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Europa aus Rasse und Raum

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Birgit Kietzin

Europa aus Rasse und Raum Die nationalsozialistische Idee der Neuen Ordnung

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Verlag Munster

Hamburg

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Birgit Kietzin

Europa aus Rasse und Raum

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Region - Nation - Europa herausgegeben von

Prof. Dr. Heinz Kleger (Universität Potsdam)

Band 2

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Birgit Kietzin

Europa aus Rasse und Raum Die nationalsozialistische Idee der Neuen Ordnung

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Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Kietzin, B irgit Europa aus Rasse und Raum : Die nationalsozialistische Idee der Neuen Ordnung / Birgit Kietzin. - Münster : L it , 2000 (Region - Nation - Europa ; 2.) ISBN 3-8258-4993-7

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© L l T V E R L A G M ünster - H am burg - L ondon Grevener Str. 179 48159 Münster Tel. 0251-23 50 91 Fax 0251-23 19 72


Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis Einleitung

1.

NS-Europakonzeptionen zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch

1.1. Die politische Idee der "Neuordnung Europas" 1.1.1. Theoretische Grundlagen und politische Vorläufer: Geopolitischer "Lebensraum"-Begriff, Mitteleuropaprojekte, Paneuropaidee oder weltwirtschaftliche Orientierung 1.1.2. Die "Neuordnung" Europas zwischen nationalsozialistischer Politik und Propaganda: Kriegsziel und Kriegsmittel 1.1.3. Entwicklungsetappen der NS-"Neuordnungsidee" 1.2. 1.2.1. 1.2.2. 1.2.3.

2.

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9 22 29

Nationalsozialistische Wissenschaft im Dienste der "Neuordnung" "Neuordnung" zwischen Wissenschaft und Politik Karl Haushofer und die geopolitischen Grundlagen Raumforschung und Auslandswissenschaften im Dienste der "Neuordnung"

44

"Neuordnung" zwischen Notwendigkeit und Tradition: Die Grundzöge der "Neuordnung"

54

L ■, \v 2.1. "Neuordnung" als alternative Notwendigkeit: Die Feindbilder 2.1.1. Das Ende des europäischen Gleichgewichts?! 2.1.2. "Britischer liberaler Imperialismus" und "jüdischer Bolschewismus" als Feinde Europas . "Neuordnung" als historisch-biologische Kategorie: Traditionslinien und Grundprinzipien 2.2.1. Traditionelle Wurzeln und historische Vorbilder 2.2.2. Die rassisch-völkischen Ordnungkriterien

34 34 40

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2.2.

Europäische Selbstbehauptung durch "Großraum"-Bildung: Das Modell 2.3.1. Die nationalsozialistische Alternative zum Untergang Europas 2.3.2. Die Grundzüge der "neuen Ordnung" Europas

71 71 78

2.3.

84 84 90


VI

Inhaltsverzeichnis

2.4.

Deutschland als Führungsmacht: Das eherne Grundgesetz der "Neuordnung" 2.4.1. Die geopolitisch-historische Begründung des deutschen Führungsanspruchs 2.4.2. Die Leistungen des Nationalsozialismus als Ausgangspunkt der deutschen Führungsrolle 2.4.3. Die Grundzüge der deutschen Führung

3.

95 95 99

105

Europa als politischer Zusammenschluß: Der "Großraum Eurafrika"

110

3.1.

Die wissenschaftliche Konzeptionalisierung: Von der "LebensraunT-Forderung zum "Lebensraum"-Konzept 3.1.1. "Lebensraum"-Forderung und "Lebensraum"-Konzept 3.1.2. Der geopolitische B egriff des "Raumes" 3.1.3. Die Idee vom "Lebensraum"

110 110 111

3.2. 3.2.1. 3.2.2. 3.2.3.

126 126 136 145

117

Europa als politischer "Großraum" "Rassisch-biologischer Großraum" statt souveräner Staatsbegriff Europäische Völkerfamilie zwischen Führung und Gefolgschaft Europäisches Bewußtsein im Ziel-Mittel-Konflikt

3.3. Die Vision einer Weltordnung im "Großraum"-Konzept 3.3.1. Die geopolitische Aufteilung der Welt 3.3.2. Eine "Weltfriedensordnung"? .... ',■ ) . jfll) -ii.:'* I .

4.

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Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß: Der "Großwirtschaftsraum Europa"

4.1. Die Idee vom "Großwirtschaftsraum Europa" 4.1.1. Die NS-Kritik am liberalen Wirtschaftssystem 4.1.2. Der "Großwirtschaftsraum" als Lösungsmodell 4.2. Organisatorische Strukturen und deutsche Hegemonie 4.2.1. Die Beziehungen der europäischen "Teilräume" 4.2.2. Europäische Marktordnung und Verrechnungssystem

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157 157 163

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Inhaltsverzeichnis 4.3. Der "Großwirtschaftsraum Europa" und der Weltmarkt 4.3.1. "Großraumwirtschaft" und Autarkiegedanke 4.3.2. Die außenwirtschaftlichen Verflechtungen

5.

VII 2o i 201 205

NS-Europakonzeptionen zwischen Propaganda und Realität: Ein Resümee

210

6.

Quellen-und Literaturverzeichnis

218

6.1. 6.2.

Quellen Literatur

^18 233

7.

Personen- und Sachregisterregister

239 ~


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Einleitung

1

Einleitung Beauftragt, den Stand der europäischen "Neuordnungsplanungen" und ihre Wider­ spiegelung in den verbündeten und besetzten Ländern zu untersuchen, stellte der Lega­ tionsrat im Auswärtigen Amt von Trützschler Ende März 1942 fest: "Wenn es auch nicht zweifelhaft sein kann und immer wieder von allen Seiten bestätigt wird, daß das von den Achsenmächten proklamierte Kriegsziel einer Neugestaltung Europas die politisch interessierte Bevölkerung aller europäischen Länder auf das lebhafteste beschäftigt, so ist doch schon die öffentliche Diskussion dieses Themas eine sehr beschränkte, da die Regierungen der uns verbündeten und befreundeten Länder eingehendere Presseerörterungen unterbinden dürften und auch in den wenigen neutralen Staaten Europas die Zeitungen teils infolge des Fehlens konkreterer deutscher Äußerun­ gen, Neutralitätsrücksichten zur Zurückhaltung gezwungen sind. Offenbar halten aber auch nur wenige Regierungen den Zeitpunkt für gekommen, mit uns in amtliche oder halbamtliche Erörterungen allgemeinerer Natur über die Gestaltung der Nachkriegswelt einzutreten; wenn man von den zahlreichen sich widersprechenden Territorialwünschen unserer südosteuropäischen Verbündeten absieht, ist es eigentlich nur die Finnische Regierung, die - wohl auf Grund ihrer besonders starken und un­ abhängigen Stellung - freimütig das Thema angeschnitten hat."1 Angesichts dieser eher negativen Selbsteinschätzung ergibt sich die Frage nach dem realen Stellenwert, ja sogar nach dem realen Inhalt einer "nationalsozialistischen Euro­ pakonzeption", die über die reine Proklamierung als Kriegsziel der Achsenmächte hinausging. Obwohl die nationalsozialistische Politik die Idee der "Neuordnung Europas" zuneh­ mend als propagandawirksames Kriegsmittel verwandte, ohne dessen inhaltliche Ausge­ staltung über eine bloße Rechtfertigung des deutschen Expansionsdranges hinausgehen zu lassen, erreichte sie doch eine erhebliche Wirkung vor allem in den west- und nordeuropäischen, aber auch in den südosteuropäischen Staaten des Kontinents. Dieses unbestreitbare Echo, das in der Kollaborationsbereitschaft einiger besetzter Länder gipfelte, läßt sich letztlich nur darauf zurückfuhren, daß die "Neuordnungs"-Gedanken" einem Zeitgeist entsprachen, der nun in einseitig deutscher Weise interpretiert und propagiert wurde. Dazu wurden in verschiedenen Gebieten der nationalsozialistischen Wissenschaft und der wissenschaftlichen Publizistik umfangreiche Überlegungen und Modelle von einem geographisch, politisch und wirtschaftlich "neugeordneten" Europa entwickelt, die in verschiedener Intensität gestaltet, von Politik und Propaganda benutzt und über die deutschen Grenzen hinaus widergespiegelt wurden. Das vage "Neuord’i ' , •I . • I 1

BA Abt. Potsdam, 09.01 AA, Nr. 61120, Bl. 66.


2

Einleitung

nungs"-Modell", das im Verlauf des Krieges entstand, war von den Erfordernissen einer zunehmend hegemonialen und aggressiven deutschen Revisionspolitik bestimmt, die alle internationalen Bindungen verlassen hatte, und die mit einer verstärkt artikulierten Propaganda für eine "Neue europäische Ordnung" einherging. Dabei steht allerdings selbst die Frage nach der Existenz nationalsozialistischer Europakonzepte an sich zur Disposition.2 Losgelöst von Rassenverfolgung, Eroberungspolitik und staatlichem Zwangsapparat, von Besatzungsrealität und Konzentrations- und Vernichtungslagern, die das wahre Bild eines "deutschen" nationalsozialistischen Europa zeichneten, verfügten die Ideen von der "Neuordnung" doch ohne Zweifel über einen hohen ideologisch-politischen Stellenwert, der sich nicht zuletzt, aber sicher auf die eindrucksvollste Weise in der Kollaborations­ bereitschaft einer ganzen Reihe besetzter west- und nordeuropäischer Länder nieder­ schlug. Offen bleibt die Frage, ob es - neben der rein propagandistischen, bewußt vage ge­ haltenen "Vision" der deutschen Außenpolitik, die lediglich die territorialen Ansprüche Deutschlands verschleiern sollte, nicht doch darüber hinausgehende konzeptionelle Vorstellungen gab. Das betraf vor allem den wissenschaftlichen Bereich, in dem - wenn auch im staatlichen Auftrag - Überlegungen entstanden, die aber, trotz ihrer unbestreit­ bar einseitigen Orientierung auf die deutschen Interessen, weit besser geeignet sind, die teilweise immense Wirkung der "Europa"-Idee in der nationalsozialistischen Expan- sionspropaganda zu erklären. Die nationalsozialistische Idee einer "Neuordnung" Europas begleitete das Dritte Reich während der gesamten Phase der aktiven Außenpolitik des Hitlerregimes. Die Begriffe vom "Raum" oder "Lebensraum", die später zum "Großraum Europa" stilisiert wurden, bildeten die wissenschaftlich verbrämte ideologische Grundlage, deren inhaltliche Ausgestaltung in zunehmendem Maße ganze, zum Teil direkt zu diesem Zweck einge­ richtete wissenschaftliche Institutionen zu beschäftigen begann. Die "außenwissen­ schaftlichen" Fakultäten an einer Reihe von Universitäten oder das 1940 gegründete Deutsche Außenwissenschaftliche Institut in Berlin repräsentieren nur einen Bereich dieser Aktivitäten.

2

Vgl. z.B. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VHZ), 1955, S. 240-275; M. Salewski: Europa. Idee und Wirklichkeit in der nationalsozialistischen Weltanschauung und politischen Praxis, in: O. Franz (Hg.): Europas Mitte, Göttingen/Zürich 1987, S. 85-106; P. Krüger: Hitlers Europapolitik, in: Der Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1993, S. 104-132; ders.: Rückkehr zum internationalen Faustrecht, in: K. Malettke: Der Nationalsozialismus an der Macht, Göttingen 1984, S. 166-191; Das Dritte Reich und Europa, München 1957; W. Michalka: Ribbentrop und die deutsche Weitpolitik 1933-1940, München 1980.


Einleitung

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Bereits unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg war in den extrem rechten deutschen Gruppierungen die Forderung nach einem genügend großen "Lebensraum" für das deutsche Volk laut geworden, die in der Person und Politik Adolf Hitlers und der NSDAP ihren unbestreitbaren Höhepunkt erreichte. Sie war die Reaktion eines histo­ risch zu spät gekommenen Imperialismus, der mangels kolonialer Ausbreitungsmöglich­ keiten und angesichts härtester Friedensbedingungen langfristig in Aussicht nahm, statt dessen den europäischen Kontinent - insbesondere und zunächst fast ausschließlich in der Ostrichtung - in eine imperialistisch bestimmte "Quasi-Kolonisierung" zu zwingen.3 Um diese Vorstellungen durchzusetzen, begann nach dem Machtantritt des Na­ tionalsozialismus eine umfangreiche Propaganda für einen übernationalen Zusammen­ schluß in einem "Neuen Europa", die die internationalen Zeitstimmungen gewissenhaft widerspiegelte. Sie versuchte, die deutschen "Lebensraum"-Forderungen in einen umfassenderen Rahmen zu stellen und sie gleichsam von dem Geruch einseitig deutscher Ansprüche zu befreien. Die Idee des "neuzuordnenden Europa" berücksichtigte die traumatischen Erfahrungen des europäischen Zusammenbruchs im Ersten Weltkrieg genauso, wie sie die parallel entstandenen vielfältigen Europaplanungen der unter­ schiedlichsten politischen Coleur zu bedienen schien. Der Begriff der "Neuordnung" wurde zur logischen Schlußfolgerung, die das Problembewußtsein des krisengeschüttel­ ten Kontinents ebenso aufgriff, wie sie den deutschen Forderungen nach mehr "Lebens­ raum" und einer Revision der Versailler Bestimmungen Raum gab. In diesem Zusammenhang schienen die nationalsozialistischen "Europa"-Pläne, die die Propaganda vermittelte, ein Element der Modernisierung zu enthalten. Im Sinne der von Matzerath und Volkmann aufgestellten Indikatoren, die auf den außenpolitisch­ propagandistischen Bereich anzuwenden wären, wird in den nationalsozialistischen "Neuordnungs'-Konzepten eine spezifische Ziel-Mittel-Relation deutlich:4 Die vorgestellte Programmatik einer neuen europäischen Ordnung verknüpfte ge­ schickt die unverfälschten deutschen Ziele mit extremer Demagogie. Dabei wurden mit den Ideen vom europäischen Zusammenschluß Elemente der Moderne benutzt, um die extrem antimodemen nationalsozialistischen Ziele einer Expansion und Hegemonie über den Kontinent zu verschleiern. In demselben Maße wie deutlich wurde, daß die deut­ schen "Neuordnungs"-Bestrebungen" trotz ihrer zunächst eindeutigen Ostrichtung von der Duldung und im späteren Kriegsverlauf sogar von der Mitarbeit der industriell hochentwickelten westlichen und nordwestlichen Staaten abhingen, wurden die propa­ gandistischen Methoden verifiziert, ihre "wissenschaftliche" Grundlegung erweitert. Die Wissenschaft und die Wissenschaftler aus den Bereichen der Raumforschung, der 3 4

Vgl. W.J.Mommsen: Der europäische Imperialismus, Göttingen 1979, S. 71. Vgl. H. Matzerath/H. Volkmann: Modemisierungstheorie und Nationalsozialismus, in: Theorien in der Praxis des Historikers, Göttingen 1977, S. 86-102, S. 94ff.


4

Einleitung

Geopolitik und der neu begründeten Auslandswissenschaften erhielten eine Schlüsselpo­ sition in der außenpolitischen Propagierung der nationalsozialistischen "Neuordnungs"Ideen". Dabei beschränkte sich ihre Rolle allerdings zumeist auf die Zulieferung propa­ gandistisch verwertbarer Theorien und Zukunftsvisionen, deren tatsächliche Realisier­ barkeit und Charakteristik von Anfang an durch den ausschließlichen Herrschafts­ anspruch des Hitlerregimes begrenzt wurde, ja sogar in den dargestellten Grundzügen einer "europäischen Gemeinschaft" nie beabsichtigt war. Die wissenschaftliche Publizi­ stik griff dabei durchaus positiv belegte "moderne" Entwicklungstendenzen auf, die die offensichtlichen Probleme der Zwischenkriegszeit über eine europäische Vereinigung zu lösen trachteten, und kombinierte sie in einzigartiger Weise mit den strukturellen "anti­ modemen" Elementen der NS-Diktatur. Ausgehend von einer rigorosen Forderung nach mehr "Lebensraum", wie sie sich noch in Hitlers "Mein K am pf' fand, entstand sukkzessive - ohne dabei jemals die Prämisse einer deutschen Hegemonie in Europa aufzugeben - eine sich wissenschaftlich gerierende, sozial-ökonomisch und ideologisch begründete Programmatik, die ihre jeweiligen Schwerpunkte den aktuellen Erfordernissen der deutschen Politik anpaßte, ohne mit den tatsächlichen deutschen Zielen konform zu gehen. Beginnend in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre und dann verstärkt in der für Hitler erfolgreichen Anfangsphase des Krieges, die eine Verwirklichung einer nationalsozialistischen "Neu­ ordnung" greifbar nahe zu rücken schien, erlebten die entsprechenden Theorien einen ungeahnten Aufschwung. Mit dem Verweis auf die zunehmend grenzüberschreitende Entwicklung der Industrie und Verkehrstechnik, die die Basis für einen friedlichen Zusammenschluß des Konti­ nents begründen würde, wurde das Bild eines "wehrhaft-autarken" Europa entwickelt, dessen westliche Zivilisation sich gegen die Gefahren des Bolschewismus nach innen und der wirtschaftlichen und politischen Konkurrenz nach außen zusammenschließen solle und müsse. Da das nationalsozialistische staatliche und wirtschaftliche System, das gleichzeitig über die notwendigen Mittel zur - militärischen - Durchsetzung der europäi­ schen "Neuordnung" verfugte, als "überlegen" dargestellt wurde, lag es nahe, daraus einen deutschen - oder mit Rücksicht auf den Partner Italien - den Führungsanspruch der Achsenmächte für das "neue Europa" abzuleiten. Im Ergebnis waren die "Europa'-Gedanken, deren Propagierung au f dem Höhepunkt der deutschen militärischen Erfolge 1940/41 massiv einsetzte, an Arroganz und Imperti­ nenz, aber auch an echten Versuchen einer Konzeptionalisierung der politisch bewußt äußerst vage gehaltenen "Neuordnungs"-Ideen ohne Beispiel. Dabei lassen sich durchaus auch Unterschiede zwischen der Widerspiegelung der "Europa"-Ideen in Politik und Wissenschaft nachweisen, ohne die eindeutig übergeordnete staatliche Programmatik und die damit einhergehende Funktionaiisierung der W issenschaft in A brede stellen zu wollen:


Einleitung

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Für die Politik bedeutete die Idee der "Neuordnung" primär ein effektives Propa­ gandamittel, das die militärischen Erfolge und die Besatzungspolitik in Nord- und Westeuropa absichem und die realen Ausmaße des deutschen Hegemonieanspruches in Europa verschleiern sollte, ohne eine echte Zukunftsvision darzustellen. Außenpolitik blieb in diesem Rahmen Tagespolitik, die von rein pragmatischen Erwägungen bestimmt wurde. Das reale, wenig propagandawirksame Bild des künftigen "neugeordneten Europa" fand sich dagegen in den vielfältigen Kriegszielplanungen von Politik, Wirt­ schaft und Militär, deren eindeutiger deutscher Expansions- und Herrschaftswillen nicht für Propagandazwecke geeignet war. Aber neben diesen tatsächlichen Kriegszielplanun­ gen unterschiedlichster Provenienz und Bedeutung begann im wissenschaftlichen Bereich - eingeleitet durch konkrete staatliche Aufträge - eine, wenn auch politisch initiierte, umfangreiche Arbeit, um die nutzbaren "Europa"-Ideen inhaltlich zu kon­ kretisieren, zu begründen und ideologisch abzusichem. Aus dieser Rollenverteilung ergab sich eine zweifache Funktion der nationalsozialisti­ schen politischen Wissenschaften, deren Einfluß während des Krieges allerdings weit­ gehend auf das Gebiet der Propaganda beschränkt blieb, so daß sie laut Michael Salewski weit angemessener als "Pseudowissenschaften" zu bezeichnen wären, da ihre staatliche Verankerung ihrer wissenschaftlichen Bewegungsfreiheit engste Zügel ange­ legt hatte5: i, Einerseits diente die Erarbeitung der verschiedenen Facetten eines Europakonzeptes der Umsetzung der offiziellen politischen Kriegszielpropaganda, ihrer Historisierung und Verwissenschaftlichung. In diesem Verständnis wurde die Wissenschaft von den staatlichen Stellen bewußt und über den gedachten Rahmen hinaus "in Dienst" genom­ men. Andererseits entwickelten sich auch innerhalb der zentralistisch geprägten Wissen­ schaft darüber hinausgehende Ansätze einer echten Theorie, deren Lebensfähigkeit und Realisierbarkeit allerdings - da sie die deutsche Hegemonie voraussetzten - von den deutschen militärischen Erfolgen und dem nationalsozialistischen System als solchem essentiell abhingen. Die Aktualität dieser Fragestellungen zeigen nicht zuletzt die intensiven Auseinandersetzungen um die Verstrickung von Historikern wie Schieder und Conze, die die politischen Planungen um den “Generalplan Ost” teilweise mit initiierten.6 Folgerichtig standen in der Konzeptionalisierung der "Neuordnungs"-Idee von Anfang an vier Prämissen außer Frage: 1.

Die Wissenschaft hatte im totalitären NS-Staat eine bestimmte - politische Funktion zu erfüllen, die ihren Spielraum eng begrenzte.

5

Vgl. M. Salewski: Ideas of the National Socialist Government and Party, in: Documents on the History of European Integration, Bd. 1, Berlin 1985, Anm. 83. Vgl. dazu G. Aly: Macht, Geist, Wahn., Berlin 1997.

6


6 2.

3.

4.

Einleitung In diesem Rahmen diente die Wissenschaft vor allem im Krieg zunehmend als "Waffe", was über die Naturwissenschaften hinaus auch die Geisteswissenschaf­ ten einschloß. Dennoch konnten Ansätze echter "Neuordnungs"-Vorstellungen entwickelt werden, die aber ausschließlich vom nationalsozialistischen System und seinen Zielen ausgingen und diese weitestgehend anerkannten. Damit dienten die wissenschaftlichen Überlegungen für die "Neuordnung" Euro­ pas in erster Linie der Rechtfertigung der nationalsozialistischen Expansions­ politik und des deutschen Führungsanspruches auf dem Kontinent, während die tatsächlichen Zielplanungen dem politisch-militärischen Bereich Vorbehalten blieben. Diese Rollenverteilung machte die anklingenden alternativen Modelle einer "europäischen Gemeinschaft" von vornherein zur Utopie, deren Grundzüge allerdings unbestreitbare Wirkung und Ausstrahlung besaßen.

Im folgenden soll der Begriff der "Wissenschaft" im Sinne der Salewskischen "Pseudo­ wissenschaft" verwendet werden, die die besonderen doktrinären Verhältnisse im NSSystem sowie das Selbstverständnis ihrer Vertreter zugrundelegt. Dabei ist die endgülti­ ge Trennung von Wissenschaft und Politik aufgrund der staatlichen Prägung auch personell schwierig, waren doch eine Reihe von führenden Vertretern wissenschaftlicher Institutionen gleichzeitig in politischen Positionen tätig, bzw. publizierten Politiker wie z.B. Walther Funk, Werner Daitz, Werner Best u.a. in diesem Zusammenhang in wissen­ schaftlichen Organen. Während Entstehung und Ausarbeitung der entsprechenden Vorstellungen und Planungen direkt die Etappen der deutschen Außenpolitik wider­ spiegelten, demonstrierte die Flut von institutioneilen Neugründungen die politische Wertigkeit der wissenschaftlichen Absicherung der "Neuordnungs"-Ideen. Dabei wur­ den zwischen 1939 und 1944 neben einer Fülle von Einzelpublikationen auch eine große Zahl von Periodika zunehmend "in den Dienst" der "Neuordnung" gestellt. Ihren unbe­ streitbaren Höhepunkt erreichten die Veröffentlichungen zwischen dem Sommer 1940 und dem Jahreswechsel 1941/42 sowie - jetzt unter den Vorzeichen der drohenden deutschen Niederlage - Ende 1943. Die "Jahrbücher der Weltpolitik" und die "Zeitschrift für Politik" des DAWI, die Zeitschrift "Reich, Volksordnung, Lebensraum", die "Zeit­ schrift für Geopolitik", die "Monatshefte für Auswärtige Politik" sowie "Volk und Reich", die "Jahrbücher der Gesellschaft für europäische Wirtschaftsordnung und Großraumwirtschaft" oder "Raumforschung und Raumordnung", die Monatsschrift der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, oder die "Nationalsozialistischen Mo­ natshefte" verdeutlichten den immensen Stellenwert der "europäischen Karte" in der nationalsozialistischen Propaganda. So vielschichtig, aber auch stereotyp dabei die Argumentation für eine europäische "Neuordnung" auch war, lassen sich doch feste Kategorien nachweisen, die die Entwick-


Einleitung

7

lung der nationalsozialistischen "Europa"-Ideen entscheidend prägten. Während in­ nerhalb der verschiedenen Definitionsansätze durchaus eine "Generallinie" der Konzep­ tion deutlich wurde, ließen sie aber auch und gerade genügend Raum, um weitergehende Möglichkeiten einer akzeptablen Interpretation des neuen "europäischen" Verständnisses ahnen zu lassen. Angesichts dieser vielschichtigen Problematik ergibt sich die grundsätzliche Frage, wie es der nationalsozialistischen Wissenschaft gelang, die objektiv vorhandenen "europä­ isch" orientierten Modemisierungstendenzen, das Problembewußtsein und die positiv belegte Begriffswelt der europäischen Idee für die deutsche Außenpolitik nutzbar zu machen und daraus zumindest Ansätze einer neuen - nationalsozialistischen - Konzep­ tion zu entwickeln: - Wie sah also das Modell der "Neuordnung" Europas aus, das von der nationalsozia­ listischen wissenschaftlichen Publizistik im politischen, wirtschaftlichen, aber auch ideologischen Bereich entworfen wurde? Lassen sich dabei in der Fülle der Publika­ tionen - abweichend von der politischen "Generallinie" - Differenzierungen erkennen? - Wo lagen angesichts der Realität deutscher Kriegs- und Besatzungspolitik die Ursa­ chen für die unbestreitbare Wirksamkeit der "Europavorstellungen", die im ideologi­ schen Bereich weit über das militärisch Durchsetzbare hinausging? - Welche objektiven Entwicklungen und Bedürfnisse wurden also über positiv belegte Begriffe, bewußte Traditionswahl und Abgrenzung von Feindbildern bedient bzw. benutzt, um die nationalsozialistische Politik mit einem zwar visionären, aber an­ scheinend akzeptablen Ziel zu versehen? In der Auswertung der deutschen bzw. in deutschen Organen publizierten wissenschaft­ lichen Beiträge, die durch entscheidende politische Stellungnahmen sowie den Vergleich mit der realen deutschen Politik ergänzt werden, entsteht dabei das Modell einer na­ tionalsozialistisch geführten "europäischen Neuordnung", das - so vage und stereotyp es ist - durchaus eine innere Logik besaß: Ausgehend von der "Lebensraum"-Forderung der sogenannten "Havenots" nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die "Lebensraum"-Idee zum tragenden Element der nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Vorstellungen. Der "Raum "-Begriff der Geopolitik fand hier ebenso Eingang wie der - nunmehr in die Gestalt eines allen Ländern zugedachten Rechtes auf einen genügend großen "Lebensraum" gekleidete - deutsche Anspruch auf Expansion, der durch die Kritik an den Verhältnissen der Zwischenkriegszeit gleichsam als traditionell begründete Notwen­ digkeit erschien. Von dieser Prämisse gelangte man dann - angesichts der Tatsache, daß sich die einzelnen Ansprüche und "Lebensräume" in Europa naturgemäß überschneiden mußten - zu der Idee vom "Großraum" bzw. "Großwirtschaftsraum Europa", der alle


Einleitung Interessen integrieren und die weitere Entwicklung Europas zu neuer,Weltgeltun garantieren sollte. Die angekündigte "Neuordnung" des europäischen Kontinents, die Deutschland ungeachtet der beschworenen Ideale von "gleichberechtigter Zusammen, arbeit" mit massiver militärischer Gewalt durchzusetzen versuchte, wurde damit gleichsam zur Vorstufe neuer europäischer Größe.


Zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch

9

1.

NS-Europakonzeptionen zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch

1.1.

Die politische Idee der "Neuordnung Europas"

1.1.1. Theoretische Grundlagen und politische Vorläufer: Geopolitischer "Lebensraum"-Begriff, Mitteleuropaprojekte, Paneuropaidee oder weltwirtschaftliche Orientierung Die Idee einer nunmehr notwendigen europäischen "Neuordnung" war spätestens seit dem Ersten Weltkrieg zum immanenten Bestandteil der politisch und vor allem auch wirtschaftlich bestimmten Diskussion in den verschiedenen europäischen Ländern geworden. Dabei besaß der Europabegriff eine Tradition, die bis in das 17. Jahrhundert zurückreichte und geistesgeschichtliche, aber auch politische Aspekte umfaßte. Erst die Herausbildung der Nationalstaaten im Verlauf des 19. Jahrhunderts hatte dieses euro­ päische Bezugssystem nachhaltig erschüttert.1Die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges löschten das alte Europabild dann nachdrücklich aus, warfen aber gleich­ zeitig die Frage nach möglichen "europäischen" Alternativen im veränderten Weltsystem auf, die in der Zwischenkriegszeit von den unterschiedlichsten ideologischen Positionen her diskutiert wurden. A uf diese Überlegungen, die spätestens in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 Mas­ senwirkung erreicht hatten, griff dann auch die nationalsozialistische "Neuordnungs"Propaganda zurück. Sie bediente sich ihrer Lösungsansätze und benutzte ihre Ideen und Begriffe, die nunmehr eine neue, spezifisch nationalsozialistische Prägung erhielten, aber in der Wirkungsstrategie auf den vormaligen, weitgehend positiv belegten Deutun­ gen aufbauten. Die NS-"Neuordnungs"-Idee basierte dabei auf zwei grundlegenden Säulen: Zum ersten nutzte sie die geopolitischen Überlegungen zu "Raum" und "Lebens­ raum", die das wissenschaftlich-geistige Rüstzeug der geplanten Veränderungen liefern sollten. Zum zweiten avancierte der Europagedanke selbst in seinen verschiedenen Spielarten, die in der Gegenüberstellung von Mitteleuropa und Paneuropa kulminierten, zum tragenden Element der "Neuordnungs"-Propaganda. Bereits die erste Formulierung der außenpolitischen Pläne in Hitlers "Mein Kampf' spiegelte diese Komponenten wider,2 die in der späteren wissenschaftlich geprägten Propagierung der deutschen Europapläne ihren unbestreitbaren Höhepunkt erreichten. Als weitere Alternative wurde vor allem in wirtschaftlichen Kreisen eine weltwirtschaftliche Orientierung Deutsch■' I ./ : ' !.V.1 1 2

Vgl. M. Salewski: Europa: Idee und Wirklichkeit in der nationalsozialistischen Weltan­ schauung und Praxis, in: O. Franz (Hg.): Europas Mitte, Göttingen 1991, S. 85-106, S. 85. Vgl. A. Hitler: Mein Kampf, München 1930, besonders 4. Kapitel; siehe auch A. Kuhn: Hitlers außenpolitisches Programm, Stuttgart 1970, S. 36ff, 115. i


10

Zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch

lands diskutiert, die den offenen Weltmarkt präferierten, aber einen geschützten, von Deutschland dominierten europäischen Wirtschaftsraum vor allem nach der W eltwirt­ schaftskrise ebenfalls in Erwägung zogen.3 Den Ausgangspunkt der nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Überlegungen lieferte dabei die Geopolitik, die in ihrem Selbstverständnis zwischen Geschichte, Geographie und politischer Wissenschaft angesiedelt wird. Obwohl ihr tatsächlicher Theoriegehalt und -anspruch nach wie vor stark umstritten sind, wird die geopolitische Begrifflichkeit auch gegenwärtig wieder häufiger verwendet.4 In einer Arbeitsdefinition von 1994 faßte Hans-Adolf Jacobsen unter Geopolitik pauschal "die geographischen Grundlagen eines Staates als ein Bedingungsfaktor bei den Konstanten und Variablen der jeweiligen Außen-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik".5 Dabei mußte auch Jacobsen speziell bei der Analyse der Schriften von Karl Haushofer, dem deutschen "Vater" der Geopolitik der zwanziger und dreißiger Jahre einräumen, daß der Begriff an sich äußerst unklar und ihr wissenschaftlicher Rang umstritten seien.6 Aber ungeachtet aller definitorischen Unstimmigkeiten beschäftigt sich die Geopolitik mit den Beziehungen zwischen den Gegebenheiten des geographischen Raumes und der Politik, anders ausgedrückt also mit der "Raumgebundenheit" politischer Erscheinungen, deren Wechselverhältnisse und Abhängigkeiten sie zu analysieren versucht.7 Aus heutiger Sicht ist der interdisziplinäre Ansatz der Geopolitik zur Politikberatung allgemein anerkannt, in die Kritik geraten waren und sind dagegen ihre historischen "Entgleisungen", die vor allem in der NS-Zeit die Grenzen zwischen reiner Wissenschaft und deren politischer Nutzung deutlich zugunsten der Politik verschoben hatten.8 Die wissenschaftliche Beschäftigung mit geopolitischen Problemen begann bereits im frühen 20. Jahrhundert, wobei der deutsche Begriff erstmals 1899 von Rudolf Kjeilen, einem schwedischen Politikwissenschaftler, benutzt wurde.9 Um die Jahrhundertwende war die Überzeugung entstanden, daß menschliches Handeln wesentlich von externen also umweltlichen - Kräften bestimmt würde. In die aufkommende Diskussion, die von

3

Vgl. P. Krüger: Wirtschaftliche Mitteleuropapläne in Deutschland zwischen den Weltkriegen, in: Mitteleuropa-Konzeptionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wien 1995, S. 283303, S. 289ff.

4

Vgl. D. Diner: Grundbuch des Planeten, in: VHZ, 1984, S. 1-28, S. 18f.

5

H.-A. Jacobsen: Geopolitik im Denken und Handeln deutscher Führungseliten, in: WeltTrends Nr. 4, Berlin 1994, S. 39-46, S. 39.

6

Vgl. H.-A. Jacobsen: Karl Haushofer, Bd. I, Boppard 1979, S. 483.

7

Vgl. dazu F. Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933 - 1944, Frankfurt a.M. 1984, S. 176ff; sowie M. Schmoeckel: Die Großraumtheorie, Berlin 1994, S. 81 ff.

8

Vgl. H.-A. Jacobsen: Karl Haushofer, Bd. I, a.a.O., S. 490f.

9

Vgl. P.J. Taylor: Geopolitische Weltordnungen, in: WeltTrends Nr. 4, a.a.O., S. 25-37, S. 25.

.

/


Zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch

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postdarwinistischen und umweltdeterministischen Komponenten geprägt wurde, flössen dann biologisch-geographische Elemente ein, die vor allem Friedrich Ratzel1012betonte." Die von ihm entwickelte "Anthropogeographie" beschäftigte sich mit den natürlichen Faktoren im menschlichen Leben und untersuchte die "Lage" und den "Raum" in ihren Rückwirkungen auf die menschliche Politik und Gesellschaft.'' Ratzels Grundsatzwerk, die "Politische Geographie" aus dem Jahre 1897, führte den ursprünglich biologischen Begriff des "Lebensraumes" - erweitert um eine geographi­ sche Komponente - in den politischen Sprachgebrauch ein. Für ihn waren die Staaten "Raumorganismen", die durch die "Lage" und den "Raum" maßgeblich in ihrer Außen­ politik beeinflußt wurden. Die Gewinnung neuen "Lebensraumes" erschien damit als Moment des permanenten Daseinskampfes.13 Ratzel definierte den Staat daraufhin als eine Verbindung von Menschen mit einem "Stück Boden", das die Entwicklung des Staates entscheidend prägen würde.14Indem er ein "Volk" als eine "politisch verbundene Gruppe von Gruppen und Einzelmenschen" bestimmte, die "weder stamm- noch sprachverwandt zu sein brauchen, aber durch den gemeinsamen Boden auch räumlich verbun­ den" seien, erhielt der "Boden" - also der "Lebensraum" - entscheidende Bedeutung: Erst aus dieser Verbindung resultiere eine "politische Organisierung des Bodens, durch die der Staat zu einem Organismus" würde, "in den ein bestimmter Teil der Erdoberfläche so mit eingeht, daß sich die Eigenschaften des Staates aus denen des Volkes und des Bodens" zusammensetzten.15 Der Staat wäre danach erst durch die wechselseitige Verbindung von Volk und Boden entstanden, wobei "enge" oder "weite" Räume ganz spezifische Wirkungen auf die jeweiligen Staaten ausübten.16Daraus abgeleitet kritisier­ te Ratzel die Nationalitätenpolitik, da damit die Sprachgemeinschaft statt des Bodens zum Prinzip der Staatenbildung erhoben worden war.17 Gleichzeitig gelangte er aber auch zu der Schlußfolgerung, daß die europäische Zersplitterung nicht mehr durch Eroberungen, sondern allein durch Verkehrserleichterungen zu beheben wäre.18 ' Da in der biogeographischen Betrachtungsweise der Staat damit letztlich als eine Organisationsform neben den "Lebensräumen" angesehen wurde, lag die Schlußfolge­

rn 11 12 13 14

Vgl. F. Ratzel: Politische Geographie, München/Berlin 1923. Vgl. G. Sander: Deterministische Wurzeln und funktionaler Einsatz des "Geo" in Geopolitik, in: WeltTrends Nr. 4, a.a.O., S. 8-20, S. 8. Vgl. F. Neumann: Behemoth, a.a.O., S. 177ff. Vgl. M. Schmoeckel: Die Großraumtheorie, a.a.O., S. 82. Vgl. F. Ratzel: Politische Geographie, a.a.O., S. lf.

15 16

Vgl. ebenda, S. 4. Vgl. ebenda, S. 251 ff, 276ff.

17 18

Vgl. ebenda, S. 25. Vgl. ebenda, S. 308.


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rung nahe, die Staaten mit ihren Grenzen überhaupt als veränderliche Kategorien, als "Ausdruck der Bewegung" zu betrachten.19 Auf der Basis dieses biologisch-geographi­ schen Ansatzes, der politisch im "Lebensraumkonzept" mündete, galt "Raumbewälti­ gung" unter geopolitischen Gesichtspunkten nunmehr als positives Merkmal des Lebens: Die politischen Grenzen wurden zu dynamischen Elementen. Als nach 1918 in Deutsch­ land der "Raum” zunehmend staatlich und "völkisch" definiert wurde, lag damit eine expansive Schlußfolgerung nahe, die darauf spekulierte, einerseits V olk und Boden hinsichtlich der Nationalität wieder in Übereinstimmung zu bringen und andererseits die Volkszahl mit einem genügend großen Raum auszustatten.20 D er Nationalstaatsgedanke des 19. Jahrhunderts erschien in dieser Logik zunehmend als überholt und die Geopolitik nahm die Aufgabe in Angriff, die erkenntnismäßigen Voraussetzungen zu schaffen, um die Welt nach "natürlichen" Kriterien neu zu verteilen.21 Die geopolitischen Ansätze eröffneten dabei die M öglichkeit, den europäischen Kontinent weitgehend unabhängig von bestehenden politischen Gegebenheiten als übergeordneten "Lebensraum" bzw. als Summe von "Lebensräumen" zu betrachten, und v, so die Grenzen zur Disposition zu stellen. Hatte Bism arck seinerzeit die notwendige "Lebensluft" für Preußen gefordert, verlangte der Alldeutsche V erband 1894 bereits einen entsprechenden "Ellbogenraum" für das Deutsche R eich.22 A ber erst der un­ verhüllte Anspruch auf "Lebensraum" in Hitlers "Mein K am pf' bildete in seiner politi­ schen Konsequenz den unbestreitbaren Höhepunkt des M ißbrauchs geopolitischer Überlegungen. Zwar forderte Karl Haushofer,23 der nach dem E rsten W eltkrieg zum führenden Vertreter der deutschen Geopolitik avancierte, die Staatsm änner künftig "im Weltbild" zu halten, um die maßlose Überschätzung der deutschen G röße in Z ukunft zu vermeiden, setzte sich aber gleichzeitig dafür ein, auch die B edeutung des deutschen Staates in der Welt wieder herzustellen.24 U nter diesem B lickw inkel ordnete er die Geopolitik letztlich den politischen Ambitionen des NS-Staates unter. A u f dieser G ru n d läge wurden drei Optionen der deutsch-europäischen E ntw icklung diskutiert:

19 20 21 22 23

24

Vgl. ebenda, S. 1. Vgl. G. Sander: Deterministische Wurzeln und funktionaler Einsatz des "Geo" in Geo politik, a.a.O., S. 9 ff. Vgl. D. Diner: Grundbuch des Planeten, a.a.O., S. 23. Vgl. K. Lange: Der Terminus "Lebensraum" in Hitlers "Mein Kampf', in: VHZ, 1965, S. 4 437, S. 428. Da Karl Haushofer - wenn auch unbeabsichtigt - von den Nationalsozialisten "in Diensl stellt" wurde, werden seine Überlegungen im Abschnitt "Nationalsozialistische Wissenschi im Dienste der Neuordnung" näher beleuchtet. Vgl. H.-A. Jacobsen: Geopolitik im Denken und Handeln deutscher Führungseliten, a.a.( 40.


Zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch 1.

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die Mitteleuropaidee, der vor allem wirtschaftliche und strategische Gesichts­ punkte zugrunde lagen;

2.

der Paneuropa-Gedanke, der einen politischen Zusammenschluß über die mittel­ europäischen Staaten hinaus favorisierte sowie 3. die weltwirtschaftliche Ausrichtung der deutschen Wirtschaft, die den europäi­ schen Bezugsrahmen als zu eng erachtete. Aber zunächst hatten die geopolitischen Überlegungen in Deutschland - angewandt auf den europäischen Kontinent - um die Jahrhundertwende erneut die Ideen von einem mitteleuropäischen Zusammenschluß hervorgebracht, die unter wirtschaftlichen Ge­ sichtspunkten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem in den Schriften von Friedrich List eine Rolle gespielt hatten.25 Das Mitteleuropa-Konzept griff den jahrhundertealten Gedanken eines politisch geeinten Europa26 auf einer gleichsam kleineren Ebene auf und reagierte gleichzeitig auf die immensen wirtschaftlichen Entwicklungen, die zunehmend die Staatsgrenzen überschritten. Aus deutscher Sicht wurde dieser Problemkreis zusätz­ lich mit den Erfordernisse und Chancen der "Mittellage Deutschlands" verknüpft, die die Diskussion bereits imVerlauf des 19. Jahrhunderts beeinflußt hatten und in der wechsel­ vollen deutschen Geschichte zu den unterschiedlichsten politischen Schlußfolgerungen führten.27 Dabei prägte die deutsche Diskussion die Überzeugung, einerseits eine be­ sondere Verantwortung, andererseits aber auch besondere Ansprüche mit den mittel­ europäischen Gebieten zu verbinden, die aus der geographischen Lage Deutschlands resultierten.28 Gerade diese postulierte "Verpflichtung", den mitteleuropäischen Block zu organisieren, war es, die später von der nationalsozialistischen Propaganda als gleich­ sam "roter Faden" ihrer Europaideologie wiederaufgegriffen wurde. D och zunächst w ar "Mitteleuropa" zu einem politischen Schlagwort gew orden, das im Ersten W eltkrieg zunehmend das deutsche Kriegsziel beschrieb. Schon in der Bism arck­ zeit verstärkt präsent, markierte der Gedanke an M itteleuropa nach der Jahrhundertw en­ de vor allem das Bemühen, den W irtschaftsm ächten G roßbritannien, R ußland und den aufsteigenden U SA eine eigene "europäische" Identität entgegenzusetzen.29 In diesem Sinne versteht H illgruber den deutsch-österreichisch-ungarischen Zw eibund m it seiner w irtschaftlichen Expansion nach Südosteuropa und die Türkei bereits als einen mittel-

26* ge* ifien L,S>

25 26 27 2

g

29

Vgl. F. List: Ein mitteleuropäischer Staatenverband, Leipzig 1914. Vgl. O. Franz: Europas Mitte, in: Ders. (Hg.): Europas Mitte, a.a.O., S. 3-10, S. 3. Vgl. die Spannbreite von F. List: Ein mitteleuropäischer Staatenverband, a.a.O.; P. de Lagarde: Deutsche Schriften, Göttingen 1920; sowie F. Naumann: Mitteleuropa, Berlin 1915. Vgl. H. Schulze: Die "deutsche Katastrophe" und die Kontinuität der deutschen Geschichte, in: O. Franz (Hg.): Europas Mitte, a.a.O., S. 71-84, S. 77. Vgl. F. Fischer: Krieg der Illusionen, Düsseldorf 1987, S. 72.


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europäischen Block, der die Ausgangspunkte für den Weltkrieg ausm achte.30 Letztlich tauchte der Gedanke an Mitteleuropa immer dann in der deutschen Politik auf, wenn es darum ging, das Selbstbestimmungsrecht anderer Staaten zugunsten eigener formeller oder informeller imperialistischer Ziele zu beschränken. Während die ersten Vorstöße im unmittelbaren Vorfeld des Krieges aus dem wirtschaftlichen Bereich kamen, der auf einen "europäischen Wirtschaftsraum" als Kompensation für fehlende koloniale Aus­ breitungsmöglichkeiten orientierte, instrumentalisierte die deutsche Politik "Mittel­ europa" zunächst nur als politische Rückendeckung gegen R ußland.31 Nach dem Ausbruch des Krieges erhielt die Mitteleuropaidee dann eine stark strategi­ sche Bedeutung, da sie die Möglichkeit bot, die deutsche Kriegführung materiell und ideologisch zu unterstützen und vor allem Österreich-Ungarn dauerhaft an das Deutsche Reich und sein Expansionsprogramm nach Südosten anzubinden.32 Gleichzeitig entstand die Idee eines nach West und Ost erweiterten wehrwirtschaftlichen Wirtschaftsraumes, der auf die Bedürfnisse Deutschlands so ausgerichtet wäre, daß eine Expansion durch informelle Methoden weitgehend ersetzt werden könnte:33 Am 9. September 1914 übersandte Kanzler Bethmann Hollweg ein entsprechendes Kriegszielprogramm an von Delbrück, das den hegemonialen Anspruch Deutschlands in M itteleuropa formulierte. Das sogenannte Septemberprogramm ging davon aus, daß nur ein mitteleuropäisch "verstärktes" Deutschland neben den Weltmächten England, USA und Rußland bestehen könne. Dabei schloß dieses Mitteleuropamodell sowohl das kontinentale W esteuropa als auch eine entsprechende Erweiterung des deutschen Kolonialbesitzes in Mittelafrika ein, was letztlich die deutsche Hegemonie in Europa begründen würde und dam it die Inter­ essen der Führungsschichten in Wirtschaft, Politik und M ilitär vereinte.34 "Mitteleuropa" wurde daraufhin als vorerst rein wirtschaftliches Abkom m en zum deutschen Kriegsziel schlechthin.35 Die größte Popularität verdankte die Mitteleuropaidee allerdings dem 1915 erschiene­ nen Buch "Mitteleuropa" von Friedrich Naumann, dem Führer der Nationalliberalen

30

31

Vgl. A. Hillgruber: Kontinuität und Diskontinuität in der deutschen Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, in: Ders.: Großmachtpolitik und Imperialismus im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 1972, S. 11-36, S. 19. Vgl. W. Mommsen: Die Mitteleuropaidee und die Mitteleuropaplanungen im Deutschen Reich vor und während des Ersten Weltkrieges, in: M itteleuropa-Konzeptionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wien 1995, S. 3-24, S. 3, 12ff.

32 33

Vgl. ebenda, S. 13f. Vgl. ebenda, S. 13; sowie A. Hillgruber: Kontinuität und Diskontinuität in der deuschen Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, a.a.O., S. 21ff.

34

Vgl. F. Fischer: G riff nach der Weltmacht, D üsseldorf 1984, S. 90ff; sowie ders.: Krieg der Illusionen, a.a.O., S. 765ff.

35

Vgl. F. Fischer: G riff nach der Weltmacht, a.a.O., S. 215.


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Partei.36 Der von Naumann im Februar 1916 begründete "Arbeitsausschuß für Mittel­ europa" umfaßte Politiker, Wissenschaftler und Unternehmer und versuchte, Vorarbeiten für die Regierung zu leisten, ohne allerdings von dieser jemals unterstützt zu werden.37 Naumann entwarf in seinem Buch das Modell eines föderativen "Oberstaates Mittel­ europa" als "Bund existierender Staaten", der zwar gewisse staatliche Tätigkeiten zentralisieren, aber Souveränität und Staatshoheit unangetastet lassen sollte.3“ Dabei faßte er "Mitteleuropa" durchaus über den Zusammenschluß von Deutschland und Österreich-Ungarn hinaus, betonte aber, daß diese Erweiterungen nur auf der Basis eines Wirtschafts- und Militärverbandes vonstatten gehen dürften.39 Seine Äußerungen über den endgültigen geographischen Umfang des geplanten Zusammenschlusses mußten aber angesichts der Kriegssituation vage bleiben: Er stellte lediglich klar, daß ein "le­ bensfähiges Mitteleuropa" sowohl Agrargebiete und eine Erweiterung seiner nördlichen und südlichen Seeküste als auch überseeischen Kolonialbesitz benötigen würde, um neben den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Rußland als vierter "Weltwirt­ schaftskörper" bestehen zu können.40 Dabei schrieb er dem "praktischen weltwirt­ schaftlichen Sozialismus" Deutschlands eine Schlüsselrolle zu.41 Mit diesen Theorien erreichte Naumanns Buch zwar eine immense Resonanz, konnte aber letztlich nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich um ein Propagandawerk handelte, das die tatsächli­ chen Probleme auf dem Wege nach Mitteleuropa zumeist umging.42 Trotzdem spielte die Idee einer mitteleuropäischen wirtschaftlichen und politischen Alternative, die künftig den Frieden wahren könnte, weiterhin eine große Rolle. Aber unabhängig davon war der Mitteleuropagedanke in der deutschen Politik längst einer eindeutigen Machtpolitik gewichen, die endlich nach Brest-Litowsk führte.43 Der Versailler Vertrag änderte dann die "mitteleuropäischen" Voraussetzungen und Einstel­ lungen dann vollständig. Unter den Nachkriegsbedingungen wurde "Mitteleuropa" zu einer möglichen Konzeption, die kurzfristig ein Weiterleben und langfristig eine Revi­ sion der Friedensbestimmungen aus deutscher Sicht ermöglichen sollte. Der eigentliche ■ ' ” . ■. - toA ^ j,

36

F. Neumann: Behemoth, a.a.O., S. 182.

37

Vgl. W. Mommsen: Die Mitteleuropaidee und die Mitteleuropaplanungen im Deutschen Reich vor und während des Ersten Weltkrieges, a.a.O., S. 17. Vgl. F. Naumann: Mitteleuropa, Berlin 1915, S, 229fF. Vgl. ebenda, S. 249. , Vgl. ebenda, S. 177ff, 184f. Vgl. ebenda, S. 197. Vgl. W. Mommsen: Die Mitteleuropaidee und die Mitteleuropaplanungen im Deutschen Reich vor und während des Ersten Weltkrieges, a.a.O., S. 19.

38 39 40 41 42 43

Vgl. ebenda, S. 23.

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Europagedanke wurde dagegen in der Paneuropa-Bewegung aufgehoben.44 Ausgehend von der Idee der nationalen Selbstbestimmung hatte der Versailler Friedensvertrag das übernationale Machtgebilde des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn aufgelöst und damit die Partikularisierung in Mittel- und Südosteuropa auf den Höhepunkt getrieben. Einzig der neugegründete Völkerbund vertrat einen universalen Anspruch gegenüber den Nationen, der aber angesichts der offenkundigen Unzulänglichkeiten der Friedens­ verträge noch zusätzliche Fragen nach einer europäischen Selbstbehauptung zwischen den aufsteigenden Weltmächten USA und Rußland heraufbeschwor: Die zerstörten wirtschaftlichen Verbindungen und das künftige Schicksal der nationalen Minderheiten in den neuentstandenen Staaten boten nunmehr erneute Ansätze für europäisch initiierte Einigungsbestrebungen. Aber diese standen von Anfang an unter dem Vorzeichen möglicher revisionistischer Ansprüche, da das eigentliche Hauptproblem der Versailler Verträge darin bestand, daß erstmals in der neueren europäischen Geschichte ein Land das Deutsche Reich - als alleiniger Kriegsschuldiger zum Paria gem acht worden w ar.45 Damit hatte der Versailler Vertrag zunächst alle Ansätze einer europäischen Einigung zerstört. Er bot aber Deutschland gleichzeitig die Möglichkeit, künftig vom Gegensatz zwischen britischer und sowjetischer Europapolitik zu profitieren.46 Unter nationalsozialistischen Vorzeichen entwickelte sich daraus zunächst die Idee des Großdeutschen Reiches, die Mitteleuropa insgesamt in den deutschen Herrschafts­ bereich einbezog. Im Verlauf des Krieges überschritten die “Neuordnungs”-Vorstellungen diese Grenzen dann in dem Maße, wie der Krieg und die deutschen Erfolge diese Gebiete vereinnahmten. Der traditionelle Europagedanke wurde nach dem Ersten Weltkrieg dagegen von einer bestimmten, europaweiten kulturellen und politischen Elite w eitergetragen,47 deren Motive von der reinen Friedenssicherung über wirtschaftliche Überlegungen bis zu der Betonung europäischer Gemeinsamkeit gegenüber dem N ationalism us reichten.48 Z ur wichtigsten Kraft dieser Einigungsbestrebungen entwickelte sich die PaneuropaUnion, die 1923 auf Initiative des Kosmopoliten G ra f R ichard C oudenhove-Kalergi als

44

Vgl. zur Entwicklung der europäischen Idee und Politik insgesamt C.H. Pegg: Evolution o f the European Idea. 1914-1932, Chapel Hill/London 1983.

45

Vgl. R. Frömmelt: Paneuropa oder Mitteleuropa, Stuttgart 1977, S. 7f; sowie M. Salewski: Europa: Idee und Wirklichkeit in der nationalsozialistischen W eltanschauung und Praxis, a.a.O., S. 86.

46

Vgl. A. Hillgruber: Kontinuität und Diskontinuität in der deutschen Außenpolitik vonBismarck bis Hitler, a.a.O., S. 23f.

47

Vgl. J. Lukacs: D er letzte europäische Krieg, Stuttgart 1978, S. 379.

48

Vgl. W. Lipgens: Europäische Einigungsidee 1923-1930 und Briands Europaplan im Urteil der deutschen Akten, in: HZ, 1966, T. 1: S. 46-89, T. 2: S. 316-363, S. 54f.


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überparteiliche Massenbewegung zur Einigung Europas gegründet wurde.49 Nachdem Coudenhove-Kalergis erste Bemühungen um eine paneuropäischen Konferenz 1922 an der Weigerung Mussolinis, den er als politischen Vorreiter gewinnen wollte, gescheitert waren, rief er daraufhin eine Massenorganisation ins Leben.50 Ausgehend von einer starken österreichischen Sektion und der unermüdlichen Werbetätigkeit ihres Gründers wurde die Paneuropa-Union zu einer übernationalen Organisation, die nationale Ko­ mitees in allen europäischen Hauptstädten unterhielt. Dabei umfaßte "Paneuropa" nach den Vorstellungen Coudenhove-Kalergis alle europäischen Staaten mit Ausnahme Großbritanniens und der Sowjetunion. Die gleich­ zeitige Frontstellung gegen "ein rotes oder weißes Rußland" und die wirtschaftliche Konkurrenz der Vereinigten Staaten und Großbritanniens sollte dabei zum integrativen Faktor der neuen europäischen Gemeinsamkeit werden, die künftig den Frieden in Europa garantieren würde.51 A uf dem Wege über eine paneuropäische Konferenz, die Fragen der Abrüstung, der Minoritäten, der Zölle und Schulden, der Währung, des Verkehrs und der Kultur beraten müßte, plante Coudenhove-Kalergi als nächsten Schritt den Abschluß eines "obligatorischen Schieds- und Garantievertrages". Dieser würde die Basis für ein einheitliches europäisches Wirtschaftsgebiet in Form einer paneuropäische Zollunion darstellen, das letztlich in die "Vereinigten Staaten von Europa" nach dem Vorbild der USA münden sollte.52 Ergänzt durch koloniale Gebiete schuf er damit praktisch das Modell eines weitgehend autarken Europa, das durch seinen Antibol­ schewismus, seinen Antirevisionismus und Kolonialismus Ansatzpunkte breitester politischer Coleur bot.53 Eine Reihe von Konferenzen und Kongressen brachte der Paneuropa-Bewegung die Unterstützung namhafter Politiker, Wissenschaftler und Schriftsteller, ohne daß sie allerdings zu einer ernsthaften politischen Alternative werden konnte. So bekannten sich zwar die linksliberalen und sozialistischen Parteien Frankreichs und Deutschlands durchaus zum Ziel der "Vereinigten Staaten von Europa" und Aristide Briand54 über­ nahm 1927 das Ehrenpräsidium der Union, aber die offizielle Politik der Staaten wurde weiterhin vom Denkmuster souveräner Nationalstaaten beherrscht.55 So waren neben der Paneuropa-Union mit dem Mitteleuropäischen Wirtschaftstag, den europäischen Ver49 50 51 52 53 54 55

] 1

Vgl. ebenda, S. 57. — ............ Vgl. R. Frömmelt: Paneuropa oder Mitteleuropa, a.a.O., S. 12f. Vgl. R. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa, Wien/Leipzig 1924, S. 37, 41ff., 58ff. Vgl. ebenda, S. 151ff. Vgl. R. Frömmelt: Paneuropa oder Mitteleuropa, a.a.O., S. 14. Aristide Briand war mehrfacher Ministerpräsident und Außenminister der Dritten Franzö­ sischen Republik. Vgl. W. Lipgens: Europäische Einigungsidee 1923-1930 und Briands Europaplan im Urteil der deutschen Akten, a.a.O., 58f.


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ständigungskomitees und dem Europäischen Zollverein zwar auch weitere Organisatio­ nen entstanden, die die Idee eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses des europäischen Kontinents vertraten, aber letztlich konnten sie ebensowenig übergreifenden politischen Einfluß erlangen.56 Die Weltwirtschaftskrise und endlich der Aufstieg des Nationalsozia­ lismus in Deutschland demonstrierten die Schwäche der europäischen Bewegung nachdrücklich. Nach 1933 versank die Paneuropa-Union genauso wie der Völkerbund in Bedeutungslosigkeit,57 obwohl die Idee der europäischen Vereinigung nunmehr als propagandistisches Element der nationalsozialistischen Revisionspolitik weiterlebte und in der Idee der europäischen “Schicksals- und Kampfgemeinschaft” in der Endphase des Krieges einen erneuten Aufschwung - unter gleichsam deutschen Vorzeichen - erlebte. Dagegen kristallisierte sich Anfang der dreißiger Jahre im Gefolge der Weltwirt­ schaftskrise eine Frontstellung heraus, die mit den M odellen "Mitteleuropa" oder Paneuropa die möglichen Alternativen zur Krisenbewältigung umriß. Während der Mitteleuropagedanke zunehmend in Deutschland propagiert wurde, avancierte Frank­ reich zum politischen Träger paneuropäischer Gedanken. In diesem Rahm en umfaßte das Europadenken in Deutschland58 nunmehr drei Gruppierungen: Zum ersten die Verfechter des paneuropäischen Ideals, die den europäischen Zusammenschluß als einzige Möglichkeit propagierten, um den Frieden zu erhalten und den wirtschaftlichen und politischen Wiederaufstieg Europas zu ermöglichen; zum zw eiten die Politiker und Unternehmer, die aus rein pragmatischen Gründen von den V orzügen gesamteuropäi­ scher Regelungen überzeugt waren. Aber zusätzlich gewannen zum dritten die Befür­ worter eines reinen deutschen Nationalismus immer mehr an Einfluß, die die Europaidee an sich ablehnten und ihr das Modell einer antiwestlichen, geopolitisch initiierten deutschen Macht- und Hegemonialsphäre in M itteleuropa entgegensetzten.59 Ende der zwanziger Jahre erlebte die Mitteleuropaidee damit eine Renaissance, die einerseits eine direkte industrielle Interessenkonstellation widerspiegelte, andererseits aber auch die intellektuell eher verschwommene Diskussion einbeziehen konnte. Ohne bereits ein konkretes Expansionsprogramm darzustellen, w ar "Mitteleuropa" vor allem eine geo­ politisch begründete revisionistische Vision einer politischen und vor allem wirtschaftli­ chen Einheit unter deutscher Hegemonie.60 Der in diesem Zusam m enhang entwickelte Großraumgedanke blieb zunächst rein ökonomisch orientiert und entsprang dem Bestre56 57 58

59 60

Vgl. R. Frömmelt: Paneuropa oder Mitteleuropa, a.a.O., S. 26f. Vgl. J. Lukacs: Der letzte europäische Krieg, a.a.O., S. 379. Vgl. zu Europadenken und Europapolitik in der Weimarer Republik u.a. J.C. Hess: Eu­ ropagedanke und nationaler Revisionismus, in: HZ, 1977, S. 572-622; sowie K. Holl: Europapolitik im Vorfeld deutscher Regierungspolitik, in: HZ, 1974, S. 33-94. Vgl. P. Krüger: Hitlers Europapolitik, in: Der Nationalsozialismus, Frankfurt a.M., 1993, S. 104-132, S. 106ff. Vgl. K. Schönwalder: Historiker und Politik, Frankfurt/ New York 1992, S. 58f.


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ben, die 1919 entstandenen Donaustaaten wirtschaftlich wieder zu verflechten.61 Die Forderung nach einer stärkeren Konzentration der deutschen Wirtschaft auf Mittel- und Südosteuropa, die daraufhin von maßgeblichen Kreisen der Industrie seit Anfang der dreißiger Jahre verstärkt erhoben wurde, resultierte letztlich aus dem Streben, die Krise durch regional abgesicherte Märkte abzufangen. Gleichzeitig führte die Sorge um den Erhalt der deutschen Exportfähigkeit zu einer weiteren Orientierung auf den Welt­ markt.6263 In diesem Umfeld entstanden eine Reihe von wissenschaftlichen Forschungsein­ richtungen, die die deutsche Einflußnahme in Mittel- und Südosteuropa vorzubereiten hatten. So regte Professor Walter Hoffmann von der Bergakademie Freiberg Ende 1928 beim Auswärtigen Amt die Schaffung eines Mitteleuropa-Institutes in Dresden an. Das Institut wollte eine "zielbewußte Kulturpropaganda" betreiben, die laut Hoffmann sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus politischen Gründen notwendig geworden wäre, um "Deutschland in der Mitteleuropabewegung politisch und kulturell die Füh­ rung" zu sichern. Zu diesem Zweck sollten neben akademischen Lehranstalten auch führende Wirtschaftsverbände, Handelskammern und Verkehrsämter an dem Institut beteiligt werden, wobei es galt, den Eindruck einseitiger Expansions- und Exportför­ derung zu vermeiden.64 So beschrieb die Satzung des Mitteleuropa-Institutes seinen Zweck lediglich damit, "die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland einerseits und den südosteuropäischen Ländern andererseits zu pflegen und sowohl in Deutschland Verständnis für die Länder des Südostens zu wecken wie umgekehrt in Südosteuropa für Deutschland."65 Ein Werbebrief des Institutes an die deutsche Wirtschaft hob allerdings unabhängig von allen kulturellen Verständigungen besonders die Möglichkeiten hervor, die der südosteuropäische Markt für die deutsche Industrie eröffnen würde.66 Ungeachtet der Tatsache, daß sich das Auswärtige Amt nach der Machtergreifung zunächst nicht mehr an der Arbeit des Mitteleuropa-Institutes interessiert zeigte, setzte dieses seine Tätigkeit auch nach 1933 fort und leistete damit einen erheblichen Beitrag für die wirtschaftliche und politische Offensive des NS-Staates.67 Eine ähnliche Entwicklung nahm das Osteuropa-Institut in Breslau, das sich schon in der Weimarer Zeit dem Ziel verschrieben hatte, "alle Länder östlich und südöstlich von

61 62 63 64 65 66 67

Vgl. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, in: VHZ, 1955, S. 240-275, S. 271. Vgl. P. Krüger: Wirtschaftliche Mitteleuropapläne in Deutschland zwischen den Weltkriegen, a.a.O., S. 283ff, 286ff. Vgl. PA des AA in Bonn, R 65830 Mitteleuropa-Institut in Dresden, o.Bl. 23.1.1929. Vgl. ebenda, 21.12. 1928. Vgl. ebenda, Satzung, § 1. Vgl. ebenda, Entwurf eines Werbebriefes an die deutsche Wirtschaft, o.Datum. Vgl. PA des AA in Bonn, R 65831.


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Deutschland und Deutsch-Österreich kulturell und wirtschaftlich (zu) erforschen, geistige und wirtschaftliche Beziehungen zu ihren Völkern an(zu)bahnen und die Ergebnisse der deutschen Wissenschaft wieder Behörden und W irtschaftskreisen zu­ gänglich zu machen."68 Den hegemonialen deutschen Mitteleuropaplänen stellte der französische Außen­ minister Aristide Briand 1930 den Plan einer "Europäischen Föderalen Union" entgegen, der eine einseitige deutsche Machtausdehnung im Rahmen einer paneuropäischen Vereinigung abfangen und den Kontinent vor der amerikanischen Überm acht bewahren sollte.69 Briands Memorandum orientierte darauf, innerhalb des Völkerbundes eine europäische Bundesorganisation zu schaffen, die bei Wahrung der nationalen Souveräni­ täten eine europäische Solidarität begründen müßte.70 W ährend die kleineren Staaten Europas diese Pläne akzeptierten, lehnten Großbritannien, Deutschland, Italien, Irland und Ungarn die französischen Vorstellungen ab, da sie eine einseitige Stärkung der französischen Positionen befürchteten.71 Vor allem Deutschland verlangte vor einer endgültigen Festschreibung des Status quo zunächst eine "gerechte und dauerhafte Ordnung Europas"7273und propagierte dagegen verstärkt die Idee eines deutsch beherrsch­ ten Mitteleuropa.'’ Angesichts des zunehmenden deutschen Einflusses in diesen Gebie­ ten versuchte Frankreich dann, zumindest der deutschen Exportoffensive a u f der Basis paneuropäischer Gedanken Einhalt zu gebieten.74 So scheiterten 1931 die Pläne für eine deutsch-österreichische Zollunion, die für weitere Staaten offen sein sollte, am W ider­ spruch Frankreichs und der Kleinen Entente.75 Der französische M inisterpräsident Tardieu regte statt dessen Ende Februar 1932 das Modell einer D onauföderation zw i­ schen Österreich, Ungarn, Jugoslawien, Rumänien und den Ländern der Kleinen Entente an, das diese Staaten durch ein System von Kontingentierungen und Präferenzzöllen wirtschaftlich stärker verflechten sollte und dabei Deutschland auszuklam m em

68

Vgl. PA des AA in Bonn, R 65798 Osteuropa-Institut in Breslau, o.Bl., Broschüre Tätigkeits­ bericht 1927.

69

Vgl. R. Frömmelt: Paneuropa oder Mitteleuropa, a.a.O., S. 73ff.

70

Vgl. W. Lipgens: Europäische Einigungsidee 1923-1930 und Briands Europaplan im Urteil der deutschen Akten, a.a.O., S. 316fF.

71

Vgl. ebenda, S. 353ff, 327.

72

Vgl. A. Hillgruber: Kontinuität und Diskontinuität in der deutschen Außenpolitik von Bis­ marck bis Hitler, a.a.O., S. 29.

73

Vgl. W. Lipgens: Europäische Einigungsidee 1923-1930 und Briands Europaplan im Urteil der deutschen Akten, a.a.O., S. 3 2 7 ,341f.

74

Vgl. H. Matis: Wirtschaftliche Mitteleuropa-Konzeptionen in der Zwischenkriegszeit, in: Mit­ teleuropa-Konzeptionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 229-255, S. 239ff.

75

Vgl. ebenda, S. 243.


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trachtete.76 Deutschland wies dieses Ansinnen daraufhin vehement zurück und betonte erneut, daß die beste Lösung zur Überwindung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Donauländem die "Schaffung eines Wirtschaftsraumes wäre, der nach seiner Grösse und seiner wirtschaftlichen Struktur den Absatz der wirtschaftlichen Überschüsse aus den südosteuropäischen Agrarstaaten innerhalb seiner Grenzen" sicherstelle. Dieses Ziel sei allerdings nur durch "eine Zusammenfassung der Donauländer unter sich" nicht zu erreichen, vielmehr müsse ein solcher "Wirtschaftsraum auch die grossen landwirt­ schaftlichen Zuschussgebiete Europas mit umfassen". Ein einseitiger Zusammenschluß der Donaustaaten würde außerdem für die bedrohte deutsche Wirtschaft eine "schwer erträgliche Verengung" bedeuten.77 Damit waren auch diese Pläne am deutschen Veto gescheitert. Der Machtantritt des Nationalsozialismus in Deutschland machte dann jede weitere Verständigung praktisch unmöglich, während die deutsche Wirtschaft ihre Offensive unter den neuen politischen Gegebenheiten fortsetzen konnte. "Mitteleuropa" wurde zunehmend zur wirtschaftlichen Strategie, während die paneuropäischen Gedanken in den Bereich der Propaganda verbannt wurden. Sowohl die paneuropäischen Einigungs­ bemühungen als auch ihr regional begrenztes Pendant "Mitteleuropa" waren letztlich aus den Ergebnissen des Ersten Weltkrieges und dem Aufstieg der außereuropäischen Mächte USA und Sowjetunion entstanden.78 Die daraus resultierenden Krisenprozesse lieferten auch dem NS-Regime in den dreißiger Jahren die Ansatzpunkte seiner außen­ politischen Propaganda, die geschickt mit den ungelösten Fragen und dem wachsenden Problembewußtsein in den europäischen Ländern operierte. Dabei war die Entscheidung über die Ausrichtung der deutschen Außenpolitik im Spannungsfeld zwischen autono­ mer Großmachtpolitik und wachsender politischer und wirtschaftlicher Verflechtung längst eindeutig zugunsten eines imgehemmten deutschen Hegemoniestrebens gefallen,79 das nun mit geopolitischen und vor allem "europäischen" Gedanken verschleiert und begründet werden sollte. Die nationalsozialistische Außenpolitik stand damit in der Kontinuität der imperiali­ stischen Ziele der wilhelminischen Ära und des Revisionismus der Weimarer Republik, die sie analog der neuen Bedingungen variierte:80 Die Revision der Versailler Bestim­ mungen wurde zur Voraussetzung für ein Großdeutsches Reich, in dessen Rahmen die 76 77 78 79 80

Vgl. ebenda, S. 243ff. Vgl. PA des AA in Bonn, R 29450 Büro des Staatssekretärs, Aide Memoire vom 15. 3.1932, Bl. 267-272. Vgl. R. Frömmelt: Paneuropa oder Mitteleuropa, a.a.O., S. 97. Vgl. P. Krüger: Rückkehr zum internationalen Faustrecht, in: K. Malettke (Hg.): Der National­ sozialismus an der Macht, Göttingen 1984, S. 166-191, S. 170,185ff. Vgl. A. Hillgruber: Endlich genug über Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg? Düssel­ dorf 1982, S. 51 f.


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Zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch

M itteleuropapläne nunmehr nicht mehr Selbstzweck, sondern lediglich den Ausgangs­ punkt für die eigentlichen Ziele, den "Lebensraum"-Krieg im Osten, bedeuteten.81 Dabei wandelte sich die zunächst rein gewaltpolitisch vertretene Forderung nach mehr "Le­ bensraum" während der aktiven Außenpolitik des NS-Regimes zur Idee einer neuen übernationalen kontinentalen Ordnung, die die deutschen Expansionsabsichten gleich­ sam durch die Vision einer europäisch motivierten "Neuordnung" zu begründen suchte, D ie eigentlich angestrebte hegemoniale Umgestaltung des europäischen Kontinents erhielt damit den Doppelcharakter, gleichzeitig deutsches Kriegsziel und propagan­ distisch wirksames Kriegsmittel zu sein, das sich der zeitgemäßen europäischen Gedan­ ken hemmungslos bediente.

1.1.2. Die "Neuordnung" Europas zwischen nationalsozialistischer Politik und Propaganda: Kriegsziel und Kriegsmittel Bereits unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hatten angesichts der trauma­ tischen Erfahrungen von Niederlage und Verlust in den Überlegungen extrem rechter Gruppierungen massive Revisionsideen in Deutschland Fuß gefaßt. Ihren prägnantesten Ausdruck fanden sie in der NSDAP, deren außenpolitisches Programm weitgehend von der Person Adolf Hitlers bestimmt und repräsentiert wurde.82 Schon in Hitlers "Mein Kampf' wurden die Grundzüge der außenpolitischen Programm atik beschrieben, die dann nach dem Machtantritt den "Europa"-Gedanken übernahm, um die unverhüllte Forderung nach mehr "Lebensraum" zu begründen. Hitler verkündete: "Die Außenpolitik des völkischen Staates hat die Existenz der durch den Staat zu­ sammengefaßten Rasse auf diesem Planeten sicherzustellen, indem sie zw ischen der Zahl und dem Wachstum des Volkes einerseits und der Größe und Güte des Grund und Bodens andererseits ein gesundes, lebensfähiges, natürliches Verhältnis schafft. Als gesundes Verhältnis darf dabei immer nur jener Zustand angesehen werden, der die Ernährung eines Volkes auf eigenem Grund und Boden sichert... N ur ein genügend großer Raum auf dieser Erde sichert einem Volke die Freiheit des Daseins. Dabei kann man die notwendige Größe des Siedlungsgebietes nicht ausschließlich von den Erfordernissen der Gegenwart aus beurteilen... Denn wie ich schon im ersten Band...

81

Vgl. A. Hillgruber: Kontinuität und Diskontinuität in der deutschen Außenpolitik von Bis­ marck bis Hitler, a.a.O., S.31; sowie B.-J. Wendt: Großdeutschland, München 1987, S. 68.

82

Vgl. A. Kuhn: Hitlers außenpolitisches Programm, a.a.O., S. 32ff, 37ff; sowie K. Hildebrand: Deutsche Außenpolitik 1933 1945. Kalkül oder Dogma? Stuttgart/Berlin/ K öln 1990, S. 19ff; und E. Jäckel: Hitlers Weltanschauung, Stuttgart 1991, S. 29 ff, 42ff.


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ausführte, kommt der Grundfläche eines Staates außer ihrer Bedeutung als direkter Nährquelle eines Volkes auch noch eine andere, die militär-politische, zu... Damit ziehen die Nationalsozialisten bewußt einen Strich unter die außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonialund Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm Untertanen Randstaaten denken..."83 Bereits hier beschrieben die Begriffe von "Volk", "Rasse", "Raum" und "Bodenpolitik", die letztlich auf Autarkie drängte, die ideologischen Grundzüge der späteren "Neuordnungs"-Propaganda in gleichsam unverhüllter, von politischen Rücksichten freier Form. Keineswegs singulär griff Hitler mit diesen Vorstellungen geopolitische Gedanken auf, die er allerdings falsch interpretierte,84 und benutzte die expansiven Pläne der wilhelmi­ nischen Ära genauso wie die Revisionsansprüche in der Weimarer Republik. Sein "Lebensraum"-Konzept vereinte militärpolitische, emährungspolitische und rassenbio­ logische Tendenzen, die durch eine eindeutige ideologische Frontstellung gegen Bol­ schewismus und Liberalismus und einen ausgeprägten hegemonialen Anspruch ergänzt wurden.85 Die Idee, neuen "Lebensraum" im Osten Europas zu erobern, dokumentierte letztlich den Übergang von einer eher konservativen Kolonialideologie zu einer - den realen Kräfteverhältnissen gemäßeren - gegen Rußland gerichteten Expansion, die die imperialistischen Ambitionen Deutschlands nunmehr auf den europäischen Kontinent verlagerte.86 Schlüsselerlebnis dafür war der deutsche Zusammenbruch im Ersten Weltkrieg, der die Forderung nach Revision und Wiedergutmachung in den Vordergrund der außenpolitischen Erwägungen sowohl konservativer als auch extrem rechter Kreise gerückt hatte, die damit breite Zustimmung in der Bevölkerung fanden.87 Ausgehend von sozialdarwinistischen Vorstellungen, die "Wert" und "Bedeutung" eines Volkes nach seinem Besitz an "Raum" bestimmten, entwickelte Hitler ein Expan­ sionsprogramm, um der angeblich drohenden Überbevölkerung einen Ausweg zu öffnen. Damit wurde die NSDAP auch für weite Teile der Wirtschaft ausreichend attraktiv, so daß sie mit der programmatischen Forderung nach mehr "Lebensraum" die Macht 83 84 85 86 87

A. Hitler: Mein Kampf, München 1930, S. 728, 742. So forderte Ratzel zwar ein "großräumiges Denken", lehnte aber Eroberungen als Lösung für Europa ab. ■ Vgl. K. Lange: Der Terminus "Lebensraum" in Hitlers "Mein Kam pf, a.a.O., S.426ff; sowie W. Michalka: Ribbentrop und die deutsche Weltpolitik, München 1980, S. 303ff. Vgl. W.J. Mommsen: Der europäische Imperialismus, Göttingen 1979, S. 71; sowie I. Kershaw: Ideologe und Propagandist, in: VHZ, 1992, S. 265. Vgl. E. Jäckel: Hitlers Weltanschauung, a.a.O., S. 29.


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Zwischen M odernisierung und Hegemonieanspruch

antreten konnte.88 D ie in diesem Zusam m enhang von D. Diner vertretene These, daß der geopolitisch bestim mte B egriff "Lebensraum" "nicht als eine, wie weit auch immer gesteckte, Gebiet­ serw eiterung zu konkretisieren (sei), sondern... ein vom realen geographischen Raum unabhängiges und durch die neue Gesellschaftsformation verlorengegangenes Lebens­ gefühl"89 widerspiegele, mag auf den Bereich der Geopolitik zutreffen, reicht aber nicht aus, um den realen politischen und durchaus geographisch verstandenen Gehalt der nationalsozialistischen Idee vom "Lebensraum" zu fassen.90 Für Hitler selber bedeutete der "Lebensraum im Osten" sowohl ein agrarisches Ergänzungsgebiet, in dem deutsche B auern angesiedelt werden sollten, als auch eine wichtige Rohstoffquelle und einen riesigen Absatzmarkt, der die Autarkie im neuen "Großraum" sichern würde.91 Die daraus folgende langfristige "Neuordnung" des gesamten europäischen Kontinents nach deutschen Vorstellungen war damit das eigentliche Kriegsziel der nationalsozialistischen Außenpolitik. Dieses ließ sich kurzfristig allerdings nur realisieren, indem die deutsche Kriegführung die sukzessive "neugeordneten" Gebiete materiell ausnutzte, wobei die Idee der "Neuordnung" quasi selbst zu einem Kriegsmittel wurde.92 In diesem Verständnis erschien die Revision der Versailler Verträge nurmehr noch als Mittel denn als eigentliches Ziel.93 Hitlers Außenpolitik ging weit über die alte Mittel­ europaidee hinaus94 und strebte letztlich ein "deutsches Europa" an, das neben dem britischen Empire, Amerika und dem japanisch beherrschten Femen Osten die vierte Weltmacht bilden würde.95 Der Weg dorthin war in zwei Hauptetappen untergliedert: Zuerst sollte Deutschland im Inneren erneuert und kriegsfahig gemacht werden, so daß au f der Grundlage eines Großdeutschen Reiches militärisch weite Teile Europas zu einem Kontinentalimperium zusammengeschlossen werden könnten. A u f dieser Basis wäre dann eine Expansion nach Übersee und eine Auseinandersetzung mit den USA möglich, die Deutschland - allerdings nicht mehr zu Lebzeiten Hitlers - zur absoluten Weltmacht ließe.96 In diesem Verständnis wurde der Krieg zum legitimen Mittel zur 88

Vgl. A. Kuhn: Hitlers außenpolitisches Programm, a.a.O., S. 12.

89

Vgl. D. Diner: Grundbuch des Planeten, a.a.O., S. 18.

90

Vgl. D. Diner: Grundbuch des Planeten, a.a.O., S. 18f.

91

Vgl. R. Zitelmann: Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs, Hamburg/New York 1987, S. 301 ff, 297.

92

Vgl. G. Aly/S. Heim: Vordenker der Vernichtung, Frankfurt a.M. 1993, S. 331, 350.

93

Vgl. H. Rauschning: Gespräche mit Hitler, New York 1940, S. 111.

94 95 96

Vgl. J. Fest: Hitlers Krieg, in: VHZ, 1990, S. 359-373, S. 367. Vgl. Ch. Bloch: Das Dritte Reich und die Welt, Paderborn / München /Wien /Zürich 1993, S. 42. Vgl. A. Hillgruber: Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940-41, München 1982, S. 23; sowie K. Hildebrand: Deutsche Außenpolitik 1933-1945. K a l k ü l oder D o g m a ? a.a.O., S.


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Eroberung von "Lebensraum", der dem "Naturgesetz des Stärkeren" zum Durchbruch verhelfen würde. Dabei war die rein machtpolitisch-geographische "Neuordnung" in der nationalsozialistischen Programmatik genauso mit der "rassischen" Auseinandersetzung verbunden wie mit einem permanenten weltanschaulichen Kampf, der die Eroberung von "Lebensraum" mit dem "Gegenstoß" gegen die "Weltfeinde" Bolschewismus und Judentum verknüpfte.97 Unter diesem Blickwinkel verfolgte Hitler ein Europamodell, dessen eindeutig hegemonialer Charakter dringend der propagandistischen Umschreibung bedurfte. In seinen Gesprächen mit Rauschning äußerte er hinsichtlich seiner Ziele: "Ich werde in den Mittelpunkt den stählernen Kern eines zu unverbrüchlicher Einheit geschmiedeten, großen Deutschland stellen. Oesterreich, Böhmen und Mähren, der polnische Westen. Der Block, von hundert Millionen, unzerstörbar, ohne Riß und ohne fremde Nationen. Das feste Fundament unserer Herrschaft. Dann ein Ostbund. Polen, die baltischen Staaten, Ungarn, die Balkanstaaten, die Ukraine, das Wolgaland, Georgien. Ein Bund wohl, aber nicht gleichberechtigter Partner, wohlverstanden, ein Bund von Hilfsvölkem, ohne Heer, ohne eigene Politik, ohne eigene Wirtschaft. Und ich denke nicht daran, Konzessionen auf einer Gefühlsbasis zu machen... Ich mache keinen Unterschied zwischen Freunden oder Gegnern. Die Zeit der kleinen Staaten ist vorbei. Auch im Westen. Ein Westbund. Holland, Flandern, Nordfranken. Ein Nordbund. Dänemark, Schweden, Norwegen."98 Im Verlauf des Krieges entstand daraus die Vision einer "Neuordnung", die alle Staaten des Kontinent in ein System unterschiedlicher Abhängigkeiten vom Deutschen Reich eingliedem wollte: Den Kern bildete das "Großdeutsche Reich", das neben Deutschland auch Österreich, Böhmen und Mähren, das Memelgebiet, Polen, Eupen-Malmedy, Belgien mit Flandern und Wallonien, Luxemburg, Elsaß-Lothringen, Nord- und Ostfrankreich, Griechenland, Teile Jugoslawiens und die westlichen Gebiete der Sowjetunion bis zum Ural umfassen würde. Diesem Kontinentalblock sollten die sogenannten "Schutzstaaten" wie die Slowakei, Dänemark, Norwegen, Kroatien und Burgund als neuer Staat auf französi­ schem Territorium angeschlossen werden, deren außenpolitische und militärische Souveränität durch deutsche Sonderbeauftragte eingeschränkt werden müßte. Die nächste Stufe der Unterordnung bildeten die geplanten "Satellitenstaaten" Finnland,

15; und E. Jäckel: Hitlers Weltanschauung, a.a.O., S. 44f. 97

Vgl. H.-A. Jacobsen: Krieg in Weltanschauung und Praxis des Nationalsozialismus (19191945), in: K.D. Bracher/M. Funke/ H.-A. Jacobsen (Hg.): Nationalsozialistische Diktatur 19331945, Bonn 1986, S. 427-439, S. 429ff.

98

H. Rauschning: Gespräche mit Hitler, a.a.O., S. 118.


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U ngarn, Rum änien, Irland, die Niederlande, das zu besetzende Großbritannien und das restliche Frankreich, die bei Erhalt ihrer staatlichen Souveränität politisch und wirt­ schaftlich direkt von Deutschland abhängig wären. Die neutralen Länder wie Schweden, Spanien und Portugal würden dagegen offiziell als unabhängig gelten, sollten aber ebenfalls durch wirtschaftliche und politische Verträge an Deutschland gebunden werden. Die letzte Stufe der Pläne betraf das faschistische Italien, das als Achsenmacht nach außen hin gleichberechtigt bliebe, aber letztlich auch wirtschaftlich an Deutschland gebunden wäre. Vervollständigt wurde das Modell durch "Ergänzungsräume" mit kolonialem Status im Osten der Sowjetunion und in A frika." Angesichts dieser Vorstellungen diente der Gedanke an "Europa", der von Hitler wiederholt und eindringlich beschworen wurde, ausschließlich der Propaganda, die von den eigentlichen deutschen Zielen ablenken sollte, indem sie sich des gewachsenen europäischen Bewußtseins hemmungslos bediente. Die tatsächliche Europapolitik des NS-Regimes paralysierte dagegen alle internationalen Bindungen und Sicherheiten, zerstörte das europäische Staatensystem und versuchte, den Prozeß der europäischen Integration durch eine eindeutige Hegemonialpolitik umzukehren.99100 Die daraus resultie­ rende "europäische" Politik des Hitlerregimes bildete damit - wie P. Krüger feststellte "eher das Ergebnis dieser Anstrengungen, sobald sie von Erfolg gekrönt waren, nicht aber ein vorrangiges Ziel an sich."101 In diesem Verständnis beobachtete Krüger drei verschiedene Ansatzpunkte europäischer Planungen in Deutschland: a) die offizielle Außenpolitik, die den europäischen Gedanken im offiziellen Sprach­ gebrauch vielfach betonte und damit dem Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung sowie der vorhandenen Integrationsbereitschaft Rechnung trug, darüber hinaus aber über keine echten Konzeptionen verfugte; b) das Aufblühen von Planungen in den obersten Reichsbehörden sowie c) die deutsche Besatzungspolitik während des Zweiten Weltkrieges, die bereits mit umfangreichen Ansätzen zur Organisation des europäischen Machtbereiches be­ gann.102 Dieser Auflistung müßte die NS-Wissenschaft zugeordnet werden, da in diesem Bereich weitreichende Überlegungen zu inhaltlichen und ideologischen Fragen der "Neuord­ nung" entstanden, die den Übergang von der ursprünglichen "Lebensraum"-Forderung zum wissenschaftlich-propagandistischen "Lebensraum"-Konzept demonstrierten. Dabei steht außer Frage, daß die Idee von der "Neuordnung" Europas insgesamt eindeutig ein

99

Vgl. Weltherrschaft im Visier, Berlin 1975, S. 27.

100

Vgl. P. Krüger: Hitlers Europapolitik, in: Der Nationalsozialismus. Studien zur Ideologie und Herrschaft, Frankfurt a.M. 1993, S. 104-132, S. 109 ff.

101

Vgl. ebenda, S. 111.

102

Vgl. ebenda, S. 127 ff.


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außenpolitisches Propagandamittel war, das aus rein pragmatischen Gründen von der Politik benutzt wurde. Diese Charakterisierung be-schränkte sich aber weitgehend auf den politischen Bereich, während die NS-Wissenschaft in den beschriebenen Grenzen auch darüber hinausgehende Konzepte zu entwickeln begann, die allerdings keinen Einfluß auf die tatsächliche Politik erlangten.103 Denn unabhängig davon verfolgte Hitler konsequent und zielbewußt seine außenpolitischen Ziele,104 die letztlich in Europa keinen Raum mehr ließen für gleichberechtigte, souveräne Partner, sondern in letzter Konsequenz willfährige Satelliten und Heloten verlangten.105 Nachdem Deutschland 1938/39 einen erheblichen Teil seiner "großdeutschen" Ambitio­ nen bereits auf friedlichem Wege durchgesetzt hatte, brachten die militärischen Erfolge bis zum Sommer 1940 durchaus die Chance für eine echte europäische Lösung unter deutscher Führung, die allerdings nicht den Vorstellungen Hitlers entsprach.106 Statt dessen eröffiieten die Blitzkriegssiege die Möglichkeit, nunmehr vor allem die europäi­ sche Wirtschaft im Rahmen einer "Großraumwirtschaft" auf die deutschen Bedürfnisse auszurichten, während die Überlegungen über entsprechende politische Schlußfolgerun­ gen angesichts der Kriegssituation und der militärischen Dominanz Deutschlands als weitgehend sekundär unterblieben.107 Um trotzdem die hegemonialen Absichten Deutschlands zu verschleiern, wies die "Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft", die die wirtschaftliche "Neuordnung" organisatorisch vor­ bereiten sollte, schon im Mai 1940 daraufhin, "daß es aus außenpolitischen Gründen notwendig" erscheine, die geplante "kontinentaleuropäische Großraumwirtschaft unter deutscher Führung nicht als eine deutsche Großraumwirtschaft zu bezeichnen". Man müsse vielmehr "grundsätzlich immer nur von Europa sprechen", da sich die deutsche Führung "ganz von selbst aus dem politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, technischen Schwergewicht Deutschlands und seiner geographischen Lage" ergeben würde.108 Deutsche Hegemonialpolitik tarnte sich also mit der Europaidee. In diesem Rahmen bildete die deutsche Besatzungspolitik während des Krieges eines der wichtigsten Mittel, um die deutschen Pläne praktisch vorzubereiten. Dabei galt es zunächst, vor allem den deutschen Einfluß in den ausländischen Wirtschaften zu ver,

*

103 104 105 106 107 108

*

-3

:

Zum Verhältnis von Politik und Wissenschaft in diesem Rahmen siehe den Abschnitt zum "Selbstverständnis der Neuordnungs-Expertokratie. Vgl. H.R. Trevor-Roper: Hitlers Kriegsziele, in: VHZ, 1960, S. 121-133, S. 122. Vgl. B.-J. Wendt: Großdeutschland, a.a.O., S. 69. Vgl. P. Krüger: Hitlers Europapolitik, a.a.O., S. 125. „ Vgl. Aktenvermerk über eine Chefbesprechung im Reichswirtschaftsministerium, 22. 07.1940, in: Anatomie der Aggression, Berlin 1972, Dok. 7. Vgl. Denkschrift der "Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraum Wirtschaft", 31.05.1940, zit.n. K. Drechsler/H. Dress/G. Hassel: Europapläne des deut sehen Imperialismus im zweiten Weltkrieg, in: ZfG, 7/1971, S. 916-931, S. 917.


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großem , um die späteren Friedensregelungen zu präjudizieren.109 So ging Reichswirt­ schaftsm inister Funk davon aus, "daß die Eingliederung der besetzten Gebiete in die großdeutsche W irtschaft und der N euaufbau einer europäischen Kontinentalwirtschaft unter deutscher Führung nicht durch einen einmaligen staatspolitischen Akt" - wie etwa den "Abschluß eines Zoll- oder Währungsunionsvertrages" - allein erfolge, sondern daß dieses Ziel "durch eine Reihe von Einzelmaßnahmen, mit denen sofort begonnen wird... erreicht werden" müsse. Deshalb käme es darauf an, "die europäischen Volkswirt­ schaften so vollkommen und eng wie möglich mit der großdeutschen W irtschaft zu verflechten", um die "deutsche Bedarfsdeckung" und den "deutschen Wirtschaftseinfluß'1 langfristig entscheidend zu stärken.110 Durch umfangreiche Beschlagnahmungen, Ent­ eignungen, Kapitalverflechtungen und die Übernahme von "Treuhandschaften" kam die deutsche W irtschaft diesen Zielen während des Krieges sehr nahe.111 Parallel zu diesen wirtschaftlichen Überlegungen begann das Auswärtige Amt Ende Juni 1940 mit umfangreichen Vorarbeiten für die künftigen Friedensschlüsse, an denen alle maßgeblichen wirtschaftlichen und politischen Reichsressorts beteiligt wurden.112 D a aber Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan die Ausarbeitung der wirt­ schaftlichen Regelungen für seine Behörde beanspruchte,113 wurde letztlich Reichswirt­ schaftsminister Funk mit der "zusammenfassenden Vorbereitung des Aufbaus des deutsch-europäischen Wirtschaftsraumes" unter Beteiligung sämtlicher interessierter Partei- und Staatsstellen beauftragt,114 wobei sich das Auswärtige Amt hinsichtlich der Beziehungen zu anderen Staaten die Entscheidungshoheit vorbehielt.115 Gleichzeitig begann die Reichsgruppe Industrie damit, Industrieanalysen für die besetzten nord- und westeuropäischen Länder zu erstellen und die konkreten "Friedenswünsche" der ein­ zelnen Industriezweige zu sammeln, die die Besatzungspolitik in den Ländern maß­ geblich mitbestimmten.116 109

110

Vgl. Göring an die Reichskommissare für die besetzten niederländischen und norwegischen Gebiete und an den Militärbefehlshaber Belgien/Nordfiankreich, 2.08.1940, in: AD AP, D, Bd. X, Nr. 278. Vgl. Funk an Göring, 6.08.1940, in: Anatomie der Aggression, a.a.O., Dok. 11.

111

Als besonders effektiv erwies sich dabei das Vorgehen in Frankreich, das durch die Kollborationsbereitschaft der Vichy-Regierung sehr erleichtert wurde. (Vgl. B. Kietzin: Trikolore unterm Hakenkreuz, Opladen 1996.)

112 113 114

Vgl. Reichsaußenminister an Staatssekretär, 26.06.1940, in: ADAP, D, Bd. X, Nr. 23. Vgl. Göring an das Auswärtige Amt, 2.07.1940, in: AD AP, D, Bd. X, Nr. 82. Vgl. Ständiger Vertreter des Beauftragten für den Vieijahresplan an das Auswärtige Amt, 3.07.1940, in: AD AP, D, Bd. X, Nr. 103.

115

Vgl. Reichsaußenminister an den Beauftragten für den Vieijahresplan, 9.07.1940, in: ADAP, D, Bd. X, Nr. 142.

116

Vgl. Rundschreiben der Reichsgruppe Industrie, 4.07.1940, in: Anatomie des Krieges, Berlin 1969, Dok. 122.


