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Helmut Wickel

l.-G. Deutschland Ein Staat im Staate

1932

Verlag D er Bücherkreis Gm bH, Berlin SW 61


Alle Rechte Vorbehalten . Copyright 1932 by Der Bücherkreis GmbH, Berlin SW 61 Einbandentwurf und Typographie: Jan Tschlchold Satz und Druck: Auerdruck, Hamburg Einband und Buch binderarbeiten: Vorwarts-Buchdruckerel, Berlin SW 68


Im Leunawerk

Vor einigen Jah ren brachte mich meine journalistische T ätigkeit ins m itteldeutsche B raunkohlenrevier, wo die B ergarbeiter einen langen und erbitterten Streik um einige Pfennige L ohnerhöhung führten. Die dreizehn Schornsteine des gewaltigen Leunawerks, das wie eine m ächtige Festung des K apitals M itteldeutschland beherrscht, riefen im m er von neuem den W unsch in m ir wach, dieses Werk besichtigen zu können, Es gelang n u r au f Umwegen. U nter dem frischen E indruck des Ge­ sehenen und E rlebten schrieb ich folgende Zeilen, die ich diesem Buch voransetzen m öchte: Das «Tal der zehntausend Dämpfe» hoch in A laska k ann nicht p h an ­ tastischer aussehen, nicht m ehr giftige Gase entlassen als dieses riesige Laboratorium des F arbentrustes, der heim lichen R egierung der d eu t­ schen Republik. Gerade ein Jah rzeh n t ist das W erk a lt u n d schon gibt es kein deutsches A rbeiterkind m ehr, das seinen N am en n ich t kennt. Um diese in die L uft ragenden R öhrensystem e, riesigen, schwarze R auch­ fahnen entsendenden dreizehn Schornsteine, m assigen, abgestum pften Kegel, die K ühlanlagen, die unerm üdlich dichtw eißen Nebel entlassen, ra n k t schon die Legende. Leuna — zunächst d en k t m an an K lassen­ kam pf, gefallene R evolutionäre, dann erst an Chemie, K ohleverflüssi­ gung, K unstdünger. Die Siedlung vor dem W erk w irkt sehr harm los. Allerdings u n tersteh st du schon beim Verlassen der breiten staatlichen H au p tstraß e der W erks­ polizei, und es k ann unangenehm e Folgen haben, w enn du etw a eine photographische Linse a u f eins der unscheinbaren H äuslein rich test oder gar au f das W erk selbst. Man w ird dich d er Betriebsspionage beschuldigen. Der W unsch, das W erk von innen zu betrach ten , begegnet m itleidigem , m ißtrauisch unterlegtem Lächeln der Zerberusse, die v o r jedem der Tore der doppelt um zäunten Anlage stehen. F ü r den Laien scheint drinnen ein Chaos. H ier nehm en die R echnungs­ 5


ergebnisse v o n C hem ikern, T e c h n ik e rn u n d F in a n z le u te n G estalt an, die G e s ta lt v o n u n e n tw irrb a r in e in a n d e r v ersch lu n genen R öhren, Hoch­ sp a n n u n g sle itu n g e n , K esseln, gew altigen S tahlflaschen, Kom pressoren, die G e s ta lt v o n zischenden D äm p fen , beizen d en G asen, brodelnden S äu ren , v o n ö l u n d B enzin, v o n d u rch d rin g en d riechendem K u n st­ d ü n g er, flüssiger Schlacke, g lü h en d en K o k sstü ck en , grünlichen Flam m en, die die N ietstellen d er G asrohre um lecken. Z u n ä c h st — es w ird g e b a u t in L eu n a. Solange es ex istiert, w ird es stä n d ig e rw e ite rt. L äch erlich u n d v o rsin tflu tlich sieht d e r kleine Schup­ p e n m it d em v e rro s te te n R q h ren sy stem au s, in dem w ährend des K rie­ ges die G a sg ra n a te n g efü llt w u rd en . H e u te is t d as L eunaw erk das große L a b o ra to riu m d e r I.-G . D ie K o h lev erflü ssig u n g san lag en , d a s jü n g ste K in d des C hem ietrusts, n eh m en b a ld d e n h a lb e n R a u m des R iesenw erks ein. Zwei V ersuchs­ sta tio n e n , je d e eine m äch tig e F a b rik , w erden je tz t ergänzt durch w eitere A nlagen, u m die G ro ß p ro d u k tio n au fzunehm en. Im H etztem po m üssen die A rb e ite r u n te r stä n d ig e r L ebensgefahr die A nlagen fertigstellen. T em p o ! T e m p o ! D e r R a u m is t eng, die A rb eiter beh in d ern sich gegen­ seitig. D ie A n lag en w erd en in B etrieb genom m en, sobald die M aschinen m o n tie rt sin d . U n m itte lb a r n e b en d e n B a u a rb e ite rn w ird hochgespann­ te r S tro m d u rc h d ie D rä h te g eleitet, w ird die B raunkohle u n te r 200 A t­ m o sp h ä re n D ru c k g esetzt u n d a u f viele h u n d e rt G rad erh itzt. D ie A k tio n ä re v e rla n g e n ih re D ividende. N u r k ein e Z e it v e rlie re n ! N ach M öglichkeit ist u n m itte lb a r neben jed en E in g a n g zu je d e m A rb e itsra u m ein Pissoir gestellt. A uch das Pissen is t ra tio n a lis ie rt. D a n n k o m m e n die g roßen A m m oniakfabriken, d er K ern des ganzen W erk es. «A m m oniakw erk M erseburg) la u te t d e r offizielle N am e des L eu naw erk es. H ie r w ird K ohlenoxyd u n d B lau säu re sowie Stickstoff fü r die sechs o d er sieben n eu en K u n s td ü n g e ra rte n des F a rb e n tru ste s gew onnen. Ä u ß erlich im m er d e r gleiche A n b lic k : K om pressoren, R o h re, K essel, w id rig er G estank. G ehe w eiter. P lö tzlich lieg t w eißer S ta u b a u f allen G ebäuden, W egen, M aschinen, R o h re n , W agen, F e n ste rn . H ie r is t die G ipsm ühle. D er aus 6


dem R heinland und vom Kyffhäusergebirge bezogene Gips wird zu feinstem Mehl verm ahlen, das sich auf die U m gebung und vor allem au f die Schleimhäute u nd Lungen der A rbeiter legt. In Rohren -wird das Gipsmehl in die Hochdruckanlagen gesaugt, wo es sich m it künst­ lichem Stickstoff, Phosphor, K ali verbindet. D urch die Farbenpro­ duktion ist die deutsche chemische Industrie groß geworden. J e tz t aber genügt sie nicht m ehr. Milliarden gehören dem F arb en tru st, die sich verzinsen sollen. K unstdünger und K unstbenzin (und künstliche Seide und Rohfilme und überhaupt Zellulose, aber das gehört nicht hierher) werden neue Riesengewinne bringen. Gottes Segen w altet sichtlich über dem F arbentrust. Denn zum K unstdünger -wird viel Gips gebraucht und der Weg vom Rheinland und vom Kyffhäusergebirge ist w eit und kostspielig. Also suchte m an in der Umgebung von Leuna nach Gips, und siehe d a ! E r findet sich. Bald werden die neuen Gipslager genau erforscht sein und abgebaut werden. Der Silo! H ier waren 1921 2000 Leunakäm pfer eingesperrt, in diesem hohen und tiefen fensterlosen Silo, aus dem es kein E ntkom m en gibt. J e tz t lagert hier kostbarer I.-G.-Dünger. In dreizehn mächtigen Dampfkesselanlagen u n d einem K raftw erk wird die gewaltige dynamische K raft erzeugt, die das W erk täglich ver­ braucht. Wie lange wird es dauern, und die Anlagen reichen nicht mehr aus ? Wie lange wird es dauern, und die Zahl der A rbeiter ist von 22 000 auf 44 000 gestiegen ? D enn: «Für das Kostenproblem der Stickstoffherstellung ausschlag­ gebend sind die K osten für die W asserstoffherstellung, die im letzten Jahre gänzlich auf Braunkohle um gestellt wurde. D a der S tandort m it­ ten im Braunkohlenrevier denkbar günstig ist und Wasserstoffgas gleich­ zeitig wichtiger Produktionsfaktor für Kohleverflüssigung ist, steh t die rationelle Arbeitsweise des Leunawerks in diesem Um fange einzig in der W elt da und die Stickstoffsynthese der I.-G . ist außerdem säm tlichen ausländischen Ammoniakverfahren überlegen.» D a sind die Gasfabriken. Die Seele des W erks. Gasofen neben Gasofen. E in Fabrikkom plex ohne W and und D ach, die A rbeiter w ürden sonst, ohne ständigen Luftzug, ersticken. So werden sie n u r lungenkrank u n d 7


holen sich die Gicht. Dicke R ohre leiten das W asserstoffgas hinüber in die A m m oniakanlagen u nd die Kohleverflüssigung. D irektoren lassen sich nicht gern in der N ähe d er G asfabriken sehen, denn oft fliegen glühende K oksstücke durch die L u ft, w enn die Schlacke m it 6 A tm o­ sphären D ruck aus den Oefen gehlasen w ird. Flugasche legt sich a u f die Kleider, fliegt in die Augen. Die T ü ren der Oefen öffnen sich u n d in weißglühendem Strom schießt flüssige Schlacke heraus. Die A rbeiter, halb n ack t, m it L ederschurz u n d klobigen L ederhandschuhen, b e­ wachen sie, d am it kein U nglück geschehe. Sie wollen die T ü r wieder schließen — es bleibt eine Lücke, aus der w eiter unbotm äßige Flam m en schlagen. An langen Stangen befestigen die A rbeiter dicke L ehm klum ­ pen, die sie in die Lücke pressen. D er L ehm w ird in der H itze sofort steinhart. A cht-, neun-, zehnm al derselbe V ersuch u n te r spritzenden Flam m en. E n d lich gelingt die Schließung. Die A rbeiter sind alle v e r­ hältnism äßig ju n g u n d im gew öhnlich k räftig gebaut. A ber in wenigen Jah ren sind die K räftig sten v e rb rau ch t u n d zu diesem H öllendienst untauglich. Rings um die G asfabrik laufen überdeckte K anäle voll kochender A b­ wässer, die durch alle L ücken der B edeckung hindurchquellen. W er schlechtes Schuhw erk h a t, v e rb rü h t sich die Füße. D ann kom m en ruhige Säle m it großen R eto rten u nd B ehältern un d M eßapparaten. Die A rbeiter stehen da u n d beobachten die Zeiger, die die geringsten D ruckveränderungen in den verschiedenen K om pressoren anzeigen. D urch G lasröhrchen schim m ert rötliche Flüssigkeit, von der die A rbeiter v iertelstündlich eine Analyse anfertigen u n d so die richtige oder falsche Z usam m ensetzung der Gase überprüfen. I n andern Sälen wieder große K essel m it M essingschrauben u n d -hähnen. Alles ist blitz­ blank. Die A rbeiter stehen bei den K esseln u n d U hren m it W ollappen in der H and , blicken a u f die U hren, drehen m anchm al an einem der H ähne u n d putzen die M aschinen. P u tzen , wo län g st nichts m ehr zu putzen ist. Bei N achtschicht scheuem sie ständig F ußboden u n d Maschine — , um n ich t einzuschlafen! Eigene M aschinenfabriken, eigene W e rk stä tte n , eigene D ruckerei (für die W erkszeitung), Tischlerei, eigene E isen b ah n reparaturw erkstatt 8


ergänzen das W erk. E in A rbeiter reinigt das Gestell eines Eisenbahn­ wagens m it einer Kiesspritze. Ganz feiner Kies w ird h a rt gegen die Eisenteile gespritzt und reißt alle Rostflecken fort, dringt in die kleinsten Ecken. Der K opf des Arbeiters ist dicht verhüllt, v or den Augen eine große Schutzbrille, ein Schlauch fü h rt vom M und zu einem Sauerstoff­ behälter. In den B aderäum en sammeln sich die A rbeiter bei Schichtschluß. Blaß, die H au t über und über m it Pickeln bedeckt, suchen sie sich von dem eingefressenen Schm utz zu säubern. Unreines B lut, H autkrankheiten, kranker Magen, faulende Zähne, A ppetitlosigkeit, ständige Ueberm üdung sind die Berufskrankheiten der Leunaarbeiter. W ieder m ußt du die doppelte K ontrolle passieren, gehörst, w enn du Glück h ast, nicht zu den Stichproben, die sich einer Leibesvisitation unterziehen lassen müssen. H inter dir liegt das W erk, vor dir die Sied­ lung, in der die Beam ten wohnen, je höheren R anges, um so w eiter vom W erk entfernt, denn die L uft rings um Leuna ist nich t die beste, u n d nur anspruchslose Pflanzen u n d noch anspruchslosere Proleten gedeihen in dieser A tm osphäre. Die m eisten A rbeiter allerdings wohnen w eit von Leuna u nd müssen zu der acht-, neun- u n d zehnstündigen A rbeit im W erk in gedrängt vollen, schlecht beleuchteten Eisenbahn- oder S traßen­ bahnwagen noch einige Stunden verbringen, ehe sie todm üde ins B ett fallen. Abseits vom W erk liegt das Gesellschaftshaus, der «Millionenbau», in dem kürzlich der A ufsichtsrat der I.-G . ta g te u n d neue Erw eiterungspläne beriet, V erhandlungen m it englischen u n d skandinavischen Chemie­ gewaltigen führte, dann eine Stunde lang das L eunaw erk besichtigte — es war in den Tagen vorher von oben bis u n ten gereinigt worden.

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1 . Die Geburt einer Wissenschaft

Besser ist Ruh dann Unruh, Doch nutzer Unruh dann Ruh. Paracelsus

In jenen Jahrzehnten und Jahrhunderten, in denen die Um wandlung der N atural- in die Geldwirtschaft das Dunkel des M ittelalters und das Bildungs- und Wissensmonopol der päpstlichen K irche unterw ühlten und durchbrachen, als die europäische M enschheit ihre gesellschaftlichen Verhältnisse einer ersten großen K ritik des Geistes u nd der Waffen u n ter­ warf, kritisierte sie gleichzeitig ih r Verhältnis zur sie um gebenden N atur. Das nach neuen Ländern strebende H andelskapital zerriß zuerst die Fesseln des m ittelalterlichen Geistes u nd legte dam it das D ynam it, das zuletzt in den großen bürgerlichen Revolutionen die ganze feudale Ge­ sellschaftsordnung in die L uft sprengen sollte. D er Zweifel an allem Bestehenden, an aller bisherigen Erkenntnis mobilisierte die Geister und eröffnete ein Zeitalter der Entdeckungen u nd Erfindungen. Aus der Theologie -wurden Philosophie und N aturforschung, aus der Astrologie die Astronomie, aus der Alchemie die Chemie, kurz, aus den A fter­ wissenschaften wurden die modernen W issenschaften, an die Stelle des Glaubens tr a t der Zweifel, die Forschung, das Wissen. Die neue Bewegung, die ihre höchste K raft in den rom anischen Ländern entfaltete, rü ttelte auch die deutschen Geister wach, die allerdings nicht wußten, daß sie n u r ein finsteres Grab schaufelten, in das Deutschland für mehrere Jahrhunderte versinken sollte. L uther schlug seine Thesen gegen die Geldgier des Papstes an die Schloßkirche zu W ittenberg, aber die Geldgier des Adels und der Fürsten trieb die Bauern zur Rebellion, a n d unter dem Feuer der modernen Geschütze der adligen Heere verbluteten Hunderttausende von Bauern. K opem ikus entdeckte das Sonnensystem, aber Kolumbus entdeckte Amerika u nd Vasco da Gama den Seeweg nach Ostindien und lenkte dadurch den H andel m it Indien, der bis dahin durch Deutschland geführt h atte, über den Ozean. D er deutsche A rzt Theophrastus Bom bast von Hohenheim, genannt P a ra ­ celsus, suchte die chemische Zusammensetzung des menschlichen K ör­ pers zu erforschen und legte die ersten Grundlagen der modernen Chemie 11


u n d M edizin. R uhelos u n d a rm d u rch w an d erte er, g eh aß t von allen D unkelm ännern, D eutschland, O esterreich u n d Ita lie n , ab er wie er seihst, wie es h eiß t, von den D ienern eines k o n k u rrieren d en A rztes aus dem F en ster g estü rzt w urde u n d so seinen T od fan d , so versanken, wie alle großen A nsätze der W issenschaft in D eutschland, au ch seine Grundlagen der Chemie in den K äm pfen vo n R eform ation u n d G egenreform ation, im B lu t des D reißigjährigen K rieges, im S u m p f k lein staatlicher E nge, in der S tu p id itä t des A bsolutism us d er D uodezfürsten. Seitdem im J a h re 1346 die E n g län d er in d er S chlacht von Crecy zum erstenm ale Schw arzpulver zum Schießen m it K anonen b e n u tz t h atten , w ar der w irtschaftliche A nstoß zur E ntw icklung einer chemischen W issenschaft gegeben. Schw arzpulver w ar schon seit Jah rh u n d erten b ek an n t, angeblich h ab en es die Chinesen erfunden. E s ist ein Gemenge von Salpeter, H olzkohle u n d Schwefel. D er deutsche Mönch B erthold Schwarz w ar, wenigstens der U eberlieferung nach, d er erste, der die Ver­ w endbarkeit dieses Pulvers zu Schießzwecken erkannte. Mit der Schlacht von Crecy ist m ilitärisch das M ittelalter beendet. D er B edarf an Schieß­ pulver führte zu einem erhöhten B edarf an Salpeter und Schwefel un d w eiter dazu, daß sich die Alchim isten in ihren L aboratorien intensiver m it diesen Stoffen befaßten. Sie entdeckten dabei das Scheidewasser, eine Mischung von Salpetersäure und Schwefelsäure, das, zum ersten­ m al gegen 1500 in Venedig, zur Scheidung von Gold und Silber b e­ n u tz t wurde. Dieser Erfolg w ar der A nstoß zu weiteren Versuchen, die zur E ntdeckung einer ganzen Reihe von Gasen, Salzen und chemischen R eaktionen u n d zu den Anfängen eines Chemikalienmarktes führten. A uf diesem Boden w ar Paracelsus der erste, der versuchte, das chemische un d medizinische Wissen seiner Zeit zusammenzufassen, von den Theo­ rien der A ntike zu lösen und a u f die Grundlage der modernen Forschung, das Experim ent, zu stellen.

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Am 14. Ju li 1791, dem zweiten Jahrestag der E rstürm ung der Bastille durch das revolutionäre Paris, stürm te ein Volkshaufe in der englischen S tad t Birmingham das H aus des Predigers der Dissentergemeinde, Joseph Priestley. D er Priester, der die W ut des Volkes so heraus­ gefordert h atte, konnte noch fliehen, aber das H aus ging in Flam m en auf und aus den Fenstern wurden Möbel, Bücher und — chemische und physikalische A pparate geworfen. England war der Ind u striestaat E uropas, es h a tte seine bürgerliche Revolution längst hinter sich — schon in Crecy h a tte n bürgerliche Heere gekäm pft —, und es sah in dem Sieg der französischen Bourgeoisie n u r eine Bedrohung seiner kapitalistischen W eltstellung. D er theologische K etzer Priestley jedoch wurde von den Pariser Freiheitsfanfaren tie f aufgerührt und schrieb eine revolutionäre Flugschrift, die großes Auf­ sehen erregte u nd zu jener w üsten H etze gegen den «religiösen Revolu­ tionär» führte, die in dem «Birminghamer Laternenanzündern) gipfelte. Priestley w ar n icht irgendwer. E r w ar bereits b ek an n t als Verfasser zahlreicher theologischer, philosophischer u nd politischer S treitschriften, h a tte neben der Theologie Sprachen stu d iert u n d beherrschte neben seiner englischen M uttersprache D eutsch, Französisch, Italienisch, Latein, Griechisch, Arabisch, Syrisch, Chaldäisch u n d H ebräisch, trieb daneben philosophische u n d physikalische Studien, ag itierte politisch u nd m achte aus Liebhaberei, gewissermaßen zur E rholung, chemische Experim ente. Um 1760 finden w ir'P riestley als Prediger in N antw ich in Chester, wo er gleichzeitig als Sprachlehrer w irkt. «Nebenbei» v erfaß t er eine englische G ram m atik. D ann legt er plötzlich den Predigerberuf nieder u n d w ird Sprachlehrer an der A kadem ie in W arrington u n d v e rfa ß t «nebenbei» eine Geschichte der E lektrizitätslehre, die ihm — ein K uriosum — die juristische (!) D oktorw ürde d er U n iv ersität E d inburgh ein b rin g t. E n d e d er sechziger u n d Anfang der siebziger J a h re ist P riestley w ieder P red i­ ger, schreibt «nebenbei» in zwei dicken B änden eine G eschichte der E ntdeckungen a u f dem Gebiete des Lichtes u n d d er F a rb e n u n d tre ib t optische Studien. E ine B rauerei in der N ähe seinerW ohnung v era n la ß t ihn, die G ärungsvorgänge zu beobachten u n d S tu d ien ü b e r die Gase zu 13


beginnen, die er in den folgenden Ja h re n , in denen er n ich t m ehr P red i­ ger, sondern B ibliothekar u n d R eisebegleiter des E arl of Shelburne, späteren M arquis of Lansdow ne, ist, fo rtsetzt. L iterarisch verdichten sich diese Studien zu einem sechsbändigen W erk: «Experim ente und B eobachtungen der verschiedenen A rten v on Luft». Bei diesen aus Lieb­ haberei betriebenen E x perim enten en tdeckte er 1771 den Sauerstoff, 1774 das A m m oniak, 1775 den Chlorwasserstoff u n d die schweflige Säure u n d 1776 das Stickoxydul, denen sp äter noch eine Reihe anderer wich­ tiger E ntdeckungen folgten. D am it w ar P riestley in die R eihe der b erü h m testen Chemiker seiner Zeit gerückt, u n d als ihm der P öbel v on B irm ingham das H aus anzündete, beeilte sich die junge französische R epublik, diesen genialen M ärtyrer der bürgerlichen F reih eit zum «Citoyen de la Republique» u n d zum «Membre de l’Assemblee Legislative» zu w ählen, u n d die «Chemiker von Paris» sprachen ihm in einem A nerkennungsschreiben ihren besonderen D ank fü r sein m utiges E in tre te n fü r den F reiheitskam pf des französi­ schen Volkes aus. U n ter d en U ntersch riften des Briefes findet sich auch der N am e des größten u n te r den großen Chem ikern, der N am e A ntoine L au ren t Lavoisier. Alle, die bisher a u f dem jungfräulichen G ebiet der Chemie geforscht h a tte n , w aren m ühselige K ärrn er gewesen. D er gehetzte un d gejagte P riestley, d er in revolutionärem U ngestüm die W elt in allen ihren Schlupfw inkeln ergründen wollte u n d in seinem angreiferischen Suchen nach einem G esam tbild der W elt u n d aller Lebensvorgänge eine der anziehendsten G estalten der W issenschaft bleibt, lieferte, ohne es zu wissen, durch seine E n td eck u n g des Sauerstoffs den w ichtigsten Stein zu dem G ebäude, das Lavoisier errichten wollte, u n d das diesen zum Be­ gründer der chem ischen W issenschaft im eigentlichen Sinne des W ortes gem acht h a t. Vor P riestley h a tte der englische Chemiker Joseph B lack die V erschiedenheit der K ohlensäure, die m a n dam als «fixe Luft» n an n te, entdeckt u n d dam it die G rundlage zur L ehre v on den Gasen ü b erh au p t gelegt. Gleichzeitig m it P riestley fan d in Schweden der A potheker Scheele den Sauerstoff u n d eine ganze R eihe anderer Elem ente, zerlegte 14


die atmosphärische L uft, das Ammoniak und den Schwefelwasserstoff. In London h a tte ebenfalls zur selben Zeit der englische Lord Henry Cavendish — «der reichste Gelehrte und der gelehrteste Reiche» — die atmosphärische L uft erforscht, ihre konstante Zusam m ensetzung fest­ gestellt, das Knallgas als ein Gemisch von W asserstoff — den er gerade vorher entdeckt h a tte — u nd L uft erkannt u nd beobachtet, daß sich beim Durchschlagen eines elektrischen Funkens durch L u ft Salpeter­ säure bildet, also schon die ersten wissenschaftlichen G rundlagen für den heute von einem Betriebe der I.-G .-Farben in Norwegen hergestellten Norge Salpeter gelegt. Sir H um phry D avy, der sich in jungen Jah ren aus ärmlichen Anfängen zum bedeutendsten Chemiker Englands em por­ gearbeitet h atte, untersuchte die Beziehungen zwischen chemischen und elektrischen K räften und entdeckte das K alium , das N atrium , die E rd ­ alkalimetalle, das Bor und wurde durch seine A rbeiten der Begründer der Elektrochemie. Doch sie alle waren immer noch Pioniere, die in unbekanntes L and ein­ drangen, Entdeckungen über Entdeckungen m achten, keine Gefahren scheuten — sie allerdings auch kaum kannten, wie zum Beispiel Scheele, der sehr viel m it Blausäure arbeitete, ohne von ihrer Giftigkeit zu wis­ sen — , aber von den Ergebnissen ihrer Arbeiten im m er selber überrascht wurden. D er Zusammenhang all der W under der Chemie blieb dunkel. Im m er lief neben dem praktischen Experim entieren in der Chemie das Suchen nach der umfassenden Theorie, durch die die Gesamtheit der Erscheinungen ihre Erklärung finden sollte. Die Versuche zur Schaffung einer Theorie nahm en ihren Ausgangspunkt vom Feuer, das die Men­ schen zwar seit unendlichen Zeiten kennen und sich dienstbar gem acht, das sie aber erst vor eineinhalb Jahrhunderten erkannt haben. Mit der wirklichen Erkenntnis des Feuers erst beginnt die eigentliche W issen­ schaft der Chemie, und diese Erkenntnis gelang in vollem Umfange zuerst Lavoisier. Am 1. November 1772 deponierte er beim Sekretär der französischen Akademie folgendes Schreiben: «Es ist etwa acht Tage her, seit ich entdeckt habe, daß der Schwefel beim Verbrennen, weit davon entfernt, an seinem Gewicht zu verlieren, im 15


Gegenteil hierin z u n im m t.. . Diese V ergrößerung des Gew ichts stam m t von einer erstaunlichen Menge L u ft, die w ährend der V erbrennung fest w ird un d sich m it den D äm pfen verbindet. Diese E ntdeckung, welche ich d urch V ersuche, die ich als entscheidend betrachte, festgestellt habe, b rach te m ich a u f den G edanken, daß das, was sich hei der V erbrennung v o n Schwefel u n d P hosphor beobachten lasse, wohl in bezug a u f alle K örper, die bei der V erbrennung u n d der K alzination an G ew icht zunehm en, s ta tth a b e n k ö nne; ich habe die R eduktion d er B leiglätte (Litharge) in geschlossenen G efäßen vor­ genommen, m it dem A p p a ra t v on H aies, u n d ich habe beobachtet, daß sich im A ugenblick des U eberganges des K alkes in M etall eine b e trä c h t­ liche Menge v on L u ft en tb in d et, u n d d aß diese L u ft einen tausendfach größeren U m fang an n im m t als das Q uantum der angew andten Blei­ glätte. Diese E n td eck u n g scheint m ir eine der belangreichsten zu sein, die seit S tah l gem acht w orden sind. Ich glaube m ir das Eigentum daran sichern zu sollen, indem ich dieses Gegenwärtige in die H ände des Sekretärs d er A kadem ie hinterlege, d am it es geheim bleibe, bis zu dem Augenblick, in dem ich m eine Versuche bekanntm achen werde.» Lavoisier w ußte, daß er v o r einer entscheidenden E ntdeckung stand, «einer der belangreichsten seit Stahl». Georg E m s t Stahl, Professor in H alle, dann L eiharzt des Königs von Preußen, ist der erste gewesen, der versucht h a t, eine Theorie der chemischen Erscheinungen zu geben. Beim V erbrennen von Stoffen, beim O xydieren von M etallen, bei der Verwe­ sung organischer Substanzen, bei der A tm ung, die S tahl bereits alle als grundsätzlich gleiche Vorgänge erkannte, sollte «Phlogiston», ein Feuer­ stoff, von dem m an w eiter nichts aussagen konnte, entweichen. Diese Theorie stim m te zw ar gar n ich t m it der Beobachtung üherein, daß Metalle durch das O xydieren schwerer werden, doch legte m an dam als au f die G ew ichtsverhältnisse bei chemischen E xperim enten wenig W ert. E rst Lavoisier h a t die W aage zu einem der w ichtigsten chemischen Handwerkszeuge gem acht u n d ih r v erd an k t er n ich t zuletzt seine E n t­ deckungen. S tahl h a tte seine Theorie anfangs des 18. Ja h rh u n d erts aufgestellt. Am E nde des Jah rh u n d erts, als eine ganze Schar von Gelehrten an der 16


Erforschung der Gase arbeitete, erfolgten zahlreiche Angriffe au f Stahls Anschauungen, ohne daß die Phlogiston-Theorie dadurch wirklich zu Fall gebracht wurde. D er Pariser A potheker Pierre Bayen veröffent­ lichte 1774 Versuche, die er a u f Grund von U ntersuchungen Lavoisiers über die Gewichtsverhältnisse bei Metallen, die in Salpetersäure gelöst und m it K alk oder Kreide ausgefällt werden, unternom m en h atte. Bei Erhitzung von Quecksilberoxyd h a tte er ein Gas erhalten, das schwerer war als gewöhnliche L uft und auch keine «fixe Luft» sein konnte, da es sich in Wasser nicht löste. Erw ärm te er Quecksilber m it diesem Gase, so erhielt er wieder Quecksilberoxyd. E r schloß daraus ganz richtig, daß bei der Verwandlung von Quecksilber in Quecksilberoxyd kein «Phlogiston» entweicht, sondern sich im Gegenteil Quecksilber m it diesem unbekannten Gas verbindet. E r glaubte dam it schon Stahls Lehre widerlegt zu haben und küm m erte sich um die U ntersuchung des Gases nicht weiter. Sonst h ä tte er den Sauerstoff entdeckt. Lavoisier schrieb 1773 in sein L aboratorium sjoum al: »Wie zahlreich auch die Erfahrungen der H erren Haies, Black, M acbride, Jacquin, Cranz, Priestley und De Sm eth über diesen Gegenstand (Entbindung von «Luft»), so fehlt jedoch viel daran, daß sie für eine vollständige Theorie der K örper ausreichen sollten. Es steht fest, daß die fixe L uft Erschei­ nungen darbietet, die von denen der gewöhnlichen L uft stark abweichen. In der T at, jene tö te t die sie einatm enden Tiere; wogegen diese zu ihrer E rhaltung wesentlich notwendig ist. Sie verbindet sich m it einer großen Leichtigkeit m it allen K örpern; wogegen die atmosphärische L uft sich unter gleichen Verhältnissen n u r m it Schwierigkeiten verbindet und vielleicht durchaus keine Verbin düng eingeht. Diese Unterschiede wer­ den in ihrem vollen Umfange dargelegt werden, wenn ich die Geschichte schreiben werde über alles, was vorliegt über die L uft, welche m an aus den Körpern entbindet und die sich fixiert. Die W ichtigkeit des Gegen­ standes verpflichtet mich, alles von dieser A rbeit wieder anzufangen, die mir geeignet erscheint, eine Revolution in der Physik u n d in der Chemie hervorzurufen.. . Ich nehme m ir vor, alles m it den neuen Vorsichts­ maßregeln zu wiederholen, um das, was wir über die sich fixierende oder aus den K örpern entbindende L uft kennen, m it den anderen erworbenen 2

I . -G. Deutschland

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E rfah ru n g e n zu v erk n ü p fen u n d eine T heorie zu entw ickeln. Die unter diesem G esich tsp u n k t b e tra c h te te n A rb eiten d er verschiedenen A utoren, die ich an fü h rte , b ie te n sich m ir als g etren n te Teile einer großen K ette d a r; sie sind Gelenke irgendeines K etten g lied es. E s b leib t jedoch die A nstellung einer u n g eheu ren Folge v o n V ersuchen übrig, u m eine K on­ tin u itä t h e rb e iz u fü h re n ...» L avoisier w ar dam als also seiner großen T heorie der V erbrennung, die eben in d er V erb in d u ng v o n S auerstoff m it einer an deren chemischen S u bstanz b e ste h t, e rs t a u f d er S p u r. E r w u ß te n och n ic h t genau, wohin sie führen sollte. Im O ktob er 1774 w a r L o rd S h elb u m e m it seinem R eisebegleiter Priestley in P aris. Sie w u rd e n v o n L avoisier zu T isch geladen. U n d Priestley erzählte b e i dieser G elegenheit v o n einem E x p e rim en t, das er am 1. A u g u st 1774 g em a c h t h a tte . E r h a tte «M ercurius p raecip itatu s per se» (rotes Q uecksilberoxyd) in einem d u rch Q uecksilber von der L u ft a b g esp errte n G lasgefäß e rh itz t — wie dam als üblich m it H ilfe einer g ro ß en B rennlinse. D as E rg eb n is w a r ein G as, das sich in W asser nicht lö ste. Also dasselbe G as, d as B ay en en td e c k t h a tte . P riestley erzählte w eiter, d a ß er ein L ic h t in dieses Gas hielt, das d a ra u f viel heller b ra n n te als in gew öhnlicher L u ft. E in S tück glimmendes H olz, das e r in das G as h ie lt, flam m te h ell auf. P riestley n an n te dieses Gas «dephlogistierte» L u ft. L avoisier, d er gerade k u rz v o rh er einen B rief von Scheele aus U psala e rh a lte n h a tte , d u rc h d en er gebeten w urde, eine Probe kohlensaures Silber zu erh itzen u n d d abei festzustellen, wieviel «Vitriolluft» sich au ß er der b eig esetzten fixen L u ft entw ickle, h ö rte Priestleys D arstellung m it großer A u fm erk sam k eit a n u n d a h n te sofort, d aß die E ntdeckung B ayens, P riestley s dep h lo g istierte L u ft u n d Scheeles V itriolluft dieselben Gase seien. Schrieb doch Scheele, d aß in d er V itriolluft Flam m en sehr le b h a ft b ren n en u n d T iere a tm e n können. I n dem Schreiben, das L avoisier bei dem S ek retär der A kadem ie h in ter­ le g t h a tte , glau b te er noch, d u rch die «fixe Luft» (K ohlensäure) das Ge­ heim nis d er V erbrennung lösen zu k ö nnen. Alle Versuche in dieser R ichtun. h a tte n ih n ab er n ic h t w eiterg eb rach t. N u n sah er hier des 18


Rätsels Lösung vor sich. E r wiederholte die Versuche u n d hielt am 26. April 1775 in der Akademie einen V ortrag: «Ueber die N atu r des Prinzips, welches sich m it den Metallen bei ihrer V erkalkung verbindet und ihr Gewicht erhöht.» Bei diesem V ortrag erw ähnte er, was ihm m it R echt vorgeworfen worden ist, keinen der drei M änner, die vor ihm den Sauerstoff entdeckt h a tte n und seiner Theorie dadurch erst die wirkliche Grundlage gegeben hatten . Nun, nachdem Lavoisier endgültig festgestellt h a tte , daß die Verbren­ nung und die O xydation der Metalle nichts weiter ist, als die Verbindung des Metalles oder irgendeines Gases m it Sauerstoff, konnte er eine lückenlose Theorie aufstellen. E r ging auch gleich einen Schritt weiter und legte zusammen m it einigen andern französischen Gelehrten eine neue chemische Ausdrucksweise fest, die m it geringen Aenderungen noch heute gebräuchlich ist. Priestley, der, ohne es zu wissen, den w ichtigsten G rundstein zur E r­ kenntnis der Gesam theit der chemischen Vorgänge geliefert h atte, endete als F arm er in N ordam erika u n d schrieb noch nach 1800 eine Verteidigungsschrift für die alte Lehre Stahls u nd gegen Lavoisier, zu einer Zeit, als die jungen Chemiker schon n u r noch über die alten Theo­ rien lächelten. Ebenso blieb Cavendish, der überaus wichtige Forschun­ gen über die atm osphärische L uft angestellt h a tte , der alten Lehre treu. Die Zeit w ar über sie hinweggegangen. Lavoisier, der noch im Jah re 1791 ein Dankschreiben an Priestley für dessen E in treten für die französische Revolution m it unterzeichnet h atte, wurde einige Jah re später selbst ein Opfer dieser Revolution. E r war nicht n u r Chemiker gewesen, sondern er h a tte zur Vergrößerung seines an sich schon beträchtlichen Vermögens das A m t eines Generalpächters der indirekten Steuern erworben. Die französische Revolution rechnete m it diesen G eneralpächtem , die zu den schlimmsten B lutsaugern des Volkes gehört h atten , ab. Auch Lavoisier wurde angeklagt. M an be­ schuldigte ihn, T abak für die Soldaten, dessen Lieferung in seiner H and lag, verfälscht zu haben. «Die Republik b rau ch t keine Gelehrtem, m einte der R ichter, und am 8. Mai 1794 fiel sein H a u p t u n ter dem Fallbeil der Guillotine. 2*

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«Sie b rau ch ten n u r einen A ugenblick, um diesen K o p f abzuschlagen; aber es w ird vielleicht hund erte v on Ja h re n dauern, ehe die N a tu r wieder einen solchen erzeugen kann», resignierte d er geniale französische M athe­ m atiker Lagrange.

2 . Die Geburt einer Industrie

N icht zufällig w u rd en die G rundlagen d er chem ischen W issenschaft im 18. Ja h rh u n d e rt u n d v o r allem in dessen letztem D rittel gelegt. Keine W issenschaft entw ickelt sich zufällig. Die E inführung der Feuerwaffen in die K riegstechnik w ar einer der Anlässe, die E ntw icklung der Glas­ h ü tte n , der P orzellan m an u fak tu r, d er T extilindustrie m it ihrem B ed arf a n Soda, an Bleich-, W asch- u n d F ärb em itteln ein anderer zur H eraus­ bildung der Chemie. E s w ar das Ja h rh u n d e rt, in dem die G rundsteine der m odernen In d u strie gelegt w urden, in dem die M anufaktur die M aschine schuf, die Maschine die M anufaktur v erdrängte u n d die ersten A nsätze zur M assenproduktion u n d zu einem M assenkonsum erzeugte. M arx faß te den V organg zusam m en: «Die Um wälzung der Produktionsw eise in einer S phäre der In d u strie bedingt ihre U m ­ wälzung in d er andern. E s gilt dies zunächst für solche In d u strie­ zweige, die zw ar durch die gesellschaftliche Teilung der A rbeit isoliert sind, so daß jed er derselben eine selbständige W are produziert, sich aber dennoch als P hasen eines G esam tprozesses verschlingen. So m achte die M aschinenspinnerei M aschinenweberei nötig, u n d beide zusam m en die m echanisch-chem ische R evolution in der Bleicherei, D ruckerei un d Färberei. So rief anderseits die R evolution in der Baum wollspinnerei die Erfindung des Gin zur T rennung der B aum w ollfaser vom Sam en 20


hervor, w om it erst die Baum wollproduktion a u f dem nun erheischten großen M aßstab möglich war.» (K apital I, S. 347.) Tatsächlich ist die moderne chemische Großindustrie eine unm ittelbare Folge der Erfindung der Engreniermaschine (Gin) Eli W hitneys, die schon in ihrer ersten auf Pferdeantrieb eingestellten Form Baumwollfasern fünfzig- bis sechzigmal so schnell von den Sam enkörnern befreite, als es einem Neger möglich war, also fünfzig bis sechzig Neger ersetzte. D am it w ar eine technische Schranke gefallen, die der Entw icklung der M assenfabrikation von Baumwolleinen entgegengestanden h atte. F ü r die in Massen produzierte Baumwolle — die Baum wollproduktion der nordam erikanischen Plantagen betrug 1791 zwei Millionen, 1794 acht Millionen und 1800 35 Millionen englische Pfund — reichte aber die Rasenbleiche nicht m ehr aus. Erstens waren so viele Wiesen gar nicht vorhanden, wie für die täglichen Mengen Baumwollgewebe gebraucht wurden, zweitens dauerte der Prozeß zu lange. Die Chemie m ußte ihn abkürzen, da die Baumwolle, ehe sie gefärbt werden kann, unbedingt schneeweiß gebleicht sein m uß. Diese neue technische Schranke, die sich der M assenfabrikation von Baumwollwaren entgegenstellte, zu beseitigen, wurde die Aufgabe der Chemikalien Schwefelsäure, Soda und Chlor. Sie m ußten zu diesem Zweck billig u nd in Massen hergestellt werden können. Die natürliche Soda w ar seit Jahrtausenden bekannt. Die französischen G lashütten, Seifensiedereien und Bleichereien bezogen ihre Soda aus Spanien. Die natürliche Soda deckte aber kaum noch den wachsenden Bedarf, so daß sich die Chemiker um ein Verfahren zur Herstellung künstlicher Soda bem ühten. Die Revolutionswirren schnürten außerdem die spanische Zufuhr nach Frankreich ab. Die französische Akademie der Wissenschaften setzte daraufhin einen Preis von 12000 Livres aus für die Erfindung der künstlichen Darstellung der Soda aus Kochsalz. 1791 wurde die Erfindung gemacht — die 12 000 Livres allerdings nicht aus­ gezahlt. Wie immer bei wichtigen Entdeckungen, auf welchem Gebiet auch immer es sei, waren dem ersten gelungenen W urf zahlreiche mißlungene oder nur unvollkommen geglückte Versuche vorausgegangen. Als im Jahre 21


1789 Nicolas Leblanc seine ersten E x p erim en te zu r D arstellung der Soda m achte, kon n te er bereits die E rfah ru n g en einer ansehnlichen R eihe von V orgängern verw erten. Schon n ach verhältn ism äß ig ku rzer Zeit gelang es ihm , das gestellte P roblem zu lösen. E r u n te rb re itete seine Erfindung dem Herzog von Orleans u n d schlug ihm vor, sich finanziell an der E r­ richtung einer S odafabrik zu beteiligen. E n d e 1791 erhielt Leblanc ein P a te n t a u f sein V erfahren. D er Herzog von O rleans gab Geld, die F a b rik w urde gebaut u n d begann ihre P roduktion. A ber sie h a tte noch keine 300 P fu n d Soda hergestellt, als am 6. N ovem ber 1793 d er B ürger Philipp E galite, ehem als H erzog von Orleans, der Guillotine zum O pfer fiel u n d die F a b rik geschlossen wurde. W enige M onate sp ä te r, im F e b ru a r 1794, veröffentlichte der W ohlfahrts­ ausschuß a u f A nregung eines K o n k u rren ten Leblancs folgenden Befehl: «In E rw ägung, d a ß die R epublik die P flicht h a t, die Einw irkung der F reih eit n ach d rü ck lich st allen G egenständen zuteil w erden zu lassen, die den K ü n ste n from m en, den H an d el v on seinen Fesseln zu befreien, alle G aben, die die N a tu r d a rb ie te t, ans L ich t zu ziehen, außerdem die haß erfü llten A nstrengungen der G ew altherrschaft zu vereiteln, u n d E r­ findungen, die Segnungen des B odens u n d die Gewerbe zum allgemeinen N u tzen zü gestalten, w ard beschlossen, daß alle B ürger, die ohne oder m it P a te n te n Seesalz zu Soda zu verarb eiten sich befleißigen, gehalten sein sollen, b in n en zwei D ekaden dem A usschuß m itzuteilen, wie ihre F ab rikatio n sv erh ältn isse liegen, wieviel u n d v on w ann ab sie Soda liefern können.» Die Preisgabe des P a te n ts b ed eu tete den m ateriellen R uin Leblancs u n d es n ü tz te ih m wenig, daß seinem V erfahren von der K om m ission, die den Befehl d u rchzuführen h a tte , besondere A nerkennung ausgesprochen w urde. Leblanc, d er zu r Z eit dieser Ereignisse schon 52 Ja h re a lt w ar, nahm noch verschiedene A em ter an. Im Ja h re 1798 w urde er Abge­ ordneter zum R a t der A lten fü r das D ep artem en t P aris. «Seine T ochter erkrankte u n d starb v o r Schreck ü b er die gefährliche Wahl.» 1805 w urde ihm eine E ntsch äd ig u n g zu erk an n t — aber n ich t ausgezahlt. Am 16. J a n u a r 1806 erschoß sich im A rm enhaus von S t. Denis Nicolas Leblanc im A lter v on 64 Ja h re n . 22


Das Leblancsche Sodaverfahren ist als erste F ru ch t der Reform der Chemie durch Lavoisier zu betrachten. Es ist daher nicht verwunder­ lich, daß es gerade in Frankreich, wo allerdings dam als ein dringender Sodabedarf vorlag, erfunden wurde und nicht in England, wo die Baum­ wollindustrie noch viel heftiger nach billiger Soda verlangte. In diesen beiden Ländern, vor allem aber in England, entwickelte sich nun in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Sodafabrikation zur Groß­ industrie und in ihrem Gefolge die gesamte sogenannte chemische Schwerindustrie. An eine deutsche chemische Industrie dachte damals niem and. D eutschland w ar n u r ein geographischer Begriff, ein Gebiet, in dem sich 36 Fürsten ihrer Souveränität erfreuten. Nach dem Leblanc-Verfahren wird Kochsalz m it Schwefelsäure behan­ delt. Mit zunehm ender Sodaproduktion stieg also auch der Schwefel­ säurebedarf. Schwefelsäure ist ein wichtiger Hilfsstoff jeder chemi­ schen, ja eigentlich aller modernen industriellen B etätigung. Abge­ sehen davon, daß sie bei fast allen chemischen Verfahren unentbehrlich ist, handele es sich um die F abrikation von andern Säuren, Teerfarben, Arzneien, K unstseide, K unstdünger oder sonst etwas, sie ist ebenso unentbehrlich bei der Stahlproduktion, der M etallurgie, der Glas­ industrie, der Textilindustrie, Petroleumraffinerie, Seifenfabrikation usw. Diese U nentbehrlichkeit gilt fast ebenso für Chlor un d Soda. Doch beide sind erst zu gewinnen, wenn m an Schwefelsäure h a t. Schwefelsäure ist also der Grundpfeiler der chemischen Industrie u n d ein Grundpfeiler der modernen Industrie überhaupt. Man nan n te diese giftige Säure früher Vitriolöl, da m an sie aus soge­ nanntem grünen V itriol (Eisensulfat) durch E rhitzen m it Sand zusammen erhielt. In der ersten H älfte des 18. Jahrhunderts fand ein englischer A potheker ein Verfahren, um Schwefelsäure aus einem Gemenge von Salpeter u nd Schwefel zu gewinnen. Sie kostete daraufhin im m er noch dreizehn Shilling das Pfund. Die beiden Substanzen, Schwefel und Salpeter, w urden auf großen Löffeln verbrannt, die in Glaskugeln auf­ gehängt waren. D ann wurden die Glaskugeln durch Bleikammern ersetzt. 1746 wurde in Birm ingham die erste Bleikam m er gebaut. Auch dieses V erfahren w ar noch recht kostspielig, da wertvolle Gase 23


verlorengingen. D em französischen Chem iker G ay-Lussac gelang es endlich, im A nfang des 19. Ja h rh u n d e rts, als d er große, wachsende B edarf an Schwefelsäure eine V erbilligung im m er dringlicher m achte, das B leikam m erverfahren rationeller zu gestalten. Jah rzeh n telan g w urde dies V erfahren von keinem besseren überholt. A uch die Schw efelsäureindustrie h a t sich zur G roßindustrie zuerst in E ngland entw ickelt. U m den Schwefel, der in großen L agern in E uropa n u r in Sizilien vo rk o m m t, w äre es beinahe zu einem Kriege gekommen. D er König von N eapel h a tte 1838 einer M arseiller F irm a das Monopol a u f die sizilianische Schwefelgewinnung verliehen. Sofort stieg der Preis des Schwefels v o n 100 M ark pro T onne bis a u f 300 M ark. N icht n u r die Schw efelsäureindustrie, sondern die englische In d u strie ü b er­ h a u p t fü h lte sich, b ei d er Schlüsselstellung der Schwefelsäure, bedroht. A uf englische K riegsdrohungen h in w urde das M onopol wieder aufge­ hoben. D as d ritte w ichtige G rundchem ikal, das Chlor, w urde 1774 von Scheele entdeckt. E s w ird allerdings n ic h t ann äh ern d in dem Maße gebraucht wie Schw efelsäure u n d Soda. F ü r die Bleichzwecke der B aum w oll­ in d u strie w urde dam als, als die U m w älzung in der B aum w ollindustrie die E n tste h u n g d er chem ischen In d u strie bew irkte, Chlorkalk verw endet, der 1789 e x tra h ierfü r erfunden w urde. E ine ganze In d u strie der Bleich­ m itte l entw ickelte sich. I n E n g lan d organisch als Folge der industriellen G esam tentw icklung, in F ran k reich durch S taatsförderung in Form von Schutzzöllen, E rfin d erpräm ien usw. Die K ontinentalsperre Napoleons, die E u ro p a gegen die englische E in fu h r abschließen sollte, förderte zeit­ weilig die E n tw ick lu n g , jed o ch gingen, w enigstens in D eutschland, die m eisten A nsätze zu einer chem ischen In d u strie wieder ein, als nach Niederw erfung N apoleons die englische K onkurrenz v on neuem einsetzte. 1820 beherrschte die englische chem ische In d u strie die W elt. Z ur selben Zeit setzte eine andere E ntw icklung ein. 1740 w urde der erste' m it K oks betriebene H ochofen in E n g lan d errich tet. Die alten a u f der H olzkohle aufgebauten V erfahren zur Eisengewin n ung unterlagen der neuen K onkurrenz. Die A era d er M assenproduktion von E isen begann u n d d am it die A era des S teinkohlenbergbaues. Die Steinkohle m uß 24


verkokt w erden, denn der Hochofen b raucht Koks, nicht Kohle. Bei der Koksgewinnung fallen als N ebenprodukte Leuchtgas, Steinkohlen­ teer und Am m oniak ab. Schon 1680 h a t J . J . Becher das Leuchtgas entdeckt und angezündet. Man nannte es das «philosophische Licht* und küm m erte sich nicht weiter darum . N un m ußte m an es in Massen produzieren, weil m an Koks brauchte. Erfinder u nd Industrielle interessierten sich in der Folge für die Gasbeleuchtung. In England w urden die ersten Experim ente gemacht. Die Vereinigten S taaten von Amerika griffen die Idee auf. Seit 1800 verbreitete sich dort die Gas­ beleuchtung. 1807 wurde sie zum erstenmale in einer Londoner Straße eingeführt. Eine englische Aktiengesellschaft bildete sich zur Auswertung der neuen Methode. Sie führte von 1814 an die Straßenbeleuchtung m it Gas in London und 1815 in Paris ein. Das Gas wurde nun vom Neben­ produkt der Koksgewinnung zum H auptprodukt. M it der Gasgewin­ nung stieg autom atisch die Teer- u nd Ammoniakproduktion. Es tauchte die für die chemische Industrie charakteristische Frage auf: W ohin m it den N ebenprodukten? Der Steinkohlenteer fand zwar zu­ nächst Verwendung im Schiffbau, wo er den Holzkohlenteer verdrängte, doch genügte das nicht. M it dem Ammoniakwasser wußte m an so gut wie gar nichts anzufangen. Noch ein drittes Ereignis fällt in diese Zeit. In den ersten Jahren des vorigen J ahrhunderts wurden die Salpeterlager in Chile, die sich 670 Kilo­ m eter lang in einer Breite von 50 bis 60 Kilometer an den Abhängen der Kordilleren hinziehen, entdeckt. 1825 ging die erste Schiffsladung Chilesalpeter nach Europa, fand aber keine Abnehmer. Wie m an heute den Weizen verbrennt, wenn diejenigen, die H unger haben, ihn nicht kaufen können, so versenkte m an diese erste Salpeterlast aus Mangel an K äufern in die See. «Aus dem Teer gewinnt m an Benzol, aus Salpeter Salpetersäure, und Benzol zusammen m it Salpetersäure führt unm ittelbar zu den Anilin­ farben — h ä tte damals schon in England zu den Anilinfarben führen können, denn m an h atte dort alles: den einheimischen Steinkohlenteer und das Geld zum Ankauf von Chilesalpeter, abgesehen von dem damals aus Indien eingeführten Kalisalpeter. Man h atte ferner in den genannten 25


zum Bleichen b en u tzten anorganischen V erbindungen die an dern für die organische G roßindustrie notw endigen H ilfsstoffe. U n d doch stockt hier die Geschichte der britischen In d u strie . R ohstoffe u n d K ap italk raft reichten als T riebkräfte n ich t aus. E s stock te, weil m an s a tt w ar un d es begann d o rt, wo m an H unger h a tte , u n d keine m ateriellen Schätze, in D eutschland.» (Binz, «Geist u n d M aterie in d er chem ischen Industrie», Seite 4.) Die Stockung in E n g lan d is t eine T atsach e. D och h a tte sie ihren ge­ w ichtigen G rund. Die In d u strie d er Soda, d er Schwefelsäure, des Chlors, also die anorganische G roßindustrie, e n tsta n d , als sie entstehen m ußte, weil sonst die gesam te industrielle E ntw icklung in Frage gestellt worden w äre. A ber sie k o n n te auch n u r en tsteh en , nachdem vorher die w ichtigsten w issenschaftlichen G rundlagen geschaffen w orden waren, a u f einem schw ierigen u n d opferreichen W ege, zu dem die Industrie selbst nich ts beigetrag en h a tte . Als sie d er Erfindungen bedurfte, konnte sie bereits in einen au fgestapelten Schatz von E rfahrungen greifen u n d regte Spezialforschungen d o rt an , wo es ihre Zwecke erforderten. Als die anorganische chem ische In d u strie geschaffen w ar, w ar tatsächlich ein gewisser S ättig u n g sp u n k t erreicht. Von d er Z u kunft des Teers und des A m m oniaks a h n te m a n noch nichts. Die M öglichkeiten ih rer che­ m ischen V erw endung m u ß te n zunächst v on der W issenschaft gezeigt w erden, ehe die In d u strie sich ih rer bem ächtigen konnte. Mit dem A uf­ tau ch en des Problem s der V erw ertung der N ebenprodukte w ar zw ar der A nstoß zu ih rer w issenschaftlichen D urchforschung gegeben, doch w ar bei dem dam aligen S tan d d er W issenschaft, dem N iveau der H och­ schulen u n d den m angelh aften technischen H ilfsm itteln der W eg von der Stellung eines P roblem s bis zu seiner Lösung sehr w eit. A ber auch nach Schaffung d er w issenschaftlichen V oraussetzungen k o nnte es erst u n d n u r da zu einer a u f dem T eer u n d dem A m m oniak aufgebauten chem ischen In d u strie kom m en, wo die A usw ertung der w issenschaft­ lichen E rkenntnisse Gewinn versprach. D as w ar fü r m ehrere Jah rzeh n te in E nglan d n ich t d er Fall.

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3 . Das Ende des freien Forschers

Die neuen Wege, die es n un zu betreten galt, w urden von zwei jungen Forschem zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eröffnet, von Justus Liehig und Friedrich Wöhler. Sie wurden die Begründer der organischen Chemie, das h eiß t der Pflanzen- und Tierchemie und legten dam it den wissenschaftlichen Grundstein zu allem, was wir heute m it dem Begriff «Chemische Industrie» verbinden, von der Kohleverflüssigung bis zum Giftgas. Die ganze Chemie w ar bis dahin von der E rkenntnis der m ineralischen Stoffe ausgegangen. Sie h a tte wissenschaftlich bis zu einem einheitlichen Lehrgebäude, einer Theorie der Chemie, und p rak ­ tisch, dies besonders in Frankreich, zu den Anfängen einer Zusammen­ arbeit der Forscher m it der chemischen Industrie geführt. Entsprechend der R ückständigkeit der w irtschaftlichen u nd politischen Verhältnisse hinkten in D eutschland auch die W issenschaften hinter ihrer Zeit her. D aher suchte der junge Liebig seine Studien in F rank­ reich zu vollenden. D urch Empfehlung Alexander v. Hum boldts gelang es ihm , in das Laboratorium Gay-Lussacs aufgenommen zu werden, wo er bald — einundzwanzig jährig — einige wichtige Entdeckungen machte. Mit 23 Jah ren wurde er Professor der Chemie in Gießen. D er Hochschul­ unterricht an den U niversitäten bestand in jener Zeit ausschließlich in Vorlesungen. Praktische Laboratoriumskenntnisse m ußten sich die Studenten selbständig aneignen, in der Waschküche ihrer W irtin oder wo sie sonst Gelegenheit h atten. Einige wenige h atten das Glück, in den Privatlaboratorien der berühm ten Professoren arbeiten zu dürfen. Liebig wurde zum Reform ator des chemischen Hochschulunterrichts, indem er an seiner U niversität ein U nterrichtslaboratorium einrichtete. Der Senat wehrte sich dagegen m it der Begründung: Es sei «die Auf­ gabe der U niversität, künftige Staatsdiener heranzubilden, nicht aber Apotheker, Seifensieder, Bierbrauer, Likörfabrikanten, F ärber, Essigsie­ der, Drogisten u nd Spezereikrämer». Liebig erreichte dennoch die Errich­ tung des Laboratorium s, was einen F o rtschritt auch über Frankreich 27


u n d E ngland hinaus bedeu tete. E s setzte d ah er ein enorm er Zustrom von Schülern n ach Gießen ein, n ic h t n u r aus D eutschland, sondern auch aus dem A uslande. Dies v e ra n la ß te in fü r die dam alige Zeit im m erhin schneller Folge andere deutsche U n iv ersitäten zur E inrich­ tu n g ähnlicher L aboratorien. Liebigs Erfolg b le ib t uns h eu te unerklär­ lich, wenn w ir die Z u stände in seinem «U niversitätslaboratorium » be­ denken : «Es w ar die W achstube einer verlassenen K aserne. V on A rbeitstischen, Schränken, V entilation u n d A bzügen w ar keine R ede. In der M itte stand ein gem auerter H e rd m it einem S an d b ad . W enn eine R eto rte platzte, flüchtete alles ins F reie. Die W ägungen w urden in einer n ich t heizbaren, m it S teinboden beleg ten K am m er vorgenom m en. A ssistenten gab es nicht. L ehrer u n d Schüler a rb e ite te n in stetem S äu redam pf a u f K osten ih rer Gesundheit.» (Binz a. a. O ., S. 6.) Liebig g rü n d ete sein L ab o rato riu m 1825. E s w ar die Zeit, in der" in D eutschlan d das B ü rg e rtu m — re c h t zaghaft u n d vorsichtig — seine ersten G ehversuche m ach te. V on h u n d e rt Fesseln eingeschnürt, ta ste te die entsteh en d e deutsche In d u strie das T errain ab. Geistiges u n d wissen­ schaftliches In teresse w urde w ach, denn die A potheker, die Seifensieder, die F ärb e r, sie w aren ja die kom m ende Bourgeoisie. Sie regte sich auch politisch. Die S tu d e n te n w aren rev olutionär u n d litte n u n te r den D em agogenverfolgungen. I n H essen, wo Liebig W affen für die in d u ­ strielle E n tw ick lu n g der deutschen Bourgeoisie schuf, w irkten dam als der S tu d e n t d er N aturw issenschaften, Georg B üchner, u n d der P farrer W eidig fü r eine deutsche R evolution. C harakteristisch fü r die W iderstände, gegen die sich dam als die deutschen In d u striellen durchsetzen m u ß ten , is t das Schicksal des E r­ finders des Zündholzes, Jaco b Friedrich K äm m erer, F ra n k W edekinds G roßvater. E r m ach te seine E rfindung als Festungsgefangener a u f dem H ohenasperg. Liebigs Erfolg, tro tz d er prim itiv en A rbeitsverhältnisse, h a tte also seine historischen U rsachen. W ie re if die Z eit w ar, zeigt ja am besten, daß im Ja h re 1834 der deutsche Zollverein geschaffen w urde, geschaffen w erden m u ß te, da die w irtschaftlichen K rä fte des Landes im m er heftiger 28


gegen die schon m indestens seit einem halben Jah rh u n d ert überholten innerdeutschen Zollschranken rebellierten. F ü r die spätere E ntstehung des deutschen Farbenm onopols wurde diese Liebigsche U nterrichtsreform von ganz ausschlaggebender Bedeutung, obgleich sie ihm selbst wohl n u r eine Kleinigkeit neben seinen bahn­ brechenden Forschungen au f den verschiedensten Gebieten der Chemie, vor allem den ganz neuen der organischen und der Agrikulturchemie sowie der Physiologie, war. Am Anfang der neuen Epoche der Chemie steht aber nicht Liebigs N am e, sondern der seines Freundes Friedrich Wühler. W ühler h a tte U ntersuchungen über die Zyansäure angestellt. Bei der Einwirkung von Zyan (Verbindung von Kohlenstoff und Stickstoff) auf flüssiges Am­ m oniak erhielt er eine eigentümliche, weiße, kristallierte Substanz. E r untersuchte sie näher: « . . .stellte ich m ir vor, es künne bei der Vereinigung von Zyansäure und Ammoniak eine organische Substanz und zunächst vielleicht ein den vegetabilischen Salzbasen ähnlicher Stoff entstehen; ich stellte daher aus diesen Gesichtspunkten einige Versuche über das Verhalten der Säuren zu dem kristallisierten K ürper an. E r verhielt sich aber indifferent gegen dieselben, die Salpetersäure ausgenommen, welche in der konzen­ trierten Auflösung dieses Stoffes sogleich einen aus glänzenden K ristall­ schuppen bestehenden Niederschlag bildete. . . Ich fand, daß sie bei der N eutralisation m it Basen salpetersaure Salze gaben, von denen sich durch Alkohol der kristallisierbare Stoff m it allen Charakteren, die er vor der Einwirkung der Salpetersäure h atte, wieder ausziehen ließ. Diese Aehnlichkeit im V erhalten m it dem H arnstoff veranlaßte mich, ver­ gleichende Versuche m it vollkommen reinem, aus Urin abgeschiedenem H arnstoff anzustellen, aus denen ganz unzweideutig hervorging, daß H arnstoff und jener kristallisierte Kürper oder das zyansaure Ammoniak, wenn m an es so nennen künnte, vollkommen identische Stoffe s in d .. . Das unerw artete R esultat ist auch insofern eine bemerkenswerte Tatsache, als sie ein Beispiel von der künstlichen Erzeugung eines organischen, und zwar sogenannten animalischen Stoffes, aus unorganischen Stoffen darbietet.» Der H arnstoff ist eine stickstoffhaltige Ausscheidung der 29


Tiere. W öhler h a tte die erste organische V erbindung aus anorganischen Stoffen synthetisch hergestellt. Bis dahin h a tte m an die E n tste h u n g chem ischer V erbindungen in den Pflanzen u n d Tieren dem W irk en einer im b ek an n ten «Lebenskraft» zugeschrieben. M an k a n n te zahlreiche dieser organisch entstandenen V erbindungen, so auch den H arnstoff, m a n w u ß te, daß die organischen V erbindungen sich genau so v erh alten wie die anorganischen. A. W . von H ofm ann schrieb 50 J a h re sp äter beim T ode W ühlers: «Man h a tte sich bereits längst d a ra n gew öhnt, in den K ö rp ern m ineralischen U rsprungs die V orbilder fü r die dem pflanzlichen u n d tierischen O rganism us ent­ stam m enden V erbindungen zu erblicken. A ber alle Versuche, organische K örper aus ih ren E lem en ten zusam m enzufügen, wie dies fü r eine große A nzahl v o n M ineralsubstanzen b ereits gelungen w ar, h a tte n sich bisher als erfolglos erwiesen. Die C hem iker je n e r P eriode h a tte n gleichwohl das Vorgefühl, d aß auch diese Schranke fallen m üsse u n d m an begreift d aher den Ju b el, m it welchem die B o tsch aft einer neuen einheitlichen Chemie v o n den G eistern b e g rü ß t w ard . M it d er U m w älzung, welche sich in den A n­ schauungen vollzogen h a tte , w aren auch m it einem Male der W issen­ schaft neue W ege u n d neue Ziele vorgezeichnet.» W öhlers E n td eck u n g fä llt in das J a h r 1828. E r arb eitet in der Folgezeit sehr eng m it Liebig zusam m en. I n d er A rbeit der beiden F reunde folgen n u n um fangreiche U ntersuchungen ü b er die H arnsäure. D as Ergebnis sind n ic h t w eniger als 16 neue organische V erbindungen, die sie e n t­ decken. D ie U ntersu ch u n g en w aren auch d aru m besonders schwierig, weil H arn säu re sehr schw er erhältlich w ar, da sie n u r aus den E x k re­ m en ten d er Schlangen gew onnen w urde. «Aber bin ich denn eine Boa constrictor, d a ß D u n ic h t au fh ö rst, im m er w ieder H arnsäure von m ir zu verlangen!» b e a n tw o rte t W öhler verzw eifelt Liehigs B itte u m eine neue Sendung v o n E x k rem en ten . Liebig u n d W öhler w aren sich vollkom m en d arü b er k lar, daß sie eine E ntw icklung eingeleitet h a tte n , a n deren E n d e die laboratorium sm äßige H erstellung aller organischen Stoffe stehen m u ß te — ein Ziel, das zwar bis h eu te noch n ich t voll erreich t is t, das ab er niem and m ehr fü r eine 30


U topie h ält. Zu einem V ortrag, den Liebig in Liverpool vor einer Ver­ sam m lung der N aturforscher halten wollte, b itte t er W ühler um eine A bschrift ihrer Notizen, wobei er folgenden schönen R a t erteilt: «Mache an K o p f oder Schwanz einige geniale Bemerkungen über die Produktion von organischen Stoffen in den Laboratorien, so daß die Leute glauben m üssen, es läge bloß an ihnen, wenn sie keinen Zucker aus Holzkohle und Regenwasser m achen können.» I n der E inleitung zu ihrer Abhandlung über die H arnsäure fassen sie das theoretische F azit ihrer A rbeit dahin zusammen: «Die Philosophie der Chemie wird aus dieser Arbeit den Schluß ziehen, daß die Erzeugung aller organischen Materien in unsem Laboratorien nicht allein als wahrscheinlich, sondern als gewiß betrachtet werden muß. Zucker, Salicin, M orphin werden künstlich hervorgebracht werden. W ir kennen freilich die Wege noch nicht, auf denen dieses E ndresultat zu erreichen ist, weil uns die Vorderglieder unbekannt sind, aus denen diese M aterien sich entwickeln, allein wir werden sie kennen lernen.» Die organische Chemie ist die Chemie der Kohlenstoffverbindungen, die sich in den organischen K örpern, also in den Pflanzen u nd Tieren finden. Welches Feld W öhler m it seiner Ham stoffsynthese eröffnet h at, zeigt drastisch die eine Tatsache, daß wir heute über 230000 Kohlenstoff­ verbindungen kennen, ohne daß schon von einer Grenze die Rede sein könnte. Dagegen sind von allen übrigen Elem enten n ur 25000 Ver­ bindungen bekannt. W ährend W öhler in Göttingen weiter auf dem Gebiet der organischen und anorganischen Chemie arbeitete, wandte sich Liebig den Forschungen über den A ufbau der Pflanzen zu und entwickelte die Lehre von der künstlichen D üngung, deren Auswirkungen sich erst seit den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts zeigen. Sie führten eine tiefgehendeUmwälzung in der Landw irtschaft herbei und eine entsprechende Evolution in der chemischen Industrie. Liebigs Reform des chemischen Hochschulunterrichts zeigte bald ihre ersten Früchte. Einer seiner Schüler h a tte in D arm stadt eine Teer­ destillation errichtet. Das erste Steinkohlenteeröl, das er produzierte, sandte er an Liebig, der es seinem Schüler A. W . H ofm ann zur 3t


U ntersuchung übergab. H ofm ann fan d dabei das A nilin, das zum Aus­ gangspunkt der m odernen F ärb - u n d p h arm azeu tischen In d u strie wurde. Seine erste A rbeit ü b er das A nilin veröffentlicht H ofm ann 1843. Zwei Ja h re sp äter w ird er n ach L ondon berufen, u m an dem d o rt neuge­ gründeten In s titu t fü r w issenschaftliche Chemie Liebigs L ehrm ethoden einzuführen. E r b leib t 20 J a h re in L ondon. Z usam m en m it seinen Schülern entw ickelt er die ersten A nilinfarben. 1856 en td eck t sein A ssistent, d er achtzehnjährige W illiam H e n ry P erk in , den ersten der Anilinfarbstoffe, das M auvein oder A nilin v io lett. H ofm ann fo rsch t n u n in dieser R ich tu n g w eiter u n d en td eck t das R osanilin, «die M u ttersu b stan z aller Anilinfarbstoffe». H ofm ann is t einer d er le tz te n V e rtre te r d er Epoche der großen freien Forscher in der Chemie. Seine enge Z usam m enarbeit m it der englischen chem ischen In d u strie , die P erk in u n d ih n zu eigentlichen B egründern der englischen T eerfarb en in d u strie m ach t, zeigt ihn als einen Uebergangsty p u s. E r fo rsch t in dieser Periode seines Schaffens schon m it dem ausge­ sprochenen Ziel d er in d ustriellen V erw ertbarkeit seiner Arbeitsergebnisse u n d w ird im w eiterenV erlauf zu einem d irekten R ep räsen tan ten der che­ m ischen In d u strie . E r ist d er A rrangeur der chem ischen A bteilungen auf d en großenW eltausstellungen in London u n d Paris. N ach zwanzigjährigem W irken in E n g lan d k e h rt er 1865 nach B erlin zurück, wo er den L ehr­ stu h l fü r Chemie u n d gleichzeitig die L eitung des Baues neuer L abo­ rato rien in B onn u n d B erlin ü b ern im m t. E r w äre diesen scheinbar so ungünstigen T ausch gegen eine gesellschaftlich u n d m ateriell gleich glänzende Stellung in L ondon gewiß n ic h t eingegangen, h ä tte er nicht die Zeichen der Z eit v e rsp ü rt. E nglands chemische In d u strie sank — noch kau m m erklich, aber in der Tendenz doch schon erkennbar — von ihrer w eltbeherrschenden Stellung herab, u n d viele Zeichen sprachen dafür, daß die D eutschen im Begriff w aren, eine neue Epoche der chemischen In d u strie zu eröffnen. Die beginnende industrielle E ntw icklung D eutschlands schuf einen großen C hem ikalienbedarf, ähnlich wie es ein halbes Ja h rh u n d e rt früher E ngland erlebt h a tte . U nd doch ein U nterschied. E ngland h a tte den "Traum gehabt, der auch eine Z eitlang W irklichkeit w ar, die F a b rik der 32


W elt zu w erden, w ährend die «Welt» die Rohstoffe und Nahrungsmittel zu liefern h a tte . F ü r seinen Industriebedarf entwickelte es daher vor allen Dingen die Industrie derjenigen anorganischen Chemikalien, die es zur V erarbeitung der Rohstoffe brauchte. A uf künstlichem Wege P rodukte zu ersetzen, die es aus den Kolonien billig beziehen konnte, daran h a tte es kein Interesse. Um die M itte des vorigen Jah rh u n d erts w ar England zwar noch das ent­ w ickeltste Industrieland derW elt, aber es stand bereits der Konkurrenz industriell junger kontinentaler S taaten, wie Frankreich, Belgien, und in schnell w achsendem Maße D eutschland gegenüber. Diese Entw ick­ lung zu erklären, b ietet keine Schwierigkeiten. Es liegt im Wesen des K apitalism us, die ganze nichtkapitalistische W elt seinen Gesetzen u n ter­ zuordnen, allen nichtkapitalistischen R aum in kapitalistischen zu ver­ w andeln. W ir sehen heute in Asien und Südamerika dieselbe E n t­ wicklung, wie sie im vorigen Jah rh u n d ert au f dem europäischen K o n tin en t u n d in den Vereinigten S taaten von Amerika zu beobachten w ar. A ber wie erklären wir uns die W anderung einer speziellen und so überaus w ichtigen Industrie wie der chemischen von dem entwickeltsten Lande nach dem unentw ickelten D eutschland? Eine Erklärung zu finden ist uns um so wichtiger, als das W eltmonopol in Teerfarben, das D eutschland vor dem Kriege tatsächlich h atte, nicht die geringste unter den K riegsursachen war. Die erste A nilinfarbe wurde, wie wir sahen, von dem Engländer Sir W illiam H enry P erkin erfunden. E r w ar auch der tatsächliche Be­ gründer der Teerfarbenindustrie, da er sich nicht m it der laboratoriums­ mäßigen H erstellung des Mauveins begnügte, sondern auch die tech­ nischen Voraussetzungen fü r die fabrikmäßige Herstellung schuf. Das w ar keine leichte Aufgabe, da ja die ganze A pparatur für eine Industrie der organischen Chemie erst geschaffen werden m ußte und die Ausgangs­ stoffe, Benzol u n d Anilin, n u r erst in geringen Mengen zur Verfügung standen. Es gibt drei L esarten über die Gründe, die dazu führten, daß die Teer­ farbenindustrie sich nicht in England, sondern auf dem K ontinent, vor allem in D eutschland, weiter entwickelte. Die naivste, die tro tz ihrer 3

I.-G. Deutsoblmnd

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P rim itiv itä t auch heute noch v e rtre te n w ird, sieh t den H auptgrund d arin, d aß H ofm ann London verließ u n d n ach B erlin ging. A m krasse­ sten kam diese A nschauung in d er Z w eckpropaganda zum A usdruck, die nach dem K riege gegen die deutsche chem ische In d u strie in England u n d in den USA. getrieben w urde. So sagte H e rr Francis P . Garvan, P räsiden t der «Chemical Foundation», k u rz n ach dem K riege in einer R ede vor dem Chem ikerkongreß in der C o lu m bus-U niversität: «Der englische C hem iker P erk in legte seinerzeit den G rund zu der E n t­ w icklung der K ohlen teerin d u strie u n d so g u t wie d er ganzen organischen Chemie. D er D eutsche H o fm an n p ack te P erkin a E ntdeckungen in seinen R eisesack u n d n a h m sie m it n ach D eutschland, wo er die deutsche Ind u strie, die d eu tsch en U n iv e rsitä te n u n d die deutsche Regierung augenblicklich v o n d er R ich tig k eit des In h a lts seines Reisesacks zu über­ zeugen verm o ch te. A ugenblicklicher E rfolg ließ d an n die V orteile einer im m er engeren V erbindung v o n W issenschaft, In d u strie u n d mili­ taristisch em S ta a t k la r erkennen, u n d dieser D reibund entwickelte D eutsch lan d aus einem A ckerbauland zu dem zw eitgrößten In d u strie­ lande d er W e l t . . . » (Z itiert n ach «Chem. In d .» , 1921, N r. 47.) H e rr G arv an h a tte w ährend des K rieges in der von der am erikanischen R egierung eingesetzten V erw altung fü r das feindliche E igentum die deutschen chem ischen P a te n te zu b etreuen, u n d im Ja h re 1919 etw a 4500 dieser P a te n te zu einem Preise, d er n u r zwei P rozent ihres w irk­ lichen W ertes ausm achte, an eine besondere Gesellschaft v erk au ft, deren P rä sid e n t er d a n n w urde. D er k u rz gefaßte A briß der Geschichte des deutschen Im perialism us, den er in d er zitierten Rede gab, ist A gitation, bei der m an es in keinem L ande der W elt u n d in keiner P a rte i der W elt m it der W ah rh eit allzu genau n im m t. In dem B ericht, den Mitchell P alm er, d er Chef der V erw altung des feindlichen E igentum s, zusam m en m it G arvan an den P räsid en ten der V ereinigten S taaten am 22. Fe­ b ru a r 1919 gab, stellten sie die E ntw icklung der deutschen chemischen In d u strie folgenderm aßen d a r: «Von der M itte des 19. Ja h rh u n d e rts an begann die praktische An­ w endung der chemischen W issenschaft die A ufm erksam keit einer ständig wachsenden Zahl der besten w issenschaftlichen u n d industriellen Köpfe 34


