraison . Richelieu wird gewöhnlich als Machiavellist der schlimmsten Sorte dargestellt, weil er im offensichtlichen Widerspruch zum Diktat der Religion Bündnisse mit den Protestanten in Norddeutschland und dem König von Schweden gegen den katholischen Habsburger Kaiser schloss. Obwohl Henry Kissinger selbst einer der bedeutendsten modernen Verfechter der Theorie des Gleichgewichts der Kräfte ist, vertritt er die Auffassung, dass Richelieus Politik (die die französische Diplomatie drei Jahrhunderte lang prägte) let ztlich selbstzerstörerisch war: Bei allem Ruhm, den die Staatsraison Frankreichs


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einbrachte, lief sie doch auf eine Tretmühle hinaus, auf eine nicht enden wollende Anstrengung, Frankreichs Grenzen nach außen zu versch ieben, um zum Schiedsrichter der Konflikte zwischen den deutschen Staaten zu werden und damit Mitteleuropa zu beherrschen, bis Frankreich durch die Anstrengung ausgelaugt wurde und allmählich die Fähigkeit verlor, Europa nach sei nen Vorstellungen zu gesta lten.²¹ Mit anderen Worten: Das bloße, kaltblütige Streben nach Macht, das von keiner moralischen Vision der Politik unterstützt wurde, reichte nicht aus. Es machte Frankreich oft eher aggressiv als defensiv (im letzteren Fall hätte man die Politik viellei cht verteidigen können), wie etwa unter Ludwig XIV. oder Napoleon. Es ist jedoch einem deutschen Historiker überlassen, zu zeigen, dass diese in Deutschland weit verbreitete Ansicht über Richelieu falsch ist. Richelieu war sicherlich der erste große Prakti ker des Gleichgewichts der Kräfte, aber er war weder ein kaltblütiger Verfolger des französischen Nationalinteresses noch jemand, der die Moral aus den internationalen Angelegenheiten verbannen wollte. Im Gegenteil, ihm lag der Frieden in Europa und die Zu kunft der Kirche sehr am Herzen. Er ist überzeugt, dass die vom Kaiser proklamierte Rolle als Beschützer des Katholizismus beides gefährden würde. Richelieu sah darin nur einen Vorwand für das Streben des Kaisers nach der Universalmonarchie. In einem scharfen Satz warf der Kardinal den Spaniern, den selbsternannten Verteidigern eines religiös geeinten Europas, nichts als pure Heuchelei vor. Sie haben Gott und die Jungfrau Maria auf den Lippen, ein religiöses Auftreten, einen Rosenkranz in der Hand - und nichts als weltliche Interessen in ihrem Herzen", schrieb er.²² Richelieu war keineswegs zynisch, sondern tief von der katholischen Naturrechtslehre durchdrungen. Er stützte sich stark auf das Denken der späten spanischen Scholastiker, insbesondere derer von Salamanca, die die traditionelle thomistische Rechtsphilosophie nutzten, um eine moderne Theorie des Völkerrechts zu entwickeln, eine Entwicklung, die durch die Gründung von Kolonien in der Neuen Welt neue Dringlichkeit erhalten hatte. Ein Schlüsselelement der politischen Ethik eines der größten Salamancas, Francisco de Vitoria, eines Zeitgenossen Luthers, war die Idee eines universellen Naturrechts, das nicht nur für die Christenheit, sondern für die gesamte Menschheit gilt. Dieser Gedanke - der in gewisser Hinsicht ein Vorläufer moderner Phänomene wie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist - war eine wichtige intellektuelle Waffe im Kampf in Spanien gegen die absolutistischen Ansprüche der Habsburger und gegen die Bestrebungen Karls V. nach einer universellen Monarchie in Europa. Richelieu vertrat also die Auffassung, dass die natürlichen Rechte der Menschen nur dann gewahrt werden können, wenn ein Gleichgewicht zwischen


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den Staaten besteht, und dass diese Rechte b edroht sind, wenn ein Staat zu mächtig wird und ganz Europa beherrscht. Wie Johannes von Salisbury vor ihm verstand Richelieu den organischen Zusammenhang zwischen der Rechtsstaatlichkeit in Europa, dem Frieden und dem Gleichgewicht der Kräfte. Er wusste, dass all dies zerstört würde, wenn ein europäischer Staat im Namen einer beliebigen Ideologie oder Religion die Vorherrschaft über den gesamten Kontinent ausübte. Aus diesem Grund waren die Maßnahmen der Länder, die ein Gegengewicht zur zentralisierten deu tschen Staatsmacht bilden wollten, nicht unbedingt mit den Interessen oder Wünschen der Deutschen selbst unvereinbar. Der Westfälische Friede entsprach dem deutschen Geschmack an dem, was Madame de Stael eineinhalb Jahrhunderte später zustimmend als "sanft e Anarchie" bezeichnete. ²³ In der Tat präsentierten sich die Franzosen mit dieser Politik als Beschützer der deutschen Freiheiten. Sie waren die Hüter gegen die Einigung des Reiches unter einem despotischen und zentralistischen König. Diese Haltung ist nic ht völlig heuchlerisch. So wie die deutschen Fürsten den Zentralismus ablehnten, wurde auch im Nachkriegsdeutschland das föderale System (die Dezentralisierung der Macht) weithin als Grundpfeiler der deutschen Freiheiten und des Friedens in Europa angesehe n und als wesentliches Bollwerk gegen jede Rückkehr zu einem tyrannischen Zentralismus, wie ihn Hitler eingeführt hatte. Die heutigen Deutschen neigen in der Tat dazu, das Wort "Zentralismus" als Synonym für "Autoritarismus" zu verwenden (auch wenn sie das Ausmaß der Dezentralisierung in ihrem eigenen Land stets übertreiben). Aus diesem Grund konnte ein anderer großer Verfechter des Gleichgewichts der Kräfte, Winston Churchill, mit Recht sagen, dass Großbritannien als Bewahrer des Gleichgewichts die Freihei ten Europas bewahrt hat. Im Übrigen bildete das Streben nach einem europäischen Gleichgewicht die Grundlage für eine Politik, deren Auswirkungen weitgehend positiv waren. Richelieus diplomatische Manipulationen und Intrigen, für die er einen unersättlichen Appetit zu haben schien, waren selbst ein Mittel zur Kriegsverhinderung: Er kämpfte erst, als die Mittel der Diplomatie erschöpft waren. Westfalen selbst leitete eineinhalb Jahrhunderte ein, in denen Europa frei von großen Konflikten war. Vor allem führte Frankreich den Grundsatz ein - auch wenn es ihn nicht auf sich selbst anwendete -, dass Europa als Ganzes darunter leiden würde, wenn ein Staat zu mächtig würde. Die unabhängige Staatlichkeit selbst wurde durch dieses Gleichgewicht garantiert: Ein mächtig er Staat durfte schwache Staaten nicht tyrannisieren. Wie das obige Zitat von Immanuel Kant zeigt, setzt das Prinzip des europäischen Gleichgewichts und des Völkerrechts die Existenz


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zahlreicher unterschiedlicher Staa ten in Europa voraus. Wie Henry Kissinger es ausdrückt: "Imperien haben kein Interesse daran, innerhalb eines internationalen Systems zu agieren: Sie streben danach, das internationale System zu sein. "²⁴ Die Art von Rechtsbeziehung, derer sich Monnet rühmte, kann daher nur aus einem vorherigen Machtgleichgewicht erwachsen; und der Begriff des Machtgleichgewichts ist per definitionem antithetisch zu dem der Universalregierung.

Das europäische Gleichgewic ht und das Imperium der Mitte

Die Konzepte der unabhängigen Nationalstaatlichkeit und des Gleichgewichts der Kräfte sind also zwei Seiten einer Medaille. Sie sind beide das Gegenteil von imperialer Macht. Jeder Versuch, die Angelegenheiten des europäische n Kontinents durch einen Überbau zu regeln, anstatt einen harmonischen Interessenausgleich nach einem vereinbarten Verfahren zu ermöglichen, ist im besten Fall ein Versuch, das freie Zusammenspiel der Staaten durch ein System des internationalen Korporatis mus zu ersetzen, und im schlimmsten Fall ein Beweis für die Sehnsucht nach den Tagen des Imperiums. Jahrhunderts: "Die ständigen Verhandlungen machen das moderne Europa zu einer Art Republik, deren Mitglieder - jedes unabhängig, aber alle durch ein gemeins ames Interesse verbunden - sich zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zur Bewahrung der Freiheit zusammenschließen. Daraus hat sich der Grundsatz des Gleichgewichts der Kräfte entwickelt, worunter eine Regelung der Dinge zu verstehen ist, bei der kein Staa t in der Lage ist, eine absolute Herrschaft über andere auszuüben und sie zu beherrschen. ²⁵ Wie alle derartigen Systeme ist auch das Gleichgewicht der Kräfte spontan entstanden. Wenn seine Protagonisten eine Koalition gegen eine aufstrebende Macht bildeten, taten sie dies in der Regel nicht im Namen einer Theorie der internationalen Beziehungen, sondern eher aufgrund ihres vermeintlichen kurzfristigen Eigeninteresses. Aus dieser scheinbaren Anarchie ergab sich jedoch eine Art Gleichgewicht. So glichen die i nternationalen Beziehungen den Beziehungen zwischen freien Bürgern in einer liberalen Republik: Ein langfristiger Interessenausgleich konnte durch das Zusammenspiel und den Konflikt zwischen der Verfolgung kurzfristiger Einzelinteressen erreicht werden. Obwohl viele andere Staaten das Gleichgewicht der Kräfte unterstützten Russland beispielsweise sollte zu einem äußerst wichtigen Akteur werden war der Staat, der das Prinzip des Gleichgewichts der Kräfte am deutlichsten formulierte und explizit danach ha ndelte, Großbritannien. In der Tat stellte


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die britische Beschäftigung mit dem europäischen Gleichgewicht eine wichtige Ergänzung oder Weiterentwicklung der Politik Richelieus dar. Großbritannien unterschied sich von Frankr eich gerade dadurch, dass es - um es mit Schauble zu sagen - nie hegemoniale Ambitionen auf dem Kontinent hegte. Es war daher durchaus in der Lage, als unparteiischer Schiedsrichter zu agieren und sich auf die Seite des einen oder anderen Landes zu schlage n, je nachdem, welche Macht das Gleichgewicht zu stören drohte. Palmerstons oft zitierte, aber missverstandene Bemerkung - "Wir haben keine ewigen Verbündeten und keine ewigen Feinde. Wir haben keine ewigen Verbündeten und wir haben keine ewigen Feinde. Un sere Interessen sind ewig und beständig, und es ist unsere Pflicht, diese Interessen zu verfolgen " ²⁶ - ist nicht so sehr eine Verteidigung amoralischer Realpolitik oder ein Eingeständnis hartnäckiger Perfidie, sondern vielmehr eine Erklärung, dass Großbri tanniens Interesse an der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der Kräfte per definitionem dauerhafte Bündnisse mit oder Feindschaft gegen ein bestimmtes Land ausschloss. Unter britischer Führung wurde die Politik der Aufrechterhaltung des Machtgleichgewichts auf dem europäischen Kontinent daher moralisch vertretbarer, als sie es unter Frankreich gewesen war. Natürlich verfolgte Großbritannien diese Politik nicht zuletzt, um seine Hegemonie auf den Meeren ungestört von einem allzu mächtigen europäischen Kon kurrenten aufrechterhalten zu können, und in dieser Hinsicht war die Politik in ihrem letzten Ursprung nicht besonders moralisch. Dennoch bedeutete sie im Allgemeinen, die Schwachen vor den Starken zu schützen, und es ist daher enttäuschend zu sehen, wie d ieses Prinzip von modernen deutschen Politikern als altmodisch und anachronistisch belächelt wird. In Wahrheit war die Praxis des Gleichgewichts der Kräfte in Deutschland schon immer verpönt. Die deutschen Politiker, die traditionell von den Ländern an der Peripherie Europas im Namen des Gleichgewichts unterdrückt wurden, haben sich sehr oft über die geopolitische Verwundbarkeit ihres Landes in der Mitte Europas geärgert. Auf diese Verwundbarkeit haben sie traditionell mit dem Versuch reagiert, den Einfluss der Staaten an der Peripherie wieder zurückzudrängen, wodurch ein Konzept nationaler Freiheit entstand, das Thomas Mann einmal Ellenbogenfreiheit nannte. Von allen Seiten umzingelt, ist Selbstbehauptung immer auch Selbstverherrlichung gewesen. Nur auf wenige Länder trifft Napoleons Ausspruch, dass "jedes Land die Politik seiner Geographie" betreibe, so sehr zu wie auf Deutschland. Das Wesen dieser Geographie - sowohl für Preußen als auch für das Großdeutschland, das Preußen nach seinem eigenen Bilde gestal ten sollte - bestand darin, in der Mitte Europas zu liegen.


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Bereits im 17. Jahrhundert riet der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Preußen und Brandenburg in seinem politischen Testament seinen Nachfolgern, den Feind en Preußens keinen Anlass zu geben, sich gegen das Land zu vereinen, und mit allen gute und friedliche Beziehungen zu unterhalten. Dies sei zwingend notwendig, da Preußen von Staaten umgeben sei, die es um seinen Besitz beneideten. Ewige Wachsamkeit sei un abdingbar: "Denn es ist gewiss, wenn ihr stillsitzt und glaubt, dass das Feuer noch weit von euren Grenzen entfernt liegt, dann wird euer Land bald zum S chauplatz von Tragödien werden.² ⁷ In ähnlicher Weise warnte Friedrich I. 1705 seinen Nachfolger, dass der künftige König in Preußen und Markgraf von Brandenburg "seinen Staat in Frieden und Ruhe erhalten" solle, indem er "Krieg und Unruhen so weit wie möglich fernhält". ²⁸ Er schrieb: "Un ser Königreich, unser Kurfürstentum und unsere anderen Länder haben viele mächtige Nachbarn, die meist in Opposition zu uns stehen und die nicht wenig Eifersucht auf das Wachstum unseres Hauses zeigen. Tritt der König in Preußen in einen Krieg mit einer anderen Partei ein, so ist es leicht, dass einer oder mehrere solcher Nachbarn sich auf die Seite des Feindes stellen und dass die Macht unseres Hauses dadurch so gestört wird, dass der besagte Krieg nur mit äußerster Schwierigkeit gewonnen werden könnte. "² ⁹ Im Prinzip war die deutsche Politik also defensiv. Doch das selbsternannte Opfer wurde schnell zum Aggressor. Wie die Außenwelt erkennen sollte, hatte es etwas Heuchlerisches, wenn die aufeinanderfolgenden preußischen und deutschen Führer darauf bestande n, dass das zentrale Prinzip ihrer Politik die Sicherung des Friedens sei. So nutzte Friedrich der Große seinen erklärten Friedenswillen, um potenziellen Widerstand gegen seine Eroberung Schlesiens im Jahr 1752 abzuwehren. Auch die Lage Berlins in der Nähe feindlicher Staaten diente als Vorwand: Friedrich der Große sagte, er wolle "die Grenzen des Staates so weit wie möglich hinausschieben und Berlin schützen". ³⁰ Die Eroberung war also eines der Hauptmittel, mit denen die preußischen Könige das Problem der neidischen Nachbarstaaten aus der Welt schaffen wollten. Das andere Hauptmittel war, sie stattdessen zu beerben. Doch dieser Expansionismus war nur ein Teufels kreis, der das ursprüngliche Dilemma nicht löste. Je mehr der Staat an Macht und Größe zunahm, um sich der feindlichen Nachbarn zu entledigen, desto feindlicher wurden die neuen Nachbarn. Es blieb immer dasselbe Problem, das die brandenburgische, die preußische und schließlich die deutsche Geschichte ab 1648 300 Jahre lang beschäftigte: Die Existenz eines Staates in der Mitte des Kontinents mit sehr großen Territorien führte unweigerlich zu Versuchen anderer Staaten, das weitere Erstarken dieses Staates zu verhindern oder ihn gar zu zerstören.


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Auf dem Höhepunkt seiner Macht erstreckten sich die preußischen Gebiete von den Niederlanden bis zur nordöstlichen Ostseeküste - "Von der Mans bis an die Memel", wie es in der alten deu tschen Nationalhymne heißt. Folglich beschäftigten sich Friedrich der Große, Bismarck, Kaiser Wilhelm II. und sogar Hitler mit dem Problem, das Bismarck den "Albtraum der Koalitionen" nennen sollte. Der Wunsch, Konflikte von Preußen weg - vom Zentrum Europ as an die Peripherie - zu verlagern, war daher ein ständiges Anliegen preußischen außenpolitischen Denkens von der Zeit des Großen Kurfürsten über Friedrich den Großen und Bismarck bis hin zu unserer Zeit und Bundeskanzler Kohl. Die Gefahr feindlicher Koal itionen wurde durch eine Eigenschaft der Deutschen verschärft, die sie manchmal selbst zugegeben haben: Niemand mag sie. 1912 schrieb der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann -Hollweg, dass niemand das Deutsche Reich "liebe": "Dazu sind wir zu stark , zu parvenühaft und einfach zu abstoßend. "³ ¹ Das Bewusstsein um die Mittellage und die damit verbundenen Gefahren prägte also das deutsche außenpolitische Denken durchgängig von der Zeit des Großen Kurfürsten bis zum Ersten Weltkrieg. Preußen und die Deu tschen lernten aus bitterer Erfahrung, dass sie es sich nicht leisten konnten, in der Mitte Europas isoliert zu sein: Wenn die Randmächte Europas (England, Russland, die Türkei, die skandinavischen Staaten, die Kirche, selbst Frankreich) schwach waren, dan n war die Zentralmacht Deutschland stark und umgekehrt. Preußen -Deutschland verstand, dass Bündnisse eine Voraussetzung für seine Stärke und Expansion waren. Ziel der preußisch deutschen Diplomatie war es daher, die Expansion des Staates durch die Pflege guter Beziehungen zu seinen Nachbarn zu ermöglichen oder zumindest zu verhindern, dass diese jemals alle eine Koalition gegen Preußen eingehen. Die Pflege guter Beziehungen zu den Nachbarn - oder gar deren Aufnahme in den preußisch-deutschen Orbit - war also keineswegs das Gegenteil von Expansionismus, sondern gerade die Voraussetzung dafür.

Expansionismus durch die Hintertür: Wirtschaftsunion und Zollverein*

Das System des Gleichgewichts der Mächte erreichte seinen Höhepunkt nach der Niederlage Napoleons, als auf dem Wiener Kongress ein System zur Beilegung kontinentaler Konflikte geschaffen wurde, das auf einer grundlegenden Einigung über die gemeinsamen Werte der Stabilität und

* Zollunion.


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Zusammenarbeit beruhte. Der Wiener Kongress eröffnete jedoch auch zwei neue Probleme, die die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts entscheidend beeinflussen sollten. Das erste war das Aufkommen der nationalen Befreiungsbewegungen, die 1848 über Europa hereinbrechen sollten: Wie stabil ein internationales System von oben auch erscheinen mag, es wird schließlich abgelehnt werden, wenn es von den Menschen, für die es gilt, als ungerecht empfunden wird. Der zweite Grund war der anhaltende Aufstieg Preußens und Deutschlands, der dur ch die Schwächung Frankreichs, die der Kongress beabsichtigt hatte, begünstigt wurde. Preußen reagierte auf die politische Herausforderung, den durch das Gleichgewicht der Kräfte auferlegten Zwängen zu entkommen, indem es die Hegemonie durch wirtschaftlich e Integration anstrebte. Im Jahr 1834 regte Preußen die Gründung eines Zollvereins zwischen sich und achtzehn anderen Staaten an. Indem es die Führung bei der wirtschaftlichen Integration übernahm, förderte Preußen offensichtlich seine Hegemonie innerhalb des Deutschen Bundes. Damit behauptete es sich als mächtige Kraft in der traditionell schwachen Mitte Europas und verwandelte dieses Zentrum von einer Zone der Schwäche in eine Zone der Stärke. Und dies auf eine Weise, die keine explizite Herausforderung f ür das internationale politische System darstellte. Der Wunsch, Deutschland durch wirtschaftliche Integration zum mächtigen Zentrum Europas zu machen, wurde vielleicht auch durch eine alte deutsche historische Erinnerung stimuliert. In den ersten beiden Ja hrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts war Deutschland wohlhabend und selbstbewusst gewesen. Der Handel aus ganz Europa strömte von Venedig an den Rhein und von den großen Hansestädten an der Ostseeküste wieder hinaus. Die Städte am Rhein und im Norden bra chten die große bürgerliche Kultur hervor, die Deutschland zu einem Vorreiter der Renaissance machte. Doch plötzlich wurde die Kaproute nach Indien geöffnet, und der deutsche Handel brach zusammen. Von einem Zentrum des Welthandels wurde das Land zu einem wirtschaftlichen Rückzugsgebiet: Die großen Städte schrumpften, und der Wohlstand der Bürger brach zusammen. Wie A. J. P. Taylor sagt: "Keine Handelsgemeinschaft in Europa hat jemals eine so tiefgreifende und dauerhafte Katastrophe erlebt wie das deutsche Bürgertum in dem Augenblick, in dem seine Finanzkraft am größten war. " ³² Vielleicht hat Deutschland seit diesem Zeitpunkt die Vorrangstellung, die der weltweite Freihandel genoss, missbilligt und sich nach der Wiederherstellung einer kontinentalen Wirtschaft gesehnt, in der es gedeihen konnte. Wer daran zweifelt, dass solche irdischen Gedankengänge nach wie vor die treibende Kraft sind, die die EU zu einem landbasierten Wirtschaftsblock


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macht, der symbolisch vom Meer abgesc hnitten ist, mit dem der Freihandel verbunden ist, braucht nur den Vertrag von Amsterdam zu konsultieren, der im Sommer 1997 unterzeichnet wurde. Der Text enthält eine "Erklärung zu den Inselregionen", die wie folgt lautet: Die Konferenz erkennt an, dass Inselregionen unter strukturellen Nachteilen leiden, die mit ihrer Insellage zusammenhängen und die ihre wirtschaftliche und soziale Entwicklung dauerhaft beeinträchtigen. Die Konferenz erkennt daher an, dass die gemeinschaftlichen Rechtsvorschriften diesen Nachteilen Rechnung tragen müssen und dass in begründeten Fällen spezifische Maßnahmen zugunsten dieser Regionen ergriffen werden können, um sie unter fairen Bedingungen besser in den Binnenmarkt zu integrieren. Es ist unglaublich, dass eine britische Reg ierung einen solchen Text unterschreiben kann. Man kann wie John of Gaunt in Shakespeares Richard II. der Meinung sein, dass das Meer "England wie eine Mauer dient, / Oder wie ein Graben, der ein Haus schützt, / Vor dem Neid weniger glücklicher Länder", und dass es die britischen Inseln "zu einer Festung macht, die die Natur für sich selbst gebaut hat, / Gegen Infekt ionen und die Hand des Krieges.³³ Oder man kann das Meer auch als außergewöhnliches Kommunikationsmittel zur Außenwelt betrachten: Das ist schl ießlich genau die Rolle, die die britische Seemacht und die wirtschaftliche Expansion dem Meer mindestens seit der Herrschaft von Elisabeth I. zugedacht haben. So oder so ist die Vorstellung, dass im Zeitalter des Massenluftverkehrs die Insellage ein Hinde rnis für die wirtschaftliche Entwicklung darstellt, nur ein Hinweis darauf, wie gefährlich anachronistisch die moderne europäische Ideologie ist. Es ist auch eine pikante Ironie, dass dieser Text ausgerechnet in Amsterdam, dem "Venedig des Nordens", unterz eichnet wurde, der Stadt, die mehr als jede andere den Seehandel verkörpert. Voltaires Beschreibung Amsterdams, das auf dem Meer zu schwimmen schien, als die Deiche zur Verteidigung der Stadt gegen die Franzosen 1672 durchbrochen wurden, ist ein unvergessl iches Bild, das wie kein anderes die tiefe Übereinstimmung zwischen Thalassokratie und Freihandel verdeutlicht. ³⁴ Das Ziel des Zollvereins war die Abschaffung der unzähligen kleinen Staaten und insbesondere ihrer individuellen Zoll - und Steuerregelungen, die das deutsche Mosaik ausmachten. Er wurde unter dem Einfluss der Wirtschaftstheorien von Friedrich List gegrün det. List war die deutsche Antwort auf Adam Smith, und er widersprach ihm in allen wesentlichen Punkten. In Bezug auf den Freihandel vertrat er die Ansicht, dass die Staaten ihre aufstrebenden Industrien durch die Einführung von Schutzzöllen vor ausländischer Konkurrenz schützen sollten. Solche künstlichen Maßnahmen seien notwendig, weil die industrielle Revolution es einem Staat ermöglicht habe, den Binnenmarkt für Industriegüter eines anderen Staates vollständig


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zu "erobern". Durch das friedliche Eindringen ausländischer Hersteller könne ein Staat, der alle äußeren, politischen Attribute der Unabhängigkeit und Macht besitze, der inneren, materiellen, politisch -ökonomischen Grundlagen dieser Unabhängigkeit und Macht be raubt werden. List vertrat die Auffassung, dass der europäische Kontinent langfristig durch eine doppelte Hegemonie bedroht sei: die Russlands im Osten und die der Angelsachsen im Westen. Um dieser doppelten Hegemonie zu begegnen, müsse der Kontinent so or ganisiert werden, dass er sich von der Notwendigkeit emanzipiert, Produkte von externen Mächten zu importieren. Auf diese Weise in einem einzigen Wirtschaftssystem vereint, würde Europa nicht nur der Gefahr des Drucks von außen entgehen, sondern auch auf d en Weltmärkten mit ihnen konkurrieren können. Nach List war es die Aufgabe der Deutschen, den gesamten Kontinent wirtschaftlich zu organisieren. List hatte ein zutiefst ökonomisches Verständnis vom Staat. Seine Ansichten waren dem kolbertistischen Frankrei ch in der Tat nicht fremd. Nach dieser Auffassung sind wirtschaftliche Einheit und Macht die entscheidenden Elemente des Staates. Wirtschaftliche Einheit und politische Einheit", schrieb List, "sind Zwillinge: das eine kann nicht gebombt werden, ohne dass das andere folgt. " ³⁵ An anderer Stelle schrieb er: "Es ist die Aufgabe der Nationalökonomie, die wirtschaftliche Entwicklung der Nation zu vollenden und sie für die Aufnahme in die universelle Gesellschaft der Zukunft vorzubereiten. " ³⁶ Wie ein (vielleicht enttäuschter) libe raler Politiker aus Braunschweig 1844 kommentierte: "Der Zollverein ist ... in der Tat der Nährboden der Idee der Einheit geworden ... Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die Fremden Deutschland hauptsächli ch für den Zollverein halten.'³⁷ List beabsichtigte, seine Theorien auf den europäischen Kontinent als Ganzes anzuwenden. Er plädiert für ein kontinentales Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland gegen Großbritannien, um dieses in eine europäische Koalition gegen die Vorherrschaft Amerikas zu z wingen. Großbritannien wäre dadurch gezwungen, Schutz, Sicherheit und Ausgleich in der Führung der vereinigten europäischen Mächte zu suchen und zu finden. Es ist daher gut für England", sinniert List, "dass es sich rechtzeitig in Resignation übt, dass es durch rechtzeitigen Verzicht die Freundschaft der europäischen Kontinentalmächte gewinnt und dass es sich an den Gedanken gewöhnt, nur der Erste unter Gleichen zu sein. "³ ⁸ In der Tat glaubte List, dass die ganze Welt wirtschaftlich integriert werden könnte, so wie es Deutschland getan hatte. Obwohl dies seinen Theorien einen liberalen Anstrich verlieh und er einige Ziele mit einem Marktwirtschaftler wie Adam Smith geteilt haben mag, war seine Auffassung vom Staat nicht mit einer


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wirklich liberalen Auffassung vereinbar. Er war davon überzeugt, dass wirtschaftliche Macht und ein umfassender Binnenmarkt Voraussetzungen für die Staatlichkeit selbst sind. Er vertrat die Auffassung, dass kleine Nationen per definitionem nicht in d er Lage seien, vollständige Staaten zu sein, da "kleine Staaten überall an der Grenze liegen". ³⁹ Ohne wirtschaftliche Macht könne ein Staat von ausländischen Herstellern übernommen werden. Er schrieb: "Nur durch Bündnisse mit mächtigeren Nationen, durch de n teilweisen Verzicht auf die Vorteile der Nationalität (d.h. vollständige Staatlichkeit) und durch eine außergewöhnliche Anspannung seiner Kräfte kann ein kleiner Staat seine Unabhängigkeit behaupten. " ⁴⁰ Dies ist ein Standpunkt, den jeder klassische Libe rale sofort ablehnen wird. Staatlichkeit ist eine Frage der Befugnis, Gesetze zu erlassen und über einzelne Fälle zu entscheiden. Sie ist keine Frage der wirtschaftlichen Macht. Für List aber lag das Wesen des Zollvereins "in der inneren Freiheit des Austa usches und der gemeinsamen Vertretung nach außen, die dem Begriff der Nationalität innewohnte."⁴¹ Lists Lehre war also ausdrücklich keine Technik zur Liberalisierung des Außenhandels der Staaten. Wie ein Kommentator erklärt:

Es handelte sich vielmehr um die einvernehmliche Umwandlung von Außenhandel in Binnenhandel. Durch die Union wurde der Handel zwischen Staaten oder Nationen eingegrenzt und einheitlichen Gesetzen unterworfen, die von einer gemeinsamen Macht erlassen wurden. Er wurde qualitativ verändert. Aus mehreren Außenmärkten mit all ihren Unwägbarkeiten, Diskontinuitäten und Abhängigkeiten, die der Außenhandel mit sich brachte, wurde ein Binnenmarkt, d.h. ein Markt, der durch eine gemeinsame Behörde, die gleichzeitig über den Außenhandel der neuen Gesamtheit wachte, geeint, garantiert und geregelt wurde. ⁴²

Es ist nicht verwunderlich, dass List als einer der Autoren der Wirtschaftstheorien gilt, die der Schaffung des Gemeinsamen Marktes zugrunde lagen⁴³, und dass insbesondere von deutscher Seite häufig Parallelen zwischen der Gründung des Zollvereins und dem heutigen Projekt der europäischen Integration gezogen werden. Der Unterschied zwischen einer List'schen und einer Smith'schen Auffassung von Staat und Wirtschaft wurde von Ralf Dahrendorf erläutert. In Anlehnung an ein Argument, das zuerst von Max Webe r verwendet wurde, unterscheidet Dahrendorf zwischen Marktrationalität und Planrationalität. Letztere beruht auf der industriellen Disziplin, der "Disziplin der starren Organisation, der Gewohnheit der Unterordnung und des Gehorsams", die das Prinzip der


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"militärischen Ausbildung nach preußischem Muster" gewesen sei. Sie erfordert eine Bürokratie, die die Handlungsabläufe festlegt und ihre Ausführung kontrolliert. Ersteres führt durch den Wettbewerb zwischen den beteiligten Interessen zu einem optimalen Ergebnis: Das Spiel braucht Regeln und neutrale Schiedsrichter, die sie anwenden. Es ist leicht zu erkennen, dass diese beiden Konzepte des Industrialismus unvereinbar sind. Wie ein Kommentator es ausdrückt: "Im Sinne de r Marktrationalität ist die Planrationalität nicht rational: Alle Pläne können fehlerhaft sein, und das Vertrauen auf sie kann zu großen und teuren Verlusten führen. Unter dem Gesichtspunkt der Planrationalität ist die Marktrationalität nicht rational: Wet tbewerb bedeutet eine beträchtliche Verschwendung von Ressourcen. "⁴⁴ Dahrendorf kommt zu dem Schluss, dass Adam Smiths Theorie der politischen Ökonomie marktrational ist, während die von List planrational ist. Die politische Theorie und Praxis des Liberalismus impliziere eine Haltung der Marktrationalität; autoritäre und totalitäre Staaten hingegen basierten auf einer Haltung der Planrationalität. ⁴⁵ Anders formuliert: Listianer sind ebenso wenig in der Lage, sich den freien Handel zwischen Staaten vorzustellen wie den liberalen freien Markt zwischen Bürgern innerhalb eine s Staates. Dies erklärt, warum der Zollverein, der ursprünglich von wohlmeinenden Freihandelsbürokraten entworfen wurde, kein Arrangement für den Freihandel zwischen unabhängigen (deutschen) Staaten war, sondern ein Instrument zur Förderung eines vereinten und exklusiven Mitteleuropas. ⁴⁶ Der Stammbaum dieser Ideen unterstreicht somit den konzeptionellen Unterschied zwischen einer Freihandelszone zwischen unabhängigen Staaten der die Briten 1972 beizutreten glaubten - und dem, was die EG tatsächlich ist, nämlich eine Zollunion, die ein en integrierten politisch -wirtschaftlichen Raum schaffen soll. Der am 23. März 1833 unterzeichnete Hauptvertrag von Zollverein sah einen gemeinsamen Zolltarif und gemeinsame Verwaltungsvorschriften, eine proportionale Aufteilung der Einnahmen und die Verei nheitlichung von Mautgebühren, Maßen, Gewichten und Münzen vor. Obwohl der Zollverein nicht mehrere deutsche Staaten umfasste (die Freie Stadt Bremen wurde erst 1885 in das kaiserliche Zollgebiet aufgenommen), "bildete er" - in den Worten eines Historikers des 19. Jahrhunderts - "einen Kern".⁴⁷ Daher erkannte der größte Architekt des Systems des Wiener Kongresses und Erzverteidiger des Gleichgewichts der Mächte, der österreichische Kanzler Mette rnich, sofort die wahren politischen Implikationen von Preußens scheinbar harmlosem Plan für die wirtschaftliche Integration der Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes. (Zum Deutschen Bund gehörte Österreich, aber der Zollverein schloss es aus.) Als 1833 die Verträge zwischen den Zollverein -Staaten ausgehandelt wurden, schrieb Metternich an den österreichischen Kaiser:


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Innerhalb des großen Bundes bildet sich ein kleinerer Bund, ein Status in statu im vollen Sinne des Wortes, der sich nur zu bald daran gewöhnen wird, seine Ziele durch seine eigene Maschinerie zu erreichen, und der den Zielen und der Maschinerie des Bundes nur dann Beachtung schenken wird, wenn es ihm gelegen kommt. Nach und nach werden die Staaten, aus denen sich dieser Bund zusammensetzt, unter aktiver Ermutigung Preußens und im Lichte der gemeinsamen Interessen, die sich unweigerlich herausbilden müssen, einen mehr oder weniger zusammenhängenden Block bilden, der in jeder Frage, die vor den Landtag kommt (und nicht nur in Handelsangelegenheiten), nach vorheriger Absprache einheitlich handeln und abstimmen wird. Dann wird es im Landtag keine nützliche Diskussion mehr geben; an die Stelle der Debatten werden im Voraus vereinbarte Abstimmungen treten, die nicht von den Interessen des Bundes, sondern von den ausschließlichen In teressen Preußens geleitet sind ... Schon jetzt ist es leider leicht, im Voraus zu bestimmen, wie diese Stimmen in allen Fragen abgegeben werden, in denen das Interesse Preußens mit dem des Bundes in Konflikt steht. ⁴⁸

Er hatte Recht: Preußen formte den Zollverein nach seinem eigenen Bild und übte Druck auf andere Staaten aus, ihre Wirtschaft mit der seinen zu integrieren. Die weitere Stärkung des Zollvereins, vom Norddeutschen Bund 1866 bis zum Deutschen Reich 1871, ermöglichte es Preußen, seinen Einfluss noch weiter auszubauen. In jeder Phase überzeugte Preußen die anderen deutschen Staaten, sich an den neuen Vereinbarungen zu beteiligen, indem es darauf bestand, dass dies für sie selbst besser sei: Außerhalb des Zo llvereins würden sie nur passiv auf die Entscheidungen Preußens reagieren, innerhalb des Zollvereins könnten sie die Angelegenheiten selbst beeinflussen. Auf diese Weise baute Preußen eine klassische Hegemonialbeziehung zu den anderen deutschen Staaten auf . Obwohl das Deutsche Reich Preußen eindämmen sollte, bewirkte es also das Gegenteil. Dies spiegelte sich auch in der Verfassungsentwicklung des Reiches wider. Die Verfassung enthielt föderale und unitarische Elemente, wobei sich stets letztere durchsetzte n. Frühe Garantien für eine Dezentralisierung wurden schnell von einer Welle neuer Gesetze, Industrienormen und anderer Formen der Integration hinweggefegt, die zumeist von preußischen Ministerien ausgingen und eine Harmonisierung mit der bestehenden preuß ischen Gesetzgebung erzwangen. ⁴⁹ Paradoxerweise förderte der so genannte "einzigartige Charakter" des Deutschen Reiches - seine relative Lockerheit, die Wahrung der Identität seiner Gliedstaaten - die preußische Hegemonie eher, als dass er sie verhinderte. Der große deutsche Staatsrechtler Heinrich Triepel bemerkte -


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auf der Grundlage dessen, was er über Preußens Position innerhalb des Deutschen Reiches wusste - "Ein lockerer Staatenbund fördert die Hegemonie mehr als ein enger. . je mehr einheitliche Elemente in einer Föderation vorherrschen, desto größer ist die innere Festigkeit, und desto größer sind die Hindernisse für die Schaffung einer Hegemonie' ⁵⁰. Dies liegt daran, dass die wirklich einheitlichen Elemente in einer Konföderation verhindern, dass ein Staat die anderen beherrscht, da das Bundes- oder Konföderationsrecht alle Staaten gleich behandelt. Umgekehrt kann ein lockereres Arrangement - oder ein Arrangement, in dem einheitliche und dezentrale Elemente nebeneinander bestehen - die Entstehung einer Hegemonie begünstigen, denn wenn eine Zentralisierung stattfindet, geschieht dies immer zu den Bedingungen des mächtigsten Staates. Wenn dieser Staat gegen eine bestimmte Maßnahme ist, beruft er sich auf das Prinzip der Dezentralisierung und verhindert deren Umsetzung. Genau so hat sich Preußen von 1871 bis 1914 innerhalb des Deutschen Reiches verhalten. Es drohte sogar mit dem Austritt aus dem Zollve rein, wenn die Kleinstaaten nicht bereit waren, seine Maßnahmen zu übernehmen. Auf diese Drohung hin haben sie immer nachgegeben. So konnte sie die Kontrolle über die damals supranationalen Institutionen von innen heraus übernehmen und ihnen ihren Stempel aufdrücken, indem sie einen "harten Kern" innerhalb der größeren Föderation entstehen ließ (den Zollverein innerhalb des Deutschen Bundes und dann den Norddeutschen Bund innerhalb des Zollvereins). Ein Staat, der eine Hegemonie innerhalb einer Föderation a nstrebt, wird daher in der Regel versuchen, die zentralen Institutionen der Föderation zu schwächen oder zumindest zu kontrollieren, und er kann sich dabei durchaus der Sprache der Dezentralisierung bedienen. Das bedeutet nicht, dass der Staat nicht trotzd em zentralisiert werden könnte, sondern nur, dass dieser Prozess zu den Bedingungen des mächtigsten Staates stattfindet. Starke supranationale oder zentrale Institutionen, die vom mächtigsten Staat unabhängig sind, sind ein Hindernis für eine solche Hegemo nie. Triepel sah auch, dass sich Hegemonie vor allem dann entwickelt, wenn die Vereinbarungen zwischen den Staaten politischer und nicht nur technischer Natur sind. Dies sei beim Zollverein der Fall, der ein politischeres Ziel verfolge als die bloße Schaff ung einer Freihandelszone. Vor allem aber zeigte er, dass Metternich Recht hatte, was die Art und Weise betrifft, in der eine solche Hegemonie ausgeübt werden würde. 1871 hatte Preußen im Bundesrat, der das Reich regierte, nur 17 von 58 Stimmen. Diese Zahl ", erklärt Triepel, "könnte leicht erhöht werden - sogar zu einer Mehrheit - durch die Einbeziehung der Stimmen von Ländern, die in der preußischen Einflusszone


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lagen, oder von Staaten, die besondere Beziehungen und Bündni sse mit Preußen unterhielten. " ⁵¹ All dies führte dazu, dass der Wiener Kongress zwar einige wichtige Elemente des Machtgleichgewichts festlegte, aber auch zu seinem eigenen Verderben führte. Indem er Frankreich als ewigen Feind betrachtete - die Vorstellung eines ewigen Feindes stand, wie wir gesehen haben, im Widerspruch zur reinen Lehre vom Gleichgewicht der Kräfte -, ermöglichte er die Entstehung eines deutschen Einheitsstaates. Im Jahr 1914 war der deutsche Staat aggressiv, gefährlich und zentralisiert. Wenn es also nicht gelang, De utschland dezentralisiert zu halten, wurden sowohl die europäischen als auch die deutschen Freiheiten auf fatale Weise gefährdet. Die alte Wahrheit, die die Franzosen als erste begriffen hatten, dass das Gleichgewicht der Kräfte und der Frieden in Europa v on der Freiheit und der Dezentralisierung in Deutschland abhingen, wurde bestätigt.

Der Erste Weltkrieg

Bismarck bezog sich ausdrücklich auf Friedrich den Großen, als er im November 1871, kurz nach der Gründung des neuen Reiches, vor dem Reichstag sprach . Für ein Land in einer so zentralen Lage in Europa, das drei oder vier Grenzen hat, an denen es angegriffen werden kann, ist es sehr nützlich, dem Beispiel Friedrichs des Großen zu folgen". Er griff "diejenigen an, die mit einer vereinfachenden und unvera ntwortlichen Politik rechnen, die annehmen, dass das Deutsche Reich . . einen Angriff, der von einem Land oder einer mächtigen Koalition geplant werden könnte, einfach abwarten kann". ⁵² Stattdessen sei eine proaktive Politik gefragt: erst Diplomatie, dann Krieg, wenn es unbedingt sein muss. Die Schärfe des alten Dilemmas verschärfte sich mit der Vereinigung Deutschlands 1871. Es wurde einfach zu groß, zu selbstbewusst und zu arrogant, um sich ohne weiteres in das europäische Gleichgewicht zu integrieren. Se it dem Westfälischen Frieden und der Entstehung des modernen Staatensystems hatten die Mächte am Rande Europas Druck auf das Zentrum ausgeübt. Nun wurde das Zentrum zum ersten Mal stark genug, um die Peripherie unter Druck zu setzen. Andererseits war Deuts chland noch zu klein, um aus eigener Kraft eine Hegemonie zu erlangen. So muss Bismarck die taktvolle und sensible Diplomatie praktizieren, für die er später berühmt werden sollte. Zwanzig Jahre lang praktizierte der Eiserne Kanzler die Realpolitik mit sol cher Mäßigung und Subtilität, dass das Gleichgewicht d er Kräfte nicht zusammenbrach.


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Eines der Hauptanliegen Bismarcks stand in direktem Zusammenhang mit der empfundenen Schwäche der Mittellage. Stets besorgt über die seiner Meinung nach prekäre Lage Deutschlands, versuchte er stets, die Spannungen vom Zentrum Europas weg und hin zur Peripherie zu lenken. Dies bedeutete, dass er es zuließ, dass Streitigkeiten - wie die um Kolonialgebiete oder die zwischen Russland und der Türkei um Konstantinopel - die Aufmerksamkeit von den Unstimmigkeiten im Zentrum Europas ablenkten. Leider reichte Bismarcks Genie zwar aus, um das von ihm geschaffene riesige Staatsschiff durch die Klippen und die stürmische See der europäischen Diplomatie zu steuern, nicht aber das seiner Nachfolger. Nachdem die Neuartigkeit von Bismarcks Taktik nachgelassen hatte, suchten seine Nachfolger und Konkurrenten die Sicherheit im Wettrüsten, um auf einfache Weise ihre Abhängigkeit von den verwirrenden polit ischen Herausforderungen der Diplomatie zu verringern. Die Preußen-Deutschen des späten 19. Jahrhunderts maßen der militärischen und politischen Planung große Bedeutung bei: Es war die Blütezeit der Politik nach Lehrbuch. Die militärischen Planer wurden ni cht müde, die Konstellation fremder Mächte so genau wie möglich zu beobachten und Pläne für verschiedene Szenarien zu entwickeln, um als erste handeln und andere Staaten in die Defensive drängen zu können. Ihre "defensiven" Pläne entwickelten sich schnell in das Gegenteil, da die Sicherheit in immer größerer Ausdehnung gesucht wurde. Aber sobald der Knopf für diese militärischen Pläne gedrückt wurde, funktionierte die große Maschine wie von selbst. Es war ein technokratischer Krieg. Es ist daher falsch zu g lauben, dass der Kaiser und seine Leutnants nur aus Versehen verunglückt sind, wie Jugendliche, die dummerweise das Steuer eines schnellen Autos übernehmen. Das Problem war nicht, dass Deutschland zu groß war, um eingedämmt zu werden, oder dass sich das Gl eichgewicht der Kräfte als prekär erwies. Vielmehr begannen die Deutschen 1914 aus Angst vor einer Einkreisung ihren Präventivkrieg, um den vermeintlichen Zwängen des Machtgleichgewichts zu entkommen und das System selbst zu zerstören. Als der britische Lordkanzler Lord Haldane am 3. Dezember 1912 versuchte, dem deutschen Botschafter in London klarzumachen, dass Großbritannien "eine einheitliche Kontinentalgruppe unter der Führung einer einzigen Macht" nicht dulden würde, überzog der Kaiser das Gesprächspro tokoll mit den heftigsten Randbemerkungen. In einem charakteristischen Wutanfall erklärte er das englische Prinzip des "Gleichgewichts der Kräfte" zu einer "Idiotie", die England "auf ewig zu unserem Feind" machen würde. Das Prinzip des Gleichgewichts der Mächte sei nichts anderes als ein Versuch dieser "Nation


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von Krämern", andere Mächte daran zu hindern, ihre Interessen m it dem Schwert zu verteidigen. ⁵³ Anstelle eines europäischen Systems, das auf dem Gleichgewicht der Kr äfte beruht, will Kaiser Wilhelm Europa unter deutscher Führung vereinigen. Er besteht darauf, dass sich die Gleichgewichtspolitik "in ihrer ganzen nackten Schamlosigkeit" als "Ausspielen der Großmächte gegeneinander zum Vorteil Englands" entpuppt habe. An seinen Bruder Heinrich schreibt er, dass Haldanes Äußerung, England könne "nicht dulden, dass wir die stärkste Macht auf dem Kontinent werden und dass dieser unter unserer Führung vereinigt wird!!!" einer moralischen Kriegserklärung an Deutschland gleichk omme.⁵⁴ Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Kaiser Hitler später sehr bewunderte und 1940 staunend zusah, wie der Führer die Ziele verwirklichte, die er, Wilhelm, in seiner eigenen Regierungszeit angestrebt hatte. Der Kaiser, der schon immer ein hef tiger Antisemit war - er befürwortete 1929 die Vergasung der Juden⁵⁵ und machte Juden und Freimaurer für die Entfesselung des Krieges gegen Deutschland 1914 und 1939 verantwortlich -, schrieb, dass sich der Kontinent nach der Beseitigung der Briten und der Juden "konsolidieren und von den britischen Einflüssen abschirmen" würde ⁵⁶ ... Das Ergebnis wäre "ein amerikanisches Europa", rief er triumphierend. An seine Schwester schrieb er jubelnd: "Die Hand Gottes schafft eine neue Welt und wirkt Wunder. Wir werden eine U.S. of Europe unter deutscher Führung, ein vereinigter europäischer Kontinent, den niemand je zu sehen hoffte.' ⁵⁷ Die Tatsache, dass die deutschen Truppen in Flandern eintrafen, bevor die Österreicher Serbien angegriffen hatten (der Wunsch, Serbien zu bestrafen, war der ursprüngliche casus belli im Jahr 1914), deutet darauf hin, dass Deutschland klar definierte Ziele hatte, für die der Krieg nur ein Vorwand war. Deutschland ist in Belgien einmarschiert, weil Belgien der Dreh - und Angelpunkt des euro päischen Kräftegleichgewichts ist: Das Vereinigte Königreich der Niederlande wurde 1815 nach der Schlacht von Waterloo als Puffer zwischen Frankreich und Deutschland (damals Preußen) gegründet, und der Nachfolgestaat Belgien erfüllte weiterhin dieselbe Fun ktion. Alle Versuche, das Gleichgewicht der Mächte in Europa zu stören, wurden in Belgien bekämpft: Die Schlacht von Waterloo fand dort statt, die Schlachten von 1914-18 fanden dort statt, die Deutschen fielen 1940 in Belgien ein, um nach Frankreich zu gel angen, und sie fielen 1944 während der Ardennenschlacht erneut ein, als sie versuchten, Antwerpen zu erreichen. Nicht nur die Briten wussten, dass die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit Belgiens für das Gleichgewicht der Mächte von entscheidender Bedeutu ng war: Eine der ersten Auslandsreisen Napoleons führte ihn 1804 nach Belgien, nach Antwerpen. In Vorbereitung einer Invasion Großbritanniens ließ er dort


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von 1807-12 die Bonaparte-Docks renovieren und erklärte, Antwe rpen sei "eine Pistole, die auf das Herz Englands gerichtet ist". Alles in allem wurde also das Gleichgewicht der Kräfte von den deutschen Führern nach Bismarcks Abgang 1890 absichtlich zerstört und durch ein sinnloses Wettrüsten ersetzt. Das deutsche Wort "Realpolitik" wurde zum Inbegriff eines zynischen Machtspiels. Friedrich von Hayek, der große österreichische liberale Ökonom und Philosoph, pflegte zu argumentieren, dass in Deutschland der Glaube, der Staat solle moralisch handeln, am gründlichsten zerstört worden sei. Obwohl er sich auf die positivistischen Rechtstheorien von Hans Kelsen bezog, die hauptsächlich die innerstaatliche Rechtsstruktur betrafen, ist es nicht schwer zu erkennen, dass ähnliche Überzeugungen auch die deutsche Praxis der Außenpol itik infizierten. Mit anderen Worten: Realpolitik bezeichnete ein ganz anderes Konzept als die realistische Politik des pragmatischen Versuchs, ein wertvolles Prinzip anzuwenden, die die britische Gleichgewichtspolitik bis dahin geprägt hatte. Denn, wie Henry Kissinger nicht müde wird zu betonen, gibt es zwei notwendige Bedingungen für das Funktionieren des Gleichgewichts der Kräfte. Erstens müssen die Staaten flexibel sein ("die Hauptakteure müssen die Freiheit haben, ihre Beziehungen entsprechend den sich ändernden Umständen anzupassen"). Zweitens müssen sie "durch ein System gemeinsamer Werte gebändigt werden". ⁵⁸ Er fährt fort:

Der Grund, warum die deutschen Staatsmänner von der nackten Macht besessen waren, lag darin, dass Deutschland im Gegensatz zu an deren Nationalstaaten über keinen integrierenden philosophischen Rahmen verfügte. Bismarcks Reich war kein Nationalstaat, sondern ein Kunstgebilde, das in erster Linie ein größeres Preußen war, dessen Hauptzweck darin bestand, seine eigene Macht zu vergröß ern ... Das Fehlen geistiger Wurzeln war eine Hauptursache für die Ziellosigkeit der deutschen Politik. Es war, als ob Deutschland so viel Energie auf die Erlangung der Nationalität verwendet hätte, dass es keine Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken, we lchem Zweck der neue Staat dienen sollte. Das kaiserliche Deutschland hat es nie geschafft, ein Konzept für sein eigenes nationales Interesse zu entwickeln... Der Kaiser wollte Weltpolitik betreiben, ohne jemals den Begriff oder sein Verhältnis zum deutschen Nationalinteresse zu definieren. ⁵⁹


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Die Ökonomie der Hegemonie

Wie bei Preußen in den 1830er Jahren hatten die deutschen Pläne zur Errichtung einer Hegemonie in Europa im Jahr 1914 eine entscheidende wirtschaftliche Komponente. Das Programm trug den Na men "Mitteleuropa" und sah die Schaffung eines riesigen einheitlichen Wirtschaftsraums vor, der sich unter deutscher Leitung bis nach Mitteleuropa und darüber hinaus erstrecken sollte. Die nördlichen, südlichen und westlichen Ränder des Kontinents sollten sich um den harten Kern Kontinentaleuropas gruppieren. Die Gruppen, die die Mitteleuropa -Idee propagierten, ließen sich ausdrücklich von Friedrich List inspirieren. Ihre Position wurde um die Jahrhundertwende gestärkt, als Deutschland den direkten Wettbewe rb mit Großbritannien um die Seeherrschaft offensichtlich verloren hatte. Sie argumentierten, dass die Schaffung eines informellen Wirtschaftsimperiums einem formellen, aus Kolonialbesitz bestehenden Imperium vorzuziehen sei. Im Februar 1913 sprach Gustav Stresemann, der Generalsekretär des Industriellenbundes, der nach dem Krieg Außenminister werden und für seine Politik der Annäherung an Frankreich berühmt werden sollte, von "einem geschlossenen Wirtschaftsraum zur Sicherung unseres Rohstof fbedarfs und un serer Exporte". ⁶⁰ Das Schlüsseldokument für die Schaffung von Mitteleuropa war das "September-Wirtschaftsprogramm" von 1914, das von Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg verfasst wurde. Ziel war es, eine Zollunion zu schaffen, die Frankreich, Belgie n, Holland, Dänemark, Österreich -Ungarn, Polen und vielleicht auch Italien, Schweden und Norwegen umfasste. Dieser Entwurf erinnert an den kontinentalen Wirtschaftsblock Napoleons, der auch die Naziführer und die Vichyisten während des Zweiten Weltkriegs i nspirieren sollte. Bemerkenswert ist auch, dass Bethmann -Hollweg eine formelle Eingliederung Nordfrankreichs in das Reich ins Auge fasste, was eine interessante Vorwegnahme der Ereignisse nach 1940 darstellt. Es ist kaum verwunderlich, dass diese wirtschaf tliche Methode zur Erlangung der politischen Vorherrschaft entwickelt wurde, denn die Autoren wuchsen mit den historischen Erfahrungen des Preußens auf, dem es gelungen war, Österreich mit Hilfe des Zollvereins die Vorherrschaft in Deutschland zu entreißen. Um 1890, als die preußische Führung gesichert war, dachten die Deutschen sogar über eine Zollunion mit Österreich nach. Ihre Pläne gingen wie ein Großteil des modernen europäischen Denkens - davon aus, dass es richtig war, die Welt in große geopolitisc he und geoökonomische Ensembles aufzuteilen.


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Welchen Stellenwert diese deutschen Pläne 1914 genau hatten, ist unter Historikern umstritten. Nach Ansicht der von Fritz Fischer, dem deutschen Autor des Buches Der Griff nach der Weltmacht (1961), begründeten historischen Schule trägt Deutschland die Hauptverantwortung für die Ausrufung des Ersten Weltkriegs, weil mit diesem Krieg versucht wurde, geopolitische Ziele zu verwirklichen, die schon sehr lange gehegt worden waren. Andere Historiker sind anderer Meinung und argumentieren, dass die Pläne zur Errichtung einer Hegemonie lediglich als nachträgliche Rechtfertigung auf Bestellung produziert wurden. Wie dem auch sei, es ist klar, dass bestimmte Denkmuster in wirtschaftli chen Fragen vorherrschten und dass Bethmann -Hollweg zumindest im September 1914 davon überzeugt war, dass die Wirtschaftsunion ein Mittel zur Erreichung der deutschen Sicherheit war. ⁶¹ Er war auch davon überzeugt, dass Großbritannien entschlossen war, den deutschen Wirtschaftsimperialismus auf dem Kontinent zu zerschlagen. Das Programm von Bethmann -Hollweg zielt darauf ab, eine Sicherheitszone um Deutschland herum zu schaffen, die aus Ländern besteht, die Deutschland wirtschaftlich dominieren, aber nicht formell annektieren würde. Das Programm wurde im August 1914 ausgearbeitet, und Ende des Monats entschied der Reichskanzler, dass die Wirtschaftsunion das richtige Instrument sei, um d ie deutsche Sicherheit zu gewährleisten. Der Einsatz der Wirtschaft wurde als subtiler angesehen als eine direkte Annexion, die, wie man befürchtete, unnötige Ressentiments hervorrufen und sich somit als instabil erweisen könnte. Das Ziel bestand also nich t darin, die Weltwirtschaft völlig aufzugeben, sondern vielmehr darin, ein Schutzregime als ergänzende und vorbereitende Strategie zur Eroberung der Weltmärkte einzuführen. Die Beherrschung Europas war das Sprungbrett zur Beherrschung der Welt, und das Kon zept der Grofiraumwirtschaft war keineswegs unvereinbar mit einer bedeutenden Rolle Deutschlands im Welthandel. Vielmehr wurde die Strategie der wirtschaftlichen Integration aus diesem Grund von den Interessen der deutschen Industrie unterstützt. Die große n deutschen Chemie - und Elektrokonzerne wollten auf der Basis einer politisch abgesicherten Stärke in Europa weiterhin internationalen Handel betreiben. Bethmann-Hollweg war nicht der einzige, der die Idee einer Wirtschaftsunion in Europa vorantrieb. Der I ndustrielle Walther Rathenau, Vorsitzender der Allgemeinen Electricitats -Gesellschaft (AEG), war davon überzeugt, dass dies "die größte Eroberung der Zivilisation" sein würde. Obwohl er die Schaffung eines größeren mitteleuropäischen Handelsraums forderte, dachte er nie an autarke Blöcke. Er sah die Sache als Ziel an sich, während Bethmann -Hollweg


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sie als wesentliches Ziel des Krieges betrachtete, aber nur als Mittel zur Gewährleistung der deutschen Sicherheit. Rathenau war auch davon überzeugt, dass die größte Bedrohung "der Aufstieg der angelsächsischen und russischen Wirtschaftsräume" sei. Er schrieb, dass nur der Sieg des Reiches die Verwirklichung Mitteleuropas sichern könne und dass es Deutschland durch die "Verschmelzung Europas durch praktisches gemeinsames Interesse" in die Lage versetzen würde, seine dominante Rolle darin zu akzeptieren. ⁶²) Bethmamv-Hollweg war insbesondere davon überzeugt, dass die Wirtschaftsunion der einzige Ausweg für Deutschland aus den Widersp rüchen war, in die Bismarck das Land hineingezogen hatte. Ein Historiker schreibt: "Das Problem [für den Reichskanzler] war, wie man aus dem Widerspruch herauskommen konnte, in dem das Reich seit Bismarck gefangen war: Wie konnte die Sicherheit Deutschland s gewährleistet werden, wenn es - im Prinzip als eingekreist betrachtet - keine direkten Annexionen vornehmen sollte, die die innen- und außenpolitischen Probleme nur verschärfen würden? " ⁶³ Zum zweiten Mal wurde also die Lösung der Wirtschaftsunion als Lösung des Mittellageproblems vorgeschlagen. Doch wie schon der frühere Expansionsdrang der preußischen Könige hat Bethmann-Hollweg mit seinen Plänen die Probleme Deutschlands nur auf eine höhere Ebene gehoben. Eine Politik, die eigentlich defensiv sein sollte, endete in einer Offensive. Georges -Henri Soutou schreibt: "Die deutsche Position war widersprüchlich: Eine Politik, die weitgehend im Sinne des Machtgleichgewichts des 19. Jahrhunderts konzipiert war, sollte unweigerlich zu einer dauerhaften Destabilisierung des internationalen Lebens führen, und sie sollte genau das bewirken, was die meisten Führer des Reiches vermeiden wollten, nämlich das Ende des Liberalismus und die Bildung antagon istischer Wirtschaftsblöcke. " ⁶⁴ Mit anderen Worten: Während frühere deutsche Herrscher das europäische diplomatische Spiel im Allgemeinen gespielt hatten, um ihre Expansionsziele voranzutreiben, schmiedeten die deutschen Führer im Jahr 1914, insbesondere der Kaiser selbst, Pläne, die genau darauf abzielten, es zu stürzen. Weit davon entfernt, das unvermeidliche Ergebnis des Strebens nach einem Gleichgewicht der Mächte darzustellen - wie die heutigen Deutschen zu sagen pflegen - stellt der Erste Weltkrieg d essen endgültige und bewusste Zerstörung dar. Hätte das System des Mächtegleichgewichts richtig funktioniert und hätte es 1914 eine klare Koalition von Staaten gegen Deutschland gegeben, dann hätte - so zumindest Henry Kissinger ⁶⁵ - der Erste Weltkrieg verhindert werden können. Es gab nicht nur keine Koalition Deutschland war bei weitem nicht allein, sondern mit Österreich verbündet -, sondern Großbritannien hatte es auch versäumt, deutlich zu machen, dass es


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Vergeltungsmaßnahmen geben würde, wenn Deutschland Belgien angreifen würde. Die Deutschen waren buchstäblich verblüfft, als britische Truppen nach Flandern entsandt wurden. Daraus und aus vielen anderen Aspekten der deutschen Geschicht e können wir schließen, dass Deutschland gerade dann am stärksten ist, wenn es Verbündete hat. Umgekehrt ist Deutschland am schwächsten und verletzlichsten, wenn es von Feinden umgeben ist, wie der Ausgang zweier Weltkriege zeigt und wie die preußischen Kö nige seit Jahrhunderten wussten. Mit anderen Worten, wenn die modernen Deutschen behaupten, Deutschland werde nie wieder "Alleingänge" unternehmen, sondern immer mit seinen europäischen Verbündeten zusammenarbeiten, so ist dies die traditionellste deutsche Politik, die man sich vorstellen kann. Es ist nicht einmal klar, dass Deutschland 1914 oder 1939 einen "Alleingang" unternommen hat, denn beide Male hat es sich vor einer Aggression vergewissert, dass es Verbündete hatte - Österreich im Ersten Weltkrieg, Italien und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Aus diesem Grund konnte die sehr pro-europäische "Monde" in einem sehr pro -deutschen Artikel zu dem Schluss kommen: Im Grunde genommen ist es Bundeskanzler Kohl gelungen, auf friedlichem Wege zu erreichen, was andere seit Bismarck durch Eroberung zu erreichen versuchten: eine Zone des Friedens und des Wo hlstands rund um Deutschland "⁶⁶.

Versailles

Seit Keynes wird der Vertrag von Versailles allgemein als räuberischer und selbstzerstörerischer Racheakt verstanden. Erinnert sei an die Reparationszahlungen und die darauf folgende Hyperinflation in Deutschland. Der Vertrag von Versaille s wird oft als ein extremes Beispiel für das Prinzip des Gleichgewichts der Mächte angeprangert, das mit den schlimmsten vorstellbaren Folgen zurückschlug. Tatsächlich aber bedeutete der Versailler Vertrag die entscheidende Abkehr vom Prinzip des Gleichgew ichts der Kräfte in den internationalen Beziehungen. Obwohl ein wichtiges Element des Vertrags natürlich der Wunsch war, Deutschland zu bestrafen und zu unterdrücken - und insofern verkörperte er einige traditionelle Ziele, die mit der Politik des Gleichge wichts der Mächte verbunden waren -, bestand der grundlegende Zweck des Vertrags in Wirklichkeit darin, die Politik des Gleichgewichts der Mächte durch etwas anderes zu ersetzen, nämlich durch die Selbstbestimmung der Völker. Der Urheber dieser Idee, der a merikanische Präsident Woodrow Wilson, war davon


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überzeugt, dass die Politik des Gleichgewichts der Mächte selbst Kriege verursachte, anstatt sie zu verhindern. Er kam also mit seinen berühmten vierzehn Punkten nach Paris , von denen der wichtigste war, dass das österreichisch -ungarische Kaiserreich formell aufgelöst und durch Nationalstaaten ersetzt werden sollte. Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Abschaffung des einzigen Gegengewichts zur deutschen Macht in Mitteleu ropa und seine Ersetzung durch neue, schwache Staaten später die deutsche Aggression in diesem geopolitisch schwachen Teil der Welt, der zwischen Deutschland und Russland liegt, fördern und ermöglichen sollte. Die Schuld des Versailler Vertrages war also e benso politisch wie wirtschaftlich. Wie groß das wirtschaftliche Chaos in Europa nach 1918 auch sein mochte, es war das grundlegende politische Ungleichgewicht, das sich am Ende als fatal erweisen sollte. Der Grund für das Scheitern von Versailles war in der Tat, dass es zu technokratisch war. Seine technischen Bestimmungen wurden mit besonderer Sorgfalt ausgearbeitet: Regeln für den Handel, Zölle, Eisenbahntarife, Flussschifffahrt usw. Er enthielt sogar eine Bestimmung, die es den Deutschen verbot, ihren S chaumwein "Champagner" zu nennen wahrscheinlich der einzige Teil des Vertrags, der noch in Kraft ist. All dies kam zu den späteren technischen Bestimmungen über die Reparationszahlungen und den Bestimmungen über die Nutzung der deutschen Industrie zuguns ten der Sieger hinzu. Die neuen Grenzen waren vor allem das Werk von Technikern, insbesondere von Kartographen und Demographen. Technische Detailgenauigkeit und massive Unkenntnis der politischen Grundsätze führten zu absurden politischen Widersprüchen. Ob wohl der Vertrag angeblich von dem Wunsch getragen wurde, das multiethnische Habsburgerreich durch Nationalstaaten zu ersetzen, wurde mit der Tschechoslowakei ein Staat geschaffen, der das Juwel in der Krone des Vertrages sein sollte, in dem aber fast so v iele Nationalitäten lebten wie im alten Reich. Durch die Balkanisierung Mitteleuropas wurde Europa des einzigen glaubwürdigen Gegengewichts zur deutschen Macht in der Region beraubt, und die Unterstützung, die die westlichen Alliierten der Tschechoslowakei gewährten, erwies sich 1938 als nützlich. Gleichzeitig verweigerte der Vertrag Deutschland ausdrücklich das Selbstbestimmungsrecht, das es vorgab, anderen Staaten zuzugestehen, indem er den Zusammenschluss mit dem Rumpfstaat Österreich verhinderte und den polnischen Korridor zwischen dem Hauptteil Deutschlands und Ostpreußen trieb. Man kann also sagen, dass die Details des Vertrages von Fachleuten und die Grundprinzipien von Amateuren geschrieben wurden.


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Darin liegt vor allem das verblüffende Scheitern des Vertrages. Wie Jacques Bainville in seinem 1920 veröffentlichten Buch Les Consequences politiques de la paix (Politische Konsequenzen des Friedens) darlegt, bestand der Hauptfehler des Vertrags darin, dass er den deu tschen Zentralismus gestärkt hat. Alle Maßnahmen, die die Alliierten ergriffen, hatten die Zentralisierung des deutschen Staates und die Festigung der alten preußischen Siege zur Folge. Wenn es in der deutschen Bevölkerung Bestrebungen nach Autonomie oder Föderalismus gab, so wurden diese im Keim erstickt. " ⁸⁷ Dies lag daran, dass der Vertrag den Deutschen erlaubte, sich als Opfer zu sehen. Die Schuld selbst, die offensichtlich einheitlich auf der ganzen Nation lastete, führte auch zu einer größeren Solidar ität der Deutschen untereinander: Sie wurden in ihrem gemeinsamen Protest geeint. Die Bayern und Sachsen fühlten mit den territorialen Verlusten Preußens, die fünfzig Jahre zuvor nur die Preußen betroffen hätten. Der Tribut, den die Deutschen an die Franzo sen zu zahlen hatten, vereinte sie im gemeinsamen Unmut. Da Deutschland im Osten nur von neuen schwachen Staaten umgeben war, war dies eine fatale Kombination. Wie Bainville sagt: "Die Verfasser des Versailler Vertrags haben zu keinem Zeitpunkt an ein Glei chgewicht gedacht " ⁶⁸. Der Vertrag von Versailles war also politisch inkohärent, weil er kein Gleichgewicht in Europa herstellte. Er setzte sich bewusst über die alte Politik des Gleichgewichts der Kräfte hinweg und schlug stattdessen die nationale Selbstbestimmung als einziges Prinzip vor. Doch anstatt Strukturen zu schaffen, die es ermöglicht hätten, diese nationale Selbstbestimmung wirklich zu verwirklichen (z. B. durch die Förderung eines reformierten österreichischen Kaiserreichs), schuf er genau die B edingungen, die sie vor allem in Mitteleuropa völlig zerstören sollten. Seine politische Inkohärenz führte in Deutschland und in Mitteleuropa zu Spannungen und Ungleichgewichten, die in weniger als einer Generation zum Zusammenbruch führten.

Briand und Stresemann

Nach dem Krieg gab es den ersten ernsthaften Versuch, eine europäische Einheit zu schaffen. Gerade der Zusammenbruch des europäischen Systems im Ersten Weltkrieg regte eine intensive Diskussion darüber an, wie der Frieden durch eine supranational e Rechtsordnung institutionell gesichert werden könnte. Es entstanden Pläne zur Schaffung der "Vereinigten Staaten von Europa".⁶⁹ Inspiriert von der Überzeugung, dass Vielfalt Unordnung bedeutet, während nur Einheitlichkeit Ordnung schafft, kamen viele zu der Ansicht, dass


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die zahlreichen Nationalstaaten des Kontinents Gefahr liefen, in die nation ale Rivalität der Vorkriegszeit zurückzufallen, wenn sie nicht immer enger miteinander verbunden würden. In der Zwischenkriegszeit setzten sich mehrere Organisationen für die europäische Integration ein. Dazu gehörten die "Europäische Zollunion", die als Zusammenschluss derjenigen gegründet wurde, die eine europäische Wirtschafts- und Zollunion für ein dringendes und erreichbares Ziel hielten, das Heidelberger Programm der deutschen SPD, das folgende Verpflichtung enthielt: "Die SPD unterstützt die Schaffun g einer europäischen Wirtschaftseinheit, die aus wirtschaftlichen Gründen dringend notwendig geworden ist, und die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa..."; ⁷⁰ und die von Graf Coudenhouve -Kalergi 1923 gegründete Paneuropäische Union. Mit dem Versöh nungsprozess, der von den französischen und deutschen Außenministern Aristide Briand und Gustav Stresemann eingeleitet wurde, gewannen diese Ideen eine zentrale Bedeutung für die außenpolitischen Ziele Frankreichs und Deutschlands. Briand schlug der Versam mlung des Völkerbundes 1929 das Projekt einer Europäischen Föderalen Union vor. Ein Historiker schreibt: "Es scheint, dass Briand diesen neuen Kurs einleitete, um den erneuten Trend zur deutschen Hegemonie zu bremsen. Wahrscheinlich griff er die Idee der e uropäischen und politischen Einigung auf, weil er der Meinung war, dass der Aufstieg Deutschlands von Frankreich allein nicht in Schach gehalten werden konnte ... Indem man Deutschland in ein breites europäisches Netz einbindet, könnte es vielleicht gezähm t werden. Stresemann seinerseits hatte noch weniger europäische Gefühle als Briand:

Vielmehr war er geneigt, sich Briands Plan zu eigen zu machen, weil er voraussah, dass er Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft eine hervorragende Gelegenheit bieten k önnte, zumindest eine wirtschaftliche Vorherrschaft in Ostmitteleuropa zu erlangen. Möglicherweise rechnete er auch, wie einige deutsche Diplomaten, damit, dass die angestrebte Zollunion mit Österreich, die im Versailler Vertrag verboten worden war, unter dem Deckmantel von Briands Plan für die europäische Einheit erreicht werden könnte.⁷¹

A. J. P. Taylor vertrat die berühmte Ansicht, dass zwischen der Außenpolitik Stresemanns und Hitlers eine grundlegende Kontinuität bestehe. Er räumte zwar ein, dass es Unterschiede in den Methoden gab, aber er maß diesen nicht die gleiche Bedeutung bei wie der grundsätzlichen Übereinstimmung der Ziele und der allgemeinen Strategie. Auf jeden Fall kann man von Stresemann sagen,


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dass er davon überzeugt war, dass die deutsche Hegemonie in Europa durch die Vorherrschaf t in Ost- und Mitteleuropa erreicht werden musste und dass die notwendige Voraussetzung dafür die Befriedung Frankreichs war. Stresemann war kein "guter Europäer", sondern ein rücksichtsloser Realpolitiker, der mit rücksichtsloser Beharrlichkeit traditione lle nationale deutsche Interessen verfolgte", so Kissinger. Für Stresemann waren diese Interessen klar: Deutschland sollte seinen Status von vor 1914 wiedererlangen, die finanziellen Lasten der Reparationen loswerden, militärische Parität mit Frankreich un d Großbritannien erreichen und den Anschluss Österreichs und Deutschlands vollziehen. ⁷² Stresemann starb 1929 zu früh: Hätte er so lange gelebt wie Adenauer, dann hätte Deutschland vielleicht mit den ruhigen und scheinbar versöhnlichen Methoden Stresemanns erreicht, was in Wirklichkeit durch die hektische Ungeduld des Mannes, der 1933 an d ie Macht kam, zerstört wurde.

Die "Wissenschaft" der Geopolitik

Als Reaktion auf den Versailler Vertrag hat sich die Wissenschaft (oder Pseudowissenschaft) der Geopolitik in der Zwischenkriegszeit vor allem in Deutschland stark entwickelt. Die Geopolitik ist die Disziplin, die den geografischen Standort als eine wichtige, vielleicht sogar die wichtigste Komponente des politischen Denkens, der Identität und des Handelns begreift. Die beiden prominentesten Namen, die mit Geopolitik in Verbindung gebracht werden, sind die des Schweden Rudolf Kjellen (1864 -1922) und des Deutschen Karl Haushofer (1869 -1946). Haushofer war eine führende Persönlichkeit des deutschen Geisteslebens während des Nationalsozialismus. Er unterrichtete Rudolf Heß, und über Heß beeinflus ste er auch Hitler. In der Tat verbrachte er einige Zeit mit Hitler selbst, während dieser in Landsberg inhaftiert war, und machte ihn mit seinen Ideen vertraut. Während des Krieges verkehrte er weiterhin in den höchsten Kreisen der Nazis - obwohl seine Fr au Halbjüdin war - und wurde 1945 von den Amerikanern verhaftet. Damals wurde ihm ein großer intellektueller Einfluss auf die Entwicklung der nationalsozialistischen Aggression nachgesagt, vor allem weil seine Theorien mit dem Konzept des Lebensraums verbu nden waren. In Wirklichkeit wurde er nie in Nürnberg vor Gericht gestellt; er beging 1946 Selbstmord. Ausgangspunkt der Geopolitik war, dass sich ein Flächenbrand, wie er 1918 in der Alten Welt entstand, nie wiederholen sollte. Dies lag nicht zuletzt daran , dass die Geopolitiker davon ausgingen, dass sich die Welt in Blöcke mit gegensätzlichen Ideologien aufteilte: Sollten diese jemals aufeinandertreffen,


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würden die Kriege natürlich massiv ausfallen, so dass für die Kleinkr iege, die dem Ersten Weltkrieg vorausgegangen waren, kein Platz mehr war. Der europäische "Raum" war ein solcher Block, und deshalb musste er auf die richtige Weise verwaltet werden. Mit anderen Worten: Die Geopolitiker wollten eine neue Weltordnung, um Kr iege zu verhindern. Vor allem aber waren die Geopolitiker sehr pro -europäisch eingestellt. Sie glaubten, dass Europa ein Raum sei und dass es sich zusammenschließen sollte, um sich gegen andere Räume zu verteidigen, mit denen es konkurrieren könnte oder von denen es bedroht werden könnte. Die jungkonservative Bewegung, aus der die Geopolitik hervorging, erkannte, dass Deutschland ohne Europa nicht existieren konnte. Insbesondere sahen die Geopolitiker, ebenso wie die Nazis, denen sie dienen sollten, ihr Lan d als Wächter Europas gegen den barbarischen Osten. Versailles hatte Deutschland unfähig gemacht, seine Rolle als Verteidiger Europas zu erfüllen, und so war die Rückkehr Deutschlands zur Stärke ein Akt der europäischen Vernunft. Karl Haushofer wollte, dass Europa "ein Teil der Welt wird, der für sich selbst zählt". ⁷³ Er war überzeugt, dass die Aufteilung Europas in Kleinstaaten den Untergang des Kontinents herbeiführen würde. Der "Feind" ist für ihn nicht ein bestimmtes Land, sondern das machtpolitische Prinzip selbst, das in seiner historischen Form den höheren Int eressen der Gemeinschaft widerspricht. Die Geopolitiker wollten eine weitere Spaltung zwischen den europäischen Brüdernationen vermeiden. Die Verwirklichung dieses Ziels erforderte die Unterordnung der Partikularinteressen unter ein europäisches "Gemeinwoh l". Haushofer versuchte, das Grundprinzip der nationalen "Ordnung", die Regelung der Freiheit des Einzelnen, auf die supranationale Ebene zu übertragen. Mit dem Konzept eines Zusammenschlusses der (europäischen) Nationen wollte Haushofer die bisherige konf liktreiche Ordnung in Europa durch die Schaffung einer einzigen "gemeinsamen europäischen I dee und Bedeutung" überwinden.⁷⁴ Wenn Europa sich nicht auf diese Weise zusammenfindet, so die Befürchtung der Geopolitiker, würde es von den anderen Giganten des ge ografischen Raums, den USA, dem britischen Empire und der Sowjetunion, verdrängt werden. Die Geopolitiker waren davon überzeugt, dass Europa von außereuropäischen Mächten bedroht war und daher Gefahr lief, sich in der Mitte zu spalten. Das Konzept der "Mit te" war für das geopolitische Denken von zentraler Bedeutung. Die Mitte Europas war natürlich Deutschland. Die Geopolitiker betrachteten die zentrale Stellung Deutschlands in Europa nicht nur als räumliches, sondern auch als geistiges Phänomen. Europa und vor allem


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Deutschland wurden zwischen den liberalen Mächten im Westen und dem sozialistischen Kaiserreich im Osten eingeklemmt. Der "Kernraum" Europa stand somit unter großem psychologischen Druck. Um diesem Dilemma z u entkommen, formulierte Haushofer seine Thesen, deren zentraler Vorschlag darin bestand, dass sich Deutschland mit der Sowjetunion verbünden sollte, um einen einheitlichen eurasischen Kontinentalblock zu schaffen. Die geopolitischen Implikationen dieses Vorschlags wurden von dem Mann erkannt, der allgemein als Begründer der Geopolitik gilt, dem Briten Halford Mackinder:

Die Verschiebung des Kräfteverhältnisses zugunsten des Dreh - und Angelpunkts, die zu seiner Ausdehnung über die Randgebiete Euroasiens fü hrt, würde die Nutzung der riesigen kontinentalen Ressourcen für den Flottenbau ermöglichen, und das Weltreich wäre dann in Sicht. Dies könnte geschehen, wenn Deutschland sich mit Russland verbü ndet.⁷⁵

Natürlich wurde Haushofer 1939 belohnt, als Hitler und Stalin ihren Nichtangriffspakt unterzeichneten. Er und seine Mitarbeiter waren davon überzeugt, dass damit das Gleichgewicht der Mächte gestört werden könnte. Dies war natürlich eine antibritische Politik: Einer von ihnen prägte den Ausdruck "Anglosaxia contra mundum " ⁷⁶ , und England wurde als Totengräber der europäischen Idee geschmäht. ⁷⁷ Indem es seine eigenen Interessen gemäß der egoistischen Theorie des Liberalismus rigoros verfolgte, beteiligt e sich England nur an einem angelsächsischen Komplott, um den Kontinent schwach und geteilt zu halten. ⁷⁸ Im Gegensatz dazu war Deutschland der Träger der wahren europäischen Idee. Ein Geopolitiker forderte 1941, dass Deutschland daher als Schrittmacher der europäischen Einigung fungieren sollte:

Wenn wir Deutschen uns als das eigentliche Volk Europas bezeichnen, bedeutet das, dass wir eine schwere Aufgabe auf uns nehmen. Es ist jetzt klar, was Deutschland im letzten Jahrhundert gefehlt hat: die europäische Aufgabe, Gerechtigkeit zu finden und Schrittmacher zu sein für bessere Verhältnisse in diesem für die Menschheit noch so schicksalhaften Teil der Welt. Ein Kampf um Gerechtigkeit, das muss es sein, nicht der Versuch, die Menschen zu täuschen. Der Kampf fü r Gerechtigkeit ist eine deutsche Aufgabe, es ist eine europäische Aufgabe, es ist eine Aufgabe für die Menschheit ... Entfalten wir die Fahne des Kampfes für den wahren Frieden in Europa. ⁷⁹


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Daher war es notwendig, die Ide e der "Gemeinschaft" zu entwickeln, um aus dem egoistischen Kampf zwischen den Interessen der verschiedenen Nationen herauszukommen und eine "Ordnung" zu schaffen, in der alle zusammenleben konnten.⁸⁰ Deutschland war das Bindeglied zwischen Ost und West, u nd die Geopolitiker waren der Meinung, dass Deutschland aufgrund seiner Position und Geschichte eine besondere Rolle bei der Führung Europas zukommt. Die Idee des deutschen Wiederaufstiegs und die einer neuen Ordnung in Europa waren daher untrennbar mitein ander verbunden. Dies vermittelte Deutschland ein klares Sendungsbewusstsein, das sich in der Zwischenkriegszeit und in den Kriegsjahren ebenso stark entwickelte wie im neunzehnten Jahrhundert. Die Geopolitiker glaubten, dass die politische Einheit Europas ein natürlicher und moralischer Zustand sei und dass Deutschland eine besondere Pflicht habe, ihn zu verwirklichen. In den Worten des prominenten Geopolitikers Karl -Richard Ganzer: "Denn es gibt einfach nichts anderes in der 300 -jährigen Geschichte des mi ttelalterlichen Reiches als ein mächtiges Streben, das ungeformte Europa vom deutschen Kernraum aus zu organisieren. " ⁸¹ Einige prominente Mitglieder der jungkonservativen Bewegung begannen sogar zu glauben, dass die Deutschen als Kern Europas auch der Kern der Menschheit seien. ⁸² Diejenigen, die die Einigung Europas auf diese Weise befürworteten, schlossen die Anwendung von Gewalt in der Regel aus und behaupteten, dass die natürliche Führung Deutschlands über den Kontinent immer friedlich gewesen sei. So konnte Ganzer seine eigentlich hegemonialen Theorien in einer sehr moralischen Form formulieren. Er war der Meinung, da ss die Deutschen ein moralisches Recht auf die Führung Europas hätten. Quasi religiös formuliert, schreibt er: "Das Reich wird, ethisch betrachtet, von einer besonderen Kraft getragen, die das Reichsvolk zu den Besch ützern Europas werden lässt. " ⁸³

Das Reich als Vorbild für die europäische Integration

Die Geopolitiker schrieben dem Reich nämlich gerade die Rolle des Trägers und Verwirklichers der europäischen Einheit zu. Sie benutzten den Begriff "Europa" insbesondere, um das Konzept des großen Raums zu beschreiben, in dem die verschiedenen Nationen Europas in Einheit und Vielfalt zusammenleben sollten. Großräume waren für die Geopolitiker in der Tat die angemessene moderne Form der wirtschaftlichen und politischen Ordnung. Sie waren der Meinung, dass das Konzept der Begrenztheit ein integraler Bestandteil des Konzepts der "Nation" sei und dass die Nation für die moderne interdependente Welt und Wirtschaft zu klein sei.


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Damit stand ihre Vorstellung vom Reich - und ipso facto von Europa - in direktem und ausdrücklichem Widerspruch zum liberalen Staatskonzept, das von territorialer Klarheit ausgeht. Es war genau ihre Phantasie, dass Interessen harmonisiert werden könnten und dass der natürliche Konflikt zwischen ihnen irgendwie in einem größeren Ganzen aufgehen würde. Dies ermöglichte es den Geopolitikern, die nationalsozialistische Aggression zu entschuldigen und zu ignorieren. Ihre Reichstheorien, die dem unpolitischen Faktor Raum eine größere Rolle zuwiesen als den politischen Arrangements, für die sich die Nationen tatsächlich entschieden hatten, basierten ausdrücklich auf der Idee, dass der Begriff der Souveränität selbst zugunsten der höheren Interessen der "Gemeinschaft" aufgegeben werden sollte. ⁸⁴ Diese Mentalität veranlasste die Geopolitiker zu der Art von ausdrücklicher Entschuldigung für Hitlers Aggression, für die sie so berüchtigt werden sollten:

Jeder objektive Beobachter muss sehen, dass die große deutsche Armee ihre Berufung, Europa zur Einheit zu f ühren, mit größtmöglicher Umsicht erfüllt hat, im Wissen um die gemeinsame große Heimat aller Europäer. Denn es geht nicht um einen imperialen Traum oder um deutsche Hybris, sondern um die Erfüllung einer epochalen Aufgabe. ⁸⁵

Oder noch einmal:

Jeder Europäer weiß ganz genau, dass Europa ohne den Sieg der deutschen Waffen nicht weiterbestehen und alle seine Werte verlieren wird. Die Macht des Reiches und seiner Verbündeten garan tiert die europäische Ordnung. ⁸⁶

Ein Geopolitiker erklärte sogar, dass das deutsche Konzept des Imperiums bescheidener und begrenzter in seinen Zielen sei als das universalistische britische Konzept des Imperiums:

Die schlichte Tatsache, dass das britische Empire geographisch verstreut und über die ganze Erde verteilt ist, hat den britischen Imperialismus dazu veranlasst, die räumlich definierte Ordnungsidee, das Konzept eines gewissen Lebensraums, jene ehrliche, begrenzte und bescheidene Großraumidee zu sabotieren und zu diffamieren. ⁸⁷


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Die Geopolitiker waren der Ansicht, dass das Reich die geeignete politische Form für die moderne Welt sei. In ihren Augen konnte nur das Reich die Widersprüche Deutschlands und Europas lösen. Obwohl sie das europäische System von Versailles nicht akzeptierten, waren sich die Geopolitiker bewusst, dass Deutschland untrennbar zu Europa gehörte. Das Reich war eine supranationale Organisation, in der viele verschiedene Völker zusammengeschlossen waren, die ihnen ein Höchstma ß an innerer Freiheit gewähren und gleichzeitig ihre äußere Sicherheit garantieren sollte. So würde das Reich Europa vereinen. Mit anderen Worten: Die Deutschen schlagen einmal mehr nicht -nationale Lösungen für die Probleme Europas vor. In der Tat verwende ten die Geopolitiker die Begriffe "Reich", "Europa" und "Großraum" häufig synonym. Wie Frank Ebeling, Haushofers Rehabilitator, anmerkt, "sehnten sich alle Reichsbegriffe trotz der ihnen innewohnenden inhaltlichen Unbestimmtheit nach dem supranationalen Zu sammenschluss der Völker Europas: Es waren auch positive Utopien darunter. Solche positiven Vorstellungen von europäischer Integration und europäischer Identität gab es tatsächlich.'⁸⁸ Der größte und bekannteste Theoretiker des Reiches war der konservative Jurist Carl Schmitt. Obwohl Schmitts Theorien von einigen modernen Rechtsphilosophen immer noch als respektabel angesehen werden, war er während des gesamten Krieges der Hofjurist d er Nazis. Nachdem er in den 1920er und 1930er Jahren zahlreiche brillante Bücher zum Verfassungsrecht verfasst hatte, wandte Schmitt sein Talent der juristischen Verteidigung des nationalsozialistischen Reichsbegriffs zu. Im Jahr 1941 veröffentlichte er di e Konstitutionelle Großraumordnung, die die Intervention von Personen außerhalb des Raumes verbietet. Mit diesem Werk versuchte Schmitt, dem Hitlerschen Antiliberalismus eine theoretische, geopolitische und juristische Grundlage zu geben. Schmitt vertrat d ie Auffassung, dass die Welt in Reiche oder Gro ßräume eingeteilt sei. Ein Reich sei eine Nation, die stark genug sei, andere über ihre Grenzen hinaus zu organisieren. In Anlehnung an die Monroe -Doktrin ("Amerika für die Amerikaner") schlug Schmitt vor, das s der gleiche "räumliche" Gedanke auf den gesamten Planeten angewandt und die Welt in große Zonen aufgeteilt werden sollte, in die sich andere Gro ßräume nicht einmischen dürften. Mit dieser Idee sollte die bis dahin bestehende Verfassungstheorie überwunden werden. Schmitt hielt es für unrealistisch zu glauben, dass einzelne Staaten in der modernen Welt unabhängig bleiben könnten. (Dies ist vielleicht der Grund, warum Schmitt von modernen deutschen Kommentatoren als früher Theoretiker der europäischen Integr ation bezeichnet wurde. ⁸⁹) Die wahren Akteure waren damals die Großmächte, deren Einflusszonen über ihre


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Grenzen hinausgingen. Schmitt war der Meinung, dass die Verfassungstheorie in der Vergangenheit nur ein Vorwand war, um die Realität de r Beherrschung der kleinen Staaten durch die großen zu verschleiern. Er schlug daher vor, den Grundsatz der Gleichheit der Staaten im Völkerrecht durch einen Grundsatz zu ersetzen, der die Realität und die Bedeutung regionaler Zusammenschlüsse anerkennt und sich sogar auf sie stützt. Es ist ziemlich klar, dass diese Theorien darauf abzielten, die nationalsozialistische Aggression und Hegemonie in Mitteleuropa zu legitimieren: Andere Mächte hätten nach seiner Theorie nicht das Recht, im europäischen Raum zu intervenieren.

