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The "reordering" of Europe

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Richard J. Overy Gerhard Otto Johannes Houwink ten Cate (Hrsg.)

The "reordering" of Europe Nazi economic policy in the occupied territories


Series Nationalsozialistische Besatzungspolitik in Europa 1939-1945/ National Socialist Occupation Policy in Europe 1939-1945 herausgegeben von / edited by Wolfgang Benz - Johannes Houwink ten Cate - Gerhard Otto in Verbindung mit/in Cooperation with

J. T. M. Bank (Leiden) Francois Bedarida (Paris) Waclaw Dlugoborski (Katowice) Hagen Fleischer (Athens) Peter Sipos (Budapest) Hermann Graml (Munich) Richard J. Overy (London) Aage Trommer (Odense) Erika Weinzierl (Vienna)

Volume 3


The "reordering" of Europe Nazi economic policy in the occupied territories

Hejausgegeben von Richard J. Overy Gerhard Otto Johannes Houwink ten Cate

Metropol


The German Library - CIP Unit Record The "reordering" of Europe: Nazi economic policy in the occupied territories/ed. by Richard J. Overy. bieten/hrsg. by Richard J. Overy ...-Berlin: Metropol, 1997. ~. (Nazi occupation policies in Europe 1939-1945; vol. 3 ISBN 3-926893-46-x NE: Overy, Richard J. [ed.]; GT.

© 1997 Metropol Verlag Kurfürstenstraße. 135 10785 Berlin All rights reserved Print: Mikada


Foreword

The anthology presented here on economic policy and practice in the European territories occupied by Germany during World War II is the third publication in the series "National Socialist Occupation Policy in Europe 1939-1945 " by the esf- Network of the same name. It represents the proceedings of the conference held in London under the auspices of Richard Overy at the Institute of Historical Research on April 22-23, 1996, supplemented by papers of a more general nature written specifically for this publication. The conference focused on two questions: first, the conceptual goals of German occupation policy, including the instruments of realization, focusing on exploitation and its successes; second, the much more difficult question of the countries affected by the occupation. Here, the individual national economies in occupied Europe are analyzed from an internal perspective, so to speak, from the point of view of the extent to which the "normal" pattern of endogenous development was exogenously influenced by occupation and exploitation. In order to be able to reflect on both approaches in an equally multifaceted and empirically wellfounded manner, they were discussed on the basis of the following four concrete thematic blocks: 1) Instruments of economic control. The implemented institutional structures for economic exploitation, management and control in the occupied countries were addressed from both the German foreign and the national domestic perspective (case studies Denmark and Bohemia-Moravia, respectively). 2) The labor factor in occupied Europe. This complex of problems was debated primarily from the perspective of the interrelationships between the "autonomous" domestic labor markets and the labor migrations enforced by the occupiers. 3) Standard of living and civilian consumer economy. A series of case studies (Greece, France, and the Soviet Union) were used to illuminate the different patterns of livelihood provisioning and the modes of survival of a "domestic civilian economy." 4) Industry and capital market policy. Case studies (Hungary, Belgium and the Netherlands) were also used to examine the strategies with which the occupying power attempted to bring companies in the occupied, allied or neutral states under its influence or even into its ownership. However, many questions had to remain unanswered in the discussions on these four thematic blocks. This was partly due to the fact that the original intention of the organizers to open each session with a topic-specific synopsis could not be realized in the short preparation time with regard to speakers. In addition, the empirical richness of local studies as a basis for clearly contoured general images is currently still highly unevenly distributed across the research landscape, as has been shown in particular in the debate on the areas of "standard

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of living" and "capital market". In this respect, the contributions have in many respects an introductory character for future systematic studies; from a regional point of view, this is especially true for the Eastern European region, where important archival materials concerning the topic addressed here are far from being exhausted. The editors would like to thank the speakers and authors, but above all the silent helpers at the ESF headquarters in Strasbourg and at the Institute for Historical Research in London, without whose cooperation and services the conference would not have run so smoothly. In particular, we would like to thank the ESF secretary, Dr. Vuokko Lepistö-Kirsilä, who, in continuation of the work of her predecessor Dr. Max Sparreboom, has always supported us and the organizers of the ESF network in word and deed with all problems.

Richard J. Overy, Gerhard Otto, Johannes Houwink ten Cate

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EDITOR’S PREFACE

Dieser Band über Wirtschaftspolitik und -praxis in den von Deutschland besetzten Gebieten Europas während des Zweiten Weltkriegs ist der zweite in einer Reihe von Büchern, die im Rahmen des Netzwerks der Europäischen Wissenschaftsstiftung zur nationals ozialistischen Besatzungspolitik entstehen sollen. Es ist das Ergebnis einer Konferenz, die am 22. und 23. April 1996 in London am Institute of Historical Research stattfand. Das Buch selbst enthält die meisten, wenn auch nicht alle, der auf der Konferenz gehaltenen Referate sowie einige Aufsätze allgemeineren Charakters, die speziell für die Veröffentlichung des Tagungsbandes vorbereitet wurden. Die Themen der Konferenz konzentrierten sich auf zwei unterschiedliche Ansätze. Zum einen galt es, die genaue Na tur der nationalsozialistischen Besatzungspolitik und die zu ihrer Umsetzung entwickelten Instrumente zu ermitteln. Dieser Ansatz verfolgte eine im Wesentlichen auf Deutschland bezogene Geschichte und betrachtete die Besatzungswirtschaft unter dem Aspekt der Ausbeutung. Der zweite Ansatz, der sich als sehr viel schwieriger erwies, bestand darin, die Volkswirtschaften des besetzten Europas unter ihren eigenen Bedingungen zu betrachten und die Art und Weise zu bewerten, in der die Besatzung und die Ausbeutung , insbesondere der Arbeitskräfte, den "normalen" Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung verzerrten oder einschränkten. Dieser Band über die Wirtschaftspolitik und -praxis in den von Deutschland besetzten Gebieten Europas während des Zweiten Weltkriegs is t der zweite in einer Reihe von Büchern, die vom Netzwerk der European Science Foundation zur nationalsozialistischen Besatzungspolitik herausgegeben werden. Es ist das Ergebnis einer Konferenz, die am 22. und 23. April 1996 in London am Institute of Histo rical Research stattfand. Das Buch selbst enthält die meisten, wenn auch nicht alle, der auf der Konferenz gehaltenen Referate sowie einige Aufsätze allgemeineren Charakters, die speziell für die Veröffentlichung des Tagungsbandes vorbereitet wurden. Die Themen der Konferenz konzentrierten sich auf zwei unterschiedliche Ansätze. Zum einen galt es, die genaue Natur der nationalsozialistischen Besatzungspolitik und die zu ihrer Umsetzung entwickelten Instrumente zu ermitteln. Dieser Ansatz verfolgte eine im W esentlichen auf Deutschland bezogene Geschichte und betrachtete die Besatzungswirtschaft unter dem Aspekt der Ausbeutung. Der zweite Ansatz, der sich als sehr viel schwieriger erwies, bestand darin, die Volkswirtschaften des besetzten Europas unter ihren eigenen Bedingungen zu betrachten und die Art und Weise zu bewerten, in der die Besatzung und die Ausbeutung, insbesondere der Arbeitskräfte, den

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"normalen" Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung verzerrten oder einschränkten. Die Konferenz war in vier verschiedene thematische Abschnitte gegliedert, in denen jeweils versucht wurde, die beiden umfassenderen konzeptionellen Ansätze zu erkunden. 1) Die Instrumente der wirtschaftlichen Kontrolle . Der institutionelle Apparat zur Ausbeutung, Regulierung u nd Überwachung der besetzten Gebiete wurde sowohl aus deutscher Sicht als auch anhand von Fallstudien aus Dänemark und der Tschechoslowakei untersucht 2) Arbeit im besetzten Europa . Dieses Thema ermöglichte eine Untersuchung der überlebenden Arbeitsmärkte in den besetzten Gebieten sowie der von der deutschen Besatzungsmacht praktizierten Zwangsmigration von Arbeitskräften. 3) Lebensstandard und zivile Wirtschaft. Anhand einer Reihe von Fallstudien (Griechenland, Frankreich und Weißrussland) wurden die Struk tur des Lebensstandards und das Überleben einer zivilen Wirtschaft im Inland untersucht. 4) Industrie und Bankwesen unter deutscher Besatzung. Die auffälligste Form der Ausbeutung war die Übernahme oder Verwertung von einheimischen Unternehmen. Anhand von Fallbeispielen aus Ungarn und den Niederlanden wurden die verschiedenen Strategien aufgezeigt, mit denen Unternehmen in besetzten, verbündeten und sogar neutralen Staaten unter deutschen Einfluss oder in deutschen Besitz gebracht wurden. Die vier Sitzungen der Konferenz warfen ebenso viele Fragen wie Antworten auf. Ursprünglich war beabsichtigt, einen synoptischen Überblick über jedes Thema zu geben, aber es erwies sich als schwierig, Wissenschaftler zu finden, die bereit waren, über das gesamte besetzte Eu ropa zu sprechen. Unzulänglichkeiten gab es auch bei der Diskussion über den Lebensstandard und den europäischen Kapitalmarkt, wo die Fülle lokaler Studien noch kein klares Gesamtbild ergeben hatte. Die hier vorgelegten Beiträge stellen in vielerlei Hinsicht eine Einführung in ein Thema dar, das eine weitaus spezialisiertere und systematischere Forschung verdient, insbesondere in Osteuropa, wo ein großer Teil des Archivmaterials noch nicht genutzt wird. Der Dank der Herausgeber gilt den Referenten und insbe sondere allen Helfern in Straßburg und am Londoner Institut für historische Forschung. Ohne ihre Zusammenarbeit und Unterstützung hätte die Konferenz nicht so reibungslos stattfinden können. Unser Dank gilt auch der ESF -Sekretärin Dr. Vuokko Lepistö-Kirsilä, die uns in Fortführung der Arbeit ihres Vorgängers Dr. Max Sparreboom stets mit Rat und Tat zur Seite stand. Richard J. Overy, Gerhard Otto, Johannes Houwink ten Cate 8


Richard J. Overly

Die Wirtschaft der deutschen "Neuen Ordnung"

Die Geschichte der Wirtschaft des von Deutschland besetzten Europas zwischen 1939 und 1945 kann aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Ein Großteil der historischen Forschung hat sich auf die Frage konzentriert, was genau die deutschen Kriegsanstreng ungen in den sechs Jahren der umfassenden Ausbeutung der europäischen Ressourcen gebracht haben. Dieser Ansatz betonte die deutschen Interessen und Vorstellungen sowie die Politik und die politischen Auseinandersetzungen, die sich um die Probleme der Ausbe utung rankten. Es handelt sich im Wesentlichen um eine auf Deutschland bezogene Sichtweise des Charakters der Wirtschaft der Neuen Ordnung, die zeigt, dass die Rhythmen des Wirtschaftslebens in den besetzten Gebieten von den sich ändernden Mustern der deutschen Kriegsanstrengungen und den Geschicken der deutschen Streitkräfte diktiert wurden. Man kann sich dem Thema auch von einer anderen Seite nähern. Die deutsche Besatzung hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Binnenwirtschaft jedes besetzten Staates. Das Überleben der lokalen und regionalen Wirtschaft wurde zwar eindeutig von den deutschen Erfordernissen beeinflusst, war aber nicht vollständig von ihnen abhängig. Obwohl sich die Ausbeutung auf die deutschen Interessen konzentrierte, blieben die lokalen Märkte und die Produktion bestehen. Der größte Teil der Arbeitskräfte und der Kapitalausstattung des besetzten Europas blieb dort, wo er war. Das Gleiche gilt für einen Großteil der produzierten Lebensmittel, um das Existenzminimum der Bevölkerung in den besetzten Gebieten zu sichern. Das Funktionieren der lokalen Wirtschaft unter der Besatzung hat viel weniger historisches Interesse erregt als die deutschen Ausbeutungsstrategien, und es verdient mehr. Zentrum und Peripherie, mit all den Spannungen, die zw ischen ihnen bestanden, haben beide einen Platz in der Geschichte des deutsch besetzten Europas.

I. Deutsche Politik in Europa

Das Wesen der deutschen Wirtschaftspolitik in den besetzten Gebieten kann 9


auf verschiedene Weise verstanden werden. Einerseit s kann sie als ein direktes Produkt der Umstände der deutschen Expansion in den 1930er Jahren und der anschließenden Kriegsanstrengungen gesehen werden: weder geplant noch systematisch, sondern geprägt von den wachsenden - und unvorhersehbaren - Anforderungen der Wiederaufrüstung und der Kriegsproduktion. Dieser Ansatz kann die offensichtliche Inkohärenz und Inkonsistenz sowie die schiere Improvisation im Muster der deutschen wirtschaftlichen Ausbeutung erklären. Auf einer anderen Ebene kann die deutsche Po litik als Teil einer bewussten Anstrengung erklärt werden, sowohl vor als auch während des Krieges eine kohärente Wirtschaft der Neuen Ordnung auf einer langfristigen Basis aufzubauen. Die geplante Neugestaltung des europäischen Marktes und die Neuausrichtung der europäischen Wirtschaftsentwicklung wurden als Beweis dafür gewertet, dass die deutsche Politik weit davon entfernt war, Opfer kurzfristigen militärischen Drucks zu sein, und dass sie in gewissem Maße sowohl vorsätzlich als auch konsequent war, ja, dass sie zuweilen den Interessen der militärischen Anstrengungen selbst zuwiderlief. Wie die Programme der "ethnischen Säuberung" und des politischen Wiederaufbaus, mit denen die Wirtschaftspolitik eng verbunden war, hatte die Wirtschaft der Neuen Ordnung ihre eigene historische Existenz, die durch den Krieg selbst beeinflusst wurde, aber nicht unbedingt die direkte Folge davon war. Hier gibt es ein klassisches Beispiel für die inzwischen gut etablierte Trennung zwischen den strukturalistischen und den int entionalistischen Ansätzen zur Geschichte des Dritten Reiches. Einige Historiker beharren darauf, die deutsche Wirtschaftspolitik zusammen mit dem Rassismus und den Fantasien über den politischen Wiederaufbau als das Produkt einer reaktiven und improvisierten Strategie zu betrachten. Ian Kershaw hat sie als eine Politik des "wirtschaftlichen Nihilismus" bezeichnet.1) Andere sehen in der deutschen Wirtschaftsplanung für Europa eine Fortsetzung des Strebens nach einem größeren deutsch dominierten Wirtschaftsr aum, das auf die Idee eines Mitteleuropa vor dem Ersten Weltkrieg zurückgeht und in der schlechten Wirtschaftslage der Baisse von 1929 -32 wiederbelebt wurde. Hitlers eigene Vorstellungen von Lebensraum und Wirtschaftsimperialismus waren Ausdruck einer breiteren deutschen Besorgnis über die Zukunft eines liberalen Wirtschaftssystems, aber nach 1933 gewannen sie aus offensichtlichen Gründen an Bedeutung. Avraim Barkai hat unter anderem argumentiert, dass

1) Konferenz über Massengesellschaft, Ideologie und D iktatur im 20. Jahrhundert, Taormina, 28. bis 31. März 1996.

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die Wirtschaft nach 1933 zur Geisel der ideologischen Imperative des Regimes wurde und dass eine selbstbewusste wirtschaftliche Agenda der Nazis zunächst Deutschland und dann den eroberten Ge bieten Europas aufgezwungen wurde.2) Es lässt sich natürlich kaum bestreiten, dass die wirtschaftlichen Zwänge der Wiederaufrüstung und des Krieges eine Rolle bei der Gestaltung der deutschen Politik gespielt haben. Als Hitler auf der von seinem Adjutanten , Oberst Friedrich Hossbach, aufgezeichneten Sitzung vom 5. November 1937 zu den militärischen und politischen Führern sprach, argumentierte er, dass es "eine ausgeprägte militärische Schwäche in den Staaten gibt, die für ihre Existenz auf den Außenhandel angewiesen sind". Seine bevorzugte Lösung "lag in der Gewinnung von Lebensraum... Deutschlands Problem konnte nur mit Gewalt gelöst werden".3) Hitler erkannte, dass die deutsche Stärke nicht nur durch eine Strategie der Autarkie gesichert werden konnte, so ndern dass es irgendwann darauf ankommen würde, sich die wirtschaftlichen Ressourcen eines größeren Wirtschaftsraums in Europa anzueignen, entweder durch Eroberung oder durch Zusammenarbeit. Dies war kein Wirtschaftsimperialismus um seiner selbst willen. A usländische Ressourcen waren notwendig, um die Remilitarisierung Deutschlands voranzutreiben und die Anstrengungen zu ergänzen, die in der deutschen Binnenwirtschaft bereits unternommen worden waren, um einen "blockadefreien" Wirtschaftsraum zu schaffen. In der Zeit der beschleunigten Aufrüstung von 1936 bis zum Ausbruch des Krieges 1939 verfolgte die deutsche Regierung das doppelte Ziel, die inländischen Ressourcen auf Kosten der Importe zu mobilisieren (Autarkie) und die Ressourcenbasis für die Ausbeutung in Mittel- und Osteuropa zu erweitern. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Beschaffung zusätzlicher Strategie-Materialien - synthetisches Öl und Gummi, Aluminium, Stahl, Kohle usw. - sowie von Nahrungsmitteln und Arbeitskräften. Der im Oktober 1936 aufgestellte Zweite Vierjahresplan war wegweisend für den Aufbau einer Reihe von kapitalintensiven, importsubstituierenden Industrien. Auf dem Hossbach Treffen wies Hitler jedoch darauf hin, dass die Autarkie sehr reale Grenzen hatte. Die physische Expansion nach Österreich im März 1938, gefolgt von der

2) Avram Barkai, Nazi Economics: Ideology, Theory and Policy, Oxford 1990. Siehe auch Jochen Thies, Architekt der Weltherrschaft. Die "Endziele" Hitlers, Düsseldorf 1976. 3) Protokoll der Konferenz in der Reichska nzlei, 5. November 1937, in: Dokumente zur deutschen Außenpolitik, Serie D (1937 -1945), Bd. 1, Baden Baden 1950, Nr. 19, S. 31 -2. 11


Übernahme der Tschechoslowakei in zwei Bissen im Oktober 1938 und März 1939, brachte große zusätzliche Ressourcen an Braunk ohle, Kohle, Eisenerz, Eisen- und Stahlkapazitäten, Maschinenbau und nicht zuletzt Arbeitskräfte.4) Andere regionale Staaten, Ungarn, Jugoslawien, Rumänien, wurden durch die wachsende wirtschaftliche und militärische Größe Deutschlands dazu gebracht, Handels- und Wirtschaftsabkommen zu schließen, die den deutschen Prioritäten entsprachen. Diese Abkommen sicherten z.B. die Versorgung mit Bauxit und Erdöl. Die Konfrontation mit Polen war dem Wunsch geschuldet, Zugang zu den Rohstoffvorkommen im polnischen Sch lesien und zu den polnischen Landarbeitern zu erhalten. Über die Rolle wirtschaftlicher Motive in der deutsch-polnischen Auseinandersetzung herrscht jedoch bis heute Uneinigkeit, da sie sehr schnell in die umfassenderen Konflikte zwischen den europäischen Großmächten eingebunden wurde. Die Schaffung der so genannten Großraumwirtschaft in den späten 1930er Jahren, die auf einer Mischung aus Autarkie und Expansion beruhte, ermöglichte es den deutschen Behörden, Hitlers militärische Produktionspläne und den Plan für einen blockadefreien Wirtschaftsraum zu verwirklichen. Der Krieg mit Großbritannien und Frankreich bestätigte die Zweckmäßigkeit von Hitlers Ansichten. Die Westblockade beeinträchtigte das Funktionieren der kriegswichtigen Industrien des Reiches pra ktisch nicht. In der Zeit von 1938 bis 1940 wurden die industrielle Kapazität und die Arbeitskräfte des größeren Wirtschaftsraums in die deutsche Wirtschaft aufgenommen, vor allem um umfangreiche Rüstungsprogramme zu finanzieren. Die veränderten Kriegsumstände nach 1940 boten neue Chancen, aber auch neue Probleme. Dem Regime gelang es nie, in den anderen besetzten Gebieten das gleiche Maß an wirtschaftlicher Integration und Koordinierung zu erreichen. Die raschen und unvorhersehbaren Veränderungen im Verlau f des Krieges ließen nur eine bruchstückhafte und improvisierte Verfolgung wirtschaftlicher Interessen im Zuge eines zunehmend improvisierten Strategiebildes zu. Es ist leicht zu verstehen, warum die Historiker von den vielen strukturellen und umständebedingten Zwängen beeindruckt waren, die auf die deutsche Wirtschaftspolitik nach 1940 einwirkten. Auch hier ist klar, dass der wirtschaftliche Druck die Form einer simplen Kriegsnotwendigkeit annahm. Deutschland brauchte das Öl, die Nahrungsmittel, die Arbeit skräfte und eine Vielzahl anderer Ressourcen, die das besetzte Europa liefern konnte. Die Gewinnung dieser Ressourcen stieß jedoch auf alle möglichen Schwierigkeiten,

4) Zu Einzelheiten siehe Richard J. Overy, War and Economy in the Third Reich, Oxford 1994, S. 148-55. 12


die zu einem erheblichen Teil durch po litische Auseinandersetzungen im Reich über die Besatzungspolitik und die Verantwortung ausgelöst wurden. Die deutsche Wirtschaftspolitik in den besetzten Gebieten bestand aus mindestens drei Haupts trängen. Jedes Element stand zeitweise in Konflikt mit dem anderen, und jedes erforderte ein anderes Bündel von Steuerungsinstrumenten. Das erste war die einfache Beschlagnahme von Ressourcen und Vermögenswerten in den besetzten Gebieten. Das zweite war die Ausbeutung der produktiven Ressourcen in den besetzten Gebieten selbst. Schließlich gab es noch die direkte wirtschaftliche Ausbeutung durch die Bundeswehr, ein Element der Besatzungswirtschaft, das im Allgemeinen vernachlässigt worden ist. Die Strategie der wirtschaftlichen Beschlagnahmung kennzeichnete die Anfangsphase der Besatzung. Sie wird gewöhnlich mit dem korpulenten Leiter der Vierjahresplan -Organisation, Reichsmarschall Hermann Göring, in Verbindung gebracht. Er brachte seinen Ansatz 1942 in ein er Diskussion über die französische Wirtschaft auf den Punkt: "Mir scheint, dass früher alles einfacher war. Früher hat man geplündert. Was mich betrifft, so denke ich immer noch an Plünderung, und zwar umfassend. "5) Diese Behauptung ist unredlich, denn der Vierjahresplan hatte bereits vor dem Krieg damit begonnen, die erbeuteten Ressourcen in der Tschechoslowakei vor Ort auszubeuten, und setzte dies in Polen, Frankreich und der Sowjetunion fort. Aber die Beschlagnahme war zweifellos ein wichtiger Aspekt, der vielleicht auch auf die Erinnerung an die alliierten Beschlagnahmungen am Ende des Ersten Weltkriegs zurückzuführen war. Beim Überfall auf die Sowjetunion richtete Göring, der von Hitler weitreichende wirtschaftliche Befugnisse für das projektierte Ost gebiet erhalten hatte, innerhalb der Luftwaffe ein Beute Sonderkommando ein, das beim Vormarsch in die Ukraine über 8000 große Werkzeugmaschinen beschlagnahmte und an die deutsche Flugzeugindustrie weiterleitete.6) Auch Öl - und Rohstoffvorräte wurden besch lagnahmt. Lebensmittel, Pferde und Fahrzeuge wurden beschlagnahmt. Die europäischen Bauernhöfe stellten während des Krieges über eine Million Pferde zur

5) Zitiert in Alan S. Mil ward, The New Order and the French Economy, Oxford 1970, S. 77. 6) Bericht Generalluftzeugmeister, 13. August 1941, National Archivcs (na), t 177 Roll 14, frame 3698645; Rüstungsprogramm der Luftwaffe, 26. Juni 1941, in: Georg Thomas, Geschichte der deutschen Wehr - und Rüstungswirtschaft (1918-1943/45) (hrsg. von Wolfgang Birkenf eld), Boppard 1966, S.451.

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Verfügung; eine bunte Sammlung von Fahrzeugen wurde beschlagnahmt, um den relativ bescheidenen Grad der einheimischen Motorisierung zu kompensieren. Eine Panzerdivision an der Ostfront zog 1941 mit verschiedenen Lkw-Typen und 37 verschiedenen Motorrädern in den Kampf.7) Die wichtigste Ressource war die Arbeitskraft. Es ist bekannt, dass 1944 über 7 Millionen ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene in der deutschen Industrie und Landwirtschaft arbeiteten, was 26 % der ak tiven Arbeitskräfte ausmachte.8 Nicht alle waren gezwungen, nach Deutschland zu gehen. Freiwillige aus ganz Europa wurden von den hohen Löhnen in den Rüstungsbetrieben angezogen. Polen, Jugoslawen und Italiener waren bereits vor Ausbruch des Krieges in gro ßer Zahl beschäftigt. Die große Mehrheit wurde jedoch zwangsrekrutiert oder geriet in Kriegsgefangenschaft. Fast 40 % arbeiteten auf dem Land, um den hohen Anteil an Wehrpflichtigen aus deutschen Dörfern zu ersetzen. Als sich die Kriegslage für Deutschland verschlechterte, weiteten die Behörden das Netz der Arbeitsbeschlagnahmungen immer weiter aus und setzten einen wachsenden Teil der ausländischen Arbeitskräfte in der wichtigen Rüstungsproduktion ein, wo sie leichter diszipliniert und ausgebeutet werden k onnten als deutsche Arbeiter. Die drastische Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Reich im Jahr 1944 durch die Bombardierung und die Verlagerung in unterirdische oder behelfsmäßige Fabriken erhöhte die Notwendigkeit, die Arbeitskräfte zu zwingen. Die ausländischen Arbeitskräfte wurden im letzten Kriegsjahr Opfer der Verlagerung und Intensivierung der Arbeit. Der zweite Strang der deutschen Politik - die Ausbeutung vor Ort - lief der Politik der Beschlagnahmung fast völlig zuwider. Der Verlust von Arbeitskräften, Werkzeugmaschinen und Rohstoffen in der Anfangsphase der Plünderung und Anwerbung erschwerte den Aufbau der deutschen Kriegsproduktion in den besetzten Gebieten, als Hitler im weiteren Verlauf des Krieges die Dezentralisierung der Rüstungsprodu ktion genehmigte. Der Grad der direkten Ausbeutung variierte im Laufe der Zeit und von Gebiet zu Gebiet. Die vor 1940 eingegliederten Gebiete wurden einfach Teil der deutschen Wirtschaft. Die böhmische Industrie wurde so behandelt, als ob sie eine Ergänzung der deutschen Industriekapazität wäre, und tschechische Ausrüstung und Arbeitskräfte, nicht jedoch tschechische militärische Ressourcen, wurden innerhalb des Protektorats genutzt. In den entfernteren 7) Rudolf Steiger, Panzertaktik im Zweiten Weltkrieg. Panzerarmee campaigns of 1939- 41 in German war diaries, Oxford 1991, S. 127; zu Pferden siehe R. L. Di Nardo, Mechanized Juggernaut or Military Anachronism? Horses and the German Army in World War 11, London 1991, S. 37 -40. 8) Ulrich Herbert, Fremdarbei ter. Politik und Praxis des "Ausländer -Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn 1985, pp. 270 -2. 14


Eroberungsgebieten wurde die direkte Ausbeutung in Industriesektoren eingeleitet, in denen Deutschland einen erkennbaren Bedarf h atte - die Entwicklung der Aluminiumproduktion in Norwegen, Eisenerz und Stahl in Elsass-Lothringen oder Mangan in der UdSSR -, wurde aber ansonsten durch den Mangel an Ressourcen oder durch bewusste Entscheidungen, unwesentliche Produktionen stillzulegen, oder durch Hitlers Befürchtung zu Beginn des Krieges, dass Rüstungsaufträge, die außerhalb des Reiches vergeben wurden, ein zu großes Risiko von Sabotage oder Zerstörung mit sich brachten, begrenzt - eine Ansicht, die nicht ganz unbegründet war. Das Ausmaß, in dem die Wirtschaft der besetzten Gebiete für die Lieferung von Gütern an Deutschland oder für den deutschen Gebrauch genutzt wurde, wurde zwangsläufig durch den Kriegsverlauf beeinflusst. Die Tatsache, dass es 1941 nicht gelang, die UdSSR zu besiegen, veränderte das Verhältnis der Besatzungsbehörden zur lokalen Wirtschaft. Unter Görings Weitsicht wurden im Laufe des Jahres 1942 Anstrengungen unternommen, die Eisen -, Stahl- und Kohleproduktion in der Ukraine wiederzubeleben. Die Berg - und Hüttengesells chaft Ost, die im August 1941 gegründet wurde, um die erbeuteten sowjetischen Betriebe im Bereich der staatlichen Reichswerke "Hermann Göring" zu betreiben, war gezwungen, die großen Konzerne der Kohle- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets zur Hilfe zu nehme n, um die Produktion schnell wieder anzukurbeln und den erweiterten Rüstungsbedarf zu decken, der sich aus dem Scheitern von Barbarossa ergab. 9) Die ab Sommer 1942 einsetzenden schweren Bombenangriffe auf Deutschland erzwangen eine groß angelegte Politik der industriellen Verlagerung und Dezentralisierung, vor allem in die sichereren Gebiete Österreichs, Böhmens, der Slowakei und Ungarns, aber auch nach Norditalien (das im September 1943 faktisch zu einem besetzten Gebiet wurde) und nach Frankreich. Das sc hiere Ausmaß der militärischen Anstrengungen im Jahr 1943 zwang nicht nur zur fortgesetzten Rationalisierung der deutschen Binnenwirtschaft, sondern führte auch zu einem steigenden Bedarf an militärischen Aufträgen aus den besetzten Gebieten und zu einem Z ustrom von Ressourcen aus Deutschland, um die Produktion in Gang zu bringen. Mindestens 2,7 Mio. RM wurden von den

9) Alexander Dallin, German Rule in Russin 1941 -45. A Study of Occupation Policies, Second Edition, London 1981, pp. 385 -8; on the Berg- und Hüttengesellschaft Ost see Arbeitsbericht der Berg - und Hüttengesellschaft ost, Dezember 1942, na, Reichswerke files, T83 Roll 79, frames 3451474 -1540.

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deutschen Behörden zwischen 1939 und 1944 in den besetzten Gebieten investiert, und es erfolgten umfangreiche Transfers von Maschinen, Ausrüstungen und sogar von Fachkräften.10 ) Die dritte Form der Ausbeutung wurde von den Streitkräften selbst durchgeführt. Der Bedarf der riesigen Besatzungsarmeen oder der rückwärtigen Gebiete hinter den kämpfenden F ronten ist noch nicht systematisch untersucht worden. Es ist jedoch genug über den lokalen Charakter und das Ausmaß dieser Anforderungen bekannt, um zu vermuten, dass der direkte militärische Bedarf vielleicht den wichtigsten Einzelbeitrag der besetzten Gebiete zu den deutschen Kriegsanstrengungen darstellte. Der Gesamtwert der Besatzungskosten vermittelt eine Vorstellung von der Größenordnung, um die es geht. Der Gesamtbeitrag der besetzten Gebiete zu ihrer eigenen Besetzung betrug 53 Mio. RM, weitere 18,5 Mio. RM wurden für sonstige Kosten und Abgaben bereitgestellt.11) Während eines Großteils des Krieges waren Millionen deutscher Soldaten außerhalb der Reichsgrenzen stationiert, zusammen mit einem großen Verwaltungsapparat und den dazugehörigen medizinisc hen, veterinärmedizinischen und Instandhaltungsdiensten. Diese Präsenz war ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für sich. Die lokale Versorgung mit Brennstoffen, Strom, Lebensmitteln, Futtermitteln und Reparaturkapazitäten war an die militärische Struktur geb unden und wurde in vielen Fällen von einheimischen Anbietern bereitgestellt. Die Besatzungstruppen wurden zu wichtigen Kunden für die örtlichen Landwirte und Geschäftsleute, deren Marktchancen ansonsten durch die Auswirkungen des Krieges verarmt waren. Aus diesen direkten Wirtschaftsbeziehungen, die auch ein nicht zu bezifferndes Maß an Schwarzhandel beinhalteten, ergaben sich die auffälligsten Formen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

10 Berechnet nach Overy, War and Economy, S. 339, Tabelle 10.1. Die Z ahl enthält Investitionen in Österreich und Böhmen. Nicht enthalten sind Investitionen in die Rüstungsproduktion im besetzten Westeuropa. Die Gesamtsumme der deutschen Staatsinvestitionen liegt mit ziemlicher Sicherheit weit über 3 Mio. RM. 11) Karl Brandt, Otto Schiller, and Franz Ahlgrimm (Eds.), Management of Agriculture and Food in the German -Occupied and Other Areas of Fortress Europe. A Study in Military Government, Gcrmany's Agricultural and Food Policies in World War 11, Bd. 2, Stanford, Calif. 1953, S. 616-7.

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Die Rolle der Verbindungsbüros des deutschen Luftfahrtministeriums, die in den großen Städten der besetzten Gebiete eingerichtet wurden, um die lokale Produktion von Ersatzteilen für Flugzeuge und Triebwerke zu organisieren und zu überwachen, sowie die Bereitstellung von Reparatureinrichtungen vermitteln eine Vorstellung davon, wie umfassend die Streitkräfte in die lokale Wirtschaft eingebunden waren. Bis Ende 1940 wurden Verträge mit 100 französischen Ingenieurbüros geschlossen, in Belgie n mit insgesamt 110.12) In Jugoslawien wurden die modernen Avia -Flugzeugwerke in Sarajewo zu einem Zentrum für die Überholung und Reparatur von Flugzeugtriebwerken und für die lokale Produktion von Ersatzteilen ausgebaut.13) In technisch komplexen Bereichen wie dem Flugzeu GBAu waren die Anforderungen an die lokalen Fachkräfte und die Ingenieurkapazitäten erheblich. Dies galt insbesondere in der UdSSR, wo es aufgrund der großen Entfernungen notwendig war, Wartungs- und Reparaturarbeiten hinter den kämpfenden Fronten durchzuführen, anstatt beschädigte Ausrüstung nach Deutschland zurückzuschicken. Hier erwies es sich als notwendig, kleine Industriebetriebe, die während des deutschen Vormarsches geschlossen worden waren, wieder in Betrieb zu nehmen. Die deutsche n Streitkräfte im Osten griffen auch in großem Umfang auf einheimische Arbeitskräfte zurück, die als militärische Hilfskräfte eingezogen wurden. Der militärische Bedarf an Arbeitskräften sowie an Nahrungs- und Futtermitteln setzte den Mengen, die nach Deutschland zurückgeschickt werden konnten, klare Grenzen. Der gemeinsame Nenner aller drei Elemente der wirtschaftlichen Ausbeutung war der dringende Bedarf an Ressourcen zur Aufrechterhaltung und Ausweitung der deutschen Kriegsanstrengungen. Diese Ressourcen waren nur zum Teil ein Nettozuwachs. Sie trugen auch dazu bei, die vorhandenen deutschen Ressourcen zu ersetzen, die für den Militärapparat mobilisiert wurden - zum Beispiel durch die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Die Produktion von zivilen Konsu mgütern in den besetzten Gebieten ersetzte die erzwungene Schließung oder Mobilisierung von Unternehmen des Konsumsektors in Deutschland. Für die deutschen Streitkräfte wurde die lokale Produktion als eine Art Importsubstitution initiiert, um zu vermeiden, dass Nachschub und Komponenten den ganzen Weg von Deutschland über ein überlastetes Schienennetz und durch potenziell feindliche Bevölkerungen geschickt werden mussten.

12) Exploitation of the armaments industry in Belgium and northern France for the German Air Force, 31 December 1940, Bundesarchiv -Militärarchiv (BAMA), RL 3/40. CL-VS Belgium. 13) Engaging the Yugoslav aviation industry, 19 May 1941, BA MA, RL 3/22, GL VS Yugoslavia. 17


Es ist wichtig zu fragen, wie effektiv die deutsche Ausbeutung war, obwohl die Messung der Effektivität sowohl in konzeptioneller als auch in quantitativer Hinsicht offensichtlichen Grenzen unterliegt. Aus deutscher Sicht wurden die besetzten Gebiete als wesentlich für die Fortführung des Krieges angesehen, und eine Form von kriegsbezogenem Wirtschaftsimperialismus war ein zentraler Bestandteil von Hitlers eigener Konzeption seiner Strategie. Europa bot eine Notfall-Ressourcenbasis, die es den deutschen Behörden ermöglichte, die wirtschaftlichen Ziele und Mittel besser aufe inander abzustimmen. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass bei systematisch geplanter Ausbeutung noch mehr hätte herausgeholt werden können. Die französische Flugzeugindustrie lieferte 1942 etwa 1.300 Flugzeuge - viele davon Trainer und 1943 insgesamt 2.600 Flugzeuge, obwohl die Kapazität der Industrie 1940 etwa 10-12.000 Flugzeuge pro Jahr betrug.14 Viele Faktoren verhinderten, dass die Besatzungsbehörde die erbeuteten Fabriken und Betriebe auch nur annähernd optimal nutzen konnte. Zum einen war eine s ystematische Planung kaum möglich, da der weitere Verlauf des Krieges nicht einmal kurzfristig absehbar war. Zweitens hatten die Besatzungsbehörden große Schwierigkeiten, sich ein genaues statistisches Bild über die Größe der einzelnen Industrien oder den genauen Charakter der Arbeitskräfte zu machen. Drittens agierten die Besatzer stets in einem Umfeld potenzieller oder tatsächlicher Feindseligkeit. Die Sabotage von Industrie - und Transportzielen war Routine. Die Auswirkungen der sowjetischen Partisanentätigkeit auf die deutsche Ausbeutung waren sicherlich nicht entscheidend, aber sie wirkten als einschränkender Faktor. Die täglichen Bemühungen von Managern und Arbeitern in den besetzten Gebieten, die produktive Effizienz auf Hunderte von Arten zu untergrab en, erzeugten einen ständigen Reibungsdruck auf die deutschen Bemühungen. Schließlich führte das Unvermögen, ein zufriedenstellendes Verwaltungsinstrument zur Koordinierung und Überwachung der Wirtschaftspolitik in den besetzten Gebieten zu einer Situation des "exportierten Chaos" - die polykratische Struktur des NS-Staates wurde in den deutschen Behörden der einzelnen besetzten Länder im Mikrokosmos reproduziert. Die Hinzunahme militärischer Interessen und lokaler einheimischer Behörden verschlimmerte das Chaos. In den besetzten Gebieten bemühten sich rund 200 000 deutsche Bürokraten, den lokalen Strukturen, deren Inkohärenz in erster Linie ein Produkt der Besatzung war, Kohärenz zu verleihen.

14) Combined Intelligence Objectives Sub -Committee, German Acti vities in the French Aircraft Industry, London 1946, Appendix 4, summary of production, pp. 79-80.

