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Grossraumwirtschaft - Der Weg zur europäischen Einheit

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GROSSRAUM­ WIRTSCHAFT DER WEG ZUR EUROPÄISCHEN EINHEIT E I N G R U N D R I S S

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H E R A U S G E G E B E N VON

Dr. W I L H E L M G Ü R G E UND Dr. W I L H E L M G R O T K O P P

MIT EINEM GELEITWORT VON REICHSMINISTER TREVIRANUS

ORGANISATION VERLAGSGESELLSCHAFT M. B. H. (S. HIRZEL), BERLIN W 8, LEIPZIGER STRASSE 115/116


SCHRIFTENREIHE DES MITTELEUROPA - INSTITUTS

MITTELEUROPÄISCHE WIRTSCHAFTSFRAGEN Band 1: MITTELEUROPÄISCHE EISENBAHNPOLITIK. Zusammenschluß der Eisenbahnsysteme von Deutsch­ land, Österreich, Ungarn, Tschechoslowakei, Polen, Rumänien und Jugoslavien. 1929. RM. 4,50. Band 2: MITTELEUROPÄISCHE WASSERSTRASSENPOLITIK Referate und Beschlüsse der Wasserstraßenkonferenz. 1929. RM. 6,50. Band 3: MITTELEUROPÄISCHER POSTVEREIN. 1929. RM. 3,60. Band 4: DAS MITTELEUROPÄISCHE AGRARPROBLEM UND SEINE LÖSUNG. 1931, RM. 3,90. Band 5: MITTELEUROPÄISCHE KARTELLE IM DIENSTE DER INDUSTRIELLEN ANNÄHERUNG. 1931. RM. 3,60.

ORGANISATION VERLAGSGESELLSCHAFT M. B. H. (S. HIRZEL) BERLIN W 8, LEIPZIGER STRASSE 115/116


Großraumwi rtschaft D er W eg zur europäischen Einheit Ein Grundriß


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Großraumwirtschaft Der Weg zur europäischen Einheit Ein Grundriß

Herausgegeben von

Dr. W ilh e lm G ü r g e und Dr. W ilh e lm G rotk op p unter Mitarbeit von Prälat Franz Blaskovicz, Temesvar / Professor Dr, Karl Brandt, Berlin / Professor Dr. phil. Ing. agr. Otto von Franges, Zagreb / Professor Dr. Elemer Hantos, Budapest / Zentraldirektor Franz Hilmer, Brünn Rechtsanwalt Dr. Horst Holstein, Berlin / Prof. Dr. Dr. Richard Kerschagl, Wien / Dr. Robert Siegert, Berlin

Geleitwort von R eich sm in ister G. R. T rev iran u s

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»O rg a n isa tion « V e r la g s g e s e lls c h a ft (S. Hirzel) Berlin W 8, Leipziger Straße 115*116.


Copyright 1931 by Organisation Verlagsgesellschaft (S. Hirzel), Berlin W 8, Leipziger Straße 115-116.

Alle Rechte Vorbehalten. A b d ru ck e, auch auszugsweise, können nur unter genauer Quellenangabe nach Verständigung mit dem Verlag erfolgen.

J . S c h u l Buchdruckerei G. m. b. H., Berlin C 2.


Inhalt. S tile

Geleitwort von Reichsminister G. R. T rev iran u s...................... 7 Vorwort der Herausgeber .................................................................9 1. Dr. W i l h e l m G ü r g e , Berlin, „Der Aufbau Mittel- und Südosteuropas als wirtschaftliche Forderung” . . . . . 11 2. Dr. W i l h e l m G r o t k o p p , Berlin, „Handelspolitische Möglichkeiten und N otw endigkeiten".................................... 29 3. Professor Dr. K a r l B r a n d t , Berlin, „Mitteleuropäischer Markt für südosteuropäische Agrarprodukte" . . . . . 51 4. Zentraldirektor F r a n z H i l m e r , Brünn, „Die Landwirt­ schaft und das Mitteleuropaproblem" ...................... .... . 65 5. Prälat F r a n z B l a s k o v i c s , Temesvar, „Zollunion — eine Notwendigkeit für die Landwirtschaft des Südostens" 72 6. Minister a. D. Professor Dr. phil. Ing. agr. O t t o v o n F r a n g e f , Zagreb, „Die Bedeutung von Präferenzver­ trägen für die mitteleuropäische Industrie" . . . . . . 60 7. Dr. R o b e r t S i e g e r t , Berlin, „Südostproblem und In­ dustrie“ .................................................................................... 93 8. Professor Dr. Dr. R i c h a r d K e r s c h a g l , Wien, „Die Kapitalwirtschaft Mitteleuropas" . ........................................105 9. Staatssekretär a. D. Professor Dr. E l e m e r H a n t o s , Budapest, „Der mitteleuropäische Verkehrsraum“ . . . 120 10. Rechtsanwalt und Notar Dr. H o r s t H o l s t e i n , Berlin, „Die zivil- und handelsrechtlichen Verhältnisse in den mitteleuropäischen Staaten“ ......................................... 140 Literaturhinweise .................................................................... 159


Geleitwort von Reichsminister G. R. Treviranus. Die reine Politik hat nicht erst mit dem Ende des Welt­ krieges in ihrem Bemühen, der Not der gesamten Welt Lin­ derung zu schaffen, völlig Schiffbruch erlitten. Aber offenbar ist dieser Vorgang erst in den letzten Jahren und dann mit aller Deutlichkeit in den letzten Monaten geworden. Es ist unmöglich, mit der reinen Politik, wie sie immer noch von den sogenannten Siegerstaaten betrieben wird, auch nur in be­ scheidenem Umfange irgendeinen Ausweg aus einer Krise zu suchen. Selbst die konstruktiven Ideen, die von den Politikern dieser Art vorgetragen werden, stehen von vornherein unter einer so starken hypothekarischen Belastung mit macht­ politischen Interessen, daß sie von der leidenden Menschheit instinktiv abgelehnt werden. Auch jede an sich gute Idee muß zwangsläufig in ihrem politischen Erdenwandel unter diesen Umständen eine Verfälschung erleiden. Im deutschen Volke hat man sich in schmerzlicher, aber klarer Einsicht seit langem entschlossen, an die Lösung aller Gegenwarts- und Zukunftsfragen in dem Sinne heranzugehen, wie er einzig unserer entmachteten Lage entspricht. Zugleich aber haben wir unsere eigentliche Aufgabe gefunden. Es ist die Sendung des deutschen Volkes, führend dazu beizutragen, der friedlosen Welt neue tragende Gedanken zu bringen: zur Neuordnung des Rechts und zur Neuordnung der Wirtschaft, denn wir können mit einem entschlossenen Ja zu dieser Zwangsläufigkeit, unsere Ideen rein, ohne machtpolitische Hintergründe, vertreten. 7


Dem organischen Denken erscheint es als eine Selbstver­ ständlichkeit, die Idee Mitteleuropa, die von unserem großen Friedrich List erstmalig geäußert, später von Friedrich Nau­ mann ausgearbeitet wurde, zu Ende zu denken und sie ihrer praktischen Lösung entgegen zu führen. Für das organische Denken treten alle machtpolitischen Hemmungen in den Hin­ tergrund gegenüber der großen Vernunft wirtschaftlichen Denkens. Der Sieg aber wird beim organischen Denken sein, wenn anders die Menschheit überhaupt einen Weg aus ihrer Not finden soll. G. R. T r e v - i r a n u s , Berlin, den 24. September 1931.

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Vorwort der Herausgeber. Seit den südosteuropäischen Konferenzen des Jahres 1930 und den Genfer Verhandlungen über die deutsch-österreichische Zollunion steht die Frage, ob und wie als Vorstufe und Aus­ gangspunkt einer europäischen Einheitswirtschaft in Mittel­ und Südosteuropa*) zunächst eine organische Teillösung ge­ funden werden kann, im Mittelpunkt des europäischen Inter­ esses. Welche Probleme beim Versuch einer derartigen Lösung zu meistern sind, soll in diesem Buch näher dargelegt werden. In der wirtschaftspolitischen Zielsetzung kann dieses Buch kein einheitliches sein. Die Interessen sind zu verschiedenartig und die Debatte hat noch zu keiner ausreichenden Klärung geführt. Darum ist der Zeitpunkt für die Aufstellung eines umfassenden Programms' leider noch nicht gegeben. Gemeinsam ist aber allen Autoren der Wille, durch europäische und fortschrittliche Maßnahmen bessere Lebensbedingungen für die Völker Europas zu schaffen, der Wunsch, in weiten Kreisen Interesse für diese Probleme zu wecken, an der Schaffung einer solchen Atmo­ sphäre des Vertrauens mitzuarbeiten, die eine gemeinsame Ar­ beit der maßgeblichen wirtschaftspolitischen Kräfte ermöglicht. Die Herausgeber hegen daher die Hoffnung, daß über die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten bald eine Verständi­ gung erzielt wird und daß dieses Sammelwerk zur Klärung der strittigen Probleme beiträgt. *) Unter Mitteleuropa werden in diesem Buch im allgemeinen ver­ standen Deutschland, Oesterreich und die Tschechoslowakei, unter Südost­ europa Ungarn, Jugoslavien und Rumänien. In Ausnahme rllen werden die Begriffe im weiteren Sinne, Mitteleuropa als Sammelbegriff angewandt.

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Das Werk ist hervorgegangen aus Vortragsabenden der Studiengesellschaft für Mittel- und Südosteuropa in Berlin, Dort gehaltene Vorträge von Brandt, Grotkopp, Gürge und Siegert werden hiermit einem weiteren Kreise der Oeffentlichkeit unterbreitet. Sie werden ergänzt durch Arbeiten anderer Autoren. Für jeden Beitrag trägt allein der Autor die Ver­ antwortung. Den Mitgliedern der Studiengesellschaft für Mittel- und Südosteuropa, die durch die rege Teilnahme an der Debatte zur Klärung aller Probleme beigetragen haben und wie allen anderen, die uns bei unseren Bemühungen bei der Herausgabe des Buches unterstützt haben, möchten wir an dieser Stelle unseren verbindlichen Dank aussprechen.

Berlin, im Oktober 1931 Wi l h e l m Gürge Wi l hel m G r o t k o p p

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Der Aufbau Mittel- und Südosteuropas als wirtschaftliche Forderung. Von Dr, Wilhelm Gürge. In den Ländern Mittel- und Südosteuropas ist die Aus­ wirkung der Weltkrise am stärksten vorhanden. Der Zusam­ menbruch einer der größten zentraleuropäischen Banken hat die Not besonders deutlich zum Ausdruck gebracht und die Welt dergestalt alarmiert, daß internationale Hilfe von ver­ schiedenen Seiten zugesagt und geleistet worden ist. Es ist aber nicht an der Zeit, l e d i g l i c h mit Kreditmaßnahmen und augenblicklicher Unterstützung eine Erleichterung zu verschaf­ fen, sondern eine k o n s t r u k t i v e L ö s u n g ist nötig, weil die Krise in Mitteleuropa mehr ist als ein Teil der Weltwirt­ schaftskrise. Welches die Ursachen der Weltkrise sind, soll hier nicht in aller Breite erörtert werden. Unabweisbar ist eine Ursache: d ie B e h i n d e r u n g d e s i n t e r n a t i o n a l e n G ü t e r ­ a u s t aus che s, der damit b edi ngt e Volkswirt-' s c h a f t l i c h e L e e r l a u f und die F e h l l e i t u n g von K a p i t a l . Diese Folgen treten naturgemäß am nachteiligsten in kleinen Märkten auf, weil kleine Märkte mit ihrem eng­ begrenzten Wirtschaftsorganismus und wegen der geringen Mannigfaltigkeit ihres Produktionsapparates sehr auf den Ver­ kehr mit anderen Wirtschaften angewiesen sind und dabei immer wieder durch die Zollgrenzen behindert werden. Die Wichtigkeit des unbehinderten Güterumlaufes darf also mit Recht bei der Frage nach der Ursache der Weltkrise und der mitteleuropäischen Wirtschaftsnot in den Vordergrund 11


gestellt werden, und man darf mit der Feststellung beginnen, daß es dem Außenhandel der Welt nach dem Kriege nicht mehr gelingt, für den Konsum der produzierten Rohstoffe und Le­ bensmittel Sorge zu tragen, sodaß eine Fülle von unverbrauch­ tem Material vorhanden ist, die sich noch dazu in ständigem Wachsen befindet. Es zwingen sich daher von selbst zwei Fragen auf: Reicht vielleicht der Fabrikationsapparat der Welt nicht aus, um die Wolle, das Kupfer, die Baumwolle und die Häute zu verar­ beiten, um daraus Kleidung und sonstige Notwendigkeiten zu verfertigen? Oder aber sind die Menschen so gesättigt, daß sie nicht die physische Möglichkeit haben, mehr Getreide und Fleisch zu konsumieren, mehr Brot zu essen? Ohne Zweifel müssen beide Fragen mit Nein beantwortet werden, denn Fabriken sind in Fülle da, arbeiten aber nur mit der Hälfte ihrer Kapazität, und eine große Zahl von Menschen könnte weit mehr als jetzt an Kleidung und Nahrungsmitteln ver­ brauchen. Eine U e b e r p r o d u k t i o n l i egt also ni c ht vor , s o n d e r n n u r d i e T a t s a c h e , d a ß es d e m g e g e n w ä r t i g e n S y s t e m u n mö g l i c h ist, die v o r h a n d e n e n R o h s t o f f e ü b e r die F a b r i k e n a n d i e V e r b r a u c h e r z u f ü h r e n . Auf den ersten Blick scheint man den Leuten Recht geben zu müssen, die dem Kapitalismus dafür die Schuld in die Schuhe schieben. Da aber der Kapitalismus lediglich als ö k o n o m i s c h e F u n k ­ t i o n aufgefaßt werden kann, ist seine Schuld hieran nur dann glaubhaft zu machen, wenn man beweist, daß das gegen­ wärtige ökonomische System tatsächlich noch den Prinzipien des Kapitalismus entspricht. Dies ist aber nicht der Fall, denn der Kapitalismus der neueren Zeit ist seiner ursprünglichen Lebensform, dem liberalen Prinzip, untreu geworden. Er ist in eine Erstarrung geraten, die in ihrem Aufbau von Kartellen, Tarifabreden und Zollansprüchen durchaus mit der Planwirt­ schaft eines äußerlich sozialistischen Systems konkurrieren kann und sich von ihm nur durch die Eigentumsverhältnisse unterscheidet. Wenn die geschichtliche Aufgabe des Kapita­ lismus, die Erschließung der Weltvorräte und die Erfindung der dazu notwendigen Produktionsmethoden und Umwand­ lungsprozesse, erfüllt sein sollte, so wird sich mühelos die 12


Weiterentwicklung vollziehen. Dabei kann es sich aber nur um die Abwandelung der einen Seite seines Gesichts handeln. Die ohne den Kapitalismus als W i r t s c h a f t s f o r m undenk­ baren Rezepte betriebs- und weltwirtschaftlichen Denkens im Sinne billigster und umfangreichster Bedarfsdeckung wird man vernünftigerweise nicht beseitigen wollen. Die Produktions­ methoden des Sozialismus müßten in technischer Beziehung die gleichen bleiben, weil nur so die Bedarfsdeckung in der ge­ wünschten Menge vor sich gehen könnte, ohne allerdings dennoch den Sättigungsgrad erreichen zu können. D ie Mä n g e l l i e ­ g e n eben, wie nicht oft genug betont werden kann, n i c h t so sehr auf dem G e b i e t der t e c h n i s c h e n O r g a n i ­ s a t i o n al s auf d e m d e r B e h i n d e r u n g d e s i n t e r ­ n a t i o n a l e n G ü t e r a u s t a u s c h e s . Di e Z o l l g r e n z e n f ü h r e n i n i h r e r h e u t i g e n H ö h e u n d Zu s a m m e n s e t z u n g zu k ü n s t l i c h e r Re nt e , t ä u s c h e n ein K a p i t a l vor und e r m ö g l i c h e n den Ab s c h l u ß von P r e i s g e b i e t e n , die den n a t ü r l i c h e n A u s ­ gleich der W e r t e und den Fluß der Güt er e r ­ s c h w e r e n . Während die Preise der Rohstoffe, bei denen immer der letzte Erzeuger maßgebend für die Preisbildung auftritt, um rund ein Drittel gegenüber dem Vorkriegsstand gefallen sind, haben sich die der Industrieerzeugnisse mehr oder weniger gehalten (abgesehen von der Verbilligung durch Massenerzeugung, auf alle Fälle jedoch im Verhältnis zu ihren Selbstkosten). Dieser Umstand verhalf den Rohstoff- und Agrarländern zu der Auffassung, es wäre richtiger, eine zollsubventionierte Industrie zu errichten und unter größeren Kosten — selbst mit geliehenem Kapital — zu produzieren als billige Fertigwaren einzuführen. Ein Beispiel dafür ist das ständige Wachsen der Spindelzahlen in Aegypten und Indien, wobei dem Produzenten noch der Preisvorteil der doppelten Fracht, der unterbleiben­ den Zollmanipulationen und der gesparten Versicherung zu­ fällt. In einem gewissen Zusammenhang steht die ständig zu­ nehmende Industrialisierung in Uebersee und die Arbeitslosig­ keit in der eisenerzeugenden und verarbeitenden Industrie Deutschlands. Hier übersehen beide Teile, daß einer vom an­ deren abhängig ist, daß der sächsische Industriearbeiter um so 13


mehr Wolle des peruanischen Indianers verbrauchen kann, als dieser ihm an anderen Waren abkauft. Doch tritt das Problem des behinderten Güterumlaufes nicht für alle Partner der Weltwirtschaft mit der gleichen Schärfe und Heftigkeit auf. In E u r o p a zeichnen sich die Gebiete der industriellen und agraren Struktur recht lebhaft ab und gestatten eine Be­ weisführung für die allgemeinen Darlegungen, Wir vermerken die Gebiete des westlichen Europa, von denen Deutschland am stärksten industriell tätig ist, und die Gebiete der Agrarüber­ schüsse im Osten und Südosten. Wendet man sich zunächst den Gebieten des N o r d ­ w e s t e n s u n d S k a n d i n a v i e n zu, so findet man wohl über Deutschland hinweg die ökonomische Verbindung mit dem Norden des eigentlichen Kontinents, kann aber gleichzeitig die ausgesprochen weltwirtschaftliche Struktur feststellen. Hol­ land und Dänemark mit ihrer kräftigen Veredelungswirtschaft sind schon durch ihre geographische Lage einerseits zu dem Hinterland, andererseits mit ihren Häfen zur See hin mit einer doppelten Interessenahme ausgestattet. Neben ihrer Eigen­ schaft als Lieferanten von Erzeugnissen der Viehwirtschaft und des Gemüsebaues bilden sie eine Brücke zu Uebersee. Norwegen und Schweden sind wirtschaftlich, außer an Deutschland, noch weniger am Kontinent interessiert. Die Wirtschaftsverflechtung dieser beiden Länder neigt über das eigentliche Skandinavien hinaus nach England und Amerika. Aehnlich liegt es bei Finnland, bei dem Holz und Papier die wesentlichen Exportartikel bilden, die ohnehin am Kontinent Absatz finden. Die Ergänzung stellen bei Finnland Verede­ lungsprodukte der Viehwirtschaft, bei Norwegen Fische, bei Schweden Erze. Man erkennt jedenfalls deutlich, daß diese Länder relativ gesund gelagert sind und an einer Veränderung ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage kaum Interesse haben. Die Frage des engeren Anschlusses an ein anderes Wirtschafts­ gebiet ist für sie nicht grundlegend, wenn sie auch selbstver­ ständlich eine günstige Entwicklung der Lage ihrer Abnehmer am Kontinent oder am Weltmarkt begrüßen würden. Was Frankreich anbelangt, so hat man in den deutsch­ französischen Verständigungskreisen bis zum Jahre 1930 damit gerechnet, daß die zunächst nur unscharf umrissenen Bestre14


bungen für die Vereinigten Staaten Europas unter Führung Frankreichs bald Erfolg haben würden. Inzwischen hat sich aber wiederum bestätigt, daß F r a n k r e i c h s I n t e r e s s e an e i n e r e u r o p a w i r t s c h a f t l i c h e n Lösung nicht a l l z u s t a r k i s t . Frankreich hat starke Interessen in Afrika und von Marseille aus durch das bequeme und billige Mittel des Seeverkehrs auf der kurzen Strecke von 30 Stunden direkte Verbindung mit Nordafrika. Dort will man die Frank­ reich fehlenden Rohstoffe gewinnen. In Algier kann man neben dem Getreidefehlbedarf Olivenöl, Kautschuk und Wolle erzeugen, sowie Kupfer, Blei und Zinn fördern. In Westafrika schweben Baumwollprojekte, mit deren Hilfe die französische Textilindustrie unabhängig gestaltet werden soll. Die Wirtschaft des kontinentalen Frankreichs hingegen ruht selbstsicher und ausgeglichen in der idealen Verteilung auf die verschiedenen Produktionszweige mit 41,5 % in der Landwirtschaft Tätigen und der entsprechenden Zahl von 36,1 % in der Industrie, wobei zu berücksichtigen ist, daß in der Landwirtschaft der bäuerliche Klein- und Mittelbetrieb vor­ wiegt. Die Wirtschaftsverflechtung mit den Ländern Mittel- und Südosteuropas ist nicht sehr eng. Der Anteil an der Einfuhr der Länder Mitteleuropas beträgt im Durchschnitt der Jahre 1925/26 5,96 % und an der Ausfuhr 4,52 %. Dagegen lauten die betreffenden Zahlen z. B. für Deutschland 25,54 % und 16,6 %. Es gilt nun, die Wirtschaftsstruktur Deutschlands zu um■reißen und dessen Stellung in der Weltwirtschaft aufzuzeigen, um sein Interesse an einer Großraumwirtschaft in Europa und dem Abbau der Zölle festzustellen. Deuts chland hat den a us g es pr och en en Charakter einer A r b e i t s w i r t s c h a f t , d. h. D e u t s c h l a n d r u h t in d e r H a u p t s a c h e auf seinem industriellen Produktionsapparat u n d f ü h r t R o h s t o f f e ei n, di e es, v e r a r b e i t e t , auf d r i t t e n M ä r k t e n zu v e r k a u f e n v e r s u c h t . Es i s t a l s o d a v o n a b h ä n g i g , d a ß d r i t t e V o l k s ­ w i r t s c h a f t e n di e i n di e P r o d u k t e e i n g e b r a c h t e A r b e i t s k r a f t b e z a h l e n . Da die großen Industrie­ anlagen eine gewisse Mindestbeschäftigung erfordern, kann es nur existieren, wenn diese gewährleistet ist. Die Zollpolitik 15


der Nachkriegszeit verhindert jedoch den zureichenden Absatz. Die deutsche Industrie ist heute mit knapp 50 % ihrer Kapazität beschäftigt. Dieser Zustand ist nur deswegen tragbar, weil der Staat mit Hilfe von Anleihen und Steuern bisher die Fürsorge für die Erwerbslosen übernommen hat, sodaß diese Kosten jedenfalls nicht in entscheidendem Maße die Preise der in­ dustriellen Produkte belasten. Deutschland m u ß also Märkte suchen bis zu dem Grade, der es ihm gestattet, mit Hilfe der exportierten Arbeit die Rohstoffe und Nahrungsmittel zu bezahlen, die es für den Be­ darf seiner eigenen Bevölkerung benötigt, und um seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Wir sehen an dieser Stelle von den anderen Bestandteilen der Zahlungs­ bilanz ab, weil sie im Verhältnis zu der Warenbewegung nicht die entscheidende Rolle spielen, Es muß sich also in Kürze entscheiden, ob eine aktive Handelspolitik Deutschland die notwendigen Märkte verschaffen kann und wo diese zu suchen und zu entwickeln sind. Der erste Gedanke ist, Uebersee stärker zu bearbeiten und dorthin abzusetzen. Begründet wird diese Auffassung u. a. mit der Tatsache, daß wir auf Uebersee a n g e w i e s e n s i n d u n d a n g e w i e s e n s e i n w e r d e n . Deutschland braucht Erdöl, Kupfer, Zink, Zinn, Wolle, Kautschuk, Häute und Oelfrüchte. Das gleiche trifft für die Baumwolle zu, die einen wesentlichen Bestandteil der deutschen Handelsbilanz aus­ macht. Dabei wird aber nicht darauf geachtet, daß sich der überseeische Absatzmarkt gegenüber der Vorkriegslage ver­ schlechtert hat und voraussichtlich weiter verschlechtern wird. Dies ist in den Bestrebungen von Uebersee begründet, sich von Europa und also auch von Deutschland für den Bezug von Fertigfabrikaten unabhängig zu machen, soweit es sich un­ abhängig machen kann, wobei bisher als Resultat das Fallen der Rohstoffpreise und die Arbeitslosigkeit der industriellen Länder zu buchen gewesen ist. Es darf erwähnt werden, daß eine Industrie wie die deutsche Spielwarenindustrie, die früher mit 75 % am Welt­ handel beteiligt war, heute nur noch mit 60 % daran beteiligt ist. Wenn das für eine Industrie bereits zutrifft, die wie die Spielwarenindustrie auf ganz bestimmten Exportvoraussetzun­ gen beruht, die zum großen Teil früher nur in Deutschland 16


gegeben waren, so kann man sich ein Bild machen, wieviel schwieriger es werden wird, wenn in Zukunft einfache Massen­ artikel der Metallindustrie und der Textilverarbeitung in Uebersee selbst hergestellt werden. Die Handelsbilanz wird mehr und mehr ungünstig gestaltet. Der Rohstoffbedarf nimmt eher zu als ab, die Ausfuhr in i n d u s t r i e l l e n Produkten n i m m t a b e r b e s t i m m t a b , wenn nicht, wie in den letzten 100 Jahren, eine weitere ungeheure technische Ent­ wicklung die Lage zugunsten der europäischen Industrieländer beeinflußt. Man kann durch Herabsetzung der Löhne und durch Verminderung des Lebensstandards die Konkurrenz­ fähigkeit etwas steigern und vorübergehend durch die niedri­ geren Preise einen größeren Käuferkreis erfassen, um den Absatz zu heben. Es fragt sich nur, wie lange das der Fall ist. Eine geringe Zollerhöhung genügt bereits, um auch einen beträchtlichen Lohnabbau zunichte zu machen. Die weitere Ueberlegung, durch koloniale Betätigung Märkte zu entwickeln, muß aus dem Grunde abgelehnt werden, weil es keine für Deutschland in Frage kommenden Gebiete gibt, die ohne große Kapitalinvestitionen zu entwickeln sind. Um die Verteilung der Ausfuhr richtig beurteilen zu können, ist es notwendig, sich die Verflechtung des deutschen Geschäftes mit Uebersee zahlenmäßig vorzustellen und das Exportgeschäft zu dem Binnenabsatz in ein Verhältnis zu bringen. Damit kommt man denn zu dem interessanten Schluß, daß Deutschland etwa 20 % seiner Gesamtproduktion an außer­ deutschen Märkten absetzt, und von diesen 20 % Gesamtauslandsabsatz übernimmt, Uebersee nur ein Viertel. Der Rest von Dreiviertel wird an England mit seinen Dominions, an Rußland und an Länder Kontinentaleuropas verkauft. An diesen Zahlen erkennt man die ungeheure Bedeutung des Bin­ nenmarktes und weiter die t a t s ä c h l i c h e V e r f l e c h ­ t ung der e u r o p ä i s c h e n M ä r k t e u n t e r e i n a n d e r . Der zolluniierte Markt ohne Behinderungen oder der allgemeine Freihandel wird immer die wichtigste Grundlage für die Aus­ geglichenheit der Volkswirtschaft und für die Sicherung des Absatzes darstellen. Um das Bild aufzurunden, muß man sich vergegenwärtigen, daß die überseeischen Märkte, die 25 % der deutschen Gesamtausfuhr übernehmen, beinahe das Doppelte des gleichen Wertes an Deutschland verkaufen. Daß dieses 2

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Verhältnis nicht ein Dauerzustand werden kann, liegt auf der Hand. Es sei aber nochmals an die außerdem vorliegende Neigung erinnert, nach welcher die überseeischen Märkte für die Zukunft eine an sich für Europa ungünstige Entwicklung nehmen werden. Das Problem der Rohstoffbeschaffung und das der Ausgeglichenheit der Handelsbilanz muß also in irgendeiner Weise aufgerollt werden. Wir benötigen überseeische Rohstoffe, und Uebersee wird verfeinerte Erzeugnisse europäischer Provenienz, wie Teer­ farben, Maschinen, Garne und elektrische Erzeugnisse, auf ab­ sehbare Zeit nicht herstellen können. Aber es wäre wün­ schenswert, wenn sich Uebersee im allgemeinen seiner e i n ­ s e i t i g e n L i e f e r a n t e n s t e l l u n g bewußt würde. Es gilt nach dem vorher Gesagten, die bestehenden Märkte weiter zu pflegen und gleichzeitig zu versuchen, eine Binnen­ wirtschaft und von dieser ausgehend eine Weltfreihandels Wirt­ schaft auszubauen. Leider muß die Forderung nach Weltfrei­ handel vorerst noch ein frommer Wunsch bleiben und man muß Teillösungen anstreben. B ei d e r g e g e n w ä r t i g e n Lage de r e i n z e l n e n europäischen Volkswirtschaften scheinen f ü r e i n e zo 11 p o I i t i s c h e V e r s t ä n d i g u n g__m iJt_ De u t s c h l a n d in e r s t e r Li nie die A g r a r s t a a t e n J ugosl avie n, Ungarn, Rumänien und Bu l g a ­ ri en sowi e die g e o g r a p h i s c h und o r g a n i s c h dazu gehörenden Länder Oesterreich, Polen u n d di e T s c h e c h o s l o w a k e i in F r a g e zu k o m ­ me n , di e i n s g e s a m t 15% d e r d e u t s c h e n A u s ­ f uhr a u f n e h m e n und an der d e u t s c h e n Ei n f u h r m i t e t w a 11 % b e t e i l i g t s i n d . Es wird später noch im Einzelnen bewiesen werden, weshalb die wirtschaftliche Verbindung dieser Staaten mit Deutschland als organisch be­ zeichnet werden kann. Wir wollen aber an dieser Stelle die Gelegenheit benutzen, um die Zerrissenheit dieser Gebiete darzulegen, die zweifellos beseitigt werden muß. Der Außenhandel der Staaten, die aus der Donaumonarchie entstanden sind oder um Teile von ihr vergrößert wurden (mit Ausnahme Alt-Italiens und des außerösterreichischen Polens), betrug im Jahre 1913 in Schilling umgerechnet rund 11 Milli­ arden. In den Jahren 1929 und 1930 betrug er 26 bzw. 21 Mil­ 18


liarden Schilling, er ist also etwa 2,5 mal so groß wie vor dem Kriege, wobei der Hebung des Preisniveaus gegenüber der Vor­ kriegszeit die verringerte Produktion dieser Gebiete gegenüber­ steht. Man halte sich vor Augen, daß Ungarn z.B. noch heute drei Viertel des österreichischen Weizenbedarfs deckt, um zu ermessen, welche Hemmungen durch die Zollmauern für den Fluß der Güter aufgerichtet worden sind. Der Außenhandel der einzelnen Nachfolgestaaten, berechnet auf den Kopf der Bevölkerung, erreicht in allen Fällen mindestens den des alten Oesterreich-Ungarn, ja das heutige Ungarn weist einen solchen in doppelter, die Tschechoslowakei in dreifacher, Oesterreich in fünffacher Höhe auf. Aber der Außenhandel aller dieser Staaten spielt sich bei­ nahe völlig untereinander ab, in dem naturgegebenen Bestre­ ben, die vorhandene aus der alten Donaumonarchie stammende Organisation auszunutzen. Die Zahlen repräsentieren also nur verdrängten Binnenhandel und unterstreichen die Forderung auf Zollverständigung. Der Vertrag von St. Germain Artikel 222 und der von Trianon Artikel 205 haben der Verflechtung der alten öster­ reich-ungarischen Donaumonarchie Rechnung getragen, indem sie den Staaten Ungarn, Oesterreich und der Tschechoslowakei erlaubten, untereinander Vorzugstarife zu vereinbaren. Aller­ dings ist von dieser Bestimmung niemals Gebrauch gemacht worden, weil die von den genannten Verträgen vorgesehene Frist von 5 Jahren für die Durchführung derartiger weittragender Wirtschaftsaktionen zu kurz bemessen war. A uß er eur op äis che n Handelsv erk ehr , der im D u r c h s c h n i t t k n a p p ü b e r 5 % h i n a u s r e i c h t , h a b e n d i e s e L ä n d e r k a u m . Di e H a u p t u m s ä t z e w er d e n nach dem V e r k e h r u n t e r e i n a n d e r s o ­ wo h l in d e r Ei n - wi e in d e r A u s f u h r mi t D e u t s c h l a n d a b g e w i c k e l t . Das dringende Bedürf­ nis nach einer Aenderung der bestehenden Verhältnisse drückt sich besonders in dem Passivsaldo der Handelsbilanz Oester­ reichs aus, der mit etwa 33Vs °/o der Einfuhr den kontinentalen Rekord hält. Dabei hat Oesterreich keinerlei Einnahmen aus der sonstigen Zahlungsbilanz außer an Anleihen, die in Aner­ kennung seiner Lage bisher kontinuierlich gewährt wurden. Es verdient noch die Tatsache Erwähnung, daß die Donau 2

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als Wasserstraße durchaus nicht mehr in dem Maße benutzt wird und werden kann, als es den natürlichen Bedingungen entspräche. Vor dem Kriege gab es zwischen Passau und Orsova keine Grenzstationen, jetzt gibt es deren acht, in Preßburg, Szob, Batina und Gradista, wobei die Notwendigkeit der je­ weils doppelt notwendigen Zollkontrolle mit berücksichtigt worden ist. Die Folge ist, daß der Donauverkehr seit 1911 um etwa 50 % gefallen ist. Bei einer Erleichterung der Zollüber­ gänge und entsprechend stärkerer Ausnutzungsmöglichkeit der Reedereiorganisationen läßt sich ermessen, um wieviel die Frachten billiger würden und die Transportzeiten verkürzt werden könnten. Heute ist es teurer, Theissweizen nach Magdeburg zu bringen als Manitobaweizen aus Kanada nach dorthin. , In dem a u s d i e s e r S a c h l a g e r e s u l t i e r e n d e n U e b e r s c h u ß an W e i z e n u n d Me h l in U n g a r n , an We i z e n , Ma i s und G e r s t e in R u m ä n i e n , an Hol z, E i e r n , F r ü c h t e n , R i n d e r n und S c h w e i ­ nen in J u g o s l a v i e n ko mmt der Mangel des ge­ g e n w ä r t i g e n V e r t e i 1u n g s s y s t e m s p l a s t i s c h zum A u s d r u c k , a b e r a uc h die N o t w e n d i g k e i t , De u t s c h l a n d in d e n K r e i s d i e s e s W i r t s c h a f t s ­ gebietes eiazubeziehen, denn D eutschland a l l e i n b i e t e t di e G e w ä h r d a f ür , d a ß d i e U e b e r s c h ü s s e __k o n s u m i e r t __w_e r d e n_ k ö n n e n . Mi t D e u t s c h l a n d s E i n s c h l u ß i s t d a s Z i e l erre_i c_ht : Di e o r g a n i s c h e V e r b i n d u n g z w i s c h e n R o h ­ stoffen, L e b e n s m i t t e l n u n d V e r b r a u c he r , z w i s c h e n I n d u s t r i e f a b r i ka t e n und V e r b r a u ­ cher, Di e V e r e i n i g u n g d e s g e s a m t e n G e b i e t e s k a n n in a u s g e w o g e n e r W e c h s e l w i r k u n g zur Hebung der K a u f k r a f t der agraren Z u w a c h s ­ g e b i e t e und zur b e s s e r e n A u s n u t z u n g des industriellen Produktionsapparates die­ nen, D e r F o r t s c h r i t t d e r W i r t s c h a f t w ü r d e natürlicherweise nicht additional, sondern p o t e n t i e l l v o r si ch g e h e n , da s i ch a l l e v o r ­ h a n d e n e n E n t w i c k I u n g s g r u n d 1a g e n i n d e m neu z u s t ä n d e k o mm e n d e n B i n n e n m a r k t frei 20


e n t f a l t e n k ö n n t e n . In Deutschland würden fast sämt­ liche Zweige der Fertigwarenindustrie, besonders die che­ mische Industrie, die elektrotechnische Industrie, die Ma­ schinenindustrie, die Textilindustrie, die Eisenindustrie und einige kleinere Branchen, wie die Lederwaren- und Spielwaren­ industrie, Vorteile haben. Es ist sogar anzunehmen, daß sich Vorteile für solche Länder ergeben, die raummäßig nicht zu Mitteleuropa gehören, wie für Schweden, wo die Eisenerz­ förderung, die Zellulose-, Papier- und elektrotechnische In­ dustrie einen Aufschwung erleben würden, wie für Belgien, wo Eisen-, Maschinen-, Textil-, Glas- und Zementindustrien blühen würden. Finnland könnte andererseits im größeren Umfange Papier, Zellulose und Holz verkaufen. Das Gebiet würde im Laufe der Zeit bei völliger Freizügig­ keit naturgemäß mehr oder weniger unübersehbare Standort­ veränderungen der agraren und industriellen Produktion durch­ machen, man würde Umschichtungen in der Betriebsform und der Warenart erleben, die Konjunkturen im Gefolge haben. Bei einem Zusammenschluß von k o m p l e m e n t ä r e n Wirt­ schaften sind eigentlich nur Vorteile zu erblicken. Der wich­ tigste Nachteil bei dem heutigen Stand der Entwicklung, der u n m i t t e l b a r e Verlust von festangelegtem Kapital in Ge­ stalt von unrentablen Industriebetrieben braucht deswegen gar nicht in Frage gezogen zu werden. D e r g r ö ß e r e , u n b e ­ h i n d e r t e M a r k t l ä ß t j e d e n B e t r i e b mi t g r ö ­ ß e r e r R e n t e als b i s h e r a r b e i t e n . Daß d i e s e r V o r t e i l si ch in n i e d r i g e r e n P r e i s e n a u s w i r k e n muß, i s t di e F o l g e d e r M a s s e n f a b r i k a t i o n u n d g e s t a t t e t für den L e b e n s s t a n d a r d des neuen W i r t s c h a f t s k o m p l e x e s eine gute Prognose. Bei dieser Gelegenheit strebt erneut das Problem zutage, ob bei einer irgendwie gearteten handelspolitischen Annäherung oder Verschmelzung von Volkswirtschaften per Saldo Kapital­ verluste entstehen, und zwar einesteils auf Seiten der Agrar­ staaten hinsichtlich ihrer industriellen Fabrikationsanlagen, an­ dererseits für die Industriestaaten hinsichtlich ihrer Agrar­ bestandteile. Von Seiten der Industriestaaten wird aus den entsprechenden westeuropäischen landwirtschaftlichen Kreisen stets hervorgehoben, daß mit einem Fallen der Zollschranken 21


das Kapital verloren ginge, das besonders in der Kömerwirtschaft investiert sei, und daß außerdem die Zahlungsbilanz durch die notwendig werdende Mehreinfuhr an Rohstoffen und Lebensmitteln erheblich geschwächt würde. Wir wollen diese agrarpolitischen Probleme nicht in ihrer ganzen Breite an dieser Stelle aufrollen, möchten aber doch unterstreichen, d a ß w e d e r d e r G e t r e i d e b a u a l s Ganzes und noch viel we n i g e r eine e i n z e l n e K ö r n e r f r u c h t für die E n t w i c k l u n g d e r d e u t ­ s c h e n L a n d w i r t s c h a f t e n t s c h e i d e n d i st . M a n sieht in Deutschland im allgemeinen in der Getreidewirtschaft den Angelpunkt der deutschen Agrarpolitik, während die Ent­ wicklung diese tatsächlich immer mehr beiseite drängt. Die tierischen Erzeugnisse nehmen heute schon einen Raum von über 60 % der deutschen Agrarwirtschaft an Wert ein. D a s O p f e r , d a s wi r in D e u t s c h l a n d d e r L a n d w i r t ­ s c h a f t und vor al l em der K ö r n e r w ir t s c h a f t b r i n g e n , i s t n i c h t g e r i n g , i s t a u f 2—3 M i l l i a r ­ d e n zu b e z i f f e r n , a b e r u n s e r V o r s c h l a g wi l l den Schut z gegen U e b e r s e e w e i t e r a u f r e c h t ­ e r h a l t e n . Er l ä ß t n ur ei ne s t ä r k e r e K o n k u r ­ r e n z v o m S ü d o s t e n h e r zu. D i e s e K o n z e s s i o n mu ß g e m a c h t w e r d e n , d a m i t d i e U n t e r s t ü t z u n g de r d e u t s c h e n L a n d w i r t s c h a f t ü b e r h a u p t auf­ r e c h t e r h a l t e n w e r d e n kann. Ferner darf nicht imbeachtet bleiben, daß das Kapital, welches in der Körnerwirtschaft ruht, kein Kapital mehr ist, da ihm als Kriterium des Begriffes Kapital die dazugehörige Rente mangelt und nur k ü n s t l i c h im Preise erhalten wird. Insofern darf man auch sagen, daß das kapitalistische System in allen den Fällen, in denen durch Verlagerung der Kaufkraft bzw. innere Veränderung des Lohnfonds Preise gesichert wer­ den, sich selber untreu geworden ist. Immerhin kann man die Agrarpolitik nicht isoliert für sich betrachten, sondern man muß andere Momente, besonders bevölkerungspolitische und allgemeinpolitische, mit berücksichtigen. Deutschland kann es sich nicht leisten, wegen der Richtigkeit unserer Ausführungen für sich zu beginnen, den Agrarschutz abzubauen. In der gegenwärtigen kritischen Zeit würde dadurch eine Mehr­ 22


belastung des deutschen Haushaltes mit sozialen Lasten eintreten, für den keine Deckung vorhanden ist. Es würde vor allem nicht möglich sein, der Wanderung, die vom Lande in die Städte einsetzen würde, Unterkunft zu bieten. Durch die im Gefolge der Zollfreisetzung eintretende ländliche extensive Wirtschaft würde ein starker Ueberfluß an Leuten auftreten. Man schätzt die Zahl der freiwerdenden Arbeitskräfte ein­ schließlich Familienangehöriger auf rund 4 Millionen. Da sich die Körnerwirtschaft in einem Gürtel vom Osten her über den Norden Deutschlands hinweg zieht, ist noch die Tatsache zu vermerken, daß gerade der Osten, der zurzeit noch auf der Körnerwirtschaft steht, bevölkerungspolitisch außer­ ordentlich geschwächt würde. Es besteht aber das gegenteilige Interesse. Man sollte allerdings auch auf die Agrarpolitiker hören, die auf eine Umgestaltung des östlichen Großgrund­ besitzes auf die Bauernwirtschaft hinarbeiten und damit zu­ gleich eine Veränderung der landwirtschaftlichen Produktion und eine Stärkung der Widerstandsfähigkeit erstreben. Der Bauernbetrieb ist seiner ganzen Natur nach in der Regel ge­ mischter Betrieb und kann in viel größerem Umfange als der Großgrundbesitz, auf billigen Futtermitteln aufbauend, die Viehwirtschaft betreiben. Außerdem lehrt die Erfahrung, daß in Zeiten der Krise der Bauembetrieb durch starke Reduktions­ möglichkeit der temporären Unkosten mehr Widerstand gegen Katastrophen bietet als der Großgrundbesitz. Wenn auch die heutige deutsche Agrarpolitik in ihrer Grundtendenz als unrichtig abgelehnt wird und ihre Revision etwa im Sinne der von Brandt vertretenen Richtung gefordert werden muß, so ist auch andererseits zu betonen, daß der Vorwurf, eine unökonomische Politik zu betreiben, nicht ein­ seitig Deutschland gemacht werden kann. Die Tragik liegt darin, daß a u c h Deutschland den Fehler macht und machen muß. Die Agrar- und Rohstoffländer ver­ halten sich mit dem Schutz ihrer Industrien und mit der Hoch­ züchtung ihrer Industrien genau so. Während wir aber mit un­ seren Zöllen lediglich Politik der K a p i t a l erhaltung betreiben, betreiben diese Länder mit ihrer Industrieschutzpolitik die F e h l l e i t u n g von Kapital. Wenn also durch die Be23


seitigung von Zöllen und durch die Bildung größerer W irt­ schaftsgebiete, möglichst eines Weltwirtschaftsgebietes, eine Verbilligung der allgemeinen Produktionskosten herbeigeführt werden soll — denn darauf läuft doch die Bestrebung letzten Endes hinaus — so muß der unbehinderten Entwicklung der Produktionsstandorte Freiheit verschafft werden. Es geht daher nicht an, daß die Agrarländer Thesen verfechten, die damit im Widerspruch stehen. Ein führender Staatsmann eines Agrar- und Rohstoff­ landes, der auch als Volkswirt einen Ruf genießt, verbreitet eine Theorie, die keinesfalls Schule machen darf, Nach dieser Auffassung sind die Agrarländer auf die Dauer arm, während die Industrieländer auf die Dauer reiche Länder seien. Jeder Agrarstaat hätte demzufolge danach zu streben, sich eine In­ dustrie zuzulegen, mit deren Hilfe er sich Geld erspare, selbst wenn er teurer fabriziert als das Ausland und somit für diese Industrie einen Schutzzoll nötig macht. Zum Beweis dafür wird folgendes Beispiel vorgebracht: Es existiere eine Differenz in der Produktivität der Agrar­ staaten and der Industriestaaten. Die Industriestaaten hätten den Vorteil, daß ein Arbeiter (das Beispiel arbeitet nur mit fiktiven Zahlen) der RM 1.— jede Arbeitsstunde koste, damit X Glüh­ lampen im Werte von RM 50.— herstellen könne, während der landwirtschaftliche Arbeiter in Rumänien beispielsweise in der gleichen Zeit nur eine Produktion von Getreide im Werte von RM 5.— herstellen könne. Mit dem Produkt von 10 rumänischen Arbeiterstunden werde daher das Produkt von einer deutschen gekauft. Die Argumentation ist aber nicht lückenlos, denn sie übersieht ein wesentliches Moment, nämlich das der_Kapitalverwenäung. Der Produktionsumweg, der mit dem Einbau von Kapital verknüpft ist, welch letzteres Zinsen bedingt, muß na­ türlich die Produktion verbilligen, denn sonst würde niemand Interesse daran haben, Kapital zu investieren und einen Zin­ sendienst auf sich zu nehmen. Rumänien kauft also nicht mit 10 Arbeiterstunden das Produkt einer deutschen Arbeiterstunde, sondern es kauft jn it 10 Arbeiterstunden das Produkt einer deutschen Arbeiter24 SJ

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stunde und des in den betreffenden Fabrikationszweigen in­ vestierten Kapitals. Daß der deutsche Industriearbeiter höher bezahlt wird als der rumänische Landarbeiter, beruht auf der viel teureren Ausbildung des deutschen Arbeiters und Hand­ werkers, W e n n a l s o d e r A g r a r s t a a t a u s l ä n d i s c h e A n l e i h e n a u f n i m m t , um e i ne I n d u s t r i e a u f ­ z u b a u e n und g l e i c h z e i t i g mi t e i n e m S c h u t z ­ zoll den P r e i s und d a m i t die R e n t e des K a p i ­ t a l s s i c h e r t , so d a r f d a s u n b e d i n g t al s F e h l ­ l e i t u n g von K a p i t a l b e z e i c h n e t we r d e n . Das Kapit al wird v e r s c h l e u d e r t , denn n o r m a l e r ­ w e i s e e r z i e l t es k e i n e R e n t e . Di e R e n t e i s t k ü n s 11i ch. Dadurch, daß der Zinsendienst nach dem Ausland fließt, ergibt sich zum Schluß nur die Tatsache, daß inländische Kaufkraft durch dieses Ventil zugunsten ausländischer Kapitalisten abgezapft wird. Statt also die Produktivität von Wirtschaftszweigen zu heben, erzielt man mit derartigen Dingen das Gegenteil. M a n s c h w ä c h t d i e P r o d u k t i v i t ä t der l e b e n s f ä h i g e n Wi r t s c h a f t s ­ z we i g e , in d i e s e m F a l l e der L a n d w i r t s c h a f t und der R o h s t o f f p r o d u k t i o n , z u g u n s t e n einer f a l s c h e n Idee. Es d a r f al s s i c h e r g e l t e n , d a ß d i e G e b i e t e des Südost ens, also i n s be s on de r e Rumänien, J u g o s l a v i e n u n d B u l g a r i e n m i t 80 % L a n d ­ w i r t s c h a f t und Un g a r n als e b e n f a l l s a u s g e ­ s p r o c h e n e s A g r a r l a n d m i t 60 % L a n d w i r t ­ s c h a f t , b e i d e r V e r b i n d u n g mi t d e n I n d u s t r i e ­ s t a a t e n O e s t e r r e i c h , T s c h e c h o s l o w a k e i und D e u t s c h l a n d n u r V o r t e i l e f i n d e n k ö n n e n . Das >st a u c h u m g e k e h r t d e r F a l l u n d d e r W u n s c h bei a l l e n Be t e i l i g t e n . Der Wi l l e , eine s o l c h e Wirtschaftliche Vereinigung durchzuführen, ist w i e d e r h o l t ei n d e u t i g e r k l ä r t worden. Wenn der G e d a n k e b i s h e r noch n i c h t v e r ­ w i r k l i c h t w e r d e n k o n n t e , so w a r e n l e d i g l i c h p o l i t i s c h e M o t i v e d a r a n s c h u l_d , v o n d e n e n wi r h o f f e n , daß sie n i c h t auf die E w i g k e i t f eegen d i e w a h r e n I n t e r e s s e n d e r V ö l k e r in A n s p r u c h g enommen we r d e n können. 25


Es ist im Rahmen dieser Betrachtung der gesamteuro­ päischen Lage noch ein Blick auf die Länder Polen und Italien zu werfen, von denen das erstere ebenso wie die Tschecho­ slowakei durch die Politik stark von seiner eigentlichen W irt­ schaftsrichtung abgedrängt ist. Auch in P o l e n ist die Land­ wirtschaft der wichtigste Zweig, welcher der Bevölkerung wirtschaftlich das Gepräge gibt. Fast die Hälfte der Flächen wird mit Ackerfrüchten bebaut. Die in Land- und Forstwirt­ schaft Beschäftigten einschl. ihrer Familienangehörigen machen 64 % der Gesamtbevölkerung aus. Die wichtigsten Boden­ erzeugnisse Polens sind Roggen und Kartoffeln. Roggen bildet in den meisten Jahren einen nicht unwesentlichen Ausfuhr­ posten. Verhältnismäßig groß ist auch die Ernte von Hafer und Gerste, von denen die Gerste den sichersten Posten in der Ausfuhr von Ackerbauerzeugnissen darstellt. Zwar hat Polen eine erhebliche Industrie und eine gewisse Bedeutung als Rohstoffgebiet, welch letztere durch die Angliederung Ober­ schlesiens erreicht wurde. Dort wird der größte Teil der Steinkohlen und Zinkerze gefördert, dort liegt auch die Mehr­ zahl der Hüttenwerke. Eisenerz wird nicht in solchen Mengen gefördert, daß die einheimischen Hütten ausreichend versorgt werden könnten. Die Absatzverhältnisse sind aber gerade durch die Zerreißung Oberschlesiens außerordentlich erschwert worden, weil das jetzige polnische Oberschlesien mit dem deutsch verbliebenen Teil und dadurch mit ganz Deutschland zu einer festen Einheit industrieller Organisation verbunden war. Im Interesse der Rohstoffgebiete liegt es also, den An­ schluß an die verarbeitenden und verbrauchenden deutschen Industrien zu suchen. Die polnische Textilindustrie, die unter den verarbeitenden Industrien die erste Stelle einnimmt, ist in einer ähnlichen Lage wie die Rohstoffindustrie. Sie sitzt haupt­ sächlich in Lodz und hat durch die Unmöglichkeit, das sowjet­ russische Gebiet, das ehedem ihr Hauptabsatzgebiet war, zu versorgen, außerordentlich schwer zu kämpfen. Polen sucht zwar durch einen erstaunlich hohen Industrie­ schutzzolltarif sich fortschreitend weiter zu industrialisieren; eine solche Industrialisierung ist vielleicht möglich, aber nicht zweckmäßig. Die geographische Lage Polens bringt es mit 26


sich, daß es auch im Interesse der Bereinigung der politischen Reibungsflächen mit Deutschland durchaus den Anschluß an ein mitteleuropäisches Wirtschaftsgebiet suchen müßte. Leider sind aber die Aussichten hierfür durch die politische Haltung außerordentlich ungünstig. Bezeichnend ist, daß Polen sich mit den Weizen-Ausfuhrländern ständig in enger Fühlung­ nahme hält, ohne in dieser Warengattung nennenswerte Be­ deutung zu besitzen. I t a l i e n spielt für das mitteleuropäische Wirtschafts­ gebiet ebenfalls eine Rolle, Es gehört dazu als Weizeneinfuhr­ gebiet, leider verhindern jedoch politische Gegensätze zu Jugoslavien eine positive Einstellung, Da Italien für wichtige industrielle Rohstoffe stark auf die Einfuhr angewiesen ist, so beispielsweise bei Kohle zu etwa 90 %, bei Bau- und Nutzholz zu etwa 70 % und bei Eisen zu etwa 25 %, ist andererseits seine Verflechtung mit den gesamteuropäischen Interessen augen­ scheinlich. Man darf also nicht erwarten, daß Italien von sich aus die Initiative zu einer konstruktiven Lösung in unserem Sinne ergreift, aber man darf bestimmt damit rechnen, daß Italien sich bei Zustandekommen eines größeren europäischen Wirtschaftsgebietes ihm im Gegensatz zu Frankreich anschlie­ ßen muß. Damit ist ungefähr der Rundblick auf die Kräfte, die im Rahmen der europäischen Kooperation gestreift werden müs­ sen, erschöpft. Es ist unmöglich, der Uebersicht wegen an dieser Stelle auf alle Volkswirtschaften einzugehen. Uns kommt es nur darauf an, festzustellen, wo die natürliche Keim­ zelle für die Gesundung Europas liegt. W i r s e h e n d i e kom plementären Verschmelzungseigenschaf­ ten i ns bes on der e bei den Ländern D e u t s c h ­ l a n d , O e s t e r r e i c h , T s c h e c h o s l o w a k e i , Un g a r n , R u m ä n i e n u n d J u g o s l a w i e n . Dieses Gebiet umfaßt, wenn man Polen noch dazu rechnet, etwa 2 Millionen Quadrat­ kilometer mit einer Bevölkerungszahl von 150 Millionen Ein­ wohnern. Das bedeutet das 2 ^ 2 fache der gegenwärtigen Be­ völkerungszahl Deutschlands, mit einem Areal, in dem eine Fülle der verschiedensten Rohstoffe und Lebensmittel vorhan­ den ist, die mindestens in diesem Gebiet das erstrebte Ziel erreichen können: den Konsumenten, den Verbraucher. 27


We n n , wa s wi r z u v e r s i c h t l i c h h o f f e n , M i t ­ t e l - und S ü d o s t e u r o p a zu e i n e r w i r t s c h a f t ­ lichen Ei nhei t wird, ist dami t der A n s t o ß g e g e b e n für ei ne W i e d e r g e s u n d u n g d e r W e l t ­ wi r t schaf t . Z wa n g s l ä u f i g würde d i e s e Gr u p p e die A u f l ö s u n g w e i t e r e r in E u r o p a u n d in d e r We l t l a g e r n d e r H i n d e r n i s s e für den f r e i e n Fluß der G ü t e r zur Fol ge haben.