Die Nazis und das Gleichgewicht der Kräfte

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Nazis die Politik des Gleichgewichts der Mächte verabscheuten. Da dieses Thema so zentral für das nationalsozialistische Denken ist, lohnt es sich, auf d en im vorigen Kapitel behandelten nationalsozialistischen Europäismus zurückzukommen und sich hier auf die geopolitischen Theorien der Nazis zu konzentrieren. Die Nationalsozialisten machten ausdrücklich die britische Politik des Gleichgewichts der Kräfte für die Teilung Europas verantwortlich, die sie überwinden wollten. Zusammen mit dem "europäischen Partikularismus" sei dies die Ursache für die vielen "Bürgerkriege" in Europa, die Deutschland durch die Beseitigung ihrer Ursachen beenden müsse. Ein Beamte r im Stab von Ribbentrop verfasste im September 1941 Richtlinien zum Thema "Europa", die von den Medien verwendet werden sollten: Das Ziel Nazi -Deutschlands sei "ein föderales Europa ... der Kampf gegen England ist ein Kampf für die europäische Einheit".⁹⁰ Hitlers Politik sei die "Überwindung der Gleichgewichtspolitik und des Ausspielens einer europäischen Macht gegen eine andere durch auswärtige Kräfte. Dieses Ziel wird durch die Beseitigung Großbritanniens, die Vernichtung des Bolschewismus und den frei willigen Beitritt Frankreichs zur Politik der europäischen Solidarität erreicht werden. " ⁹¹ Ein Dokument, das von einem Kollegen verfasst wurde, wärmt das gleiche Thema auf: "Wenn Europa seit Jahrhunderten von Kriegen geplagt wird, ist das vor allem die Schuld der britischen Politik, die einen europäischen Staat gegen einen anderen ausspielt. "⁹² Goebbels vertiefte dieses Thema in Artikeln in seiner Wochenzeitung Das Reich. Er verband die nationalsozialistische Vorstellung von "Europa" vor allem mit einer e ndgültigen Ablehnung des Gleichgewichts der Mächte. ⁹³ Statt unter der Vorherrschaft außereuropäischer Mächte (Großbritannien, Amerika, Sowjetunion) zu leiden, bestand das geopolitische Ziel der Nazis darin,


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Deutschland als starkes Zentrum eines starken Europas zu etablieren. Von Ribbentrop selbst stimmte dem zu: "Zu lange haben die Briten auf dem Kontinent ihr Unwesen getrieben, eine Macht gegen die andere ausgespielt, Intrigen geschmiedet und Kriege angezettelt, die fast i mmer mit dem Blut anderer geführt werden mussten. Heute weiß das jedes Kind, und Europa ist entschlossen, sich ein für alle Mal von dieser englischen Politik zu befreien. Selbst Frankreich beginnt in dieser Frage ein europäisches Gewissen zu entwickeln ... "⁹⁴ Was Frankreich betrifft, so griff Friedrich Grimm in seiner Rede vor der Groupe "Collaboration" in Paris den "ewigen Richelieu, den ewigen Westfälischen Frieden" an. ⁹⁵ In der Tat war die Feindseligkeit gegenüber der britischen Politik des Gleichgewichts der Kräfte so zentral für das Denken der Nazis, dass es sogar ein Propagandablatt gab, das ausschließlich diesem Thema gewidmet war. Unter dem Titel The New Europe: Eine Zeitschrift des Kampfes gegen die englisch-amerikanische Welt - und Geschichtsauffas sung, herausgegeben von Walther Korber, ist ein wahres Monument der europäischen NS -Propaganda. Die Zeitschrift, die sich selbst als "Pressedienst" bezeichnete, war von den geopolitischen Theorien inspiriert, die Karl Haushofer entwickelt hatte. Sie veröffentlicht einen Artikel nach dem anderen über Englands Entschlossenheit, den Kontinent zu spalten. Sie attackiert E nglands "Inselmentalität",⁹⁶ seine "Europafeindschaft", ⁹⁷ seinen "Partikularismus", ⁹⁸ und den amerikanischen "Dollar-Imperialismus".⁹⁹ Sie enthält Artikel mit Titeln wie "Europa kämpft um die Einheit"; ¹⁰⁰ "England, Opfer seiner eigenen Europapolitik";¹⁰¹ "Deutschland, das Herz Europas"; ¹⁰² "Europäische Aufgaben im Osten";¹⁰³ "Jüdische Versuche, die Weltherrschaft gegen Europa zu errichten";¹⁰⁴ "Volkstümliche Wirtschaft im neuen Europa"; ¹⁰⁵ "Die Zusammenarbeit der europäischen Wissenschaft"; ¹⁰⁶ "Die Feinde des europäischen Aufbaus" (über die britische Feindschaft gegenüber dem Kontinent);¹⁰⁷ "Das neue Europa: Ein Sieg über die angelsächsische Reic hs- und Europafeindschaft", ¹⁰⁸ "Die Jugend sichert Europas Zukunft", ¹⁰⁹ "Die wirtschaftliche Einheit Europas", ¹¹⁰ "Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft", ¹¹¹ und "Bausteine des neuen Europa" (eine Chronologie der politischen Ereignisse, die zur europä ischen Einheit geführt hatten).¹¹² Sie greift Dinge wie "Die Weltloge des Judentums gegen Europas neue Ordnung" an ¹¹³ und preist "die Geburt der europäischen Solidarität " ¹¹⁴ und des "europäischen Geistes " ¹¹⁵ oder des "europäischen Bewusstseins " ¹¹⁶ , berichtet über Bücher, die "für ein neues Europa kämpfen", und über "Stimmen des neuen Europas" aus Veröffentlichungen auf dem gesamten Kontinent. Mit Freude wurde beispielsweise über die Veröffentlichung einer Zeitschrift mit dem Titel The New Europe in Britain berichtet, die mit Mackinder dazu aufrief, dass Großbritannien ein "positives Interesse" an


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Europa zeigen sollte, um es beeinflussen zu können. ¹¹⁷ Im Gegensatz zu Großbritanniens peripherer, zynischer und antieuropäischer geopolitischer Agenda stand Deutschland im Zentrum Europas: Es repräsentierte also das wahre Europa. Einer der führenden Ideologen des nationalsozialistischen Europäismus, Fried rich Stieve, erklärte, dass die Einheit Europas seit den Tagen Karls des Großen immer von der deutschen Mitte aus vorangetrieben worden sei (d. h. von der Mitte Europas). Die Mitte hat ihre Sehnsucht nach der europäischen Einhei t nie verloren", schreibt er .¹¹⁸ Er betont auch die Idee des "Wiederauflebens der Mitte" und erklärt, dass "Hitler die "Energiequelle der Mitte " ¹¹⁹ - aus der Friedrich der Große und Bismarck das preußisch -deutsche Reich geformt hatten - immer weiter nach Österreich, Böhmen und Mähren ausgedehnt habe. Welch ein Wiederaufleben der Mitte! Welch eine europäische Umkehrung!", keuchte er. Das Rückgrat dieses Teils der Erde, das absichtlich zerbrochen worden war, war nicht nur fester zusammengeschweißt als je zuvor, sondern begann dank der magnetischen Kraft seines neuen Aufbaus, die absichtlich getrennten Teile an sich zu ziehen und so unausweichlich an Größe zuzunehmen. " ¹²⁰ Er kontrastiert diese europäische Politik mit derjenigen der Staaten an der Peripherie - Portugal, Spanien, Frankreich, Holland, England -, die sich in außereuropäische "Räume" ausgedehnt hatten und dann versuchten, den europäischen Kontinent zu beherrsc hen. Nur England schob dem im Namen des Gleichgewichts der Kräfte einen Riegel vor, was aber "die Unterdrückung der europäischen Völker" bedeutete. ¹²¹ Es war also immer die "Mitte" Europas (also Deutschland), die "die Freiheit und autonome Entwicklung" des Ganzen behauptete. So wie sich die Deutschen gegen Napoleon gewehrt hatten, so hatte sich Deutschland unter Bismarcks Führung selbstlos und erfolgreich für den europäischen Frieden eingesetzt. In der Tat kritisierte Stieve die Nachfolger Bismarcks für ihr en Versuch, durch den Aufbau von Kolonien in den außereuropäischen Räumen nach der Weltmacht zu greifen. Sie hätten die Lehren aus der jahrhundertelangen Geschichte ziehen und ihre Aufmerksamkeit nur auf Europa richten sollen: Ihre Sünde war es, Deutschlan d von seinem europäischen Weg abgebracht zu haben. Nachdem er erklärt hat, wie Polen Deutschland angegriffen hat, argumentiert Stieve, dass Hitler bereits 1914 begonnen hat, "in Kontinenten zu denken". Er "sah die großen Gebiete, die sich konstituiert hatt en: das französische, das englische, das russische, das amerikanische, und begriff, dass auch Europa ein solches großes Gebiet werden musste, wenn es die Freiheit erlangen wollte". ¹²² Hitler hatte damals erkannt, dass er Europa gegen den Bolschewismus vert eidigen musste.¹²³


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So verbreitete sich die Vorstellung, dass Deutschland, das geografisch im Zentrum Europas liegt, dessen Herz oder Wesen sei. Unser Reich ist das Herz Europas", erklärte Werner Frauendienst, ein führender Historiker an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, 1942. ¹²⁴ Ein anderer NS-Theoretiker, Dr. Hans Pflug, betonte, dass Deutschlands geopolitisches Schicksal darin bestehe, "das Herz Europas" zu sein. Dieses Herz, so argumentierte er, sollte durch eine entwickelte Verkehrsinfrastruktur mit dem Rest des Körpers verbunden sein. Vom "Herzen Europas" sei die alte mittelalterliche Reichsvorstellung ausgegangen, "die Verkörperung einer europäischen Staatsordnung ... In politischer, wirtschaftlicher, sozia ler und geistiger Hinsicht hat dieser Krieg das Land der europäischen Mitte zum Mittelpunkt des Geschehens gemacht. Deutschland sei sich seiner "übernationalen Aufgabe" stets bewusst gewesen. ¹²⁵ Walther Darre, der nationalsozialistische Landwirtschaftsminister und prominente Verfechter grüner Politik, sprach ebenfalls wortgewaltig über die zentrale Rolle, die Deutschland in Europa übernehmen sollte. Wenn Großdeutschland diese ordnende Aufgabe er füllt hat, dann werden sich um diesen zentralen europäischen Ordnungsblock andere Staaten von selbst herauskristallisieren, in ausgewogenen und beständigen Wirtschaftsbeziehungen. So wird die Grundlage für eine wahre europäisc he Ordnung geschaffen werden. "¹²⁶ So wie also die Zollunion einen "Kern" geschaffen hatte, um den sich andere Staaten scharten, so sollte Deutschland nach Darre der harte Kern eines Europas der konzentrischen Kreise werden. Da Deutschland im geopolitischen Zentrum Europas lag, kam ihm - so ein anderer nationalsozialistischer Vordenker - eine besondere Rolle beim Schutz und der Einigung Europas zu: "Kann Europa ohne Deutschland oder gegen Deutschland organisiert werden?", fragte er. Die zentrale Lage richtet die Deutschen mehr auf Europa a us als alle anderen Völker dieses Kontinents. . . Aufgrund dieses Schicksals hat Deutschland die europäischen Fragen tiefer gelebt und gedacht als jene Länder, die sich am Rande in Sicherheit wussten oder sich mit anderen Räumen jenseits der Grenzen Europa s verbunden haben. "¹²⁷ Oft wurde betont, dass Deutschland in Europa nicht allein agiere. Die Metaphern der "Achse" und des "Kerns" wurden häufig verwendet, um dies zu verdeutlichen. Hitler selbst sprach von der Notwendigkeit eines "stahlharten Kerns", der aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Westpolen bestehe und "zu einer unzerstörba ren Einheit geschmiedet" sei. ¹²⁸ Seine Lakaien unterstrichen, dass eine "Achse" das ist, worum sich die Dinge drehen - Werner Daitz erklärte, Deutschland sei das Gravitationszentrum Europas: "Wie die Planeten um die Sonne kreisen, ohne in ihr aufzugehen, so werden


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sich die europäischen Mächte um ihren natürlichen Mittelpunkt ordnen. " ¹²⁹ Ein anderer erklärte: "Die Achse Be rlin-Rom ist heute der zentrale Strahlungs und Machtkern Europas. Die gesamte Regelung der politischen und sozialen Verhältnisse geht von ihr aus... So sei die Achse zum politischen Naturgesetz der europäischen Geschichte in unserem Jahrhundert geworden, das das britische Prinzip des "Gleichgewichts der Kräfte" überwinde und verdränge. ¹³⁰ In ähnlicher Weise stellte die Autorin eines der Pläne zur Schaffung einer europäischen Föderation, Cecile von Renthe -Fink, fest, dass das Neue Europa nicht ohne Frankreich aufgebaut werden könne: "Die Haltung Frankreichs wird entscheidend sein", schrieb sie.¹³¹ In diesem Zusammenhang ist es in der Tat amüsant, dass die Nationalsozialisten Verkehrsmetaphern verwenden, um die Unausweichlichkeit der europäischen Integration zu illustrieren. Wie die Stärke eines Wagens in seiner Achse liegt", schrieb R. Hohn in Reich, Großraum, Großmacht, ¹³² "so hängt die Stärke des Reiches nach den Gesetzen des Lebens von seiner kontinentalen Lage ab. Martin Heidegger schließlich, der prominente Philosoph, der von Mai 1933 bis Mai 1945 der NSDAP angehörte, ¹³³ war ebenfalls d er Meinung, dass die notwendige Reaktion auf die von Amerika und Russland ausgehende technische Revolution aus dem "wirklichen" Europa, aus Mitteleuropa, also aus Deutschland kommen müsse. Noch 1953 vertrat er die von den nationalsozialistischen Geopolitik ern vertretene Auffassung, die die Welt in "Großräume" aufgeteilt sahen: "Dieses Europa, das in seiner unheilbaren Blindheit immer im Begriff ist, sich selbst in den Rücken zu fallen, liegt heute in der großen Zange zwischen Russland auf der einen und Amer ika auf der anderen Seite. Russland und Amerika sind vom metaphysischen Standpunkt aus gesehen beide dasselbe: derselbe trostlose Wahnsinn der Technologie und die wurzellose Organisation d es normalisierten Menschen. " ¹³⁴

Post-war Germany

Nach der Niederlage von 1945 enthielt die deutsche Position im Spannungsfeld zwischen Ost und West einige Elemente, die neu waren, und andere, die sehr traditionell deutsch waren. Ihre Position war neu, weil dem größeren der beiden deutschen Staaten, der Bundesrepublik, e ine grundsätzlich westliche Ausrichtung aufgezwungen wurde. Dies wurde durch die Wahl einer neuen Hauptstadt, Bonn, im äußersten Westen des Landes verkörpert. Adenauer machte das Bekenntnis zum Westen zum Eckpfeiler seiner Innen - und Außenpolitik und lehnt e Versuche - wie den von Stalin 1952 - ab, Deutschland


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im Gegenzug zur Wiedervereinigung vom Westen zu lösen. Nie zuvor hatte sich ein deutscher Staat, der nun an der Front des Westens stand, so eindeutig dem Westen zugewandt, und zwar dem ehemaligen Feind als dessen neuem Freund. Die Westorientierung war nicht nur geographisch, sondern auch moralisch. Wenn Deutschland zu verschiedenen Zeiten seiner Geschichte und je nach politischem Geschmack kulturell zwischen Ost und Wes t hin- und hergerissen war, so wurde der Westen in der Regel mit Rationalismus (wie in der Französischen Revolution), Liberalismus (wie im Britischen Empire) oder Individualismus (wie in den Vereinigten Staaten von Amerika) assoziiert. Der Osten hingegen stand für Kommunitarismus, Autorität und Kultur. ¹³⁵ Die geografisch westliche Orientierung, die durch die Anwesenheit der feindlichen sowjetischen Truppen in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone im Osten erzwungen wurde, zwang dem neuen deutschen Staat eine kulturell und politisch westliche Orien tierung auf. Andererseits ermutigte die Nachkriegsordnung die Deutschen auch, ihr Schicksal wieder mit dem Europas zu identifizieren. Schließlich war das neue Deutschland der Inbegriff Europas selbst. Wie Europa war es in Ost und West geteilt, und so wie e s im Laufe der Geschichte Europa geglichen hatte - mit seinen unklaren Grenzen, seiner Aufteilung in verschiedene Staaten und Religionen, seinem Fehlen einer einheitlichen politischen Identität -, so verkörperte es nun in seiner eigenen Zwangslage das Dram a des gesamten Kontinents. Die Schärfe dieser Spaltung bestärkte die Deutschen natürlich in ihrem Wunsch, sie zu überwinden. Sie verfestigte in den Köpfen der Deutschen auch die Vorstellung, dass alle Grenzen Barrieren wie die Berliner Mauer und keine Zuständigkeitsbereiche seien. Daraus entstand der faule Ruf nach einem "Abbau der Grenzen in Europa", so als ob die deutsch -französische Grenze mit der deutsch-deutschen vergleichbar wäre. Dieser Wunsch entsprach einer sehr deutschen Sehnsucht nach Synthese un d Harmonie und einer Angst vor Konflikten. In den Worten eines Kommentators ging Deutschland von dem Wunsch, der Hammer der internationalen Politik zu sein, zu dem Wunsch, eine politische Welt zu erreichen, in der es einfach keine Hämmer gibt. In der öffentlichen Darstellung der westdeutschen Außenpolitik wurde außerdem suggeriert, dass sich die Harmonie nicht nur auf die Interessen anderer westlicher Staaten, sondern auch auf die der Sowjetunion und osteuropäischer Staaten erstrecken könnte. In der Rhetori k der Ostpolitik wurde fast impliziert, dass das große Werk der Versöhnung, der Entspannung und der Zusammenarbeit, das nahtlose Netz immer engerer kultureller, wirtschaftlicher, menschlicher und politischer Bindungen allen gleichermaßen Vorteile bringen würde. Es gäbe ... nur Gewinner und keine Verlierer.' ¹³⁶


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Es war daher unvermeidlich, dass in Deutschland nach dem Krieg die Idee einer gesamteuropäischen Wiedervereinigung wieder auftauchte. Während die Architekten der Ostpolitik, Willy Brandt und Walter Scheel, stets beto nten, dass ihre Bemühungen die Kohärenz des westlichen Bündnisses und das deutsche Engagement darin nicht gefährden dürften, hielten sie an der Vorstellung fest, die Ost -West-Beziehungen könnten harmonisiert werden. Der große Ideologe der Ostpolitik, Egon Bahr, legte im Juni 1968 ein Arbeitspapier vor, in dem er das Ziel der Bundesrepublik als "Überwindung des Status quo durch eine europäische Friedensordnung" definierte, in deren Mittelpunkt er eindeutig die "Überwindung der deutschen Teilung" stellte. Er kam zu dem Schluss, dass dies am besten durch die Schaffung eines gesamteuropäischen Sicherheitssystems zu erreichen sei, das die NATO und den Warschauer Pakt ablösen sollte. Sein Hauptquartier sollte in ... Berlin. ¹³⁷ Auch nach dem Krieg kehrten die Deuts chen also zu ihrer alten Gewohnheit zurück, ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse mit denen Europas für identisch zu halten. Im Dezember 1966 sagte Willy Brandt zu de Gaulle: "Der Graben, der mein Land teilt, teilt auch Europa. Wer diesen Graben zuschütt et, hilft auch meinem Land. Wir haben keine andere Perspektive, als die Teilung Europas zu überwinden.' Zwanzig Jahre später erklärte Wolfgang Sch äuble, der Nachfolger von Bundeskanzler Kohl, vielleicht etwas offener: "Unsere Chance liegt darin, dass die T eilung Deutschlands zugleich die Teilung Europas ist. " ¹³⁸ In den Grundsatzpapieren des Kabinetts von Helmut Schmidt wurde zweimal der Ausdruck "Bundesrepublik/Europa" verwendet (z.B. "mehr Autonomie für die Bundesrepublik/Europa"), als ob es sich um ein u nd dasselbe handeln würde.¹³⁹ Bereits 1989 nutzte Bundeskanzler Kohl die Metapher des Rheins ("er fließt weiter, egal wie sehr man versucht, ihn zu stauen"), um die Unausweichlichkeit der deutschen und europäischen Einigung gleichgültig zu beschreiben. Wäh rend seines Auftritts in einer Fernsehsendung mit Fran cois Mitterrand, in der er im September 1992 für den Vertrag von Maastricht warb, wiederholte Kohl, was er inzwischen zu einem Klischee gemacht hatte: dass die deutsche und die europäische Einigung zwei Seiten derselben Medaille seien. Als das Sowjetimperium in Osteuropa zu zerfallen begann, dachten die Deutschen darüber nach, wie das Leben in einem Europa aussehen könnte, das nicht mehr durch die Berliner Mauer geteilt war. Ihre reifen Überlegungen zu diesem Thema stehen in starkem Kontrast zu den panischen Reaktionen Großbritanniens und Frankreichs, als im Dezember 1989 der Plan für die deutsche Wiedervereinigung verkündet wurde: Diese beiden europäischen Großmächte hatten keine Notfallpläne für ein sol ches Ereignis und schienen nicht einmal wirklich an eine solche Möglichkeit gedacht zu haben.


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Die Pläne, die damals und in den folgenden sechs Jahren entwickelt wurden, waren von den beiden klassischen deutschen Ängsten bes eelt: der Angst vor der Mittellage und der Angst vor dem politischen Gleichgewicht der Kräfte. Die Deutschen wussten, dass sich ihr Land im Falle einer Wiedervereinigung wieder in der Lage befinden würde, in der Bismarck es zurückgelassen hatte: groß, geeint, inmitten eines unklaren europäischen Systems und in ständiger Gefahr von Instabilität und Einkreisung. Die europäische Integration war die einzige Lösung für diese Probleme. Wie der deutsche Chefunterhändler des Maastrichter Vertrags 1996 schrieb: "Es gibt keine Alternative zur europäischen Integration. Jede andere Entscheidung könnte dazu führen, dass sich die anderen Länder des Kontinents eines Tages gegen uns verbünden. " ¹⁴⁰ Bundeskanzler Kohl erklärte: "Wir Deutschen haben konkrete Gründe, warum wir ein vereintes Europa brauchen. Deutschland hat mehr Nachbarn als jedes andere Land in Europa ... Deutschland hat ein elementares nationales Interesse daran, dass alle seine Nachbarn Mitglieder der Europäischen Union werden. "¹⁴¹ Kohl hatte also genau die gleichen außenpolitischen Sorgen wie Bismarck: den Wunsch, alle Konflikte so weit wie möglich von der verletzlichen Mitte Europas wegzutragen. Er will eine Zone der Stabilität an den Grenzen seines Landes. Nichts fürchten die Deutschen mehr als eine Wieder holung des Prozesses, bei dem Bismarcks subtile Diplomatie 1914 in brutale Kriegstreiberei ausartete, von Leuten, die der Komplexität der Lage nicht gewachsen waren. Nicht zuletzt deshalb, weil sie nach zwei gescheiterten Versuchen wissen, dass jeder Versuch Deutschlands, Europa im Alleingang zu beherrschen, zum Scheitern verurteilt ist. Nicht nur das Dilemma ist traditionell: Auch die Antwort von Bundeskanzler Kohl darauf ist sehr traditionell. Vielleicht ist dies der Grund, warum seine Politik auf so brei te Zustimmung im gesamten politischen Spektrum in Deutschland stößt und warum die deutsche Europapolitik so klar, stark und zielgerichtet ist. Sein Plan ist es, Europa, insbesondere die Europäische Union, nach dem Modell der "konzentrischen Kreise" umzustr ukturieren, wobei Deutschland und seine Verbündeten den so genannten "harten Kern" bilden. Die früheste Formulierung des Modells der "konzentrischen Kreise" wurde von zwei hochrangigen Beratern in Helmut Kohls Büro, Michael Mertes und Norbert Prill, im Jul i 1989 veröffentlicht. ¹⁴² Bevor man sich mit dem Inhalt befasst, ist es wichtig, den Zeitpunkt dieser Arbeit zu betrachten: Im Juni 1989 fand ein bahnbrechender Besuch von Michail Gorbatschow in Bonn statt. Gorbatschow hatte den Slogan "Das gemeinsame europäische Haus" zum Schlüssel seiner Politik gemacht (auch wenn der Begriff ursprünglich von Leonid Breschnew bei einem Besuch in Bonn 1981 geprägt worden war).


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Gorbatschows Ziel war es, die Spannungen zwischen den beiden Blöcken in Europa zu verharmlosen, und er wurde von der deutschen Öffentlichkeit mit großem Beifall empfangen. Seine Botschaft entsprach ihrem angeborenen Wunsch nach Harmonie und ihrer Abneigung gegen die Teilung. Die europäische Frage - im weitesten Sinne des Wortes - war in aller Munde. Es ging nicht nur um die Integration Westeuropas, sondern um die Annäherung des gesamten Kontinents. Es schien, als ob der alte Traum der Genscheriten von universeller Versöhnung und Harmonie, den auch Bundeskanzler Kohl teilte, kurz vor de r Verwirklichung stand. Außerdem hatte sich während des Besuchs von Gorbatschow ein entscheidendes Ereignis ereignet, das ein wichtiges Licht auf die Atmosphäre wirft, in der das Papier entstanden ist. Gorbatschow hatte Helmut Kohl fast unumwunden zu verst ehen gegeben, dass sich die Sowjetunion der deutschen Wiedervereinigung nicht widersetzen würde. Bei einem Gespräch im Mondschein am Fuße des Kanzleramtsgartens mit Blick auf den Rhein hatte Kohl die Wiedervereinigung Deutschlands mit dem Fließen des Fluss es verglichen. Beide, so Kohl, seien unaufhaltsam. Gorbatschow hat ihm nicht widersprochen. Kohl hat seitdem verschiedentlich gesagt, dies sei der Moment gewesen, in dem er erkannt habe, dass die deutsche Wiedervereinigung möglich geworden sei. Mit anderen Worten: Das von zwei hochrangigen Beratern im Bundeskanzleramt verfasste Papier wurde im Hinblick auf die deutsche Wiedervereinigung erstellt. Sie wussten wahrscheinlich, was Gorbatschow gesagt hatte. In dem Papier wird argumentiert, dass die europäische Integration nicht im Widerspruch zur deutschen politischen Integration konzipiert werden sollte, sondern dass sie vielmehr das Modell für diese sein sollte. Sie sollte die Konvergenz auf den gesamten Kontinent ausdehnen. Die Europäische Gemeinschaft erweis t sich für die östliche Hälfte unseres Kontinents als ein Gravitationszentrum mit einer unverkennbaren Anziehungskraft", heißt es darin. Dies wird über kurz oder lang die Frage aufwerfen, ob es im Interesse des europäischen Fortschritts nicht besser wäre, wenn nur die wirklich überzeugten Mitglieder die Ufer eines europäischen Bundesstaates ansteuern würden - vorausgesetzt, die anderen Mitglieder der europäischen Gemeinschaft sind herzlich eingeladen, dies zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls zu tun. Das E uropa der "variablen Geometrie" - oder des "harten Kerns" und der "konzentrischen Kreise" - war geboren. In dem Papier wird gefordert, dass "ein föderaler Kern" zum "Brennpunkt und Gravitationszentrum einer immer größer werdenden Gemeinschaft" wird. Dieses Modell kann als ein System konzentrischer Kreise oder als "Puppen in einer Puppe" betrachtet werden", heißt es weiter. Ein solches Europa sollte


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die derzeitige "verwirrende Vielfalt" der sich überschneidenden europäischen Strukturen - EG, WEU, Europarat, EFTA und KSZE - durch "eine einzige kohärente Struktur" ersetzen. Diese Struktur sollte aus einem "europäischen Bundesstaat" bestehen, dessen "Kernstück" die "Vereinigten Staaten von Europa" sein sollten. Ihm würden die ur sprünglichen sechs Mitglieder und alle anderen, die beitreten wollten, angehören. Er hätte eine gemeinsame Bundesverfassung, eine Bundesarmee und eine gemeinsame Außen - und Verteidigungspolitik. Der zweite Kreis wäre die "Europäische Gemeinschaft" mit den "Vereinigten Staaten von Europa" und den anderen sieben EG -Staaten. Der dritte konzentrische Kreis würde aus einer "Assoziation europäischer Staaten" bestehen, vielleicht nach dem Vorbild der EFTA, die den osteuropäischen Staaten, den skandinavischen Lände rn und der Schweiz offen stünde. Den letzten konzentrischen Kreis bildete das "gemeinsame europäische Haus" selbst, das den ÜLG -Staaten (damals KSZE) entsprach, d.h. ganz Europa plus die Sowjetunion, Kanada und die USA. Die Autoren haben nie untertrieben, wie weitreichend ihre Vision war. Sie sahen den Beitritt der baltischen Staaten und sogar von Mittelmeerländern wie den Maghreb -Staaten und Israel vor. Das Dokument schloss mit einem Satz, der wie eine Drohung klang. Es sollte zu einem Klischee werden. Die Integration des Westens, d.h. die Bewahrung der Freiheit, ist die Voraussetzung für die Einheit und darf nicht der Preis für die Einheit sein. Wer diesen seit Jahrzehnten bestehenden Konsens in Frage stellt, rüttelt an den Grundfesten von Demokratie und R echtsstaatlichkeit in Deutschland. Mit anderen Worten: Das Papier endete mit einem fatalen Gedankenwirrwarr, das nach wie vor ein klares deutsches Verständnis dessen, was in Europa auf dem Spiel steht, hemmt. Deutschlands Westorientierung seine Bündnisse mit Frankreich und den Vereinigten Staaten sowie sein Bekenntnis zu einer parlamentarischen Regierung nach westlichem Vorbild und zum Föderalismus - wird mit etwas völlig anderem verwechselt, nämlich der weiteren Integration der europäischen Staaten in ei ne föderale Union.

Frankreich und der deutsche Einfluss auf die WWU

Bevor Preußen Frankreich tatsächlich besiegt hatte, behandelte Bismarck es vorsichtig, machte viel Aufhebens von ihm - und trickste es aus. Jacques Bainville¹⁴³


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Diese geopolitischen Überlegungen helfen uns, die Entwicklung des Projekts der einheitlichen Währung und die Rolle Frankreichs und Deutschlands zu verstehen. Als Bundeskanzler Kohl sein "Zehn -Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deuts chlands und Europas" ankündigte, reagierten der französische Staatspräsident und der britische Premierminister mit Feindseligkeit. Jacques Attali, Mitterrands treuer Berater, hat Mitterrands Wut über Kohls Ankündigung dokumentiert. Er war überzeugt, dass d ie Sowjetunion die deutsche Wiedervereinigung verhindern sollte und würde. Nachdem es ihm nicht gelungen war, Frau Thatcher davon zu überzeugen, bei Gorbatschow zu intervenieren, um die Wiedervereinigung zu verhindern, reiste Mitterrand am 6. Dezember zum sowjetischen Staatschef nach Kiew, um ihn von Angesicht zu Angesicht zu überreden. Am 20. und 21. Dezember stattete Mitterrand auch der inzwischen zusammengebrochenen DDR einen Staatsbesuch ab und versicherte dem wankenden kommunistischen Regime, dass Frankreich weiterhin für die Existenz der DDR als unabhängiger Staat eintrete, d. h. dass Frankreich gegen die Wiedervereinigung sei. Dieses Vorgehen Mitterrands verärgerte die Deutschen. In vielen Artikeln wurde damals geschrieben, dass die deutsch -französischen Beziehungen einen tödlichen Schlag erlitten hätten, von dem sie sich nicht mehr erholen könnten. Und doch hatten die Herren Kohl und Mitterrand im April 1990 - weniger als vier Monate später - ein gemeinsames Schreiben an den Präsidenten des Europäischen Rates unterzeichnet, in dem sie erklärten, dass es an der Zeit sei, die Beziehungen zwischen den EWG -Staaten zu verändern und weitere Schritte in Richtung Europäische Union zu unternehmen. Dieses gemeinsame Schreiben setzte den Prozess in Gang, der acht zehn Monate später zum Vertrag von Maastricht werden sollte. Die einzige mögliche Erklärung dafür, warum die Deutschen sich bereit erklärten, mit dem Land zusammenzuarbeiten, das gerade versucht hatte, ihre nationale Wiedervereinigung zu verhindern, ist, d ass, so wütend sie auch gewesen sein mögen, ihre Entschlossenheit, Frankreich nicht zu verlieren, übermächtig war. Die Franzosen haben keinen Hehl daraus gemacht, dass sie mit ihrem Vorschlag für die WWU dem Diktat der Deutschen Bundesbank entgehen wollten . Sie haben dieses Ziel nie aufgegeben: Noch 1996 erklärte der französische Europaminister, dass Frankreich sich für die einheitliche Währung einsetze, weil "wir es satt haben, der Herrschaft oder der Souveränität anderer unterworfen zu sein", ¹⁴⁴ eine klare Anspielung auf Deutschland. In Anbetracht des Verhaltens von Mitterrand in den letzten Dezemberwochen 1989 kann es keinen Grund geben, daran zu zweifeln, dass Frankreich mit der europäischen Einigung das Ziel verfolgte, die Macht Deutschland s in Europa zu schwächen oder zu sublimieren. Warum aber hat Deutschland diesen Plan akzeptiert?


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Es ist möglich, dass die Deutschen die europäische Einigung vorantrieben, weil sie wussten, dass die Franzosen Angst vor ihnen hatten. Die Franzosen hatten dies in ihren Erklärungen und Handlungen sehr deutlich gemacht. Vor allem hatten sie das deutsche Szenario akzeptiert, wonach Deutschland Gefahr lief, seine westliche Orientierung aufzugeben, wenn die Währungsunion und die europäische Integration nicht gelingen würden - eine Befürchtung, die nach wie vor einen Großteil des französischen pro -europäischen Denkens antreibt. Mit diesem Wissen ausgestattet, waren die Deutschen in der Lage, die französischen Ängste auszunutzen. Diese Ängste haben den Spieß umgedreht, denn wenn Deutschland nicht erkannt hätte, dass Frankreich Angst davor hatte, dass Deutschland das Bündnis verlassen oder schwächen könnte, dann hätte es, Deutschland, Grund gehabt, zu befürchten, dass Frankreich das Bündnis verlassen oder schwächen könnte . Deutschland hätte sich vor einem Austritt Frankreichs oder einer Schwächung der deutsch-französischen Achse gefürchtet, gerade weil dies nur eine Rückkehr zur Politik des Gleichgewichts der Kräfte bedeuten könnte. Wie w ir gesehen haben, wird Großbritannien gewöhnlich dafür angegriffen, dass es das Gleichgewicht der Kräfte verfolgt hat - dass es die "ausgleichende Nadel" war, wie die Deutschen sagen. Aber in Wirklichkeit ist der Urheber dieser Politik Frankreich, nicht Gr oßbritannien. Sollte Frankreich jemals beschließen, dass es andere Prioritäten als die deutsch -französische Achse hat, dann gäbe es für Frankreich nur eine Alternative: die Rückkehr zur Politik des Gleichgewichts der Kräfte. Dies könnte in Form einer Annäh erung an Großbritannien, die Vereinigten Staaten oder Russland erfolgen. Nichts würde Deutschland mehr fürchten als die Möglichkeit, von Frankreich in der Mitte Europas im Stich gelassen zu werden, als potenzielles Opfer von Koalitionen gegen Deutschland. Umgekehrt weiß Deutschland, welches Potential die Achse mit Frankreich für es bietet. Ohne Frankreich an seiner Seite würde die Schaffung einer Währungsunion, die nur die Länder der D -Mark-Zone (Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Österreich, vielleicht e inige osteuropäische Staaten) einschließt, ganz einfach als das erscheinen, was sie in Wirklichkeit wäre: ein neues Deutsches Reich. Mit Frankreich hingegen wird die deutsche Hegemonie verschleiert. Die deutsche Macht wird durch das Bündnis mit Frankreich vergrößert, nicht verkleinert. Nicht umsonst bezeichnen sich die beiden Länder als "Motor der europäischen Integration". Frankreich hat sich in der Tat in die Beziehung zu Deutschland eingekauft, teils aus diesem Grund, teils weil die europäische Integrati on eine Rolltreppe war, vor der es zu viel Angst hatte, sie zu verlassen. Da Frankreich diese potenziellen deutschen Ängste nie ausnutzte und stattdessen nur seine eigenen demonstrierte, fühlten sich die Deutschen in


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der Lage, den französischen Vorschlag zu akzeptieren und ihn zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Anstatt den Unnahbaren zu spielen, versetzten sich die Franzosen in die Position des Bittstellers und überließen Deutschland stattdessen die Rolle des Unnahbar en. Deutschland sollte diese Rolle in den nächsten sechs Jahren bis zur Perfektion spielen, und eine Reihe von Maßnahmen festigte erfolgreich die deutsche Vorherrschaft über das Projekt der Währungsunion. Der erste Schritt bestand darin, darauf zu bestehen , dass die deutsche Geldpolitik die beste in Europa sei. Sobald dies akzeptiert war, folgte daraus, dass Europa die deutschen Institutionen und Praktiken übernehmen sollte. Die Aussage, dass die neue europäische Währung so stark wie die D -Mark sein müsse, wurde zu einem Schibboleth für alle deutschen politischen Äußerungen zur Währungsunion und wurde schnell von der gesamten europäischen politischen Klasse als heiliges Prinzip akzeptiert. Dabei wurde bequemerweise die Tatsache ignoriert, dass die D -Mark nicht die stärkste Währung in Europa ist: Es ist der Schweizer Franken, und wegen der verfassungsmäßigen Bindung an das Gold hat die Schweizer Zentralbank weit weniger politischen Ermessensspielraum als die Bundesbank. Es wurde jedoch argumentiert, dass die n eue Zentralbank unabhängig, föderal strukturiert und dem (nicht definierten) Ziel der Preisstabilität verpflichtet sein müsse - mit anderen Worten: eine Kopie der Bundesbank. Als im April 1989 der Delors-Bericht zur Währungsunion veröffentlicht wurde, war der Einfluss des damaligen Bundesbankpräsidenten Karl -Otto Pohl unübersehbar. Der nächste Schritt war von der deutschen Regierung vermutlich nicht vorhergesehen worden. Ein verärgerter ehemaliger Beamter der Europäischen Kommission, der sich über den Autor itarismus und den Dirigismus der EG ärgerte, verklagte die deutsche Regierung vor dem Bundesverfassungsgericht und behauptete, der Vertrag verletze die deutsche Souveränität. Dies verstoße gegen das Grundgesetz, so der Richter. Außerdem war zu diesem Zeitp unkt eine populäre Zeitungskampagne zur "Rettung der D -Mark" im Gange, und die öffentliche Meinung in Deutschland befürchtete, dass "unser schönes Geld" weggenommen werden sollte. Das Gericht entschied, dass der Vertrag die deutsche Souveränität nicht verletze. Im Einklang mit dieser Behauptung erklärte sich das Gericht in letzter Instanz für den Schutz der Grundrechte in Deutschland und für die Auslegung der Bedingungen, unter denen der Vertrag für Deutschland verbindlich war, zuständig. Dies war eine dire kte Infragestellung der vierzigjährigen europäischen Rechtsprechung, die stets vom Vorrang des Gemeinschaftsrechts vor dem nationalen Recht ausgegangen war.


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Die Folge davon ist eine sehr merkwürdige verfassungsrechtliche Si tuation. Alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union (wie sie mit dem Inkrafttreten von Maastricht im November 1993 entstanden ist) sind gleichermaßen dem EU-Recht unterworfen. Nur Deutschland hat erklärt, dass sein eigenes Recht im Konfliktfall Vorrang ha ben soll. Alle anderen vergleichbaren Konfliktfälle (wie der Fall Factortame im Vereinigten Königreich) haben zu einem klaren Sieg des Vorrangs des Gemeinschaftsrechts geführt. Damit befindet sich Deutschland gegenüber dem übrigen Europa in einer Position, die der Preußens im Deutschen Reich nach 1871 nicht unähnlich ist. Diese verfassungsrechtliche Schieflage ist durch die politische Praxis und die allgemeine Akzeptanz verstärkt worden. Es gilt heute als anerkannte Wahrheit - die von führenden Politikern i n Deutschland und anderswo als offizielle Politik verkündet wird -, dass eine Währungsunion keinen Sinn macht, wenn sie nicht Frankreich und Deutschland einschließt. Der Präsident der Bundesbank, Hans Tietmeyer, sagte: "Ich kann mir eine Währungsunion ohne Frankreich und Deutschland nicht vorstellen. Nicht ohne Deutschland, denn vermutlich haben die anderen Länder kein Interesse [an der WWU] ohne die Beteiligung des Landes, das bisher der Anker im europäischen Währungssystem war. Nicht ohne Frankreich, denn Frankreich ist ein Kernland der europäischen Integration. Eine Währungsunion zwischen Deutschland und einigen anderen kleinen Ländern könnte schnell zu problematischen und spaltenden Tendenzen in Europa führen." ¹⁴⁵ Frankreich und Deutschland bilden also den Kern der europäischen Integration, und nach dieser offiziellen Erklärung wird ein Vertrag und eine Gemeinschaft, die vorgibt, alle Staaten gleich zu behandeln, in Wirklichkeit von den beiden Staaten in ihrem Zentrum geführt. Ein weiteres Beispiel für de n deutschen Einfluss auf das Projekt der Währungsunion war die wichtige Entscheidung für Frankfurt als Sitz. Das deutsche Argument lautete, dass es nur in Frankfurt eine ausreichende "Stabilitätskultur" gebe - ein Beweis dafür, dass die dortige Zentralbank nicht "unabhängig" von ihrer Umgebung sein würde, falls es überhaupt eines Beweises bedurfte. Bundeskanzler Kohl jubelte und erklärte hinterher, dass die Wahl Frankfurts bedeute, dass "europäische Geldpolitik deutsche Geldpolitik sein wird". Dann kam die Namensänderung von "ECU" in "Euro". Dies wurde im Dezember 1995 beschlossen und bedeutete einen Bruch mit einem wichtigen französischen Symbol. Der Ecu war eine alte französische Goldmünze, und ECU war auch ein Akronym im Englischen. Indem sie die neue Wäh rung Euro tauften, machten die Deutschen auch deutlich, dass die Währungsunion einen Bruch mit dem früheren Europäischen Währungssystem darstellte und nicht


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dessen Fortführung. Das EWS war 1979 von Valery Giscard d'Es taing und Helmut Schmidt ins Leben gerufen worden und sollte sich gemäß dem Vertrag von Maastricht weiterentwickeln und verfestigen, bis sein Kernstück, der Ecu (Korbwährung), zu einer eigenständigen Währung wurde. Stattdessen erinnerten die Deutschen gern e daran, dass der Ecu seit seiner Erfindung immer wieder gegenüber der D -Mark abgewertet hatte. Die Umbenennung symbolisierte somit, dass die neue europäische Währungsordnung, die Währungsunion, auf einem klaren Bruch mit der bisherigen beruht, in der alle europäischen Währungen vertreten waren. Von nun an sollte allein das deutsche Modell und der deutsche Einfluss ausschlaggebend sein. So war es nicht verwunderlich, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Dezember 1995 vom "Prozess der Germanisierung in Europa" sprach. Bereits 1996 erklärten europäische Beamte so deutlich wie möglich, dass der Euro nichts anderes als die verkappte D -Mark sei. Es ging nicht nur darum, dass deutsche Politiker wie Theo Waigel von der "Euro -Mark" oder "EuropaMark" sprachen, wie er es bei verschiedenen Gelegenheiten getan hat. ¹⁴⁶ Es war subtiler und tiefgründiger. Der Präsident des Europäischen Währungsinstituts, Alexandre Lamfalussy, sagte gegenüber einer deutschen Zeitung: "Wir müssen die Deutschen davon überzeugen, dass eine Währungsänderung nicht gleichbedeutend mit einer W ährungsreform ist. "¹⁴⁷ Er fügte hinzu, dass die Deutschen vielleicht nicht den Euro, wohl aber die Währungsunion bräuchten. Auf den ersten Blick ergeben diese beiden Äußerungen keinen Sinn: Die Einführung des Euro ist eine Währungsunion, und die Änderung einer Währung ist eine Währungsreform. Sie sind nur verständlich, wenn man zwei Dinge annimmt: erstens, daß der Euro die D -Mark unter einem anderen Namen ist, in diesem Fall kann man sagen, daß die Deutschen die gleiche Währung beibehalten und somit keine Währungsreform durchführen; und zweitens, daß die WWU die Übernahme der D -Mark durch andere Länder impliziert, in diesem Fall könnte man sagen, daß die Deutschen die Währungsunion brauchen (d.h. die Anbindung anderer Länder an ihre Währungszone), nicht abe r die Einführung einer neuen Währung. Nach all diesen Erfolgen versuchte Deutschland weiterhin sicherzustellen, dass die von der künftigen europäischen Zentralbank verwendeten geldpolitischen Instrumente mit denen der Bundesbank übereinstimmen würden. Insbesondere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer betonte die Notwendigkeit von Geldmengenzielen (anstelle von Inflationszielen) als primäres Instrument der geldpolitischen Steuerung. ¹⁴⁸ Wie Bernard Connolly gezeigt hat, mag die Bundesbank die Präzision von Inflationszielen nicht, da sie ihren diskretionären Handlungsspielraum einschränkt. ¹⁴⁹ Zweitens betonte er die Notwendigkeit von Mindestreserveanforderungen, einem Lieblingsinstrume nt der Bundesbank. Mindestreservevorschriften verpflichten


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die Verrechnungsbanken, unverzinsliche Einlagen bei der Zentralbank zu tätigen. Die Zentralbank setzt diese Mittel ein, um Geld in den Markt zu geben, wenn Liquidität benötigt wird, und es zu nehmen, wenn zu viel vorhanden ist: ein zusätzliches Mittel, mit dem die Zentralbank ihre Kontrolle über den Finanzmarkt aufrechterhalten kann, insbesondere über die großen Banken, die ihrerseits die deutsche Industrie kontroll ieren.

Der feste Kern ist unser Gott*

In der Zwischenzeit hat der Plan der "konzentrischen Kreise" die Köpfe der deutschen Politiker nie verlassen. So sagte der Chef der Bayerischen Staatsbank, Franz -Christoph Zeitler, im November 1995: "Das Bild eines Europas der konzentrischen Kreise enthält viel Realismus. Damit es ein gültiges Konzept bleibt, muss der Frage der währungspolitischen Zusammenarbeit zwischen denjenigen EU -Staaten, die von Anfang an , an der Währungsunion teilnehmen, und denjenigen, die die s nicht tun, Aufmerksamkeit gewidmet werden. " ¹⁵⁰ Damit meinte er, dass die Schaffung eines neuen Europäischen Währungssystems, das die Nicht -EWU-Währungen an den Euro bindet, dem Modell eines harten Kerns von vereinigten Staaten entspricht, um den die and eren Staaten kreisen. Der Begriff "harter Kern" selbst wurde zum ersten Mal in einem politischen Dokument der regierenden Christdemokratischen Partei verwendet, das im September 1994 veröffentlicht wurde. Das Dokument erregte damals große Aufmerksamkeit, w eil es folgenden Satz enthielt: "Ohne eine solche Weiterentwicklung der [west -]europäischen Integration könnte Deutschland gezwungen oder aus eigenen Sicherheitsbedürfnissen versucht sein, Osteuropa allein und auf traditionelle Weise zu stabilisieren. " ¹⁵¹ Dies wurde weithin als Drohung verstanden, dass militärische Maßnahmen in Osteuropa notwendig werden könnten, wenn sich die politischen Mittel zur Gewährleistung der deutschen Sicherheit als unzureichend erwiesen. Es schien, als wäre Europa in das Jahr 1912 zurückversetzt. Das Dokument schockierte einige auch deshalb, weil die Deutschen die Länder nannten, die sich dem harten Kern anschließen sollten: Frankreich, Deutschland und die Benelux -Länder. Italien, ein Gründungsmitglied der

* Der feste Kern ist unser Gott". Ein altes lutherisches Kirchenlied beginnt: "Eine feste Burg ist unser Gott" - "Unser Gott ist eine feste Burg".


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Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, fühlte sich beleidigt, und die iberischen Staaten fühlten sich ausgegrenzt. Dass der Plan des harten Kerns aber bewusst auf die Überwindung des "Gleichgewichts der Kräfte" in Europa abzielte, zeigte sich daran, dass die Deutschen entschlossen waren, Belgien in den Plan aufzunehmen, obwohl die belgische St aatsverschuldung mehr als doppelt so hoch ist, wie es die Maastrichter Konvergenzkriterien zulassen. Der wichtigste Aspekt des Papiers war jedoch die Feststellung, dass die alten europäischen Institutionen mit einer Vielzahl neuer Mitglieder nicht mehr funktionieren könnten. In dem Papier wird bekräftigt, dass fünfzehn oder zwanzig Mitglieder zu einer institutionellen Blockade führen würden und dass stattdessen flexiblere Regelungen erforderlich seien. Das Dokument schlug daher vor, einen politisch, wirtsch aftlich und monetär geeinten "harten Kern" von fünf Staaten zu bilden, der die Institutionalisierung eines Europas der "verschiedenen Geschwindigkeiten" oder der "variablen Geometrie" ermöglichen würde. Der wesentliche Punkt klang vernünftig genug: "Diejen igen Länder, die bereit, willens und in der Lage sind, in der Zusammenarbeit und Integration weiter zu gehen, sollten nicht durch die Vetorechte anderer Mitglieder blockiert werden können".¹⁵² Aber in Wirklichkeit zeigten die Deutschen ihr übliches schwammiges Denken in konstitutionellen und europäischen Fragen. (Leider haben auch andere Länder, vor allem Großbritannien, in dieser Frage nicht klar gedacht). Natürlich haben andere Staaten nicht das Recht, andere Länder daran zu hindern, sich zu integrieren o der zusammenzuarbeiten, wie es ihnen beliebt; aber andere Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben natürlich das Recht, im Rahmen des institutionellen Gefüges der Verträge ihr Veto einzulegen, denn dieses Gefüge gehört allen Mitgliedern und ihren Inter essen und muss ihnen entgegenkommen. Dies wird deutlich, wenn man die Auswirkungen untersucht, die diese Vorschläge auf das Funktionieren der Europäischen Union haben sollen. Sie zielen darauf ab, diese Institutionen von innen heraus zu kontrollieren. Dies wurde deutlich, als in dem Dokument vorgeschlagen wurde, dass Frankreich und Deutschland ein Vetorecht bei der gesamten europäischen Politikgestaltung haben sollen. Der absolute Vorrang der deutsch französischen Achse, den das Dokument zu institutionalisi eren vorschlug, wurde eindrucksvoll bekräftigt, als es hieß: "Keine wesentliche außen - oder europapolitische Maßnahme sollte ohne die vorherige Zustimmung Frankreichs und Deutschlands durchgeführt werden können. " ¹⁵³ In Übereinstimmung mit der oben vorgesc hlagenen geopolitischen Analyse wird hinzugefügt, dass die deutsch -französische Achse seit dem Ende des Kalten Krieges "noch wichtiger" geworden sei. Frankreich, das sich


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geschmeichelt fühlte, kaufte diese Idee. Anfang 199 6 gab der französische Premierminister der Idee das offizielle Siegel der Regierung, als er "ein Europa mit zwei Ebenen" forderte, "eine Union des gemeinsamen Rechts, die die derzeitigen fünfzehn Mitglieder und diejenigen, die beitreten werden, umfasst; und im Herzen dieser Union, dieses ersten Kreises, einen zweiten und begrenzteren Kreis, der aus einer kleinen Anzahl von Staaten um Frankreich und Deutschland herum besteht, aus Nationen, die bereit und in der Lage sind, bei Themen wie der gemeinsamen Währu ng und der Verteidigung weiter oder schneller zu gehe n als andere".¹⁵⁴ Einer der Autoren dieses Dokuments, der außenpolitische Sprecher der CDU, Karl Lamers, erläuterte die Führungsrolle, die er für den harten Kern voraussah. In einer Reihe von Vorträgen und Artikeln, die er in ganz Europa hielt, erklärte er, dass der har te Kern eine vollständige politische Integration benötige und dass er "eine zentripetale oder magnetische Wirkung auf die anderen Länder ausüben werde. Jedes Land, das versucht, sich dem Einfluss der [Europäischen Zentral -]Bank zu entziehen, würde sich sel bst an den Rand drängen. Das wäre unmöglich. Er forderte ein Europa der "variablen Geometrie und des harten Kerns"; diejenigen, die sich seinen Plänen widersetzten, wies er als "nationale Ideologen" zurück; das Konzept der nationalen Souveränität bezeichnete er als "eine Illusion"; und er bestand darauf, dass Länder, die versuchten, sich dem Einfluss der Zentralbank zu entziehen, "egozentrisch und letztlich irrational" seien. ¹⁵⁵ In einem typischen Ausdruck deutschen Utopismus und Drangs nach Harmonie fügte er hinzu: "Die vitalen Interessen aller Europäer sind identisch. ¹⁵⁶ Lamers' Kollege Wolfgang Sch äuble ging ebenfalls auf die Kraft ein, die der harte Kern auf andere Staaten ausüben soll. Wenn wir die europäische Integration auf Kurs halten wollen, dann da rf nicht der langsamste Staat das Tempo bestimmen können. Wir brauchen die Dynamik der integrationswilligen und integrationsfähigen Mitgliedsstaaten, die nach vorne drängen. Sie sind der Kern eines Magnetfeldes: So ist unser Konzept des harten Kerns zu verstehen. "¹⁵⁷ Europa kann also nur zusammenhalten, wenn es geführt wird. Der gleiche Gedanke wurde auch vom Präsidenten der Bundesbank betont. Er verwendete das Bild der konzentrischen Kreise, um das Konzept eines Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten zu unter stützen:

Ein einheitliches Tempo für alle würde die Fortschritte bei der währungspolitischen und politischen Integration auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduzieren und damit wahrscheinlich eine größere europäische Einigung verhindern. Ein Europa, das vorankommen will, kann sich besser nach dem Modell der konzentrischen Kreise entwickeln. Die Mitglieder


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der engeren Stabilitätsgemeinschaft werden sich rascher und gründlicher zusammenschließen müssen. Die anderen EU -Mitgliedstaaten, die Teilnehmer am Europäischen Wirtschaftsraum und die assoziierten Staaten Mittel - und Osteuropas können sich zunächst mit geringeren Bedingungen zufrieden geben.¹⁵⁸

Wenn suggeriert wird, dass der harte Kern Deutschland in die Lage vers etzen wird, eine Hegemonie zu errichten, ist es wichtig, dass Hegemonie im eigentlichen Sinne des Wortes verstanden wird. Hegemonie bezeichnet nicht ein Verhältnis zwischen Beherrscher und Beherrschten, sondern zwischen Führer und Geführten. Die Forderung des Isokrates nach einem "Hegemon" für Hellas und der Erfolg Philipps von Makedonien bei der Erfüllung dieser Rolle waren nicht eine Frage seiner überlegenen Waffen oder gar seiner Kampffähigkeiten. Er hing vielmehr von der Bereitschaft der griechischen Staaten ab, sich im Kampf gegen die Perser hinter ihm zu vereinen. In der Tat wird die Hegemonie von den geführten Staaten in der Regel gerade deshalb akzeptiert, weil sie dem Hegemon ihre Loyalität schenken, wenn dieser darauf verzichtet, sie vollständig zu beherrschen. Preußen argumentierte gerade damit, dass es sich einbinden wolle, was, so Triepel, das Kennzeichen aller Hegemonen sei.¹⁵⁹ Die heutigen Deutschen sagen in ähnlicher Weise, dass Deutschland sich an Europa "einbinden" wolle. Genau genommen hatten die europäischen Staatsmänner 1871 Unrecht, wenn sie behaupteten, Deutschland habe eine europäische Hegemonie errichtet oder wolle sie errichten: Es gibt keinen Hegemon ohne Gefolgschaft. Der Kampf gegen "hegemoniale" Mächte im Europa des 19. Jahrhunderts war in Wirklichkeit immer und ausschließlich ein Kampf gegen den mächtigsten Staat. Es war ein Kampf um die Aufrechterhaltung des Machtgleichgewichts: es war nie der Kampf gegen einen wirklich führenden Staat in Europa. Hegemonie ist also nicht gleichbedeutend mit "Herrschaft". Die Deutschen, die immer wieder betonen, dass sie Europa nicht dominieren wollen - oder, was noch interessanter ist, zugeben, dass sie es allein nicht können -, versäumen es meist, zwischen Hegemonie und Dominanz zu unterscheiden. Das folgende Zitat des Chefvolkswirts der Bundesbank verdeutlicht die Verwirrung: "Das wirtschaftliche Gewicht Deutschlands und sein e politische Rolle haben nichts mit einem "Hegemoniestreben" zu tun. Vielmehr stellen uns Größe und Stellung Deutschlands vor die Aufgabe, das Zusammenwachsen des gesamten Kontinents politisch geordnet zu gestalten und uns in diese Ordnung einzufügen.'¹⁶⁰ Wenn aber ein Land die Integration nach dem eigenen nationalen Modell vorantreibt und dieses Modell damit auf andere Staaten ausdehnt, ist das klassische Hegemonie. Wie Triepel am Beispiel der


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hegemonialen Rolle Preuße ns bei der Förderung der deutschen Einigung erläutert, ist "Hegemonie immer ein Mittel zur "Integration". Jede Hegemonie setzt ein gewisses Maß an Föderalismus voraus.... Die Tatsache, dass Preußen [im Deutschen Reich] die Hegemonie ausübte, hat die [deuts che] Einheit nicht untergraben, sondern gestärkt.' ¹⁶¹ Der harte Kern ist also ein Instrument, das es Deutschland ermöglicht, sich den gegenwärtigen Zwängen des europäischen Rechts und der europäischen Institutionen (und dem Veto anderer Staaten) zu entziehen und stattdessen die europäischen Institutionen nach seinem eigenen Bild zu gestalten. In geopolitischer Hinsicht erinnert dies ein wenig an die Los -von-Rom-Bewegung, den Kulturkampf oder sogar an die Reformation selbst, bei der diese traditionell protestierende Nation versuchte, sich der einschränkende n Macht der in der ewigen Stadt ansässigen Weltkirche zu entziehen. Indem Deutschland ein multilaterales System von fünfzehn vor dem Gesetz gleichberechtigten Staaten durch ein System konzentrischer Kreise um einen harten Kern ersetzt, von dem Deutschland bevölkerungsmäßig 50 Prozent ausmacht, wird es Institutionen, die es früher kontrollierten, in solche umwandeln, mit denen es entscheidenden Einfluss auf andere Staaten ausüben kann. Mit anderen Worten: Die Institutionalisierung des harten Kerns dreht den Spieß um und vollendet die mit dem Karlsruher Urteil eingeleitete Umkehrung des Gemeinschaftsrechts aus vierzig Jahren. In diesem Sinne fordern einige deutsche Politiker (z.B. Finanzminister Waigel) die Abschaffung des Gesetzgebungsmonopols der Kommission und die Übertragung dieses Rechts auch auf die Regierungen: Eine Hegemonialmacht wird, wie Triepel gezeigt hat, immer versuchen, die zentralen Institutionen zu schwächen, die sie nicht kontrollieren kann. Diese Hegemonie kann sich etablieren, egal ob Deutschland schwach wird oder stark bleibt: Im ersten Fall kann es durchaus andere Staaten wirtschaftlich mit in den Abgrund ziehen.


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Europäische Integration und die Zentralisierung Deutschlands

Doch - alles, was mich dazu trieb, Gott! war so gut, ach war so lieb’ * Gretchen, in Goethe’s Faust ¹⁶²

Dieses Kapitel begann mit Überlegungen zum Zusammenhang zwischen den Machtverhältnissen in Europa und der Dezentralisierung in Deutschland, und es endet mit demselbe n Gedanken. Der Prozess der europäischen Integration wird nicht nur ein großes Gebiet um Deutschland herum zentralisieren, sondern auch Deutschland selbst. Der deutsche Föderalismus kann in einem integrierten Europa nicht überleben. Daher wird das, was die Deutschen sagen, dass es sie vor sich selbst retten wird, die europäische Integration, in Wirklichkeit das Fundament ihrer Nachkriegsfreiheiten, ihr föderales System, beseitigen. Die europäische Integration ist also weder gut für Europa noch gut für Deutschland. Denn die europäische Integration wird unweigerlich die Macht der Zentralregierung gegenüber der der Bundesländer stärken. Deutschland ist, wie andere Staaten auch, mit einem Minister im Ministerrat vertreten. Dieses Gremium ist für den Erlass von e uropäischem Recht zuständig, das in der gesamten EU gleichermaßen und unmittelbar gilt und an die Stelle des nationalen Rechts tritt. Je mehr gesetzgeberische und politische Macht auf die EU übertragen wird, desto mehr Macht wird in den Händen der deutsche n Bundesregierung, die im Ministerrat vertreten ist, auf Kosten der Länder zentralisiert. In Währungsfragen beispielsweise schränken die Maastricht Regeln zur Staatsverschuldung, die für den gesamten Staat gelten, die Freiheit der Länder zur Verwaltung ihr er eigenen Haushalte erheblich ein. Ein hochrangiger Beamter des deutschen Bundesfinanzministeriums hat darauf hingewiesen:

Die Nivellierung - oder besser gesagt die Reform - der föderalen Kompetenzstruktur [in Deutschland] ist ohne einen Austritt Deutsch lands aus der Europäischen Union nicht rückgängig zu machen, auch wenn sie eine

* Aber alles, was mich dazu getrieben hat, oh Gott, war so gut und so schön.


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Die verdorbene Quelle

erhebliche Einschränkung der Staatlichkeit der Länder bedeutet. Die Länder werden lediglich durch neue Mitwirkungsrechte unter Berücksichtigung der Mitgliedschaftsrechte der Bundesrepublik in den Organen der Europäischen Union und durch die Schaffung eines Ausschusses der Regionen kompensiert. Dieser durch eine Grundge setzänderung herbeigeführte A usgleich ist aber unzureichend.¹⁶³ Es ist kein Zufall, wenn dieser scharfsinnige Kommentator auch die hegemonialen Implikationen des harten Kerns bemerkt hat, denn interne Zentralisierung und externe Hegemonie sind in Wirklichk eit nur zwei Seiten derselben Medaille. Im gleichen Aufsatz schreibt er: "Die deutsche Europapolitik, die einen engeren Rahmen für integrationswillige und -fähige Mitgliedstaaten vorsieht, erweckt leicht den Verdacht, dass Deutschland versucht, sich eine h egemoniale Position zu verschaffen. Das besondere Verhältnis zu Frankreich, das im Ausland zunehmend als von Deutschland dominiert wahrgenommen wird, kann diesen Verdacht nicht entkräften. Aber ein solcher Verdacht kann für niemanden gut sein, schon gar ni cht für den wirtschaftlich stärksten Staat Europas. Deutschlands derzeitige Regierungschefs mögen von der Vision einer führenden Rolle Deutschlands in Europa angetan sein, so wie es ihre Vorgänger in der Vergangenheit getan haben. Aber wie in der Vergangen heit ist das nicht unbedingt das Richtige für das deutsche Volk selbst.

Deutsche Staatsauffassungen

Eine weitere Gefahr besteht darin, dass die Führungsrolle Deutschlands auf der Wirtschaft und nicht auf der Politik beruht. Vom Zollverein bis zur Europäischen Union hat Deutschland wirtschaftliche Mittel eingesetzt, um der politischen Schwäche der Mittellage zu entkommen. So wie Preußen den Zollverein nutzte, um sich aus den Zwängen des Deutschen Bundes zu befreien, so versucht das wiedervereinigte Deutsch land, seine Macht in der Mitte Europas zu festigen, indem es dort die wirtschaftliche Integration verstärkt. In Anbetracht dieser langen Tradition der Ökonomen ist es kein Zufall, dass der von Deutschland geführte Vorstoß für die Währungsunion auf wirtschaftlichem Management und nicht auf ausdrücklicher politischer Führung beruht: Karl Lamers hat die Währungsunion als "die höchste und reinste Form der Integration" bezeichnet. ¹⁶⁴ Diese Tradition hat sich tiefgreifend auf die deutsche Staatsauffassung ausgewirkt. Deutschland ist traditionell ein unpolitisches Land. Die Quellen der nationalen Identität in Deutschland waren im Allgemeinen nicht politisch,


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sondern eher kulturell oder wirtschaftlich. Als die intellektuelle Be wegung für die deutsche Einheit im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert in Gang kam, konzentrierten sich die Ideologen der nationalen Einheit, wie Fichte und Herder, auf die unpolitischen Phänomene der Kultur, der Sprache und sogar der Musik als die defin itiven Merkmale der deutschen Nation. Die Staatlichkeit war kein geeigneter Pol, um die deutsche Nation zu vereinen, weil sie keine Realität in der deutschen Geschichte darstellte. In den Teilen Deutschlands, in denen der Staat stark war, war das Konzept d es Staates illiberal: In Preußen zum Beispiel war die Armee offensichtlich der wichtigste Bezugspunkt. Staatlichkeit, sofern es sie gab, wurde nicht mit einer Rechtsordnung identifiziert, die freies Handeln erlaubte, sondern mit einer Struktur von Befehl und Gehorsam. Später, als sich Deutschland industrialisierte, wurde die Wirtschaft zu einem nationalen Bezugspunkt - die neuen Industriellen produzierten zum Beispiel Glühbirnen mit dem Namen Wotan. Eine richtige politische Identität wurde jedoch weiterhin vermieden.¹⁶⁵ In ähnlicher Weise war das wichtigste nationale Symbol im Nachkriegsdeutschland die D -Mark. In der Tat ist das gegenwärtige deutsche Unbehagen mit dem wiedervereinigten deutschen Nationalstaat und der Wunsch, diesen Staat sofort in Europa zu sublimiere n, ebenfalls symptomatisch für diese unpolitische deutsche Tradition. Darüber hinaus sind die deutschen Staatsbürgerschaftsgesetze im Wesentlichen rassisch - jus sanguinis bedeutet, dass man Deutscher ist, wenn die Eltern Deutsche waren - und nicht politis ch, wie in Ländern mit einer Tradition des jus solis wie Frankreich oder Großbritannien, wo man Brite oder Franzose ist, wenn man im Land geboren ist. Tatsächlich ist die politische Existenz sowohl Frankreichs als auch Großbritanniens seit jeher über die e thnische Zugehörigkeit hinausgegangen: Die Franzosen bestehen in Wirklichkeit aus vielen verschiedenen ethnischen Gruppen (bretonische Kelten, skandinavische Normannen, Deutsche aus dem Elsass, Flamen, Basken, Proven caux), während sich das Vereinigte König reich aus vier Nationen zusammensetzt. In beiden Ländern ist ein Mitglied der Nation ein Untertan (des Gesetzes, wie der Krone) oder ein Bürger. Nach deutschem Recht setzt sich die deutsche Nation dagegen aus Menschen zusammen, die untereinander blutsverwa ndt sind. Zu keiner Zeit in der deutschen Geschichte haben die Grenzen des deutschen Staates oder der deutschen Staaten mit den Grenzen der deutschen Nation übereingestimmt. Entweder haben diese Grenzen die Deutschen außen vor gelassen, oder diese Grenzen gingen weit darüber hinaus, in fremdes Territorium und unter Einbeziehung von Nicht -Deutschen. Folglich hat sich der deutsche Nationalismus nach dem Scheitern der liberal -nationalen Bewegung im Jahre 1848 nie erfolgreich mit dem territorial definierten Kon zept des Nationalstaates identifiziert.


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Stattdessen hat der alte mittelalterliche Traum eines universellen Reiches die Phantasie der Deutschen nie ganz verlassen. Aus diesem Grund berufen sich die modernen europäischen Föde ralisten auf Karl den Großen: Das Heilige Römische Reich war das Urbild der universellen Monarchie. (Das Reich Karls des Großen war auch sehr stark reguliert: In einem Kapitular nach dem anderen legten Karl der Große und seine Nachfolger detaillierte Vorsc hriften für jeden Aspekt des wirtschaftlichen, politischen und religiösen Lebens im gesamten Reich fest". ¹⁶⁶) Die fließenden Grenzen Deutschlands, die besondere Rolle des Heiligen Römischen Kaisers als weltliche Hälfte eines zweischaligen Weltreichs, die verspätete oder gar gescheiterte politische Existenz des Landes als Nation, die damit einhergehende unpolitische Mentalität - all dies ermutigte die Deutschen, ihr Land als Verkörperung universeller Souveränität zu sehen. Daher ist es bezeichnend, dass das "Denken in Räumen" in der neueren deutschen Europareflexion wieder üblich geworden ist, wenn auch in erster Linie in einem wirtschaftlichen Kontext. Es ist üblich, sich auf einen

Europa, so Hans-Dietrich Genscher, der ehemalige deutsche A ußenminister.


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"gemeinsamen Währungsraum", den "europäischen Wirtschaftsraum" zu beziehen oder zu sagen, dass "Deutschland nun in die Mitte des gesamten europäischen Wirtschaftsraums zurückgekehrt ist". ¹⁶⁷ Es ist auch üblich, dass Kommentatoren davon träumen, dass die Welt in große Wirtschaftszonen aufgeteilt wird (in der Regel die USA, ein D -Mark-dominiertes Europa und ein Yen-dominierter Ferner Osten). Daher", so wurde in einem solchen Fall argumentiert, "wird Deutschl and zu einem der Machtzentren der Welt werden. "¹⁶⁸ Das auffälligste Beispiel für das Raumdenken ist die umseitig abgebildete Europakarte von Hans -Dietrich Genscher, die die Grenzen Europas entlang vermeintlich wirtschaftlicher Linien hubristisch neu zieht. Tatsächlich ist diese Art des "wirtschaftliche n" Raum-Denkens ganz offensichtlich Schwachsinn: Warum wird Großbritannien ausgeklammert, während Polen, Königsberg/Kaliningrad und die baltischen Staaten einbezogen werden, zum Beispiel? Die einzige Erklärung dafür ist, dass dies mehr einem politischen Konzept und imperialer Nostalgie geschuldet ist als einer auch nur annähernden Analyse der Realitäten wirtschaftlicher Interaktion. Trotz der "Aufteilung" in Zonen ist Genschers Deutschland der Knotenpunkt der Wirtschaft des gesamten Kontinents. Einige Historiker des deutschen Denkens haben argumentiert, dass diese Art des Denkens und insbesondere der deutsche Traum von universeller Souveränität der Schlüssel zur deutschen Aggres sion in zwei Weltkriegen ist.¹⁶⁹ Gerade weil die deutsche Nation als Reich geein t war - also als ein Gebilde, das Anspruch auf universelle Souveränität erhebt, und nicht als Nationalstaat - neigten die Deutschen dazu, die Selbstbehauptung des Staates mit Messianismus und Aggression zu verbinden. Thomas Mann, der den deutschen Expansio nismus im Ersten Weltkrieg unterstützte, identifizierte den deutschen Drang zur Weltpolitik (den Wunsch, eine Weltrolle zu übernehmen) mit der in Deutschland vorherrschenden philosophischen Schule des Idealismus, die glaubt, dass die einzige Realität unive rsell ist. Das 'Weltvolk des Geistes', schrieb er, ... wollte ein Weltvolk werden ... das Weltvolk der Wirklichkeit.'¹⁷⁰ Gewiss, fügte er dann hinzu, "... wenn nötig durch einen gewaltsamen Durchbruch". Das ist jetzt sicherlich nicht der Fall. Aber wie die ses Kapitel zu zeigen versucht hat, handelt es sich um eine falsche Dichotomie zwischen einem "europäischen Deutschland" auf der einen und einem "deutschen Europa" auf der anderen Seite. Es ist eine falsche Dichotomie, weil die deutschen Interessen gerade dadurch verwirklicht werden, dass andere Staaten ihre Nationalität aufgeben und stattdessen das unpolitische, deutsche Verwaltungsmodell übernehmen. Denn so wie Deutschland traditionell versucht hat, seine Macht mit wirtschaftlichen Mitteln gegen die polit ischen Versuche Frankreichs und anderer Staaten durchzusetzen, impliziert der


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Aufbau eines supranationalen Europas die Abschaffung dessen, was traditionell ein Gegengewicht zur deutschen Macht darstellte - die Politik. Deutschland hat also ein großes Interesse daran, dass die politischen Strukturen in Europa abgebaut und durch wirtschaftliche ersetzt werden. Die deutsche Nation kann auch ohne Staat existieren - und hat dies in der Regel auch getan. Die Abschaffung der Staat lichkeit würde die Deutschen nicht daran hindern, die europäische Wirtschaftspolitik maßgeblich mitzugestalten. Im Gegensatz dazu würden die Franzosen, die Briten und andere Nationen nicht existieren, wenn sie nicht in einem Staat konstituiert wären, da si e politische Nationen sind. Ein "postnationales" Europa wäre also ein deutsches Europa, in dem Deutschland Europa sowohl vom Prinzip als auch von der Größe her dominieren würde.¹⁷¹ Bei der Verfolgung ihrer eigenen vermeintlichen Interessen verhält sich die deutsche Regierung wie die Regierung jedes anderen Staates. In der Tat ist es seltsam zu behaupten, wie es die Befürworter der deutschen Europapolitik implizit tun, sie sei ein zigartig, weil sie allein aus altruistischen Motiven handle - als ob die Deutschen doch irgendwie anders wären als alle anderen. Als normale, legitime Praxis ist an ihrem Verhalten absolut nichts auszusetzen. Die Gefahr besteht vielmehr darin, dass die Deu tschen, wenn sie sagen, dass das Konzept der nationalen Souveränität eine leere Hülle ist, dass das Gleichgewicht der Kräfte aufgegeben werden sollte und dass Grenzen irrelevant sind, in Wirklichkeit einen alten und nicht unbedingt liberalen deutschen Trau m propagieren - während sie sich selbst etwas anderes vormachen oder vormachen.


BILD

Prudence und Fortitude sind unter anderem die Höflinge des Gemeinwohls in Lorenzettis Allegorie der guten Regierung. Unter ihnen befin den sich Kavaliere, Soldaten und eine Reihe von Bürgern in Eintracht.


IV Die europäische Ideologie Wir unsererseits haben gelernt, nur die primitive Sprache des Gesetzes zu sprechen und nicht den verwirrenden Jargon ihrer babylonischen Kanzeln. Edmund Burke, Reflexionen über die Revolution in Frankreich

Aus den vorangegangenen Kapiteln, in denen die europäische Propaganda der Kriegszeit und die Geschichte der Stellung Deutschlands in Europa analysiert wurden, ergeben sich zwei zentrale Themen. Das erste ist die Feindseligkeit gegenüber den Konzepten der Souveränität und des Nationalstaates. Das zweite ist das, was man als "Ökonomismus" bezeichnen könnte, d. h. die Auffassung, dass Politik im Wesentlichen aus der Verwaltung von Wirtschaft und Gesellschaft besteht. Diese beiden Themen sind eng miteinander verbunden. Wie wir gesehen haben, ist es eines der Hauptargumente der zeitgenössischen europäischen Ideologie, dass Souveränität und Nationalstaat anachronistische Konzepte sind. Es ist auch ein Gemeinplatz zu argumentieren, dass das moderne Europa zusammenarbeitet, während die Staaten in früheren Jahrhunderten entschlossen waren, in Autarkie und Isolation voneinander zu leben, weil sie sich als souverän betrachteten. Da die "absolute Macht" einzelner Staate n anachronistischer Unsinn sei, so das Argument, gehöre die Zukunft großen geoökonomischen Ensembles. Ein deutscher Zentralbanker hat argumentiert, dass "eine Vielzahl von Kleinstaaten [Kleinstaaterei] für die heutige Weltwirtschaft nicht geeignet ist". ¹ Einzelne Staaten seien nicht mehr in der Lage, ihre Angelegenheiten "isoliert" zu regeln, daher müssten sie sich zusammenschließen, um mächtiger und "souveräner" zu werden. Die Technologie, der Luftverkehr, die Geldmärkte, die Globalisierung des Handels und die Entwicklung der Massenkommunikation werden gewöhnlich als Gründe dafür angeführt, dass die Staaten nicht mehr in Autarkie leben können - was nach der europäischen Ideologie Souveränität bedeutet. Einige argumentieren sogar, dass der Staat selbst ein a nachronistisches Konzept ist, das in einer wirtschaftlich verflochtenen Welt, in der die Macht der Märkte größer zu sein scheint als die der einzelnen Staaten selbst, überholt ist. Ihnen schließen sich diejenigen an, die wie Kenichi Ohmae von der Macht multinationaler Unternehmen fasziniert sind und schreiben, dass der "Regionalstaat" den Nationalstaat ersetzen wird, da die Volkswirtschaften der "Regionen" stärker integriert werden. ² Andere behaupten, dass


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multinationale Un ternehmen heute reicher und mächtiger sind als Staaten und dass sie diese daher als primäre menschliche Gruppierungen ersetzen werden. Es gibt also eine seltsame politische Allianz zwischen antinationalen Marktwirtschaftlern (die man als liberale Technokra ten bezeichnen könnte) und planerischen Dirigisten: Beide halten nationale Souveränität für unerklärlich und irrelevant. Einige Teile des Großkapitals teilen diese Ansicht. Diese Überzeugungen werden sowohl von den One -Worldisten als auch von den europäischen Föderalisten vertreten. Beide Lager sind faktisch in einem Bündnis gegen den Nationalstaat. Sicherlich sagen nur wenige europäische Föderalisten, dass sie den Nationalstaat ganz abschaffen wollen. Tatsächlich aber zeigen alle ihre Theorien eine Ignoran z gegenüber seiner politischen Existenzberechtigung. Sie behaupten stets, dass eine supranationale Regierung mit der nationalen Identität vereinbar ist oder sogar den Fortbestand der Nationen sichert, weil diese nicht in der Lage sind, ihre "existenziellen Probleme" allein zu lösen. ³ Gleichzeitig tun sie oft schon den Begriff der Souveränität als unverständlich ab - Wolfgang Schauble hat beispielsweise die "akademische Debatte darüber, ob Europa eine Föderation oder ein Staatenbündnis ist", abgelehnt ⁴ - und legen ein ökonomistisches oder unpolitisches Konzept der Nationalität an den Tag, das den Nationen alles außer politischer Unabhängigkeit zugesteht. Das deutsche föderale System ist für diese Menschen ein wichtiges Modell. In ihrem Sprachgebrauch i st Deutschland ein "postnationaler Staat". Es gilt gerade deshalb als modern und lobenswert, weil es die Frage der Souveränität (die sie für unbeantwortbar und sogar unverständlich halten) durch die Aufteilung der Macht auf verschiedene Ebenen aus dem Weg geräumt hat. (Es ist merkwürdig, dass die europäischen Föderalisten nie auf das amerikanische Modell verweisen, wo die Gewaltenteilung viel stärker ist. Es ist auch merkwürdig, dass die Deutschen selbst dazu neigen, ihre eigene Souveränität weniger abzuleh nen, wenn es um Dinge geht, die ihnen wirklich am Herzen liegen, wie der Abzug der sowjetischen Truppen aus ihrem Gebiet oder die Umwandlung der D -Mark in den Euro). Diese kluge deutsche Art, für ständige Harmonie und Konsens zu sorgen, hat, so wird behaup tet, sowohl Deutschlands innenpolitische als auch seine internationalen Probleme gelöst: Sein friedlicher Charakter beruhe in der Tat auf der Verwässerung der zentralisierten Macht innerhalb des Landes und, international, auf seiner institutionalisierten p olitischen Verflechtung mit anderen Staaten. Als solches sei Deutschland ein Modell für Europa und die Welt. Im Grunde zielt diese Haltung darauf ab, das politische Leben vollständig abzuschaffen. Aus diesem Grund ist das europäische Aufbauwerk so grundlegend undemokratisch. Denn der "Krieg", den die Pro -Europäer


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angeblich abschaffen wollen, ist nicht nur ein militärischer Kampf. Wie der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU -Bundestagsfraktion, Karl Lamers, deutlich gemacht hat, soll die europäische Integration alle Formen der Rivalität zwischen den Nationen überwinden: Wenn die großen Nationen Europas", so Lamers, "kein System entwickeln, das den Krieg institutionell ausschließt, dann werden sie vielleicht ande re Kriege führen als in der Vergangenheit". ⁵ Letztlich geht es aber um die Überwindung menschlichen Handelns. Sowohl Herr Lamers als auch sein Chef, Bundeskanzler Kohl, sprechen als Jünger von Clausewitz, wenn sie freies Volkstum mit Krieg gleichsetzen. Wenn der Krieg die Fortsetzung der Politik mi t anderen Mitteln ist, dann ist die einzige Möglichkeit, den Krieg abzuschaffen - ob man mit "Krieg" nun den militärischen Kampf oder den wirtschaftlichen Wettbewerb meint -, die Abschaffung der Politik selbst. In Wirklichkeit hat sich Clausewitz natürlich geirrt: Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik, sondern vielmehr die Folge ihres völligen Scheiterns. Doch die Ansicht, dass Krieg unvermeidlich ist, solange Europa auf der Grundlage freier Nationalstaaten strukturiert ist und solange diese Nationen miteinander konkurrieren, ist eine alte deutsche Ansicht, wie wir im vorherigen Kapitel gesehen haben. Der deutsche Bundeskanzler im Ersten Weltkrieg, Theobald von Bethmann -Hollweg, benutzte dieses Argument, um die Verantwortung seines Landes für den Ausbr uch des Krieges zu entschuldigen: Der Imperialismus, der Nationalismus und der ökonomische Materialismus, die in der letzten Generation die Grundzüge der Politik jeder Nation bestimmt haben, setzten Ziele, die nur um den Preis einer allgemeinen Feuersbrunst verfolgt werden konnten. " ⁶ Wie alle anderen Theorien der historischen Unvermeidbarkeit hat auch diese den Vorteil, die wahren Urheber politischer Entscheidungen zu entlasten. Der Wunsch, die Politik zu überwinden, beruht auf der Annahme, dass das freie menschliche Handeln - sei es in internationalen Angelegenheiten oder in der Innenpolitik - instabil und gefährlich ist, wenn es nicht von oben auferlegten Strukturen unterliegt. Menschen, die so denken, können sich nicht vorstellen, dass es eine Ordnung gi bt, die sie nicht bewusst gestaltet haben: Sie können sich nicht vorstellen, dass Menschen und Staaten selbst in der Lage sein könnten, Regeln - vielleicht unausgesprochene - zu entwickeln, um einen friedlichen freien Handel zu fördern. Die Politik, der In begriff solchen freien menschlichen Handelns, wird als Bedrohung empfunden - und das einzige Gegenmittel gegen diese, die eigentliche Regung des menschlichen Lebens, besteht darin, die Menschen stattdessen mit den einschläfernden Gewissheiten einer anonyme n Wirtschaftsplanung zu betäuben.


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Deshalb ist diese Souveränitäts - und Staatsfeindlichkeit destruktiv für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Das bedeutet nicht, dass kein Anhänger der europäischen Ideologie liberal im weit esten Sinne ist. Es bedeutet vielmehr, dass es sich bei den Auseinandersetzungen zwischen einem Befürworter und einem Gegner der europäischen Ideologie nicht um Argumente über unterschiedliche außenpolitische Optionen oder wirtschaftliche Prioritäten hande lt, sondern um sehr tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten zwischen zwei unterschiedlichen Auffassungen von der Rolle des Staates und des Rechts. Wie bei vielen derartigen Auseinandersetzungen handelt es sich oft um einen Streit zwischen Menschen, denen etwas wichtig ist, und solchen, die sich der Bedeutung dieser Sache nicht bewusst sind. Wenn man kein liberales Erbe hat, kann man leicht in illiberale Positionen abrutschen, ohne sich dessen bewusst zu sein, denn viele unserer politischen Entscheidungen un d Reaktionen werden durch Instinkt oder Gewohnheit und nicht durch bewusste Überlegungen bestimmt. Wie Churchill einmal sagte: "Wir formen unsere Institutionen, und unsere Institutionen formen uns". Wenn wir zulassen, dass ein ganzer Superstaat auf illiberalen Fundamenten errichtet wird, wird sich dieses Erbe wahrscheinlich nur weiter verfestigen und verstärken.