D eutschlands a u f sich zu lenken. Eine K om bination natürlicher Vor­ teile u n d nationaler Charaktereigenschaften führten zu schnellem F o rtsch ritt. D er Industriedistrikt, in welchem die notwendigen Materi­ alien un d andere Vorbedingungen vorhanden waren oder entwickelt w urden, w ar außerordentlich zusammengedrängt. Die Entfernungen waren kurz u n d T ransporte leicht. A rbeit war billig, gelehrig und be­ ständig. A uf der andern Seite w ar die Veranlagung der N ation besonders geeignet für chemische Forschungsarbeit, und zwar speziell für die end­ losen Aufgaben, die sich durch solche Forschungen darbieten, bei denen durch Erschöpfung der unendlichen Zahl möglicher Kombinationen die für ein besonderes G ebiet geeigneten zu finden sind. Das erste: wissen­ schaftliches T alen t u n d besondere Eignung auf dem Gebiet der For­ schung, im ponierten besonders der öffentlichen Meinung. Wissen­ schaftler u n d besonders Forscher waren geachteter als in irgendwelchen andern L ändern. Diese Tendenz wurde sehr gefördert durch die Re­ gierung, die durch Verleihung von E hren und Titeln alles ta t, was in ihrer M acht lag, um die Stellung des erfolgreichen Wissenschaftlers zu erhöhen. Infolge dieser Bedingungen w aren die U niversitäten schon früh m it den besten u n d fortgeschrittensten Forschungseinrichtungen versehen und zogen dadurch einen außerordentlich großen Teil der fähigsten jungen Leute an sich. Demgemäß entließen die U niversitäten eine ständig wachsende Anzahl hochtrainierter Techniker, deren Dienste der sich entwickelnden chemischen Industrie zur Verfügung standen. Die Zahl dieser Chemiker w ar so groß, daß der unvermeidliche Konkurrenzkampf um die Stellungen die D urchschnittsgehälter stark herabdrückte. Sehr hochwertige A rbeit war daher für den deutschen chemischen Fabrikanten gegen ungewöhnlich niedrige K osten erhältlich. In dieser Hinsicht hatte er einen bem erkensw erten V orteil über die F abrikanten eines jeden andern Landes der W elt. Diese Vorteile w urden in einem Ausmaße nutzbar gemacht, der sonst nirgends erreicht ist, weil zu einem vergleichsmäßig frühen Zeitpunkt von den industriellen u nd verwaltungsm äßig herrschenden Klassen die W ichtigkeit der Forschungsarbeit für die praktische Industrie klar 3

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erfaß t w urde. Die Allianz zwischen F a b rik a n t u n d U niversitätsprofessor w urde stän d ig enger u n d vollständiger. U m die B edürfnisse zu befrie­ digen, a u f die von den In d u strie fü h re m hingew iesen w urde, vollendeten A rm een v on büffelnden, aber tro tzd em geschickten Chem ikern H underte u n d Tausende g etren n ter U ntersuchungen. Als R e su ltat h a tte n die deutschen chem ischen In d u striellen stän d ig einen V orsprung — waren sie im m er ihren K o n k u rren ten in and ern L än d ern etw as a u f dem Wege der neuen Prozesse u n d P ro d u k te voraus. D er Vorteil d er D eutschen b e sta n d n atü rlich weniger in der H erstellung der schweren C hem ikalien als in den schwierigen un d kom plizierten Verfahrungsw eisen in and ern Zweigen dieser In d u strie. Chemikalien, die in großen M engen kon su m iert w erden, wie Schwefelsäure oder Soda, w erden zu so billigen Preisen hergestellt, d aß o ft die T ransportkosten den entscheidenden F a k to r in der B erechnung darstellen. D em gem äß haben die D eutsch en in diesem Zweig d er In d u strie niem als die V orherrschaft e rla n g t. . . I n zwei an d ern großen Zweigen d er chemischen In d u strie haben die D eutschen n ic h t n u r den ersten P la tz errungen, sondern sozusagen ein W eltm onopol, näm lich in d er praktischen Anw endung der organischen Chemie, in der H erstellung von Farbstoffen un d Arzneien.» («The Chemi­ cal Foundation», New Y ork 1919, Seite 3— 5.) Diese D arstellung ist in vieler H insicht zutreffend u n d ist im übrigen deshalb rech t interessan t, weil sie einen naiven m it V erachtung ge­ m ischten am erikanischen R espekt v o r dem «Büffeln» («Büffelnde, aber trotzdem re c h t geschickte Chemiker») zeigt. Aber sie erk lärt ja in W irklichkeit garnichts. W enn es näm lich so wäre, daß n u r die besondere deutsche E igenschaft, büffelnd zu forschen, zur E ntw icklung der deutschen chem ischen In d u strie fü h rte, d ann wäre d am it im Grunde genommen der Beweis geliefert, daß alle andern L änder, deren B e­ w ohner diese w irklich etw as langweilige Eigenschaft nicht haben, auch fü r alle Zeiten a u f eine chemische In d u strie verzichten m üßten. T atsächlich h a t auch G eheim rat D uisberg, d er eigentliche O rganisator des deutschen F arb en tru stes, im m er die A nsicht vertreten, daß die andern L änder g ar n ich t erst den Versuch m achen sollten, m it den 36


D eutschen zu konkurrieren, da die chemische Forschung eine deutsche Spezialität sei. Als 1906 das fünfzigjährige Jubiläum der ersten Anilin, färbe in London gefeiert w urde, hielt Duisberg bei dem Festessen für Sir W illiam H en ry Perkin eine Rede, die m an fast für eine Verspottung der Engländer h alten k ö n n te : «Als ich heute früh bei der würdevollen Feier in der Royal Institution vor der historisch bedeutsam en, winzig kleinen Probe Benzol stand, welche F a ra d a y zuerst aus Steinkohlengas isolierte, da ergriff mich ein seltsames Em pfinden, u nd vor meinem Geiste wuchs das kleine Gefäß zu riesengroßen B ehältern, gefüllt m it Millionen und aber Millionen Kilos dieses P r o d u k te s ... D er H err Kriegsminister h a t uns vorhin gesagt, daß, wenn A. W . H ofm ann in England geblieben wäre, die Farbenindustrie, die u n te r seinem Schutz und seiner Mitwirkung in E ngland en tstan d en ist, dann wahrscheinlich nicht nach Deutschland hinübergew andert wäre. Ich glaube, auch dies ist ein Irrtum . Selbst wenn H ofm ann in E ngland gehliehen wäre, würde die Kohlenteer­ industrie sicherlich auch in D eutschland Boden gefaßt haben und dort groß und m ächtig geworden sein. Stam m en doch die meisten Erfindungen au f diesem Gebiet nicht aus der H ofm ann’schen Schule, sondern, wie das synthetische Alizarin, der Indigo usw., aus der Schule Adolf von Baeyers, unseres deutschen Altmeisters. Die hier von Perkin aufgefundene neue Industrie, die Farbenindustrie, h a t sich zwar au f englischem Boden kräftig entwickelt und gute Früchte getragen. Sie ist auch keineswegs in England kleiner geworden als sie w ar, sondern steh t heute größer da als vor Zeiten. Nach ihrer ersten Blütezeit ist der Samen nach Frankreich, nach der Schweiz und vor allem auch nach D eutschland geflogen. . . Sie fragen w e ite r .. . welche speziellen Bedingungen es waren, die für das W achstum so vorteilhaft gewesen sind. Ob sich diese Verhältnisse nicht auch in E ngland eventuell künstlich schaffen la sse n .. . Auch diesen Fragen gegenüber will i c h .. . Ihnen offen bekennen, daß ich auf G rund diesbezüglicher Versuche, welche wir selbst gem acht haben, zur Zeit wenigstens an einen derartigen Akklimatisationserfolg in England nicht glaube. 37


Keine In d u strie der W elt v erlan g t ein so intensives H and-in-H andgelien von D enken u n d H andeln, v on W issenschaft u n d P raxis, wie speziell die organische Chemie u nd die organisch-chem ische In d u strie. Bei uns hat sich daher n ich t n u r diese chem ische W issenschaft in hervorragendem Maße entw ickelt, sondern gleichzeitig ist die organisch-chemische Technik aufgeblüht. Beide h ab en sich gegenseitig belebt u n d befruchtet. Das w ar in E ngland n ic h t d er F a ll; hier fan d sich beides in gleichem Maße n ich t oder n u r selten u n d ausnahm sw eise, wie zum Beispiel in Perkin, zusam m en. D azu k o m m t noch ein anderes. So p rak tisch die Engländer im allgem einen sind, ih n en feh lt, was u n s D eutsche aus­ zeichnet, n ich t etw a die A usdauer, sondern die G eduld, den Erfolg ab zu w arten. A uf keinem G ebiet d er technischen B etätig u n g m uß aber m it einem solchen A ufw and v o n G eduld u n d häufig u n te r V erzicht a u f m aterielle E ntschäd ig u n g g earb eitet w erden, wie gerade a u f dem jenigen der K ohlenteerindustrie. A ber, so k ö n n te m an sagen, w enn n u n die Problem e gelöst sind, wenn keine P a te n te m ehr im W ege stehen u n d jederm ann das R ech t h a t, die F ab rik atio n aufzunehm en, w arum entschließen sich d an n n ich t die eng­ lischen oder ausländischen F ab rik an ten , es den D eutschen gleichzutun u n d m it diesen zu k o n k u rrieren ? A uch das w äre m eines E rachtens vergebene Liebesm üh u n d w ürde wenig helfen. Schon in D eutschland, wo, wie w ir gesehen h aben, die V erhältnisse am günstigsten liegen, ist es h eu te k au m noch m öglich, oder w ird sicherlich zu den Seltenheiten gehören, d aß es ein noch so sehr m it Energie u n d K a p ital ausgerüsteter F a b rik a n t fertig b rin g t, eine neue F irm a d er F arbenbranche hochzu­ bringen u n d m it den bestehenden m ächtigen F ab riken in K onkurrenz zu treten . V iel w eniger im A usland. E s ist ja o ft versucht w orden. So h a t zuerst F rankreich u n d d an n R uß lan d hohe P a te n t- u n d Zollbarrieren errich tet u n d es wohl fertig gebracht, d aß eine R eihe von Farbstoffen u n d P ro d u k ten in diesen L ändern fü r den L andeskonsum aus den in D eutschland dargestellten Zw ischenprodukten fabriziert werden. Aber diese P ro d u k te sind d er konsum ierenden In d u strie teu er zu stehen ge­ kom m en, u n d die F ab rik an ten sind n ich t Franzosen u n d Russen, sondern 38


im ■wesentlichen die großen deutschen Fabriken, welche gezwungen w urden, in diesen L ändern Filialen zu errichten. W ährend also die V erhältnisse in England für viele Industrien, so für die M ontanindustrie, für die Spinnerei und Weberei, nicht zu vergessen auch fü r die anorganische Chemie, wesentlich günstiger als in Deutsch­ land liegen, h a t D eutschland ein natürliches Vorrecht speziell in der organisch-chem ischen Industrie, um das es die englische N ation nicht zu beneiden braucht.» (Duisbergs Festrede bei dem Perkin-Festessen am 24. Ju li 1906.) Nachdem D uisberg so haarklein bewiesen zu haben glaubt, daß es für E ngländer ein hoffnungsloses Beginnen wäre, m it der deutschen chemischen In d u strie zu konkurrieren — wom it er bis heute tatsächlich zu einem Teil R echt behalten h a t — , schließt er liebenswürdigerweise m it dem T o a s t: «Die chemische Industrie Englands H urra, H urra, H u rra!» D a die Frage nach den Entstehungsursachen der deutschen chemischen Industrie zugleich die Frage nach ihrer Zukunft enthält, können wir uns auch m it Duisbergs alles andere als beweiskräftigen Argumenten nicht begnügen. H ören w ir noch die Ansicht der offiziellen Wissenschaft. Dr. Rassow schreibt: «Welche U m stände w aren es nun, die ermöglichten, daß im Laufe der vergangenen h u n d ert Jah re aus diesem Nichts eine Industrie empor­ wuchs, die m it den weitaus älteren chemischen Industrien Englands und Frankreichs erfolgreich in W ettbewerb treten und sie m it manchen ihrer Zweige ganz in den Schatten stellen konnte ? Das w aren: die Schaffung des deutschen Zollvereins durch Preußen, die Einrichtung des chemischen Unterrichtslaboratoriums, durch Justus Liebig sowie die Begründung der Lehre von der künstlichen Düngung durch den gleichen genialen Forscher, ferner der Ausbau der wissen­ schaftlichen organischen Chemie, insbesondere durch die Benzolformel von A ugust K ekule; dazu kam en später die Gründung des Deutschen Reiches m it einheitlicher Rechtsprechung und das deutsche P atent­ gesetz.» (Rassow: Die chemische Industrie, S. 9.) W ir können sofort die Gründung des Deutschen Zollvereins, die spätere Gründung des D eutschen Reiches und die einheitliche Rechtsprechung 39


ausBchalten. D am it w urde ja n u r reichlich sp ä t geschaffen, was die französischen u n d englischen In d u strie n schon län g st besaß en : ein ein­ heitlicher großer W irtsch aftsrau m . D a n n : Liebigs U n terrichtslabo­ rato riu m ? Das k onnten die andern L änder leicht nachahm en u n d haben es auch getan. E s e n tsta n d zw ar ein V orsprung fü r D eutschland, der aber durch den V orsprung aufgehoben w urde, den die an dern Länder gegenüber D eutschland in ih rer industriellen E ntw icklung hatten. W eiter: Die L ehre von d er künstlichen D üngung. Diese Lehre w ar kein deutsches P a te n t, sie w ar in te rn a tio n a l zugänglich. In d u strien der künstlichen D üngem ittel en tsta n d e n in d er Folge in allen wichtigen Indu striestaaten . D eutschland h a tte allerdings das G lück, d aß um die M itte des vorigen Ja h rh u n d e rts die B ed eutung d er Salzlager bei S ta ß fu rt er­ k a n n t w urde, die zur E n tste h u n g d er deutschen K aliindustrie führten u n d , d a zur A ufschließung d er Salze Schwefelsäure g ebraucht wird, der deutschen Schw efelsäureindustrie einen besonderen A ntrieb gab. D och fü r die E ntw icklung d er T eerfarbenindustrie ist das alles nicht entscheidend. E s bleiben die Benzolform el von K ekule u n d das D eutsche P atentgesetz. K ckules F orschungen b rach ten L ich t in ein bis dahin sehr dunkles und im aufgeklärtes G ebiet. M an h a tte beobachtet, daß eine Reihe v o n Ver­ bindungen m it völlig gleichen Form eln, die also chemisch absolut gleiche Z usam m ensetzung zu h ab en schienen, durchaus verschiedene E igen­ schaften zeigen. D er H arn sto ff zum Beispiel, den W öhler künstlich darstellte, h a t die Form el N 2H 4CO, also ein Molekül dieser V erbindung setzt 6ich zusam m en aus 2 A tom en Stickstoff (N), 4 A tom en W asser­ stoff (H ), 1 A tom K ohlenstoff (C) u n d 1 A tom Sauerstoff (0 ). Genau dieselbe Form el h a t ab er auch das zyansaure A m m oniak, aus dem W öhler den H arn sto ff gew ann. E s gibt unendlich viele K ohlenstoff­ verbindungen m it gleichen Form eln aber völlig verschiedenen E igen­ schaften. M an h a t, u m ein beliebiges Beispiel zu nennen, ausgerechnet, daß es 802 V erbindungen m it der Form el C ^ H ^ , also m it 13 A tom en K ohlenstoff u n d 28 A tom en W asserstoff, geben k an n , die alle verschiedene Eigenschaften haben. 40


D erartige V erbindungen n en n t m an isomer (gleichteilig). Ihre Unter­ schiede beruhen d arauf, daß die Atome in verschiedener Reihenfolge Zusammenhängen. H ier m öchte ich etw as einschalten. Die chemische Wissenschaft, deren G rund von Forschern m it universalem Wissen gelegt, die dann fort­ geführt w urde v on einzelnen bedeutenden Forschem , die sich nur noch dem Spezialgebiet der Chemie widmeten, h a t m it allen Wissensgebieten das gemein u n d sogar ganz besonders ausgeprägt, daß sie heute von einzelnen ü b e rh a u p t n ich t m ehr zu bewältigen ist. Jeder moderne Che­ m iker k an n n u r noch einen eng begrenzten Spezialausschnitt aus dem Gesam tgebiet der Chemie übersehen. F ür den Nichtchemiker ist die Chemie ein B uch m it sieben Siegeln geworden. W as in den chemischen L aboratorien geforscht u n d experim entiert wird, ist von dir und mir absolut n ich t zu kontrollieren. Bis sich eines Tages herausstellt, daß uns die A rbeit der Chemiker doch recht sehr angeht. In einem Kriege zum Beispiel, w enn uns die Giftgase beglücken, oder wenn eine chemische Erfindung ein ganzes Gewerbe ruiniert, wie etwa die Erfindung des Alizarins den K rappanbau Südfrankreichs vernichtete, da es mm für die K rappw urzel, die n u r zur Gewinnung dieses Farbstoffes gebraucht wurde, keine Verw endung m ehr gab. Doch ist noch m ehr zu beachten. Ich zitierte vorhin den Bericht, den Mitchell P alm er über die Entw icklung der deutschen chemischen In ­ dustrie an den Präsidenten der Vereinigten Staaten — damals war Wilson Präsident — erstattete. D er Präsident wird sich sicherlich keinen Bericht über die Entw icklung u nd den Stand der deutschen Lyrik oder der deutschen Altertum sforschung ausarbeiten lassen, oder höchstens aus Liebhaberei. Die U ntersuchung über die deutsche chemische Industrie war für ihn die U ntersuchung über eine der Säulen des deutschen Imperialismus, also eine politische Angelegenheit. U nd das ist sie auch für uns. Präsident W ilson wird aus dem R eport Palmers manches, aber nicht das W ichtigste gelernt haben. D er Bericht sagte ihm nicht, wieso die chemische Industrie eine besondere Waffe D eutschlands wurde. Das

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aber wollen wir, w enn irgend m öglich, erkennen, u n d deshalb m üssen wir uns doch etw as m it den grundsätzlichen th eoretischen Ergebnissen der chem ischen Forschung abm ühen, d enn hier liegt d er Schlüssel zu der ganzen F rage. W eder H e rr D uisberg noch die Professoren, die über die E ntw icklung der deutschen chem ischen In d u strie schrieben, haben uns diesen Schlüssel ausgehändigt. M an sollte ja eigentlich annehm en, daß sie sich ü b er die F rage k la r w ären — vielleicht d a rf aber bei ihnen vom T hem a n ich t gesprochen w erden. Rassow verw eist u ns a u f die B enzolform el K ekules, der auch Professor Binz eine besondere B ed eu tu n g beilegt. W as h a t es m it dieser geheimnis­ vollen F orm el a u f sich ? In einer chem ischen V erbindung h ängen die A tom e n ach ihrer W ertigkeit zusam m en. Die W ertig k eit eines A tom s n e n n t m an die Zahl von W asserstoffatom en, m it denen es sich v erbinden k ann. Sauerstoff ist zum B eispiel zw eiw ertig, d a er e rst m it zwei A tom en W asserstoff ge­ s ä ttig t ist, es e n ts te h t d a n n W asser (H 20 ) . K ohlenstoff is t vierw ertig, 1 A to m K o hlenstoff k a n n 6 ich m it 4 A tom en W asserstoff verbinden, es e n tste h t M eth an (CH4). Chlor k a n n sich n u r m it 1 A tom W asserstoff verbinden , is t also einw ertig. E s k a n n aber auch 1 A tom W asserstoff ersetzen, so d a ß sich zum Beispiel s ta tt CH 4 auch CH3CL bilden kann. M an k ann dieser V erbindung das Chlor entziehen, d a n n bleibt die unge­ sä ttig te V erbindung CH 3 (M ethyl), die aher frei n ic h t vorkom m t, sondern n u r als R ad ik al in V erbindungen1. E ine W ertigkeit des Kohlenstoffes b le ib t in dieser V erbindung frei. Sie k a n n sich m it einer zw eiten M ethyl­ gruppe, b ei d e r ja ebenfalls eine W ertig k eit frei ist, zu CHS—CHS (A ethan) v erb in d en . M an h a t d afü r besondere S trukturform eln; in C C. unserm Falle I — I E s is t dies eine offene K ohlenstoffkette. H 3

H3

D aneben g ib t es a b e r auch, u n d das ist K ekules E ntdeckung, ring­ förm ige K ohlenstoffverbindungen. E inen solchen R ing stellt die S truk­ turform el des Benzols (C6H 6) dar. D er B enzolring sieht so au s: 1 U nter einem Radikal versteht man in der Chemie eine A t o m g r u p p e , die in Verbindungen« die sich voneinander ableiten lassen, wiederkehrt.

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CH

In diesem Ring können die Wasserstoffatome (H) leicht durch andere Elemente und ganze A tom gruppen, also Verbindungen, ersetzt HC ' CH w erden, wodurch jedesm al ein anderer Stoff en tsteh t. Die Zahl der hierdurch möglichen K om binationen ist fast imendlich. Benzol UC ß jj wurde so zum Ausgangspunkt der aromatischen Verbindungen, nämlich der meisten Teerfarb­ stoffe, Arzneien, Sprengstoffe, während Methan u n d M ethyl, also die kettenförmigen Kohlen­ CH stoffverbindungen, zum Ausgangspunkt der «Fettreihe», das sind die Paraffine, Aethylen, Azetylen usw., wurden. Die Zahl der M öglichkeiten w ird noch dadurch verm ehrt, daß dieselbe Anzahl v on A tom en bestim m ter Elem ente durch verschiedene innere V erkettung verschiedene Stoffe gibt, wie wir beim Beispiel Harnstoff u n d zyansauren A m m oniak sahen. Das chemische Forschen gewann durch diese Erkenntnis der inneren S tru k tu r der chemischen Verbindungen, eine Erkenntnis, die seitdem weiter vervollkom m net wurde und ständig weiter ausgehaut wird, einen völlig neuen C harakter. Die unzähligen der möglichen Kombinationen werden am Schreibtisch berechnet und dann nach bestim m ten Methoden im Laboratorium nachgeprüft. «Und als nun die Kekulesche Idee experim entell durchgearbeitet -wurde, da zeigte es sich, daß in fast allen denjenigen schon b ek annten Stoffen, die durch ihre Eigenschaften ein besonderes W irken der Atome verraten, wie zum Beispiel Alizarin, Indigo, Salizylsäure, K arbolsäure, tatsächlich solche Ringe vorhanden sind u n d daß um gekehrt durch Aufbau solcher Ringsysteme neue der­ artige Stoffe entstehen. D a n un die Kombinationsmöglichkeiten der Ringsystem e eine schier endlose ist, indem sich mehrere Ringe in der m annigfachsten Weise verknüpfen und die Wasserstoffatome durch andere A tom e u n d A tom gruppen ersetzen lassen, so fanden Tausende von Chemikern ih r ideelles u n d materielles Interesse gerade in diesem Arbeitsgebiet. D am it hörten die einsamen Wege auf, wie sie Liebig, Schönbein, Sobrero, K äm m erer und Solvay gewandelt waren. 43


Diese nivellierende W irkung d er B enzoltheorie v e rs tä rk te sich durch das P aten tg esetz, das seinerzeit w esentlich aus d er B enzoltheorie hervor­ ging.* (B inz: «Ursprung u n d E ntw ick lu n g d er chem ischen Industrie.») A n die Stelle der von d er P h an tasie b efru ch teten genialen K onzeption des freien Forschers t r a t das «Büffeln» des an gestellten Chem ikers, denn dies Suchen u n te r den unzähligen m öglichen K o m b inationen, das Aus­ probieren in L aboratorien, das F in d en d er b esten f a b r ik m ä ß ig e n Me­ thode der H erstellung n eu en td eck ter Stoffe w ar v o n n u n a n n u r noch im großen R ahm en eines I n s titu ts oder eines großkapitalistischen U nternehm ens m öglich. Die freie Forschung, die bis zu r H öhe Kekules geführt h a tte , die d er m odernen chem ischen In d u strie erst die V oraus­ setzungen geschaffen h a tte , h a t sich ih r eigenes G rab geschaufelt. D as Forschen w urde zum M onopol der industriellen Monopole. D as ist das wichtige E rgebnis d er Benzoltheorie. Die Benzolform el gilt in E n g lan d oder in den U SA . n ic h t w eniger als in D eutschland, sie ist k ein F abrikgeheim nis, sondern ste h t allen Chem ikern zur V erfügung. W as h a t sie also d am it zu tu n , daß die In d u strie der K ohlenstoffverbindungen speziell in D eu tsch lan d auf­ b lü h te ? Offensichtlich nichts. Ebensow enig das deutsche P atentgesetz. A ndere L änder, so E ngland, h a tte n bereits seit langer Z eit P atentgesetze. W enn auch D eutschland a u f V eranlassung besonders d er chem ischen In d u striellen einige spezielle sehr -wichtige B estim m ungen in das Gesetz einfügte, d a die deutschen U nternehm er die E rfah ru n g en des A uslandes v erw erten ko n n ten — , was hinderte E n g lan d oder F ran k reich daran , auch ihre Patentgesetze entsprechend zu ä n d e rn ? A uch hier k a n n also der w ahre G rund fü r die E n tstehu n g des Kolosses I.-G .-F arb en u n d seine w eltbeherrschende Stellung n ich t liegen.


4 . Der A n g riff auf die englische Kolonialmacht

I m G runde is t die angew andte Chemie n u r die Ersetzung natürlicher V orgänge u n d E ntw icklungen durch künstliche. Die Chlorbleiche er­ setzte die n a tü rlic h e Rasenbleiche, das Leblancsche Sodaverfahren ergänzte u n d v e rd rä n g te die Sodagewinnung aus Pflanzen, sodahaltigen A blagerungen usw . Diese Ind u strien der anorganischen Chemikalien en tstan d e n in dem Augenblick, in dem ein B edarf nach ihnen auftrat. D as w ichtigste U nterscheidungsm erkm al der chemischen Produktion gegenüber der m echanischen, die einen vorhandenen Stoff nur bearbeitet, seine Form en v e rä n d e rt, ist, daß die chemische Industrie die Stoffe selbst in andere v erw andelt. Die Industrie der organischen Chemikalien, vor allem der T eerfarben, entstand, im Gegensatz zur anorganischen chemischen In d u strie , in direkter Konkurrenz m it der Produktion der N atu r. Sie siegte, weil sie billiger arbeitete als die auf landwirtschaft­ licher Basis arbeitende F arbenindustrie, nicht aber, weil die N atur den vorhandenen B e d a rf n ich t m ehr h ä tte decken können. H ören w ir u ns die Schilderung an, die Geheimrat Bosch, Vorsitzender des V orstandes d er I.-G .-F arben u nd Nobelpreisträger des Jahres 1931, von der E ntw icklung der Badischen Anilin- u nd Sodafabrik in einem V ortrag v o r dem V erein der deutschen Chemiker im Jahre 1921 gab, als er glaubte, die chemische Industrie vor Sozialisierungsplänen behüten zu m üssen: « Die Wiege unserer In d u strie hegt, wie Sie alle wissen, nicht in Deutsch­ land, sondern in E n gland u n d Frankreich. Beide Länder waren seiner­ zeit D eutschland voraus in der Pflege der reinen Wissenschaften. Es war also selbstverständlich, daß auch die auf Chemie und Physik aufgebauten Industrien in diesen L ändern ihre H eim at fanden und dort groß wurden. Als später auch D eutschland au f den Plan tra t, konnten Frankreich und E ngland wohl in d er reinen W issenschaft ebenbürtig den Konkurrenten gegenüber bestehen bleiben, aber in der einschlägigen Industrie wurden sie beide b a ld überflügelt.

Coccdii

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W oran lag das ? Die Gründe liegen in der E ig e n a rt u n serer Ind u strie. Ich kan n u n d will hier n ich t ausführlich die E n tw icklung u n serer In d u ­ strie schildern, sondern beschränke m ich a u f ein Beispiel, das ohne weite­ res verallgem einert w erden k a n n , d a die E n tw ick lung in allen großen W erken m ehr oder weniger konform w ar. Die Badische Anilin- u n d S odafabrik ist, wie alle großen deutschen Firm en ihrer A rt, aus kleinen A nfängen hervorgew achsen. Zunächst w urden n u r kleinere A rtik el hergestellt. Die A usarbeitung der H er­ stellung von künstlichem A lizarin w ar die erste u n d größere selbständige Leistung, n atü rlich fußend a u f rein w issenschaftlichen V orarbeiten von Graebe u n d L ieberm ann. W ährend aber in diesem Falle die ausländische K onkurrenz noch durch­ aus S ch ritt h ielt — w urde doch die englische P aten tan m eld u n g von P erkin n u r einen T ag sp äter eingereicht als die der B adischen — , änderte sich das B ild bald. H auptsächlich a u f Caro zurückzuführen, begann eine Periode w under­ b arer E ntdeckungen a u f dem G ebiet der A nilinfarbstoffe. D an n der Alizarinfarbstoffe, denen sich sp äter die absolut echten In d a n th re n ­ farbstoffe anreihten. W ährend diese E rrungenschaften in erster Linie eine F ru c h t system a­ tischer A rbeiten des L aboratorium s w aren, deren U ebertragung in die Technik wohl vielfach noch große Schw ierigkeiten b o t, ab er im m erhin ein sekundäres M om ent fü r die E ntw icklung w ar, begann u n te r K nietsch jene Epoche d er U eberw indung technischer Schwierigkeiten, in der neben dem Chemiker der Ingenieur a u f den P lan tr a t, in der die H ilfsm ittel aller verw andten W issenschaften herangezogen w urden, u m in gemein­ samer A rbeit an die Lösung bisher unm öglich scheinender A ufgaben zu gehen.» Die rein wissenschaftlichen A rbeiten, soweit sie von den E xperim enten in Versuchsfabriken u n d von betriebsm äßiger L ab o ratorium sarbeit u n ­ abhängig w aren, sind niem als deutsches Monopol geworden, u n d die B ehauptung von der ganz besonderen Forschergabe der D eutschen ist ein Volksmärchen. W ie wenig gute D enker die b erühm ten deutschen Chemiker sind, v e rrä t uns Bosch n aiv am Schlüsse seiner Rede. D er 46


berühm te B osch, dem zusam m en m it H aber die Glanzleistung der Stick­ stoffgew innung aus der L u ft gelang, kann sich seine eigene Arbeit nicht anders erk lären als m it den einfältigen Sätzen: «Warum ist eine solche E ntw icklung n u r bei u ns möglich gewesen? W arum arbeitet jeder einzelne v o n u n s m it solcher Ausdauer und Unverdrossenheit alle die langen J a h re d er U nsicherheit, des Zweifelns am endgültigen Erfolg und an der persönlichen Zulänglichkeit ? Letzten Endes vielleicht nur des­ halb, weil er g ar n ic h t anders kann. Es steckt bei uns im Blut, ist also kein V erdienst, sondern eine Charaktereigenschaft.» Bosch ist ein be­ deutender T echniker, kein Zweifel. Doch sagt er selbst, daß Frankreich un d E n g lan d a u f dem G ebiet der reinen Wissenschaft ebenbürtige K on k u rren ten blieben. U nd da die Unternehm er dieser Länder auf andern G ebieten auch rech t erhebliche kapitalistische Fähigkeiten an den Tag legten, d ü rfte Boschs A rgum entation wenig stichhaltig sein. D er größte E rfolg, den die Badische Anilin- und Sodafabrik errang, war die H erstellung des künstlichen Indigo. Diese Geschichte ist recht spannend u n d sehr w ichtig, w urde sie doch zum entscheidenden Wende­ p u n k t in der deutschen chemischen Industrie. Die ersten A nilinfarben, die sehr schön und leuchtend, aber unecht und größtenteils giftig w aren, w urden n icht im geringsten deutsches Monopol. D er G rund ist sehr einfach. Sie waren keine Konkurrenz für die teueren, ab er echten n atü rlich en Farbstoffe und wurden in jedem Lande für die billigeren T extilw aren gern gesehen. Im Zusammenhang m it der sich entw ickelnden deutschen Textilindustrie und ihrem Farbenbedarf ent­ standen in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren die meisten der sp äter b e rü h m t gewordenen chemischen Fabriken, wie die Hoechster Farbw erke, E lberfelder Farbenfabriken, Kalle & Co., Badische Anilinu n d Sodafabrik usw. Sie en tstanden gleich im Zusammenhang m it der In d u strie anorganischer Chemikalien, da sich diese Industrie auch erst je tz t stä rk e r entw ickelte. Doch unterschied sich die Arbeit der deutschen F ab rik en anfangs in keiner Weise von der des Auslandes. Allerdings t r a t eine besondere H em m ung in Frankreich ein, die immerhin leicht h ä tte beseitig t w erden können, wenn ihre Bedeutung rechtzeitig erkannt w orden w äre. D as französische Patentgesetz schützt das Produkt einer AT


E rfindung. I n F rankreich w urde das F uchsin erfunden, ein ro te r Anilin­ farbstoff, u n d durch P a te n t geschützt. D a es in d er chem ischen Industrie aber m eist m öglich ist, dasselbe P ro d u k t a u f verschiedenen W egen her­ zustellen, so daß die K onkurrenz sich h au p tsäch lich d u rch ein besseres un d billigeres V erfahren durchzusetzen b em ü h t, h a tte die P aten tieru n g des Fuchsins zur Folge, daß die französischen C hem iker sich u m die Verbesserung des V erfahrens n ic h t m eh r b em ü h ten . D as beste Ver­ fahren konnte das einm al p a te n tie rte P ro d u k t, solange der P aten tsch u tz dauerte, n ich t aus dem Felde schlagen. Man h a tte sich in D eutsch lan d bis d ah in ohne P a te n tsc h u tz begnügt und sich a u f geschickte W ah ru n g des Fabrikgeheim nisses beschränkt. M it der B enzoltheorie h a tte n sich ab er M öglichkeiten ergeben, die in ihren A usw irkungen noch g ar n ich t abzusehen w aren. Die K en n tn is des strukturellen A ufbaues chem ischer V erbindungen erleichterte es jeden­ falls sehr, neue chem ische P ro d u k te schnell zu analysieren. H einrich Caro bem erkte das sehr b ald zu seiner u n d seiner F irm a, der Badischen A nilin- u n d S odafabrik, unangenehm en U eberraschung. E r h a tte den ro te n F arb sto ff E osin en td eck t u n d produzierte ihn in seiner F a b rik ohne P aten tsch u tz . E r beschränkte sich n u r a u f die G eheim haltung der Zusam m ensetzung u n d des V erfahrens. D as E osin w ar wenige W ochen im H andel, da analysierte es A. W . v. H ofm ann u n d spielte der B adi­ schen den S treich, d aß er die Z usam m ensetzung des Farbstoffes in den B erichten der D eutschen Chemischen G esellschaft veröffentlichte. Aus w ar es m it d er erhofften m onopolistischen A usnutzung d er Erfindung. Die D eutsche Chemische Gesellschaft, die von H ofm ann sofort nach seiner U ebersiedlung aus L ondon nach Berlin gegründet w orden w ar u n d der die b ed eu ten d sten Chem iker der Z eit angehörten, bem ühte sich vo n nu n an u m die Schaffung eines P atentgesetzes. 1876 wies die D eutsche Chemische G esellschaft in einer P e titio n a n den R eichstag d a ra u f hin, daß es bei den chem ischen E rfindungen weniger a u f das P ro d u k t als a u f die M ethode der D arstellung ankom m e, so daß diese also geschützt werden müsse. 1877 k am das P aten tg esetz zustande. Die P etitio n w ar berücksichtigt w orden un d das H erstellungsverfahren w urde g esch ü tzt; im Zusam m en48


hang d am it n a tü rlic h auch der Stoff. Ebenso ist es übrigens auch in E n g lan d ; n ic h t jedoch, wie wir sahen, in Frankreich. Dadurch, daß ein chemisches P ro d u k t n u r im Zusam m enhang m it einem Verfahren paten­ tie rt w erden k a n n , b e ste h t ein direkter Anreiz, jede Vormachtstellung, die sich irgendeine F irm a schafft, durch bessere und billigere Verfahren zu durchbrechen. Als B esonderheit wurde in D eutschland im Gegensatz zu E ngland noch das V orprüfverfahren eingeführt. Jede angemeldete E rfindung w ird, ehe das P a te n t erteilt wird, einer genauen Prüfung unterw orfen, ob sie w irklich neu und verw ertbar ist. Das h a t zur Folge, daß die F a b rik , die ein P a te n t erw irbt, eine weitgehende Garantie dafür h a t, daß das P a te n t n ic h t nachträglich noch angefochten wird. Die W irkungen des neuen Patentgesetzes zeigten sich sofort auf dem langen W eg, den die Erfindung des künstlichen Indigos vom Labora­ torium bis zur F a b rik durchlaufen m ußte. Adolf von Baeyer hatte in sehr schwierigen L aboratorium sarbeiten den A ufbau des Indigos analy­ siert u n d b ereits m ehrere V erfahren zur fabrikmäßigen Herstellung gefunden. «Die ersten zu Anfang der achtziger Jahre genommenen P ate n te ließen erkennen, daß m ehrere Rohstoffe in B etracht kommen. E in jeder erfo rd ert ein besonderes Verfahren in der Bearbeitung, und innerhalb aller dieser V erfahren gibt es verschiedene Etappen. Jede E tap p e w urde d urch P a te n ta nm eldung festgelegt, um der Konkurrenz den W eg m öglichst zu verschließen.» (H. Brunck: «Entwicklungs­ geschichte d er Indigofabrikation.») Die A nzahl d er Ind ig o p aten te b etrug im Jah re 1901 schon 152. Sie w aren aber alle noch zu kostspielig. Auch die Badische Anilin- und Sodafabrik, die alle Wege zur Herstellung echter Farben ausprobierte, h a tte noch keine brauchbare M ethode gefunden. Die wichtigsten Vor­ bedingungen fehlten. Z unächst brauchte m an große Mengen billiger Schwefelsäure. D ie aus dem Bleikammerverfahren gewonnene war zu teuer. R u d o lf K nietsch fand endlich nach langen Bemühungen das K o n tak tv erfah ren u n d füh rte dadurch eine völlige Umwälzung in der Schw efelsäureindustrie herbei. Bei diesem Verfahren wird fein verteiltes P la tin als K a ta ly sa to r b en u tzt. U nter K atalysatoren, m it denen in der m odernen chem ischen Industrie außerordentlich viel gearbeitet wird,

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I .- G . D e u ts c h la n d

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Verstellt m an Substanzen, die die chem ische R e a k tio n beschleunigen ohne seihst in das neue, sich bildende chem ische P ro d u k t einzugehen. V oraussetzung zur A nw endung dieses V erfahrens is t, daß der Ausgangs­ stoff von allen Frem dkörpern völlig gereinigt ist. Die B edeutung der neuen P ro d u k tio n sm eth o d e ging ü b er das u n m ittel­ bare Ergebnis hinaus. M an h a tte je tz t zum ersten Male gelernt, mit großen Gasm assen zu arb eiten , Gase zu reinigen u n d v o r allem A pparate zu konstruieren, die d er chem ischen G roßtechnik genügten. «Als ich selbst zehn J a h re sp äter als B etriebschem iker diese F abrikation kennenlernte, k o n n te ich von den Ingenieuren u n d den alten Meistern die Geschichte des W erdegangs d er K ontaktschw efelsäure oft genug hören, u n d im m er w ieder w urde m ir b erich tet, d aß zeitweilig alle Mit­ arbeiter an dem g u ten G elingen zw eifelten u n d allein B ru n ck und K nietsch zäh u n d unverdrossen aushielten, bis ihnen endlich der Erfolg beschieden war», erzäh lt Bosch. D am it w ar aber n u r der erste S c h ritt zur Indigosynthese getan. Ein •wichtiger H ilfsstoff w ar verbilligt worden. A. v. B aeyer, der erste Schüler K ekules, h a tte den w irksam en Farbstoff des Indigos so genau stu d iert, daß er sagen k o n n te, d er P la tz eines jeden A tom s im M olekül dieses Farbstoffes sei bereits festgestellt worden. A ber er arb eitete unabhängig von der In d u strie, als freier Forscher, und so konnte ihm zw ar die U ntersuchung ü b er die Z usam m ensetzung und S tru k tu r des Indigofarbstoffes gelingen u n d auch die laboratorium s­ m äßige H erstellung des künstlichen Indigos, den W eg zur G roßtechnik jedoch k o n n te er n ic h t finden. «Ihnen ist viel Gold d urch die Finger ge­ laufen, H e rr Professor», sagte sp äter vorw urfsvoll ein In dustrieller zu ihm. W enn die B adische Anilin- u n d Sodafabrik tro tz aller Schwierigkeiten w eiter versuchte, so w ußte sie schon w arum . D en w underbaren ge­ schäftlichen E rfolg des Alizarins h a tte sie n ic h t vergessen. H einrich B runck, der Chef der Badischen, stan d bei den bisherigen P aten ten Baeyers, die Toluol als A usgangsm aterial voraussetzten, v o r der Schwie­ rigkeit, daß Toluol als N ebenprodukt der Benzolgewinnung dam als n u r begrenzt zur Verfügung stan d . Die besondere Gewinnung von Toluol, bei der wieder überflüssiges Benzol en tstan d en w äre, h ä tte den Preis zu 50


sehr in die H ö h e getrieben, so daß die Konkurrenzfähigkeit des künst­ lichen Indigo gegen den n atürlichen zweifelhaft geworden wäre. B aeyer h a tte schon 1865 das In d o l als M uttersubstanz des Indigoblau gefunden, h a tte 1880 seine erste Synthese veröffentlicht; 1890 gelang es einem an d ern Chem iker, K . H eum ann, das Toluol durch Karbonsäure als A usgangsstoff zu ersetzen; es dauerte noch einmal sieben Jahre, bis es gelang, diese Säure aus N aphthalin au f dem Wege über Phtalsäure zu gewinnen. M an suchte n u n nach einem billigen Weg zur Oxydation des N aphthalin s. D a h a lf der Zufall. Man bearbeitete Naphthalin m it rauchen­ der Schw efelsäure, k a m aber tro tz wiederholter Versuche nicht zum Ziel. D a p assierte einem der Assistenten ein Malheur. Das Quecksilber­ therm om eter zerbrach ihm u n d ein Quecksilberkügelchen fiel in die V ersuchsm asse. Sie geriet sofort in siedende Bewegung und die gesuchte P h talsäu re bild ete sich. D as Quecksilber ha tte als K atalysator gewirkt. N un konnte m ai; m itH ilfe der nach dem K ontaktverfahren hergestellten rauchenden Schwefelsäure ü b er N aphthalin und Karbonsäure zum Indigo gelangen. D er jäh rlich a u f Kohlenwasserstoffe verarbeitete Steinkohlen­ teer enth ält, so schätzte B runck damals, 40000 bis 50000 Tonnen Naph­ thalin, «wovon aber n u r 15000 Tonnen, dem bisherigen Bedarf ent­ sprechend, isoliert w erden. F ü r die Zwecke der Indigofabrikation bleiben dem gem äß m indestens 25 000 Tonnen N aphthalin übrig, die bisher man­ gels geeigneter V erw endung zu Ruß verbrannt wurden oder in den Schmierölen gelöst blieben, aber in gleicher Weise und m it denselben K osten wie die genannten 15 000 Tonnen isoliert werden können. Das so zur V erfügung stehende N aphthalin ist aber m ehr als ausreichend, um den zur F ab rik atio n des W eltkonsums von Indigo erforderlichen B edarf zu decken.» 18 Milhonen M ark h a tte n die Versuche und der Aufbau der Fabrikations­ einrichtungen verschlungen. Inzwischen w aren aber auch die Konkurrenzfabriken nicht untätig gewesen. D ie H oechster Farbw erke h atten ebenfalls Baeyers und Heu­ m anns P a te n te gekauft u n d sich um ihren technischen Ausbau bemüht. Sie waren allerdings zunächst nicht glücklich. Da fand die Gold- und Silberscheideanstalt in F ran k fu rt am Main eine Methode, statt vom 4*

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N ap h th alin ü b er das Benzol u n d Anilin zum Indigo zu kom m en. Sie verkaufte das V erfahren an die H öch ster F arb w erke, die daraufhin vom Ja h re 1900 an ebenfalls die G roßproduktion aufnahm en. 1897 h a tte die Badische das erste künstliche Indigo a u f den M arkt gebracht und d am it den K a m p f gegen das britisch-indische Monopol für natürlichen Indigo eröffnet. Die w ichtigsten P flanzungen u n d Fabriken fü r N aturindigo lagen in den H än d en des britischen K apitals. J e tz t, wo der künstliche Indigo T atsach e gew orden w ar, k ü m m erte es sich endlich um die w issenschaftlichen G rundlagen des Indigoanbaus. Zwei Syndi­ k ate w urden gebildet, die m it erheblicher finanzieller U n terstü tzu n g der Regierung einen S tab von A grikulturchem ikern, Biologen u n d B akterio­ logen an stellten u n d V ersuche v o r allem zur Z üchtung ergiebigerer Pflanzen V ornahm en. M an glaubte n ach den E rgebnissen der E xperi­ m ente den G estehungspreis u m die H älfte h erahdrücken zu können. A ber es w ar zu sp ä t. U n te r d er K onkurrenz d er H oechster Farbw erke u n d der B adischen, die j a auch unterein an d er in K onkurrenz lagen, sank der Preis fü r n atü rlich en Indigo in der Zeit von 1896 bis 1905 um fa st die H älfte, tro tzd em w ährend dieser Zeit die A nbaufläche in Indien vo n J a h r zu J a h r eingeschränkt w urde. V on 1600000 Acres im Ja h re 1896/97 san k sie a u f 500000 Acres im Ja h re 1904/05. D er Preis­ stu rz des n atü rlich en Indigos n ü tz te nichts, denn die Preise fü r k ü n st­ lichen Indigo sanken noch schneller u n d blieben im m er erheblich unter dem des natürlich en . Im J a h re 1904 schlossen die Badische u n d die H oechster Farbw erke eine P reiskonvention ab, d am it der Preis des künstlichen Indigos n ich t u n te r seine P roduktionskosten gedrückt wurde. So w eit w ar es in diesen wenigen Ja h re n nach der E rfindung schon ge­ kom m en. T rotz der leichten Preiserholung, die nach der V ereinbarung zwischen den beiden großen W erken e in tra t, w ar der N iedergang des N aturindigos n ic h t m eh r aufzuhalten. H eute w ird n u r noch in ganz geringem Maße Indigo gebaut. Die P ropaganda des Indigohandels gegen das neue chemische P rodukt, das ihre ganze E xistenz b edrohte, n ü tz te ebensowenig wie derW iderstand der F ärber. Diese w aren gegen den künstlichen Indigo, weil er sehr leicht nach den G ebrauchsanw eisungen der F irm a anzuw enden w ar u n d nicht 52


die langjährige E rfa h ru n g erforderte wie das A rbeiten m it Naturindigo. F ü r sie b e d e u te te also die neue Erfindung eine E ntw ertung ihres Berufs, ihrer A rb eitsk raft. Doch es h a lf alles n ich ts. N icht n u r das K a p ita l von ü b er 50 Millionen Mark, das die englischen U nternehm er allein in den indischen Indigofaktoreien stecken hatten, war v ern ic h te t — an die Stelle des britisch-indischen Indigomonopols tra t das deutsche F arbenm onopol. Hier zeigen die Ereignisse ganz klar, daß es kein Zufall war, daß zwei deutsche F irm en fa st gleichzeitig m it verschiedenen Verfahren zur Her­ stellung de 6 Indigo herauskam en. E s w ar ein industrieller Angriff auf das englische Indigom onopol, nachdem vorher schon durch das künst­ liche A lizarin ein A ngriff a u f den französischen, italienischen und hol­ ländischen K ra p p a n b a u geführt worden war. Große Kapitalien und jahre- un d jah rzeh n telan g e A rbeit w aren in ein Geschäft gesteckt worden, das für deutsche U nternehm er einen klaren Sinn h atte. F ü r England h ätte es keinen Sinn g ehabt, da es ja ein Monopol auf den natürlichen Indigo besaß. I n D eutschland versprachen die Anstrengungen Gewinn und darum w urden sie gem acht. Kekules F orm el w ar die K rönung der m it Wöhlers Hamstoffsynthese begonnenen E ntw icklung, in der schon Berzelius den Anbruch einer neuen Zeit sah. Sie w ar ein gewaltiger E inbruch in die W erkstatt der N atur u n d eröffnete die B ah n der künstlichen Herstellung zahlloser Produkte, die bis dahin natürliches Monopol waren, angefangen von den Farben bis zur K unstseide, K unstw olle, zum künstlichen Kautschuk oder künstlichen P etroleum . D am it w urde aber auch die chemische Industrie zu einer B edrohung der In d u strien und Staaten, deren Machtstellung auf der B eherrschung der großen Rohstoffgebiete der Erde beruht. So ist es ganz n atü rlic h , d aß sie ihre höchste Entwicklung in Deutschland fand, das bei der A ufteilung der Kolonien zu spät gekommen w ar und * das sich in d er chem ischen In d u strie eine neue, eigenartige und unbe­ grenzt ausdehnungsfähige Kolonie schuf.

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5 . D erW eg zum Monopol

Die chemische In d u strie erw eckt den A nschein, als h ä tte sie ihre eigenen Entw icklungsgesetze, als u n terläg e sie einer eigenen D ynam ik. Nicht n u r, daß von ihren L ab o rato rien u n d V ersuchsfabriken aus in unabläs­ siger Folge, bald stärk er, b ald schw ächer, U m w älzungen ausgehen, von denen alle übrigen W irtschaftszw eige betroffen w erden u n d die häufig genug zu völligen U m schichtungen in den w irtschaftlichen M acht­ verhältnissen führen, auch in ihrem eigenen Bereich h errsch t das Prinzip des ewigen W echsels. Als sich die E rfindung des im glücklichen Leblanc durchgesetzt h a tte u n d v o r allem in E n g lan d eine m ächtieg Sodaindustrie e n tsta n d e n w ar, fa n d d er B elgier E rn e st Solvay ein neues, billigeres, das A m m oniaksodaverfahren, das am A usgang des vorigen Jah rh underts d en L eblanc-P rozeß zu rückdrängte. A ber nach Leblancs M ethode wurde neben der Soda au ch Chlor als N ebenprodukt gewonnen, das bei Solvay verlorengeht. So k o n n te sich das L eblancverfahren noch h alten , aber n u n n ic h t m eh r als b ester W eg zur S odaproduktion, sondern n u r noch als V erfahren zur Chlorgewinnung. D as ursprüngliche H au p tp ro d u k t Soda w urde N eben p rod u k t, bis k u rz v o r der Jah rh u n d ertw en d e die deutsche F a b rik G riesheim -E lektron die E lektrolyse fü r die chemische G roßindustrie au sb au te u n d eine M ethode fand, a u f elektrochemischem W ege Chlor billiger als nach Leblanc zu finden. D am it w ar die Erfindung, die den w issenschaftlichen G rund zur chem ischen G roßindustrie über­ h a u p t gelegt h a t, a u f allen Seiten geschlagen u n d gleichzeitig das Schwer­ gewicht v o n E n g lan d a u f den belgischen S olvaykonzem u n d au f die deutsche In d u strie übergegangen. Die englische C hem ieindustrie behielt ihren Einfluß in d irek t, indem sie sich am Solvaykonzern beteiligte. Dieses ist das klassische Beispiel fü r die ständige innere U nruhe u n d die ewigen inneren W andlungen in der chem ischen In d u strie. N och im Ja h re 1876, als sich die deutsche chem ische In d u strie zum ersten Male an einer großen A usstellung, der b erü h m ten W eltausstellung von P hiladelphia, beteiligte, fällte der V ertreter d er deutschen Regierung, 54


G eheim rat R eu leau x , das wegwerfende U rteil: «Billig und schlecht.» E in V ie rte lja h rh u n d ert sp ä te r w ar der erste große Angriff auf den Welt­ m ark t im P rin zip entschieden, w ar ein au f der weltumspannenden K olonialm acht E n g lan d s beruhendes wichtiges Rohstoffmonopol zer­ stört, w ar die T ex tilin d u strie der W elt in bezug au f die wertvollsten Farbstoffe der d eu tsch en chem ischen Industrie hörig geworden. Der C harakter d er deutschen chemischen Industrie h a tte sich im Verlauf dieser E n tw ick lu n g grundlegend verändert. «Die Schwierigkeiten bei der technischen A u sarb eitu n g d er Synthesen, die zeitweise unüberwindlich schienen, k o n n te n n u r von K räften weggeräumt werden, die neben gründlichem chem ischen W issen auch über ein großes technisches Kön­ nen verfügten, die gew ohnt w aren, große technische Aufgaben sowohl auf dem G ebiet d er organischen als auch der anorganischen Chemie m it Zähigkeit u n d S charfsinn zu verfolgen und schließlich ihre Lösung her­ beizuführen», schreibt H einrich Brunck. Die E inordnung der chem ischen W issenschaft in den industriellen Be­ trieb w ar eine V oraussetzung der späteren Erfolge und geschah zuerst in D eutschland, d a sie d o rt besonders lohnenden Gewinn versprach, ander­ seits aber w aren die Erfolge der Anlaß zum großzügigsten Ausbau der Forschungsbetriebe in den chemischen W erken u nd lenkten gleichzeitig neue K ap italien in diese zukunftsreiche Sphäre. «Die Aufsicht und die Verbesserung der B etriebe ging in die H ände von akademisch gebildeten Chemikern ü b er, der hem m ende Einfluß von ungebildeten Aufsehern und «alten P raktikern» w urde völlig beseitigt, während im Ausland die H errschaft des «contremaitre» u n d des «foreman» noch weiter florierte.» (Dr. H . Caro: «Ueber die E ntw icklung der Teerfarbenindustrie.») Die Badische Anilin- u n d Sodafabrik h a tte 1865 m it 30 Arbeitern und einem K a p ita l v o n 1,4 Millionen Gulden begonnen, 10 Jahre später, kurz vor B eginn der ersten Experim ente über den Indigo, arbeiteten 835 A rbeiter fü r sie, das K a p ita l betrug 16,5 Millionen Mark, 1900 wurde es auf 21 M illionen erh ö h t, die Arbeiterzahl betrug 6700, die Dividende 24 Prozent. 1910 w urde das A ktienkapital auf 36 Millionen erhöht, dazu kam en 15 M illionen Obligationen, die Arbeiterzahl war auf 7600 gestiegen, die D ividende a u f 25 Prozent. Die konkurrierenden Höchster 55


F arbw erke begannen 1880 m it 8,5 M illionen M ark u n d 1860 Arbeitern u n d verfü g ten 1910 ü ber ein A k tie n k a p ita l v on 36 M illionen M ark und 16,3 M illionen M ark R eserven. 7680 A rbeiter sta n d e n in ihren Diensten. D ividende 27 P ro zen t. Im J a h re 1900 w aren bei ihnen schon 129 Chemi­ ker u n d 36 Ingenieure u n d T echniker an gestellt, bei d er Badischen Anilin- u n d S odafabrik w aren es 1904 195 C hem iker u n d 101 Ingenieure u n d Techniker. Die sechs größ ten deutschen F a b rik en beschäftigten um die Jah rh u n d ertw en d e ü b er 500 C hem iker u n d zirka 150 T echniker und Ingenieure. I n d er gesamten englischen T eerfarbenindustrie waren dagegen zur gleichen Z eit n u r etw a 30 bis 40 Chem iker angestellt. «Der englische F a b rik a n t is t der A nsicht, d aß die K en n tn is des Benzol­ m arktes w ichtiger is t als die K en n tn is der B enzoltheorie. . . D er Chemi­ k er, der sich der A u fk läru n g d er K o n stitu tio n eines F arbstoffes widmete, w ar in ih re n A ugen ein u n p ra k tisc h e r T heoretiker, der fü r ein F abrik­ geschäft n ic h t zu gebrauchen sei. F ü r den p rak tisch en Sinn des E ngländers sind F ab rik lab o rato rien L uxus u n d V erschw endung, eine zwecklose V ergeudung v o n K a p ita l. A us dem selben G runde ver­ m eidet er auch n ach M öglichkeit die V erw endung akadem isch ge­ schulter B etriebschem iker u n d -techniker u n d is t der M einung, daß die billigeren a lte n W erkführer u n d A ufseher bei der U eberwachung u n d L eitung d er F a b rik a tio n dieselben D ienste leisten.» (A rthur G. G reen: «The R elativ e Progress o f th e C oal-tar in E n g lan d and G ennany», L ondon 1901.) Allein in den A nlagen zur Indigo fab rik atio n w aren zu jen er Zeit in D eutschland 30 bis 35 M illionen M ark investiert, dagegen in der gesam­ te n englischen T eerfarbenindustrie n ich t ü b er 10 M illionen M ark. D och wie es dem W esen k ap italistisch er P ro d u k tio n en tsp rich t, die eige­ nen G rundlagen stän d ig zu zerstören, um sie erw eitert u n d v erän d ert neu zu gestalten, so w a r die deutsche chemische In d u strie nach k au m einem M enschenalter an ihrem ersten W endep u n k t angelangt. Im J a n u a r 1904 verfaßte Carl D uisberg, d er Chef d er F arb en fab rik en vorm . Friedrich B ayer & Co., E lberfeld, eine um fangreiche D enkschrift, in der er die V orteile u n d N achteile eines Zusam m enschlusses der größten deutschen chem ischen W erke zur D eb atte stellt. E s h a n d e lt sich um eins der 56


in te re ssa n te s te n D o k u m en te der Industriegeschichte. E r entwirft grau in g ra u ein B ild d er unheilvollen Folgen des ungehemmten Konkurrenz­ k a m p fe s. V on einer N otlage der deutschen Farbenindustrie könne zwar n o c h keine R ede sein, doch dürfe m an sich auch durch die hohen Divi­ d e n d e n d er G esellschaften n ic h t täuschen lassen, da «die Mehrzahl der o b e n g e n a n n te n G esellschaften n ich t n u r offen durch Agiogewinn, Re­ servefonds u n d reichliche A bschreibungen, sondern auch geheim durch R eserv en ih r arb eiten d es B etriebskapital im Laufe der Jahre erheblich v e rm e h rt h a t. D eshalb ersch ein t die D ividende au f das nominelle Aktienkapital be­ re c h n e t allerdings sehr hoch, u n te r Berücksichtigung dieser Reserve­ stellungen d ü rfte die V erzinsung aber nicht wesentlich höher sein, als sie in der In d u s trie D eutschlands im allgemeinen verlangt wird. D a z u ko m m t, d a ß die T räg er des hohen Verdienstes bei fast allen Fabri­ k e n eine kleinere Z ahl v on m eist paten tierten oder sonstwie geschützten P ro d u k te n sind, w äh ren d das K ap ital, das in der Fabrikation von Säuren u n d A lkalien, d er alte n Farbstoffe Fuchsin usw. investiert ist, kaum nennensw erte V erzinsung a b w ir f t...» «D ie Z eiten, in denen an den durch P aten te geschützten Farbstoffen größere V erdienste erzielt w urden, sind vorbei. Die meisten derartigen P a te n te sind b ereits abgelaufen oder laufen in den nächsten Jahren ab. D a n n ste h t jed er F irm a das freie Verfügungsrecht über eine solch große A nzahl guter, b ra u c h b a rer Farbstoffe zu, die sich untereinander ersetzen lassen, u n d m it denen jede F irm a gegen die Produkte der andern, selbst w enn diese n eu u n d u n te r P aten tsch u tz gestellt sein sollten, konkurrieren k a n n , daß hohe V erdienste pro Kilo, wie sie früher möglich waren, zu den Seltenheiten gehören w erden. D ie Spesen aber, v o r allem die Generalspesen, die von den einzelnen Gesellschaften aufgew andt werden müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben, sind nich t kleiner geworden, sondern von Jah r zu Jah r gestiegen. E s b ra u c h t hier n ic h t a u f die großen Ausgaben hingewiesen zu werden, die für die w issenschaftlichen Laboratorien m it ihren zahlreichen erstklassigen Chem ikern u n d für die Betriebsversuche m it den massenhaft angebotenen neuen A p p araten erforderlich sind. Gemeint sind vor allem 57


die großen u n d nach vielen M illionen jäh rlich zählenden Spesen, welche notw endig sind, u m in den v on J a h r zu J a h r sich v ergrößernden Färbe­ reien u n d Zeugdruckereien den W ünschen der K u n d sch aft nach Durchprobierung der verschiedenen F arbstoffe a u f allen m öglichen Fasern mit den in der Färberei u n d D ruckereiindustrie zur A nw endung kommenden A pparaten zu entsprechen, die ebenfalls M illionen verschlingenden Aus­ gaben fü r die B em usterung d er F arbstoffe a u f den verschiedenartigsten A nw endungsgebieten in F o rm von M ustern, M u sterkarten,B roschüren und B üchern, die häufig große V erluste bringenden (!) G arantieübernahm en für L uft- u n d L ich tech th eit u n d sonstige E chtheitseigenschaften der Farbstoffe, die im m erhin n ic h t unerheblichen B eträge fü r die Ausbildung der angehenden F ä rb e r, d er Söhne der K u n d en usw. in den V olontär­ färbereien u n d -druckereien. U n d auch die Ausw üchse in unserer In d u ­ strie seien h ier erw äh n t, die besteh en in d er E rteilu n g von Lohn und Geschenken an V olontäre, in der G ew ährung v on größeren Gratism engen neuer F arbstoffe fü r Versuchszwecke u n d in d er Z ahlung von großen Sum m en fü r Schadenersatz auch in solchen F ällen, in denen den F arb en fa b rik a n ten ein V erschulden n ic h t trifft, w eil d er K unde aber d ro h t, zu r K onkurrenz überzugehen. B ekanntlich v erfü g t jede dieser F irm en ü b er einen großen S tab akade­ m isch gebildeter Chem iker, K oloristen u n d p ra k tisc h angeleiteter F ä r­ bereitechniker, sogenannter technischer R eisenden, v o n denen die F arb ­ stoffe, zum al neue P ro d u k te , a u f den v erschiedenartigsten Fasern in allen L än d ern — ' J a p a n u n d In d ien n ic h t ausgeschlossen — bei der K un d sch aft v o rg efärb t w erden. Die bestellten F arbstoffe m üssen, so v e rla n g t es die K u n d sch aft, sofort, m öglichst schon einige S tu n d en n ach d er B estellung geliefert werden. In allen In d u strie lä n d e rn besitzen die m eisten deutschen Farbenfabriken daher große V erkaufsfilialen, wo V orräte, die fü r m ehrere M onate, ja , oft fü r Ja h re ausreichen, zu r B edienung d er K u n d sch aft gelagert sind. So k o m m t es, daß beim V e rk a u f der lange gelagerten P ro d u k te oft Preise erzielt w erden, die infolge der inzw ischen v erbesserten A usbeuten und der gesunkenen F abrikationsspesen u n te r dem E in stan d sp reis liegen, der herrschend w ar, als das P ro d u k t in d er F a b rik erzeugt w urde. 58


A bgesehen v o n dem großen R isiko, das m it dem H alten solch übertrieben großer L äger, zu m al in L än d ern wie zum Beispiel in China, Japan (der chinesische K rieg h a t dies deutlich bewiesen), verbunden ist, sind die L agerspesen schon a n sich sehr hoch, weil sich die Läger meist an solchen Stellen befinden m üssen, wo die Mietpreise für Büros usw., wie zum Beispiel in d er D ow ntow n von New York, sehr groß sind. Hierzu kom­ m en n u n n o ch die U n k osten der V erkaufsfilialen... Die auswärtigen V erkaufsorgane kau fm än n isch er u n d technischer A rt, die an sich lange Ja h re b rau ch en , ehe sie sich a u f dem Spezialgebiet der Farbstoffindustrie heim isch fühlen, m ach en sich m ehr u n d m ehr unabhängig vom M utter­ hause u n d steigern au ch infolge der Aufwendungen, m it denen der eine V ertreter d en a n d ern zu überbieten sucht, ihre Ansprüche an Salair, U m satzprovision u n d G ew innbeteiligung immer höher und höher. B ei dem scharfen W ettbew erb der Firm en untereinander ist es begreiflich u n d n atü rlic h , daß beim V erkauf Mißbräuche aller Art e in re iß e n .. . Ic h m eine hier die Gewährung eines langsichtigen Kredits vo n neun, ja , zw ölf M onaten, wie in Polen und Rußland, der Abschluß langjähriger, sich o ft ü b er drei u n d vier Jahre hinaus erstreckender K o n tra k te . . . Die Zoll- u n d P atentgesetzgebung in verschiedenen Ländern zwingt die deutschen T eerfarbenfabriken, wenn sie nicht ihren Absatz an aus­ ländische F arb en fab rik en verlieren wollen, Fabriken in diesen Ländern zu errichten, in denen, m eist allerdings unter Verwendung der in der deutschen Z entrale erzeugten Zwischenprodukte, die färbenden und u n te r hohen Zollschutz gestellten Endprodukte hergestellt werden. Ver­ möge der U eberlegenheit in der Zwischenproduktindustrie haben die deutschen F arbenfabriken cs bis je tz t fertiggebracht, die ausländische K onkurrenz klein zu h alten beziehungsweise in einigen Ländern ganz zu unterdrücken. H a t aber einm al eine einzige deutsche Farbenfabrik eine Fabrikationsfiliale im Zollausland, zum Beispiel in Rußland oder in Frankreich (in letzterem Lande nicht nur der Zollverhältnisse wegen, sondern auch zur W ahrung der Patentrechte) errichtet, so ist jede andere deutsche F a b rik gezwungen nachzufolgen und muß ebenfalls ein mehr oder weniger großes T errain erwerben, dort unter meist ungünstigen 59


B edingungen teu re B au ten aufstellen, kostspielige A p p arate und M aschinen m ontieren u n d m it d er F a b rik a tio n der gleichen A rtikel be­ ginnen, die von der ersten F irm a herg estellt w erden. So e n tste h t neben den in dem betreffenden Z ollausland m eist v o rh an d enen kleinen inländi­ schen F ab rik en ein ganzes H eer von d eutschen Fabrikationsfilialen (in R ußland sind deren zur Z eit sieben vorh an d en ), die alle d a ra u f ein­ gerichtet sind, große Q u a n titä te n herzustellen, aber infolge der fast im m er übersch ätzten A ufnahm efähigkeit des ausländischen Marktes einen entsprechenden A bsatz n ic h t finden können u n d daher zu F abrika­ tionseinschränkungen gezw ungen sind, weil ein E x p o rt aus diesen Län­ dern ausgeschlossen ist. Die Folge davon ist, wie w ir dies in Frankreich, in R ußlan d , u n d fü r pharm azeutische P ro d u k te auch in A m erika sehen, ein F allen d er V erkaufspreise a u f u n d u n te r den E instandspreis. Die­ jenige F irm a aber, die diesen dornenvollen W eg der ausländischen Fabrikationsfiliale n ic h t geht, m uß n ach u n d nach a u f das Geschäft in solchen Z olländem ü b e rh a u p t v e rz ic h te n .. . J e m eh r aber das farbstoff­ konsum ierende A usland dazu übergeht, sich durch hohe Zollsätze gegen den Im p o rt frem dländischer W are abzuschließen, je m ehr deutsche Fabrikationsfilialen im A usland entstehen, um so größer w ird das Elend in u n sem deutschen F ab rik a tio n sstä tte n w erden, in denen dann infolge des Ausfalls des ausländischen B edarfs n ich t m ehr genügend zu tim ist.» (D uisberg: D enkschrift ü b er die Vereinigung der deutschen Farbenfabri­ ken. S. 348 ff.) N ach diesem Trom m elfeuer Duisbergs a u f den E rw erbssinn seiner kon­ kurrierenden Kollegen, ric h te t er ih r erschüttertes Selbstbewußtsein wieder au f: «Gewiß, alle diese Schwierigkeiten sind zu überwinden; u n d im K a m p f der Produzenten gegen die Konsumenten, im W ettbewerb der F ab rik an ten untereinander, im generellen K am p f des Menschen um s Dasein ü b erh au p t, sind im m er noch M ittel und Wege gefunden worden, um über die M ißstände hinwegzukom m en. Keine Industrie h at ja auch noch so viel unbearbeitete Felder, a u f denen Gold in Hülle und Fülle zu finden ist, wie die Farben- und die pharm azeutische Industrie. F ü r Dezennien hinaus ist hier dem Erfinder zur H erstellung neuer, schönerer und besserer P rodukte der Erfolg sicher. D er F ab rik an t ver­ 60


m ag — d u rch V erän d eru n g der Fabrikationsverfahren oder Ersetzung der bestehenden d u rc h neue oder billigere Verfahren — einen Erfolg an den andern zu reih en . D em K au fm an n steht ein großartiges Feld seiner T ätigkeit offen infolge d er V ielseitigkeit der Textilindustrie, die bestrebt ist, die vielen ih r zu G ebote stehenden Faserstoffe im m er noch zu ver­ edeln, deren M oden im m er m ehr u n d m ehr die Bewohner der ganzen W elt m it ih re n ste ts w echselnden Vorschriften für die zu verwendenden F arben u n te r ih re H e rrsc h a ft b rin g e n .. . K urz, beim Blick in die Zu­ k u n ft w ird das D unkel, das zur Zeit au f manchen Gebieten der chemi­ schen In d u strie h e rrsc h t, erhellt durch den Sonnenstrahl der Hoffnung au f einen F o rts c h ritt, wie er a u f keinem Gebiet so sehr wie auf dem unserigen m öglich ist.» (A. a. O., Seite 353.) U m alle diese goldenen Berge zu klingender Münze zu schlagen, sucht Duisberg n u n n a c h einem W eg, um die Schäden der Konkurrenz zu beseitigen, ohne ih re V orteile verlieren zu müssen. Denn, meint er, « wäre die K o n k u rren z n ic h t gewesen, der deutschen Teerfarbenindustrie wäre es sicher n ic h t gelungen, die Bedeutung auf dem W eltm arkt zu erlangen u n d diese In d u strie den Franzosen und Engländern zu entreißen u n d die in diesen L ä n d e rn bestehenden außerdeutschen Fabriken nieder­ zuringen. M it der A ufhebung der K onkurrenz t r itt aber eine Stagnation des F o rtsc h ritts ein; schlim m er noch als das, m it der Vereinigung der industriellen M acht in einer H an d liegt die Versuchung zum Mißbrauch dieser M acht allzu nah e. W ir sehen davon ab, daß die an der Spitze stehenden M änner dem G rößenw ahn verfallen können. Aber es kann n ich t ausbleiben, d aß in einer solch m ächtigen Kapitalgesellschaft ein. kleiner Staat im Staat en tste h t, den die Gesetzgeber hassen, weil er 6ich nicht leich t u n tero rd n en lä ß t u n d den das Publikum fürchtet, weil die Preise eventuell gesteigert, der N utzen vergrößert und dam it der N eid u n d die M ißgunst aller n ich t beteiligten und nicht interessierten Menschen hervorgerufen w e rd e n .. . Das allerschlimmste aber, was einer solchen großen, die K onkurrenz beseitigenden Vereinigung passieren k ann, ist das G roßziehen neuer K onkurrenten, die zu oft nur zum Scheine errichtet w erden, um sich d an n später durch Auszahlung großer Ab­ findungssum m en au fk au fen zu lassen.» (A. a. 0 ., Seite 355.) 61


D uisbergs D arlegungen gipfeln in dem V orschlag, die sechs größten A ktiengesellschaften zu einer G esellschaft zu verschm elzen, deren Ge­ sam tk ap ital er nach dem S tan d e v o n 1902 a u f 144,6 M illionen Mark berechnet, u n d w eiter die w ichtigsten P riv atfirm en , wie Leopold Casella, K alle & Co. u n d andere, einzubeziehen, ü b er deren K apitalverhältnisse keine Angaben vorhegen. U m einer S tag n atio n vorzubeugen, schlägt er vor, die w ichtigsten organischen Erzeugnisse im m er in zwei F ah rik en zu produzieren, die zw ar ihre E rfah ru n g en austau sch en, ah er in Ideal­ konkurrenz zueinander stehen, u n d deren Chem iker du rch P räm ien und sonstige Chancen, wie G ew innbeteiligung, zu u n u n terb ro ch en er F o r­ schung angetrieben w erden sollen. « Alle E rfindungen, die in den wissen­ schaftlichen oder B etriebslaboratorien gem acht w erden, m ü ß ten sofort an die Z entralstelle b eric h te t u n d h ier in den w issenschaftlichen und juristisch en A bteilungen, n ach L ändern u n d G ebieten geordnet, weiterv erarb eitet u n d erforderlichenfalls u n te r P a te n tsc h u tz gestellt werden. Bei der F a b rik a tio n w äre eine R eihe von B etrieben, die sich n ich t a u f der H öhe befinden, stillzusetzen, deren P ro d u k tio n den besteingerichteten B etrieben zuzuweisen u n d diese entsprechend zu vergrößern. A ber auch hier w ürden w ir d afü r sorgen m üssen, daß im m er m indestens zwei solcher B etriebe an verschiedenen O rten erhalten bleiben, d am it die darin tä ti­ gen Chemiker u n d In g e n ie u re ... sich n ich t konkurrenzlos fü h le n ... A uf schriftlichem Wege durch B erichte, a u f m ündlichem Wege durch K onferenzen’m it den F abrikdirektoren u n d durch gegenseitigen Besuch der B etriebsleiter m uß d ann der A ustausch der verschiedenen E rfah­ rungen eintreten, so daß dieV orteile eines Betriebes dem andern dauernd zugute kommen.» (A. a. O., Seite 365.) T rotz der stolzen B ehauptung, «die je tz t bestehende H errschaft der deutschen chem ischen In d u strie, speziell der F arbenindustrie, über die ganze W elt w ürde d ann meines E rachtens fü r die nächste Zukunft gesichert sein», konnte D uisherg seinen P lan dam als noch n ich t durch­ setzen. Die chemische In d u strie, die nichts ist als die K apitalisierung der W issenschaft, die es verstanden h a t, in kürzester F rist sich einen der wichtigsten Zweige derN aturw issenschaften unterzuordnen, dieForschung kapitalistisch zu organisieren, diese In d u strie, in welcher derwissenschaft62


licliste B etrieb a u ch d er re n ta b e lste wurde, die sich klar war über dieVerluste, die aus der A narchie kapitalistischer K onkurrenz erwuchs, versagte genau an dem P u n k t, an dem sie in ihrem Bereich eine höhere Organisationsform fre iw illig , aus höherer Erkenntnis, schaffen sollte. Die Möglichkeit ü b e rh a u p t e rn sth a fte r Verhandlungen scheiterte von vorn­ herein daran , d a ß m a n sich in der Bewertung der Betriebsanlagen nicht einigen, ja , sie n ic h t einm al o b jek tiv prüfen konnte, da jeder fürchtete, Betriebsgeheim nisse zu v e rra te n , wenn er allzu genaue Einblicke in seinen Betrieb g e s ta tte te . E s w aren eben kapitalistische Unternehmer, die sich gegenüber sta n d e n . Z ufällig fabrizierten sie Chemikalien,und die Branche brachte es m it sich, d aß sie neben dem industriellen Lohnarbeiter auch die A rb eitsk raft der stu d ie rte n L ohnarbeiter ausbeuteten. In den besten Fällen w aren diese U n tern eh m er der chemischen Industrie selbst erfolg­ reiche Chem iker. A ber ü b e r den R ahm en der kapitalistischen Verhält­ nisse reichte ih r G esichtsfeld nie hinaus. W as h a t D uisberg anders getan, als gezeigt, daß die chemischen Produk­ tiv kräfte an die S ch ran k en der K onkurrenz gestoßen, die bestehenden l P roduktionsverhältnisse eine Fessel der W eiterentwicklung geworden w aren? W as er in seiner D enkschrift vorschlägt, ist die Ueberwindung der vorhandenen G renzen a u f kapitalistischer Grundlage m it dem aus- i gesprochenen Ziel d er N iederhaltung der ausländischen Konkurrenz, die einm al en tste h e n m u ß te u n d in W irklichkeit durch den Aufbau deutscher Zw eigfabriken im A uslande v orbereitet wurde. D er Rüstung für den größeren K o n k u rren zk am p f der Z ukunft sollte der P lan eines deutschen T rustes dienen. W en n er auch an der B eschränktheit der Unternehmer [ zunächst scheiterte, es b leib t, daß schon am Ende der ersten Aufschivungsperiode des d eutschen Chem iekapitals die Idee des privaten Monopols, das E nd e d er freien K onkurrenz stand.