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II. Die Schaffung der neuen Ordnung

Parallel zur Politik der "Notstandsressourcen" bemühten sich deutsche Politiker und Unternehmer, manchmal in Zusamme narbeit mit ihren europäischen Kollegen in den besetzten Gebieten, um einen längerfristigen wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas. Die beiden Stränge der Politik waren nicht immer miteinander vereinbar. Als sich die Kriegslage verschlechterte, überwogen kurzfristige Überlegungen. Doch von den späten 1930er Jahren bis in die letzten Kriegsjahre hinein wurden praktische Schritte unternommen, um den wirtschaftlichen Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft unter den Fittichen der deutschen Sieger zu planen und durchzuführen. Die Wurzeln der so genannten Neuen Ökonomischen Ordnung finden sich in den 1920er und frühen 1930er Jahren als Reaktion auf die schwache Position Deutschlands in der Weltwirtschaft und den offensichtlichen Zusammenbruch der liberalen Wirtschaftsordnung in der Krise. Deutsche Ökonomen und Politikwissenschaftler hatten ein besonderes Interesse daran, die Idee einer post-liberalen Wirtschaftsordnung zu fördern, die sich von einer marxistischen unterscheidet. Sie entwickelten Ideen über Autarkie , staatlich regulierte Märkte und wirtschaftliche "Blockbildung", von denen zumindest einige das zukünftige Zeitalter der EWG vorwegnahmen. Aber ihre Ideen enthielten auch ein starkes Element des Wirtschaftsimperialismus. Die Idee eines Großwirtschaftsraum s mit Deutschland als dessen industriell entwickeltem Kern, der die Art von Wirtschaftsbeziehungen nachahmte, die Großbritannien mit seinem Empire unterhielt, war in Deutschland schon vor Hitlers Machtantritt weit verbreitet. Werner Daitz, ein prominenter Befürworter einer neuen Wirtschaftsordnung, wurde Berater von Alfred Rosenberg und Rudolf Hess. Hitlers Lebensraumkonzept wurde von Schriftstellern wie Werner Sombart übernommen, die die Notwendigkeit betonten, die wirtschaftlichen Bedürfnisse entwickelter , kulturell reicher Bevölkerungen mit der Größe des von ihnen kontrollierbaren Territoriums in Einklang zu bringen.15 ) Der genaue kausale Zusammenhang zwischen dem Verlauf der deutschen Expansion ab 1938 und der Entwicklung eines intellektuellen Milieus, d as für Ideen der postliberalen Ökonomie empfänglich war, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Es kann jedoch kaum ein Zweifel daran bestehen, dass das Vorhandensein eines konzeptionellen Rahmens der Planung der Neuen. 15) Robert E. Herzstein, When Nazi Dreams Come True, London 1982, po -ii. On economists in the slump see Hans -Erich Volkmann, Die NS -Wirtschaft in Vorbereitung des Krieges, in: Wilhelm Deist et al, Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, vol. 1, Ursachen und Voraussetzungen der de utschen Kriegspolitik, Stuttgart 1979, pp -222. 19


Ordnung Auftrieb und Richtung gab, sobald Deutschland mit der Expansion begonnen hatte. Die frühen Erfolge der deutschen Außenpolitik in den späten 1930er Jahren veränderten die Bedingungen für die deutsc he Wirtschaftspolitik radikal; von einer hauptsächlich defensiven autarken Wirtschaft auf einem schwachen und ungünstigen Weltmarkt fand sich Deutschland in einer unerwarteten Position politischer und wirtschaftlicher Dominanz wieder, während die etabliert e Weltmarktstruktur vor dem Zusammenbruch stand. Die Versuchung, aus dieser Situation Nutzen zu ziehen, war für ein Regime, das sich stark dem Wirtschaftsnationalismus verschrieben hatte, schwer zu widerstehen. Im Sommer 1940, nach der Niederlage Frankreic hs und der Vertreibung Großbritanniens aus Kontinentaleuropa, begann das Wirtschaftsministerium unter Walther Funk mit der Definition und Umsetzung der wirtschaftlichen Neuordnung. Dies war zum Teil ein Produkt der Not. Der Zusammenbruch Frankreichs und die Eroberung Belgiens und der Niederlande machten es erforderlich, dass Berlin die Verantwortung für Fragen des Handels und des Zahlungsverkehrs übernahm. Die Sprache, in der die frühen Sondierungsberichte abgefasst waren, verrät jedoch, inwieweit Funks Untergebene, von denen nicht alle Nazis waren, die Überzeugung teilten, dass Deutschlands militärische Stärke zur Errichtung einer dauerhaften wirtschaftlichen Hegemonie genutzt werden sollte. Unter den instabilen Umständen des Krieges war es nicht möglich, d ie neue Ordnung mit letzter Präzision zu dehnen. Hitler machte mehrfach deutlich, dass die künftige Gestaltung der europäischen Wirtschaft mit seiner Zustimmung erfolgen würde, sobald der Sieg errungen sei.16 ) Er lehnte alles ab, was er als präventive Plan ung betrachtete, und ging sogar so weit, Göring das Recht abzusprechen, das Gebiet um Salzgitter "Hermann Göring Stadt" zu taufen. Auf den unteren Ebenen der Behörden gab es konkurrierende Vorstellungen über die neue Wirtschaft, die ebenfalls gegen ein ein heitliches Konzept sprachen. Nichtsdestotrotz gab es Bereiche der Fachplanung, in denen viel praktische Arbeit geleistet wurde, um die Nachkriegsordnung vorzubereiten, und trotz aller Meinungsverschiedenheiten gab es wichtige Elemente des Wirtschaftsbildes , über die ein breiter Konsens bestand. Eine Voraussetzung für viele Überlegungen zur Neuen Ordnung war die Notwendigkeit, den freien Markt durch eine rationalere "gelenkte Wirtschaft" zu ersetzen.17) Deutsche Ökonomen bemühten sich zu zeigen, dass eine regulierte oder "gelenkte" Wirtschaft nicht dasselbe ist wie ein zentral geplantes kommunistisches System, aber es herrschte die allgemeine 16) Zum Beispiel Herzstein, Nazi Dreams, S. 119. 17) Wirtschafts-Hochschule Berlin, Probleme der gelenkten Wirtschaft , Berlin 1942. 20


Überzeugung, dass die Wiederbelebung der Wirtschaft nach dem Zusammenbruch in Deutschland zu einem großen Teil den seit 1933 eingeführten Instrumenten der staatlichen Aufsicht zu verdanken ist. Das 1934 in Deutschland eingeführte System d er Kartellpflicht sollte auf die Produzenten in den besetzten Gebieten ausgedehnt werden. Preis - und Lohnkontrollen sowie Kontrollen der Investitionen, des Handels und des Gewinns allesamt charakteristische Merkmale der deutschen Vorkriegswirtschaft - wurden in den Gebieten eingeführt, die unmittelbar in das größere Wirtschaftsgebiet eingegliedert wurden.18) Einem Großteil der Überlegungen zur Nachkriegsordnung lag die Annahme zugrunde, dass der Staat weiterhin eine ordnungspolitische Struktur mit einem K ern von politischem Zwang betreiben würde, um die langfristigen nationalen/rassischen Interessen des Deutschen Reiches zu wahren. Die Geografie spielte eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der neuen Wirtschaft. Deutschland wurde als das wohlhabende Herz des neuen Europas angesehen, das stark industrialisiert war und einen hohen Lebensstandard genoss. Nach Hans Kehrl, einem Abteilungsleiter in der Vierjahresplan Organisation, "soll die deutsche Arbeitskraft im größeren Wirtschaftsraum nur als die wertvollste und am besten bezahlte eingesetzt werden, um einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen".19) Ein innerer Kreis von Staaten sollte einen bescheideneren Lebensstandard und eine gemischte industrielle Agrarwirtschaft haben. Die Staaten im Osten und Südost en sollten zu Primärproduzenten für den rheinischen Kern werden, die Rohstoffe, Nahrungsmittel und Arbeitskräfte liefern sollten, und ihnen sollten Möglichkeiten für eine nachhaltige industrielle Entwicklung verwehrt werden, es sei denn, deutsche Unternehm en waren in der Lage, die lokalen Ressourcen zu nutzen. Die deutsche Eroberung eines rohstoffreichen Hinterlandes im Osten veranlasste den Vierjahresplan, eine aktive Strategie zur Verlagerung des Hauptgewichts der europäischen Schwerindustrie aus dem West en in die Mitte und den Osten des Kontinents einzuleiten. Die Investitionsprogramme in Salzgitter, Linz, Schlesien und Böhmen wurden als Beginn dieses Verlagerungsprozesses angesehen.

18) Für Einzelheiten zu Böhmen und der Slowakei, Economic Intelligence Department, German Business Penetration under the "New Order", Public Record Office (pro) Kew, Foreign Office (FO) 371/46870, S. 16 -20. 19) Herzstein, Nazi -Träume, S. 105.

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Der Sieg über die UdSSR sollte umfangreiche zusätzliche Ressourcen für den neuen zentralen Wirtschaftsraum in der Ukraine und Südrussland bringen.20) Die deutschen Wirtschaftsbehörden sahen in Berlin die Drehscheibe des europäischen Handels und Finanzwesens, die an die Stelle der Rolle treten sollte, die bis zum Krieg die City of Lond on gespielt hatte. Hier gab es mehr unmittelbaren Handlungsspielraum. Ab Sommer 1940 verfolgte das Wirtschaftsministerium das Ziel, die Reichsmark "zur wichtigsten europäischen Währung" zu machen.21) Handelshäuser und Industrieexporteure wurden angewiesen, alle ihre Transaktionen, einschließlich der Kosten für Dienstleistungen und aller Kapitaltransferkosten, in Reichsmark zu denominieren. Ein zentrales Clearing -System wurde in Berlin eingerichtet, um alle internationalen Transaktionen eines so genannten "inneren Kreises" der besetzten Staaten - Norwegen, Belgien, Niederlande, Dänemark, Luxemburg, Böhmen, Slowakei und das polnische Generalgouvernement - zu kontrollieren. Alle Handels - und Kapitaltransfers an Dritte, auch an die Verbündeten Deutschlands, muss ten über Berlin laufen.22) Das Gleiche galt für den Transfer von Mieten, Renten, Patentrechten, Produktionslizenzen und Reisekosten. Längerfristig sollte das System auf die Transaktionen eines "äußeren Kreises" von wirtschaftlich abhängigen Staaten ausgedehnt werden. Befristete Clearing -Abkommen blieben entweder aus der Vorkriegszeit in Kraft oder wurden mit einzelnen Staaten ausgehandelt. Da die politische Macht fast ausschließlich auf deutscher Seite lag, waren auch die Verbündeten gezwungen, Zahlungen fü r Lieferungen in Mark zu akzeptieren, die auf Sperrkonten in Berlin verblieben. Die Einrichtung eines europäischen Verrechnungssystems war "erst für die Zeit nach dem Krieg vorgesehen".23) Es ist sicherlich möglich, einen Großteil dieser Planungen, die übe r das Kriegsende hinausreichten, als reine Wirtschaftsphantasie zu betrachten, als Produkt der euphorischen Stimmung der Bevölkerung nach den leichten Siegen von 1939 und 1940. Das hieße jedoch, die praktischen Folgen des Umdenkens in der deutschen Wirtsch aft völlig außer Acht zu lassen. Die Neue Ordnung

20) See for example Paul Rheinländer, Vorschlag zur Ausgestaltung der Eisenindustrie im Grossdeutschen Wirtschaftsraum nach dem Krieg, o.D. (1941), Salzgitter Konzernarchiv, 12/155/4. 21) Reich Economic M inistry (RWM), Die Vereinfachung des Zahlungverkehrs, 9. 7. 1940, Federal Archives Koblenz ( BA), R7 3283. 22) RWM (Gustav Schlotterer), Ausbau des deutschen Clearingssystems zu einem europäischen Zentralclearing, o.D. (19. 7.1940?), BA R7 3283. 23) RWM, Note on Italian Memorandum on Clearing, May 1941, BA R7 3283. 22


wurde nicht auf unbestimmte Zeit verschoben. Im Schatten des Krieges wurde viel getan, um den Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft zu fördern, einschließlich der "Arisierung" jüdischer Unt ernehmen. Die deutschen Behörden förderten eine aktive Strategie der Kapitaldurchdringung, die zu einer bemerkenswerten Verschiebung zugunsten der deutschen Aktionäre im gesamten besetzten Europa und bei den deutschen Verbündeten und Satelliten führte.24) Es handelte sich um eine wirtschaftliche Strategie, die durch die Eroberung ermöglicht wurde, die aber nicht von den Erfordernissen des Krieges diktiert wurde. Eine wichtige Rolle beim Erwerb von Aktien spielten die deutschen Staatsunt ernehmen, insbesonder e die Reichswerke "Hermann Göring", die bis 1943 ein Kapitalvermögen von mehr als 5 Mio. RM anhäuften, das zum größten Teil außerhalb der Grenzen des Reiches vor 1938 erworben wurde. Aber auch privates deutsches Kapital nutzte die Chance, die sich durch Eroberungen bot. Der Chemiegigant LG. Farben reorganisierte die europäische Chemieindustrie, indem er Anteile an den großen Chemieunternehmen in den besetzten Gebieten aufkaufte und internationale Kartellvereinbarungen mit Schweizer und italienisc hen Partnern neu aushandelte.25) Ein ähnlicher Prozess vollzog sich im Bereich der Banken und Finanzdienstleistungen. Die deutschen Großbanken, insbesondere die Dresdner Bank und die Deutsche Bank, kauften Anteile an den Großbanken in den besetzten Gebieten auf und erwarben Beteiligungen an den Industrie - und Handelsunternehmen, in die die Banken investiert hatten. Die deutsche Durchdringung des europäischen Versicherungsmarktes war sowohl schnell als auch umfassend. Vor 1939 beherrschten britische Versicherer den eur opäischen Markt. Die deutschen Unternehmen wurden durch eine schwache Finanzlage und durch deutsche Devisen- und Währungskontrollen behindert. Ab 1940 änderte sich ihre Situation dramatisch. Sie verstärkten ihre direkte Beteiligung am europäischen Versicherungsgeschäft oder Übernahmen im Falle der eroberten Gebiete Mittel- und Osteuropas die bestehenden Versicherungsmärkte auf Kosten nicht-deutscher Unternehmen. Deutsche staatliche Versicherer, die Organisationen der Arbeitsfront Volksfürsorge und Deutscher Ring, wurden bei der Vergabe von Neugeschäften bevorzugt, und der gesamte Prozess der deutschen Durchdringung wurde von der Reichsgruppe Versicherung, der nationalen Organisation der deutschen Versicherer, überwacht. 26) 24) Overy, War and Economy, pp. 316 -29. 25) H. Radandt, Die IG Farbenindustrie AG und Südosteuropa. 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1967,Teil 1, pp.78-99; Joseph Borkin, The Crime and Punishment of IG Farben, London 1979, pp. 93-110. 26) Economic Advisory Branch, German Penetration into European Insurance, 24. März 1945, S. 1-5, PRO FO 371/46870. 23


Im März 1941 schlugen deutsche Vertreter in Gesprächen mit schweizerischen und italienischen Gesellschaften eine neue Organisation zur Deckung von Großrisiken vor, die Lloyd's of London ersetzen sollte. Im Oktober wurde in Rom die Vereinigung zur Deckung von Großrisiken gegründet, die auf einer Aufteilung der Risiken zwischen den beteiligten Großunternehmen beruhte (die Versicherung von Kriegsrisiken f and außerhalb des Kartells statt). Bis Ende des Jahres deckte der Verein die besetzten Gebiete Dänemarks, Norwegens, der Niederlande, Belgiens, Frankreichs, Jugoslawiens, der deutschen Verbündeten Italien, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Finnland sowie das neutrale Spanien und die Schweiz ab. 194z wurde ein Ausschuss unter Hans Ulrich eingesetzt, um die Kodifizierung und Standardisierung des europäischen Versicherungswesens nach deutschem Vorbild zu planen. In den besetzten Gebieten sollte ein staatlich kon trolliertes nationales System eingeführt werden, dessen Policen und Prämien sich an der deutschen Praxis orientierten. Am weitesten fortgeschritten war dieser Prozess in Österreich, Polen, Luxemburg und Böhmen. In den baltischen Staaten, Rumänien, Bulgarie n und Belgien wurde mit der Umstrukturierung begonnen. Im besetzten Osten errichteten die deutschen Behörden staatliche Versicherungsagenturen - die Versicherungsgesellschaft Ukraine und die Versicherungsverwaltung für Weißrussland -, die Versicherungsschu tz für Lire, landwirtschaftliche Risiken, Einbruchdiebstahl und Kraftfahrzeuge gewährten.27) Die Rationalisierung des europäischen Versicherungswesens und seine Reorganisation nach deutschem Vorbild war ein Nebeneffekt der Kriegsanstrengungen, stand aber i m Mittelpunkt der deutschen Bemühungen um eine Neuausrichtung der europäischen Wirtschaft nach dem Diktat aus Berlin. Diese Initiativen setzten natürlich einen deutschen Sieg voraus, aber es war nicht notwendig, auf dieses Ergebnis zu warten, um mit der ak tiven Planung einer europaweiten Wirtschaft zu beginnen oder die neue Machtkonstellation in Europa zu nutzen, um deutsche Wirtschaftsinteressen in den besetzten Gebieten und darüber hinaus zu fördern. Die Mengen an Geld, die in Unternehmen außerhalb des Re iches investiert wurden, darunter Bau und Industrieprojekte, die vor Kriegsende nie fertiggestellt wurden, deuten darauf hin, dass kriegswirtschaftliche Notwendigkeiten nur eine Rolle in der Strategie der Kapitaldurchdringung, der Zwangskartellierung und der ab 1940 eingeleiteten Handels - und Zahlungskontrollen spielten. Die Wirtschaft der Neuen Ordnung blieb nicht auf dem Reißbrett; die Grundlagen und ein Großteil des Gerüsts wurden während des Krieges errichtet. Außerhalb Deutschlands wurde akzeptiert, d ass der deutsche Sieg zu einer neuen Wirtschaftsordnung führen würde.

27) Ebd., S. 5-6 und S. 7-13. 24


Einige führende Vertreter aus Wirtschaft und Politik in den besetzten Gebieten begrüßten die Möglichkeit, eine nach deutschem Vorbild rationalisierte Struktur einzuführen. Selbst in Großbritannien wurde die Ausrufung der Neuen Deutschen Ordnung im Jahr 1940 als ernsthafter Versuch angesehen, das gescheiterte liberale Wirtschaftssystem zu überwinden. Als das britische Finanzministerium J. M. Keynes nach se iner Meinung fragte, antwortete er: "Was wir anbieten werden, ist dasselbe wie das, was Dr. Funk anbietet, nur dass wir es besser und ehrlicher machen werden. "28) Die Idee einer wirtschaftlichen "Gemeinschaft" - ähnlich wie die japanische Co -Prosperity Sphere im Fernen Osten - wurde von deutschen Sprechern aufgegriffen, um das zu verschleiern, was in Wirklichkeit ein auf deutsche Interessen zentriertes System war. Die in Berlin erträumte Neue Ordnung war keine frühe Version der Europäischen Wirtschaftsgeme inschaft, denn sie basierte auf ungleichen Machtverhältnissen und nicht auf gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen. Die von Deutschland eingeleitete wirtschaftliche Umstrukturierung war nicht Ausdruck seiner wirtschaftlichen Stärke und Bedeutung - in der Tat befand sich Deutschland 1939 international gesehen in einer schwachen Position - sondern eine Folge der deutschen politischen und militärischen Macht. Es war ein System, das nur durch gewaltsamen Zwang aufrechterhalten werden konnte. In diesem Sinne hi ng das Überleben der Neuen Ordnung vollständig von der Fähigkeit ab, der europäischen Wirtschaft die Ressourcen zu entziehen, die für die erfolgreiche Fortsetzung des Krieges benötigt wurden.

28) Memorandum von Mr. Keynes, Proposals to counter the German "New Order", 1. Dezember 1940, S. 2, PRO Treasury T160/995. Keynes hielt das seit den 1930er Jahren praktizierte Schacht/Funk -System für "gesund und gut" und schlug vor, dass Großbritannien nach dem Krieg ein ähnliches System einführen sollte, um eine erne ute Wirtschaftskrise zu vermeiden.

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III. Die besetzten Volkswirtschaften

In jedem besetzten Gebiet überlebte eine lokale Wirtschaft, um die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung zu befriedigen. Dies führte zu einem Dualismus im Wirtschaftsl eben: einerseits eine Wirtschaft, die auf die Bedürfnisse der Eroberungsmacht reagierte, andererseits eine Wirtschaft, die die tägliche Existenz der eroberten Völker sichern musste. Das verbleibende Überleben lokaler und regionaler Märkte für alles, von Le bensmitteln bis zu Arbeitskräften und Kapital, wurde von den deutschen Behörden anerkannt, die im Allgemeinen den einheimischen Verwaltungen die Verantwortung für diese Märkte überließen. Über diese Verallgemeinerung hinaus zu gehen, ist schwierig. Die Besatzungsmacht machte einen Unterschied zwischen verschiedenen Gebieten. Im Osten, in Polen und der Sowjetunion, musste die Bevölkerung am oder sogar unter dem Existenzminimum leben. Im wirtschaftlich entwickelteren Westen wurde ein höherer Lebensstandard aufrechterhalten und ein größeres Maß an wirtschaftlicher Autonomie toleriert. Aber auch hier lebte ein Großteil der Landbevölkerung und der Kleingewerbetreibenden von einer Art Subsistenzwirtschaft und handelte nur lokal oder auf dem Schwarzmarkt. Diese Dez entralisierung des Wirtschaftslebens wurde durch die Zersplitterung der Märkte infolge der Besetzung und die Zerstörung eines Großteils der Infrastruktur durch die Anforderungen des Krieges begünstigt. Sie ging einher mit einem starken Rückgang der Interna tionalisierung des europäischen Marktes, da der Handel einbrach und die grenzüberschreitenden Wirtschaftstransaktionen unter direkte deutsche Aufsicht gestellt wurden. Der Charakter und die Funktionsweise der lokalen Wirtschaft unter der Besatzung werden e rst jetzt historisch rekonstruiert. Über die Funktionsweise des lokalen Arbeitsmarktes ist viel weniger bekannt als über das Zwangsarbeitsprogramm. Über die Art des lokalen Kapitalangebots und dessen Verteilung ist weit weniger bekannt als über die deutsch en Investitionen in Europa oder über die Transfers nach Deutschland. Die gesamte Frage des Lebensstandards im Europa der Kriegszeit muss noch systematisch angegangen werden; selbst im deutschen Fall gibt es tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten über die Entwicklung des Lebensstandards während der Kriegszeit. Am Rande sei bemerkt, dass die Situation im besetzten Europa weder einheitlich noch gänzlich günstig für die deutschen Interessen war. Während eines Großteils des Krieges genossen die Böhmen großzügig ere Rationen als die Deutschen. Im Jahr 1942 hatten viele der deutschen Verbündeten - Italien, die Slowakei, Rumänien und Kroatien - niedrigere Brotrationen als die Bevölkerung der besetzten Gebiete. Im selben Jahr wurde 26


die deutsche Fleischration in Bö hmen, Kroatien und Litauen angeglichen, während in Dänemark und Norwegen kein Fleisch rationiert war. Die Verbündeten Deutschlands, Italien und Finnland, bildeten das Schlusslicht in der Fleischversorgung, noch vor dem Generalgouvernement.29) Auch bei den Kapital- und Technologietransfers ergibt sich ein zweideutiges Bild. Die Ströme verliefen keineswegs nur in eine Richtung. Die besetzten Gebiete investierten in großem Umfang in deutsche Wertpapiere schätzungsweise 8,4 Mio. RM. - aber Deutschland tätigte auch große Investitionen in den besetzten Gebieten, die mit einem beträchtlichen Transfer moderner Technologie verbunden waren, von der zumindest ein Teil beim Wiederaufbau Europas nach dem Krieg in Ost und West genutzt wurde.30) Deutsche Investitionen in den besetzten Gebieten stimulierten die lokale Wirtschaft, die Dienstleistungen und Versorgungsleistungen sowie Arbeitskräfte lieferte. Das volle Ausmaß dieser Transfers muss noch geschätzt werden. In vielen Fällen wurden die Transfers wieder rückgängig g emacht, da die sich zurückziehenden deutschen Streitkräfte Industrieanlagen und Ausrüstungen mitnahmen oder zerstörten, als sie sich zurückzogen. Wie sich diese wechselseitigen Ströme auf die Leistung der lokalen Wirtschaft auswirkten, die über die reine S ubsistenzsicherung hinausging, ist ein Thema, das ebenfalls noch nicht vollständig geklärt ist. Solange nicht mehr über die detaillierte Funktionsweise der "dualen Ökonomien" in den besetzten Gebieten und der Kontaktbereiche zwischen ihnen, einschließlich des Schwarzmarktes, bekannt ist, kann jede Bewertung der Auswirkungen der deutschen Besatzungspolitik nur vorläufig sein.

IV. Schlussfolgerung

Was hat die Besatzung auf lange Sicht bewirkt? Die unmittelbaren Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklu ng der besetzten Gebiete waren zweifellos negativ.

29) 29. Völkerbund, Economic Intelligence Service, Wartime Rationing and Consumption, Genf 1942, S. 46 -52 und S. 68. 30) Brandt, Landwirtschaft, S. 617. Der Betrag von 28 Mio. RM setzte sich zusammen aus 8,4 Mio. RM an Krediten, die von den Zentralbanken der besetzten Staaten aufgenommen wurden, und 19,6 Mio. RM an Direktinvestitionen in deutsche Anleihen, die hauptsächlich aus Böhmen (12,1 Mio. RM) und den Niederlanden (6,6 Mio. RM) stammten. 27


In allen besetzten Gebieten kam es zu schweren materiellen Zerstörungen und Vermögensverlusten. Nach dem Krieg bezifferte die französische Regierung den Verlust auf 45 % des nationalen Vermögens, in Italien war es ein Drittel. Das besetzte Polen verlor ein Drittel seiner Gebäude, 60 % seiner Schulen, 56 % seines Verkehrssystems und so weiter. Millionen von Europäern starben infolge des Krieges und der Besatzung, und Millionen weitere wurden verwundet, verkrüppelt oder obdachlos. Die europäische Wirtschaft sah sich 1945 mit einer weit verbreiteten Hungersnot, einer rasant ansteigenden Inflation und einem Mangel an produktivem Kapital konfrontiert. Die langfristigen Auswirkungen auf das Wachstum sind schwieriger zu berechnen, was zum Teil auf die allgemein schlechte Le istung der europäischen Volkswirtschaften in den 1930er Jahren und die außergewöhnliche Wachstumsperiode nach 1950 zurückzuführen ist. Die schädlichen und chaotischen Bedingungen, die durch den Krieg und die Besatzung geschaffen wurden, machten es jedoch e rforderlich, dass der Staat nach 1945 eine viel größere Rolle bei der Wiederbelebung der Wirtschaft spielte als zuvor, und zwar nicht nur in den Gebieten, die unter sowjetische Kontrolle gebracht wurden, sondern auch in West - und Mitteleuropa. Die durch di e Besatzung verursachte Zersplitterung der Märkte musste über das hinaus repariert werden, was der freie Marktmechanismus selbst leisten konnte. Die sowjetische und die amerikanische Intervention waren sowohl politisch als auch wirtschaftlich notwendig, um die europäische Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und sie in den Weltmarkt zu integrieren. Es stellt sich natürlich nicht die Frage, was Deutschland von den Volkswirtschaften, die es zwischen 1938 und 1945 besetzt hielt, hatte. Die Notstandsressourcen ermöglichten es Deutschland, einen größeren und längeren Krieg zu führen, als dies ohne sie möglich gewesen wäre, und zwar weitgehend frei von den Problemen der Blockade, die sich im Ersten Weltkrieg stellten. Viele deutsche Beamte, Politiker und Geschäfts leute sahen über die unmittelbare Ausbeutung hinaus eine neue europäische Ordnung, die das schleppende Wachstum und die zerbrechlichen Märkte der 1920er und 1930er Jahre überwinden und Deutschland wieder den Platz einräumen würde, der ihm nach Ansicht viel er zustand: den Platz im Herzen der europäischen Wirtschaft. Ein deutscher Sieg hätte mit ziemlicher Sicherheit zu einem System zwangsweiser, auf Deutschland ausgerichteter Märkte geführt, die in einem politischen System operierten, das von rassistisch -imperialistischen Prioritäten beherrscht und von deutschen Beamten reguliert wurde - in der Tat eine europäische Kommandowirtschaft -, wie es die Erfahrungen des Krieges und die eifrigen Erwartungen der deutschen Wirtschaftsnationalisten bereits vorweggenomme n hatten.

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Dietrich Eichholtz

Institutions and Practice of German Economic Policy in Nazi occupied Europe

I. Preparations for economic expansion

There was a broad consensus within the relevant German military and business circles and the state and p arty bureaucracy, - that everything lost after World War I had to be recovered, including the colonies, - that more or less large parts of the program of expansion and war aims of 1914 were to be realized (with the stages "Greater Germany," "Central European" Greater Europe, domination of Europe), - that a crusade against the U.S.R., the "world enemy" (Goebbels), would open the "gate to world power" for Germany. Even before the war began, the offices and institutions counted by dozens which were concerned with economic preparations for war and which later, almost without exception, became involved in planning the economic "reorganization of Europe" or in concrete occupation policy, or in both. These included, first, the traditional state organs such as the Reich Ministry of Economics, the Reich Ministry of Labor, the Reich Ministry of Food and Agriculture, the Reich Ministry of Transport, the Foreign Office, the Reichsbank, statistical offices, and also the more or less state -related economic science instit utes. Second, a whole series of new official and military bodies had been created, first and foremost the Four -Year Plan Authority and the military armaments and procurement offices (Wehrwirtschaftsstab or Wehrwi rtschafts- und Rüstungsamt des OKW ; Waffenämter der Wehrmachtteile). Third, influential party offices had been formed, of which the Foreign Policy Office and the Colonial Policy Office of the NSDAP must be mentioned above all in our context. The DAF, too, with its bloated political and organizationa l apparatus, later showed great occupationist ambitions. 29


Finally, the large complex of private -sector and mixed state -private-sector institutions, whose role not only in the occupation period but also in the period of preparation for war and expansion h as been little studied or is usually undervalued, must be included in the analysis. These include the Reich and economic groups, the Reich offices, business organizations such as the Rhenish-Westphalian Coal Syndicate and the Association of German Ironworkers, large corporations such as IG Farben, Hermann -Göring-Werke (Reichswerke "Hermann Göring"), Krupp, Flick, Siemens and DAF. Military, official, party and private -sector institutions had been engaged in planning for imperialist conquest and economic expa nsion since 1933, increasingly since 1936 and with the greatest intensity since 1938. Here, we are only interested in the data of such planning, which already contained important guidelines for future economic expansion and occupation policies. In our cont ext, we can neglect colonial planning, which since mid 1936 received an organizational center in the form of the so -called Deko Group (Group of German Colonial Economic Enterprises) headed by Kurt Weigelt, a member of the board of the Deutsche Bank. The De ko Group, a middle ground between the Reich Group and the Economic Group, gradually brought together the processing of all colonial economic plans of the Foreign Office, the Reich Ministry of Economics, the Four -Year Plan Authority, and the Colonial Policy Office of the NSDAP (Weigelt was also head of the Economics Department of this office).1 ) In 1936, Göring received general authority for economic preparations for war as "Commissioner for the Four -Year Plan. Significant parts of this authority had been concentrated since 1938 at the Reich Office for Economic Expansion, which was much more clearly dominated by top executives of the IG Farben Group than the Office for German Raw Materials and Materials from which it had emerged. The head of the Reich Office for Economic Expansion (1939 1945: Reichsamt für Wirtschaftsausbau) was Carl Krauch, a member of the Board of Management and the Central Committee, and since 1940 Chairman of the Supervisory Board of the Group, at that time the right -hand man of Carl Bosch, a first-rate expert and industrial manager.

1) See Klaus Hildebrand, Vom Reich zum Weltreich. Hitler, NSDAP und koloniale Frage 1919 -1945, Munich 1969; Dietrich Eichholtz, Das Expansionsprogramm des deutschen Finanzkapitals am Vorabend des zweiten Weltkrieges, in: Der Weg in den Krieg. Studies on the History of the Prewar Years (1935/36 to 1939). Hrsg. v. Dietrich Eichholtz/Kurt Pätzold, Berlin 1989, p. 2.1 ff; Alexandre Kum'a N'dumbe III, Was wollte Hitler in Afrika? NSPlanungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas, Frankfurt a. M. 1933. 30


It was this institution which, in the last years before the war, dealt with the economic prospects of a major war and clearly indicated - in secret documents, of course - those products and sources of raw mat erials to be conquered which would be necessary to survive such a war. The documents in question have been known to experts for over 20 years, but seem to have received little attention except from economic historians. I am referring primarily to three major memoranda from April and July/August 1939; two were written by Krauch and the Reich Office for Economic Expansion, respectively, and the third was also based in the decisive parts on elaborations by the Reich Office and other IG Farben bodies. Here, the hitherto somewhat cautious and reserved language regarding war and conquest had been abandoned, since Germany was now, after the invasion of the "Rest of Czechoslovakia," heading directly for war; Hitler's hate -filled speeches in Wilhelmshaven (April 1) a nd before the Reichstag (April 28, 1939) made this clear even to the uninitiated. In his report to the General Council of the Four -Year Plan (draft of April 20/21), Krauch had already stated with great urgency that the "defense self sufficiency of the anti -communist coalition" would have to "match the efforts of almost the entire rest of the world. In his report to the General Council of the Four-Year Plan (draft of April 20/21), Krauch had already stated with great urgency that the "military self -sufficiency of the anti-Comintern coalition," which in the expected war would have to be "a match for the efforts of almost the entire rest of the world," could only be achieved through the "creation of a unified large-scale economic bloc of the four European anti -Comintern partners" (Germany, Italy, Hungary, Spain), "to which Yugoslavia and Bulgaria must soon be added," and which "must extend its influence to Romania, Turkey and Iran. 2) In mid -May, Krauch once again summarized his central expansion demands for State Secretary Paul Körner and for Göring as a concise reminder: "Southeastern Europe offers: Mineral oil, bauxite, plus chrome, lead, copper, tin, mercury, antimony, boron. Spain offers: Mercury, sulfur gravel, plus lead, copper, zinc, iron ores. Ukraine offers: Iron ores, manganese ores, plus petroleum. "3)

2) Dietrich Eichholtz, Zum Anteil des IG -Farben-Konzerns an der Vorbereitung des zweiten Weltkriegs, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1969, Part II, pp. 96 ff. 3) Ders, Die "Großraumwehrwirtschaf t" für den großen Krieg, in: Bulletin des Arbeitskreises "Second World War," 1 -4/1986, p. 84, Doc. 1, RWiA -"Notes for Discussion with Mr.Staatssekretär," 16. 5.1939.

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The strategic planning urgently proposed to the regime's political and military top brass in this "Secret Reichssache" was sufficiently clear: Postpone, if possible, the inevitable great war against the Western powers for a little longer; bring southeastern Europe firmly into German hands and, if necessary, secure it "by force of arms"; get at the sources of aid in the Middle East if possible; "if peace is maintained" in the Mediterranean, use Spain's "favorable raw material base, not yet fully developed" for Germany; in the East, intensify trade with the Soviet Union for the time being and, "in the event of war" (against the West), seize the Ukraine. The real policies of the following months harmonized quite impressively with this program, especially Hitler's decision to enter into pact negotiations with the UdSSR and the activities of Goeri ng's special envoy Helmuth Wohlthat and the trade policy department of the Foreign Office. The memorandum of the Wehrwirtschaftsstab on "Germany's Mineral Oil Supply in the War" dates from April 1939, which, as Rolf -Dieter Müller notes, was based on "a num ber of documents on the petroleum problem" from the IG Farben concern or from the Reichsstelle für Wirtschaftsausbau.4) In the memorandum, "the hostility of the Western states and Soviet Russia and the hostile neutrality of Belgium, Holland, Denmark, Norwa y and Poland were assumed. The blockade of overseas imports was unalterable. "The most urgent war aim must therefore absolutely be the domination of the petroleum areas nearest to Germany and as far as possible removed from enemy influence." The focus was on the demand for "mastery of the Romanian oil fields and thus of the entire Danube region as a precondition for an adequate supply of mineral oil to Germany in a war of longer duration." If the "military means" had to be used with respect to Romania, the same applied to Estonia (oil shale) and above all to Poland (Galician oil). "The military means is also the only one which, if necessary, would be able to draw on the former East Galician oil districts of present -day Poland, which have hitherto been untouched by German economic and foreign policy. Finally, it is also the only means to envisage the greatest and most rewarding goal: The domination of the most formidable petroleum area in Europe, Caucasia."

4) Memorandum in: Bundesarchiv Abt. Potsdam, Filmsa mmlung, Film 2329; Rolf-Dieter Müller, Das Tor zur Weltmacht. The Significance of the Soviet Union for German Economic and Armaments Policy between the World Wars, Boppard 1984, p. 315 f.

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The third document, which cannot be analyzed in detail here due to lack of space, is the memorandum of the Reichsstelle für Wirtschaftsausbau (Reich Office for Economic Expansion) on the "Possibilities of a Greater Area Defense Economy under German Leadership" of July/August 1939 - according to its subtitle an "Invest igation of Raw Material Dependence and Possible Solutions in the Greater Economic Area". 5) Very likely written on Göring's order, it contained, following on from the Großraum strategy developed in Krauch's April report, the additional demand for economic "annexation of the northern area" (Scandinavia including Finland and the Baltic states) and for the disposal of the "raw materials of Russia." Poland's resources were included as a matter of course, as desirable further those of Turkey, Greece, Portugal, a nd French North Africa. With the help of the allied regimes in Italy and Spain, the economic forces of this vast area were to be transformed into a unified "large scale defense economy" by means of a "third four -year plan." This "peace and war goal" was ch aracterized as "peaceful penetration and interconnection of the economies of the greater economic area ... making southeastern Europe and the northern area serviceable to the coalition as well as enabling a sustainable relationship with Russia." Of particular interest is the changing attitude toward the USSR from June/July to August. In the first version, "military confrontation with Russia" was envisaged in order to gain possession of oil, iron ore and manganese and of the undestroyed extraction and produc tion facilities; the later summary spoke of "peaceful penetration" by "friendly" means -as a result of the ongoing negotiations on the German -Soviet non-aggression pact. These secret pre-war plans related mainly to eastern and southeastern Europe, partly to southwestern Europe (Spain) and to the "northern region"; however, they only reveal their meaning if they are understood, as has been explicitly stated on several occasions, as preparation and background for a new - war against the victorious powers of the First World War for German supremacy in Europe. Such an open-hearted and official preoccupation with the planning of economic expansion, conquest and occupation as within the Four -Year Plan organization under the auspices of the Reich Office for Econom ic Expansion did not exist in other institutions at that time. The leadership of the Reichsgruppe Industrie, renewed and reorganized in October 1938, at least tried to make up for lost ground. Its new head, Mannesmann General Director Wilhelm Zangen, a "ca llous, egotistical" supporter of the regime (v. Hassell), 5) Reprinted in full in: Eichholtz, Die "Großraumwehrwirtschaft," pp. 86 ff, Doc. 2; cf. Hans-Erich Volkmann, Die NS -Wirtschaft in Vorbereitung des Krieges, in: Das Deutsche Reich und der Zweite We ltkrieg, vol. 1, Stuttgart 1979, pp. 353 ff. 33


enthused in a speech on May 12, 1939, for example, about the newly created "Reich Group for Industry. In a speech of May 12, 1939, for example, he was enthusiastic about the newly established "Greater German y," but at the same time pointed out that it was now important "that an industrial state such as Germany ... find compensation for its industrial capacity in a corresponding agricultural economic area. Thus, also in the future, "tremendous tasks have to be fulfilled, which are based on the constant promotion of our armed forces and their economic requirements".6) In any case, the war removed all inhibitions, and the world witnessed with astonishment and horror the enormous predatory energy with which the German elites set about implementing "reorganization" plans for which they had in many cases already been collecting the documents since the First World War. But the war with its inherent laws and especially the great successes of conquest in the first three years of the war confronted German economic planners and politicians with tasks for which they were ultimately quite unprepared. For no single occupied country, let alone for the occupied continent, was there a well thought -out concept of long-term econom ic "penetration" and "interdependence" possibly taking into account the autonomy and genuine interests of the country concerned. In fact, such a concept could not exist either, and it would have been, as far as imaginable, unrealizable in any case. Neither the barbaric German warfare, nor the drive for economic domination in Europe and for the destruction of foreign competition, nor even the fascist terror and racism as a political program of German occupation rule were in the least compatible with a strate gy of peaceful integration. What prevailed everywhere, under highly contradictory conditions and under manifold internal struggles of the German agencies involved, was the most primitive predatory capitalism, and, in the somewhat longer term, the - poorly organized - adaptation of the economy of the occupied countries to the short term needs of the German war economy and warfare. Viewed from the later periods of the war, this kind of occupation economic policy seems, ironically, quite appropriate to the sit uation, since, in fact, the longer it went on, the more it became merely a component of the desperate attempt to stand up to "the efforts of almost the whole of the rest of the world" in the face of a now hopeless balance of military and economic power.