Demokratie wird vom Ökonomismus verdrängt

Der Liberalismus war und ist die Hauptursache für die Schwäche der Schwäche der Gemeinschaft". Französisches Lehrbuch über die Europäische Union ⁷

Der unpolitische Charakter des Prozesses der europäischen Integration gehört zu seinen Wurzeln. Europa ist von Anfang an eine Wirtschaftsgemeinschaft gewesen. Kohle und Stahl, Atomenergie, Landwirtschaft, der gemeinsame Markt, die einheitliche Währung - das sind die Bausteine der bisherigen europäischen Konstruktion. Die eigentlichen politischen Elemente der europäischen Integration bleiben indes schwach. Was Integrationspolitiker als "politische Union" bezeichnen, ist kaum mehr als die Harmonisierung de r Steuer- und Fiskalpolitik und vielleicht die Zentralisierung der außen - und verteidigungspolitischen Entscheidungen durch die Staatschefs und Außenminister der Mitgliedstaaten. Die "Politische Union" ist nicht die ausdrückliche Schaffung einer europäisch en Regierung oder eines europäischen Staates - auch wenn sie das in der Tat werden wird. Im Gegenteil,


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die wahre politische Natur dessen, was vorgeschlagen wird, wird im Allgemeinen als verstärkte Zusammenarb eit oder Integration zwischen den Mitgliedstaaten verschleiert. Diese Verschleierung ist zum Teil eine Folge der bürokratischen und unpolitischen Tendenz, die die gesamte moderne europäische Politik sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene betrifft. Sie ist auch das Ergebnis der ursprünglichen Absicht der Gründerväter der Europäischen Union, insbesondere von Jean Monnet, die darin bestand, alle potenziellen politischen Hindernisse für ihre Integrationspläne zu umgehen, indem sie Institutionen mit scheinbar technischem Charakter schufen. Genau aus diesem Grund ist keine der Institutionen der Europäischen Gemeinschaft demokratisch. Das sollten sie auch nie sein. Stattdessen sollten sie die Entscheidungsfindung der Exekutive erleichtern, ein Zie l, das traditionell dadurch erreicht wurde, dass die Entscheidungsfindung auf nicht rechenschaftspflichtige und nicht gewählte Institutionen übertragen wurde. Der hybride Verfassungscharakter Europas (teils zwischenstaatlich, teils föderal) führt dazu, das s alle Institutionen der Europäischen Union die exekutive und technische Macht der legislativen vorziehen. Am deutlichsten wird dies im obersten Gesetzgebungsorgan, dem Ministerrat. Der Rat, der im Geheimen tagt und abstimmt, setzt sich aus Ministern der Mitgliedstaaten zusammen. Dies ist die gründlichste Verwechslung zwischen Exekutive und Legislative, die man sich vorstellen kann: Indem die Regierungen der europäischen Mitgliedstaaten sich - wie mit einem verfassungsrechtlichen Zauberstab - von Mitgliedern der Exekutive in Gesetzgeber verwandeln können, können sie Gesetze verabschieden, ohne sich der lästigen oder unwürdigen Befragung durch das Parlament, geschweige denn der Zustimmung, unterziehen zu müssen. Dies erklärt zweifellos die große Beliebtheit d er Europäischen Gemeinschaft bei den Regierungen der Mitgliedsstaaten. Der Rat ist weder einem Parlament noch einer Wählerschaft gegenüber verantwortlich. Seine Mitglieder, die nationalen Minister, werden im Allgemeinen - aber nicht unbedingt - gewählt. Aber als Gremium ist der Rat sicherlich weder gewählt noch rechenschaftspflichtig. Theoretisch sind die einzelnen Minister ihren nationalen Parlamenten und Wählern gegenüber rechenschaftspflichtig; in der Praxis ist dies jedoch nicht der Fall, da bei Mehrheitsentscheidungen die Verbindung zwischen den nationalen Parlamenten und den Ministern unwiderruflich unterbrochen wird. Ein Minister kann sich darauf berufen, dass er überstimmt wurde, wenn ein Gesetz verabschiedet wird, gegen das sein nationales Parlament war. Aufgrund des allgemein anerkannten Grundsatzes, dass das Gemeinschaftsrecht Vorrang vor


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dem nationalen Recht hat, kann ein nationales Parlament in solchen Fällen nichts unternehmen. Selbst in den seltenen Fällen, in denen sich die nationalen Parlamente für europäische Rechtsvorschriften interessieren, während diese vorbereitet werden - viele Parlamente, wie das französische, werden nicht einmal zu europäischen Rechtsvorschriften konsultiert, während sie ausgearbeitet werden -, und selbst in dem einzigen Fall (Dänemark), in dem das Parlament den Ministern tatsächlich ein bestimmtes Verhandlungsmandat erteilt, hat ein nationales Parlament letztlich keine Macht, zu einer Maßnahme ja oder nein zu sagen. Der Ministerrat ist das beste Beispiel für Ermessensspielraum, das man sich vorstellen kann: Er wird von niemandem kontrolliert und ist niemandem gegenüber verantwortlich. Darüber hinaus werden 80 % der vom Rat gefassten Beschlüsse von seinen Beamten in Verhandlungen vor den eigentlichen Ministertreffen vorbereitet. Dies unterstreicht den exekutiven oder dirigistischen Charakter eines Großteils der europäischen Gesetzgebung. Ein verworrener und weitgehend verdeckter Prozess des bürokratischen Dialogs zwischen nationalen und europäischen Bürokratien ist somit die Hauptquelle für europäische Entscheidungen, die vom Rat ausgehen wie der Rauch vom Konklave der Kardinäle, die einen neuen Papst wählen. Derartige Verfahren können bei der Verwirklichung technischer und genau definierter Ziele wie der Verwirklichung des Binnenmarktes vertretbar sein, da der Rat sozusagen eine von den nationalen Parlamenten delegierte Gesetzgebungskompetenz ausübt. Sie, die Träger der demokratischen Legitimation, gestatten dem Rat, an ihrer Stelle Gesetz e zu erlassen, weil sie der Meinung sind, dass sich so die vereinbarten Ziele besser erreichen lassen als durch eigenes Handeln. Solche Methoden sind jedoch als konstitutionelles Modell für die allgemeine Politikgestaltung offensichtlich inakzeptabel. Sie wären mit Sicherheit völlig undemokratisch, wenn die vom Rat ausgeübte Befugnis als autochthon angesehen würde - d.h. nicht durch Delegation von Parlamenten, sondern aus eigenem Recht - oder wenn die Definition der zu erreichenden Ziele elastisch wäre. Die s wird bei der Gemeinsamen Außen - und Sicherheitspolitik der Fall sein, deren weit gefasste und unterschiedliche Ziele durch Mehrheitsentscheidungen festgelegt werden sollen. Obwohl der Rat die oberste gesetzgebende Gewalt ausübt, ist die Kommission de facto das mächtigste Organ der EU. Sie setzt sich aus Beamten zusammen, d. h. aus nicht rechenschaftspflichtigen und nicht gewählten Beamten. Ihre Aufgabe ist es, die in den Verträgen festgelegten politischen Leitlinien, wie sie von den Regierungen vereinbart wurden, umzusetzen. Als neutraler Hüter der Verträge genießt er verfassungsmäßige Unabhängigkeit von den Regierungen.


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Da die tatsächliche Zusammensetzung des Rates variiert (je nach Thema nehmen verschiedene Minister an ihm teil: die Landwirtschaftsminister am Rat "Landwirtschaft", die Finanzminister am Rat "Wirtschaft und Finanzen" usw.), ist der Einfluss der Kommission verhältnismäßig groß. Sie ist nicht nur ständig anwesend, sondern hat als Vertreterin des gemeinsamen Interesses auch ein großes moralisches Gewicht. Ihr Übergewicht trägt zur bekannten bürokratischen Kultur der EU bei. Das letzte Fenster zur Demokratie wird sich schließen, wenn eine Währungsunion geschaffen wird, die von einer unabhängigen Ze ntralbank verwaltet wird. Dann werden alle Hebel der Macht in den Händen von nicht rechenschaftspflichtigen und nicht gewählten Gremien liegen. Die Bank, die Kommission und der Rat werden die Macht unter sich aufteilen, aber keiner der drei wird ein demokr atisches Mandat haben und keiner Institution oder Wählerschaft gegenüber rechenschaftspflichtig sein. Diejenigen, die vorschlagen, dass das Europäische Parlament diese Lücke füllen kann, indem es eines Tages das Parlament des gesamten Kontinents wird, zeig en nur eine peinliche Unkenntnis darüber, was ein Parlament sein sollte. Das bedeutet, daß die Europäische Währungsunion anders sein wird als jede andere Art von politischer Vereinigung. Sie wird eine Union von Staaten sein, die zwar ihre formale Souveräni tät behalten, deren wesentliche politische Befugnisse aber von Institutionen ausgeübt werden, über die ihre Völker keine Kontrolle haben. Die unabhängige Zentralbank wird die Geldpolitik betreiben, die wichtigste staatliche Ermessensbefugnis. Der Ministerr at (oder der Stabilitätsrat, ein von den Deutschen vorgeschlagenes und inzwischen von der Kommission akzeptiertes Gremium, das die Mitgliedstaaten der Währungsunion vereinen soll) wird versuchen, die Steuer - und Haushaltspolitik im Namen des unpolitischste n aller Dinge, der Währungsstabilität, zu harmonisieren. Es wird kein "europäisches Volk" geben, in dessen Namen diese Befugnisse ausgeübt werden. Die nationalen Regierungen werden technisch verantwortlich sein, aber wenn sie zu einer bestimmten Politik ge drängt werden, werden sie sich auf Europa als Grund für die Durchführung dieser Politik berufen. Es sind vor allem die ökonomischen oder unpolitischen Annahmen, die dem europäischen Aufbauwerk zugrunde liegen, die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bedrohe n. In Europa (und nicht nur auf europäischer Ebene) wird weithin davon ausgegangen, dass Politik einfach die Verwaltung der Wirtschaft ist und dass es ausreicht, dies gut zu tun, auch wenn es keine Demokratie gibt. Die europäische Ideologie ist in der Tat nicht plötzlich aufgetaucht. Sie ist im Gegenteil die natürliche Fortsetzung vieler Tendenzen,


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die in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union, in denen Korporatismus und Dirigismus die Norm sind, lebendig sind. Den Verfechtern solcher Ansichten erscheinen Staatlichkeit und politisches Handeln unübersichtlich und unlogisch. Es scheint viel besser zu sein, die Welt rational zu organisieren, Spaltung und Streit zu überwinden und ein politisch wirtschaftliches System zu sch affen, das Harmonie statt Konflikte fördert. Viele Europäer glauben, dass eine solche pan -kontinentale Wirtschaftsverwaltung (was Jacques Delors und seine Anhänger liebevoll als "Wirtschaftsregierung Europas" bezeichnen) angestrebt werden kann, ohne an die Konzepte von Staatlichkeit und Souveränität zu denken - oder sich bewusst dagegen zu stellen. Wenn man diese Konzepte ignoriert, läuft man Gefahr, politische Aufgaben auf unpolitische Art und Weise zu bewältigen. So wird sich beispielsweise die europäische Währungsunion, sollte sie zustande kommen, völlig von der deutschen Währungsunion zwischen Ost - und Westdeutschland unterscheiden, bei der die erstere die Währung der letzteren übernommen hat und von der sich das europäische Projekt in gewisser Weise ins pirieren lässt. Diese Union war ein politisches Unterfangen, das als solches ehrlich und öffentlich propagiert wurde und ein klares politisches Ziel verfolgte: die vollständige politische Aufnahme Ostdeutschlands in die Bundesrepublik sechs Monate später. Dies bedeutete das formale und reale Verschwinden der Deutschen Demokratischen Republik als souveräner Staat und die Ausweitung der Souveränität der Bundesrepublik auf das von ihr besetzte Gebiet. Für die europäische Währungsunion gibt es keinen derartigen klar bekräftigten politischen Plan. Im Gegenteil, es wird versucht, den politischen Einigungsprozess hinter dem Deckmantel wirtschaftlicher Formalitäten zu verschleiern. Es gibt keinen klar erklärten Versuch, einen souveränen europäischen Staat zu schaffe n, auch wenn dies die wahrscheinliche Folge der Währungsunion sein wird. Europa hat vielmehr eine Reihe von Politikern, die nur selten mit klar formulierten politischen Zielen zu handeln scheinen und deren Reden eher denen eines Buchhalters als denen eines Staatsmannes ähneln. Die Schwächung der Souveränität bedeutet jedoch eine Schwächung der Staatlichkeit, und eine Schwächung der Staatlichkeit bedeutet einen Angriff auf die Grundlagen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit selbst.


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1. Souveränität, Rechtspersönlichkeit und das Recht zu herrschen

Die Idee einer unveräußerlichen Souveränität des Nationalstaates hat immer noch Gewicht, auch wenn diese Souveränität längst eine leere Hülle geworden ist. Überlegungen zur Europapolitik", CDU/CSU Bundestagsfraktion, September 1994

Es ist amüsant, dass die europäischen Ideologen Schwierigkeiten haben, das Konzept der nationalen Souveränität zeitlich zu verorten, obwohl sie zu wissen scheinen, dass es überholt ist. Jahrhundert', womit sie vermutlich an das Jahrhundert erinnern wollen, in dem ihre eigene Nation geeint wurde und das in den Rivalitäten und dem Blutvergießen des Ersten Weltkriegs gipfelte. Jahrhundert', womit sie vermutlich die Französische Revoluti on meinen, die unter anderem die Souveränität des Volkes proklamierte. Beide Daten sind falsch: Die Konzepte der Souveränität und der Nation sind ewig. Schon im Buch Genesis ist von "Nationen" die Rede. ⁸ Die Macht des Staates wird sowohl von Christus als a uch vom heiligen Paulus im Neuen Testament⁹ sowie von Kirchenvätern wie dem heiligen Augustinus als legitim anerkannt.¹⁰ Die Frage nach der absoluten Autorität des Fürsten (insbesondere das Paradoxon, dass er sowohl die Quelle des Rechts als auch an das Ge setz Gottes gebunden ist) hat das politische Denken des Mittelalters jahrhundertelang beschäftigt. ¹¹ Tatsächlich stammt die moderne Formulierung des Konzepts der staatlichen Souveränität weder aus dem neunzehnten noch aus dem achtzehnten Jahrhundert: Sie w ird gewöhnlich Jean Bodins Six Livres de la Republique (1576) und Thomas Hobbes' Werken The Elements of Law (1640), De Cive (1642) und Leviathan (1651) zugeschrieben. Die Daten der modernen Formulierung der Theorie sind nicht zufällig. Obwohl Fragen zu Regierung und Souveränität so alt sind wie die menschliche Zivilisation selbst, ist der Vorschlag, dass die letzte zivile Autorität bei den Institutionen des Nationalstaates liegt, eine moderne, säkulare Doktrin. Sie wurde genau deshalb formuliert, um die Lüc ke zu füllen, die der entscheidende Niedergang der Vorstellung hinterlassen hat, dass die Quelle der politischen Autorität Gott oder die Kirche ist. Allein diese Tatsache zeigt, dass der Begriff der Souveränität und der Begriff der Demokratie eng miteinand er verbunden sind.


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Rechtliche und politische Autorität (die manchmal auch als "Macht" bezeichnet wird) werden in einem Staat nach bestimmten Regeln ausgeübt. ¹² Selbst in einer Diktatur, in der die Macht ohne Bezugnahme auf die Regeln des Rechts ausgeübt wird, gibt es Regeln, die es den Menschen ermöglichen, die Beamten des Staates von anderen Bürgern zu unterscheiden. Ein krimineller Ganove, der für die Geheimpolizei arbeitet, kann politisch (wenn auch nicht moralisch) von einem kriminellen Ganoven unterschieden werden, der dies nicht tut. In den meisten Staaten ist das Regelwerk, das die Ausübung rechtlicher und politischer Befugnisse regelt, sehr komplex. Für jede Regierungsmaßnahme oder jedes Gerichtsurteil gibt es ein Gef lecht rechtlicher und verfassungsrechtlicher Beziehungen und Regeln, die bestimmen, ob dieser Staatsbedienstete oder jener Richter oder jenes Gericht das Recht hat, diese Entscheidung zu treffen oder dieses Urteil zu fällen. Diese Begründungen bilden die H ierarchie der juristischen Argumentation. Wir können zum Beispiel fragen: "Warum haben die Gesetze der Europäischen Gemeinschaft vor britischen Gerichten Vorrang vor den nationalen Gesetzen?" und die Antwort wird lauten: "Weil der Akt des Beitritts zur EG [der European Communities Act von 1972] die Akzeptanz der Rechtsordnung der EG impliziert, in der das Gemeinschaftsrecht Vorrang vor dem nationalen Recht hat. Aber irgendwann hört die juristische Argumentation auf und weicht einer meta-legalen Tatsache. So lche miteinander verwobenen juristischen Begründungen, wie komplex sie auch sein mögen, beruhen letztlich auf einer einfachen, nicht -juristischen, politischen Tatsache: Die Regel, dass die Gerichte dem Parlament gehorchen müssen, ist ganz einfach die ultim ative politische Tatsache, von der das gesamte System der Gesetzgebung abhängt. ¹³ Dies ist eine Aussage über politische Autorität. Das Regelwerk, das sowohl die Struktur der juristischen Argumentation als auch die höchste politische Autorität, auf der sie beruht, erklärt, wird "Verfassung" genannt. Wie Noel Malcolm so überzeugend dargelegt hat, ist eine Verfassung die Gesamtheit der Regeln, die die Ausübung der politischen Autorität in einer Rechtsordnung regeln. Die Verfassungen einiger Staaten (z. B. von Bundesstaaten) sind anderen untergeordnet. Wenn die Verfassung eines Staates die letzte Quelle der politischen Autorität außerhalb des Staates verortet, ist diese Verfassung nicht unabhängig und der Staat nicht souverän. Wenn die beherrschten Menschen akze ptieren, dass ihr Staat einer höheren politischen Autorität untersteht, dann erkennen sie diese höhere Autorität als ihren Souverän an. Akzeptieren sie es hingegen nicht, dann wollen sie sich abspalten, was bedeutet, dass sie erklären, dass sie die höhere Autorität nicht akzeptieren. Sie werden die Rechtsordnung, in der sie sich befinden, aufbrechen wollen, so dass die höchste Autorität in Zukunft in ihrem eigenen


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Staat liegen wird. Dann wird ihre Verfassung a utochthon sein - das heißt, wenn die Regeln für die Ausübung der politischen Autorität nicht die rechtliche und politische Unterwerfung unter eine andere Macht beinhalten werden. Souveränität ist in der Tat ve rfassungsmäßige Unabhängigkeit. ¹⁴ Mit anderen Worten: Die allgemeine Gültigkeit einer unabhängigen Verfassung hängt von der Politik und nicht vom Recht ab. Ohne politische Autorität ist ein Regelwerk und eine Rechtsordnung ein formales Gerüst ohne Leben. ¹⁵ Ändert sich das Wesen und die Quelle dieser re chtlichen Autorität, etwa nach einer Revolution, dann wird die alte Rechtsordnung zugunsten einer neuen aufgegeben: Die rechtliche Autorität muss durch die neue politische Autorität bestätigt werden. Politische Autorität ist einfach das Recht zu herrschen, das von den Menschen anerkannt wird, die ihr unterworfen sind, d. h. von den Bürgern des Staates. Politische Autorität kann mit Gewalt erlangt werden, wie in einer Diktatur, oder durch Zustimmung, wie in einer Demokratie: aber ohne sie gibt es keinen Staa t, sondern nur Anarchie. So wie die politische Autorität die Grundlage oder notwendige Bedingung der Souveränität ist, so ist die Souveränität selbst die Grundlage des Zivilrechts. Die Souveränität gehört also allen unabhängigen Staaten. Ihre Qualität ist in allen die gleiche. Es ist falsch zu behaupten, wie es viele Anhänger der europäischen Ideologie tun, dass föderale Staaten eine andere Art von Souveränität oder überhaupt keine Souveränität haben als einheitliche Staaten. Die Souveränität eines Bundesst aates wie Deutschland ist die gleiche wie die eines Einheitsstaates wie Großbritannien. Die Regeln für die Ausübung der politischen Autorität mögen unterschiedlich sein, aber die Verfassungen beider Arten von Staaten sind gleichermaßen autochthon. Souverän ität ist absolut: entweder man hat sie oder man hat sie nicht. Wie der große Jurist H. L. A. Hart geschrieben hat:

Die Theorie [der Souveränität] besagt nicht nur, dass es einige Gesellschaften gibt, in denen ein Souverän ohne rechtliche Grenzen existiert , sondern dass die Existenz des Rechts überall die Existenz eines solchen Souveräns impliziert. Andererseits besteht die Theorie nicht darauf, dass es keine Grenzen für die Macht des Souveräns gibt, sondern nur, dass es keine rechtlichen Grenzen für sie gibt. Der Souverän kann sich also bei der Ausübung seiner gesetzgeberischen Macht der Meinung des Volkes beugen, entweder aus Furcht vor den Folgen einer Missachtung oder weil er sich moralisch verpflichtet fühlt, sie zu respektieren. Sehr viele Faktoren kön nen ihn dabei beeinflussen ... und er kann diese Faktoren als "Grenzen" seiner Macht betrachten und von ihnen sprechen. Aber sie s ind keine rechtlichen Grenzen. ¹⁶


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Deshalb ist eine Verfassung unerlässlich, um die grundlegend e Frage aller Politik zu beantworten: "Wer hat das Recht zu regieren? Sie beantwortet diese Frage, indem sie erklärt, nach welchen Regeln die politische Autorität ausgeübt wird und von wem. Ohne zu wissen, wo die Verantwortung liegt, kann die Frage nach de m Recht zu herrschen nicht beantwortet werden. Und ohne eine Unterscheidung zwischen Macht und Autorität können wir uns keines der grundlegenden Elemente vorstellen, die die menschliche Zivilisation ausmachen: die Begriffe Vertrag, Verbrechen, Legitimität, Rechte und Pflichten. Ausdrücke wie "legitime Regierung", "Usurpator", "Staatsstreich", "Exilregierung" könnten nicht erklärt werden. Souveränität ist in der Tat eine Frage der Autorität, nicht der Macht. Die Verwechslung dieser beiden Begriffe ist der Ke rn der Behauptung, dass Nationalstaaten, da sie schwach sind, nicht mehr "souverän" sind. Selbst wenn es wahr wäre, dass Nationalstaaten aus eigener Kraft wenig erreichen könnten (eine höchst fragwürdige Behauptung), wären sie nicht notwendigerweise nicht souverän. Ihre Völker und Parlamente könnten immer noch entscheiden, was in bestimmten Situationen zu tun ist, wobei ihre Schwäche berücksichtigt wird. Die Behauptung, dass ein Staat nicht souverän ist, wenn er schwach ist und damit die Annahme, dass mäc htige Staaten souveräner sind als schwache - verdeckt die zentrale Funktion des Rechts, die darin besteht, die Schwachen und die Starken gleichzustellen. Es ist ein Grundprinzip der westlichen Rechtsprechung, dass in Rechtsentscheidungen ausdrücklich die Q uelle ihrer Legitimität angegeben werden muss - die Präzedenzfälle im Common Law, die Gesetze, die Verfassungsbestimmungen. Die explizite oder implizite Abschaffung aller Unterschiede zwischen Autorität und Macht - etwa durch die Behauptung, Souveränität sei ein bedeutungsloses oder "akademisches" Konzept bedeutet, den Unterschied zwischen rechtmäßigem und unrechtmäßigem Verhalten zu beseitigen und alle menschlichen (und zwischenstaatlichen) Beziehungen auf Machtbeziehungen zu reduzieren. Wie wir noch seh en werden, tun diejenigen, die dies tun, dies, weil sie glauben, dass es beim Regieren lediglich darum geht, Macht wissenschaftlich einzusetzen, um wirtschaftliche Aktivitäten zu planen. Fragen des Rechts und der Autorität spielen in ihren Gleichungen kein e Rolle. Die der europäischen Ideologie innewohnende Vorstellung, dass Begriffe wie Autorität und Recht irrelevant sind, birgt die Gefahr, den Rechtssystemen das Herz herauszureißen. Deshalb ist es absurd zu sagen, dass Souveränität ein anachronistisches Konzept ist. Souveränität bedeutet niemals "totale Macht", was ohnehin ein unsinniges Konzept ist. Keiner der großen Autoren der modernen Theorie der staatlichen Souveränität, weder Jean Bodin noch Thomas Hobbes, hat


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Souveränität jemals als totale Macht verstanden. Bodin schrieb von "absoluter" oder "souveräner" Macht ("puissance"), nicht von absoluter Gewalt, und es ist schwierig, sich einen ernsthaften politischen Philosophen vorzustellen, der einen solchen F ehler begangen hätte. Was sie stattdessen beschrieben, war die Quelle der höchsten politischen Autorität. Bodin war besonders deutlich, als er sagte, dass die Souveränität, die er der Republik zuschrieb, ihre Unabhängigkeit von anderen Staaten begründete, weil diese Souveränität selbst auf der Aufrechterhaltung eines eigenen Rechtssystems beruhte.

Subsidiarität

Diese Überlegungen sollten auch deutlich machen, dass das Gerede über "Zentralisierung" und "Dezentralisierung" in der europäischen Debatte ein irrelevanter Nebenschauplatz ist. Es ist kaum mehr als ein Versuch, dem wichtigsten Thema auszuweichen. Die Frage ist nicht, auf welcher Ebene die Macht ausgeübt wird, sondern durch welche Autorität. Ein Staat kann zentralisiert und legitim oder dezentralisi ert und illegitim sein: Auf welcher Ebene die Macht ausgeübt wird, kann nur entschieden werden, wenn die Gesamtverfassung politische Autorität genießt. In der Europäischen Union wird die Frage der Zentralisierung gewöhnlich unter dem Begriff "Subsidiarität " diskutiert. Dieses Prinzip, das auch im deutschen Grundgesetz verankert ist, soll sicherstellen, dass eine "höhere" Regierungsebene nur dann handelt, wenn ihr Handeln "effektiver" ist als das einer "niedrigeren" Ebene. An dieser Doktrin ist vieles falsch - ganz abgesehen von der Tatsache, dass die in Artikel C des EU -Vertrags enthaltene Verpflichtung, den gemeinschaftlichen Besitzstand (die Gesamtheit der auf die EU-Ebene übertragenen Politiken) in vollem Umfang zu wahren, eine echte Dezentralisierung unm öglich macht. In der Tat hat das deutsche Grundgesetz durch seine Subsidiaritätsklausel eine zunehmende Zentralisierung erfahren. Die Vorstellung, dass eine Regierung auf "Effizienz" beruhen sollte, setzt voraus, dass die Haupttätigkeit des Staates darin b esteht, etwas zu tun. Natürlich müssen Regierungen in der Lage sein, zu handeln; aber die liberale Tradition betont auch die Rolle der Regierung, die sich hauptsächlich darauf konzentriert, die Rechtsstaatlichkeit und die Grundsätze der Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten und sie an die täglichen Veränderungen und den Wandel der menschlichen Umstände anzupassen und es den Menschen so zu ermöglichen, die Dinge selbst zu tun. Die Subsidiarität mit ihrer Annahme einer unitarischen, pyramidalen Hierarchie der Exek utivfunktionen basiert auf


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einem Modell, das dem einer auf Gerechtigkeit basierenden liberalen Rechtsordnung zuwiderläuft. Es ist kein Zufall, dass es sich bei der Subsidiarität um eine korporatistische Doktrin handelt, di e vom Vatikan in Rom in der Blütezeit des italienischen Faschismus und zwei Jahre nach den Lateranverträgen ausgearbeitet wurde, die den Heiligen Stuhl und den faschistischen Staat miteinander versöhnten. Das Wohlwollendste, was man über das Eintreten der Kirche für die Lehre in der päpstlichen Enzyklika Quadragesimo Anno (1931) mit all ihren korporatistischen Implikationen sagen kann, ist, dass "die Kirche blind war für die tiefe Logik der Verbindung zwischen Korporatismus und Faschismus". ¹⁷ Aber angesichts des Vorteils der Rückschau, den der Papst 1931 nicht hatte, ist es vielleicht schwieriger, das gleiche Zugeständnis an moderne Christdemokraten zu machen, die immer noch an der Lehre festhalten. Außerdem ist "Zentralisierung" nicht unbed ingt immer schlecht. Im Gegenteil, die Zentralisierung der gesetzgebenden Gewalt und des Rechts ist eine Voraussetzung für die Demokratie, insofern als die Dezentralisierung der Gesetzgebung es den lokalen Potentaten ermöglicht, eigene politische Lehen zu errichten. So wie das Volk traditionell auf den König blickte, um die Macht der lokalen Adligen zu mindern - und damit die Zwänge des Feudalismus zu überwinden -, so sehen Demokraten die rechtliche Gleichheit aller als notwendige Voraussetzung für die Frei heit an. Dezentralisierung wird tendenziell in Ländern wie Deutschland bevorzugt, in denen das feudale Modell noch stark ausgeprägt ist, denn dort wird Politik hauptsächlich mit der Verteilung von Staatsgeldern - dem Tausch von Loyalität gegen Patronage - in Verbindung gebracht und nicht mit der Schaffung der Bedingungen für ein freies Miteinander von verantwortungsbewussten Bürgern.

Souveränität und die Europäische Union

Im Falle Europas liegt die rechtliche Zuständigkeit in vielen Bereichen bereits auf europäischer Ebene. Das europäische Gemeinschaftsrecht hat automatisch Vorrang vor dem nationalen Recht, und die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, ihre eigenen Gesetze zu ändern, wenn sie im Widerspruch zu den europäischen stehen. Dieser absolute Vorrang des europäischen Rechts vor dem nationalen Recht und sogar vor den nationalen Verfassungen, der in keinem der ursprünglichen Verträge verankert war, wurde durch eine Reihe äußerst fragwürdiger Urteile des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg in den 1960e r und frühen 1970er


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Jahren eingeführt. Der Gerichtshof verfolgte einen "dynamischen" Ansatz in Bezug auf das EG-Recht: Er sah sich selbst als einen wichtigen "Motor" der europäischen Integration, der diese vo rantreiben sollte. Dies ist ganz und gar unvereinbar mit der Rolle der Richter, wie sie in den meisten Rechtssystemen verstanden wird, wo sie das Recht anwenden und es nicht erfinden sollen. Dieser Anspruch auf Rechtshoheit wurde 1993 durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe in Frage gestellt, in dem es hieß, dass die höchste politische und rechtliche Autorität weiterhin bei den Mitgliedstaaten liege. Zweifellos als Antwort darauf und vielleicht auch aus Verlegenheit darüber, dass der Vor rang des EG-Rechts nie vertraglich ratifiziert worden war, wurde in einem obskuren Protokoll des Amsterdamer Vertrags, das im Juni 1997 von den Staats - und Regierungschefs der EU unterzeichnet wurde, heimlich ein Verweis auf "die Rechtsprechung des EuGH" - und damit eine Bestätigung des Vorrangs des EG -Rechts - aufgenommen. Wenn dieses Protokoll ratifiziert wird, hebt es formell die oberste Rechtsgewalt der Mitgliedstaaten auf, obwohl weder die Wähler noch die Parlamente dieser Staaten wissen, dass sie dami t ihr Geburtsrecht aufgeben sollen. Obwohl in allen EG -Staaten - zumindest vorläufig - durch ausdrückliche juristische und verfassungsrechtliche Argumentation anerkannt wird, dass sich die oberste juristische Autorität der EU (oder genauer gesagt der Europ äischen Gemeinschaft) nur aus dem fortbestehenden Willen der Mitgliedstaaten ableitet, Mitglied der EG zu bleiben - mit anderen Worten, aus der ultimativen politischen Autorität der konstituierenden Nationen der EU -, ist diese Position, Diese Position, in der die EU (zumindest formal) nur durch widerrufliche Delegation Macht besitzt, wird durch die Einführung der Währungsunion stark untergraben und wahrscheinlich ganz aufgehoben, denn die Währungsunion soll die europäischen Staaten im gemeinsamen Einvernehmen unwiderruflich an sich binden. Wenn die tägliche Machtausübung auf die Europäische Union übertragen wird, bedeutet dies noch nicht, dass die Mitgliedstaaten ihre Souveränität verloren haben. Die Mitgliedstaaten der EU hören nur dann auf, souverän zu se in, wenn sie nicht nur ihre politische, sondern auch ihre rechtliche Autorität verlieren, d.h. wenn ihr letztes Recht auf Herrschaft von ihren Bevölkerungen und ihren Rechtssystemen nicht mehr anerkannt wird. Es ist denkbar, dass ein Konflikt zwischen den Rechten der Union und denen eines Mitgliedstaates aufgrund der einen oder anderen politischen Differenz eine solche Verfassungsfrage aufwirft. In diesem Fall würde der Ausgang des Konflikts darüber entscheiden, wo die letzte politische Autorität liegt. Dah er werden entweder die Mitgliedstaaten der Europäischen Union souverän sein oder die Europäische Union selbst. Die "Bündelung" der Souveränität ist verfassungsrechtlicher Unsinn, denn Souveränität ist absolut.


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Deshalb ist es falsch zu behaupten, dass die nationale Souveränität bereits durch die Mitgliedschaft in anderen internationalen Organisationen wie der NATO eingeschränkt wird. Proeuropäische Kommentatoren, die sich über die Vorbehalte der Euroskeptiker wundern, schreib en oft Dinge wie: "Abgesehen von den Befugnissen, die an europäische Institutionen abgetreten werden, teilt Großbritannien seine Souveränität durch die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen, der NATO und anderen internationalen Organisationen. Schließlich ist Großbritannien verpflichtet, seine Streitkräfte sofort einzusetzen, wenn ein anderes NATO -Mitglied angegriffen wird - eine weitaus anspruchsvollere Teilung der Souveränität als alles , was mit der EU zu tun hat."¹⁸ Diese leider weit verbreiteten Argu mente zeugen von einer Unkenntnis sowohl verfassungsrechtlicher Fragen als auch einfacher Tatsachen. Erstens erfordert die Mitgliedschaft in Vertragsorganisationen, wie wir später sehen werden, in keiner Weise eine "Teilung" oder Verwässerung der Souveräni tät. Souveränität ist im Gegenteil die notwendige Voraussetzung für die Unterzeichnung von Verträgen und das Eingehen von Verpflichtungen. Zweitens: Der Unterschied zwischen den meisten Vertragsorganisationen und der Europäischen Union besteht darin, dass letztere eine föderale Aufgabe hat. Sie unterscheidet sich von allen anderen internationalen Organisationen durch einen grundlegenden Unterschied: die Qualität ihres Rechts. Während bei den meisten Vertragsorganisationen die Staaten die Subjekte der sich a us ihnen ergebenden Rechte und Pflichten sind, gilt das Recht der Europäischen Gemeinschaft unmittelbar für die Bürger der Mitgliedsstaaten. Nimmt man noch die Tragweite der EG -Politik und die anderen Merkmale der Proto Staatlichkeit wie ein gemeinsames Pa rlament und einen gemeinsamen Pass hinzu, so ergibt sich ein föderaler Staatenbund im Embryonalzustand, dessen zentrale Bestimmungen "unwiderruflich" sein sollen (um Maastricht zu zitieren). Dies ist verfassungsrechtlich etwas völlig anderes als eine klass ische Vertragsorganisation oder ein Bündnis zwischen souveränen Staaten. Jeder, der leugnet, dass es einen Unterschied zwischen diesen beiden Konzepten gibt, ist verwirrt; und jeder, der leugnet, dass die EU danach strebt, Ersteres zu sein, ist unehrlich. Drittens ist der Vergleich mit der NATO - ein Lieblingsthema der verblendeten Pro-Europäer - in der Tat schlicht falsch. Anders als die WEU, die immer den Anspruch hatte, ein Instrument der politischen Integration zu sein, hat sich die NATO immer ausdrückl ich auf die Souveränität ihrer Mitgliedstaaten gestützt. Sie hat nie den Anspruch erhoben, andere politische Aspekte als die Verteidigung abzudecken. Der Washingtoner Vertrag kann und darf daher die Souveränität seiner Unterzeichnerstaaten nicht außer Kraf t setzen. Im entscheidenden Artikel 5 heißt es: "Jede Vertragspartei unterstützt die


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angegriffene(n) Vertragspartei(en), indem sie unverzüglich die Maßnahmen ergreift, die sie für notwendig hält, einschließli ch des Einsatzes von Waffengewalt". Es steht außer Frage, dass die NATO einen Staat daran hindern könnte oder würde, eine militärische Operation im Alleingang durchzuführen: Der Golf - und der Falklandkrieg haben dies deutlich gezeigt. Im Gegensatz dazu str ebt Europa eine integrierte Verteidigungspolitik an (wie auch eine integrierte Politik in allen anderen Bereichen), und mehrere Artikel und Erklärungen des Maastrichter Vertrags schränken bereits die Fähigkeit der EU -Mitgliedstaaten ein, außen- oder sicherheitspolitische Maßnahmen unabhängig von den anderen zu ergreifen. Ein pro -europäischer Kommentator hebt den Unterschied hervor: "Das Atlantische Bündnis ist nur ein Rahmen, in dem sich die Mitgliedstaaten über Politiken verständigen, die ihre Verteidigung s- und Sicherheitsverpflichtungen gemäß dem Vertrag von Washington betreffen. In der Zwischenzeit hat die WEU, wie die Europäische Union, die Aufgabe, ihre Mitglieder politisch zu integrieren.' ¹⁹ Innerhalb eines Staates kommt es ständig zu Konflikten, die durch das Recht gelöst werden. Wenn jedoch ein grundlegender Konflikt über die Quelle des Rechts selbst entsteht, kann er nur durch Politik oder Krieg gelöst werden. Europa auf der Grundlage zu konstruieren, dass es irrelevant ist zu fragen: "Von welcher Autorität werden die Völker Europas regiert?", bedeutet daher, die wichtigste Frage, die man sich über ein politisches System stellen kann, zu verwerfen. Dies ist keine sehr solide Grundlage, um eine ganze transkontinentale und transnationale politische Str uktur aufzubauen.

Souveränität und die Außenwelt

Diese Verwirrung wird besonders deutlich, wenn behauptet wird, dass Staaten nicht mehr souverän sind, weil sie dem internationalen Druck nicht standhalten können. So wird beispielsweise argumentiert, dass Frankreich 1983 gezwungen war, seine sozialistische Politik aufzugeben, weil das Vertrauen des Marktes in seine Wirtschaft zusammengebrochen war, und dass seine staatliche Souveränität daher keine Bedeutung mehr hat. ²⁰ Oder es wird behauptet, dass Großbritannien und andere europäische Länder keine "Währungssouveränität" haben, weil ihre Geldpolitik durch die Entscheidungen der Bundesbank eingeschränkt wird.² ¹ Oder es wird behauptet, Souveränität bedeute "die praktische Fähigkeit einer Nation, ihren Einfluss in der Welt zu maximieren " ²² - ein klassischer Fall einer Definition, die erfunden wurde, um eine vorgefasste Meinung zu rechtfertigen: Der


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technologische Fortschritt in der Kommuni kation und im Transportwesen lässt die Grenzen zwischen bisher getrennten Märkten verschwinden - Grenzen, die eine notwendige Voraussetzung für eine unabhängige nationale Wirtschaftspolitik waren " ²³ , und das macht das Konzept der nationalen Souveränität hinfällig. Daraus wird gefolgert, dass sich die nationalen politischen Systeme an die internationale Wirtschaft anpassen müssen, die bereits eine unbestreitbare Realität ist. ²⁴ Da sie alleine nicht mehr sehr mächtig sind, sollten sich die Staaten besser zu sammenschließen und ihre Souveränität "bündeln", um die verlorene "Souveränität" zurückzugewinnen. All diesen Argumenten liegt die einfache und anmaßende falsche Prämisse zugrunde, dass der Ermessensspielraum der Regierung mit der Souveränität des Staates gleichzusetzen ist. Es ist falsch zu sagen, dass der Staat nicht souverän ist, wenn er gezwungen ist, in einer bestimmten Weise zu handeln beispielsweise unter dem Druck internationaler Kapitalströme. Das liegt daran, dass Regierung und Staat zwei versch iedene Dinge sind. Souveränität ist, wie wir gesehen haben, eine Frage der Autorität: Eine Verfassung beschreibt, wer für was verantwortlich ist. Das Konzept der Verantwortung ist offensichtlich mit der Tatsache der Beschränkung vereinbar: Sie ist sogar eine Voraussetzung dafür. Die Macht der Exekutive eines Staates (der Regierung) mit der des Staates als Ganzes gleichzusetzen, bedeutet, das gesamte Rechtsgefüge zu ignorieren, das sicherstellen soll, dass die Exekutivgewalt innerhalb bestimmter Grenzen ausg eübt wird. Staaten sind Personen im Sinne des Gesetzes. Eine Person ist Träger von Rechten und Pflichten. Der Status eines Individuums als Person wird nicht dadurch geschmälert, dass es von äußeren Ereignissen beeinflusst wird. Personen treffen Entscheidun gen und interagieren mit anderen Personen auf der Grundlage dessen, was um sie herum geschehen ist. Das Konzept des Personseins und die Struktur des Zivilrechts ermöglichen es ihnen, dies innerhalb eines anerkannten Rahmens zu tun. Wie die Souveränität set zt also auch das Personsein eine rechtmäßige Interaktion mit anderen voraus. Sie schließt sie keineswegs aus. Die Behauptung, Souveränität bedeute Autarkie oder absolute Macht, ist ebenso absurd wie die Behauptung, nur ein Individuum mit "absoluter Macht" sei eine Person. Personen sind für ihre Handlungen verantwortlich und können daher mit Rechten und Pflichten belegt werden. Wenn eine Person eine vertragliche Verpflichtung mit einer anderen Person eingeht, dann muss sie die Rechte und Pflichten akzeptiere n, die sich aus diesem Vertrag ergeben. Eine Hausfrau könnte auf den Markt gehen und eine Tüte Tomaten kaufen: Sie hat das Recht, die Tomaten mit nach Hause zu nehmen und sie zu essen, wenn sie ihre Pflicht akzeptiert, sie zu bezahlen.


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Oder wenn sie versucht, mehr Geld auszugeben, als sie hat, kann die Bank ihr Scheckbuch einziehen, und die Verkäufer können sich weigern, ihr auf Kredit zu verkaufen. In einem solchen Fall wäre zwar die Handlungsfreiheit der Hausfrau eingeschränkt, nicht aber ihr Personsein.' Die Zwänge, die sie jetzt belasten, sind das Ergebnis der Pflichten, die sie übernommen hat, als sie das Geld ausgegeben hat. Wenn die Bank der Meinung ist, dass sie keine andere Wahl hat, als einer verschwen derischen Hausfrau das Scheckbuch zu entziehen, dann ist dies ihr gutes Recht, weil sie sich entschieden hat, mehr Geld als erlaubt zu leihen. Ihre Persönlichkeit wird also nicht geschmälert, sondern ist die Ursache für ihre derzeitige Lage. Sie kann sich zwar auf mildernde Umstände berufen - sie hat eine Familie zu ernähren -, kann dies aber nur im Rahmen der allgemeinen Logik des Personseins tun, d. h. als Trägerin von Rechten und Pflichten. Wenn das Personsein in solchen Fällen extremer Zwänge nicht abge schwächt wird, so wird es im alltäglichen Geschäftsleben sicherlich nicht abgeschwächt. Die Beziehung zwischen den Staaten und den internationalen Geldmärkten ist fast identisch mit der Beziehung zwischen einer Hausfrau und dem Markt, den sie besucht. Wenn ein Staat sich auf den Geldmärkten Geld leiht und später feststellt, dass sein Handeln durch die Art und Weise eingeschränkt wird, wie diese Märkte (die Gläubiger des Staates) den Wert seiner Schulden im Lichte der Politik der Regierung beurteilen, dann i st dies lediglich Teil des Geschäfts. Es schränkt die Souveränität eines Staates ebenso wenig ein, wenn sich die Regierung durch das Urteil der Geldmärkte oder aus anderen wirtschaftlichen Gründen gezwungen sieht, ihre Politik zu ändern, wie es die Freihei t und das Persönlichkeitsrecht eines Einzelnen beeinträchtigt, wenn er seine Schulden bezahlen muss. Die Behauptung, die moderne internationale Wirtschaft schränke die Freiheit der Staaten ein, weil ihre Politik negativ beurteilt werden könne, ist so, als würde man sagen, dass die Persönlichkeit und die Freiheit des Einzelnen durch die Zunahme der Bankkredite und die damit verbundenen Bedingungen ausgelöscht werden. Genauso wie die Wahlmöglichkeiten der Verbraucher (und damit die Freiheit zu kaufen) auf einem freien Markt zunehmen, werden auch die Wahlmöglichkeiten der Staaten im Allgemeinen und ihre Handlungsfreiheit auf einem freien Markt vergrößert, nicht verringert. Die französische Regierung mag sich gezwungen gesehen haben, ihre Politik 1983 wegen des negativen Urteils der Märkte aufzugeben; aber es gibt natürlich noch viele weitere Beispiele von Regierungen, die ihre Handlungsfähigkeit durch eine klügere Kreditaufnahme auf den Geldmärkten erhöht haben. Außerdem ist der Markt nicht etwas "da draußen". E r ist vielmehr eine Form der menschlichen Interaktion auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit, die für die Bürger des Staates selbst wie auch für die


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Außenstehenden gelten sollte. Die Devisenhändler, di e mit dem Franken Leerverkäufe tätigen, können ebenso gut Franzosen wie Amerikaner oder Briten sein, und wenn ein souveräner Staat die Rechtsstaatlichkeit hochhält, dann sollte er diese vertragliche Kritik an seinen Exekutivmaßnahmen akzeptieren, von wem a uch immer sie kommt. Zu sagen, dass die Märkte zu Unrecht Francs verkaufen, ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass es kein höheres Gesetz geben kann als das, was die französische Regierung (die Exekutive) beschließt. Dies ist jedoch offensichtlich unver einbar mit jeglichem Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit, sei es auf nationaler oder internationaler Ebene. Es ist ziemlich sicher, dass Regierungen, die Ausländer auf diese Weise beschuldigen, auch ihren eigenen Bürgern gerne die normalen vertraglichen Rechte verweigern würden. Seit dem siebzehnten Jahrhundert haben die nachfolgenden britischen politischen Philosophen verstanden, dass die Aufgabe des Staates darin besteht, die Rechtsstaatlichkeit aufrechtzuerhalten und damit das freie Funktionieren des Marktes zu gewährleisten. Der Markt ist schließlich nichts anderes als ein System, in dem freie Verträge von Individuen innerhalb eines rechtlichen Systems geschlossen werden, das diese durchsetzt. Er ist eine Schöpfung des Rechts. Einige Denker, insbesondere Thomas Hobbes, erkannten die Übereinstimmung von Souveränität und Marktgesellschaft und verstanden, dass die Macht des Staates eher in der Justiz als in der Verwaltung liegen sollte und dass eine freie Gesellschaft einen neutralen Schiedsrichter braucht, um zu funktionieren. Hobbes selbst schrieb: "Und deshalb gehört es dem Gemeinwesen, d. h. dem Souverän, zu bestimmen, auf welche Art und Weise alle Arten von Verträgen zwischen Untertanen, wie Kauf, Verkauf, Tausch, Leihen, Verleihen, Vermieten und Vermiete n, geschlossen werden sollen, und durch welches Wort und welche Zeichen sie für gültig gehalten werden sollen. "²⁵ Mit anderen Worten, ein Souverän ist notwendig, um die Bedingungen für die Einhaltung von Verträgen zu gewährleisten: Er ist keineswegs unvereinbar mit dem freien Markt, sondern macht ihn aus.² ⁶ Dieses auf dem Recht basierende Verständnis von Staatlichkeit steht im Gegensatz zu einem anderen, eher in kontinentalen Traditionen verbreiteten Modell, demzufolge die Aufgabe des Staates nicht so sehr darin besteht, die Gültigkeit der freien Entscheidungen seiner Bürger (und Ausländer) aufrechtzuerhalten und die Einhaltung von Verträgen durchzusetzen, sondern vielmehr die Wirtschaft zu lenken, ähnlich wie ein Feudalherr die "Haushaltsführung" seiner Lä ndereien leitet. Wenn sich die Wirtschaft über die Grenzen des Staates hinaus ausdehnt, muss die staatliche (oder überstaatliche) Kontrolle mit ihr wachsen, um sie zu beherrschen. (Dies erklärt, warum es ein schwerwiegender Fehler ist, die EG als Freihande lszone zu verstehen: Auch wenn die Mitgliedschaft in der EG Handelsvorteile mit sich


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bringen mag, so waren die EWG und ihr "Binnenmarkt" doch nie als Freihandelszone zwischen unabhängigen Staaten gedacht, son dern eher als eine im Entstehen begriffene wirtschaftliche - und damit politische - Union). So wie eine solche Sichtweise mit der Sicherung von Marktbeziehungen innerhalb der Staatsgrenzen unvereinbar ist, so stellt sie den freien Markt auch als eine feind liche, äußere Kraft dar. Diese Sichtweise ist in Frankreich besonders ausgeprägt. ²⁷ Der Markt bedroht also nicht die Souveränität und auch nicht die Verträge. Die Staatlichkeit ist ebenso wie die Person eine Voraussetzung für vertragliche und wirtschaftliche Interaktionen im Rahmen des Rechts. Wenn ein Staat aufgrund seiner vertraglichen Vereinbarungen zu einem bestimmten Verhalten verpflichtet ist, kann man nicht sagen, er sei "nicht souverän". ²⁸ Im Gegenteil: Nur wenn ein Staat als Person im international en Recht existiert - also souverän ist -, kann er mit der Außenwelt beliebige Vereinbarungen treffen. Wie bei jedem anderen Abkommen bedeutet dies, dass er unter bestimmten Umständen gezwungen sein kann, dieses oder jenes zu tun. Der Zwang, der sich aus einer vertraglichen Vereinbarung ergibt, schränkt die Souveränität keineswegs ein, sondern ist geradezu Ausdruck dieser Souveränität.

2. Souveränität und das Wesen des Rechts

Die Gerechtigkeit ist das Band der Menschen in den Staaten, und die Verwaltung der Gerechtigkeit, d.h. die Bestimmung dessen, was gerecht ist, ist das Prinzip der Ordnung in der politischen Gesellschaft". Aristoteles² ⁹

Souveränität ist also eine Voraussetzung für Konstitutionalismus. Der Staat verfügt über eine innere und äußere souveräne Rechtsgewalt, die ihm absolut gehört - also nicht aus einer anderen Rechtsordnung abgeleitet ist - und über die er selbst entscheidet. Diese Definition sagt nichts über den Umfang oder die Art der Macht aus, die souveräne Staaten ausüben: Sie hi lft lediglich, die Quelle dieser Macht und die Bedingungen für ihre Ausübung zu erklären. Ein souveräner Staat kann mächtig oder schwach, reich oder arm sein. Die Aussage, dass europäische Staaten durch gemeinsames Handeln mächtiger werden können, kann ric htig oder falsch sein: Sie ist zweifellos in vielen Fällen richtig, aber im Fall Jugoslawiens war sie offensichtlich falsch. Aber zwischenstaatliche Zusammenarbeit ist etwas anderes als politische Integration.


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Eine Verfassung ist also der Garant für positives Recht. Sie schränkt die Souveränität ebenso wenig ein wie ein Markt - obwohl beide den Ermessensspielraum der Exekutive begrenzen können. Eine Verfassung legt lediglich die Regeln für die Ausübung der Exekutivgewalt und der rechtlichen Befugnisse fest (oder besser gesagt, ist sie). Es ist in der Tat ein großes Paradox, dass diejenigen, die Souveränität mit uneingeschränkter Exekutivgewalt gleichsetzen, im Allgemeinen deren Abschaffung vorschlagen, obwohl Souveränität (ve rfassungsmäßige Unabhängigkeit) die notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Bedingung für die Verhinderung der uneingeschränkten Ausübung von Exekutivgewalt ist, da sie die Definition und sogar die Begrenzung dieser Macht durch eine Rechtsordnung darstel lt. Dieses Paradoxon ist jedoch kein Zufall. Die europäische Ideologie beruht nämlich auf dem Glauben an den Vorrang der Exekutive - der, wie wir gesehen haben, tief in der Geschichte der europäischen Integration der Nachkriegszeit verwurzelt ist - und auf der Unkenntnis von Wesen und Bedeutung des Rechts. Genauer gesagt ist die der europäischen Ideologie zugrunde liegende Auffassung vom Recht keine liberale. Denn die Verfassungsmäßigkeit unterscheidet den Staat von anderen Befehls - und Gehorsamsstrukturen. Der Begriff der Verfassung, in der gebräuchlichsten Verwendung des Wortes, zeigt, dass der Staat auf Recht basiert. Er hat Dauerhaftigkeit und andere Eigenschaften, die ihn von anderen Ordnungs - oder Vereinigungsformen unterscheiden, während sich das Rech t von einem bloßen Befehl unterscheidet. Die Auffassung, dass der Staat eine Rolle bei der Lenkung der Wirtschaft spielt, oder die äquivalente europäische Auffassung, dass superstaatliche Strukturen geschaffen werden müssen, um mit der Globalisierung der W irtschaft Schritt zu halten - beide schreiben dem Staat per definitionem eher eine dirigistische als eine juristische Rolle zu -, tendieren dazu, dies zu übersehen. Es gibt Rechts- und Verfassungstheorien, die davon ausgehen, dass die Rolle des Staates darin besteht, die Gesellschaft mit Hilfe seiner Befehle zu lenken. Ihnen stehen Theorien gegenüber, die argumentieren, dass das Recht nicht das Gebot des Staates ist (und auch nicht das Gebot von irgendjemandem), sondern etwas Subtileres: Es ist eine Regel o der ein Verhaltenskodex, der einen sinnvollen Rahmen für menschliches Handeln bietet. Nach der letztgenannten Auffassung kann ein solcher Kodex spontan entstehen: Er kann sich ständig weiterentwickeln, als Ergebnis der ständigen Interaktion zwischen Personen, die das menschliche Leben ausmacht. Wie wir sehen werden, ist jede dieser Auffassungen mit einer Reihe unterschiedlicher Ansichten über das Wesen des Individuums und die Rolle des Staates verbunden: Wir werden auch sehen, dass die europäische Ideologie eher die erste Auffassung vertritt, während der traditionelle Liberalismus auf der zweiten beruht.


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Die erste Auffassung des Staates versteht Gesetze als Befehle. Der einflussreiche deutsche positivistische Re chtsphilosoph Hans Kelsen war einer der Hauptvertreter dieser Auffassung. Seiner Ansicht nach ist das Gesetz eine Reihe von Befehlen, die durch Drohungen untermauert werden, und er argumentierte, dass jedes Gesetz als "Wenn du x tust, dann wird der Staat y tun" interpretiert werden kann. Er vertrat die Auffassung, dass das Recht im Wesentlichen ein Zwangsmittel sei, und nannte die Rechtsordnung einen Zwangsapparat. ³⁰ "Das Recht ist eine bestimmte Ordnung oder Organisation der Macht", schrieb er. ³¹ An der Basis aller rechtlichen Hierarchien stehe eine grundlegende Norm, der Staat. Alle Einzelnormen ließen sich aus dieser Grundnorm ableiten, und alle Rechtsnormen hätten somit ihre Grundlage in der Verfassung, dem grundlegenden Willensakt, der den Staat begründ et. Der Zweck dieser Normen sei es, einen gewünschten gesellschaftlichen Zustand herbeizuführen, und die Rechtsprechung sei im Wesentlichen eine Form der Verwaltung. Für Kelsen ist der Unterschied zwischen Verwaltung und Rechtsprechung nur ein gradueller. Die Analogie zwischen einem Gesetz und einem Befehl weist zahlreiche Schwierigkeiten auf. Erstens ist ein Gesetz dauerhafter als ein Befehl, der mit der Gelegenheit stirbt. Der gesamte dauerhafte Charakter des Gesetzes und der Verfassung - von den politischen Denkern des Mittelalters mit dem bekannten Satz "der König stirbt nie" formuliert - lässt sich nicht in der Analogie unterbringen. Zweitens gibt der Befehlshaber einer Gruppe seine Befehle nicht gleichermaßen an die ganze Gruppe, während Gesetze im Gegensatz dazu allgemein sind und sich an niemanden im Besonderen richten. Die Erklärung von Gesetzen als Befehle, die durch Drohungen untermauert werden, liefert auch keinen Maßstab, anhand dessen ein legaler Befehl von einem illegalen Befehl unterschieden w erden kann. Gesetze werden aus Respekt vor der legitimen Autorität befolgt, nicht aus bloßer Angst vor den Konsequenzen. Edmund Burke griff die positivistische Vorstellung an, dass Gesetze lediglich Befehle seien, die durch Drohungen untermauert werden, und nicht der Versuch, sich den absoluten Vorstellungen von Recht und Unrecht anzunähern, in einer besonders schönen Passage. Nach dem Schema dieser barbarischen Philosophie", so argumentierte er, "die aus kalten Herzen und trüben Auffassungen hervorgegangen ist, sind Gesetze nur durch ihre eigenen Schrecken zu stützen ... In den Hainen ihrer Akademie, am Ende jeder Aussicht, sieht man nichts als den Galgen. "³² Kelsens Theorien, die das Rechtssystem aller Staaten als eine Pyramide von Anweisungen an die Staa tsbediensteten analysieren, in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise zu handeln, enden wie viele ähnliche "wissenschaftliche" Theorien damit, dass sie die rechtlichen "Befehle" dessen


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entleeren, was die meisten normal en Menschen für ihren definitiven ethisch rechtlichen Inhalt halten würden. Er vertritt beispielsweise die Auffassung, dass es keine Gesetze gegen Mord gibt, sondern nur Anweisungen an staatliche Beamte (Polizisten, Richter, Gefängniswärter), bestimmte Han dlungen (Verhaftung, Prozess, Gefängnis) vorzunehmen, wenn ein Mord begangen wurde. Der Befehl eines Polizisten ist rechtmäßig, der Befehl eines Bankräubers ist gesetzlos, und doch verwendet Kelsen den letzteren - den Inbegriff der Gesetzlosigkeit - als Analogie für den ersteren. Die Auffassung, dass das Recht ein Befehl ist, lässt auch die natürliche Gerechtigkeit außer Acht. Der Glaube an die natürliche Gerechtigkeit oder das Naturrecht hat jahrhundertelang das traditionelle Denken über die Rolle des Staates genährt, und es ist eine Denkströmung, die sich von Aristoteles und Cicero über Aquin bis zu Edmund Burke und John Locke erstreckt. Die Tradition des Naturrechts ist zwar vielfältig, aber sie geht davon aus, dass es ein Rechtssystem gibt, das für die M enschen allein aufgrund ihrer Natur und unabhängig von allen Konventionen oder positivem Recht verbindlich ist. Recht und Unrecht sind nicht Ausdruck von Vorlieben oder gar der Meinung des Staates; es handelt sich vielmehr um objektive Werte, die unabhängi g vom Staat existieren (auch wenn sie von ihm aufrechterhalten werden können und sogar sollten). Der österreichische Ökonom, Philosoph und Nobelpreisträger Friedrich von Hayek griff Kelsen an, der die Naturrechtstradition als unwissenschaftlichen Humbug verunglimpfte, und behauptete, dass seine reine Rechtstheorie für den endgültigen Untergang aller Traditionen der begrenzten Regierung verantwortlich sei. Er griff auch den Etatismus von Philosophen wie Kelsen und Ökonomen wie Knapp mit folgenden Worten an: In Deutschland wurden die metarechtlichen Prinzipien, die dem Ideal des Rechtsstaates zug runde liegen, zuerst verworfen."³³ Recht wurde mit bloßer Legalität verwechselt und der Rechtsstaat zu einem rein formalen Begriff ausgehöhlt. Illegale oder gar kriminelle Handlungen konnten im Rahmen der korrekten staatlichen Verfahren verfolgt werden. Aber so wie der heilige Augustinus darauf bestand, dass ein ungerechtes Gesetz kein Gesetz sei, so kann man argumentieren, dass gesetzgeberische Handlungen bestimmten Kr iterien Abstraktheit, Allgemeinheit, Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit - entsprechen müssen, um als Gesetze zu gelten. Die Annahme, dass ein Staat die Rechtsstaatlichkeit einhält, nur weil Befehle (oder Gesetzgebungsakte) befolgt werden, ist falsch, wenn diese Befehle oder Gesetzgebungsakte nicht als Gesetze gelten. Der Begriff der Rechtsstaatlichkeit beinhaltet also eine Definition des Rechts selbst.


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Die modernen schriftlichen Verfassungen sollen genau diesen Punkt verdeutlichen. Die "Rechte", die sie verkünden, sind im Grunde genommen ein moderner Ersatz für das antike Konzept des Naturrechts, demzufolge gesetzgeberische Handlungen und die Regierung im Allgemeinen ausdrücklich als dem Naturrecht unterge ordnet verstanden wurden. Wie das englische Common Law beruhte das römische Recht überwiegend auf der Rechtsprechung, d. h. auf der Entdeckung des Rechts und nicht auf seiner Erfindung. Das Gewohnheitsrecht - das sich weitgehend auf die Denkschule des Naturrechts stützte - besteht nicht, wie manchmal behauptet wird, nur aus besonderen Fällen, sondern aus allgemeinen Grundsätzen, die durch diese Fälle veranschaulicht, verwirklicht und erklärt werden. Das Gewohnheitsrecht ist kein wertloser Pragmatismus, sond ern eine moralische Tradition, die davon ausgeht, dass die Grundsätze der Gerechtigkeit in den realen, individuellen Handlungen enthalten sind. Sie sind also dort zu finden und leben nicht in einem erhabenen, abstrakten Bereich, der von dem des gewöhnliche n menschlichen Verhaltens getrennt ist. Das klassische römische Zivilrecht, auf dem das große Gesetzbuch Justinians beruhte, war fast ausschließlich das Ergebnis der Rechtsfindung durch Juristen und nur zu einem sehr geringen Teil das Produkt der Gesetzgeb ung. Im Common Law ist es ein bewährter Grundsatz, dass im Falle eines Konflikts zwischen dem (geschriebenen oder gewohnheitsrechtlichen) Gesetz und der Billigkeit die Billigkeit Vorrang haben muss. Die Auffassung, dass das Recht einem höheren moralischen Standard entsprechen sollte, impliziert zwei Dinge. Erstens bedeutet es, dass diese Normen gefährdet sind, wenn man dem Recht eine instrumentelle Funktion zuschreibt: Das Zivilrecht hat nach Ansicht der Naturrechtsschule in erster Linie die Aufgabe, die Ge rechtigkeit aufrechtzuerhalten, und nicht die diskretionäre Regulierung der Gesellschaft. Wenn das Zivilrecht eine Annäherung an das Naturrecht darstellt, dann kann man davon ausgehen, dass dies eine schwierige Aufgabe ist, die Zeit und Mühe erfordert. Das Common Law und die Rechtsprechung - der langsame, mühsame und praktische Prozess, in dem Fälle und Präzedenzfälle gesammelt werden, um allmählich allgemeine Grundsätze zu formulieren - sind aus erkenntnistheoretischer Sicht der richtige Weg, um sich Recht und Unrecht zu nähern. Eine wichtige Schlussfolgerung daraus ist, dass der häufig verwendete verfassungsrechtliche Begriff "die Souveränität des Parlaments" irreführend ist. Wir haben bereits gesehen, dass Souveränität eine Eigenschaft von Staaten ist, nicht von Institutionen. Es ist falsch zu sagen, dass das britische Parlament eine Art uneingeschränktes Recht hat, jedes Gesetz zu machen oder zu brechen: Ein solches absolutistisches Verhalten würde genau den


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Rechtstraditionen zuwiderlaufen, die durch die Vorrangstellung Parlaments gegenüber der Exekutive geschützt werden sollen.

des

Übermäßiger gesetzgeberischer Eifer ist daher eine Gefahr für die traditionellen Freiheiten und die Rechtsstaatlichkeit selbst. Tacitus beschr ieb die Gesetzgebungswut unter dem Diktator Sulla mit den Worten: "Nie gab es so viele Gesetze wie zu der Zeit, als der Staat am korruptesten war. "³⁴ Im Gegensatz zu dieser Dekadenz war es in den großen antiken Demokratien sehr schwierig, das Gesetz zu änd ern: Dies konnte nur durch ein kompliziertes Verfahren geschehen, an dem ein speziell gewähltes Gremium beteiligt war. Dies wiederum beruhte auf dem Glauben an die heiligen und zeitlosen Ursprünge des Rechts. Nach traditionellem Verständnis war das Recht n ämlich unabhängig vom menschlichen Willen und wurde daher auch nicht von diesem geschaffen. Das stärkste Argument gegen die Auffassung vom Recht als Befehl ist jedoch, dass es die grundlegende Rolle des Rechts als konstitutiv für eine freie Gesellschaft ve rschleiert. Man kann sich in der Tat eine Gesellschaft vorstellen, die ausschließlich von den Befehlen des Mannes an der Spitze geleitet wird, aber wenn dies das einzige "Gesetz" dieser Gesellschaft wäre, dann wäre es nicht das, was wir als "Rechtsstaatlic hkeit" verstehen. (Es ist kein Zufall, dass Kelsens "Reine Rechtstheorie" für legitime und illegitime Staaten gleichermaßen gelten sollte: Die Theorie wurde gerade deshalb entwickelt, um alle Staaten einzubeziehen, und bietet als solche keine Möglichkeit, einen Rechtsstaat von einer Diktatur zu unterscheiden). Dies liegt daran, dass die Analogie zwischen Recht und Befehl jede Art von Vertragsrecht völlig außer Acht lässt. Sie verdeckt damit eine der wichtigsten Eigenschaften derjenigen Teile des Rechts, die keine bestimmten Handlungen vorschreiben, sondern den Rechtsunterworfenen einen rechtlichen Rahmen geben, innerhalb dessen sie ihre Handlungsspielräume erweitern können. Auch wenn das Strafrecht einige Analogien zu Befehlen mit Drohungen aufweist, verlangt das Vertragsrecht nicht, dass die Menschen in bestimmter Weise handeln. Die Gesetze, die Verträge, Testamente, Eheschließungen usw. regeln, erlegen keine Pflichten oder Verpflichtungen auf. Stattdessen bieten sie den Menschen die Möglichkeit, ihre Wünsch e zu verwirklichen, indem sie ihnen die rechtliche Befugnis verleihen, durch bestimmte Verfahren Strukturen von Rechten und Pflichten innerhalb des Zwangsrahmens des Gesetzes zu schaffen. In gewissem Sinne macht das Vertragsrecht die Menschen zu privaten G esetzgebern: Durch ihr eigenes freies Handeln können sie Rechte und Pflichten schaffen.³ ⁵ Diese Befugnis, die das Recht dem Einzelnen einräumt, seine eigenen Rechtsbeziehungen zu anderen Personen zu gestalten, ist offensichtlich einer


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der wichtigsten Beiträge des Rechts zum sozialen Leben. Es ist in der Tat konstitutiv für das soziale Leben. Gäbe es das Recht nicht, würden uns einige der grundlegendsten Konzepte des menschlichen Lebens fehlen: Ehe, Tod und Testament, Kauf und Verkauf usw. ³⁶ Das Recht vergrößert also nicht nur den Bereich des freien Handelns: Es gibt dem menschlichen Leben selbst einen Sinn, indem es bestimmte Arten von Beziehungen definiert und damit verwirklicht. (Es ist bezeichnend, dass Kelsen den Unterschied zwischen "öffentlichem" und "privatem" Recht für weitgehend fadenscheinig hielt, da er in beiden Fällen die bloße Ausübung von Macht festzustellen behauptete. ³⁷ Seine Theorie erlaubte es den Menschen nicht, dem Gesetz zu gehorchen, weil sie es für vernünftig oder leg itim halten, sondern nur aus Furcht vor dem äußeren Zwang, den Ungehorsam nach sich ziehen würde). Dieses grundlegende Element des Rechts zu ignorieren, bedeutet, dem Rechtssystem und damit der gesamten Verfassungsordnung eine ausschließlich oder hauptsäch lich befehlende oder autoritäre Funktion zuzuschreiben. Es bedeutet, die Funktionsweise des Rechts auf das zu beschränken, was in einem Gerichtssaal geschieht oder wenn ein Polizist eine Anweisung erteilt, anstatt zu verstehen, dass das Recht das gesamte s oziale und politische und damit das menschliche Leben durchdringt. Außerdem werden die Bürger nicht als mündig und frei, sondern als bloße Empfänger von Anweisungen verstanden. Aber die Bürger sind nicht nur Befehlsempfänger: Sie sind freie Akteure, die durch die gemeinsame Akzeptanz der öffentlichen Verfahren, nach denen der Staat geführt wird, definiert sind. Dies zu ignorieren bedeutet, die Tatsache zu ignorieren, dass Menschen auf der Grundlage ihrer intelligenten Interpretation der Situation, in der si e sich befinden, handeln. Menschliche Handlungen und Verhaltensweisen sind die Art und Weise, in der Menschen ihre Wünsche, Entscheidungen, Vorstellungen, ihr Verständnis und ihre Vorlieben zum Ausdruck bringen. Vorlieben und Abneigungen sind weder "rein subjektiv" noch das bloße Produkt von deterministischem "Verhalten": Sie sind ein Ausdruck von Intelligenz, die untersucht, erklärt und intelligent interpretiert werden kann. Es ist materialistisch, menschliches Verhalten im Sinne von psychologischen Triebe n oder genetischen Impulsen zu verstehen, oder gar anzunehmen, dass alle Menschen notwendigerweise "nach Glück streben" (wie die Utilitaristen behaupteten), denn solche Theorien verschleiern die intelligente Natur des menschlichen Handelns. Ein weiteres en tscheidendes Element der Auffassung, dass das Recht ein System von Befehlen ist, ist die Vorstellung, dass die Befehle einen Zweck haben und dass der Prozess des Regierens darin besteht, die Gesamtziele der Gesellschaft zu bestimmen und die Gesetze so zu e rlassen, dass sie erreicht


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werden. Dies wiederum setzt voraus, dass das Rechtssystem und die anderen regelbasierten Beziehungen, die die menschliche Interaktion bestimmen, von den Machthabern gelenkt werden können oder sol lten. Diese Sichtweise ist implizit in vielen Reden über das "europäische Aufbauwerk", das "europäische Projekt" und so weiter enthalten. Eine solche Sichtweise wurde von vielen Denkern in Frage gestellt. Hayek zum Beispiel hat eine berühmte Unterscheidung zwischen "Taxis" (einer Ordnung, die gemacht wurde) und dem "Kosmos" (einer Ordnung, die gewachsen ist) getroffen. Taxis ist ein Verein, der von Befehlen regiert wird, die bestimmte Menschen zu bestimmten Handlungen verpflichten; Kosmos hingegen besteht aus abstrakten, neutralen Regeln, die keine bestimmten Handlungen vorschreiben, sondern stattdessen die Bedingungen festlegen, die eine freie Interaktion zwischen Individuen oder Gruppen ermöglichen. Hayeks Paradigma für Kosmos ist der freie Markt: ein rege lbasiertes System mit verstreutem Wissen, das niemand entworfen hat und an dem die Menschen teilnehmen können, ohne etwas über die Funktionsweise des Systems zu wissen. Hayek nutzte diese Unterscheidung, um das anzugreifen, was er "Konstruktivismus" nannte und dem er die meisten Übel der modernen Welt, insbesondere den Aufstieg des Sozialismus und des Totalitarismus, zuschrieb. Darin ähnelt er stark Edmund Burke, der in seinen großen Reflexionen über die Revolution in Frankreich die Idee, die Gesellschaft k önne auf der Grundlage einer abstrakten Theorie erfunden und geplant werden, als inhuman angriff. Der Fehler des Konstruktivismus besteht darin, zu glauben, dass eine Ordnung nur dann existieren kann, wenn sie von jemandem bewusst geplant wurde, und dass sie nur aus einer Befehls - oder Gehorsamsstruktur bestehen kann. Das ist autoritär! Was Hayek eine "spontane" oder "gewachsene" (selbst erzeugte) Ordnung nannte, kann sich aus einzelnen Elementen entwickeln, die sich an Umstände anpassen, die nur einige von ihnen direkt betreffen. In der Tat unterscheidet sich die auf diese Weise entstandene Ordnung qualitativ von einer "gemachten" Ordnung: Eine spontane Ordnung hat kein einziges gemeinsames Ziel, eben weil sie aus der Interaktion von Individuen auf der Grundlage ihrer unterschiedlichen Bedürfnisse resultiert, unter Umständen, die nur einige von ihnen direkt betreffen und deren Gesamtheit niemandem bekannt sein kann. Aus diesem Grund erstreckt sich eine spontane Ordnung im Allgemeinen auf Umstände, die so kom plex sind, dass kein Verstand sie alle erfassen kann. Der freie Markt zum Beispiel enthält Faktoren und Elemente, die den meisten Menschen völlig unbekannt sind. Wenn ich in einem Restaurant einen Kaffee bestelle, ist der Preis, den ich bezahle, die Folge eines riesigen Geflechts nahezu unendlicher wirtschaftlicher Beziehungen und Variablen: der


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Kaffeepreis, der Preis der Arbeitskräfte in der Stadt, die Herstellung von Tassen und Untertassen, die Kosten für di e Landpacht, der Zuckermarkt, die Nachfrage, in Bars zu sitzen und Kaffee zu trinken. Alle diese Faktoren wirken zusammen, um einen Preis zu erzeugen, und jeder von ihnen wird wiederum von unberechenbaren anderen beeinflusst: die Kaffee - und Zuckerpreise von der Witterung, die Arbeitskosten von der Lohnpolitik, der Bildungspolitik, der Einwanderungspolitik und der Demografie usw. usf. All diese Zusammenhänge erschöpfend zu beschreiben, dürfte eigentlich unmöglich sein: Es übersteigt sicherlich den Horizont desjenigen, der den Kaffee bestellt. Als Marktteilnehmer bedient er sich also eines verstreuten Wissens, das niemand beherrscht. Das bedeutet unter anderem, dass es für eine einzelne Person schwieriger ist, die Kontrolle über eine umfangreiche und komplexe Bestellung zu erlangen als über eine einfache Bestellung. Nur in den einfachsten Organisationen ist es denkbar, dass die Einzelheiten aller Aktivitäten von einem einzigen Geist geregelt werden können. Obwohl Hayek den freien Markt als Paradigma benutzte, war er der Meinung, dass das Recht und die Zivilisation analog zu ihm sind. Eines seiner Hauptargumente gegen dirigistisches staatliches Handeln, egal in welchem Bereich, war daher, dass es einfach unmöglich sei zu wissen, was das Ergebnis eines bestimmten Interventionismus sein würde: Die Gesellschaft sei einfach zu komplex, um von der Regierung gelenkt zu werden. Sie braucht stattdessen die Raffinesse des Gesetzes. Gerade weil die Gesellschaft nicht durch bewusste Gestaltung entstanden ist, haben ihre Strukturen einen Grad an Komplexität erreicht, der weit über das hinausgeht, was durch bewusste Organisation hätte erreicht werden können. Der richtige Weg, die Gesellschaft zu reformieren, ist daher die Durchsetzung und Verbesserung der Regeln, die zu ihrer Erhaltung beitragen. Da es intellektuell anmaßend - um nicht zu sagen größenwahnsinnig - ist, zu glauben, dass ein einzelner Mensch ein ganzes System solcher Regeln ausarbeiten könnte, muss ein Herrscher mit Umsicht und Bescheidenheit handeln, wenn er beschließt, sie zu ändern. Daher ist die Behauptung, dass wir die moderne Gesellschaft bewusst planen müssen, weil sie zu komplex geworden ist - wie viele Verfechter der europäischen Ideologie, wie Jacques Delors, behaupten - paradox und potenziell destruktiv. Wenn die unzähligen freien Interaktionen intelligenter Individuen Regeln hervorgebracht haben, besteht bei der Auferlegung neuer Regeln immer die Gefahr, die spontane Ordnung und damit die Freiheit und die Zivilisation selbst zu stören. Hayek schreibt: "N icht durch die Anweisung von Herrschern, sondern durch die Entwicklung von Sitten und Gebräuchen,


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auf die sich die Erwartungen der Individuen stützen konnten, haben sich allgemeine Verhaltensregeln durchgesetzt. "³ ⁸ Solange Menschen nach Regeln handeln, ist es nicht notwendig, dass sie sich dieser Regeln bewusst sind. Gesetze können befolgt werden und man kann sagen, dass sie existieren, auch wenn sie nicht explizit sind. Die meisten von uns können die grammatikalischen Re geln unserer eigenen Sprache nicht genau beschreiben, selbst wenn wir sie korrekt sprechen. Tatsächlich sind die Regeln oft allgemeiner und abstrakter als alles, was die Sprache ausdrücken kann. Das liegt daran, dass solche abstrakten Regeln durch Nachahmu ng bestimmter Handlungen gelernt werden. Durch Analogie erwirbt das Individuum die Fähigkeit, in anderen Fällen nach denselben Prinzipien zu handeln, ohne diese Prinzipien notwendigerweise benennen zu können. Etwas von der hier beschriebenen Art von Wissen wird durch das französische Verb "connaitre" (eine Person kennen) im Gegensatz zu "savoir" (eine Tatsache kennen) ausgedrückt. Darüber hinaus sind in einer freien Gesellschaft, wie wir sie kennen, nur einige der Regeln, an die sich die Menschen tatsächlic h halten, nämlich einige der Rechtsregeln, das Ergebnis menschlicher Planung. Viele der Regeln der Moral und der Sitte werden sich spontan entwickelt haben. Der Cambridge-Philosoph Michael Oakeshott argumentierte, dass wir uns, wenn wir die Autorität einer Sprache, einer Moral oder eines Gesetzes anerkennen, den Andeutungen von Tugend, die diese Praktiken enthalten, anschließen. Wir bekennen uns zu den Werten, die in der Sprache enthalten sind, und wenn wir tugendhaft, ehrenhaft oder integer handeln, können diese Qualitäten nicht an bestimmten Ergebnissen erkannt werden, sondern vielmehr an der Qualität der Handlungen selbst. Wie andere Sprachen auch, ist die Sprache der Moral keine Schöpfung der Grammatiker, sondern der Sprecher. Allgemeine Prinzipien und R egeln können sich aus einer Praxis ergeben, aber sie werden nicht durch vorheriges Denken erzeugt. Praktiken dieser Art legen keine bestimmten Handlungen fest, sondern geben Überlegungen vor, die bei Entscheidungen zu berücksichtigen sind. Mit anderen Worten: Sprache, Moral und Gewohnheitsrecht setzen intelligente, freie Akteure voraus. Eine solche Praxis ist insofern "sozial", als die Akteure durch ihr Verständnis und ihre Freude an bestimmten Praktiken miteinander verbunden sind. Eine Praxis ist nicht nur eine Kunst, in der sich ein Akteur, der sie erlernt hat, offenbaren kann, sie ist auch ein Verfahren, in dem Akteure dauerhaft miteinander verbunden sein können, während sie ihre eigenen, intelligent konzipierten Ziele verfolgen. Das deutlichste Beispiel dafür ist eine gemeinsame Sprache, aber auch Moral und Gewohnheitsrecht vereinen die


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Menschen in ihren individuellen Bestrebungen auf eine Weise, die dem Sprechen einer Sprache entspricht. Oakeshott sagt: "D ie Bedingungen, die die Praktiken spezifizieren, kann man als die "Verfassungen" jener zahllosen Vereinigungen bezeichnen, in denen das Verhalten der Akteure seinen "sozialen" Charakter verkündet. Jede dieser Assoziationen ist eine societas von Akteuren, d ie miteinander verbunden sind, nicht um eine gemeinsame materielle Befriedigung zu suchen, sondern aufgrund ihres Verständnisses und ihrer Anerkennung der Bedingungen, der betreffenden Praxis und der Bezi ehung, die sie mit sich bringt.³ ⁹ Später fährt er fort: "Cives [d.h. die Mitglieder einer zivilen Assoziation] sind keine neurophysiologischen Organismen, genetischen Charaktere, psychologischen Egos oder Bestandteile eines sozialen Prozesses, sondern freie Agenten, die auf die Handlungen und Äußerungen des anderen mit Verständnis reagieren; und zivile Assoziation ist keine organische, evolutionäre, teleologische, funktionale oder syndromale Beziehung, sondern eine verstandene Bezi ehung intelligenter Agenten.“ ⁴⁰ Im Gegensatz dazu existieren bestimmte Arten von Vereinigungen zur Erreichung bestimmter Ziele. Man tritt einer politischen Partei oder einem Wirtschaftsunternehmen zu anderen Zwecken als der Mitgliedschaft selbst bei. Die Art dieser Beziehungen und die Regeln, die sie regeln, unterscheiden sich deutlich von denen der zivilrechtlichen Vereinigungen. Zum einen ist die Mitgliedschaft in einer Unternehmensvereinigung freiwillig, während die Mitgliedschaft in einer Bürgervereinigung nicht unbedingt freiwilli g ist. (Viele Praktiken, wie z. B. das Sprechen einer Muttersprache, werden überhaupt nicht gewählt.) Eine Unternehmensvereinigung ist nicht nur eine Vereinigung im Sinne eines gemeinsamen Ziels, sondern auch eine Vereinigung im Sinne der Verwaltung der Ve rfolgung dieses Ziels, denn die Mitgliedschaft in einer Unternehmensvereinigung setzt voraus, dass man sich dem ständigen Recht der Vereinigung unterwirft, als Reaktion auf einen bestimmten Umstand und im Hinblick auf das gemeinsame Ziel zu entscheiden, di es und nicht jenes zu tun. Die Unternehmensvereinigung ist also ein unternehmerisches Engagement. Assoziiert zu sein im Sinne einer Praxis (z. B. einer Sprache oder eines Staates) bedeutet gerade nicht, assoziiert zu sein in der gegenseitigen Befriedigung von Bedürfnissen oder im Treffen oder Anerkennen von "unternehmerischen" Entscheidungen in Verfolgung gemeinsamer Ziele. Die Bürger sind keine Partner oder Kollegen in einem Unternehmen mit einem gemeinsamen Ziel oder einem gemeinsamen Interesse, das es zu schützen gilt. Wie Oakeshott betonte, sind die Bedingungen der bürgerlichen Vereinigung moralische


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Erwägungen, gerade weil sie nicht der Befriedigung materieller Bedürfnisse dienen. Die folgende sehr verbreitete Meinung ist daher aus liberaler Sicht unzulässig: Damit die Währungsunion mit Vertrauen in ihre Stabilität starten kann, muß die Regierungskonferenz konkrete und spürbare Fortschritte für die Bürgerinnen und Bürger bringen. Ich denke zum Beispiel an die wirksame Bekämpfung des organisierten Verbrechens durch eine europäische Polizei, an ein einheitliches Regelwerk für die Asyl - und Einwanderungspolitik und an die Fähigkeit, in der gemeinsamen Außen - und Verteidigungspolitik mit einer Stimme zu sprechen." ⁴¹ Wie die obigen Argumente über das Wesen der zivilen Assoziation zeigen, impliziert diese Art der Rechtfertigung der Existenz des Staates (bzw. in diesem Fall Europas) im Hinblick auf die Förderung fremder Ziele die Gleichsetzung von Staatlichkeit mit Un ternehmensassoziation. Nach liberaler Auffassung hat eine Verfassung jedoch dann Autorität, wenn die Akzeptanz der Bürger für diese Verfassung nicht eine Frage der Zufriedenheit mit den Ergebnissen der von der Regierung durchgeführten Exekutivmaßnahmen ist , sondern vielmehr eine Frage der Unterstützung für die öffentlichen Verfahren, mit denen allgemeine Gesetze für den Staat erlassen und bestimmte Fälle entschieden werden. Diese Unterstützung bleibt auch dann bestehen, wenn die Ergebnisse selbst umstritten sind. Wir respektieren den Willen des Parlaments oder die Entscheidung eines Richters, auch wenn wir damit nicht einverstanden sind. In diesem Bereich, dem Herzstück der zivilen Gesellschaft, ist es daher wichtig, sich über die Natur der rechtlichen Entsc heidungen im Klaren zu sein. Die Entscheidungen eines Gerichts sind juristisch, nicht verwaltungstechnisch. Seine Rechtsprechung befasst sich mit der Bedeutung des Rechts in einer bestimmten Situation. Das Recht muss, um Recht zu sein, blind sein für die materiellen Ergebnisse oder Folgen dieser oder jener Entscheidung. Es wäre rechtswidrig, wenn ein Richter ein Urteil fällen würde, weil er dieses oder jenes Ergebnis beabsichtigt. Die Politik beruht ebenso wie das Recht auf Konflikten, denn ohne Konflikte g äbe es weder Politik noch Recht, sondern nur Verwaltung. In ähnlicher Weise sollte sich die Gesetzgebung mit der wünschenswerten Zusammensetzung eines Systems moralischer und nicht instrumenteller Überlegungen befassen. Denn Recht ist nicht als Anweisung an die Bürger eines Staates zu verstehen, bestimmte Ziele zu verfolgen, sondern als eine Sprache, in der sich die Bürger selbst verstehen und ihre Konflikte lösen.⁴² Das bedeutet, dass es falsch ist, den Rechtsstaat so zu verstehen, wie Kelsen es tat, nämli ch als ein System von Befehlen, die an die Bürger oder an die Beamten des Staates gerichtet sind. Das Recht ist eben nicht ein System von Befehlen eines Häuptlings an seine Indianer: Es ist vielmehr eine Sprache des zivilen Verhaltens.


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Da es sich bei der zivilen Assoziation um eine intelligente, regelbasierte Assoziation handelt, sollte sie die bereits bestehenden politischen Realitäten berücksichtigen. Staatliche Strukturen sollten an die gemeinsamen historischen und kulturellen Erfahrungen der Menschen, die sie regieren, angepasst sein und werden in der Regel von diesen Faktoren bestimmt; die Regionen oder Gemeinschaften innerhalb dieses Staates werden in ähnlicher Weise die historische Kontingenz widerspiegel n; das Recht des Staates wird die Werte hochhalten, an die die Menschen glauben. Die Demokratie ist daher von Natur aus konservativ. Es ist schwer zu erkennen, wie das europäische Aufbauwerk mit einer dieser Überlegungen vereinbar sein soll. Weit davon ent fernt, ein spontaner, aus sich selbst heraus entstandener und stückweiser Prozess des natürlichen Verfassungswachstums zu sein, suggeriert schon der Name "Europäisches Aufbauwerk" eine technokratische, künstliche und absichtliche Konstruktion die, wie Edmund Burke betonte, im Widerspruch zum Recht und den traditionellen Freiheiten steht. Weit davon entfernt, dem Willen des Volkes oder gar der juristischen Entwicklung zu folgen, schlägt sie vor, die bestehenden politischen und rechtlichen Systeme durch neu erfundene zu ersetzen: Obwohl sie sich ihres "gemeinschaftlichen" Images rühmt, wird sie die bereits existierenden politischen Gemeinschaften, die Nationalstaaten, ins Abseits drängen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl eines bereits existierenden europäischen Volkes gibt es nicht, wie die Metapher vom "europäischen Aufbauwerk" geradezu einräumt. Und weit davon entfernt, mit dem Verständnis vereinbar zu sein, dass das Recht ein neutrales Regelwerk ist, das es erlaubt, aus dem Gewirr der freien Interaktion zwis chen den Menschen eine Ordnung entstehen zu lassen, handelt es sich um ein regulierendes und dirigistisches System, das das Recht als "Richtlinie" und das politische Leben als eine Art gemeinsames Unternehmen mit zu verfolgenden Zielen betrachtet. Diese Auffassung vom Staat ist jedoch in vielen Ländern der Europäischen Union weit verbreitet, die oft ein korporatistisches Staatsverständnis haben. Dort werden die Aktivitäten des Staates fast ausschließlich mit dem Ausgeben von Geld identifiziert. Föderalistis che Staaten sind für dieses Verständnis von Staatlichkeit besonders anfällig, weil der Großteil ihrer Innenpolitik dem Gerangel zwischen den verschiedenen Regierungsebenen um Gelder gewidmet ist. Dies wiederum ist auf die Vielzahl der Regierungsebenen in d en Bundesstaaten zurückzuführen. Belgien zum Beispiel hat nicht weniger als sieben gesetzgebende Versammlungen. Auch die Deutschen werden Ihnen aufgrund der Aufteilung ihres Landes in Bundesländer oft erklären, dass ihr Land wunderbar dezentralisiert ist. Das ist jedoch nicht wahr. Die Bundesländer haben dieselben Befugnisse wie die


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lokalen Behörden in Großbritannien, und der Unterschied zwischen dem schottischen und dem englischen Rechtssystem ist größer als jeder Unterschied innerhalb Deutschlands. In Deutschland gibt es einen relativ hohen Grad an Dezentralisierung der Verwaltung (die Mittel werden durch nationale Steuern aufgebracht und dann an die Länder verteilt, die das Geld ausgeben) sowie fünfzehn hochrangige Landes regierungen, die die Gesetzgebung auf nationaler Ebene im Bundesrat blockieren können. Die Befugnis, Geld auszugeben, ist jedoch nicht gleichbedeutend mit regionaler politischer Autonomie. Diejenigen, die sagen, dass der deutsche Föderalismus ein Modell fü r Europa ist, gehen davon aus, dass der Wunsch nach echter nationaler politischer Unabhängigkeit - das Recht, seine eigenen Gesetze zu machen - mit bloßen Geldtransfers von jemand anderem gestillt werden kann. Sie gehen davon aus, dass der Charakter der Re gierung auf regionaler Ebene innerhalb eines Staates dem der Regierung auf staatlicher Ebene selbst entspricht. Dies ist ein unpolitisches und klientelistisches Verständnis von Staatlichkeit. Wenn die Bürgerinnen und Bürger eine Verfassung unterschreiben, dann unterschreiben sie im Wesentlichen rechtsbasierte Verfahren, um über allgemeine Regeln zu entscheiden und zu urteilen. Wenn sie die Gültigkeit des Staates nur deshalb akzeptieren, weil er ihnen Geld gibt, dann ist das keine politische Vereinigung, son dern feudale Unterwerfung.