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6 . Betriebsgeheimnis

D er deutschen chem ischen In d u strie die H errsch aft ü b er die W elt zu erobern, dieser G edanke trieb n ich t n u r D uisberg zu seinem Memo­ randum über die V ereinigung d er T eerfarbenfabriken, er trieb auch die andern leitenden M änner dieser In d u strie vorw ärts, n u r daß eben jeder für seine F irm a einen V orsprung v o r der andern zu erringen hoffte. Was an gemeinsam en Interessen v o rhanden w ar, das suchte m an durch den «Verein zur W ah ru n g der In teressen d er chem ischen In d u strie Deutsch­ lands» zu v e rtre te n , der n ach dem M uster d er «American Chemical Society» gegründet w orden w ar, als die deutschen Industriellen 1876 a u f der W eltausstellung in P hiladelphia ihre R ück ständigkeit erkannt h a tte n . M an w ar w ütend d arüber, daß der V e rtreter der deutschen R egierung in d er Tagespresse, also v o r aller O effentlichkeit, sein ab­ sprechendes U rteil ü b er die deutsche chemische In d u strie abgegeben h a tte . M an w ollte d urch den Verein die «Anerkennung der Gleich­ berechtigung m it dem a u f eine jahrzehntelange E ntw icklung zurück­ blickenden Produktionszw eig der L andw irtschaft, die sich der trad i­ tionellen Fürsorge aller am tlichen Stellen erfreute», durchsetzen. Die V ereinsgründung allein h ä tte zw ar n ich t viel genützt, d a aber die chemische In d u strie selber zum M achtfaktor heranw uchs, so spielte bald auch der V erein eine bedeutende w irtschaftspolitische Rolle. Am E nde des vergangenen Ja h rh u n d e rts käm p fte er heftig um gesetz­ lichen Schutz des Betriebsgeheim nisses. E s gab also noch einige (Aus­ wüchse» des K onkurrenzkam pfes, die G eheim rat Duisberg in seiner D enkschrift höflicherweise nich t erw ähnt h a t. D er P aten tsch u tz genügte offenbar nich t, um die vielen Einzelerfahrungen, die in den Laboratorien d er Großbetriebe gesam m elt w urden, der K onkurrenz vorzuenthalten. D as wollte m an a b e r; denn m an arbeitete weder fü r die «deutsche W eltgeltung) noch für den F o rtsc h ritt der m enschlichen E rkenntnis, sondern für die E rhöhung des Gewinnes, die am sichersten zu erreichen is t, w enn die K onkurrenz m öglichst von allen E rkenntnissen fern­ 64


g ehalten w ird . D en W eg d er alte n Alchimisten konnte man leider nicht gehen, die die ganze Chem ie als Geheimwissenschaft behandelte, in die n u r zuverlässige S ch ü ler eingew eiht wurden. Aber das, was die angestellten stu d ie rte n C hem iker im B etriebe dazu lernten, sollte wenigstens au ch im G eh irn des C hem ikers noch Eigentum der Firm a bleiben. In ein er E in g ab e a n die R egierung erklärte der Verein im Jahre 1884: «N ach den E rfa h ru n g e n , w elche dem Verein vorliegen, lassen sich die u n rech tm äß ig en A neignungen von R esultaten fremder Geistestätigkeit a u f dem G ebiet d er chem ischen In d u strie in drei Klassen sondern, welche d u rch die A rte n beziehungsw eise M ittel der Erlangung bestimmt werden. I n die erste G ruppe sind die Fälle einzureihen, in welchen Arbeiter und B eam te, w elche eine Z eitlang in einer F abrik beschäftigt gewesen, die d o rt erlangte K e n n tn is v o n den Besonderheiten des betreffenden Be­ trieb es n ach h er einem K onkurrenzunternehm en mitteilen. D ie zweite G ruppe b ild en die Fälle, in welchen noch in Dienst befind­ liche A rb eiter u n d B eam te die ihnen in dem Geschäft bekannt gewor­ denen F ab rik atio n s- u n d sonstigen Geschäftsvorteile in gewinnsüchtiger A bsicht den K o n k u rre n te n preisgeben. D er d ritte n G ruppe endlich gehören die Fälle an, in welchen Personen, die, ohne A ngestellte d e r F a b rik zu sein, durch ihre Berufstätigkeit als M aschinenfabrikanten, Ingenieure usw. K enntnis von derartigen Ge­ heim nissen erh alten , K opien der ihnen gelieferten Zeichnungen usw. den K o n k u rre n te n ihres A uftraggebers zum Verkauf anbieten, oder Personen zufällig oder in d er A bsicht der gelegentlichen Geheimniserforschung in d a s G eschäft kom m en u n d dieses oder jenes Geheimnis erspähen und ste h le n . . . E s bleibt als einziger Ausweg n u r die gesetzliche Regelung übrig und zw ar d urch E rw eiteru n g des Strafgesetzbuches dahin, daß der Ver­ trau en sb ru ch u n te r die Vergehen des gemeinen Strafrechtes aufge­ nom m en wird.» M an h a tte also dam als schon erhebliche Erfahrungen auf jenem Gebiet, d as m an h eu te W erkspionage nennt, gesammelt. Was die I.-G. heute dem A usland so fu rc h tb a r übelnim m t, das betrieben ihre Mutterfirmen dam als gegeneinander.

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I.-G . D e u tsch la n d

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Die Regierung zeigte aber wenig V erständnis fü r diese A cngste der F ab rik an ten , u nd a u f dem D eutschen Ju riste n ta g , d er 1888 in S tettin tag te, v e rtra t der O berbürgerm eister D r. A ndre, C hem nitz, die A uf­ fassung, daß dem öffentlichen Interesse m it d er G eheim haltung von Erfindungen und geschäftlichen F o rtsc h ritte n n ic h t gedient sei, sondern im Gegenteil, daß m an ein Interesse an d er V erbreitung der F o rtsch ritte h ä tte . Die Gesetzgebung m üsse also gerade die G eheim haltung be­ käm pfen. D as geistige E ig en tu m an E rfindungen sei genügend durch das P ate n tre c h t geschützt u n d zum Schutze von Privatinteressen sei die S taatsanw altschaft n ic h t da. A uf den abschlägigen Bescheid der R egierung griff die B adische Anilinund Sodafabrik ein, die gerade an der Indigosynthese arb eitete und darum besonders em pfindlich gegen etwaiges A usplaudern von B etriebs­ geheimnissen w ar. Sie setzte bei dem Verein.die E rn eu erung der Eingabe durch. D och die Regierung an tw o rte te : «Die gepflogenen Erhebungen haben zw ar b e stä tig t, daß in gewissen Industriezw eigen Fälle des V er­ trauensbruches n ic h t selten Vorkommen. E s h a t sich jedoch n ich t ergeben, daß die hieraus erw achsenden M ißstände eine solche Tragw eite angenom m en h ä tte n , daß ein E inschreiten der Gesetzgebung geboten erscheinen k ö n n te .. . Sehe ich m ich daher zu m einem B edauern nicht in der Lage, der erneuten Anregung n äh er zu tre te n . gez. S taatssek retär von Bötticher.» Doch die großen W erke ließen n ich t locker u n d d er V orstand des Vereins sam m elte system atisch M aterial, das er der Regierung einreichte. 1894 w ar es ihm endlich gelungen, die R egierung um zustim m en, die einen R eferentenentw urf zu einem Gesetz zur B ekäm pfung des unlauteren W ettbew erbs veröffentlichte, in dem auch der Schutz des F abrik- und Geschäftsgeheimnisses geregelt werden sollte. I n der B egründung heißt es: «In der öffentlichen' E rö rteru n g d er gegen den unlauteren W ettbewerb zu richtenden M aßnahm en nehm en die Fälle gröblichen Vertrauensbruchs in bezug a u f Betriebsgeheim nisse einen breiten R aum ein, und wenn es nach einer M itteilung von beachtenswerter Seite soweit gekommen ist, daß der V errat u n d die unbefugte A usbeutung 66


fremder B etrieb s- oder Geschäftsgeheim nisse an einzelnen Stellen geradezu die F o rm einer geschäftlichen Organisation angenommen hat, so ■wird der G esetzg eb er. . . an solchen Erscheinungen nicht untätig vor­ übergehen dürfen.» Die R egierung ä n d e rte den G esetzentw urf später dahin, daß er den F ab rik an ten die P flic h t auferlegte, den Angestellten in einem Reverse m itzuteilen, w as B etriebsgeheim nis sei. Das p aß te d en C hem ieindustriellen gar nicht. Sie argumentierten, daß «der In h a lt dieses R everses einseitig von den Geschäftsherren festgelegt und es d ah er V orkom m en w ürde, d aß der Geschäftsherr, um sich soweit wie möglich zu sichern, in dem Revers m anchm al etwas als Geheimnis bezeichnen w ü rd e, w as in W irklichkeit keines sei. Die Reverse seien daher fü r die A ngestellten n u r nachteilig.» N atürlich waren die Unter­ nehm er n ic h t au s la u te r Sorge fü r das W ohl der Angestellten gegen den Revers. D er H a u p tg ru n d w ar folgender: «Da n u n besonders in chem ischen Fabriken die Fabrikationsgeheim­ nisse sehr zahlreich u n d dabei von größter Bedeutung sind, so müßte mit jedem W echsel in seiner T ätig k eit innerhalb des Betriebes ein neuer Revers v o n dem A ngestellten ausgestellt werden. Ferner müßten, da in den chem ischen B etrieben ununterbrochen an den Verbesserungen der bestehenden V erfahren gearbeitet u n d so häufig ein bisher vorhandenes G eheim verfahren d u rch ein neues Geheimverfahren ersetzt wird, in diesem F alle säm tliche bisher existierenden Reverse eingezogen werden. D er In h a b e r einer großen F ab rik wäre also genötigt, seine sämtlichen A ngestellten, au ch die, die d er betreffende Betrieb nichts angeht, die aber doch m öglicherweise zufällig K enntnis von demselben erhalten könnten, d u rch solche R everse über den ganzen Stand seiner Geheimverfahren zu u n te rric h te n u n d stets au f dem laufenden zu h a lte n . . . F erner m öchten w ir daraufhinw eisen, daß es sich bei der Bewahrung des Geheimnisses ja n ic h t bloß u m höhere Beamte handelt, sondern ebenso g u t um A ufseher u n d V o rarbeiter; ja , selbst einfache Arbeiter sind häufig in guter K en n tn is von dem Geheimnis. Erfahrungsgemäß wenden sich die gew erbsm äßigen V erleiter zum V errat von Fabrikgeheimnissen meist an V orarbeiter oder selbst an einfache Arbeiter, die sie zum Zwecke des

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V errats in s tru ie re n .. . E s erscheint u ns d ah er richtiger, s ta tt eine der­ artige unpraktische B estim m ung zu treffen, lieber ganz a u f den Schutz nach A blauf des D ienstvertrages zu verzichten. Bei Neuschöpfungen a u f technischem G ebiet, die ein P a te n t erlangt haben, ist an erk an n t, d a ß sie gewerbliches E ig en tu m dessen sind, der sie geschaffen h a t. Bis eine E rfindung in so reifer F o rm vorliegt, daß sie zum P a te n t angem eldet w erden k an n , b e d a rf es o ft jah relan g er Arbeit. W ährend dieses ganzen E ntw icklungsstadium s ist die E rfindung schutz­ los, sofern es einem A ngestellten g e sta tte t ist, dieselbe nach seinem Aus­ tr itt jederm ann m itz u te ile n .. . Ebenso 'wichtig ist aber der Schutz fü r diejenigen N euschöpfungen, die au f dem G renzgebiet zwischen eigentlicher E rfindung u n d den allgemein bekan n ten technischen M anipulationen liegen. D erartige Neuschöp­ fungen sind gerade in der chem ischen In d u strie außerordentlich zahl­ reich u n d von der allergrößten B edeutung. I n d er Hegel w ird hier das V orhandensein einer E rfindung verneint, weil es sich hier n ich t um etwas prinzipiell N eues, sondern n u r um die A usgestaltung eines bereits be­ k a n n te n V erfahrens handelt. A ber gerade diese A usgestaltung bekannter V erfahren gibt diesem V erfahren erst die technische Lebensfähigkeit. Diese A usgestaltungen, die o ft n u r m it jahrelanger A rbeit erlangt sind, w erden, da die P aten tieru n g zu zweifelhaft erscheint, als F abrikations­ geheimnis bew ahrt. D er Schutz der Fabrikationsgeheim nisse auch nach A blauf des D ienstvertrages entsp rich t also ebenso in dieser H insicht n u r einer gerechten Forderung. E in Schutz von drei Ja h re n w ird für hinlänglich erachtet. Leute, dieAngestellte zum V errat der Geheimnisse verführen wollen, sollen noch h ärter be­ stra ft w erden als die T ä te r selber.» (Chemisch-industrielle W irtschafts­ politik.) Im Ja h re 1896 erreichte derVerein glückhch die Festsetzung einer Gefängnis- oder G eldstrafe fü r V errat v on Geschäfts- oder B etriebs­ geheimnissen, den ein A ngestellter w ährend eines D ienstverhältnisses begeht. E r erreichte n ich t, daß ein solcher «Verrat» auch b estraft wird, w enn er nach Beendigung des D ienstverhältnisses begangen w ird. D a­ gegen schützt sich die In d u strie seitdem durch die sogenannte K on­ kurrenzklausel, in der den Chemikern oder Ingenieuren verboten wird, 68


w ährend einer b e s tim m te n F ris t, m eist drei Ja h re, in einem ähnlichen konkurrieren d en B e trie b e D ien ste anzunehm en. E s ist das natürlich eine ganz einseitige B esch rän k u n g der F reiheit des Angestellten, auch w enn er fü r die Z e it d e r G ü ltig k eit d er K onkurrenzklausel von der Firma E n tsch äd ig u n g e rh ä lt. A u ß erd em ist es eine echt kapitalistische Ver­ schw endung v o n P ro d u k tiv k rä fte n , w enn ausgehildete Hirne zwangs­ weise au f ih rem F a c h g e b ie t ausgeschaltet werden. D as P roblem d e r W erkspionage h a t heu te ein anderes Gesicht bekommen. D er große F a rb e n tru s t, d en die I.-G . heu te darstellt, h a t V errat an in­ ländische K o n k u rre n te n n ic h t oder k au m m ehr zu befürchten, dagegen u m so m ehr d en a n ausländische W erke. D aher gilt es heute als eine A rt V aterla n d sv e rra t, w en n G eheim nisse der I.-G . ausländischen Chemikern zur K en n tn is g e b ra c h t w erden, u n d die Prozesse um solche Delikte w erden h in te r sorgfältig verschlossenen T üren geführt. Die I.-G. iden­ tifiziert sich m it d em d eu tsch en V aterland. Allerdings nur, wenn ihre A ngestellten etw as v e rra te n . W enn sie seihst m it ausländischen Kon­ zernen in V erb in d u n g t r i t t u n d P a te n t- und Erfahrungsaustausch ab m ach t, h e g t d er F a ll anders. D am als aber, als die K äm p fe u m die A nerkennung der Strafbarkeit des V errats v o n B etriebsgeheim nissen geführt wurden, waren es ja die eigenen H erren K ollegen, m it denen m an im «Verein zur Wahrung) friedlich u n d gegenseitiger H ochachtung voll zusammensaß, gegen deren W issen sd u rst m a n sich d u rch hohe Strafen sichern zu müssen glaubte. D ie H e rre n v o n H öchst, Ludwigshafen, Leverkusen selber h a tte n zw ar n ic h ts zu b efü rch ten , sie begaben sich schon nicht in die G efahr, als W erkspione e rta p p t zu werden — sie haben ja ausführlich geschildert, w elche U m w ege m an da b en u tzt — , aber sie konnten doch n u r die le tz te n N u tzn ieß er sein. W ie wenig sie ein an d er tra u te n , zeigte sich ja gerade hei den V erhand­ lungen ü b er eine V ereinigung d er Teerfarbenfabriken im Jahre 1904. W ochenlang sprach m a n d arüber, m it der stillschweigenden Uebereink u n ft, vom T h em a n ic h t zu reden. D enn das h ätte bedeutet, daß die K a rte n offen a u f d en T isch gelegt werden m ußten. Auch, als der große P la n schon d u rc h einen engeren ersetzt worden war, als nur mehr die

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kaufm ännischen L eiter von L everkusen — w ohin die E lberfelder Farben­ fabriken ihre W erke verlegt h a tte n — , u n d der «Badischen» eine Zu­ sam m enarbeit besprachen, scheiterte die E inigung an dem selben Grunde. E rs t als sich die treib en d en K öpfe beider U ntern eh m ungen, Heinrich B runck und Carl D uisberg, d er erst wenige J a h re v o rh er zum Mitglied des D irektorium s d er E lberfelder F arb en fab rik en berufen w orden war, an einen Tisch setzten, k am eine E inigung zustan d e. Beide U nterneh­ m ungen schlossen eine Interessengem einschaft a u f d er Basis fifty fifty. Die AG. fü r A nilinfabrikation in B erlin schloß sich dem Abkommen an. Die W erke blieben selbständig, aber es sollten die Forschungs- und M eßm ethoden u n terein an d er au sg etau sch t w erden, der Reingewinn zusam m engelegt u n d n ach einem b estim m ten Schlüssel v erteilt werden. Als die V erhandlungen zwischen der B adischen u n d Leverkusen aus­ sichtsvoll w urden, fan d en auch die and ern W erke zueinander, da sie sonst b efü rch ten m u ß ten , v o n der neuen I.-G . n iederkonkurriert zu w erden. D ie H ö ch ster Farbw erke, die Casella & Co., F ra n k fu rt, und die Chemische F a b rik G riesheim -E lektron schlossen sich zu einem Kontrehlock zusam m en, zu dem sp äter noch K alle & Co. in Biebrich kam . S ta tt einer Vielzahl v on m ehr oder weniger g u t ausgerüsteten großen F ab rikatio n s- u n d F orschungsbetrieben stan d en sich n u n n u r noch zwei gegenüber. Beide G ruppen w aren ann äh ren d gleich stark . Beide fabrizierten n ich t n u r die große Masse d er Teerfarbstoffe, sondern auch, jede nach einem andern V erfahren, den künstlichen Indigo, u n d beide h a tte n um fangreiche F orschungsarbeiten im Gange, von denen sie sich große Gewinne versprachen. E in neuer Zweig der chem ischen In d u strie, d er sich n u n im selben schnellen Tem po entw ickelte, wie in den zwei u n d drei Jahrzehnten vorher die T eerfabrikation, w ar die H erstellung von M edikam enten. Es stellte sich h ier eine ganz eigenartige V erk ettu n g von Farben- und pharm azeutischer In d u strie heraus. A uch früher, als m an die Farben ebenso wie die H eilm ittel fa st ausschließlich aus Pflanzen gewann, war ja der Rohstoff fü r beide derselbe, eben die organische N atu r. W enn es auch m eist nicht gerade die gleichen Pflanzen w aren, die Farbstoffe oder H eilm ittel hergaben. 70


E s ist d ah er n ic h t w e ite r e rsta u n lic h , d aß die S teinkohle, die nichts ist als vergangenes o rg an isch es L e b e n , n ic h t n u r die A usgangsm aterialien fü r alle F arb sto ffe e n th ä lt, die in d e r N a tu r V orkom m en, sondern auch fü r fast alle H e ilm itte l. M eh r n o ch , die N a tu r b e sch rän k t sich au f eine geringe A nzahl v o n F a rb e n u n d F arb k o m b in a tio n e n , sie b rin g t sie zudem selten rein h e rv o r. D ie k ü n stlic h e S ynthese ü b ertru m p fte schon im Indigo an R e in h e it d e n N a tu rin d ig o u n d v e rs ta n d es b ald , d u rch kleine V eränderungen in d e r Z u sam m en setzu n g andere F a rb e n v o n gleicher E c h th e it h erv o rz u b rin g e n u n d schließlich in d e n In d a n th re n fa rb e n die N a tu r ab so lu t zu schlagen. D asselbe w a r bei den M edikam enten der F all, da F o rschungsw eise, AusgangsstofiF u n d H erstellungsart im P rinzip dieselben sind. So e n ts ta n d b e in a h e au to m a tisch m it dem deutschen F arben m o n o p o l ein M onopol fü r die b e ste n u n d m odernsten H eilm ittel, ein M onopol, d as lan g e Z e it n u r n o ch die eine Lücke h a tte , daß die Schweiz eine ziem lich e rn s th a fte K o n k u rren z m ach te, wo sich ebenfalls eine b ed eu ten d e u n d w issenschaftlich g eleitete chem ische In d u strie e n t­ w ickelt h a tte , w en n sie a u ch a n G röße u n d K a p ita lk ra ft niem als an die deutsche h e ra n re ich te . D ie Anilinfarb en ü b te n je d o c h eine besondere u n d überraschende N eben­ w irkung a u f die M edizin au s. V ergeblich h a tte n die besten A erzte E u rop as n a c h d en E rre g e rn d e r T u berkulose, d er Cholera, der Syphilis usw . gesucht. Sie a h n te n , d a ß es kleine, allerkleinste Lebewesen, M ikroorganism en sein m ü ß te n . A b er d u rc h k ein M ikroskop w aren sie bisher gesehen w o rd en . D a k a m d e r L eipziger Professor W eigert au f die Id ee, die zu u n te rsu c h e n d e n G ew ebeteile, Schleim m assen oder wo m an sonst n ach d e n B azillen su ch te, m it Anilinfarbstofifen zu trän k en . E s fä rb t sich die ganze M asse. W ä sc h t m a n sie aber dan n m it Alkohol, so w ird der F a rb sto ff au s d en O rg an su b stan zen w ieder weg genom m en, w ährend die B a k te rie n d ie F a rb e n festh alten u n d sich k la r v o n dem farblosen G ru n d ab h eb en . D ieses F ä rb e n der B ak terien w ar m it N a tu rfa rb e n n ic h t m öglich gew esen, w eil sie sich n ich t so leicht m it andern Substanzen v e rb in d e n wie die A nilinfarben. A uch das Anilinfärben ist n ic h t einfach, d a die v ersch ied en en B ak terien sehr unterschiedlich auf die einzelnen F a rb e n reag ieren . E s b e d a rf d ah er zahlreicher u n d m anch 71


m al hö ch st k o m plizierter E x p erim en te, ehe dem forschenden A rzt ein E rfolg win k t. A ber n u r dem n euen V erfahren ist es zu verdanken, daß R o b ert K och 1882 den T uberkulosebazillus, S ch audinn den Syphilis­ erreger entdeck te, d a ß d er D ip h th erie-, d er R u h r-, der Pesterreger und zahlreiche andere B azillen gefunden w urden. E rs t nachdem alle diese K ran k h eitserreg er genau b estim m t waren, k o n n ten sie e rn sth a ft b e k ä m p ft w erden. Die chem ische In d u strie h atte n atü rlich nie g eah n t, d aß sie d u rch die A nilinfarben den W eg der Aerzte ebnen w ürde, u n d sie a h n te zu n äch st auch noch n ich t, daß sich ihr n u n durch die F o rschung n ach H eilm itteln gegen die neuentdeckten K ran k heitserreg er ein re c h t lu k rativ es B etätigungsfeld eröffnen würde. D as K a p ita l selbst is t n ic h t schöpferisch, au ch das C hem iekapital nicht. Schöpferisch ist n u r die F orschung, u n d d er erste A nstoß ging im m er von den freien G elehrten aus. D as K a p ita l b em äch tig t sich der Forschungs­ ergebnisse erst, w enn es sich G ew inn v o n ihnen v erspricht. D ann aller­ dings v e rsu c h t es, die F orschung voll in seine D ienste zu nehm en, so daß d e r E in d ru c k e n tste h t, die A ktiengesellschaft Soundso sei die E r­ finderin dieses oder jenes neuen großen V erfahrens. Sie ist aber im m er n u r die N u tzn ieß erin d er A rb eit ih rer Chem iker, denen sie lediglich — im ureigensten In teresse —die M ittel zur Forschungsarbeit zur Verfügung stellt. So w ar es au ch hei der a u fb lü h en d en ln d u strie der neuenH eilpräpara te . V on B ehring, ein M ilitärarzt in Posen, m achte die Entdeckung, d aß sich im B lu t eines an D iphtherie e rk ran k ten Tieres Gegengifte entw ickeln, die sich gew innen u n d als H eilm ittel gegen die K rankheit verw enden lassen. E r spritzte Pferden in kleinen, langsam wachsenden D osen D iphtheriebazillen ein. D as sich bildende A ntitoxin, Gegengift, m achte n ic h t n u r die B azillen unschädlich, sondern aus dem B lu t der zur A der gelassenen P ferde ließ sich das A ntito x in in solchen Mengen gewinnen, d aß es n och w eitere M engen von D iphtheriebazillen zu zer­ stören im stande w ar. W iew eit die neue E n td eck u n g im großen verw endbar sein w ürde, w ar zu­ n äch st noch gar n ic h t zu übersehen. M an w ußte n ich t, wie es um die H a lt­ b a rk e it eines solchen P rä p a ra te s stehe, k a n n te noch n ich t die genau ab ­ zum essenden M engen, ku rz, E rfah ru n g en in größerem M aßstabe lagen 72


n o c h n ic h t v o r. W elch e u n g e h e u re n G e fa h re n in einem n eu en V erfahren sc h lu m m e rn k ö n n e n , d a f ü r g a b d ie T ra g ö d ie d e r L ü b eck er K in d er, die n a c h dem C a lm e tte v e rfa h re n g e im p ft w o rd e n w a re n , jü n g s t ein fu rc h t­ b a r e s B eispiel. L a sse n w ir h ie r d ie S ch u ld frag e a n diesem M assensterben u n e r ö r t e r t . W ie g ro ß a u c h d ie S ch u ld d e r L ü b e c k e r A erzte selbst sein m ö g e , d er F a ll ze ig t m it e rsc h re c k en d e r D e u tlic h k e it, w elche Siche­ r u n g e n getroffen w e rd e n m ü sse n , ehe ein n eu es V e rfa h ren an g ew an d t w e r d e n d arf. W i l l die I n d u s trie d ie F r ü c h te a u s d e r F o rsc h u n g sa rb e it eines A rztes z ie h e n , so m u ß sie die M ö g lich k eit la n g jä h rig e n A u sp ro b ieren s b ie te n . D a s k o s te t viel G eld u n d d e r A u sg a n g is t un gew iß. N u r ein großes U n te rn e h m e n k a n n so e tw a s w ag en . F ü r u n s , die w ir schließlich die O p f e r sind, w e n n ein n eu es V e rfa h re n le ic h tfe rtig u n d ohne genügende v o rh e r ig e E rfa h ru n g e n a n g e w a n d t w ird , b e s te h t im m e r d as unsichere G e fü h l, ob n ic h t d a s U n te rn e h m e n , u m d ie in E x p e rim e n te g esteck ten M illio n e n n ic h t zu v e rlie re n , n ic h t d o c h ein u nsicheres V erfah ren , ein n i c h t im schädliches P r ä p a r a t als sich er a u f d e n M a rk t b rin g t. E s w ird z w a r alles k o n tro llie rt, a u c h s ta a tlic h , d en n o ch s te h t h ie r d as P riva t­ eigentum . in direktem W iderspruch z u den Forderungen der öffentlichen S ich erh e it u n d des öffentlichen W ohles. A u f d em G ebiet d er H eilm itte l h a t d a s P ro fitin teresse n ic h ts zu suchen. D e r E rfin d u n g v o n B eh rin g s b e m ä c h tig te n sich die H ö c h ste r F a r b ­ w e r k e . Sie e rric h te te n eine b ak terio lo g isch e A b teilu n g , k a u fte n V ersu c h sp fe rd e , s te llte n d ie n o tw e n d ig e n B ak terio lo g en u n d C hem iker an u n d gaben so d em E rfin d e r d ie M öglichkeit d e r g rü n d lich sten D u rc h ­ fo rs c h u n g des n e u e n G ebietes, d a s e r eröffnet h a tte . D ie A usgaben l o h n t e n sich fü r d a s W e rk , d ie S e ru m th e ra p ie w urde einer d er G ru n d ­ p f e ile r d er m o d ern en H e ilm e th o d e n ic h t n u r gegen D ip h th erie, so ndern g e g e n zahlreiche In fe k tio n s k ra n k h e ite n . E i n e n an d ern W eg zeigte P ro fesso r E h rlic h , in dem e r u n m itte lb a r a n d i e M ethoden d er F a rb s y n th e s e n an sch lo ß . W ir erin n ern u n s d er E ig en ­ s c h a f te n des B enzolringes, sich m it d e n u n tersch ied lich sten A to m ­ g ru p p e n zu v erb in d e n u n d d a d u rc h eine unen d liche Z ah l n e u e r Stoffe z u erm öglichen. D ie m eisten T e e rfa rb e n sind V erb in d u n g en des Benzol-

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ringes m it einer A to m g ru p p e, die die färb en d e E ig enschaft h a t. Ehrlich su ch te n u n a n d en B enzolring A to m g ru p p en an zu h ängen, die ein Gift e n th a lte n , das gegen K ra n k h e itse rreg e r w irk t. U n d zw ar m ußten es solche G ifte oder ih re M enge m u ß te so abgem essen sein, daß nicht gleichzeitig d er m enschliche K ö rp e r in M itleidenschaft gezogen wird. «Es h a n d e lt sich also sozusagen u m Z auherkugeln, die n u r au f den k ö rperfrem d en S chädling g e ric h te t sind, d e n O rganism us selbst und seine Zellen ab er n ic h t tangieren.» (P . E h rlic h : B erichte der Deutschen C hem ischen G esellschaft, 42, 21/1909.) E r fa n d so d as S a lv a rsa n gegen d en Syphiliserreger, ü b er dessen W ert ich allerdings n ic h ts sagen m ö ch te, d a es u n te r d en A erzten noch sehr u m s tritte n ist. Alle F a rb e n fa b rik e n b e m ä c h tig te n sich dieser n euen M ethode, die eben­ so viele n eu e M öglichkeiten erschloß wie die erste E rk en n tn is der Ge­ heim nisse des B enzolringes im Z usam m enhang m it der Farbsynthcse. D er b e rü h m te ste E rfo lg w ar das n ach dem K riege in den Laboratorien d er E lb erfeld er F a rb e n fa b rik e n gefundene M ittel gegen die B lut­ sch m aro tzer, v o r allen D ingen gegen die S chlafk ran k heit, das u n ter dem N am en G erm an in (B ayer 205) in d en H an d el kam .

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7 . Schranken der Erkenntnis

D er Block, d e r d u rc h D ulsbergs In itia tiv e in der Interessengemeinschaft der B adischen, d er E lb erfeld er F arbenfabriken und der AG. für Anilin­ fab rik atio n e n ts ta n d e n w ar, w idm ete seine H au p tk raft zwei großen Auf­ gaben, die geeignet w aren , n och w eit größere weltwirtschaftliche Um­ w älzungen h e rv o rz u ru fen als die V erdrängung der natürlichen Farbstoffe d u rch die k ü n stlich en . Im Ja h re 1883 h a tte D aim ler d as erste M otorrad und im selben Jahre Benz das erste A utom obil, einen dreirädrigen Wagen, konstruiert. 1889 fand die erste A u tom obilausstellung in Paris sta tt, 1894 das erste inter­ nationale A u to m o b ilren n en zwischen Paris und Rouen. Das Zeitalter des A utom obils b eg an n . U n d d a m it das Zeitalter des Kautschuks, der aus verschiedenen L ian en so rten u n d B aum arten der südamerikanischen U rw älder gew onnen w urde. I n dem selben Tempo, in dem die Produk­ tio n an A uto m o b ilen in der ganzen W elt wuchs, stieg der Bedarf an Gum m ireifen, also a n K au tsc h u k . I n Indien, Ceylon, den Malaiischen S taaten w u rd en große K au tsch u k p lan tag en angelegt, die gleichmäßigere A usbeuten lieferten als die wildw achsenden Kautschukpflanzen und langsam die B ed eu tu n g d er südam erikanischen Wildkautschukgebiete zurückdrängten. N och im J a h re 1913 sta m m te m eh r als die H älfte der W eltkautschuk­ p roduk tio n (110000 T onnen) aus Südam erika, vor allem Brasilien; 1925 b e tru g die K au tsch u k p ro d u k tio n der W elt 507000 Tonnen, wovon aber n u r n och 35000 T onnen aus den W ildkautschukgebieten, w ährend aller ü brige R ohgum m i aus niederländischen und britischen K olonialgebieten k am . 1929 w ar die W e ltp ro d u k tio n a u f 882000 Tonnen gestiegen, davon w aren 30000 T o n n en W ildkautschuk. 1930, unter dem Einfluß der W irtschaftskrise u n d des ruinösen Preisfalls des Gummis sank die W eltp ro d u k tio n a u f 830000 T onnen m it n u r noch 20000 Tonnen W ildkautschuk. 75


D as b ritisch e Im p eriu m h a tte zusam m en m it H o llan d ein Monopol auf diesen R o h sto ff gew onnen, a u f d en n ic h t n u r die A utom obilindustrie der W elt a u f Gedeih u n d V erderb angew iesen is t, sondern der auch für zahlreiche andere In d u strie n , wie die T ex til-, die E lek tro -, die chemische u n d die san itäre In d u strie u n d an d ere im m er u n en tb eh rlich er geworden ist. Gum m i ist aus dem m o d ern en L eben n ic h t m eh r w egzudenken. Der H a u p tg u m m iv e rb ra u ch e r sind die V ereinigten S ta a te n . (Ihre E infuhr b e tru g l9 3 0 463 0 0 0 T o n n en ,d ic deu tsch e E in fu h r dagegen nur51000T onnen.) B ereits in d en e rste n N ach k rieg sjah ren t r a t eine U eberproduktion an K a u tsc h u k ein. E n g la n d setzte eine K om m ission, die StevensonK om m ission, zu r U n tersu ch u n g d er P ro d u k tio n sv erh ältn isse m it dem Ziel einer P reisregulierung u n d P ro d u k tio n sein schränkung ein. Die K om m ission stellte in ih rem B erich t vom Mai 1922 fest, 'daß etw a 77 P ro z e n t d er W e ltp ro d u k tio n an R ohgum m i a u f das britische Reich entfallen . D ie P ro d u k tio n sk o ste n w urden m it 22 Cents pro P fund er­ m itte lt. D a im J a h r e 1921 R ohgum m i in New Y o rk fü r 16,13 u n d zum T eil noch billiger v e rk a u ft w orden w ar, w urde die G um m iausfuhr gesetzlich b e sc h rä n k t u n d ein M indestpreis v o n 30 Cents festgesetzt. Die P reise k le tte rte n n u n in die H öhe u n d erreichten 1925 in New Y ork bis 1,21 D ollar. D ie am erik an isch en G um m iverbraucher w urden nervös. D er jetzige P rä sid e n t H o o v er, dam als S ta a tsse k re tä r fü r den H an d el, leitete einen g ro ß artig en antienglischen P ropagandafeldzug ein, den die E ngländer m it dem H inw eis a u f die am erikanische H ochschutzzollpolitik un d die am erikanischen B em ühungen u m eine H o ch h altu n g der Baum woll- un d W eizenpreise b e a n tw o rte te n . D ie am erikanischen V erbraucher w urden allerdings in W irk lich k eit w eniger d u rch die englische P reispolitik als durch die M anip u latio n en d e r am erikanischen R eifenfabrikanten aus­ gepow ert. «Die am erikanischen F abrikanten», fü h rte der A bgeordnete Shallenberger im K ongreß aus, ((haben die sogenannte englische K o n ­ trolle zum V orw and genom m en, u m die Preise v o n R eifen u n d andern Erzeugnissen gelegentlich u m das D oppelte zu steigern. D er B ericht des H andelsam tes bew eist, da ß d er Im p o rte u r 1925 d u rch schnittlich 48 Cents fü r das P fu n d zu zahlen h a tte , u n d die großenR eifengesellschaften brauch76


ten nicht ein m al d e n D u rc h sc h n ittsp re is anzulegen. E in Zuschla von 10 Cents a u f d en ein g e sta n d e n e rm a ß e n fairen Preis von 36 Cent bedeutet bei einem I m p o r t v o n 888 M illionen P fu n d R o h kautschuk einen Kosten­ zuwachs v o n n u r 88 M illionen D o llar. A ber die F a b rik an ten haben dem Publikum fü r ih re W a re 500 M illionen D ollar m ehr abgenommen. Firestone, S eiberling u n d U n ite d S tates R u b b er haben einen Preis­ zuschlag v o n 50 P ro z e n t b ei einem G esam tabsatz von einer Milliarde Dollar nach eigenen A n g ab en erhoben. R eifen, die 27 D ollar kosteten, w urden zu 54 D o llar v e r k a u f t__ » Interessanterw eise sin d ü b rig en s die E n g län d er erst durch eine Kriegslist in den Besitz des K a u tsch u k m o n o p o ls gekom m en. Brasilien h a tte die Ausfuhr des Sam ens des G um m ibaum es verboten, um das Monopol au f die K au tsch u k g ew in n u n g zu b eh alten . Im Ja h re 1876 gelang es jedoch einem E n g lä n d e r, S am en fü r etw a 70000 Sträucher zu «stehlen», die den G ru n d sto ck fü r die sp ä te re n K au tsch u k p lantagen bildeten. W ichtiger als H oovers P ro p a g a n d a gegen die englische K autschukpolitik w aren die V ersuche zu r A nlage am erikanischer K autschukplantagen. Hoover organisierte U n te rsu ch u n g en in M ittel- u n d Südam erika u n d auf den Philippinen ü b e r die M öglichkeiten, G um m i zu bauen. Die günstig­ sten B edingungen b ie te n d ie P h ilip p in en . «Aber», wie D enny sarkastisch bem erkt, «die p h ilip p in isch en Bodengesetze w aren v o n einer früheren am erikanischen R eg ieru n g in einem unbew achten M om ent der G roßm ut abgefaßt w orden. M an h a tte dam als in W ashington geglaubt, daß das spanische L atifu n d ien sy stem fü r das niedrige w irtschaftliche und soziale N iveau d er In se ln teilw eise v eran tw o rtlich zu m achen sei__ Infolge­ dessen w urden u n te r dem dam alig en G eneralgouverneur T aft den Inseln M usterbodengesetze g ew äh rt in d er A bsicht, L an d u n d Volk durch lan d ­ w irtschaftlichen K lein b etrieb zu entw ickeln. F erner sahen die Gesetze vor, daß n ic h t m e h r als 1024 H e k ta r öffentlichen Landes an eine K orpo­ ration verk au ft u n d n u r ebensoviel ih r v erp ach tet werden dürfen. Es waren nich t m eh r dieselben V ereinigten S taaten , die 25 Ja h re sp äter ihre K undschafter au ssch ick ten , a u f d er Suche nach K autschukland, um unser Reich u n a b h ä n g ig zu m ach en vom englischen M o n o p o l.. . Das am erikanische K a u ts c h u k k a p ita l u n d die herrschenden Schichten in 77


W ash in g to n w aren sich einig, d a ß die B odengesetze der In seln um gestülpt w erden m ü s s e n .. . A her das is t ein lan g sam er P ro z e ß ; den n den Filippinos is t frü h e r so viel ü h e r die S egnungen ih re r B odengesetze un d der politischen U n ab h än g ig k eit e rz ä h lt w orden, d a ß sie Z eit brauchen wer­ d en , u m zu begreifen, d a ß diese S egnungen n u n m e h r ein U nglück für sie sind u n d d as K o m m en je n e r P ro s p e ritä t verzögern, die sie n u r vom am erikanischen K a p ita l e rw a rte n könn en . D er englisch-am erikanische K a u tsc h u k k a m p f k a n n a b e r n ic h t w a rte n : E in e Pflanzung b ra u c h t acht bis zehn J a h re , ehe sie rentiert.» (L udw ell D e n n y : «Amerika schlägt England», Seite 246 ff.) Inzw ischen h a t F o rd in B rasilien im D schungel des A m azonenstrom s etw a sechs M illionen A cres erw orben u n d leg t d o r t G um m iplantagen an, w äh ren d d e r am erik an isch e In d u strielle F iresto n e in der afrikanischen R ep u b lik L ib eria eine M illion A cres zu dem selben Zw eck erw orben hat. D ie R e p u b lik , schon v o rh e r m e h r eine am erikanische K olonie als ein selbständ ig er S ta a t, is t d a d u rc h völlig in die A bhän g igkeit vo n den USA. g eraten . «W enn Firestone», sch reib t D r. R . L . B uell, «seinen P lan zur E n tw ick lu n g eines K autschukgebiet.es v o n einer M illion Acres un d zur B eschäftig u n g v o n 300000 A rb eitern a u sfü h rt, so w ird u n te r allen U m ­ stä n d e n Z w an g sarb eit u n d D em oralisierung d e r E ingeborenen die Folge sein, die sich ü b e ra ll in A frik a eingestellt h ab en , wo P lan tag en in großem M aß stab angelegt w orden sind. F e rn e r erfü llt die neue siebenprozentige A nleihe, die F iresto n e d u rch g esetzt h a t, k einen p ro d u k tiv en Zweck, weil d e r größere T eil ihres E rtra g e s z u r A bzahlung einer fünfprozentigen A nleihe d ie n t, die e rst 1952 fällig gew orden w äre, w ährend die neue siebenprozentige A nleihe bis 1967 lä u ft u n d L ib eria sie v o r A blauf von 20 J a h re n n u r m it E inw illigung d er Finance-C orporation zurückzahlcn d a rf — d a s b e iß t m it E inw illigung F irestones. D as am erikanische A usw ärtige A m t w a r a n d e n V erh andlungen a k tiv beteiligt. E s ist schwer zu v ersteh en , wie d e r stellv ertreten d e S ta a tsse k re tä r Castel be­ h a u p te n k o n n te, d a ß das A m t m it d er A nleihe n ic h t m eh r zu tim habe, als m it an d ern auslän d isch en A nleihen, d a in dem A nleihevertrag der P rä sid e n t d er V ereinigten S ta a te n das R e c h t e rh ä lt, den F in anzberater v o n Liberia zu «designieren» u n d d as A m t au to risie rt w ird, V orkehrungen 78


z u r schied srich terlich en R eg elu n g etw aig er D isp u te m it L ib eria zu treffen. F ire6to n e u n d L ib e ria w ü rd e n diese B e stim m u n g en ohne E inw illigung u n seres A u sw ärtig en A m te s in d e n V e rtra g n ic h t a u fg en o m m en haben.» D e r englische R e s trik tio n s p la n b ra c h zu sam m en , b e v o r n o ch die am eri­ kan isch en A n stre n g u n g e n sich au sw irk en k o n n te n . W ä h re n d die eng­ lische P ro d u k tio n e in g e sc h rä n k t w o rd en w a r, h a tte n die h o llän d isch en K au tsch u k p flan zer ihre P ro d u k tio n u m so s tä rk e r a u sg e d e h n t, so d a ß im Ja h re 1928 ein d e ra rtig e s U e b e ra n g e b o t a n K a u ts c h u k v o rla g , d a ß a n eine A u fre c h te rh altu n g v o n M in d estp reisen n ic h t m e h r zu d e n k e n w a r. V on J a h r zu J a h r w a re n die P reise gesu n k en . D er englische K o lo n ia l­ m inister, L o rd A m ery , k la g te : «Der P la n h a t die In d u s trie in d e r k r iti­ schen Zeit v o n 1922 g e re tte t. W ir v e rsu c h te n , die im J a h r e 1925 fehlende S ta b ilitä t 1926 w ieder h e rz u ste lle n , a b e r w aren n ic h t im sta n d e , d e n P reis, d e n wir in A u ssich t gen o m m en h a tte n , fe stz u h a lte n , w eil die R e s trik tio n im englischen G ebiet notw en d ig erw eise die E rz e u g u n g im h o llän d isch en G ebiet v erm eh rte, wo die P ro d u z e n te n säm tlich e V o rteile des e rh ö h te n Preises u n d geringere E rz e u g u n g sk o ste n genossen. I n d e r e rste n Z e it u m faß te die englische K o n tro lle 75 P ro z e n t, j e t z t a b e r n u r n o c h die H älfte . Bei einer K o n tro lle v o n 75 P ro z e n t k a n n E n g la n d die G esam t­ erzeugung u m 20 P ro z e n t senken, w en n es seine eigene P ro d u k tio n u m 30 P rozent e in sc h rä n k t. H a b e n a b e r E n g lä n d e r u n d A u ß e n se ite r je 50 Prozent u n te r ih re r K o n tro lle , so m u ß E n g la n d seine P ro d u k tio n u m 40 P rozent einsch rän k en , w en n es eine G e sa m tre d u k tio n v o n 20 P ro z e n t erreichen will. Z usehends e n tg litt u n s d ie M a c h t ü b e r d e n P reis m e h r u n d m eh r. U nd d er P reis is t n ic h t ein m al d e r H a u p tf a k to r f ü r u n s. W ir im K olonialm inisterium sin d v o r allem a n d e r P ro s p e ritä t d e r m alaiisch en H albinseln u n d ih re r In d u s trie n in te re ssie rt. N im is t die E rz e u g u n g in N iederländisch-O stindien im Z e itra u m v o n 1922 b is 1927 u m 145 P ro z e n t gestiegen, die u n sere ab er, in d e n M a la ie n sta a ten u n d in d e n S tra its S ettlem ents, n u r u m 13 P ro z e n t. D e r A n teil d e r N ie d e rlä n d e r a m W e lt­ ex p o rt stieg v o n 23 a u f 38 P ro z e n t, die n ied erlän d isch e E in g e b o re n e n ­ erzeugung aber, d e r u n b e re c h e n b a rste F a k to r, v o n 17 000 a u f 100 000 T o n ­ n en , in einer n ic h t fern en Z u k u n ft v ielleich t a u f 150000 o d er 200000 T o n ­ n e n . Die E rzeugung u n se re r H a u p tk o n k u rre n te n m a c h te also stü rm isch e

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F o rtsc h ritte , w äh ren d w ir a u f d e r Stelle traten .» Im Ja h re 1931 be­ sch äftig te sich au ch die n iederländische R egierung m it d er Frage einer Produktio n sd ro sselu n g , die sie gem einsam m it E n g lan d vornehmen w ollte. D och k o n n te n ic h t ein m al in d er v o n H olland eingesetzten S tudienkom m ission E in ig k e it ü b e r die zu treffenden M aßnahm en er­ reich t w erden. Im A pril 1931 w urde d as P fu n d R ohgum m i an d er L ondoner Börse m it 23 Pfennig n o tie rt gegen 4,35 M ark im J a h re 1925! Bei einem so u m k ä m p fte n R o h sto ff is t selb stv erständlich fü r die chemi­ sche In d u strie d er G edanke ä u ß e rst verlockend, d u rch ein synthetisches P ro d u k t sich als entsch eid en d e M acht einschalten zu können. Schon in d er M itte des vorig en J a h rh u n d e rts h a tte m a n den K autschuk chem isch a n a ly sie rt. E in e benzinähnliche F lüssigkeit, Isopren genannt, w u rd e «neben einem R a tte n k ö n ig aller m öglichen Gase, Oele u n d Harze», (D uisberg), als d e r eigentliche K e rn des K autsch u k kom plexes entdeckt. D er E n g lä n d e r T ild en g lau b te b ereits in d en achtziger J a h re n einen W eg gefu n d en zu h a b e n , K a u tsc h u k herzustellen. E s gelang ihm aber n ic h t, d e n V ersuch zu w iederholen. N ach d em sich u m die Ja h rh u n d e rtw e n d e die B ed eu tu n g des Gummis für die au fb lü h en d e A u to m o b ilin d u strie gezeigt h a tte , m u ß te es die Chemiker u n d die deutsche chem ische In d u strie besonders reizen, auch dieses M onopol d er N a tu r zu entreißen. Im J a h r e 1909 gelang dem C hem iker F ritz H o fm an n v o n den Elberfelder F a rb e n fa b rik e n eine M ethode, d u rc h A nw endung v o n W ärm e die einzelnen B esta n d te ile des K a u tsc h u k s sy n th etisch zusam m enzu­ schließen. I m selben J a h r e glückte au ch dem K ieler F orscher K arl H arries a u f einem a n d e rn W ege die S ynthese. N u n b em ü h ten sich die E lberfeld er F a rb e n fa b rik e n beziehungsw eise ih r W erk in L everkusen u m dieses P ro b lem . Schon im J a h re 1912 v erk ü n d ete Carl Duisberg in einem V o rtra g a u f d e r S itzu n g des V I I I . In te rn a tio n a len Kongresses fü r angew andte Chem ie in N ew Y o rk : «Der bereits in größeren M engen h ergestellte synth etische K au tsch u k ist v o n den b e d e u te n d ste n F a c h le u te n a u f seine p ra k tisch e V erw endbarkeit, v o n K a rl H arries in K iel, der in ja h re la n g e r m ühevoller A rb eit den B oden 80


vorb ereitete, a u f seine w issenschaftliche Zusammensetzung geprüft und als ivirklicher K a u tsc h u k e rk a n n t worden. D ie Schw ierigkeiten, die b ish er überw unden werden mußten, waren groß, diejenigen, die n o ch zu überw inden sind, um ein Produkt zu m achen, das d em P a ra k a u ts c h u k in Q ualität ebenbürtig ist und das den K o n k u rre n z k a m p f m it d em billigen, kaum 2 Mark kostenden Plantagen­ kau tsch u k au fn eh m en k a n n , sind noch größer. Solche Mühe schreckt den Chem iker u n d T ech n ik er n ich t. W ir hoffen, daß das synthetische M aterial b a ld n eb en dem n atü rlich en Pflanzengummi eine ebenbürtige Rolle a u f dem W e ltm a rk t spielen -wird. Riesenhaft ist der Konsum an K autsch u k w aren . W ie schrum pfen gegen dieses titanische Problem die andern A ufgaben zusam m en, die sonst dem Chemiker gestellt s in d ... Schon seit lan g er Z eit fa h re n w ir a u f Reifen aus synthetischem K aut­ schuk. T ro tzd em , w enn Sie m ich fragen, w ann werden mit dem synthe­ tischen P ro d u k t die so o ft prophezeiten Millionen geerntet werden, so m uß ich Ih n e n a n tw o rte n , ich weiß es nicht, sobald wohl auch n ic h t... » Sechs Ja h re sp ä te r, sechs J a h re , in denen der Krieg die Welt verändert h a tte , sprach D uisberg w ieder ü b er das Problem des künstlichen K aut­ schuks. D iesm al a u f d er H auptversam m lung der Deutschen Bunsengesellschaft. E s w a r im J a h re 1918. «Von allen kriegsw ichtigen R ohm aterialien des Auslandes hat uns wäh­ rend des K rieges w ohl am m eisten der K autschuk gefehlt. Der Welt­ konsum soll v o r dem K riege etw a 145000 Tonnen betragen haben und im Kriege tro tz des Ausfalls der M ittelm ächte auf über 200000 Tonnen gestiegen sein. D er V erb rau ch der deutschen Gummiindustrie im Jahre 1913 wird a u f 20000 T on n en g e s c h ä tz t... Die synthetische D arstellu n g des K autschuks war zwar von den Lever­ kusener F arb en fab rik en v ersu ch t, aber wieder aufgegeben worden.» Duisberg schildert d a n n einige M ethoden der Darstellung künstlichen K autschuks u n d fä h rt fo rt: «Wir h a tte n der kautschukverarbeitenden G um m iindustrie gegenüber einen schweren Stand. Unser Material zeigte Eigentümlichkeiten, die seine praktische Ausnutzung erschwerten. Der M arktpreis des N a tu rk a u tsc h u k s w ar damals auf höchster Höhe, er betrug für gew aschenen P arak au tsch u k 30 Mark und mehr pro Kilo.

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I.-G . D e u tsch la n d

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D ie C on tin entalgesellschaft in H an n o v er b ra c h te daher dem syn­ th e tisc h e n M eth y lk au tsch u k großes In teresse entgegen. Sie veranla ß te u n s, die F a b rik a tio n au fzunehm en u n d b ra c h te unser P rodukt, g em ischt m it N a tu rk a u ts c h u k , zu G um m iw aren aller A rt, besonders zu A utom ob ilreifen v e ra rb e ite t, in den H an d el. Inzw ischen fiel aber der P reis des N a tu rp ro d u k te s gew altig u n d ging infolge des großen Angebots v o n P la n ta g e n k a u tsc h u k bis a u f 4 M ark pro K ilo h e ru n ter. A uch wollte die C ontinen talg esellsch aft die B eo b ach tu n g g em acht h aben, daß die v o n ih r au s M e th y lk a u tsc h u k h erg estellten G um m iw aren früher als die aus reinem N a tu rk a u ts c h u k g em ach ten a lte m . D ie Lieferungen gerieten ins S to ck en u n d die eigens fü r diesen Zweck aufgestellte A p p aratu r fand an d erw eitig e V erw en d u n g . D ie ablehnende H a ltu n g der G um m iw aren­ fa b rik e n w a r n ic h t u n b e g rü n d e t. U nser M aterial zeigte in der T at E ig en tü m lic h k e ite n , die seine p ra k tisc h e A usn u tzu n g erschw erten. Das au s re in ste m K ohlen w assersto ff h ergestellte P ro d u k t w ar überaus em p­ findlich gegen d e n L u ftsa u e rsto ff u n d anderseits bei der A ufnahm e von Schw efel (V ulkanisierung) seh r trä g e . D ie le tz te n J a h re vor dem Kriege w a re n d a h e r e rfü llt m it V ersuchen zur B eseitigung dieser bedenklichen U eb elstän d e u n d zu r V erbesserung u n d V erbilligung der F a b rik a tio n .. . » E s gelang die H erstellu n g g u te n H artg u m m is, doch versagte alle K unst b e i d en V ersu ch en , elastisch en G um m i zu fabrizieren. «Stets resultierten le d e ra rtig e F ab rik ate.» Im m e rh in glückte es n ach vielen M ühen, einen «technisch brau ch b aren » M ethylw eichgum m i zu gewinnen. D a kam der K rie g u n d au s d e r F ra g e d er K o n k u rren z gegen ein N a tu rp ro d u k t wurde ein m ilitärisch es P ro b lem . D ie M arineleitung, die fü r die A kkum ula­ to re n k ä s te n d e r U -B o o te H a rtg u m m i d ringend b ra u ch te, forderte die A ufn ah m e d e r G ro ß p ro d u k tio n v o n M eth y lk au tsch u k . «Das w ar leichter gesagt als g e ta n . A p p a ra tu r w a r keine m eh r vo rh anden. Die zur D ar­ stellu n g des K ohlenw asserstoffs n ö tig en R o h m ateriahen, A ceton und A lu m in iu m , feh lten . E rste re s w ar bis d a h in ausschließlich aus holzessigsaurem K a lk gew onnen w orden. D ieser w iederum w urde v o r dem Kriege zu r H ä lfte aus N o rd am erik a bezogen. D er aus deutschem u n d vor allem ung arisch em B uchenholz d u rc h D estillatio n gewonnene G raukalk reichte gerad e au s, u m d as n ötige A ceton fü r die F a b rik a tio n vo n N ytroglycerin-

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pulver der schw eren G eschütze zu liefern. Es m ußten daher eiligst neue V erfahren zu r H erstellu n g v o n Essigsäure beziehungsweise Aceton ausgearbeitet u n d in B etrieb gesetzt w e rd e n ...» «Das dazu erforderliche R ohm aterial, das Kalzium karbid, war in großen Mengen v o rh a n d e n beziehungsweise die dafür erforderlichen Anlagen ließen 6ich leich t vergrößern. Nicht besser erging es u ns m it dem Aluminium. Auch dieses war bis zu Beginn des K rieges ausschließlich aus dem Auslande bezogen worden. Zwar fü h rte n w ir das bis dahin einzige Rohmaterial, den Bauxit, der inzwischen auch in O esterreich in genügenden Mengen gefunden worden war, in D eutsch lan d in m ehreren Anlagen in Tonerde über und ließen diese in N euhausen in der Schweiz in Aluminium umwandeln. Die dort gefertigte Menge reichte aber als Leichtm etall für die Flugzeugmotoren und Zeppelingerippe sowie als E rsatz für das uns mangelnde Kupfer in der elektrischen In d u strie bei weitem nicht aus. Es mußten auch hier auf deutschem B oden neue Aluminiumwerke gebaut und die Produktion erheblich verg rö ß ert w erden. Das gelang in kürzester F r is t...» «Damit w ar zw ar das R ohm aterial für unsem Methylkautschuk vor­ handen. E s fehlten aber die Einrichtungen, die zuerst behelfsmäßig in vorhandenen R äum en u n d m it in aller Eile notdürftig zusammengestell­ ten A pparaten beschafft wurden, um wenigstens kleinere Mengen unseres K autschukersatzes 60 schnell wie möglich zu liefern...» «Neben diesen behelfsm äßigen Einrichtungen wurde sofort mit dem Bau einer großen F a b rik b eg o n n en .. . H eute sind wir in der Lage, etwa 2000 Tonnen pro J a h r, also ein Achtel unseres Friedensbedarfs zu liefern. Aber: Noch sind alle Schwierigkeiten nicht überwunden. Ob wir sie alle überwinden w erden, ob es uns zumal auch gelingt, im Preise mit dem bei der großen P roduktion an Plantagenkautschuk demnächst sicher sehr billig w erdenden N aturkautschuk zu konkurrieren, muß die Zukunft le h re n ...» Das letztem al hörte m an auf der Generalversammlung der I.-G., im Februar 1929, von der Kautschuksynthese, von der Geheimrat Schmitz sagte, sie befinde sich zwar noch im Versuchsstadium, doch ließen die Arbeiten eine befriedigende Entwicklung erkennen. 6'

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Bis h e u te sind die A rbeiten ü b e r das V ersuchsstadium nich t hinaus­ gekom m en. N ich t n u r, weil der P reisstu rz des R ohgum m is das Interesse der In d u strie erheblich ah g ek ü h lt h a t. D as H a u p th in d ern is ist wissen­ schaftlicher A rt; die In d u strie is t a u f eine S chranke der E rkenntnis gestoßen, eine Schranke, die sie selbst n ic h t durch b rechen k an n , sondern n u r die Theorie u n d die an aly tisch e Forschung. E s ist wie v o r einem J a h rh u n d e rt, als n ach der ersten wissenschaftlichen Theorie d er Chem ie, die L avoisier niedergelegt h a tte , die Forschung m it raschen S c h ritte n die G rundlagen der anorganischen Großindustrie schuf, als m a n d a n n die organische N a tu r chem isch analysieren lernte, ab er noch keine M öglichkeit sah, die an aly sierten Stoffe auch künstlich zusam m enzusetzen. Die R olle des M enschen schien sich d arau f zu be­ schränken , die Stoffe d er N a tu r zu zersetzen. Die u m gekehrte Operation g alt als unm öglich. «Sie ist n u r d u rch die U n te rstü tz u n g der Lebenskraft m öglich gew orden. D ie chem ischen K rä fte sind d er L ebenskraft ent­ gegengesetzt.» D as w ar die Q uintessenz der dam aligen Auffassung. Da gelangW öhler die erste organische Synthese, u n d a u f G rund von Zufalls­ treffern d er F o rsch er w u rd en die ersten A nilinfarben gefunden u n d pro­ d u ziert. E in regelm äßiger F o rts c h ritt t r a t e rst ein, als die Theorie der K ohlenw asserstoffe u n d ih rer G esetzm äßigkeit aufgestellt w ar. Die Schw ierigkeiten, die sich m m noch der F a b rik a tio n eines Farbstoffes ent­ gegenstellen k o n n te n , w aren n u r technischer oder ökonom ischer A rt. Es m u ß te n die geeigneten G ro ß ap p arate, die billigsten Ausgangsstoffe, die ratio n ellste n V erfahren au sp ro b iert w erden. Solche Versuche konnten lange d a u e rn u n d kostspielig sein, 6ie k o n n ten hohe A nforderungen an die K om b in atio n sg ab e, das W issen u n d die P h an tasie der Chemiker und Ingenieure stellen, G renzen d er E rk en n tn is jedoch stan d en dem Erfolg n ic h t m eh r entgegen. B eim K a u tsc h u k ist das anders. Die erfahrensten Chem iker h a b e n das K u n stp ro d u k t an aly siert u n d als echten K autschuk befunden. A ber die V erbraucher, die G u m m ifabrikanten sagen nein, der natü rlich e K a u tsc h u k ist anders. U nd D uisberg m u ß zugeben: «Unser K au tsch u k h a t E igentüm lichkeiten.» D ie F rage la u te t: W oher k om m en die F estigkeits-, die Zähigkeitseigen­ schaften solcher Stoffe, wie K a u tsc h u k oder Seide oder der Leinenfaser, 84


desW ollhaares, d er B aum w ollfaser? Es genügt offensichtlich nicht, ihre chemische Z usam m ensetzung zu kennen. Das, was ihren besonderen W ert au sm ach t, eben die Festigkeit, hängt von ihrer physikalischen Z usam m ensetzung, v o n der geordneten Reihenfolge des Zusammen­ hanges zw ischen den einzelnen Molekülen ab. Die Röntgenstrahlen und die rad io ak tiv e F orschung hab en hier bereits grundlegende Erkenntnisse gebracht. «Das R öntgenbild zeigt uns, daß die N atur eine geordnete Reihenfolge d er Zellstoffm oleküle aneinandersetzt und wie sie sie anein­ andersetzt, indem sie das B aum w ollhaar, die Flachsfaser, die Ramiefaser bildet. Die K unstseide aber erweist sich als ein Gebilde, dem diese Ord­ nung der M oleküle zum regelm äßigen Verbände fehlt. Sie steht hinter dem N aturerzeugnis, besonders in feuchtem Zustand, an Festigkeit zurück, wie eine K e tte von L appen, die m it groben Fäden aneinandergeheftet sind, h in te r dem gleichmäßigen Erzeugnis des Webstuhls.» (H aber: F ü n f V orträge, Seite 63.) Dasselbe gilt vom K autschuk. Die Erkenntnis dieses Unterschiedes zwischen dem N atu r- u n d dem künstlichen Produkt ist zwar der erste S chritt a u f dem W ege, auch hier die N atur nachzuahmen, einzuholen u n d zu überholen. D och sind das ganz neue Aufgaben, denen die alten Teerfarbenchem iker n ich t gewachsen sind. Und es sind Aufgaben, denen sich die industriellen Laboratorien nicht widmen können, da der Weg bis zur rein theoretischen E rkenntnis und von da zur praktischen Aus­ w ertung viel zu w eit ist, als daß er m it der Pflicht zum Profit, der der Industrielle zu gehorchen h a t, vereinbar wäre. Besondere Forschungs­ in stitu te bem ühen sich um die Lösung dieser Schwierigkeiten, und die Indu strie k a n n u n d will nichts anderes tu n , als warten, bis die Bio­ chem iker, die K olloidchem iker u nd die Atomforscher des Rätsels Lösung endlich gefunden haben u n d die Fesseln sprengen, die jetzt dem Fort­ schritt entgegenstehen. Glücklicher als die Fabriken von Leverkusen war die verbündete Badische Anilin- u n d Sodafabrik, die F ritz Habers epochale Erfindung aufgriff, den Stickstoff der L uft au f direktem Wege in Ammoniak zu überführen. Stickstoff ist der unentbehrlichste Baustoff aller Pflanzen und Tiere, «und es gibt kein A tom Stickstoff in der Luft, das nicht irgendwann 85


ein m al w äh ren d seiner E x isten z d u rc h die Gewebe einer lebenden Pflanze oder eines Tieres g estreift wäre.» (G eoffrey M artin.) D a Stick­ stoff in ab so lu t unerschöpflichen M engen in d er L u ft v o rkom m t, von der er v ier F ü n fte l des R au m in h a lte s au sm ach t, so b rau ch te uns die Ver­ sorgung m it S tickstoff so w enig Sorgen zu m ach en wie die m it Sauer­ stoff, w enn w ir oder die P flanzen d en S tickstoff ebenso u n m ittelb ar auf­ nehm en k ö n n te n wie jen en . D ie Pflanzen nehm en jedoch Stickstoff nur a n Sauerstoff g eb unden auf. Solche S tickstoffverbindungen e n th ält der B o d e n ; sie w erden au ß erd em b ei G ew ittern d u rch B litz erzeugt un d mit dem R egen in die E rd e geschw em m t; ferner h ab en einige Bodenbakterien die E igen sch aft, freien S tick sto ff in gebundenen zu verw andeln un d dam it d er Pflanze u n d schließlich d er E rn ä h ru n g des M enschen zugänglich zu m achen. D ie L a n d w irtsc h a ft is t d er ä lte ste W irtschaftszw eig der M enschheit — u n d d er a m w enigsten erforschte. S eit J a h rta u se n d e n weiß m an, daß die E rd e g ed ü n g t w erden m u ß , soll sie fru c h tb a r bleiben. M an düngte sie m it den m en sch lich en u n d tierischen E x k rem en ten u n d es genügte im m er. D och im 18. u n d 19. J a h rh u n d e rt gingen die E rträgnisse der europäischen A ecker zu rü ck , u n d 1840 stellte Liehig a u f G rund seiner agrik u ltu rch em isch en F orschungen die N otw endigkeit planm äßiger und k ü n stlic h e r D ü n g u n g fest. W eshalb genügte jah rtau sen d elan g der n a tü r­ liche D ü n g er u n d n u n plötzlich n ic h t m ehr ? Die m oderne Industrie ist h ie r schuld. D as K o rn , die F rü ch te, das Gem üse, die Milch und die B u tte r, die O stelbien, B ay ern oder S üddeutschland erzeugen, werden n ic h t d o rt v e rz e h rt, sondern sie m achen R eisen in die Industriegebiete, die G ro ß städ te, die R eic h sh a u p tsta d t. F rü h er, in der Z eit der reinen A g rarw irtsch aft, gab d er M ensch dem A cker w ieder, was er ihm nahm . W as ab er d er M ensch d er In d u strieg eb iete v erzeh rt, ist den Feldern der land w irtsch aftlich en G ebiete fü r Im m er genom m en. So is t die k ü nst­ liche D üngung eine N o tw en d ig k eit e rst in d er Z eit d er In d u strie gewor­ d en , u n d k o n n te e rst in dieser Z eit die A grikulturchem ie entstehen. D ie K alilager D eutsch lan d s, die P hosphorite A m erikas u n d Marokkos, die T hom asschlacke d er lothringischen Eisenerze, der Stickstoff der chilenischen S alpeterlager u n d das A m m oniak der K okereien u n d endlich 86


d er sy nthetische Stickstoff liefern den Feldern zurück, was ihnen geraubt •worden ist u n d w eiter g erau b t w ird. V on all diesen D ü n g em itteln ist Stickstoff das wichtigste. Ohne Stick­ stoff gibt es keine lebendige M aterie. In allen Industrieländern stieg in den Ja h rz e h n te n v o r dem K riege der Verbrauch an Chilesalpeter1 sprung­ h a ft. D eu tsch lan d fü h rte im Ja h re 1890 rund 250000 Tonnen, im J a h re 1910 ru n d 540000 T onnen Chilesalpeter ein. In derselben Zeit stieg die deu tsch e P ro d u k tio n an Ammoniak in den Kokereien von 60000 T on n en a u f 320000 Tonnen. In den Gasanstalten und Kokereien w ird A m m oniak n u r als N ebenprodukt gewonnen; es lohnt nicht, Kohle n u r des Stickstoffs wegen zu verkoken, so daß also die Ergiebigkeit dieser Stickstoffquelle ihre G renzen h a t. N eben seiner landw irtschaftlichen kom m t dem Stickstoff die allerwich­ tig ste m ilitärische B ed eutung zu. Zahlreiche Stickstoffverbindungen sind sehr explosiv. So die Chlorverbindung des Stickstoffs, Stickstofftrichlorid, die dem Chem iker Dulong, der sie zuerst herstellte, ein Auge u n d drei F in g er zerriß u n d F a ra d a y eine H and zerstörte. Noch explo­ siver is t S tickstoffjodid, m it dem m an zwar arbeiten kann, solange es feu ch t is t, h e i dem aber, w enn es trocken ist, «sanfte Berührung mit einer F ed er oder au ch n u r der T ritt einer Fliege genügen können, um es zur E xplosion zu bringen». Alle m odern en S prengm ittel, die Schießbaumwolle, das Nitroglyzerin u n d sein A bköm m ling, das D ynam it, die Sprenggelatine, die der Aus­ gangsstoff des rauchlosen Pulvers ist, das Trinitrotoluol usw., sie alle sind Stickstoffverbindungen. Sprengstoffe werden außerdem nicht nur fü r K riegszw ecke gebrau ch t, sondern in großem Maßstabe auch in d er In d u strie , v o r allem im B ergbau. D er normale Jahresbedarf der W e lt b e trä g t etw a 500000 T onnen jährlich; im Kriege stieg er auf viele M illionen T on n en jährlich. Dieses unen tb eh rlich e E lem en t Stickstoff kom m t in verwertbarer Form in großen M assen n u r an einer Stelle in der Erde vor, in Chile, trotzdem ü b er jedem Q uad ratk ilo m eter der E rde acht Millionen Tonnen in der 1 Salpeter ist ein Salz der Salpetersäure, und Salpetersäure ist gleichbedeutend mit Stickstoffsäuxe.

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L u ft e n th a lte n sind. Seit Ja h rz e h n te n b em ü h en sich d ah er die Chemiker u m das P roblem , diesen R e ic h tu m d er L u ft n u tz b a r zu m achen. D ie Lösung d er A ufgabe k n ü p ft sich a n die N am en H ab er u n d Bosch. B eide erhielten d a fü r d en N obelpreis. I n seinem V o rtrag , den er beim E m p fan g des Preises in S tockholm h ielt, schilderte Professor H aber den W erdegang seiner S y n th ese: «Es ließ sich vorau sseh en , d a ß der B e d a rf an gebundenem S tick sto ff... in die M illionen v o n T o n n en hineinw achsen m u ß te . E in solcher Bedarf k o n n te n u r aus einer Quelle gedeckt w erd en : aus dem ungeheuren V orrat a n elem entarem S tickstoff, d en unsere A tm o sp h äre darstellt, und die B indung m u ß te a u f chem ischem W ege a n die einfachsten un d ver­ b re ite tste n chem ischen E lem en te gelingen, w enn die Lösung dem Erfor­ dernis en tsp rech en sollte. W ie als A u sgangsm aterial der elementare S tickstoff d u rch die R o h stoffverhältnisse unserer E rd e gegeben war, so w ar als E n d p ro d u k t A m m oniak oder S alpetersäure d u rch die Bedürfnisse d er P flan zen vorgeschrieben. D ie A ufgabe k a m also d a ra u f hinaus, den elem entaren S tickstoff an S auerstoff oder an W asserstoff zu binden.» M an h a tte schon verschiedene V ersuche a u f diesem G ebiet gem acht, als H a b e r 1904 b eg an n , sich m it d er F rag e zu beschäftigen. So h atten F ra n c k u n d Caro d en K alk stick sto ff e rh a lte n d u rch Einw irkung von Stickstoff a u f K alziu m k arb id , das aus K a lk u n d K ohle im Lichtbogen e n tste h t. E ine R eihe v o n F orschern h a tte v ersu ch t, nach dem Vorbild des B litzes d u rch d en elektrischen F lam m enbogen Stickstoff an Sauer­ stoff zu b inden. Dieses V erfahren lo h n t sich aber n u r bei billigerW asserk ra ft. H a b e r g lau b te zu n äch st m ehrere J a h re h indurch, der einzig rationelle W eg sei, eine bessere A u snutzung der elektrischen Energie zu erm öglichen. «In den technischen F ragen, in denen die W aage zwischen E rfolg u n d M ißerfolg schw ankt, h ä n g t die E ntsch eidung über das Ge­ lingen oder S cheitern m eistens an m äßigen U nterschieden im Energieu n d M aterialv erb rau ch , u n d A enderungen in diesenW erten, die innerhalb einer Z ehnerpotenz liegen, entscheiden ü b er den Ausgang.» E r suchte aber gleichzeitig eine M ethode d er B indung von Stickstoff an W asserstoff, also d er B ildung v on A m m oniak, zu finden, da alleVersuche ü b e r die E lek tro sy n th ese n u r geringe Erfolge b rach ten , trotzdem «eine 88


so berufene u n d erfahrene B eurteilerin chemisch-technischer Möglich­ keiten, wie die B adische A nilin- u n d Sodafabrik, meine Bemühungen um eine bessere A u sn u tzu n g d er elektrischen Energie bei der Vereinigung von Stickstoff u n d S auerstoff hoch genug bewertete, um im Jahre 1908 m it m ir in V erb in d u n g zu tre te n u n d m ir durch ihre Hilfsmittel die Ver­ folgung des G egenstandes zu erleichtern, während sie den Vorschlag, m ich auch b ei der H ochdrucksynthese des Ammoniaks zu unterstützen, m it aller Z u rü ck h altu n g aufnahm und n u r zögernd genehmigte.» Im Jah re 1905 h a tte H a b e r die Versuche, zu einer für die Großtechnik geeigneten, also in d u striell verw ertbaren Ammoniaksynthese zu ge­ langen, als hoffnungslos aufgegeben. «DieHerstellung derVerbindung aus den E lem enten w a r w ohl gelungen und die Bedingungen einer Synthese in größerem S til physikalisch gekennzeichnet. Aber diese Bedingungen erschienen so u n g ü n stig , d aß sie von einer Vertiefung in den Gegenstand ab schreckten.» W eitere U n tersuchungen über verschiedene Eigenschaften des Ammo­ niaks fü h rte n H a b e r n ach drei Jah ren jedoch w eder zu dem Problem zurück. Bei etw a 200 A tm osphären D ruck, Tem peraturen von 500 bis 600 Grad u n d m it H ilfe besonderer K atalysatoren fand Haber zusammen mit seinem M itarbeiter R o b ert le Rossignol eine Herstellungsweise. Sie b au te n eine A rt Modell fü r eine technische Anlage eines Ammoniak­ werkes, u n d es gelang ihnen, die Badische Anilin- und Sodafabrik für die F o rtfü h ru n g d er V ersuche zu gewinnen. A uch hier w ar es w ieder ein w eiter Weg vom Laboratorium bis zur Groß­ industrie. Die Schwierigkeiten der A pparatur, der Verbilligung des nötigen W asserstoffes u n d der K atalysatoren waren ähnlich wie bei der Indigosynthese. Die L eitung der technischen D urchführung wurde Dr. K arl Bosch über­ tragen, der seit m ehreren Ja h re n in der Indigoabteilung der Badischen tä tig w ar. K arl Bosch, ein Neffe des bekannten Erfinders des «BoschZünders» R o b ert Bosch, ist ein Mann von ungewöhnlichem technischen T alent, das er u n te r K nietschs Leitung bei den dauernden Erweiterungen der Indigoabteilung en tfalten konnte. Habers Synthese stellte ihn 89


allerdings v o r ganz besondere u n d n eu artig e Schw ierigkeiten. So stellte es sich, als m a n m it größeren M engen u n d ohne U n terbrechung arbeiten w ollte, h erau s, d aß die S ta h lro h re b ei dem h o h en D ru ck von 200 A tm o­ sp h ären u n d d er T e m p e ra tu r v o n ü b e r 600 G rad porös w urden und den W asserstoff hin d u rch ließ en . D u rch einen genialen technischen Trick üb erw an d Bosch diese Schw ierigkeit, w odurch die H abersynthese erst w irklich in d u striell v e rw e rtb a r w urde. D ieser E rfolg w ar der Anfang fü r Boschs A ufstieg. E r w u rd e 1911 P ro k u rist, einige Ja h re später Vor­ stan d sm itg lied d er B ad isch en u n d ist h e u te V orsitzender des Vorstandes der I.-G .-F a rb e n . N ach einem b eso n d eren V erfah ren , das W ilhelm O stw ald ausgearbeitet h a t, lä ß t sich A m m o n iak in S alp etersäu re u n d die verschiedenen andern S tick sto ffv erb in d u n g en ü b erfü h ren . D as V erfahren O stw alds zur Um­ w an d lu n g v o n A m m o niak w a r lange v o r d e r H ab ersynthese a u f Drängen des 1903 g esto rb en en S p ren g sto ffab rik an ten D u tten h o fer entwickelt w orden, d er schon u m die Ja h rh u n d e rtw e n d e f ü r einen kommenden Krieg die G efahr v o ra u ssa h , d a ß D eu tsch lan d vom C hilesalpeter u n d somit v o m w ich tig sten H ilfsm aterial fü r jegliche M unitionsfabrikation abge­ sp e rrt sein k ö n n te . D ie B adische e rric h te te zu r H erstellu n g des A m m oniaks ein großes W erk in O p p au , das im J a h re 1914 b etrieb sfertig w urde. D as w ichtigste Am ­ m oniaksalz is t A m m o n su lfat, also schw efelsaures A m m oniak. Die zu seiner D arstellu n g n ötige Schw efelsäure w urde bis dahin aus aus­ ländischen P y rite n (Schwefelkies) gew onnen. N u n gelang es der B adischen, die P y rite d u rc h inländischen Gips zu ersetzen, so daß, als d er K rieg au sb ra c h , die ganze In d u strie d er Stickstoffverbindungen auf inländischem R o h sto ff au fg eb au t w erden k o n n te. D as G ipsverfahren ist w ährend des K rieges noch b ed e u te n d v erbessert w orden, u n d die Werke in L everkusen fa n d e n a u ch h ier eine neue M ethode, bei der gleich­ zeitig P o rtla n d z e m e n t e n ts te h t, d er den grö ß ten Teil der Unkosten bereits deckt. B ei K riegsausbruch w aren die V o rräte a n S alpeter re la tiv gering. Sie w urden sofort ü b erall b esch lag n ah m t u n d fü r den K riegsbedarf sichergestellt. E tw a s v e rm e h rt w urde die Salpeterm enge durch B eute, die in 90


Belgien gem ach t w u rd e. D iese B eute «änderte aber den Sachverhalt so wenig, daß im H e rb s t des J a h re s 1914 der absolute Zwang, den Krieg im F rü h jah r 1915 zu b een d en , jed em Sachverständigen vor Augen stand», berichtete P rofessor H a b e r in einem V ortrag, den er im November 1920 vor den Offizieren des R eichsw ehrm inisterium s hielt. In dieser Lage w u rd e n alle V erfahren zur Gewinnung von Stickstoff aus der L uft aufgegriffen. D ie d irek te V erbrennung der L uft im elektrischen Flam m enbogen, also das te u e rste V erfahren, wurde in drei kleineren W erken d u rch g efü h rt. D abei k am es zu furchtbaren Explosionen. Eine Reihe anderer W erke a rb e ite te n nach dem Franck-Caro-Verfahren und stellten K alk stick sto ff h er. D azu k am das Ammoniak der Kokereien. Doch alle diese P roduktionsw eisen reichten nicht aus. Die Entschei­ dung b rach te das H aber-B osch-V erfahren. Oppau wurde in aller Eile ausgebaut u n d in k ü rzester F ris t w urde bei Merseburg genau nach dem O ppauer M uster das L eunaw erk errichtet. M an b au te , b erech n ete u n d experim entierte an dem Grundstoff aller Schieß- u n d Sprengstoffe h e m m , fand diese u n d jene Lösung, ohne genau zu wissen, w aru m gerade sie zum Erfolg führte, eine andere dagegen nicht. N och in seinem Stockholm er V ortrag, also 15 Jahre nach dem ersten lab oratorium sm äßigen Gelingen seiner Synthese, sagte Haber bei der E rklärung der W irkung hoher T em peraturen au f die K atalysatoren: (W arum es d afü r d er höheren T em peratur bedarf, ist eine Frage, deren B eantw ortung w ir einer erleuchteteren Periode der Wissenschaft über­ lassen m üssen. D ie heterogene K atalyse der Gasreaktionen ist ein Vor­ gang . . . , eine E rscheinung aus einem Gebiete der Molekularphysik, in das wir durch S tark s E n tdeckung eben erst den ersten Einblick getan haben.» I n Oppau g laubten sie, das M aterial in jeder Hinsicht auf seine Sicherheit hin geprüft zu hab en . D a k am , nachdem schon bald acht Jahre m it dem M aterial gearbeitet w urde, am 21. September 1921 die Meldung: «Im K om plex der B adischen Anilin- u n d Sodafabrik, Ludwigshafen, hat heute m orgen gegen 1/28 U h r eine gewaltige Explosion stattgefunden. W ie v erlau tet, soll ein K essel zur Herstellung von Salpeter aus der Luft explodiert sein. M an spricht v on sehr vielen Toten. Die Mannheimer 91


F eu erw eh r is t vollzählig n ach L udw igshafen a b g erü ck t. D er B etrieb der T elep h o n ä m te r in M annheim , L udw igshafen u n d W orm s ist eingestellt. I n L udw igshafen w ird d er T elep h o n d ien st n u r noch d u rch zwei B eam tin­ n e n versehen, die lediglich V erb in d u n g en fü r die A erzte herstellen. Das A m t seihst ist g eräu m t, d a m a n b e fü rc h te t, d a ß noch eine zweite E xplo­ sion erfolgen wird.» «Inzwischen h ö ren w ir, d a ß diese zw eite E xplosion bereits erfolgt sei. V on verschiedenen S eiten w ird b e h a u p te t, d a ß die ganze Salpeterfabrik O ppau in die L u ft geflogen sei. W en n dies z u trifit, d ü rften die G erüchte von H u n d e rte n v o n T o te n leider n ic h t ü b e rtrie b e n sein. Alle verfügbaren T ra n sp o rtm itte l w erden an die U nglücksstelle b e o rd ert, u m die Ver­ w u n d ete n a b z u tra n sp o rtie re n . D ie französische B esatzung h a t ihre P ferd e a b tra n s p o rtie rt u n d soll sie alarm b ereit h a lten . D ie Explosions­ gefahr is t zu r S tu n d e noch n ic h t behoben. D ie E rsc h ü tte ru n g w a r so groß, d aß in ganz L udw igshafen u n d im U m ­ k reis v o n zwei bis drei S tu n d en keine F ensterscheibe m eh r ganz ist. D as D o rf O p p au is t fa s t vollständig z erstö rt. H u n d e rte von T oten und V erw und eten liegen um her.» «Es setzte sofort eine allgem eine F lu c h t v o r dem ausström enden Gas ein, das kilom eterw eit b e tä u b e n d w irk t. D ie U nfallstelle w ar sofort in dichtes D unkel g ehüllt. W as sich r e tte n k o n n te, stü rz te ins Freie. D abei gab es viele V erletzungen d u rch einstürzende G ebäude. D er L u ftd ru ck w ar so sta rk , d aß die E rd e b e b te u n d A rb eiter 5 bis 10 M eter w eit geschleudert ■wurden. D äch er w u rd en eing ed rü ck t u n d abgehoben, geschlossene T ü ren aufgesp ren g t, M öbelstücke in den Z im m ern herum geschleudert, F en sterrah m en herausgerissen. I n L udw igshafen r u h t jed er Verkehr. Die S traß e n b a h n k a n n n ic h t m eh r fahren. A uch die elektrischen Leitun­ gen, L icht- u n d K ra fta n la g en sind zerstö rt. D ie Z ahl der V erw undeten geht in die T ausende. L udw igshafen gleicht einem großen V erbandplatz. D ie K ran k en h äu ser v o n L udw igshafen u n d M annheim sind überfüllt, ab er im m er noch w erden neue V erletzte m it A utos gebracht.»