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Weitgehend unberührt von diesen teilweise schon sehr konkreten Plänen, die die militärisch eingeleitete, nationalsozialistische "Neuordnung" des europäischen Konti­ nents festschreiben sollten, erwies sich die Idee dieser "europäischen Neuordnung" zeitweise als äußerst tragfähige ideologische Basis. Sie machte es möglich, die mi­ litärischen Maßnahmen Deutschlands ideell abzusichem und so die letzte Konsequenz der deutschen Kriegsziele zu verschleiern. Zwar war Hitlers Politik weder "europäisch", wenn es darum ging, die Interessen und Traditionen anderer Nationen zu achten und eine echte "europäische Gemeinschaft" herzustellen,117 noch bildeten Paneuropa oder eine irgendwie geartete europäische Union das deutsche Kriegsziel. Dieses lag allein in der Eroberung von neuem "Lebensraum" für Deutschland.118Trotzdem bot es sich dabei an, die traditionelle Idee von "Europa" permanent als propagandistisches Kriegsmittel einzusetzen, sie als mögliche Alternative anzubieten, ja, sie sogar als integrativen Faktor gegenüber scheinbar gemeinsamen Feinden zu nutzen. Dieses Potential griff die na­ tionalsozialistische Wissenschaft auf, um zwar durchaus Erkenntnisse für die weitere deutsche Politik zur Verfügung zu stellen, vor allem aber um diese Politik durch "euro­ päische" Theorien "salonfähig" zu machen. Dabei entstanden dann Modelle einer politischen und wirtschaftlichen "Neuordnung" des Kontinents, die die Kriegszielpläne, die in den offiziellen Friedensvorbereitungen der verschiedenen Regierungs- und Wirtschaftsstellen entstanden, aber keineswegs für propagandistische Zwecke geeignet waren, bei den verbündeten und besetzten Staaten publik machen sollten. Während die Grundstrukturen dieser wissenschaftlichen Propaganda mit den Begriffen vom "Lebens­ raum" und "Großraum Europa", von der "europäischen Völkerfamilie" und dem aut­ arken europäischen "Großwirtschaftsraum" unter deutscher Führung bereits vorgegeben waren, erwiesen sich die Grenzen zwischen reiner Propaganda und anklingender echter Vision teilweise durchaus als fließend. Aber ungeachtet dieses Potentials verdeutlicht die Entwicklung der "Neuordnungs "-Propaganda letztlich eindeutig ihre pragmatischen Bezüge, die den nationalsozialistischen Europagedanken eben doch nur zu einem reinen Kriegsmittel degradierten.

1.1.3. Entwicklungsetappen derNS-"Neuordnungsidee" So wurde die ursprüngliche "Lebensraum"-Forderung nach dem Machtantritt zunächst zurückgestellt, während das NS-Regime bemüht war, europafreundlich und vor allem friedlich zu erscheinen, um die notwendige Ruhe für die innenpolitische Stabilisierung 117 118

Vgl. M. Bloch: Ribbentrop, New York 1992, S. 340. Vgl. M. Salewski: Europa: Idee und Wirklichkeit in der nationalsozialistischen Weltanschau­ ung und Praxis, a.a.O., S. 89.


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zu gew ährleisten.119 Erst mit dem Übergang zur aktiven Außenpolitik wurde "Europa" dann immer m ehr zu einem Lippenbekenntnis,120 das versuchte, die deutschen Revi­ sionsansprüche in den Rahmen einer notwendigen gesamteuropäischen "Neuordnung" zu integrieren. D a die nationalsozialistische Regierung gleichzeitig begann, alle interna­ tionalen B indungen zu verlassen und die Versailler Verträge einseitig zu revidieren,121 erhielt die Europaideologie eine ständig wachsende Bedeutung, die zunehmend die Beschwichtigungspolitik der Westmächte bediente. Der Europagedanke wurde zu einem Vorw and, der die eigentlichen "Lebensraum"-Forderungen, die jeglicher europäischer E inheit diametral widersprachen, überdecken sollte und - wie die Praxis zeigte - auch konnte, so daß Hitler sein "Lebensraum"-Programm planmäßig verfolgen konnte.122 N achdem Deutschland nicht daran gehindert wurde, einen erneuten Krieg zu entfes­ seln, kam es im V erlauf der unmittelbaren Kriegsvorbereitung und der ersten Phase des Krieges zunächst darauf an, den europäischen Kontinent von potentiellen Eingriffen außerkontinentaler Mächte freizuhalten, um die anstehenden militärischen Ausein­ andersetzungen zu begrenzen. Während das Dritte Reich längst begonnen hatte, seine wirtschaftlichen und politi­ schen Einflüsse in Mittel- und Südosteuropa zu intensivieren,123 um damit einem deut­ schen "Großwirtschaftsraum" näherzukommen,124 verkündete die offizielle Propaganda deshalb die Idee einer deutschen "M o n r o e d o k tr in Hitler betonte Ende der dreißiger Jahre, daß man den kontinental-europäischen Raum als deutsches Einfluß- und Inter­ essengebiet betrachte, und stellte damit dem USamerikanischen Anspruch "Amerika den Amerikanern" die Forderung "Europa den Europäern" entgegen. Gleichzeitig versicherte er, daß Deutschland den europäischen "Lebensraum" gegen fremde Einflüsse schützen würde und bereitete so faktisch die Erklärung des deutschen Führungsanspruches auf dem Kontinent vor. Da die wachsende wirtschaftliche Konkurrenz der U SA zunehmend die E ntw icklung des Kontinents beeinträchtigte, bediente H itler m it dieser Forderung durchaus die Interessen einer Reihe von west- und nordeuropäischen Ländern, obwohl

119

120 121

Vgl. ebenda, S. 89.

Vgl. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, a.a.O., S. 245f. Vgl. u.a. J.K. Hoensch: Nationalsozialistische Europapläne im Zweiten W eltkrieg, in: Mittel­ europa-Konzeptionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 307-325, S. 31 Off.

122

123 124

Vgl. J.K. Hoensch: Hitlers "Neue Ordnung Europas". Grenzveränderungen, Staatsneugrün­ dungen, nationale Diskriminierung, in: N. Frei/H. Kling (Hg.): D er nationalsozialistische Krieg, Frankfurt/N ew York 1990, S. 238-254, S. 238ff.

Vgl. A. K ube: A ußenpolitik und "Großraumwirtschaft", in: W irtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 1984, S. 185-211, S. 190ff. Vgl. B.-J. Wendt: Großdeutschland, a.a.O., S. 134ff; sow ie M. Salewski: Ideas o f the National Socialist G ouvem m ent and Party, in: D ocum ents on the history o f E uropean Integration, Bd. I, Berlin 1985, S. 37-54, S. 38.


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der immanente Anspruch auf eine deutsche Hegemonie diesen eigentlich widersprach. Langfristig bildete die deutsche "Monroedoktrin" letztlich den Versuch, die Vereinigten Staaten als potentiellen Verbündeten Großbritanniens im Zeichen einer kontinental­ europäischen "Solidarität" aus den militärischen Auseinandersetzungen in Europa her­ auszuhalten:125 So beantwortete Hitler in seiner Rede vom 28. April 1939 die Forderung Roosevelts, weitere Annexionen126 zu unterlassen, mit dem Verweis auf die "Monroedoktrin" und beanspruchte das deklarierte Nichteinmischungsprinzip sowohl für die Belange des Großdeutschen Reichs als auch für den europäischen Kontinent insgesamt.127 Angesichts der ersten militärischen Erfolge in Polen und Nordeuropa und des weit­ gehend passiven Verhaltens Englands und Frankreichs im "Seltsamen Krieg" konnte Außenminister Ribbentrop diese Positionen am 1. März 1940 gegenüber dem amerika­ nischen Unterstaatssekretär Sumner Welles entsprechend präzisieren: Er betonte, daß Deutschland es analog zur amerikanischen Monroedoktrin nicht zuließe, "daß sich andere Länder in seine vitalen Angelegenheiten einmischen" wollten. Die "deutsche Monroedoktrin" bedeute also, "daß es ein deutsches Interessengebiet im Osten Europas gebe, daß England, Frankreich und andere westliche Länder nichts angehe und über das sich Deutschland nur mit einer einzigen Macht, Sowjetrußland, mit der ein Ausgleich bereits gefunden sei, auseinanderzusetzen" habe.12812930 Allerdings erwies sich diese "Indienstnahme" der Monroedoktrin sehr schnell als zweischneidiges Schwert, da die beginnenden historischen Untersuchungen der Monroe­ doktrin von 1823 zu erheblichen Interpretationsschwierigkeiten führten: So stellte R.A. Berger129 1939 fest, daß die amerikanische Monroedoktrin keine feststehende Lehre sei, sondern ein politisches Programm, das je nach Interessenlage der USA ausgelegt werden konnte. Hinzu kam, daß die Anerkennung der amerikanischen Einflußsphäre auch Deutschlands Beziehungen zu lateinamerikanischen Ländern in Frage stellen würde. Ein Beitrag von Friedrich Berber130 versuchte, diese Interpretationsschwierigkeiten 1942 auszugleichen, indem er die Doktrin auf die historische Situation im Jahr ihrer Ent­ stehung beschränkte. Eine etwaige Präzedenzwirkung der Doktrin für andere geographi­ sche Bereiche lehnte Berber deshalb grundsätzlich ab, zumal mit der Idee vom "Lebens-

125 126 127 128 129 130

Vgl. M. Salewski: Europa: Idee und Wirklichkeit in der nationalsozialistischen Weltanschau­ ung und Praxis, a.a.O., S. 94. Gemeint war der erfolgte Bruch des Münchner Abkommens und die Errichtung des Protekto­ rats Böhmen und Mähren. Vgl. L. Gruchmann: Nationalsozialistische Großraumordnung, Stuttgart 1962, S. 11. Zit.n. ebenda, S. 11. Vgl. R.A. Berger: Die Geschichte einer Doktrin, in: Wir und die Welt, 1/1939, S. 23-25. Vgl. F. Berber: Der Mythos der Monroedoktrin, in: Auswärtige Politik, 1942, S. 287-300.


Zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch raum " nunm ehr eine echte Alternative bzw. eine wahre Umsetzung ihrer Prinzipien entw ickelt w orden w äre.131 ^ D as K onzept vom "Lebensraum" schien in der wissenschaftlichen Bearbeitung weitaus tragfähiger als die zum indest mißverständliche Monroedoktrin, deren deutsches bzw. europäisches Pendant nichtsdestotrotz auch im weiteren V erlauf des Krieges von Hitler beschw oren w urde, während sich die wissenschaftliche Publizistik verstärkt mit der E ntw icklung des Lebensraum -Gedankens befaßte. Zwar durften die eigentlichen deutschen Kriegsziele nach einer W eisung Goebbels' vom 18. März 1940 nicht mehr in der Presse erörtert w erden,132 aber folgerichtig brachten die militärischen Anfangserfolge Deutschlands 1940/41 eine wahre Flut von wissenschaftlichen Beiträgen hervor, die die nunm ehr mögliche "Neuordnung" mit "europäischen" Gedanken und "Groß­ raum "-Konzepten unterlegten. D abei standen zunächst die "Vorzüge" sowie die wirtschaftlichen und politischen Notwendigkeiten der geplanten Umgestaltung im Vordergrund.133 Die entsprechenden Theorien sahen eine "vernünftige Abgrenzung der Interessensphären zwischen den Großmächten" in Gestalt von "Lebensräumen" vor, die vordergründig "völkisch", also nach biologisch-rassischen Gesichtspunkten definiert wurden, aber dabei die politischen und wirtschaftlichen Erfordernisse autarker Gebilde berücksichtigten. A uf dem Höhe­ punkt der militärischen Erfolge konnte das nationalsozialistische Deutschland dabei seinen Führungsanspruch voraussetzen. Analog zu dieser Überzeugung ersetzte der B egriff des "Reiches", der die hegemonialen Ansprüche Deutschlands besser trans­ portieren konnte, zeitweise den "Europa"-Gedanken.134 Ausgehend von den Erfahrungen des mittelalterlichen deutschen Reiches wurde dabei eine Traditionslinie entwickelt, die den deutschen Führungsanspruch auch auf dieser Ebene begründen sollte.135 Dem trugen auch die Vereinbarungen mit Italien und Japan Rechnung, die mit dem Dreimächtepakt vom 27. September 1940 gegenseitig ihre "Großräume" abgrenzten.136 Nachdem Deutschland die Chancen für eine echte "Neuordnung" nach dem Sieg über Frankreich

131 132

Vgl. ebenda, S. 299f. Vgl. J.K. Hoensch: Nationalsozialistische Europapläne im Zweiten Weltkrieg, a.a.O., S. 314.

133

Vgl. z. B. die Reden des Wirtschaftsministers W. Funk: Wirtschaftsordnung im neuen Europa, 12. Juni 1941, Wien 1941 oder Wirtschaftliche Neuordnung Europas, Berlin 1940.

134

Vel. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, a.a.O., S. 250; sowie H . - D . Loock. Zur "Grossgermanischen Politik" des Dritten Reiches, in: VHZ, 1960, S. 37-63, S. 39; und M. Salewski: Europa: Idee und Wirklichkeit in der nationalsozialistischen Weltanschauung und

13 5

Praxis, S. 94. Vgl. die Ausführungen zur "Neuordnung" als historisch-biologische Kategorie.

136

Vgl. L. Gruchmann: Nationalsozialistische Großraumordnung, a.a.O., S. 13.


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zugunsten einer weiteren expansiven Politik aufgegeben hatte,137 gewann die wissen­ schaftliche Publizierung des "Lebensraum"-Gedankens enorm an Bedeutung. Mit dem deutschen Überfall a u f die Sowjetunion erhielten die "Europa"-Konzeptionen dann noch eine neue, durchaus tragfähige Dimension: Die deutsche Propaganda verwies jetzt verstärkt auf die "europäische Mission", die Deutschland mit dem Kampf gegen den Bolschewismus übernommen habe. Analog zu den deutschen Einbußen an der Ostfront rückte später zusätzlich die Idee eines gemeinsamen europäischen Abwehrkampfes in den Mittelpunkt, der gleichzeitig die ideologische Einheit des Kontinents fördern könne.138 Damit erhielten die deutschen Expansionsabsichten im Osten gleichsam den Deckmantel eines gesamteuropäischen Krieges, den das nationalsozialistische Deutsch­ land für den Kontinent und die Rettung der westlichen Zivilisation fuhren würde.“’9 » Auch der im November 1941 einberufene "Europäische Kongreß", auf dem der Antikomintempakt verlängert und durch eine Reihe von neu eintretenden Staaten erweitert wurde, entsprach dieser gemeinsamen Frontbildung.140 Erst die drohende deutsche Niederlage, die im Verlauf des Jahres 1943 immer deutli­ cher wurde, veränderte die Schwerpunkte der "Neuordnungs"-Propaganda noch einmal: Nunmehr wurde vor allem die "Krise Europas" betont, die auf den gemeinschaftlichen A ngriff von Bolschewismus und "westlichen Plutoktatien" zurückzuführen sei.141 Während die wissenschaftliche Publizistik dabei zunehmend in stereotypen Beschwö­ rungen der europäischen Solidarität im kontinentalen "Großraum" verharrte, entstanden unter der Leitung Ribbentrops im Auswärtigen Amt "Entwürfe einer Denkschrift die Gründung eines Europäischen Staatenbundes betreffend", die erstmals konkrete politi­ sche Regelungen für die "Neuordnung" beinhalteten.142 Der avisierte Staatenbund versprach den Ländern zwar einen "gebührenden Platz" im künftigen Europa, behielt aber die Vorrangstellung Deutschlands bei und betonte, daß Einschränkungen in der Souveränität im Interesse des künftigen Europa notwendig wären. Die differenzierten Ausarbeitungen des Auswärtigen Amtes blieben allerdings Planspiele, da weder Hitler noch die anderen europäischen Staaten weiterhin an ihnen interessiert waren.143 Im 137

138 139 140 141 142 143

Vgl. u.a. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, a.a.0., S. 253f; sowie M. Salewski: Europa: Idee und Wirklichkeit in der nationalsozialistischen Weltanschauung und Praxis, a.a.O., S. 92. Vgl. dazu die Ausführungen zum "jüdischen Bolschewismus" als Feindbild und zum "europäi­ schen Bewußtsein". Vgl. M. Salewski, Ideas of the National Socialist Government and Party, a.a.O., S. 48f. Vgl. BA Potsdam, 09.01 Auswärtiges Amt, Nr. 58898, Bl. 2-21 und Nr. 58899. Vgl. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, a.a.O., S. 270. Vgl. BA Potsdam, 09.01 Auswärtiges Amt, Nr. 5822, Bl. D 514456ff. Vgl. M. Salewski: Europa: Idee und Wirklichkeit in der nationalsozialistischen Weltanschau­ ung und Praxis, a.a.O., S. 105.


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w eiteren K riegsverlauf gab die deutsche Politik zunehmend ihre Verschleierungs­ versuche au f und versuchte m it massiver Gewalt, alle europäischen Reserven für die K riegführung zu m obilisieren.144 In diesem Verständnis spiegelten die wissenschaftli­ chen "Neuordnungs"-Theorien insgesamt die Erfordernisse des Kriegsverlaufes wider, ohne daß sie in der Lage gewesen wären, eine echte Alternative zu den politischen Entscheidungen darzustellen. Dennoch gelang es ihnen, ein zumindest vorübergehend äußerst propagandawirksames Modell zu entwickeln, das einerseits attraktiv genug war, um den besetzten Ländern145 die deutschen Kriegsziele erträglich zu machen, anderer­ seits aber in den engen Grenzen des deutschen Hegemonieanspruches und seiner mi­ litärischen Durchsetzung gefangen blieb. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Wissen­ schaft und dominanter Politik prägte die Entwicklung des "Lebensraum"-Konzeptes nachhaltig.

1.2.

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Nationalsozialistische Wissenschaft im Dienste der "Neuordnung"

1.2.1. "Neuordnung" zwischen Wissenschaft und Politik Während die führenden nationalsozialistischen Politiker die Idee der "Neuordnung" Europas in ihren Reden und offiziellen Gesprächen mit ausländischen Staatsmännern wiederholt und stereotyp verwendeten, lag die inhaltliche Ausgestaltung der vagen propagandistischen Phrasen in den Händen der Wissenschaft. In demselben Maße wie deutlich wurde, daß die deutschen "Neuordnungs"-Bestrebungen" davon abhingen, daß die industriell hochentwickelten westlichen und nordwestlichen Staaten sie zunächst duldeten, im weiteren Kriegsverlauf sogar bedingt unterstützten, wurden die propagier­ ten Vorstellungen verifiziert und ihre "wissenschaftliche" Grundlegung erweitert. Die Wissenschaft und die Wissenschaftler aus den Bereichen der Geopolitik, der Raumfor­ schung und der Auslandswissenschaften erhielten daraufhin eine tragende Funktion in der Entwicklung der "Neuordnungs"-Ideen, ihrer propagandistisch verwertbaren Auf­ arbeitung, Rechtfertigung und Begründung. Ihre tatsächliche Rolle wurde dabei al­ lerdings vom dem spezifischen Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik bestimmt, das den nationalsozialistischen Staat auszeichnete und das das Selbstverständnis der neuen Wissenschaftlergeneration entscheidend prägte.146

144 145 146

Vgl. J.K. Hoensch: Nationalsozialistische Europapläne im Zweiten Weltkrieg, a.a.O., S. 323. Das traf allerdings nicht auf Polen und die Sowjetunion zu, die im Unterschied zu den anderen besetzten Ländern mit einer systematischen Ausrottungspolitik konfrontiert wurden Der verwendete Begriff der "Wissenschaft" ist damit nur mit den noch zu erläuternden Ein­ schränkungen zu verstehen.


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Aber trotz dieser systembedingten Einschränkungen entstanden auch innerhalb der zentralistisch geprägten Forschung konzeptionelle Ansätze von "Europa"-Vorstellungen, die zwar über die reinen Propagandaabsichten hinausgingen, letztlich allerdings keine Realisierungschance besaßen. Zu sehr blieben ihre Inhalte mit den Prämissen der na­ tionalsozialistischen Weltanschauung verwoben, zu eng wurde die "Neuordnung" einzig und allein an den deutschen Führungsanspruch und dessen militärische Durchsetzung gebunden. Das Verhältnis von "Wissenschaft" und "Politik" bewegte sich dabei im Spannungsfeld von politischer Unterordnung der Forschung zur Rechtfertigung der Politik und der Entwicklung eigenständiger Beiträge, die durchaus in die politischen Handlungen einflossen, von ihnen benutzt wurden, aber auch geeignet schienen, über die Tagespolitik hinausgehende Visionen eines nationalsozialistischen "Europa" zu entwer­ fen. Dieses wechselseitige Abhängigkeitsverhältnis spiegelte sich auch in den einzelnen Personen wider, die zur "Neuordnung" arbeiteten: In weiten Bereichen fällt die ein­ deutige Trennung zwischen "Wissenschaftler" und "Politiker" extrem schwer, da eine Reihe von Akademikern gleichzeitig hohe Staatsbeamte waren bzw. ihre Positionen ihrer politischen "Eignung" verdankten. Gleichzeitig befaßten sich auch führende Politiker mit der wissenschaftlichen Präzisierung der "Neuordnungs"-Vorstellungen, die dann erhöhte Beachtung verdienten.147 Hinzu kam, daß ausgewählte Forscher direkt in politischer Mission tätig wurden, indem sie als inoffizielle Propagandisten des NSStaates ihre wissenschaftlichen Aufgaben mit einer "unaufdringlichen Kulturpropa­ ganda" vor allem im mittel- und südosteuropäischen Raum verknüpften, und so die Grenzen zwischen Politik und Wissenschaft ein weiteres Mal deutlich überschritten.148 Ungeachtet dieser Einschränkungen war die wissenschaftliche Aufarbeitung der "Neuordnungs"-Ideen teilweise durchaus um Differenzierungen bemüht und gelangte je nach sachlicher Schwerpunktsetzung - zu unterschiedlich gewichteten Aussagen, Definitionen, Prognosen und Problemsichten. Aber gleichzeitig verharrte sie - getreu ihrer politischen Aufgabenstellung und dem damit vorgegebenen Rahmen - in stereoty­ pen Wiederholungen und Phrasen. Die von L. Gruchmann vorgenommene Unterschei­ dung der geopolitischen Schule Karl Haushofers, der völkischen Richtung, vertreten von

147

So leistete beispielsweise Wirtschaftsminister Walther Funk zahlreiche Beiträge zur Ausgestal­ tung des geplanten "Großwirtschaftsraumes Europa", während Mitglieder der verschiedenen Besatzungsverwaltungen wie Werner Daitz, der auch als Leiter des Außenhandelspolitischen Ausschusses der NSDAP fungierte, oder Werner Best ihre Erfahrungen in wissenschaftlichen Beiträgen zusammenfaßten. Hinzu kamen die Akademiker, die als hohe SS- oder Parteifunk­ tionäre mit der Leitung wissenschaftlicher Institutionen beauftragt wurden wie z.B. Franz Alfred Six, Andreas Predöhl oder Paul Ritterbusch.

148

Vgl. PA des AA in Bonn, R 60661, Entwurf der Auslandsorganisation der NSDAP zum Red­ nereinsatz auf dem Balkan vom 18.3.1940, o.Bl.


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Werner Daitz und Reinhard Höhn, sowie der völkerrechtlichen Schule von Carl Schmitt149 widerspiegelt dabei nur einen Ausschnitt aus der Fülle von Vertretern und Untersuchungsansätzen, die die "Neuordnung" betrafen. Auch die Flut von institutionellen Neugründungen demonstrierte letztlich die besondere politische Wertigkeit der Forschungen in nachdrücklicher W eise: So beschäftigte sich die "Gesellschaft für europäische Wirtschaftsordnung und Grossraum wirtschaft E.V. Berlin" mit der Erarbeitung detaillierter Pläne und ihrer übernationalen Verbreitung. Das "Deutsche Außenwissenschaftliche Institut" (DAWI) begann neben seiner umfassenden Forschungstätigkeit mit der Ausbildung und Schulung der künftigen "europäischen” Kader aus den verbündeten und besetzten Staaten. Die "Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung" erstellte zusätzlich zu den Plänen für die deutsche "Raumordnung" umfassende Untersuchungen zum europäischen "Raum" insgesamt. Daneben wurden eine Reihe von wissenschaftlichen Einrichtungen aus der Zeit der W eim arer Republik nach 1933 "gleichgeschaltet" und mit ihrer Forschungstätigkeit in die "Neuordnungs"Planungen" weitgehend integriert. Das betraf das Mitteleuropa-Institut in Dresden149150, das renommierte Osteuropa-Institut in Breslau151 oder die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas in Berlin152153genauso wie die Deutsche Hochschule für Politik!53 Wie die jüngeren Auseinandersetzungen der Historiker zeigen, w ar auch die deutsche Forschungsgemeinschaft involviert, über die auch die Geschichtswissenschaft instru­ mentalisiert wurde. Auf dieser Grundlage entstand eine Fülle von Publikationen und eine große Zahl von Periodika widmete sich vorrangig den "Neuordnungs"-Ideen. D ie "Jahrbücher der Weltpolitik", die ab 1940 genauso wie die angesehene "Zeitschrift für Politik" vom DAWI herausgegeben wurden, die Bände "Reich, Volksordnung, Lebensraum", die "Zeitschrift für Geopolitik", die "Monatshefte für Auswärtige Politik" oder "Volk und Reich", die Jahrbücher der Gesellschaft für europäische W irtschaftsordnung und Gross­ raumwirtschaft sowie "Raumforschung und Raumordnung", die M onatsschrift der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, verdeutlichten die im mense Bedeutung der "europäischen Karte" in der nationalsozialistischen W issenschaft und Politik. Dabei bestimmten die Forschungen der Geopolitik, der daraus abgeleiteten Raumfor­ schung und der sogenannten Auslandswissenschaften, die die wissenschaftlichen und politischen Ansätze endgültig zusammenführten, die wissenschaftlichen Grundlagen der

149

Vgl. L. Gruchmann: Nationalsozialistische Großraumordnung, a.a.O., S. 20f; sowie M. Schmoeckel: Die Großraumtheorie, Berlin 1994.

150

Vgl. PA des AA in Bonn, R 65831 und R 65832.

151

Vgl. PA des AA in Bonn, R 65798.

152

V g l.

PA des AA in Bonn, R 65800.

153

V g l.

PA des AA in Bonn, R 64153.

■i


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"Neuordnungs"-VorstelIungen. Die inhaltliche Ausrichtung dieser drei Disziplinen lieferte die Begründung und Rechtfertigung der nationalsozialistischen "Neuordnung", vervollkommnete aber auch die gesamte Vorstellungswelt. Trotzdem ordnete sich die "Neuordnungsforschung" vollkommen dem nationalsozialistischen System, dessen Produkt sie war, unter, oder wurde von diesem über ihre ursprünglichen Absichten hinaus politisch-propagandistisch einbezogen. Die realen Spielräume der Wissenschaft resultierten dabei allerdings aus einem spezi fischen Verständnis von den Aufgaben der Forschung, das die neue akademische Elite, die nach 1933 aufstieg, mit dem NS-System verband: Sie machte die Erfordernisse der Politik letztlich zum Credo ihrer Arbeit. Der tatsächliche Umfang der zunächst äußerst bereitwilligen Verstrickung der Wissenschaft in das NS-System wird heute in den Debatten der Historiker über die Geschichte ihrer Zunft nur zu deutlich. So begründeten die Historiker Werner Conze und Theodor Schieder, der den ersten Entwurf des “Ge­ neralplans Ost” verfaßte, in ihren Forschungen gigantische Bevölkerungsverschiebungen in Osteuropa, die die “Neuordnung” durch eine “Entjudung” und Entpolung” bevölke­ rungspolitisch vorbereiten sollten.154 Die Möglichkeiten, die die nationalsozialistische Politik bot, verschoben die Grenzen der “Machbarkeit” in ungeahnter Weise und diese neuen Räume wurden bereitwillig besetzt.155 Die vorbehaltlose Anerkennung der nationalsozialistischen Weltanschauung und Politik kreierte einen Typ des Wissenschaftlers, der seine soziale Stellung nur der Zusammenarbeit mit dem System verdankte. Gleichzeitig bot das maßlose Politikver­ ständnis des Regimes anscheinend die Möglichkeit, Theorien unabhängig von politi­ schen Zuständen und moralischen Werten realisierbar zu machen. Für die neuen Akade­ miker wurde der europäische Kontinent zu einem bloßen "Reißbrett für ihre Planungen", in denen materielle Ressourcen, Verkehrswege und Menschen zu gleichrangigen Schachfiguren geworden waren.156 Die neuen Akademiker verstanden sich als Fachleute, die vom nationalsozialistischen Staat direkt mit Forschungen beauftragt wurden. Dabei fanden sie durchaus die Mög­ lichkeit, sich umfassend in die Politik einzubringen, ja für deren Ausgestaltung und ihre propagandistische Absicherung zum Teil direkt verantwortlich zu zeichnen. Geprägt durch die Erfahrungen einer Generation, die ihren Aufstieg fast ausschließlich den "Säuberungsaktionen" der Nazis im wissenschaftlichen Bereich verdankte, ordneten sie sich den Maximen der NS-Weltanschauung unter und gestalteten deren teilweise sehr 154 155 156

Vgl. P. Schöttler: Schuld der Historiker, in: Die Zeit, Nr. 14, 28.03.1997. Vgl. G. Aly: Macht, Geist, Wahn, a.a.O. Vgl. dazu die Ausführungen von Aly/Heim über die Zusammenhänge von "Neuordnung" und Vernichtung der europäischen Juden, die ihre "wissenschaftliche" Grundlegung in der soge­ nannten "Bevölkerungsökonomie" fand. G. Aly/S. Heim: Vordenker der Vernichtung, a.a.O., S, 9ff. 276ff. 481ff.


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vagen Formulierungen zu programmatischen Vorstellungen aus. Dabei wurden in einzigartiger Weise Tendenzen der gesellschaftlichen Modernisie­ rung mit den rassistischen, menschenverachtenden Thesen der N S-Ideologie zu einer Kombination verbunden, die scheinbar Expansion und V ölkerm ord genauso wie wirt­ schaftliche Erneuerungen "sachlich" zu begründen verm ochte.157 F ür diesen neuen, weitgehend amoralisch agierenden Typ des W issenschaftlers prägten Götz Aly und Susanne Heim den Begriff der "Expertokratie"158, während M ichael Salewski sie ange­ sichts ihrer rein staatlich bestimmten Ausrichtung, die ihre w issenschaftliche Eigen­ ständigkeit extrem einschränkte, als "Pseudowissenschaftler"159 bezeichnete. W enn im folgenden der Begriff der "Wissenschaft" verwendet wird, basiert er a u f dieser kom­ plexen Charakterisierung einer nationalsozialistisch geprägten und staatlich gebundenen neuen Akademikergeneration, die die Vorstellungen von der "Neuordnung" in ihren entscheidenden Grundzügen entwickelte, dabei aber das Prim at der Politik vorbehaltlos anerkannte bzw. voraussetzte. Diese spezifischen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik sollen im folgen­ den exemplarisch belegt werden: Ein entsprechender Beitrag von Paul Ritterbusch über "Die A ufgaben der W issenschaft im Kampf um eine neue europäische Ordnung" unterstellte die W issenschaft direkt den politischen Erfordernissen unter: Ritterbusch verlangte, daß die Forschung von ihrer bisherigen "neutralen, indifferenten und formalen Haltung" abgehen m üsse, um wieder den "national-politischen Forderungen" gerecht zu werden. Dabei w ürde die "schöpferi­ sche Führerpersönlichkeit" zum integrativen Element zwischen W issenschaft und Politik werden, da sie sich nicht nur als politischer Praktiker, sondern darüber hinaus als "Schöpfer und Gestalter einer neuen fundamentalen Erkenntnis" erw iesen habe, die den Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Arbeit bilde. D ieser "Umbruch" im W issen­ schaftsverständnis führte laut Ritterbusch dazu, "die W issenschaft wiederum au f Volk, Staat und Raum zu verpflichten, d.h. die verlorengegangene Verbindung von Politik und Wissenschaft wiederherzustellen und eine politische W issenschaft zu schaffen, die es sich zur Aufgabe macht, auch ihrerseits Volk, Staat und Raum zu dienen."160 A u f dieser Basis habe die wissenschaftliche Forschung also endlich die "Pflicht, die politischen Thesen des Führers, die aus dem Gesamtbewußtsein der völkischen A ufgabe geboren sind, geistig zu begründen und aus ihnen die entsprechenden Folgerungen zu ziehen, mit 157

Vgl. zu diesem Gedankengang die Ausführungen bei Aly/Heim zur "wissenschaftlichen" Vorbereitung und Begründung des Völkermordes in Polen. G. Aly / S. Heim: Vordenker der Vernichtung, a.a.O., S. 287ff.

158

Vgl. ebenda, S. 287ff.

159

Vgl. M. Salewski: Ideas of the National Socialist Government and Party, a.a.O., Anm. 83.

160

Vgl. P. Ritterbusch: Die Aufgabe der Wissenschaft im K am pf um eine neue europäische Ord­ nung, in: Raumforschung und Raumordnung, 1939, S. 489-493, S. 491.


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anderen Worten: sich geistig und politisch der Führung zur Seite zu stellen."161 In der Vorbereitung der "raumpolitischen Neuordnung" erhielt die Wissenschaft damit eine zweifache Schlüsselposition, die neben den reinen Forschungsleistungen auch ihre propagandistische Verwertbarkeit eindeutig subsumierte: Die Forschungen hätten schon im Vorfeld der "Neuordnung" die notwendigen Kenntnisse zur Verfügung zu stellen, so daß "die deutschen Ansprüche den anderen Völkern gegenüber mit der nötigen gedankli­ chen Durchschlagskraft dargelegt werden und zum Unterschied von imperialistischen Eroberungsgelüsten als ein Moment der europäischen Gesamtordnung gerechtfertigt werden"162 könnten. Analog zu diesem Argumentationsmuster wurde der Begriff der "politischen Wissen­ schaft" geprägt, um die spezifische Verbindung von Wissenschaft und Politik im Rah­ men der "Neuordnungs"-Planungen" zu kennzeichnen. Ihre Aufgabe bestand laut einem Beitrag von Friedrich Berber darin, eine "große Fülle alternativer Möglichkeiten" zu erstellen, "von denen sich die politische Praxis das aus ihrer Anschauung der realen Notwendigkeiten der konkreten Situation als zweckmäßig Erscheinende in ebenso souveräner wie differenzierter Abwandlung und Mischung aussuchen"163 könnte. Die "politische Wissenschaft" wurde so konsequent in den Dienst der politischen Praxis gestellt, deren Anforderungen sie "in weiser Selbstbescheidung" nur durch "sachlich begründeten Rat" nachzukommen habe.164 J Die Wissenschaft reagierte also direkt auf die Erfordernisse der politischen Situation und die Bedürfnisse der politischen Konzeptionalisierung.16516Sie agierte damit von vornherein in einem engen, politisch determinierten Rahmen, der ihre Forschungsergeb­ nisse stark eingrenzte, aber - innerhalb dieser Grenzen - auch Gestaltungsmöglichkeiten offen ließ. Nach dem Ausbruch des Krieges erhielt diese Ausrichtung der Wissenschaft einen endgültigen "Wertmaßstab": Ein weiterer Beitrag von Paul Ritterbusch166 glorifizierte den Krieg als "geschichtliche Bewährungsprobe der Völker", die eine "Rangordnung" derselben schaffe und dabei auch über die "wirkliche Wert- und Rangordnung der vielfältigen Lebensäußerungen innerhalb des Volkskörpers" bestimme. Als eine dieser "Lebensäußerungen" galt die Wissenschaft, deren "Bewährungsprobe" vordergründig 161 162 163

Vgl. ebenda, S. 492. Vgl. ebenda, S. 492. Vgl. F. Berber: Die Neuordnung Europas und die Aufgabe der aussenpolitischen Wissenschaft, in: Auswärtige Politik, 1942, S. 189-195, S. 194.

164 165

Vgl. ebenda, S. 194. Vgl. auch F. Bülow: Zum neuen Forschungsprogramm der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, in: Raumforschung und Raumordnung, 1940, S. 148-150, S. 149. P. Ritterbusch: Wissenschaft im Kampf um Reich und Lebensraum, in: Raumforschung und Raumordnung, 1942, S. 3-8.

166


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den kriegswichtigen Bereich der Naturwissenschaften betraf, aber auch die Geisteswis­ senschaften einschloß, die mit ihren "zukunftsweisenden" Ideen und Zielen den eigentli­ chen Inhalt des Krieges bestimmen würden.167 Gerade dieser Aspekt der ideologischen Absicherung und inhaltlichen Ausgestaltung der "Europavorstellungen" war von entscheidender Bedeutung für die Propagierung der "Neuordnungs"-Vorhaben", da Europa laut Friedrich Berber eben "kein koloniales Neuland" sei, "das man sozusagen ins Leere konstruieren" könne.168 Allerdings wurde diese Einsicht durch die zuvor bereitwillig anerkannte Unterordnung der Forschung unter die Politik in weiten Teilen widerlegt. A uf der Grundlage dieses eindeutig politisch bestimmten Selbstverständnisses griffen Geopolitik, Raumforschung und Auslandswissenschaften in der Ausgestaltung der "Neuordnungs"-Idee" analog ihrer inhaltlichen Schwerpunkte ineinander. Den Aus­ gangspunkt für die politische Konzeptionalisierung der "Neuordnung" lieferte dabei die Geopolitik mit ihren Überlegungen zu "Raum" und "Lebensraum".

1.2.2. Karl Haushofer und die geopolitischen Grundlagen r

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Geopolitische Ansätze waren bereits über die Beziehungen zwischen K arl Haushofer und R udolf Heß in Hitlers "Mein K am pf' eingeflossen. Dabei hatte Haushofer im Unterschied zu Ratzel eine spezifische Form der Geopolitik entwickelt, die er ab 1924 in der "Zeitschrift für Geopolitik" verbreiten konnte.169 Die von ihm begründete "deut­ sche Schule" dieser Wissenschaft untersuchte vor allem dem Einfluß geographischer Bedingungen auf die Entwicklung der Staaten und verstand sich dabei als wissen­ schaftliche Grundlegung der Politik.170 Obwohl Karl Haushofer nach 1945 betonte, daß die Naziideologie lediglich Schlagworte der Geopolitik benutzt, diese aber zumeist falsch interpretiert hatte, und seine Arbeiten nach 1933 "under pressure" entstanden seien,171 läßt sich der immense Einfluß geopolitischer Gedanken in der "Neuordnungs"Ideologie kaum leugnen. Die Geopolitik war nach 1933 fast zur offiziellen Wissenschaft vom "Lebensraum" avanciert.172

167 168 169

Vgl. ebenda, S. 3ff. ; Vgl. F. Berber: Die Neuordnung Europas und die Aufgabe der aussenpolitischen Wissenschaft, a.a.O„ S. 195. Vgl. K. Lange: Der Terminus "Lebensraum" in Hitlers "Mein K am pf', a.a.O., S. 431.

170

Vgl. M. Schmoeckel: Die Großraumtheorie, a.a.O., S. 83.

171

Vgl. K. Lange: Der Terminus "Lebensraum" in Hitlers "Mein K am pf', a.a.O., S. 431f.

172

Vgl. M. Schmoeckel: Die Großraumtheorie, a.a.O., S. 84; sowie F. Neumann: Behemoth, a.a.O., S. 176f.


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41

Dieser Aufgabenstellung entsprach Haushofers Auffassung von Geopolitik, die er als "Wissenschaft von der Weltpolitik in ihrer Abhängigkeit von geographischen Grundla­ gen und Lehre ihrer praktischen Anwendung in der Außenpolitik" umriß, und die "das notwendige geistige Rüstzeug für Schutz und Erweiterung des deutschen Lebensraumes zugunsten der Siedlungstüchtigen" zu schaffen habe.173 Haushofers Geopolitik verstand sich damit als Wissenschaft von der Abhängigkeit des politischen Geschehens von den Bedingungen der "Bodengestalt". Sie unternahm den Versuch einer Integration von Natur- und Geisteswissenschaften und wollte auf dieser Basis gleichzeitig als eine Art "Schlüssel zum Weltverständnis", als Wegweiser für das politische Leben fungieren. Die geopolitischen Forschungen Haushofers dienten in dieser Ausrichtung sowohl der "Raumerziehung" als auch dem "Kampf um Lebensraum", die den passiven und aktiven Schlußfolgerungen aus dem Wissenschaftsverständnis entsprachen.174 Seine Ausführun­ gen über "Macht" und "Raum", über die Großmachtbildung oder die Entwicklung und Bedeutung von Grenzen175 boten somit vielfältige Ansätze für die nationalsozialistische "Neuordnungspropaganda" und wurden von dieser - trotz unleugbarer Differenzen, die vor allem die nach 1940 angewendeten Mittel, aber auch die tatsächlichen Zielvorstel­ lungen betrafen176 - auf das Umfangreichste "in Dienst gestellt". A u f dieses Wechselverhältnis zwischen Geopolitik und NS-Staat, in dem Wissen­ schaft und Weltanschauung einander bedingten, verwies auch ein populärwissenschaftli­ cher Beitrag von Alfred Püllmann im Frankfurter Volksblatt: Püllmann definierte Geopolitik 1937 als "eine politische Betrachtungsweise, die alle natürlichen Gegebenhei­ ten wie Rasse, Volk, Raum und Landschaft berücksichtigt." Die Geopolitik sei dabei eine "Dienerin der politischen Kunst", die das "Verständnis für eine nationalsozialisti­ sche Außenpolitik vorbereiten und dem deutschen Volke das Gefühl für die eigene politische Lage wie auch für die außenpolitische Haltung der anderen Völker in stärk­ stem Maße anerziehen und vertiefen"177 müsse. Folgerichtig fanden die grundlegenden Theoreme, die die außenpolitische Propaganda und die Weltanschauung des Nationalso­ zialismus bestimmten, auch Eingang in die geopolitische Terminologie: Laut Püllmann stünde im "Mittelpunkt jeder geopolitischen Arbeit" die "blutgebundene Gemeinschaft des Volkes, und erst in der Gesamtschau, in der Zusammenfassung aller jener Kräfte, die - wie Rasse, Bodengestalt, Klima, Staatsgrenzen und Geschichte - das Leben eines 173 174 175 176 177

Vgl. H.-A. Jacobsen: Geopolitik im Denken und Handeln deutscher Führungseliten, a.a.O., S. 42; sowie ders.: Karl Haushofer, Bd. I, a.a.O., S. 489f. Vgl. H.-A. Jacobsen: Karl Haushofer, Bd. I, a.a.O., S. 487 f. Vgl. ebenda, S. 496. Vgl. H.-A. Jacobsen: Geopolitik im Denken und Handeln deutscher Führungseliten, a.a.O., S. 43 f. Vgl. A. Püllmann: Was ist Geopolitik?, in: Frankfurter Volksblatt vom 25.5.1937, zit. n.: BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr. 1436, Bl. 7.


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Volkes bestimmen, also in der Einheit von Volk und Raum und ihrer gegenseitigen Wechselwirkung", würde ein "geopolitisches Weltbild" entwickelt. Dabei handele es sich nicht um den "natürlichen Raum", der "Sache der Geographie" wäre, sondern um den "politischen", in dem "die mit diesem Raum verbundenen M enschen als handelnde und gestaltende Kräfte" wirkten.178 In diesem Verständnis war die Geopolitik spätestens ab 1936 G egenstand öffentlicher Diskussionen, bei denen unter geopolitischen Gesichtspunkten "räumliche", "völkische", wirtschaftliche und wehrpolitische Konsequenzen der deutschen M ittellage und des "verstümmelten deutschen Lebensraumes" unter nunmehr nationalsozialistischen Ge­ sichtspunkten betrachtet wurden.1"* Sowohl die Geopolitik H aushofers als auch die außenpolitischen Konzepte des Nationalsozialismus leiteten ihre Ideen dabei aus einem konstatierten Gefühl der "Raumenge" ab, das das deutsche B ewußtsein übergreifend geprägt habe. Ein direkter Einfluß Haushofers auf die Entwicklung der Expansions­ programmatik des Hitlerregimes ist allerdings nicht nachweisbar. Die nationalsozialisti­ sche Propaganda benutzte aber konsequent die Begriffe und ausgewählte Thesen der geopolitischen Schule, um die "Neuordnungs"-Ideen "wissenschaftlich" abzusichem. Die Geopolitik wurde auf diese Weise zum indirekten Verbündeten des NS-Expansionsprogrammes, ohne dessen letzte Zielstellung zu teilen.180 Die W eltordnung, die Hausho­ fers entwarf, lief vielmehr auf einen weitgehend traditionell verstandenen Imperialismus hinaus, der Deutschland im Verlauf einer politischen Neuaufteilung der W elt durch einen von ihm dominierten "Großraum" in Europa seinen Anteil garantieren sollte.*8’ Haushofers noch 1931 postulierte Vorstellung, daß "Geopolitik ebenso frei von jeder parteimäßigen Festlegung und Betrachtung sein" müsse, "wie Politik schwer von ihr frei zu halten" sei,182 hielt aber letztlich der Einordnung der W issenschaft in das NS-System nicht stand. Diese staatliche Vereinnahmung spiegelte die von H aushofer herausge­ gebene Zeitschriftfü r Geopolitik nach 1933 sehr deutlich wider. Fragen von "Raum" und "Lebensraum" sowie die geopolitische Grundlegung der "Neuordnungsforderungen" wurden in den dreißiger und vierziger Jahren zum schwerpunktmäßigen Tenor der Zeitschrift, die die nationalsozialistische Auslegung der Forschungen anstandslos übernahm. Begleitet wurde dieser Prozeß von einer Ausgrenzung derjenigen W issen­ schaftler, die sich dieser Indoktrination nicht gebeugt hatten. Ein Beitrag K urt Vowinckels zum 26. Deutschen Geographentag im Jahre 1936 bestätigte diese Tendenz

178

Vgl. ebenda.

179

Vgl. BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr.1436: Presseecho zur Geopolitik, Bl. 28-30.

180

Vgl. D. Diner: Grundbuch des Planeten, a.a.O., S. 25ff.

181

Vgl. ebenda, S. 28.

182

Vgl. K. Haushofer: Zur Geopolitik, in: H.-A. Jacobsen: Karl Haushofer, Bd. I, a.a.O., Anhang 5, S. 542-552, S. 545.


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eindrücklich: Vowinckel betonte die Parallelen zwischen Geopolitik und NS-Welt­ anschauung hinsichtlich der "organischen" Staatsvorstellung, die das Verständnis vom "Raum" als "Lebensraum" entscheidend verändert hätte und verwies in diesem Zu­ sammenhang auf die besondere Verantwortung der Geopolitik bei der Erarbeitung einer "politischen Staatskunde" im "Dienste von Partei und Staat, Volk und Reich."183184 Die anerkannte Unterordnung der offiziellen geopolitischen Forschungen unter die NSPolitik wurde auch nach dem Ausbruch des Krieges fortgesetzt. Ein Artikel von Karl Springenschmidm aus dem Jahre 1942 dokumentierte jetzt ein äußerst makabres Ver­ ständnis von Geopolitik, deren "größte Stunde" in der Erfahrungswelt des Krieges gekommen schien. Springenschmid konstatierte, daß ganz Europa spätestens seit dem Ausbruch des Krieges für jeden Deutschen zum umfassenden "Schaffens- und Lebens­ raum" geworden sei.185186Jeder Soldat würde während der Kampfhandlungen andere Länder und Regionen in ureigenster Weise kennenlemen, was dazu führe, daß die Geopolitik "auf das Erlebnis von Millionen deutscher Soldaten aufbauen" könne, die durch den Krieg "nicht nur geographische Erfahrungen und geschichtliche Erkenntnisse" gewonnen, sondern den "Raum" mit dem "Geschehen, das sich darin abspielte, in einen inneren Zusammenhang gebracht", also ihn "geopolitisch" erlebt hätten. ' Abgesehen von dieser eindeutigen wissenschaftlichen Entgleisung lieferte die Geo­ politik insgesamt die entscheidenden theoretischen Versatzstücke der nationalsozialisti­ schen "Neuordnungs"-Ideologie. Ausgangspunkt dafür waren die Ansichten von der "Raumüberwindungskraft der Staaten", die die politischen Grenzen im Laufe der Ent­ wicklung ständig zur Disposition stellen würden. Das von Karl Haushofer herausge­ gebene Grundlagenwerk "Macht und Erde" widmete sich umfassend den damit zu­ sammenhängenden Fragestellungen. Der dritte Band der Reihe mit dem Titel "Raum­ überwindende Mächte" enthielt einen Beitrag Haushofers der mit "Staat, Raum und Selbstbestimmung"187 die entscheidenden geopolitischen Aspekte ansprach, die das "Neuordnungs"-Konzept übernahm. Haushofer bezeichnete die "Raumüberwindung und die Einsicht der Staaten in die Mittel dazu" als die "Lebensfrage jeder Reichsbildung", bei deren Entstehung er den Zusammenhängen von "Blut und Boden" grundlegende Bedeutung zumaß.188 In der politischen Durchsetzung dieser Erkenntnisse wies er der

183 184 185 186 187 188

Vgl. K. Vowinckel: Geopolitik und politische Geographie, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1936, S. 688-693, S. 693. K. Springenschmid: Die Stunde der Geopolitik, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1942, S. 1-7. Vgl. ebenda, S. 1. Vgl. ebenda, S. 6. K. Haushofer: Staat, Raum und Selbstbesümmung, in: K. Haushofer (Hg.): Raumüberwin­ dende Mächte, Leipzig/Berlin 1934, S. 63-90. Vgl. ebenda, S. 63f.


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Geopolitik erzieherische Funktionen zu, die besonders "für die vom Raum minder begünstigten Volksstaaten, wie den deutschen" von größter W ichtigkeit w ären.189 Dabei galt es, "die zur Vergrößerung der staatlichen Lebensformen au f einen lebentragenden Raum notwendige große Raumvorstellung in die tragenden, breiten Schichten"190 zu überfuhren, da "Stärke oder Schwäche" eines Volkes letztlich im "Verhalten seines Volkes zu raumbewältigenden Ideen" lägen.191 Abgeleitet von dieser These stellte bereits Haushofer "Lebensraumforderung" dem traditionellen "Imperialismus" gegenüber, was später von der NS-Propaganda wiederholt aufgegriffen wurde: So sei es laut Haushofer "ein ungeheurer ethischer Unterschied, ob die raumüberwindenden K räfte eines Staats oder seiner Kemzelle aus dem Antrieb des Machtreizes, der Lockung, dem Reiz der Gegenküste heraus entfesselt" würden, "wie im französischen oder britischen Kolonial­ reich oder dem Druck der Not der Raumenge einer im eigenen Lebensraum nicht mehr zu bewältigenden Überbevölkerung, wie in Deutschland, Italien oder Japan".192193M it dem Prinzip der "Raumüberwindung" wurde also letztlich versucht, eine expansive Politik im Rahmen der postulierten "Neuordnung" des europäischen Kontinents als "natürliches" Charakteristikum von Staaten zu legitimieren, das aus den dynam ischen Beziehungen zwischen "Volk" und "Raum" resultiere. Basierend au f gleichen ideologischen und gesellschaftlichen Wurzeln waren Geopolitik und Nationalsozialismus eine harmonische Beziehung eingegangen,15 ohne dabei völlige Übereinstimmung in den propagierten Zielen zu erreichen. Trotzdem wurde die offizielle geopolitische Schule der dreißiger und vierziger Jahre zum Apologeten des "Lebensraum"-Konzeptes, das den grundlegen­ den Faktor der "Neuordnungs"-Idee ausmachte. Die beginnende praktische Umsetzung geopolitischer Theorien in der nationalsoziali­ stischen Außenpolitik führte dann zur Herausbildung der Raumforschung und der darauf aufbauenden Raumordnung, die sich der Erforschung und Optim ierung der räumlich­ politischen Verhältnisse widmeten, sowie der Auslandswissenschaften, die diese Er­ kenntnisse auf den gesamten Kontinent anwendeten.

1.2.3. Raumforschung und Auslandswissenschaften im Dienste der "Neuordnung" Die sogenannte "Raumforschung" erarbeitete die theoretischen G rundlagen für die praktischen Eingriffe in die räumlichen Strukturen, die im Rahm en der "Raumordnung"

189

Vgl. ebenda, S. 70.

190

Vgl. ebenda, S. 71.

191

Vgl. ebenda, S. 72.

192 193

Vgl. ebenda, S. 84f. Vgl. D. Diner: Grundbuch des Planeten, a.a.O., S. 1.


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einen wesentlichen Aspekt der Gestaltung des "Lebensraumes" ausmachen sollten. Ausgehend von rein statistischen Erhebungen entwickelte sich die Raumforschung zu einem interdisziplinären Forschungsansatz, der die breit angelegten Untersuchungen der Geopolitik unter Vermeidung politischer Überlegungen auf einen konkreten Ausschnitt von Territorien oder Staaten bezog. Dabei wurden die Begriffe "Raumforschung" und "Raumordnung" häufig synonym verwendet, da die Verbindung von Theorie - also der Raumforschung - und Praxis - in Gestalt der Raumordnung - angesichts der eindeutigen Praxisorientierung der Untersuchungen sehr eng war. Das daraus resultierende Verhältnis von Geopolitik und Raumforschung wurde anhand ihrer Aufgabenverteilung mit den Beziehungen zwischen Generalstab und Truppenführung oder zwischen Strategie und Taktik verglichen.194 Ein Beitrag von Ewald Liedecke unterschied Raumordnung und Geopolitik somit vor allem hinsichtlich ihres Wirkungs­ bereiches: Er stellte fest, daß Raumordnung und Geopolitik "offensichtlich verwandt" wären, da sich beide mit der "Planung im Raum" befaßten. Während die Raumordnung "in ihrem Wirken auf den eigenen Volks- und Staatsraum" beschränkt bliebe, beziehe die Geopolitik dagegen den "ganzen Erdball in ihr Wirken ein."195 Diese geographische Einschränkung wurde allerdings spätestens mit dem Beginn des Krieges und der damit verbundenen Ausdehnung des deutschen "Staats- und Volksraumes" relativiert. Raum­ ordnung und Raumforschung dehnten ihre Untersuchungen auf das wachsende deutsche Einflußgebiet aus, um die geplante "Neuordnung" effektiv vorzubereiten. In Anbetracht dieser Aufgabenstellung lag es - wie ein Beitrag von Bruno Kuske beschrieb - nahe, "der, Raum auch unter der Fragestellung nach seinen Menschen ins Auge zu fassen und diese dabei gegenüber seinem nur naturgegebenen sachlichen Inhalt zu betonen, aufzuklären und darzustellen". Das schloß "ihre physische oder geistige Eigenart, ihr Volkstum und ihre Lebensweise, ihre Sprache, Literatur, Wirtschaft, Technik, Rechtsverhältnisse, Politik, Religion, Kunstformen und sonstige geistige Leistungen, ihre Geschichte" - also den "ganzen Inhalt ihrer Zivilisation und Kultur" ein.196Damit schuf erst das Zusammen­ wirken geographischer Untersuchungen mit geologischen, historischen, bevölkerungsund staatswissenschaftlichen Disziplinen die Grundlagen für die Raumordnung197, die laut Liedecke "ein Wirken im Raume mit dem Ziel, eine bestimmte Ordnung zu schaffen und ihren Sinn gestalterisch zum Ausdruck zu bringen",198 darstellte. Aber da anerkann194 195 196 197 198

’l

I

Vgl. Vermerk des Herausgebers und der Schriftleitung, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1941, S. 481. Vgl. E. Liedecke: Raumordnung und Geopolitik, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1941, S. 481496, S. 494. • h Vgl. B. Kuske: Der Raum als Forschungsaufgabe, in: Raumforschung und Raumordnung, 1942, S. 323-327, S. 323. Vgl. E. Liedecke: Raumordnung und Geopolitik, a.a.O., S. 483. Vgl. ebenda, S. 481. r jg


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termaßen nur der "politische Wille mit seinen Zielsetzungen" die praktische Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse199 bestimmte, wurde die W issenschaft erneut den politi­ schen Erfordernisse untergeordnet. Dieser Beziehung entsprach auch das grundlegende Verständnis vom "Raum", das bereits die grenzüberschreitenden A m bitionen der deut­ schen Politik bediente. So betonte beispielsweise Kuske das Prim at der "Raumerschei­ nungen" gegenüber den politisch festgesetzten Grenzen und stellte fest, daß der "Raum" nicht "restlos identisch mit einem 'Gebiet'" sei. Er müsse "w issenschaftlich in der all­ gemeinsten, politisch nicht begrenzten Form Vorbehalten bleiben, dam it die Forschung Bewegungsfreiheit" für die Fälle habe, "in denen sich ihre Tatsachen nicht an politisch vorgezeichnete Abschnitte binden, sondern sich von anderen als den politischen Kräften aus im Raum versammeln"200 würden. Diese "anderen Kräfte" w ären Kategorien wie Sprache, Religion, Wirtschaft oder Lebenshaltung, die die "Raumausdehnung" von "Rassen" oder Völkern bestimmten.201 Im Rahmen dieser U ntersuchungen galt es dann, den "Raum" in seinen "Funktionen" und seinen "Beziehungen" zu anderen "Räumen" zu erforschen.202 Die Grenzen zu dem Gegenstand, den die Geopolitik beanspruchte, waren damit fließend. Die Raumforschung, die in den dreißiger Jahren zunächst w eitgehend a u f das deut­ sche Staatsgebiet beschränkt blieb, wurde 1935 au f Erlaß des Führers zu einer "staatli­ chen Hoheitsaufgabe" erklärt und der Reichsstelle fü r Raumordnung übertragen, deren Leitung Hans Kerrl übernahm. Die Reichsstelle sollte gewährleisten, daß "die Ver­ teilung des Bodens und die Art seiner Nutzung sowie der Einsatz aller wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte im deutschen Raum... in einer Weise" erfolge, "die einen zweck­ mäßigen, bodenverbundenen Siedlungs-, Wirtschafts- und Volksaufbau" sicherstelle und gleichzeitig den "Ansprüchen nach militärischer Sicherheit" gerecht werde.203 Um diesen Zielen gerecht zu werden, suchte die Reichsstelle fü r Raum ordnung kurz nach ihrer Einrichtung die Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung, deren Vertreter in der am 27. Januar 1936 gegründeten Reichsarbeitsgemeinschaft fü r Raumforschung zusammengefaßt wurden. Die engste Verbindung zwischen W issenschaft und Politik galt dabei als entscheidendes Kriterium der deutschen Raum forschung.204 Zum wichtig­ sten Publikationsorgan der Reichsarbeitsgemeinschaft entwickelte sich neben der ebenfalls genutzten Zeitschrift fü r Geopolitik die Zeitschrift Raum forschung und Raum-

199

Vgl. ebenda, S. 484.

200

Vgl. B. Kuske: Der Raum als Forschungsaufgabe, a.a.O., S. 324.

201

Vgl. ebenda, S. 324.

202

Vgl. ebenda, S. 325.

203

Vgl. H. Kerrl: Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, in: Zeitschrift für Geopoli­ tik, 1936, S. 130-134, S. 131.

204

Vgl. BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr. 1133, Bl. 5.


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Ordnung. Unter der Leitung der Reichsstelle arbeiteten in diesem Rahmen Volkswirt­ schaftler, Geographen, Historiker, Anthropologen und Ingenieure nach geopolitischen Gesichtspunkten in Forschung und Lehre zusammen.205 Mit dem Übergang zur aktiven Außenpolitik der Hitlerregierung, durch die das deutsche Einflußgebiet schrittweise ausgedehnt wurde, nahmen auch die Aufgaben der Raumforschung zu. Sie begann zunehmend, auch die "überaus beschwingte europäische Problematik" einzubeziehen, der man sich "bei der politischen Aktivität des deutschen Staates" nicht entziehen könne.206 Folgerichtig wurde die Reichsarbeitsgemeinschaft fü r Raumforschung im Herbst 1939 mit der "kriegswichtigen" Erforschung des Ostens beauftragt.207 Die neuen Themen zielten darauf ab, "der Raumforschung im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Kräfte und Hochschulinstitutionen diejenige Gleichrichtung mit den politischen Zielsetzungen und aktuellen Erfordernissen und diejenige Ausweitung der für ihre Forschung richtunggebenden Gesichtspunkte zu sichern, deren sie bedarf, um ihrerseits der Dynamik des großdeutschen Geschehens... gerecht zu werden."208 Die Raumforschung wurde endgültig in den Dienst des deutschen Expansionsprogrammes gestellt. Ihre Untersuchungen über Aussiedlungsmöglichkeiten und die "Tragfähigkeit" der dafür in Frage kommenden Ostgebiete, über Perspektiven der "raumpolitischen Neugestaltung" hinsichtlich der regionalen Verteilung der Produk­ tion und der verkehrspolitischen Entwicklung209 bildeten nur einen Aspekt in der Vor­ bereitung der geplanten "Neuordnung" des europäischen Kontinents. In dem Maße wie die deutsche Expansion die Landesgrenzen überschritt und die "Neuordnung" immer größerer Gebiete in greifbare Nähe zu rücken schien, gerieten auch die zu erobernden und besetzten Länder verstärkt in den Blickpunkt der deutschen Forschung. Die neubegründeten Auslandswissenschaften dehnten die geopolitisch angelegten Forschungen nun auch auf andere Staatsgebiete aus und wendeten den beschriebenen interdisziplinären Ansatz an, um landeskundliche und politische Eigen­ heiten der Staaten zu untersuchen und so ihre effektive Eingliederung in das "neu­ zuordnende Europa" zu ermöglichen. Raumforschung und Raumordnung erhielten eine "europäische Komponente" und wurden von detailliertem Wissen über die anderen Staaten ergänzt. Die Idee einer zentralisierten auslandswissenschaftlichen Forschung war bereits Mitte der dreißiger Jahre entstanden. Eine Denkschrift von Anton J. Palme verwies schon im

205 206 207

Vgl. H. Kerrl: Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, a.a.O., S. 132. B. Kuske: Der Raum als Forschungsaufgabe, a.a.O., S. 325. Vgl. F. Bülow: Zum neuen Forschungsprogramm der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumfor­ schung, in: Raumforschung und Raumordnung, 1940, S. 148-150, S. 148f.

208 209

Vgl. ebenda, S. 149. Vgl. ebenda, S. 149f.


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April 193521021auf die Notwendigkeit, die verschiedenen, im w eitesten Sinne "auslands­ wissenschaftlich" tätigen Einrichtungen zusammenzufassen bzw. sie angesichts der deutlich werdenden außenpolitischen Vorhaben systematisch aus- und aufzubauen. Palme begründete seine Forderungen mit dem wachsenden B edarf an fachspezifischen Kennern der verschiedenen Staaten, die zur Lösung wirtschaftlicher, politischer und militärischer Aufgaben unverzichtbar seien und letztlich auch im Dienste der Politik "als Waffe" instrumentalisiert werden könnten. Der Begriff der Auslandswissenschaften bezeichnete dabei laut einem grundlegenden Beitrag von Karl Heinz Pfefferi! 1 "die Anwendung der einheitlichen politischen Wissen­ schaft auf das 'Ausland'", was immer nur "ein konkretes Land" beträfe.212 Unter dieser Aufgabenstellung faßte man die beschriebenen geopolitischen Untersuchungen mit der kultur- und landeskundlichen Erforschung konkreter Staaten zusammen. Dabei erhielten die Auslandswissenschaften für die Entwicklung der "Neuordnungs"-Idee eine zweifa­ che Bedeutung: Zum einen lieferten sie die notwendigen Kenntnisse für die künftige Positionierung der betreffenden Staaten und formulierten gleichzeitig die propagan­ distisch verwertbaren "wissenschaftlichen" Begründungen für diesen Schritt. Zum zweiten bildeten sie die künftigen deutschen und einheimischen K ader für die Ver­ waltung des "neugeordneten" Europa, aber auch für den Einsatz in Propaganda oder Spionage heran. In der Verbindung von Forschung und Lehre sahen die Auslandswissenschaftler ihre Aufgabe darin, aktiv "bei der geistigen Auseinandersetzung um die Einigung Europas und um die zukünftige Stellung Europas in der Welt"213 m itzuwirken. Diese Auffassung führte zu einer gleichsam missionarischen Funktionalisierung der deutschen Auslands­ wissenschaften im Rahmen der "Neuordnungs"-Vorhaben: Sie sollten "durch ihre Leistung der politischen Wissenschaft Europas die Augen öffnen für die ungeheuren Aufgaben dieser Jahre und durch ihren Einfluß in der politischen W issenschaft die Völker selbst an ihre echten Aufgaben heranführen"214 - eine Vorstellung, die das Prin­ zip der staatlichen Gleichschaltung auf die europäische Wissenschaft, ja letztlich au f die europäischen Länder insgesamt auszudehnen trachtete. Diese A usrichtung wurde nach dem Beginn des Krieges noch verstärkt, da es jetzt neben der vordergründigen Propagie­ rung der deutschen "Europapläne" und ihrer militärischen Durchsetzung um die A us­ bildung des politischen und verwaltungstechnischen Nachwuchses ging, der die "Neu-

210

BA Abt. Potsdam, Reimi für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Nr. 1247, Bl. 70-84.

211

K.H. Pfeffer war Chef der Abteilung Großbritannien des DA WI.

212

Vgl. K.H. Pfeffer: Begriff und Methode der Auslandswissenschaften, in: Jahrbuch der Weltpo­ litik, 1942, S. 884-896, S. 895.

213 214

Vgl. ebenda, S. 887. Vgl. ebenda, S. 891.


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Ordnung" vor Ort realisieren und sie perspektivisch absichem würde. Ein entsprechender Beitrag von Bruno Kiesewetter2,5 verwies deshalb 1940 nachdrücklich auf die Notwen­ digkeit, "eine Generation zu erziehen, die das große Deutschland, das auf den Schlacht­ feldern dieses Krieges geschmiedet worden ist, fest in ihren Händen zu halten" vermöge. Darüber hinaus müsse sie fähig sein, "Großdeutschland innerhalb des europäischen Großraumes in politischer, wirtschaftlicher, kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht einzubringen", da Deutschland "nach der siegreichen Beendigung dieses Krieges noch stärker als bisher als das bestimmende Land in die weltpolitischen und weltwirtschaftli­ chen Zusammenhänge hineinwachsen" würde. Damit stünde die deutsche Wissenschaft nunmehr vor der Aufgabe, "ein geschlossenes wissenschaftlich fundiertes, und zwar sehr konkretes Weltbild zu vermitteln."215216 Um diesen umfassenden Anforderungen gerecht zu werden, zählten die Auslandswissenschaften die Anthropogeographie, die Geschichte und die Wirtschaftswissenschaften, aber auch landes- oder "volkskundliche" Disziplinen wie die Sprach- oder Literaturwissenschaft zu ihren Arbeitsgebieten. 17 Nach einer grundlegenden Ausbildung in den politischen Wissenschaften ging es darum, diese Erkenntnisse auf ein konkretes Land anzuwenden, also sich im Rahmen "landes- und volkskundlicher" Untersuchungen mit "einem einzelnen Gebiet, einem Staat, einem Volk oder einem Kreise von Völkern"218 zu befassen, um letztlich eine "politische Geländekunde" für die späteren politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen zu entwickeln. Dazu wurden die Auslandswissenschaften organisatorisch in die deutschen Universitäten und Hochschulen eingegliedert. Die wichtigste Neugründung stellte in diesem Zusammenhang die Auslandswissen­ schaftlichen Fakultät an der Universität Berlin dar,219 die Anfang 1940 aus der Zu­ sammenlegung des ehemaligen Seminars für orientalische Sprachen und der Deutschen Hochschule für Politik hervorging. Im September 1935 war das Orientalische Seminar an der Universität Berlin, das noch aus der Zeit Bismarcks stammte, in "Auslandshoch­ schule" umbenannt worden. Das jahrelange Tauziehen zwischen Auswärtigem Amt, Büro Ribbentrop, Propagandaministerium und dem Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung um die wissenschaftliche Ausrichtung der Hochschule fand erst Ende 1938 ein Ende, nachdem der Reichsführer-SS ein "starkes Interesse" am weiteren Schicksal der Einrichtung bekundet und sich für ihre Eingliederung an die 215 216 217 218 219

B. Kiesewetter war Direktor der Abteilung Außenwirtschaftskunde im DAWI. Vgl. B. Kiesewetter: Aufgaben und Ziele der Deutschen Außenwissenschaften, BA Abt. Pots­ dam, R 49.02, Nr. 4800, Bl. 55-59. Vgl. K.H. Pfeffer: Begriff und Methode der Auslandswissenschaften, a.a.O., S. 889. Vgl. ebenda, S. 894. Vgl. dazu E. Siebert: Entstehung und Struktur der Auslandswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Berlin (1940 bis 1945), in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin, 1966, S. 19-34.


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Universität Berlin ausgesprochen hatte. Zu der neuzubildenden Fakultät trat dann noch die Hochschule für Politik hinzu, die mit Personen wie Friedrich Berber, Karl C. v. Loesch und Bruno Kiesewetter einige der wichtigsten Vertreter der "Neuordnungs". Planungen" einbrachte. Im Oktober 1939, zu einem Zeitpunkt als die m eisten deutschen Universitäten und Hochschulen wegen des Kriegsausbruches zunächst geschlossen wurden, erhielt SS-Standartenführer Franz Alfred Six als Leiter der A bteilung "Fremde Weltanschauung" des SD den Auftrag, die Gründung der Auslandswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Berlin vorzubereiten. Diese erfolgte dann au f Erlaß des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und V olksbildung am 5. Januar 1940.220 Schon die personelle Zusammensetzung des Lehrkörpers dieser Fakultät ver­ deutlichte den besonderen Stellenwert der Auslandswissenschaften im politischen Kalkül des NS-Staates: Mit 65 Prozent NSDAP-M itgliedem w ar dieser Anteil im Vergleich zum Universitätsdurchschnitt überdimensional hoch.221 D ie "Neuordnungs"Expertokratie hatte ihr Domizil gefunden. Die neue Auslandswissenschaftliche Fakultät bildete in fast allen größeren Welt­ sprachen aus und verband das Sprachstudium mit der jeweiligen Volks- und Landeskun­ de sowie einem grundlegenden Unterricht in den politischen W issenschaften. Das Studium konnte nach sechs Semestern mit einem Diplom der Auslandswissenschaften oder einem Dolmetschergrad, nach acht Semestern mit dem Doktor der Auslandswissen­ schaften abgeschlossen werden. Bis zum Frühjahr 1943 absolvierten ca. 4.000 Studenten diesen Ausbildungsgang.222 Der auszubildende Nachwuchs für den politischen Dienst, für Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft wurde mit dem "Bewußtsein der neuen politi­ schen Geltung des Reiches" ausgestattet, um der Erhaltung der neuen deutschen Welt­ geltung Sorge zu tragen. Parallel zur Errichtung der lehr- und forschungsorientierten A uslandswissenschaftli­ chen Fakultät der Berliner Universität wurde im Januar 1940 in B erlin a u f W eisung des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung das Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut (DA WI) gegründet, das als wissenschaftliches D oku­ mentations-, Forschungs- und Publikationszentrum fungieren sollte.223 Das DAWI war personell und strukturell eng mit der A uslandswissenschaftlichen

220

Vgl. einen Beitrag von F. Hilpert, 6. März 1940, BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr. 4800, Bl. 8f.

221

Vgl. dazu: Anteil NSDAP-Mitglieder im Lehrkörper, Stand Dezember 1941: Universität Berlin 38% Philosophische Fakultät 31 % (E. Siebert: Entstehung und Struktur der Auslandswissenschaftlichen Fakultät an der Univer­ sität Berlin, a.a.O., S. 33.)

222

Vgl. den Beitrag von A. Meuer, 14. April 1943, BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr. 4800, Bl. 3.

223

Vgl. Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Amtsblatt des Reichsministers filr Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, 1940, S. 72f.


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Fakultät verbunden, organisatorisch aber nicht der Universität, sondern direkt dem Reichsministerium unterstellt. Beamtete Hochschullehrer der Fakultät arbeiteten gleich­ zeitig als Abteilungsleiter des DAWI, dessen Gliederung den Fachgebieten der Fakultät entsprach. Zu den zentralen Abteilungen zählten die Bibliothek und das Pressearchiv; die Auslandsstelle, die ausländische Studenten betreute und Vortragsreihen für Aus­ länder organisierte; die Studienberatungsstelle; die Publikationsabteilung sowie die Forschungsabteilung, die sich in grund- und auslandswissenschaftliche Abteilungen untergliederte. Daneben war dem DAWI ein Institut für Sprachenkunde und Dolmet­ scherwesen angeschlossen.224 Die Leitung des DAWI übernahm ebenfalls Franz Alfred Six, der als Dekan der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität und ab 1943 zusätzlich als Leiter der Kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes die personelle Verbindung von Wissenschaft und Politik besonders deutlich dokumen­ tierte. Die zentrale Aufgabe des DAWI bestand laut Satzung vom 29. Mai 1940 darin, "die Verbindung der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin zum politi­ schen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Reiches herzustellen und an dem Ausbau bestehender und der Erschließung neuer wissenschaftlicher Beziehungen zum Ausland mitzuwirken."225 In diesem Rahmen stand es dem Auswärtigen Amt frei , das DAWI zur "Durchführung kulturpolitischer Auslandsaufgaben" heranzuziehen,226 was zu einer umfangreichen Vortragstätigkeit der Mitarbeiter im Ausland und zur Ver­ anstaltung von Ausländerkursen am DAWI führte.227 Das DAWI diente damit im Selbstverständnis "den deutschen Aufgaben in Europa und den europäischen Aufgaben in der Welt."228 Dazu widmete es sich - getreu seiner politischen Aufgabenstellung - der "Erforschung fremder Völker und Staaten in ihrer rassischen und geschichtlichen Bedingtheit, ihrer konkreten gegenwärtigen Gestalt, ihrer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Grundlagen" sowie der "Untersuchung der Grundlagen und Vorausset­ zungen für die mannigfachen Formen und Erscheinungen des Zusammenlebens der Völker."229 Das umfangreiche Publikationsprogramm des DAWI bediente die Themen "Reich und Europa", "Europa und das Weltstaatensystem" sowie die Länderkunde. Zu seinen ständigen Veröffentlichungen zählten die Zeitschrift fü r Politik, die Jahrbücher der Weltpolitik sowie Dokumentationen zur Weltpolitik, zur deutschen Politik und zur 224 225 226 227 228 229

Vgl. die Geschäftsordnung des DAWI, 15. August 1942, BA Abt. Potsdam, o.Bl. Vgl. Satzung des DAWI, § 2, BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr. 1496, o.Bl. Vgl. ebenda. Vgl. BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr. 11490, Bl. 3-39. Vgl. K.H. Pfeffer: Begriff und Methode der Auslandswissenschaften, a.a.O., S. 888. > Vgl. Werbebroschüre des DAWI, BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr. 4800, Bl. 62-67


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Zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch

Länderkunde, sprachkundliche Lehr- und Wörterbücher, das Handbuch der Politik sowie eine Vielzahl von Einzelpublikationen im beschriebenen Them enkreis.230 D ie besondere Spezifik der politischen Einbindung der Auslandswissenschaften w urde in der Verbin­ dung von "Lehre, Forschung und Einsatz in der praktischen Politik" deutlich, die die Arbeit des DAWI prägte.231 Daraus ergaben sich drei grundlegende Aufgaben, die Franz Alfred Six für das Jahr 1941 folgendermaßen beschrieb: An erster Stelle stand die Ausbildung "landeskundlicher Spezialisten", bei der sprachli­ ches Können mit landeskundlichem und allgemein politischem W issen einherging - die künftigen "Spezialisten" also nicht nur mit der Kenntnis ihres späteren Einsatzortes, sondern auch mit der nationalsozialistischen Weltanschauung ausgestattet wurden. Die zweite Aufgabe lag in der selbständigen auslandsw issenschaftlichen Forschung, die die politischen Entscheidungen mit vorbereiten sollte und die durch praktische politische Einsätze in den anderen Ländern stimuliert wurde.232 Zum dritten wollte das DAWI eine Ebene schaffen, "auf der sowohl im Reich als auch über die Grenzen des Reiches hinaus politische Fragen m it wissenschaftlichem Emst besprochen werden können."233 Dieser Aufgabe dienten vor allem die verschiedenen Periodika des DAWI, aber auch die Vortragsreihen zur Truppenbetreuung und vor allem die von ihm veranstalteten Ausländerkurse zu Fragen des "neuen Europa", an denen Vertreter aller europäischen sowie auch außereuropäischer Staaten teilnahm en,234 deren politische Einstellung sie zu Handlangem und Kollaborateuren, aber auch zu echten Interessenten einer europäischen Umgestaltung gemacht hatte. Die deutschen Auslandswissenschaften leisteten damit in Zusam m enarbeit m it der Geopolitik und der Raumforschung einen entscheidenden Beitrag, um die nationalsozia­ listischen "Neuordnungs"-Pläne vorzubereiten und sie vor allem propagandistisch um­ zusetzen. Ausgehend von den theoretischen Untersuchungen der G eopolitik erhielt das "Lebensraum'-Konzept hier seine konkrete inhaltliche Ausform ung, die exakt die Verhältnisse in den betreffenden Ländern zugrundelegte und so die spezifischen M ög­ lichkeiten ihrer künftigen Einordnung in das deutsche "Europakonzept" auszuloten versuchte. In enger Verbindung von Forschung, Publikation und Lehre m ultiplizierten sich die so gewonnenen Thesen über die deutschen Grenzen hinaus und erhielten be­ sonders bei der Organisation der Besatzungsstrukturen eine große W ertigkeit als Weg­

230

Vgl. Bericht der Forschungs- und Publikationsabteilung, 4. April 1942, BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr. 4999, Bl. 3.

231

Vgl. F.A. Six: Das Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut im Jahre 1941, in: Jahrbuch der Weltpolitik, 1942, S. 877-883, S. 877.

232

Vgl. ebenda, S. 878f.

233

Vgl. ebenda, S. 880.

234

Vgl. ebenda, S. 881.


Zwischen Modernisierung und Hegemonieanspruch

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bereiter der "Neuordnung". Wissenschaft und Wissenschaftler waren weitgehend instrumentalisiert und den politischen Vorstellungen und Notwendigkeiten des deutschen Expansionsprogramms untergeordnet worden. Dessen ungeachtet entwarfen sie ein Bild von "Europa", das in seiner eindeutig propagandistischen Färbung unbestreitbare Wirkungen erzielte. Die wissenschaftliche Ausgestaltung der "Neuordnungs"-Idee" bewegte sich dabei in einem sehr engen ideologisch und politisch bestimmten Rahmen, der ihre Entfaltung zwar erst ermöglichte, ihr aber von Anfang an deutliche Grenzen auferlegte. Allerdings entstanden auch in diesen Grenzen durchaus interessante Forschungsansätze, deren Wertigkeit aber nur an ihrer letztlich unbedingten Anerkennung der expansiven Politik des NS-Staates gemessen werden kann und darf. Die eigentliche Perversion der wissen­ schaftlichen Konzeptionalisierungsansätze lag weniger in ihren Argumenten, sondern vielmehr in der Verbindung der sachlich richtigen Widerspiegelung vorhandener Be­ dürfnisse und Entwicklungstendenzen mit den aggressiven und expansiven Elementen der nationalsozialistischen Diktatur, die von der "Expertokratie" vorbehaltlos anerkannt wurden.


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Die Grundzüge der “Neuordnung

2.

"Neuordnung" zwischen Notwendigkeit und Tradition: Die Grundzüge der "Neuordnung"

2.1.

"Neuordnung" als alternative Notwendigkeit: Die Feindbilder

2.1.1. Das Ende des europäischen Gleichgewichts?! Den Ausgangspunkt der nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Propaganda bildete eine umfassende Kritik an den europäischen Zuständen der Zwischenkriegszeit, deren tendenziöse Widerspiegelung eine Neugestaltung der europäischen Verhältnisse als unabdingbar erscheinen ließ. Die Beschreibung der europäischen Situation, die dabei vorgenommen wurde, war zwar einerseits eindeutig von den deutschen Interessen geprägt, beinhaltete aber andererseits durchaus die reale Problematik der europäischen Zustände: Es genügte zunächst, die europaweite Kritik am Versailler System mit seiner Ausgrenzung Deutschlands und Italiens und seiner Partikularisierung Südosteuropas, die der nationalstaatlichen Idee verpflichtet war, aufzugreifen.1Erst in der Frage nach den Ursachen und den angebotenen Lösungsvorschlägen für diese Situation wurde der Interpretation der beobachteten Ereignisse eine ausschließlich deutsche - nationalsoziali­ stische - Sichtweise zugrundegelegt, um demokratische Organisationsprinzipien für das Zusammenleben der Völker zu negieren. Angesichts der traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, die sich 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen fortsetzten, charakterisierte man daraufhin die neuere europäische Geschichte und verstärkt den Beginn des 20. Jahrhunderts als "Epoche der europäischen Binnenkriege".2 Die entsprechende Argumentationslinie, die vor allem Franz Alfred Six aufbaute, verwies auf den Zerfall der zentralistischen hochmittel­ alterlichen Ordnung, der die entstehenden europäischen Nationalstaaten im Interesse der souveränen "Machtstaatsidee" vom "europäischen Gemeinschaftsgefühl" entferne. Ergebnis dieses Differenzierungsprozesses seien ständige Hegemonialkämpfe der einzelnen Länder untereinander gewesen, die Anfang des 20. Jahrhunderts einen neuen, die gesamteuropäische Situation gefährdenden Charakter erhalten hätten. Gleichzeitig bedinge die europäische "Zersplitterung" ein "Aufsteigen der Randstaaten" wie der Sowjetunion und der außereuropäischen Mächte wie den USA, was die politische und wirtschaftliche Position des Kontinents in der Welt in Mitleidenschaft zöge. Das von Six

1

Vgl. R. Frömmelt: Paneuropa oder Mitteleuropa, Stuttgart 1977, S. 7f, 27, 97; sowie K. Hilde­ brand: Das vergangene Reich, Stuttgart 1995, S. 384ff.

2

Vgl. F.A. Six: Die Binnenkriege des europäischen Kontinents und der Einigungskrieg der Gegenwart, in: Europa und die Welt, Berlin 1944, S. 222-253, S. 239.


Die Grundzüge der "Neuordnung"

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zusätzlich postulierte ursächliche Fehlen einer "europäischen Mitte" deutete bereits die Ausrichtung au f die geopolitische Begründung der deutschen Vormachtstellung an.3 Mit dieser Argumentation konnte das Versailler System, das dieses "Manko" festschrieb und damit nicht in der Lage sei, die anstehenden Probleme zu lösen, vehement verurteilt werden. Das nationalsozialistische Resümee der Zwischenkriegszeit war dementsprechend vernichtend und begründete die Notwendigkeit einer umfassenden "Neuordnung" der europäischen Zustände: Wie es die Herausgeber des "Europa-Handbuches" 1943 formu­ lierten, habe die politische Praxis der zwanziger und dreißiger Jahre den "Verlust Europas" bedeutet, da man "keines der großen bedrängenden Probleme zu lösen ver­ stand: nicht die friedliche Revision der Ungerechtigkeiten von Versailles, nicht die Abwehr des Europa in seiner Existenz wie in seinen Kulturgrundlagen bedrohenden Bolschewismus, nicht die Durchführung einer allgemeinen Abrüstung auf der Grundlage der Gleichberechtigung, nicht die wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Abschaffung sinnloser Zollschranken, nicht die Schaffung einer Friedensordnung, die Kriege zwi­ schen den Völkern Europas als nicht mehr zu verantwortende Bruderkriege unmöglich gemacht hätte, nicht die Schaffung einer Einheitsfront nach außen, die Interventionen raumfremder M ächte aussichtslos, eine großzügige Lebensraumpolitik zur Sicherung von Rohstoffen, Märkten und Siedlungsboden möglich gemacht" hätte.4 Daraus entstand - ergänzt durch die Annahme von drei "geopolitischen" Mächtegruppierungen in der Welt, die anhand des Verhältnisses von "Raum und Bevölkerung" eingeteilt wurden, die Vision fortschreitender "Verteilungskämpfe" auf dem Kontinent, die der Kriegsausbruch 1939 scheinbar nachdrücklich vor Augen führte. Gleichzeitig ermöglichte diese Ein­ teilung eine eindeutige Schuldzuweisung, da die Achsenmächte Deutschland und Italien als "ungerecht Benachteiligte" erschienen. So differenzierte ein Beitrag von Karl Richter die sieben Großmächte nach dem Grad ihrer "räumlichen Saturiertheit", die in unter­ schiedlichem M aße "Binnen- und weltweiten Verteilungskriege" auslösen würde. Er benannte dabei in typischer Mischung objektiver Fakten mit tendenziösen Wertungen: 1. Die "Übersaturierten" wie England und Frankreich, die mehr Raum" hätten, "als sie mit ihrem Volkstum durchdringen können", so daß sie "ihr Gesamtgebiet national nicht völlig sich zu eigen machen,... es aber auch wirtschaftlich nicht voll ausnutzen, ja vielfach nicht einmal militärisch ganz beherrschen" würden. 2. Die "Saturierten", was vor allem die USA und die Sowjetunion betraf, die "für ihr großes Volk auch einen genügend großen, ja reichlichen Raum zur Verfügung" hätten, "den sie nationalkulturell, wirtschaftlich und militärisch auch beherrschen

3 4

Vgl. ebenda, S. 239f sowie F.A. Six: Das Europabild des 20. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Politik, 1943, S. 213-231. Vgl. Europa. Handbuch, Leipzig 1943, Vorwort, S. 1.


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Die Grundzüge der “Neuordnung” oder zumindest... dazu in der Lage" wären.

3.

Die "Nichtsaturierten", zu denen Italien, Japan und natürlich Deutschland zählten, "die ein großes, stetig wachsendes Volk auf zu knappen Raum ernähren" müßten, "so daß... ihr Volkstum über die Grenzen quillt, ihre W irtschafts- und Rohstoffa­ spirationen in steigendem Maße auf fremdes, vor allem au f das umliegende Gebiet übergreifen, schließlich aber auch ihre politischen Tendenzen sich zwangs­ läufig auf die Überwindung der Raumnot konzentrieren" würden.5

Die auffällige Kennzeichnung des eigentlichen Expansionszieles U dSSR als lediglich "saturiert" war dabei wohl vor allem dem Zeitpunkt der Publikation - 1939 - geschuldet und entsprang primär politisch-taktischen Erwägungen. In Verbindung m it der kon­ statierten unbefriedigenden "geopolitischen" Situation, die sowohl den Zusammenhalt des europäischen Kontinents als auch seine Positionen in der Welt extrem gefährde, beschwor man dann "drei Gefahren", die das "kulturelle Selbstverständnis" Europas bedrohten: Die sogenannte "Gelbe Gefahr", das Schreckbild einer "Amerikanisierung" der Welt aufgrund der überlegenen wirtschaftlichen Potenzen der USA und die Furcht vor einer fortschreitenden "Bolschewisierung des Abendlandes"6 rundeten das Bild von der "unhaltbaren" europäischen Situation ab, die zur Begründung der deutschen Krieg­ führung immer wieder herangezogen wurde. Eine Propagandaschrift des Reichsführers SS beschrieb diese Problematik als "Mängel der europäischen Völkergemeinschaft", die "vor allem in dem Zustand der äußersten politischen und wirtschaftlichen Zersplitterung zu suchen" seien, "in dem sich unser Erdteil bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges" befunden habe. Die daraus folgende "wirtschaftliche Zersplitterung" diente anscheinend "nur den Interessen der amerikanisch-jüdischen Kapitalisten, die sie im eigenen Interesse auszunutzen" verstünden, und der "bolschewistischen Zersetzungspolitik". Insgesamt fehle deshalb - so die praktischen Ansätze der Kritik - eine "einheitlich geplante, auf die gemeinsamen Interessen der europäischen Völker abgestellte Wirtschaft."7 Der Beginn des Krieges 1939 geriet in diesem Verständnis zum "W eltkampf' der verschiedenen "Lebensauffassungen", ja zum "Kampf um das Leben selbst",8 der die "Neuordnung" des Kontinents als einzig logischen Ausweg erscheinen ließ und den Kampf darum zur gesamteuropäischen Pflicht erhob.9 Nationalsozialistische Ambitionen und "gesamteuropäische" Interessen waren zum Synonym erhoben worden. Entspre5 6 7 8 9

Vgl. K. Richter: Die politische Stellung der sieben Großmächte als Folge ihrer völkischen Lage im Raum, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1939,258-265, S. 258. Vgl. u.a. C. Augustin: Untergang des Abendlandes?, in: Auswärtige Politik, 1941, S. 599-613, S. 599. Vgl. Europa und der Bolschewismus, hg. vom Reichsführer SS, Berlin 1944, S. 5. Vgl. A. Rosenberg: Der Weltkampf und die Weltrevolution unserer Zeit, München 1943, S. 3. Vgl. u.a. K. Rüdiger: Die Freiheit Europas wird im Osten erkämpft, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1941, S. 643-649, S. 648.


Die Grundzüge der "Neuordnung"

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chend der beschriebenen Situation wurde der "Sinn" des Krieges dann an vier Aspekten festgemacht: dem "Problem des europäischen Ostens" bzw. der östlichen Ausdehnung des Kontinents, der Frage nach der künftigen "Führung in Europa", dem weiteren Schicksals des britischen Empires als "außereuropäischer" Macht und letztlich dem allgemeinen Zusammenhang von "Krieg und Revolution".10 Die diesen Überlegungen immanente Frage nach angemessenen Ordnungsprinzipien für das Zusammenleben der Völker führte dabei zu einer Gegenüberstellung der historisch entwickelten Prinzipien vom "Gleichgewicht" - der Balance o f Power, der "Legitimität" und der "Nationalität",11 deren Vorzüge und Nachteile aus deutscher Sicht "gewertet" wurden12: Das historische Prinzip der Balance o f Power stammte aus dem 19. Jahrhundert, wo es das europäische Mächtesystem nach dem Wiener Kongreß von 1815 begründete. Entstanden als Werkzeug einer klassischen Kabinettspolitik ordnete die Balance of Power das europäische Staatensystem unter der Prämisse eines gegenseitigen Standhal­ tens der Großmächte und der Vermeidung von Zusammenschlüssen, die Sonderinter­ essen präferierten. Zum Hauptbefürworter dieser Gleichgewichtspolitik entwickelte sich Großbritannien, das bedingt durch seine Insellage und die zunehmende Konzentration auf sein Empire die kontinentalen Verhältnisse aus einer Beobachterposition zu betrach­ ten begann. In der nationalsozialistischen Interpretation dieser Strukturen überwog - geprägt durch die Erfahrungen eines erst 1871 zum Nationalstaat aufgestiegenen Reiches - der macht­ politische Ansatz, der den Gleichgewichtsgedanken als "ideenmäßiges Gegengewicht gegen Weltherrschaftsbestrebungen"13verstand. Die anschließende Kritik an der Balance o f Power hob - entsprechend der beabsichtigten antibritischen Frontstellung - von An­ fang an den einseitigen Charakter dieses Systems hervor, der die britischen Interessen präferiere14 und durch das Verbot von Vereinigungen als "wirklicher Ordnungsfaktor" nicht wirksam werden könne.15 Die Gleichgewichtsidee wurde damit zu einer histori­ schen Kategorie erklärt, die in dem Moment überlebt war, in dem sich eine potentielle, zentralisierend wirkende "Ordnungsmacht" abzuzeichnen begann.16 Die Rolle dieser 10 11 12 13 14 15 16

Vgl. J. Kühn: Über den Sinn des gegenwärtigen Krieges, Teil 1, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 57-62, S. 57. Vgl. u.a. L. Conti: Die Stellung der Großmächte in der internationalen Ordnung, in: Auswärti­ ge Politik, 1939, S. 307-317, S. 307. Vgl. D. Diner: Rassistisches Völkerrecht, in: VHZ, 1989, S. 23-56, S. 29. Vgl. P. Herre: Wesen und Wandel europäischer Ordnung, in: Nationalsozialistische Monats­ hefte, 1941, S. 128-143, S. 133 Vgl. E. v. Wedel: Der Grundsatz vom europäischen Gleichgewicht, in: Auswärtige Politik, 1943, S. 100-106, S. 103. Vgl. P. Herre: Wesen und Wandel der europäischen Ordnung, a.a.O., S. 133. Vgl. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, in: VHZ, 1955, S. 240-275, S. 272.


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Die Grundzüge der "Neuordnung

"Ordnungsmacht" schrieb man dabei teilweise schon dem Deutschen Reich von 1871 zu, in der Mehrheit knüpfte die Publizistik aber an den Wiederaufstieg Deutschlands nach 1933 an. Wie ein Artikel von F. Appel folgerichtig betonte, werde die Gleichgewichts­ politik also "in dem Augenblick zu einem Verbrechen an der Zukunft Europas..., in dem von dem Zentrum Europas ausgehend eine starke Macht und eine überzeugende Idee zur Wiedergeburt des seit Jahrhunderten erschütterten Erdteils" auffordere. Dabei galt "ein starkes Staatswesen in Mitteleuropa" entsprechend der Überzeugung, daß die "deutsche Mittellage" eine besondere Bedeutung habe,17 "nach allen Gesetzen der europäischen Raumstruktur" als "dazu bestimmt, die Rolle eines politischen wie geistigen Ordnungs­ prinzips zu übernehmen."18 Die Aufrechterhaltung des Gleichgewichtsprinzips über diesen Zeitpunkt hinaus gemeint war hier schon die Gründung des Bismarckreiches 1871 - habe letztlich zur Konfrontation zweier europäischer Blöcke geführt, deren Auseinandersetzung Groß­ britannien erneut mit der Idee der Balance o f Power zu rechtfertigen versucht habe.19 Aber spätestens durch den Weltkrieg 1914/18 hätte sich die Gleichgewichtspolitik als "Funktion einer ganz bestimmten Epoche" in der nationalsozialistischen Interpretation als veraltet erwiesen20 Sie habe lediglich "Anarchien der Parteien, Chaos der Wirtschaft, Schwinden aller Norm, Verblassen aller Ideale, gröbster Materialismus, bloße Bedürf­ nisbefriedigung, Gewinnstreben und schaler Genuß als Lebensziel, Aussterben der besten Geschlechter, Niedergang der Kultur" hervorgerufen, was letztlich die "Krise Europas" ausmache, "die auch seine Geltung in der Welt gefährdet" hätte.21 Somit war die Gleichgewichtspolitik aus deutscher Sicht den veränderten Bedingun­ gen des 20. Jahrhunderts anscheinend nicht mehr gewachsen. Die betonten "neuen Anforderungen" resultierten dabei aus den Entwicklungen im Bereich der Technik, der Wirtschaft und nicht zuletzt des Militärwesens, die sich gleichzeitig a u f das "Selbstver­ ständnis" der Völker ausgewirkt hätten22 und einen zunehmenden "staatlichen Indivi­ dualismus" hervorriefen, der nicht mehr den wirtschaftlichen und politischen Anforde-

17

Vgl. H. Schulze: Die "deutsche Katastrophe" und die Kontinuität der deutschen Geschichte, in: 0 . Franz (Hg.): Europas Mitte, Göttingen/Zürich 1987, S. 71-84, S. 77.