6) Anatomy of War. New Documents on the Role of German Monopoly Capital in the Preparation and Execution of World War II. Ed. Dietrich Eichholtz / Wolfgang Schumann, Berlin 1969, p. 215, Doc. 94, lecture by Wilhelm Zangen at the meeting of the DAF's Fachamt Eisen und Metall,12. 5.1939. 34


II. The institutional system of economic exploitation

As the German conquests progressed, the number of institutions and organizations of an economically exploitative character grew into the almost unmanageable. Since no o verall plan existed for long -term German political or economic rule in Europe, the economic administrations in the occupied countries were initially set up in a disparate, diverse, often arbitrary, contradictory, and in many cases chaotic manner. This had an impact on the effectiveness of these administrations, quite apart from the fact that their effectiveness, i.e., the result achieved with the respective means for strengthening the German war economy and its potential as well as for meeting occupation ne eds, depended in every case on the attitude of the occupied in its entire range from collaboration to resistance. It would have been first and foremost Göring's task as "Commissioner for the Four-Year Plan" to "order" occupied Europe economically in the Ge rman interest and to exploit it according to plan. His authority, which was expressly extended by Hitler in 1940 for another four years, was conceivably broad and encompassed not only the production of all basic, raw and substitute ("factory") materials fo r the war economy, including foreign trade in this area and the foreign exchange economy, but also the realization of the major investments necessary for this, furthermore agricultural production and, in addition, the use of the labor force in the war econ omy; he also had supreme command of the air armament. Göring, however, not only lacked the necessary strategic foresight, but he also chose the obvious, convenient path of delegating tasks to individual institutions, some existing (Reich Ministry of Econom ics; Reich Ministry of Food and Agriculture; Reich Ministry of Labor), some newly formed (Reich Office for Economic Expansion), without organizing a tight overall planning or at least insisting on effective coordination of these bodies; a fortiori, he did not integrate the Wehrmacht into such a system. As a result, his authority, or at least what he could have made of it, slipped between his fingers. Albert Speer, as Reich Minister for Armaments and War Production (rmruK; until September 1943 still: Reich M inister for Armaments and Munitions), had later, since 1942, more than two years to do with bringing together in his ministry the most important responsibilities that had slipped away from Goering. If, in the following, an attempt is made to analyze the in stitutional diversity in occupation economic policy and, for this purpose, certain structures are presented and groupings made, these categories are formed by the historian

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in hindsight and were by no means the result of strategic, political, or economic policy considerations and decisions at the time. The German central authorities and institutions listed at the outset not only extended their jurisdiction to the annexed territories in the East and West, but also became intertwined, both in terms of per sonnel and function, with the new administrative and economic institutions created for the occupied countries. These new institutions can be roughly divided into those that were established permanently within the framework of the German military and civilian administrations, those of a military -state or mixed -economy character that were created as special organizations and independent institutions with a state-authority character, partly on a permanent basis and partly for temporary tasks, and finally those of a private-sector character. Clear demarcations are not possible in every case. Particular examples are those cases in which special institutions of an official or military character cooperated closely with private business enterprises or acted on their behalf or in their interest. Examples include the Haupttreuhandstelle Ost (HTO) and the Technische Brigade Mineralöl.

A. On the first category (governmental institutions in perpetuity)

The economic departments at the military commanders and civilian administrations have been neglected by research so far.7) The heads of these departments came partly from high ministerial positions in the Reich (Elmar Michel in Paris; Gustav Schlotterer in the Reich Ministry for the Occupied Eastern Territories, RMfbO), pa rtly from the private sector (Hans Fischböck8) in The Hague), and partly from the ranks of the Gauwirtschaftsberater der nsdap (Carlo Otte in Oslo). A recent study of Hamburg's economy under 7) For France, in more detail Hans Umbreit, Der Militärbefehlsha ber in Frankreich 1940- 1944, Boppard 1968; ders., Auf dem Weg zur Kontinentalherrschaft, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, vol. j, Erster Halbbd., Stuttgart 1988, pp. zio ff. 8) Originally active in Austrian banking (Vorstandsvors. der Öste rreichischen Creditanstalt); 1938/39 minister in the Austrian provincial government; later Reichskommissar für die Preisbildung.

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National Socialism notes that several influential posts of this kind were filled from Hamburg's business and party circles (in addition to Otte and Schlotterer, Walter Emmerich, head of the Economics Department in the government of the General Government ).9) In all economic departments, the "Commissioner for the Four-Year Plan" (Göring) had special representatives who, thank s to Göring's general power of attorney, mostly asserted themselves in the early years even in the face of resistance. Göring himself was particularly involved in the preparation and implementation of the economic raid in the USSR. This will be discussed e lsewhere. In France, the multi -pronged occupation policy also had an impact in the economic sphere. Ambassador Otto Abetz, for example, opposed certain measures of the military commander and other authorities that seemed to him to be detrimental to the ide a of collaboration. Sometimes he appealed directly to Hitler; for example, he called for his help against the planned closure of all haute couture companies.10) In the confusing juxtaposition and confusion of German institutions in France, the Armistice De legation for Economics also played an important role. Finally, the Wehrwirtschaftsorganisation des okw (Wehrwirtschafts- und Rüstungsstab Frankreich with four arms inspectorates) had considerable powers of its own.11) The exploitation system in the occupied territories of the USSR took a special organizational position. During the entire war in the East, the occupied territory was divided into three parts: the civil administration (RMfbO; Reichskommissariate Ostland and Ukraine), the rear army area and the operational area. This corresponded to different systems of economic administration, which were poorly coordinated or not coordinated at all. These three areas changed their location and size: during the period of German action, they expanded eastward; dur ing the period of retreat, they shifted backward toward the west. Nevertheless, institutions such as Kontinentale Öl ag, Zentralhandelsgesellschaft Ost mbH, and other eastern companies and the system of so -called La-Führer (agricultural leaders) operated both in the Reich commissariats and in the army and army areas to the rear, sometimes even in the front line of battle.

9) According to the presentation by Karl Heinz Roth at the conference "Kein geschlossenes Kapitel: Hamburg im Dritten Reich" (October 1 995). 10) Otto Abetz, Das offene Problem. Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte deutscher Frankreichpolitik, Cologne 1951. 11) See Umbreit, Der Militärbefehlshaber, pp. 34 ff.

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In the occupied countries, moreover, the okw (Wehrwirtschafts - und Rüstungsamt) set up its economic organization calculated for the long term. The most important organs of this apparatus, the armaments inspectorates, became the responsibility of the Reich Ministry of Armaments and Munitions (or for armaments and war production) in 194 2, after the dissolution of the okw office. When northern and central Italy and Hungary came under German occupation in the late stages of the war, it was Albert Speer, as Reich Minister for Armaments and War Production, who assigned his trusted economic officers to assist the German Reich Plenipotentiaries. There was, it seems, little contact or exchange of experience between those in charge of the economic departments in the occupation administrations. It will have been limited to the infrequent large mee tings of the heads of the occupation administrations called by Göring. Apparently there was little coordination, the closest being in Western Europe. Each economic department operated in a different environment, had other opportunities for direct intervent ion in the economy of the occupied country concerned, and other opportunities in turn for collaboration with and control of the country's own economic self governing bodies. Under the pressure of the demands of the Wehrmacht, the Four-Year Plan, the RMRuK, etc., they were constantly pushed to slaughter the cow that was to be milked in the long run - according to a common image of the time, i.e. to get the maximum out of the country ruthlessly and quickly, instead of pursuing a longer -term strategy based on collaboration.

B. Regarding the second category (special institutions of mixed character)

The establishment and use of special authorities and special organizations, which were present in large numbers in occupied Europe, can be explained by various needs and interests of the occupation policy. The military organizations that soon appeared behind the fighting troops belong to the better known species of this category. They had the task of quickly securing military and economic, especially raw material bo oty from removal or destruction by the enemy. They were economic commandos of the OKW and the Army, special staffs of the Four -Year Plan (with a military character) operating in the West and East for the collection of scrap metal (Rittmeister or. Major Hans Schu) and important industrial raw materials (Major General Robert Bührmann, later Major General Walter Witting), in the West also Colonel Josef Veltjens, Göring's "Commissioner for Special Tasks" (raw

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materials and black market transactions), in the East the well-known Economic Staff East (cover name "Oldenburg") with an extensive substructure, This included, for example, the otherwise independently operating "Special Representative for Mining of the Economic Inspectorate South" in the Don Donets mining district, Rittmeister Walter Tengelmann, a member of the large family of entrepreneurs with friendly relations to Göring, who were decisively represented in the Vereinigte Stahlwerke and in the Hibernia AG. Tengelmann had already been active in the sum mer of 1940 as a commissioner of the Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt for the ore mines in Lorraine.1 2 With the consolidation of the occupation rule, such bodies were absorbed into the Wehrwirtschaftsorganisation of the OKW. Until the end of the war, speci al technical-economic units operated in Eastern, Southeastern, and Northern Europe, namely the Technical Battalion 26 (mot.) Mining and the Technical Brigade Mineral Oil, units that were deployed at the request of the war economy (RMRuK) or the Kontinental e Öl AG for military "security," and in various places also for the development and exploitation of particularly important raw material deposits. In the longer term, other central war economy institutions with a private -sector background set up for specifi c economic exploitation purposes. First and foremost, Kontinentale Öl AG and its subsidiaries should be mentioned. Kontinentale Öl ag, a corporation created by state authorities (Four -Year Plan, Reich Ministry of Economics), big industry and big banks, was to pool the oil resources of Europe, the Caucasus and the Middle East to be brought under German rule. As early as 1942/1944, Franz L. Neumann saw in the state -big-capitalist mixed structure of the concern and in its claim to create a huge Eurasian oil em pire the prototype of an imperialist machinery which, according to German plans, was to subjugate the economy of large parts of the world to the ns regime and to German big business.13) 12) See Dietrich Eichholtz, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 19391945, vol. lt, Berlin 1985, p. 463. 13) See Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 193 3 -1944. ed. by Gert Schäfer, Frankfurt a. M. 1977, p. 459 ff. - Neumann characterizes the composition of the supervisory board of Kontinentale Ol AG as an attempt to "merge the four ruling groups of the Nazi regime into a cohesive elite": "composed of representatives of the party, the army, the bureaucracy and industry, it could, under certain conditions, become the model for a new rulin g class. But as is already evident from this enterprise itself, the unity of the ruling groups is based on the oppression and exploitation of foreign countries as well as of the German people. Germany must carry out conquests so that these four groups can reap the harvest. This is the essence of the highly praised 'Konti -Öl' and the only bond holding the ruling class together." (S. 459) 39


The German Armistice Delegation for Economic Affairs, headed by Envoy Johannes Hemmen (Foreign Office), was set up spec ifically for negotiations with the French government and industry and had members with military rank as well as those from ministerial departments. Behind it was an industrial lobby, led by the IG Farben group. There is, to my knowledge, no major scholarly work on this important institution, which was very active in many areas, such as the forced capital alienation of French domestic and foreign companies and the pressure on French industry in the awarding of German armaments contracts. Hemmen was, even acc ording to IG Farben representatives, "a somewhat 'wild man,'"14) who wanted to achieve quick successes with tough negotiating methods and thus came into conflict with Abetz's collaboration line. In contrast to Kontinentale Öl AG, which throughout the war f ailed to gain access to truly significant sources of oil, numerous other institutions created for the exploitation of special economic resources operated with more or less considerable success. Among these, the following can be mentioned by way of example - the HTO, which, operating under the Commissioner for the Four -Year Plan, took all Polish and Jewish industrial property in the annexed Polish territories into "fiduciary" administration, but in effect expropriated it, first dividing up the East Upper Silesian coal and steel companies among competing German concerns and later selling the medium -sized and smaller property to Germans, - the "Beauftragte für die Kohlenbewirtschaftung West" (Beko West) in the form of Otto Steinbrinck, member of the board of ma nagement of Vereinigte Stahlwerke, responsible to the Reichsvereinigung Kohle since 1941, - the "General Commissioner for Minette Production and Distribution" (Hermann Röchling, since 1942 Chairman of the Reichsvereinigung Eisen), - Nordag (Nordische Alumi nium AG; since 1941 Hansa Leichtmetall ag), which was to multiply Norwegian aluminum production by means of German Norwegian subsidiaries and make it serviceable for German air power ("Göring Program"); founded under the official supervision of the Reich A viation Ministry by a "trustee and asset manager for the Norwegian aluminum industry" (Heinrich Koppenberg, Junkers aircraft group) with the cooperation of the IG Farben Group and the Reich Office for Economic Expansion, - the "Plenipotentiary General for the Economy in Yugoslavia" (Franz Neubausen, a confidant of Göring); later "Plenipotentiary General for the Economy in Serbia"; at the same time "Plenipotentiary General for the Metal 14) Bundesarchiv Abt. Potsdam, Case VI (IG Farben Trial), Film No. 410, ADB 58, Doc. Ni-8785, affid. Gustav Küppers. 40


Ore Mining Southeast"; since August 1943 Chief of Military Administration at the Military Commander Southeast, - the German "Ostgesellschaften" which, heavily interspersed with representatives of big busine ss (industry, trade, banks), had been created for the administration and operation of industry and trade in the occupied territories of the USSR (Berg - und Hüttenwerksgesellschaft Ost mbH, bho; Ostfaser GmbH; Chemie -Ost GmbH; Zentralhandelsgesellschaft Ost für landwirtschaftlichen Absatz und Bedarf mbH; subsidiaries of Kontinentale Öl ag, and other operating, "support", collection and trading companies), - the "Zentralauftragsstellen" (ZASt) of the Reichsstellen and economic groups, - the "Rohstoffhandelsge sellschaft mbH" (Roges), the "Deutsch -Griechische Warenausgleichsgesellschaft mbH" (Degriges), etc. Göring's inactivity and incapacity as an appointed organizer of a uniformly oriented occupation economic policy, already characterized at the beginning, did not go so far, however, that he did not take a decisive part in a considerable number of individual actions and organizations via the Four -Year Plan authority, for example in the founding of the HTO, the Nordag and the Ostgesellschaften, and in a wealth o f personnel decisions. After the failure of the Luftwaffe as an offensive weapon against England, he devoted himself more intensively for a longer period in 1940/41 to the task of preparing the plundering and colonization of the Ussr. Through an "Economic Management Staff East" headed by him and through the Kontinentale Öl AG, he tried to involve the other institutions involved (Wehrmacht, Reich Ministry of Economics, Reich Ministry of Labor). He is considered responsible for the drafting of the so -called Green Folder of June 1941, a strategy paper in which food and oil were designated as the most important economic goals to be ruthlessly pursued by Germany in the Ussr and the country was dictated the status of a colony, its population the status of starvati on. He was also responsible for the exploitation and starvation strategy against the population of the USSR outlined at the preparatory meeting of May 2, 1941 (staff or state secretary meeting in the Economic Management Staff), furthermore for the later barbaric guidelines for the treatment of civilian Soviet forced laborers and for the "General Principles for Economic Policy in the Newly Occupied Eastern Territories," which he explained to a large circle of participants on November 7 and 8, 1941.15)

15) See Eichholtz, Kriegswirtschaft, Vol. II, pp. 191 ff; p. 414; Rolf -Dieter Müller, Die Mobilisierung der deutschen Wirtschaft für Hitlers Kriegführung, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Vol. 5, Erster Halbbd., pp. 612 ff. 41


C. Regarding the t hird category (private sector institutions)

To the extent that private -sector or predominantly private -sector institutions and organizations operated within the framework of the German occupation economy, they were subject to approval and supervision by authorities of the Reich or by the occupation administrations. In this respect - and only in this respect - there was no "free" private -sector activity in the occupied territories. This prerequisite for private economic activity, however, implied that virtually only large, influential private companies, associations and federations with the appropriate connections to the authorities, military and party services could do business, exploit and plunder, and recruit workers there. This limiting condition once a gain illuminates the fact that there were often fluid transitions to the category of special institutions and organizations. Neumann has already noted this for the Kontinentale Öl AG, which, dominated by a mixed economy in terms of capital, marched into th e occupied territories quite predominantly with private -sector management and special forces. This was again done by order of Göring and the Reich Minister of Economics and in close accordance with their powers as well as in the wake of an elite armored army and under the protection and with the help of a special, strong military detachment, the Technical Brigade Mineral Oil. The same was true of the other German Eastern companies mentioned above. The domain of the large German corporations and the associat ions they controlled (Reich groups; economic groups) was the so -called economic reorganization of Europe, which they had been engaged in since the First World War. Thus, in 1940/41, they were able to pull out of their secret closets and drawers a large par t of those documents on which they based the expansive, ambitious plans for German economic domination in Europe (and beyond). Unlike Hitler and Göring, who had only general, often vague ideas about the future economic shape of Europe, experienced expansio nist strategists with cumulative expertise were at work here.The "reorganization" plans of the corporations and associations, which were studied most extensively at the time by GDR historians16 ) but appear clearly 16) See especially Anatomy of War; Welthe rrschaft im Visier. Dokumente zu den Europa- und Weltherrschaftsplänen des deutschen Imperialismus von der Jahrhundertwende bis Mai 1945. ed. by Wolfgang Schumann/Ludwig Nestler, Berlin 1975; Eichholtz, Kriegswirtschaft, vol. I (Berlin 1969; 1985) and vol. 11.

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undervalued in most specialist publications, were aimed at securing the dominance of the German economy in a fascist "reorganized" Europe. At the time, these plans were the concern of everyone who had any standing in the German economy, from the R eichsgruppe Industrie and its economic and specialist groups to the large corporations and major banks to up -and-coming individual entrepreneurs with good connections to party and administrative offices, to banking and corporate circles. To be sure, they c ould be realized only in accordance with the progress of the German conquests and later took a back seat everywhere to tactics of hasty, short -term exploitation. But their realization in various institutional forms can be traced from the occupation of Austria, the Sudetenland and the "Protectorate of Bohemia and Moravia" to the period of German withdrawal. In this context, I understand "institution" of German occupation policy in a broader sense to mean various things: the "Aryanization" promoted by the occupation authorities, often organized and controlled by the branches of major German banks; the institute of "trust administration" of large and largest industrial, but also agricultural properties (East Upper Silesia; Lorraine-Luxembourg industrial area); the takeover of industrial enterprises and complexes into German ownership, respectively the formation of new enterprises through capital majorization by means of buyouts and forced capital takeovers and transactions; the establishment, takeover or expansi on of banks as subsidiaries and "base banks" of major German banks.17 ) Umbreit summarizes the balance sheet of the first two years of occupation in this respect in a useful overview: "In addition to buying up thousands of smaller, not least Jewish, compani es, they also succeeded in acquiring stakes in large enterprises. Skoda, Waffenwerke Brünn, Eisenwerke Witkowitz in the Protectorate, Norsk Hydro in Norway, Algemeene Kunstzijde Unie (Aku), Hoogovens, Werkspoor, Fokker in the Netherlands, and smaller firms in France, where by the end of 1941 just over 100 million rm had been spent on domestic holdings, and where there was the establishment of joint companies on a larger scale. In the company 'Francolor', for example, the Germans reserved 51% of the capital, and the French provided the president. At the same time, German insurance companies replaced their former international competitors from the enemy states in the property insurance business, which was not yet profitable.

17) An attempt to characterize dif ferent types of "multinational activity" of the Nazi state and German private enterprises is made (1986) by R. J. Overy, German Multi-Nationals and the Nazi State in Occupied Europe, in: ders, War and Economy in the Third Reich, Oxford 1994, p. 329 et seq.

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In the field of economic integration of the Reich with the occupied territories, in addition to the major banks, Hermann -Göring-Werke, I.G. Farben, Vereinigte Stahlwerke, Rheinmetall -Borsig, Karstadt, the Otto Wolff Group, Siemens, Bosch, Sidol, Deuts che Gold- und Silber-Scheideanstalt and Deutsche Zellwollring were active. By the spring of 1941, however, the willingness to sell had already noticeably diminished. [...] It seemed to be easier for the owners to part with shares in foreign companies when it came to countries in Eastern and Southeastern Europe, which had already been largely written off as part of the German sphere of power. By the end of 1941, pressure and lucrative offers had brought into German hands stakes in such important companies as the Banca Commerciale Romana and the oil company 'Concordia' in Romania, in the General Yugoslav Bank Association and the mines of Bor, as well as in Polish mining and metallurgical companies and Greek bauxite mines. In France alone, some 200 million RM had been spent on this by the beginning of 1942. The interlocking transactions were paid for overall with the help of loans, from the occupation costs and, in the case of France, also with foreign bonds bought up or by including them in the clearing settlem ent. The issue of German shares was the exception. "18) The "Aryanizations" - seizures, capital takeovers and expropriations in Austria (Skoda-Wetzler Werke, Steyr -Daimler-Puch, Alpine Montan, Hirtenberg, Österreichische Credit -Anstalt, etc.) and in the Su detenland (Aussiger Verein, Petschek-Konzern) - had already enriched the German corporations with "reorganization" experience before the war. Since the annexation of Austria, the major German banks had also played a decisive role everywhere - and in fierce competition with one another - in the "penetration" and "integration" of foreign economies; branches and subsidiaries in the annexed territories and "base banks", de facto mostly also subsidiaries, in the other occupied countries became the nerve centers of the "reorganization". Furthermore, special committees of private industry had considerable weight in the conception and realization of the "reorganization" course, especially in Southeastern Europe (Southeast Committee of the Reich Industry Group; Southeastern Europe Committee of the IG Farben Group). German chambers of commerce existed in a number of occupied countries (Denmark, Norway, the Netherlands, the Generalgouvernement). Semi -official societies engaged in lobbying and maintaining contacts (South east European Society; Central European Business Day). Corporate advertising offices (IG Farben; Zeiss) recruited workers, especially specialized workers, for large German corporations.

18) Umbreit, Auf dem Weg zur Kontinentalherrschaft, p. 239.

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A special position in the structure of the occupation institutions active in the economic field, which cannot be classified in any of the three categories mentioned, was occupied by the SS economy, which was usually far overestimated in its importance, i.e. th e operation of ss-owned production facilities of the building materials industry, metal and wood processing on the basis of concentration camp prisoner labor.19) The economic planning of the SS in this field, especially within the framework of the "General Plan East" was indeed gigantic; the actual scope of the ss corporation's activity, however, was quite minor. The SS as an economic factor in the occupied territories, however, has gone down in history in other ways through extreme examples of fascist barbarism: through the agricultural expulsion and resettlement experiments involving many tens of thousands of people in the annexed Polish territories, in the Generalgouvernement (Zamosc) and in the occupied Soviet territories (Shitomir; Lithuania; Crimea), a s well as through Auschwitz in annexed eastern Upper Silesia. Since 1941, a huge industrial complex was built in Auschwitz, where Buna, fuel and other important products were to be produced for the war. The client was the IG Farben group; other groups (Kru pp) were to be involved. The labor force for the construction of the plants was provided by the ss from the large -scale concentration camp built specifically for this purpose, to which the notorious Auschwitz 11 (Birkenau) extermination camp was attached. The SS strategy of "extermination through labor" was combined here with the system of exploitation of the cheapest labor, namely concentration camp inmates tortured by maltreatment and starvation and constantly threatened with death, especially Jews and ot her "subhumans," devised by executives of the IG Farben corporation. This model obviously anticipated on a large scale characteristic future practices of domination and exploitation in German -dominated Europe, at least in the "Eastern region." The IG -Farben/SS industrial complex of Auschwitz therefore has a similar status as the Kontinentale Öl AG, which Neumann characterized at the time as a future model for a German -fascist dominated "Großraumwirtschaft".20 ) 19) See Walter Naasner, Neue Machttzentren in d er deutschen Kriegswirtschaft 1942 -1945. Die Wirtschaftsorganisation der SS, das Amt des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz und das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition/Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion im nationalsozi alistischen Herrschaftssystem, Boppard 1994, pp. 197 ff. 20) Cf. also the question posed in Karl Heinz Roth, l.G. Auschwitz. Normalität oder Anomalie eines kapitalistischen Enrwicklungssprungs?, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 4/1989, pp. 11 ff. 45


III. Long-term planning and short -term plundering

The plan to combine European resources into a vast, more or less self sufficient economic bloc ("Großwirtschaftsraum"; "Großraumwehrwirtschaft") that could no longer be th reatened by war and blockade was familiar to leading Nazi politicians and German elites even before the war began. How this was to be done in detail -when and where by "peaceful" agreements, by economic pressure and penetration, by military force, conquest and "security," by collaboration or colonization -only vague ideas generally prevailed. When preliminary decisions were unavoidable in wartime, they turned out to be highly contradictory and were taken in chaotic disunity. The obstacle that precluded from t he outset a regulated, consensual economic cooperation equally beneficial to victors and vanquished, occupiers and occupied, however desirable and feasible it may have seemed to some contemporaries and descendants, was threefold and insurmountable. First: By means of military conquest and the octroi of occupying power, the free self determination of the invaded peoples and states was nullified, which they were not willing to accept in the long run. Secondly, the German occupation rule bore from the very beg inning the features of terror, the racist mania for extermination of millions of people and the German master race as the German claim to supremacy and world domination transposed into ideology. Finally, the German economic elite, in its urge for revenge f or the losses suffered since 1918 and for securing a lasting position of European supremacy and world power, did not shy away from pressure and violence against foreign competitors - and certainly not against foreign workers. Moreover, the vast majority of its representatives probably identified with the imperialist and fascist characteristics of the NS practice of rule. The basic features of the German occupation sooner or later doomed all attempts at collaboration to failure, no matter from which side the y were undertaken. As for the chaotic character of the German economic policy in the occupied countries, Poland was a striking example of it - although, in fact, the intention to knock Poland down first had been established long before and, consequently, a more or less precise and consistent concept for its economic incorporation could have been designed. In the annexed territories, the savage persecutions of Poles and Jews, the expulsions and resettlements of hundreds of thousands caused years of economic chaos. For the Generalgouvernement, the initial plan was to smash the economic foundations, especially the industrial ones; the land was to serve as a "reservoir of semi -free, cheap and 46


unskilled migrant labor", "but at the same time [as] the 'sweepings of Germany' the 'dumping ground', in order to be able to 'cleanse' the old and the new Reich territory of Poles and Jews". ... According to this conception, the cg represented, in terms of economic policy, a 'loot' that was to be plundered without regard to structural or longer -term connections of production and whose economy was to be turned into a 'pile of rubble'. "21) This concept, which bore witness to criminal contempt for human beings but was nevertheless uniform, was practiced with success for almo st a year, but after France's defeat it was replaced by a new, chaotic, multi -strand economic policy. The country was turned into a glacis for the "Barbarossa" deployment, which required a more or less intact infrastructure, especially in transport and supplies. In 1940/41, the "reorganization" plans concerning Poland and the Soviet territory to be conquered in the future began, which amounted to "Germanizing" the entire Generalgouvernement as well as the annexed territories. "The Fuehrer is determined," Ha ns Frank announced to the government of the Generalgouvernement on March 25, 1941, "to make this area a purely German country in the course of 15 to 20 years. "22) The region of Zamosc (Lublin district) became Himmler's experimental field for this concept of resettlement and extermination in 1942/43, with disastrous economic consequences.23 ) After the failure of "Aktion Zamosc," the wartime situation forced the Germans to use the Generalgouvernement more as a source of industrial and agricultural aid by me ans of a "policy of temporary sparing" (Frank). This policy was essentially implemented through the establishment of branch and alternative plants of German armament companies. In other occupied countries, especially in Western Europe, a fairly uniform scenario was repeated.14 The first to invade the country behind the fighting troops were the Wehrmacht staffs and the special representatives of the Four-Year Plan, often interspersed with uniformed representatives of the large corporations, who commandeered the spoils of arms and raw materials.

21) Europe under the Swastika, Vol. 2: The Fascist Occupation Policy in Poland (1939-1945). Ed. and ed. in v. Werner Röhr, Berlin 1989, p. 24 (introductory text). 22) Ebenda, S. 195, Dok. 83, Ansprache Franks vor der Regierung des gg, 25.3.1941. 23) Ausführlich dokumentiert in Zamojszczyzna -Sonderlaboratorium ss.Zbiór dokumentów polskich i niemicckich zok okresie okupaeji hitlerowskiej. Hrsg. v. Czeslaw Madajczyk, 2 Bde., Warschau 1979 24 See Umbreit, Auf dem Wege zur Kontinentalherrschaft, p. 222 ff.

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Plenipotentiaries of the Reichsbank confiscated the gold and foreign exchange stocks of the national bank concerned, also had safe deposit boxes opened and introduced a general obligation to provide information and dec lare foreign exchange. This was followed by the establishment of the German Occupation Authority, whose Economic Department coordinated with the institutions and personalities present in the country and, together with the Economic or Arms Inspectorate, det ermined the amount of production quotas and financial resources to be supplied to Germany. At the same time, a large number of emissaries from corporations and from Reich groups, economic groups, Reich agencies and Reich associations were active in the occ upied country, some of whom took over companies by means of "Aryanization," "trusteeship" or buyouts, some of whom placed armaments and other orders in the occupied country, some of whom acted as permanent buyers of important raw materials and products, an d some of whom acted as permanent lobbyists for the occupation administration. German "Betriebsbevollmächtigte" were appointed to supervise companies that fulfilled production orders important to the German war economy. "Regular" trade agreements were also concluded with Denmark through the Foreign Office. However, the troops stationed in the occupied countries frequently disregarded all regulations and agreements of the occupying administrations in their requisitions and withdrawals of foodstuffs and econo mic goods from the country. The economic exploitation of the "immeasurable riches" of the USSR was supposed to enable Germany "in the future also to fight the battle against continents, it could then", Hitler said on January 9, 1941, "no longer be beaten by anyone". 25) If there was no question of even an approximate fulfillment of German expectations - with the exception, perhaps, of the supply of manganese ore from Nikopol - this was not so much due to the ineffectiveness of the German economic organizati on as to the large -scale relocation of industry to the east enforced by the Soviet government, to the profound destruction of the plants and machinery left behind, to the open and hidden resistance of the Soviet population, and finally to the imminent mili tary loss of the territories conquered in 1941/41. The economic exploitation of the land, on the other hand, was prepared relatively extensively. In the occupied territory, among German district

25) "Fall Barbarossa. Documents on the Preparation of the F ascist Wehrmacht for Aggression against the Soviet Union (1940/41). Ed. and ins. by. Erhard Moritz, Berlin 1970, p. 148, Doc. 37. 48


farmers, about 13,000 La -Führerals worked as managers and organizers of Soviet large-scale agricultural enterprises. They a nd the other institutions and organizations already listed (economic inspectorates, Eastern societies) did everything possible to extract the maximum from the land, which, according to Goering, was to be exploited in the long run in a purely colonialist ma nner, with extreme ruthlessness and harshness toward the native labor force and the rest of the population. But even the two avowedly most important economic-strategic goals of the whole campaign - enough food and oil for Germany - were not remotely achiev able. The conquerors could not get at the oil wells of the Caucasus, apart from the completely destroyed Majkoper field. Agriculture, which lacked labor, tractors, and especially fuel, produced relatively little beyond what the German troops consumed in th e country itself. Apart from Göring's general colonization plans, only one variant of a long -term "reorganization" strategy existed vis -à-vis the USSR from the beginning, namely the "General Plan East" elaborated by Himmler's settlement experts.26) The "Ge neral Plan East" provided for the extensive de industrialization and depopulation of the country. Some centers of raw material extraction (petroleum, manganese ore) and possibly of the armaments industry were to remain as an integral part of the German "Großraumwehrwirtschaft" and were to be settled by Germans. Agriculture was to be carried out in its most fertile areas by German settlers under the protection of German bases and "marks" to be established along strategic arteries, and the remaining areas wer e to be worked by native "helots." The agricultural subsidy areas of central and northern Russia were to be left to themselves, their population accordingly left to starve or driven out forever, the Soviet cities as "hotbeds of Bolshevism" were to be wiped out anyway. This plan was also connected with economic objectives - apart from the extraction of raw materials and the raising of agricultural production for Germany especially with the creation of a large market for industrial products of a simpler kind; but mainly it followed the barbaric thesis of the Nazi ideology, which Hitler had advocated early on, that a "Germanization of the people", which had already been unsuccessful earlier, was out of the question, but only a "Germanization of the soil", which should eliminate the German "lack of space" and at the same time guarantee the "securing" of the conquered in the long run.

26 See Gcneralny Plan Wschodni. Zbiór dokumentów. Ed. by Czeslaw Madajczyk, Warsaw 1990; Der "Generalplan Ost". Main Lines of Nati onal Socialist Planning and Extermination Policy. Ed. by Mechtild Rössler/Sabine Schleiermacher, Berlin 1993. 49


Except for some trial "resettlements" and "Germanizations" in Lithuania, Ukraine and the Crimea, which were carried out by the ss - and police leaders, this mass-murderous concept on Soviet territory remained essentially on paper, if one disregards the fact that the industrial activities of the Germans in the petroleum area, in the Dnepr -Donez industrial district and in the Nikopol-Kriwoj Rog area already fitted quite well into the intended exploitation grid of the "General Plan East". As short as the occupation period was in the udssR, wild organizational zeal and, above all, the rage for enrichment, which here was neither restrained by regulations of the occupation administration nor by consideration for the locals, broke out there as strongly as nowhere else. In the fall of 1942, the Reich Minister of Finance himself addressed the highest Reich authorities with an impressive report on the condit ions in the Reich commissariats. He had observed how "for some time now, organizations, societies and entities of all kinds have been springing up like mushrooms.... Special commissars, special representatives, collection trustees, economic organizations o n the German pattern complete the picture. ... We ourselves no longer know what is an authority and what is not, what belongs to an authority, to an authority -like society or to the large group of self -serving hyenas of the battlefield,' I am told from an appointed position. This brings me to another group of cases, unfortunately already extensive today. If the further progress along the path of splitting and dividing responsibilities is already highly undesirable, it is much more serious that the founding of organizations, societies, etc. is often visibly influenced by the desire to make themselves independent of factual and financial control, to take the funds out of the circulation of the public coffers, to appear only with net peaks in the budgets of the Reich commissars, and to withdraw from the power of instruction of the body in which the overall responsibility for local affairs should be anchored. Highly paid trustees are placed in companies in which low enterprises where low-paid locals do the real w ork by virtue of their special relations to the enterprise and by virtue of better knowledge of conditions. Salaried employees flock to the East in the service of private firms or even public companies, whose salaries arouse the astonishment and displeasur e of the front-line soldiers... "27)

27) Europe under the Swastika, Vol. 5: The Fascist Occupation Policy in the Temporarily Occupied Territories of the Soviet Union (1941 -1944). Ed. and ed. in by. Norbert Müller, Berlin 1991, p. 324 ff, Doc. 12.3, Denksc hrift von Lutz Graf Schwerin v. Krosigk,4.9.1942.

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The "financial incentive" Schwerin von Krosigk spoke of was also what attracted all sorts of crooks and soldiers of fortune, but also collaborating entrepreneurs with long -term, tangible business intere sts from Western and Northern European countries to the occupied Soviet territories. Their fields of activity were in the Reich Commissariats Ostland and Ukraine. Most of them came to the East through the so -called Ostgesellschaften of the countries concerned, especially the Nederlandse Oostcompagnie and the Danish Udenrigsministeriets Ostrumsudvalg. Both were supervised by the RMfbO.28) Only a comprehensive, comparative analysis will allow us to answer the question of how effective or ineffective German oc cupation economic policy was in its outlined institutional structure. This question can be meaningfully posed only from the standpoint of German interest in maximum promotion of the German war effort and war aims, and not from the aspect of the success or failure of an optimal balance of interests - not at all debatable for the occupiers - between all participants in a reorganized Europe. The question will initially have to be answered differently from country to country, from institution to institution, an d also for the various phases of occupation rule in their strong dependence on the war situation. The answer must also differ according to the existence and intensity of collaboration, but also of resistance, and according to the shorter - or longer-term point of view of the interests represented by the German services and institutions. Collaboration and resistance, in turn, were not unchangeable, predetermined variables, but corresponded with the forms and methods of German policy.

IV. Occupation economic policy in the last war period

From the winter of 1942/43 onward, the worsening course of the war for the Germans increasingly dictated the course of German economic policy in the occupied countries and determined its priorities. According to a very rough classification, the following phases of this policy can be distinguished, although they were neither uniform nor simultaneous in all countries and sometimes overlapped:

28) See Dietrich Eichholtz, Wirtschaftskollaboration und "Ostgesellschaften" in NS-besetzten Ländern, in: Okkupation und Kollaboration (1938 -1945). Beiträgezu Konzepte und Praxis der Kollaboration in der deutschen Okkupationspolitik. Hrsg. v. Werner Röhr (Europa unterm Hakenkreuz,Ergänzungsbd. 1),Berlin/Heidelb erg 1994, p.433 ff. 51


- Looting phase immediately after the German invasion; - Establish economic administrations;

administrations

within

military

and

civilian

- 1940/41/42: Phase of the "reorganization" policy of business associations, corporations and major banks, promoted and regul ated by the highest German economic authorities (Reich Economic Ministry/Funk - Four-Year Plan/Göring); the "General Plan East" can also be classified in this phase; - 1942/43: Phase of intensified access to the industrial, agricultural and labor potential of the occupied countries; - 1943/44: Phase of occupation of the territories previously occupied by Italy in Albania, Yugoslavia, Greece and France and of ruthless exploitation and cannibalization of the productive potential of northern and central Italy; at the same time, of the RMRuK's attempt to establish a stable system of industrial collaboration with the occupied countries of Western Europe; phase of the "scorched earth" policy in the retreat areas of the East; - 1944/45: Phase of dissolution of the occupation system: economic plundering and exploitation of the territories to be cleared; continuation of the "scorched earth" policy. In the following, the last two phases, which have so far been neglected in economic-historical research, will be examined selectively. From 1943 onward, the German -occupied territory in the East melted away at an increasing rate. In northern and central Italy and in Hungary, however, new de facto occupation regimes were still established in 1943 and 1944 in the form of civil ian German staffs ("Plenipotentiaries of the Greater German Reich") and German military commanders.29) In northern and central Italy, Ambassador Rudolf Rahn ruled as Hitler's plenipotentiary to the "Italian Fascist National Government," a powerless puppet regime. Economic exploitation for German armaments was the responsibility of the RMRuK or its general commissioner, Major General Hans Leyers, and his sub -commissioners, such as IG Farben board member Fritz ter Meer as commissioner for Italy's chemical industry; the head of the military administration, State Secretary Friedrich Landfried (formerly Reich Ministry of Economics), also organized the 29) See the documentation in Europa unterm Hakenkreuz, vol. 6: Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus i n Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien und Ungarn (1941 - 1945). Ed. and ed. in. by. Martin Seckendorf (henceforth zir.: Seckendorf), Berlin/Heidelberg 199z; for Italy see also Lutz Klinkhammer, Zwischen Bündnis und Besatzung. Das nationalsozialistische Deutschland und die Republik von Salò 1943 -1945, Tübingen 1993. 52


exploitation of the Italian economy or the removal of "war -important goods" to Germany on behalf of Speer and in close liaison with the RMRuK. In the "operation zones" located on the G erman (Austrian) border, above all in South Tyrol, Nazi officials as "Supreme Commissars" prepared the "Germanization" and later annexation. In Hungary, the government, administration, army and police continued to operate in collaboration with the Germans who had invaded in March 1944. The "Plenipotentiary of the Greater German Reich in Hungary," Envoy Edmund Veesenmayer, acted as de facto co -regent. Hitler's instructions to Veesenmayer stated that he was to "utilize all sources of aid in the country, especially the economic possibilities, to the maximum extent possible for the purposes of joint warfare. "30) As his "Commissioner for the Economy," the General Director of AEG, Hans Constantin Boden, was delegated to his staff at the suggestion of the RMRuK. The Manfred Weiss concern, which played a leading role in the Hungarian armaments industry, mining and banking, was brought under the control of the ss. In exchange for the possibility for 48 - predominantly Jewish - members of the owning families to emigra te to neutral foreign countries, it had the "trusteeship" over the concern transferred to it "initially for 25 years".31) At the same time, preparations for the murder of hundreds of thousands of Hungarian Jews were in full swing in the Budapest office of the Reich Security Main Office under the direction of Adolf Eichmann. It is possible to determine quite precisely the period of the last occupation phase, in which the military catastrophes caused irreparable production losses and the decline of the hither to functioning regulatory mechanism of the war economy. The events of the second half of August 1944 on the Western and Eastern fronts were the prelude, foreshadowing the final battle on German soil in a foreseeably short time. By the end of August, other important sources of raw materials in the previously occupied territories had been lost or were about to be lost. Romanian oil and French bauxite were no longer in German hands. Copper production in Bor (Yugoslavia) was highly endangered by partisan action s, Allied air raids, and not least by the ''orrushing Red Army; the Macedonian chrome ore was similarly affected, especially since Soviet troops were close to the Bulgarian border. Turkey had already cut off chrome supplies - as it had relations with Germa ny in general - at the beginning of August; in Albania, chrome ore could only be mined and loaded at night.