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Meldung des H a n d e lste ils v o m 22. Septem ber: «Der A usbau dieser W erke O ppau und Leuna h a t außerordentliche Sum m en in A n sp ru ch genom m en u n d m an schätzte nach Durchführung des Program m s die In v e stitio n e n bei den beiden Stickstoffwerken auf etw a 2 M ilbarden M ark. Im N ovem ber 1920 w urden die Stickstoffwerke von M erseburg u n d O p p a u aus dem Besitz der Badischen Anilin- und Sodafabrik in L u dw igshafen ausgeschieden und es wurde eine besondere Gesellschaft, die A m m oniakw erke Merseburg-Oppau G. m. b. H., mit einem G ru n d k a p ita l v o n 500 M ilbonen M ark gegründet, an der nunmehr säm tbche M itgbeder d er Interessengem einschaft der chemischen Indu­ strie quo ten m äß ig b e te ib g t sind. M itgbeder der Interessengemeinschaft der chem ischen G roßindustrie, die also Besitzerin der Oppauer Werke indirekt sind, sind n eb en der Badischen Anilin- u nd Sodafabrik die H öchster F arb w erk e, die F arbenfabriken vorm . Friedrich Bayer & Co., die AG. fü r A n ib n fab rik atio n , die Chemische F ab rik Griesheim-Elektron, die Chem ischen F a b rik e n vorm .W eiler te r Mer und die Leopold Caseba & Co. G .m .b.H . Bei der U n m ögbchkeit, den Schaden, den die K atastrophe angerichtet h a t, im A ugenbbck zu überbhcken, h a t der F rankfurter Börsenvorstand beschlossen, a n der h eu tig en Börse den K urs für sämtbche Werte der Interessengem einschaft d er chem ischen Großindustrie zu streichen.» M an tru g in O ppau b ereits die ersten Opfer der K atastrophe auf den Friedhof. P rofessor Bosch h ielt die Ansprache: « . . . K ein K u n stfeh ler u n d keine Unterlassungssünde h a t die K ata­ strophe h erbeigeführt. N eue, uns auch je tz t noch unerklärliche Eigen­ schaften d er N a tu r h a b e n all unserer Bemühungen gespottet. Gerade der Stoff, der b e stim m t w ar, Millionen unseres Vaterlandes Nahrung zu schaffen, h a t sich p lötzbch als grimmiger Feind erwiesen aus Ursachen, die -wir n ich t k en n en . . . V on jeher h a t der K am pf der Menschheit m it den N atu rk rä fte n ungezählte Opfer gefordert . . . Der Kam pf ist kein freiwilhger . . . W eg w eiterer Pflichterfüllung . . . Erhaltung unseres V aterlandes . . . » Diese feierbchen T öne w aren noch nicht verhallt, als aus Höchst ge­ m eldet w u rd e : 93


«Der A rb e ite rsc h a ft d er H ö c h ste r F arb w erk e h a tte sich seit längerer Z eit eine stark e E rreg u n g b e m ä c h tig t. D er G ru n d ist zu nächst d arin zu suchen, d a ß die D irek tio n die am 1. S ep tem b er v e rein b arten Zuschläge zu d en jetzig en T arifen b ish e r n ic h t zur A uszahlung gebracht h a t. Z w eitens h a t die A rb e ite rsc h a ft gelten d g em ach t, d aß aus einem nach Ausweis d er le tz te n Ja h re sb ila n z z u r V erfügung stehenden U n te rs tü t­ zungsfonds v o n 12 M illionen M ark fü r A rbeiterw ohlfahrtszw ecke bisher n u r ganz m inim ale B eträg e zu r A uszahlung g elangten. D ritte n s w ar die A rb eitersch aft n a tü rlic h s ta rk e rre g t d u rc h die K a ta stro p h e v o n O ppau. V iertens h a tte die A rb e ite rsc h a ft die D irek tio n gebeten, ih r K artoffeln zu r E in lag eru n g z u r V erfügung zu stellen u n d die B ezahlung d afü r zu übern eh m en . D ie D ire k tio n w ollte z u n ä c h st n u r die B ezahlung der H ä lfte d e r zu liefern d en K arto ffeln ü b ern eh m en , w ährend die andere H ä lfte im F r ü h ja h r geliefert w erd en sollte. I n diese aus vielen U rsachen erklärlich e E rre g u n g p la tz te die A eußerung eines k aufm ännischen A nge­ stellten des W erk es gelegentlich d e r O ppauer K a ta s tro p h e : «Es ist n ic h t viel p assie rt, es sind n u r ein p a a r A rb eiter in die L u ft geflogen.» (« F ran k fu rter Z eitung).) D ie D ire k tio n h a tte d en F o rd eru n g en d er A rb eiter bereits zugestim m t g e h a b t, als sich d ie V e rtre te r d er verschiedenen F irm en der Interessen ­ gem einsch aft d e r chem ischen In d u s trie in F ra n k fu rt zusam m ensetzten u n d beschlossen, sich den F o rd eru n g en d e r A rb eiter zu w idersetzen. D er A rb eitg e b e rv erb a n d d er chem ischen In d u strie , d er v o n den in der I.-G . zu sam m en g efaß ten W erk en b e h e rrsc h t w ird, v eröffentlichte d a ra u fh in folgende E rk lä ru n g : «Als äu ß eren A n laß n a h m m a n eine bedauerliche u n d ungehörige Ä uße­ ru n g eines A n g estellten ü b e r d as U nglück in O ppau. M an v erlangte die E n tlassu n g dieses B e am te n — sie w ar übrigens schon am Tage vo rh er erfolgt — , K artoffelbelieferungen u n d W irtschaftsbeihilfe. D o n nerstag zogen m ehrere T a u se n d M ann d er B elegschaft v o r das D irektionsgebäude u n d versu ch ten m it G ew alt, u n te r B en u tzu n g v o n W erkzeugen aller A rt, in das D irektionsgebäude einzudringen, d as jed och rechtzeitig v e r­ schlossen w erden k o n n te . D e r B e trie b sra t beziehungsw eise der A rb eiter­ r a t u n d au ch die G ew erkschaften, also die b eru fen en In te re sse n v e rtre te r

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der A rbeiter, w aren ausgeschaltet. Die D em onstranten erklärten, die Masse selbst h ä tte zu entscheiden. Bei der drohenden Haltung der Arbeiter fan d sich die D irek tio n , um Schlimmes zu verhüten, zu einer Besprechung m it einer aus d er Menge gebildeten Kommission bereit. Die V erhandlungen m it dieser K om m ission konnten jedoch nicht zu Ende geführt w erden, d a die M enge aus sich heraus eine zweite Kommission bildete un d schließlich n och eine d ritte . . . U nter dem D ruck der Ver­ hältnisse m u ß te schließlich die D irektion tarifw idrige Zugeständnisse machen. Die Szenen w iederholten sich am N achm ittag. Am Freitag spielten sich ähnliche V orgänge in dem Betrieb der Chemischen Fabrik G riesheim -Elektron u n d in den V ereinigten K unstseidefabriken in Kelsterbach ab. I n le tz te re r w ar die 800 M ann starke Belegschaft in das V erw altungsgebäude eingedrungen u n d h a tte den D irektor m it Ge­ walt zu tarifw idrigen Z ugeständnissen gezwungen. Der A rbeitgeberverband der chem ischen Industrie h a t den Firm en die D urchführung d er erp reß ten u n d d ah er nichtigen Forderungen unter­ sagt. Sie sind a u f G rund des bestehenden Bezirkslohnabkommens tarif­ widrig. Die H ö ch ster F arb w erk e u n d die K unstseidenfabriken K elster­ bach haben im E in v erstän d n is m it dem A rbeitgeberverband ihre Werke bereits geschlossen u n d säm tliche A rbeiter u n d A rbeiterinnen fristlos entlassen.» Zu dieser M itteilung des A rbeitgeberverbandes nahm en die Mitglieder der städtischen B ehörden in H ö ch st Stellung u n d sagten, daß die vom A rbeitgeberverband gegebene D arstellung der Lage in wesentlichen P unkten u n rich tig sei. Die v on der A rbeiterschaft bestellten Kom­ missionen h ä tte n hei den V erhandlungen am Donnerstag von der D i­ rektion keine Z ugeständnisse erzwungen, sondern n u r versucht, Verein­ barungen zu treffen, die a u f früheren, zum Teil weit zurückhegenden Tarif- un d L ohnverhandlungen basieren. D er Generaldirektor des Werkes habe die V ereinbarungen unterschrieben, und es habe daun sowohl au f seiten d er A rbeiterschaft wie bei den V ertretern der Regie­ rung und der S ta d t, die den V erhandlungen beiwohnten, die Auffassung geherrscht, daß die G eneraldirektion die den A rbeitern gemachten Zu­ geständnisse n ic h t als erzw ungen ansehe. D er A rbeitgeberverband der 9S


chem isch en In d u s trie h ab e d a n n jed o ch das W erk angew iesen, dem Ver­ h an d lu n g serg eb n is einen solchen S inn zu unterschieben. D araufhin w u rd e das W erk geschlossen. W ä h re n d m a n in O p p au ang esich ts d er T o te n n ic h t u m h in konnte, das fü r solche F älle zu r V erfügung steh en d e A rsenal schöner W orte möglichst zu erschöpfen, w u rd en in d en b e n a c h b a rte n W erk en die A rbeiter auf die S tra ß e g esetzt, w eil sie, g etrieb en v o m In flatio nselend jen er Jahre, ih re F ord eru n g en stellten . D ie Z ah l d er T o te n w a r am 28. S ep tem b er schon a u f üb er 500 gestiegen. D ie U rsach en d e r K a ta s tro p h e sind nie a u fg e k lä rt w orden. Explodiert w a re n 4500 T o n n e n A m m o n su lfatsalp eter, das is t ein Gemisch von A m m o n iu m n itra t u n d A m m o n iu m su lfat. A m m o n ium sulfat kom m t in k e in e r W eise als S p ren g sto ff in B e tra c h t, w ohl ab er k a n n A m m onium ­ n i t r a t eine gew altige S prengw irkung e n tfa lte n , w enn es m it organischen S toffen, zu m B eispiel K ohle oder Sägem ehl, gem ischt u n d dann ent­ z ü n d e t w ird . I n solchen M ischungen w ird es in der B ergw erksindustrie als S p ren g sto ff b e n u tz t. D ie M ischung v o n A m m o n iu m n itrat u n d Amm o n iu m su lfa t g a lt als n ic h t explosiv. D ie D irek tio n der Badischen schrieb d a z u : « . . . h a t sich beim A m m o n su lfatsalpeter — auch im G ro ß en — n ie a u c h n u r d ie A n d eu tu n g einer explosiven Zersetzung er­ g eb en , gleichviel, -wie d as Salz herg estellt u n d ob es m eh r oder m inder fe u c h t o d er tro c k e n w ar. D ies re c h tfe rtig te d en Schluß, daß auch eine L ag eru n g des A m m o n su lfatsalp eters in g rö ß tem M aßstahe keine Ge­ fa h re n b ie te n k o n n te . D ie b eiden P ro d u k te , K aliam m onsalpeter und A m m o n su lfa tsa lp e te r h a b e n deshalb b isher als d e ra rt ungefährlich ge­ g o lten , d a ß m a n seit J a h r e n in allen d a m it arb eitenden F ab rik en bei E n tsp e ic h e ru n g dieser P ro d u k te festgew ordene Blöcke dieser Salze ge­ sp re n g t h a t, ohne d a ß d ab ei jem als irgendw elche v erd äch tig en Erschei­ n u n g e n fe stg e ste llt w ord en w ären. A u f w elche V orgänge die au fg etreten e E xplosion le tzten E ndes zurück­ zu fü h ren is t, k o n n te b ish e r n ic h t e rm itte lt w erden u n d w ird sich auch m it S ich erh eit k a u m e rm itte ln lassen, w eil säm tliche zur Z eit der E x ­ p lo sio n in diesen B a u te n b e sc h ä ftig t gew esenen P ersonen der K a ta ­ s tro p h e zum O pfer gefallen sind.» 96


D ie sofort n ach d em U n g lü c k ein g eleiteten U n te rsu ch u n g en der chem isch­ technischen R e ic h s a n s ta lt e rg a b e n , d a ß A m m o n su lfatsalp eter in der T a t z u r Explosion g e b ra c h t w e rd e n k a n n , a b e r n u r d u rc h A nw endung au ß er­ o rdentlich s ta rk e r In itia lz ü n d u n g in A nw esen h eit v o n großen Spreng­ stoffm engen. — S eltsam erw eise k o n n te n die F e stste llu n g e n e rs t getroffen w erden, als d as K in d schon in d e n B ru n n e n gefallen w ar.

8 . Der chemische Krieg

V ie r neue M om ente b ra c h te d e r W e ltk rie g 1914-1918 in die K rie g ­ fü h ru n g , d u rc h die die m ilitä risc h e S tra te g ie v o r völlig n eu e F ra g e n g e ste llt w u rd e: D as U -B o o t, die L u ftw affe, d ie chem ischen W affen u n d d a s , w as m a n a m k ü rz e s te n m it d e m W o rt «K riegsw irtschaft» u m re iß t. A ll diese N eu eru n g en w irk te n in solchem M aße u m w ä lz e n d , d a ß sich sch o n in d en e rste n W o ch en des K rieges d e n L e ite rn d e r d e u tsc h e n In d u s trie die E rk e n n tn is d e r U n fä h ig k e it des b is d a h in fü r e rstk lassig g eh alte n e n d e u tsc h e n G e n e ra lsta b s z u r B e w ä ltig u n g dieser F ra g e n a u f­ d rä n g te . D ie m ilitärisch e F ü h ru n g d e r E n te n te lä n d e r v e rsa g te ebenso, je d o c h m it dem U n te rsc h ie d , d a ß fü r diese S ta a te n eine F ra g e zw eiten R a n g e s w ar, was fü r D e u tsc h la n d die E n tsc h e id u n g ü b e r Sieg oder N ie d e r­ la g e b ed eu tete. D iese E n tsch eid u n g w a r s p ä te ste n s m it d e r M arn esch lach t, n a c h d e r d e r Stellungskrieg b e g a n n , gefallen, eb en w eil D e u tsc h la n d ö k o n o m isch a u f einen solchen K rie g in k e in e r W eise v o rb e re ite t w a r. D a s is t d e r P u n k t, der u n s h ier in te re ssie rt, d a u n te r chem ischen W affen im p olitisch en S inne n ic h t n u r die G asw affe zu v e rste h e n is t, so n d e rn d ie gesam te F ä h ig k e it d e r ch em ischen In d u s trie , in ein em abgesch lo ssen en L a n d e 7

• I .- G . D e u tsch la n d

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fehlende R ohstoffe fü r d en m ilitärisch en u n d d en E rnährungsbedarf d u rc h k ü n stlic h e P ro d u k te zu ersetzen . P ro fesso r H a b e r, d e r als L e ite r des K a iser-W illielm -In stitu ts für physi­ kalische u n d E lek tro ch em ie in D ah lem w ä h ren d des K rieges der Beauf­ tr a g te des K rieg sm in isteriu m s fü r alle F ra g e n d er Chem iewirtschaft, sow eit sie d en K rieg b e tra fe n , insbesondere a b e r fü r den Gaskrieg war, fü h rte in seiner R ed e v o r d en Offizieren des R eichsw ehrm inisterium s a u s: «In deren (der K rieg sv o rb ereitu n g ) B edürfnisse b lick t oder blickte w enigstens v o r d em K riege n ie m a n d hin ein a u ß e r dem Offizier. Deshalb entfiel a u f die H ee re sv e rw a ltu n g die A ufgabe, W affen u n d K riegsgeräte n ic h t n u r in ric h tig e r A r t u n d in rich tig em U m fange zu bestellen, sondern d a rü b e r h in a u s d ie B efriedigung des B edürfnisses d u rch die Industrie v o n d en G ru n d sto ffen au s sicher zu stellen. N ach dieser H insicht h a t sich, w ie b e k a n n t, eine L ück e ergeben. D er a u f die T ruppenführung g e ric h te te G eist d e r A rm ee e n tb e h rte d er technischen P h an tasie, die ihm die k ü n stlic h e K rie g fü h ru n g m it ih re n technischen E rfordernissen h ätte ric h tig ersch ein en lassen. M angels dieser P h a n ta sie w ar die V orbereitung eine h isto risch e. D as M aß d er B edürfnisse u n d die G esichtspunkte ihrer S ich erstellu n g w u rd e n au s d e r E rfa h ru n g d er V ergangenheit genommen, in d e r die te c h n isc h e n B edingungen anders lagen. Als d an n die W irk­ lic h k e it diese V o rstellu n g en b eric h tig te , b ra c h te n ungeheure A n­ stre n g u n g e n n u r ein R e s u lta t, d as h in te r einer w ohlvorbereiteten tech ­ n isch en L e istu n g d e r N a tio n w eit zurückblieb.» D e r d e u tsc h e G en eralstab h a tte n ic h t einm al fü r das A u n d 0 aller K rie g fü h ru n g , fü r die S icherstellung des M unitionsbedarfs gesorgt, n äm lich fü r P u lv e r (N itrozellulose u n d N itroglyzerin) u n d Sprengstoff (N itro to lu o l). O hne sie g ib t es a b e r keinen m odernen K rieg. Alle d re i S tick sto ffv erb in d u n g en k ö n n en n ic h t h ergestellt w erden ohne S alp etersäu re. E r s t n ach d em die b ei A usbruch des K rieges in D eutsch­ la n d v o rh a n d e n e n z irk a 125000 T on n en S alp eter beinahe v e rb rau ch t w a re n u n d k la r gew orden w a r, d a ß die v o rh an d en en A nlagen zu r S tick­ sto ffp ro d u k tio n u n d zu r H e rste llu n g v o n S alpetersäure n ic h t ausreichten, w u rd e n in aller H a s t n eu e A nlagen erric h te t. D ie U nfälle u n d die E x ­ plosionen , die d a b e i e in tra te n , sin d zu einem g u te n Teil a u f K onto der

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überstürzten E rric h tu n g zu setzen. Es gelang, die Salpetersäureproduk­ tion genügend zu erw eitern, auch einen Teil des Bedarfs OesterreichUngarns m it zu decken u n d schließlich noch der Landwirtschaft stick­ stoffhaltige D üngem ittel zu liefern, wenn auch in recht dürftigem Maße. Das Leunaw erk k o n n te ja erst im April 1917 die Ammoniakproduktion aufnehmen. Zur Nitrozellulose gehört neben der Salpetersäure Baumwolle, zum Nitro­ glyzerin gehören tierische u n d pflanzliche Fette, aus denen das Glyzerin gewonnen w ird. Baum wolle ließ sich beim besten Willen nicht in Deutsch­ land erzeugen. D och diente die Baumwolle ja nur zur Gewinnung von Zellulose, die sich in derselben chemischen Beschaffenheit aus Holz hersteilen lä ß t. D a aber die Holzzellulose, der Zellstoff, physikalisch einige andere E igenschaften h a t als die Zellulose, so mußten die Fabri­ kationsverfahren fü r Nitrozellulose wesentlich umgestellt werden. Das F e tt zur G lyzeringew innung wurde vor dem Kriege gleichfalls ein­ geführt. Die heim ischen F e tte genügten nicht ei n m al zur Ernährung der deutschen Bevölkerung, sie konnten um so weniger genügen, je mehr die E rträgnisse d er Landw irtschaft infolge mangelhafter Düngung zurückgingen. W o sollte m an Glyzerin hem ehm en? «Hier schien die A lternative, hungern oder schießen, unausweislich.» (Haber.) Die B ew irtschaftung der chemischen Rohstoffe und Erzeugnisse wurde w ährend des K rieges sehr bald in Zwangsverwaltung genommen; 6ie u n terstan d d er Kriegschemikalien-AG. Im Jan u ar 1915 stellte diese Gesellschaft die V orräte an Glyzerin m it einem Gehalt von über 75 Prozent fest. Es ergaben sich etw a 5000 Tonnen. Die Kriegsindustrie alleine brauchte dam als schon zwischen 300 bis 400 Tonnen monatlich, dazu kam der unentbehrliche B edarf der Bergwerks-Sprengstoffindustrie, der A potheken u n d sonstiger ziviler Stellen, zum Beispiel der Druckereien für die Druckereiwalzen, der hydraulischen Pressen zur Druckübertragung und andere m ehr. D er V o rrat konnte daher nicht einmal für ein Jahr reichen. Im J u li 1915 w urde alles Glyzerin m it über 70 Prozent Gehalt und im Ja h re 1916 ü b erh au p t sämtliches Glyzerin enteignet. An die Pulverfabriken k o n n ten danach rund 1000 Tonnen Dynamitglyzerin geliefert w erden, also etw a d er Bedarf von zwei Monaten. 7'

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B ereits frü h e r w a r b e k a n n t, d a ß sich bei alkoholischer G ärung zucker­ h a ltig e r F lüssig k eiten G lyzerin bilde. H ier w ird d u rch Ferm ente vom Z u ck er G lyzerin ah gespalten. D ieses V erfah ren w urde n u n ausgebaut. I m M ai 1916 w ar m a n so w eit, es fab rik m äß ig zu verw enden. Man n a n n te das n ach diesem V erfah ren gew onnene G lyzerin «Protol». Eine besondere G esellschaft w u rd e geg rü n d et, die den A u ftrag h a tte , «mit m öglichster B eschleunigung F a b rik e n zu verp flichten u n d alle E in­ rich tu n g e n sicherzustellen, die eine m o n atlich e E rzeugung von anfangs 800 T onn en D y n a m itg ly z e rin gew ährleisten». G ing bis d a h in die G ly zerin p ro d u k tio n a u f K o sten des F ettb ed arfs der B evölkeru n g , so n u n a u f K o ste n d e r Z uckerversorgung. Zucker, an dem D eu tsc h la n d so n st U eberfluß h a tte , d er in großen M engen ausgeführt w ird, w a r n u n a u c h schon k n a p p gew orden. D ie schönen Zeiten des S acharin s b e g a n n e n . E s w u rd en je tz t m o n atlich 6000 bis 8000 Tonnen Z ucker, b is zu m E n d e des K rieges ru n d 128000 T onnen a u f Glyzerin v e ra rb e ite t. A ehnliche S chw ierigkeiten ta u c h te n a n allen E ck en u n d E n d en auf. T oluol w ird au s S tein k o h len teer gew onnen, is t also einheimisches P ro d u k t. A b er die F a b rik atio n san lag en reich ten fü r die plötzlich steigenden A n fo rd eru n g en n ic h t aus, d a m an das P ro d u k t ebenso nötig fü r die K ra ftfa h rtru p p e n , die es b ra u c h te n , u m d en T reibstoff k älte­ b estä n d ig zu m ach en , wie fü r die S prengstoffindustrie h ab en m ußte. Im w eiteren V erlau f des K rieges w u rd e es au ch n och fü r die G asm unition g e b ra u c h t. H ie r g a lt es also w ieder in aller E ile M ethoden zu einer b esseren A u sb eu te des T eers a u f T oluol au szuarbeiten. E benso ging es m it d e r ra u ch en d en Schw efelsäure, die als Hilfsstoff u n en tb e h rlic h fü r die S p ren g sto ffab rik atio n ist. W ir sahen, daß m an au ch h ie r ein en W eg fa n d , die Schw efelsäure s t a t t aus ausländischen P y rite n aus einheim ischem G ips zu gew innen. V on allen diesen S chw ierigkeiten h a tte d er d eutsche G eneralstab bei A usbruch des K rieges keine A h n ung. P rofessor H a b e r stellt dieses V ersagen sehr n a ch d rü ck lich fe st: «W ir w aren, so w ird gelten d gem ach t, a u f einen k u rzen K rieg eingestellt, u n d alle S chw ierigkeiten sind e rst d u rch seine ungeheuerliche D auer 100


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entstanden. D ieser B etrachtungsw eise ist entgegenzuhalten, daß sich das B edürfnis n ach einer N eugestaltung unserer Rohstoffversorgung für Sprengstoff u n d P u lv er n ich t erst im späteren Fortgang des Krieges, sondern u n m itte lb a r nach seinem Ausbruch m it zwingendem Nachdruck Bahn gebrochen h a t. W as im A ugust und September 1914 so notwendig war, daß es im Bruch m it aller Tradition durch völlig fremde bürgerliche Kräfte (von m ir hervorgehoben. H . W.) im Kriegsministerium in Be­ arbeitung genom m en w erden m ußte, w ar vor dem Kriege sicherlich nicht weniger w ichtig u n d notwendig.» Der Aufstieg bürgerlicher Elem ente im Offizierskorps, der sich während des Krieges in vo n J a h r zu J a h r wachsendem Maße durchsetzte und den C harakter d er vordem halbfeudalistischen Truppenführung umwandelte, war ja n u r d er v e rsp ätete A usdruck der Machtumschichtung in Deutsch­ land. Die feu dalreaktionäre Basis der deutschen Armee mußte bei der ersten K raftp ro b e zusam m enbrechen. Bezeichnend für die Unmög­ lichkeit, u n te r N ich tach tu n g der klassenmäßigen Machtverhältnisse auch n u r einige W ochen lang Krieg zu führen, ist gerade diese T at­ sache, daß im «Bruch m it aller Tradition» im Kriegsministerium sofort nach A usbruch des Krieges K räfte, wie R athenau und Professor Haber, um n u r diese beiden zu nennen, herangezogen werden mußten. Das K riegsm inisterium ist die Stelle, die für die «zivile» Seite des Krieges die V erantw ortung trä g t. Bei der Obersten Heeresleitung, also der für die F ührung der K am pfhandlungen verantwortlichen Stelle, setzte sich das bürgerliche E lem ent erst später und verschleierter durch. Sein Exponent w ar Ludendorff. N atürlich h a t Professor H aber das Versagen der militärischen Stellen in den w irtschaftlichen F ragen den Reichswehr Offizieren nicht erklärt, um zu zeigen, eine wie wichtige Rolle er und die chemische Industrie gespielt h aben, auch n ic h t, um zu beweisen, daß die chemische Industrie auf den K rieg n ic h t g erüstet gewesen, also nicht zur kriegtreibenden R üstungsindustrie zu zählen sei, sondern um den Offizieren die Not­ wendigkeit einer engen Zusam m enarbeit zwischen Heer und «Wissen­ schaft» — wie er es n e n n t — einzuprägen. Mit andern W orten: die Zusam m enarbeit zwischen H eer u nd Industrie. E r will, daß die Zeiten 101


der V ergangenheit angehören, in denen die M ilitärs a u f eigene Faust P o litik m achen konnten. Die b e ste n strategischen P läne n ü tzten selbst bei der g u t ausgebildeten u n d au sg erü steten kaiserlichen Armee nichts m ehr, das Schwergewicht lag bei d er In d u strie . D ie R evolution von 1918 h a t die volle politische H e rrsc h a ft der In d u strie hergestellt. Haber m ach t den Reichsw ehroffizieren n u r noch im besonderen klar, daß auch die Reichsw ehr sich in voller A bhängigkeit v on den «bürgerlichen K räften» befindet. Die für die W eiterfü h ru n g des K rieges entscheidende Rolle fiel der chemischen In d u strie zu, als m it dem B eginn des Stellungskrieges das Problem a u fta u c h te , wie d er G egner aus den Schützengräben zu ver­ treiben sei, die ih n gegen die W irkung d er Feuerw affen — Gewehr, M aschinengew ehr u n d A rtillerie — sch ü tzten u n d den Verteidiger stärk er als d en A ngreifer m ach ten . Im Stellungskrieg entscheidet nicht m ehr die K u n s t d er F e ld h e rm , die im Bewegungskrieg, bei dem es auf das richtige E in setzen v o n T ruppenm assen, a u f ihre geschickte und schnelle G ruppierung, a u f den A ngriff an k o m m t, den Ausschlag gibt. Im Stellungskrieg entscheidet die T echnik. Die H eeresleitung sah keine M öglichkeit, m it den v o rh an d en en u n d b ek a n n te n W affen den Gegner aus seiner geschützten S tellung zu verjagen. Sie t r a t an die W issen­ schaftler m it dem A u ftrag h e ra n , solche W affen zu finden. Die wirk­ sam ste W affe w urde in d en L abo rato rien der chem ischen Industrie, beziehungsw eise in d en chem ischen L aboratorien des Kaiser-W ilhelm In s titu ts en td eck t, das Gas. N ach einer R eihe m eh r oder m inder unvollkom m ener V ersuche, die im H erb st 1914 an d er W estfro n t u n d im J a n u a r 1915 a n der O stfront vorgenom m en w urden, erfolgte d er erste große G asangriff von deutscher Seite am 22. A pril 1915 bei Y pern, ü b er den d er englische Schriftsteller A uld sc h re ib t: «Wer kan n die Gefühle u n d d en Z u stan d der farbigen T ruppen schildern, als sie sahen, wie die ungeheure W olke grüngelben Gases aus dem E rd ­ b o d en hervorquoll u n d sich langsam m it dem W inde a u f sie zubewegte, wie der D am p f am B oden kleb te, wie er in jedes Loch u n d in jede V er­ tiefu n g hineinkroch, u n d wie er die G räben u n d G ra n a ttrich ter, zu denen 102


er kam , ausfüllte. Z u erst E rstau n en , dann Erschrecken! Dann, als der erste Saum d e r W olke sie einhüllte und sie hustend und in Todesangst nach L u ft rin g en ließ, h rach eine Panik aus. W er sich noch rühren konnte, riß aus u n d lie f u n d versuchte, derW olke, die ihm unerbittlich folgte, zu entk o m m en , freilich meistens vergeblich.» E in englischer G eistlicher schreibt: <Wir w aren in das offene Feld gegangen, um uns von der drückenden L uft in den U n te rstä n d e n für wenige Augenblicke zu erholen. Da wurden wir auf schweres Schießen im N orden aufmerksam, wo die Front von den Franzosen g ehalten w u r d e .. . D a sahen wir plötzlich etwas, was unsere Herzen au fh ö ren ließ, zu schlagen — Menschen flohen wie toll und in Verwirrung ü b er die F elder! «Die Franzosen fliehen!» riefen wir aus. W ir konnten ih ren W orten k au m glauben__ Eine grüngraue Wolke w ar au f sie zugekom m en u n d w ar hei ihrem Zuge über das Land gelb geworden, h a tte alles, was sie berührte, zerstört und hatte den ganzen Pflanzenwuchs v ern ich tet. K ein menschlicher Mut hätte einer solchen Gefahr ins Auge sehen können. D ann taum elten die französischen Soldaten in unsere M itte. Sie waren blind, sie husteten, sie keuchten, ihre Gesichter tiefro t, v o r Todesangst waren sie sprachlos, und hinter ihnen, in den gasgefüllten G räben, stellten wir fest, daß sie Hunderte von to ten u n d sterbenden K am eraden zurückgelassen hatten. Das Unmög­ liche war n u r zu w ahr. E s w ar die greulichste und nichtswürdigste Sache, die ich jem als gesehen habe.» (Zitiert nach Prof. Meyer, «Der Gas­ kam pf u n d die chemischen Kampfstoffe», Leipzig, 1926, S. 215 ff.) Man h a tte an diesem Tage in die deutschen Schützengräben Batterien von Gasflaschen eingebaut — die Füllung war Chlor — und bei gün­ stigem W inde abgeblasen. Das Abblasen dauerte nur wenige Minuten. «Es entw ickelte sich längs der deutschen Schützengräben eine schwere, weißgelbe, undurchsichtige Nebelwand von sechs Kilometer Länge und 600 bis 900 M eter Tiefe. Anfangs mannshoch, später etwas steigend, zog sie m it dem W inde ab u n d kam in der Sekunde zwei bis drei Meter vorwärts. D er E indruck dieses Gasangriffes auf den davon betroffenen Gegner w ar ungeheuer u n d der Erfolg ganz erheblich. Allerdings wurde er taktisch n ich t genügend ausgenutzt, da die in älteren Ansichten groß 103


gew ordenen F ü h re r eine so gew altige W irkung n ic h t voraussehen konn­ te n u n d sich d a ra u f n ich t v o rb e re ite t h a tte n . D er 22. A pril 1915, der «schwarze Tag v on Ypern», k o stete den F ranzosen eine ganze Division, u n d zw ar, weil hier zum ersten Male die säm tlichen, für einen erfolg­ reichen G asangriff notw endigen B edingungen e rk a n n t u n d erfüllt waren, näm lich die A nw endung geeigneter G askam pfstoffe, ihre Verwendung in großen Mengen u n d ihre plötzliche, d en Gegner überraschende Be­ nutzung.» (M eyer: A. a. O., Seite 44.) D er A ngriff b ra c h te 6000 T ote u n d 9000 bis 10000 schwere Gaserkran­ kungen. Sechs W ochen sp ä te r w urde dasselbe V erfahren a n der Ostfront angew andt. E rg eb n is: 6000 to te u n d 3100 schw erkranke sibirische Schützen. D er le tz te G asangriff in dieser A rt erfolgte im J a n u a r 1917 gegen die F ranzosen. A u f einer F ro n t v o n n eu n K ilom etern wurden 18000 R o h re abgeblasen. D er E rfolg w ar 2500 T ote. N ach M eyer sind v o n d eutsch er Seite im ganzen ü b er 50 größere Blaseangriffe ausgeführt w orden. D er V erb rau ch a n K am pfstoff b e tru g im H e rb st 1916 m onat­ lich 400 bis 500 T onnen. D er E rfolg dieser Angriffe an der Ost- und W estfro n t zusam m en w ird a u f 80000 bis 100000 G askranke und 15 000 bis 20000 G asto te geschätzt. I n der S om m e-Schlacht bliesen die F ranzosen u n d E ng län d er große M engen Chlor u n d Phosgengas gegen die deutsche F ro n t ab . D as V er­ fah ren h a tte sich a b e r ü b erh o lt. D ie T ru p p en h a tte n G asschutzgeräte, sie k a n n te n die G efahr schon, so d a ß die w ichtigsten Erfolgsm om ente, d ieU eberrasch u n g u n d d as G efühl d er H ilflosigkeit, fortfielen. H a tte der erste G asangriff d er D eu tsch en n och 35 P ro zen t T o te bei den Gegnern zu r Folge, so san k diese Z ahl sp ä te r a u f 5 bis 2 P ro zen t. Bei dem ersten großen A ngriff a u f die R ussen k am en a u f eine Chlorflasche 0,76 Tote. B ei dem le tz te n d eu tsch en B laseangriff 0,14. Diese B erechnungen h ab en allerdings n u r einen sehr zw eifelhaften W e rt. D er G asangriff h a t ja hauptsäch lich die B ed eu tu n g , d en G egner aus d erD eckung zu verjagen u n d ih n d an n dem A rtilleriefeuer oder d en W affen der angreifenden T ru p p en auszusetzen. D ie E rfolge d er a n d ern W affen sind also auch zu einem g u ten Teil in d ire k t d e r Gaswaffe zuzuschreiben. 104


Im F rü h ja h r 1917 b ra c h te n die Engländer ein neues Verfahren zur An­ w endung, das die V orteile des Gasblasens ohne dessen Nachteile und G efahren h a tte . W a r es doch häufig vorgekommen, daß infolge eines Fehlers des M eteorologen das Gas zu einer Zeit abgeblasen wurde, wo der W ind ung ü n stig sta n d . D as Gas wurde dann m it furchtbarer Wirkung in die eigenen G räben gedrückt. Die Folgen waren um so grausiger, als die M omente des «erfolgreichen Angriffs» — Ueberraschung und stärkste K onzentratio n d er Gase — besser erfüllt waren, als es gegen den Feind je möglich w ar. D as Gas w urde ja sozusagen vor der Nase der Soldaten abgeblasen, t r a f sie also fa st ohne jegliche Luftverdünnung. D as V erfahren d er E n g län d er bestand darin, m it Gas gefüllte Behälter in die feindlichen L inien zu schleudern. D ort entleerten sie ihren Inhalt, so daß sich eine Gaswolke entw ickelte. Diese Methode des «Gaswerfens» h a tte anfangs, als die T ru p p en d arau f noch nicht vorbereitet waren, den größten Erfolg. E s w urde sofort von der deutschen Kriegführung über­ nommen. A u f beiden Seiten der käm pfenden Armeen entstanden be­ sondere G asw erferbataillone. Von w eit größerer B edeutung als das Gashlasen und Gaswerfen wurde jedoch das G asschießen, das bereits vor dem «schwarzen Tag von Ypern» m it geringem Erfolg angew andt worden war. Es wurden anfangs Brisanz­ geschosse gleichzeitig m it einem Gas gefüllt. Später fertigte man reine G asgranaten an , also ohne Brisanzwirkung. Zum Schluß des Krieges kam wieder die V erbindung von Brisanz- und Gaswirkung auf. Das artilleristische Schießen v on Gas w ar schon nach Ueberwindung der ersten A nfangsschw ierigkeiten dem Gasblasen darin überlegen, daß es von den m eteorologischen Verhältnissen, vor allem von Windrichtung u n d W indstärke, ziemlich unabhängig ist. Die ersten wirksamen Gas­ granaten w urden v o n den Franzosen im W inter 1915/16 benutzt. Sie waren m it P hosgen gefüllt. Die Deutschen fanden den Perstoff, der unm ittelbar in die G ranathüllen gefüllt werden konnte. Die vordem benutzten Gase zersetzten sich bei der Berührung m it Eisen und wurden darum in Blei- oder Porzellangefäße gefüllt und diese erst in die G ranat­ hüllen gesetzt. D er P ersto ff ist später als Grünkreuz bekannt geworden, da die G ranaten m it einem grünen Kreuz kenntlich gemacht waren. Im 105


Gegensatz zum G asblasen u n d G asw erfen k o n n te das Gasschießen auch die feindliche A rtillerie u n d die R eservestellungen erreichen und kam pfunfähig m achen. A uf beiden F ro n ten sch ritten im seihen T em po wie die E ntw icklung der K am pfgase die A bw ehrm ethoden v o ran . Die G asm aske w urde aus­ gebildet u n d jedem n eu au ftau ch en d en Gase b a ld an gepaßt. Das G rün­ kreuz verlor daher sehr schnell seine W irkung. E s folgte das B laukreuz­ geschoß, das G asverbindungen e n th ie lt, die d urch die Maske hindurch­ drangen u n d eine solche A te m n o t v eru rsach ten , d aß der Soldat zum A breißen d er M aske gezw ungen u n d d a m it n a tü rlic h der G iftw irkung der Gase schutzlos ausgeliefert w urde. Diese W irkung w urde dadurch erhöht, d aß n ach dem B laukreuz, d u rch das d er F eind zum Abreißen der Maske gezw ungen w urde, G rünkreuz verschossen w urde. D azu kam b ald das G elbkreuz, b e k a n n t als Senfgas, das w eniger a u f die A tm ungs­ organe w irk t als a u f die H a u t. Professor H ab er, u n te r dessen L eitung dieser wie au ch die and ern deutschen K am pfstoffe entw ickelt worden sind, b eric h te t d arü b er in dem V ortrag v o r den Reichswehroffizieren: «Der G elbkreuzkam pfstoff b esitzt die E igenschaft, daß er m it den K leidern der M enschen oder m it ihren Schuhen in enge, w arm e A uf­ en th altsräu m e verschleppt, d o rt E rk ran k u n g en h erv o rru ft, indem er durch die W ärm e v e rd u n stet u n d d an n eingeatm et w ird. D a er wenig w ahrnehm bar ist, so lä ß t sich eine solche V erschleppung kaum v e r­ m eiden. Abhilfe lä ß t sich n u r durch M aßnahm en schaffen, die praktisch u n d u rchfü h rb ar sind. M an k a n n w ohl einzelne m it G elbkreuz bespritzte Gegenstände m it C hlorkalkpulver, das m an a u fstreu t, entgiften, einzelne Geländestellen d am it vom K am pfstoff befreien, ab er m an k an n der K am pfstoffw irkung nich t w irksam Vorbeugen. D azu m ü ß te m an Schutz­ anzüge schaffen, die fü r den K am pfstoff undurchdringlich sind u n d v o r dem B etreten des U n terstan d es sam t den Schuhen abgelegt werden. Die d arau f gerichteten Versuche h aben gezeigt, daß m an ü b er die A u sstattu n g v o n A ufräum etrupps n ic h t hinausgelangt. Infolgedessen ist eine M assen­ beschießung m it Gelbkreuz geeignet, ein Gelände m it seinen S chutzbauten u n h a ltb a r zu m achen. Diese chemische Waffe zw ingt zum V erzicht a u f den Stellungskrieg, den uns die E ntw icklung der Brisanzwaffen gebracht hat.» 106


Das sogenannte «Buntschießen», das Durch- und Nacheinanderschießen von Blau-, G rün- u n d GeLbkreuzgasen, das den Gegner zwang, die Maske abzureißen, ih n d er W irkung d er andern Gase aussetzte und außerdem G eländestrecken u n h a ltb a r m achte, also ein w ahrhaft diabolisches Gemisch von G iften, w ar d er im vergangenen Krieg erreichte Höhe­ punkt. W oraus d a n n Professor Meyer, nachdem er uns bereits auf 299 Seiten seines W erkes ü b er alle Raffinessen des Gaskampfes belehrt h a t, d en Schluß zieh t: «Schon das Bestreben, die Härten und G rausam keiten des Krieges m ehr und mehr zu vermeiden, weist empfehlend a u f den G askam pf hin, wie denn die Kriegführung, wenigstens von deu tsch er Seite her, stets das Bestreben gehabt hat, die Leiden eines K rieges d urch Einführung verbesserter Waffen nach Möglichkeit zu verkleinern». E r belegt seine A nsicht m it einem Z ita t aus dem amtlichen Bericht des am erikanischen stellv ertreten d en Staatssekretärs des Krieges, Benedict Crowell: «W ährend des Ja h re s 1918 w aren 20 bis 30 Prozent aller ameri­ kanischen V erluste d u rch das Gas verursacht worden, woraus hervor­ geht, daß die G askam pfstoffe eines der m ächtigsten Kriegsmittel bilden. Die B erichte zeigen aber auch, daß bei A usrüstung der Truppen mit Masken u n d a n d ern G asabw ehrm itteln n u r 3 bis 4 Prozent der Gas­ erkrankungen zum Tode führen. Dies lehrt, daß sich die Gaswaffe nicht nur zu einer d er w irksam sten, sondern auch zugleich zu einer der hu­ m ansten W affen au sgestalten läßt.» Die diesen A nsichten zugrunde hegende Logik ist natürlich fauler Zauber. Wie in jedem K riege sind auch im Gaskrieg immer abwechselnd die Verteidigungs- u n d die Angriffswaffen die stärkeren. Die Initiative geht immer von d er Angrififswaffe aus. Das erste Gas wirkte furchtbar. Es folgten die ersten prim itiv en Gasmasken. Dagegen wurde neues Gas gefunden usw. N ach den Meldungen über das amerikanische Lewisit, das im Kriege n ic h t m ehr Verwendung gefunden hat, sondern für das Ja h r 1919 v o rb ereitet w orden w ar, wären diesem Gase gegenüber alle bis dahin bek annten Schutzm ittel nutzlos gewesen. Die Prozentzahl der Toten wäre also enorm in die H öhe geschnellt so lange, bis ein neuer Schutz gefunden w orden w äre. 107


E b ist gerade der große m ilitärische F o rts c h ritt, d e n die Gaswaffe ge­ b ra c h t h a t, daß sie die M öglichkeit zahlloser V ariatio n en , im m er neuer U eberraschungen bietet, w äh ren d die B risanzgeschosse sich n u r noch q u a n titativ , also in Sprengw irkung u n d R eichw eite, entw ickeln konnten. Die Gaswaffe entw ickelt sich stän d ig q u a lita tiv . D ad u rch , daß sie die Möglichkeit b ietet, große G eländestrecken, S tra ß e n u n d Straßenkreu­ zungen für längere Zeit zu verseuchen u n d u n p a ssie rb a r zu m achen, schuf sie eine vollkom m en neue T a k tik , die w äh ren d des Krieges im pro­ visiert w urde u n d h e u te in allen G en eralstäb en d e r W elt theoretisch durchgearbeitet w ird. . A uf jeden noch einigerm aßen u n b efan g en en S inn m a c h t es den w ider­ w ärtigsten E in d ru ck , w enn G elehrte, Offiziere u n d P o litik e r — deutscher englischer, französischer oder am erik an isch er N a tio n , sie sind sich darin alle gleich — in diesem Z usam m enhang ü b e rh a u p t v o n H u m an ität sprechen. E s h a t zw ar wenig Sinn, n a c h A rt m a n ch er Pazifisten den Gaskrieg speziell als unm enschlich u n d g rau sam zu bekäm pfen. D er Mensch stu m p ft gegen G reuel ab. S elbst d e r Sensibelste v e rü b t sie k a lt­ blütig, wenn er glaubt, höheren Zw ecken zu dienen u n d u n te r dem D ruck der M assenpsychose ste h t. E s is t U nsinn, d en K rieg, d er n u r eine d er Erscheinungsweisen unserer a u f K o n k u rren z, a u f G egensätzlichkeit beruhenden gegenw ärtigen G esellschaftsordnung is t, zu bekäm pfen, ohne die Gesellschaft selbst um w älzen zu w ollen. N och u nsinniger — so g u t es auch gem eint sein m ag — ist es n a tü rlic h , d e n K rieg zu bekäm pfen, indem m an gegen eines seiner M ittel ag itie rt. Mit soviel Sachkenntnis u n d soviel ehrlichem W illen au ch zum Beispiel eine Pazifistin wie F ra u D r. G ertru d W oker d en kom m enden Giftgaskrieg bekäm pfen m ag, die E n tsch eid u n g w ird a u ch in d en kom m enden Kriegen bei den G eneralstäben u n d bei den Crowell, H a b e r, M eyer liegen, die sich gegenseitig die H u m a n itä t d er Gaswaffe bezeugen. N ichts ist bezeichnender fü r den G eist a n d eu tsch en F o rsc h u n g sstä tte n — es ist in andern L ändern n ic h t anders — , als d a ß P rofessor M eyer in seinem 1926 (!) erschienenen B uch im m er n och v o n d en «Feinden des deutschen Volkes» spricht. D abei d ü rfte er die In te re sse n te n , die sich w ährend des Krieges als Feinde, soll heißen als K o n k u rre n te n , gegenüberstanden, 108


aus allerpersönlichster B ekanntschaft kennen und sehr gut wissen, daß der B ergarbeiter oder M etallarbeiter des Ruhrgebiets nicht die geringste Feindschaft gegen den englischen Arbeiter verspürte, daß aber die Geistesverfassung bei den D irektoren der großen Werke wesentlich anders w ar. N u r sie w ußten, um was es bei dem Krieg ging. Mit den Formen des W 'irtschaftskrieges werden wir uns noch verschiedentlich beschäftigen m üssen. Rein als B eitrag zur E rkenntnis der Denkungsart gewisser deutscher Gelehrter kann ich m ir n ich t versagen, noch folgende Stelle aus Professor Meyers B uch zu zitieren: «Die besondere W irkung chemischer Stoffe hat m an wohl auch bei andern Gelegenheiten zur Zähmung Widerspenstiger zu verw enden gesucht. So diente Ammoniaklösung in amerika­ nischen Z uchthäusern zur U nterdrückung von Revolten, und das Be­ spritzen m it Am moniaklösungen soll sich dort sehr gut als Beruhigungs­ m ittel auch anderer aufgeregter und widerspenstiger Gemüter bewährt haben.» (S. 38). Gegen E nde des Krieges waren auf deutscher Seite 50 Prozent der gesamten A rtilleriem unition m it Gas gefüllt. In der Mameschlacht von 1918 verschossen die D eutschen sogar zu 80 Prozent Gas. Der Bedarf des Heeres w ar sprunghaft gestiegen und überstieg um ein Mehrfaches die Erzeugungsfähigkeit der deutschen Fabriken, die zuletzt etwa 600 Tonnen Blaukreuz- und 1000 Tonnen Gelbkreuzgas monatlich hersteilen konnten. Insgesam t wurden während des Krieges zirka 55000 Tonnen Gaskampfstoffe au f deutscher Seite und etwa 58000 Tonnen auf französischer Seite produziert. Die Schwierigkeiten für die Fabriken waren dabei sehr groß. D eutschland war in bezug auf den Hauptkampf­ stoff Chlor sehr günstig gestellt, da es vor dem Kriege fast der alleinige Chlorproduzent der W elt war. England, Frankreich, die Vereinigten Staaten haben erst w ährend des Krieges große Chloranlagen errichtet, die nun nicht m ehr ausgenutzt werden können und den Konkurrenz­ kam pf um den W eltm arkt verschärfen. Dafür hatte die deutsche chemische Industrie andere Schwierigkeiten. Wir lernten sie schon kennen. E in Problem , das diese Industrie in allen Ländern gleicher­ m aßen b etraf, w ar die häufige Umstellung auf neue Kampfstoffe und 10?


S ch u tzm ittel, was jedesm al die schnelle A u sarb eitu n g neuer A rbeits­ verfahren , neuer A p p a ra tu re n u n d die B eschaffung n eu er Rohstoffe b e ­ d eu tete. E in großer S tab v o n C hem ikern u n d In g enieuren w ar ständig m it diesen A ufgaben b esch äftig t. W eit größer w ar allerdings die Zahl der an den F ro n ten w irkenden C hem iker u n d Ingenieure. Mehrere G as­ bataillone w aren a u f b eid en Seiten zusam m engestellt. Die A rtillerie kam nich t m ehr ohne Gasoffiziere aus u n d die F ro n t n ic h t m ehr ohne Meteorologen. D er K rieg w ar zu einem K a m p f zwischen den W issen­ schaftlern, speziell d en C hem ikern d er feindlichen S ta a te n geworden. Aus einem solchen K riege m u ß te die chem ische In d u strie als die eigent­ liche Siegerin hervorgehen. Bei den S iegerstaaten, die bis zum K riege n u r eine schw ach entw ickelte chemische In d u strie g eh ab t h a tte n u n d hoffnungslos h in te r d er deutschen herh in k ten , w aren u n te r dem D ru ck des K rieges große chem ischeW erke en tstan d e n , die n u n versu ch ten , in allerkürzester F ris t das in J a h r ­ zehnten V ersäum te nachzuholen. Die S ta a te n gaben u n d geben im m ilitärischen In teresse große Subventionen, die h in te r den v er­ schiedensten F orm en v ersteck t w erden. W enn viele dieser treib h au s­ m äßig e n tstan d en en W erke auch n ich t re c h t lebensfähig sind — , m an b ra u c h t sie eben im K riege. U nd k ö n n te m a n selbst die F abriken zum Teil entbehren, im entbehrlich scheinen die Chem iker als die w ichtigste T ruppe im kom m enden K rieg. E s ist vom S ieg erstandpunkt ganz folge­ richtig, d aß im V ersailler V ertrag D eutschland die H erstellung von K am pfgasen v erb o ten w urde. D er entsprechende P a ra g ra p h ist in m ehrfacher H in sich t in teressan t: «§ 171. M it R ü ck sich t d arau f, d a ß d er G ebrauch v o n erstickenden, giftigen oder ähnlichen G asen sowie v on allen entsprechenden Flüssig­ keiten, Stoffen oder V erfahrensarten v erb o ten ist, w ird ihre H er­ stellung in D eutsch lan d u n d ihre E in fu h r streng u n tersag t. Dasselbe gilt fü r alles M aterial, das eigens fü r die H erstellung, die A uf­ bew ahrung oder den G ebrauch d er g en an n ten Erzeugnisse oder V er­ fahrensarten b estim m t i s t __ » H ier w ird gesagt, G askam pfstoffe seien ü b e rh a u p t v erboten. G edacht is t dabei an einen A rtikel der H aager K onvention v o n 1907, d u rch den 110


vergiftete W affen oder G ifte u n d Waffen, die unnötige Leiden verur­ sachen, v erb o ten w urden. Die Gelehrten streiten sich und werden sich noch lange d a rü b e r streiten , ob dieser Artikel auf den Gaskampf anwend­ bar ist. Die E n te n te s ta a te n haben im Versailler Vertrag zunächst unter­ stellt, daß G askam pfstoffe verboten sind, um dam it die Herstellung in D eutschland zu v erhindern. Gleichzeitig fordern sie aber im nächsten P aragraphen des V ertrages: «§ 172. B innen drei M onaten nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrages b a t die deutsche Regierung den alliierten und assoziierten H auptm äch ten B eschaffenheit u nd Herstellungsart aller Spreng- und Giftstoffe oder anderen chemischen P räparate, die von ihr im Laufe des Krieges angew endet oder zu dieser Anwendung vorbereitet worden sind, m itzuteilen.» Diese M itteilung b a t selbstverständlich n u r den Sinn, die chemischen Fabriken d er E n te n te ü b er die deutschen chemischen Verfahren zu unterrichten u n d d a m it in stan d zu setzen, nach diesen Verfahren zu arbeiten. W ürde die A nschauung, daß Giftgase überhaupt zu den ver­ botenen K riegsm itteln gehören, ernst genommen, so würde die Ver­ nichtung der deutschen Produktionsanlagen genügt haben; die Mitteilung der V erfahren, besonders der vorbereiteten Verfahren, wäre überflüssig. Bekanntlich h a t noch keine G roßm acht freiwillig abgerüstet. Im Gegen­ teil. U nd keine G roßm acht d en k t im E m st daran, die wichtigste Lehre des vergangenen K rieges, die Lehre von der überragenden Rolle der Chemie, zu vergessen. D er erste Sieger des Weltkrieges, die Vereinigten S taaten v o n A m erika, h a t entsprechend seiner finanziellen Stärke die größten u n d bed eu ten dsten In stitu te zur Vorbereitung des kommenden chemischen K rieges geschaffen. Es wurde ein «Chemical Warfare Service» errich tet, dem der amerikanische Kongreß (4. Juni 1920) die Aufgabe stellte: «Der Chef des chem ischen Kriegsdienstes, unter dem Befehl des Kriegs­ sekretärs, w ird m it der Erforschung, Entwicklung, Fabrikation oder Be­ schaffung u n d V ersorgung des Heeres m it sämtlichem Rauch- und B randm aterial, säm tlichen giftigen Gasen und sämtlichen Gasschutz­ vorrichtungen b e a u ftra g t; ferner m it der Untersuchung, Prüfung und 111


B em usterung, die m it dem chem ischen K riegsdienste u n d den zuge­ hörigen Stoffen v erbunden is t; m it d en F üllan lagen u n d V ersuchs­ feldern für die Füllung chem ischer G eschosse; m it der A ufsicht über die A usbildung des Heeres im chem ischen K riegsdienst, u n d zw ar sowohl im A ngriff wie in d er V erteidigung, einschließlich d er notw endigen L eh r­ a n sta lte n ; m it d er O rganisation, A u srü stu n g , V orbereitung u n d der B etätigung d er G assond ertru p p en u n d m it allen a n d ern A ufgaben, die ihm der P rä sid e n t im L aufe d er Z eit stellen wird.» Dieses K riegsam t, dem jä h rlic h m ehrere M ilhonen M ark für kriegs­ technische u n d kriegschem ische V ersuche zur V erfügung stehen, u n te r­ h ä lt im A rsenal v o n E dgew ood (M aryland) a u f einem Gebiet v o n 3400 Acres (fast 14 Q u adratkilom eter) w ohl die grandiosesten A nlagen fü r E x p erim en te d er K riegführung, die es je gegeben h a t. U eher 8000 A rbeiter, zahlreiche Chem iker, Offiziere u n d Ingenieure arbeiten d o rt in F ab rik e n u n d L ab o rato rien , die ausschließlich der H erstellung u n d d e n E x p e rim e n te n m it kriegschem ischen M itteln dienen. F ra u D r. G ertru d W oker, die G elegenheit h a tte , dieses A rsenal zu besichtigen, g ib t eine eindringliche S childerung: « H at sich eine neue V erbindung als G iftgas oder tränenerzeugendes Gas oder als blasenziehendes oder irgendwie ätzendes oder V erbrennungen o d er G asphlegm one (G asentzündungen) erzeugendes Agens usw ., oder als S ch u tzm aterial gegen solche P ro d u k te bei der toxikologischen U n te r­ suchung im L ab o rato riu m u n d den V orversuchen ü b er die B rau ch b ark eit h ei der A nw endung im F eld als genügend w irksam erwiesen, so fällt d er m echanischen A bteilung u n te r anderm die A ufgabe zu, die M ittel u n d W ege festzustellen, wie sich d u rch V erm ehrung der Geschw indigkeit u n d R eichw eite d er G iftgase en th a lte n d e n Geschosse die größtm ögliche W irkungsfähigkeit d er Giftgaswaffe erzielen lä ß t. V on besonderer B e­ deutung ist die Z usam m enarbeit des m echanischen D epartem ents d er chem isch-kriegstechnischen A bteilung m it dem aviatischen D ienst d er Arm ee in V erbindung m it d er E ntw icklung von B om ben, die zum A b ­ w erfen von A eroplanen geeignet sind. D a schon zu E nde des W e lt­ krieges solche B om ben eine H öhe v on a c h t am erikanischen F u ß u n d ein .Fassungsverm ögen v o n einer h alb en bis ganzen T onne explosiven oder 112


G iftgasm aterials aufw iesen, k an n m an sich vorstellen, um was für Un­ geheuer es sich h e u te in dieser H insicht h a n d e lt.. .D1 «Besondere Teile eines riesigen Versuchsfeldes dienen Feldübungen wie auch dem S tu d iu m d er Bewegung, Konzentration und Wirksamkeit von Gas- u n d R auchw olken, zu deren Entwicklung oft besondere Aeroplane, die über dem V ersuchsfeld kreisen, herangezogen werden. So konnte ic h . . . die D em o n stratio n des «airplane smoke screen» (Flieger-Rauch­ schirm ) u n d d er «airplane smoke curtains» (Flieger-Rauchvorhänge) v e rfo lg e n .. . H a n d e lt es sich in diesem Falle in erster Linie um ein ■wirksames V erteidigungsm ittel, gewissermaßen um eine Tarnkappe, d u rch die sich eine angegriffene Armee zu Land und zu Wasser oder eine 1 Berthold v. Deimling, General der Infanterie a. D., berichtete im «Berliner Tageblatt) vom 14. August 1931: «Das moderne Bombenflugzeug kann 2000 Kilogramm Bombenlast mit einer Stundenge­ schwindigkeit von 200 Kilometer, zum Beispiel von London bis in das Herz von Frankreich oder Deutschland tragen, dort ab werfen und zum Startplatz zurückfliegen, um sich neuen mörderischen Ballast zu holen. Seine Flughöhe beträgt 7000 Meter, während die leichteren Kampfflugzeuge eine Höhe von 9000 Meter erreichen. Dreierlei Bomben kommen zur Ver­ wendung: Spreng-, Brand- und Giftbomben. Die Sprengbomben gibt es in allen Größen: von der 100-Kilogramm-Bombe, m it der man ein mehrstöckiges Haus in Trümmer legen kann, bis zu den Diving-bombs der Amerikaner, die 1950 Kilogramm wiegen und zweieinhalbmal so groß sind wie ein Mann. Wie Versuche ergeben haben, genügt eine einzige solche Pille, um auch das größte Schlachtschiff der Welt in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Viel gefährlicher ist die Brandbombe, weil sie nur 1 Kilogramm wiegt und deshalb in großer Zahl mitgeführt werden kann. Ihre Termitfüllung entwickelt 3000 Grad Hitze und kann nicht mit Wasser gelöscht werden. Ein Geschwader von 72 Flugzeugen kann 36000 Brandbomben mitführen. Wenn wir eine Großstadt als Zielscheibe nehmen und das Geschwader im Rundflug operiert, so ist es wahr­ scheinlich, daß von den 36000 abgeworfenen Bomben 12000 auf Gebäude niederfallen, da die meisten Städte ein Drittel bebaute Fläche und zwei Drittel Freiflächen haben... Und Gift­ gasei Wie ungeheuerlich die Wirkung der modernen Kampfgase ist, wird am deutlichsten charakterisiert durch den Ausspruch des Physikers Langevin, Professor am College de France, den er in einem 1929 gehaltenen Vortrag getan hat: «Heute genügen 100 Flugzeuge, von denen jedes eine Tonne Giftgasbomben an Bord hat, um Paris oder London oder Berlin in einen 20 Meter dicken Gasschleier zu hüllen. Diese Operation kann innerhalb einer Stunde vollzogen werden. Kommt nicht ein Wind zu Hilfe, so ist die vergaste Stadt einfach vernichtet.» Der französische General Serrigny, der die große Luftübung über Lyon im vorigen Sommer leitete, hat das Ergebnis in seiner Schlußbesprechung dahin zusammengefaßt, daß er sagte: «Die Fliegerabwehr reicht nicht aus, um eine Stadt wirksam gegen einen Flugzeugmassenangriff zu schützen. Es bleibt nur übrig, die Zivilbevölkerung auf das Land zu evakuieren.» — Die Bombardierung von Shanghai durch die Japaner hat inzwischen die Gefahr aller Welt vor Augen geführt, die den Großstädten von den Fliegerbomben droht.

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I.-G . D eu tsch lan d

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S ta d t u n sic h tb a r für die feindliche B eo bachtung m ach t, so kan n doch k ein Zweifel d arü b er bestehen, d aß es sich h ier auch u m die wirksam ste A rt h an d e lt, gegebenenfalls die schrecklichsten G iftgase, vorausgesetzt, d a ß sie schwer sind u n d zu B oden sinken, in eine Arm ee oder Stadt hineinzutragen, die m an v ern ich ten will.» Solche V ernebelungsversuche sind ja inzw ischen in allen L ändern vor aller O effentlichkeit gem ach t w ord en ; die illu strierten Zeitungen haben B ilder geb rach t, so d a ß die B ed eu tu n g dieser E xperim ente keiner E r­ k lärung m ehr bed arf. E s erü b rig t sich au ch , die E inzelheiten ü b er die E rfah ru n g en m it den verschiedenen n eu en G iftgasen h ier w iederzugehen. Sie übertreffen an W irksam k eit die im K riege v erw endeten Gase, stellen jedoch im Prinzip nichts N eues d a r. Als g rau en h aften , fa st unglaublichen Beweis für die außerord en tlich e B ed eu tu n g , die v on den M ilitärs der Gaswaffe beigelegt w ird, sei h ier n och b e ric h te t, d a ß m an im Edgew ood-A rsenal nicht davor zurücksch reck t, die W irk u n g der G iftgase an V ersuchstruppen auszu­ probieren. «Da es n u n w eit w eniger schwierig ist, eine G asm aske zu erdenken, die A b so rp tio n sm ittel gegen alle b ek an n ten Giftgase e n th ä lt, als eine wirk­ sam e G asm aske, die sich fü r die M itnahm e ins F eld eignet u n d die der M ann u n te r den p ra k tisc h in F rag e kom m enden B edingungen verwenden k an n , so ist die endgültige P robe, ob das fragliche M aterial den Soldaten zu schützen oder n ic h t zu schützen verm ag, n ic h t zu um gehen. Diese P ro b en a u f den schließlichen W e rt der P ro d u k te, die v o n der chemisch­ kriegstechnischen A bteilung au sg earb eitet w orden sind, haben Truppen auszuführen, u n d zw ar das erste G asregim ent, das im EdgewoodA rsenal s ta tio n ie rt is t, welches zugleich das T rainingszentrum für die T ru p p en des chem ischen K riegsdienstes d arstellt. W as das bedeutet, sich m it M asken u n d Schutzkleidungen zu exponieren, von denen m an noch gar n ic h t w eiß, ob sie sich einem neuen, fürchterlichen Giftgas gegenüber b ew äh ren oder n ic h t, w ird derjenige erm essen können, der aufm erksam den folgenden Passus d er kleinen B roschüre durchliest, die w ir bei unserm B esuch im Edgew ood-A rsenal erhielten. D o rt h eiß t es: «Vielleicht is t d er H a u p tg ru n d fü r die E ntw icklung eines chemischen 114


Agens die N otw en d ig k eit, die beste Behandlungsmethode herauszu­ finden für den F a ll, d a ß das Agens im Krieg gegen unsere eigenen Trup­ pen v erw endet w ird. U m den endgültigen W ert einer Verbindung zu erm itteln , is t es fern er notw endig, deren physiologische und patholo­ gische W irk u n g a u f den K örper, ihre letale (tödlich wirkende) Konzen­ tra tio n u n d im F a ll von blasenziehenden Agentien den bläschenbildenden P u n k t festzustellen. Die medizinische Untersuchungsabteilung betreibt m it ihrem toxikologischen D epartem ent Forschungsarbeit, die auf dieser Linie liegt, u n d a rb e ite t zusam m en m it den oben erwähnten Abteilungen.» U m ganz u n d gar k einen Zweifel aufkommen zu lassen, auf welcher Linie sich diese F orschungen bewegen, wird die Tätigkeit der medizi­ nischen U ntersuchungsabteilung wie folgt umschrieben: «Die Wirkung von Gasen a u f verschiedene Organe des Körpers und das Schicksal der Gifte im O rganism us w erden hier in den bakteriologischen und patho­ logischen L ab o rato rien stu d iert. Das Gebäude ist m it einem Raum für erste Hilfe, m it einem diensttuenden Armeearzt versehen. Hierdurch kan n m an n ic h t allein kom petente medizinische Behandlung denjenigen M ännern angedeihen lassen, die sich zufällig eine Verbrennung oder Gas­ vergiftung zugezogen haben, sondern es ist auch Gelegenheit zum gründlichen S tu d iu m der G astherapie aus erster Hand gegeben!» (W oker, a. a. O.) W ie nützlich ist es doch, w enn Truppen «zufällig) vergiftet werden und dam it den M ilitärärzten so ausgezeichnete Gelegenheit zur Vervoll­ kom m nung ih rer K enntnisse geben! H inter dieser gew altigen Anstrengung zum Ausbau der Gaswaffe, die sich die U n ited S tates als stärkster, reichster und mächtigster Staat der W elt leisten könn en , m üssen die andern Mächte notgedrungen zurück­ stehen. D ennoch sind auch ihre Bemühungen nicht zu unterschätzen. England, F ran k reich , J a p a n , Tschechoslowakei, Polen usw., selbst die Schweiz, w enden zum Teil Millionenbeträge zum Studium und Ausbau des Gaskam pfes jäh rlich auf. D aneben lä u ft eine breite K am pagne zur Popularisierung des Gas­ krieges. I n den V ereinigten S taaten haben sich die Chemiker und die Chem ieindustriellen zu einem «Nationalbund für chemischeVerteidigung» 8*

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zusam m engeschlossen. I n E n g lan d propagieren M ilitärs, daß schon die K in d e r in der Schule im G asschutz u n te rric h te t w erden sollen. — Und w as is t schließlich das o ft zitierte W erk des Chem ieprofessors Julius M eyer, das uns m it aller G ew alt v on d er H u m a n itä t der Gaswaffe über­ zeugen will, anderes als eine w issenschaftliche P ro p ag an d a für den Gas­ krieg! U nd g ar d as v o n d er H am b u rg er F irm a Stolzenberg verbreitete «Giftgaskochbuch», das e rst n ach w iederholten P ro te sten der Öffentlich­ k eit verbo ten w urde! D er F a ll liegt in D eutsch lan d n u r darum anders, weil die besondere Lage als B esiegter des W eltkrieges dem deutschen C hem ietrust v e rb ie te t, gleichfalls p ra k tisc h d ire k t an der Vervollkomm­ nung der G iftgastechnik m itzu arb eiten .