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Handelsp olitisehe Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Von Dr. Wilhelm Grotkopp. D ie heutige mitteleuropäische Wirt­ s c h a f t s n o t , die sich seit J a h r e n d a h i n s c h l e p ­ p e n d e W i r t s c h a f t s k r i s e s t e l l t u n s e r e r Zeit als ei ne der d r i n g e n d s t e n A u f g a b e n die des Neuaufbaues der mi tteleuropäischen W i r t ­ s c h a f t . Die Beseitigung dieses mitteleuropäischen Krisen­ herdes ist nicht nur für Mitteleuropa, sondern zugleich für die anderen europäischen Länder und für die Weltwirtschaft von ausschlaggebender Bedeutung, d e n n j e d e r W i e d e r a u f ­ stieg der W e l t w i r t s c h a f t wird gehemmt, s o ­ l a n g e die w i r t s c h a f t l i c h e n Z u s t ä n d e im m i t ­ t e l e u r o p ä i s c h e n R a u m so u n g e s u n d b l e i b e n , w i e s i e es h e u t e l e i d e r n o c h si nd. Ueber die Ursachen dieser Wirtschaftsnot eine ausführ­ liche Darstellung zu geben, ist nicht notwendig, da die seit Jahren geführte Debatte zu einer weitgehenden Klärung geführt hat. Es hat sich die auch von uns geteilte Auffassung durchgesetzt, d a ß d a s m i t t e l e u r o p ä i s c h e P r o b l e m v o r a l l e m e i n h a n d e l s p o l i t i s c h e s i s t . Es ist immer wieder klar herausgearbeitet worden, daß in Mittel­ europa, wie Hantos an einer Stelle*) ausführt, udie Krise vom Augenblick des Kriegsabschlusses an immer gegenwärtig ist, wenn sie auch bald als Währungs-, bald als Finanz-, bald als *) „Europa-Wirtschaft" 1931, Heft 6, S. 221

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Handels-, bald als [Agrarkrise in Erscheinung tritt“, daß diese ständig gegenwärtige Krise vor allem auf die wirtschaftliche Zersplitterung im mitteleuropäischen Raum zurückzuführen ist. Die jeweilige weltwirtschaftliche Situation kann diese mittel­ europäische Krise verschärfen oder auch mildern. E i n e w e l t w i r t s c h a f t l i c h e K r i s e wi e die g e g e n ­ w ä r t i g e l ä ßt die m i t t e l e u r o p ä i s c h e zu k a t a ­ s t r o p h e n a r t i g e m A u s m a ß e a n w a c h s e n, ein welt­ wirtschaftlicher Konjunkturumschwung wird eine gewisse zeit­ weilige Besserung der mitteleuropäischen Wirtschaftslage zur Folge haben, a b e r d i e K r i s e w i r d i m m e r g e g e n ­ w ä r t i g sei n, s o l a n g e im m i t t e l e u r o p ä i s c h e n R a u m an S t e l l e des M i t e i n a n d e r ei n G e g e n ­ e i n a n d e r , a n S t e i l e_ d e r Z u s a m m e n a r b e i t e i n S t r e b e n n ach A u t a r k i e b e s t e h t , sol ange hi er i n e i n e r Z e i t , wo M a s s e n p r o d u k t i o n u n d M a s ­ s e n a b s a t z f ür die W i r t s c h a f t von a b s o l u t e n t s c h e i d e n d e r B e d e u t u n g sind, die w i r t ­ s c h a f t l i c h e B e t ä t i g u n g auf k l e i n e M ä r k t e b e s c h r ä n k t b l e i b t , die nie ei ne a u s r e i c h e n d e Ba s i s f ür die W i r t s c h a f t s e i n k ö nne n. Im Gegensatz zu den Gesetzen wirtschaftlicher Vernunft sind leider die mitteleuropäischen Staaten unter dem Einfluß nationalistischer Gedankengänge in der Nachkriegszeit darauf bedacht gewesen, ihre eigene Wirtschaft so vielseitig wie mög­ lich zu gestalten, möglichst alle Waren, koste es was es wolle, im eigenen Lande herzustellen. Im Interesse einer solchen autarken Politik sind Zollerhöhungen auf Zollerhöhungen vorgenommen worden, wobei in Anbetracht der an sich be­ stehenden engen Abhängigkeitsverhältnisse die Zollerhöhungen eines Landes entsprechende der anderen zur Folge haben mußten. Die entscheidende Frage ist somit, w ie a n S t e l l e d e r Z o l l e r h ö h u n g e n e i n Z o l l a b b a u , a n St e l l i e der A u ta rk ie b e s t r e b u n g e n e i n e Z u s a mmen a r b e i t t r e t e n k a n n . Selbstverständlich müssen noch andere Aufgaben angepackt und gelöst werden, doch die erste und entscheidende Aufgabe ist die der Neuordnung der Han­ delspolitik, der Befreiung Mitteleuropas von den Fesseln der Hochschutzzollpolitik, der Schaffung eines einheitlichen, einen 30


ungehinderten Güteraustausch ermöglichenden Wirtschafts­ raumes, Wie soll dieses Ziel erreicht werden? Vor dem Kriege konnten die Absperrungstendenzen und Autarkiebestrebungen der einzelnen Staaten weitgehend durch Handelsverträge ge­ mildert werden. Doch diese handelsvertragspolitischen Be­ mühungen führten im Nachkriegseuropa zu keinem größeren Erfolg, Wir können nur einen europäischen Handelsvertrag verzeichnen, der als wirtschaftspolitische Tat hingestellt zu werden verdient, nämlich den deutsch-französischen. D a ­ g e g e n i s t d i e h a n d e 1s v e r t r a g s p o 1i t i s c h e S i ­ t u a t i o n im m i t t e l e u r o p ä i s c h e n Ra u m t r o s t l o s . Hier konnte bisher kein umfassender Handelsvertrag abge­ schlossen werden. Seit Jahren bemüht man sich zwar um den Abschluß umfassender Handelsverträge, um einen Zollabbau auf dem Wege handelsvertragspolitischer Verhandlungen, doch alle Bemühungen sind vergebens gewesen, obgleich die Frie­ densverträge besondere Möglichkeiten boten. Fast stets mußte man sich mit dem Abschluß von Meistbegünstigungsverträgen als Notbehelf begnügen, oft war auch das nicht einmal mög­ lich, war ein Zustand der Vertragslosigkeit oder gar ein Handelskrieg unvermeidlich. War ein Handelsvertrag glücklich abgeschlossen, dann folgte nur zu oft und zu rasch eine Kün­ digung. D ie n e u e n V e r t r ä g e b r a c h t e n n u r s e l t e n einen Abbau, meistens eine Er höhung der Z o l l s ä t z e . In den ersten Jahren nach dem Kriege verur- I sachten vor allem W > le I r_i ;u e 1 i i ;n I ustrie- | zweige der Agrarstaaten diese Verschärfung des Protektionis- • mus. Heute sind es insbesondere die Industriestaaten Deutsch­ land, Tschechoslowakei und Oesterreich, die infolge der pro­ tektionistischen Wünsche ihrer Landwirtschaft den Abschluß umfassender handelsvertragspolitischer Abkommen erschweren, während die einstigen Träger des mitteleuropäischen Hoch­ protektionismus, Rumänien, Jugoslavien und Ungarn, ihre einst begangenen Fehler einsehen und jetzt zu einem Zollabbau auf dem Wege handelsvertragspolitischer Uebereinkommen bereit sind. Mehrere bedeutsame Verhandlungen finden zur Zeit zwischen den Industriestaaten auf der einen und den Agrar­ staaten auf der anderen Seite statt. Wenn auch teilweise diese Verhandlungen einen erfreulichen Verlauf genommen 31


haben, so sind doch die Gesamtaussichten wenig günstig. Die Tschechoslowakei hat trotz der politischen Bindungen und Not­ wendigkeiten nur sehr dürftige Verträge mit Rumänien und Jugoslavien zustande bringen können, befindet sich mit Un­ garn im Zustand des Zollkrieges und gegenüber Oesterreich in einer ungeklärten Lage. Oesterreich hat auf vollkommen neuer Basis, nämlich auf der des Kreditvertrages, ein Abkommen mit Ungarn geschlossen, das aber wohl nicht in Kraft treten wird, und Jugoslavien eine Weizenpräferenz gewährt. Deutschland hat Rumänien und Ungarn Vorzugszölle zugestanden und will auf gleicher Basis mit Jugoslavien verhandeln. Es w i r d v i e l l e i c h t auf dem We g e ü b e r di ese Ver t r äge eine kleine Besserung erzi elt , aber als b e f r e i e n d e Ta t k ö n n e n sie n i c h t h i n ­ g e s t e l l t w e r d e n . Sie bieten ohne Zweifel eine gewisse Hilfe für den Augenblick, sind aber keine Maßnahmen einer auf lange Sicht eingestellten Politik. Will man energisch eingreifen, dann muß man die Frage einer möglichen Revision der bisherigen, aus mehreren Gründen*) imzureichenden Handels­ politik stellen und diese Revision wollen. I. Die Idee der Vorzugszölle. D ie I n i t i a t i v e z u e i n e r s o l c h e n R e v i s i o n gi ng v o n d e n s c h w e r um i h r e E x i s t e n z r i n g e n ­ d e n s ü d o s t e u r o p ä i s c h e n S t a a t e n a u s . Ihr auf verschiedenen Konferenzen im Herbst 1930 aufgestellter Vor­ schlag lautet dahin, daß die Industriestaaten für die Agrar­ erzeugnisse des Südostens Vorzugszölle gewähren, somit das südosteuropäische Getreide gegenüber dem überseeischen be­ günstigen, um 20 bis 50 % niedriger verzollen als das über­ seeische, da nur so, vor allem unter Beachtung des Fracht­ momentes, ,ein Export möglich sei. Die Debatte über diesen Vorschlag eines Präferenzsystems hat sich leider fast einseitig auf die Frage zugespitzt, ob derartige Vorzugszölle mit der Idee der Meistbegünstigung vereinbar seien. Dieser Frage kommt allerdings für die Industriestaaten eine entscheidende *) Auf diese Gründe näher einzugehen, würde zu weit führen, sie sind am klarsten von Riedl herausgearbeitet worden, der sich um die Klärung dieser Fragen große Verdienste erworben hat.

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Bedeutung zu. Die Idee der Meistbegünstigung, daß kein Staat, kein Exporteur zollpolitisch oder sonstwie ungünstiger behan- t fielt wird als irgendein anderer, ist das grundlegende Prinzip des_ internationalen Güteraustausches und hat sich als das fairste und das gerechteste erwiesen. An ihm halten trotz un- *' leugbarer Schattenseiten deswegen alle maßgeblichen Staaten fest. Das Prinzip der Meistbegünstigung ist ohne Zweifel nach­ teilig für Staaten, die wirtschaftlich sehr eng miteinander ver­ bunden sind, aber zur Förderung ihrer Wirtschaftsbeziehungen sich keine besonderen Rechte zugestehen können, weil diese gemäß dem Prinzip der Meistbegünstigung dann jedem anderen Staate zugute kämen und somit für die beiden betreffenden Staaten weitgehend entwertet würden. Im Interesse des Güter­ verkehrs zwischen benachbarten Staaten sind deswegen sehr oft regionale Ausnahmen von der Meistbegünstigung zugestanden worden. Begründet werden diese regionalen Ausnahmen, diese Sonderrechte, damit, daß infolge der gemeinsamen Grenze, der Gleichartigkeit der Bevölkerung und der Interessen so enge wirtschaftliche Verbindungen entstanden seien, daß eine Sonderbehandlung gerechtfertigt wäre. Es ist Riedls") großes Verdienst, die Bedeutung dieser regionalen Ausnahmen klar aufgezeigt und unablässig dafür gekämpft zu haben, den mittel­ europäischen Staaten das gleiche Recht zu regionalen Aus­ nahmen von der Meistbegünstigung zuzugestehen. Er verlangt von den anderen Staaten die Zustimmung zu dieser Ausnahme zwecks Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen innerhalb des mitteleuropäischen Wirtschaftsraumes. Doch geht aus Riedls Schriften auch hervor, daß er in bezug auf die Frage, ob die anderen Staaten diese Ausnahme anerkennen, sehr pessimistisch ist. Es wäre ja nicht nur die Zustimmung der überseeischen Agrarexportländer einzuholen. Von entscheiden­ der Bedeutung wäre schon, ob von allen europäischen Staaten diese Ausnahme anerkannt würde. Einigt man sich in Europa auf ein mitteleuropäisches oder gar auf ein europäisches System der Vorzugszölle, dann wäre es allerdings um Europa schlecht bestellt, wenn es diesem System die internationale Anerken­ nung nicht verschaffen könnte. “) Vgl. hierzu u, a. den Artikel von Riedl in der „Europa-Wirtschaft"

1931, Heft 4, S. 134 ff. 3

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Entscheidend ist aber nicht diese mehr juristische bzw. politische Frage, ob ein System der Vorzugszölle als Aus­ nahme von der Meistbegünstigungsklausel anerkannt würde, sondern die, ob w ir a u f d e m W e g e ü b e r V o r z u g s ­ zölle in Mi t t e l - und S ü d o s t e u r o p a e i ne b e s ­ sere Arbeitsteilung, einen Zollabbau e r z i e ­ l e n k ö n n e n u n d s c h l i e ß l i c h zu e i n e r G r o ß ­ r a u m w i r t s c h a f t k o mme n . Die bisher mit der Politik der Vorzugszölle gemachten Erfahrungen stimmen in dieser Beziehung pessimistisch und skeptisch. Die Idee der Vorzugszölle hat man zwar oft in umfassender Form zu ver­ wirklichen versucht, aber zu bedeutsamen Ergebnissen hat dies System nie geführt. Eine besondere Bedeutung kommt heute dem System der Vorzugszölle nur innerhalb des englischen Empire zu. Aber gerade dieses System der englischen Präferenz zeigt deutlich die für die Beurteilung der Vorzugszölle maßgeblichen Momente. Diese Politik der Vorzugszölle hat zwar die Be­ ziehungen der Teile des Empire zueinander gefördert, aber doch keineswegs zu dem großen einheitlichen Markt geführt, vor allem nicht zu der bei einer mitteleuropäischen und euro­ päischen Lösung anzustrebenden natürlichen Arbeitsteilung, denn gerade trotz oder wegen der Vorzugszölle wird von vielen Teilen des Empire eine ausgesprochen hochschutzzöllnerische Politik getrieben, werden die Zölle ständig weiter erhöht. Auch theoretische Erwägungen zeigen uns, daß wir auf dem Wege der Präferenz sicherlich nie zu einem Zollabbau, nie zu einer Großraumwirtschaft gelangen werden, denn bei einer Politik der Präferenz wird an sich an der Idee festhalten, daß nicht­ konkurrenzfähige Betriebe geschützt werden. Besteht aber diese Möglichkeit des zollpolitischen Schutzes, dann werden bestimmt wie heute auch künftighin bedrohte Produktions­ zweige erhöhten Schutz verlangen. Somit werden Zollkämpfe bleiben, Handelsvertragsverhandlungen notwendig sein, um einen Ausgleich zwischen den Forderungen auf Erhöhung der eigenen Vorzugszölle und auf Ermäßigung der der anderen herbeizuführen. So wird die Wirtschaft nie wissen, woran sie ist, nie sich auf stabile Verhältnisse einrichten, nie eine Politik auf lange Sicht führen können. Wenn nun gar noch die Vor­ zugszölle „planmäßig" abgebaut werden sollen, dann wird es 34


nichts anderes werden als eine organisierte Unruhe, denn jedes Mal wird dieser Plan wieder umkämpft sein. Wenn er wider Erwarten durchgeführt wird, werden bei jeder Aenderung jedes Mal neue Verhältnisse geschaffen. So k o m m e n w i r a u f d e m W e g e d e r V o r z u g s z ö l l e n i e zu r u h i g e n s t a b i l e n V e r h ä l t n i s s e n , v i e l e h e r zu e i n e m D u r c h e i n a n d e r und G e g e n e i n a n d e r , das d a ­ durch noch e rhöht wird, daß ander e St a a t e n ähnliche Rechte, ähnliche Ausnahmen bean­ s p r u c h e n u n d so s c h l i e ß l i c h j e d e r S t a a t f ür j e d e n S t a a t s e i n e n b e s o n d e r e n T a r i f h a t . Das ist alles andere als eine ideale Großraumwirtschaft, als eine Förderung der natürlichen Arbeitsteilung, Diese Bedenken sind natürlich bei den Staaten am stärksten, die am meisten auf die Gestaltung ruhiger und stabiler Beziehungen zu allen Ländern angewiesen sind. Deswegen ist es wohl auch ver­ ständlich, daß die auf Absatz überall hin angewiesenen In­ dustriestaaten Deutschland, Oesterreich und Tschechoslowakei dieser Idee der Vorzugszölle sehr kritisch gegenüber stehen. Aber trotz aller Bedenken hat sich Deutschland im Inter­ esse seiner Handelsbeziehungen zu Südosteuropa zu einer wesentlichen Konzession bereit erklärt. D e u t s c h l a n d wi l l de n W ü n s c h e n des S ü d o s t e n s e n t g e g e n k omme n, für ei ni ge A g r a r p r o d u k t e des S ü d ­ o s t e n s V o r z u g s z ö l l e g e w ä h r e n , falls es ein Aequivalent für die seitens seiner Landwirtschaft zu bringenden Opfer erhält. Dieses Aequivalent liegt selbstverständlich in der Förderung des deutschen Industriewarenexportes nach dem Südosten, wobei Deutschland im Interesse der Meistbegünsti­ gungsklausel auf die Einführung von Vorzugszöllen zugunsten seines Industrieexportes verzichten, sich mit der Forderung eines allgemeinen Abbaues des in den Südoststaaten aufgebau­ ten Industrieschutzsystems begnügen will. Auf der Basis dieses deutschen Angebotes sind, wie schon oben erwähnt, Verträge mit Rumänien und Ungarn abgeschlossen worden. Diesem Angebot Deutschlands an den Südosten Europas schlossen sich die anderen Industriestaaten zunächst nicht an. Erst als durch den Abschluß des Vorvertrages über die deutsch-österreichische Zollunion diese Frage eine erhöhte Bedeutung erhielt, erklärte sich Frankreich zu ähnlichen Konzessionen bereit, doch sieht 3*

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Frankreich einen anderen Charakter der Vorzugszölle vor, gibt ihnen eine auf eine offene Subventionierung hinaus­ laufende Form. Hiernach soll bei der Einfuhr des südost­ europäischen Getreides in die diese Vorzugszölle gewährenden Länder der übliche Zollsatz bezahlt werden, um einen Abbau des Schutzes der heimischen Produzenten zu verhindern, wäh­ rend beim deutschen Vorschlag der Landwirtschaft der In­ dustriestaaten eine Zollermäßigung dem Südosten gegenüber zugemutet wird. Nach dem französischen Vorschlag soll dann ein Teil dieses Zollbetrages den Produzenten wieder zur Ver­ fügung gestellt werden, wobei besondere öffentliche Organe diese Subventionierung der Landwirtschaft des Südostens plan­ mäßig zu regeln, jeweilig genau zu bestimmen haben, welche Zollbeträge für welche Getreidemengen zurückzuzahlen sind. Ob und in welcher Form dieser Vorschlag von Vorzugs­ zöllen zugunsten der Landwirtschaft des Südostens verwirk­ licht wird, bleibt abzuwarten. Doch hat die bisherige Debatte ergeben, d a ß e s s i c h n u r u m V o r z u g s z ö l l e a l s N o t s t a n d s m a ß n a h m e h a n d e l n k a n n , daß es wohl nie zu einem mitteleuropäischen Präferenzsystem kommen wird, daß dieser Vorteil der Vorzugszölle auch wohl nur der Getreidewirtschaft, nicht aber der Vieh- und Veredlungswirt­ schaft des Südostens zugute kommt. D i e s e r V o r s c h l a g b e d e u t e t a l s o n u r e i n e T e i l l ö s ung. Es kann sein, daß ähnlich gelagerte Vorschläge andere Teillösungen bringen. Die bisher abgeschlossenen Kontingentabkommen und der neue österreichisch-ungarische Handelsvertrag weisen ohne Zweifel auf andere Möglichkeiten hin. A b e r w e n n s o e i n e T e i l l ö s u n g n e b e n die a n d e r e tritt, eine V o r ­ z u g s b e h a n d l u n g d i e a n d e r e e r g ä n z t un d s o m i t l o g i s c h e r w e i s e im m i t t e l - und s ü d o s t e u r o ­ p ä i s c h e n R a u m d i e a n d e r e n d o c h a u c h am A b ­ s at z d o r t h i n i n t e r e s s i e r t e n S t a a t e n immer m e h r d i s k r i m i n i e r t w e r d e n , d a n n w i r d e s an P r o t e s t e n und G e g e n m a ß n a h m e n der D i s ­ k r i mi ni ert en, vor a l l e m der f r e i h ä n d l e r i s c h e n S t a a t e n n i c h t f e h l e n . Schon die jetzigen, nur Vorzugs­ zölle zugunsten einiger Getreidearten betreffenden Verhandlungen haben in den Staaten der Osloer Konvention und in England eine starke Unruhe und Nervosität hervorgerufen. 36


Wenn auch eine gewisse Hoffnung besteht, daß in Anbetracht der augenblicklichen Notlage der Landwirtschaft des Südostens einige Vorzugszölle für südosteuropäisches Getreide als Not­ standsmaßnahme allgemeine Anerkennung finden, so muß doch in Hinblick auf die anderen Staaten ein weiterer Ausbau dieses Systems als ausgeschlossen angesehen werden. Hieraus folgt, daß zwecks Intensivierung der Handelsbeziehungen im mittel­ europäischen Raum unter Beachtung der bestehenden handels­ vertragspolitischen Zustände und Anschauungen in E r g ä n ­ zung od e r an S t e l l e des W e g e s d e r V o r z u g s ­ z öl l e ein a n d e r e r g e w ä h l t w e r d e n muß, der der Meis tbe gün st ig ung nicht wi der spr ich t und zugleich einen u m f a s s e n d e n Zol labbau ermöglicht. Di e s e r a n d e r e Weg hei ßt : Z o l l ­ u n i o n . Für diesen Weg hat sich insbesondere Deutschland durch die Rede von Curtius im Europa-Ausschuß im Mai 1931 eingesetzt. Durch diese deutsche Initiative ist die Frage, ob im mittel- und südosteuropäischen Wirtschaftsraum eine Zoll­ union möglich sei, was diese Zollunion wirtschaftlich und po­ litisch besage, in den Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen getreten. Mit dieser Idee der Zollunion gilt es sich auseinanderzusetzen.. Sie wird die Debatte der nächsten Jahre beherrschen. II. Die Idee der Zollunion. Die Anhänger der Idee der Zollunion gehen aus von den Grundprinzipien des Liberalismus und der Freihandelslehre, von den uns von der klassischen Schule vermittelten „großen Erkenntnissen, die nicht verschüttet werden dürfen. Dahin gehören: der grundlegende Gedanke einer Arbeitsteilung, der auslösenden Kraft des internationalen Wettbewerbes wie des technischen Fortschrittes,. dahin das Argument der Konsum­ interessen und des Exportbedürfnisses, sowie des inneren Zu­ sammenhanges und der Wechselwirkungen der Zölle unterein­ ander“.*) Doch die Anhänger der Zollunion sind sich darüber im klaren, daß die sich aus dieser Einstellung ergebende For*) Eulenburg in „Außenhandel und Außenhandelspolitik", Tübingen 1929, Seite 102.

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derung nach Weltfreihandel heute noch eine Utopie ist, daß man als Realpolitiker sich damit begnügen muß, e i n e v o l l ­ kommenere Anwendung der F r e i h a n d e l s p r i n ­ z i p i e n al s die h e u t i g e in d e r F o r m des Z u s a m ­ menschlusses mehrerer N at i o n al w ir ts ch a f ­ t e n zu e i n e r Z o l l u n i o n u n d di e H e r s t e l l u n g des f r e i e n V e r k e h r s i n n e r h a l b d i e s e r Z o l l ­ u n i o n a n z u s t r e b e n . Zollunion bedeutet: „Im Innern ein großer freier Markt und dafür nur gemeinsame Zölle nach außen. Entscheidend dafür ist die Erkenntnis, daß der „große Markt“ eine bessere innere Arbeitsteilung und eine bessere Kapitalausnutzung durch Produktion im großen gestattet, als bei einem kleinen Markt durchführbar ist".*) Zollunion be­ deutet also Ueberwindung der Schutzzollpolitik und Anwendung der Freihandelspolitik innerhalb des zu einer Zollunion zu­ sammengeschlossenen Gebietes, Erweiterung des zu eng ge­ wordenen nationalen Marktes über seine Grenzen hinaus. Eine Zollunion hat nur dann Sinn, wenn sie zu einer vorteilhafteren Anwendung der Idee des Freihandels, zu einer günstigeren Produktionsdifferenzierung führt, wenn an Stelle der un­ rentablen Betriebe rentable treten, sich für diese bessere Ab­ satzmöglichkeiten ergeben und somit die Versorgung mit allen Waren wesentlich billiger gestaltet werden kann. D ie I d e e d e r Z o l l u n i o n w i r d e i n e um so s t ä r k e r e A k t u ­ a l i t ä t e r h a l t e n , je k r a s s e r di e W i d e r s p r ü c h e und die U n m ö g l i c h k e i t der h e u t i g e n H o c h ­ s c h u t z z o l l p o l i t i k in E r s c h e i n u n g t ret en. Bei einer Zollunion werden also die Zollgrenzen im Ver­ kehr zwischen den an einer Zollunion beteiligten Staaten be­ seitigt, werden die Zollgrenzen fallen. Doch ist dies möglich? Ist die Wirtschaft eines jeden Landes nicht so sehr auf die heutigen zollpolitischen Verhältnisse eingespielt, daß bei einem Fallen der Zollgrenzen ein beachtlicher Umstellungsprozeß un­ vermeidlich ist? Selbstverständlich ist ein Umstellungsprozeß unvermeidlich, .ja d i e s e U m s t e l l u n g , d i e V e r d r ä n ­ gung u n r e n t a b l e r B e t r i e b e dur ch r e n t a b l e , das A b w a n d e r n nach g ü n s t i g e r e n S t a n d o r t e n , d a s i s t d e r S i n n d e r Z o l l u n i o n . Doch viele haben *) Eulenburg

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a, a. 0., S, 198.


nicht den Mut, die Verantwortung für einen solchen Umstellungsprozeß zu tragen, fürchten diese Konsequenzen, lehnen deswegen eine Zollunion als in das Reich der Utopie gehörend ab oder schlagen den Weg eines allmählichen Zollabbaues vor, ohne sich zu überlegen, daß ein allmählicher Zollabbau für Jahre, Jahrzehnte ständige Umstellungsprozesse bedingt, wäh­ rend eine Zollunion eine einmalige Angelegenheit ist. Ohne Zweifel bedingt jede Zollunion gewisse Opfer. Doch es ist zu beachten, daß die eintretenden Verluste nur privatwirtschaftlicher Natur sind, daß den mit einer Zollunion ver­ bundenen Strukturwandlungen nur unrentable Betriebe zum Opfer fallen, in deren Interesse heute die Allgemeinheit große Opfer bringt. Wird auf diese Betriebe verzichtet, dann werden Kapital und Arbeitskräfte in die rentablen Betriebe abwandern, dann werden die Konsumenten die Waren zu einem niedrigeren Preis kaufen können, wird somit Kaufkraft für andere Produkte freigesetzt. Die Opfer können und müssen in der festen Er­ wartung getragen werden, daß die günstigere Standortsorien­ tierung vorteilhaftere Produktionsbedingungen schafft und daß die Grundvoraussetzung eines jeden Fortschrittes in der Wirt­ schaft die Verdrängung der unrentablen Betriebe durch die rentablen ist. Diese Bemerkung kann nicht damit abgetan werden, daß die Strukturwandlung wohl den Interessen der Sieger entspricht, nicht aber denen der Opfer, denn einmal steht der Gesamtgewinn der Bevölkerung fest und zweitens ist zu beachten, daß derartige Opfer heute und seit alther ständig aus Gründen gebracht werden, die nichtiger sind als die hier zur Debatte stehenden. Irgendeine technische Revolution, irgendeine Geschmacksänderung, irgendeine Modelaune oder irgendein anderes Moment machen immer wieder Betriebe überflüssig und unrentabel. Ständig werden im Interesse des technischen und allgemeinen Fortschrittes Opfer gebracht, ohne daß die Allgemeinheit weiter davon Notiz nimmt. B e i e i n e r m i t t e l - u n d s ü d o s t eu r o p ä i s c h e n Z o l l ­ u n i o n s o l l e n Op f e r g e b r a c h t w e r d e n im I n t e r ­ esse der N e u ge s t a l t un g dieses W i r t s c h a f t s ­ raumes und der K a u f k r a f t h e b u n g der b r e i t e n Ma s s e d e r B e v ö l k e r u n g . S o l l t e es w i r k l i c h a n d e m M u t 1 e h i e n , d i e_V e r a n t w o r t u n g f ü r d i e s e O p f e r zu ü b e r n e h m e n ? Den Skeptikern kann 39


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man nur die eine Konzession machen, daß man eine Milderung der Uebergangsschwierigkeiten anstrebt. Mehrere Möglich­ keiten bestehen, die wichtigsten liegen auf kartellwirtschaftlichem Gebiet. Doch darf diese kartellmäßige Verständigung keinen protektionistischen Charakter erhalten. Zweck dieser Kartelle darf nicht sein, die unrentablen Betriebe zu halten, ihr Zweck muß vielmehr die Konzentrierung der Produktion auf die rentablen Betriebe sein. D ie V o r t e i l e e i n e r Z o l l u n i o n s p o l i t i k s i n d so o f f e n k u n d i g , d a ß s i e k e i n e r zu l e u g n e n w a g t , daß sie prinzipiell auch von dem schärfsten Gegner einer heutigen deutschen Zollunionspolitik, nämlich von Eulen­ burg, der unter diesem Gesichtspunkt oben ausdrücklich zitiert wurde, anerkannt werden. Zur Debatte steht heute nur die Frage: Wo ist eine Zollunionspolitik möglich? Kann die Idee einer mittel- und südosteuropäischen Zollunion verwirklicht werden? Welche Vorteile bietet eine mittel- und südosteuro­ päische Zollunion? Die Frage nach den Möglichkeiten einer solchen Großraumwirtschaft liegt diesem Sammelwerk zu­ grunde, sie wird in den nachfolgenden Artikeln über die Agrarund Industriewirtschaft soweit geklärt, wie es überhaupt mög­ lich ist. Deswegen können wir uns an dieser Stelle mit einigen grundsätzlichen Bemerkungen begnügen. Das Resultat einer mittel- und südosteuropäischen Zoll­ union wird e i n e b e s s e r e A r b e i t s t e i 1u n g zwischen den einzelnen Teilgebieten dieses Wirtschaftsraumes sein, die großen Gewinner werden die Exportzweige eines jeden.Landes sein, generell die Industriezweige der Industriestaaten und die Landwirtschaft der Agrarstaaten. Die Landwirtschaft des Süd­ ostens wird aufblühen, neue Entwicklungsmöglichkeiten sehen, wenn ihr Export nach dem kaufkräftigen deutschen, öster­ reichischen und tschechischen M arkt,durch nichts mehr ge­ hindert wird, wenn dank einer günstigeren Preisgestaltung die Kaufkraft der landwirtschaftlichen Bevölkerung anwächst und somit für die auf natürlicher Basis aufgebauten Industriezweige bessere Absatzmöglichkeiten geschaffen werden. In den In­ dustriestaaten wird die Industrie dank der Beseitigung der Zollhemmnisse und der gesteigerten Kaufkraft des Südostens neue Absatzmöglichkeiten erhalten. 40


Diese günstigen Auswirkungen einer Zollunion werden von keiner Seite bestritten, doch die ewigen Skeptiker und Zweif­ ler führen ein anderes Moment gegen die Idee der Zollunion ins Feld, vor allem gegen die Möglichkeiten einer mittel- und südosteuropäischen Zollunion, Sie weisen darauf hin, daß die Wirtschaften in diesem Raum eine so verschiedene Struktur aufweisen, daß sie nicht zu einer Einheit zusammengefaßt werden können- Ohne Zweifel sind bei einer alle diese Staaten umfassenden Lösung diese Probleme der Angleichung bedeut­ samer als bei einer nur Deutschland und Oesterreich oder nur Deutschland und Frankreich umfassenden Zollunion, Aber sind sie wirklich so bedeutend, daß diese Verschiedenheiten nicht zu einer Einheit werden können, sind die Verschieden­ heiten zwischen dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet und Bulgarien denn bedeutsamer als die zwischen New York und Nevada oder die zwischen Illinois und Arizona? Diese Frage wird doch wohl keiner bejahen. Aber die Staaten New York, Nevada, Illinois und Arizona bilden mit anderen Staaten von ebenfalls durchaus verschiedener Wirtschaftsstruktur ein einheitliches Wirtschaftsgebiet, einen einheitlichen Wirtschafts­ raum, in dessen Rahmen die 48 Staaten in wichtigen Wirt­ schaftsfragen ihre besondere Gesetzgebung haben. Aber diese Sonderheiten verhindern nicht den Freihandel zwischen diesen 48 Staaten, Die Verschiedenheiten im mittel- und südost­ europäischen Raum werden auch den Freihandel innerhalb dieses neu zu schaffenden Wirtschaftsgebietes nicht verhindernWie sich in den USA, allmählich gleiche Tendenzen durch­ setzen, so w i r d s i c h a u c h i n n e r h a l b d e s m i t t e l und s ü d os t e u r op ä i s ch e n W i r t s c h a f t s r a u m e s im La uf e d e r Zei t ei ne e i n h e i t l i c h e W i r t ­ schaftsstruktur herauskristallisieren. Ge­ wi s s e S t r u k t u r u n t e r s c h i e d e w e r d e n b e s t e h e n bleiben, aber diese Unt e r s c h i e d e sind gerade di e S t ä r k e , d e n n w e n n s i c h i n n e r h a l b d i e s e s Ra ume s ein jedes e i n z e l n e G e b i e t auf s ei ne S t r u k t u r e i g e n a r t e n b e s i n n t , d a n n w e r d e n wi r in d i e s e m v e r g r ö ß e r t e n R a u m die g e g e n s e i ­ ti ge B e f r u c h t u n g der e i n z e l n e n Tei le er l eben, die h e u t e für den k l e i n e r e n R a u m ei nes j e d e n N a t i o n a l k ö r p e r s g e g e b e n i st . Hat sich so die 41


wirtschaftliche Struktur der einzelnen Teile herauskristallisiert, dann verbleibt die ohne Zweifel wichtige Aufgabe einer zu­ mindest so weitgehenden juristischen Angleichung, daß von Seiten der Gesetzgebung aus der Geschäftsverkehr erleichtert wird. Von besonderer Bedeutung wird im Rahmen dieser An­ gleichung die Vereinheitlichung der Steuergesetzgebung sein. Bestehen in der Steuergesetzgebung so große Verschieden­ heiten, daß protektionistische Nebenwirkungen unvermeidlich sind, wie z. B. bei Konsumsteuern, dann werden zunächst Steuergrenzen bleiben müssen. Sie werden keine allzu große Belastung darstellen, zumal man doch in der ersten Zeit nicht darauf wird verzichten wollen, den Güterverkehr innerhalb dieses Großraumes statistisch zu erfassen. Diese Fragen der steuertechnischen Angleichung werden aber sonst im all­ gemeinen ebenso überschätzt wie die der sozialpolitischen. Bei dem vielen Gerede über niedrigere Löhne und höhere Sozialbelastung wird immer wieder vergessen, daß wichtiger als Löhne Arbeitsleistung und Arbeitstempo sind. Eine größere Bedeutung kommt dagegen der Frage des Außenzolltarifes zu, bei dessen Festlegung nie vergessen wer­ den darf, daß Mittel- und Südosteuropa nur die Etappe auf dem Wege zur europäischen Großraumwirtschaft ist, nie gegen einen anderen Teil Europas gerichtet sein kann. D e s w e g e n d a r f d u r c h d i e Z o ll p o 1i t i k d e r n e u e n W i r t s_c_ha f t s e i n h e i t k e i n e K a p i t a l i n v e s t i t i o n e^r m ö gl i cht w e r d e n , die vom e u r o p ä i s c h e n G e ­ s i c h t s p u n k t g e s e h e n e i n e F e h l i n v e s t i t i o n i st, deswegen müssen die Exportzweige der anderen Länder am Gesamtaufschwung im mittel- und südosteuropäischen Raum mit profitieren. Im Interesse dieser Zielsetzung wäre an sich für jede einzelne Ware der jeweilig in einem der Länder in Kraft befindliche niedrigste Satz anzuwenden. Doch leider wird es beim Kampf um die Festsetzung des Außenzolltarifes an Forderungen hochprotektionistischen Charakters nicht fehlen. Wo und wie diese Entscheidung über den Außenzoll­ tarif getroffen wird, ob im Rahmen eines Zollparlaments oder in der im deutsch-österreichischen Vorvertrag vorgesehenen Form, wie die Verwaltung an der Außenzollgrenze gestaltet wird, wie die eingehenden Beträge verrechnet werden, das 42


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sind mehr technische Fragen, an denen trotz ihrer nicht zu unterschätzenden Bedeutung eine Zollunion nicht scheitern wird, wenn sie einmal beschlossen ist. S t ä n d e n nur diese w i r t s c h a f t s p o l i t i s c h e n Fr a ge n zur D e b a t t e , dann wäre schon heut e t r o t z d e r zu m e i s t e r n d e n S c h w i e r i g k e i t e n und t r o t z des s i c h e r l i c h s e hr s t a r k e n W i d e r ­ s t a nde s der Opfer der Zollunion eine mi t t el und s ü d os t e u r op ä i s c h e Zol lunion v e r w i r k ­ l i cht . Do c h zu e t w a m ö g l i c h e n w i r t s c h a f t ­ lichen Bedenken t r e t e n leider noch b e ­ d e u t s a m e p o l i t i s c h e , b e s o n d e r s die F r a g e nach dem mö g l i c h e n Ve r l u s t der h a n d e l s ­ p o l i t i s c h e n , w i r t s c h a f t l i c h e n und pol i t i schen S o u v e r ä n i t ä t . Die handelspolitische Souveränität der eine Zollunion bildenden Staaten wird selbstverständlich wesentlich eingeschränkt, denn die Staaten verzichten auf das Recht der Zollfestsetzung zugunsten einer neu geschaffenen Einheit. Doch gerade die Entwicklung des Kapitalismus ist durch diesen Verzicht auf die handelspolitische Souveränität charakterisiert. Beim Werden der Nationalstaaten haben die Städte, die Provinzen und die Territorien darauf verzichten müssen, die einzelnen Staaten der USA. haben von vornherein dieses Recht an die Bundesgewalt abgetreten, Preußen, Hessen, Bayern und die anderen deutschen Staaten haben vor gut hundert Jahren auf diese Rechte verzichtet. Doch hat sich diese Verzichtleistung irgendwie nachteilig für diese Staaten ausgewirkt? Die Frage stellen, heißt sie beantworten. Das Problem des Verlustes der handelspolitischen Souveränität kann nicht ernst genommen werden, bedeutsamer ist dagegen die Frage, inwieweit die Staaten durch eine Zollunion auf all­ gemein wirtschaftspolitische und politische Rechte verzichten. Eine Zollunion bedingt ohne Zweifel den Verzicht auf beachtliche politische und wirtschaftliche Rechte, ist nicht möglich zwischen Staaten, die an der Fiktion einer hundert­ prozentigen Souveränität festhalten, die eine die Autarkie an­ strebende nationalistische Wirtschaftspolitik führen. Doch ist eine solche Politik der Autarkie heute überhaupt möglich? Kann der Begriff der Souveränität noch aufrecht erhalten werden? Sind die einzelnen Staaten nicht so viele Bindungen 43


eingegangen, daß man auf diesen Begriff der Souveränität heute verzichten oder ihn doch mindestens relativieren muß? Kann man heute überhaupt noch von einer Souveränität der Staaten sprechen, wo ein Vertrag nach dem anderen abgeschlossen wird, wo die Staaten sehr weitgehende wirtschaftliche und politische Bindungen eingehen, wo dem Völkerbund, dem Ar­ beitsamt und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich weitgehende Machtbefugnisse zugesprochen werden? Ju­ ristische Spitzfindigkeiten wären notwendig, um in Anbetracht dieser Bindungen den Begriff der Souveränität aufrecht zu er­ halten. Man soll diesen Begriff endlich zum alten Eisen werfen, denn sonst setzt man sich dem Vorwurf der Heuchelei aus. Es h a n d e l t s i ch h e u t e n i c h t m e h r um di e S o u v e r ä n i t ä t , s o n d e r n nur noch um den G r a d u n d die F o r m e n d e r B i n d u n g e n , di e die ei nz e l n e n S t a a t e n u n t e r e i n a n d e r e i n g e h e n . Es ist also nur die Frage möglich, ob die durch eine Zollunion einzugehenden Bindungen in Anbetracht der wirtschaftlichen und politischen Interessen des betreffenden Staates möglich und wünschenswert sind. Wie überhaupt gegen jede neue Bindung protestieren weite Kreise gegen die durch eine Zoll­ union gegebenen. Es wird von diesen Gegnern die Bedeutung und der Umfang dieser mit einer Zollunion gegebenen Bindun­ gen weit überschätzt. Es wird übersehen, daß doch heute schon auf allen Gebieten der Wirtschaft durch wirtschafts­ politische Eingriffe die einzelnen Staaten so eng miteinander verknüpft worden sind, daß einer weiteren Stärkung dieser Zusammenarbeit durch Abschluß einer Zollunion keine prin­ zipielle Bedeutung zukommt, sondern nur eine graduelle, daß durch Abschluß einer Zollunion neben die schon bestehenden nur eine andere, neue Bindung tritt. Es s o l l a l l e r d i n g s n i c h t b e s t r i t t e n w e r d e n , d a ß d u r c h A b s c h l u ß e i n e r Z o l l u n i o n d e r_ b e t r e f f e n d e S t a a t i m m e r h i n auf b e d e u t s a m e R e c h t e v e r z i c h t e t . Es handelt sich hierbei nicht nur um die handelsvertragspolitischen und zollpolitischen Rechte. Vielmehr sind auch beachtliche Auswirkungen auf die anderen Gebiete der Wirtschaft in Rechnung zu stellen. Die Finanz­ wirtschaft eines Staates wird durch eine Zollunion weitgehend berührt, die Zolleinnahmen erfahren eine Minderung oder, was 44


eher zu erwarten ist, eine Steigerung, die Steuergesetzgebung der zu einer Zollunion gehörenden Staaten muß so aneinander angegliehen werden, daß auf eine Steuergrenze innerhalb der Zollunion verzichtet werden kann, ähnliche Konsequenzen gelten für gewisse Maßnahmen sozialpolitischen Charakters. Es handelt sich hier um das oben schon erwähnte Problem der Angleichung. D a s S t r e b e n n a c h S e l b s t g e n ü g s a m k e i t muß mi t A b s c h l u ß e i n e r Z o l l u n i o n e n d g ü l t i g a u f g e g e b e n w e r d e n . Zwar wird ein ge­ wisser Lokalimperialismus bleiben, werden in dessem Sinne Maßnahmen des administrativen Protektionismus wirken, a b e r die I dee der N a t i o n a l w i r t s c h a f t wi r d e i ne r h ö h e r e n E i n h e i t u n t e r g e o r d n e t und somit das Streben nach der ja auch nie zu verwirklichenden natio­ nalistischen Selbstgenügsamkeit hinfällig. Die politischen Konsequenzen dieser Tatsache sind weittragend und deswegen das wohl einzig ausschlaggebende Mo­ ment gegen die Idee der Zollunion. Nationale Selbstgenügsamkeit und wirtschaftliche Autarkie werden aus nationalpolitischen und vor allem kriegswirtschaftlichen Erwägungen angestrebt. Die nationale Selbstgenügsamkeit wird vor allem gefordert, damit im Falle eines Krieges das Volk ernährt, die Armee aus­ gerüstet werden kann. Die protektionistischsten Kräfte gehen heute in vielen Staaten nicht von der Industrie, nicht von der Landwirtschaft, sondern vom Kriegsministerium aus, das unter dem Gesichtspunkt eines möglichen kommenden Krieges den Schutz weiter Teile der Landwirtschaft und der Industrie ver­ langt und ohne Schwierigkeiten durchsetzt. Deswegen wird eine Zollunion immer nur zwischen den Staaten möglich sein, zwischen denen ein Krieg nicht mehr als möglich angesehen wird. Eine europäische Zollunion werden wir erst dann haben, wenn allen Staaten der europäische Friede als gesichert er­ scheint. Deswegen müßte es sich in der europäischen Politik zunächst darum handeln, den Frieden soweit zu sichern, wie es auf dem Wege diplomatischer Verhandlungen und inter­ nationaler Verträge möglich ist. Doch seitdem durch Abschluß des Locarno-Vertrages und des Kellogg-Paktes diese Aufgabe weitgehend geleistet ist, m u ß e i n e Z o l l u n i o n a l s p o ­ l i t i s c h mögl i ch a n g e s e h e n werden. Jetzt h a n d e l t es s i c h s o g a r d a r u m , z u r w e i t e r e n 45