3. Souveränität, Demokratie und das Gemeinwohl

"Eine Gesellschaft, deren Mitglieder in Opposition zueinander treten neigt zur Auflösung". Saint-Simon

Das menschliche Verhalten setzt also zwei Dinge voraus: ande re Menschen und Sinn. Die Gesellschaft und die Sprache sind somit zwei entscheidende Elemente des menschlichen Lebens. Ohne den Begriff des sinnvollen Verhaltens - d.h. eines Verhaltens, das aus dem Selbstverständnis der handelnden Personen heraus verständ lich ist - gäbe es kein menschliches Verhalten, keine menschliche Freiheit und keine menschliche Vernunft. Damit das Denken stattfinden kann, muss es einen öffentlichen Dialog geben. Wie Kant schreibt: "Die Vernunft ist nicht dazu gemacht, sich zu isoliere n, sondern mit anderen in Gemeinschaft zu treten. " ⁴³


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Die menschliche Vernunft entwickelt sich, indem sie in den einzelnen Dingen, denen wir durch Erfahrung begegnen, universelle Naturen herausfiltert oder entdeckt. Da dieser Prozess jedoch partiell und kontin uierlich abläuft, ist die menschliche Intelligenz und Erkenntnis ein Helldunkel. Bereiche des Lichts und der Klarheit sind von Zonen der Unklarheit umgeben. Der Mensch erwirbt Wissen in einem langsamen, schwierigen, mühsamen und fortschreitenden Prozess als Ergebnis langer, geduldiger und komplexer Arbeit. In der Tat erlangt er immer nur eine Teilerkenntnis der Wirklichkeit: Er kennt nie die Gesamtheit eines bestimmten Teils der Wirklichkeit. Auch wenn er die Wahrheit kennt, sind die Wahrheiten, die er kenn t, nur partiell, und sie müssen durch andere ergänzt werden. Diese Partialität bedeutet, dass die menschliche Intelligenz auch sukzessiv ist, das heißt, dass unser Wissen wächst, wenn eine Teilwahrheit auf eine andere folgt. Eine andere Art, denselben Geda nken auszudrücken, ist, zu sagen, dass das menschliche Wissen diskursiv ist. Das intellektuelle Wissen des Menschen drückt sich in der Sprache aus. Wie das Wissen ist auch die Sprache partiell, sukzessiv und fortschreitend, und sie entsteht durch die Inter aktion intelligenter Wesen, die gemeinsame Praktiken ausüben. Das bedeutet, dass die alltäglichen Dinge des Lebens wesentliche Elemente für die Konstitution der menschlichen Vernunft sind. Mit anderen Worten: Es ist die Erfahrung des Gemeinsamen, die dem m enschlichen Leben Sinn verleiht. Ohne sie würden wir in einem Zustand der Idiotie, d.h. des "Alleinseins" (idion) leben. Wir müssen in einer gemeinsamen Welt leben, in der die Worte, die uns gemeinsam sind, eine unbestrittene Bedeutung haben. Das soziale u nd politische Leben - das menschliche Leben - könnte ohne Recht und Sprache nicht existieren. Alle unsere Vorstellungen von Freiheit, Recht und Zusammengehörigkeit in der Demokratie werden den Bürgern durch die Erfahrung der Staatlichkeit vermittelt. So wi e das Recht einen Staat, ein Volk und einen Richter voraussetzt, so ist die Gemeinsamkeit des Rechts, wie die jeder Praxis, ein integraler Bestandteil der Natur des Menschen als politisches Tier. Dies erklärt, warum eine gemeinsame Sprache ein wichtiges El ement von Staatlichkeit und Demokratie ist. Ohne sie ist die Gemeinsamkeit, die für die Beurteilung, Bewertung und Zielsetzung im menschlichen Leben unerlässlich ist, unmöglich. Es ist in der Tat sehr schwierig, die Bedeutung einer gemeinsamen Sprache als konstitutives Element von Politik und Recht zu übertreiben. Staaten und Nationen entstehen und bestehen als Gemeinschaften, die eine gemeinsame Sprache haben. Die Völker entstehen aus den Sprachen, nicht die Sprachen aus den Völkern. Eine Sprache ist das Mittel, mit dem die Menschen der Welt und sich selbst einen Sinn geben. Sprache ist unverzichtbar für Gemeinsamkeit, Intelligenz, Politik und Freiheit.


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Ganze Teile des Vokabulars der Politik und des Rechts offenbaren in der Tat diese tiefe Verbindung zwischen Sprachhandlungen und politischen Handlungen. Im Französischen und im Deutschen ist das Wort für "Abstimmung" dasselbe wie das Wort für "Stimme"; Gesetze werden von einem Parlament verabschiedet, in dem Reden gehalten und "parliert" wird; Gesetze werden "verkündet", Entscheidungen werden "verkündet"; die Regierung gibt "Erklärungen" vor dem Parlament ab; in einem Gericht "plädieren" die Parteien; Ermittlungsverfahren sind "Anhörungen"; der Bereich, in dem Urteile Gültigkei t haben, ist eine Gerichtsbarkeit; ein Richter spricht im "Namen" des Staates, dem er dient, und er fällt ein "Urteil"; die "Geschworenen" werden "vereidigt"; die Zeugen "schwören", die Wahrheit zu sagen. Recht und Politik leben in und durch die Sprache - das heißt, im öffentlichen Raum. Aristoteles' Definition des Menschen als politisches Tier sollte nicht nur den Unterschied zwischen dem häuslichen Leben und dem öffentlichen Bereich der Politik betonen, sondern auch zwischen dem freien Bürger und dem Skla ven oder Barbaren unterscheiden, der ane u logou war - natürlich nicht des Sprachvermögens beraubt, sondern einer Lebensweise, in der die Sprache, und nur die Sprache, einen Sinn hatte, und in der das zentrale Anliegen aller Bürger darin bestand, miteinande r zu reden.⁴⁴ Im Mittelalter wurde die (öffentliche) Pracht der Majestät mit der Dunkelheit und Obskurität des privaten Bereichs kontrastiert. Während des gesamten Mittelalters und bis in die Renaissance hinein gewann der öffentliche Bereich als unabdingba re Voraussetzung für die Rechtsstaatlichkeit an Bedeutung, und die Vorstellung, dass der König oder Feudalherr das Oberhaupt eines Haushalts sei, nahm ab. Das Parlament, die Arena der Rede, wurde zu dem Bereich, in dem sich die politische Macht manifestier en musste - damit sie legitim war. Politik ist also Teil des Menschseins, wenn man unter "Politik" den öffentlichen Zusammenschluss von Individuen versteht, die sich als "ein Volk" begreifen. Ohne "ein Volk" kann es keine Herrschaft des Volkes (Demokratie) geben. Die Herrschaft unterscheidet sich also von der Gesetzgebung oder der Rechtsprechung: Sie ist eine "polizeiliche" Kontroll e der bürgerlichen Vereinigung.⁴⁵ Die polizeilichen Befugnisse ermöglichen es den Beamten des Staates, bestimmte materielle Han dlungen zu verbieten, doch geschieht dies in Übereinstimmung mit den im Gesetz festgelegten Verfahren. Denn das Recht postuliert einen Herrschaftsapparat, da es sich nicht selbst durchsetzen oder verwalten kann. Es muss also einen Staatsapparat geben, dami t das Recht existieren kann. Während die Herrschaft eine Reihe von Befehlen ist, die auf der Grundlage des Gesetzes erlassen werden, ist das Recht nicht das Regelwerk eines Unternehmens. Schon die Etymologie des Wortes "Regel" macht deutlich, dass es einen unveränderlichen Maßstab liefern soll, nach dem


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menschliches Verhalten beurteilt werden kann (Pater Copleston glossiert Aquins Auffassung vom Recht als "ein Maß oder eine Regel für menschliche Handlungen, ein Maß oder eine Regel, die von der Vernunft erdacht und mit Blick auf das Gemeinwohl verkündet wird " ⁴⁶) - ebenso wie die Etymologie des Begriffs "Fürst" darauf hinweist, dass er von Prinzipien geleitet sein sollte. Das Recht setzt also Bürger voraus, die die Autorität des Richters respektieren, im Konfliktfall zu entscheiden und zu sagen, welche Auslegun g des Gesetzes die richtige ist. Tatsächlich sind sie Bürger gerade aufgrund ihres Selbstverständnisses als Mitglieder der Polis, die unter dieser Autorität leben. Das Recht setzt also einen bürgerlichen Staat voraus, oder besser gesagt, es ist konstitutiv für ihn. Thomas von Aquin sagt in der Abhandlung über das Recht: "Das Recht ist nichts anderes als die Ordnung der Vernunft für das Gemeinwohl, die von demjenigen verkündet wird, der der Gemeinschaft vorsteht."⁴⁷ Das Streben nach dem "Gemeinwohl", von dem er spricht, ist kein materieller Zweck, wie er in Oakeshotts Unternehmensverband verfolgt wird. Es handelt sich vielmehr um eine selbstbestimmte Tätigkeit, die sich aus der Annahme ergibt, dass das betreffende "Gut" den Menschen, die sich als Bürger erkennen, "gemeinsam" ist. Das Streben nach dem Gemeinwohl ist das Streben nach jenen Werten, die die Gemeinschaft als Gemeinschaft stärken. Es ist nicht das Streben nach einem materiellen Ziel, das nichts mit der Zu gehörigkeit zur Gemeinschaft zu tun hat. Recht und Politik sind daher öffentliche Güter. Das, was wir als Demokratie verstehen, kann nicht ohne einen gut gepflegten öffentlichen Raum existieren. Weder die rechtliche Freiheit noch eines ihrer wichtigsten Er gebnisse, der freie Markt, können existieren, wenn es keine gesetzlich garantierten öffentlichen Räume gibt, in denen freie Interaktion stattfinden kann, und keine öffentlichen Normen (Sprache, Recht), die das menschliche Handeln verständlich und frei mach en. Die Freiheit braucht also einen öffentlichen Raum und kann nicht existieren, wenn sie nur auf das Privatleben beschränkt ist. Wer einmal in ein sowjetisches Land gereist ist, in dem das Misstrauen gegenüber Fremden und die Gewohnheit, sie zu erpressen, so tief sitzen, wie man es sich nur vorstellen kann, und in dem die gemeinsamen Treppenhäuser in den Wohnblöcken schmutzig sind, auch wenn die Wohnungen darin makellos sind, wird wissen, was mit dieser Zerstörung des öffentlichen Raums gemeint ist. Der Mensch wüsste nichts von innerer Freiheit, wenn er nicht einen Zustand des Freiseins als weltlich greifbare Realität erfahren hätte. Recht und politische Freiheit müssen real und nicht nur formal sein, damit sie einen Wert haben. Wir werden uns der Freiheit erst im Umgang mit anderen bewusst, nicht im Umgang mit uns selbst. So entwickeln wir unseren Verstand und unser


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Selbstbewusstsein als Person. Ohne einen garantierten politischen Raum wäre die Freiheit keine nachweisbare T atsache. Freiheit ist weder etwas, das in der Dunkelheit des Herzens zu finden ist, noch ist sie ein geistiger Zustand, wie einige utilitaristische Philosophen zu unterstellen scheinen. Vielmehr fallen Politik und Freiheit zusammen und verhalten sich zuein ander wie zwei Seiten einer Medaille. Dieser Bereich muss klar beschrieben werden. Denn damit man von Recht sprechen kann, muss es einen klar definierten Bereich geben, in dem es gültig ist, und eine klar definierte Gruppe von Menschen, für die es gilt. Gute Zäune machen gute Nachbarn. In der Antike war das Recht "im wahrsten Sinne des Wortes eine Mauer, ohne die es vielleicht eine Ansammlung von Häusern, aber keine Stadt, kein politisches Gemeinwesen gegeben hätte". ⁴⁸ Die Polis bedeutete ursprünglich so etwas wie "Ringmauer", so wie auch urbis im Lateinischen die Vorstellung eines Kreises ausdrückte und von derselben Wurzel wie orbis abgeleitet wurde. In der Tat sind "Stadt" und das deutsche Wort Zaun etymologisch ve rwandt, während das griechische Wort für Gesetz, nomos, von nemein, verteilen, besitzen (was verteilt wurde) und wohnen, abstammen soll. Die Kombination von "Gesetz" und "Hecke" im Wort nomos ermöglichte Heraklit das Wortspiel: "Das Volk sollte für das Ges etz kämpfen wie für eine Mauer. "⁴⁹ Nur in der kommunistischen Vorstellung ist eine Grenze notwendigerweise eine geschlossene Barriere: Für das klassische Rechtsverständnis ist sie gerade das bestimmende Element der Rechtsprechung. In der kontinentalen Sichtweise ist eine nationale Grenze natürlich sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Aber, wie wir gesehen haben, beinhaltet das britische Konzept der Souveränität seit Hobbes die Idee, dass Grenzen wirtschaftlich offen sind. Territoriale Klarheit ist also eine Voraussetzung für eine nic htstammesbezogene Organisation. Jedes Recht erfordert eine Gerichtsbarkeit, d. h. ein System, mit dem bestimmt werden kann, wer seinen Erlassen unterliegt und wer nicht. In einem Staat, in dem es verschiedene Stämme gibt, von denen jeder seinem eigenen re ligiösen Gesetz unterliegt, wird nicht nur die politische Einheit untergraben, sondern auch die Vorstellung in den Köpfen der Menschen verankert, dass diejenigen, die ihre religiösen Überzeugungen nicht teilen, in einem wichtigen Sinne außerhalb des Gesetz es stehen. Eine solche Vorstellung von Rechtsprechung ist unvereinbar mit dem Entstehen eines Staates, in dem Rechte unabhängig von der Konfession gewährt werden. Die Sicherheit, Kontinuität und Stabilität, die für einen Rechtsstaat notwendig sind, sind nicht zu erreichen, solange das Territorium nicht gesichert ist. Nur eine territoriale Idee der Gerichtsbarkeit ermöglicht die endgültige Trennung des Rechts von der konfessionellen Bindung. ⁵⁰ Die nationale Idee begründet eine soziale Loyalität, die der terr itorialen Gerichtsbarkeit entspricht: Ohne territoriale Gerichtsbarkeit ist ein liberaler


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Staat nicht möglich. Aus diesem Grund sind die Geschichte des Rechtsstaats und die Geschichte der nationalen Idee untr ennbar miteinander verbunden. Nationalität und Jurisdiktion durchdringen sich gegenseitig, und es ist nicht abwegig, sich ihr Verhältnis wie das zwischen Körper und Seele vorzustellen. ⁵¹ Die Nation ist weit davon entfernt, eine Bedrohung für die liberale Ordnung zu sein, sie ist vielmehr die Voraussetzung für sie. Die verfassungsmäßige Unabhängigkeit oder die nationale souveräne Staatlichkeit ist somit eine Voraussetzung für die Demokra tie, denn nur innerhalb eines bestimmten Gemeinwesens - d.h. einer Gruppe von Menschen, die sich eindeutig durch gemeinsame Regeln und Bezugspunkte konstituiert können die demokratische Debatte und die demokratische Rechenschaftspflicht gewährleistet wer den. Deshalb ist es gefährlich, einfach zu argumentieren - wie es die Befürworter der europäischen Integration tun dass Grenzen abgebaut oder irrelevant gemacht werden sollten. Genauso wie niemand klar zu sagen scheint, dass er eine europäische Souveräni tät will, sondern eher, dass er den Begriff der Souveränität selbst abbauen will, neigen die Anhänger der europäischen Integration dazu, nicht zu sagen, dass sie Grenzen um die Europäische Union herum errichten wollen (obwohl dies sehr wohl die Konsequenz dessen sein könnte, was sie vorschlagen), sondern dass sie einfach dazu ermutigen, dass Grenzen im Allgemeinen verschwinden. Die Behauptung, dass Grenzen Barrieren sind, die abgebaut werden müssen, ist somit eine Denunziation eines der wesentlichen Instrum ente des Rechts selbst. Die Abschaffung der juristischen Grenzen impliziert die Abschaffung der politischen Nation, und dies wiederum impliziert die Abschaffung des Rechts und seine Ersetzung durch Bürokratie oder dirigistische Gesetzgebungstätigkeit. Ohne Politik - ohne die reale Existenz einer klaren Öffentlichkeit - kann es kein Urteil, keine Moral und kein Recht geben. Gerade dann, wenn der öffentliche Raum der offenen Rechts - und Politikgestaltung zugunsten einer Entscheidungsfindung hinter verschlosse nen Türen verwischt wird, entsteht die eigentliche Gefahr in den heutigen Gesellschaften: bürokratische, technokratische und entpolitisierte Strukturen, die Gleichgültigkeit fördern und die Bürger weniger differenziert, weniger kritikfähig und weniger gene igt machen, Verantwortung zu übernehmen. Dies ist die Gefahr, nationale Grenzen abzuschaffen, ohne explizit neue europäische Grenzen zu schaffen (auch wenn letzteres eine ganze Reihe neuer Probleme mit sich bringen würde), oder so zu tun, als ob das politi sche Leben ohne sie existieren könnte oder sollte.


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4. Das Zeitalter der Sophister und Taschenrechner

„Wirtschaftliche Macht zählt mehr als territoriale Macht “ Colbert⁵²

Um die Rolle des öffentlichen Raums bei der Wahrun g der politischen Freiheit zu betonen, unterschied der große liberale französische Philosoph Benjamin Constant zwischen der Freiheit der Alten und der Freiheit der Modernen. ⁵³ Für die Alten war die Freiheit ein öffentliches Gut - man war frei, wenn man als Bürger das Recht hatte, an der Politik teilzunehmen -, während das, was wir heute als private, individuelle Freiheit bezeichnen, wenig zählte. Im Gegensatz dazu assoziiert die moderne Welt Freiheit mit der Freiheit von staatlichen Eingriffen in das Privat leben des Einzelnen. Die Alten wussten, dass die Regierung einer Republik die Freiheit zerstören kann, wenn sie sich auf das ökonomische Modell des Haushalts stützt. (Sie betrachteten das Privatleben der Familie oder des Stammes als den Bereich der Notwendigkeit, während der öffentliche Bereich, in dem alle Menschen gleich waren, der Bereich der Freiheit war. Im privaten Bereich ging es bei den Befehlen des Chefs oder des Hausherrn darum, die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen (Nahrung, Wärme) sicherzuste llen. Der römische Tyrann Caligula war der erste, der "dominus", Herr, genannt wurde, ein Titel, den Augustus und sogar Tiberius als Beleidigung und Verleumdung empfunden hätten. Die Tendenzen, vor denen Constant warnte, errangen im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen einer neuen Lehre, die den Unterschied zwischen öffentlich und privat verwischt, einen wichtigen Sieg: das Soziale. Dieses Konzept förderte die Ansicht, dass Völker und politische Gemeinschaften wie eine Familie behandelt werden sollten, deren a lltägliche Angelegenheiten von jener gigantischen, landesweiten Haushaltsverwaltung erledigt werden müssen, die wir heute Regierung nennen. Die Disziplin, die diesem Unterfangen entspricht, ist nicht mehr die politische Philosophie oder die Rhetorik, sonde rn die Wirtschaftswissenschaft. Die "Gesellschaft" wird als ein einziger großer Haushalt konzipiert, und die wesentliche Unterscheidung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Bereich wird dadurch verwischt. Formulierungen wie "das gemeinsame europäische Haus" - regelmäßig als Slogan von Bundeskanzler Kohl und anderen verwendet54 - suggerieren, dass das richtige Modell für die Politik der häusliche Bereich und nicht der öffentliche Bereich ist.


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Ökonomie und nicht auf Politik und Recht Auffassung ermutigt, dass der Staat "Widersprüche" des "kapitalistischen" (d. dass die Regierung der Menschen durch werden würde.⁵⁵

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beruht, hat Marx und Engels zu der verkümmern würde, sobald die h. freien) Systems gelöst sind, und die Verwaltu ng der Dinge ersetzt

Der Grund dafür war, dass die Mitglieder dieser Denkschule nicht begriffen, dass die freie menschliche Interaktion unter dem Gesetz im Wesentlichen intelligent ist. Als Disziplin, die sich mit den Notwendigkeiten des menschlichen Lebens befasst, geht di e Ökonomie davon aus, dass sich die Menschen in Bezug aufeinander verhalten und nicht handeln. Sie geht davon aus, dass menschliches Verhalten mit egozentrischen Begriffen oder als Ergebnis eines physischen oder psychologischen Antriebs erklärt werden kann . Die klassischen Ökonomen und einige Strömungen des liberalen Denkens tragen daran eine Mitschuld, denn sie argumentieren, dass der Mensch notwendigerweise sein eigenes Glück oder Wohlergehen anstrebt und dass es möglich ist, die liberale Ordnung ohne die konservativen Grundlagen - Nation, Recht, Tradition - zu genießen, die ihr zugrunde liegen. Doch obwohl alle Handlungen unweigerlich die eigenen sind, ist es eine Verhöhnung der Menschlichkeit zu behaupten, dass das einzige Motiv des Menschen die Selbstbe friedigung ist. Mit einer solchen Theorie werden alle Begriffe von Freiheit und Intelligenz aus der Gleichung entfernt. Ebenso unvereinbar mit einer wirklich freien und liberalen Rechtsordnung ist die Vorstellung, dass die Gesellschaft statistisch gesehen ziemlich gleichförmig ist und dass die Volkswirtschaft auf ein Ziel ausgerichtet werden kann, das ihrem Interesse entspricht. Denn die Anwendung des Gesetzes der großen Zahl und der langen Zeiträume auf Politik und Geschichte bedeutet nichts anderes als di e vorsätzliche Auslöschung ihres eigentlichen Gegenstands, des Außergewöhnlichen. Politik als integraler Bestandteil menschlicher Freiheit bedeutet, freie Entscheidungen zu treffen, die, da sie wirklich frei sind, nicht im Voraus theoretisiert werden könne n: Der Souverän ist, in Carl Schmitts berühmter Definition, derjenige, der die Entscheidung unter außergewöhnlichen Umständen trifft. ⁵⁶ Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen, in der Politik nach Sinn oder in der Geschichte nach Bedeutung zu suchen, wenn al les, was nicht alltägliches Verhalten oder automatische Tendenzen sind, als unwesentlich ausgeschlossen wird. Der Mythos des notwendigerweise egozentrischen Akteurs ist somit eine Leugnung der Handlungsfähigkeit. Zu glauben, dass die Gesellschaft nur ein Interesse hat, das vielleicht von der Wirtschaftswissenschaft erkannt werden kann, bedeutet, eine universalistische und materialistische Sicht der


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menschlichen Natur anzunehmen. Es ist ein Menschenbild, das nicht berücksichtigt, dass die Menschen zwar von ihrer Natur her identisch sind, aber in Wirklichkeit alle unterschiedlich sind, jeder beeinflusst von seiner Erziehung, seiner Zeit, seinen Überzeugungen, seinem Land und all den anderen Eigenschaften, die einen Menschen zu einer besonderen Person machen. Mit anderen Worten, wenn man sagt, dass die Interessen aller Menschen - oder aller Nationen - gleich sind (wie der außenpolitische Sprecher der regierenden Christdemokraten in Deutschland zur Verteidigung der europäischen Integration behauptet hat ⁵⁷), dann ignoriert man die Möglichkeit, dass die Menschen ihre Interessen unterschiedlich wahrnehmen. Damit wird die Möglichkeit einer intelligenten Meinungsverschiedenheit ignoriert. Aus diesem Grund haben einige liberale Ökonome n (insbesondere die Vertreter der österreichischen Schule, deren Philosophie von dem in diesem Kapitel dargelegten Verständnis der menschlichen Natur durchdrungen ist) die Besessenheit der modernen Ökonomen von Zahlen und ihre Tendenz zu glauben, dass "gut e Zahlen unweigerlich zu einer guten Politik führen", ausdrücklich angegriffen. ⁵⁸ Genau gegen die mikawberische und sogar größenwahnsinnige Tendenz, die vielen Ökonometern innewohnt, plädierte Hayek dafür, dass die paradoxe Aufgabe der Ökonomen darin besteht, zu zeigen, wie wenig die Ökonomie zeigen kann. Der Ökonomismus als ein Zwei g des Szientismus verfällt leicht dem anmaßenden Glauben, die gesamte Gesellschaft kennen und planen zu können. Die ökonomistische Vision des Staates ist auf dem Kontinent besonders ausgeprägt. Inspiriert durch ein unitarisches und korporatistisches Gesellschaftsmodell glauben viele Kontinentaleuropäer, dass sozialer Zusammenhalt nur dann bestehen kann, wenn alle immer einverstanden sind und wenn der Staat eine erhebliche Umverteilung des Einkommens vornimmt. Die politischen Kulturen Frankreichs, Deutschlan ds, Belgiens, der Niederlande und anderer Länder beruhen auf unterschiedliche Weise auf dieser irrigen "unitarischen" Vorstellung von Politik: Deutschland rühmt sich seines "konsensualen" Politikansatzes, in dem jeder mit jedem einverstanden ist und in dem Meinungsverschiedenheiten durch großzügige staatliche Zuwendungen abgefedert und gedämpft werden; während der französische politische Diskurs in der Regel davon ausgeht, dass die Interessen des "Ganzen" moralisch über denen des Einzelnen stehen und dass d ie französische Nation eine Art gemeinsames Projekt ist. Im Gegensatz zu kontinentaleuropäischen Verfassungstheorien oder praktiken, die von politischer Harmonie ausgehen oder diese anstreben, sind sich das britische und das amerikanische System darüber i m Klaren, dass


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Konflikte zum Leben dazugehören. In der liberalen Tradition ist wahre Solidarität dann gegeben, wenn zwei Menschen, die miteinander im Konflikt oder im Wettbewerb stehen, dennoch die Autorität der gleichen Regeln zur Lösung des Konflikts akzeptieren. Anstatt zu versuchen, Konflikte aus der Welt zu schaffen, haben die angelsächsischen Länder gelernt, konstitutionelle Systeme zu entwickeln, die es ihnen ermöglichen, sich zu entfalten. Das britische parlamentarische System räumt dem Prinzip der Meinungsverschiedenheit absoluten Vorrang ein, indem es sicherstellt, dass es immer eine Opposition gibt. Die amerikanische Tradition ist ähnlich: In den Federalist Papers erklärt Publius, dass der Geist der Uneinigkeit unvermeidlich ist und richtig kanalisiert und nicht unterdrückt werden muss: Die Freiheit ist für die Fraktion das, was die Luft für das Feuer ist, eine Nahrung, ohne die sie augenblicklich erlischt. Aber es wäre nicht weniger töricht, die Frei heit abzuschaffen, die für das politische Leben unentbehrlich ist, weil sie den Streit nährt, als die Vernichtung der Luft zu wünschen, die für das tierische Leben unentbehrlich ist, weil sie dem Feuer seine zerstörerische Kraft verleiht. "⁵⁹ Der Konflikt führt also zum Gemeinwohl. Wo es keinen Konflikt gibt, gibt es keine Politik, sondern nur Verwaltung. Politik lebt von der Feindschaft, dem Gegensatz zwischen Parteien und Interessen und Ideologien, dem Antagonismus zwischen unterschiedlichen Meinungen, Werten und Zielen. Die liberale Tradition geht auch davon aus, dass die Praxis der zivilen Assoziation unendlich, unvorhersehbar und konfliktträchtig ist. Ihre Bedingungen werden den Bürgern nicht als bereits geformte und artikulierte Verpflichtungen auferlegt, sondern sind vielmehr das, was durch die verschiedenen und unvorhersehbaren intelligenten Entscheidungen und Transaktionen entsteht, die die Menschen in ihrem täglichen Leben treffen. Die zivile Assoziation beruht in der Tat auf Streit und Meinungsverschiedenheiten, sogar in der Frage, wie sich die Begriffe des Rechts auf kontingente Umstände beziehen. Die zivile Assoziation setzt daher ein verbindliches Rechtsprechungsverfahren zur Lösung von Ungewissheiten und Streitigkeiten voraus. In der politischen Assoziation stehen die Bürger zueinander wie Bittsteller vor einem Gericht, nicht wie Partner in einem gemeinsamen Unternehmen. ⁶⁰ Für diejenigen, die eine unitarische oder harmonistische Sicht der Politik vertreten - für die diese letzte Behauptung schockierend sein wird -, bedeutet Vielfalt dagegen Unordnung. Einige Strömungen des modernen Liberalismus sind ebenso wie der Bürokratismus und der Sozialismus mitverantwortlich für das Abdriften zum Ökonomismus und weg von der Politik. Es wurde die Ansicht gefördert, dass Freiheit in erster Linie eine private Angelegenheit ist. Aber Politik ist die Kunst


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der Entscheidungsfindung. Ein politischer Akt ist ein öffentlicher Akt, das heißt, die getroffene Entscheidung trägt die persönliche Handschrift desjenigen, der sie trifft. Politik ist umsichtig: Die Entscheidungen, die in der Politik und im Recht getro ffen werden, müssen an die kontingenten Bedingungen von Zeit und Ort angepasst werden, unter denen sie getroffen werden. Im Gegensatz dazu findet die bürokratische Verwaltung nicht in der Öffentlichkeit statt - ihr Wesen ist nicht parlamentarisch - sondern auf dem Flur oder hinter verschlossenen Türen. Die bürokratische Verwaltung ist weder persönlich noch autoritär: Die Entscheidungen werden anonym getroffen und geben vor, objektiv zu sein (Wissenschaftlichkeit). Die Technokratie ist genau das, was versuch t, die politischen Entscheidungen zu beeinflussen, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen. Seit Beginn des modernen Zeitalters hat die Verwaltung der immer größer werdenden Sphäre des sozialen und wirtschaftlichen Lebens die politische Sphäre in den Schatten gestellt. Wo es aber um die Lebensnotwendigkeiten geht - in der Wirtschaft - steht alles Handeln per definitionem unter dem Einfluss der Notwendigkeit. Wäre Politik nur die Erhaltung des Lebens, dann würde man Mut als törichte und bösartige Verachtu ng des Lebens und seiner Interessen bezeichnen. Im Gegenteil, er ist die Voraussetzung für jedes politische Handeln. Die Dominanz der Wirtschaft, das Wachstum der modernen staatlichen Bürokratien, die zunehmende Macht der Technokraten, das allgemeine Ansehen der Wissenschaft - all dies trägt zu der Auffassung bei, dass die Dinge, die in der menschlichen Gesellschaft von Bedeutung sind, einer reinen, sicheren, wissenschaftlichen Erkenntnis zugänglich sind. Die Politik hingegen wird als wenig mehr als "Partei politik" und als eine der wirtschaftlichen Verwaltung fast untergeordnete Tätigkeit angesehen. Dies kann dazu führen, dass Entscheidungen ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen getroffen werden, ohne dass die verfassungsrechtlichen, rechtlichen und po litischen Implikationen ihrer Vorschläge berücksichtigt werden, wie dies bei der Europäischen Währungsunion der Fall ist. Indem der moderne Szientismus die Politik als eine eigenständige, echte und potenziell wertvolle Tätigkeit abwertet, neigt er dazu, di e erkennbaren Grundlagen der Politik und damit der freien Gesellschaften zu ignorieren und als Schimären abzutun. Politik ist keine Wissenschaft. Es ist unmöglich, ein Modell oder einen Mechanismus für politische Entscheidungen zu konstruieren, wie es der Maastrichter Vertrag gerne tut. Die politische Macht in die Hände eines Bürokraten oder eines bürokratisch gesinnten Politikers zu legen, bedeutet, sie von ihrem eigentlichen Platz zu verlagern. Der Bürokrat hasst das Humorvolle, das Exzentrische und das K reative: aber die wahre Politik sollte


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all das und noch mehr sein. Alle Apparate führen zur Aufgabe der Verantwortung und zur Neutralisierung der Entscheidungsfindung: Die Politik ist der Feind der Apparate. Da Politik real ist (nicht ideal, wie eine wissenschaftliche Theorie oder ein Politismus), ist das Verhältnis zwischen Mitteln und Zielen immer kritisch, nicht wissenschaftlich. Politik ist die Kunst, zu entscheiden, wann man welche Maßnahme ergreift, die vielleicht von Beratern vorgeschlagen wurde, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Dies setzt voraus, dass der Akteur ein Gespür dafür hat, welche Maßnahme am geeignetsten erscheint, und dass er sich für die Sache, die er verteidigt, verantwortlich fühlt. D ie Fehler oder Erfolge eines solchen Handelns werden sich erst im Laufe des Handelns selbst zeigen, denn Politik ist eben Handeln unter bestimmten Umständen. Kein Ziel kann in der Politik jemals ohne Überraschungen und unerwartete Ereignisse verfolgt werden, denn Politik ist menschliches Leben. Diese unerwarteten Umstände können einen Richtungswechsel, eine neue Strategie, ein Verlassen des Ziels erfordern. Politik ist als Teil des menschlichen Lebens ein kontinuierlicher, riskanter und unvorhersehbarer Pro zess. Daher ist es gefährlich unpolitisch, allen Konflikten ein Ende setzen zu wollen oder zu glauben, dass ein Staat (geschweige denn ein Kontinent) von einer vermeintlich neutralen und technokratischen Institution wie einer Zentralbank regiert werden kan n.

5. Die seltsame Allianz zwischen Liberalen und Sozialisten

Diese Überlegungen helfen uns, das folgende Paradoxon zu verstehen: Wie kann es sein, dass das Projekt der europäischen Integration, das im Namen des Marktes in Angriff genommen wurde, zu eine m Projekt der politischen Harmonisierung und Vereinheitlichung mit ausgeprägten illiberalen Elementen wurde? Oder anders gefragt: Wie kommt es, dass Margaret Thatcher, deren Widerstand gegen die politische Union ebenso stark wie instinktiv war, nicht in der Lage war, eine überzeugende Alternative zu der von ihrem Erzfeind Jacques Delors vorgeschlagenen Vision zu bieten? Die Antwort auf diese Rätsel liegt in der Verwirrung über die Rolle des Staates. Margaret Thatcher hatte fast zehn Jahre damit verbracht, " die Grenzen des Staates zurückzudrängen", als das Projekt der politischen Integration Europas in Angriff genommen wurde. Nachdem sie sich den Ruf einer Antistaatlerin erworben hatte, schien ihre Entschlossenheit, die nationalen Grenzen und die nationale staatliche Kontrolle aufrechtzuerhalten, ein Widerspruch in sich zu sein. In ähnlicher Weise neigten die Vertreter der europäischen Integration


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dazu zu argumentieren, dass die Abschaffung der nationalen Grenzen ein Akt der Liberalisierung und nicht der verstärkten zentralen Kontrolle sei. Diese Widersprüche lassen sich nur dadurch auflösen, dass man feststellt, dass es bei der "Liberalisierung" der Thatcher - und Reagan-Ära nicht so sehr darum ging, die Quantität des staatlich en Handelns zu verringern (auch wenn dies zum Teil der Fall war), sondern vielmehr darum, dessen Qualität zu verändern. Der konservative Liberalismus ist der Ansicht, dass der Staat in erster Linie eine juristische und keine exekutive Funktion hat. Wie wir gesehen haben, ist die Aufrechterhaltung eines (in erster Linie rechtsprechenden) Staates in der Tat die Voraussetzung für politische und wirtschaftliche Freiheiten. Daher sind die Befürworter einer leicht regulierten Wirtschaft mit einem Höchstmaß an politischer Freiheit - paradoxerweise - auch Befürworter eines starken Staates in den Bereichen, auf die es ankommt, insbesondere bei der Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkeit und eines Rahmens für eine echte demokratische Debatte. Im Gegensatz dazu hat d as Projekt der europäischen Integration die Sprache der Liberalisierung benutzt, um etwas ganz anderes voranzutreiben: die einfache Ersetzung der nationalen Kontrollen durch supranationale. Das Rätsel erzeugt auch ein gleiches und entgegengesetztes Paradox on. Es besteht darin, dass technokratische Liberale, die die Bedeutung konservativer Dinge wie des Staates und der Nation ignorieren, schnell in sozialistische Positionen abgleiten können. In der Tat hat es in Europa eine Allianz zwischen technokratischen Liberalen und Sozialisten gegeben, für die Sir Leon Brittan und Jacques Delors (die sich beide über die Notwendigkeit der gemeinsamen Währung einig sind) ein gutes Beispiel sind. Ein solcher technokratischer Liberalismus ist also nicht das Gegenteil von Sozialismus. Im Gegensatz zu den Konservativen glauben die technokratischen Liberalen, daß man die Kirsche der liberalen Ordnung ohne den Kuchen der Nation, des Rechts und der Politik haben kann, der ihr zugrunde liegen muß. Da sie sich wenig um diese konse rvativen Werte scheren, die das unerklärliche Ergebnis der Geschichte und des Zufalls sind, können sie zu Befürwortern grandioser sozialistischer Projekte werden, um alte Ordnungen durch neue zu ersetzen, wie z. B. das der europäischen Einigung. Und genau wie die Ökonometrie, mit der sie ein materialistisches Menschenbild teilt, gleitet ein solcher technokratischer Liberalismus schnell in einen planerischen Dirigismus ab. Das moderne europäische Projekt ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass sich antikonservative Liberale (oder Libertäre) in organisatorische oder sogar proto-totalitäre Sozialisten verwandelt haben, die der liberalen Ordnung feindlich gegenüberstehen. Jahrhundert begann Henri Comte de Saint -Simon als Liberaler, der den industriellen Kreisen nahe stand und ein Anhänger des


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großen französischen liberalen Ökonomen Jean -Baptiste Say war. Er und sein Kollege Auguste Comte wurden schließlich zu einflussreichen Theoretikern des proto-totalitären planerischen Sozialismus. Wie bei vielen modernen Ökonomen und Libertären entsprang Saint -Simons fataler wissenschaftlicher Ansatz in der Politik seiner Liebe zur Ökonomie. Er war überzeugt, dass das menschliche Leben chaotisch und irrational ist und wissenschaftlich geplant werden sollte. In einer seiner ersten Veröffentlichungen schlug er 1803 vor, vor dem Grab von Newton eine Subskription zur Finanzierung eines "Konzils von Newton" zu eröffnen. Mathematiker, Physiker, Chemiker und andere Gelehrte sollt en von der gesamten Menschheit in dieses Konzil gewählt werden, und gemeinsam sollten sie den Planeten regieren. Der oberste Rat von Newton würde die Welt in lokale Räte von Newton aufteilen, die den Gottesdienst und den wissenschaftlichen Unterricht in de r ganzen Welt organisieren würden: Saint Simon war davon überzeugt, dass die Wissenschaft und nicht Moral oder Recht die Welt regieren sollte. Im Jahr 1814 veröffentlichte Saint -Simon die Schrift "Über die Neuordnung der europäischen Gesellschaft oder über die Notwendigkeit, die Völker Europas unter Wahrung ihrer nationalen Unabhängigkeit zu einer politischen Einheit zusammenzuschließen". In diesem frühen Plan für eine europäische föderale Union brachte Saint -Simon seine Überzeugung zum Ausdruck, dass Europ a "desorganisiert" sei und dass es notwendig sei, diese Desorganisation durch eine politische Vereinigung des Kontinents zu überwinden. Dazu sei eine politische Homogenität erforderlich: Alle europäischen Nationen müssten über dieselben politischen Institu tionen verfügen. Da er sich noch in seiner liberalen Phase befand, schaute Saint -Simon auf England als Vorbild und wollte, dass Europa das britische parlamentarische System nachahmt: Jedes Land sollte sein eigenes Parlament haben, aber sie sollten "die Obe rhoheit eines allgemeinen Parlaments anerkennen, das über allen nationalen Regierungen steht und mit der Macht ausgestattet ist, über ihre Differenzen zu urteilen".⁶¹ Zusammen mit dem Historiker Augustin Thierry, der sein Assistent wurde, entwickelte Saint -Simon das, was als "positivistische Politik" bekannt wurde. Diese Politik sollte wissenschaftlich sein und von der abstrakten Metaphysik der Moral befreit werden. Thierry, der an der "Reorganisation" mitgewirkt hatte, wurde später der neue Anführer einer Historikerschule, die eine Geschichte der Massen entwickelte, die Marx nachhaltig beeinflussen sollte. Auch Auguste Comte, der in der positivistischen Zeitschrift Le Censeur schrieb, veröffentlichte ähnliche Ideen, wie z. B. "Über die Lage Europas, die Urs achen seiner Kriege und die Mittel, ihnen ein Ende zu setzen". Darin schlägt er der


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europäischen Regierung dieselben Aufgaben wie Saint -Simon vor: öffentliche Arbeiten, Kommunikation und Infrastruktur sowie die Kolonisieru ng der unzivilisierten Teile der Welt. Thierry, Saint-Simon und Comte vertraten die Ansicht, dass den Kräften der Industrie eine größere Rolle bei der Planung der Wirtschaft eingeräumt werden müsse. In ihren Zeitschriften "L'Industrie" und "Le Censeur" entwickelten sie die Idee, dass die Politik im Allgemeinen der Wirtschaftsplanung untergeordnet werden sollte. In Le Censeur europeen griffen sie die Theorie des Gleichgewichts der Mächte in Europa an, in der sie nichts anderes als die Rivalität zwischen mili taristischen Nationen sahen. Dagegen stellten sie die Idee der Identität der wirtschaftlichen Interessen aller Nationen. Augustin Thierry schrieb, die Definition des Liberalismus sei "ein Regime, das sich auf die Industrie gründet, eine "kommerzielle Regie rung", wie die Engländer sagen". ⁶² Sie sahen die Entwicklung Europas von einem feudalen Zeitalter zu einem modernen Industriezeitalter, in dem alle Interessen gleich sind. In einem Geist, der dem seiner liberalen Kollegen sehr nahe kommt, schreibt Saint -Simon: "Der einzige Zweck, auf den alle unsere Gedanken und alle unsere Bemühungen gerichtet sein sollten, [ist] die Organisation der Gesellschaft, die für die Industrie im weitesten Sinne des Wortes am günstigsten ist". ⁶³ Indem sie sich auf die Wirtschaft k onzentrierten, wollten Saint -Simon und Thierry die politische Organisation ganz auf die Befriedigung der Lebensbedürfnisse ausrichten. Im Rahmen seiner Analyse der geschichtlichen Entwicklung hin zur Industrialisierung spricht sich Saint -Simon für die Integration der Industrie in den Staat aus. Er schrieb, Politik sei die "Wissenschaft der Produktion", ⁶⁴ und betrachtete - wie diejenigen, die heute von "UK PLC" sprechen - eine Nation als "nichts anderes als ein großes Industrieunternehmen". ⁶⁵ Es gibt sicherlich weniger düstere Aussagen über die unpolitische Mentalität als diese. Beeinflusst durch den aut oritären Traditionalismus von Joseph de Maistre, aber unter Ablehnung der theologischen Grundlagen seines Denkens, wollten Comte und Saint -Simon Kirche und Theologie zunehmend durch einen Klerus von Wissenschaftlern ersetzen, um die Industriegesellschaft zu perfektionieren. Comte in "Der Organisator" und Saint -Simon in "Industrielles System" (1820) und "Katechismus für Industrielle" (1822) forderten die Bildung von Korporationen von Industriellen, um die Wissenschaftlichkeit der Regierung zu stärken. Saint-Simon erkannte deutlicher als die meisten Sozialisten, dass die Organisation der Gesellschaft zu einem gemeinsamen Zweck mit der Freiheit des Einzelnen unvereinbar war und dass es einer Macht bedurfte, die "die


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Richtung wählen kann, in der die nationalen Kräfte angewandt werden sollen".⁶⁶ Er wurde immer enttäuschter von "der vagen und metaphysischen Idee der Freiheit", die "der Entwicklung der Zivilisation und der Organisation eines wohlgeordneten Systems entgegensteht". ⁶⁷ Das parlamentarische System war schlecht und unwissenschaftlich, weil es verschiedene Ziele miteinander konkurrieren ließ. Er schlug sogar einmal vor, dass Menschen, die sich den Befehlen des Staates nicht fügen, Idioten seien, die "wie Vierbeiner" behandelt werden sollten. Comte vertrat unterdessen die Ansicht, dass es keine Gewissensfreiheit gebe, da Meinungsverschiedenheiten bald durch die soziale Physik ausgeglichen würden.⁶⁸ Er forderte die Künstler auf, "auf die allgemeinen Massen eine ausreichende Wirkung auszuüben, um sie zu veranlassen, unwiderruflich in die angegebene Richtung zu folgen und ihre natürlichen Führer bei dieser großen Zusammenarbeit zu u nterstützen".⁶⁹ Die neue Gesellschaft, schrieb Saint -Simon, würde nicht regiert, sondern verwaltet werden. In einer vollständig industrialisierten Gesellschaft würde es keine Regierungen mehr geben, sondern nur noch Verwalter. Seiner Meinung nach besteht die Haupttätigkeit der Politik darin, den Haushalt auszugleichen, und das bedeutet, dass das Wesen der Politik die Verwaltung ist. Saint -Simon ist der Ansicht, dass der Mensch, der dazu bestimmt ist, in der Gesellschaft zu leben, bisher in einer Regierungsgesellschaft gelebt hat: künftig wird er in einer verwalteten oder industriellen Gesellschaft leben. ⁷⁰ Er greift die "gerichtliche Ordnung" als "sehr schädlich" an und bekräftigt "die Überlegenheit der Prinzipien der politischen Ökon omie über die des Zivilrechts".⁷¹ Saint-Simon forderte auch, dass die Industrie im Allgemeinen von der Körperschaft aller industriellen Körperschaften, den Banken, kontrolliert werden sollte, denn die Banken vermittelten den Kredit und damit die gesamte industrielle Wirtschaft. Die Banken seien "d ie Generalagenten der Industrie".⁷² Wie in der Feudalgesellschaft gäbe es also eine Hierarchie der Funktionen, mit den Bankiers an der Spitze. Nach seinem Tod im Jahr 1825 setzten die Saint -Simonianer die Gedanken ihres Meisters fort und veröffentlichten 1829/30 eine Darlegung dieser Gedanken. Die vielleicht interessanteste Entwicklung aus der Sicht dieses Buches ist, dass die Autoren der Exposition eine Welt voraussahen, in der die gesamte industrielle Tätigkeit von einer einzigen "sozialen Institution", dem Bankensystem, organisiert, vor ausgesehen und perfektioniert wurde, gekrönt von einer "einheitlichen, lenkenden Bank", die als Planungsorgan dienen sollte:


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Die soziale Institution der Zukunft wird alle Industrien im Interesse der ganzen Gesellschaft und besonders der friedlichen Arbeiter lenken. Wir nennen diese Einrichtung vorläufig das allgemeine Banksystem ... Das System wird in erster Linie eine Zentralbank umfassen, die die Regierung in der materiellen Sphäre darstellt; diese Bank wird die Verwahrung sstelle des gesamten Reichtums, des gesamten produktiven Fonds, aller Produktionsinstrumente, kurz von allem, was heute die ganze Masse des Privateigentums ausmacht, werden. ⁷³

Wie Hayek anmerkt, ist dies vielleicht das erste Mal, dass der Begriff "Zentralbank" auftaucht. Es sollte nicht die letzte sein.

BILD

Ein Assignat, die Papierwährung des revolutionären Frankreichs, auf dessen Kopf die folgenden Warnungen stehen: "Das Gesetz bestraft den BETRÜGER MIT DEM TOD" und "DIE NATION BELOHNT DEN DENUNZIATOR". Edmund Burke schrieb, der Assignat sei "ein entwertetes Papier, das mit dem unauslöschlichen Charakter eines Sakrilegs versehen ist".


V Geldangelegenheiten „Deshalb müssen alle Waren einen Preis haben; denn dann wird es immer einen Austausch geben, und wenn das der Fall ist, eine Verbindung von Mensch zu Mensch. “ Aristoteles¹

Es ist typisch für die unpolitische Mentalität der europäischen Ideologie, dass sich der Plan zur Schaffung einer politischen Union in Europa auf eine Währung und eine Zentralbank konzentriert. Es gibt keinen europäischen Garibaldi oder Bismarck, der offen die Absicht verkündet, einen neuen Staat zu gründen. Es gibt nur einen technokrat ischen Plan zur Einführung einer unerklärten politischen Union durch die Hintertür, indem eine Europäische Zentralbank geschaffen und die nationalen Währungen durch eine neue, zentral verwaltete europäische Währung ersetzt werden. Mit anderen Worten: Europ a steht vor dem Vorschlag, einen Staatsapparat (oder einen Superstaat) zu errichten, ohne die Ausübung dieser Macht durch die autoritativen Strukturen einer politisch legitimen Verfassung zu kanalisieren. Nirgendwo ist die Verwirrung zwischen Macht und Aut orität größer als in Währungsfragen. Technokraten sind seit langem von der Macht der Banken fasziniert, gerade weil sie den Inbegriff unpolitischer Macht darstellen, wie die Geschichte von Saint-Simon zeigt. Jacques Attali und Jacques Delors sind ebenfalls Beispiele dafür: Ersterer, der Biograph von Warburg, wollte seine Karriere in den Korridoren der Macht mit der Präsidentschaft der "Europäischen Bank" krönen. Letzterer hingegen begann seine Karriere als Beamter der französischen Zentralbank und beendete sie mit dem Projekt der einheitlichen Währung. Die Argumente für die Währungsunion sind daher nur selten ausdrücklich politisch. Die Befürworter neigen in der Regel dazu, die politische Bedeutung ihres Vorschlags hinter einem Nebel aus technokratischem Jar gon über Währungsmanagement, Transaktionskosten und die Erfordernisse des Binnenmarktes zu verbergen. Dies dient nur dazu, politische und verfassungsrechtliche Fragen von höchster Bedeutung zu verschleiern.


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Darüber hinaus wird dieser entscheidende Wandel in der wirtschaftlichen und politischen Struktur Europas - ganz zu schweigen von der Lebensweise seiner Bürger - im Namen des Internationalismus vollzogen, ohne dass ernsthaft darüber nachgedacht wird, was das Beste für das internationale Währungssystem insgesamt ist. Anstatt alternative Währungssysteme zu prüfen und ihre relativen Vorzüge abzuwägen, haben die Architekten der WWU beschlossen, auf supranationaler Ebene lediglich das gleiche Währungssystem zu reproduzieren, da s in allen Staaten der Welt existiert. Insbesondere wurde der Vereinbarkeit zwischen dem gegenwärtigen Währungssystem und den Werten des Marktes, zu denen sich alle bekennen, wenig Aufmerksamkeit gewidmet.

Geld, der Markt und die Gesellschaft

„Gesundes Geld ... wurde als Instrument zum Schutz der bürgerlichen Freiheiten vor despotischen Eingriffen seitens der Regierungen entwickelt. Ideologisch gesehen gehört es in dieselbe Klasse wie politische Verfassungen und Grundrechte. “ Ludwig von Mises²

Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich die Welt in Geldangelegenheiten verirrt und befindet sich heute in einem düsteren Wald. Sie hat die wahre Funktion des Geldes und seine Bedeutung als konstitutives Element einer freien Gesellschaft vergessen, weil sie dem Irrglaub en verfallen ist, Geld sei in erster Linie ein Instrument der Staatsmacht oder ein Ausdruck der Stärke der Wirtschaft. Sie lebt in besorgniserregender Unkenntnis darüber, wie selbst relativ junge Geldsysteme funktioniert haben. Die Wahrheit ist, dass Geld eine Ware ist, die vom Markt als allgemeines Tauschmittel ausgewählt wird. Jede nicht -kommunistische Gesellschaft beinhaltet den Austausch von Waren und Dienstleistungen, und Geld entsteht aus dem Wunsch aller Menschen, Waren und Dienstleistungen auf fried liche und gegenseitige Weise auszutauschen. Es ist der Begriff, in dem die Gemeinsinnigkeit des menschlichen Handelns zum Ausdruck kommt. Es dient als Mittel, um die Rechte, die Käufer und Verkäufer an verschiedenen Dingen haben, in derselben Sprache auszu drücken. Geld ist zivilisiert, weil es eine höhere Stufe darstellt als der Tauschhandel, die primitivste Form des Austauschs. Menschen, die das haben wollen, was


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andere haben, haben möglicherweise nicht das, w as letztere wollen, und so entsteht in der Regel eine einzige Ware, die jeder als Bezahlung für eine Ware oder eine Dienstleistung akzeptiert, weil er weiß, dass er die Ware wiederum gegen eine andere Ware oder eine Dienstleistung eintauschen kann, die er wünscht. Wenn diese Ware an Wert gewinnt, wird sie zu Geld, und ihr Wert wird, wie bei jeder anderen Ware, durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten haben verschiedene Waren die Funktion von Geld erfüllt. In d en primitivsten Volkswirtschaften dienten Ochsen, Muscheln oder Scheffel Weizen diesem Zweck. Ein Anthropologe entdeckte zu Beginn dieses Jahrhunderts auf der mikronesischen Insel Yap riesige, unbewegliche runde Steine, die als Geld verwendet wurden. ³ In neueren Zeiten - zum Beispiel in kommunistischen Ländern, in denen die offizielle Währung entwertet wurde, oder unter anderen Bedingungen der Währungsunordnung - haben sich Waren wie Zigaretten als wahre Währung herauskristallisiert: In Ceau cescus Rumänien zum Beispiel wurden alle wichtigen Zahlungen (Bestechungsgelder für Lehrer, Arzthonorare) mit Päckchen von Kent getätigt. Aber eine Art von Ware hat sich häufiger und länger durchgesetzt als jede andere: die Edelmetalle Gold und Silber. Für ihre Beliebthei t gibt es verschiedene Erklärungen, von der mystischen bis zur praktischen: Diese Metalle sind zum Beispiel formbar und haltbar genug, um zu Münzen verarbeitet zu werden, die lange halten. Abgesehen von ihrer inhärenten Attraktivität ist die Menge dieser E delmetalle, die jedes Jahr gefördert wird, nur ein kleiner Bruchteil der Gesamtmenge, die im Umlauf ist. Dies gilt insbesondere für Gold, dessen Wert daher keinen großen Schwankungen unterliegt⁴. Das ursprüngliche Verständnis von Geld als Ware zeigt sich i n den Namen der Währungen. Wie Adam Smith zeigt, war das englische "Pfund" unter Edward I. ein Pfund, Tower-Gewicht, aus Silber. Das französische livre enthielt zur Zeit Karls des Großen ein Pfund, das Gewicht von Troyes, aus Silber. Auch ein "Shilling" war ursprünglich eine Gewichtsbezeichnung. ⁵ Eine "Mark" entsprach etwa 0,234 Gramm - sie wurde 15246 in Esslingen zur grundlegenden kaiserlichen Gewichtseinheit in Deutschland gemacht -, während ein "Schekel" ursprünglich ein jüdisches Gewicht (etwa eine halbe Unze) war, wobei das Wort "Schekel" aus dem Hebräischen stammt und "wiegen" bedeutet. Nachdem eine Ware als Geld ausgewählt wurde, wird sie zur Standardeinheit für alle Reichtümer. Unabhängig davon, welche Ware ausgewählt wird, hat die Ware, die als Tauschmittel dient, unabhängig von ihrer Fu nktion als Geld einen eigenen Wert (oder sollte einen solchen haben). Wie wir sehen werden, hat das zwanzigste Jahrhundert diese wichtige Wahrheit auf fatale Weise aus den


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Augen verloren, und folglich hat es kein Licht, da s es durch das dunkle und tückische Dickicht der Geldangelegenheiten führen könnte. Insbesondere hat man vergessen, dass Geld nicht die Schöpfung des Staates ist - und auch nicht sein sollte. Der Staat kann jedoch sehr wohl seine Solidität aufrechterhalten , indem er die Einhaltung von Verträgen sicherstellt. Er wird dies im Rahmen seiner allgemeinen Überwachung der Rechtsstaatlichkeit tun. Unter diesen Umständen ist Geld nicht "politisch" in dem Sinne, dass es Gegenstand täglicher parteipolitischer Auseinan dersetzungen wäre; aber es ist eminent politisch in dem Sinne, dass es ein lebenswichtiges Element in der Verfassung eines Staates ist. Wie eine Verfassung definiert das Geld die Bedingungen, unter denen die Bürger miteinander umgehen (können). Die Auffassung, dass Geld eine Schöpfung des Staates ist, ist leider sehr alt auch wenn die gegenteilige Auffassung einen noch älteren und edleren Stammbaum hat. Schon in frühester Zeit wurde der Kopf des Königs oder Kaisers auf Münzen geprägt, was den Eindruck erw eckte, das Geld sei eine Emanation seiner Macht. In Wahrheit aber gibt ein Staatswappen auf einer Münze dem Staat ebenso wenig das Recht, den Wert des Geldes zu manipulieren, wie das Staatswappen in einem Gerichtssaal dem König oder dem Fürsten das Recht g ibt, in das Gerichtsverfahren einzugreifen. Wie Edmund Burke schrieb, der ein seltenes und brillantes Verständnis für die verfassungsrechtliche Rolle des Geldes hatte: "Wir haben eine hohe Meinung von der gesetzgebenden Gewalt; aber wir haben nie davon get räumt, dass Parlamente irgendein Recht hätten, das Eigentum zu verletzen, Verordnungen außer Kraft zu setzen oder eine Währung ihrer eigenen Erfindung an die Stelle derjenigen zu setzen, die real und vom Völkerrecht anerkannt ist. " ⁷ Despotische Fürsten en twerteten die Währung gewöhnlich zu ihrem persönlichen Vorteil. In vielen Fällen war diese Entwertung nicht nur die Folge von Habgier, sondern verfolgte auch ein tiefergehendes politisches Ziel. So war der französische König Philipp der Schöne (1285 -1314) dafür berüchtigt, sein Land auszuplündern, um seine ständigen dynastischen Kriege zu finanzieren, indem er die Messen in der Champagne - die im Hochmittelalter ein Zentrum des lokalen und internationalen Handels gewesen waren - mit Steuern belegte (und sch ließlich zerstörte) und immer wieder Gruppen oder Organisationen, die über Geld verfügten, mit konfiskatorischen Abgaben belegte.⁸ Infolgedessen gilt er heute als erster französischer König, der die Abwertung der Währung als Mittel zur Erhöhung der Einnahm en einsetzte. Dante hat der Nachwelt seinen Namen mit dem Makel der Infamie überliefert, "... . das Unheil, das er anrichtete / Mit seinem gepanschten Geld an der Seine".⁹


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Doch seine Zerschlagung des wohlhaben den Templerordens im Jahr 1308, der aufgrund seiner geistlichen Kontrolle über Geld und Devisen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des inter nationalen Finanzwesens spielte¹⁰ , war nicht nur eine Frage des Zugriffs auf dessen Mittel für die königliche Schatzkammer. Es war Teil seines Gesamtangriffs auf die geistliche Autorität - er war es, der sich des Papstes in Rom bemächtigte und das Papsttum nach Avignon verlegte -, die zu jener Zeit eine Kontrolle über die ansonsten despotische Macht eines rau bgierigen Königs darstellte. (Seit der Zeit des alten Babylon war die Macht über das Geld in der Tat im geistlichen Bereich angesiedelt. Die Tempel hatten wichtige Bankfunktionen, indem sie Kredite gewährten und Steuern eintrieben, was erklärt, warum es im Tempel in Jerusalem Geldwechsler gab, die Christus verjagen musste). Wie wir noch sehen werden, ist der Angriff Philipps des Schönen auf die Templer ein historischer Präzedenzfall für die Verstaatlichung der Zentralbanken durch die Regierungen des 20. Jah rhunderts, da er Teil eines umfassenden Projekts zur Stärkung der staatlichen Macht war. Moderne Diktatoren haben ihre Unterdrückung des eigenen Volkes in ähnlicher Weise durch strenge Beschränkungen der Geldverwendung gefestigt. Eine der grausamsten kommu nistischen Diktaturen überhaupt, die von Pol Pot - berühmt vor allem für die Ausrottung eines Drittels der kambodschanischen Bevölkerung - perfektionierte das kommunistische System, indem s ie das Geld sogar ganz verbot.¹¹ Aus diesen Gründen haben die Verfe chter der Rechtsstaatlichkeit stets versucht, die staatliche Macht in den Rahmen der Gerechtigkeit zu lenken, und zwar sowohl im monetären als auch im politischen Bereich. Sie argumentieren, dass es ein sehr wichtiger Teil der menschlichen Freiheit vor dem Gesetz ist, Eigentum zu besitzen und auszutauschen, ohne vom Staat oder von einem anderen Individuum beraubt zu werden. Nur wenn das Gesetz das Recht des Einzelnen auf den Besitz und den Austausch von Waren und Dienstleistungen schützt, sind die Menschen wirklich frei. Die Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkeit setzt daher voraus, dass der Staat über Zwangsmittel gegenüber Straftätern verfügt: Das Eigentumsrecht legt fest, wann und wo die Polizei einzugreifen hat. Aus diesem Grund ist die freie Wirtscha ftstätigkeit selbst ein Auswuchs der allgemeinen rechtlichen Struktur, die den sozialen Frieden sichert, und das Prinzip des gesunden Geldes ist ein zentrales Element des klassischen Liberalismus. Wenn das menschliche Handeln untrennbar mit dem Wunsch verb unden ist, Güter und Dienstleistungen im Geiste der Gegenseitigkeit und der Geselligkeit und im Einklang mit dem Gesetz auszutauschen, dann ist es klar, dass gesundes Geld das Herzstück jeder zivilisierten menschlichen Gesellschaft ist.


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Nutzt der Staat hingegen eine Ermessensbefugnis (kein Gesetz), um die Wirtschaftstätigkeit einzuschränken oder die Bedingungen abgeschlossener Verträge zu ändern, dann gewährleistet er nicht den Schutz der Eigentumsrechte, so dass seine Bürge r nicht als frei bezeichnet werden können. Wie John Locke erkannte,

Der Grund, warum sie [die Definition der Währung in Form von Edelmetall] nicht geändert werden sollte, ist dieser: weil die öffentliche Gewalt Garantie für die Erfüllung aller legalen Ver träge ist. Aber die Menschen sind von der Erfüllung rechtmäßiger Verträge befreit, wenn die Menge des Silbers unter festgelegten und gesetzlichen Bezeichnungen verändert wird ... der Grundbesitzer hier und der Gläubiger dort werden jeweils um zwanzig Proze nt dessen betrogen, was sie vertraglich vereinbart hab en und was ihnen zusteht... ,¹²

Die beiden wesentlichen Institutionen, die die Freiheit der Menschen gewährleisten, sind daher das Rechtssystem und der Mechanismus der freien Preise. Der Mechanismus de s Preises ist derjenige, der die Aktivitäten der Menschen in einem System koordiniert, in dem echte Rechte gewährleistet sind. Dieser Mechanismus ermöglicht es, dass aus dem Chaos des individuellen Willens eine kollektive Ordnung entsteht und dass jeder Ei nzelne seine Rechte in dem Maße ausüben kann, wie er sie genießt. In diesem Sinne ist das gerechte Funktionieren des Preismechanismus ein echtes Plebiszit (kein repräsentatives Mehrheitssystem), bei dem jeder Einzelne, so bescheiden er auch sein mag, seine Stimme erheben kann. Im Gegensatz dazu wird die Funktion des Geldes, die darin besteht, Rechte und Pflichten auszudrücken, in einer Planwirtschaft zerstört, weil die Nachfrage keinen Einfluss auf das Angebot hat: Letzteres wird nicht durch die Bedürfnisse von Verbrauchern und Produzenten bestimmt, wie sie durch den Preismechanismus zum Ausdruck kommen, sondern durch zentrales Diktat. In der Neuzeit war es die österreichische Schule der Wirtschaftswissenschaften (insbesondere Friedrich von Hayek und Ludwig von Mises), die am meisten dazu beigetragen hat, die Wirtschaftswissenschaften von der Staatstheorie des Geldes zu emanzipieren. Wie die Theorie des Rechtspositivismus, die ihr zugrunde liegt (Rechtspositivisten vertreten die Auffassung, dass es keine unab hängigen moralischen oder rechtlichen Werte gibt und dass Gerechtigkeit das ist, was der Staat vorgibt), erreichte diese Theorie ihren Höhepunkt im Deutschland des späten neunzehnten


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Jahrhunderts und gipfelte in Georg Friedrich Knapps Die Staatstheorie des Geldes. Doch obwohl sie in Deutschland entstanden sein mag, ist sie heute eine weit verbreitete Ansicht. So erklärte die US -Handelskammer 1953 unvermittelt: "Geld ist das, was die Regierung sagt, was es ist. "¹³ Abgesehen von ihrem offensichtlichen Autoritarismus neigt die Staatstheorie des Geldes dazu, die grundlegende Funktion des Geldes zu ignorieren, die darin besteht, als Tauschmittel zwischen Individuen zu fungieren. Sie neigt dazu, das Geld nur unter ei nem makroökonomischen Gesichtspunkt zu betrachten. Im besten Fall wird die Währung als Ausdruck des Gesamtwertes der wirtschaftlichen Produktion betrachtet, im schlimmsten Fall als ein Instrument, mit dem der Staat sie kontrollieren kann. Im Allgemeinen entspricht dieser monetäre Nominalismus - die Auffassung ist nominalistisch, weil sie davon ausgeht, dass das Geld kein Wesen an sich hat, sondern seinen Wert nur durch das Imprimatur des Staates erhält - der Auffassung, dass es in der Welt keine natürliche Gerechtigkeit gibt und dass die Rolle des Staates in Ermangelung unabhängiger Normen oder Werte darin besteht, der Gesellschaft Befehle zu erteilen. Im Gegensatz dazu entspricht die Auffassung, dass Geld eine Ware ist, die unabhängig von ihrer Funktion als Geld einen Wert hat, direkt der Auffassung, dass es rechtliche und moralische Werte gibt, die unabhängig vom Willen des Staates sind und die der Staat zu wahren hat. Der Staat hat die Pflicht, die Solidität der Währung zu gewährleisten, ebenso wie er die Pflicht hat, die Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten. So galt es seit frühester Zeit als Verstoß gegen das Naturrecht, wenn der Fürst Kupfer in Goldmünzen einlegte. Jahrhunderts die Münzen zunehmend durch Banknoten ersetzten, versuchten die klassischen Liberalen sicherzustellen, dass der "Inhalt" des Treuhandgeldes nicht dem Ermessen des Staates unterliegt. So wurde der Grundsatz aufgestellt, dass der Inhaber einer Banknote das Recht hatte, seine Banknote auf Verlangen gegen ein vertraglich festgelegtes Gewicht an Gold einzulösen. Banknoten wären nie entstanden, wenn ein solches Recht nicht garantiert worden wäre. Die Banknoten der Neuzeit waren ursprünglich Quittungen für bei Goldschmieden hinterlegtes Gold. In dem Maße, in dem diese Quittun gen an Bedeutung gewannen, d. h. in dem Maße, in dem die Menschen an den guten Namen des Goldschmieds glaubten, begannen sie als Geld zu zirkulieren. ¹⁴ Seitdem die metallische Konvertierbarkeit am Vorabend des Ersten Weltkriegs aufgegeben wurde, ist dieser einfache Mechanismus abgeschafft worden. Mit dem Aufblühen des modernen Bankwesens wurde die Garantie, Banknoten auf Verlangen in Goldmünzen einzulö sen, nicht als ein technischer Mechanismus verstanden, der aus aufsichtsrechtlichen Gründen als wirksames Mittel zur Verwaltung der Währung gewählt wurde. Vielmehr handelte es sich


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um einen Grundsatz, der die Beziehung zwi schen dem Emittenten und dem Nutzer der Währung definierte. Es wurde eine vertragliche Beziehung zwischen ihnen hergestellt, und so setzte sich der einfache Grundsatz, der den freien Markt regiert - der Grundsatz der Vertragstreue - auch im Währungsbereich durch. Die Loslösung der Währungen von einer endgültigen und unveränderlichen Goldparität machte dagegen den Wert des Geldes zu einem Spielball der Politik. Obwohl es sich nicht in erster Linie um eine aufsichtsrechtliche Entscheidung handelte, brachte di e Einhaltung des Vertragsprinzips im Geldbereich zahlreiche technische Vorteile mit sich. Wenn ein Geldnutzer das Gefühl hatte, dass der ausgebenden Bank nicht zu trauen war, konnte er die Banknote, die ihren Dienst als zuverlässiger Wertindikator nicht er füllt hatte, zurückgeben und sein Gold zurückerhalten. Wenn Banknoten auf diese Weise in Gold umgewandelt werden, wird die Menge des im Umlauf befindlichen Treuhandgeldes verringert. Mit anderen Worten: Die Menge des umlaufenden Geldes richtete sich nach d em Vertrauen und den Bedürfnissen des Marktes. Es gab also eine automatische und dezentrale Regulierung der Geldmenge und damit der Wirtschaft selbst. Das Machtgleichgewicht zwischen Geldproduzenten und Geldnutzern schuf somit auch eine mächtige Abschreckungswaffe gegen schlechte Produzenten. Auch die Höhe der Kredite in der Wirtschaft - das größte Einzelelement bei der Definition dessen, was moderne Ökonomen als "Geldmenge" bezeichnen - hing von den Bedürfnissen des Marktes und nicht von den Entscheidungen des Staates ab. Die metallische Konvertierbarkeit einer Währung zu gewährleisten, bedeutete nicht, die Währung an Gold zu "binden" oder zu fixieren. Es bedeutete vielmehr, Gold - oder vielmehr konvertierbare Substitute dafür - als Währung zu verwenden. Dies bedeutete, dass der Wert der Währung durch dasselbe Gesetz bestimmt werden sollte, das auch den Wert jeder anderen Ware bestimmt, nämlich durch Angebot und Nachfrage. Wenn die Konvertierbarkeit von Metall aufgehoben wird, hört eine Papierwährung hingege n auf, ein Beleg für eine Ware zu sein, und wird zu einem Ausdruck von nichts als sich selbst. Papierwährungen sind "erzwungene" oder "fiat" -Währungen. Eine Fiat Währung ist ein Tauschmittel, bei dem es sich weder um eine Ware, noch um ein Konsum- oder Produktionsgut, noch um einen Titel auf eine solche Ware handelt. Es handelt sich um eine uneinlösbare Papierwährung. Im Gegensatz dazu bezieht sich "Warengeld" auf ein Tauschmittel, das entweder eine Handelsware oder ein Recht darauf ist. ¹⁵ Die Franzosen hab en in der Tat einen guten Begriff für Fiat -Währungen. Cours force oder "erzwungenes Zahlungsmittel" nennt man sie, denn indem der Staat die emittierende Bank von ihrer vertraglichen Verpflichtung entbindet, ihre Banknoten in bar


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zurückzuzahlen, zwingt er die Inhaber von Banknoten, ihre Banknoten zu behalten oder sie in Waren umzutauschen, in der Regel zu überhöhten Preisen. Das Dekret des Fiat - oder Zwangswährungsstatus ist das Äquivalent der Verstaatlichung in anderen Wirtschaftssektoren, und es ist offensichtlich eine notwendige Bedingung für die einseitige Erhöhung der Geldmenge durch den Staat und damit für die Inflation, die für alle zeitgenössischen Währungsregime charakteristisch ist. Das Dekret des geset zlichen Zahlungsmittels wiederum ist eine Voraussetzung für das Dekret des erzwungenen Zahlungsmittels: Das gesetzliche Zahlungsmittel ist die Verpflichtung der Gläubiger, die Banknoten einer bestimmten Bank (der Zentralbank) als Zahlungsmittel der Schuldn er zu akzeptieren.

Das Wachstum des Zentralbankwesens

Die Tatsache, dass Banknoten ursprünglich von einzelnen Goldschmieden ausgegeben wurden, unterstreicht die Tatsache, dass Zentralbanken nichts Unvermeidliches sind. Die Institution der Zentralbank ent stand erst, nachdem die Regierung eingegriffen hatte. In England beispielsweise wurde die Bank of England 1694 gegründet, um der Krone ein Kriegsdarlehen in Höhe von 1.500.000 Pfund zu gewähren und im Gegenzug das Privileg zu erhalten, ein wichtiges Monopo l zu genießen, nämlich das der Gründung von Aktiengesellschaften mit mehr als sechs Partnern in England und Wales. ¹⁶ Folglich hatten andere englische Banken während des gesamten achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts nur begrenzten Zugang zu Kapital. Als dieses besondere Privileg abgeschafft wurde, beherrschte die Bank of England den Kapitalmarkt in London, und neue Privilegien traten an seine Stelle. Als sich beispielsweise die Regierung Pitt verschuldete, um den Krieg mit Frankreich zu finanzieren, wurd e die metallische Konvertierbarkeit von Banknoten der Bank of England 1797 durch ein Gesetz des Parlaments aufgehoben. Dies kam einer Legalisierung des Bankrotts der Bank gleich. Die Aussetzung der Konvertierbarkeit mag für die Bank of England sehr profita bel gewesen sein, aber sie schuf einen Präzedenzfall, der die Öffentlichkeit dazu veranlasste, in Zukunft immer zu erwarten, dass die Regierung der Zentralbank in schwierigen Situationen zu Hilfe kommen würde. ' Die wichtigste Befugnis, die der Zentralbank übertragen wurde, war jedoch die Ausgabe von Banknoten. Obwohl es sich ursprünglich nicht um eine ausschließliche Befugnis handelte - private Banken gaben während des gesamten 18. und 19. Jahrhunderts weiterhin ihre eigenen Banknoten aus -, bedeuteten die Größe der Bank of England und ihre privilegierte Beziehung


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zum Staat, dass sie schnell ein Monopol für die Ausgabe von Banknoten in London erlangte. Im Jahr 1833 verlieh das Parlament den Banknoten der Bank den Status eines gesetzlichen Zahlungsmittels ("gesetzliches Zahlungsmittel" bezeichnet eine Währung, die von den Gläubigern als Zahlungsmittel akzeptiert werden muss), und 1844 schränkte der Bank Charter Act die Befugnis anderer Banken ein, konkurrierende Banknoten aus zugeben. Das Gesetz von 1833 ermutigte die Landesbanken, in Zeiten des Ansturms Banknoten der Bank of England auszuzahlen, wenn ihre eigenen Banknoten zur Einlösung vorgelegt wurden, so dass die Goldnachfrage letztlich bei der Bank of England lag. Daher wa r es nur natürlich, dass die Landesbanken den größten Teil ihrer Reserven in Form von Guthaben bei der Bank of England hielten. Auf diese Weise wurde die Bank of England nicht nur zum Inhaber der Goldreserven des ganzen Landes, sondern auch der Bankreserve n (Bargeld).¹⁷ Damit wurde die Bank of England zu einer regulierenden Institution, die eine besondere Stellung im Währungs - und Kreditsystem des Landes innehatte, und erhielt so die Merkmale einer Zentralbank. Das Gesetz von 1844 sicherte der Bank von Engl and das endgültige Monopol für die Ausgabe von Banknoten. Das Gesetz hatte durchaus seine Berechtigung: Das Herz und die Seele des "Währungs" -Prinzips, das es inspirierte, war die starre Bindung der Bank of England an eine 100 -prozentige Goldreserve. (Die Währungsschule vertrat die Auffassung, dass die Politik durch Regeln geregelt werden sollte; die Bankenschule hingegen war der Meinung, dass den Behörden ein Ermessensspielraum eingeräumt werden sollte.) Doch leider wurde die Bindung an das Gold, wie zu er warten war, bald darauf (1847) aufgehoben, und so blieb nur das Zentralbankmonopol übrig, an dem sich seither alle Länder in ihrer Währungsverfassung orientieren. Die Krisen von 1847, 1857 und 1866 - die von den Befürwortern des freien Bankwesens auf die z entralisierte Kontrolle der Geldmenge zurückgeführt wurden - zeigten, dass die Regierung jederzeit bereit war, das Bankgesetz außer Kraft zu setzen, wenn sie es für nötig hielt. Dies untergrub natürlich jede Glaubwürdigkeit der Klausel im Gesetz, die die t reuhänderische Ausgabe der Bank beschränkte. Wie Vera Smith feststellt,

Die Beziehungen zwischen der Bank und der Regierung waren in der Tat zu lange etabliert, als dass die Bank oder die Regierung etwas anderes als die vollständige Unterstützung der Bank durch die Regierung in Zeiten des Stresses ins Auge fassen konnten. Die Bank war immer eine privilegierte und geschützte Institution gewesen, und es lag nicht nur im Interesse der Bank, sondern auch im Interesse der Regierung, dass dies so blieb... Die Di rektoren der Bank erkannten nur ungern die heikle Position der Bank in einem System,


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das sie als Ergebnis einer langen Reihe von Regierungsmanipulationen zum kontrollierenden Element der Kreditstruktur des Lan des gemacht hatte.¹⁸

Mit anderen Worten, erst durch einen schrittweisen Prozess zunehmender staatlicher Kontrolle gelangten die Zentralbanken zu der Rolle, die sie heute alle spielen, nämlich der diskretionären Geldverwaltung sowie der Regulierung und Unterstützung des Ban kensystems. Die Funktion des "Kreditgebers der letzten Instanz" vervollständigt die staatliche Kontrolle über das Kreditsystem, denn sie überträgt der Zentralbank die Aufgabe, in Krisenzeiten die Nachfrage nach leistungsfähigem Geld zu befriedigen und so e in panikbedingtes Schrumpfen der Geldmenge zu verhindern. Dass das Zentralbankwesen weder historisch noch theoretisch unvermeidlich ist, wird durch das als Free Banking bekannte Geldsystem hinreichend deutlich. In diesem System hat der Staat nicht das Mono pol für die Ausgabe von Treuhandgeld (Banknoten). So wurde 1717 das Privileg der Bank of Scotland, Banknoten zu emittieren, abgeschafft. Bis das 1844 in England eingeführte Währungssystem 1845 auf Schottland ausgedehnt wurde, gab es in Schottland keine Zen tralbank, und das Land unterstand nicht der Kontrolle der Bank of England. ¹⁹ Das Gesetz legte fest, was ein Pfund in Gold war, aber auf dieser Grundlage konnten verschiedene Banken Banknoten ausgeben, so wie heute alle Banken Schecks ausstellen. (Eine Banknote ist in der Tat nichts anderes als ein auf den Inhaber ausgestellter S check über einen runden Betrag.) Eine historische Erinnerung daran ist die Tatsache, dass schottische Clearing-Banken bis heute das Recht haben, Banknoten auszugeben - auch wenn dieses Recht so wenig wirkliche Bedeutung hat wie das "promise to pay the bearer", das immer noch auf englischen Banknoten steht, denn schottische Banken können nur so viele Banknoten ausgeben, wie ihnen die Bank of England erlaubt. Der Kern des freien Bankensystems, der Wettbewerb zwischen den Banken, ist offensichtlich abgeschafft worden. Das freie Bankensystem ermöglichte die Verbreitung von Finanzinstituten und die Entwicklung von Finanzdienstleistungen, ein dauerhaftes Wachstum und eine ausgewogene Finanzierung dieses Wachstums, die weitgehende Abwesenheit von Bankenzusammenbrüc hen und ein Entkommen aus dem Konjunkturzyklus zu einer Zeit, als andere Regionen mit einem zentralisierten Bankensystem unter einer durch eine Kreditkrise verursachten Depression litten. (Der Schneeballeffekt einer inflationären Kreditvergabe ist ein gemeinsames Merkmal von Geldsystemen, die einem Institut das Monopol zur Ausgabe von Geld geben. ²⁰)


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Freie Bankvereinbarungen waren jedoch die Ausnahme. Die Regel ist ein Währungssystem, das die Konvertierbarkeit von Metall gew ährleistet, in dem aber die Währung und die Zentralbank einen privilegierten Status genießen. Selbst in Systemen mit metallischer Konvertibilität haben die Zentralbanken in der Regel das Monopolrecht zur Ausgabe der Währung. Dieses vom Staat gewährte Monop ol wird jedoch durch die vertraglichen Beziehungen, die das Verhältnis zwischen dem Emittenten (Produzenten) und dem Nutzer (Konsumenten) des Geldes regeln, erheblich gemildert. Seine Aufhebung läuft jedoch auf nichts anderes hinaus als auf den Verzicht de s Staates auf die Einlösung der Schecks (Banknoten) durch die Zentralbank.

Der klassische Goldstandard

Und weil Silber und Gold ihren Wert aus der Materie selbst haben, haben sie dieses erste Privileg, dass ihr Wert nicht durch die Macht eines Einzelnen oder einiger weniger Gemeinwesen verändert werden kann, da sie ein gemeinsames Maß für die Waren aller Orte sind. Aber das gemeine Geld kann leicht erhöht oder erniedrigt werden. Aber die Münze, die nicht wegen der Sache, sondern wegen des Stempels des Ort es bedeutend ist, hat, da sie den Wechsel der Luft nicht ertragen kann, ihre Wirkung nur zu Hause, wo sie auch dem Wechsel der Gesetze unterworfen ist und dadurch zum Schaden derer, die sie besitzen, vielfach an Wert verliert. Thomas Hobbes²¹

Das System der metallischen Konvertierbarkeit (mit oder ohne Zentralbank) wird in der Regel kurz als "Goldstandard" bezeichnet. Der klassische Goldstandard war das Währungssystem, an das sich der größte Teil der zivilisierten Welt von 1880 bis 1914 gehalten hat. Obwoh l die Erfahrungen aus dieser Zeit sehr interessant und anschaulich sind, geht es nicht so sehr um diese relativ kurzlebige Periode der internationalen Währungsharmonie, sondern vielmehr um das tausendjährige Prinzip des Warengeldes. Aus diesem Grund ist es irreführend zu glauben, das entscheidende Element des Goldstandards seien feste Wechselkurse zwischen den Währungen gewesen. Dieser ungeheuerliche Irrtum wurde von jenen begangen, die wie der ehemalige britische Schatzkanzler Nigel Lawson den Europäischen Wechselkursmechanismus m it dem Goldstandard verglichen.²² Feste Wechselkurse zwischen Währungen waren nur eine Folge der Tatsache, dass die Währungen der Welt bis 1914 lediglich verschiedene nationale


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Ausprägungen desselben Rohstoffs, des Goldes, waren. Gold war in Wahrheit die einzige Währung der Welt. Mit anderen Worten: Nur weil das System der Konvertibilität die Rechte im Inland schützte (indem es eine vertragliche Vereinbarung zwischen dem Emittenten und den Nutzern des Geldes durchsetzte), schuf es international Wechselkursstabilität. Die Rechte wurden im Inland geschützt, weil das Geld nicht vom Staat geschaffen wurde. Mit anderen Worten: Wie seine faschistischen und nationalsozialistischen Gegner nur zu deutlich erkannten, war der klassische Goldstandard im Wesentlichen das Ergebnis einer liberalen Weltanschauung. Er war untrennbar mit dem Glauben an die Rechtsstaatlichkeit und den freien Handel verbunden, die im neunzehnten Jahrhundert ihre glorreichste Blüte erlebten. Jahrhundert die glorreichste Blütezeit darstellte. Sie beruhte auf einer Reihe von Normen, die in den vorherrschenden klassisch -liberalen Konsens des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts eingebettet waren, und auf Institutionen, die ihrerseits Überzeugungen über die richtige Organisation des Wirtschaftslebens zum Ausdruck brachten. Entgegen der Meinung vieler moderner Politiker und Ökonomen hatte der klassische Goldstandard als internationales Währungssystem nicht wegen de r Zusammenarbeit zwischen den Zentralbanken Bestand, sondern eher wegen deren Fehlen. Die Zentralbanken arbeiteten auf bilateraler Ebene zusammen, um in Notzeiten Liquiditätstransfers zu arrangieren, aber ihr Hauptaugenmerk galt der inneren Stabilität ihre r Währungen, nicht ihrem Außenwert. Wenn der Außenwert stabil war, lag das daran, dass die Zentralbanken erfolgreich das Erstere verfolgten. Sowohl die Entstehung als auch die Stabilität des Goldstandards waren in der Tat das Ergebnis eines diffuseren und dezentraleren Prozesses, als es die herkömmliche Auffassung vom Goldstandard vermuten lässt. Ein Historiker erklärt: "Kooperation erklärt nicht den Ursprung und die Stabilität des Regimes. Tatsächlich war es das Scheitern der Kooperation, das zur Entstehun g des Regimes in den 1870er Jahren führte.... Darüber hinaus standen die Währungsbeziehungen im Rahmen des Goldstandards in hohem Maße im Einklang mit den vorherrschenden nationalen Interessen, und das Regime zeigte einen harmonischen und sich selbst verstärkenden Charakter.'²³ Der klassische Goldstandard war auch nicht wegen der Macht des britischen Empire erfolgreich. (Das Pfund Sterling war im neunzehnten Jahrhundert die wichtigste internationale Währung der Welt, und viele Historiker haben seinen Erfolg auf den hegemonialen Einfluss Großbritanniens auf das Weltfinanzsystem zurückgeführt.) Derselbe Historiker bemerkt: "Immer wieder hatte Großbritannien die Gelegenheit, ein Regime zu schaffen, das in seinem Interesse lag, und immer wieder versagte es dabei . "²⁴


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Es ist daher seltsam, dass moderne Ökonomen den Goldstandard als ein zu starres System anprangern. Vielleicht empfinden manche Menschen die Verpflichtung, Schulden zu begleichen, als unnatürlich einschränkend, aber das einzige, was das System der metallischen Konvertibilität gewährleistet, ist, dass es kein kostenloses Mittagessen gibt, nicht einmal für die Zentralbanken. Im Gegenteil, der Goldstandard ist keineswegs unflexibel, sondern wie jede andere Marktordnung vie l flexibler als die staatliche Kontrolle der Geldmenge, unter der wir heute leiden. Dieses System ermöglichte es dem Markt und nicht dem Staat, die Kreditmenge in der Wirtschaft und damit die Geldmenge zu regulieren. Kreditbriefe oder andere vom Markt erze ugte Zahlungsmittel wurden je nach den Bedürfnissen des Handels vermehrt oder vermindert: Ein Bestand an Edelmetall diente leicht als Grundlage für einen Umlauf anderer Zahlungsmittel, der weit darüber hinausging. Wichtig war nur, dass sich alle an ihre Versprechen hielten, so komplex das Kreditnetz auch sein mochte. In Anbetracht dessen, was wir über das Wachstum des Finanzwesens und des Handels im neunzehnten Jahrhundert wissen, ist der Vorwurf der Inflexibilität in der Tat historischer Unsinn. Es gab ein e enorme Zunahme an Kreditinstrumenten: öffentliche Banknoten, private Banknoten, Schecks, Überweisungsaufträge, Einlagenzertifikate, Handelswechsel, Finanzwechsel, Wechsel-Speicherzertifikate, Börsenpapiere, T -Bonds, Hypotheken, Lagerscheine und Clearingh ouse-Darlehenszertifikate: Sie machten über 90 Prozent des Wachstums der kollektiven Geldmenge der elf führenden Volkswirtschaften jener Zeit aus. ²⁵ Es war genau die Zunahme dieser Kreditinstrumente (die immer der ultimativen Forderung nach Konvertierbarkeit unterlagen), die verhinderte, dass die nationalen Goldbestände stärker schwankten, als dies bei ausschließlicher Verwendung von Gold in national en und internationalen Transaktionen der Fall gewesen wäre. In der Tat funktionierte das internationale Kreditsystem unter dem Goldstandard gerade wegen des öffentlichen und privaten Vertrauens in die internationale Konvertibilität. Aus diesem Grund fiel d er internationale Goldstandard mit einer explosionsartigen Zunahme ausländischer Investitionen zusammen, und die Welt erfreute sich im Vergleich zu früheren und späteren Zeiten an äußerst reichlichen Kapitalströmen. Die Liquidität war reichlich (wobei Devi sen zunehmend das Gold ergänzten), elastisch (aufgrund begrenzter Kapitalverkehrskontrollen) und geografisch verteilt. ²⁶ Dieses Währungssystem, das in erster Linie auf inländischen und privaten Interessen beruhte, steht im Gegensatz zur Zunahme der "intern ationalen Zusammenarbeit" nach dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb kommt unser Historiker zu dem Schluss, dass "das durchdringendste Element in der


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Funktionsweise des Goldstandards der liberale [d. h. dezentrale] C harakter des Regimes war".²⁷ Er argumentiert,

d. h. sie waren extrem stabil), es gab nur wenige politische Konflikte zwischen den Nationen, Spekulationen wirkten stabilisierend (d. h. das Investitionsverhalten neigte dazu, die Währungen nach einer Verschiebung wieder ins Gleich gewicht zu bringen), die Anpassung erfolgte schnell, Liquidität war reichlich vorhanden, das öffentliche und private Vertrauen in das internationale Währungssystem blieb hoch, die Nationen erlebten langfristige Preisstabilität (Vorhersagbarkeit) bei niedri gen Inflationsraten, die langfristigen Trends in der Industrieproduktion und im Einkommenswachstum waren günstig, und die Arbeitslosigkeit blieb recht niedrig ... Der Vorkriegs -Goldstandard ... unterstützte sowohl die mikro - als auch die makroökonomische E ffizienz, trug den inländischen Unterschieden Rechnung (d. h. schützte die inländische Autonomie), trug zur Harmonie über die Währungsbeziehungen hinaus bei, erreichte eine recht wünschenswerte Verteilung von Gewinnen und Lasten unter den Nationen des Gold clubs, kontrollierte die Inflation, erleichterte Handel und Investitionen, hielt Beschäftigung und Einkommenswachstum aufrecht, minimierte Fehlentwicklungen, erhielt das Vertrauen, stellte Liquidität bereit u nd erleichterte die Anpassung.² ⁸

Entscheidend ist, dass der Goldstandard auch für eine nahezu perfekte Preisstabilität sorgte. In Großbritannien beispielsweise war das Pfund Sterling in Gold 220 Jahre lang, von 1711 bis 1931, konstant definiert, und in dieser Zeit stiegen die Preise um lediglich 29 Prozent. Im Gegensatz dazu sind die Preise in einem typischen europäischen Land, Frankreich, in weniger als achtzig Jahren um den Faktor 2.558 (in Gold) gestiegen.29 Es ist in der Tat ein Zeichen für den Verfall der modernen Welt, dass "Preis stabilität" jährliche Inflationsraten von mehreren Prozent pro Jahr bedeuten kann, selbst wenn "Preisstabilität" als verfassungsmäßige oder gesetzliche Verpflichtung festgeschrieben ist, wie in Deutschland. Die vermeintlich stabile D -Mark hat in der Tat innerhalb einer einzigen Generation rund 200 Prozent an Wert verloren. Eine solche konstante Inflation (wenn auch mit vermeintlich geringen jährlichen Raten) ist ein Phänomen, das heute als selbstverständlich angesehen wird, vor 1914 aber nicht systematisch auftrat. Jahrhundert, als sich die Goldmenge aufgrund der spanischen Ausbeutung Südamerikas verdreifachte, verdreifachten sich auch die Preise.30 Ein Vergleich mit der soeben zitierten Zahl für das Frankreich des 20. Dies widerlegt die weit verbreitete (und doch absurde) Behauptung, dass der Goldstandard den


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goldproduzierenden Ländern Einfluss auf den Goldpreis gab. Dieses System wurde im Jahr 1914 aufgegeben. Die europäischen Staaten, die im Ersten Weltkrieg kämpfen musste n, waren gezwungen, sich schnell Zugang zu Geldmitteln zu verschaffen. Sie entbanden daher ihre Zentralbanken von der Pflicht, ihre Schulden zu bedienen. In dem Gesetz, mit dem Frankreich 1914 die Konvertierbarkeit aussetzte, heißt es: "Bis zu einem anders lautenden Gesetzesbeschluss ist die Bank von Frankreich ... von der Verpflichtung entbunden, ihre Banknoten in bar zurückzuerstatten. "31 Die Maßnahme war damals nur als vorübergehend gedacht. Es ist daher falsch zu sagen, dass der Goldstandard "zusammenge brochen" ist. Er ist nicht "zusammengebrochen": Es bedurfte des ganzen grimmigen Apparats staatlicher Interventionen, um ihn zu zerstören. Dazu gehörten sehr oft Maßnahmen, die noch offenkundig autoritärer waren als die grundsätzliche Aufhebung der Konvert ierbarkeit selbst: Als die Konvertierbarkeit in den Vereinigten Staaten 1933 ausgesetzt wurde, war es den Amerikanern beispielsweise per Gesetz verboten, Gold zu halten. Verträge, die in goldkonvertierbaren Dollars abgeschlossen worden waren, wurden rückwirkend für null und nichtig erklärt.