9 . Der große Trust

D ie N iederlage D eutschlands im K riege w ar auch eine Niederlage der deutschen R ü stu n g sin d u strie. K ru p p m u ß te sich s ta tt dem K anonenbau der P ro d u k tio n landw irtschaftlicher M aschinen u n d künstlicher Gebisse aus n ich tro sten d em S ta h l w idm en, die chem ische In d u strie ihre A nlagen zur G iftgasbereitung schleifen. Die ausländischen Nieder­ lassungen, F a b rik e n u n d V erkaufsorganisationen w urden ih r genommen, ihre P a te n te in allen ehem als feindlichen S ta a te n enteignet. Dennoch ging sie stä rk e r aus dem K riege hervor, als sie in ihn eingetreten war. Die großen A nforderungen, die d er K rieg an den Forschungsbetrieb, an den Aus- u n d U m b au der F abrikationsanlagen stellte, die völlig ver­ än d erten P roduktions- u n d A bsatzbedingungen zw angen die beiden großen Interessengem einschaften, die im J a h re 1904 en tstan d en w aren, auf den W eg des w eiteren Zusam m enschlusses. D en neuen Riesenaufgaben 116


w aren selbst diese k ap italk räftig en Gruppen einzeln nicht mehr ge­ w achsen. I n die v o n d er B adischen Anilin- u nd Sodafabrik errichteten Stickstoffw erke, zu n ä c h st in O ppau, dann inLeuna,waren bereitsHunderte v o n M illionen M ark hin ein g eb au t worden. W ohl h atte das Reich enorme K red ite gegeben, a b e r es w ollte 6ich nicht direkt beteiligen. Die Kredite w aren also eine B elastu n g , die w ährend der Kriegskonjunktur leicht w og; aber w u ß te m a n , w as kom m en w ürde? F ü r die Direktoren der chem ischen W erk e w a r zw ar d er K rieg ein äußerst rentables und inter­ essantes G ebiet d er angew andten Chemie; sie h atten aber auch den allerbesten E in b lic k in die V erhältnisse und Stimmungen bei Regierung u n d H eeresleitung u n d v o r allem in den Zustand der deutschen W irt­ schaft, h a tte n d a h e r allen G rund zur Skepsis. Das, was Professor H ab e r n ach dem K riege offen d er Heeresleitung vorwarf, den Mangel an V oraussicht, b a t er n a tü rlic h schon w ährend des Krieges im ver­ tra u te n K reise m e h r oder w eniger la u t gedacht. So w ar es eine w irtschaftliche N otw endigkeit geworden, daß sich die großen d eu tsch en U n tem eh m u n g en der Chemieindustrie enger zusammen­ schlossen. E s w a r eine N otw endigkeit geworden besonders im Hinblick a u f die S chw ierigkeiten, die nach Beendigung des Krieges eintreten m u ßten . Z um 1. J a n u a r 1916 schlossen die beiden Gruppen einen Inter­ essengem einschaftsvertrag a u f 50 Ja h re ab, dem sich noch Weiler ter M er u n d G riesheim -E lektron anschlossen. D am it waren die acht größten U nternehm ungen d e r organischen Chemie der W elt zu einem gewaltigen Block zusam m engefaßt. Als sich die L e ite r d er I.-G . n ach dem November 1918 umsahen, fanden 6ie die W elt n ic h t w enig v erä n d e rt. N icht n u r in Deutschland selbst war alles anders gew orden, alles in G ärung, sprach die Arbeiterschaft eine neue Sprache. D as w a r b ei näherem Zusehen nicht so tragisch zu nehmen, der Schreck w a r d as Schlim m ste gewesen. Es dauerte nur Tage und W ochen, d a n n h a tte n sich die H ab er u nd Bosch und Duisberg u n d alle die andern h äu slich in dem neuen S ta a t eingerichtet. E s wurde mehr ih r S ta a t als es d er a lte wilhelm inische je gewesen. W eit böser waren die Ereignisse in R u ß la n d , wo zunächst gar nicht abzusehen war, wann d o rt w ieder G eschäfte zu m achen sein w ürden un d wo die vor dem 117


K riege errichteten. Zw eigfabriken unw iederbringlich verloren waren. E benso schlim m w aren auch die an d ern Folgen des K rieges. In allen S ta a te n w aren chemische W erke e n tsta n d e n , die, anfangs n u r für den K riegsbed arf errich tet, n u n n ic h t einfach stillgelegt w urden, sondern sich genau so wie die F a b rik e n d er I.-G . a u f die Friedensproduktion um stellten . Das gelang ihnen n ic h t gleich. F eh lten doch die jahrzehnte­ langen E rfah ru n g en d er D eutschen a u f diesem G ebiet. D afür gaben aber die R egierungen S ubventionen, sp errten sich die S ta a te n durch Zölle u n d E in fu h rv erb o te gegen die F a rb e n u n d M edikam ente aus D eutschland ab , sow eit n u r irgend die M öglichkeit der P roduktion im eigenen L an d e gegeben w ar. D as deutsche Farbenm onopol w ar ge­ brochen, die alte n V erbindungen abgerissen, d er K a m p f um den W elt­ m a rk t m u ß te v o n n euem u n te r erschw erten Bedingungen aufgenommen w erden. I n den V ereinigten S ta a te n w aren säm tliche deutschen U nternehm ungen am erikanisiert, säm tliche P a te n te der n eu en tstan denen u n d en t­ stehenden am erikanischen In d u strie zur V erfügung gestellt worden, die zu r V erw altung d er P a te n te eine besondere G esellschaft, die Chemical F o u n d atio n , gegründet h a tte . D er V erw alter des feindlichen Eigentum s in den V ereinigten S taa te n leitete seinen B ericht ü ber die chemische In d u strie ein m it den W o rten : «Das große Gebiet der chemischen In d u ­ strie stellte im Beginn vielleicht das schwierigste Problem d ar, welches der V erw alter des E igentum s der feindlichen A usländer zu lösen h atte. Dieses Feld w ar bis zur E instellung der E infuhren durch u n d durch m it deutschem E influß durchdrungen. A u f keinem G ebiet menschlicher T ätig k eit h a tte sich die Sage von der deutschen U nbesiegbarkeit fester in den G eistern eingenistet. D as L and w ar m it deutschen Chemikern überschw em m t, u n d diejenigen, die n ich t von G eburt deutsch waren, w aren zum größ ten Teil d irek t oder in d irek t deutsch durch ihre E r­ ziehung.» V or dem Kriege h a t es tatsäch lich n u r fü n f W erke in A m erika gegeben, die Teerfarben h erstellten. Sie stan d en aber entw eder direk t u n te r dem Einfluß der deutschen chem ischen In d u strie oder w aren dadurch von ihr abhängig, d aß sie n u r m it deutschen Zw ischenprodukten arbeiteten. «Sie 118


ste llte n w eder A lizarin- n och A n trazen farb en noch synthetischen Indigo, die w ertv o llsten E rzeugnisse d e r In d u strie, her. Die Möglichkeit, daß die D eutschen diese F a rb e n ausschließlich liefern, welche zum größten T eil durch P a te n te g e sc h ü tz t sind, w ürde die ganze In d u strie in die H and d e r D eutschen gegeben h a b e n , selb st w enn keine andern F ak to ren die­ selben b e g ü n stig t h ä tte n . D iese F a rb e n w aren unentbehrlich fü r die T ex tilfa b rik a n ten . D u rc h die W eigerung, diese F arb en an andere zu liefern als an H ä u se r, w elche ih re a n d ern Bezüge von den deutschen F a ­ b rik a n te n en tn eh m en , k o n n te n die D eutschen die vollständige K ontrolle ü b e r den am erikanischen M a rk t erlangen, seihst wenn die am erikanischen F a b rik a n te n im ü b rig en völlig in d er Lage gewesen w ären, in der H er­ stellun g v on einfacheren F a rb e n zu konkurrieren.» (A. a. 0 ., S. 23.) D u rch die B eschlagnahm e d e r P a te n te w ar «ein kolossales H indernis für d ie E ntw icklung d e r am erik an isch en Farbenindustrie» beseitigt. «Die P a te n te w aren offenbar n ic h t genom m en w orden in der A bsicht, die F a ­ b rik atio n in diesem L an d e zu b etreib en oder aus Besorgnis vor der am eri­ kanischen F a b rik a tio n , v o n w elcher die D eutschen anscheinend glaubten, sie könne u n te r d en in diesem L an d e bezüglich d er K osten, der verfüg­ b a re n T echniker u n d d er g e ü b te n A rb eiter herrschenden Verhältnissen n ic h t m it E rfolg u n te rn o m m e n w erden. N ach E rw ägung erscheint es jedoch , daß diese P a te n te eine mögliche Lösung des seither unlösbaren Problem s b o ten , die n eu e am erikanische F arb en in d ustrie gegen deutsche K onkurrenz n a c h dem K riege zu schützen. W enn die P a te n te nicht ge­ nom m en w urden, u m am erikanische K onkurrenz zu verhindern, so m üssen sie genom m en w orden sein als Waffe gegen konkurrierende E in ­ fuhren. W enn sie g enügten, u m die E in fu h r vo n konkurrierenden Schweizer, französischen u n d englischen F arb en zu verhindern, so w ürden diese P a te n te im B esitz d er A m erikaner w ahrscheinlich genügen, die E in fu h r von d eu tsch en F a rb e n zu verhindern.» (A. a. O., S. 47.) D ie A m erikaner, K a p ita liste n rein sten W assers, haben hier in aller N a iv itä t ihres p rim itiv e n E goism us ausgeplaudert, daß der K apitalism us a u f seiner h eutigen S tu fe, d e r K apitalism us, der die W issenschaft zur L ohnarbeit deg rad iert u n d dieForschungsergebnisse sich aneignet wie das A rbeitsp ro d u k t seiner P ro le ta rie r, lä n g st in W iderspruch geraten ist m it 119


den E rfordernissen d er gesellschaftlichen E n tw ick lu ng. D as P a te n t ist ja n ich ts w eiter als der ju ristisch e A usdruck d a fü r, d aß die W issenschaft zum A usbeutungsobjekt w urde. E in P a te n t schließt alle N ichtbesitzer v o n der B enutzung eines technischen F o rts c h ritts aus, der daher für sie eine Fessel der eigenen E n tw ick lu n g w ird. D er K rieg w ar eine will­ kom m ene G elegenheit, diese Fesseln zu zerreißen, wie es ja überhaupt der einzige Sinn d er K riege wie d er R ev o lu tio n en ist, Schranken zu sprengen, die d er E ntw ick lu n g im W ege stehen u n d a u f friedliche Weise nicht zu beseitigen sind. O hne m it der W im p er zu zucken, verlangen allerdings dieselben M änner, die A m erikas F arb e n in d u strie vo n deutschen Fesseln b efreiten, die E rric h tu n g n eu er M auern, h in te r denen sich die am erikanische In d u strie entw ickeln soll, die a b e r n a tü rlich fü r die U nter­ nehm en aller a n d e rn L än d er neue P ro d u k tio n ssch ran k en sind. An eine generelle B eseitigung des P a te n tre c h te s d ach te n iem an d . N u r die Ge­ legenheit, sich frem der P a te n te zu bem ächtigen, ließ das W o rt von «dem H indernis d er Entw icklung» durchschlüpfen. I. P . G arvan, d er die B eschlagnahm e der P a te n te durchgeführt h a tte u n d d afü r zum P räsid en ten d er Chem ical F o u n d a tio n av an ciert war, entw ickelte eine ausgedehnte P ro p ag an d a fü r ein E infuhrverbot deutscher F arb en . E s gelang ihm auch, bis zum J a h re 1922 die E infuhr frem der F a rb e n zu verhindern. D an n t r a t an die Stelle des E infuhr­ v erbots ein H ochschutzzoll. Dasselbe geschah in F rankreich, in E ngland, in J a p a n . U eberall wurde im Interesse d er natio n alen V erteidigung eine F arb stoffindustrie auf­ g ebaut. Die R olle des G askam pfes im kom m enden K rieg w ar das H a u p t­ zugstück in d er P ro p ag an d a d er F arb en in teressen ten. D ie Engländer, A m erikaner usw . suchten die W irkungsm öglichkeiten d er Gaswaffe ins U ngeheuerlichste zu üb ertreib en , u m die R egierungen u n d die Abgeord­ n e te n von der N otw endigkeit des Schutzes d er F arbstoffindustrie zu überzeugen. E s g ib t d a eine treffende A nekdote aus W ashington. Mr. Choate, der ju ristisch e V e rtreter der F arb en in teressen ten in USA., h a tte dem V orsitzenden des F inanzkom itees, S en ato r P enrose, w ieder einmal den kom m enden K rieg in den schlim m sten F a rb e n ausgem alt, w orauf d er Senator m e in te : 120


«Ich für mein. T eil als M itglied des Komitees möchte sagen, daß dieser fürchterliche A lp trau m m ir keine Angst einflößt». Mr. Choate: «Ich bew undere ihren Mut, Senator.» Penrose: «Ich h ab e keinerlei M ut. Ich bin von N atur ein schüchterner Quäker, aber diese ungeheuerlichen Bilder vom künftigen Gaskrieg er­ klären sich m ir a u f absolut harm lose Weise.» Da die I.-G . d u rch d en Friedensvertrag an der Produktion von Kampf­ gasen v erh in d ert ist, u n d sie außerdem alles andere als den Schutz der ausländischen K o n k u rren ten durch deren Regierungen wünscht, liegt ihr wenig an d er G aspropaganda, wenn auch ihre Gefühle in diesem Punkte im H inblick a u f die Möglichkeiten der Zukunft geteilt sind. So sagte D uisberg a u f d er H auptversam m lung des «Vereins zur Wahrung der Interessen d er chemischen Industrie» im November 1921 in der Polemik gegen ein B uch des Geschäftsführers der britischen Farbwerke, des Majors V ik to r Lefebure: «Auf den großen U nfug, die Teerfarbenindustrie zu den sogenannten Schlüsselindustrien zu zählen, die jedes Land besitzen müsse, um sie im Falle eines K rieges sofort a u f Munitionserzeugung umzustellen, habe ich schon hingewiesen. Ic h habe gezeigt, daß so etwas zufällig in Deutsch­ land nur deshalb m öglich w ar, weil wir den größten Teil des Weltbedarfs deckten. W enn jedes L an d oder wenigstens die Mehrzahl der Länder ihren teilweise rech t kleinen Eigenbedarf an Farbstoffen hersteilen wollten, w äre die dazu erforderliche A pparatur der einzelnen Länder so klein, daß sie fü r den gewaltigen Verbrauch an Munition, den Zukunfts­ kriege erfordern w ürden, n ich t in B etracht käme. Das Schlimmste aber ist, daß durch diese V erteilung der Produktion gerade bei der Farben­ fabrikation, bei der die Verwendung der abfallenden Nebenprodukte eine so große Rolle spielt, von W irtschaftlichkeit keine Rede mehr sein kann.» Genau entgegengesetzter Meinung ist Lefebure, der in seinem Buche «Das R ätsel vom Rhein», w om it die I.-G.-Farben gemeint sind, zu dem Schluß k a m : Die W eltabrüstung sei erst gesichert, wenn die I.-G.-Farben freiwillig au f das Farbstoffm onopol verzichte, nur noch für den deutschen Inlandsbedarf arbeite u n d ebenso die Stickstoffproduktion, soweit sie 121


d e n B e d a rf d er deutschen L an d w irtsch aft überschreite, aufgebe. Solange die I.-G . diese Selbstbescheidung n ic h t üb e, sei d er F riede der W elt stän d ig bedro h t. Alles H in u n d H er dieses Polem isierens, dessen w irklicher Zweck ja klar ■war, än d erte nich ts a n d er T atsach e, d aß d er K rieg die deutsche Vor­ herrsch aft in d er Chemie, die au ch sonst n ic h t ewig gedauert hätte, beendet h a tte . E tw a 50 P ro z e n t des F arb en ab satzes d er Vorkriegszeit w aren verloren. D er Z usam m enschluß d er g rö ß ten deutschen chem ischen W erke zu einer Interessengem einschaft w ar die erste M aßnahm e zur A bw ehr der neuen in tern atio n alen K o n k u rren z u n d zu neuen V orstößen a u f den W eltm arkt gewesen. Sollte d er Z usam m enschluß seinen Zweck erfüllen, so kam es d a ra u f an , n ic h t n u r einfach die P ro d u k tio n zu rationalisieren, sondern d u rch neue, w eittrag en d e E rfindungen m öglichst neue Monopole zu er­ ringen. D as w urde u n d w ird v o n J a h r zu J a h r schwieriger. Die große A ufschw ungszeit d er synthetisch en Chemie, in der sich die Erfindungen ja g te n , is t v o rü b er. N u r d u rch E rschließung neuer großer Gebiete kann w ieder E x p an sio n srau m gew onnen w erden. D azu b e d arf es großer K a­ p italien u n d d er K o n zen tratio n aller w issenschaftlichen K räfte. In seinem M em orandum vom J a h re 1904 h a tte D uisberg noch größten W ert a u f die E rh a ltu n g d er K onkurrenz auch bei einem Zusam m enschluß, also a u f die O rganisierung einer Idealkonkurrenz, gelegt. In seiner Po­ lem ik gegen Lefebure sagt er allerdings kein W o rt m ehr von den segens­ reichen Folgen d er K onkurrenz, d a sie ihm n u n , wo sie vom Auslande ausgeht, unheim lich gew orden ist. Die im Ja h re 1916 geschaffene I.-G. h a t das P rin zip d er K o n k u rren z n ach D uisbergs V orschlag noch aufrecht­ erhalten. Als echtem M ann unserer Z eit w ar es D uisberg unm öglich, sich einen F o rtsc h ritt ohne den K a m p f aller gegen alle vorzustellen. Trotzdem er sich frühzeitig die V orteile eines Zusam m enschlusses ausgerechnet h a tte , begriff er n ic h t, d aß gerade seine In d u strie län gst n ich t m ehr in den kapitalistischen R ah m en p a ß t. Als B etriebsführer w ußte er, daß die P ro d u k tio n für eine so durchaus w issenschaftlich geführte Industrie wie die chemische um so rationeller ist, a u f je höherer Stufenleiter sie ge­ schieht. D aß also die Z usam m enfassung d er W eltproduktion u n te r einer 122


zen trale n L e itu n g die einzige, den modernen Produktivkräften ange­ m essene F o rm is t. Als kapitalistischer W irtschaftstheoretiker ahnt er a b er, daß diese F o rm , zu der alles drängt, unter kapitalistischenVerhältnissen zu E n ta rtu n g e n füh ren m u ß , eine Ahnung, die sich in der naiven F u rc h t a u sd rü c k t, d a ß «die a n der Spitze eines solchen Unternehmens stehend en M änner dem Größenw ahn verfallen können». Aus diesem feh lerh aften K reis, daß einerseits die Konkurrenz nicht mehr unbe­ d in g t die rationelle E ntw ick lu n g fördert, sondern im Gegenteil die volle A usnutzu n g d er gesellschaftlichen Produktivkräfte verhindert und anderseits die H e rrsc h a ft einer Clique über die gewaltigsten Produktions­ m itte l, wozu a u ch die A rbeiterm assen gehören, bereits m it der gesellschaftlichen E ntw ick lu n g in W iderspruch steht, kommt Duisberg als U nternehm er n ic h t heraus. E r bem üht sich auch gar nicht, ihn zu sprengen, w eil er w eiß, d aß jed er S chritt weiter in diesem Gedanken­ gange in die N ähe v on K a rl M arx führt. I n noch größere, kom isch anm utende Widersprüche verwickelt sich Ge­ heim rat Bosch, d er es 1921 fü r notw endig hielt, gegen die Sozialisierungspläne, w enigstens sow eit sie die chemische Industrie betrafen, Stellung zu nehm en. E r h ä lt sich zu dieser Polem ik berufen, weil er für sich in A nspruch neh m en zu können glaubt, «gehört zu werden als einer, der jah relan g G elegenheit h a tte , die einschlägigen Verhältnisse unserer In d u strie v o n allen Seiten kennenzulem en. H ier h a t nur der Fach­ m a n n das W ort», m ein t er w eiter. «Nüchternste Überlegung, größte Sachkenntnis t u t n o t, u n d der R u f der Straße h a t keinerlei Anspruch, gehört zu w erden. Ic h weiß, d aß ich als V ertreter der einseitigen Inter­ essen unserer chem ischen In d u strie von vornherein suspekt bin, aber sie können ruhig einm al die Annahm e machen, daß ich mich bemüht habe, m ir objektiv, a u f G rund m einer Erfahrungen und Kenntnisse, ein Bild zu m achen ü b er die F rage der Zweckmäßigkeit und Zeitgemäßheit einer Sozialisierung.» Seine O b jek tiv ität glaubte Bosch dadurch zu beweisen, daß er als Gegen­ gründe gegen eine Sozialisierung aufzählt: Die oft jahre- und jahr­ zehntelange F o rschungsarbeit, die zur Lösung auch nur eines großen Problem s n ö tig ist, die N otw endigkeit, W issenschaftler ersten Ranges 123


zu beschäftigen, den u ngeheuren K a p ita lb e d a rf, die Schw ierigkeiten d e r Finanzbeschaffung, alles M om ente, die die grö ßten A nforderungen an Intelligenz u n d B esonnenheit der L eitu n g stellen. D as soll n u n alles gegen eine Sozialisierung sprechen! P ersönlichkeiten von geistigem u n d organisatorischem R a n g k ö n n en Boschs A nsicht n ach n u r in der P riv a tw irtsc h a ft ih r W irkungsfeld finden. B osch, der b e h a u p te t, objektiv zu sein, h a t sich n ic h t einm al die M ühe genom m en, die sozialistischen G edankengänge a u c h n u r v o n ferne zu b e tra c h te n . E r is t auch von sich aus n ic h t a u f die Id ee gekom m en, etw a die F rage zu stellen, ob vielleicht d e r K a p ita lb e d a rf, also die kapitalistische G rundlage, bereits im W iderspruch zu den w issenschaftlichen G rundlagen d er chemischen In d u strie stehe, oh n ic h t gerade die T atsach e, daß alle F o rtsch ritte in seiner In d u s trie d a v o n abhän g en , daß auch das nötige Geld aufgetrieben w ird, n u r ein A u sd ru ck d a fü r ist, d a ß eben die E ntw icklung der P ro ­ d u k tiv k rä fte b ereits den R ah m en kapitalistischer W irtschaftsordnung zu sprengen b eg in n t. B osch h a t gegen n ich ts w eiter polem isiert, als gegen die V erstaatlichung, die ja die k ap italistisch e G rundlage n ic h t än d ert. Seine A rgum ente gelten n u r gegen die staatlich e B üro k ratie u n d sind d a noch n ich t einm al stichhaltig . A uch d er R iesenkörper d er I.-G . h a t einen um fangreichen V erw altu n g sa p p a rat, also eine B ürokratie, entw ickeln m üssen. Die In i­ tia tiv e d er E inzelpersönlichkeit m u ß te besch rän k t, einer zentralen L e itu n g u n te rs te llt w erden. D erselbe Bosch fü h rte v o r dem E n quete­ ausschuß a u s: «Die verschiedenen V eranlassungen, die w ir h a tte n , uns einm al a u f u n s selbst zu besinnen, b rach ten uns sehr bald dazu, einzu­ sehen, d aß die F o rm d er Interessengem einschaft, die w ir früher gehabt h aben, ab so lu t u n m öglich ist, weil sie einschneidende M aßnahm en über­ h a u p t n ic h t d u rch zu fü h ren g e sta tte t. . . . E s g ib t keine andere Möglich­ k e it, wenn Sie w irtschaftlich-einschneidende M aßnahm en treffen wollen, als 6ich a u f d en B oden der Fusion zu begeben; w ir haben wenigstens keinen andern W eg gefunden.» M it andern W o rte n : D ie einheitliche L eitung m öglichst der gesam ten chem ischen In d u strie des L andes stellte sich als dereinzigeW eg zur R ettung d e r chem ischen In d u strie heraus. Die In itiative des Einzelunternehmers, 124


d ie ih ren A u sd ru c k fin d et in der K onkurrenz, w ar zur größten Gefahr d e r W eiteren tw ick lu n g gew orden. W ir gehen w ohl n ic h t fehl, w enn w ir den eigentlichen Grund für Boschs A n g st v o r einer «Sozialisierung» (auch in der harm losen Form der Ver­ sta a tlic h u n g d e r I.-G .) in folgendem Satz seiner Rede suchen: «Nicht a u s rein er M enschenliebe za h lt die In d u strie Gehälter für ihre führenden L e u te , die w eit ü b e r die S ta a tsg e h ä lte r hinausgehen.» Bosch h a t nämlich im D ienste d er chem ischen In d u strie , genau so wie Duisberg, die Kleinig­ k e it von etw a 20 M illionen, so w ird wenigstens geschätzt, «ersparen» k ö n n e n . B eide, B osch u n d D uisberg, haben ihre L aufbahn als einfache Ing en ieu re beziehungsw eise Chem iker begonnen. E in derartiges Ver­ m ögen h ä tte n sie im S ta a tsd ie n st allerdings nicht erwerben können, so w enig k nauserig d e r S ta a t au ch seinen Spitzenfunktionären gegenüber ist. So großen W e rt B osch a u f hohe T antiem en für die «führenden Leute» le g t, so sp artan isch en A nsich ten h u ld ig t er, wenn es um die Löhne der A rb eiter u n d die G eh älter d er einfachen A ngestellten geht. Nach den am tlich en L o h n erh eb u n g en im Som m er 1931 gingen in der chemischen In d u s trie die g elern ten H an d w erk er m it W ochenverdiensten von 36 bis 40 M ark (alle A bzüge b e re its abgesetzt) u n d die Betriebsarbeiter m it 27,6 bis 35,6 M ark n a c h H au se. Die W ochenverdienste der weiblichen A rb e ite r lagen u m 20 M ark. Seitdem sind durch die Notverordnung v o m 8. D ezem ber die L öhne noch um 14,4 P rozent gesenkt worden — g an z nach d em H erz e n v o n G eheim rat Bosch. Als dieser auf der G eneralversam m lung d e r I.-G . im F rü h jah r 1931 von einem Ver­ tr e te r der A ng estellten ü b e r die Vornahm e w eiterer Rationalisierungsm aß n ah m en b e fra g t w u rd e, an tw o rtete Bosch, die vorgenommenen R a­ tio n alisieru n g sm aß n ah m en h ä tte n zu einer wesentlichen Verbilligung der P ro d u k te g efü h rt. D aß die Gesellschaft heute konkurrenzfähig sei, sei eine Folge dieser R atio n alisieru n g . Doch h ä tte n scheinbar viele Leute no ch im m er n ic h t begriffen, wie e rn st die Lage in D eutschland ist und d a ß w ir ta tsä c h lic h v o r d e r M öglichkeit einer K atastrophe stehen. Die V erw altu n g w erde v o r rücksichtslosen Konsequenzen aus dieser Situ­ a tio n n ich t zurückschrecken. E s werde dabei nicht bei den Arbeitern h a ltg e m a c h t w erd en , son d ern m a n müsse auch an die Angestellten

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lierangehen — . V on den Bezügen des A u fsich tsrats u n d des V o rstan d es sprach Bosch nich t. N u r G cheim rat Schm itz te ilte m it, d a ß diese B ezü g e u m m indestens 10 P ro zen t g ek ü rzt seien. 10 P ro z e n t A bzug in der o ly m ­ pischen H öhe eines I.-G .-A u fsich tsrates lassen sich w ohl e rtra g e n — . Die völlige Fusion, d er logische A bschluß d er E n tw ick lu n g der d e u tsc h e n chemischen In d u strie , w urde W irklichkeit am 2. D ezem ber 1925. D ie bis dahin in der F o rm einer In teressengem einschaft zu sam m engefaßten sechs Firm en — F arb en fab rik en vorm . F ried rich B ay er & Co., L e v e r­ kusen-Elberfeld, F arbw erke vorm . M eister L ucius & B rüning, H ö c h st, A ktiengesellschaft fü r A nilinfabrikation, B erlin, Chem ische F ab rik G ries­ heim -E lektron, F ra n k fu rt a. M., Chemische F a b rik e n vorm . W eiler t e r Mer, U erdingen, Badische A nilin- u n d Sodafabrik, Ludw igshafen — gingen in d er «I.-G .-F arbenindustrie AG.» auf. Im folgenden J a h r e kam en noch die K öln-R ottw eil-A G . u n d die F arb w erke M ühlheim v o rm . A. L eonhard & Co. dazu. U m diesen K ern entw ickelte sich in den fol­ genden J a h re n d u rch A ufsaugung w eiterer E inzelunternehm ungen u n d durch nationale u n d in tern atio n ale V erträge eine E influßsphäre, d u rc h die der I.-G .-K o n zem zu einem einen ganzen In dustriezw eig n a tio n a l beherrschenden u n d in tern atio n al sta rk beeinflussenden organischen G e­ bilde geworden ist. D as A ktien k ap ital der I.-G . w urde bei d er G rü n d u n g a u f 646 M illionen M ark festgesetzt. Schon im folgenden J a h re w urde es a u f 1,1 M illiarde erhöht, w odurch die I.-G . zum k a p ita lstä rk ste n p riv atk ap italistisch en T ru st D eutschlands w urde. Im J a h re 1928 w urden w eiter fü r 250 M il­ honen M ark Teilschuldverschreihungen ausgegeben, die in A ktien u m ­ getauscht w erden können. R ech n et m an diese 250 M illionen zum K a p i­ tal, so u m fa ß t die I.-G . 35 P ro zen t des gesam ten in der deutschen che­ mischen In d u strie in v estierten K ap itals, das a u f 33/4 bis 4 M illiarden M ark 1 geschätzt w ird. D och ist der Einfluß a u f die chem ische G esam tindustrie bedeutend größer, als dieser rein kapitalm äßigeV ergleich erkennen läß t. Die Zusam m enfassung in d er I.-G . w ar n ic h t einfach die Sum m ierung der bis dahin selbständig gewesenen U nternehm ungen. E tw as N eues 1 Dr. C. Ungewitter in «Die großen Chemiekonzerne Deutschlands 1931» (Spezialarchiv der deutschen Wirtschaft).

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w ar en tstan d en , ein Organism us, dessen letzte Ausläufer in alle Zweige der W irtsch aft, m eh r noch, des politischen Geschehens, hineinreichen. D er N am e I.-G .-F arb en sagt heute nur noch etwas über den Ur­ sprung dieses Gebildes aus, wenig über seine Funktion. Allein schon die M öglichkeiten d er K onzentration der Herstellung der zahlreichen,, überaus verschiedenen P rodukte auf die geeignetsten Werke, die Zu­ sam m enfassung des V erkaufsapparates, wo bisher mehrere Vertriebs­ organisationen konkurrierend nebeneinander gestanden, die Vereinheit­ lichung der P ro p ag an d a usw., also alles, was ganz allgemein den Vorteil jeder gesunden K o nzentration ausm acht, mußte die Schlagkraft des Blocks gew altig erhöhen. N ach dem P rinzip «der regional dezentralisierten Zentralisation», das Duisberg a u f der letzten Generalversammlung der Elberfelder Farben­ fabriken als L eitgedanken des organisatorischen Aufbaues der I.-G. ver­ kündete, w urden zunächst vier, später fünf Betriebsgemeinschaften ge­ bildet. N äm lich die Betriebsgem einschaft Oberrhein, Mittelrhein,Nieder­ rhein, M itteldeutschland, Berlin, dazu kom m t die Bergwerksverwaltung Halle, die den um fassenden Besitz der I.-G. an Braunkohlengruben und die Steinkohlenzechen der Gewerkschaft Auguste Viktoria, Hüls, leitet. Der Verkauf, der anfangs in derselben Weise regional gegliedert war, ist heute nach P ro d u k te n zentralistisch zusammengefaßt, so daß je eineV erkaufszentrale für F arben, anorganische Produkte, Lacke, Pharmazeutika, Stickstoffprodukte u nd eine für Photographica, Kunstseide und Riechstoffe zusam m en besteht, im ganzen also sechs. Alle Bedenken D uisbergs gegen die volle Ausschaltung der Konkurrenz, alle eingeschalteten Sicherungen, wie die Verteilung der Produktion einesArtikels a u f zwei m iteinander in Idealkonkurrenz stehende Werke, erwiesen sich als lächerliche Zwirnsfäden, die von den strengen E n t­ wicklungsgesetzen zerrissen wurden. Nach der Fusionierung mußte man dazu schreiten, jeden A rtikel d o rt zu produzieren, wo die besten An­ lagen w aren u n d diese aufs äußerste auszunutzen. Nur wo ein Werk, nicht ausreicht, w ird heute in der I.-G. an zwei oder mehr Stellen produziert. Also die rein technischen Bedingungen sind maßgebend' 127'


gew orden. Sollten anfangs noch, u m die «Beziehungen zwischen Verkauf, H erstellu n g , E rfindern usw . au fre c h t zu erhalten», n ach L ändergruppen vereinigte V erkaufsstellen e rh a lte n bleiben, so erwies sich auch das als ein «radikaler Fehler». D as P rinzip d e r zen tralen L eitung setzte sich in allen Teilen des n eu en R iesenbaues, zu dem die I.-G .-Farben "wurde, durch. Die ad m in istrativ e L eitu n g des G anzen r u h t in den H än d en eines 26köpfigen A rbeitsausschusses u n te r dem V orsitz v o n G eheim rat Bosch. Die M itglieder des A rbeitsausschusses gehören alle dem V o rstan d an, in d em ebenfalls G eheim rat Bosch d en V orsitz fü h rt. D ie V orstandsm it­ glieder, die n ic h t dem A rb eitsausschuß angehören, sind in den Betriebs­ oder V erkaufsgem einschaften tä tig ; sie sind n ach Boschs A usdruck «Ab­ teilungsleiter». D ie A rb eitsteilu n g in dem um fangreichen leitenden K ö rp er d er I.-G . is t sehr in te re ssa n t u n d k a n n als m ustergültig fü r die B ew ältigung solcher A ufgaben gelten, die d u rch die im Zuge der E n t­ w icklung im m er notw endiger w erdende einheitliche Zusam m enfassung ganzer Industriezw eige gestellt w erden. Insg esam t sind es 110 M änner, die diesen «leitenden Ü berbau» darstellen. 50 v on ih nen bilden den Auf­ sic h tsra t. 42 M itglieder des A ufsichtsrats sind allerdings reine R eprä­ sentationsfiguren ohne p rak tisch e F u n k tio n , d en n sie beaufsichtigen n ich ts. Sie sind fau x frais. Die A ufsicht ü b t vielm ehr d er aus 8 M it­ gliedern des A ufsichtsrats zusam m engesetzte V erw altungsrat aus, dessen V orsitz Professor D uisberg fü h rt, d er gleichzeitig V orsitzender des rein re p rä se n ta tiv e n A u fsichtsrats ist. Sieht m a n die L iste d er A ufsich tsräte d urch, so findet m an eine Reihe v o n B an k iem am en d a ru n te r, so Ja k o b G oldschm idt, den M ann, der für Glück u n d U nglück d er D a n a tb a n k veran tw o rtlich ist, den H am burger B ankier M ax W arb u rg , D irek to r S c h ü tte r u n d M ax v . Schinckel von der D D -B ank u n d einige andere, aber im V erw altungsrat sitzt kein V ertreter d er H ochfinanz. A llerdings ist K a rl v . W einberg auch im A ufsichtsrat der D D -B an k v e rtre te n , jedoch is t das n u r als Zeichen dafü r zu bew erten, d aß die I.-G . sich bei B örsengeschäften der D eutschen B a n k bedien t, n ic h t ab er A usdruck eines Einflusses der D D -B ank a u f die I.-G . 128


D ie I.-G . is t der en tw ickeltste T yp des reinen Industrietrusts, der sich völlig v on dem E influß des B ankkapitals unabhängig hält und auch n ic h t den W eg ging, selber zum Finanzkapital zu werden, das heißt auf d e r Basis d er In d u strie m a c h t eine Finanzm acht aufzubauen. Zwar gliederte sich die I.-G . eine B ank an, die Länderbank AG., die jedoch n u r als H au sb a n k fü r den F arb en tru st fungiert ohne eigene finanzkapi­ talistisch e E xpansionsbestrebungen. D ie einzelnen M itglieder des Verw altungsrats haben nach Duisbergs A ngabe a u f d er le tz te n Generalversammlung der Elberfelder Farben­ fabriken , je ein b estim m tes G ebiet zu überwachen. Der Verwaltungsrat als Ganzes b ild e t «eine oberste Instan z, die dafür sorgt, daß möglichst d as ökonom ische P rin zip zur D urchführung kommt». D ie oberste «arbeitende» Verwaltungsstelle — im Gegensatz zur Auf­ sichtsinstanz — is t d er A rbeitsausschuß des Vorstandes, bei dem alle w ichtigen E n tscheidungen liegen u n d der die größeren Projekte durch­ b e rä t. E r a rb e ite t die P ro jek te aber nicht selber aus. «Die eigentliche ■wirkliche A rb eit w ird d u rch die Fachausschüsse gemeinsam für die ganze F irm a geleistet» (Bosch). Die Fachausschüsse setzen sich aus den Direk­ to re n der in F rag e kom m enden Abteilungen zusammen und sind ihrer­ seits oft wieder in U nterausschüsse für Spezialfragen gegliedert. Da die V orstandsm itglieder, soweit ihre K ra ft nicht vom Arbeitsausschuß ab­ sorbiert w ird, A bteilungsleiter sind, ist also der ganze öOköpfige Vorstand ein tatsächlich arb eiten d er A p p arat, der das Ganze des komplizierten Betriebes I.-G .-F arb en v erkörpert. E in e besondere B edeutung u n te r den Vorstandsmitgliedern kommt Ge­ heim rat H erm an n Schm itz zu. E r ist der Finanzdirektor und stellt, da die I.-G . ihre F in an zp o litik in weitgehender Unabhängigkeit von den B anken b e tre ib t, allein schon durch das Gewicht des Trustes eine eigene M acht in der deutschen Finanzw elt dar. H erm an n Schm itz m ach te seine K arriere in dem vor dem Kriege die ganze W elt u m spannenden K onzern der «Metallgesellschaft» in Frank­ fu rt am Main. E r w ar zuerst im P rivatsekretariat des Chefs der Firma, W ilhelm M erton, beschäftigt, aus dem eine ganze Reihe bekannter inter­ natio n aler U ntern eh m er u n d Finanzleute hervorgegangen sind. Neben

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I.- G . D eutschland

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H e rrn Schm itz w aren bei der M etallgesellschaft d er sp ätere New Y orker B ankier C. M. Loeb, der L ondoner B an k ier A. G. C. Villiers, Teilhaber des eineinhalb J a h rh u n d e rte zählenden B ankhauses B aring B rothers, w eiter der jetzige indische F in an zm in ister G. S ch u ster u n d viele andere (u n ter ihnen zwei J a h re lang auch G eheim rat H ugenberg) tä tig . Schm itz rü ck te sehr schnell auf. E r w urde erster R evisor, 1910 stellvertretendes u n d 1917 ordentliches V orstan d sm itg lied des K onzerns. Gleichzeitig ü b ertru g ihm die R egierung die L eitu n g d er K riegsrohstoffabteilung Chemie. Von h ier aus w echselte Schm itz vom M etallkapital zum Chemie­ k a p ita l üb er. E r fu n g ie rt h e u te noch als V erbindungsm ann zwischen der I.-G . u n d d er M etallgesellschaft, in deren A u fsich tsrat er sitzt. Sein P osten als F in a n z d ire k to r d er I.-G . gefällt ih m so g u t, daß er den Mi­ n isterposten , d en B rü n in g ihm a n b o t, ausschlug. W as m an nach den W orten B oschs ü b e r d en U nterschied zwischen I.-G .-G eh ältem un d S ta a tsg e h ä lte m v ersteh en k an n . Bei der großen E m ission d er I.-G . vom J a h re 1928, den 250 Millionen M ark O bligationen, zeigte er, d aß m an a u f dem In stru m e n t der Börse auch ohne die U n te rstü tz u n g d er B anken spielen k an n . Die O bligationen k ö nnen n a c h einem b estim m ten , ziemlich kom plizierten Schlüssel gegen S tam m a k tie n d er I.-G . u m g etau sch t w erden. Als die I.-G . die Em ission beschloß, w ar d er günstigste Z e itp u n k t fü r die U nterbringung neuer P ap iere an d er B örse schon vorbei. D as K ursgebäude w ar bereits ins W an k en g eraten . Die G esellschaft b rau ch te jedoch das Geld sowohl zu r F ertig stellu n g des seit 1927 geplanten großen V erw altungsgebäudes in F ra n k fu rt am M ain — es w urde im H e rb st 1930 fertig un d h a t 20 M illionen M ark verschlungen — , als auch besonders fü r die in te r­ n ationalen P län e, die m it derV erw ertu n g der K ohleverflüssigungspatente zusam m enhingen. D am als v e rm u te te m an noch den B au großer V er­ flüssigungsanlagen, in W irklichkeit han d elte es sich um gemeinsames A rbeiten m it Rockefeiler. D er V erw altungsrat v e r tritt die These, daß die I.-G . sich bei ih ren F in an zp län en n u r n ach dem B edarf, den ihre P ro ­ je k te hervorrufen, zu rich ten h ab e, n ic h t aber n ach der Lage des Geld­ m ark tes. D as ist eine ausgesprochen technische Denkweise u n d p a ß t weder den B anken noch den B örsenleuten in den K ram , kan n ab er 130


außerdem u n te r U m stän d en fü r die I.-G . zu erheblichen Kosten durch hohe Z insbelastung führen. A nderseits h ält aber diese Methode das börsenm äßig sp ek u lativ e E lem ent aus der Geschäftsführung fern und ist der sicherste W eg, d en E influß der Banken auszuschalten. Geheimrat Schmitz trie b zw ar bei d er Em ission der Obligationen Spekulation, indem er den K u rs d er F a rb e n a k tie , die längst von ihrem Höchststände von 384,5, den sie einm al im J a h re 1926 erreicht hatte, heruntergeklettert und im J a h re 1927 schon a u f 238,5 gesunken war, durch vorzeitige An­ kündigung einer D ividendenerhöhung von 10 au f 12 Prozent in die Höhe trieb und d a m it au ch d en K urs der Obligationen. Es handelte sich um die U nterbringung eines Teiles von etw a 35 Millionen, der noch nicht direkt von den A k tio n ären übernom m en worden war. Geheimrat Schmitz be­ diente sich zu dieser O peration eines Bankenkonsortiums unter Führung der D eutschen B an k . E in Teil dieser Obligationen wurde im Sommer 1928 durch das beschriebene M anöver glücklich untergebracht. Dann ließ man den K u rs w ieder beliebig fallen. Als mm im Herbst 1928 auch der R est d er O bligationen an den Mann gebracht werden sollte, versuchte m a n dasselbe M anöver. «Unter wohlwollender Benutzung aller Börsengerüchte», wie eine W irtschaftszeitschrift schrieb, manipu­ lierte m an den K u rs der I.-G .-A ktie von neuem in die Höhe, doch gelang es diesmal n ic h t ganz. E he noch die U nterbringung aller Obligationen gelungen w ar, setzte ein Baisseangriff ein. Wie an der Börse erzählt wurde, ging dieser Angriff' v on der D arm städter und Nationalhank aus, die an dem G eschäft n ic h t beteiligt worden war. Seitdem die I.-G . keine neuen Emissionsabsichten m ehr hat, kümmert sie sich — oder k ü m m erte sie sich wenigstens bis vor kurzem — nicht mehr um den B örsenkurs ih rer Papiere. Die Aktie ist nicht mehr allzu­ weit von der Parigrenze e n tfe rn t— nach der Börsenschließung im Sommer 1931 fiel sie u n te r 100 — , die Obligationen sanken sogar weit darunter bis auf etw a 80 P ro zen t. D as Publikum , das die Obligationen zu den hohen K ursen g ek au ft h a t, h a t also erheblich Geld verloren. Da die W irtschaftskrise eine Lage herbeiführte, in der die Aktien und Obligationen gefallen w ären, auch wenn sie vorher nicht durch M anipulationen in die H öhe getrieben worden wären, so blieb der Vorgang 9’

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dem P ublikum verborgen. G eheim rat S chm itz b a t die Ja h re 1930 u n d 1931 dazu b en u tzt, A ktien d e r I.-G . fü r d e n T ru s t zurückzukaufen, ein Vorgehen, das gegen d en P a ra g ra p h e n 226 A b satz I des H an d els­ gesetzbuches v e rstö ß t: «Die A k tiengesellschaft soll eigene A ktien im regelm äßigen G eschäftsbetrieb, sofern n ic h t eine K om m ission zum E in ­ k a u f ausgeführt w ird, w eder erw erben n och zum P fa n d nehmen.» Gegen diesen P arag rap h en is t allerdings so ziem lich v o n allen G roßen der W irtschaft in aller Ö ffentlichkeit v e rsto ß e n w orden. D ie R egierung h a t in ihren N otvero rd n u n g en zum A k tie n re c h t sich d en neuen, vo n den G eneraldirektoren d er T ru sts geschaffenen V erh ältn issen an g ep aß t u n d dem P arag rap h en eine solche A uslegung gegeben, d aß R e c h t oder U n ­ rech t vom E rfolg d er A ktio n en d er G esellschaften abhängen. F ü h rt der A n k au f eigener A k tien zu V erlu sten oder g a r zum Z usam m enbruch, dann w ar es ein V erstoß gegen d en P a ra g ra p h e n 226. A ndernfalls ist alles in O rdnung. Im ganzen h a tte die I.-G . 1930 u n d 1931 A k tien im N om inalw ert von 86 M illionen M ark bei sich b eh alten , w ofür sie n a tü rlic h keine D ivi­ denden zu zahlen b ra u c h te . Bei einer D ividende v o n 12 P ro zen t m achte das eine E rsp arn is von ru n d 10 M illionen M ark aus. Zu einem großen Teil geschah die E inziehung d e r A k tie n in der F o rm , daß die A ktionäre ihre I.-G .-F a rb e n a k tien in A k tie n d er im Ja h re 1928 gegründeten Schweizer H oldinggesellschaft des F a rb e n tru ste s, der I.-G .Chemie, Basel, u m tau sch ten , w as a u f g u t D e u tsc h schließlich n ich ts anderes als eine F orm d er K a p ita lflu c h t n a c h d e r Schweiz ist. Die P olitik, sich m öglichst u n ab h än g ig v o n d e n B an k en zu h alten , h a t die Position d er I.-G . geschäftlich u n d m oralisch in der K rise vo n 1931 außero rd en tlich g e stä rk t. Als n ach dem S chalterschluß der D anatban k die größ ten d eu tsch en K onzerne in L iquiditätsschw ierigkeiten gerieten, da k o n n te G eheim rat Schm itz fü r die I.-G . in seinem B ericht fü r das zweite V ierteljah r 1931 v e rk ü n d e n : «Die finanzielle Lage ist nach wie vor günstig, u m so m ehr, als keinerlei B ankverpflichtungen b e­ stehen!» Diese in d er schw ersten K rise offensichtlich v o n Erfolg ge­ krö n te Finanzpolitik h a t S chm itz’ P o sitio n als F in an zb erater der Regierung B rüning besonders befestigt. 132


10 . Öl-Imperialismus

Zahlreiche m ilitärische Ereignisse aus dem Weltkriege sind nur ver­ ständlich, w enn m an die Rolle des Petroleums in der Weltpolitik kennt. Zu diesen Ereignissen gehören vor allem die Kämpfe auf dem asiatischen K riegsschauplatz, die K äm pfe um Mossul, der türkische Vormarsch gegen B aku u n d B atu m , die Expedition des deutschen Generals Kress v. K ressenstein n ach Georgien, dann später die englischen Abenteuer rings um das G ebiet v on B aku. In der Nachkriegszeit setzte sich das Spiel fort. D ie A ufstände d er georgischen Menschewisten gegen die bolschewistische H errschaft waren Kämpfe ums Oel, und die Konferenz von Genua w urde v on dem Korrespondenten eines deutschen schwerindustriellen B lattes treffend m it den W orten charakterisiert, «daß man die Geschichte d er K onferenz von Genua in Oel schreiben wird. Die Konferenz w ird tatsäch lich der Schauplatz des Kampfes zwischen der Standard O il1 u n d d er R oyal D u tch 2 Gesellschaft se in ...» Eine Geschichte des Petroleum s gehört nicht hierher. Nur soweit sie zum V erständnis d er P o litik d er I.-G . nötig ist, die seit einigen Jahren ein besonderer F a k to r in dem K am p f der konkurrierenden Oelmächte ge­ worden ist, k a n n sie gestreift werden. Die gesam te m oderne Energieerzeugung geht aus entweder von der Kohle, von d er W asserkraft oder vom Erdöl. Schalten wir die Wasser­ k ra ft hier aus, deren E ntw icklung und Ausnutzung besonderen Be­ dingungen unterlieg t. Die Produktion von Steinkohle stieg in der Zeit von 1900 bis 1928 — dem letzten J a h r vor Ausbruch der Wirtschafts­ krise — um drei V iertel, die P roduktion von Braunkohle auf mehr als das D reifache, die P ro d u k tio n von Erdöl aber fast auf das Zehnfache. Das E rdöl w ird zu L euchtöl, Benzin, Heizöl und Schmieröl verarbeitet. D er Siegeszug Rockefellers begann m it dem Leuchtöl, m it der Petroleum­ lam pe. H eu te verschw indet das Leuchtöl an Bedeutung vollkommen 1 Der amerikanische Petroleum trast Rockefellers. * Der englische Petroleum trast, an dessen Spitze der bekannte Sir Henry Deterding steht.

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h in te r d en Treibstoffen. I n d er P etro leu m in d u strie der Vereinigten S ta a te n w erden etw a 40 P ro z e n t des gesam ten E rd ö ls a u f Benzin, etw a 45 P ro zen t a u f H eizöl u n d Gas v e ra rb e ite t, dagegen n u r knapp 6 P ro ­ zent a u f Leuchtöl, 3,5 P ro z e n t a u f Schm ieröl. E rs t m it der E ntw icklu n g des E rd ö ls zum w ich tigsten T reibstoff der W elt begann die G eschichte des Ö lim perialism us, begann das W e tt­ rennen d er großen Ö lgesellschaften u n d d er im perialistischen S taaten nach jedem F etzen L an d , in dem etw a ö l gefunden w erden könnte. M an verfolge n u r die G eschichte M ossuls, wo b isher noch kein Faß Öl gewonnen w urde, ab er dennoch u m die u n terird isch en Schätze, deren A usm aß k ein M ensch k e n n t — ein englischer Sachverständiger m achte sich anheischig, alles P etro leu m au szu trin k en , w as m an dort finden w ürde — , schon b lu tig e K äm pfe, diplom atische u n d geschäft­ liche In trig e n aller A rt g efü h rt w u rd en ; oder die Geschichte des russischen E rd ö ls, d as einer d er A ngelpunkte d er russischen Politik, im ak tiv e n u n d p assiven Sinne, v o r u n d n ach d er R evolution wurde, d a die russischen Ö lvorkom m en die reich sten der W elt sind. Be­ a c h te t m a n dies u n d b e d e n k t m a n die gew altige Z unahm e des Autom ohilverkehrs im le tz te n J a h rz e h n t, die d u rch die W irtschaftskrise zweifellos n u r u n terb ro ch en is t u n d sich auch in diesem Ja h rz e h n t fo rt­ setzen w ird, u n d b e a c h te t m a n w eiter, d aß bei d er F lo tte der W elt vor dem K riege noch n ic h t 3 P ro zen t d er T onnage m it ö l gefeuert w urden, w ährend es je tz t beinahe 30 P ro z e n t sind, d a ß die V erw endung von M otoren in d er F lo tte v o n 0,45 a u f 10 P ro zen t stieg u n d der A nteil der kohlenfeuem den D am p fer v o n 89 a u f 59 P ro z e n t zurückging, so wird m an begreifen, w elche W irk u n g allein die A n kü n d ig u n g eines Ver­ fahrens zur D arstellu n g sy n th etisch en E rdöls d u rch die I.-G .-F arb en ausüben m u ß te. D as P etroleum is t ein Gem isch v on verschiedenen K ohlenwasserstoffen, gehört also in das G ebiet d er organischen Chemie. D er Gedanke lag daher nich t fern, es aus d er K ohle, dem G rundstoff der gesam ten orga­ nischen Chemie, zu gew innen. D er erste V ersuch in dieser R ichtung w urde schon 1913 v o n d er B adischen A nilin- u n d S odafabrik vorge­ nom m en, im A nschluß an die E rfah ru n g en , die sie bei d er Stickstoff134


Synthese gesam m elt h a tte . Z unächst wurde rein theoretisch einYerfahren ausgearbeitet, d en einfachsten u n ter den Alkoholen, Methylalkohol, sogenanntes M ethanol, u n te r hohem Druck bei hoher Temperatur und u n ter E inw irkung v o n K atalysatoren durch die Vereinigung von K ohlenoxyd m it W asserstoff zu erzielen. Nach sehr langwierigen Ex­ perim enten gelang es 1923 endlich nach diesem Verfahren auch die fabrikm äßige P ro d u k tio n aufzunehm en. Die Hoffnung, dam it gegen das Benzin käm p fen zu können, m ußte jedoch aufgegeben werden. Das P ro d u k t ist zu teu er. Dagegen fü h rte das V erfahren a u f einem andern Gebiete zu einer völligen Umwälzung. M ethanol ist ein wichtiges Lösungsmittel und Ausgangs­ produkt zur H erstellu n g von Form aldehyd, das wiederum zusammen mit Phenol (K arbolsäure) K u n sth arze u nd Kunststoffe bildet. Phenol wird gleichfalls aus K ohle, näm lich aus Kokereigasen gewonnen. Bis dahin war M ethanol ein N eb enprodukt der Holzverkohlungsindustrie gewesen. Die Synthese d er I.-G . w ar fü r diese Industrie vernichtend. F ü hrte die M ethanolsynthese der Badischen nicht zu dem erstrebten Ziel der E rsetzu n g des N aturöls, so schienen zwei andere Methoden, die als Bergin- u n d als Fis eher-V erfahren populär geworden sind, Erfolg zu versprechen. Das B ergin -P aten t w urde ebenfalls schon 1913 von Dr. Bergius ange­ m eldet. E s k n ü p ft genau so wie die M ethanolsynthese an die von H aber-Bosch entw ickelte M ethode des Arbeitens m it hohem Druck an und fand d ah er sofort das Interesse der Badischen. Doch dauerte es auch hier zwölf J a h re , ehe die M öglichkeit gegeben war, größere Versuchs­ anlagen nach diesem V erfahren arbeiten zu lassen. Bergius läßt bei einem D ruck von 200 A tm o sp h ären u n d einer Tem peratur von etwa 450 Grad W asserstoff d ire k t a u f K ohle einwirken. Die Kohle wird vorher zu Pulver gemahlen u n d d a n n m it ö l zu einer P aste gemischt, die in die A pparatur gepreßt w ird. D ad u rch is t eine ununterbrochene Zufuhr von Kohle w ährend des A rbeitsprozesses m öglich. Das Ergebnis ist ein Rohöl, das erst noch von zahlreichen B estandteilen gereinigt und d ann genau so a u f die E inzelp ro d u k te B enzin, H eizöl usw. verarbeitet werden muß wie das natürliche R ohöl.

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D agegen h a t Professor F ran z F ischer im K a ise r-W ilh elm -In stitu t fü r K ohlenforschung in M ühlheim an d er R u h r zusam m en m it D r. Tropsch eine Synthese ausgearheitet, die a u f d er F e stste llu n g b asiert, «daß es n ic h t nötig ist, die H y d rieru n g d u rch H o ch d ru ck v o n ü b er 100 A tm o­ sphären zu erzwingen, d aß sie vielm ehr auch ohne jede A nw endung von U eberdruck, u n d zw ar bei T em p eratu ren zw ischen 200 u n d 300 G rad ausgeführt w erden k a n n . D abei lassen sich alle P ro d u k te des pensylvanischen E rdöls, B enzin, P etro leu m u n d P araffin, w asserklar b e­ ziehungsweise schneew eiß d ire k t aus W assergas hersteilen. V oraus­ setzung ist allerdings äu ß erste R einigung des Gases vo n allen Schwefel­ verbindungen u n d e x ak te E in h a ltu n g d er o ptim alen T em peratur, was beides keine Schw ierigkeiten m eh r m acht». (Professor Fischer, im Chem ieheft d er « F ran k fu rter Zeitung».) D er V orteil des Fischerprozesses schien also d a rin zu liegen, daß die Erzeugnisse n ic h t e rst w eiterv erarb eitet w erden m üssen, wie das bei der B erginm ethode n ö tig ist. D afü r m uß aber die K ohle bei Fischer zunächst in Gas ü b e rfü h rt u n d das Gas völlig gereinigt w erden. E s en tstan d eine K ontroverse zwischen den beiden F orschem , welches V erfahren das w irtschaftlichere sei. D er K e rn p u n k t is t die billige D arstellung des W asserstoffes, w ofür Bergius ein besonderes V erfahren ausgearbeitet h a t, das den W asserstoff im Prozeß d er K ohleverflüssigung seihst aus den entsteh en d en R eaktionsgasen liefert. D ie E inzelheiten der A us­ einandersetzung b rauchen u ns n ic h t zu interessieren, zum al die w ich­ tig sten P u n k te d er V erfahren geheim gehalten w erden u n d die Probe aufs E xem pel, näm lich die w irkliche G roßproduktion, bei keinem der V erfahren g em acht w urde. M itte 1928 g rü n d eten die R uhrkohlenzechen gem einsam die <(AG. fü r Steinkohlenverflüssigung u n d -Veredelung» in D uisburg, die eine V er­ suchsanlage zur E n tw ick lu n g d er Bergin verfah ren b etrieb . Schon sehr bald tau c h te n die ersten G erüchte auf, d aß tro tz aller optim istischen R entabilitätsberechnungen, die Professor B ergius aufgestellt h a tte , die praktischen Ergebnisse unbefriedigend geblieben seien. Im Ju li 1930 dem entierte die G esellschaft die G erüchte, die von einer Aufgabe d e r K ohleverflüssigungsversuche sprachen u n d b e to n te, daß sie ihre 136


Versuche in dem bisherigen Um fang weiterführen würde. Aber schon ein halbes J a h r sp ä te r, im J a n u a r 1931, m ußte die Gesellschaft bekannt­ geben, d aß sie ih re V ersuchsanlage binnen kurzem völlig stillegen werde, da die V ersuche «zum A bschluß gebracht seien». Das Verfahren habe sich als «technisch u n d chemisch durchführbar» erwiesen, jedoch sei im R ahm en d er bisherigen Anlage — 150 Mann Belegschaft, Produktion von etw a 120 T onnen Leichtöle pro M onat— keine rentable Produktions­ möglichkeit vo rh an d en . Die Kohlenindustrie könne in der jetzigen Lage eine F ortsetzu n g der Versuche nicht tragen. D araus m u ß w ohl herausgelesen werden, daß zum mindesten bei der vor­ handenen U eberproduktion an Petroleum und den entsprechend niedrigen P reisen das V erfahren gegen das Naturöl nicht konkurrenz­ fähig ist. L eider w ird ü b er die wirklichen Erfahrungen, die gesammelt worden sind, n ich ts m itgeteilt. E s wurde und wird behauptet, daß der K ardinalfehler säm tlicher Kohleverflüssigungsanlagen bisher in dem zu großen M aterialverschleiß b esteh t, da die Kohle unter dem hohen Druck und bei der hohen T em p eratu r a u f die B ehälter wie Schmirgel wirkt und die besten Stähle aufreibt. Die Versuche F ischers im K aiser-W ilhelm -Institut in Mühlheim scheinen nach den A ngaben, die Professor Fischer im Dezember 1930 über den S tand seines V erfahrens gab, befriedigender gewesen zu sein. Danach sind erhebliche F o rtsc h ritte in der E ntdeckung hochaktiver beständiger K atalysatoren u n d in der Verbilligung der Ausgangsgase gemacht worden. E ine größere A p p a ra tu r erzielte bereits 80 Prozent der im Laboratorium erhältlichen A usbeuten. Das Hauptproblem ist die Ver­ billigung der K o n ta k ta p p a ra tu r, die noch nicht erreicht ist, aber durch­ aus für erreichbar g ehalten w ird. Professor Fischer deutete verschiedene Wege an, die abseits v o n den bisher begangenen nach seiner Ansicht über kurz oder lang m it B estim m theit zur Lösung der Probleme der Kohleverflüssigung fü hren w erden. Bisher ist also keines der beiden Verfahren in die industrielle Praxis übergegangen. N u r ein U nternehm en in Deutschland ist nach K apital­ k ra ft u n d v o r allem n ach E rfahrungen überhaupt in der Lage, die Pa­ te n te auszuw erten, näm lich die I.-G .-Farben. Sie h a t zwar die ersten 137


B ergiuspatente durch die B adische ü b ern o m m en u n d alle späteren dazu e r­ w orben, h a t aber dennoch eigene V erfah ren a u sg e a rb eitet. D arüber is t technisch allerdings so g u t wie n ic h ts b e k a n n t, je d o ch k a n n m an au s der Geschichte derV ersuche der I.-G . gewisse R ückschlüsse ziehen. W ich­ tig er an der G eschichte d er K ohleverflüssigungsverfahren der I.-G . is t allerdings, daß sie einen W en d e p u n k t in der P o litik des T ru stes ü b e rh a u p t darstellt, der für die Z u k u n ft v o n en tsch eid en d er B ed eu tu n g ist. Die H ydrierverfahren der I.-G . fußen a u f d e n B erg iu sp aten ten , schon darum , weil es ü b e rh a u p t k a u m n o ch m öglich is t, w enn m an von d en noch ganz unentw ick elten n euen F isch erv erfah ren ab sieh t, M ethoden der Kohleverflüssigung im abhängig v on B ergius auszuarbeiten, da, wie Dr. Spilker in einem V o rtrag a u f d er H a u p tv e rsa m m lu n g der Gesell­ schaft fü r B raunkohlen- u n d M ineralölforschung a n d er Technischen H ochschule, B erlin, au sfü h rte, die p a te n tre c h tlic h geschützte Idee d er E inführung des K ohlepulvers in die A p p a ra tu r «neben den übrigen zah l­ reichen P a te n te n , die a u f E inzelausführungen u n d E inzelgedanken genom m en w urden, so ziem lich alle an d ern V ersuche zu r direkten V er­ flüssigung der K ohle v on dem V erfahren n ach B ergius abhängig m ach t, auch solche, die etw a m it K o n tak tsu b stan zen arb eiten w ollten un d som it von dem G ru n d p aten t, d er Verflüssigung d er K ohle u n te r hohem D ru ck u n d bei hoher T em p eratu r n ach B ergius ohne K o n tak tsu b stan z, frei wären). R obert F riedländer-P rechtl, d er an d en K ohleverflüssigungsarbeiten beteiligt w ar, v e r tr itt in seinem B uch «W irtschaftswende» die A uf­ fassung, daß die Kohleverflüssigung durch die K o m b in atio n des Bergiusund der I.-G .-V erfahren als ein «technisch vollkom m en gelöstes Problem» angesprochen w erden k an n . D em B au v o n G roßanlagen zur K ohle­ verflüssigung stände lediglich der große K a p ita lb e d a rf u n d das p riv a twirtschaftliche Risiko angesichts d er großen P reisschw ankungen v o n Erdöl und Benzin im W ege. Von den V orarbeiten d er Badischen ausgehend, forschte die I.-G . seit ihrem Bestehen a u f dem um fangreichen G ebiet d er chem ischen K ohle­ veredelung, von dem ja die V erw andlung in ö l n u r ein Teil ist. Sie v e r­ stan d und v ersteht es aber glänzend, den Schleier des Geheimnisses ü b er 138


diese A rbeiten zu breiten . Offensichtbeb h a t sie sich nicht auf ein Teilgebiet b e sc h rä n k t, sondern den gesamten Aufgabenkreis in Angriff genommen. D as m u ß m an aus den W orten Boschs in seinem Artikel «Zukunftsproblem e d er chemischen Großindustrie» im Chemieheft der «Frankfurter Zeitung» schheßen: «Als allerwichtigstes Kohleproblem gilt gegenwärtig m it R ech t die sogenannte Verflüssigung der Kohle, das heißt die m ögbehst restlose Ueberführung in flüssige Brennstoffe, ins­ besondere B enzin. D aß a u f diesem Gebiet im Anschluß an die Arbeiten von Bergius die I.-G .-F arbenindustrie Aktiengesebschaft demnächst in einer größeren V ersuchsanlage ein eigenes Verfahren zur Erprobung bringen w ird, is t b ek an n t. W ir sind überzeugt, daß das Verfahren wirtschaftbch a rb eiten w ird. D am it ist aber das Kohleproblem im abgemeinen Sinne noch bei w eitem nicht erschöpft. Vielmehr harrt hier noch ein K om plex w eiterer Aufgaben, deren Charakter durch die der I.-G .-F arbenindustrie A G. gelungene Methanolsynthese gekennzeichnet wird. E s h a n d e lt sich näm bch um nicht weniger als darum, die ganze Chemie der einfachen Kohlestoffverbindungen, insbesondere diejenige der sogenannten abphatischen, wie Essigsäure, Glyzerin usw., erneut unter dem G esichtspunkt in A n g r iff zu nehmen, wieweit neue synthetische DarsteUungen aus einfachsten Bausteinen mögbeh sind. Daß dabei die K atalyse d er Z auberstab ist, m it dem abein m an solche Umwand­ lungen hervorbringen k an n , ist kein Geheimnis, wenn auch die Art u n d Weise, wie diese U m w andlungen stattfinden, heute noch sogar den m it der A uffindung neuer K atalysen beschäftigten Chemiker geheimnis­ voll anm uten. A uch eine zweckmäßige und sparsame Aufarbeitung der Erdöle ist notwendig.» D er E n q u eteb erich t fa ß t die Aufgaben der Kohlechemie dahin zu­ sam m en: «Neben reinen brennstofftechnischen Aufgaben wird häufig abein die m ögbehst restlose U eberführung der Kohle in flüssige Brenn­ stoffe, insbesondere in Benzin, als der eigentliche Kern dieses Aufgaben­ kreises angesehen. I n d er T a t ist er weit umfangreicher, da diese Synthese n u r eine v o n den unendbeh vielen auf dem Gebiete der Kohlen­ wasserstoffe m ögbehen Synthesen ist. Die neueste Stufe chemischer Technik, die K ataly se u n te r hohem D ruck und unter hoher Temperatur, 139


m uß hier in u n ausgesetzten E inzelversuchen u n te r s te te r V ariation der Ausgangsstoffe des K a ta ly sa to rs, d er Druck* u n d T em peraturabstufungen, d u rchgeprobt w erden, d a a u f diese W eise aus den verschie­ denen K ohlensorten, R ohölen oder E rd g asen organische Säuren, Lösungsm ittel, Z w ischenprodukte fü r F arbstoffe, P h a rm azeu tik a, Riech­ stoffe, K u n sth arze u n d andere Erzeugnisse ebensogut herge6tellt w erden können wie etw a B enzin oder Benzol. B ereits die bisher ge­ n an n ten G ebiete sind großenteils unerschlossen u n d gewähren der Forschungs- u n d technischen V ersu ch stätig k eit einen nahezu unbe­ grenzten Raum .» D a die hier an g ed eu teten A ufgaben in D eu tsch lan d n u r von der I.-G . ge­ löstw erd en k ö n n en , u m reißen sie dasForschungsprogram m desT rustes, zu­ m al sie ja m it d er v o n Bosch aufgerollten P roblem reihe übereinstim m en. Die I.-G . fü h rte als neues M om ent die K ataly se in den Bergin-Prozeß ein. «Wir beeinflussen», schrieb das V orstandsm itglied der I.-G ., D r. K a rl K ra u c h , in einem A rtik el in «Stahl u n d Eisen», «die Hydrierung d u rch T e m p e ra tu r, W asserstoffdruck, Ström ungsgeschw indigkeit des W asserstoffs u n d v o r allem d u rch verschiedenartige K atalysatoren, die je n ach d em erw ünschten Ergebnis in bestim m ten Phasen des H y­ drierungsvorganges zu r A nw endung gebracht w erden. W ährend m an ohne K ataly sato re n , wie Bergius arb eitet, je n ach d er N a tu r der verarbeiteten K ohle sozusagen zwangsläufig zu bestim m ten H ydrierungsprodukten gelangt, sind w ir im stande, das verw ickelte Spiel d er möglichen R eak­ tionen je n ach W unsch in die verschiedensten R ichtungen zu lenken. W ir können zum Beispiel so arbeiten, d aß als H au p tp ro d u k t der H ydrierung leichtflüchtige einfache Kohlenwasserstoffe entstehen, und haben es auch in der H an d , d aß ein m ehr oder weniger großer Teil der­ selben arom atischer N a tu r ist. L etzteres is t aus dem G runde wertvoll, weil wir d ad u rch in d er Lage sind, synthetische Benzine herzustellen, die von vornherein B estandteile en th alten , die das sogenannte Klopfen im M otor verhindern.» Bergius h a tte seine V erfahren fü r Steinkohle u n d B raunkohle ent­ w ickelt. Die I.-G . ging w eiter ins D etail. Sie beschaffte sich große M engen aller w ichtigen ausländischen K ohlensorten un d der daraus 140


gewonnenen T eere u n d p robierte ihre Verfahren an allen aus. Die w esentlichen B esonderheiten ließ sie sich in jedem Einzelfalle paten­ tieren. D an n ging sie gleich einen S chritt weiter, indem sie die Hydrier­ m ethoden a u f d as E rd ö l, u n d zw ar wieder nach verschiedenen Sorten getrennt, a n w an d te. Sie verw irklichte also bereits, was Bosch als Zu­ kunftsproblem h in stellte, die sparsam e Aufarbeitung des Erdöls. Die I.-G . stellte fest, d a ß n ach ihrem Verfahren sehr viel leichter und rationeller die schw eren ö le in Benzin oder andere Spezialprodukte ver­ w andelt w erden kön n en als nach den bisher in den Petroleumraffinerien angew andten M ethoden. Gerade an der zu geringen Benzinausbeute k ra n k t die P etro leu m in d u strie, d a der Benzinbedarf weit größer ist als der B ed arf an schw eren ö le n . Die Benzinausbeute aus den Rohölen b eträg t n u r 25 P ro zen t. M an h a t sich geholfen, indem man die schweren ö le «krackte», das h e iß t u n te r hohem D ruck und hoher Tem peratur in leichte Öle au fsp altete. E tw a 40 P rozent des amerikanischen Benzins w urde in den le tz te n J a h re n durch K rackung gewonnen. Das Ergebnis der Forschung d er I.-G . w ar n u n : <Jn ähnlicher Weise wie an die Kohle k an n m an n ach unserm V erfahren auch an die hochsiedenden Bestand­ teile des E rdöls u n d übrigens auch des Teers W asserstoff anlagem und so zu einer größeren A usheute an leichtsiedenden P rodukten gelangen als b ei der üblichen K rack u n g . A uch eine Vereinigung von Krackung und nachfolgender H y d rieru n g erscheint aussichtsvoll. W ir untersuchen ferner noch einige besondere Möglichkeiten hinsichtlich der Krackung.» (D r. K rauch.) D ie V erfahren d er I.-G . geben eine weit größere Benzin­ ausbeute u n d 8ind außerdem so vielseitig, daß m an durch kleine Ä nderungen in den A rbeitsbedingungen, aber m it derselben Apparatur, E rdölpro d u k te verschiedener A rt gewinnen, sich also den M arkt­ anforderungen anschm iegen kann. U n te r den H än d en der I.-G . ist so aus dem ursprünglichen Ziel, auf dem K ohlenreichtum eine E rdölindustrie aufzubauen, das erdölarme D eutschland v on den großen Petroleum m ächten unabhängig zu machen, ungefähr das G egenteil geworden. W a r die ganze V orkriegsentw icklung der deutschen chemischen In ­ d u strie ein großer A ngriff d er in den Dienst der Industrie gestellten 141


W issenschaft, rein technisch gesehen, gegen die seltenen natürlichen R ohstoffe, w irtschaftlich u n d politisch gesehen, gegen die S taaten und Finanzgru p p en , die diese R ohstoffe b eh errsch ten , so m u ß te die A nkün­ digung der I.-G ., die P ro d u k tio n des sy n th etisch en B enzins aufnehm en zu wollen, als F o rtse tz u n g dieser T ra d itio n u n d als K am pfansage gegen die großen P e tro le u m tru sts w irken. W ieder also ein A ngriff gegen die angelsächsischen M ächte, die auch v o r dem K riege die H auptbetroffenen der E roberungszüge des d eu tsch en C hem iekapitals w aren. E s w ar dam als die Z eit, in d er das G espenst einer m öglichen Erschöpfung der E rd ö lv o rrä te , v o r allem d er am erikanischen, an die W and gem alt w urde. F ü r M itte oder E n d e des jetzig en J a h rz e h n ts sah m an diesen Z e itp u n k t gekom m en. H e u te , wo die Ö ltru sts n ic h t wissen, wie sie ihre P ro d u k te an d en M ann brin g en sollen, wo zahlreiche neue Ölfelder en t­ d eckt w orden sin d , ist die S itu atio n anders. N iem and spricht m ehr von einer b ev o rsteh en d en E rschöpfung d er Ö lreserven. W ie w eit dam als das Geschrei der Ö lm ag n aten ehrlich w ar, wie w eit sie selbst an die kom m ende K a ta stro p h e g lau b ten , wie w eit sie n u r aus politischen G ründen K assan­ d raru fe ausstieß en , d ü rfte schwer zu entscheiden sein. Z um m indesten erreichten sie, d a ß ihre R egierungen, also die britische u n d die am erika­ nische, die B em ühungen d er beiden W elttru sts, der R oyal D utch Shell D eterdings u n d d er S tandard-O il Rockefellers, u m die K ontrolle mög­ lichst aller ö lsc h ä tz e der W elt m it ih rer P o litik u n te rstü tz te n . «In der T a t w ar die n atio n ale A ufm erksam keit oder Besorgnis ü b er die Öl­ versorgung alles, was g eb rau ch t w urde, u m die A ußenpolitik der V ereinigten S ta a te n in ö lfrag en völlig m it d er P o litik der Standard-O il zu identifizieren. D as vollzog sich nach dem W affenstillstand aus natü rlich en H an delsbestrebungen. «Der S taatssek retär u n d der P räsident der S tandard-O il zogen b ald an einer Stange!» schrieben D avenport un d Cook in ihrem B uch «The Oil T ru sts an d A nglo-A m erican Relations». D ie F rage des russischen P etroleum s, die F rage, w er es beherrschen wird, die Russen selbst oder einer d er Ö ltru sts u n d w elcher von beiden, stand dam als noch im M itte lp u n k t der politischen B eziehungen zwischen R u ß lan d u n d den k ap italistisch en M ächten. D er deutsch-französische R u h rkrieg w ar beendet, Stresem ann w ar in die Gefolgschaft der eng­ 142


lischen P o litik eingeschw enkt u n d englisches ö lk a p ital war im Begriff, sich den d eu tsch en B en zin m ark t zu sichern. I n dieser S itu a tio n m u ß te d as Vorgehen der I.-G . in höchstem Maße beunruhigend w irk en . Im W eltkrieg w aren die Alliierten nach dem W orte L ord Curzons a u f einer W oge von E rdöl zum Siege geschwommen, und die B eherrsch u n g d er u nterirdischen Erdölm eere sollte auch für die Zukunft die m ilitärisch e P ositio n u n d die weltbeherrschende Stellung des britischen Im p e riu m s u n d d er USA. sichern — während sie in den Friedenszeiten zw ischen den K riegen angenehme Profite bringen sollte. F rankreich k ä m p fte u n d k ä m p ft noch heute um einen Anteil an der E rdölbeute, is t a b e r infolge d er Versäum nisse in der Vorkriegszeit hoff­ nungslos ins H in te rtre ffen g eraten . D eutschland h a t vor dem Kriege eine sehr energische E rd ö lp o litik getrieben, hinter der die Deutsche B ank u n d die D iskontogesellschaft als treibende K räfte standen. Der K rieg h a t D eu tsch lan d seines gesam ten Erdölbesitzes beraubt bis auf die belanglosen V orkom m en im In lan d e. E s ist vom Subjekt zum Objekt der E rdölpolitik gew orden, spielt n u r noch als A bsatzm arkt eine Rolle. Neuerdings is t die B o h rtä tig k e it in D eutschland wieder reger. Durch Tiefbohrungen ü b e r 1000 M eter hinaus sind einige gute Erfolge erzielt worden. D azu k a m e n Ö lfunde u n te r den alten Kalischächten, so daß das K alik ap ital zum ö lk a p ita l gew orden ist. Das von dem Kalikonzem B urbach in dem K alisch a c h t V olkenroda geförderte ö l wird im Leuna­ w erk der I.-G . n a c h d e n n eu en H ydrierverfahren raffiniert. Die deutsche E rdölproduktion stieg tro tz d er W irtschaftskrise von 92 000 Tonnen im Ja h re 1928 a u f 174000 T on n en im Jah re 1930. Dazu kommen 100000 T onnen L eunabenzin. D a aber die E infuhr von Erdölprodukten 2,5 Millionen T o n n en im J a h re 1929 u n d etwas über 3 Millionen Tonnen im Jah re 1930 b e tru g , so is t die deutsche Förderung immer noch ver­ schwindend gering. W enn in einem neuen K onjunkturaufschw ung durch steigenden A utom obil- u n d Flugzeugverkehr der deutsche Benzin­ verbrauch steig t, so w ird das W achstum stem po der deutschen Förderung kaum S ch ritt h a lte n k ö n n en , so d a ß ih r V erhältnis zur E infuhr sich im m er ung ü n stig er g e sta lte n m u ß . 143