30) Seckendorf, p. 314, Doc. 250, Hitler's directive, 19.3.1944. 31) Ibidem, p. 3 27 f., doc. 269, undated. Record (Fersönl. Stab RFSS).

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Under the impression of the uninterrupted retreats, Hitler, Jodl and Speer discussed how long war could continue to be waged with a "minimum economic area" "which would continue to be available and whose approximate limits would be determined by the Führer. This was first mentioned on August 18 (or 19), 1944: "The Fuehrer will determine a 'minimum economic area' for which it is to be ascertained in detail how long increased armament can be carried out with the available supplies and the production available there in. "32) The minister compiled the necessary documents in a memorandum entitled "Metalle" (Metals) by September 5. It was to be examined, it said, "which production possibilities would still be available in the Reich if the supplies from the Balkans, from Norway, from Finland and from Sweden were to fail and the production area would then occupy approximately the following space: for Italy - southern edge of the Alps, possession of the area east of Trieste; in Croatia - the Savel line; in Hungary - the Tisza line".33) In his memorandum, Speer calculated the possibility of continuing to wage war after the loss of the Balkans and the other areas mentioned above to be still around 15 months in total (until January 1, 1946), including the depletion of all supplies and reserves (especially of chrome). This incident is interesting in our context insofar as the great economic importance of occupied Southeastern Europe for the German warfare of the summer of 1944 emerges most impressively. Under the aspect of war eco nomy, Hitler, the military officers and the Minister of Armaments continued to discuss military operations, especially in the Hungarian area (bauxite; oil), until about the end of the year. During the retreats, the German aggressors (Wehrmacht, SS, occupat ion administrations, Eastern companies and corporations) applied the principle of "scorched earth" from the very beginning, destroying all factories, machinery, transport and energy facilities, destroying grain and livestock, in short, everything that offe red production and living opportunities for the population. The High Command of the Army and Himmler issued corresponding barbaric orders in the course of 1943. The destruction system, which was applied according to plan - as far as opportunity existed - bore the designation "ARLZ-Maßnahmen" (= loosening, clearing, paralysis, destruction).

32) Germany's Armaments in World War II. Hitler's Conferences with Albert Speer, 1942-1945, ed. and ins. by Willi A.ßoelcke, Frankfurta.M. tyA9,p. 40t. Willi A.Boelcke, Frankfurt a.M. 1969,p. 401, Bespr. v. 18 -20. 8. 1944. 33) Bundesarchiv Koblenz, K 3/1523, Denkschrift "Metalle" 5.9. 1944. See in detail Dietrich Eichholtz, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 1945, vol. III, Berlin 1996, pp. 53 ff, p. 345 ff. 54


At the main Nuremberg war crimes trial, defense witnesses testified on Speer's behalf that he had saved the production facilities of the occupied territories from destruction by the repulsed Germans. Of these, only what was more precisely testified in te rms of time and facts for the second half of 1944 is most likely true, such as the instruction to the Todt organization in August 1944 not to destroy the ore mines operated in the Balkans (presumably mainly the chrome ore mines in Macedonia) in case of dan ger from the attacking enemy, but only to "paralyze" them. Hitler certainly approved of such tactics at the time. The predominant motive for such behavior at the time was the hope of actually regaining particularly important industrial and raw material res ources, for example chrome ore and bauxite mines in southeastern Europe. Another motive may well be - the later, the more - the consideration of the "reckoning" to be feared after the end of the war. The practice of "scorched earth", which had already been applied since the retreat from Moscow in the winter of 1941/42, was implemented on a large scale in southern Russia and Ukraine in the summer/fall of 1943. In August 1943, Hitler "expressly stipulated to Speer that the Donets region should continue to remain in our possession", but added, presumably at the insistence of the minister, in consideration of a possible "forced evacuation", that "everything that is not absolutely necessary in the Donets region must disappear from there".34) Power plants and fact ory buildings were to be dismantled or prepared for removal, and crude steel blocks were to be removed at an accelerated rate. The wartime economic authorities immediately made ample use of this authorization. From September 1 onward, one "evacuation" orde r followed another. On September 8, Hitler appeared at the headquarters of Army Group South in Zaporozhe and discussed the situation on the spot with Field Marshal Erich von Manstein. Three days later, orders were issued for the area of the Economic Inspec torate South to create a 40-kilometer-wide "desert zone" east of the Dnieper River as part of the construction of an "Ostwall. "35) The Donets region was quickly liberated by the Red Army. By mid -September, the Germans had already begun clearing the Dnieper towns. The destruction of all that remained was by no means left solely to the military (economic inspections or commandos; pioneer units of the armies, etc.) by the representatives of the armaments corporations and the bho.

34) Deutschlands Rüstung im Zweiten Weltkrieg, p. 288, Bespr. v. 19. 22.8.1943. 35 Eichholtz, Kriegswirtschaft, vol. 11, p. 474 f. 55


They expertly prepared the destructions themselves and, if possible, also controlled the success. For the demolition of the factories and vital installations of Mariupol, "the company of the mining battalion deployed in the Donets region, reinforced by special commanders of the bho, was to be made available in view of the extraordinary importance of Mariupol for the Russians and the importance of thorou gh destruction".36) Here, the occupiers carried out their work of destruction with particular ruthlessness and brutality. In Zaporozhe, the local BHO headquarters itself took responsibility for the destruction of the la rge steel and ammunition plant. As early as September 4, 1943, the German High Command had had to give the final order for the evacuation and "clearance destruction" of the bridgehead on the Taman Peninsula, from which it had originally intended "to renew in due course its grip on the oil of the Caucasus." 37) In this order of the okh was found the notorious basic instruction to leave behind only "scorched earth": "The enemy must take over a for a long time fully unusable, uninhabitable, desolate country, where still for months mine blasts occ ur. "38) The exploitation and plundering of French and Belgian industry in anticipation of the imminent German withdrawal began in July 1944. The longer, the more systematic the robbery and removal were organized and oriented toward the most important and valuable economic assets. Insofar as the French factories were already in the zone of operations at that time or were occupied by the Allies in rapid advance in August, the German agencies apparently had little success. But in central and eastern France, i n Belgium and Luxembourg, they had more than two months to organize the robbery, as long as resistance or even the difficult transport situation did not thwart their plans. The Reichsvereinigung Eisen under Hermann Röchling and Walter Rohland (chairman of the board of Vereinigte Stahlwerke AG) was responsible for plundering the iron and steel industry. It had to "ensure the proper distribution and removal of the machinery and plant equipment". At the end of July 1944, for example, the ironworks administrati on of the Reichswerke "Hermann Göring" complained about the Reichsvereinigung Eisen: it, the Reichsvereinigung, had not managed to transport the machinery from the northern French ironworks near Rouen, Trignac and Mondeville (near Caen) in time. Among the groups that had already received French machinery, the

36) Bundesarchiv Abt. Potsdam, Case XI (Wilhelmstraßenprozeß), No. 416, Doc. EC-38M, Kriegstagebuch des Wirtschaftsstabes Ost, Eintr. v. 4.9.1943. 37) Erich von Manstein, Verlorene Siege, Bonn 1955, p. 423. 38) Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungstab), vol. m, 2nd half vol. Ed. by Walther Hubatsch, Frankfurt a. M., p. 1455. 56


Reichswerke "Hermann Göring" named the Hoesch Group, the Teschen ironworks, the Röchling works in Völklingen, Neunkirchen and Karlshütte.39) By the end of August 1944, the German services and Wehrmacht commands had confiscated and stolen "all economic goods that were particularly necessary to the war and tangible "40), all raw materials, machines and "shortage goods" that the rapid advance of the Allies still allowed them to remove. According to a final report from Field Economic Command 10 at Military Command France, hundreds of tons of textiles, lumber, copper, chemicals, linoleum, industrial felt, s ewing machines, transmitting equipment, etc. were carried off from the Rouen area and the Seine -Inferieure department by early August and later in the retreat areas eastward to Amiens and Epernay. On August 28, Allied tanks put an end to the operation. By then, the aforementioned Wehrmacht command had also removed "48 wagons with 195 valuable machine tools, numerous gauges, tools and fixtures, eight transformers and electrical material, and several wagons with tool and round steel".41) In the Netherlands, m ost of which remained occupied until the end of the war, the ZASt, headed by Gerhard Fiebig, the rmruk's commissioner, obviously played a decisive role in the economic devastation of the country. In early September, it ordered the clearing out and dismantl ing of the Philips factories to begin. Here, as in other firms, in addition to finished products and raw materials, drive units, special tools and machines of all kinds were involved. More than 60,000 machines were looted from about 4,000 Dutch factories. Parts of the railroad network were dismantled and taken away (800 of 3500 kilometers of rail network). By December 1944, when the canals froze over, 165,000 tons of production equipment had been transported to Germany by ship and 230,000 tons by rail. In O ctober, Fiebig reached an agreement with Army Group B, according to which everything that could still be found in the magazines of the western Netherlands was to fall to the 15th Army.42) 39) Bundesarchiv Abt. Potsdam, Filmsammlung, Film 3964, Hüttenverwal tung der Reichswerke "Hermann Göring" an Paul Pleiger, 29.7.1944. 40) Europe under the Swastika, vol. 3, The Fascist Occupation Policy in France (1940-1944). Ed. and ed. in v. Ludwig Nestler, Berlin 1990,8. 319, Doc. 233, Situation Report of the France Dep artment in the Reich Ministry of Economics for August 1944. 41) Ibidem, p. 312 /., Doc. 234, Activity Report of the Field Economic Command 10 at the Military Commander France, 1.9.1944. 42 Europe under the Swastika, vol. 4: The Fascist Occupation Policy in Belgium, Luxembourg and the Netherlands (1940 -1945). Ed. and ed. in v. Ludwig Nestler, Berlin 1990, pp. 51 f. (Einl.). 57


As far as Southeastern Europe is concerned, on September 8, 1944, the Commissioner for the Four -Year Plan issued an instruction to th e General Plenipotentiary for Metal Ore Mining Southeast to "paralyze" everywhere, but not to destroy, with exceptions, arguing that the enemy had enough chrome and copper, but that the Balkan mines were the only source for Germany, and that it must be possible to continue to use them after reconquest.43) As far as this instruction reached the site at all in time, it was obviously followed. In any case, a report of October 15 (OB Südost/OQu) states that the mines, conveyors and associated power plants had b een "partially paralyzed, partially destroyed" as far as the opportunity remained.44) The further destruction of economic objects, harbors, bridges and railroad stations, railroad lines and rolling stock did not have an exclusive economic purpose as a rule , but was intended precisely to paralyze the economic regeneration and development power of the cleared country for years to come. According to reports from Army Group E, during their retreat the occupiers in Greece blew up 52 road bridges, destroyed 68 ra ilroad bridges, facilities and equipment of 42 railroad stations, crashed 73 locomotives and 505 railroad cars, and destroyed airfields and harbors.4 5) In Salonika, a detachment of the Secret Field Police went on the rampage, sinking large and small steamers, tugboats and sailboats; "all piers, cranes and facilities (were) destroyed by blasting and the hangars by fire. Similarly, the stations and railroad tracks were completely destroyed. Experts said that it would take ten years to restore the extensive de struction. "46) Shortly before the end of the war, the military administration in the southeast reported - now with false regret - that Albania would also be "set back in its modern development by decades" after the blowing up of a large part of the bridge s and the destruction of the country's ports.47 ) 43) Bundesarchiv Abt. Potsdam, Filmsammlung, Film 10642, Beauftragter für den Vierjahresplan an den Generalbevollmächtigter für den Metallerzber GBAu Südost, 8. 9. 1944. The instruction was issued "in agreeme nt" with the Minister of Armaments. For the following, see Eichholtz, Kriegswirtschaft, vol. in,p. 359 f. 44) Seckendorf, p. 377, Doc. 337, Annex to Report of ob Südost/OQu to the Chief of the General Staff at OB Südost, 15 Oct. 1944. 45) Ibidem, p. 381, D oc. 342, Message from the High Command of Army Group E to Field Marshal v. Weichs, 31.10.1944. 46) Ibenda, p. 380 f., Doc. 341, Activity Report of Group Geh. Feldpolizei 621 ü. d. Zeit vom 13. bis 29.10.1944, 5.12.1944. 47) Ibidem, p. 402, Doc. 364, Final Report of the Military Administration Southeast, 10.4.1945. 58


The source situation for research on the last phases of German occupation policy is by no means worse than that for the earlier phases. The occupation institutions concerned with economics and economic policy, although they lost their raison d'être almost everywhere in the course of 1944, were, unlike some other structures and organizations, mostly not dissolved, but used the period after their expulsion, as a rule, to write quite extensive acti vity reports on the elapsed occupation period. As a historical source, these reports are relatively reliable. It is true that they omitted the worst excesses of German economic policy, especially the cooperation with the terrorist organizations of the SS and police, but the historian will usually be able to regard the data and facts given as reliable, if only because the reporters endeavored to prove their competence and continued indispensability. It can be said about the entire subject matter dealt with h ere that the huge fund of sources - both known, accessible sources and largely unknown and hitherto inaccessible sources, for example, in the archives of the military commander in Belgium and northern France, which are kept in France, and in Russian archives (large file holdings of the Four -Year Plan Authority) - has not yet been remotely exhausted by historical research.

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Per H. Hansen Die dänische Wirtschaft während Krieg und Besatzung

I. Einleitung

Am 9. April 1940 erlebte die dänisch e Wirtschaft einen radikalen Wandel. Genau wie dreißig Jahre zuvor während des Ersten Weltkriegs musste sofort eine große Anzahl von Regelungen eingeführt werden, um der neuen Situation gerecht zu werden. Im Gegensatz zu der Situation von 1914 bis 1918 war Dänemark dieses Mal jedoch auch von einem Feind besetzt. Der lang gehegte Traum, zu den Standards von vor 1914 zurückzukehren, bei denen die Marktkräfte die Wirtschaft regulierten, erhielt in den fünf Kriegsjahren einen endgültigen Schlag, als eine Reihe von Bürokraten und Politikern ihre ersten Erfahrungen mit der Planwirtschaft machten. Zu den wichtigen Fragen in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung während der fünf Jahre der Besatzung gehört, ob die Veränderungen in der Produktion, der Ressourcenallokation und der Wirtschaftspolitik langfristige strukturelle Folgen hatten, d. h. ob die radikalen Veränderungen der wirtschaftlichen Situation von 1940 bis 1945 langfristige Auswirkungen hatten. Ziel dieses Beitrags ist es, den gegenwärtigen Wissensstand über die dänische Wirtschaft während der Besatzungszeit darzustellen und Bereiche von besonderem Interesse für die künftige Forschung aufzuzeigen. Der Beitrag ist wie folgt gegliedert: Zunächst wird die gesamtwirtschaftliche Situation charakterisiert und dann die Entwicklung im verarbeitenden Gewerbe und in der Landwirtschaft betrachtet. Anschließend wird die Wirtschaftspolitik beschrieben, und der Beitrag schließt mit Hinweisen auf künftige Forschungsgebiete.

II. Makroökonomische Bedingungen

Um einen ersten Überblick über die dänische Wirtschaft während der fünf Jahre der deutschen Besatzung zu geben, werden in Tabelle 1 einige grundlegende Indikatoren für die Wirtschaftstätigkeit dargestellt. Verglichen mit der wirtschaftlichen Entwicklung während der d epressiven dreißiger Jahre 60


waren die Besatzungsjahre etwas zwiespältig. Die reale Wirtschaftstätigkeit ging in einigen Kriegsjahren erheblich zurück, aber 1943 und 1944 war ein starkes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen, und gleichzeitig sank die Arbeitslosigkeit auf 4,6 %. Von einigen zeitgenössischen Beobachtern wurde dieses Niveau als Vollbeschäftigung angesehen.1) Der Abwärtstrend oder die Stagnation der Preise in den 1930er Jahren kehrte sich während der Besatzungszeit um. In den Jahren 1940 und 194 1 war die Inflation ziemlich stark, bis die Währungs - und Steuerbehörden drastisch eingriffen, um den Anstieg der Preise und der Geldmenge zu verringern und die so genannte unsolide Wirtschaftstätigkeit einzudämmen, die die Wirtschaft während des Ersten We ltkriegs in erheblichem Maße geprägt hatte - mit schlimmen Folgen. Die Inflation der ersten beiden Kriegsjahre lässt sich in erster Linie durch das erklären, was ein vom Finanzminister eingesetzter Ausschuss von Wirtschaftsprofessoren als "die immer größer werdende Differenz zwischen Angebot und Nachfrage" bezeichnete, d. h., während die Nachfrage stieg oder stagnierte, sank das Angebot aufgrund des Mangels an Brenn- und Rohstoffen. Das Komitee befürchtete auch, dass die zunehmende Geldmenge zu inaktivem Ge ld führen würde, was den Preisanstieg weiter anheizen würde - nicht zuletzt, wenn der Krieg vorbei war.2)

1) Per H. Hansen, Modgang eller fremgang? Industriens forhold under bestettelsen, in: Knud J.V. Jespersen und Thomas Pedersen (Eds.), Besatttelsen i perspektiv, Odense 1995, pp. 73 - 103, p. 19. Zu den Arbeitslosenzahlen siehe auch Niels -Henrik Topp, Udviklingen i de finans politiske ideer i Danmark, 1930 -1945, Kopenhagen 1987, S. 2.37 -40 und S. 31516. Topp hat die Änderung des Berechnungsverfahrens f ür die Arbeitslosenzahlen korrigiert und festgestellt, dass die Arbeitslosigkeit 1944 bei etwa 8 Prozent lag. Selbst wenn man diese Berechnung zugrunde legt, ist die Arbeitslosigkeit im Vergleich zu den 1930er Jahren erheblich zurückgegangen. 2) Topp, Udviklingen i de finanspolitiske ideer, S. 143.

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Tabelle I Wirtschaftsindikatoren, 1930 -50 (Mio. Kr.)

Jahr

1930 1931 1932 1933 1934 1935 1936 1937 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 1950

BIP in laufend en Preisen 5705 5369 5112 5506 5967 6380 6690 7141 7514 8127 8620 9790 11020 12480 13850 13960 14770 16274 17662 18895 21618

Bruttoinvest itionen in jeweiligen Preisen 1185 1098 817 923 1112 1210 1224 1288 1407 1569 1377 1586 1890 2058 1944 1980 2792 3635 4454 4674 5885

BIP in Preisen von 1929 6149 6216 6052 6247 6434 6579 6742 6905 7073 7409 6370 5740 5870 6520 7200 6660 7700 8129 8399 8778 9414

Bruttoinves titionen im Jahr 1929 Preise 1185 1134 851 860 1081 1165 1149 1103 1114 1304 1117 1048 1144 1216 1185 1104 1605 1533 1769 1783 2146

Wachst um des BIP

Impliziter Preisdefl ator

Arbeitslosig keit

5,98 1,09 -2,64 3,22 2,99 2,25 2,48 2,42 2,43 4,75 -14,02 -9,89 2,26 11,07 10,43 -7,50 15,62 5,57 3,32 4,51 7,25

93 86 85 88 83 97 99 103 106 110 135 171 188 191 192 210 192 200 210 215 230

13,7 17,9 31,7 28,8 22,1 19,7 19,1 21,7 21,3 18,4 23,9 18,4 9,1 6,3 4,6 8,2 4,7 4,9 8,6 9,6 8,7

Anmerkung: Ab Juni 1941 wird die Arbeitslosigkeit nach einer neuen Methode berechnet, die einen Vergleich zwischen den Zahlen vor un d nach diesem Zeitpunkt unmöglich macht. Quelle: Per H. Hansen, Dansk okonomi under besaettelsen. Ved vi nok?, in: Den jyske Historiker no. 73,1996.

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Das Bruttoinlandsprodukt zu i9Z9 -Preisen lag in den Kriegsjahren unter dem Niveau von 1938, mit Ausna hme von 1944. Es besteht also kein Zweifel daran, dass die dänische Gesellschaft aufgrund der deutschen Besatzung im Besonderen und der Kriegsbedingungen im Allgemeinen einen Verlust an realer wirtschaftlicher Wohlfahrt erlitt (was bedeutet, dass die Menge an Gütern und Dienstleistungen, die der dänischen Gesellschaft zur Verfügung standen, als Folge des Krieges reduziert wurde). Dieser Verlust war sogar noch größer als in Tabelle 1 angegeben, da die deutschen Importe aus Dänemark von der Nationalbank (der Zentralbank) und letztlich von den dänischen Steuerzahlern finanziert wurden. Das gleiche "Zahlungsverfahren" wurde von den deutschen Truppen in Dänemark angewandt. Die Beträge, die von der dänischen Öffentlichkeit für den deutschen Konsum in Dänemark und Deutschland gezahlt wurden, beliefen sich in den Jahren 1940 bis 1944 auf etwa 16 Prozent des Bruttonationaleinkommens.3) Der Wohlfahrtsverlust in der dänischen Gesellschaft aufgrund von Krieg und Besatzung wurde auf 2,0 Prozent im Vergleich zu den letzten Jahren der 1930er Jahre geschätzt.4) Andererseits haben die Deutschen zwar "die Industrie, die Landwirtschaft und die Bau- und Transportunternehmen bereitwillig und großzügig mit Geld bezahlt, das der dänische Staat zu liefern gezwungen war "5), aber dies e Beträge schufen auch Einkommen in Dänemark. Zwar kamen die von den deutschen Streitkräften veruntreuten Waren und Dienstleistungen den dänischen Bürgern nicht direkt zugute, doch über den Einkommensmultiplikator erhöhten sie das dänische Volkseinkommen.6 ) Am deutlichsten war dies in den Jahren 1943 und 1944 der Fall, als das BIP Wachstum mehr als 10 Prozent pro Jahr betrug. Bekanntlich hat John Maynard Keynes in seiner Allgemeinen Theorie darauf hingewiesen, dass selbst nutzlose Ausgaben einen positiven E ffekt auf das Einkommen und den Wohlstand der Gesellschaft haben:

3) Isi Grünbaum, Treck af besatttelscns ßkonomi, in: ebd., Danmark blcv ikke frit, Copcnhagcn 1984, S. 44 (Erstveröffentlichung im Januar 1945). 4) Svend Aage Hansen und Ingrid Henrikscn, D ansk Social Historie, 1940 -83. Velfairdsstaten, 2. Aufl., Kop enhagcn 1984, S. 15 -16. 5) Svend Aage Hansen, 0konomisk Vatkst i Danmark. Band II: 1914-1983, Kopenhagen 1984, S. 94. 6) Siehe Hans Chr. Johanscn, The Danish Economy in the Twentieth Century, London 1987, S. 87; Hansen, Modgangcller fremgang, S. 76 -77 und S. 100; Henning Foulsen, Danmark i tysk krigsokonomi. Mytcr og realiteter om den okonom exploitation af de besatte omräder under 2. verdenskrig, Den jyske Historiker, 1985, nr. 31 -32, pp. 121-31, p. 131. 63


"Wenn das Finanzministerium alte Flaschen mit Banknoten fallen lassen, sie in geeigneten Tiefen in stillgelegten Kohlengruben vergraben würde, die dann bis zur Oberfläche mit Stadtmüll aufgefüllt werden, und es dem privaten Unternehmertum nach den bewährten Grundsätzen des Laissez -faire überlassen würde, die Banknoten wieder auszugraben ..., dann bräuchte es keine Arbeitslosigkeit mehr zu geben, und mit Hilfe der Rückwirkungen würde das reale Einkommen der Gemeinschaft und auch ihr Kapitalvermög en wahrscheinlich ein gutes Stück größer werden, als es tatsächlich ist. Es wäre in der Tat vernünftiger, Häuser und dergleichen zu bauen; aber wenn dem politische und praktische Schwierigkeiten im Wege stehen, so wäre das Obige besser als nichts. "7) Insgesamt aber verursachten die Schwierigkeiten bei der Einfuhr der notwendigen Rohstoffe, Brennstoffe usw. in Verbindung mit der Unterschlagung dänischer Produkte durch die Wehrmacht einen Verlust an wirtschaftlichem Wohlstand für die dänische Gesellschaft. E s ist nicht möglich, diesen Wohlfahrtsverlust genau zu berechnen, aber er war zweifellos beträchtlich. 1945 erlebte die Wirtschaft einen drastischen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP), der in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass es sehr schwierig war, Treibstoff und Rohstoffe auch aus Deutschland zu beziehen, das den größten Teil davon während des Krieges geliefert hatte. Der Verlust an wirtschaftlichem Wohlstand war jedoch nicht gleichmäßig über die dänische Gesellschaft verteilt. Die relativ hohe Inflation - vor allem in den ersten beiden Kriegsjahren, als die Preiskontrolle und die Geld - und Steuerpolitik noch nicht vollständig umgesetzt waren - zeigt, dass Produzenten und andere Selbstständige während des Krieges über hohe Einkommen verfügten, während Gruppen mit festen und niedrigen Einkommen unter den Umverteilungseffekten der Inflation litten. Insgesamt verursachten jedoch die Schwierigkeiten bei der Einfuhr der erforderlichen Rohstoffe, Brennstoffe usw. in Verbindung mit der Unterschlagung dänischer Erzeugnisse durch die Wehrmacht einen Verlust an wirtschaftlichem Wohlstand für die dänische Gesellschaft. Es ist nicht möglich, diesen Wohlfahrtsverlust genau zu berechnen, aber er war zweifellos beträchtlich. 1945 erlebte die Wirtschaft eine n drastischen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts, der in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass es sehr schwierig war, Brennstoff und Rohstoffe auch aus Deutschland zu beziehen, das während des Krieges den größten Teil davon geliefert hatte. Der Verlust an wirtschaftlichem Wohlstand war jedoch nicht gleichmäßig über die dänische Gesellschaft verteilt. Die relativ hohe Inflation - vor allem in den ersten beiden Kriegsjahren, als die Preiskontrolle und die Geld - und 7) John Maynard Keynes, The General Theory of Employmenr, Interest and Money, Cambridge 1936, S. 129. 64


Steuerpolitik noch nicht vollständig umgesetzt waren - zeigt, dass Produzenten und andere Selbstständige während des Krieges über hohe Einkommen verfügten, während Gruppen mit festen und niedrigen Einkommen unter den Umverteilungseffekten der Inflation litten. Grundbesitzer, Landwirte, Kleinbauern und Fuhrunternehmer verzeichneten von 1939 bis 1944 die höchsten Einkommenssteigerungen. Die Torf - und Braunkohleproduzenten erzielten aufgrund des Mangels an Kohle und Benzin gute Ergebnisse, während einige Bauunternehmer durch ihre Arbeit für die Wehrmacht sehr hohe Einkommen erzielten. Bei den Arbeitern lagen die Einkommenszuwächse genau auf dem Durchschnittsniveau, während Rentner, Beamte und Hausmädchen zu den Gruppen gehörten, die im Einkommenswettlauf verloren. Während die Arbeiter im Allgemeinen nicht die am stärksten betroffene Gruppe waren, hatten die Arbeiter, die bei Auftragnehmern der Wehrmacht beschäftigt waren, sogar höhere Einkommen.8) Die Zunahme der wirtschaftlichen Ungleichheit wurde nach dem Krieg bis zu einem gewissen Grad umgekehrt, als die Lohnempfänger größere Einkommenszuwächse hatten als die Selbstständigen.9) Die steigende Beschäftigung während des Krieges - vor allem als Folge des Humankapitals, der intensiven Torf - und Braunkohleproduktion, der sinkenden Produktivität in der verarbeitenden Industrie und der Landwirtschaft und nicht zuletzt der Arbeit für die Deutschen in Dänemark und Deutschland - kam dem Teil der Arbeitnehmer zugute, der unter der hohen Arbeitslosigkeit in den 1930er Jahren litt. Auch wenn viele Arbeiter und ihre Familien während der Besatzungszeit stark verarmt waren, waren sie nicht die am stärksten betroffene Gruppe. Es ist also klar, dass Krieg und B esatzung kurzfristig negative wirtschaftliche Auswirkungen für die dänische Gesellschaft auf der Makroebene und für einen großen Teil der Bevölkerung hatten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die erheblichen Veränderungen auch langfristige strukturelle Folge n für die Wirtschaft nach Kriegsende hatten. Im Gegenteil, eines der Ziele der Wirtschaftspolitik während der Besatzungszeit war es, die Wirtschaftsstruktur und die Unternehmensstruktur zu erhalten. Dieses Ziel verfolgte auch das Direktorat für Warenversor gung (Direktoratet for Vareforsyning), eine staatliche Einrichtung, die sich um die Verteilung des stark reduzierten

8) Hansen und Henriksen, Dansk Social Historie, S. 41 -46; Erik 1b Schmidt, Tysk fremtramgen og dansk modvserge, in: Vilhelm Buhl, Danmark s okonomiske forhold, 1939-1945, Odense 1948, S. 24 -82, S. 62-66. 9) Hansen und Henriksen, Dansk Social Historie, S. 30 -34.

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Angebots an Waren und Rohstoffen an Verbraucher und Produzenten kümmerte. Es sollte keine Verwerfungen zwischen den Wirtschaftss ektoren und keine Konzentration von Unternehmen geben. Diese Politik wurde in Zusammenarbeit mit den Verbänden der Hersteller und Landwirte erfolgreich umgesetzt und führte dazu, dass die Rohstoffe so verteilt wurden, wie sie den einzelnen Unternehmen vor dem Krieg zugeteilt worden waren. Dies hatte natürlich zur Folge, dass neue und expandierende Unternehmen Schwierigkeiten hatten, sich verstärkt zu versorgen. Diese konservative Strukturpolitik führte dazu, dass sich die Unternehmensstruktur nach dem Krieg im Wesentlichen nicht von derjenigen vor dem Krieg unterschied. Dies war in Zeiten der Brennstoff - und Rohstoffknappheit nicht gerade die wirtschaftlichste Lösung. Außerdem hinkten die dänischen Unternehmen in der technologischen Entwicklung hinterher, un d die Kapitalausstattung war aufgrund der fehlenden Investitionsmöglichkeiten im Allgemeinen veraltet.10) Als der Krieg zu Ende war, standen die Kriegsparteien mit Ausnahme der Vereinigten Staaten vor einer zerstörten Infrastruktur. Die Bevölkerung Japans und Deutschlands stand kurz vor einer Hungersnot, und in vielen anderen europäischen Ländern war die Lage nicht viel besser. Darüber hinaus "wurde die Wiederaufnahme der industriellen Produktion in Europa durch die extrem niedrigen Lagerbestände an Rohstof fen und Halbfertigwaren sowie durch Transportschwierigkeiten verzögert. "11) Auf der anderen Seite wurde behauptet, dass die Welt vom Krieg in Bezug auf die Kapitalausstattung profitierte, die aufgrund der enormen Investitionen in die Produktion von Kriegsmaterial erhöht wurde. Außerdem wurde die technologische Entwicklung gefördert, was sich positiv auf die Ausbildung des technischen und administrativen Personals auswirkte. Voraussetzung war natürlich, dass es möglich war, Kriegsinvestitionen und Kriegstechnologie auf eine friedlichere Produktion umzustellen. Dies erwies sich weitgehend als möglich.12) Dies war jedoch nicht zum Vorteil für Dänemark. Die dänischen Unternehmen mussten ihre Lagerbestände abbauen, und ihre Investitionsgüter nutzten sich während des Krieges ab, als die Möglichkeiten für Neuinvestitionen nicht 10) Hansen und Henriksen, Dansk Social Historie, S. 16 -17. 11) Herman van der Wec, Prosperity and Upheaval. The World Economy 1945 1980, Harmondsworth 1986, S. 26. 12) van der Wee, Prosper ity and Upheaval, S. 31 -32, S. 53. Für eine maßgebliche Darstellung der internationalen Wirtschaft während des Zweiten Weltkriegs siehe Alan S. Milward, War, Economy and Society, 1939 -1945, London 1977. Die deutsche Wirtschaft wird auch in Richard J. Overy , War and Economy in the Third Reich, Oxford 1994, analysiert. 66


günstig waren. Positiv zu vermerken ist, dass die dänischen Unternehmen mit Ausnahme der sabotierten Anlagen nicht wie viele andere europäische Länder von der direkten Zerstörung von Gebäude n und Infrastruktur betroffen waren. In einigen Fällen war die Infrastruktur sogar durch den Bau von Straßen und Flugplätzen durch die We hrmacht verbessert worden. Die dänischen Unternehmen waren während des Krieges von Informationen über die technologisch e Entwicklung in anderen Ländern abgeschnitten und verfügten folglich nicht über das erforderliche Know -how, als der Krieg endete und der Übergang zur Friedenswirtschaft begann. Ende 1945 berichtete die Nordisk Kabelog Traad Company (Nordische Kabel - und Fadengesellschaft), dass während des Krieges weniger als üblich in Kapitalausrüstung investiert worden war. Allerdings waren sowohl neue Maschinen als auch Gebäude bereits bestellt, und weitere Investitionen würden folgen, "sobald wir die technologische Ent wicklung untersucht haben, die in den Jahren, in denen wir von Informationen abgeschnitten waren, in unserem Produktbereich stattgefunden hat "13). Das größte Problem, abgesehen von den Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Rohstoffen, war die Frage, ob d as Produktionspotenzial während der deutschen Besatzung zerstört worden war. Im Jahr 1947 behauptete ein Wirtschaftswissenschaftler der dänischen Regierung, dass die Investitionen während des Krieges so gering gewesen seien, dass praktisch keine Nettoinvestitionen getätigt wurden.14) Neuere Forschungen betonen jedoch, dass Dänemark im Vergleich zum übrigen Europa keine schwerwiegenden materiellen und menschlichen Schäden aus dem Krieg davongetragen hat. Es wurde jedoch darauf hingewiesen, dass das Produktio nspotenzial durch Investitionen in Höhe von 6 Mrd. kr. erneuert werden müsste, wenn der Lebensstandard von vor dem Krieg wiederhergestellt werden sollte.15) Der Umfang der Abschreibungen ist nicht bekannt, aber sie könnten recht hoch gewesen sein, wenn man die vermutete Abnutzung der Investitionsgüter in Betracht zieht. Daher ist es nicht möglich, die Nettoinvestitionen während des Krieges genauer zu schätzen, und dies gilt sowohl für die Makro - als auch für die Sektorebene. Wie im Falle des Ersten Weltkrie gs benötigen wir auch genauere Informationen über die Verteilung des BIP auf die Wirtschaftssektoren. 13) Hansen, Unglück oder Fortschritt?, S. 97. 14) Viggo Kampmann, Den offentlige okonomi under krigen, in: Hartvig Frisch et al. (Hrsg.), Danmark besät og befriet, II: Okonomi og kultur, Kobenhavn 1947, S. 113-33, S. 130. 15) Ebd.; Hansen und Henriksen, Dansk Social Historie, S. 20 -21; Hansen, Okonomisk vzekst, S. 106. 67


Wir wissen jedoch, dass der Anteil der Landwirtschaft am Nettoinlandseinkommen in kons tanten Preisen von 1940 bis 1945 zurückging und damit der langfristige Rückgang des relativen Beitrags des Druckereisektors zur dänischen Wirtschaft anhielt. Von 1930 bis 1939 lag der Anteil der Landwirtschaft am NDI bei 22 Prozent, von 1940 bis 1945 bei 2 0 Prozent und von 1947 bis 1952 sank er weiter auf 18 Prozent des NDI.16) Es gibt also keine Hinweise auf kriegs - und besatzungsbedingte Strukturveränderungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die eher außergewöhnlichen Bedingungen für die dänische Landwirt schaft während der deutschen Besatzung den anhaltenden wirtschaftlichen und politischen Niedergang der dänischen Gesellschaft nicht verzögert hätten.

III. Die Wirtschaftssektoren

Es versteht sich von selbst, dass wir keine vollständig detaillierten Informationen über die Entwicklung der einzelnen Wirtschaftssektoren während des Krieges haben können, wenn wir keine Daten über ihren Anteil am BIP haben. Über die Industrie und die Landwirtschaft lassen sich jedoch in der vorhandenen Literatur und den Quellen viele Informationen finden. Die Entwicklung der Aktienkurse kann einen ersten Eindruck von der Situation in der Wirtschaft vermitteln. Sowohl die Aktienkurse des verarbeitenden Gewerbes als auch die der Schifffahrt, der Banken und anderer Unternehmen weisen von Mitte 1940 bis zum Sommer 1944 einen steigenden Trend auf. Nach traditioneller Auffassung sollte dies ein Indiz dafür sein, dass die Erwartungen an die Erträge der Aktiengesellschaften steigen sollten. Es ist jedoch zu bedenken, dass die Inflation i n Verbindung mit dem so genannten "inaktiven Geld" der Besatzungszeit zu dem allgemeinen Anstieg der Aktienkurse beigetragen haben könnte. Der Anstieg bei den Schifffahrtsaktien war der dramatischste, doch dürften besondere Umstände eine Rolle gespielt hab en, denn der sehr starke Anstieg von 1940 bis 1941 lässt sich durch die Erwartung der Anleger erklären, dass die Schifffahrtserträge wie während des Ersten Weltkriegs stark steigen würden.

16) Kjeld Bjerke und Niels Ussing, Studier over Danmarks Nationjir rodukt, 1870-1950, Kobenhavn 1958,S. 33.