Der Gold Exchange Standard

Wir halten es daher für notwendig, das System des zwischenstaatlichen Austausches wiederherzustellen, wie es vor dem großen Unglück der Welt der Fall war, und zwar auf einer unbestreitbaren m onetären Basis, die das Zeichen keines besonderen Landes trägt. Welche Basis? In Wahrheit kann es in dieser Hinsicht kein anderes Kriterium oder einen anderen Standard als Gold geben. Eh! oui. Gold, das seine Beschaffenheit nicht verändert, das gleichgülti g in Barren, Barren oder Münzen gegossen werden kann, das keine Nationalität hat, das ewig und universell als der unveränderliche Treuhandwert schlechthin gilt... Natürlich kann man nicht im Traum daran denken, anderen Staaten vorzuschreiben, was sie in ih ren inneren Angelegenheiten zu tun haben. Aber das oberste Gesetz, die goldene Regel, wie man sagen könnte, die in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen wiederhergestellt und eingehalten werden muss, ist die Verpflichtung, von einer Währungszone zur a nderen die Zahlungsbilanz auszugleichen, die sich aus dem Austausch mit realen Transfers von Edelmetall ergibt. Charles de Gaulle, 1965³²


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Was jedoch "zusammenbrach", war das nach dem Ersten Weltkrieg eingeführ te Währungssystem. Dieses System hatte mit dem klassischen Goldstandard nur noch am Rande zu tun und zerstörte in der Tat eines der wichtigsten zentralen Merkmale des Goldstandards. Das neue System wurde als Gold Exchange Standard bezeichnet und 1922 in Ge nua geschaffen.

Mit der Resolution 9 der internationalen Konferenz von Genua wurde eine der zentralen Bestimmungen des klassischen Goldstandards aufgehoben. Zuvor durften die Zentralbanken Geld nur gegen Gold oder gegen Kredite in nationaler Währung wie W echsel oder Staatsanleihen ausgeben. Genua empfahl, die Rolle des Goldes zu reduzieren und stattdessen Devisenreserven zu verwenden. So gestattete sie den Zentralbanken in "peripheren" Ländern (z. B. in Kontinentaleuropa), in ihren Währungsreserven Dollar und Pfund Sterling zu halten, die so genannten "Schlüsselwährungen", die weiterhin eine direkte Verbindung zum Gold hatten. Sie konnten diese Bestände an Schlüsselwährungen zur Ausgabe ihrer nationalen Währung verwenden. Der große französische Wirtschaftsw issenschaftler Jacques Rueff, der vor allem für seine klaren und leidenschaftlichen Schriften zugunsten des klassischen Goldstandards bekannt ist und dessen Einfluss unter einem der glühendsten Verfechter der nationalen Souveränität, General de Gaulle, seinen Höhepunkt erreichte, war ein erbitterter und unerbittlicher Kritiker dieses Goldtauschstandards. Er griff ihn erstmals 1926 an, als er voraussagte, dass er zu einem Boom und einem Zusammenbruch führen würde. Die Kreditblase in der zweiten Hälfte der 19 20er Jahre, der Wall -Street-Crash von 1929 und die darauf folgende Große Depression gaben ihm nur allzu recht. Wie Rueff zeigte, demontierte der Gold Exchange Standard eines der wichtigsten Elemente des klassischen Goldstandards, da er die "Schlüssel" Länder von den normalen Disziplinen des Marktes befreite. Wenn ein Land im Rahmen des klassischen Goldstandards Nettoimporteur von Waren und Nettoexporteur von Kapital war, verringerten die Kapitalabflüsse die Geldmenge (Gold) in der Wirtschaft und ließen den Zinssatz steigen. Da es teurer wurde, sich Geld in dieser Währung zu leihen, würden die Importe teurer werden und tendenziell sinken, und das System würde sich selbst ausgleichen. Unter dem Gold Exchange Standard hingegen führten die Nettokapitalabflüsse nicht zu einer Kreditverknappung in den wichtigsten Ländern. Die für Waren gezahlten Dollars oder Pfund gingen ins Ausland, wurden aber von ihren Inhabern auf den Geldmärkten in London und New York sofort wieder zurückgeführt. So repatriiert, konnten sie al s Grundlage für neue Kredite


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dienen. Geldzahlungen von z. B. Amerika an Frankreich (im Austausch für französische Exporte nach Amerika) erhöhten den Geldumlauf in Frankreich (weil die Bank von Frankreich die Dollars zur Au sgabe von Francs verwenden konnte), verringerten aber nicht entsprechend den Geldumlauf in Amerika. Dies bedeutete, dass die Länder mit den "Schlüsselwährungen" (Großbritannien und Amerika vor dem Zweiten Weltkrieg, nur Amerika danach) das außergewöhnliche Privileg erhielten, Dinge im Ausland kaufen zu können, ohne dass sich ihre interne Geldmenge jemals verringerte. Ihre Zahlungsbilanz konnte so dauerhaft defizitär bleiben, weil alles so geschah, als gäbe es das Defizit nicht. Rueff nannte dies treffend "d as Defizit ohne Tränen".³⁴ Es war also unvermeidlich, dass die Vereinigten Staaten ein ständiges Zahlungsbilanzdefizit aufwiesen - und dies auch weiterhin tun -, weil das System die Verbindung zwischen dem Gesamtvolumen der Kaufkraft eines Landes und dem Stand der Leistungsbilanz des Landes kappte. Wir leben heute noch mit diesem System, weil der Dollar den Status einer Weltreservewährung genießt. Infolge seiner herausragenden Stellung unterliegen große Teile des Welthandels den starken Schwankungen seines Wertes, während die Zentr albanken gezwungen sind, Maßnahmen zu seiner Stützung zu ergreifen, da sie befürchten, dass ihre Reserven schwinden. Wie der US-Finanzminister John Connally einmal süffisant zum Rest der Welt bemerkte: "Der Dollar ist unsere Währu ng, aber er ist euer Probl em "³⁵. Da der Goldstandard das Defizitland nicht bremste, konnte es die Kreditschöpfung unbegrenzt fortsetzen, bis das ganze Kartenhaus in sich zusammenfiel, wie es 1929 geschah. Der Zusammenbruch von 1929, der auf einem künstlichen Kreditboom in den Jahr en 1927-28 beruhte, machte die Depression zu einer großen Depression: Während der Jahre 1927 -28 war Geld in großen Mengen aus den USA und dem Vereinigten Königreich auf den Kontinent geflossen, aber die Währungsreserven dieser Länder blieben unverändert. Der Gold Exchange Standard akkumulierte somit unendlich viele neue Kredite, die auf der Grundlage einer nicht vorhandenen Goldmenge geschaffen wurden. Aufgrund dieser endlosen Verdoppelung des Kredits litten alle Länder mit konvertierbaren Währungen unter e iner permanenten Inflation. Dadurch waren alle Länder der Gefahr einer Rezession ausgesetzt, die der Zusammenbruch der durch den Goldstandard verursachten doppelten Kreditpyramide unweigerlich mit sich brachte. Mit anderen Worten: Was in den 1930er Jahren (und erneut 1971-73) zusammenbrach, war nicht der Goldstandard, sondern eine groteske Karikatur desselben. Aber der Goldstandard wurde genau wegen der Eigenschaften verteidigt, die Rueff so lange Zeit seines Lebens angegriffen hat: Regierungen, wie die meisten Menschen, denken gerne, dass es ein kostenloses Mittagessen


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gibt, und sie waren begeistert Ermessensspielraum vergrößerte.

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System,

das

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Bretton Woods

Dies ist vermutlich der Grund, warum die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg genau denselben Fehler wiederholte, den sie nach dem Ersten Weltkrieg begangen hatte. Was Genua für das Pfund und den Dollar getan hatte, tat Bretton Woods für den Dollar allein - mit den gleichen Ergebnissen. Das gesamte System wurde um den Dollar herum zentralisiert. Die Struktur des Systems glich also einem Rad mit Speichen: Der Dollar stand im Zentrum des Systems, und die anderen Währungen kreisten um ihn herum. Ausländische Zentralbanken hielten Dollars in ihren Rese rven (wie sie es auch heute noch tun), und der Goldpreis in Dollar wurde auf 35 Dollar pro Unze festgelegt. Als die Bestände ausländischer Zentralbanken an potenziell konvertierbaren Dollars zunahmen, wurde den Vereinigten Staaten klar, dass sie ihre Schul den nicht begleichen konnten. Am 15. August 1971 widerriefen die Vereinigten Staaten unter Missachtung ihrer vertraglichen Verpflichtungen einseitig ihre Verpflichtung, Gold an andere Zentralbanken zu einem Preis von $ 35 pro Unze zu verkaufen. Die letzte Verbindung zu einem Rohstoff war gekappt worden, und der Ölpreis in entwerteten Dollars stieg natürlich sofort an. ³⁶ Die Ära der Inflation und des wirtschaftlichen Niedergangs hatte begonnen. Da der Goldstandard im Rahmen von Bretton Woods die Vereinigten Staaten von der Pflicht befreite, ihre Auslandsschulden zu begleichen, hat Rueff nie aufgehört, sie für die anhalte nden amerikanischen Doppeldefizite in der Zahlungsbilanz und im Haushalt verantwortlich zu machen - Probleme, die uns auch heute noch hartnäckig begleiten. Angesichts des jüngsten Versuchs (1995), das amerikanische Haushaltsdefizit auszugleichen, ist es in der Tat amüsant, daran erinnert zu werden, dass 1963, 1965 und 1968 aufeinander folgende amerikanische Staats - und Regierungschefs schon damals zuversichtlich den baldigen Ausgleich des Haushaltsdefizits vorhersagten. Rueff betonte, dass die Haushalts - und Zahlungsbilanzdefizite niemals gelöst werden könnten, solange dieser Aspekt des Währungssystems nicht korrigiert werde, und dass diejenigen, die zuerst den Haushalt ausgleichen wollten, bevor sie das Währungssystem korrigierten, einfach das Pferd von hin ten aufzäumen würden. Sowohl der republikanische Kongressabgeordnete Jack


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Kemp als auch der republikanische Präsidentschaftskandidat Steve Forbes schlossen sich 1996 dieser Ansicht an. In der Tat waren sowohl die 1922 in Genua als auch die 1944 in Bretton Woods, New Hampshire, festgelegte (und 1947 in Kraft getretene) Währungsordnung zum unausweichlichen Scheitern verurteilt, weil es nicht gelang, die Anhäufung von Schulden zu verhindern. Die Vereinigten Staaten kappten di e Bindung des Dollars an das Gold, weil sie wussten, dass sie ihre Schulden nicht in Gold begleichen konnten. Die Bedeutung dieses Schrittes kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sogar Präsident Nixon selbst nannte ihn "das wichtigste Ereignis in der Finanzgeschichte der Welt " ³⁷ - obwohl er ihn offensichtlich billigte. Dennoch ist es erstaunlich, dass die Entscheidung einer Regierung, sich einseitig ihrer Pflicht zur Begleichung ihrer Schulden zu entziehen, bis heute nicht stärker geschmäht wird. Schl ießlich war dies nicht das erste Mal, dass eine Regierung versucht hat, sich durch eine Abwertung der Währung oder die Verweigerung der Erfüllung ihrer Verpflichtungen aus der Überschuldung zu befreien. Dies ist umso merkwürdiger, als damit eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt wurde, mit deren Folgen wir noch heute leben. Dazu gehört nicht zuletzt die unausweichliche Entscheidung des weltweiten Ölförderkartells, den Ölpreis in abgewerteten Dollars zu erhöhen. Bretton Woods konnte zwar weder die Inflat ion noch die Anhäufung von Staatsschulden eindämmen, aber es sorgte zumindest für stabile Wechselkurse zwischen den beteiligten Währungen. Doch im Zeitalter der allgemeinen Fiat Währungen, das nach dem Zusammenbruch von Bretton Woods angebrochen ist, haben nun alle Länder der Welt Währungssysteme, die pyramidal strukturiert, national ausgerichtet und ihrem Wesen nach staatsorientiert sind.³⁸ Die Wechselkursstabilität von Bretton Woods konnte somit nicht wiederhergestellt werden: Wie die traurige Geschichte des Europäischen Wechselkursmechanismus zeigt, können staatlich kontrollierte Währungen aufgrund ihres Fiat -Status niemals interne oder e xterne Stabilität erreichen.

Das Konzept der weltweiten Währungsunordnung

Cecily, du wirst deine Politische Ökonomie in meiner Abwesenheit lesen. Das Kapitel über den Verfall der Rupie können Sie auslassen. Es ist etwas zu sensationell für ein junges Mäd chen. Selbst diese metallischen Probleme haben ihre melodramatische Seite. Miss Prism in The Importance of Being Earnest von Oscar Wilde, Akt II


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Da Fiat-Währungen (Papierwährungen) eine Schöpfung des Staates si nd, sind sie mit einer Marktordnung unvereinbar. Der weit verbreitete Glaube, dass die schwankenden Wechselkurse, die seit 1973 zwischen den Währungen bestehen, Ausdruck einer Marktordnung sind, ist daher falsch. Die schwankenden Wechselkurse sind keineswe gs der Beweis für eine Marktordnung, sondern vielmehr der Beweis für deren Fehlen. Sicherlich gibt es einen Markt für Währungen: Wir sehen den Beweis dafür fast jeden Abend auf den Fernsehbildschirmen, wenn in den "Wirtschaftsberichten" ein Handelssaal gez eigt wird, um den Eindruck interessanter und aktueller Nachrichten zu erwecken. Tatsächlich aber sind die Hochtechnologie und die ausgeklügelten Finanzinstrumente auf den Devisen- und Geldmärkten ebenso wenig Ausdruck eines hohen Grades an Marktentwicklung, wie die zunehmende Raffinesse von Einbruchmeldeanlagen ein Beweis für ein höheres Maß an öffentlicher Sicherheit ist. Denn die Produkte, die rund um den Globus vierundzwanzig Stunden am Tag in so großen Mengen gehandelt werden, sind, wie wir gesehen habe n, staatlich kontrolliert. Diese Kontrolle wird durch die beiden legislativen Instrumente des gesetzlichen Zahlungsmittels und des erzwungenen (oder fiat) Währungsstatus ausgeübt, d. h. durch die Verpflichtung der Gläubiger, die Währung als Zahlungsmittel zu akzeptieren, und durch die Weigerung der Zentralbanken, ihre Banknoten in bar zurückzuzahlen. In der modernen Welt gibt es also keinen freien Markt für Währungen. Vielmehr gibt es einen verzerrten Markt für staatliche Währungen. Die Tatsache, dass die P reise von Währungen schwanken, bedeutet nicht, dass dieser Markt frei ist: Auch auf den Weltgetreidemärkten schwanken die Preise, aber niemand würde behaupten, dass sie frei sind. Sowohl die Weltwährungsmärkte als auch die Weltgetreidemärkte sind durch Subventionen und Dumping pervertiert: In beiden Fällen wird das Produkt (Geld, Getreide) entweder monopolistisch vom Staat produziert (dies ist beim Papiergeld der Fall) oder vom Staat stark subventioniert (wie beim Getreide). Da das Angebot an Währungen auf der ganzen Welt auf der substanzlosesten Sache von allen beruht, nämlich der Politik - und sogar dem Nicken und Zwinkern - jeder Regierung, kommt es zu Schwankungen im Wert der Währungen, die nicht auf Veränderungen in der Realwirtschaft beruhen. Die Staaten können die Entwicklung der Währungen nicht absolut diktieren. Da sie aber das Angebot ihrer Währungen bestimmen und die Steuerung der Geldmenge daher so eminent politisch ist, widmen die Devisenmärkte ihre Hauptanstrengungen dem Versuch, die Bedeutung d er Aussagen von Politikern und Zentralbankern zu hinterfragen. Viele dieser Schwankungen sind offenkundig absurd: Der Dollar stieg einst an den Märkten, weil Präsident


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Clinton einen guten Anwalt engagierte, um sich gegen A nschuldigungen wegen sexueller Belästigung zu verteidigen. ³⁹ In ähnlicher Weise kann ein Staat durchaus eine langfristige Politik einer unterbewerteten Währung verfolgen (der Dollar ist ein Beispiel dafür), während staatliche Einflussnahme kurzfristig oft zu absolut spektakulären Ergebnissen führen kann: Im Septem ber 1995 konnte beispielsweise der deutsche Finanzminister Theo Waigel die italienische Lira mit einer einzigen durchgesickerten Bemerkung über die Höhe des italienischen Haushaltsdefizits in den Keller schicken. Würden die Staaten nicht die beiden Rechtsi nstrumente des gesetzlichen Zahlungsmittels und des Fiat -Status beibehalten, würden die staatlich kontrollierten Papierwährungen wahrscheinlich verschwinden. Wer würde schon ein wertloses Stück Papier einem Papier vorziehen, das seinem Inhaber ein Eigentumsrecht an einer Ware garantiert? Ihre Existenz wird nur durch den Gesetzgebungsapparat aufrechterhalten, der sie überhaupt erst geschaffen hat. Ein einfaches Gedankenexperiment kann uns helfen, dies zu erkennen. (Es hilft auch, den gängigen Vorwurf zu entk räften, dass die Befürworter des Goldstandards irgendwie gegen die Kräfte des Marktes sind). Wenn es einen wirklich freien Markt für Währungen gäbe, wäre es Banken und Einzelpersonen erlaubt, Geld auszugeben. Es liegt auf der Hand, dass eine Einzelperson o der eine Bank, die einen Papierschein ausgibt, der ein Recht auf nichts darstellt, kaum Verwendung dafür finden würde. Er wäre in der Tat völlig wertlos. Im Gegensatz dazu hätte ein Titel auf eine Ware einen Wert. Wenn private Banken und Privatpersonen ihr e eigenen Währungen ausgeben könnten, würden die staatlich kontrollierten Papierwährungen wahrscheinlich schnell durch bessere, konvertierbare Währungen vom Markt verdrängt werden. Darüber hinaus würden sich gerade unter solchen Bedingungen wirklich solid e Währungen herausbilden: Unter der Voraussetzung, dass sie dem Gewohnheitsrecht gegen Betrug unterliegen, würden Banken oder Privatpersonen, die in Edelmetalle konvertierbare Banknoten ausgeben und deren Name gut ist, aller Wahrscheinlichkeit nach einen w ichtigen Teil des Banknotenmarktes erobern. Anders ausgedrückt: Staatlich kontrollierte Papierwährungen können nur dort existieren, wo es ein Monopol für die Banknotenproduktion gibt und der freie Zugang zum Banknotengeschäft beschränkt ist. Anhand dieses Modells lassen sich auch die Unzulänglichkeiten von Vorschlägen erkennen, die darauf abzielen, den Wettbewerb zwischen nationalen Papierwährungen - etwa in Europa - zuzulassen. Ein solcher


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Wettbewerb könnte di e Situation verbessern, würde aber nichts an der ruchlosen Rolle der modernen Staaten in der Wirtschaft ändern. Besser wäre es, den Wettbewerb bei der Ausgabe von Geld zuzulassen, sofern der Staat die Konvertierbarkeit vorschreibt. Auf diese Weise würde er die Einhaltung des Gesetzes gewährleisten, indem er gegen unseriöse oder unzuverlässige Emittenten von Banknoten vorgeht. Daher können keine noch so großen internationalen "Märkte" die grundlegende Ungerechtigkeit von staatlich kontrollierten Währungen ausgleichen. Großbanken und internationale Finanziers mögen in der Lage sein, das Währungsspiel zu ihrem Vorteil zu spielen, aber das geht auf Kosten der fairen, freien Marktbeziehungen, die der normale Bürger ansonsten genießen würde. Es ist kein Zufall, we nn der Mann auf der Straße das wilde Treiben junger Männer mit roten Hosenträgern als ebenso fremd empfindet wie das der internationalen Bürokraten. Wie Edmund Burke erkannte, sind staatliche Währungen - die unweigerlich zum Gegenstand von Spekulationen werden - zersetzend für die Realwirtschaft:

Wo aber das Gesetz, das in den meisten Fällen das Spielen verbietet und in keinem Fall duldet, selbst so verdorben ist, dass es sein Wesen und seine Politik umkehrt und den Untertan ausdrücklich an diesen verderbl ichen Tisch zwingt, indem es den Geist und die Symbole des Spiels in die kleinsten Dinge hineinbringt und jeden und alles daran beteiligt, da breitet sich eine schrecklichere epidemische Unpässlichkeit dieser Art aus, als je in der Welt erschienen ist. Bei euch kann ein Mann weder sein Abendessen verdienen noch kaufen, ohne zu spekulieren. Was er am Morgen erhält, hat am Abend nicht mehr den gleichen Wert. Was er gezwungen ist, als Bezahlung für eine alte Schuld zu nehmen, wird nicht als das Gleiche empfang en werden, wenn er kommt, um eine Schuld zu bezahlen, die er selbst eingegangen ist; noch wird es das Gleiche sein, wenn er durch sofortige Bezahlung vermeiden würde, überhaupt eine Schuld einzugehen. Die Industrie muss verkümmern. Die Ökonomie muss aus eu rem Land vertrieben werden. Sorgfältige Vorsorge wird keine Existenz haben ... . Das wahrhaft Melancholische an der Politik, systematisch eine Nation von Spielern zu machen, ist, dass, obwohl alle zum Spielen gezwungen werden, nur wenige das Spiel verstehe n können; und noch weniger sind in der Lage, sich das Wissen zunutze zu machen. ⁴⁰

Es gibt also einen wichtigen Unterschied zwischen der Unfairness der Devisenmärkte und der anderer Märkte, die durch die Einmischung der Regierungen in ihre Waren pervertier t werden. Geld ist nicht irgendeine Ware:


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Es ist das Tauschmittel selbst. Es ist, wie Burke sagte, das "Nervenzentrum von allem".⁴¹ Ein Markt funktioniert nur dann frei, wenn die Preise nicht der staatlichen Einflussnahme oder Kontrolle unterliegen. Wenn der Wert eines zwischen zwei Parteien frei abgeschlossenen Vertrages der willkürlichen Änderung durch den Staat unterliegt, kann der Markt nicht als frei bezeichnet werden. Daher können weder die Devisenmärkte - noch irgendein Markt für eine Ware oder Dienstleistung, ob national oder international - in einer Welt der Fiat-Währungen als wirklich frei bezeichnet werden. Folglich führen Währungsschwankungen zwar nicht zu einer Verringerung des internationalen Handelsvolumens, a ber sie beeinträchtigen es. Währungsschwankungen können Produktivitätssteigerungen, die über ein ganzes Jahr mühsam erarbeitet wurden, mit einem Schlag zunichtemachen. Daher sind die Gegner des Wechselkursmechanismus, die für frei schwankende Wechselkurse plädieren, weil sie es einem Land ermöglichen, sich "anzupassen" (d.h. abzuwerten), wenn die Wirtschaft nicht wettbewerbsfähig ist, schlichtweg protektionistisch. Staatliche Ermessensentscheidungen (z.B. die Aufrechterhaltung der Unterbewertung der Währung ) sind mit einem freien und fairen Handel unvereinbar. Schwankende Wechselkurse stören den internationalen Handel, weil sie den Unternehmen zusätzliche Kosten aufbürden. Es sollte jedem klar sein, dass der Dollar in ein paar Tagen 5 % und in ein paar Monat en sogar 10 % verlieren kann, während die meisten Unternehmen sich den Rücken krumm machen, um ihre Gewinne in einem Jahr um ein paar Prozentpunkte zu steigern. Es reicht nicht aus zu sagen, wie es viele Befürworter variabler Zinssätze tun, dass sich die Unternehmen gegen Risiken absichern können. Erstens ist eine solche Absicherung mit Kosten verbunden. Zweitens kann auch eine Absicherung nichts an der Tatsache ändern, dass die langfristige Abwertung einer Währung im Laufe der Zeit einen unfairen Vorteil f ür die nicht wettbewerbsfähigen Unternehmen in dem abwertenden Land darstellt. Wenn ein Exportunternehmen in Dollar fakturiert, werden seine Einnahmen im Laufe der Zeit sinken, wenn der Dollar fällt, ohne dass dieses Unternehmen die Bedingungen seiner Vert räge mit seinen Kunden geändert hat. Indem die Geldpolitik eines Landes auf diese Weise in die zwischen zwei Parteien geschlossenen Verträge eingreift, untergräbt sie unweigerlich den freien Handel: Der Grund, warum frei schwankende Wechselkurse keine Mark tordnung sind, liegt gerade darin, dass die Geldproduzenten nicht verpflichtet sind, das Vertragsrecht zu respektieren. Fließende Wechselkurse - die die direkte Folge der Verstaatlichung der Geldproduktion sind - ähneln eher einer zentral gelenkten Kriegswirtschaft als einer Marktwirtschaft.


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Zu allen Schrecken des Papierkreislaufs verdammt' ⁴²

Eine Papierzirkulation, die sich nicht auf echtes Geld gründet, das hinterlegt ist oder für das man sich verpflichtet ha t ... und diese Währung, die mit Gewalt an die Stelle der Münzen des Königreichs gesetzt wird und dadurch die Substanz seiner Einkünfte sowie das Medium des gesamten kommerziellen und zivilen Verkehrs wird, muss alles, was an Macht, Autorität und Einfluss übrig bleibt, in welcher Form auch immer, in die Hände der Verwalter und Lenker dieser Zirkulation legen". Edmund Burke⁴³

Es sollte nicht vergessen werden, dass das Privatgeschäft der Bank of England bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts von entscheidender Bedeutung war und auch in der Zwischenkriegszeit nicht ohne Bedeutung blieb. Die Bank wurde erst 1946 formell in die staatliche Wirtschaftsverwaltung eingegliedert.44 Die vollständige metallische Unveränderlichkeit stammt erst aus dem Jahr 1971. Mit anderen Worten: Die diskretionäre zentrale Kontrolle des Kreditsystems, der Geldmenge und damit der gesamten Wirtschaft durch den Staat, die wir heute als selbstverständlich ansehen, ist in Wirklichkeit ein sehr junges historisches Ereignis. Doch die verfassungsrechtlichen Folgen von Fiat -Währungen sind ebenso gravierend wie die wirtschaftlichen. Auch wenn der Staat seine Kontrolle über die Geldpolitik durch die Einrichtung einer Zentralbank und die Einführung von Fiat-Währungen immer verstärkt hat (auch vorher haben die Staaten die Münzprägung zentralisiert, aber es gibt keinen Grund, warum es nur eine einzige staatliche M ünzprägeanstalt geben sollte), stellt die Aussetzung der Konvertierbarkeit nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Erweiterung der staatlichen Kontrolle dar. Denn in einem Regime von Zwangswährungen wird die Kontrolle des Staates diskret ionär und nicht legislativ. Wenn der Staat die Währung durch die Aussetzung der Konvertierbarkeit verstaatlicht, greift die Exekutive ein und setzt die Rechtsstaatlichkeit in Geldangelegenheiten außer Kraft. Der Bevölkerung wird eine Währung aufgezwungen, deren Wert ausschließlich in den Händen ihrer Verwalter liegt. Dieser Wert hängt somit von Abwägungen zwischen anderen politischen Erwägungen und nicht von den Kräften des Marktes ab. Darüber hinaus wird die Macht des Staates, über die Geldmenge zu entscheiden, mit wenig oder gar keiner Beteiligung des Parlaments ausgeübt.


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In Ländern mit "unabhängigen" Zentralbanken werden die Zinssätze ohne jegliche Anhörung des Parlaments festgelegt. In Ländern, in denen die Zinssätze von der Regierung festgesetzt werden (d.h. in denen die Zentralbank dem Finanzminister untersteht), gibt es zumindest eine gewisse parlamentarische Rechenschaftspflicht, da der Minister dem Parlament im Nachhinein Rechenschaft über seine Entscheidungen ablege n muss. Beide Systeme stehen in krassem Gegensatz zu einem System der metallischen Konvertibilität, bei dem die Geldpolitik dem Gesetz unterliegt. David Ricardo, der große Theoretiker des internationalen Handels und Verfechter des Goldstandards, plädierte für die Rückkehr zum Gold, nachdem dieser während der Napoleonischen Kriege aufgegeben worden war, weil er der Meinung war, dass die Bank of England ohne Goldkonvertibilität die Rechte des Parlaments und des Gesetzes an sich reißen würde. ⁴⁵ Darüber hinaus ist die Geldpolitik zum wichtigsten Instrument der Regierung geworden, um den Zustand der Wirtschaft zu beeinflussen. Wie eine maßgebliche Quelle eher schüchtern einräumt, hat sich die Finanzpolitik in der Praxis nicht als so flexibles ma kroökonomisches Instrument erwiesen wie die Geldpolitik. Erstere ist schwerfälliger und langsamer in ihrer Funktionsweise, letztere ist für die Regierung viel einfacher, direkt zu handeln. ⁴⁶ Er unterlässt es hinzuzufügen, dass sie - in den Augen der Regier ungen - den Vorteil hat, nach eigenem Ermessen zu handeln. Die verfassungsrechtlichen Folgen sind jedoch sehr schwerwiegend. Ein liberaler Staat ist einer, in dem die Regierung ausdrücklich und bewusst handelt. Der Einzelne sollte sich um seine persönliche n Interessen und die seiner Angehörigen kümmern, und der Staat muss seine Rolle als moralische Person erfüllen, die damit beauftragt ist, kollektive und soziale Ziele zu erreichen und die Regeln aufrechtzuerhalten und zu definieren, die soziale Interaktion ermöglichen und fördern (Rechtsstaatlichkeit). In einer liberalen Ordnung sollte der Staat diese und andere Funktionen nur mit den Mitteln erfüllen, die ihm ausdrücklich zugewiesen wurden. Dies bedeutet Geld, das durch Steuern oder Kreditaufnahme aufgebra cht wird. Die Steuersätze können hoch oder niedrig sein, die Kreditaufnahme kann hoch oder niedrig sein, aber diese Mittel müssen bekannt sein, wenn das Regime als liberal gelten soll. Ein transparenter Haushalt verpflichtet die Regierung dazu, keine Maßnahmen zu ergreifen, die von der Öffentlichkeit missbilligt werden. Wenn die Regierung stattdessen heimlich Geld durch Inflation anhebt - selbst bei der angeblich niedrigen Rate von 2 Prozent pro Jahr - dann hebt sie Geld ohne die ausdrückliche Zustimmung de s Parlaments an. Während die liberale Regierung ausdrücklich zustimmt, ist die Erhöhung der Einnahmen durch die


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Inflation geheimnisvoll. Die Inflation wird heute als selbstverständlich hingenommen, aber sie so llte genauso entschieden abgelehnt werden, wie wenn die Regierung ohne Zustimmung des Parlaments einen variablen Betrag von, sagen wir, zwischen 2 und 5 Pfund pro Jahr von den 100 Pfund auf den Bankkonten der Bürger abheben könnte. Die parlamentarische Kon trolle der Staatsfinanzen funktioniert nur, wenn die Regierung nicht in der Lage ist, unerlaubte Ausgaben durch eine Erhöhung der umlaufenden Geldmenge zu tätigen. Inflation ist schließlich eine Steuer. Wie Ludwig von Mises geschrieben hat,

Die Vorzüglichkeit des Goldstandards ist darin zu sehen, dass er die Bestimmung der Kaufkraft der Währungseinheit unabhängig von der Politik der Regierung und der politischen Parteien macht. Außerdem verhindert er, dass sich die Regierenden den Finanz - und Haushaltsbefu gnissen der repräsentativen Versammlungen entziehen können. Die parlamentarische Kontrolle der Finanzen funktioniert nur dann, wenn die Regierung nicht in der Lage ist, nicht genehmigte Ausgaben durch eine Erhöhung der umlaufenden Geldmenge zu decken. So g esehen erscheint der Goldstandard als unverzichtbarer Bestandteil der verfassungsrechtlichen Garantien, die das Funktionieren des repräsentativen Re gierungssystems gewährleisten. ⁴⁷

Wenn sich die Staatsausgaben nicht auf Steuern und Kreditaufnahme beschrän ken, wird die Regierung vom Grundgesetz der Zivilisationen mit echten Rechten befreit: Sie kann nehmen, ohne zu geben, und erhalten, ohne zu fragen. Die Geldvermehrung durch Inflation entzieht dem Staat die Verantwortung, und die daraus resultierende Zuwei sung falscher Rechte beschädigt den Rechtsmechanismus. Regime mit falschen Rechten befinden sich in einem Zustand der sozialen Unordnung. Sobald man von einem Vertragssystem zu einem Ermessenssystem übergeht - in welchem Bereich auch immer -, geht man von der Ordnung einer freien Gesellschaft zur Unordnung einer staatsähnlichen Gesellschaft über. So gesehen ist der Goldstandard ein unverzichtbarer Bestandteil der verfassungsrechtlichen Garantien, die das Funktionieren des repräsentativen Regierungssystems gewährleisten. Eine autoritäre Regierung ist eine Regierung, die handelt, ohne Steuern zu erheben, um ihre Handlungen zu finanzieren. Die Kosten werden stattdessen von der Gesellschaft getragen. Die autoritäre Regierung hat die Form eines Befehls. Sie bede utet die Unterwerfung des individuellen Willens unter die Entscheidungen der Regierung durch die Einführung von Sanktionen, die alle


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Die verdorbene Quelle

anderen Handlungen als die von machen. In einem libe ralen System der Regierung weitgehend auf die Parlaments über die Staatsfinanzen Konvertibilität ausgesetzt ist.

der Regierung befohlenen unerwünscht konzentriert sich die Rechenschaftspflicht Kontrolle der Steuern. Die Kontrolle des wird jedoch stark abgeschwächt, wenn die

Zentralbankunabhängigkeit - eine Falle

Das Konzept der Unabhängigkeit der Zentralbank ist also eine gefährliche politische Falle. Die Befürworter von Maastricht argumentieren, dass die Zentralbanken, insbesondere die Europäische Zentralbank, frei von staatlicher Kontrolle sein sollten. Der Vergleich mit dem Goldstandard zeigt jedoch, dass unabhängig von der Unabhängigkeit der Bank die Geldmenge zentral durch die Ermessensbefugnis des Staates und nicht durch den Markt manipuliert wird. Die Unabhängigkeit der Zentralbank füh rt nicht zu einer Entpolitisierung der Währungssteuerung. Sie legt lediglich eine zwangsläufig politische Tätigkeit in die Hände von Personen, die nicht demokratisch rechenschaftspflichtig sind. In einem System der metallischen Unveränderlichkeit ist das Währungsmanagement zwangsläufig politisch, da der Wert der Währung ausschließlich davon abhängt, was die Märkte von den Maßnahmen der Währungsbehörden halten. Daher ist es für die Zentralbank unerlässlich, ein "Image" oder einen Ruf für ein stabiles Währung smanagement zu pflegen. Die Pflege eines solchen Images ist jedoch eine eminent politische Tätigkeit, denn um andere davon zu überzeugen, dass man sich in einer bestimmten Weise verhalten wird, muss man in der Öffentlichkeit, d. h. politisch, auftreten. Die Geldpolitik kann nur dann Preisstabilität erzeugen, wenn die Währungsunion insgesamt wirtschaftlich gut geführt wird. Die berühmt berüchtigte "unabhängige" Bundesbank ist wie jede andere Zentralbank ein integraler Bestandteil des gesamten Gefüges geschri ebener und ungeschriebener politischer Praktiken, die das Streben nach Währungsstabilität in Deutschland vorschreiben. Ein Beispiel dafür ist das "Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft" aus dem Jahr 1967, das die Zusammenarbe it der Bundesbank mit dem Bund, den Ländern und Gemeinden, den Gewerkschaften und Unternehmensverbänden vorschreibt. Die föderale Struktur der Bundesbank selbst, auf die die Deutschen so stolz sind, soll ja gerade dazu dienen, die Entscheidungen der Bank in der Realwirtschaft zu verankern. Die Bundesbank ist sich bewusst, dass ihr eigener Erfolg untrennbar mit dem Geflecht finanzieller, sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen verbunden ist, die das Funktionieren des


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deutschen Staates bestimmen. Wenn die Bundesbank nicht politisch handeln würde, indem sie mit der Regierung und anderen Verbänden kommuniziert und verhandelt, könnte sie nicht zu der allgemeinen Stabilität beitragen, für die das Nachkriegsdeutschla nd bekannt ist. Da die Bundesbank im Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Gesamtordnung Deutschlands steht, ist ihr (relativer) Erfolg nicht rein technisch zu verstehen. Oft wird auf die inflationäre Geschichte Deutschlands und die gegenwärtige "St abilitätskultur" als Gründe für die Stärke der D -Mark verwiesen. Doch Argumente, die sich auf Geschichte und Kultur berufen, beweisen gerade, dass sich politische Autorität im Allgemeinen aus bewährter Praxis ableitet, nicht aus gesetzgeberischem Erlass od er technischen Regelungen. In der Tat ist alle Macht letztlich politisch. Anstelle der Unabhängigkeit der Zentralbank müssen die Regierenden gezwungen werden, nur das auszugeben, was sie auf der Grundlage ordnungsgemäß erlassener Gesetze als Steuern eingen ommen haben. Eine parlamentarische Kontrolle der Staatsausgaben ist nur dann sinnvoll, wenn die Hintertür zur Inflation geschlossen ist. Das bedeutet, dass in einem wirklich parlamentarischen System das Gesetz den Rahmen für die Geldpolitik vorgeben und de r Markt sie regulieren sollte. Kurz gesagt, das britische Parlament sollte die Bank of England zwingen, ihr Versprechen einzulösen, dem Inhaber auf Verlangen den auf ihren Schecks (Banknoten) angegebenen Betrag auszuzahlen. Die Wiedereinführung des Goldsta ndards würde ein Mehr an gesetzlicher parlamentarischer Kontrolle und ein Weniger an Ermessensspielraum für die Exekutive bedeuten. Im Gegensatz dazu würde die Unabhängigkeit der Zentralbanken die parlamentarische (und damit gesetzliche) Kontrolle verringe rn und den Ermessensspielraum der staatlichen Behörden vergrößern. Dies ist zweifelsohne der Grund, warum die Deutsche Bundesbank dem Gold so ablehnend gegenübersteht. Helmut Schlesinger, der frühere Präsident der Bundesbank, sagte einmal, er sei gegen Gol d, weil es "uns in die Hände der Russen und der Südafrikaner legen würde". ⁴⁸ Diese Bemerkung verbindet Unwissenheit über die Funktionsweise des Goldmarktes mit der eher geschmacklosen Annahme, dass Ausländer uns kontrollieren werden, wenn wir unsere Märkte öffnen. Ähnlich äußerte sich der heutige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer im April 1996 gönnerhaft vor Schweizer Geschäftsleuten: "Die verfassungsrechtliche Bindung des Schweizer Frankens an das Gold scheint mir ohne praktische Bedeutung zu sein. ⁴⁹ Er verschwieg die unangenehme Tatsache, dass die angeblich so perfekte D -Mark seit 1972 gegenüber dem Schweizer Franken um ein Drittel an Wert verloren hat und dass sie seit der Gründung


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der Bundesbank 1957 auch gegenüber Gold 75 Prozent ihres Wertes eingebüßt hat.

Ein korruptes Verständnis für die Rolle des Geldes

Um das bürgerliche System zu zerstören, genügt es, seine Währung zu korrumpieren". Lenin⁵⁰

Die vielleicht schwerwiegendste Folge der staatlichen Kontrolle der Geldmenge ist die Art und Weise, wie sie unser Verständnis von der Rolle des Geldes in der Gesellschaft pervertiert hat. Wurde es früher als Tauschmittel und Wertmaßstab verstanden, mi t dem Handel und Gewerbe ohne Einmischung der Regierung betrieben werden konnten, so wird nicht konvertierbares Geld heute als ein Instrument verstanden, mit dem der Staat die Wirtschaft regulieren kann. Nur wenige so genannte Anhänger der freien Marktwirtschaft scheinen dieses Problem zu erkennen. In Großbritannien zum Beispiel konnte der Mann, der als Vorreiter des marktwirtschaftlichen Denkens gilt, John Redwood, anerkennend schreiben, dass "der Zinssatz der wichtigste Hebel ist, den die Regierung gegenw ärtig einsetzt, um den Zustand der Wirtschaft zu beeinflussen". ⁵¹ Das ist in der Tat so, aber man hätte gedacht, dass ein Mann, der an freie Märkte glaubt, der Meinung ist, dass die Regierung einen solchen Hebel nicht haben kann und sollte. Es gibt in der Tat kaum einen Unterschied zwischen Redwoods Gedanken und Stalins Empfehlung, die Wirtschaft über den Rubel zu kontrollieren. ⁵² Aber genau so funktionieren moderne Volkswirtschaften. Die geldpolitischen Operationen von Regierungen und Zentralbanken zielen bewusst darauf ab, die Leistung der Wirtschaft eines Landes zu beeinflussen. Sie tun dies, indem sie die Zinssätze - den Preis, den die Zentralbank für die Kreditvergabe an andere Banken erhebt - anheben oder senken, um den Umfang der Kreditvergabe in der Wirtschaft zu beeinflussen. Im Gegensatz zur Konvertierbarkeit, bei der sich die Kreditmenge und damit die Geldmenge entsprechend den Bedürfnissen des Marktes ausdehnen oder verringern kann und bei der eine umsichtige Kreditvergabe aufgrund der grundsätzli chen Solidität der Währung gefördert wird, maßt sich der Staat bei Zwangswährungen die Rolle an, zu entscheiden, wie viel Geld in der Wirtschaft vorhanden sein soll.


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Dies stellt einen wirtschaftlichen Dirigismu s dar, der als unglaublich abgelehnt würde, wenn er für irgendeinen anderen Bereich der Wirtschaft vorgeschlagen würde. Die heutigen Regierungen sehen sich die Wirtschaft an und versuchen zu entscheiden, wie viel Kredit sie braucht, aber wenn sie versuchen würden, dasselbe für Stahl oder Autos zu tun, würde man sie zu Recht für gefährlich größenwahnsinnig halten. Es ist genauso unmöglich zu wissen, wie viel Kredit es geben sollte, wie es unmöglich ist zu wissen, wie viele Autos oder wie viel Stahl es geben sollte. Dieses außergewöhnliche Maß an zentraler Kontrolle über die Wirtschaft wird überraschenderweise nicht einmal von den meisten Wirtschaftswissenschaftlern bestritten, die behaupten, den freien Markt zu bevorzugen. Monetaristen zum Beispiel sind der M einung, dass die Geldmenge einen großen Einfluss auf die Wirtschaftstätigkeit und das Preisniveau hat und dass die Geldpolitik auf die Wachstumsrate der Geldmenge abzielen sollte. Obwohl es sich also um ein System des freien Marktes handeln soll, befürwortet der Monetarismus in Wirklichkeit die Rationierung von Krediten durch den Staat: Wenn man der Meinung ist, dass zu viel Geld im Umlauf ist, versucht der Staat, den Kredithahn zuzudrehen, indem er die Zinssätze erhöht, und umgekehrt. Der Staat versucht al so, mit dem stumpfsten aller Instrumente, der Geldmenge, einen umfassenden wirtschaftlichen Dirigismus zu betreiben. Die rechte Doktrin des Monetarismus, die behauptet, der Staat müsse die Geldmenge einschränken, um die Inflation zu kontrollieren, ist also nichts anderes als eine Art Perestroika eines im Wesentlichen sowjetisch geprägten Systems. Man kann sogar das fast universelle Bekenntnis zur "Preisstabilität" in Frage stellen, das das Herzstück des Monetarismus und natürlich auch das Herzstück des Projekts der Schaffung einer gemeinsamen Währung in Europa ist. Die Messung der Inflation ist willkürlich. Warum sollte man diesen Warenkorb wählen und nicht jenen? Ebenso hat die Behauptung, der Staat könne oder solle die Stabilität aller Preise aufrechterhal ten, etwas leicht Totalitäres an sich. Der Wert des Geldes kann sowohl steigen als auch sinken. Die österreichische Schule der Wirtschaftswissenschaften geht bei ihrer Analyse des Geldes als Tauschmittel von der Instabilität aus, die dem menschlichen Leben und Handeln innewohnt. Geld erscheint als relativ stabiler Bezugspunkt, um mit dieser Instabilität umzugehen. Der gesunde Menschenverstand sagt uns jedoch, dass es keinen Grund gibt, warum die Preise stabil sein sollten: Sie können steigen oder fallen. Si cherlich ist Inflation etwas Schlechtes, aber sie ist immer das Ergebnis staatlichen Handelns. Die staatliche Kontrolle der Geldmenge bedeutet auch, dass die Politik immer auf die Vergangenheit und nicht auf die Zukunft ausgerichtet ist: Die


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Währungssteuerung basiert auf Daten darüber, was in der Vergangenheit in der Wirtschaft passiert ist - die Preise eines willkürlich festgelegten Warenkorbs, die Fabrikkosten, die Arbeitskosten usw. Im Gegensatz dazu verlangt eine staatl iche Politik der Aufrechterhaltung der Goldkonvertibilität von den Währungshütern, dass sie sicherstellen, dass die Nutzer des Geldes das Vertrauen in die Währung für die Zukunft aufrechterhalten. Es ist kein Zufall, dass die Aussetzung der Konvertibilität mit einer massiven Anhäufung von Schulden einherging, was nichts anderes bedeutet, als dass wir die Zukunft unserer Kinder mit einer Hypothek belasten, um jetzt über unsere Verhältnisse zu leben. Die Aussetzung der Konvertierbarkeit von Metall hat das Kon zept der Pflicht und der persönlichen Verantwortung ausgehöhlt, indem sie in den Kern der Verträge eingriff. Sie hat der Auffassung Vorschub geleistet, dass Menschen unendlich viele Rechte genießen können, ohne entsprechende Pflichten zu haben, und - sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft - dem Gefühl, dass man anderen Menschen ("der Gesellschaft") ständig etwas schuldet, ohne ihnen oder der Gesellschaft jemals etwas zu schulden. Die endlosen Forderungen nach "Rechten" (von denen viele nichts ande res als Forderungen nach staatlichen Almosen sind), die nicht durch die Anerkennung von Pflichten ergänzt werden, sind nichts anderes als die Forderung, auf Kosten anderer zu leben. Da das "Zahlungsversprechen", das immer noch hohl auf britischen Banknoten verkündet wird, niemals eingehalten wird, leben wir in einer Welt, in der der Eckpfeiler des freien Marktes, der Grundsatz der Einhaltung von Verträgen, von genau der Institution ignoriert wird, die ihn eigentlich aufrechterhalten soll.

Das Europäische W ährungssystem

Wie wir gesehen haben, war das Scheitern des Europäischen Währungssystems unvermeidlich. Metallisch nicht konvertierbare Währungen können nur gegeneinander im Wert schwanken, weil sie unhandliche, staatlich kontrollierte Produkte sind. Ihr W ert basiert nicht auf dem Wert irgendeiner Ware, sondern lediglich auf der von der Regierung und der Zentralbank verfolgten Politik. Versuche, den Wert solcher Währungen gegeneinander festzulegen oder gar zu koordinieren, sind daher immer vergeblich. Jeder Vergleich zwischen dem Goldstandard und dem EWS ist daher äußerst unzulänglich. Da es sich bei Papierwährungen um staatliche Instrumente zur Regulierung der Wirtschaft handelt, bedeutet die Orientierung des Wechselkurses einer Währung an einer anderen Wäh rung erst recht, daß die


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Wirtschafts- und Währungspolitik eines Landes an der eines anderen Landes ausgerichtet wird. Wie Bernard Connolly gezeigt hat, hat der EWS Wechselkursmechanismus das Währungsmanagement nicht entpolitisiert, sondern in höchstem Maße politisiert. ⁵³ Darüber hinaus brachte der Goldstandard jahrhundertelang ein inflationsfreies Wachstum hervor, während der EWS-Wechselkursmechanismus ein Jahrzehnt lang zu massiven Währungskrisen und hoher Arbeitslosigkeit führte. Der Goldstandard war ein selbstregulierendes System, in dem nationale und private Interessen ein natürliches Gleichgewicht und Harmonie schufen; der Wechselkursmechanismus war ein Kartell von Staaten, die heuchlerisch versuchten, vorzutäuschen, dass ihre Interessen die gleichen seien, und dadurch das Wachstum ihrer Volkswirtschaften erstickten. Aus verschiedenen Gründen erlangte die D -Mark eine dominante Stellung innerhalb des EWS (obwohl sie so nicht funktionieren sollte), so dass die teilnehmenden Länder sich bereit erklären mussten, die deut sche Geld- (und damit Wirtschafts) politik zu kopieren, wenn sie die Wechselkursparität zur D Mark aufrechterhalten wollten. Die Länder unterstützten ihre eigene Mitgliedschaft im EWS, weil sie glaubten, dass die Nachahmung der antiinflationären Politik de r deutschen Zentralbank ihnen helfen würde, ihre eigene Inflation zu senken. Allerdings verlangte das System von ihnen im Allgemeinen höhere Zinssätze als in Deutschland: Gerade weil ihre Währungen einen inflationären Ruf hatten, betrachtete der Markt ihre Währungen als risikoreicher als die D -Mark, insbesondere auf lange Sicht. Um ihre Währungen auf den Märkten attraktiver zu machen, mussten die Länder ihre Zinssätze höher als die D -Mark halten, um die Parität mit ihr zu wahren. Dies wirkte sich langfristi g dämpfend auf ihre Volkswirtschaften aus und festigte die relative Stärke Deutschlands gegenüber diesen Ländern. Deutschland profitierte also in doppelter Hinsicht. Erstens profitierte es als Exportland von einer unterbewerteten Währung, für die die Lände r mit überbewerteten Währungen zahlten. Zweitens profitierte es von niedrigen kurz- und langfristigen Zinsen, während die Zinsen seiner Konkurrenten im Allgemeinen höher waren. (Eine Ausnahme bildeten die Niederlande und Österreich.) Dies war der Grund für die wiederholten Krisen, von denen das EWS während seines Bestehens heimgesucht wurde. In den Jahren 1981, 1983, 1986, 1992 und 1993 waren die europäischen Währungen gezwungen, gegenüber der D Mark abzuwerten. Die letzten beiden Krisen waren besonders dra matisch: Die erste führte zum Ausschluss des Pfunds und der Lira aus dem Wechselkursmechanismus, die zweite zur faktischen Auflösung des WKM selbst. (Die zulässigen Schwankungsbreiten wurden von +/ - 2,25 % auf enorme


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und bedeutungslose +/ - 15 % ausgeweitet.) In beiden Fällen waren die Märkte der Ansicht, dass der Deflationsdruck in den nicht -deutschen Volkswirtschaften zu groß war, um anhaltend hohe Zinssätze zu verkraften, und spekulierten auf eine Abwertung der Währungen und eine Senkung der Zinsen. Das EWS war nicht nur Gegenstand von Spekulationen, es förderte sie sogar aktiv. Durch die Ankündigung des Kurses, den sie zu verteidigen bereit waren, gaben die nationalen Währungsbehörden den Märkten ein leichtes Ziel vor. Wenn die Märkte richtig vermuteten, dass eine Abwertung bevorstand, waren die Gewinne immens, denn die Abwertungen erfolgten erst nach einer Krise. Während einer solchen Krise intervenierten die Zentralbanken massiv auf dem Markt, um ihre Währung zu den über bewerteten Preisen zu kaufen. Je mehr Devisenhändler an die Zentralbank zu einem überbewerteten Preis verkauften, desto wahrscheinlicher wurde eine Abwertung (weil die Reserven der Bank langsam zur Neige gingen) und desto größer waren die Gewinne. Wie Euro pa nach der Ausweitung der Bandbreiten auf +/ - 15 % festgestellt hat, verschwindet dieser Druck, sobald die Währungen nicht mehr effektiv verteidigt werden. Andererseits waren die Gegner des EWS -Wechselkurses, die behaupteten, schwankende Wechselkurse seie n mit dem Binnenmarkt vereinbar, historisch gesehen unaufrichtig. Diese Ansicht verkennt nicht nur, daß schwankende Kurse Ausdruck verstaatlichter Währungen sind, sondern auch, daß die Wechselkurse zwischen den europäischen Währungen bei der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Rahmen von Bretton Woods festgelegt wurden. Stabile Wechselkurse waren ein integraler Bestandteil des Binnenmarktes, als dieser konzipiert wurde.

Souveränität

Viele Europäer sind der Ansicht, dass die staatliche Souveränität du rch die weltweiten Devisen - und Geldmärkte bedroht ist. Sie argumentieren, dass es in einer interdependenten internationalen Wirtschaft nicht mehr realistisch ist, eine unabhängige Währungspolitik zu betreiben. Sie argumentieren, die Währungsunion sei notwendig, damit die Staaten gemeinsam stärker sind als einzeln und sich so besser gegen die Märkte behaupten können. An diesem Argument ist fast alles falsch. Erstens ist es falsch zu sagen, dass die Staaten keine unabhängige Geldpolitik mehr betreiben können . Es gibt viele Länder, die eine eigenständige Geldpolitik betreiben, und selbst die


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Staaten, die Festkurssystemen wie dem EWS angehören, schränken ihren Handlungsspielraum aus freien Stücken (souverän) ein. Zweitens: Die Behauptung, ein Staat sei "weniger souverän" oder "schwach", weil er sich "nicht gegen den Markt behaupten" könne, setzt voraus, dass der Markt etwas "da draußen" ist. Tatsächlich wird ein Rechtsstaat natürlich gerade dadurch definiert, inwiew eit Recht und Marktbeziehungen auf seinem Territorium vorherrschen. Erst recht ist der Einfluss der Marktkräfte, ob national oder international, auf die Politik seiner Regierung nur eine natürliche Folge des Spiels, dessen Regeln ein Rechtsstaat gehorchen sollte. Die metallische Konvertibilität sorgt dafür, dass der Staat den Rahmen für die Aufrechterhaltung der zwischen den Individuen geschlossenen freien Verträge schafft, indem er die nationale Währung in Form einer bestimmten Goldmenge gesetzlich festlegt und garantiert. Die Formulierung "Währungssouveränität" ist bedeutungslos. Souveränität ist nicht etwas, das sich auf einen bestimmten Bereich der Regierungspolitik bezieht: Sie ist das bestimmende Merkmal eines verfassungsmäßig unabhängigen Staates. Von "Souveränität" in dieser oder jener Frage zu sprechen, ist daher von vornherein falsch, denn Souveränität hat nur eine tangentiale Beziehung zur Macht. Ein Staat ist souverän, wenn er für die auf seinem Territorium erlassenen Gesetze verantwortlich ist un d nicht aufgrund seiner Verfassung verpflichtet ist, sich einer höheren Instanz zu unterwerfen. Der Grund für dieses Missverständnis liegt genau darin, dass die moderne Ausübung der Staatsgewalt im Währungsbereich mehr mit der reinen Machtausübung als mit der Wahrung des Rechts zu tun hat. In Regimen der metallischen Unveränderlichkeit übt der Staat brachiale Exekutivgewalt aus, um die Wirtschaft und damit den Wert von unabhängig geschlossenen Verträgen zu manipulieren. Dies bedeutet unter anderem, dass die Geldpolitik eines Staates die eines anderen beeinflussen kann: Die nationalen Volkswirtschaften sind einem großen Druck durch die Geldpolitik der dominierenden Regionalmacht ausgesetzt. In einem Regime der Konvertibilität - d.h. wenn die verwendeten Währu ngen Waren sind - hat die Geldpolitik der einzelnen Staaten keinen Einfluss auf die des anderen. Die Stärke und Glaubwürdigkeit einer Währung in Bezug auf Gold hat keinen Einfluss auf die Stärke oder Glaubwürdigkeit von Gold selbst. Ein Währungssystem mit metallischer Konvertibilität erhöht mit anderen Worten die praktische nationale Autonomie. Gerade weil Charles de Gaulle - der große Verfechter der nationalen Unabhängigkeit - erkannte, dass der klassische Goldstandard die unabdingbare Voraussetzung für di e nationale Souveränität war, forderte er 1965 seine Wiedereinführung.


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Es zeugt von der Heuchelei unserer Zeit, dass ein Zeitalter, das sich selbst als eines der Offenheit, der Globalisierung und des Internationalismus dars tellt, eine nationalisierte Währungspolitik beibehält, wie man sie normalerweise nur in Kriegszeiten findet. Jahrhundert, das gewöhnlich als Zeit der absoluten nationalen Autarkie verunglimpft wird, hatte in der Tat ein supranationales Währungssystem mit a llen damit verbundenen Einschränkungen der Ermessensbefugnis der Exekutive. Die Festlegung der Währung auf ein bestimmtes Goldgewicht ist ein hoheitlicher Akt, mit dem definiert wird, was die nationale Währung ist, vergleichbar mit der Verkündung eines neu en Elements des Vertragsrechts. Er ermöglicht es den Bürgern und Einwohnern eines Landes, ihre Preise in einer offiziellen Währungseinheit zu formulieren, deren Solidität die Regierung zu schützen verpflichtet ist. Nur auf dieser Grundlage kann ein solides Kreditsystem aufgebaut werden. Es ist daher unpräzise, von einem nationalen Hoheitsrecht zur Ausgabe von Geld zu sprechen. Was hier als Hoheitsrecht bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit nichts anderes als die Pflicht des Souveräns, die Solidität der im Staat zirkulierenden Währungen zu gewährleisten. Wenn auf den Münzen seit jeher die Köpfe von Königen und Kaisern zu sehen sind, so bedeutet dies nicht, dass diese das Recht haben, mit der Währung zu spielen. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass die betre ffende Münze unter ihrer Autorität ausgegeben und von ihr garantiert wird. Die Aussetzung der Konvertierbarkeit stellt daher einen Missbrauch der nationalen Souveränität dar, denn die jeweilige Regierung entbindet sich damit von der Pflicht, das Gesetz zu wahren und zu befolgen. Wenn jedoch die nationale Souveränität eines Staates usurpiert wird, wird der Usurpator nicht als legitim anerkannt. Die Regierung von Marschall Petain in Vichy wurde von De Gaulle nicht als legitim anerkannt, weil sie sich nach der Niederlage selbst an die Macht geputscht hatte und nur mit dem Einverständnis der Besatzer regierte: Da sie Befehle von den Deutschen entgegennahm, konnte sie weder als legitim noch als souverän angesehen werden. In ähnlicher Weise wurde der Bürgerkrieg in England um die Frage geführt, ob der König alle hoheitlichen Befugnisse selbst innehaben oder sie durch das Parlament ausüben sollte. Die Siege von Cromwell und insbesondere von Wilhelm von Oranien über Jakob II. begründeten die Doktrin der "Souveränität des Parlaments". Jede Macht, die nicht durch das Parlament ausgeübt wird, gilt als unrechtmäßig ausgeübt. Es ist merkwürdig, dass, obwohl die Geldpolitik in einem System der metallischen Unveränderlichkeit der Regierung massive Ermessensbefugnisse über da s gesamte Kreditsystem und die gesamte Wirtschaft gibt - eine Macht, die sie


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mit minimaler oder gar keiner Bezugnahme auf das Parlament ausübt -, dieser Punkt nicht allgemeiner verstanden wird.

Die verfassun gsrechtlichen Auswirkungen der Europäischen Währungsunion

Wir wollen die politische Einigung Europas. Wenn es keine Währungsunion gibt, kann es auch keine politische Union geben und umgekehrt". Bundeskanzler Kohl⁵⁴

Die gemeinsame Währung ist ein stark föderalistisches Element. Da haben die Gegner eines föderalen Europas recht. Ich bin der Überzeugung, dass der Euro zu einer europäischen Wirtschaftsregierung führen wird. Karel van Miert, EU-Kommissar für Wettbewer b⁵⁵

Da die Einführung von Zwangswährungen ein schwerwiegendes verfassungsrechtliches Ungleichgewicht zu Gunsten der Exekutive und zu Lasten der Legislative darstellt, liegt es auf der Hand, dass die Schaffung einer einheitlichen europäischen Währung auch sehr große verfassungsrechtliche Auswirkungen hat. Die Schaffung einer Währungsunion in Europa bedeutet die Übertragung einer sehr wichtigen Exekutivgewalt von den Nationalstaaten auf Europa. Die Übertragung wäre so groß, dass die Mitgliedstaaten Europas aufhören würden, sich selbst zu regieren. Sie hätten nicht mehr das Recht, sich selbst zu regieren, indem sie eigenständig Entscheidungen über die Wirtschaft treffen. Auch wenn eine gemeinsame Währung formal keinen neuen Staat schafft, so würde sie doch fak tisch einen solchen schaffen. Die Zentralisierung der europäischen Währungspolitik in den Händen einer unabhängigen europäischen Zentralbank, aber in Abwesenheit eines richtig konstituierten Staates, würde bedeuten, daß die Währungsmacht ohne jegliche parlamentarische Kontrolle ausgeübt wird. Es ist noch nicht einmal klar, ob diese Macht mit förmlicher Zustimmung ausgeübt wird: Schließlich ist es die erklärte Absicht von Bundeskanzler Kohl, mit der einheitlichen Währung die Europäische Union "unumkehrbar" z u machen. Dies deutet darauf hin, dass die Mitgliedstaaten ihre Zustimmung zur Währungsunion voraussichtlich nicht widerrufen können. Wie der Präsident der Bundesbank sagte: "Der Weg zur Währungsunion ist ein Weg ohne Wiederkehr " ⁵⁶. Nicht nur, dass diese Ermessensbefugnis einer nicht rechenschaftspflichtigen Institution


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übertragen wird, sie ist nicht einmal gesetzlich begrenzt. Die vorrangige Verpflichtung der Zentralbank wird die "Preisstabilität" sein, aber die Bedeutung dieses Begriffs ist im Vertrag nirgends definiert. Das Bundesbankgesetz verpflichtet die Bundesbank ebenfalls, dieses Ziel zu verfolgen, aber da es ebenfalls nicht definiert ist, lag die deutsche Inflation sehr oft über 5 Prozent und nie bei 0 Prozent. Mi t anderen Worten: Das (deutsche) Modell, auf dem die Europäische Zentralbank basiert, unterscheidet sich entscheidend von dem der Bank of New Zealand, wo die Zentralbank wie ein Auftragnehmer der Regierung agiert und sich verpflichtet, die Inflation innerh alb eines bestimmten Ziels zu halten. Gelingt dies nicht, muss der Gouverneur der Bank Gehaltskürzungen hinnehmen und kann seinen Posten verlieren. Die europäischen Zentralbanker hingegen werden mit hohen Gehältern und garantierten Pensionen ausgestattet u nd können nicht entlassen werden. Manchmal sind die politischen Entscheidungen, die von unabhängigen Zentralbankern getroffen werden, legitim. So ist es beispielsweise legitim, wenn ein mit der Wahrung der Preisstabilität betrauter Zentralbanker beschließt, eine strenge Geldpolitik zu verfolgen und nicht auf kurzfristiges Wachstum zu setzen. Aber manchmal wird die Macht der Zentralbanker nicht rechtmäßig ausgeübt, wie es bei der Ausübung von Ermessensspielräumen üblich ist. So hat die Bundesbank bei mehrere n Gelegenheiten ihre Muskeln spielen lassen, um sicherzustellen, dass ihre eigene Macht weder von der Bonner Regierung noch von ausländischen Regierungen beeinträchtigt wird. Sie hat auch in Zusammenarbeit mit der Bonner Regierung gehandelt, insbesondere b ei der Verfolgung der außenpolitischen Ziele von Bundeskanzler Kohl zur Schaffung einer politischen Union zwischen Deutschland, Frankreich und den Benelux -Ländern. Aus diesem Grund hat der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt behauptet, dass die Bundesbank einen größeren Einfluss auf die Weltpolitik ausübt als der deutsche Außenminister. All dies sollte unterstreichen, dass die Existenz einer Zentralbank, unabhängig von ihrem Statut, ein Beweis für die staatliche Kontrolle über das Finanzsystem i st. Wie die Bundesbank selbst immer wieder betont, kann die Währungsstabilität in einer Währungsunion ohne einen kohärenten finanzpolitischen Rahmen nicht gewährleistet werden. Mit anderen Worten, die politische Union ist notwendig, damit die Währungsunion funktioniert: Geldpolitik kann nicht in vacuo betrieben werden. Es wurde überzeugend dargelegt, dass Währungsunionen im 19. Jahrhundert häufig an den instabilen Finanzen der teilnehmenden Staaten scheiterten. ⁵⁷ Was damals galt, gilt heute noch mehr, denn die diskretionäre Geldpolitik spielt eine noch größere Rolle in der gesamtwirtschaftlichen Steuerung als damals unter dem Goldstandard.


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Folglich würden alle institutionellen Regelungen - wie der 1995 vom deutsc hen Finanzminister Theo Waigel vorgeschlagene "Stabilitätsrat" oder auch der Vertrag von Maastricht selbst -, die es dem Europäischen Rat ermöglichen würden, einem Staat vorzuschreiben, sein Defizit zu senken, eine enorme Übertragung politischer Macht an d ie zentralen Organe Europas bedeuten. Es geht nicht darum, die unpersönlichen Regeln der guten Haushaltsführung zu befolgen, wie sie von den Marktkräften des Goldstandards aufrechterhalten werden, sondern vielmehr darum, den europäischen Institutionen zu e rlauben, die europäischen Mitgliedstaaten zu regieren. Als der deutsche Finanzminister im September 1995 meinte, Belgien müsse schneller privatisieren, um sich für die WWU zu qualifizieren, war dies ein klares Beispiel für den Grad der gegenseitigen Einmis chung, den die Wirtschafts - und Währungsunion mit sich bringen wird. Die Übertragung des Großteils der wirtschaftlichen Entscheidungen auf Europa auf dieser Grundlage ist gefährlich für die Demokratie. Die Macht wird zwischen drei verfassungsmäßig nicht re chenschaftspflichtigen Institutionen aufgeteilt: der Zentralbank, dem Ministerrat und der Kommission. Stattdessen sollte die Herausforderung für Europa darin bestehen, seine Regierungen zu zwingen, nur das auszugeben, was sie durch ordnungsgemäß erlassene Gesetze an Steuern eingenommen haben.

Ein bescheidener Vorschlag

Dieser Band sammelt und wiederholt alle explodierten Irrtümer zum Thema Wertmaßstab und Währung. Seine Autoren beklagen die Dunkelheit des Zeitalters, das an einem Standard festhält, der in der Regierungszeit von Königin Elisabeth eingeführt wurde und den sie als Wertmaßstab in der heutigen Zeit für völlig ungeeignet halten, wenn man die Ausdehnung unseres Handels und die Zunahme der Zahl und des Umfangs der Geldtransaktione n bedenkt. Sie könnten sich mit gleichem Recht darüber beschweren, dass, seit die Reisetätigkeit durch die Fertigstellung der Eisenbahnen zugenommen hat, das Fußmaß beibehalten wird". Sir Robert Peel, Rede vor dem Unterhaus, 6. Mai 1844, in der er einen Bericht der Gegner der seiner Bank Charter Acts ⁵⁸


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Die verdorbene Quelle

Es ist typisch für die europäische Ideologie, gute Argumente aufzugreifen und sie für schlechte Zwecke umzuleiten. Es ist zum Beispiel gut, die Geldverwaltung entpolitisieren zu wollen; aber eine Zentralbank und eine gemeinsame Währung, die die Brechstange sein sollen, um die politische Integration Europas zu erzwingen, werden sie nur bis zum äußersten Grad politisieren. Es ist gut, Preisstabilität zu haben, aber die D -Mark hatte sie nicht und der Euro wird sie auch nic ht haben. Es ist gut, einen gemeinsamen Bezugspunkt für den Handel zu haben, aber die europäische Einheitswährung wird nicht nur den Binnenmarkt zwischen den Ländern, die der Währungsunion angehören, und denen, die ihr nicht angehören, spalten, sondern sie wird auch dazu führen, dass Europa vom Rest der Welt getrennt wird. Alle Argumente, die die Notwendigkeit des Handels mit der Notwendigkeit einer einheitlichen Währung verknüpfen, sind daher seltsam widersprüchlich: ihre logische Schlussfolgerung ist eine Weltwährung, nicht eine europäische Währung. Anstatt die Verschlechterung des Weltwährungssystems zu beseitigen, wird die Europäische Währungsunion nur den Status quo der willkürlichen Fiat Währungen festigen. Sie wird weder das europäische Währungssystem verbessern noch auf die zerstörerischen finanziellen und wirtschaftlichen Folgen des internationalen Währungsverfalls reagieren. Sie wird weder dem Privileg des Dollars ein Ende setzen, noch wird sie die emittierenden Banken unter das normale Vertragsrech t zurückbringen, indem sie ihr Privileg aufhebt, von der Zahlung ihrer Schulden befreit zu sein und treuhänderisch Ge ld aus dem Nichts zu schaffen. ⁵⁹ Es gibt zwei Lösungen, mit denen eine liberale internationale Währungsordnung wiederhergestellt werden könnte. Die erste wäre die Schaffung einer europäischen Währung, parallel zu den nationalen europäischen Währungen, die durch ein Goldgewicht definier t ist. Eine solche Währung wäre im Gegensatz zur vorgeschlagenen europäischen Einheitswährung nicht nur objektiv und politisch neutral, sondern auch stärker als die D-Mark. Eine solche Parallelwährung würde schrittweise eingeführt werden, je nach den Wünsc hen der Menschen und den Bedürfnissen des Marktes. Banknoten und Einlagen könnten von der Europäischen Zentralbank, den nationalen Zentralbanken und den Geschäftsbanken in konvertierbaren Gold-Ecus ausgegeben werden. Es ist zu hoffen, dass das Aufkommen ei ner Goldwährung in Europa die Vereinigten Staaten dazu ermutigen wird, die Goldkonvertibilität des Dollars wieder einzuführen, was der republikanische Kandidat Steve Forbes ohnehin versprochen hatte. Auch der Kandidat von Bob Dole, Jack Kemp, unterstützt d en Goldstandard. Alternativ dazu könnte der Fiat -Status aller nationalen europäischen Währungen einfach abgeschafft werden. Damit würden die nationalen


Geldangelegenheiten

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Währungssysteme automatisch wieder den Gesetzen des Markt es und dem Vertragsrecht unterstellt. Diese Lösung würde im Gegensatz zur vorherigen nicht zu einer sichtbaren einheitlichen europäischen Währung führen. Sie hätte daher den Vorteil, dass die Überwachung der Währungsordnung dem Parlament unterstellt würde, anstatt die diskretionäre Ausübung der Währungspolitik an die Regierung oder die Zentralbank zu delegieren. . Eine solche Lösung wäre auch mit dem erklärten Ziel Europas, einen einheitlichen Markt zu schaffen, vereinbar. Ein freier Markt wird durch den Wettbewerb zwischen den Produzenten und die freie Wahl der Verbraucher definiert. Die Ersetzung der verschiedenen nationalen Währungen innerhalb des Binnenmarktes durch eine neue gemeinsame Währung kann nicht als wettbewerbsfördernd angesehen werden, sondern im Gegenteil als wettbewerbsmindernd. Eine Währungsintegration, die dem Geist des Binnenmarktes entspricht, hätte den europäischen Bürgern eine größere und nicht eine kleinere Auswahl an Währungen ermöglicht. Das gesetzliche Zahlungsmittel hätte auf alle europäischen Währungen ausgedehnt werden können, und die Verbraucher hätten so die Wahl gehabt, welche Währungen sie verwenden wollen. Diese zweite Lösung ließe sich in Großbritannien dadurch erreichen, dass die Königliche Münzanstalt einen Gold -Sovereign herstellt und Banknoten in Pfund ausgibt, die in diese Münzen umgetauscht werden können. Die Bank of England könnte privatisiert, auf ihre reine Aufsichtsfunktion als Wächterin der Londoner City reduziert oder durch einen eigens zu diesem Zweck geschaffenen Ausschuss einer echten parlamentarischen Kontrolle unterstellt werden. Erst dann würden marktwirtschaftliche Prinzipien - d.h. die Rechtsstaatlichkeit - in den letzten Bereich eingeführt, der für sie unzugänglich bleibt. Auf diese Weise könnten die Ziele von Richard Cobden, dem radikalen Freihändler des 19. Jahrhunderts, verwirklicht werden:

Ich halte die Idee, die Währung zu regulieren, für eine Absurdität. Schon die Begriffe der Regulierung der Währung und der Verwaltung der Währung betrachte ich als A bsurdität; die Währung sollte sich selbst regulieren; sie muss durch den Handel und den Handel der Welt reguliert werden; ich würde weder der Bank von England noch irgendwelchen privaten Banken erlauben, das zu haben, was man die Verwaltung der Währung nen nt ... Ich würde niemals eine Abhilfemaßnahme in Betracht ziehen, die es dem Ermessen Einzelner überlässt, die Höhe der Währung durch irgendein Prinzip oder einen Standard zu regulieren. ⁶⁰


Bild

Wer fällt wem in den Schoß? Jewgeni Primakow und Javier Solana geben sich auf dem NATO-Gipfel in Berlin im Juni 1996 die Hand.


VI Das dritte Rom "Wir haben den Kalten Krieg gemeinsam gewonnen" Jewgeni Primakow¹

Es wird selten erkannt, dass der Plan, die Staaten Westeuropas um eine gemeinsame Währung herum zu integrieren, so grandios er auch ist, nur Teil eines noch größeren Plans ist. Die "europäische Integration" ist keine ausschließlich westeuropäische Angelegenheit. Der eigentliche Zweck des Vorschlags einer institutionellen Umstrukturierung Westeuropas um einen harten Kern herum besteht nach Ansicht der deutschen Autoren des Plans darin, die Schaffung einer gemeinsamen (west -)europäischen Außen - und Sicherheitspolit ik zu ermöglichen, die wiederum auf einer "dauerhaften Partnerschaft mit Russland" beruhen soll. ² Die deutsche Regierung hat wiederholt betont, dass sie "der Verfechter eines gesamteuropäischen, nicht nur westeuropäischen Denkens" ist. ³ Wenn die Befürworte r der paneuropäischen Integration argumentieren, dass die Notwendigkeit einer solchen Integration nach dem Ende des Kalten Krieges "wichtiger denn je " ⁴ sei, dann meinen sie damit, dass das internationale System instabiler geworden ist, weil die Welt nicht mehr in zwei Blöcke geteilt ist. Diese Ansicht ist weit verbreitet und wird durch die gefährliche Fiktion genährt, dass Nationalismus und "alter Hass" (wie in Jugoslawien) nach dem Ende der "Disziplin" des Kommunismus ausgebrochen sind. Wie bei der fehlerhaften Diagnose des "neunzehnten Jahrhunderts" liegt auch hier die Annahme zugrunde, dass sich die Menschen gegenseitig umbringen werden, wenn sie frei sind. Zur Schaffung dieser gesamteuropäischen Struktur wird vor allem vorgeschlagen, die Bestimmungen über Mehrheitsentscheidungen in der Außenpolitik innerhalb der EU zu stärken und eine "europäische Verteidigungsidentität" innerhalb der NATO zu schaffen . Dies bedeutet, dass die bisher im Sterben liegende Westeuropäische Union (WEU) zum Verteidigungszweig der Europäischen Union wird. Die Idee ist dann, eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur mit Russland zu schaffen. Mit anderen Worten: Die institut ionellen Reformen, die in Westeuropa


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Die verdorbene Quelle

durchgeführt werden, insbesondere die Institutionalisierung des harten Kerns durch die Währungsunion, sind die notwendige Voraussetzung für die größere Vision eines einzigen politisch -militärischen Systems für den gesamten europäischen Kontinent. Wie der ehemalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsacker sagte: "Eine gemeinsame Außenpolitik kann nur über die gemeinsame Währung geschaffen werden. Die Gewöhnung an eine gemeinsame Währung ist die einzige Möglichkeit, eine gemeinsame Außenpolitik zu erreichen. Der harte Kern im Westen soll die westliche "Säule" einer gesamteuropäischen Sicherheitsstruktur sein, deren östliche "Säule" vermutlich Russland und seine assoziierten Staaten s ein werden. Es ist kein Zufall, dass dieses größere Ziel mit der gleichen Sprache der europäischen Integration propagiert wird wie das kleinere, westeuropäische. Auch die Ansicht, dass der gesamte eurasische Kontinent von einer einzigen politisch-militärischen Struktur regiert werden kann, ist von der gleichen unitarischen und administrativen Vision inspiriert, die wir anderswo kennen. Dahinter steht eine tiefe Abneigung gegen das Ziehen von Linien im Sand oder gegen sinnvolle Grenzen jeglicher Art. Sie ist vor allem von dem utopischen Wunsch beseelt, dass der Politik die Entscheidung zwischen Freund und Feind erspart bleiben möge.