18

Vgl. F. Appel: Der Kampf des 20. Jahrhunderts, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1940, S. 7-17, S. 10. Vgl. F. Berber: Epochen europäischer Gesamtordnung, in: Auswärtige Politik, 1942, S. 916925, S. 920f. . Vgl. K. Rüdiger: England kämpft gegen Europa, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1939, S. 950-963, S. 959. Vgl. E. Sennhauser: Von der Größe europäischen Menschentums, in: Junges Europa, 1943, S. 39-41, S. 40. Vgl. K. Rüdiger: England kämpft gegen Europa, a.a.O., S. 960.

19 20 21 22


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rangen entsprach.23 Zusätzlich verwies ein Beitrag von Gerhart Jentsch auf eine Reihe von historischen Ereignissen, die die stetige Auflösung der Gleichgewichtsordnung immanent bewirkt hätten: Er benannte neben dem Ausscheiden der Türkei, der UdSSR und Österreich-Ungarns aus dem Großmächtesystem, das er unterschiedlich begründete, vor allem die neuzeitlichen Entwicklungen in der Technik, die Europa den Charakter eines "Großwirtschaftsraumes" verleihen würden, sowie die "militärische Entwertung der Kleinstaaten" und der Aufstieg des Deutschen Reiches von 1871 als überlegenem "europäischem Machtzentrum".24 Diese Entwicklung führte zu einer Reihe von "Gleich­ gewichtskämpfen", mit denen besonders Großbritannien seine schwindenden Positionen in Europa aufrechtzuerhalten trachtete,25 indem es wiederholt "Koalitionen gegen die jeweils stärkste M acht des Kontinents" schmiedete,26 um jede Gefährdung seiner Weltund Seemacht durch bewußte "Desorganisation" des Kontinents27 zu verhindern. Damit bestimmte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nur noch die "Niederhaltung des poten­ tiellen Gegners" die Gleichgewichtsidee britischer Prägung.28 Sie gipfelte letztlich im Ersten Weltkrieg, der Europa insgesamt zugunsten "außereuropäischer" Mächte (zu denen in der NS-Lesart auch England zählte) verneint29 und das Scheitern der Gleichge­ wichtspolitik endgültig verdeutlicht habe.30 Aber auch die anschließenden Friedensregelungen im Rahmen des Versailler Sy­ stems galten in diesem Verständnis als neuer Höhepunkt der veralteten Gleichgewicht­ sidee. Auch sie gerieten als Verursacher unhaltbarer Zustände in der Zwischenkriegszeit und endlich als Auslöser des neuen Krieges in den Blickpunkt der nationalsozialisti­ schen Polemik. Die Kritik an der Friedensordnung verband eindrucksvoll die allgemein empfundenen Unzulänglichkeiten der neuen Ordnung mit einer Interpretation, die gerade durch die Instrumentalisierung der objektiven Mängel an Glaubwürdigkeit gewann und dadurch Schlußfolgerungen ermöglichte, die eindeutig deutschen Interessen dienten.

23

Vgl. K.C. v. Loesch: Paneuropa, in: K. Haushofer: Jenseits der Großmächte, Leipzig/ Berlin 1932, S. 387-416, S. 389.

24

Vgl. G. Jentsch: Niedergang und Ende des europäischen Gleichgewichts, in: Auswärtige Politik, 1940, S. 559-570, S. 559ff. Vgl. F.A. Six: Das Einheitsbewußtsein Europas, in: Zeitschrift für Politik, 1942, S. 285304, S. 296. Vgl. F. Appel: Der Kampf des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 9f. Vgl. R. Freisler: Vom Recht der europäischen Ordnung, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Grossraumwirtschaft, Jahrbuch 1942, Dresden 1942, S. 71-77, S. 72.

25 26 27 28 29

30

Vgl. E. v. Wedel: Der Grundsatz vom europäischen Gleichgewicht, a.a.O., S. 104. gl. A. Haifeld: Europäisches oder amerikanisches Jahrhundert?, in: Nationalsozialistische Mo­ natshefte, 1942, S. 677-683, S. 677f. Vgl. u.a. L. Conti: Die Stellung der Großmächte in der internationalen Ordnung, a.a.O., S. 310f.


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So erschien die Versailler Ordnung in der Summe als "unzureichender Lösungs­ ansatz", der die bereits beschriebene Situation nicht adäquat widerspiegelte. Stattdessen habe das Versailler System diese Probleme eher durch eine "Balkanisierung Europas"31 zugunsten Englands, aber auch Frankreichs festgeschrieben und den Einfluß "außer­ europäischer" Mächte verstärkt,-’2 Diese Lesart ermöglichte es, den nationalsozialisti­ schen Revisionsanspruch historisch zu begründen und die Kriegsschuld nach 1939 eindeutig den deutschen Gegnern zuzuordnen. Nach dem Ausbruch des Krieges erhielt das Versailler System dann gleichsam den Charakter eines "gordischen Knotens", den die deutsche Kriegführung mit ihren "Neuordnungs"-Vorstellungen zerschlagen wollte. Letztlich sollten die Fehler der Friedensverträge das deutsche Vorgehen rechtfertigen. Die Hauptmängel der Versailler Ordnung sahen die NS-W issenschaftler dabei vor allem in der "völkischen" und staatlichen "Atomisierung" Europas, der eindeutigen Präferierung englischer Interessen und der damit verbundenen Teilung der Staaten in "Haves" und "Havenots", die die "Ungerechtigkeiten" des Systems dauerhaft fest­ zuschreiben trachteten, ohne eine "zeitgemäße" Ordnung darzustellen. Wie ein Beitrag von Erhard von Wedel betonte, würde "doch selbst der wohlwollendste Beobachter nicht behaupten können, daß der von jenem Gewaltfrieden hinterlassene, wahrhaft chaotische Zustand Europas, in dem ganz große Teile einheitlicher Volkskörper zugunsten künst­ lich zu unhaltbarer Großmachtstellung aufgeblähter Klein und M ittelstaaten von ihrem Mutterleibe - entgegen ihrem Willen und entgegen allen geopolitischen und wirtschaftli­ chen Gesetzen -, losgerissen waren und in dem als Folge hiervon, zum Schaden aller ein heilloser ökonomischer Wirrwarr herrschte -, daß ein solcher Zustand irgendwie die Bezeichnung 'Gleichgewicht'" verdiene.33 Die so charakterisierte Staatenordnung galt als Beispiel einer sich "auf der geduldigen Landkarte... austobenden Kabinettspolitik", die nach wirtschaftlichen wie geographischen Gesichtspunkten hoffnungslos veraltet wäre. Das gros der angeschnittenen Probleme beträfe dabei besonders die "Mitte Europas" und wirke sich vor allem auf Deutschland nachhaltig negativ aus.34 Das führte laut Wilhelm Ziegler dazu, daß Europa "immer weiter atomisiert" würde, was "im Gegensatz zu dem Zug der Zeit zur Konzentration" stünde. Hinzu kam, daß "durch die Entwaffnung und Tributhörigkeit der Mittelmächte im Herzen Europas mit vollem Bedacht ein macht­ politisches Vakuum" geschaffen worden sei, das in keiner Weise der "Logik der Geo­ politik" entspräche. Dadurch seien endlich "nicht weniger als 20.000 Kilometer neue

31 32

Vgl. A. v. Gadolin: Entwicklung zum europäischen Bewußtsein, in: Zeitschrift für Politik, 1943, S. 90-102, S. 94. Vgl. F. Stieve: Wendepunkte europäischer Geschichte, Leipzig 1941, S. 221.

33

Vgl. E. v. Wedel: Der Grundsatz vom europäischen Gleichgewicht, a.a.O., S. 104

34

Vgl. C. Augustin: Untergang des Abendlandes?, a.a.O., S. 607.


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Wirtschaftsgrenzen" entstanden", die nun tatsächlich "allen Regeln der Vernunft" widerspachen.35 Zusätzlich erschien auch das beschworene Nationalitätenprinzip und das Selbstbestimmungsrecht der Völker als Ordnungsfaktor des Versailler Systems aus diesem Blickwinkel nur mangelhaft verwirklicht. So boten die deutschstämmigen Bewohner der ehemaligen Ostprovinzen oder die Staatsgründungen der verschiedenen Nationalitäten des zusammengebrochenen Habsburgerreiches genügend Ansatzpunkte zur Kritik, die im V orw urf eines "Neoimperialismus staatlich und politisch ungereifter Völker" gipfelte.3637 Hauptnutznießer der entstandenen Situation war im deutschen Verständnis Groß­ britannien, stellte doch das "Friedensdiktat" insgesamt nur "einen Kompromiß zwischen dem Begehren Frankreichs, auf dem Kontinent zu befehlen, und dem Verlangen Groß­ britanniens, den Kontinent niederzuhalten", dar und galt damit als Triumph zweier "restlos anti-europäischer Strömungen". Im Interesse der englischen Gleichgewichts­ politik seien alle jenen staatlichen Gebilde zerschlagen worden, die eine potentielle Konkurrenz darstellen könnten. An deren Stelle trat, wie Friedrich Stieve formulierte, ein "buntes Durcheinander von kleinen und kleinsten Einheiten", da "ein möglichst zerhacktes, auseinandergenommenes Europa... dem Inselreich jenseits des Kanals die ungestörte Ruhe zum weiteren Ausbau und zur Behauptung seines immerhin während des Weltkrieges schon merklich ins Zittern geratenen Imperiums" versprochen hätte.!l Zur Sicherung seines Einflusses auf dem Kontinent verfolge England - gestützt auf die von ihm initiierte "Atomisierung" der europäischen Ordnung - den alten Grundsatz des "divide et impera", die den "wahren" europäischen Interessen diametral entgegengesetzt sei.38 Der Grundsatz vom Gleichgewicht diene nunmehr nur noch der "Einkreisung" und "Niederhaltung" des zunehmend in den Vordergrund tretenden deutschen "Nebenbuh­ lers".39 Insgesamt beruhe die Versailler Ordnung damit auf einer "Verewigung der Klassenscheidung zwischen Siegern und Besiegten, zwischen 'Habenden' und 'Habe­ nichtsen'"40, was die eingangs erwähnten Überlegungen zum Grad der "Saturiertheit" der verschiedenen Mächte wiederaufgriff. An diesem Gegensatz, der sowohl Deutschland als auch Italien und Japan ihre elementaren Lebensinteressen vorenthalte, entzündete sich ein weiterer Aspekt der 35 36 37 38 39 40

Vgl. W. Ziegler: Der Ordnungsgedanke in der europäischen Geschichte, in: Zeitschrift für Politik, 1942, S. 65-80, S. 78. Vgl. W. Höpker: Die Auflösung Zwischeneuropas, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 185190, S. 186. Vgl. F. Stieve: Wendepunkte europäischer Geschichte, a.a.O., S. 221. Vgl. R. Freisler: Das Rechtsdenken des jungen Europa, in: Europa. Handbuch, Leipzig 1943, S. 99-107, S. 99,101. Vgl. E. v. Wedel: Der Grundsatz vom europäischen Gleichgewicht, a.a.O., S. 104. W. Ziegler: Der Ordnungsgedanke in der europäischen Geschichte, a.a.O., S. 78.


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Kritik, der gemeinsam mit den geopolitischen Mitteleuropaüberlegungen den deutschen Anspruch auf Revision und Führung erhärtete. Wie Außenminister Ribbentrop 1939 einschätzte, war der Versailler Frieden insgesamt ein "Vem ichtungsfrieden und damit ein Hohn auf jeden wirklichen Frieden", da er "den größten und furchtbarsten Krieg nicht beendet und ebensowenig eine gerechte Neuordnung Europas eingeleitet" habe. Vielmehr hätten die Versailler Bestimmungen den Weltkrieg "mit vergifteten Waffen fortgesetzt und Europa für Jahrzehnte in Sieger und Besiegte, in Besitzende und Nicht­ besitzende, in Unschuldige und Verbrecher zerspalten."41 Die Festschreibung dieser Ungerechtigkeiten könne aber allenfalls nur eine vorübergehende sein, da sie die zu erwartenden "Verteilungskämpfe" nur aufschob. Matthias Schm itt sprach in diesem Verständnis von erneut notwendigen Kämpfen "um den Raum, den die einen, die Habenden, im Übermaß besitzen und um jeden Preis behalten wollen, den aber auch die anderen Völker, die sogenannten Habenichtse, notwendig" brauchten. D am it ordnete er die Schuld am erneuten Ausbruch eines Krieges "folgerichtig" den "Plutokratien" zu, die den "jungen Völkern ihr natürliches Recht auf Raum und Rohstoffe" versagt, und so letztlich den "bewaffneten Aufstand gegen den Westen und die sogenannte Versailler Ordnung heraufbeschworen"42 hätten. Hinzu kam, daß das Versailler System durch den Völkerbund einer Reihe von "außer­ europäischen Mächten" Einfluß auf die europäischen Angelegenheiten ermöglichte.43 Friedrich Berber urteilte daraufhin, daß der "Genfer Völkerbund, in seiner ganzen Konstruktion ein Kompromiß zwischen den divergierenden M achtinteressen der Sieger und ein Instrument zur Niederhaltung der Besiegten" wäre, der "von vornherein zum Scheitern verurteilt" gewesen sei, da er "überdies gar nicht an Europa und seinen Nöten ausgerichtet, sondern in universalistischen Ideologien befangen"44 geblieben wäre. Gegründet auf das Selbstbestimmungsrecht der Nationen hätte der V ölkerbund von Anfang an eine anscheinend unlösbare Aufgabe übernommen, die m it dem Versuch, eine "höhere Ordnung" zu repräsentieren, aber die staatlichen Souveränitäten zu erhalten, nach nationalsozialistischem Verständnis einer "Quadratur des Zirkels" gleichkam.45 Der "Aufstieg" Deutschlands nach 1933 und seine außenpolitischen Am bitionen erhielten in dieser Sicht einen "revolutionären Charakter", da er die Mängel des V ersailler Systems durch die "Wiederherstellung eines wirklich echten, von außereuropäischen Launen unabhängigen und auf logischer Grundlage sicher in sich selbst ruhenden europäischen

41

Vgl. J. v. Ribbentrop: Versailles, in: Auswärtige Politik, 1939, S. 3-5, S. 3.

42

Vgl. M. Schmitt: Die Revolution des europäischen Weltbildes, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1944, S. 127-137, S. 133.

43

Vgl. A. Rosenberg: Kampf um Europa, in: Volk und Reich, 1938, S. 299-301, S. 299.

44

Vgl. F. Berber: Europa als Erbe und Aufgabe, in: Europa. Handbuch, a.a.O., S. 7-13, S. 10.

45

Vgl. F. Berber: Epochen europäischer Gesamtordnung, a.a.O., S. 923.


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Gleichgewichts"46 zu beseitigen versuchte. So begann in der nationalsozialistischen Lesart nicht 1918, sondern erst 1938 - mit dem Münchner Abkommen - der "Neubau eines gesunden Europas",47 der den als "notwendig" erklärten Abschied vom System des Gleichgewichts einleitete. Das deutsche Streben nach einer umfassenden Revision der Versailler Bestimmungen konnte durch diese Argumentation als eine echte, im Interesse des gesamten europäischen Kontinents liegende, unabdingbar notwendige "Neuordnung" des Staatensystems charakterisiert werden, deren Grundzüge sich zunächst über die Abgrenzung von "Feindbildern" herauskristallisierten.

2.1.2. "Britischer liberaler Imperialismus" und "jüdischer Bolschewismus" als Feinde Europas r - '■

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Die Charakterisierung der "Feindbilder", die die postulierte Notwendigkeit einer "Neu­ ordnung" des europäischen Kontinents untermauern sollten, wurde zunächst als eine primär "weltanschauliche" Frage dargestellt,48 die erst im weiteren Verlauf konkrete politische Schlußfolgerungen zeitigte. Die beschworenen "Gefahren", die Europa ins­ gesamt zu drohen schienen, verstärkten das Bild "unhaltbarer" Zustände im politischen Staatensystem, dem nur durch eine radikale Abkehr von den bisherigen - untauglich gewordenen - Organisationsprinzipien zu begegnen war. Die "Feindprojektionen", die dabei verwendet wurden, griffen erneut auf die differenzierten Einschätzungen der europäischen Zustände zurück und vereinten diese mit ganz konkreten Schlußfolgerun­ gen, die ausschließlich deutsche Interessen bedienten. Die gesamteuropäischen "Befind­ lichkeiten", die durchaus von diesen angenommenen Gefahren mitgeprägt waren, machten einzelne Aspekte der "Feinbildpropaganda" durchaus akzeptabel. Erst deren prononcierte Wichtung und die Auswahl der angesprochenen Themen ließ sie zu einer äußerst wirkungsvollen Instrument im nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Streben werden. In diesem Verständnis basierten die Feindbilder auf der Gegenüberstellung von natio­ nalsozialistischer bzw. faschistischer "Revolution" und westlicher Demokratie sowie bolschewistischem System. Ausgehend von diesen allgemein angelegten Aspekten wurde die "weltanschauliche" Gegenüberstellung im Verlauf der deutschen Außenpolitik mit den realen Gegnern Deutschlands politisch personalisier und wechselseitig den

46 47 48

i

Vgl. E. v. Wedel: Der Grundsatz vom europäischen Gleichgewicht, a.a.O., S. 104. Vgl. J. Pfitzner: Die Wiederherstellung der mitteleuropäischen Lebensgemeinschaft, in: Europäische Revue, 1939, S. 333-337, S. 333. Vgl. A. Rosenberg: Krieg der Weltanschauungen, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1940, S. 323-326, S. 323.


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politischen Erfordernissen angepaßt: Die "westliche Demokratie" konkretisierte sich zunehmend in Gestalt von Großbritannien und nach dem Kriegseintritt der USA auch in den Vereinigten Staaten, der Bolschewismus wurde zum Synonym für die Sowjetunion und die Kommunistische Internationale, wobei zwischen dem Abschluß des deutschsowjetischen Freundschaftsvertrages von 1939 und dem deutschen Überfall au f die UdSSR politische Rücksichtnahmen überwogen.49 Nach dem Beginn des Krieges im September 1939 wurden die entworfenen Szenarien umso bedrohlicher und nuancenrei­ cher, in ihrer ständigen Wiederholung aber auch stereotyper, je m ehr sich die deutsche Situation an der Front verschlechterte, da die deutsche Kriegführung der Unterstützung aus den verbündeten oder besetzten Ländern bedurfte. Die deutschen G egner wurden in der nationalsozialistischen Darstellung zu "Feinden Europas", die verstärkt nach der Entstehung der Antihitlerkoalition gemeinsam den Bestand des Kontinents in Gefahr brachten. "Englischer Liberalismus" verband sich mit dem expansiven "jüdischen Bolschewismus" und der wachsenden "Weltaggression" der USA,50 deren Gesamtpoten­ tial europafeindlicher Haltungen nur das nationalsozialistische Deutschland zu bekämp­ fen vermochte. Gleichsam im Umkehrschluß zeichneten sich - in der typischen propa­ gandistischen Überhöhung und Fehlinformation - über die Feindbilder die alternativen Vorstellungen einer nationalsozialistischen "Neuordnung" des K ontinents in ersten Umrissen ab: ns. Vor allem schienen dabei sowohl der Liberalismus als auch der Sozialismus, die beide mit "jüdischen Elementen" zersetzt wären, "unkonstruktiv" für die europäische Ord­ nung, ja für jeden Ordnungsgedanken überhaupt zu sein. P aul H erre leitete diese Schlußfolgerungen aus den historischen Entstehungsbedingungen der Ideologien ab und konstatierte, daß der Liberalismus, "das Kind der Aufklärung", zw ar "fest" au f dem "Boden der staatlichen Wirklichkeit" stünde, aber "damit ebensowenig konstruktiv im Sinne eines europäischen Aufbaus" sei "wie mit seiner Verherrlichung des Freiheits­ ideals, das kosmopolitischen Ideen und illusionistischen freimaurerischen Bestrebungen Raum" gäbe. Dies gelte umsomehr für die Demokratie, da diese "bei aller Verschleie­ rung" letztlich nur politische und wirtschaftliche "Selbstsucht" hervorriefe, die "das Sonderinteresse über den Gemeinschaftsgeist" erhoben habe. Indem H erre diese Charak­ terisierung von Liberalismus und Demokratie vor allem au f den negativen Einfluß des "Judentums" zurückfuhrte, zeigte er bereits eine weitere, "rassisch" bedingte Argum enta­ tionslinie auf, die vor allem nach dem Kriegseintritt der USA zu greifen begann. A ber am "wenigsten Ordnung schaffend" wirkte laut Herre der Sozialismus, obw ohl er "mit

49

Vgl. u.a. A. Ratenieks: Was bringt die Neuordnung Europas den europäischen Völkern?, Berlin 1942, S. 9f.

50

Vgl. F.A. Six: Die Weltpolitik im Jahre 1942, in: Jahrbuch der Weltpolitik, 1943, S. 13-43, S. 13.


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seinem Bemühen um die Emporhebung der untersten Schicht und ihre Befreiung vom Druck des Kapitalismus grundsätzlich das geschichtliche Recht auf seiner Seite" habe. Da der Sozialismus allerdings ebenfalls unter den "Einfluß jüdischen Denkens" geraten sei und sich daraufhin dem "Materialismus" und dem "Prinzip des Klassenkampfes" verschrieben habe, so daß er schließlich "auch noch die nationale Idee verneinte und sich einem weitgehenden Internationalismus hingab", hätte er sich letztlich als "trennende Kraft in das eigene Volk wie in das europäische Völkerleben"51 hineingeschoben. Eine M onographie von Bruno Amann aus dem Jahre 1940 ging dann soweit, den Krieg als eine Auseinandersetzung zweier "Zivilisationen" zu betrachten, wobei er die "erste Zivilisation", die "westliche", an Frankreich, England und Amerika und damit an Kapitalismus, Demokratie und Imperialismus festmachte, die ein Bündnis mit dem "Slawentum" und dem Semitismus eingegangen seien.52 Die "zweite", die "mittel­ europäische Zivilisation" wurde von Deutschland verkörpert, wobei Amann den Gegen­ satz zwischen den beiden Hauptrepräsentanten England und Deutschland als "unüber­ brückbar" einschätzte.53 Mit dem Weltkrieg 1914-1918 sei die "erste Zivilisation" in ihre "letzte Phase" eingetreten: Die "höchste Form des Individualismus", die sie verkörperte, stand endgültig zur Disposition. Das demokratische System, ja die Idee der Demokratie überhaupt galten als "überaltert", den neuen Anforderungen der Zeit nicht mehr ge­ wachsen.54 Gegen sie an traten mit der "mitteleuropäischen Zivilisation" Tugenden wie "Treue, Disziplin, freiwillige Unterordnung unter ein großes Z iel,... selbstlose Entsa­ gung, schärfste Selbstzucht und ein tiefes Gefühl für echte Gemeinschaft, ein wahrhaft göttliches Empfinden für den Trieb zum Staate"55, die der Nationalsozialismus für sich beanspruchte. In der Gegenüberstellung von westlicher Welt und nationalsozialistischen Gedanken zeichnete vor allem Alfred Rosenberg die ideologischen Fronten in ihrer ganzen Überzogenheit und ihrer propagandistischen Instrumentalisierung nach: Auf der einen Seite der "unersättliche Imperialismus des Angelsachsen, der unausrottbare Trieb, die Welt als Privatbesitz zu beherrschen, aufgebaut auf den Werten des Erfolges, des Reichtums und des Glücks", auf der anderen die vorgebliche "Idee des Sozialismus in seiner tiefsten und reifsten Bedeutung, aufgebaut auf dem Willen zur Macht, auf dem Kampf um das Glück, nicht des einzelnen, sondern der Gesamtheit, auf den Gedanken von Befehl und Gehorsam."56 Auf dieser Basis bildeten dann die britischen Positionen in Europa und der Welt den 51 52

Vgl. P. Herre: Wesen und Wandel der europäischen Ordnung, a.a.O., S. 138. Vgl. B. Amann: Der Sinn unseres Krieges, Wien/Berlin 1940, S. 8,25.

53 54

Vgl. ebenda, S. 23. Vgl. A. Rosenberg: Krieg der Weltanschauungen, a.a.O., S. 324.

55 56

Vgl. ebenda, S. 27. Vgl. ebenda, S. 27.


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ersten Angriffspunkt der deutschen Feinbildpropaganda: D er postulierte Zustand einer "Dreigliederung der Welt" in eine "pax Britannica", eine "pax Americana" sowie die von der Sowjetunion beherrschte "pax Sarmatica", wie sie Johannes Kühn vom ahm , schien Deutschland, aber auch Japan keinen Platz zu lassen. Im Gegenteil, so die deutsche Argumentation, die der Ausgangssituation der europäischen Konfrontation entsprach, "britisches Weltmonopol" und "deutsche Großmacht" schlössen sich naturgem äß aus. Damit war die erste Verbindung zwischen deutschen Kriegsgegnern und "Feinden Europas" hergestellt. Der "Sinn des Krieges" entfaltete sich in der Folge im "lebens­ notwendigen" K am pf gegen den britischen Herrschaftsanspruch,37 in welchem deutsche und europäische Interessen nunmehr als Synonym betrachtet winden. D ie Argumentationskette von der liberalen "Europafeindlichkeit", die in der Ablehnung des deutschen Reichsgedankens und der Idee der europäischen Konzentration kulminiere, w ar geboren. Die liberalen Ideale von Freiheit und Demokratie wurden gleichsam als Antithese zur Idee des Reiches dargestellt, die allein in der Lage sei, die liberal bedingte Zersplitterung der europäischen Verhältnisse durch einen tragfahigen Ordnungsgedanken abzulösen.38 Die deutsch-britische Konfrontation geriet dabei zum stellvertretenden Feindbild, das die Gegenüberstellung von Liberalismus und "totalitärem" nationalsozialistischem Regime am deutlichsten verkörperte. Die gesamte Ideologie des NS-Staates wurde zunehmend als "Negation Englands und des englischen Systems" insgesamt propagiert.39 Schon im Frühjahr 1939, geprägt von den ersten, noch als unzureichend eingeschätz­ ten Erfolgen der deutschen Revisionspolitik, beschrieb ein Beitrag von K arl Richter die "weltpolitische" Situation der beiden Gegenspieler Deutschland und England als "weni­ ger durchsichtig": Während Deutschland "die Initiative zur Veränderung der Lage übernommen" hätte, besäße England den "Schlüssel zu ihr". Deutschland strebe dabei eine Lösung an, die "den Frieden dadurch sichert, daß jedem Volk sein Lebensrecht Raum und Unterhalt" gegeben werde. England dagegen habe die Wahl: es könne der Welt "den Frieden geben, indem es - den eindeutigen, geopolitischen Entwicklungs­ gesetzen Rechnung tragend - für eine Verteilung der Landmasse eintritt, die allen Völkern genügend Lebensraum" gebe; oder es würde "dem Streben nach sogenannter Prestige- und Machterhaltung um jeden Preis allein nachgebend -, w eiter den M ann mit den zugeknöpften Taschen spielen und dieser Art Gefahren heraufbeschwören, die im allgemeinen unberechenbar sind, bei geopolitischer Betrachtungsweise aber deutlich 5789

57

Vgl. J. Kühn: Über den Sinn des gegenwärtigen Krieges, Teil 3, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 156-171, S. 156, 162, 167.

58

Vgl. K. Rüdiger: Die Freiheit Europas wird im Osten erkämpft, a.a.O., S. 646.

59

Vgl. C. Scarfoglio: Europa ohne England?, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 344-373, S. 369.


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gesehen werden" könnten.60 Nachdem die "unberechenbaren Gefahren" mit dem deutschen Überfall auf Polen Realität geworden waren und England im Gegenzug Deutschland den Krieg erklärt hatte, wandelten sich diese noch sehr gemäßigten Töne radikal. Das nunmehr postulierte "englische Kriegsziel" zeichnete ein Schreckbild englischer Vorherrschaft über den Kontinent, die au f die Uneinigkeit Europas und den alleinigen Zugang Englands zu den Reichtümem der Welt beruhe und von der geographisch "europa-fremden" Lage des Inselreiches unterstützt würde.61 Der eigentliche Krieg zwischen Großbritannien und Deutschland trat mehr und mehr in den Hintergrund, galt doch die englische Kriegs­ erklärung als Ergebnis der überholten Gleichgewichtspolitik, die das politische Schicksal des gesamten Kontinents tangierte.62 Wie es Hans Kaiser formulierte, hätte die englische Politik "vor und seit Beginn des zweiten Weltkrieges nur ein Ziel gekannt: die Ver­ nichtung des Reiches zwecks Niederhaltung Europas und Ausschaltung jedes macht­ politischen und geistigen Widerstandszentrums gegen diejenigen Mächte, denen eine gesunde Aufwärtsentwicklung unseres Kontinents eine Gefährdung ihrer eigenen Ziel­ stellungen bedeutet"63 habe. Die deutsche Kriegführung gegen England war zur "gesamteuropäischen" Interessen­ vertretung avanciert. Die vorgeblich "europafeindliche" Politik Großbritanniens zeigte sich dabei - laut der deutschen Interpretation - sowohl in den politischen Ambitionen Englands gegenüber dem Kontinent als auch in seinem liberal geprägten Wirtschaftsver­ ständnis. Analog zu den Einschätzungen der Gleichgewichtspolitik, deren Hauptvertreter England war, galt die englische Haltung als extrem europa-feindlich, da sie die Zerissenheit des Kontinents im Interesse der eigenen Weltmacht voraussetze.64 Dieser Argumen­ tation folgend betonte ein Beitrag von F. Appel, daß "England, dessen Reich sich über alle Weltteile" ausdehne, "selbstverständlich den ewigen Frieden... in einem interna­ tionalen Staatenbunde" wünsche, da ihm dieser Frieden "nicht nur ein Weltreich, son­ dern auch, dank der ihm in diesem Bunde zu übertragenden Aufgabe der See- und Luftsicherung, jene Freiheit des Handelns" sichere, die "für alle übrigen Mitglieder des Staatenbundes die Opferung der Souveränität zugunsten des polizeigewaltigen Eng60 61 62 63 64

Vgl. K. Richter: Die politische Stellung der sieben Großmächte als Folge ihrer völkischen Lage im Raum, a.a.O., S. 265. Vgl. H. Kaiser: Pax Britannica oder Pax Americana, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 389410, S. 394. Vgl. F. Berber: Epochen europäischer Gesamtordnung, a.a.O., S. 923. Vgl. H. Kaiser: Europa als Aufgabe, in: Zeitschrift für Politik, 1943, S. 462-472, S. 466. Vgl. u.a. W. Jantzen: Geopolitisches zur Weltlage, Heidelberg/Berlin/Magdeburg 1941, S. 57; A. v. Gadolin: Entwicklung zum europäischen Bewußtsein, a.a.O., S. 94; W. Ziegler: Der Ordnungsgedanke in der europäischen Geschichte, a.a.O., S. 75; A. Urach: Die Neuordnungs­ probleme Japans und Deutschlands, in: Zeitschrift für Politik, 1942, S. 804-823, S. 808.


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lands" bedeute. N eben dem damit suggerierten englischen Kriegsziel, der Vernichtung Deutschlands, bestünde das "Friedensziel" Englands deshalb insgesam t darin, die "nationalen Souveränitäten a u f der Welt zugunsten eines unter britischer Vormundschaft und britischem 'Schutz'... stehenden internationalen Staatenbundes"65 zu beschneiden. Unabhängig von diesem britischen Weltherrschaftsszenario spiegelten eine Reihe von Beiträgen durchaus wider, daß das Schwergewicht der politischen und wirtschaftlichen M acht längst von London an Washington übergegangen war.66 Aber diese Feststellung blieb im Interesse der europawirksameren Propaganda weitgehend sekundär, da sich das Feindbild England als praktikabler erwies. Die Vision eines Kontinents, der zum Objekt englischer Politik degradiert wurde, ermöglichte es, eine notwendige "europäische Solidarität" im K am pf gegen den "gemeinsamen" Feind zu beschwören,67 die au f dem W iderstreben der Völker gegen den englischen Führungsanspruch aufbaute.68 Diese Frontstellung schien sich in der deutschen Interpretation auch in den Prinzipien der englischen Wirtschaftspolitik zu offenbaren. Die dabei am stärksten kritisierten Maxi­ m en der englischen Wirtschaftsauffassung lagen in der "Herrschaft des M arktes", der Überbetonung von "Kapital und Kapitalverflechtung" als "Angelpunkte der Wirtschaft" und der "internationalen Freizügigkeit" als der "Voraussetzung zur besten wirtschaftli­ chen Leistung". Die Übertragung dieser als rein "englisch" charakterisierten Prinzipien au f die Weltwirtschaft habe die wirtschaftliche Entwicklung der anderen Staaten strikt in "englische Bahnen" gelenkt und sie letztlich nach englischen M arktinteressen ausge­ richtet.69 In der Folge dominiere ein "wirtschaftliches Gangstertum im Frack",70 das die anderen Staaten zu "Lieferländern" ausgewählter Spezialprodukte für den englischen Bedarf degradiere und sie langfristig zu "Monokulturen" m ache.71 D ie englische "Euro­ pafeindlichkeit" hatte damit eine umfassende "Begründung" erhalten, deren Antithesen bereits die - deutsche - Alternative in Aussicht stellten. Neben dieser antibritischen, antiliberalen Frontstellung bildete die V ision vom "europafeindlichen Bolschewismus" den zweiten Schwerpunkt der deutschen Feindbild­ propaganda. In ihrer chronologischen Entwicklung wurde der pragm atische A spekt der 65

Vgl. F. Appel: Der Kampf des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 14.

66

Vgl. F. Berber: Epochen europäischer Gesamtordnung, a.a.O., S. 923; H. Kaiser: Pax Britannica oder Pax Americana?, a.a.O., S. 389, 406ff.

67

Vgl. H. Kaiser: 'Die Vereinigten Staaten von Europa' und das englische Kriegszielprogramm, in: Auswärtige Politik, 1940, S. 671-685, S. 671.

68

Vgl. K. Rüdiger: England kämpft gegen Europa, a.a.O., S. 960.

69

Vgl. H. Hunke: Volk und Raum in der wirtschaftlichen Neuordnung Europas, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 571-575, S. 571.

70

Vgl. A. v. Gadolin: Entwicklung zum europäischen Bewußtsein, a.a.O., S. 97.

71

Vgl. W. Hoffmann: Englands Weltwirtschaftspolitik und die Rolle der M onokulturländer, in: Zeitschrift für Politik, 1940, S. 482-505, S. 485ff.


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Feindbildthesen besonders deutlich. Obwohl der Bolschewismus in der gesamten Vorstellungswelt des Nationalsozialismus als der Feind schlechthin galt, wurden die entsprechenden Darstellungen in der Zeit zwischen dem Abschluß des deutsch-sowjeti­ schen Freundschaftsvertrages und dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion erheblich relativiert. Erst nach dem Juni 1941 stand die "bolschewistische Gefahr" wieder im Mittelpunkt der Argumentation, ja sie erhielt angesichts der sich abzeichnenden deut­ schen Niederlage gleichsam beschwörende Züge. Der vorgebliche Hauptangriffspunkt lag dabei im internationalen Charakter der bolschewistischen Ideologie: Wie ein Beitrag von Georg Leibbrandt 1937 betonte, stütze sich die sowjetische Außenpolitik auf "drei Pfeiler": die Kommunistische Internationale, den sowjetischen Staat und die Kommu­ nistische Partei und verfolge auf dieser Basis ihr oberstes Ziel, die "Weltrevolution". Da innerhalb der Kommunistischen Internationale in fast allen europäischen Ländern kommunistische Parteien entstanden waren, verfugte, so Leibbrandt, Stalin damit bereits über ein breites Netz seiner Herrschaft.72 Ein Beitrag aus dem Jahre 1944 ergänzte diese Vision dann durch die sowjetischen Ziele, "europäische Sowjetrepubliken" als Ergebnis des "bolschewistischen Eroberungsdranges" zu schaffen.73 Diese Vorstellung wurde mit der Gegenüberstellung völlig verschiedener Kulturverständnisse und Menschenbilder verbunden, die den drohenden "Untergang des Abendlandes" in Aussicht stellten. Der dabei gezeichnete Typ des "Bolschewisten" bildete in seiner Gesamtheit die Antithese zum "Europäer", den Deutschland favorisierte, und wurde daraufhin mit einer Fülle negativ belegter Charakteristika ausgestattet. Ein Beitrag von Karl Anton Prim Rohan stellte also fest: "Der Europäer sieht sich als Glied einer Kette, die vom Vater über ihn zu seinem Sohn führt. Der Bolschewist fühlt sich als Vater einer Zukunft, der seinen eigenen Vater verleugnet. Der Europäer bekennt sich zur Geschichte seines Volke ... Der Bolschewist hat sich gegen die Vergangenheit aufgelehnt, verachtet seine eigene nationale Geschich­ te und glaubt als Begründer einheitlicher Geschichte der Menschheit deren Vorgeschich­ te in Völkern und Staaten überwunden zu haben. Dem Europäer ist Politik und Ge­ schichte Zusammenspiel geistig-seelischer und wirtschaftlich-sozialer Kräfte... Der Bol­ schewist ist dem Dogma des historischen Materialismus verfallen... (Ihn) interessiert... der Mensch in erster Linie in seiner wirtschaftlichen Funktion:... also vor allem als Ar­ beitskraft. Persönlichkeitsentfaltung, menschliche Differenzierung, ja Kultur schlechthin sind im Bolschewismus nur insofern geduldet, ja sogar gefördert, als sie sich arbeitstech­ nisch als Leistungssteigerung erweisen. Dem Europäer ist demgegenüber der Mensch

72 73

Vgl. G. Leibbrandt: Weltrevolution und Sowjetaußenpolitik, in: Auswärtige Politik, 1937, S. 740-753, S. 740, 745. Vgl. K.A. Prinz Rohan: Europa und der Bolschewismus, in: Auswärtige Politik, 1944, S. 216224, S. 218.


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Anfang und Ende, Sinn und Inhalt alles Lebens, aller Wirtschaft, aller K ultur ,.."74 Die Gesamtheit dieser negativen Erscheinungen gipfele dann - so J o s e f Goebbels - in der Verbindung des Bolschewismus mit dem "Judentum", die den "jüdischen Terror" in den Dienst der "Weltrevolution" stelle und "das geschichtliche Erbe der abendländischen Menschheit begraben" würde.75 Der Bolschewismus war zur Gefahr für den Bestand des gesamten europäischen Kontinents westlicher Prägung schlechthin gew orden.76 Auch und gerade in dieser Konstellation übernahm das nationalsozialistische Deutschland in der Argumentation - wie schon in der Konfrontation mit dem britischen Liberalismus die Rolle eines "Schutzwalls" für Europa.77 Die Bedeutung dieser "Aufgabe" kulminierte letztlich durch die Verbindung der "Feinde Europas" in der Antihitlerkoalition, die die "Gefahren" für den Kontinent nach deutscher Lesart noch potenzierte. Folgerichtig übertrug Alfred Rosenberg die aktuelle Gegner­ schaft im Weltkrieg nunmehr auch auf die ideologische Konfrontation: Seine Beschrei­ bung der Frontlage sah auf der "einen Seite... die gesamte M acht der Ideologien von der Französischen Revolution an bis zur bolschewistischen Revolte", w ährend "auf der anderen Seite... soweit Europa in Frage kommt, die Mächte" stünden, "welche die demo­ kratische und marxistisch-bolschewistische Erkrankung bereits in furchtbarster Weise selber erlebt, durchkämpft" hätten.78 Dabei unterstützte vor allem das englisch-sowjeti­ sche Bündnis die deutsche These von der Bedrohung durch ein "Antieuropa",7' da doch Großbritannien den Kampf gegen die Achse dem K am pf gegen den Bolschewismus vorzuziehen schien.80Nach der deutschen Interpretation riskiere England im Bestreben, das Gleichgewichtssystems auch weiterhin zu erhalten, die "Bolschewisierung" des Kontinents, der es letztlich im Unterschied zu den Achsenmächten nichts entgegen­ zusetzen habe.81 Das Bündnis von "Britischem liberalen Imperialismus" und "jüdischem Bolschewismus" schien damit das gesamteuropäische Schicksal zu gefährden - eine Entwicklung, die in deutscher Lesart nur durch die als "unübersehbar notwendig" dar­ gestellte "Neuordnung" des Kontinents aufzuhalten wäre. In der Umkehrung entstanden gleichsam als Schlußfolgerung aus der beschriebenen 74

Ebenda, S. 220.

75

Vgl. J. Goebbels: An Europa, in: Junges Europa, 1943, S. 8-11, S. 8, 11.

76

Vgl. C. Augustin: Untergang des Abendlandes?, a.a.O., S. 603.

77

Vgl. Europa und der Bolschewismus, a.a.O., S. 8.

78

Vgl. A. Rosenberg: Der Weltkampf und die Weltrevolution unserer Zeit, a.a.O., S. 3.

79

Vgl. A. Blau: Die Beteiligung der europäischen Völker am Kampf gegen den Bolschewismus, in: Europa und die Welt, Berlin 1944, S. 254-272, S. 255.

80

VgJ. R. Kircher: Europäische Vorfragen, in: Volk und Reich, 1941, S. 789-793, S. 789.

81

Vgl. H. Raschhofer: Faktoren und Gegenkräfte europäischer Einheit, in: Volk und Reich, 1941, S. 794-803, S. 803.


Die Grundzüge der "Neuordnung"

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"unhaltbar" gewordenen europäischen Situation und als Antithese zu den aufgebauten Feindbildern erste Grundzüge einer nationalsozialistisch geprägten "Neuordnung" Europas. Diese versuchte angeblich, die angemerkten, pauschal überhöhten Probleme zu lösen, wobei die deutschen Interessen immanent präferiert wurden, ohne dabei allerdings die tatsächlichen politischen Ziele und Entscheidungen des NS-Staates in der verfolgten Wirkungsabsicht vollständig widerzuspiegeln. Mit diesem Ziel bemühte die NS-Wissenschaft sowohl historische Vorbilder und Traditionen als auch "biologisch-rassische" Ordnungskriterien, die letztlich in der unabdingbaren Überzeugung von der deutschen Führungsrolle im Prozeß der "Neuordnung" Europas zu einem "Großraum" gipfelten.

2.2.

"Neuordnung" als historisch-biologische Kategorie: Traditionslinien und Ordnungsprinzipien

2.2.1. Traditionelle Wurzeln und historische Vorbilder Für die weitere Begründung der "Notwendigkeit" einer "Neuordnung" Europas stellte die nationalsozialistische Propaganda den geschilderten "unhaltbaren" Zuständen das Bild einer historischen, deutsch-europäisch geprägten Traditionslinie entgegen, die in ihrer spezifisch nationalsozialistischen Interpretation geeignet schien, den Problemen der Gegenwart abzuhelfen. Die Auswahl der traditionsbildenden Aspekte der deutsch­ europäischen Geschichte verfolgte dabei eindeutig das Ziel, einerseits den Anschein einer beabsichtigten Rückkehr zu "bewährten" Modellen zu vermitteln und andererseits die betonte deutsche Rolle in der europäischen Geschichte als beispielgebend für die Gegenwart hervorzuheben. In diesem Sinne wurde auch die Geschichtswissenschaft bewußt in den Dienst der "Neuordnungs'-Propaganda gestellt und erhielt bestimmte Themen als Forschungsschwerpunkte zugeordnet, deren vorgenommene Deutung nicht selten das historische Bild in einseitigster Weise verzerrte. Die Historiker übernahmen damit - wie es im Vorwort eines Sammelbandes aus dem Jahre 1941 hieß - die Aufgabe, für die "bevorstehende Neuordnung Europas das geschichtliche Rüstzeug beizubringen und vom Standpunkt der Gegenwart aus die Entwicklung der Vergangenheit zu betrach­ ten und zu deuten"82 und bekannten sich in diesem Verständnis bereitwillig zum "politi­ schen Charakter" ihrer Wissenschaft. Die bewußte Auswahl bestimmter "Traditionen" trug der Entwicklung eines eindeutig nationalsozialistisch geprägten Geschichtsbildes Rechnung, das laut Roger Diener "über die Quellen- und Tatsachenforschung hinaus ein wissenschaftlich und methodisch einwandfreies Bild der entscheidenden geschichtlichen

82

Vgl. Das Reich und Europa, Leipzig 1941, Vorwort.


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Strukturprinzipien für die Einheit von Reich und Europa zu vermitteln" habe.83 A uf dieser Basis wurde das "Werden des deutschen Volkes" in den Darstellungen auf das Engste mit der gesamteuropäischen Entwicklung verbunden, um die entsprechenden Parallelen für die Gegenwart, die im "gemeinsamen" europäischen Schicksal als Ergeb­ nis der deutschen Kriegführung gipfelten, ableiten zu können. Friedrich Stieve, einer der Hauptexponenten dieser Art der Geschichtsbetrachtung, betonte also, daß es kein Volk gäbe, "dessen Geschichte so eng mit der Europas verbunden" sei, "wie das deutsche". M an könne sogar sagen, fährt er fort, "daß zwischen seinem W erden und dem des ganzen Erdteils durch die Jahrhunderte hindurch eine niemals unterbrochene Wechsel­ wirkung" bestünde, die "für jedes von beiden schlechthin ausschlaggebend w ar und eine tiefe Schicksalsgemeinschaft bezeugt"84 habe. Daraus wurde die grundlegende Frage nach den historischen Wurzeln der Wandlungsprozesse in der Gegenwart abgeleitet, die neben umfassenden gesellschaftlichen Aspekten vor allem die Strukturen des Staaten­ systems insgesamt betrafen.85 Mit dieser Absicht führte man die "deutsche Leistung für Europa" bis zu Arminius und Karl V. zurück, die Europa durch Macht, Organisation und Zwang geeint hätten86 und hob vor allem die besonderen Errungenschaften des mittel­ alterlichen deutschen Reiches hervor.87 So unterschied Paul Herre in dieser Entwicklung der europäischen Ordnung zwei Phasen: das frühe und hohe M ittelalter, das durch den "Weltreichsgedanken" in Gestalt der Reichsidee geprägt wurde und die Jahrhunderte der Neuzeit, in denen der einzelstaatliche Gedanke mit seinem "Pluralismus" bis in die Gegenwart dominierte. Zwischen beiden lagen die Auflösungserscheinungen im späten Mittelalter und untrennbar mit allen Etappen verbunden war die Entwicklung des Deutschen Reiches in seinen verschiedenen historischen Erscheinungsformen.88 ' r Die bewußte Auswahl der als "traditionsbildend" und beispielgebend herangezogenen historischen Ereignisse bediente in ihrer Interpretation dann die verschiedenen Aspekte der nationalsozialistischen "Neuordnungs'-Absichten: So standen im Hinblick auf europäische Ordnungsmodelle Fragen der Zentralisierung und Hierarchie in Gestalt des "Reiches" als idealisierter überstaatlicher Einheit genauso im M ittelpunkt wie die Idee einer "deutschen Sendung", die in der Gleichsetzung von europäischem und deutschen 83

Vgl. R. Diener: Das Reich und Europa, in: Reich, Volksordnung, Lebensraum, Bd. Bf, 1942, S. 360-376, S. 363.

84

Vgl. F. Stieve: Deutschlands europäische Sendung im Laufe der Jahrhunderte, Münster 1943, S .3 . . 'J >> r Vgl. F.A. Six: Der Wandel des europäischen Staatensystems zum Weltstaatensystem, in: Zeit­ schrift für Politik, 1944, S. 1-21, S. 1. Vgl. P. Krüger: Hitlers Europapolitik, in: Der Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 1993, S. 104-122, S. 114.

85 86 87

Vgl. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, a.a.O., S. 250.

88

Vgl. P. Herre: Wesen und Wandel der europäischen Ordnung, a.a.O., S. 128.


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Schicksal und der Ableitung einer "deutschen Ordnungs- und Führungsrolle" gipfelte.89 Daneben waren es die Leistungen einzelner Persönlichkeiten der deutschen Geschichte, die, entsprechend interpretiert, die nationalsozialistischen Vorstellungen untermauerten. Armin der Cherusker fand sich neben den deutschen Kaisern des Mittelalters, dem Nationalökonomen Friedrich List und dem Eisernen Kanzler Otto von Bismarck in einer Traditionslinie des "Reichsgedankens" wieder,90 die letztlich mit Adolf Hitler ihren endgültigen "Höhepunkt" erreicht habe. Die Idee des Reiches, deren Wurzeln bis zu der "germanischen Vorgeschichte" des Kontinents zurückgefuhrt wurden, galt dabei als "Träger und Vorkämpfer" eines "ge­ einten" Europa.91 Der Reichsbegriff war zum "Formprinzip" stilisiert worden, das die Sphäre einer "staatlich geordneten Lebenswelt" überschritt und in dreifacher Hinsicht definiert wurde: Zum ersten beschrieb das "Reich" die politische Einheit des deutschen Volkes und umfaßte damit sowohl die historischen Vorbilder als auch das nationalsozia­ listische Dritte Reich. Zum zweiten erschien das "Reich" als Kemvorstellung einer völkerrechtlichen "Großraumordnung", deren Führung und Ordnung es übernehmen würde und zum dritten diente es als Symbol der vom NS-Staat ausgehenden Idee einer "völkischen Erneuerung" der europäischen "Lebenskräfte.9293 Diese "völkische Erneuerung" suchte ihren ersten historischen Bezugspunkt in den Taten des Cheruskerfürsten Armin, der das "Germanentum" gegen Rom verteidigt hatte. Wie Friedrich Stieve feststellte, war "Europa" als Einheitsvorstellung im Altertum noch keine politische Tatsache, da das Römische Reich als "übereuropäische" Struktur angelegt war. Gerade deshalb wurden die Erfolge Armins im Teutoburger Wald gleich­ sam als "Verdienst um Europa" dargestellt, da sie die weitere Ausdehnung Roms am Rhein aufhielten und so ein "Völkergemisch" in der "germanischen Welt", dem tatsächli­ chen Ursprung Europas, verhinderten. " Die "eigentliche Erschließung" Europas vollzog sich daher - wie F.A. Six postulierte - "aus der Mitte Europas im Aufbruch der germa­ nischen Stämme und Völkerschaften, auf deren langem historischen Weg zu politischer Einigung als Ende zugleich der Anfang der Emanzipation des kontinentalen Gefüges von der mediterranen Welt stehen" sollte.94 Sie nahm ihren Ausgang in der Völkerwan-

/&9

Vgl. u.a. J. Pfitzner: Wiederherstellung der mitteleuropäischen Lebensgemeinschaft, a.a.O., S. 334f sowie F.A. Six: Das Einheitsbewußtsein Europas, a.a.O., S. 286.

90 91 92

Vgl. K. Schönwalder: Historiker und Politik, Frankfurt/New York 1992, S. 61. — --------Vgl. u.a. R. Diener: Das Reich und Europa, a.a.0., S. 360. Vgl. R. Diener: Das Reich im Weltanschauungskampf und Theorienstreit, in: Reich, Volksord­ nung, Lebensraum, Bd. VI, 1943, S. 216-252, S. 217fF. ; , 4 :

93 94

Vgl. F. Stieve: Deutschlands europäische Sendung im Laufe der Jahrhunderte, a.a.O., S. 3ff. Vgl. F.A. Six: Das Reich und die Grundlegung Europas, in: Jahrbuch der Weltpolitik, 1942, S. 13-35. S. 15f. ' . .... .


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derungszeit,95 die mit dem Ostgoten Theoderich, vor allem aber m it dem Frankenreich Chlodwigs erstmals in die Verwirklichung des deutschen "Triebs zum Reich" und der damit verbundenen Organisation Europas mündete: Denn "nicht als Erbe Roms" hätte dieser "germanische Stamm die Grundlegung seines Staates" unternommen, sondern "als ErfüIIer aller im germanischen Volkstum lebendigen Anlagen, Spannungen und Kräfte, als Vollstrecker des geschichtlichen Triebes der Deutschen zum Reich". D a es ihnen gelungen sei, die "Vielheit der Stämme zu einigen und in ihre staatliche Aufgabe ein­ zuführen", wären sie gleichzeitig zu den "Schöpfern der europäischen Einheit" gewor­ den, so daß endlich die "Grundlegung Europas... aus der Kraft des germ anischen Volks­ tums, auf dem Boden der kontinentalen Mitte, in dem Staatswillen der Franken zum Durchbrach" gelangte. Das "Germanentum" wurde damit das "erste geeinte Volksgefüge Europas", dessen Führung auf einen "von Germanen geschaffenen Staat" übergegangen sei, woraufhin das "germanische Reich" als "Träger einer politischen und geistigen Ordnung in die Geschichte" eingegangen wäre. Daraufhin hätte sich "das Abendland, also Europa, im Gegensatz zur übrigen Welt, politisch konstituiert", da der "fränkische Staat... das totale Herrschaftsbewußtsein des römischen Staates m it der unbedingten Führungsautorität des germanischen Elements" vereinigt habe und im "Reich als Vor­ macht Europas die Brücke des sich vollendenden römischen Mittelmeerbewußtseins zum beginnenden germanischen Abendlandbewußtsein"96 ausgebildet worden sei. Der so begründete europäische "Reichsgedanke" bezog seine W urzeln dann "folge­ richtig" direkt aus dem "germanischen Gemeinschaftsempfmden",97 das das germanische Reich zum ersten "Träger einer politischen und geistigen Ordnung" in Europa gemacht habe,98 ja, es direkt als "europäisches Reich der Deutschen" auswies. "Germanische Organisations- und Ordnungsfähigkeiten" leiteten direkt zum deutschen Führungsansprach über, dessen Erbe in der Gegenwart das Dritte Reich für sich beanspruchte. A uf dieser Grundlage erhob sich dann in der nationalsozialistischen Interpretation das mittelalterliche Deutsche Kaiserreich gleichsam als "Vollendung" des europäischen Ordnungsgedankens. Sein Zusammenbruch am Ausgang des Mittelalters schien mit dem als negativ gewerteten staatlichen Pluralismus gleichzeitig den "Zusammenbruch Euro­ pas" eingeleitet zu haben.99 Nur die innere Geschlossenheit des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, die für den politischen, weltanschaulichen und wirtschaftli­ chen Bereich eingeschätzt wurde, habe den Erdteil unter der betonten deutschen Führung

95 96

Vgl. O. Muck: Alte Welt vor neuer Ordnung, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 137-140, S. 137f. Vgl. F.A. Six: Das Reich und die Grundlegung Europas, a.a.O., S. 16fF.

97 98

Vgl. A. v. Gadolin: Entwicklung zum europäischen Bewußtsein, a.a.O., S. 92. Vgl. F.A. Six: Das Reich und die Grundlegung Europas, a.a.O., S. 17.

99

Vgl. u.a. Das Reich und Europa, a.a.O., Einleitung von P. Ritterbusch, S. XIII.


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zu höchster Blüte geführt. Im Ringen Friedrichs I. um eine "europäische Gemeinschaft" verdeutlichten sich in dieser Interpretation erstmals "Sinn und Umfang" der "deutschen Sendung".100 Sein "Gemeinschaftsbewußtsein" ließ das Deutsche Reich zum "Protektor", zum "Schiedsrichter" und letztlich zum "Führer" der europäischen Angelegenheiten werden.101 In diesem Verständnis vollbrachte das mittelalterliche Reich laut Franz Alfred Six drei entscheidende Leistungen für Europa: Es erschloß den Kontinent durch die "endgültige Ausbildung Mitteleuropas" und seine Ostkolonisation; gliederte seine Völker in ein "gliedhaft-hierarchisches" Ord­ nungssystem, das in der "Kaiseridee, der Reichsform und der Reichsordnung" eine "umfassende Einheit der europäischen Staatenwelt"herausbildete; und prägte durch seine kulturellen Leistungen den abendländischen Stil.102 Die Reichsordnung war zum Syn­ onym für "großräumige", überstaatliche Einheiten stilisiert worden, in der die Kaiser­ macht eine "universale Souveränität" verkörperte, die die "Grundlage für das Ordnungs­ system des Reiches als einer Zusammenfassung verschiedener Völker zu einer kom­ plexen Einheit" darstelle. Diese wurzelte laut Six "einmal in der Führungsautorität, völkisch verschiedenartige Gebilde zusammenzuführen, zum anderen in dem Bestand einer verbindlichen Gemein­ samkeit", in der der "Reichsraum... in Gemeinsamkeit mit der universalen kaiserlichen Souveränität" das "bestimmende geschichtliche Merkmal der Reichsordnung" bilde. Damit war der geopolitisch betrachtete "Reichsraum" über nationalstaatliche Vorstel­ lungen hinweg neben der "kaiserlichen Souveränität" zum "konstituierende Element der Reichsordnung" geworden. Das "Reich" galt nunmehr als besondere deutsche Ordnungs­ kategorie, da anscheinend "seit Beginn der deutschen Geschichte... im Reich der Trieb" liege, "kleinräumige Gebilde durch großräumige zu ersetzen, den Stammesbereich zum Volksbereich weiterzubilden und ungegliederte, chaotisch gelagerte Volksräume zum hegemonialen Reichsraum zusammenzuschließen."103 Dieser Interpretation folgend, mußte die Schwächung der Reichsmacht im 13. Jahrhundert dann zum Chaos und dem Verlust jeglichen Zusammenhalts führen, da - so Stieve - an die "Stelle der Geschlossen­ heit... das Zerfließen, an die Stelle von Sammlung der ruhelose Wettbewerb, an die Stelle zielsicherer Tat das verwegene Abenteuer" trat. Letztlich hätte "Europa als sol­ ches... aufgehört, ein zentraler Begriff, ein Wert an sich zu sein"104, so daß es in der Folge Schritt für Schritt seine "kontinentale" Bedeutung eingebüßt habe. National­ 100

Vgl. F. Stieve: Deutschlands europäische Sendung im Laufe der Jahrhunderte, a.a.O., S. 12f.

101 102

Vgl. F. Berber: Epochen europäischer Gesamtordnung, a.a.O., S. 922f. Vgl. F.A. Six: Das Reich und die Grundlegung Europas, a.a.O., S. 18.

103 104

Vgl. ebenda, S. 28f. Vgl. F. Stieve: Deutschlands europäische Sendung im Laufe der Jahrhunderte, a.a.O., S. 18.


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staatlicher Pluralismus und liberale Souveränitätsvorstellungen lösten die als ideal charakterisierte Ordnung der deutschen Reichsmacht ab. Die nationale Zersplitterung Deutschlands wurde in der nationalsozialistischen Interpretation gleichzeitig zum Auslöser des europäischen "Zerfalls". Im Umkehrschluß erschien dann das Streben nach der nationalen Einigung Deutschlands als Vorstufe eines neuen europäischen Zusam­ menschlusses, der unter der "prädestinierten" deutschen Führung erfolgen müßte. In der konsequenten Gleichsetzung von deutschem und europäischem Schicksal bildeten die nationalstaatlichen Einigungsbestrebungen Deutschlands im 19. Jahrhundert einen weiteren Schwerpunkt der "Neuordnungs"-Traditionen. Zunächst w ar es Friedrich List, der als Befürworter der wirtschaftlich-politischen Vereinheitlichung des deutschen Marktes auch zum neuen Propheten des europäischen Zusammenschlusses avancierte. Im Mittelpunkt dieser Traditionswahl standen sowohl seine Überlegungen zum Markt im Vergleich zum britischen Wirtschaftssystem als auch seine M itteleuropakonzepte, die für die nationalsozialistischen Ziele dienstbar gemacht werden konnten. D er 150. Geburtstag des Nationalökonomen im Jahre 1939 rief eine wahre Flut von Schriften hervor, die sein Wirken in sehr eigenwilliger Weise "würdigten". Seine Einschätzung als "fanatischen Kämpfer um Deutschlands Größe und wirtschaftliche Macht", die ihn zum "großen deutschen Patrioten" machte, deutete die Zielrichtung dieser Traditionswahl bereits an. Als "Gegner" englischer Wirtschaftsmacht diente List als "Vorkämpfer" eines unabhängigen, einigen und starken Deutschlands und wurde damit in die Darstellung der beschriebenen "Feindbilder" als antibritischer Protagonist eingereiht.105 Gleichzeitig machten ihn seine Mitteleuropaideen zum Vorläufer der Geopolitik und stellten ihn in der NS-Interpretation sogar in eine Linie mit der Fortentwicklung der Reichsidee, die direkt bis zu den NS-Planungen reichte. Ein Beitrag von Gerhard K noll hob dabei hervor, daß Friedrich List die "Idee und den Glanz des alten Römischen Reiches deut­ scher Nation in seinem Herzen getragen" habe und dieser "Idee den Sinn gegeben" hätte, der heute damit verbunden" werde: "den Sinn einer raumpolitischen und raumökono­ mischen Neugestaltung der europäischen Mitte und des Südostens durch Deutschland im Verein m it anderen Ländern dieses Raumes". List habe dabei "gegen Atomismus und gegen den damit verbundenen politischen Kosmopolitismus nicht nur wegen der Ein­ beziehung nationaler und ethischer Gedanken in die politisch-wirtschaftliche W issen­ schaft" gekämpft, sondern vielmehr den "politisch-historischen Ausgangspunkt der nur scheinbar unpolitischen rein wirtschaftlichen Lehre des Freihandels" aufgedeckt.106 A uf der Grundlage dieser vorgeblichen Mischung aus Antiliberalismus, Antipluralismus und 105

Vgl. T. Steimle: Friedrich List und England, in: Zeitschrift für Politik, 1940, S. 38-43 sowie H. Hunke: Volk und Raum in der wirtschaftlichen Neuordnung Europas, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 571-575, S. 573.

106

Vgl. G. Knoll: Die Mitteleuropa-Ideen von Friedrich List, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 239-254, S. 239.


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"großräumigen" Mitteleuropavorstellungen schienen List' "wirtschafts- und lebens­ räumlichen" Vorstellungen1 7 geeignet, um Ansatzpunkte für eine europäische "Groß­ raumwirtschaft" abzuleiten, da er "den alten Reichsgedanken politisch-ökonomisch fortgebildet" habe, indem er Mitteleuropa kulturell und wirtschaftlich dem Deutschen Reich zuordnete. Damit habe er Deutschland bereits eine "Zivilisationsaufgabe... im mit­ teleuropäischen Raum" zugedacht.107108 Dem ersten Kanzler des zweiten Deutschen Reiches, Otto von Bismarck, war es dann in der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung Vorbehalten, die tradätionsreichen Ideen der deutschen Einheit und der sich anschließenden "Organisation" Europas mit dem Deutschen Kaiserreich von 1871 erneut in die Tat umzusetzen. Dabei war aber zumindest dieser postulierte "Ordnungsanspruch", der mit Bismarcks außenpolitischen Wirken für eine Eingliederung des "saturierten" neuen Machtzentrums in Europa1' verbunden wurde, nicht unumstritten.110Die Mehrzahl der Darstellungen charakterisierte das Bismarck-Reich allerdings tatsächlich als "größte Ordnungstat der damaligen Geschichte", die au f der Grundlage starker innerer Strukturen die Führung und Ordnung Europas "von der Mitte her" nach sich zog. In diesem Verständnis hob Werner Frauen­ dienst unter Mißbrauch der Bismarckschen Saturiertheitspolitik hervor, daß Deutschland dadurch "Herr im eigenen Hause" mit genügend "Raum zum Atmen" geworden wäre. Dabei sei "eine lebensfähige und das Leben fordernde Ordnung" entstanden, "denn Deutschland wollte kein Volk unterdrücken, keinem Staat und Volk etwas wegnehmen, sondern im Gegenteil mit ihnen zusammen an der Erhaltung des Friedens und der Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt arbeiten", wodurch das Reich auch der "selbstver­ ständliche Hüter und Schützer dieser Ordnung"111 geworden wäre. Die so begründete Tradition wurde dann absurderweise, ausgehend von einer Würdi­ gung des Eisernen Kanzlers, direkt auf die Gegenwart übertragen. Der Kreis zwischen historischen Reichsideen und dem nationalsozialistischen deutschen Staat hatte sich geschlossen. Frauendienst führte aus:

107

Vgl. F. Bülow: Friedrich List und die europäische Raumordnung, in: Raumforschung und Raumordnung, 1942, S. 315-322, S. 316ff; P. Heubner: Raumgedanken, geopolitische An­ schauungen und Forderungen bei Friedrich List, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1941, S. 346351 sowie F. Lenz: Friedrich List, ein Pionier des modernen Großraum-Gedankens, in: Zeit­ schrift für Geopolitik, 1942, S. 479-484.

108 109

Vgl. G. Knoll: Die Mitteleuropa-Ideen von Friedrich List, a.a.O., S. 252f. Vgl. O. Franz: Europas Mitte, in: 0 . Franz (Hg.): Europas Mitte, Göttingen/Zürich 1987, S. 3-10, S. 4 siehe auch M. Stürmer: Mitten in Europa: Die deutsche Frage in Geschichte und Gegenwart, in: ebenda, S. 11-27, S. 22f.

110

Vgl. Das Reich und Europa, a.a.O., Einleitung von P. Ritterbusch, S. XV.

111

Vgl. W. Frauendienst: Bismarck als Ordner Europas, in: Auswärtige Politik, 1941, S. 163-184, S. 176.


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"Mit nachtwandlerischer Sicherheit schritt Bismarck voran und bahnte den Weg in eine größere Zukunft: überall den Dingen folgend und sie in steigendem M aße beherrschend, und innerlich auf das Höchste gerichtet, das möglich werden könnte. - W er möchte dabei nicht an die Politik des Führers bis 1938 denken!"112 Das Dritte Reich hatte sich selber als "Vollender" der interpretierten Traditionslinie in die deutsche Geschichte eingeordnet, da im "Führer als dem wahrhaft 'weltgeschicht­ lichen Individuum'... all dieses seinen unmittelbarsten Ausdruck" gefunden habe. Erst in ihm sei "das Reich als Idee und Gestalt der geschichtlich-politischen Einheit des gesamt­ deutschen Volkstums unmittelbar handelnde und vollstreckende Persönlichkeit"113 geworden. Politischer Charakter und politische Gebundenheit der W issenschaft trium­ phierten endgültig und trieben die merkwürdigsten Blüten. Schon allein die Übertragung nationalsozialistischer Begrifflichkeit auf die ausgewählten historischen Ereignisse und Prozesse verdeutlichte die direkte Absicht der propagandistisch orientierten Geschichts­ deutungen: Das Dritte Reich beanspruchte für sich das Privileg, die "zweite Grundle­ gung Europas" mit seinen "Neuordnungs"-Vorstellungen in A ngriff zu nehm en.114 Abgeleitet von den beschworenen "germanischen Traditionen" und ihrer eigenwil­ ligen nationalsozialistischen Interpretation griff die Idee einer "Neuordnung aus der Mitte Europas" heraus dann zusätzlich auf "rassisch-biologische" Ordnungskriterien zurück, die das Bild der nationalsozialistischen "Europa"-Vorstellungen, das aus den historischen Traditionslinien ansatzweise erkennbar wurde, weiter vervollständigten.

2.2.2. Die rassisch-völkischen Ordnungskriterien Die rassisch-biologische Grundlegung der "Neuordnungs'-Vorstellungen knüpfte an die bereits beschriebene Krise des Nationalismus und des Nationalstaatenprinzips an, die in den Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit scheinbar deutlich geworden war. Diese Krisenprozesse wurden jetzt von der nationalsozialistischen Propaganda au f die politische Rolle des Nationalismus zurückgefuhrt, der mit seinem vorgeblich falsch verstandenen Selbstbestimmungsrecht der Staaten den europäischen K ontinent zerrissen habe. Um dieser Entwicklung zu begegnen, wertete die N S-Publizistik die "volks­ politischen Wertmaßstäbe" auf, die vor allem in den dreißiger Jahren das "Volkstum" als Gegenmodell zum Nationalstaat wiederbeleben sollten.115 Wie K arl H einz Pfeffer dann 112

Ebenda, S. 167.

113

Vgl. Das Reich und Europa, a.a.O., Einleitung von P. Ritterbusch, S. XII.

114

Vgl. F.A. Six: Das Reich und die Grundlegung Europas, a.a.O., S. 35.

115

Vgl. W. Hasselblatt: Volkspolitische Wende in Europa, in: Europäische Revue, 1939, S. 28-34, S. 28.


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1944 betonte, ging es in diesen Altematiworstellungen nicht darum, den Nationalismus radikal abzuschaffen, sondern vielmehr um seine Aufhebung im Rahmen einer europäi­ schen Lebensgemeinschaft, die von der Vielgestaltigkeit der Nationen lebte, diese aber nach "völkischen" Gesichtspunkten zu einer neuen Einheit zu ordnen gedachte.116 Als grundlegender Faktor dieser neuen "übernationalen" Gemeinschaft wurde die "rassische Verwandtschaft der europäischen Völker" herangezogen, die eine "tragfähige Basis für eine stärkere und allseitige Verbundenheit im Bewußtsein dieser Einheit" bilde. Die dabei zugrunde gelegten Vorstellungen von einer europäischen "Urrasse" waren al­ lerdings genauso wie die nationalsozialistische Rassenpolitik insgesamt von den Wider­ sprüchen, den historischen Unsinnigkeiten und den begrifflichen Unklarheiten geprägt, die aus der versuchten einseitigen Übertragung biologischer Erkenntnisse auf die menschliche Gesellschaft resultierten. Letztlich lieferten diese Theorien nur die ideologi­ sche Grundlage, um die systematische Be- und Entvölkerungspolitik als Bestandteil der deutschen Außenpolitik zu erklären.117 Demzufolge blieb in den verschiedenen Beiträgen unklar, ob es sich in der Gegenwart um die Nachkommen einer ursprünglichen "europiden" Rasse handelte, die im Laufe der Jahrhunderte in verschiedene Gruppen aufgespalten worden war, oder ob nunmehr auf dem europäischen Kontinent verschiedene Rassen nebeneinander existierten, die das ursprünglich Erbe in unterschiedlichster Weise weitertrugen. Der gemeinsame Tenor war lediglich darauf reduziert, die - wie auch immer definierte - "germanische" oder "nordische Rasse" in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen, um auch auf diese Weise die besonderen Rechte Deutschlands zu begründen. Wissenschaftlich haltbare Theorien konnten dabei allerdings nicht entstehen. So stellte beispielsweise Hermann Noack fest, daß die europäischen Völker der arischen oder indogermanischen Völker­ familie angehörten, die, unterteilt in die germanische, romanische und slawische Gruppe, mit ihrer "Blutsverwandtschaft" trotz der phänotypischen Mannigfaltigkeit ihrer Ange­ hörigen die gemeinsame Basis der künftigen europäischen Lebensgemeinschaft bildete.118 Franz Alfred Six benutzte diese "rassische" Konstruktion dann vor allem, um den europäischen Erdteil als künftigen "Großraum" auch geographisch von Asien abzugrenzen: Wie er feststellte, sei Europa also "der aus der Gestaltungskraft der ari­ schen Rasse geschaffene Lebensraum der europäischen Rassen und Völker". Dabei wäre die "gemeinsame rassische Herkunft über alle trennenden politischen, staatlichen und weltanschaulichen Unterschiede" hinweg das "verbindende Element der europäischen ‘

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Vgl. K.H. Pfeffer: Die europäische Besinnung, in: Zeitschrift für Politik, 1944, S. 377-385, S. 378,383. Vgl. K. Hildebrand: Das vergangene Reich, a.a.O., S. 705ff. Vgl. H. Noack: Das geschichtliche Wachstum des europäischen Gesamtbewußtseins, in: Aus­ wärtige Politik, 1944, S. 277-287, S. 279.


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Völker."119 Die in diesen Auszügen bereits deutlich werdenden Schwierigkeiten, den B egriff der "Rasse" zu definieren und die europäischen Verhältnisse m it dieser K ategorie eindeutig zu beschreiben, prägten die gesamte Erörterung des Problems nachhaltig. V or allem die Abgrenzung der Begriffe "Rasse", "Volk", "Nation" oder "Staat" bestimmten die Diskus­ sion: Während eine "Rasse" in der nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Terminologie eine biologisch "gewachsene Einheit höheren Ranges" darstellte, die durchaus gewisse genetische Unterschiede einschloß, wurde der B egriff des "Volkes" zur biologisch­ geographischen Kategorie erklärt.120 Wie ein Beitrag von W olf gang B. Lengercke aus dem Jahr 1943 betonte, gewann damit der "Gedanke der Rasse" eine "überzeitlich zusammenschmelzende Kraft von geschichtsgestaltender W irkung". Die "Gattung Mensch" würde "als rassische Einheit in einem begrenzten Lebensraum zu jenem überzeitlichen Generationsorganismus" heranwachsen, der "in unaufhörlicher An­ passung an seinen Raum und unter ständiger Umgestaltung seiner Um welt schließlich als organisch geformtes Gebilde Volk" erscheine.121 In der Fortsetzung dieser Argumen­ tation entstand aus der Wechselwirkung von "Mensch und Umwelt" der "W esensbegriff Volk und Nation", während der "Staat" die dazu gehörige geographische Ausdehnung abgrenzte und damit gleichsam die Summe aus Umwelt und Volk darstellte.122 Die Frage, ob der Kontinent Europa somit von einer grundlegenden Rasse oder verschiede­ nen geprägt werde, mußte dabei weiterhin offen bleiben. Im Hinblick au f das nationalso­ zialistische Ziel, die Revision der bestehenden Grenzen zu deutschen Gunsten zu be­ gründen, waren diese Überlegung aber auch zweitrangig, da es "genügte", zu betonen, daß die Staatsgrenzen nicht mit der Verteilung der Bevölkerungsgruppen überein­ stimmen würden. Um die augenscheinlichsten Widersprüche in der Rassentheorie zu mindern, formu­ lierte daraufhin beispielsweise F. Orsos, das die europäischen Völker nach der Völker­ wanderung so "durchmischt" seien, das "reine Rassen" kaum noch zu finden wären. Eine Einteilung der europäischen Rassen sei deshalb nur noch nach geographischen Gesichts­ punkten möglich, nach denen er eine nordische, baltische, mediterrane, dinarische oder kaukasische Rasse benannte, deren "biologische Reinheit" nun gegen "fremde Einflüsse" gesichert werden müsse.123 Im Unterschied zu dieser aktuellen Vielfalt wurde allerdings 119 120 121 122 123

Vgl. F.A. Six: Das Reich und die Grundlegung Europas, a.a.O., S. 14. Vgl. G. Haase-Bessell: Volk und Rasse in ihren Beziehungen zueinander, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1939, S. 657-674, S. 661f. Vgl.W.B. Lengercke: Raum, Volk, Staat, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1943, S. 185-188, S. 187. Vgl. ebenda, S. 188. Vgl. F. Orsos: Die Überwindung der biologischen Gefährdung Europas, in: Junges Europa, 1943, S. 32-38, S. 34, 36.


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die Idee der indogermanischen Rasse, dem "Urquell" der europäischen Bevölkerung, als letztlich entscheidender Ausgangspunkt der biologisch-rassischen "Neuordnung" des Kontinents beibehalten. Europa stünde gegenwärtig - wie Karl C. von Loesch 1944 fest­ stellte - vor der Aufgabe, die Grundlagen für die künftige Lebensgemeinschaft der euro­ päischen Völker zu schaffen. Da die historischen Vorläufer mit ihren nationalstaatlich geprägten Strukturen nicht in der Lage gewesen seien, den Kontinent sowohl nach außen zu sichern als auch nach innen dauerhaft zu befrieden, müßten neue Ordnungs­ kriterien gefunden werden, die diese Mängel im Rahmen einer überstaatlichen Einheit beheben könnten, die das staatliche Souveränitätsprinzip ablöste. Für Loesch galt Europa deshalb als der "Mutterraum" der hellhäutigen europiden Rasse, die in der Gegenwart durch das Nebeneinander von "Volkspersönlichkeiten" auf unterschiedlichen Entwick­ lungsstufen gekennzeichnet wurde. Die ursprüngliche rassische Zusammengehörigkeit dieser verschiedenen Einzelvölker bildete für ihn die Grundlage einer neuen Ordnung, in der "eine große Zahl wohlausgebildeter, erhärteter und einsatzfähiger Volkspersön­ lichkeiten... au f Grund langer Entwicklungen der rassisch günstig zusammengesetzten Völker dieses Erdteils eine einzigartige Lebensgemeinschaft" eingehen könnten.1'" Den Nationalstaaten der Vergangenheit wurde die Idee einer vorgeblich "rassisch gegliederten, aber organisch gebundenen Ordnung der Völker" entgegengesetzt, die die als grundlegend dargestellten rassisch-biologischen Kriterien der europäischen Zu­ sammengehörigkeit wieder aufgreifen würde. Volk und Volkstum wurden angesichts der Problematik des Rassenbegriffs und seiner Anwendbarkeit auf die menschliche Gesell­ schaft zu den bestimmenden Werten der "Neuordnung" stilisiert, die es gestatteten, die politischen Grenzen und staatlichen Gliederungen insgesamt in Frage zu stellen. Wie es Reichspressechef Otto Dietrich 1941 formulierte, würde die "Revolution unserer Zeit" damit den "Individualismus als falsche Grundlage des Denkens" enthronen und die "Menschenrechte des Volkes, die eine neue Epoche in der Entwicklung Europas und der Ordnung seines Lebens begründen" wiederentdecken. In dieser Ordnung würden sich die Völker Europas dann "aus den Trümmern einer vergangenen Epoche wieder zu neuem blühenden Leben erheben"124125 können. Der tiefere Sinn, der in der Verwendung dieser nunmehr rassisch-völkisch bestimm­ ten Kriterien lag, wurde in der Präferierung des deutschen Volkstums und der Untersu­ chung seiner geographischen Verteilung deutlich: Wie F. Lenz betonte, seien die Germa­ nen die einzigen, die in Europa ihre "Rassenkraft" ungebrochen bewahrt hätten und auf

124 125

Vgl. K.C. Loesch: Die Lebensgemeinschaft der europäischen Völker, in: Jahrbuch der Weltpo­ litik, 1944, S. 61-103, S. 61,69, 86. f Vgl. D. Otto: Die geistigen Grundlagen des neuen Europa, Berlin 1941, S. 31.


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dieser Grundlage zum Träger der modernen europäischen K ultur gew orden wären.12* Die Theorien vom Volkstum und der völkischen Ordnung charakterisierten in der natio­ nalsozialistischen Argumentation zunehmend den Kompromiß zw ischen dem Staat und dem erstrebten "großräumlichen" Zusammenschluß in Europa. Das Volkstum "drängte" im 20. Jahrhundert - laut einem Beitrag von Alfred Thoss - gegen die alte Ordnung und ihre Staatsauffassung an, um die "im Blut verwurzelten natürlichen Rechten" wieder zur Geltung zu bringen, die den Kem der "Neuordnung" ausm achen w ürden.126127 Das so beschworene Volkstum stellte in dieser Sichtweise den "wahren Wert" dar, dessen Bedeutung vor allem die nationalsozialistische Politik bis 1938 in den ersten - noch friedlichen - Revisionen des Versailler Vertrages berücksichtigte.128 Oberstes Ziel dieser Aktionen, die nach 1939 mit militärischen Mitteln fortgesetzt wurden, w ar in dieser Lesart nicht Expansion, sondern die "Festigung des deutschen Volkstum s" als A us­ gangspunkt der rassisch-völkisch bestimmten "Neuordnung" des europäischen Konti­ nents.129 Deutschland beanspruchte damit die Aufgabe, nachdem es zunächst die deut­ sche Volksgemeinschaft auf rassenpolitischer Grundlage errichtet hatte, auch weite Teile Europas nach völkischen und staatsrechtlichen Gesichtspunkten in ihrem Verhältnis zum Reich neu zu ordnen, um die völkische Reichsgestaltung im europäischen Maßstab durchzusetzen.130 In diesem Zusammenhang wurde die Vision einer europäischen "Völkerfamilie" ent­ wickelt, um das Grundprinzip des Zusammenlebens in der künftigen, völkisch geprägten europäischen Lebensgemeinschaft zu beschreiben.131 Ähnlich wie in einer Familie sollten die Rechte und Pflichte der einzelnen Glieder der künftigen Völkerfam ilie vom Gemeinwohl bestimmt werden. Werner Daitz132 benannte leitete daraus das grundlegen­ de "Sittengesetz" der rassisch-völkisch gegliederten Gemeinschaft ab, das vom einzelnen Volk zwar die Unterordnung unter das Allgemeinwohl verlangte, ihm aber gleichzeitig zusicherte, seine spezifische Persönlichkeit als Gegenpol zur Völkerfamilie beizubehal­ ten, um die kulturelle Mannigfaltigkeit und Leistungsstärke des Kontinents zu gewähr-

126

Vgl. F. Lenz: Die biologische Entwicklung der europäischen Völker, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 597-608, S. 600.

127

Vgl. A. Thoss: Die Umsiedlungen und Optionen im Rahmen der Neuordnung Europas, in: Zeitschrift fiir Geopolitik, 1941, S. 125-136, S. 125. ' : ■

128 129

Vgl. W. Hasselblatt: Volkspolitische Wende in Europa, a.a.O., S. 28. -> Vgl. A. Schürmarm: Festigung deutschen Volkstums in den eingegliederten Ostgebieten, in: Reich, Volksordnung, Lebensraum, Bd. VI, 1943, S. 475-538, S. 480.

130

Vgl. W. Stuckart: Staatsangehörigkeit und Reichsgestaltung, in: Reich, Volksordnung, Lebens­ raum, Bd. V, 1943, S. 57-91, S. 57.

J31

Gleichzeitig ermöglichte es dieses Modell, das Führerprinzip als Grundlage der zwischen­ staatlichen Ordnung einzufuhren. (Vgl. 3. Kapitel) -i

132

W. Daitz war u.a. Gesandter und Leiter der Außenhandelspolitischen Abteilung der NSDAP.


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83

leisten.133 Allerdings schloß dieses Sittengesetz nicht aus, daß im Rahmen der völkischen "Neuordnung" eine "naturgemäß" bestimmte "völkisch gestufte Ordnung" entstehen würde, die zw ischen "Volkszugehörigen", "Fremdvölkischen" und "Fremdrassigen" unterschied und damit das Bild von der Völkerfamilie deutlich unterlegte .134 In diesem Rahmen beanspruchte Deutschland aufgrund der postulierten Überlegenheit des deut­ schen Volkstum s in Europa eine bevorzugte Position. Schon die Sammlung der deut­ schen Volksgruppen im Ausland bildete damit im Hinblick auf eine völkisch bestimmte "Neuordnung" des europäischen Kontinents den ersten Schritt, um die staatlichen Ver­ hältnisse in Europa umfassend neuzugestalten.135 Somit wurden sowohl die beginnenden Umsiedlungsaktionen, die mit der Völkerwanderung verglichen wurden, als auch in besonderem M aße die deutschen Eroberungen nach dem Beginn des Krieges mit dem Ziel begründet, das deutsche Volk wieder in einem gemeinsamen "Lebensraum" zu vereinen: "Gleiches Blut" gehöre zueinander und dürfe nicht durch "Grenzen, die nur von Menschenhand geschaffen sind", getrennt werden.136Nachdem Hitler die Umsied­ lungsaktionen in seiner Rede vom 6. Oktober 1939 zur offiziellen Politik erklärt hatte, ernannte er den Reichsfuhrer SS, Heinrich Himmler, zum Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die deutschen Volksgruppen aus dem Osten "heim ins Reich" zu holen sowie die neueroberten Gebiete im Osten "einzudeutschen".137 In der praktischen Umsetzung der deutschen "Neuordnungs"-Vorstellungen im Krieg wurde allerdings sehr schnell deutlich, daß die Idee der europäischen "Völkerfamilie", die in den weiteren Überlegungen hinsichtlich des politischen Zusammenlebens im künftigen "Großraum" Europa noch konkretisiert wurde, weit von der Realität der nationalsozialistischen Politik entfernt war. Deutschland übertrug seine Rassen- und Volkstumspolitik au f das neu zu ordnende Europa, so daß "fremdvölkische" - also nichtdeutsche - Europäer zu Menschen zweiter Klasse degradiert und "fremdrassische" wie die Juden aus der propagierten "Völkerfamilie" von Anfang an ausgenommen blieben.138 M it dem vordergründig propagierten Ziel, das "biologische Erbgut" der - nur

133

Vgl. W. Daitz: Völkischer Sozialismus - europäischer Sozialismus, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1943, S. 345-349, S. 345ff.

134

Vgl. W. Stuckart: Staatsangehörigkeitsrecht und Reichsgestaltung, a.a.O., S. 61.

135

Vgl. u.a. E. Hoffmann: Die Volkwerdung der Deutschen im Südosten, in: Zeitschrift für Poli­ tik, 1940, S. 100-104, S. 102.

136

Vgl. H. Krieg: Deutsche Volksgruppen ziehen um, in: Zeitschrift für Politik, 1940, S. 44-50, S. 44f. ............ .. Vgl. A. Thoss: Die Umsiedlungen und Optionen im Rahmen der Neuordnung Europas, a.a.O., S. 125f sowie A. Schürmann: Festigung deutschen Volkstums in den eingegliederten Ostge­ bieten, a.a.O., S. 482. Vgl. W. Stuckart: Staatsangehörigkeit und Reichsgestaltung, a.a.O., S. 86,90.

137

138


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Die Grundzüge der “Neuordnung

ungenügend definierten - Rasse Europas zu erhalten, galt es, sowohl jegliche Rassen­ mischung zu vermeiden als auch den Bolschewismus zu überwinden, was als "größte rassenhygienische Tat" Deutschlands gefeiert w urde.139 Ausgehend von der "Überlegenheit" des deutschen Volkstums und der vorgeblichen Erkenntnis der rassisch-völkischen Ordnungskriterien nutzte die nationalsozialistische Propaganda auch diese Aspekte, um den deutschen Führungsanspruch au f dem Konti­ nent zu untermauern. Angesichts der konstatierten Notwendigkeit, den europäischen Kontinent "neuzuordnen", entwickelte die NS-Wissenschaft, abgeleitet von den gewähl­ ten historischen Vorbilder und den vordergründigen rassisch-völkischen Gesichts­ punkten, das Modell vom "Großraum" Europa als Alternative zur Nachkriegsordnung, das immanent den deutschen Führungsanspruch voraussetzte.

2.3.

Europäische Selbstbehauptung durch "Großraum''-Bildung: Das Modell

2.3.1. Die nationalsozialistische Alternative zum Untergang Europas Entsprechend ihrer Interpretation der europäischen Situation in der Zwischenkriegszeit, deren Problematik spätestens der Ausbruch des Krieges nachhaltig verdeutlichte, bezog die NS-Wissenschaft diese Tatsache in die Argumentation für eine "Neuordnung" der europäischen Verhältnisse ein. Sie forderte eine umfassende Veränderung der politi­ schen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt der geographisch-staatlichen Zustände au f dem Kontinent, um der verheerenden Situation Abhilfe zu schaffen. Dabei galt der Krieg in der nationalsozialistischen Weltanschauung, vor allem aber auch im politischen Ver­ ständnis ihrer Führer als legitimes, ja unausweichliches Mittel der Politik. Basierend auf sozialdarwinistischen Überzeugungen schien letztlich nur der Krieg das "Naturgesetz des Stärkeren" im "Lebenskampf1durchsetzen zu können,140 wobei deutsche und euro­ päische Interessen als synonym dargestellt wurden. Getreu dieser Blickrichtung verwies ein Beitrag von Luciano Conti noch im Jahr 1939 - vor dem Ausbruch des Krieges - au f die Gefahren, die sich aus der ungleichen Ver­ teilung der Rohstoffe und der Kolonien unter den europäischen und W eltmächten für den Frieden ergeben würden, wenn die besser gestellten Staaten nicht bereit wären,

139

Vgl. F. Lenz: Die biologische Entwicklung der europäischen Völker, a.a.O., S. 607f.

140

Vgl. H.-A. Jacobsen: Krieg in Weltanschauung und Praxis des Nationalsozialismus, in: K.D. Bracher/M. Funke/H.-A. Jacobsen: Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945, S. 427-439, S. 429.


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freiwillig au f einen Teil ihrer Rechte und Besitzstände zu verzichten.141 Die kaum verhüllte D rohung m it dem Krieg, der aus den geschilderten Problemen resultieren würde, forderte eine Lösung heraus. Aber obwohl man anerkannte, daß ein Krieg die europäische Stellung in der Welt nachhaltig gefährden würde,142 propagierte man in Deutschland bereits gegen Ende der dreißiger Jahre die Ansicht, daß eine künftige, unvermeidbar erscheinende militärische Auseinandersetzung auf dem Kontinent die Frage nach der "Selbstbehauptung”Europas auf die Tagesordnung stellen würde. Diese Blickrichtung rückte im V erlauf des Krieges noch stärker in den Mittelpunkt, da der erneute "Binnenkrieg" Europa tatsächlich an den "Rand einer kontinentalen und welt­ politischen Katastrophe" gebracht hatte.143 Diese Art der Sinngebung des Krieges wurde im weiteren V erlauf der Kampfhandlungen in ihrer antibritischen, antibolschewistischen und endlich auch antiamerikanischen Frontstellung noch verstärkt. Der zunächst rein "deutsche" K am pf erhielt durch diese Interpretation im Sommer 1941 eine "europäische" Dimension, so daß der "Kam pf um die Selbstbehauptung dieses Kontinents gegen raumfremde M ächte und Ideologien" zum "großen Losungswort" wurde.144 Der vor­ gebliche "geschichtliche Sinn" des Krieges lag damit in dem "Ringen des Reiches und Europas um die Selbstbehauptung unseres Kontinents gegenüber den Überfremdungs­ versuchen aus dem Westen und dem Osten".145 Diese Argum entation führte Friedrich Berber 1943 konsequent zu Ende, indem er schlußfolgerte, daß "die Bedeutung dieses Krieges", sein "Sinn für Europa... schon heute unmißverständlich klar" sei: Europa wäre "zu klein geworden für sich befehdende antagonistische Souveränitäten", ein "zerspaltenes Europa" sei "zu schwach, um sich inmitten einer W elt von Großreichen und kontinentalen, ja hemisphärischen Zusammen­ ballungen in seiner Eigenart und Eigenkraft zu erhalten". Deshalb würde Europa nach diesem Krieg "geeinigt sein - oder es wird nicht mehr sein". Diese Einigung dürfe sich aber nicht au f den "bloß formalen, fast automatisch durch den Krieg eintretenden" Prozeß beschränken, der lediglich die Grundlagen schaffe. Europa bedürfe darüberhinaus "ebensosehr der starken Einigung nach außen wie der freien Entwicklungsmöglich­ keit seiner Glieder in bunter Mannigfaltigkeit im Innern."146 Angesichts dieser umfassenden Problematik erschien die Aufgabe, eine adäquate "Verfassung" für das künftige Europa zu finden, laut Berber "ebenso schwer als groß":

141 142

Vgl. L. Conti: Die Stellung der Großmächte in der internationalen Ordnung, a.a.O., S. 313. Vgl. z.B. R. Fischer: England und Europa, in: Volk und Reich, 1938, S. 301-307, S. 301.

143

Vgl. F.A. Six: Die Binnenkriege des europäischen Kontinents und der Einigungskrieg der Gegenwart, a.a.O., S. 240. Vgl. K. Rüdiger: Die Freiheit Europas wird im Osten erkämpft, a.a.O., S. 648.

144 145

Vgl. H. Kaiser: Europa als Aufgabe, a.a.O., S. 462.

146

Vgl. F. Berber: Europa als Erbe und Aufgabe, a.a.O., S. 12.


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Die Grundzüge der “Neuordnung"

Sie sollte "stark genug" sein, "um allen sinnlosen Bruderkriegen im Innern wie allen Interventionen raumfremder Mächte von außen Einhalt zu gebieten", aber auch "weit genug" seine, "um der freien Entfaltung aller Glieder in der Gem einschaft Raum zu geben" und "um alles das, was Europa erst eigentlich ausmacht", zu bewahren und zu fördern147 - ein Anspruch, der angesichts der NS-Realität kaum durchsetzbar bleiben mußte. Bereits in der Zwischenkriegszeit und verstärkt im neuen W eltkrieg waren aus deut­ scher Sicht durch die Konfrontation von demokratischen und totalitären faschistischen bzw. nationalsozialistischen Systemen zwei Alternativen entstanden, die eine Lösung der Situation von unterschiedlichen gesellschaftlichen und weltanschaulichen Standpunkten anboten: Wie es Roland Freisler ausdrückte, bildeten das "imperialistische Prinzip Englands und das organische Lebensprinzip Europas" die Pole, die von "zwei Lebens­ prinzipien" und ihren "Rechtsordnungen" bestimmt wurden.148 D a das liberal-demokrati­ sche Modell von der nationalsozialistischen Ideologie zum "Feindbild" deklariert worden war, das den drohenden Untergang des Kontinents zu verantworten hätte, suchte die NS-Wissenschaft nach einer totalitär geprägten Lösung, die allerdings in ihrer Propagierung die hegemonialen Aspekte des Dritten Reiches vermeiden mußte. Gleich­ sam als Antithese zu den Nachkriegsplanungen der britisch-amerikanischen Alliierten wurde eine traditionell-historisch und "rassisch" begründete, nationalsozialistische Idee für den europäischen Kontinent angeboten,149 die statt einer "angelsächsischen W eltherr­ schaft" im Falle des alliierten Sieges die Abgrenzung der Macht- und Einflußsphären durch eine "Großraum "-Bildung verlangte.150 Dabei bestand das Credo der deutschen Politik laut Friedrich Stieve darin, "der Destruktion unseres Erdteils den sinnvollen Aufbau entgegenzustellen, den Aufbau vom Herzen, von der Mitte her, der dem N orden des Festlandes immer, so lange die Geschichte währt, den Frieden zu schenken vermoch­ te, genau wie im Süden Italien von der Mitte des Mittelmeeres aus zur B efriedung der anwohnenden Völker die Führung übernehmen" müsse. Dabei ginge es "nicht um W illkür und Unterdrückung", sondern "um Entfaltung gemeinsamer Lebensgesetze, deren Wirken durch die Gewalt von außen h e r ,... so oft gehemmt und erstickt worden" sei. Stieve schlußfolgerte deshalb gleichsam "folgerichtig", daß "wer Europa w ill,... den Sieg seines wahren Vorkämpfers..., den Sieg A dolf Hitlers" wollen m üsse.151

147 148

Vgl. ebenda, S. 12. Vgl. R. Freisler: Vom Recht der europäischen Ordnung, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Grossraumwirtschaft, Jahrbuch 1942, S. 71-77, S. 72.

149

Vgl. A. Haifeld: Europäisches oder amerikanisches Jahrhundert? a.a.O., S. 683.

150

Vgl. E. Zechlin: Die europäische Ordnung, in: Zeitschrift für Politik, 1942, S. 153-174, S. 173. Vgl. F. Stieve: Wendepunkte europäischer Geschichte, a.a.O., S. 244f.