S t ä r k u n g des e u r o p ä i s c h e n F r i e d e n s a l s wi c h ­ t i g e T e i 1f o r d e r u n g d i e n a c h A b s c h l u ß e i n e r Z o l l u n i o n zu v e r w i r k l i c h e n , d e n n i s t e i n e e u r o p ä i s c h e Zol l u n i o n k o n s e q u e n t d u r c h ­ g e f ü h r t , d a n n s i n d d i e w i r t s c h a f 11i c h e n M ö g l i eh k e i t e n ei n e s e u r o p ä i s ch e n K r i e^gesn i c h t meh r ge geb en , dann ist der europäische F r i e ­ den gesi cher t . H i e r i n l i egt die große p o l i ­ tische und e u r o p ä i s c h e B e d e u t u n g der Z o l l ­ u n i o n s f o r d e r u n g . Nicht nur im Interesse der Wirtschaft, sondern auch im Interesse des europäischen Friedens und somit im Interesse der Rettung Europas vor dem Bolschewismus ist die Forderung nach Abschluß einer Zollunion aufzustellen. Ist die europäische Zollunion verwirklicht, dann haben zwar dadurch im Interesse einer höheren Einheit die euro­ päischen Staaten auf wesentliche Teile ihres Rechts verzichtet, aber die Grundlagen der europäischen Nationalstaaten sind um so sicherer und solider. Die Nationalstaaten werden in ihren Arbeiten nicht mehr von der Kriegsfurcht gehemmt sein, ihre kulturellen Kräfte voll entwickeln können, einen neuen Auf­ schwung erleben. Doch wird es hierbei nicht zu einer Vorrang­ stellung der wirtschaftlich stärksten Staaten Europas kommen? Werden diese Staaten nicht im Laufe der Zeit einen immer stärkeren Einfluß auf die wirtschaftlich schwächeren Staaten bekommen und so diese ihre Selbständigkeit einbüßen? Der­ artige Befürchtungen können nur diejenigen hegen, die das wirtschaftliche Geschehen überschätzen, die politischen und kulturellen Kräfte der nationalstaatlichen Idee so gering wer­ ten, daß für sie ein Freihandel zwischen einem stärkeren und einem schwächeren Staat das Ende der Selbständigkeit des schwächeren zur Folge haben muß. Wir halten derartige Be­ fürchtungen für so absurd, daß sich ein näheres Eingehen er­ übrigt. Dasselbe gilt auch für die gegen die Idee einer mittel­ europäischen Zollunion erhobenen Bedenken, daß hier Deutsch­ land die Schaffung eines neuen Imperiums und auf dem Wege über Mitteleuropa die Herrschaft über die europäische W irt­ schaft und Politik anstrebe. Es mag sein, daß der eine oder der andere Deutsche die mitteleuropäischen Bestrebungen mit Sympathie verfolgt, weil er hier ein deutsch-mitteleuropäisches 46


Imperium wachsen sieht, es mag sein, daß viele Franzosen und viele Südosteuropäer diese Entwicklung fürchten, aber nicht diese Vorstellungsgebilde sind für die weitere Entwicklung entscheidend, sondern die gegebenen Tatsachen. D i e s e s von vi el en b e f ü r c h t e t e und v i e l l e i c h t auch von e i n i g e n a n g e s t r e b t e d e u t s c h - m i t t e l e u r o ­ p ä i s c h e I m p e r i u m w i r d nie w e r d e n k ö n n e n , wei l die w i r t s c h a f t l i c h e n N o t w e n d i g k e i t e n einen europäischen C h a r a k t e r dieser mittele u r o p ä i s c h-e n B e m ü h u n g e n g e b i e t e r i s c h v e r ­ l a n g e n . Deutschlands Beziehungen zu den anderen Teilen der Welt sind so vielgestaltig, seine Absatzmöglickeiten nach dem Südosten doch nicht so bedeutend, als daß Deutschland sich wegen eines möglichen Imperiums zu den anderen Teilen Europas und der Weltwirtschaft in Gegensatz setzen könnte. Vor allem ist für Deutschland eine gegen Frankreich oder auch gegen andere Länder gerichtete mitteleuropäische Lösung wirt­ schaftlich nicht tragbar. Ueberaus stark sind ebenfalls die Bindungen Südosteuropas zu Frankreich, vor allem zum fran­ zösischen wie auch zum englischen Kapital. Es handelt sich bei einer mittel- und südosteuropäischen Zollunion um nichts anderes als eine Verwirklichung der Ideen des Freihandels in­ nerhalb dieses Raumes. Beim Aufbau dieses Wirtschafts­ körpers wird auf die Interessen der anderen europäischen Länder weitgehend Rücksicht zu nehmen sein, ist eine Zu­ sammenarbeit mit ihnen anzustreben. Das idealste wäre eine Beteiligung Frankreichs an einer solchen Zollunion oder die Einleitung einer mitteleuropäischen Lösung durch eine deutschfranzösische Zollunion, denn bei einem solchen Uebereinkommen würde das die europäische Bewegung leider so hemmende Gerede von den Hegemoniebestrebungen eines Staates gegen­ standslos werden. Es ist deswegen vom Standpunkt Europas nichts so tragisch und nachteilig wie die Tatsache, daß infolge der verschiedenen Wirtschaftsauffassung der Deutschen und der Franzosen eine deutsch-französische Zollunion zurzeit noch nicht als möglich erscheint. Im mittel- und südosteuropäischen Raum sind dagegen die wirtschaftlichen Widersprüche und Schwierigkeiten so groß, daß man nicht warten kann, bis Deutschland und Frankreich eine gemeinsame wirtschaftliche Basis gefunden haben. 47


HI. Handelspolitische Möglichkeiten, A us d i e s e n p o l i t i s c h e n G r ü n d e n i s t in we i t e n Te i l e n des mi t t e l - und vor al l em d e s s ü d o s t e u r o p ä i s ch e n R a u m e s d e r W i d e r ­ s t a n d ge ge n die I de e d e r Z o l l u n i o n l e i d e r n o c h so s t a r k , d a ß t ü r s e r s t e mi t e i n e r Ve r wi r k l i c h u n g einer den Raum von Köln bis K o n s t a n z a u m f a s s e n d e n Z o l l u n i o n n i c h t g e r e c h n e t w e r d e n kann. Dies ist bedauerlich, denn ohne Zweifel ist die Zollunion der denkbar idealste Weg zur_ Ueberw indung der_ augenblicklichen Wirtschafts­ not. Der Weg bis zur mitteleuropäischen Zollunion wird kein leichter sein, aber er wird gegangen werden müssen und können. Wenn in den nächsten Jahren um die europäische Zollunion gekämpft wird, wenn es bald einen Schritt vorwärts, bald wieder einen Schritt rückwärts geht, wenn bald das Ziel zum Greifen nahe erscheint, bald aber auch viele die Idee als erledigt hinstellen, dann wird man sich stets erinnern müssen, welche Schwierigkeiten bei der Schaffung des deutschen Zoll­ vereins, obgleich doch weit geringere politische Bedenken mit­ sprachen, zu überwinden waren. Wie einst beim Werden des deutschen Zollvereins werden sich auch jetzt erst einige wenige Staaten zu einer Zollunion bereit erklären. D ie d e u t s c h - ö s t e r r e i c h is c h e Z o l l u n i o n w ä r e d i e i d e a l s t e E i n l e i t u n g zu d i e s e r m i t t e l e u r o p ä ­ i s c h e n L ö s u n g . Der Kampf um die deutsch-österreichische Zollunion hat den zu bewältigenden Problemkreis deutlich in Erscheinung treten lassen. Welch eine vernünftige wirtschaft­ liche Lösung ist diese Zollunion!*) Doch wie stark war der politische Widerstand gegen diese Idee! Ob wirtschaftliche Notwendigkeiten oder politische Gegenkräfte das stärkere Moment sind, wird die nächste Zeit lehren. Wenn auch leider noch einmal die Politik über die Wirtschaft gesiegt hat, dann ist damit das letzte Wort noch nicht gesprochen, denn die Zoll­ union ist eine so vernünftige wirtschaftliche Tat, daß sie immer wieder in den Vordergrund der Debatte treten wird. *) Vgl. meinen Artikel über die wirtschaftlichen Probleme der deutschösterreichischen Zollunion in „Europa-Wirtschaft" 1931, Heft 5, S. 169—190.

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Im Verkehr der anderen mittel- und südosteuropäischen Staaten untereinander werden dagegen wohl zunächst andere handelsvertragspolitische Methoden und Wege eingeschlagen werden. Die größte Aussicht kommt hier der Idee von Vor­ zugszöllen als Notstandsmaßnahme zu. Verschiedene Formen sind vorgeschlagen, im Laufe des Jahres 1931 wird sich wohl noch entscheiden, ob und in welcher Form derartige Präferenz­ abkommen möglich sind. Hinzu kommen die von Italien unter­ breiteten Vorschläge von Kontingent- und Kreditabkommen. Um derartige Kontingent-, Kredit- und Präferenzabkommen werden die mitteleuropäischen Bemühungen der nächsten Zeit kreisen. Im Südosten gibt man sich, der Artikel von Franges bringt diese Stimmung gut zum Ausdruck, großen Hoffnungen in bezug auf diese Verträge hin, kann man auch positiv zu diesen neuen Methoden eingestellt sein, da man die Rück­ wirkungen auf die anderen Gebiete der Weltwirtschaft im Gegensatz zu Deutschland, Oesterreich und der Tschecho­ slowakei nicht in Rechnung zu stellen braucht. Doch wir glauben nicht an große Erfolge einer solchen Handelspolitik. Derartige Verträge werden sich sehr bald als nur schwer oder überhaupt nicht durchführbar erweisen, es wird sich klar zeigen, daß derartige handelsvertragspolitische Mittel nicht zu einer wesentlichen Minderung heutiger Wirtschaftsnot führen können. D a n n w i r d v o n s e l b s t d i e F r a g e d e r Zo l l u n i o n in den M i t t e l p u n k t der mi t t e l und s ü do s t e u r o p ä i s c h e n Handelspolitik t r e t e n . Je eher dies der Fall ist, um so besser ist es für Mitteleuropa, denn eine Zollunion ist der idealste handels­ politische Weg, um eine Großraumwirtschaft zu verwirklichen und so bessere Produktions- und Absatzverhältnisse in Mittel­ und Südosteuropa zu schaffen. D i e s e Z o l l u n i o n w i r d i hren e i ge n t l i c h e n Zweck ab er nur dann e r ­ füllen, wenn sie r a d i k a l d u r c h g e f ü h r t wird und von einem wa h r h a f t e u r o p ä i s c h e n und f r e i h ä n d l e r i s c h e n G e i s t g e t r a g e n is t. Ist dies der Fall, dann werden automatisch die wichtigsten Einwände und Bedenken, die heute gegen diesen Vorschlag einer Zoll­ union noch erhoben werden, hinfällig, dann wird eine gemein­ same Basis, eine Einigung möglich sein, während heute die handelsvertragspolitischen Wünsche und Vorschläge noch 4

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einen etwas zu verschiedenartigen Charakter tragen. Viel Ge­ duld wird dazu gehören, zu beachtlichen Opfern müssen alle Seiten bereit sein, wenn ein gemeinsames Programm aufgestellt werden soll, d o c h d i e s e E i n i g u n g mu ß e r z i e l t e r d e n , we n n wi r der m i t t e l e u r o p ä i s c h e n r i s e He r r w e r d e n wo l l e n.

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Mitteleuropäischer Markt für südosteuropäische Agrarprodukte? Von Prof. Dr. K. Brandt, Berlin. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit der Völker im eu­ ropäischen Wirtschaftsraum ist es von entscheidender Be­ deutung, wie weit es gelingt, die gegebenen natürlichen Möglich­ keiten der Agrarerzeugung zu einer ausreichenden Bedarfs­ deckung zu nutzen. Deshalb läßt sich die Frage, inwieweit die Völker in dem in der vorliegenden Veröffentlichung als „Mittel­ europa" zusammengefaßten Teil des gesamteuropäischen Wirtschaftsraumes sich agrarisch und industriell ergänzen können, auch nicht erörtern, ohne zuvor jene natürlichen Be­ dingungen beleuchtet zu haben. Die Anpassung an die für den Landwirt und der* Garten­ bauer durch Boden und Klima gegebenen Erzeugungsmöglich­ keiten ist in Europa durch die politischen Grenzen und den Wirtschaftskampf der Staaten und Staatengruppen bis in die neueste Zeit stark gestört worden. Nach dem Kriege hat eine unerhörte Verschärfung dieses Kampfes durch neugeschaffene Staaten eingesetzt, wobei jeder von ihnen sich bemüht, wirt­ schaftlich autark zu werden und durch Maßnahmen der staat­ lichen Wirtschaftspolitik und Handelspolitik das mit künst­ lichen Korrekturen zu schaffen, was in Anpassung an die natürlichen Gegebenheiten nicht möglich wäre. E s f ä l l t d e s h a l b g a n z b e s o n d e r s s c h w e r , ei n B i l d zu e n t w i c k e l n , wi e di e A g r a r e r z e u g u n g in e i n e m durch p oli tis che Eingriffe nicht g e s t ö r t e n europäischen W i r t s c h a f t s r a um sich ab­ 4*

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w i c k e l n w ü r d e , d. h. w i e s i e n a c h r e i n ö k o n o ­ mischen Grundsätzen gestaltet werden mü ß t e . Immerhin gibt es aber auf unserem Planeten ein an­ schauliches Beispiel, an dem sich nachprüfen läßt, wie diese Entwicklung ungefähr laufen müßte. Da zudem aus einer Kenntnis der europäischen Landwirtschaft von heute sich ebenfalls quasi durch Indizienbeweis feststellen läßt, wo unter Abrechnung der staatlichen Korrekturen die optimalen Pro­ duktionsbedingungen vorliegen, so l ä ß t s i c h d o c h e i n ung e f ä hr e s Bil d gewinnen. Jenes Beispiel sind die Vereinigten Staaten mit ihrem teils seit Anfang, zum größten Teil aber seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts geschlossenen Wirtschaftsgebiet, das keine in­ ternen Zollgrenzen mehr zerreißen. Ganz Europa, also ein­ schließlich des europäischen Rußland, ist nur etwa ein Siebentel größer als die Vereinigten Staaten, Es ist im Gegensatz zu jenen ein Kontinent, der von Meeresbuchten tief zerklüftet ist, während „drüben" ein fast rechteckiger, nur an den beiden Schmalseiten von Meeren begrenzter einheitlicher Block vor­ liegt. In d e n V e r e i n i g t e n S t a a t e n h a t s i c h d i e L a n d w i r t s c h a f t i n me h r al s e i n e m J a h r h u n ­ d e r t b e i d e m F e h l e n w i r t s c h a f t s p o 1i t i s c h e r G r e n z e n v o n v o r n h e r e i n an d i e n a t ü r l i c h e n V e r h ä l t n i s s e in i d e a l e r We i s e a n l e h n e n k ö n ­ ne n. Diese Entwicklung ist noch besonders begünstigt worden, ■nachdem ein Verkehrswesen herausgebildet wurde, das ungeheure Wirtschaftsgebiete mit einheitlichen Tarifsätzen erschließt. Nicht zuletzt ist dabei aber auch der Wanderung der Menschen keine Schranke gesetzt worden, sofern man von derjenigen der Neger vom Süden nach dem Norden oder aber derjenigen der Japaner, Chinesen, Philippinos und Mexikaner vom Südwesten und Westen her absieht, die ja gewissen Be­ schränkungen unterworfen ist. Wie sieht nun die dortige Schichtung der Landwirtschaft aus, der ja die kontinuierliche Wanderung zur billigsten und sichersten Produktionsstätte hin zugrunde liegt? Zunächst fällt im Vergleich zu europäischen Verhältnissen auf, daß d er gesamte landwirtschaftliche Produktions­ pr oz e ß sehr stark a r be i t s t e i l i g aufgegliedert i s t , daß a l s o e i n e w e i t g e h e n d e S p e z i a l i s i e 52


r u n g b e s t e h t . Es h a b e n s i c h a u s g e s p r o c h e n e S p e z i a l g ü r t e l h e r a u s g e b i l d e t , so z. B. ein W eizengürtel, Maisgürtel, Milchgürtel, Baumwoll-Tabakgürtel. Der W e i z e n g ü r t e 1 ist auf den reichen tiefgründigen Schwarz­ erde- und Lehmböden der ursprünglichen Prärie, also der Gras­ steppe entstanden. Er ist neuerdings mit fortschreitender An­ bau- und Maschinentechnik ausgedehnt worden und verlagert sich noch mehr auf die semiariden Zonen. Ursprünglich wurde der Weizenbau im Norden als Sommer-, weiter südlich auch als Winterweizenbau als ausgesprochene Monokultur gepflegt. Neuerdings beginnt schon unter Verwendung von Gründüngung eine primitive Fruchtwechselwirtschaft. Der M a i s g ü r t e l liegt in der wärmeren Zone auf ebenfalls gutem Boden, jedoch mit mehr Niederschlägen. Der B a u m w o l l - und T a b a k g ü r t e 1 lagert sich südlich an den Maisgürtel an in Gebieten, in denen entweder ausreichende Niederschläge oder aber die Möglichkeit zur Bewässerungswirtschaft gegeben sind, und in denen die für beide Pflanzen erwünschte Wärmemenge zur Verfügung steht. Man könnte auch noch von einem besonderen G e r s t e n g ü r t e l sprechen, der in den ausgesprochen trockenen Gebieten der Rocky Mountains bis an die Pazifische Küste hin zu finden ist. Geht man aus allen diesen Gebieten in niederschlagsreichere über, so setzt zunächst der Mehr­ fruchtbau ein, eine Wirtschaftsform, bei der als Getreide ur­ sprünglich auch Hafer gebaut wurde und bei der mit Luzerne, Sojabohnen und Mais die Fruchtfolge bestritten wird. Nehmen die Niederschläge noch mehr zu, so beginnt schon der so­ genannte Dairy Belt, der M i l c h g ü r t e l , mit stärkstem Futterbau, in dem außer Luzerne Sojabohnen zur Heubereitung, Mais zur Silage, auch Heu gewonnen wird und, soweit die Niederschläge dazu ausreichen, beides angebaut wird. Dieser Milchgürtel gruppiert sich in den Vereinigten Staaten um die großen Seen herum und deckt sich mit den Staaten Maine, New York, Michigan, Minnesota und Wisconsin. Er hat sich in neuester Zeit auch auf North Dacota ausgedehnt. In Canada liegt ein ganz ähnlicher Gürtel auf der anderen Seite jener Seen vor. Mit den zuerst genannten Getreidegürteln ist eine besondere V i e h p r o d u k t i o n gekoppelt. Im Maisgürtel werden näm­ lich gleichzeitig die meisten Schweine, die meisten Eier und 53


das Hauptkontingent an Schlachtgeflügel produziert. Daneben erfolgt schließlich im Maisgürtel auch noch das Fertigmästen von Magervieh. Hier ist die Schweine- und die Eierproduktion auf dem billigen Kohlehydrat aufgebaut. Wir finden aber im Milchgürtel eine wenn auch mengenmäßig geringere Schweineund Eierproduktion vor. Dort gibt das billige Eiweiß, das beim Buttern in Gestalt von Magermilch und Buttermilch anfällt, die Basis der Erzeugung ab. Damit ist aber die Zahl der Spezialgürtel noch keineswegs erschöpft. Es fehlen noch der Obstgürtel, der Gemüsegürtel und nicht zuletzt der Rindvieh-, Schaf- und Ziegengürtel, oder, wie man auch sagen könnte, die extensive Weidezone. D e r O b s t b a u hat sich an den Ufern der großen Seen besonders festgesetzt, sodann aber in den heißen Tälern in der Nordwest­ ecke der U. S. A. und nicht zuletzt in Californien, sowohl in den Tälern als auch in Californien als ausgesprochener Be­ wässerungsbau. Der G e m ü s e b a u hat sich um die gesamte Seeküste gruppiert, nämlich an der Atlantischen Küste von Canada herunter bis an die Spitze von Florida und von da in dichter Lagerung um den Golf von Mexico herum bis hinauf in das Tal des Rio Grande. Daneben ist er in die Bewässerungs­ gebiete in Kalifornien, ins Imperial Valley und einige andere Täler eingedrungen. Naturgemäß findet sich in- und außerhalb dieser sehr stark ausgeprägten Spezialkulturgürtel Landwirtschaft mit den ver­ schiedensten Betriebsformen vor, wodurch die Grenzen flüssig und das Bild vielgestaltiger werden. D ie W a n d e r u n g und i n t e n s i v e Suc he nach noch g ü n s t i g e r e n S t a n d o r t e n und zu b i l l i g e r e n P r o d u k t i o n s ­ k o s t e n hin geht zum Tei l unt e r dem f ö r d e r n ­ den Einfluß des fernste Ge bi et e e r s c h l i e ß e n ­ den K r a f t w a g e n s so r a s c h vor s i c h , daß der H a n d e l M ü h e h a t , mi t s e i n e r O r g a n i s a t i o n r a s c h g e n u g z u f o l g e n . So ist es ihm beispielsweise bei der rapiden Verlagerung und sich neu aufspaltenden Ar­ beitsteilung im Gemüsebau nur schleppend gelungen, mit seinen Leistungen Schritt zu halten. Aus jener allmählich gewachsenen Anpassung an natürliche Vorbedingungen ist vor wenigen Jahren für das neue, andert­ halb Erdteile umfassende einheitliche Wirtschaftsgebiet der 54


U.S. S. R. die Nutzanwendung gezogen worden. D e r w i r t ­ s c h a f t l i c h e Z e n t r a l r a t der S o wj e t - Un i o n hat für das g e s a m t e S o w j e t - W i r t s ch a ft s g e b i e t e i n e n P l a n a u f g e s t e l l t , d e r a l s A n a l o g i e zu d e n S p e z i a 1g ü r t e 1n d e r V e r e i n i g t e n S t a a t e n s o l c h e f e s t l e g t , und z w a r f ügt er d e n a l l g e ­ meinen l a n d wi r t s ch af t l i ch en noch aus ge­ d e h n t e F o r s t - und s c h l i e ß l i c h P e l z t i e r g ü r t e l an. Wenn auch die gesamte planwirtschaftliche Umstellung der Landwirtschaft in Rußland grundsätzliche Kritik heraus­ fordert, so ist doch zuzugeben, d a ß d ie b e w u ß t e O r i e n ­ tierung der A g r a r e rz eu g un g nach den o p ti ­ m a l e n P r o du k t i o n s b e d i ng un g e n z w e c k m ä ß i g u n d ö k o n o m i s c h g e s u n d ist. W e n n a u c h i n E u r o p a mi t s e i n e r a l t e n h o c h e n t w i c k e l t e n W i r t s c h a f t und der innigen Ve r f l e c ht ung von I n d u s t r ie und L a n d w i r t ­ s c h a f t w e d e r di e N o t w e n d i g k e i t n o c h die Möglichkeit planwirtschaftlicher Ko rrektu­ r e n b e s t e h t , so i s t es d o c h a u c h h i e r w e r t v o l l a b z u w ä g e n , wo d i e b e s t e n S t a n d o r t e f ü r d i e E r z e u g u n g b e s t i m m t e r A g r a r p r o d u k t e l i egen, u m b e i a g r a r p o 1i t i s c h e n u n d h a n d e l s p o l i ­ t i s c h e n M a ß n a h m e n b e w e r t e n z u k ö n n e n , wo die G r e n z e des ö k o n o mi s c h S i n n v o l l e n ü b e r ­ s c h r i t t e n w i r d u n d wo d i e Z o n e d e s U n w i r t ­ s c h a f t l i c h e n e i n s e t z t . Die Voraussetzungen für die Agrarproduktion sind in Europa grundsätzlich anders zu wer­ ten, da hier eine viele Jahrhunderte währende Bodenwendung zusammen mit der Polikultur, der kombinierten Acker- und Viehwirtschaft und nicht zuletzt mit Hilfe intensiver Humus­ wirtschaft und künstlicher Düngung die natürliche Abgrenzung günstigster Zonen gegeneinander stark überdeckt und aus­ geglichen hat. D e n n o c h s i n d a b e r d i e k l i m a t i s c h e n und b o d e n m ä ß i g e n U n t e r s c h i e d e i nne rha l b d e s g e s a m t e n E r d t e i l e s so s t a r k , d a ß s i e g e ­ wisse b e s o n d e r e Gu n s t für E i n z e l a g r a r p r o ­ d u k t e h e r v o r t r e t e n l a s s e n . Da auf dem europä­ ischen Kontinent aber 400 Millionen Menschen im Gegensatz zu nur 120 Millionen in den Vereinigten Staaten leben sollen, 55


so muß die engste Anlehnung an die günstigsten Produktions­ bedingungen viel dringlicher verfolgt werden als dort. Wenn wir schon gezwungen sind, auch auf weniger günstigen Böden und in schlechten Klimaten zu erzeugen, so muß doch der Kern der europäischen Agrarerzeugung am ökonomisch richtigen Ort ansetzen. Schaltet man das Sowjetreich aus dem Begriff Europa aus, so ist festzustellen, d a ß e i n e i g e n t l i c h e r W e i z e n g ü r t e l n i c h t b e s t e h t . Weizen wird zwar vom Atlantik bis an die russische Grenze hin gebaut, aber ein eigentlicher Weizengürtel, den man mit dem amerikanischen vergleichen könnte, liegt nur im euro­ päischen Rußland im Schwarzerdegebiet vor. Die stärkste Massierung der Weizenproduktion liegt in Ungarn und Teilen von Jugoslavien und Rumänien, ferner in Mitteldeutschland, der Po-Ebene und Nordfrankreich. D a g e g e n b e s t e h t e i n s t a r k a u s g e p r ä g t e r R o g g e n g ü r t e l , der als Roggen-Kartoffelgebiet Teile von Ostdeutschland und Polen umfaßt. Es handelt sich um leichte Böden in trockener Lage, auf denen der Roggen mit dem Winterwasser auskommt. Ein ebenso ausgesprochener S p e z i a l g ü r t e l l i e g t f ü r d e n M a i s b a u v o r , der sich auf die Po-Ebene, Ungarn, Jugo­ slavien, Rumänien und Bulgarien erstreckt. Der ausgesprochene Gerstengürtel Europas liegt in Rußland, nämlich nördlich vom Schwarzen Meer und vom Kaukasus. Die günstigsten Voraus­ setzungen für die M i l c h e r z e u g u n g gruppieren sich um die Küste von Nord- und Ostsee, sodann um die niederschlags­ reichen Gebiete der Alpen herum. Die S c h w e i n e p r o ­ d u k t i o n findet zwei besonders begünstigte Standorte, näm­ lich die Roggen-Kartoffel- und die Maiszone. Aber auch hier besteht wie in Amerika noch als zweiter Standort derjenige des billigsten Eiweißes, nämlich die Milchzone. Die starke Milchproduktion bringt gleichzeitig große Mengen von Rind­ fleisch hervor. Als Zone extensiver R i n d e r - , S c h a f u n d Z i e g e n h a l t u n g kann aber der ganze Südosten Europas gelten. Auch dort besteht die Möglichkeit der Fertig­ mast im Maisgürtel. Die E i e r e r z e u g u n g kann in Europa auf zwei Standorte verlagert werden, nämlich in den des billigen Milcheiweißes, also in den baltischen oder vor­ alpinen Milchgürtel hinein, oder in die Gebiete größter 56


Getreideüberschüsse, also vornehmlich in die Maiszone hinein. In die letztere wird ganz besonders die Erzeugung von Schlachtgeflügel wandern. Der O b s t b a u findet die günstigsten klimatischen Bedingungen um die großen Binnenmeere herum, also die Ostsee, das Schwarze Meer, da­ neben in den großen Flußtälern wie besonders denen von Rhein und Rhone. Der G e m ü s e b a u wird sich genau so wie in den Vereinigten Staaten immer stärker arbeitsteilig entwickeln, so daß eine Belieferung das ganze Jahr hindurch in Abwechslung der einzelnen Herkünfte möglich wird; dabei werden die Küstengebiete, und zwar besonders die südlichen, bevorzugt sein. Neben ihnen gewinnen die ausgesprochenen Bewässerungsgebiete, wie die Po-Ebene, an Bedeutung. D as M e r k w ü r d i g e i s t n u n , d a ß t r o t z a l l e r p o l i t i s c h e n G r e n z e n , die die W a n d e r u n g der Menschen verhindern, t r o t z aller Zollgrenzen, unterschiedlichen Verkehrsmöglichkeiten und Ta r i f e und n i c h t z u l e t z t t r o t z des v e r ­ s c h i e d e n a r t i g e n Ni v e a u s von Bi l dung und S t a n d de r T e c h n i k i n n e r h a l b des e u r o p ä i s c h e n G e b i e t e s die V e r l a g e r u n g der A g r a r p r o d u k t e zu j e n e n b e g ü n s t i g t e n S t a n d o r t e n h i n l ä n g s t i m G a n g e i st . Auch innerhalb Deutschlands lassen sich diese Tendenzen deutlich erkennen. W ie s i e h t es n u n m i t d e n M ö g l i c h k e i t e n e i n e r a g r a r i s c h - i n d u s t r i e 11 e n A r b e i t s t e i l u n g i n n e r h a l b M i t t e l e u r o p a s a u s , und wieweit ist Mit­ teleuropa in der Lage, die Agrarproduktion intern in An­ lehnung an die besten natürlichen Standorte aufzunehmen? Gehen wir von dem Durchschnitt der Jahre 1926—1929 aus, so ergibt sich etwa folgendes Bild. Es hat in Mitteleuropa zwei Gruppen von Ländern gegeben, von denen die eine fort­ laufend einen Zuschuß an Nahrungsmitteln, die andere einen Ueberschuß aufwies. Die Gruppierung der Länder ist bei den einzelnen wichtigsten Waren nicht ganz die gleiche. Betrach­ ten wir Getreide insgesamt, so zeigt sich, daß im Durchschnitt der Jahre 1926—1929 die Länder Deutschland, Oesterreich und die Tschechoslowakei stets einen großen Einfuhrbedarf an Getreide zu decken hatten, wozu noch Polen mit einem kleinen Defizit im Durchschnitt dieser Jahre kommt. Polen hatte 57


allerdings starke Schwankungen im Getreide-Außenhandel. Er­ heblicher Ueberschuß in zwei Jahren wechselte mit einem fast gleich großen Defizit in den anderen Jahren ab. Ungarn, Jugoslavien und Rumänien haben dagegen im Durchschnitt der Jahre sehr eindeutig große Getreideüberschüsse. Das Gesamt­ defizit an Getreide der ersten Gruppe einschließlich Polens betrug im Durchschnitt der Jahre 1926—1929 6 228 000 t. Bei der Gruppe der Ueberschußländer ergab sich im Durchschnitt der vier Jahre ein Exportüberschuß von 2634000 t. Man er­ sieht hieraus schon, d a ß e s a n u n d f ü r s i c h k e i n s c h w i e r i g zu l ö s e n d e s P r o b l e m i st , d e n G e ­ t r e i d e ü b e r s c h u ß von Ungarn, J u g o s l a v i e n und Rumä nien und selbst einen etwa anfallenden U e b e r s c h u ß v o n P o l e n i n d i e B e d a r f s 1ä n d e r z u ü b e r f ü h r e n , so lange der Getreidebau in den Ueberschußländern nicht wesentlich verstärkt und der Einkauf der Bedarfsländer nicht einseitig vertragsmäßig nach anderer Rich­ tung festgelegt wird. Bei dieser Beurteilung wird zunächst rein mengenmäßig gewertet, während das Qualitätsproblem später erörtert werden soll. Die Ziffern im einzelnen gehen aus nachfolgender Tabelle hervor, bei der Weizen, Gerste und Mais besonders aufgeführt Einfuhr-(—) und Ausfuhr ( + ) -Überschüsse im Durchschnitt der Jahre 1 9 2 6 -2 9 IGctnldtia Schwel» geiimt.tfn - Rind­ R ind­ M ais ichl. Rsgge vieh fleisch Schweine fleisch 1 Ofld Hifer

W tiz e n G erat

Land

lOOOSt 1000 t

1000 t

D eutschland .

. —2109 —1854 —1191 —5141

O esterreich . . — 228 — 60 — 161 — 632 T sch ech o ­ slow akei — 252 + 119 — 309 — 469 Z u sam m en ; —2589 —1795 -1 6 6 1

—273

tooost

E ier

B u tter K i »

1000 t

— 119

— 72

—27

- 0 ,1 6 - 1 1 7

—65

i

— 2

0,3 + 2

— 118

— 22

—653

— 14

—0,01 -

— 45

—

—691

— 2

- 0 ,0 0 2 —

—6242

-4 3 6

— 143 -1 4 1 6

— 43

-0 ,1 7 2 - 1 1 8 ,3 —65

2

— 118

+ 137 — 57

+

+ 23

+ 9

+ 895

+ 16

+ 0,06

+ 9,7

U ngarn . . . .

+ 371

+ 55 +

+ 657

+ 74

+

2

+ 162

+ 3

+ 0,01

+ 0,5

+i

J u g o sla w ie n « •

+ 267

+

9 + 268 + 582

+ 130

+ 3

+290

+ 8

+ 0,03

+ 0,2

+2

R u m ä n ien .

+ 240

+ 642

+ 1395

+ 64

+ 6

+ 350

+ 6

+o.oi

+ 0 ,1

+ 0,5

15311 +2652

+ 291

+ 20

+■1697

+ 33

+ 0,11 + 10,5

P o len

.

* .

* «

Z usam m en:

58

.

+ 760 | + 843

62

+1228

18

+i

+ 4,3


sind, während Getreide insgesamt, also einschließlich Roggen und Hafer, ebenfalls aus der letzten Spalte zu entnehmen ist. Man sieht daraus, d a ß d a s S c h w e r g e w i c h t i m G e ­ t r e i d e a u ß e n h a n d e l e i n e r s e i t s bei We i z e n , z u m a n d e r n b e i m F u 11 e r g e t r e i d e , n ä m l i c h G e r s t e und Ma i s , l i e g t , und daß d e r H a u p t ­ ü b e r s c h u ß an We i z e n aus de n L ä n d e r n U n g a r n u n d J u g o s l a v i e n , b e i G e r s t e u n d Ma i s a u s R u m ä n i e n k o mmt . Der Austausch der wichtigen anderen Produkte ergibt folgendes Bild. Bei R i n d f l e i s c h besteht ein geringes De­ fizit bei Deutschland, Oesterreich und der Tschechoslowakei, die insgesamt im Durchschnitt der Jahre 1926—1929 143 000 t einführten. In Polen, Ungarn, Jugoslavien und Rumänien stand dem ein Exportüberschuß von 20 000 t gegenüber. An R i n d ­ v i e h bestand ein Einfuhrüberschuß in Deutschland, Oester­ reich und der Tschechoslowakei von 436 000 Stück und ein Ex­ portüberschuß in Polen, Ungarn, Jugoslavien und Rumänien von 291000 Stück. Auch diese Ziffern zeigen schon, d a ß e s e in e i g e n t l i c h e s A b s a t z p r o b l e m h i e r b e i k a u m g i b t , so lange nicht starke Expansion in der Erzeugung oder Drosselung des Eigenkonsums in den zu Ueberschuß neigenden Ländern eintritt. D ie h e u t e b e s t e h e n d e n U e b e r s c h ü s s e k ö n n e n mi t L e i c h t i g k e i t v o n d e n E i n ­ f u h r l ä n d e r n a u f g e n o m m e n w e r d e n . Allerdings ist damit zu rechnen, daß in diesen die Eigenproduktion lang­ sam steigt, während sich der Konsum auf andere Lebensmittel verlagert. Ein etwas anderes Bild ergibt sich bei S c h w e i n e ­ f l e i s c h u n d S c h w e i n e n . Deutschland, Oesterreich und die Tschechoslowakei haben in den fraglichen vier Jahren einen Einfuhrüberschuß von 43 000 t Schweinefleisch und 1 416 000 Stück Schweinen gegenüber einem Ausfuhrüberschuß für die Länder Polen, Ungarn, Jugoslavien und Rumänien von 33 000 t Schweinefleisch und 1 697 000 Stück Schweinen. Es zeigt sich hier, daß die Länder, die für die übrigen Agrar­ produkte einen zusätzlichen Bedarf haben, ihren Schweine­ fleischkonsum in eigener Erzeugung decken können, und daß der Ueberschuß der übrigen Länder nicht auf diesen Märkten untergebracht werden kann, wobei man sich darüber klar sein 59


muß, daß die Ziffern für Einfuhr- und Ausfuhrüberschuß bei den tatsächlich vorhandenen Schweinebeständen belanglos sind, und lediglich die Ausnutzung von besonders frachtgünsti­ ger Lage an den Grenzen eine Rolle spielt. Bei einem zwischen 1.6 und 23 Millionen Schweinen schwankenden Bestände in Deutschland fällt ein Einfuhrüberschuß von 72000 Stück im Durchschnitt und von 1000 Stück im Minimaljahre 1928 nicht ins Gewicht. Immerhin ist der Austausch zwischen Polen und Rumänien als Lieferanten und Oesterreich und der Tschecho­ slowakei als Käufer recht beachtlich. Bei E i e r n ergibt sich ein Bedarf für Deutschland, Oester­ reich und die Tschechoslowakei in Höhe von 172000 t und ein Ueberschuß in den Ländern Polen, Ungarn, Jugoslavien und Rumänien von 110000 t. Die großen Konsumländer können also ihren Zuschußbedarf nicht vollständig aus den hier zur Erörterung stehenden Ueberschußländern decken, müssen viel­ mehr zurzeit andere Herkünfte hinzunehmen. Sie sind stark an der Arbeit, den hohen Zuschußbedarf durch Verstärkung der Eigenproduktion zu verbessern, womit aber gleichzeitig ihr Defizit an Futtergetreide wächst. Für die Ueberschußländer besteht also entweder die Aussicht, durch vermehrte Eier­ produktion sich in die Lieferung nach Deutschland einzuschal­ ten oder aber bei vermehrter deutsch-österreichisch-tschechi­ scher Ezeugung mit stärkeren Ausfuhren an Futtergetreide aufzuwarten. Bei M o l k e r e i p r o d u k t e n ist das Bild wiederum anders. Hier stellt sich heraus, daß d a s e i n z i g e g r o ß e B e d a r f s l a n d D e u t s c h l a n d i s t , das im Durchschnitt der vier Jahre rund 117 000 t Butter bei einer ständig steigen­ den Einfuhr und 65 000 t Käse aus wenig schwankender Einfuhr zugekauft hat. Oesterreich hat lediglich 800 t B utter und 2000 t Käse zugekauft, wobei der Butterbedarf sich im Jahre 1929 schon in einen Ueberschuß verwandelte und auch das Käse­ defizit stark fallenden Trend aufweist. Sämtliche übrigen Länder erzeugen Ueberschüsse, und zwar an Butter insgesamt 10200 t und Käse 6500 t. D e u t s c h l a n d k a n n a l s o s e i n e n s e h r g r o ße n Z u s c h u ß b e d a r f an B u t t e r und K ä s e n i c h t im e n t f e r n t e s t e n aus den ü b ­ rigen m itte le u ro p ä i sc h e n Ländern decken. 60


Es kauft seine Importbutter und seinen Käse bekanntlich aus den baltischen Ländern, vorwiegend Lettland, Dänemark und Finnland, Im übrigen ist es sehr stark damit beschäftigt, seine eigene Produktion planmäßig auszuweiten, was auch in Oester­ reich der Fall ist und in engster Anlehnung an die von der Natur gegebenen Produktionsbedingungen ökonomisch das richtigste sein dürfte. Aber auch hier liegen die Verhältnisse so, daß, wenn Deutschland mehr Butter und Käse produziert, das Getreidedefizit größer wird, da die natürliche Futterbasis für das Rindvieh erweitert werden muß, was auf Kosten des Getreidebaus geht. Kauft Deutschland also den baltischen Staaten weniger Butter und Käse ab, so wird der Futter­ getreidemarkt und vielleicht auch der Brotgetreidemarkt in Deutschland für ausländische Zufuhren offener, wobei die Auf­ gabe, die in den mitteleuropäischen Ueberschußländern vor­ handenen Getreidemengen aufzunehmen, um so leichter zu lösen wäre. Wenn in der Diskussion über die Unterbringung der mittel­ europäischen Getreideüberschüsse die Frage so zugeschnitten wird, als müßte den überseeischen Getreidelieferanten zu­ nächst der Markt verschlossen werden, so zeigt die hier ge­ gebene Uebersicht eindeutig, daß rein mengenmäßig die tat­ sächlichen Verhältnisse ganz anders gestaltet sind. Das Pro­ blem beginnt eigentlich erst mit der staatlich in Szene gesetz­ ten Dynamik der Agrarproduktion. W e n n n ä m l i c h j e d e s der g e n a n n t e n Ueberschußl änder, also Polen, Ungarn, J u g o s l a v i e n und Rumänien, seine Agrarproduktion wahllos ausweitet und gleichzeitig versucht, auch hinsichtlich sei­ n e r i n d u s t r i e l l e n B e d a r f s d e c k u n g a u t a r k zu w e r d e n , sich also gegen I n d u s t r i e e x p o r t e D e u t s c h l a n d s , O e s t e r r e i c h s und der Ts c h e c h o ­ s l o w a k e i zu s p e r r e n , so b e g i n n t h i e r d i e U n ­ m ö g l i c h k e i t des an si ch s e h r e i n f a c h e n A u s ­ t a u s c h s. Zum andern ist nicht zu verkennen, daß die be­ völkerungspolitische Grundlage Deutschlands, Oesterreichs und der Tschechoslowakei auf den insgesamt rund 7 Millionen bäuerlicher Betriebe beruht und daß mit zunehmenden Absatz­ schwierigkeiten ihrer Industrien die planmäßige Verstärkung dieser Basis unbedingte Notwendigkeit wird. Deshalb müssen 61


diese Staaten entscheidenden Wert darauf legen, für ihre bäuerliche Agrarproduktion einen möglichst großen Teil der Inlandskaufkraft zu sichern. Die Absatznähe der Landwirt­ schaft in diesen Ländern verlegt den Akzent der Agrar­ produktion auf die hochwertigsten Veredlungsprodukte, also an erster Stelle Molkereiprodukte, Eier, Fleisch, Gemüse und Obst, Das Austauschproblem für Agrarprodukte hat aber noch eine gänzlich andere, bisher nicht behandelte Seite, das ist d i e j e n i g e d e r Q u a l i t ä t . Diejenigen Länder, die einen Einfuhrbedarf haben, versuchen zunächst, die Ware loco Kon­ sumort so preiswert wie möglich zu erhalten, aber naturgemäß auch in der ihnen am meisten zusagenden Qualität. D ie A n ­ s p r ü c h e an d i e Gü t e d e r W a r e s i n d s t ä n d i g g e ­ s t i e g e n . Daran sind einmal die Verschärfung der Konkur­ renz im Angebot und die rasch fortschreitende Technik der Qualitätsgewinnung, zum anderen aber auch die Verfeinerung der Lebensgewohnheiten der Konsumenten schuld. Beim Weizen wird bekanntlich die Mehlausbeute ebenso stark durch die Qualität des Korns beeinflußt, wie die Brotausbeute danach aus dem Mehl. Infolgedessen werden die kleberhaltigen Hart­ weizen mit hohen Aufpreisen gehandelt, was am besten durch die unterschiedliche Preisbewegung deutschen Inlandweizens und amerikanischen Exportweizens an den deutschen Getreide­ börsen anschaulich demonstriert wird. Wollen die südost­ europäischen Länder ihre Weizenüberschüsse in Deutschland, der Tschechoslowakei und in Oesterreich absetzen, so ist erstes Erfordernis, d a ß i h r e Q u a l i t ä t m i t d e r a m Weltmarkt führenden kanadischen konkur­ r i e r e n k a n n . Sie müssen also kleberhaltige Hartweizen erzeugen, was für gewisse ungarische Sorten schon heute zu­ trifft, und müssen ihr Getreide durch zweckmäßige Behandlung s t a n d a r d i s i e r e n , was bekanntlich im wesentlichen eine Angelegenheit des Sortierens und Reinigens in den Speichern ist. In noch viel stärkerem Maße als beim Getreide wird die Qualität bei den tierischen Erzeugnissen den Ausschlag darübet geben, ob südosteuropäischer oder anderer Auslandsware der V o r z u g gegeben wird. Es ist hinlänglich bekannt, daß die Vormachtstellung der dänischen Butter und in neuerer Zeit das s t a r k e Aufrücken der lettischen Butter ausschließlich in deren 62


hohem Qualitätsstandard begründet ist. Genau das gleiche trifft in für die Erzeuger täglich stärker fühlbarem Maße für Eier zu, und auch bei Schlachtgeflügel, Fleisch und Schlacht­ vieh s t e i g e n d i e A n s p r ü c h e d e r M ä r k t e . S t a n ­ d a r d w a r e s e t z t s i c h i m m e r m e h r d u r c h . Es wird deshalb die Aufgabe der Ueberschußländer sein, sich über die von ihnen zu beliefernden Märkte fortlaufend genau zu in­ formieren und sich den dort bestehenden Qualitätstendenzen anzupassen. Staatliche Exportkontrollen werden den Be­ strebungen zur Höherzüchtung der Qualität rasch den erforder­ lichen Nachdruck verleihen. Selbst wenn aber die abzugebenden Mengen von Agrar­ produkten von den Bedarfsländern leicht aufgenommen werden können und die Qualität den Anforderungen der Märkte voll und ganz entspricht, bleibt immer noch ein äußerst schwer­ wiegendes Hindernis, das die an sich offenen Märkte völlig verbarrikadieren kann, in der T r a n s p o r t f r a g e bestehen. Solange es wesentlich billiger ist, Weizen aus dem Innern Kanadas über den Ozean den Rhein herunter nach Mannheim zu transportieren, als ungarischen Weizen von Budapest nach Magdeburg oder München, wird schwerlich damit zu rechnen sein, daß ungarischer Weizen gegen kanadischen konkurrieren kann, natürlich um so weniger, sofern es dem ungarischen Landwirt nicht gelingt, seine Produktionskosten ebenso weit abzusenken wie sein Konkurrent in Kanada und seine Genos­ senschaften ebenso gut zu organisieren wie den dortigen Pool. D ie g r ö ß t e u n d e r s t e A u f g a b e , d i e d i e m i t t e l ­ e ur op ä i sc he n S t a a t e n lösen müssen, wenn sie den W a r e n a u s t a u s c h f ö r d e r n wol l en, ist die Be r e i n i g u n g j e n e r c h a o t i s c h e n Zu s t ä n d e , die im m i t t e l e u r o p ä i s c h e n T r a n s p o r t w e s e n b e s t e h e n . Die Durchgangsfrachten, Umladegebühren und sonstigen Transportspesen bedürfen einer gründlichen Kor­ rektur. Außerdem werden die Schiffahrtswege eines gründ­ lichen Ausbaues und der Besetzung mit besseren Transport­ mitteln bedürfen. Alles dies sind aber Aufgaben, die zu lösen sind, sofern in Mitteleuropa ein starker Wille zu aufrichtiger Zusammenarbeit an Stelle der vom Autarkiewahn genährten Wirtschaftsintrigen und raffinierten Mittelchen des Handels­ krieges getreten sein wird. 63


D ie A b s a t z b e d i n g u n g e n w e r d e n i n d e n k omm e n d e n J a h r z e h n t e n von S e i t en des K o n ­ s u m s h e r e r h e b l i c h v e r l a g e r t w e r d e n . Während die Bevölkerung in Deutschland und Oesterreich in stark ver­ langsamtem Maße zunimmt, haben die südöstlichen Staaten noch sehr starkes weiteres Anwachsen ihrer Bevölkerung zu verzeichnen. Der deutsche Agrarmarkt wird sich deshalb zu­ nehmend verengen, während der Konsum in den jetzigen Ueberschußländern zunimmt. Immerhin wird aber diese Ent­ wicklung durch die Wandlungen in der Agrarproduktion stark überlagert werden. Das Streben nach wirtschaftlicher Autarkie hat dazu ge­ führt, daß das System der Meistbegünstigung, auf dem der gesamte Welthandel auf gebaut war, stark zurückgedrängt worden ist. Es sind Bestrebungen im Gange, die darauf ab­ zielen, an Stelle der Meistbegünstigung ein System der Präfe­ renz zu setzen. Der Versuch, einen solchen Zug-um-Zug-Tausch einzuführen, leugnet den Weg des Ringtausches, auf dem ein großer Teil des Welthandels basiert. In den vorstehenden Ausführungen ist gemäß der dem Verfasser gestellten Aufgabe nur der „Mitteleuropa" genannte Ausschnitt aus dem größeren Wirtschaftsgebiet untersucht worden. Dieser Teildiagnose haften alle Mängel einer solchen an. Wichtige andere euro­ päische Bedarfsländer, wie besonders Frankreich, sind nicht berücksichtigt. Es besteht aber kein Zweifel darüber, daß, wenn die Aufgabe, 400 Millionen Menschen in Europa menschenwürdig leben zu lassen und durch die W irtschaft ihnen einen allmählichen weiteren kulturellen Aufstieg zu er­ schließen, nicht durch das Aufrechterhalten handelspolitischer Mauern und des wirtschaftspolitischen Kampfes Aller gegen A lle' zerstört werden sollen, n u r d i e S c h a f f u n g e i n e s großen, einheitlichen europäischen W i r t ­ s c h a f t s r a u m s in F r a g e k o m m e n kann. Ganz E u r o p a als Z o l l u n i o n dar f a b e r w i e d e r u m ni c h t als K a m p f g e b i l d e gegen U e b e r s e e oder die eurasische So w j et w i r t s c h a f t gedacht werden. V i e l m e h r wird eine e u r o p ä i s c h e Zollunion einem neuen s tä r k e r e n und g e s ü n ­ d e r e n W e l t h a n d e l zum Leben verhelfen.