Große Ideen auf der Hotline Moskau -Bonn

Wenn der Russe und der Deutsche sich zusammentun, sind sie unbesiegbar. Deutsches Sprichwort⁵

Deutschland, das sich in den Mittelpunkt des westeuropäischen Integrationsprozesses gestellt hat (vor allem durch seine führende Position im Prozess der Währungsunion), wird sich nun auch in den Mittelpunkt des gesamteuropäischen Integrationsprozesses s tellen. Sie hat sich stets ihrer gesamteuropäischen Agenda gerühmt: Sie ist die Hauptbefürworterin der Osterweiterung der Europäischen Union und der NATO, und sie ist auch die Hauptbefürworterin der dauerhaften Partnerschaft mit Russland. Das französische Festhalten an der Idee einer "europäischen" Verteidigungsidentität (im Gegensatz zu einer atlantischen) hat indes eine sehr lange Tradition. Auch in Deutschland ist das Denken in europäischen Fragen - sei es währungspolitisch oder geopolitisch - am kohärentesten und daher am


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stärksten ausgeprägt. Dies erklärt, warum sich die deutsche Politik in der Regel gegen die der intellektuell verwirrteren Nachbarn durchsetzt. Wie in Kapitel III gezeigt wurde, waren die geopolitischen Argumente des ursprünglichen CDU-Dokuments, das den "harten Kern" vorschlug, "Überlegungen zur Europapolitik", sehr klar. In dem Papier wurde argumentiert, dass Deutschland mit dem Ende des Kalten Krieges einer potenziellen Instabilität an seiner Ostflanke ausgesetzt war: Sie schlug vor, dieser Bedrohung zu begegnen, indem sie die osteuropäischen Staaten in die deutsch-französische Umlaufbahn einbezog und gleichzeitig eine dauerhafte Partnerschaft mit Russland aufbaute, um die östliche Su permacht nicht zu verärgern. Schon vor der Veröffentlichung dieses Dokuments und sicherlich auch danach haben sowohl deutsche als auch französische Politiker immer wieder die Notwendigkeit betont, die europäische Sicherheit auf der Grundlage eines Bündnisses mit Russland aufzubauen. Bundeskanzler Kohl hat bei vielen Gelegenheiten erklärt, er wolle ein "gesamteuropäisches Sicherheitssystem" entwickeln, indem er die NATO nach Osten erweitert und eine privilegierte Partnerschaft mit Russland aufbaut. ⁶ Der deutsche Außenminister Klaus Kinkel hat dies bei vielen Gelegenheiten bestätigt. Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karl Lamers, erklärte im März 1996, er könne keine Umstände erkennen, unter denen sich diese Politik ändern würde, und sehe auch im Tschetschenien -Krieg keinen Grund, sie zu ändern. Sein Argument war, dass Russland ein europäisches Land ist und daher Teil einer integrierten europäischen Sicherheitsstruktur sein sollte. Er machte deutlich, dass der eigentliche Zweck der Sc haffung eines europäischen Verteidigungssystems darin bestehe, die amerikanische Komponente in der NATO zu reduzieren. Russland habe keine Angst vor der NATO als solcher, sondern vor Amerika, und eine europäische Verteidigung sei daher eine Möglichkeit, die amerikanische Komponente zu schwächen und damit die Russen zu beruhigen.⁷ Diese Ideen haben sich seither unter den europäischen Föderalisten durchgesetzt, und sie sind die offizielle Politik vieler europäischer Staaten und Institutionen. So erklärte beispielsweise der belgische Premierminister Jean Luc Dehaene in seiner Eigens chaft als Vorsitzender der WEU im Juni 1996: "Russland muss seinen Platz in der europäischen Sicherheitsstruktur haben. Es darf keine isolierte und frustrierte Nation sein, sondern muß ein Partner in einem demokratischen Europa sein. " ⁸ Es ist auch die off izielle europäische Politik, die WEU in die EU zu integrieren. ⁹ In ähnlicher Weise erklärte Präsident Chirac im Oktober 1995, daß er entschlossen sei, französisches Verständnis für den russischen Widerstand gegen die NATO -Erweiterung aufzubringen.¹⁰ Sein Premierminister Alain Juppe schlug eine "umfassende


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Die verdorbene Quelle

Partnerschaft" mit Rußland vor, die bei einem Besuch von Präsident Jelzin am 20. Oktober 1995 in Paris näher erläutert wurde. Juppe deutete an, dass eine solche Partnersch aft eine Charta oder einen Vertrag zwischen dem Atlantischen Bündnis und Russland beinhalten könnte. ¹¹ Paneuropäische kollektive Sicherheit ist in der Tat ein alter französischer Traum, ebenso wie ein deutscher. Sie verstehen die anti -amerikanischen Implikationen gut genug: Seit De Gaulle war Frankreich immer bereit, sich mit den Russen anzufreunden, wenn es dadurch dem amerikanischen Joch entkommen kann. Fra ncois Mitterrand forderte bekanntlich "eine dauerhafte Struktur für ganz Europa". ¹² Edouard Bahadur setzte eine ähnliche Version der gleichen Idee mit seinem Europäischen Stabilitätspakt fort, den er im Mai 1994 in Paris ins Leben rief und der ein Jahr später unterzeichnet wurde. ¹³ Schließlich fühlten sich die Franzosen in der Lage, sich wieder vollständ ig in das militärische Kommando der NATO zu integrieren, als die NATO im Juni 1996 zustimmte, innerhalb ihrer Strukturen eine europäische Verteidigungsidentität "unter der politischen und strategischen Leitung der WEU "¹⁴ zuzulassen, und zwar mit der Absic ht, auf diese Weise - in den Worten von Jacques Chirac - "eine europäische Sicherheitsorganisation zu schaffen, in der Russland seinen vollen Platz hat". ¹⁵ Der Glaube von Bundeskanzler Kohl an die Möglichkeit einer "dauerhaften Beziehung zu Russland" geht zweifellos auf das Jahr 1989 zurück, als der damalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow beschloss, die deutsche Wiedervereinigung zuzulassen. Seitdem haben Kohls politische Freunde häufig die berauschenden Tage der Unterzeichnung des Einigungsvertr ags im Jahr 1990 heraufbeschworen, und das Bild von Genscher, Kohl, Gorbatschow und Schewardnadse, die während einer Verhandlungspause informell an einem Holztisch im Kaukasus sitzen, ist heute ein Symbol für die russisch -deutsche Freundschaft in jenen bed eutsamen Tagen. Der Glaube der Deutschen an die Möglichkeit, nach der formellen Auflösung der Sowjetunion und nach dem Sturz von Michail Gorbatschow eine Achse mit Moskau zu bilden, spiegelt jedoch auch eine tiefe Übereinstimmung der geopolitischen Erforde rnisse sowie der gemeinsamen Ansichten über die politische Philosophie und die Rolle des Staates wider. Dies wurde im Mai 1994 bestätigt, als Boris Jelzin Bonn besuchte, eine Gelegenheit, bei der die Harmonie zwischen der russischen und der deutschen Sicht auf Europa kaum größer hätte sein können. Jelzin betonte nachdrücklich, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland (den beiden größten Ländern Europas, wie er betonte) für den künftigen politischen Aufbau Europas von entscheidender Bedeutung seien. Vergessen Sie nie, dass wir ein europäisches Land sind", erklärte er. Erfreut entgegnete Bundeskanzler Kohl seinem russischen


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Gesprächspartner, dass "dauerhafte Sicherheit nur erreicht werden kann, wenn einzelne Länder nicht ausgeschlossen werden: Die Sicherheit Europas kann nicht ohne, sondern nur in enger Zusammenarbeit mit Russland gewährleistet werden". ¹⁶ Boris Jelzin und Helmut Kohl vereinbarten die Einrichtung einer Telefon -Hotline, die ihre b eiden Büros miteinander verbindet. Doch gerade in der gemeinsamen Vision eines politisch geeinten europäischen Kontinents stimmten die russische und die deutsche Sichtweise bei Jelzins Besuch 1994 am meisten überein. Wie in Kapitel III dargelegt, ist die d eutsche politische Kultur zutiefst von dem Wunsch nach und dem Glauben an eine allgemeine Harmonie durchdrungen. Die gesamte Ostpolitik basierte in der Tat auf dem genscheritischen Argument, dass die Wiedervereinigung Deutschlands nur durch Entspannung und die "Überwindung der Teilung Europas" durch Annäherung an die Sowjets und die Osteuropäer erreicht werden könne. Vieles davon führte zu einfacher Beschwichtigung und sogar zu offener Unterstützung der kommunistischen Diktaturen: Die Gelder, die im Namen d er Annäherung von der Bundesrepublik Deutschland an die Deutsche Demokratische Republik gezahlt wurden, stellten beispielsweise eine bedeutende finanzielle Stütze für das ansonsten marode und mörderische ostdeutsche Regime dar. ¹⁷ Die Entspannungspolitik war in der Tat in diplomatischer und finanzieller Hinsicht so großzügig, dass der altgediente sowjetische Dissident Wladimir Bukowski zugab, geglaubt zu haben, sie sei auf Initiative des Kremls inszeniert worden. Er schreibt von seiner Überraschung, als er erfuhr, dass diese Politik, auch wenn Russland sie nach Kräften ausgenutzt und wahrscheinlich einige ihrer führenden Köpfe manipuliert hatte, in Wirklichkeit von den deutschen Sozialdemokraten erfunden worden war.¹⁸ Doch dieses deutsche Harmonisierungsbedürfnis wurde so stark, dass ein deutscher Kommentator das Kennzeichen westdeutscher Außenpolitik als "unstillbares Streben nach internationaler Harmonie auf allen Seiten" bezeichnete.¹⁹ Boris Jelzin sprach also genau die Sprache, die seine Gastgeber hören wollten - und die beide Seiten ohnehin seit Jahrzehnten ausgetauscht hatten -, als er seinen deutschen Gastgebern erklärte,

Ein neues, vereintes Europa kann kein exklusiver Club der Auserwählten sein. Genauso wenig wie Sicherhei tsfragen das Privileg der Auserwählten sein können. Eine einheitliche politische, wirtschaftliche und geistige Architektur für unseren Kontinent darf Länder oder Ländergruppen nicht isolieren oder nach dem Kriterium von Freund oder Feind trennen, sondern m uss sie in einen


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- einheitlichen Organismus integrieren. Es ist unwürdig, Europa in Zonen größerer und geringerer Sicherheit aufzuteilen. Die politisch -militärischen Institutionen unseres Kontinents, die unter den Bedingun gen der Konfrontation und des Kalten Krieges entstanden sind, müssen überwunden werden ... Der Weg dorthin führt unseres Erachtens über die Entwicklung der KSZE zu einer wirksamen regionalen Organisation. Unter ihrem Dach können die koordinierten Bemühunge n des NATO-Kooperationsrates, der Westeuropäischen Union und der Gemeinschaft Unabhängig er Staaten neuen Inhalt finden.²⁰

Die Rede hätte von Hans -Dietrich Genscher verfasst sein können, aber mit diesem seligen Bild eines vereinten Europas hat Jelzin nicht s Neues gesagt. Moskau hatte lange von dem Tag geträumt, an dem die NATO verschwinden oder durch ein gesamteuropäisches kollektives Sicherheitssystem neutralisiert werden würde, in dem Russland eine wichtige Rolle spielen würde. Der erste russische Vorschl ag für eine europäische Sicherheitskonferenz oder einen europäischen Sicherheitsvertrag wurde vom sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow, der unter Stalin gedient hatte, 1954 in Berlin unterbreitet. Gleichzeitig schlug Stalins potenzieller Nachfol ger Lawrentij Beria, der den Kampf um die Übernahme der Kommunistischen Partei gegen Nikita Chruschtschow verlor, vor, sich mit dem Westen über die Wiedervereinigung Deutschlands zu verständigen, wofür er 10 Milliarden Dollar verlangte.²¹ 1966 forderte die Bukarester Erklärung des Warschauer Paktes die Auflösung der beiden Blöcke und ihre Ersetzung durch ein System kollektiver Sicherheit. Im Mai 1968, als General de Gaulle zu einem Staatsbesuch in Rumänien weilte, nutzte der Diktator Nicolae Ceau cescu seinen unverdienten Ruf im Westen als Dissident im sowjetischen Lager unverdient, weil Breschnew ihn dazu angestiftet hatte - um dem französischen Präsidenten eine gesamteuropäische Verteidigungsstruktur vorzuschlagen. Als Präsident Nixon 1969 nach Rumänien r eiste, wurde die gleiche Idee erneut ins Spiel gebracht. Obwohl die Schaffung einer solchen Sicherheitsstruktur 1969 nicht zustande kam, trugen diese Initiativen doch einige Früchte, denn sie führten im August 1975 zur ersten Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die in Helsinki stattfand. Dies war ein Triumph für die sowjetische Diplomatie: Mit der Unterzeichnung der Helsinki -Vereinbarungen wollte Moskau erreichen, dass der Westen die sowjetische Hegemonie in Osteuropa anerkennt. Der Westen stimmte dem unter der Bedingung zu, dass die Sowjetunion die Menschenrechte anerkennt. Auf diese Weise sollte die Entspannung zwischen Ost und West gefördert werden. In Wirklichkeit


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ignorierten die westlichen Regierungen natürlich die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen durch die Sowjetunion und verfolgten die Entspannungspolitik mit dem Argument, dass es dazu keine Alternative gebe. Diese Politik nahm den internationalen Druck von der Sowjet union, ermöglichte es ihr, wieder aufzurüsten und bis Ende der 1970er Jahre die militärische Vorherrschaft über den Westen zu erlangen, und gipfelte in der sowjetischen Invasion in Afghanistan im Jahr 1979. Die Sowjetunion schätzte am Helsinki -Prozess, dass er ihr ein institutionalisiertes Mitspracherecht in europäischen Angelegenheiten verschaffte, und zwar innerhalb einer Struktur, in der die Rolle der USA abgeschwächt wurde. Die sowjetische Feindseligkeit gegenüber der NATO war in der Tat vor allem eine Feindseligkeit gegenüber der dominierenden amerikanischen Rolle in Westeuropa. Die bloße Existenz der NATO stellte eine Herausforderung für Russlands Anspruch dar, die rechtmäßige europäische Supermacht zu sein. Auch in Bezug auf andere europäische Institu tionen erkannten die Sowjets schnell, dass das, was "europäisch" war, per Definition nicht amerikanisch war. Als die EWG 1957 gegründet wurde, griffen die Sowjets sie als eine Konsolidierung des westlichen Blocks an, den sie so sehr ablehnten. Aber sie stellten dieses "falsche Europa" einem "echten" gesamteuropäischen Zusammenschluss entgegen und beschworen die Möglichkeit einer gesamteuropäischen Integration als Ideal. Insgeheim diskutierten sie darüber, ob sich die EWG eines Tages zu einem anti -amerikanischen Block entwickeln könnte und als solcher in ihrem Interesse läge. Bis 1962 hatte sich dieser Gedanke entwickelt, zumal die gaullistische Ablehnung der britischen Mitgliedschaft die Überzeugung förderte, dass die EWG unabhängig von den USA sein würde. Seitdem haben die Sowjets immer wieder erklärt, dass die gesamteuropäische Integration die richtige Antwort sei und dass eine partielle Integration im Stil der EWG ein Fehler sei. ²² In diesem Sinne erklärte Leonid Breschnew 1981 bei einem Besuch in Bonn: "W as auch immer uns trennen mag, wir bewohnen immer noch ein gemeinsames europäisches Haus. " ²³ Wie ein russischer pro-europäischer Kommentator schrieb, "zeigte die UdSSR sogar in der Breschnew-Ära des "sanften Totalitarismus" Interesse an der Schaffung eines gesamteuropäischen Systems der Sicherheit und Zusammenarbeit. " ²⁴ Nur drei Jahre später sollte der künftige Generalsekretär Michail! Gorbatschow, den Slogan von Breschnew mit weitaus größerem Erfolg nutzen. In einer Rede vor dem Unterhaus im Jahr 1984 bezog er sich auf das "Gemeinsame Europäische Haus", ²⁵ und machte es später zu seinem Markenzeichen. Soweit der Slogan überhaupt etwas bedeutete, deutete er auf ein Europa hin, das nicht mehr zwischen zwei Machtblöcken geteilt war, was


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wiederum die Wiedervereinigung Deutschlands und die Um strukturierung der Welt weg von ihrer bipolaren Aufteilung bedeutete. Es bedeutete vor allem, dass die europäischen Länder - also Russland und nicht Amerika - die Sicherheit und Politik des Kontinents bestimmen sollten. Im Einklang mit diesem Ziel erklärte die Sowjetunion 1987 zum "Jahr Europas" und verlieh dem alten Thema der Notwendigkeit einer weitreichenden europäischen Zusammenarbeit neuen Nachdruck. ²⁶ Gorbatschows viel verkauftes, aber selten gelesenes persönliches Manifest, Perestroika: Neues Denken für unser Land und für die Welt" widmete ein ganzes Kapitel den Angriffen auf die NATO und dem sowjetischen Wunsch, sie durch eine gesamteuropäische Zusammenarbeit zu ersetzen. Im Rahmen seines Gesamtangriffs auf die amerikanische Verteidigungspolitik vers uchte Gorbatschow, die amerikanische Kultur als fremd und gefährlich für Europa darzustellen: "Auch über der europäischen Kultur schwebt eine ernste Bedrohung. Die Bedrohung geht von einem Ansturm der "Massenkultur" von jenseits des Atlantiks aus ... In de r Tat kann man sich nur wundern, dass eine tiefe, zutiefst intelligente und von Natur aus humane europäische Kultur vor dem primitiven Treiben von Gewalt und Pornographie und der Flut von billigen Gefühlen und niederen Gedanken in den Hintergrund tritt. " ²⁷ Wie Gorbatschow noch 1995 erläuterte, stand sein Konzept des gemeinsamen europäischen Hauses keineswegs im Widerspruch zu den bereits bestehenden europäischen Institutionen. Im Gegenteil, er erwartete, dass sie sich wie Teile einer russischen Puppe in se ine gesamteuropäische Struktur einfügen würden.²⁸ Auf diese Weise würde sich Russland "vollständig" in den Kontinent integrieren. Wie frühere sowjetische Führer richtete daher auch Gorbatschow sein Augenmerk auf die KSZE als Rahmen für den Aufbau einer gesamteuropäischen Struktur. Bei einem Besuch in Paris im Jahr 1989 sprach er sich für ein "Europa vom Atlantik bis zum Ural" aus - die alte Phrase, die de Gaulle berühmt gemacht hatte und die geopolitischer Unsinn ist, denn das Uralgebirge teilt Russland in zwei Hälften und stellt keinerlei politische Grenze dar. Er ist vielmehr die Gebirgskette, die Europa und Asien innerhalb eines einzigen Landes, nämlich Russlands, verbindet. Gorbatschows vage, aber überzeugende Rhetorik über ein geeintes Europa und der Wind des Wandels, der 1989 über den Ostblock fegte, führten jedoch dazu, dass die KSZE 1990 plötzlich wieder aktiviert wurde. Das Treffen der Staatschefs im November 1990 in Paris endete mit der Unterzeichnung einer "Charta für ein neues Europa", in der die Unterzeichner ihren festen Willen bekundeten, ein Europa "von Vancouver bis Wladiwostock" zu schaffen. Wie von Gorbatschow vorgeschlagen, erhielt die KSZE auch Institutionen und wurde 1994 auf Vorschlag Deutschlands und der EU zur OSZE (Organisation für


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Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). Dies spiegelte "die Absicht Russlands wider, die OSZE als regionale Organisation hervorzuheben". ²⁹ Darüber hinaus gelang es Russland, in das Kommuniqué des Budapes ter Gipfels die Verpflichtung aufzunehmen, "in der KSZE eine breit angelegte und umfassende Diskussion über alle Aspekte einzuleiten, die gegebenenfalls auf die Ausarbeitung eines Sicherheitskonzepts für das einundzwanzigste Jahrhundert abzielen". ³⁰ Mit anderen Worten: Die Mitgliedstaaten sind entschlossen, Möglichkeiten zu prüfen, die NATO der OSZE unterzuordnen. Russland war kurz davor, seine alten Ziele zu verwirklichen: Wie Eduard Schewardnadse 1992 schrieb, "hat die Perestroika die Bewegung hin zu eine m neuen vereinten Europa wesentlich bestimmt".³ ¹ Ein wichtiger Schritt in Richtung der gemeinsamen europäischen Sicherheitsstruktur, von der Russland so lange geträumt hatte, wurde getan, als die NATO und Russland am 27. Mai 1997 eine "Grundakte über gegen seitige Beziehungen, Zusammenarbeit und Sicherheit" unterzeichneten. Mit diesem Dokument, das russische "friedenserhaltende" Missionen in der ganzen Welt legitimierte, wurde ein "Gemeinsamer Rat" für die Politikgestaltung zwischen der NATO und Russland ges chaffen. Obwohl ein Vorbehalt eingefügt wurde, wonach der Gemeinsame Rat nicht die Souveränität der NATO, Russlands oder eines der NATO-Mitgliedstaaten verletzen oder die Politikgestaltung beeinflussen durfte, spiegelte der Rest des Abkommens den Wunsch na ch einer sehr weitreichenden Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen zwischen Ost und West wider. Die Politikbereiche, die für eine mögliche Zusammenarbeit unter der Ägide des Gemeinsamen Rates aufgelistet werden, nehmen eine ganze Seite ein: Es ist klar, dass sie das gesamte Spektrum der sicherheitspolitischen Fragen abdecken sollen. Zu den aufgelisteten Elementen gehören so allgemeine Begriffe wie "Fragen von gemeinsamem Interesse im Zusammenhang mit der Sicherheit und Stabilität im euro atlantischen Raum", " Konfliktverhütung", "friedenserhaltende Maßnahmen", "regionale Luftverkehrssicherheit", "Austausch über Kernwaffenfragen", "Kooperationsprojekte in verteidigungsrelevanten Wirtschafts -, Umwelt- und Wissenschaftsbereichen" und "Bekämpfung von Terrorismus un d Drogenhandel".

Der Tschetschenienkrieg: Wie der Westen gewonnen wurde

In der Zeit, in der Michail Gorbatschow sowjetischer Präsident war, und insbesondere nach dem Fall der Berliner Mauer, war die Reaktion des Westens auf die sowjetischen Vorschläge zu r Schaffung eines gemeinsamen


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europäischen Hauses äußerst positiv. Die NATO schloss 1990 Frieden mit dem Warschauer Pakt, und die Ost -West-Beziehungen beruhen seitdem auf der Annahme, dass Russland liberaler und demokratis cher wird. Diese Politik bleibt, wie vieles in der modernen bürokratischen Politik, auf demselben Weg, auch wenn die Annahmen, von denen sie ursprünglich ausging, offensichtlich nicht mehr gültig sind. Dies gilt für zwei zentrale Politikbereiche: die zuneh mend autoritäre Herrschaft von Präsident Jelzin und die Haltung Russlands gegenüber den ehemaligen Sowjetrepubliken und den ehemaligen Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes. Wie der Tschetschenien -Krieg gezeigt hat, ist es schwierig, Russland als liberalen, demokratischen Staat zu bezeichnen. Die anfängliche Bombardierung der tschetschenischen Hauptstadt Grosny im Dezember und Januar 1994/95 war grausam. Zehntausende von Zivilisten wurden innerhalb weniger Wochen durch wahllose Luftangriffe getötet. Nach e inem Jahr der Kämpfe - im März 1996 - wurde die Zahl der Todesopfer auf 40.000 geschätzt ³² , und es gab Millionen von Flüchtlingen in der Region. Dies entsprach im Verhältnis der Zahl der Toten, die der Bosnienkonflikt in vier Jahren gefordert hatte. Der Kreml kündigte regelmäßig Waffenstillstände und Rückzüge an, doch die Kämpfe gingen in der ersten Hälfte des Jahres 1996 weiter und führten auch zur Ermordung des Rebellenführers Dschochar Dudajew durch die Russen. Wie heftig die Bombardierungen auch waren und wie hoch die Zahl der zivilen Todesopfer auch sein mochte, der Westen beharrte stets darauf, dass der Tschetschenienkrieg eine innere Angelegenheit Russlands sei und ihn daher nicht betreffe. Im März 1995 reiste der EU -Kommissar für auswärtige Angelegenheiten, Hans van den Broek, nach Moskau, um dagegen zu protestieren, daß Rußland einige EU -Importe blockierte, aber er enthielt sich eifrig jeder Kritik an Rußlands Krieg gegen seine eigenen Bürger im Kaukasus. Als er darauf angesprochen wurde, sagte er, dass es sich um eine interne Angelegenheit handele und die tschetschenischen Forderungen unangemessen seien.³³ Diese kompromissbereite Haltung stand im Gegensatz zu der des Präsidenten des parlamentarischen Rates des normalerweise nachgiebigen Europarates, nachdem Präsident Jelzin die russischen Delegierten angewiesen hatte, sich jeder Einmischung in die inneren Angelegenheiten Russlands zu widersetzen: "Menschenrechte sind niemals eine interne Angelegenheit. Tschetschenien ist keine innere Angelegenheit Ru sslands, denn Tschetschenien hat den Vertrag, mit dem die russische Föderation gegründet wurde, nie unterzeichnet. " ³⁴ Die Haltung von Hans van den Broek erinnerte jedoch an die von Bundeskanzler Kohl, der Moskau im Februar 1995 besuchte. Er betonte, dass der Westen


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"Verständnis" für die russische Feindseligkeit gegenüber der NATO Erweiterung haben müsse, und zog es vor, den Tschetschenienkrieg nicht zu verurteilen. Auch der französische Außenminister Her ve de Charette, der am 23. Januar 1995 nach Moskau reiste, erklärte, Russland befinde sich noch immer auf dem Weg der Reformen und der Tschetschenienkrieg sei "ein bedauerlicher Zwischenfall". Le Monde bezeichnete es als "fast obszön", dass Charette den neuen Außenminister und ehemaligen Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes Jewgeni Primakow als "Freund" bezeichnete ³⁵ - zumal am selben Tag der russische Menschenrechtsaktivist Sergej Kowalow als Berater Jelzins zurückgetreten war und erklärte, der russi sche Staatschef habe "demokratische Reformen endgültig aufgegeben". (Man fragt sich, warum Herr Kowalow dies im Oktober 1993 nicht erkannte, als Boris Jelzin die Bombardierung des russischen Parlaments anordnete und als zur Niederschlagung einer parlamenta rischen Rebellion ein dreitägiger Häuserkampf mit Hunderten von Toten und Verwundeten stattfand). Als der Krieg ausbrach, war die internationale Reaktion daher so mild wie möglich. Das Verfahren für die Aufnahme Russlands in den Europarat wurde ausgesetzt - aber Russland wurde ein Jahr später trotzdem aufgenommen. Das Partnerschafts- und Handelsabkommen mit der EU wurde eingefroren, und die EU verlangte eine "politische" Lösung des Konflikts - doch das Handelsabkommen wurde sieben Monate später, im Juli 199 5, unterzeichnet, nachdem die Kämpfe vorübergehend von den abgestumpften westlichen Fernsehschirmen verschwunden waren. (Dieses Abkommen wurde übrigens kurz nach den serbischen Angriffen auf den UN -Schutzort Srebrenica im Juli 1995 verkündet, ein Zufall, d er sowohl den Serben als auch den Russen deutlich gezeigt haben muss, dass Aggression sich lohnt.) Der UN Menschenrechtsausschuss kritisierte Russland, und die OSZE entsandte eine Mission nach Russland, um "die Achtung der Menschenrechte zu fördern" doch dieser Mission wurde der Zugang zu allen wichtigen Gebieten verweigert. Es war klar, dass der Westen nicht zulassen würde, dass ein paar aufmüpfige Tschetschenen den Aufbau eines gesamteuropäischen politischen und militärischen Kondominiums behindern, in dem Russland seinen festen Platz haben würde. Die Reaktion des Westens auf den blutigen Feldzug im Kaukasus bestand daher nicht nur darin, die Augen zu verschließen, sondern auch darin, das russische Vorgehen dort förmlich zu billigen. Allein die Tatsache, dass die militärischen Operationen in Tschetschenien erst unmittelbar nach der Teilnahme Boris Jelzins am Gipfeltreffen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa im Dezember 1994 in Budapest begannen, deutet darauf hin, dass der russisc he Präsident sich die stillschweigende Zustimmung seiner Budapester Gesprächspartner zu dieser Operation gesichert hatte.


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Es überrascht nicht, daß Rußland den geringen internationalen Druck, den es ausübte, einfach ignorier te. Zwischen der Verabschiedung des Abkommens über die Entsendung der OSZE -Mission am 11. April 1995 und der erwarteten Entsendung des Teams am 23. April kam es zu besonders heftigen Kämpfen. ³⁶ Die Kämpfe gingen zwischen dem Einfrieren des EU -Handelsabkommens und seiner endgültigen Unterzeichnung ununterbrochen weiter. ³⁷ Als im Februar 1995 in einem Dorf in Dagestan Geiseln genommen wurden, starben Hunderte von Zivilisten bei der russischen Rea ktion, die darin bestand, das gesamte Dorf in die Luft zu jagen - vor den Augen der Fernsehkameras der ganzen Welt und in flagranti. Am 26. März 1996 veröffentlichte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa einen Bericht, in dem die Men schenrechtslage in Tschetschenien kritisiert wurde. Sie kam zu dem Schluss, dass das Verhalten der russischen Armee bewusst darauf abzielt, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren. In dem Bericht werden zahlreiche Gräueltaten angeführt, darunter der "Abschus s" eines zivilen Lastwagens durch einen Hubschrauber. Der Hubschrauber landete, die Überlebenden wurden gefangen genommen und in den Hubschrauber gesetzt, der Hubschrauber hob ab - und dann wurden sie mitten im Flug aus dem Hubschrauber geworfen. ³⁸ Unbeeindruckt davon gewährte der Internationale Währungsfonds am selben Tag sein bisher größtes Darlehen in Höhe von 10 Milliarden Dollar, um "Reformen" in Russland zu unterstützen. Als russische Truppen im März 1996 die tschetschenischen Dörfer Bamut und Orechovo bombardierten und bei der Bombardierung von Samaschki innerhalb von ein oder zwei Tagen schätzungsweise 600 Zivilisten getötet wurden und das benachbarte Inguschetien mit 50.000 oder mehr Flüchtlingen überschwemmt wurde, gewährte ein Konsortium deutscher Banken Russland einen Kredit in Höhe von 4 Milliarden DM. Um den politischen Charakter dieses Kredits zu unterstreichen, wurde er von einem deutschen Regierungssprecher bekannt gegeben.⁴⁰ Obwohl der örtliche OSZE -Vertreter erklärte, dass kurzfristig keine Aussicht auf Frieden bestehe, liehen später im selben Monat vier weitere deutsche Großbanken (Commerzbank, Deutsche Bank, Dresdner Bank und Westdeutsche Landesbank Girozentrale) der Region Tscheljabinsk eine weitere Milliarde DM. Außerdem wurde Russland i m März als Beobachter in den "Pariser Club" der internationalen Gläubiger aufgenommen. ⁴¹ Frankreich lieh Russland 2 Milliarden Francs zur "Unterstützung des wirtschaftlichen Übergangsprozesses". ⁴² Im Mai schließlich lieh die Weltbank Russland 200 Millionen Dollar zur Unterstützung der "russischen Sozialdienste" in Nowosibirsk, Rostow und an deren Regionen.⁴³ Ende April 1996 unterzeichneten die westlichen Gläubiger das größte und großzügigste Schuldenerlasspaket aller Zeiten, in dem sie sich bereit erklärten, russische Schulden in Höhe von 40 Milliarden Dollar über 25 Jahre


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umzuschulden.⁴⁴ Diese Unterstützung war so spektakulär, dass einige Kommentatoren davor warnten, dass der Westen sich einem massiven Schuldner ausliefere, der nicht zahlen könne oder wolle. Die seit 1985 stark aufgeblähten Schulden wurden zum überwiegenden Teil (75 Prozent) von Westeuropa gehalten, wobei Deutschland den weitaus größten Anteil hielt. Im Februar 1996 gab Deutschland offiziell zu, Rußland mit 75 Milliarden Dollar an Krediten und Finanzhilfen unterstützt zu hab en.⁴⁵ Ein großer Teil davon, wie etwa die 89,9 Millionen DM, die Rußland für "Projekte von in Rußland lebenden Deutschen" zur Verfügung gestellt wurden, diente nach den Worten des russischen Nationalitätenministers "der Einigung Europas". ⁴⁶ Deutschland leistete auch einen großen Beitrag zu dem neuen IWF -Kreditpaket, und Kohls Einfluß war entscheidend für das Zustandekommen des Kredits. Doch obwohl die Sowjetunion im Dezember 1991 einseitig die Zahlung des Kapitals auf ihre Schulden eingestellt hatte, erzielte Russland weiterhin einen komfortablen Handelsüberschuss, während die Kapitalabflüsse aus Russland in westliche Steuerparadiese 1991 schätzungsweise 70 bis 100 Milliarden Dollar erreichten: Vermutlich wurde das Geld dort platziert, um den Gläubigern zu entgehen. Es lag ein Hauch von Erpressung in der Luft. ⁴⁷ Nachdem der Kandidat des Westens im Präsidentschaftswahlkampf angekündigt hatte, die russischen Truppen aus Tschetschenien abzuziehen, ordnete der wiedergewählte Präsident Jelzin am 10. Juli rasch eine n eue Militäroffensive an. Das Dorf Mekhety, in dem der neue Rebellenführer vermutet wurde, wurde liquidiert. ⁴⁸ In einer einzigen Woche wurden 370 Menschen zu Tode bombardiert und 170 verwundet. ⁴⁹ Im August drohte Moskau den Tschetschenen mit einem Krieg "mi t allen Mitteln", obwohl mit General Alexander Lebed ein Mann zum Vorsitzenden von Boris Jelzins "Sicherheitsrat" ernannt worden war, der angeblich gegen die Gewalt gegen die Tschetschenen war. ⁵⁰ In der Zwischenzeit ernannte Präsident Jelzin den Mann zu seinem neuen Verteidigungsminister, der am 9. April 1989 die blutige Niederschlagung einer prodemokratischen Demonstration in der georgischen Hauptstadt Tiflis organisiert hatte, bei der mehr als 20 Menschen getötet wurden. Ein Beamter der Europäischen Kommi ssion brachte die in der EU vorherrschende Haltung gegenüber solchen Einwänden zum Ausdruck, als er kommentierte: "Ja, aber die Tschetschenen sind ein Haufen Mistkerle". Dies schien die Bombardierung von Zivilisten akzeptabel zu machen, ähnlich wie ähnliche Ansichten über die Jugoslawen den Westen ermutigt hatten, die Augen vor den Gräueltaten während des Balkankrieges zu verschließen. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass die EU, die OSZE oder der Europarat mit ähnlicher Nachsicht reagieren würden, wenn d ie Briten auf der Grundlage, dass "die Iren ein Haufen Mistkerle sind", beschließen würden, Londonderry


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mit Teppichbomben zu belegen. In der Tat ist es schwer vorstellbar, dass die britische Regierung, wie der konservative Abgeordnete Alan Clark im Oktober 1997 vorschlug, den Aufstand der IRA durch die Erschießung von 600 Republikanern zu beenden versuchte.

Russische Feindseligkeit gegenüber der NATO -Erweiterung

Während dieser Zeit schien ein zweiter Aspekt der russischen Politik die Voraussetzungen für eine Ost -West-Annäherung zu zerstören, ohne dass sich die westliche Politik entsprechend änderte. Es handelte sich um die endgültige und unmissverständliche Abkehr von der so genannten "Sinatra -Doktrin". Die Sinatra-Doktrin, die Nachfolgerin der "Breschnew -Doktrin", nach der Moskau die Staaten des Warschauer Paktes notfalls auch mit Hilfe der Roten Armee unter Kontrolle halten würde, wurde im Oktober 1989 vom Sprecher des sowjetischen Außenministeriums, Gennadi Gerassimow, i m amerikanischen Fernsehen verkündet. Er sagte: "Wir haben jetzt eine Frank Sinatra -Doktrin. Er hatte ein Lied: "I had it my way [sic]". Jedes Land entscheidet also selbst, welchen Weg es einschlagen will.' ⁵¹ Bis 1994 war diese Politik jedoch aufgegeben worden. Die russische Feindseligkeit gegenüber der NATO und ihre Vorliebe für eine gesamteuropäische kollektive Sicherheitsstruktur wurden immer deutlicher zum Ausdruck gebracht. In der Tat wurde sie rasch zu m zentralen Element der Moskauer Außenpolitik. Im Mai 1994 forderte der damalige russische Verteidigungsminister, General Gratschew, dass Russland das Recht erhalten solle, an den Entscheidungsmechanismen der NATO teilzunehmen (mit anderen Worten: ein Veto recht gegenüber der NATO zu haben), und dass die NATO der OSZE unterstellt werden solle. ⁵² In einem russischen Dokument, das im Herbst 1995 (vermutlich absichtlich) durchsickerte, wurde sogar mit einer Invasion der baltischen Staaten gedroht, falls Polen der NATO beitreten sollte,⁵³ während kommunistische Funktionäre in Belarus, die eng mit d er Kommunistischen Partei Russlands zusammenarbeiten, im November 1995 erklärten, dass Russland in die baltischen Staaten einmarschieren werde, falls diese dem Atlantischen Bündnis beiträten. ⁵⁴ Im Dezember 1995 sagte der damalige russische Außenminister An drej Kosyrew: "Der NATO -Block muss sich in etwas Neues verwandeln, und Russland muss sich mit Sicherh eit an diesem Neuen beteiligen."⁵⁵ Russland verfolgte auch weiterhin sein altes Ziel, einen Europäischen Sicherheitsrat zu schaffen - einen Schiedsrichter für europäische Sicherheitsfragen, vielleicht im Rahmen der OSZE -, wohl wissend, dass es in der Lage wäre, entscheidenden Einfluss auf ein solches Gremium auszuüben,


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indem es einen ständigen Sitz in ihm hätte. Der Nachfolger von Andrej Kosyrew, Jewgeni Primakow, bekräftigte das Ziel Russlands, die NATO loszuwerden. Im Februar 1996 forderte er eine gesamteuropäische Sicherheitscharta, in der "die Interventionsbereiche jeder Organisation" festgelegt werden sollten, d.h. die NATO sollte der OSZE untergeordnet werden.⁵⁶ Die neue Struktur würde, wie er sagte, die NATO, die EU, die WEU und den Pakt von Taschkent umfassen, dem die ehemaligen Sowjetrepubliken angehören. Anstatt die NATO nach Osteuropa zu erweiter n, schlug der Russe vor, dass die NATO und der Pakt von Taschkent den osteuropäischen Staaten "gegenseitige Garantien" geben sollten. ⁵⁷ Der russische Verteidigungsminister drängte weiterhin auf eine 16+1 -Regelung für die europäische Sicherheit (unter Einbeziehung Russlands in die Entscheidungen der NATO) und sagte: "Die NATO würde nicht durch die Ausweitung ihrer Zuständigkeitsbereiche umgestaltet, sondern durch ihre Umwandlung in ein Instrument der gesamteurop äischen kollektiven Sicherheit. "⁵⁸ Gleichzeitig führte Russland Aufrüstungsprogramme und andere Maßnahmen durch, die mit dem Geist der Zusammenarbeit, der die westliche Politik inspirierte, unvereinbar schienen. Es log wiederholt über den wahren Zustand seiner biologischen Waffen und versäumte es, sein e 40.000 Tonnen chemischer Waffen zu entsorgen. ⁵⁹ Außerdem missachtete es öffentlich den Vertrag über die Konventionellen Streitkräfte in Europa. Sie hielt sich nicht an die im Vertrag festgelegte Frist vom 1. Januar 1996 für die Zerstörung von Tausenden von Panzern und anderem militärischen Gerät jens eits des Urals ⁶⁰ und kündigte mehrmals an, dass sie die zentralen Bestimmungen des Vertrags zur Begrenzung der Truppenstärke, die Russland an der Grenze eines anderen Landes aufstellen darf, ignorieren würde. Im November 1995 erklärte General Gratschew: "Russland ist nicht bereit, den KSE -Vertrag einzuhalten. " ⁶¹ Auch Weißrussland, das nach der Integration der beiden Länder in die Union Souveräner Republiken nun Russlands Westgrenze bildet, hat den Vertrag über Konventionelle Streitkräf te in Europa munter m issachtet: ⁶² es hat sich geweigert, die Waffen an seiner Grenze zu Polen zu zerstören - unter Berufung auf wirtschaftliche Probleme und die Feindseligkeit gegenüber der NATO Erweiterung - und russische Soldaten bewachen nun die weißrussisch polnische Grenze. Im Juni 1996 hatte die russische Unnachgiebigkeit Erfolg: Das Land erhielt weitere drei Jahre (bis Ende Mai 1999), um seine Verpflichtungen aus dem Vertrag zu erfüllen. ⁶³ Als die EU-Regierungskonferenz Ende März 1996 in Turin begann, wurden die russischen Erklärungen gegen die NATO -Erweiterung immer lauter. Der Kotau vor der NATO wurde jedoch nur noch deutlicher. Gleich am Vorabend der Regierungskonferenz erklärte der Generalsekretär Javier Solana - ein ehemaliger NATO-feindlicher, pro-sowjetischer sozialistischer Politiker aus


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Spanien, der im Januar 1996 auf Vorschlag Deutschlands ernannt worden war -, dass es für den Westen von wesentlicher Bedeutung sei, Russland zu versichern, "dass sich die NATO verändert hat " ⁶⁴ - als ob es Russland und nicht der Westen wäre, der beruhigt werden müsste. Eine veränderte NATO war natürlich das, was Russland immer gewollt hatte. Solana wies auch darauf hin, dass die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Außen - und Sicherheitspolitik die Einrichtung eines "Europäischen Verteidigungsrates" erleichtern würde, was sehr nach der Verwirklichung des alten russischen Ziels der Schaffung eines Europäischen Sicherheitsrates klang. ⁶⁵ Trotz dieser bedeutenden Veränderungen in der russischen Politik blieb der westliche Ansatz gegenüber Russland derselbe. Russischen Drohungen wurde mit Entgegenkommen begegnet. Als Moskau der NATO Völkermord an den bosnischen Serben vorwarf, als die Allianz im September 1995 ihre längst überfälligen Luftangriff e begann, rief der deutsche Außenminister Klaus Kinkel seinen russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew an, "um die russischen Ängste vor einer Isolierung zu beschwichtigen". Kinkel argumentierte, dass es wichtig sei, Russland mit Taten zu zeigen, dass es in den europäischen Entscheidungsprozess einbezogen werden sollte. Die Bundesregierung erklärte, sie wolle, dass das Ziel einer übergreifenden gesamteuropäischen Sicherheitskooperation erhalten bleibe. Kinkel erklärte: "Russland bleibt ein wichtiger Partner. Wir sagen "Ja" dazu, dass Russland seinen Platz am europäischen Tisch einnimmt: Wir wollen das.' ⁶⁶ Auch auf dem WEU-Gipfel in Birmingham im Mai 1996 forderte Deutschland eine "Sicherheitspartnerschaft zwischen Russland und der NATO" sowie eine "politische und wirtschaftliche Partnerschaft" zwischen Moskau und der Europäischen Union. ⁶⁷ Niemand schien sich daran zu stören, dass Russland in derselben Woche Radovan Karadjic, den Führer der bosnischen Serben, der vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag des Völkermordes beschuldigt wurde, für "seine staatsmännischen Qualitäten" mit dem Sankt -Andreas-Preis, einer der höchsten russischen Auszeichnungen, ausgezeichnet hatte. ⁶⁸

Der Europarat

Die deutsche Politik gegenüber Russland bestand nicht nur aus Worten, sondern auch aus Taten. Es war deutscher Druck, der ausschlaggebend für die Entscheidung war, Russland im Februar 1996 in den Europarat aufzunehmen. Trotz der Gräuelta ten in Tschetschenien hatten die deutsche Regierung und die CDU im September 1995 das Verfahren für die Aufnahme Russlands in den Europarat in Gang gesetzt. Das deutsche Außenministerium behauptete, die


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Wiederaufnahme des Aufnahmeverfahrens würde Russlands Bemühungen um eine friedliche Lösung in Tschetschenien einen Segen geben. Darin spiegelt sich die alte deutsche Überzeugung wider, dass "Integration" ein universelles Allheilmittel und ein nützlicher Er satz für eine robuste Politik gegenüber einem fremden Land ist. Aus irgendeinem Grund galt diese Logik jedoch nicht für Kroatien, dessen Beitrittsantrag im Juni 1996 aufgrund weitaus geringerer Vorwürfe als die gegen Russland erhobenen abgelehnt wurde. Bundeskanzler Kohl selbst sprach am 28. September 1995 vor der Versammlung des Europarates. Er bekräftigte, daß die Ziele der deutschen Politik die WWU und die politische Union, die Osterweiterung der NATO und die Entwicklung einer "eindeutigen und dauerhafte n Partnerschaft mit Rußland und der Ukraine" seien. Er wolle "Russland immer weiter in die Gestaltung der Zukunft Europas einbeziehen". Er sagte: "Wir wollen ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem entwickeln, indem wir die NA TO nach Osten erweitern und e ine privilegierte Partnerschaft mit der Ukraine und Russland aufbauen. " ⁶⁹ Es wurde argumentiert, dass die Aufnahme Russlands in den Europarat es ermöglichen würde, Druck auszuüben, um Russland zur Verbesserung seiner Menschenrechtslage zu bewegen. Doch wie die französische Tageszeitung Le Monde am Tag der Abstimmung kommentie rte: "Fasziniert von den Machthabern im Kreml und besessen von einer falschen Vorstellung von Stabilität, wiederholt der Westen denselben Fehler, den er mit Michail Gorbatschow und seinen Vorgängern begangen hat. Er unterstützt den russischen Präsidenten, als wäre er der Schutzwall gegen die Ankunft von Kommunisten und Nationalisten, während er i n Wirklichkeit ihr Vorbote ist. ⁷⁰ Der Präsident der Paneuropäischen Union, Otto von Habsburg, nannte es seinerseits einen "Tag der Schande" für den Europarat und sagte, dass die russische Delegation von einem der "höchsten blutbefleckten Funktionäre des KGB, Außenminister Primakow", ang eführt wurde. ⁷¹ Als die Russen eingelassen wurden, war ihre Reaktion ebenso jubelnd wie verächtlich. Ein Sprecher des russischen Innenministeriums, dessen Truppen den größten Teil des Terrors in Tschetschenien verübten, schimpfte: "Gebt uns ein paar Subven tionen. Dann denken wir vielleicht über Reformen nach. " ⁷² Präsident Jelzin erklärte, die Abstimmung zeige das Verständnis des Westens für seine Tschetschenienpolitik, die er so beschrieb: Man muss verrückte Hunde töten. " ⁷³ Ein anderer hoher Beamter erklä rte, Russland werde die Todesstrafe nicht abschaffen, obwohl dies eine Bedingung für die Mitgliedschaft im Gremium war. (1995 wurden in Russland sechsundachtzig Menschen durch ein Erschießungskommando hingerichtet, und die Zahl der Gnadengesuche, die Jelzi n ablehnte, nahm zu. Allein im Februar lehnte er


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dreißig ab.⁷⁴) Der Beamte sagte auch, dass sich die Bedingungen in den russischen Gefängnissen nicht ändern würden, in denen Menschen an Kälte und Hunger - und gelegentlich a uch an Kannibalismus - sterben.⁷⁵ Jelzin wies die russischen Delegierten im Europarat auch so fort an, "alle Initiativen zu blockieren, die darauf abzielen, Druck auf Russland auszuüben oder sich in unsere inneren Angelegenheiten einzumischen", womit er vor allem Tschetschenien meinte. ⁷⁶ Als der Europarat im Oktober 1997, also nach weit über einem Jahr russischer Mitgliedschaft, ein Gipfeltreffen aller seiner vierzig Mitglieder abhielt, gab Human Rights Watch einen Bericht heraus, aus dem hervorging, dass sich die Menschenrechtslage in Russland seit seinem Beitritt zu der Organisation sogar verschle chtert hatte. Dieses unwichtige Detail durfte jedoch die allgemeine Stimmung nicht stören, und die Reden von Staatsoberhäuptern wie Jelzin und Schewardnadse wurden von ihren Amtskollegen höflich zur Kenntnis genommen. Wie um zu unterstreichen, dass der Westen Russland weiterhin beschwichtigen wird, was auch immer geschieht, fiel der Gipfel des Europarats mit der Ankündigung des "Londoner Clubs" der Weltschuldner zusammen, dass weitere 33 Milliarden Dollar russischer Schulden umgeschuldet werden sollten. ⁷⁷ Die Vorstellung, daß Rußland durch die Aufnahme in den Europarat irgendwie kontrolliert werden könnte, wird durch dasselbe einfache Paradoxon zunichte gemacht, das auch das ähnliche Argument der Kontrolle Deutschlands durch die Währungsunion betrifft: Warum will der betreffende Staat in das Gremium aufgenommen werden, das ihn eigentlich kontrollieren soll? Die Antwort im Falle Rußlands ist, daß es, wie seine langjährige Unterstützung für gesamteuropäische Strukturen zeigt, eine bewußte Politik des Eintritts in europäische Institutionen verfolgt, um diese zu beeinflussen und damit seinen allgemeinen Einfluß auf die Angelegenheiten des Kontinents zu vergrößern. Diese Politik des Beitritts wurde bei mehreren Gelegenheiten ausdrücklich erklärt. Als Russland in de n Europarat aufgenommen wurde, machte der Leiter der Duma-Delegation, Wladimir Lukin, ein "liberaler" Politiker, dies deutlich. Er begrüßte das Votum und sagte, dass Russland nun "hart arbeiten müsse, um Mitglied aller europäischen Institutionen zu werden. "⁷⁸ Damit wiederholte er nur die Worte von Präsident Jelzin während seines Staatsbesuchs in Deutschland im Mai 1994, der ebenfalls von einer russischen Mitgliedschaft "in allen europäischen Organisationen" sprach. ⁷⁹ Russlands Beitritt zur NATO, zur Weltbank, zum IWF, zum Europarat und sogar zur Europäischen Union selbst wurde diskutiert - und von seinen deutschen Gastgebern begrüßt. Als Gegenleistung für die deutsche Freundschaft kündigte Jelzin an, dass er einen ständigen Sitz für Deutschland im UN -Sicherheitsrat unterstützen würde. In der Tat machte Russland bei dieser Gelegenheit sehr deutlich, dass es sein Ziel


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ist, die europäische Sicherheit in die Hände einer übergreifenden Sicherheitsstruktur, der OSZE, zu legen und die NATO ihr unterzuordnen. Der Westen unterstützt diese Politik aktiv. Der russische Botschafter bei der NATO, Witali Tschurkin, ist bereits in den NATO -Räten vertreten, und die Russen haben im Rahmen der Initiative "Partnerschaft für d en Frieden" eine ständige Vertretung im militärischen Hauptquartier der NAT O in Mons (Belgien) eingerichtet. Russland hat sogar darum gebeten, dass der bei SHAPE in Mons stationierte Drei -Sterne-General ständiger Beobachter bei der NATO wird und dass die russische Präsenz in anderen NATO -Gremien verstärkt wird. Die NATO hat dem im Prinzip zugestimmt. Der deutsche Verteidigungsminister Volker Rühe begrüßte die Idee und erklärte, sie zeige, dass die Russen zum Dialog bereit seien.⁸⁰ Der Beschwichtigungsproze ß des Westens erreichte jedoch auf dem NATO Gipfel in Berlin im Juni 1996 seinen Höhepunkt, als die NATO die Bildung eines "europäischen Pfeilers" innerhalb des Bündnisses beschloß. Von nun an können Operationen im Namen der NATO und unter Nutzung der NATO Strukturen, aber ohne Beteiligung der Vereinigten Staaten durchgeführt werden. Solche Operationen würden "unter der politischen und strategischen Leitung der WEU" durchgeführt, ⁸¹ eben jener Institution, die die europäischen Föderalisten zum Verteidigungsflügel der Europäischen Union machen wollen und die schon immer dazu berufen war, als Vehikel für die politische Integration Europas zu dienen. Zwei Ereignisse unterstrichen die Tatsache, dass diese Änderung eine entscheidende Verwässerung des amerikanischen Elements in der NATO darstellt. Das erste war, dass Frankreich sofort ankündigte, seinen Platz in dieser neuen NATO wieder einnehmen zu können. Nachdem Frankreich dreißig Jahre lang ein halbgeschlossenes Mitglied des Bündnisses gewesen war, nachdem De Gaulle es aus den integrierten Strukturen der NATO zurückgezogen hatte, um der wahrgenommenen amerikanischen Hegemonie über den Kontinent zu entgehen, verkündete Jacques Chirac im Juni 1996, dass Frankreich nun bereit sei, seinen vollen Platz in einer veränderten NATO einzunehmen. Er forderte "ein erneuertes atlantisches Bündnis und eine europäische Sicherheitsorganisation, in der Russland seinen vollen Platz hat".⁸² Die zweite, no ch dramatischere Veranschaulichung der Auswirkungen dieses Wandels ergab sich aus der plötzlichen Kehrtwende Moskaus gegenüber der NATO. Jewgeni Primakow, der am Berliner Gipfeltreffen teilnahm und laut einer deutschen Zeitung "wie ein Star" behandelt wurd e,⁸³ gab der Ablehnung der NATO-Erweiterung durch sein Land umgehend eine neue Richtung. Er sagte, Russland habe nichts mehr dagegen, wenn andere Länder der NATO


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beiträten, vorausgesetzt, dass keine NATO -Truppen auf ihrem Bo den stationiert würden. Mit anderen Worten, es war genauso, wie Karl Lamers gesagt hat: Russland hatte nichts gegen die NATO als solche, sondern nur gegen die amerikanische Komponente. Sobald die NATO europäisiert und von den USA losgelöst sei, würde sie n ach russischer Auffassung neutralisiert. Moskaus langjähriges Ziel war damit erreicht.

Die europäische Ideologie und der Mythos des "Nationalismus“

Auf einer Ebene kann diese erstaunliche westliche Unterstützung für Russland einfach als Versuch verstande n werden, Boris Jelzin an der Macht zu halten und Russland von außen zu beeinflussen. Dieser Ansatz kann sicherlich kritisiert werden: IWF -Beamte stellten ab April 1996 mit Bestürzung fest, dass während des Wahlkampfes alle mit dem Darlehen verbundenen Reg eln gebrochen wurden, da sowohl der russische Präsident als auch sein Premierminister auf den aufeinander folgenden Wahlversammlungen ständig neue populistische Ausgabenpakete ankündigten. Ein russischer Regierungsbeamter bemerkte dazu: "Der IWF hat deutli ch gemacht, dass er das Geld auf jeden Fall geben wird. Der Fonds wird von der Regierung völlig ignoriert." Darüber hinaus kann man argumentieren, dass eine übermäßige politische und finanzielle Investition in einen Kandidaten (Jelzin) bedeutet, alles auf eine Karte zu setzen. Aber es gibt einen tieferen Grund für die nachgiebige Reaktion des Westens auf die russischen Forderungen. Die Integration Russlands in die politischen und militärischen Strukturen Europas entspricht nämlich genau dem Modell, das Frankreich und Deutschland für Westeuropa im Sinn haben: ein Europa "ohne Grenzen". Dahinter steht die gleiche unitaristische und unpolitische Auffassung von Staat und Staatlichkeit, die in den vorangegangenen Kapiteln analysiert wurde. Diese Mentalität, die a lle Konflikte unter den Teppich des scheinbaren Konsenses kehren will, entzieht sich jeder Vorstellung von Teilung in Europa und jeder Vorstellung von "Freund" und "Feind" in der Politik. Präsident Jelzin selbst sagte 1994 in Bonn ausdrücklich, dass "eine einheitliche politische, wirtschaftliche und geistige Architektur für unseren Kontinent Länder oder Ländergruppen nicht isolieren oder nach dem Kriterium Freund oder Feind trennen darf, sondern sie in einen einheitlichen Organismus i ntegrieren muss".⁸⁵


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Und doch ist die Unterscheidung zwischen "Freund" und "Feind" genau das, was die Tätigkeit der Politik ausmacht. ⁸⁶ Die Unterscheidung zwischen Freund und Feind ist der Unterschied zwischen Zugehörigkeit und Abgrenzung: Das politische Leben - die Tätigkeit der Politik - ist der Bereich, in dem die Möglichkeit besteht, diese Unterscheidung zu treffen. Politik gibt es nur dort, wo es Konflikte gibt, und sie lebt von der Opposition zwischen verschiedenen Parteien, Interessen und Zielen. Sie setzt auch eine Unterscheidung zwischen Bürger und Ausländer voraus, die ihrerseits die unabdingbare Voraussetzung für einen friedlichen oder konfliktreichen Umgang mit anderen Staaten und für eine klare Abgrenzung des Rechtsr aums ist. Diese Definition von Politik schließt den Frieden zwischen Völkern oder Staaten oder auch die Neutralität nicht aus. Frieden ist nicht die Abwesenheit eines Feindes oder die Abwesenheit von Antagonismus oder Konflikten, sondern die Abwesenheit vo n Krieg. Außerdem kann man nur mit einem Feind Frieden schließen. Es würde dem Wesen der Politik widersprechen, seine Feinde unterdrücken zu wollen oder den Unterschied zwischen Freund und Feind in der Unkenntlichkeit zu verwischen. In der Außenpolitik wie in der Innenpolitik bedeutet Frieden ein gewisses Gleichgewicht zwischen gegnerischen Parteien. Wenn Frieden nicht die Abwesenheit von Konflikten ist, besteht der Unterschied zwischen Frieden und Krieg einfach darin, dass ein Staat oder eine Person im Fri eden nicht versucht, den Feind zu vernichten, sondern ihn trotz aller Unterschiede als legitimen Gleichen anerkennt. Daher ist jede so genannte Friedenserklärung, die die Unterdrückung oder Verneinung des Feindes impliziert, in Wirklichkeit eine getarnte Kriegserklärung. Darin liegt die Gefahr der Äußerung Jelzins. Wenn der Preis für einen Frieden mit Russland nach dem Kalten Krieg das Verschwinden der westeuropäischen Staaten in einem sinnvollen Sinne ist, dann ist dieser Preis, um es deutlich zu sagen, zu hoch.⁸⁷ Die westlichen Staats - und Regierungschefs sind jedoch im Allgemeinen einer Ideologie verhaftet, die der Meinung ist, dass solche Unterscheidungen nicht mehr gemacht werden sollten. Insbesondere in Europa (und vor allem in Deutschland) glauben sie, dass die Lösung aller außenpolitischen Fragen in der Integration liegt. Es scheint, als wollten sie den Unterschied zwischen Innen und Außenpolitik verwischen und beides von der Politik in eine wirtschaftliche Verwaltung verwandeln. Aufgrund ihres unitarische n, administrativen Politikverständnisses schreiben westliche Politiker, wie auch ihre russischen Kollegen, den großen Ensembles (wie der Europäischen Union oder der Sowjetunion) Stabilität zu und betrachten Nationen als irrational, destabilisierend und stö rend.


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Dieses Vorurteil hat zu einem tief verwurzelten Mythos geführt, der einen Großteil der westlichen Politikgestaltung pervertiert: der Mythos des Nationalismus. Die führenden Politiker der Welt, angestachelt von zahlre ichen Kommentatoren, scheinen davon überzeugt zu sein, dass Konflikte in Europa ausbrechen können - oder bereits ausgebrochen sind -, weil es keine übergreifende Struktur gibt, die sie eindämmen könnte. In der Regel wird der "ethnische Konflikt" dafür vera ntwortlich gemacht. Ein typischer Kommentar ist der des Generalsekretärs der OSZE, Dr. Wilhelm Hoynck: "Die meisten der bestehenden oder potentiellen Konflikte in der OSZE haben e ine starke ethnische Wurzel. " ⁸⁸ Der Mythos wurde stark propagiert, als das S owjetimperium zu zerfallen begann. Schließlich haben Imperien noch nie Nationen gemocht. Michail Gorbatschow plädierte 1990 für die Einrichtung eines "Europäischen Konfliktverhütungszentrums" - obwohl bis dahin keine Konflikte ausgebrochen waren -, als ob die Lockerung des eisernen Griffs des Kommunismus über Osteuropa eher Anlass zur Sorge als zum Optimismus wäre. Im Sommer 1995 ging der ehemalige sowjetische Präsident immer noch mit der gleichen Argumentation hausieren. Heute ist Europa eine Zone, die der Gefahr eines Krieges besonders ausgesetzt ist", schrieb er. Dies liege an der destabilisierenden Wirkung der Nationen und dem Fehlen eines supranationalen Rahmens, der diese eindämmen könnte: Lokale Spannungen und Streitigkeiten zwischen den Nationen könn en sich zu offenen Konflikten auswachsen. " ⁸⁹ Seit dem Sturz von Gorbatschow singt Jelzin immer wieder dasselbe Lied. So wie die Sowjetunion fünfzig Jahre lang ihre Scheinlegitimität damit begründet hatte, "antifaschistisch" zu sein, so erklärte der russische Präsident 1994 der deutschen Regierung, dass "Nationalismus" die Kriege in der GUS verursacht habe.⁹⁰ Russland, das den Krieg von 1941 -45 geführt hatte, "weiß, was Nationalismus bedeutet", so Jelzin. In ähnlicher Weise machte der ehemalige russische Außenminister Andrej Kosyrew Angriffe gegen d en "aggressiven Nationalismus" zu seinem Markenzeichen, und er ließ keine Gelegenheit aus, um zu sagen, dass "politischer Extremismus, der auf Fremdenfeindlichkeit und aggressivem Nationalismus beruht", auf dem Vormarsch sei. ⁹¹ Insbesondere beschuldigte er die baltischen Staaten des "Nationalismus", des "Partikularismus" und der "Misshandlung" der dortigen beträchtlichen russischen Minderheiten. ⁹² Es schien ihn nicht zu kümmern, dass die Russen alle dort blieben, anstatt diese angeblich repressiven Länder z u verlassen. Als der neue russische Außenminister Jewgeni Primakow im April 1996 den Europarat besuchte, betonte er gegenüber dem Gremium, dem Russland gerade beigetreten war, dass er die russischen nationalen Minderheiten in den baltischen Staaten als von den dortigen "Nationalisten" bedroht ansah.


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Viele westliche Kommentatoren und Institutionen haben das gleiche Thema aufgegriffen. Selbsternannte Meinungsbildner haben vor dem "neuen Tribalismus von heute " gewarnt.⁹³ Der amerikanische Kommentator Patrick Moynihan schrieb ein Buch mit dem Titel Pandaemonium: Ethnicity in International Politics. ⁹⁴ Robert Kaplan schrieb Balkan Ghosts; Misha Glenny, The Rebirth of History, und so weiter. In ähnlicher Weise hat der Europarat im Rahmen seines Gesamtziels "kultureller Zusammenhalt" eine europäische Jugendkampagne gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Intoleranz gestartet. Dies geschah unter anderem in Form von "Zügen der Toleranz", die quer dur ch den Kontinent fuhren, um den Slogan "Alle anders, alle gleich" zu propagieren. In Ungarn führte dies zu einer Reihe von Videoclips, die an U-Bahn-Haltestellen gezeigt wurden und in denen ein Schwarzer, ein amerikanischer Ureinwohner, Homosexuelle, ein Y uppie, eine Prostituierte und ein ungarischer Bauer harmonisch in einem Abteil zu sammen reisen.⁹⁵ Auch die westlichen Staats - und Regierungschefs haben diese Sichtweise vertreten. Es wurde zu einer allgemein akzeptierten Wahrheit, dass der Krieg in Jugoslawien "ethnisch" und das Ergebnis eines unauslöschlichen historischen Vermächtnisses war. Gerald Ford, der frühere amerikanische Präsident, sprach vom jugoslawischen Konflikt als "dem hartnäckigen ethnischen Konflikt, der schon alt war, als ich geboren wurd e".⁹⁶ Richard Holbrooke, der Friedensbeauftragte von Präsident Clinton, sagte: "Die Menschen in Mittel- und Osteuropa haben jetzt eine echte Chance, einen dauerhaften Frieden zu schaffen. Aber dazu müssen sie zu einem letzten Akt der Befreiung bereit sein, di esmal von den ungelösten Hinterlassenschaften ihrer eigenen tragischen, gewalttätigen und zornigen Vergangenheit. " ⁹⁷ Jacques Poos', der Außenminister Luxemburgs, klang 1992 wie ein Mini Metternich, als er erklärte, die Idee der nationalen Selbstbestimmung sei "als Grundlage der internationalen Ordnung gefährlich ... Sie würde eine explosive Entwicklung auslösen. " ⁹⁸ Als er französischer Außenminister war, erklärte Roland Dumas: "Das Selbstbestimmungsrecht der Völker darf nicht die Ursache für Instabilität sein, und Frankreich wird nichts unterstützen, was die Gefahr birgt, eine solche Instabilität zu verursachen. " ⁹⁹ Bei einer anderen Gelegenheit fügte er hinzu: "Es ist nicht die Aufgabe der EG, die Unabhängigkeit der Völker zu fördern. " ¹⁰⁰ Der vielleicht größte westliche Vertreter dieser Ansicht war der ehemalige französische Präsident Francois Mitterrand. Fie war bekannt für seine Verachtung für die lästige Vielzahl kleiner Nationen und für seinen Glauben an große geopolitische Zusammenschlüsse. Er war au ch ein großer Anhänger des Prinzips der von oben verordneten Stabilität. Im Dezember 1985 empfing er den polnischen Diktator Wojciech Jaruzelski in Paris - eine Entscheidung, die


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selbst seine politischen Freunde schockiert e -, weil er Jaruzelskis Selbstdarstellung als die dünne blaue Linie glaubte, die Polen vor dem Abgrund der Anarchie und der sowjetischen Invasion bewahrt hatte. (Aus den im August 1993 freigegebenen KGB-Archiven geht hervor, dass Jaruzelski im Gegenteil 1981 um eine sowjetische Intervention gebeten hatte, d ie der Kreml abgelehnt hatte.¹⁰¹) Mitterrand organisierte auch eine berüchtigte Konferenz in Paris im März 1992, deren Titel "Stammesdenken oder Europa" suggerierte, dass jeder, der gegen die europäische Integration sei, ein "Stammesmensch" sei. ¹⁰² Er nutzte diese Konferenz, um seine Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, dass der Krieg in Jugoslawien nur ein Beispiel für die Art von Konflikten sei, die überall auf dem Kontinent ausbrechen würden, wenn sie nicht durch eine gesamteuropäische Struktur eingedämmt würden: "Das Beispiel Jugos lawien wird anderen vorausgehen, aber es hat den Vorteil, dass es uns ein Testfeld dafür bietet, was getan werden muss und was nicht getan werden darf ... Es ist ein klassisches Beispiel, das sich auf ein begrenztes Gebiet in einer kleinen Region Europas b ezieht, das aber sehr repräsentativ ist. " ¹⁰³ In der Tat lag er natürlich falsch - der jugoslawische Konflikt ist der einzige, der in Osteuropa ausgebrochen ist -, aber das veranlasste ihn nicht, seine Überzeugung aufzugeben, dass freie Nationalität eine U rsache für Instabilität sei. So waren sich Michail Gorbatschow und Francois Mitterrand 1991 einig, dass der Lieblingsslogan des sowjetischen Präsidenten, "ein gemeinsames europäisches Haus", genau dem entsprach, was Mitterrand unter "einer europäischen Kon föderation" verstand. Bei einem Treffen in Latche, Mitterrands kleinem Landhaus in Burgund, am 30. Oktober 1991 sagte Gorbatschow: "Es wird zwei Stützpunkte [für diese europäische Struktur] geben. Die Europäische Gemeinschaft im Westen und die Union souver äner Staaten, die die UdSSR im Osten ersetzen wird. Die Zusammenarbeit zwischen ihnen wird auf den in der Charta von Paris festgelegten Grundsätzen beruhen. Mitterrand versicherte seinem Gast, dass Frankreich niemals etwas tun würde, um den Zerfall der Sowjetunion zu fördern, und dass das künftige Europa mit Russland gemacht werden müsse. ¹⁰⁴ Er steht zu seinem Wort. Im Laufe des Jahres 1989 betonte Mitterrand wiederholt die Notwendigkeit, das, was Optimisten den "Frühling der Nationen" nannten, in überschaubaren Strukturen zu halten. Als die Berliner Mauer fiel, erklärte Mitterrand selbst: "Dieses glückliche Ereignis zeigt, wie die Freiheit in Europa voranschreitet. Es ist wahrscheinlich, dass diese große Volksbewegung ansteckend ist und sich auch anderswo fortsetzen und ausbreiten wird "¹⁰⁵ - seine Verwendung des Wortes "ansteckend" zeigt, wie sehr er das Geschehen wirklich begrüßt. Als der sowjetische Putsch stattfand,


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stellte sich Mitterrand instinktiv auf die Seite der Putschisten, da er überzeugt war, dass eine starke Hand nötig war, um die Sowjetunion zusammenzuhalten. Er war der Meinung, dass Gorbatschows Liberalisierungsprogramm unweigerlich zum Zerfall der Sowjetunion führen würde, was er nicht für wünschenswert hielt und was er glaubte, klug vorausgesagt zu haben. Aber das viellei cht deutlichste Beispiel dafür, dass ein führender westlicher Politiker den Mythos des Nationalismus schluckte, war, als der damalige britische Premierminister John Major im Unterhaus erklärte, dass "das größte einzelne Element hinter dem, was in Bosnien g eschehen ist, der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Disziplin ist, die diese über den alten Hass im alten Jugoslawien ausübte. Als diese Disziplin verschwunden war, kam der alte Haß wieder zum Vorschein, und wir sahen die Folgen, als die Kämpfe begannen. Es gab noch weitere Elemente, aber das war bei weitem das größte.'¹⁰⁶ Es ist schwer zu sagen, wo man mit dieser Aussage anfangen soll. Jugoslawien steht seit 1948 nicht mehr unter sowjetischer "Disziplin"; die jugoslawischen Völker haben aus eigenem Ant rieb weniger Krieg gegeneinander geführt als die Franzosen und Deutschen; der Kommunismus war keine "Disziplin", die diesen Hass kontrollierte: Der Kommunismus war selbst ein Regime, das sich auf Hass gründete und den wütenden Nationalismus gerne zu seinem Vorteil nutzte, wenn es wollte - von Stalins Einsatz des Nationalismus nach der deutschen Invasion 1941 bis hin zum abscheulichen Nationalismus der kommunistischen Diktatoren Slobodan Milosevic in Serbien, Todor Zhivkov in Bulgarien oder Nicolae Ceau cescu in Rumänien. Schließlich waren diese Regime - aufgrund des von Major erwähnten Zusammenbruchs - überhaupt nicht stabil. Menschen, die solche Ansichten vertreten, neigen dazu, den historischen Determinismus auf Ereignisse in der fernen Vergangenheit zurück zuführen, während sie die jüngste Geschichte der Länder, die sie analysieren, ignorieren. Sie ziehen es beispielsweise vor, Anekdoten über mittelalterliche Gräueltaten zu zitieren (die wahrscheinlich nicht schlimmer sind als die, die damals in Westeuropa begangen wurden), anstatt zu fragen, wer jetzt an der Macht ist und welche Funktionen sie zwei oder drei Jahre zuvor hatten. Oder sie graben lieber schillernde Figuren aus der faschistischen oder autoritären Zwischenkriegsgeschichte dieser Länder aus (die e benfalls nicht schlimmer sind als die der westeuropäischen Länder) und stellen sie oder ihre Erben mit einer Art Bühnenschauder als "Gefahr" für die demokratische Entwicklung dort dar. Gleichzeitig werden sie die Erklärungen der ehemaligen kommunistischen Führer dieser Länder für bare Münze nehmen: dass sie auf wundersame Weise


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ihre lebenslangen Überzeugungen aufgegeben haben und sich stattdessen zum freien Markt und zur liberalen Ordnung bekehrt haben. Dies ist besonders besorgniserregend, da es in Osteuropa generell nicht gelungen ist, die kommunistische Zeit juristisch aufzuarbeiten. Der Freispruch des bulgarischen Diktators Todor Schiwkow Anfang 1996 (er war ohnehin nur wegen Korruption angeklagt) bedeutet, daß kein ehe maliger kommunistischer Machthaber aus einem Land des alten Ostblocks mehr hinter Gittern sitzt. Sowohl große als auch kleine Fische durften davonschwimmen. In Polen wurde der Mörder von Pater Popieluszko 1994 wegen guter Führung freigelassen. In Rumänien wurden die letzten Beamten, die wegen ihrer Beteiligung an den Massakern vom Dezember 1989 inhaftiert waren, 1993 freigelassen. Niemand, der 1981 die Verhängung des Kriegsrechts in Polen oder die Niederschlagung des ungarischen Aufstandes von 1956 angeordn et oder durchgeführt hat, wurde zur Rechenschaft gezogen. Tatsächlich hat Ungarn jetzt einen Premierminister, der keinen Hehl daraus macht, dass er in den Bürgerwehren diente, die den Russen nach dem Aufstand vo n 1956 beim Aufräumen halfen. ¹⁰⁷ Der Mythos des Nationalismus verschleiert daher die Rolle bestimmter Menschen mit dem bequemen Schleier allbestimmender historischer Kräfte. Er erklärt auch nicht, warum manche Regionen "explodieren" und andere nicht: Warum Bosnien und nicht Mazedonien? Warum haben di e Russen in Tiraspol, Transnistrien, gegen die Unabhängigkeit Moldawiens protestiert und die 14. russische Armee "einberufen", obwohl es anderswo in Moldawien mehr Russen gibt? Warum entstehen "ethnische Konflikte" und klingen plötzlich wieder ab? Was ist mit der "gagausischen" Minderheit in Moldawien oder den Russen auf der Krim geschehen? Vor allem die Tatsache, dass die größte Gefahr vom "Nationalismus" ausgehen soll, impliziert, dass der Feind nicht mehr "außen" (wie die Sowjetunion), sondern "innen" ist. Sobald dies als akzeptierte Wahrheit feststeht, soll die Antwort - weitgehend auf russische Initiative hin - in der Schaffung einer gesamteuropäischen Sicherheitsstruktur bestehen, die Russland einschließt und deren "gemeinsame Strategie" sich gegen "na tionalistische Extremismen" richtet, um es mit den Worten von Andrej Kosyrew zu sagen. ¹⁰⁸ Solche Ideen können die Macht von Staaten und Institutionen mit einer supranationalen Agenda nur stärken.


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Der russische Imperialismus und die Ideologie der europäischen Integration

Russland ist offensichtlich ein solcher Staat, denn russische Politiker aus allen Teilen des politischen Spektrums wollen die traditionelle imperialistische Hegemonie Moskaus wiederher stellen. Der Wunsch der russischen Regierung, die Sowjetunion wiederherzustellen, wenn auch nicht in einer explizit kommunistischen Form, wurde am 14. September 1995 offiziell, als Boris Jelzin ein Dekret mit dem Titel "Strategischer Plan Russlands für sei ne Beziehungen zu den Mitgliedstaaten der GUS" unterzeichnete. ¹⁰⁹ Darin wird die Idee einer westlich orientierten Identität Russlands nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion abgelehnt und die militärische, wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit der S taaten der ehemaligen Sowjetunion abgelehnt. Sie erklärte auch das Ziel, eine kleinere Version des Warschauer Paktes zu schaffen, um der von ihr als Bedrohung empfundenen NATO -Expansion entgegenzuwirken. Unsere Politik zielt vor allem darauf ab", so das Do kument, "die GUS zu einer integrierten Gruppierung zu machen, die in der Lage ist, eine Hauptrolle in der internationalen Gemeinschaft zu spielen". Die "großen Ziele" Russlands seien, "zum Entstehen politisch und ökologisch stabiler Staaten beizutragen, de ren Politik Russland freundlich gesinnt ist, Russland zur treibenden Kraft eines neuen Systems politischer und wirtschaftlicher Beziehungen im ehemaligen sowjetischen Raum zu machen und den Integrationsprozess innerhalb der GUS zu beschleunigen. "¹¹⁰ Das Dokument sprach von der "schrittweisen Erweiterung einer Zollunion auf Staaten, die mit Russland durch eine stark integrierte Wirtschaft und durch eine strategische und politische Partnerschaft verbunden sind". ¹¹¹ Es erklärte die "Grenzsicherheit" der GUS -Staaten zur "Angelegenheit aller". ¹¹² Es bekundete die Absicht, "die Grenzfragen zu lösen und die Anwesenheit russischer Grenzschutzbeamter in den GUS -Staaten auf eine vertragliche Rechtsgrundlage zu stellen" sowie "die Möglichkeit der Schaffung einheitlich er regionaler Grenzschutzkommandos mit dem Ziel eines einheitlichen Grenzkontrollsystems zu prüfen". All dies und die Forderung nach stärkeren militärischen Beziehungen zwischen Russland und den GUS -Staaten hätte zur Folge, dass die russische Kontrolle übe r die Streitkräfte der ehemaligen Sowjetstaaten legalisiert und diese zu einer neuen sowjetischen Armee zusammengeführt würden. Russland würde auch versuchen, mit den ehemaligen Sowjetrepubliken eine einheitliche Front zu bilden, um gemeinsam mit internationalen Institutionen wie den Vereinten Nationen und der Europäischen Union zu verhandeln: Außenpolitische Verhandlungen mit der Außenwelt wären nur mit Moskaus Zustimmung möglich. ¹¹³


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Dass Russland dieses Ziel verfolgt, ist kaum überraschend. Russland und die Sowjetunion erlebten 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion nicht gerade eine Revolution, sondern eher einen Zusammenbruch, der viele ihrer alten Machtstrukturen zwar mürbe und demoralisiert, aber intakt zurückließ. ¹¹⁴ Tatsächlich war der Zerfall der Sowjetunion eher den internen Machtkämpfen im Kreml geschuldet als dem echten Wunsch Moskaus, eine Dekolonisierung vorzunehmen. Wie die französische Sowjetologin Fran coise Thom gezeigt hat, war es Ausdruck der extremen E ntartung des sowjetischen Systems in den späteren Gorbatschow-Jahren, dass die einzige Möglichkeit, einen politischen Feind loszuwerden, darin bestand, den von ihm besetzten Posten zu unterdrücken: Gorbatschow unterdrückte das Sekretariat des Zentralkomitees, um Ligatschow loszuwerden, oder den Ministerrat, um Ryjkow loszuwerden. ¹¹⁵ Die Auflösung der Sowjetunion selbst war also nichts anderes als die Übertragung dieses Prinzips auf die höchste Macht: Die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten war eine Möglichkeit, Gorbatschow, den sowjetischen Präsidenten, durch eine Art i nternen Verfassungsputsch loszuwerden. Allein die Tatsache, dass die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten am 8. Dezember 1991 der Auflösung der Sowjetunion vorausging und diese auslöste, zeigt, dass die wichtigsten politischen Protagonisten der Auflösung der Sowjetunion nicht beabsichtigten, die Sowjetunion in wirklich unabhängige Staaten aufzuteilen, sondern vielmehr die institutionellen Möbel im sowjetischen Raum neu zu ordnen. Seitdem gibt Russland nicht vor, seine imperialen Ambitionen aufzuge ben: Der Weltdienst Stimme Russlands (das frühere Radio Moskau) widmet regelmäßige Nachrichtensendungen dem "Commonwealth Update". Es ist in etwa so, als hätte die BBC nach der Ankündigung der britischen Entkolonialisierung in den 1950er Jahren weiterhin "Commonwealth Updates" ausgestrahlt, um zu zeigen, wie das britische Imperium wieder zusammenwächst. Aber Russland kommt damit durch, weil es die intellektuelle Verwirrung des Westens ausnutzt und die Ideologie und Sprache der europäischen Integration benutzt, um die Wiederherstellung des alten Sowjetimperiums zu rechtfertigen. Am 2. April 1996 unterzeichneten Russland und Weißrussland einen Unionsvertrag, der die Union Souveräner Republiken schuf. Die Tatsache, dass die russische Abkürzung SSR nur einen Buc hstaben kürzer ist als das russische Wort für UdSSR (SSSR), ist den weißrussischen Bürgern nicht entgangen, von denen viele aus Protest auf der Straße demonstrierten. Mit einem Federstrich wurden die militärischen und politischen Grenzen Russlands plötzlich um mehrere hundert Meilen nach Westen erweitert und erreichten wieder die Grenzen Polens.


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Die Protagonisten dieser neuen Union (die im Rahmen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten gegründet wurde und ei ne Art "harter Kern" sein soll, um deren Integration zu beschleunigen) stellten ausdrücklich Vergleiche zwischen ihrem Vorgehen und dem westeuropäischen Integrationsprozess an. Der erste stellvertretende Außenminister Weißrusslands erklärte ausdrücklich, dass der neue Vertrag dem Maastrichter Vertrag nachempfunden sei, während der Pressesprecher von Boris Jelzin ebenfalls einen direkten Vergleich zwischen dem neuen Gebilde und der Europäischen Union anstellte.¹¹⁶ Der weißrussische Minister wies darauf hin, dass die Integration zwischen den beiden Staaten durch die Schaffung zwischenstaatlicher Rechtsorgane und die Einführung einer gemeinsamen Währung gefördert würde. Dies war nicht die einzige Gelegenheit, bei der ein Vergleich zwischen der Reintegration der Sowjetrepubliken und der Integration zwischen den Staaten Westeuropas gezogen wurde. Eine Woche vor der Unterzeichnung des Vertrags zwischen Belarus und Russland und am selben Tag des Gipfeltreffens in Turin am 29. März 1996, als die Staats - und Regierungschefs der EU zusammenkamen, um die Regierungskonferenz zur Revision des Maastrichter Vertrags einzuberufen, trafen sich die Staatschefs von vier ehemaligen Sowjetrepubliken - Russland, Belarus, Kasachstan und Kirgisistan - in Moskau, um einen separaten Ve rtrag über die wirtschaftliche Integration zu unterzeichnen. Die Symmetrie scheint gewollt zu sein. Falls jemandem der beabsichtigte Vergleich entgangen sein sollte, machte der russische Präsident Boris Jelzin ihn auf jeden Fall deutlich: "Innerhalb eines einzigen Tages", so sagte er bei der Zeremonie ohne offensichtliche Ironie, "haben vier Länder ein Integrationsniveau erreicht, für das die Länder der Europäischen Union Jahre gebraucht haben. "¹¹⁷ Jelzins Bemerkung bestätigte einen seit langem bestehenden Trend: Die europäische Ideologie war zu einer bedeutenden Waffe in der russischen geopolitischen Strategie geworden: Allein diese vier Republiken machen 92 Prozent des Territoriums der ehemaligen Sowjetunion und 88 Prozent ihrer Bevölkerung aus. In den Monaten vor der Unterzeichnung dieser beiden Verträge war die russische Politik voll von Verweisen auf die "Integration". Der russische Außenminister und ehemalige Spionagechef Jewgeni Primakow hatte bei seiner Ernennung zum Außenminister seine beiden Ziele umrissen: die Erweiterung der NATO zu verhindern und die Beziehungen zum "nahen Ausland" zu vertiefen. Er schlug vor, dass letzteres in Form einer wirtschaftlichen Integration nach westlichem Vorbild erfolgen könnte. ¹¹⁸ In ähnlicher Weise hatte der kommuni stische Führer Gennadi Sjuganow im Januar 1996 die gleiche Aussage gemacht: Er sagte, dass er die Integration der ehemaligen Sowjetstaaten "nach dem Modell der Europäischen Union"


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unterstütze.¹¹⁹ Das im September 1995 verö ffentlichte Dokument "Strategischer Plan" war auch deshalb bemerkenswert, weil es den russischen Plan, die Grenzen der ehemaligen Sowjetrepubliken zu schützen, in einer europäischen Sprache wie "Abschaffung der Grenzkontrollen" (zwischen Russland und den Republiken) und im Namen der "Gemeinschaft" (der "unabhängigen" Staaten) darstellte. ¹²⁰ Tatsächlich wurde die Europäische Gemeinschaft auf einem Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Dezember 1990 sogar als Modell für die Sowjetunion angepriesen - und zwar nicht von den liberalsten Rednern. ¹²¹ Es ist nicht schwer zu erkennen, dass eine der Hauptprämissen der europäischen Integration - dass die Gemeinschaft der Staaten Vorrang vor den engen Interessen der einzelnen Staaten hat - auch dem natürlichen Imperialismus Russlands dienen kann. Jedenfalls wurde mit d em zwischen den vier Republiken unterzeichneten Vertrag ein "Binnenmarkt" für "Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen" geschaffen. Die Verteidigungs - und Außenpolitik zwischen den Unterzeichnerstaaten sollte ebenfalls "harmonisiert" und einem gemein samen "Mechanismus" unterstellt werden - ein Euphemismus für die kontinuierliche Aufrüstung der Roten Armee. Es sollte supranationale Organe geben, darunter eine rotierende Präsidentschaft und einen "Ausschuss für Integration". Unterdessen schuf die russis ch-weißrussische Union einen "Obersten Rat" (oder "Sowjet" auf Russisch) sowie einen Exekutivausschuss. ¹²² Während des gesamten Jahres 1997 wurden die Bemühungen zur Konsolidierung der Strukturen der alten Sowjetunion fortgesetzt. Am 5. September 1997 schl ug Russland auf einem GUS -Treffen in Bischkek (Kirgisistan) die Schaffung eines "einheitlichen Grenzschutzraums" vor. Der Kommandeur des russischen Föderalen Grenzdienstes (die Reinkarnation der alten KGB-Grenztruppen) schlug vor, dass seine Truppen die Au ßengrenzen aller GUS-Staaten schützen sollten. Und am 29. August vereinbarten Armenien und Russland, die Grenzen Armeniens zu Nicht -GUS-Staaten "gemeinsam zu schützen". (Armeniens längste Nicht -GUS-Grenze ist die zum NATO -Mitglied Türkei: dies ist eine int eressante Art und Weise, Russlands erklärten Wunsch umzusetzen, dass sich die NATO nicht den Grenzen Russlands nähern sollte). Wie ein Kommentator inmitten des allgemeinen Durcheinanders der russischen Politik feststellte, "wenn es in Russland heute eine o perative Außenpolitik gibt, dann ist es die politische, militärische und wirtschaftliche Integration der GUS -Staaten".¹²³ Es war natürlich nie klar, inwieweit die ursprüngliche "Integration" jemals verschwunden war. In einigen Ländern - vor allem in Weißru ssland und Tadschikistan - bewachten russische Truppen auch nach der formellen


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Auflösung der Sowjetunion die Grenzen. In der Tat führte die Rote Armee in Tadschikistan Anfang der 1990er Jahre einen lange n und blutigen Krieg. Auch die Verwaltung der alten Sowjetunion wurde nur selten aufgelöst: Die alten bürokratischen sowjetischen Strukturen blieben bestehen, selbst als die Teilrepubliken nominell unabhängig wurden. Und schließlich - was am wichtigsten ist, aber sehr schwer zu beurteilen - behielt der KGB in den Nachfolgestaaten starke Verbindungen und vielleicht sogar eine integrierte gesamtsowjetische Struktur bei. Gleichzeitig musste vieles noch formell neu konsolidiert werden. Bereits 1994 hatte Jewgeni Primakow den Westen darauf aufmerksam gemacht, dass Moskaus Neuordnung des ehemaligen Sowjetimperiums - um ein europäisches Wort zu verwenden - unvermeidlich sei. Es ist hoffnungslos, sich den zentripetalen Tendenzen innerhalb der Gemeinschaft Unabhängig er Staaten zu widersetzen", sagte er, "und gleichzeitig kontraproduktiv. " ¹²⁴ Schon vorher, 1990, hatten Anhänger der alten Sowjetunion die Forderungen der Sowjetrepubliken nach mehr Autonomie als unvereinbar mit dem globalen Trend zur "Internationalisieru ng" angegriffen.¹²⁵ Man fühlt sich an Karl Lamers' Aussage erinnert, dass es irrational wäre, sich der magnetischen Kraft zu widersetzen, die der harte Kern auf periphere Nationen ausüben wird. So wie der deutsch -französische "harte Kern" den Rest Westeuro pas ermutigen soll, ihm zu folgen und sich um ihn herum zu integrieren, bestand der russische Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin darauf, dass die russisch weißrussische Union auch die Rolle eines Motors spielen würde, der die Wiedervereinigung der and eren Sowjetrepubliken vorantreibt. Wir wollen, dass sich andere anschließen", sagte er. Zweifellos will er das. Die Verträge spiegeln die seit langem bestehende russische Vorliebe für wirtschaftliche und nicht für politische Mechanismen zur Förderung der "Integration" wider. Im Oktober 1994 schufen die Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten ein Exekutivorgan für die Wirtschaftsunion. Die Notwendigkeit einer Freihandels -, Zoll- und Zahlungsunion wurde beschworen. ¹²⁶ Der im September 1995 verö ffentlichte "Strategieplan" widmet einen seiner beiden wichtigsten Abschnitte der "wirtschaftlichen Zusammenarbeit" (der andere ist der "nationalen Sicherheit" gewidmet), in dem die Bildung einer Zahlungsunion, gemeinsame Regeln für die Marktorganisation u nd feste Wechselkurse zwischen den Währungen im Hinblick auf die Einführung des Rubels als Referenzwährung für die gesamte GUS "in naher Zukunft" als Teil des Plans erwähnt werden. ¹²⁷ In der Tat organisierte Arkadi Volski, der ehemalige Leiter des militärisch industriellen Komplexes und Präsident der Union der russischen Industriellen, 1992 einen "Kongress des Internationalen Rates der Industriellen und


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Unternehmer". Alle Republiken der ehemaligen Sowjetunion, alle Länder des ehemaligen Ostblocks (d. h. alle Mitglieder des COMECON, des alten sowjetischen "gemeinsamen Marktes") sowie China waren vertreten. Die Sitzungen wurden in russischer Sprache abge halten. Seitdem haben acht Treffen stattgefunden, auf dem siebten, 1994 in Bukarest, sprach sich der damalige rumänische Präsident Ion Iliescu für die Neuausrichtung seines Landes nach Osten aus und forderte "die Wiederherstellung der Wirtschaftsbeziehunge n, die Umstrukturierung der Handels und Finanzbeziehungen innerhalb dieser Wirtschaftszone". Volski, der mit Jewgeni Primakow befreundet ist und wahrscheinlich selbst ein Agent der Sicherheitsdienste ist, sprach seinerseits von einer "Rückkehr" und der "Wiederherstellung" der "traditionellen Beziehungen" zwischen den betroffenen Ländern. Interessanterweise schlug er vor, dass die Clearingbank für diese neue Wirtschaftsunion in ... anges iedelt werden sollte. Brüssel. ¹²⁸ 1995 brachte er alle ehemaligen Sowjetrepubliken auf einer Konferenz mit dem Titel "Towards Integration Based on Understanding Between Peoples" (Auf dem Weg zur Integration auf der Grundlage der Verständigung zwischen den Völkern) zusammen und erreichte die Zustimmung von vier Republiken Russland, der Ukraine, Weißrussland und Kasachstan - zur weiteren Integration. Der Grund dafür ist, dass die "wirtschaftliche Integration" der postsowjetischen Welt recht gut steht. Sie erlaubt es Russland, alte Machtstrukturen wieder aufzubauen, ohne sich dafür vor einem internationalen Gericht verantworten zu müssen. Sie eröffnet beträchtliche Möglichkeiten für die heimliche Ausübung von Macht, die über die verfassungsmäßige Klarheit der Schaffung eines neuen Staates m it klaren Zuständigkeiten hinausgeht. In ähnlicher Weise war eine der zentralen Lehren der kommunistischen Theorie, dass der Staat, das Recht. Die "Widersprüche" des "Kapitalismus" würden durch eine Welt ohne Konflikte ersetzt. Im "vollständigen Kommunismu s" sollte die Gesellschaft ohne einen kontrollierenden Staat existieren und gedeihen. An diesem Punkt weicht die "Regierung der Menschen" der "Verwaltung der Dinge". Die Institutionen, die jenes freie individuelle Handeln ermöglichten - Geld und Gesetz -, das der kommunistische Geist als anarchisch, planlos und egoistisch empfindet, würden abgeschafft werden. Um es weniger philosophisch auszudrücken: Eine Welt, in der die Strenge und Klarheit des Gesetzes durch Bürokratie und Ermessensspielraum der Verwaltu ng ersetzt wird - also eine Welt, wie sie die europäische Integration in vielerlei Hinsicht bereits eingeführt hat -, wäre kaum ungeeignet für die in den ehemaligen Sowjetrepubliken herrschende Mentalität der Heimlichtuerei und Korruption.