151


Die Grundzüge der "Neuordnung"

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Allerdings zeichnete die grundsätzliche Überzeugung, daß der Krieg ein adäquates Mittel sei, um Europa zu "befrieden", trotz gegenteiliger Beteuerungen schon ein deutlicheres Bild vom nationalsozialistischen Europamodell. So bestand das propagierte Ziel der deutschen Europapläne zwar darin, eine "echte Friedensordnung" auf dem Kontinent zu errichten, die vordergründig "allen Fähigkeiten zur Entwicklung" ver­ helfen152 und die "Ungerechtigkeiten" des Gleichgewichtssystems der Zwischenkriegs­ zeit beenden sollte. A ber dabei galt es dabei, zuvor "Großdeutschland" in seinen "end­ gültigen Grenzen in militärischer, wehrwirtschaftlicher und moralischer Hinsicht" so weit zu stärken, daß "jeder Versuch einer Änderung dieses Zustandes durch inner- oder außereuropäische K räfte von vornherein aussichtslos" sein würde. Erst nachdem dieses "Nahziel" der deutschen Politik und Kriegführung erreicht wäre, das eine massive Expansion bedeutete, stünde mit der "Neuordnung" Europas das deutsche "Fernziel" einer "Friedensordnung" auf der Tagesordnung.153 Wie Anton Reithinger 1940, auf dem Höhepunkt der m ilitärischen Erfolge Deutschlands, ausführte, werde dieses "Fernziel" allerdings erst "in allgemeinen Umrissen" sichtbar. Dabei hob er vor allem die histor sehen Gemeinsamkeiten der europäischen Staaten hervor und entwarf die Vision von Nationen, die "au f der Grundlage der Erkenntnisse und des technischen Fortschritts unserer Zeit als eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Lebensgemeinschaft gegenüber den übrigen Erdteilen fortentwickelt werden" sollten. In diesem Sinne müßten die "im Laufe vieler Jahrhunderte herausgebildeten Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Interessen... gefordert werden", ohne die "Vielseitigkeit der eigengesetzlichen Entfaltung der einzelnen Völker" zu hemmen. Voraussetzung dafür sei aber, "daß der politische und geistige Einfluß raumfremder Mächte auf unserem Erdteil liquidiert bzw. auf die übli­ chen Beziehungen zu raumfremden Mächten beschränkt" würde.154 Blieben damit die deutschen Vorstellungen vorerst noch auf den europäischen Konti­ nent beschränkt, dehnte sie ein Beitrag von Fürst Albrecht Urach 1942 auf die ganze Welt aus: Für ihn bestand das "Ziel dieses Krieges und der damit verbundenen Neu­ ordnung" darin, einen insgesamt "als ungerecht empfundenen Weltzustand durch einen gerechten, den veränderten Gegebenheiten Rechnung tragenden neuen Rechts- und Friedenszustand" zu ersetzen, der Besitz und Einfluß der einzelnen Staaten ihrer tatsäch­ lichen M acht anpasse.155 Ausgangspunkt für diese weitreichenden Ansprüche blieb allerdings die "Rettung Europas" vor der postulierten "angelsächsischen" und bol­ schewistischen Gefahr, deren Bedeutung mit fast religiös anmutendem Pathos be-

152

Vgl. J. Kühn: Über den Sinn des gegenwärtigen Krieges, Teil 3, a.a.O., S. 169.

153

Vgl. A. Reithinger: Die Wiedergeburt des Abendlandes, in: Europäische Revue, 1940, S. 459463, S. 461. Vgl. ebenda, S. 462. Vgl. A. Urach: Die Neuordnungsprobleme Japans und Deutschlands, a.a.O., S. 804.

154 155


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Die Grundlüge der “Neuordnung "

schworen wurde. So verwies eine Broschüre des Reichsführers S S darauf, das die "Ret­ tung" Europas - hier konkret vor den "Bedrohungen des Bolschew ism us" - die "Be­ sinnung auf die kulturelle Gemeinsamkeit vertiefen und den freien Zusam m enschluß der europäischen selbständigen Völker zu einer neuen sozialistischen Lebensordnung, einem kontinentalen Wirtschaftsblock herbeifuhren" werde. Erst a u f "gem einsam er kultureller Grundlage, in gemeinsamer Zusammenarbeit" könne das "neue Europa seine N ahrungs­ freiheit, seine wirtschaftlichen, politischen und militärischen Problem e regeln". Die Broschüre erteilte dabei dem "alten nationalstaatlichen Denken" genauso eine Absage wie dem "privatkapitalistischen Eigennutz", die "auf den Schlachtfeldern dieses Krieges überwunden worden" seien. Gerade dieses "gemeinsame Schicksal und die gemeinsame Wohlfahrt", die aus den Erfahrungen der militärischen Auseinandersetzungen resultier­ ten, würden "das neue, freie Europa bestimmen".156 Die beschworene "kulturelle Ge­ meinsamkeit" griff dabei auf das Modell der "neuen deutschen Lebensform" zurück, das auf den gesamten Kontinent übertragen werden sollte, da es scheinbar als einziges die Möglichkeit bot, angesicht der modernen Anforderungen der technischen Entwicklung "Persönlichkeit, Familie und Bodenständigkeit" als "zentralen Inhalt alles m enschlichen Daseins" zu berücksichtigen.157 In dieser Sichtweise strebten die Achsenmächte eine "neue O rdnung in E uropa” an, die den Kontinent "für immer von angelsächsischer, plutokratischer Vorherrschaft und bolschewistischer Gefahr befreien und den Völkern Europas eine glückliche Entwick­ lung in dem Lebensraume sichern (würde), den die Vorsehung ihnen angewiesen habe."158 Diese Vorstellungen umfaßten weitreichende Schlußfolgerungen hinsichtlich der Neuregelung sowohl der innereuropäischen als auch der Außenbeziehungen des Kontinents. Wie es Walther Jantzen 1941 beschrieb, würden Italien und Deutschland dafür sorgen, daß "Europa zu einem innerlich befriedeten Wirtschafts- und Kulturraum" werde, der "das Erbe seiner alten Reiche zu hüten" habe. Dabei sollte der "Erdteil Afrika... in Zukunft der aufbauenden Ordnung dieses neuen Europa unterstellt sein und damit aufhören, Ausbeutungsfeld beliebiger Mächte zu sein." In diesem Prozeß stünden die "kleineren Mächte Europas" vor der Entscheidung, sich entweder "dem Friedens­ werk der großen Staaten anzuschließen oder aber - au f die Karte eines untergehenden Britenreiches zu setzen."159 Um diese Ziele endgültig zu definieren, entwarf die nationalsozialistische W issen­ schaft die Idee einer umfassenden "Neuordnung" der politischen, staatlichen und wirt-

156

Vgl. Europa und der Bolschewismus, a.a.O., S. 7.

157

Vgl. K.A. Prinz Rohan: Europa und der Bolschewismus, a.a.O., S. 223.

158

Vgl. W. Frh. v. Rheinbaben: Kurzgefaßte politische Geschichte des Krieges 1939-1942, Berlin 1942, S. 8. Vgl. W. Jantzen: Geopolitisches zur Weltlage, a.a.O., S. 58.

159


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schaftlichen Verhältnisse in Europa, die in der anvisierten Form eines sowohl politisch­ geographisch als auch wirtschaftlich bestimmten "Großraumes" die politischen Grenzen und die zwischenstaatlichen Verhältnisse und Rechtsordnungen ändern würde. Analog zu einem beobachteten weltweiten Prozeß, in dem sich "gewaltige Räume der Erde" zu "Zivilisations- und Interessengemeinschaften" zusammenschlössen, schien Europa dieser Argumentation folgend - gezwungen zu sein, "ein Gleiches zu tun", da es ande­ renfalls "zur Bedeutungslosigkeit herabsinken und aufgerieben werden" könne, "wenn es weiter seine Kräfte in inneren Spannungen vergeudet, anstatt sie in einem gewaltigen, zusammengefaßten, nach außen wirkenden Impuls auszustrahlen."160 Auf dem Höhe­ punkt der deutschen militärischen Erfolge lieferte dabei die Negierung der alten Welt durch die innen- und außenpolitischen Prinzipien des nationalsozialistischen Deutsch­ land die Grundzüge der angestrebten "Neuordnung", die aus der "Unhaltbarkeit" der alten Zustände als "Gemeinschaftswerk" der europäischen Völker verwirklicht werden sollte. So stellte beispielsweise Wilhelm Stuckart 1941 angesichts der Kriegsrealität mit unübertroffenem Pathos bereits diese künftige "neue Ordnung" in Aussicht, die ange­ sichts der realen deutschen Politik eine rein propagandistische Vision bleiben mußte. Er bemerkte: "Noch spricht das Schwert. Aber schon künden im Zusammenbruch der demokratischen Welt mit ihrer Fiktion der mechanischen Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, aus der auch formal und scheinheilig die im praktischenVölkerleben jedoch gerade von den großen Demokratien stets mit Füßen getretene Gleichheit kleiner und kleinster Staaten mit den großen schöpferischen Nationen folgen sollte, die Linien der kommen­ den Neuordnung an. Allenthalben wächst die Einsicht in die Unhaltbarkeit der bisheri­ gen politischen und wirtschaftlichen Systeme, wächst das Bewußtsein der Schicksals­ gemeinschaft des europäischen Kontinents, wächst das Verständnis für die Notwendig­ keit klarer verantwortlicher Führung in der Meisterung der uns gemeinsam gestellten Aufgaben. Im Verzicht au f vermeintliche Errungenschaften eines überspannten Na­ tionalismus und im Einsatz der richtig eingeschätzten eigenen Kräfte für die ihnen zukommenden Teilaufgaben auf der einen Seite, - in der Beseitigung verhängnisvoller Großmachtrivalitäten, im Schutz des gemeinsamen Lebensraumes gegen raumfremde Eingriffe von außen, in der verantwortlichen Aufgabenstellung und der Entwicklung schöpferischer Kräfte auf der anderen Seite werden alle europäischen Nationen, die jung und für den Gedanken einer neuen und gerechten Ordnung in Europa lebenskräftig genug sind, ihren Beitrag zur Neuordnung des Kontinents leisten."161

160 161

Vgl. E. Sennhauser: Von der Größe europäischen Menschentums, a.a.O., S. 39. W. Stuckart: Die Neuordnung der Kontinente und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Verwaltung, in: Reich, Volksordnung, Lebensraum, Bd. 1 ,1941, S. 3-28, S. 4f,


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Die Grundzüge der "Neuordnung"

2.3.2. Die Grundzüge der "neuen Ordnung" Europas Im Prozeß der Ausprägung des künftigen "Großraumes" erhielt der K rieg in Europa in der nationalsozialistischen Interpretation eine Schlüsselfunktion. Im Ergebnis der deut­ schen Eroberungen sollte eine "ganz neue Welt" entstehen, die sowohl vom Bolschewis­ mus als auch von den "absterbenden Kräften" Großbritanniens und der USA frei sein würde,162 während die "drei aufstrebenden, jungen Völker" Deutschland, Italien und Japan das Bild der neuen Weltordnung prägen würden.163 In diesem Rahmen wäre Europa künftig in militärischer und vor allem wirtschaftlicher Hinsicht "blockadefest" und damit unabhängig von außereuropäischen Mächten und ihren "Einmischungs­ versuchen".164Um diese Ziele langfristig zu sichern, stand die propagierte "Neuordnung" des europäischen Kontinents vor zwei grundsätzlichen Problemen, die laut Albrecht Urach "erstens die Beseitigung der Ursachen, die zum jetzigen Konflikt und im gewis­ sen Maße auch zum Ausbruch des ersten Weltkrieges führten, und zweitens nach Aus­ rottung dieser Ursachen den Aufbau einer neuen Welt au f machtpolitischem, wirt­ schaftlichem und sozialem Gebiet nach den geschichtlichen Erkenntnissen und letzten sozialen Erfordernissen unserer Zeit" umfaßten. Das bedeutete au f "militärpolitischem Gebiet", die bisherige "Weltherrschaft der Angelsachsen" zu zerstören, au f wirtschaftli­ chem Gebiet, "blockadefeste" und weitgehend autarke Räume aufzubauen, die von den Hoheitsgebieten der Dreierpaktmächte ausgingen, sowie im sozialen Bereich, "den neuen sozialen Gedanken auch auf alle in den neuen Räumen zusammenlebenden Völker zu übertragen und so eine soziale, auf Gerechtigkeit basierte Völkergemeinschaft zu schaffen unter der Führung der Staaten, die durch Tüchtigkeit, Verantwortungsfreudig­ keit und Einsatzbereitschaft sowie durch technische Voraussetzungen als Ordnungs­ zellen ein Recht auf diese Führung sich erkämpft haben."165 Die Lösung dieser Probleme sah die NS-Wissenschaft in einer umfassenden "Neuver­ teilung der Rohstoffe und der Kolonien", für die die deutsche Kriegführung bereits Tatsachen zu schaffen begann.166 Wie ein Beitrag von Luciano Conti noch 1939 betonte, würde diese "Neuverteilung", die nicht mehr aufgeschoben werden dürfte, viel leichter sein, "wenn diejenigen, die sich damit beschäftigen, vor allem das höhere Interesse im Auge hätten, und wenn die Großmächte sich einigten, in Zukunft den antisozialen Gebrauch zu verhindern, den einige Länder... von den Rechten machen, die ihnen her-

162 163 164 165 166

Vgl. H.-A. Jacobsen: Krieg in Weltanschauung und Praxis, a.a.O., S. 430. Vgl. W. Frh. v. Rheinbaben: Kurzgefaßte politische Geschichte des Krieges 1939-1942, a.a.O., S. 9f. Vgl. A. Halfeld: Europäisches oder amerikanisches Jahrhundert? a.a.O., S. 683. Vgl A. Urach: Die Neuordnungsprobleme Japans und Deutschlands, a.a.O„ S. 806f. Vgl. L. Conti: Die Stellung der Großmächte in der internationalen Ordnung, a.a.O., S. 313.


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kömmlich zustehen und die noch nicht zu Gunsten eines höheren Interesses ähnlichen Begrenzungen unterworfen sind, wie sie im innerstaatlichen Recht schon längst erreicht" wären. Dabei m üßte das angenommene "Mißverhältnis zwischen den kolonialen Hilfs­ quellen einiger kleinerer Staaten, die für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse weit weni­ ger benötigen, und denen einiger Großmächte, für die die Lösung des Kolonialproblems eine Lebensfrage" sei, so ausgeglichen werden, "daß die aus Mangel an Kapital oder Tatkraft oder infolge völliger Saturiertheit ihrer Besitzer unausgenützten Hilfsquellen denjenigen M itgliedern der Völkergemeinschaft übertragen werden, die nach ihrer ganzen Art daraus den größeren Nutzen ziehen" könnten.167 Ausgehend von einem traditionellen Imperialismusverständnis, das die "Macht" und "Größe" eines Staates an seinem kolonialen Besitz festmachte, standen bei diesen Vor­ stellungen zunächst noch rein koloniale Forderungen im Mittelpunkt, die aber zuneh­ mend von den Ereignissen in Europa überholt wurden. Die zu diesem Zeitpunkt mehr und mehr utopischen Ideen von einem friedlichen "Interessenausgleich" zwischen den Mächten wurde m it dem deutschen Überfall auf Polen ad absurdum geführt. Das na­ tionalsozialistische Deutschland begann, die "Neuverteilung" der Besitzstände auf dem europäischen Kontinent in eigener Regie und zu eigenen Gunsten mit militärischen Mitteln zu verwirklichen. Das propagierte Modell des "Großraums"Europa überlagerte daraufhin immer stärker die einstigen kolonialen Forderungen, die zunächst in den Hintergrund traten bzw. lediglich als "Ergänzung" der europäischen "Neuordnung" dienen sollten. Unter Ausgrenzung Großbritanniens orientierte Deutschland nunmehr auf eine neue, kontinentaleuropäische Ordnung, die von einem "starken und gesunden deutschen Kern" bestimmt würde.168 Ein informelles Imperialismusverständnis, das gleichzeitig die traditionellen Methoden expansiver Gewalt auf den Kontinent übertrug, bestimmte zunehmend die deutsche Politik.169 In dem Bestreben, die rein deutsche Prägung der "Ordnungsvorhaben" zu verschlei­ ern, verwies die NS-W issenschaft wiederholt und nachdrücklich darauf, daß die Auf­ gaben, die eine "Neuordnung" Europas betrafen, so "enorm (wären), daß sie nur in der Zusammenarbeit aller Völker bewältigt werden" könnten, während sie gleichzeitig "einer klaren Führung" bedurften, die aus'dem "Zentrum Europas selbst" hervorgehen müsse.170 Um die europäischen Staaten für die "Mitarbeit" an diesem Prozeß zu ge!

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167 168

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169

Vgl. ebenda, S. 313. Vgl. U. v. Hassel: Ein neues europäisches Gleichgewicht? in: Auswärtige Politik, 1943, S. 697-702, S. 702. Vgl. dazu den Begriff des "informellen Imperialismus" bei WJ. Mommsen (u.a. W.J. Mommsen: Der europäische Imperialismus, Göttingen 1979, S. 85ff.), der unter den Bedingun­ gen der NS-Kriegführung durch das Moment der militärischen Gewalt zur Vorbereitung und Durchsetzung der späteren "informellen" Methoden ergänzt werden könnte.

170

Vgl. W. Ziegler: Der Ordnungsgedanke in der europäischen Geschichte, a.a.0., S. 80f.


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Die Grundzüge der "Neuordnung"

winnen, die eigentlich eine bedingungslose Unterordnung unter die deutschen Vorstel­ lungen und die deutsche Vormacht verlangte, entwarf die nationalsozialistische Wissen­ schaft ein sehr sozial geprägtes Bild der angestrebten Veränderungen au f dem europäi­ schen Kontinent, das vor allem die erhofften "Vorteile" der künftigen "neuen Ordnung" in den Mittelpunkt stellte. So formulierte Wilhelm Stuckart 1941 "Hauptpunkte der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung Europas", die a u f "überein­ stimmenden Verwaltungsmaßnahmen aller europäischen Staaten" nach dem Vorbild des sozialen Programms des Nationalsozialismus beruhen sollten. Das betraf neben kommu­ nalen Organisationsstrukturen vor allem die Eingliederung der A rbeiter in die Gesell­ schaft, die durch die "Verwirklichung des Rechtes auf Arbeit fiir jeden M ann und jede Frau durch europäischen Arbeitseinsatz und Austausch verfügbarer Arbeitskräfte zwischen den einzelnen Staaten", die "Schaffung einer vorbildlichen Alters- und Kran­ kenversorgung", eine "staatliche Wirtschaftslenkung" zur "möglichsten Steigerung aller wirtschaftlichen Kräfte des Kontinents unter Abstimmung der Produktion nach der Dringlichkeit der Lebensbedürfnisse und der zur Verfügung stehenden Rohstoffe", die "Sicherung der Ernährung, Wohnungsbeschaffung und Kleidung", durch Maßnahmen zur Förderung der "Volksgesundheit", der "Volksbildung, Künste und Wissenschaften" sowie durch eine "polizeiliche Sicherung der Gemeinschaft" an die neue Ordnung gebunden werden sollten 1 1 In diesem Sinne hätten Deutschland und Italien mit ihrer "beispielgebenden" innerstaatlichen Entwicklung den europäischen V ölkern bereits den Weg in die Umgestaltung gewiesen, der dem europäischen Kontinent "ungeahnte Möglichkeiten" in Aussicht stellte.17172 A uf der Grundlage ihres wiederholt beschworenen historisch-politischen Wissens über Einheitsbildungen in der europäischen Vergangenheit präferierte die NS-Wissenschaft daraufhin mit der Reichsidee ein neues Modell des Zusammenlebens von Staaten, Völkern und Nationen auf dem Kontinent, das die "Neuordnung" bestimmen sollte,173 das aber real nur wenig mit den von Hitler beabsichtigten Strukturen von Unterwerfung und Unterordnung zu tun hatte.174 In der daraufhin vorgenommenen "wissenschaftlich" begründeten Gegenüberstellung dreier möglicher Organisationsformen für das Zu­ sammenleben von Staaten, die die Souveränität der einzelnen in verschiedenem Maße einschränkten, schien das Reich tatsächlich die effektivste Variante darzustellen. So unterschied Friedrich Berber erstens die Möglichkeit, die "Staatlichkeit zugunsten eines

171

Vgl W. Stuckart: Die Neuordnung der Kontinente und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Verwaltung, a.a.O., S. 21f.

172 173

Vgl. ebenda, S. 27. Vgl. R. Diener: Das Reich im Weltanschauungskampf und Theorienstreit, a.a.O., S. 352.

174

Vgl. H. Rauschning: Gespräche mit Hiüer, New York 1940, S. 37; sowie z.B. P. Krüger: Hitlers Europapolitik, a.a.O., S. 11 Off.


Die Grundzüge der “Neuordnung”

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sie aufzehrenden Oberstaates" aufzugeben, zweitens die Variante, in der die Staaten ihre volle Unabhängigkeit behalten und ihre Beziehungen "auf einer in wechselnden Verbin­ dungen sich kom binierenen Freundschaft" basierten, die unweigerlich zur Anarchie führe, sowie drittens das Modell der nationalsozialistischen "Neuordnung", in dem die Staaten sich zu einer "höheren Einheit" zusammenschlössen, in der sie - zumindest theoretisch - "ihre staatliche Existenz wie ihre nationale Selbständigkeit behalten, aber den Kampf aller gegen alle aufgeben und die gemeinsamen Belange gemeinsam durch­ führen" könnten.*75 D ie endgültige Entscheidung über den Wert der einzelnen Modelle träfe der Krieg, in dessen V erlauf bereits ein neues Völkerrecht entstehen würde, nach dem die B esitzstände in Europa - was vor allem die östlichen Gebiete betraf - neu verteilt und das Zusammenleben der Nationen auf die erfolgreichere neue Basis gestellt werden könnten. Dabei w ar aus deutscher Sicht nur der Gedanke des Reiches in der Lage, sowohl "gerechte" Verhältnisse zu schaffen als auch anarchische Zustände lang­ fristig zu verhindern, "auch wenn dieses auf Kosten der absoluten Souveränität dieser Völker" gehen müsse. Eine "europäische Gemeinschaft" herzustellen, bedeutete also, die nationale Souveränität zugunsten der neu zu schaffenden Einheit in weitem Umfang aufzugeben.175176 D ie Vision einer europäischen "Staatengemeinschaft" schien den damit verbundenen Statusverlust der einzelnen Länder zunächst aufzuwiegen. Der "Aus­ beutung der Völker" wurde die Idee einer übernationalen Staatenorganisation ent­ gegengesetzt, die "das Recht der Völker aus dem Recht zum Leben ableitet und die keine Sklaven kennt, weil sie selbst von Freien getragen" werde.1' Diese künftige "Staatengemeinschaft" sollte auf der "moralischen und politischen Einheit" der europäischen Nationen aufbauen, der ein neues "Kontinentalgefühl" zu­ grunde liegen würde. Laut einem Beitrag von Carlo Scarfoglio basierte dieses "Kontinentalgefühl" darauf, daß alles, "was eine Nation des Kontinents schädigt oder sie unterdrückt", den gesamten Kontinent "schädigt oder unterdrückt", daß "alles, was einer Nation des Kontinents Vorteil" bringe, ohne Nachteil für andere", "vorteilhaft für den gesamten Kontinent" sei, und daß;, "wer eine Festlandsnation gegen die andere" auf­ bringe, "ein Feind des gesamten Kontinents" wäre, der "ohne Zögern außer Gefecht gesetzt werden" m üsse.178 Unter dieser Definition wurde Großbritannien als "nicht­ kontinentale" M acht, deren Gleichgewichtspolitik die Interessen der anderen europäi­ schen Staat stark benachteiligt habe, aus der neuen Staatengemeinschaft des künftigen "Großraumes" ausgegrenzt bzw. als ein Staat unter vielen eingeordnet.179 Das Zusam-

175

Vgl. F. Berber: Epochen europäischer Gesamtordnung, a.a.O., S. 917f.

176

Vgl. A. v. Gadolin: Entwicklung zum europäischen Bewußtsein, a.a.O., S. 101.

177

Vgl. B. Amann: Der Sinn unseres Krieges, a.a.O., S. 122.

178

Vgl. C. Scarfoglio: Europa ohne England? a.a.O., S. 357f.

179

Vgl. ebenda, S. 3 5 9 ,372f.


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Die Grundzüge der "Neuordnung"

menleben der Völker sollte dann in Zukunft insgesamt durch ein Leistungsprinzip als übergeordnetem "wahrhaft schöpferischem Regulativ" bestimmt werden, das die Völker nach "Maßgabe ihrer Fähigkeiten und Leistungen auf dieser Welt" in einem "friedlichen Wettstreit" in einer "natürlichen" Ordnung binden würde.180 A usgehend von diesen allgemeinen, breit interpretierbaren Grundzügen der "Neuordnung" entwarfen die verschiedenen Bereiche der nationalsozialistischen W issenschaften konkretisierte Modelle für den künftigen europäischen "Zusammenschluß", die sowohl die geschilder­ ten Notwendigkeiten als auch die rassisch-völkischen Ordnungsprinzipien zu einer propagandistisch verwertbaren Theorie zusammenzufassen suchten. So wurde mit dem "Lebensraum"-Konzept die Vision eines "Großraumes" Europa entworfen, der sowohl die politischen Grenzen als auch das Zusammenleben der Völker und Staaten umfassend neu definierte. Darüberhinaus griffen wirtschaftlich bestimmte Untersuchungen die Vorstellungen von einem "Großwirtschaftsraum" wieder auf, die das Modell des politischen Zusam­ menschlusses zum ’ Großraum" ergänzten. Ungeachtet der beschworenen Solidarität der künftigen Mitglieder des kontinentalen Zusammenschlusses stand dabei die deutsche Führung im "Großraum" Europa für die NS-W issenschaft außer Zweifel, da die "Wie­ dergeburt Deutschlands als dem Herzen des Kontinents" gleichsam die Voraussetzung für die neue Ordnung des Kontinents darstellen würde.181 Wie es F. A ppel beschrieb, sollte das "neue Europa... bei aller Verschiedenheit der Regierungssysteme unter der einigenden Idee der Kultur- und Schicksalsgemeinschaft erstehen, die durch Abgren­ zung der Lebensräume und durch den Aufbau eines rassisch-organischen Staatensystems ihre neue Kraft" erhalten würde. Dabei müsse Europa nach "700 Jahren des Auseinanderstrebens" für "die in ihm lebenden Völker wieder eine A ufgabe und Verpflichtung werden", da "die kommenden Jahrhunderte... von Europa m ehr denn je seinen ge­ schlossenen Einsatz für die Gestaltung der Welt" verlangten.182 D a das nationalsoziali­ stische Deutschland beanspruchte, sowohl über die notwendige "Einsicht" in die euro­ päischen Entwicklungen und Erfordernisse als auch über die politisch-militärische M acht und die geographischen Voraussetzungen zu verfügen, schien Deutschland sein "Anrecht" auf die Führung in Europa nachgewiesen zu haben.183 Die Verwirklichung der deutschen Führungspositionen auf dem Kontinent verschmolz m it der Schaffung des künftigen "Großraumes" Europa in der weiteren Argumentation zu einer unabdingbaren Einheit, die die "Neuordnungs"-Propaganda nachhaltig bestimmte.

180

Vgl. O. Dietrich: Die geistigen Grundlagen des neuen Europa, a.a.O., S. 28ff.

181

Vgl. F. Appel: Der Kampf des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 15f.

182 183

Vgl. ebenda, S. 17. Vgl. A. Rosenberg: Kampf um Europa, a.a.O., S. 300.


Die Grundzüge der Neuordnung 2.4.

95

Deutschland als Führungsmacht: Das eherne Grundgesetz der "Neuordnung"

2.4.1. Die geopolitisch-historische Begründung des deutschen Führungsanspruchs Der unmittelbare Führungsanspruch des Dritten Reiches in Europa war das einzige, unveränderliche Grundprinzip, das allen deutschen Überlegungen hinsichtlich der "Neuordnung" Europas zugrunde lag. Da diese Option im Zusammenhang mit den militärischen Eroberungen Deutschlands nur schwerlich als "Segen" für die europäische Bevölkerung darzustellen war, wurde der Begründung der angestrebten nationalsoziali­ stischen Hegem onie in der "Neuordnungs"-Propaganda ein hoher Stellenwert bei­ gemessen. Die Argum entation nutzte dabei neben den geopolitischen Aspekten der deutschen Lage a u f dem Kontinent die historischen Leistungen Deutschlands für Euro­ pa, die m it dem Reichsgedanken verbunden waren, sowie vor allem die angeblich beispielhaften Errungenschaften des nationalsozialistischen Systems auf weltanschauli­ chem, innen- und außenpolitischen Gebiet, die gleichsam zur Führung in Europa präde­ stinierten. Damit schien der deutsche Führungsanspruch auf drei Voraussetzungen zu beruhen: der "Geschichte des deutschen Volkes", den "raumpolitisch gegebenen Not­ wendigkeiten" in Europa sowie auf der "Tatsache, daß das deutsche Volk kraft der Idee A dolf Hitlers den M ut und die Vermessenheit gehabt hat, die alte geistige und sittliche Ordnung des europäischen Kontinents in ihrer inneren Schwäche und Zeitfeme zu erkennen und an ihre Stelle die lebendige Kraft einer neuen Idee zu setzen."184 Späte­ stens der deutsche Einmarsch in Paris schien zu beweisen, daß England und Frankreich ihre europäische Vormachtstellung an Deutschland verloren hatten und das Dritte Reich nunmehr den Auftrag übernommen habe, das "Schicksal" des Kontinents zu gestalten. Um von der rein militärischen Sicherung dieses Führungsanspruches abzulenken, war die NS-W issenschaft verstärkt bemüht, vor allem "friedliche" Argumente dafür zu benennen: So leitete eine Monographie von Friedrich Schmidt aus dem Jahre 1940 die deutsche Führung aus den "Tatsachen" ab, "daß das deutsche Volk zahlenmäßig doppelt so stark ist wie jedes andere europäische Volk, daß das deutsche Volk wirtschaftlich das fähigste, fleißigste und organisatorisch begabteste Volk des Kontinents ist, daß die biologische Lebenskraft des deutschen Volkes der biologischen Kraft der Westvölker weit überlegen ist," und "daß die kulturschöpferischen Leistungen des deutschen Volkes auf allen Gebieten das M aß der europäischen Kultur bestimmen" würden.185 Im Vergleich dazu führte Werner Frauendienst 1941 alle Argumentationsansätze zusammen, indem er 184

Vgl. F. Schmidt: Das Reich als Aufgabe, Berlin 1940, S. 27.

185

Vgl. ebenda, S. 25.

">


96

Die Grundzüge der "Neuordnung

betonte, daß Deutschland "seinen Führerberuf aus der Kraft seiner alles tragenden und durchdringenden nationalsozialistischen Weltanschauung" ableite. Dam it hätte es sich "zum Führer Europas nicht nur durch die Zahl und Güte seiner unvergleichlichen Waffen, sondern durch seine ruhmvolle aus dem hohen Mittelalter herreichende Führer­ und Ordnertradition, durch seine schöpferische Volkszahl und endlich durch die na­ tionalsozialistische Leistung legitimiert". Diese "innerdeutsche Leistung und die ver­ wirklichte Ordnung Mitteleuropas" gäben A dolf Hitler nunm ehr "das Recht au f die europäische Führung, die ihm außerdem aus dem Sieg au f dem Schlachtfeld" ohnehin zustünde.186 Damit übertrug Frauendienst die sozialdarwinistische Prägung der na­ tionalsozialistischen Weltanschauung au f die Gestaltung der europäischen Ordnung insgesamt und machte bereits die hegemonialen Strukturen des deutschen Europage­ dankens nachdrücklich deutlich. Trotz dieses eindeutig machtpolitischen Verständnisses verwies die NS-Propaganda auch und gerade au f geopolitische Aspekte, um die deutsche Führungsposition zu begründen. Die These von der besonderen Verpflichtung, die aus der deutschen "Mittel­ lage" resultiere, sollte den militärisch vertretenen Herrschaftsanspruch als W iederher­ stellung "natürlicher Gegebenheiten" legitimieren. So betonte H ans Pflug, daß die "natürliche Lage und Gestalt" eines Landes das "Schicksal" seines Volkes mitbestimmte. Demzufolge sei Deutschland das "Herz Europas", da es "durch seine Lage die natürliche räumliche Mitte, den festen K em und Schwerpunkt" des Kontinents bilde und damit "eng und schicksalhaft mit allem europäischen Geschehen verflochten" sei.1'7 In dieser Interpretation könne der Kontinent nur von seiner "natürlichen M itte" her in seine "natürliche Ordnung" gebracht w erden,188 da die besondere geographische Situation Deutschlands "geistig, verkehrsmäßig, wirtschaftlich, politisch und strategisch" viele Vorteile in sich bergen w ürde.189 Die einzige, aber nicht durchgängig vertretene Ein­ schränkung hinsichtlich dieses geopolitischen Anspruches resultierte dabei aus den allerdings zeitlich begrenzten - deutschen Bündnisverpflichtungen gegenüber dem Ach­ senpartner Italien. Friedrich Schmidt sprach deshalb in diesem Zusam m enhang von zwei "raumpolitischen Kraftzentren" au f dem Kontinent: dem deutsch bestim mten Raum zwischen Nordsee, Ostsee und Donau sowie dem italienisch beherrschten Mittelmeer­ raum, die in Gestalt der Achse nach neuen, partnerschaftlichen Prinzipien zusammenge-

186

Vgl. W. Frauendienst: Bismarck als Ordner Europas, a.a.O., S. 184.

187

Vgl. H. Pflug: Deutschland - das Herz Europas, in: Europa. Handbuch, Leipzig 1943, S. 134143, S. 134f.

188

Vgl. W. Daitz: Deutschland und das europäische Schicksal, in: Wir und die Welt, IV/ 1939, S. 11-13, S. 13.

189

Vgl. G. Jentsch: Niedergang und Ende des europäischen Gleichgewichts, a.a.O., S. 567.


Die Grundzüge der “Neuordnung

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fuhrt w orden w aren.190 Ausgehend von der geopolitisch verankerten deutschen "Verpflichtung" für Europa wurden dann besonders die "europäischen" Leistungen, die die Deutschen bereits in der Geschichte erbracht hätten, herangezogen, um das nationalsozialistische Sendungsbe­ wußtsein zu unterlegen. Die deutschen Verdienste um die Kolonisation und Ordnung Europas, die im 11. Jahrhundert ihren Ausgang genommen hatten, galten daher als so groß, daß sie dem Dritten Reich als "Vollender" dieser historischen Tradition das "Recht" au f die führende Position auf dem Kontinent verleihen würden.191 Neben diesen expansiven Taten bestimmte vor allem der Gedanke des Reiches als "politischer Ordnungsidee" die Argumentation.192 Ausgehend von einer "tausend-jäh-, rigen Tradition des Formens, der Führung, der Weisheit und der Verantwortung" wurde die Idee des Reiches zur "Summe dieses Erbes an politischem Können, an politischer Gestaltung und an politischem Ordnungsauftrag" stilisiert,193 die das Reich als Modell der überstaatlichen Organisation zum Träger und Vorkämpfer eines zu "lebensgesetzli­ cher Einheit" geform ten Europas mache.194195Da der Reichsgedanke, wie betont wurde, fest in der Geschichte des deutschen Volkes verankert sei und das deutsche Volk damit über traditionell begründete Erfahrungen verfüge, schien die erneute Hinwendung zur Idee des Reiches als einziger, zukunftsweisender Organisationsstruktur den deutschen Führungsanspruch au f der historischen Ebene zu beweisen.193 Ausgestattet mit einer "politische(n) Formkraft;, durch die Europa in seiner Struktur geschaffen und zu immer neuer Dynamik bewegt worden" sei, habe das deutsche Reich bereits in der Vergangen­ h eit ein "Ordnungsvermögen betätigt, durch das Bindung und Freiheit, Führung und angemessenes Eigenrecht in einzigartiger Weise ausgeglichen worden" wären, wobei es "sich au f einer H öhe der Verantwortung" bewegte, "die andere Völker niemals erstreb­ ten."196 D am it w äre das deutsche Volk "durch viele Jahrhunderte der Träger eines Sen­ dungsbewußtseins" gewesen, das darauf gerichtet war, "die Einheit über die Mehrheit von Staaten... und den Frieden und die Gerechtigkeit für die Glieder zu wahren."197Die

190

Vgl. F. Schmidt: Das Reich als Aufgabe, a.a.O., S. 57.

191

Vgl. A. Brackmann: Deutschlands Bedeutung für den osteuropäischen Raum, in: Raumfor­ schung und Raumordnung, 1939, S. 497-501, S.498ff.

192

Vgl. R. Höhn: Reich-Großraum-Großmacht, in: Reich, Volksordnung, Lebensraum, Bd. II, 1942, S. 97-226, S. 171.J -

193

Vgl. K.R. Ganzer: Das Reich als europäische Ordnungsmacht, zit. in: Die Idee Europa 13001946, München 1963, S. 247-252, S. 249.

194

Vgl. R. Diener: Das Reich und Europa, a.a.O., S. 360.

195

Vgl. R. Höhn: Reich-Großraum-Großmacht, a.a.O., S. 130.

196

Vgl. K.R. Ganzer: Das Reich als europäische Ordnungsmacht, a.a.O., S. 250.

197

Vgl. H. Ritter von Srbik: Die Reichsidee im Wandel der Geschichte, in: Das größere Reich, Wien/Berlin 1943, S. 5-19, S. 6.


Die Grundzüge der "Neuordnung"

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Idee einer "organisch gewachsenen Völkergemeinschaft"198 als völkerrechtliches Prinzip des Reichsgedankens wurde zum vorgeblich ureigensten deutschen Anliegen stilisiert, da der germanische "Wille zum Reich"199 dessen "Gestaltungskraft" und Führungs­ qualität in der Vergangenheit durch die "weitgehende Erschließung des Kontinents nach Westen, Osten, Norden und Süden", durch die "Errichtung eines allgemein-europäischen Ordnungssystems" und endlich durch die "Gestaltung einer verbindlichen Lebensform und eines einheitlichen Stils" praktisch erwiesen habe.200 Die dabei in der Argumentation immanent zugrundegelegte Gleichsetzung von ab­ strakter Reichsidee und Drittem Reich, das als "Vollender" der "reichischen Traditionen" dargestellt wurde, gestattete es, die historischen Einschätzungen und Schlußfolgerungen direkt au f das nationalsozialistische Deutschland zu übertragen. Hitlerdeutschland, das "erstmals" die "geschichtlich-politische Totalität" des Reichsgedankens201 verkörpere, erschien in dieser Deutung als "Lebenskem" Europas,202 der Europa "retten" könne, "weil es sich selbst gerettet hat", es "schützen" und letztlich "ordnen" könne aus seiner "europäischen Verantwortung für pax, securitas, justitia und Herrschaft" heraus.203 Wie es K arl Richard Ganzer 1941 bildhaft beschrieb, habe das Dritte Reich, indem es "seine ehrwürdigen Überlieferungen der Weite wieder verlebendigt" hätte - also den Kontinent mit dem bisher schrecklichsten Krieg überzog -, "Europa vor dem Schicksal des Kornes bew ahrt, das zwischen den Mühlsteinen zerrieben wird." N ach Ganzers Einschätzung zwang das Reich "den einsichtslosen Kontinent mit eiserner M acht aus der Verblendung zum Leben", wobei das "Reichsvolk" den "Großraum" als die "ihm zugemessene Weite" beanspruchte. Damit habe das deutsche Reich durch "seinen Ausgriff, m it dem es den Erdteil in letzter Stunde zur geschichtsmächtigen Gestalt organisierte..., treu seinem überlieferten Wesen, wieder höchste Verantwortung au f sich genommen" die untrennbar mit dem "Auftrag zur Führung"204 verbunden sei. In dieser Interpretation wurde der "Aufstieg des deutschen Volkes" nach 1933205 und vor allem die Schaffung "Groß­ deutschlands" durch die Annexionen des Jahres 1938 zu einer "weltgeschichtlichen Tat",206 die die Hoffnungen und die Garantien für die europäische Z ukunft trug. A uf 198

Vgl. K. Rüdiger: Die Freiheit Europas wird im Osten erkämpft, a.a.O., S. 647.

199

Vgl. F.A. Six: Das Einheitsbewußtsein Europas, a.a.O., S. 288.

200

Vgl. F.A. Six: Das Europabild des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 225.

201

Vgl. Das Reich und Europa, Vorwort von P. Ritterbusch, a.a.O., S. XI.

202

Vgl. R. Höhn: Reich-Großraum-Großmacht, a.a.O., S. 129.

203

Vgl. W. Frauendienst: Der innere Neuaufbau des Reiches als Beitrag zur europäischen Ord­ nung, in: Jahrbuch der Weltpolitik, 1942, S. 112-139, S. 113.

204

Vgl. K.R. Ganzer: Das Reich als europäische Ordnungsmacht, a.a.O., S. 251.

205

Vgl. C. Augustin: Untergang des Abendlandes? a.a.O., S. 599.

206

Vgl. Dr. Neubacher: Großdeutschland und die Welt, in: Wir und die Welt, 1/1939, S. 11-12, S.

11.


Die Grundzüge der "Neuordnung"

99

dieser Grundlage dürfe es Deutschland für sich "in Anspruch nehmen", für Europa "einen Auftrag vom Himmel zu haben", und "nichts anderes zu wollen als ein tätiges und genügsames Leben in einer W elt des Friedens und der Gerechtigkeit".207Ausgehend von der geopolitisch-historisch begründeten Führungsmission des deutschen Volkes auf dem Kontinent erhielten damit die Leistungen des nationalsozialistischen Staates eine gleich­ sam "europäische" Dimension, die ihn edgültig als Beispiel für die anderen Staaten und als führende M acht a u f dem Kontinent legitimieren sollten.

2.4.2. Die Leistungen des Nationalsozialismus als Ausgangspunkt der deutschen Führungsrolle Der Nationalsozialism us, der konsequent als eine nicht nur "deutsche, sondern eine europäische Revolution"208 dargestellt wurde, lieferte laut der deutschen Propaganda mit seinen Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen, mit seiner rassisch-völkischen Weltanschauung und nicht zuletzt mit seinen territorialen Ambitionen ein völlig "neues politisches W eltbild", das, au f den "Grundgesetzen des Lebens, der Rasse, dem Boden und einer artgem äßen Führung und Gefolgschaft" aufbauend, mit dem Reich eine neue "Ordnungsidee" nach innen und außen vermittele.209Neben der vorgeblichen Prädestina­ tion zur Führung, die in der geographischen Lage und der historischen Traditionen des Dritten Reiches wurzelte, wurden also die spezifischen "Verdienste" des Nationalsozia­ lismus wie seine "Volkszahl", seine "kulturelle Bedeutung", die "wirtschaftliche Lei­ stungsfähigkeit" und seine "militärische Tüchtigkeit" herangezogen, um die deutsche Führungsrolle w eiter zu begründen.210 Ausgangspunkt dieser Argumentation war der Verweis auf die "neue Lebensform", die die nationalsozialistische Revolution nach 1933 in Deutschland errichtet hatte, um "aus ihr auch die Kraft" für ihre "zukünftige europäische Aufgabe zu gewinnen."211 In diesem Verständnis w urde der Nationalsozialismus - so beispielsweise von Franz Alfred Six insgesamt als "Antithesis zum Westen" verstanden: Six führte aus, daß in "den tragenden Grundsätzen der Rasse und des Volkes, der neuen Führungsautorität, der Staatsordnung und der Reichsmacht... die Gegenwelt zur nivellierenden Tendenz der Menschheitsauf-

207 208

Vgl. K. Köster: Die deutsche Aufgabe für den Raum Europa, in Raumforschung und Raumord­ nung, 1939, S. 494-497, S. 496. Vgl. F.A. Six: Das Europabild des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 229.

209

Vgl. R. Höhn: Reich-Großraum-Großmacht, a.a.O., S. 169,171.

210

Vgl. W. Frh. v. Rheinbaben: Kurzgefaßte politische Geschichte des Krieges 1939-1942, a.a.O., S. 7. Vgl. F.A. Six: Das Einheitsbewußtsein Europas, a.a.O., S. 285.

211


100

Die Grundzüge der “Neuordnung"

fassung, des parlamentarisch-demokratischen Nihilismus, der Herrschaft der Vielen und Minderwertigen sowie der Zersplitterung und Neutralisierung der europäischen Mitte" entstanden wäre. So sei letztlich auch die "politische Entwicklung, die hierdurch einge­ leitet wird, ein geschichtlicher Vollzug dieser Gedanken." Damit würde der "Errichtung der inneren und äußeren Souveränität des Alt-Reiches... in schnellen Zügen der Aufbau Großdeutschlands als eines Volksreiches der Deutschen" folgen, der wiederum die "Sicherung des deutschen Lebensraumes nach sich" zöge und die "Um risse des neuen Europa" festlege.212 D er vorausgehende "innere Neuaufbau" des Reiches wurde dadurch zur "ursprüng­ lichsten Tat für das neue Europa und seine zukünftige Ordnung".213 D ie "Leistungen" des Nationalsozialismus hinsichtlich der Weltanschauung, des Staatsaufbaus sowie der Wirtschafts- und Sozialpolitik dienten somit einerseits dazu, den deutschen Führungs­ anspruch zu begründen. Andererseits wurde ihnen direkt eine Vorbildfunktion für die künftige europäische Umgestaltung zugeschrieben. Dabei spielte die nationalsozialisti­ sche Weltanschauung als "Aufbruch des völkischen Bewußtseins"214 eine Schlüsselrolle. A u f der Basis einer "vollständigen moralischen W iedergeburt", die das Volk über die Klassenschranken des liberalen Systems hinweg wieder in den "M ittelpunkt alles Seins und Tuns" gerückt habe, sei in Deutschland nach 1933 ein "politisch geeinter, von höchstem Selbstvertrauen und stolzer Zuversicht erfüllter nationaler Körper" entstanden, dessen Ausstrahlungskraft das "völkische Ideal" in Europa verbreitet hatte, ohne al­ lerdings zur "Exportware" zu werden. Die nationalsozialistische Idee verleihe dem deutschen Volk dabei "die seelische Spannkraft und den geistigen Schwung zur Führung in Europa".215 Dieser Anspruch setzte aber zumindest teilweise die A kzeptanz dieses Gedankengutes durch die europäischen Völker voraus, was Friedrich Schm idt dann 1940 zu der weitgehenden Forderung veranlaßte, "die geistigen und seelische Prinzipien der letzten zwei Jahrtausende zu überwinden und den europäischen Kontinent als germanisch-deutschen Kontinent zu revolutionieren und als Bollwerk der neuen Idee des Nationalsozialismus zu festigen und zu vollenden."216 Aufbauend auf dem nationalsozialistischen Gedankengut hatte das Dritte Reich zunächst mit dem Modell der Volksgemeinschaft die "deutsche Staatlichkeit" wiederher­ gestellt, die neben der innerstaatlichen Ordnung nach dem Prinzip von "Führung und 212

Vgl. F.A. Six: Gedanken zu Reich und Europa, in: Jahrbuch für Politik und Auslandskunde, 1941, S. 13-27, S. 26.

213

Vgl. W. Frauendienst: Der innere Neuaufbau des Reiches als Beitrag zur europäischen Ord­ nung, a.a.O., S. 114.

214

Vgl. F. Schmidt: Das Reich als Aufgabe, a.a.O., S. 63.

215

Vgl. W. Frauendienst: Der innere Neuaufbau des Reiches als Beitrag zur europäischen Ord­ nung, a.a.O., S. 115f.

216

Vgl. F. Schmidt: Das Reich als Aufgabe, a.a.O., S. 75.


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Gefolgschaft" m it dem Reichsgedanken den Ansatzpunkt für die territorialen Erweite­ rungen des künftigen "Großdeutschland" bot.217 Volksgemeinschaft und Reichsgedanke avancierten dam it zu "ordnenden Prinzipien", die für den gesamten mitteleuropäischen Raum G ültigkeit erlangen sollten.218 Neben der w eltanschaulich fundierten, scheinbar neuen "Organisationsstruktur", die der NS-Staat durch sein inneres Beispiel vermittelte, waren es vor allem auch seine wirt­ schaftlichen Leistungen, die seine führende Position auf dem Kontinent durch die überragende w irtschaftliche Stärke beweisen und für andere Staaten lukrativ machen sollten. Basierend a u f einer Unterordnung von Wirtschaft und Handel unter die Politik funktioniere die nationalsozialistische Wirtschaft - wie Werner Frauendienst feststellte nach autoritären M ethoden, die neben einer stabilen Währung eine nationale Planwirt­ schaft ermöglicht hatten. Diese Ausrichtung würde durch einen weitergefaßten Autarkie­ gedanken ergänzt, der Deutschland mit Europa verknüpfte und gleichzeitig den Welt­ handel miteinbezog.219 A u f diese Weise, schlußfolgerte dann Rohan, habe der NS-Staat als "einziges großes V olk Europas Schritt gehalten... mit der Entfaltung der Technik in der außereuropäischen Welt" und sei deshalb in der Lage, den Kontinent im Krieg vor "seinen Feinden" zu bewahren.220 Zusätzlich lieferte in der Propaganda auch die deut­ sche Sozialpolitik, die a u f dem Gedanken der Volksgemeinschaft basiere, einen weiteren Beitrag für das neue Europa, da sie einen in "deutschem Sinne" geprägten "Sozialismus" verkörpere, der einer gesamteuropäischen antibolschewistischen Grundeinstellung entspräche.221 Abgeleitet von dieser umfassend "europäisch" dimensionierten Auflistung der inneren "Leistungsfähigkeit" des nationalsozialistischen Staates, die wohlweislich Terror und Unterdrückung, Verfolgung und Ausgrenzung im täglichen Leben Deutschlands ver­ schwieg, wurde die Verbindung zur Außenpolitik und damit zum deutschen - militäri­ schen - Einfluß in Europa hergestellt. So resümierte Werner Frauendienst: "Das neue Reich hat sich als Führer legitimiert. Noch nie in seiner Geschichte war Deutschland so gefestigt, so einig wie heute. Die starke Staatsautorität ist vorhanden, eine gewaltige W ehrm acht schützt das Reich zu Land, zu Wasser und in der Luft, die Wirtschaft sichert m it die Unabhängigkeit und Freiheit des deutschen Volk es, die 217

Vgl. W. Frauendienst: Der innere Neuaufbau des Reiches als Beitrag zur europäischen Ord­ nung, a.a.O., S. l l ö f f sowie R. Höhn: Reich-Großraum-Großmacht, a.a.O., S. 167ff, 176ff.

218

Vgl. P. Herre: Wesen und Wandel der europäischen Ordnung, a.a.O., S. 142.

219

Vgl. W. Frauendienst: Der innere Neuaufbau des Reiches als Beitrag zur europäischen Ord­ nung, a.a.O., S. 133fF.

220

Vgl. K.A. Prinz Rohan: Europa und der Bolschewismus, a.a.O., S. 223.

221

Vgl. W. Frauendienst: Der innere Neuaufbau des Reiches als Beitrag zur europäischen Ord­ nung, a.a.O., S. 128,132.


Die Grundzüge der “Neuordnung "

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Kultur dient wieder der Schönheit und Größe der Nation. In einem Kampfe sonder­ gleichen ringt das Reich Verbündeten um die äußere Freiheit, auch für die Freiheit Europas. Führer sein heißt Beispiel und Vorbild sein, heißt andere durch die eigene disziplinierte Leistung vorwärtsbringen und überzeugen, heißt das Chaos überwinden, Ordnung stiften und Erzieher der Völker sein. Es vermag nur der M ächtigste und der geistig Überlegene. Das sind au f dem Kontinent das Reich und Italien."222 Diese postulierte "Vorbild- und Erzieherfunktion" erhielt dann nach dem Ausbruch des Krieges einen neuen Stellenwert: In völliger Negierung der Tatsachen wurde Deutsch­ land nunmehr als "Schutzmacht" des Kontinents dargestellt, die im militärischen Ringen um die Freiheit und Unabhängigkeit Europas von angelsächsisch-amerikanischer und bolschewistischer Vorherrschaft gleichzeitig eine neue Ordnung zu errichten begann. Dabei erhielten die militärischen Erfolge Deutschlands eine Doppelrolle, um die na­ tionalsozialistischen Führungsambitionen zu begründen: Einerseits schien die deutsche Wehrmacht die Anerkennung dieses Führungsanspruchs zunächst a u f den europäischen Schlachtfeldern erkämpfen zu müssen.223 Andererseits spiegelte der militärische Erfolg des "politischen Soldatentums des Nationalsozialismus" direkt die deutsche Vorherr­ schaft wider, die über Annexionen und Besatzungssysteme au f den K ontinent ausge­ dehnt wurde und dabei bereits die europäische Ordnung verändert hatte.22425Da der deutsche Aggressionskrieg dabei permanent als ein K am pf um die Unabhängigkeit und Einheit Europas charakterisiert wurde 3 entsprach die Legitim ierung der deutschen Führungsposition durch die militärischen Erfolge durchaus einer logischen Argumenta­ tion: Das Dritte Reich beanspruchte seine führende Stellung "auf G rund der Opfer", die es "nicht nur für die Zukunft" Deutschlands, "sondern auch für die Z ukunft der schick­ salsverbundenen europäischen Völkergemeinschaft gebracht" habe.226 Der erneute europäische Krieg schien die Bedeutung der nationalsozialistischen Revolu­ tion gleichsam in "europäische" Dim ensionen zu transformieren und dadurch die "Neu­ ordnung" des Kontinents einzuleiten. So schrieb Franz A lfred Six 1941 der "deutschen Revolution" eine "europäische Geltung" zu, die durch den K rieg "nicht geschmälert worden, sondern zu höchster Potenz gekommen" sei. Dabei hätten die "in ihr liegenden Kräfte... eben erst den deutschen Rahmen gesprengt und den W eg in den europäischen

222

Ebenda, S. 138.

223

Vgl. H. Pflug: Deutschland - das Herz Europas, a.a.O., S. 140 sowie J. Kühn: Der Sinn des gegenwärtigen Krieges, Teil 2, in: a.a.O., S. 105-112, S. 110.

224

Vgl. R. Diener: Reichsgründung-Reichsgestaltung-Reichsemeuerung, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 739-754, S. 747.

225

Vgl. z.B. H. Kaiser: Pax Britannica und Pax Americana, a.a.O., S. 410 oder R. Höhn: ReichGroßraum-Großmacht, a.a.O., S. 180.

226

Vgl. A. Urach: Die Neuordnungsprobleme Japans und Deutschlands, a.a.O., S. 810.


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103

Raum genommen". Das meinte in Six' Interpretation die "Zurückführung der vom Reich abgesplitterten V olksteile im europäischen Ostraum", die sich mit der "Gewalt einer zweiten geordneten Völkerwanderung" als Zeichen einer "geistigen und politischen Neuordnung" a u f der Basis des "Rassegedankens" vollzogen habe. Somit sei es dem Nationalsozialismus gelungen, "aus eigener Substanz eine Lebensform der europäischen Völker zu schaffen".22728 Dabei wurde neben der ausschließlich deutschen Führungsposition auch das deutschitalienische B ündnis im Rahmen der Achse zeitweise als bilaterale Führungsinstanz diskutiert. B asierend au f einer "völligen Interessengemeinschaft zweier verjüngter Nationen" schienen die Achsenmächte den ursprünglichen mittelalterlichen Reichs­ gedanken den politischen Gegebenheiten durch den vorausgegangenen territorialen Ausgleich229 und das Bündnis der beiden Mächte auf eine neue Ebene zu hebSh. Daraus leitete beispielsweise Paul Schmidt die Verpflichtung ab, daß die Achsenmächte gemeinsam den "europäischen Raum neu... ordnen" müßten, da Europa "in der Zukunft nur in den faschistischen und nationalsozialistischen Lebensformen leben" könne, "nachdem die westlichen liberalistischen Grundsätze ihre Eignung für die Überwindung der europäischen Lebensnöte verloren" hätten. Da beide Staaten im Inneren die positive Wirkung ihrer Aufbauarbeit beweisen könnten, stünden sie nun "bei der Gestaltung des europäischen Staatensystems vor einer ebenso großen revolutionären Aufgabe."230Diese euphorischen D arstellungen wurden allerdings durch die Einschätzungen Hitlers relati­ viert, der das Bündnis m it Italien Anfang 1934 noch als eine Gemeinschaft auf Zeit bezeichnet hatte, da die Nationalsozialisten als die "einzigen, die um das Geheimnis dieser gigantischen Zeitenwende wissen" darum auch "allein berufen" seien, "dem kommenden Zeitalter den Stempel" zu geben.231 Spätestens das Ausscheiden Italiens aus der Achse klärte diese Frage endgültig. So konnte Franz Alfred Six 1944 einschätzen ohne daß eigentlich noch eine reale Machtgrundlage vorhanden war -, daß Deutschland "auf der Grundlage der abendländisch-europäischen Kulturgemeinsamkeit und des durch den gemeinsamen Lebensraum bedingten wirtschaftlichen Zusammenschlusses Europas in diesem Kriege zu einer Weltmachtstellung aufgestiegen" sei, die "nicht mehr wie früher au f überseeischem Besitz" beruhe, "sondern auf seiner natürlichen, auf Volks­ kraft, Kulturtradition und Ordnungsmacht begründeten führenden Rolle auf dem Konti-

227

Vgl. F.A. Six: Gedanken zu Reich und Europa, a.a.O., S. 27.

228

Gemeint war dabei der deutsche Verzicht auf Südtirol.

229

Vgl. A. Mahr: Der nationalstaatliche Weg Deutschlands, in: Auswärtige Politik, 1941, S. 1826, S. 24. Vgl. P. Schmidt: Die Achse als Grundlage des neuen Europa, in: Europa. Handbuch, Leipzig 1943, S. 13-15, S. 13. Vgl. H. Rauschning: Gespräche mit Hitler, a.a.O., S. 119f.

230

231


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Die Grundzüge der "Neuordnung ”

nent." Das Dritte Reich habe dabei während des Krieges "England aus seiner unnatürli­ chen Stellung au f dem Kontinent verdrängt, den bolschewistischen A ngriff auf Mittel­ und Westeuropa tief in das osteuropäische Hinterland zurückgeschlagen und alle Kräfte der europäischen Völker zusammengefaßt."232 Die damit angesproche Schutzfunktion, die das nationalsozialistische Deutschland auf dem Kontinent beanspruchte, griff die eingangs beschriebenen Feindbilder wieder auf und leitete daraus die "europäische Verantwortung" des Nationalsozialism us ab, deren W ahrnehmung ihn ebenfalls zur Führung legitimiere. So sprach ein Beitrag von A. Reithinger aus dem Jahre 1940 direkt davon, daß der Führer "vor der einmaligen histori­ schen Stunde" stehen würde, "in der ihm die Ordnung und die Sicherung des abendlän­ dischen Raumes mit seinen in zwei Jahrtausenden aufgespeicherten Schätzen kulturellen Erbgutes, geistigen Wissens, technischen Könnens und schöpferischer Energie in die Hände gegeben" sei.233 Diese "missionarischen" Aufgaben erhielten nach dem deutschen Überfall au f die Sowjetunion einen zusätzlichen tragenden Aspekt, der die antibol­ schewistischen Stimmungen geschickt ausnutzte, indem die deutsche W ehrmacht als "einziger Schutzwall" gegen den "Ansturm der Steppe" dargestellt w urde.234 Insgesam t versuchte die NS-W issenschaft damit, w eitgehend alle Momente der nationalsozialistischen Innen- und Außenpolitik heranzuziehen, um den deutschen Führungsanspruch in Europa abzuleiten. So stellte Frauendienst die abschließende Frage, was "die Wiederherstellung der deutschen Staatlichkeit, die deutsche Volks­ gemeinschaft, die Wiedererlangung der Souveränität, G roßdeutschland und die neue Reichsgründung für die europäische Neuordnung" bedeute. E r schlußfolgerte dann analog zu den vorgestellten Argumentationslinien -, daß erstens die "Zusammenfassung der gesamten deutschen Kraft im Reich" der "erste Beitrag für Europa" sei, da damit "ein ewiger Unruheherd und eine Gefahrenquelle für den europäischen Frieden ausgeschal­ tet" würde. Zweitens legitimiere sich das Deutsche Reich im B ündnis m it Italien als "Ordner und Führer Europas", da sein Schicksal eng mit dem des Kontinents verflochten sei und es die "neue siegreiche Idee" des "völkischen Führerstaates au f rassischer Grundlage" mitbringe, die gleichzeitig einen "Weck- und M ahnruf an die Völker Euro­ pas" hinsichtlich der "jüdisch-bolschewistisch-plutokratischen Gefahr" umfasse. Zum Dritten bilde die "im Innern des Reiches begründete V erfassung" ein "Vorbild und Beispiel", für die grundlegenden Prinzipien der "Neuordnung", obw ohl - wie Frauen­ dienst zumindest betonte - das Reich viertens, über die "ausstrahlende K raft gewisser Einrichtungen des innerreichischen Lebens" hinaus, nicht die A bsicht habe, "die von ihm

232

Vgl. F.A. Six: Der Wandel des europäischen Staatensystems zum W eltstaatensystem, a.a.O., S. 19.

233

Vgl. A. Reithinger: Die Wiedergeburt des Abendlandes, a.a.O., S. 459.

234

Vgl. u.a. J. Goebbels: An Europa, a.a.O., S. 8f.


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105

gefundenen und verw irklichten Yerfassungsformen anderen Mächten aufzuzwingen". Allerdings könne die "Neuordnung des Kontinents" durch die Achsenmächte insgesamt "mannigfach gefordert" werden.235 Abgeleitet von diesen Gedankengängen, die angesichts der hegemonialen, aggressi­ ven deutschen K riegführung zumindest sehr euphemistisch waren, entwickelte die NSWissenschaft erste Grundzüge des deutschen Führungsverständnisses, die das Bild der deutschen M acht- und Eroberungspolitik auf dem Kontinent zu relativieren versuchten.

2.4.3. Die Grundzüge der deutschen Führung236 Analog zum Reichsgedanken versuchte die NS-Wissenschaft, den deutschen Führungs­ anspruch als unverzichtbar für die angestrebte "Neuordnung" Europas darzustellen, um so langfristig deutsche und "europäische" Interessen gleichzusetzen. Dabei wurde ein Modell der "Führung" entwickelt, das einerseits den hegemonialen deutschen An­ sprüchen genügte, andererseits aber diese einseitige Ausrichtung der deutschen Europa­ vorstellungen zu nivellieren trachtete. Dazu entwarf man das Bild einer europäischen "Friedensordnung" unter deutscher Führung, das den beschriebenen Notwendigkeiten einer umfassenden Umgestaltung des Kontinents zumindest propagandistisch entsprach. Prägender Grundgedanke dieser Argumentation war der Versuch, das Reich als Anti­ these zu traditionell "imperialistischen" Strukturen zu charakterisieren, und die liberal­ demokratischen Prinzipien des Zusammenlebens der Völker mit dem Herrschafts­ anspruch des deutschen Nationalsozialismus vordergründig in Einklang zu bringen. So sprach R einhard H öhn davon, daß die führende Stellung des Reiches darauf beruhe, daß Deutschland m it den anderen europäischen Völkern "in einer Lebens- und Leistungsgemeinschaft'' stehen würde, in der es "die bewußte Verantwortung für eine Neuordnung Europas tragen und für diese Aufgabe das Vertrauen der Völker besitzen" sollte. Diese "Lebens- und Leistungsgemeinschaft" entspreche einer "inneren balance of power", die nunm ehr von der "festen Mitte" des Kontinents ausgehe, ohne von "außer­ europäischen" M ächten zuungunsten des Kontinents bestimmt zu werden.237Für Werner Frauendienst dagegen stand außer Frage, daß Deutschland seine führende Stellung primär seiner militärischen Überlegenheit zu verdanken habe. Erst nachdem die zunächst ausschließlich deutschen Interessen durchgesetzt wären, würde sich das Reich auch 235 236

Vgl. W. Frauendienst: Der innere Neuaufbau des Reiches als Beitrag zur europäischen Ord­ nung, a.a.O., S. 126fF. Die hier vorgestellten Grundprinzipien werden später im Rahmen der "Großraum'-Konzeption durch das Modell der "Völkerfamilie", die nach dem ''Führer-Gefolgschaftsn-Prinzip strukturiert werden sollte, näher ausgeführt. (Vgl. dazu das 3. Kapitel)

237

Vgl. R. Höhn: Reich-Großraum-Großmacht, a.a.O., S. 192.


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Die Grundzüge der "Neuordnung ”

"europäischen" Aufgaben widmen, da diese zunehmend mit den deutschen Ansprüchen verschmolzen. Indem Frauendienst damit den deutschen Führungsanspruch konkretisier­ te, benannte er gleichzeitig erste Grundzüge, nach denen Deutschland beabsichtige, seine Führung au f dem Kontinent zu gestalten. Er fuhrt aus: "Das Großdeutsche Reich übernimmt die Aufgabe der Ordnung zunächst aus den Lebensinteresse und aus dem Bedürfnis des deutschen Volkes. Es fuhrt diesen Kampf um sein Lebensrecht und seinen Lebensraum, den es braucht, um als freies, unabhängi­ ges Volk existieren und sich entfalten zu können wie alle anderen großen Völker und Staaten... Das nationalsozialistische Reich anerkennt und achtet aber auch die Lebens­ räume anderer starker Völker... Das Deutsche Reich A dolf Hitlers will keine Weltherr­ schaft, noch unbegrenzte Eroberungen, sondern die Führung im europäischen kontinen­ talen Raume, der sich mehr und mehr als eine Schicksalsgemeinschaft erweist. Es will in diesem Raume gesicherte Gesetzmäßigkeiten und Entwicklungsm öglichkeiten schaf­ fen, die Reibungsflächen beseitigen, einen gesunden Austausch und Ausgleich fordern und dadurch den Frieden und der Wohlfahrt dienen. Keine Zwangsordnung ä la Versail­ les ist sein Ziel, sondern eine natürliche organische und darum dauerhafte Ordnung."238 Die damit in Aussicht gestellte "Friedensordnung" auf dem Kontinent enthielt angesichts der ungelösten Probleme im Rahmen der Versailler Ordnung, verstärkt aber nach dem Ausbruch des Krieges ein hohes Überzeugungspotential. D a in dieser Argumentation die Verantwortung des Dritten Reiches für den Krieg genauso geleugnet wurde, wie die deutschen Expansions- und Eroberungsabsichten, erschien D eutschland zunehmend als der "Retter" aus der kontinentalen Notlage, der m it einem neuen Ordnungssystem gleichzeitig das Zusammenleben der Völker neu bestimmte. Das Reich w urde daraufhin "unersetzlich" für die europäischen Völker, da es - so Höhn - als "Gestalter und Wahrer einer neuen Ordnung und eines daraus sich ergebenden echten Friedens" gleichsam die "Voraussetzung für das künftige Leben der Völker im europäischen Raum " zu bilden schien. Dabei bringe Deutschland gleichzeitig alle Anlagen mit, um diesen "inneren Frieden" durch die Übertragung nationalsozialistischer Strukturen a u f den Kontinent zu gewährleisten, nämlich "innenpolitisch neue politische und soziale Lebensordnungen, die europäische Lösungen enthalten, außenpolitisch die Gesam tkonzeption einer euro­ päischen Neuordnung, vor allen Dingen aber seine eigene Kraft, als Lebenskem des Großraums einen solchen Frieden innerhalb des Großraum s zu schaffen".239 In diesem Verständnis galt das Dritte Reich dann bei Friedrich Schm idt, der das deutsche Füh­ rungsverständnis von der "reinen Machtpolitik" des englischen "Im perium s" abzugren­ zen suchte, nicht als "Darstellung des Willens zur Herrschaft, sondern gemäß dem

238

W. Frauendienst: Bismarck als Ordner Europas, a.a.O., S. 164.

239

Vgl. R. Höhn: Reich-Großraum-Großmacht, a.a.O., S. 201.

I


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Gesetz im deutschen M enschen" als "Darstellung des Willens zum Führen, d.h. des W illens, durch B eispiel und Vorbild andere zu überzeugen und durch Zucht und Ord­ nung, gleich w o immer, dem Sinn der Schöpfung zu dienen." Das nationalsozialistische Deutschland beanspruchte es als seine "Bestimmung in der Welt", "Erzieher der Völker und damit V ollstrecker eines letzten göttlichen Auftrages zu sein."240 Während "Herr­ schaft" dabei m it dem M om ent der Erzwungenheit gleichgesetzt wurde, schien die deutsche Führung a u f dem freien Willen der europäischen Völker zu beruhen, die deutschen V erdienste und Leistungen anzuerkennen.241 Ein anonymer Beitrag in der Zeitschrift "Reich, Volksordnung, Lebensraum" aus dem Jahre 1942 spiegelte die daraus resultierende W idersprüche zwischen propagierten Idealen und der realen deutschen Kriegs- und Besatzungspolitik ansatzweise wider: Der Verfasser, von dessen Auf­ fassungen sich die Redaktion vorsichtig distanziert hatte, betonte, daß ein Volk, das aufgrund seiner Stärke zum "Führungsvolk" eines "Großraumes" aufgestiegen sei, prinzipiell zw ei M öglichkeiten habe, um diese Führung auszuüben. Es könne entweder "ganze Völker dieses Großraumes in ihrer gesamten lebenden Substanz vernichten bzw. sie aus dem beherrschten Großraum verdrängen", was letztlich aber die "Vorausset­ zungen einer von ihm geführten Großraumordnung" beseitigen würde, oder es könne die anderen Völker im "Großraum" belassen und Beziehungen zwischen ihnen schaffen, die "den Lebensgesetzen entsprechen". Die nähere D arstellung dieser "Lebensgesetze" wurde zu einem Appell an die deutsche Politik: Der Anonymus stellte fest, das diese Gesetze darauf begründet seien, “daß jedes V olk als Selbstzweck des Lebens anerkannt" werde. Das Führungsvolk wurde in dieser Sicht zum Prim us inter pares, der die "höchste erreichbare Stufe der Erfüllung seines Daseinszweckes der Selbsterhaltung und Selbstentfaltung" darin finden würde, seine Führungsaufgaben im Interesse der anderen Völker wahrzunehmen - ein Ansinnen, daß nur wenig den inoffiziellen Vorstellungen der deutschen Regierungspolitik entsprach.242 Um so stärker w urde die deutsche Führungsrolle in der großen Mehrheit der wissenschaftlich-propagandistischen Darstellungen von "imperialen Modellen" abge­ grenzt. Friedrich Berber entwarf deshalb ein Bild vom gleichberechtigten Zusammenle­ ben souveräner Staaten, die lediglich zugunsten des Allgemeinwohls Einschränkungen eigener Rechte anzuerkennen hätten. In diesem Sinne sollte das propagierte nationalso­ zialistische Verständnis von "Führung" die "Ablehnung sowohl des imperialen Gedan­ kens altrömischer Prägung wie des anarchischen Gedankens absoluter einzelstaatlicher Souveränität au f dem Hintergrund des Gleichgewichtsspiels" bedeuten. Im Gegenteil

240

Vgl. F. Schmidt: Das Reich als Aufgabe, a.a.O., S. 30f.

241

Vgl. J. Kühn: Über den Sinn des gegenwärtigen Krieges, Teil 2, a.a.O., S. 108.

242

Vgl. ***: Herrenschicht oder Führungsvolk? in: Reich, Volksordnung, Lebensraum, Bd. ID, 1942, S. 122-141, S. 139ff.


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Die Grundzüge der "Neuordnung

beinhalte die "Führung" laut Berber zwar "die Anerkennung eigenständiger Staaten mit einem reichen und vollen Eigenleben, aber den Verzicht auf alle die Eigentümlichkeiten staatlicher Souveränität, die der europäischen Gemeinschaft schaden könnten." A uf dieser Basis sollten endlich "Kriege zwischen Gliedern der europäischen Gemein­ schaft... in Zukunft m it der Idee eines geführten und geordneten Europa ebenso unver­ einbar sein wie das hochmütige Beharren auf wohlerworbenen Rechten, die mit den neuen Gemeinschaftsaufgaben unvereinbar" wären.243 Aber trotz dieser hehren Ziele standen "Freiheit und Größe" Deutschlands im M ittelpunkt der Argumentation,244 erhielten die nationalsozialistischen Ansprüche den Charakter von Voraussetzungen, die die deutsche Führung im Interesse des Kontinents erst ermöglichten. Die zeitweilige Übertragung des deutschen Führungsanspruches au f die Achsenmäch­ te trug diesen demokratisch anmutenden Vorstellungen ebenso Rechnung. Der "Kampf der Achse" schien damit nicht nur eine Antithese zu der Versailler Ordnung darzustellen, sondern gleichzeitig in der Organisation dieses zwischenstaatlichen Bündnisses neue Form en für das gesamte nationale und internationale Leben zu vermitteln. Die "Meilen­ steine" der politischen, militärischen und sozialen Erfolge Deutschlands und Italiens wurden so zu "Marksteinen" der Entstehung des "neuen Europa.245 D er Dreimächtepakt bildete in dieser Sichtweise die erste institutionelle Verankerung des deutsch-italie­ nischen Führungsanspruches und der beginnenden "Neuordnung" a u f dem Kontinent. Auch die Verlängerung des Antikomintempaktes im November 1941, dem eine Reihe vo n nord- und südosteuropäischen Staaten beitraten, vertiefte diese Interpretation nachhaltig, schien sie doch die fortschreitende Bereitschaft anderer Staaten, an der "Neuordnung" des Kontinents mitzuwirken, zu demonstrieren.246247 Ein ganz anderes Bild des deutschen Führungsverständnisses in Europa brachten dagegen die Gesprächsaufzeichnungen Herm ann Rauschnings zum Ausdruck, in denen Hitler ein "germanisches Europa" verlangte, in dem die deutsche H errschaft gesichert •• 247 wäre. Diese Realitäten spiegelte auch ein Artikel in der Basler N ationalzeitung wider, der die deutsche Propaganda kritisch untersuchte. Unter dem Titel "Hegemonie oder Födera­ tion" stellte ein Beitrag von A dolf Gasser vom 23. Oktober 1943 die eigentlichen Charakteristika des deutschen Führungsanspruches klar:

"Seit der N iederringung Frankreichs im Somm er 1940 stellt das D eutsche Reich den

243

Vgl. F. Berber: Epochen europäischer Gesamtordnung, a.a.O., S. 924.

244

Vgl. u.a. B. Amann: Der Sinn unseres Krieges, a.a.O., S. 21.

245

Vgl. P. Schmidt: Die Achse als Grundlage des neuen Europa, a.a.O., S. 13,15.

246

Vgl. BA Abt. Potsdam, 09.01 AA, Nr. 58898, Bl. 4ff.

247

Vgl. H. Rauscbning: Gespräche m it Hitler, a.a.O., S. 43f.


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Anspruch auf, Europa habe sich seiner Führung zu unterwerfen: seiner Hegemonie. Die Begründung lautet so: unser Erdteil sei in seiner bisherigen politischen Zersplitterung außerstande, sich gegen nichteuropäische Weltmächte zu behaupten und sich die un­ entbehrlichen Lebensm ittel- und Rohstoffquellen der Ukraine, sowie anderer Gebiete anzugliedem. D ie stärkste M ilitärmacht Europas, eben das Dritte Reich, sei daher vom Schicksal ausersehen worden, den europäischen Völkern den nötigen Großraum mit W affengewalt zu erschließen und sie so ihrem Zukunftsglück entgegenzufuhren. Zwar möchten die anderen N ationen au f das ihnen zugedachte 'Glück' lieber verzichten, und so kämpft Deutschland nach den Worten von Dr. Goebbels für einen Kontinent, der das eigentlich gar nicht verdient. Aber es liegt eben im Wesen des Hegemoniestrebens abhängig gew ordenen V ölkern auch nichtverdiente Schicksale zuteil werden zu las­ sen..."248 : ' Um dieser naheliegenden Deutung des nationalsozialistischen Führungsanspruches zu begegnen, en tw arf die NS-W issenschaft mit dem "Lebensraum"-Konzept das Modell einer territorialen und politischen "Neuordnung" der europäischen Verhältnisse, in dem die Frage der deutschen Führung auf dem Kontinent immanenter Bestandteil des künftig geopolitisch geordneten Zusammenlebens der Völker sein würde.

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248

BA Abt. Potsdam, R 49.02 DAWI, Nr. 11552, Bl. 6.


110

Europa als politischer Zusammenschluß

3.

Europa als politischer Zusammenschluß: Der "Großraum Eurafrika"

3.1.

Die wissenschaftliche Konzeptionalisierung: Von der "Lebensraum"-Forderung zum "Lebensraum"-Konzept

3.1.1. "Lebensraum"-Forderung und "Lebensraum"-Konzept Die Vorstellungen von einer politischen "Neuordnung" des europäischen Kontinents w i­ derspiegelten in den frühen dreißiger Jahren zunächst nur die Überzeugung, daß die Versailler Zustände unhaltbar geworden wären, da sie die politische Karte Europas in einer Weise künstlich verändert hatten, die nicht m ehr den realen Kräfteverhältnissen und nationalstaatlichen Gedanken entsprach. Erst nachdem die "Neuordnungs"-Idee als grundlegendes Prinzip der nationalsozialistischen Außenpolitik verwendet wurde, erhielt sie - konkret nach dem Übergang zur aktiven Außenpolitik des Hitlerregimes - ihre spezifisch nationalsozialistische Ausprägung, die sich nach dem Ausbruch des Krieges noch verstärkte. Während die deutsche W issenschaft jetzt "Neuordnung" als verbrieftes Recht und Chance des Siegers verstand, akzeptierten auch die anderen europäischen Staaten weitestgehend, daß eine "Neuordnung" der politischen Verhältnisse anhand der militärisch - veränderten Situation notwendig wäre. Die beginnende inhaltliche Ausge­ staltung der "Neuordnungs"-Vorstellungen durch die NS-W issenschaft entw arf dar­ aufhin ein charakteristisch nationalsozialistisches Bild vom künftigen "neuen Europa", das neben umfassenden politischen Veränderungen auch entsprechende wirtschaftliche Strukturen einschloß. Die propagierten Vorstellungen griffen dabei a u f die geopolitischen Begriffe "Raum" und "Lebensraum" zurück, die zum "Großraum" mit seinen neuen Formen des Zusammenlebens der Völker erweitert w urden und gleichzeitig den Entw urf einer ganzen Weltordnung nach den "Lebensraum"-Prinzipien" einschlossen. Ausgehend von der "Lebensraum"-Forderung der sogenannten "Havenots" nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die "Lebensraum"-Idee zum tragenden Element der nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Vorstellungen. Der .Rawwj-Begriff der Geopolitik fand hier ebenso Eingang wie der deutsche Anspruch au f Expansion, der nunmehr in die Gestalt eines allen Ländern zugedachten Rechtes au f einen genügend großen Lebens­ raum auf dem Kontinent gekleidet wurde. Von dieser Prämisse gelangte die NS-Publizistik angesichts der Tatsache, daß sich die einzelnen Interessen und dam it auch die beanspruchten "Lebensräume" in Europa naturgemäß überschneiden mußten, zu der Idee vom Großraum Europa, der alle Vorstellungen integrieren und die w eitere Entwicklung Europas zu neuer Weltgeltung garantiern sollte. Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung m it den späteren "Neuordnungs"-Konzepten waren die raumvölkischen Ideen der Geopolitik, die m it dem B egriff


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vom "Raum" die gleichsam "natürliche" Determinante des "Lebensraum"-Konzeptes im geographisch-politischem Bereich lieferten. Die krasse Forderung nach einer Erweite­ rung des deutschen "Lebensraumes", die noch für Hitlers "Mein Kampf prägend war, trat jetzt zunehm end zurück: Angesichts der beginnenden politischen und späteren militärischen U m setzung des deutschen Expansionsprogramms berief man sich auf "natürliche Gegebenheiten", die jetzt von der nationalsozialistischen Regierung einge­ fordert bzw. wiederhergestellt werden sollten. Über die Begriffskette vom geographisch definierten "Raum" zum "völkisch-politischen Lebensraum", der schließlich im "Groß­ raum" Europa aufgehen würde, entstand der Versuch, eine geschlossene Konzeption für eine neue europäische Ordnung zu entwerfen,, die auf den Weltmaßstab ausgedehnt werden könnte. Dabei w urde die deutsche Führung unter Berufung auf die beschriebe­ nen Traditionen und Ordnungsaspekte zum entscheidenden Kriterium des entwickelten Modells. Ausgehend von diesen Stereotypen wurde die Idee eines wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenschlusses Kontinentaleuropas entworfen, der - wie spätestens ab dem Kriegsbeginn deutlich wurde - mit militärischen Mitteln durch­ zusetzen sei.1 D ie Begriffe von "Raum", "Lebensraum" und "Großraum" erschienen dabei allerdings nicht als wissenschaftlich fundierte Termini, sondern wurden von den verschiedenen Autoren - bei überwiegend erkennbaren strukturellen Gemeinsamkeiten durchaus auch unterschiedlich definiert und zum Teil auch synonym verwendet.

3.1.2. Der geopolitische B egriff des "Raumes" Die nationalsozialistische Wissenschaft griff dabei zuerst den "Raum"-Begriff der Geopolitik auf, um die außenpolitischen Ambitionen des Dritten Reiches in der Propa­ ganda theoretisch zu untermauern. Der gleichsam anonyme "Raum"-Begriff diente dazu, die Tatsache, daß sämtliche deutschen "Neuordnungs"-Vorstellungen unweigerlich die politischen Grenzen und damit das Staatengefüg an sich verändern würden, zu ver­ schleiern. Die Einführung des "Raum"-Begriffs in die wissenschaftlich-politische Argumentation bot hierbei die Möglichkeit, die Vorstellung von einem völlig neu zu entwickelnden politischen System zu begründen, in dem die Relevanz des Nationalstaa­ tes zugunsten einer als "zeitgemäßer" postulierten neuen "Raum"-Ordnung zurücktreten

1

Vgl. z.B.: F.A. Six: Die Binnenkriege des europäischen Kontinents und der Einigungskrieg der Gegenwart, in: Europa und die Welt, Berlin 1944, S. 222-253; B. Amann: Der Sinn unseres Krieges, Wien/Leipzig 1940;R. Essen: Der europäische Abwehrkampf, in: Europäische Revue 1943, S. 234-237; E.W.H. Schmidt: Europäische Gemeinsamkeit. Der Abwehrkampf gegen den Bolschewismus, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1941, S. 936-939 oder J. Kühn: Über den Sinn des gegenwärtigen Krieges, in: Zeitschrift für Geopolitik 1940, S. 57-62,105112,156-171.


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würde.2 Die durchaus anvisierten umfassenden Grenzveränderungen, die die deutsche Außenpolitik anstrebte, schienen damit lediglich untergeordneter Bedeutung zu sein. In der Konfrontation mit England, das folgerichtig als große Kolonialm acht weniger als europäische, denn als eine "außerhalb Europas stehende Macht" dargestellt wurde, sollte die künftige Weltgeltung Europas von einer "Neuordnung" der staatlichen Beziehungen insgesamt abhängen.3 Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, bedürfe der europäische Kontinent wie Ernst Hamm feststellte - einer "Raumordnung", die er als "ordnende Tätigkeit des menschlichen Geistes" verstand, die dem Ziel diente, "das Spannungsverhältnis zwi­ schen den Kräften und in einem Raum ins Gleichgewicht zu bringen oder die Kräfte sinnvoll zu vereinigen".4 Der "Raum"-Begriff, der hierbei verw endet wurde, w ar al­ lerdings nur vordergründig eine geographisch definierte Einheit. In weitaus größerem Umfang baute er au f politischen und auch wirtschaftlich definierten Aspekten auf. Die "völkischen Grundlagen der Raumabgrenzung", die dabei in den V ordergrund gerückt wurden, stellten bereits die direkte Verbindung zum "Lebensraum "-Begriff her. Wie Franz Heske 1942 postulierte, seien die neuen Ordnungsprinzipien, die letztlich das britisch geprägte Weltwirtschaftssystem negieren sollten, "durch die Revolution des Bodens und durch die Auflehnung des Blutes" entstanden.5 Die dabei beschriebenen Ursachen für das neue "Ordnungsstreben" boten breiteste Identifikationsmöglichkeiten, da sie von den nationalen Bedürfnissen der Verliererstaaten im Versailler Vertrag bis hin zu den Umweltzerstörungen reichten, die die kapitalistische W irtschaftsweise hervor­ gerufen habe.6 D am it hatten sich die beiden grundlegenden Determ inanten des "Raumes" heraus­ kristallisiert: Die "Einheit des Bodens" verwies au f die Idee eines geographisch zu-

2

Vgl. z.B. H. Hunke: Volk und Raum in der wirtschaftlichen Neuordnung Europas, in: Zeit­ schrift für Geopolitik, 1940, S. 571-575, S. 571ff; E. Staritz: Die raumvölkischen Grundlagen der europäischen Großraumwirtschaft, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Grossraum­ wirtschaft, Jahrbuch 1941 der Gesellschaft fiir europäische Wirtschaftsplanung und Gross­ raumwirtschaft E.V., Dresden 1941, S. 133-146, S. 133 sowie F. Heske: Mechanische und organische Raumordnung, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Grossraumwirtschaft, Jahr­ buch 1942 der Gesellschaft fiir europäische Wirtschaftsordnung und Grossraum Wirtschaft E.V., Dresden 1942, S. 50-58, S. 50 ff.

3

Vgl. E. Hamm: Europäische Raumordnung, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Gross­ raumwirtschaft. Jahrbuch der Gesellschaft für europäische W irtschaftsplanung und Gross­ raumwirtschaft, 1942, S. 43-49, S. 44.

4

Vgl. ebenda, S. 45.

5

Vgl. F. Heske: Mechanische und organische Raumordnung, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Grossraumwirtschaft, Jahrbuch 1942 der Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Grossraumwirtschaft E.V., Dresden 1942, S. 50-58, S. 51.

6

Vgl. ebenda, S. 51 f.


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sam m engehörenden natürlichen Umfeldes, auf der jede politische und wirtschaftliche Entwicklung basiere. D ie naheliegende Schlußfolgerung von einer "natürlichen Grenz­ ziehung" bot gleichzeitig langfristig die Möglichkeit, die deutschen Expansionsvorstel­ lungen "wissenschaftlich" abzusichern. Die beschworene "Einheit des Blutes" kenn­ zeichnete dagegen m it den "völkisch-rassischen" Aspekten die biologische, bevölke­ rungsmäßige D im ension der zu betrachtenden Räume. Somit wurde der "Raum" in zweifacher H insicht definiert: sachlich-inhaltlich hinsichtlich seiner Naturgegebenheiten und andererseits über die in ihm lebenden Menschen. Wie Bruno Kuske betonte, lag es nahe, "den Raum auch unter der Fragestellung nach seinen Menschen ins Auge zu fassen und diese dabei gegenüber seinem nur naturgegebenen sachlichen Inhalt zu betonen, aufzuklären und darzustellen, ihre physische und geistige Eigenart, Ihr Volkstum und ihre Lebensweise, ihre Sprache, Literatur, Wirtschaft, Technik, Rechtsverhältnisse, Politik, Religion, K unstform en und sonstige geistige Leistungen, ihre Geschichte - den ganzen Inhalt ihrer Zivilisation und Kultur."7 Mit dieser Perspektive w ar die Verbindung zwischen den verschiedenen Geisteswis­ senschaften und der praktischen Politik hergestellt: Der "Raum an sich" wurde zum Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Betrachtung und deren politischer Umsetzung, wobei der "Raum" selber ohne politische Einschränkungen gleichsam als übergeordnete Kategorie betrachtet wurde. So forderte Kuske, daß der "Raum" zunächst "ohne jede irgendwie geartete Begrenzung verstanden werden" solle. Es handele sich hierbei "um den Raum der Erde, und zwar soweit er zu den menschlichen Belangen in engerer Verbindung" stünde, der "wissenschaftlich in der allgemeinsten, politisch nicht be­ grenzten Form Vorbehalten bleiben" müsse, damit "die Forschung Bewegungsfreiheit" habe. Dabei dürften sich "ihre Tatsachen nicht an politisch vorgezeichnete Abschnitte binden", sondern sollten "sich von anderen als den politischen Kräften aus im Raum versammeln", die er beispielsweise in "Rassen, Einzelvölkem, Sprache, Religion, Le­ benshaltung, W irtschaft und sonstigen bedeutsameren Kulturäußerungen" sah.8 Aber trotz dieser scheinbaren Abgrenzung von der Politik rückte auch Kuske angesichts der als unbefriedigend empfundenen räumlich-politischen Zustände in Europa die Notwen­ digkeit, "Raum" und Politik zu verbinden, ins Blickfeld: Ausgehend von der Schlußfol­ gerung, daß die untersuchten "Raumerscheinungen" nicht mit den bestehenden politi­ schen Tatsachen übereinstimmten, betonte er die übergeordnete-Stellung des "Raumes" gegenüber der Politik und befand "die Formulierung des Raumes über die von ihr (der Politik - B.K.) festgesetzten Grenzen hinaus" als "berechtigt, ja notwendig."9In diesem

7

Vgl. B. Kuske: Der Raum als Forschungsaufgabe, in: Raumforschung und Raumordnung, 1942, S. 323-327, S. 323.

8

Vgl. ebenda, S. 324.

9

Vgl. ebenda, S. 324.


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Verständnis konnte er wissenschaftliche Strömungen beobachten, die besonders in der Betrachtung des europäischen Kontinents über die bestehenden "politischen Raum­ festsetzungen" hinausgingen und so ein neues politisches Bild des Kontinents vor­ bereiteten,10 das die angestrebten territorialen Veränderungen rechtfertigen konnte. Diesem Ziel dienten auch die angestellten Untersuchungen zu Kapazitätsfragen, die an die Thesen vom "Volk ohne Raum "11 erinnerten, und damit die rein geographischen Aspekte des "Raumes" mit politischen Schlußfolgerungen unterlegten. Ein entsprechender Beitrag von Wolfgang B. Lengercke in der Zeitschrift für Geo­ politik bestim mte Ende des Jahres 1940 die "Kapazität eines Raumes" durch "die ihm innewohnenden menschlichen Kräfte", durch die erst der "sonst leblose Raum lebendig" würde. Erst durch dieses Zusammenspiel wäre der "Raum" nun "politisch" und dränge "zur Gestaltung". Damit stellten ein "Land, eine Nation, ein geopolitisch Ganzes also" eine "Summe der verschiedensten Kräfte" dar, "die sich zur Lebensbekundung organisch zusammenfügen" würden. Diese "Lebensbekundung" bestimme dann die "Richtung der Politik nach außen, die Zusammensetzung der Kräfte aber die Richtung der Politik nach innen."12 D ie einzelnen innenpolitischen "Kapazitätsglieder" Landwirtschaft, Industrie und Handel erhielten laut Lengercke durch die Siege der deutschen W ehrmacht, die die Stellung Deutschlands in der W elt veränderten, eine neue Grundlage: Sie waren nicht m ehr nur innenpolitisch, sondern auch außenpolitisch relevant gew orden und standen jetzt in einem größeren - nun europäischen Rahmen - zur Disposition. D er zunächst auf den deutschen Staatsraum beschränkte Anspruch der "Raumordnung" w ar zu einem europäischen gew orden.13 Das "Raum"-Problem hatte eine neue, nunm ehr politische Dimension gewonnen. Unter diesem Blickwinkel wurde die Definition vom "Raum" - so bei Hermann Herrigel - deutlich erweitert: Sie bezog jetzt die politische Schlußfolgerung des "sich Raum Schaffens" ebenso ein wie die gesellschaftliche Verantwortung für seine Gestal­ tung und Ausdehnung. Wie Herrigel postulierte, sei es eigentlich selbstverständlich, daß einerseits die Geographie "eines Tages dahin kommen" müsse, "die geographischen Räume... nicht nur unter dem Gesichtspunkt ihrer physischen M orphologie, sondern auch als vom M enschen gestaltete Kulturlandschaft zu betrachten." Das führe zu der "Frage der Zuordnung bestimmter Räume und bestimmter Erscheinungen", die auch aus der "Arbeit der W irtschaftswissenschaft, der Siedlungs- und Verkehrsw issenschaft wie

10

Vgl. ebenda, S. 324f.

11

Vgl. H. Grimm: Volk ohne Raum, München 1938; sowie A. Hitler: Mein Kampf, 2 Bde. Mün­ chen 1925-27.

12

Vgl. W.B. Lengercke: Raum und Kapazität, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 590-594, S. 590.

13

Vgl. ebenda, S. 591 f.

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der politischen W issenschaften" entstünde. Damit wäre es nicht der "Raum", auf "den diese W issenschaften... stießen, sondern immer der begrenzte Raum". Allerdings seien Grenzen, so betonte H errigel, "keine absoluten Größen", da sie "durch ihre gegen­ ständliche Stabilität den A blauf der dynamischen Lebensvorgänge" zwar beeinflußten, dieses aber "nur zeitweilig" täten, "nämlich nur solange, bis sie selber durch die Lebens­ dynamik geändert" w ürden.14 Diese Schlußfolgerung machte den expansiven Charakter der politischen "Raum "-Ideen letztlich absolut deutlich: Die Forderung nach einer Veränderung der politischen Grenzen erschien in dieser Betrachtungsweise als objekti­ ves Charakteristikum des von M enschen bewohnten Raumes.15 In der wissenschaftlichen "Raumplanung", die sich diesem Aufgabenbereich widmete, nahm Deutschland eine Vorreiterrolle ein, die nicht zuletzt durch die dahinter stehenden handfesten politischen Intentionen bedingt war. Ausgehend von der These, daß "Boden und Rasse und ihre V erbindung zu Volk und Raum die Lebensgrundlagen der europäi­ schen Raum planung”16 seien, wurde daraus ein Zukunftsmodell für einen "raumpoli­ tisch" bestim m ten europäischen Kontinent entwickelt, dessen deutsch bestimmte We­ senszüge in einem B eitrag von Martin Pfannschmidt aus dem Jahre 1941 besonders deutlich zum A usdruck kamen. Pfannschmidt stellte fest, daß die "raumpolitischen Auswirkungen der Raum planung" den europäischen Kontinent entscheidend verändern w ürden und m achte in diesem Zusammenhang die besondere deutsche Verantwortung für diesen Prozeß genauso deutlich, wie er mittelbar auf die eigentlichen außenpoliti­ schen Ziele des nationalsozialistischen Staates und die Prämissen des "Lebensraum"Konzeptes verwies: Erst nach der "Ausschaltung des englischen Machtbereichs und der von England getragenen liberalistischen Zersetzung kontinentaler Binnenwirtschaft" bestünde "freie Bahn für ein Zusammenwachsen der europäischen Länder zu einem eng verflochtenen Großwirtschaftsraum und einer neuen kulturellen Gemeinschaft." In dieser Argumentation sollte die "Besiedlung der neugewonnenen deutschen Ostgebiete" zu einem "Ausgleich des durch überholte Standortbedingungen und raumwidrige Grenzzer­ reißungen bedingten westöstlichen Gefälles von Reichtum und Kultur" fuhren. Dabei fungiere Deutschland als "Träger dieses europäischen Auftrages" und würde damit "seine m ittelalterliche Sendung des Anschlusses und der Aufschließung Osteuropas" w ieder aufnehmen, so daß die "neue europäische Raumplanung" unter "Achtung der ewigen Lebensgesetze von Volk und Raum den Grund zu einem neuen Aufstieg des

14 15 16

Vgl. H. Herrigel: Raum und Räume, in Raumforschung und Raumordnung, 1942, S. 343-345, S. 344. r, , / Vgl. dazu auch T. Haering: Der Begriff des Raumes im Sinne deutscher Raumforschung, in: Raumforschung und Raumordnung, 1942, S. 328-334. Vgl. M. Pfannschmidt: Europäische Raumplanung als Zukunftsaufgabe, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 225-235, S. 225.