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Die Landwirtschaft und das Mitteleuropaproblem. Von Zentraldirektor Franz Hilmer-Brünn. Während in der Industrie und im Bankenwesen der Zu­ sammenschluß vieler Kleinbetriebe zu Großbetrieben und die kartellmäßige Beeinflussung der Produktion und des Absatzes immer mehr fortschreiten, während im Zuge der Rationalisie­ rung die Investitions- und Kapitalsquote an den Erzeugungs­ kosten immer größer und der Lohnanteil immer kleiner wird, s e h e n wir in der L a n d w i r t s c h a f t der m i t t e l ­ e u r o p ä i s c h e n S t a a t e n den U e b e r g a n g zur a r b e i t s i n t e n s i v e n W i r t s c h a f t , wo bei immer kleiner werdenden Betrieben und erhöhter Handarbeit pro Hektareinheit immer höhere ■Erträge herausgewirtschaftet werden müssen. Der Uebergang der Landwirtschaft vom Großbetrieb zum Kleinbetrieb vollzieht sich übrigens in allen Staaten, sei es, daß die Bodenreform eine Beschleunigung dieses Zustandes verursachte, sei es, daß die natürliche Vermehrung der Be­ völkerung, der Wunsch nach Eigenbesitz von Grund und Boden und der damit im Zusammenhänge stehende Bodenhunger, ins­ besondere in Gegenden mit Freiteilbarkeit, diesen Uebergang immer mehr herbeiführen. Lediglich Rußland und Amerika bilden hier eine Ausnahme, weil in diesen beiden Staaten auch die Landwirtschaft nach rein kapitalistischen Ideen betrieben wird, nur mit dem Unterschiede, daß die russische Landwirt­ schaft staatskapitalistisch und die amerikanische Landwirt­ schaft privatkapitalistisch beherrscht ist. Rußland ist deswegen 5

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für die mitteleuropäische Landwirtschaft die größere Gefahr, weil dort die landwirtschaftliche Produktion auch dann noch gesteigert werden wird, wenn nach privatkapitalistischen Grundsätzen eine Einschränkung der Produktion zu erfolgen hätte, während in Amerika die notwendige Einschränkung in der Produktion eintreten wird, wenn durch einige Jahre die Produktionskosten durch die Verkaufserlöse nicht mehr ge­ deckt werden. Diese Feststellungen sind deswegen wichtig, weil die land­ wirtschaftlichen Organisationen aller mitteleuropäischen Län­ der auf dem Standpunkt stehen, d a ß f ü r i h r e l a n d w i r t ­ schaftlichen Produkte Preise erzielt werden mü s s e n , die die P r o d u k t i o n s k o s t e n decken. Mit Rücksicht darauf, daß die mitteleuropäischen Staaten hohe Leistungen in Form von Steuern und Zuschlägen, sozialen Ab­ gaben u. a. auch von ihren Landwirtschaften fordern und auch der Lebenstandard der landwirtschaftlichen Arbeiterbevölke­ rung in den mitteleuropäischen Staaten verhältnismäßig hoch ist, s i n d d i e P r o d u k t i o n s k o s t e n d e r m i t t e l ­ e u r o p ä i s c h e n L a n d w i r t s c h a f t , die vielfach auch noch unter Kreditmangel oder großer hypothekarischer Ver­ schuldung (mit hohen Zinsenlasten) leidet, h ö h e r a l s d i e P roduktionskosten der landwirtschaftlichen B e t r i e b e a n d e r e r Gebiete. Der Rationalisierung in der Landwirtschaft sind Grenzen gesetzt, weil die Landwirtschaft aus dem Boden heraus pro­ duziert und der Ertrag in erster Linie von den Witterungsver­ hältnissen abhängig ist. Die höchsten Aufwendungen an Boden­ bearbeitung bei Benutzung bester Maschinen und Düngemittel nützen nichts, wenn eine Trockenheit einsetzt oder wenn durch Gewitter, dauernden Regen und Hochwasser während der Ernte die besten Voraussetzungen für Quantität und Qualität vernichtet werden. Der landwirtschaftliche Betrieb wickelt sich eben nicht in geschlossenen Räumen, sondern in freier N atur ab, ist an die Zeiten gebunden, und Maschinen, die in der Industrie bei drei Schichten allenfalls 300 Tage (nach A b­ zug der Sonn- und Feiertage) im Jahre zu je 24 Stunden ver­ w endet werden, können in der Landwirtschaft oft nur einige Stunden im Jah re oder — wenn die W itterungsverhältnisse ungünstig sind — oft überhaupt nicht zur Anwendung kommen. 66


Die landwirtschaftlichen Organisationen stehen auch auf dem Standpunkt, d a ß G r u n d u n d B o d e n d a s E r b e d e r V ä t e r u n d die W u r z e l ist , aus der s i ch die N a t i o n s t ä n d i g v e r j ü n g t ; sie stehen auf dem Stand­ punkt, daß es nicht angeht, den heimischen Boden brach liegen zu lassen und agrarische Produkte aus anderen Gegenden, wo sie mit billigeren Arbeitskräften und unter günstigeren klima. tischen Verhältnissen und daher auch billiger erzeugt werden können, zu beziehen, nur weil dadurch für andere Berufsstände ein größerer finanzieller Erfolg erzielt werden kann. Die Ver­ treter aller landwirtschaftlichen Organisationen verlangen eine Planwirtschaft, nach welcher ausländische Agrarprodukte nur zur Ergänzung der inländischen, noch sehr steigerungsfähigen Produktion herangezogen werden sollen; von diesem Gesichts­ punkte aus sind die Forderungen nach Schutz der Inlands­ produktion, sei es durch Zölle, Kontingentierungen, Einfuhr­ bewilligungen, Monopole oder Syndikate, zu verstehen. Die gegenwärtige Weltagrarkrise ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß in den außereuropäischen Staaten nach kapitalistischen Grundsätzen unter Heranziehung von Geld, Maschinen und bisher unbenutzten Flächen eine Ueberproduktion an agrarischen Produkten eingeleitet wurde, die der Konsum nicht aufnehmen kann und die nun die Preise so tief drückt, daß die Landwirte mit Verlust verkaufen müssen. Die Stützungsaktionen, die von den einzelnen Staaten unter­ nommen werden, erfordern bedeutende Geldmittel und legen insbesondere den amerikanischen Staaten hohe Verpflichtun­ gen auf. Dazu ist in der letzten Zeit die russische Konkurrenz getreten, die nach anderen als volkswirtschaftlichen Grund­ sätzen ihre Produkte zu Schleuderpreisen auf die europäischen Märkte wirft. Im Zusammenhänge mit der russischen Dumping-Politik steht die triste Lage unserer Gebirgsbauem (Flachsbau), steht der Ruf nach Erhöhung der Getreidezölle, da die mitteleuro­ päischen Landwirte fürchten, durch die russischen Getreide­ fabriken vollständig ins Elend zu kommen. Daß an diesen Bestrebungen zum Schutze der mitteleuro­ päischen Landwirtschaft auch alle übrigen Berufsstände inter­ essiert sind, geht daraus hervor, daß der Krise auf dem Gebiete der Landwirtschaft stets sehr bald die Krise des Kleinhandels .!

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und der Gewerbetreibenden in den Provinzstädten, dann die Krise des Großhandels, der Bekleidungsindustrie und weiterer Industrien folgen. Gegenwärtig hat die Agrarkrise sogar schon die Investitionsindustrie erfaßt und zu Bankzusammen­ brüchen geführt. Es bedarf keines b e s o n d e r e n Hinweises d a r a u f , d a ß d i e e i n s e i t i g e S c h u t z p o 1i t i k k e i n e s w e g s zur Mi l d e r u n g der Kri s e b e i t r ä g t , s o n d e r n im g e g e n s e i t i g e n W e t t l a u f de r e i n ­ z e l n e n S t a a t e n d i e K r i s e e r h ö h t . Wenn beispiels­ weise das Deutsche Reich seine Zollsätze für Hopfen, Gerste und Malz derart hoch setzt, daß die Landwirte der tschecho­ slowakischen Republik von ihren bisherigen reichsdeutschen Absatzmärkten weggedrängt wurden, dann bleibt nichts anderes übrig, als eine Umstellung in der Erzeugung und in der Absatz­ organisation durchzuführen, den übermäßigen Gersten- und Zuckerrübenbau einzuschränken, dafür mehr Weizen anzu­ bauen, höhere Zölle hierfür einzuführen und das Vertrags­ verhältnis mit Ungarn zu kündigen, ein Beimahlungs- und Beimischungsgesetz durchzusetzen, um die Einfuhr von Weizen aus den Südoststaaten auf ein Minimum zu beschränken, weiter einen Teil der Gerste zu verfüttern, was eine Erhöhung der Schweineproduktion und damit das Verlangen nach einem erhöhten Schutz gegen die polnische Schweineeinfuhr nach sich zieht. So s e h e n w i r , w i e e i n Z o l l a n d e r e Z ö l l e auslöst*), wi e die e i n z e l n e n S t a a t e n v e r ­ s u c h e n , dur c h das Sy s t e m der E i n f u h r s c h e i n e — das zu einem System der Exportprämien geworden ist —, durch Zollrückvergütungen, direkte und indirekte Ausfuhr­ prämien und durch verschiedene andere Maßnahmen die zollund handelspolitischen Maßnahmen außer Kraft zu setzen oder sie wenigstens in ihrer Wirkung zu beschränken. Es e r gibt sich also eine S c h r a u b e ohne E n d e , d i e s c h l i e ß l i c h b e i S t a a t s m o n o p o 1e n l a n d e n m u ß , w e i l d i e D i n g e so k o m p l i z i e r t *) Dies hat sehr gut dargelegt Kurt Bloch in dem Artikel: Euro­ päischer Zollabbau — und die Agrarzölle? in „Europa-Wirtschaft" 1930, Heft 2, S. 57 ff.

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w e r d e n , daß dann nur noch s t a a t l i c h e E i n ­ f u h r s t e l l e n o d e r S t a a t s m o n o p o 1e e i n e h a l b ­ wegs e n t s p r e c h e n d e Regelung durchführen k ö n n e n , vorausgesetzt, daß hierfür genügend geschulte, mit volkswirtschaftlichem Wissen ausgerüstete Beamte und eine allen Anforderungen entsprechende Statistik vorhanden sind, widrigenfalls durch einen bürokratischen Apparat alle Hoff­ nungen zunichte gemacht und ein Chaos heraufbeschworen wird. Es soll hier aber gleich bemerkt werden, d a ß a l l e zo llund h a n d e l s p o l i t i s c h e n Ma ß n a h m e n ver sagen mü s s e n , we n n n i c h t die L a n d w i r t e sel bst durch entsprechende Organisationsmaßnah­ m e n e i n e R e g e l u n g d e r I n 1a n d s p r o d u k t i o n d u r c h f ü h r e n , wenn sie nicht dafür Sorge tragen, daß die Produktion den Anforderungen des Marktes angepaßt, auf die Erzeugung von Qualitätsprodukten hingewirkt und durch eine Ausgestaltung der landwirtschaftlichen Verteilungsorganisation eine gleichmäßige Belieferung des Konsums mit einwandfreier Ware erzielt wird. Auf diesem Gebiete haben die genossenschaftlichen Ab­ satzorganisationen im deutschen Gebiete Mährens im Vorjahre die Getreide-Durchschnittsverwertung aufgenommen, indem sie von ihren Mitgliedern die Anmeldung der abgebbaren Getreide­ mengen nach dem Drusche verlangten, ihnen eine Anzahlung von 40 % des voraussichtlichen Jahres-Durchschnittspreises gaben (damit die Landwirte ihre Kunstdüngerschulden und Ernteinbringungskosten begleichen können), während die Ab­ lieferung an die genossenschaftliche Absatzorganisation nur zu dem von ihr gewünschten Zeitpunkte erfolgen durfte. Bei der -Anlieferung wird die Qualitätssortierung durchgeführt, und bei der zweiten Zahlung von abermals 40 % des voraussichtlichen Jahres-Durchschnittspreises werden die entsprechenden Qua­ litätszuschläge bzw. Qualitätsabzüge gemacht. Das angemeldete Gesamtquantum wird auf die 12 Verteilungsmonate aufgeteilt und nur wöchentlich bzw. monatlich die in Betracht kommende Teilmenge verkauft. Nach Schluß der Lieferungsperiode wird vom Gesamterlös die Regie in Abzug gebracht und unter Be­ rücksichtigung der Anzahlung und der Qualität jedem Land­ wirt die errechnete Nachzahlung auf den Durchschnitts69


Verwertungspreis geleistet. Auch bei anderen Produkten wur­ den von den deutschen Landwirten Mährens ähnliche Maß­ nahmen in Angriff genommen. Vor dem Weltkriege gab es in Mitteleuropa große W irt­ schaftsgebiete, die sich gegenseitig ergänzten; es konnten sich infolgedessen in den einzelnen Gegenden landwirtschaftliche Spezialkulturen entwickeln, die bei höchster Ausnutzung der Bodenkräfte der Bevölkerung große Verdienstmöglichkeiten brachten. Es sei hier beispielsweise nur auf den Hopfenbau im deutschen Saazer-Land, auf den Obstbau im deutschen Elbe-Gau, auf den Gemüsebau (Gurken, Tomaten u. a.) im südmährischen deutschen Weingebiet längs der niederöster­ reichischen Grenze hingewiesen. D u r c h di e S t a a t e n t r e n nu n g u n d di e Z o l l ­ m a u e r n sind b l ü h e n d e K u l t u r z w e i g e v e r f a l l e n u n d No t u n d E l e n d in di e e i n s t m a l s e r t r a g ­ r e i c h s t e n G e b i e t e e i n g e d r u n g e n . Das wird ver­ ständlich, wenn darauf hingewiesen wird, daß in Gegenden mit Spezialkulturen die einzelnen Landwirte nur einen kleinen Grundbesitz haben, in welchem große Kapitalien investiert sind, und von einigen Hektar Boden eine ganze Familie leben muß. D ie m i t t e l e u r o p ä i s c h e L a n d w i r t s c h a f t h a t i n f o l g e d e s s e n in i h r e r G e s a m t h e i t ein I n t e r ­ esse daran, daß größere W i r t s c h a f t s g e b i e t e g e s c h a f f e n w e r d e n , wo d e r A u s t a u s c h d e r P r o d u k t e d u r c h g e f ü h r t w e r d e n k a n n . Dieser Austausch ist im mitteleuropäischen Raum bei gleichzeitigem Schutz der mitteleuropäischen Landwirtschaft gegen die anders geartete überseeische und russische Produktion möglich, was in dem Buch von Hantos: „Das mitteleuropäische Agrar­ problem und seine Lösung" zahlenmäßig bewiesen ist. Da im Rahmen dieses Buches Brandt auf diese Austausch­ möglichkeiten näher eingeht, sei hier nun kurz unterstrichen, daß auf allen landwirtschaftlichen Gebieten ein Ausgleich innerhalb dieses mitteleuropäischen Wirtschaftsgebietes— teil­ weise auch durch eine kleine Umstellung der Produktion — nach einheitlichen Gesichtspunkten durchgeführt werden kann. Abgesehen davon, daß damit eine Gesundung der Landwirt­ schaft herbeigeführt werden würde, müßte in einem größeren 70


Wirtschaftsgebiet auch eine Gesundung der gesamten Volks­ wirtschaft eintreten, was für die Landwirtschaft deswegen von besonderem Vorteil ist, w e i l d i e L a n d w i r t s c h a f t mi t i h r e r P r o d u k t i o n auf die K a u f k r a f t der ü b r i ­ gen Sch ic hten der B e v ö l k e r u n g angewiesen i s t und i n s b e s o n d e r e die i n t e n s i v e l a n d w i r t ­ schaftliche Produktion in O b s t , G e mü s e , V i e h , M i l c h , E i e r , K a r t o f f e l n u. a. e i n e k a u f ­ k r ä f t i g e A r b e i t e r s c h a f t b r a u c h t . Auch aus d i e s e n G r ü n d e n muß a u c h die L a n d w i r t s c h a f t e i n e r Bildung von g r ö ß e r e n W i r t s c h a tsge b i e t e n zustimmen.

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Zollunion — eine Notwendigkeit für die Landwirtschaft des Südostens. Von Prälat Franz Blaskovics, Temesvar. Der Agrarüberschuß der südosteuropäischen Länder, des­ sen Absatz für diese Länder eine Notwendigkeit ist, kann, wie an anderer Stelle dieses Buches zahlenmäßig näher belegt worden ist, in den mitteleuropäischen Ländern abgesetzt wer­ den, ohne daß in diesen Ländern durch den Import ein Preis­ druck herbeigeführt wird. A ls A b s a t z l ä n d e r k o m m e n vor a l l e m D e u t s c h l a n d , O e s t e r r e i c h und die T s c h e c h o s l o w a k e i i n F r a g e . Wenn diese durch besondere Vereinbarungen den südosteuropäischen Ländern entgegengekommen und so ein regionales Wirtschaftsbündnis verwirklicht wird, dann werden sich bestimmt sehr bald, vielleicht sogar sofort, auch andere europäische, agrarische wie industrielle, Länder diesem Wirtschaftsbündnis anschließen. E in s o l c h e s , g a n z E u r o p a u m f a s s e n d e s W i r t ­ s c h a f t s b ü n d n i s i s t , a g r a r w i r t s c h a f 11i c h g e ­ s ehen, mögl ich, weil E u r o p a keine l a n d w i r t ­ s c h a f t l i c h e U e b e r p r o d u k t i o n a u f w e i s t . Die in einem großen europäischen Wirtschaftsraum mögliche und vor­ zunehmende Rationalisierung der landwirtschaftlichen Pro­ duktion und die mit der Schaffung dieses großen Wirtschafts­ raumes verbundene Steigerung des Konsums würden von selbst die Umstellungsschwierigkeiten wesentlich erleichtern. D a g e g e n ist d e r oft b e h a n d e l t e P l a n ei nes n u r die dr e i L ä n d e r der k l e i n e n E n t e n t e u m ­ f a s s e n d e n r e g i o n a l e n w i r t s c h a f t l i c h e n Zu 72

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s a m m e n s c h l u s s e s n i c h t d u r c h f ü h r b a r , weil die Tschechoslowakei nicht in der Lage ist, die exportierbaren Ueberschüsse der Getreide- wie auch der Viehwirtschaft Ru­ mäniens und Jugoslaviens aufzunehmen, ja, die Tschechoslowa­ kei weist sogar für zwei wichtige Erzeugnisse, nämlich Gerste und Zucker, einen Produktionsüberschuß auf, auf dessen Export sie bedacht sein muß. Innerhalb dieses Wirtschaftsraumes würde also die Landwirtschaft keinen genügenden Absatz finden, es würde innerhalb dieses Raumes sogar zu einem ver­ schärften Konkurrenzkampf kommen. Auch durch einen An­ schluß Oesterreichs würde das Absatzproblem nicht gelöst werden können, denn Oesterreich ist ein zu kleiner Markt, bietet zu geringe Absatzmöglichkeiten. D a g e g e n sind D e u t s c h l a n d und O e s t e r r e i c h in d e r Lage, die E x p o r t ü b e r s c h ü s s e R u m ä ­ n i e n s , U n g a r n s , J u g o s l a v i e n s und B u l g a r i e n s a u f z u n e h m e n . Wenn sich auch die Tschechoslowakei zu einem Abkommen über den Absatz der südosteuropäischen Agrarüberschüsse bereit erklären würde, dann würde sich die Lage wesentlich verbessern. Außerdem ist zu beachten, daß beim Abschluß derartiger Abkommen auch noch Absatzmög­ lichkeiten nach anderen Gebieten bestehen, wie z. B. für Mais nach Italien und der Türkei. E t w a s s c h w i e r i g e r w ü r d e sich die Lage im F a l l e des B e i t r i t t e s P o l e n s g e s t a l t e n , und zwar nicht so sehr für die Agrarländer, sondern vor allem für die Landwirtschaft Deutschlands und der anderen mitteleuropäischen Industriestaaten, denn im Gegen­ satz zu den südosteuropäischen Agrarstaaten erstreckt sich für Polen das Exportbedürfnis auf Waren, für die die anderen Industriestaaten zum Teil auch Exportüberschüsse aufweisen bzw. einen sehr geringen Importbedarf haben. Hinweisen möchten wir auf den polnischen Export von Kartoffeln, Roggen, Zucker und Schweinen. Doch eine Einbeziehung anderer Län­ der in dieses Bündnis würde auch diese Schwierigkeiten be­ seitigen. Grundsätzlich ist zu betonen, daß derartige Bedenken in Anbetracht der umfassenden Zielsetzung nur als kleinlich empfunden werden können und bewußt zurückgestellt werden müssen, denn sonst kann nie ein so umfassendes Werk wie das der weitgehenden Zusammenfassung der mittel- und südost­ europäischen Länder vollbracht werden. 73


Eine w i r t s c h a f t l i c h e Zusammenfassung der m i t t e l - un d s ü d o s t e u r o p ä i s c h e n wi e ü b e r ­ haupt der e u r o p ä i s c h e n Länder ist eine un ­ b e d i n g t e N o t w e n d i g k e i t , d e n n die g e g e n ­ w ä r t i g e w i r t s c h a f t s p o l i t i s c h e S i t u a t i o n in E u r o p a i s t u n h a l t b a r . Infolge der Friedensverträge sind neue zollpolitische Einheiten geschaffen, die Zollmauern nicht nur verlängert, sondern auch beträchtlich erhöht worden. Ueberall setzte sich der Gedanke der Autarkie durch, obgleich dieser im schärfsten Widerspruch zur neuesten Entwicklung der Verkehrsmittel und der Produktivkräfte steht. Die Agrar­ länder hielten es für ihre Aufgabe, künstlich Industrien zu schaffen, für die keine Voraussetzungen gegeben sind, während andererseits die Industriestaaten ohne Rücksicht auf die kli­ matischen und sonstigen natürlichen Bedingungen ihre land­ wirtschaftliche Produktion umgestellt und ausgedehnt haben. Beide Ländergruppen haben zwecks Durchführung dieser Politik Zollerhöhungen über Zollerhöhungen durchführen müssen, denn nur hinter hohen Zollmauern ist ein Vegetieren dieser künstlich geförderten Zweige überhaupt möglich. Von der Agrarschutzpolitik der Industriestaaten werden die südost­ europäischen Agrarländer ungünstig betroffen, und zwar sind die Rückwirkungen so nachteilig gewesen, daß, was insbeson­ dere für Rumänien gilt, d e r Z u s a m m e n b r u c h u n d d e r R u i n d e r A g r a r s t a a t e n z u b e f ü r c h t e n i s t . Ge­ gen eine gewisse Politik zum Schutze der eigenen Landwirt­ schaft soll hier prinzipiell nichts gesagt werden, denn jedes Land hat ein großes Interesse daran, die eigene Lebensmittel­ produktion zu fördern und jene Berufsklasse zu erhalten, welche unter Gottes freiem Himmel heranwachsend und ar­ beitend das physisch und seelisch gesündeste, am Heimatlande hängende konservative Volkselement darstellt. Aber eine solche Zollpolitik wäre höchstens berechtigt gegen Länder, von denen eine Ueberschwemmung droht. Dies trifft aber nicht zu für den Agrarexport des Südostens, denn die geringen zum Export gelangenden Mengen bilden keine Gefahr für die Land­ wirtschaft der mitteleuropäischen Industriestaaten, Der Süd­ osten wird also, indem man unnötigerweise seinen Agrarexport nach M itteleuropa erschwert, zugrunde gerichtet. Diese Not­ lage des Südostens bleibt aber nicht ohne nachteilige Aus-

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Wirkungen für Mitteleuropa. Es ist nicht nur auf den als Konsequenz der mitteleuropäischen Agrarpolitik zu erwarten­ den Rückgang des industriellen Exportes hinzuweisen, sondern auch auf die drohenden sozialen Gefahren. Dieser Zustand erscheint vor allem unhaltbar im Vergleich mit der Lage der überseeischen Agrarländer, die zum Teil fast ebenso groß sind wie ganz Europa und auf diesem weiten Gebiet eine neue Agrarwirtschaft aufgebaut haben. Durch die besonderen Umstände der Kriegs- und Nachkriegszeit sind die überseeischen Länder zu einer bedeutenden Steigerung ihrer landwirtschaftlichen Produktion veranlaßt worden. Fast über­ all wurden neue Ländereien unter den Pflug genommen, Aenderungen der Produktionstechnik kamen hinzu. Die Produktion stieg mehr und mehr, und zwar in weit stärkerem Maße, als es durch die Bevölkerungsentwicklung bedingt gewesen wäre, was als Ergebnis eine Ueberproduktion ergab, für die Uebersee Absatz in Form des Dumpingexportes sucht. In Kanada wurde diese Politik von dem Weizenpool durchgeführt, die Vereinigten Staaten gewähren umfangreiche Kredite. Am stärksten leiden unter diesem Export der übersee­ ischen Länder die südosteuropäischen Agrarländer, zumal deren Landwirtschaft Getreide nicht so billig anbieten kann wie die überseeische Konkurrenz. Diese ungünstige Situation für den Agrarexport ist entscheidend für die wirtschaftliche Gesamtsituation der Länder, denn von der günstigen Ver­ wertung der Agrarprodukte hängt nicht nur die Existenz der 70—80 Prozent der Bevölkerung ausmachenden Landbevölke­ rung ab, sondern auch die von Handel, Gewerbe und Industrie. D ie B a u e r n w i r t s c h a f t e n k ä m p f e n s c h w e r u m i h r e E x i s t e n z , sind sie doch mit sehr hohen Zinsen und schweren Steuern belastet, ist es doch für die Bauernwirtschaft schwierig, die aus hunderttausend Betrieben stammenden Waren zu sammeln und zu standardisieren. Beim Absatz treten die teuren Frachten und die mit den Zollgrenzen ver­ bundenen Hemmungen und Kosten hinzu. Diesen Existenz­ kampf der Bauern muß man vor allem deswegen mit großen Sorgen verfolgen, weil die Bevölkerung dieser Gebiete infolge des jahrhundertelangen Kampfes gegen Tataren und Türken halb verblutet, kulturell und wirtschaftlich zurückgeblieben und in Anbetracht der Nähe zu Rußland bolschewistischer 75


Wühlarbeit viel eher ausgesetzt ist als die irgendeines anderen Gebietes. W e n n d i e B a u e r n s c h a f t d e s S ü d o s t e n s an der A g r a r k r i s e z u g r u n d e g e h t , d a n n wird sie ei ne B e u t e des B o l s c h e w i s m u s , w e l c h e r ü b e r sie h i n w e g mi t d e n K o m m u n i s t e n M i t t e l europas direkte Verbindung erhält. Der wirt­ s c h a f t l i c h e Z u s a m m e n s c h l u ß d e r ‘ I n d u s t r i es t a a t e n M i t t e l e u r o p a s mi t d e n s ü d ö s t l i c h e n A g r a r l ä n d e r n ist also für di e s e e i n e E x i s t e n z ­ f r a g e , für j e n e e i n w i c h t i g e s w i r t s c h a f t l i c h e s I n t e r e s s e , f ü r a l l e e i n e A b w e h r g e g e n die b o l s c h e w i s t i s c h e Gefahr. Diese Erkenntnis ist nicht neu, immer energischer wird deswegen seit Jahren daran gearbeitet, im Interesse der südosteuropäischen Landwirtschaft einen engeren Zusammen­ schluß des Südostens mit den mitteleuropäischen und den an­ deren europäischen Staaten herbeizuführen. In den letzten beiden Jahren folgten Tagungen auf Tagungen, auf denen die Möglichkeiten einer solchen Politik eingehend besprochen wurden. Zuerst wurde vom Südosten eine Abkehr von der Meistbegünstigung vorgeschlagen, weil die Meistbegünstigungs­ klausel auf eine engere wirtschaftliche Verbindung hinzielende Abkommen unmöglich macht. Doch dieser Vorschlag einer Abkehr von der Meistbegünstigungsklausel konnte von Deutschland und den anderen Industriestaaten nicht akzeptiert werden, weil infolge ihrer Absatzinteressen überallhin die Meistbegünstigungsklausel das tragende Prinzip ihrer Handels­ politik sein muß. Wenn auch deswegen z. B. auf einer Tagung des „Deutschen Schutzbund" im März 1929 eine Einigung über den Weg noch nicht erzielt werden konnte, so schwebte doch damals schon allen ein engeres Wirtschaftsbündnis zwischen den südosteuropäischen Agrarländern und den mitteleuropä­ ischen Industriestaaten als Ziel vor Augen. Auf anderen Tagungen, wie auf einer im Dezember in Berlin, wurde jedoch in steigendem Maße Kritik am Meistbegünstigungssystem er­ hoben, und auf der Tagung des „Mitteleuropäischen W irt­ schaftstag" in Breslau im Februar/März 1930 sprach man sich offen für ein Wirtschaftsbündnis aus, das als Ausnahme von der Meistbegünstigungsklausel gedacht w ar und aufgebaut werden sollte. Auf einem Kongreß der „Deutschen Bauern76


und Landvolkverbindungen in Prag" im Mai 1930 fand ich schon weitgehende Unterstützung, als ich, wie im März 1929 in Berlin, für ein mitteleuropäisches Bündnis eintrat. Die gün­ stige Aufnahme des Gedankens ist um so bemerkenswerter, weil an dieser Tagung Vertreter der Landwirtschaft Deutsch­ lands, Oesterreichs und der Tschechoslowakei teilnahmen, die von einem solchen Wirtschaftsbündnis eine Konkurrenz der südosteuropäischen Agrarländer hätten befürchten können. Es wurden auch gewisse Bedenken geäußert, aber es konnte nach­ gewiesen werden, wie wenig berechtigt sie sind. So heißt es denn auch im Beschluß der Versammlung dieser Tagung: „Die Aussprache ergab, daß der Gedanke eines Zollverbandes von Mittel- und Südosteuropa auch vom landwirtschaftlichen Ge­ sichtspunkt zunehmend an Zustimmung gewinnt," I n d i e s e r Z e i t h i e l t e n es a u c h d i e R e g i e ­ r u n g e n f ü r a n g e b r a c h t , d i e I n i t i a t i v e zu e n t ­ w i c k e l n , die v i e l f a c h p r o p a g i e r t e n V o r ­ s c h l ä g e z u v e r w i r k l i c h e n . Im Juli 1930 bildete sich der aus Rumänien, Jugoslavien und Ungarn bestehende A g r a r b l o c k , dessen Bildung ein Beweis dafür ist, daß in Zeiten einer großen Wirtschaftsnot politische Gegensätze zu­ rücktreten, Ende August schloß sich auch Polen dem Agrar­ block an, dessen andersgeartete Interessen aber die Tätigkeit des Blocks eher schwächten als stärkten. Die Mitglieder des Agrarblocks konnten sich zwar gegenseitig keine wesentlichen direkten Vorteile gewähren, sie konnten aber ihre Positionen * dadurch stärken, daß sie den anderen Ländern gegenüber ge­ meinsam auftraten, so ihre Forderung durchzudrücken ver­ suchten. Gleichzeitig bemühte man sich im Kreise des Völker­ bundes, den von Briand angeregten Plan einer Zusammen­ fassung der europäischen Länder zu verwirklichen. Die Ver­ handlungen zeigten jedoch, daß man kaum die Interessen aller europäischen Staaten in einer Formel würde zusammenfassen können, vielmehr, was vor allem von dem damaligen öster­ reichischen B u n d e s k a n z l e r S c h o b e r unterstrichen wurde, darauf bedacht sein müßte, die benachbarten Staaten zunächst für gemeinsame Aktionen zu gewinnen. Es ent­ wickelten sich daraufhin Verhandlungen im mittel- und südost­ europäischen Wirtschaftsraum, die von den Organen des Völ­ kerbundes zum Teil gefördert und ergänzt wurden, wie z. B, im 77


Rahmen der Pariser Agrarkonferenz, deren Arbeiten später in Rom und London fortgesetzt wurden. Es folgten als Höhe­ punkte dieser Entwicklung die Tagung des „Mitteleuropäischen Wirtschaftstag" Mitte März in Wien, der Abschluß eines Vor­ vertrages über eine Zollunion zwischen Deutschland und Oesterreich und die Verhandlungen wie auch der Abschluß von Präferenzverträgen zwischen südost- und mitteleuro­ päischen Staaten, Auf diese einzelnen Ereignisse braucht an dieser Stelle nicht weiter eingegangen zu werden, das Schick­ sal dieser Bemühungen ist bekannt. A k t u e l l s i n d e i n s t w e i l e n n u r die P r ä f e ­ r e n z v e r t r ä g e , die die schwer bedrohten südosteuro­ päischen Agrarländer abgeschlossen haben bzw, abschließen werden, die die Anerkennung des Völkerbundes gefunden haben, wohl auch von allen meist begünstigten Nationen als Ausnahme von der Meistbegünstigungsklausel anerkannt wer­ den und somit in Kraft treten können. Diese Präferenzverträge bilden ohne Zweifel eine Erleichterung, beseitigen aber k e i n e s w e g s die u n e r t r ä g l i c h e A g r a r k r i s e des e u r o p ä i s c h e n S ü d o s t e n s , Wenn auch an Stelle der bisher von Deutschland bewilligten Präferenz für Weizen in Höhe von leider nur 25 % eine solche von 50 % treten würde, so besagt das noch nicht viel. Der Weizenpreis beträgt z. B, in Deutschland 26—27 RM pro Doppelzentner, der Einfuhrzoll 25 RM, Bei einer angenommenen 50 %igen Präferenz wäre ein „ Weizenpreis von etwa 14,50 RM zu erzielen. Nach Abzug von Fracht- und sonstigen Exportspesen ergibt sich für Rumänien ein Preis von höchstens 11,— RM pro Doppelzentner. Dieser Preis würde zwar eine Besserung der heutigen Lage bedeuten, ist aber von einem rentablen Preis noch weit entfernt- Wenn gar nur eine Weizenpräferenz von 25 % bewilligt wird, wie sie im deutsch-ungarischen Vertrag vorgesehen ist und auch Ru­ mänien zugute kommt, dann verbleibt für das weite Gebiet des Banats, für das Weizen von entscheidender Bedeutung ist, eine sehr schlechte Situation, ein weiteres Anhalten der Krise. Die für F uttergerste vorgesehene Präferenz läßt dem rumänischen Landwirt einen Verkaufspreis von höchstens 5—6 RM pro Doppelzentner, bei welchem er aber unmöglich bestehen kann. 78


Di e s e P r ä f e r e n z v e r t r ä g e sind also kein wesentlicher Fortschritt. Wenn der deutschrumänische Vertrag dennoch in den offiziellen Kreisen Ru­ mäniens als großer Erfolg verbucht worden ist, so ist dies nur ein Zeichen für die reichlich bekannte Oberflächlichkeit dieser Kreise. E i n e w i r k l i c h e L ö s u n g d e r m i t t e l e u r o ­ p ä i s c h e n W i r t s c h a f t s k r i s e und eine Re t t u n g aus dem h e u t i g e n El end ist dagegen nur mö g ­ lich bei ei nem weit enger e n wi rt s chaf t l i c hen Z u s am me n s ch l u ß der mi t t e l e ur opä i sc he n I n ­ d u s t r i e s t a a t e n mi t d e n s ü d o s t e u r o p ä i s c h e n A g r a r l ä n d e r n . D e r g e g e b e n e We g w ä r e e i ne Z o l l u n i o n , wobei zur Erleichterung des Ueberganges Zwischenzölle für eine gewisse Zeit festgesetzt werden könn­ ten, Dieses Ziel wird nach der jahrelang betriebenen Politik der Autarkie nur schwer zu erreichen sein, aber dennoch muß es angestrebt werden. Er wäre am ehesten da zu realisieren gewesen, wo die geringsten Widerstände sind, d. h. zwischen Deutschland und Oesterreich, doch mußte dieses Projekt leider zurückgestellt werden. Aber dennoch i s t am V o r s c h l a g der Zol l uni on f e s t z u h a l t e n , eine m i t t e l e u r o ­ p ä i s c h e Z o l l u n i o n al s E t a p p e f ür e i n e e u r o ­ p ä i s c h e m i t a l l e n K r ä f t e n a n z u s t r e b e n . Di e Z o l l u n i o n i s t d e r e i n z i g e We g , d e r E u r o p a a u s der h e u t i g e n Ze r r i s s e n h e i t und dem W i r t ­ s c h a f t s e l e n d b e f r e i e n k a n n . Er f ü h r t z u e i n e r r a t i o n e l l e r e n und r e n t a b l e r e n P r o d u k t i o n und d a m i t zur sozi al en und p o l i t i s c h e n B e ­ f r i e d u n g Europas.

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Die Bedeutung von Praferenzverträgen für die mitteleuropäische Industrie. Von Dr. phil. Ing. agr. O t t o v o n F r a n g e ä , jugoslavischer Minister a. D. und Professor an der Universität Zagreb, Seit F r i e d r i c h L i s t seine Wirtschaftsstufentheorie des Agrikultur-Manufaktur-Handels-Staates formuliert hat, gilt es als Dogma, daß jedes Volk diese Stufen einer wirtschaftlichen Entwicklung zurücklegen, daß jede Nation dieser Entwicklung als einem Ideal zustreben muß, denn nur so sei es jedem Staat möglich, seine Bevölkerung zu vermehren und zu versorgen, die Entwicklung der politischen Freiheit, der Wissenschaften und Künste zu fördern, seine Unabhängigkeit und Macht sicherzustellen. Deutschland hat auf dem von List vorgezeich­ neten Wege und diesem Ideale zustrebend seine höchste Ent­ wicklung erreicht. Es ist selbstverständlich, daß alle noch relativ unentwickelten Staaten den so augenscheinlich bewähr­ ten Weg ebenfalls beschreiten wollen und sich bemühen, möglichst rasch von der niedereren Entwicklungsstufe zum Agrikultur-Manufakturstaat und schließlich zur Stufe des Agrikultur-Manufaktur-Handelsstaates zu gelangen. Ohne Zweifel beeinflußt diese Auffassung von List weitgehend die wirtschaftlichen Maßnahmen fast aller Staaten, speziell der Südoststaaten Europas, haben wir es vor allem ihr zu ver­ danken, wenn die Bestrebungen in diesen Ländern nach Schaf­ fung eigener Industrien mit Hilfe protektionistischer Maß­ nahmen zu dem heutigen Zustande in Europa führten. Allerdings hat auch der heutige Liberalismus, der vielleicht seinen größten 80


Triumph in den Beschlüssen der Genfer Wirtschaftskonferenz des Jahres 1927 feierte, die Ansichten der Wirtschaftspolitiker wie überall so auch im Südosten beeinflußt, aber dieser Einfluß blieb wie derjenige der Beschlüsse der Weltwirtschaftskonferenz überhaupt ohne größere praktische Wirkung. Andererseits erstanden für den Zollschutz neue Verfechter, die ihre An­ sichten mit außerordentlich scharfem wissenschaftlichen Rüst­ zeuge vertreten. Es würde zu weit führen, hier Namen an­ zuführen, die ohnedies geläufig sind. Es soll jedoch eines ganz hervorragenden Werkes dieser Richtung Erwähnung getan werden, das verdient, weit mehr gewürdigt zu werden. Es ist die Studie von M i h a e l M a n o i l e s c o : „Theorie du protectionisme et de l'echange international". Mit einem frischen Wagemut geht Manoilesco*) den unantastbarsten Dogmen der alten und neuen Schulen der Nationalökonomie zu Leibe, er wagt es, das klassische Beispiel Ricardos vom Güteraustausch zwischen England und Portugal mathematisch und rationalistisch zu widerlegen, und versucht zu beweisen, daß ein Agrarland in bestimmten Fällen wirtschaftlich besser fährt, wenn es mit Hilfe von Schutzzöllen Industrien schafft. „Es ist besser, teure (industrielle Gegenstände) teuerer zu erzeugen als bil­ lige Waren (landwirtschaftliche Produkte) billiger herzustellen." Dies ist eine der Schlußfolgerungen der Theorie Manoilescos. Derartige Argumente werden zur Rechtfertigung angeführt, wenn z. B. Jugoslavien wie auch Bulgarien auf Pflüge im Werte von 5—700 Din einen Einfuhrzoll von ca. 300 Din, auf Kupfer­ vitriol im Werte von 3—400 Din einen Einfuhrzoll von ca. 100 Din legt, obgleich es keine einzige halbwegs leistungsfähige landwirtschaftliche Maschinenfabrik und eine nur künstlich haltbare chemische Industrie besitzt, wenn überhaupt bei der Einfuhr von Automobilen, Traktoren, landwirtschaftlichen Maschinen jeder Art, elektrischen Maschinen und Apparaten, Nähmaschinen, Chemikalien, Farben u. a. von allen Südostund Oststaaten hohe Zölle erhoben werden, obwohl diese Länder weder über die entsprechenden qualifizierten Arbeiter und Ingenieure noch über das Rohmaterial für eine solche Fabrikation verfügen. Zweifellos wird dadurch der Gebrauch *) M a n o i l e s c o war im Regime der Bauernpartei unter Maniu und ist im jetzigen Regime des Ministerpräsidenten Jorga Handelsminister von Rumänien.

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von z. B. besseren landwirtschaftlichen Geräten und Maschinen in diesen Ländern im allgemeinen erschwert, ja zu Zeiten einer Krise wie der jetzigen unmöglich gemacht, da diese Kapitals­ anlagen bei den niedrigen Preisen für landwirtschaftliche Pro­ dukte weder amortisiert noch verzinst werden können, aber trotzdem wird an dieser Politik anscheinend festgehalten. W ir w o l l e n d i e N o t w e n d i g k e i t v o n M a ß ­ nahmen zugunsten einer Industrialisierung n i c h t b e s t r e i t e n , wi r m ö c h t e n sie j e d o c h für d i e G e g e n w a r t a u f e i n g e w i s s e s Ma ß b e s c h r ä n ­ ken. S p ä t e r , n a c h d e r e r w ü n s c h t e n E r s t a r ­ k u n g d e r S ü d o s 11ä n d e r , k ö n n e n j e n e M a ß ­ nahmen getroffen werden, welche einen A u s ­ bau von I n d u s t r i e n auch in den S ü d o s t l ä n d e r n ermöglichen sollen. Unsere Auffassung bedingt keineswegs einen Verzicht der Südostländer auf die Industri­ alisierung, auf die Bestrebungen, an Stelle der unterbundenen Emigration im eigenen Lande Beschäftigung für überschüssige landwirtschaftliche Arbeitskräfte zu schaffen, wie auch auf eine Intensivierung der Landwirtschaft. Es sollen nur diese Maß­ nahmen den Bedürfnissen der Gegenwart, der Krise der W elt­ wirtschaft angepaßt werden. Dies wäre sowohl in bezug auf die Maßnahmen im Inneren der Staaten als auch in ihren Be­ ziehungen zum Auslande zu berücksichtigen. Es soll der Zweck dieser Zeilen sein, einige Gesichtspunkte darzulegen, von welchen aus das Problem beurteilt werden kann. Vor allem wollen wir uns einige Tatsachen vor Augen führen, welche für das Verständnis der Sachlage notwendig sind, W o y t i n s k y * *) zeigt in einer tabellarischen Zusammen­ stellung, daß die Produktivität der Arbeit in der Landwirtschaft bedeutend geringer ist als in anderen Produktionszweigen. M a n o i l e s c o “ ) berechnet, daß im Durchschnitt von 22 Staa­ ten alle menschlichen Betätigungen etwa £,35 mal produktiver sind als die Betätigung in der Landwirtschaft. Speziell für Rumänien weist Manoilesco nach, daß die Produktivität eines landwirtschaftlichen Produzenten nur 820 schw, Frs, jährlich beträgt, d. h. nur 2,25 schw. Frs. je Tag. In Oesterreich betrug *) W oytinsky: Die W elt in Zahlen, Band IV, S. 6—13. **) Manoilesco: Theorie du Protectionisme, Paris 1929, S. 61.

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der W ert der landwirtschaftlichen Produktion per Kopf der landwirtschaftlichen Bevölkerung vor dem Kriege 490 Gold­ kronen, der W ert der industriellen Produktion per Kopf und Jahr der in der Industrie Beschäftigten hingegen 1 683 G.-Kr. In Ungarn betrugen die entsprechenden Ziffern 815 G.-Kr. für die landwirtschaftliche und 1291 G.-Kr. für die industrielle Betätigung. In Jugoslavien ist die Zahl für die landwirtschaft­ liche Betätigung 295 schw, Frs,, die für die industrielle 1320 schw, Frs. Diese Ziffern haben keine absolute Beweiskraft dafür, daß die Produktionswerte der Landwirtschaft gegenüber denen der Industrie tatsächlich derart untergeordnet sind, denn unberück­ sichtigt bleiben einige Momente, welche das Verhältnis zu­ gunsten der Landwirtschaft wesentlich verschieben. So ist z. B. zu beachten, daß der Wert der Produktion in der Land­ wirtschaft nur die Kosten der nicht selbst produzierten Be­ darfsgüter zu decken hat, da die Ausgaben für Wohnung, Nahrung, Heizung usw, schon anderweitig gedeckt sind, wäh­ rend der industrielle Produzent seine gesamte Lebenshaltung aus dem W ert der Produktion resp. seinem Arbeitsverdienst zu decken hat. Nichtsdestoweniger muß als erwiesen an­ gesehen werden, d a ß in d e r l a n d w i r t s c h a f t l i c h e n P r o d u k t i o n je K o p f d e r B e s c h ä f t i g t e n we n i g e r p r o d u z i e r t w i r d al s in de r i n d u s t r i e l l e n . Eine weitere Tatsache ist die r e l a t i v e U e b e r b e v ö l k e r u n g d e r A g r a r l ä n d e r des Südostens. Dr. H o l l m a n n * ) weist darauf hin, daß in Dänemark auf 100 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche 32,4 Personen der landwirt­ schaftlichen Bevölkerung (Berufstätige und Angehörige), in Jugoslavien (einschließlich Wiesen und Weiden) dagegen 83,5 Personen, also mehr als 2'/> mal soviel entfallen. Wir fügen hinzu, daß in Rumänien auf 100 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche 83, in Ungarn 61, in Bulgarien 92 Personen entfallen. Schließlich noch eine Feststellung: nach Untersuchungen von Dr. P o 5 t i 6 wird in den landwirtschaftlichen Betrieben in Slavonien nur 34 % der vorhandenen Arbeitskraft der Bauern effektiv in der eigenen Wirtschaft ausgenutzt. In *) Dr. A. H. Hollmann: Agrarverfassung und! Landwirtschaft Jugoslaviens. Berlin 1931, S. 67.