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So wie die europäische Ideologie behauptet, dass die Harmonisierung aller Bereiche, von der Währungs - bis zur Verteidigungspolitik, die Souveränität der EU-Mitgliedstaaten unangetastet lässt, bemühte sich das Büro von B oris Jelzin anlässlich der Unterzeichnung der russisch -weißrussischen Union, den von Alexander Lukaschenko - dem autoritären weißrussischen Präsidenten und erklärten Anhänger der alten Sowjetunion - erweckten Eindruck zu korrigieren, dass ein neuer Staat g eschaffen würde. Im Gegenteil, betonte der russische Präsidentensprecher, das EU -Modell zeige, dass ein neues gemeinsames Emblem und eine gemeinsame Hymne für die beiden Länder nicht bedeuteten, dass Belarus und Russland keine unabhängigen Staaten mehr sei en.¹²⁹ In Wirklichkeit wird natürlich alles von Moskau aus gesteuert. Dies wiederum erklärt, warum die "Integration" von allen Teilen der russischen politischen Meinung begrüßt wird. Einer der Gründe, warum Präsident Jelzin seine Integrations- und Unionsverträge vorangetrieben hat, bestand darin, daß er dem Druck seiner verschiedenen politischen Gegner in Richtung einer Wiederherstellung der Sowjetunion zuvorkommen wollte. Im April 1996 veröffentlichte Newsweek Einzelheiten eines von Jelzins Beratern ausgearbeiteten Dokuments, in dem die Wiederherstellung der Sowjetunion bis zum Jahr 2005 ¹³⁰ befürwortet wurde. Der Vorsitzende der russischen kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, erklärte jedoch, es sei "sehr erfreulich "¹³¹ , dass Jelzin im April 1996 den Integrationsvertrag zwischen den vier Republiken unterzeichnete, denn nur zwei Woche n zuvor hatte seine eigene Partei erfolgreich für die Aufhebung des Dekrets gestimmt, mit dem die Sowjetunion 1991 aufgelöst worden war. (Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko hatte von seinem Unionsvertrag mit Russland als "Korrektur des histo rischen Fehlers von 1991" gesprochen. ¹³²) Herr Sjugano w erinnerte daran, dass auch die Kommunistische Partei das Ziel verfolgte, "die Integration zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken zu beschleunigen". ¹³³ In ähnlicher Weise sagte Wladimir Schirinowski, dass die Union von Russland und Weißrussland "die Umsetzung des Programms der Liberaldemokratischen Partei¹³⁴ ... ist. Und diejenigen, die wie Eduard Schewardnadse oder Gregorij Jawlinski gegen die Abstimmung in der Duma am 15. März waren, taten dies nicht, weil sie gegen das Ziel der Integration waren, sondern im Gegenteil, weil sie meinten, die Abstimmung würde es diskreditieren. Wenn das EU-Projekt grandiose deutsch -französische Pläne in ein seriöses Gewand kleiden kann, dann sind ähnliche Strukturen in Boris Jelzins Russland nicht weniger geeignet, versteckte Kontrollkanäle zu verbergen. Schließlich ist die Idee, dass integrierte Staaten ihren unabhängigen Status auf der internationalen Bühne bewahren können, nichts anderes als eine moderne Variante von Stalins Beharren darauf, dass die Sowjetrepubliken Weißrussland und Ukraine Sitze in den Vereinten Nationen haben. Würde das gleiche Prinzip


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auf andere GUS-Staaten ausgedehnt, wie es Russland offensichtlich hofft, dann würde das internationale System Staaten enthalten, die zwar theoretisch unabhängig, in Wirklichkeit aber von Moskau abhängig wären. Aus diesem Grund bestand auch Gennadi Sjuganow darauf, dass die von ihm vorgeschlagene Integration zwischen den Sowjetstaaten deren Souveränität unangetastet lassen würde. Mit genau denselben Argumenten wie in Westeuropa, die die Auferlegung einer zentralisierten Kontrolle im Namen der Aufhebung der Kontrollen zwischen den "Mitgliedsstaaten" verteidigen, sagte Sjuganow, dass es n icht darum gehe, die Souveränität, die Unabhängigkeit, die Kultur, die Traditionen oder die Lebensweise der anderen Länder zu verletzen: Es gehe nur darum, den "Kindern" wieder zu erlauben, frei vo n Kiew nach Moskau zu reisen.¹³⁵ Die Ideologie der europäischen Integration dient auch anderen russischen Zielen. So wie die Dokumente des Europarats, der OSZE und der Europäischen Union voll von Hinweisen auf die Notwendigkeit sind, "neue Spaltungen in Europa" zu vermeiden, so verwende n die Russen, wenn sie ihre Ablehnung der NATO zum Ausdruck bringen wollen, gewöhnlich genau diese Formulierung und nutzen so die Feindseligkeit der europäischen Ideologie gegenüber dem Konzept der Grenzen für ihre eigenen hegemonialen Zwecke. Russland kan n so die NATO-Erweiterung als spalterisch und uneuropäisch angreifen. Boris Jelzin verkündete am 8. September 1995 in einer wütenden Reaktion auf die Präsenz der Vereinigten Staaten in Bosnien sogar seine eigene Version der "Monroe Doktrin" ("Amerika für d ie Amerikaner"). Er forderte, dass die südslawische Krise von "Europa" und "ohne transatlantisches Diktat" gelöst werden müsse. Natürlich fügte er hinzu, dass die NATO als Verteidigungsorganisation aufgelöst und eine neue Streitmacht unter wechselndem Komm ando aufgestellt werden sollte, die hochmobil und in der Lage wäre, "Konflikte" in Europa zu lösen.¹³⁶ Jelzin griff dieses Lieblingsthema im Oktober 1997 auf der Vollversammlung des Europarats wieder auf. Er forderte ein "größeres Europa ohne Trennlinien" und bediente sich einer ausgeprägten anti -amerikanischen Rhetorik, als er sagte, dass Europa sehr gut ohne die Hilfe "irgendwelcher Onkel" auskommen könne.¹³⁷ In der Tat war während des Staatsbesuchs des französischen Präsidenten in Russland in der Woche zuvor die alte russische Entschlossenheit, die Amerikaner aus Europa zu vertreiben, wieder voll zur Geltung gekommen. Der Verteidigungskorrespondent von Le Monde schrieb: "Man könnte meinen, wir befänden uns wieder in den alten Tagen des Kalten Krieges, als der Kreml nicht aufhörte, eine Organisation für den europäischen Kontinent vorzuschlagen, in der es kein Gegengewicht zu seiner eigenen Macht gäbe. "¹³⁸ Chirac, der mit der höchsten russischen Staatsauszeichnung geehrt


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wurde, rief dazu auf, dass Russland und die EU eine "privilegierte Partnerschaft" miteinander eingehen sollten, ein Vorschlag, der das eifrige Gerede in Moskau von einer "Achse Paris -Bonn-Moskau" nur noch nährte. (Unabhängig davon erklärten sich die Franzosen bei einem Treffen auf dem IWF-Gipfel in Hongkong bereit, russische Schulden in Höhe von 3 Milliarden Dollar umzuschulden.¹³⁹) In diesem Sinne erklärte die russische Delegation bei der OSZE in ihrem Bericht "Über die Arbeit an einem Modell universeller und umfassender Sicherheit für Europa im einundzwanzigsten Jahrhundert" ihren Wunsch, "einen gemeinsamen Raum der Sicherheit, Stabilitä t und Zusammenarbeit zu schaffen, der frei von Trennlinien ist". ¹⁴⁰ Der ehemalige russische Verteidigungsminister General Gratschew, der 1994 erklärt hatte, es sei "inakzeptabel", dass NATO -Beschlüsse ohne die Zustimmung Russlands gefasst würden, äußerte zwei Jahre später immer noch denselben Gedanken, als er im März 1996 - im Rahmen einer allgemeinen Erklärung der russischen Feindseligkeit gegenüber der NATO -Erweiterung - "Blöcke" (womit er die NATO meinte) anprangerte und sagte, dass stattdessen "die europäische Sicherheit alle europäischen Länder einbeziehen sollte", d.h. Russland und nicht Amerika.¹⁴¹ Ähnlich äußerte sich der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow 1995: "Eine Organisation, die nur einen Teil der europäischen Staaten zusammenfasst, ist nicht in der Lage, die Rolle eines Polizisten für den gesamten Kontinent zu spielen". ¹⁴² Ein altes sowjetisches Thema aufgreifend, forderte er die Einbindung der NATO -Aktivitäten in den Rahmen der OSZE und die Schaffung eines Sicherheitsrates für Europa innerhalb dieser Organisation. Diese Struktur sollte im Namen aller Europäer handeln und nicht im Namen eines Teils von ihnen. " ¹⁴³ Ein weiteres Beispiel für dieselbe Sache war die "Erklärung zum fünfzigsten Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs", die auf russische Initiative in das Budapester Gipfeldokument von 1994 eingefügt wurde. Die OSZE-Staaten erklärten, sie seien "bereit, das KSZE Potential voll auszuschöpfen, um neue Gräben und Spaltungen in der KSZE Region zu verhindern". Als Präsident Jelzin im April 1996 eine öffentliche Annäherung an China herbeiführte, wurde auch Peking s Unterstützung für Moskaus Widerstand gegen die NATO-Erweiterung in dieser Sprache ausgedrückt: China erklärte, dass auch es "Blöcke" als ungeeignet für die Gewährleistung der Sicherheit betrachte.¹⁴⁴ Jelzin reiste mit den Präsidenten von Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan nach Peking, und es wurden Abkommen zwischen den vier Staaten und China unterzeichnet. Die kasachischen Behörden unterdrückten separatistische Bewegungen im eigenen Land (V ölker, die sich den Chinesen


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näher fühlten als den Kasachen) und verkündeten, Separatismus sei "das politische AIDS des zwanzigsten Jahrhunderts". ¹⁴⁵ Es ist bedauerlich, dass diese Begriffe und Formulierungen Eingang in da s Lexikon des westeuropäischen politischen Diskurses gefunden haben, vor allem in der Rede des britischen Premierministers an die Westeuropäische Union vom 23. Februar 1996: "Ein ganzes und freies Europa zu schaffen ... bedeutet, die Stabilität und den Woh lstand, die wir in Westeuropa so lange als selbstverständlich angesehen haben, auf den Osten auszudehnen, während wir uns vor dem Auftreten neuer Spaltungen hüten. " ¹⁴⁶ Mit anderen Worten: Allein die Vorstellung, dass es in Europa Trennlinien gibt, wird als schlecht angesehen. Aber, wie wir in Kapitel IV gesehen haben, ist eine Grenze nur in der kommunistischen Vorstellung eine geschlossene Barriere. Nach traditionell er und liberaler Auffassung ist eine Grenze die Linie, die eine politische Einheit abgrenzt, und die Abschaffung einer Grenze muss daher die Abschaffung der politischen Einheit bedeuten, die sie beschreibt. Aber dieselbe Idee ermöglicht es Russland auch, s ich öffentlich gegen die Ausdehnung der NATO auf seine Grenzen zu wehren, während es selbst diese Grenzen im Geheimen nach Osten ausdehnt. Die interessanteste Äußerung über den Zusammenschluss der vier Republiken kam jedoch von Präsident Nasarbajew aus Kas achstan. Er erklärte, der Vertrag sei "ein Sprungbrett für die eurasische Union". ¹⁴⁷ Der Begriff "Eurasianismus" hat für die Russen eine besondere Bedeutung: Er steht für eine antiliberale Bewegung, die in den 1920er Jahren entstand und auf dem Hass gegen die westliche Zivilisation und der Überzeugung von Russlands einzigartiger Mission in der Welt basiert. Es handelt sich um eine Denkströmung, die russische Kommunisten, Nationalisten und Gemäßigte vereint. Der Eurasianismus hat in den letzten Jahren in Rus sland wieder an Popularität gewonnen, als eine Art Ersatz für den offensichtlichen Zusammenbruch der kommunistischen Ideologie. Die jüngste Annäherung zwischen Rußland und China, Rußland und dem Iran sowie Rußland und den ehemaligen zentralasiatischen Staa ten der Sowjetunion läßt sich am besten als eine wachsende Tendenz zum Eurasianismus in Präsident Jelzins Umfeld verstehen. Sie ist vor allem auf die Ernennung von Jewgeni Primakow zum russischen Außenminister zurückzuführen - einem Mann, dessen Spezialgeb iet der Iran und der Nahe Osten ist -, auch wenn Gorbatschow selbst von "Eurasien" sprach und 1993 in Moskau eine Konferenz organisierte, an der auch Hans -Dietrich Genscher teilnahm und die zu dem Schluss kam, dass die "eurasische Zivilisation" verteidigt werden müsse.


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Die Ursprünge des Eurasianismus liegen jedoch in einer geopolitischen Schule, die 1921 durch die Veröffentlichung des Buches "Exodus to the East" von N. Troubetskoy, P. Souvtchinsky, G. Flo rovsky und P. Savitsky ins Leben gerufen wurde. Die Schule versuchte, die der geopolitischen Identität Russlands innewohnende Schizophrenie zu lösen, indem sie behauptete, die Russen seien weder Europäer noch Asiaten, sondern Eurasier, eine Mischung aus de n sesshaften Völkern der Wälder und den nomadischen Völkern der Steppen. Der Eurasianismus ist eindeutig eine antiwestliche Ideologie, und als solche unterstützen seine Theoretiker nicht die Einigung "Europas" in dem Sinne, wie die meisten europäischen Föd eralisten den Begriff verstehen. Sie waren in der Tat froh, dass der Bolschewismus die Westorientierung Russlands beendet und ihr Land zum Feind Europas gemacht hatte. Andererseits hat der Eurasianismus zwei andere Dinge mit dem (west -)europäischen Föderal ismus gemeinsam. Das erste ist eine geopolitische Mentalität, wie sie in einem früheren Kapitel untersucht wurde; das zweite ist die Ansicht, dass Westeuropa, Russland und die ehemaligen Sowjetstaaten irgendwie einen gemeinsamen "Raum" bilden sollten. Die Eurasier glauben, dass die Trennung zwischen Europa und Asien künstlich ist und dass die beiden Kontinente in Wirklichkeit eins sind. Russland ist in der Tat das Land, das sie eint. Mit anderen Worten, sie glauben wie die westeuropäischen Föderalisten, das s politische Einheiten durch die Geographie bestimmt werden oder werden sollten. Dass die Eurasier "Europa" als Modell ablehnen, bedeutet nicht, dass sie der Meinung sind, dass Russland in Europa keine Rolle spielen sollte: Im Gegenteil, sie sind der Meinu ng, dass ein eurasisches Russland Europa erweitern und erobern sollte. Genau wie 1917, als das Zarenreich von den Bolschewiki, die Russland zuerst eroberten, wieder aufgebaut wurde (viele der künftigen Sowjetrepubliken genossen nach dem Bürgerkrieg eine ku rze Zeit der Unabhängigkeit, bevor die Bolschewiki sie zurückeroberten), sehen die modernen Eurasier die neue russische Republik als Sprungbrett für eine pansowjetische und vielleicht paneurasische Union. Der Eurasianismus", schreibt ein Theoretiker, "ist die neue Nische, die die Sowjetunion retten wird". ¹⁴⁸ Die Eurasier sind Anhänger des "Großraum "-Denkens, das wir bei den Nazi Geopolitikern kennen gelernt haben. Wie die Nazis sind sie davon überzeugt, dass es einen irreduziblen Gegensatz zwischen See - und Landmächten gibt, der sich in der Feindschaft zwi schen den "thalassokratischen" Mächten Großbritannien und Amerika - und dem Kontinent verkörpert, dessen "Kernland" (um den ursprünglichen geopolitischen Begriff des Geopolitikers Halford J. Mackinder zu verwenden) vom eurasischen Russland beherrscht wird. Nur die strategischen Interessen Russlands sind absolut identisch mit denen des Kontinents", schreibt ein moderner Eurasier. Nur eine kontinentale


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Integration um Russland herum kann allen Völkern Eurasiens echte Souveränität garantieren ... die peripheren Gebiete sind für Russland unverzichtbar, wenn es eine wirklich souveräne geopolitische Kraft auf dem Kontinent werden will. " ¹⁴⁹ Diese Mentalität ist natürlich per definitionem feindlich gegenüber jeder "Teilung" der einheitlichen Masse, die der eurasische Kontinent darstellt. Wie die Deutschen empfinden auch die Russen die Zersplitterung dieser Landmasse als Bedrohung: Sie haben das Gefühl, dass damit das Spiel der atlantischen Mächte gespielt wird. Die amerikanische Vo rherrschaft im westlichen Teil dieses Kontinents schwächt den östlichen Teil, und deshalb sollte es einen neuen "eurasischen" strategischen Block geben, der "den deutsch französischen Block, der sich von der atlantischen Vormundschaft befreien will", und "einen asiatischen Block, der aus China, Indien und der muslimischen Welt besteht", umfassen würde. ¹⁵⁰ In Europa ist es vor allem die Achse Berlin-Moskau, die es zu konstituieren gilt, wobei Deutschland zum Wiederaufbau Mitteleuropas ermutigt werden muss, d enn "Deutschland war immer der Feind der angelsächsischen kolonialen Eroberungen und hat immer versucht, eine rein irdische, kontinentale und autarke Zivilisation zu schaffen". In Asien müssen die eingeschworenen Feinde der atlantischen Mächte, die islamis chen Fundamentalisten, unterstützt und die säkulare Türkei ausgeschaltet werden, denn sie ist der wichtigste Spielball der atlantischen Mächte in dieser Region. Geopolitisches Denken dieser Art ist keineswegs auf ein paar obskure Zeitschriften beschränkt. Der Kommunistenführer Gennadi Sjuganow lobte Iwan den Schrecklichen für seine geopolitischen Einsichten: Der Zar verstand klar die geopolitischen Bedürfnisse seines Reiches. Er erkannte, dass die staatlichen und nationalen Interessen Russlands die Kontroll e der maritimen Regionen erforderten. Was Peter den Großen betrifft, so wollte er "nicht so sehr ein Fenster zum Westen öffnen [durch die Gründung von St. Petersburg], sondern vielmehr die Sicherheit Russlands gewährleisten und es gegen eine mögliche Invas ion vom Meer her absichern". ¹⁵¹ Die russischen Eurasier sehen vor allem die islamischen Fundamentalisten als Verbündete an. Sie bewundern deren Hass auf den Liberalismus, den freien Markt und auf Amerika. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Wladimir Schirinowski ein klarer Befürworter der eurasischen Union ist. Als der Vertrag zwischen den vier Republiken im März 1996 unterzeichnet wurde, sagte er: "Es besteht Handlungsbedarf - und zwar schnell. Als nächstes kommen die Ostukraine, Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan - wieder einmal der Weg nach Indien. "¹⁵² Bereits 1994 hatte er erklärt, dass der Prozess der Wiederherstellung des Imperiums mit der Ausdehnung Russlands in Richtung


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warmer Gewässer im Süden und Westen beginnen müsse. Erst dann würde die Erbauung des Kontinents abgeschlossen sein. Annexionen und Eroberungen sind dafür nicht notwendig. Alles, was nötig ist, ist ein strategisches antiatlantisches Bündnis mit den kontinentaleuropäischen und asiatischen Mächten. "¹⁵³ Mit anderen Worten: Jede Ana lyse der Entwicklungen in der ehemaligen Sowjetunion, die diese übergeordnete geopolitische und strategische Agenda nicht berücksichtigt, dürfte mangelhaft sein. Und dennoch - genau wie bei der westlichen Analyse des Jugoslawienkrieges und der politischen Reaktion darauf - ist es genau diese Analyse, die gefehlt hat. So wie in den westlichen Stellungnahmen zu Jugoslawien die Formulierung "Serbiens Kriegsziele" fehlte, so werden auch Russlands Ziele in den Krisenherden der ehemaligen Sowjetunion systematisch durch den Schleier verdeckt, den der Mythos des Nationalismus über sie wirft.

Ein Feigenblatt für den russischen Expansionismus

Der Prozess der Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Kontrolle Moskaus über die ehemaligen Sowjetrepubliken begann je doch nicht erst mit der Veröffentlichung des Strategiedokuments im Jahr 1995. Er begann im Jahr 1991. Oder, genauer gesagt, er wurde nie aufgegeben: Gorbatschows Festhalten am Mythos des Nationalismus sollte selbst zeigen, dass "Integration" und supranatio nale Strukturen (natürlich unter dem Einfluss Moskaus) die Antwort darauf sind. Um dieser Vision Glaubwürdigkeit zu verleihen, haben sowohl Jelzin als auch Gorbatschow "Minderheiten" in Regionen von strategischer Bedeutung manipuliert, um echte Unabhängigkeitsbestrebungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zu bekämpfen. Das vielleicht eklatanteste Beispiel für diese Ausbeutung nationaler Minderheiten war die transnistrische Region der Republik Moldau. Dieser Landstrich wurde von Stalin vor dem Zweite n Weltkrieg geschaffen und erhielt den Namen "Sowjetrepublik Moldawien", obwohl er vor 1914 nicht zu Rumänien gehört hatte. Denselben Namen erhielt auch die ehemals rumänische Provinz Bessarabien, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion einge gliedert wurde. Als die Sowjetrepublik Moldawien (die in etwa der alten rumänischen Provinz Bessarabien entsprach, die seit den napoleonischen Kriegen mit Russland umstritten war) nach dem Putsch vom August 1991 ihre Unabhängigkeit von


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der Sowjetunion erklärte, erklärte die russische Minderheit in Transnistrien ihrerseits ihre Unabhängigkeit von Moldawien. 1992 brachen Kämpfe aus, und die 14. russische Armee rückte zum "Schutz" der Russen ein. Das Recht der russischen Armee, in die Region einzumarschieren, war international weitgehend unumstritten, obwohl Transnistrien entweder in Moldawien oder in der Ukraine lag - beides angeblich unabhängige Länder - aber keineswegs in Russland. Der Grund für den Einsatz der russischen Tr uppen war natürlich, die strategischen Interessen Russlands in der Region zu schützen. Tiraspol ist ein strategisch sehr wichtiger russischer Militärstützpunkt. Der Befehlshaber der 14. Armee, Alexander Lebed, bezeichnete die Stadt als "Tor zum Balkan", un d sie ist in der Tat ein Knotenpunkt für die Energieversorgung Moldawiens. Die Tatsache, dass es im Rest der Republik Moldau mehr Russen gibt als in Transnistrien, wo die Russen sogar noch dünner verteilt sind als anderswo in der Republik, widerlegt die so fortige Analyse westlicher Kommentatoren, dass es sich um eine Reaktion auf den "Nationalismus" der moldawischen Behörden handelt. Mit anderen Worten: Moldawien ist kein Beispiel für die Gefahren des Nationalismus, sondern vielmehr ein Lehrbuchbeispiel da für, wie Minderheiten für die klassische Großmachtpolitik manipuliert werden können. Genau wie die Gagausen, ein christliches Turkvolk, das bei Gorbatschow für eine Sprache protestierte, die es seit zwei Jahrhunderten nicht mehr gesprochen hatte, als 1989/ 90 die ersten Anzeichen der moldauischen Unabhängigkeit aufkamen, brachte die transnistrische Krise die abtrünnige moldauische Regierung bald in Bedrängnis. Alle Träume von einer Wiedervereinigung mit Rumänien wurden zunichte gemacht, die ehemaligen Kommunisten wurden bald wieder eingesetzt, Moldawien trat der GUS bei, und die ethnischen Probleme verschwanden auf wundersame Weise. Die russische IV. Armee blieb jedoch bestehen. 154 Als der Moskau -freundliche Petru Lucinschi in Moldawien an die Macht kam, ließ Moskau sogar seine früheren Handlanger in Tiraspol stillschweigend fallen. Ein ähnliches künstliches Aufflackern von Spannungen und Feindseligkeiten lässt sich auch anderswo in der ehemaligen Sowjetunion beobachten. Wenn es sich bei diesen Auseinandersetz ungen um echte nationalistische Probleme an der Basis gehandelt hätte, wäre eine allmähliche Verhärtung der Fronten auf beiden Seiten zu beobachten gewesen. In Wirklichkeit ist in jedem Fall das Gegenteil eingetreten. Die alten Kommunisten sind nach den "U nruhen" an die Macht zurückgekehrt und spielen die Karte der Mäßigung und Annäherung an Moskau. In der Ukraine beispielsweise entstand auf der Krim eine russische Unabhängigkeitsbewegung, als die Ukraine eine gemäßigte, auf


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Unabhängigkeit bedachte Regierung hatte und als die Aufteilung der Schwarzmeerflotte noch strittig war. Obwohl sich die ukrainische Frage noch nicht stabilisiert hat, war es auffallend, dass es auf der Krim wieder ruhig wurde, nachdem der pro-moskauische Leonid Kutschma in Kiew gewählt worden war. Die Region, in der die russische Ausbeutung nationaler Minderheiten am brutalsten war, ist der Kaukasus. Diese Region ist traditionell von großem strategischem Interesse für Russland. Das kais erliche Russland versuchte traditionell, die Völker des Nordkaukasus zu unterdrücken, weil sie den einfachen russischen Zugang zu den reichen Kaukasusgebieten blockierten. Einige Völker, wie z. B. die Oubiken, wurden einfach ausgerottet und durch russische Kolonisten ersetzt.155 Während des gesamten neunzehnten Jahrhunderts stießen die schwerfälligen und oft spektakulär grausamen russischen Maßnahmen in Tschetschenien auf sehr hartnäckigen Widerstand. Die tschetschenischen und daghestanischen Völker erhoben sich 1920-21 gegen die Sowjetunion: Sie wurden damals und - noch grausamer - 1937 niedergeschlagen. Im Jahr 1944 wurden fast alle Tschetschenen deportiert. Ihre grausame Unabhängigkeit veranlasste Alexander Solschenizyn sogar dazu, in Der Archipel Gulag ü ber sie zu schreiben. Im zwanzigsten Jahrhundert galten neue, aber ähnliche strategische Interessen. Der Kaukasus ist nicht nur die Schnittstelle zwischen dem christlichen Russland und der muslimischen Welt, sondern auch eine Region, in der noch riesige Öl reserven im Kaspischen Meer darauf warten, erschlossen zu werden. Diese Ölreserven sind in zweierlei Hinsicht von Bedeutung. Erstens ist das Öl natürlich eine Einnahmequelle für den Staat und für die neuen "privaten" Eigentümer der Ölgesellschaften. (Das a serbaidschanische Öl wird vom Sohn des Präsidenten verwaltet.) Zweitens kann Russland (und früher die Sowjetunion) auf eine lange Erfolgsgeschichte zurückblicken, wenn es darum geht, Energie als Druckmittel einzusetzen, um die Prioritäten des Kremls auf dem alten Gebiet der UdSSR durchzusetzen. Seit dem sibirischen Pipeline Projekt im Jahr 1989, als Moskau versuchte, die Abhängigkeit Westeuropas von sowjetischem Erdgas zu fördern, sind die baltischen Staaten, die Ukraine, Kasachstan, Georgien und Aserbaidsc han allesamt Opfer der russischen Nutzung von Energie zur Beherrschung ihrer Nachbarn geworden. Der Fall der baltischen Staaten war in dieser Hinsicht besonders eklatant. Die Energielieferungen an das stark unabhängige Litauen von Vytautas Landsbergis wurden einfach unterbrochen und erst wieder aufgenommen, als der ehemalige Erste Sekretär der Kommunistischen Partei, Algirdas Brazauskas, an die Macht zurückkehrte. In ähnlicher Weise warben 1993 im benachbarten


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Lettland pro-moskauische Politiker mit einem Drei -Wort-Slogan, der ihr Angebot beschrieb, darunter auch "Wärme". In der gesamten ehemaligen Sowjetunion leiten führende Politiker oft Energieunternehmen, wie der russische Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin, der dem riesigen russischen Gaskonglomerat vorsteht. All dies hat zur Folge, dass es kein einziges Land auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gibt, in dem die Volksfronten, die in den späten 1980er Jahren aus dem Boden schossen, um sich der russischen Hegemon ie zu widersetzen, noch an der Macht sind. In einigen Ländern, wie Weißrussland, Georgien, Aserbaidschan und anderen, wurden ihre Führer sogar verhaftet oder ins Exil gezwungen. Um das neue Öl, das in Aserbaidschan ausgebeutet werden soll, zu kontrollieren, spielt Russland im Kaukasus mit beachtlichem Geschick Machtpolitik.156 Seit dem "Zusammenbruch" der Sowjetunion hat Russland erfolgreich und brutal dafür gesorgt, dass seine eigenen Leute in den Kaukasusrepubliken das Sagen haben. Russland ist vor allem daran interessiert, dass Bakus Öl durch Russland selbst fließt, und das heißt durch Tschetschenien. (Tschetschenien ist auch der einzige Teil der ehemaligen Sowjetunion, in dem Kerosin abgebaut wird). Eine alternative Route, die möglicherweise rechtzeitig gebaut wird, führt durch Georgien zum Schwarzen Meer. Es ist daher kein Zufall, dass Georgien, Aserbaidschan und Tschetschenien Schauplätze massiver Unruhen waren. In Georgien und Aserbaidschan wurden frei gewählte Präsidenten eingesetzt, die sich seit lan gem gegen den Kommunismus engagieren und im Gegensatz zu vielen, die sich in letzter Zeit dem "freien Markt" zugewandt haben, ein echtes Interesse an der nationalen Unabhängigkeit ihrer Länder haben. Beide, Swiad Gamsachurdia und Abulfaz Elcibey, wurden ba ld darauf durch Militärputsche gestürzt und durch hochrangige Vertreter der kommunistischen Partei ersetzt: den ehemaligen sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse (in seinem Heimatland wegen seiner brutalen Herrschaft als Erster Sekretär der Partei in Georgien in den 1970er Jahren als "Schlächter von Tiflis" bekannt) und das ehemalige Mitglied des Politbüros von Leonid Breschnew, Geidar Alijew, in Baku. Sowohl Alijew als auch Schewardnadse ließen sich dann auf betrügerische Weise "wählen". 1992 war Schewardnadse der einzige Kandidat - wie in der guten alten Zeit der sowjetischen Wahlen -, während die Wahl, die Alijew an die Macht brachte, offen gefälscht war. Teilen und herrschen" war schon immer eine nützliche Faustregel für Russland in der Region, und Moskau nutzte die Frage der nationalen Minderheiten im gesamten Kaukasus geschickt aus, um diese Ziele zu erreichen. In Georgien


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unterstützte Russland schlecht bewaffnete Völker - die Osseten und die Abchasen - militärisch, um "ethnische Konflikte" zu schüren. In Aserbaidschan unterstützte Russland beide Seiten im Krieg mit Armenien um Berg -Karabach. Diese Konflikte haben eine Reihe prominenter Persönlichkeiten aus dem politischen Establishment von Go rbatschow und Jelzin auf den Plan gerufen, darunter zuletzt den russischen Außenminister Jewgeni Primakow, um sie zu "managen".

Der Eine-Weltismus: ein alter sozialistischer und russischer Traum

All dies erklärt, warum Russland so sehr an paneuropäischen Institutionen und am Prozess der paneuropäischen Integration im Allgemeinen interessiert ist. Solche Institutionen haben in der Regel einen internationalen und bürokratischen Charakter, der den kommunistischen oder neokommunistischen Bestrebungen nach Kon trolle über den europäischen Kontinent nicht abträglich ist. Sie sind per definitionem feindselig gegenüber einer wirklich freien Nationalität, und ihre Interessen können daher mit denen imperialer Mächte wie Russland übereinstimmen. Da sie auf der Überzeu gung beruhen, dass die Stabilität von oben kommt und nicht aus dem freien Zusammenspiel zwischen Individuen oder Nationen, sind solche Institutionen zudem oft weltfremd. Sie verkörpern die Ansicht, dass Politik und menschliches Verhalten wissenschaftlich g eplant werden können und dass eine solche Planung dem vorzuziehen ist, was zu viele Menschen gerne als irrationale und unverständliche lokale Konflikte betrachten. Die Eine-Welt-Ideologie, zu der die internationalen Institutionen naturgemäß neigen, hat viel mit dem Kommunismus gemeinsam. Sie teilen den gleichen grandiosen Anspruch auf Universalität. Der ehemalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse sagte einmal: "Die rationale Organisation der menschlichen Existenz auf globaler Ebene ist eine abs olute Notwendigkeit". Er schrieb: "Zum ersten Mal beginnen wir uns der Notwendigkeit bewusst zu werden, zahlreiche Aspekte der menschlichen Existenz auf globaler Ebene zu regeln. " ¹⁵⁸ In ähnlicher Weise argumentierte Michail Gorbatschow in seiner Fulton -Rede am 7. Mai 1992, dass "die Welt sich der Tatsache bewusst wird, dass es unabdingbar ist, Formen der globalen Verwaltung zu schaffen, an denen alle Mitglieder der internationalen Gemeinschaft teilnehmen". ¹⁵⁹ Wie das meiste sozialistische Denken ist auch d ieses von dem utopischen Glauben an eine "neue Ordnung" durchdrungen, die von einer Elite von


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Verwaltern und Planern regiert wird, und von der Überzeugung, dass die Vergangenheit endgültig aufgegeben werden muss, wenn die Zukunft funktionieren soll. Noch 1995 schrieb Gorbatschow, dass die "traditionellen Methoden" zur Gewährleistung der Sicherheit nicht mehr anwendbar seien. Er behauptete, dass "ein globales System gemeinsamer Sicherheit" geschaffen werden müsse.¹⁶⁰ Die häufige Verwendung von Worten wie "Architektur" oder "System" in solchen Zusammenhängen setzt die Existenz eines Architekten oder Planers voraus, der die neue Welt strukturieren wird. Wie alles sozialistische Denken beruht auch dieses "neue Denken" auf einer radikalen Ablehnung der Menschheit, wie sie jetzt ist, und auch der Freiheit - denn Freiheit, die nicht planbar ist, kann nur das Unvorhersehbare hervorbringen. Die Tatsache, dass solche Pläne für eine paneuropäische Regierung immer mit der Bekräftigung der Notwendigkeit einer supranationalen Sozialpolitik einhergehen, unterstreicht nur deren inhärent sozialistischen Charakter. In der Tat setzt die gesamte gorbatschowsche und weltumspannende Ideologie der "gemeinsamen menschlichen Werte" ebenso w ie die des "gemeinsamen europäischen Hauses" die Auflösung des politischen Lebens in einer einheitlichen weltweiten Verwaltung voraus. Solche "gemeinsamen Werte" werden von ihren Anhängern stets dem "Konflikt" und der "Spaltung" entgegengesetzt, die sie an geblich in der Welt bedauern. Tatsächlich aber ist der Konflikt eine inhärente Folge der menschlichen Freiheit und eine natürliche Facette des menschlichen Verhaltens. Sie abschaffen zu wollen, weil die Menschen "alle gleich" sind, ist eine verwaltungstech nische, unpolitische und daher unnatürliche Sicht der menschlichen Natur. In diesem Sinne schrieb Eduard Schewardnadse 1992: "Die alte Idee eines geeinten Europas bekommt eine Chance. Die europäischen Länder gehen heute davon aus, dass sie ein gemeinsames Schicksal, gemeinsame Probleme und gemeinsame Interessen haben ... Europa steht vor der edlen Aufgabe, dem Rest der Welt zu zeigen, dass der weitere Fortschritt unserer Zivilisation nur auf der Grundlage universeller menschlicher Werte möglich ist.' ¹⁶¹ Oder wie sein Chef Michail Gorbatschow schrieb: "Es ist genau dieser Gedanke der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Unterstützung, der den Ursprung - den Kern - des Konzepts des "Gemeinsamen Hauses" bildet.' ¹⁶² Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Ideologie des Eine -Welt-Gedankens in der internationalen Linken so beliebt ist. Der sowjetische Dissident Andrej Sacharow beispielsweise, der seine eigenen Ansichten als "zutiefst sozialistisch" bezeichnete, schrieb jahrelang über die Möglichkeit und Wünschbarkeit einer "Konvergenz" zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen "System" und nicht über den Triumph des freien Kapitalismus über den diktatorischen Kommunismus. ¹⁶³ Sacharow sprach sich offen für die


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"wissenschaftliche Methode der Politikgestaltung" aus und griff insbesondere die "Spaltung der Menschheit" als Quelle allen Übels und der potenziellen zukünftigen Zerstörung der Menschheit an. Er sprach sich für eine massive internationale Besteuerung aus, um Finanztransfers von den reichen in die armen Länder zu bewirken, und schrieb von den "monströsen Verhältnissen in menschlichen und internationalen Angelegenheit en, die das egoistische Prinzip des Kapitals hervorbringt, wenn es nicht von sozialistischen und fortschrittlichen Kräften unter Druck gesetzt wird". ¹⁶⁴ Die Verbindung zwischen diesem geradlinigen Sozialismus und dem grandiosen - ja größenwahnsinnigen - Konstruktivismus wird durch einen großartigen Ausflug in die politische Science -Fiction, dem Sacharow frönt, deutlich. Sacharow, der schreibt, er gehör e "nicht zu denen, die das Mehrparteiensystem für eine wesentliche Etappe in der Entwicklung des sozialistischen Systems oder gar für ein Allheilmittel für alle Übel halten", warnt davor, dass das Mehrparteiensystem entstehen und der Sozialismus zusammenbrechen würde, wenn die Kommunistische Partei nicht die "wissenschaftlich -demokratische Methode" anwendet. Als Teil des "Konvergenzprozesses" sah er eine "erweiterte Rolle für die Intelligenz" (um all dies zu planen, wie man annimmt) und einen Prozess der we ltweiten Industrialisierung voraus, in dem "gigantische Düngemittelfabriken unter Verwendung von Atomenergie gebaut werden, die Ressourcen des Meeres in einem weitaus größeren Ausmaß genutzt werden ... und gigantische Fabriken synthetische Aminosäuren hers tellen und Proteine, Fette und Kohlenhydrate synthetisieren". In der letzten Phase der "Konvergenz" (1980 -2000) werde es eine "Weltregierung und die Glättung nationaler Widersprüche" geben. Um das Ganze abzurunden, fügte er hinzu, dass "während dieses Zeit raums die Ausweitung der Weltraumforschung Tausende von Menschen erfordern wird, die ständig auf anderen Planeten und auf dem Mond, auf künstlichen Satelliten und auf Asteroiden, deren Umlaufbahnen durch - nukleare Explosionen verändert worden sind, arbeit en und leben werden".¹⁶⁵ Abgesehen von der Science -Fiction haben sich die verfassungsrechtlichen Argumente nicht viel geändert, seit Sacharow diese Worte 1968 schrieb. Der Leiter des Moskauer "Instituts für Europa", Juri Borko, erläuterte die Ursprünge und Ideale der von Sacha row skizzierten "Konvergenztheorie". Die Konvergenztheorie war der erste Versuch, der starren Dichotomie "Kapitalismus versus Sozialismus" zu entkommen... Tatsächlich hat die Konvergenztheorie die "Entdeckung" dessen beschleunigt, was später allgemein aner kannt wurde - die globale Interdependenz aller Völker, Nationen und sozialen Systeme". Wie er zu Recht hervorhebt, war Helsinki "das erste internationale Dokument, das den Ansatz der Konvergenz


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manifestierte: nicht die "so zialen Systeme" zu verändern, sondern den territorialen und soziopolitischen Status quo anzuerkennen". ¹⁶⁶ Diese Ideen bilden heute das Grundnahrungsmittel vieler großer und guter Menschen der internationalen Linken. So kommt ein Bericht der "Commission on Global Convergence" - der Name ist Programm - mit dem Titel "Our Global Neighbourhood" zu dem Schluss: In einer zunehmend verflochtenen Welt verlieren die alten Vorstellungen von Territorialität, Unabhängigkeit und Nichteinmischung an Bedeutung. Nationale Grenzen sind zunehmend durchlässig - und in einigen wichtigen Aspekten weniger relevant. " ¹⁶⁷ Die Schlussfolgerung lautet vorhersehbarerweise, dass eine Weltregierung notwendig ist. Die Zeit ist jetzt reif - in der Tat überfällig - um ein globales Forum zu schaffen, das in wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Bereichen eine Führungsrolle übernehmen kann. Vorgeschlagen wird die Einrichtung eines Rates für wirtschaftliche Sicherheit, zu dessen Zielen es gehören würde, einen "langfristigen strategischen Rahmen" für den Planeten zu schaffen. Eines der Instrumente hierfür wäre eine verstärkte Rolle des IWF bei der Überwachung des internationalen Währungssystems, um sicherzustellen, dass die nationalen Wirtschaftspolitiken der wichtigsten Wirtschaftsländer nicht miteinander unvereinbar sind oder dem Rest der internationalen Gemeinschaft schaden. Ihre "Fähigkeit, nominale Wechselkurse im Interesse der Wechselkursstabilität zu stützen", würde verbessert.¹⁶⁸ Es wird die Europäer nicht überraschen zu erfahren, dass Jacques Delors neben vielen anderen Persönlichkeiten in dieser Kommission sitzt. In der Tat war Michail Gorbatschow selbst 1996 noch aktiv an der Idee einer Weltregierung beteiligt. Seine "Gorbatschow -Stiftung" in Kalifornien organisierte im Februar 1996 in San Francisco ein "State of the World Forum" mit Diskussionsthemen wie "Ökologie: di e neue Wissenschaft des Heiligen" und "Die globale Krise der Werte und die Suche nach Sinn". Der Präsident der Gorbatschow-Stiftung, Jim Garrison, forderte die Schaffung einer "Erd Charta". Wie er gegenüber der San Francisco Weekly erklärte, sei sein eigentliches Ziel die Erstellung eines Entwurfs für "die nächste Phase der menschlichen Entwicklung ... In den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren werden wir auf eine Weltregierung zusteuern. Das ist unvermeidlich. " ¹⁶⁹

Kollektive Sicherheit, Russland und die OSZE

Die Eine-Welt-Ideologie beruht auch auf der Annahme, dass Grenzen Barrieren sind, die abgebaut oder zumindest bis zur politischen Bedeutungslosigkeit


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"vergeistigt" werden sollten. Sie sieht keinen Unterschied zwischen Innen - und Außenpolitik und schon gar keinen rationalen Grund für eine solche Unterscheidung, da wir alle in einer interdependenten Welt leben. In der Tat ist eine Grenze natürlich eine Linie, die einen Zuständigkeitsbereich abgrenzt, und der Unterschied zwischen "innen" und "außen" ist daher der eigentliche Eckpfeiler der Staatlichkeit und der Rechtsstaatlichkeit oder sollte es sein. Vor allem aber ist die Auffassung, dass die Sicherheit - wie der Rest der Regierung - kollektiv sein mu ss, eine Doktrin, die sich radikal von der unterscheidet, auf der klassische Verteidigungsbündnisse wie die NATO beruhen. Sie sind nach außen gegen äußere Feinde gerichtet und sehen ein gemeinsames Vorgehen im Falle eines Angriffs durch einen äußeren Aggre ssor vor. Es ist daher mit dem Verständnis der NATO als Verteidigungsbündnis unvereinbar, wenn Bundeskanzler Kohl darauf besteht, dass "die NATO Erweiterung ge gen niemanden gerichtet ist". ¹⁷⁰ Ein Verteidigungsbündnis ist per definitionem "gegen" jemanden g erichtet, denn es soll seine Mitglieder gegen einen Staat, eine Gruppe von Staaten oder generell gegen alle Staaten verteidigen, die dem Bündnis nicht angehören. Verteidigungsbündnisse beruhen auf der Differenz - und sicherlich auf der Divergenz der Intere ssen zwischen verschiedenen Staaten, und sie geben niemals vor, dass sie politische Streitigkeiten innerhalb eines Mitgliedstaates beilegen können oder dass sie Vehikel für eine allgemeine politische Integration sein sollten. Eine Organisation, die dies täte, wäre dagegen kein Verteidigungsbündnis, sondern eine Art supranationale Regierung. Diejenigen, die wie Michail Gorbatschow glauben, dass "Sicherheit nicht nur ein militärisches Problem ist. Sie ist vielmehr vor allem ein politisches Problem", so dass Sicherheit nur durch eine gemeinsame, supranationale Regierung gewährleistet werden kann.¹⁷¹ Dieselbe Mentalität erlaubt es der "Sicherheit", die Notwendigkeit einer Regierung in allen Politikbereichen zu rechtfertigen: Die Commission on Global Convergence schlägt eine Weltregierung in Form eines wirtschaftlichen Sicherheitsrates vor. Gerade weil es in der Philosophie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (der 1975 aus der Helsinki -Konferenz hervorgegangenen und in Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa umbenannten Organisation) von zentraler Bedeutung ist, dass "Sicherheit" keine Frage der militärischen Verteidigung von Staaten gegen Angriffe von außen ist, sondern vielmehr eine Frage des gemeinsamen Regierens, hat Russland die Organisation seit langem als nützliches Instrument betrachtet, um seine führende Rolle in Europa zu behaupten, indem es die NATO durch eine gesamteuropäische Sicherheitsstruktur ersetzt und damit seinen Einfluss auf den europäischen Kontinent festigt und ausbaut. Es ist


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daher bezeichnend, dass die OSZ E in den letzten Jahren so etwas wie eine Renaissance erlebt hat. Seit 1994 hat die OSZE ihre Mitgliedsstaaten auf kollektive Sicherheit verpflichtet, wie es die Russen schon immer gewollt haben. Im Abschlussdokument des Budapester Gipfels heißt es: "Die T eilnehmerstaaten werden ihre gegenseitigen Sicherheitsbeziehungen auf einen kooperativen Ansatz gründen. Sie betonen in dieser Hinsicht die Schlüsselrolle der KSZE... Die Teilnehmerstaaten werden zusammenarbeiten, um sicherzustellen, daß alle derartigen Sicherheitsvereinbarungen mit den KSZE -Prinzipien und den Verpflichtungen aus diesem Kodex im Einklang stehen.' ¹⁷² Als einer der führenden Befürworter der europäischen kollektiven Sicherheit hat der vermeintlich gemäßigte ehemalige russische Außenminister Andrej Kosyrew betont: "Die KSZE ist zum unersetzlichen Instrument des Aufbaus des neuen Europa geworden". ¹⁷³ Ihm zufolge ist sie Teil des "gesamteuropäischen Prozesses".¹⁷⁴ In geopolitischen Formulierungen, die, wie wir sehen werden, sehr bedeutungsschwer sind, forderte er "einen Staatenbund, der zugleich transatlantisch und eurasisch ist". ¹⁷⁵ Unter Berufung auf d as übliche Mantra vom "aggressiven Nationalismus", der die größte Gefahr darstelle, fordert Kosyrew, die OSZE in "eine wirklich wirksame gesamteuropäische Organisation" umzuwandeln, um ihn zu bekämpfen. ¹⁷⁶ Er fährt fort: "Die Sicherheit des neuen demokrati schen Europas kann nur gemeinsam und global sein... Die Einheit des demokratischen Europas impliziert die Unteilbarkeit der Sicherheit der europäischen Völker. " ¹⁷⁷ All dies bedeutet, dass die OCSE weit davon entfernt ist, ein Verteidigungsbündnis wie die NATO zu sein, sondern dass sie eine gesamteuropäische Regierung anstrebt. In den Worten des Vorsitzenden der OSZE, des ungarischen Außenministers Laszlo Kovacs: "Umfassende Sicherheit bedeutet mehr als nur militärische Sicherheit. "¹⁷⁸ Wie er auf dem Gipfel treffen 1994 in Budapest deutlich machte, befasst sich die OSZE nicht nur mit den Beziehungen zwischen Staaten, sondern auch mit dem Verhältnis zwischen Staat und Bürger. So verwischt die Philosophie der OSZE die Unterscheidung zwischen inneren und äußeren Angelegenheiten. In der Tat verwenden ihre Dokumente weitgehend dasselbe Vokabular wie die Europäische Union: Sie sprechen von "einer sicheren und stabilen KSZE Gemeinschaft, die vollständig und frei ist", von "der Integration von Staaten bei der Lösung von Sicherheitsproblemen" oder von "unserem Ziel einer Gemeinschaft von Nationen ohne alte oder neue Trennungen". Ihre Erklärungen sind voll von der Art des antinationalen Eine -Welt-Gedankens, den wir oben analysiert haben, und sie teilt die Abneigung der E U gegen Grenzen, da sie diese nur als Faktoren für die Spaltung und als Ursache für


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potenzielle Konflikte betrachtet, und sie sprechen typischerweise von "einem Europa ohne Mauern, ohne ideologische Barr ieren und ohne politische Feindseligkeiten".¹⁷⁹ Die sehr weit gefasste Definition von Sicherheit und die ihr zugrunde liegende Mythologie der vollständigen Harmonie ermutigt die OSZE zu der Auffassung, dass jeder "Konflikt" entweder aufgelöst oder "bewälti gt" werden sollte. Gerade weil die OSZE den bürokratischen Dogmen des "Krisenmanagements" und der "Konfliktverhütung" anhängt, widmet sie der Entwicklung neuer "Instrumente" und "Mechanismen" zur Bewältigung dieser Konflikte große Aufmerksamkeit. So heißt es in den Schlussfolgerungen des Budapester Gipfels von 1994: "Die Teilnehmerstaaten verpflichten sich, zusammenzuarbeiten ..., um Spannungen, die zu Konflikten führen können, entgegenzuwirken ... [sie] betonen die Bedeutung sowohl der frühzeitigen Erkennu ng potenzieller Konflikte als auch ihrer gemeinsamen Anstrengungen im Bereich der Konfliktverhütung. " ¹⁸⁰ Solche Formulierungen lassen sich rechtlich nicht genau definieren und geben der internationalen Gemeinschaft somit potenzielle Blankoschecks, um zu intervenieren - oder nicht zu intervenieren - wo immer sie will. Dieser Vorwand wird in einer ganzen Reihe von Rechten, die in den Dokumenten der OSZE verkündet werden, formell anerkannt, darunter Rechte für Arbeitnehmer, Frauen, Behinderte und nationale Mi nderheiten. Alle diese Elemente fallen unter das Etikett "Die menschliche Dimension". Die Rolle der OSZE beim Schutz der Rechte nationaler Minderheiten ist besonders wichtig, um der OSZE den Charakter einer paneuropäischen Regierung zu verleihen. Das liegt daran, dass es so viele Minderheiten gibt, vor allem in Mitteleuropa und in der ehemaligen Sowjetunion. Wie wir gesehen haben, hat das Vorhandensein bedeutender russischer Minderheiten in den ehemaligen Sowjetrepubliken auch Russland eine ausgezeichnete r echtliche Rechtfertigung für sein neoimperialistisches Konzept des "nahen Auslands" gegeben. Tatsächlich war es Russland, das den "aggressiven Nationalismus" als ein Schlüsselkonzept der OSZE eingeführt hat, ¹⁸¹ und dem es gelungen ist, diesen Begriff in verschiedene normgebende Dokumente der OSZE aufzunehmen. Infolgedessen ernannte die OSZE 1995 einen Hohen Kommissar für nationale Minderheiten, um die "Verhütung der Ausbreitung von ethnischen Konflikten und N ationalismus" zu gewährleisten, ¹⁸² und die Dokumente der KSZE und der OSZE sind voll von "Erklärungen zu aggressivem Nationalismus, Rassismus, Chauvinismus, Fremdenfe indlichkeit und Nationalismus".¹⁸³ In der Tat wurden die Befugnisse der OSZE im Umgang mit nationalen Minderheiten 1991 erheblich erweitert, als das sogenannte "Moskauer


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Dokument" eine Reihe neuer Verpflichtungen einführte, darunter eine wichtige Bestimmung über die Rechte von Minderheiten. In diesem Dokument wurde auf einen früheren OSZE -Bericht über nationale Minderheiten Bezug genommen, wodurch der Inhalt dieses Berichts in den Korpus des OSZE "Rechts" aufgenommen wurde. In dem Bericht war festgestellt worden, dass "Fragen, die nationale Minderheiten betreffe n, ... ein legitimes internationales Anliegen sind und daher nicht ausschließlich eine innere Angelegenheit des jeweiligen Staates darstellen". ¹⁸⁴ Die Behauptung der OSZE, sie könne das gesamte Spektrum politischer Gegensätze von Frauen - und Arbeitnehmerre chten bis hin zu nationalen Minderheiten befrieden - was an sich schon ein ziemlich falsches Ziel ist -, birgt die Gefahr, dass sie eher einer transkontinentalen Militärpolizei als einem Verteidigungsbündnis gleicht. Darüber hinaus könnte die OSZE von Staaten, in denen Minderheiten leben, alles Mögliche verlangen, von der Bereitstellung von Unterricht in Minderheitensprachen bis zur Schaffung lokaler Autonomie. Deshalb ist ein Rechtsexperte zu dem Schluss gekommen, dass die KSZE "die Quelle einer übergreife nden europäischen Verfassungsordnung ist, an die sich alle nationalen und politischen Institutionen in Europa halten müssen". ¹⁸⁵ Dies wird Russland das Recht geben, seine ehemaligen Kolonien unter Druck zu setzen, die nationalen Rechte der dort noch lebend en Russen zu "respektieren". Andererseits zielt die OSZE -Philosophie der nationalen Minderheiten auch entscheidend darauf ab, Minderheiten innerhalb eines Staates daran zu hindern, jemals echte politische Unabhängigkeit zu erlangen. Durch die Reduzierung der Nationalität auf eine Frage der "Identität" - Sprachunterricht in den Schulen und lokale Autonomie, als ob dies gemeint wäre, wenn ein Volk beschließt, ein Volk zu sein - scheint die OSZE entschlossen zu sein, sicherzustellen, dass Minderheiten Minderhe iten bleiben. Das ist natürlich die Definition einer Sezessionsforderung eines Volkes, das nicht damit zufrieden ist, eine Minderheit zu bleiben: Indem die OSZE die "Rechte" von Minderheiten schützt, scheint sie sie daran zu hindern, jemals wirklich das Ru der herumzureißen. Wie ein OSZE -freundlicher Kommentator geschrieben hat: Internationale Organisationen sollten keine weiteren Zugeständnisse an sezessionistische Bestrebungen machen: Ihr vorrangiges Ziel sollte der Schutz und die Förderung der Rechte von Minderheitengruppen innerhalb bestehender Staaten bleiben. ¹⁸⁶ Oder wie der Direktor des OSZE -Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte erklärt 'Versuche bestimmter Minderheiten, die eine Abspaltung von dem Staat, in dem sie leben, anstreben, zu behaupten, sie seien ein Volk und hätten ein Recht auf Selbstbestimmung, sind nicht begründet... Selbstbestimmung ist nicht gleichbedeutend mit v ollständiger Unabhängigkeit.' ¹⁸⁷


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Diese Darstellung des Standpunkts mag das Verdienst der Ehrlichkeit haben. Es wäre praktisch unmöglich, ein Recht auf politische Unabhängigkeit rechtlich zu garantieren: Die Unabhängigkeit von einem Staat kann nicht im Namen eines rechtlichen "Rechts" innerhalb des politischen und rechtlichen Systems des Staates gefordert werden, da der Wunsch gerade darin besteht, dieses System zu verlassen. Dahinter verbirgt sich jedoch eine tiefere Absicht. Einerseits kann der liberale Staat im Namen seiner internen Minderheiten von außen unterminiert werden, andererseits wird den Minderheiten in illiberalen Ländern (wie Russland) das verweigert, was sie wirklich wollen, nämlich echte politische Unabhängigkeit. Ein konkretes Beispiel dafür, wie sich diese beiden Facetten der Frage zugunsten russischer Interessen verbinden können, war, als der Ständige Rat der OSZE am 12. Januar 1995 den Grundsatz der territorialen Integrität Rußlands in der Tschetschenienfrage eindeutig unterstützte. Von allen willfährigen internationalen Reaktionen auf den Beg inn des Tschetschenienkriegs Ende 1994 war die der OSZE in der Tat die pro russischste. Dass sich die OSZE daran hielt, war wahrscheinlich zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass sie in ihre normativen Dokumente einen politisch militärischen Verhal tenskodex aufgenommen hatte, der als Kapitel 4 in die Beschlüsse des Budapester Gipfels einfloss. Da die Russen gute Schachspieler sind, wussten sie diesen Kodex zu nutzen, als es darauf ankam, denn in seinem fünfundzwanzigsten Absatz ist das Prinzip der territorialen Integrität folgendermaßen verankert: Die Teilnehmerstaaten werden keine Kräfte dulden oder unterstützen, die nicht ihren verfassungsmäßig eingesetzten Behörden rechenschaftspflichtig sind oder von diesen kontrolliert werden. " ¹⁸⁸ Die Russen konnten diesen Kodex als Legitimation für den Tschetschenienfeldzug nutzen. In der Tat kann die OSZE bereits beschließen, friedenserhaltende Missionen in das Hoheitsgebiet eines ihrer Mitgliedstaaten zu entsenden, ohne die Zustimmung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen einzuholen. Aufgrund der Verpflichtung der UNO zur friedlichen Beilegung von Streitigkeiten (Kapitel VIII der UN-Charta) bedürfen Zwangsmaßnahmen der Zustimmung des Sicherheitsrates. Aber die Westeuropäische Union - das Organ, das die europäischen Föderalisten in die EU integrieren wollen, um ihr eine Armee und eine Verteidigungspolitik zu geben - kann Zwangsmaßnahmen ohne die Zustimmung des Sicherheitsrats ergreifen, wenn die OSZE sie bittet, in einem Staat zu intervenieren, dessen Regi erung versucht, die Souveränität über sein gesamtes Territorium von sezessionisti schen Kräften zurückzuerlangen. ¹⁸⁹


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Darüber hinaus hatten westliche Entscheidungsträger das Prinzip der russischen "Friedenssicherung" im "nahen Ausland" bereits ausdrücklich gebilligt. Im Dezember 1993 verfasste der damalige britische Außenminister Douglas Hurd gemeinsam mit Kosyrew einen Artikel in der Financial Times, in dem die Bedingungen festgelegt wurden, unter denen Russland "friedenserhaltende" Operationen in ehemaligen Sowjetrepubliken durchführen durfte. Seit diesem Artikel hat die OSZE die Ent sendung russischer "friedenserhaltender" Truppen nach Aserbaidschan genehmigt; die 14. russische Armee befand sich zu der Zeit, als der Artikel verfasst wurde, illegal in Moldawien, und Russland hat auch militärische und andere Integrationsabkommen mit Bel arus (was bedeutet, dass sich russische Truppen nun wieder an der polnischen Grenze befinden) und Georgien unterzeichnet.¹⁹⁰ Als der Krieg ausbrach, verwies die OSZE auf den Verhaltenskodex und kritisierte russische "Exzesse" - eine OSZE-Mission, die Moska u und Tschetschenien vom 23. bis 29. Januar 1995 besuchte, kam lediglich zu dem Schluss, dass die Bombardierungen "unverhältnismäßig" gewesen seien -, aber als Gremium bekräftigte die OSZE ihre uneingeschränkte Unterstützung für die territoriale Integrität Russlands, d.h. ihre Ablehnung tschetschenischer Unabhängigkeitsansprüche. ¹⁹¹ Es überrascht kaum, dass Russland die Haltung der OSZE als "konstruktiv" bezeichnete: Man fragt sich, welches Ausmaß der Bombardierung die OSZE als "verhältnismäßig" angesehen hätte. Die Zeitung Iswestija kam sogar zu dem Schluss, dass die OSZE "mit Ru ssland sympathisierte".¹⁹² Und das, obwohl Russlands Verhalten eindeutig im Widerspruch zur Genfer Konvention von 1949 und zu deren zweitem Zusatzprotokoll von 1977 stand. Ein Kommentator drückt es phlegmatisch aus: "Die Frage ist, ob ... Russland in der L age sein wird, die OSZE zu nutzen, um den Grundsatz der Selbstbestimmung der Völker völlig ungestraft und mit den Methoden eines an deren Zeitalters zu missachten. "¹⁹³ Das andere Hauptinteresse Russlands an der OSZE besteht darin, dass sie Westeuropa unweig erlich neutralisieren wird. Internationale Gremien dieser Art haben eine natürliche Tendenz zur Sklerose, weil sie sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner konzentrieren. So wurde beispielsweise im Kommuniqué des Budapester Gipfels von 1994, das einen Übe rblick über den Stand der europäischen Sicherheit geben sollte, der Bosnienkrieg wegen des russischen Widerstands nicht erwähnt. Andrej Kosyrew selbst hat unwissentlich erklärt, warum solche gesamteuropäischen Strukturen Westeuropa neutralisieren werden. E r verglich die OSZE mit einem "Netz", in dem die Staaten m iteinander "verflochten" wären. ¹⁹⁴ Dass die Institution institutionell und kulturell bereits


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dazu geeignet ist, genau das zu tun, wird deutlich, wenn man ihre Literatur liest. Lesen Sie zum Beispiel, was der Generalsekretär der OSZE über Tschetschenien schreibt:

Tschetschenien hat die Wirksamkeit eines anderen OSZE -Instruments für frühzeitiges Handeln unter Beweis gestellt: die Exekutivinitiative des Amtierenden Vorsitzenden. Der Budapester Gipfel hat dieses Instrument erheblich gestärkt. In einer Reihe wohlüberlegter Schritte und gestützt auf die solide Unterstützung der OSZE -Staaten sprach der ungarische Vorsitz die Verletzung von OSZE -Verpflichtungen klar an und sicherte sich die Kooperation der Führung der Russischen Föderation. Daraufhin wurde im Ständigen Rat ein Konsens über die Einrichtung einer ständigen OSZE -Präsenz in diesem Konfliktgebiet erzielt. Auf dieser Grundlage ist die OSZE Unterstützungsgruppe in Tschetschenien seit April dieses Jahres [1995] im Einsatz. Durch den Leiter der Unterstützungsgruppe, den ungarischen Außenminister Laszld Kovacs, wurde das Potential der Gruppe genutzt, um wesentliche Beiträge zu einer friedlichen Beileg ung des Konflikts zu leisten. Praktisch unter dem Dach der Unterstützungsgruppe haben die Parteien der Einstellung der Feindseligkeiten zugestimmt und sind bereit, auf eine dauerhafte friedliche Lösung hinzuarbeiten. Zum ersten Mal wurde eine dauerhafte und friedliche Lösung klar und detailliert angesprochen. Viele Probleme bleiben jedoch bestehen, und die OSZE wird sich in der Zeit nach dem Konflikt mit der Vertrauensbildung befassen, einschließlich der Überwachung von Wahlen in Tschetschenien. ¹⁹⁵

Man fragt sich, wie eine tschetschenische Flüchtlingsmutter, deren Familie zerbombt und deren Haus in Schutt und Asche gelegt wurde, reagieren würde, wenn man ihr sagen würde, dass die Initiative des Amtierenden Vorsitzenden ein wirksames Instrument d er OSZE darstellt. Im Nebel des bürokratischen Geschwafels verloren und durch die Stagnation der Ausschüsse und Mechanismen am Handeln gehindert, wird jede westliche Reaktion auf russischen Druck oder russisches Fehlverhalten unweigerlich in Trägheit ausarten. Genau wie beim Europarat wird eine stärkere Rolle der OSZE zu einem institutionellen Ungleichgewicht führen. Im Europarat wird Russland die größte parlamentarische Delegation stellen (da es das größte Land ist), und es wird zu gegebener Zeit einen Ric hter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ernennen. Das bedeutet, dass seine parlamentarischen Delegierten und Richter die Politik des Europarates und die


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Urteile des Gerichtshofs mitbestimmen werden . Wie viele Mitgliedstaaten darunter auch Großbritannien - wissen, kann dies zu politischen Urteilen führen, die gegen sie ergehen: Großbritannien wurde vom Menschenrechtsgerichtshof wegen der Erschießung von drei IRA -Terroristen in Gibraltar kritisiert und zur Zahlung von Entschädigungen an die Familien der Toten verurteilt. Außerdem stellte der Gerichtshof im September 1996 das Recht eines Stiefelternteils in Frage, ein gewalttätiges Kind zu disziplinieren, obwohl der betreffende Mann in einem ordentlic hen Verfahren vor einem britischen Gericht von der Anwendung übermäßiger Gewalt freigesprochen worden war. Russland selbst hat jedoch öffentlich seine Absicht bekundet, sich nicht an die Regeln des Europarates zu halten und alle Versuche von Delegierten des Rates, sich in die inneren Angelegenheiten Russlands einzumischen, zu blockieren. Die Rolle der OSZE wird ähnlich sein. Entgegen der landläufigen Meinung verstärken internationale Institutionen oft den Einfluss mächtiger Länder, anstatt ihn zu schwächen. Die Europäische Union ist in der Tat ein anschauliches Beispiel dafür, wie Frankreich und Deutschland durch sie ihren Einfluss auf europäische Angelegenheiten ausbauen konnten. Innerhalb der OSZE - wie auch innerhalb des Helsinki -Prozesses seit dessen Beg inn - wird Russland ein Mitspracherecht in den inneren Angelegenheiten anderer Staaten fordern (z.B. im Namen nationaler Minderheiten) und sich gleichzeitig weigern, sich an irgendwelche Beschränkungen zu halten, die die OSZE ihm auferlegen will. Wie Deuts chland hat Russland ein großes Interesse daran, die Staatlichkeit anderer Völker aufzulösen und stattdessen seinen eigenen Einfluss auf okkulte Weise zu erhalten und auszuüben.


VII Ein Kontinent, im Niedergang

In einer gemeinsamen Erklärung, die 1995 veröffentlicht wurde, betonte eine Gruppe französischer und deutscher Parlamentarier, dass "die Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion grundlegenden politischen und strategischen Zielen dient", von denen das wichtigste "die Schaffung e iner neuen wirtschaftlichen und sozialen Weltordnung" sei. ¹ Den Ruf nach einer neuen Weltordnung haben wir schon oft gehört. Tatsächlich aber ist an dem Projekt der Europäischen Währungsunion wenig wirklich Neues, es sei denn, es bedeutet eine Abkehr von d er Art und Weise, wie die Staaten der EG bisher miteinander umgegangen sind. Was die zugrundeliegenden Motive anbelangt, so fällt das Projekt vor allem durch seine intellektuelle Zaghaftigkeit auf. Angesichts der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit, des geringe n Wachstums, der Massenarbeitslosigkeit und der sklerotischen und oft korrupten politischen Strukturen sind die europäischen Länder bestrebt, ihre derzeitigen Systeme auf supranationaler Ebene zu reproduzieren, anstatt sie im eigenen Land zu reformieren. A nstatt sich die Frage zu stellen, wie das Weltwährungssystem als Ganzes reformiert werden kann, um die Globalisierung der Wirtschaft gerechter und freier zu gestalten, ziehen sie es vor, ein ausschließlich innereuropäisches Projekt zu verfolgen, das dazu f ührt, dass sich der Kontinent selbst abschottet. Denn der Wunsch, die europäischen Staaten durch die Schaffung eines europäischen "Blocks" vom weltweiten Wettbewerb abzufedern, wird zu einem immer wichtigeren Motiv für die europäische Integration. Während Frankreichs Feindseligkeit gegenüber dem Weltmarkt legendär ist, wird auch in Deutschland immer deutlicher die Ansicht vertreten, dass die Währungsunion notwendig ist, um das Land vor den beiden Gefahren einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit und einer überb ewerteten Währung zu schützen. Wenn die WWU scheitert", so ein Befürworter, "würde die D -Mark eine Überbewertung erleiden, die unsere Exporte in große Schwierigkeiten bringen würde und innerhalb weniger Jahre zu neuen massiven Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland führen würde. Mittelfristig würde unsere Wettbewerbsfähigkeit darunter leiden. Die soziale Lage würde sich wahrscheinlich weiter verschärfen.'²


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Die deutsche Wirtschaft erkennt zunehmend, dass sie eine Abwertung dur ch die Umwandlung der D -Mark in den Euro benötigt, wenn Deutschland das Niveau seiner europäischen Exporte halten will. Angesichts der sehr hohen deutschen Investitionen, die ins Ausland - und sogar außerhalb Kontinentaleuropas - fließen, wissen die deutsc hen Politiker, dass der Bedarf der deutschen Exportindustrie nur durch die Einbindung des übrigen Europas in denselben Währungsraum gedeckt werden kann. Diese Art von Blockdenken wird jedoch unweigerlich zu einem mehr oder weniger geschlossenen kontinentalen Wirtschaftsraum führen. Die europäischen Unternehmen wissen, dass sie an der sozialen Überregulierung im Namen eines zerfallenden Sozialversicherungssystems ersticken. Deutsche Unternehmen müssen sich im Umgang mit ihren Arbeitnehmern an 1.000 -seitige Bücher von Personalvorschriften halten, und ein Unternehmen braucht eine schriftliche Genehmigung der Landesregierung, wenn es von seinen Mitarbeitern verlangen will, dass sie sonntags Überstunden machen. Und doch sind die politischen Systeme der europäisch en Staaten nicht in der Lage, den Reformstau anders als bürokratisch und buchhalterisch zu bewältigen. Der Crash -Kurs in finanzieller Vorsicht, der zur Erfüllung der Maastricht -Kriterien bis 1998 unternommen wird, ist wie jede Diät: Ohne einen grundlegende n Mentalitätswandel werden diese Länder am Ende nur in alte, schlechte Gewohnheiten zurückfallen. Die einzige Alternative, die die europäischen Regierungen sehen, besteht also darin, einen einheitlichen Wirtschaftsraum zu schaffen, in dem alle mit den glei chen Schwächen belastet sind, und zu hoffen, daß Europa sich noch eine Weile durchschlagen kann, indem es sich gegen den Druck von außen wehrt. Diese Unfähigkeit der Staaten, Reformen in Angriff zu nehmen, ist politisch bedingt. Die Europäer betrachten ihr e Sozialsysteme oft als ein wesentliches Element ihres politischen Lebens: Die Deutschen fürchten, dass ihr Nachkriegskonsens zerbricht, wenn die staatlichen Hilfen versiegen, während der französische Präsident das bankrotte Sozialversicherungssystem seine s Landes als "Grundstein des republikanischen Paktes" bezeichnet hat. Das bedeutet, dass ihre politischen Systeme systemisch unitarisch sind und nicht in der Lage sind, die Art von lebendigem Konflikt innerhalb des Gesetzes zu handhaben (geschweige denn zu fördern), die das Herzstück der liberalen Ordnung ist. Im Gegenteil, sie ziehen es vor, jeden Konflikt in falscher Freundlichkeit und sozialem "Konsens" aufzulösen. Dieser Unitarismus spiegelt sich auch in den neokorporatistischen Wirtschaftsstrukturen di eser Länder wider. In Frankreich durchdringen sich Staat und Industrie in hohem Maße: hochrangige Beamte der ENA oder des Polytechnikums wechseln zwischen Regierung und Industriemanagement, als


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ob es keinen Unterschied zwischen den beiden Tätigkeiten gäbe. In Deutschland wird die Industrie weitgehend vom Bankensektor kontrolliert, der wiederum unter der Gesamtkontrolle der Zentralbank steht, die ihrerseits ein wesentlicher Bestandteil des Konsensrahme ns ist, der die Regierung und die "Sozialpartner" verbindet. Die mächtigen Männer, die in den Vorständen der großen deutschen Banken sitzen, haben ausnahmslos eine ganze Reihe von Direktorenposten in deutschen Großunternehmen inne, und die Banken selbst sind in erheblichem Umfang an deutschen Großunternehmen beteiligt. Dieser Neo-Korporatismus ist die Essenz des "rheinischen Kapitalismus", der nach dem Scheitern des sowjetischen und des sozialdemokratischen Modells für die Linke so attraktiv ist. Aus diesem Grund verachten deutsche Politiker, von der Bundesbank abwärts, den "Kasinokapitalismus", der in den liberaleren, angelsächsischen Systemen des Kapitaleigentums existiert: Ein freier Markt ist ihnen schließlich ein Dorn im Auge. Weil die Steuern in Europa dramatisch höher sind als in Asien und den Vereinigten Staaten, weil die europäischen Staaten riesige Teile des BIP verbrauchen (in Frankreich 55 Prozent), weil das europäische Lohnniveau durch die Sozialkosten stark über seinen wahren Wert hinaus verzerr t ist, wobei die deutsche Arbeit heute die teuerste der Welt ist, und weil sich eine massive Abhängigkeitskultur entwickelt hat (nur 28 Prozent der belgischen Bevölkerung arbeiten), sind die liberalen Tendenzen in diesen Staaten strukturell eine Geisel des Systems und seiner Interessengruppen. Europa politisch um eine einheitliche Währung herum zu vereinen, mit all der Kontrolle über die Geld -, Finanz- und Industriepolitik, die die Übernahme de s deutschen Modells mit sich bringt, bedeutet also nicht nur, da s, was politisch am neutralsten sein sollte - das Geld - zu einer hochgradig politisierten Brechstange zu machen, mit der das Tempo der Geschichte eines ganzen Kontinents erzwungen werden kann, sondern auch, ein System, das in den einzelnen Ländern versagt , auf die europäische Ebene zu übertragen, ohne parlamentarische Kontrolle oder die für eine demokratische Debatte notwendigen Institutionen. Eine solche intellektuelle Trägheit und Phantasielosigkeit kann nur ein Symptom für den allgemeinen kulturellen Niedergang Europas sein. Es ist kein Wunder, dass der Anteil Europas am Welthandel innerhalb eines Jahrzehnts um 25 Prozent zurückgegangen ist. Dieser Niedergang wird durch den Bau von Luftschlössern nicht aufgehalten, sondern nur noch verschlimmert. Und was für ein Schloss! 1990 erklärte Jacques Delors - der Mann, der mit der Verwirklichung des (west -)europäischen Integrationsprojekts beauftragt war , er sei "erschrocken" über die Aussicht, dass die Sowjetrepubliken ihre eigene Währung einführen würden, als ob das Ende der kommunistischen Diktatur


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und der Frühling der Nationen ein Grund zur Sorge wären. ³ 1991, am Tag nach dem Moskauer Putsch - von dem er am nächsten Tag in Le Figaro schrieb, dass er "positive Folgen" haben k önnte - erklärte er vor dem Europäischen Parlament, dass "man nicht die westeuropäischen Staaten vereinen und gleichzeitig die Abspaltung der Sowjetrepubliken fördern kann " ⁴ - als ob der westeuropäische Integrationsprozess im Wesentlichen derselbe wäre wi e der russische Imperialismus. Auch 1994 zeigte er sich gegenüber einem hohen russischen Beamten sehr überrascht, als das auf dem sowjetischen Rubel basierende Verrechnungssystem aufgegeben wurde. Er rief aus: "Aber wie können Sie so etwas aufgeben, wenn w ir uns bei der Einführung des ECU von Ihrem System inspirieren ließen? Unser ECU ist eine europäische Adaption dessen, was Sie mit dem COMECON gemacht haben. ⁵" Die Konvergenz zwischen Kapitalismus und Kommunismus - und nicht der Sieg des einen über den anderen - war anscheinend doch nicht nur eine sowjetische Idee.

Den Gegnern der europäischen Integration wird oft vorgeworfen, negativ zu sein und keine positi ven Alternativen zu dem vorgeschlagenen europäischen Plan zu bieten. Dieser Vorwurf ist zum Teil eine Falle: Seine Formulierung wirft die Frage auf: "Sollte es überhaupt einen Plan geben? Nach der politischen Philosophie, die in diesem Buch dargelegt wird, sollte es keinen geben zumindest keinen "Plan" in dem Sinne, in dem die Frage gestellt wird. Sicherlich kann es dieses oder jenes Projekt geben, das die Staaten Europas gemeinsam verwirklichen können; aber es kann auch Projekte geben, die andere Staaten konstellationen ebenfalls verwirklichen können. Diese Selbstverständlichkeiten sind für die grundsätzliche Frage der europäischen Integration irrelevant, zu deren größten intellektuellen Fehlern es gehört, die Zusammenarbeit zwischen Staaten mit ihrer poli tischen Integration zu verwechseln und letztere im Namen der ersteren zu verteidigen. Aber das Leben lässt sich nicht so planen, wie es die Frage nahelegt. Es ist ein Irrglaube zu glauben, dass die oben skizzierten Probleme durch konfuse institutionelle Ba steleien in einem Europa gelöst werden können, das die grundlegenden Fragen unberücksichtigt lässt. Die weitaus größere Herausforderung besteht darin, die Grundsätze, auf denen das freie politische Leben beruht, wieder klar herauszuarbeiten und sie in inst itutionellen Vereinbarungen zu verankern. Die Euroskeptiker sollten sich an Psalm 118, Vers 22, orientieren: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist dem Kommenden zum Hauptstein geworden", denn ihre Aufgabe muss es sein, die ewigen Grundsätze ein er gerechten Gesellschaft wiederherzustellen, die von den Befürwortern Europas so brutal verworfen werden.


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Diese Grundsätze sind: eine verantwortliche Regierung (Demokratie), Rechtsstaatlichkeit und s olides Geld. Um sie zu institutionalisieren, müssten die nationalen Parlamente in ganz Europa reformiert werden, bevor der europäische Aufbau voranschreitet. Zu den notwendigen Reformen gehören die Abschaffung des Verhältniswahlrechts - das im Namen einer größeren Repräsentativität die Parlamente in Wirklichkeit vom Volk entfremdet - und die Auflösung der zu engen Verbindung zwischen politischen Parteien und dem Staat, die in vielen kontinentalen Ländern, insbesondere in Deutschland, besteht. Beides erstickt derzeit die Demokratie in Europa und macht die nationalen Parlamente des Kontinents zum Gespött. Losgelöst von den harten Zwängen einer echten Rechenschaftspflicht - der einfachen Verbindung zwischen dem Mann auf der Straße und seinem Abgeordneten, die d urch die kontinentalen Parteilistensysteme unterbrochen wird - werden die Parlamente schnell zu grotesken politischen Zirkussen, die niemanden außer den Interessen einer eigennützigen und zynischen politischen Elite vertreten. Die parlamentarische Regierun g ist das Gegenteil der bürokratischen Regierung, und letztere fördert die Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit. In Frankreich werden steuerliche Maßnahmen nach ihrer Verabschiedung durch das Parlament häufig von Lobbygruppen sabotiert: Ein mächtiges Ministe rium kann sie einfach begraben, und sie bleiben unangewendet. Wenn die Regelungsbefugnis in die Hände von Bürokraten gelegt wird, entgleitet die Macht der Öffentlichkeit, und die Demokratie leidet. Das Gesetz des gesunden Geldes muss in der in Kapitel V vo rgeschlagenen Weise wiederhergestellt werden. Die Rechtsstaatlichkeit, d.h. die in Kapitel IV beschriebene intelligente Assoziation, ist die einzige Möglichkeit, dass die Europäer freier miteinander umgehen können. Es ist unredlich, dass die europäischen Föderalisten mit der Idee eines Binnenmarktes hausieren gegangen sind - der die Völker Europas durch freie und spontane Interaktion hätte vereinen können -, während man in Wirklichkeit gar keinen freien Markt im Sinn hatte. Stattdessen steht ein in sich ges chlossener und zentral gesteuerter Wirtschaftsraum auf der Tagesordnung, der als Grundlage für eine politische Union dienen soll. Das eine kann nicht im Namen des anderen verteidigt werden, ebenso wenig wie die Integration im Namen der Kooperation. Das ein e ist eine noble Sache, das andere nicht. Der Fall Belgiens, mit dem dieses Buch begann, zeigt, wie gefährlich es ist, diese Lehren zu vergessen. Wäre Belgien liberal geblieben, wie es das während eines Großteils seiner Geschichte war, dann hätte sein Mult inationalismus wenig Bedeutung gehabt. Flamen und Wallonen hätten sich in erster Linie als Bürger eines Rechtsstaates und nicht als halbstämmige Mitglieder von "Gemeinschaften" gesehen. Aber wenn die Finanzen und die Schulden des


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Staates so aufgebläht sind wie in Belgien (das die höchste Pro -KopfVerschuldung in der industrialisierten Welt aufweist), kann der Staat nur ein Faktor der Spaltung sein, nicht der Einheit. Das politische Leben kann nur zu einem schmutzigen Kampf darüber verkommen, wer welche staatlichen Mittel erhält und wer der Schuldenlast entgeht. Wenn Europa dem belgischen Modell folgt und Multinationalismus mit Illiberalismus kombiniert - indem es versucht, eine falsche europäische Identität mit leeren Verspr echungen von Wohlstand, Almosen oder anderen politischen "Projekten" zu schaffen - dann wird es das gleiche Schicksal erleiden. Dieses Schicksal ist mit einer Inflation der politischen Institutionen verbunden. Belgien hat sechs Parlamente mit sich überschn eidenden und verwirrenden Zuständigkeiten. Wie jede Inflation hat auch diese den Wert der einzelnen Elemente herabgesetzt, und alle diese Parlamente sind im Grunde genommen bedeutungslos - eine Tatsache, die durch die spektakuläre Entscheidung im Juli 1996 , das föderale Parlament faktisch aufzulösen und das Land per Dekret zu regieren, deutlich wurde. Diese Entwicklung war jedoch unvermeidlich. Wie die Europäische Union selbst vorschlägt, ist es nur natürlich, parlamentarische Institutionen durch solche ersetzen zu wollen, die der parlamentarischen oder wählerischen Kontrolle entzogen sind (wie die Kommission, die Zentralbank und der Ministerrat), wenn diese parlamentarischen Institutionen sich selbst irrelevant oder absurd gemacht haben, wie es auf dem ganz en Kontinent bereits geschehen ist. Die Europäische Union würde sich freuen, wenn sich das Europäische Parlament mit den nationalen Parlamenten um Befugnisse streiten würde: Das ist ein perfektes Rezept, um sie alle zu überstimmen und eine autoritäre Herrs chaft durch nicht rechenschaftspflichtige Institutionen einzuführen. Es ist kein Zufall, dass die parlamentarische Herrschaft in den 1930er Jahren in ganz Europa ausgesetzt wurde, denn auch damals hatten sich die Parlamente irrelevant und absurd gemacht. W er die Gefahren des Verlustes dieser Grundprinzipien nicht erkennt, scheint gefährlich blind zu sein. Der "Plan" sollte also sein, an den Prinzipien der freien Gesellschaft festzuhalten. Das ist schwierig. Aber das menschliche Leben ist unbeständig und unsicher. Nur das Gesetz, die Demokratie und das gesunde Geld können diese natürliche Ungewissheit verständlich und sogar anregend werden lassen. Dagegen ist jeder Versuch, die Ungewissheit mit künstlichen politischen Mitteln zu beseitigen, selbstzerstörerisc h und widerspricht der menschlichen Natur. Denn der einzige Ausweg aus der Ungewissheit liegt auf dem Friedhof.


Notes

Kapitel I: Der verwelkende Staat (Seiten 1 bis 8)

1. Rede an der Katholischen Universität von Löwen, Belgien, 5. Februar 1996. 2. Karl Lamers, außenpolitischer Sprecher der deutschen CDU/CSU Bundestagsfraktion, Rede vor dem Institut Francais des Relations Internationales, Paris, 7. November 1994.

Kapitel II: Faschisten und Föderalisten (Seiten 11 bis 80)

1. Das Europa der Zukunft": Rede vor tschechischen Geistesarbeitern und Journalisten, 11. September 1940, abgedruckt in Walter Lipgens (Hrsg.), Dokumente zur Geschichte der europäischen Integration (De Gruyter, Berlin und New York, 1985), S. 73. 2. Rede an der Katholischen Universitä t von Löwen, Belgien, 5. Februar 1996. 3. Rede von Professor. Dr. Helmut Hesse vor der Stadtsparkasse Osnabrück, 31. Oktober 1995, abgedruckt in Auszüge aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, Nr. 75, 7. November 1995, S. 7. 4. 'Movimento Federalista Eur opeo', Political Theses and General Directives, August 27 -28, 1943, reprinted in Lipgens, op. cit. pp. 514 -16. 5. Europe. Handbook of the political, economic and cultural development of the new Europe. Herausgegeben vom Deutschen lnstitut für Außenpolitische Forschung, mit einem Geleitwort von Joachim von Ribbentrop (Helingsche Verlagsanstalt, Leipzig, 1943), pp. 239ff. Speech to the Nazi Party rally in Nuremberg, 13 September 1937.


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7. 'Europas Schicksalskampf im Osten. Exhibition for the 1938 Reich Party Congress under the auspices of the Fü hrer's deputy, Reich Minister Rudolf Hess'. 8. Alfred Rosenberg, 'Krisis und Neugeburt Europas' in Nationalsozialistische Monatshefte, No. 33, December 1932. 9. Pierre Drieu La Rochelle, Socialisme fasciste (Gallimard, Paris, 1934), pp. 10, 114. 10. Europe, op. cit., p. 239. 11. Professor Dr Antonio de Luna, 'Europe - seen from Spain' in Europe, pp. 61, 62. 12. Virginio Gayda, 'Italy and the European Nationalities' in Europ äische Revue, July/August 1943, p. 227. 13. Karl Heinz Pfeffer, 'European Consciousness' in Zeitschrift fur Politik, Vol. 34, No. 10-12, October/December 1944, pp. 377 -85; reprinted in Lipgens, op. cit., p. 171. 14.- Werner Daitz, Wiedergeburt Europas durch Europ äischen Sozialismus, Europa-Charta (Central Research Institute for National Economic Order and Large Scale Economics, De Amsterdamsche Keurkamer, Amsterdam, 1944), p. 135. 15. Op. cit., p. 136. 16. Daitz, Der Weg zur Volks wirtschaft, Großraumwirtschaft und Großraumpolitik (Zentralforschungsinstitut fur nationale Wirtschaftsordnung und Großraumwirtschaft, Dresden, 1943), Part III, pp. 11 -29; reprinted in Lipgens, op. cit., p. 113. 17. Friedrich Stieve, Deutsche Tat f ür Europa: Von Armin bis Hitler (Rutter &. Loening Verlag, Potsdam, 1944), p. 286. 18. Karl Olivecrona, England or Germany (L übeck, 1941), pp.ll, 25. 19. Arthur Seyss-Inquart, Sitzung der Auslandsorganisation der NSDAP, 26. Juli 1940; abgedruckt in Lipgens, a. a. O., S. 72. 20. Walther Funk, "Das wirtscha ftliche Gesicht des neuen Europa" in Europaische Wirtschaftsgemeinschaft (Verein Berliner Kaufleute und Industrieller & Wirtschafts -Hochschule Berlin, Berlin, 1942), S. 41. 21. Francis Delaisi, La Revolution europeenne (Editions de la Toison d'Or, Brüssel, 1942), S. 7.


Anmerkungen

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22. Karl Megerle, der für Informationsfragen zuständige Beamte im Stab Ribbentrops, in "Europäische Themen", einem wahrscheinlich im Herbst 1941 verfassten Memorandum, abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 95. 23. Vidkun Quisling, "Norwegen und die germanische Aufgabe in Europa", 25. September 1942, abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 105. 24. Cecile von Renthe -Fink, "Note on the Establishment of a European Confederation", August 1943, abgedruckt in Lipgens, a. a. O., S. 138, und "Draft Memorandum on the Establishment of a European Confederation", Herbst 1943, abgedruckt in Lipgens, a. a. O., S. 150. 25. Megerle, "Positive Themen für Presse und Propaganda", 27. September 1941, abgedruckt in Lipgens, a. a. O., S. 86. 26. Zitiert in Europa, a.a.O., S. 2. 27. Siehe Joseph Goebbels, Tagebiicher aus den Jahren 1942 -1943 (L. P. Loechner, Zürich, 1948), S. 323ff (8. Mai 1943). 28. Siehe Paul Otto Gustav Schmidts Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Hitler und Graf Ciano in Hitlers Hauptquartier am 25. Oktober 1941, abgedruckt in Lipgens, a. a. O., S. 89. 29. Ebd. 30. Op. cit., S. 52. 31. Dal principo di nazionalita a ll'imperialismo: Origini, vita e superamento delle nazionalita" (Turin, 1942). 32. L. Gangemi, Europa Nuova (Ed. Italiane, Rom, 1941), S. 48 -9. 33. Das Problem des Wiederaufbaus" in Critica Fascista, 24. Juli 1943, unveröffentlicht, nachgedruckt in einem von R. de Felice herausgegebenen Sammelband, Autobiografia delfascismo 1919 -1945 (Minerva Italica, Bergamo, 1978), S. 553-66. 34- P. J. Morgan, "Die italienische faschistische Neuordnung in Europa" in M. L. Smith &. Peter M. R. Stirk (eds.), Making the New Europe: European Unity and the Second World War (Pinter, London, 1990), S. 27. 35. Alberto de Stefani, "The Reorganisation and Pacification of Europe" in Rivista. italiana di scienze economiche, Oktober 1941, abgedruckt in Lipgens, op. cit., S. 188-9. 36. Civiltá Fascista, Dezember 1942. 37. Abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 190.