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Der zweite Kursanstieg der Schifffahrtsaktien ab 1943 kann teilweise auf die Erwartung einer hohen Entschädigung für die beschlagnahmten Schiffe zurückgeführt werden. ln jedem Fall rechtfertigten die Erträge der Schifffahrtsgesellschaften während des Krieges nicht die großen Kurssteigerungen. So verzeichnete die Reederei J. Lauritzen in den Kriegsjahren sehr schlechte Erträge, und dasselbe gilt für andere Reedereien.17) Unter dem Gesichtspunkt der Wechselbeziehun g zwischen Wirtschaft und Politik ist es bemerkenswert, dass die Aktienkurse durch die Ereignisse Ende August 1943 nicht beeinflusst zu werden schienen. Am 29. August trat die dänische Regierung aufgrund des Drucks der Deutschen nach den massiven Streiks im Sommer 1943 zurück. Stattdessen wurde eine ständige Sekretariatsverwaltung gebildet, um die Verwaltung in dänischer Hand zu behalten. Offenbar hatte diese Änderung der politischen Struktur keine Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation. Die deutsche Besetzung Dänemarks konnte als Teil der deutschen Idee der Großraumwirtschaft gesehen werden. Dies war jedoch kein wichtiger Grund für die Besetzung, aber es ist eine Tatsache, dass Dänemark während des Krieges eine Reihe wichtiger Lebensmittel an Deutsc hland lieferte. In der letzten Hälfte der 1930er Jahre importierte Deutschland landwirtschaftliche Produkte aus Südosteuropa, aber 1940 "kehrte sich dieser Trend um ... als die Lebensmittelimporte aus Dänemark und Italien auf Rekordhöhe stiegen. ... Für Deutschland selbst reichten die Nahrungsmittelimporte aus, um bis 1944 -45 alle ernsthaften Probleme zu vermeiden. "18) Aus dänischer Sicht bedeutete die Besetzung, dass die Landwirtschaft von ihrem wichtigsten Exportmarkt abgeschnitten war, und von 1940 bis 1945 war die Struktur des dänischen Außenhandels völlig anders als in den Jahren davor und danach. Vor 1940 machte der Handel Dänemarks mit Deutschland 20 -25 % des gesamten Außenhandels aus, 1940 waren es 50 % und 1944 etwa 80 %. Nach dem Krieg kehrte die Struktur des dänischen Außenhandels allmählich fast zur Vorkriegsstruktur zurück.19)

17) Oie Lange, Logbog for Lauritzen, 1884 -1995. Historien om Konsulen, hans sonner og Lauritzen Gruppen, Kopenhagen 1995, S. 169 -91 und 380. Hans Chr. Johansen, Dansk sof arts historie, Bd. 6, 1920 -1960 (noch unveröffentlichtes Manuskript, freundlicherweise vom Autor zur Verfügung gestellt). 18) Milward, War, Economy and Society, S. 261 und Tabelle 28, S. 262. 19) Hans Chr. Johansen, Die dänische Wirtschaft am Scheideweg zw ischen Skandinavien und Europa, in: Scandinavian Journal of History, Bd. 18 (1993), S. 37-56, S. 45-46. 69


Von 1940 bis 1945 war Deutschland der größte Handelspartner Dänemarks und kaufte bereitwillig alles auf, was produziert werden konnte. Landwirtschaftliche Produkte wie Butter und Schweinefleisch waren in Deutschland sehr gefragt, und günstige Preise erwiesen sich als wirksames Mittel, um die Lieferfreude der dänischen Bauern zu steigern. Infolgedessen mußten die dänischen Höchstpreise den Marktkräften nachgeben. Diese Entwicklung wurde von den Farmern, die in den 1930er Jahren unter den niedrigen Agrarpreisen gelitten hatten, sehr begrüßt.20) Eine der Folgen des Krieges und der Besatzung für die dänische Wirtschaft war also, dass die dänische Landwirtsc haft alles ernten konnte, was sie produzieren konnte - und noch ein wenig mehr, da der Bestand an Rindern und Schweinen reduziert werden musste, um die Nachfrage zu befriedigen. Und, wie gesagt, die Preise waren gut. Sogar der Präsident des Landbrugsradet (Landwirtschaftsrat) musste im Oktober 1941 zugeben, dass "es keine besonders harten Zeiten für die Landwirtschaft sind".21) Da Deutschland ein klar definiertes Interesse an der Maximierung der dänischen Nahrungsmittelproduktion hatte, ist es nicht verwund erlich, dass die deutsche Besatzungspolitik als ein Versuch charakterisiert wurde, "... den Eindruck zu bewahren, dass alle Dienstleistungen auf Gegenseitigkeit beruhten und auf der Grundlage von Verhandlungen oder Austausch unter normalen Umständen zustan de kamen "22) Der Begriff "normale Umstände" ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, da die sehr umfassenden Handelsverhandlungen, die während der Besatzung stattfanden, kaum als normal bezeichnet werden können. Ein dänischer Wissenschaftler hat den Warenaustausch zwischen Dänemark und Deutschland als Marktwirtschaft bezeichnet, aber die Verwendung dieses Begriffs ist in diesem Zusammenhang kaum angemessen.23) Die Besetzung war also genau das Richtige, um die dänische Landwirtschaft aus der lang anhaltenden De pression der 1930er Jahre herauszuholen, in der die landwirtschaftlichen Betriebe Schwierigkeiten hatten, ein angemessenes Einkommen zu erzielen, und daher zum ersten Mal auf umfangreiche staatliche Interventionen angewiesen waren, um zu überleben. Obwohl während des Krieges die Produktion zurückging und die Kosten stiegen, wurde dies durch die steigenden Preise für pflanzliche und tierische Erzeugnisse mehr als ausgeglichen. Infolgedessen stieg die durchschnittliche Rendite auf das 20) Schmidt, Deutsche F remdsprache, S. 24 -82, S. 28. 21) Erik Helmer Pedersen, Die Geschichte der dänischen Landwirtschaft, 1914 1988, Odense 1988, S. 176. 22) Schmidt, Deutsche Fremdsprache, S. 26. 23 )Poulsen, Dänemark in der deutschen Kriegswirtschaft, S. 121 -32, S. 127. 70


investierte Kapital von ca. 2 Prozent in den 1930er Jahren auf ca. 7 Prozent während des Krieges. Dies spiegelte sich auch in den Preisen für landwirtschaftliche Betriebe wider, die von 1940 bis 1945 um etwa 80 Prozent stiegen.24) Selbst wenn man die Verwe rtung der Bestände und die Abnutzung der Investitionsgüter berücksichtigt, hat die Landwirtschaft während der Besatzungszeit sehr gute Einkommen erzielt. Allerdings gab es große Unterschiede zwischen den Einkommen von Grundbesitzern, Landwirten und Kleinbauern. Schätzungen zufolge lag die durchschnittliche Eigenkapitalrendite für Kleinbauern bei ca. 3,5 %, während sie für Landwirte bei 10-12 % und für Grundbesitzer bei 14 -15 % lag.25) Die hohen Einkommen in der Landwirtschaft sorgten für ein hohes Investitionspotenzial, während Schwierigkeiten bei der Produktion oder der Einfuhr neuer Geräte in die andere Richtung wirkten. Es hat sich gezeigt, dass im Allgemeinen ein klarer Zusammenhang zwischen dem landwirtschaftlichen Einkommen und den Investitionen bestan d. Eine Ausnahme bildeten jedoch die Kriegsjahre. Von 1942 bis 1946 gingen die Neuinvestitionen in der Landwirtschaft zurück, und der Hauptgrund dafür war der Mangel an Investitionsmöglichkeiten.26) In Ermangelung von Investitionsmöglichkeiten wurde der stetige Einkommensstrom zu den Banken geleitet, deren Liquidität dramatisch anstieg. Trotz des steigenden Einkommens befand sich die Landwirtschaft in Bezug auf die Produktionskapazität und die Kapitalausstattung in einer schwächeren Position als vor dem Kri eg, aber das Problem war nicht gravierend. Von 1946 bis 1951 setzte ein regelrechtes Mechanisierungsfieber ein, und der starke Anstieg der Investitionen korrigierte das Problem der während des Krieges verlorenen Investitionsmöglichkeiten.27) 24) Svend Aage Hansen, Okonomisk vtekst i Danmark, Band II: 1914 -1935. Kobenhavn 1977, S. 95 -97 und Landbrugets okonomi i 50 ar, 1918 -1968, Kobenhavn 1918 ,S. 96 -97; Peter Dossing, Landbruget, in: Buhl, Danmarks okonomiske forhold, S. 0 -43, S. 137-43. Das Konzept des in vestierten Kapitals wurde vom Landokonomiskebureau (Büro für Agrarwirtschaftliche Arbeiten) entwickelt. Es handelt sich um den durchschnittlichen Verkaufswert der Betriebe in den letzten 20 Jahren (siehe Pedersen, Detdanske landbrugs historie, S. 214). 25) Dossing, Landbruget, S. 100 -43, S. 137-43. 26) Leon Buch, Studier over landbrugets investeringer i arene 1910 -56, Kopenhagen 1963, S. 29 -33, und S. 43" S. 47 und S. 58. Neuinvestitionen als Nettoinvestitionen + Abschreibungen (d. h. Bruttoinvestitionen mi t Abzug für Reparaturen und Instandhaltung). 27) Pedersen, danske landbrugs historie, S. 143, S. 215 und S. 222. 71


1948 charakterisierte ein Wirtschaftswissenschaftler die Entwicklung der Industrie während der Besatzungszeit wie folgt: "Die gesamte Reguli erung der Industrie nahm eine Form an, die im allgemeinen den technischen Apparat der Industrie unverändert ließ. Durch die behördlichen Vorschriften sind Kapazität, technische Ausrüstung und Kunden nur in den seltensten Fällen verändert worden, und wenn d ie Vorschriften aufgehoben werden, wird die Industrie hinsichtlich der technischen Fähigkeiten und des Know -hows praktisch auf dem gleichen Stand wie vor dem Krieg sein. Es ist nicht auszuschließen, daß die dänische Industrie dadurch in Zukunft in eine schwächere Position im Wettbewerb mit den kriegführenden Ländern gerät, in denen der Staat in hohem Maße kriegsbedingte Vorschriften zur Erzwingung von Konzentration und Rationalisierung eingesetzt hat. "28) Dieses Problem wurde jedoch von den dringlicheren S chwierigkeiten überschattet, die sich aus der mangelnden Versorgung mit Brennstoffen und Rohmaterialien ergaben. Bereits 1939"40 ging die Versorgung mit den für die Produktion notwendigen Grundstoffen deutlich zurück, und es war nicht möglich, den Verlust an importierten Roh - und Brennstoffen durch die einheimische Produktion und durch eine allgemeine Qualitätsminderung der produzierten Güter vollständig zu ersetzen. Für einige Industriezweige, wie z.B. die Öl-, Margarine-, Auto-, Schwefelsäure- und Superphosphatproduktion, bedeutete die Unterbrechung der Rohstoffzufuhr, dass die Produktion fast zum Erliegen kam. Die Versorgungsprobleme waren der wichtigste Grund für den Produktivitätsrückgang in allen Wirtschaftszweigen während der Besatzungszeit. Der Rückg ang der industriellen Produktivität war stark, verteilte sich aber ungleichmäßig auf die verschiedenen Produktionszweige. Im Allgemeinen ging die industrielle Produktivität zwischen 1938 und 1945 um 21 % zurück. Am stärksten betroffen war die Konfektionspr oduktion mit einem Produktivitätsrückgang von mehr als 40 Prozent, während die Nahrungsmittelindustrie ihre Produktivität auf 95 Prozent des Vorkriegsniveaus halten konnte.29) Bei den Industrieunternehmen, die die Wehrmacht in Dänemark belieferten, und den so genannten außerordentlichen Industrielieferungen nach Deutschland waren die Versorgungsprobleme wesentlich geringer. In diesen Fällen lieferte Deutschland neben den gewöhnlichen Lieferungen auch die notwendigen Rohstoffe. Für die Industrie im Allgemein en gingen 1943 15 Prozent der Gesamtproduktion an die Deutschen. In der Eisen - und 28) Ester Boserup, Industrielle Probleme, in: Buhl, Danmarks okonomiske forhold, S. 158-84, S. 160. 29) Hansen, Modgang eller fremgang?, S. 83 -86 und Hans Chr. Johansen, Industriens vaekst og vilkar, 1870 -1973, Odense 1988, S. 206 -10.

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Metallindustrie lag der Anteil bei 28 Prozent, in der Herstellung von Herrenbekleidung bei 37 Prozent und in den Zementwerken bei 62 Prozent.30 ) Wie bei den landwirtschaftlichen Erzeugniss en waren die Deutschen bereit, gute Preise für diese Lieferungen zu zahlen, und viele dänische Lieferanten nutzten diese Gelegenheit, um hohe Einkünfte zu erzielen. Um die Preise niedrig zu halten, richteten die Behörden einen Sonderausschuss ein, den Odel-Ausschuss, benannt nach seinem Vorsitzenden Axel Odel. Der Odel Ausschuss sollte alle Verträge zwischen Industrieunternehmen und der Wehrmacht genehmigen und war befugt, die Preise zu senken, wenn die Gewinne der dänischen Unternehmen als zu hoch angesehe n wurden. Die auf diese Weise gewonnenen Informationen über die Lieferungen dänischer Firmen an die Wehrmacht wurden später bei den Bemühungen um die Erstellung einer Kartei über Kollaboranten verwendet. Diese Kartei erwies sich nach dem Krieg als sehr nüt zlich, als der Revisionsausschuss für deutsche Zahlungen (Revisionsudvalget for tyske betalinger) eingerichtet wurde, um zu kontrollieren, ob die Preisvorschriften für Lieferungen an die Deutschen eingehalten worden waren.31) Trotz Höchstpreisen, begrenzte m Angebot an Rohstoffen und sinkender Produktivität erzielten die Industrieunternehmen im Allgemeinen hohe Einkommen: "Die Dividenden, die viele Industriebetriebe während des Krieges ausgeschüttet haben, haben nicht den Eindruck erweckt, dass die Preis- und Gewinnvorschriften die Gewinne der Industrie tief eingeschnitten haben. "32) Von Beginn der Besatzung an stiegen die Aktienkurse der Industrie deutlich über das Vorkriegsniveau, und dieser Trend wurde erst Mitte 1944 unterbrochen. Insgesamt waren die Ind ustriegewinne zufriedenstellend, und der positive Effekt auf die Gewinne, den die protektionistischen Regelungen in den 1930er Jahren bewirkt hatten, setzte sich in den Kriegsjahren fort. Von 1940 bis 1944 lag die durchschnittliche Eigenkapitalrendite bei über 9 Prozent pro Jahr und 1944 bei ca. 12 Prozent.33) 30) Boserup, Industriproblemer, in: Buhl, Danmarks okonomiske forhed. 171. 31) Ebd; Schmidt, Tysk fremtraengen, S. 50 -51, und Sigurd Jensen, Levevilkar under besaerrelsen, Kobenhavn 1971, S. 118 -19. 32) Boserup, Industriproblemer, S. 183. 33 Hansen, Modgang eller fremgang?, S. 86 -88. Es gab jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Produktionszweigen. In den Jahren 1943 und 1944 hatte die Nahrungsmittelindustrie eine deutlich höhere Eigenkapitalrendite als in den ersten Kriegsjahren, während für die Eisen - und Metallindustrie aufgrund des katastrophalen Rohstoffbedarfs in den letzten Kriegsjahren das Gegenteil galt (siehe Jens Otto Krag, Byerhvervene og krigsokonomien, in: Krisch, Danmar k besat og befriet, S. 6 -89, S. 69). 73


Dass die Industrie trotz der Preisregulierung hohe Gewinne erzielen konnte, lag unter anderem daran, dass die Höchstpreise auf einem Niveau festgesetzt wurden, das den am wenigsten profitablen Unternehmen einen sogen annten Normalgewinn sicherte. Die am besten geführten Unternehmen mit den niedrigsten Kosten hatten daher hohe Gewinne.34) Die Investitionen in der Industrie sind noch weniger untersucht worden als die in der Landwirtschaft, aber es besteht kein Zweifel da ran, dass sie zurückgingen, insbesondere in den letzten beiden Jahren der Besatzung. 1949 behauptete der Industrierat, dass "die Zeit gezeigt hat, dass die Sorge, dass die Produktionsmaschinen quantitativ und qualitativ zurückgehen würden, keineswegs unbegründet war "35) Eine offizielle Untersuchung bestätigte diese Ansicht. Gemessen in laufenden Preisen stiegen die industriellen Bruttokapitalinvestitionen von 84,3 Mio. kr. im Jahr 1939 auf 89,9 Mio. kr. im Jahr 1943 und sanken dann auf 67,8 Mio. kr. im Jah r 1944. Unter Berücksichtigung der Inflation gingen die realen Bruttoinvestitionen der Industrie erheblich zurück. Der gesamte industrielle Einsatz von Pferdestärken stieg jedoch an, was darauf hindeutet, dass es möglich war, bestimmte Investitionsprojekte durchzuführen.36) Auf der Mikroebene gibt es eindeutige Hinweise darauf, dass es erst ab 1944 sehr schwierig wurde, große Investitionen zu tätigen. So hat eine Untersuchung einiger der größten dänischen Industrieunternehmen gezeigt, dass, obwohl die Firme n nicht alle gewünschten Investitionsprojekte durchführen konnten und obwohl die Kapitalausstattung bis zu einem gewissen Grad abgenutzt war, es immer noch möglich war, einige Investitionen zu tätigen und es nicht notwendig war, Aufträge aus diesem Grund abzulehnen. Ein viel dringlicheres und wichtigeres Problem stellten die sehr knappen Lieferungen während und nach dem Krieg dar.37)

34) Krag, Byerhvervcne, S. 69 -70. 35) Dies ist eine allgemeine Meinung in der Literatur, die in den Jahren nach dem Krieg veröffentlicht wurde. Siehe Dansk Industribcretning. Industrien unter den tyske besaettelse, 1940 -1945. 1. del. Reguleringen, Kobenhavn 1949, S. 11. Siehe z. B. Krag, Byerhvervene, S. 70. 36) Hansen, Modgang eller fremgang?, S. 88 -91. 37) Hansen, Widrigkeite n oder Fortschritt, S. 94 -98.

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IV. Wirtschaftspolitik

Die deutsche Besetzung Dänemarks hat das Fundament unserer Wirtschaft völlig aus den Angeln gehoben und einen völlig neuen Rahmen für die Wirtschaftspolitik geschaffen "38) Diese Ansicht wurde von einem dänischen Regierungsbeamten vertreten, der selbst aktiv an der Gestaltung der Wirtschaftspolitik von 1940 bis 1945 beteiligt war. Diese Meinung hat sich bis heute gehalten, und in der Tat kam es zu einer völligen Veränderung der wirtschaftlichen Ins trumente und bis zu einem gewissen Grad auch der politischen Ziele. Die dänische Wirtschaftspolitik musste die deutschen Forderungen stark berücksichtigen, war aber innerhalb dieses allgemeinen Rahmens vor allem auf drei Ziele ausgerichtet: die Sicherstell ung der Versorgung des dänischen Volkes mit Lebensmitteln und anderen wichtigen Gütern, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die Eindämmung der Inflation. Um die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern aufrechtzuerhalten, führte die Regierung ei ne Reihe von Wirtschaftsvorschriften ein. Bereiche, in denen zuvor der Markt die Ressourcen verteilt hatte, wurden nun in die regulierte Wirtschaft einbezogen, und die Erfahrungen aus den sehr umfassenden Regulierungen während des Ersten Weltkriegs und den Regulierungen der 1930er Jahre erwiesen sich als sehr nützlich. Unter anderem waren die Erfahrungen der 1932 eingerichteten Valutazentrale nützlich, und die Kontinuität zeigt sich darin, dass die Direktion für die Warenversorgung die Organisation der Valu tazentrale übernahm. Auch die Preiskontrollverordnung wies ein hohes Maß an Kontinuität auf, als sie den Namen eines bereits bestehenden Rates übernahm, der später in Preisdirektion umbenannt wurde.39) Es besteht kein Zweifel, dass die umfassende Regulieru ng der Unternehmen und der Wirtschaft im Allgemeinen während der Besatzungszeit einen erheblichen Einfluss auf die Vorstellung von den Möglichkeiten der künftigen Wirtschaftspolitik hatte, die Wirtschaft in die gewünschte Richtung zu lenken. Dies galt insbesondere für die Sozialdemokratische Partei, die glaubte, dass sich in Zukunft eine Planwirtschaft nach keynesianischem Vorbild entwickeln

38) Schmidt, Deutsche Fremdsprache, S. 14 -82, S. 24. 39) Hansen und Henriksen, Dansk Social Historie, S. 13, S. 16; Krag, Byerhvervene, S. 16 - 22; Jensen, Levevilkar under besaettelsen, S. 69 -70, S. 155; Boserlpindustriproblemer, S. 176 -84. 75


würde.40) Und sie hatte natürlich Recht. Die Arbeitslosigkeit stieg 1940 an, und es war klar, dass diese Entwicklung gestoppt werden musste, zum einen aus sozialen und politischen Gründen, zum anderen, um den deutschen Forderungen zu entgehen, dänische Arbeitnehmer zum Arbeiten nach Deutschland zu schicken. Vor diesem Hintergrund wurde im Mai 1940 ein Gesetz über die Arbeitsteilu ng verabschiedet und ab Herbst 1940 ein sehr viel ehrgeizigerer Beschäftigungsplan aufgestellt. Diesem Plan zufolge sollten 50 000 neue Arbeitsplätze durch öffentliche Arbeiten und verschiedene Subventionen und Darlehensprogramme für den privaten Sektor ge schaffen werden. Der Beschäftigungsplan sollte durch ein Regierungsdarlehen in Höhe von 250 Millionen Kr. finanziert werden. Dies war ein beachtlicher Betrag, und der Plan selbst markiert den Durchbruch einer neuen, keynesianisch geprägten Finanzpolitik in Dänemark. Die Regierung strebte einen ausgeglichenen Haushalt für die laufenden Ausgaben an, aber über die Investitionsausgaben wirkte der Haushalt expansiv. In Verbindung mit der deutschen Nachfrage über das Verrechnungskonto und das Wehrmachtskonto führ te dies zu einer erhöhten Gesamtnachfrage und zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit.41) Die Angst vor Arbeitslosigkeit erwies sich also bald als unbegründet. Die sinkende Produktivität, die Produktion von Ersatzstoffen und die Torf - und Braunkohleproduktion trugen in Verbindung mit der dänischen Arbeit für die Deutschen in Dänemark und Deutschland zum Rückgang der Arbeitslosigkeit bei. Infolgedessen entfiel die Notwendigkeit einer nachfragefördernden Steuerpolitik. Politiker und Ökonomen konnten sich auf drin gendere Probleme konzentrieren.Während und nach dem Ersten Weltkrieg geriet die Inflation außer Kontrolle, in erster Linie als Folge des großen dänischen Zahlungsbilanzüberschusses, aber auch in gewissem Maße, weil die Finanz und Währungsbehörden die Wirt schaft nicht so straff führten, wie es zur Vermeidung von Inflation notwendig gewesen wäre. 40) FIemming Just, Landbruget, staten og eksporten, 1930 -1950, Esbjerg 1992., S. 499; N. W. Olesen, Jens Otto Krag og "Fremtidens Danmark" in: Historie, Bd. 19 (199 1), S. 46-72 und N. W. Olesen, Fremtidens Danmark tilbage pa plads, in: Arbcjderhistorie, 1995, Nr. 1, PP - 35-50. 41) Topp, Udviklingen i de finanspolitiske ideer, S. 237 -38; Niels-Henrik Topp, Fiscal Policy in Denmark 1930 -1945, in: European Economic Re view, Bd. 32 (1988), S. 516-18; Hans Sode-Madsen, Statsungdomslcjrc under besrettelsen, 1940-45, in Jespersen und Pedcrsen, Besaittelsen, S. 27 -56, S. 28; Jenscn, Levevilkär, S. 90 -91. Die deutschen Forderungen, dänische Arbeitskräfte nach Deutschland zu entsenden, waren auch der Grund dafür, dass die Art der Berechnung der Arbeitslosigkeit geändert wurde. Die neue Methode senkte die offizielle Arbeitslosenquote um 50 Prozent (vgl. Topp, S. 234). 76


Diese Entwicklung trug erheblich zum wirtschaftlichen Zusa mmenbruch von 1920 bei, und die Behörden wollten diese Situation natürlich nicht wiederholen.42) Um dies zu verhindern, wurden sofort nach der Besetzung politische Maßnahmen ergriffen. Am 9. April 1940 erließ die Regierung eine ministerielle Verfügung, mit der ein vorübergehender Preisstopp angeordnet wurde. Ab Mai desselben Jahres schreibt ein Preisgesetz vor, dass die Preise auf der Grundlage der Kosten unter Hinzufügung eines angemessenen Nettogewinns zu berechnen sind. Das Preisgesetz ermächtigte die Preisdirektion auch zur Festsetzung von Höchstpreisen, so dass die Preisfestsetzung im Prinzip von den Marktbedingungen von Angebot und Nachfrage getrennt wurde. Anfang 1943 waren 3300 Höchstpreise festgesetzt worden, aber die Preiskontrolle war nicht einfac h. Der allgemeine Zweck der Preiskontrolle bestand darin, zu verhindern, dass die Erzeuger auf Kosten der Verbraucher höhere Gewinne erzielten, aber auch darin, die Inflation einzudämmen. Ohne Preiskontrolle wurde befürchtet, dass die große Nachfrage und d as begrenzte Angebot zu einer hohen Inflationsrate führen würden. Andererseits könnten zu niedrige Höchstpreise den Erzeugern einen Anreiz bieten, die Produktion auf andere Produkte mit besseren Gewinnaussichten zu verlagern. Dies war beispielsweise bei de r Produktion von Torf und Rohstoffen der Fall, und die Behörden mussten die Preise nicht nach dem "... Kostenprinzip, sondern nach dem Prinzip der Produktionsförderung regulieren, was sehr weitgehend zum Vorteil der Erzeuger ausgelegt wurde." Außerdem wurd en Höchstpreise für Torf und Rohstoffe nicht eingehalten, und im Allgemeinen war die Preiskontrolle am effizientesten, wenn es sich um Industrieunternehmen handelte.43) Die Situation wurde noch komplizierter durch das Interesse der Wehrmacht, die Lieferfreudigkeit der dänischen Produzenten zu fördern. So waren die Deutschen bereit, höhere Preise zu zahlen, als die Preiskontrolle erlaubte, und in vielen Fällen entschieden sich die dänischen Hersteller für die besseren Preise. Die wachsende Sorge, dass die In flation außer Kontrolle geraten könnte, veranlasste die Nationalbank, einen gewissen Druck auf den Finanzminister auszuüben, um die Preissteigerungen zu stoppen.

42) Siehe Erling Olsen und Erik Hoffmeyer, Dansk Pengehistorie, Bd. z, Kobenhavn 1968; Einar Colin, Danskc Pengeforhold, 1914 -1936, Kobenhavn 1961; Per H. Hansen, Paglidebanentil den bitreende. Dansk bankvaesen i kris e, 1920-1933, Odense 1996, S. 87 -112. 43) Ester Boscrup, Bratndsels og rastofproblemer, in: Buhl, Danmarks okonomiske forhold, S. 144-57, S. 148 und S. 150; Ester Boserup, Industriprobleme;, S. 158-84, S. 159; Hansen und Henriksen, Dansk Social Historie, S. 17-19. 77


Der Finanzminister ernannte den oben genannten Ausschuss von Wirtschaftsprofessoren, um zu prüfen, welche Maßnahmen ergr iffen werden sollten, um der drohenden Inflation entgegenzuwirken". Der Bericht des Ausschusses wurde einen Monat später, im Januar 1943, vorgelegt und führte im Juni 1943 zur Verabschiedung von Anti -Inflationsvorschriften. Ziel dieser Maßnahmen war es, di e zunehmende nachfragebedingte Inflation zu bremsen, und das Mittel dazu war eine Verschärfung der Finanzpolitik, die in den letzten Jahren der Besatzung zu einem Haushaltsüberschuss führte. Der Bericht des Ausschusses wurde jedoch von den Wirtschaftswisse nschaftlern nicht einhellig akzeptiert. Professor Jorgen Pedersen wandte sich entschieden gegen die Ansicht des Ausschusses, dass in Dänemark Vollbeschäftigung herrsche. Fle vertrat nicht die Ansicht, dass es einen Nachfrageüberschuss gab, und behauptete daher, dass die Durchführung einer straffen Finanzpolitik die Arbeitslosigkeit erhöhen würde.44) Die sehr begrenzten Konsummöglichkeiten gingen jedoch nicht mit einer entsprechenden Einschränkung der Kaufkraft einher. Die Inanspruchnahme der Verrechnungs- und Wehrmachtskonten durch die Wehrmacht führte in Verbindung mit einem Anstieg der Nominaleinkommen zu einer erheblichen Kaufkraftakkumulation. Da es keine Abnehmer für dieses "ungenutzte Geld" gab, floss es in die Banken, wo die Einlagen anschwollen, währ end die Ausleihungen stagnierten oder sogar zurückgingen. Dieser Anstieg der Liquidität führte kurzfristig nicht zu einer Inflation, aber der Professorenausschuss befürchtete, dass es nach dem Krieg zu einer Inflation kommen könnte, wie es nach dem Ersten Weltkrieg der Fall gewesen war. Um dies zu vermeiden, führten die Nationalbank und die Regierung auf Empfehlung des Ausschusses eine Politik der Liquiditätsschöpfung ein. Dies geschah durch eine Erhöhung der Mindestreserveanforderungen der Banken und durch die Ausgabe einer Reihe von Staatsanleihen. Die Abschöpfung des brachliegenden Geldes während der Besatzungszeit war effizienter als während des Ersten Weltkriegs, reichte aber immer noch nicht aus. Bei Kriegsende beschloss die Regierung daher, einen Geld umtausch auf der Grundlage einer Berechnung des Volksvermögens vorzunehmen. Außerdem wurde 1946 eine einmalige Steuer auf die Unternehmen erhoben, die mit einem Stabilisierungsdarlehen in Höhe von einer Milliarde Kr. kombiniert wurde.45)

44) Topp, The Evo lution of Fiscal Policy Ideas, S. 240 -63; Topp, Fiscal Policy in Denmark, S. 516-18; Olsen und Hoffmcycr, Dansk Pengehistorie, S. 243 -44. 45) Olsen und Hoffmeyer, Dansk Pengehistorie, S. 253 -62; Hansen und Henriksen, Dansk Social Historie, S. 23, S. 35 -37. 78


Ob es sich nun um Nazi -Sympathie handelte, was wahrscheinlich nur in wenigen Fällen der Fall war, oder um Sympathie für die Idee des großen Geldes, was wahrscheinlich häufiger der Fall war, es ist nicht zu leugnen, dass einige dänische Firmen eine auff allende Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht zeigten. Nach dem Krieg war man allgemein der Meinung, daß Bauern, Bauunternehmer und andere von der Besatzung auf Kosten ihrer Landsleute profitiert hatten.46) Die Arbeit für die Besatzungsma cht hatte jedoch die Beschäftigung beträchtlich erhöht, da bis zu 70 000 Arbeiter mit dieser Art von Arbeit beschäftigt waren. Die Höchstzahl von 70 000 dänischen Arbeitern, die für die Wehrmacht in Dänemark tätig waren, wurde im März 1944 erreicht, als di e Befestigung der Westküste Jütlands auf dem Höhepunkt war. Darüber hinaus trug die Beschäftigung dänischer Arbeitnehmer in Deutschland auch zum Rückgang der Arbeitslosigkeit bei. Insgesamt gingen fast 8 000 dänische Arbeiter während des Krieges nach Deuts chland, um dort zu arbeiten, aber viele von ihnen kehrten nach einiger Zeit wieder zurück, und man geht davon aus, dass die Höchstzahl der dänischen Arbeiter in Deutschland zu einem bestimmten Zeitpunkt unter 30 000 lag. Der Wert der außerordentlichen Indu strielieferungen nach Deutschland belief sich auf etwas mehr als 1 Milliarde Kronen, und sie kamen natürlich sowohl den deutschen Kriegsanstrengungen als auch der dänischen Wirtschaft zugute. Wie bei anderen dänischen Arbeiten für Deutsche während der Besa tzungszeit gibt es jedoch keinen Grund anzunehmen, dass die Firmen und Personen, die Industriegüter nach Deutschland lieferten, allesamt Nazi -Sympathisanten waren. Wahrscheinlicher ist, dass es wieder einmal die Aussicht auf hohe Gewinne war, die attraktiv war. Diese Frage kann jedoch noch nicht als hinreichend untersucht angesehen werden.

V. Schlussfolgerungen Die Wirtschaftsgeschichte Dänemarks während der Okkupation hat nicht so viel Interesse bei den Wissenschaftlern geweckt wie andere Themen wie die Widerstandsbewegung, die Kollaboration mit den Deutschen und so weiter. Es gibt jedoch eine recht umfassende Literatur zu diesem Thema, die solide Kenntnisse über die wirtschaftlichen Bedingungen in Dänemark während des Krieges vermittelt. Unter dieser Lit eratur gibt es eine ganze Reihe von Artikeln und Monographien, die sich nicht auf die Kriegsjahre konzentrieren, sondern

46) Schmidt, Deutscher Wohlstand, S. 61 -62. 79


auf andere chronologische oder thematische Probleme, die aber dennoch verschiedene Asp ekte der Wirtschaft während der Besatzungszeit beinhalten. Wir wissen, dass es gravierende Versorgungsprobleme gab und dass alle denkbaren Bereiche der Wirtschaftstätigkeit reguliert wurden. Wir wissen auch, dass die Landwirtschaft und, wie es scheint, auc h die Industrie während des Krieges hohe Gewinne erzielten. Dies ist jedoch kaum verwunderlich, wenn man das begrenzte Angebot und die große Nachfrage in Betracht zieht. Die spannendsten Fragen zur Wirtschaftstätigkeit in Dänemark während der Besatzungszeit liegen wahrscheinlich nicht in der weiteren Untersuchung des Inhalts der Regulierung oder makroökonomischer Variablen wie Wachstum und Verbrauch. Die mikroökonomische Ebene hingegen ist noch nicht ausreichend untersucht worden. Hat das Ziel der Regierung und der Wirtschaftsverbände, die bestehende Wirtschaftsstruktur zu erhalten, dazu geführt, dass die dänischen Unternehmen schlechter gestellt wurden als ihre ausländischen Konkurrenten? Auch das Verhalten der einzelnen Unternehmen in einer stark regulierten Wirtschaft unter besonderen politischen Umständen muss weiter untersucht werden. Wie gelang es den Unternehmen zu produzieren, zu investieren, zu vertreiben, für die Zukunft zu planen usw. in einer Zeit, in der Treibstoff und Rohstoffe schwer zu bekomme n waren und in der zu viele Verträge mit dem Großkunden Wehrmacht sehr unangenehme Folgen haben konnten?

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Alice Teichova Instrumente der wirtschaftlichen Kontrolle und Ausbeutung: Die deutsche Besatzung in Böhmen und Mähren

I. Einleitung

Im Gegensatz zu anderen Ländern Mittel - und Südosteuropas waren die westlichen Landesteile der Tschechoslowakei, Böhmen und Mähren, schon relativ früh auf einem hohen Niveau der Industrialisierung. Zusammen mit der demokratischen Tradition des tschechisch en Volkes hatte dies tiefgreifende Auswirkungen auf die wirtschaftliche, soziale und kul turelle Entwicklung des Landes. Von ihrer Gründung am 28. Oktober 1918 bis zu ihrer Zerstückelung nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 blieb die Tschechoslowakei ein unabhängiger Staat. Gleichzeitig wurde ihr politisches und wirtschaftliches System durch komplexe finanzielle und diplomatische Beziehungen beeinflusst. In der Rangordnung der entwickelten Volkswirtschaften des Völkerbundes gehörte die Tschechos lowakei in der Zwischenkriegszeit zu den zehn größten Pro -Kopf-Produzenten von Industriegütern und den sieben größten Rüstungslieferanten der Welt sowie zu den europäischen Ländern, die am stärksten vom Export abhängig waren. Die relativ hohe Konzentration in Industrie und Bankwesen, das vergleichsweise niedrige Lohnniveau und die stabilen politischen Verhältnisse des demokratischen Regierungssystems zogen internationale Unternehmen in die tschechoslowakische Wirtschaft. In der Zwischenkriegszeit wurde die tschechoslowakische Wirtschaft zu einem wichtigen Bindeglied zwischen den westlichen, insbesondere britischen und französischen Wirtschaftsinteressen und Südosteuropa. Gleichzeitig wurde sie zu einem Gebiet komplizierter Konkurrenzkämpfe, vor allem zwische n Westeuropa und Deutschland. In diesem Rahmen verschärfte sich der Wettbewerb im Lande selbst zwischen tschechoslowakischen und deutschen Konzernen ständig. Das deutsche Kapital bemühte sich, wirtschaftliche Positionen in der Tschechoslowakei zu erobern und versuchte, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und den Westmächten sowie zwischen den Staaten der Kleinen Entente zu kappen.1) 1) Alice Teichova, An economic background to Munich. International business and Czechoslovakia 1918 -1938, Cambridge 1974. 81


Infolge des Anschlusses Österreichs an Deutschland am 11. März 1938 wurde die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei unmittelbar bedroht. Ein halbes Jahr später besiegelte das Münchner Abkommen das Schicksal der Erste n Tschechoslowakischen Republik. Es führte zur Zerstückelung der Tschechoslowakei, zu schweren Verlusten an industrieller und landwirtschaftlicher Kapazität sowie zum Verlust lebenswichtiger Befestigungen in den von Deutschland annektierten Grenzgebieten. Unter diesen Umständen war das Leben des Reststaatsgebiets, der so genannten Zweiten Tschechoslowakischen Republik, zum Scheitern verurteilt. In der kurzen Zeit zwischen dem 30. September 1938 und der Besetzung Böhmens und Mährens durch die deutsche Armee am 15. März 1939 wurde die Rolle der Tschechoslowakei in der internationalen Wirtschaft zerstört, ihr Territorium in verschiedene Teile aufgeteilt, die letztlich der Kriegswirtschaft des nationalsozialistischen Deutschlands dienten. Von der gesamten Industrieproduktion der ehemaligen Tschechoslowakei konzentrierten sich 92 Prozent auf die ins Reich eingegliederten Gebiete: 70 Prozent in Böhmen und Mähren, dem besetzten Protektorat, und 22 Prozent in den Grenzgebieten, die als Sudetenland an Deutschland ange gliedert wurden. Die verbleibenden 8 % befanden sich in der Slowakei, die sich von der Zweiten Tschechoslowakischen Republik abgespalten und am 14. März 1939 ihre Unabhängigkeit erklärt hatte. Für die Kriegsvorbereitungen des nationalsozialistischen Deutsc hlands war das Protektorat von großer Bedeutung, weil dort der entscheidende Teil der Gesamtproduktion der ehemaligen Tschechoslowakei in der Eisen - und Stahlindustrie und im Maschinenbau angesiedelt war, während im Sudetenland der Anteil der Konsumgüterin dustrie wie Textilien, Glas usw. relativ größer war. In diesem Beitrag werde ich mich auf die Instrumente der wirtschaftlichen Kontrolle während der deutschen Besetzung der böhmischen Länder, Böhmens und Mährens, des sogenannten Protektorats, konzentrieren .