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Rumänien dürfte der Prozentsatz noch etwas niedriger, in Ungarn etwas höher liegen. A us d i e s e n Zahl en e r s e h e n wir, daß in den S ü d o s t l ä n d e r n a u ß e r o r d e n t l i c h v i e l A r b e i t s k r a f t b r a c h l i egt , die sich in d e r e i g e n e n W i r t s c h a f t n i c h t b e ­ tätigen kann und deshalb ander we it ige V e r ­ d i e n s t m ö g l i c h k e i t e n a u f s u c h e n mu ß . Daher die große Auswanderung aus diesen Ländern, die zurzeit allerdings vielfach unterbunden ist, wodurch der heimische Arbeitsmarkt stark belastet wird. Diesem Uebelstande kann nur durch In­ dustrialisierung dauernd geholfen werden, deswegen i s t d a s Verlangen der Südostländer nach Ausbau i h r e r I n d u s t r i e n a t u r n o t w e n d i g und v o l l k o m ­ men b e r e c h t i g t . A b e r auch ein a n d e r e s V e r ­ l a n g e n ist b e r e c h t i g t un d ist noch d r i n g e n d e r als die I n d u s t r i a l i s i e r u n g ; n ä m l i c h das n a c h b e s s e r e n V e r k a u f s m ö g l i c h k e i t e n für die landw i r t s c h a f t l i c h e n P r o d u k t e , um m i n d e s t e n s die G e s t e h u n g s k o s t e n e i n s c h l i e ß l i c h e i nes a n g e m e s s e n e n A r b e i t s l o h n s d e c k e n zu k ö n n e n . Wie können nun diese berechtigten Notwendigkeiten be­ friedigt werden, welcher Weg „des geringsten Widerstandes" führt dazu? In den Diskussionen über die Mittel und Wege zur ‘Be­ hebung der Agrarkrise wird häufig die Rationalisierung und Intensivierung nach amerikanischem Muster empfohlen, um da­ durch die Produktion je Flächeneinheit zu erhöhen und eine Verbilligung der geernteten Gewichtseinheit zu erzielen. Diese Argumentation ist rein kapitalistisch gedacht und leidet an demselben schicksalschweren Fehler, an welchem auch die „Amerikanisierung" der Industrie leidet. Sie will immer weiter k a p i t a 1 s intensiv statt a r b e i t s intensiv werden. F ü r d ie A g r a r l ä n d e r S ü d o s t e u r o p a s i s t d e r We g d e r K a p i t a l s i n t e n s i v i e r u n g (Beschaffung von ar­ beitsparenden Maschinen, von Kunstdüngern etc.) f a l s c h , diese Länder dürfen und können nur durch v e r s t ä r k t e A n w e n d u n g des A r b e i t s f a k t o r s im P r o d u k t i o n s p r o z e ß einen w i r t s c h a f t l i c h e n E r f o l g e r z i e l e n , wie durch häufigeres Behacken aller Früchte, durch M ähen mit der Sense statt mit der Maschine,

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durch Kultivierung von viel Arbeitsaufwand erfordernden Pflanzen (Tabak, Opium, Hanf, Soja, Gemüse usw.). Diese Methoden sind für den Großgrundbesitz nicht leicht anwend­ bar, weil er die Arbeitskraft bezahlen muß, sie sind aber lohnend für den selbst schaffenden Kleinbauer, dessen Arbeits­ kraft ohnedies nicht genügend ausgenützt ist, so daß jedes Mehr an Ertrag einen reinen Nettoerwerb darstellt. Dadurch würde auch die Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit bedeutend steigen, — weit über die von Woytinsky und Manoilesco gegebenen Zahlen — und die Konsumfähigkeit der Landwirte für Industrieartikel aller Art entsprechend gehoben. Die erhöhte Aufnahmefähigkeit würde sich in der Beschaffung von landwirtschaftlichen Geräten und Maschinen äußern, die trotz der Arbeitsintensivierung für den landwirtschaftlichen Betrieb unumgänglich notwendig sind; so von Pflügen, Eggen, Sämaschinen, Dreschmaschinen, Getreideputzmaschinen u. a. Ueberdies aber würde der lange zurückgehaltene Bedarf an Kleidern, Wäsche, Stiefeln, wie auch an Eisen, Leder, Geschirr, Glas, Steingut usw. in Erscheinung treten und ein erhöhter Konsum aller Lebens- und Genußmittel zu erwarten sein, — die Krise würde in ihr Abbaustadium treten. D i e s e r G e ­ s u n d u n g s p r o z e ß i st in s e i n e m E n d e r f o l g e p o ­ s i t i v s i c h e r , — a b e r er k a n n si ch nur in e i n e r Reihe von Ja hr en zielbewußter propagan­ d i s t i s c h e r T ä t i g k e i t auswirken. Im Verlaufe dieser Entwicklung würden gewiß immer mehr Arbeitskräfte gebunden und dauernd beschäftigt, aber es werden noch nicht alle Arbeitskräfte voll ausgenutzt. Z u r E r g ä n z u n g b e d a r f es i n d u s t r i e l l e r B e s c h ä f t i g u n g e n , und z wa r sol cher, wel che eine g r o ß e Z a h l v o n A r b e i t e r n a b s o r b i e r e n , wi e es v o r a l l e m bei de r Abhol zung und Ve r we r t u n g v o n W ä l d e r n u n d i m B e r g b a u d e r F a l l is t . Für beides bieten Jugoslavien und Rumänien reichliche Gelegen­ heit, nur hat die allgemeine Krise diese Erwerbszweige auch in Mitleidenschaft gezogen, und sie könen zurzeit nicht so viele Arbeitswillige beschäftigen als dies sonst der Fall wäre. Wir wollen jedoch festhalten, daß diese Industrien mit ihren Zwei­ gen (Sägewerken, Holzdeställerien, - Tanninfabriken, Möbel­ fabriken, Hochöfen, Walzwerken, Metallindustrien aller Art 85


Petroleumraffinerien u. a.) für die Südostländer als autochthon gegeben sind. Weiter sind als ausgesprochen bodenständig die Industrien anzusehen, welche landwirtschaftliche Erzeugnisse verarbeiten, also Mühlen, Zuckerfabriken, Spiritusbrennereien, Hefe-, Stärke- und Dextrinfabriken, Bierbrauereien, Mälze­ reien, Weindestillerien, Weinessigfabriken, Molkereien, Fleischund Gemüse-Konservenfabriken usw. usw. Schließlich müssen auch die Industrien der nationalen Verteidigung, die jeder Staat für sich allein ausbauen muß, als notwendig angesehen werden. Alles, was über diesen Rahmen der i n ­ d u s t r i e l l e n P r o d u k t i o n h i n a u s g e h t , ist für die A g r a r l ä n d e r d e r z e i t ni cht l e b e n s n o t ­ w e n d i g ; die Schaffung aller nicht bodenständigen oder unter den weiten Begriff der Industrien der nationalen Verteidigung fallenden Fabriken, ihr Ausbau und ihre Förderung kann ver­ tagt werden oder gänzlich unterbleiben, so lange die jetzige Krise anhält. Wir sollten eigentlich statt „ k a n n " „ m u ß “ sagen, denn diese Staaten müssen danach t r a c h t e n , daß sie die t ä g l i c h e n B e d a r f s ­ g e g e n s t ä n d e i h r e r A n g e h ö r i g e n g e r a d e in d e r j e t z i g e n K r i s e n i c h t v e r t e u e r n . Dies aber geschieht, wenn eine neue, nicht in die Gruppe der früher ge­ nannten Industrien gehörige Fabrikation aufgenommen und unter Zollschutz gestellt wird. Dadurch wird der Konsument gezwungen, nicht nur seine Bedarfsdeckung zu höheren Preisen vorzunehmen, sondern er erhält zu diesem höheren Preise zu­ meist ein in der Qualität schlechteres Produkt, so daß er doppelten Schaden erleidet. Den Luxus einer solchen dop­ pelten Belastung der Konsumenten dürfen sich die A grar­ staaten derzeit, so lange sie die Krise ihrer agrarischen E r­ zeugung nicht überwunden haben, keinesfalls leisten. S i e m ü s s e n im V e r f o l g des A u f s t i e g e s zum A g r i k u l t u r - M a n u f a k t u r - H a n d e l s s t a a t e eine Ze i t­ la n g still s t e h e n und die Basis d i e s e s A u f ­ s t i e g e s , i h r e A g r i k ul t u r , e r s t e r s t a r k e n u n d g e s u n d e n lassen. Von diesen Erkenntnissen ausgehend ist die Frage der W echselbeziehungen zwischen den m itteleuropäischen In­ dustriestaaten und den Agrarländern des Südostens ziemlich k la r zu überblicken. W ir wiederholen das schon früher ge86


sagte: D ie S ü d o s t l ä n d e r s o l l e n a u f d i e k ü n s t ­ l i c he S c h a f f u n g n e u e r I ndustrien verzichten, a n d e r e r s e i t s s o l l e n s i e , g e w i s s e r m a ß e n al s E n t g e l t f ü r d i e s e E n t h a l t s a m k e i t , di e M ö g ­ l i c h k e i t e r la n g e n , ihre landwirtschaftlichen P r o d u k t e in den m i t t e l e u r o p ä i s c h e n St aa t en z u d e r e n I n l a n d s p r e i s e n a b z u s e t z e n . Eine da­ hingehende Regelung kann im Wege von bilateralen Handels­ verträgen getroffen werden, in welchen sich die vertragschlie­ ßenden Parteien jene Präferenzen zusichern, die ihren Inter­ essen am besten entsprechen. Um Störungen der Preisbildung im eigenen Staatsgebiete zu verhüten, kann die Abwickelung der Geschäfte in den die Präferenz genießenden Artikeln durch kontrollierende Zentralen gehen, die jedoch den freien Handel durchaus nicht zu erschweren brauchen. Sie haben lediglich Ausfuhrscheine in Höhe der entsprechenden vereinbarten Präferenz zu verteilen und die Kontrolle über die Mengen und Qualitäten auszuüben, die im Rahmen der Verträge die Be­ günstigungen genießen sollen. Es ist ziemlich gleichgültig, in welcher A rt die Zollbegünstigungen*) zur Durchführung ge­ langen. Es kann dies im Wege einer Subvention von Seiten der Ausfuhrstaaten geschehen oder im Wege einer Stundung des Zolles an den Grenzen und einer Clearing-Abrechnung am Jahresschluß oder im Wege besonderer tarifarischer Begünsti­ gungen oder mehrerer solcher Maßnahmen. Keinesfalls darf einer der Partner mehr opfern als er gewinnt, — do ut des muß das Prinzip der Abmachungen sein, sonst können sie niemals dauernd tragfähig sein. Wir bezeichneten es als wünschenswert, daß die Verträge von Staat zu Staat, nicht zwischen Gruppen von Staaten ge­ schlossen werden, und zwar aus dem einfachen Grunde, w e i l die S c h w i e r i g k e i t e n der mu l t i l a t e r a l e n Bin­ d u n g e n u n ü b e r w i n d l i c h e r s c h e i n e n . Aber auch die bilaterale Bindung kann Schwierigkeiten bieten, sobald ein Agrarstaat mit mehreren Industriestaaten Präferenzverträge abschließen will, da Interessengegensätze auftauchen können, wenn verschiedene Staaten für die gleichen Industrieartikel *) Vgl. hierzu den von mir in Heft 4, Jahrgang 2 der „EuropaWirtschaft" näher entwickelten Vorschlag.

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Begünstigungen verlangen. Diese Schwierigkeiten vermindern sich in weitgehendem Maße, wenn die Begünstigungen auf Spezialartikel beschränkt werden, die der betreffende Staat produziert. Wenn wir als Beispiel Jugoslavien, Rumänien und Ungarn nehmen, so kommen als Lieferanten von Industrie­ waren für diese drei Agrarstaaten vor allem die Industrie­ staaten Italien, Frankreich, die Schweiz, Oesterreich, die Tschechoslowakei und Deutschland in Betracht, Was diese Industrieländer im Jahre 1929 in den drei genannten Südost­ staaten absetzten, geht zum Teil aus nachfolgender Aufstellung hervor, die jedoch nur die hauptsächlichsten Exportgüter be­ rücksichtigt, also kein Bild über den Gesamtexport gibt, der sich für die einzelnen Staaten auf mindestens das Doppelte belaufen dürfte. Italien:

Gesamtexport 14,9 Milliarden Lire, davon gingen an die drei Südoststaaten: Artikel

in Mill. Lire

Seidenwaren . . . 11 Baumwollwaren . . . 228 Wolle, Modeartikel, Jute u. sonst. Gespinste 68 18 Automobile . . . . insgesamt 325 Mill. rankreich: Gesamtexport 55,2 Milliarden Frs., Südoststaaten: A rtikel

in Mill, Frs.

S t o f f e ......................... Metalle . . . . . . metallurg. Erzeugnisse Gespinste . . . . . Häute und Pelze . . Wäsche . . . . . Automobile . . . . chemische Produkte . insgesamt

88

51 6 62 35 5 7,5 25 5 196,5 Mül. = 0,04 % des Gesamtexports.


Schweiz : Gesamtexport 2,1 Milliarden Frs., davon gingen an die drei Südoststaaten: Artikel

in Mill. Frs.

Uhren ........................ 5 Seidenwaren . . . . 5 M a s c h in e n ................... 9 Baumwollwaren . . . 10 Farben ........................ 2,6 insgesamt 31,6 Mill. Frs. = 0,01 % des Gesamtexports. terreich: Gesamtexport 1,1 Milliarden Schilling, davon gingen an die drei Südoststaaten: Artikel

in Mill. Schilling

Gespinste und Baumwollartikel Papier u. Papeterie Eisen u. Eisenartikel . Seide u. Seidenwaren . Wolle u. Wollstoffe elektr. Einrichtungen . Leder und Lederwaren

92 47 54 24 38 35 15

insgesamt 305 Mill. Schilling = 30 % des Gesamtexports. Tschechoslowakei: Gesamtexport 20,5 Milliarden Kr., davon gingen an die drei Südoststaaten: Artikel

in Mill. Kr.

Baumwolle und Baumwollgewebe . 951 Wolle u. Wollartikel . 348 Eisen und Eisenartikel 381 Leder und Lederwaren 89 Glas und Porzellan . 84 insgesamt 1853 Mill. Kr. = 9,2 % des Gesamtexports. 89


Deutschland: Gesamtexport 13,5 Milliarden Mk., davon gingen an die drei Südoststaaten: A rtikel

in M ill Mk.

Eisenfabrikate . , . 8 8 Maschinen . . . . 66 G e w e b e .................... 33 Farben und chemische Artikel . . . . 32 Kohle und Koks . . 7,5 elektr. Einrichtungen . 2 8 insgesamt 254,5 Mill. Mk. = 1,96 % des Gesamtexports. Aus dieser kurzen Zusammenstellung (die auf dem Zahlen­ material der zweiten Zollfriedenskonferenz fußt) ersehen wir, daß jeder Staat besondere Spezialartikel liefert, die vor allem bei der Einstellung von Präferenzialtarifen zu berücksichtigen wären: Italien Baumwollartikel, Trikotagen und Automobile, Frankreich Stoffe und Luxusartikel, die Schweiz Uhren, Oester­ reich Gewebe, Leder und Papier, die Tschechoslowakei Glas und Porzellan, Deutschland Farben und chemische Artikel. — Allen Industriestaaten gemeinsam ist die Ausfuhr von Stoffen und Maschinen. Aber auch hier bestehen Spezialisierungen. So z. B. beziehen die Südostländer niemals Pflüge, Eggen und Sämaschinen aus Italien, der Schweiz oder Frankreich, und zwar weil die in diesen Ländern erzeugten Typen weder dem Boden noch den Zugtieren der südöstlichen Agrarstaaten ent­ sprechen. Pflüge werden zumeist aus Deutschland, Sämaschi­ nen aus der Tschechoslowakei, Getreidereinigungsmaschinen aus Oesterreich, Dreschmaschinen aus Ungarn bezogen. Loden­ stoffe liefert Oesterreich, Halina die Tschechoslowakei, leichte Seide Italien, schwere Frankreich. Wir könnten die Liste noch bedeutend vergrößern, aber es dürfte aus diesen Beispielen genügend erhellen, d a ß d a s P r ä f e r e n z i a l r e g i m e k e i n e s w e g s die I n t e r e s s e n a n d e r e r S t a a t e n s c h ä d i g e n muß, w e n n bei s e i n e m A u s ­ b a u v o r a l l e m d i e S p e z i a 1a r t i k e 1 j e d e s L a n ­ d e s b e r ü c k s i c h t i g t w e r d e n . Auf diese Art ergibt sich die M ö g l i c h k e i t d e s A u s b a u e s e i n e s v i e l 90


{ach v e r s c h l u n g e n e n G e f l e c h t e s von b i l a t e ­ ralen und regionalen Präferenzverträgen z w i s c h e n d e n s ü d o s t - und m i t t e l e u r o p ä i s c h e n L ä n d e r n , d a s s c h l i e ß l i c h i n d i e so s e h r e r ­ wünschte europäische Z o l l u n i o n mü n d e n müßte.

Wenn derartige Pläne verwirklicht würden, wie würden sich die neuen Beziehungen zwischen diesen Staaten in Werten auswirken? Wenn die Südoststaaten für Weizen auch nicht den vollen, aber doch den ungefähren Inlandspreis in Italien, Frankreich und Deutschland erhalten würden, so würde dies bei durchschnittlichen Exportmengen und bei einer Preisdifferenz zwischen Weltmarktpreis und Inlandspreis der Importländer von 15 Gold-Frs. für Weizen eine direkte Mehreinnahme der Südostländer von 87 Millionen Gold-Frs. ergeben. Da aber der Auslandspreis auf die Höhe des Inlandspreises im Sinne einer Angleichung, d. h. einer Er­ höhung wirkt, so würde der Mehrwert der Weizenernte in den drei Südoststaaten annähernd 1,15 Milliarden Gold-Frs. be­ tragen.*) Wenn wir die sonstigen Getreidearten, deren Preis in Korrelation mit dem Weizenpreis steht, mit berücksichtigen, so ergibt dies einen Mehrwert von 2—2,5 Milliarden Gold-Frs. Um diesen Betrag würde sich das Nationaleinkommen der drei Südoststaaten erhöhen, die Kaufkraft der Agrarländer steigen, würden die Absatzmöglichkeiten der Industrieländer erhöht werden. Wir haben oben gesehen, daß der Wert der wichtigsten aus den Industriestaaten Europas in die agrarischen Südost­ staaten exportierten Industrie-Artikel ca. 780 Millionen RM. beträgt. Wenn wir zu den wichtigsten auch noch die in der Zusammenstellung des Völkerbundes nicht erwähnten Artikel hinzunehmen, so ergibt sich mehr als die doppelte Summe als Wert des derzeitigen Exportes, d. h. etwa 1,5 Milliarden RM. Falls die Kaufkraft in den Südostländem in der geschilderten *) Im Durchschnitt der Jahre 1928—1930 betrug die Ernte in Jugoslavien 26000000 Mtz., in Rumänien 28 000000 Mtz., in Ungarn 23 000000 Mtz. Weizen, insgesamt 77 000000 Mtz.

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Weise sich erhöhen würde, darf angenommen werden, daß sich die durch jahrelange Enthaltsamkeit gestaute Bedürfnisbefriedi­ gung uneingeschränkt äußern würde, wodurch der Import in diese Länder wohl um 50 % steigen würde, was annähernd 700—800 Millionen RM. ausmachen würde. In Arbeitstage und Erwerbslose umgerechnet würde dies die Möglichkeit einer Verminderung der Arbeitslosen um ca. 1,3—1,5 Millionen be­ deuten und den Wegfall der staatlichen Unterstützungen für die gleiche Zahl von Arbeitslosen. Als Passivum dieser Be­ rechnung käme für die Importstaaten der Entfall eines Teiles des Einfuhrzolles für Weizen in Betracht; dieser Ausfall wird jedoch schon durch die Ersparnisse an Arbeitslosenunter­ stützungen mehr als wettgemacht. Die Befreiung der präferent zu behandelnden Industrieartikel von den Zöllen der Agrar­ staaten und der gesteigerte Zufluß an fremden Valuten zufolge des vermehrten Exports kommen als weiteres Aktivum hinzu, um das „Geschäft“ für die Industrieländer als rentabel er­ scheinen zu lassen. Die Agrarländer, welche vom fiskalischen Standpunkte aus ebenfalls den Verlust der Einfuhrzölle für die präferent behandelten Industrieerzeugnisse zu Lasten der A ktiva buchen müssen, finden den Gegenwert außer im ge­ steigerten Zufluß an ausländischen Devisen, noch besonders in der bedeutenden Wertsteigerung des nationalen Einkommens und der erhöhten Steuerleistung der eigenen Bevölkerung. Wie weit sonst noch die Agrarländer aus der Realisierung der von uns propagierten Wirtschaftsbindungen mit den Industrie­ ländern besondere Vorteile ziehen könnten, würde hier zu schildern zu weit führen. Jedenfalls kann dieser Weg zur Gesundung M ittel- und Südosteuropas führen.

92


Südostproblem und Industrie Von Dr. Robert Siegert, Berlin, Das Problem, welche Bedeutung Südosteuropa für den in­ ternationalen Industriegüteraustausch hat, schließt folgende Fragen ein; Ist der Industrieabsatz nach den europäischen Agrarüber­ schußgebieten steigerungsfähig? Sind diese Agrarüberschuß­ gebiete selbst als Industrieerzeuger anzusehen, sei es zur Ver­ sorgung ihres eigenen Marktes, sei es zum Export?Die große Bedeutung dieser Fragen trat besonders deutlich in Erscheinung, als die verschiedenen Konferenzen der Agrar­ länder des Südostens, die während des Jahres 1930 verschie­ dene Male in Bukarest, Sinaja, Warschau, Belgrad und an an­ deren Plätzen stattfanden, unabhängig von dem mehr oder minder stark betonten politischen Zweck der Zusammenkünfte und von der wechselnden Zahl der teilnehmenden Staaten die Initiative der engeren Südostländer um Hilfe aus ihrer Agrar­ not in den Vordergrund stellten und dabei die Absatzinteressen der Industriestaaten nach dem Südosten betonten. In der Tat handelt es sich bei der Problemstellung um die Frage, wie diesen Ländern, nämlich Rumänien, Jugoslavien, Ungarn und Bulgarien, international aus ihrer ganz besonders empfindlichen Wirtschaftsnot geholfen werden kann, wie vor allem die dumpfe Verzweiflung, die den Bewohner dieser Länder, d, h. also im wesentlichen den Landwirt, erfaßt hat, zu beheben ist, wenn anders nicht diese Bevölkerungen, unter denen sich viele deutsche Sprengel befinden, schlechthin dem Bolschewismus anheimfallen sollen. Die Wiener Mitteleuropäische Agrar93


tagung vom März 1931 gab ein eindringlich ernstes, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch, kulturell und unmittel­ bar menschlich zu wertendes Bild von dieser Notlage, die be­ sonders darin zum Ausdruck kommt, daß selbst die gedrückten Weltmarktpreise für Getreide im Südosten noch unterboten werden: notiert doch z. B. Weizen aus dem Banat, also einem der fruchtbarsten Landstriche zwischen Ungarn, Jugoslavien und Rumänien, nur etwa 6 Mark bei einem Weltmarktpreise von immerhin noch 10—11 Mark. Die Forderung der südosteuropäischen Staaten geht nun dahin, im internationalen Wettbewerb einen befriedigenden, vor allen Dingen preislich ausreichenden Absatz ihrer Ueberschüsse, und das sind eben überall zum entscheidenden Teil landwirtschaftliche Erzeugnisse, sich zu sichern. In Betracht kommen können zunächst nur die derzeitigen Ueberschüsse, die allerdings für die verschiedenen Getreidesorten wie auch für jedes der verschiedenen Länder in wechselndem Verhältnis zu Erzeugung stehen und daher international eine mehr oder minder große Einnahmequelle für die Landwirtschaft jedes dieser vier Staaten bilden. Als handelspolitischer Weg wird, wie an anderer Stelle dieses Buches ausführlicher dargelegt wird, vom Südosten der von Präferenzverträgen vorgeschlagen. Eine Steigerung der Ausfuhrpreise wird dem südöstlichen Bauern sicher auch eine Hebung seiner inländischen Preise, und zwar sowohl für das Getreide selbst wie für die landwirt­ schaftlichen Veredelungserzeugnisse bringen. Dies ist jedoch letzten Endes das gewünschte Ziel, da es dem Bauer eben er­ möglicht, die Ausfuhr rentabel zu gestalten und Ueberschüsse zu erzielen, die er nutzbringend in Verbesserungen seines bäuerlichen Betriebes wie aber auch in Erhöhung seiner Le­ benshaltungsansprüche anlegen kann. D a m i t a b e r w ä r e d a n n das Ziel e r r e i c h t , das für die I n d u s t r i e ­ s t a a t e n d a s I n t e r e s s e an d e r H e b u n g des a g r a r i s c h e n P r e i s n i v e a u s im S ü d o s t e n weckt: es w ü r d e a l s d a n n v e r m e h r t e r Be z ug sowohl f ü r d e n l a n d w i r t s c h a f t l i c h e n B e d a r f wi e auch für u n m itte lb a re n menschlichen Verbrauch einsetzen, der mangels genügender Erzeu­ g u n g i m A u s l a n d e g e d e c k t w e r d e n müßt e. 94


Freilich sind auch diese Aussichten eben nur ein letztes Ziel, das sich nicht ohne weiteres erreichen läßt. Heute ist die Wirtschaftslage im Südosten so schlecht und die Entwicklung der Preise so imgünstig, d a ß e s z u n ä c h s t d a r a u f a n ­ k o m m e n w i r d , d u r c h di e g e d a c h t e n H i l f s ­ m a ß n a h m e n d e m S ü d o s t e n di e b i s h e r i g e K a u f ­ k r a f t w e n i g s t e n s z u s i c h e r n u n d zu v e r h i n ­ d e r n , d a ß h i e r f ü r d e n W e l t m a r k t n o c h we i t e r e A b s a t z g e b i e t e v e r l o r e n g e h e n , ehe daran gedacht werden kann, die Kaufkraft der Südostländer mehr oder min­ der erheblich und schnell zu steigern. Alle am Südosten in­ teressierten industriellen Ausfuhrländer dürfen somit für die nächste Zukunft die Absatzmöglichkeiten von Industrieerzeug­ nissen nicht überschätzen. Die Festigung der Kaufkraft in der südöstlichen Landwirtschaft würde im wesentlichen die Aufnahmemöglichkeiten für Industriewaren, wie sie heute schon bestehen, sicherstellen und würde die Zahlungsfähigkeit garantieren. Mehr aber wird vor der Hand noch nicht sicher erreicht werden können. Dabei wird es sich im wesentlichen um den Absatz von industriellen Verbrauchsgütem und land­ wirtschaftlichen Produktionsmitteln handeln. Gewiß bietet der Südosten auch in der Erschließung eigener industrieller Roh­ stoffquellen für den Absatz industrieller Produktionsmittel ein weites Feld, doch denkt insbesondere Dr, Schacher in seinen Ausführungen im „Magazin der Wirtschaft“ vom 19, 6, 1931 wohl erst an eine fernere Zukunft, wenn er die Erschließung dieser Quellen anregt. Der südosteuropäische Agrarmarkt steht an sich allen In­ dustrieländern offen. Dennoch ist der wesentlichste Umsatz, der infolgedessen auch im Mittelpunkte der vorliegenden Un­ tersuchung zu stehen hat, innerhalb der Länder zu suchen, die durch die Donauachse miteinander verbunden sind; d. h. gegen­ über der agrarischen Gruppe der bisher betrachteten vier Länder sind in das betrachtete Gesamtgebiet vor allem die drei industriellen Ueberschußländer, nämlich das Deutsche Reich, die Tschechoslowakei und Oesterreich, einzubeziehen. Diese Umgrenzung und insbesondere die Beteiligung Deutsch­ lands lassen deutlich erkennen, daß es nicht möglich ist, die Wirtschaftsgesamtheit dieser Staaten für sich allein zu be­ trachten. Das deutsche Interesse geht in stärkstem Maße in 95


der Richtung nach dem Weltmeere, nach Uebersee, wie vor allem auch nach den Ländern der Rheinachse und nach Groß­ britannien. Deutschland ist unter all den sieben Staaten auch wirtschaftlich die einzige Großmacht. Das deutsche Interesse wie auch seine zentrale Lage in Mitteleuropa erheischen daher von vornherein einen Ausgleich zwischen den beiden großen geographischen, durch die genannten Ströme gekennzeichneten Umsatzgruppen. Das erhebliche Interesse, das die südost­ europäischen Agrarländer aber für den deutschen Markt, wie überhaupt für den gesamten mitteleuropäischen Industrieblock Deutschland-Oesterreich-Tschechoslowakei bieten, geht am besten hervor aus der Betrachtung der prozentualen Verflech­ tungsziffern in Ein- und Ausfuhr dieser Länder. Es betrug der Umsatz von R u m ä n i e n mit Einfuhr

Ausf in %

dem Deutschen Reiche . . Oesterreich . . . . Tschechoslowakei . . .

16,7 16,5 14,3

8,4 14,9 9,4

d. h. der rumänische Außenhandel mit den drei mitteleuropä­ ischen Industriestaaten belief sich in der Einfuhr insgesamt auf 47,5 %, in der Ausfuhr auf 32,7 %, während der Umsatz Ru­ mäniens mit Ungarn in der Einfuhr nur 4 % und in der Ausfuhr nur 11 % und mit Jugoslavien, Bulgarien und Albanien zusam­ men in der Einfuhr nur 1,3 % und in der Ausfuhr nur 10 % betrug. Die Verflechtung J u g o s l a v i e n s zeigt im Durch­ schnitt der letzten Jahre (von einer Darstellung der Entwick­ lungsrichtung ist abgesehen) folgendes Bild: Einfuhr Ausfuhr in % 10 mit dem Deutschen Reiche . . 12 18 mit Oesterreich . . . . . . 18 mit der Tschechoslowakei , . 11 18 D er Umsatz Jugoslaviens mit Ungarn belief sich in der Einfuhr demgegenüber auf nur etwa 5 % und in der Ausfuhr auf nur etw a 8 %, der mit Rumänien in der Einfuhr nur auf 3 % und in der Ausfuhr auf etw a 2 %, der mit Bulgarien ist noch geringer. 96


Der u n g a r i s c h e Außenhandel belief sich wiederum im Jahresdurchschnitt der letzten Jahre mit Ei nf uhr Ausf uhr a uf % Deutschland . . . . 18 11 Oesterreich . . . . 18 35 Tschechoslowakei , , 22 20 Vergleichsweise betrug der Umsatz mit Jugoslavien in Einund Ausfuhr durchschnittlich 5 % und der mit Rumänien in der Einfuhr 8 und in der Ausfuhr 5 %. Auch in B u l g a r i e n steht Deutschland mit 20 % im Durchschnitt der Einfuhr und Ausfuhr an erster Stelle, Oester­ reich allerdings hinter Italien und Goßbritannien an vierter Stelle mit 9 % und die Tschechoslowakei mit 8 bzw. 6 % vor Rumänien mit 6 % der Einfuhr und nur 1 % der Ausfuhr Bul­ gariens. Noch deutlicher unterstrichen wird dies Bild, wenn man neben diese Prozentverteilung die absoluten Ziffern setzt und sich vergegenwärtigt, daß die jugoslavische Einfuhr, die ins­ gesamt von 1928 bis 1930 von 577 auf 515 Millionen RM. sank, für Deutschland von 78 auf 91 Millionen RM. stieg, für die Tschechoslowakei von 103 auf 91 Millionen RM, und für Oesterreich von 114 auf 86 Millionen RM. zurückging. Dem­ gegenüber tritt z. B. Frankreich mit 1928 26 Millionen und 1930 20 Millionen RM. auf dem jugoslavischen Markte stark in den Hintergrund. Auch Großbritannien bestreitet nur im Durch­ schnitt 31 Millionen Mark der jugoslavischen Gesamteinfuhr, und die Vereinigten Staaten bestritten 1928 nur 29 und 1930 nur noch 21 Millionen RM. Aehnlich ist das Bild bei Ungarn, dessen Einfuhr in der gleichen Zeit (1928 zu 1930) von 885 auf 610 Millionen RM. sank, wovon alle Länder betroffen wurden. Die Einfuhr Deutschlands, die im Jahre 1928 173 Millionen RM. betrug, belief sich im Jahre 1930 immerhin noch auf 128 Millionen, die der Tschechoslowakei sank von 198 auf 132 Millionen und die Oesterreichs von 143 auf 72 Millionen RM, Die französische Einfuhr hält sich im Durchschnitt nur auf 18 Millionen und die der Vereinigten Staaten auf nur 30 Millionen RM, Der bulgarische Gesamtumsatz ist geringer. Die Einfuhr stieg von 1928 mit 213 Millionen auf 1929 mit 252 Millionen RM. 7

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Der Anteil Deutschlands stieg von 45 auf 56 Millionen, der Oesterreichs von 17 auf 19 Millionen, der Italiens sank von 32 auf 26 Millionen RM. Frankreich ist immerhin mit 18 Mil­ lionen RM. im Durchschnitt beteiligt. Die rumänische Einfuhr sank (1928 zu 1930) von 825 auf 560 Millionen RM, Für die einzelnen Länder fehlen leider neuere Ziffern, doch ist z. B. charakteristisch, daß die franzö­ sische Ausfuhr nach Rumänien nach der französischen Statistik von 1929 auf 1930 nur von 24,6 auf 28 Millionen RM, stieg, daß also alle Bemühungen Frankreichs auf Kreditgewährung nach Rumänien nicht gerade die in solchen Fällen übliche Steigerung der Ausfuhr mit sich gebracht haben. Die erhebliche Bedeutung, die Deutschland als Lieferant nach den genannten Ländern hat, bringt es mit sich, d a ß eine besondere Forderung von I n d u s t r i e p r ä ­ f e r e n z e n von d e u tsc h e r Seite nicht erhoben w i r d . Diese Auffassung wurde bekräftigt insbesondere durch die Ausführungen des deutschen Sprechers auf der Mitteleuro­ päischen Agrartagung in Wien im März 1931, wo zum Aus­ druck kam, daß Deutschland wie sicherlich auch die anderen mitteleuropäischen Industriestaaten — und diese widersprachen w eder auf der genannten Tagung noch später — bereit sei, dem agrarischen Exportbedürfnis Südosteuropas nach Möglichkeit entgegenzukommen, ohne Zollvergünstigungen des anderen Partners zu wünschen, die nicht auch dritten Staaten auf dem Wege der Meistbegünstigung zugute kämen. Auch das der­ zeitige österreichisch-ungarische etwas komplizierte Zollver­ rechnungsabkommen ist ja wohl nur eine Uebergangsmaßnahme. Als entscheidende Forderung wurde allerdings geltend gemacht, d a ß d i e s ü d o s t e u r o p ä i s c h e n A g r a r ­ s t a a t e n sich, und z w a r schon im e i g e n e n I n ­ teresse der Verbilligung ihrer la n d w irt­ schaftlichen Erzeugung, entschließen müß­ ten, i h r e I n d u s t r i e z ö l l e vo n d e r ü b e r t r i e b e n e n h e u t i g e n H ö h e h e r a b z u s e t z e n . Haben doch ver­ schiedene Berechnungen, über deren bedingten W ert kein Zweifel sein soll, das eine ergeben, daß Rumänien und Jugoslavien wie auch Ungarn neben Polen sicher das relativ höchste Zollniveau in ganz Europa haben: Eine Erscheinung, 98


die' auch von den Wirtschaftskreisen der genannten Länder als ungesund bezeichnet wird und die daher alsbald auf ihr richtiges Maß zurückgeführt werden sollte. Gewiß sind auch die südosteuropäischen Agrarstaaten an industriellen Schätzen reich. Der Petroleumreichtum Rumäniens wurde schon kurz erwähnt. Jugoslavien verfügt über erhebliche Erzschätze in seinem Boden und deckt mit 290 000 t jährlich die Hälfte seines Kohlenbedarfs. Bulgarien deckt diesen Bedarf ganz selbst. In den Gebirgsteilen dieser Länder bestehen durchweg große Waldungen. Dies sind natürliche Hilfsquellen, deren Ausnutzung es gilt. Es wäre falsch, wenn die Länder sich nun entschließen würden, mit den unvorteilhaftesten Vorbedingun­ gen lediglich aus einem nationalen Stolz, wenn nicht sogar aus nationalistischer Ueberheblichkeit heraus, eigene Industrien heranzuziehen. Der Gewerbefleiß dieser Länder wird sich im wesentlichen wie bisher schon aus kulturellen Rücksichten in einem relativ engen Rahmen abspielen. Zur Anlage größerer Fabriken fehlen die Voraussetzungen des Verkehrs, fehlt letzten Endes auch die Schulung des Menschen und fehlen noch eine ganze Reihe andere Dinge, vielleicht abgesehen von Ungarn, das in Budapest eine immerhin beträchtliche Metallund Maschinenindustrie und im ganzen Lande zahlreiche fabrikmäßige Betriebe zur Verarbeitung seiner Agrarüber­ schüsse hat. Aehnlich, wenn auch zahlenmäßig geringfügiger ist das Bild bei den früheren ungarischen Bezirken Jugoslaviens. Nicht zuletzt fehlt aber auch das Geld. Man wird einwenden können, daß die Zahl der rumänischen Aktien­ gesellschaften in den letzten 10 Jahren von 900 auf 2400 ge­ stiegen ist. Das investierte Kapital nahm aber nur von 2 auf 2,5 Milliarden zu. Die Verarbeitung ist im wesentlichen Haus­ industrie, so versorgt sich die Bevölkerung weitgehend selbst mit Kleidung. Der relativ große Einfuhranteil von Textil­ waren, der in Rumänien 29 und in Jugoslavien gar 36 % der Gesamteinfuhr beträgt, darf darüber nicht täuschen, denn in diesen Ziffern sind auch Rohstoffe, vor allem Wolle und Seide, enthalten. Die Versorgung mit Metallerzeugnissen aller Art, vor allem Kleineisenwaren, landwirtschaftlichen Geräten u. a., ist beträchtlich und macht in Rumänien etwa ein Viertel, in Jugoslavien etwa ein Fünftel der Einfuhr aus. Die Einfuhr von Maschinen hält sich in beiden Ländern nur auf etwa 6%, die r

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von Fahrzeugen auf etwa 7,5 %. Daraus läßt sich schließen, daß die Mechanisierung der Betriebe und des Verkehrs noch sehr wenig weit gediehen ist. Es wird daher der Grundsatz der Arbeitsteilung für diese Länder das Vorteilhafteste sein und wird für die Abnahmeländer ihrer Agrarerzeugnisse die sicherste G ew ähr' für nutzbringenden Güteraustausch bilden. D ie A u s f u h r d e r d r e i i n F r a g e k o m m e n d e n m i tte le u ro p ä i sc h e n In d u s t r i e s t a a t e n besteht im w e s e n t l i c h e n aus F e r t i g w a r e n , für d e r e n Gesamtheit schlechthin, vielleicht wiederum wegen der verhältnismäßig geringfügigeren k u l t u r e l l e n B e d ü r f n i s s e des S ü d o s t e n s , nicht ü b e r a l l g l e i c h m ä ß i g e r A b s a t z v o r h a n d e n i st . In der Gesamtheit der Ausfuhr bedeutet daher die Erhaltung wie auch die mögliche Steigerung der Kaufkraft für einige Erzeugungszweige vielleicht noch wesentlich mehr als für manche andere. W ir denken dabei in erster Linie an die Aus­ fuhr von Hausgeräten etwa aus der Tschechoslowakei, von Textilien aus Deutschland und den beiden anderen Staaten, von Metallerzeugnissen aus Oesterreich. Wir denken aber ferner vor allem an die Ausfuhr von landwirtschaftlichen Hilfs­ mitteln in weitestem Umfange, die in erster Linie Deutschland bestreiten dürfte, also von landwirtschaftlichen Maschinen, Düngemitteln u. ä. Waren. Bei diesen letzten in ihrer Be­ schaffung verhältnismäßig teuren Produktionshilfsmitteln wird es sich mehr um Ausfuhr auf lange Sicht handeln, der gegen­ über die Ausfuhr von Verbrauchsgütern des täglichen Lebens im einzelnen geringere W erte darstellt, während sich anderer­ seits zeigt, daß das Interesse Oesterreichs und der Tschecho­ slowakei, die für die Lieferung dieser Waren, wie erwähnt, in erster Linie in Frage kommen, am Absatzmarkt nach dem Südosten nicht zuletzt aus historischen Gründen relativ noch erheblicher ist als das des Deutschen Reiches. Betrug doch, wie an dieser Stelle eingeschaltet sei, die Ausfuhr der Tschechoslowakei nach den vier südosteuropäischen Agrar­ staaten 18 % und die Oesterreichs sogar 22 % im Durchschnitt der letzten Jahre. Eine wesentliche Frage wird die sein, w i e m a n d i e E n t w i c k l u n g s a u s s i c h t e n , d. h, d i e a l s l e t z t e s . Ziel gew ü n sch te Steigerung der Kaufkraft, 100


in d e n s ü d o s t e u r o p ä i s c h e n Länder n b e u r ­ t e i l e n k a n n . Es ist schwer, hierfür einheitliche Maßstäbe zu geben. Man könnte ausgehen von der Außenhandelsver­ flechtung der einzelnen Länder, die sich aus der Kopfquote an Ein- und Ausfuhr charakterisiert. Es betrug je Kopf der Be­ völkerung im Durchschnitt der letzten Jahre in RM, diese Quote bei Einfuhr Aus f uhr Rumänien , , , 49 43 Ungarn . . . . 103 71 Jugoslavien , 48 36 Stellt man fest, daß demgegenüber die Quoten bei Dänemark 520 und 495, bei den Niederlanden sogar , 590 und 440, bei D e u ts c h la n d .................... 220 und 224, bei F ra n k re ic h ............................ 215 und 165, und bei der Tschechoslowakei 164 und 182 betrugen, so zeigt sich, daß die Außenhandelsverflechtung der genannten Länder verhältnismäßig geringfügig ist. Die Folgerung daraus ist in erster Linie die, daß bei Hebung der Gesamtkaufkraft sich relativ auch der Außenhandelsumsatz heben würde. Die Folgerung ist aber nicht imbedingt schlüssig, weil sich Bei­ spiele für und gegen diese These durch Heranziehung der Quotenziffern verschiedenster Agrar- und Industrieländer fin­ den ließen. Immerhin liegen die Quoten so niedrig, d a ß e r ­ h e b l i c h e F o r t s c h r i t t e hier gezeitigt werden könnten. Auch die Vorkriegsanalogie läßt keine unbedingt sicheren Rückschlüsse zu. W eder zeigt sich, daß durchweg die Be­ völkerung in Agrarländern weniger stark gestiegen ist als in industrialisierten Ländern, noch läßt sich unbedingt sicher be­ weisen, daß die Steigerungen der Ein- und Ausfuhr von 1900 auf 1913, die sich z, B, bei Italien und Deutschland verdoppelt haben, im wesentlichen auf stärkste Industrialisierung zurück­ zuführen sind. Italien war in der Vorkriegszeit noch nicht so stark industrialisiert. Die Industrialisierung Frankreichs hat sicher starke Fortschritte gemacht, doch zeigt sich hier ein Zurückbleiben der Ein- und Ausfuhrentwicklung gegenüber der von Deutschland und Italien um wenigstens 30 %. Die englische 101


Ein- und Ausfuhrentwicklung zeigt nur relativ geringfügige Steitferungen von 20—25 %, obwohl England 1900 bereits stark industrialisiert war, seine Industrialisierung aber dann noch fortsetzte. Verstärkt wird diese Annahme durch die Betrachtung, daß Rumänien 17, Jugoslavien 12, Ungarn 8 und Bulgarien 6, alle vier Länder insgesamt also immerhin 43 Millionen Menschen beherbergen, während sie an der gesamten Einfuhr nur (Rumä­ nien 710, Jugoslavien 515, Ungarn 610 und Bulgarien 139) 1,97 Milliarden Mark aufnehmen. Demgegenüber betrug bei­ spielsweise die auf viel größeren Raum gesiedelte Bevölkerung Argentiniens nur etwa 11 Millionen Menschen, also etwa den vierten Teil dieser gesamten im Südosten angesiedelten Men­ schenmenge. Die argentinische Gesamteinfuhr aber belief sich im Jahre 1930 auf 2,5 Milliarden Mark. Trotz des Drucks vom Getreidemarkt her erfreut sich also Argentinien eines ungleich lebhafteren Verkehrsstandards seiner landwirtschaftlichen Be­ völkerung, von dem der europäische Südosten noch weit ent­ fernt ist. Als dritte Vergleichsmöglichkeit kann man vielleicht an die Bemessung des Volkseinkommens denken, obwohl diese eben­ falls nur relativ zu w erten ist, zumal in agrarischen Ländern, wo ein großer Teil des Einkommens in Naturalleistungen be­ steht, die sich nur schwer ziffernmäßig ausdrücken lassen. Ver­ gegenwärtigt man sich jedoch, daß das Volkseinkommen von der Riesenziffer in U. S. A. mit 3100 Reichsmark je Kopf im Jahre 1929 in England, Holland und der Schweiz je etwa 1500 Mark, in Norwegen, Deutschland und Frankreich je etwa 1100 Mark, in Oesterreich und der Tschechoslowakei sowie Italien je etwa 700 Mark und dagegen auf dem Balkan nur etwa 500 M ark betrug, so zeigen sich auch hier zweifellos starke Steigerungsmöglichkeiten. Es kann auch nur Sinn dieser Be­ trachtungen sein, aus verschiedenen an sich unzulänglichen F aktoren zu den gleichen Schlußfolgerungen zu kommen, um zu beweisen, d a ß i n g r o ß e n Z ü g e n u n s e r e T h e s e rich tig ist, daß nämlich eine bedeutende K a u f k r a f t s t e i g e r u n g im S ü d o s t e n e r w a r t e t w e r d e n k a n n . Wann dies der Fall ist, bleibt dahin­ gestellt, F ür den Kaufmann wird es notwendig sein, auf das 102


vorsichtigste zu kalkulieren, um um so sicherer auch nur eine bescheidene Gewinnquote einzuheimsen, ohne allzu große Ri­ siken eingegangen zu sein. Deswegen muß auch diese im ganzen günstige Folgerung mit leichter Skepsis betrachtet werden, um so mehr als nicht vergessen werden darf, daß es sich auf dem Balkan um eine anspruchslose Bevölkerung han­ delt, die erst in der zweiten Generation die türkische Herr­ schaft abgeschüttelt hat und die daher zwar für Verbrauchs­ güter ein verhältnismäßig guter Markt sein könnte, sich aber auch mit bescheidenen Ansprüchen zunächst schon genügen läßt, doch kann auch hier erzieherische Arbeit und insbeson­ dere Reklametätigkeit, die gerade in solchen Gebieten frucht­ bar zu sein pflegt, für fernere Zukunft noch manches erhoffen lassen. Welche Folgerungen handelspolitisch im einzelnen ge­ zogen w erden können, welche Kombinationen hierbei ins­ besondere denkbar sind, also vor allem Zollunionen zwischen einzelnen der agrarischen und einzelnen der industriellen Part­ ner, kann im Rahmen dieser Betrachtung nur angedeutet und es kann nur darauf hingewiesen werden, daß Lohnhöhe, Wäh­ rungen und andere Elemente ausgeglichen werden können, aber auch ausgeglichen werden müssen, wenn, was er­ fahrungsgemäß nur sehr schwer möglich ist, man über­ haupt im Vorhinein irgendwelche Kombinationen mit dem Rechenstift betrachten will. Viel wird in dieser Hinsicht zweifellos die Möglichkeit von Kreditgewährungen nach dem Südosten schaffen können. Von verschiedenen Anstrengungen auf dem Kapitalmärkte, insbesondere von französischer Seite her, wurde schon gesprochen. Frankreich ist in der sogenann­ ten zweiten rumänischen Monopolanleihe, die insgesamt 50 Mil­ lionen Dollar beträgt, mit der Hälfte beteiligt, Deutschland da­ gegen nur mit 3,5 %. Frankreich hat sich stark bei dem letzten Besuche des jugoslavischen Außenministers auch in Jugoslavien, endlich nach Pressenachrichten auch in Bulgarien en­ gagiert. Die Zinssätze sind insbesondere für Privatkredite in Rumänien mit 12— 15, ja 18 % und in Bulgarien mit 12—13 %, in Jugoslavien bis zu 20 und in Ungarn mit etwa 12 % (EuropaWirtschaft 1931, Heft 5, S. 202 ff.) jedoch noch außerordentlich hoch, sodaß wohl aus dem Grundsätze heraus „Erst Sanierung, dann K redite“ mit einer erheblichen Lebendigkeit des fran103


zösischen Kapitals im Südosten, vorläufig noch nicht zu rechnen ist, insbesondere solange die staatliche Finanzgebarung der Südostländer noch nicht genügend fundiert ist. Mag immerhin von der Kapitalseite her dem engeren mitteleuropäischen In­ teresse am Wirtschaftsausgleich Konkurrenz erwachsen, so ist doch der private W arenverkehr in freier Konkurrenz, wie auch je nach Möglichkeiten in kartellarischer oder syndikatsmäßiger Bindung so erheblich, daß für die fernere Zukunft, insbesondere b ei Schaffung handelspolitischer Großraumgebiete, d i e s e r G ü t e r a u s t a u s c h zum g e g e n s e i t i g e n wie zum w e l t w i r t s c h a f t l i c h e n N u tz en als a u s s i c h t s ­ r e i c h b e z e i c h n e t w e r d e n kann.

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Die Kapitalwirtschaft Mitteleuropas. Von a. o, Professor Dr, Dr. Richard Kerschagl, Wien. Ueber die Probleme der Kapitalwirtschaft kann man sich kein einwandfrei exaktes und klares Bild verschaffen, weil die zur Verfügung stehenden Ziffern im allerbesten Falle als An­ haltspunkte gewertet werden können. Dies gilt auch für alle bisher vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen, wie nicht zuletzt für die vom Völkerbund veröffentlichten Arbeiten. Der Verfasser selbst möchte noch besonders bemerken, daß es sich hier nicht etwa um eine vereinzelte Anschauung handelt, sondern, daß die Fachleute aller maßgebenden Staaten sich über die Schwierigkeiten und die nur relative Bedeutung des vorliegenden M aterials völlig im Klaren sind. Der Verfasser legt großen W ert auf diese Feststellungen, weil zufolge der Mangelhaftigkeit und Verschiedenartigkeit des Materials auch die Anschauungen über die daraus zu ziehenden Schlüsse in weitesten Kreisen stark auseinandergehen. Doch liegen andererseits einige Probleme so klar zutage, ist das M aterial hierüber so vollständig, daß Meinungsver­ schiedenheiten gar nicht denkbar sind. Dies trifft z. B. für die Feststellung zu, daß von a l l e n S t a a t e n M i t t e l e u ­ ropas die T s c h e c h o s l o w a k e i hinsichtlich i h r e r K a p i t a 1w i r t s c h a f t d e r a m r e i c h s t e n v e r s o r g t e u n d am w e n i g s t e n auf A u s l a n d s ­ k a p i t a l a n g e w i e s e n e S t a a t i st . Mögen die zur Verfügung stehenden Ziffern noch so differieren, so geben sie doch genügend Anhaltspunkte, um diesen Schluß zu ziehen. Die Tschechoslowakei hat mit 20 Milliarden Kc Einlagen in den Sparkassen allein zweifellos die höchste Kopfquote der 105


Sparkasseneinlagen, die sicherlich in einem hohen Grade als charakteristisch für die Kapitalbildung betrachtet werden können. Sie hat außerdem zweifellos, absolut wie relativ be­ trachtet, die geringsten Gesamtauslandsschulden. Zwar gehen die Schätzungen darüber auseinander, doch dürften die An­ gaben des Ungarn von Buday**), der die Auslandsschuld mit 320 Millionen Dollar angibt, den Tatbeständen entsprechen. In der offiziellen Zahlungsbilanz” ) für 1929 werden die Gesamt­ schulden mit 11,6 Milliarden tschechischen Kronen angegeben, wovon die Hälfte (5,9) auf Staatsschulden und gut ein Drittel (4,2) auf kurzfristige Schulden von Industrie, Handel und Ban­ ken entfallen. Diesen Schulden stehen jedoch Auslandsgut­ haben in Höhe von 9,6 Milliarden gegenüber, sodaß eine Netto­ schuld von etwa 2 Milliarden Kronen verbleibt. Bemerkens­ w ert ist, daß die kurzfristigen Auslandsguthaben sich auf 7,6 Milliarden belaufen, somit die kurzfristigen Schulden be­ trächtlich übersteigen. An Zinsen und Dividenden zahlt die Tschechoslowakei an das Ausland jährlich fast eine Milliarde Kc., sie empfängt andererseits fast 600 Millionen, der Differenz kommt im Vergleich zu den anderen Posten der Zahlungsbilanz keine größere Bedeutung zu. Die Tschechoslowakei weist, relativ wie absolut betrach­ tet, die niedrigsten Schulden unter den mitteleuropäischen Staaten, selbstverständlich Deutschland eingeschlossen, auf, ihre Kapitalbilanz ist die verhältnismäßig ausgeglichenste. Die Tschechoslowakei bietet im großen ganzen das Bild eines Staates, dessen im Inland arbeitendes Auslandskapital zum überwiegenden Teil durch im Ausland arbeitendes Inlands­ kapital ausgeglichen ist, ein Bild, das durch eine Reihe von charakteristischen Symptomen eine Bestätigung erfährt. Eine andere Tatsache, die sich mit weitgehender Sicher­ heit feststellen läßt, ist die Lage D e u t s c h l a n d s . In der Zahlungsbilanz für 1929 werden die Auslandsschulden mit 26 bis 27 Milliarden angegeben, wovon gut 10 Milliarden auf kurz­ fristige Schulden entfallen. Nach Abzug der Auslandsguthaben, *) Vergl. seinen Artikel: Zur Finanzkrise der Nachfolgestaaten in „Europa-Wirtschaft" 1931, Heft 8. S. 289 ff. **) Angaben über Zahlungsbilanzen entstammen für alle Länder der Veröffentlichung des Völkerbundes: Balances of International Payments, Gen«va 1931.