295

Die verdorbene Quelle

38. a. a. O., S. 193. 39. Camillo Pellizi, Briefe an Ugoberto Alfassio -Grimaldi, 12. August und 4. September 1943, abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 195. 40. Veröffentlicht von Washburn &. Sons, London, 1958. 41. Mosley, a.a.O., S. 19. 42. Op. cit., S. 30. 43. A.a.O., S. 39. 44. A.a.O., S. 40. 45. Lipgens, a.a.O., S. 190, 192 -3. 46. Megerle, "Positive Themen für Presse und Propaganda" in Lipgens, a. a. O., S. 88, und "Europäische Themen" in Lipgens, a. a. O., S. 95. 47. Anton Adriaan Mussert , "Der niederländische Staat im neuen Europa", August 1942, veröffentlicht vom Niederländischen Nationalsozialistischen Verlag, Utrecht, und abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 98. 48. Goebbels, "Das Europa der Zukunft", abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 73. 49. A.a.O., S. 75. 50. A.a.O., S. 73. 51. Ebd. 52. Denkschrift der Reichskanzlei, "Organisation der deutschen Wirtschaft", 9. Juli 1940, abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 57. 53. Quisling, "Norwegen und die germanische Aufgabe in Europa", abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 105. 54. Professor Dr. Heinrich Hunke, "Die Grundfrage: Europa - ein geographischer Begriff oder eine politische Tatsache" in Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.O., S. 214. 55. Lipgens, op. cit., p. 57ff. 56. Op. cit., p. 58. 57. Memorandum of 1 June 1940 to the Foreign Minister by Ritter, reprinted in Lipgens, op. cit., p. 61. 58. Daitz, Der Weg zur Volkswirtschaft, Gro ßraumwirtschaft Großraumpolitik, reprinted in Lipgens, op. cit., p. 111.

und


Anmerkungen

296

59. Speech to the Reichstag, 7 March 1936. 60. Hunke, Berlin, 1940; see also John Brech, 'Europa findet sich: Konturen einer Festlandwirtschaft' in Das Reich, 26 May 1940; Brech, 'Europa ohne Ubersee' in Das Reich, 16 June 1940. 61. Colin Ross, 'L'Avenement d'une Europe nouvelle dans le cadre d'un nouvel ordre mondial', Les Conferences du Groupe 'Collaboration', Paris, October 1941, p.47. 62. Daitz, 'Der Weg zur v ölkischen Wirtschaft ' in Deutschland, und die europäische Großraumwirtschaft (Feli x Meiner Verlag, Leipzig, 1939), pp. 7 12. 63. Op. cit., p. 52. 64. Daitz, Wiedergeburt Europas durch Europ äischen Sozialismus, Europa Charta, op. cit., p.34. 65. Alfred Oesterheld, Wirtschaftsraum Europas (Gerhard Verlagsbuchhandlung, Oldenburg a nd Berlin, 1942), p.14.

Stalling

66. Op. cit., p.9. 67. See my article 'The Thousand Year Reich' in the Spectator, 21 June 1991. 68. Hunke, 'Einführung' to Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, op. cit., pp. 7-16. 69. Op. cit., p. 23. 70. Hunke, 'Die Grundfrage: Eur opa - ein geographischer Begriff oder eine politische Tatsache' in Europ äische Wirtschaftsgemeinschaft, op. cit; see also Dr Horst Jecht, 'Die Entwicklung zur europ äischen Wirtschaftsgemeinschaft' in the same work. 71. Dr Anton Reithinger, 'Europ äische Industriewirtschaft' in Europ äische Wirtschaftsgemeinschaft, op. cit., p. 102. 72. Funk, 'Das Wirtschaftliche Gesicht des neuen Europa' in Europ äische Wirtschaftsgemeinschaft, op. cit., p. 25. 73. Ibid. 74. Op. cit., p. 41. 75. Op. cit., S. 26. 76. Ebd., Hervorhebungen im Original. 77. A.a.O., S. 29.


297

Die verdorbene Quelle

78. Hunke, a.a.O., S. 11. 79. Joachim von Ribbentrop, Rede zur Verlängerung des Antikominternpaktes, 26. November 1941, abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 90ff. 80. Ribbentrop, "Eur opäische Konföderation", 21. März 1943, abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 122 -3. 81. Hans Frohwein, "Grundelemente eines Plans für das neue Europa", 7. Juni 1943, abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 137 82. Von Renthe-Fink, "Anmerkung zur Gründung eines Eur opäischen Bundes", abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 138. 83. Ebd. 84. Ebd. 85. Daitz, 'Lebensraum und Gerechte Weltordnung, Grundlagen einer Anti Atlantikcharta' in Ausgewählte Aufsatze von Wemer Daitz (De Amsterdamsche Keurkamer, Amsterdam, 1943), S. 218 . 86. Goebbels, "Das Europa der Zukunft", nachgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 75. 87. Ebd. 88. Dr. Philipp Beisiegel, "Der Arbeitseinsatz in Europa" in Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.O., S. 128. 89. Megerle, "Positive Themen für Presse und Propag anda", abgedruckt in Lipgens, a. a. O., S. 87. 90. A.a.O., S. 95. 91. Seyss-Inquart, "Vier Jahre in den Niederlanden", zitiert bei Lipgens, a.a.O., S. 117, Anm. 1. 92. Signal, Nr. 1, 1942; zitiert von M. L. Smith in "The Anti - Bolshevik Crusade and Europe" in Making the New Europe: European Unity and the Second World War, a. a. O., S. 61. 93. Mussert, "Der niederländische Staat im neuen Europa", abgedruckt in Lipgens, a. a. O., S. 99. 94. Reithinger, "Europäische Industriewirtschaft" Wirtschaftsgemeinschaft, a. a. O., S. 106.

in

Europäische

95. Goebbels, "Das Europa der Zukunft", abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 75.


Anmerkungen

298

96. Quisling, 'Norway and the Germanic Task in Europe', reprinted in Lipgens, op. cit. p. 105. 97. Von Renthe-Fink, 'Draft Memorandum on the Establishment of a European Confederation,' reprinted in Lipgens, op. cit. 152. 98. Op. cit., pp. 152 -3. 99. Op. cit., p. 155. 100. See also Gustav Konigs, 'Europ äische Verkehrsfragen' in Europ äische Wirtschaftsgemeinschaft, op. cit., p. 141. 101. Frohwein, 'Basic Elements of a Plan for the New Europe', reprinted in Lipgens, op. cit., p.136. 102. Note for the Reich Foreign Minister, probably September 1939, prepared by Cecile von Renthe -Fink and reprinted in Lipgens, op. cit., p. 55. 103. Beisiegel, 'Der Arbeitseinsatz Wirtschaftsgemeinschaft, op. cit., p. 123.

in

Europa'

in

Europ äische

104. op. cit., p. 161. 105. Lipgens, op. cit., p. 161. 106. See also Herbert Backe, 'The Future of European Agriculture', 29 June 1944, reprinted in Lipgens, op. cit., p. 166. 107. Von Renthe-Fink, 'Draft Memorandum on the Establishment of a European Confederation', reprinted in Lipgens, op. cit., p. 158. 108. Op. cit., p. 159. 109. Op. cit., p. 158. 110. Op. cit., p. 159. 111. Europe, op. cit., p. 52. 112. Ibid. 113. Königs, 'Die Zukunft geh ört der Motorisierung' (The Future Belongs to Motor Transport), from 'Europ äische Verkehrsfragen' in Europ äische Wirtschaftsgemeinschaft, op. cit., p. 156. 114. Funk, 'Die wirtschaftliche Ne uordnung Europas', speech to the domestic and foreign press, 25 July 1940 (M. Muller &. Sohn, Berlin, 1940), p. 5. 115. Jecht, 'Die Entwicklung zur europ äischen Wirtschaftsgemeinschaft' in Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, op. cit., p. 62.


299

Die verdorbene Quelle

116. Funk, 'Das wirtschaftliche Gesicht des neuen Europa' in Europ äische Wirtschaftsgemeinschaft, op. cit., p. 35. 117. Ebd. 118. Morgan, "The Italian Fascist New Order in Europe" in Making the New Europe: European Unity and the Second World War, op. cit., S. 32 -3. 119. Daitz, "Die wirtschaftliche Neuordnung Europas", a. a. O., S. 10. 120. Assessor Joachim Radler, "Europäische Wirtschaft im Querschnitt" (Untertitel: "Kann man heute schon von einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft spr echen?") in Europa, a. a. O., S. 131. 121. Funk, a.a.O., S. 38. 122. Op. cit., S. 38 -9. 123. Funk, "Der wirtschaftliche Aufbau Europas" in Europa, a.a.O., S. 90. 124. Dr. Bernhard Benning, "Europäische Wahrungsfragen" in Europ äische Wirtschaftsgemeinschaft , a.a.O., S. 162. 125. Georg Friedrich Knapp, Die Staatliche Theorie des Geldes, übersetzt als The State Theory of Money von H. M. Lucas und J. Bonar (London, 1924). 126. Op. cit., S. 175. 127. Ferdinand Fried, "Les Problemes sociaux dans l'Europe nouvelle ", Preambule de Henri Clerc, Les Conferences du Groupe "Collaboration", Paris, August 1941, S. 41. 128. Jean Maillot, "La Revolution technique et ses consequences", Preambule de Jacques Duboin, Les Conferences du Groupe "Collaboration", Paris, April 1941, S. 5-6. 129. La moneta-lavoro e la scomparso dell'oro", August 1940, in De Stefani, Soppravivenze e programmi nell'ordine economico (Ed. Italiane, Rom, 1942), S. 271-3, 302-6. 130. Daitz, "Der Weg zur v ölkischen Wirtschaft", a. a. O., S. 139. 131. Mosley, a.a.O., S. 45. 132. Von Renthe-Fink, "Entwurf eines Memorandums über die Gründung eines Europäischen Bundes", abgedruckt in Lipgens, a. a. O., S. 158. 133. Megerle, "Positive Themen für Presse und Propaganda", abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 87 -8.


Anmerkungen

300

134. Delaisi, La Revolution europeenne, a.a.O., S. 147. 135. A.a.O., S. 184; zu den nationalsozialistischen Theorien über die Preisstabilität siehe auch den nicht unterzeichneten Artikel in der Europäischen Revue, Mai 1942, S. 283. 136. Op. cit., S. 161. 137. Op. cit., S. 119. 138. Ebd. 139. Op-cit., S. 281. 140. Op- cit., S. 170. 141. Op- cit., S. 150, 179. 142. Op- cit., S. 182. 143. Op- cit., S. 196. 144. Op- cit., S. 195. 145. Op- cit., S. 167. 146. G. Bottai , Contributi dell'Italia fascism al 'Nuovo Ordine' (INCF, Rom, 1941), S. 8-9. 147. Dino Coffancesco, "Ideen der faschistischen Regierung und Partei zu Europa" in Lipgens, a.a.O., S. 182. 148. Discorso pre lo stato corporativo" in Eduardo und Duilio Susmel (Hrsg.), Opera omnia, XXVI: Dal Patto a Quattro all'imugurazione della Provincia di Littoria (La Fenice, Florenz, 1958), S. 91. 149. H. W. Neulen, Eurofaschismus und der zweite Weltkrieg. Europas verratene Sohne (München, 1980). 150. L'economia alia base d ella nuova civilta europea", November 1941, in R. Riccardi, La collaborazione economica europea (Ed. Italiane, Rom, 1943), S. 125. 151. V. Gayda, Profile des neuen Europa. L'economia di domani (II Giomale d'ltalia, Rom, 1941), S. 36. 152. Gangemi, Europa N uova (Ed. Italiane, Rom, 1941), Kapitel 4; M. Gianturco, Lineamend della nuova Europa (Fratelli Bocca, Mailand, 1941), Kapitel 8.


301

Die verdorbene Quelle

153. Laut Lipgens (a.a.O., S. 17) wollten die pro -europäischen Widerständler dies. 154. Morgan, "The Italian Fascist New Order in Europe" in Making the New Europe: European Unity and the Second World War, op. cit., S. 30. 155. Siehe "The Dark Years" von Robert Tombs, Times Literary Supplement, 28. Januar 1994. 156. Siehe La Propagande sous Vichy 1940-1944 Ouvrage publie sous la direction de Laurent Gerverau et Denis Peschanski (Collection des Publications de la Bibliotheque de Documentation Internationale Contemporaine, Paris, 1990), S. 98, Bild Nr. 3. 157. Op. cit., p. 91. 158. See Jean Madire, L a Brigade frankreich. La tragique aventure des SSfrangais (Fayard, Paris, 1973), illustrations. 159. Ibid. 160. See the documentary film by Claude Chabrol, L’oeil de Vichy, which is a collage of Vichy ite newsreels and propaganda films. 161. Iam grateful t o Eugen Weber, Professor of Modem European History at the University of California, Los Angeles, for correcting the' impression I gave in the first edition of the book that there was no difference between the two groups. 162. Robert O. Paxton, Vichy France : Old Guard and New Order 1940 -1944 (Columbia University Press, New York, 1972), p. 67. 163. Quoted by Jean Thouvenin, Avec Petain (Paris, 1940); and Paxton, op. cit., p. 77. 164. Jacques de Lesdain, ‘Notre Role europeen’, Les Conferences du Groupe ‘Collaboration’, Paris, June 1941, pp. 28 -9. 165. Jean Weiland, ‘Pourqoui nous croyons en la collaboration’, Les Conferences du Groupe ‘Collaboration’, Paris, December 1940, p. 24. 166. Paul Otto Gustav Schmidt, representing the bureau of the Reich Foreign Minister, recorded the conversation between Von Ribbentrop and Darlan on 11 May 1941, reprinted in Lipgens, op. cit., pp. 81ff. 167. Ibid. 168. Admiral Darlan to Hitler on 14 May 1941, quoted in Paxton, op. cit., p. 118.


Anmerkungen

302

169. Op. cit., p. 119. 170. Published by Bernard Grasset, Paris, 1937. 171. Otto Abetz, Histoire d’une politique franco -allemande 1930- 1950. Memoires d’un ambassadeur (Librairie Stock, Paris, 1953), p. 61. 172. Marc Ferro, ‘Histoire parallele’, television programme, Arte, broadcast 11 May 1996. 173. Rita Thalmann, ‘Du cercle de Sohlberg au Comite France - Allemagne: Une evolution ambigue de la co -operation francoallemande in Hans Manfred Bock et al. (eds.), Entre Locarno et Vichy: les relations cu lturelles francoallemandes dans les annees 1930 (CNRS Editions, Paris, 1993), p. 68. 174. Abetz, op. cit., S. 31. 175. Thalmann, a.a.O., S. 75. 176. Le Couple France -Allemagne" (unsigniert) in Cahiers franco' allemands / Deutsch'Franzosische Monatshefte, Nr. 5, 1938, S. 361 -3. 177. Diese stammen alle aus den Ausgaben von 1940. 178. Diese sind alle den Ausgaben von 1938 entnommen. 179. Leitartikel in der Ausgabe vom Januar 1942. 180. Leitartikel in der Ausgabe März/April 1942. 181. Leitartikel in der Ausgab e vom März/April 1941. 182. Siehe z. B. die Ausgabe vom September 1938. 183. Das Jahr Europas" in Cahiers franco'allemands / Deutsch' Franzdsische Monatshefte, November/Dezember 1940, S. 313 -16. 184- Dokument "Politische Arbeit in Frankreich", 30. Juli 194 0, zitiert von Thalmann, a.a.O., S. 84. 185. Friedrich Grimm, "Faisons la paix ffanco -allemande" in Hans-Georg Gadamer et al. (Hrsg.), Regards sur Vhistoire (Sorlot, Paris, 1941), S. 239, 240. 186. Friedrich Grimm - patriote allemand, europeen convaincu" v on Fritz Taubert in Entre Locarno et Vichy, op. cit., S. 107. 187. Bertram M. Gordon, Collaborationism in France during the Second World War (Cornell University Press, Ithaca und London, 1980), S. 230ff. 188. Robert Herzstein, When Nazi Dreams Come True (A bacus, London, 1982), S. 122.


303

Die verdorbene Quelle

189. Einleitung von Rene Pichard du Page zu Weiland, a.a.O., S. 7. 190. Rheinbaben wird zitiert von Jean Montigny in der Einleitung zu "Vers une Europe nouvelle" von Baron Werner von Rheinbaben , Les Conferences du Groupe "Collaboration", Paris, April 1941, S. 7. 191. Op. cit., S. 9. 192. A.a.O., S. 10. 193. A.a.O., S. 11. 194. Ibid. 195. A.a.O., S. 22. 196. A.a.O., S. 38. 197. Du Page, Introduction to Ross, op. cit., S. 6. 198. Ross, a. a. O., S . 50, Hervorhebungen und Großbuchstaben im Original. 199. De Lesdain, a. a. O., S. 6. 200. a.a.O., S. 21. 201. Op. cit., S. 22. 202. Op. cit., S. 23. 203. Marcel Braibant, 'L'Europe, espace vital de l'agriculture franfaise', Les Conferences du Groupe 'Coll aboration', Paris, September 1941, S. 7. 204. A.a.O., S. 18. 205. Dominique Rossignol, Histoire de la propagande en France de 1940 a 1944:1'Utopie Petain (Presses Universitaires de France, Paris, 1991), S. 181. 206. A.a.O., S. 29. 207. Beschrieben von L'Il lustration, 12. Juli 1941; zitiert von Rossignol, a. a. O., S. 182. 208. Gordon, a. a. O., S. 231, 239. 209. Herzstein, a. a. O., S. 122. 210. Kurt Vowinkel, '. . . ein zweiter Napoleon?' in Zeitschrift fiir Geopolitik, 1941-42, S. 371-6. 211. Thalmann, a. a. O., S. 74.


Anmerkungen

304

212. Interview in PariS'Midi, 28 February 1936; siehe Zeev Stemhell, Ni Droite, Ni Gauche. L'ldeologie fasciste en France (Editions Complexe, Brussels, 1987), S. 18. 213. Paxton, op. cit., S. 161. 214- Schweizer's speeches, 'Les Jeunes de l'Europe nouvelle et la revolution nationale' and 'Vers l'Union de la jeunesse fran caise' at the JEN Regional Congress in Vichy on 9 January 1944 are reprinted in Schweizer, La Jeunesse frangaise est une je unesse europeenne (Jeunesse de l'Europe Nouvelle, Paris, 1944), pp. 20 and 32 respectively. 215. Gordon, a. a. O., S. 237. 216. Quoted by Jean -Louis Loubet del Bayle, Les Non -conformistes des annees trente (Seuil, Paris, 1969), pp. 317 -27. 217. Denis de Ro ugemont, Penser avec les mains (Gallimard, Paris, 1972), S. 232. 218. De Rougemont, Politique de lapersonne (Je Sers, Paris, 1934), S. 8. 219. De Rougemont, Journal des deux mondes (Gallimard, Paris, 1947), S. 46. 220. Mission ou demission de la Suisse (La Baconniere, Neuchatel, 1940), S. 183. 221. De Rougemont, Journal d'une epoque. 1926-1946 (Gallimard, Paris, 1968), S. 371. 222. Ordre Nouveau, No. 5, November 1933, S. 13. 223. Op. cit., S. 8. 224- Ferdinand Kinsky and Franz Knipping (eds.), Le Federalism e personnaliste aux sources de I Europe de demain. Hommage a Alexandre Marc (Nomos Verlagsgesellschaft, Baden -Baden, 1996), S. 2. 225. Alexandre Marc und Rene Dupuis, Jeune Europe (Plon, Paris, 1933), S. 125-6. 226. Henri de Man, 'Jenseits des Nationalismu s' in Europaische Revue, Januar 1943, S. 5. 227. Letter from Jacques Maritain to Emmanuel Mounier, 2 November 1932, quoted in John Heilman, Emmanuel Mounier and the New Catholic Left 1930 1950 (University of Toronto Press, Toronto, 1981), S. 6. 228. A.a.O., S. 58.


305

Die verdorbene Quelle

229. Ibid. 230. A.a.O., S. 59. 231. Op. cit., S. 63. 232. Emmanuel Mounier, "Was ist der Personalismus?" in Cahiers franco allemands / Deutsch -Franzosische Monatshefte, 1936. 233 Heilman, a.a.O., S. 73. 234. A.a.O., S. 72. 235. Esprit au Congres franco -italien sur la corporation', Esprit, No. 33, June 1935, pp. 474-80; siehe Stemhell, op. cit., S. 308. 236. Heilman, a. a. O., S. 133. 237. A.a.O., S. 115. 238. Esprit, No. 51, Dezember 1936; siehe Heilman, a. a. O., S . 134. 239. Revolution communautaire" in Esprit, Nr. 28, Januar 1935; siehe Heilman, op. cit., S. 83. 240. Sternhell, a.a.O., S. 326. 241. a.a.O., S. 161. 242. Sohlbergkreis, Nr. 7, April 1935; Esprit, Nr. 41, Februar 1936; Jeune Europe, Nr. 3, 1936; siehe Heilman, op. cit., S. 115. 243. Esprit, Nr. 46, Juli 1936; Jeune Europe, Nr. 3, 1936, S. 3. 244. Heilman, a.a.O., S. 107. 245. Martin Conway, Kollaboration in Belgien: Leon Degrelle and the Rexist Movement (Yale University Press, New Haven und London, 199 3), passim. 246. Raymond de Becker, Le Litre des vivants et des morts (Brüssel, 1942), S. 203, 207, 209; Heilman, op. cit., S. 122. 247. Heilman, a.a.O., S. 124 -5. 248. T. J. Knight, "Belgium Leaves the War, 1940", in: Journal of Modem History, XLI, 1, Mär z 1969. 249. Veröffentlicht von der Nouvelle Societe d'Editions, Brüssel, 1942. 250. Heilman, a.a.O., S. 125 -6. 251. Robert Aron, Histoire de Vichy 1940 -1944 (Fayard, Paris, 1954), S. 196 217.


Anmerkungen

306

252. Philippe Petain, "L'Education nationale" in Revue des deux mondes, 15. August 1940. 253. Heilman, a.a.O., S. 169. 254- Francois Perroux, L'lndependance de I'economie nationale I'interdependance des nations (Aubier -Montaigne, Paris, 1969).

et

255. Tony Judt, Past Imperfect: French Intellectuals 1944 -1956 (University of California Press, 1992), passim; Esprit, Juni 1946, S. 970 -85; Laurent Monterini, "Mounier, Maritain et la Revue Esprit" in L'Ordre frangais, Mai 1975, S. 30-45. 256. Marc Fumaroli, L'Etat culturel. Essai sur une religion mode me (De Fallois, Paris, 1991), S. 91 -113. 257. Philippe Burrin, La Derive fasciste. Doriot, Deat, Bergery (1933 -1945) (Seuil, Paris, 1986), S. 88 -90, 340-1, 466 und Anmerkungen 58 -62; siehe auch Zeev Sternhell, op. cit. 258. Die Antwort von Jean -Marie Domenach auf John Heilman findet sich auf S. 138 von Le Personnalisme d'Emmanuel Mounier, hier et demain (Seuil, Paris, 1985). 259. Siehe Michel Berges, Vichy contre Mounier. Les non-conformistes face aux annees 40 (Economica, Paris, 1997). 260. Heilman, a.a.O., S. 182. 261. John Heilman, Die Rittermönche von Vichy -Frankreich: Uriage 1940-1945 (McGill-Queen's University Press, Montreal, 1993), S. 38. 262. Heilman, a.a.O., S. 40. 263. Heilman, a.a.O., S. 41 -2. 264. Op. cit., S. 57. 265. Bernard Comte, Une Utopie combattante. L'ecole des Cadres d'Uriage 1940-1942 (Fayard, Paris, 1991), S. 184. 266. Zu den Kontinuitäten zwischen der Montanunion und der deutschen Verwaltung Nordostfrankreichs, Belgiens und Luxemburgs während des Krieges unter Albert Speer und Jean Bichelonne, dem Industrieminister von Vichy, siehe "From Albert Speer to Jacques Delors" von John Keegan in The Question of Europe, ed. Peter Gowan und Perry Anderson (Verso, London, 1997).


307

Die verdorbene Quelle

267. Raymond Poidevin, Robert Schuman, homme d'etat (Paris, Imprimerie Nationale, 1985), S. 120 -4. 268. Das Ereignis ist nachzulesen in Sir Edward Spears, Two Men Who Saved France (Stein & Day, New York, 1966), S. 134 -5. 269. Henry Beyer, Robert Schuman. UEurope par la reconciliation franco allemande (Lausanne, 1986), S. 16 -23; siehe auch Michel -Pierre Chelini, "Robert Schuman et l'idee europeenne (1886 -1963)" in France-Forum, Oktober-Dezember 1996, S. 21ff. 270. Michael Salewski, "Ideen der nationalsozialistisch en Regierung und Partei" in Lipgens, a.a.O., S. 52, Anm. 92, und S. 53. 271. Ebd. 272. Emmanuel N. Roussakis, Friedrich List, der Zollverein und die Einigung Europas (Europakolleg, Brügge, 1968). 273. Frank Ebeling, Geopolitik . Karl Haushofer und seine Rau mwissenschaft 1919-1945 (Akademie Verlag, Berlin, 1994). 2?4- Op. dt., PP. 18, 24. 275. A.a.O., S. 23 -4.

Kapitel III: Das Zentrum halten (Seiten 83 bis 156)

1. Immanuel Kant, "Zum Ewigen Frieden", zweiter Abschnitt, erster Satz, Absatz 2. 2. Horst Fuhrmann, 'Wer hat die Deutschen zu Richtern über die Volker bestellt? Die Deutschen als Argemis im Mittelalter", in: Matinee im Bayerischen Landtag, hrsg. vom Bayerischen Landtag, München, Juli 1994, S. 12ff. 3. Ernst Kantorowicz, The King's Two Bodies: A Study in Medieval Political Theology (Princeton University Press, Princeton, 1957), p. 94. 4. Titel von Buch IV, Kapitel II des Policraticus, z. B. in der Ausgabe und Übersetzung von Cary J. Nederman (CUP, Cambridge, 1990), S. 30. 5. Kantorowicz, a.a.O., S. 20.


Anmerkungen

308

6. Richard Marienstras, Le Proche et le Lointain; sur Shakespeare, le drame elisabethain et V ideologic anglaise au XVIe et XVIIe siicles (Minuit, Paris, 1981), Kapitel 5. 7. Ansprache, 31. Mai 1960. 8. Bundespräsident Herzog, Deutschland, in einer Rede in Berlin am 8. Mai 1995. 9. Beide Zitate aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. Oktober 1995. 10. Gutachten des Wirtschaftsbeirats im Bundeswirtschaftsministerium von 1995, zitiert von Professor Dr. Otmar Issing, Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank, in einer Rede in Frankfurt am 4. November 1995, abgedruckt in Auszüge aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, 7. November 1995, Nr. 75, S. 5. 11. Karl Lamers, Rede vor TRUST in London, 17. November 1994. 12. Deutschland, Gro ßbritannien und die Zukunft der Europ äischen Union": Rede von Wolfgang Sch äuble vor der britischen Handelskammer in Köln, 8. März 1993. 13. Rückkehr in die Zukunft": Rede des Bundespräsidenten in Berlin, 8. Mai 1995. 14. Francois Duchene, Jean Monnet: Der erste Staatsmann der Interdependenz (W. W. Norton & Co., New York, 1994), S. 364. 15. Rede an der Katholischen Universität von Löwen, Belgien, 5. Februar 1996. 16. Von Ludwig Dehio (Krefeld, Sherpe, 1948). 17. Otto Gierke, Political Theories of the Modem Age, übersetzt und mit einer Einleitung von F. W. Maitland (zuerst veröffentlicht von CUP, Cambridge, 1900, nachgedruckt von Beacon Paperbacks, Boston, 1958), S. 95. 18. Michael Sheehan, Das Gleichgewicht der Macht: Ge schichte und Theorie (Routledge & Kegan Paul, London, 1996). 19. Jacques Bainville, Histoire de deux peuples (Fayard, Paris, 1933), p. 22. 20. Bainville, Les Consequences politiques de la paix (Erstveröffentlichung 1919, Nachdruck von Editions de l'Arsenal , Paris, 1995), S. 70. 21. Henry Kissinger, Diplomatie (Simon & Schuster, New York, 1994), S. 66.


309

Die verdorbene Quelle

22. Zitiert in Jorg Wollenberg, Les Trois Richelieu. Servir Dieu, le Roi et la Raison, ins Französische übersetzt von Edouar d Husson (Frangois-Xavier de Guibert, Paris, 1995), S. 145. Der deutsche Originaltitel des Buches lautet Richelieu. Kircheninteresse und Stoats - rason (Bielefeld, 1976). 23. De Stael, "De l'Allemagne", 1810. 24. Kissinger, a.a.O., S. 21. 25. Emmerich de Va ttel, zitiert ab 1758 von F. H. Hinsley in Power and the Pursuit of Peace (CUP, Cambridge, 1963), S. 166; siehe auch Kissinger, a.a.O., S. 68. 26. Hansard, 1. März 1848, Spalte 122. 27. Politische Testamente der Hohenzolle rn (Richard Dietrich, München, 1981), S. 61, 68. 28. Op. cit., S. 96. 29. A.a.O., S. 97. 30. A.a.O., S. 199. 31. Brief an Pourtales, 30. Juli 1912, zitiert von Gregor Schollgen in Die Macht in der Mine Europas: Stationen deutscher Auß enpolitik von Friedrich dem Gro ßen bis zur Gegenwart (C. H. Bech, München, 1992), S. 21. 32. A. J. P. Taylor, The Course of German History (Hamish Hamilton, London, 1945), S. 18. 33. William Shakespeare, Richard II, Akt 2, Szene 1, Zeilen 43ff. 34. Siehe James Buchan, Frozen Desire: An Enquiry into the Meaning of Money (Picador, London, 1997), Kapitel 5. 35. Friedrich List, Schriften / Reden / Briefe, hrsg. von der Friedrich List Gesellschaft, 10 Bände, Berlin, Reimar Hobbing, 1927 -36, Bd. VI, S. 425. 36. List, Werke, a.a.O., Bd. VI, S. 210; eine englische Übers etzung, der dieses Zitat entnommen ist, ist The National System of Political Economy, übersetzt von Sampson S. Lloyd (Lomgans, Green & Co., London, 1885), S. 175; Kursivdruck im Original. 37. Siehe Harold James, A German Identity: 1770 to the Present Day ( Phoenix, London, 1994), S. 59. 38. List, Werke, a.a.O., Band VI, S. 417; siehe auch The National System of Political Economy, a.a.O., S. 423 -4.


Anmerkungen

310

39. List, Schriften / Reden / Briefe, a.a.O., Bd. I, S. 493. 40. List, Das Nationale System der Politischen Ökonomie (A. Sommer, Basel, 1959), S. 176. 41. List, Schriften / Reden / Briefe, a.a.O., Bd. VII, S. 553; Hervorhebungen hinzugefügt. 42. Murray Forsyth, Unions of States: Confederation (New York, 1981), S. 173 -4.

The

Theory

and

Practice

of

43. Emmanuel N. Roussakis, Friedrich List, der Zollverein und die Einigung Europas (Europakolleg, Brügge, 1968). 44 Roman Szporluk, Kommunismus und Nationalismus: Karl Marx versus Friedrich List (OUP, Oxford, 1988), S. 145 -6. 45. Ralf Dahrendorf, Society and Democracy in Germany (Doubleday, New York, 1969), S. 54 -5. 46. A. J. P. Taylor, op. cit., S. 63. 47. Henri Richelot, L'Association douaniere allemande (Capelle, Paris, 1845), S. 170. 48. A. de Klinkowstroem, Memoires, doc uments et ecrits divers lais~ ses par le prince de Mettemich chancelier de corn et d'etat (Plon, Paris, 1880-84), Bd. V, Nr. 1135, S. 517 -36. 49. Heinrich Triepel, Unitarismus und Foderalismus im Deutschen Reich (Tübingen, 1906). 50. Triepel, Die Hegemonie : ein Buch von f ührenden Staaten (W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart und Berlin, 1938), S. 289. 51. Triepel, Die Hegemonie, a.a.O., S. 557. 52. Zitiert von K. E. Jeismann, Das Problem des Präventivkrieges im europäischen Staatensystem mit besonderem Blick auf die Bismarckzeit (Freiburg und München, 1957), S. 86. 53. Zitiert von John C. G. Rohl in The Kaiser and His Court: Wilhelm II. und die Regierung von Deutschland (CUP, Cambridge, 1994), S. 173. 54. Ebd. 55. Kaiser Wilhelm II. an Poultney Bigelow, 15. August 1929; siehe Rohl, op. cit., S. 210.


311

Die verdorbene Quelle

56. Kaiser Wilhelm II. an Alwina Gräfin von der Goltz, 28. Juli 1940 und 7. August 1940; vgl. Rohl, a. a. O., S. 211. 57. Kaiser Wilhelm II. an Margarethe Landgräfin von Hessen, 3. November 1940; vgl. Rohl, ebd. 58. Kissinger, a.a.O., S. 137. 59. Op. cit., S. 169 -71. 60. Volker Berghahn, Quest for Economic Empire: European Strategies of German Big Business in the 20th Century (Berghahn Books, Providence, USA, und Oxford, England, 1996), S. 10. 61. Georges-Henri Soutou, L'Or et le Sang: les buts economiques de la premiere guerre mondiale (Fayard, Paris, 1989), S. 25. 62. Op. cit., S. 26 -7; die Zitate stammen aus einem Brief Rathenaus vom 7. September 1914. 63. A.a.O., S. 27. 64. A.a.O., S. 48. 65. Kissinger, a.a.O., S. 83. 66. Lucas Delattre, Le Monde, 1. Januar 1996. 67. Bainville, Les Consequences politiques de la paix, a.a.O., S. 34. 68. A.a.O., S. 41. 69. Walter Lipgens (Hrsg.), Dokumente zur Geschichte der europäischen Integration (De Gruyter, Berlin und New York, 1985), Bd. 1, S. 5. 70. Zur Geschichte der SPD und ihrer Haltung zu Europa siehe "Posteuropäisch national" von Eckhard Fuhr in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. November 1995 und ""Das Deutsche Reich muss als staatli ches Ganzes erhalten bleiben" Kurt Schuhmacher und die nationale Frage" von Dr. Heinrich August Winkler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31. Oktober 1995. W. H. Roobol, 'The Prospects for the German Domination of Europe in the Era of the World Wa rs' in M. L. Smith and Peter M. R. Stirk (eds.), Making the New Europe: European Unity and the Second World War (Pinter, London, 1990), p. 20. Kissinger, op. cit. p. 283. 73 Karl Haushofer, Wehrwille als Volksziel. Wehrkunde, Wehrgeographie im Rahmen der Wehrwissenschaften (Stuttgart, 1934), p. 20.


Anmerkungen

312

74. Frank Ebeling, Geopolitics. Karl Haushofer und seine Raumwisse nschaft 1919-1945 (Akademie Verlag, Berlin, 1994), p. 89. Halford J. Mackinder, The Scope and M ethods and The Geographical Pivot of History (first published in 1887, reprinted by E. W. Gilbert, London, 1951), pp. 38ff. Erich Obst, 'England' in Die Gro ßmächte vor und nach dem Weltkriege (Karl Haushofer and Rudolf Kjellen, Leipzig and Berlin, 1930), p p. 70-109. 77. Hermann Jahrrei ß, Deutschland und das Reich (Cologne, 1939), p.55. 78 Obst, 'Berichterstattung aus Europa und Af rika' in Zeitschrift f ür Geopolitik, 1925, p. 440. 79 Karl C. von Losch, 'Der Kampf für das Recht im Osten' in Zeitschrift f ür Geopolitik, 1941/1942, pp, 481 -96. 80 Hans K. E. L. Keller, 'Unity and Diversity in the Legal World View' in Zeitschrift für Geopolitik, 1937, pp, 246 -8. 81 Karb Richard Ganzer, 'Das Reich als europ äische Ordnungs- macht' in Reich und Reichsfeinde. Schriften des Reichsinstituts f ür Geschichte des neuen Deutschland (vol. 2, Hamburg, 1942), pp. 7 -80. 82. Ebeling, op. cit., p. 129, 83 Op. cit., p. 97. 84 Arnold Weingartner, 'Jenseits des Nationalismus' in Nation und Stoat (Werner Hasselblatt, Vienna, 1942/1943), pp. 258-60. 85 Otto Muck, 'Der Gro ßeuropäische Wohlfahrtstraum' in Zeitschrift f ür Geopolitik, 1943, pp. 16 -21. 86 Hans Kaiser, 'When Victory Comes. England and the USA against Europe' in The New Europe. Kampfschrift gegen das englisch amerikanische Welt - und Geschichtsbild (Pressedienst, Walter Korber, Stuttgart, 1942), No. 24, p. 8. 87. Wolfgang Hopker, "Die Abl ösung Zwischeneuropas" in Zeitschrift für Geopolitik, 1940/1941, S. 189. 88. Ebeling, a.a.O., S. 182. 89. Siehe 'Was der "eigentliche Fall" Carl Schmitt ist': Brief von Professor Dr. Ernst-Joachim Mestmäcker, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Januar 1996, als Antwort auf 'Freischwimmer von rechts' von Rüdiger Altmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Januar 1996.


313

Die verdorbene Quelle

90. Karl Megerle, "Positive Themen für Presse und Propaganda", abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 86. 91. Ebd. 92. Cecile von Renthe -Fink, "Entwurf eines Memorandums zur Gründung eines Europäischen Staatenbundes", abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 155 -6. 93. Joseph Goebbels, "Die Vision eines neuen Europa" in Das Reich, 6. Dezember 1942. 94. Joachim von Ribbentrop, Rede zur Verlängerung des Antikominternpaktes, Monatshefte für Auswärtige Politik, 1941, S. 1053ff, auch abgedruckt in Lipgens, a.a.O., S. 90 ff. 95. Friedrich Grimm, "Allemagne et France: hier, aujourd'hui et demain", Les Conferences du Groupe "Collaboration", Paris, Januar 1941, S. 9. 96. Das Neue Europa, Nr. 1, 15. Oktober 1941, S. 4. 97. Op. cit., Nr. 2, 1. November 1941, S. 6. 98. A.a.O., Nr. 5, 1. März 1942, S. 3. 99. A.a.O., Nr. 3, 1. Februar 1942, S. 5. 100. Dr. Wolff Heinrichsdorff, a.a.O., Nr. 9, 1. Mai 1942, S. 2. 101. Dr. Reinhald Hoops, a. a. O., Nr. 9, 1. Mai 1942, S. 6. 102. Liviu Rebreanu (ein Rumäne), a.a.O., Nr. 8, 15. April 194 2, S. 5. 103. Dr. Hans Hohenstein, a.a.O., Nr. 13, 1. Juli 1942, S. l. 104. Walter Freund, a.a.O., Nr. 13, 1. Juli 1942, S. 5. 105. Dr. K. W. Rath, a. a. O., Nr. 14, 15. Juli 1942, S. 1. 106. Dr. Hans Baatz, a.a.O., Nr. 15, 1. August 1942, S. 3. 107. Dr. Hans Kaiser, a.a.O., Nr. 15, 1. August 1942, S. 5. 108. Kaiser, a.a.O., Nr. 2, 1. November 1941, S. 6 -8. 109. Dr Ruth Gansecke, op. cit., No. 16, 15 August 1942. 110. Dr Walter Flemmig, op. cit., No. 19, 1 October 1942, p.4. 111. State Secretary Dr Paul Ban g, op. cit., No. 22, 15 November 1942, p. 5. 112. Op. cit. No. 23, 1 December 1942, p. 8. 113. Freund, op. cit., No. 4, 1 December 1941, p. 6.


Anmerkungen

314

114. Op. cit., No. 1, 15 October 1941. 115. Op. cit., No. 2, 1 November 1942, p. 4. 116. Op. cit., No. 4, 1 December 1941, p. 7. 117. Op. cit., No. 3, 15 November 1941, pp. 4ff. 118. Friedrich Stieve, Deutschl ands europäische Sendung im Laufe der Jahrhunderte (Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Munster, 1942), p. 2 3. 119. Stieve, Deutsche Tat f ür Europa: Von Armin bis Hitler (R ütten & Loening Verlag, Potsdam, 1944), p. 334. 120. Ibid. 121 Op. cit, p. 315. 122. Op. cit., pp. 335 -6. 123 .Op. cit., p. 337. 124. Werner Frauendienst, 'The Internal Reorganization of the R eich as a Contribution to European Order' in Jahrbuch der Weltpolitik, 1942, pp. 112 39; reprinted in Lipgens, op. cit., p. H4. 125. Dr. Hans Pflug, 'Deutschland - das Herz Europas' in Europe (Helingsche Verlagsanstalt, Leipzig, 1943), pp. 134ff. 126. Walther Dane, Blut und Boden (Munich, 1940), p. 519. 127. Adolf Rein, Europa und das Reich (Essener Verlagsanstalt, Essen, 1943), p. 8. 128. Ebeling, op. cit. p. 233. 129. Daitz, 'Das Reich als europ äischer Ordnungsgedanke' in Nation ale Wirtschaftsordnung und Großraumwirtschaft, 1941, No. 5/6. 130. Paul Schmidt, 'Die Achse als Grundlage des neuen Europa' in W. Haas, Europa will leben: die nationalen E rneuerungsbewegungen in Wort und Bild (Berlin, 1936), pp. 13ff. 131. Cecile von Renthe -Fink, 'Note on the Establ ishment of a European Confederation', reprinted in Lipgens, op. cit., p. 138. 132. R. Hohn, Reich, Gro ßraum, Großmacht (Wittich, Darmstadt, 1942), S. 104. 133. Victor Farias, Heidegger und der Nationalsozialismus (Editions Verdier, Paris, 1987). Siehe auch Elzbieta Ettinger, Hannah Arendt: Martin Heidegger (Yale University Press, New Haven und London, 1995), S. 10. Ich bin Dr. John


315

Die verdorbene Quelle

London zu Dank verpflichtet, der mich auf einen Fehler in diesem Punkt in der ersten Ausgabe von The Tainted Source aufmerksam gemacht hat. 134. Martin Heidegger, Einf ührung in die Metaphysik (Erstveröffentlichung 1953, Nachdruck im Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 1987), S. 28. 135. Siehe Werner Weidenfeld, Der deutsche Weg (Siedler Verlag, Berlin, 1990). 136. Timothy Garton Ash, In Europe's Name: Germany and the Divided Continent (Jonathan Cape, London, 1993), S. 41. 137. a.a.O., S. 79. 138. a.a.O., S. 24. 139. a.a.O., S. 97. 140. Horst Kohler, Interview in Le Monde, 6. Februar 1996. 141. Rede an der Katholischen Universität von Löwen, Belgien, 2. Februar 1996. 142. Der verhängnisvolle Irrtum eines Entweder -Oder: eine Vision für Europa" in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Juli 1989. 143. Bainville, Bismarck (Erstveröffentlichung 1932, Nachdruck b ei Editions Godefroy de Bouillon, Paris, 1995), S. 12. 144. Le Monde, 6. Februar 1996. 145. Interview mit der S üddeutschen Zeitung, 28. Dezember 1995. 146. Siehe zum Beispiel Agence France Presse, 1. Oktober 1992. 147. Interview mit Die Woche, 3. Mai 1996. 148. Vortrag am Institut für Kapitalmarktforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt, 25. April 1996; abgedruckt in Ausz üige aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, Nr. 27, 30. April 1996, S. 1. 149. Bernard Connolly, Das verdorbene Herz Europas: The Dirty War for Europe's Money (Faber & Faber, London, 1996), S. 253 -5. 150. Ansprache auf dem 9. Europäischen Finanzkongress in Madrid, 29. November 1995, abgedruckt in Ausz üge aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, Nr. 82, 8. Dezember 1995, S. 11.


Anmerkungen

316

151. Überlegungen zur europäischen Politik" der CDU/CSU - Fraktion des Deutschen Bundestages, 1. September 1994, S. 3 (Bonn, unveröffentlicht). 152. Op. cit., S. 6. 153. A.a.O., S. 8. 154. Le Monde, 14. März 1996. 155. Karl Lamers, "Wie geht es mit Europa weiter?", in: The European, 18 -24 November 1995. 156. Rede vor IFRI, Paris, 7. November 1994. 157. Sch äuble, Rede vor der britischen Handelskammer, Köln, 8. Mai 1995. 158. Zitiert vom Chefvolkswirt der Bundesbank, Professor Dr. Otmar Issing, in einer Rede in Frankfurt am 4. November 1995, abgedruckt in Auszüge aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, Nr. 75, 7. November 1995, S. 5. 159. Triepel, Die Hegemonie, a.a.O., S. 557. 160. Issing, Rede vor de m Herbstplenum der Academia Scientarium et Artium Europea in Frankfurt, 4. November 1995; abgedruckt in Auszuge aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, Nr. 75, 7. November 1995, S. 5. 161. Triepel, Die Hegemonie, a.a.O., S. 135 -6. 162. Goethe, Faust, Erst er Teil, "Am Brunnen". 163. Professor Dr. Martin Seidel, Deutsche Verfassung und Europa, 30. Bitburger Gespräche, 13. Januar 1995, Westf älische Wilhelms-Universität, Munster, nachgedruckt in Auszuge aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, 1. März 1995, S. 8. 164. Lamers, "Wie geht es weiter mit Europa?", op. cit. 165. James, a. a. O., Kapitel 4. 166. Murray Rothbard, Economic Thought Before Adam Smith (Edward Elgar, London, 1995), S. 36. 167. . Ein gemeinsamer Wahrnehmungsraum", erwähnt von Edgar Meister in einer Rede vor der Friedrich -Ebert-Stiftung, Trier, 24. Oktober 1995, abgedruckt in Ausz üge aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, Nr. 73, 27. Oktober 1995, S. 6; siehe auch Rede von Reimut Jochimsen, München, 10. Oktober 1995, abgedruckt in a.a.O., S. 9. Zum "europäischen Wirtschaftsraum " siehe Issing, Rede in. Frankfurt, 4. November 1995, abgedruckt in a.a.O., Nr. 75, 7. November 1995, S. 5; und zu "Deutschland ist ... in die Mitte des


317

Die verdorbene Quelle

gesamteuropäischen Wirtschaftsra umes geruckt" siehe Rede von Helmut Hesse, Osnabrück, 31. Oktober 1995, abgedruckt in a.a.O., S. 8. Bundeskanzler Kohl sprach in seiner Rede an der Katholischen Universität Löwe n (Belgien) auch von den "Wirt schaftsräumen" der Welt. 168. Fritz Stem, "A New Beginning in Germany" in der Washington Post, 29. Juli 1990. 169. Louis Dumont, Die deutsche Ideologie: Von Frankreich nach Deutschland und zurück (University of Chicago Press, Chicago, 1994), S. 52. 170. Thomas Mann, Reflections of a Nonpolitical Man, übe rsetzt von W. D. Morris (New York, 1983), S. 246. 171. Jean-Pierre Chevenement, Frankreich -Allemagne. Parlons franc (Plon, Paris, 1996), S. 152.

Kapitel IV: Die europäische Ideologie (Seiten 159 bis 211)

1. Helmut Hesse, Rede vor der Stadtsparkasse Osnab rück, 31. Oktober 1995, abgedruckt in Ausz üge aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, Nr. 75, 7. November 1995, S. 7. 2. Zum Beispiel Kenichi Ohmae, "New World Order: the Rise of the Region State" im Wall Street Journal Europe, 17. August 1994. 3. Siehe z .B. Karl Lamers in einer Debatte mit Jean -Pierre Chevenement, in der Zeitschrift Geopolitique, Frühjahr 1996, S. 73; oder wiederum Lamers, "Beyond the Nation-State - a German Vision of Europe" in The Times, 27. April 1996. 4. Die Welt, 15. Juni 1996. 5. Geopolitique, Paris, Frühjahr 1996. 6. Zitiert von Niall Ferguson in "The Kaiser's European Union" in Virtual History: Alternatives and Counterfactuals, ed. Niall Ferguson (Picador, London, 1997), S. 229. Fergusons Quelle ist D. E. Kaiser, "Germany and the Origins of the First World War" im Journal of Modem History, LV (1983), S. 442-74. 7. Jean-Luc Mathieu, L'Union europeenne (Presses Universitaires de France, Sammlung "Que sais-je?", Paris, 1994). 8. Zum Beispiel, Genesis 22 : 18. 9. Zum Beispiel: Matthäus 22, 21; Römer 13, 6 -7.


Anmerkungen

318

10. Augustinus, City of God, übersetzt von Henry Bettenson (Penguin, Harmondsworth, 1984), passim. 11. Ernst Kantorowicz, The King's Two Bodies: Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters (Princeton University Press, Princeton, 1957). 12. Im Folgenden stütze ich mich auf Noel Malcolms Seme on Sovereignty (Centre for Policy Studies, London, 1991), die wahrscheinlich klarste moderne Erklärung zu diesem Thema. Es ist sicherli ch selten, dass man eine kurze Abhandlung findet, auf die man immer wieder mit Gewinn zurückgreifen kann, wie ich es in den Jahren seit ihrer Veröffentlichung bei zahlreichen Gelegenheiten getan habe. 13. H. W. R. Wade, "The Basis of Legal Sovereignty" in Cambridge Law Journal, 1955, S. 189. Siehe auch Malcolm, op. cit., S. IS. 14. Malcolm, a. a. O., S. 20. 15. Ebd. 16. H. L. A. Hart, The Concept of Law (Clarendon Press, Oxford, zweite Auflage 1994), S. 67. 17. Alain Cotta, Le Corporatisme (Presses Universi taires de France, Sammlung "Que sais-je?", Paris, 1984), S. 67. 18. Peter Riddell, The Times, 11. Juni 1996. 19. Patrice van Ackere, L'Union de VEurope occidentale (Presses Universitaires de France, Sammlung "Que sais -je?", Paris, 1995), S. 59. 20. Siehe Andrew Marr, "The Real Enemy is the Money Market" im Spectator, 9. September 1995. 21. Sir Leon Brittan, "The Discarded Image", in: Spectator, 15. Dezember 1990. 22. Sir Geoffrey Howe, "Souveränität und Interdependenz: Britain's Place in the World" in Inter national Affairs, Vol. 66, 1990, PP. 675 -95. 23. David Held, 'The Decline of the Nation -State' in Stuart Hill und Martin Jacques (Hrsg.), New Times: The Changing Face of Politics in the 1990s (Lawrence & Wishart, in Zusammenarbeit mit Marxism Today, London , 1989), S. 193. 24. Siehe Lamers in Geopolitique, op. cit., S. 68. 25. Thomas Hobbes, Leviathan (Erstveröffentlichung 1651, bearbeitet und gekürzt von John Plamenatz und nachgedruckt von Fount Paperbacks, London, 1983), S. 234.


319

Die verdorbene Qu elle

26. Siehe auch C. B. Macpherson, The Political Theory of Possessive Individualism: Hobbes to Locke (OUP, Oxford, 1962), II, 5, iii ("Congruence of Sovereignty and Market Society"), S. 95ff. 27. Siehe z.B. "La grande revoke francaise contre l'Europe liberate" in Le Monde diplomatique, Januar 1996. 28. Zum Beispiel Held, a.a.O., S. 191. 29. Aristoteles, Politik, übersetzt von Benjamin Jowett, mit Einleitung, Analyse und Index von H. W. C. Davis (Clarendon Press, Oxford, Druck von 1926, Erstausgabe 1905), Buch I, 1253a. 30. Hans Kelsen, Reine Rechtslehre: Einleitung in die rechts wissenschaftliche Problematik (F. Deuticke, Leipzig, 1934), S. 32. 31. Op. cit., S. 70. 32. Edmund Burke, Reflections on the Revolution in France (erstmals veröffentlicht 1790, he rausgegeben von Conor Cruise O'Brien und nachgedruckt von Penguin, Harmondsworth, 1986), S. 171 -2. 33. Friedrich von Hayek, Die Verfassung der Freiheit (Routledge & Kegan Paul, London, 1960), S. 237. 34. Tacitus, Annalen, III, 27; 35. Hart, a.a.O., S. 27 -8. 36. Op. cit., S. 28. 37. Kelsen, a.a.O., S. 111. 38. Hayek, Law, Legislation and Liberty (Routledge &. Kegan Paul, London, 1982), Bd. I, S. 82. v 39. Michael Oakeshott, On Human Conduct (OUP, Oxford, 1975), S. 87. 40. Op. cit., S. 112. 41. Horst Kohler, Stuttgarter Zeitung, 12. Dezember 1995; nachgedruckt in Auszüge aus Pressartikeln, Deutsche Bundesbank, Nr. 84, 14. Dezember 1995, S. 6. 42. Oakeshott, a.a.O., S. 132 -41. 43. Reflexionen zur Anthropologie" Nr. 897, Gesammelte Schriften (Ausgabe der Preußischen Akademie, 15: 392); zitiert in "Lectures on Kant's Political Philosophy" von Hannah Arendt, herausgegeben von Ronald Beiner (University of Chicago Press, Chicago, 1982), S. 4°.


Anmerkungen

320

44. Hannah Arendt, The Human Condition (University of Chicago Press, Chicago, 1958), S. 26 -7. 45. Oakeshott, a.a.O., S. 143. 46. F. C. Copleston, Aquinas (Penguin, Harmondsworth, 1955), S. 211; Hervorhebungen hinzugefügt. 47. Der heilige Thomas von Aquin, Abhandlung über das Rec ht, Qu. 90, IV. 48. Arendt, The Human Condition, a.a.O., S. 63 -4. 49. Ebd. 50. Siehe Roger Scruton, "In Defence of the Nation" in The Philosopher on Dover Beach (Carcanet, London, 1990), S. 321ff. 51. Ebd. 52. Zitiert von Ines Murat, Colbert (Fayard, Paris , 1980), S. 199-207. 53. Benjamin Constant, De I'Esprit de conquete et de I'usurpation (Erstveröffentlichung 1814, Nachdruck von Flammarion, Paris, 1986). 54. Zum Beispiel Die Welt, 5. Juni 1996. 55. And-Dühring (Herrn Eugen Dührings Unwälzung der Wissenschaft), dritte Auflage, 1894, S. 302. 56. Carl Schmitt, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveranitat (Erstveröffentlichung 1922, Nachdruck bei Duncker & Humblot, Berlin, 1991), S. ll. 57. Lamers, Rede vor TRUST in London, 17. November 1 99458. Rothbard, a.a.O., S. 303. 59. The Federalist, or the New Constitution: papers by Alexander Hamilton, James Madison and John Jay (The Heritage Press, New York, 1945), S.,56. 60. Oakeshott, a.a.O., S. 131. 61. Oeuvres de Saint -Simon 1868-1875, Bd. I, S. 197; zitiert von Elie Halevy in L'Ere des tyrannies. Etudes sur le socialisme et la guerre (Gallimard, Paris, 1938), S. 32. 62. Le Censeur europeen: Bd. I, S. 93, "Du systeme de l'equilibre europeen"; Bd. II, S. 67, "Considerations sur l'etat present de I'Europe, sur les dangers de cet état, et sur les moyens d'en sortir"; vgl. Halevy, op. cit., S. 35. 63. Oeuvres de Saint -Simon, Band XVIII, S. 165.


321

Die verdorbene Quelle

64. L'Industrie, Prospekt, April 1817; Oeuvres de Saint -Simon, Bd. II, S. 12-13; siehe Halevy, a.a.O., S. 38. 65. L'Industrie, Bd. I, zweiter Teil, von Augustin Thierry; Oeuvres de Saint Simon, Bd. II, S. 68 -9. 66. Des Bourbons et des Stuarts" (1825) in Oeuvres Choisies de C. -H. de SaintSimon (Brüssel, 1859), Bd. 2, S. 447; zitiert von Hayek, The Counter -Revolution of Science: Studies on the Abuse of Reason (Liberty Press, Indianapolis, 1979), S. 249. 67. System industriel" in Oeuvres Choisies, Vols. 21 und 22; zitiert von Hayek in The Counter-Revolution of Science, op. cit., S. 249. 68. Zitiert von Hayek, a.a.O., S. 254. 69. Op. cit., S. 245. 70. Cathechisme des industriels" in Oeuvres Choisies, Bd. 8, S. 87. Siehe Halevy, a.a.O., S. 46 -7. Hayek schreibt, dass die Formel ursprünglich von Auguste Comte stammt und später von de n Saint-Simonianern übernommen wurde, in deren Veröffentlichungen sie einmal in der Form "II s'agit pour lui non seulement d'administrer les choses, mais de gouve rner les hommes, oeuvre difficile, oeuvre saint" (Globe, 4. April 1831) vorkommt. Engels Verwendung der Ausdrücke steht im Original: 'An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen. Der Staat wird nicht "abg eschafft", er stirbt ab.' Siehe Hayek, op. cit., S. 251 n. 58. 71. L'Industrie" in Oeuvres Choisies, Bd. 3, S. 124 -5; siehe Halevy, a.a.O., S. 48. 72. Systeme industriel" in Oeuvres Choisies, Bd. 5, S. 47; vgl. Halevy, a.a.O., S. 46. 73. Doctrine de Saint -Simon. Exposition, Premiere Annee, 1829 (Paris, 1830); Deuxieme Annee, 1829 -30 (Paris, 1932), herausgegeben von C. B ougie und E. Halevy ("Collection des economistes et reformateurs francais", M. Riviere, Paris, 1924), S. 272 -3; siehe Hayek, a. a. O., S. 279 -80.

Kapitel V: Geldangelegenheiten (Seiten 213 bis 259)

1. Aristoteles, Nikomachische Ethik, übersetzt von David Ross (OUP, Oxford, 1986), Buch V, Abschnitt 5, S. 120.


Anmerkungen

322

2. Ludwig von Mises, The Theory of Money and Credit (Liberty Press, Indianapolis, 1980), S. 454. 3. Milton Friedman, Money Mischief: Episodes in Mon etary History (Harcourt Brace & Co., San Diego, New York und London, 1994), S. 3 -5, zitiert das Buch von William Henry Furness Ill, The Island of Stone Money (J. B. Lippincott & Co., Philadelphia und London, 1910). 4. Eine ausgezeichnete Darstellung der Ge ldgeschichte, insbesondere der Vorrangstellung von Gold gegenüber Silber, findet sich in The Evolution of Modem Money von William Warrand Carlile (Burt Franklin, New York, 1901, Nachdruck 1967). Siehe auch das äußerst informative und gut lesbare Buch The History of Money von Jack Weatherford (Crown, New York, 1997). 5. Adam Smith, An Inquiry into the Causes and Nature of the Wealth of Nations (OUP, Oxford, 1976, nachgedruckt von Liberty Press, Indianapolis, 1981), Kapitel IV, "On the Origin and Use of Money ". 6. Wolfgang Stützel, 1 her unsere Wahrungsverfassung (Walter Eucken Institut Vorträge und Aufsätze Nr. 56, J. C. B. Mohr' [Paul Siebeck], Tübingen, 1975), S. 10. 7. Edmund Burke, Reflections on the Revolution in France (erstmals veröffentlicht 1790, her ausgegeben von Conor Cruise O'Brien und nachgedruckt von Penguin, Harmondsworth, 1986), S. 261. 8. Murray Rothbard, Economic Thought Before Adam Smith (Edward Elgar, London, 1995), S. 67ff. 9. Dante, Das Paradies, Gesang XIX, Zeile 117. 10. Rene Guenon, Le Regne de la quantite et les signes du temps (Gallimard, Paris, 1945, nachgedruckt 1972), S. 110; Achille Dauphin -Meunier, La Banque a travers les ages (Banque, Paris, 1937), Kapitel 3. 11. Rothbard, Classical Economics (Edward Elgar, London, 1995), S. 333 . 12. John Locke, Further Considerations Concerning Raising the Value of Money (1695); zitiert von Rothbard, Economic Thought Before Adam Smith, op. cit., S. 322. 13. The Mystery of Money (Economic Research Department, Chamber of Commerce of the United Sta tes, Washington, 1953), S. 1. 14- Vera Smith, The Rationale of Central Banking and the Free Banking Alternative (zuerst veröffentlicht von P. S. King & Son, London, 1936, nachgedruckt von Liberty Press, Indianapolis, 1990), p. 11.


323

Die verdorbene Quelle

15. Hans-Hermann Hoppe, 'How is Fiat Money Possible? Or, The Devolution of Money and Credit' in The Review of Austrian Economics, Vol. 7, No. 2, 1994, pp. 49-74. 16. Bank of England Act 1694 (5 & 6 Will &. Mar c 20) in Halsbury's Statutes (Butterworth's, London, vierte Auflage, neu aufgelegt 1987), Band 4, S. 435. 17. Vera Smith, a.a.O., S. 19. 18. Op. cit., S. 22 -3. 19. Siehe Philippe Nataf, "An inquiry into the free banking movement in nineteenth-century France, with particular emphasis on Charles Coquelin's writings" (William Lyons University, San Diego, 1987); siehe auch Lawrence White, Free Banking in Britain: Theory, Experience and Debate, 1800 -1845 (Institute of Economic Affairs, London, zweite Auflage 1995). 20. Siehe "Les crises commerciales " von Charles Coquelin in seinem Dictionnaire de I'economie politique (Hachette, Paris, 1854). 21. Hobbes, Leviathan, a.a.O., Kapitel XXIV, "Von der Ernährung und Fortpflanzung eines Gemeinwesens", S. 235. 22. Nigel Lawson, The View from No. 11: Memoirs of a Tory Radical (Bantam, London, 1992, nachgedruckt von Corgi, London, 1993), S. 67. 23. Giulio Gallarotti, The Anatomy of an International Monetary Regime: The Classical Gold Standard 1880 -1914 (OUP, Oxford, 1995), S. 13. 24. Op. cit, S. 7-8. 25. Gallarotti, a.a.O., zitiert Robert Triffin, "The Evolution of the International Monetary System: Historical Reappraisal and Future Perspectives" in Princeton Studies in International Finance (Princeton University Press, Princeton, 1964), Nr. 12. 26. Gallarotti, op . cit., S. 31-427. A.a.O., S. 54. 28. A.a.O., S. 18-19. 29. Siehe Bernard Cherlonneix, "Les DegrSs de la convertibility monetaire" (unveröffentlichtes Papier), S. 4. 30. Rothbard, Economic Thought Before Adam Smith, a.a.O., Bd. I, S. 99. 31. Loi portant augmentation de la faculte d'emission des banques de France et de I'Algerie, etablissant a titre provisoire le cours force de leurs billets et approuvant des conventions passees avec ces etablissements", 5. August 1914.


Anmerkungen

324

32. Pressekonferenz, 4. Februar 1965, in Discours et messages (Plon, Paris, 1970), Bd. 4. 33. Jacques Rueff, Le Peche monetaire de I' Occident (Plon, Paris, 1971), S. 16 18; auch L'Age de I'inflation (Payot, Paris, 1963), S. 11 -12; und La Reforme du systeme monetaire international (Editions France -Empire, Paris, 1967), S. 16. 34. Rueff, Le Peche monetaire de I'Occident, a.a.O., S. 24. 35. Zitiert von Armand van Dormael, La Guerre des monnaies (Editions Racine, Brüssel, 1995), S. 110. 36. Der Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen wird von Robert L. Bartley in The Seven Fat Years and How to Do it Again (The Free Press, New York, 1992), Kapitel 2, gut erläutert. 37. Zitiert von Rueff, La Reforme du systeme monetaire international, op. cit., S. 10. 38. Vgl. Pascal Salin, L'Union monetaire europeenne, au profit de qui? (Economica, Paris, 1980), S. 35. 39. Thomas L. Friedman, "It's a Mad, Mad, Mad World Money Market", in: New York Times, 8. Mai 1994. 40. Burke, a.a.O., S. 310 -11. 41. - Burke, Discours sur la monnaie de papier (ohne Verlag, Paris, 1790). 42. Dies war die Reaktion des bedeutenden Dramatikers und Whig Abgeordneten Richard Sheridan (1751 -1816) auf die Entscheidung der Regierung, die Bank of England 1797 zur Aussetzung der Spekulationszahlungen zu "zwingen". Zitiert von Rothbard in Classical Economics, op. cit., S. 161. 43. Burke, Reflections on the Revolution in France, a.a.O., S. 307. 44. Siehe The New Palgrave Dictionary of Money and Finance (Macmillan, London, 1992), Bd. I, S. 164. 45. Marcello de Ceco, "The Gold Standard" in The New Palgrave Dictionary of Money and Finance, a.a.O.. 46. David E. Lindsey und Henry C. Wallich, "Monetary Policy" in The New Palgrave Dictionary of Money and Finance, op. cit. 47. Ludwig von Mise s, The Theory of Money and Credit (Liberty Press, Indianapolis, 1980), S. 456f.


325

Die verdorbene Quelle

48. Privates Gespräch, Februar 1996. 49. Rede vor der Generalversammlung des Verbandes der Schweizer Unternehmen in Deutschland, Zürich, 12. Ap ril 1996, abgedruckt in Ausziige aus Presseartikeln, Deutsche Bundesbank, Nr. 25, 15. April 1996. 50. Zitiert von Schumpeter in Capitalisme, socialisme et democratic (Payot, Paris, 1951), S. 351. 51. A Superstate Set Up by Stealth" in The Times, 21. August 1995. 52. Zitiert von Rueff in Le Peche monetaire de I'Occident, op. cit., S. 47. 53. Bernard Connolly, Das verdorbene Herz Europas: The Dirty War for Europe's Money (Faber & Faber, London, 1995). 54. Rede vor dem Europarat, 28. September 1995, berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 29. September 1995. 55. Interview in der Zeitschrift Elsevier, Niederlande, 30. August 1997. 56. Vortrag vor der Deutschen Akademie der Wissenschaften, 13. Juni 1996, abgedruckt in Auszü ge aus Presseartikeln, Deutsch e Bundesbank, Nr. 38, 17. Juni 1996. 57. Theresia Theurl, 'Sprengsatz war immer das Budget: Die Vorlaufer der Europäischen Währungsunion scheiterten an der Etatfinanzierung souveräner Staaten. Die Geldb ünde des 19. Jahrhunderts" in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. August 1995. 58. Hansard, 3/LXXIV/722 -49. 59. Siehe Charles le Lien, "Die Überwindung des Sisyphusprojekts der Europäischen Währungsunion" in der Zeitschrift European Journal, Mai 1996, p. 19. 60. Richard Cobden, zitiert ohne Quellenangabe von Rothbard in Classical Economics, op. cit., S. 246.

Kapitel VI: Das dritte Rom (Seiten 261 bis 320)

1. Le Monde, 15. Januar 1996. 2. CDU/CSU-Bundestagsfraktion, September 1994.

"Überlegungen

3. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Mai 1 994.

zur

Europapolitik",


Anmerkungen

326

4. Issing, a.a.O. 5. Zitiert von Johann Georg Rei ßmüller in "Liber Gelmut, schon war's bei Ihnen", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 1994. 6. Zum Beispiel in seiner Rede vor dem Europarat am 28. September 1995, zitiert in Le Monde, 30. September 1995. 7. Privates Gespräch mit dem Autor, 20. März 1996. 8. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Juni 1996. 9. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Oktober 1995. 10. Le Monde, 20. Oktober 1995. 11. Ebd. 12. Le Monde, 3. März 1992. 13. Le Figaro, 26. Mai 1994. 14. Le Monde, 5. Juni 1996. 15. Le Monde, 9-10 Juni 1996. 16. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Mai 1994. 17. Jerzy Lisiecki, "Finanzielle und materielle Transfers zwischen Ost - und Westdeutschland" in Soviet Studies, Vol. 42, No. 3, July 1990, pp. 513 -34. 18. Vladimir Bukovsky, Jugement a Moscou. Un dissident dans les archives du Kremlin (Robert Laffont, Paris, 1995), S. 307. 19. Hans-Peter Schwarz, Die gezähmten Deutschen. Von der Machbessessenheit zu r Machtvergessenheit (Deutsche Verlags - Anstalt, Stuttgart, 1985), S. 35; zitiert in Timothy Garton Ash, In Europe's Name: Germany and the Divided Continent (Jonathan Cape, London, 1993), S. 40. 20. Le Monde, 13. Mai 1994. 21. Bukovsky, a.a.O., S. 115. 22. Iver Neumann, Russia and the Idea of Europe (Routledge & Kegan Paul, London, 1996), S. 135 -6, 139-40. 23. Pravda, 24-25 November 1981. 24. Juri Borko, Leiter des Instituts für Europa, Moskau, in Vladimir Baranovsky und Hans-Joachim Spanger (Hrsg.), In fro m the Cold: Germany, Russia and the Future of Europe, mit einem Vorwort von Eduard Shevardnadze (Westview Press, Boulder, Colorado, 1992), S. 40.


327

Die verdorbene Quelle

25. Prawda, 19. Dezember 1984. 26. Neumann, a.a.O., S. 161. 27. Michail Gorbatschow, Perestroika: New Thinking for Our Country and the World (HarperCollins, London, 1987), S. 208. 28. Gorbatschow, "Plaidoyer pour une "Maison Commune"" in Politique Internationale, Nr. 68, Sommer 1995, S. 111. 29. John Borawski, "Das Budapester Gipfe ltreffen", in Helsinki Monitor, Bd. 6, Nr. 1, S. 11. 30. Heather Hulburt, "Russland, die OSZE und die Sicherheitsarchitektur", in Helsinki Monitor, Bd. 6, Nr. 2, S. 5.

europäische

31. Baranovsky und Spanger, op. cit., S. ix. 32. Le Monde, 16. März 1996. 33. Europa heute, BBC World Service, 18. März 1996. 34. Le Monde, 14. März 1996. 35. Le Monde, 25. Januar 1996. 36. Hulburt, op. cit., S. 15. 37. Le Monde, 19. Oktober 1995. 38. Neue Ziircher Zeitung, 27. März 1996. 39. Le Monde, 22. März 1996. 40. Le Monde, 8. März 1996. 41. Le Monde, 16. März 1996. 42. Le Monde, 8. März 1996. 43. Le Monde, 3. Mai 1996. 44. Wall Street Journal Europa, 30. April 1996. 45. Wall Street Journal Europa, 23. und 24. Februar 1996. 46. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. November 19 95. 47. Pierre Verluise, Le Nouvel Emprunt russe (Odilon Media, Paris, 1995); siehe auch meine Besprechung des Buches, "Is Russia Blackmailing the West?" im Wall Street Journal Europe, 26 -27 April 1996. 48. Neue Zürcher Zeitung, 11. Juli 1996.


Anmerkungen

328

49. Le Monde, 12. Juli 1996. 50. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Juli 1996. 51. Guardian, 26. Oktober 1989. 52. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Mai 199453. Robert Seely, "The Truth About Russia's Foreign Pol icy" in Wall Street Journal Europe, 25. Oktober 1995. 54. Privates Gespräch zwischen Anatolij Lashkevitsch, Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei von Belarus, und dem Verfasser, Minsk, Oktober 1995. 55. Le Monde, 29. Dezember 1995. 56. Le Monde, 15. Februar 1996. 57. Le Monde, 15. Februar 1996. 58. Zitiert von Baroness Park of Monmouth in einer Rede vor dem House of Lords über die Sicherheitsdienste, 13. März 1996. Die Rede wurde im Guardian vom 19. März 1996 und im European Journal vom Ap ril 1996 abgedruckt. 59. Ebd. 60. Le Monde, 3. Januar 1995. 61. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. November 1995. 62. Michael Mihalka, "Restructuring EurOpean Security" in Transition, Vol. 1, No. 11, 30. Juni 1995, S. 3-4. 63. Neue Ziircher Zeitung, 3. Ju ni 1996. 64. Le Figaro, 28. März 1996. 65. Ebd. 66. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. September 1995. 67. Le Monde, 9. Mai 1996. 68. Le Monde, 2. Mai 1996. 69. In einer Rede vor dem Europarat am 28. September, siehe Le Monde, 30. September 1995. 70. Le Monde, 27. Januar 1996. 71. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Februar 1996.


329

Die verdorbene Quelle

72. Le Monde, 30. Januar 1996. 73. Ebd. 74. Le Monde, 16. März 1996. 75. Le Monde, 30. Januar 1996. 76. Le Monde, 14. März 1996. 77. Le Monde, 8. Oktober 1997. 78. Frankfurter hinzugefügt.

Allgemeine

Zeitung,

27.

Januar

1996;

Hervorhebung

79. Le Monde, 13. Mai 1994; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Mai 1994. 80. Die Welt, 15. und 16. Juni 1996. 81. Le Monde, 5. Juni 1996. 82. Le Monde, 9.-10. Juni 1996. 83. Die Welt, 5. Juni 1996. 84. Wall Street Journal Europa, 18. April 1996. 85. Le Monde, 13. Mai 1994; Hervorhebungen hinzugefügt. 86. Nach Ansicht des konservativen deutschen Juristen Carl Schmitt. Siehe Der Begriff des Politischen (Erstveröffent lichung 1932, dritte Auflage 1963, Nachdruck bei Duncker & Humblot, Berlin, 1991). 87. Ich habe diese Argumente in "The Philosophy of Europe", The National Interest, Frühjahr 1995, S. 58ff. dargelegt. 88. Was kann die OSZE tun, um Krisen in Europa zu bewäl tigen?": Rede des Generalsekretärs der OSZE, Dr. Wilhelm Hoynck, Pielavesi, 3. September 1995, abgedruckt in OSCE 1995: The Year in Print (OSCE, Wien, 1996). 89. Gorbatschow, "Plaidoyer pour une "Maison Commune"", a.a.O., S. 105 -12. 90. Frankfurter Allgeme ine Zeitung, 13. Mai 1994. 91. Andrei Kozyrev, "OSZE: L'Avenir du vieux continent" in Politique Internationale, Nr. 68, Sommer 1995, S. 97. 92. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. April 1996. 93. Zum Beispiel Helmut FreudenschuB, "Five Antidotes to National ism: an Austrian Perpective", in Armand Cleese und Adam Daniel Rotfeld (Hrsg.),


Anmerkungen

330

Sources and Areas of Future Possible Crises in Europe (Luxembourg Institute for European and International Studies, Luxembu rg, 1995), S. 63. 94. Veröffentlicht von OUP, Oxford, 1993. 95. Ich bin dankbar für Johnathan Sunleys "Post -Communism: An Inflantile Disorder" in The National Interest, Nr. 44, Sommer 1996, für diese Anekdote. 96. Die Ausführungen von Präsident Gerald Ford in Helsinki, Finnland, am 1. August 1995; abgedruckt in OSCE 1995: The Year in Print, op. cit. 97. Rede von Richard C. Holbrooke, Assistant Secretary of State für europäische und kanadische Angelegenheiten, auf der Frühjahrstagung der Nordatlantikversamml ung, Budapest, Mai 1995; zitiert in Sunley, op. cit. 98. Zitiert von Mark Almond in Europe's Backyard War (Heinemann, London, 1994), S. 32. 99. Zitiert von Alain Genestar in Les Peches du prince (Grasset, Paris, 1992), S. 116. 100. Interview in The World a t One, BBC Radio 4, 5. Juli 1991; zitiert von Almond in Europe's Backyard War, op. cit., S. 237. 101. Bukovsky, a.a.O., S. 448 -50. 102. Le Monde, 3. März 1992. 103. Rede im Palais Chaillot vor der Konferenz "Les Tribus ou l'Europe", 29. Februar 1993, berichtet in Le Monde, 3. März 1992. 104. Andrei Gratchev, "L'Histoire vraie de la fin de l'URSS" (Editions du Rocher, Paris, 1992). 105. Zitiert von Genestar, a.a.O., S. 110. 106. Hansard, 23. Juni 1993, Spalte 324; derjenige, der am meisten dazu beigetragen hat, diese Bemerkung und ihre entsetzlichen Auswirkungen bekannt zu machen, ist Noel Malcolm. Siehe z.B. sein Buch Bosnia: A Short History (Macmillan, London, 1994), S. xx. 107. Sunley, op. cit. 108. L'espoir d'une "strategische Kommune" in Le Figaro, 14 -15 November 1992. 109. Das Dekret wurde in französischer Übersetzung von der Documentation Francaise (dem offiziellen französischen Staatsverlag) in Problemes politiques et sociaux, Nr. 760, 1996, und in der vierteljährlichen Zeitschrift Commentaire, Nr. 73, Frühjahr 1996, S. 207ff. veröffentlicht.


331

Die verdorbene Quelle

110. Op. cit., I, 4. 111. A.a.O., II, 7. 112. A.a.O., Ill, 13. 113. Seely, op. cit. 114. James Sherr, "After the Cold War: The Search for a New Security System" (Nach dem Kalten Kri eg: Die Suche nach einem neuen Sicherheitssystem): Rede vor dem Institut für Internationale Beziehungen der Universität Kiew, 4. Mai 1995, im Rahmen der Seminarreihe "Defence in a Democracy". 115. Franfoise Thom, Les Fins du commuhisme (Criterion, Paris, 1 994), S. 10910. 116. Berichte im belarussischen Radio, Minsk, 1700 GMT am 21. März 1996, und im Moskauer NTV, 1600 GMT am 23. März 1996, jeweils. Siehe BBC Summary of World Broadcasts, 25. März 1996 (SU/2569 B/14). 117. Le Monde, 31. März -1. April 1996. 118. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Januar 1996. 119. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Januar 1996. 120. Siehe Seely, a.a.O., und Le Monde, 9. November 1995. 121. Pravda, 13. Dezember 1990; siehe auch "The European Community as Seen from Moscow: Riv al, Partner, Modell?" von Vladimir Baranovsky vom Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen, Moskau, in Neil Malcolm (Hrsg.), Russia and Europe: An End to Confrontation? (Pinter, London 1994), S. 74. 122. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. April 1996. 123. Siehe "Russia's Un -Neighbourly Relations" von Therese Raphael im Wall Street Journal Europe, 11. September 1997. 124. Wall Street Journal Europa, 22. Januar 1996. 125. Literatumaja Gazeta, 30. Januar 1991. 126. Frankfurter Allgemeine Zeit ung, 22. Oktober 1994 127. Siehe "Le Plan strategique russe" in Commentaire, Nr. 73, Frühjahr 1996, S. 208. 128. Ich danke Radu Portocala für dieses Zitat, das ich aus seinem Artikel "Economies de l'Est: en avant vers le passe" in La Libre Belgique, 26. O ktober 1994, entnommen habe.


Anmerkungen

332

129. Der Pressesekretär des russischen Präsidenten kommentiert die russisch weißrussische Union", NTV, Moskau, 1600 GMT am 23. März 1996; siehe BBC Summary of World Broadcasts, op. cit. 130. Newsweek, 1. April 1996. 131. Le Monde, 31. März -1. April 1996. 132. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. April 1996. 133. Interfax News Agency, Moskau, 0854 GMT am 24. März 1996; siehe BBC Summary of World Broadcasts, op. cit. 134. Ekho Moskv y News Agency, Moskau, 2130 GMT am 23. März 1996; siehe BBC Summary of World Broadcasts, op. cit. 135. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Januar 1996. 136. Gustav Molnar, 'Say "No" to Yeltsin's Monroe Doctrine' im Wall Street Journal Europe, 17 -18 Mai 1996. 137. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Oktober 1997. 138. Daniel Vemet, Le Monde, 30. September 1997. 139. Le Monde, 24. September 1997. 140. Delegation der Russischen Föderation, "Regarding the Work on a Model of Universal and Comprehensive Security f or Europe in the Twenty -first century": Sitzung des Hohen Rates, 31. März 1995; zitiert in "Restructuring European Security" von Michael Mihalka, in Transition, Vol. 1, No. 11, 30. Juni 1995, S. 8. 141. Voice of Russia World Service, 28. März 1996. 142. Gorbatschow, "Plaidoyer pour une "Maison Commune" , op. cit., S. 108. 143. Op. cit., S. 109. 144. Newsday, BBC World Service, 25. April 1996. 145. Le Monde, 27. April 1996. 146. Rede von Premierminister John Major vor der parlamentarischen Versammlung der WEU, Church House, London, 23. Februar 1996. 147. Voice of Russia World Service, 29. März 1996. 148. A. Prokhanov in Den, Nr. 28, 1992. Im folgenden bin ich dem Artikel von Franchise Thom, "Eurasisme et neo -eurasisme" in Commentaire, Nr. 66,


333

Die verdorbene Quelle

Sommer 1994, S. 303 -9, aus dem dieses Zitat stammt, zu großem Dank verpflichtet. 149. Element y, Nr. 4, 1993. 150. Siehe Thom, op. cit., S. 305. 151. Sowjetskaja Rossija, 24. Februar 1994. 152. Ekho Moskvy News Agency, Moskau, 2130 GMT am 23. März 1996; siehe BBC Summary of World Broadcasts, op. cit. 153. Elementy, a.a.O. 154. Sunley, a.a.O., S. 10; siehe auch seinen Beitrag "First Find Your Threatened Minority" im Spectator vom 26. März 1994. 155. Georges Charachidze, "Pourquoi il faut s outenir les Tchetch - enes" in Le Monde, 9. März 1996. 156. Roger W. Robinson, Jr., 'Why We Should Care About Caspian Oil' (Warum wir uns um das kaspische Öl kümmern sollten), in: Wall Street Journal Europe, 14. November 1995. 157. Siehe die folgenden Beric hte der britischen Helsinki Human Rights Group: "Democracy and Human Rights in Georgia" (1992); "The Azerbaidjani Presidential Elections, 1993: Democracy and Human Rights" (1993); "Georgia: Folter und Mißbrauch eines ordentlichen Verfahrens im Fall Nr. 749 3810" (1995); "Armenien 1995: Demokratie und Menschenrechte" (1995); "Aserbaidschan 1995: Parlamentswahlen" (1995); "Georgien: Parlamentswahlen" (1995); und "Präsidentschafts - und Parlamentswahlen in Georgien" (1995). 158. Diese beiden Zitate aus Schewardn adses Buch The Future Belongs to Freedom (in englischer Übersetzung von Catherine Fitzpatrick, The Free Press, New York, 1991) stammen aus Fran^oise Thom, Les Fins du communisme (Criterion, Paris, 1994), S. 29. 159. Thom, Les Fins du communisme, op. cit. 160. Gorbatschow, "Plaidoyer pour une "maison commune"", op. cit., S. 105 12. 161. Baranovsky und Spanger, a.a.O., S. vii -ix. 162. Gorbatschow, "Plaidoyer pour une 'maison commune'", a.a.O., S. 111. 163. Andrej Sacharow, Fortschritt, Koexistenz und geistige Freiheit (W. W. Norton & Co., New York, 1968).


Anmerkungen

164. Ebd., zitiert in Harrison E. Salisbury (Collins/Harvill, London, 1974), S. 53, 65, 72.

334

(Hrsg.),

Sakharov

Speaks

165. Op. cit., S. 93ff. 166. Baranovsky und Spanger, a.a.O., S. 26. 167. Our Global Neighbourhood', Bericht der Commission Convergence, Oxford, 1995, S. 69 -70; siehe auch S. 337.

on

Global

168. a.a.O., S. 342 -3. 169. Zitiert in "We are the World?" von Walter Bems, National Review, New York, 26. Februar 1996, S. 48. 170. Die Welt, 5. Juni 1996. 171. Gorbatschow, "Plaidoyer pour une 'maison commune'", a.a.O., S. 105 -12. 172. Budapester hinzugefügt.

Beschlüsse,

a.a.O.,

Kapitel

IV,

1,4,

Hervorhebungen

173. Kozyrev, a.a.O., S. 93 -100. 174. Op. cit., S . 94. 175. A.a.O., S. 95. 176. Ebd. 177. A.a.O., S. 98. 178. Laszlo Kovács, Rede in Helsinki, 1. August 1995, nachgedruckt in OSCE 1995: The Year in Print, op. cit. 179. KSZE-Dokument von Budapest 1994, "Auf dem Weg zu einer echten Partnerschaft in einer n euen Ära", S. 1, 2. 180. Budapester Beschlüsse, Kapitel IV, VI, 17, 18. 181. Hulburt, "Russia, the OSCE and European Security Architecture" in Helsinki Monitor, Bd. 6, Nr. 2, S. 9 -10. 182. Kovacs Rede, op. cit. 183. Zum Beispiel Kapitel X der Beschlüsse de s Ratstreffens von Rom der KSZE, 1993. 184. "Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa: Bericht des KSZE-Expertentreffens über nationale Minderheiten", 19. Juli 1991, 30 ILM 1692, Teil II, Para. 3, S. 1695 -6.


335

Die verdorbene Quelle

185. Thomas Buergenthal, "The CSCE Rights System", in: George Washington Journal of International Laui and Economics, Vol. 25, No. 2, 1991, S. 380. 186. Ettore Greco, "Die OSZE nach dem Budapester Gipfel: The Need for Specialisation", in: International Spe ctator, Bd. XXX, Nr. 2, April/Juni 1995, S. 7. Der Artikel stützt sich weitgehend auf eine umfassende Analyse und Bewertung der KSZE -Aktivitäten während des italienischen Vorsitzes mit dem aufschlussreichen Titel: L'Europa senza muri: le sfide della pace f redda (Europa ohne Mauern: Die Herausforderungen des kalten Friedens), herausgegeben von Greco (Franco Angeli, Mailand, 1995). 187. Audrey Glover, "Nationale Minderheiten in Europa" in Studia diplo matica, Bd. XLVIII, Nr. 3, 1995, S. 53 -61. Das Zitat hier stammt von Seite 60. 188. Budapester Beschlüsse, Kapitel IV, VII, 25. 189. Patrice van Ackere, L'Union de l'Europe occidentals (Presses Universitaires de France, Sammlung "Que sais -je?", Paris, 1995), S. 120. 190. Über das Militärabkommen mit Georgien wur de im Wall Street Journal Europe vom 2. April 1996 berichtet. 191. Victor-Yves Ghebali, "La Crise tchetchene devant l'OSCE" in Defense Nationals, Annee 51, Mai 1995, S. 93. 192. lzvestiya, 31. Januar 1995. 193. Ghebali, op. cit. 194. "Je enger die Staaten miteinander verflochten sind, desto dauerhafter wird das Netz ihrer Beziehungen sein: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Januar 1994, S. 2, Hervorhebungen hinzugefügt. 195. Rede von Dr. Wilhelm Hoynck, Pilavesi, 3. September 1995, a.a.O., S. 6.

Kapitel VII: Ein Kontinent im Nied ergang (Seiten 321 bis 327)

1. Gemeinsame Erklärung der Mitglieder des französischen und des deutschen Parlaments, veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. Oktober 1995 und in Le Monde vom 13. Oktober 1995. 2. Horst Kohler, der deutsche Verhandlungsführer von Maastricht, in einem Interview in Le Monde vom 6. Februar 1996. 3. Izvesdya, 20. Juli 1990.


Anmerkungen

336

4. Rede vor dem Europäischen Parlament, 23. August 1991; The Times, 24. August 1991. 5. Die Geschichte wurde von Arkady Volsky in der rumäni schen Zeitung Curierul National vom 21. September 1994 erzählt - ich bin Radu Portocala zu Dank verpflichtet, der mich auf dieses Zitat aufmerksam gemacht hat.


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