II. Charakter und Struktur des Besatzungsregimes - Verwaltung als Instrument der wirtschaftlichen Kontrolle

Offiziell ist der 15. März 1939 der Tag des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in die böhmischen Länder. Der Startschuss für den Grenzübertritt nach Nordmähren zeigt jedoch, welche Bedeutung das nationalsozialistische Deutschland der tschechoslowakischen Schwerindustrie beimaß, denn am Nachmittag des 14. März erteilte Hitler General Wilhelm Keitel den Befehl, vor 82


dem allgemeinen militärischen Einmarsch in die böhmischen Länder am 15. März das größte mitteleuropäische Eisen - und Stahlwerk, die Vitkovicer BerGBAu- und Gießereiwerke in Ostrau, zu besetzen, um zu verhindern, dass Polen die Walzwerke vor dem Eintreffen der deutschen Armee beschlagnahmt.2) Die verfassungsrechtliche Lage der böhmischen Länder blieb absichtlich vage, da die deutsche Regierung davon ausging, dass die militärische Eroberung nicht-deutscher Gebiete in Friedenszeiten stattfand und man sich, um von der zu erwartenden Beute p rofitieren zu können, an den Nebel der Legalität halten musste. Während der Einmarsch in vollem Gange war, erhielt Emil Hächa, der Präsident der Rumpf -Tschechoslowakei, bei seinem demütigenden Besuch in der Reichskanzlei in Berlin am 15. März 1939 die nebu löse Zusage, dass Deutschland der tschechischen Nation die "selbständige Entfaltung ihres nationalen Lebens entsprechend ihrem Charakter" garantieren werde.3) Am nächsten Tag, dem 16. März 1939, verfügte Hitler die Errichtung des "Protektorats Böhmen und M ähren als integraler Bestandteil des Deutschen Reiches". Die Verleihung des Kolonialstatus an die böhmischen Länder - daher die Bezeichnung "Protektorat" - erfolgte nach dem Vorbild des französisch tunesischen Abkommens von 1881, das in gewisser Weise die Grundlage für die Struktur der Verwaltung des besetzten Gebietes bildete.4) Die institutionelle Struktur der deutschen Besatzungsbehörde und ihr Verhältnis zur tschechischen Protektoratsregierung funktionierte, abgesehen von geringfügigen Änderungen, vom 1 6. März 1939 bis zum 20. August 1943. Sie enthielt organisatorische Elemente einer dualistischen Regierung, die bei Bedarf von der deutschen Behörde aktiviert werden konnten. Am Vorabend des Krieges und während der berauschenden Zeit der militärischen Erfo lge Deutschlands wurde erwartet, dass die Regierung Hächa den sozialen Frieden und die Ordnung garantieren würde, da die Wirtschaft rasch auf die Kriegsproduktion ausgerichtet wurde. Die letzten Reste dieser euphemistischen Autonomie wurden jedoch im Somme r 1943 beseitigt, als der Sieg Hitlers immer weiter entglitt. An der Spitze der deutschen Herrschaft stand von Anfang an der Reichsprotektor, dessen Befugnisse praktisch unbegrenzt waren, da er Hitler direkt unterstellt war. Der erste, der zum Reichsprotek tor ernannt wurde, war Konstantin von Neurath, der als Diplomat der alten Schule beschrieben wurde, aber in der Lage war, die brutale Nazidiktatur ohne Skrupel durchzusetzen. Karl Hermann Frank, ein ehrgeiziger und gewaltsam antitschechischer Führer 2) Zeugenaussage von Wilhelm Keitel, IMT, 1400 -1700, 5. April 1946. 3) Protokoll des Besuchs von Hácha in der Reichskanzlei in Berlin am 15. März 1939, zitiert von E. Sobota, Co to byl Protektorat, Prag 1946, S. 21 -22. 4) Ebd., S. 30-31. 83


der Sudetendeutsche n Partei, wurde zum Staatssekretär und Stellvertretenden Reichsprotektor ernannt und war dem Reichsprotektor unterstellt. Anders als in Deutschland und in der hemmungslosen Nach -Anschluß-Zeit in Österreich war die Tätigkeit der NSDAP im Protektorat strikt von der Exekutivgewalt des Reichsprotektors getrennt. Im weiteren Verlauf der deutschen Verwaltung wurden am 22. April 1939 20 Oberlandräte (OLR) - 12 in Böhmen und 8 in Mähren - ernannt, deren Autorität sowohl dem Reichsprotektor als auch dem Staatssekret är unterstellt war. Sie waren mit der Kontrolle der tschechischen Bezirks - und Gemeindeorgane beauftragt. Präsident Hácha und seine Regierung hatten aufgrund der Zusage Hitlers erwartet, eine autonome tschechische Verwaltung zu leiten, aber die entscheidenden Posten blieben fest in der Hand hoher deutscher Beamter. Der Schein einer nationalen tschechischen Verwaltung wurde durch die deutsche Billigung der autonomen Regierung des Protektorats, die für alle ihre Handlungen die Genehmigung des Reichsprotektors und des Staatssekretärs einholen musste, ausgehebelt. Das Parlament wurde aufgelöst, die politischen Parteien verboten und das allgemeine Wahlrecht durch das Führerprinzip ersetzt. In ihrer unterwürfigen Absichtserklärung verpflichtete sich die tschechische Regierung, alle ihr zur Verfügung stehenden Staatsorgane, insbesondere Polizei und Gendarmerie, einzusetzen, um die soziale Ruhe und Ordnung auf dem gesamten Gebiet des Protektorats zu gewährleisten und Unruhen jeglicher Art zu verhindern. Ferner erklär te er alle Sabotageakte, die das normale öffentliche Leben, insbesondere das Wirtschaftsleben, stören oder lähmen, als reichsfeindliche Handlungen, die strafrechtlich zu verfolgen und strengstens zu bestrafen sind.5) Der Charakter der tschechischen Protektoratsregierung wurde in einem deutschen programmatischen Dokument so beschrieben: "Wir brauchen eine schwache tschechische Regierung, die in der Lage ist, das tschechische Volk so zu reorganisieren, dass es sich niemals gegen Deutschland auflehnt, aber die Regierung sollte stark genug sein, um die Machtübernahme einer Opposition zu verhindern. "6) Die tschechische Verwaltung war sehr groß. Obwohl sie vollständig der deutschen Kontrolle und Steuerung unterstellt war, wurde sie als fiktiver, autonomer Organis mus beibehalten, um sicherzustellen, dass die Tschechen die Bedürfnisse der deutschen Kriegsanstrengungen erfüllten. In den Lageberichten von Prag nach Berlin wird von ca. 400 000 tschechischen 5) Erklärung der tschechischen Regierung, Staatliches Zentral archiv (SÚA) MPOZ- N0.75680-39-1/B. 6) Zitiert von V. Olivová,Dejiny Ceskoslovenska, vol. IV, Prag 1967, S. 354.

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Bediensteten gesprochen, während die Zahl der deutschen Beamten ca. 2000 beträgt.7) Tatsächlich ersparte die Zusammenarbeit der tschechi schen Regierung dem deutschen Besatzungsregime eine große Zahl eigener Beamter. Während die Zivilverwaltung in Böhmen und Mähren reibungslos funktionierte, konnten die deutschen Behörden die Zahl ihrer eigenen Beamten gering halten und sich auf das Personal der Besatzungsarmee, der deutschen Polizei, der SS, der gefürchteten Gestapo und des Sicherheitsdienstes (sd) konzentrieren. In ihrem Bestreben, ein koloniales Protektorat zu schaffen, bildeten einige Hunderttausend Deutsche die herrschende Schicht über Millionen von Tschechen, die in jeder Hinsicht zu Bürgern zweiter Klasse wurden. Die deutsche Besatzungsbehörde konnte jedoch nie als "klassisches" Kolonialregime bezeichnet werden, da sie nicht einer rückständigen Agrarregion in Übersee, sondern einer Ges ellschaft und Wirtschaft im Herzen Europas mit einer ebenso fortschrittlichen Struktur wie Deutschland selbst auferlegt wurde. Die Politik des Besatzungsregimes konnte sich daher nicht auf eine sinnlose primitive Ausplünderung beschränken, sondern es musst en kompliziertere und ausgefeiltere Methoden der Ausbeutung angewandt werden, um die Nutzung fortschrittlicher Technologien und Kapazitäten in der tschechischen Schwerindustrie und vor allem die Beschäftigung von Facharbeitern, qualifizierten Technikern un d gebildeten Arbeitskräften zu gewährleisten, die für die deutschen Kriegsanstrengungen immer wichtiger wurden. Die Politik im Protektorat war im Wesentlichen von zwei Auffassungen geprägt, die - bis Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des S D, von Neurath am 28. September 1941 als stellvertretender Reichsprotektor ablöste - zu Kompetenzkonflikten zwischen dem Amt des Reichsprotektors und dem des Staatssekretärs führten. Das eine Konzept, vertreten durch von Neurath und unterstützt durch die A rmee und die Diplomatie, wollte im Wesentlichen eine traditionelle imperialistische Politik verfolgen, die auf der Zusammenarbeit mit einheimischen Elementen und der Ausbeutung der wirtschaftlichen Ressourcen der böhmischen Länder beruhte. Die andere, die Konzeption von K. H. Frank, bevorzugt Terror und brutale Diktatur.

7) Bis Mai 1942, nach der Reorganisation der Besatzungsverwaltung unter Reinhard Heydrich wurde die Zahl der Deutschen im öffentlichen Dienst reduziert. Ein Sechstel der im Protektorat bes chäftigten deutschen Beamten wurde für den Dienst in der Wehrmacht freigestellt. Heydrichs Lagebericht an Bormann (18. Mai 1942), zitiert von Vacláv Král, Otázky hospodárského a sociálního vývoje ceských zemích v letech 1938 -1945, Bd. I, Prag 1958, S.23. 85


Sie ging von sudetendeutschen chauvinistischen Kreisen aus und stützte sich auf deren Anspruch auf eine führende Rolle im "Protektorat". Frank favorisierte die Endlösung der tschechischen Frage durch Eindeutschung, Vertreibung und physische Liquidierung (siehe weiter unten) und die vollständige Eingliederung des tschechischen Gebietes als eine der deutschen Provinzen in das Reich.8) Dieses Konzept stieß jedoch auf Konkurrenz durch die stärkeren Forderungen führender Kreise im Reich. Obwohl Franks detaillierter Vorschlag von Hitler grundsätzlich als langfristige Lösung befürwortet wurde, entschied er im Herbst 1940, dass der Status des Protektorats unter der Reichsgewalt in Prag im Interesse der Kriegsanstrengungen kurzfristig beibehalten werden sollte.9) Im tschechischen Fall setzten, verglichen mit anderen besetzten Gebieten, die wirtschaftlichen Realitäten dem Rassenterror und der barbarischen Vernichtungspolitik gewisse Grenzen. Während wirtschaftliche Erwägungen zweifellos im Vordergrund standen, profit ierte das Besatzungsregime auch von psychologischen Vorteilen durch die Anwesenheit von Sudetendeutschen (ehemalige tschechoslowakische Staatsbürger mit deutscher Staatsangehörigkeit) in der Führung des Protektorats, die das tschechische Umfeld genau kannt en. Dies wirkte sich auf die Taktik der Besatzungsbehörde aus, die bei Bedarf an das spezifische Verhaltensmuster des tschechischen Volkes angepasst werden konnte und wurde. In diesem Zusammenhang wurde die Kenntnis der Stimmung, der historischen Erfahrung en und der Traditionen der tschechischen Bevölkerung zu einem nützlichen Herrschaftsinstrument, insbesondere während der Depression und Passivität nach dem Münchner Abkommen, die den Tschechen eine nationale Katastrophe bescherten. Die Besatzungspolitik wu rde natürlich sowohl von der internationalen als auch von der innenpolitischen Situation stark beeinflusst, so dass verschiedene Phasen zu erkennen sind: 1. 15.3.39 bis zum Ausbruch des Krieges wurde die tschechische Autonomie für deutsche Gewinne auf dem Weltmarkt instrumentalisiert, 2. nach den Siegen der Nazis in Europa wurden die Einschränkungen der Autonomie verstärkt und nach der Ankunft Heydrichs in Prag am 28. September 1941 wurde die Umsetzung der Neuen Oder energischer vorangetrieben. 2. Nach der Niederlage der deutschen Armee bei Moskau im Winter 1941/2 und der Ermordung Heydrichs am 27. Mai 1942

8) Proposal of K.H. Frank to Adolf Hitler (18 August 1940) (Denkschrift über die Behandlung des Tschechen -Problems und die zukünftige Gestaltung des böhmisch-mährischen Raumes), Acta Occupationis Bohemiae et Moraviae. The Germans in Czechoslovakia 1933 -1947, Prague 1964, Doc. 315, pp. 417 -421. 9) Ebd., Dok. 320, (5. Oktober 1940), S. 426; Dok. 322 (14. und 15. Oktober 1940), S. 427-428. 86


wurde dem Terror und der Brutalität bis zum 20. August 1943 freien Lauf gelassen, als die dualistische Regierung liquidiert wurde. 3. Zu dieser Zeit verlangte die Aufrechterhaltung der Kriegsproduktion im "Protektorat" dem Besatzungsregime größere Zurückhaltung ab, abe r auch die Widerstandsbewegung gewann an Stärke und erreichte ihren Höhepunkt im Slowakischen Aufstand 1944 und im Prager Aufstand 1945.

III. Deutsche Wirtschaftspolitik und Instrumente der wirtschaftlichen Ausbeutung in Böhmen und Mähren

III.₁ Devisen und Ausfuhren

Das unmittelbare Anliegen Hermann Görings als Bevollmächtigter für den Vierjahresplan kam in seiner dringenden Depesche vom 16. März 1939 zum Ausdruck, die er noch am selben Tag, an dem Hitler die Errichtung des Protektorats verfügte, an alle Reichsminister, den Reichsprotektor und alle Chefs des öffentlichen Dienstes in Böhmen und Mähren richtete und in der er auf einer stärkeren zentralen Steuerung des Prozesses der Eingliederung der besetzten Gebiete in den deutschen Wirtschaftsraum bestand , als sie im Sudetenland oder in der Ostmark notwendig gewesen war. Daher behielt er sich die Entscheidung in allen grundlegenden wirtschaftlichen Fragen vor. Insbesondere wies er auf die bekannte Exportorientierung der tschechoslowakischen Industrie hin u nd betonte die dringende Notwendigkeit, diesen Export zum Zwecke der Devisenbeschaffung aufrechtzuerhalten. Er forderte daher den Reichswirtschaftsminister auf, alle geeigneten Maßnahmen zu ergreifen, um dieses Ziel zu erreichen. Insbesondere verlangte er, dass alle laufenden Auslandsverträge der böhmischen und mährischen Unternehmen pünktlich erfüllt werden, um den Devisenerlös für die gesamte deutsche Wirtschaft zu sichern. In der gleichen Depesche warnte er vor einem Ansturm deutscher Käufer auf tschechi sches Vermögen zu Schleuderpreisen sowie vor unberechtigten Kapitaltransfers und "wilder" "Arisierung". Um einen geordneten Übergang von der Friedens - zur Kriegsproduktion zu gewährleisten, forderte er strenge Disziplin und die Beibehaltung des örtlichen Preis- und Lohnniveaus.10) 10) Eilbrief von Göring vom 16. März 1939, Sborník k problematice dejin imperialismu, Prag 1987, Dok. 51, S. 119 -131. 87


Unverzüglich leitete die deutsche Besatzungsbehörde eine rigorose Inventur aller Devisen- und Goldreserven be i Banken und Sparkassen in Böhmen und Mähren ein. Gleichzeitig wurde die Tschechische Nationalbank angewiesen, ihre in London deponierten Goldreserven an die Reichsbank zu überweisen. Am 24. März 1939 wurde von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleic h bestätigt, dass die Übertragung von Gold im Wert von 739.740.596 Kc an die Reichsbank erfolgt war.11) Gleichzeitig erhielt die Reichsbank weitere Goldreserven von den Skoda -Werken und den tschechischen Rüstungsbetrieben in Brünn für den Ankauf von Rohsto ffen für die deutsche und tschechische Rüstungsindustrie. In vielen Fällen von Auslandsschulden und Zinszahlungen an tschechische Gläubiger konnte die Reichsbank harte Devisen eintreiben. Die britische Regierung blockierte jedoch tschechisches Gold, Devisen und Aktien, die bei englischen Banken deponiert waren; die Verhandlungen über deren Übergabe an das Reich wurden mit dem Kriegsausbruch beendet.12) Ein frühes Beispiel für die Anpassung der deutschen Besatzungspolitik an den wirtschaftlichen Nutzen - im Interesse des Devisenerwerbs durch die Aufrechterhaltung der tschechischen Exporte - ist die Zollunion, in der tschechische und deutsche Interventionen zeitweise zusammenfielen. In der Verordnung über die Errichtung des Protektorats vom 16. März 1939 heißt es in Punkt 9: "Das Protektorat gehört zum Zollgebiet des Deutschen Reiches und ist dessen Zollhoheit unterstellt". Während deutsche Wirtschaftskreise sich für die Aufhebung der Zollgrenzen stark machten, erwartete die tschechische Wirtschaft eine Zoll - und Devisenautonomie. Im April 1939 sprachen sich die Tschechische Nationalbank und die autonomen tschechischen Ministerien in einem als Verhandlungsgrundlage gedachten Memorandum für das deutsche Wirtschaftsministerium mit dem Titel "Voraussetzungen der wi rtschaftlichen Entwicklung des Protektorats Böhmen und Mähren" für die Zoll -, Finanz- und Devisenautonomie aus. Sie plädierten für die Beibehaltung der Zollhoheit mit der Begründung, dass die plötzliche Errichtung einer Zollunion zwischen Deutschland und d em Protektorat einerseits die Exportmöglichkeiten durch steigende Rohstoffpreise und den Verlust traditioneller Auslandsmärkte gefährden und andererseits eine zu schnelle Anpassung des Preis - und Lohnniveaus an das Reich die Vorteile des tschechischen Expo rts schmälern würde. Auch die Vorteile, die Deutschland aus dem unrealistisch unterbewerteten Verhältnis der Tschechischen Krone (k) zur Deutschen Mark (rm) von 1:10 (der reale Kurs lag bei 1:6) erwuchsen, 11) L. Chmela, Hospodarská okupace Ceskoslovenska , její merody a dusledky, Prag 1946, PP- 43-45. 12) Es gibt mehrere Veröffentlichungen, die sich mit dem "tschechischen Gold" in Großbritannien befassen, von dem ein Teil an die tschechoslowakische Regierung im Exil und später an die wieder gegründete Tsch echoslowakische Republik zurückgegeben wurde. 88


würden zunichte gemacht werden. Am 12. Mai 1939 stimmte der Reichswirtschaftsminister Walther Funk in seiner Antwort auf das tschechische Memorandum der Beibehaltung der Zoll - und Devisenautonomie vorerst zu, fügte aber hinzu, dass "für die Zukunft keine Zusicherungen gegeben werden können".13) Deutschland profitierte während des Friedens erheblich von den hohen Exportüberschüssen der tschechischen Wirtschaft. Die tschechische Wirtschaft beteiligte sich an e inem Exportprogramm unter der Leitung der größten Konzerne, vor allem der Skoda -Werke und der Czcch Arniamcnts Werke in Brünn. Die Skoda -Werke legten am 1. April 1939 eine Liste der unvollendeten Exportaufträge für Kunststofferzeugnisse vor, deren errechneter Wert knapp unter einer halben Milliarde Kronen (K 478.491.400) lag; davon waren 37 Prozent für Deutschland bestimmt, während der größere Teil von 63 Prozent in harter Währung zu bezahlen war. Die Liste belegt die weltweiten Bestimmungsorte der Skoda -Exporte: Sie zählt 50 Abnehmerländer auf, von denen Indien, Iran, die Sowjetunion und Jugoslawien die Spitzenplätze einnehmen. Die Rüstungswerke in Brünn produzierten bis 1940 hauptsächlich für den Export nach Rumänien, Jugoslawien und in die Türkei.14) Im Konzept der zukünftigen Großraumwirtschaft spielte die tschechische Industriekapazität eine wichtige Rolle: Die Protektoratswerke sollten wegen ihrer verkehrsgeographisch günstigeren Lage auf dem südosteuropäischen Markt bevorzugt werden, während die deutsc hen Werke den westeuropäischen Markt beliefern sollten. Unter deutscher Besatzung konnte die tschechische Wirtschaft als Partner der deutschen Exportoffensive den südosteuropäischen Markt erfolgreicher erschließen als vor München. Infolgedessen änderte sic h die Struktur der Bestimmungsorte der tschechischen Exporte in kurzer Zeit dramatisch: Bis April 1940 gingen 70 Prozent der Gesamtexporte des Protektorats in südosteuropäische Länder (davon 30 Prozent nach Jugoslawien, zi Prozent in die Slowakei, 15 Proze nt nach Rumänien und 3 Prozent nach Ungarn).15) Gleichzeitig veränderte die Neuausrichtung der tschechischen Exporte auf den deutschen Markt, die der tschechischen Wirtschaft zahlreiche Vorteile brachte, die Proportionen des tschechischen Handels mit Hartw ährungsländern und Clearing -Ländern:

13) Auszüge aus dem Memorandum und der Reaktion von Funk darauf zitiert bei Král, Otázky hospodárského, Bd. 1, S. 128 -129 und S. 131 -132. 14) Federal Archives/Military Archives, RW 46/2. Discusscd in A. Teichova/R. Waller, The Czech Entrepreneur on the Eve and at the Beginning of World War II, in Waclaw Dlugoborski (ed.), World War II and Social Change, Göttingen 1981, pp. 298-199. 89


Zwischen Ende 1937 und Mai 1939 sank der Handel mit Hartwährungsländern von 61,5 auf 29 Prozent, der Handel mit Clearingländern stieg von 38,5 auf 71 Prozent. Trotz dieser Umkehrung blieb die Handelsbilanz des Protektorats mit den Ländern des freien Marktes aktiv (der Überschuss betrug Ende 1939 immer noch mehr als eine halbe Milliarde Kr onen), solange die Zollgrenzen mit Deutschland bestanden. Als sich die tschechische Wirtschaft mit der deutschen Wirtschaft verband, nahm ihre Rolle im internationalen Handel rapide ab.16) Doch nach den deutschen Eroberungen in Europa im ersten Kriegsjahr überwogen die Vorteile für die deutsche Zahlungsbilanz, die sich aus der Trennung der Zollgebiete ergaben, die Nachteile: Bis Ende 1940 erreichte der Handel des Protektorats mit Deutschland 80 Prozent der gesamten Einfuhren und 71 Prozent der gesamten Ausf uhren.17) Trotz der Bitten, ja Bitten der tschechischen Regierung von Alois Elias wurde die Zollunion am 1. Oktober 1940 eingeführt und die tschechischen Länder wurden in die Verrechnungsstelle in Berlin aufgenommen. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass der Tschechischen Nationalbank während der Besatzungszeit 24,4 Mio. K gutgeschrieben wurden, von denen 2,6 Mio. K für Lieferungen aus Drittländern ausgezahlt wurden. Der Restbetrag von 11,6 Mio. K blieb beim Deutschen Reich und wurde nie zurückgegeben. G leichzeitig zahlte die Prager Nationalbank den tschechischen Unternehmern Exportprämien in K, die wie ein zinsloses Darlehen an das Deutsche Reich wirkten.18)

15) Ebd. 16) Die Zahlen in diesem Absatz sind berechnet nach Statistická rocenka Protektorátu Ce chy a Morava, 1941, S. 84 -86; Vaclav Prúcha e. a. (Hrsg.), Hospodarské dejiny Ceskoslovenska v 19. a 20. stoleti, Prag 1974, S. 506 -507; und Král, Otázky hospodarskáho, Bd. 1, S. 134, S. 152. Nach der Besetzung Böhmens und Mährens ging der tschechische Han del auf den ausländischen Märkten zurück, da die Meistbegünstigungsklausel in den Verträgen mit der ehemaligen Tschechoslowakei wegfiel, die tschechische Krone nicht an ausländischen Börsen gehandelt werden durfte, die Zahlung ausstehender Rechnungen in Großbritannien und Brasilien blockiert wurde, der Boykott deutscher Waren nicht nur von jüdischen Unternehmern, sondern allgemein in Frankreich, England, den USA und Skandinavien auf tschechische Waren ausgedehnt wurde. 17) Geschätzt nach Tabelle 9 in Prücha , Hospodarské dejiny, S. 509. 18) Chmela, Hospodárská, S. 37 -38, S. 159 f.

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III.₂ Durchsetzung der Kriegswirtschaft

In den Frühjahrs- und Sommermonaten des Jahres 1939 wurden in rascher Folge Regelungen für den Übergang von der Marktwirtschaft zu einer zentral gesteuerten und verwalteten Wirtschaft eingeführt, um die Kontrollen zu verschärfen und vor allem die in Böhmen und Mähren angesiedelte Kriegsindustrie von Weltruf in die deutsche Kriegsmaschinerie einzubinden. Die Instrumente des Übergangs von de r Friedens- zur Kriegswirtschaft wurden sowohl von der tschechischen als auch von der Besatzungsverwaltung eingesetzt. Im Mai 1939 wurde durch die Regierungsverordnung Nr. 121/1939 Sb.z.a n das Oberste Preisamt (Nejvyssí úrad cenovy) eingerichtet. Gleichze itig wurde durch eine Verordnung des Ministeriums für Industrie, Handel und Gewerbe (1/D-45383/ 1939) die Wehrpflicht nach dem Reichsmodell eingeführt. Im Juni 1939 wurde eine staatliche Verordnung zur Regelung der Löhne und der Pflichten der Arbeiter erla ssen (Nr. 149/1939 sb. z. a n.). Im Juli 1939 folgte die Verordnung über den "organischen Aufbau der Wirtschaft", mit der die Organisation dem Fiibrerprinzip angepasst wurde. In seinem Gefolge wurden die Arbeitsämter mit der Einberufung und Verteilung der Arbeitskräfte betraut (August 1939: Nr. 193/1939 Sb. z. a n.). Im August 1939 wurde mit der Verordnung Nr. 168/1939 Sb. z. a n. das korporative System nach deutschem Vorbild eingeführt. Im Bereich der Industrie bestand es aus dem Zentralverband der Industr ie für Böhmen und Mähren (die Mitgliedschaft tschechischer und deutscher Industrieller war obligatorisch). Darüber hinaus gab es eine separate Deutsche Gesellschaft für Wirtschaft in Böhmen und Mähren, die die Germanisierung der Wirtschaft vorantrieb. Verb ände unter zentraler Organisation waren: Handel, Verkehr, Finanzinstitute, Versicherungen, Land - und Forstwirtschaft, die jeweils vom zuständigen Wirtschaftsministerium kontrolliert wurden. Außerdem nahm das Kontrollamt für Exporte und Importe seine Arbeit auf. Die entscheidenden Organe der Besatzungsverwaltung hatten das gesamte Wirtschaftsgeschehen fest im Griff: Das Amt des Reichsprotektors, Gruppe Wirtschaft, Rüstungskommission, Rüstungsinspektion, Zentralstelle für Kriegsaufträge. Die rücksichtslose H errschaft des nationalsozialistischen Deutschlands über die Tschechen, die als rassisch minderwertige Bevölkerung angesehen wurden, wurde nur durch die entscheidende Bedeutung der Beiträge, die die Tschechen für die deutschen Kriegsanstrengungen zu leisten imstande waren, gemildert. Dies wird durch überwältigende dokumentarische Beweise eindeutig belegt. Keines davon ist so eindeutig wie das rasende Memorandum von K. H. Frank, 91


gerichtet an Hitler am 28. August 1940, über "Die Behandlung des tschechischen Problems und die künftige Organisation des böhmisch mährischen Raumes" (dazu später mehr), in der er schreibt, dass bestimmte Überlegungen eine hemmende Wirkung auf die Lösung des tschechischen Problems haben, "weil die Notwendigkeit des Protektorratsbeit rages zu kriegswichtigen Leistungen (Erzeugungsschlacht, Waffen - und Munitionsfabrikationen, Funktionieren von Handel und Verkehr) den Angriff gegen das tschechische Volkstum wegen eventuell auftretender Störungen des Werkfriedens auf die Kriegsdauer ver bietet".19) Aufgrund dieser Notwendigkeiten wurden Schritte zur Liquidierung des tschechischen Volkstums während des Krieges nicht für plausibel gehalten. Nichtsdestotrotz wurde Böhmen und Mähren mit der Ankunft von Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD, als stellvertretender Reichsprotektor in Prag am 28. September 1941 ein immer brutaleres Regime aufgezwungen. Während seiner kurzen Amtszeit wurden die tschechischen Länder vollständig in das Reich eingegliedert, die Autorität der ts chechischen Regierung lahmgelegt, ihr Ministerpräsident Alois Elias am 19. Januar 1942 verhaftet und während des Terrors nach der Ermordung Heydrichs am 27. Mai 1942 zusammen mit Tausenden anderen Tschechen hingerichtet. Die tschechische Regierung als kollektives Organ wurde aufgelöst und nur einige wenige Ministerien blieben erhalten, vor allem das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit unter dem Deutschen Walter Bertsch. In dieser Zeit wurden die Kriegsproduktion sowie die Durchsuchung und Verfolgung von P ersonen, die der Sabotage oder des Widerstands verdächtigt wurden, verstärkt. Hitler erließ einen Erlass (am 21. März 1942), in dem er schwere Strafen (Gefängnis und Todesstrafen) für falsche oder zurückgehaltene Informationen über Arbeitskräfte, Material reserven, Produktionsziele und wichtige Rohstoffe sowie für die Kriegsproduktion benötigte Produkte, Maschinen und Geräte androhte.20 ) Heydrich und sein Nachfolger Kurt Daluege, der zusammen mit Frank die Plünderung der Dörfer Lidice und Lezaky und die Er mordung der männlichen Bevölkerung leitete21), verfolgten die Politik von Zuckerbrot und Peitsche, wie sie in ihren Berichten nach Berlin bekräftigten, um Unterwerfung und Ordnung durchzusetzen und die Fortsetzung der Kriegsproduktion zu gewährleisten. 19) Siehe Anmerkung 8. 20) Reichsgesetzblatt 1, 1942, S. 165. 21) Siehe den vollständigen Bericht von Daluege an Bormann über die Zerstörung der Dörfer Lidice (10. Juni 1942) und Lezáky (18. Juni 1942), die Ermordung der männlichen Bevölkerung, die Deportatio n der Frauen in Konzentrationslager und die Unterbringung der Kinder in Heimen, enthalten in: Abschlussbericht über den Mordanschlag auf SS -Obergruppenführer Heydrich, Acta Occupationis Bohemiae et Moraviae, Doc. 385, S. 486 -489. 92


Die Umsetzung der deuts chen Wirtschaftspolitik im Protektorat führte zu Veränderungen in der Struktur der industriellen Beschäftigung. Tabelle 1 zeigt den dramatischen Anstieg der Beschäftigung in der metallurgischen und metallverarbeitenden Industrie, die sich zwischen März 193 9 und März 1945 mehr als verdoppelt hat, während die Beschäftigung in den anderen Branchen von einem Indexwert von 103,9 auf 89,3 zurückging. Dies geht aus Tabelle 2 hervor, die den prozentualen Anstieg in den kriegswichtigen Industrien gegenüber dem Rückgang der Beschäftigung in der Konsumgüterindustrie von September 1941 bis März 1945 zeigt. In diesen Jahren stieg die Bedeutung der böhmischen Länder als relativ sicheres Gebiet vor alliierten Bombenangriffen, in das industrielle Kapazitäten verlagert und d ie Produktion aufrechterhalten werden konnte. Dies geht aus den Schätzungen auf der Grundlage der in Tabelle 3 enthaltenen Beschäftigungszahlen hervor, die zeigen, dass die tschechischen Gebiete zwischen 9 und 12 % zur gesamten großdeutschen Industrieprodu ktion beitrugen und dass ihr Anteil zwischen 1941 und 1944 relativ stärker zunahm als der jedes anderen Gebiets in Großdeutschland, obwohl die Produktivität im Allgemeinen abnahm.

IV. The policy of Germanization (Germanization of the Czech area)

Die Instrumente der wirtschaftlichen Kontrolle und Ausbeutung, die das deutsche Besatzungsregime im Protektorat Böhmen und Mähren einsetzte, müssen im Zusammenhang mit der "Endlösung der tschechischen Frage" bewertet werden. Die Frage, wie mit der tschechischen N ation umzugehen sei, beschäftigte die Führung der Sudetendeutschen Partei ( SDP) schon lange, konkrete Vorschläge wurden jedoch erst unterbreitet, nachdem sich das Kriegsglück zu Gunsten Deutschlands gewendet hatte. Die Denkschrift von K. H. Frank an Hitler vom 18. August 1940 wurde zur Grundlage für die politischen Entscheidungen in Berlin und Prag.22) Liest man die Sprache der einschlägigen Dokumente, könnte man die schrecklichen Ideen als Schimäre von Extremisten betrachten, wenn die deutschen Behörden ni cht begonnen hätten, sie umzusetzen. Langfristig sollte die Germanisierung der böhmischen Länder durch die Liquidierung der tschechischen Nationalität erreicht werden. Dabei sollten folgende Methoden angewandt werden: Die erste Methode war die Assimilierung desjenigen Teils der tschechischen Bevölkerung, der auf 40 bis 50 Prozent geschätzt wurde und der als rassisch geeignet für die Germanisierung galt. 22) Siehe Fußnote 8. 93


Zu diesem Zweck wurden "Gesundheitsfürsorgekommissionen" eingerichtet, die in Zusammenarbeit mit dem Rasse - und Siedlungshauptamt der SS ihre Selektionsarbeit aufnahmen. Kennkarten wurden an diejenigen verteilt, die von der Rassenforschung als mögliches deutsches Material angesehen wurden, und Volkslisten wurden erstellt. Die Angriffe auf die tschechischen Intellektuellen und das Bildungswesen wurden verschärft. Die tschechischen Universitäten waren bereits seit November 1939 aufgelöst worden, und die Germanisierung des Schulsystems wurde in Angriff genommen, insbesondere die Einführung von Deutsch als Pflichtsprache. Die zweite Methode sollte in Deportation, Ausweisung und Vertreibung bestehen. Dies sollte erst nach dem Sieg geschehen, da noch kein geeignetes Gebiet für große Bevölkerungsbewegungen zur Verfügung stand. Die dritte und dr astischste Methode zur Lösung des tschechischen Problems war die Sonderbehandlung, d.h. die physische Liquidierung. In Zeiten des brutalen Terrors, insbesondere nach der Ermordung Heydrichs, wurden mit dieser Methode Fortschritte erzielt, aber da der Krieg sowohl im Protektorat als auch in Deutschland immer mehr Arbeitskräfte erforderte, war eine Massenvernichtung unrealistisch. (Schätzungsweise 250.000 tschechoslowakische Bürger, von denen zwei Drittel aus Böhmen und Mähren stammten, verloren zwischen 1939 und 1945 ihr Leben in Konzentrationslagern oder durch Erschießungen und Tod in der Gefangenschaft. Im Vergleich zu anderen besetzten Ländern, z. B. Polen, kamen vor allem wegen der entscheidenden wirtschaftlichen Rolle der böhmischen Länder für die deutsc he Kriegsproduktion mehr Tschechen ums Leben). Wie bereits erwähnt, waren diese Pläne nicht allein das Ergebnis der nationalistischen Phantastereien von K. H. Frank, sondern es handelte sich um genehmigte, mit Hitler abgestimmte politische Entscheidungen, die dem Reichsprotektor aus Berlin übermittelt wurden. Das tschechische Problem sollte in erster Linie auf wirtschaftlichem Gebiet gelöst werden: Überführung des Eigentums in deutsche Hände, "Arisierung" und Ansiedlung von Deutschen auf tschechischem Boden .

IV.₁ Institutionalisierte wirtschaftliche Ausbeutung durch Transfers von Kapital

Die Überführung des Eigentums in den böhmischen Ländern in deutsche Hände wurde von den Besatzern zügig vollzogen. Kurzfristig zielte diese Politik darauf ab, die Industrie, ja die gesamte Wirtschaft des "Protektorats" für die deutsche Kriegsmobilisierung verfü GBAr zu machen. Langfristig war die Germanisierung des Kapitals ein wichtiger Schritt in Richtung der endgültigen 94


Lösung des tschechischen Problems. Beschäftigen wir un s mit der historischen Realität der kurzen Frist. Wie bereits erwähnt, behielt sich Göring in seiner Depesche vom 16. März 1939 sofort die Entscheidung über die wirtschaftliche Eingliederung Böhmens und Mährens in den deutschen Wirtschaftsraum vor. Insbeso ndere verlangte er eine geordnete Übertragung von Gütern von großem wirtschaftlichen Wert, wie Großgrundbesitz, Industrieunternehmen, Mehrheitsbeteiligungen und Kapitalbeteiligungen. Deshalb legte er fest, dass vorerst alle größeren Objekte im Wert von meh r als einer halben Million seiner persönlichen Zustimmung bedürfen.23) Dem folgte Göring am 20. März 1939 mit der Ermächtigung des Generalreferenten im Reichswirtschaftsministerium, Hans Kehrl, zum Erwerb der tschechischen Rüstungswerke in Brünn, der Skoda -Werke in Pilsen und der BerGBAu- und Gießereiwerke in Vitkovice mit ihren Tochterunternehmen.24)

23) "3. Der Besitzwechsel bei großen wirtschaftlichen Werten, insbesondere bei Grundbesitz, Gewerbetreibenden, Aktienmehrheiten, Beteiligungen, usw., muss in einer den Belangen der deutschen Wirtschaft entsprechenden Weise geordnet werden. Deshalb behalte ich mir einstweilen die Zustimmung bei allen größeren Objekten (ab 1/2 Millionen) vor. Ich bitte den Herrn Reichswirtschaftsminister, dafür zu sorgen, dass d ie entsprechenden Anzeigepflichten und Genehmigungsvorbehalte eingeführt werden, damit eine laufende Kontrolle über die Besitzumschichtungen möglich wird." Dok. 52, zitiert in Fußnote 10. 24) "Prime Minister Field Marshal Göring Commissioner for the Four -Year Plan Power of attorney I hereby instruct the General Counsel in the Reich Ministry of Economics, Hans Kehrl, as trustee of a body or legal entity to be named by me, to acquire the majority of the shares in 1. of Waffenwerke Brünn, 2. the Skoda Works P ilsen 3. the single-unit plant in Witowitz and its subsidiaries and to conduct all negotiations and take all measures it deems expedient in this connection, to the extent that the acquired assets are to be administered, to carry out regroupings in the shar eholdings of the aforementioned companies and of the directly or indirectly dependent or affiliated companies, to the extent that these appear necessary or expedien t to it. Insofar as legal transactions with third parties are required for this purpose or liabilities are to be entered into, he is authorized to represent, jointly with 95


Mit seiner zwingenden Intervention zerstörte Göring die Hoffnungen der tschechischen Regierung und der führenden tschechischen Bankiers und Industriellen, dass die Übernahme des großen böhmisch -mährischen Rüstungskomplexes durch Deutschland verhindert werden könnte. In den letzten Monaten des Bestehens der Zweiten Tschechoslowakischen Republik führte die Regierung von Rudolf Beran die Privatisierung des Staatsanteils am Kapital der Skoda-Werke und der Tschechischen Rüstungswerke Brünn durch, die an der Spitze eines komplizierten Gefüges von miteinander verflochtenen Bank- und Industrieunternehmen standen. Auf diese Weise entstand am Vorabend der deutschen Besetzung Böhmens und Mährens unter der Führung eines tschechischen Syndikats ein mächtiger Rüstungskonzern mit vertikalen und horizontalen Verflechtungen in der gesamten Schwerindustrie der Tschechoslowakei. Die tschechische Regierung und die Wirtschaftskreise erwarteten, das s dieser Rüstungskomplex in tschechischer Hand überleben würde, weil sie diesen Irrglauben auf die Erfahrungen Österreichs nach dem Anschluss stützten, wo das Privateigentum, solange es nicht in jüdischem Besitz war, offenbar respektiert worden war.25) Die Ankunft von Hans Kehrl in Prag, der gleichzeitig Generalbevollmächtigter für die Eingliederung Österreichs und des Sudetenlandes war und die Eingliederung des tschechischen Rüstungskonzerns in das Dritte Reich betrieb, machte diesen Erwartungen ein Ende.2 6) Über den Erwerb von Industrievermögen und direkten Kapitalbeteiligungen in den besetzten tschechischen Gebieten im Zuge der Germanisierung von Grundstücken haben Historiker viel geforscht und publiziert. Vor allem die Beiträge der Teilnehmer dieser Konf erenz Dietrich Eichholtz und Richard J. Overy geben einen detaillierten Einblick in die Mechanismen der Eigentumsübertragung

Dr. Rasche, the body or legal entity still to be named and to conclude all legal transactions and make declarations of intent whic h appear expedient to him for the execution of this order. Insofar as the Reich Treasury is to be obligated in these legal transactions and declarations of intent, the consent of the Reich Minister of Finance must be obtained for them to be legally effecti ve. Signed Goering" Source: Sborník k problematice, Doc. 53, pp. 131 -132. 25) Diese Ereignisse werden in Teichova/Waller, S. 295 -297, ausführlicher beschrieben. 26) Militärtribunal IV, Fall Nr. 11, Exh. 3812, NID 12510, DB167, E19, S. 25 -26. 96


Vaclav Kral widmete den zweiten Band seiner Trilogie der Rekonstruktion des Erwerbs der jeweils größten tschechischen Industrie - und Bankkonzerne und Genossenschaften durch das deutsche Großkapital und führende Banken.27) Auch das Gerangel um die Beute unter sudetend eutschen und reichsdeutschen Geschäftskreisen sowie unter deutschen Privat - und Staatsunternehmen ist gut belegt. Die Mittel und Wege dieses Vorgehens reichten von der Ernennung von Treuhändern, über unter Zwang erfolgte Transfers, bis hin zu Beschlagnahmungen unter dem Vorwand von Verurteilungen wegen politischer und wirtschaftlicher Vergehen und nicht zuletzt zur "Arisierung" jüdischen Eigentums (siehe weiter). Ich beschränke mich hier darauf, ein allgemeines Bild des deutschen Erwerbs von Industrievermög en im Protektorat bis 1940/41 auf der Grundlage von Ermittlungen der deutschen Besatzungsbehörde darzustellen. Die Veränderungen in der Struktur der ausländischen Investitionen und die Zunahme der deutschen direkten Kapitalbeteiligungen sind in den Tabelle n 4 und 5 dargestellt. Noch während des Friedens in Europa verhandelten Vertreter deutscher Banken, Industrieunternehmen und staatlicher Stellen vor allem in Frankreich und Großbritannien über den Erwerb von Kapitalbeteiligungen ausländischer Firmen an Gro ßunternehmen der ehemaligen Tschechoslowakei. Sobald jedoch der Krieg ausgebrochen war, wurden diese Kapitalbeteiligungen als Feindeigentum von deutschen privaten und staatlichen Unternehmen auf verschiedene Weise erworben. In Tabelle 4 werden die Ergebnis se der Schätzungen der ausländischen Direktinvestitionen in tschechoslowakische Unternehmen Ende 1937 nach Herkunftsländern mit den Ergebnissen einer statistischen Erhebung über die Herkunftsländer der ausländischen Direktinvestitionen in Industrie und Ban kwesen im Protektorat Ende 1940 in Tabelle 5 verglichen. Innerhalb von zwei Jahren kehrte sich die Rangfolge der Herkunftsländer von Auslandsinvestitionen um: Ende 1937 nahmen Großbritannien und Frankreich den ersten und zweiten Platz unter den Ländern ein , die in die tschechoslowakische Wirtschaft investierten (Großbritannien 30,8 Prozent und Frankreich 21,4 Prozent, zusammen 52,2 Prozent der gesamten ausländischen Direktinvestitionen), während Deutschland an fünfter Stelle stand. Ende 1940 war das Deutsch e Reich mit einem Anteil von 47 Prozent an den gesamten ausländischen Direktinvestitionen in Böhmen und Mähren an die erste Stelle gerückt. Auch die 34 Prozent, die in Tabelle 5 Großbritannien zugerechnet werden, kamen als Feindeigentum in die Hände deutsc her Treuhänder, hauptsächlich unter der Leitung der Hermann Göring Werke. Zu diesem Zeitpunkt kontrollierten die Göring-Werke 80 Unternehmen und beschäftigten 150.000 Arbeiter im

27 Kral, Fragen der Ökonomie, Vol. 2. 97


Protektorat.28) Eine weitere Unte rsuchung über deutsche Direktinvestitionen in der böhmisch -mährischen Industrie, die von der Wirtschaftsabteilung des Stellvertretenden Reichsprotektors in Prag durchgeführt wurde und die Höhe der deutschen Beteiligungen in Prozent in den einzelnen Industr iezweigen bis Mai 1941 zeigt, ist in Tabelle 6 wiedergegeben. Die entscheidende Rolle, die die deutsche Beteiligung in der Mehrzahl der untersuchten Industriezweige spielte, ist ein Beweis für das starke Eindringen des deutschen Kapitals in die industrielle Produktion der besetzten Gebiete. Bis zum Herbst 1941 hatte die Germanisierung des Eigentums an Großbetrieben große Fortschritte gemacht. Sie erfolgte nicht nur durch direkte Übernahmen tschechischer Unternehmen, sondern auch durch die Einsetzung von Deu tschen in die Vorstände und die Ernennung von Generaldirektoren, wodurch den tschechischen Unternehmern eine gewisse, wenn auch untergeordnete Rolle bei der Führung der Geschäfte blieb.29) Das Tempo der Germanisierung des Kleingewerbes war im Protektorat langsamer als in den an das Reich angegliederten Grenzgebieten, im Sudetenland und in Südböhmen, wo die Ausweisung tschechischer Unternehmer und Bauern, die sich weigerten, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen, durchgesetzt wurde.30) Dennoch wurde di e Germanisierungspolitik überall und unter allen Umständen fortgesetzt. Auch nach den Auswirkungen der sowjetischen Gegenoffensive, den militärischen Rückschlägen in Nordafrika und dem Kriegseintritt der USA nach Pearl Harbour, als sich die Militarisierung der böhmisch-mährischen Wirtschaft verschärfte, ging die Liquidierung kleinerer Unternehmen im Besitz von Tschechen weiter, wenn auch in geringerem Tempo. Sie betraf vor allem Fabriken und Werkstätten, die nicht als kriegswichtig eingestuft wurden: So wurden im Laufe des Jahres 1942 mehr als 3.000 tschechische Betriebe geschlossen.31) 28) Ibid., pp. 34-36. 29) In Heydrichs Lagebericht vom 18. Mai 1942 an Bormann wird die Umsetzung der Politik zur Sicherung des deutschen Einflusses in der tschechischen Wirt schaft durch Firmenübernahmen, Aufsichtsratsposten und Managerbesetzungen nach Berlin verlegt. Zitiert nach Quellen im Archiv des tschechoslowakischen Innenministeriums in Kral, Otazky hospodarskeho, S. 51. 30) Rundschreiben des Reichsministers des Innern vom 19.3.1940; ermächtigt die Kommunalverwaltungen im Sudetenland und in Südböhmen, die in den besetzten Grenzgebieten lebenden Tschechen auszuweisen, Acta Occupationis Bohemiae et Moraviae, Doc. 303, S. 400 -401. 31) Olivová, Déjiny Ceskoslovenska, S. 163 . 98


Gleichzeitig mit der Eindeutschung der tschechischen Wirtschaft wurde die Eindeutschung des jüdischen Eigentums rasch und energisch durchgesetzt. Im Jahr 1942 war dieser Prozess so weit fortgeschritten, dass die Grenze der "Arisierung" erreicht war.