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aber ohne Berücksichtigung der Reparationen, verbleibt eine Nettoschuld von gut 16 Milliarden Mark, für die Deutschland gut 800 Millionen Mark an Zinsen zahlen muß, zu denen die Reparationszahlungen von zunächst etwa 1,7 Milliarden Mark jährlich hinzukommen. Die Ereignisse im Sommer 1931 dürften jedem das L a b i l e e i n e r s o l c h e n K a p i t a l w i r t ­ s c h a f t g e z e i g t h a b e n , ferner auch die Notwendigkeit einer die einheimische Kapitalbildung fördernden Politik. Zwar ist der Sparkassenbestand von etwa 12 Milliarden Mark als sehr ansehnlich zu betrachten, aber trotz der sich in diesen und in anderen Zahlen zeigenden Fortschritte der inländischen Kapitalbildung ist diese keineswegs ausreichend. Es kann nicht unerwähnt bleiben, daß die Kapitalver­ sorgung Deutschlands wahrscheinlich auf einer viel stabileren Basis stehen würde, wenn wenigstens ein erheblicher Teil der deutschen Anlagen im Auslande im Inlande arbeiten würde; denn nach fast allen ernsthaften Schätzungen dürfte dieses im Auslande liegende deutsche Kapital bis zu einem gewissen Grade den in Deutschland arbeitenden kurzfristigen Aus­ landskrediten entsprechen, also dem in mancher Beziehung gefährlichsten, weil labilsten Teil der deutschen Kapital­ versorgung, Kurz hingewiesen sei außerdem noch auf die Re­ parationen, die Jahreszahlungen darstellen, welche kapitalisiert als eine ausstehende Kapitalsumme betrachtet werden können. Gewiß ist jedenfalls, daß die Reparationsleistungen Deutsch­ lands von 1 700 Millionen Mark zweifellos sich auf die deutsche Kapitalbildung höchst ungünstig ausgewirkt haben, da sie im Falle ihrer wirtschaftlichen Aufbringung im Inland die Bildung von Neukapital verhindern oder zumindestens verlangsamen, im Falle ihrer wirtschaftlichen Nichtaufbringung im Inlande die Heranziehung neuer Auslandskredite für ihrem Wesen nach höchst unproduktive Zwecke notwendig gemacht haben. Für alle anderen Staaten ist es wesentlich schwieriger, ein Bild ihrer Kapitalbilanz zu erlangen. Relativ übersichtlich ist noch die Lage in U n g a r n . Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß die ungarischen Auslandsschulden etwa drei Milliarden Pengö bzw. 500 Millionen Dollar betragen, wovon etwa die Hälfte auf Staatsschulden und die andere Hälfte auf nichtstaatliche Schulden entfallen dürfte. Ob es nennenswerte ungarische Anlagen im Auslande gibt, welche diese Bilanz ver107


bessern würden, erscheint zweifelhaft. In der Zahlungsbilanz werden die Einnahmen aus Auslandsguthaben für 1929 mit 15 Millionen Pengö angegeben, denen Zahlungsverpflichtungen in Form von Zinsen und Dividenden in Höhe des gut zehn­ fachen Betrages gegenüberstehen. Die Kapitalbildung im In­ land ist zweifellos nicht unbeträchtlich gewesen, so stiegen von 1924 bis 1930 die Depositen der 12 führenden Budapester Banken und der Postsparkasse von 5 auf gut 80 % der Vor­ kriegsziffer*), doch ist diese einheimische Kapitalbildung noch keineswegs ausreichend. Die Auslandsschulden J u g o s l a v i e n s dürften etwa 600 Millionen Dollar betragen, wovon der Hauptanteil auf Staatsschulden entfällt. Die Auslandsguthaben Jugoslaviens dürften unbeträchtlich sein. Die Zahlungsbilanz weist Zinsen­ einnahmen aus dem Ausland in Höhe von 2 Millionen Dinar auf, während fast 1,3 Milliarden zu zahlen sind, davon 0,6 Mil­ liarden in Dividenden, was auf eine hohe Auslandsverschuldung der Industrie hindeutet. Was die Kapitalbildung im Inland an­ betrifft, so steht die Sache so, daß dieselbe dank einer besseren Organisation und höheren wirtschaftlichen Entwicklungsstufe in dem ehemaligen österreichisch-ungarischen Teil, Kroatien und Slovenien, besser sein dürfte als in Altserbien. Hinsichtlich R u m ä n i e n s liegen genaue Ziffern nicht vor. Man kann nur einzelnen Angaben entnehmen, daß die Kapitalbildung im Inland nach der Stabilisierung der Währung zweifellos gewisse Fortschritte gemacht hat. Ueber das Aus­ maß, in welchem Auslandskapital in Rumänien arbeitet, gehen die Meinungen sehr auseinander. De Buday nimmt an, daß die gesamte Auslandsverschuldung Rumäniens sich auf etwa 1100 Mill, Dollar beläuft, wovon mehr als zwei Drittel auf Aus­ landsschulden des Staates entfallen. Auf Grund der Schätzun­ gen des Vökerbundes und anderer Instanzen kann man an­ nehmen, daß die ausländischen Gelder, welche privat in Ru­ mänien angelegt sind — teils kurzfristige, teils langfristige —, zusammen etwa 150 bis 200 Mill. Dollar betragen dürften. F ür P o l e n werden die Auslandsschulden des Staates mit 4 M illiarden Zloty und die der Privaten mit 2,5 Milliarden an­ gegeben, sodaß also die Auslandsschulden Polens 1 Milliarde *) Vgl. die Ungarn-Sondernummer des Economist, London, 20.12.1930.

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Dollar übersteigen. Die Guthaben dürften höchstens etwas über eine halbe Milliarde Zloty betragen. Die Kapitalbildung im Inlande hat zweifellos Fortschritte gemacht, doch liegen auch hier nur Ziffern für einzelne Banken und einzelne Gebiete vor, so daß sich nicht einmal halbwegs verläßliche Schätzungen über den Umfang des reinen Sparkapitals bei Banken und Sparkassen vornehmen lassen. In bezug auf O e s t e r r e i c h bestehen relativ einwand­ freie Zahlen über die Auslandsverschuldung für die Zeit vor der Krise der Credit-Anstalt, also für die Zeit bis etwa Anfang Mai 1931. Es beliefen sich zu dieser Zeit die öffentlichen Aus­ ländsanleihen auf ungefähr 1,5 Milliarden S., die langfristigen und Obligationenanleihen der Privatwirtschaft auf 700 Mill. S, und die kurzfristigen Kredite auf etwa 800 Mill. S. Ziemlich schwer zu beurteilen ist die Frage von ausländischen Anlagewerten in österreichischem Besitz. Man kann annehmen, daß dieselben sehr beträchtlich sind und sicher viele hundert Millionen Schil­ ling ausmachen, so daß, wenn man noch rechnet, daß von den Auslandskrediten zeitweilig 500 bis 600 Millionen S. als De­ visenbestände der Notenbank im Ausland angelegt waren, man zu einer sehr wesentlichen Veränderung des Bildes gelangen muß, welches sich bei einer einseitigen Betrachtung der Aus­ landsverschuldung Oesterreichs ergeben würde. Man kann wohl sagen, daß Oesterreich unter den Nachfolgestaaten der österreichisch-ungarischen Monarchie noch immer, und trotz zweifellos starker Verkäufe im Laufe der Krisen, einen beacht­ lichen Besitz an Auslandswerten und Guthaben haben dürfte. Sein Produktionsapparat ist aber, ähnlich wie der Deutschlands, wenn auch vielleicht nicht in gleich hohem Grade, auf die Ar­ beit mit fremdem Kapital angewiesen; denn die Kapitalbildung im Inlande ist nicht ausreichend, wenn sie a u c h s e i t d e r S t a b i l i s i e r u n g b e d e u t e n d e For tschritte ge­ m a c h t h a t , d i e E i n l a g e n i n d e n B a n k e n und S p a r k a s s e n z. B. a u f f a s t 2 M i l l i a r d e n S. g e ­ stiegenwaren. Bevor wir diesen Teil der Betrachtung abschließen, wären noch drei Punkte zu erörtern, die gewiß von Wichtigkeit sind, über die sich aber eine völlig genaue Uebersicht nur schwer gewinnen läßt. Der erste Punkt ist die Frage nach der Ko p f 109


q u o t e n b e l a s t u n g d u r c h A u s 1a n d s v e r s c h u 1d ü ng. Wenn hier nicht alles trügt, so gelangt man zu einem sehr charakteristischen Bild, nämlich zu dem, d a ß a l l e m i t ­ teleuropäischen Staaten inklusive Deutsch­ l a nd, j e d o c h e x k l u s i v e d e r T s c h e c h o s l o w a k e i , eine n a h e z u gl ei che K o p f q u o t e n b e l a s t u n g d u r c h A u s 1a n d s v e r p f 1i c h t u n g e n v o n e t w a 50 b i s 60 D o l l a r p r o K o p f d e r B e v ö l k e r u n g h a b e n , während die Tschechoslowakei nur etwa die Hälfte der Summe pro Kopf der Bevölkerung aufweist. Eine weitere sehr wich­ tige Frage ist die des Verhältnisses der langfristigen zu den kurzfristigen Krediten. Hier ist es wesentlich schwerer, eine halbwegs verläßliche Uebersicht zu gewinnen. Die Antwort wird naturgemäß von der Beantwortung der dritten Frage in höchstem Grade abhängig sein, nämlich von der, welcher Teil der Verschuldung auf den Staat und die öffentlichen Körper­ schaften, und welcher Teil auf Private entfällt. W ir müssen daher zunächst diese Frage beantworten. Der Anteil des Staates und der öffentlichen Körperschaften dürfte in Oester­ reich, Ungarn und Deutschland rund die Hälfte der Gesamt­ verschuldung betragen und in Polen sich auch auf ungefähr dieser Höhe bewegen, jedoch in der Tschechoslowakei, Ru­ mänien und Jugoslavien mindestens zwei Drittel des Gesamt­ betrages ausmachen, wobei nochmals betont werden soll, daß eben bei der Tschechoslowakei die Auslandsverpflichtungen, relativ wie absolut, die geringsten und durch Auslandsguthaben stark gedeckt sind. Von dem nun bei den einzelnen Staaten verbleibenden R est dürften die kurzfristigen Kredite in Deutschland und Oesterreich etwas mehr als die Hälfte der privaten Verschuldung ausmachen, während sie bei den an­ deren Staaten prozentual geringer sein dürften, was aber eben wegen des Ueberwiegens der langfristigen öffentlichen K redite wieder eine ganz andere Bedeutung hat. Jedenfalls geht aus dieser Betrachtung schon mit ziemlicher Schlüssigkeit hervor, daß in bezug auf die Kapitalversorgung Oesterreich und Deutschland große Aehnlichkeit besitzen und daß auch die Differenz gegenüber Ungarn eine geringere ist als gegenüber den anderen Staaten. F ü r a l l e S t a a t e n , v i e l l e i c h t m i t A u s n a h m e d e r T s c h e c h o s l o w a k e i , ist eine K a p i t a 1e i n f ü h r h e u t e n o c h e i n e u n b e d i n g t e 110


I

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N o t w e n d i g k e i t , di e e i n h e i mi s c h e Kapi t al bas i s u n d - b i l d u n g ke i ne s we gs ausreichend, w o d u r c h n a t ü r l i c h di e e u r o p a - und w e l t w i r t ­ s c h a f t l i c h e S t e l l u n g d i e s e r S t a a t e n nicht g e r a d e g e s t ä r k t , i h r S t r e b e n nach ei ner Neu­ o r d n u n g i h r e r W i r t s c h a f t nicht erleichtert wi rd. Um eine Lösung der Fragen der Kapitalversorgung vom Ausland haben sich neben diesen auf Kapitalimport an­ gewiesenen Staaten auch die kapitalgebenden bemüht, die zu diesem Zweck zum Teil b e s o n d e r e i n t e r n a t i o n a l e O r g a n i s a t i o n e n geschaffen haben, von denen drei eine besondere Bedeutung erlangt haben, nämlich die Bank für In­ ternationalen Zahlungsausgleich, kurz BIZ genannt, die Inter­ nationale Bodenkreditbank in Basel und die Internationale Agrarbank in Amsterdam, Was nun die B I Z anbelangt, so darf man nicht vergessen, daß ihre Hauptaufgabe keineswegs auf dem Gebiete der Ka­ pitalversorgung zu suchen ist. Sie kann und wird natürlich aus den durch die Reparationszahlungen und internationalen Schuldenzahlungen sich bei ihr ansammelnden Kapitalbestän­ den unter Umständen gewisse Kredite zur Verfügung stellen können, aber man darf zweierlei Dinge dabei nicht vergessen. Erstens, daß die Kapitalbasis der BIZ selbst eine verhältnis­ mäßig schwache ist. Sie hat zwar ein Kapital von 500 Mill, Schweizer Franken, von denen aber nur 125 Mill. eingezahlt sind. Sie spielt also an eigener Kapitalsstärke neben englischen und amerikanischen, aber auch neben französischen und deut­ schen Großbanken erster Klasse keine überwältigende Rolle. Zweitens aber sind die ihr zur Verfügung stehenden Kapital­ mittel, auch soweit sie aus ständigen oder zeitweiligen Gut­ haben der Notenbanken und Staaten bei ihr bestehen, doch in erster Linie wohl ihrem anderen Hauptzweck zuzuführen, nämlich Währungs- und Kreditoperationen, welche durch währungspolitische Aufgaben unmittelbar notwendig werden. Sie hat auch der Erfüllung solcher Aufgaben im Rahmen des Möglichen sich wiederholt mit Erfolg, insbesondere auch in der Zeit der deutschen, öster­ reichischen und ungarischen Krise, gewidmet; aber gerade bei 111

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dieser Hilfe ist mit besonderer Deutlichkeit hervorgetreten, daß sie über ein gewisses Ausmaß naturgemäß gar nicht hinaus­ gehen kann und daß ihre besondere Rolle vielleicht noch stärker und effektvoller als die eines Mittlers zwischen den Notenbanken hervortritt als in der eigenen Kapitalkraft, Nebenbei sei noch angeführt, daß ja auch rein organisatorisch die mitteleuropäischen Staaten in ihrer Verwaltung nur einen bescheidenen Platz einnehmen können, da ja höchstens 9 Ver­ waltungsräte — wenn man von den zwei deutschen Vertretern absieht — überhaupt den nicht reparationsberechtigten Län­ dern angehören. D ie I n t e r n a t i o n a l e B o d e n k r e d i t b a n k i n B a s e l trägt in hohem Grade den Charakter einer HoldingGesellschaft, Von ihrem 250 Mill. Schweizer Franken be­ tragenden Kapital sind vorläufig nur 5 Mill. eingezahlt. Der Geldbeschaffung dient in erster Linie die Uebemahme von Pfandbriefen und Obligationen fremder Institute, für welche sie dann eigene Pfandbriefe und Obligationen ausgibt. Sie hat auf diesem Gebiete vieles für die Versorgung, speziell der mit­ teleuropäischen Kapitalmärkte geleistet. Eine große Rolle spielt hierbei auch der Umstand, daß deutsche, schwedische und schweizerische Gruppen, trotz der Beteiligung auch an­ deren Auslandskapitals, die Führung dieses Institutes in erster Linie beeinflussen dürften. Die zweite i n t e r n a t i o n a l e A g r a r b a n k ist das A m s t e r d a m e r I n s t i t u t . Es wurde im Herbst 1930 ge­ gründet, an ihm sind amerikanische, englische, französische und deutsche Banken sowie die Zivnostenska banka beteiligt. Die­ ses A grarinstitut steht überwiegend unter französischem Ein­ fluß und erstreckt sein Arbeitsgebiet in erster Linie auf die der Kleinen Entente nahestehenden Staaten und hat übrigens auch in einigen Fällen außerhalb Europas Kredite gewährt. Wenn­ gleich dieses Institut bei seiner Gründung in erster Linie die Bearbeitung M itteleuropas angekündigt hat, ist doch, bisher wenigstens, die Tätigkeit des Institutes sogar auf Ost- und Süd­ osteuropa erstreckt worden. Auch bei dieser Bank, ebenso wie bei der erstgenannten, handelt es sich weniger um die direkte Gewährung von Hypothekarkrediten als um die Er­ w erbung von Pfandbriefen, auf Grund derer Obligationen aus112


gegeben w erden sollen, so daß diese Institute bis zu einem gewissen G rade den Charakter von Holdings annehmen. Das Interesse und die Beteiligung französischen Kapitals zu gewin­ nen, scheint besonders bei diesem zweiten Institut in hohem Ausmaße geglückt zu sein, doch haben auch die Obligationen des erstgenannten Institutes guten Absatz in verschiedenen Staaten und einen günstigen Kurs erzielt. Neben der BIZ und diesen beiden Instituten, welche doch in erster Linie den Charakter privater kommerzieller Unter­ nehmungen mit zwischenstaatlicher Betätigung tragen, besteht als viertes, allerdings vorläufig nicht voll realisiertes Projekt das d e r I n t e r n a t i o n a l e n A g r a r k r e d i t b a n k , die, un­ ter der Kontrolle des Völkerbundes stehend, offiziellen Cha­ rakter, ähnlich der BIZ tragen soll. Sie soll mit 50 Millionen Dollar A ktienkapital, wovon jedoch nur 5 Millionen in Form von A -Aktien eingezahlt werden, während die restlichen 45 Millionen in Form von B-Aktien erst später begeben werden sollen, beginnen, und die von ihr auszugebenden Obligationen, deren Gesam tbetrag das Zehnfache des gezeichneten Kapitals betragen darf, sollen unter Garantie der an der Bank beteilig­ ten Staaten stehen. Auch die Besetzung der Verwaltung soll ausgesprochen internationalen Charakter tragen; so werden die wichtigsten Persönlichkeiten durch den Völkerbund nominiert. Inwieweit das Institut sich für Mitteleuropa als tatsächlich wertvoll erweisen wird, läßt sich unter diesen Umständen der­ zeit noch nicht sagen, ebensowenig wie von dem der Voll­ ständigkeit halber zu erwähnenden P r o j e k t d e s G o u ­ v e r n e u r s der Bank von England N o r m a n betreffend die Gründung einer i n t e r n a t i o n a l e n e u r o p ä i s c h e n I n d u s t r i e b a n k , und dem Plan F r a n q u i s einer B a n k d e r E x p o r t b a n k e n , die beide auch für Mit­ teleuropa Bedeutung haben könnten. In diesen Fällen wird erst nach erfolgtem Zustandekommen und langer Tätigkeit sich mit einiger Sicherheit sagen lassen können, welchen Ein­ fluß diese Institute auf die Kapitalgestaltung Mitteleuropas zu nehmen in der Lage sind. Dies ergibt sich mit Notwendigkeit vor allem schon aus der Tatsache, daß d a s d i e s e n l n s t i t u t e n z u r E r f ü l l u n g i h r e r Au f g a b e zur V e r ­ f ü g u n g s t e h e n d e K a p i t a l in kei nem V e r h ä l t ­ n i s z u r G r ö ß e d e r m ö g l i c h e n A u f g a b e n , z u8

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m i nd e s t d e r z e i t , s t e h t und daß die F r a g e der K a p i t a l v e r s o r g u n g im We g e d i e s e r I n s t i t u t e in h o h e m G r a d e v o n e i n e r h e u t e n o c h n i c h t ganz ü b e r s i c h t l i c h e n Art und klar e r k e n n ­ b a r e m U m f a n g e d e r K a p i t a 1b e s o r g u n g d e r ­ s e l b e n in h o h e m A u s m a ß e a b h ä n g i g erscheint. Denn das Charakteristische an allen diesen Gründungen bleibt immer der ausgesprochene Treuhänder- oder Vermittlungs­ charakter, bei dem das Wesentliche und Feste viel stärker in der Organisation, in dem zur Verfügung stehenden Apparate und in den gestellten Aufgaben sich erfassen und bestimmen läßt, als in den tatsächlich zur Verfügung stehenden und heran­ ziehbaren Kapitalmengen. , Inwieweit dies A u s l a n d s k a p i t a l produktiv v e r w e n d e t w e r d e n k a n n b z w. w o r d e n i s t , d i e s e F r a g e s t e l l u n g i s t zu u m f a s s e n d , al s d a ß sie h i e r b e a n t w o r t e t w e r d e n k a n n b z w. ü b e r h a u p t k ö n n t e ; es wird zumindest bei jeder Anleihe die allgemeine für den jeweiligen Fall gegebene Situation geprüft werden müssen. Doch möchten wir noch einige Bemerkungen zu diesem Fragenkomplex machen. In bezug auf die Verwendung der bisherigen Anleihen ist zunächst darauf hinzuweisen, daß die gewährten Kredite zu einem nicht unerheblichen Teil nicht zu rein produktiven Zwecken im engeren Sinne, sondern zu Konsumzwecken kaum weniger dringender Natur herangezogen werden mußten. Das typischste Beispiel hierfür sind wohl die sogenannten Reliefschulden Oesterreichs und Bulgariens, welche größtenteils für die Lebensmittelversorgung in der ärgsten Hungerzeit aufgenommen werden mußten. Zweitens aber darf man nicht vergessen, daß der Stärkung des Pro­ duktionsapparates durch die aufgenommenen Kredite nicht immer im gleichen Ausmaße eine Steigerung der Absatzmög­ lichkeiten gegenübergestanden hat. Dies äußert sich wieder in doppelter Hinsicht. Einerseits in handelspolitischer Hinsicht. Die Absatzschwierigkeiten der mitteleuropäischen Staaten sind heute sehr bedeutend. Zum Teil allerdings nicht ohne eigene Schuld. Eine bessere Zusammenarbeit durch Austausch der Produkte der überwiegend industriellen Gruppen einerseits und der überwiegend agrarischen Gruppen andererseits würde die volkswirtschaftliche Ergiebigkeit und Nützlichkeit des in 114


diesem Sinne angelegten Kapitals aufs allergünstigste beein­ flussen, Zweitens aber betrifft dies auch den Inlandskonsum. Gewiß hat die Verstärkung des Produktionsapparates durch Kapital einen direkten Zusammenhang mit der Konsumfähig­ keit breiter, an diesem Produktionsprozeß unmittelbar beteilig­ ter Schichten, A ber die Konsumfähigkeit dieser Schichten steht meistens nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Konsum der so geschaffenen Güter, Immerhin aber sind hier trotz aller oft so komplizierten Verflechtungen sehr starke gegenseitige Bindungen vorhanden, so d a ß e in w i r k l i c h planvolles Arbeiten, planvollerinwesentlich h ö h e r e m A u s m a ß a l s d i e s b i s h e r d e r F a l l war , a l s u n b e d i n g t n o t w e n d i g e r s c h e i n t . Als drittes Problem w äre noch anzuführen, daß n a t u r g e m ä ß d e r I d e a l z u s t a n d e i n e A b l ö s u n g des A u s l a n d ­ k a p i t a l s d u r c h I n l a n d k a p i t a l w ä r e . Hierfür ist natürlich das Fortschreiten der Kapitalbildung im Inland in erster Linie mitbestimmend. Die Inflation in einzelnen mittel­ europäischen Staaten hat leider, zum großen Nachteil dieser Staaten, diese Kapitalbildung ebenso gehemmt wie einzelne Akte der Gesetzgebung zum Teil auch noch nach der Inflations­ periode, U eberhaupt muß die Währungsfrage naturgemäß von ein­ schneidender W ichtigkeit für die Kapitalbildung sein, eine Er­ kenntnis, die für die Durchführung der Währungsstabilisierung in den mitteleuropäischen Staaten mit entscheidend war. Al l e diese S t a a t e n h a b e n ihre Währungen stabili­ s i e r t , u n d z w a r s o w e i t s t a b i l i s i e r t , d a ß d ie -, s e l b e n in d e r ' Z e i t d e r g r o ß e n al l gemei nen K a p i t a l s - u n d K r e d i t k r i s e d e r s t ä r k s t e Hal t b l e i b e n k o n n t e n . Wie die letzten Ereignisse gezeigt haben, kommt diesem Fragenkomplex eine entscheidende Be­ deutung zu, so daß wir kurz die Grundlagen der Währungs­ systeme der einzelnen Staaten aufzeigen möchten. O e s t e r r e i c h stabilisierte im Herbst 1922 nach einer langen Inflationsperiode die Papierkrone bei einem Werte von rund 14 400 Papierkronen für eine Goldkrone. Mit dem 1. Ja­ nuar 1923 nahm die im Zuge der Sanierungsaktion des Völker­ bundes für O esterreich gegründete O e s t e r r e i c h i s c h e N a t i o n a l b a n k ihre Tätigkeit auf. Für den Notenum8*

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lauf, zuzüglich der sofort fälligen Verbindlichkeiten, jedoch abzüglich der Schuld des Staates, wurde eine Mindestdeckung durch den Barschatz, bestehend aus Gold und goldwerten De­ visen, in der Höhe von 20 % während der ersten fünf Jahre, von 24 % während der weiteren fünf Jahre, von 28 % während der folgenden fünf Jahre und von 33‘/s % während der Restzeit festgesetzt. Dieses Deckungsverhältnis wurde jedoch alsbald weit überschritten. Ende 1924 erschien das Schilling-Rechnungs­ gesetz, mit welchem eine neue Währungseinheit, der Schilling = 0,21172086 g Feingold, festgelegt und damit auch die Gold­ ankaufspflicht der Notenbank in Kraft gesetzt wurde. Ende De­ zember 1926 fielen die letzten Maßnahmen langjähriger Devisen­ bewirtschaftung. Die Oesterreichische Nationalbank hat unter den schwierigsten Verhältnissen, insbesondere trotz der Ban­ kenzusammenbrüche, welche vom Jahre 1924 bis heute in ver­ schiedenen Abschnitten die österreichische W irtschaft schwer erschütterten, die Währung restlos stabil erhalten und in der Stabilität des Schillings eine der festesten Stützen für die Wiederaufrichtung der österreichischen W irtschaft geschaffen, Oesterreich hat als erster mitteleuropäischer Staat die Stabili­ sierung durchgeführt; der eingeschlagene Weg diente für an­ dere Staaten als Vorbild. Am 24. Juni 1924 nahm die neu gegründete U n g a r i s c h e N a t i o n a l b a n k ihre Tätigkeit auf und führte einstweilen eine tatsächliche Stabilisierung bei 346 000 K für 1 engl. £ durch. Gemäß den Satzungen ist der gesamte Banknotenumlauf, ver­ mehrt um die sofort fälligen Verbindlichkeiten der Noten­ banken, jedoch abzüglich der Darlehensschuld des Staates (Art. 53 u. 54), während der ersten fünf Jahre zu 20 %, während der folgenden fünf Jahre zu 24 %, während der weiteren fünf Jahre zu 28 % und während der Restzeit zu 331/» % durch den Barschatz zu decken, wobei außer Gold auch Valuten und Devisen in den Barschatz eingerechnet werden können. Es sind also die bezüglichen Bestimmungen denen der Oesterreichischen Nationalbank fast völlig genau nachgebildet. Nach längerer, tatsächlicher Stabilisierung der ungarischen Krone erfolgte mit Ende Dezember 1925 die Einführung einer neuen Währung, Aehnlich, wie in Oesterreich seinerzeit 10 000 Pa­ pierkronen zu einer Goldkrone zusammengelegt wurden, w urden nun 12 500 Papierkronen zu einem Pengö zusammen116


gelegt und das Goldgewicht der neuen Währungseinheit mit 0,26315789473 g bestimmt. In der T s c h e c h o s l o w a k e i erfolgte die Gründung einer N ationalbank erst am 31. März 1926, Die Deckungs­ bestimmungen der neuen Notenbank sehen Nachstehendes vor: Von dem Zeitpunkte, von welchem das Aktienkapital min­ destens zu zwei D ritteln gezeichnet und eingezahlt ist (§ 46 des Bankgesetzes), bis zur Erlassung eines Währungsgesetzes hat die Bank eine Metalldeckung zu besitzen, die 20 % des gesam­ ten Banknotenumlaufes betragen muß, welchem die auf Sicht zahlbaren Verbindlichkeiten hinzuzurechnen sind, wogegen die Staatsnotenschuld hiervon abzurechnen ist. Diese Deckung erhöht sich durch 15 Jahre um je 1 % jährlich. Die formelle Schaffung einer neuen Währungseinheit geschah erst später. Nachdem durch viele Jahre die tschechoslowakische Krone auf einem Kurs von rund 3 Dollar für 100 Kc gehalten worden war, erfolgte im Jahre 1929 die gesetzliche Stabilisierung, durch welche 1 Kc 0,04458 g Feingold gleichgesetzt wurde. In J u g o s l a v i e n schritt man, nachdem es gelungen war, den Dinar bei einem Kurse von 56 bis 57 Dinar für 1Dollar tatsächlich zu stabilisieren, Anfang 1931 zur formellen Stabili­ sierung. Der W ert eines Dinars wurde mit 26,5 mg Feingold fest­ gesetzt. Gleichzeitig erfolgten Aenderungen der Satzungen der Jugoslavischen Nationalbank, Die Nationalbank ist verpflichtet, einen Barschatz in Gold oder Devisen, welche gesetzlich und tatsächlich in frei exportierbarem Gold eingelöst werden, zu halten. Die Höhe dieses Barschatzes muß mindestens 35 % des gesamten Betrages ihrer Sichtverbindlichkeiten betragen, wo­ bei mindestens 25 % der Sichtverbindlichkeiten der National­ bank durch Gold in den Kassen oder in freien Depots im Aus­ lande gedeckt sein müssen. Die Nationalbank hat die Ver­ pflichtung zur Einlösung ihrer Noten in Gold oder in Gold ein­ wechselbare Devisen ohne Rücksicht auf die Höhe des ein­ gereichten Betrages. Keinesfalls erfolgt jedoch eine Einlösung in Gold für Summen unter 250 000 Dinar. In P o 1 e n stieß die Währungsstabilisierung auf Schwierig­ keiten, zum Teil, weil auf den verschiedenen Gebieten Polens verschiedene Zahlungsmittel umliefen. Nach vielen Teil­ regelungen erfolgte die erste Währungsreform im Jahre 1924. 117


Doch nach kurzer Zeit erfolgte eine neue Inflation durch staat­ liche Kurantnoten; eine neue Stabilisierungsaktion setzte Ende 1927 ein. Der Zloty wurde mit einem neuen Goldwert von 0,16879219804 g Feingold festgelegt. Durch Erhöhung des Aktienkapitals der Bank auf 150 Mill. Zloty wurden neue De­ visen derselben zugeführt. Allmählich konnte auch ein Abbau der Devisenvorschriften Platz greifen. Der nunmehr erreichte Stand konnte behauptet werden. Aehnlich lagen die Verhältnisse in R u m ä n i e n . Eine Stabilisierung erwies sich zunächst als undurchführbar. Erst im Jahre 1929 erfolgte eine bleibende Währungsreform, nach­ dem man einige Zeit vorher den Kurs des Lei auf ungefähr 3,2 Schweizer Franken für 100 Lei stabil gehalten hatte. Die Goldparität des Lei wurde mit 10 mg Gold 900/1000 fein, also ‘(sio der alten Goldparität, festgelegt. Die Rumänische National­ bank erfuhr eine Reihe von Statutenänderungen und eine Kapitalvermehrung. Die Nationalbank ist verpflichtet, eine Deckung in Gold oder solchen Devisen zu halten, welche auf Grund der Gesetze und der Praxis in Gold einlösbar sind. Die Deckung muß mindestens 35 % der Gesamtsumme der sofort fälligen Verbindlichkeiten betragen. Mindestens 25 % der so­ fort fälligen Verbindlichkeiten müssen durch Gold, welches entw eder in den Kassen oder im freien Auslandsdepot liegt, gedeckt sein. Die Bank garantiert die Einlösbarkeit der Noten ohne Begrenzung des Betrages, jedoch darf niemand weniger als 100 000 Lei auf einmal zur Zahlung präsentieren. In D e u t s c h l a n d konnte erst das neue Bankgesetz vom August 1924 und das gleichzeitig mit ihm geschaffene PrivatNotenbank-Gesetz und Münzgesetz eine Lösung bringen. Als W ährungseinheit wurde die Reichsmark = 1 Billion alter Pa­ pierm ark eingeführt und der alten Goldmark mit ihrem Gold­ gewicht von 0,3584229390681 g gleichgestellt. Auch neue Deckungsbestimmungen wurden geschaffen. Der Notenumlauf der Bank hat zumindest mit 40 % durch den Barschatz gedeckt zu sein, der in Gold und Devisen zu halten ist, wovon aber min­ destens drei Viertel effektives Gold sein müssen, eine Be­ stimmung, die sich allerdings in der Krise des Jahres 1931 nicht aufrecht erhalten ließ. Im Jahre 1930 hat dann die N otenbank im Zusammenhänge mit der Neuregelung der Re­ parationszahlungen durch den Young-Plan die Barzahlung in 118


der Form in K raft gesetzt, daß ihre Noten nach Wahl der Bank in Gold oder Golddevisen eingelöst werden, Aehnlich wie in Oesterreich hat auch die Deutsche Reichsbank trotz wieder­ holten schweren Erschütterungen der deutschen Wirtschaft die Währung stabil erhalten und damit einen Ruhepunkt in schweren wirtschaftspolitischen Umwälzungen geschaffen. Wie für die einzelnen Währungen, so mußten auch für das B a n k w e s e n teilweise völlig neue Grundlagen geschaffen werden, was für die Entwicklung der Kapitalwirtschaft nicht gerade förderlich war, vielmehr viele Störungen hervorrief. An Stelle der Einheitlichkeit des früheren österreichisch­ ungarischen Bankwesens ist im Laufe der Entwicklung eine Verschiedenartigkeit getreten; haben die politischen Umwäl­ zungen doch auch den Charakter des Bankwesens stark beein flußt. W elch eine Wandlung ist z. B, in bezug auf das öster­ reichische Bankwesen festzustellen! Doch es würde den Rahmen dieser A rbeit sprengen, wenn wir die Geschichte des Bankwesens der einzelnen Länder, die weitgehend eine Tragödie ist, auf zeichnen würden. So ist es also leider den mitteleuropäischen Staaten nicht möglich gewesen, sich eine eigene ausreichende Kapätalbasis zu verschaffen- Sie sind vielmehr alle — nur die Tschechoslo­ wakei kann man ausnehmen — ans Ausland stark verschuldet. Anläßlich der Kreditkrise des Jahres 1931 ist oft die Frage ge­ stellt worden: Ist diese Auslandsverschuldung tragbar? Wir teilen die teilweise vertretene pessimistische Auffassung nicht unbedingt, sind der Ueberzeugung, daß die privaten Auslands­ schulden tragbar sind, ja, daß die „borrowing capacity" weitere Ausländsanleihen durchaus zuläßt, wenn diese zu tragbaren Zinssätzen gegeben werden. Dies trifft aber für die Auslands­ verschuldung der letzten Zeit oft nicht zu. Hinzu kommt ferner, daß die Kapitalgeber sich einen weitgehenden Einfluß zumindest auf die Wirtschaftspolitik der Länder in verschiede­ ner Form zu verschaffen gesucht haben. Die von anderen Län­ dern gegenüber M itteleuropa geführte Kapitalpolitik ist vielfach von einem wenig europäischen Geist getragenl D o c h h i e r ­ a u s m u ß m a n d e n S c h l u ß z i e h e n , d a ß di e F ö r ­ d e r u n g d e r e i n h e i m i s c h e n K a p i t a l b i l d u n g von e n t s c h e i d e n d e r B e d e u t u n g f ü r di e Z u k u n f t M i t t e l e u r o p a s i n j e d e r B e z i e h u n g s e i n wi r d. 119


Der mitteleuropäische Verkehrsraum/) Von Staatssekretär a. D. Professor Dr. Elemer Hantos, Wie die W irtschaft im allgemeinen, so steuert das Ver­ kehrswesen im besonderen der allumfassenden Vereinigung der W irtschaftsbezirke der Erde in einer W eltwirtschaft zu. Wie aber die Schaffung der Weltwirtschaft, ja sogar die Schaf­ fung von Erdteilwirtschaften gewisse Zwischenstufen nicht überspringen kann, so kann auch die Gemeinschaft im W eltverkehr gewisse Uebergänge nicht entbehren. D er Drang nach Vereinheitlichung der V e r k e h r s ­ systeme, nach Vertiefung der V e rk e h r s b e ­ z i e h u n g e n e r s t r e c k t sich auf alle V e r k e h r s ­ m i t t e l und d e h n t sich bis an die G r e n z e n g a n ­ zer K o n t i n e n t e aus, doch ist der Z u s a m m e n ­ s c h l u ß im a l l g e m e i n e n n i c h t ohne U e b e r g a n g erreichbar. Einzelne Verkehrsmittel eignen sich sogar nur zu lokalen oder regionalen Zusammenschlüssen, während die zwischen­ staatliche Regelung anderer bereits so weit gediehen ist, daß sie sich zu W eltverkehrssystemen entwickelten. Die Linie zwischen dem, was für den W eltverkehr, für den Verkehr Europas als bindende Gemeinschaft zu gelten hat, und dem, was der autonomen Gestaltung einzelner Gebiete, wie Mittel­ europa, überlassen werden soll, ist nicht immer leicht zu ziehen.*) *) Eime eingehende Behandlung der in diesem Aufsatze angeschnit­ tenen Probleme enthalten folgende im gleichen Verlage erschienene Schriften des Verfassers: Mitteleuropäische Eisenbahn­ p o l i t i k , Wien-Leipzig 1929; M i t t e l e u r o p ä i s c h e W a s s e r ­ straßenpolitik, Wien-Leipzig 1929; Mitteleuropäischer P o s t v e r e i n , Wien-Leipzig 1930.

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Das W irkungsfeld der Seeschiffahrt, des Flugverkehrs, des Funkdienstes erstreck t sich auf die ganze Welt und erzeugt eben deshalb das dringende Bedürfnis gesamtweltlicher Re­ gelung. Dagegen sind es vornehmlich drei Gebiete, auf denen sich eine autonome, regionale Gestaltung als wünschenswert er­ weisen w ürde: die Gebiete des E i s e n b a h n w e s e n s , der B i n n e n s c h i f f a h r t und des P o s t - u n d T e l e g r a ­ phenwesens. Das V erkehrsgebiet Mitteleuropa ist mit den zu ihm ge­ hörenden sieben S taaten (Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Polen, Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslavien) mächtig genug, um zu einer Zusammenfassung dieser Verkehrsmöglich­ keiten zu begeistern. J a , d a s m i t t l e r e E u r o p a s t e l l t i n s e i n e r G e s a m t h e i t e i n G e b i e t dar, d a s s i c h i n f o l g e s e i n e s C h a r a k t e r s al s D u r c h ­ gangsland der zentralen Verbi ndungen ^ w i s c h e n O s t u n d W e s t , N o r d u n d S ü d f ür eine e i n h e i t l i c h e V e r k e h r s r e g e l u n g beson­ ders eignet. M itteleuropäische Eisenbahngemeinschaft.

Auf w e n i g e n G e b i e t e n des Wi r t s c h a f t s ­ l e b e n s h a t d e r G e m e i n s c h a f t s g e da nk e , de r G e d a n k e d e r i n t e r n a t i o n a l e n Kooperation u n d d e s Z u s a m m e n s c h l u s s e s so t i e f Wu r z e l g e f a ß t w i e a u f d e m G e b i e t e des E i s e n b a h n ­ wesens, Die kooperative Tätigkeit äußert sich in Staatsverträgen mit den N achbarstaaten über den Eisenbahnbau, in Verbands­ verträgen der Eisenbahnen, in der Förderung gemeinsamer An­ gelegenheiten durch Konferenzen, in Handelsverträgen und an­ deren internationalen Vereinbarungen. Trotz der vielfachen Uebereinstimmung der technischen, verkehrspolitischen und rechtlichen Maßnahmen, trotz der zahlreichen gemeinsamen Institutionen (Berner Konvention, Technische Einheit, Fahr­ plankonferenz, Reglements für Wagenbenützung usw.) haben die m i t t e l e u r o p ä i s c h e n W i r t s c h a f t s v e r e i n e schon in der Vorkriegszeit eine weitergehende Vereinheit121


lichung in den Beförderungsbedingungen im mitteleuropäischen Eisenbahnverkehr angestrebt.*) Diesen Gedanken hat später in einer der neuen politischen Gestaltung M itteleuropas ent­ sprechenden Form die M i t t e l e u r o p ä i s c h e V e r ­ k e h r s k o n f e r e n z (1926) aufgenommen, indem sie ein de­ tailliertes Programm für die Zusammenarbeit auf allen Ge­ bieten des mitteleuropäischen Verkehrswesens in ihre Ent­ schließungen aufgenommen hat.**) In M itteleuropa wurde in der Vorkriegszeit, besonders in bezug auf die Personen- und Güterbeförderung wichtige Arbeit geleistet von dem V e r e i n D e u t s c h e r E i s e n b a h n ­ v e r w a l t u n g e n , der bei dem Ausbruch des Weltkrieges die Bahnen Deutschlands, Oesterreichs, Ungarns, der Nieder­ lande, Luxemburgs, Rumäniens sowie noch einige russische und belgische Strecken umfaßte und im L a u f e v o n s i e ­ ben J a h r z e h n t e n aus M i t t e l e u r o p a ein e i n ­ h e i t l i c h e s V e r k e h r s g e b i e t g e s c h a f f e n hat. Die Arbeit des im Jahre 1846 gegründeten Vereins war zunächst auf die Schaffung übereinstimmender technischer Normen gerichtet. Mit der Verständigung über die technischen Grundlagen des Eisenbahnbaues und -Betriebes war auch die Voraussetzung für eine Regelung der gegenseitigen Benutzung der Fahrzeuge gegeben. Bald erwies sich wegen der Mannig­ faltigkeit der Rechtsverhältnisse und der Rechtsgebiete die einheitliche Regelung des Verkehrs als dringend notwendig. Der Verein schuf die ersten gemeinsamen „Reglements für den Personen- und G üterverkehr“, die die Vereinheitlichung des Rechtes auf dem Gebiete des Verkehrswesens vorbereiteten. Hieran schlossen sich Vereinheitlichungsmaßnahmen betriebs­ technischer Natur, so die Aufstellung einheitlicher Normen über die Spurweite des Schienenweges und über die Betriebs­ mittel, sowie die europäischen Fahrplankonferenzen und die Wagenbestellungskonferenzen. Der Ausgang des Krieges übte auf diese Einheit einen verhängnisvollen Einfluß aus. Die Bahnen der meisten Nach*) Siehe „Veröffentlichungen der Mitteleuropäischen Wirtschaftsvereine". Verhandlungen der Mitteleuropäischen Wirtschaftskonferenz in Bu­ dapest, 1914, S. 92 und Budapest 1917, S, 74. ••) Bericht der „Mitteleuropäischen Verkehrstagung", Verlag Mittel­ europäische Wirtschaftstagung, Wien 1926, S. 48.

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folgestaaten (Tschechoslowakei, Polen, Rumänien, Jugoslavien und Italien) schieden aus dem Verein aus. Der Verein umfaßt ab er heute immer noch das Gebiet der deutschen Reichseisenbahngesellschaft, die Saarbahnen und 14 deutsche Privatgesellschaften, ferner drei österreichische, fünf unga­ rische, die niederländischen Eisenbahnen, die luxemburgische Prinz-Heinrich-Bahn und die Raab-Oedenburg-EbenfurterBahn, V o n 1 0 1 5 0 0 k m i m J a h r e 1913 i s t im e i g e n t ­ l i c h e n M i t t e l e u r o p a d a s V e r k e h r s n e t z auf 7 3 0 9 3 k m z u r ü c k g e g a n g e n . Schon kilometrisch ist der Verlust bedeutend, er wird dadurch erhöht, daß die aus­ geschiedenen Linien (Tschechoslowakei, Polen) vielfach zentral und transversal verlaufen und den Zusammenhang des ver­ bliebenen V erkehrsnetzes an zahlreichen Stellen unterbrechen, Seit dem Ja h re 1928 haben sich dem Verbände die Bahnen von vier w eiteren Staaten angeschlossen. Es sind dies die Ver­ waltungen von Schweden, Norwegen, Dänemark und der Schweiz. D er V erein umfaßt dadurch einen recht beträcht­ lichen Teil M ittel- und Nordeuropas vom Nordkap in Nor­ wegen bis an die italienische Grenze bei Chiasso, insgesamt M itgliederverwaltungen mit einer B e t r i e b s l ä n g e von 9 2 7 4 0 k m . D er Verein nimmt auch Mitglieder auf, die nicht Eisenbahnverwaltungen sind, wie z.B. Schiffahrtslinien, Luftfahrtunternehmungen. In der Nachkriegszeit wurde die Intemationalisierung des Eisenbahnwesens auf einer Reihe von Konferenzen angestrebt. Die erste internationale Verständigung erfolgte im Herbst 1921 in S t r e s a , die eine Erweiterung des Wagenübereinkommens des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen und dessen Ausdehnung auf die Nachbarstaaten zum Inhalt hatte. In P o r t o r o s e (1921) bildete die Wiederherstellung der durch den Krieg zerrissenen Eisenbahnverbindungen innerhalb der früheren österreichisch-ungarischen Monarchie den Verhand­ lungsgegenstand. Gleichzeitig wurde hier angeregt, eine dem Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen ähnliche Organi­ sation auf internationaler Basis zu schaffen. In diesem Sinne spricht die Konferenz den „Wunsch“ nach Zusammentritt einer internationalen Konferenz aus.*) In Vollzug eines von der *) Conference Economique de Portorose. Protocole final (23novembre 1921), Triest 1921, Nr. 14, S. 102.

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Konferenz von G e n u a gefaßten Beschlusses hat sich am 1. Dezember 1922 in Paris ein „ I n t e r n a t i o n a l e r E i s e n b a h n v e r b a n d “ konstituiert, dem sich die haupt­ sächlichsten Bahnen der europäischen Staaten sowie die Bah­ nen Asiens, besonders von China und Japan, vor kurzem auch die anatolischen Bahnen angeschlossen haben. Bei der Grün­ dung wurde ausdrücklich betont, daß der nunmehr 80 jährige deutsche Verein seine Selbständigkeit auch weiter bewahren soll. Somit hat also der Verein Deutscher Eisenbahnverwaltun­ gen für die heute noch zu ihm gehörenden Verwaltungen seine Bedeutung nicht verloren, auch hat der Beitritt seiner Mit­ glieder zum neuen Verein kein Opfer erheischt, da dieser dem alten nachgebildet wurde. „Es ist nicht der Ehrgeiz des Ver­ eins Deutscher Eisenbahnverwaltungen — schreibt sein ge­ schäftsführender Leiter, Reichsbahndirektor L ü d i c k e —, dem internationalen Eisenbahnverband in bezug auf territoriale Ausdehnung W ettbewerb zu machen. Vielmehr fordert er von seinen Mitgliedern eine so intensive Zusammenarbeit, daß eine zu weite Ausdehnung seines Gebietes zu einer Gefährdung seiner Arbeiten führen würde." Dennoch entsteht infolge die­ ser Verflechtung eine D u p l i z i t ä t der Zugehörigkeit in M itteleuropa, die sich früher oder später fühlbar machen wird. Deswegen erscheint es erwägenswert, ob nicht die vom deut­ schen Verein geschaffenen Einrichtungen von dem in Paris domizilierenden Internationalen Verein übernommen und ein Ausgleich auf diesem Wege gesucht werden könnte. Aber verschiedene Bedenken stehen diesem Vorschlag im Wege. Die S t ä r k e des deutschen Vereins liegt darin, daß die in ihm zusammengeschlossenen Netze unter annähernd gleichen geographischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Bedingungen arbeiten. Länder, bei denen diese allgemeine Gleichartigkeit der Verhältnisse nicht vorliegt, müssen natur­ gemäß sehr vorsichtig sein, wenn es sich darum handelt, ihre Eisenbahnvorschriften und Verkehrseinrichtungen einander an­ zupassen. Die S c h w ä c h e des neuen Internationalen Eisen­ bahnverbandes liegt andererseits darin, daß zwischen den Ver­ kehrsm itteln der Mitgliedsstaaten, sowohl in qualitativer wie in quantitativer Hinsicht, teilweise namhafte Unterschiede be­ stehen. Es ist überhaupt zu befürchten, daß bei der ungeheuer

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breiten Basis, die dem Internationalen Eisenbahnverband ge­ geben wurde, bindende Beschlüsse nicht zustande kommen werden, obwohl dem Beschluß des Verbandes zufolge auch Teilregelungen zugelassen werden. Nach dem geltenden Or­ ganisationsstatut ist folgender Fall möglich: Sämtliche Bahnen Europas halten die rasche und zwangsweise Durchführung irgendeiner adm inistrativen oder technischen Maßnahme für geboten. A uch ihre Regierungen sind damit einverstanden. Die chinesische Regierung aber, die Aufsichtsbehörde von 5000 bis 6000 km im V erband vertretener Bahnen, glaubt aus Grün­ den, die in ihren besonderen Verhältnissen begründet liegen, die ihr vorbehaltene Zustimmung zu dieser Maßnahme nicht geben zu können. Dann ist der hierüber gefaßte Beschluß auch für die übrigen Länder unverbindlich,*) Die W eiterbildung des Vereins Deutscher Eisenbahnver­ waltungen zum Zwecke der übereinstimmenden technischen Gestaltung der Bahnen und der Erleichterung des gegen­ seitigen V erkehrs muß also wie vor dem Kriege so auch jetzt w ieder ein Ziel d er mitteleuropäischen Zusammenarbeit sein. Vor allem muß heute wieder angestrebt werden, die Existenz und den Betätigungsbereich des Vereins in Staatsverträgen an­ zuerkennen und unter den Schutz der Regierungen zu stellen. Diese Etappe der Entwicklung wird aber wohl nur zu er­ reichen sein, wenn den n e u e n p o l i t i s c h e n V e r h ä l t ­ n i s s e n e n t s p r e c h e n d d e r d e u t s c h e Ver ei n in einen V e r e i n m i t t e l e u r o p ä i s c h e r E i s e n b a h n v e r w a l t u n g e n umgewandelt wird. Den deutschen Bah­ nen würde in einer solchen Ausgestaltung ihres Vereins eine ihrer Bedeutung entsprechende Rolle schon infolge der über­ ragenden Stellung gesichert bleiben; ist doch das Netz der Nachfolgestaaten nicht so bedeutend wie das der deutschen Reichseisenbahngesellschaft. Als dritte Möglichkeit zur Erhaltung und Erweiterung der V erkehrseinheit in M itteleuropa wurde vom Verfasser auf der Verkehrskonferenz der Mitteleuropäischen Wirtschaftstagung !n Wien 1926 die S e k t i o n i e r u n g d e s I n t e r n a t i o ­ n a l e n E i s e n b a h n v e r b a n d e s und innerhalb desselben *) Vergl. Karl S t i e l e r , Der internationale Eisenbahnverband, Völ­ kerrechtsfragen, Heft 11, Berlin 1926.