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europäischen Kontinents" legen könnte.17 Damit hatte die nationalsozialistische Wissenschaft eine Betrachtungsweise kreiert, die es ermöglichte, die postulierte "Enge, die bisher jede durchgreifende Reform der sozialen Verhälnisse in Europa" verboten habe, durch eine "W eite des Raumes" ab­ zulösen, die "in allen sozialen Vorgängen wahrscheinlich grundsätzlich andere Lösun­ gen und grundsätzlich andere Methoden verlangen" würde, "als sie in der Beengtheit eines übervölkerten Raumes angebracht" wären.18 Die Kategorie "Raum" w ar zu einem gestaltenden Element nicht nur der Innenpolitik, sondern in besonderem M aße auch der Außenpolitik geworden. So schlußfolgerte Herbert Krüger 1941: "Sind Volk und Raum die entscheidenden Tatsachen, so kann echte Politik... nur ein Ziel haben: jedem Volk den ihm zugehörigen Raum zuzuweisen, es darin zu erhalten und Raumüberschreitungen entgegenzutreten... Es ist die Idee einer echten Außenpolitik nicht nur, jedem Volk den für ihn bestimmten Raum zuzuweisen, es darin zu erhalten und zu schützen, sondern auch die vornehmlich Gemeinsamkeit ihres weiteren Raumes aufeinander angewiesenen Völker in einem wesensmäßigen Gebilde, dem (äußeren) Reich zu einer Arbeits- und Leistungsgemeinschaft zu vereinigen."19 Als Ziel der angestrebten "Neuordnung" des europäischen Raum es stand damit - laut einem Beitrag von Ernst Hamm aus dem Jahr 1942, "die wehr- und wirtschaftspolitische und die sich hieraus ergebende kulturpolitische Sicherung und Entfaltung aller Kräfte der europäischen Völkerfamilie"20 im Mittelpunkt der deutschen Argumentation. In der Begründung der daraus resultierenden Möglichkeit, ja sogar Notw endigkeit des "sich Raum Schaffens", um den "natürlichen Gegebenheiten" zum Durchbruch zu verhelfen, w urde der "Raum"-Begriff in seiner politischen Dimension m it "völkisch-rassischen" Aspekten verknüpft und zum "Lebensraum"-Begriff erweitert.21

17

Vgl. ebenda, S. 232 ff.

18

Vgl. BA Abt. Potsdam, R 49.02 DAWI, Nr. 11552, Bl. 8.

19

H. Krüger: Der Raum als Gestalter der Innen- und Außenpolitik, in: Reich, Volksordnung, Lebensraum, Bd. 1 ,1941, S. 77-176, S. 175 f.

20

Vgl. E. Hamm: Europäische Raumordnung, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Gross­ raumwirtschaft, Jahrbuch 1942, a.a.O. S. 43-49, S. 46.

21

Vgl. z.B. T. Haering: Der Begriff des Raumes im Sinne deutscher Raumforschung, a.a.O., S. 332 ff und W. Daitz: Neuordnung Europas aus Rasse und Raum, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1940, S. 529-534.


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3.1.3. Die Idee vom "Lebensraum" D er "Lebensraum '-B eg riff stellte gegenüber dem geopolitisch geprägten "Raum"Begriff eine qualitative Erweiterung dar. Neben der politischen Bestimmtheit, die in der Vorstellung vom "Raum " bereits anklang, wurden jetzt weitere Aspekte herangezogen, die die program matischen Expansionsabsichten der nationalsozialistischen Außenpolitik in stärkerem M aße bedienen konnten. Die Definition des "Raumes" wurde mit den rassisch-völkischen Ideen der NS- Weltanschauung verbunden, um damit die politischen Grenzen nach neuen - nationalsozialistischen - Gesichtspunkten zur Disposition zu stel­ len. Wie ein A rtikel von Freiherr Raitz von Frentz in der Krakauer Zeitung 1942 kon­ statierte, tauchte "die Form el vom Lebensraum" folgerichtig zum "ersten Male auf, um die Gleichgewichtsverschiebung zwischen der Oberfläche eines Territoriums, in dem ein V olk lebt, und der ungew öhnlich starken Vergrößerung dieses Volkes zu bezeichnen." Diese "Verschiebung" m ache es dem "Volke nach und nach unmöglich, seine Arbeits­ kraft nutzbringend einzusetzen und sich auf dem begrenzten Raum zu ernähren" Von Frentz beschrieb dam it eine Situation, die besonders Deutschland und Italien in der Nachkriegszeit für sich beanspruchten. Diese "Tatsachen" veranlaßten ihn zu einer 1942 doch recht euphem istischen - Schlußfolgerung, die gleichzeitig eine interessante Definition von "Lebensraum " anbot. die auf der Idee eines zwischenstaatlichen Zu­ sammenschlusses aus vorwiegend wirtschaftlichen Erfordernissen basierte. Er stellte fest, daß "ein Staat m it ungenügendem Lebensraum diesen nicht vergrößern" könne, indem er "einen angrenzenden Staat mit Krieg überzieht". Es müsse ihm aber das "Recht zuerkannt w erden, sich m it andern Völkern zu wirtschaftlicher Zusammenarbeit zu verbinden und sich von dieser gemeinsamen breiteren Grundlage aus gegen die unbe­ rechtigten A nsprüche eines dritten Staates zu schützen." Unter diesem Blickwinkel bedeutete "Lebensraum " vom "wirtschaftlichen Standpunkt aus" ein "geopolitisches Gebilde, dessen verschiedenartige Erzeugnisse sich gegenseitig ergänzen, das den Völkern gestattet, sich wirtschaftlich zu regen, ihre Agrarprodukte und Industrieerzeug­ nisse untereinander auszutauschen und sich der Vorherrschaft anderer Staaten in anderen Lebensräumen zu entziehen". Damit definierte Frentz "Lebensraum" als "ein fest umrissenes Volksgebilde, das sich freiwillig zusammengeschlossen hat, um eine größere wirtschaftliche und militärische Unabhängigkeit zu erlangen, durch die sein Lebens­ unterhalt und seine Existenzsicherheit gewährleistet" würden.“ Die in diesem Zusam m enhang aufgeworfenen Fragen nach den inhaltlichen Be­ stimmungen eines "Lebensraumes", den Formen des politischen oder wirtschaftlichen23

22

Vgl. Raitz v. Frentz: Der Lebensraum der Achse, in: Krakauer Volksblatt, 23.6,1942, zit.n. BA Abt. Potsdam, R 49.02, Nr. 830, Bl. 2.

23

Vgl. ebenda.


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Zusammenschlusses und der Gestaltung der Beziehungen innerhalb eines "Lebens­ raumes" machten die Schwerpunkte der entsprechenden wissenschaftlichen Überlegun­ gen aus. Aufgrund der besonderen politischen Brisanz und der m öglichen Spannbreite der Untersuchungen wurden die Forschungen zur "Lebensraum "-Them atik in verstär­ ktem Umfang auch von Vertretern der aktiven Politik bearbeitet - ein Phänomen, das sich auch in den Untersuchungen zur wirtschaftlichen Ausgestaltung der neuen "Lebensraum"-Ordnung beobachten ließ. Der "Lebensraum"-Begriff wurde dabei vordergründig von "rassisch-völkischen" Kriterien her definiert. Dieser Ansatz fand sich vor allem in den B eiträgen von Werner Daitz, der eine Aufteilung der Welt in "rassisch fest um rissene und gebundene Lebens­ räume"24 postulierte. Da nach Daitz eine "Rasse" ihren ursprünglichen "Lebensraum" nicht aufgeben könne, ohne sich selbst zu verlieren, leitete er daraus das Ende der imperialistischen Kolonialpolitik des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ab, der er "rassisch bestimmte Lebensräume" entgegensetzte, die m it den Kontinenten zunächst weitgehend identisch waren. Daitz definierte: "Die bisher lediglich geographischen Begriffe der Kontinente w erden um gewandelt und neu begrenzt in rassisch gebundene Lebensräume, deren jeder aus seinem Gesetz von Blut und Boden einer eigenartigen Neuordnung zustrebt. Ihr bew ußter Asudruck sind die Parolen: Amerika den Amerikanern, Europa den Europäern, Ostasien den Ostasiaten und so fort. Sie sind also keine geographisch bedingten, räum lichen Ideologien, sondern Fanfarenstöße rassischer Monroe-Doktrinen."25 Die sich daraus laut Daitz ergebende neue Rechtsordnung ging vom Selbstbestimmungs­ recht der "Lebensräume" und somit der Kontinente aus und entsprach damit der deut­ schen Forderung nach einer Entwicklung Europas, die von äußeren Einm ischungen frei bleiben sollte. Da der "völkische Gedanke" als "natürliches Organisationsgesetz dieses Lebensraumes" angenommen wurde, rechtfertigte die These gleichzeitig die deutsche Kriegführung, die den bisher als wichtiger angesehenen Staatsraum - also die politischen Grenzen - wieder den "völkischen" Gegebenheiten anzupassen versuchte.26 Auch ein Beitrag von Erhard Mäding aus dem Jahre 1943 unterstrich noch einmal die besondere Wertigkeit der "biologischen Auffassung" des B egriffs "Lebensraum" und bezog den Bereich der "Lebensäußerungen" in die C harakterisierung m it ein: Mäding definierte den "Lebensraum" eines Volkes daraufhin "als physische Voraussetzung seiner Existenz, als Wirkungsbereich seiner Arbeit (Auswertung von Bodenschätzen und 24

W. Daitz: Neuordnung Europas aus Rasse und Raum, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1940, S. 529-534, S. 529.

25

Ebenda, S. 530.

26

Vgl. ebenda, S. 531.


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Energiequellen, E inrichtung von Arbeitsstätten), d.h. als Wirtschafts-, Kultur- und M achtsphäre, als V oraussetzung der Leistungssteigerung, der Differenzierung und damit des kulturellen A ufstiegs im weitesten Sinne, und schließlich als heimatliche Kulturland­ schaft, d.h. als B ereich psychischer Anregung und Erhebung und als Quelle innerer Befriedigung"2 ’, w as die geographischen Schlußfolgerungen letztlich offen ließ. In die gleiche R ichtung gehört ein anonymer Artikel im "Jahrbuch für Politik und A uslandskunde" aus dem Jahr 1941. Der Verfasser führte den Begriff des "Lebens­ raum s" hier a u f F riedrich Ratzel zurück und wies den Vorwurf einer auf rein deutsche Erfahrungen begründeten Verwendung im politischen Sprachgebrauch nachdrücklich zurück: Die D efinition des "Lebensraums" als "Ausdruck für den geographischen Herkunfts- und W irkungsbereich politischen Lebens"2728 sei längst Bestandteil des politischen Wortschatzes aller V ölker geworden. Da die Realität der Versailler Ordnung besonders in Mittel- und O steuropa nicht den "natürlichen" Gegebenheiten entspräche, forderte der Autor, das "Lebensraum "-Prinzip in der weiteren europäischen Entwicklung so durch­ zusetzen, wie es besonders von den als "zu kurz gekommenen oder wieder ausgeschalte­ ten Teilen Europas" - Deutschland und Italien - vorangetrieben würde.29 Einen ähnlichen Gedankengang verfolgte ein Beitrag von Gerhart Jentsch aus dem Jahr 1940, der die von ihrem Bedingungsgefüge und inhaltlichen Aspekten wohl umfas­ sendste A ufarbeitung des Begriffes enthielt: Jentsch konstatierte, daß die Welt in vier strategische und wirtschaftspolitische Bereiche aufgespalten sei, die seit dem Ersten W eltkrieg von Rußland, Amerika, England und Frankreich beherrscht wurden und die die darin nicht eingebundenen souveränen Staaten zu "Habenichts-Existenzen" ver­ urteilte. A u f der B asis dieser Tatsachen, die er als "Wurzeln der modernen Lebens­ räume"30 bezeichneten, definierte Jentsch den Begriff des "Lebensraums" in dann dreifacher H insicht: Ein "Lebensraum" sei: f

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"W irtschaftlich gesehen: ein Gebiet, genügend groß und in seinem Wirtschaftsaufbau mannigfaltig genug, um den darin zusammen lebenden Menschengruppen, wenn sie planmäßig mit- und füreinander arbeiten, eine großzügige Mengenproduktion, eine moderne Arbeitsteilung und einen ausreichenden Güter- und Kapitalaustausch zu ermöglichen, d.h. also eine dem 20. Jahrhundert angemessene Lebenshaltung, und zwar ziemlich unabhängig von der Wirtschaftspolitik der großen rohstoffbeherrschenden Kapitalismen oder anderer großer Lebensräume. Strategisch gesehen: ein Gebiet, genügend groß und mit genug sicher erfaßbaren 27

Vgl. E. Mäding: Wirklichkeit und Gestaltung des Landes, in: Reich, Volksordnung, Lebens­ raum, Bd. VI, 1943, S. 352-382, S. 355.

28

Vgl. ***: Lebensräume, in: Jahrbuch für Politik und Auslandskunde, 1941, S. 48-58, S. 48.

29 30

Vgl. ebenda, S. 57. Vgl. G. Jentsch: Lebensraum, in: Auswärtige Politik, 1940, S. 79-90, S. 79 ff.


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Energien, Nahrungsmitteln und Rohstoffen ausgestattet, um seine teilnehmenden Völker davor zu bewahren, als willenlose ’subjects' irgendeiner großen m aritim en Hegemonialmacht leben oder auch sterben zu müssen. Diplomatisch gesehen: ein Gebiet, dessen einzelne Staaten in gut nachbarlichem Vertrauen und mit Verständnis für ihre gegenseitigen Bedürfnisse einander politisch 'zugewandt' sind und einander die Sicherheit geben, daß keiner der Teilnehmer eine Politik der Feindschaft oder der Allianzen gegen irgendeinen anderen Staat im selben Raum verfolgt, besonders nicht in Verbindung mit Außenseitern oder als deren Werk­ zeug."31 In diesem Defmitionsansatz kamen die eigentlichen deutschen Absichten direkt zum Tragen: Durch die Bestimmung eines "Lebensraums" über die entscheidende Fähigkeit, sowohl wirtschaftlich als auch politisch und damit letztlich strategisch autark zu sein, trat das "biologisch-rassische" Element hinter den konkreten politischen Bestrebungen in den Hintergrund. Darüber konnte auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß vor allem der propagandistisch wirkungsvollere "biologische" bzw. "völkische" Aspekt in der Argumentation eine tragende Rolle spielte.32 Das "Lebensraum"-Konzept überschritt in noch weitaus deutlicherem Maße als die Überlegungen zur "Raum"-Frage die beste­ henden politischen Grenzen und meldete massive deutsche "Raum"-Forderungen an. In dieser Sichtweise umfaßte der "deutsche Lebensraum" dann folgerichtig - wie es in einem Beitrag von Kurt Vowinckel bereits 1939 zu lesen war - eine dreifache Abstufung, die geeignet war, weit über das deutsche Staatsgebiet hinausgehende informelle und letztlich auch territoriale Ansprüche abzuleiten: Laut Vowinckel w ar der "deutsche Lebensraum" in "erster Linie dort, wo der deutsche Bauer in unmittelbarem Zusammen­ hang mit dem deutschen Volkskörper" siedele und "das Gesicht der Landschaft in deutschem Sinn geformt" habe; "in zweiter Linie, wo die Wirtschaft anderer Staaten sich in Ergänzung des deutschen Kemraumes zu gemeinsamer Kraftsteigerung in der Form der vertragsmäßig geordneten Zusammenlebens" fände, und "in dritter Linie, wo deut­ sche Kultur sich mit fremder K ultur zu Ergänzung und Austausch" treffe.33 Noch deutlicher wurden diese Überlegungen bei Ekkehart Staritz, der 1941 den "deutschen Lebensraum" als "die allen deutschen Stämmen gemeinsame Heimat" umriß, "in den die durch die Dynasten künstlich errichteten Grenzen keine Gültigkeit mehr haben sollten."34 Staritz beschrieb damit ganz offen ein Gebiet, das "von der Wasser-

31

Ebenda, S. 85.

32

Vgl. den bereits erwähnten Beitrag von W. Daitz oder K. Vowinckel: Zum Begriff Lebens­ raum, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1939, S. 638-639.

33

Vgl. K. Vowinckel: Zum Begriff Lebensraum, a.a.O., S. 639.

34

Vgl. E. Staritz: Die raumvölkischen Grundlagen der europäischen Großraumwirtschaft, a.a.O., S. 134.


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sch e id e des R heins bis zu der der Weichsel reichte, in dem die Urstromtäler die natürli­ c h e R ichtung gen O sten vorzeichneten."35 D ieser offensichtliche A nspruch au f ein Gebiet, das real weit über den deutschen S taatsraum hinausging, w urde in der "Lebensraum"-Konzeption durch den Verweis auf g eg en seitig e A bstim m ung in einem "sinnvoll und organisch" zusammengefügten G e b ie t36 zu verm indern versucht - eine Vorstellung, die bei aller ernst gemeinten Ableh­ n u n g traditionell "imperialistischer" Ambitionen angesichts der NS-Wirklichkeit Utopie b leib en mußte. Trotzdem vermittelte die wissenschaftliche Publizistik mit der "Lebensraum "-Idee die V ision einer gleichsam überstaatlichen Einheit, die die unbefriedigenden staatlich en G liederungen im Ergebnis des Ersten Weltkrieges durch eingeschränkte staatlich e Souveränität zugunsten übergeordneter Gesichtspunkte unter deutscher F ü h ru n g ersetzen würde. D ie naheliegende Gegenüberstellung von "Lebensraum"-Konzept und traditionellem Im p eria lism u s bildete dabei einen entscheidenden Grundzug der "Lebensraum"-Idee insgesam t. In unnachahm licher Weise wurden hierbei die realen deutschen Expansions­ ab sich ten in den R ang einer "natürlichen Notwendigkeit" erhoben und von den negati­ v e n A usw irkungen der imperialistischen Kolonialpolitik englischer oder französischer P räg u n g freigesprochen. Das "Lebensraum"-Konzept übertrug die genauso vorhandenen "im perialistischen" expansiven Bestrebungen Deutschlands nunmehr auf den europäi­ s c h e n K ontinent, der in der Realität der deutschen Kriegsziele einen quasi-kolonialen S ta tu s erhalten sollte, um die deutschen kolonialen Ansprüche im Rahmen eines infor­ m ellen Im perialism usverständnisses zu befriedigen.3738Angesichts der politischen Gege­ benheiten w ar das nationalsozialistische Deutschland zu informellen Methoden imperia­ listisch er A usdehnung übergegangen. E in Beitrag v o n Ulrich von HasselP8 aus dem Jahr 1944 führte diese Überlegungen k o n seq u en t vor. E ingedenk der Tatsache, daß das Ende des Krieges abzusehen war, stellte er die Frage nach einer künftigen Friedensordnung mit der Gegenüberstellung von "Lebensraum " und "Imperium" zur Disposition. Hassel konstatierte, daß das Modell des britischen Em pire aufgrund seiner einseitigen Ausrichtung auf das Mutterland den neuen E ntw icklungen in Politik und Wirtschaft nicht entspräche. Hauptangriffspunkt in dieser Ü b erlegung w ar der britische Anspruch, auch Kontinentaleuropa in dieses System einzubinden, es nach rein britischen Interessen zu organisieren und entsprechend "kolo-

35 36

Vgl. ebenda. Vgl. K. Vowinckel: Zum Begriff Lebensraum, a.a.O., S. 639.

37

Vgl. W.J. Mommsen: Der europäische Imperialismus, Göttingen 1979, S. 71.

38

U. v. Hasseil war bis 1937 deutscher Botschafter in Rom und wurde nach dem StauffenbergAttentat hingerichtet.


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nialer" Ambitionen "dienstbar" zu machen.39 Dieser angenommenen einseitigen Aus­ richtung setzte Hasseil das Modell des "Lebensraums" entgegen, dessen wichtigstes Kriterium es sein sollte, "daß der gemeinsame Raum dem Leben aller seiner Teilnehmer gleichmäßig zu dienen" habe.40 In diesem überstaatlichen Gebilde verbanden sich nach Hassells Vorstellungen alle Völker nicht als "Kolonien", sondern als "unbeeinträchtigte, vollberechtigte Nutznießer", während die "stärkste Nation des Lebensraumes", die gleichzeitig die "weiseste" sein sollte, die "Führung" und Ordnung" übernehmen und ihren Aufgaben so nachkommen sollte, "daß jeder Teilhaber sich in seinen Freiheiten nur insoweit beschränkt fühlt, als es die Notwendigkeiten des Zusammenlebens unbe­ dingt erfordern"41 würde - ein Anspruch, der der Realität des deutschen Führungsan­ spruches nicht entsprach, also zunächst rein propagandistischen Zwecken geschuldet war. Um dieses Modell realisieren zu können, mußte der "Lebensraum" insgesamt so gestaltet werden, daß er im bereits beschriebenen Sinne autark wäre. Das sich daraus entwickelnde "Streben nach Lebensraum" sei - wie in einem Beitrag von Lothar Berg­ händler dargestellt wurde, "seit Menschengedenken der factor agens der Geschichte"42 gewesen. Der Umfang eines "Lebensraums", der in der historischen Entwicklung ver­ änderlich sei, wäre also - analog zur Autarkieforderung - abhängig vom "Bevölkerungs­ druck" und dem Grad des Lebensstandards, denen die langsame Ausschöpfung der natürlichen Ressourcen gegenüberstand, die eine "ständige Verschiebung der Grenzen des Lebensraumes nach außen" nach sich zog.43 Daraus leitete Berghändler dann drei "praktische Anforderungen" ab, denen ein "Lebensraum" genügen müsse: " 1. 2.

3.

D er Lebensraum muß ein Gebiet umspannen, das für eine bestim mte Bevölke­ rungsgruppe... die zu den Lebensnotwendigkeiten gehörenden G üter liefert. Die zu dem Lebensraum gehörigen Gebiete und der Verkehr zwischen ihnen müs­ sen nach außen so gesichert sein, daß eine Gefährdung der Versorgung ausge­ schlossen ist. Die Struktur des Lebensraumes nach innen muß so aufgebaut sein, daß bei Aus­ bleiben auswärtiger Versorgungsmöglichkeiten an jedem Ort jederzeit ohne Schwierigkeiten so viel und so vielfältige G üter bereitgestellt w erden können, daß die dort wohnenden M enschen ohne Beeinträchtigung der körperlichen,

39

Vgl. U.v. Hassell: Lebensraum oder Imperialismus?, in: Europa. Handbuch der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des neuen Europa, Leipzig 1943, S. 27-33, S.27 ff.

40

Vgl. ebenda, S. 32.

41

Vgl. ebenda, S. 32.

42

L. Berghändler: Lebensraumwirtschaft, in Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 576-589, S. 576.

43

Vgl. ebenda, S. 577.


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seelischen und sozialen Kräfte lange Zeit ausreichend versorgt werden können."44 A usgehend von diesen Präm issen wurde im Hinblick auf die geplante umfassende "Neuordnung" des K ontinents gleichzeitig betont, daß Deutschland zwar einerseits den ih m "zustehenden Lebensraum " einfordere, aber gleichzeitig mit dem "Lebcns-raum"K onzept den "Lebensraum " anderer Völker anerkennen würde.45 D ie Einsicht, daß m it der Durchsetzung der "Lebensraum"-Idee eigentlich unvermeid­ lich Interessenkonflikte zw ischen den einzelnen Staaten auftreten würden, führte dann direkt zu der Frage, ob es ein "Recht a u f Lebensraum" gäbe und wie dieses im positiven F all durchzusetzen sei. E in B eitrag des italienischen Journalisten Renato Famea, der in d e r deutschen Presse abgedruckt wurde, leitete diese Frage dann dierekt von den Funk­ tionen des Staates insgesam t ab:46 Diese bestünden laut Famea im "Schutz der Gerech­ tigkeit" innerhalb des Volkes und der Sicherung eines Minimums an materiellem Wohl­ stan d für die eigene Bevölkerung. In Abhängigkeit vom Reichtum der Staaten ergaben sic h daraus verschiedene A bstufungen staatlicher Maßnahmen, um seinen Funktionen gerecht zu w erden, w as bedeutete, das Verhältnis von materiellen Gütern und Bevölke­ rungszahl in E inklang zu bringen. Wichtigster Aspekt dieser Fragestellung war die Verfügungsgew alt über einen bestimmten Umfang an "Boden" als dem Lieferanten aller Güter. Ein M ißverhältnis zwischen "Reichtum" und "Bevölkerungszahl" wurde - diesem G edankengang entsprechend - au f eine "Krise des Lebensraums", oder anders ausge­ drü ck t auf einen "M angel an Boden" bzw. einen "Bevölkerungsüberschuß" zurückge­ fü h rt. Für den Staat ergaben sich daraus zwei Möglichkeiten, um seinen Pflichten g erech t zu w erden: "die gewaltsame Einschränkung der Bevölkerungszahl", die als ungerecht dem eigenen V olk gegenüber abgelehnt wurde, oder aber "die Suche nach n eu e n Gebieten m it genügender Zahl neuer Hilfsquellen".47 Sollte der Staat nach der Ausschöpfung aller "gerechten" innenpolitischen Möglichkeiten nicht in der Lage sein, d e r Bevölkerung einen angemessenen Lebensstandard zu ermöglichen, hätte er, um sein en Aufgaben gerecht zu werden - die Pflicht, zu einer aktiven Lösung im Kampf um d e n "Lebensraum" - überzugehen. Famea schlußfolgerte also, daß ein "Recht auf Lebensraum " bestünde und "gerecht" sei. Damit wäre "auch jede relative Vorkehrung e in es bedürftigen Staates gerecht und ausführbar, um neue Gebiete im Namen des V o lk es und der Staatsbüger zu suchen". Genauso wie "jeder Staat das Recht auf ent­ sprechenden Lebensraum " habe, "weil sein Volk des Wohlstandes bedürftig" sei, so d ü rfe "kein anderer Staat dieses Recht leugnen, da niemand ein Eigentumsrecht über

44 45

Ebenda, S. 578 f. Vgl. H. Hunke: Volk und Raum in der wirtschaftlichen Neuordnung Europas, a.a.O., S. 572 f.

46

R. Famea: D ie Lehre vom Lebensraum, in: Wir und die Welt, 1939, S. 26-36.

47

Ebenda, S. 31.


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einen Raum, sondern nur ein Besitzrecht ausübt, das zeitweilig und durch Bedürfnisse des Volkes bedingt" wäre. Die "logische Folge dieses Grundsatzes" bestand dann laut Famea darin, "daß derjenige, dem es an Lebensraum mangelt, das Recht hat, den ent­ sprechenden Raum von demjenigen zu verlangen, der einen Überschuß" habe. Deshalb müsse "der letztere den notwendigen Raum an denjenigen abtreten, der diesen Raum" brauche.48 Sollte das "reiche" Volk zu dieser Gebietsabtretung nicht bereit sein, wäre letztlich auch ein Krieg angemessen, um die soziale Gerechtigkeit wiederherzustellen. Ausgehend von der Teilung der Welt in "Haves" und "Havenots", wie sie nach dem Versailler Vertrag besonders von deutscher und italienischer Seite postuliert worden war, schien die "Lebensraum"-Idee damit die Frage nach einer zwischenstaatlichen sozialen Gerechtigkeit auf eine neue Stufe zu stellen. Indem m an die "Lebensraum"Forderung sozial rechtfertigte, wurde die moralische Schuld für einen möglichen Krieg um die Neuaufteilung der Lebenssphären den sogenannten "Haves" zugewiesen, da die beiderseitige Bereitschaft, die "Lehre vom Lebensraum" anzuerkennen und entsprechen­ de praktische Schlußfolgerungen zu ziehen, die die Grenzen verändern und die Ein­ flußsphären neufassen würden, einen Krieg ausschließen könnte.49 Was in dieser schein­ bar bestechend simplen Argumentation unbeachtet blieb, ja in Anbetracht der grundsätz­ lich falschen Prämisse einer vorgeblichen "Überbevölkerung" auch bleiben mußte, waren die vielfältigsten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Alternativen, mit denen ein Staat beispielsweise durch die Veränderung der Verteilungsprinzipien durch­ aus in der Lage wäre, den W ohlstand der Bevölkerung m it weitgehend eigenen Mitteln zu gewährleisten. Eine Konzeption, die die politische Bedeutung eines Staates am Umfang seines Staats- und Einflußgebietes festmachte, war dazu - unter der Bedingung einer nach imperialen Gesichtspunkten aufgeteilten W elt - nicht in der Lage. Vor allem die Tatsache, daß sich im nationalsozialistischen Deutschland nunm ehr die Ambitionen des historisch zu spät gekommenen deutschen Imperialismus m it der Potenz des tota­ litären Machtapparates des Nationalsozialismus überschnitten, m achte diese Konzeption für Europa so gefährlich. Der deutsche Staat verband jetzt traditionelle und informelle imperialistische Praktiken und beanspruchte nicht nur einen größeren "Lebensraum" auf Kosten bisher souveräner Staaten, sondern auch die exponierte Führungsposition auf dem Kontinent. A u f der Basis der benannten sozialen und moralischen Aspekte, unter denen die "Lebensraum"-Idee propagiert wurde, übertrug man den "Lebensraum"-Gedanken folgerichtig au f den gesamten europäischen Kontinent, dessen Eignung für die "Neu­ ordnung" nach wirtschaftlichen und strategischen Gesichtspunkten hervorgehoben

48 49

Vgl. ebenda, S. 34. Vgl. ebenda, S.35 f.


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125

wurde.50 A usgehend von der These, daß die britische Freihandelstheorie als Regulativ des Weltmarktes die politischen und vor allem wirtschaftlichen Beziehungen ausschließ­ lich auf die britischen B edüfnisse ausgerichtet habe, setzte man diesen wirtschafts­ politischen T raditionen das M odell eines nach den Prinzipien der "Lebensraumord­ nung" gestalteten K ontinents entgegen. Diese Übertragung der deutschen Ambitionen a u f Europa bedeute laut einem Artikel von Heinrich Hunke aus dem Jahre 1940 bedeute­ te dann: "1. 2.

3.

4.

Einen ausreichenden Raum, um in geschlossener Siedlung in Europa leben und wachsen zu können. Die Z urückverlagerung des Schwerpunktes der deutschen Wirtschaft in den eige­ nen staatlichen R aum , um in politischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit das eigene L eben gestalten zu können. Die Anerkennung' einer festlandeuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft, die sowohl eine A usschöpfung der eigenen wirtschaftlichen Kräfte zuläßt, als auch die gegen­ seitige E rgänzung durch die Wirtschaftsleistung befreundeter und im Ernstfall zugänglicher N achbarstaaten sicherstellt. Und den A usbau eines kolonialen wirtschaftlichen Ergänzungsraumes, wie das in der Welt üblich u nd m öglich ist."51

D ie w eiterführenden Ü berlegungen zu praktischen Fragen einer "wirtschaftlichen Neuordnung" im R ahm en des "Lebensraum"-Konzeptes bildeten einen weiteren, sehr umfangreichen Schw erpunkt der wissenschaftlichen Untersuchungen. Aber vorerst begannen sich die Begriffe - ausgehend von den doch recht vagen Defi­ nitionen eines "Lebensraums" - zu überschneiden. Während einerseits anscheinend jedes "Volk" seinen bestim m ten "Lebensraum" beanspruchen konnte, wurde andererseits viel­ fach der gesamte europäische Kontinent als ein "Lebensraum" betrachtet. Die gängigste Interpretation prägte deshalb für den Zusammenschluß mehrerer, sich zum Teil überla­ gernder "Lebensräum e" der einzelnen Völker den Begriff des "Großraums", der eine übergeordnete, nach den "Lebensraum"-Prinzipien organisierte Einheit darstellen sollte. Damit verm ittelte der "Lebensraum "-Begriff in seiner propagandistischen Auslegung verstärkt die B edeutung einer "Einflußsphäre", die über das eigene Staatsgebiet hinaus­ ging, aber noch nicht die letztendliche Konsequenz einer zunächst nur in der Ostrichtung geplanten G renzänderung ausformulierte. Die propagierte neue Qualität eines "Großrau­ mes" schien diese Problem atik dagegen noch besser aufzufangen.

50

Vgl. L. Berghändler: Lebensraumwirtschaft, a.a.O., S. 581 ff.

51

H. Hunke: V olk und Raum in der wirtschaftlichen Neuordnung Europas, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 571-575, S. 572/3.


126 3.2.

Europa als politischer Zusammenschluß Europa als politischer Großraum

3.2.1. "Rassisch-biologischer Großraum" statt souveräner Staatsbegriff Die Vorstellungen von "Lebensräumen" als geopolitischen Organisationseinheiten legten die - primär ja beabsichtigte - Folgerung nahe, die politischen Zustände und dabei spe­ ziell die Grenzziehungen in Europa nach neuen "lebensräumlichen" Gesichtspunkten zur Disposition zu stellen. Diesem Gedankengang folgte ein Beitrag von K arl C. von Loesch, der die Bildung größerer räumlicher Einheiten als Erfordernis der Zeit charakteri­ sierte und damit die deutschen Vorstellungen von der "Neuordnung" Europas zu objekti­ vieren trachtete.52 Indem man den "Lebensraum" mit dem größeren Rahm en des Konti­ nents in Relation setzte, konnte das "Lebensraumkonzept" benutzt werden, um den deutschen Expansionsdrang zu begründen. Ein bis dahin unveröffentlichtes M anuskript von Werner Daitz erweiterte deshalb den "Lebensraum "-Begriff und stellte so die Verbindung zum "Großraum" als übergeordneter räumlicher und politischer Einheit her: "Lebensraum ist der unabdingbare Raum, den Volk und Völkerfam ilie benötigen und dessen Umfang und Charakter sie bestimmen, um sich so entfalten zu können, daß sie das Grundgesetz aller Lebensordnungen dieser Welt, das Autarkiegesetz in ihrem ein­ geborenen Lebensstil zu erfüllen vermögen: an erster Stelle aus eigener Kraft und eigenem Raum zu leben, um so ein Höchstmaß an Entfaltung, Selbständigkeit und Produktivität für sich und das Ganze, von dem Teil sie sind, zu verwirklichen. Die Sicherung des Kleinlebensraumes eines Volkes oder des Großlebensraumes einer Völkerfamilie ist also nicht nur notwendig für diese selbst, sondern von gleicher N ot­ wendigkeit auch für diejenige Ordnung, von der sie unablöslicher Bestandteil sind. So ist die innere und äußere Unantastbarkeit des Kleinlebensraumes des Volkes das Ord­ nungsprinzip innerhalb des Großlebensraumes der Völkerfamilie, und dessen Unantast­ barkeit wiederum das Grundprinzip lebensgesetzlicher Weltordnung, die allen Teilen das Höchstmaß der Freiheit in der natürlichen Gebundenheit sichert."53 Der Begriff des "Großraumes" diente in dieser Argumentation als direktes Pendant zum souveränen Staatsbegriff der Neuzeit, der mit dem grenzüberschreitenden "Lebensraum"-Konzept und letztlich mit den deutschen Expansions- und Führungsansprüchen in Europa nicht mehr vereinbar war. Die Idee des "Großraumes" schien den modernen Entwicklungen der Welt besser Rechnung zu tragen, indem sie den angeblich veralteten

52

Vgl. K.C. v. Loesch: Grossraumbildungen, in: Europa und die Welt, Berlin 1944, S. 120-130, S. 120 f.

53

W. Daitz: Lebensraumlehre - Lebensraumpolitik, unveröffentl. Manuskript, zit. n. A. Ratenieks: Was bringt die Neuordnung Europas den europäischen Völkern? Dresden 1942, S. 52 f.


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127

S ta a tsb e g riff m it seinem Souveränitätsanspruch aufzuheben trachtete und ihn gleichsam i n e in e übergeordnete Einheit - den nach Autarkie strebenden "Großraum" - transferierte. U n a b h ä n g ig von allen inhaltlichen Differenzierungen beschrieb der nationalsozialisti­ s c h e "G roßraum "-B egriff eine neue kontinentalimperialistische "konkrete Ordnung", die a u f geopolitischer und rassenbiologischer Grundlage die deutsche Hegemonie vor­ b e r e ite n sollte.54 A u f diese W eise erhielten die politischen Grenzen einen nur noch u n terg eo rd n eten Stellenw ert, der ihre endgültige "Neuordnung" möglich machte, da sie d o c h auch nach den V ersailler Verträgen augenscheinlich weder dem Volkswillen noch d e r V olkszugehörigkeit entsprachen.55 Durch den in diesem Zusammenhang propagier­ t e n "anscheinend regelm äßige Zusammenhang zwischen Herausbildung und Festigung d e r Innenstruktur der politischen Einheiten und der Ausweitung ihres territorialen B e re ic h s " 56 konnten die deutschen Annektionen und Expansionen im Vorfeld des K r ie g e s 1939 folgerichtig als "Konzentration der Kräfte in der Mitte des Kontinents" d arg estellt w erden, da sie gleichsam "Vorboten" entsprechend weitreichender territoria­ l e r V eränderungen in F olge eines "organischen Wachstums" hin zu "politischer Einheit u n d Zusam m enfassung des Kontinents" zu sein schienen.57 Die beginnende expansive "N eu o rd n u n g Ostmitteleuropas" galt damit als "entscheidende Korrektur von Raum und G e sc h ich te", die die "natürliche Rangordnung der Völker und Staaten" in einem "R e v isio n s- und W iedergutmachungsprozeß" durch die "angrenzenden Großmächte" w iederhergestellt habe.58 Deutschland und sein Achsenpartner Italien wurden in diesem P ro z e ß die R olle von "Ordnungsmächten" zugeschrieben, "die endlich an Stelle eines ü b e r einem volkspolitischen Chaos aufgerichteten Gewaltzustandes eine klare Friedens­ o rd n u n g der V ölker begründen"59 wollten. D ie anvisierte neue Form der Organisation der staatlichen und territorialen Verhält­ n i s s e faßte m an dabei unter dem B egriff des "Großraumes" zusammen, der sich defln ito ris c h zw ar einerseits vom "Staat", andererseits aber auch vom "Imperium" ab­ z u g re n z e n versuchte. D iese Vorgehensweise war vor allem dem Bemühen geschuldet, d e n "R eichs"-B egriff ausschließlich für das Dritte Reich in seiner "großgermanischen"

54

Vgl. D. Diner: Rassistisches Völkerrecht, in: VHZ, 1989, S. 23-56, S. 48.

55

Vgl. L. v. Caprivi: Strukturwandel der politischen Grenzen in Europa seit dem Wiener Kon­ greß, in: Auswärtige Politik, 1944, S. 139-144, S. 139,142 f.

56

H. Raschhofer: Faktoren und Gegenkräfte europäischer Einheit, in: Volk und Reich, 1941, S. 794-803, S. 794.

57

Vgl. ebenda, S. 795 f.

58

Vgl. BA Potsdam, R 49.02 DAWI, Nr. 11552, BI. 21.

59

Vgl. J. Pfitzner: Die Wiederherstellung der mitteleuropäischen Lebensgemeinschaft, in: Euro­ päische Revue, 1939, S. 333-337, S. 333.


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Ausprägung und seine mittelalterlichen Traditionen zu reservieren.60 Ein Beitrag von Reinhard Höhn, der die Begriffe von "Staat", "Reich", "Großmacht" und "Großraum" gegenüber stellte, kennzeichnete den "Großraum "-Begriff entsprechend dieser Ziele als "ein Gegenprinzip gegen ein System von Kleinstaaten in einer uni­ versalistisch beherrschten Weltordnung", in dem "der G edanke der Notwendigkeit einer Neuordnung der Räume zum Ausdruck" komme.61 In diesem V erständnis ordnete sich der "Großraum"-Gedanke in eine "völkische Gesam tlebensordnung" ein und bildete nach Höhn die zweite Phase der "völkischen Staatswissenschaft": In deren erster Phase waren die "individualistischen" Staatsvorstellungen im Inneren durch das "FührerVolksgemeinschafts"-Prinzip des nationalsozialistischen Staates, das eine Konzentration im Innern bewirkt habe, abgelöst worden. In der zweite Etappe kennzeichnete dann die "Lebensraum"-Konzeption, die auf territoriale Veränderungen abzielte, das entsprechen­ de Gegenmodell zur universalistischen W eltordnung liberaler Prägung, die bisher die auswärtigen Beziehungen bestimmt hatte.62 Der Rechtswissenschaftler Carl Schmitt63 wies in diesem Zusam m enhang auf die mit dem ausgehenden Mittelalter beginnende umfassende "W andlung der bisherigen Raum ­ vorstellungen und Raumvoraussetzungen" hin, die letztlich den "Großraum "-Begriff geprägt habe. In diesem Verständnis bedeutete "Großraum" prim är eine neue Qualität in den Beziehungen zum "Raum" an sich. Erst in zw eiter Linie verband Schmitt damit Vorstellungen eines quantitativ umfassenderen Gebildes64 - eine Sichtweise, die nur bedingt von anderen Wissenschaftlern geteilt wurde, da der G edanke der Autarkie durchaus einen gewissen Umfang an "Raum" vorauszusetzen schien. Als verbindendes Element für den Zusammenschluß in einem "Großraum" wurden ungeachtet der oben beschriebenen Definitionsansätze - erneut vordergründig "rassisch­ biologische" Aspekte herangezogen. So bestand das Ziel der deutschen "Neuordnungs"Pläne laut Alfred Rosenberg insgesamt darin, ein "gegliedertes Universum, eine A b­ grenzung rassisch bedingter Staatensysteme, eine organisch-schöpferische Gliederung in Europa entsprechend den biologischen Kräften und politischen W irkungsmöglichkeiten der Nationen eines vom Schicksal gesetzten Lebensraumes" zu schaffen.65 Wie Staats­ sekretär Wilhelm Stuckart 1941 betonte, setze also sich nunm ehr im "deutsch-eng­ 60

Vgl. BA Potsdam, 49.02 DAW1, Nr. 1133, Bl. 2; siehe auch P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, in: VHZ, 1955, S. 240-275, S. 250.

61

Vgl. R. Höhn: Reich-Großraum-Großmacht, in: Reich, Volksordnung, Lebensraum, Bd. II, 1942, S. 97-226, S. 127.

62

Vgl. ebenda, S. 121 ff.

63

C. Schmitt: Der neue Raumbegriff in der Rechtswissenschaft, in: Raumforschung und Raum­ ordnung, 1940, S. 440-442.

64

Vgl. ebenda, S. 440 f.

65

Vgl. Pol. Arch. des AA in Bonn, R 66773, Ansprache Rosenbergs am 22.02.1942, o.Bl.


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129

lischen" K rieg "das G rundgesetz rassischer Lebensordnung durch", das besage, "daß jede Rasse au f die D auer nur aus ihrem ursprünglichen Lebensraum heraus, gestützt auf die natürlichen K räfte ihres eigentlichen Kemraumes, sich erhalten" könne. Da der "Lebensraum der w eißen Rassenfamilie" Europa sei, läge demzufolge in der "politi­ schen, rechtlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Neuordnung des Kontinents" die "Aufgabe aller zur europäischen Schicksals- und Lebensgemeinschaft verbundenen Völker."66 Die wichtigsten U ntersuchungen zur "rassischen" Bestimmung des europäischen "Großraums" lieferte allerdings Werner Daitz67, der Europa als den "Kemlebensraum der weißen Rasse" beschrieb und den "völkischen Gedanken" als "Organisationsgesetz'' dieses gesamteuropäischen "Lebensraums" benannte. Die "Lebensraum"-Idee versuchte in dieser Interpretation erneut, den politischen Staatsbegriff aufzuheben und zeichnete mit der Vision eines nach "völkischen Gesichtspunkten" organisierten Kontinents das Bild einer überstaatlichen Einheit, in dem jedes "Volk" seinen "völkisch" bestimmten "Lebensraum" besaß, die in der Summe zum "Großraum" zusammengefaßt wurden. Daitz definierte diese neue Organisationsform dann auf der Basis vordergründig "natür­ licher" Gegebenheiten: "Ein echter G roßraum ist der natürliche Lebensraum einer Völkerfamiüe, in dem diese aus eigener Kraft und eigenem Raum zu leben vermag, und empfängt von seiner biologi­ schen Substanz aus Charakter, Ausdehnung und Gestalt... Volkstum und Völkerfamilie sind damit der alleinige Urquell der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und recht­ lichen Ordnungen im Klein- und Großlebensraum. Ein echter Großraum kann also nicht von außen, vom R aum her: von geographischen, geopolitischen Gesichtspunkten oder aber machtpolitischen Zielsetzungen anderer Räume mit ihm raumfremder biologischer Substanz her bestim m t w erden."68 Obwohl Daitz die Begriffe "Lebensraum" und "Großraum" dabei zum Teil synonym verwendete, verw ies er jedoch nachdrücklich auf den Unterschied zwischen "echten", d.h. "völkisch" bestim m ten "Lebensräumen" und den als "unecht" deklarierten geschichtlich-geographisch bestimmten Staatsräumen. In der Auseinandersetzung mit der zum Feind stilisierten liberalistischen britischen Ideologie, die laut Daitz für das "unnatürliche europäische Leben der letzten Jahrhunderte" verantwortlich zeichnete, drängten die "aktivsten Elemente der europäischen Volkstümer" nun anscheinend auf

66

Vgl. W. Stuckart: Die Neuordnung der Kontinente und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Verwaltung, in: Reich, Volksordnung, Lebensraum, Bd. 1,1941, S. 3-28, S. 3.

67

Vgl. W. Daitz: Neuordnung Europas aus Rasse und Raum, a.a.O., S. 529 ff.

68

W. Daitz: Echte und unechte Großräume, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Grossraumwirtschafit, Jahrbuch 1942, a.a.O., S. 59-70, S. 62.


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eine "lebensgesetzliche Neuordnung" des europäischen Kontinents.69 Die damit hervor­ gerufene "Weltrevolution" hatte im Verlauf des Ersten W eltkrieges nicht zum Erfolg geführt und stand demzufolge in der deutschen Kriegführung ab 1939, die Daitz nach den "Vorleistungen" der faschistischen und nationalsozialistischen Revolution als zweiten Teil der "Weltrevolution" charakterisierte, w ieder au f der Tagesordnung. In der Abgrenzung von der alten - liberalen - W eltordnung, die m it allen negativen Aspekten der imperialistischen Entwicklung belegt wurde, entstand au f der Basis der "Lebensraum"-Idee das Bild einer nach "sozial-organischen"70 Gesichtspunkten ge­ ordneten Welt. Deren unterste Einheiten bildeten die "Lebensräume" der einzelnen "Völker", die sich auf der nächsten Ebene zu "Großräumen" zusamm enschließen w ür­ den, um allen Erfordernissen des wirtschaftlichen und politisch-sozialen Lebens gerecht werden zu können. Der bereits im Rahmen der "Lebensraum"-Idee betrachtete Autarkie­ gedanke spielte dabei eine herausragende Rolle. So formulierte Franz H eske zur Charak­ terisierung dieser neuen Qualität drei grundlegende Forderungen, die einen "Großraum" auszeichnen mußten: 1. die "räumliche und völkische Zusammengehörigkeit und Zusam m enlage" des G e­ bietes, das unter dem Aspekt einer dauernden "Befriedigung der notwendigen Le­ bensbedürfnisse großer und wachsender M assen mit hohem und steigendem Lebens­ standard... wenigstens in diesem Rahmen autark" sein müsse; 2. eine "Ausdehnung, die im eigenen Machtbereich die m eisten w ichtigen Bedürfnisse eines modernen Lebensstandards zu befriedigen verm ag und eine ergänzende V er­ einigung von gemäßigten und tropischen Zonen" darstelle; sowie den Anspruch, 3. "ihre politisch-biologische Realität und Einheit auch mit dem G eist des gegenseitigen Vertrauens und aufrichtiger Zusammenarbeit jener V ölker zu erfüllen, denen diese Großräume nicht nur Lebensraum, sondern Heim at sein" sollten.7172 In dem Versuch einer objektivierten Charakterisierung wurde der "GroßraunT'-Begriff, wie Reinhard Höhn72 betonte, zunächst aus der prim är w irtschaftlichen Notsituation nach dem Ende des Ersten Weltkrieges abgeleitet. Die V orstellung, die wirtschaftliche Notlage durch eine "planvolle Zusammenarbeit" zw ischen den Staaten beheben zu können, griff die objektiven Entwicklungstendenzen einer zunehm end grenzüberschrei­ tenden Technik auf und machte sie zur Basis eines politischen Programm s, das nur durch den aggressiven und expansiven Herrschaftsanspruch der nationalsozialistischen Dikta­ tur zur Gefahr für den Kontinent wurde. Erst im zw eiten Schritt entstand aus dem

69

Vgl. ebenda, S. 60.

70

Vgl. F. Heske: Mechanische und organische Raumordnung, a.a.O., S. 55.

71

Vgl. ebenda, S. 56 f.

72

R. Höhn: Großraumordnung und völkisches Rechtsdenken, in: Reich, Volksordnung, Lebens­ raum. Bd. 1 .1941. S. 256-288.


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wirtschaftlichen ‘ K am pfbegriff' ein politischer, der die ökonomischen Schlußfolgerun­ gen mit dem A nspruch a u f einen erweiterten "Lebensraum" verband und sich in erster Linie gegen die englische Festlandspolitik richtete.73 Die beschw orene "Großraumordnung" bedeutete deshalb - dem Anspruch nach - in erster Linie eine A bkehr von den Methoden und Funktionsmechanismen der liberal­ kapitalistischen W irtschafts- und Sozialpolitik, deren "individualistischem" Charakter das Bild eines planvoll gestalteten, in sich ruhenden Gebildes entgegengestellt wurde. D iese "neue O rdnung" sollte in der Lage sein, alle bisher brachliegenden wirtschaftli­ chen und sozialen K räfte voll zu entfalten. Eine Monographie von Erich Obst zum Problem der "G roßraum "-Idee führte diesen Gedanken weiter und formulierte in der Charakterisierung eines "Großraumes" analog dieser Gegenüberstellung die wirtschafts­ politische Schlußfolgerung: Danach sollten die einzelnen Nationalstaaten "miteinander gruppenweise zu einer Gem einschaft zusammengefaßt werden und einen Wirtschafts­ block kontinentaler D im ension m it raumeigenen Tropen bilden."74 Die damit angespro­ chenen ökonomischen Aspekte der geplanten "Großräume" waren am ehesten geeignet, die "Neuordnungs"-Ideen zu propagieren, da die Krisenerfahrungen der zwanziger und dreißiger Jahre eine neue W irtschaftspolitik mit überstaatlicher Ausprägung zumindest nahelegten.75 E in Beitrag vo n A ndreas Predöhl verwies deshalb nachdrücklich besonders auf die w irtschaftlichen V orteile eines "Großraumes" für alle beteiligten Staaten, die geeignet schienen, das W ohlstandsgefalle in Europa zu kompensieren: In der Anlehnung an die ökonomischen B edürfnisse der wirtschaftspolitischen "Kemländer" des "Großraumes'', deren überlegene Produktions- und Konsumtionskapazität stabilisierend wirke, wurde auch den kleineren Staaten die Möglichkeit in Aussicht gestellt, ihre wirtschaftlichen und politischen K räfte voll zu entfalten.76 A uf der Grundlage der "lebensräumlichen" O rganisation der vielfältigen, oftmals "künstlich" entstandenen südöstlichen "kleinen staatlichen G ebilde", die eine Machtausdehnung großer Staaten - wie Großbritannien erleichtere,77 sollte eine "Neuordnung" gelingen, die den "natürlichen, wirtschaftlichen un d kulturellen K räften" aller Völker im Rahmen einer Gesamtordnung genügend E ntfaltungsm öglichkeiten ließe,78

73

Vgl. ebenda, S.259 f.

74

Vgl. E. Obst: D ie Großraum-Idee, Breslau 1941, S. 18.

75

Vgl. A. Barkai: Das Wirtschaftsystem des Nationalsozialismus, Köln 1977, S. 21; E. Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft in Deutschland 1930-39, München 1984, S. 99.

76

Vgl. A. Predöhl: Grossraum, Autarkie und Weltwirtschaft, in: Das neue Europa. Beiträge zur nationalen Wirtschaftsordnung und Grossraumwirtschaft, Dresden 1941, S. 158-166, S. 162 f.

77

Vgl. BA Potsdam , R 49.02 DAWI, Nr. 11552, Bl. 21.

78

Vgl. A. Predöhl: Grossraum, Autarkie und Weltwirtschaft, a.a.O., S. 361f.


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Hinter der Summe dieser eher allgemein gehaltenen theoretischen Ansätze zur Gestal­ tung eines "Großraums" stand - in engster Verbindung zu den Erfordernissen und Ergeb­ nissen der aktuellen deutschen Außenpolitik - immanent die Frage nach der geographi­ schen Ausdehnung des geplanten europäischen "Großraumes", den Deutschland w ie­ derholt als oberstes Kriegsziel propagierte. Den Ausganpunkt dieser Überlegungen bil­ dete der angenommene "Grad der Saturiertheit" der verschiedenen V ölker des europäi­ schen Kontinents, den die "Neuordnung" des "Großraums" auszugleichen habe. Ein Beitrag von Mihail Manoilescu79 verwendete dafür die Begriffe des "Gleichge­ wichtes" zwischen Bevölkerungszahl und "Lebensraum" und der "Dynamik", die "jeder Nation und jedem Staate eigentümlich" sei. Diese "Dynamik" w äre es, die, "sobald m an sie zu dem Lebensraum jeder einzelnen Nation in Beziehung setzt, darüber Aufschluß geben" könne, "welche Nationen ihr Gleichgewicht gefunden haben und daher befriedigt sind und welche ihr Gleichgewicht nicht gefunden haben und daher nicht befriedigt" wären. Es gälte also, "jedes Volk in Europa unter biologischem Gesichtspunkt zu betrachten und das Verhältnis seiner Vitalität zu seinen Lebensmöglichkeiten, die wiederum von dem ihm gegebenen Lebensraum" abhingen, neu zu bestimmen.7980 Ergänzt durch die strukturelle Klassifizierung industriell oder landw irtschaftlich geprägter Gebiete unterschied Manoilescu daraufhin "drei Europa": Zum ersten "W esteuropa", dem die nordeuropäischen Staaten zugeordnet w urden und das sein "Gleichgewicht" erreicht habe; zum zweiten "Zentraleuropa", bestehend aus D eutschland und Italien, das aufgrund eines "starken Bevölkerungszuwachses" bei fehlendem K olonialbesitz einem "unerträglichen Bevölkerungsdruck" ausgesetzt sei und zum dritten "Osteuropa", dessen agrarische Länder ebenfalls unter einem "Bevölkerungsdruck" zu leiden hätten. In dieser Einteilung wurde der enge tagespolitische Bezug der Publikationen sehr deutlich: So faßte Manoilescu 1939 "Rußland" angesicht der deutsch-sowjetischen Verständigung als seperates Gebiet auf, das zusammen mit der Türkei "W estasien" bilde, also trotz seines ausgedehnten "Lebensraumes" aus den Überlegungen zum europäischen "Großraum" zunächst noch ausgeklammert blieb.81 Ein Beitrag von Otto M uck aus dem Jahre 1940 legte sich dabei sogar noch stärker fest. Er benannte nach dem Abschluß des Polenfeldzuges den 25. Längengrad als neue Grenze "Kontinentaleuropas", da Deutschland "dem ihm befreundeten Rußland freie Hand im Raume östlich dieser Linie gelassen" habe und benannte zu diesem Zeitpunkt (April 1940) auch noch nachdrücklich den W estwall als w estliche G renze der "Neu­ ordnung" - eine Ansicht, die nach dem Frankreichfeldzug bzw . nach dem Überfall a u f

79

Der Ökonom M. Manoilescu war 1940 für etwa ein Jahr rum änischer Außenminister.

80

Vgl. M. Manoilescu: Die drei Europa, in: Europäische Revue, 1939, S. 191-198, S. 191.

81

Vgl. ebenda, S. 192.


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die Sowjetunion revidiert w erden konnte.82 Mucks Bild von Europa konnte andererseits bereits den skandinavischen Norden mit einschließen. Er betonte, daß der "Gewinn, den Europa durch das nun beginnende Zusammenwachsen mit dem Nordraum erwarten" dürfe, "nicht nur in der politischen, strategischen und kriegswirtschaftlichen Bedeutung dieses geographisch ausgezeichneten, an Bodenschätzen reichen Landes" läge, sondern daß der "immer enger und enger sich gestaltende Kontakt mit diesen besten Vertretern nordischer Rasse, den N achfahren der Wikinger und sagenberühmten Nordleute, deren Tatenruhm auch im deutschen Volke immer lebendig geblieben" sei, die besondere Relevanz dieses Zusam m enschlusses ausmache.83 Erst 1941 gestattete die politische Lage Deutschland eine umfassendere Sichtweise a u f die einzubeziehenden Gebiete, die nun den ursprünglichen "Lebensraum"-Forderungen aus Hitlers "M ein K a m p f' entsprachen. Christian Augustin formulierte jetzt; "W ill Europa ein 'G ross-Europa' sein, d.h. erfolgreich den Wettkampf mit den anderen W elträumen bestehen, so ist... dreierlei erforderlich: D ie pyrenäische H albinsel ist als ein integrierender, zukunftswichtiger Bestandteil Eu­ ropas zu betrachten. In der Türkei erblicken wir im weiteren Sinne 'europäisches Land', das bestimmt erscheint, den Erdteil in tätiger Mitarbeit wirksam zu ergänzen. Nordafrika endlich weist alle Voraussetzungen auf, um in einem... wirtschaftlichen Zusammenhang m it Kontinentaleuropa eine für Europa und Afrika gleichwichtige Funktion zu er­ füllen."84 Insgesamt allerdings blieben die wissenschaftlich-publizistischen Überlegungen zu den geographischen G renzen des geplanten "Großraumes" aus politisch-propagandistischen Gründen sehr vage. D er gemeinsame Nenner fand sich zum einen in der Ausgrenzung Großbritanniens, das als kolonial ausgerichtetes "Inselreich" keinerlei Verbindung zum Kontinent habe.85 Z um anderen beschrieb man das "kontinentale Europa" nach den "rassischen" K ategorien als den "Großraum der Arier", der vom Atlantischen bis zum Indischen Ozean reiche und das europäische Asien durchaus einbezog.86Den "Kem" des neuen "Großraumes" bildete das Deutsche Reich, das nach seinem innenpolitischen Aufstieg mit der "W iedererrichtung eines politisch und weltanschaulich einheitlichen ■ 'i

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82 83 84

Vgl ebenda, S. 261.

85

Vgl. z.B. H.F. Zeck: Die Einheit Europa-Afrika, in: Zeitschrift für Politik, 1940, S. 586-591.

86

Vgl. M. Ziegler: Um die Gestaltung Europas, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1939, S.

Vgl. 0 . Muck: Spiel um Neu-Europa, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 260-262, S. 260. Ch. Augustin: Grosseuropa, in: Auswärtige Politik, 1941, S. 895-910, S. 910.

291-295, S. 292.

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Mitteleuropa"87 begonnen hatte. Ausgehend von diesem "Kern" stellte die Achse BerlinRom, die den Norden und den Süden verschmolzen habe, laut Otto M uck die entschei­ dende "Schicksalslinie" des europäischen Kontinentes dar, die von einer "Ostwestachse" ergänzt würde. Muck führte diese angenommenen "Schicksalslinien" au f geopolitische Gegebenheiten zurück und stellte fest, daß Europas "geopolitische Lage und damit sein Geschichtsverlauf' durch "zwei Gefälls-Linien bedingt" sei: "durch die westöstlich ge­ richtete Druckausgleichsrichtung, der geographischen Spannung Asien-Europa ent­ sprechend; und durch die Nordsüdachse als der europäischen Eigenlinie, die den rassi­ schen Überdruckraum Nordeuropas mit dem Süden verbindet und in der Achse BerlinRom virulent geworden" sei. Erst wenn an der "politischen O stgrenze Europas eine einfriedende Sperrgrenze bestehen" würde, "dann wäre die Querlinie gegenstandslos geworden und Europa könnte, der Eigengesetzlichkeit seiner Nordsüdachse folgend, sich zum politischen Großraumkristall ausrichten."88 Den tatsächlichen Umfang der deutschen Herrschaftsansprüche in Europa hatte A dolf Hitler allerdings bereits Anfang der dreißiger Jahre in seinen G esprächen mit Rauschning dargestellt: Anders als in den späteren wissenschaftlichen Formulierungen, die bewußt interpretierbar gehalten wurden, sprach er nachdrücklich von einem "germa­ nischen Europa", das Deutschland "für ein Jahrtausend" zu beherrschen gedachte.89 Angesichts so umfassender Ziele erhielt die bereits begonnene "Neuordnung" M ittel­ europas einen besonderen beispielgebenden Stellenwert: Wie ein A ufsatz von Wolfgang H öpker betonte, galt der "Neubau des zwischeneuropäischen Raum es... als Schulbei­ spiel... für eine organische Korrektur durcheinandergebrachter, a u f den K opf gestellter Zusammenhänge, für die richtige Zueinanderordnung von Raum, Geschichte und Volks­ tum, für die Schaffung eines neuen stabilen Gleichgewichts in einer Zone traditioneller Unruhe, für die sinngemäße Einordnung einer Vielzahl aufeinander angewiesener Län­ der und Völker in klare, großräumige Zusammenhänge."9“ B ereits 1942 konnte anhand der deutschen militärischen Eroberungen eingeschätzt w erden, daß M itteleuropa mitt­ lerweile eine "politische Tatsache" geworden sei91 und au f diese W eise die Verbindung zwischen "Zentral"- und "Osteuropa" hergestellt wäre92 - eine V erbindung, die Deutsch87 88 89 90 91 92

F.A. Six: Das Europabild des 20. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Politik, 1943, S. 213-231, S. 229. Vgl. O. Muck: Die Schicksalslinien Europas, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 352-355, S. 355. Vgl. H. Rauschning: Gespräche mit Hitler, New York 1940, S. 43f. Siehe auch die Ausfüh­ rungen hinsichtlich der deutschen Kriegsziele im 1. Kapitel. 1 Vgl. W. Höpker: Die Ablösung Zwischeneuropas, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 185190, S. 190. Vgl. H. Rumpf: Mitteleuropa, in: Historische Zeitschrift (165) 1942, S. 510-527, S. 510. Vgl. M. Manoilescu: Die drei Europa, a.a.O., S. 194.


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land geradezu als V erstärkung seiner "Hausmacht" betrachtete. D ie verschiedenen Ü berlegungen hinsichtlich der Ausdehnung des künftigen "Groß­ raum es" Europa m ündeten schließlich in der grundsätzlichen Frage nach der Eignung d e s europäischen K ontinents für dieses "Neuordnungs"-Vorhaben. Ein Beitrag von L o th a r B erghändler, der dieses Problem explizit untersuchte, kam zu dem Schluß, daß d e r europäische K ontinent prinzipiell als "Lebensraum" tauglich sei, obwohl er nicht üb er derart ideale Voraussetzungen verfugte wie beispielsweise die USA auf dem ameri­ kanischen Kontinent. Trotzdem könne man zumindest in der Nahrungsmittelproduktion ein e vorübergehende A utarkie erreichen. Die Situation in allen anderen Bereichen der R ohstoffversorgung sow ie Ausgleichsmöglichkeiten im Falle von Mißernten würden allerdings einen "Ergänzungsraum " erfordern, für den sich der afrikanische Raum anböte.93 D er geplante "Großraum Europa" umfaßte damit den Zusammenschluß aller kontinen­ talen Staaten unter Führung der Achsenmächte, sowie afrikanische Gebiete als "tropi­ schen Ergänzungsraum".94 Die "Nahrungsfreiheit", also die weitgehende Autarkie in der L ebensm ittelversorgung, des europäischen Raumes wäre durch die "Beherrschung der Ostländer" gesichert, die ebenso Platz boten "für die Aufnahme des angeblichen "Bevöl­ kerungsüberschusses".95 In der Durchsetzung dieser Vorstellungen wurde dem na­ tionalsozialistischen Deutschland die entscheidende Rolle zugewiesen96: Wie es Rein­ h a rd Höhn formulierte, gründete sich dieses Verständnis von der Rolle des Reiches "auf seine ausstrahlende zw ingende innere Kraft, die die Menschen und Völker anzieht und sie zur Lösung v on A ufgaben hinlenkt, die den Interessen einer neuen europäischen Lebensordnung" diene. D ie beschworene "Macht des Reiches" finde "ihren lebens­ gesetzlichen A usdruck darin, daß das Reich in der Lage" sei, "neue Lebensordnungen im Inneren zu schaffen". Sie liege damit letztlich in der "lebensgesetzlichen Zweckmäßig­ k eit der vom R eich entw ickelten Formen und der Überlegenheit dieser Lebensordnung im Inneren des R eiches w ie im Großraum" begründet.97 Dieser missionarische Gedan­ kengang gipfelte in der Gleichsetzung von deutschem und europäischem Schicksal, was angesichts der K riegsrealität die Tatsachen zunächst nur bedingt verkannte. Das veranlaßte Franz K upferschm idt zu der Schlußfolgerung, daß ein "mächtiges lebensvolles Deutschland... die V oraussetzung für ein starkes eigenständiges Europa" sei, da das

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93 94 95

Vgl. L. Berghändler: Lebensraumwirtschaft, a.a.O., S. 581 ff.

96

Vgl. u.a. H. Hunke: Volk und Raum in der wirtschaftlichen Neuordnung Europas, a.a.0., S. 573 f. Vgl. R. Höhn: Reich-Großraum-Großmacht, a.a.O., S. 188.

97 I

1

Vgl. z.B. E. Obst: Die Großraum-Idee, a.a.O., S. 18. Vgl. F. Kupferschmidt: Zur Geographie der Großräume, in: Zeitschrift für Politik, 1943, S. 289-314, S. 313 f.

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"deutsche Volk... wieder einmal Vorkämpfer für eine neue Idee" - eine "Pax Europeana unter dem starken Schutz des Ewigen Reiches der Deutschen" wäre.98 Die sich daraus ergebende Frage nach der Neufassung der vorm als zwischen? tor//;'chen Beziehungen bildete - angesiedelt im Spannungsfeld zwischen formuliertem deut­ schen Führungsanspruch und propagierter partnerschaftlicher Zusammenarbeit - in poli­ tisch-propagandistischer Hinsicht einen besonderen Schwerpunkt der Untersuchungen, der Erfolg oder M ißerfolg der Thesen entscheidend beeinflußte.

3.2.2. Europäische Völkerfamilie zwischen Führung und Gefolgschaft Vor allem in den 1940 besetzten nord- und westeuropäischen Ländern erhielt die Frage nach dem künftigen Zusammenleben im geplanten "Großraum" eine besondere Bedeu­ tung. Angesichts der harten Besatzungsrealität versuchte das Dritte Reich eine Per­ spektive aufzuzeigen, die den geschlagenen Staaten zum indest den Eindruck einer er­ strebenswerten und national erträglichen Zukunft vermittelte, um sie zur M itarbeit zu gewinnen. D er Zusammenbruch der alten europäischen Ordnung durch die deutsche Aggression hatte dafür die Ausgangsbedingungen geschaffen. Konsequent verbreitete die deutsche Propaganda die These, daß die Versailler Ordnung ursächlich für den erneuten Kriegsausbruch verantwortlich zeichnete und beanspruchte für sich die Einsicht und den Willen, diese Widersprüche in der angestrebten "Neuordnung" zu vermeiden. Die angeführten Kriegsursachen stellten damit gleichsam die A ntithese dessen dar, w as die deutsche Friedensordnung für die künftige Gestaltung des Kontinents versprach. Ein Beitrag von Hendrik de M an benannte als diese Ursachen: 1. Die "Unterjochung von besiegten Völkern durch Siegerstaaten"; 2. Die "politische Zerrissenheit Europas"; 3. Die "wirtschaftliche Zerstückelung der Welt" und 4. Eine "Gesellschaftsordnung, die zu Geldherrschaft, Arbeitslosigkeit und chronischer Unzufriedenheit der Massen" geführt habe.99 D e Man schlußfolgerte daraus, daß die künftige Friedensordnung zw ar das Nationalge­ fühl achten, aber auch die wirtschaftlichen Kriegsmotive in gesamteuropäischem M aß­ stab beseitigen m üsse.100 A uf diese Weise gelangten die Fragen der Souveränität der einzelnen Völker im geplanten "Großraum" und ihrer nationalen Interessen in den M ittelpunkt der Argumentation, galt es doch, vor allem die durch Niederlage und Besatzung betroffenen Industriestaaten langfristig in die "Neuordnungsplanungen" 98 99 100

Vgl. F. Kupferschmidt: Zur Geographie der Großräume, a.a.O., S. 314. Vgl. H. de Man: Jenseits des Nationalismus, in: Europäische Revue, 1943, S. 5-15, S. 6. Vgl. ebenda, S. 6f, 9f.


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einzubeziehen. D azu m ußte ein M odell entwickelt werden, daß einerseits auf umfassend­ s te W eise integrativ w irken, aber andererseits auch die von Deutschland beanspruchte Führungsrolle realisieren konnte. D ie dafür von K a rl C. von Loesch postulierte "Lebensgemeinschaft der europäischen V ölker" versuchte diesen gegensätzlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Loesch leitete sein e "Gem einschafts"-V orstellungen von "völkischen" Gesichtspunkten ab, die als B asis der O rganisation des "Großraums" gleichzeitig die Grundlage für das Zusammen­ le b e n der V ölker im Inneren darstellen sollten.101 Er ging dabei von einer "Gesetzlich­ k e it" der "völkischen Lebensgem einschaft" aus, die erst in der Zukunft stärker zum A u sd ru ck kom m en m üsse und die au f folgenden Gesichtspunkten basiere: Zum ersten w ü rd e die "Lebensgem einschaft der europäischen Völker... durch Art und Wesen ihrer V olkspersönlichkeiten und deren gegenseitiger Bindungen bestimmt". Zum zweiten g in g e n vom "Raum e und von dem... Klima der europäischen Umwelt... Einwirkungen a u f die Völker der europäischen Lebensgemeinschaft aus", die "ihrerseits wieder ihre Siedelböden zu; ihrer H eim at umgestaltet" hätten und zum dritten sei "diese ganze Le­ bensgem einschaft v o n der V orw elt des Raumes, sowie von der Vorgeschichte und Ge­ sch ich te der V ölkergem einschaft vorgeprägt."102 Die angenommene "Lebensgemein­ sch aft" der europäischen V ölker finde sich deshalb laut Loesch in einem ständigen E ntw icklungsprozeß, der durch "das Dahinschwinden zahlreicher vorvolklicher und allerkleinster und loser volklicher Einheiten bei gleichzeitiger Ausbildung einer kleinen Z a h l w ohlausgeprägter und leistungsfähiger Volkspersönlichkeiten"103 gekennzeichnet w a r. Der europäische K ontinent besaß damit den Vorzug, über eine "große Zahl wohlausgebildeter erhärteter und einsatzfähiger Volkspersönlichkeiten" zu verfugen, die eine "einzigartige Lebensgem einschaft" bildeten, die "naturgemäß" zu größeren Einheiten streb te.104 Offen blieb in dieser Betrachtungsweise allerdings immer noch die nähere Bestim­ m u n g der Beziehungen und Abhängigkeiten innerhalb der "Lebensgemeinschaft". Diese verm ittelte zw ar durchaus ein umfassendes Gemeinschaftsideal, verwies aber mit der A nnahm e einer Entw icklung von kleineren zu größeren Einheiten bereits auf eine gew isse notwendige R angordnung unter den Völkern. Letztlich ließ aber gerade Hitlers A ußenpolitik in E uropa real keinen Raum mehr für gleichberechtigte, souveräne Staaten, so n d ern ging allenfalls von "willfährigen Satelliten und Heloten" aus.105 Der "Groß-

101

Vgl. K.C. von Loesch: Die Lebensgemeinschaft der europäischen Völker, in: Jahrbuch der Weltpolitik, 1944, S. 61-103, S. 61 f.

102

Vgl. ebenda, S. 67.

103

Vgl. ebenda, S. 78.

104

Vgl. ebenda, S. 86.

105

Vgl. B.-J. W endt: Großdeutschland, München 1987, S. 69.


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raum"-Gedanke lieferte aber auch hierfür den Rahmen, der es gestattete, den staatlichen Souveränitätsanspruch neu zu definieren.106 Um hierbei aus deutscher Sicht den A n­ schein von Hegemonialität und Unterdrückung in der beschriebenen W irkungsabsicht von Anfang an zu vermeiden, wurde der "rassisch-völkische" B egriff der "europäischen Völkerfamilie" als integratives Modell entwickelt, während Hitler allerdings von einem nationalsozialistischen "europäischen B lutader ausging, der die künftige "Herren­ schicht" Europas darstelle.107 Die Idee der "Völkerfamilie" umfaßte die Länder, die nach "biologischen Gesichts­ punkten" zusammen gehörten und "die einen ungefähr gleichen Lebensstil" hätten, "weil sie eine gewisse rassische, kulturelle Verwandtschaft, sowie eine gew isse gemeinsame historische Tradition" besäßen, "die sie zu Gliedern einer bestim m ten Völkergemein­ schaft" m ache.108 Der ursprünglich von Hitler selbst geprägte B egriff bediente damit die nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Bestrebungen in zw eifacher Hinsicht: W ährend sich der europäische Kontinent nach "völkischen" Gesichtspunkten als übergeordnete Einheit betrachten ließ, ohne Souveränitätsffagen vordergründig in den Blickpunkt der Diskussion zu rücken, klang bereits der Gedanke eines "Familienoberhauptes" als V ermittlungs- und Führungsinstanz an - eine Rolle, die die deutsche Politik längst auf m ili­ tärischem Wege für sich beansprucht hatte. Die Idee der "Völkerfamilie" überdeckte die Tatsache, daß der Zusammenschluß im "Großraum" die Souveränität der einzelnen Staaten zur Disposition stellen würde und daß sich in der Realität die einzelnen "biologi­ schen Volksräume" durchaus territorial-politisch überschnitten. D ie "Großraum"-Bil­ dung sollte demzufolge auf zwei Prämissen aufbauen: Zum einen gelte es, Rücksicht zu nehmen "auf die altbodenständigen Volkskörper" und zum anderen - so forderte Loesch - müßten "aber auch die einzelnen Völker und Staaten Europas, m uß ihr enger und bisher vielfach schrankenloser Nationalismus Rücksicht nehm en a u f das gemeinsame Bedürfnis der europäischen Völkergem einschaft."109 Propagiertes Ziel der "lebensgesetzlichen Neuordnung" Europas w ar es also - nach Werner Daitz - den Kontinent "wieder in einen echten Großlebensraum der europäischen Völkerfamilie zu verwandeln und damit einen echten G roßraum zu schaffen"110, der anscheinend au f gegenseitige Rücksichtnahme und einen um fassenden Interessenaus­ gleich hinauslaufen sollte. Gestützt au f die "organische Einheit" der einzelnen "Volks­ körper" erhielt der europäische Kontinent damit perspektivisch eine gleichsam höhere

106

Vgl. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, a.a.O., S. 271, 273.

107

Vgl. H. Rauschning: Gespräche mit Hitler, a.a.O., S. 40.

108

Vgl. A. Ratenieks: Was bringt die Neuordnung Europas den europäischen Völkern?, Dresden 1942, S. 49 f.

109

Vgl. K.C. von Loesch: Großraumbildung, a.a.O., S. 128.

110

Vgl. W. Daitz: Echte und unechte Großräume, a.a.O., S. 60.


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Q u a l i t ä t , die A d o lf R atenieks nunm ehr als nicht mehr bloßen "geographischen Begriff’ o d e r e in e "w illkürliche A nsam m lung verschiedener Völker ohne inneren Zusammen­ h a n g " beschrieb, sondern als "Lebensraum einer in sich geschlossenen, organisch a u f g e g lie d e rte n V ölkerfam ilie", die sich "als eine biologische Einheit deutlich von den a n d e r e n G roßlebensräum en und deren Völkerfamilien" abheben würde.11112 I n E rg än zu n g dieser eher vagen, stark idealisierten Charakterisierung der "Völker­ f a m ilie " m ußten bereits m it dem Beginn der deutschen Kriegführung - politischem Prag­ m a tis m u s folgend - die G rundprinzipien des Zusammenlebens im späteren "Großraum" n ä h e r beschrieben w erden, da die deutsche Kriegs- und Besatzungspolitik nur zu deut­ l i c h gem ach t hatte, daß von einem "organischen Nebeneinander" gleichberechtigter S t a a t e n in der "Völkerfam ilie" zunächst keine Rede sein konnte. Somit galt es, einerseits a l l e P arallelen zu im perialen Vorläufern, die sich angesichts der deutschen Aggression n a tu rg e m ä ß aufdrängten, strikt zu vermeiden. Andererseits aber mußten die propagierten V o rs te llu n g e n vom Zusam m enleben im "Großraum" mit dem eindeutig postulierten und m ilitä r is c h durchgesetzten deutschen Führungsanspruch in Einklang gebracht werden. D i e "Neuordnungs"-Expertokratie stand damit vor der Aufgabe, nach der vehementen A b le h n u n g liberal-dem okratischer Prinzipien eine integrationsfähige neue "Völker­ o r d n u n g " für den "G roßraum " zu begründen. Die propagierte Lösung sah man - ausge­ h e n d vo m postulierten deutschen Führungsanspruch - darin, das nationalsozialistische "F ührer-und-G efolgschaftsprinzips" auf die europäische Gesamtordnung zu übertragen. I n d e r B eschreibung des angedachten Modells erhielt dann zumindest die Terminologie d e r verw orfenen "demokratischen" Beziehungen durchaus einen großen Stellenwert, sie d i e n t e aber letztlich n u r dazu, die Strukturen einer zentralistisch organisierten, hier­ a r c h is c h gegliederten O rdnung zu verschleiern. Die Übernahme des Führer-und-Gefolgs c h a fts p rin z ip s , das sich bei der "Gleichschaltung" der deutschen Gesellschaft bewährt h a t t e , schien sow ohl eine - w enn auch eingeschränkte - Souveränität der einzelnen Staa­ t e n a ls auch ein notw endiges M aß an Unterordnung unter die Gemeinschaftsinteressen z u gew ährleisten. D ie T hesen von der "natürlichen Rangfolge" der Staaten und Völker, d i e a u f "Leistung" beruhe, von der "Einsicht in die Notwendigkeit" und der Anerken­ n u n g des "Führerprinzips" w urden die neuen Parameter, die das Zusammenleben im " G ro ß ra u m " bestim m en sollten. Gegründet auf "Leistung, Verantworung und Lebens­ g e re c h tig k e it" sollte sich diese Ordnung zumindest dem Anspruch nach entscheidend v o m "Im perialism us der w estlichen Demokratie" unterscheiden.512 E i n B eitrag vo n Wilhelm Stuckart, der die engste Verflechtung positiv belegter

111 112

Vgl. A. Ratenieks: W as bringt die Neuordnung Europas den europäischen Völkern?, a.a.0., S. 49. Vgl. W. Stuckart: Die Neuordnung der Kontinente und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Verwaltung, a.a.O., S. 6.


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Kategorien und nationalsozialistischer D em agogie anschaulich verdeutlicht, b e s c h r i e b die angestrebten Prinzipien 1941 daraufhin folgenderm aßen: "In dieser neuen Völkerordnung wird jedes w ertvolle V olkstum sein u n a b d in g b a re s Recht auf eigenen Lebensraum verwirklichen und dam it seine völkisch-rassische S o u v e ­ ränität sichern können. Achtung vor frem der N ationalität und eigenvölkische S e l b s t ­ entfaltung sind die Grundlagen der neuen und gerechten O rdnung im L eben der V ö l k e r . Darüber hinaus wird in lebensgerechter O rdnung das M aß einzelstaatlicher E i g e n ­ ständigkeit bestimmt werden von der L eistung und dem natürlichen S c h w e rg e w ic h t jedes Gliedvolkes innerhalb der europäischen V ölkergem einschaft, von seiner s t a a t s ­ bildenden Kraft und seiner räum lichen Lage. In diesem R ahm en w ird jede N a ti o n in freier Entfaltung ihrer völkischen K räfte F orm und A usdruck ihres nationalen L e b e n s bestimmen, ihre Ordnung und arteigenes S taatsleben sichern,ihre A rbeits- und W i r t ­ schaftsleistungen organisieren, ihre kulturellen G üter pflegen und w e ite re n tw ic k e ln ." 113 Ausgehend von der betonten "völkischen" B estim m ung der G rundeinheiten des " G r o ß ­ raums" galt es unter dieser Prämisse, die Interessen von "G em einschaft" und e i n z e l n e n "Nationen" gegeneinander abzuwägen und sie schließlich nach deutschen V o rs te llu n g e n in Einklang zu bringen. Dabei w ar zwar laut D e M an "die europäische G em einschaft n u r als Gemeinschaft von Nationen denkbar", w obei er die N ation als "das u nerläßliche u n d unersetzliche Grundelement jedes kontinentalen, interkontinentalen oder u n iv e r s e lle n Überbaus" verstand.114 Aber andererseits m ußte diese scheinbare P räferenz der " N a t i o ­ nen" im Hinblick auf die m assiven deutschen A nsprüche zu gunsten v o rd e rg rü n d ig propagierter "übergeordneter G em einschaftsinteressen" eingeschränkt w erden. D i e s geschah mit dem bereits benannten Ziel, potentielle K riegsursachen auszuschalten, u n d lief letztlich trotz gegenteiliger Beteuerungen d arau f hinaus, die eigenstaatliche S o u v e r ä ­ nität drastisch einzuschränken. W ie es D e M an form ulierte, bedeutete das, daß " ü b e r n a ­ tionale Einheiten oder Gemeinschaften nur dann im stande sein w erden, den F rie d e n z u sichern, wenn sie alle M achtbefugnisse ausüben können, v o n denen die V o rb e re itu n g , der Anfang oder die Führung eines K rieges abhängen" könnte. D as um schloß b e i d e Man alle Elemente der Außenpolitik und des M ilitärw esens, so daß sich die " S o u v e r ä n i­ tät der Nationalstaaten" künftig au f "das Recht, sofern es nicht die A u sla n d sb e z ie h u n g e n berührt, die innere Verwaltung, die Justiz, die P olizei, die W irtschaftspolitik u n d d i e Berufsorganisation, die nationalen Finanzen und das S teuerw esen, der U n terrich t, d i e Kirchen, die Sozialgesetzgebung, die öffentliche G esundheit, der Sport, das V e r k e h r s ­ wesen, die soziale Fürsorge, die K ulturpolitik" beschränken so llte .115

113

Ebenda, S. 5.

114

Vgl. H. de Man: Jenseits des Nationalismus, a.a.O ., S. 7.

115

Vgl. ebenda, S. 9.


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D iese eindrucksvolle A ufzählung konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß d e r gesam te B ereich der Außenpolitik sowie in der Gestaltung des "Großwirtschafts­ raum es" dann auch w eite Teile der Ökonomie der staatlichen Hoheit entzogen würden. E in propagierter "positiver Nationalismus", der keine Frontbildung gegen, sondern das Z usam m enleben m it anderen Nationen beschrieb, sollte diese Einschnitte ermöglichen u n d gleichzeitig genügend Raum für die Durchsetzung weiterer Ordnungsprinzipien lassen. Im Spannungsfeld zw ischen Souveränität und Unterordnung vermittelte das FührerG efolgschaftsprinzips gleichzeitig auch die Überzeugung von einer "natürlichen Rang­ folg e" der einzelnen Staaten, die letztlich die deutschen Führungsansprüche realisierte. Im V ergleich m it der "Stufenordnung" des menschlichen Körpers aus Zellen, Organen u n d Systemen und d er A bstufung innerhalb der Staaten "nach Menschen, Klassen und W ertbegriffen" w urde auch für den "Großraum eine "Rangordnung der Staaten" fest­ g estellt.116 W ährend in der Praxis letztlich die militärischen Potenzen des Dritten Reiches ü b e r diese "Rangfolge" entschieden, blieben die "wissenschaftlichen" Parameter für die "w ertm äßige" B estim m ung der einzelnen Staaten allerdings äußerst vage. Angeführt w u rd en neben w irtschaftlichen Gesichtspunkten vor allem "ethische" Aspekte, die eine g leich sam "höhere Einsicht und Verantwortung" für die Gemeinschaft beinhalteten. D ie se dienten angesichts der nicht vordergründig benannten militärischen Erfolge aber lediglich dazu, für D eutschland und Italien eine "Stellung höherer Ordnung" zu be­ anspruchen und diese Forderung mit scheindemokratischen und "moralischen" Kriterien z u verbrämen. Folgerichtig führten alle Argumente dazu, Deutschland - ungeachtet einer zum in d est rhetorischen Rücksichtnahme auf den Achsenpartner Italien - als unum­ sch rän k te "Führungsm acht" darzustellen. Unter der Prämisse, daß "Europa nur leben k a n n aus der K raft des Großdeutschen Reiches"117 würde die Organisation des Konti­ n e n ts au f diesen deutschen "Kraftquell" ausgerichtet und das deutsche "Schicksal" zunehm end m it dem europäischen gleichgesetzt, da Deutschland "das Herz Europas" sei. E u ro p a werde darum "gesund sein und gedeihen, wenn dieses Herz gesund" wäre und es w ü rd e "untergehen, w enn dieses Herz zu schlagen" aufhörte.118 D ie Beschreibung der beabsichtigten deutschen "Führungstätigkeit" in der "Völker­ fam ilie" griff dann verstärkt au f "demokratische" Prinzipien zurück, die das Dritte Reich a ls patem alistisch geprägte Ordnungsmacht darstellten. So betonte beispielsweise Franz K u p fe r Schmidt, daß trotz einer notwendigen Planung und Lenkung durch die politisch

116

Vgl. G. Selvi: Die Grundlagen der Neuen Ordnung, in: Reich, Volksordnung, Lebensraum, Bd. HI, 1942, S. 9-39, S. 34.

117

Vgl. R. Fischer: Die Geburt des kontinentalen Europa, in: Volk und Reich, 1941, S. 433437, S. 434.

118

Vgl. ebenda, S. 437.


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vorherrschende Macht, "die einzelnen Gliedvölker ihre politische und kulturelle Freiheit behalten und sich nur in den die Belange des Gesamtraumes betreffenden außenpoliti­ schen und wirtschaftlichen Fragen dem Gemeinnutz beugen"119 müßten. Wie sich diese erstrebenswerten Vorstellungen mit dem absoluten Führungs-, ja Dominanzstreben des nationalsozialistischen Staates vereinbaren ließen, war eine Frage, die von der NSW issenschaft nicht explizit gestellt werden konnte. Bezeichnenderweise lieferte aber eine Definition des als Spezialisten in "Großraum"-Fragen angesehen Werner Best einen nur zu deutlichen Hinweis darauf, daß der "Großraum" real äußerst einseitig auf die Interessen der Führungsmacht ausgerichtet werden sollte: Best definierte einen "Groß­ raum" in einer Prägnanz, die sich bei anderen Autoren nicht fand, als den gesamten "Raum, der von einem Volke über seinen eigenen Volksraum hinaus zu einer neuen politischen und wirtschaftlichen Einheit zusammengefaßt und gegenüber anderen vorhandenen Großräumen abgegrenzt und zu ihnen in ein Verhältnis gesetzt wird."12012 Trotz oder vielmehr gerade wegen dieser doch recht augenscheinlichen Widersprüche, die durch die reale deutsche Politik auf das deutlichste unterstützt wurden, lag gerade in der Beschreibung der Führungsrolle ein wesentlicher Aspekt des "Großraum"-Gedankens. D eren inhaltliche Ausgestaltung bewegte sich direkt im Spannungsfeld zwischen der - propagandistischen - Beschwörung demokratischer Grundprinzipien und Verant­ wortlichkeiten und dem Herrschaftsanspruch und -umfang der Führungsmacht. Das Gros der wissenschaftlichen Veröffentlichungen trug dieser Problematik durchaus Rechnung. So versuchte die bereits erwähnten Monographie von Erich Obst nachdrücklich, die Klippen zwischen real vorhandenen Führungsansprüchen und der Vermeidung "imperia­ listischer Auswüchse" zumindest rhetorisch zu vermeiden. Indem er eine Führung des "Großraumes" als notwendig voraussetzte, stellte Obst der "rein form alen Demokratie der Vergangenheit" das nationalsozialistische "Führerprinzip" gegenüber und betonte, daß Führung "etwas total anderes bedeutet als Hegemonie, Beherrschung oder Imperia­ lismus". D er führende Staat übernehme in dieser Sichtweise die A ufgaben eines "Treu­ händers", die sich nicht "in dem größeren Maß an Rechten, sondern in dem Mehr an Pflichten" w iderspiegelten/21 E r konstatierte: "Innerhalb jedes dieser Großraum-Verbände wird es schon desw egen nicht zu einer Beherrschung des Schwächeren durch den Stärkeren kommen, weil das Ganze und somit auch der Führungsstaat nur gedeihen kann, wenn jeder Gliedstaat gesund und wirt­ schaftlich leistungsfähig ist.

119

Vgl. F. Kupferschmidt: Zur Geographie der Großräume, a.a.O., S. 313.

120

Vgl. W. Best: Großraumordnung und Großraumverwaltung, in: Zeitschrift für Politik, 1942, S. 406-412, S. 406.

121

E. Obst: Die Großraum-Idee, a.a.O., S. 22.


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143

A lle G liedstaaten bilden also zusammen eine Partnerschaft, in der jeder einzelne P a rtn e r zum N utzen des G anzen in seinem Bezirk die denkbar höchsten Wirtschafts­ leistu n g en erstreben m uß und dabei der tatkräftigen Unterstützung durch jeden anderen P a rtn e r gewiß sein darf. Daß... der Führungsstaat im Nehmen und Geben in den Vorder­ g ru n d tritt, versteht sich von selbst; das hat mit Imperialismus nichts, gar nichts gemein, s o lange sich der G üteraustausch au f unbedingt reeller Grundlage vollzieht und den E ig en in teressen d er betreffenden Gliedstaaten voll und ganz entspricht."122 E i n B eitrag vo n W ilhelm W egener präzisierte die Anforderungen an eine "Führungs­ m a c h t" dann m it dem V erw eis a u f die Notwendigkeit, eine "echte Großraumpolitik" als A ltern a tiv e zu im perialistischen Herrschaftsbestrebungen zu betreiben, die "von welt­ an sch au lich en Ideen und Prinzipien, die über den bloßen Gedanken der Macht und des k ap italistisch en Im perialism us hinaus die Aufgabe einer völkischen und räumlichen O rd n u n g einem V olke zuw eist, das diesen Raum mit seiner Idee auszufiillen fähig" s e i .123124D amit w ar die V erbindung zur nationalsozialistischen Ideologie hergestellt, die als n e u e W eltanschauung angesehen wurde, die den gesamten Kontinent prägen könnte und d a m it D eutschland zu r Führung befähigen würde. Ausgestattet mit Gemeinschaftssinn, A c h tu n g der Souveränität und Verantwortung für übergeordnete Belange des "Großrau­ m e s " entstand daraus ein B ild der "Führungsmacht", das allerdings in keiner Weise der d eu tsch e n K riegs- un d B esatzungspolitik entsprach. D ie s e spiegelte sich w eit eher in einem Beitrag des Praktikers Werner Bestm wider, der v i e r denkbaren F orm en der "Großraumverwaltung" entwickelte, die den Realitäten nationalsozialistischer A ußenpolitik weitaus deutlicher entsprachen als die Mehrzahl der p ro p ag an d ao rien tierten Darstellungen. In der Stufenfolge von "Bündnisverwaltung", "A ufsichtsverw altung", "Regierungsverwaltung" und "Kolonialverwaltung" beschrieb e r d ie unterschiedlichen Grade der Bindung, ja Abhängigkeit der "Großraumvölker" v o m "Führungsvolk": W ährend in der "Bündnisverwaltung" die einzelnen Völker noch ü b e r eine form ell eigenständige Regierung und Verwaltung verfügten, die aber an die R ichtlinien des "Führungsvolkes" gebunden war, wurde die Souveränität der Mitglieds­ v ö lk e r in der K ategorie der "Aufsichtsverwaltung" von einer institutionalisierten Ober­ a u fsic h t des "Führungsvolkes" eingeschränkt. Im Rahmen der "Regierungsverwaltung" v ersc h w a n d dann der letzte A nschein von Souveränität, da die gesamte Verwaltungs­ tä tig k e it a u f das "Führungsvolk" übertragen würde: Die "Gliedvölker verzichteten auf e in e eigene R egierung und behielten lediglich eine begrenzte Möglichkeit zur Selbstver­ w a ltu n g . In einem "G roßraum ", der unter "Kolonialverwaltung" stünde, würden dann 122

Ebenda, S. 24 f.

123

Vgl. W. Wegener: Regionaler Wirtschaftsblock und politischer Großraum, in: Volk und Reich, 1941, S. 184-188, S. 188. Dr. W erner Best w ar Leiter der Abteilung Verwaltung beim Militärbefehlshaber Frankreich.

124


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auch diese Schranken entfallen: Das "Führungsvolk" übte die Verwaltung insgesamt allein aus.125 Diese an Zynismus, aber angesichts der deutschen Besatzungspolitik auch an Reali­ tätsgehalt kaum noch zu überbietende Charakterisierung der deutschen Vorstellungen blieb - trotz ihrer Veröffentlichung - ein Einzelbeispiel, das allerdings die wahre Natur der "Neuordnung" um so deutlicher interpretierte. Die große Mehrheit der Untersuchun­ gen verwies dagegen nachdrücklich auf die partnerschaftlichen Aspekte des Zusammen­ lebens im "Großraum". In der "offiziellen" Version erschien der geplante "Großraum Europa" somit als "das Ergebnis einer Staatengesamtheit, die in ihrem Inneren nach den Grundsätzen der faschistischen oder nationalsozialistischen Doktrin geordnet ihrem We­ sen nach Nationalstaaten" wären. Dabei seien die Staaten "nach Rangwerten stufenweise gegliedert und unabhängig", hätten aber "von sich aus ihre staatliche Souveränität beschränkt" und ihre "gegenseitig abhängigen Wirtschaften... rational miteinander ver­ knüpft", so daß sie "also ein nach einem einheitlichen Grundsatz geeinigtes Ganzes" bildeten.126 Das schloß letztenendes die Propagierung einer neuen Rechtsordnung ein. In der A bkehr von dem als "verwaschen und unklar" charakterisierten Völkerrecht galt es laut Wilhelm Stuckart, "die Ordnung des Lebensraumes durch ein neues, den natürlichen Lebensbedürfnissen der beteiligten Völker entsprechendes ’Kontinentalrechf zu sichern, ein Kontinentalrecht nicht im Sinne der Intem ationalisierung des inner­ staatlichen Rechtes, sondern im Sinne eines harmonischen Zusammenklanges der nationalen Gesetzgebungen."12' Oberstes Prinzip der neuen R echtsordnung sollte die "Achtung vor den lebendigen Kräften fremden Volkstums" und die "Anerkennung ihrer Leistungen" sein - ein Anspruch, den das nationalsozialistische Deutschland durchaus m it seiner Politik zu vereinbaren m einte.128 Aber auch dieser A spekt der "Großraum"Konzeption mußte letztlich so verschwommen bleiben wie alle anderen Planungen. Einen charakteristischen Eindruck der diffusen, alle Optionen offen haltenden Be­ schreibungen lieferte ein Beitrag von R oland Freisler, dem Präsidenten des berüchtigten Volksgerichtshofes. D er Jurist, der die grundsätzlichen Rechtsprinzipien in seiner Position täglich außer Kraft setzte, betonte, daß die "Ordnung des neuen Europa" aus einer "Vielzahl aufeinander abgestimmter konkreter Lebensverflechtungen bestehen" müsse, die "rechtlich wohl gepflegt sind; und deren Dichte und Lebensstärke zu einem so reichen, allseits befruchteten und befruchtenden Innenleben des Erdteils führt, daß

125

Vgl. W. Best: Großraumordnung und Großraumverwaltung, a.a.O., S. 408 f.