IV.₂ "Endlösung der Judenfrage" die "Arisierung" im Protektorat Böhmen und Mähren

Unmittelbar nach dem Einmarsch am 15. März 1939 versuchte die tschechische Regierung unter Rudolf Beran, die Initiative zur "Arisierung" zu ergreifen, um der deutschen Be satzungsbehörde zuvorzukommen und den tschechischen und nicht den deutschen Einfluss auf jüdische Unternehmen zu sichern. Am 21. März 1939 wurde eine Verordnung (Nr. 87/Sb.z.a n.) erlassen, die die tschechische Regierung ermächtigte, Treuhänder zu ernennen , die jüdische Unternehmen "im öffentlichen Interesse" verwalteten. Zu diesem Zweck wurden in aller Eile Listen von jüdischem Eigentum und von vorgeschlagenen Arianyzern/Kommissaren erstellt. Die Besatzungsbehörden lehnten alle tschechischen Vorschläge zur Übertragung von jüdischem Eigentum unter Androhung der Verhaftung der Täter durch die Gestapo strikt ab. Die "Arisierung" blieb ganz in deutscher Hand. Antijüdische Maßnahmen wurden bereits in den ersten Tagen der Besatzung von der deutschen Militärbehörd e ergriffen, die die Verwaltung von Böhmen und Mähren übernommen hatte.32) Der Erlass vom 20. März 1939 verbot (a) die Ernennung von Kommissaren oder Verwaltern in jüdischen Unternehmen, (b) den Kauf, die Pacht oder die Schenkung von Unternehmen, die ganz oder teilweise Juden gehören. Da die antijüdische Gesetzgebung in den böhmischen Ländern stark germanisierende Ziele verfolgte, richteten sich ihre Auswirkungen sowohl gegen Juden als auch gegen Tschechen. Mit der "Arisierung" sollten möglichst viele Deutsche aus dem Reich nach Böhmen und Mähren geholt und möglichst viele jüdische Unternehmen in deren Hände überführt werden. Ein weiterer Erlass vom 29. März 1939 verfügte das Verbot der Veräußerung von Wirtschaftsbetrieben, Kapital und Vermögen jeder Art, di e sich ganz oder teilweise in jüdischem Besitz befanden. 32) Der Teil dieses Aufsatzes, der sich mit der "Arisierung" befasst, stützt sich auf Dokumente in Sborník k problematice fejin imperialismu, 21, S. 133 -157, und in der Frage des Zusammenhangs zwisch en der Germanisierung und der Endlösung der jüdischen und der tschechischen Frage auf Dokumente in Acta Occupationis Bohemiae et Moraviae, passim. 99


Der Reichsprotektor ordnete an, dass alle Angelegenheiten der "Arisierung" von seinem Amt zu besorgen seie n und behielt sich das Recht vor, Treuhänder für jüdische Unternehmen zu ernennen; diese waren in jedem Fall Deutsche.33) Die wichtigste und weitreichendste Verordnung, die jüdisches Eigentum betraf, erließ der Reichsprotektor am 21. Juni 1939. Darin wurde die Definition eines "jüdischen Unternehmens" sehr weit gefasst. "Arisierung" sollte gelten, wenn der Inhaber oder auch nur einer der Gesellschafter eines Unternehmens jüdisch war; eine Aktiengesellschaft wurde als jüdisch erklärt, wenn eines der Vorstandsmitglieder jüdisch war oder ein Viertel des Kapitals in jüdischer Hand lag. Außerdem war der Reichsprotektor ermächtigt, Treuhänder zu ernennen, die er für geeignet hielt. Dies konnte auch auf tschechische Unternehmen angewandt werden.34) Proteste von Prä sident Hächa wurden mit der Erklärung beantwortet, dass der Erlass des Reichsprotektors lediglich die von der tschechischen Regierung zuvor erlassene Verordnung (Nr. 87/Sb. vom 21. März 1939) bestätigte. Ab dem 4. Juli 1939 wurden die Nürnberger Gesetze gegen Juden im Protektorat durchgesetzt. Weitere Erlasse zur "Arisierung" folgten in brutaler Abfolge: Mit Erlass vom 23. Januar 1940 mussten Juden ihre Wertpapiere bei Banken hinterlegen, von denen sie nur mit Genehmigung des Finanzministeriums Geld abheben konnten. Formell wurde jüdisches Eigentum dem Vermögensamt oder dem Auswanderungsfond übertragen. Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung erteilte Juden die Erlaubnis zur Auswanderung, nachdem sie ihr Eigentum aufgegeben hatten. Bis Ende 1940 wurden 27.000 jüdischen Auswanderern Ausreisevisa erteilt. Deutsche Banken (insbesondere die Böhmische Escompte Bank als Zweigstelle der Dresdner Bank) sollten bei "Arisierungs" -Geschäften bevorzugt werden.35) Große deutsche Konzerne erwarben im Rahmen der "Arisie rung" jüdische Aktien, während das deutsche Kleinbürgertum jüdische Geschäfte und Werkstätten erwarb. Juden verloren alle Bürgerrechte, allen Besitz und schließlich ihr Leben. 33) Dies führte zu Unmut unter den Inlandsdeutschen, die sich darüber beklagten, dass Reichsdeutsche durch die "Arisierung" alle Vorteile erhielten. Eingaben an die Landräte enthalten Einwände gegen die Bereicherung deutscher Großkonzerne, während die Inlandsdeutschen nicht genug Kapital haben, um kleine und mittlere Unternehmen von d er "Arisierung" zu erhalten. 34) Die Einsetzung der Treuhänder kann vom Reichsprotektor sowohl in jüdischen wie auch in nicht -jüdischen Betrieben angeordnet werden, in: Der Neue Tag, 21. Juni 1939. 35) Christopher Köpper, Zwischen Marktwirtschaft und Dirig ismus, Bonn 1995, S. 338. 100


Nach Bestimmung 6 der Verordnung vom 29. März 1940 waren zu "arisieren": alle Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung, die mehr als 100 Personen beschäftigten und einen Jahresumsatz von 3 Millionen K aufwiesen, sowie Banken, Versicherungsgesellschaften und Unternehmen der Lebensmittel- und Holzindustrie. Alle Anleihen und Wertpapiere im Besitz von Juden mussten registriert werden. Ebenso musste ihr Eigentum an Gold, Silber, Juwelen, Kunstgegenständen un d Sammlungen jeglicher Art im Wert von mehr als 10 000 K per Erlass vom 19. September 1940 registriert werden. Bis Ende 1940 mussten Juden ihre Sparbücher bei Sparkassen und Banken auflösen. Ab dem 5. Februar 1941 mussten sie ihre Briefmarkensammlungen aufgeben. Die Hauptwelle der rassistischen Verfolgung wurde von Heydrich im Rahmen der Germanisierungskampagne in den böhmischen Ländern eingeleitet. Die Massendeportationen von Juden in Konzentrationslager begannen am 1. Oktober 1941. Vor der Deportation in die KZs sollten die Juden als Zwangsarbeiter eingesetzt werden, allerdings in von anderen Arbeitern getrennten Gruppen. Am 16. Februar 1941 wurde durch Erlass des Reichsprotektors das Ghetto Theresienstadt eingerichtet. Im Zuge der letzten Etappe der Endlö sung der Judenfrage durchliefen alle noch in Böhmen und Mähren lebenden Juden Theresienstadt auf ihrem Weg in die Vernichtungslager, hauptsächlich in Polen. Infolgedessen waren von 76.000 erwachsenen jüdischen tschechischen Bürgern wurden 70.000 von den Na zis ermordet; von 15.000 deportierten Kindern kehrten nur 28 zurück.36) Die Verluste an Leben und Gesundheit lassen sich nicht genau beziffern. Der Wert des konfiszierten jüdischen Vermögens in Böhmen und Mähren wurde jedoch in den deutschen Dienststellen sorgfältig verbucht und an die Reichsbank gemeldet. Tabelle 7 enthält den ersten Bericht des Devisenschutzkommandos an die Deutsche Reichsbank, in dem die bis zum 14. Oktober 1941 beschlagnahmten Beträge an Bargeld, Devisen, Spareinlagen und Wertpapieren in Höhe von insgesamt 1.749.735.856 tschechischen Kronen (d. h. über 1,3 Mrd. k) beschrieben und bewertet werden. Bis zum 1. Juli 1942 enthält ein zweiter Bericht des Vermögensamtes über das konfiszierte jüdische Vermögen eine Übersicht über den Wert des be weglichen und unbeweglichen Vermögens, der sich auf über 6 Milliarden tschechische Kronen belief (vgl. Tabelle 8). Unter den "Baustellen" wurden 234 Großbetriebe im Wert von fast 1 1/2 Milliarden K und 190 Kleinbetriebe mit einem geschätzten Wert von 114 Millionen K aufgeführt. In diesen Zahlen sind weder die von der Gestapo beschlagnahmten jüdischen Besitztümer noch die undefinierten und nicht registrierten Übertragungen in deutsche Hände durch verschiedene halblegale und illegale Mittel enthalten. Doch En de 1942 gab es nichts mehr zu "arisieren". 36) Ceskoslovensko a norimbersky soud, Prag 1946, S. 112. 101


Mit dem Vorantreiben der Germanisierung durch "Arisierung" wurden die Ziele der Endlösung der Judenfrage im Protektorat erreicht. Gleichzeitig wurde de r Ausschluss tschechischer Wirtschaftskreise von der Begünstigung im Zuge der "Arisierung" aufrechterhalten, was der deutschen Wirtschaftspolitik in Böhmen und Mähren entsprach.

IV.₃ Die Germanisierung des Landes37)

Von der intensiven Landwirtschaft in d en böhmischen Ländern erwartete man, dass sie dazu beitragen würde, die Probleme der Lebensmittelversorgung Deutschlands zu lösen. Innerhalb kürzester Zeit nach dem 16. März 1939 wurden durchgreifende Maßnahmen eingeführt, die die Landwirtschaft zu einem kontrollierten Wirtschaftszweig machten. Am 31. März 1939 wurde den Landarbeitern untersagt, ihren Arbeitsplatz ohne Erlaubnis der Bezirksverwaltung zu verlassen. Ein Erlass vom 13. Juni 1939 ermächtigte die Behörden, Arbeiter zur Arbeit in der Landwirtscha ft zu zwingen. Der Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften wurde ab 1943 kritisch. Die Kontrollen nach dem Vorbild der Organisation der deutschen Landwirtschaft wurden durch den Erlass vom 18. September 1939 weiter verschärft, der dem Landwirtschafts ministerium weitreichende Befugnisse über die gesamte Kette der Landwirtschaft von der Produktion bis zum Verbrauch verlieh. Wie in der Industrie wurde auch in der Landwirtschaft das korporative System mit der Zwangsmitgliedschaft der Erzeuger in acht Verbänden eingeführt. Die Agrarpolitik ist im Zusammenhang mit der Germanisierung (Eindeutschung) zu sehen, die darauf abzielte, die tschechischen Bauern zu vertreiben und sie auf ihrem Land durch deutsche Siedler zu ersetzen. Die Pläne wurden vom Rasse - und Siedlungshauptamt in Zusammenarbeit mit der Deutschen Ansiedlungsgesellschaft und dem Bodenamt erstellt. Sie enthielten Karten mit der Lage von Inseln deutscher Dörfer, die in tschechischen ländlichen Gebieten in Böhmen und Mähren angesiedelt werden sollten . Diese 37) Ich danke Professor Jaroslav Pátek von der Karlsuniversität Prag für die Zusendung seiner Publikationen über die Landwirtschaft während der Okkupation sowie von Quellenmaterial aus dem Archiv des Pozemkový árad (Landamt) in Prag. 1 Ich habe mi ch auf seinen Artikel Zemedelstvi za okupace, in: Dejepis ve Skole 1965, S. 180 -183, und auf sein Manuskript Deutsche Siedlungspolitik auf dem Gebiet des "Protektorats Böhmen und Mähren", 1939-1945. 102


Dörfer, die von Aussiedlern aus Osteuropa oder von D eutschen aus dem Reich neu besiedelt wurden, sollten erweitert und zu gegebener Zeit zusammengelegt werden, nachdem die tschechische Bevölkerung, wie in der Endlösung der tschechischen Frage vorgesehen, verdrängt worden war. Pläne für Musterdörfer wurden m inutiös ausgearbeitet. Ein Musterbauernhof, wie er von der Böhmisch -Mährischen Landgesellschaft (einem Zweig der Deutschen Ansiedlungsgesellschaft) vorgeschlagen wurde, sollte deutschen Siedlern zur Verfügung gestellt werden. Es wurden Pläne für die Umsied lung nach den Kriterien der Gesamtgermanisierung in Angriff genommen: Assimilierung, Evakuierung und physische Liquidierung. Solange der Krieg dauerte, konnte dies nicht vollständig umgesetzt werden. Die Vertreibung der tschechischen Dorfbewohner fand stat t, vor allem in den Fällen, in denen die Kontingente der Bauern nicht erfüllt wurden. Während der Besatzungszeit wurden in Böhmen und Mähren 16.000 Betriebe mit einer Gesamtfläche von ca. 550.000 ha (1.359.000 Hektar) beschlagnahmt und an deutsche Siedler vergeben. Die tschechischen Bauern auf dem Gebiet des Protektorats wurden ebenfalls aus großen Gebieten evakuiert, die den deutschen Streitkräften zur Verfügung gestellt wurden; diese Gebiete sollten nach dem Sieg von Deutschen besiedelt werden (bestehend aus 245 Gemeinden mit einer Gesamtfläche von 80.000 ha). Der letzte verfü GBAre Bericht des Bodenamtes zu diesem Thema an K. H. Frank, datiert vom 1. März 1944, zeigt die Bedeutung der Sondergerichte für die Zunahme der deutschen Kolonisation: Er berichtet von einer absoluten Zunahme der Überführung tschechischer landwirtschaftlicher Betriebe in die Verwaltung des Bodenamtes: Bis zum 31.12.1943 stieg die Zahl der vom Bodenamt verwalteten Betriebe von 76 (2,26 %) auf einer Fläche von 46 000 ha auf 273 (6,41 % ) auf einer Fläche von 57 000 ha (16,8%). Die Zunahme der Zahl der Betriebe beläuft sich auf 260 %, die der Fläche auf 24 %. Der Bericht kommt zu dem Schluss: "Die Erscheinung ist z.T. auf die gesteigerten Einziehungen infolge Urteilsspruchs der Sondergeri chte zurückzuführen. "38)

38) Acta Occupationis Bohemiae et Moraviae, Doc. 425, p. 519.

103


V. Schlussfolgerung

In diesem Beitrag werden die Bedeutung der Tschechoslowakei in der internationalen Wirtschaft und der Wert ihrer hochentwickelten Industri e für die Wirtschaft des nationalsozialistischen Deutschlands in der Kriegsvorbereitung und während des Krieges nachgewiesen. Im weiteren Verlauf der Unterwerfung Böhmens und Mährens unter die deutsche Herrschaft erörtert der Autor die Widersprüchlichkeit des kolonialen Status des Protektorats und bewertet das Verhältnis zwischen der "autonomen" tschechischen Regierung und dem deutschen Besatzungsregime unter der Diktatur des Reichsprotektors. Die wirtschaftliche Kontrolle und Ausbeutung der böhmischen Länd er entwickelte sich im Kontext der sich verändernden internationalen und nationalen Situation. Grundsätzlich setzten die wirtschaftlichen Realitäten - die entscheidende Bedeutung der tschechischen Kriegsproduktion - dem Massenterror Grenzen und führten ang esichts der Präventivschläge gegen Opposition und Widerstand zur Politik von Zuckerbrot und Peitsche. Im Hauptteil des Aufsatzes wird die These vertreten, dass die Germanisierungspolitik während der gesamten Besatzungszeit als das wirksamste Instrument der wirtschaftlichen Kontrolle und Ausbeutung eingesetzt wurde. Dies wird anhand der Übertragung von Kapital aus tschechischen in deutsche Hände, der "Arisierung" jüdischen Eigentums zugunsten der deutschen Besatzer und der Beschlagnahmung von Land zur Kolonisierung Böhmens und Mährens mit deutschen Siedlern untersucht.

Tabelle 1 Index der Beschäftigung in der Industrie (Tschechische Länder 1939 -1945) (Jahresdurchschnitt - März 1939 = 100)

Jahr 1939 1941 1942 1943 1944 1945/III

Industrie insgesamt 104,9 115,9 117,6 130,9 141,9 138,9

Metallurgie und Metallverarbeitung 107,9 136,3 150,9 186,7 223,8 223,9

Andere Branchen 103,9 100,5 94,5 96,0 93,6 9,3

Quelle: Statistisches Bulletin, 1 -2 (1945), 8. 104


Tabelle 2 Beschäftigung in der Industrie im "Protekto rat Böhmen und Mähren" (in Tausend) Industrien

Sept. 1941

1942

Durchschnitt 1943

Metallurgie und 314 347 429 Metallverarbeitung Chemikalien 32 37 42 Holz, Sägewerke und Papier 60 61 66 Textilien, Leder und Kleidung 130 128 25 Töpferwaren, Keramik und 66 53 50 Glas Andere Industrien und 128 119 118 Gebäude Beschäftigung in der 730 745 830 Industrie insgesamt (a) (a) Ausgenommen BerGBAu, Elektrizität, Gas und Wasser

1944

März 1945

514

12

+/- % 19411944 +63

44 63 117 48

1 62 113 40

+37 +5 -10 -27

15

12

-10

901

880

+23

Quelle: Bericht des tschechoslowakischen Finanzministeriums im Haushalt, Rede von Dr. Vavro Srobár (Prag, 1946).

Tabelle 3 Großdeutschland", einschließlich "Protektorat": Beschäftigung in der Industrie 1941-1944 Prozentuale Veränderung 1941-1944

Prozentualer Anteil am Gesamtvolumen 1941 86

Prozentualer Anteil am Gesamtvolumen 1944 82

Deutschland: -1 1937 Fläche Österreich +22 5 6 Tschechisches +40 9 12 Land von welchem +23 7 8 Protektorat Sudetenland +89 2 4 Insgesamt +4 100 100 Quelle: Zitiert von E. A. Radice, The development of industry, in: M. C. Kaser und E. A. Radice (Hrsg.), The Economic History of Eastern Europe 1919 - 1975, Oxford 1986, Bd. 11, S. 424. 105


Tabelle 4 Direkte ausländische Kapitalinvestitionen in Industri e-, Handels- und Bankunternehmen (in %)

Herkunftsland

Tschechoslowakei (a) (31.12.1937)

Großbritannien Frankreich Österreich Holland Deutschland Belgien Schweiz USA Italien Schweden Ungarn Slowakei Andere Länder Insgesamt

30,8 21,4 13,1 8,8 7,2 7,1 4,5 3,5 2,2 0,9 0,5 100

„Protektorat Böhmen und Mähren“ (31.12.1940) (b) 34 1,5 47 7 4 1,2 1,3 4 100

(a) Quelle: A. Teichova, An economic background to Munich. International business and Czechoslovakia 1918 -1938, Cambridge 1974, S. 40-49. (b) Quelle: Archiv Státniho úradu statistického (ASÚA) -Koncernové setreni (Untersuchung der Kombinate).

Tabelle 5 Deutsche Direktinvestitionen auf dem Gebiet des "Protektorats Böhmen und Mähren" 1938 und 1945 (in KC)

Jahr 1938 (Post-München ) 1945 (Ende des Krieges)

Insgesamt 208528000 1884242000

Index 100 903

Quelle: ASÚS-CIZÍ úcasti (Untersuchung des Staatlichen Statistischen Amtes über die ausländische Beteiligung, 1945).

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Tabelle 6 Deutsche Direktinvestitionen in Unternehmen nach Wirtsch aftszweigen auf dem Gebiet des "Protektorats Böhmen und Mähren" (Mai 1941 - in % des Gesamtkapitals)

Industrie

% 90 100 30-0 30 50 60 20-30 50 20-30 75 20-25 90 30 Beinahe 100

Steinkohle Mineralöl Chemikalien Kleidung Kleidungsstücke, Leinen Wolle Spinnen Färben Strumpfwaren Weben von Leinen Glas Zement Ziegelsteine Papier

Quelle: Auszug aus dem Bericht der Gruppe Wirtschaft an K. H. Frank, 9. Mai 1941, Frank-Archiv, zitiert von V. Kral, Fragen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den tschechischen Ländern in den Jahren 1938 -1945, Vol. I, Prag 195 8, S. 54.

Tabelle 7 Erster Bericht über beschlagnahmtes jüdisches Eigentum im Protektorat Böhmen und Mähren" vom 14. Oktober 1942

Beschreibung der Vermögenswerte (a) Spareinlagen und Bargeld Bargeld in Deutscher Mark (in T) Devisen (in T) Wertpapiere andere Werte Insgesamt (a) Unbewegliches Vermögen nicht enthalten. 107

Wert in K (b) 804.982.361,80 3.398.065,00 11.400.051,22 910.524.717,16 19.430.660,15 K 1.749.735.856,32


(b) K = Protektoratskrone Quelle: Bericht des Devisenschutzkommandos an die Reichsbank, 14. Oktober 1941, zitiert in Král,S. 76.

Tabelle 8 Zweiter Bericht über konfisziertes jüdisches Vermögen im "Prot ektorat Böhmen und Mähren" bis 1 Juli 1942

Beschreibung der Vermögens werte 1. Wert der Bankkonten 2. Wert der beschlagnahmten Unternehmen 3. Wert des Grundbesitzes a) Baustellen b) Ackerland 4. Beschlagnahmte Barmittel und Erlöse aus dem Verkauf von unbeweglichem Vermögen 5. Besondere Besitztümer Insgesamt

Wert in K 2.063.534.075,66 1.603.238.112,05 (a)

830.863.747,00 413.084.000,00

42.808.074,00 1.075.276.925,90 K 6.025.804.934,61

(a) Bestehend aus 234 Großunternehmen im Wert von 1 489 238 112,05 K und 190 Kleinunternehmen im Wert von 114 000 0 00,00 K

Quelle: Vermögensamt: Übersicht über das beschlagnahmte und eingezogene Vermögen nach dem Stand vom 1. Juli 1942. Nicht enthalten ist das beschlagnahmte Vermögen, das die Gestapo im Anwanderungsfond aufbewahrt; Král, S. 76.

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Bernd Zielinski

The German Labor Deployment Policy in France 1940-1944

With France, one of the most developed European industrialized countries fell under the control of the "Third Reich" in the summer of 1940. The systematic exploitation of the country's economic p otential in the interest of the German war economy was one of the central occupation policy goals of the occupying power. An integral part of this plan was, among other things, to exploit the domestic resources of human labor as fully as possible, which wa s characterized by two strategies: Recruiting French labor for use in the Reich and putting it to work for the local German war economy. Both strategies were pursued in parallel throughout the occupation period and were in more or less sharp conflict with each other. A specificity of the situation in France was that the country was occupied only 3/5 by the troops of the Wehrmacht in May 1940.1) In the occupied zone, a German military administration was established under the direction of the military command er in France (mbf). In the southern parts of the country, which were unoccupied until November 1942, the authoritarian and collaborationist Vichy regime under Marshal Petain - formally sovereign exercised governmental power. Therefore, the occupying powe r depended on the Vichy government's willingness to cooperate in its labor market policy2) , which must therefore be imperatively included in the analysis of occupation policy in the area of labor deployment. 1) The departments of Nord and Pas -de-Calais were under the military commander in Belgium and northern France, based in Brussels. Part of southeastern France came under Italian occupation. A German civil administration was established in Alsace -Lorraine. In November 1942, the previously unoccupied zone of France was also occupied by the Wehrmacht. 2) In addition to the military administration, the Wehrwirtschafts - und Rüstungsstab Frankreich and, from 1942, the "Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz" ( GBA), which was represented by its own repre sentative in France, intervened in labor deployment policy on the German side. In addition, the German Embassy in Paris also played a certain role in this area, especially in the context of political negotiations with the representatives of the Vichy regime. 109


Moreover, even in the occupied territories of France, the execution of measures in this regard was left primarily to the native authorities under German control.3) In the analysis of labor deployment policy in France, three major periods of development can be distinguished: Between June 1940 and June 1942, after the forced transfer of French prisoners of war to the Reich, the occupying power focused on exploiting the native labor force in France itself. Central elements of this strategy were the relo cation of German production orders and the employment of French workers by the Organization Todt (OT) and on Wehrmacht construction sites. At the same time, the opposite strategy, the still formally voluntary recruitment of workers for the so -called Reichseinsatz, was already steadily gaining in importance during this period. During this period, those responsible for the labor policy of the Vichy regime assumed that, through a policy of "constructive collaboration," they would be able to achieve a balance o f interests between the occupying power and the French state that would allow France to prepare for its role in a postwar Europe dominated by Germany.4) Between June 1942 and September 1943, the policy of forcibly sending Frenchmen to work in Germany domin ated. This development had already been initiated by the appointment of Fritz Sauckel as "Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz" ( GBA) in March 1942. As early as the first Sauckel action, between June and December 1942, there was a shift from the principle of formal voluntarism to the use of open coercion in recruiting workers for the "Reichseinsatz." Vichy also showed a willingness to collaborate in this phase of labor recruitment, since Laval, the head of government, who had returned to power in April 1942, identified with German war aims. However, as a result of the occupying power's intensified exploitation of French resources, the Etat Frangais' own economic development programs had now finally become wastepaper, plunging the regime, which had been disavowed as a vicarious agent of Hitler's Germany, into a deep domestic political crisis in the face of increasing resistance from the population.

3) Cf. Gerhard Hirschfeld, Patrick Marsh (eds.), Kollaboration in Frankreich. Politik, Wirtschaft und Kultur während der nationalsozialistischen Besatzung, Frankfurt a. M. 1991. 4) See on these political plans, for example: Archives Nationales (an), 3 W, 110, Affaire Lehideux, File: "Politique generale," "Rapport du 4 avr.1941, relatif á un ordre nouveau e n France."

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Between September 1943 and June 1944, the strategy of shifting orders and the policy of forced deportations to Germany finally came into open conflict and blocked each other. This conflict, which had been simmering for some time, found its expression in the Speer -Sauckel controversy. In line with Speer's position, those in charge of the "Etat Franqais" attempted to convince the GBA authorities during this phase that the option of shifting orders was the more efficient and politically less ex plosive form of involving France in the German war economy. However, when Sauckel confronted Vichy in 1944 with new massive requisitioning programs for "Reich use," the French head of government and the Ministry of Labor under Marcel Deat again showed a willingness to cooperate. Only the liberation of France in the summer of 1944 put an end to all further attempts to exploit local labor on the part of the occupying power.

The labor deployment policy until mid -1942

One characteristic of the German war econ omy at the beginning of the Western campaign in May 1940 was the severe shortage of (skilled) labor. In the factories producing for the Wehrmacht alone, there was a shortage of about half a million workers, although by this time more than a million Poles had already been brought to the Reich for forced labor.5) For this reason, even before the defeat of the hereditary enemy, the Wehrwirtschaftliche Kommandostellen planned to bring its prisoners of war to Germany for work a plan that was promptly carried o ut by the military administration after the conclusion of the armistice agreement on the instructions of the Supreme Command of the Wehrmacht (OKW). For the majority of the approximately 1.6 million victims, this meant a four -year period of forced labor in captivity.6)

5) Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des "Ausländer -Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin 1985, p. 96; Bernd Zielinski, Staatskollaboration. Vichy und der "Arbeitseinsatz" für das Dritte Reich, Münster 1995. 6) Article 20 of the Franco -German Armistice Treaty categorically ruled out the release of the total of about 1.8 million French prisoners of war before the conclusion of a peace treaty. See: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945 (adap), Series D, Vol. IX, Doc. No. 523, p. 561, Franco -German Armistice Treaty of June 22, 1940.

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At the same time, they served the Nazi regime as an instrument of extortion and "barter money" to enforce its demands against Vichy.7) The average age of the prisoners of war was slightly over 35 years; their occupational qualification profile roughly corresponded to that of the French workforce as a whole: about 30 %, i.e. about 500,000, came from the agricultural sector and about the same number from the indu strial sector, including the construction industry.8) This bloodletting of the labor force not only weakened the French economy to a considerable extent, but also had a negative impact on the exploitation of domestic resources in the service of the German war economy. In the winter of 1940/41, for example, the military administration complained that the 180,000 prisoners of war who had remained in the country up to that time "did not come close to meeting the demand for labor".9) For the Reich authorities, however, the employment of POWs in Germany clearly had priority, which is why the military administration's numerous requests for the repatriation of qualified prisoners to stabilize the economic situation in France were largely unsuccessful. Even the proposals made by the Vichy regime in the context of the incipient economic collaboration to recruit French civilian workers for use in the German economy on its own initiative in return for the repatriation of prisoners of war were firmly rejected by the Reic h administration until mid 1942. In addition to the deported prisoners of war, the occupation forces planned to enlist French civilian workers for the "Reich mission," and in anticipation of further "lightning victories," they thought they could dispense with coercive recruitment measures. The German economy particularly demanded skilled workers for the metal and construction industries as well as agricultural labor. In order to meet this demand, especially from the chemical and aviation industries, officia l advertising offices were set up in the occupied zone in the months following the Armistice Treaty, of which there were nine in Paris alone at the turn of 1940/41.10) 7) Yves Durand, Les prisonniers de guerre francais: Main -d'oeuvre pour le Reich et monnaie d'echange avec Vichy, in: Claude Carlier/Stefan Martens (Hrsg.), La France et l'AlIemagne en guerre (Septembre i939 -Novembre42). Actes du xxv colloque franco -allemand organise par l'Institut Historique Allemand de Paris á Wiesbaden du 17 au 19 mars 1988 , Paris 1990, S. 491 -501; Ulrich Herbert, Französische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter im Deutschen Arbeitseinsatz 1940 -42, in: ebenda, S. 521. 8) Yves Durand, Les prisonniers de guerre dans les Stalags, les Oflags et les Kommandos 1939-45, Paris 1980, p . 12. 9) AN, AJ 40, 443, Situation Report for December 1940/January 1941, p. 74. 10) AN, AJ 40,443, Situation Report for December 1940 to January 1941, p. 60. 112


At the same time, German companies sent their own recruiting agents to France, where they lau nched a "wild advertising campaign" that was harshly rebuked by the Military Commander (MBF) and the Reich Ministry of Labor (RAM).11) The RAM and the MBF insisted on the placement monopoly vis -à-vis industry primarily because they saw this as the necessar y basis for an officially controlled and centrally managed global labor deployment strategy.12) Among the first recruits for work in Germany, foreigners living in France were disproportionately represented: Of the 12,000 workers recruited by October 31, 19 40, the French accounted for only about 15%; the majority were Poles (3515) and Russians (2897).13) In addition to volunteer recruitment, the first compulsory obligations on the part of the occupation authorities already occurred, especially in the departm ents of Nord-Pas de Calais, and were heavily criticized by Vichy.14) However, the occupying power's labor market policy initially focused on exploiting the French labor force at home. The military defeat of the French army, the mass exodus of the populatio n and the beginning of the occupation had paralyzed French economic life, leading to massive unemployment. In the fall and winter of 1940, it mainly affected the industrial centers of the northern parts of the country. Of the approximately one million unem ployed registered by the French Ministry of Labor for the month of November 1940, about 90% were in the occupied

11) See, for example, the dispatch of representatives of German aviation companies to recruit skilled foundry workers, AN, AJ 40, 855 note o f Aug. 11, 1940, on a meeting at the Paris Armaments Inspectorate on zo. 8.1940. 12) The Reich Ministry of Labor, for example, stated in the summer of 1940 that private recruiting activities were "endangering in the most serious way the measures for direct ing the use of foreign labor," AN, AJ 40,855, excerpt from Va No. 5780/1Z8 of the RAM, July 10, 1940. 13) AN, AJ 40,846, Final Report of the Labor Department, p. 3. 14) The chairman of the French delegation to the Armistice Commission, Doyen, complained to the occupation authorities about the nasty raids in which, for example, in Lille "300 men were arrested at the exits of the movie theaters and then (were) ordered, with threats to their families, to present themselves at the Lille train station on a certa in date to be sent to Germany." AN, AJ 40,1367, German Armistice Commission, File: "Recruitment of French Labor for Germany and Organization Todt," letter from Doyens to von Stülpnagel, January 16, 1941, pp. 2 . 113


zone15) , of which about 60% were in the core of the Paris industrial region alone. In the aircraft industry, for example, which was largely used for military purposes, the number of employees fell from 130,000 to about 39,000 between May 1940 and January 1941.16) In addition, there was a rapid increase in the number of short -time workers who, in view of the rising cost of living, were barely able to make ends meet: In December 1940, for about 41% of the employed, weekly working hours were below the 40 -hour week, and about 23% worked less than 32 . hours.17) The occupiers had a dual interest in eliminating unemployment in France as quickly as possible. On the one hand, the direct or indirect use of the native labor force for German interests was one of the priorities of their economic policy. Second, they feared revolts among the unemployed in the large cities, which is why the military administration called on the Vichy regime to take immediate measures to reduce unemployment. In the "fight against unemployment" that was then authoritatively decree d, traditionalist concepts were combined with technocratic, dirigiste ones within the ideological framework of the Revolution Nationale. The first measures taken in this regard, for example, primarily pushed women18) and foreigners19) out of the labor market. 15) Institut National de la Statistique et des Etudcs Economiques [insee] (ed.), Le Mouvement cconomique en France de 1938 -1948 (mis á jour pour 1949), Paris 1950, pp. 307; Michel Volle, Histoire de la statistique industrielle, Paris, Economica 1982; Jean Fourastie, "La population active francaise pendant la scconde guerrc mondiale," in Revue d'histoire de la deuxiemeguerrc mondiale, H. 137,January 1965,8. 5 -18. 16) SHAA (Service Historique de PArmee de l'Air), Z 11609, Fonds Thouvenot, Dossier 7, "L'industrie aeronautique sous l'occupation allemande," Statistics on Employment in the French Aeronautical Industry. 17) Annuaire Statistique, ed. by the insee, vol. 56 (1940 -44), Paris 1946, p. 154; Charles Joyeux, Le chomage en France depuisl'armistice (thes is pour ledoctoratcn droit), Paris 1943,8. 22. 18) On the introduction of maximum quotas of female employees in the Civil Service: Journal Officiel (j.o.) of August 27, 1940, p. 5447. On the policy of preferentially dismissing women: Circular of October 6, 1940, "relative á l'emploi de la main -d'oeuvre feminine," Bulletin Officiel du Ministere du Travail, September -December 1940,8.411. 19) On the setting of maximum limits on the number of foreign employees per establishment, see: J.o. of August 13, 1940, p. 4699. j.o. of August 15, 1940, pp.4699-4700. 114


Furthermore, the political program "retour de la terre" was intended to release all workers of rural origin who had recently been recruited in industry or the civil service back to their home towns, and to encourage the urban unemployed to move to the countryside by means of financial incentives.20 ) Finally, on July 31, 1940, a compulsory six -month labor service was introduced in the form of the so -called Chantiers de Jeunesse, which initially affected about 100,000 demobilized young men and was later extended to all twenty year-olds in the unoccupied zone.21) All of these measures, oriented toward the sociopolitical ideas of the "Etat Frangais," were flanked by pragmatic regulations such as the facilitation of short-time work or the granting of favorable investment loans. At the same time, Vichy centralized the traditional French labor administration and set up the Commissariat á la Iutte contre le chomage, headed by Frangois Lehideux, a new, dirigiste labor control agency tasked with identifying temporary employment opportunities for the unemployed and organizing their labor deployment in groups.22 ) The Vichy government assumed that it would be granted a certain degree of autonomy by the occupying power in realizing its own economic plans for the future, which were characterized by authoritarian planned economy elements. The "Delegation National á l'Equipement National" (dgen), implemented in February 1941, for example, drafted a ten -year plan for public inv estment measures, the implementation of which was estimated to require a total labor force of 1.7 million persons.23) Between November 1940 and March 1941, the number of unemployed in France halved from a good million to 560,000. By December 1941, only abo ut 200,000 jobseekers were registered. This rapid decline was not primarily due to Vichy's unemployment policy, which at best eased the situation on the labor market for a short time.