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die Errichtung einer mitteleuropäischen Abteilung angeregt. Diese Anregung hat der an der Konferenz anwesende General­ sekretär der Union internationale des chemins de fer als er­ wägenswert bezeichnet. E i n e M i n i m a 1f o r d e r u n g w ä r e , d a ß V e r ­ kehrskonferenzen der m itteleuropäischen E i s e n b a h n v e r w a l t u n g e n r e g e l m ä ß i g an wech­ s e l n d e n S t a n d o r t e n z u s a m m e n t r e t e n , um die F r a g e n d e r F ö r d e r u n g des g e g e n s e i t i g e n Verk e h r s auf di e z w e c k m ä ß i g s t e W e i s e zu p r ü ­ f e n . Solche Teilverkehrskonferenzen wurden auch in einer Resolution der Vollversammlung des Völkerbundes im Jahre 1926 empfohlen. „Die Versammlung verfolgt — heißt es — mit dem lebhaftesten Interesse die Arbeiten der Organisation für Verkehr und Transit, welche auf die Einberufung einer Teilkonferenz für Verkehr und Transit abzielen, zu der die beteiligten europäischen Staaten eingeladen werden sollen.“ Die Bedeutung des Beschlusses liegt nicht so sehr in der Zweckmäßigkeit der empfohlenen Kooperation, da dieselbe seither nach mehreren Richtungen hin schon verwirklicht ist, sondern in der Bereitwilligkeit des Völkerbundes, die Bestre­ bungen dieser zwischenstaatlichen Konferenzen zu fördern. Dem Verkehrsbedürfnis Mitteleuropas wäre außer durch technische Kooperation durch eine m a t e r i e l l e u n d f o r ­ m e l l e K o n f o r m i t ä t d e r T a r i f e und ihre gegenseitige Anwendung Rechnung zu tragen. Mindestforderung ist hier­ bei, daß die f o r m e l l e A u s g e s t a l t u n g d e r T a r i f e nicht den vielen neuen Eisenbahnverwaltungen überlassen, sondern daß wenigstens auf diesem Gebiete d i e Einheit wieder hergestellt werde, die Jahrzehnte hindurch in Mittel­ europa herrschte. Die Tarifschemata sollen wenigstens so weit angeglichen werden, daß eine gleichmäßige, einheitliche Klassifikation für den V e r b a n d s t a r i f ermöglicht wird. Hinsichtlich der m a t e r i e l l e n G e s t a l t u n g d e r T a r i f e interessieren hauptsächlich die Ausnahmetarife, die überall für einen bedeutenden Teil des Güterverkehrs in Kraft sind. Zur Sicherung gegen protektionistische Ausnahmetarife müßte im mitteleuropäischen Verkehr bezüglich d e s P r e i ­ s e s d e r B e f ö r d e r u n g und der Abfertigung die P a r i ­ t ä t s k l a u s e l vertragsmäßig festgelegt werden. 126


Es w äre ungemein wünschenswert, im Aufbau der Tarife eine möglichste Annäherung zu erzielen, wobei jedoch hinsicht­ lich der Höhe und Abstufung der Tarifsätze der durch die geographischen Gebietsverhältnisse bedingten Eigenart der Verkehrsbedürfnisse Rechnung zu tragen sein wird. Die Systemlosigkeit des mitteleuropäischen Eisenbahn­ gütertarifwesens könnte durch eine weitgehende S t a b i l i ­ s i e r u n g d e r T a r i f e gemildert werden. Die Fristen für die Aenderung und Verkündigung von Tarifänderungen sollten möglichst lange erstreckt werden. Wie im internationalen Uebereinkommen hätte auch im inneren Verkehr die Frist von zwei Monaten für den Güterverkehr und zwei Wochen für den Personenverkehr zu gelten. Neben der Ausgestaltung eines m i t t e l e u r o p ä i s c h e n E i s e n b a h n v e r e i n s und der Schaffung eines i n t e r ­ n a t i o n a l e n T a r i f r e g i m e s gibt es noch eine Möglich­ keit, die Zerreißung des früher einheitlichen Wirtschafts­ körpers halbwegs gutzumachen, nämlich die Uebertragung der mitteleuropäischen Verkehrslinien an eine einheitliche B e ­ triebsgesellschaft, eine I n t e r n a t i o n a l i s i e ­ r u n g der m i t t e l e u r o p ä i s c h e n H a u p t s t r e c k e n . * ) Bei einer solchen internationalen Betriebsgesellschaft könnten alle ökonomischen und wirtschaftspolitischen Vorteile des einheitlichen Betriebes erzielt werden, ohne daß die Hoheitsrechte der einzelnen Staaten Abbruch erfahren würden. In einer Betriebsgemeinschaft würden alle Konkurrenz­ rücksichten wegfallen und die Transporte nur auf die jeweilig zweckmäßigsten Linien geleitet werden. Eine stärkere Aus­ bildung des durchgehenden Verkehrs könnte stattfinden und dadurch eine bessere Ausnutzung des Wagenparks erzielt werden. Wie denn überhaupt in größeren Verkehrsgebieten die Ausnutzung der Betriebsmittel stets eine vollkommenere ist als in kleineren Verwaltungsbezirken. V on h e r v o r r a g e n d e r f a c h m ä n n i s c h e r Sei t e w i r d e s a l s m ö g l i c h e r a c h t e t , d a ß s i c h di e B a h n e n M i t t e l e u r o p a s zwecks Verbesserung *) Zu denken wäre hierbei an die Linien Buchs—Wien—Budapest— Orsova, dann Wien—Teschen, Wien—Oderberg—Krakau (Warschau)—Lem­ berg—Csernowitz usw.

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und R a t i o n a l i s i e r u n g des V e r k e h r s w e n i g ­ stens auf den für den i n t e r n a t i o n a l e n V e r ­ kehr wichtigen Linien zusammenschließen und daß in d e r e i n e n od e r a n d e r e n F o r m der I n t e r n a t i o n a l i s i e r u n g s g e d a n k e im S i n n e des f r a n z ö s i s c h e n E n t w u r f e s d e r C o n v e n t i o n sur le r e g i m e g e n e r a l des t r a n s p o r t s I n t e r n a t i o ­ na u x e i n e R e a l i s i e r u n g f i n d e u n d e i n e s T a g e s eine mitteleuropäische E i s e n b a h n g e s e 11 Schaft g e s c h a f f e n werde. Welche Form der Kooperation auch bevorzugt wird, ob sie die Not der Zeit oder das Gebot der Vernunft zustande bringt, der Gemeinschaftsgedanke auf dem Gebiete des Ver­ kehrs drängt sich unabweisbar auf und wird sich mehr denn je als entwicklungsfähig erweisen. M itteleuropäische W asserstraßenpolitik.

Die mitteleuropäische Wasserstraßenpolitik soll den Aus­ bau der Hauptströme fördern und die Verbindung zwischen ihnen herstellen. Es handelt sich in erster Reihe um die V e r b i n d u n g der D o n a u mit dem Main, der El be, d e r Oder u n d d e r W e i c h s e l . Die Pläne für den Ausbau dieser W asserstraßen sind technisch hinreichend geklärt, um als Grundlage für wirtschaftspolitische Forderungen dienen zu können. Durch die Verbindung der Donau mit den nördlich fließenden Flüssen, vom Rhein bis zur Weichsel, wird ein für die Großschiffahrt geeignetes Netz von mehr als 15 000 km er­ zielt, wodurch die mächtige, derzeit aber noch verkehrs­ schwache Donau ihre volle Bedeutung als Verkehrsader zwischen W est und Ost erlangen würde. Der mehr als tausend­ jährige Traum einer Verbindung des Rheins mit der Donau geht seiner Erfüllung entgegen. Die Rhein-Main-Donau-A.G. hat auf Grund eines Staatsvertrages zwischen dem Reich und Bayern die Aufgabe, als ersten Teil der Rhein-Main-DonauGroßschiffahrtsstraße zunächst die 160 km lange Flußstrecke von Aschaffenburg mainaufwärts bis Würzburg und dann w eiter bis Nürnberg auszubauen und dieses W erk bis zum Jah re 1935 zu vollenden. Damit soll der Großschiffahrtsweg vom Rhein zum Main, der jetzt in Aschaffenburg endet, bis 128


Würzburg und Nürnberg vorgetragen w erden. N ach A b sch luß dieser Aufgabe folgt dann später die Verbindung d es M ains mit der Donau.

Die neue W asserstraße wird so gebaut, daß ein Schlepp­ zug, bestehend aus einem Dampfer und zwei 1500-t-Schiffen durch die Schleusen gehen kann. Die Donau von Kehlheim bis Regensburg wird kanalisiert, die alte D onaubrücke in R e­ gensburg wird umgangen, die Donau zwischen Regensburg und Passau reguliert. In der Donau bei Passau geht ein gewaltiges Bauwerk, die Kachletstufe, die die gefährliche F elsenstrecke zwischen Passau und Vilshofen überstaut, seiner Vollendung entgegen. Mit der Vollendung dieses W erkes w ird d er D onau­ strom an das deutsche W asserstraßennetz angeschlossen sein. Rheinschiff und Donaukahn w erden im W ettbew erb von R ot­ terdam bis Sulina einen großen Teil des G üterverkehrs von Europa vermitteln. D i e P e r s p e k t i v e n , d i e s i c h h i e r eröffnen, lassen sich kaum übersehen. Erz aus der S t e i e r m a r k k o m m t zur V e r h ü t t u n g an die R u h r , Ka l i a u s M i t t e l d e u t s c h l a n d z u r HebungderlandwirtschaftlichenProduktion n a c h U n g a r n u s w . Ein Gebiet von ungefähr 200 km Breite zu beiden Seiten des rund 4500 km langen Schiffahrts­ weges wird unter dem Einflußkreise dieser H andelsstraße stehen. Diese V e r b i n d u n g des A t l a n t i s c h e n O z e a n s mi t dem S c h w ar z e n M e e r , d i e s e V e r b i n d u n g A m e r i k a s mi t A s i e n w i r d e i n w i r t s c h a f t l i c h e s Ereignis darstellen, das s e i n e s g l e i c h e n nur i m P a n a m a - u n d S u e z k a n a l f i n d e t . Die V erbin­ dung der Donau mit den übrigen Stromgebieten durch k ünst­ liche Wasserstraßen ist ebenfalls ein Plan, der schon im Mittelalter auftauchte. Es ist aber wenig verw irklicht worden. Nach dem Weltkriege hat die tschechoslowakische Republik die Pläne der Verbindung der Donau mit der Elbe, der O der und der Weichsel wieder auf genommen, die Regierung will mit dem Bau beginnen, sobald es die Verhältnisse gestatten. Die Vorbereitungen für die Verwirklichung d ieser W a s s . e r s t r a ß e n p l ä n e sind schon erheblich fortgeschritten. An der Schiffbarmachung der m ittleren Elbe, zw ischen M elnik (Einmündung der Moldau) und Jaromir, wird energisch g e­

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arbeitet. Die Arbeiten wurden bereits 1907 aulgenommen und seither ununterbrochen fortgesetzt. Nachdem die Staustufen an der unteren Elbe bereits fertiggestellt sind, kann mit der bevorstehenden Aufnahme der Arbeiten an dem Elbe-, Oder­ und Donaukanal, die mit zehn Arbeitsjahren veranschlagt sind, gerechnet werden. Der geplante E l b e - O d e r - D o n a u k a n a l bildet ein untrennbares Ganzes und erheischt zur Vermeidung hoher Zinsen möglichst kurze Baufristen. Die Trassenführung ist bereits generell gelöst. Auf dem böhmischen Kanalabschnitt sind die Projektierungsarbeiten beendet, der mährische Ab­ schnitt wurde bereits früher Trassenrevisionen unterworfen. Ebenso ist im Bereiche des Kohlenbezirkes Ostrau-Oderberg das Kanalprojekt ausgearbeitet, der Verlauf der slowakischen Kanalstrecke endgültig festgelegt. Selbstverständlich wird der Bau dieses Kanals in erster Reihe die Schiffahrt der Tschecho­ slowakei günstig beeinflussen.*) So unterliegt es keinem Zweifel, daß die Bedeutung des tschechoslowakischen Frei­ hafens in Hamburg infolge der Vergrößerung seines Attraktions­ gebietes an der Elbe steigen wird. Die Verlängerung der W asserstrecke bis zur Donau, die Zuführung neuer Waren wird den Handelsverkehr ganz Mitteleuropas beleben. An den Donau-Oderkanal hat sich in Ostrau der OderWeiehselkanal anzuschließen. Der Ausbau dieses D o n a u W e i c h s e l k a n a l s bietet in technischer Hinsicht keine Schwierigkeiten. Bereits die ehemalige k. k. Wasserstraßen­ direktion in W ien hatte das Problem eines solchen Kanals ins­ besondere in bezug auf die Wasserversorgung geklärt. Die Länge der Trasse beträgt von Mährisch-Ostrau bis Krakau 140 km, die Speisung des Kanals erfolgt aus der kleinen Weichsel und dem Solaflusse und ist als gesichert anzusehen. *) Von österreichischer Seite wird gegen diesen Plan eingewendet, daß die Trasse am linken Marchufer viel größere Schwierigkeiten bereitet als die direkt nach Wien führende Linie, nicht nur wegen des Einbaues mehrerer Schleusen, sondern auch deshalb, weil am linken Marchufer der Thebener Höhenzug sehr nahe an den Fluß herantritt und dadurch nicht nur der Bau der Wasserstraße erschwert, sondern auch die Anlage des an der Ausmündung unbedingt notwendigen Hafens außerordentlich beengt wird. Vergl. Otto von S c h n e l l e r „Die Einpassung der österr. Donaustrecke in das europäische Binnenscliiffahrtssystem" in Veröffent­ lichung Nr. 4 des österr. Kuratoriums für Wirtschaftlichkeit,

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Durch den Ausbau der Verbindungen der Donau mit der Elbe, Oder und Weichsel wird sich das Einflußgebiet der Nordund Ostseehäfen für den Versand von Baumwolle, Zucker, Nahrungs- und Düngemitteln in das Innere des Festlandes er­ strecken, das Absatzgebiet der nordböhmischen Braunkohle, der oberschlesischen, Mährisch-Ostrauer und westgalizischen Steinkohle wird sich dem Schiffahrtsnetze entlang und bis in die Alpenländer und die unteren Donaugebiete ausdehnen. Aus dem Einzugsgebiete des Schwarzen Meeres und aus dem öst­ lichen Europa wird in reichlicher Menge Getreide, Wolle, Petroleum donauaufwärts transportiert und gegen Industrie­ produkte ausgetauscht werden. Für U n g a r n und seine süd­ lichen Nachbarn ist die Donau ein Strom, der für das Wirt­ schaftsleben dieser Länder in entgegengesetzter Richtung fließt. Die Erzeugnisse der Landwirtschaft und der bodenständigen Industrien gravitieren aus diesen Donaugebieten nach dem Norden und Westen Europas. Auf der Mitteleuropäischen Wasserstraßenkonferenz in Budapest (1929) hat der Präsi­ dent der Budapester Börse die Frachtlage auf der Donau und ihre Aenderung in der Nachkriegszeit plastisch dar­ gestellt: „Vor dem Kriege war das Getreide das größte, der Donauschiffahrt zur Verfügung stehende Substrat. Sowohl Ungarn als auch die unteren Donauländer, Serbien, Bulgarien, Rumänien, lieferten große Getreidequantitäten, die stromauf­ wärts verfrachtet wurden und das Rückgrat des Donauverkehrs bildeten. Den Talverkehr alimentierten in der Hauptsache Stückgüter aus Deutschland und Oesterreich. Im Bergverkehr wurden wesentlich größere Quantitäten befördert als in der Gegenrichtung, so daß ein großer Teil der Boote leer zu Tal geführt werden mußte, um neue Bergladungen aufnehmen zu können. In der Nachkriegszeit haben diese Verhältnisse eine grundlegende Aenderung erfahren. Der Bergverkehr, dessen wichtigstes Substrat die Getreidetransporte bildeten, hat eine wesentliche Einbuße erlitten.“ *) D er D o n a u v e r k e h r kann u n t e r den o b w a l ­ t e n d e n V e r h ä l t n i s s e n nur dur ch e i n e V e r b i n ­ d u n g mi t d e n a n d e r e n S t r o m g e b i e t e n b e l e b t w e r d e n . Der auf diese W eise belebte Austauschverkehr wird *) Vergl. H a n t o s Wasserstraßenpolitik S. 163. 9*

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ein e gleichm äßige Verteilung der Frachten ermöglichen. Der h eu te überw iegende T alverkehr auf dem Rhein, der Elbe und der Oder, sow ie der überw iegende Bergverkehr auf der Donau wird durch den n eu gew eck ten Güterverkehr in entgegengesetzter Richtung belebt, w as auf allen Strömen eine bessere und gleich­ m äßigere Ausnützung der Fahrzeuge und dadurch eine Er­ mäßigung der S elbstkosten und Frachtsätze zur Folge haben wird. S o l a n g e d i e D o n a u d e m g r o ß e n V e r k e h r der nördlichen W asserstraßen nicht ange­ g l i e d e r t w i r d , s i nd die A n s t r e n g u n g e n zur H ebung des V erkehrs aussichtslos, bleiben die für die R e gulieru n g bisher v e r a u sg a b te n u n d n o c h k ü n f t i g zu i n v e s t i e r e n d e n B e t r ä g e ohne g rößeren Nutzen. Zum Zuge des natürlichen T ransversalweges der Donau b ild et die künstliche W asserstraße des M i t t e l l a n d ­ k a n a l s eine Parallele. D er Plan, die nach Norden fließen­ den Ström e W estdeutschlands in der norddeutschen Ebene durch einen Kanal miteinander zu verbinden, ist schon über 100 Jahre alt, hat bereits im Jahre 1811 N apoleon beschäftigt. B is h eu te besteht aber zw ischen dem östlichen und w estlichen Strom system k eine Verbindung und die Schließung dieser Lücke im deutschen W asserstraßennetz soll die Aufgabe der kom m enden Jahre sein. D ie Vollendung des M ittellandkanals durch den A usbau sein es Schlußstückes des W eser-Elbekanals, eröffnet V erkehrsbeziehungen, die bisher nicht bestanden haben. D ie großen H üttenw erke und eisenverarbeitenden B e­ trieb e des rheinisch-w estfälischen Industriegebietes sow ie die R uh rk ohlen geb iete w erden damit in die Lage versetzt, ihre E rzeugn isse zu verbilligten F rachtsätzen dem großen Ver­ brauchszentrum B erlin zuzuführen. Dem Eindringen auslän­ d isch en G etreid es über den R hein-W eser-E lbekanal wird durch en tsp rech en d e A bgabenpolitik auf dem Kanal vor­ g eb eu g t w erd en können. Durch die Verkehrsbeziehung vom O sten n ach dem W esten wird es den vorw iegend landwirt­ sch a ftlich e P rod u kte erzeugenden G egenden ermöglicht, ihr A b sa tz g e b ie t nach dem W esten zu erw eitern. G leichzeitig erh a lten a lle w ich tigen d eu tsch en S eeh äfen von Emden bis S tettin durch d en Zusam m enschluß der nach N orden fließenden 132


Ströme eine schiffbare Verbindung mit den Hauptindustneund Verbrauchsgebieten,*) Dieses durchgebildete Wasserstraßennetz Zentraleuropas, das zwei von Westen nach Osten verlaufende Transversal­ linien und ihre Verbindungen zeigt, muß nach mehreren Rich­ tungen ergänzt werden. Der Verlängerung der Rheinwasserstraße im N o r d e n durch den bereits bestehenden Dortmund-Emskanal soll eine V e r l ä n g e r u n g n a c h S ü d e n folgen. Dieser Plan er­ strebt vor allem die Verbesserung der jetzt mangelhaft schiff­ baren Strecke zwischen Basel und Straßburg. Für die Strecke zwischen Basel und dem Bodensee ist die Schiffbarmachung durch Kanalisierung des Abschnittes Basel—Schaffhausen in Aussicht genommen. Die Verlängerung der Rheinschiffahrt bis zum Bodensee würde ihre Verbindung mit der Arlbergbahn herstellen und Oesterreich zu einem Rheinuferstaat machen. Eine bedeutende Verlängerung der Rheinwasserstraße wird auch die im Bau begriffene K a n a l i s i e r u n g d e s N e c k a r s für 1200-t-Schiffe sein, weil die auszubauende Flußstrecke Mannheim—Stuttgart—Plochingen in der geraden Linie Emmerich—Mannheim liegt. Die Fortführung des Kanals von Plochingen bis Ulm mit Ueberquerung der Alb ist technisch ohne erhebliche Schwierigkeiten zu lösen. Schwieriger er­ scheint die Frage, wann die obere Donau zwischen U lm u n d R e g e n s b u r g nutzbringend für die Schiffahrt erschlossen werden kann. Die Schiffbarmachung auf dieser Strecke wäre nur durch Schaffung eines eigenen Schiffahrtskanals möglich. Die Vorbereitungsarbeiten sind schon erfreulich weit gediehen, die Aufbringung des Baukapitals jedoch nicht gesichert. Auch die W e s e r ist berufen, ein wichtiges Glied einer mitteleuropäischen Nord-Süd-Wasserstraße von der Nordsee zur Donau zu bilden, und zwar über die Werra zum Main bei Bamberg. Der Werra-Main-Kanal und die Weser würden den *) Eine Verbindung des deutschen Mittellandkanals mit dem Schwar­ zen Meere über Oder—Warthe—Ner—Bsura—Wisla—Bug—Pina—Privec bis zur Sowjetgrenze und weiter über den Dnjepr würde eine Wasserstraße von hoher wirtschaftlicher Bedeutung darstellen, weil sie Mitteleuropa mit der an Naturschätzen überreichen Gegend am Don, Kuban, Kaukasus bis zum Uralgebiei unmittelbar verbinden und dabei auch ins Schwarze Meer einmünden würde. Das Schiffahrtshindei ais am Dnjepr beabsichtigt die Sowjetregierung durch eine künstliche Wasserstraße vollständig zu be­ seitigen. Mitteilung des Ministerialrates Jan Z i e b a , Warschau.

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A usgang zu deutschen Seehäfen ermöglichen, während die Fertigstellung des Rhein-Main-Donaukanals die Verbindung nach ausländischen Häfen öffnet. In dieses große N etz der Hauptarterien von W est nach Ost und von Nord nach Südost fügen sich im Osten und Süden noch w ichtige Linien des mitteleuropäischen W asserstraßen­ n etzes ein. Hierher sind zu zählen: die Fortsetzung des DonauO der-W eichselkanals bis an den D n j e s t r ; die Kanalisierung der S a v e , einerseits im Anschluß an die Donau durch einen Kanal nach Vukovar und Samac, andererseits m ittels der zu kanalisierenden Kulpa und eines Kanals nach Fiume zum A n­ schluß an die Adria; endlich eine W asserstraße von Semendria an der Donau durch das M o r a v a - und W a r d a r - T a l bis S a l o n i k i , am A egeisch en Meer. Noch liegt aber die F ertigstellu ng dieses großzügigen mitteleuropäischen Wasser­ st r a ß e n n e t z e s in fe rn er Zuku nft, und schon ist die E i f e r s u c h t der U f e r s t a a t e n angefacht u nd der K a m p f um die n e u e n K n o t e n p u n k t e e n t b r a n n t . In O esterreich machen sich W iderstände ge­ gen die Fortsetzung der Regulierung der Donau über W ien hinaus geltend, da man W ien zum Endpunkte der Rhein-Donau-Schiffahrt und zum größten Umschlagplatz zu m achen hofft. In der T schechoslow akei beabsichtigt man, alle W asserverbindungen mit der Elbe, Oder und W eich sel bei Preßburg (Marchmündung) in die Donau ein­ m ünden zu lassen, Preßburg zum Schlüsselpunkt des Ein­ rangierungsverkehrs zu machen, um dadurch die Konkurrenz d er beiden G roßstädte W ien und Budapest auszuschalten. Für den Anspruch Ungarns kann geltend gem acht werden, daß k lein e S eesch iffe allein bis Budapest Vordringen können, der U m schlag vom S eeschiff auf das kleinere Donauschiff hier lohn en d w äre und B udapest damit in die Reihe der Seehäfen rü ck en könnte. D ie m e r k a n t i li s t i s c h e P o l i t i k , d i k t i e r t von einem nationalen Schiffahrtsimperialis­ m u s , ha t zur F o l g e g e h a b t , daß die H a f e n ­ b a u t e n in der N a c h k r i e g s z e i t b e s o n d e r s um ­ f a n g r e i c h g e w o r d e n s i n d . Zum Teil war dies eine F o lg e der p olitisch en Um schichtungen, wodurch an neuen

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Stellen Häfen nötig wurden, doch ließ der Wunsch, die Schiff­ fahrt durch Hafenbauten zu erleichtern, nicht selten alle wich­ tigen Kalkulationen vergessen. Diese Ueberrumpelungspolitik hat schon bisher viel Schaden angerichtet und wird auch in der Zukunft nicht zu der Belebung des mitteleuropäischen Verkehrs beitragen. Nur eine von Meer zu Meer durchgehende Schiffahrt kann den einzelnen Häfen die Bedeutung geben, die ihnen gemäß ihrer verkehrsgeographischen Lage zukommt, d e r V e r k e h r k a n n g e d e i h l i c h nur aus dem h a r m o n i s c h e n Z u s a m me n a r b e i t e n der N a c h b a r s t a a t e n e r ­ wachsen. Diese Ha r moni e wird aber erst e r ­ z i e l t w e r d e n , we n n di e E r k e n n t n i s d u r c h ­ d r i n g t , daß d e r n a t i o n a l e E g o i s m u s auf di e D a u e r n i c h t zum Er f ol g f ü h r t und ei ne v e r ­ s t ä n d n i s v o l l e Be r ücks i c ht i gung der Verhäl t ­ n i s s e und Be d ü r f n i s s e der N a c h b a r n u n e r l ä ß ­ l i c h is t. D ie m i t t e l e u r o p ä i s c h e B i n n e n s c h i f f ­ f a h r t ist h e u t e i nf ol ge der p o l i t i s c h e n und wi r t s c h a f t l i c h e n Zerspli tt erung der e u r o ­ p ä i s c h e n Mi t t e zum ü b e r w i e g e n d e n Te i l z w i s c h e n s t a a t l i c h . Si e v e r l a n g t g r o ß z ü g i g e Förderung durch klar durchdachte Ma ßn ah ­ me n, di e g e n ü g e n d R ü c k s i c h t d a r a u f n e h m e n , daß die S c h i f f a h r t n i c h t an d e r G r e n z e des S t a a t e s Hal t ma cht , s o n d e r n daß sie b e r u f e n ist, die b e n a c h b a r t e n Lä n d e r e i n a n d e r n ä h e r z u b r i n g e n u n d zu v e r b i n d e n . D a d u r c h w i r d die W a s s e r s t r a ß e n p o l i t i k der v e r s c h i e d e n e n S t a a t e n g e r a d e z u ein P r ü f s t e i n zur B e u r t e i ­ l u n g d e r F r a g e , ob e i n e w i r t s c h a f t l i c h e Z u ­ s a m m e n a r b e i t z w i s c h e n i h n e n m ö g l i c h i st . Mitteleuropäischer Postverein. Eben sind es achtzig Jahre, daß der deutsch-öster­ reichische Postverein fast gleichzeitig mit der Einführung des Pennyportos und der Briefmarken ins Leben gerufen worden ist. Auf allen Gebieten des Verkehrswesens bereiteten sich damals gewaltige Umwälzungen vor. Die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist mit Neuerungen eingeleitet worden, 135


die auf die N eugestaltung der volkswirtschaftlichen Verhält­ n isse von einschneidender Wirkung waren. In unseren Tagen ist der durch den W eltpostverein und später durch den W eltkrieg fast gegenstandslos gewordene deutsch-österreichische Postvertrag zu neuer Aktualität er­ w acht, denn w ied er stellt man die Frage: Ist es nicht möglich, den schrecklichen Folgen der allgemeinen Zerfahrenheit, künstlicher Isolierung und Engherzigkeit, ferner des gegen­ seitigen H asses und der Intoleranz durch zweckmäßige zw ischenstaatliche U ebereinkom m en entgegenzutreten? Man hat schon vor Jahren eine Regelung dieser Zustände ins Auge gefaßt. A b er die letzte Etappe dieser Gestaltung ist bisher P ortorose geblieben. Dam it kann es jedoch nicht sein B ew enden haben, d e n n bei der Enge des m itt e le u r o p ä isc h e n B e r e i­ c h e s w i r k e n d i e v i e l e n P o s t v e r w a 11 u n g e n mit ihren za h lreichen Sondervorschriften, differenzierten G e b ühr e n t ari fe n hemmend a u f d i e A b w i c k l u n g d e s V e r k e h r s . Dem Ziele der Vereinfachung, Verallgem einerung und dadurch auch Verbilli­ gung des P ostverkehrs würde nur durch ein einheitliches Vor­ gehen aller m itteleuropäischen Länder gedient sein. Es ist zur Erreichung dieses Z ieles von größtem W erte, daß man da­ b ei nicht auf bloße V ersuche angew iesen ist, sondern an be­ reits erprobte R egelungen anknüpfen kann. A u f d e r B a s i s des früheren d eu tsch -österreichisch-u n ga­ r i s c h e n P o s t b ü n d n i s s e s könnte, der neuen politischen Gestaltung entsprechend, ein mitteleuropäischer Postverein geschaffen w e r d e n .

D er m itteleuropäische P ostverein hätte von der Ermächti­ gung des W eltp ostvertrages, im Rahmen des W eltpostvereins zur V ereinfachung und Erleichterung der Postbeziehungen Sonderabkom m en zu treffen, Gebrauch zu machen. Und wenn auch die V orkriegssätze für Postsendungen nicht auf der gan­ zen Linie w ied er h ergestellt w erden könnten, so sollte man zu m in dest auf die H e r a b s e t z u n g d e r T a r i f e u n d d e r e n E i n h e i t l i c h k e i t im g a n z e n m i t t e l e u r o ­ p ä i s c h e n P o s t g e b i e t e h i n w i r k e n . D enn auf der B illig k eit und E in h eitlich k eit der Tarifsetzung beruht die Wir-

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kung des Postvereins im Wirtschafts- und Verkehrsleben. Die Einführung des m i t t e l e u r o p ä i s c h e n P e n n y p o r t o s hat ein Ziel dieser Bestrebungen zu sein. Das mitteleuropäische Pennyporto wäre gleichbedeutend mit der Uebertragung des nationalen Hillschen Einheitsportos auf den internationalen Verkehr der sieben mitteleuropäischen Staaten, Aber auch ohne Pennyporto wären einheitliche Brief­ marken für das Gebiet des Postvereins einzuführen. Das be­ deutet zunächst ein einheitliches Schema der Briefmarken­ werte, wobei es jedem Lande unbenommen bliebe, zwischen den gemeinsamen Markenwerten noch Sondermarken auszu­ geben, die für seine Verhältnisse notwendig sind; dann aber genau übereinstimmende Färbung für die gleichen Werte und vielleicht noch eine einheitliche Umschrift „Mitteleuropäischer Postverein". Der Hauptunterschied der Marken bestände darin, daß sie überall in der Landeswährung ausgestellt wären. Bei grundsätzlich übereinstimmender Färbung könnte jedes Land zum Zwecke der nationalen Charakterisierung ein Em­ blem der Landeshoheit anbringen. Als wichtige Forderung muß die der A b s c h a f f u n g d e r D u r c h g a n g s k o s t e n im mitteleuropäischen Verkehr aufgestellt werden. Durchgangskosten für die Briefpost ist ein Rückschritt im Weltpostverkehr. Der frühere Tarif um­ faßte in der ersten Stufe alle Entfernungen bis zu 3000 km. Die neuentstandenen kleinen Länder haben den Durchgang sehr verteuert, weil diese kleinen Länder bezüglich der Be­ messung der Durchfuhranteile in gleicher Weise behandelt werden wie die großen bis zu einem Beförderungsweg von 3000 km. Im einheitlich zu regelnden mitteleuropäischen Postverkehr soll der T r a n s i t u n e n t g e l t l i c h s e i n oder aber bloß einmal aufgerechnet werden. Gewiß wäre die Unentgeltlichkeit des Transits die ideale Grundlage eines mitteleuropäischen Postvereins, aber auch eine einmalige Auf­ rechnung der Transitkosten bildet für den praktischen Verkehr keine Hemmung, solange der Grundsatz gewahrt bleibt, daß die Festsetzung der Transitvergütung auf die Gestaltung der Taxen keinen Einfluß haben darf. Die Hauptlast des Transits würde zwar Deutschland infolge seines überragenden Bahn­ netzes und Ungarn infolge seiner zentralen Lage zufallen, jedoch läßt sich eine annehmbare Grundlage für ein einheit137


lich es Porto nur schaffen, w enn die Transitvergütungen soweit h erab gesetzt würden, daß sie einen Einfluß auf die Taxgestaltung nicht ausüben. A uch in den Sonderbetriebszw eigen, namentlich für Postanweisungen, Postpakete, Postaufträge u n d Z e i t u n g e n , könnten Uebereinkom men getroffen w er­ den, die die Intensität der durch Staats- und Verwaltungs­ grenzen gehem m ten Postbetriebe bedeutend steigern könnten. Endlich sollte das gegenseitige U e b e r w e i s u n g s v e r f a h r e n im i n t e r n a t i o n a l e n P o s t s c h e c k ­ v e r k e h r , w ie es zw ischen den Postsparkassen Oesterreichs und Ungarns eingerichtet war, auf alle mitteleuropäischen Länder ausgedehnt werden, sofern sie über Postsparkassen verfügen. A u s einer solchen Vereinheitlichung des mitteleuropä­ isch en P o stw esen s ergeben sich zahlreiche finanzielle, tech­ n isch e und adm inistrative Vorteile. D er völlige A usfall oder zumindest die Pauschalierung der T r a n s i t g e b ü h r e n erspart einen kostspieligen Zählungs­ apparat, der alle drei Jahre den gegenseitigen Verkehr sta­ tistisch zu erfassen hat. Durch den W egfall der geld- und zeitraubenden Sammlung, Aufarbeitung und Vergleichung des statistischen M aterials w erden die bisherigen Einnahmen aus dem Transit mehr als kom pensiert. A uch auf dem G ebiete des A m b u l a n z d i e n s t e s dürften sich bedeutende Ersparun­ gen erzielen lassen. D ie mit dem G eiste der Rationalisierung unvereinbaren kurzen Strecken müßten eingestellt werden. Fahrten, b ei denen die Vorbereitungen mehr Zeit in Anspruch nehm en als die R eise selbst, w ie z. B, Budapest— Szob, W ien— Bruck usw ., sollen Am bulanzen mit entfernteren Endstationen, w ie Prag— B udapest, W ien— Bukarest usw., Platz machen. Den U m k a r t i e r u n g s m i s e r e n an den Landesgrenzen und in den Instradierungszentren w äre ein Ende gemacht. Die Er­ sp arn isse an Z eit und Personal sow ie an M aterialien, Heizung, B eleu ch tu ng usw . würden sich bald fühlbar machen, wobei n och d ie B eförderung durch A usschaltung der Umkartierungs­ ste lle n ganz erheblich beschleunigt werden könnte. E i n ­ h e i t l i c h e A u s b i l d u n g d e s P e r s o n a l s (zumindest d er höheren adm inistrativen und technischen Beamten) in ge­ m ein sch aftlich zu veranstaltenden Lehrkursen, e i n h e i t 138


l i c h e H e r s t e l l u n g der Drucksorten in den verschiedenen Landessprachen, Typisierung der Postkraftwagen, konformer Kabelbau, sowie überhaupt g e m e i n s c h a f t l i c h e V e r ­ w e r t u n g a l l e r t e c h n i s c h e n E r f i n d u n g e n und Errungenschaften auf dem Gebiete der Flugtechnik, des Funk­ wesens und der Nachrichtenvermittlung würden der Gesamt­ heit zunutze kommen und jedem einzelnen Bundesraitgliede Ersparnisse ermöglichen. Das heikelste Problem des mitteleuropäischen Postvereins dürfte zweifellos die Frage sein, wie das g e m e i n s a m e O r g a n auszugestalten sei, das berufen wäre, die Einheitlich­ keit der Administration und der Manipulation zu gewährleisten und die zwischen den einzelnen Staaten auftauchenden Inter­ essengegensätze auszugleichen. Verkehrsrücksichten erheischen unbedingt ein strammes Regime mit verantwortlichem Willen ohne viel Instanzen und großen bürokratischen Apparat, Von diesem Gesichtspunkte aus wäre am angezeigtesten, das be­ währte Vorbild des Berner Zentralamtes nachzuahmen. Ein gemeinsames Abrechnungsamt mit modernem Clearing, in dem die gegenseitigen Forderungen ohne Bargeld beglichen werden, ein statistisches Büro, das kostspielige Sonderaufnahmen über­ flüssig machen würde, sind notwendige Unterabteilungen der Zentrale. Während die Beschlüsse der internationalen Post­ kongresse von 83 Staaten des Weltpostvereins ratifiziert wer­ den müssen, um zur Ausführung zu gelangen, wird im mittel­ europäischen Postverein auch den Anforderungen der Dring­ lichkeit Rechnung getragen werden können. D e r n e u e P o s t v e r e i n w ü r d e auf ei ne m G e b i e t von 1,7 M i l l i o n e n Q u a d r a t k i l o m e t e r n mi t e i n e r E i n w o h n e r z a h l v o n 150 M i l l i o n e n S e e l e n d i e S c h n e l l i g k e i t und M a s s e n h a f t i g k e i t der Post ­ t r a n s p o r t e f ö r d e r n und dem he mmungs vol l e n, s c h l e p p e n d e n Gang des h e u t i g e n i n t e r n a t i o ­ n a l e n P o s t b e t r i e b e s in M i t t e l e u r o p a ein Ende bereiten.

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Die zivil- und handelsrechtliehen Ver­ hältnisse in den mitteleuropäischen Staaten« Von Rechtsanwalt und N otar Dr. Horst Holstein, Berlin. M itteleuropa ist in erster Linie ein wirtschaftliches Pro­ blem. Damit ist es aber zugleich ein rechtliches. Es gibt kein wirtschaftliches Geschehen, das nicht zugleich einen Rechts­ vorgang darstellte, jedes Wirtschaftsleben muß sich in den Bahnen einer Rechtsordnung bewegen. Recht ist Erscheinungs­ form der W irtschaft, Im weiteren Sinne des menschlichen Zusammenlebens überhaupt. Das in einem Lebensraum gel­ tende Recht ist daher stets bestimmend für die Gestaltung der W irtschaft in ihm und andererseits wirkt jede Entwicklung in der W irtschaft gestaltend auf die Rechtsordnung ein; mag es bewußt durch Neuschaffung oder Aenderung gesetzten Rechtes geschehen oder unbewußt durch Neuschöpfung oder verän­ derte Auffassung in der Rechtsprechung. E r f o r s c h u n g d e s W i r t s c h a f t s p r o b 1e m s M i t t e l e u r o p a v e r ­ l a n g t a u s d i e s e m G r u n d e K e n n t n i s d e r im m i t t e l e u r o p ä i s c h e n Raume g el ten den Rechts­ ordnungen, Aufdeckung der E ntwicklungs­ tendenzen. Ma n muß a u c h die j u r i s t i s c h e M e n t a l i t ä t e i n e s V o l k e s e r f a s s e n , um sich ü b e r sein w i r t s c h a f t l i c h e s Wollen und V e r ­ m ö g e n k l a r zu we r d e n . W enn daher in den nachstehenden Ausführungen der Fragenkreis M itteleuropa in rechtlicher Hinsicht behandelt wird, so sind damit aber nicht die überstaatlichen Probleme gemeint, nicht die großen völkerrechtlichen Zusammenhänge, sondern die Fragen der innerstaatlichen Rechtsgestaltung. E s g i l t , d i e i n n e r r e c h 11i c h e n V e r h ä l t n i s s e i n den S t a a t e n des mitt el - und s ü d o s t e u r o p ä ­ i s c h e n R a u m e s d a r z u l e g e n , s i e zu v e r g l e i c h e n , 140


i h r e A e h n l i c h k e i t e n u n d U n t e r s c h i e d e zu e r ­ k e n n e n , die nach Gestaltung ringenden Kräfte aufzuzeigen, um auf diese W eise zur Erforschung des Problems Mittel­ europa beizutragen, die Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Zusammenfassung, die sie fördernden und die sie hindernden Kräfte zu erfassen und die aus der Erkenntnis erwachsenden Zukunftsaufgaben klar zu legen. An sich müßte sich eine solche Betrachtung auf fast alle Rechtsgebiete erstrecken, zum m indesten auf sämtliche Gebiete, die für die Gestaltung der W irtschaft im Staate von grundlegender Bedeutung sind. Eine solche Betrachtung würde aber den hier gegebenen Raum sprengen. W ir müssen uns im wesentlichen darauf beschrän­ ken, die f ü r d a s W i r t s c h a f t s l e b e n w i c h t i g s t e n z i v i l - und h a n d e l s r e c h t l i c h e n Verhältnisse in großen Zügen darzulegen, ein Bild von der Rechtsordnung und dem R echtsleben der einzelnen Staaten zu geben, die rechtliche Physiognomie zu zeigen. Um einen allgemeinen Ueberblick zu geben, soll gleichsam die Rechtskarte des mittelund südosteuropäischen Raumes entworfen werden. W ill man die Strukturähnlichkeiten und Verschiedenheiten in den Rechten der einzelnen Staaten herausarbeiten, so muß man von den in der Rechtsvergleichung ausgebildeten ideen­ geschichtlichen Unterscheidungsprinzipien ausgehen. Die Rechte der heutigen Kulturstaaten zerfallen — ich folge der Begriffsabgrenzung Ernst Heymanns — in fünf große Gruppen, in die anglo-amerikanische, die romanische, die deutsche oder mitteleuropäische, die slawische und die orientalische Rechts­ gruppe. W enn man diese Unterscheidung macht, so muß man sich einmal vor der Annahme hüten, als ob es sich hier um scharf voneinander abgegrenzte, innerlich völlig wesensfremde Rechtskreise handelte. In der Geschichte — und zwar nicht nur in der Neuzeit — hat eine umfangreiche Wechselwirkung stattgefunden, gegenseitige Aufnahme von Rechtsordnungen und Befruchtung mit anderen Rechtsgedanken. Erst recht muß man sich vor Hineintragung von rassischen Unterscheidungs­ prinzipien hüten, keineswegs darf man die deutsche oder mit­ teleuropäische Rechtsgruppe als die rein germanische der rein romanischen entgegenstellen. In Europa hat die große, niemals zu verwischende Rezeption des römischen Rechtes stattgefun­ den, in großen Teilen Deutschlands hat zum Beispiel der Code

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civil geherrscht und Spuren hinterlassen, das romanische Recht ist andererseits voll vieler germanischer Rechtsbestandteile. S t ä r k s t e A e h n l i c h k e i t in den R e c h t s o r d ­ nungen und Rechtsanschauungen besteht zw ischen D eutschland und Oesterreich, Sie beruht auf der Blutsverwandtschaft, der Kulturgemeinschaft und der engen Verbundenheit der Wirtschaftskörper. Beide S taaten gehören z u m m i t t e l e u r o p ä i s c h e n R e c h t s ­ k r e i s , d e r a u ß e r d e n S t a a t e n , auf die in d e r w e i t e r e n D a r s t e l l u n g noch ei nzugehen sein wir d, noch die Schweiz, Dänemark, Norwegen, S c h w e d e n u n d F i n n l a n d u m f a ß t . Die Rechtsver­ w andtschaft zwischen Deutschland und Oesterreich rührt zum Teil noch aus der Zusammengehörigkeit im Deutschen Bunde her. Zum Teil hat allerdings später nach der Trennung auch eine Auseinanderentwicklung stattgefunden. Auf dem Gebiete des Bürgerlichen Rechtes hat Deutschland, nachdem die Reichs­ einheit hergestellt war, dem deutschen Rechtspartikularismus durch das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 ein Ende gemacht. Trotz gewisser Mängel ist es ein monumentales, überragendes W erk, das Einfluß auf die Rechtsentwicklung der ganzen Welt — so bis nach Japan — ausgeübt hat; von größter Bedeutung ist es aber für die Rechtskultur Mitteleuropas geworden. In Oester­ reich gilt noch das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch von 1811. Es baut auf auf dem gemeinen Rechte, dem römischen Recht in der Ueberlieferung der Kodifikationszeit unter weitgehender Uebernahme von Rechtsgedanken des preußischen allgemeinen Landrechtes; beide Rechtskulturen haben auch auf das deutsche B. G. B. großen Einfluß gehabt. Die romanistische Färbung des österreichischen Zivilrechts ist neutralisiert, ins­ besondere zugunsten deutschrechtlicher Ideen, dadurch, daß das Gesetzbuch entsprechend der Grundeinstellung des Ver­ fassers des Entwurfs naturrechtlich durchsetzt ist. Infolge der knappen kurzen Fassung ist w eiter Raum für Ergänzung durch Gesetzgebung und Rechtsprechung geblieben, und es finden sich viele privatrechtliche Bestimmungen in Einzelgesetzen verstreut; das Liegenschaftsrecht ist zum großen Teil, ins­ besondere die Hypothekenregelung, im Allgemeinen Grund­ buchgesetz von 1871 enthalten. D i e E n t w i c k l u n g g e h t in d e r Li n i e e i n e r A n n ä h e r u n g an das deut-