Sollte ab e r die I.-G . e rn sth a ft an den A usb au ih rer Kohleverflüssigungs­ anlagen gehen, so ist es keine U to p ie m ehr, D eu tschland zu einem von Ö lim porten unabhängigen L an d e zu m achen. E ine andere Frage ist, ■wie hoch die K o sten einer solchen S elbstversorgung D eutschlands für die V erbraucher sind. F ried län d er-P rech tl sc h ä tz t den K apitalbedarf fü r K ohleverflüssigungsanlagen fü r eine Ja h re sp ro d u k tio n von 5 Mil­ lionen T onnen a u f etw a 2,5 M illiarden M ark. N eben d er Beschaffung des K ap itals w äre V oraussetzung des A usbaues d er A nlagen, daß der deutsche M ark t d u rc h hohe Zölle oder E infuhrregulierung gegen das aus­ ländische P etro leu m ab g esp errt w ürde. Z un äch st h a t die I.-G . eine andere P o litik eingeschlagen, doch deutet die Z ollpolitik d er R egierung B rüning, die v o n d er I.-G . stark beeinflußt w ird, d a ra u f h in , d a ß die I.-G . R ü stu n g en fü r einen späteren Ausbau der Ö lgew innung trifft. A u ch die seit längerem bem erkbaren Be­ streb u n g en z u r Schaffung eines deutschen B enzinm onopols dürften da­ m it Z usam m enhängen — tr o tz energischer D em entis der I.-G .-D irektion. D u rch w eitere V erbesserung ih rer V erfahren h a t die I.-G . bereits je tz t die M öglichkeit geschaffen, in dem ursprünglich fü r eine Jahresproduk­ tio n v o n 100000 T onnen errich teten L eunaw erk ohne nennenswerte U m b au te n u n d E rw eiteru n g en etw a 350000 T onnen zu produzieren. Sie h a t a u ch angek ü n d ig t, d aß sie ihre P ro d u k tio n a u f 300000 Tonnen steigern will. V on einem A usbau d arü b er hin au s is t allerdings noch keine R ede. V orläufig ist d er H au p tg ru n d fü r die Steigerung der Öl­ p ro d u k tio n in L eu n a die A bsicht, die Ausfälle beim Stickstoffverkauf auszugleichen. A llein die in d e r N o tv ero rd n u n g vom J u n i 1931 festgesetzte Erhöhung der Benzinzölle b ed eu ten fü r die I.-G . b ei einer P roduktion von 100 000 T on n en B enzin eine S ubvention v on 8 M illionen M ark. Steigert sie n u n ih re P ro d u k tio n a u f 300000 Tonnen, so h a t sie durch diese eine N otverord n u n g einen U eberverdienst v o n ru n d 24 Millionen Mark. A n den vorhergegangenen Z ollm aßnahm en gegen die Erdöleinfuhr h a tte sie n a tü rlic h au ch schon v erd ien t. Die F inanzberatung der R e­ g ieru n g d u rch H e rm a n n Schm itz is t also fü r d en F a rb e n tru st recht ein­ träg lich . 144


D ie I.-G ., die es t r o t z d e r in z w isc h e n e n ts ta n d e n e n n e u e n A u s la n d s ­ k o n k u rre n z re c h t g u t v e r s ta n d e n h a t , in ih re a lte n M ä r k te w ie d e r e in ­ z u d rin g e n u n d T e rra in zu e ro b e rn , w u rd e ü b e r a ll s c h o n a n sic h m i t se h r g e m isc h te n G efühlen b e tr a c h te t. W u ß te m a n d o c h n ie , w e lc h e Ü b e r ­ ra s c h u n g e n u n d G e fa h re n v o n d o r t a u s d r o h te n . D ie V e rw irk lic h u n g d e r K o h le v e rflü ssig u n g sp lä n e a b e r e r s c h ü tte r te d ie g a n z e d u r c h d e n K r ie g h e rb e ig e fü h rte M a c h tv e rte ilu n g in d e r W e lt. D ie c h e m isc h e I n d u s t r i e d e s A uslandes, in d e r sich eb e n so w ie in D e u ts c h la n d e in z e ln e g ro ß e T r u s t s als R e p rä s e n ta n te n d e r c h e m isc h e n I n d u s tr ie ih r e s g a n z e n L a n d e s h e ra u sg e b ild e t h a b e n , w a r d a d u r c h g e z w u n g e n , e n tw e d e r d e n b is h e r n u r w enig erfo lg reich en K a m p f g e g en d ie I .- G . m it a lle n M itte ln z u v ersch ärfen u n d sich d a z u d e r B u n d e s g e n o s s e n s c h a ft d e r n u n a u c h b e d r o h te n P e tro le u m tru s ts z u b e d ie n e n o d e r n a c h V e r s tä n d ig u n g s ­ m ö g lic h k e ite n zu su ch en . Z u m Glück fü r d ie I.-G . la u fe n d ie I n te r e s s e n d e r e in z e ln e n a u s lä n ­ d is c h e n C hem ietru sts kein esw eg s p a ra lle l. Sie k o n k u r r ie r e n im G e g e n ­ t e i l sehr h eftig m ite in a n d e r. D e r d e u ts c h e C h e m ie tru s t w a r d a h e r in e i n e r ähnlichen L age w ie d ie R u s s e n , f ü r d e r e n P o litik d a s N a p h t h a d ie R o lle der P erle a m F in g e rrin g sp ie lte , d ie sie d e n k a p ita lis tis c h e n M ä c h te n e n tg e g e n h ie lte n m it d em E rfo lg , d a ß sich d ie M ä c h te z u n ä c h s t u n t e r ­ e in a n d e r u m d en B esitz d e r P e rle s t r i t t e n , e h e sie sie ü b e r h a u p t d e n R u s s e n vom F in g er gezogen h a tte n . D a s erste B ü n d n isa n g e b o t e rh ie lt d ie I.-G . v o n S ir A lfre d M o n d , d e m e n g lis c h e n C hem iegew altigen. E r w a r b e r e it, sic h a u f d e m K u n s tö l- , S tic k s to ff1- u n d F a rb e n g e b ie t m it d e n D e u ts c h e n z u v e r s tä n d ig e n u n d b r a c h t e auch das E in v e rs tä n d n is S ir H e n r y D e te rd in g s z u e in e m s o lc h e n P a k t bei. Die I.-G . w a r e in e r V e rs tä n d ig u n g a n sic h n ic h t a b g e n e ig t. S c h o n 1923 h a tte d ie D e u tsc h e In te re s s e n g e m e in s c h a ft ü b e r e in A b ­ k o m m e n m it d er B ritis h D y e s tu ff C o rp ., e in e r d e r S ta m m f ir m e n d e r s p ä te r e n Im p e ria l C hem ical In d u s tr ie s L td ., d es b r itis c h e n C h e m ie ­ t r u s t s , v e rh an d elt. D ie E in ig u n g s c h e ite rte a b e r a n d e m W id e r s ta n d d e r englischen R eg ieru n g , d ie a n d e r B r itis h D y e s tu ff k a p ita lm ä ß ig b e te ilig t w ar. I n ein em solch en A b k o m m e n w ä re n a u c h t r o t z d e r S ch w ierig k eiten , in d e n en sich D e u ts c h la n d u n d b is z u e in e m g ew issen

XO I.- G . Deutschland

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G rade auch, die deutsche chem ische In d u strie b efanden, die Deutschen dennoch d er stärk ere Teil gewesen. Inzw ischen h a tte sich die I.-G . fester o rganisiert als dam als, h a tte sie ihre erste K ohleverflüssigungsanlage in L eu n a erric h tet, u n d nahm am 1. A pril 1927 die P ro d u k tio n des L eunabenzins auf. A uch in England h a tte n sich n ach dem M uster der I.-G . die chem ischen G roßunternehm en u n te r F ü h ru n g des 1930 v ersto rb en en A lfred M ond, des späteren Lord M elchett, zur Im p e ria l C hem ical In d u stries zusam m engeschlossen. Die englische R egierung h a tte ihre K ap italb eteilig u n g aufgegeben, und zwar zu dem au sdrücklichen Zweck, die B ah n fü r A bm achungen m it der I.-G. freizum achen. D iesm al sch eiterte die E inigung an der I.-G ., die sich für einen K a m p f gegen d en englischen C hem ietrust s ta rk genug fühlte. Die I.-G . fo rd erte ziem lich offen die A nerkennung ih rer V orm achtstellung u n d verlan g te die volle B ew egungsfreiheit a u f den M ärkten des britischen Im perium s. Die englische In d u strie sollte n u r G roßbritannien als un­ b e stritten e s A bsatzg eb iet fü r eine R eihe v o n C hem iefabrikaten behalten. D abei is t das ausdrückliche, bisher allerdings n ic h t an nähernd erreichte Ziel der Im p e ria l Chem ical, d en B ed arf des ganzen britischen W elt­ reiches an F a rb e n zu decken, diesen M ark t zu beherrschen, da sie sfelir w ohl weiß — sie h a t es von den D eutschen ja so o ft gehört — , daß für die chem ische In d u strie erfolgreiche A rb eit n u r in größtem M aßstabe m öglich is t. A u f die F orderu n g en der I.-G . einzugehen, w ar ih r daher unm öglich. Sie k o n n te diese F orderungen n u r als P rovokation ansehen. Die «M oming Post», deren enge B eziehungen zur englischen A dm iralität b e k a n n t sind, sagte in aller w ünschensw erten D eutlichkeit, daß ein Ver­ tragsabsch lu ß u n d e n k b a r sei, «der n ic h t der sta rk e n P osition der englischen chem ischen In d u strie gerecht w ird u n d die ungeheure V erantw ortung für die n atio n ale V erteidigung n ic h t voll u n d ganz berücksichtigt». D as sah re c h t d ram atisch aus u n d zeigte, d aß h ier ähnliche Gegensätze bestehen wie in dem V erh ältn is zwischen d er deutschen un d der eng­ lischen K ohlen- u n d S tah lin d u strie, fü r die es n u r die Lösung des dauern­ den, von k u rzfristigen V erständigungen u n terbrochenen M achtkampfes gibt. Schw erindustrie u n d Chemie, die alte u n d die neue industrielle G rundlage des deutschen Im perialism us, fan d en sich hier in einem 146


gemeinsamen Gegensatz zu England, der vor dem Kriege, als England keine nennensw erte Farbenindustrie besessen h atte, für die chemische Industrie in dieser Form nicht bestanden h atte. Aus dem Gegensatz des synthetischen Produktes gegen das Naturprodukt, der vor dem Kriege den U ntergrund des Gegensatzes des deutschen Chemiekapitals zum englischen K ap ital bildete, war nun die Konkurrenz zweier chemi­ scher T rusts geworden, verschärft durch die Konkurrenz eines neuen deutschen synthetischen Produktes, des Leunabenzins, gegen das britische Petroleum und — als noch nicht ganz berechenbare Gefahr — die mögliche K onkurrenz synthetischen Kautschuks gegen britischen N aturkautscb.uk. Eine Zeitlang h a tte n die R uhr und die I.-G. gegeneinander gekämpft. Die neuen Möglichkeiten, die durch die chemische Forschung der Kohle­ verw ertung gegeben waren, konnten der Schwerindustrie eine neue M acht in die H ände geben, da ja die in der Hand des Ruhrkapitals liegende Kohle immer m ehr zum ausschlaggebenden Rohstoff der chemischen Industrie wird. F ü r Farben, für Pharmazeutica, für Stick­ stoff usw. ist die Kohle ebenso unentbehrlich wie für synthetisches Renzin. Die I.-G . ist nach der Reichsbahn und dem Stahltrust der größte K ohlenverbraucher Deutschlands. In dieser Lage suchte sie sich eine eigene Kohlenbasis zu schaffen. Sie war im Besitz der Gewerkschaft Auguste Viktoria, die ein Steinkohlen­ bergwerk in Hüls, Kreis Recklinghausen, betreibt, doch reichte dieser Besitz n icht annähernd zur Deckung des Bedarfs. Bei der großen Um­ wälzung des Besitzes in Deutschland, die der Inflation folgte, hatte die I.-G . Gelegenheit, im Ruhrgebiet weiter Fuß zu fassen. Sie erwarb ein P aket A ktien der Rheinischen Stahlwerke, die eine Reihe von Berg­ werken im Ruhrgebiet betreiben. Gleichzeitig erweiterte sie ihren bis dahin auch n u r unwesentlichen Braunkohlenbesitz. Den Bedarf des Stickstofifwerks in Oppau decken ihre Braunkohlengruben im niederrheinischen Gebiet. Aus der Liquidationsmasse des Stinnestrustes brachte sie die Riebeckschen Montanwerke mit ihren ausgedehnten m itteldeutschen Braunkohlenlagern und ihren Beteiligungen an che­ mischen u nd Ölhandelsgesellschaften unter ihre Kontrolle. 10*

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D ad u rch u n d d urch einige andere E rw erbungen h a t die I.-G . ihre B raun­ kohlenbasis so erw eitert, d aß sie fü r die stä rk ste A usdehnung des Kohlen­ bedarfs sichergestellt ist. A n d er V erbrauchsbeteiligung des RheinischW estfälischen K ohlen sy n d ik ats n im m t sie m it m ehr als 10 Prozent te il; vo n d er rheinischen B rau n k o h len p ro d u k tio n erzeugt sie über 8 P rozent, von der m itteld eu tsch en R o h k o hlenproduktion 39 Prozent, vo n der B rik etterzeu g un g 16 P rozent. Die I.-G . ist h eu te einer d er g rö ß ten K o hlenproduzenten Deutschlands. I n den überw iegenden B raunkohlenbeteiligungen d rü c k t sich eine sehr w ichtige W an d lu n g aus. E s ist noch n ic h t sehr lange her, da sprach man allgem ein v o n der niedergehenden Steinkohle u n d der aufsteigenden B raunkoh le. E in h eftig er K o n k u rren zk am p f w ar zwischen beiden e n tb ra n n t. I m e rsten Ü berschw ang d er R ationalisierungsperiode w urde das alles ü b e rsp itz t gesehen. Seither ist es stiller u m die Frage gew orden, d a au ch d er S teinkohlenbergbau sich u m neue Verwendungs­ gebiete fü r seine K ohle b em ü h te. D ie I.-G . ab er stellte sich in dieser Z eit w esentlich a u f B raunkohle um . Ih re w ichtigsten W erke sind un­ m itte lb a r m it B rau n k o h le verb u n d en . D ie rheinische S chw erindustrie m ach te den V ersuch, a u f ihrer Kohlen­ grundlage eine eigene chem ische In d u strie aufzubauen. Die G ründung d er G esellschaft fü r T eerverw ertung, die A ktiengesellschaft fü r Kohle­ verflüssigung u n d die F orschungen Professor F ra n z Fischers lagen in dieser R ich tu n g , ebenso die G ründung eigener Stickstoffanlagen in R au x el u n d der Zeche «Mont Cenis». D och angesichts der starken Basis d er I.-G ., angesichts d er M ißerfolge oder w enigstens n u r halben Erfolge in d er K ohleverflüssigung u n d d er in tern atio n alen Ü berproduktion au f dem S tickstoffgebiet w u rd en diese Angriffe a u f die Position der I.-G . b a ld eingestellt. M an v e rstä n d ig te sich in den V ersuchsarbeiten, soweit sie fü r beide S eiten v o n In teresse zu sein schienen. Die letzten N ach­ klänge des K am pfes w aren die P a te n tstre itig k e ite n u m das Stickstoffv e rfah ren v on M ont Cenis, die d a m it endeten, d aß im J u n i 1930 dieses Stickstoffw erk v o n d er I.-G . au fgekauft w urde. E rn s te r 6ah es u m d en K a m p f zwischen d er englischen u n d der deutschen C hem ie u n d zw ischen d er deutsch en Chemie u n d den internationalen 148


Petroleum trusts aus. Die I.-G . erklärte, daß sie von 1928 an in der Lage sein würde, die H älfte des deutschen Bedarfs an Motortreibstoffen aus dem Leunaw erk zu decken. Diese Hälfte wurde bisher von den Eng­ ländern geliefert. T rotz aller Unvollkommenheiten, die auch die I.-G.Verfahren zur Kohleverflüssigung noch aufwiesen, rechneten die Petroleum konzem e doch m it der Möglichkeit, daß diese Mängel in einiger Zeit überw unden sein könnten. Der Petroleumfachmann Jellinek rechnete aus, daß Leuna bei den derzeitigen Benzinpreisen durchaus konkurrenzfähig sei. D aß die I.-G . selber an die Wirtschaftlichkeit ihres Verfahrens glaubte, geht auch daraus hervor, daß sie sich in der deutschen Gasolin-AG. eine Verkaufsgesellschaft für ihr Benzin und ihre sonstigen Betriebsstoffe sowie für die öl- und Wachsprodukte der Riebeckschen Montanwerke schuf. Zu einer eindeutigen Entscheidung über die Konkurrenzfähigkeit des Leunabenzins ist es nicht gekommen. «Beim Stickstoff lagen die Ver­ hältnisse seinerzeit anders. Die uns hei Aufnahme der Fabrikation dort zur Verfügung stehenden technischen Unterlagenließen bei den damaligen Preisen für Stickstoffdüngemittel von vornherein eine gewisse Rente erw arten. Dagegen waren wir uns bei der Benzingewinnung aus Kohle darüber im klaren, daß es jahrelanger Arbeit bedurfte, um mit Sicherheit die Frage zu entscheiden, bis zu welcher Preisgrenze man noch kon­ kurrenzfähig sein würde. Dabei erfordert die für die Entscheidung dieser Frage notwendige Uehertragung der heim Arbeiten in kleinem Maßstab gesammelten Erfahrungen in großem Maßstab ungeheure Mittel. Das Problem der Gewinnung flüssiger Brennstoffe aus Kohle ist außer­ ordentlich wichtig und seine Lösung liegt zweifellos in nationalem Interesse; h ä tte n wir aber hierbei gegen die großen Petroleumgesell­ schaften käm pfen müssen, so wäre wohl die finanzielle Beanspruchung unabsehbar geworden. W ir hielten es deshalb für das richtigste, uns mit den Petroleum konzem en zu einigen.» (Bosch vor dem Enquete-Ausschuß über die chemische Industrie, S. 134.) T rotz des «nationalen Interesses» an der Kohleverflüssigung zog die I.-G . es also vor, diese Frage zurückzustellen und sich m it den Petroleum­ m ächten zu treffen. Sie h a t von Anfang an diese «Lösung» des Kohle149


V erflüssigungsproblem s im Auge g eh ab t u n d alle großen A nkündigungen u n d tatsä c h lic h d u rcb g efü h rten V ersuche b a tte n n u r den Sinn, für die E inigungsverbandlungen eine m öglichst günstige Basis zu gewinnen. D ie I.-G . h a tte den M ut zu ih re r k ü h n e n S prache gegenüber der eng­ lischen C hem ieindustrie, w eil sie sich n ic h t n u r im In lan d c fest verankert, sondern auch d u rc h drei A u slandsabkom m en ihre W eltstellung gefestigt h a tte : durch einen V e rtra g m it d er S tandard-O il, ein A bkom m en mit J a p a n u n d d u rch die B ildung eines deutsch-französischen Chemieblocks. Die V ereinigten S ta a te n h a tte n ebenso wie E n g lan d die V ertreibung der deutschen F a rb e n v o n d en A u slan d sm ärk ten w ährend des Weltkrieges b e n u tz t, u m eine eigene In d u strie der organischen Chemie aufzubauen, w obei ih n en die B eschlagnahm e d er d eutschen P a te n te z u statten kam. A uch in d en U SA. setzte sich tro tz d er hem m enden A ntitrustgesetze die K o n z e n tra tio n d er chem ischen P ro d u k tio n a u f einige Großkonzerne d urch. Zw ei große T ru sts h a b e n sich gebildet, die A llied Chemical and D ye C orp., die ein reines C hem ieunternehm en ist, u n d die E . J . D upont de N em ours & Co., die n eb en ihren Chem ieinteressen noch andere Be­ teiligungen h a t, w ovon die w ichtigste ein beherrschendes A ktienpaket des A utom obilkonzerns G eneral M otors ist. E inen K am p f m it diesen beiden M ächten, v o n denen jed e so k a p ita lsta rk is t wie die I.-G ., m it den B rite n , m it D eterd in g u n d m it Rockefeller, h ä tte die I.-G . n u r schwer a u sh a lte n k ö nnen. D er D u p o n t-K o n zern ist durch die enge Verbindung, die er zu dem m äch tig en F in a n z tru s t des «W eltbankiers» M organ h a t, ein besonders gefährlicher K o n k u rre n t der I.-G . M it den A m erikanern kon­ k u rrie rt sie sow ohl a u f dem am erikanischen M arkt als auch au f den südam erik an isch en u n d asiatischen M ärkten. H ier liegt ein K onflikt­ stoff, der im V e rla u f d e r w eiteren E xpansionsbestrebungen der großen C hem ietrusts u n d im M aße d e r relativ en V erengerung des W eltm arktes zu großen im p erialistisch en Z usam m enstößen in den kom m enden J a h r­ zeh n ten fü h ren m u ß . Zw ischen dem D u p o n t-K o n zern u n d dem b ritischen T ru st bestehen gewisse k ap italm äß ig e V erbindungen, die Sir A lfred M ond bei der G rü n d u n g einer F inanzierungsgesellschaft hergestellt h a t, außerdem A b­ m ach u n g en a u f dem G ebiet d er Sprengstoff- u n d K unstseideproduktion. 150


Aber auch zur I.-G . hinüber laufen Fäden. Der englische Trust ist sogar im Besitz eines, allerdings sehr kleinen, Pakets von I.-G.-Aktien, doch dürfte das wohl n u r ein «Horchposten» der Engländer hei der I.-G. sein. Da zudem seit 1930 a u f dem Stickstoffgebiet eine ziemlich enge Zu­ sam m enarbeit zwischen der I.-G . und der englischen ICI. besteht, so scheint es a u f den ersten Blick m it den Gegensätzen gar nicht so schlimm zu sein. Diese V erbindung bestand aber 1926/27 noch nicht. Damals suchte vielmehr die I.-G . den drohenden Gefahren, die sich in der Form eines heftigen Preiskam pfes geäußert hätten, dadurch auszuweichen, daß sie dem am erikanischen Petroleum trust, der Standard-Oil, die Zusammen­ arbeit au f dem Petroleum gebiet anbot. Sie kam ja nicht mit leeren H änden, sondern konnte neben dem Versprechen, die Kohlehydrierung nicht w eiter auszubauen, ihre Patente zur Hydrierung des Erdöls offerieren. Im A ugust 1927 teilte die I.-G. in einem Communique mit, daß sie mit der Standard-O il of New Jersy ein Abkommen getroffen habe, demzufolge «ein Zusammengehen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in bezug au f die Verwertung der beiderseitigen Patente und Erfahrungen auf dem Gebiet der Veredelung von Rohöl vereinbart wurde». Außerdem h atten noch «eingehende Erörterungen der Zusammenarbeit auf den übrigen gemeinsamen Interessengebieten stattgefunden». Diese etwas dunkle Andeutung dürfte sich wohl auf Absatz- und Preis­ fragen beziehen. Die weitere Entw icklung schilderte Bosch vor dem Enqueteausschuß: «Bei unserer dann einsetzenden gemeinsamen Arbeit, die zur Errichtung von Großversuchsanlagen in drei Raffinerien der Standard-Oil in den Vereinigten S taaten geführt h at, deren Jahresleistung etwa einem Drittel des gesamten deutschen Verbrauchs an Ölprodukten im Jahre 1928 entspricht, zeigte sich jedoch hald, daß dieses Abkommen in territorialer wie in sachlicher H insicht einer Ergänzung bedurfte. Das Geschäft der Standard-O il beschränkt sich ja nicht auf die Vereinigten Staaten, sondern um faßt alle wichtigeren Länder der Erde. Es erwies sich schlechterdings als eine Unmöglichkeit, inAmerika neue vielversprechende 151


V erfahren zur V erarb eitu n g u n d R affin atio n v o n E rd ö l u n d seinen P ro d u k te n zu entw ickeln, den ausländischen Tochtergesellschaften der S tandard -O il aber ihre A nw endung zu versagen. I n sachlicher Hin­ sicht zeigte sich m eh r u n d m eh r, d a ß w ir m it u n sern E rfahrungen über die H ydrierung von ö l a u ch w ichtige E rfah ru n g en fü r die Kohle- und T eerhydrierung aus d er H a n d gaben, da zwischen beiden V erfahren sehr enge B eziehungen b esteh en . Bezüglich der K ohlehydrierung, die für die Standard-Oil im H in b lick a u f die Ö lversorgung v on L ändern, die weit von den b e k a n n te n E rdölv o rk o m m en e n tfe rn t liegen, aber über billige K ohle verfügen, schon je tzt nicht ohne Interesse is t, bei einem K napp­ w erden des n a tü rlic h e n R ohöls sp ä te r ab er außerordentlich wichtig w erden k a n n , b e sta n d ein v ertrag lo ser Z u stan d . U m dieser Sachlage R echnung zu tra g e n , u n d gleichzeitig die W eiter­ entw icklung u n serer gefundenen V erfahren m it größtm öglichem Nutzen fü r un s sicherzustellen, h a b en w ir u ns im J a h re 1929 entschlossen, m it d er S ta n d a rd Oil zusam m en eine H olding-G esellschaft, die StandardI.-G . Co. zu g rü n d en u n d dieser die V erw ertung unseres gesamten P ate n tb e sitz e s a u f dem G ebiete der H y drierung a u f d er ganzen W elt m it A usnahm e v o n D eu tsch lan d zu übertrag en . A uch die S tandard Oil verpflich tete sich, die P a te n te , die sie a u f dem Gebiete b esitzt, in die G esellschaft einzubringen. E s is t beabsichtigt, sowohl die ö l-, als auch die K ohle- u n d T eerhydrierung n ic h t n u r durch die S tan d ard Oil selbst u n d ihre T ochtergesellschaften, sondern auch durch die andern großen ö lk o n zem e u n d sonstige geeignete F irm en zur A nw endung bringen zu lassen. D ie G eschäftsführung d er neuen Gesellschaft h a t die Standard Oil übernom m en. D agegen h a b en w ir u ns die V erw ertung unserer neuen V erfahren in D eutschlan d allein V orbehalten u n d eine Sondervereinbarung für das v o n uns hergestellte B enzin fü r den deutschen M arkt u n te r Bedingungen, die unsere Interessen wahren.» D as w ar das vorläufige profitliche E n d e d er großen wissenschaftlichen F orschungsaktion, die D eutsch lan d u n d alle kohlenreichen, aber ölarmen L än d er v o n d er P o litik der großen Ö lm ächte unabhängig m achen sollte. D azu h a tte die I.-G . säm tliche H ydrieru n g sp aten te aufgekauft, um nun 152


ihren Gewinn n ich t in einer neuen zukunftsreichen Industrie zu finden, sondern darin, d aß sie von allen Benutzern ihrer Patente eine Steuer einzieht. Die E ntw icklung ging nun folgerichtig weiter. Um das Lizenzgeschäft nicht au f USA. zu beschränken, wurde eine Umorganisation vorge­ nommen. Die Vergebung der Lizenzen in den USA. wurde im Jahre 1930 einer neuen Gesellschaft, der Hydro Patents-Co. inDelaware, übertragen, an der die Lizenznehm er sich beteiligen dürfen. Das heißt, daß sie neben den G ebühren, die sie an die Gesellschaft entrichten müssen, auch noch K apital einzahlen, un d so indirekt die Finanzmacht der I.-G. und Rockefellers stärken dürfen. Die Gebühr ist nicht gerade niedrig. Sie beträgt 50 Cents je B arrel ö l (1 B arrel etwa gleich 151 Liter). Dazu kommt eine Lizenzgebühr von 38 Cents für Schmieröl und von 5 Cents für Gasolin. D a die neue Gesellschaft, in die Fußstapfen der I.-G. tretend, sorgfältig verheim licht, in welchem Umfange nach ihrem Verfahren produziert w ird, lassen sich die Gewinne nicht abschätzen. Immerhin muß der Erfolg schon im ersten Jah re recht erheblich gewesen sein, denn alle großen am erikanischen Ölraffinerien m it einer Gesamtkapazität von annähernd täglich 3 Millionen Barrels zu je 42 Gallonen haben sich bereits der H ydro Patents-Co. durch Übernahme von Aktien an­ geschlossen. Die Standard Oil Co. h a t in Bayway bereits eine Hydrierungsanlage in B etrieb genommen. Bei so günstigem Beginn wagten es die Standard Oil und die I.-G. trotz der schweren W irtschaftskrise, die Eroberung des Weltmarktes für ihre P aten te einzuleiten. Ende April 1930 erklärte Lord Melchett, der Chef des britischen Chemietrusts, in der Generalversammlung der Im perial Chemical Industries, daß Verhandlungen mit der Standard-I.-G. über eine Beteiligung an den Hydrierpatenten geführt seien, und im Ju n i 1930 gab die Royal D utch Shell, der englische Petroleumtrast, eine ebensolche E rklärung für sich ab. Im April 1931 erfolgte die Gründung jener Gesellschaft, die aller W elt die Ölerfindungen des Chemikerstabes der I.-G . zur Verfügung stellen soll, die Gründung der «International H ydrogcnation P aten ts Co. Ltd.» Das Kollegium der Direktoren setzt sich aus zehn H erren zusammen, von denen vier, nämlich P . Hurll, 153


I . A. M owinckel, H . v . R iedem ann u n d H . G. Seidel, P a ris, die Standard Oil, die vier H erren F . G odher, H . Jaco b so n , I . B . A . Kessler, und I . E . F . de K ok die K oninklijke Shell (R o y al D u tc h ), H e rr Dr. August v o n K nieriem die I.-G .-F a rb e n u n d H e rr G. P . P o llitt die Im perial Chem ical In d u stries v e rtre te n . D as Öl b a t also die F ü h ru n g , nicht die Chemie. Als Sitz der G esellschaft h a t m a n sich das S tä d tc h e n V aduz (1400 E in­ wohner) im F ü rs te n tu m L iech ten stein ausgesucht. I n dieses Paradies, in dem die F in a n z m a g n a te n die geringsten S teu ern zu zahlen hahen, w erden also in Z u k u n ft die Gewinne fließen, die aus der vergangenen A rbeit der F orsch er gezogen w erden. M itteilungen ü b e r die finanzielle A usw ertung d er P a te n te , aus denen m an vielleicht die finanzielle B elastu n g d er Ö lv erbraucher u n d die mög­ lichen Gewinne d er T ru sts errechnen k ö n n te, h ä lt das D irektorium n ic h t fü r an g eb rach t. W ie bei d er G rü n d u n g d er S tan d ard -I.-G . w urde auch hier ein Aus­ ta u sc h d er E rfa h ru n g e n u n d w eitere gem einsam e Forschungstätigkeit beschlossen. U m sie großzügig durchführen zu k ö nnen, soll im H aag eine w eitere G esellschaft, die « International H y d ro g enation Engineering & Chem ical Co.», gegründet w erden, deren M itarb eiterstab sich aus T echnikern u n d C hem ikern aller b eteiligten G esellschaften zusam m en­ setzen soll. «Im Interesse ih rer V erfügung ü b er spezielle Teile des Ver­ fahrens» h a t die I.-G . das R ech t, bei d er E rric h tu n g von H ydrierungs­ anlagen b estim m te Teile d er A p p a ra tu r n u r selber zu liefern, was nicht ohne erhebliche M onopolgewinne ablaufen w ird. A uch bei dieser N eugründung h a t sich die I.-G . fü r D eutschland das Monopol ausbedungen, so d aß also beispielsweise d e r preußische S taat, der selber E rdölquellen b e sitz t u n d au sb eu tet, fü r seine E rdölverar­ beitung a u f die G nade d er I.-G . angewiesen ist. Die G ründung d er In te rn a tio n a l H ydrogenation is t zweifellos der groß­ zügigste V ersuch in d er bisherigen Geschichte des K apitalism us, die ganze W elt v erm ittels einer R eihe v on P a te n te n auszubeuten. Das O rgan der deutschen Schw erindustrie, die «Deutsche Bergwerkszeitung», is t von dieser M ethode so begeistert, d aß sie dringend em pfiehlt, «daß 154


dieses Beispiel der Interessenverknüpfung einer der wichtigsten 'Welt­ industrien im Zusam m enhang m it einem technischen Fortschritt Schule machen würde». Den beteiligtenT rusts gibt diese internationale Patentgesellschaft natür­ lich eine ungeheure M acht in die Hände. Jede konkurrierende Ölgesell­ schaft ist, will sie n ich t technisch hinterherhinken, auf die Lizenznahme angewiesen — wenigstens, sobald sich das neue Verfahren allgemein durchgesetzt h a t. Diese monopolistische Macht wächst, je weiter die Forschung a u f der gesicherten Grundlage fortschreitet. Da die Grund­ patente in dieser Holdinggesellschaft liegen, ist gleichzeitig jede weitere Forschungsarbeit a u f diesem Gebiete monopolisiert worden—, die nicht­ beteiligten Gesellschaften sind von der selbständigen Weiterentwicklung der V erfahren praktisch ausgeschlossen. Man darf wohl in der Beendi­ gung der V ersuchsarbeiten der AG. für Kohleverflüssigung in Duisburg, die zeitlich etw a m it der Gründung der International Hydrogenation zusammenfällt, einen Beweis dafür erblicken. Die Ausdehnung der Anwendung der Hydrierverfahren wird vorläufig noch durch die Krise gehemmt. Bei einem neuen Konjunkturaufschwung wird sich die Um stellung der Raffinerien sicherlich sehr schnell voll­ ziehen, so daß dann erst die Macht dieses Patentmonopols voll in Erscheinung tre te n wird. Man darf gespannt sein, welche Formen unter diesem neuen Aspekt der K am pf zwischen dem russischen Petroleum und den großen T rusts annehmen wird. Ob die Russen dann stark genug sein werden, ihre Beteiligung an den Patenten zu erzwingen oder ob die Trusts dieVerfahren dazu benutzen, eine neueEtappe des Kampfes gegen R ußland einzuleiten, in der m it den Waffen der monopolisierten Wissen­ schaft eine der w ichtigsten Positionen des Rätestaates berannt wird. Auffallend ist, daß an der International Hydrogenation auch die Im ­ perial Chemical beteiligt ist. Da es sich zunächst nur um Erdölhy­ drierung handeln soll, kann die ICI. kaum ein unmittelbares Interesse an den P aten ten haben. In England tauchten daher sofort Gerüchte auf, daß die IC I. n un Kohleverflüssigungsanlagen errichten wolle. Bis je tz t ist darüber positiv nichts bekannt geworden. Es ist sehr unwahr­ scheinlich, daß Sir Deterding das Aufkommen einer solchen Konkurrenz 155


im eigenen L an d e duld en w ird. D er Schlüssel zu r Lösung des R ätsels d ü rfte in dem «nationalen Interesse» an d e r K ohleverflüssigung, das h e iß t an dem m ilitärischen In teresse liegen. D ie englische A d m iralität v e rla n g t von d er R egierung die S icherung d er M öglichkeit zur K ohle­ verflüssigung fü r den F a ll, d a ß in einem K riege die englische F lo tte von den n atü rlich en Ö lquellen, die ja n ic h t in G ro ß b ritannien liegen, abge­ sp errt sein sollte. N ic h t ohne G rund gingen d u rch die englische Presse m ehrfach N otizen, die d a ra u f hinw iesen, d a ß synthetisches ö l sehr g u t zur F euerung v o n K riegsschiffen geeignet sei. M an k an n also verm uten, daß die B eteiligung d er IC I. d en Sinn h a t, sich a u f alle Fälle die K ohle­ verflüssigungspatente zu sichern, die ja tro tz ih rer gegenwärtigen I n ­ a k tu a litä t in die In te rn a tio n a l H ydro g en atio n m it eingebracht w urden. D er englische C hem ietru st w ollte sich durch seine Beteiligung wohl außerdem die M öglichkeit erkaufen, sich laufend ü ber alle F o rtsch ritte a u f diesem G ebiet o rientieren zu können. D ie In te rn a tio n a le d er R üstun g sin d u strie ist d am it auch a u f diesem F eld eingeleitet. M erkw ürdigerw eise ist bisher die französische chemische In d u strie n ic h t b e teilig t, obw ohl sie a u f dem F arbengebiet aufs engste m it der I.-G . liiert ist. Die französische Regierung h a t seit dem Kriege die g rö ß ten A nstrengungen gem acht, die französische P etroleum ­ versorgung sicherzustellen, da die elsässischen Ölvorkommen für F ra n k ­ reich so w enig ausreichen wie die hannoverschen fü r D eutschland. M ehr­ fach ta u c h te n allerdings M eldungen von französischen Versuchen ü b er K ohlehydrierung auf, doch ist d arü b er nichts B estim m tes zu erfahren.

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1t . Die chemische Internationale

Zu den M itteln, durch die die I.-G . zur Zeit des schärfsten Gegen­ satzes zum englischen K ap ital ihre Position zu stärken suchte, gehört die Gründung des deutsch-französischen Farbenblocks. Auch die fran­ zösische chemische In d u strie ist in ihrer heutigen Form ein Kind des Krieges. W ährend des Krieges war die französische chemische Industrie fa st völlig vernichtet. Mit Hilfe des Staates und der Ver­ bündeten w urde sie wegen ihrer militärischen Unentbehrlichkeit wieder aufgebaut u n d auch nach dem Kriege mit allen Mitteln geför­ dert. Sie u m faß t heute alle Zweige der organischen und anorganischen Chemie. Als die vollkom m en veränderte Marktverteilung nach dem Kriege das Bedürfnis nach V erständigung zwischen den Konkurrenten hervorrief, nahm die deutsche Interessengemeinschaft Verhandlungen mit den Franzosen auf. Am schwersten war die deutsche Teerfarbenproduktion betroffen, die zwar immer noch zu den Säulen der I.-G. gehört, aber nicht m ehr annähernd die Bedeutung der Vorkriegszeit hat. Es kam ein Abkommen über den Austausch von Verfahren und kaufmännische Zusam m enarbeit m it einer der größten der damaligen Teerfarbenunter­ nehmungen Frankreichs zustande. «Das lief praktisch darauf hinaus, daß wir die Länder außer Frankreich zu beliefern hatten» (Bosch). Später setzte sich auch in Frankreich die Konzentrationsbewegung stärker durch, u nd u n te r Führung des Etablissements Kuhlmann bildete sich ein großer T ru st, in dem auch die der I.-G. befreundete Gesellschaft aufging. Dieser neue Konzern, Compagnie Nationale des Matieres Colorantes et M anufactures de Produits Chimiques du Nord Reunies Eta­ blissement K uhlm ann, erklärte im Jahre 1923 die früher getroffenen Abm achungen kurzerhand für null und nichtig. Der Sinn der Annul­ lierung des Vertrages war, daß die Kuhlmanngruppe Zeit zum Ausbau ihres Trustes gewinnen wollte, um sich für spätere Verhandlungen eine stärkere Basis zu sichern:. 157


Diese neuenV erhandlungen setzten zur selben Z eit ein, als die I.-G . dem b ritisch en C hem ietrust ih r A ngebot m ach te, u n d in denselben Tagen, in denen die B riten ab leh n ten , w urde das neue A bkom m en m it dem Kuhlm ann-K o n zern veröffentlicht. E s b e tra f im G egensatz zu dem V ertrag vo n 1921 n u r den V erkauf, n ic h t die P ro d u k tio n sm ethoden. «Wenn die F ranzosen a u f ein V erfah ren Lizenzen h ab en w ollten, so w ar darüber besonders zu v erh an d eln . Ü b er die M ärkte h ab en w ir uns geeinigt, und diese V ereinbarung lä u ft d a ra u f h in au s, d aß w ir den dam aligen Besitz­ sta n d zugrunde gelegt h ab en . W ir h a b en Ä nderungen in der Verkaufs­ organisatio n vorgenom m en, zum Teil den V erk au fsap p arat der F ran ­ zosen ü b ern o m m en . L etzteres besonders in China u n d R ußland. Das ganze A bkom m en b ezieh t sich n u r a u f Farben.» (Bosch, a .a .O ., S.132.) I n der G eschichte des deutsch-französischen Chemieblocks wiederholte sich in ab g ew an d elter F o rm m anches v o n dem , was zuletzt innerhalb D eu tsch lan d s zu r G rü n d u n g d er I.-G . g efü h rt h a t. Z unächst handelte es sich n u r u m eine E in sch rän k u n g des K onkurrenzkam pfes; der erste V ersuch sc h e ite rte ; es b ild ete sich ein innerfranzösischer Block; 1927 folgte d er zw eite V ersuch, d er aber die G ruppen bald vor den Zwang stellte, das V erh ältn is noch enger zu gestalten. Als störender F aktor b e sta n d au ß erd em noch die hochentw ickelte Schweizer Farbenindustrie, die auch in einer I.-G . zusam m engefaßt ist. D eutschland führte 1927 fü r 2 1/2 M illionen M ark F arbstoffe n ach F ran k reich ein, die Schweiz aber fü r 8,8 M illionen M ark. D azu k o m m t, d aß die Schweizer I.-G . sowohl in D eu tsch la n d als au ch in F ran k reich ü b er eigene W erke verfügt. So war es eine d u rch au s logische E ntw icklung, d aß d er deutsch-französische V e rtra g zu einem deutsch-französisch-schw eizerischen Abkom m en er­ w eitert w u rd e, das au ch in h altlich ü b er den erstenV ertrag hinausging, indem es n eb en dem V e rk a u f au ch die H erstellungsm ethoden um faßte. «Dieses vorläufige P ro d u k tio n sab k o m m en m it d er französischen F arb ­ stoffindustrie w urde im F rü h ja h r 1929 au sgebaut u n d in ein festes A b­ kom m en v erw an d elt, das insbesondere auch ein intim eres Zusam m en­ arbeiten a u f technischem Gebiet v o r s ie h t... In V erbindung m it diesen V ereinbarungen is t fern er zwischen d er deutschen, der französischen u n d der schw eizerischen F arb sto ffin d u strie ein w eiteres Abkommen 158


erzielt w orden, das u n te r Aufrechterhaltung der Selbständigkeit der bestehenden O rganisationen eine durch die heutigen Marktverhält­ nisse notw endige Zusam m enarbeit aller Beteiligten im Verkauf zum Zwecke h a t. Die U nabhängigkeit und Entwicklungsmöglichkeit der be­ teiligten F irm en ist auch hierbei unangetastet geblieben. Die besonderen Bindungen zwischen der deutschen und der französischen Gruppe, ins­ besondere hinsichtlich teilweiser Zusammenlegung von Verkaufsstellen, bestehen daneben fort. Das Geschäft in den Vereinigten Staaten von Amerika w ird von den vorstehenden Abkommen nicht betroffen.» (Bosch, a. a. 0 .) Der K uhlm ann-K onzem u nd einige Gesellschaften, mit denen er eine Interessengem einschaft geschlossen hat, liefern fast den gesamten innerfranzösischen F arbstoffbedarf selbst. Nur noch knapp 10 Prozent des Verbrauchs w erden eingeführt. Die Ausfuhr der französischen Farben­ industrie geht hauptsächlich nach Lateinamerika, Spanien und den fran­ zösischen Kolonien, w ährend die deutsche Farbenausfuhr einen immer wichtigeren M arkt in Indien und China findet. Der Block, den die drei Länder gebildet haben, beherrscht rund 61 Prozent der Weltproduktion an Farbstoffen. Vor dem Kriege machte allein die deutsche Produktion 74 Prozent der W eltproduktion aus! Allerdings ist der Anteil des Blocks amWelthandeZ bedeutend größer, nämlich 89 Prozent, so daß man in dieser Beziehung wieder beinahe von einem kontinentalen Monopol sprechen k an n . Die Stärke des Blocks hegt vor allem darin, daß er die hochw ertigsten F arben produziert und exportiert, speziell, was den Ex­ p o rt in die L änder betrifft, die vor dem Kriege zu den Hauptabnehmern deutscher F arben gehörten: England, die Vereinigten Staaten, Japan. Diese S taaten haben ihren inneren Markt nach dem Kriege durch hohe Schutzzölle u n d Einfuhrverbote geschützt. Die Farbstoffindustrie der Vereinigten S taaten, die vor dem Kriege nur in Ansätzen bestand, ist heute nach der deutschen die stärkste der Welt. Sie ist bis auf wenige Farben u n d Zwischenprodukte von jeglicher Einfuhr unabhängig und wird sich, da sie sich auf den größten Innenabsatz stützen kann, sehr schnell weiter entwickeln, so daß sie bald der gefährlichste Konkurrent des euro­ päischen K ontinentalblocks sein wird. Die amerikanischen Industriellen 15?


selbst, ebenso wie der S ta a t, w enden große M ittel fü r Forschungszwecke auf. «W ährend des K rieges h a tte der S ta a t auch den H andel m it F arb ­ stoffen d u rch Schaffung der T extil-A lliance In c . in die H an d genommen. Diese Gesellschaft h a tte sp ä te r d en V ertrieb v o n R eparationsfarbstoffen inne u n d e rz ie lte . . . einen G ew inn v o n 2 M illionen D ollar, der jetzt w issenschaftlichen Forschungszw ecken zurV erfügung gestellt w erden soll. V or einiger Z eit h a t das R e p rä se n ta n te n h au s die B ereitstellung von einer Million D ollar aus diesem F o n d s fü r die F arbenforschungen im Interesse d er am erikanischen T ex tilin d u strie an gefordert. Ob das Geld damals bew illigt w orden ist, e n tz ie h t sich unserer K en n tnis. N ach neueren M itteilungen soll d er B etrag beziehungsw eise der R estb etrag einer zu schaffenden Stelle u n te r dem N am en «Textil Alliance Foundation» für Forschungszw ecke a u f dem G ebiete d er T extilin d u strie übertragen wer­ den.» (E n q u e te b e rich t, S. 521.) I n E n g la n d w urde zum S chutz d er F arbstoffindustrie im Ja h re 1920 ein Gesetz erlassen (D eystuffs Im p o rt R egulation A ct), das den Im p o rt von sy n th etisc h e n organischen F arbstoffen u n d allen organischen Zwischen­ p ro d u k te n fü r die F arb sto ffh erstellu n g ohne besondere Einfuhrgenehm i­ gung v e rb ie te t. D ie E infuhrerlaubnis w ird im großen ganzen nur für F a rb e n e rte ilt, die in E n g lan d selbst noch n ich t hergestellt werden k ö n n en . D as G esetz w urde a u f 10 J a h re festgelegt. Bis dahin sollte die b ritisch e F arb sto ffin d u strie so w eit entw ickelt sein, daß sie ohne einen solchen S chutz gegen die ausländische K onkurrenz bestehen könne. Im H e rb st 1930 b eg an n ein heftiger K a m p f um die A ufhebung des Gesetzes. D ie T ex tilin d u striellen v erlan g ten seine Beseitigung, da sie durch das G esetz v o n d er M öglichkeit ausgeschlossen sind, d o rt zu kaufen, wo sie am b illig sten u n d am b e ste n beliefert w erden. Die Labourregierung M acD onald w ollte dem D rängen nachgeben u n d das Gesetz aufheben. D as C hem iekapital w eh rte sich m it aßen M itteln u n d h ä tte den Sturz d e r L abo u rreg ieru n g herb eig efü h rt, w enn diese es n ic h t vorgezogen hätte, n achzugeben u n d d as Gesetz zu verlängern. E s w ar dies der letzte Erfolg, d e n L ord M elchett v o r seinem T ode noch ern ten k onnte. Seine Politik v erfolgte das Ziel, die Schutzzeit fü r die englische Farbstoffindustrie so lange zu v erlängern, bis sie d er k o n tin en talen ebenbürtig sein würde, 160


um dann a u f d er B asis d er Gleichberechtigung ein Abkommen herbei­ zuführen. L ord M elchetts N achfolger, Sir H arry MacGowan, h at diese Politik fortg esetzt. D ie E n tw e rtu n g der englischen W ährung und das endgültige E inschw enken d er englischen Handelspolitik in die F ront der H ochschutzzöllner h a t die P osition der englischen chemischen Industrie so gestärkt, d aß dem k o n tin en talen Farbenhlock eine Einigung wert­ voll erschien. E nde F e b ru a r 1932 tr a t der englische Chem ietrust dem kontinen talen B lock insofern bei, als eine gewisse Zusam m enarbeit und A rbeitsteilung a u f den bis dahin am heftigsten um strittenen asiatischen M ärkten u n d in E u ro p a v erab red et wurde. W as aus dieser noch sehr lockeren englisch-kontinentalen Alliance bei einer Besserung der W irt­ schaftslage w erden w ird, bleib t abzuw arten. Auch Ja p a n m achte die größten Anstrengungen, um eine eigene F arb­ stoffindustrie zu entw ickeln u n d schüzte sie ähnlich wie England durch ein E infuhrverbot. Bis zum Ja h re 1925 garantierte die japanische Re­ gierung dem japanischen F a rb e n tru st Nippon Senryo eine achtprozentige Dividende. Seit 1925 w erden a u f G rund eines «Deystuff Encouragement Law» jährlich Subventionen bis zu 1 Million Y en gezahlt. (Die Laufzeit der Erm ächtigung ist durch V erordnung vom 22. Oktober 1929 auf 9 Jahre, die G esam tsubventionssum m e a u f 7 Millionen Yen, die jäh r­ liche H öchstsum m e au f 1600000 Y en erhöht worden. Die Liste der Farbstoffe, au f die sich die U nterstützung erstrecken kann, um faßt zur Zeit 28 Farbstoffe, d aru n ter auch Indigo. Die Zahlungen werden davon abhängig gem acht, daß die Firm en bestim m te Zwischenprodukte her­ steilen, die im Kriegsfälle Bedeutung haben. Das Gesetz verbietet allge­ mein die E infuhr von Teerfarbstoffen, chemischen Erzeugnissen und K ohlenteerdestillationsprodükten m it gewissen Ausnahmen, sofern das E infuhrverbot n ich t den bestehenden Handelsverträgen zuwiderläuft. Da die andern, Farbstoffe erzeugenden Länder auf Grund der Handels­ verträge dem E infuhrverbot nicht unterworfen werden konnten, kam das Verbot tatsächlich n u r Deutschland gegenüber zur Anwendung, das m it Ja p a n keinen V ertrag hatte.» (Enquetebericht, S. 514.) Im Jah re 1927 w urden zwischen Deutschland und Japan die Verhand­ lungen über einen H andelsvertrag aufgenommen. Sie zogen sich sehr 1 1 I.»G. D eutschland

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lange Lin u n d die Frage d er F arb en ein fu h r bildete eine der H au p t­ schw ierigkeiten. Sie w urde a u f einem W ege gelöst, der die ungeheure M achtsteigerung des deutschen C hem ietrustes sehr deutlich zeigt. Die I.-G . überließ die V erhandlungen n ic h t der R egierung, sondern tr a t als selbständige M acht a u f den P la n , die sich aber n ich t m it der japanischen F arb en in d u strie in V erb in d u n g setzte, sondern als gleichberechtigte G roßm acht m it d en V e rtre te rn d er jap an isch en R egierung verhandelte. Sie h a tte d en E rfolg, d aß die R egierung ih r die lizenzfreie E infuhr einer R eihe hochw ertiger F arbstoffe u n d Z w ischenprodukte zubilligte. D arauf­ h in k o n n te d e r deutsch-jap an isch e H an d elsv ertrag im A pril 1928 in K ra ft tre te n . «Eine G ruppe v o n F a rb e n k a n n ohne weiteres eingeführt w erden, eine w eitere G ruppe n u r u n te r ausdrücklicher Lizenz und eine d ritte G ruppe ü b e rh a u p t n ic h t. D as ist n ic h t ein A bkom m en m it der jap an isc h e n F a rb e n in d u strie , sondern eine Folge d er H andelsvertrags­ verhandlungen.» (B osch, a . a. 0 .) E s is t zu v e rm u te n , d aß m it diesem V ertrage noch einige besondere Ab­ m ach u n g en v e rb u n d e n w aren. Im J u n i 1924 w urde das japanische E in­ fu h rv e rb o t fü r T eerfarb en erlassen. T ro tz dieser unfreundlichen H and­ lu n g gegen die deu tsch e chem ische In d u strie findet sich gegen Ende desselben J a h re s H e rr P rofessor H ab er in J a p a n ein u n d nim m t Ge­ legenheit — d er deu tsch e B o tsch after, H err Solf, u n te rstü tz t ihn bei allen seinen B em ühungen fre u n d lic h st— , m it allen w ichtigen politischen u n d w irtsch aftlich en Persönlichkeiten in näheren K o n ta k t zu kommen u n d vom ja p a n isc h e n U n terrich tsm in ister in Tokio em pfangen zu werden. E r ü b erre ic h t ih m eine «kleine chem ische Bibliothek» als Geschenk der großen chem ischen V erbände D eutschlands. I n einer R ed e v o r jap a n isc h e n In d u striellen sagt Professor H aber dann seine M einung ü b e r d en V ersuch der Ja p a n e r, sich gegen die deutsche chem ische In d u s trie abzu sp erren . E r b eric h te t von seinen gewonnenen E in d rü ck en , b e w u n d e rt die jap an isch en A nstrengungen zum A ufbau einer eigenen In d u s trie , k ritisie rt die M ängel, die in der H auptsache d a ra u f zu rü ck zu fü h ren seien, d aß die geschulten A rbeiter, W erkm eister, Ingenieure u n d T ech n ik er n och fehlen. Zw ar habe J a p a n befeits einige h erv o rrag en d e G elehrte, ab er «zwischen dem W issenschaftler u n d dem 162


A rbeiter s te h t in der metallurgischen und chemischen Industrie Europas eine Zw ischenschicht von m annigfach verschiedenem Wissen. In dieser Zwischenschicht vo n technisch sehenden, technisch denkenden Menschen steckt die K ra ft der In d u strie, steckt die Grundlage billiger Erzeugung guter P ro d u k te. Diese Zwischenschicht m uß herangebildet werden, wenn Jap an das erreichen will, was es anstrebt.» «Aber da sich die Menschen nicht in T reibhäusern züchten lassen, so kann man diese Menschen aus dem japanischen Volke n ich t in dem Tempo hervorbringen, in welchem Ja p a n seine F ah rik in du strie entwickelt zu sehen wünscht.» «Es ist für jeden T ruppenführer eine Binsenwahrheit, daß das Soldatenmaterial nicht ausreicht, u m Feldzüge zu gewinnen, sondern daß das entscheidet, was m ilitärische E rziehung aus dem Soldatenmaterial gemacht hat.» «Wie h a b t Ih r dieAufgahe au f militärischem Gebiet gelöst? Etwa dadurch, daß Ih r eine M auer um E uch herum gebaut habt, um die andern femzuhalten, u n d h in ter derselben Eure eigenen Wege gegangen seid ? Das Gegenteil h a b t Ih r getan. Ih r h a b t alle Mühe aufgewandt, um mit denen zusam m enzuarbeiten, die E uch voraus waren. Macht Euch der eigene Erfolg a u f dem Gebiete des Heerwesens nicht begierig, dasselbe Vor­ gehen a u f technischem Gebiet zu wiederholen ? D as ist die Zusam m enarbeit zwischen Euch und uns, die ich zuvor als den einzigen gangbaren Weg bezeichnet habe. Sie bedeutet, daß wir Teilhaber an Euren Unternehmungen (von mir hervorgehoben. H. W.) w erden u n d E uch Menschen und Erfahrungen leihen, bis sie bei Euch aus dem eigenen Volk herangewachsen sind. Dieses Vorgehen ist mög­ lich un d verspricht beiden Teilen Gewinn, aber es kann nicht so ge­ schehen, daß m an m it dem Ende anfängt und die schwierigsten indu­ striellen Form en, die als die jüngste Blüte eben in Europa zur Entfaltung gekommen sind, zuerst hierher überträgt.» D er langen Rede kurzer Sinn: Euch fehlen die Erfahrungen und die Leute. W ir sind bereit, Euch beides zu geben. Aber Ihr könnt natürlich nicht erw arten, daß wir unsere neuesten Errungenschaften aus der Hand geben; die wollen wir zunächst für uns auswerten. Als Professor H aber von seiner Reise zurück war — er hatte sich auf der Rückreise noch die chinesischen Hafenstädte, Holländisch-Indien ir

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u n d 'J a p a n s großes V orland, die M andschurei, angesehen — , berichtete er dem «Verein zur W ah ru n g ): «Was die Ja p a n e r aber m it uns Fühlung suchen lä ß t, ist der W unsch, v o n uns fabrizieren zu lernen, schneller als sie es allein lernen, u n d w as sie v e ra n la ß t, cs gerade von uns lernen zu wollen, das ist ihr Gegensatz in den In teressen au f chinesischem B oden zu A m erika u n d d a m it zu E ngland, das a u f die amerikanische Seite überg etreten ist. W enn w ir aber die F rage von unserer Seite ansehen, so scheint m ir, d a ß w ir alles Interesse h aben, technische E r­ fahrungen fe stz u h a lte n u n d nicht fortzugeben, die unser Vorsprung vor an d ern sind u n d eine G rundlage unserer A usfuhr nach Ostasien. Wo es sich a b e r u m D inge h a n d e lt, die die A m erikaner ebensogut machen wie w ir, u n d keine A usfu h r n ach O stasien oder wenigstens keine große aus u n serm K ö n n e n h erv o rg eh t, d a scheint es m ir besser, unsere E rfah­ ru n g en abzugeben, als ab zu w arten , bis die andern sie nach Ja p a n ab­ geben u n d w ir w eder G ew inn an v e rk au ften A rbeitsweisen noch an aus­ g efü h rten W a re n m achen.» D as V ertrag sw erk , das 1928 zwischen der japanischen Regierung und der I.-G .-F a rb e n zu stan d e k am , liegt offenbar in der von H aber propa­ g ierten R ich tu n g . D ie Spitzenerzeugnisse der deutschen Teerfarben­ in d u strie w erden n a c h J a p a n eingeführt, w ährend die M assenwaren, «die d ie A m erik an er ebensogut m achen w ir wir», m it Hilfe deutscher Che­ m ik er u n d d eu tsch er E rfah ru n g en im Lande selbst hergestellt werden. N u r so e rk lä rt sich au ch die ungew öhnliche F orm , daß die japanische R eg ieru n g m it einem p riv atk ap italistisch en T ru st ergänzende Ab­ m ach u n g e n zu einem gew öhnlichen H andelsvertrag trifft. E rinnern wir u n s d a ra n , d a ß die jap an isch e R egierung ihre chemische Industrie sub­ v e n tio n ie rt, a b e r die Z ahlungen davon abhängig m acht, ob die Firm en b e stim m te Z w ischenprodukte hersteilen, «die im Kriegsfälle Bedeutung haben», so d ü rfte das In teresse d er japanischen Regierung ziemlich k la r sein. Als w eiteren Beleg d afü r, d aß es sich um einen w eltpolitischen Fragen­ kom plex h a n d e lt, sei noch eine Stelle aus H abers V ortrag vor dem «Verein zurW ahru n g » a n g e fü h rt: «Eisen u n d S tah l u n d M aschinenfabrikation sin d ab er D inge, die die J a p a n e r im eigenen Lande brauchen. D enn m it 164


der T extilindustrie u n d dem Seidenabsatz als Grundlage ist man kemem Zusammenstoß gew achsen, w enn in der ostasiatischen Welt einmal die Zusammenstöße kom m en. J a p a n ist arm an wertvollen Rohstoffen, wenn auch n ic h t so arm , wie es m anchm al hingestellt wird. Aber für eine große E n tw ick lu n g b ra u c h t Ja p a n die Bodenschätze des chine­ sischen F estlandes, u n d da liegt der P unkt, wo das japanische Interesse in unveTeinbarlicher A r t m it dem amerikanischen Imperialismus zusammenslößt. H ier liegt ein Gegensatz, dessen Entwicklung die Ge­ schichte O stasiens bestim m t.» Den A uftakt dazu erleben wir gegenwärtig im japanisch-chinesischen Krieg. Professor H a b e r, der V ertrau te des Kriegsministeriums, weiß sehr gut, daß auch S tah l u n d Eisen noch nicht genügen, um den kommenden Zusam m enstößen gewachsen zu sein, sondern daß man dazu einer che­ mischen In d u strie bedarf. A ber auch schon zur Entwicklung einer Eisenund S tahlindustrie sind die anorganischen Chemikalien unentbehrlich, so daß J a p a n ein ebenso großes Interesse wie an der Teerfarbenindustrie auch an der Soda- u n d Schwefelsäureindustrie hat, die überall in der W elt die B egleiterinnen des industriellen Aufbaues waren1.

1 «Nach

der Farbenindustrie wird als zweitwichtigste'Schlüsselindustrie die Sodaindustrie be­ trachtet. In dem Budget von 1929,30 sind für die Subvention 1300000 Yen vorgesehen. Die Firmen, die Suhsidien erhalten, sind die Asahi Glass Co. (Fabrik in Makiyama, Regierungsbezirk Fukuoka) und die Nihon Soda Co. (Fabrik in Tokuyama, Regierungsbezirk Yamaguchi). Diese Firmen, die m it einer Produktion von 40000 Tonnen etwa ein Drittel deß japanischen Bedarfs decken, erhalten seit dem 1. Oktober 1929 von den erforderlichen Sodaimporten eine Vergütung in Höhe von 22 6en. je 100 Kin eingeführte Ware. Zur Unterstützung der Soda­ industrie im Kwantung-Pachtgebiet, das in dem japanischen SubventionEplan nicht einbezogen ist, ist der Gouverneur von Kwantung 1927 an die Regierung wegen Gewährung von Suhsidien im Betrage von 3000000 Yen auf zwei Jahre herangetreten. Zur Unterstützung der Aluminiumindustrie hat der Ausschuß zur Förderung der einheimischen Industrie im Februar 1927 beschlossen, für das Finanzjahr 1927/28 eine Regieiungssubvention von 500000 Yen zu verlangen. Eisenindustrielle Unternehmungen werden durch Gesetz vom 30. März 1926 unter gewissen Bedingungen durch Befreiung von der Gewerbesteuer und der Einkommensteuer von dem Jahre der Betriebseröffnung oder dem ihr folgenden Jahre ab für die Dauer von 15 Jahren, durch Ermunterungspramien und durch Zollbefreiungen für die Einfuhr von Maschinen und Betriebs­ einrichtungen gefördert. Eisenindustrielle Unternehmungen im Sinne dieses Gesetzes sind solche Unternehmungen, die sich m it der Fabrikation von Roheisen, Stahl, gewalztem Stahlmaterial, Waren aus Gußstahl und Nebenerzeugnissen (verwertbare Schlacke, Ziegelsteine, Wandplatten,

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D ie I.-G . n im m t eine eigenartige S tellung in dem K am p f um den ostasiatisch en M ark t ein. D ie d eutsche C hcm ikalicnausfukr nach Indien — H olländisch- u n d B ritisch -In d ien — h a t sich gegenüber 1913 ver­ do p p elt, dagegen h a t sich d er C hem ikalienexport n ach China nicht ganz a u f der H öhe v o n 1913 h a lte n können. D aran h aben n ich t nur die chinesischen R evolutionsw irren schuld, sondern ebensosehr oder in noch stärkerem M aße die K o n k u rren z A m erikas u n d Ja p a n s. Diese Konkurrenz m ach t sich n eb en d er englischen n a tü rlic h auch in In d ien bem erkbar, wo sonst die d eu tsch e C hem ikalieneinfuhr noch m ehr gestiegen wäre. Der asiatische K o n tin e n t m it seiner fa st a n die M illiarde reichenden E in­ w ohnerzahl w ird b a ld d er g rößte A b sa tz m a rk t der W elt sein. D a Japan diesem K o n tin e n t äh n lich v o rg elag ert ist wie E n g lan d dem europäischen, d a J a p a n w eiter die erste k ap italistisch e M acht in Asien ist, möchte es der H au p tg e w in n e r b ei der In d u strialisieru n g Asiens w erden — genau wie E n g la n d ein m al g u te K o n ju n k tu re n erlebte, als es die industrielle A u srü stu n g K o n tin e n ta le u ro p a s liefern k onnte. A ber eben dieser Z u k u n ft w egen kreuzen sich in Asien die Interessen der im p erialistisch en M ächte. F ü r die I.-G . is t die japanische chemische In d u strie ebenso ein K o n k u rre n t wie die am erikanische. Die I.-G . stand v o r d er W ah l, allein gegen alle zu k äm pfen oder die eigene Position d u rc h B ünd n isse zu stärk en . Sie entschied sich für das letztere. Als B undesgenosse k a m ab er n u r J a p a n in F rage. Die chemische Industrie d er V erein ig ten S ta a te n is t zu sta rk , als d aß sie fü r eine längere Dauer die B in d u n g en u n d B eschränkungen a u f sich nehm en w ürde, die ein B ü n d n is im m er v e rla n g t. Die R eibungsflächen zwischen der I.-G . und den A m erik an ern , die h e u te schon sehr groß, aber noch erträglich sind, Dachziegel, Hochofenzement, Teer, wasserlöslicher Teer, Leichtöl, mittleres und schweres Oel, Asphalt, Ammoniak, Rohnaphtalin, Benzol, Toluol, Kresylol, Solventnaphta) befassen. An Präm ien sind in Aussicht genommen 6 Yen je Tonne Gußeisen, 3 Yen je Tonne Stahl. Neuer­ dings ist die Gründung eines Mechanical Laboratory for^steel perfection geplant, für das 200000 Yen ausgeworfen werden sollen. Das Fuel Investigation Comittee ist ermächtigt, für das Studium der Petroleumpläne vom Jah re 1927 ab innerhalb sechs Jahren 2500000 Yen auszugeben. Für die Unterstützung von Oelbohrungen sind 500000 Yen vorgesehen.» (EnquStebericht, Die deutsche chemische In­ dustrie, S. 514.)

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werden in d er allern äch sten Z ukunft bedeutend wachsen, denn für die Vereinigten S ta a te n h a n d e lt es sich nicht nur um Japan, sondern auch um L ateinam erika, u m den B alkan, um Vorderasien, kurz um die Welt, Die chemische In d u s trie der Vereinigten Staaten h at — last not least — die E tap p e n des A u fb au s, in die Ja p a n erst eingetreten ist, bereits hinter sich. M it J a p a n ist ein Geschäft zu machen, indem man dort eine Industrie v o n G ru n d a u f schafft. Das Interesse der Amerikaner an einer Z usam m enarbeit b eschränkt sich auf den Austausch einiger Spezialverfahren. So etw as regelt m an lieber von Fall zu Fall. In der Frage der K ohle- u n d Ö lhydrierung geht die I.-G. mit Amerika und England zusam m en, d a sie hier durch ihre Patente eine überaus starke Stellung h a t. I n d er T eerfarbenindustrie, die immer noch die Grund­ lage der ganzen organischen Chemie, vor allem der Forschungstätigkeit, ist, sucht die I.-G . Bundesgenossen gegen ihre gefährlichsten Gegner der Z ukunft, die V ereinigten S taaten u nd England; wobei noch zu be­ achten ist, d aß der britische Chemietrust als Gegner des deutschen sehr auf die Pflege g u te r Beziehungen m it dem amerikanischen Dupont-Konzem bed ach t ist. D as Bündnis I.-G .— Japan richtet sich ebensosehr gegen E n g lan d wie gegen die Vereinigten Staaten von Amerika. In den R ahm en dieser V erträge gehört auch das Abkommen der I.-G. m it R ußland, ü b er das allerdings nicht mehr bekannt ist, als daß die Sowjetregierung sich verpflichtete, 70 Prozent ihres Teerfarhenbedarfs bei der I.-G . zu decken. W ie es bei den Aufgaben, die der Sowjetstaat 6ich gestellt h a t, selbstverständlich ist, führen die Russen nur die Che­ mikalien ein, die sie selbst noch nicht herstellen können. Im übrigen machen sie die größten Anstrengungen, ihre eigene chemische Industrie zu entwickeln. D as Problem dürfte hier ähnlich liegen wie in Japan. Das H aupthindernis zur Entw icklung einer eigenen chemischen Indu­ strie ist das Fehlen geschulter Arbeiter und Chemiker. Da die Russen nicht ohne G egenleistung der I.-G . ein Vorrecht eingeräumt haben werden, so w ird der K ern p u n k t auch dieser Abmachungen in einer tech­ nischen H ilfe d er I.-G . liegen1.

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1 Vergleiche Peter Waller «Probleme der chemischen Großindustrie», S. 136.

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W eder in dem B erich t des d eu tsch en E nqueteausschusses über die che­ m ische In d u strie , noch in den M itteilungen d er I.-G . selber w ird dieses A bkom m en erw äh n t. Die im A pril dieses Ja h re s erfolgten V erhaftungen m ehrerer A rb eiter u n d A n gestellter d er I.-G . u n d des Leiters der «Revo­ lu tio n äre n G ew erkschafts-O pposition» wegen angeblicher Betriebs­ spionage fü r R u ß la n d scheinen dagegen zu sprechen, daß zwischen der I.-G . u n d R u ß la n d noch ein A bkom m en ü b er Z usam m enarbeit besteht. Die W erkspionage soll sich gerade in d er F o rm abgespielt haben, daß A rbeiter, C hem iker u n d In genieure fü r R u ß lan d angew orhen wurden. Bei dieser G elegenheit w urde ih n en ein um fangreicher Fragebogen vor­ gelegt, dessen einzelne F rag en so ausgeklügelt w aren, daß die Leitung des S pio n ag eap p arates aus den A n tw o rten m ehrerer solcher Fragebogen ein B ild ü b e r b e stim m te P ro duktionsvorgänge gewinnen konnte. Ü brigens is t es rü h re n d , m it anzusehen, wie sich in allen Fällen von B etriebsspionage fü r ausländische W erke ein ungeheures patriotisches G eschrei ü b e r «w irtschaftlichen L andesverrat» erhebt, durch den die d eutsche W irts c h a ft u n d die deutschen A rbeiter fu rch tb ar geschädigt w ü rd en . D iese Schädigung t r i t t m erkw ürdigerw eise nich t ein, wenn die D irek tio n eines U ntern eh m en s ihre V erfahren gegen bares Geld an das A u slan d v e rk a u ft oder d o rt g ar eine ganze In d u strie a u fb a u t — und w enn d a n n das G eld n ic h t etw a n ach D eutschland fließt, sondern bei­ spielsweise n ach V aduz in L iechtenstein. D as Ja p a n a b k o m m e n u n d eventuell die A bkom m en m it R ußland sind als in tere ssa n te u n d aueb äu ß erst w ichtige A ußenposten der Position d er I.-G . zu b e tra c h te n . D er K ern dieser Position ist der kontinentale B lock D eu tschland-F rankreich-S chw eiz. A nfang 1931 ist eine A brun­ dung d u rch die E inbeziehung Italien s vorgenom m en worden. D ort war d er große Chemie- u n d G askonzem «Italgas» in Schwierigkeiten geraten. D iesem K o n zern gehörte die chem ische G esellschaft «Acna» (Aciente Chim iche N azionali A ssociate), die sowohl T eerfarben u n d Pharm aceutica als au ch Schw erchem ikalien, A lum inium u n d Sprengstoff pro­ d u ziert. D ie I.-G . le ite te V erhandlungen ü b er eine Sanierung der «Acna» ein, die sie zusam m en m it dem größten italienischen Chem ietrust, der M ontecatin i, d u rch fü h ren w ollte. D ie italienische R egierung widersetzte 168


sich diesem P la n w egen d er Sprengstoffproduktion, die Mussolini nicht unter die K o n tro lle des A uslandes gelangen lassen will. Nach längerem Hin und H er k a m eine E inigung in der Form zustande, daß die Spreng­ stoff- u n d die p h arm azeu tisch en Fabriken von der «Acna» abgetrennt wurden, die G esellschaft reorganisiert und gemeinsam von der Montecatini u n d d er I.-G . übernom m en wurde. (Die I.-G. übernahm 49, die M ontecatini 51 P ro zen t des au f 60 Millionen Lire festgesetzten K apitals.) Im Anschluß d a ra n beteiligte sich die Montecatini noch an einer andern Farbengesellschaft, d er Societa Ckimica Lombarda AE Bianchi in Rho bei M ailand. D ie B ianchi gehört aber zum Interessenkreis der I.-G., so daß nun die I.-G . u n d die M ontecatini gemeinsam die italienischeFarbenproduktion beherrschen. A uch ohne formellen Anschluß an die deutschschweizerisch-französische K om bination, in der die I.-G. führt, muß daher die italienische Farbenindustrie zu dem kontinentalen Block gezählt w erden. Bei dem Z ustandekom m en der Verbindung zwischen der I.-G. und der M ontecatini scheint Mussolini nicht nur negativ mitgewirkt zu haben, indem er die Sprengstoff- u n d Heilm ittelindustrie der Kontrolle der I.-G. entzog, sondern auch positiv. Die Montecatini war vor der Beteiligung an der <Acna» in der H auptsache Produzentin anorganischer Chemikalien. Sie h a t scheinbar geschw ankt, ob sie auch in das heftig umkämpfte Gebiet der organischen Chemikalien, vor allem der Teerfarhen, eindringen u n d sich d am it gleich in eine K om bination von europäischen Ausmaßen einbeziehen lassen sollte. W enigstens m uß man das aus dem Geschäfts­ bericht der Gesellschaft für das erste H albjahr 1931 schließen, in dem die M ontecatini schreibt, daß «sie gerne der Anregung Mussolinis gefolgt sei u n d V ereinbarungen getroffen habe, welche für Italien eine gesunde E ntw icklung der organischen chemischen Industrie sichern, die im Frieden fü r die V olksw irtschaft und im Kriege für die Verteidigung des Landes v o n so großer Bedeutung» sei. Das heißt natürlich, daß Mussolini einen D ruck a u f die M ontecatini ausgeübt hat, sich m it der I.-G . zu verbinden, um die Erfahrungen der I.-G. für die militärische A usrüstung des Landes ausw erten zu können. 169


D ie I.-G . b eg n ü g t sich zur Sicherung ih rer P osition n ich t m it dem Ab­ schluß v o n B ündnissen u n d K o nventionen. Sie d rin g t auch, wie cs schon die B eteiligung an der italienischen F arb en in d u strie zeigt, in die aus­ ländische In d u strie selbst ein. Z um Zweck d er Z usam m enfassung ihrer ausländischen B eteiligungen, gleichzeitig auch zu dem Zweck, leichter a n die ausländischen F inanzq u ellen heranzukom m en, h a t sie zwei inter­ n atio n ale H oldinggesellschaften g egründet, näm lich die I.-G.-Chemie B asel (In te rn a tio n a le G esellschaft fü r chem ische U nternehm ungen AG.) u n d die A m erican I.-G . Chem ical C orporation New Y ork. Die I.-G.Chemie B asel is t a u ch ih rerseits an d er A m erican I.-G . beteiligt. Durch sie h a t die I.-G .-F a rb e n a u f die B aseler Anilinfarbenfabrik D urand & H u g u en in A G . E in flu ß genom m en. E ine sehr w ichtige Beteiligung, da die Schw eizer F a rb e n fa b rik e n tro tz des V ertrages m it der I.-G . ein ge­ fäh rlich er K o n k u rre n t sind. In te re ssa n t ist w eiter die V erbindung, die v o n der I.-G .-C hem ie zu der Steinkohlen-B ergin-A G ., B erlin (Kobergin), u n d der In te rn a tio n a l B ergin Co. v oor Obe- en K olenchem ie, Den Haag, fü h rt. D ie K ohleverflüssigungsverfahren d er I.-G ., die h eute praktisch a n g ew an d t w erd en , fu ß en a u f der B raunkohle. D urch die Beteiligung a n d en B ergin-G esellschaften is t die I.-G . v o r Ü berraschungen sicher, die ih r d u rc h E rfolge bei d er Steinkohleverflüssigung drohen könnten. Sie w ird a b e r ih re n E influß w ohl au ch d azu benutzen, den Eifer der G esellschaften bei d en F orschun g sarb eiten den Interessen der I.-G . an­ zupassen.