126

Vgl. G. Selvi: Die Grundlagen der Neuen Ordnung, a.a.O., S. 34.

127

Vgl. W. Stuckart: Die Neuordnung der Kontinente und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Verwaltung, a.a.O., S. 6 f.

128

Vgl. W. Stuckart: Zur Neuordnung der Lebensräume, in: Europäische Revue, 1941, S. 361368, S. 361. -


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145

d ie s e r das ihm zukom m ende Schwergewicht gewinnt, das ihn befähigt, im Bewußtsein s e in e r vielgestaltigen E inheit seinen Lebensraum auch nach außen ebenso ausbauen zu k ö n n e n , wie andere Volkskräfte den ihren." Damit würde das "imperialistische Prinzip", d a s die englische W eltherrschaft bestimme, durch die "gesunde Ordnung der natürlichen L ebensräum e" überw unden w erden.129 In unnachahmlichem Pathos, aber inhaltlich eher unverständlich bleibend, beschrieb Freisler damit ein "Ordnungsdenken", das angeblich " v o n den lebendigen Kräften, den Völkern Europas" ausginge; "diese Kräfte über alles" p fle g e ; "die Elastizität..., die ihm ermöglicht, jede künftige gesunde Lebensentwicklung z u fördern", wahre, und das "sein Augenmerk gleichmäßig auf die sachgemäße Ordnung j e d e r der vielen L ebensverflechtungen der Völker wie auf die große ordnende Gesamt­ k o n ze p tio n " lenke. D as begründe endlich eine Ordnung, die "stark", "organisch" und " g e re c h t" sei.130 A u f dieser Basis erschien es dann umso einleuchtender, daß sich die k ü n ftig e "Völkerfamilie" gerade im ideologisch-ideellen Bereich entwickeln und stabili­ s ie re n würde, da die ideelle Bereitschaft, diese umfassenden Vorstellungen zu akzeptie­ re n , die wesentliche V oraussetzung für ihre Realisierung darstelle. Die analog entwickel­ t e n Id een vom "europäischen Bewußtsein", dem "Kontinentalgefuhl" und der "Schick­ salsg em ein sch aft" der europäischen Völker vervollständigten deshalb das Bild vom p o litisch e n "G roßraum Europa".

3 .2 .3 . Europäisches B ew ußtsein im Ziel-Mittel-Konflikt T A u f der B asis der zunächst rein geographischen, "rassisch-biologisch" bestimmten C harak terisieru n g des "Großraums" Europa entstand im Verlauf des Krieges die Über­ ze u g u n g , ja die Einsicht in die Notwendigkeit, der beschworenen "europäischen Völker­ fa m ilie " eine "tragende übergeordnete Idee" als verbindendes Element zugrunde legen z u m üssen. U m dabei weltanschauliche Konflikte von vornherein möglichst zu be­ g re n z e n , blieben die ideologischen Vorstellungen, die daraufhin propagiert wurden, be­ w u ß t interpretierbar, bauten aber klare Feinbilder auf. So formulierte der bereits erwähn­ t e B eitrag von E rn st H am m angesichts der Kriegswirklichkeit, daß die "gemeinsam g e sta lte n d e Idee" die der "Schicksals- und Kampfgemeinschaft der auf Gedeih und V e rd e rb zusam m engehörigen Völker des europäischen Raumes für den Großlebensraum E u ro p a " sei.131 A us dieser Gemeinschaft würde sich - wie Hamm betonte - auf der G ru n d lag e eines "gem einsam en europäischen Kulturbewußtseins" ein neues "politisches ..i

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129

Vgl. R. Freisler: Das Rechtsdenken des jungen Europa, in: Europa. Handbuch, Leipzig 1943, S. 99-107, S. 106.

130

Vgl. ebenda, S. 106 f.

131

Vgl. E. Hamm: Europäische Raumordnung, a.a.O., S. 44.


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Ethos" für Europa herausbilden. Dieses richtete sich sowohl gegen die "Unkultur des Bolschewismus" als auch gegen die "rein m aterialistisch-plutokratische Denkart angloamerikanischer Prägung" und ferner gegen die Einflüsse der "Primitiv-Kulturen".132 Die nähere Bestimmung des angenommenen "europäischen Bewußtseins" erfüllte im deutschen Interesse eine rein integrative Funktion und mußte somit breiteste Identifika­ tionsmöglichkeiten bieten, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, eine komplette Weltanschauung transformieren zu wollen. Die nähere Charakterisierung des postulier­ ten "europäischen Bewußtseins" erhielt in diesem Verständnis eine doppelte Funktion: Zum ersten galt sie perspektivisch als ideologische Grundlage des geplanten europäi­ schen Zusammenschlusses, die im V erlauf des Krieges erst entstehen würde; zum zw eiten entwickelte sie sich während des Krieges, der zunehm end zu ungunsten Deutschlands verlief, selbst zu einem bedeutenden Kriegsmittel, da m an versuchte, der deutschen Kriegführung ein "europäisches" M oment zu verleihen. Die W ichtung dieser B edeutungsnuancen wechselte analog zum Kriegsgeschehen und spiegelte auf das deutlichste die Etappen der deutschen "Neuordnungs"-Planungen insgesamt wider: W ährend bis zum Juni 1941 der Aspekt der "rassisch-kulturellen" Gemeinsamkeit im M ittelpunkt der Propaganda stand, erhielt diese mit dem gem einsamen "Abwehrkampf gegen den Bolschewismus" nach dem deutschen Überfall au f die Sowjetunion einen neuen Schwerpunkt. Der "europäische" Krieg gegen die "bolschewistische Gefahr" w urde in seiner Funktion als Katalysator und gleichzeitiger "Bewährungsprobe" der "europäischen Idee" zum Ausgangspunkt des wiedererwachenden europäischen "Ge­ meinschaftsgefühls" überhaupt stilisiert - ein Bild, daß die deutsche Kriegführung in unnachahm licher Weise zu idealisieren trachtete. Im Laufe des Jahres 1944 trat dann verstärkt die Idee der "Schicksalsgemeinschaft Europa" hinzu, die der sich abzeichnen­ den deutschen Niederlage eine gesamteuropäische Dimension zu verleihen suchte. Im Ergebnis entstand über die adaptierten Feindbilder und die beschworenen gemein­ samen Interessen und Wurzeln die Vision einer geistig-kulturellen Gemeinschaft, die die ideologische Basis des geplanten "Großraumes" Europa bilden sollte. A ber auch diese Vorstellungen blieben genauso vage und diffus wie die "Großraum"-Idee insgesamt. Sie waren aber getreu ihrer W irkungsabsicht auch pathetisch und appellatorisch, integrativ und eindeutig pragmatisch orientiert, um so die deutschen Ziele w eitgehend zu ver­ schleiern. D en Ansatzpunkt für das beschworene "europäische Bewußtsein" fand die wissen­ schaftliche Publizistik in der Annahme eines tradierten Gemeinschaftsgefühls, das aus der "rassischen" Verwandtschaft der europäischen V ölker abgeleitet w urde und gleich­ zeitig die englische "Plutokratie" als "wesensfremd" ausgrenzte. So benannte ein Beitrag

132

Vgl. ebenda, S. 45.


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147

v o n H erm ann N o a ck fü n f Faktoren, die das "europäische Bewußtsein” bedingten:133Als d e r e n entscheidenden definierte er die "rassische Verwandtschaft der europäischen V ö lk e r" , die a u f der B asis des gemeinsamen "Blutes" die "arische" bzw. "indogerma­ n is c h e V ölkerfam ilie" ausm achte. A u f dieser Grundlage hätten sich zum zweiten "all­ g e m e in e geistesgeschichtliche Ideen und Haltungen" wie das Christentum, die Renais­ s a n c e oder die A ufklärung entwickelt, die die Grundstrukturen des europäischen Kultur­ verständnisses prägten. D iese führten dann drittens zu typischen soziologischen Struktu­ r e n , die das L ebensverständnis vor allem der "Führungsschichten" bestimmten und im g esam teu ro p äisch en M aßstab schließlich viertens einen "politischen Herrschafts- und O rd n u n g sw illen s" ausbildeten, der sowohl Ursache als auch Ergebnis des Einheits­ stre b e n s sei und der fünftens durch eine Reihe wirtschaftlicher Motive ergänzt wurde.1’5 D a b e i betonte N o a ck allerdings vehement, daß ein rein ökonomisch bedingter Pragmatis­ m u s , der letztlich die führende Stellung eines so überlegenen Industriestaates wie D e u tsc h la n d erm öglichen würde, keine ausreichende Basis für den europäischen Zu­ sam m en sch lu ß darstellen könnte. E r faßte letztlich alle Defmitionsaspekte zusammen u n d konstatierte: " A u c h muß vom B e g riff des gesamteuropäischen Bewußtseins jede Deutung femg e h a lte n w erden, die zu seiner Verwechslung mit irgendeiner Zweckvereinigung oder In teressen g em ein sch aft fuhren könnte. Nicht deshalb glauben wir von einem Wachsen d e s gesam teuropäischen Bewußtseins in der Geschichte sprechen zu dürfen, weil mehr u n d m ehr die nationalen Differenzen zugunsten europäischer Vereinheitlichung und zum Z w e c k einer rationelleren Existenz außer Acht gelassen oder ausgelöscht worden wären, s o n d e rn weil die konkrete Einheit und Ganzheit der europäischen Eigenwelt gerade an d e n im w echselseitigen R ingen erprobten und befestigten Differenzen erfahren werden m u ß te und tatsächlich daran erlebt worden ist. Die Selbstbesinnung auf die Eigenart und E igenständigkeit Europas ist zugleich eine Folge der Auseinandersetzung mit artfremden K u ltu re n gew esen, einer W echselwirkung, die nach Umfang und Tiefgang einmalig in d e r Geschichte und für den überwiegend nordisch-indogermanisch geformten Geist der eu ro p äisch en V ölker selbst charakteristisch ist."135 A n sch ließ en d brachte N oack m it dem Begriff der "Kultur" eine weitere Quelle des "eu ro p äisch en B ew ußtseins" ins Spiel, der vor allem im Hinblick auf das bereits be­ sch rieb en e Spannungsfeld zw ischen nationaler Souveränität und gesamteuropäischer U n tero rd n u n g eine entscheidende Bedeutung zukam. Anhand der kulturellen Entwick­

133

Vgl. H. N oack: Das geschichtliche Wachsen des europäischen Gesamtbewußtseins, in: Aus­ wärtige Politik, 1944, S. 277-287.

134

Vgl. ebenda, S. 279f.

135

Ebenda, S. 281.


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148

lung Europas wurde versucht, alle nationalen Besonderheiten als Teile eines ursprüng­ lich Ganzen darzustellen, die erst in der angestrebten (W ieder-)Vereinigung eine höhere Qualität erreichten, indem sie praktisch zu ihren gemeinsamen W urzeln zurückkehrten. Indem auch N oack klare Feindbilder benannte, fuhr er fort, daß "aber Tiefe und Reich­ tum unserer Kultur als Frucht der sie von innen belebenden Kräftespannungen gelten" müßten, was "zuletzt am Gegensatz der amerikanischen und bolschewistischen Unkultur eines nivellierenden Massendaseins klar" werde. Europa setze deshalb der "überlegenen materiellen Macht jener beiden Welten entseelten Menschentums" nunm ehr "die Wider­ standskraft eines zu endgültiger Klarheit und Reife gedeihenden Selbstbewußtseins entgegen" und behaupte sich damit, "wie zu Beginn seiner Geschichte, geradezu im Wi­ derspruch zu den geographischen Gegebenheiten als ein w ahrhaft geistiges Festland mit prägnanter Struktur und selbstgeschaffenen Grenzen."136 Die angenommene "kulturelle Gemeinsamkeit" der "europäischen Völkerfamilie" beruhe dabei laut einer Propagandabroschüre des Reichsführers SS sowohl au f gemein­ samen "Prinzipien der Religion und der Freiheit, der M enschenwürde, des Privateigen­ tums und des Fortschritts" als auch au f der "gemeinsamen Gefahr", die zu einer Stärkung des "Einheitsbewußtseins" beitragen w ürde.137 A u f dieser Grundlage habe sich ein "Gefühl der Zugehörigkeit zur großen europäischen Kulturgemeinschaft" entwickelt, das die geistige Basis des künftigen "Großraumes" darstelle, die über die Schranken der nationalen Besonderheiten hinweg von Idealen wie "Ehre und Freiheit, Treue und Mut, Glaube und käm pferischem Geist" bestimmt w erde138 und letztlich die "europäische Kultur" selbst ausmachten. Damit wurde ein Ideal postuliert, dessen integrative Absich­ ten zu sehr plastischen Bildern führten: So sprach Hermann Stein von einem europäi­ schen "Orchester" und leitete aus der "rassischen Verwandtschaft" der "europäischen Völkerfamilie" gar eine "gemeinsame europäische Grundschwingung, ein gemeinsames Empfmdenkönnen" ab, das mit dem Verweis au f die verschiedenen Instrumente und ihren unterschiedlichen Beitrag zur Gesamtpartitur das Zusam m enleben im "Großraum" veranschaulichte.139 Franz A lfred Six, der den immanenten Bezug au f die europäische Geschichte her­ stellte, bemühte sich dann, die benannten Prinzipien in eine historische Entwicklungs­ linie einzuordnen, deren "Wiedererkennen" das besondere deutsche Verdienst aus­ m achte.140 Er führte die "europäische Einheit und Bewußtseinsbildung" au f die "großger­

136

Vgl. ebenda, S. 281.

137

Vgl. Europa und der Bolschewismus, hg. vom Reichsführer SS, Berlin 1944, S. 3.

138

Vgl. ebenda, S. 4.

139

Vgl. H. Stein: Europäisches Bewußtsein, in: Europa. Handbuch., Leipzig 1943, S. 15-19, S. 15f.

140

Vgl. F.A. Six: Das Europabild des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 213f.


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149

m a n is c h e A usbreitung" zurück, deren "Sendungsbewußtsein" erst durch den Partikula­ r i s m u s der N eu zeit zerstört w orden sei.141 In diesem Verständnis beschrieb Six die " g r o ß e n p o litischen R evolutionen des Faschismus und des Nationalsozialismus" als e r s t e n S chritt zu ein er neuerlichen "Grundlegung Europas auf der Basis einer einheitli­ c h e n politischen G esinnung und gemeinsamen Lebensform"142, was die "gesamteuropäi­ s c h e K u ltu r" stark zugunsten einer übertragenen nationalsozialistischen bzw. faschisti­ s c h e n W eltanschauung relativierte. Um den Anschein von Hegemoniestreben und d r o h e n d e r V ereinheitlichung zu unterbinden, leitete letztlich auch Six das "Wachsen des E in h e its b e w u ß ts e in s " v o n psychologischen Aspekten - nämlich die "Wiedererhellung d e s v erd u n k elten G eschichtsbew ußtseins Gesamteuropas" - ab. Denn, wie er betonte, " n i c h t die intellektuelle B ildung eines politischen Theorems oder die Ausweitung eines s i c h v ö lk erv ersö h n en d gebenden hegemonialen Nationalismus" könne "zur Grundlage e i n e s europäischen Gemeinschaftsbewußtseins werden, sondern allein die Wiedergewin­ n u n g d e s geschichtlichen Bewußtseins der Einheit Europas, seiner Völker, seiner Kultur u n d s e in e r L eb en sfo rm ."143 D araus benannte Six zwei Quellen des "europäischen Be­ w u ß ts e in s , die die D oppelfunktion als Ziel, aber auch als Mittel des Vereinigungs­ p r o z e s s e s verdeutlichten: "eine innere des eigenen Erkennens und eine äußere des s e lb s tä n d ig e n B ehauptens, oder politisch gesprochen: die Wiederkunft einer geschicht­ l i c h e n B esinnung un d das Erw achen eines gegenwärtigen Selbstbewußtseins".144Dann f ü h r t e e r die beobachtete "Rückbesinnung" au f das "europäische Kontinentalbewußt­ s e i n " a u f drei G egebenheiten zurück, die er in der "Existenz einer unverleugbaren ge­ s c h ic h tlic h e n G em einsam keit der abendländischen Kultur", einer "durch die Gewalt der W a f f e n herbeigeführte Ü berw indung dezentrischer Gesinnungsherde durch den Vorgang d e r E inigungskriege" sow ie der "Förderung der natürlichen Gemeinschaftsanlagen durch d i e A b w e h r v on außen einbrechender wirtschaftlicher Erdrosselung und politischer R a n g a b w e rtu n g des K ontinents und ihre kämpferische Vereinigung im politischen M y t h o s des neuen E uropa" sah.14S D a m it w ar der K rieg, und zw ar speziell der Krieg gegen den Bolschewismus, zum a u s s c h la g g e b e n d e n E lem ent auch der ideologischen Vorbereitung des "Großraumes" E u r o p a gew orden - eine Charakterisierung, die sich sowohl in der versuchten Integration ü b e r F eindbilder als auch in der M otivation und der Motivierung für einen gemeinsamen K a m p f unter d eu tscher Führung manifestierte. Die offizielle Sprachregelung des Aus-

141 142 143 144 145

Vgl. BA Abt. Potsdam, R 49.02 DAWI, Nr. 7190, Bl. 2. Vgl. F.A. Six: Das Einheitsbewußtsein Europas, in: Zeitschrift für Politik, 1942, S. 285304, S. 294. Vgl. ebenda, S. 286. Vgl. ebenda, S. 286f. Vgl. ebenda, S. 287.


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wärtigen Amtes betonte deshalb, daß der Krieg gegen die Sowjetunion in erster Linie politischen M otiven entspringe und erst in zweiter Linie wirtschaftlichen Gewinnen geschuldet sei.146 Während die breite Propaganda daraufhin über massenhaft verteilte Broschüren vor allem die "Bolschewistischen Verbrechen gegen Kriegsrecht und Menschlichkeit" anprangerte,'47 arbeitete die wissenschaftliche Publizistik weitaus dif­ ferenzierter, indem sie einen direkten Zusam m enhang zwischen beschworener gemein­ samer Verteidigung und der Entwicklung des "europäischen Bewußtseins" herstellte.148 In dem Maße, wie sich die deutsche Niederlage an den Fronten abzeichnete, verstärkten sich die Verweise au f die "gesamteuropäischen" Interessen, die Deutschland verteidige, und die besondere Rolle des Krieges im Einigungsprozeß. Das betraf sowohl die Schaf­ fung des "Großraumes" in seiner "kontinental-politischen" Ausdehnung als auch seine geistig-ideelle Ausgestaltung und Grundlegung durch gemeinsame Kampferfahrungen. Denn aus diesen "europäischen" Erfahrungen entstünde - laut K arl C. von Loesch - ein "neues Gefühl der Solidarität, ein gemeinsamer Egoismus". Einen solchen "gemein­ samen Egoismus" wünsche er deshalb "allen Völkern Europas als die unentbehrliche Voraussetzung für ein gutes Gelingen der Großraumbildung, denn diese wird in Europa vollzogen werden, ob wir es wollen oder nicht, von uns oder von anderen." Dabei würde er allerdings "Europa lieber von innen her nach dem eigenen B edürfnis der Festlandvöl­ ker geeinigt sehen als durch Briten, Nordam erikaner oder Bolschew iken."149 Als nachdrücklichste "Erfahrung", die die Einigung vorantreibe, wurde in diesem Zusammenhang der Krieg dargestellt, der von deutscher Seite aus von Anfang an "im Hinblick au f einen kommenden Frieden und eine unausbleibliche N euordnung Europas in humanster W eise geführt"150 werde und letztlich den A nschein eines unter deutscher Leitung stehenden "europäischen Einigungskrieges" zu erw ecken suchte. Nach Six bedeutete das, daß unter deutscher Führung "an die Stelle der Entfrem dung der Völker von Deutschland und Europa die zielbewußte geistige, kulturelle und politische Annä­ herung gesetzt" werde. Dabei betonte er, daß "die einmal m it der G ew alt der Waffen geschaffenen Tatsachen eine tragfahige Grundlage für den Einsatz verantwortungs­ bereiter, einsatzwilliger Kräfte und neuer Verhältnisse" schufen, die "im Laufe der Zeit die inneren Verhältnisse aus eigener Initiative und völkischem W ollen m it der europäi­ schen W irklichkeit in Übereinstimmung" bringen würden. H ieraus resultiere dann eine politische "Brücke" vom "verletzten Freiheits- und Selbständigkeitsbewußtseins zu der

146

Vgl. Pol. Arch. des AA in Bonn, R 60694,26.11.1942, o.Bl.

147

Vgl. Pol. Arch. des AA in Bonn, R 66771, 8.3.1943, o.Bl.

148

Vgl. BA Abt. Potsdam, R 49.02 DAWI, Nr. 9915, Bl. 6; BA Abt. Potsdam, R 50.01 Reimi für Volksaufklärung und Propaganda, Nr. 1214, Bl. 7f.

149

Vgl. K.C. von Loesch: Grossraumbildung, a.a.O., S. 129.

150

F.A. Six: Das Einheitsbewußtsein Europas, a.a.O., S. 297.


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e u ro p ä is c h e n Schicksalsgem einschaft."15' Dabei verstärke erst der "Mythos des gemein­ s a m e n K am pfes" das "europäische Einheitsbewußtsein" in "schicksalhafter" Weise, da d e r "D ru ck von außen" die Einsicht in die Notwendigkeit des politischen, aber auch m ilitä ris c h e n Zusam m enschlusses gleichsam katalysiere.15152 Six ging in dieser Argumen­ t a t i o n sogar so w eit, den "Sinn des Krieges" mit der "notwendigen" europäischen "B e w u ß tse in sb ild u n g " und "Selbstbehauptung" der europäischen Völker zu be­ s t i m m e n 1'3 - eine A rgum entation, die in der Benennung der "Feindbilder" ihren Aus­ g a n g s p u n k t gefunden hatte. Dabei galt Deutschland zwar einerseits als "Bollwerk gegen d e n B olschew ism us"154, aber den Tenor der Schlußfolgerungen bestimmte die Überzeu­ g u n g , daß sich aus dem gem einsam en K am pf ein "europäisches Einheitsbewußtsein" e n tw ic k e ln w ü rd e .155 Ü b e r die R ealität der deutschen Kriegführung, über Besatzungspolitik und fort­ s c h r e ite n d e E xp an sion hinaus, wurde der künftige europäische "Großraum" deshalb v e r s t ä r k t über "äußere Feinde" und "gemeinsame Abwehrinteressen" definiert, die die a g g r e s s iv e n G rundzüge der nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Planungen wohl eher u n fr e iw illig w iderspiegelten. W ie es Hermann Noack formulierte, lief das darauf hinaus, d a ß d as D eutsche R eich in seiner Kriegführung eine "europäische Verantwortung" ü b e r n o m m e n habe, die die notwendige "Neuordnung" des europäischen Kontinents b e in h a lte te . D as schloß allerdings ein, daß es "den innersten Antrieben und Überzeugun­ g e n " des deutschen "Ordnungswillens und dem Sinn der... beanspruchten Führung w id e rsp re c h e n " w ürde, w enn Deutschland "nicht auf ein allmähliches Zusammengehen a l l e r europäischen V ölker in diesem Schicksalskampf und auf eine Zusammenarbeit an d e n Z ukunftsaufgaben" rechnete. Letztlich würde der "Gemeinschaft der europäischen V ö lk e rfa m ilie ... die allein tragfähige Grundlage fehlen, wenn das niemals ganz er­ s t o r b e n e G efühl für die gegenseitige Verbundenheit durch Abstammung, Geschichte, K u l t u r und W irtschaft nicht wieder erstarkte und sich gerade durch die Erfahrungen d i e s e s K rieges für im m er" festigen könne.156 I n d er Propagierung des "europäischen Zusammenschlusses" stellte die "europäische I d e e " bzw. das "europäische Bewußtsein" damit sowohl das Ziel der Kampfhandlungen a l s a u c h in zunehm endem M aße ein entsprechendes Kriegsmittel an sich dar. Die Aus­

151

Vgl. ebenda, S. 298.

152

Vgl. ebenda, S. 299.

153

Vgl. F.A. Six: D as Europabild des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 230 f.

154

Vgl. BA Potsdam , R 50.01 Reimi für Volksaufklärung und Propaganda, Nr. 1214, Bl. 23f.

155

Vgl. BA Potsdam , ebenda, Bl. 49f.

156

Vgl. H. N oack: D as geschichtliche Wachsen des europäischen Bewußtseins, a.a.O., S. 278.


152

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sage, daß Europa "in Dünkirchen geboren w orden"157 sei, lieferte dafür den ersten Ansatzpunkt. In der Folge wurde die gesamte deutsche K riegführung in diesem Ver­ ständnis umgedeutet. Dabei erhielt besonders der deutsche Überfall au f die Sowjetunion die Qualität eines "Schlüsselerlebnisses" für den europäischen Zusam m enschluß158159, da er doch anscheinend zeigte, daß "Europa... einen gemeinsamen A bw ehrkam pf im Osten" führe, einen K am pf "gegen das, was seine K ultur und sein Leben an der Wurzel" be­ drohe. In diesem Kam pf sollten die "Völker Europas ihre Gemeinsamkeit finden und aus der Wirrung vergangener Geschichte sich zu einem neuen B ew ußtsein erheben", so daß dieses "aus dem K am pf gewonnene neue europäische Bewußtsein... die beste Frucht dieses Krieges'1159 sein würde. Die gesamte deutsche Kriegführung schien somit nur dem Zweck zu dienen, die "europäische Idee" zu verteidigen und das "europäische Bewußt­ sein" herauszubilden. Ein prägnantes Beispiel für diese Darstellungsw eise formulierte ein Beitrag von Oberst Albrecht Blau, der als M itglied des Oberkom m andos der deut­ schen W ehrmacht mit dem Anschein besonderer A uthentizität ausgestattet war. Blau schrieb, indem er die traditionell beschworenen Feindbilder nutzte: "Es hatte den Anschein, als sei durch die vorbeugende m ilitärische Aktion der deut­ schen Führung gegen den gefährlichsten Feind der abendländischen K ultur und Zivilisa­ tion vom nationalen Dasein auch der übrigen V ölker Europas ein politischer und geisti­ ger Druck genommen worden... Zw ar war in den ersten beiden K riegsjahren bereits ein gewisses europäisches Gemeinschaftsgefühl entstanden, das seit der Vertreibung Eng­ lands vom K ontinent immer schärferen Ausdruck fand. Dieses Gemeinschaftsgefühl gründete sich a u f die jahrhundertealte Erkenntnis, daß die Ziele der traditionellen englischen Politik ihrem W esen nach im mer m Gegensatz zu den wirklichen Interessen der europäischen N ationen stehen m ußten...D iese Erkenntnis mußte aber naturgemäß zu besonders scharfen Folgerungen in dem Augenblick führen, in dem das aus Europa verdrängte England... gem einsame Sache m it einem... antieuro­ päischen Staate zu machen begann: mit der Sowjetunion. M it dem Bündnis dieser beiden Mächte entstand geradezu ein Antieuropa, das das wirkliche Europa... bedrohte. Im gleichen Augenblick aber gewinnt... ein W ort Goethes Gültigkeit. Im Sturm des immer stärker erwachenden europäischen Gemeinschaftsgefühls näm lich erwies sich das englisch-sowjetische Antieuropa als jener Kraft zugehörig, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. Das Gute aber, ... w ar der drängende Im puls der europäischen Völker, nun auch... das heilige Vermächtnis der abendländischen K ultur und Gesittung

157

R. Fischer: Die Geburt des kontinentalen Europa, in: Volk und Reich, 1941, S. 433-437, S. 433.

158

Vgl. u.a. E.W.H. Schmidt: Europäische Gemeinsamkeit. Der A bw ehrkam pf gegen den Bol­ schewismus, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1941, S. 936-939.

159

Vgl. H. Stein: Europäisches Bewußtsein, a.a.O., S. 19.


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z u v erte id ig e n . D er Gem einschaftssinn... erwachte in den Besten dieser Völker..."160 A b e r a u f der anderen Seite verlangte die militärische Entwicklung des "Ostfeldzuges" z u n e h m e n d die B ereitschaft der anderen europäischen Völker, diesen im ausschließlich d e u ts c h e n Interesse als "eigene Angelegenheit" zu betrachten und ihn - zumindest m a te r ie ll, aber auch in geringem , von Deutschland bewußt begrenzten Maße personell z u u n terstü tzen . D ie positive Einstellung zu den europäischen "Neuordnungs"-Plänen e n tw ic k e lte sich selbst zum Kriegsmittel. Spätestens ab Ende 1943 begann dabei trotz g e g e n te ilig e r deutscher B eteuerungen der Aspekt einer "Zweckgemeinschaft" im Krieg e i n d e u t i g zu überw iegen. D ie Idee des "neuen geeinten Europa" wurde zur "notwendi­ g e n geistig en R üstung" für die weitere - eigentlich deutsche - Kriegführung.161 Alfred R o s e n b e r g betonte daraufhin, daß Europa "nicht mehr die Erinnerung an streitende F ü r s t e n , sondern tiefstes Begreifen der Darstellung seines Wesens in den großen Völker­ g e s t a l t e n und Persönlichkeiten" bedeute, also kein "leerer Begriff' sei, "wie er von den S p e k u la n te n aus aller W elt im sogenannten Völkerbund von Genf verwandt wurde". D e n n Europa w äre für D eutschland ganz die "blutvollste Tatsache" seines Lebens, "die Z u s a m m e n fu g u n g aller jen er au f den Schlachtfeldern und im geistigen Ringen, die g e g e n die zerstörenden M ächte von Yankee-Gangstem und GPU ankämpfen."162 D a m it w ar die Idee der "europäischen Schicksalsgemeinschaft", die sich über "Blut­ o p f e r " festige163 - gem eint w aren prim är die ausländischen Legionäre, die unter deut­ s c h e m Befehl an der O stfront käm pften - geboren. Wie ein Beitrag von RudolfFischer b e t o n t e , lie f das d a ra u f hinaus, daß "nun zu den Notwendigkeiten der Zusammenarbeit a u f w irtschaftlichem , em ährungspolitischem und währungstechnischem Gebiet der g r o ß e A ntrieb v o n unten, das Gefühl einer Schicksalsgemeinschaft der europäischer V ö l k e r " treten w ürde, das durch "gemeinsam vergossenes Blut" gefestigt werde. In d i e s e r A rgum entation w ar es dann folgerichtig "alle Opfer wert, wenn jetzt in diesem g e m e in s a m e n K am p f gegen den gemeinsamen Feind ein ewiger Bund der europäischen S t a a t e n durch das O pfer der Blüte der europäischen Nationen geheiligt würde."164Die B e s c h w ö ru n g der "Schicksalsgemeinschaft" im "gemeinsamen Kampf um Europa", die d i e dro h en d e deutsche N iederlage au f die Zukunft des gesamten Kontinents zu über­ t r a g e n versuchte, w urde in zunehmendem Maße zum Gradmesser des immer deutlicher 160

A. Blau: Die große Kameradschaft, in Junges Europa, 3/1943, S. 19-26, S. 19f.

161

Vgl. A. Blau: Die Beteiligung der europäischen Völker am Kampf gegen den Bolschewismus, in: Europa und die Welt, Berlin 1944, S. 254-272, S. 257.

162

Vgl. A. Rosenberg: D er W eltkampf und die Weltrevolution unserer Zeit, München 1943, S. 14.

163

Vgl. A. Ratenieks: W as bringt die Neuordnung Europas den europäischen Völkern?, a.a.0., S.

164

Vgl. R. Fischer: Die Geburt des kontinentalen Europa, a.a.O., S. 436.

11.


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werdenden deutschen Rückzugs. Dabei konnte die Propaganda vor allem au f eine R eihe von Vertretern ehemaliger Gegner Deutschlands verweisen, die an diesem "antibol­ schewistischen Feldzug" als "Legionäre" teilnahmen, und so zum Symbol für die A us­ prägung des "europäischen Einheitsbewußtseins" stilisiert w erden konnten.165 O berst Blau sprach in diesem Zusammenhang von der "großen europäischen Kameradschaft, die an der Ostfront geboren wurde" und betonte den einigenden Charakter dieser E rfah­ rungen, die einen innereuropäischen Krieg in der Zukunft unm öglich machen würden. E r hob hervor, daß sich zu den deutschen und italienischen A rm een Freiw illige aus neutra­ len und sogar aus Feindstaaten gesellt hätten und schrieb diesem V organg eine gleich­ sam "symbolische Bedeutung für die bereits... vorhandene tiefe Verwurzelung d er europäischen Schicksalsgemeinschaft in den einzelnen N ationen" zu.166 Dabei kam allerdings nicht zur Sprache, daß sich der zum Teil glühende Antibolschewismus der Legionäre und ihre Hoffnung auf ein neues europäisches M odell nur in relativ geringem Maße mit den deutschen Zielen deckte, ja die zahlenm äßige Stärke der Einheiten von deutscher Seite aus im Hinblick auf etwaige Ansprüche nach dem Friedensschluß von Anfang an auf eine lediglich symbolische Größe beschränkt blieb.167 Trotzdem galten die einzelnen ausländischen Verbände, die in ihren M utterländern durchaus starken A nfein­ dungen ausgesetzt waren, im offiziellen Sprachgebrauch als "Eliteeinheiten", aus denen die künftigen Führungskräfte der "Neuordnung" rekrutiert werden sollten.168 Wie F ritz Bentmann auf einem Ausländerkurs des DAW I feststellte, sahen die Legionäre "in diesem Krieg die große geschichtliche Stunde, um den Bolschew ism us ein für allem al von der Erde zu tilgen." Sie alle seien, "so verschieden sie nach ihrem Volkstum, nach ihrer Sprache und Religion" auch wären, "von fanatischer Entschlossenheit, nicht eher die Waffe aus der Hand zu legen, als bis der Bolschewism us bezw ungen ist, als bis d er Weg freigelegt ist, um eine natürliche Ordnung der Völker wiederherzustellen." Aus den "Blutopfem, die diese Legionen zusammen mit den deutschen W affenkameraden" brächten, entstünde endlich ein "neues Europa", das "seine inneren Konflikte als über­ lebt erkennt, ein Europa, das nach Jahrhunderten innerer Zerrissenheit zu einer höheren Einheit" zurückfinde.169 In der Motivierung für den "gemeinsamen K am pf um Europa", die aus deutscher 165

Vgl. z.B. F.A. Six: Das Einheitsbewußtsein Europas, a.a.O., S. 301.

166

Vgl. A. Blau: Die große Kameradschaft, a.a.O., S. 21f.

167

So stellte beispielsweise Vichy-Frankreich mit 13.400 Legionären das größte Kontingent, das aber trotz vielfach betonter "Zusammenarbeit" nur in deutschen Uniformen und unter deutschem Oberbefehl an die Front gelangte. (Vgl. B. Kietzin: Trikolore unterm Hakenkreuz, Opladen 1996, S. 148ff.)

168

Vgl. F. Bentmann: Der Beitrag der europäischen Legionen im Kampfe gegen den Bolschewismus, in: Zeitschrift für Politik, 1944, S. 47-58, S. 49f.

169

Vgl. ebenda, S. 57f.


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S ic h t vor allem die steigenden materiellen Leistungen der besetzten Länder sichern soll­ te , erhielt der so erbrachte "Beitrag für die Neuordnung", der in der Realität allerdings m a s s iv eingefordert w urde, die Charakteristik eines "Wechsels", den Deutschland auf d ie künftige Position der anderen Staaten im "Großraum" ausgestellen würde. Letztlich s o llte die "L eistung jed er europäischen Nation im Kriege" über deren "gebührenden R a n g und P latz in der O rdnung der Zukunft" entscheiden - eine Argumentation, die in d e r K ollaborationsbereitschaft der besetzten westeuropäischen Staaten durchaus ihre W irk u n g unter B ew eis stellte.170 A u s diesen ideologischen Prämissen entwickelte die NS-Publizistik ein Bild der gei­ s tig e n "Neuordnung", das den negativ belegten "Nationalismus" im Rahmen der europäi­ s c h e n G em einsam keit aufheben könne,171 ohne daß die künftige europäische Ordnung allerd in g s ein "Paneuropa" oder eine A rt "Vereinigte Staaten von Europa" werden wür­ d e . 172173Diese P erspektive sollte durch ein entwickeltes "Kontinentalgefuhl" ermöglicht w e rd e n , das darau f basiere, "daß alles, was eine Nation des Kontinents schädigt oder sie unterdrückt, den gesam ten Kontinent schädigt oder unterdrückt;" sowie "alles, was einer N a tio n des K ontinents Vorteil bringt, ohne Nachteil für andere,... vorteilhaft für den g a n z e n Kontinent" sei.® ' Nachdem so der "gegenseitige Vorteil" zum Grundprinzip der " n e u e n Ordnung" deklariert worden war, kam es verstärkt darauf an, auch innerhalb der geistig-ideologischen Ausgestaltung des künftigen "Großraumes" jeden Anschein einer d e u tsc h e n Vorherrschaft zu vermeiden. So wurde betont, daß der Nationalsozialismus k e in e "Gleichmacherei" der Ideologien beabsichtige174 und darauf verzichten würde, a n d e re n Völkern seine Verfassung "aufzudrängen"175- ein Versprechen, daß bei aller eli­ tä r e n Charakterisierung und Beschränkung der nationalsozialistischen Weltanschauung tä g lic h von der deutschen Politik widerlegt wurde. Bezeichnenderweise lieferte ein italien isch er B eitrag darauf einen Hinweis. So schrieb Giovanni Selvi ungeachtet der m eh rh eitlich gegenteiligen deutschen Beteuerungen, "daß die ganze Neuordnung tota­ litä r und faschistisch sein" werde und wies daraufhin, daß der "Durchdringungsprozeß... s c h o n einen großen Teil der Länder Europas, die von den Achsenmächten besetzt oder n ic h t besetzt sind", durchziehe. Er forderte deshalb "ein vielfältiges und ausgedehntes S y ste m kulturellen Austausches, um das geistige Leben Europas wie in einem Schmelz170 171

Vgl. F.A. Six: Die Weltpolitik im Jahre 1942, in: Jahrbuch der Weltpolitik, 1943, S. 13-43, S. 18. Vgl. H. de Man: Jenseits des Nationalismus, a,a.O., S. 12.

172

Vgl. H.F. Zeck: Die Einheit Europa-Afrika, a.a.O., S. 586.

173

Vgl. A. Ratenieks: Was bringt die Neuordnung Europas den europäischen Völkern?, a.a.O., S. 63. Vgl. M. Manoilescu: Vorarbeiten zur europäischen Neuordnung, a.a.O., S. 225.

174 175

Vgl. W. Stuckart: Die Neuordnung der Kontinente und die Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Verwaltung, a.a.O., S. 11.


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tigel zu vereinigen, um ein europäisches Gewissen und ein europäisches Gefühl der Solidarität zu schaffen."176 Die letzte Aussage über den Inhalt der künftigen "gesamteuropäischen" Kultur w urde dann bis zur Beendigung des Krieges zurückgestellt, was zw ar dem erwarteten S ieger alle Optionen offen ließ,177 dabei aber im Überschwang der G efühle doch bereits erste Prinzipien vermittelte, deren Ausprägung allerdings nur w enige B ezüge zur tatsächli­ chen deutschen Politik besaßen. Die weitestgehenden Ä ußerungen finden sich hierzu wiederum bei Oberst Blau, der - eindeutig geprägt von seiner Erfahrungswelt - die geistige Welt des "neuen Europa" anhand stark idealisierter m ilitärischer Kategorien beschrieb. Er stellte fest, daß "aus freiwilligem soldatischen Einsatz und aus freiwilliger Arbeit noch mitten im Kriege eine neue europäische Gemeinschaft" erwachse, die m an "vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten hätte". D iese Gemeinschaft, die "im Opfer der deutschen und verbündeten Soldaten, sowie der europäischen Freiwilligen" entstehe, sei "soldatisch geprägt" und damit eine "Gem einschaft des Kampfes d er männlichen Tugenden und der zähen Erfüllung der gestellten A ufgabe - eine G em ein­ schaft, an deren heldischer und dennoch schlichter Größe die w enig ehrlich gem einten Versprechungen der im feindlichen Lager zusam m engezim m erten Atlantikcharta ab ­ gleiten" würden. Im Kampf gegen den Bolschewismus habe Europa "endlich ein ge­ meinsames Ziel erhalten und damit eine neue und große, geistig-politische Aufgabe fü r die Zukunft." Damit könne die europäische Einheit analog zur Volksgemeinschaft, die "aus soldatischem Geist geboren wurde", au f dem "europäischen Soldatentum" begrün­ det werden, das die "Mauern zwischen den europäischen Völkern" niederreißen w erde, da die "Kameradschaft der Ostfront" ungemein stärker sei "als die negative Überliefe­ rung gegenseitig gehegter Feindseligkeiten."178 Aber auch diese schon zynisch anmutende Konzeption blieb letztlich genauso vage wie alle anderen Planungen zur europäischen "Neuordnung" insgesamt. Das vielbe­ schworene "europäische Bewußtsein" rundete die deutsche Propaganda ideologisch ab und versuchte mit einer Fülle von Phrasen und positiv belegten Kategorien seiner integrativen Funktion gerecht zu werden. Unter diesen Gesichtspunkten vermittelte die Gesamtheit der präferierten "räumlichen", politischen und ideologischen Prinzipien und Strukturen des "Großraumes" die Ansicht, perspektivisch die Stellung Europas in der Welt neu bewerten zu können, was - nach M artin Pfannschm idt - bedeutete, daß "die neue europäische Raumplanung unter Achtung der ewigen Lebensgesetze von Volk und Raum den Grund zu einem neuen Aufstieg des europäischen K ontinents und seiner

176

Vgl. G. Selvi: Die Grundlagen der Neuen Ordnung, a.a.O., S. 30 f.

177

Vgl. z.B. T. Wilhelm: Europa als Kulturgemeinschaft, in: Europa. Handbuch, Leipzig 1943, S. 143-160.

178

Vgl. A. Blau: Die große Kameradschaft, a.a.O., S. 26.


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157

kolonialen Einflußgebiete legen"179 werde, und damit anscheinend die Aussicht auf einen um fassenden europäischen Wiederaufstieg in einer "neugeordneten" Welt eröffnete.

3.3.

Die Vision einer Weltordnung im "Großraum "-K onzept

3.3.1. Die geopolitische Aufteilung der Welt B ereits während des K rieges und besonders nach seiner Ausweitung zum Weltkrieg begann die deutsche W issenschaft, die "lebensräumliche Neuordnung" des europäischen K ontinents zunehm end auch als "ersten Schritt" einer weltumfassenden "Neuordnung" n ac h dem "G roßraum "-Prinzip zu propagieren. Die nationalsozialistischen "Experten" entw arfen ein M odell, dessen Entwicklung als "logische Folge" gesamthistorischer Prozesse dargestellt w urde und dessen organisatorische Umsetzung, die objektiv bereits begonnen hatte, letztlich durch den Sieg der Achsenmächte vorbereitet werden sollte. D ie nach geopolitischen Gesichtspunkten neu zu fassenden "Einflußsphären" bildeten in diesem Verständnis nicht nur eine neue geographische Weltordnung, sondern schienen gerade angesichts des Krieges, einen künftigen Weltfrieden zu garantieren. D ie A useinandersetzungen zwischen der Achse und den Alliierten galten damit als "revolutionärer" K am pf unterschiedlicher "ethischer Prinzipien" um die künftige Gestal­ tu n g der Welt. E in A rtikel des Italieners Giovanni Selvi, der in Deutschland erschien, charakterisierte den "gegenwärtigen Konflikt" also als einen "Zusammenstoß zweier ethischer A uffassungen, hinter denen zwei verschiedene Auffassungen vom Sinn des Lebens" stünden. Som it wurde der Weltkrieg zu einem "zyklische(n) Zusammenstoß zw eier Kulturen, der K ultur der materialistischen Aufklärung, des individualistischen G enußstandpunktes, eines unfruchtbaren Positivismus und eines Überkapitalismus mit ein er neuen K ultur, die sich gegen Grundsätze und Systeme erhebt, die sich bei Erfül­ lung ihrer geschichtlichen A ufgabe in ihrer Lebenskraft entweder erschöpft haben oder entartet" seien. D ie Achsenm ächte beanspruchten für sich, einen Krieg "zur Sicherung geistiger W erte" zu führen, "auch wenn er natumotwendigerweise zur Befreiung von einem System von V orherrschaften und zur Eroberung von Ländern und Erwerb von Reichtümem" diente. Dabei handele es sich aber um "ein legitimes Lebensrecht und eine gerechtere V erteilung von Gebieten und Reichtümem in einer neuen Ordnung", die letztlich aus dem "ewige(n) Streit zwischen Gut und Böse, zwischen Individuum und G em einschaft"180 resultiere. D er so stilisierte Krieg wurde - getreu dem Ziel, den deut­ sch en Staat als Führungsm acht der "Neuordnung" zu qualifizieren - aus historischen 179

Vgl. M. Pfannschmidt: Europäische Raumplanung als Zukunftsaufgabe, a.a.O., S. 235.

180

Vgl. G. Selvi: Die Grundlagen der Neuen Ordnung, a.a.O., S. 12.


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Entwicklungstendenzen abgeleitet, die anscheinend darauf drängten, das vom national­ sozialistischen Deutschland beschworene Prinzip der "Großräume" durchzusetzen. D er bereits erwähnte Beitrag von Franz Kupferschmidt benannte deshalb "ungleiches B evöl­ kerungswachstum, unterschiedliche Verbreitung der zum Leben notwendigen Güter, Machtwille der Jungen, Ermatten der Volkskraft der Älteren" als "Ursachen, aus denen heraus neue Raumorganismen wachsen, junge Völker ihren Lebensbereich ausweiten und neue Grenzen ziehen" würden.181 Diese Entwicklungstendenzen hätten ein neues geographische Weltbild herausgebildet, das laut einem B eitrag von K arl C. Loesch v o r allem durch die modernen Fortschritte der Technik begünstigt w ürde, die danach streb­ ten, die vom Menschen künstlich gezogenen politischen, sprachlichen oder "volklichen" Grenzen zu überwinden.182 Im Hinblick auf die anvisierte "neue W eltordnung" w urde die "Neuordnung" des europäischen "Großraumes" nunmehr im zweiten Schritt a u f den Weltmaßstab zu übertragen versucht. Wie Selvi konstatierte, führte der "Gang der Geschichte... zur Zusammenfassung und Ordnung der menschlichen Gesellschaft in großen Einheits­ bildungen, die geopolitisch in den sogenannten Großräum en" lebten183 - ein Entwick­ lungsprozeß, der im Krieg kulminiert w ar und der m it dem erw arteten Sieg der A chse "schicksalhaft" mit der Durchsetzung der "Neuen Ordnung" im W eltmaßstab enden würde. A uf der Basis von "Blut", "Rasse" und "Nation" in Zusam m enhang mit "Gesc­ hichte", "Kultur", "Moral" und "Religion"184 sollten "größere Einheitsbildungen" ent­ stehen, die den Auflösungsprozeß der alten W eltordnung durch eine neue Qualität auf­ hoben, in der das "jüdische Weltbürgertum", die "Freimaurerei", der "internationale Überkapitalismus" und die "Goldfinanz" ihren Stellenwert verloren hätten,185 was w ie­ derum auf ein Feindbild zurückgriff, das schon die N otw endigkeit der europäischen "Neuordnung" begründen sollte. Ausgehend von den "Gesetzmäßigkeiten" der "Lebensraum "-K onzeption entwickelte die NS-Wissenschaft daraufhin ein umfassendes, w enn auch relativ unkonkretes B ild einer Neuaufteilung der Interessensphären der gesamten Erde, das vordergründig nach "rassischen", in der Realität aber rein pragmatisch nach politischen und wirtschaftlichen Erwägungen ausgestaltet wurde. Die neu zu bildenden "Großräume" erinnerten in ihrer geographischen Ausdehnung und Zusammensetzung naturgem äß stark an die imperiali­ stische Aufteilung der Welt, die jetzt aber ergänzt wurde, indem auch die bisher nicht beteiligten Mächte Deutschland, Italien und Japan berücksichtigt wurden. Entsprechend

181

Vgl. F. Kupferschmidt: Zur Geographie der Großräume, a.a.O., S. 289.

182

Vgl. K.C. Loesch: Grossraumbildung, a.a.O., S. 121 f.

183

Vgl. G. Selvi: Die Grundlagen der Neuen Ordnung, a.a.O., S. 13.

184

Vgl. ebenda, S. 15.

185

Vgl. ebenda, S. 14.


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d er konstatierten D urchsetzung "kontinentaler Kräfte" sollten die einzelnen Staaten oder V ö lk er eines "K em lebensraum es" dabei um das jeweilige "Führungsvolk" gruppiert w erden.18’ Zentren dieser "Gemeinschaftsbildungen", wie Selvi sie nennt waren die Kon­ tin en te Amerika, E uropa und Asien, deren geographische Ausdehnung in einzelnen Positionen neu definiert wurde. So betonte Selvi, daß man unter dem europäischen Kon­ tin e n t "natürlich auch" W estasien und Afrika verstand, daß zu Asien die "chinesisch­ jap an isch e V ölkergem einschaft" und "Ostasien" gehöre, wobei Japan der "Zentralkem d ie se r Gem einschaft" sei, und daß Amerika zumindest ganz Nordamerika, wenn nicht Südam erika ebenfalls um fasse.186187 A ber auch diese K onstruktion weltweiter "Großraum"-Bildungen um die "zivilisatori­ sc h e n Zentren" d er E rde kam - wie es sich in der geographischen Aufteilung bereits andeutete - letztlich ungeachtet der wiederholt betonten Unterschiede zu den Kolonial­ reichen alter traditionell imperialistischer Prägung nicht ohne koloniale Gebiete aus, da bestim m te Bereiche der Rohstoffzulieferung oder die Kolonialwaren im engeren Sinne, d ie der B evölkerung w eit m ehr am Herzen lagen, nicht ohne Verbindungen zu den tropischen R egionen der W elt realisiert werden konnten. Da ein Kontinent allein nicht ü b e r die dafür notw endigen Voraussetzungen verfügte, wurde den imperialistischen K olonialbestrebungen der Jahrhundertwende die Idee eines "Ergänzungsraumes" entgegengesetzt, der in der Verbindung zum "Kemlebensraum" die "Spannung zwischen G ebieten großen Verbrauchs und solchen überschüssiger Erzeugung"188 abbauen sollte. D ie "Lösung" lag - auch hier unter Verweis auf die weit pragmatischeren wirtschaftli­ ch en Aspekte - nach Kupferschmidt "in der Zusammenfassung geographisch aufeinander abgestim m ter R äum e zu Wirtschaftsgroßräumen": "D as bedeutet, daß der neu zu gestaltende Großraum der in ihm lebenden Völkerfamilie N ahrungs- und Rohstofffreiheit sichern muß, damit sie, vor allem in Zeiten der Not, aus d em Raum heraus zu leben und sich zu verteidigen imstande ist. D a kein K ontinent alle Bedürfnisse einer hoch entwickelten Verbraucherschaft befriedigt so m uß der Großraum über einen Ergänzungsräume verfugen, die durch alle Klim abreiten hindurch sich ausdehnen und durch leicht zu verteidigende Verkehrswege m it ihm verbunden sind. Innerhalb des G roßraum es muß durch planvolle Lenkung eine genaue Abstimmung d e r Teilgebiete hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Funktionen für den Gesamtbereich erfolgen. G rundsätzlich steht die Gesamtwirtschaft unter dem Gesichtspunkt der Dekk u n g des eigenen Bedarfes, was nicht ausschließt, daß dem Gropßraum fehlende Güter

186

Vgl. z.B. W. Stuckart: Die Neuordnung der Kontinente und die Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Verwaltung, a.a.O., S. 3f.

187

Vgl. G. Selvi: Die Grundlagen der Neuen Ordnung, a.a.O., S. 16f.

188

F. Kupferschmidt: Zur Geographie der Großräume, a.a.O., S. 312.


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von anderen Großräumen durch Austausch gegen überschüssige Erzeugnisse herein­ gebracht werde."189 Durch die vorgeschlagene Abgrenzung der "Lebensräume" der "Völkerfamilien" wurde faszinierender- oder eher logischerweise unabhängig davon, ob m an überwiegend "rassisch-biologische"190 oder wirtschaftliche191 Gesichtspunkte zugrundelegte - sechs, den geographisch-politischen Realitäten entsprechende "Großräume" benannt, die drei komplementäre Paare bildeten: So unterschied Werner Daitz in "Großostasien" die "Großlebensräume" der ost­ asiatischen und der indisch-malaiischen "Völkerfamilie"; im B ereich "Großeuropa" den "Lebensraum" der europäischen und afrikanischen Völker sowie in "Großamerika" den nordamerikanischen und den südamerikanischen "Großlebensraum". Dabei verstand er den jeweils südlich gelegenen Teil als "tropischen Ergänzungsraum ", der sich den Interessen des politisch und wirtschaftlich überlegenen nördlichen Gebietes anzupassen bzw. unterzuordnen hatte.19 In ähnlicher Blickrichtung benannte Kupferschmidt den "nordamerikanischen Raum", der evt. durch den "ibero-am erikanischen Südraum" zu ergänzen wäre, den "großostasiatischen Raum unter japanischer Führung" sowie den "europäischen Großordnungsraum", der durch den "subtropischen Ergänzungsraum des europäischen Mittelmeeres und die tropischen Gebiete Afrikas" vervollständigt würde.193 Im Vergleich dazu wählte auch Franz Heske die Gliederung in drei "Großräume", die sich jeweils aus "Kern"- und "Ergänzungsraum" nach einer "Nord-Süd-Orientierung" zusammensetzten und dabei sowohl "völkische Zusam m engehörigkeit" als auch wirt­ schaftliche und politische Autarkie zu gewährleisten hätten. Seine so charakterisierten "Großräume" gliederten sich dann in die Gebiete "Japan-tropische Insulinde-Australien", "Europa-westliches Asien-Afrika" und "Nordam erika-Südam erika"194, was sich in der Realität nur wenig von den oben genannten M odellen unterschied. Faszinierenderweise verknüpften diese Modelle für Europa die bestehenden deutschen Kolonialforderungen, die allerdings politisch kaum noch relevant waren, mit der euro­ päischen "Großraum"-Idee: Der "tropische Ergänzungsraum" subsum ierte die Pläne für ein mittelafrikanisches deutsches Kolonialreich, die das Ausw ärtige A m t195 und die

189

Ebenda, S. 3 12f.

190

Wie beispielsweise bei W. Daitz.

191

Wie z.B. Höhn, Heske.

192

Vgl. W. Daitz: Echte und unechte Großräume, a.a.O., S. 64.

193

Vgl. F. Kupferschmidt: Zur Geographie der Großräume, a.a.O., S. 313f.

194

Vgl. F. Heske: Mechanische und organische Raumordnung, a.a.O., S. 57.

195

Vgl. AD AP, D, Bd. XI, Nr. 354, 367.


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S e e k r ie g s le itu n g 96 im Juni 1940 vorgelegt hatten, und hob die deutschen Ansprüche g le i c h s a m a u f ein "europäisches" Niveau. Um in diesen Projekten von Anfang an den A n s c h e i n - durchaus vorhandener - hegemonialer oder traditionell kolonialer Bestrebun­ g e n n a c h dem abgelehnten englisch-französischen Muster zu vermeiden, grenzte dieNSW is s e n s c h a ft ihre V orstellungen bewußt von den naheliegenden historischen Modellen d e r "G ro ß reich e", d er "Im perien" oder der "Großmächte kolonialer Prägung" ab und v e r w i e s nachdrücklich a u f Unterschiede, die in der Verantwortlichkeit der führenden V ö l k e r lägen. So betonte beispielsweise Franz Kupferschmidt196l97198,daß die "neuen Groß­ r ä u m e " zw ar in ihrer flächenhaften Ausdehnung an die benannten historischen Beispiele e r in n e r te n , sich aber durch eine neue Qualität der inneren Strukturen radikal von diesen u n te rs c h ie d e n : N ich t m ehr die Herrschaft ökonomisch hoch entwickelter Staaten über w ir ts c h a f tlic h abhängige, die notwendigerweise zu "Spannungen" führte, sondern die V i s i o n einer gleichberechtigten, partnerschaftlich geprägten Zusammenarbeit nach dem b e s c h rie b e n e n "Führer-G efolgschaftsprinzip wurde vordergründig beschworen.191 D i e Fragw ürdigkeit dieser Thesen wurde allerdings schon in der näheren Charakteri­ s i e r u n g der künftigen Beziehungen zwischen dem europäischen "Großlebensraum" und s e i n e r afrikanischen "Ergänzung" deutlich, deren Ausgestaltung in den wissenschaftli­ c h e n Ü berlegungen M odellcharakter trug. Trotz des wiederholten Hinweises, daß Afrika k e i n "A usbeutungsobjekt" sei, beschränkte sich die Rolle des afrikanischen Kontinents w e itg e h e n d a u f die Funktion einer "Rohstoffkammer Europas".199 Die Zusammenhän­ g e h ö r ig k e it des neuen "Großraum s Eurafrika" wurde dabei sowohl aus geopolitischen a l s a u c h aus traditionell wirtschaftlichen Beziehungen abgeleitet. Ein Beitrag des Italie­ n e r s P a o lo D 'A gostino Orsini verwies nachdrücklich auf die "natürlichen geographi­ s c h e n G egebenheiten", die A frika an Europa "ketten" würden und schlußfolgerte, daß A f r i k a als "Ergänzungskontinent" der "Binnenmarkt Europas" wäre.200 Neben diesen w irts c h a ftlic h e n B indungen hob Orsini aber auch nachdrücklich die politischen Folge­ r u n g e n hervor, die die A blehnung des "Kolonialismus" in den "Großraum"-Beziehungen i n e in e m neuen L icht erscheinen ließen. Er stellte fest: " D i e N eger, die den K ontinent nur dünn besiedeln und deren kulturelle und zivilisatori­ s c h e E ntw icklung einen großen Tiefstand zeigt, und die braune Bevölkerung Afrikas... s i n d n ich t in der Lage, die Initiative zur Förderung der Zivilisation zu ergreifen; die 196

Vgl. A. Hillgruber: Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940/41, München 1982, S. 245f.

197

Vgl. F. Kupferschmidt: Zur Geographie der Großräume, a.a.O., S. 290ff.

198

Vgl. z.B. ebenda, S. 313.

199

Vgl. H.F. Zeck: D ie Einheit Europa-Afrika, a.a.O., S. 588.

200

P. D'Agostino Orsini: Die Kolonialfrage und die neue Ordnung, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1941, S. 432-440, S. 435.


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einen nicht, weil ihnen jede Fähigkeit dazu von Geburt an abgeht, die anderen nicht, weil ihnen noch eine gewisse Reife fehlt."201 Afrika blieb damit - trotz beschworener partnerschaftlicher Beziehungen - und nach einer "Neuverteilung von Gebieten und kolonisatorischen Aufgaben" der "politische und wirtschaftliche Kolonialraum Europas, der Kontinent, der mit Europa einen einheitlichen Gebietskomplex und eine wirtschaftliche Interesseneinheit" bildete.202 Aus dem deut­ schen Blickwinkel einer Großmacht, die an der kolonialen Aufteilung der W elt real nicht mehr beteiligt war, wurde damit ein Modell entwickelt, das die koloniale Kompensation, die im Hinblick auf eine Weltmachtrolle als notwendig erachtet wurde, au f neuen Wegen zu erreichen und vor allem zu begründen suchte. Die in diesem Zusammenhang getroffe­ ne kategorische Feststellung Kupferschmidts, daß in einem so gearteten weltweiten System von Großräumen kein Platz mehr sei für "ozeanische Kolonialreiche vom Typus des britischen" machte die dahinterstehende Absicht eindeutig.203 Da auch der Hinweis auf einen partnerschaftlichen und freiwilligen Zusammenschluß zwischen kontinentalem "Großraum" und "Ergänzungsraum"204 die offensichtlichen Parallelen zum Kolonialismus imperialistischer Prägung nur schwer leugnen konnte, benannte man als wesentlichen Unterschied zu den bisherigen "imperialen Gebilden" vor allem die Art des Zusammenlebens der verschiedenen V ölker eines "Großraumes". Zwar wiesen die NS-Wissenschaftler in dieser K onstruktion w iederholt der Hinweis auf die besondere "Verantwortlichkeit" der hochentwickelten V ölker des "Kemraumes" gegenüber den zumeist weniger "zivilisierten" Bewohnern der "Ergänzungsräume" hin, aber die eigentliche "neue Qualität" der Beziehungen beschränkte sich mehr auf die "Großraumvölker" des "Kemgebietes" selbst. Ihre Beziehungen zum geplanten "Ergän­ zungsraum" blieben ungeachtet aller moralischen Kategorien bestenfalls neokolonial. Mit der Vision von drei Großräumen und ihren jew eiligen "Ergänzungsräumen" war die Welt nach geopolitischen Gesichtspunkten neu aufgeteilt worden. Es entstand ein Modell, das sich in der Realität nur wenig von der Verschiebungen der politischen Machtverhältnisse leiten ließ, die sich bereits spätestens seit dem Ersten Weltkrieg durchgesetzt hatten. Ausgehend von einer Ausrichtung au f die Achsenm ächte versuchte die NS-W issenschaft damit gleichzeitig, die Optionen eines mittlerweile überholten Kolonialismus in die "neue Weltordnung" zu übertragen. Die propagierte Neugliederung der Welt nach dem "Großraum"-ModelI vermittelte den Eindruck, alle Interessen der künftigen Siegerstaaten (zu denen angesichts der realen M achtverhältnisse auch der

201

Ebenda, S. 434.

202 203

Vgl. ebenda, S. 435. Vgl. F. Kupferschmidt: Zur Geographie der Großräume, a.a.O., S. 313.

204

Vgl. z.B. E. Obst: Die Großraum-Idee, a.a.O., S. 20.


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e ig e n tlic h e G egner U S A gerechnet wurde) bei der Verteilung von Gebieten und Macht­ s p h ä r e n zu berücksichtigen. D am it die drei konstatierten "Großräume" dabei "weder b e rü h ru n g s lo s nebeneinander stehen noch sich in ewigen Kriegen verzehren"205würden, w u r d e m it der "G roßraum "-Idee zusätzlich das Bild einer neuen "organischen" Welt­ o r d n u n g entw ickelt, die das "kapitalistisch-mechanische System" durch ein gerechteres e r s e t z e n sollte, das sich scheinbar vom traditionellen "Imperialismus" und "imperialen" B ild u n g e n so unterschied, daß es einen dauerhaften Frieden garantieren konnte.

3 . 3 .2 . E ine "W eltfriedensordnung" ? U m d iese "in A ussicht gestellte Friedensordnung" nachdrücklich zu propagieren, wurde e r n e u t a u f die Schrecken, aber auch au f die gleichsam katalysatorische Wirkung des K r i e g e s verw iesen. E in B eitrag von Hans K.E.L. Keller aus dem Jahr 1941 stellte fest, d a ß d e r Krieg durchaus "segensreich" wirke, da er die Suche nach einem neuen Weltbild u n te rs tü tz e , indem er die Notw endigkeit einer "Neuordnung" verdeutliche, die den F r i e d e n gew ährleisten könne. Keller stellte in seinem Beitrag ein Programm einer inter­ n a tio n a le n G ruppierung von Nationalisten vor, die ein "Reich der Völker" befürwortete, d a s a u f der "Friedensw irkung des Volksbewußtseins" aufbauen sollte. Da jeglicher "Na­ tio n a lis m u s " ein "volkliches Denken" vorausetze, würde jede "Nationalistische Führung" d a s "S elbstseinsrecht der V ölker" wahren, in dem die "staatliche Machtordnung... der v o lk lic h e n R echtsordnung untertan" wäre. Dieses "Recht der Völker" trüge damit auto­ m a t i s c h auch dem "natürlichen Wachstum der Völker Rechnung", so daß künftige Aus­ e in a n d e rs e tz u n g e n im Prinzip gegenstandslos wären.206 A l s G rundlage dieser neuen Gemeinschaft wurden besonders die "rassisch-biologi­ s c h e n " A spekte herangezogen, die schon bei der Bestimmung der "Lebensräume" oder "G ro ß rä u m e " eine entscheidende Rolle gespielt hatten. Die prägnantesten Überlegungen d a z u lieferte w iederum Werner Daitz, der mit seinen vier "Grundgesetzen der Lebens­ ra u m le h re " 207 sow ohl die Notwendigkeit der "Neuordnung" begründete als auch deren w e ltw e ite G rundzüge und Um risse ableitete. Der dabei offen zutage tretende Rassismus w a r n u r ein A spekt der wissenschaftlichen Unhaltbarkeit dieser Theorie, die ungeachtet d e s s e n ihre A rgum ente lieferte. D a i t z gedachte m it seinen "vier Lebensgesetzen der biologischen Substanz" die G r u n d la g e n der "Lebensraum lehre" als neuer Wissenschaft zu liefern, die einen dau­

205

Ebenda, S. 57.

206

Vgl. H.K.E.L. Keller: Weltstaat gegen Völkerordnung, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Großraum wirtschaft, Jahrbuch 1941, S. 153-158, S. 154f.

207

W . Daitz: Echte und unechte Großräume, a.a.O.


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erhaften Frieden in einer "lebensräumlich" geordneten W elt erm öglichen sollte. Es waren dies: "1. Pas Autarkiegesetz. Es spricht die Erkenntnis aus, daß jede Lebensordnung, die lebensw ürdig und lebens­ beständig sein will, an erster Stelle aus eigener Kraft und eigenem Raum leben muß. 2. P as Lebensstilgesetz, Es besagt, daß das Autarkiegesetz von jeder Lebensordnung in dem ihr eingeborenen und unabänderlichen Lebensstil vollzogen werden muß, wenn sie bei geringstem Einsatz ihrer Kräfte ein Höchstmaß der Entfaltung, Selbständigkeit, Kampfkraft und Produktivi­ tät erreichen will. 3. Das Umartungs- und Entartungsgesetz Es lehrt, daß die biologische Substanz von Volk und V ölkerfam ilie ihren Geburts- und Lebensraum auf die Dauer nicht verlassen kann, ohne der Um artung oder Entartung zu entfallen. 4. Das biologische Sittengesetz ... Das biologische Sittengesetz lehrt..., untrennbare biologische Zusammengehörigkeit der Volksgenossen im Volk und der Völker in der V ölkerfam ilie die Grundlage der lebensgesetzlichen Sittlichkeit ist, die die Autonomie des einzelnen Volksgenossen immer wieder in die umfassendere Ordnung seines Volkes und die Autonomie der Völker in die umfassendere Ordnung ihrer Völkerfamilie bindet."^8 Da nach diesen "Gesetzmäßigkeiten" die Entwicklung einer "Rasse" a u f das Engste mit ihrem ursprünglichen - den "biologischen Strukturen" entsprechenden - "Lebensraum" verknüpft war, wurde vordergründig allen expansiven Bestrebungen kolonialer und imperialer Prägung eine Absage erteilt, da sie unweigerlich zu einer "Entartung" der beteiligten Völker fuhren würden.20' Die propagierte Ablösung der "Weltherrschafts­ idee" durch den Grundsatz "Jedem das Seine", wie es Obst dann formulierte20829210, resultier­ te aber letztlich weit mehr aus pragmatisch-wirtschaftlichen Überlegungen, denn "ras­ sisch-biologischen" Gesetzmäßigkeiten uhd verwies nachdrücklich a u f das Prinzip der Nichteinmischung der "Großräume" untereinander.211 Die benannten "biologischen Gesetzmäßigkeiten" verm ittelten den Eindruck, daß es möglich wäre, sowohl die Interessen als auch die "Lebenssphären" insgesamt so ab­ zugrenzen bzw. zu verteilen, daß die einzelnen "Großräume" vor Übergriffen der ande­ ren geschützt wären. Diese Überlegung resultierte aus der Feststellung, daß sich einer­ seits eine "Rasse" nur in ihrem "natürlichen Lebensraum " entw ickeln könne - also 208

Ebenda, S. 70.

209

Vgl. ebenda, S. 63.

210

E. Obst: Die Großraum-Idee, a.a.O., S. 18.

211

Vgl. G. Selvi: Die Grundlagen der Neuen Ordnung, a.a.O., S. 21.


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expansive Ü bergriffe in frem de Gebiete aufgrund biologischer Anpassungsschwierig­ keiten langfristig zum Scheitern verurteilt waren212 - und andererseits aus der geplanten Struktur eines ’G roßraum s", die ein hochentwickelteres Gebiet mit einem de facto kolo­ nialen "Ergänzungsraum " ausstattete und somit die Versorgungsbasis garantierte. In der Vision entstand eine Weltordnung, die die vorhandene Abgrenzung der Besitzund Einflußsphären den neuen Kräfteverhältnissen - und dabei im Besonderen den In­ teressen der A chsenm ächte - anpassen sollte - eine Vision, die zumindest in der propa­ gierten Theorie, den W eltfrieden langfristig zu garantieren schien. Wie Daitz es aus­ drückte, trug "also die Erkenntnis der praktischen Unantastbarkeit der Großlebensräume als echte Großräum e zur künftigen Befriedung der Welt im großen bei, wie die Erkennt­ n is der U nantastbarkeit und Unabdingbarkeit der völkischen Lebensräume die Voraus­ setzung für die B efriedung innerhalb der Großlebensräume" sei. Damit wäre diese "Erkenntnis des Selbstbestim m ungsrechts der Großlebensräume" letztlich das "Fun­ dam ent der neuen W eltordnung."213 Da mit dieser Vorstellung die Reibungsflächen zw ischen "Haves" und "Havenots" beseitigt würden, schien die Chance zum friedlichen Zusam m enleben gegeben zu sein214 - eine Möglichkeit, die vor allem durch einen gezielten, partnerschaftlichen Handel zwischen den "Großräumen" unterstützt werden sollte, um den unterschiedlichen Ausstattungsgrad der einzelnen "Räume" endgültig zu kom pensieren.215 In der Verbindung von weitgehender Autarkie der "Großräume" mit einem erfolgreichen A ustausch zwischen ihnen lagen dabei gleichzeitig die Wurzeln einer neuen W eltwirtschaft, deren unterste Einheiten die sogenannten "Großwirtschafts­ räum e" als ökonom ischer Kategorisierung des "Großraumes - darstellten.216 Die Fragen der weiteren Gestaltung der Beziehungen zwischen den geplanten "Groß­ räum en" beschäftigten in zunehmendem Maße auch die Juristen und Völkerrechtler. Den A usgangspunkt für ein neues Völkerrecht legten die Arbeiten von Carl Schmitt217, der d e n "G roßraum "-G edanken 1939 in das Völkerrecht einfuhrte und die These vom "Interventionsverbot" für "raumfremde Mächte" als grundlegenden Faktor des neuen

212

Vgl. W. Daitz: Echte und unechte Großräume, a.a.O., S. 65.

213

Vgl. ebenda, S. 64.

214

Vgl. z.B. E. Obst: Die Großraum-Idee, a.a.O., S. 23.

215

Vgl. F. Heske: Mechanische und organische Raumordnung, a.a.O., S. 58.

216

Vgl. z. B. A. Predöhl: Grossraum, Autarkie und Weltwirtschaft, a.a.O., S. 164ff sowie eine Vielzahl spezifisch wirtschaftlich orientierter Schriften von B. Kiesewetter, A. Reithinger, K. Wiedenfeld u.a. Vgl. u.a. C. Schmitt: Raum und Großraum im Völkerrecht, in: Zeitschrift für Völkerrecht, 1940 oder Ders.: Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfiemde Mächte, 3. Aufl., 1941.

217


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Europa als politischer Zusammenschluß

Rechtssystems entwickelte.218 Schmitt verband den "Großraum"-Gedanken in seinen Darlegungen auf das Engste mit der Existenz eines politisch führenden "Reiches", dem es oblag, den "Großraum" nach innen und außen zu vereinen bzw. zu repräsentieren eine Vorstellung, die in ihrer theoretischen Verallgemeinerung hinsichtlich der oben beschriebenen "Führungsrolle" nur bedingt akzeptiert wurde. So wies Reinhard Höhn daraufhin, daß das Prinzip der Nichtintervention lediglich im Prozeß der Entstehung der "Großraumordnung" grundlegende Bedeutung habe, danach aber nur eine "bloße Voraussetzung", ein "M indesterfordemis im V erhältnis der Bezie­ hungen der Großräume zueinander" darstellen könnte, da die realen Beziehungen nicht auf dieses einfache Schema von Intervention-Nichtintervention zu beschränken seien. In einem neuen Völkerrecht müßten demzufolge die charakteristischen Strukturen der "Großraumordnung" stärker zur Geltung kommen, um beispielsweise dem Anspruch einer "natürlichen" Abgrenzung der Interessensphären als Voraussetzung freundschaftli­ cher Beziehungen, wie sie mit dem "Großraum"-Gedanken propagiert wurde, zu ent­ sprechen. Eine endgültige Ausarbeitung eines neuen Völkerrechts vertagte Höhn dann auf die Zeit nach dem Kriege, da während der Auseinandersetzungen Überspitzungen in der Gegenüberstellung zum liberalen Modell kaum zu vermeiden wären.219 Ausgehend von den gleichen Überlegungen propagierte dagegen Werner Daitz die Anerkennung "biologischer Monroedoktrinen", auf denen ein "Zwischengroßraumrecht" basieren sollte, was prinzipiell den Schmittschen Gedanken der Nichtintervention au f zunächst biologischer Grundlage formulierte. Daitz unterschied dabei eine "nach innen" und eine "nach außen" gerichtete Rechtsordnung und übertrug den Gedanken der "Völ­ kerfamilie" au f die vormals zwischenstaatlichen Beziehungen, die nunm ehr von der Präferenz der Glieder einer Völkerfamilie untereinander bestimmt werden sollten. In den Außenbeziehungen bedeutete dieser Grundsatz einerseits die Verpflichtung zur gemein­ samen Verteidigung, verlangte aber andererseits die gegenseitige Anerkennung der Souveränität der verschiedenen "Völkerfamilien" und ihrer "Lebensräume". Unter diesem Blickwinkel führte Daitz die "Völkerfamilie" als Rechtssubjekt in die Rechtslehre ein und schränkte damit die bisherige V ertragsfreiheit einzelner Staaten im "Großraum" durch den Verweis auf die übergeordnete Rechtshoheit der "Völkerfamilie" ein. In seiner Schlußfolgerung, daß Volk und Staat in Zukunft völkerrechtliche Bindun­ gen nur im Einvernehmen mit der "Führungsmacht" des "Großraumes" eingehen dürften, kam erneut der Führungsgedanke zu Tragen. In diesem Verständnis blieb der eigentliche B egriff des Völkerrechts der Gestaltung der Beziehungen innerhalb eines "Großraumes"

218

Vgl. dazu grundsätzlich die Arbeit von M. Schmoeckel, der die Theorie und Entwicklung des Großraumgedankens bei Schmitt aus völkerrechtlicher Sicht beschreibt. M. Schmoeckel: Die Großraumtheorie, Berlin 1994.

219

Vgl. R. Höhn: Großraumordnung und völkisches Rechtsdenken, a.a.O., S. 273ff.


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V o rb e h a lte n , w äh ren d D a itz für die Außenbeziehungen den Begriff des "Zwischeng ro ß r a u m re c h te s " p rägte.220 D i e in der T heo rie w iederholt beschworene "sittliche Haltung", die das Verhalten in d e r "G ro ß ra u m o rd n u n g " bestim m en sollte, konnte allerdings auch in der Reflexion nur w e n i g darüber hinw egtäuschen, daß letztenendes der Krieg als Mittel zur Durchsetzung d i e s e r "neuen W eltordnung" anerkannt wurde, ja sogar als angemessen erschien.221 Die in A u s s ic h t gestellte "endgültige" Lösung aller Interessengegensätze besaß damit u n g e a c h t e t der Ü berzeugungsfähigkeit mancher Argumente - einen sehr zweifelhaften C h a r a k te r . Insgesam t erhielt die angestrebte "hemisphärische" Ordnung der Welt erst im w irts c h a ftlic h e n B ereich w eitaus präzisere Konturen, die die deutschen Interessen noch s t ä r k e r akzentuierten.222

1

220 221 222

Vgl. W. Daitz: Echte und unechte Großräume, a.a.O., S. 66ff. Vgl. E. Obst: Die Großraum-Idee, a.a.O., S. 20. Vgl. BA Abt. Potsdam, 09.01 AA, Nr. 59419, Bl. 396.


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Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß

4.

Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß: Der "Großwirtschaftsraum Europa"

4.1.

Die Idee vom "Großwirtschaftsraum Europa"

4.1.1. Die NS-Kritik am liberalen Wirtschaftssystem Den Ausgangspunkt der wirtschaftstheoretischen Überlegungen in den "Neuordnungs"Planungen bildete - ähnlich wie im politischen Bereich - eine durchgängige Verurteilung des liberalen weltwirtschaftlichen Systems, das sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatte. Dabei wurden sowohl die grundlegenden Strukturprinzipien der W eltwirtschaft insgesamt als auch deren besondere Folgen für die europäischen Staaten, die im Ersten Weltkrieg und den anschließenden Friedensregelungen kulm iniert seien, rigoros abge­ lehnt. Mit der gleichen Wirkungsabsicht wie die politisch motivierte Kritik am britischen Liberalismus, stand auch hierbei die Rolle Großbritanniens als W eltwirtschaftsmacht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Analog zu den w irtschaftlichen Prinzipien des Nationalsozialismus wurden alle die Aspekte der liberalen W irtschaft angegriffen, die einerseits die Vorherrschaft Englands bzw. der "Haves" begründet hatten und anderer­ seits den Ideen einer staatlich gelenkten, völkisch bestim m ten W irtschaft, die nach Autarkie im weitesten Sinne strebte, widersprachen. Bestimm t von den Defiziten der deutschen wirtschaftlichen Situation mischten sich erneut die objektiven Elemente der nunmehr ökonomisch angelegten Wertungen mit m assiven politisch-ideologischen Absichten. Ungeachtet der differenzierten Schwerpunktsetzungen bei den einzelnen A u­ toren ließen die aufgebauten Argumentationslinien wiederum nur eine Schlußfolgerung plausibel erscheinen: den Zusammenschluß zum nunmehr auch wirtschaftlich definierten "Großraum". Dabei wurden in den politischen und w irtschaftlichen Überlegungen durchaus Unterschiede zwischen der geplanten geographischen Ausdehnung oder den zwischenstaatlichen Strukturen deutlich. Aber letztlich stellte m an die beschriebenen politischen Grundzüge der NS-"Neuordnung" unter deutscher Hegemonie nicht in Frage, sondern sah sie vielmehr als Voraussetzung der w irtschaftlichen Veränderungen. Die nationalsozialistische Kritik an der liberalen Weltwirtschaft entzündete sich zunächst vordergründig am "individualistischen" Prinzip des liberalen W irtschaftsver­ ständnisses: Dieses führe dazu, das die gesamte W irtschaft durch ein "ungehemmtes Eigentumsstreben" der Individuen getragen würde, da der Staat als oberste politische Instanz die Volkswirtschaft dem freien W ettbewerb überlassen hätte. Dadurch w äre zwar auch der internationale Warenaustausch völlig frei, das liefe aber lediglich darauf hinaus, daß jede Nationalwirtschaft, ja jedes einzelne U nternehm en nach der entspre­ chenden "Ellbogenfreiheit" strebe und somit das internationale W irtschaftsgefüge durch


Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß

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s t ä n d i g e K o n k u rren z und hegem oniale Tendenzen bestimmt würde.1 Da dabei der in te rn a tio n a le W irtschaftszusam m enhang den Belangen der einzelnen Volkswirtschaften ü b e r g e o r d n e t w u rd e und m an a u f eine staatliche Lenkung oder Einschränkung des z w is c h e n s ta a tlic h e n W irtschaftsaustausches verzichtet hätte, riefe das dann "unhaltbare" Z u s t ä n d e hervor, die K.C. Thalheim als "individualistisch und kosmopolitisch zugleich" c h a ra k te ris ie rte .2 D iese Strukturen hätten laut einer Rede des Staatssekretärs im Reichs­ m in is te r iu m für V olk saufklärung und Propaganda, Leopold Gutterer, eine "ausbeuteri­ s c h e W irtsch aftso rd n u n g " entw ickelt, die, bedingt durch den "überspitzten Eigennutz d e s e in z e ln e n Individuum s, die schrankenlose Raffgier, das eigensüchtige Reichwerden­ w o l l e n a u f K o sten anderer Volksgenossen" zu einer "unstetigen Wirtschaftsentwick­ l u n g " m it "jähen Konjunkturschw ankungen" und einer "unvermeidlichen Massenarbeits­ lo s ig k e it" führte. D iese W irtschaftsauffassung habe dann "im innerstaatlichen Leben der N a t i o n e n ebenso w ie im B ereich der Völker einen schier unüberwindlichen Gegensatz z w i s c h e n arm und reich, zw ischen Besitzenden und Habenichtsen, einen unübersehbaren In te re s s e n te n h a u fe n geschaffen."3 D i e angenom m ene Problem atik der liberalen Wirtschaftsordnung, deren Auswirkun­ g e n au g en sch ein lich in der Zwischenkriegszeit mit ihren vielfältigen Krisenprozessen e n d g ü l t i g deutlich gew orden waren, resultierte dabei für die NS-Wissenschaft vorder­ g r ü n d i g aus der Tatsache, daß sie letztlich ein rein britisches "Produkt" sei, das naturge­ m ä ß einseitig a u f die britischen Interessen ausgerichtet wäre. So führte Bruno Kiesewet­ t e r d i e Strukturen der liberalen Weltwirtschaft auf die besonderen Anforderungen der " b r itis c h e n Insellage" zurück, die durch naturrechtliche und individualistische Prinzipien e i n D e n k e n im "W eltm aßstab" hervorgebracht habe. Dabei stünden die "natürlichen" G r u n d la g e n der W irtschaft im Mittelpunkt, während der menschlichen Arbeit lediglich e i n e sekundäre R olle zugeordnet würde. Entsprechend konzentrierte sich die Produktion d o r t , w o die bestm öglichen natürlichen Voraussetzungen vorhanden waren, was im E r g e b n i s die ganze W elt zum wirtschaftlichen "Spielraum" werden ließe und damit j e g l i c h e s "Raum denken" oder die Existenz von Nationen und Nationalwirtschaften im P r i n z i p negierte. D ieses englische Denken liefe - so die Interpretation von Kiesewetter s o m i t folgerichtig a u f eine britisches Weltherrschaftsstreben hinaus, da die englische Ö k o n o m ie naturgem äß alle natürlichen Produktivkräfte der Welt für sich beanspruchen

1

Vgl. W. Funk: Das wirtschaftliche Gesicht des neuen Europa, in: Europäische Wirtschaftsge­ meinschaft, Berlin 1942, S. 17-41, S. 17f.

2

Vgl. K.C. Thalheim: Die Weltwirtschaft neuer Ordnung, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 167-190, S. 167f. Vgl. L. Gutterer: Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 589-597, S. 589f.

3


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müsse, um ihr System zu sichern.4 Entsprechend habe England - laut Walter Grävell den Grundsatz der "offenen Tür" und der Freiheit der M eere entwickelt, der den briti­ schen Weltmachtanspruch manifestiere.56Abgesichert durch die drei Grundsätze der englischen Wirtschaftspolitik, die Heinrich Hunke6 mit der Herrschaft des Marktes, der Einschätzung von Kapital und Kapitalverflechtung als A ngelpunkte der Wirtschaft so­ wie der internationalen Freizügigkeit bestimmte, sehe sich G roßbritannien noch immer als Träger der Weltwirtschaft an, ohne dafür noch über die notw endigen Grundlagen zu verfügen.7 Somit hätten die konkurrierenden Industrie- und Rohstoffländer laut Gerhard Gebhardt unter der "Zwangsjacke der angelsächsischen W eltwirtschaft" zu leiden, die danach strebe, der britischen Weltmacht die notwendigen Rohstoffe ohne eigene Arbeit zu möglichst günstigen Bedingungen zu liefern, die Rohstoffbezüge der anderen - und damit deren Wirtschaftsfreiheit - zu kontrollieren und schließlich Produktion und Absatz weitgehend zentral zu erfassen, um Preis und Gewinn bestim m en zu können."8 Strikt ausgerichtet auf Profit und Weltherrschaft benachteilige das weltwirtschaftliche System Englands somit nicht nur die Rohstoffgebiete, sondern in zunehmendem auch die hochentwickelten europäischen Staaten. D a jede wichtige Produktion unter britischer Kontrolle stünde, verfuge die englische W irtschaft in vielen Bereichen über Monopol­ stellungen. Diese würden es ihr gestatteten, überhöhte Preise zu bestim m en und so die englische Kapitalgrundlage auszubauen, die über Investitionen im Ausland oder Anlei­ hen an andere Staaten deren wirtschaftliche A bhängigkeit letztlich noch vergrößere.9 Aufgebaut au f ein System der internationalen A rbeitsteilung fordere die liberale Welt­ wirtschaft damit die Entstehung von M onokulturen, die das natürliche Gleichgewicht zwischen agrarischem und industriellem Bereich einer V olksw irtschaft nachhaltig zer­ störten.10 Dadurch würde die Wirtschaft insgesamt stärker krisenanfällig,11 da alle Kon­ junkturschwankungen des Weltmarktes voll au f die N ationalwirtschaften zurückwirkten und sich durch ihren internationalen Charakter auch den staatlichen Lenkungsmaß4

Vgl. B. Kiesewetter: Autarkie, Kontinentalwirtschaft, W eltwirtschaft, in: Jahrbuch der Welt­ politik, 1943, S. 64-85, S. 64ff.

5

Vgl. W. Grävell: Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel, in: Pro­ bleme des europäischen Großwirtschaftsraumes, Berlin 1942, S. 59-82, S. 60.

6

H. Hunke war Präsident des Werberates der Deutschen W irtschaft und Leiter der Abteilung Ausland im Propagandaministerium.

7

Vgl. H. Hunke: Volk und Raum in der wirtschaftlichen Neuordnung Europas, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1940, S. 571-575, S. 571.

8

Vgl. G. Gebhardt: Wirtschaftsfreiheit für Europa, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 2942, S. 31. Vgl. G. Gebhardt: Europas Wirtschaftsfreiheit, Essen 1941, S. 41.

9 10

Vgl. H. Backe: Das Schicksal der europäischen Landwirtschaft, in: Zeitschrift für Politik, 1944, S. 301-313, S. 301.

11

Vgl. H. Backe: Um die Nahrungsfreiheit Europas, Leipzig 1942, S. 211,220.


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n a h m e n en tzö g en .121345G leichzeitig gehe die internationale Arbeitsteilung laut Andreas P r e d ö h l , dem D irek to r des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, auf Kosten der "Wehr­ h a f ti g k e it 1 und S icherheit, da sie im Kriegsfall den Verlust der Rohstofflieferungen b e d e u te n könnte. E in zig die englische Volkswirtschaft, die sowohl über die Seemacht a ls a u c h das E m p ire v erfü g en konnte, sei gegenüber diesen Gefahren immun.13 W ä h re n d hier die deutschen Blockadeerfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg direkten E i n g a n g fanden, lieferte auch die nationalsozialistische Idee der Volksgemeinschaft e i n e n w eiteren A n satz der K ritik am liberalen Wirtschaftssystem: So verwies ein Dis­ k u s s io n s p a p ie r ein er A rbeitstagung des Arbeitswissenschaftlichen Instituts der Deut­ s c h e n A rb eitsfro n t darauf, daß der Liberalismus im 19. Jahrhundert durchaus "alle B in d u n g e n gelöst" habe, "die als Erbe der erstarrten mittelalterlichen Ordnung dem F o r t s c h r i t t von W issenschaft, Technik und Wirtschaft entgegenstanden". Aber damit h a b e e r "freilich auch alle D äm m e zerstört, die Persönlichkeit und Familie davor bewah­ r e n , im w irtschaftlichen K onkurrenzkam pf vernichtet zu werden", so daß "zwar dem w irts c h a ftlic h e n F ortschritt die B ahn geebnet, zugleich aber der sozialen Zerrüttung der V ö l k e r V orschub geleistet" w ürde. Das führte endlich zu einer umfassenden sozialen K r i s e , die der L iberalism us nicht lösen könne.14 N o c h w eitaus d rastischer gestaltete sich die nationalsozialistische Kritik hinsichtlich d e r F o lg e n , die die liberale W irtschaftspolitik fü r den europäischen Kontinent bedeuten w ü r d e . So betonte H erbert Backe, der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, d a ß E u ro p a durch die internationale Arbeitsteilung vor allem die Landwirtschaft als " G r u n d la g e seiner V olksw irtschaften" extrem vernachlässigt habe.'5 Damit hätte der e u ro p ä is c h e K ontinent - so H unke - seine wirtschaftliche Souveränität verloren.16In der A rg u m e n ta tio n stand dabei wiederum die Rolle Großbritanniens im Vordergrund, die in p ro p a g a n d is tis c h überhöhter M ischung objektiver Entwicklungsprozesse und ideologi­ s c h e r P arolen einerseits das N S-Feindbild vervollständigte und andererseits bereits die v o rg e s c h la g e n e n Lösungsm öglichkeiten beinhaltete, die die angeführten "Fakten" p r a k tis c h negierten: S o stellte G erhard G ebhardt fest, daß besonders England dazu beigetragen habe, die e u ro p ä is c h e A utarkie bew ußt zu untergraben, indem es die Rohstoffe durch die kapital-

12

Vgl. K.C. Thalheim : Die Weltwirtschaft neuer Ordnung, a.a.O., S. 173.

13

Vgl. A. Predöhl: Grossraum, Autarkie und Weltwirtschaft, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 158-166, S. 159.

14

Vgl. T. Bühler: Grundfragen der europäischen Sozialordnung, in: Zeitschrift für Politik, 1944, S. 233-249, S. 237.

15

Vgl. H. Backe: Die Aufgaben der Landwirtschaft in Europa, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 465-480, S. 469.

16

Vgl. H. Hunke: D ie Grundfrage: Europa - ein geographischer Begriff oder eine politische Tatsache, in Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Berlin 1942, S. 209-229, S. 214.


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mäßige Durchdringung der entsprechenden Förderstaaten gleichsam monopolisierte, die übrige industrielle und landwirtschaftliche Rohstofferzeugung dem W eltmarkt "preis­ gab" und die kolonialen Rohstoffgebiete dem europäischen Einfluß entzog. In der Folge seien vor allem die "biologische" und wirtschaftliche Entwicklung in den "Osträumen", aber auch die Bodenschätze in den meisten anderen europäischen Staaten vernachlässigt worden, und die Agrarländer befanden sich in einer Dauerkrise.17 Damit habe England das "europäische Lebensgesetz auf den K opf gestellt: statt in den überseeischen Räumen die Ergänzung Europas zu sehen, betrachte es Europa... als gelegentliche Ergänzung seiner überseeischen Rohstoffquellen". Diese Entwicklung stand in direktem Gegensatz zu den wirtschaftlichen Gegebenheiten Deutschlands, das bei der kolonialen Aufteilung der Welt zu spät gekommen war und 1919 sämtliche Kolonien eingebüßt hatte.18 Denn diese Tatsachen hätten Deutschland laut Bruno Kiesewetter schon um die Jahrhundert­ wende gezwungen, industrielles Exportland zu werden und sich im Gegenzug von Lebensmitteleinfuhren und Rohstoffen aus dem Ausland abhängig zu m achen.19 Die somit festgestellte ungleichmäßige Verteilung der "natürlichen Güter" der Erde war der eigentliche Ansatzpunkt für die nationalsozialistische Ablehnung des liberalen Wirtschaftssystems. Folgerichtig übertrug Werner Daitz dann sogar die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges insgesamt au f das System der liberalen Welt­ wirtschaft.20 Dabei habe vor allem der Wirtschaftskrieg, der die europäische Ausfuhr nach 1914 praktisch lahmlegte, die Schwächen des liberalen Systems offenbart.21 Da, wie Grävell argumentierte, jeder Versuch, sich dem britischen Wirtschaftssystem zu entziehen, von England - wie der Weltkrieg zeige - unterdrückt würde, dauerte das liberale Wirtschaftsdogma fort, ohne den Problemen der Nachkriegszeit noch gewachsen zu sein.22 In der Realität hätten vielmehr laut Walther Funk die Versailler Friedens­ bedingungen, die die liberalen Mächte diktierten, durch den zunehmenden Protektio­ nismus, die unerfüllbaren Tribute für die Verlierer sowie den Raub des Kolonialbesitzes und der Auslandsvermögen der "Havenots" das System der freien Weltwirtschaft

17

Vgl. G. Gebhardt: Wirtschaftsfreiheit für Europa, a.a.O., S. 32f.

18

Vgl. G. Gebhardt: Europas Wirtschaftsfreiheit, a.a.O., S. 44.

19

Vgl. B. Kiesewetter: Probleme einer planvollen europäischen Rohstoff- und Industrie­ wirtschaft, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 624-635, S. 625f.

20

Vgl. W. Daitz: Zum Umbau der Volks- und Weltwirtschaft, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 255-264, S. 256. Vgl. H. Jecht: Die Entwicklung der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, in: Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Berlin 1942, S. 42-65, S. 58.

21 22

Vgl. W. Grävell: Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel, a.a.O., S. 63.