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s e h e R e c h t ; vor allem sind während des Krieges drei Teil­ novellen geschaffen, die das Gesetzbuch stark abändern, oft unter wörtlicher Anlehnung an das deutsche B. G. B. A uf d e m G e b i e t e d e s H a n d e l s r e c h t s s i n d di e V e r ­ h ä l t n i s s e ä h n l i c h g e l a g e r t . In Oesterreich gilt noch das Handelsrecht, das für das Gebiet des Deutschen Bun­ des gegolten hat, nämlich das allgemeine deutsche Handels­ gesetzbuch von 1862 mit Ausnahme des Seerechtes, während das Deutsche Reich sich 1897 ein neues Handelsgesetzbuch geschaffen hat. In Oesterreich herrscht so zum Beispiel für Aktiengesellschaften noch das Konzessionssystem. Umfang­ reich ist wie in allen Kulturstaaten die Einzelgesetzgebung auf Gebieten, die erst durch die fortschreitende Wirtschaftsent­ wicklung erschlossen sind. Aus rudimentären Anfängen hat sich das A rbeitsrecht entwickelt, das Gesellschaftsrecht ist in ständiger Entwicklung begriffen (G. m, b. H., Wirtschaftsgenos­ senschaften) und darüber hinaus das Recht der großen wirt­ schaftlichen Zusammenschlüsse. Da wir in den meisten Staaten in dieser Hinsicht ähnliche Rechtsvorgänge finden, wird später zusammenfassend darauf einzugehen sein. D ie R e c h t s z u k u n f t s t e h t in D e u t s c h l a n d und O e s t e r r e i c h im Zei chen der Re c h t s a n ­ g l e i c h u n g mi t dem Ziele der Recht svereinh e i t l i c h u n g , W i s s e n s c h a f t und Pr a x i s s t r e ­ b e n d a r a u f z u . Im Herbst 1928 wurde auf der gemeinsamen Tagung des Deutschen Industrie- und Handelstages und des Oesterreichischen Kammertages eine Entschließung gefaßt, in der vom Standpunkt der Wirtschaft verlangt wird, daß die Bestrebungen nach der Angleichung der das Wirtschaftsleben regelnden Rechtsgebiete sich mehr als bisher auf konkrete praktische Ziele richten müssen, damit in absehbarer Zeit die Rechtseinheit erreicht werde. In Vorschlag gebracht werden hierbei Insolvenz-, Wechsel-, Scheck- und Handelsrecht. In einer ausgezeichneten im Aufträge der Oesterreichisch-Deutschen Arbeitsgemeinschaft herausgegebenen Denkschrift hat der frühere Minister und Präsident des österreichischen ober­ sten Gerichtshofes Dr. Julius Roller die nächsten Aufgaben der Rechtsangleichung dargelegt. Auf dem Gebiete des Privat­ rechts wird vor allem die möglichst wörtliche Uebernahme des deutschen H. G. B. angestrebt, die schon ein 1920 im Aufträge 143


der Regierung angefertigter Entwurf bezw eckte. Die deutsche Handelsrechtsprechung hat, wie R oller betont, auf die öster­ reichische einen so großen Einfluß ausgeübt, daß die Uebernahme des deutschen H andelsrechts nichts anderes als die natürliche Folge der ganzen W irtschafts- und Rechtsentwick­ lung bedeuten würde. Ebenso nähert sich das österreichische Bürgerliche Recht immer mehr dem deutschen; um das Wort eines anderen österreichischen Ju risten U nger zu gebrauchen, „das gedankenschwere deutsche B. G. B. übt eine starke sug­ gestive Kraft auf die Theorie, selbst auf die Praxis in Oester­ reich aus." Auf der anderen Seite läßt sich auf dem Gebiete des Zivilprozeßrechtes die allmähliche Angleichung des deut­ schen an das österreichische, an das bedeutende W erk Franz Kleins beobachten. Z w i s c h e n O e s t e r r e i c h u n d U n g a r n h a t auch in d e r Z e i t i h r e r p o l i t i s c h e n Z u s a m m e n ­ gehörigkeit keine R echtseinheit bestanden. Nach der Niederwerfung der ungarischen Erhebung in den Jahren 1848— 1849 w ar von O esterreich zw ar der Versuch ge­ macht worden, österreichisches R echt in Ungarn einzuführen. Der Versuch mußte 1861 ergebnislos enden; d e n n d a s u n g a r i s c h e V o l k i s t s t a r k r e c h t s b i 1d e n d u n d s e i n R e c h t i s t a l s e i n g e w a c h s e n e s R e c h t mi t d e m V o l k s g a n z e n a u f s e n g s t e v e r b u n d e n . Daß in der Entwicklung das österreichische R echt steten Einfluß auf das ungarische Recht ausübte und auch umgekehrt, daß also eine W e c h s e l w i r k u n g z w i s c h e n b e i d e n R e c h t s s y s t e m e n stattfand, w ar angesichts der poli­ tischen und wirtschaftlichen V erbundenheit eine Selbstver­ ständlichkeit. Das ungarische Zivilrecht ist gesetzlich noch nicht kodifiziert, es ist im w eitesten M aße Gewohnheitsrecht in der A rt des englischen Common law. Die Gerichte üben eine stark rechtsschöpferische Tätigkeit aus. Grundsätzlich ist das Rechtssystem noch immer aufgebaut auf dem Corpus Juris Hungarici mit seinem H auptteil, dem gewohnheitsrechtlich geltenden Tripartitum. Die Bestrebungen zur Schaffung eines einheitlichen Bürgerlichen G esetzbuches reichen schon un­ gefähr 60 Jahre zurück, im Jah re 1897 w urde dann eine Kom­ mission zur Vorbereitung des G esetzentw urfes eingesetzt, 1900 wurde der erste, 1913 der zweite V orentw urf veröffentlicht 144


und 1928 ein umgearbeiteter Entwurf dem Abgeordnetenhause vorgelegt. Durch den Vorentwurf von 1913 und den Entwurf von 1928 i s t d a s u n g a r i s c h e Z i v i l r e c h t s t a r k d e m d e u t s c h e n B ,G .B . a n g e n ä h e r t wo r d e n , auch die deutsche Rechtsprechung und Rechtslehre hat unverkenn­ bare Berücksichtigung gefunden. Da die rechtsbildende Tätig­ keit der G erichte sich stark auf den Vorentwurf von 1913 ein­ stellte, setzte sich diese Entwicklungstendenz auch schon im geltenden Rechte durch. Besonders im Obligationenrecht ist der Einfluß des deutschen B. G.B. hervorgetreten, nachdem früher die Wechselwirkung in der Hauptsache nur mit dem österreichischen Recht stattgefunden hatte. Auf dem Gebiete des Liegenschaftsrechtes brachte die Bodenreform weitgehende Einschränkungen durch das Gesetz über die Maßnahmen zur richtigeren Verteilung des Grundbesitzes nebst den Novellen von 1924 und 1928. Bedeutende Neuerungen schuf auch das Hypothekengesetz von 1927, Es ist getragen von dem Ge­ danken der größeren Mobilisierung des Grundbesitzes zur Er­ leichterung der Kreditbeschaffung, unter anderem wurde nach deutschen M ustern die Grundschuld, wurden die Hypothekenund Grundschuldbriefe eingeführt. Das ungarische Handels­ recht ist durch das Gesetzbuch von 1875, das Wechselgesetz von 1876 (1928 ist unterdes ein neues modernes Wechsel- und Scheckrecht geschaffen) und die Konkursordnung von 1881 dem österreichischen und damit dem damals geltenden deut­ schen Recht angeglichen worden. D ie T r i e b k r a f t d i e ­ s e r R e c h t s a n n ä h e r u n g l a g i n d e r mi t O e s t e r ­ r e i c h b e s t e h e n d e n Z o l l g e m e i n s c h a f t . Durch das W erden der modernen Wirtschaftsordnung wurde eine große Zahl von Gesetzen, die das Handelsrecht nicht unwesentlich abänderten, hervorgerufen, es ist aber unmöglich, hierauf im einzelnen einzugehen; hervorzuheben ist, daß Ungarn an Ge­ sellschaftsformen nur die offene Handelsgesellschaft, Komman­ ditgesellschaft, Aktiengesellschaft und Genossenschaft kennt, dagegen nicht die Kommanditgesellschaft auf Aktien und auch nicht die G. m. b. H., eine ausgesprochen deutschrechtliche Ge­ sellschaftsform, die sich aber immer mehr die Welt erobert, auch in Ungarn in einer bereits angenommenen Gesetzesvorlage vorgesehen ist. (Auch die stille Gesellschaft ist nicht geregelt. Im Aktienrecht machen sich außer deutschen romanische Ein10

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flüsse geltend, im Gegensatz zum österreichischen geht es bei der Gründung vom Normativsystem aus; angestrebt wird wie in den meisten modernen Gesellschaftsrechten ein stärkerer Schutz der Kleinaktionäre. Ein hochbedeutendes modernes Gesetzeswerk ist die ungarische Zivilprozeßordnung. Innerlich verw andt mit deutschem und österreichischem Zivilprozeß­ recht, ist sie trotzdem von ausgesprochener Eigenart und stellt gegenüber dem deutschen Gesetzbuch zweifellos einen großen F ortschritt dar. Der kurze Ueberblick zeigt, d a ß U n g a r n z u m m i t ­ t e l e u r o p ä i s c h e n R e c h t s k r e i s g e h ö r t und daß in d e r E n t w i c k l u n g eine T e n d e n z zum A u s ­ g l e i c h u n v e r k e n n b a r ist. D a s G l e i c h e i s t d e r F a l l b e i d e r T s c h e c h o s l o w a k e i , die ein reiner Nachfolgestaat der österreich-ungarischen Monarchie ist; denn der Gebietserwerb auf Kosten Deutschlands ist von unter­ geordneter Bedeutung. V o n e i n e m t s c h e c h o s l o w a ­ k i s c h e n R e c h t im S in n e ei ne s e i g e n e n g e ­ s c h i c h t l i c h g e w o r d e n e n , aus dem Volkstum geborenen Rechte kann nicht gesprochen' w e r d e n . Die Tschechoslowakei zerfällt in zwei Rechts­ gebiete, in den früher zu Oesterreich gehörenden Teil: Böhmen, M ähren und Schlesien, sowie in den früher zu Ungarn ge­ hörenden: Slowakei und Karpatorußland. Als die tschecho­ slowakische Republik neu ins Leben trat, konnte sie nicht ohne Rechtsordnung sein; denn jedes Zusammenleben von M enschen im Raum verlangt eine Rechtsordnung. Damit kein rechtsleerer Raum entstand, wurde sofort verfügt, daß sämt­ liche bisherigen Landes- und Reichsgesetze und Verordnungen vorläufig in K raft bleiben. Damit galten die alten Rechts­ system e w eiter; hinsichtlich des von Deutschland abgetretenen H ultschiner Ländchens wurde allerdings schon 1920 an Stelle der deutschen Rechtsordnung die österreichische eingeführt, so d a ß d ie T s c h e c h o s l o w a k e i im Z e i c h e n des R e c h t s d u a l i s m u s s t e h t . Es gi l t in d e r e i n e n H ä l f t e ö s t e r r e i c h i s c h e s , in der a n d e r e n u n ­ g a r is c h e s Recht, Es tritt eine gemeinsame Ueberschichtung hinzu; denn die vom Staate erlassenen Gesetze beanspruchen grundsätzlich Geltung für das gesamte Staats­ gebiet. Es handelt sich hier im wesentlichen um Spezialgesetze,

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die vielfach ihren Ursprung in den neuen politischen Ideen und wirtschaftlichen Doktrinen haben. So auf dem Gebiete des Arbeitsrechts, so die umfangreiche Bodenreformgesetzgebung, für die in dem überwiegenden Industriestaat kaum eine innere Notwendigkeit Vorgelegen haben dürfte und die außer von einer sozialistischen und kleinagrarischen Tendenz von einer nationalistischen getragen ist. Die Sozialisierungsbestrebun­ gen in der Industrie sind fast gänzlich wieder zurückgeflutet. Es ist selbstverständlich, daß im Interesse der Konsolidierung des Staatswesens die Rechtsvereinheitlichung angestrebt wird. Hierbei ist bemerkenswert, daß d ie E n t w i c k l u n g n i c h t nur u n a b h ä n g i g von pol i t i s c h e n S t r ö ­ m u n g e n , s o n d e r n zum Tei l s o g a r im G e g e n s a t z zu i h n e n im Si nne e i ne s w e i t e r e n Anschl usses a n d i e m i t t e l e u r o p ä i s c h e R e c h t s k u l t u r geht . Daß es bei Einzelgesetzen, wie z. B. dem neugeschaffenen Wechselrecht, der Fall ist, ist nicht so ausschlaggebend, wie die aufschlußreichen Erfahrungen zeigen, die Professor Egon Weiss bei seiner Mitarbeit an dem neuen in Vorbereitung befindlichen Bürgerlichen Gesetzbuch für die tschechoslowakische Repu­ blik, also dem Hauptwerk eines jeden Privatrechts, gemacht und die er in seinem in der Wiener Juristischen Gesellschaft gehaltenen Vortrage wiedergegeben hat. Weiss faßt das Er­ gebnis dahin zusammen*): „Gesetz ist eine Aeußerung des Rechtslebens, d. h. des rechtlichen Bewußtseins im Volke. H i e r h a t n u n di e A r b e i t an d e m z u k ü n f t i g e n t s c h e c h o s l o w a k i s c h e n B. G. B. g e z e i g t , d a ß es w i r k l i c h e i n e n B e g r i f f M i t t e l e u r o p a gi bt . Von fremden Gesetzgebungen konnte nur die deutsche und die schweizer regelmäßig herangezogen werden, die bekanntlich beide miteinander eng Zusammenhängen." Es sei wirklich die deutsche Rechtskultur, die den Kontinent beherrsche. „Gerade die Prager Kommission hätte gewiß, wenn dazu auch nur die geringste Möglichkeit Vorgelegen hätte, durch die tschechische Mehrheit den Versuch nicht außer Acht gelassen, slavisches Recht heranzuziehen. Aber es bestand dazu nicht die ent­ fernteste Handhabe, ebensowenig konnte auf das englisch­ amerikanische Recht für das Gebiet des bürgerlichen Rechtes *) Zeitschrift für Ausländisches und Internationales Privatrecht, Berlin und Leipzig 1931, Seite 80. 10

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zurückgegangen werden, weil hier die Gedankenwelt eine ganz andere ist." Noch u n e i n h e i t l i c h e r sind die R e c h t s v e r ­ h ä l t n i s s e in P o l e n g e l a g e r t , P o l e n s c h e i d e t s i c h n ä m l i c h i n v i e r g r o ß e R e c h t s g e b i e t e . In Kongreßpolen gilt — mit Ausnahmen, z, B, im Hypotheken­ recht, wo ein besonderes Hypothekengesetz geschaffen wurde — der Zivilkodex des Königreichs Polen von 1825, ferner noch Teile des seinerzeit vom Sächsischen König und Warschauer Fürsten eingeführten Code Napoleon und im Handelsrecht der Code de commerce von 1807, also im wesentlichen romanisches Recht. In den Ostmarken (Wohlhynien, Polessien, Nowogrodek und Wilna) herrscht russisches Recht, der russische Zivilkodex und russisches Handelsrecht, wobei zu bemerken ist, daß das russische Recht eine besondere Handelsrechts­ ordnung nicht ausgebildet hatte. Für Kongreßpolen und die O stm arken gemeinsam gilt die russische Zivilprozeßordnung einschließlich verschiedener polnischer Novellen wie auch sonst auf dem Gebiete des Zivil- und Handelsrechtes für beide G ebiete verschiedentlich gemeinsames Recht besteht. In Ga­ lizien und Teschener Schlesien ist das österreichische Rechts­ system bestehen geblieben, in Posen, Pommerellen und Ober­ schlesien das deutsche. Dieses Rechtsbild gestaltet sich da­ durch noch bunter, daß für die einzelnen Rechtsgebiete vom neuen S taate noch besondere Gesetze und Verordnungen er­ lassen worden sind; so ist z. B. in den Ostmarken erst durch Polen das H ypothekenrecht, wie es in Kongreßpolen gilt, ein­ geführt. Außerdem sind für das gesamte Staatsgebiet eine Reihe von G esetzen geschaffen worden, es ist unter anderem ein ein­ heitliches Wechsel-, Scheck- und Handelsregisterrecht, Aktien­ gesellschafts-, G. m. b. H.-, Genossenschaftsgesetz, Urheber-, P atent-, M uster- und W arenzeichenrecht geschaffen worden, und zw ar unter starkem Einfluß des mitteleuropäischen Rechtes, A bgesehen von der einheitlichen Regelung des Justiz­ w esens fehlt ab er in den Hauptgesetzen noch die Rechtsver­ einheitlichung. S o b e g e g n e n s i c h i n P o l e n d e r m i t t e l e u r o p ä i s c h e , der ro m an isch e und auch d e r s l a v i s c h e R e c h t s k r e i s , wenn man von einem solchen im Sinne einer Wesensunterscheidung überhaupt sprechen kann; denn ein dem gemeinsamen Volkstum eigen-

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artiges, historisch gewachsenes slavisches Recht gibt es nicht, was sich ohne weiteres geschichtlich erklärt. Zur Entwicklung eigenen Rechts gehört meist eigenstaatlicher Boden, bei einem großen Teil der slavischen Volksstämme, insbesondere bei den hier in Frage kommenden, ist aber der staatliche Zusammen­ hang zu lange unterbrochen gewesen, als daß bei Wieder­ erlangung staatlicher Selbständigkeit ein Ankniipfen an die alten Rechtssysteme noch möglich gewesen wäre. Es mußte vielmehr modernes Recht aufgenommen werden. So sind die Rechte, die man als slavische bezeichnet, meist mitteleuro­ päische und romanische Rechte, vermischt mit slavischen Ele­ menten, die sich besonders im Recht des persönlichen Zusam­ menlebens erhalten haben (z. B, die serbisch-bulgarische Zadrugas, eine Art Familiengenossenschaft).

Die Rechtszersplitterung, die wir in Polen und der Tschechoslowakei beobachtet haben, ist das Schicksal aller Staaten, die aus dem Weltkrieg neu oder mit großem Gebiets­ zuwachs hervorgegangen sind. In J u g o s l a v i e n h a b e n w i r n i c h t w e n i g e r a l s s e c h s G e b i e t e zu u n t e r ­ s c h e i d e n , di e v o n e i n a n d e r v e r s c h i e d e n e s R e c h t a u f w e i s e n , nämlich 1. Alt-Serbien, 2. Montenegro, 3. Kroatien — Slawonien, 4, Dalmatien — Slowenien, 5. Vojvodine und Medjumurje sowie 6. Bosnien und Herzegowina, In Alt-Serbien gilt auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts im wesentlichen österreichisches Recht; denn das serbische B. G. B. ist zum größten Teil nur eine gekürzte Uebersetzung des österreichischen. Auf den Gebieten des Handelsrechts herrscht französisches Recht, das serbische Gesetzbuch ist stark an­ gelehnt an den Code de commerce; an Stelle der Societes anonymes sind allerdings durch neues Gesetz Aktiengesell­ schaften getreten. In Slowenien und Dalmatien gilt das öster­ reichische allgemeine B. G. B. einschließlich aller Abänderun­ gen, die ja weitere Annäherungen ein das deutsche Recht ge­ bracht haben, und ebenso auch das österreichische Handels­ gesetzbuch. In Kroatien und Slawonien finden wir einen aus ungarischen und österreichischen Teilen gemischten Rechts­ zustand vor; das österreichische Zivilrecht gilt ohne die Aenderungen nach 1868, auf dem Gebiete des Handelsrechts gilt das ungarische Gesetzbuch. Dieser Unterschied erklärt sich aus dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1868, durch 14$


den Kroatien und Slawonien dem ungarischen Staatswesen unter Belassung einer gewissen Selbständigkeit angegliedert wurden. In der Vojvodine begegnen wir dem rein ungarischen Recht, also auch dem nicht kodifizierten, gewohnheitsrechtlich ausgebildeten bürgerlichen Rechtssystem. Sehr eigenartig gelagert sind die Rechtsverhältnisse in Bosnien und Herzogewina. Grundsätzlich gilt noch ottomanisches bürgerliches Recht, subsidiär österreichisches, das sich aber immer stärker durchgesetzt hat. Das Handelsgesetzbuch ist dem ungarischen und damit also dem österreichischen nachgebildet. Schließlich ist noch Montenegro zu erwähnen, das ein besonderes all­ gemeines vermögensrechtliches Gesetzbuch und ein dem ser­ bischen gleichgeartetes Handelsgesetzbuch besitzt. A u c h a u f d e m G e b i e t e d e s Z i v i 1p r o z e s s e s b i e t e t s i c h e i n b u n t e s B i l d . Serbiens Prozeßordnung ist nach deut­ schem und österreichischem Vorbild aufgebaut und ihr ist w ieder die montenegrinische nachgeschaffen, Bosnien und Herzegowina haben eigenes Recht, Dalmatien und Slowenien österreichisches, die Vojvodine ungarisches, während wir in K roatien und Slawonien die westgalizische Zivilprozeßordnung von 1797 in d er Fassung von 1852 finden, eine der ältesten Prozeßordnungen Europas. Es ist klar, daß sich aus dem vielgliederigen Rechtszustand wesentliche Unterschiede in den Rechtseinrichtungen und Rechtsverhältnissen des politischen Staatsgebietes, die auf die Dauer untragbar sind, ergeben. D er C h a r a k t e r des g e l t e n d e n R e c h t e s ist, wie der k u r z e U e b e r b l i c k zeigt, ü b erw ie gend m i t t e l e u r o p ä i s c h , und auch die w e i t e r e E n t ­ w i c k l u n g g e h t o f f e n b a r in d i e s e r Li ni e. Di e z i v i l r e c h t l i c h e Z u s a m m e n f a s s u n g w i r d auf österreichisch-mitteleuropäischer Grund­ l a g e a n g e s t r e b t und, um eines der neuesten Gesetze zu nennen, das Konkurs- und Ausgleichsrecht baut auch auf ihr auf. Im übrigen auf die Einzelgesetzgebung einzugehen, unter der w ir wie in allen Südoststaaten eine umfassende Agrar­ reform gesetzgebung vorfinden, ist nicht möglich. In B u l g a r i e n f ä l l t p o l i t i s c h e u n d r e c h t ­ l i c h e E i n h e i t z u s a m m e n , wenn auch die Rechts­ ordnung in sich etw as der Gleichartigkeit entbehrt. Als Bul­ garien im vorigen Jahrhundert staatlich befreit wurde, war es 150


vor die Aufgabe gestellt, sich eine moderne Rechtsordnung zu schaffen; denn das nationale Recht hatte sich in den Jahr­ hunderten der Türkenherrschaft nicht entfalten können. Es geschah durch Aufnahme moderner europäischer Rechtsord­ nungen. Das Bürgerliche Recht, das noch nicht zum gesetz­ lichen System zusammengefaßt ist, wurde aus dem romanischen Rechtskreis übernommen, oft in wörtlicher Uebersetzung. Der Code civil, der Codice civile Italiano und der Codigo civil Espanol haben als Vorbild gedient, auf dem Gebiete des Liegenschaftsrechtes vielfach das belgische Recht. Das Han­ delsgesetzbuch ist wiederum dem ungarischen Recht nach­ gebildet, auch das Genossenschaftsrecht. Das G. m. b. H.-Gesetz von 1924 ist eine Uebersetzung des österreichischen, das Kon­ kursrecht dagegen dem rumänischen Vorbild entsprechend französisch-italienisch gefärbt, was auch beim Seerecht der Fall ist. Das Zivilprozeßrecht ist, abgesehen von einigen ro­ manischen und deutschen Anklängen der russischen Zivil­ prozeßordnung von 1864 nachgeahmt, jedoch folgen die im Jahre 1922 eingeführten Neuerungen österreichischem und deutschem Muster. D as n e u e Ru mä n i e n wi r d w i e d e r von R e c h t s g r e n z e n z e r s c h n i t t e n . Es zerfällt in v i e r R e c h t s g e b i e t e . Das Recht Alt-Rumäniens hat ausge­ sprochen romanischen Charakter. Das Zivilrecht, später aller­ dings mehrfach abgeändert, ist dem Code Napoleon nach­ gebildet, das Hypothekenrecht jedoch dem belgischen Recht, das Handelsrecht ist nach italienischem Vorbild ausgearbeitet, das Wechsel-, Gesellschafts- und Konkursrecht weist wiederum deutsche und belgische Einflüsse auf. In den neuen Gebieten sind die alten Rechtssysteme bestehen geblieben, die Bukowina hat also österreichisches Recht, Bessarabien das schon vielfach abgeänderte, etwas unausgebildete russische Recht, Sieben­ bürgen entbehrt einer einheitlich aufgebauten Rechtsordnung, zum großen Teil begegnen wir hier österreichischem Recht, ergänzt und abgeändert durch ungarisches, im Banat wieder nur ungarischem Privatrecht. D e r r u m ä n i s c h e S t a a t h a t e i n e u m f a n g r e i c h e , g r u n d s ä t z l i c h für das gesamt e St aa t s g eb i et geltende G e s e t z ­ g e b u n g s t ä t i g k e i t e n t f a l t e t . Das Massiv des Zivil­ und Handelsrechts ist aber noch nicht vereinheitlicht. Erwähnt 151


sei, daß das A rbeitsrecht deutschrechtlich aufgebaut ist, und erw ähnt sei vor allem auch die hochinteressante staatswirt­ schaftliche Gesetzgebung, wie man sie in dieser Form und dieser organischen Durchbildung nirgendswo findet. Auf Grund des A rtikels 19 der Verfassung ist im Jahre 1924 dem Staate durch das Berggesetz das Eigentum an den Bodenschätzen, durch das Energiegesetz das Eigentum an den Energiequellen (Erdöl, Gas), durch das Wasser-Regimegesetz das Eigentum an allen Gewässern, die als Energiequelle oder als Wasserstraßen nutzbar gemacht w erden können, gesichert und nationalisiert. Durch das Gesetz betr. die Kommerzialisierung und die Kon­ trolle der wirtschaftlichen Unternehmungen des Staates war dann versucht worden, rumänisches und ausländisches Kapital zu beteiligen, um der W irtschaft neuen Antrieb zu geben. Die Unternehmungen wurden in zwei Kategorien geteilt, in Unter­ nehmungen von allgemeinem nationalen Interesse (z. B. Eisen­ bahn, Post, Telefon, Monopolverwaltung, Heereswerkstätten) und in Unternehmungen ausschließlich kommerziellen Charak­ ters, die in Staatseigentum stehen, aber kein ausschließliches staatliches Monopol bilden (z. B. Hüttenwerke, Kohle, Petro­ leum, Erdgas). F ü r letztere wurde die Form einer gemischt­ w irtschaftlichen Gesellschaft vorgesehen, aber unter Wahrung des national-rum änischen Charakters, Das Gesetz hatte jedoch nicht die erhoffte Wirkung, der ausländische Kapitalzustrom setzte nicht in dem erw arteten Maße ein und wurde deswegen w ieder aufgehoben; das Gesetz vom 10. März 1929 versucht, die Organisation und Verwaltung der öffentlichen Unterneh­ mungen auf kaufmännische Grundlage zu stellen. Um das Bild des Balkan abzurunden, sei noch kurz auf G r i e c h e n l a n d und A l b a n i e n eingegangen. Griechen­ land h a t bei seiner Rechtsausgestaltung bewußt an die byzan­ tinische Tradition angeknüpft und bisher auch daran fest­ gehalten. So gilt grundsätzlich noch das Dekret vom 22. Fe­ b ru ar 1835, das bestimmte: „Die Zivilgesetze der byzanti­ nischen Kaiser, die in dem Hexabiblos des Harmenopoulos enthalten sind, sollen bis zum Erlaß eines neuen bürgerlichen G esetzbuches in Geltung bleiben,“ Die Einstellung auf neu­ zeitliche V erhältnisse erforderte aber viele zivilrechtliche Ein­ zelgesetze, bei denen neben französischem Einfluß besonders stark deutscher hervortritt, und zwar speziell bayerischer, was 152


sich aus der Geschichte der Dynastie erklärt, wie auch öster­ reichischer, Die Bestrebungen zur Kodifikation reichen bis in das Jah r 1836 zurück, bei den verschiedenen Entwürfen wechselt romanischer und deutscher Charakter ab, in der neuesten Periode überwiegt aber die Einwirkung des deutschen Rechts, Es gelten noch besondere Gesetze auf den Jonischen Inseln, auf Samos und Kreta, Das Handelsrecht ist aus­ gesprochen französisch, zum Teil — so im Aktienrecht und unlauteren Wettbewerbsrecht — finden sich aber auch deut­ sche Einflüsse, Der Zivilprozeß ist nach französischem und bayerischem Muster aufgebaut. In Albanien gilt in der Haupt­ sache noch das Recht, das vor der Selbständigkeit geherrscht hat, nämlich osmanisches Recht, und im Handelsrecht das im wesentlichen aus dem Code de commerce übertragene Landes­ handelsgesetz von 1850, Damit ist in großen Zügen das Rechtsbild im mitteleuro­ päischen Raume gezeichnet. Ergänzend und zusammenfassend ist zu bemerken, d a ß s i c h d i e E i n z e l g e s e t z g e b u n g b e s o n d e r s a u f di e d u r c h di e m o d e r n e W i r t ­ s c h a f t s - und G e i s t e s e n t wi c k l u n g neu eröffn e t e n G e b i e t e e r s t r e c k t , und daß sie in den v e r s c h i e d e n e n S t a a t e n zu e i n e r g e w i s s e n G l e i c h a r t i g k e i t n e i g t . Erwähnt sei der Rechtsschutz des geistigen Eigentums, der große Kreis des Immaterialgüterrechts (Patentrecht, Gebrauchs- und Geschmacksmuster, Wa­ renzeichenrecht, Eigentum an Werken der Literatur, Tonkunst und bildenden Künste), Diese Rechte sind nicht aus einer langen Geschichte heraus gewachsen, nicht mit dem Raum ver­ bunden, sondern aus einer gemeinsamen modernen Kultur entstanden und sie haben daher auch in bestimmtem Umfange gemeinsame Voraussetzungen, t r-. . D as mo d e r n e V e r k e h r s r e c h t dr ängt i n ­ f o l g e s e i n e r We l t v e r k n ü p f u n g zur V e r e i n ­ h e i t l i c h u n g . Bezeichnend ist, daß im Handelsrecht meist die Differenzierung auf dem Gebiete des Wechsel- und Scheck­ rechts zuerst nachteilig empfunden wird und hier die Einheits­ bestrebungen einsetzen. Es sind die Gebiete, wo auch eine Weltrechtsangleichung mit Erfolg versucht wird. Gemeinsam sind allen modernen Kulturstaaten bestimmte politische und wirtschaftliche Ideenkreise, die sich in den einzelnen Rechts153


Ordnungen durchsetzen. So läßt sich auch in den Oststaaten überall der Vorgang beobachten, daß sich — bald rascher, bald langsamer — e i n e g r o ß e A r b e i t s r e c h t s o r d n u n g aus den alten G esetzen herauslöst, geboren aus der n e u z e itlic h e n W ir t s ch a ft se n t wick 1 u n g und dem mit M itteln des Zusammenschlusses geführten W irtschaftskampf. Allmählich wächst ein Recht des Arbeits­ vertrages, der Arbeitszeit, des Arbeitsschutzes und der Ar­ beitsverfassung wie eine besondere Arbeitsgerichtsbarkeit heran. Ein so großes einheitliches Arbeitsrechtssystem, wie es das Sowjetreich und wie es sein geistiger Antipode, das faschistische Italien, in der Carta del lavoro hervorgebracht hat, finden wir allerdings in keinem anderen Staat. Soweit wir in den von uns behandelten Staaten von einem Arbeits­ recht sprechen können, sind ihm in bestimmtem Umfange Grundsätze, die als allgemeine Kulturerrungenschaften empfun­ den werden, gemeinsam. Darüber hinaus wird gerade dieses Rechtsgebiet entscheidend durch die politische Grundeinstel­ lung des Staates beeinflußt und ist dementsprechend unter­ schiedlich gestaltet. Aehnlich ist es bei den oft unter dem Namen W irtschaftsrecht zusammengefaßten Gebieten der Fall, wobei allerdings nicht unerwähnt bleiben kann, daß sich ein fest Umrissen er Begriff W irtschaftsrecht und ein dement­ sprechend abgegrenztes Rechtsgebiet noch nicht herausgebildet hat; es handelt sich um ein viel gebrauchtes Wort, mit dem sich die verschiedenartigsten Vorstellungen verbinden. In fast sämtlichen Südoststaaten — Oesterreich, Ungarn, Polen, Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Tschechoslowakei — b e g e g n e n w i r e i n e r m e h r oder minder um fassenden A gr a r r efor mges e t z g e b u n g . Vielfach vollzog sich diese Bodenreform zu­ sammen mit der Demokratisierung der Staaten. Die Idee des A rbeitslandbesitzes ist, eigentlich nur mit Ausnahme von Deutschland, O esterreich und Ungarn, der tragende Grund­ gedanke der Gesetzgebung. Neben wirtschaftlichen und so­ zialen Zielen spielen vielfach nationalistische eine Rolle. Ein für die Zusam menarbeit der Staaten äußerst wichtiges Rechts­ gebiet ist das Internationale Privatrecht, die Beteiligung an internationalen Verträgen, besonders die gegenseitige Rechts­ hilfe, Rechtsstützung und Rechtsanerkennung. Die Anteil154


nähme der einzelnen Staaten an dem Vertragssystem darzu­ legen, würde einer tabellenmäßigen Aufzählung gleichkommen. Gerade hier tritt aber die äußerst starke Verbundenheit der mittel- und südosteuropäischen Staatenwelt hervor, gerade hier spiegelt sich wieder, wie das Rechtsleben der Völker, die Gegenstand dieser Abhandlung sind, ineinander greift. Es ist versucht worden, durch Aufdeckung der geistes­ geschichtlichen Grundlagen im Wege der Rechtsvergleichung, die Rechtsordnungen in den einzelnen Staaten zu charakteri­ sieren. Nur auf diese Weise ist es wohl möglich, ein All­ gemeinbild zu geben, das Wesentliche der Erscheinungen zu erkennen und diese im Lichte der großen Zusammenhänge zu sehen. D e r G e s a m t e i n d r u c k i s t d e r d e r V i e l ­ g e s t a l t i g k e i t . Mi t A u s n a h m e d e r a n g l o - a m e r i k a n i s c h e n f i n d e n wi r al l e mo d e r n e n R e c h t s ­ k u l t u r e n : die mitteleuropäische-deutsche, die romanische, die orientalische und die slavische, Südosteuropa ist der Platz für die Auseinandersetzung größter Völkerbewegungen ge­ wesen, Occident und Orient begegneten sich hier und wie kein anderes Gebiet ist es daher Kulturüberfremdung ausgesetzt gewesen. Die Karte, die uns die geltenden Rechtsordnungen und die Grenzen der einzelnen Gebiete zeigt, ist tatsächlich an Buntheit nicht zu übertreffen. Sie ist noch verschiedenartiger als die politische Karte, W u r d e d e r W i r t s c h a f t s ­ k ö r p e r d u r c h die n e u e n p o l i t i s c h e n Gr e n z e n a u f g e t e i l t , d u r c h di e R e c h t s g r e n z e n i st er v o l l e n d s z e r s c h n i t t e n w o r d e n . In Jugoslavien, Tschechoslowakei, Rumänien und Polen stehen vier politischen Grenzen nicht weniger als sechzehn Rechtsgrenzen gegenüber. E s i s t k e i n e R e c h t s z e r s p li 11 e r u n g m e h r , es g r e n z t s c h o n an Re c h t s a t o mi s i e r u n g . Ei n s o l c h e r R e c h t s z u s t a n d mu ß w i r t s c h a f t s h e m ­ m e n d w i r k e n . Andererseits spiegelt das Rechtsbild die Lage der ihre Kräfte zersplitternden Wirtschaft wieder. Tr o t z d e r V i e 1g 1i e d e r u n g h e b e n s i c h a b e r i n d e m G e s a m t b i l d der R e c h t s k u l t u r e n ei nige große Linien und bestimmte Entwicklungstendenz e n a b . D a s H a u p t m a s s i v — Deutschland, Oesterreich, Ungarn und die Tschechoslowakei — g e h ö r t g e s c h l o s ­ sen zum mi t t e l eur opäi s c hen Rechtskultur155 *


k r e i s und Südslavien überwiegend. Polen ist durch riesige Gebietsteile mit ihm verkettet. Auch der Einfluß in Bulgarien — hier gerade im Handelsrecht — ist unverkennbar, ebenso wie die Ausstrahlungen nach Griechenland. Nur Altrumänien ist überwiegend romanisch eingestellt, durch die umfangreichen neuerw orbenen Gebiete wird es aber zum mitteleuropäischen Block hingezogen, was auch in zukunftsrechtlichen Bestrebun­ gen hervortritt. Die Bedeutung des mitteleuropäischen Ein­ flusses tritt besonders stark in Erscheinung, wenn man sich ver­ gegenwärtigt, wie gering die Einwirkung von Rußland her ge­ w esen ist, trotz des großen Drucks, der, unterstützt von der panslavistischen Idee, zum mindesten in der Vorkriegszeit von diesen gewaltigen M achtzentrum ausgeübt wurde. Die orientalischen Elem ente in einzelnen Rechtsordnungen stammen aus einer überw undenen Epoche. H i n s i c h t l i c h d e r z u k ü n f t i ­ gen E n t w i c k l u n g sind b e s o n d e r s b e d e u t u n g s ­ v o l l d e r s i c h v o l l z i e h e n d e R e c h t s a u s g 1e i c h z w i s c h e n D e u t s c h l a n d und O e s t e r r e i c h und die a u c h in d e r T s c h e c h o s l o w a k e i im Sinne e i n e s d e r a r t i g e n A n g l e i c h s w i r k e n d e n Kr äf t e. D a d u r c h w i r d d i e A1 1 r a k t i o n s k r a f t d i e s e s R e c h t s m a s s i v s n o c h g r ö ß e r . Bezeichnend ist, daß die Entwicklungstendenzen in der Gestaltung des inneren Rechtslebens durchaus nicht immer mit dem politischen Ent­ wicklungswillen übereinzustimmen brauchen, eine Beobach­ tung, die sich auch in der Geschichte bestätigt. So wurde seiner Zeit trotz ausgesprochen politischen Gegensatzes zwischen Preußen und Oesterreich ein gemeinsames Wechselund H andelsrecht geschaffen. D er G edanke liegt nahe, der Unterscheidung verschiedener R echtskulturen nur noch geschichtlichen W ert beizumessen, die Zukunft in einem allgemeinen, gleichen W eltrecht zu sehen und die Schaffung einer vorbildlichen, aus den Elementen der bisherigen K ulturen zusammengesetzten Rechtsordnung anzu­ streben. Bis zu einem gewissen Grade ist diese Auffassung berechtigt, z. B. für das Gebiet des Rechtes der geistigen Güter, für das W echsel- und Scheckrecht sowie das Verkehrsrecht. Die Vereinheitlichungsbestrebungen haben hier viel erreicht, die geschaffenen Entwürfe als Muster für die Gesetzgebung ge­ dient. Falsch wird die Auffassung, sobald man sie auf alle 156


Gebiete ausdehnen will. E s g i b t R e c h t e , di e an de n k l e i n s t e n R a u m g e b u n d e n s i n d , bi s zu R e c h ­ t e n , d i e f ü r die ges amt e Erdbevöl kerung, w e n i g s t e n s di e k u l t i v i e r t e , gemei ns am sein k ö n n e n . So haben viele Staaten — gerade auch Deutsch­ land und Oesterreich — bewußt in gewissem Umfange Parti­ kularrechte beibehalten; denn verschiedene Landschaften mit verschiedenen Lebensbedingungen verlangen verschiedenes Recht, Abwegig ist aus dem gleichen Grunde die Idee eines gemeinsamen europäischen Zivil- und Handelsrechts. Gleiche Rechtskulturen sind bedingt durch ähnliche Voraussetzungen in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und geistiger Beziehung. Aus diesem Grunde war, wie Weiss ausführt, bei der Schaffung des neuen tschechoslowakischen Privatrechts gerade das deutsche Recht zum Vergleich heranzuziehen, und aus diesem Grunde kommt er ja auch zu dem Ergebnis, daß es einen Be­ griff Mitteleuropa gibt. Bei einem Zusammenschluß der verschiedenen euro­ päischen Wirtschaftskörper spielt der Rechtsausgleich — be­ sonders auch auf dem Gebiete des Steuerrechts, der sozial- und wirtschaftspolitischen Gesetzgebung — eine wesentliche Rolle; denn es ist klar, daß das Zusammenwirken durch zu starke Unterschiede in den Rechtsverhältnissen und Rechtseinrichtun­ gen leiden muß. Aber der Versuch einer theoretischen Lösung dieser Frage wird leicht zur Ueberspannung der Ausgleichs­ notwendigkeiten, vor die der Gesetzgeber zu stellen ist, führen. Gerade wir Deutsche, denen ein japanischer Jurist, Baron Hozuma, nachrühmt, daß sie die Wissenschaft ins Leben tra­ gen, und die wir daher leicht geneigt sind, Tatsachen nicht als Tatsachen hinzunehmen, sondern sie wissenschaftlich aufneh­ men und durchdringen wollen, v e r f a l l e n i n d e n F e h l e r , t h e o r e t i s c h d i e S c h w i e r i g k e i t d e r L ö s u n g zu ü b e r s c h ä t z e n . So wird gerade in Deutschland der Ge­ setzgebung oft eine zu große Bedeutung beigemessen. Das gesetzte Recht schafft keinen Ruhezustand und gestaltet die Dinge auch nicht immer so, wie der Schöpfer es will. D as R e c h t i s t B e w e g u n g un d f ol gt e i g e n e n , aus t i e f e r e n Qu e l l e n als de n e n der Ge s e t z g e b u n g s t a m m e n d e n K r ä f t e n . Da s w i c h t i g s t e i s t d a ­ h e r , d a ß d i e V o r a u s s e t z u n g e n f ü r di e g e me i n 157


s a me E n t w i c k l u n g g e g e b e n sind. D i e s e s d ü r f t e in M i t t e l e u r o p a für eine gem einsame R e c h t s ­ k u l t u r und dam it für einen o r g a n is c h e n A u f ­ b a u d e r G e s a m t w i r t s c h a f t d e r F a l l s e i n . Es kommen hinzu die von außen wirkenden Kräfte der großen M achtzentren, die den mitteleuropäischen Zerrungsraum, die­ ses völkerüberdrängte Kernstück Europas, zum Zusammen­ schluß um der Selbsterhaltung willen zwingen. Damit soll nicht etw a die W irtschaft als das die Lebensform der Völker allein gestaltende Prinzip angesehen und der extreme Stand­ punkt vertreten werden, daß, nachdem der dynastische Staat durch den Nationalstaat ersetzt ist, dieser jetzt durch den W irtschaftsstaat abgelöst wird. Das hieße die völker­ bewegende, heute mehr denn je wirkende Kraft der nationalen Idee verkennen, das hieße Wirklichkeit und Leben der Ideen überhaupt leugnen. A ber nationale Politik verlangt noch nicht, den S taat aus den großen wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen zu reißen und ihn zur hermetisch abgeschlos­ senen Einzelzelle auszubilden, verlangt noch nicht Ablehnung jedes überstaatlichen, übernationalen Zusammenschlusses. Man w ird es heute, nachdem der gewaltige Einbruch der Wirtschaft in die Politik erfolgt ist, nicht mehr mit Napoleons Ausspruch zu G oethe halten können, daß Politik das Schicksal ist, aber auch nicht mit W alter Rathenaus Wort, daß Wirtschaft das Schicksal ist. V o n s t a a t s m ä n n i s c h e r E r k e n n t n i s g e l e i t e t e s politisches Wollen wird jedoch d i e w i r t s c h a f t l i c h e n N o t w e n d i g k e i t e n , die im L e b e n s g e b i e t der Völker liegen den G e ­ g e b e n h e i t e n n i c h t v e r k e n n e n , s o n d e r n sie mit seinem W o l l e n in E i n k l a n g bringen. U n d d i e s e K r ä f t e w i r k e n im m i t t e l e u r o p ä ­ i s c h e n R a u m a uf e i n e n Z u s a m m e n s c h l u ß , auf e i n e n g e g e n s e i t i g e n A u s g l e i c h hi n, d a s d ü r f t e a u c h d i e s e r k u r z e R e c h t s a b r i ß gezeigt haben. A u f g a b e d e r z u k ü n f t i g e n R e c h t s g e s t a 11 u n g w i r d es s e i n , in n o ch s t ä r k e r e m Maße di e sen K r ä f t e n F o l g e zu l e i s t e n ; d e nn das P r i v a t re c h t soll — darin hat Oswald Spengler recht — den G ei s t des je w e i li g e n sozialen und wirt­ sch a ftlic h e n Daseins darstellen. 158


Literäturhinweise. Die Mitteleuropafrage interessiert im Rahmen dieser Ver­ öffentlichung nicht als historisches Problem. Deswegen können wir darauf verzichten, die Veröffentlichungen anzuführen, die für die Geschichte des Mitteleuropagedankens von entschei­ dender Bedeutung sind. Die Interessenten möchten wir auf den Ueberblick aufmerksam machen, den Wilhelm Gürge über die Entwicklung des mitteleuropäischen Gedankens in den Ungarischen Jahrbüchern, Juli 1931, Seite 224 ff, gegeben hat. Das aktuelle Mitteleuropaproblem verfolgt man am besten durch die regelmäßige Lektüre maßgeblicher Zeitungen und Zeitschriften, An Zeitschriften sind vor allem zwei zu nennen: die Monatsschrift Europa-Wirtschaft, die sich mit den Fragen des wirtschaftlichen Aufbau Europas, speziell Mitteleuropas, befaßt und zur Klärung des Mitteleuropaproblems mehrere grundlegende Artikel veröffentlicht hat, und die Wochen­ schrift: Der österreichische Volkswirt, der als Wiener Organ zu den aktuellen Mitteleuropafragen stets wertvolles und in­ teressantes Material unterbreitet. Ueber wichtige Einzelfragen liegen mehrere Buchpubli­ kationen vor. So erscheinen zwei Schriftenreihen auf diesem Gebiet: Die Schriftenreihe des Mitteleuropa-Instituts, Mittel­ europäische Wirtschaftsfragen, herausgegeben vom Wiener Mitteleuropa-Institut, und die Schriftenreihe des Mitteleuro­ päischen Wirtschaftstag, Mitteleuropäische Wirtschaftspolitik, herausgegeben von Geheimrat Zoepfl. In der Schriftenreihe des Wiener Instituts sind bisher fünf Veröffentlichungen von Prof. Hantos erschienen: Mitteleuropäische Eisenbahnpolitik, Mitteleuropäische Wasserstraßenpolitik, Mitteleuropäischer Postverein, Das mitteleuropäische Agrarproblem und seine Lösung und Mitteleuropäische Kartelle im Dienste des in­ dustriellen Zusammenschlusses. In der Schriftenreihe des Mit­ teleuropäischen Wirtschaftstag sind erschienen: Bericht über die Verhandlungen der V. Mitteleuropäischen Wirtschaftstagung, Prof. Brockhausen: Verwaltungs-Protektionismus und Mittel­ europäischer Wirtschaftsbund und Reichsminister Gothein: Die klaffende Preisschere als Ursache der Weltwirtschaftskrise. Wertvolle Informationen und Hinweise auf das Mittel­ europaproblem enthalten auch die meisten Veröffentlichungen 159


paneuropäischen Charakters. So hat sich vor allem der fran­ zösische Autor Francis Delaisi ein großes Verdienst erworben durch seine geistreiche und interessante Darstellung des Mit­ teleuropaproblems in seinem Buche: Les deux Europes. Als statistisches Nachschlagewerk kommt vor allem das Buch von Wladimir Woytinsky: Tatsachen und Zahlen Europas in Frage. Ein Mitteleuropaprogramm entwirft Wilhelm Grotkopp in seiner Schrift: Europäische Zollunion als Weg aus deutscher Wirtschaftsnot. Das Problem des Verhältnisses von Paneuropa und M itteleuropa behandelt Wilhelm Gürge in seiner gleich­ namigen Schrift. W ertvolles Material findet der interessierte Leser in den zahlreichen Veröffentlichungen der europäischen Tagungen und Ausschüsse des Völkerbundes. Zu nennen sind ferner mehrere Einzelveröffentlichungen, die konkrete Vorschläge zur Lösung des Mitteleuropaproblems enthalten. Auf handelspolitischem Gebiet sind bahnbrechend die Veröffentlichungen von Richard Riedl gewesen, dessen Gedankengänge sehr gut zusammengefaßt sind in seiner Schrift: Ausnahmen von der Meistbegünstigung. Besonders von tschechischer Seite sind mehrere Einzelveröffentlichungen vor­ gelegt worden, Hinweisen möchten wir auf die Schrift von Franz Hilmer über Mitteleuropa, auf den Vorschlag eines han­ delspolitischen Konsolidierungsplanes von Hans Tugendhat, auf die Schrift von Andreas Meisner: Das Problem der handels­ politischen Neuordnung Mitteleuropas, und auf die Aufsätze von Friedrich Nelböck: Kleine Beiträge zum Kampf um Völkerbund, Paneuropa, Mitteleuropa. W ertvolle tschechische Beiträge sind ferner in der Prager Halbmonatszeitschrift: Die Wahrheit veröffentlicht worden. Ein Gesamtprogramm hat neuer­ dings Prof. Hantos in einer dem Völkerbund unterbreiteten, 200 Seiten umfassenden Denkschrift: Memorandum sur une Nouvelle Organisation economique De L'Europe Centrale entwickelt. F erner ist auf die Literatur über die einzelnen Länder hinzuweisen und auf die über das Problem Deutschland-Oesterreich. W ir möchten an dieser Stelle uns mit der Anführung von zwei W erken begnügen. Die umfassendste Darstellung des deutsch-österreichischen Problems gibt das Buch von Kleinw ächter-Paller: Die Anschlußfrage, und die des Südostproblems gibt das Buch von Gerhard Schacher: Der Balkan und seine w irtschaftlichen Kräfte. Dn Curt Piorkowski. 160


Paneuropa und Mitteleuropa von Dr. Wilhelm Gürge Jeder Gebildete, der sich über die Grundlagen der Europawirt­ schaft unterrichten will, muß dieses Buch gelesen haben. So urteilt die Presse: Deutsche Allgemeine Zeitung: Die Untersuchungen sind ein gerade jetzt für deutsche Politiker außerordentlich lesenswerter Beitrag zur Klärung eines bedeutsamen Wirtschaftsproblems, Die nüchterne Sachlichkeit und die Be­ scheidenheit, mit der die mitteleuropäischen Argumente vorgetragee werden, stehen in angenehmem Gegensatz zu der unrealen Ueberschwenglichkeit, mit der die paneuropäische Richtung ihre Behauptungen vielfach belastet. Berliner Tageblatt: Gürge ist kein Gegner Paneuropas, nur kommt er von innen heraus und unter realpolitischer Aufzeigung des komplizierten Ent­ wicklungsganges zu diesem letzten Ergebnis. Da er zudem über eine intime Kenntnis der europäischen Länder und über einen ansprechenden biegsamen Stil verfügt, wird sein Buch zu einer spannenden aufschlußreichen Lektüre. Germania: Ein besonderer Vorzug dieser Schrift ist es, daß sie das aktuelle Problem wissenschaftlich- sachlich behandelt und trotzdem durch den flüssigen Stil und die lebendige Darstellungsweise bis zuletzt fesselt und anregt. Wissenschaftliche Erkenntnis und praktische Wirtschaftserfahrung verbinden sich in glücklichster Weise. Die Lektüre des ausgezeichneten Buches ist für jeden führenden Wirtschafter und Politiker unerläßlich. Pester Lloyd, Budapest: Auf dem Wege zu Paneuropa ist Mitteleuropa eine wichtige Haltestelle, da das ganze Europa in seiner heutigen Verfassung noch nicht unionsreif is t. . , Für den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft einen Baustein geliefert zu haben, ist Gürges Verdienst. Journal ai Royal Institute oi International Aiiairs, London: This is an extremely interesting treatment of the Paneuropean problem from the Germanic point of view . .. The book contains a lot of very interesting facts about the idea of European Cooperation, and although one may not agree with the Germanic argument he puts forward, the book provides a very interesting starting-point for this problem. Gionale degli Economisti, Milano: L'Autore, il quäle con molto sinceritä considera la questione riconosce che l'economia germanica per uscire della penosissima situazione in cui oggi si trova ha urgente bisogne di assicurare un piu vasto mercato ai suvi prodotti industriali. Dal punto di vista tedesco, ed anche da un punto di vista puramente economico il piano non & male ideato Preis RM. 3.— brosch.

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ALS EINZIGE ZEITSCHRIFT orientiert zuverlässig und umfassend über das Mitteleuropaproblem, kämpft für eine euro­ päische Lösung des Mitteleuropaproblems die

Europa-Wirtschaft M onatshefte für den w irtschaftlich. Aufbau Europas Herausgegeben von Dr. WILHELM GROTKOPP

A U S DER LISTE DER MITARBEITER: Prof. Barthelemy, Paris / Ing. Bock, Brünn / Prof. Brandt, Berlin / Reichstagsabg. Breitscheid, Berlin Dr. von Buday, Budapest / Prof. Delaisi, Paris / Dr, Deutsch, W ien / M inister Franges, Zagreb / Prof. Gide, Paris / Reichsminister Gothein, Berlin / Dr. Gürge, Berlin / Prof. Hantos, Budapest / Prof. Levy, Berlin / M inister Loucheur, Paris / Dr. Nelböck, Brünn / M inister Riedl, W ien / M inisterialdirektor Posse, Berlin / Reg.-Rat Dr. Salander, Bremen Reichsminister Schmidt, Berlin / Dr. Siegert, Berlin Dr. Stern-Rubarth, Berlin / Dr, Starke, W ien / Dr. Szabo, Budapest / Baron Szterenyi, Budapest Tugendhat, Brünn / Prof, Truchy, Paris / Wl. Woytinsky, Berlin.

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