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12 . S tickstoffpolitik

Eine so k lare F ro n tste llu n g , wie sie sich in der Farbenpolitik der I.-G . nachw eisen lä ß t, b e s te h t a u f dem überaus wichtig gewordenen und an B ed eu tu n g n o ch stän d ig zunehm enden Stickstoffgebiet nicht — genau so w enig, wie sie sich in der Kohlehydrierung klar aus­ drückt. Die B ed eutung d er S tickstoffindustrie für die Herstellung von Spreng­ stoffen h a tte ebenso wie d er Zusam m enhang Teerfarben-SprengstoffK am pfgas die Folge, d a ß je d e r S ta a t schon während und in gesteigertem Maße n ach dem K riege den A usbau einer eigenen Stickstoffindustrie forcierte. Alle V erfahren w urden w eiter entwickelt. Die Ammoniak­ synthese n ach H aber-B osch erhielt K onkurrenten in Methoden, die der französische C hem iker Claude, die Italiener Casale und Fauser — alle drei un abhängig voneinander — ausarbeiteten; die Arbeitsmethoden der C hilesalpeterindustrie, die sich dieser gewaltigen Attacke der Wissen­ schaft zu erw ehren h a tte , w urden reorganisiert. Gleichzeitig setzten die intensivsten Forschungen über die Grundlagen der A grikulturchem ie u n d eine zielbewußte Propaganda für künstliche D üngung ein. U m die außerordentlichen Wandlungen in der Produktion der Stickstoffdüngem ittel zu zeigen, einige Zahlen: In reinem Stickstoff gerechnet, w urden 1913 ru n d 740000 Tonnen hergestellt. Davon ent­ fielen 433000 T onnen a u f Chile, also au f natürliche Rohstoffe, rund 269 000 T onnen a u f Kokereiam m oniak, ein Nebenprodukt der Kohlen­ industrie, das in allen m odernen kohleproduzierenden Ländern ge­ w onnen w ird, ru n d 15000 Tonnen waren in Norwegen im Lichtbogenverfahren hergestellter Norgesalpeter, 12000 Tonnen synthetischer Stickstoff w urden in D eutschland gewonnen, und zwar zum größten Teil als K alkstickstoff nach dem Frank-Caro-Verfahren. Die HaberBosch-Synthese w urde gerade erst in Oppau ausprobiert. Die Produk­ tio n begann im Septem ber 1913. E tw a 9000 Tonnen trugen im letzten V orkriegsjahre noch Frankreich, Italien, Japan und Britisch-Indien 171

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(B engal-S alpeter) zu der W eltp ro d u k tio n an S tickstoff bei. E ngland u n d die U SA . h a tte n noch g ar keine Stickstoffw erkc. Im J a h re 1927/28 w ar die W eltstick sto ffp ro d u k tio n a u f 1,7 Millionen T o nnen R einstickstoff gew achsen. D av o n entfielen a u f Chilesalpeter 390000 T onnen, a u f K o kereiam m oniak 350000 T onnen, a u f synthe­ tischen Stickstoff 920000 T o nnen. Die chem ische In d u strie lieferte also fast dreim al soviel wie Chile u n d ü h er die H älfte, 54 P rozent, der W elt­ pro d u k tio n gegen 4,6 P ro z e n t im J a h re 1913. Die W eltproduktion an synthetischem Stickstoff, ohne K okereiam m oniak, v erteilte sich au f die w ichtigsten S ta a te n : D eu tsch lan d 677000 T onnen, E ngland 110000 T onnen, V ereinigte S ta a te n 77000 T onnen, F ran k reich 64000 Tonnen, N orw egen 61000 T o n n en , Ita lie n 50000 T onnen, J a p a n 57000 Tonnen. D eu tsch lan d is t also n ic h t n u r zum grö ß ten Stickstoffproduzenten der W elt gew orden, sondern es p ro d u ziert auch allein m ehr synthetischen S tickstoff als alle a n d e rn L än d er zusam m en, näm lich 74 Prozent, und v o n der g esam ten W eltp ro d u k tio n (alle A rten Stickstoff zusammen) w erden in D e u tsc h la n d fa st die H älfte, 45 P rozent, gewonnen. In dem J a h re 1927/28 h ielten sich P ro d u k tio n u n d V erbrauch noch die W aage. I n den L ä n d e rn , die w ährend u n d nach dem K riege ihre L and­ w irtsc h a ft a u f eine m u stergültige H öhe g eführt h a tte n , wie etw a Holland, D än em ark u n d Belgien, stieg d er S tickstoffbedarf von J a h r zu Jah r. C hina, das bis v o r k urzem n u r die D üngung m it m enschlichen E x ­ k re m e n te n k a n n te , b eg in n t einer d er w ichtigsten A b satzm ärkte für das L eu n aw erk zu w erden. D ie Stickstoffeinfuhr n ach J a p a n konnte die I.-G . vervielfachen. U n d welche M öglichkeiten h ä tte die I.-G . in D eu tsch lan d selbst noch, gelänge es, die A grarkrise zu lösen! Holland v e rb ra u c h t p ro H e k ta r d er lan d w irtschaftlich g enutzten Fläche etwa 60 K ilogram m Stickstoff, D eutsch lan d im J a h re 1929/30 n u r 19,8 Kilo­ gram m . F ra n k re ic h v erw an d te noch viel weniger K unstdünger, n u r 6,7 K ilogram m . O bwohl das Z eitalter intensiver, nach modernen w issenschaftlichen G ru n d sätzen b etriebener A grikultur noch in den W indeln steck t, obw ohl d a h e r auch d er G ebrauch k ünstlicher D ünge­ m itte l in der g an zen W elt, m it A usnahm e verschw indend kleiner hochen tw ickelter L an d strich e, e rst beg in n t, stieg im Ja h re 1928/29 die 172


P ro d u k tio n der D ü n g e m itte l ü b er den V erbrauch um 100000 Tonnen, d a in vielen L ä n d e rn neue F a b rik e n vollendet w urden. Im nächsten J a h re , 1929/30, w a r die P ro d u k tio n schon u m 200000 Tonnen höher als der K onsum . D ie W e ltp ro d u k tio n w ar in diesem Ja h re au f 2,2 Millionen T onnen R einstickstofF gestiegen, das ist m ehr als dreim al so viel wie 1913. Bis zum J a h re 1931 w u rd en w eitere frü h er begonnene Stickstoffanlagen in aller W e lt fertig . D ie P roduktionsfähigkeit der W eltstickstoff­ industrie b e trä g t je tz t etw a 4 M illionen T onnen jährlich. D a die P ro ­ duktionsanlagen in D eu tsch lan d n ic h t m ehr wesentlich erw eitert wurden, h a t sich das K rä fte v e rh ä ltn is neuerdings verschoben. Von der P ro ­ duktion sfäh ig k eit en tfallen etw a 30 P ro zen t au f D eutschland, 15 au f die V ereinigten S ta a te n , 13 a u f Chile, 7 a u f Frankreich, 7 au f Jap an , 6 a u f E ngland, 5 a u f Belgien, 3 a u f R ußland, je 2 bis 3 Prozent auf N orwegen, P olen, H o llan d u n d Ita lie n , der R est au f K anada und die Tschechoslow akei. G leichzeitig ist der A bsatz erheblich zurückgegangen, u m etw a 20 bis 25 P ro z e n t gegenüber 1929. D ie eine W irkung der vielfachen K onkurrenz — synthetischer Salpeter gegen C hilesalpeter; H aber-B osch-V erfahren gegen Frank-Caro; Claude gegen H aber-B osch, Casale gegen Claude u sw .u sw .— war, daß die Preise fü r D üngem ittel stän d ig fielen. W ährend der Ind ex für Chemikalien im J a h re 1929 26 P u n k te ü b er 1913 lag, zeigte der Düngem ittelindex 84,6, lag also u m 15 P u n k te u n te r 1913. Die zweite W irkung war, daß sich säm tliche L än d er u n d säm tliche Konzerne bem ühten, ihre Verfahren zu verbessern u n d d ad u rch die K onkurrenz verschärften; die dritte W irkung w ar das S treb en n ach internationalen Vereinbarungen. N ach dem K riege glaubte m an zunächst, die Tage des Chilesalpeters seien gezählt. D a m it w äre allerdings auch Chile als S taat ruiniert ge­ w esen, d enn ein erheblicher Teil der Ausgaben der chilenischen R e­ gierung w urde frü h er aus den A bgaben gedeckt, die von der Regierung v o n jeder T onne ausgeführten Salpeters erhoben wurde. Chile nahm d ad u rch , solange es d er einzige Salpeterlieferant w ar, eine Steuer von d er gesam ten stickstoffverbrauchenden W elt. Die synthetische Stick­ stoffgew innung bed ro h te daher das Gefüge des chilenischen Staates. Die R e ttu n g , w enigstens eine vorläufige R ettung, kam von einer unerw arteten 173


Seite, vo n der M etallurgie, also einem Zweige d er Chemie. D er am eri­ kanische K u p fe rtru st der B rü d e r G uggenheim b e tre ih t in Chile K upfer­ m inen. E r geht dabei w issenschaftlich v o r u n d h a t große Forschungs­ lab o rato rien , in denen die V erfah ren zur K u p fererzau farb eitu n g ver­ bessert u n d verv o llk o m m n et w erden. V on d en h ierbei gesam m elten E rfahrun g en fan d en die C hem iker des G uggenheim -K onzem s einenWeg, auch S alpeter ratio n ell zu gew innen. D er G uggenheim -K onzern kaufte ausgedehnte S alp eterg ru b en u n d w an d te sein V erfahren im großen an. Zw ar erfü llten sich die E rw a rtu n g e n n ic h t ganz, ab er das neue Verfahren b rach te d och so w esentliche K ostensenkungen, d a ß die Salpetergesell­ schaft der G uggenheim eine große G efahr fü r die an dern G ruben wurde. Die A usw irkungen d er n eu en A rbeitsw eise a u f den W eltm ark t wurde d u rch den E x p o rtz o ll v o n 53 M ark p ro T onne, den die chilenische Re, gierung erhob, v e rh in d e rt. Als die R egierung den Zoll n ic h t beseitigen w ollte, k a m d en G uggenheim s eine M ilitärrevolte — ganz zufällig n a tü rlic h — zu H ilfe. Ib a n e z errichtete seine D ik ta tu r u n d ergriff im E invern eh m en m it d en B rü d ern Guggenheim energische M aßnahm en zu r R eo rg an isatio n des chilenischen Salpeterbaus. D ie V orbereitungen zogen sich zw ar re c h t lange h in — w ir wollen uns in Einzelheiten nicht verlieren — , ab er im A pril 1930 k am endlich der große Chilesalpetertrust zu stande m it einem K a p ita l v o n 1,5 M illiarden M ark. Die neue Gesell­ schaft, die «Cosach» (Com pania de S alitre de Chile), fa ß t den gesamten chilenischen S alpeterbergbau zusam m en. Die eine H älfte des K apitals gehört d er R egierung, die d afü r die unerschlossenen Salpeterfelder ein­ b rin g t u n d a u f die E x p o rtab g ab e verzich tet, d a sie an den Gewinnen beteilig t ist, die andere H älfte des K ap itals v e rte ilt sich a u f die Aktionäre der früheren E inzelgesellschaften. Die Guggenheims haben die M ehrheit dieser H älfte des K ap itals. Chile ist seit langem ein K am p fb o d en des englischen u n d am erikanischen K apitals. Englisches K a p ita l ist im chilenischen Salpeterbergbau erheblich interessiert u n d n u r dem neuen V erfahren verdanken es die Guggenheim , daß sie die K ontrolle über den gesam ten Chilesalpeter erhielten. D er D ru ck ihres billigeren P roduktionsverfahrens allein h ä tte dieses Ergebnis auch noch n ich t zustande gebracht, w enn nicht die 174


politische E ntw icklung, näm lich der Staatsstreich Ibanez, ihnen zu Hilfe gekom m en w äre. Im Ju li 1931 wurde aber Ibanez gestürzt und die bürgerliche F reih eit wieder hergestellt. Die Führung der Bewegung gegen Ibanez h a tte der jetzige P räsident Chiles, Don Juan Esteban Montero, der viele Ja h re lang Rechtsbeistand der englischen Salpetergruppe gewesen w ar. I n der Öffentlichkeit begann eine heftige Kampagne gegen den S alpetertru st. D as Parlam ent setzte einen Ausschuß ein, der die Vorgänge bei der E ntsteh u n g der Cosach untersuchen und auch die Berechtigung der Vorwürfe, daß die Direktion der Cosach gegen die Regierung M ontero in trigiert u nd gehetzt hätte, prüfen sollte. Der U ntersuchungsausschuß bestätigte im großen und ganzen die erhobenen Beschuldigungen. Bei der Gründung des Trusts sei eine Gesetzes­ verletzung v e rü b t w orden; die Bestimmung, Gleichheit der Rechte zwischen Regierung und Produzenten herzustellen, sei nicht beachtet, den Produzenten, das heißt den Guggenheim, ein unberechtigt großer Einfluß eingeräum t worden. Zudem seien den leitenden Direktoren viel zu hohe G ehälter, die die R entabilität der Produktion in Frage stellen, gezahlt worden. Das P arlam en t u n d verschiedene Handelskammern Chiles verlangten die Auflösung der Cosach. Der Ausschuß entschloß sich jedoch nicht dazu. D er T ru st soll aber reorganisiert und der Regierung ein Ein­ spruchsrecht gegen die Beschlüsse der Direktion eingeräumt werden. Offensichtlich ist also ein Kompromiß zwischen dem europäischen und amerikanischen K ap ital zustandegekommen und Chiles Regierung fungiert als Schiedsrichter1. 1 Die immer noch fortschreitende Schrumpfung des internationalen Handels hat den Erfolg der Bemühungen um die Gesundung des Salpeterbergbaus trotz aller technischer Leistungen, zu Beginn des Jahres 1932 von neuem in Frage gestellt. Nach Meldungen, die während der Drucklegung dieses Buches eintreffen, steht Chile vor neuen schweren politischen und sozialen Erschütterungen. Der Korrespondent der «United Press» schreibt: -Allgemein wird erklärt, daß dem Lande die schwerste politische, finanzielle und soziale Krise seiner ganzen Geschichte bevorstehe. Man hegt nur sehr geringe Hoffnung auf baldige Besserung der Lage. Es wird darauf hingewiesen, daß die Arbeitslosigkeit in den Salpeterdistrikten ein unerträgliches Maß erreicht habe, daß die Ausfuhr noch nie so gering gewesen sei, und daß es heute notwendig geworden wäre, einen großen Teil auch der lebenswichtigsten

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D er chilenische l 1/,-M illia rd e n -T ru st is t an sich eine beachtliche M acht, v o r allem auch wegen d er F in a n z k ra ft der Guggenheim u n d ihrer B eziehungen zur W allstreet-F in an z. Sein Gegenpol ist das Deutsche S tickstoffsy n d ik at, das u n te r d er K on tro lle d er I.-G . steh t. Dieses d eutsche S y n d ik a t h a t eine in teressan te V orgeschichte. Im H erbst 1913 -kam die B adische A nilin- u n d Sodafabrik m it ihrem ersten synthetisch en A m m onsulfat a u f den M ark t. Die österreich-ungarischen u n d die d eu tsch en K alkstickstofferzeuger b ild eten d a rau fh in eine K on­ vention, d er au ch die K okereien b e itra te n m it dem Zweck, die Stick­ stoffpreise so h erab zu d rü ck en , d aß das O ppauer W erk gar nicht erst au fk o m m en k ö n n e. D ie B adische fü h rte aber einen geschickten Gegen­ schlag, indem sie m it einem großen M ischdüngerw erk einen Lieferungs­ v e rtra g abschloß, d u rc h den ih r die A bnahm e einer so großen Menge sy n th etisc h e n A m m oniaks gesichert w urde, daß sie a u f alle Fälle W eiterarbeiten u n d ih r V erfah ren entw ickeln k onnte. D araufhin zog d e r gegnerische B lock sine V erständigung vor. E s k a m d er K rieg u n d m it ih m der m ilitärische Stickstoffbedarf. S ta tt a b e r das n eu e V erfah ren schnell zu fördern, gab das R eich zunächst seine M ittel zum A u sb au d er K alkstickstoffw erke u n d versuchte, als es be­ m e rk te , d a ß es d abei eine unrationellere M ethode gefördert h a tte , ein H andelsm o n o p o l fü r S tickstoff zu errichten, um a u f die Weise die Preise h o ch zu h a lte n . D a schlug ab er die «Badische» L ärm un d schrieb: Das M onopol k önne n u r dem Zwecke dienen, «die M assenherstellung des­ je n ig e n D üngers zu erm öglichen, der sich hei der L andw irtschaft der gerin g sten S y m p ath ien erfreu t, näm lich des Kalkstickstoffs». Die «Badische» setzte 6ich au ch diesm al durch. Die G efahr, bald vor einem a k u te n S tickstoffm angel zu steh en , zwang die M ilitärverw altung dazu, eich n a c h w eiteren M öglichkeiten um zusehen. Professor H aber gewann E in flu ß a u f die chem ischen F rag en der K riegführung u n d die Folge war, d aß zw ischen der «Badischen» u n d dem R eich ein V ertrag über den B au W aren zu importieren. Infolgedessen seien die Preise enorm gestiegen, und weitere Steige­ rungen müßten erw artet werden. Alles in allem habe die Lage im Lande eine derartige Verschlimmerung erfahren, daß man m it den schlimmsten Folgen zu rechnen habe.» ~B. T.„ 8. April 1932.

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des Leunaw erks zu stan d e kam . Das Reich gab einen Zuschuß von 180 M illionen M ark. N ach den letzten Erweiterungen, die noch im Ja h re 1918 d u rch g efü h rt w urden, beherrschte die «Badische» zwei D rittel d er d eu tsch en Stickstoffproduktion. Der Fiskus war in die seltsame Lage gekom m en, die K onkurrenz zu den reichseigenen Kalk­ stickstoffw erken finanziert zu haben und bemühte sich nun darum, ein Syndikat zu stan d e zu bringen, das einheitliche Preise festsetzen konnte. Im Jah re 1919 gelang dem Reichsfinanzminister die Zusammenfassung der gesam ten deutschen Stickstoffindustrie im Deutschen Stickstoff­ syndikat. D er V ertrag darüber wurde der Weimarer Nationalver­ sam m lung vorgelegt u n d genehmigt. Man träum te damals von der Sozialisierung. Das Reich h a tte das R echt, den Geschäftsführer und den Vorsitzenden des V erw altungsrates vorzuschlagen, beziehungsweise zu ernennen und auch wieder abzuberufen. Dem Einfluß der I.-G. gelang es jedoch, dem Reich diese R ech te durch eine Abänderung des Syndikatsvertrages im Jah re 1924 -wieder zu nehm en. Im Syndikat h at die I.-G. von 17 Mit­ gliedern n u r 5 V ertreter, das Reich 3, die Landwirtschaft 2 und die A rbeiterschaft 1 V ertreter. Die übrigen 6 Mitglieder entfallen auf die andern deutschen Stickstoffproduzenten. Danach wäre der Einfluß der I.-G . also re c h t gering. Doch anders als die Mitglieder verteilen sich die Stim m en. Die V ertreter der I.-G . haben vierfaches, die der Deut­ schen Am m oniak-Verkaufsvereinigung dreifaches, die Bayrischen Stick­ stoffwerke zweifaches u n d die V ertreter des Reiches einfaches Stimm­ recht. Die übrigen Mitglieder des Verwaltungsrates haben nur beratende • Stimme. V on 33 Stim m en insgesamt gehören damit 20 der I.-G. Sie bestim m t also die P olitik und die Preisgestaltung des Syndikats, das der deutsche Reichsschatzm inister zum Schutze der fiskalischen Interessen schuf u n d dem die verfassunggebende Nationalversammlung feierlich ihren Segen erteilte. Schon durch ihren bestim m enden Einfluß auf die gesamte Stickstoff­ industrie D eutschlands und dadurch, daß die Deutschen allein fast die H älfte der W eltstickstoffproduktion liefern, ist die I.-G. die stärkste W eltm acht a u f diesem Gebiet. Ihre Position verstärkte sie noch durch 12

I.-G . D e utschland

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in tern a tio n a le B eteiligungen u n d A bm achungen. I n ihrer direkten Einflußzone liegt die norw egische S tickstoffproduktion, d a die I.-G . im J a h re 1927 einen V ertrag, v erb u n d en m it dem A ustausch von A ktien, m it der «Norsk H y d ro -E lek trisk K vaelstofaktieselskab», Oslo, schloß, ü b er eine «Z usam m enarbeit in P ro d u k tio n u n d Verkauf». Die Anlagen d er N orsk H y d ro w u rd en a u f eine L eistungsfähigkeit von ru n d 90000 T onnen Stickstoff au sg eh au t u n d d ad u rch ih reW asserkraftanlagen besser ausg en u tzt als bisher. Im Ja h re 1929, als sich die e rsten A nzeichen einer U eberproduktion b em erk b a rm ac h te n ,b e g a n n e n die V ersuche zur Schaffung internationaler A bm achungen. D e r stä rk ste P ro d u z e n t n ach d er I.-G . w ar der englische C hem ietrust. I h r gem einsam er G egensatz zum C hilesalpetertrust b ra c h te beide a n d en V erhandlungstisch. B eide T ru sts kam en zu einer E inigung. D er V e rtra g w urde sp ä te r v o n der I.-G . a u f das Deutsche S tick stoffsy n d ik at ü b e rtra g e n . N achdem dieser Z usam m enschluß gelungen w ar, setzten V erhandlungen zu r G rün d u n g eines in te rn a tio n a le n K artells ein. A nfang 1930 trafen sich die V e rtre te r d er Stickstoffindustrie E u ro p as in O stende. Der deutsch-englisch-norw egische B lock schlug eine E inschränkung der P ro d u k tio n u m 50 P ro z e n t vo r. D agegen w an d ten sich die Länder, deren Stickstoffw erke noch im A usbau begriffen w aren u n d die den ein­ heim ischen B e d a rf noch n ic h t selbst decken k ö nnen. D as sind vor allem F ran k reic h , B elgien, H ollan d , P olen u n d die Tschechoslowakei. F ü r diese L än d e r w ürde die E in sch rän k u n g d er P ro d u k tio n v erstärk te E in ­ fu h r b ed eu ten . D e r W id e rsta n d d er französischen In d u strie, die die W o rtfü h re rin d er ganzen G ruppe w ar, w urde v o n der französischen R egierung u n te r s tü tz t, «um die einheim ische S tickstoffproduktion im H inblick a u f die n a tio n a le n V erteidigungsinteressen zu wahren», wie der K o rresp o n d en t d er «Vossischen Zeitung» b erich tete. D ie P ariser Presse schrieb, d a ß die französische In d u strie jed e a u f E inschränkung der P ro d u k tio n hinzielende A bm ach u n g ablehnen u n d versuchen werde, ih re P ro d u k tio n bis z u r H öhe des einheim ischen V erbrauchs zu steigern, <ida es sich nicht n u r u m Stickstoff, sondern auch um Explosionsstoffe handelt». Z u r selben Z eit fo rd erte die In d u strie v o n d er französischen 178


Regierung 140 M illionen Francs zum Ausbau der Stickstoffabrik in Toulouse. D er B etrag w urde von der Kammer bewilligt. Das W erk in Toulouse ist interessanterweise von der Badischen Anilin, und Sodafabrik eingerichtet worden, und zwar auf Grund einesVertrages, den sie im J a h re 1919 «unter dem Druck der damaligen Besetzung mit Zustimmung der Reichsregierung m it der französischen Regierung ab­ geschlossen hat». Die Ostender Besprechungen wurden vertagt und im August in Paris fortgesetzt. H ier gelang es tatsächlich, allerdings nur auf ein Jahr, unter H inzuziehung auch Chiles, einen W eltpakt abzuschließen, dem nur Japan, das noch keine Ausfuhrinteressen beim Stickstoff hat, und die Vereinigten S ta a te n wegen der amerikanischen Antitrustgesetzgebung femblieben. E s w urde die «Convention de l’Industrie de l’Azote» (CIA) gegründet. W ährend des Konventionsjahres, das gewissermaßen als W affenstillstands] ahr anzusehen war, sollten die Verhandlungen über ein dauerndes K artell fortgesetzt werden. Das Syndikat umfaßte 98 Prozent der europäischen u nd 80 Prozent der Weltproduktions­ fähigkeit. Die französischen Forderungen waren zu einemTeil durchgesetzt worden. Die französische Zeitung «Information» gab eine Schilderung, nach der die französische Stickstoffindustrie beim Abschluß des Abkommens in der Lage w ar, etw a 100000 Tonnen zu produzieren und damit die Hälfte des französischen Stickstoffverbrauchs zu decken. Da die französischen Gestehungskosten etw a 15 Prozent höher liegen als die entsprechenden deutschen u n d norwegischen, so hätten die französischen Produzenten nur hinter dem Schutz von Zollmauem ihre Industrie soweit entwickeln können, daß sie den gesamten einheimischen Konsum decken könnten. Gegen eine solche Erhöhung des Zolles wehrte sich aber die Landwirt­ schaft. Bei den internationalen Verhandlungen h at die französische Gruppe gefordert, daß ihr der einheimische Markt Vorbehalten bleibe. Die großen E xportländer Deutschland, Norwegen und Chile widersetzten sich dem u n d stellten die französische Industrie vor die Alternative: entweder gäbe es einen Preiskam pf gegen die französische Industrie, oder die französische Produktion müsse eingeschränkt werden, wofür ihr 12*

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d a n n ein re n ta b le r V erkaufspreis zugesichert w erden könnte. Die französischen P ro d u zen ten h a b en es vorgezogen, sich dem n u r für ein J a h r gültigen A bkom m en anzuschließen. Dieses A bkom m en besagte im w esentlichen, d a ß die französische In d u strie sich zu einer zehnp rozentig en P ro d u k tio n sein sch rän k u n g w äh ren d der G eltungsdauer des A bkom m ens v erp flich tete, w äh ren d die großen P roduktionsländer ihre P ro d u k tio n u m 40 P ro z e n t ein sch rän k ten , u m die Preise au f einem Stand zu h a lten , d er a u ch d er französischen In d u strie R en ta b ilitä t ermög­ lichte. A us dem ein jäh rig en W affen stillstan d w urde kein Stickstoffriede. I n dem J a h re , in d em die S ticksto ffk o n v en tio n in K ra ft w ar, ist der W eltv erb rau c h a n D ü n g e m itte ln infolge d er A grarkrise um eine halbe M illion T o n n en R ein stick sto ff zurückgegangen. Die Produktions­ fäh ig k eit d er S tick sto ff In d u strie der W elt stieg aber gleichzeitig um rund 1 M illion T o n n en , so d a ß der groteske Z u stan d eingetreten ist, daß einer zahlungsfähigen N achfrage v o n 1,5 M illionen T onnen eine Leistungs­ fäh ig k eit v o n 4 M illionen T o n n en gegenübersteht. D en augenblicklichen W e ltb e d a rf k ö n n te die d eutsche S tickstoffindustrie allein decken. N un spielen b ei d en P reisen fü r S tickstoff die Löhne n u r eine sehr geringe R olle. D en H a u p tfa k to r m ach en die A nlagen aus, die d a sind, ob sie au sg e n u tz t w erden oder n ic h t. A m m eisten m u ß ten sich daher diejenigen P ro d u z e n te n gegen eine E in sch rän k u n g d er E rzeugung w enden, die ihre W erke gerade e rs t fertig g estellt h ab en . D azu gehört auch Chile. Die I.-G . k o n n te eine E in sch rän k u n g noch am ehesten ertragen, da ihre A nlagen schon ä lte r u n d zu einem erheblichen Teil abgeschrieben sind, das U n k o ste n k o n to also geringer belasten. D ie CIA . w u rd e im J a h re 1931 n ic h t v erlän g ert. D eutschland erhöhte seine Zölle a u f S tickstoff. Als A n tw o rt k ü n d ig te Chile seinen H andels­ v e rtra g m it D eu tsc h la n d , d en es im J a h re 1862 m it dem Preußisch­ deu tsch en Z ollverein abgeschlossen h a t u n d d er der älteste u n te r den besteh en d en d eu tsc h e n H an d elsv erträg en w ar. F ran k reic h ü b te schon w äh ren d d er V erhandlungen über die Ver­ län g eru n g des S y n d ik a ts einen sta rk e n D ru ck aus, indem es imzwei­ d eu tig e M aßn ah m en fü r d e n F a ll des Scheiterns d er K onvention vor­ b ere ite te . T ard ieu , dam als L an d w irtsch aftsm in ister, der als V ertrauens­ 180


m ann der französischen S chw erindustrie zu betrachten und der eifrigste A gitato r fü r ein in d u strie ll starkes imperialistisches Frankreich ist, erreichte, d a ß die französische L andw irtschaft ihren Widerstand gegen Stickstoffzölle aufgab. T ard ieu k o n n te die offizielle Erklärung abgeben, daß die L a n d w irtsc h a ft «angesichts der gespannten weltpolitischen Lage» die N otw endigkeit einer starken französischen Stickstoffindustrie f ü r die M unitionsversorgung des Landes und für die Versorgung der L an d w irtsch aft im K riegsfälle einsehe. Man m uß sich in bezug auf die «gespannte w eltpolitische Lage» erinnern, daß damals gerade die Wogen d er E rreg u n g ü b e r d en P la n einer deutsch-österreichischen Zollunion ih ren H ö h e p u n k t erreich t h a tte n . D ie französische R egierung erließ eine Verordnung, nach der die Stick­ stoffeinfuhr n ach F ran k reich n u r noch m it besonderer Einfuhrgeneh­ m igung zugelassen w urde. D am it w ar für die französische Stickstoff­ industrie eine Sonderstellung geschaffen, die angesichts der Tatsache, d aß auch die V ereinigten S ta a te n u nd Jap an dem Stickstoffpakt nicht angehörten, die V erlängerung des P aktes unmöglich machte. D ie deutsche R egierung b eantw ortete das französische Vorgehen gleich­ falls m it E infuhrbeschränkungen. D araufhin sperrten auch Belgien, P olen u n d andere L än d er die Einfuhr. D er K am pf der Stickstoff­ p roduzen ten a u f dem W eltm ark t entbrannte auf der ganzen Front. G erüstet m it Zollschutz u n d dem System der Einfuhrbewilligungen, im In lan d e durch das S y n d ik at zusammengefaßt, tr itt die deutsche Stick­ stoffindustrie u n te r F ü h ru n g der I.-G . den andern Mächten entgegen. W ährend a u f dem W eltm ark t die Preise um über 40 Prozent gefallen sind, senkte das S yndikat seine Preise innerhalb Deutschlands nur um 5 bis 8 P ro zen t fü r die M assenprodukte und sogar nur um 1 Prozent für die Spezialprodukte, trotzdem noch im Ja h r vorher verkündet worden w ar, daß die deutsche Stickstoffindustrie die deutsche Landwirtschaft n ich t teu rer beliefern w ürde als die ausländische. Dieser e rb itte rte K onkurrenzkam pf kann nicht bis zur Niederwerfung des einen oder des andern Produzenten geführt werden, eben weil alle Regierungen aus m ilitärpolitischen Gründen ihre Stickstoffproduktion m it allen M itteln stützen werden. Über kurz oder lang wird daher wieder 181


eine zeitweilige E inigung a u f einer neu en B asis erfolgen, ohne daß d a­ d u rch die K onfliktstoffe w irklich aus der W elt geschafft werden. S elbst die A useinandersetzung zw ischen n atü rlich em u n d synthetischem S alpeter, die in le tz te r Linie ein K a m p f zwischen Chile u n d I.-G . wäre, w ird n ic h t bis zu E n d e au sg etrag en w erden. Chile selbst wäre nicht lange in d er L age, einem zielbew ußten A ngriff d er I.-G . standzuhalten, doch ste h t h in te r Chile am erikanische F in an z, u n d zwar speziell die N atio n al C ity B a n k , eine d e r g rö ß ten B an k en der V ereinigten Staaten, bei d er I . P . M organ G ro ß a k tio n ä r ist. Diese B an k is t sowohl der Ban­ k ier d er chilenischen R egierung als a u ch d er B rü d er Guggenheim und is t gleichzeitig d as am erikanische E m issionshaus fü r I.-G .-F arben und fü r die N o rsk H y d ro E le k trisk . M an k a n n sich denken, daß die N ational C ity d e n A usein an d ersetzu n g en zw ischen den Stickstoffm ächten nicht ganz ohne In te re sse folgt u n d sich sicherlich n ic h t m it der Rolle des passiv en B eo b a c h te rs b eg n ü g t. Zu d en P ariser B esprechungen h a tte sie ih re n V izep räsid en ten , H e rrn R o n a ld B yrnes, e n tsa n d t, dem nach einer D en k sch rift, die Chiles R egierung ü b e r den G ang der V erhandlungen au sg e a rb e ite t h a t, d as H a u p tv e rd ie n st an dem Z ustandekom m en des P a k te s a u f ein J a h r zuzuschreiben is t. N ach dieser D enkschrift hatten sich die A uffassungen d er chilenischen D elegation, die aus Regierungs­ u n d In d u s trie v e rtre te rn b e sta n d , u n d d er V e rtre ter der europäischen P ro d u z e n te n sehr schroff gegenübergestanden. Chile h ä tte sich a u f k ein en F a ll m it einer E in sch rän kung der Produktion zufrieden geben k ö n n en . D as F u n k tio n ieren des R eorganisationsplanes fü r Chiles S a lp e te rin d u strie h a t eine w eitgehende A usnutzung der P ro d u k tio n s k a p a z itä t zu r V oraussetzung. D ie G ründung des chile­ n ischen n /j-M illia rd e n -T ru s ts ü b te a b e r au ch genügenden D ruck aus, u m die eu ro p äisch en P ro d u z e n te n zum E inlen k en zu bewegen. Die G rü n d u n g dieses T ru ste s is t ein w esentliches V erdienst des H errn B yrnes. D ie N a tio n a l C ity B a n k h a t d ah er m e h r die Interessen Chiles als d er I.-G . v e rtre te n , d a die B a n k n a tü rlic h a n d er E rh a ltu n g ihrer in Chile in v e stie rte n K a p ita lie n m e h r als an d em K u rs der von ih r bei d e n am erik an isch en B örsen ein g efü h rten I.-G .-P ap iere interessiert ist. S ehr eng w ird die B in d u n g zw ischen d er I.-G . u n d der am erikanischen 182


Großbank schon darum nicht sein, weil das dem Prinzip der I.-G ., sich mög­ lichst von Bankeinflüssen unabhängig zu halten, widersprechen würde. Wird auch des kräftigen Rückhaltes wegen, den Chile in W allstreet genießt, der Kampf zwischen Chilesalpeter und Leunasalpeter nicht bis zum äußersten getrieben werden, so ist doch hervorzuheben, daß sich auch hinter diesem Gegensatz ein anderer verbirgt, nämlich wieder der zwischen der I.-G. und dem amerikanischen Chemiekapital. D a Chile­ salpeter, wenn er in Europa ganz zurückgedrängt werden könnte, noch lange für Südamerika wegen der günstigen Frachtlage wichtig sein wird und dieVereinigten Staaten Südamerika als ihre Einflußzone betrachten, so wird auch von diesem Gesichtspunkte aus das Interesse der W all­ street-Finanz an den Salpeterlagem Chiles verständlich. Trotz aller Kampfhandlungen gehen daher die Bem ühungen-um eine Verständigung hinter den Kulissen weiter. Die letzten, gescheiterten Verhandlungen zur Verlängerung der CIA., die in Luzern geführt worden waren, schloß Geheimrat Schmitz m it einer Rede, die Zukunfts­ perspektiven andeutet, die allergrößte Beachtung verdienen: «Eine gut geleitete Stickstoffindustrie muß eine U nterstützung für die größte Industrie aller Zeiten, nämlich für die Landwirtschaft, sein, und sie ist infolgedessen dazu bestimmt, eine bedeutende Rolle Im Ge­ sundungsprozeß der wirtschaftlichen Lage der W elt zu spielen. Eine große Aufgabe ist uns daher anvertraut, und obwohl die jetzigen V er­ handlungen gescheitert sind, habe ich das Empfinden, daß es unsere offensichtliche Pflicht ist, weiterzuarbeiten, wenn auch nur, um ein Mittel zu suchen, das Unglück eines Zusammenbruchs, der gleichzeitig den Verlust von Kapitalien, von Arbeitsmöglichkeit und wirtschaftlicher Stabilität mit sich zieht, zu verhindern. Meine ausgedehnten Studien dieses Problems und seiner zahlreichen Verästelungen, ebenso wie die Unmöglichkeit, zur Zeit zu einer V erstän­ digung zu gelangen, lassen mich glauben, daß eine bessere Lösung schließlich auf dem Wege zu einer finanziellen Interessengemeinschaft gefunden werden wird. Ich kann Ihnen im Augenblick nicht alle Einzelheiten eines solchen Planes deutlich auseinandersetzen; vielleicht wird es sich um einen Weltverkaufspool handeln, vielleicht auch um 183


die G ründung einer internationalen Fabrikationsgesellschaft m it oder ohne V erkaufskontor. H ier lieg t ein sehr w eites G ebiet vor uns, und jed er vo n Ih n e n w ird dab ei so fo rt S chw ierigkeiten sehen; aber ich fordere Sie alle sehr e rn sth a ft auf, dieses P ro b lem eingehend und un au f­ hörlich zu studieren, u m keine G elegenheit zu verlieren, unsere Industrie im H inblick a u f die w irtsch aftlich e Lage a u f eine k o n sta n te u n d ge­ sunde G rundlage zu stellen.» K urz d arau f, im A u g u st, tra fe n sich die V e rtre te r der europäischen Stickstoffindustrie — also ohne Chile — n och ein m al in Brüssel, um w enigstens eine E in ig u n g d e r europäischen K un ststickstoffproduzenten gegen den C hilesalpeter zu erreichen. A u ch dieser V ersuch m ißlang. Es w urde lediglich beschlossen, V erein b aru n g en v o n L a n d zu L and zu treffen. Dieser B eschluß m u ß als ein E rfolg d er P lä n e G eheim rat Schm itz’ angesehen w erden, d er in d em Z usam m enschluß b estim m ter L änder w ohl den b estenW eg zur Schaffung eines S tick sto ffw elttru sts in irgend­ einer F o rm sieh t. D er erste S c h ritt in dieser R ich tu n g w urde im D ezem ber 1931 getan. Zwischen dem d eu tsch en u n d dem französischen S tickstoffkontor kam im Rahm en der deutsch-französischen Wirtschafisbesprechungen ein A b­ kom m en zu stan d e, n ach dem die deutsche In d u s trie den französischen S tickstoffbedarf, fü r den die L eistungsfähigkeit d er französischen I n ­ d u strie n ic h t ausreicht, decken soll. D ie französischen L andw irte er­ h a lte n d en Stickstoff, fü r d e n sie bis d a h in 108 F ra n k e n bezahlen m u ß ten , je tz t fü r 95 F ra n k e n . D as deutsch e S y n d ik at liefert den S alpeter zu 83 F ra n k e n . D ie Differenz zw ischen 95 u n d 83 F ranken, abzüglich d er V erteilungskosten, b le ib t dem französischen Stickstoff­ k o n to r als V erdienst. D as b e d e u te t, d a ß die d eu tsche die französische In d u strie su b v en tio n iert. U rsprünglich h a tte die französische R e­ gierung eine E in fu h rab g ab e v o n 21 F ra n k e n je 100 K ilogram m verlangt, die je zur H älfte d e r französischen L a n d w irtsc h a ft u n d der französischen S tickstoffindustrie zu g u te k om m en sollte. K einer d er P ro d u zen ten , die sich u m d en E x p o rt n ach F rankreich bew arben, w ollte jedoch a u f diesen P la n , d e r v o n dem kürzlich v e r­ sto rb en en Louis L oucheur ausgeheckt w orden w ar, eingehen. 184


Es h an d elt sich bei diesem Abkommen in der Hauptsache um die Lieferung hochw ertigen N atronsalpeters, den bis dahin Chile, die Ver­ einigten S ta a te n u n d unabhängige norwegische Produzenten geliefert h atten . Die frü h eren L ieferstaaten versuchten anfangs dieses Abkommen als einen V erstoß gegen die Meistbegünstigung zu bekämpfen. Als dieser Weg n ich t zum Ziele fü h rte, m achten sie ein gemeinsames Gegenangebot: Sie erklärten sich bereit, dem französischen Kriegsministerium eine Menge von 120000 T onnen N atronsalpeter zur Verfügung zu stellen, wenn die französische Regierung zur gleichen Zeit die Erlaubnis erteile, ebensoviel T onnen Salpeter für die französische Landwirtschaft einzuführen. D er Preis fü r diesen Stickstoff sollte auf der gleichen Höhe wie der für die deutschen Stickstoffheferungen hegen. Die H eftigkeit, m it der der Stickstoffkampf jetzt geführt wird, und die durch die A usw irkungen der Krise des Pfundes und der skandinavischen W ährungen v erschärft w ird, kann in Anbetracht der staathehen Stützungen der Landesindustrien noch recht lange dauern. Da aber jede der käm pfenden G ruppen weiß, daß ein Niederrmgen des Gegners ausgeschlossen ist, w ird sicherhch die Hoffnung Geheimrat Schmitz’ auf das Zustandekom m en eines Weltverkaufspools oder ähnlichem sich über kurz oder lang erfüllen.

13 . W eltm acht durch Wissenschaft

Carl Duisberg sah im Jah re 1904, als er zum erstenmale den Plan für einen die gesam te deutsche chemische Industrie umfassenden Trust ausarbeitete, voraus, daß dadurch ein Staat im Staate entstehen würde. U nd dam als w ar die chemische Industrie noch nicht annährend das, was 185


sie Leute ist. D er n ach dem K riege W irk lich k eit gewordene T rust u m fa ß t, d u rc h d rin g t u n d beeinflußt das G anze d er deutschen W irtschaft. W ollte m an die P ro d u k te d er I.-G . aufzählen, 60 e n tstän d e ein um fang­ reicher W aren k atalo g , in dem n u r weniges fehlen w ürde, aus welchem ausgefallenen G ebiet es au ch sein m öge, u n d m an w ürde vergebens die innere O rdnung in dieser endlosen R eihe suchen. U nd doch handelt es sich beim d eu tsch en C h em ietru st u m ein organisches lebendiges Gebilde, das m it allem L eb en d en gem ein h a t, nie fertig zu sein, sich ständig zu w andeln. Ih re W urzeln h a tte die chem ische In d u strie von Anfang an n ic h t im H an d w e rk , sondern im L ab o rato riu m des Forschers. Diese leim zelle b le ib t a u ch w eiterh in ih r eigentlicher L ebensnerv. Von hier aus d rin g t die I.-G . in die a n d ern Zweige der W irtsch aft ein, erobert sie erst tech n isch u n d schließlich au ch k ap italm äß ig . Völlig v o n d e r I.-G . b e h errsch t w ird die deutsche T eerfarbenproduktion — die L iste d er T eerfarb en u m fa ß t m ehrere tau sen d N am en — und die d eutsche S pren g sto ffin d u strie. D ie P ositio n a u f dem Teerfarbengebiet is t au ch h e u te d u rc h das M onopol a u f einzelne hochw ertige F arben noch so 6 tark , d a ß k ein L a n d a u f die P ro d u k te der I.-G . ganz verzichten k a n n , ohne seine T ex tilin d u strie zu gefährden u n d seine m eisten übrigen Industriezw eig e zu benachteiligen. V on dieser Basis aus konnte die I.-G. d en k o n tin e n ta le n B lock schaffen. D a zu r U m w an d lu n g d er aus dem T eer gew onnenen E rstp ro d u k te, wie B enzol, T oluol usw . in F a rb e n große M engen anorganischer Chemikalien g eb rau ch t w erden, so ste llt die I.-G . auch diese her. U m sie billiger gew innen zu k ö n n en , setzte sie ih ren F orsch erstab zur E ntdeckung neuer V erfah ren ein u n d rie f m it je d e r gelungenen V erbesserung die größten U m w älzungen in d en N achbargebieten hervor. So w ar es am deutlichsten beim In d ig o , als zu seiner H erstellu n g billige Schwefelsäure gebraucht w urde u n d die B adische das K o n ta k tv e rfa h ren ausbildete. Besonders säurefeste M etallegierungen w erden nötig, also entw ickelt die I.-G . eine F o rsch u n g stä tig k e it a u f dem G ebiet säm tlicher M etalle, Schwer- und L eichtm etalle, w as w ieder a u f die gesam te M etallindustrie zurückw irkt. I n den «E lektrom etallurgischen W erken» in F ra n k fu rt am Main und in d er «D uisburger K u p ferh ü tte» ist die I.-G . auch M etallproduzentin, 186


wobei gleichzeitig G laubersalz u n d S ulfat gewonnen w ird; in dem von der I.-G . b eh e rrsc h te n A lum inium w erk B itterfeld fällt neben dem H aupt­ p ro d u k t A lu m in iu m seh r gelegen auch Feinsoda ab. V on den F a rb e n zu d e n H eilm itteln w ar derW eg nicht weit, und jedes w irklich b ed e u tsa m e P r ä p a r a t, wie etw a das Germ anin gegen die Schlaf­ k ran k h e it oder d as P lasm o ch in gegen M alaria, schafft ein Monopol, auf das sofort en tw ed er die ganze W elt oder aber die Gebiete, in denen die K ra n k h e it ih re n H e rd b a t, angewiesen sind. So v erw an d t wie F a rb e n u n d H eilm ittel sind Sprengstoffe und Farben u n d Sprengstoffe u n d K unstseide. F ü r die beiden letzteren ist Zellulose das A usgangsm aterial. Zellulose in V erbindung m it Salpetersäure ergibt Schießbaum w olle oder Zelluloid, Zellulose m it Essigsäure verbunden dagegen K u n stseid e oder Film e. Rohfilme und zugleich photographische A pparate ste llt die I.-G . sowohl in m ehreren deutschen Werken als auch in den V ereinigten S ta a te n durch die Agfa Ansco Corporation in B irm ingham h er. D ie K unstseide n im m t historisch ihren Ausgangspunkt direkt von der Sprengstoffindustrie. D ie ersten F äd en w urden aus in einem AetherAlkoholgem isch gelöster Schießbaumwolle hergestellt. Sie waren höchst explosiv. E r s t n a c h langen V ersuchen wurden Verfahren gefunden — das erste vom G rafen C h ard o n n et— , die der Kunstseide die Explosivität nehm en u n d d ad u rch d er W eg fü r den beispiellosen Aufstieg der m odernen K unstseidenindustrie freigem acht haben. 1913 betrug die W eltpro d u k tio n a n K unstseide 16 Millionen Kilogramm, 1929 dagegen 200 Millionen K ilogram m . S etzt m an 1913 gleich 100, so stieg die K unst­ seidenproduktion bis 1929 a u f 1250, die Baumwollproduktion aber im Vergleich d azu n u r v o n 100 a u f 106. D ie K unstseidenindustrie h a t sich zunächst unabhängig von der chemi­ schen In d u strie entw ickelt, fü r die sie m ir ein guter Kunde war. In den letzten J a h re n jedoch h a t sich die I.-G . sehr intensiv um dieses die ge­ sam te T extilin d u strie revolutionierende Erzeugnis gekümmert. Die erst­ klassigen L aborato rien , der Stab erfahrener Chemiker kamen ihr dabei ebenso zugute wie die T atsache, daß sie alle Ausgangsstoffe für die K unstseide selbst p roduziert u n d schließlich auch die Bleichmittel und 187


F a rb e n zu r W eiterv erarb eitu n g . D a schon m in d estens seit 1920 eine Ü b erp ro d u k tio n an K u n stseid e v o rlag , die P reise d a u e rn d sanken und in der b a ld d a ra u f au sb rcch cn d cn W irtsch aftsk rise w eiter derartig fielen, daß die großen K u n stseid ek o n zern e m it V erlu st arb eiteten , b a t auch die I.-G . bisher finanziell w enig F reu d e an ihrem neuen P ro d u k t g eh ab t. Sie k o n n te jed o ch schnell B oden gew innen, u n d als im Ja h re 1931 eine V erständigung u n te r den K u n stse id e p ro d u z e n ten zustande kam — gegen die sich gerade die I.-G . g ew ehrt h a tte , solange sic ihre Stellung noch n ic h t fü r s ta rk genug h ie lt — ra n g ie rte sic an zw eiter Stelle in D eutschland. Die erste Stelle h a t vorläufig n och der holländisch­ deutsche A k u -G lanzstoffkonzern inne. D ie V erständigung geschah d u rch die G rü n d u n g zweier S y n d ik ate. D as eine b etrifft die billigere V iscosekunstseide, d eren V e rk a u f a u f dem d eu tsch en M ark t n u r durch ein gem einsam es V erkaufsbüro in B erlin erfolgt. A n dem S yndikat sind n eben den d eu tsch en die holländischen, Schweizer u n d italienischen P ro d u zen te n b e te ilig t u n d es w ird v ersu ch t, au ch die Belgier und die F ranzosen zu gew innen. D ie G rü n d u n g des S y n d ik ats b ed eu tet, daß die K o n k u rren z d er V iscose-P roduzenten n u r n och a u f dem W eltm ark t ausgetragen w ird, w äh ren d in D eu tsch lan d die Preise m onopolartig festgesetzt w erden. D as zw eite S y n d ik a t b e trifft die teurere K u p fer­ kunstseid e. Ih m gehören n u r die drei d eu tsch en H ersteller Bem berg, I.-G .-F arb e n u n d K ü rte n (P irna) an , w ovon K ü rte n zu r Z eit stillgelegt ist. Dieses V erkaufsbüro b eh errsch t n ic h t n u r den deutschen, sondern auch den W e ltm a rk t, d a alle ausländischen P ro d u zen ten , w enn sie n ic h t ü b e rh a u p t n u r T o ch teru n tern eh m u n g en B em bergs oder der I.-G . sind, a u f die d eutschen P a te n te angew iesen sind. H aber-B oschs S tickstoffsynthese fü h rte die I.-G . n ich t n u r in völliges N euland, m ac h te sie n ic h t n u r zum w ichtigsten L ieferanten der L an d ­ w irtsch aft, sonden s tä rk te au ch w iederum ihre Stellung als P roduzenten yo n F arb e n u n d Sprengstoff, d a S tickstoff fü r beides unentbehrlich ist. D a der T ru st sich n ic h t d a m it beg n ü g t, den L an d w irten m öglichst viel S tickstoff aufzuschw atzen, ric h te te er eigene V ersuchsgüter u n d lan d ­ w irtschaftliche L ab o rato rien ein, in denen d er D ü n g em ittelbedarf aller 188


wichtigen P flanzen u n d die Zusammensetzung der Böden untersucht wird. Von reinem Stickstoffdünger führte der Weg zu den modernen M ischdüngcrarten, d urch die der T rust heute in die alte Superphosphat­ industrie u n d die K aliindustrie eindringt. Die landwirtschaftlichen Ver­ suchsanstalten dienen jedoch nicht nur den Düngemittelversuchen. Da die I.-G . gleichzeitig Schädlingsbekämpfungsmittel herstellt — eine P roduktion, die den H eilm itteln und den Giftgasen gleichermaßen ver­ w andt ist — , so h a t sie durch die Versuchsgüter auch hierfür die ratio­ nellsten Forschungsm öglichkeiten. Die Schädlingsbekämpfung ist eines der großen industriellen Zukunftsgebiete, das erst mit der Überwindung der R ückständigkeit der Landw irtschaft voll zur Entfaltung kommen wird. Das h e iß t, erst nach Überwindung der kapitalistisch gehemmten W irtschaftsw eise, da u n te r den Bedingungen des privaten Grund­ eigentums eine w irklich wissenschaftliche Landwirtschaft nur in be­ grenztem U m fange erreichbar ist. Die bisherige Geschichte der Agrar­ krisen leh rt das m it aller Eindringlichkeit. Was nicht heißt, daß nicht auch u n te r den gegenwärtigen Verhältnissen noch große Fortschritte in der A grikultur möglich wären. Es ist zum Beispiel nicht unbedingt nötig, daß D eutschland das «Land des madigsten Obstes» bleibt. Die K ette Stickstoff-Zellstoff-Sprengstoff-Filme-Kunstseide führtweiter zu den Lacken. Zwischen der Herstellung von Kunstseide und Lacken bestehen enge Beziehungen. Die Forschung auf dem einen Gebiet be­ fruchtet das andere. Ebenso gehören die für die Produktion von Lacken gebrauchten Lösungs- u n d Weichmachungsmittel in diesen Zusammen­ hang. Sie sind, soweit sie synthetisch aus Kohle gewonnen werden, ein Monopol der I.-G ., das um so größere Bedeutung gewinnt, je mehr die Industrie a u f die schnell trocknenden Nitrozellulose-Lacke angewiesen ist. Das ist besonders bei der Automobilindustrie der Fall. Man kann nicht Autom obile eines nach dem andern vom laufenden Band rollen lassen, wenn die lackierten Teile tagelang trocknen müssen. Das brennende Interesse, das die Automobilindustrie an Lacken hat, die sich restlos den Erfordernissen der mit demBruchteil der Minute rech­ nenden Arbeitsweise anpassen, führte zu der interessanten Verbindung H enry Fords m it der I.-G ., während Fords bedeutender Konkurrent, 18?


der am erikanische A u to m o b iltru st G eneral M otors, sich m it dem am eri­ kanischen K o n k u rren ten der I.-G ., dem D u p o n t-K o n zern , verband. Das V erhältn is F o rd — I.-G . k a n n fü r die Z u k u n ft n o ch re c h t schwerwiegend w erden, da cs wegen d er E x p a n sio n sk ra ft, m it d e r die Chemie in alle Ind u striesp h ären d rä n g t, stä n d ig neue B e rü h ru n g sp u n k te schafft. Da sind zum Beispiel die vielen M öglichkeiten, die au s der Suche nach neuen vollkom m eneren M etallegierungen en tste h e n . Als H e n ry F o rd im H erbst 1930 zur G rundsteinlegung seines K ö ln er W erkes in D eutschland weilte, besuchte er gewiß n ic h t zufällig zusam m en m it G eheim rat Bosch und G eheim rat S chm itz die v o n d er I.-G . b e h e rrsc h te Elektron-M etall­ gesellschaft in S tu ttg a r t, die u n te r an d erm K o lb en aus Leichtm etall herstellt. D a F o rd zudem h e u te schon in d er am erikanischen Flugzeug­ in d ustrie ebenso wie sein K o n k u rre n t G eneral M otors eine wichtige Rolle spielt u n d er zweifellos d en E hrgeiz h a t, v o m A utom obilkönig zum Flugzeugkönig aufzu rü ck en , so is t sein In teresse u m so größer. W enn die I.-G . d as P ro b lem des k ü n stlich en G um m is befriedigend lösen sollte, so w äre d as fü r F o rd n a tü rlic h v o n allerg rö ß ter B ed eutung. Bis dahin v ersu ch t er sich d u rc h seine großen G u m m ip lan tag en in Brasilien vom K a u tsc h u k m a rk t u n ab h än g ig zu m achen, u n d m a n k a n n vielleicht aus der T atsach e, d a ß er noch große K a p ita lie n in die P ro d u k tio n v o n N a tu r­ gum m i ste c k t, schließen, d aß die I.-G . selbst n och n ic h t m it einem schnellen E rfolg ih rer K a u tsch u k sy n th ese rech n et. F o rd u n d I.-G .-F a rb e n ergänzen sich übrigens a u ch politisch rech t gut. Gegen die E rric h tu n g des K ö ln er F o rd b etrieb es w urde vom Reichs­ v erb an d d er d eu tsch en A utom o b ilin d u strie eine heftige K am pagne g efü h rt m it d er A rg u m en tatio n , d a ß die in K ö ln g eb au ten A utos n u r zum k lein sten T eil als deutsches F a b rik a t zu b e tra c h te n seien. I n der H au p tsach e seien sie aus am erikanischem M aterial. B ei dem Eröff­ n u n g sb a n k e tt d er K ö ln er F a b rik t r a t G eheim rat D uisberg fü r F ord m it der E rk lä ru n g ein, d aß er «als V orsitzender des R eichsverhandes der deutschen Industrie» zu d e r A uffassung gelan g t sei, d aß die Fordw agen aus deutschem M aterial g e b a u t w ürden. D a au ch die A rbeiter zum g rö ß ten T eil D eu tsch e seien, m üsse m a n d e n K ö ln er F ordw agen als deutsches P ro d u k t ansehen. 190


In den V ereinigten S taaten entfaltet die amerikanische chemische Industrie durch F . P . G arvan immer von neuem ihre Propaganda gegen die I.-G . u n d , u m d ad u rch die I.-G . zu treffen, gegen Deutschland. So ■wurde E nde des Ja h re s 1931, als der Kongreß in Washington zu dem H oover-M oratorium für D eutschlands Reparationszahlungen Stellung nehmen m u ß te , v o n einer der m eist gelesenen amerikanischen Zeit­ schriften eine A rtikelserie über die deutsche Verschwendung — mit Photographien neuerrichteter Badeanstalten, Stadien usw. — veröffent­ licht. Die «Chemieal-Foundation» stellte einen Sonderdruck des Artikels her und verb reitete ihn, dam it möglichst jedes amerikanische Dorf von «dem deutschen Luxus» erfuhr. Die Ueberschrift des Sonderdrucks war: «Anderer L eute Geld.» Da hinter dieser K am pagne das im Dupont-Konzem konzentrierte amerikanische C hem iekapital steht und Dupont den Automobiltrust General M otors (und durch diesen die deutschen Opelwerke) beherrscht, so richtet sich der Feldzug gleichzeitig gegen Ford, der ja nicht nur in Deutschland m it der I.-G . zusammen arbeitet, sondern auch an der amerikanischen Zweiggesellschaft des deutschen Farbentrustes, der I.-G.-Chemical-Corporation, beteiligt ist. Edsel Ford sitzt im Aufsichts­ ra t der I.-G.-Chem ical. H inter D upont und General Motors aber steht Morgan u n d ste h t in einem bestimmten Grade auch das britische Chemiekapital, die Im perial Chemical Industries. Ford und I.-G . haben sich immer nach Möglichkeit unabhängig vom B ankkapital gehalten, wenn sie auch der Mithilfe der Banken bei den Börsenemissionen nicht entbehren konnten. Die Interessengemeinschaft zwischen F o rd u n d dem F arbentrust ist also zugleich eine Interessen­ gemeinschaft gegen das B ankkapital. Sie geht im übrigen über die Kapitalverflechtung u n d die Ergänzung in technischer Beziehung noch dadurch hinaus, daß beide zum Teil denselben Kundenstamm haben, «denn der L andw irt, der einen Fordschlepper kauft, kauft auch den synthetischen Stickstoff», wie einer der Direktoren der Kölner Fordwerke sagte. So ist Ford der Sachwalter der I.-G . in den Vereinigten Staaten und wird dam it in demselben Maße zum Sachwalter der Finanzinteressen 19t


D eutschlan d s, in dem die I.-G . zum beh errsch en den F a k to r in der d eu tsch en W irtsch aftsp o litik w ird. E s is t noch n ic h t entschieden, welche der beiden K o m b in atio n en in d en V ereinigten S ta a te n , die nach England neigende V erbindung D u p o n t- G eneral M otors-M organ, die im Septem ber 1931 durch die B eteiligung D u p o n ts an d en b eid en großen am erikanischen R üstungsfirm en R em in g to n A rm s Co. u n d W in ch ester A rm s Co. ver­ s tä rk t w urde, oder die G ru p p e F o rd — I.-G ., die d u rch das mächtige P etro leu m k a p ita l (S ta n d a rd — I.-G .) u n te r s tü tz t w ird, die stärkere ist. D enny n e n n t die D u p o n tg ru p p e eine «proenglische M inderheit von In d u striellen u n d F in an zin teressen in Am erika», u n d er sieht die Zu­ k u n ft a u f seiten eines deutsch-am erik an isch en F inanzbündnisses. Aus der rein am erik an isch en u n d aus d e r rein finanziellen P erspektive läß t sich das ab er n ic h t entsch eid en , w en n eine solche E n tscheidung heute ü b e rh a u p t schon m öglich ist. Sie h ä n g t u n te r an d erm w esentlich davon ab, wie w eit es d er I.-G . gelingt, das zu erreichen, w as G arvan bei der G rü n d u n g d er am erik an isch en C hem ical-I.-G . als d as Ziel der D eutschen h in ste llte : « W eltm acht d u rc h a u f W issenschaft gegründetes Monopol. D ie S ch lach t w ird n och einm al beginnen u n d zu E n d e gekäm pft werden m üssen u n d w ir w erden d as tro jan isch e P ferd aus dem Lande hinaus­ tre ib e n . A m erican I.-G .! W as fü r ein H o h n fü r je d en M ann, jede F rau u n d jedes K in d in diesem L a n d ! E s ist tra u rig , d a ß sich in unserm Lande M änner finden, die die G eldgier zum V e rra t d e r In teressen ihres Landes u n d ih re r F am ilie verleitet!» D as U ebergreifen d er I.-G . a u f die A utom o b ilin d u strie scheint m it der B eteiligung a n d en F o rd w erk en noch n ic h t abgeschlossen zu sein. U nter d er F ü h ru n g des sächsischen S ta a te s is t zu r Z eit ein m itteldeutscher A u to tru s t in B ild u n g begriffen, in dem die H orch -, die W anderer-, die A udiw erke u n d die Z sch o p p au er M otorenw erke I . S. Rasm ussen (D K W .) zusam m engeschlossen w erden sollen. M an sp rich t von der A bsicht d er I.-G ., sich a n diesem T ru s t zu beteiligen. Beschlüsse liegen jed o ch d a rü b e r n o ch n ic h t vo r. B ei der ab so lu t en tsch eid en d en B ed eu tu n g , die die F orschung für die E n tw ick lu n g d er M ach tstellu n g d er I.-G . h a t, is t es selbstverständlich, d a ß sie alle F o rschungs- u n d L e h rtä tig k e it in D eu tsch lan d als ihr 192


ureigenstes Interessengebiet betrachtet und sich in jeder Webe V/mfhiü darauf zu verschaffen sucht. K a rl D uisberg, d e r als k lein er A ssistent der Friedrich Bayer & Co, anfing u n d 1931 seinen siebzigsten G eb u rtstag als P räsident de» Reich*verbandes d er d eu tsc h e n In d u strie feierte, h a t eich neben »einer beruf­ lichen T ä tig k e it schon seh r frü h um die Reform des chemischen Hoch* Schulunterrichts g ek ü m m ert u n d w ar M itglied der U nterrichtskom m ission d er G esellschaft d eu tsch er N aturforscher u nd Ärzte. E r w ar der In itia to r bei d er G rü n d u n g d er sogenannten Stützungsgescllschaften, di« Geldfonds zu S tip en d ien fü r S tu d e n te n u n d Assistenten aufbringen and bestim m te F orsch u n g en finanzieren. A uf die «Kaiser-W ilhelm-Institut«» fü r die verschiedensten Zwecke (für Chemie, für physikalische Chemie, fü r Biochemie, fü r FaserstofFchem ie, Eisenforschung, Metallforschong, K ohlenforschung, L ederforschung) h a t die chemische Industrie sich durch die H ergabe v o n G eldern m aßgebenden Einfluß gesichert. D ar­ über hinaus g rü n d ete sie w eitere F orschungsinstitute, wie die Braunkohlen-F orschungsinstitute in Freiberg u n d C harlottenburg, die TextilF orschungsinstitute in D resden u n d R eutlingen. I n allen diesen In s titu te n w ird den großen wissenschaftlichen Fragen nachgegangen, die n ic h t in den L aboratorien der Industrie erforscht w erden können, w eil sie n ic h t u n m ittelb ar der Produktion dienen, sondern n u r m itte lb a r d u rch die B efruchtung der Praxis, durch die neuen P erspektiven, die sie eröffnen. Die Analyse der biochemischen Vorgänge ohne p ra k tisc h industrielles Ziel, die Erforschung der kolloidchemischen Z usam m enhänge, v on so großer Bedeutung sie zum Beispiel fü r die K au tschuksynthese ist, k an n nicht in den Laboratorien der I.-G . vorgenom m en w erden. Bei den Forschungsergebnissen der selb­ ständigen In s titu te h an d elt es sich im allgemeinen nicht um p aten t­ fähige E rfindungen, die ein U nternehm en aufkaufen und kapitalistisch verw erten k an n . D ie d o rt gewonnenen Erkenntnisse stehen vielmehr, sobald sie publiziert sind, der gesam ten W elt offen und finden dann ihre Anwendung in den besonderen L aboratorien der Unternehm ungen. Hier erst beginnt der eigentliche wissenschaftlich-wirtschaftliche Konkurrenz­ kam pf. 1 3 I.-G . D eutschland

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J e m eh r ab er alle chem ische E rk e n n tn is in d en A nlagen der chem i­ schen In d u strie G estalt gew innt, je m eh r die W eiterentw icklung der chem ischen In d u strie u n m itte lb a r d av o n a h h ä n g t, d aß die analytische F orschung noch u n b e k a n n te Z usam m enhänge au fd eck t, Schranken der E rk en n tn is also zu d ire k te n S ch ran k en d er in d u striellen E ntw icklung w erden, um so u n m itte lb a re r w ird au ch die In d u strie an der Forschungs­ tä tig k e it in w eiterem R a h m e n in teressiert. D as klassische Beispiel ist im A ugenblick die K a u tsc h u k sy n th e se , die n ic h t w eiter schreiten kann, ehe n ic h t d as G ebiet d er K olloidchem ie eingehend e rk a n n t ist. Man k ö n n te a b e r n o ch viele an d ere Beispiele dieser A rt anführen, wie etw a die V ersuche, E iw eiß aus K ohle h erzustellen, die völlig neue Perspek­ tiv e n eröffnen k ö n n en . E ine Folge dieses V erhältnisses zw ischen In d u strie u n d W issenschaft ist, d aß die G renzen zw ischen F o rsch u n g u n d P ro d u k tio n innerhalb eines T ru stes wie d e r I.-G . m e h r u n d m e h r ineinanderfließen — E rfahrungen u n d B eo b ach tu n g en , die in d en verschiedenen Z usam m enhängen in der P ro d u k tio n gew onnen w erden, kom m en d en L ab o rato rien zugute und geben d o rt A n regungen a u f o ft ganz a n d ern G ebieten, u n d um gekehrt. D ie zw eite Folge is t, d a ß sich au ch die G renzen zw ischen den Forschungs­ in s titu te n d e r I.-G . u n d d er u n ab hängigen I n s titu te verw ischen. E s fin d et n ic h t n u r ein reger A u stau sch d er C hem iker s ta tt. Die I.-G . stellt den selbstän d ig en In s titu te n au ch d irek te A ufgaben u n d is t oft N utznieß erin d er T ä tig k e it d er F o rsch u n g sin stitu te. D as In te re sse u n d die U n te rstü tz u n g , die die I.-G . den sogenannten freien F o rsch u n g san stalten zuw endet, ist also keineswegs M äzenatentum . A n sich g eh ö rt die U n te rstü tz u n g der W issenschaft zu den F unktionen des S ta a te s. E in e F u n k tio n allerdings, die er e rst sehr sp ä t u n d sehr m an g elh aft e rfa ß t h a t, g enau wie die Pflege des Schulwesens erst sp ät als staatlic h e A ufgabe e rk a n n t w urde, näm lich in dem Z eitp u n k t, in dem ein gewisses M aß v o n A llgem einbildung d er A rb eiterschaft zur V oraus­ setzung des in d u striellen W eiterschreitens w urde. H eu te ist der F o rt­ sc h ritt in d er E rk e n n tn is a u f d en v erschiedensten G ebieten der N a tu r­ w issenschaften u n b e d in g t V oraussetzung der in d u striellen E ntw icklung. D as trifft a u f säm tlich e Zweige d er In d u strie zu. Seitdem an die 194


M aterialien im m e r größ ere u n d zum T eil für die menschliche Sicherheit entscheidende A n sp rü c h e g e ste llt w erden, k a n n m an sich nicht mehr auf die reine E rfa h ru n g v erlassen . M an denke n u r an das Flugwesen, wo das V ersagen des M o to rs, des S teuers, der Tragflächen, des Propellers das Leben d e r P ilo te n u n d d e r F a h rg ä ste vernichten kann. Propeller, zum B eispiel, w e rd e n a u s H olz g eb au t. E ine genaue K enntnis der in F ra g e k o m m en d en H ö lzer, ih re r F estig k eit, ihres Verhaltens bei W ärme, K ä lte , F e u c h tig k e it is t V o rau ssetzu n g fü r den B au betriebssicherer P ropeller. G en au so ein gehend m u ß die S tru k tu r und das V erhalten säm tlicher a n d e re r M aterialien erforscht w erden, wenn der «Zufall») sow eit wie m öglich au sg e sc h a lte t w erden soll. U nsere K e n n tn is des in n e re n A ufbaues u n d W irkens aller Materie, unseres eigenen K ö rp ers ebenso w ie d er u n s um gebenden N atur ist trotz aller Erfolge in d en le tz te n J a h rh u n d e rte n u n d Jahrzehnten noch höchst m angelh aft. E s is t ein gew altiger F o rtsc h ritt gewesen, als das Wesen der V erbrennung u n d die g rö ß te Z ah l d er E lem ente erkannt worden waren. D er E in sich t in d en prinzipiell gleichen A ufbau der organischen und unorganischen, d er b ele b te n u n d unb eleb ten N atu r, folgte dann die E r­ k en n tn is d er S tru k tu r d er chem ischen V erbindungen — die Entdeckung des «Benzolrings» erm öglichte erst die Teerfarbenindustrie. Man lernte die E lem ente n a c h ih re n A tom gew ichten ordnen un d m achte dabei die überraschende E n td e c k u n g , d aß auch in der Reihenfolge der Elemente eine b estim m te O rd n u n g vorliegt, daß Elem ente m it verwandten E igenschaften b ei einer A ufstellung nach Atomgewichten in fest­ stehenden A b stä n d en aufeinander folgen. D er Chemiker Mendelejeff fa n d das periodische S ystem der E lem ente u nd stellte darin einige L ücken fest, die ih n v era n la ß te n , hier noch im entdeckte Elemente zu v erm u ten , deren E igenschaften er aber bereits genau angeben zu können glaubte. T atsäch lich w urden diese Elem ente m it den vorausgesagten E igenschaften au ch sp ä te r gefunden. D am it war das System der P erio d izität bew iesen. N ic h t erk lärt aber w ar die Ursache dieser P erio d izität. «Denn w oher stam m te die Periodizität der Eigenschaften, w enn die A tom e d er E lem ente einheitlich waren und nichts miteinander gemein h a tte n ? H in te r der Grenze unseres chemischen Könnens lag

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offenbar eine neue W elt m it v e rsp e rrte n T ü re n . D ie A tom e w aren nicht die le tz te n B austeine, sondern h a tte n ih rerseits S tru k tu r. A ber unsere H ilfsm ittel reich ten n ich t zum E in d rin g en in diese feinere S tru k tu r. Das w ar der S ta n d am E n d e des vorigen J a h rh u n d e rts . D as neue Ja h r­ h u n d e rt h a t diese v e rsp e rrte T ü r au fg etan . D en Schlüssel lieferten die rad io ak tiv en E n td e c k u n g e n u n d die elek trisch en Erscheinungen im hohen V akuum .» (H a b e r: S ta n d d er F rag e n a c h d er U m w andelbarkeit der chem ischen E lem en te. V o rtra g v o r d er K aiser-W ilhelm -G esellschaft. 3. März 1926.) Die A tom e w u rd en als kleine «Sonnensystem e» e rk a n n t, die aus einem p o sitiv geladenen K e rn , d e n P ro to n e n , u n d au s d en u m den K ern kreisenden, n e g a tiv geladenen E le k tro n e n b esteh en . Beim Wasserstoff, dem einfach sten E le m e n t, k re ist n u r ein E le k tro n u m ein P ro to n , beim schw ersten E le m e n t, d em U ra n , b ild en 92 P ro to n e d en K ern , um den 92 E lek tro n e n kreisen. D ie E le k tro n e n ro tie re n außerdem genau wie die P la n e te n , d reh en sich u m sieb selbst. Diese Theorie w urde zum ersten m al v o n P rofessor R u th e rfo rd aufg estellt. Sie is t noch lange nicht abgeschlossen. I n allen L än d ern b em ü h en sich G elehrte um ihren w eiteren A u sb a u ; scheint sie doch b ed eu tsam er fü r die Fortentw icklung der Chemie als alle bisherigen E n td eck u n g en . W en n näm lich die E lem en te im G ran d e alle einheitlichen A ufb au es sind, so gew innt die F rag e der V erw andlung d er E lem en te, also zum B eispiel auch die alte F rag e der A lchim isten, die au s u n ed len M etallen G old m achen wollten, ein völlig neues G esicht. D ie U m w andlung is t th eoretisch möglich gew orden. Solche n e u en E n td eck u n g en , die fü r die Z u k u n ft eine U m w älzung der chem ischen W issenschaft u n d d er gesam ten In d u strie versprechen, gibt es auch a u f den N ach b arg eb ieten eine ganze A nzahl. D ie Biologie sucht n ach dem «Zusam m enhang zw ischen chem ischer S ub stanz u n d lebendiger Form ». « Je tz t a b e r sind in d en a llerletzten J a h re n in den In stitu te n der K aiser-W ilhelm -G esellschaft in B erlin-D ahlem neue A nsätze physi­ kalischer N a tu r gefunden w orden, die freilich, m it der geschilderten n eu en E rk e n n tn is ü b e r den A to m b a u verglichen, noch ganz winzig und klein erscheinen, a b e r doch eine neue T ü r öffnen, wo vo rh er nichts w ar 196


als eine u n d u rch d rin g lich e M auer. Sie lassen die Hoffnung entstehen, dem P roblem des W achstum s zunächst in dem einfachsten Falle der G erüststoffe, also b ei d er Zellulose, der H om - und Knorpelsubstanz, u n d d am it dem V erstän d n is des Lebens au f Grund von physikalischen u n d chem ischen G esetzm äßigkeiten näherzukommen.» (Haber, a. a. 0., S. 135.) Z unächst sind jah rzeh n telan g e Forschungsarbeiten aufgewandt worden, u n d es m uß vielleicht noch einm al so lange gearbeitet werden, ohne daß sich die n eu en E rk en n tn isse wesentlich au f die Produktionsmethoden ausw irken oder g ar neue Ind u strien hervorrufen. Auf je höherem N iveau die F o rschung ste h t, je diffiziler, je unzugänglicher die gestellten Problem e sind, u m so größeren Aufwand an Arbeit, Instrumenten, Geld erfordern sie, u m so sp äter wirken sie sich aufs Wirtschaftsleben aus. K ein kapitalistisches U nternehm en kann sich derartig langfristigen Auf­ gaben, die u n te r U m stän d en zwei Generationen und mehr beschäftigen, w idm en. D ie Zeit, in der Privatgelehrte m it ihren eigenen oder m it den im m erhin besch rän k ten M itteln der Hochschulen isoliert die Lösung dieser Problem e m it Erfolg versuchen konnten, ist ebenfalls vorbei. Sie können n u r noch kollektiv durch das organisierte Zusammenwirken einer ganzen A nzahl von Forschem und n u r m it Hilfe kostspieliger Instru m en te u n d A pparate bew ältigt werden. Die Aufgabe ist also eine gesellschaftliche geworden. Soweit heu te ü b erh au p t noch in Deutschland größere praktische A ufgaben gelöst w erden, geschieht es in den Laboratorien der I.-G., die als einzige die M ittel zur Meisterung schwieriger und langwieriger Pro­ bleme h a t. F ü r die ganz großen theoretischen auf lange Sicht gestellten Aufgaben k a n n sie sich als Unternehm en nicht einsetzen. Der Staat stellt die M ittel n u r in begrenztem Umfange zur Verfügung, wobei es von der gesam ten, durch ih n n u r wenig zu beeinflussenden Konjunkturentwick­ lung abhän g t, wie eng die Grenzen sind, innerhalb deren er sich bei der Subventionierung der Forschung bewegen kann. Da die Funktion eines gegebenen S taates in der Sicherung des Bestandes und der Weiter­ entwicklung der Gesellschaftsordnung besteht, sind durch diese Funk­ tio n weitere Grenzen gesetzt. F ü r den imperialistischen Staat gilt im 197


allgem einen das S ch em a: Die m ilitä risc h —im w eitesten Sinne dcsW ortes — w ichtigen F orschungen w erden am eh esten v o n ih m fin an ziert; in zweiter Linie die fü r die allgem eine W irtsch aftsen tw ick lu n g notw endigen, und e rst ganz zum Schlüsse k o m m t die F ö rd eru n g d er sogenannten reinen G eistesw issenschaften. M eistens re ic h t das B u d g et n u r gerade für die m ilitärisch en F o rsc h u n g sa n sta lte n aus, w obei allerdings zu bedenken ist, d a ß sich keine k lare G renze zw ischen in d u strietech n isch en u n d militärtechnischen U n te rsu c h u n g e n ziehen lä ß t. V on den ersteren sind die H a u p tn u tz n ie ß e r die einschlägigen In d u strie n . Sie beteiligen sich daher m it g utem G ru n d a n d er F in an zieru n g d er w issenschaftlichen Institute. Diese Q uellen fließen ab er, ganz besonders in D e u tsch lan d 1, zu spärlich, u m w irklich d as H ö c h stm a ß a n fru c h tb a re r A rb eit zu gestatten.» Es ist 1 Die American Chemical Society erhielt von der amerikanischen chemischen Industrie einen jährlichen Zuschuß von 50000 Dollar; auf ihrer letzten Jahresversammlung h at sie außerdem eine zusätzliche Spende von 360000 Dollar erhalten, die zur Schaffung eines Fonds von zwei Millionen Dollar dienen sollen, der den Jahresetat der American Chemical Society unabhängig von den jährlichen Beiträgen der Industrie sicherstellt. Die deutsche chemische Gesellschaft h a t ungefähr den gleichen Aufgabenkreis, verfügt aber nur über Zuschüsse, die sich um 100000 Mark jährlich bewegen. Anläßlich der Jahresversammlung der Synthetic Organic Chemical Manufacturers Association, einer Organisation, die eine große Zahl führender ameri­ kanischer Unternehmungen umschließt, wurde im Jahre 1924 erklärt, daß für den Bau von Laboratorien in den Vereinigten Staaten von Amerika in den Jahren 1919 bis 1924 100 Mü­ lionen Dollar ausgegeben worden seien, und daß bei Durchführung des weiteren Bauprogramms, an der nicht zu zweifeln sei, in dem Zeitraum von 1919 bis 1929 500 Millionen Dollar für diesen Zweck investiert werden. Der Ausschuß war bemüht, Feststellung über die Beträge zu treffen, die ans öffentlichen Mitteln für die Forschungszwecke auf dem Gebiete der Chemie in Deutsch­ land und in den wichtigsten W ettbewerbsländem zur Verfügung gestellt werden. Eine zuver­ lässige zahlenmäßige Klärung der Beträge war jedoch nicht möglich, da es sich dabei um sehr verschiedene Geldquellen handelt, und da außerdem bei einem großen Teü der Institute eine scharfe Trennung von Aufwendungen für physikalische Untersuchungen, Untersuchungen der Hygieneinstitute, militärische Einrichtungen und andere Einrichtungen von öffentlicher Be­ deutung und der ausschließlich chemisch tätigen Einrichtungen nicht möglich war. Die Nach­ forschungen konnten nur zu der allgemeinen Feststellung verdichtet werden, daß in jedem Falle in den Vereinigten Staaten von Amerika und m it einem großen Grade von Wahrscheinlichkeit auch in europäischen W ettbewerbsländem der Aufwand für chemische Forschungszwecke, soweit er aus öffentlichen Mitteln bestritten wird, den deutschen Aufwand absolut und verhält­ nismäßig übertrifft. Trotzdem darf der Umfang der deutschen Forschungsmöglichkeiten auch nach der Auffassung der Sachverständigen aus der Industrie nicht unterschätzt werden. Er beruht vor allem auf einem hohen Maße von Erfahrungen, so daß die Wirkung der weiteren Forschungsarbeit eine verhältnismäßig große ist. (Enquötebericht, S. 25/26.)