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e n d g ü l t i g zerstört.23 D ie Zahlungsbilanzen seien zusammengebrochen, die meisten W ä h ru n g e n ins C haos gestürzt, und der zwischenstaatliche Handel ging zurück, was die e i n z e l n e n nationalen Volkswirtschaften nachhaltig erschütterte und zu Massenarbeits­ lo s i g k e i t führte.24 Insgesam t habe der europäische Kontinent dadurch seine Vormacht­ s t e l l u n g in der W elt eingebüßt - eine Feststellung, die auch schon in der Begründung d e s politischen Zusam m enschlusses der europäischen Staaten einen besonderen Stellen­ w e r t besaß.25 D ie wirtschaftlichen Folgen des Versailler Vertrages wurden daraufhin vor allem für D e u ts c h la n d als dram atisch eingeschätzt: Kiesewetter hob hervor, daß das Land seine R o h s to ffq u e lle n verloren hatte und dadurch mit massiven wirtschaftlichen, aber auch m ilitä r is c h e n E inbußen konfrontiert wurde,2627 da die ausreichende Versorgung mit R o h s to f f e n als G rundlage einer starken politischen Stellung des Staates galt." A b e r auch und gerade die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges hätten - so Daitz - dazu b e ig e tr a g e n , neue, alternative Idee au f wirtschaftstheoretischem Gebiet zu entwickeln: D a s b e tra f einmal die Rolle des Kapitals, das zunehmend seiner Freizügigkeit beschnit­ t e n u n d den N ationalw irtschaften untergeordnet würde, sowie die Frage eines näheren w irts c h a ftlic h e n Zusam m enschlusses einzelner europäischer Staaten.28 Da, wie u.a. K ie s e w e tte r hervorhob, nur zwei Wege aus der Krise fuhren würden, die er entweder in d e r nationalw irtschaftlichen Autarkie oder der Bildung eines wirtschaftlichen "Großrau­ m e s " sah,2' konnte das nationalsozialistische Autarkiestreben, das mit dem "Neuen Plan" u n d d e m V ierjahresplan seinen Höhepunkt erreicht und überschritten hatte, vor allem a b e r d ie Idee der "großräum lichen Neuordnung" gleichsam in einen scheinbar gesamt­ e u r o p ä is c h e n w irtschaftlichen Entwicklungsprozeß eingeordnet werden.30 Die wirt­ s c h a f t li c h e "N euordnung" des Kontinents wurde damit genauso wie der politisch be­ g r ü n d e t e Z usam m enschluß zur unabdingbaren Notwendigkeit, um Europa vor dem

23

Vgl. W. Funk: Der wirtschaftliche Aufbau Europas, in: Europa. Handbuch, Leipzig 1943, S. 87-93, S .8 7 f.

24

Vgl. L. Gutterer: Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.O., S. 591.

25

V gl. A. Reithinger: Die europäische Wirtschaftskraft bei planvoller Zusammenarbeit, in: E uropa und die Welt, Berlin 1944, S. 131-144, S. 132.

26

V gl. B. Kiesewetter: Probleme einer planvollen europäischen Rohstoff- und Industriewirt­ schaft, a.a,0 ., S. 627.

27

Vgl. J. Stoye: Die Trägheit der "Haves" und die Aktivität der "Have-nots", in: Volk und Reich, 1940, S. 216-223, S. 216.

28

V gl. W. Daitz: Zum Umbau der Volks- und Weltwirtschaft, a.a.0., S. 257,260.

29

V gl. B. Kiesewetter: Der europäische Grosswirtschaftsraum und der Stand der wirtschaft­ lichen Zusam m enarbeit der europäischen Volkswirtschaften 1941, in: Jahrbuch der Welt­ politik, 1942, S. 70-89, S. 72.

30

Vgl. K. W iedenfeld: Die Raumbeziehungen im Wirtschaften der Welt, Berlin 1939, S. 164ff.


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"Herabsinken in die nunmehr wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit" zu bewahren.31 Die dabei propagierte "Neuordnung" der wirtschaftlichen Beziehungen unternahm also lediglich den Versuch, die Wirtschaftsprobleme der Zwischenkriegszeit m it antiliberalen Mitteln zu lösen.32 Den Ausweg schien auch hier die Idee des "Lebensraumes" zu bieten: Wie Daitz hervorhob, ermögliche es die angestrebte "lebensräumliche" Gliederung, die Wirtschaft dreifach zu binden: an das Volkstum in Gestalt der Volkswirtschaft, an die Völker­ familie in Form der "Großraumwirtschaft" sowie in Gestalt der W eltwirtschaft neuer Prägung als verbindendes Element zwischen den "Großräumen".3334A uch Backe stellte fest, daß sich die Handelsbeziehungen zur Versorgung m it Rohstoffen und Nahrungs­ mitteln zunehmend im Rahmen der Kontinente vollzogen, so daß Amerika, Kontinental­ europa und der Fem e Osten auch als weitgehend geschlossene W irtschaftsräume auftreten würden. ' Aber gerade diese Tendenz zum wirtschaftlichen Zusammenschluß sei es - so Gebhardt - die die Verfechter der angelsächsischen W eltwirtschaft als "wirt­ schaftliche Kriegserklärung" aufgefaßt hätten.35 Diese Haltung, die mit dem Ausbruch des Krieges 1939 kulminierte, unterstreiche demnach die Notwendigkeit, eine neue politische Ordnung als Grundlage für die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Völker zu schaffen.36 Der Zweite Weltkrieg wurde in dieser Argumentation zum ultim ativen Wirtschafts­ krieg, der die liberale Weltwirtschaft, die bereits im Ersten W eltkrieg, spätestens aber in der Weltwirtschaftskrise untergegangen sein sollte, scheinbar endgültig zerstörte.37 Die erneute englische Blockade, die "Goldhortung" in den USA und vor allem das Bündnis zwischen den Alliierten und der UdSSR habe dagegen, so wurde argumentiert, die europäischen Völker auch wirtschaftlich näher zusammengeführt.38 Gleichzeitig würden die materiellen Folgen des Krieges die Rückkehr zur liberalen Weltwirtschaft auch langfristig unmöglich machen, da - nach Backe - Europa durch die Vielzahl der versenk-

31

Vgl. A. Reithinger: Voraussetzungen und Grössenordnung der kontinentaleuropäischen GrossraumWirtschaft, in: Probleme des europäischen Grosswirtschaftsraumes, Berlin 1942, S. 9-31,

32

Vgl. A. Milward: The New Order and the French Economy, Oxford 1970, S. 23.

33

Vgl. W. Daitz: Die Grundlagen der europäischen Marktordnung, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 19-28, S. 20.

34 35

Vgl. H. Backe: Um die Nahrungsffeiheit Europas, a.a.O., S. 216. Vgl. G. Gebhardt: Wirtschaftsfreiheit für Europa, a.a.O., S. 30.

36

Vgl. H. Hunke: Einführung, in: Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Berlin 1942, S. 7-16, S. 7ff. Vgl. E. Maurer: Der Weg zur Kontinentalwirtschaft, Leipzig 1943, S. 10.

12.

37 38

Vgl. J. Radler: Europäische Wirtschaft im Querschnitt, in: Europa. Handbuch, Leipzig 1943, S. 117-134, S. 117f.


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t e n Schiffe auch nach dem Krieg nicht mehr auf den Überseehandel zurückgreifen k ö n n e , andererseits aber die im Kriege entstandenen innereuropäischen Wirtschafts­ b e z ie h u n g e n w eiterbestehen würden.39 Der wirtschaftliche Zusammenschluß der euro­ p ä is c h e n Staaten a u f der Basis der politischen "Großraum"-Bildung war die letztliche K o n s e q u e n z der nationalsozialistischen Kritik am liberalen Wirtschaftssystem.

4 .1 .2 . D er "G roßw irtschaftsraum " als Lösungsmodell A u s g e h e n d vo n ihrer fundamentalen Kritik an der liberalen Weltwirtschaft stellte die N S -P ro p a g a n d a prononciert fest, daß die europäische "Wirtschaftskraft" unter diesen B e d in g u n g en nicht voll entwickelt werden konnte. Daraus leitete Anton Reithinger drei P ro b lem k reise ab, die - geprägt vom Blickwinkel einer staatlich gelenkten Wirtschafts­ a u ffa ssu n g - ein "landwirtschaftliches Erziehungs- und Bildungsproblem", ein "soziales P r o b le m der L ösung der ländlichen Überbevölkerung im gesamten Osten" sowie ein "politisch-organisatorisches Problem" hinsichtlich der "im Südosten dringend notwendi­ g e n Flurbereinigung" umfaßten, und deren Lösung nunmehr zur Disposition stünde.40 U n t e r dieser Präm isse stellte das nationalsozialistische System seine Lösungsansätze d e n liberalen M ethoden entgegen: Die Idee der Wirtschaftslenkung sollte das "eigenge­ s e tz lic h e M arktgeschehen" ersetzen, die Vollbeschäftigung die Kapitaltheorie ablösen u n d die "europäische Wirtschaftsgemeinschaft" die internationale Freizügigkeit been­ d e n . 41 D a z u w urde die Idee des "Lebensraumes" nunmehr auf den wirtschaftlichen Bereich a u sg e d e h n t: W erner D aitz setzte den "biologischen Regionalismus" dem "geographi­ s c h e n Universalismus" der liberalen Weltwirtschaft entgegen und forderte eine europäi­ s c h e "LebensraumW irtschaft", die, geprägt vom "Lebensstil" der "Völkerfamilie" und d e n "K räften des Heimatbodens", den "europäischen Bedarf' zuerst in Europa decken w ü r d e .42 D er daraufhin angestrebte wirtschaftliche Zusammenschluß angrenzender V o lk sw irtsch aften zur "europäischen Wirtschaftsgemeinschaft" erschien in diesem Ver­ s tä n d n is als eine "ganz natürliche und daher unbedingt mögliche Regenerationserschei­ n u n g des alten Erdteils".43 Er sollte sowohl den Erfordernissen der "Wehrhaftigkeit" als 39

Vgl. H. Backe: Die Aufgaben der Landwirtschaft in Europa, a.a.O., S. 478f.

40

Vgl. A. Reithinger: Die europäische Wirtschaftskraft bei planvoller Zusammenarbeit, a.a.0., S. 138. Vgl. H. Hunke: Die Kernfragen des wirtschaftspolitischen Kampfes in der Gegenwart, in: Zeit­ schrift für Politik, 1943, S. 425-435, S. 432. Vgl. W. Daitz: Die Grundlagen der europäischen Marktordnung, a.a.O., S. 20f.

41 42 43

Vgl. H. Hunke: Die Grundfrage: Europa - ein geographischer Begriff oder eine politische Tat­ sache, a.a.O., S. 212.


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auch gewissen autarkistischen Bestrebungen gerecht werden.44 Dabei standen analog zu den politischen "Großraum"-Vorstellungen zwei Prämissen außer Frage: Der kontinentaleuropäische W irtschaftsraum w ürde au f der Basis der militärischen Erfolge der Achsenmächte von diesen organisiert werden, und Groß­ britannien bliebe von vornherein ausgeschlossen.45 Während die propagierte europäische Zusammenarbeit zunächst ausschließlich eine K riegsnotw endigkeit zu sein schien, betonte aber vor allem Walther Funk, daß auch ein wirtschaftlicher Neuaufbau nach dem Kriege nur unter Abkehr von den liberalen Handels- und W irtschaftsm ethoden möglich sein werde. Er setzte das deutsche System einer "planmäßigen zwischenstaatlichen Zu­ sammenarbeit auf den Gebieten von Produktion und Absatz", das sich im Kriege be­ währt habe, als neues "Ordnungsprinzip" der W irtschaft dagegen.46 Ausgehend von diesen Zielen wurden verschiedene Voraussetzungen benannt, die den wirtschaftlichen Zusammenschluß Europas erst ermöglichten bzw. ihn geradezu er­ forderten. Diese Überlegungen deckten sich zum Teil mit den geographischen, politi­ schen und ideologischen Aspekten, die bereits den politischen "Großraum" bedingten, und die nun durch wirtschaftliche Momente ergänzt wurden.47 Dabei führte man zu­ nächst "objektive" Entwicklungstendenzen an, die den Zusam m enschluß forderten, ja geradezu eindeutig in diese Richtung drängten: Biologische, politische und kulturelle Gemeinsamkeiten schienen auch den gemeinsamen K am pf um die wirtschaftliche Existenz zu bedingen.48 In dieser Lesart erschien der vollzogene politische Zusammen­ schluß der europäischen Völker als unabdingbare Voraussetzung der wirtschaftlichen Vereinigung, während gleichzeitig aber auch die begonnene wirtschaftliche Zusammen­ arbeit die Grundlagen der politischen Einheit mit schuf. Letztlich sollte der wirtschaftli­ che Zusammenschluß aber insgesamt auf einem "Gemeinschaftsbewußtsein" der euro­ päischen Völker basieren,49 dessen Entwicklung durch ein "gewisses M aß gegenseitiger wirtschaftlicher Verflechtung" und eine "gewisse Gemeinsam keit der Ordnung, ins­ besondere der politischen Ordnung" vorangetrieben w erden könne.50 Im Ergebnis erkannten aber auch diese wirtschaftlichen Überlegungen nur die gleichsam katalysatorische Wirkung des Kriegsgeschehens an, wobei die überragende deutsche Rolle genauso 44 45

Vgl. A. Predöhl: Grossraum, Autarkie und Weltwirtschaft, a.a.O., S. 161. Vgl. A. Reithinger: Voraussetzungen und Grössenordnung der kontinentaleuropäischen Gross­ raumwirtschaft, a.a.O., S. 10.

46

Vgl. W. Funk: Der wirtschaftliche Aufbau Europas, a.a.O., S. 88f.

47

Vgl. A. Bay: Der nationalsozialistische Gedanke der Großraumwirtschaft und seine ideolo­ gischen Grundlagen, Köln 1962, S. 42ff.

48

Vgl. K.W. Rath: A uf dem Wege zur völkischen Wirtschaftsordnung, in: Nationale Wirt­ schaftsordnung, Jahrbuch 1942, S. 18-24, S. 24.

49

Vgl. E. Maurer: Der Weg zur Kontinentalwirtschaft, Leipzig 1943, S. 50.

50

Vgl. H. Jecht: Die Entwicklung der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.O., S. 43.


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betont wurde w ie die "innere Durchsetzung" der neuen Ideen.51 Dabei spielte der Krieg m it seinen neuen Z w ängen eine entscheidende Rolle: So verwies Alfred Oesterheld darauf, daß der G edanke der "Großraumwirtschaft" zunächst Einfluß auf die mit Deutschland befreundeten Staaten gewonnen habe, aber nun auch "in den bisher poli­ tisch abseits stehenden und erst unter dem Zwang der neuen Verhältnisse der kontinenta­ len Idee nähergebrachten Ländern" Eingang fände.52 Walther Funk ging noch einen S chritt weiter, indem er die deutsche Expansion direkt als Ausgangspunkt der wirt­ schaftlichen V erflechtung benannte. In einer Rede vor der Südosteuropa-Gesellschaft in W ien formulierte er am 12. Juni 1941: "Während die erste Phase des Krieges im wesentlichen im Zeichen der Ausweitung und d e r Intensivierung unserer Handelsbeziehungen zum verbliebenen Raume vorwiegend a u f rein handelspolitischer Basis stand, wird die zweite Phase des Krieges dadurch gekennzeichnet, daß Deutschland dank der einzigartigen Siege unserer Wehrmacht seinen unmittelbaren Einfluß au f den größten Teil Europas ausdehnte. Damit wurde die M öglichkeit geschaffen, die Produktion und die Kapazitäten wirtschaftlich bedeutender G eb iete der deutschen W irtschaft unmittelbar nutzbar zu machen... Somit ist der euro­ päisch e Großw irtschaftsraum im Entstehen begriffen..."53 D e r Hinweis von Clodius, daß die englische Blockade das Solidaritätsgefiihl der euro­ päisch en V ölker entwickele und damit die Einsicht verstärke, daß die wirtschaftliche Verflechtung vorteilhaft sei,54 und die derzeitigen negativen Auswirkungen des Krieges n ich ts mit den tatsächlichen Vorzügen des wirtschaftlichen Zusammenschlusses zu tun h ätten ,55 diente dann eher dazu, die eindeutig deutsche Ausrichtung der militärisch durchgesetzten "Zusammenarbeit" zu verschleiern. Daran konnte auch sein Appell für ein en freiwilligen Zusammenschluß anstelle von Zwangsmaßnahmen letztlich nichts ändern.56 Aber vorerst blieb die "europäische Wirtschaftsgemeinschaft" ähnlich wie der politische "Großraum"-Gedanke nicht viel mehr als ein Schlagwort, dessen Inhalt und F o rm unterschiedlich definiert und bewußt inteipretierbar gehalten wurden, mußten sie d o c h - wie F unk betonte - aus den "natürlichen Gegebenheiten" und Voraussetzungen

51 52

Vgl. A. Reithinger: Voraussetzungen und Grössenordnung der kontinentaleuropäischen Gross­ raumwirtschaft, a.a.O., S. 13f. Vgl. A. Oesterheld: Wirtschaftsraum Europa, Berlin 1942, S. 11.

53

W. Funk: Wirtschaftsordnung im neuen Europa, Wien 1941, S. 18f.

54

Vgl. C. Clodius: Neue Wege der europäischen Handelspolitik, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 147-157, S. 152.

55

Vgl. C. Clodius: Europäische Handels- und Wirtschaftsverträge, in: Europäische Wirtschafts­ gemeinschaft, Berlin 1942, S. 184-208, S. 204.

56

Vgl. ebenda, S. 208.


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heraus wachsen.57 Trotzdem ließen die verschiedenen Definitionsansätze bereits erste, w enn auch sehr vage Inhalte des wirtschaftlichen "Großraum"-Begriffs erkennen, die allerdings ins­ gesamt sehr unterschiedlich gewichtet und interpretiert wurden. So beschrieb Heinrich Hunke eine wirtschaftliche "Neuordnung" au f der Basis der deutschen Wirtschaftsauffassung, die vom "Standpunkt des Lebensraumes" ausgehe, und betonte, daß die Wirtschaft eine "Funktion des Volkes sei" und der "Raum wieder zum Gestalter der Wirtschaft" würde. Grundlage einer "Lebensraumwirtschaft" wäre zunächst bezogen au f die Bedürfnisse eines Volkes - entsprechend ein "ausreichender Raum, um in geschlossener Siedlung in Europa leben und wachsen zu können", was die "Zurückverlagerung des Schwerpunktes der deutschen W irtschaft in den eigenen staatli­ chen Raum" voraussetzte. Erst in zweiter Linie liefen diese Prinzipien au f die "An­ erkennung der Entwicklung einer festlandeuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft" hinaus, "die sowohl eine Ausschöpfung der eigenen wirtschaftlichen Kräfte zuläßt, als auch die gegenseitige Ergänzung durch die W irtschaftsleistung befreundeter und im Ernstfall zugänglicher Nachbarstaaten sicherstellt". Obwohl H unke daraufhinw ies, daß damit gleichzeitig auch die "Lebensräume" der anderen europäischen V ölker "bejaht" würden, ließ sich die einseitig deutsche Ausrichtung dieses Definitionsansatzes, die in der Benennung des Reichsgedankens als Grundlage der wirtschaftlichen "Neuordnung" des Kontinents kulminierte, nicht verleugnen.58 A u f dieser Ebene lag die Schlußfolgerung von A. Ratenieks nahe, der die "Großraum­ wirtschaft" nicht nur als "eine neue Form außenhandelspolitischer Beziehungen, sondern auch und vornehmlich" als "ein Gebilde" beschrieb, "in dem politisch, wirtschaftlich und natürlich einander zugeordnete Nationen sich in bewußter gemeinsamer Gestaltung ihrer überstaatlichen Zusammenhänge aufeinander einstellen".59 Damit erhielt der wirtschaftli­ che Zusammenschluß wie schon mit Hunkes Verweis au f den Reichsgedanken und den Überlegungen hinsichtlich seiner notwendigen Voraussetzungen eine politische Grund­ lage, wobei die W ichtung dieser politischen Strukturen zw ischen den Polen von "un­ abdingbarer Voraussetzung" und "entwicklungsbedingter Folge" des wirtschaftlichen Zusammenschlusses sehr differenzierte Interpretationen um faßte und auch zuließ. Die allgemeinste Beschreibung eines wirtschaftlichen "Großraumes" resultierte dabei aus der flächenmäßigen Ausdehnung des geplanten Zusam m enschlusses. So definierte H orst Jecht den "Großwirtschaftsraum" als "die Zusam m enfassung der wirtschaftlichen V orgänge über einen größeren räumlichen Bezirk des Erdballs zu einer höheren wirt-

57

Vgl. W. Funk: Wirtschaftliche Neuordnung Europas, Berlin 1940, S. 3f.

58

Vgl. H. Hunke: Volk und Raum in der wirtschaftlichen Neuordnung Europas, a.a.O., S.

59

Vgl. A. Ratenieks: Was bringt die Neuordnung Europas den europäischen Völkern? Berlin 1942, S. 61 - Ratenieks zitiert hierbei Prof. Bülow.

5Ef


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schaftlichen E inheit", und beschrieb damit "die Herausbildung größerer räumlicher W irtschaftskörper, die sich gegenüber anderen Wirtschaftskörpem dieser Art in deutlich erkennbarer W eise abgrenzen."60 Zu den räum lichen M erkmalen trat in den Definitionsversuchen dann mit dem Prinzip d e r Lenkung bereits ein organisatorisches Moment hinzu: Bei Maurer war eine "Großraum w irtschaft" deshalb immer eine "gelenkte, raumverbundene und raumbestimmte W irtschaft", in der die "einzelnen Volkswirtschaften und ihre Beziehungen sowohl untereinander als auch zur übrigen Welt... geordnet, also auf ein wirtschaftliches Gleich­ g ew ic h t ausgerichtet sein" m üßten.61 Bei Oesterheld bedeutete das ein Gebiet, "dessen einzelne Produktionsstätten aufeinander abgestimmt werden können." Dabei galt für ihn d a s "Primat der Politik" als "Vorbedingung", da "erst die staatliche Macht... ein durch­ dachtes Zusam m enspiel der Erzeugungskräfte durch Lenkungsmaßnahmen" ermögliche. D ie "Großraum w irtschaft", die die Landesgrenzen und die Nation überschreite, wurde d am it letztlich "die wirtschaftliche Seite eines politischen Begriffs".62 Walther F unks D efinition in einer Rede vom Juni 1941 faßte alle diese Aspekte zusam m en und verdeutlichte besonders die politischen Schlußfolgerungen, die sich darau s ergaben: E in "Großwirtschaftsraum" war in seinem Verständnis "ein geographisch geschlossenes Gebiet mit weitgehend gesicherter Selbstversorgung u n d ergiebigen Ergänzungsmöglichkeiten, bei dem die Wirtschaft nach gleichen Prinzi­ p ie n geordnet ist, das aber im einzelnen seine eigenen Kräfte so stark wie möglich entfalten kann. Dam it, daß man eine Anzahl von Volkswirtschaften zusammenlegt, schafft man noch keine Großraumwirtschaft. Unorganische Wirtschaftsgrenzen müssen fallen , aber für eine europäische Zoll- und Währungsunion muß die Zeit erst in all­ m ählicher A npassung der Produktionsbedingungen, der Preise und des Lebensstandards schrittw eise heranreifen, soweit eine so weitgehende Vereinheitlichung überhaupt notw endig und zw eckm äßig erscheint."63 A ngesichts dieser Prognosen, die die Frage der politischen Souveränität doch in großem U m fang tangierten, wurden wiederholt die Ziele des geplanten wirtschaftlichen Zu­ sam m enschlusses in die Begriffsbestimmung mit einbezogen. Die von Bruno Kiesewet­ te r projizierten Vorstellungen von einer "Steigerung der Gesamtleistung für die vom

60

Vgl. H. Jecht: Die Entwicklung der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.0., S. 43.

61

Vgl. E. Maurer: Der Weg zur Kontinentalwirtschaft, a.a.0., S. 51f.

62

Vgl. A. Oesterheld: Wirtschaftsraum Europa, a.a.O., S. 14.

63

W. Funk: Wirtschaftsordnung im neuen Europa, a.a.O., S. 19.


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Großraum umschlossene Gemeinschaft"64 und einer "Erhöhung der Lebenshaltung6 waren weit eher als anstehende Grenzveränderungen oder die Betonung deutscher Interessen geeignet, die Idee vom wirtschaftlichen "Großraum" zu propagieren. Ein Beitrag von Walter Grävell lehnte deshalb sogar ein "politisches A ufgehen aller Staaten in einem Überstaat" und eine "Beherrschung des einen durch den anderen" als völlig untypisch ab. "Großraumwirtschaft" bedeutete für ihn vor allem "Aufeinanderangewie­ sensein, gegenseitige Nutzbarmachung, nachbarliche Unterstützung, au f Fähigkeiten und Bedarf abgestimmte Entfaltung und Entwicklung", ohne dabei a u f die politischen Konsequenzen angesichts des deutschen Hegem onieanspruches einzugehen.66 Die Formel von den "räumlich verbundenen, sich strukturell ergänzenden und miteinander zu dauerhafter Zusammenarbeit zusammengeschlossenen Volkswirtschaften" als "außen­ wirtschaftlichem Gegenstück" zu den Nationalwirtschaften67 ließ die praktischen Schluß­ folgerungen zunächst weitgehend offen. Dazu trugen auch die postulierten "Vorzüge" des wirtschaftlichen Zusammenschlusses bei, die das Bild einer allseitigen W ohlfahrtsgem einschaft entwarfen. W ie Backe her­ vorhob, sollten nunmehr der M ensch bzw. das V olk statt w ie bisher rein wirtschaftliche Faktoren im M ittelpunkt stehen, so daß die W irtschaft zur "Dienerin der Politik" würde.68 A u f dieser Basis wäre es möglich, latente Produktivkräfte, die Thalheim vor allem im Südosten sah, stärker zu entfalten, und durch die w irtschaftliche Zusammen­ arbeit insgesamt neue Entwicklungsmöglichkeiten zu erschließen.69 Perspektivisch stellte Grävell daraufhin "stabile und gesicherte W irtschaftsverhältnisse in jedem euro­ päischen Land", "einen gesunden Außenhandelsverkehr der europäischen Länder untereinander", einen Versorgungshandel, der über Europa hinausgehe sowie "einen blühenden Handel Europas mit der übrigen Welt" in Aussicht.70 Diese Vorzüge resultier­ ten laut Reithinger daraus, daß "die potentielle W irtschaftskraft Europas und damit auch der soziale W ohlstand in einer großräumigen Zusam m enarbeit w esentlich größer sein könnte als die im Rahmen der kleinräumigen Zersplitterung bisher tatsächlich

64 65 66 67

Vgl. B. Kiesewetter: Planvolle Industrialisierung in der Grossraumwirtschaft, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 191-199, S. 191. Vgl. B. Kiesewetter: Probleme einer planvollen europäischen Rohstoff- und Industriewirt­ schaft, a.a.O., S. 627. Vgl. W. Grävell: Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel, a.a.O., S. 72. Vgl. K.C. Thalheim: Die Welt neuer Ordnung, a.a.O., S. 171 f.

68

Vgl. H. Backe: Das Schicksal der europäischen Landwirtschaft, a.a.O., S. 309.

69

Vgl. K.C. Thalheim: Die Weltwirtschaft neuer Ordnung, a.a.O., S. 175.

70

Vgl. W. Grävell: Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel, a.a.O., S. 70.


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181

e rre ic h te ." 71 D am it w äre ein "einheitliches Europa wirtschaftlich stärker... als jeder a n d e r e w irtschaftliche Großraum ", was "zwangsläufig die Stellung Europas im Welt­ h a n d e l w eiter verstärken" w ürde.72 A b e r trotz der verschiedenen Definitionsansätze blieb der Begriff des "Großwirt­ sch aftsrau m es" insgesam t ein vages Schlagwort, das stellvertretend für unterschiedliche a u ß e n w irtsch aftlich e V orstellungen stand, und das - so Eckart Teichert - "die Lebens­ ra u m th e se in idealer W eise um eine scheinbar rationale Argumentation ergänzte."73Die p ro p a g ie rte n V orzüge der wirtschaftlichen "Neuordnung" ließen zunächst nur wenig R ü c k s c h lü s s e ü b er die tatsächliche Interessenausrichtung des geplanten "Großwirt­ sc h a ftsra u m e s" zu, j a sie vermittelten teilweise durchaus den Eindruck, in Abgrenzung v o n d en politischen Präm issen des nationalsozialistischen Staates eine echte Zusammen­ a r b e i t anzustreben. E rst die immanente Akzeptanz der politischen "Großraum''-Vorstell u n g e n verdeutlichte den realen Gehalt der vorgestellten Thesen. D a z u trugen v o r allem auch die ansatzweise vermittelten organisatorischen Grund­ p r in z ip ie n des geplanten wirtschaftlichen Zusammenschlusses bei, die das Bild der n atio n also zialistisch en "Neuordnung" weiter unterlegten und seine immanente Wider­ sp rü c h lich k e it zw ischen beschworenem "Gemeinwohl" und eindeutiger deutscher Präfer i e r u n g und D om inanz weiterführten. D a b e i w urde der bereits politisch definierte Reichsgedanke auch der angestrebten w irtsc h a ftlic h e n V erflechtung zugrunde gelegt, was damit gleichzeitig die deutsche F ü h ru n g s ro lle auch in diesem Bereich voraussetzte.74 Hinausgehend über ein zeitlich b e g re n z te s "V erhältnis vom Lehrer zum Schüler" sollte sich daraus eine aufeinander ab g e stim m te w irtschaftliche Verflechtung von Produktion und Absatz ergeben,7576deren le tz tlic h e organisatorische Struktur weitgehend interpretierbar gehalten wurde. So sprach b eisp ielsw eise K iesewetter durchaus davon, zunächst eine "Ordnung" in den "großraum­ w irtsch aftlich en Beziehungen der Glieder dieser Wirtschaftsgemeinschaft" herzustellen, le h n t e aber gleichzeitig die Bildung einer regelrechten "Einheit" als organisatorischer I n s ta n z zugunsten dezentralisierter Strukturen ab. Eine "vernünftige Arbeitsteilung" s o l l t e "statt 'H errschaft' also eine neue 'Ordnung'" und somit "statt lebensbedrohender 'A b h ä n g ig k eit' eine alle Raumglieder fordernde 'Zusammenarbeit"' herausbilden.'0Wie 71 72 73

Vgl. A. Reithinger: Die europäische Wirtschaftskraft bei planvoller Zusammenarbeit, a.a.0., S. 143. Vgl. L. Gutterer: Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.0., S. 594.

74

Vgl. E. Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft in Deutschland 1930-1939, München 1984, S. 257. Vgl. H. Hunke: Volk und Raum in der wirtschaftlichen Neuordnung Europas, a.a.0., S. 573.

75

Vgl. W. Croll: Wirtschaft im europäischen Raum, Wien 1940, S. 305.

76

Vgl. B. Kiesewetter: Probleme einer planvollen europäischen Rohstoff- und Industriewirt­ schaft, a.a.O., S. 628.


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sich diese Vorstellungen mit den politischen Gedanken von deutscher Führung und allgemeiner Unterordnung im Großraum vereinbaren ließen, blieb bew ußt offen, so daß letztlich versucht, zum Teil sogar beabsichtigt wurde, die wirtschaftlichen Vorstellungen weitgehend von den politischen Schlußfolgerungen zu trennen. Trotzdem stellten die verschiedenen Autoren diese Bezüge teilweise sehr deutlich her, da das Modell der deutschen Wirtschaft als beispielgebend und dam it auch als dominant für den "Großwirtschaftsraum" angeführt wurde: So benannte H einrich Hunke direkt zehn "Postulate der neuen deutschen und europäischen W irtschaftspolitik", die w irt­ schaftliche und politische Fragen - wenn auch in bew ußt vager Form - ansatzweise miteinander verbanden und gleichzeitig versuchten, die deutsche Vorgehensweise zu rechtfertigen. Das umfaßte: 1. den "Grundsatz der politisch geführten oder gelenkten W irtschaft", was bedeutete, daß die W irtschaft nicht m ehr als eigengesetzliches G ebilde neben d e n ü b rig e n Lebensmächten, Staat, Recht, Kultur und anderen steht, sondern eine Funktion des Volkes" sei, ohne eine "Planwirtschaft" zu werden. 2. beinhaltete das die politische Forderung nach der "restlosen Durchsetzung des Rechtes auf Arbeit, aus der sich die Tatsache der Vollbeschäftigung" ableiten sollte. 3. bestünde die "Kunst der W irtschaftsführung" darin, "Untemehmerpersönlichkeiten zu züchten und einzusetzen, ihnen die entsprechende Freiheit zur Betätigung zu garantieren und den Leistungswettbewerb in sein Recht einzusetzen." 4. galt das Privateigentum als unantastbare V oraussetzung und Grundlage der Wirt­ schaft. 5. wurde der hiermit anerkannte "deutsche Ordnungs- und Führungsanspruch in Euro­ pa" als "Ausdruck der deutschen Volksgröße und der deutschen Leistung für die Sicherheit des Kontinents", nicht aber als "Versuch einer Ausbeutung" dargestellt. 6. sollten die europäischen Nationen aber das Recht behalten, "ihre Wirtschaft nach ihren autonomen Grundsätzen festzulegen", während sich die Einschränkungen in der europäischen "Lebensraumgemeinschaft" au f ein politisch und militärisch not­ wendiges Minimum beschränken würden. 7. beruhe die "europäische W irtschaftsgemeinschaft" damit "auf der Anerkennung des Prinzips der Gegenseitigkeit und dem Grundsatz der D auer in den zwischenstaatli­ chen Wirtschaftsbeziehungen", wobei Deutschland Europa keinesw egs ausplündere, sondern nur "auch während des Krieges das Funktionieren der anderen europäischen Volkswirtschaften" ermögliche. 8. böten die "deutschen Erfahrungen und Leistungen" die "M öglichkeit zur Entwick­ lung der europäischen Produktivkräfte". 9. würde Deutschland auch nach dem Krieg die "Erfordernisse der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft" in den M ittelpunkt seiner H andelspolitik stellen, ohne dabei die "wirtschaftlichen Beziehungen zu den außereuropäischen Ländern zu


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beseitigen". 10. bestünde letztlich das gemeinsame Ziel der deutschen Wirtschaftspolitik und der "europäischen W irtschaftsgemeinschaft" darin, den Lebensstandard "durch eigene K raft und gem einsam e A rbeit" zu sichern und zu erhöhen,7 Angesichts dieser hehren Zielstellungen, die den deutschen Herrschaftsanspruch gleich­ sam als "Segen" für die europäischen Völker darstellten und dabei geschickt mit den tatsächlichen und den postulierten Erfolgen des deutschen Wirtschaftssystems operier­ ten, lag es nahe, das politische Modell der "lebensräumlichen Neuordnung" Europas um ein e w irtschaftliche K om ponente zu erweitern. Indem nach deutschem Vorbild sowohl a lle w irtschaftlichen V orgänge als auch die Versorgung der Völker in ein "nach politi­ sch e n Grundsätzen ausgerichtetes wohldurchdachtes und klargeordnetes Ganzes" eingeordnet w erden sollten,777879stand die Idee der Planung und Lenkung der Wirtschaft als p rim äres organisatorisches "Ordnungsprinzip der inneren wie der zwischenstaatlichen W irtschaftsbeziehungen"77 fest, ohne die Ebenen und Grade dieser Organisation de­ finitiv zu klären. D er dazu geprägte Begriff der "Wirtschaftsführung" umfaßte dabei laut H u n k e "die Neuausrichtung der schöpferischen und gestaltenden Kraft des Individuums a u f die Belange der Gesamtheit, die Erzeugung einer einheitlichen wirtschaftlichen A uffassung und H altung in der Wirtschaft, die Stellung der entscheidenden Aufgaben d u rc h die politische Führung und die letzte Entscheidung in allen wirtschaftlichen M achtfragen durch den Staat."80 In der neuen "geführten" Ordnung sollten die einzelnen Völker dann laut Kiesewetter "gleichw ertig" und "gleichberechtigt" nebeneinander stehen und ständig dynamisch w eiterentw ickelt w erden. Trotz aller gleichberechtigten Entfaltungsmöglichkeiten v erb iete es sich aber, die "Produktivkräfte aus betont eigenwilligen nationalen Beweg­ gründen" zu gestalten, da damit gegen die "tragende Grundidee, die Gemeinschaft" verstoßen würde,81 was das Modell einer zentralen Leitung und Abstimmung immanent voraussetzte. U m diese Prognosen zu mildem, wurden vor allem den kleineren Ländern w irtschaftliche V orteile durch den Anschluß an den "Großraum" in Aussicht gestellt: D u rc h die A nlehnung an bzw. die Abstimmung auf die Bedürfnisse einer großen, vollbeschäftigten Volkswirtschaft sollten gleichzeitig die politischen und wirtschaftli­ c h e n Verhältnisse in den kleineren Staaten stabilisiert und weiterentwickelt werden

77 78 79

Vgl. H. Hunke: Die Kernfragen des wirtschaftspolitischen Kampfes in der Gegenwart, a.a.0., S. 433ff. Vgl. H. Backe: Das Schicksal der europäischen Landwirtschaft, a.a.O., S. 309.

80

Vgl. A. Reithinger: Die Wiedergeburt des Abendlandes, in: Europäische Revue, 1940, S. 459463, S. 462. Vgl. H. Hunke: Einführung, a.a.O., S. 11.

81

Vgl. B. Kiesewetter: Autarkie, Kontinentalwirtschaft, Weltwirtschaft, a.a.0., S. 77ff.


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können.82 Laut Leopold Gutterer wurden damit bereits die G rundsätze für die "Gestaltung innerhalb der einzelnen Nationalwirtschaften und in den zw ischenstaatlichen Beziehun­ gen" sowie erste technische Vorgehensweisen deutlich. Sie bedeuteten: "1. 2. 3.

4. 5.

Großräumliche Ordnung bei W ahrung der berechtigten eigenen Interessender einzelnen Völker. Ehrliche Rücksichtnahme au f die echten Bedürfnisse der sich zusammenfinden­ den Vertragspartner. Lösung der einzelnen Außenhandelsverflechtungen aus der Sphäre der zufällig gegebenen Geschäfts- und Gewinnmöglichkeiten und Hineinstellen dieser V er­ bindungen in den tragfähigen Rahmen gegenseitiger Ergänzungsm öglichkeiten au f lange Sicht. Führung der Wirtschaft der einzelnen Länder unter dem Gesichtspunkt der groß­ räumlichen Ordnung und Verpflichtung. ... Handels- und Zahlungsbilanzlenkung, Ausbildung eines schlagkräftigen, von bürokratischen Hemmungen möglichst befreiten Verrechnungsverkehrs... und eine diese technischen W egen angepaßte W irtschafts- und vor allem Preispolitik der europäischen Vertragspartner."83

Die bei Gutterer anklingende "vertragliche Regelung" des "Großwirtschaftsraumes" ließ weiterhin viele Fragen offen. So wurde die Schaffung einer Zoll- und W ährungsunion aus "Respekt vor der Selbständigkeit der Staaten", aber auch aufgrund der bestehenden wirtschaftlichen Unterschiede abgelehnt, obwohl die Zollschranken selbst abgeschafft werden sollten. Die endgültige "Neuordnung" der wirtschaftlichen Verhältnisse blieb langfristigen Wirtschaftsverträgen Vorbehalten, die die "W irtschaftsstruktur der vertrag­ schließenden Länder im Sinne einer gegenseitigen Ergänzung" beeinflussen und das "System der W irtschaftslenkung auch au f die zukünftige europäische Zusammenarbeit übertragen" würden.84 Während Kiesewetter dabei eine "bewußte zentrale politische Leitung" negierte,85 sahen andere Autoren eine Übertragung der politischen Strukturen au f die W irtschaft durchaus als notwendig, ja entwicklungsbedingt an. So betonte beispielsweise Carlo Emilio Ferri von der Universität Pavia die "Notwendigkeit zu einer kontinentalen politisch-militärischen Macht, die fähig ist, im allgemeinen Interesse die Verteidigung Europas nach außen und die einheitliche Ordnung im Innern zu garantie­ ren." Diese Macht sah er in der Achse, die durch zwischenstaatliche Organe für "räumli-

82

Vgl. A. Predöhl: Grossraum, Autarkie und Weltwirtschaft, a.a.O., S. 162ff.

83

Vgl. L. Gutterer: Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.O., S. 59 lf.

84

Vgl. H. Jecht: Die Entwicklung zur europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.O, S. 62.

85

Vgl. B. Kiesewetter: Planvolle Industrialisierung in der Grossraumwirtschaft, a.a.O., S. 192.


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c h e Zonen w ie ftir produktive Sektoren" ergänzt werden sollte.86 Daneben plädierte A n to n Reithinger zum indest für eine "regionale Ordnung von Erzeugung und Absatz im gesam teuropäischen Raum ", deren konkrete Ausgestaltung hinsichtlich ihrer politischen Instanzen und Schlußfolgerungen allerdings offen blieb.87 Letztlich liefen die Organisationsstrukturen des geplanten "Großwirtschaftsraumes" w eitgehend a u f eine vorgebliche Alternative zur liberalen Weltwirtschaft hinaus, ohne d ie letzte K onsequenz der ausschließlichen Ausrichtung auf die deutschen Interessen d ire k t zu benennen: In bew ußter Abgrenzung vom liberalen Wirtschaftsmodell wurde d e r internationalen Arbeitsteilung eine "vernünftige Arbeitsteilung" im Großwirtschafts­ rau m entgegengesetzt, die allgemeine Meistbegünstigung durch das Prinzip der "Gegen­ seitigkeit" abgelöst, die "komparativen Kosten" durch eine "soziale Gerechtigkeit" und d a s liberale durch ein "völkisches" Außenhandelsprinzip ersetzt, so daß letztlich der H errsch aft des M arktes scheinbar die Wirtschaft als eine "Funktion des Volkes" ent­ gegengestellt w erden konnte.88 In dieser Argumentationslinie wurde die wirtschaftliche Zusam m enarbeit zum Credo der Ideen vom "Großwirtschaftsraum", wobei die Entwick­ lu n g der eigenen wirtschaftlichen Kräfte einer Nation durch die Wirtschaftsleistung der "befreundeten und auch im Ernstfall zugänglichen Nachbarn" ergänzt werden würde.7' D ab ei hob zw ar beispielsweise Clodius hervor, das diese "befriedete europäische Wirt­ schaft" nur durch die gemeinsame Zusammenarbeit, nicht aber durch den Zwang und die G ew alt eines Krieges entstehen könne,90 aber die deutsche Praxis zeichnete ein durchaus anderes Bild von der wirtschaftlichen "Neuordnung". D iese R ealitäten klangen vor allem in den Reden des Reichswirtschaftsministers W alther Funk an, der den europäischen "Großwirtschaftsraum" konsequent als deutsches Interessengebiet definierte. Zwar sprach auch Funk davon, "Produktion und Bedarf im gesam ten europäischen Raum weitgehend aufeinander abzustimmen" und dabei die "natürlichen Produktionsbedingungen", aber auch die "Bedürfnisse des europäischen M arktes" zu berücksichtigen.91 Gleichzeitig propagierte er aber die Methoden der autoritären Staaten als "Ordnungsfaktor", da sich das deutsche System im Krieg bewährt h ab e. Die "politische Achse" war zu einer "wirtschaftlichen Achse" geworden, deren

86

Vgl. C.E. Fern: Vorschläge zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa, in: Junges Euro­ pa, 1943, S. 41-45, S. 43.

87

Vgl. A. Reithinger: Europäische Industriewirtschaft, in: Europäische Wirtschaftsgemein­ schaft, Berlin 1942, S. 94-116, S. 107.

88

Vgl. W. Grävell: Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel, a.a.0., S.

89 90

Vgl. H. Hunke: Die Grundfrage: Europa - ein geographischer Begriff oder eine politische Tat­ sache, a.a.O., S. 225. Vgl. C. Clodius: Europäische Handels- und Wirtschaftsverträge, a.a.O., S. 208.

91

Vgl. W. Funk: Das wirtschaftliche Gesicht des neuen Europa, a.a.O., S. 28.

66.


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Wirtschaftskraft durch die militärischen Erfolge fast au f dem ganzen Kontinent ver­ ankert sei.92 Damit lag die Schlußfolgerung nahe, die gesamte w irtschaftliche "Neuordnung" letztlich weitgehend ausschließlich au f den deutschen B edarf abzustim m en. In seiner Rede vor der in- und ausländischen Presse vom 25. Juli 1940 hatte F unk - au f dem Hö­ hepunkt der deutschen Siege - die Grundzüge der nationalsozialistischen Vorstellungen vom "Großwirtschaftsraum" entsprechend folgenderm aßen formuliert: "1.

2. 3.

4.

Durch den Abschluß von langfristigen W irtschaftsabkom m en m it den europäi­ schen Staaten soll erreicht werden, daß die europäischen Volkswirtschaften sich in ihren Produktionsplanungen langfristig au f den deutschen M arkt... einstellen. Dadurch wird es möglich, die europäische Produktion w eiterhin zu steigern... Andererseits werden dann auch für die deutschen W aren bessere Absatzmöglich­ keiten in den europäischen M ärkten bestehen. Durch Schaffung stabiler K ursverhältnisse soll ein reibungslos funktionierendes Zahlungssystem... sichergestellt werden... D urch Erfahrungsaustausch... soll ein Höchstm aß an Produktion von Nahrungs­ mitteln und Rohstoffen erzielt und eine vernünftige wirtschaftliche Arbeitsteilung in Europa herbeigeführt werden. Durch zweckmäßigen Einsatz der... Wirtschafts­ kräfte soll der Lebensstandard der europäischen V ölker gehoben und ihre Si­ cherheit gegenüber etwa möglichen Blockademaßnahmen von Außereuropa noch erhöht werden. Es muß eine Stärkung des wirtschaftlichen Gem einschaftsgefühls unter den europäischen Völkern herbeigeführt werden durch Zusam m enarbeit auf allen Gebieten der Wirtschaftspolitik... Die W irtschaftssolidarität... soll eine bessere Vertretung der europäischen W irtschaftsinteressen gegenüber anderen wirt­ schaftlichen Gruppen... ermöglichen."93

In unnachahmlicher Weise war es Funk damit gelungen, die deutschen Ansprüche mit den Parolen vom wirtschaftlichen Allgemeinwohl zu verbinden, wobei die Deutlichkeit, in der er die deutschen Ansprüche äußerte, weitgehend ohne Beispiel blieb. In der nationalsozialistischen "Großraum"-Konzeption trafen im wirtschaftlichen Bereich letztlich die m odernen "Prinzipien des komplementären H andels und Methoden des grenzüberschreitenden industriellen Managements" m it den im perialistischen deutschen M itteleuropaplänen aus dem Ersten W eltkrieg zusammen, die nunm ehr analog zum Kriegsverlauf und den wirtschaftlichen Bedürfnissen geographisch ausgedehnt wurden.94 Deutscher Herrschaftanspruch und nicht zuletzt die Erfordernisse des Krieges prägten 92

Vgl. W. Funk: Der wirtschaftliche Aufbau Europas, a.a.O., S. 8 8 f, 91.

93

W. Funk: Wirtschaftliche Neuordnung Europas, a.a.O., S. 13f.

94

Vgl. E. Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft, a.a.O., S. 251.


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187

die strukturellen V orstellungen, nach denen der "Großwirtschaftsraum" organisiert w erden sollte.

4.2.

Organisatorische Strukturen und deutsche Hegemonie

4.2.1. Die B eziehungen der europäischen "Teilräume" A uch die nationalsozialistischen Überlegungen hinsichtlich einer wirtschaftlichen Verflechtung der europäischen Staaten zum einheitlichen "Großwirtschaftsraum" konn­ ten nicht umhin, die bestehenden vielfältigen Unterschiede zwischen den einzelnen Län­ d ern und R egionen zu berücksichtigen. Dabei wurde vor allem die spezifische Ver­ teilung industrieller und landwirtschaftlicher Schwerpunkte betrachtet, die - ergänzt durch eine unterschiedliche "biologische Grundstruktur" und verschiedene soziale A spekte - eine G liederung der europäischen Wirtschaft nach der "Produktions- und V erbrauchsstruktur" ermöglichte. A uf dieser Grundlage stellte Anton Reithinger zu­ nächst fest, daß Geburtenreichtum und Bevölkerungsdichte von Norden nach Süden bzw . von W esten nach Osten Zunahmen, während die Einkommenshöhe und damit die K aufkraft sow ie das Kapital insgesamt in diesen Richtungen abnahmen. So konzen­ trierten sich die industriellen Standorte in Zentraleuropa, die "Peripherie" war dagegen überwiegend agrarisch bestimmt.95 Anhand dieser Beobachtungen unterschied Reithinger daraufhin fünf "geographische Teilräume" m it ähnlichen politischen und wirtschaftlichen Strukturen, deren unter­ schiedliche Entwicklung bei der Bildung des "Großwirtschaftsraumes" beachtet werden müsse: die zentraleuropäische Mitte, Westeuropa, Südosteuropa, Südeuropa und Nord­ europa.96 H inzu traten entsprechend den Vorstellungen über eine "tropische Ergänzung" des "Großraumes" in anderen Darstellungen die afrikanischen Gebiete, die den künftigen "Großwirtschaftsraum " abrunden sollten, um die europäische "Wirtschaftsfreiheit" zu gewährleisten.97 Reithinger unterschied dabei "Zenraleuropa", das im wesentlichen vom Deutschen Reich gebildet w urde, als "dicht bevölkerten, hochindustrialisierten Zuschußraum an R ohstoffen und abgeschwächt auch an Lebensmitteln" und als "Oberschußraum an Fertigwaren", der "zahlungsbilanzmäßig betrachtet, ein aktiver Raum" sei, da er "mehr produziert als er verbraucht";

95

Vgl. A. Reithinger: Voraussetzungen und Grössenordnung der kontinentaleuropäischen Gross­ raumwirtschaft, a.a.O., S. 17,26.

96

Vgl. ebenda, S. 17 sowie A. Reithinger: Europäische Industriewirtschaft, a.a.O., S. 109.

97

Vgl. G. Gebhardt: Europas Wirtschaftsfreiheit, a.a.O., S. 65ff.


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"Westeuropa", das Frankreich, Belgien, Holland und die Schw eiz umfaßte, wäre dagegen "ein Zuschußraum an Rohstoffen und Nahrungsm itteln", der "wesentlich mehr verbraucht hat als er produziert" und damit ein "hochpassiver Teilraum" war; den "Südosten", also die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, B ulgarien und Rum ä­ nien, stellte einen "Überschußraum an Lebensmitteln und Rohstoffen" sowie einen "Zuschußraum an Fertigwaren" dar, der aber als "aktiv" galt, da er "mehr erzeugt als er konsumiert"; "Südeuropa", bestehend aus Italien, Spanien, Portugal und Griechenland, zeichnete sich durch einen "Einfuhrüberschuß an Rohstoffen" und einen geringen "Ausfuhrüber­ schuß an Nahrungsmittel und Fertigwaren" aus; sowie den "nordeuropäischen Teilraum", der sich au f Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland erstreckte, verfugte dagegen über einen Überschuß an R ohstoffen und N ah­ rungsmitteln, der allerdings durch einen "doppelt so großen E infuhrbedarf an Fertigwa­ ren" ausgeglichen wurde.98 D er afrikanische Kontinent wurde in der Darstellung von Oesterheld dann zum "europäischen Vorfeld", das als "die Europa vorgelagerte Quelle kolonialer Güter" angesehen wurde und damit faktisch die europäischen "Teilräume" vervollständigte. Dennoch galt Afrika als eigenständiger "W irtschaftsraum", dessen Erschließung eine gesamteuropäische Aufgabe darstellen sollte,99 da Europa und A frika eine "raumwirt­ schaftliche Einheit" bilden w ürden.100 W ährend Großbritannien in dieser Betrachtungsweise eine Sonderstellung zugeordnet wurde, da es nur zu einem geringen Teil in den europäischen H andel einbezogen wäre und dam it aus dem "Wirtschaftsraum" - entsprechend der deutschen Frontstellung ausgeschlossen bliebe, galt Rußland durchaus als "integraler Bestandteil" der "Groß­ raum w irtschaft".101 Insgesamt wurde allerdings die "Mitte Europas", wie schon in geopolitischer Sichtweise deutlich geworden war, auch zum wirtschaftlichen Schwer­ punkt des Kontinents stilisiert, der als "industrielles Herz" Europas den "idealen Mittler" für die Neuausrichtung der "Teilräume" bilden w ürde.102 D abei galten zw ar offiziell die Achsenmächte zusammen als erste "reale Gemeinschaft au f wirtschaftlichem Gebiet", so

98

Vgl. A. Reithinger: Europäische Industriewirtschaft, a.a.O., S. 109 und ders.: Voraussetzungen und Größenordnung der kontinentaleuropäischen Grossraumwirtschaft, a.a.O., S.26f.

99

Vgl. A. Oesterheld: Wirtschaftsraum Europa, a.a.O., S. 141 ff.

100

Vgl. Orsini, Paolo d'Agostino: Die Kolonialfrage und die neue Ordnung, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1941, S. 432-440, S. 435.

101

Vgl. G. Gebhardt: Europas Wirtschaftsfreiheit, a.a.O., S. 13ff.

102

Vgl. A. Reithinger: Voraussetzungen und Größenordnung der kontinentaleuropäischen Gross­ raumwirtschaft, a.a.O., S. 30.


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daß Deutschland und Italien gemeinsam eine besondere Stellung zugeordnet wurde.103 Dennoch konzentrierten sich diese Führungsvorstellungen in der Realität ausschließlich au f Deutschland, das dank seiner überlegenen Wirtschaftskraft zum stärksten Faktor in Europa geworden und dam it zur Führung "berufen" sei.104Ausgehend von seiner "Lage im Raum" und seiner wirtschaftlichen Ausrichtung auf den europäischen Kontinent galt Deutschland deshalb als besonders prädestiniert, die wirtschaftliche "Neuordnung" zu leiten.105 Dabei käme es in deutscher Sicht vor allem darauf an, die Unterschiede zwischen den industriellen und agrarischen Gebieten im "Großwirtschaftsraum" auszugleichen,106da die "tatsächliche W irtschaftskraft" sowohl von den materiellen Wirtschaftsfaktoren als auch dem W irtschaftssystem und dem Willen zur Zusammenarbeit abhängen würde. Der endgültige A usgleich der strukturellen Unterschiede zwischen den "Teilräumen" könne allerdings selbst unter militärischen Bedingungen nur langsam erfolgen.107 Trotzdem verfüge E uropa n ach der Einschätzung Funks unter Einbeziehung des Ostens und des afrikanischen Raum es sowohl über die wichtigsten Industrierohstoffe als auch über eine gesicherte Em ährungsgrundlage, so daß seine "Eignung" zum "Großwirtschaftsraum" bewiesen w äre.108 D er angestrebte A usgleich zwischen den Teilräumen sollte künftig über eine wei­ tergehende w irtschaftliche Verflechtung erfolgen, für die - unter der Führung Deutsch­ lands - bereits erste Prinzipien deutlich gemacht wurden: In Analogie zum Modell eines Atoms erschien die großdeutsche Volkswirtschaft als "Kemwirtschaft", um die sich die anderen Volkswirtschaften - ähnlich der Elektronen - in unterschiedlich starker Bindung gruppierten.109 O berstes Prinzip wäre dabei der "regionale Grundsatz", der darauf hinauslief, daß "m an das, was man in Europa kaufen kann, auch wirklich in Europa kaufen soll, und daß um gekehrt derjenige, der etwas in Europa zu verkaufen hat, es so lange in E uropa verkaufen soll, als hier in Europa noch ein Bedarf für diese Ware zu

103

Vgl. H. Fick: Die Wirtschaftspolitik der Achse, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 360-369, S. 362f; siehe auch E. Maurer: Der Weg zur Kontinentalwirtschaft, a.a.O., S. 13.

104

Vgl. W. Croll: Wirtschaft im europäischen Raum, Wien 1940, S. 251.

105

Vgl. H. Jecht: Die Entwicklung zur europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.O., S. 61 sowie J. Winschuh: Europas Lebensstandard und das verarbeitende Deutschland als Kunde und Verbraucher, in: Volk und Reich, 1940, S. 260-264, S. 260.

106

Vgl. M. Manoilescu: Die drei Europa, in: Europäische Revue, 1939, S. 191-198, S. 195.

107

Vgl. A. Reithinger: Die europäische Wirtschaftskraft bei planvoller Zusammenarbeit, ia.0., S. 143,150. Vgl. W. Funk: Das wirtschaftliche Gesicht des neuen Europa, a.a.O., S. 26f.

108 109

Vgl. W. Weigmann: Leistungsgewichte zur Ordnung der Großraumwirtschaft, in: Nationale Wirtschaftsordnung und Grossraumwirtschaft, Jahrbuch 1942, S. 25-27, S. 26.


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decken" sei.110 In diesem Sinne galt es laut Kiesewetter, alle produktiven Kräfte der "Teilräume" im Rahmen einer "planvollen europäischen Zusam m enarbeit" organisch zu entwickeln, wobei ein "einseitiges Wachstum" genauso zu verm eiden sei wie eine etwaige Industrialisierung um jeden Preis. Unter dem Gesichtspunkt der "Planmäßig­ keit" wären alle Volkswirtschaften verpflichtet, sich in ein neues, von gemeinschaftli­ chen Interessen bestimmtes Ordnungssystem einzufugen, das zw ar "natürlich" auf die großen Wirtschaftsmächte ausgerichtet sein würde, aber den Gegebenheiten des eigenen Raumes genauso Rechnung zu tragen hätte wie den Gesam tinteressen der "Großraum­ wirtschaft".111 Darüber hinausgehende organisatorische Schlußfolgerungen unterblieben zunächst, da die deutsche Wirtschaft über die Kriegs- und Besatzungspolitik vorerst in der Lage war, die europäische Wirtschaft im eigenen Interessen auszunutzen und sie bereits um­ zugestalten. Um den damit einhergehenden Ängsten in den besetzten west- und nord­ europäischen Ländern zu begegnen, die befürchteten, neben der politischen auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit einzubüßen, blieben die Ü berlegungen über den Grad der Verflechtung im künftigen "Großwirtschaftsraum" weitgehend offen: So betonte Oesterheld, daß die Zollgrenzen zunächst nicht angetastet w ürden, da eine "völlige W irtschaftsunion" eine längere Übergangszeit benötige. A ußerdem w ies er daraufhin, daß Deutschland keinerlei "monopolistische Tendenzen" verfolge. Alle gegenwärtigen Erscheinungen, die diese Befürchtungen aufkomm en ließen, charakterisierte er als ausschließlich "kriegsbedingt", sah aber dennoch die Ü bernahm e des deutschen Len­ kungsprinzips für die künftige "Großraumwirtschaft" als notwendig an. Daraus leitete er dann vorerst drei "Generalprinzipien" für die w irtschaftliche Verflechtung im europäi­ schen Raum ab: 1. sollte die "wirtschaftspolitische Stellung jedes einzelnen Landes in Europa und damit sein Verhältnis zu den übrigen M itgliedern des europäischen Blocks fest Umrissen sein", was letztlich die angestrebte Rangfolge in der politischen Ordnung der "Völ­ kerfamilie" um die wirtschaftliche K om ponente erweiterte; 2. würden sich "die Länder Europas zu einer abgestim m ten E instellung in ihrem Ver­ hältnis zur Weltwirtschaft, also zu den frem den G roßw irtschaftsräum en, durch­ finden müssen, wobei nicht das Einzelinteresse eines Teilgebietes, sondern das Be­ dürfnis des gesamten Kontinents, der unter der Führung der Achsenm ächte steht, maßgebend" wäre, so daß das Führerprinzip auch in den Außenhandelsbeziehungen der gesamteuropäischen W irtschaft Geltung erhielt; und 3. m üsse sich "jedes Land zu einer Ordnung der Produktion und des Marktes" ent-

110

Vgl. C. Clodius: Europäische Handels- und W irtschaftsverträge, a.a.O., S. 197.

111

Vgl. B. Kiesewetter: Probleme einer planvollen europäischen Rohstoff- und Industriewirt­ schaft, a.a.O., S. 631ff.


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schließen, "ohne die eine Vereinheitlichung eines nicht im Überfluß lebenden K ontinents zu einer Großraumwirtschaft nicht möglich" sei.112 D am it beschwor O esterheld das Bild eines auf Gegenseitigkeit beruhenden Wirtschafts­ verkehrs, der laut G rävell den drohenden konjunkturellen Schwankungen des Weltmark­ tes durch gesicherte Absatzvereinbarungen begegnen könne, die jedem eine Beteiligung am "sozialen A ufstieg des gesamten wirtschaftlichen Großraumes" sichern würden.113 D ie deutsche F ührung galt dabei als unverrückbare Prämisse, da die wirtschaftlichen B eziehungen, die D eutschland zu den europäischen Staaten herstellt hatte, als ent­ scheidende G rundlage der künftigen Verflechtung dargestellt wurden.114Das deutsche Führerprinzip, das laut F m k eine "freie Wirtschaftsinitiative" mit einer "staatlichen G esam tlenkung" verband, wurde damit auf den geplanten "Großwirtschaftsraum" ins­ g esam t übertragen.115 Folgerichtig wurden der deutschen Wirtschaft besondere "Auf­ gaben" zugeordnet, die ihrer postulierten "Verantwortung" für den Kontinent gerecht w erd en sollten: In der Zusammenarbeit mit den westlichen und nördlichen Nachbar­ gebieten käm e es d arau f an, die führende und "helfende Stellung" Deutschlands auch n a c h dem K rieg w eiter auszubauen, während die deutsche Politik im Osten dessen "kolonisatorischen A ufbau" fördern müsse.116 Die vielfach hervorgehobene Überlegen­ h e it der deutschen Technik und nicht zuletzt die umfassende Qualifizierung der deut­ sch e n Arbeiter w ürden dafür die notwendigen Voraussetzungen liefern.117 D a damit der Eindruck einer eindeutigen deutschen Hegemonie nur schwer zu leug­ n e n war, versuchte beispielsweise Kiesewetter, die Vorzüge der "Gemeinschaftsarbeit" stärker in den M ittelpunkt zu rücken, stellte aber gleichzeitig klar, daß diese im Rahmen ein er Arbeitsteilung durchaus bestimmte Ein- bzw. Unterordnungen notwendig machten. B ereits für 1941 schätzte er ein, daß Deutschland den "kontinentaleuropäischen Wirt­ schaftsraum " beherrsche und die europäischen Völker ihre Beziehungen auf den deut­ sch e n Staat ausgerichtet hätten - eine Annahme, die allerdings weitgehend aus der deutschen Besatzungspolitik und der weiteren Kriegführung resultierte.118 U m trotz dieser offenkundigen Widersprüche die "Vorzüge" der geplanten wirt-

112

Vgl. A. Oesterheld: Wirtschaftsraum Europa, a.a.O., S. 128ff, 135.

113

Vgl. W. Grävell: Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel, a.a.0., S. 79f.

114

Vgl. H. Backe: Das Schicksal der europäischen Landwirtschaft, a.a.0., S. 303.

115

Vgl. W. Funk: Der wirtschaftliche Aufbau Europas, a.a.O., S. 92.

116

Vgl. H. Achinger: Deutsche Raumordnung und europäischer Wirtschaftsaufbau, in: Raumfor­ schung und Raumordnung, 1942, S. 9-12, S. Uf.

117

Vgl. K. Wagner: Neuausrichtung der Technik in Europa, in: Nationalsozialistische Monats­ hefte, 1941, S. 229-237, S. 235f. Vgl. B. Kiesewetter: Der europäische Grosswirtschaftsraum und der Stand der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der europäischen Volkswirtschaften 1941, a.a.O., S. 76, 87.

118


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schaftlichen Verflechtung unter deutscher Führung nachzuweisen, w urden vor allem die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Südosten angeführt, die schon in den dreißiger Jahren entstanden waren. In konsequenter Ü berspitzung und Fehldeutung der Tatsachen erschienen die verschiedenen Projekte und V erträge als Vorstufe der an­ gepriesenen "Großraum"-Vorstellungen, ohne den faktisch angestrebten kolonialen Status der Balkanländer zu definieren.119 Der Südosten war bereits Anfang der dreißiger Jahre als potentieller "Rohstoffergän­ zungsraum" in das Blickfeld der N S-Politik gerückt, ohne daß angesichts sich überla­ gernder Konzepte und Einzelinitiativen (so von Schacht oder G öring) ein einheitliches politisches Konzept entstand.120 Dennoch widm ete sich die w issenschaftliche Propa­ ganda verstärkt diesen Beziehungen. W ährend Friedrich Schm idt den Südosten 1940 noch rein machtpolitisch als "deutsches Interessengebiet" beschrieb,121 rückte nach dem Ausbruch des Krieges die Idee der gegenseitigen "Verflechtung" im m er stärker in den M ittelpunkt. So hob von Hasseil die "breite, m annigfaltige und ausdehnungsfähige landwirtschaftliche Grundlage" und den "beträchtlichen, aber nicht in vollem Umfange festgestellten Reichtum an den verschiedensten Bodenschätzen" hervor, die mit einer "zwar nicht gleichmäßigen, aber im ganzen überall vorhandenen wirtschaftlichen und sozialen, mit Kapitalarmut verbundenen Primitivität" einhergingen, als besonderes Potential der südosteuropäischen Staaten, das m it deutscher Hilfe entwickelt werden konnte. Dabei sollte Deutschland "im Fördern der natürlichen Entw icklung von Südost­ europa das eigene Interesse erblicken", um den V orw urf einer m öglichen einseitigen Ausrichtung der einheimischen W irtschaft au f den deutschen M arkt zu entkräften.122 Nachdem Deutschland für den eigenen B edarf zunächst vor allem neue Nahrungs- und Rohstoffquellen im Südosten erschlossen hatte, käm e es deshalb jetzt laut Helmut Wohlthat darauf an, "durch Kapitaleinschuß den Entw icklungs- und Leistungsstand der betreffenden Volkswirtschaft im ganzen zu heben, um m it der H ebung des Lebensstan­ dards im Laufe der Jahre eine dauernde Erhöhung der A ufnahm efähigkeit für deutsche Waren zu erzielen."123 Dabei galt besonders die vorgebliche V erbindung von deutschen Abnahmegarantien für landwirtschaftliche Produkte, für die Festpreise zum Teil über dem W eltmarktniveau gezahlt wurden, m it deutschen Lieferungen von Produktions119

Vgl. W. Treue: Das Dritte Reich und die Westmächte auf dem Balkan, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1953, S. 45-64, S. 54.

120

Vgl. A. Kube: Außenpolitik und "Großraumwirtschaft", in: W irtschaft und politische Integra­ tion in Europa im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 1984, S. 185-211, S. 186ff.

121

Vgl. F. Schmidt: Das Reich als Aufgabe, Berlin 1940, S. 61.

122

Vgl. U. v. Hasseil: Deutschlands wirtschaftliche Interessen und A ufgaben in Südosteuropa, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 481-488, S. 481 ff.

123

Vgl. H. Wohlthat: Neue Entwicklungsmöglichkeiten des deutschen Verrechnungsverkehrs, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1939, S. 701-706, S. 705.


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m ittein , die die gegenseitigen Konten ausglichen,124 als Beispiel der "Solidarität der W irtschaftsinteressen",125 das die deutschen Beziehungen zum Südosten zur "Keimzelle

17

e in e r europäischen W irtschaftspolitik" mache.126 In der Realität beschränkten sich die tatsächlichen Verflechtungen allerdings auf erste A n sätze, die zudem von den südosteuropäischen Ländern durch gleichzeitige Verträge m it G roßbritannien und Frankreich ergänzt und unterlaufen wurden. Die notwendige E n tw ick lu n g d er südosteuropäischen Wirtschaft erwies sich als sehr langfristiger P ro z e ß .127 G enauso trug die Verflechtung der europäischen "Teilräume" insgesamt tro tz aller gegenteiligen Beteuerungen - zunächst nur den kriegswirtschaftlichen Er­ fordernissen D eutschlands Rechnung bzw. wurde überhaupt erst durch den Einsatz m ilitärisch er M ittel m öglich. Die überwiegend zwangsweise durchgesetzten Anfänge e in er "europäischen M arktordnung" erschienen in der wissenschaftlichen Aufarbeitung daraufhin lediglich als notwendige, aber vorübergehende Härten, die nach dem Ende des K rieges durch die angepriesenen "solidarischen" Strukturen abgelöst würden, die bereits im V erlauf des K rieges vorbereitet werden sollten. Dabei war der geplante bzw. bereits in Ansätzen realisierte europäische Verrechnungsverkehr eine der konkretesten Kompo­ n en ten der w irtschaftlichen "Großraum"-Theorie insgesamt.

4 .2 .2 . Europäische M arktordnung und Verrechnungssystem D ie Überlegungen hinsichtlich einer neuen europäischen Marktordnung gingen konse­ quenterw eise von dem deutschen Anspruch aus, auch nach dem Ende des Krieges nicht z u dem "freien und unkontrollierten" Waren- und Zahlungsverkehr des liberalen Wirt­ schaftssystem s zurückzukehren. Perspektivisch sollte statt dessen die staatliche Len­ kung, die Deutschland im Außenhandel und im Zahlungsverkehr bereits praktizierte, auf d ie Beziehungen im "Großwirtschaftsraum" übertragen werden.128Ausgehend von einer entsprechenden Um gestaltung der nationalen Wirtschaften, die sich im Krieg vor allem d u rc h die m assiven deutschen Eingriffe in den besetzten Staaten bereits abzeichnete, w ü rde daraufhin laut Werner Daitz aus der "Marktordnung der national neugeordneten W irtschaften Europas die Marktordnung der europäischen Großraumwirtschaft" ent124

Vgl. dazu die Darstellung des deutsch-rumänischen Wirtschaftsabkommens vom 23. März 1939 z.B. bei H. Krämer: Zwischenstaatliche Wirtschaftslenkung nach strukturellen Maßstäben, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1939, S. 377-382.

125

Vgl. E. Wagemann: Abhängigkeit oder Gegenseitigkeit?, in: Europäische Revue, 1940, S. 1925, S. 2 2ff sowie A. Oesterheld: Wirtschaftsraum Europa, a.a.O., S. 121ff.

126

Vgl. E. Maurer: Der Weg zur Kontinentalwirtschaft, a.a.O., S. 158.

127

Vgl. A. Kube: Außenpolitik und "Großraumwirtschaft", a.a.O., S. 204ff.

128

Vgl. C. Clodius: Neue Wege der europäischen Handelspoliük, a.a.O., S. 154f.

I


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stehen.129 An oberster Stelle stand dabei in D aitz' "lebensräumlich" geprägten Vorstel­ lungen die Verpflichtung, daß der "europäische B edarf' - getreu einer "europäischen gegenseitigen Präferenz" - zunächst in Europa zu decken sei und danach erst in "raum­ und rasseffemden Erdteilen". Das verlange aber gleichzeitig, daß der wirtschaftliche "Bedarf der europäischen Völkerfamilie auf dem technisch vollkom m ensten Wege unter Wahrung der Souveränität der einzelnen Volkswirtschaften, ihrer Kontingente, Preise usw. ohne Verluste durch unnötige Transport- und Zw ischengew inne... 2mm gemeinen Besten Europas" zu verwirklichen sei. Daitz dehnte dam it das M odell der "lebens­ räumlichen" Abgrenzung und Einteilung der W elt au f die Sphäre des M arktes aus und erklärte die liberalistische Weltwirtschaft m it ihrer "Meistbegünstigungsklausel" für beendet. Innerhalb der sich "präferenzierenden W irtschaftsräum e" sollten die einzelnen Volkswirtschaften, die "nach den Grundsätzen nationaler W irtschaftslenkung und Planung geordnet" werden müßten, "nicht etwa aufgelöst" w erden, sondern ihre "na­ tionale Eigenständigkeit" behalten, ja sie "eigentlich erst durch erhöhte nationale Ar­ beitsteilung, die Monokulturen möglichst vermeidet und die Prinzipien des englischen Weltwirtschaftssystems in der Struktur der europäischen Großraum wirtschaft auch sonst ausschließt", erst gewinnen. Damit würde die "europäische M arktregelung" zwei we­ sentliche Ziele erreichen, nämlich 1.

einen "verbilligten Austausch dadurch, daß... die Erzeugung und der Bedarf auf dem kürzesten Wege unter Verm eidung der bisher üblichen U m w ege und Zwi­ schengewinne zusammengeführt werden"; sowie

2.

eine "planmäßige Förderung der europäischen E rzeugung und Erschließung bis­ her zugunsten fremder Erdteile vernachlässigter Rohstoffquellen, Anbaumöglich­ keiten usf.",die zu einer "bisher nicht gekannten Leistungssteigerung, Unabhän­ gigkeit und Vergrößerung des Nationaleinkommens" der einzelnen Staaten fuhren

würden.130 Diese von Deutschland vordergründig erstrebte allgem eine "Steigerung des Lebensstan­ dards", die die deutsche Führungsrolle au f w irtschaftlichem G ebiet bekräftigen sollte, diente als eine wichtige Begründung der w irtschaftlichen "Großraum "-Idee, in deren Umsetzung die Sphäre des zwischenstaatlichen H andels völlig neu gestaltet würde. So benannte J o s e f Winschuh "gegenseitige Lieferverpflichtungen bei stabilen Preis- und Mengenverhältnissen" als "Grundlage" des deutschen A ußenhandels, der damit die beschriebenen M arktverhältnisse im künftigen "G roßw irtschaftsraum " bereits vor­ wegnahm. Durch die Ausrichtung au f einen großen "D auerabnehm er" w ie Deutschland, der stabile Preise garantiere und gleichzeitig die V olksw irtschaften der Partnerländer weiterentwickele, sollte es damit m öglich sein, den L ebensstandard der beteiligten

129

Vgl. W. Daitz: Die Grundlagen europäischer M arktordnung, a.a.O., S. 24.

130

Vgl. ebenda, S. 25ff.


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L än d e r stetig zu steigern, so daß die deutsche Handelsmethode der liberalen eindeutig überlegen w äre.131 K a rl Schiller ordnete diese Veränderungen in den Handelsgepflogen­ heiten dann insgesam t in eine Entwicklung ein, die seit dem Weltkrieg und der Weltwirt­ schaftskrise davon gekennzeichnet sei, daß über die Handelsverträge zunehmend "Ansät­ z e zur zw ischenstaatlichen Produktions- und Konsumplanung'' entstehen würden. U m fassende "produktionsplanende Wirtschaftsverträge", die durch Zahlungs- und V errechnungsabkom m en ergänzt werden sollten, lösten nunmehr scheinbar die her­ köm m lichen H andelsabkom m en ab.132 Angesichts dieser neuartigen Verträge entwickelte man gleichzeitig ein neues Ver­ rechnungssystem , das unabhängig vom bisherigen Goldstandard den Handel im künfti­ g e n europäischen "Großwirtschaftsraum" fundieren würde. Dazu war im deutschen A ußenhandel bereits in den dreißiger Jahren das Modell des Clearings entstanden, das allerdings w eniger eine Innovation als eine Anpassung an die aktuellen Trends der W eltwirtschaft bedeutete.133 Entsprechend Schachts "Neuem Plan" von 1934 sollten die außenwirtschaftlichen Beziehungen daraufhin nicht mehr auf der Basis von "Gold, Geldu n d Kreditbeziehungen", sondern über "Produktions-, Waren- und Preisabsprachen" funktionieren. D am it traten die Währungsbeziehungen innerhalb der "großraumwirt­ schaftlichen" V erflechtung, die durch das Clearing verwirklicht werden sollte, zuneh­ m en d in den M ittelpunkt. In diesem Prozeß kam es der deutschen Politik besonders d a ra u f an, die R eichsm ark als "Mittel devisenloser Zahlungsvorgänge" und als "In­ strum ent der Marktsicherung" in eine bevorzugte Position zu bringen. Ein System fester W echselkurse, die von Berlin aus gesteuert wurden, bildete dafür im Rahmen des C learingverkehrs die Grundlage.134 Die NS-W issenschaft pries das Clearing dann besonders als Möglichkeit einer multi­ lateralen V errechnung an,135 nachdem Deutschland in seinen Beziehungen zu den südosteuropäischen Staaten zunächst vor allem bilaterale Formen angewendet hatte. Die nunm ehrige Verrechnung von Waren sollte dabei mehrere Vorteile bringen: Zum einen m achte sie die bisherige Golddeckung überflüssig. Zum anderen schien eine "laufende Überwachung der Zahlungsbilanzen" der in Berlin zentral geführten Clearingkonten zu versprechen, daß Krisenprozesse schon im Vorfeld unterbunden werden könnten, da das Clearing "einen gleichsam prophylaktischen Einsatz der staatlichen Lenkungsmaß-

. -

131

133

Vgl. J. Winschuh: Europas Lebensstandard und das verarbeitende Deutschland als Kunde und Verbraucher, a.a.O., S. 263f. Vgl. K. Schiller: Von Handelsverträgen zu Wirtschaftsverträgen, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 200-212, S. 200ff. Vgl. A. Kube: Außenpolitik und "Großraumwirtschaft", a.a.0., S. 194.

134

Vgl. E. Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft in Deutschland 1930-1939, a.a.0., S. 252f.

135

Vgl. W. Funk: Das wirtschaftliche Gesicht des neuen Europa, a.a.O., S. 32.

132

i


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nahmen" ermöglichen bzw. auch erfordern würde.136 Unter dieser Zielstellung verlangte Walther Funk deshalb neben der "staatlichen Lenkung der Zahlungsbilanzen", daß "in den Clearingverträgen feste, bei allen Zah­ lungen geltende Umrechnungssätze vereinbart werden, daß die K urse für lange Zeit stabil bleiben und daß die im Clearing überwiesenen Beträge stets sofort ausbezahlt werden", als weitere Voraussetzung für ein "gut funktionierendes Clearingsystem".137 Das avisierte "ausgleichende Clearing" schien sich dann "nicht mehr sehr wesentlich von dem Zustand der freien Devisenbewirtschaftung zu unterscheiden",138 was allerdings durch die Voraussetzung staatlicher Lenkungsmaßnahmen und die Präferenz des deut­ schen Marktes letztlich negiert wurde. So charakterisierte O esterheld das Clearing­ system direkt als Abkehr vom "freien Spiel der Kräfte", das durch eine "alle Staaten berührende große Planung" ersetzt würde, in der "die W irtschaftspolitiker der ver­ schiedenen Länder miteinander Kontingente aushandeln, bei deren Festsetzung die Erzeugungsmöglichkeiten und die Verbrauchsnotwendigkeiten des gesamten europäi­ schen Großwirtschaftsraumes berücksichtigt" werden sollten.139 Damit wurde der propagierte "Übergang vom Außenhandel zur Wirtschaftsverbun­ denheit in den europäischen Bezirken" durch das Clearingsystem zw ar zunächst tech­ nisch organisiert. Dennoch erfordere er aber - so Oesterheld - "überhaupt eine Neu­ schöpfung des politischen und wirtschaftlichen W eltbildes", bei der die "deutsche Wirtschaftsführung" eine "Pioniertätigkeit" leiste.140 D araus ergaben sich weitere Über­ legungen, die beabsichtigten, das Verrechnungssystem auch au f die internationale Ebene auszudehnen,141 ohne dabei wie in dem von Keynes entwickelten Plan einer "Interna­ tionalen Clearing-Union" die angenommene Präferierung Englands zuzulassen.142 Das setzte allerdings voraus, die geschilderten Problem e der Zwischenkriegszeit in deut­ schem Sinne zu lösen, wozu die deutsche Kriegs- und vor allem die Besatzungspolitik entscheidende Grundlagen zu schaffen versuchte. Für den europäischen "Großwirtschaftsraum" galt es dabei zunächst, ein Instrument der multilateralen Verrechnung zu installieren, das es gestattete, die Vorteile der mehr­ seitigen Verrechnung auszuschöpfen, das aber gleichzeitig auch den deutschen Vor­ machtsambitionen gerecht wurde: Die Idee einer europäischen Leitwährung für den

136

Vgl. E. Maurer: Der Weg zur Kontinentalwirtschaft, a.a.O., S. 162f.

137

Vgl. W. Funk: Wirtschaftliche Neuordnung Europas, a.a.O., S. 6 .

138

Vgl. C. Clodius: Europäische Handels- und W irtschaftsverträge, a.a.O., S. 205.

139

Vgl. A. Oesterheld: Wirtschaftsraum Europa, a.a.O., S. 136f.

140

Vgl. ebenda, S. 118.

141

Vgl. W. Croll: Wirtschaft im europäischen Raum, a.a.O., S. 293ff.

142

Vgl. W. Funk: Wirtschaftsordnung gegen W ährungsmechanismus, in: Auswärtige Politik, 1944, S. 491-508, S.494f.


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197

G ro ß w irtsc h a ftsra u m " entstand. Diese erforderte nach deutschen Vorstellungen eine u m f a s s e n d e N e u o rd n u n g des "geldwirtschaftlichen Funktionssystems", das den reinen G ü te ra u s ta u s c h im C learing ergänzen sollte.143 Trotz der deutlichen "Clearingspitzen" d e r S ch ulden, die D eutschland im V erlauf des Krieges bei den anderen Ländern machte, d a s ic h die deutsche W irtschaft immer stärker auf die Rüstungsproduktion konzentrieren m u ß t e - w urde D eutschland dabei für die Zeit nach dem Krieg durchaus als "fester R ü c k h a lt" des europäischen M arktes angepriesen.144 Ohne eine "Beseitigung der wäh­ ru n g s p o litis c h e n Selbständigkeit der einzelnen europäischen Partnerländer zugunsten e i n e r irgendw ie gearteten europäischen Einheitswährung" zu beabsichtigen, schien es d e n n o c h notw endig, ein "organisches Gefüge aufeinander abgestimmter Partnerwährun­ g e n " z u schaffen, in dem die führende Position der Reichsmark - und vorerst auch noch d e r L ira für den südeuropäischen Raum - postuliert wurde.145 Im Ergebnis der "wäh­ ru n g s p o litis c h e n R eform " ginge es schließlich um die "Herausbildung eines freien, durch m ö g l ic h s t w enig bürokratische Reglementierung gehemmten zwischenstaatlichen Z a h lu n g sv e rk e h rs zw ischen den einzelnen europäischen Ländern und eine weitgehende V e r fle c h tu n g ihrer Kreditm ärkte", was insgesamt "unter der Aufgabenstellung einer v o llb e s c h ä ftig te n und in ihrer Versorgung gesicherten Großraumwirtschaft" stand.146 E n tsp re c h e n d dem Grundsatz, daß eine "gesunde Währung" eine "gesunde Wirt­ s c h a f t" voraussetze, ging Walther Funk dabei davon aus, daß eine vollständige Rückkehr z u m G oldstandard auch nach dem Kriege nicht mehr möglich sei. Zwar würde Deutsch­ l a n d n ach dem Sieg durchaus wieder über Goldreserven verfugen, diese dienten dann a b e r n u r noch dazu, eventuelle Zahlungsrückstände - wie die erwähnten "Clearings­ p i t z e n " - in der V errechnung auszugleichen.147 Reichsmark und Lira dagegen würden n e b e n einer "dom inierenden Stellung" in Europa148 einen internationalen Standard für d e n H andel m it Ü bersee besitzen, der nicht abhängig von der Golddeckung wäre, s o n d e r n von der "vereinten Arbeitskraft und der einheitlich ausgerichteten Wirtschafts­ o r d n u n g der im kontinentaleuropäischen Wirtschaftsraum zusammengeschlossenen V o lk sw irtsc h a fte n ." 149 { D o c h vorerst bestim m ten die Realitäten des Krieges die Entwicklung von Markt­ o r d n u n g und Clearingsystem : Im Rahmen der deutschen Besatzungspolitik, die die

143

Vgl. B. Kiesewetter: Autarkie, Kontinentalwirtschaft, Weltwirtschaft, a.a.O. S. 79f.

144

Vgl. W. Funk: Das wirtschaftliche Gesicht des neuen Europa, a.a.O., S. 34.

145

Vgl. Benning: Europäische Währungsfragen, in: Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Berlin 1942, S. 162-183, S. 175.

146

Vgl. ebenda, S. 183. Vgl. W. Funk: Der wirtschaftliche Aufbau Europas, a.a.0., S. 90f.

147

1 ?

t

148

Vgl. W. Funk: Wirtschaftliche Neuordnung Europas, a.a.O., S. 5.

149

Vgl. W. Funk: Der wirtschaftliche Aufbau Europa, a.a.O., S. 90f.


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besetzten Länder massiv in die deutsche Kriegswirtschaft einband, gestalteten sich die Ansätze zur propagierten europäischen "Zusammenarbeit" doch nur sehr einseitig. Unter dem Vorwand, die wirtschaftliche "Neuordnung" vorzubereiten, w urden die besetzten Länder systematisch ausgeplündert, wobei in den Ostgebieten die militärischen Zwangs­ maßnahmen dominierten, während in West- und Nordeuropa die Idee der Collaboration als Ausgangspunkt des "Großwirtschaftsraumes" die deutschen A bsichten erleichterte. Um die unübersehbaren Härten der deutschen Forderungen und Ansprüche zu mil­ dem, versprach die NS-Propaganda den betroffenen Ländern im H inblick auf die "Großraumwirtschaft" eine Reihe von sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen, die durch eine umfassende europäische Wirtschaftslenkung - analog dem deutschen Führungs­ prinzip - erreichbar wären. Das betraf in Einzelfällen schon so spezifische Überlegungen wie etwa die künftige Verkehrsführung in Europa150 oder die Gestaltung der europäi­ schen Landwirtschaft,151 die aber im V erlauf des Krieges noch reine Planspiele blieben, Dagegen besaß die Frage einer europäischen Arbeitsteilung und eines europäischen Arbeitseinsatzes bereits immense praktische Bedeutung, da sie massive deutsche Bedürf­ nisse im Krieg berührte. Um diese Interessen zu gewährleisten, entw arf die NS-Wissen­ schaft zusätzlich die Idee einer neuen Sozialordnung, die anhand von Elementen der deutschen Volksgemeinschaft die Vollbeschäftigung zu garantieren versprach, um ebenso wie die ideologischen Konzepte - im weitesten Sinne integrativ zu wirken. Aus­ gehend von der vordergründig vermittelten Überzeugung, daß jedes V olk die "Wirt­ schaftslenkung seiner Eigenart und seinen besonderen Fähigkeiten anpassen" müsse, bildeten die "Erziehung zur Arbeit", die "Garantie des Arbeitsffiedens", der "Einbau der persönlichen Schaffenskraft in die Volksgemeinschaft" sowie die "Errichtung einer Sozialordnung" die Grundzüge des propagierten neuen W irtschaftssystems.152 In diesem Zusammenhang benutzten die Nationalsozialisten geschickt eine der größten Ängste der Bevölkerung - die Furcht vor der Arbeitslosigkeit, die vor allem in der Weltwirtschafts­ krise dramatische Ausmaße angenommen hatte. Da der N S-Staat die Beseitigung der Arbeitslosigkeit als eines der hervorragendsten Resultate seiner Politik darstellte, lag es nahe, diese "Vorzüge" mit der deutschen Führung nun auch au f den geplanten europäi­ schen Wirtschaftsraum auszudehnen: Durch eine "natürliche, lebensgesetzliche Ordnung innerhalb der Volkswirtschaften und ihrer Zusam m enarbeit in der Großraumwirtschaft’ gäbe es - so Daitz - in Zukunft keine Arbeitslosen mehr, da diese immer nur das "Sym­ ptom einer falschen Wirtschaftsordnung" wären. Im Gegenteil - prognostizierte er -

150

Vgl. z.B. M. Leibbrand: Europäische Verkehrsaufgaben, in: Europäische Revue, 1943, S. 113118 oder W. Kleinmann: Die Verkehrsprobleme des neuen Europa, in: Das neue Europa, Dresden 1941, S. 79-86.

151

Vgl. z.B. die verschiedenen Schriften von H. Backe.

152

Vgl. J. Radler: Europäische Wirtschaft im Querschnitt, a.a.O., S. 125.


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w ü r d e n "künftig stets m ehr Aufgaben und Wünsche zu erfüllen sein, als Arbeitskräfte z u r V erfügung"' stünden, "so daß eine Lenkung ihres Einsatzes innerhalb ihrer hei­ m i s c h e n V olksw irtschaften erforderlich" wäre. Dazu würde man im Rahmen des "Groß­ w irts c h a fts ra u m e s " nicht m ehr die Arbeitslosen, sondern vielmehr die Arbeit "verla­ g e r n " , um einen "höchstm öglichen Nutzeffekt" zu erzielen.153 Damit deklarierte Daitz d e n unp o p u lären Frem darbeitereinsatz, den Deutschland seit 1942 zunehmend prakti­ z i e r t e , zu einem Sonderfall, der in dieser spezifischen Form nicht den künftigen Len­ k u n g s m a ß n a h m e n entspreche. D e n n o c h w urde der A rbeitseinsatz im Reich durchaus auch als integratives Element d e r "N euordnung" propagiert,154 und unabhängig von Daitz' Einschätzung blieb auch k ü n f t i g - so bei B runo Rauecker - eine europäische, autoritär gelenkte "Arbeiterbinnen­ w a n d e ru n g " a u f der G rundlage von Staatsverträgen in der Diskussion.155 F ü r die künftige O rganisation dieses "europäischen Arbeitseinsatzes" standen erneut d i e deutschen E rfahrungen Pate: Vor allem der Reichsarbeitsdienst wurde als Vorbild h e ra n g e z o g e n , da er zeige, "wie die der ganzen Kulturwelt drohende Gefahr, daß die im Z e i t a l t e r der T echnik vom Boden losgerissenen Menschenmassen dem Klassenkampf v e r fa lle n , überw unden werden" könne.156 Da die Idee des Arbeitsdienstes auch auf ande­ r e S taaten übergegriffen hatte, schien dieser Aspekt der Zusammenarbeit bereits Realität z u w e rd e n ,157 obw ohl es sich bei den ausländischen Arbeitsdienstverpflichtungen zu­ m e i s t um Reaktionen au f die deutschen Forderungen nach Arbeitskräften handelte, und n i c h t prim är um eine Anerkennung des deutschen "Sozialmodells". Aber vorerst handel­ t e e s sich - ungeachtet aller ideologischen Hintergründe - um ein rein pragmatisches P r o b le m : D urch den Arbeiteraustausch, ja sogar durch den Fremdarbeitereinsatz im R e i c h hatten sich eine Reihe technischer Fragen ergeben, die die soziale Absicherung d e r A rbeitskräfte berührten, und die langfristig im "Großwirtschaftsraum" abgestimmt w e r d e n sollten. D as betraf unter anderem Fragen der Sozialversicherung, des Arbeits­ s c h u tz e s oder der Lohnpolitik, für die zwischenstaatliche Regelungen angestrebt wur153

Vgl. W. Daitz: Das europäische Sittengesetz als Strukturgesetz der europäischen Großraum­ wirtschaft, in: Nationalsozialistische Monatshefte, 1942, S. 270-278, S. 274.

154

Vgl. A. Blau: Die Beteiligung der europäischen Völker am Kampf gegen den Bolschewismus, in: Europa und die Welt, Berlin 1944, S. 254-272, S. 267.

155

Vgl. B. Rauecker: Gestaltwandel der europäischen Arbeiterbinnenwanderung, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1942, S. 490-495, S. 493 sowie ders.: Europäische Arbeitsordnung im Werden, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1942, S. 263-271; vgl. auch Syrup: Intereuropäischer Abeiter­ austausch, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 713-133, der den Austausch auf Langzeitar­ beitslose beschränken will.

156

Vgl. W. Frauendienst: Der innere Neuaufbau des Reiches als Beitrag zur europäischen Ord­ nung, in: Jahrbuch der Weltpolitik, 1942, S. 112-139, S. 123.

157

Vgl. H. Müller-Brandenburg: Der Arbeitsdienst in Europa, Auswärtige Politik, 1944, S. 342352. S. 346.


200

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den,158159um ein in "deutschem Sinne sozialistisches" Europa aufzubauen. Insgesamt mündeten diese Überlegungen in erste Ansätze einer gemeinsamen euro­ päischen Sozialordnung, die sich eng am Modell des deutschen Volksgemeinschaftsstaa­ tes orientierte, weil es diesem angeblich gelungen sei, die "soziale Frage" zu lösen.160 In diesem Sinne plädierte Rauecker für eine autoritäre Regelung der Arbeitsbedingungen, die durch den deutschen Einfluß während des Krieges - was die Zwangsmaßnahmen der deutschen Besatzungspolitik umschrieb - bereits entstehen würde. Das betraf unter anderem die Einrichtung einer europäischen Sozialversicherung, die den Erfordernissen des Arbeitskräfteaustausches Rechnung trug,161 und damit eine breite "Gefolgschaft" für den europäischen Neuaufbau zu erreichen hoffte.162 Unter dieser Prämisse entwickelte die Deutsche Arbeitsfront noch 1944 eine Reihe von "Ordnungsprinzipien", die eine künftige europäische Sozialordnung gestalten sollten: Ausgehend vom Gedanken der Volksgemeinschaft wurde ein "gesundes" Ver­ hältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft beschrieben, das sich auf Leistungskriterien und ein W echselverhältnis von Pflichten und Rechten im Rahmen einer zentralen Lenkung der sozialen Fragen gründete.163 M it diesen Vorstellungen griff die NS-Propaganda auch in diesem Bereich auf die gleichzeitige Negierung von liberal-individualistischen und bolschewistisch-kollektivischen M odellen zurück, und versprach, einen neuen europäi­ schen "Sozialismus zu kreieren. Aber trotz der zum Teil sehr detailierten Konzepte beschränkten sich die organisatorischen Überlegungen für den geplanten "Großwirt­ schaftsraum" letztlich auf jene Fragen, die im V erlauf der deutschen Kriegführung relevant geworden waren. Viel stärker als die spätere organisatorische Struktur, die weit­ gehend von den deutschen militärischen Erfolgen abhängen würde, beschäftigte die NSWissenschaft die Frage einer späteren weltwirtschaftlichen Ausrichtung des "Großwirt­ schaftsraumes" - ging es doch darum, die brennenden Parolen von Autarkie, europäi­ scher Wirtschaftsverflechtung und W eltmarkt weitgehend in Einklang zu bringen.

158 159 160

Vgl. B. Rauecker: Das deutsche Vorbild für eine europäische Sozialordnung, in: Volk und Reich, 1941, S. 188-192, S. 188ff. Vgl. W. Frauendienst: Der innere Neuaufbau des Reiches als Beitrag zur europäischen Sozial­ ordnung, a.a.O., S. 131. Vgl. H. Müller-Brandenburg: Der Arbeitsdienst in Europa, a.a.O., S. 346.

161 162

Vgl. B. Rauecker: Europäische Arbeitsordnung im Werden, a.a.O., S. 264,267. Vgl. R. Diener: Reichsgründung-Reichsgestaltung-Reichsemeuerung, in: Zeitschrift für Politik, 1941, S. 739-754, S. 747.

163

Vgl. T. Buhler: Grundfragen der europäischen Sozialordnung, in: Zeitschrift für Politik, 1944, S. 233-249, S. 237ff.


Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß 4 .3 .