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n u r w enige M o n a te h e r, seit ich in P asad en a in Kalifornien war and das p h y sik a lisc h e I n s t i t u t sah , d as a n d er dortigen kleinen Hochschule vor n i c h t lan g er Z e it e rric h te t w orden ist. Ich leite selber ein ähnliches I n s t i t u t . A b er ic h h a b e gefunden, d aß die A nstalt in Pasadena soviel Q u a rz sp e k to g ra p h e n h a t als die m einige Schiebewiderstände. Und so s t e h t es n ic h t n u r in d en V ereinigten S taaten , so steht es auch in dem a u fg e w a c h te n L a n d e des fernen O stens, in Jap an , und ich denke, so 6 te h t es ü b e ra ll, wo die M enschen aufw achen und erkennen, daß ein V o rsp ru n g v o r d en a n d e rn V ölkern niem als bei mäßigem Klima und b esch eid e n e n B o d en sch ätzen zu erringen oder festzuhalten ist ohne zu n eh m en d e V ertiefu n g , u n d zunehm ende Vertiefung nicht ohne F ö rd e ru n g des F o rschungsbetriebes. E s w äre au ch n u r ein h albes T u n , w enn m an die Menschen unterstützen w o llte , d a m it sie eine gediegenere A usbildung bekommen und die Hilfs­ m itte l v erw eigerte, die sie zu ih rer Forschungstätigkeit brauchen.» (H a b e r: W issenschaftspflege, S. 101.) H a b e r sieht das G anze n och als Frage der Konkurrenz, die es ja auch u n te r den gegebenen V erhältnissen ist. E r sieht noch nicht oder gesteht e s n ic h t ein, d a ß h e u te fru ch tb are Forschung die Zusammenarbeit der W issen sch aftler d er ganzen W elt in w eit größerem Ausmaße zur Voraus­ setzu n g h a t, als es u n te r den kapitalistischen Konkurrenzverhältnissen m ö glich ist. G erade die W irtschaftskrise beweist wieder, ein wie un­ sicheres F u n d a m e n t die Zuw endungen von W irtschaft und Staat für den A u sb a u d er F orsch u n g bilden. So m ußte die Deutsche Forschungs­ gem einschaft (N otgem einschaft) neben andern Aufgaben auch geplante um fassende pflanzenzüchterische Forschungen zur Verbesserung der lan d w irtsch aftlich en P ro d u k tio n zurückstellen. Das in einer Zeit, in der e in völliger N eu au fb au der deutschen Agrarwirtschaft nicht nur für die L an d w irtsc h a ft selber u n d fü r ihren bedeutendsten Lieferanten, die S tickstoffindustrie, sondern auch für die gesamte deutsche Wirtschaft besonders w ichtig fü r die E ntw icklung der nächsten Zukunft ist. Die V erb u n d en h eit der F orschung m it der Konjunkturentwicklung und der G estaltu n g des S taatsh au sh alts ist ein Hemmschuh der Wissenschaft u n d d am it d er W irtschaft. 199


14 . Der Geheim-Rat

D as C hem iekapital is t v erh ältn ism äß ig ju n g es K a p ita l; seit zwei J a h r ­ zehnten erst ste h t es a u f d er H öhe seiner M ach t. Z w ar ist es nicht m ehr die erste, die G rü n d erg en eratio n , die in dieser w ich tig sten deutschen Indu strieg ru p p e h e rrsc h t, w ohl ab er sind es d ie.u n m ittelb aren M itarbeiter der G ründer, die v o n S tufe zu S tu fe a u fg e rü c k ten «Generaldirektoren». Sie opferten keine T ra d itio n e n , als sie d en W eg d e r F usion beschritten, u n d fan d en ih n d a h e r leich ter als die V e rtre te r d e r rheinischen Schwer­ industrie. F ü r sie b ed e u te te die K o n z e n tra tio n der gesam ten che­ m ischen In d u s trie einen W eg zu r F u n d ie ru n g u n d A usdehnung ihrer persönlichen M acht. N ach d er R ev o lu tio n p a ß te n sie sich schnell der neuen S taatsfo rm a n u n d w u rd en b a ld — n u r w enige Ja h re durch die G estalt H ugo S tinnes in den H in te rg ru n d g ed rä n g t — die R epräsen­ ta n te n des n eu d eu tsch en w irtsch aftlich en E xpansionsw illens. K arl D uisberg w urde 1925 als N achfolger des K ru p p -D irek to rs K u rt Sorge V orsitzender des R eichsverbandes d e r d eu tsch en In d u strie , zu einer Z eit also, in d er die chem ische In d u s trie u n d die R u h r noch in offenem G egensatz zueinander stan d en . W en n a u ch seit 1931 w ieder ein R uhrin d ustrieller den S p itzen v erb an d d er d eu tsch en In d ustriellen leitet, näm lich K ru p p v o n B ohlen -H alb ach , so is t das n ic h t im Sinne eines neuerlichen V orm arsches d er a lte n S chw erindustrie u n d Zurückdrängens der chem ischen zu d eu ten . D ie S chw erindustrie h a t län g st ih r K om ­ prom iß m it d er I.-G . geschlossen; s itz t doch H e rm a n n Schm itz im A uf­ sich tsrat d er V ereinigten S tahlw erke, d a die I.-G . als größte A ktio­ n ä rin der R heinischen S tahlw erke in D uisburg-M eiderich selbst indirekt zu den G ründergesellschaften d e sD e u tsc h e n S ta h ltru stes gehört. Als K rupp E nde 1931 a n die Spitze des R eichsverbandes t r a t , w ar die I.-G . so sehr an erkann te w irtschaftliche H a u p tm a c h t in D eu tsch lan d , daß D r.T opf im «Berliner T ageblatt» d as W o rt «I.-G .-D eutschland» p rägen konnte. E rin n ern w ir u n s, d aß d er A ufstieg d er d eu tsch en chem ischen Industrie bis zum h eutigen F a rb e n tru s t m it d er E rse tz u n g n a tü rlich er Rohstoffe 200


durch sy n th etisch e P ro d u k te beg an n , in der H auptsache also m it der E rsetzung n a tü rlic h e r, auslän d isch er Rohstoffe durch Umwandlung ein­ heim ischer R ohsto ffe, u n d d a ß d ad u rch D eutschlands chemische Indu­ strie in eine n a tü rlic h e G egnerschaft zu den Rohstoffländern und später in eine n atü rlic h e B undesgenossenschaft zu den rohstoffarmen Ländern E uropas g e b ra c h t w u rd e. Diese Stellung führte zu dem kontinentalen Block, der h e u te die deutsche, französische, schweizerische und italie­ nische F a rb e n in d u strie u m fa ß t, u n d zu der Zusam m enarbeit der I.-G. m it Ja p a n . D a n u n die V ereinigten S taaten ebenso wie das britische Im perium , also die B eherrscher des größten Teils der Rohstoffe der Erde, seit K riegsende selber au s rüstungspolitischen G ründen eine chemische In d u strie au fg eb au t h a b e n , w as sie n u r in K onkurrenz zur deutschen I.-G . un d dem k o n tin e n ta le n Block konnten, so haben sich hier zwei deutliche L ager h erausgebildet, die auch die wirtschaftspolitischen und außenpolitischen In teressen des deutschen F arbentrustes bestimmen. E in K on k u rren zk am p f d er G ruppen gegeneinander bis zur Niederringung eines der Gegner scheidet v o n vornherein wegen der Stützung durch die jeweilige S ta a tsm a c h t aus. D er K onkurrenzkam pf ist beschränkt auf den K am p f u m w enige freie M ärkte, in erster Linie um Asien und Süd­ am erika, in zw eiter u m den B alkan u n d Skandinavien. Erschwert wird die S ituation d ad u rch , daß in einiger Zeit auch R ußland, dessen zweiter F ü n f jahresplan besonderes Gewicht auf den A usbau der chemischen Industrie leg t, als K o n k u rren t auftreten u nd die wenigen Ventile noch m ehr verstopfen w ird als es heu te schon der F all ist. F ü r die I.-G ., die ih rer reichen Erfahrungen, ihres Schatzes an wertvollen P aten te n u n d ihres m ustergültigen organisatorischen Aufbaues wegen im m er noch der stärk ste u n te r den großen Chemietrusts der W elt ist, sind die A usfuhrm ärkte v on ganz besonderer Bedeutung. 55 Prozent der G esam terzeugung der I.-G . gehen ins Ausland. Eine so ausgesprochene E xportindustrie m uß im Prinzip freihändlerisch eingestellt sein. Gegen die in aller W elt zunehm enden Absperrungstendenzen kann aber auch sie nicht ankäm pfen, sondern sich lediglich diesen Verhältnissen an­ passen. Sie t u t es, indem sie die Politik der Verständigung von Land zu L and b etreib t. Im m er noch m acht der H andel der Länder m it 201


entw ickelter chem ischer In d u strie u n te re in a n d e r m e h r als die H älfte des gesam ten W elthandels an chem ischen P ro d u k te n a u s, w eil gerade e n t­ w ickelte L änder S pezialprodukte u n d Z w isch en p ro d u k te brauchen, w ährend die unentw ickelten L ä n d e r die H a u p ta b n e h m e r fü r die fertigen M assenwaren sind. «Im übrigen w irk t n a tu rg e m ä ß die In d u stria lis ie ru n g teils günstig teils im günstig a u f den A b satz u n serer P ro d u k te ein. D ie E rric h tu n g oder der A usbau n euer In d u strie n w eck t n eu e B ed ü rfn isse a n R ohstoffen u n d H albfabrik aten u n d fö rd e rt d a d u rc h einerseits d en A b satz unserer P ro ­ dukte. D as ist zum B eispiel d er F a ll bei d e r K u n stse id en in d u strie, durch die der B e d a rf a n S alm iakgeist, schw efelsaurem A m m oniak u n d Sal­ petersäure in D eu tsch lan d , B elgien, P o len u n d d er Schweiz gehoben w urde. E in anderes B eispiel is t die E le m e n te n h e rstellu n g fü r R adio­ ap p arate, die zu großem B e d a rf a n S alm iak g e fü h rt h a t. D ie In d u stria­ lisierung einzelner G ebiete h a t an d erseits a u c h eine V erschiebung inso­ fern zur Folge, als zum B eispiel die E rric h tu n g eigener F arb stoffindu­ strien zw ar in einzelnen L än d ern die A u fn ah m efäh ig k eit fü r unsere Farbstoffe b e e in trä c h tig t, jed o ch zu r N ach frag e n a c h Zw ischenprodukten fü r F arb sto ffh erstellu n g fü h rt. A n d erseits is t die E rric h tu n g einer eigenen chem ischen In d u strie in d en g roßen In d u strie lä n d e rn ganz all­ gemein von nachteiligem E influß fü r die A u fn ah m efäh ig k eit fü r unsere P ro d u k te gewesen. E in w esentlicher T eil des F arbenexportgeschäftes ging durch diese S elbstversorgung verloren.» (B osch, E nquetebericht, S. 124.) Die in den A ngaben Boschs a n g ed eu tete tech n isch e E rg än zu n g ist neben der M öglichkeit gem einsam er A b satzp o litik die G rundlage, a u f der die Z usam m enarbeit zweier g ro ß e rT ru sts wie d e r l.- G . u n d des französischen K uhlm ann-K onzerns r u h t. D ieses engere Z usam m enw irken kan n an sich, das h e iß t rein technisch gesehen, a u ch a u f de n englischen oder den am erikanischen C h em ietrust oder a u f R u ß la n d au sg ed eh n t w erden. J a , je b reiter die B asis w ird, tim so fru c h tb a re r is t die Zusam m enarbeit. D och gilt hier dasselbe, w as G eh eim rat Bosch ü b e r d en Zusam m enschluß der deutschen chem ischen In d u strie s a g te : E in schneidende M aßnahm en können n u r getroffen w erden, w enn der W eg d er vollen F usion beschritten 202


w ird . G erade das ist aber wegen der rüstungspolitischen Interessen der S ta a te n n ic h t ohne w eiteres möglich. Ein wirklicher Zusammen­ schluß, eine w irkliche Fusion h a t die Fusion der Staaten selbst zur Vor­ aussetzung. F ü r die I.-G . w ird die Sicherung der Absatzbasis im Inlande um so w ichtiger, je schärfer der K am p f um den W eltmarkt wird. Sie braucht d e n In la n d sm a rk t im beschränkt für sich, um ihre Produktionsfähigkeit m öglichst w eit auszunutzen u n d dadurch die Produktionskosten auf den S ta n d zu senken, der ih r K onkurrenz auch gegen Zollmauem möglich m a c h t. D a m it schlägt ih r Interesse am Freihandel, das sie als Exportindu6trie h a b e n m ü ß te, angesichts der Abspemmgsmaßnahmen aller kapitalistisch en L än d er in das Gegenteil um : in ein Interesse an der A bsperrung auch des deutschen Marktes. T ritt diese Tendenz bei der T eerfarbenproduktion noch nicht deutlich in Erscheinung, weil die I.-G. a u f diesem Gebiete durch P aten te, Erfahrungen, Markenschutz und die A bm achungen m it den andern kontinentalen Produzenten geschützt ist, so setzte die I.-G . aber sofort nach dem Scheitern des internationalen Stickstoffkartells bei der deutschen Regierung Zollschutz und die fak­ tische E infuhrsperre für Stickstoff durch. Der Stickstoffkrieg mit Chile, d er zur K ündigung des deutsch-chilenischen Handelsvertrages führte, schadete zw ar den Ausfuhrinteressen der übrigen deutschen Industrie — was die I.-G . durch die Sicherung des deutschen Marktes am Stick­ stoff gew innt, verliert zum Beispiel die Maschinenindustrie, da Chile seine M aschinen n u n in andern Ländern bestellen wird — und sogar den A usfuhrinteressen anderer Abteilungen der I.-G. selber, aber das ist einer der unverm eidlichen Widersprüche in jeder Handelspolitik. Dieser im m anente W iderspruch m acht es für jede Wirtschaftsgruppe eines Landes notwendig, um Einfluß auf die Regierungsgeschäfte zu käm pfen. F ü r die Position der I.-G . im Nachkriegsdeutschland ist neben dem M om ent ihrer potentiellen rüstungspolitischen Bedeutung ein besonders wirksam er F ak to r, daß ihr Hauptkunde nicht mehr, wie in der Vor­ kriegszeit, die Textilindustrie ist, sondern die Landwirtschaft. Die I.-G. b a t ein Interesse daran, daß die deutsche Landwirtschaft kaufkräftig 203


bleib t. D er agrarische E influß a u f die d eu tsch e W irtsch aftsp o litik ist in d er R epu b lik n ic h t kleiner gew orden als e r im K aiserreich w ar. A ber w enn frü h er die chem ische In d u s trie in d er B evo rzugung d er landw irt­ schaftlichen In teressen hei d er G e sta ltu n g d e r H an d elsv erträg e und der Z ollpolitik eine S chädigung fü r sich sah , so s te llt sie h e u te ihre E x p o rt­ interessen bis zu einem gew issen G rad e h in te r ih rem In teresse an einer A ufrecherhaltung d er d eu tsch en L a n d w irtsc h a ft zu rü ck , u n te rstü tz t 6ie n ich t n u r die offene S u b v en tio n ieru n g d e r A g rarier m it öffentlichen M itteln, wie es in d er O sthilfe g eschieht, so n d ern a u ch die P olitik der sogenannten «A utarkisierung», d e r A b sp erru n g des deutschen M arktes gegen die ausländischen A grarerzeugnisse. D as w ar n ic h t v o n A nfang a n so. V or d e r n e u en hochprotektionistischen W elle, die seit S om m er u n d H e rb s t 1931 ü b e r die W e lt ro llt, drängte die I.-G . noch a u f eine M äßigung in d er E rfü llu n g d e r W ünsche der Agrarier. N och im F e b ru a r 1931 — die E n tsc h e id u n g ü b e r die V erlängerung des Stickstoffkartells w a r noch n ic h t gefallen — sag te D uisberg in K öln a u f einer T ag u n g der K ölner H a n d elsk am m er in G egenw art des nieder­ ländischen G esan d ten in B erlin u n d a n d e re r holländischer G äste, die F reu n d sc h a ft zw ischen In d u s trie u n d L a n d w irtsch aft müsse ein E n d e nehm en u n d sich in F ein d sch aft v erw an d eln , w enn die deutsche L an d w irtsch aft d en b ish er eingeschlagenen W eg w eiter verfolgen w erde. Sie h a t ih n w eiter verfolgt, a b e r die F re u n d sc h a ft zw ischen der I.-G .F arb en in d u strie u n d d er L a n d w irtsc h a ft is t n ic h t aufgekündigt worden. Als d an n die d eu tsch en B a n k e n a u f W ochen ih re S chalter schließen m u ß ten , als das englische P fu n d seine G oldbasis v erlor u n d sich e n t­ w ertete, als die skan d in av isch en W äh ru n g en denselben W eg gingen, als E n g lan d d en G ru n d satz des F reih an d els en d gültig aufgab u n d 6ich h in te r hohen Zöllen v ersch an zte u n d schließlich die Einigung d er S tickstoffproduzenten fü r ab seh b are Z eit g escheitert w ar, d a schw enkte die I.-G . in die F ro n t derjenigen ein, die eine weitgehende Selbstversorgung d er d eu tsch en W irtsc h a ft erstreb en . D er F arb en tru st u n d die L an d w irtsch aft schlossen ein B ündnis. A m 6. D ezem ber erklärte G eheim rat D uisberg im «Berliner T ageblatt» m it aller D eutlichkeit: 204


«Sicherlich is t die A npassung an das Konkurrenzniveau in den übrigen Ländern u n d A bstriche an allen unproduktiven Ausgaben im eigenen Lande ebenso wie die Senkung des zu hohen materiellen Gesamtniveaus D eutschlands ein W eg, um von uns aus zur Ueberwindung der Krise beizutragen. W ir dürfen aber nicht vergessen, daß bei der gegenwärtigen Tendenz in d er W elt unser Interesse in größtem Maße wieder dem B innenm arkt gelten m uß, der im m er das Rückgrat unserer Wirtschaft bleiben w ird, so notw endig auch für uns als Industrievolk ausreichende E xportm öglichkeiten sind.» Das war zwei Tage v o r dem E rlaß der berühm ten vierten Notverordnung der Regierung B rüning, in der zwangsweise alle Löhne und Gehälter in D eutschland u m 10 bis 15 Prozent gesenkt und durch eine Herabsetzung des Zinsniveaus der H ypotheken um 20 Prozent der tiefste staatliche Eingriff in die P riv atw irtsch aft im Verlauf der bisherigen kapitalistischen W irtschaftsgeschichte getan wurde. In erster Linie zugunsten der Land­ w irtschaft u n d In d u strie. Dem E rlaß der N otverordnung gingen Wochen- und monatelange Kämpfe zwischen den Interessentengruppen voraus. Die erste Andeutung der geplanten M aßnahm en erfolgte nicht etwa auf einer Zusammenkunft von P arlam entariern oder Parteiführern, also von Politikern, sondern — was kön n te bezeichnender sein für die wahren Machtverhältnisse in Deutschland — in d er Rede, die der Reichskanzler Brüning auf dem Festabend des Reichsverbandes der deutschen Industrie zur Feier des siebzigsten G eburtstages Duisbergs hielt: «Der Umfang der Tätigkeit der Reichsregierung in den vergangenen Wochen und Monaten ist viel umfassender gewesen, als es zur Stunde zweckmäßig erscheint, einer größeren Öffentlichkeit m itzuteilen. Die Reichsregierung hat eine Fülle von M aßnahm en bereits getroffen oder zur Veröffentlichung in der nächsten W oche vorbereitet. Darüber hinaus wird es nötig sein, ohne Verschleierung der wirtschaftlichen Tatsachen gewisse weittragende Schritte zu tu n in dem Augenblick, in dem die Bewegung des englischen Pfundes . . . in ihrer weiteren Entwicklung sicher erkannt werden kann. Alle diese M aßnahm en der Reichsregierung bedeuten die Zurücklegung eines h arten u n d schmerzlichen Weges.» 205


E s setzte ein lan g er K a m p f h in te r d en K u lissen ein. D ie Regierung m u ß te um gebildet w erden. D r. C u rtiu s w u rd e als O pfer der gescheiterten Id ee einer d eu tsch-österreichischen Z ollunion in die W üste geschickt, u n d B rü n in g n ah m die A u ß en p o litik selb st in die H a n d . Die I.-G .F a rb e n sandte ih r A u fsich tsratsm itg lied , P ro fesso rW arm b o ld , der auch M itglied d er L eitu n g des S tick sto ffsy n d ik ats is t, als R eichsw irtschafts­ m in ister in die R egierung. Schon in d e r e rste n R egierung B rüning und in den le tz te n M o n aten d e r R egieru n g H e rm a n n M üller w ar die I.-G. durch ih r frü h eres A u fsic h tsra tsm itg lie d P ro fesso r M oldenhauer v er­ tre te n gewesen. E r w a r als H ilferdings N achfolger zum Finanzm inister e rn a n n t w o rd en u n d h a t in dieser R olle d e r I.-G . n ic h t gerade sonderlich E h re g em ach t. N ach w enigen M o n aten m u ß te e r w ieder a b tre te n , da es ih m n ic h t m öglich w ar, die E n tw ic k lu n g d e r R eichsfinanzen auch nur einigerm aß en ric h tig zu erk en n en . B rü n in g h ä tte gerne H e rrn Schm itz, der im m er m e h r zum eigentlich leiten d en K o p f des F a rb e n tru ste s wird, persönlich in seiner R eg ieru n g gesehen. A b er er m u ß te sich m it einem S te llv e rtre te r begnügen, als Schm itz ein d eu tig b e to n te , d a ß seine F u n k ­ tio n in d er F arb en reg ieru n g w ichtiger als ein P o sten in d er Regierung des R eiches sei. E r is t d er A n sich t seines Chefs D uisberg, d aß die eigent­ liche R egieru n g sowieso d e n V e rtre te rn d er In d u s trie gebühre, ohne daß diese u n m itte lb a r in d er R egieru n g sitzen . G eh eim rat D uisberg schwebt seit langem das V orbild d e r A m erik an er vo r. Im N ovem ber 1926 grün­ d ete D uisberg eine « S taatsp o litisch e V ereinigung», in der Industrielle u n d L eite r v o n W irtsc h a ftsv e rb ä n d e n fü r d e n «V ersuch eines Ausgleichs w id erstre ite n d e r In te re sse n u n d M einungen» zusam m engefaßt wurden. D en eigentlichen Zw eck le g te D u isb erg in seiner R ede a u f der G ründungs­ versam m lu n g fo lg en d erm aß en d a r : « In d e r B eh an d lu n g w ichtiger w irt­ sch aftlich er F ra g e n m u ß eine A en d eru n g e in tre te n . W ie m a n es m achen m u ß , k a n n m a n in A m erik a sehen. D ie ganze P o litik d o rt w ird v o n einem G rem ium v o n W irtsc h a ftle rn g em ach t. W enn größere F rag en zu r E n tsc h e id u n g steh en , d a n n tr e te n sie zusam m en, sprechen diese d u rch u n d setzen R ich tlin ie n fe st, n a c h d enen w ird d a n n gearbeitet. A b er wie soll m a n die Sache in D e u tsc h la n d m ach en ? Alle diese Dinge w erden im R eich stag en tsch ied en . D a ru m k ö n n en u n d m üssen wir a u f 206-


die P a rte ip o litik einw irken. Aber einzuwirken mit der Vernunft auf die P arteien , das h a b e n w ir allgemein aufgegeben. Nur durch planmäßige B eeinflussung lassen sich alle Schwierigkeiten überwinden. Will man eine solche V ereinigung gründen, dann muß man aus dem ganzen Reich die L eute zusam m en nehm en. Es ist notwendig, daß alle Staaten ver­ tre te n sind. D abei m u ß m an sich klar sein, daß mit der Vielheit der S taaten ein E n d e gem acht w erden muß. Zur Durchsetzung der Gedanken u n d P läne d e r «S taatspolitischen Vereinigung» aber gehört Geld. In A m erika, d a h a t m an die nötigen Summen aufgebracht. Darum müssen 6ich alle H erren k la r sein darüber, daß sie Geld aufbringen müssen.» («Der D eutsche», 4. Dezem ber 1926). W enn auch dieserV ersuch m ißlang und auch der ursprüngliche Plan der D eutschen S ta a tsp a rte i, bei deren etwas mißglückter Gründung ebenfalls die I.-G. ih re H än d e im Spiel gehabt hat, so h at es der Trust doch ver­ standen, seinen Einfluß a u f die Regierung zu sichern. Ganz nach dem W unsche D uisbergs w erden die Dinge heute nicht mehr im Reichstag entschieden, sondern in unverantw ortlichen Gremien von WirtschaftsV ertretern, sogenannten B eratern der Regierung, unter denen Schmitz der w ichtigste u n d einflußreichste ist. Auch zu den sehr wichtigen Verhandlungen Ende Juli 1931, welche die deutsche Regierung m it den englischen, französischen, belgischen und italienischen Regierungen in London führte, war Geheimrat Schmitz als Brünings B erater m itgefahren. Kurz vorher war in Deutschland die Bankenkrisis ausgebrochen, so daß Brünings Vertrauen zu den deutschen Bankiers tie f ersch ü ttert w ar. Als die Vertreter der Großbanken in der N acht vor dem Schalter Schluß der Danatbank von Brüning zu einer B eratung von M aßnahm en zur Verhütung einer Bankkatastrophe gerufen worden w aren, leitete er die Besprechung mit der brüsken Bemerkung ein, daß er sich v on vornherein jede K ritik der Bankiers an der Politik der Regierung v erbäte. Keine deutsche Regierung hätte jemals vorher eine solche Sprache zu führen gewagt. Brüning kann es, denn hinter ihm steht die deutsche Schwerindustrie und das mächtige Chemiekapital. Wenige Tage vorher, am 9. Ju li, hatte die Industrie gerade offiziell ihre Ansprüche angem eldet. 1000 deutsche Großunternehmen mit zusammen 207


20 M illiarden M ark V erm ögen h a tte n sich b e re it e rk lä rt, gemeinsam die H a ftu n g fü r die deutsche G o ld d isk o n th an k , eine T ochtergesellschaft der R eichsbank, zu übernehm en. Sie w ollten d a m it erreichen, daß die Gold­ disk o n tb an k a u f G rund dieser K o lle k tiv b ü rg sc h a ft der G roßindustrie neue A usländsanleihen fü r die d eu tsch e W irts c h a ft hereinholen könnte. E s w ar also eine A k tio n im eigensten In te re sse d er deu tsch en Industrie. Sie w urde sofort d u rch eine N o tv e ro rd n u n g gesetzlich v eran k ert, eine N otverordnung, die n ic h t, wie ü b lich , einfach a u f G ru n d des A rtikels 48 der R eichsverfassung erlassen w u rd e, so n d ern die sich in der E inleitung ausdrücklich a u f die (A nregung n a m h a fte r T rä g e r des W irtschaftslebens» b eru ft. Als G egenleistung fü r dieses «In-die-B resche-Springen» (im eigenen Interesse) d er In d u s trie , w ie die «D eutsche A llgem eine Zeitung» die B ildung des G a ra n tie sy n d ik a ts n a n n te , v e rla n g te die In d u strie von der R egierung eine «neue schöpferische G e sta ltu n g d er gesam ten Innenu n d W irtschaftspolitik.» D a ß die G a ra n tie p ra k tis c h n ic h t ausgenutzt w erden k o n n te , is t in diesem Z u sam m en h an g im erheblich. Diese F o rd eru n g le u c h te te B rü n in g ein. E r p la n te die Schaffung eines W irtschaftsk o m m issariats m it au ß e ro rd e n tlich e n V ollm achten, dessen A ufgabe die Z usam m enfassung d e r g e sa m te n W irtsch aftsk räfte des L andes sein sollte. W er sollte d e r L e ite r dieses K om m issariats, der deutsche W irtsc h a ftsd ik ta to r, w e rd e n ? G e h e im ra t S chm itz oder nie­ m an d . A b er S chm itz le h n te ab — d a ra u fh in w u rd e d er ganze P lan fallen gelassen. Schm itz h a t sich öffentlich n ic h t ü b e r die G rü n d e seiner A blehnung ge­ ä u ß e rt. M an k a n n sie n u r m u tm a ß e n . W ir tre ffe n w ohl ungefähr das R ichtige, w enn w ir an n eh m en , d a ß H e rr S ch m itz die Ü berlegung angestellt h a t, ob n ic h t sein n a tio n a le r u n d in te rn a tio n a le r Einfluß in der p riv a te n P o sitio n des F in a n z d ir e k to rs des d e u tsc h e n F arb en tru stes b e­ d eu ten d w eitreich en d er sein k ö n n te , als er in einer sta a tlic h e n F u n k tio n sei, auch w enn sie m it d e n a u sg e d e h n te ste n V o llm ach ten versehen sein sollte. A uch die V o llm ach ten h a b e n ih re G renzen in d en vorhandenen innen- u n d au ß en p o litisch en G eg en k räften . E in e so w eitgehende U m ­ w andlung der A u fb a u d er d e u tsc h e n W irts c h a ft in d em einen Ja h re 1931 b ereits erleb t h a t u n d im V e rla u f des J a h re s 1932 no ch erleben w ird, 208


alle staatlich en Eingriffe, alle Umwandlungen sind doch nur unter dem D ruck unausw eichlicher T atsachen vollzogen worden, niemals auf Grund eines vorausschauenden Planes. Die D anatbank und die Dresdner Bank waren zahlungsunfähig, als der S taat eingriff. Wenige Tage vorher wäre die V erstaatlichung dieser Banken selbst in der provisorischen Form , in der sie geschah, au f einen unüberwindlichen Widerstand sämt­ licher B ankiers u n d Industrieller gestoßen. Und an der Spitze dieser Opposition h ä tte m an sicher die I.-G . gefunden. Das Ziel der Regierung Brüning ist nicht die Umwandlung des gegen­ w ärtigen W irtschaftssystem s, sondern seine Sicherung. Das Kapital läßt sich tiefe u n d schm erzhafte Operationen gefallen, wenn es von ihrer Unverm eidlichkeit überzeugt ist — aber erst dann, nicht einen Augen­ blick früher. D arum k ann einWirtschaftskommissar unter den gegebenen M achtverhältnissen auch nicht mehr tun. Warum also sollte Schmitz aus der Stellung im Dunkeln, der Stellung des unverantwortlichen Be­ raters, des «Geheim»-Rats, heraustreten in den Scheinwerferkegel der öffentlichen K ritik ? Das Bew ußtsein, der Krise machtlos gegenüberzustehen und der Un­ möglichkeit einer kapitalistischen Planwirtschaft drückt sich auch in der A ntw ort aus, die Schmitz auf eine Umfrage des «Berliner Tageblatts» über einen «Ausweg aus der Krise» gab: « . . . möchte auch ich, obgleich ich durch m eine T ätigkeit m it vielen nationalen und internationalen W irtschaftsgebieten v ertra u t bin, vermeiden, vorzeitig Gedanken zu entwickeln, die ich m ir, wie jeder Staatsbürger, über die nähere und fernere Z ukunft unseres Landes mache. Ich halte zur Aufstellung eines fehlerfreien Gesam tplanes zur Zeit kaum jemanden für befugt, weil meines W issens kein Sachverständiger vollen Einblick in die Zusammen­ hänge der G esam tw irtschaft h at. Das aber ist nach meinen Erfahrungen Vorbedingung für eine gedeihliche Wirtschaftsplanung, die nur im Zu­ sammenwirken m it den von der Regierung betrauten Stellen erfüllt werden kann. Jed er Gegenstand der zunächst bevorstehenden Schwie­ rigkeiten dieses W inters, das Erwerbslosenproblem, die Kapitalfragen u n d die K reditsorgen, ist vielfach erörtert worden. Jetzt gilt es, im Interesse einer wirksamen Krisenbekämpfung auf dem Wege der Tat14

I ..G . D eutschland

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Sachenaufklärung zu E n tsch lü ssen v o rzu d rin g en u n d dahei die Regie­ ru n g in je d e r W eise zu u n terstü tzen » . I n den R ah m en dieser U n te rs tü tz u n g d e r R eg ieru ng gehört auch die A usarb eitu n g eines P lanes zu r W ied erh erstellu n g des in ternationalen K red its, den Schm itz im O k to b er 1931 einer A n zahl v o n in- u n d au s­ ländischen B ankiers u n d F in a n z m ä n n e rn v orlegte. D as P ro jek t lä u ft im w esentlichen d a ra u f h in a u s, die B IZ . (B a n k fü r internationalen Zahlungsausgleich), die a u f G ru n d des Y o u n g -P lan es fü r die R eparations­ zahlungen geschaffen w u rd e u n d die ü brigens a u ch schon zum Teil von G eheim rat S chm itz a n g ereg t w orden is t, zu einer in tern atio n alen N oten­ b a n k au szu g estalten , die d en g rö ß te n T eil des G oldschatzes der W elt zu bew irtsch aften h ä tte . Die B IZ . sollte a u f G ru n d ih re s G oldschatzes den n a tio n alen N otenbanken große K re d ite geben u n d seih st einen T eil d e r d eu tsch en Schulden über­ nehm en, die D e u tsc h la n d d a n n in a u f m eh rere J a h rz e h n te verteilten R a te n zu rü ck zah len m ü ß te . E in zelh eiten des P ro jek tes können hier n ic h t b e h a n d e lt w erden. • D er P la n stieß zw ar a u f d en W id e rsta n d d e r französischen N otenbank, ebenso ein sehr ähnliches P ro je k t des belgischen B ankiers F ranqui, d a eben m it d er Schaffung eines in te rn a tio n a le n K red itzen tru m s sofort die F rag e n a c h d er V o rm ach tstellu n g in einem solchen In s titu t auf­ ta u c h t. N u r d u rch K a m p f — u n d dieser K a m p f is t in vollem Gange — k a n n die F ra g e en tschieden w erd en . F ü r u n s is t in diesem Zusam m en­ h an g entscheidend, d a ß d er erste u m fassende d eu tsche P la n zu dem P roblem des in te rn a tio n a le n K re d its n ic h t in d en D irektionszim m em der R eich sh an k oder ein er d e r g roßen D -B an k en , sond ern im Zim m er des F in an zd ire k to rs d er I.-G . a u sg e a rb e itet w orden is t. E in P lan , dessen große außenpolitische B e d e u tu n g a u f d er H a n d liegt. D ie I.-G . b e g n ü g t sich also keinesw egs m it d e r B eeinflussung der In n en ­ p o litik, d er G e sta ltu n g d e r H a n d e lsv e rträ g e, d e r Zoll- u n d der Sozial­ politik . E s g en ü g t ih r die M itw irk u n g b ei d er A u sarb eitu n g von N ot­ v ero rdnu n g en n ic h t, d u rc h die d e r g esam ten d eu tsch en A rbeiterschaft m it, einem F e d e rstric h die E rru n g e n sc h a fte n o p ferreicher K äm pfe eines J a h rz e h n ts w ieder genom m en w erden. v 210


Zwangsläufig m u ß der T ru st auch seinen Einfluß in der Außenpolitik D eutschlands geltend m achen. Schon die Handelspolitik ist ein Teil der A ußenpolitik. D as Einschwenken der I.-G. in die Front der Schutzz.öllner v e rstä rk t die schon immer bei der I.-G. vorhanden gewesene T endenz zur Blockbildung. Wenn das Hauptgewicht infolge der allgem einen D rosselung des Welthandels auf den Binnenmarkt gelegt werden m u ß , wie G eheim rat Duisberg jetzt im Gegensatz zu einer Denk­ schrift b e to n t, die er noch im Dezember 1930 ausarbeitete und in der er für w eitgehenden Freihandel eintrat, so ist klar, daß die Ausdehnung dieses B innenm arktes entscheidend für die weitere Entwicklung der I.-G. wird. D as b ed eu tet, daß Nachbarländer in unmittelbaren Zusammen­ hang m it d er deutschen W irtschaft gebracht werden müssen. In einer großangelegten Rede in München im März 1931 entwickelte Duisberg sein innen- u nd außenpolitisches Programm. Innenpolitisch verlangte er Senkung der Lebenshaltung, Aufhebung der «starren»Tarifverträge, A bbau des «unbescheidenem) Finanzbedarfs des Staates. Außen­ politisch w andte er sich scharf gegen die Reparationszahlungen und das ganze Versailler V ertragssystem und ging dann auf das damals scliwabende P ro jek t der deutsch-österreichischen Zollunion ein: Die Enge des nationalen W irtschaftsraum es müsse durch übernationale Wirtschafts­ räume überw unden werden. Durch die deutsch-österreichische Zollunion sei der erste S ch ritt zu einer «Aufrollung des Europaproblems von der Südostecke aus» getan. Doch sei «zur endgültigen Regelung des Europa­ problems noch die Frage der wirtschaftlichen Verständigung mit Frank­ reich zu lösen u n d ein geschlossener Wirtschaftsbuch von Bordeaux bis Odessa als Rückgrat Europas zu schaffen». Die «Aufrollung des Europaproblems von der Südostecke aus» endete bekanntlich m it einer eklatanten Niederlage der deutschen Außenpolitik. Die w irtschaftliche V erständigung zwischen Deutschland und Frank­ reich w urde zum europäischen Zentralproblem. Die politischen Vor­ bedingungen für diesen H auptinhalt aller heutigen europäischen Politik fehlten in dem ersten Nachkriegsjahrzehnt völlig und werden erst im laufenden Ja h rz e h n t u n ter hartem Kam pf um die Vorhand geschaffen werden. Die E inleitung bildeten die Besuche Brünings und Curtius in 14*

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P a ris u n d B rian d s u n d L avals in B erlin im S om m er u n d H erb st 1931, als deren Folge die deutsch-französiscbe W irtschaftskom m ission zur P rü fu n g u n d O rganisierung der M öglichkeiten einer engeren Zusam m en­ a rb e it d e r d eu tsch en u n d französischen W irtsc h a ft eingesetzt wurde. N och ste h t die F rag e d er R e p a ra tio n e n h em m en d d er deutsch-franzö­ sischen K o o p eratio n im W ege, u n d die Schw ierigkeiten, die gerade F ran k ­ reich der L ösung des R ep aratio n sp ro b lem s b e re ite t, sind im wesent­ lichen als französische W affe im K a m p f u m die V orherrschaft in der deutsch-französischen G em ein sch aft zu b ew erten . D ie «Gemeinschafts­ idee» als solche is t a u f b eid en S eiten des R heins v o n den m aßgebenden F a k to re n d e rW irtsc h a fts p o litik als N o tw en d ig k eit e rk a n n t. D er deutsche F a rb e n tru s t, d er lä n g s t in seinem R a h m e n a u f dieses Ziel hingearbeitet h a t, k a n n d as als einen b e d e u tsa m e n E rfolg seiner P o litik buchen. H eute, w äh ren d die I.-G . in d er d eutsch-französischen K om m ission an dem A u sb au ih re r B ezieh u n g en z u r französischen C hem ieindustrie un d zur französischen R eg ieru n g a rb e ite t, d e n k t sie w ohl schon a n das logische, w enn au ch n o c h seh r ferne E n d e dieser P o litik , a n die Fusion m it der französischen ch em ischen In d u strie . U n d w äh ren d «der W irtschafts­ block v o n B o rd e a u x bis Odessa» fü r die G esam th eit noch ein T raum ist, is t er fü r die I.-G . d u rc h ih re V e rb u n d en h eit m it allen w ichtigen che­ m ischen U n te rn e h m u n g e n d e r K o n tin e n ta ls ta a te n schon zu einem kon­ k re te n P la n gew orden, u n d d e r k ü n ftig e finanzielle M ittelpunkt des europäisch en B lockes d er chem ischen In d u strie is t auch schon geschaffen: in d e r I.-G . Chem ie, B asel. D ie w irtsch aftlich e E in ig u n g des europäischen K o n tin en ts is t eine histo­ rische N o tw en d ig k eit, so sta rk e n a tio n a le In teressen , h in te r denen sich ebenso viele u n d ebenso sta rk e K o n k u rren zin teressen natio n aler W irt­ sch aftsg ru p p en v e rste c k e n , au ch dagegen w irken. E ine historische N ot­ w endigkeit sehen u n d sie v erw irklichen sin d zwei verschiedene Dinge. Schon ein m al h a t die ganze W e lt zu dieser F rag e v ier Ja h re lang die K an o n en sprechen lassen, m it dem einzigen E rgebnis, sich von dem Ziele w eiter e n tfe rn t zu h a b e n als je . E s w äre inhaltlose W eissagerei, die Frage n a c h dem G elingen o d er M ißlingen d e r gegenw ärtigen B em ühungen um die Schaffung dieses B locks, zu d e r die deutsch-französische K ooperation 212


der erste, a b e r e n tsch eid en d e S c h ritt ist, b e a n tw o rten zu wollen. Miß­ lingt auch dieser V ersu ch , so w ird er a u f n eu en W egen — kriegerischen durch die B ourgeoisie o d er re v o lu tio n ären d u rch das P ro letariat — w iederholt w erden. A b er eins is t g e w iß : Solange die großen politischen E ntscheidungen b e i d e r B ourgeoisie liegen, w ird die Lösung des P ro ­ blems der eu ro p äisch en Z u sam m en arb eit eine im perialistische Lösung sein. E in eu ro p äisch er B lock a u f k ap italistisch er G rundlage ist eine M acht m it ag gressiver S pitze n a c h drei S eiten : Gegen die V ereinigten S taaten, gegen d a s b ritisc h e Im p e riu m , gegen die Sow jetunion. Eine solche K o n ste lla tio n d e r K rä fte lä ß t n a tü rlic h die verschiedensten B ündnism öglichkeiten zu. W enn h eu te in D e u tsc h la n d die I.-G . z u r politisch entscheidenden K raft, zu einem w irklichen S ta a t im S ta a te gew orden is t, so w ird in jedem Stadium d er W eiteren tw ick lu n g d er europäischen Z usam m enarbeit der entsprechend erw eiterte C hem ietrust dieselbe B edeutung behalten. Technisch u n d o rg an isato risch is t das C hem iekapital heu te die ak tiv ste Gruppe des K a p ita lism u s, u n d d er zunehm ende E influß der Chemie a u f alle Zweige d er W irtsc h a ft m u ß das Ü bergew icht dieser G ruppe ständig stärken. E s ist d a h e r in k ein er W eise zufällig, d aß die I.-G . die Schrittmacherin d e r d eu tsch en A ußenpolitik, sowohl im V erhältnis D eutsch­ lands zu F ran k reich als a u c h w eiter in d en V orbereitungen zu einem europäischen B lock, gew orden ist. L everkusen, O ppau u n d Leuna w ucherten a u f u n d w u rd en zur I.-G .-D eutschland, sie wachsen u n d dehnen sich u n d m ö ch ten z u r I.-G .-E u ro p a w erden.


Namen- und Sachverzeichnis Aceton 82, 83 Acna, Aciente Ch Irnich e Nazionali Aisociate 168 Acu GlanzstofF-Konzera 188 Agfa-Ansco-Corp. 187 AG. für A nilinfabrikation 70, 75, 93, 126 AG. fü r SteinkohlenverÜüssigung und -Veredelung 136, 148, 155 Agrikulturchemie 86,171 f., 188f. Alchimisten 12 Alizarin 37, 41, 46, 50, 119 Allied Chemical and Dye-Corp.150 Aluminium 83, 165, 187 Aluminiumwerk B itterfeld 187 American Chemical Society 64,198 American I.-G . Chemical Corp. 170, 191, 192 Amery, Lord, engL K olonialm inister 79 Ammoniak 14 f., 25, 29, 85 99, 171f , 202 Ammoniakwerk M erseburg 6 Ammoniakwerke M erseburgOppau G. m. b .H . 93 A m m onium nitrat 96 Ammonsulfat 90, 96, 176 Andr€, Dr. 66 Anilin 32, 33 Anilinfarben 25, 32, 46, 47, 71 A nthrazenfarben 119 A rbeitgeberverband d er Chemi­ schen Industrie 95 Arbeitsausschuß d er I.-G.-Direktio n 128 Asahi-Glass-Co. 165 A tom e 42, 196 Audi-Werke 192 Auld, engl. Schriftsteller 102 Auswärtiges A m t, amerikanisches 78

B ank von Frankreich 210 Baring Brothers, engL Bankhans B auxit 83 [130 Bayen, Pierre, Chemiker 17, 18 Bayrische Stickstoffwerke 177 Becher, J . J., Chemiker 25 Behring, von, A rzt 72, 73 I . P . Bemberg, AG. 188 Bengalaalpeter 172 Benz, Industrieller 75 Benzol 33, 37, 51, 186 Benzolformel 40, 42, 43, 48 Benzolring 43, 74, 195 Berginverfahren 135 £ Bergius, D r., Chemiker 135 £, 140 Betriebsgeheimnis 64 ff. Betriebsgemeinschaften der I.-G. Betriebsspionage 65f. [127 Binz, Professor 26, 28, 42, 44 Biochemie 193 Biologie 196 f. B I Z , Bank für internationalen Zahlungsausgleich 210 Black, Joseph, Chemiker 14, 17 Blausäure 15 Bor 15 Bosch, Carl 45, 50, 88 ff., 91,117, 123 f„ 128, 134, 139, 149, 151, 157 f., 162, 171, 190, 202 Bosch, Robert 89 Bötticher, von, Staatssekretär 66 Braunkohlenforschangsinstitute Briand, Aristide 212 [193 B ritish Dyestuff-Corp. 145 Brunck, Heinrich 49, 50, 55, 70 Brüning, Reichskanzler 130, 132, 144, 205, 206, 2071, 211 f. Büchner, Georg, Dichter 28 Buell, Dr. R. L. 78 Burbach-Konzem 143 Byrnes, Ronald, Bankier 182

Badische Anilin- und Sodafabrik A.-G. 45 f., 55 f., 6 6 , 70, 75, 85 f„ 89 f., 93, 117, 126, 134, 176, 179, 186 Baeyer, Adolf von, Chemiker 37, 49, 50 f. Bakterien 71

Calmctteverfahrcn 73 Caro, Nicodem, Chemiker 46, 48, 55, 88 Casale, italien. Chemiker 171 Casella, Leopold, Chemische Fa­ brik 62, 70, 93 . Castel, amerik. Staatssekretär 78

Cavendisb, Lord Henry, Chemiker Celluloid 187 [15, 19 Cellolose 98 f., 187 Chardonnet, Graf von 187 Chemical Foundation 34,118,191 Chemical Warfare Service 111 Chemische Fabrik GriesheimElektron 54,70,93,95,117,126 Chemische Fabriken vorm. Weiler ter Mer, Uerdingen 93,117,126 Chilesalpeter 25, 87, 171L Chlor 21, 24, 45, 54 Chlorkalk 24 Chlorwasserstoff 14 Choate,amerikan.Indaitrieller 120 CIA, Convention de 1'Industrie de l’Azote 179 f , 204 Claude, franzöl. Chemiker 171 Continental-Ge»ellschaft, Hanno­ ver 82 Cosach, Compania de Salitre de Chile 174 L CroweD, Benedict, amerik. Staats­ sekretär 107, 108 Cortina, D r, ehern. Reichsminister 206, 212 Curzon, Lord, engL Staatsmann [143 Daimler, Industrieller 75 Darmstädter- mNationalbank 128, 131, 207, 209 Davy, Sir Humphry, Chemiker 15 Deimling, Berthold von, General a. D. 113 De Kok, L E. Fn Industrieller 154 Denkschrift über die Vereinigung der deutschen Farbenfabriken

57f. Denny, LndwcU, Schriftsteller 77, De Smeth 17 [192 Deterding, Sir Henry 142, 145, 150, 155 Deutsche Ammoniakverkanfavereinigung 177 Deutsche Bank- u. Discontogesellschaft 128, 131, 143 Deutsche Bunaengesellachaft 81 Deutsche Chemische Gesellschaft 48, 198

215


Deutsche Gasolin A.-G. 149 Deutsche G olddiskontbank 208 Deutsche Reichsbank 208 D eutscher Ju ristentag 66 D eutscher Zollverein 39, 180 Deutsches Stickstoffsyndikat 176 f , 206 Deutsche Staatspartei 207 Deutsch - Oesterreiehiache Zoll­ union 181, 206, 211 Diphtherie 72 Dresdner Bank 209 Dulsberg, Carl 36,56,64,70,75,80f, 117,121£, 125, 127 £ , 185, 190, 193, 200, 204, 205, 206, 207, 211 Duisburger K upferhütte 186 Dulong, Chemiker 87 D upont de Nemours & Co., E. J . 150, 190 ff. D urand & H uguenin A ^G . 170 D uttenhofer, Industrieller 90 D yestnff Encouragem ent 161 D yestnff-Im port-Regnlations -A ct D ynam itglyeerin 99 [160 Edgewood, Arsenal von 112 Ehrlich, Professor 74 Elberfelder F arbenfabriken vorm . Friedrich B ayer & Co. 47, 56 £ , 70, 74, 75, 80, 93, 126, 193 Elektrochemie 15, 54 Elektrom etallurgische W erke, F ran k fu rt 186 Elektronen 196 Elektrongesellschaft S tu ttg a rt 190 Engreneermaschine 21 Eosin 48 Erdalkalim etalle 15 Esaigsiure 83 Etablissem ent K ühl m ann 157, 159, 202 Fabrikationsfilialen im A usland 59 £ Faraday, engL Chemiker und P h y ­ siker 37, 87 Farbw erke Mühlheim vorm. A. Leonhard & Co. 126 Farbw erke vorm . M eister Lucius & Brüning, Höchst 47, 51 £ , 56, 70, 73, 93, 94, 126 Fauser, itaL Chemiker 171

F erm ente 100 Film e 187 Finance-C orporation 78 Firestone, In d u strie lle r 77, 78 Fischer, F ranz, P rofessor 136£, 148 F ischerverfahren 135 f. F ord, Ed sei 191 F ord, H enry 78, 189 ff. F rank, A dolf, Chem iker 88 Frank-C aro-V erfahren 91, 171 F ranqui, belg. B ankier 210 F ried lin d er-P rech tl, R o b e rt 138, 144 Fuchsin 48, 57 Fuel-Investigation-C om ittee 166 Garvan, F rancis P . 34, 191, 192 Gasangriffe 102 ff. G aserkrankungen 103 ff. G askam pfstoffe 102 ff. G ay-Lussac, Jo se p h Louis, Che­ m iker u n d P hysiker 24, 27 G eneral M otors Co. 150, 190, 191 £ G eneralstab, deutscher 98 G esellschaft deutscher N a tu r­ forscher und A erzte 193 Gesellschaft fü r Braunkohlen- und M ineralölforschung a. <L Techn. H ochschule, B erlin 138 Gesellschaft fü r T eerverw ertung 148 G ew erkschaft A uguste V iktoria 127, 147 Glycerin 99 £ G odher, F ., Industrieller 154 Gold- und Silberscheideanstalt 52 G oldschm idt, Jacob, B ankier 128 G raebe, K arl, Chem iker 46 Green, A rth u r G. 56 G uggenheim, B rüder, am erikan. Industrielle 174, 182 G uggenheim -Konzem 174 f. G um m iplantagen 78 £ Haager K onvention 110 H aber, F ritz, P rofessor 47, 85 f, 8 8 £ , 98 £ , 106, 108, 117, 134, 162 £ , 171, 176, 196 £ H aies, S tephan, engL Forscher 16, 17

H andelskam m er Köln 204 H andelsvertrag, deutsch-chüenischer 180, 203 . H and elsv ertrsg , deutsch - |ip a nischer 161 £ H arnstoff 29, 53 H arn es, K arl, Chemiker 80 f. H eum ann, K., Chemiker 51 H ilferding. Rudolf 206 H ochdrucksynthese 89 £ H ofm ann, A. W. von, Chemiker 30, 32, 34, 37, 48 H ofm ann, F ritz, Chemiker 80 Hoover, H erbert, Prisident der V ereinigten S taiten 76, 77 Hoover-M oratorium 191 H orch-W erke 192 H ogenherg, Alfred, Geheunrat 130 H um boldt, Alexander von 27 H uri], P., Industrieller 153 H ydro-Patents-C o. 153 Ibanez, chilenischer Diktator 174 £ I.-G,-Chemie Basel (Internationale Gesellschaft £ chemische Unter­ nehm ungen AG.) 132, 170, 212 L-G . F arbenindustrie AG., Grün­ dung der 126 Im p erial Chemical Industries Ltd. 145, 146, 153, 154, 155, 191 Indan th ren farb en 46 Indigo 37, 47, 49 ff., 66 , 70, 71, 119, 186 Indigofaktoreien 52 £, 56 In d o l S1 Interessengemem scbaftsvertrag v o n 1916 117 In te rn atio n a l Bergin-Co. voor Olie- en Kolenchemie 170 Intern atio n aler Kongreß für ange­ w an d te Chemie 80 Inte rn atio n a l Hydrogenation Engineering and Chexnical-Co. 154 Intern atio n al Hydrogenation Patents-C o. L td . 153 £ Isopren 80 Italgaskonzern 168 Jacobson, H., Industrieller 154 Jacq u in , Chemiker 17 Jelünck, Petroleum fachmann 149

216


K a is e r -W ilhelm-Gesellschaft

zur Förderung der W issenschaften 193, 196 K aiser-W ilhelm -Institut für Kohlenforschung, Mühlheim 136 f. K «Ufr-W ilhelm -Institut fü r phy­ sikalische und Elektrochemie 98 Kalciumkarbid 88 Kali 86 Kaliindustrie 40 Kalisalpeter 25 Kalium 25 Kalkstickstoffkonvention 176 Kalle & Co. 47, 62, 70 Kämmerer, Jacob Friedrich, In­ dustrieller 28, 43 K arhonsiure 51 K atalysator 50 Kautschuk 53, 75 £ , 193 f. Klkulä, August, Chemiker 39,40 f., 50, 53 Kessler, J . B. A , Industrieller 154 Knallgas 15 Knieriem, D r. A ugust von. Indu­ strieller 154 Knietsch, R ud., Industrieller 46,49 Koch, R obert, Tuberkuloseforscber 72 Kohlensäure 14 Kohlenstoffverbindungen 31,13111. Kohleverflüssigung 6 , 130 ff. Kolloidchemie 193, 194 Köln-Rottweil-A-G. 126 Kolumbus 11 Konferenz von Genua 133 Kongreß, amerikanischer 111 Koningklijke Shell (siehe Royal Dutch Shell) Konkurrenzklausel 69, 190 K ontaktverfahren 49 Kopemikus 11 Krappanbau 41, 53 Krauch, D r. K arl 140 Kressenstein, General K reß von 133 Kriegsministerium, deutsches 98 Kriegsministerium, französisches 185 Kriegsrohstoffabteilung Chemie 130 Krupp von Bohlen-Halbach 200 Kunstharze 135

Kunstseide 53, 187, 202 Kunststoffe 135 Kunstwolle 53 Kupferkunstseidesyndikat 188 K ürten, Kunstceidefahrik 188 Lacke 189 La gr an ge, Joseph Louis 20 Linderbank A^G. 129 Langevin, Professor 113 Lansdowne, Marquis of 14 Latifundiengesetz, philippinisches Laval, Pierre 212 (77 Lavoisier, Antoine Laurent, fran­ zösischer Chemiker 14ff.,l 9,23,84 Leblanc, Nicolas, französischer Chemiker 22 L, 45, 54 Lefebnre, Victor, Geschäftsführer der brit. Farbinduitrie 121 £ Leuchtgas 25 Leunawerk 5, 91, 99, 117, 143, 146, 149, 172, 176 Liberia 78 Liebermann, Karl, Chemiker 46 Liebig, Justus, Chemiker 27 £, 43, 86

Loeb, C. M., Bankier 130 Lösungsmittel 189 Loucheur, Louis, französischer Politiker 184 Ludendorff, General 101 Luther, Martin 11 Macbride 17 Mac Cowan, Sir Harry 161 Mauvein 32 Mechanical Lahorstory for Steel Perfection 166 Medikamente 70 L, 187 Melchett, Lord, briL ChemieinduttrieUer 145, 146, 150, 153,160 Mendelejeff, Chemiker 195 Merton, Wilhelm, Industrieller 129 Metsllgesellschaft Frankfurt/Main Methanol 135 [129 Meyer, Professor 103, 107ff. Moldenhauer, Professor 20b Mond, Sir Alfred (siehe Lord Melchett) Mont Cenis, Zeche und Stickstoff­ werk 148 Montecatini, italienischer Chemietrust 168

Montero, Don Jüan Estebsn, Präsident von Chile 17$ Morgan, J Pn Fmanzmann 150, 182, 191L Mowineke!,L A-, Industrieller 154 Müller, Hermann, ehern. Reichskanzler 206 Mussolini, Benito 169 Naphthalin 51 Nationalhund für chemische Ver­ teidigung, Amerikanischer US National City-Bank 182 Nationalversammlung, Weimarer 177 Natrium 15 Nihon Soda Co. 165 Nippon Senryo, jspan. Färben­ trost 161 Nitrocellulose 98 £ Nitroglycerin 98 £ Nitrotoluol 98 £ Norgesalpeter 15, 171 Norsk-Hydro-Elektiisk-Kvaelstoffaktieselsksb 178, 182 Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft 199 Opelwerke 191 Oppau, StickstofFvrerke 90, 117, 147, 171 Orleans, Herzog von 22 Osthilfe 204 Ostwald, Wilhelm, Chemiker und Physiker 90 Palmer, Mitchell 34, 41, 118 Paracelsus, Arzt und Natur­ forscher 12 Patentgesetz, deutsches 39, 40, 44, 49 Patentgesetz, französ. 48 Penrose, amerik. Politiker 120 Periodizität der Elemente 195 £ Perkin, William Henry, Chemiker 32 £, 37, 46 Petroleum 133 £ Petroleum, synthetische! 53,134ff. Philippinen 77 Phlogiston 16 Phtalilure 51 Platin 50 Pollitt, G.P., Industrieller 154

217


Priestley, Joseph, Chemiker 13 ff., 17 ff. Pro toi 100 P ro to n 196 Quecksilber 51 Rassow, D r. Berthold 39, 42 R athenao, W alter 101 Reichsfinanzm iniiterium 177 Reichsverband d. deutschen Indu­ strie 190, 193, 200, 205 Reichrwehr 101 Reichswehrministerium 98 Remington Arms-Co. 192 Reuleanx, G eheim rat 55 Revolutionäre GewerkschaftsOpposition (RGO.) 168 Rheinische Stahlwerke A.-G. 147, 200 Riebecksche M ontanwerke A.-G. 147, 149 Riedemann, H. von, Industrieller 154 RockefeUer, John D. 130,133,142, 150, 153 R öntgenstrahlen 85 R otanilin 32 Rossignol, R obert Ie, Chemiker 89 R oyal Dutch Shell 133,142,153,154 R utherford, Professor, Chemiker 196 Salpeterlager, chilenische 25 Salpetersäure 15, 29, 98, 202 S auerstoff 14 Schädlingsbekäm pfungsm ittel 189 Schandinn, F ritz, Zoologe 72 Scheele, Chemiker 14, 15, 18 Scheidewasser 12 Schinckel, Max von, Bankier 128 Schiitter, B ankier 128 Schmitz, H erm ann, G eheim rat 83, 126, 129 ff., 144, 183 1 , 190, 200, 206, 207, 208 L Schönbein, Chemiker 43 Schuster, G., indischer Finanzm inister 130 Schwarz, Berthold, Mönch 12 Schwarzpulver 12 Schwefel 24 Schwefelsäure 21 f.

Schw efelsäureindustrie 22 ff., 40 Schwefelwasserstoff 15 Schweflige Säure 14 Schweizer F arbenindustrie 158 Seiberling, am erik. Industrieller 77 Seidel, H . G., In d u strieller 154 Serrigny, G eneral 113 S em m therapie 73 Shallenberger 76 Shelburne, E arl o f 14, 18 Sobrero, Chem iker 43 Societil Chimica Lom barda AE. Bianchi 169 Soda 21 f„ 45, 54, 165, 187 Solf, deutscher D iplom at 162 Solvay, E ra est 43, 54 Solvay-K onzern 54 Sorge, K u rt, In d u strieller 200 Sowjetregierung 167 Sozialisierung der chemischen Industrie 123 Spüker, D r. 138 Sprengstoffe 98 £ , 187 S taatspolitische V ereinigung 206f. S tahl, Georg E rnst, Chem iker 16 S tandard-I.-G . Co. 152 Standard Oil Co. 133, 142, 150, 151 C, 192 S tark, Johannes, P hysiker 91 Steinkohlen-Bergin A.-G. 170 Steinkohlen teer 25 Stevenson-Kommission 76 Stickoxydul 14 Stickstoff 7, 47, 85 fl, 98, 171 f., 203 Stinnes, H ugo 200 Stinnes-T rust 147 Stolzenberg, Chemisch eF abrik 116 Stresem ann, G ustav 142 S trukturform eln 42 S ynthetic Organic Chemical H anufacturers A ssociation 198 Taft, am erik. G ouverneur 77 Tardieu, A ndr£, franz. P olitiker 180 i. Teerfarben 45, 186, 202 f. Teerfarbenindustrie, englische 56 Textil-Alliance-Inc. 160 Textil-A lliance-Foundation 160 T extil-Forschungs-Institute 193 Tilden, englischer Chem iker 80

T oluol 50 U 100, 186 Topf, D r. Erwin, Journalist 200 T ropsch, D r. 136 Tuberkulose 72 U ngew itter, Dr. Claus 126 U nited S tates Rubber 77 Vasco da G ama 11 V erbrennung 15 ff. V erein deutscher Chemiker 4S V ereinigte Kunstseidefabriken K elsterbach 95 V ereinigte Stahlwerke 200 V ereinigung der Teerfarben­ fabriken 69 f. V erein zur W ahrung der Interessen d er Chemischen Industrie D eutschlands 64, 121 164, V ersailler Friedensvertrag 110, 211 Villiers, A. G. C., Bankier 130 Visco Be- S yndikat 188 Waller, D r. P ete r 167 W anderer-W erke 192 W arburg, Max, Bankier 128 W arm bold, Professor, Reichs­ m inister 206 W edekind, F rank 28 W eichm achangsm ittel 189 W eidig, P farrer 28 W eigert, Professor 71 W einberg, K arl von 128 W eltausstellung Philadelphia 55 W erkspolizei 5 W erkspionage 65 f., 168 W ertigkeit der Atome 42 W ettbew erb, unlauterer 66 f. W hitney, Eli 21 Wilson, T h. Woodrow 41 Winchester-Arm* Co. 192 W öhler, Friedrich, Chemiker 27E, 53, 84 W oker, D r. G ertrud, Pazifistin 108 f. Young-PIan 210 Zellstoff 99 Zschoppauer Motorenwerke, J . S. Ras müssen (DJCW.) 192 Zyan 29 Zyansäure 29

218


Inhalt

Im L e u n a w e rk ...................................................................................................................

5

1 . Die G eburt einer W issenschaft.............................................................................

11

2 . Die G eburt einer In d u strie.....................................................................................

20

3 . Das E nde des freien Forschers...............................................................................

27

4 . Der Angriff a u f die englische K olonialm acht.....................................................

45

5 . D er W eg zum M onopol...........................................................................................

54

6 . B etriebsgeheim nis...................................................................................................

64

7 . Schranken der E rk e n n tn is.....................................................................................

75

8 . D er chemische K rie g ...............................................................................................

97

9 . Der große T r u s t........................................................................................................ H6 10 . Ö l-Im perialism us..................................................................................................... 133 11 . Die chemische In te rn a tio n a le .............................................................................. 157 12 . Stickstoffpolitik....................................................................................................... 171 1 3 . W eltm acht durch W issenschaft............................................................................ 185 14 . D er G eheim -R at....................................................................................................... 200 N am en -u n d Sachverzeichnis........................................................................................ 215

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I n unserem Verlag erschienen die eine Trilogie bildenden soziologischen R om ane: Karl Schröder: Familie Markert Roman in zwei Bänden. Preis 8,60 RJL „Schräder hat in seinem Erstlingswerk „Der Sprang über den Schatten“ die Geschichte eines Intellektuellen erzählt, der auf Suche nach einer Weltanschauung sich zum Sozialismus bekehrt. In „Jan Beek“ schilderte er den unbekannten Proletarier, den Menschen der Masse, der hier steht als einer für alle. In der „Familie Markert“ aber ist jetzt das Thema nicht mehr der Einzelmensch, sondern die Familie. Und diese Familie wiederum gilt als Beispiel für eine ganze Schicht: die Kleinbürgerklasse.“ Kurt Pinthus im „8-Uhr-Ah endblatt“, Berlin „Das Interessanteste an dem Roman ist die Schilderung des Eindringens nationalsozialistischer Stimmungen in diese Familie.“ „Das Reichsbanner“, Magdeburg „Es ist ein Beweis reiner Künstlerschaft, daß der Verfasser der Versuchung widerstanden hat, den Nazi schwarz in schwarz zu malen.“ „Die Christliche Welt“, Gotha

Karl Schröder: Der Sprung über den Schatten Roman. 185 Seiten. „Zuweilen fallt dir ein Buch in die Hand, das mehr ist als nur ein literarisches Erzeugnis. Du merkst: Da schrieb einer nicht über irgend etwas mit mehr oder weniger großem Können, da schrieb einer aus dem Leben heraus, aus seinem Leben und aus deinem. Ich habe Schröders „Sprung über den Schatten“ dreimal gelesen, und jedesmal hat es mich stärker gepackt.“ „Leipziger Volkszeitung“

Karl Schröder: Die Geschichte Jan Beeks Roman. 205 Seiten. „Schröder ist der glückliche W urf gelungen, in „Jan Beek“ einen Roman zu schaffen, der in eine Reihe m it Andersen-Nexös Roman „Pelle der Eroberer“ zu stellen ist.“ Bruno Schönlank in der „Bücherwarte“ der „Sozialistischen Bildung“ „Namentlich unsere Frauenwelt dürfte gerade diesem Buch ihr besonderes Interesse entgegen­ bringen, weil hier das Eheproblem und seine tragische Zuspitzung für den proletarischen Klassenkämpfer eine eingehende Beleuchtung erfährt.“ „Kultunrille“, Leipzig

Je d e r B an d kostet, in Ganzleinen gebunden, 4,30 RM

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I m g le ic h e n V e r la g D e r B ü c h e r k r e is G m b H , B e r l i n S W 6 1 , s i n d ersch ien en :

Paul Banks: Das geduldige Alblon Roman. Aus dem Englischen. 244 Seiten. Dieser Roman, der einen großen Helden h a t, die Masse, die in vielen Einzelpersonen charakterisiert wird, h a t nichts Lehrhaftes an sich, obwohl wir über englische Verhältnisse, den Arbeiter und seine Stellung zu Partei und Politik ausgezeichnet unterrichtet werden. . . Die Handlung spielt in unserer unm ittelbaren Gegenwart, es sind die Probleme der englischen Arbeiterbewegung von heute, die hier diskutiert werden . . . Die englische Gegenwart in ihrer Mischung von Tradition und modernem Leben ist hier lebendig eingefangen und ausgezeichnet erzählt. „D er Abend”, Berlin

Pierre Hamp: Flachs Roman. Aus dem Französischen. 327 Seiten. Bücher wie dieses sind zur Erkenntnis dieser Zeit notwendig. Mit der Geschichte eines Pro­ duktes wächst die Geschichte Beiner Erzeuger auf. Deutlich zeigen sich die Zusammenhänge von politischer und wirtschaftlicher Entwicklung. Im mer bleiben es zwei Reihen der dem Produktionsverlauf verhafteten Menschen. Oben die Erzeuger, die Händler, unten die Arbeiter und Arbeiterinnen m it ihrer sich gleich bleibenden Not. „Frankfurter Zeitung”

Werner Jlling: Utopolis Roman. 248 Seiten. Ein Zukunftgemälde einer freien Gemeinschaft Utopien. Von erfinderischer Phantasie mit allen technisch-mechanischen Fortschrittsmöglichkeiten ausgestattet. In vielem ist das Buch Gegenwartssatire. Jlling h a t Phantasie, einen bildhaft genauen Stil und als Bestes eine ta t­ willige Gesinnung. »»Die Literatur”, Berlin

Franz Jung: Hausierer Roman. 244 Seiten. W er ist eigentlich kein Hausierer ? Ist nicht der K apitalist ein Hausierer, auch wenn er viel Geld h a t? Auch jener dort, m it wallenden Haaren, der seine Ideale ach, so gerne, an den Mann brächte ? Alles wird zur W are erniedrigt, alles ist nur dazu da, um — Geld und ■wiederum Geld zu bringen. Das ist der eigentliche Inhalt des sehr unterhaltend geschriebenen Buches. „Münchener Post”

J e d e r B a n d k o ste t, in G anzleinen g e bunden, 4,30 RM

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N a ch steh en d e R u ß la n d b ü c h e r erschienen im Verlag Der Bücherkreis;

Eva Broido: Wetterleuchten der Revolution Die Memoiren einer russischen Sozialistin. 2. Aufl. 11. bis 16. Tsd. 1931. 256 Seiten. Ein an dramatischen Wechselfällen unerhört reiches Leben. Das Schwerste erlebt die Ver­ fasserin in der Petroleumhöhle von Baku: die Niedermetzelung der Armenier. Jahrelang ist sie nach Sibirien verbannt. Heute sitzt sie im Gefängnis des bolschewistischen Rußland. „Diese Erinnerungen sind das Lebensbuch einer Kämpferin. Ihr unheroisches Heldentum sollte uns Beispiel und Appell sein.“ „Volksstimme“, Magdeburg

Anna Karawajewa: Das Sägewerk Roman aus der russischen Gegenwart. 372 Seiten. Die Geschichte der Errichtung eines Sägewerks irgendwo in einem abgelegenen Dorfe Zentral­ rußlands. Das Sägewerk selber ist ein Symbol für das Eindringen des Neuen in die mittel­ alterliche Zurückgebliebenheit des russischen Dorfes. „Vor dem Leser entsteht das neue Dorf; der barbarische Abgrund zwischen Dorf und Stadt, wie er jahrhundertelang durch die Gesellschaft klaffte, ist überbrückt“ „Kulturwille“ Leipzig

Otto Mänchen-Helfen: Reise ins asiatische Tuwa Großformat. Mit vielen Fotos. Halbleinen. Buchausstattung von Jan Tschichold. „Tuwa, bis 1912 ein Teil Chinas, dann jahrelang hin und her gerissen, ist heute eine selb­ ständige Volksrepublik, die aber politisch, wirtschaftlich und geistig von Rußland abhängig ist. Fesselnd weiß der Verfasser über alles zu berichten. An der Hand vorzüglicher foto­ grafischer Aufnahmen bekommen wir ein anschauliches Bild von Land und Leuten.“ „Kölnische Zeitung**

Dmitrij Tschetwerikov: Die Rebellion des Ingenieurs Karinski Roman. Aus dem Russischen.

245 Seiten.

„Keiner der Verhimmelungsromane für die allein seligmachende Sowjetherrschaft, sondern die heitere Schilderung des Liebeslebens einer Gesellschaftsschicht (der „Spezi“) des neuen Rußland.“ „Berliner Morgenpost“

Jeder B and — außer dem Tuwa-Buch — kostet, in Ganzleinen gebunden, 4,30 R3I

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Erich Grisar: Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa Bilder und Berichte. M it etwa 100 Foto» in Tiefdruck. 136 Seiten. Großformat. Halbleinen. Bin Europafilm in Buchform zieht m it dieser Reportagereihe an uns vorüber und zeigt uns mehr oder minder bekannte Orte in einem Lichte, da» nicht an den gewohnten Reiseführern entzündet wurde. Grisar führt uns in da» zupackende Leben m it allen Beinen Licht- und Schattenseiten. Ohne jede lehrhafte Tendenz bringt e» uns die Technik de» sozialen Wandern» näher. Die Foto» stehen auf bemerkenswerter Höhe. „Arbeiter-Jugend“ , Berlin

Boris Nikolajewsky: Asew — Die Geschichte eines Verrats Dokumente russischer revolutionärer Bewegung. Mit Fotos. 267 Seiten. Dieses Buch erregt starker als ein Sensationsroman. Dabei ist es da» sorgfältig geschriebene W erk eine» russischen Geschichtsforschers über einen Mann, der über 15 Jahre lang im Dienste der zaristischen Geheimpolizei als Lockspitzel stand und zugleich Führer terroristischer Kampf­ organisationen der russischen Sozialrevolutionären Partei war. „Das Reichsbanner“ Der Autor h a t ein ungeheure» Material gesichtet und objektiv bearbeitet, ist den Quellen nachgegangen, h a t die Kapitel traurigster Staatspolitik bloßgelegt und damit der Geschichts­ forschung auf besondere Weise gedient. „Hamburgischer Correspondent“

Albert Sigrist: Das Buch vom Bauen R eich illustriert.

Großformat. 212 Seiten. Halbleinen.

Ein Versuch, wohl der erste seiner Art, die gegenwärtigen Umwälzungen im Bauwesen zu •verstehen. A uf Grund sozialistischer Betrachtungsweise. „ . . . Nähme man heutzutage die Dinge so ernst, wie es der Verfasser offenbar tu t, so müßten sich gerade seine Gegner in Fragen der W eltanschauung, m üßte sich vor allem gerade das große Publikum auf dieses Buch Stürzen, um sich dam it auseinanderzusetzen.“ ..Deutsche Allgemeine Zeitung“

J e d e r B a n d — a u ß e r d e n angezeigten A usnahm en — kostet, in G anzleinen gebunden, 4,30 RM •

V ollstän d ig e V erlagsliste s te h t gern z u r V erfügung. U nsere W erk e

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(K om m issionär

F , V olckm ar, L eipzig) z u beziehen

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