201

Der "Großwirtschaftsraum Europa" und der Weltmarkt

4 .3 .1 . "G roßraum w irtschaft" und Autarkiegedanke A n a lo g zur geplanten wirtschaftlichen Verflechtung innerhalb des europäischen "Groß­ w irtschaftsraum es" erhielt die Frage nach der weltwirtschaftlichen Einbindung der neuen W irtsch aftsg em ein sch aft besondere Bedeutung: Im Spannungsfeld von autarkistischen T en d e n zen in d er Z w ischenkriegszeit und einer nunmehr propagierten größeren wirt­ schaftlichen Z usam m enarbeit und Arbeitsteilung im "Großraum" galt es, nunmehr auch d ie w irtschaftlichen B eziehungen der "Großräume" untereinander neu zu bestimmen. N a c h d e m die deutsche Politik in den dreißiger Jahren zunächst vehement für eine volksw irtschaftliche A utarkie als Gegenpol zur liberalen Weltwirtschaft eingetreten war, w u rd e n diese V orstellungen im Rahmen des "Lebensraum"-Konzeptes nun auf den um fassenderen B ereich des europäischen "Großraumes" ausgedehnt: Nicht mehr unbe­ d in g te A utarkie jed es einzelnen Staates, sondern wirtschaftliche Unabhängigkeit und B lockadesicherheit, die erst durch den "großräumlichen" Zusammenschluß zu erreichen w a r, w urden pro p ag iert.164 D ie reale P o litik des nationalsozialistischen Staates interpretierte diese Forderungen allerd in g s als eine unbedingte, militärisch durchzusetzende Macht- und Einflußsphäre fü r die deutsche Großm acht. Im Unterschied dazu fanden sich in der wissenschaftlichen P u b liz istik dagegen w eitergehende Überlegungen hinsichtlich einer gemeinschaftlich e rz ie lte n und dam it auch nur gemeinschaftlich nutzbaren Autarkie aller Mitglieder des "G roßw irtschaftsraum es" wieder, die der politischen Idee der "Völkerfamilie" ent­ sprachen. Die aktuelle V ision eines auf die deutschen Interessen ausgerichteten "Versor­ g u ngsraum es", die sich angesichts der deutschen Kriegführung regelrecht aufdrängte, m u ß te deshalb im m anent widerlegt werden. Dabei blieb der Grad der angestrebten A u tark ie letztlich genauso in der Diskussion wie die künftigen Entwicklungsmöglich­ k e ite n der einzelnen Volkswirtschaften. U m der Idee des sich selbst versorgenden "Großraumes" dennoch Nachdruck zu verleihen, wurde erneut m it den "Vorzügen" der deutschen Wirtschaftspolitik argumen­ tiert: Ziel sei nicht die "Selbstgenügsamkeit auf eigenem Boden", sondern vielmehr die "größtm ögliche W ohlfahrt", die erneut allen Mitgliedern des künftigen "Großwirt­ schaftsraum es" in A ussicht gestellt wurde.165 In diesem Verständnis definierte Bruno K iesew etter A utarkie als "Anwendung der individual-wirtschaftlichen Grundsätze der lib era le n Lehre a u f die Gemeinschaft". Dabei erkannte er an, daß ein einzelnes Volk

164 165

Vgl. W. Treue: Das Dritte Reich und die Westmächte auf dem Balkan, a.a.O., S. 56. Vgl. W. Grävell: Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel, a.a.O., S. 67.


202

Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß

niemals völlig autark sein könne, forderte aber gleichzeitig, daß der Staat eine Be­ drohung seiner wirtschaftlichen Existenz auszuschließen habe.166 Die Lösung sah auch Kiesewetter darin, die Volkswirtschaften zur "Großraumwirtschaft" zusammenzufassen, die erst in ihrer Gesamtheit einen "autarkischen Charakter" tragen sollte.167 Der Aut­ arkiebegriff der Zwischenkriegszeit erhielt damit eine neue Prägung: Wie es Backe formulierte, sei diese Autarkie "nicht einer geschlossenen W irtschaft, ... die jeglichen Außenhandel unterbindet, gleichzusetzen", sondern sei "nur eine W irtschaftsform", die "die Unabhängigkeit dieses Großraumes sichert." Backe betonte dabei, daß "die Errin­ gung der Selbstgenügsamkeit jedes einzelnen europäischen Staates" vielm ehr "einen Rückschritt bedeuten" würde, da "hierdurch sowohl natürlich gegebene Bedingungen als auch in der Arbeitsteilung liegende Erzeugungsreserven nicht m ehr voll ausgenützt werden könnten". Damit stünde nicht mehr die Autarkie "jedes einzelnen europäischen Staates ..., sondern die Autarkie des Großraumes Kontinentaleuropa" zur Debatte.168 In der "lebensräumlichen" Interpretation von Werner D aitz führte das zu seinem "Aut­ arkiegesetz", das besagte, "an erster Stelle aus eigenem Raum und eigener Kraft zu leben", das er nunmehr für den "europäischen "Großraum" insgesam t formulierte. Daraus leitete er eine neue "europäische Haltung" ab, die, von einer "wirtschaftlichen europäischen Sittlichkeit" bestimmt, dazu führen sollte, den B edarf der "Völkerfamilie" zuerst untereinander zu decken.169 M it dieser Interpretation hatte der A utarkiebegriff eine Dim ension erhalten, die vor allem in der aktuellen deutschen Kriegführung eine zunächst rein pragmatische Bedeu­ tung besaß:170 Zwar wurde besonders das M oment der europäischen Zusammenarbeit hervorgehoben,171 aber real ging es darum, die Ausdehnung deutscher Einflußgebiete und die Blockadesicherheit des Kontinents wirtschaftlich abzusichem. In diesem Ver­ ständnis erschien "Autarkie" bei Kiesewetter nun als "das Bestreben, alle die wirt­ schaftliche Existenz entscheidend bestimmenden Faktoren in die eigene Hand zu be­ kommen, um überhaupt wirtschaften, d.h. schließlich planen zu können." In diesem Sinne trug die europäische "Großraumwirtschaft" einen "solchen autarkischen Charakter als... Ausdruck einer gemeinsamen Besinnung der europäischen Völker auf die Inter­ essen ihrer Lebenssicherung."172 Das lief darauf hinaus, im Rahmen einer "gesunden 166

Vgl. B. Kiesewetter: Autarkie, Kontinentalwirtschaft, Weltwirtschaft, a.a.O., S. 71f.

167

Vgl. B. Kiesewetter: Probleme einer planvollen europäischen Rohstoff- und Industriewirt­ schaft, a.a.O., S. 634. Vgl. H. Backe: Um die Nahrungsfreiheit Europas, a.a.O., S. 216ff.

168 169

Vgl. W. Daitz: Die Grundlagen europäischer Marktordnung, a.a.O., S. 21f.

170

Vgl. C. Clodius: Neue Wege der europäischen Handelspolitik, a.a.O., S. 152.

171

Vgl. H. Jecht: Die Entwicklung zur europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, a.a.O., S. 59.

172

Vgl. B. Kiesewetter: Probleme einer planvollen europäischen Rohstoff- und Industriewirt­ schaft, a.a.O., S. 634.


Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß

203

1

A u t a r k ie " eine "aus Sicherheitsgründen auf lebenswichtigen Gebieten durchführbare

jr

E ig e n e rz e u g u n g " zu garantieren, wobei die "politischen Autarkietendenzen" der Zwi­

ff

s c h e n k rie g s z e it a u f d en Stand einer "in sich gekräftigten Volkswirtschaft" zurück­

1-

z u b i l d e n seien, die ih ren "Ausgleich" im "Großraum" finden würde.173 Oder - wie es

ie

R a d l e r fo rm ulierte - A utarkie bedeute "nichts anderes als die höchstmögliche Akti­

:h

v i e r u n g der eig en en Produktionskraft zur Befreiung von internationalen Wirtschafts­

i-

k r i s e n u n d zu r G aran tie der politischen Unabhängigkeit."174 Damit blieb auch die viel­

jn

b e s c h w o r e n e "A utarkie im Lebensraum" genauso wie die anderen Elemente des

td

" G ro ß ra u m " -K o n z e p te s ein nur "vage formuliertes Leitmotiv". Zwar wurde es als

;n

" p r ä g e n d " für den "Großwirtschaftsraum " dargestellt, aber letztlich war es nur "kriegs­

er

w irts c h a ftlic h plausibel" und konnte schon aus diesem Grunde kaum präzisiert werden, o h n e b e to n t a u f die deutschen Expansionsziele einzugehen.175

e, ■s

I m R ahm en dieser Autarkievorstellungen diente dann die These von der europäischen

h-

" W ir ts c h a fts fr e ih e it" als Ziel der wirtschaftlichen "Neuordnung". Obwohl diese ''Wirt­

tit

s c h a f t s freiheit" im w eitesten Sinne dem angestrebten autarken Charakter entsprach,

Je

s p i e g e l t e sie aber v erstärkt die Kriegserfordemisse wider und vermied gleichzeitig den

ie

m iß v e rstä n d lic h e n B eg riff der Autarkie.176 Auch hierbei lag der Schwerpunkt eindeutig

m

a u f d e n deutschen Interessen, da es doch laut Daitz darauf ankam, die "außenpolitische

er

H a n d lu n g s fre ih e it un d die Wehrfreiheit" Deutschlands über die Erlangung der "Wirt-

s-

s c h a fts fre ih e it" w ieder herzustellen. Erst die nähere inhaltliche Charakterisierung der

e-

"W irtsch aftsfreih eit", die sowohl die Unabhängigkeit in der Versorgung mit Nahrungs­

m

m i t t e l n und R ohstoffen als auch die Freiheit des Außenhandels umfaßte, schlug erneut

n-

d e n B o g e n zum "Großwirtschaftsraum", der den einzig erfolgversprechenden Rahmen d a f ü r darstellen w ürde !77

s-

A b e r auch in diesem Verständnis war letztlich klar, daß eine ausschließliche Be­ s c h r ä n k u n g a u f die europäische Selbstversorgung zu Lasten des Lebensstandards gehen w ü r d e , so daß der tiefere Sinn von "Wirtschaftsfreiheit" und Autarkie nur darin bestehen s o l l t e , daß - laut Clodius - "Europa nicht mehr von einer außereuropäischen Macht

u-

If, i

a u s g e h u n g e rt w erden" könne.178 Dieser Argumentation folgend führte Gerhard Geb­

h a rd t dann Ziel un d Feindbild zusammen, indem er feststellte: :1-

a-

173

Vgl. B. Kiesewetter: Planvolle Industrialisierung in der Grossraumwirtschaft, a.a.0., S. 198f.

174

Vgl. J. Radler: Europäische Wirtschaft im Querschnitt, a.a.O., S. 120.

175

Vgl. E. Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft in Deutschland 1930-1939, a.a.0., S. 254.

176

Vgl. W. Funk: Wirtschaftliche Neuordnung Europas, a.a.O., S. 8f.

177

Vgl. W. Daitz: Autarkie als Lebens- und Wirtschaftsordnung, in: Nationalsozialistische Mo­ natshefte, 1940, S. 739-746, S. 742.

178

Vgl. C. Clodius: Europäische Handels- und Wirtschaftsverträge, a.a.0., S. 198.

■*■ fi n/ l

:

I 7,


204

Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß

"Ein geeintes, von der britischen Vorherrschaft befreites Europa kann es sich nicht leisten, im Ernstfälle durch zufällige oder von der angelsächsischen Weltwirtschaft planmäßig geschaffene Versorgungslücken bei lebenswichtigen Rohstoffen in seiner Handlungsfreiheit behindert zu sein. Diejenigen Rohstoffe, die Europa im Ernstfälle zur lebensnotwendigen Versorgung seiner Bevölkerung und zur Aufrechterhaltung seiner Rüstung benötigt, müssen ihm entweder in Europa selbst oder in erreichbarer Nähe ständig in ausreichendem Mengen zur Verfügung stehen; alles was über diesen Rahmen hinausgeht, und das ist im Hinblick au f den hohen Lebensstandard der europäischen Völker nicht wenig, ist eine Angelegenheit des W elthandels."179 Um diese weitgesteckten Ziele zu verwirklichen, galt es, die verschiedenen Mittel und Wege, die der Wirtschaftspolitik künftig zur Verfügung standen, gegeneinander ab­ zuwägen, um die besonderen Vorzüge der "Großraumwirtschaft" verdeutlichen zu kön­ nen: So unterschied Lothar Berghändler drei Möglichkeiten der Versorgung, die jeweils eine bestimmte Auffassung von Außenhandel zur Folge hatten. Er benannte: 1. die Möglichkeit, "die Gesamtversorgung eines W irtschaftsvolkes aus eigener Lei­ stung und eigenen Rohstoffen" zu bestreiten, die einer einzelstaatlichen Autarkie m it einer starken Verengung des Außenhandels entsprach; 2. die Variante, die "die Versorgung des Volkes au f dem Prinzip aufbaut, alles dort zu kaufen, wo es am billigsten ist, um die eigenen Kräfte und Rohstoffe in mög­ lichst hochwertige Ausfuhrgüter um zuwandeln", was in "dem Streben nach einer dauernden Erweiterung des Außenhandelsvolumens" gipfelte; sowie 3. die Form der "Lebensraumwirtschaft", die ausgehend von der "Raumgestaltung" den "lebensnotwendigen B edarf' im eigenen Raum decken könnte, so daß der Außenhandel nicht mehr eine "Versorgungsfrage, sondern eine Wohlstandsfrage" w äre.180 Um in diesem Verständnis eine europäische "Lebensraumwirtschaft" zu schaffen, die die "Wirtschaftsfreiheit" garantierte, forderte Gebhardt dann eine "Verstärkung der natürli­ chen landwirtschaftlichen und gewerblichen R ohstoffproduktion Europas" sowie der "industriellen (synthetischen) Rohstofferzeugung", die durch eine "großzügige Er­ schließung Afrikas und der Gebiete des N ahen Ostens" als den "natürlichen europäi­ schen Ergänzungsräumen" abgerundet werden sollte.181 Die Realisierung dieser Forderungen setzte bei K iesew etter eine umfassende "Politi­ sierung der W irtschaft" voraus, bei der "materielle" gegenüber dem "menschlichen Produktionsfaktor" zurücktreten und die "liberale K ostentheorie" revolutioniert werden

179

G. Gebhardt: Wirtschaftsfreiheit für Europa, a.a.O., S. 39.

180

Vgl. L. Berghändler/K. Vowinckel: Autarkie und Monokultur. Ein Briefwechsel, in: Zeitschrift für Geopolitik, 1941, S. 29-36, S. 30.

181

Vgl. G. Gebhardt: Europas Wirtschaftsfreiheit, a.a.O., S. 57.


Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß m ü s s e . E ine

205

M arkterw eiterung" könne also nurmehr "aus dem Menschen heraus

e r fo lg e n " , w o b ei je d e "autarkische Zielsetzung" grundsätzlich eine "Lenkungaufallen W irtsc h a ftsg e b ie te n " erfo rd ere.I8‘ Dabei stand außer Frage, daß eine entsprechende " N e u o rd n u n g " au ch im w irtschaftlichen Bereich von der "natürlichen Mitte her, durch d e n V o lk sstaatsg ed an k en der deutschen Revolution" zu erfolgen habe.1 82183184Auf dieser G ru n d la g e sollte sich eine "europäische Arbeitsteilung" entwickeln, die allerdings die F e h l e r des b ritisch en K olonialsystem s mit seinen Monokulturen vermied, indem jede V o lk s w irts c h a ft fü r sich durchaus eine "natürliche Arbeitsteilung" zwischen Industrie u n d L an d w irtsch aft herausbildete, ohne eine "künstliche Autarkie" anzustreben.!MDas b e t r a f die E inbeziehung der "Ostgebiete"185 genauso wie die wirtschaftlichen "Ergän­ zu n g sräu m e" a u f dem afrikanischen Kontinent, die die europäische "Wirtschaftsfreiheit" e r s t erm öglichen w ü rd en .186 A ber selbst unter den günstigsten Bedingungen würden A u ta r k ie und "W irtschaftsfreiheit" anerkanntermaßen nur auf die Sicherung eines E x iste n z m in im u m s im K risenfall hinauslaufen, während sich auf der Basis der "Groß­ w irtsch aftsräu m e" im R ahm en der neuen Weltordnung ein neuer Welthandel entwickeln m ü ß te , um langfristig alle Bedürfnisse zu befriedigen.18718Letztlich paßte auch der Aut­ a rk ie b e g riff in aller K onsequenz nur auf die Erde als Ganzes.

4 .3 .2 . D ie außenw irtschaftlichen Verflechtungen D u r c h den propagierten "großräumlichen" Zusammenschluß, der in letzter Konsequenz e i n e neue W eltordnung begründen sollte, schienen sich auch die Voraussetzungen für d i e w irtschaftlichen Beziehungen im Weltmaßstab zu verändern: Weltmarkt und Welt­ h a n d e l m üßten - in der nationalsozialistischen Interpretation - neu definiert werden. D a b e i ging die N S-W issenschaft davon aus, daß die "Großräume" - trotz der beschriebe­ n e n autarkischen T endenzen - im Vergleich zum kritisierten liberalen Modell eine

182

Vgl. B. Kiesewetter: Autarkie, Kontinentalwirtschaft, Weltwirtschaft, a.a.O., S. 74f.

183

Vgl. W. Daitz: Deutschland und das europäische Schicksal, in: Wir und die Welt, IV/1939, S. 11-13, S. 13.

184

Vgl. W. Daitz: Das europäische Sittengesetz als Strukturgesetz der europäischen Großraum­ wirtschaft, a.a.O., S. 276.

185

Vgl. z.B. F. Klute: Untersuchungen über die Möglichkeit einer Wirtschaftsharmonie Mittel­ und Osteuropas, in: Raumforschung und Raumordnung, 1941, S. 200-202.

186

Vgl. W. Grävell: Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel, a.a.0., S. 70f oder P. d'Agostino Orsini: Die Kolonialfrage und die neue Ordnung, a.a.0., S. 435,438ff.

187

Vgl. E. Maurer: Der Weg zur Kontinentalwirtschaft, a.a.O., S. 14ff und B. Kiesewetter: Pro­ bleme einer planvollen europäischen Rohstoff- und Industriewirtschaft, a.a.0., S. 635.

188

Vgl. A. Predöhl: Grossraum, Autarkie und Weltwirtschaft, a.a.O., S. 162.


206

Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß

weitaus bessere Organisation und Leistung der Weltwirtschaft ermöglichen könnten: Walther Funk betonte in diesem Zusammenhang, daß sich "Großraumwirtschaft und Weltwirtschaft... also keineswegs" ausschlössen, sondern sich, "richtig organisiert, besser ergänzen und befruchten" könnten, "als ein atomistischer und rücksichtslos kon­ kurrierender Freihandel dies vermag."189 In diesem Verständnis galten "große Wirt­ schaftskörper" als "stärker und leistungsfähiger" als kleine, zumeist staatliche Gebilde, die hinsichtlich der "Wirtschaftskraft", der Kaufkraft und der Exportmöglichkeiten unterlegen wären.190 Auf dieser Basis wurde der nunmehr "großräumliche" Außenhandel neu bestimmt: Er umfaßte - so bei Clodius - alles das, was über dem beschriebenen "emährungs- und rohstoffmäßigem Existenzminimum" läge, und was "in Zeiten kommenden und weiter steigenden Wohlstandes, vor allen Dingen auch für die große Masse der Bevölkerung, an weiterem Konsum zu erwarten" sei.191 Damit diente er nur noch der wirtschaftlichen "Ergänzung", während das Schwergewicht des Handels im Interesse der Unabhängigkeit innerhalb des "Großraumes" verlaufen müßte.192 Nach dieser Auslegung werde der Außenhandel des europäischen "Großwirtschafts­ raumes" zwar einerseits auf ein "tragbares Maß zurückzuschrauben" sein,19 aber ande­ rerseits durchaus noch eine "Fülle neuen Einfuhrbedarfs" zu befriedigen haben, der über zusätzliche, billige Rohstoffe weit hinausgehen würde,194 schon weil "die Erzeugung vieler Nahrungsmittel und Rohstoffe klima- und standortgebunden” sei.195 Daneben stand eine europäische Ausfuhr im Rahmen eines "blühenden Handels... m it der übrigen Welt", die sich - so Grävell - auf Waren konzentrieren würde, "die entweder ihrer Natur nach entbehrlich sind oder auf deren Verbrauch in Krisenzeiten ohne Gefahr für den Bestand der Wirtschaftsgemeinschaft verzichtet werden" könne. Grävell verwies dabei darauf, daß sich der europäische Zuschußbedarf durch die "großräumliche Ordnung" zwar erheblich verringere, daß aber "die Diskrepanz zwischen Volk und Raum... auch bei intensivster Bewirtschaftung und Ausnutzung des Bodens nicht zu beseitigen" wäre. Übrig bliebe ein geringer Zuschußbedarf an Nahrungsmitteln und ein erheblicher bei Genußmitteln und Rohstoffen, der aber wegen der Unsicherheit des Weltmarktes mög-

189 190 191 192 193 194 195

Vgl. W. Funk: Wirtschaftsordnung im neuen Europa, a.a.O., S. 20. Vgl. C. Clodius: Europas Handels- und Wirtschaftsverträge, a.a.O., S. 199f. V g l . ebenda, S. 201. Vgl. Benning: Europäische Währungsfragen, a.a.O., S. 178. Vgl. K.C. Thalheim: Die Weltwirtschaft neuer Ordnung, a.a.O., S. 183. Vgl. A. Predöhl: Grossraum, Autarkie und Weltwirtschaft, a.a.O., S. 164f Vgl. H. Backe: Um die Nahrungsfreiheit Europas, a.a.O„ S. 217.


Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß

207

liehst über die "Ergänzungsräum e" abgedeckt werden müßte.196 Im Unterschied dazu plädierte Gebhardt für eine engere Verbindung von Autarkie und Export, die die bisher stark passive A ußenhandelsbilanz Europas ausgleichen sollte. Auf diese Weise würde Europa, gestärkt durch den "großräumlichen" Zusammenschluß, das "tatsächliche Rückgrat der W eltwirtschaft" bleiben, da der Kontinent sowohl das "bedeutendste Ver­ brauchszentrum der Erde" als auch das "hervorragendste Produktionszentrum der Welt" darstelle197 - eine These, die angesichts des wachsenden Einflusses der USA zumindest zweifelhaft blieb. Um diese angenommene europäische Stellung auch im Weltmaßstab zu berücksichti­ gen, forderte die NS-W issenschaft - analog zu ihrer massiven Kritik am liberalen Welt­ wirtschaftssystem - eine Reihe von neuen Ordnungs- und Strukturprinzipien für den weltweiten Handel, die den neuen deutsch-europäischen Ansprüchen gerecht würden: Ausgehend von der umfassenden Lenkung, die die wirtschaftlichen Vorgänge in­ nerhalb des "Großraumes" gestalten sollte,198 wurde auch für die künftigen weltwirt­ schaftlichen Beziehungen angestrebt, von den "heute erreichten Orgarusationsformen", also den Ordnungen der führenden Völker und der von ihnen organisierten Großräume" auszugehen , 99 Perspektivisch liefe das auf eine "internationale Handelsordnung" hinaus, die den Außenhandel im globalen Maßstab regulieren würde, um einen "geordneten inneren Multilateralausgleich" - unabhängig von den bishrigen Knsenprozessen der Weltwirtschaft - zu garantieren.200 Die Notwendigkeit, auch den Güterverkehr zwischen den "Großräumen" zu lenken, ergab sich dabei laut Kiesewetter schon allein aus der Tatsache, daß innerhalb der völkischen und großräumlichen Wirtschaftsplanung die Produktivkräfte im allgemeinen festgelegt sind und nicht mehr die für den sogenannten 'freien' Güterverkehr erforderliche Beweglichkeit" besäßen. Um dabei von vornherein den Vorw urf einer möglichen einseitigen Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Führungs­ mächte zu entkräften, verwies er dann nachdrücklich darauf, daß sich dabei nicht nur die "Wirschaftsräume als Ganzes" als Partner gegenüberstünden: Da "die Planung innerhalb einer größeren Wirtschaftsgemeinschaft niemals die Eigenart und Besonderheit völki­ scher Leistungskräfte auslöschen kann und wird", würden "im gegebenen Falle gerade diese besonderen völkischen Leistungskräfte bei freier Bedarfsentscheidung von Nach­ fragenden aus anderen Wirtschaftsräumen verlangt werden". Damit kämen bei einem

196 1 9 7

Vgl- W. Grävell Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel, a.a.O., S. 70f. Vgl- G- Gebhardt: Europas Wirtschaftsfreiheit, a.a.O., S. 19fF.

l 9g

Vgl- B- Kiesewetter: Autarkie, Kontinentalwirtschaft, Weltwirtschaft, a.a.O. ,S. 82.

1 99

V g l-H ^

2 0 0

VSl K’ SChl" er: V°n Hande,sverträgen zu Wirtschaftsverträgen, a.a.O„ S. 208./ S

g 2 8 -3 2 W ^-haft-Großraumwirtschaft-Weltwirtschaft, in: Zeitschrift für


208

Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß

"zwischenkontinentalen Wirtschaftsverkehr... nicht nur die großen Wirtschaftsmächte zum Austausch..., sondern auch die sogenannten kleinen Völker, die innerhalb der Wirtschaftsgemeinschaft weder wirtschaftlich noch politisch 'minder' bewertet" würden, da sie "gleichberechtigt" seien.201 Übertragen auf den internationalen Austausch erforderten diese Prinzipien dann - so Gayda - letztlich einen "balancierten Austausch", der, "ohne die zügellose und korrum­ pierende Zwischenschaltung des Goldes einem jeden Volke die M öglichkeit der Arbeit, den nötigen Absatz und die gerechte Entlohnung" sichern sollte. Die dabei in Aussicht gestellte "ehrlichere Solidarität" zwischen den "verschiedenen wirtschaftlichen und kulturellen Interessen der Völker und Kontinente"202 mußte allerdings zunächst eine reine Utopie bleiben. Fest stand aber die deutsche Überzeugung, daß ein künftiger Han­ del mit einem "großräumlich" geordneten, von Deutschland geführten Europa nur noch nach dem "Grundsatz der Gleichberechtigung und der Gegenseitigkeit" verlaufen dürfe,203 der beispielsweise allen Staaten den freien Zugang zu den Rohstoffen der Welt gestatten würde.204 Das setzte im nationalsozialistischen Verständnis auch eine neue Preis- und Marktregelung voraus, in der der Preis vordergründig - entsprechend dem Volksgemeinschaftsgedanken - nicht mehr vom Weltmarkt, sondern von der "Arbeit" und dem "Anspruch auf soziale Gerechtigkeit" bestimmt werden sollte.205 Um auch in diesem Bereich die propagierte Stabilität der Wirtschaft zu gewährleisten, müßte der "Güteraustausch mit Außereuropa" dann "möglichst auf festen langfristigen Abnahme und Lieferverträgen" aufgebaut werden, was auch hier das Prinzip der Lenkung zum Einsatz bringen würde.206 Funk lehnte dabei den "Goldautomatismus" genauso ab, wie er "national und sozial" bestimmte Geldwerte forderte, so daß im Ergebnis der "großräumlichen Wirtschaftsordnung" eine völlig neue Organisation der Weltwirtschaft herausgebildet werden sollte, die den deutschen Prämissen entsprach.207 Letztlich stand außer Frage, daß eine so umfassende Veränderung der weltwirt­ schaftlichen Beziehungen - die erst in sehr vagen Umrissen erkennbar wurde - völlig neue politische Voraussetzungen benötigte, die Deutschland allerdings langfristig durch seinen Sieg herzustellen hoffte. Insgesamt trugen die Überlegungen für eine neue Weltwirtschaft aber nur ergänzenden Charakter, der die innereuropäischen deutschen

--------------------------------

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201

Vgl. B. Kiesewetter: Autarkie, Kontinentalwirtschaft, Weltwirtschaft, a.a.O., S. 82.

202

Vgl. V. Gayda: Amerika und die europäische Neuordnung, in: Europäische Revue, 1940, S. 515-521, S. 520. Vgl. G. Gebhardt: Europas Wirtschaftsfreiheit, a.a.O., S. 19f. Vgl. W. Pahl: Weltkampf um Rohstoffe, Leipzig 1942, S. 293.

203 204 205 206 207

Vgl. W.Grävell: Grossraumbedingte Umlagerungen im europäischen Aussenhandel a a O 81. Vgl. K.C. Thalheim: Die Weltwirtschaft neuer Ordnung, a.a.O., S. 186. Vgl. W. Funk: Wirtschaftsordnung im neuen Europa, a.a.O., S. 21f.

S.


Europa als wirtschaftlicher Zusammenschluß

209

P lä n e abrunden un d verschleiern sollte, ohne bereits die real noch nicht vorhersehbaren in te rn a tio n a le n K o n sequenzen bestimmen zu können und zu wollen. Wichtiger als k o n k re te M odelle für den künftigen Weltmarkt blieb die Versicherung, Europa auch als "G ro ß w irtsch a ftsrau m " unter deutscher Führung in den internationalen Markt zu inte­ g r ie r e n u n d dab ei v erstärkt europäische Interessen zu gewährleisten. Wie schon in den p o litis c h e n V o rstellu n gen vom europäischen "Großraum" deutlich wurde, waren auch d ie w irtsch aftlich en Überlegungen letztlich weitaus mehr propagandawirksame Visionen a ls e c h te o rganisatorische und vor allem zeitgemäße Alternativen. •' »

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210

5.

N S-E u ropakon zeption en zw isch en P r o p a g a n d a u n d R e a litä t

NS-Europakonzeptionen zwischen Propaganda und Realität: Ein Resümee

Das aufgezeigte wissenschaftlich-propagandistische Bild der nationalsozialistischen "Neuordnung aus Rasse und Raum" hatte versucht, die deutschen Kriegsziele mit den Ideen von der "Neuordnung" Europas zum "Großraum", der Durchsetzung der europäi­ schen "Großraumwirtschaft" und der Gewährleistung der "Lebensräume" der Völker in einer Weise zu beschreiben, die die rein deutschen Ambitionen mit dem Deckmantel "europäischer" Interessen versah. Dabei wurden europäische Traditionen und Gemein­ samkeiten genauso vehement beschworen wie man den nationalsozialistische Führungs­ anspruch, der scheinbar aus Prädestination und Verantwortung geboren sei, mit den europäischen Bedürfnissen gleichsetzte. Demgegenüber stand die Realität eines Konti­ nents, der von deutschen Truppen in den Krieg gezwungen, mit Besatzungsregimen organisiert und von Konzentrationslagern überzogen wurde. Expansion und Völker­ mord, Hegemoniestreben und Mißachtung des Lebens brachten die Widersprüche zwi­ schen formuliertem wissenschaftlichen Anspruch und politischer Realität immer offener zutage. In diesem Rahmen wurde der Stellenwert der wissenschaftlichen "Neuordnungs"Modelle von vornherein durch ihre politische Funktion bestimmt: Sie lieferten zwar durchaus auch Vorarbeiten für die Politik, ihre Hauptaufgabe lag allerdings in der Propagierung wirkungsvoller "kontinentaler" Visionen, die auf den Prämissen der nationalsozialistischen Weltanschauung aufbauten und diese mit "europäischen" Gedan­ ken versetzten, um die wahren politischen Ambitionen zu verschleiern. Denn Hitler war keineswegs ein "Europäer", wenn es darum ging, die Interessen oder Traditionen anderer Nationen zu achten.1 Tatsächlich paralysierte seine Politik alle internationalen Bindun­ gen und Sicherheiten und zerstörte das europäische Staatensystem. Er versuchte stattdessen, den Kontinent nunmehr durch reine Gewalt zu "vereinigen". Nicht Partnerschaft, sondern "Lebensraum"-Krieg, Rassenpolitik und Führerprinzip, wurden zu den neuen integrativen Faktoren.2 Nicht der freiwillige, gleichberechtigte Zusammenschluß der europäischen Staaten war das Ziel der deutschen Außenpolitik, sondern der deutsche "Lebensraum": die Herrschaft des "Großdeutschen Reiches" über den gesamten Konti­ nent. In diesem Blickwinkel wurde die Idee "Europa" als "Möglichkeit, Alternative, Propaganda, Verlockung" und Bollwerk benutzt, und blieb doch am Ende nur ein "blutleeres Gespenst", das die nationalsozialistische Politik begleitete. Hitler spielte

1

Vgl. M. Bloch: Ribbentrop, New York 1992, S. 340.

2

Vgl. P. Krüger: Hitlers Europapolitik, in: Der Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 1993, S. 104-132, S. 110.


N S - E u r o p a k o n z e p tio n e n zw isc h e n P ropagan da und R ealität

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lediglich auf dem "K lavier der europäischen Idee", um seine eigentlichen Ziele besser erreichen zu können.3 D enn obwohl Hitler einen äußerst eingeengten Europabegriff besaß, der einzig von deutschen Interessen und nationalsozialistischen Ordnungsvorstel­ lungen bestimmt w urde,4 verfolgte er doch klar umrissene politische Vorstellungen, die er mit aller K onsequenz in die Tat umsetzte5: Das 1918 besiegte Deutschland sollte sich einen autarken, strategisch abgesicherten "Großraum" schaffen, um seine, spätimperiali­ stisch tradierte W eltm achtposition zu begründen.67 Nachdem die ursprünglichen "Großwirtschaftsraum"-Konzepte im südosteuropäischen Raum 1939 weitgehend gescheitert w aren, verknüpfte die nationalsozialistische Führung die informellen Methoden der wirtschaftlichen Durchdringung mit reiner, aggressiver militärischer Expansion. D ie Außenpolitik des Dritten Reiches, die nun zur Kriegspolitik wurde, avancierte zur "höchsten Steigerung der welthistorischen Epoche des Imperialismus".8 Das "Lebensraum"-Konzept in seiner ursprünglichen Fassung erschien in diesem Rah­ men als R eaktion au f die Krisenerscheinungen der Zwischenkriegszeit, die man mit antiliberalistischen, expansiven Mitteln zu lösen versuchte. Umfassende territoriale Ansprüche verbunden mit der Idee einer neuen wirtschaftlichen Ordnung sollten die deutsche Hegemonie auf dem Kontinent begründen.9Dabei spielte der "Lebensraum im Osten", dessen Eroberung Hitlers Leitmotiv war, eine herausragende Rolle: In der I radition imperialistischer Kolonialbestrebungen würde er als agrarisches Erganzungsgebiet, als Rohstoffquelle und Absatzmarkt, ja möglichst als Siedlungsgebiet fungie­ ren,10 während Deutschland den gesamten europäischen Kontinent in verschiedenem Grade seiner Herrschaft unterwarf, um nunmehr im kontinentalen Maßstab innen­ politisch" handeln zu können." Unter diesen Bedingungen bot die sukzessive entwickelte wissenschaftliche "Lebens-

3

Vgl. M. Salewski: Europa: Idee und Wirklichkeit in der nationalsozialistischen Weltanschau­ ung und Praxis, in: O. Franz (Hg.): Europas Mitte, Göttingen/Zürich 1987, S. 85-106, S. 88f, 99. Vgl. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, in: VHZ, 1955, S. 240-275, S. 264. Vgl. E. Jäckel: Hitlers Weltanschauung, Stuttgart 1991, S. 49.

4 5 6

V gl. A. Hillgruber: Endlich genug über Nationalsozialismus undZweiten Weltkrieg? Düssel­ d o rf 1982, S. 50.

7

Vgl. A. Kube: Außenpolitik und Großraumwirtschaft", in: Wirtschaft und politische Integra­ tion in Europa im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 1984, S. 185-211, S. 202ff.

8 9 10

11

Vel R- Zitelmann: Hitler. Selbstverständnis eines Re S 301 ffVgl: P. Krügen Hitlers Europapol,tik, a.a.O., S. 117.


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raum"-Doktrin vor allem den Ansatz, um die deutschen Eroberungen zu rechtfertigen, da die Eingliederung der Tschechei, Polens, Bulgariens, Rumäniens oder Jugoslawiens, die Übernahme französischer, belgischer und niederländischer Gebiete sowie die "Erobemne des Osten" schwerlich mit "völkischen" oder "rassischen" Gesichtspunkten zu be­ gründen war.12 Aber folgerichtig blieben die propagierten Pläne vage, ohne jemals politisch oder völkerrechtlich fixiert zu w erden.13 Allerdings entstanden auf der politischen Ebene und auch im wirtschaftlichen Bereich eine Reihe von Überlegungen und Konzepten, die zwar durchaus sehr konkrete Vorstellur en über das politische und wirtschaftliche Schicksal der einzelnen Staaten umfaßten,14 die aber mit Rücksicht auf die Erfordernisse der deutschen Kriegführung und der Besatzungspolitik in der Öffentlichkeit nur in verbräm ter, bew ußt vager Form wiedergegeben werden konnten. Diese propagandistische "Lücke" versuchte die wissenschaftliche Aufarbeitung der "Neuordnungs"-Thematik unterhalb der politischen Ebene mit der Vision vom "Groß­ raum Europa" in einer "lebensräumlichen" Weltordnung zu schließen, wobei aber auch hier konkrete Schlußfolgerungen für die einzelnen Staaten strikt vermieden wurden. Die "Neuordnungs"-Expertokratie entwickelte ein Konzept, das einerseits durchaus und ausschließlich dem Zweck diente, die politische Propaganda zu untermauern, das aber gleichzeitig den Versuch unternahm, diesen propagierten Thesen "wissenschaftlichen" Modellcharakter zu verleihen. Dabei erscheinen besonders die beschworenen Prinzipien eines partnerschaftlichen Zusammenlebens im geplanten "Großraum" und einer verant­ wortungsbewußten Ausübung der Führungsrolle im Interesse aller beteiligten Völker angesichts der deutschen Kriegs- und Besatzungsrealität als extrem propagandistisch geprägt. Trotzdem kann nicht völlig in Abrede gestellt werden, daß diese Theorien dem Bemühen geschuldet waren, die deutsche Hegemonie nach ihrer endgültigen Durchset­ zung zumindest ansatzweise auch so zu gestalten. Die Wissenschaft blieb aber letztlich m den engen Grenzen einer totalitär bestimmten Forschung und Propaganda gefangen, die sie auch bereitwillig akzeptierte. Dabei entstand - ungeachtet aller durchaus vorhandenen, aber kaum relevanten Diffe­ renzierungen - das Modell einer "rassisch" und "räumlichen" begründeten "Neuordnung" des europäischen Kontinents, das die ursprüngliche "Lebensraum"-Forderung in euro­ päische Dimensionen kleidete. Ausgehend von einem "verwissenschaftlichten" Lebens12

13 14

Vgl. F. Neumann: Behemoth, Frankfurt a.M. 1984, S. 169; sowie J.K. Hoensch: Hitlers "Neue Ordnung Europas". Grenzveränderungen, Staatsneugründungen, nationale Diskriminierung in: N. Frei/H. Kling (Hg.): Der nationalsozialistische Krieg, Frankfurt/New York 1990 S 238254, S. 242fT. Vgl. L. Gruchmann: Nationalsozialistische Großraumordnung, Stuttgart 1962 S 85 Vgl. z. B. die "Länderberichte" der Reichsgruppe Industrie mit den dort enthaltenen wünschen", siehe dazu Anatomie der Aggression, Berlin 1972. Friedens-


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raum-Begriff, der nunm ehr sowohl rassisch-biologisch als auch wirtschaftlich und mili­ tärisch definiert w urde, lagen die geographischen Schlußfolgerungen nahe, die letztlich die politische Landkarte Europas nachhaltig verändern würden, ohne daß diese Fragen definitiv aufgeworfen wurden. Um diesen offenkundigen politischen Schlußfolgerungen zu begegnen, benutzte m an die Idee des "Großraumes Europa", in dem die verschieden "Lebensräume" zu einer neuen Einheit aufgehen sollten. Bei aller begrifflichen Unbe­ stimmtheit bezeichnete der "Großraum" in letzter Konsequenz eine nationalsozialistisch dominierte kontinental-imperialistische Ordnung,15 in der sich die einzelnen Staaten nach dem Prinzip von Führung und Gefolgschaft unter deutscher Hegemonie gleichbe­ rechtigt und freiwillig zusammenschließen würden. Diese politischen Strukturen sollten auf wirtschaftlichen Verbindungen basieren, die in Gestalt einer autarken "Großraum­ wirtschaft" langfristig Produktion und Absatz im "Großraum" aufeinander abzustimmen suchte, wobei wiederum die Interessen des deutschen Marktes den Maßstab bildeten.1'1 Dabei war vor allem die Idee der "Großraumwirtschaft" ein äußerst zugkräftiges Schlag­ wort, da sie das "Lebensraum"-Konzept scheinbar mit rationalen Argumenten unter­ legte.17 Eingebettet in eine Weltordnung, die ebenfalls nach dem "Großraum"-Prinzip organisiert werden sollte, versprach das Modell, künftig den Frieden zu garantieren, nachdem es die Interessen zwischen den Kontinenten ausgeglichen habe. Da die "Neuordnungs-Expertokratie" diese neue Ordnung letztlich als eine Revolution von oben ansah,18 stand die Praktikabilität der "Großraum"-Gedanken für die nationalso­ zialistische Propaganda außer Frage: Die Theorie der "großräumlichen Neuordnung' Europas legitimierte letztlich die angestrebte Unterordnung der anderen Staaten durch die scheinbar überlegene politische Idee und verband den deutschen Herrschaftsan­ spruch über den europäischen Kontinent mit dem vorgeblichen Verzicht auf außer­ europäische Ambitionen.19 Aber trotz dieser prinzipiell einseitigen Ausrichtung erreichten die "Neuordnungs"Ideen in ihrer wissenschaftlich-propagandistischen Fassung zeitweise eine unbestreitbare W irksamkeit, die zwar teilweise durchaus auf die militärische Präsenz der deutschen Truppen Zurückzufuhren war, aber insgesamt vor allem den objektiven "europäisch" orientierten Bedürfnissen entsprang. Die Sehnsucht nach einem geeinten Europa, dessen vorgebliche Traditionen die Nazis vehement beschworen, war nie aus dem europäischen

15 16

17 18 19

Vgl. D. Diner: Rassistisches Völkerrecht, in: VHZ, 1989, S. 23-56, S. 49. Vßl. auch E. Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft in Deutschland 1933-1939, München


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NS-Europakonzeptionen zwischen Propaganda und Realität

Denken verschwunden.20 Hier trafen sich die pan- oder mitteleuropäischen Gedanken der Zwischenkriegszeit mit den Europagedanken faschistischer und nationalistischer Gruppierungen: Die Ideen von einer wirtschaftlichen Einheit als Grundlage eines politischen Zusammenschlusses21 lieferten den Ausgangspunkt für unterschiedlichste politisch-ideologische Schlußfolgerungen, deren entscheidendes Kriterium letztlich in den künftigen Strukturen der Gemeinschaft lag. Somit waren die Überlegungen und Problemsichten, die die nationalsozialistische Propaganda verbreitete, im Kern durchaus nachvollziehbar, da rationale Elemente zugrundegelegt wurden. Die eigentliche Proble­ matik bildete erst die Konsequenz, mit der die deutsche Politik ihre einseitigen, eigent­ lich überholten Lösungsmodelle durchzusetzen versuchte, die von ihrem militärischen Erfolg zunächst stark unterstützt wurde. Hinzu trat die äußerst integrative Wirkung der propagierten Feindbilder, die die europäische Einheit im K am pf gegen Bolschewismus und britisch-amerikanische Konkurrenz als einsichtige Schlußfolgerung erscheinen ließen und zeitweise eine wahre "europäische" Euphorie auslösten.22 All diese ver­ schiedenen Ansätze der nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Idee ließen durchaus modernisierende Effekte ahnen,23 obwohl oder vielmehr gerade weil die eigentlichen Visionen so vage blieben, daß, abgesehen von der deutschen Führung, alle Optionen für die künftige Gestaltung des "Großraumes Europa" weitgehend offen und damit inter­ pretierbar blieben.24 Das entwickelte Modell vom "Großraum Europa" stand konsequent im Spannungsfeld zwischen durchaus emstzunehmender Utopie und reiner, staatlich initiierter Propaganda, ohne das eine grundsätzlich vom anderen trennen zu können und ohne die dominieren­ den staatlichen Vorgaben leugnen zu wollen. Dabei waren die Argum ente für einen europäischen Zusammenschluß auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet einerseits zeitgemäßer denn je. Andererseits erhielten die wissenschaftlichen Ansätze durch die Akzeptanz der nationalsozialistischen Hegemonie und die Anerkennung des Krieges als adäquatem Mittel, um die "Neuordnung" durchzusetzen, von Anfang an einen expansiv­ aggressiven Zug. Die im Mittelpunkt stehenden, nachdrücklich beschworenen Katego-

20 21

Vgl. F. Neumann: Behemoth, a.a.O., S. 170f. Vgl. auch H.W . Neulen: Eurofaschismus und der Zweite Weltkrieg, M ünchen 1980, S. 17; oder B. Kietzin: Trikolore unterm Hakenkreuz, Opladen 1996.

22

Vgl. auch F. Neumann: Behemoth, a.a.O., S. 195, sowie M. Salewski: Europa: Idee und W irk­ lichkeit in der nationalsozialistischen Weltanschauung und Praxis, a.a.O., S. 99.

23

Vgl. H. M ommsen: Nationalsozialismus als yorgetäuschte Modernisierung, in: ders.: Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft, Reinbek 1991, S. 405-427, S. 411.

24

Vgl. auch R. Messerschmidt, der die Raumforschung insgesamt als modernistisches Element des NS-Staates faßt. R. Messerschmidt: Nationalsozialistische Raumforschung aus der Perspektive der "Stunde Null", in: M. 1Pnnz/K ^Zitastaffln (Hg.): Nationalsozialismus und Modernisierung, Darmstadt 1991, S. 117 1J», Des. s. 118.


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rien von einem "dauerhaften Frieden" in einer "neuen Weltordnung" erwiesen sich in der Praxis als unvereinbar mit dem nationalsozialistischen Hegemonieanspruch, dem Kon­ zept des V ölkerm ordes und der Unterdrückung, das besonders in den Ostgebieten zum Einsatz kam. Gerade in der de facto vorgenommenen Unterscheidung zwischen dem künftigen Schicksal der besetzten west- und nordeuropäischen Staaten gegenüber den Planungen für die östlichen Gebiete Europas, die lediglich als "Raum"-Lieferant Beach­ tung fanden, wurde der zwiespältige Charakter der Konzeption besonders deutlich. Auch der Verweis au f das notwendige "sittliche Ethos" der Führungsmacht, das die augenscheinliche Diktatur im geplanten "Großraum" mit den abgelehnten demokrati­ schen Prinzipien versöhnen sollte, konnte angesichts der Realität des Dritten Reiches nur eine Vision bleiben. Die beschworene neue europäische Gemeinschaft würde unter diesen Vorzeichen letztlich den Verlust der Souveränität ihrer Mitgliedsstaaten zugun­ sten der deutschen Hegemonie bedeuten, da der NS-Staat versuchte, den gesamten euro­ päischen K ontinent quasi zu kolonisieren. Offen blieb, ja mußte im Rahmen der wissenschaftlichen Aufarbeitung die Frage bleiben, inwieweit das "Lebensraum'-Konzept tatsächlich von einer allgemeinen Auf­ hebung der politischen Grenzen nicht nur im Osten Europas ausging oder lediglich - und darin lag die besondere Gefährlichkeit und Anziehungskraft der Ideen begründet - im Rahmen eines informellen Imperialismusverständnisses die Neufassung von Ein­ flußsphären meinte. Erst die geheimgehaltenen "Friedensplanungen" der deutschen W irtschaft und Politik geben über diese Frage in aller Deutlichkeit Auskunft: Bis zum Herbst 1942 war die europäische Idee lediglich ein "politisch-propagandistisches Spielmaterial", das die massiven Territorialforderungen des Dritten Reiches überdecken ^- sollte. Erst angesichts der drohenden Niederlage gewann "Europa" an propagandistischer Relevanz, wurde zum "illusionären Trumpf', ohne allerdings tatsächliche politische Bedeutung zu erlangen.25 Letztlich lieferte die Idee der "Neuordnung" nach dem "Großraum"-Modell einen scheinbaren Sinn für die deutsche Kriegführung, der es ermöglichte, vor allem das Unrechtsbewußtsein in Deutschland selber einzuschläfem.26* Die grundlegende Bedeutung der "Lebensraum"-Theorie reduziert sich damit auf eine rein ideologische Funktion.*' Zwar erzwangen Hitlers Eroberungen ein "mehr oder m inder vereinigtes Europa", in dem eine Art Konformität militärisch durchgesetzt w urde,28 aber sein dauerhafter Bestand hätte den Krieg als Normalzustand voraus-’

2 5

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.

Vgl. M. Salewski. Europa. Ide,. ,. id Wirklichkeit in der nationalsozialistischen Weltan­ schauung und Praxis, a.a.O„ S. 102, 105f. Vgl M. Schmoeckel: Die Großraumtheorie, a.a.O ., S. 135 f v , F Neumann: Behemoth, a.a.O„ S. 190.

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216

NS-Europakonzeptionen zwischen Propaganda und Realität

gesetzt.29 Erst in diesem Rahmen erhalten die "Neuordnungs"-Theorien ihren wahren Stellenwert: Ungeachtet der vielen Schattierungen, die sie zweifellos aufwiesen, un­ geachtet der Mischung von hoffnungsvollem Idealismus, klaren Erkenntnissen, aber auch einem unbedingten Machiavellismus, blieben letztlich die Erfordernisse und Entscheidungen der deutschen Außenpolitik allein bestimmend30: So benutzte die nationalsozialistische Propaganda zwar eine ausgeprägte europäische Ideologie, um ihre "Neuordnung" zu beschreiben, aber eine echte Europapolitik lief den politischen Ambi­ tionen und dem Herrschaftsverständnis Hitlers diametral entgegen.31 Insgesamt erwiesen sich die nationalsozialistischen "Neuordnungs"-Theorien letztlich als unzeitgemäß, da sie Integration über eine dominierende Macht zu erreichen suchten und dabei rückwärtsgewandte, strukturkonservierende Modelle wie den "Großwirt­ schaftsraum" benutzten, statt tatsächlich strukturverändemd zu wirken.32 Die Welt an sich war bereits zu sehr miteinander verflochten, als daß eine erneute Aufgliederung in Kontinente von Dauer sein konnte.3334Was Hitler und die Ideen der "Neuordnung aus Rasse und Raum" wirklich erreichten, war vielmehr "the unmaking o f Europe" ' * Trotz dieser Einschränkung hatte die nationalsozialistische Wissenschaft den Krisen­ prozessen der zwanziger und dreißiger Jahre und dem unbestreitbaren Zerfall des europäischen Staatensystems ein Europabild eigener weltanschaulicher Prägung und Konsistenz entgegengestellt, eine Antizipation neuer Ordnungsprinzipien, deren wissen­ schaftliches Interesse in der Verbindung positiv belegter Kategorien und ihrer aggressi­ ven Indienststellung durch die offizielle Politik begründet liegt. Auch die von Salewskj aufgeworfene Frage, inwieweit das NS-Europabild die europäische Einigung nach 1945 beeinflußte, zielt letztlich in eine ähnliche Richtung.35 Aversion und M ißtrauen gegen eine - wie auch immer geartete - führende Rolle des deutschen Staates erhielten vor allem im Prozeß der deutschen Wiedervereinigung und der Integration des neuen Staates neue Nahrung. Die Europakonzepte der NS-Zeit angesichts ihrer noch immer anhalten­ den negativen Femwirkung und ihrer eindeutigen politischen Absichten als bloße Propaganda abzutun, bedeutet, ihre imbestreitbare Wirksamkeit vor allem während des 29 30

Vgl. H. Mommsen: Nationalsozialismus als vorgetäuschte Modernisierung, a.a.O., S. 420. Vgl. P. Kluke: Nationalsozialistische Europaideologie, a.a.O., S. 242.

31

Vgl. auch H.-A. Jacobsen: Krieg in Weltanschauung und Praxis des Nationalsozialismus (1919-1945), in: K.D. Bracher/M. Funke/H.-A. Jacobsen (Hg.): Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945, Bonn 1986, S. 427-439, S. 437.

32

Vgl. E. Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft in Deutschland 1930-1939, a.a.O., S. 266; sowie A. Barkai: Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus, Köln 1977, S. 81. Vgl. H. Maier: Ideen von 1914 - Ideen von 1939? in: VHZ, 1990, S. 525-542, S. 539. So Michael Howard, zit.n. P. Krüger: Hitlers Europapolitik, a.a.O., S. 130.

33 34 35

Vgl. Salewski, M.: Ideas of the National Socialist Government and Party, in: Documents on the history o f European integration, Bd. I, Berlin 1985, S. 37-54, S. 53.


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217

Zweiten W eltkrieges in Abrede zu stellen - lassen sich doch - neben den objektiven Tendenzen der w irtschaftlichen und politischen Entwicklung - Phänomene wie die Kollaboration in weiten Teilen nur mit der Einsicht in die Notwendigkeit einer europäi­ schen "Neuordnung", eines europäischen Zusammenschlusses gegen innere und äußere Feinde erklären. D ie eigentliche Perversion dieser Konzeptionalisierungsansätze lag weniger in ihren Argum enten und Zielen - wenn man das deutsche "Sendungsbewußt­ sein" einmal vernachlässigt -, sondern vielmehr in der Verbindung der sachlich richtigen Widerspiegelung vorhandener Bedürfnisse und Entwicklungen mit den aggressiven und expansiven Grundelementen der nationalsozialistischen Diktatur. Daraus ergab sich eine Gefahr, die von den betroffenen europäischen Staaten durchaus reflektiert wurde und die die eingangs zitierten Beobachtungen hinsichtlich des mangelnden Interesses an den N euordnungs-Planungen erklärte.36 Die nationalsozialistischen Vorstellungen vom Lebensraum" Europa blieben damit ein Modell, das langfristig in dieser spezifischen i orm glücklicherweise durch den Kriegsausgang verhindert wurde.

l- )!

7 7 die Zusammenfassung von Trützschler, März 1942, BA Abt. Potsdam, 09.01 AA, Nr. 36

6U20.B1.66.


Quellen- und Literaturverzeichnis

218 6.

Quellen- und Literaturverzeichnis

6.1.

Quellen

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h


Personen- und Sachregister 7.

239

Personen- und Sachregister

Achinger, Hans 191 i .; , ; Amann, Bruno 65, 93, 108, 111 i -■ Appel, F. 58, 59, 67, 68, 94 Arbeitseinsatz 198 Arminius 72, 73 Augustin, Christian 60, 70, 98, 133 Auslandswissenschaften 4, 36, 40, 47, 49 Autarkie 4, 131, 173, 200, 201ff. Backe, H erbert 170, 171, 174f 180, 183, 191, 198, 202, 206 Benning, - 197, 206 Bentmann, Fritz 154 - i> Berber, Friedrich 31, 39, 40, 50, 62, 67,' 68, 75, 85, 9 2 f 1 0 7 f Berger, R.A. 31 Berghändler, Lothar 122, 135, 204 Best, W erner 6, 35, 142, 143 Bethm ann Hollweg, Theobald v. 14 Bewußtsein, europäisches 27, 145ff. Bism arck, Otto v. 12, 73, 77, 78 Blau, A lbrecht 70, 152ff, 156, 199 Bolschewism us 25, 33, 56, 63ff., 156 Brackm ann, A lbert 97 Briand, Aristide 17, 20 Bühler, Theodor 171, 200 B ülow, F riedrich 39, 47, 77 Caprivi, Leopold v. 127 C hlodw ig 74 C lodius, Carl 177, 185, 190, 193, 196, 202, 203, 206 C onze, W erner 5, 37 C onti, Luciano 57, 59, 84f, 90 Coudenhove-Kalergi, Richard M. 16, 17 Groll, Walther 181, 189, 196 D aitz Werner d, 3 5 / 8 2 / 95, 116, 118, ’ 126, 129, 138, 160, 163ff, 172,

173, 174/ 193/ 199, 202, 205 DAWI 2, 6, 36, 5Off. Diener, Roger 71f f 92, 97,102, 200 Dietrich, Otto 81, 94 Ergänzungsraum 26, 162ff. Eurafrika 162 Famea, Renato 123 Feindbild 54, 63ff., 86 Ferri, Carlo Emilio 184, 185 Fick, Harald 189 Fischer, Rudolf 85,141, 152,153 Frauendienst, Werner 77, 95, 98, lOOff, 105,199, 200 , Freisler, Roland 59, 61, 86,144/ Frentz, Raitz v. 117 Friedrich I. ("Barbarossa") 75 Führung, deutsche 30, 95ff, 105ff, 122, 191 Funk, Walther 6, 28, 32, 35, 169, 172, 176/ 179, 186, 189, 191, 195ff., 203, 206, 208 Gadolin, Anton v. 60, 67, 68, 74, 93 Ganzer, Karl Richard 97, 98 Gayda, Virginio 208 Gebhardt, Gerhard 170, 171, 172, 174, 187, 188, 203/ 207, 208 Geopolitik 4, 7, 10, 12, 36, 40ff, 52, 60, 95, 110 Gleichgewicht, europäisches 54, 57ff., 63, 86, 93 Goebbels, Joseph 70, 104, 109 Göring, Hermann 28, 192 Grävell, Walter 170, 172, 180, 185, 191, 201. 205ff Großraum 2, 7, 32, 71, 79, 83, 84, 89, 110, 125//., 138, 146, 156, 157ff„ 173


Personen- und Sachregister

240

Großwirtschaftsraum 7, 59, 165, 168ff, 175ff. Gutterer, Leopold 169, 173, 181, 184 Haase-Bessel, Gertraud 80 Haering, Theodor 115, 116 Haifeld, Adolf 59, 86, 90 Hamm, Emst 112, 116, 145 Hasselblatt, Werner 82 Hassell, Ulrich v. 91, 121, 122, 192 Haushofer, Karl 10, 12, 35, 40, 41, 42ff Haushofer, Heinz Konrad 207 Herre, Paul 57, 64, 65, 72, 101 Herrigel, Hermann 114, 115 Heske, Franz 112, 130, 160, 165 Heubner, Paul 77 Himmler, Heinrich 56, 83, 87, 148 Hitler, Adolf 3, 4, 9, 12, 22, 24, 27, 30, 33, 73, 83, 86, 95,111 Hoffmann, Walther 68, 83 Höhn, Reinhard 36, 97ff., 105f 128, 130, 135, 160, 166 Höpker, Wolfgang 61, 134 Hunke, Heinrich 68, 112, 123, 125, 135, 170, 171, 174, 175, 178, 181f f Jantzen, Walther 67, 87 Jecht, Horst 172, 176, 178, 184, 189,

202 Jentsch, Gerhart 59, 95, 119 Kaiser, Hans 67, 68, 85, 102 Kampfgemeinschaft, europäische 145 Karl V. 72 Keller, Hans K.E.L. 163 Kerrl, Hans 46, 47 Kiesewetter, Bruno 49, 50, 169, 170, 172, 173, 179, 183ff., 190, 191, 197, 201, 202f, 205 Kircher, Rudolf 70 Kjellen, Rudolf 10 Klute, Fritz 205

Knoll, Gerhard 76, 77 Köster, Karl 99 Krämer, Hans 193 Krieg, Hans 83 Krüger, Herbert 116 Kühn, Johannes 57, 66, 86, 107, 111 Kupferschmidt, Franz 135, 136, 141f, 157ff. Kuske, Bruno 45ff, 113 Lebensraum 2, 4, 7, 11, 23, 24, 25, 26, 29, 32, 45, 52, 89, llO ff., 117ff, 163, 174, 178 Leibbrand, Georg 69 Leibbrand, M. 198 Lengercke, Wolfgang B. v. 80, 114 Lenz, F. 77, 81, 82, 84 Liedecke, Ewald 45 List, Friedrich 12, 76 Loesch, Karl C. v. 50, 59, 81, 126, 137, 150, 157 Mäding, Erhard 118f Mahr, A. 103 Man, Hendrik de 136, 140, 155 Manoilescu, Mihail 132, 134, 156, 189 Marktordnung 193ff. Maurer, Emil 174, 176, 179, 193, 205 M itteleuropa9, 13ff, 18, 20, 21, 75,95, 134 Monroedoktrin 30, 31, 118 Muck, Otto 74, 133, 134 „„ Müller-Brandenburg, Hermann 199, Naumann, Friedrich 14, 15 Noack, Hermann 79, 147,151 Obst, Erich 131, 135, 142, 162, 164, l * 7 Oesterheld, Alfred 177, 179, 188, ' 191, 196 205 Orsini, Paolo d'Agostino 161, 18 > Orsos, F. 80


Personen- und Sachregister Pahl, W alther 208 Palme, Anton J. 47, 48 Paneuropa 9, 13, 16, 18 Pfannschmidt, M artin 115, 156, 157 Pfeffer, Karl Heinz 48, 49, 51, 78, 79 Pfitzner, Josef 63, 73, 127 Pflug, Hans 95, 102 Predöhl, Andreas 35, 131, 165, 171, 176, 184, 205, 206 Püllmann, Alfred 41 Radler, Joachim 174, 198, 203 Raschhofer, Herm ann 70, 127 Rasse 23, 7 9 f 84, 164 Ratenieks, A dolf 64, 138, 139, 153, 178 Rath, K.W . 176 Ratzel, Friedrich 11, 22, 119 Rauecker, Bruno 199, 200 Raum 2, 7, 11, 23, 42, 77, 110, lllff., 178 Raumforschung 3, 36, 40, 44ff., 52 Raum ordnung 44ff., 112 Rauschning, Herm ann 24, 92, 103, 108, 134, 138 Reich 52, 73ff„ 78, 92, 97, lOOf Reithinger, Anton 86, 104, 174ff„ 180, 181, 183, 185, 187f Rheinbaben, W erner 87, 90, 99 Ribbentrop, Joachim v. 33, 62 Richter, K arl 55, 56, 66, 67 Ritterbusch, Paul 35, 38, 39, 74 Rohan, Karl Anton Prinz 69, 87, 101 Roosevelt, Franklin Delano 31 Rosenberg, Alfred 56, 62, 63, 65, 70, 94, 128, 153 R üdiger, Karlheinz 58//., 68, 85, 98 Rum pf, Helmut 134 Scarfoglio, Carlo 66, 93 Schicksalsgemeinschaft 145, 151, 153 Schieder, Theodor 5, 37 Schiller, Karl 195, 207

241

Schmidt, Friedrich 95, 97, 100 106 192 Schmidt, Paul 103, 108 Schmidt, E.W.H. 111, 152 Schmitt, Matthias 62 Schmitt, Carl 36, 128, 165 Schürmann, A. 82f Selvi, Giovanni 141,144,156/ 159,164 Sennhauser, Erwin 58, 89 Six, Franz Alfred 35, 50ff, 54, 55, 59, 64, 72, 73ff., 79, 85, 98, 99//, 111, 134, 148/ 150,154, 156 Solidarität, europäische 193, 208 Springenschmid, Karl 43 Srbik, Heinrich Ritter v. 97 Staat 11, 12, 49, 77, 80, 93, 129, 141, 168 Stalin, Jossif Wissarionowitsch 69 Staritz, Ekkehart 112, 120 Steimle, Theodor 76 Stein, Hermann 148, 152 Stieve, Friedrich 60, 61, 72/ 75//., 86 Stoye, Johannes 173 Stuckart, Wilhelm 82/ 89, 92, 128/ 139, 144,156, 159 Teilräume 187/f. Thalheim, Karl C. 169, 171, 180, 206, 208 Theoderich 74 Thoss, Alfred 82, 83 Trützschler, - v. 1,217 Urach, Albrecht Fürst 67, 86, 90, 102 Verrechnungssystem 193//. Versailler Vertrag 5, 15, 55, 60, 72 Volk 23, 44, 49, 80ff. Völkerfamilie 82/ 129, 136//., 166, 175,

202 Völkergemeinschaft, europäische 98 Vowinckel, Kurt 4 2 / 120, 121, 204


Persmen- irffllÄip&&r

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Wagemann, Emst IM n Wagner, Kiät B l Wedel, Erhard*, ff, J f H Ä SU Wegener, Wilhelm 143 >' 1

Ai Weltfriedensordnung 16Sff. _ Wiedenfeld, Kurt 173 ,1 Wilhelm, Theodor 156 i Wlnsehuh, Imtfjfßß fjs Wirtsehaftslenkung JN : WoWtbat, Helmut 1 Zechlin,Egmont §6 Zeck, Hans f« }33,155,161 > r Ziegler, Malthes 133 •' 1 Ziegler, Wüheäm S&, 61, Slt 9LU JasfZ

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Region —Nation —Europa h e r a u s g e g e b e n v o n P ro f. D r. H e in z K le g e r ( U n iv e r s it ä t P o ts d a m )

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EG-Kohäsionspolitik und der Ireneusz Pawel Karolewski Finanzausgleich der Schweiz Die künftige G estalt Europas: D ie E u ro p ä is c h e G em e in sch aft besteht aus un­ Funktionalism us oder Föderalism us? Am Beispiel der Osterweiterung der Europäi­ te rsc h ie d lic h sta rk en tw ick elten R egionen. A uf­ g a b e d e r R eg io n alp o litik ist es, den A bstand schen Union D ie s e s B u c h w id m e t s ic h d e r F r a g e n a c h T h e o r ie u n d E m p ir ie d e r e u r o p ä is c h e n I n te g r a tio n , in s b e ­ s o n d e r e n a c h d e r O s t e r w e it e r u n g d e r E U . V o r d e m H in te r g r u n d ä l te r e r u n d n e u e re r T h e o r ie n u n d A n ­ s ä tz e in d e n S o z ia lw is s e n s c h a f te n w ir d ü b e r e in e L o g ik d e s V e rla u fs s o w i e ü b e r d ie F in a litä t d e s e u r o p ä i s c h e n I n te g r a tio n s p r o z e s s e s re fle k tie rt. D ie A u f m e r k s a m k e it r ic h te t s ic h d a b e i v o r a lle m a u f P h ä n o m e n e d e r I n te g r a tio n u n d T r a n s f o r m a tio n als F ä lle d e s g e s e l ls c h a f tl ic h e n W a n d e ls . Bd. 1, H erbst 2 0 0 0 ,4 1 6 S., 4 8 ,80 D M , br., ISBN 3 -8258-4838-8

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Andreas T. W. Roth Der Medienbinnenmarkt Wirtschaftliche, rechtliche und kulturelle Implikationen des europäischen Informati­ onsmarktes für elektronische Medien Dieses Buch wendet sich vor allem an Prakti­ ker aus Politik und Wirtschaft, sowie an politikbzw. medienwissenschaftlich interessierte Kreise. Es zeichnet die grundlegenden Strukturen der aktuellen europäischen AV- und Telekommuni­ kationspolitik nach. Dabei zeigt sich, daß neben ordnungspolitischen Vorgaben insbesondere der technologische Fortschritt maßgeblich an der Gestaltung des Medienbinnenmarktes beteiligt ist und darüber hinaus als gesellschaftspoliti­ scher Motor wirkt. Somit entsteht ein Netzwerk aus politischen, ökonomischen, technologischen und kulturellen Konstituenten mit dem Ziel der globalen Vernetzung und einer Informatisierung der Gesellschaft. Der hierdurch ausgelöste Strukturwandel berührt nahezu jeden Bereich des gesellschaftlichen Lebens und zeigt die neuen Dimensionen und Herausforderungen für Europa an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Der Medienbinnenmarkt steht aus diesem Grund nicht nur für ein politisches Feld der Europäischen Politik. Vielmehr lassen sich aus diesem Kontext

heraus neue Fragestellungen im Hinblick auf die Entwicklung der Informationsgcscllschaft formu­ lieren. Bd. 14 ,1 9 9 7 ,1 6 0 S., 48,80 D M , br., ISB N 3-8258-3174-4

Lucia Mariani; Matteo Mascia; Martina Vagacovä (Ed.) New Europe: Transformation and Environmental Issues The “peaceful revolutions” that took place in Central and Eastem European countries after 1989, have indeed started a period of transition and change all over the continent. This publication carries out some remarks on the concept of sustainable development and on the condition for its implementation in the new Europe. Particular attention has been devoted to the review ot those consuming patterns by now acknowledged, even though for reasons that can be really different, as unsustainable either in the West either in the East of Europe. Dealing with such a difficult transformation process, at present already in progress in our societies, the Third International Conference on “Ethics an Environmental Policies” represented a positive opportunity to discuss, think over and achieve a common strategy to be elaborated in a context of equity and respect for all the diversities that can be singled out in the West and East of Europe. The Fondazione Lanza is a research center established in Padua (Italy) in the mid eighties. Since the beginning, its specific aims have been those of contributing to the diffusion of an ethical conception, able to conjugate those values stating the dignity and centrality of human beings as principles of the Christian idea of life, with all the challenges coming front the compelling scientific an technological progress and massive changes noticeabie in actual economcal and social Systems. The Fondazione Lanza, within its four Projects of research (Ethics, Philosophy and Teology; Ethics and Medicine; Ethics and Environmental Policies; Ethics, Economics and Politics), promotes annual and long term projects, organizes national and international meetings, Coordinates and Sponsors courses, public debates, specific education initiatives and publications. Bd. 1 5 ,1 9 9 8 ,4 2 4 S., 3 9 ,8 0 DM , br., IS B N 3-8258-3382-8 '

Henning Westheide Trügerische Nähe Niederländisch-deutsche Beziehungen in Ge­ schichte, Sprache und Kultur Schon seit einiger Zeit fragt sich der deutsche Zeitungsleser, was eigentlich mit den Niederlan­ den los ist. Über diesen sympathischen, toleranten Nachbarn vernimmt man befremdende Nachrich-

L l T Verlag Münster - Hamburg - London Bestellungen über: Grevener Str. 179 48159 Münster Tel.: 0251-235091 - Fax: 0 2 5 1 -2 3 19 72 e-Mail: lit@Iit-verlag.de - http://www.lit-verlag.de Preise: unv. PE


ab, er beantwortet vielmehr die Frage nach dem ten: Berichte über antideutsche Einstellungen und spezifisch Europäischen, das sich bis zur Neuzeit kollektiver Kritik an deutschem Verhalten. Schon in Großräumen, die durch strukturelle Grenzen häufen sich auch kritische Bemerkungen über die klar abzustecken sind, herausgebildet hat, und Niederlande in den deutschen Medien. Gerade arbeitet das Neue, das Europa vom 15716. Jh. an aber in der heutigen Situation, in der wir in Eu­ von anderen Kulturkreisen unterscheidet, überzeu­ ropa noch dichter zusammenrücken, wird es für Deutschland und die Niederlande immer wichtiger, gend heraus. Er verfolgt das abenteuerliche Be­ mühen der Europäer, die Welt zu “domestizieren”, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Dieses Buch versucht Einblicke in das komplizier­ und das Scheitern der kolonial-imperialistischen Expansion bis zum Ende der “Weltgeschichte te Verhältnis dieser in vieler Hinsicht nahen und Europas” nach den beiden Weltkriegen. Er stellt zugleich fernen Nachbarn zu vermitteln. Diese dar, wie Europa nach seinem Ausgriff auf andere ‘trügerische Nähe’ wird in der staatlichen Ent­ Kontinente auf sich selbst zurückgeworfen wurde, wicklung und in der Geschichte der kulturellen nach 1945 im Griff der neuen Supermächte USA Beziehungen nachgezeichnet. VerständigungsSchwierigkeiten zeigen sich auch in der Bewertung und SU geteilt war und nur noch mindere Bedeu­ tung besessen hat, nachdem es allerdings schon sprach- und literaturgeschichtlicher Daten. Eine lange vieles von dem spezifisch Europäischen Beschreibung der Unterschiede im sprachlichen weitergegeben hatte und europäische Wissenschaft, Alltag macht deutlich, warum sich die Sprachen Technik, politische Normen u. a. weltkulturell bei aller Verwandtschaft so einschneidend unter­ scheiden. Zum Schluß wird das Bild Deutschlands wirksam geworden waren. Heute ist die Staa­ in der niederländischen Presse im Kontext der Er­ tenwelt Europas auf dem Wege zu einer in der forschung niederländischer und deutscher Selbstbisherigen Geschichte nie erreichten festen und und Fremdbilder behandelt. friedlichen Einheit. Als wesentliche Aufgaben der Bd. 1 6 ,1 9 9 7 ,2 0 0 S., 29,80 D M , br„ ISBN 3-8258-3481-6 EU nach der Wende von 1989/90 sieht der Autor die Setzung klarer äußerer Grenzen nach Osten Georgios Tsakalidis und Südosten, ein Mehr an “Demokratisierung” Das politische System Griechenlands und ein engeres politisches Zusammenwachsen auf nach 1974 der Basis einer sich verstärkenden europäischen Wie hat sich Griechenland nach dem Ende der Identität. Militärdiktatur entwickelt? Welche Rolle haben Bd. 18,1999,168 S„ 24,80 DM, br„ ISBN 3-82584124-3 die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte da­ Karl Hahn; Kerstin Kellermann; bei gespielt und welche die Mitgliedschaft in der Karsten Roesler (Hrsg.) Europäischen Union (EU)? Was gilt es auf der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend zu beach­ Fragen an Deutschlands Zukunft und ten? seine Stellung in Europa In seiner umfassenden Analyse untersucht der Interdisziplinäre Beiträge zur Dialogik des Autor alle bedeutenden soziopolitischen Parame­ Politischen ter Griechenlands der letzten 25 Jahre: Parteien, Deutschlands Zukunft und seine Stellung in Wahlen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden, Europa werden zunehmend fragwürdiger: Will Auslandsgriechen, herausragende Persönlichkeiten, man eine klare und kritische Einschätzung zur Medien und Kirche, aber auch die Bedeutung der vielzitierten “Lage der Nation” und ihrer Zu­ exogenen Faktoren USA und EU. Das Zusamkunftsfähigkeit in Europa leisten, ist nicht nur menspiel dieser Kräfte und sein Ergebnis werden die zweifelhaft gewordene Funktionstüchtigkeit insbesondere anhand der sozioökonomischen des politischen Systems in den Blick zu nehmen. Situation, des administrativen Systems und der Konsequent ist darüber hinaus die Frage nach der Außenpolitik beleuchtet. substantiellen demokratischen Wirklichkeit des öf­ Bd. 1 7 ,1 9 9 9 ,1 6 0 S .,49,80 D M ,br„ ISBN 3-8258-4007-7 fentlichen Lebens und der politischen Kultur, der Republik und des Staates in Deutschland zu stel­ Dietmar Scholz len - entgegen einer gängigen politischen Praxis Abenteuer Europa Geschichte und Identität Europas - Aufgaben der Übervorteilung. Dabei geht es primär um die Lernfähigkeit nicht nur des politischen Systems, und Probleme der Europäischen Union sondern um die Lernfähigkeit aller politischen Ak­ “ABENTEUER EUROPA” - dieses Buch ent­ teure - Fragen also, deren Stellenwert angesichts hält den gelungenen Versuch, jedem historisch­ der gegenwärtigen Diskussionen um Möglichkei­ politisch Interessierten eine kompakte Geschichte ten und Realisierbarkeit einer Bürgergesellschaft Europas bis hin zur heutigen Europäischen Union von besonderer Aktualität sind. vorzulegen. Der Autor sieht von den Geschichten Erste Impulse zu einer gelingenden Erneuerung der einzelnen Staaten und Nationen weitgehend der Republik beginnen notwendig mit der Dia-

LlT Verlag M ünster- Hamburg - London Bestellungen über: G revener Str. 179 48159 M ünster Tel.: 0251 - 2 3 5 0 9 1 - Fax: 0251 - 2 3 19 72 e-M ail: lil@ lit-verlag.de - h ttp ://w w w .lit-v erlag .d e

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logfähigkeit seiner Mitglieder, der Bereitschaft, Tabuthemen zu artikulieren und offene Fragen auch als solche zu erkennen und zu behandeln. Jenseits der eingefahrenen Argumentationslogi­ ken verstehen die Autoren diesen Band als einen konstruktiv-kritischen Beitrag zur Begründung einer Diatogik des Politischen Bd. 19, Herbst 2000,296 S., 49,80 DM, br., ISBN 3-8258-4919-8

Tschechien und Mitteleuropa

Osteuropa: Geschichte, Wirtschaft, Politik herausgegeben von Wolfgang Eichwcdc, Frank Golczewski und Günter Trautmann

Gabriele Clemens (Hrsg.) Die Integration der mittel- und osteuropäischen Staaten in die Europäische Union

Aus Sicht verschiedener wissenschaftlicher Dis­ ziplinen werden in diesem Sammelband die mit der Integration der mittel- und osteuropäischen Staaten in die Europäische Union verbundenen Karel Vodiika Probleme und Anforderungen für die MOEL wie Politisches System Tschechiens für die EU betrachtet. Thematisiert werden u. a. Vom kommunistischen Einparteiensystem die Beziehungen zwischen den MOEL und den zum demokratischen Verfassungsstaai westeuropäischen Staaten vor den tiefgreifenden Der Schwerpunkt des Buches lieg! in der Be­ politischen Veränderungen seit 1989, die Euro­ standsaufnahme und kritischen Analyse des gegen­ paabkommen, die wirtschaftliche “Beitrittsreife” wärtigen politischen Systems der Tschechischen der beitrittswilligcn Länder, die Probleme auf Republik desjenigen Nachbarlandes, mit dem dem Landwirtschafts- und Ernährungssektor im Deutschland nicht nur die längste gemeinsame Rahmen des Integrationsprozesses sowie Entwick­ Grenze, sondern auch die längste gemeinsame lung und Stand des Demokratisierungsprozesses Geschichte hat. Darüber hinaus werden das kom­ und der Rechtsreform und Rechtsangleichung in munistische Regime der Tschechoslowakei vor der Mittel- und Osteuropa. Wende, die Ursachen seines Zusammenbruches Bd. 1,2000,272 S., 39,80 DM , br., ISBN 3-8258-4339-4 sowie der politische Systemwandel nach 1989 Dirk-Arne Walckhoff untersucht. Das Buch behandelt dabei die volle Der 13. August 1961 in der Spannweite von der institutionellen Ebene bis zu Traditionsarbeit der Grenztruppen Fragen der politischen Kultur. herausgegeben von Rüdiger Kipke

Bd. 1,1997,448 S„ 58,80 DM, br„ ISBN 3-8258-3119-1

Rüdiger Kipke (Hrsg.) Identität, Integrität, Integration Beiträge zur politischen Ideengeschichte Tschechiens

der DDR Bd. 13,1997,160 S .,34,80 DM, br., ISB N 3-8258-2926-x

Anneke Hudalla Der Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union Eine Fallstudie zu den Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf die finalite politique des europäischen Integrationsprozesses

Der Sammelband enthält die wichtigsten Beiträge eines Symposiums, das im Jahre 1996 in Prag stattgefunden hat. Zunächst widmet sich das Buch der politischen Philosophie Masaryks. Ein weiterer Bd. 15,1997,192 S „ 34,80 DM , br„ ISB N 3-8258-2994-4 Schwerpunkt umfaßt die Spanne von nationaler Olaf Steffen Identität und europäischer Integration. Es leistet einen Beitrag zum Verständnis der tschechischen Die Einführung des Kapitalismus in Politik heute gegenüber Europa und nicht zuletzt Rußland gegenüber dem deutschen Nachbarn. Ursachen, Programme und Krise der Bd. 2 ,1 9 9 8 ,1 6 0 S., 69,80 DM, br., ISBN 3-8258-3514-6

Rüdiger Kipke; Karel Vodicka Slowakische Republik Studien zur politischen Entwicklung Bd. 3, Herbst 2000,224 S„ 49,80 DM, br., ISBN 3-8258-4948-1

Transformationspolitik Bd. 16,1997,832 S., 98,80 DM , br„ ISB N 3-8258-3290-2

Maximilian Puchner Cemobyl’ Ein Beitrag zu den Ursachen, Auswirkungen und politischen Implikationen der Reaktorexplosion vom 26. April 1986 Bd. 1 7 ,1 9 9 8 ,1 6 0 S .,39,8 0 D M ,b r.,IS B N 3-8258-3621-5

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A ndreas W ittkow sky

Eva M aria Hinterhuber

Fünf Jahre ohne Plan: Die Ukraine 1 9 9 1 -9 6

Die Soldatenmütter Sankt Petersburg

N ation alstaatsb ild u n g , W irtschaft und E liten Bü. 1 8 ,1 9 9 8 ,2 4 0 S .,3 8 ,8 0 D M ,b r.,IS B N 3-8258-3622-3

M arkus S oldner

Russlands Cecnja-Politik seit 1993 D e r W e g in d e n K r ie g v o r d e m H in te r g r u n d in n e n p o litis c h e r M a c h tv e rs c h ie b u n g e n D ie S p a n n u n g e n z w is c h e n R u ß la n d u n d C e c n j a ( T s c h e ts c h e n ie n ) e s k a lie r te n im D e z e m b e r 1 9 9 4 z u e in e m ru n d z w a n z ig M o n a te a n h a lte n ­ d e n K r ie g . D ie s e r K o n flik t lä ß t w ie u n te r e in e m B r e n n g la s d ie z e n tr a le n S tr u k tu r e n , A k te u re , K o n ­ f lik tlin ie n u n d D e fiz ite d e s p o litis c h e n S y s te m s R u ß la n d s z u ta g e tre te n . M a r k u s S o ld n e r z e ig t, d a ß b e im A u s b ru c h d e s K r ie g e s in C e c n ja v e r s c h ie d e n e B e d in g u n g s fa k to ­ re n r u ß lä n d is c h e r P o litik fa ta l z u s a m m e n w irk te n . E in ig e S tr u k tu r d e f iz ite , z . B . d e r V e rfa s s u n g u n d d e r Z u s a m m e n s e tz u n g d e r p o litis c h e n E l i­ te , in s b e s o n d e r e je d o c h k o n k re te M a c h t- u n d A b h ä n g ig k e its v e r h ä ltn is s e z w is c h e n p o litis c h e n I n te r e s s e n g r u p p e n h a b e n d e n B o d e n b e re ite t, a u f d e m d e r W e g in e in e n K r ie g ü b e rh a u p t e rs t b e ­ s c h r itte n w e r d e n k o n n te . D e r S c h w e rp u n k t d e s B u c h e s lie g t in d e r e in g e h e n d e n A n a ly s e d e s k o m ­ p le x e n W e c h s e lv e rh ä ltn is s e s z w is c h e n a llg e m e in e r I n n e n p o litik in R u ß la n d u n d d e r P o litik g e g e n ü b e r C e c n ja . Bd. 1 9 ,1 9 9 9 ,2 7 2 S „ 44,80 DM , br., ISBN 3-8258-3637-1

R egina H eller

Russische Interessen im Balkankonflikt R ußland und d ie internationale Staatenw elt seit 1992 D ie p o litis c h e S tra te g ie R u ß la n d s g e g e n ü b e r d en K o o p e r a tio n s b ü n d n is s e n d e r in te rn a tio n a le n S ta a ­ te n g e m e in s c h a f t im B a lk a n k o n flik t fo lg te k ein er k o n tin u ie r lic h e n L in ie , s o n d e rn z e ic h n e te sich d u r c h e i n A u s b a la n c ie re n u n te rs c h ie d lic h e r Po­ s itio n e n a u s . D ie U rs a c h e n h ie rfü r lieg en in d er s ta r k e n W e c h s e lw irk u n g z w is c h e n d e r ru ssisc h en I n n e n - u n d A u ß e n p o litik , in d e re n F o lg e v ersch ie­ d e n e I n te r e s s e n a u f d ie B a lk a n p o litik M o sk a u s e in g e w ir k t h a b e n . D a b e i s te llt sich d ie F rage, in w ie w e it d ie A n a ly s e d e r ru ssisc h e n P ositionen im e h e m a lig e n J u g o s la w ie n fü r d as K o o p erati­ o n s v e r m ö g e n R u ß la n d s in an d e re n B ere ich en d er in te r n a tio n a le n Z u s a m m e n a rb e it h erangezogen w e rd e n kann. Bd. 2 0 ,1 9 9 8 ,1 9 2 S., 39,80 DM, br., ISBN 3-8258-3696-7

Zw ischen Neotraditionalism us und neuer Widerständigkeit R u ß la n d s S o ld a te n m ü tte r haben d u rch ihren Protest g e g e n d ie z a h lre ic h e n M ensch en rech tsv erletzu n ­ g e n in d e n ru ß lä n d is c h e n S treitk räften und vor a lle m d u rc h ihren a k tiv en W id erstan d gegen den K rie g in T s c h e ts c h e n ie n in tern atio n ale s A ufse­ h e n e rre g t. D ie v o rlie g e n d e U n tersu ch u n g ist die b is la n g e in z ig e u m fa sse n d e w issen sch aftlich e A n tw o rt a u f d a s P h än o m e n d e r S old aten m ü ttero r­ g a n is a tio n e n . V or d e m H in te rg ru n d ein er A nalyse d e r in n e rm ilitä ris c h e n S itu a tio n in d en rußländi­ s c h e n S tre itk rä fte n in fo rm iert d as B u ch anhand e in e r re ic h e n Q u e lle n b a s is ü b er E n tsteh u n g , W elt­ a n s c h a u u n g , Z ie ls e tz u n g e n , A k tio n sfo rm e n und E rfo lg e d e r S o ld a te n m ü tte rb e w c g u n g am Beispiel d e r R e c h ts sc h u tz o rg a n isa tio n d e r S o ldatenm ütter S t. P e te rsb u rg . A u f th e o re tisc h e r E b e n e w ird das K o n z e p t d e r Z iv ilg c se lls c h a ft hcran g ezo g en , um d a s a u g e n fä llig e S p a n n u n g sv e rh ä ltn is zw ischen N e o tra d itio n a lis m u s u n d n eu e r W iderständigkeit. in d e m s ic h d ie S o ld a te n m ü tte r bew eg en , zu erklä­ ren. B d .2 1 ,1999,160 S., 39,80 DM .br., ISBN 3-8258-3932-x

Lars Jockheck Der “Völkische Beobachter” über Polen 1932-1934 Eine Fallstudie zum Übergang vom “Kampf­ blatt” zur “Regierungszeitung” D ie s e S tu d ie u n te rsu c h t in ein e r eingehenden q u a n tita tiv e n u n d qu alitativ en A n aly se d er m ehr a ls ta u se n d A rtik e l zu m T h e m a ‘P o len ’, die vom J u n i 1932 b is M ärz 1934 im ‘V ölkischen B e o b a c h te r’ ersch ien en sind, w ie sich die B e­ ric h te rsta ttu n g im L au fe d ie se r entscheidenden M o n ate w a n d e lte . D as E rgebnis w id ersp rich t dem lange Z e it v o rherrsch en d en B ild vom perfekten Z u sam m en sp ie l zw isch en P ro p ag an d a und Politik im ‘D ritten R e ic h ’. D er ‘ V ö lk isch e B eo b a ch ter’, das Z e n tralo rg a n d e r N SD A P, hat w e d e r d er über­ raschenden W ende in d e r d eu tsch en P olen p o litik , die A d o lf H itle r im F rü h jah r 1933 ein leitete , den B oden b ereitet, no ch hat es sie v o rb eh altlo s u n ­ terstützt. B is d ie d eu tsc h -p o ln isch e A n n äh eru n g A n fan g 1934 v ertrag lich e G ru n d lag en erh ielt, berührten z a h lreic h e A rtik el d es ‘V ö lk isch en B e­ o b a c h te rs’ w ied e r und w ied e r s o n eu ralg isch e P unkte im V erhältnis d er b eid en L ä n d er w ie die G renzfragc und d ie L ag e d e r d eu tsc h en M in d er­ heit in P olen. Bd. 22,1999,152 S., 39,90 DM, br., ISBN 3-8258-4359-9

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Politik" auseinander.

Elke Fein

Bd. 24 ,2 0 0 0 ,1 4 4 S ., 34,8 0 D M .b r., IS B N 3 -8 2 5 8 4541 9

Geschichtspolitik in Rußland

Chancen und Schwierigkeiten einer demo­ kratisierenden Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit am Beispiel der Tätigkeit der Gesellschaft MEMORIAL

Anne Sunder-Plaßmann Rettung oder Massenmord? Die Repressionen der Stalin-Ära in der öf­ fentlichen Diskussion seit dem Beginn der Im Umgang mit ihrer Geschichte offenbart sich das Perestrojka Sclbstverständnis einer Gesellschaft, Die Untersu­ chung der Geschichtspolitik kann daher Aufschluß über Ihre grundlegende politische, soziale und kul­ turelle Befindlichkeit geben. Die vorliegende Studie untersucht Wandel und Kontinuitäten der Geschichtspolitik in der Sowje­ tunion und in Rußland von 1953 bis 1999, wobei der “offiziellen” Geschichtspolitik vor allem dieje­ nige der 1987 unter anderem auf Betreiben Andrej Sacharovs entstandenen Gesellschaft “MEMORI­ AL” gegeniibergcstellt wird. In der ausgehenden Sowjetunion forderte Memorials “Geschichtspo­ litik von unten” das ideologische Monopol der KPdSU-Fiihrung heraus und entfaltete mit ihrem ethisch-moralischen Profil eine deren Legitimi­ tät und Macht zerstörende Wirkung. Nach dem Sieg des “Demokraten” Boris El’cin und dem Un­ tergang der Sowjetunion ist der Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit erneut ein aufschluß­ reicher Indikator in Bezug auf den Charakter und die demokratische Qualität des wenig radikalen und aus heutiger Sicht unvollständigen Systemwcchsels in Rußland. Bd. 23, Herbst 2000,288 S„ 39,80 DM, br., ISBN 3-8258-4416-1

“Rettung” oder “Massenmord” - bis heute bewegt sich in Russland die öffentliche Diskussion um die Repressionen der Stalin-Ära zwischen diesen beiden Polen. Seit dem Beginn der Perestrojka wurde der Stalinismus zu einem der umstritten­ sten und politisiertesten Themen in der sowjetischen/russischen Öffentlichkeit. Zunächst werden in dieser Arbeit die wesent­ lichen Positionen der Repressionsgegner und -befürworter herausgearbeitet, ln einem weite­ ren Schritt geht es darum, die W ertesysteme der einzelnen Gruppen zu untersuchen. A ls tertium comparationis werden Kategorien angelegt, die auf aufklärerisches Gedankengut zurückgehen, wie z.B. die Frage, ob Gewaltanwendung ge­ gen Andersdenkende grundsätzlich für legitim gehalten wird oder nicht. Im Rahmen dieser Ana­ lyse können strukturelle Übereinstimmungen der verschiedenen Positionen und wertebezogene Alli­ anzen von Gruppen aufgezeigt werden, die sich in ihrer Bewertung der stalinistischen Repressionen als Erzfeinde gegenüberstehen. Bd. 2 5 ,2 0 0 0 ,1 7 6 S., 3 4 ,8 0 D M , br., IS B N 3-825 8 -4 6 1 9 -9

Katja Tamchina Die Europäische Union und Ungarn

Fortschritte und Hindernisse auf dem Weg zur Osterweiterung Die bevorstehende Osterweiterung stellt für die Europäische Union die bislang größte Heraus­ forderung in ihrer Geschichte dar. Bei keiner der vorherigen Erweiterungen hatte sie es mit so vielen Bewerbern auf einmal zu tun, deren Wohl­ standsniveau zudem weit unter dem der meisten Unionsländer liegt. Ungarn verfolgt als eines der mittelosteuropäischen Länder zielstrebig seine Integration in die westeuropäischen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Strukturen. Im März 1999 wurde es zusammen mit Polen und der Tschechischen Republik in die NATO aufgenommen; der Beitritt zur EU steht bekann­ termaßen noch aus. Welche Fortschritte Ungarn auf dem Weg in die EU bereits zuriickgelegt hat und welche Hindernisse von Ungarn, aber auch von seiten der Union noch überwunden werden müssen, bevor es zur Osterweiterung kommen kann, damit setzt sich der vorliegende Band aus der Reihe “Osteuropa, Geschichte, Wirtschaft,

Heiko Schräder; Manfred Glagow; Dmitri Gavra; Michael Kleineberg (Hrsg.) Russland auf dem Weg zur Zivilgesellschaft? Studien zur gesellschaftlichen Selbstorganisa­ tion in St. Petersburg “Russland auf dem Weg zur Zivilgesellschaft?” Diese Frage stellen sich die deutschen und russi­ schen Autoren dieses Buches anhand empirischen Materials und theoretischer Diskussion. Das The­ ma “Zivilgesellschaft” hat in Demokratiebewegun­ gen weltweit zur Diskussion über gesellschaftlich­ politischen Wandel und zur Transformation von autoritären Regimen in demokratisch-pluralistische Gesellschaften beigetragen. Allerdings ist dieses Konzept aus der westeuropäischen Tradition her­ aus entstanden, und es stellt sich daher die Frage, ob es auf bestimmten kulturellen Voraussetzun gen eben dieser Tradition beruht, die für andere Kulturen nur bedingt, oder sogar überhaupt keine Gültigkeit haben. Für die Diskussion um Zivilge­ sellschaft in Russland ist daher die Einbeziehung der Spezifika der russischen Geschichte unabding­ bar. Bd. 2 6 ,2 0 0 0 ,1 9 2 S ., 3 8 ,8 0 D M , b r., IS B N 3 -8 2 5 8 -4 7 3 5 -7

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plinärc Herangehcnsweise an diese Fragen vorzustcllen und zu beglciieiK mit versucht die Reihe eine komplexe, multidimensionale Sicht auf das P h i^ J S fm nomen E u rop a-d ie Verbindung von R egion, N a tio n u n d E uropa. h^;; ____________ __ i _ .

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MM D ie Id ee d e r “ N e u o rd n u n g ” E u ro p a s b e stim m te d ie A u ß e n p o litik d es D ritten R eich e s. G e o p o litik , A u ß e n w iss e n s c h a fte n u n d R a u m fo rsc h u n g entw ickelten d ie v ag e p ro p a g ie rte n Id e e n w e ite r, w o b e i E u ro p a g le ic h sa m z u r V erfügungs­ m asse w u rd e . L o s g e lö st v o n H o lo c a u st u n d E ro b e ru n g sp o litik v erfü g ten die “ N e u o rd n u n g s v o rs te llu n g e n ” ü b e r e in e h o h e A n z ie h u n g sk ra ft. E s entstand d ie V isio n e in e r “ E u ro p ä isc h e n G e m e in s c h a ft” z w isc h e n “ L eb e n srau m ”, “ G ro ß w irtsc h a fts ra u m ” u n d “ S o lid a r- u n d K a m p fg e m e in s c h a ft” , d ie geopolitisch e , w irts c h a ftlic h e u n d id e o lo g is c h e K o m p o n e n te n m it d en spezifisch n a tio n a ls o z ia lis tisc h e n H e g e m o n ie - u n d E ro b e ru n g sa b sic h te n v erb an d . Dr. ph il. B irg it K ie tz in , g eb . 1964 in M a g d e b u rg , H isto rik e rin , b ish e r er­ sch ien e n : T rik o lo re u n te rm H a k e n k re u z . D e u ts c h -fra n z ö s is c h e K ollab o ratio n 1 9 4 0 - 1 9 4 4 , O p la d e n 1996.

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ISBN 3-8258-4993-7

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