20) Cf. Isabel Boussard, Principaux aspects de la politique agricole fr ancaise pendant la deuxieme guerre mondiale, in: Revue d'histoire de la deuxieme guerre mondiale, 134,1984. 21) J.O. of 879 July 1940, p. 4605, J.O. of 8 February 1941, p. 618, Josse, Raymond, Les Chantiers de la Jeunesse, Revue d'histoire de la deuxieme g uerre mondiale, H. 56, October 1964, pp. 5 -42. 22) On the establishment of the Comissariat, see: J.o. of October 29, 1940, p. 5461. 23) The Ten-Year Plan envisaged mainly public programs in the field of urban construction and improvement of transportation routes. Modernization of agriculture was also planned. Richard F. Kuisel: Vichy et les origines de la planification economique (1940 -46), in Le Mouvement Social, 98, January March 1977,8.77-101. 115


Rather, it can be explained by the fact that, as early as the winter of 1940, the domestic labor potential was increasingly used for the interests of the Ns war economy as part of the controlled revival of the economy, above all by shifting German production orders to France. Here, for example, the agreement on aluminum production of September 1940 or the Franco -German construction program for aircraft of July 1941 should be mentioned.24) At the turn of 1940/41, Z5- 30,000 workers in Paris were already busy executing German orders. In addition, French labor was r ecruited en masse - in some cases under duress - for OT and Wehrmacht construction projects. The same applies to the construction sites of the German air force in France, where more than 80,000 people were already employed in November 1940.25) In the course of 1941, the labor market finally turned around: The undersupply of skilled workers for the metal and construction industries, which had already been criticized by the occupation authorities at an early stage, expanded into a general shortage of labor. T his development was exacerbated by the intensification of the recruitment of workers for "Reichseinsatz," which Göring had already ordered in February 1941. Nevertheless, the German services in France received instructions from Berlin to pursue both strate gies - order relocation and recruitment of foreign workers - in equal measure in order to mobilize the last "labor reserves" in their sphere of power. Confronted with this dilemmatic order, the military administration put pressure on the Vichy regime by de manding that it now focus its labor policy on the release of manpower through the instrument of an extensification of working hours. As a result, in March 1941 the French government was forced to issue a decree increasing the working week to 48 hours, whic h initially applied only to sectors of particular importance to the war economy, such as the metal and construction sectors, but was soon extended to other industries.26) The policy of aligning the French labor market with German interests was supplemented by measures to concentrate enterprises. According to the will of the occupiers, in the occupied territories "no labor should be tied up in projects and productions that can be dispensed with because they are not relevant to the war economy and are not vit al to the economy of the occupied territory "27). 24) Peter F. Klemm, La production aeronautique francaise de 1940 á 1941, in: Revue d'histoire of the Second World War, H. 107 (July 1977), S. 53 -74. 25) an, AJ 40,443, Lagebericht für den Monat November 194 0, S. 37. 26) J.O. of March 26, 1941,p. 1307. 27) AN, AJ, 865, file 13, letter RK. 2392 b. Göring to Military Commander France, 3 February 1941.

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The sector of civilian production was to be radically restricted in favor of industries directly or indire ctly serving the German war economy. On December 17, 1941, Vichy passed a law demanded by the occupiers that gave the state the power to order plant closures.28) By controlling the distribution of generally scarce raw materials and inputs, the public autho rities possessed another means of accelerating the closure of certain enterprises. In February 1942, the occupation administration, which felt that Vichy's policy was not moving fast enough, also issued its own decree on closures.29) The workers thus released usually quickly found employment again in the sectors that the occupying power had identified as priorities. An additional instrument for controlling the labor force in the German sense was the wage freeze imposed as early as 1940, which was subsequent ly relaxed only slightly, since the "contracting companies" and the Todt organization frequently advertised above-standard wages on site. The wage gap between Germany and France, which was deliberately kept high, served the same purpose. Finally, in order to mobilize the last reserves, women who had previously been pushed out of the labor market were reactivated and foreigners were subjected to compulsory labor by decree. Despite a fundamental willingness to collaborate, the Vichy authorities were somewhat skeptical of both the internal French use of domestic labor for the German war economy and the policy of "empire deployment." This was because the increasingly strong orientation of French production toward the needs of the Reich led to a massive restricti on of civilian goods production and thus to a supply crisis that brought political dangers for the regime. Moreover, the ambitious state development programs of the "Etat Frangais" proved hardly feasible in view of the labor shortage caused by the occupati on policy. Nevertheless, the Vichy regime remained willing to cooperate with Germany and made numerous proposals for a Franco -German reconciliation of interests in the spirit of "constructive" collaboration. Often, these offers were based on the principle of "protection of the national labor force," such as the recruitment offer of Spaniards from the southern French camps for the coastal construction sites of the Organisation Todt.30)

28) J.O. of 23.12.1941,page 5500. 29) "Decree on the Closure of Factorie s", in: Ordinance Gazette for the Occupied French Territories (Paris), No. 55 of 25. 2.1942, p. 348. 30) Bernd Zielinski, Le chomage et la politiquc de la main -d'oeuvrc de Vichy (1940-1942), in: Les ouvriers en France pendant la seconde guerre mondiale, hrsg. von Denis Peschanski und Jean -Louis Robert, Actes du colloque du 11 -14 octobre 1992 (CNRS), Paris 199z, S. 295 -304. 117


On the question of recruiting Frenchmen, Vichy initially tried to retreat to a position of "neutrality." However, German pressure to ward supporting the recruitment drives increased as they were hampered by declining unemployment. Although there were protests against the isolated early forced enlistments on the part of the occupation apparatus, the volunteer recruitment measures were wi dely supported. For example, as early as November 1940, the French Ministry of Labor had called for "loyal cooperation" in the field of native labor recruitment and repeated this appeal in March 1941.31 ) Furthermore, in December 1940, representatives of t he "Etat Francais" had made the not entirely disinterested suggestion to the occupiers that this labor -market and occupation -policy sensitive matter be placed entirely in the hands of the French authorities, which was, however, categorically rejected.32) D espite this willingness to collaborate, the personnel requirements demanded by the German economy could by no means be satisfied: The 66,000 workers recruited by the summer of 1941, mainly from the metal and construction industries, with 42.5% French, did not even cover two-thirds of the demand from the Reich.33) At the beginning of 1942, more than one million workers in France were already employed directly or indirectly by the occupying power, 400,000 of them in the armaments industry alone. Although the overall employment rate had almost returned to its 1937 level by 1942, a comparison of sectors revealed structural imbalances: While the metal processing and construction industries had rising employment figures compared to the pre -war period, the consumer goods sector, such as the textile and food industries, experienced a decline.34) Although the volunteer recruitment rate had increased t o 140,000 by the turn

31) Bulletin du Ministere du Travail, N" 9 -12 1940, p. 430, Circular of zo. November 1940 from t he Minister of Industrial Production and Labor to the Labor Inspectors, and Bulletin du Ministere du Travail, N" 1 -4 1941, p. 4. Circular from the Ministry of Labor to the Prefects, Z9 March 1941. 32) La Delegation francaise aupres de la Commission alleman de d'Armistice (dfcaa), Recueil des documents publie par le Gouvernement francais, Paris 1947-59, vol. 111, letter (10080/E.M.) from General Doyen to von Stülpnagel, 21 December 1940. 33) AN, AJ 40, 846, Situation Report for June/July 1941, p. 28. 34) Patrick Fridenson and Jean Louis Robert, "Les ouvriers dans la France de la Seconde Guerre mondiale. Un bilan", in: Le Mouvement Social, 158, Januar März 1992, S. 117 -147.

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of 1941/42 35), the demand for manpower for the "Reich mission" continued to soar due to the failed Blitzkrieg offensive in the East. At the same time, the wartime economic exploitation of France's material and human resources was to be intensified. This development destroyed the hopes of the "Etat Francais" for a gradual mitigation of t he occupation policy and finally deprived Vichy's economic development projects of ground. For as early as March 1942 - even before the establishment of the JCC - the military administration demanded for the first time the provision of a fixed contingent o f 150,000 Frenchmen for labor deployment in Germany. In return for their concession in this regard, the Vichy regime demanded the fulfillment of the quid pro quo they had been demanding for some time, but only the establishment of a care service for French civilian workers in the Reich, which took place in March 1942, was granted.

The development from the middle of 1942 to the end of 1943 The appointment of Fritz Sauckel as "Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz" ( GBA) on March 21, 1942, led to a further brutalization of German recruitment policy and practice in France.36) Sauckel had the right to issue instructions to the military administration and could thus order the "primacy of the Reich mission. Since June 1942, the GBA authority was also directly represented in Paris by its representative Julius Ritter.37) In May 1942, the GBA demanded that Vichy provide 350,000 workers for use in the Reich, including 150,000 skilled workers.38) Later, this initial demand was reduced to a total of Z50,000 wor kers. Meanwhile, the willingness of the "Etat Francais" to collaborate on the labor question had been considerably strengthened by Laval's return to the top of the executive branch in April 1942, which was associated with a government reshuffle, and this p rompted the GBA to refrain for the time being from open service commitments and forced dispatches of workers. 35) ADAP, Series E, Vol. 1, Doc No. 51, transcript AA/HA pol II a 1186: "List of France's economic services to Germany and supplies to France" Mar ch 19, 1942. 36) Reich Law Gazette (RGBL) 1942, Part 1, No. 40, p. 179, Decree of the Fuehrer on a General Plenipotentiary for the Employment of Labor of March 21, 1942. 37) AN, AJ 40, 846, Final Report of the Labor Department, p. 10. 38) ADAP, Series E, V ol. II, p. 393, Doc 2.19, Telegram No. 2114 from Aliecz to Undersecretary of State Luther dated zi. 5.1941, MAE, Papiers 1940, Abetz, Vol 1, Abetz Memorandumof July 1, 1943, sheet 164. 119


In June 1942, Sauckel and Laval agreed on a "deal" to increase recr uitment, the so-called Releve: for every three skilled workers recruited, one French prisoner of war from Germany was to be allowed to return to his Fleimat. The "Releve" was celebrated in public as part of a large -scale propaganda campaign as proof of fru itful Franco-German collaboration, which Laval justified in a radio address on June 22 with the words: "I wish for Germany's victory, because without it, Bolshevism would install itself everywhere tomorrow. "39) The recruitment of the 250,000 workers under the "Releve" was to be carried out essentially in a "concerted action" of the French labor offices with the German advertising agencies and was to be flanked by a continuation of the policy of working time increases and factory concentrations. In the cour se of June 1942, the French Minister of Industry, Jean Bichelonne, presented his company concentration plans to the occupation authorities, which included the closure of 1,300 plants in the textile industry with an expected release of about 125,000 workers .40) For the first time, so -called factory combings were now also systematically organized in order to release skilled workers for "Reich deployment." Nevertheless, the voluntary "Releve" between June and September 1942 proved to be a failure.41) From the beginning of June to mid -August, a total of only about 40,000 workers could be recruited for the Reich, among them only 13,000 skilled workers. 42) This clearly showed the loss of confidence the Vichy regime had suffered among the French population in the meantime, in view of Laval's open collaboration course and the occupation policy, which was taking increasingly harsh forms. 39) Laval's radio address of June 22, 1942, reprinted in: Jean -Pierre Viitori, Eux les STO, Paris 1982, Annexe 2,pp. 223-226. 40) AN, F60, 1536, DGTO, file "Rapports hebdomadaires sur la situation generale en Zone occupce, juin 1942 -decembre 1942, report of 11 June 1942, p. 1." 41) Even after the compulsory conscription of French labor began in September 1941, the "Releve" scheme cont inued and was still used by Vichy as a propaganda argument. In total, the "Releve" scheme returned some 90,000 French prisoners of war from Germany to France, Cf: Yves Durand: La captivite, histoire des prisonniers de guerre francais, 1939 -45, Paris 1980, p. 3 24. 42) ADAP, Series E, Vol. m, Document 228, p. 386. Record of the meeting at the German Embassy in Paris by the scientific assistant Kuntze, August 24, 1942.

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In view of this failure, Vichy had to switch to the application of openly coercive measures under German pressure in September 1942. On September 4, 1942, a "Law on the Use and Control of Labor" was introduced. On its basis, French males between the ages of 18 and 50, as well as unmarried French females between the ages of 21 and 35, could be forced to perform any type of work deemed by the government to be in the "higher interest of the nation of benefit. "43) Work in Germany also fell under this definition, even if it was not explicitly mentioned in the text of the law. All French men betw een the ages of 18 and 50 were now also required to prove that they were engaged in an activity that was "beneficial to the country's needs. "44) At the same time, changing jobs became subject to government control. For the majority of industries, dismissa ls by employers or layoffs by employees had to be approved by labor inspectors; new hires were subject to similar controls.45) On the basis of the September Law, approximately zoo,000 Frenchmen were conscripted to work in Germany between October and Decemb er 1942 alone. However, a massive increase in recruitment results for the "Reichseinsatz" was not recorded until October 1942, when the occupation authorities themselves took more stringent repressive measures against conscientious objectors. The introduction of the principle of compulsory service in September 1942, however, served not only to recruit Frenchmen for the "Reich mission" but at the same time to control internal French fluctuations in the German interest. The implementation of the first Sauckel action and, above all, the abrupt increase in recruitment numbers since October 1942 led to a considerable weakening of the French armaments industry producing for the Reich. Although only about 32,000 skilled workers were withdrawn from the actual rü(stungs)-businesses, in reality the loss of labor was much higher, since numerous members of the workforces fled for fear of imminent deportation.46)

43) Loi N* 869 du 4 septembre 1942 relative á l'utilisation et á Porientation de lamain-d'oeuvre, J.O. of Sep tember 13, 1942, p. 3122. 44) J-O. of September 20, 1942, p. 3218. 45) Regarding recruitments: j.o. of October 11, 1942, p. 3445; regarding dismissals: J.o. of September 20, 1942, p. 3219. 46) Bundesarchiv/Militärarchiv (BAMA), RW 24, 5, KTB of the Wehrwir tschaftsRüstungsstab France from 1 August 1941 - 31 December 1942, "Contribution to the Quarterly Report of the MBF for the Months June -September 1942," sheet 32j.

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Employees in the supply industry, which was not classified as Rü enterprises but was relevant to the defense economy, were also considerably decimated by the Sauckel action. In the Paris region alone, some 70,000 workers were laid off between October and December 1942, including 14,000 skilled workers.47) In some plants, up to 50% of the wo rkforce had been compulsorily conscripted.48) At the same time, the armaments services reported an additional demand of 125,000 workers at the end of September in view of a constantly expanding shift of orders. From the beginning of November 1942, the new compulsory service law was therefore increasingly used to requisition workers for the armaments industry within France, but this was far from sufficient to replace the workers withdrawn from these factories. For this reason, the armaments services in Franc e demanded a pause before any further deportation action, but this was not accepted by the GBA. Laval's efforts to convince the German side that "next year Gauleiter Sauckel will not be able to pump France out so many workers" were also not very successful.49) On the contrary, the GBA insisted on its position that the withdrawal of one -third of the approximately 450,000 skilled metalworkers employed in French industry was possible without bringing war -critical production to a standstill. In addition, at the end of October 194z, he decided to officially appoint Ritter as his representative in France with the right to issue instructions to the military and civilian departments50 in order to strengthen his position on the ground vis-à-vis the Wehrwirtschaftssta b and the military administration. In addition, in view of the military setback before Stalingrad in 1943, he wanted to enforce the principle of "total labor deployment" for the German war economy in the occupied territories as well.

47) Commission consul tative des dommages et des reparations aupres de la presidence du Conseil (ed.), Dommages subis par Ia France et I'union franejaise du fait de la guerre et de l'occupation ennemie 1939 -45, Part imputable á l'Allemagne, Paris 1950/51, vol. 9, p. 82. 48) AN, AJ 40,846, vol. IC 1, note from Abteilung wivn (W1 V11/740/S.1/42) dated November 21, 1942. 49 Eberhard Jäckel, France in Hitler's Europe. Die deutsche Frankreichpolitik im Zweiten Weltkrieg (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte Bd. 14), Stuttgart 1966, p. 566. 50 AN, AJ 40, 846, Band ic 1, Brief Sauckels (Gez. Nr. i Pd. (v) 15 Ri 2) an v. Stülpnagel vom 29. Oktober 1942.

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The fulfillment of the GBA's second demand - the compulsory recruitment of 250,000 workers (among them 150,000 skilled work ers) in the months of January to March 1943 - proved unrealizable on the sole basis of the Service Obligation Law of September 1942. As a complementary measure, therefore, the Vichy regime, under German pressure, introduced the Service du Travail Obligatoire (STO) on February 16, 1943, through which entire cohorts could be called up to work in Germany. The introduction of the STO was clearly advocated, or better: demanded51) by the responsible bodies of the military administration in accordance with the GBA, and was even expressly welcomed by some of the representatives of the Vichy regime as a step toward the militarization of labor policy, who saw in it a certain replacement for the omitted military service. The French government made the enforcement of th e STO obligation a touchstone of its own authority vis -à-vis the population, developing an ambition that in part exceeded the expectations of the German side. In principle, the "Service du Travail Obligatoire" was nothing more than a consistent application of a tightened version of the first compulsory service law of September 4, 1942. On its basis, all men between 20 and 50 years of age could now be required to perform two years of compulsory labor service.52) As late as February 1943, those born in 1920, 1921, and 1922 were the first to be called up for STO. At the same time, the establishment of a "Commissariat general au Service du Travail Obligatoire" (CGSTO) attempted to centralize the authorities' decision -making powers in labor policy. In order to intensify the persecution of conscientious objectors and to track down those who, in the jargon of the Vichy regime, were described as work shy, on February 2, 1943, the Ministry of Industry under Bichelonne again ordered a large-scale statistical registrati on of all Frenchmen between 21 and 30 years of age.53 One of the aims was to spare the metal industry, which was already severely depleted, from further deportations until the estimated 37,000 conscientious objectors had been deported. ) Among other things , this was intended to spare the metal industry, already severely depleted in terms of manpower, from further deportations until the refuseniks of the first Sauckel action, estimated at about 37,000 persons, had been apprehended and 51) AN, AJ 40, 846, Vo l. IC 2, note (WI VII 1200) of Jan. 14, 1943, on the meeting on Jan. 11, 1943, of Gauleiter Sauckel with the armament service agencies, p. 4. 52 "Loi N° 106 du 16 fevrier 1943 portant institution du Service du travail obligatoire," J.O. of Feb. 17, 1943, p . 462. 53) AN, 3 W, 202, Affaire Hubert Lagardelle, file: "Documents concernant Lagardelle (sto)". Circular from the Ministry of Industry, February 2, 1943. 123


taken to the Reich - a clear indication of the Vichy government's increasing involvement in po lice repression in the service of the occupying power. According to the plans of the Reich authorities, parallel to the deportations of workers in 1943, the exploitation of French resources in France itself was to be considerably expanded. In this context, the "Reich Ministry for Armaments and Munitions" under Albert Speer succeeded in considerably expanding its powers. After a decree by Göring in January 1943 had given Speer virtually complete responsibility for armaments production in the countries occupi ed by the Reich, he became, at first formally and in the course of development also in reality, the counterpart of the JCC.54 ) At the beginning of 1943, however, despite initial attempts at criticism on the part of the Ministry of Armaments, Sauckel's dep ortation policy still clearly dominated the scene, especially since the Speer administration, like the GBA authority, still suspected large labor reserves in France and therefore accepted in principle the new GBA program for "Reich deployment. "55 ) In fac t, from January to March, the target number of 250,000 workers demanded by Sauckel could be requisitioned, although the majority of the deportees were forcibly recruited not on the basis of the STO, but on the basis of the Dienstpflichtgesetz of September 1942. In the course of the second Sauckel action, numerous armaments services tried to prevent or at least limit the withdrawal of manpower to Germany ordered by the military administration in order to be able to carry out the relocation orders already in progress and newly accepted.56) GBA Commissioner Ritter then called for a more unified approach by the Berlin central authorities in the spirit of the primacy of labor recruitment. This not only heralded a further round in the battle between the authoritie s over the most efficient strategy for exploiting French resources. In fact, the introduction and rigid application of the sto had considerably strengthened the organized resistance in France insofar as the conscientious objectors - in March 1943 they were already estimated at 100,000 people - flocked to it, with the result that the "maquis" successively took on completely new dimensions in both quantitative and qualitative terms. 54 Alan S. Milward, French labour and the German Economy: An cssay on the nature of the fascist Order, in: Economic History Review, XXIII, N° 2, S. S. 344. 55) Ulrich Herbert, Französische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter im deutschen Arbeitseinsatz 1940 -42, in: Claude Carlier/Stefan Martens (eds.), La France et l'Allemagne en gue rre (septembre 1939 -Novembre 42). Actes du xxv colloque franco-allemand organisé par l'Institut Historique Allemand de Paris, p. 521. 56) AN, AJ 40, 846, Vol. IC 2, "Report on the 2nd France Action in the Period January 1 to March 31, 1943," p. 6. 124


Nevertheless, as part of its third action between April and June 1943, the GBA demanded the secondment of a further 220,000 workers for the "Reichseinsatz" and the redeployment of a total of 19,000 laborers in France. A total of 120,000 workers were to be supp lied to the French armaments industry, which was producing in the German interest.57) However, it quickly became apparent that the feasible requisition quotas for the "Reichseinsatz" were far below the required quotas. As a result, the Vichy regime, on its own initiative and partly against German objections, lobbied for the cancellation of numerous exemptions from STO. On May 31, a special labor card was also introduced for members of the STO cohorts.58) It was only on the basis of such measures that the forced conscription of some 136,000 additional Frenchmen succeeded by July 1943. The partial failure of the third Sauckel action, however, intensified the discussion on the side of the Ns regime about the most efficient way to exploit the French labor potent ial. The armaments services now pointed more and more vigorously to the disruption of domestic armaments production that had occurred as a result of Sauckel's policy, especially since the end of 1942. Nevertheless, in June 1943, the GBA proposed to Hitler in its program for the second half of the year that an additional 500,000 Frenchmen be deported to the Reich and that one million workers in France be transferred to the armaments industry. The latter was a direct consequence of Speer's call, which had been stepped up since the summer of 1943, for an expanded transfer of orders to the occupied neighboring country.59) The "Reichseinsatz" was intended to be a radical continuation of the forced deportations. According to German plans, 360,000 Frenchmen were to be deported simply by extending compulsory STO to other cohorts, and 200,000 workers were to be released through concentration measures in the civilian sector to meet internal French needs. Furthermore, 250,000 members of the 1919-25 cohort who had been d eclared medically unfit for "Reich deployment" were to be conscripted for the French armaments industry. In addition, the requisitioning of 450,000 women was planned, as well as the compulsory service of 100,000 inhabitants of the coastal departments for O T work.60)

57) The military administration did not prevail with the JCC in demanding a pause before further forced requisitions, AN, AJ 40, 444, MBF, Lagebericht für die Monate Januar-März 1943,8.58. 58) J.O., June 1, 1943, p. 1491. 59 AN, AJ 40, 846, MBF, Abschlussbericht der ha Arbeit, p. 20. 60 AN, AJ 40, 846, vol. IC 2, draft letter (cz. 5780.11) from Ritter to Sauckel dated. July 10, 1943. 125


In his negotiations with Sauckel at the beginning of August 1943, however, head of government Laval refused f or the first time to give a firm commitment to requisition 500,000 Frenchmen for the "Reich mission," since a new deportation campaign would threaten "complete chaos" in view of the increasingly massive resistance of the population.61) At any rate, he agre ed to provide the contingent of 61,000 workers that was still missing to meet the previously demanded target number by prosecuting the conscientious objectors more severely. Although the GBA then refrained from publicly announcing a new requisitioning prog ram, it stuck to the goal of sending 500,000 workers by the end of the year. On the other hand, Vichy was prepared to cooperate fully with the occupation authorities in the internal French redeployment operation. In August 1943, Sauckel transferred respons ibility for the entire labor operation in France to his representative Ritter, to whom the official apparatus of the military administration was thus temporarily subordinate. However, the parallel introduction of labor deployment staffs and so -called "Patengauen," with which the civilian GBA authorities intended to take labor deployment policy in France largely into their own hands, proved to be a failure, partly because the resistance of the locals to the forced recruitments increased steadily. As a result , in August 1943, only about 13,000 workers could be deported to Germany instead of the required 100,000.62) At the same time, the internal French redeployments also fell far short of the planned target, which were considerably hampered by the continued re cruitments for the "Reichseinsatz" and the persecution of the refractors. For example, many workers did not comply with Vichy's orders in this regard, fearing that they would ultimately be deported to Germany after all. In this respect, the dual strategy of carrying out order relocations and worker deportations in parallel had finally reached its limits.

61) AN, AJ 40, 846, vol. IC 3, note (WI VII/ 740 Sa -43) by Sonderführer Eisler on a meeting held in the rooms of the German Embassy on August 6, 1943, p. 7. 62) AN, AJ 40, 846, Vol. IC 3, letter (Tgb. No. 229/43 gRS) from the higher SS and police leader in the area of the military commander in France to Himmler, 4 December 1943 AN, AJ 40, 846, Final report of ha work, p. 21.

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The labor deployment bet ween September 1943 and June 1944

Under the impression of the difficulties with the Sauckel actions on the one hand and the Allied bombing of production facilities in Germany on the other, Armaments Minister Speer concluded an agreement with Vichy's Indus try Minister Bichelonne in September 1943 on the expansion of order relocation and on the introduction of S(perr) plants protected from worker deportation.63) In addition to the production of war -important goods, which was to be increased, France was now t o increasingly manufacture products of civilian need for the Reich in order to be able to free up additional capacities in Germany for armaments production. In a memorandum of November 1943, however, Speer made it clear at the same time that he would again support Sauckel's deportation policy if the relocation program failed.64) In order to carry out their production plans, the two contracting parties estimated a total domestic French labor requirement of about 600,000 workers: 150,000 workers were needed t o complete orders already in progress; 200,000 workers were to be allocated to civilian goods production in the German interest and 250,000 to French mechanical engineering.65) As an instrument for realizing the new strategy, Bichelonne proposed that the s to now be used primarily for the domestic redeployment of labor.66) 63) In December 1943, 3301 French companies with a total of about 723,124 workers had been declared S -operations. When, on January 17, 1944, the companies previously classified as V and Rü establishments were also given the status of S establishments, the number of workers exempted from "Reichseinsatz" on the basis of the Sperrbetriebsregelung increased to over one million. 64) The Minister of Armaments stated: "I will at any time inform th e French Government that I will be the fiercest advocate of a ruthless extraction of workers from the occupied western territories if it should become apparent by mid-1944 that the supplies agreed upon with the French Government have not expired to the ext ent envisaged." Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (PA AA) R 29604, Denkschrift des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion betr. Arbeitseinsatz in Frankreich, 23 November 1943, p. 5. 65 AN, 72 AJ, 1926, File: "Bichelonnc/Cosmi, Conferences, " minutes of meetings between Speer and Bichelonne on September 20, 1943 *n Berlin. 66) Vichy's Minister of Industry had already made "constructive proposals" on July 15, 1943, for the massive expansion of armaments production in France and the increased f luctuation of labor necessary for this purpose. He planned to increase the number of employees in the mechanical engineering and aerospace industries by about 250,000 workers in order to intensify the 127


After Sauckel accepted the temporary cessation of r ecruiting for the "Reichseinsatz" in October 1943 in view of the near -total failure of his fourth action, it seemed as if the strategy of order relocation, welcomed by the military administration and the German Embassy in Paris, had now gained the upper hand.67 ) In reality, the GBA continued to view the relocation program with extreme skepticism and was counting on a quick failure of this policy in order to be able to begin massive deportation measures again in 1944.68) Indeed, it did not have to wait too long for this, because the planned implementation actions largely proved to be a washout, although numerous workers had sought refuge in the S factories. In addition, due to the uncompromising attitude of the GBA on the wage issue and the resulting desolate material situation of the French workforce, a drastic decline in their productivity rate became apparent, which further endangered the fulfillment of the production plans. Furthermore, the introduction of labor staffs had by no means led to the hoped-for increase in efficiency in personnel recruitment in France, but had primarily fueled disputes over competencies between the German services, which were again placed under the control of the military administration at the beginning of November 1943. The att empt to centralize the labor administration in the form of the "Commissariat general interministeriel charge temporairement de la repartition et de l'affectation de la main d'ceuvre" (cimo), which was undertaken by Vichy at about the same time, was also of little help in putting an end to the conflicts of competence between individual authorities that were also occurring on the French side.69 ) In the winter of 1943/44, Sauckel presented Hitler with his plans for the new year, which included a resumption of the deportation policy. In 1944, a total of one million Frenchmen were to be committed to "Reich employment" and another million were to be transferred locally to those sectors of the economy that produced in the Reich's interest. 66) shifting of orders. A t the same time, Bichelonne had held out the prospect of increased relocation opportunities in other sectors vital to the war effort, such as the chemical industry, saying that his goal was "to provide the most efficient assistance to the German war econom y and thus contribute to the German effort against Bolshevism." AN, 72 AJ, 1926, "Conferences" file, letter from Bichelonne to v. Stülpnagel, July 26, 1943, p. 1. 67) PA AA, Office of the STS, R 29603, sheets 158931 -158933, telegram No. 6742 Schleier, 17 October 19423, concerning the conversation between Laval and Sauckel on 16 October 1943. 68) AN, AJ 40, 846, vol. IC 3, Briefing of Chiefs of Staff of 17 October, p. 7. 69 J.O. of 20.8.1943, p. 2197 128


Speer tried to block his opponent's demands in various memoranda, hoping in turn for the Führer's support for his relocation strategy. The latter, however, was not willing or able to make a clear decision; in any case, at a meeting with representatives of the highest Reich authorities in early January 1944, h e approved both Speer's and Sauckel's policies.70) Thus, the gba was able to confront Laval with new recruitment demands as early as January 15, 1944,71) at the same time calling for a tightening of the French laws on the compulsory conscription of labor, which promptly took place on February 1, 1944. On the basis of the updated law, men between 16 and 60 and women between 18 and 45 could henceforth be conscripted72) as could foreigners living in France as of March 1. Sauckel was determined to make extensiv e use of this legal basis for the resumption of his forced deportations to the Reich, which Laval had to agree to nolens volens, although the military administration as well as the German Embassy in Paris initially sharply criticized such a procedure.73) By April 3, 1944, a contingent of 273,000 persons had been earmarked for "Reich deployment". In the context of this plan fulfillment, the collaboration willingness of the Vichy regime, which was becoming more and more ideologically fascist, once again becam e clear. In March, moreover, Marcel Deat, a pro-national socialist ultra -collaborator, took over the Ministry of Labor, and in early May he explained to his counterpart Sauckel how at least 500,000 more Frenchmen could be drafted for the "Reich mission" by mobilizing the 1913 -25 year classes.74) In this context, Deat planned the establishment of a labor service that went far beyond the STO regulation, the "Service National du Travail" (SNT)75), to which, in principle, all twenty -yearold men were to be subj ected almost without exception -a project that was initially delayed by various objections from the High Command of the Wehrmacht and finally thwarted by the liberation of France. 70) Proccs desgrands criminels de guerre devant le Tribunal militairc international (TMI), Nuremberg 1947 -49, vol. XXV1I,pp. 104 -107,8.104., Minutes of Dr. Lammerszur discussion with the Führer on January 4, 1944. 71) AN, AJ 40,846, minutes of the conversation between Laval and Sauckel at the German Embassy in Paris, January 15, 19 44. 72) J.O. of February 2, 1944, p. 358. 73) PA AA, Office of the STS, R 29605,telegram No. 463 from Abetz to STS, 30 Jan. 1943, p. 1. 74) AN, AJ 40, 846, Minutes of the Meeting at the German Embassy on May 8, 1944, p. 3. 75) AN, AJ 40, 846, minutes of th e meeting at the German Embassy on May 8, 1944. 129


In the meantime, the GBA had made an attempt to include the S plants, which it considered "overstaffed" with personnel, in the revived "combing -out" operations, contrary to Hitler's orders. Due to sustain ed protests by Speer, another Führer meeting on the matter was held at the end of April, but it again failed to produce any clarity on the priority of one strategy or the other.76) However, the last Sauckel action in France also met with only extremely meager success: By early April 1944, only 13,000 workers had been brought into the Reich77); of the 53,000 workers released by the "Auskämmkommissionen" by then, 84% managed to escape forced deportation to Germany. This failure was primarily based on two fact ors: first, the steadily growing individual and collective resistance sustainably prevented the Vichy regime and the occupation authorities from executing the deportations on the scale envisaged; second, an ever -increasing proportion of the workforce had been exempted from "Reichseinsatz" by the Speer -Bichelonne Agreement and other protective measures as part of the order relocation strategy. Finally, with the Allied landing and the subsequent liberation of France in the summer of 1944, Teutonic foreign rul e came to an end, and with it the nightmare of the native population of having to make the involuntary crossing of the Rhine. In summary, according to German data, by the beginning of 1944 about 4 million French workers had to perform directly or indirectl y wartime services for the Nazi regime78) , in some cases under unbearable living and working conditions. For example, working hours in armaments factories in France were extended to 60 hours per week. According to various estimates, a total of 850,000 to 920,000 Frenchmen were obliged to serve in the "Reich" during the period 1940-1944, initially voluntarily and later through forced deportation. These figures prove that despite the numerous contradictions in which German occupation policy had become entang led, especially since the end of 1943, the exploitation of the French labor force for the German war economy reached a relatively high degree, both intensively and extensively, which, according to a note by the military administration, "could not have been achieved without the cooperation of the French side".79) 76) AN, AJ 40, 846, Vol. IC4, Minutes of the Chief of the Reich Chancellery, Lammers, on the meeting of April 25, 1944. 77) Bulletin Officiel du Ministére du Travail, N° 12, p. 1769, Circular N° 11 -C.4 of April 5, 1944. 78) AN, AJ 40, 846, The Contribution of the French Area to the War Economy, Figures and Charts, Paris, April 1944. 79) AN, AJ 40, 846, Abschlussbericht der HA Arbeit, p. 33. Although this comment refers to the "Reichseinsatz," it can easily be applied to the German occupying power's domestic French labor market policy. 130


Gustavo Corni

The German Labor Deployment Policy in Occupied Italy 1943-1945

I The German occupation period in Italy after the unilateral armistice of September 8, 1943, has not been extensively treated by historiography so far; this is especially true for the field of economic policy on the part of the occupying power. After the pioneering studies by Deakin1) and by Collotti2) , one accentuating more the political -institutional, the other more the socio economic aspects, a long vacuum has been noticeable in the literature. This was probably a consequence of the overemphasis on the "Resistenza" as the central founding and legitimizing moment for the postwar democrat ic republic, a fact that can be noted not only but especially in national historiography. German historians also devoted only a marginal interest to the military occupation in Italy; obviously, they had considered this country as a secondary member of the "New Order" in Europe, more precisely: underestimated it. Another reason for this underestimation, as Mantelli has recently argued, was that forced labor in Germany had not been placed in the same category of suffering as the deportations of the politicall y or racially persecuted and the Italian prisoners of war.3) Then, around the mid -1980s, the important conference on the Repubblica Sociale Italiana (RSI), organized by the "Micheletti Foundation" in Brescia, opened a new and fruitful phase of historiographical study of the period 1943 -1945, albeit largely ignoring socioeconomic issues.4)

1) F. W. Deakin, The Brutal Friendship. Mussolini, Hitler and the Fall of Iralian Fascism, London 1962 (ich zitiere hier aus der italienischen, 1963 veröffentlichten Fass ung). 2) E. Collotti, L'amministrazione tedesca dell'Italia occupata 1943 -1945. Studioedocumcnti, Mailand 1963. 3) B. Mantelli, I lavoratori italiani trasferiti in Germania dal 1938 al 1945: un tema dimenticato, in: Passato 8c Presente, Nr. 38,1996, S. 101 ff. 4) Vgl. P. Poggio (Hrsg.), La repubblica sociale italiana, Brescia 1986.

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Only at the beginning of this decade attempts of a summarizing analysis can be observed, whereby especially the study of L. Klinkhammer must be emphasized5) , who, however, moves completely within the German discussion framework with regard to his theoretical -methodological perspective. In addition, the monograph by G. Schreiber on the Italian military internees (IMI)6) should be mentioned. With respect to the subject at hand , the treatment of the Italian labor force by the German occupying power, Mantelli's excellent study is limited primarily to the period before September 8, 19437), but he has continued his analyses in other smaller contributions up to the end of the war. Nevertheless, it cannot be claimed that this topic has been thoroughly prepared; for this, the research deficit, especially in the area of local studies8) , is simply still too great, which does not currently permit verification of the interpretive traits e mphasized by Klinkhammer and Mantelli.9) Even reliable statistical data are lacking, on the basis of which one could precisely determine the entire scope of labor migrations and forced recruitments. For this reason, I will have to limit myself to some gene ral outlines in this paper, starting with a brief analysis of German -Italian relations before the war, given the importance of the lines of continuity in this area. Political and economic relations between Fascist Italy and National Socialist Germany were characterized by a coexistence of friendship and rivalry from the very beginning, i.e. from January 31, 1933 10). 5) L. Klinkhammer, Zwischen Bündnis und Besatzung. Das nationalsozialistische Deutschland und die Republik von Saló, Tübingen 1993 (I quote from the Italian version published in the same year). 6) G. Schreiber, Die italienischen Militärinternierten im deutschen Machtbereich 1943 -1945. Verraten-verachtet-vergessen, Munich 1990. 7) B. Mantelli, "Camerati del lavoro. I lavoratori italiani emigrati nel Terzo Reich nel periodo dell'Asse 1938 -1945, Florence 1992. 8) An exception is the interesting collection of documents by L. Galli, La Wehrmacht a Brescia. Atti del Comando Militare Tedesco n. 1011, Montichiari 1984. 9) It was no longer possible for me to take into account for my contribution the study by Scalpelli on the province of Cremona in Lombardy, which has just been published: A. Scalpelli, Vita vendute. L'emigrazione verso il Terzo Reich dal feudo die Farinacci, Rome 1995. 10) For the prehistor y of these relations, see K. P. Hoepke, La destra tedesca e il fascismo, Bologna 1971 ( original German version: Die deutsche Rechte und der italienische Faschismus, Düsseldorf 1968), and more recently W. Schneider, Das italienische Experiment. Der Faschismus als Vorbild in der Krise der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 262 (1996), pp. 73 -125. 132


II As is well known, Hitler had a very strong attachment to Mussolini, to whom he attributed the role of a necessary pioneer and teacher. In the nam e of this ideological affinity, he was ready, even in the early stages of his political career, to abandon the issue of bringing South Tyrol back into the German national community, thus making many enemies in the völkisch movement. In Mein Kampf and other programmatic writings, Hitler had also assigned Italy an important strategic role in the future scenario of his world policy, which was to block Anglo -French policies in the Mediterranean area and thus support Germany's expansionist interests in the other sectors. For his part, Mussolini long regarded Hitler with satisfaction as his "model pupil" and even thought that he could use National Socialist Germany as an instrument of his policy of creating a "necessary balance" in Europe. Indicative of his attitu de at the time seems to me the following quotation from a speech delivered in Naples on September 6, 1934: "Thirty centuries of history allow us to contemplate with sovereign pity some theories from the North; theories that come from a people who ignored writing as a means of passing on the documents of life - and this in a time when Rome had a Caesar, Virgil and Augustus. "11) Such ambitions of the Duce, however, quickly proved to be illusions, for already after the adventurous attack on Abyssinia he had t o ally himself with Hitler more than he would have liked in order to secure the resource base (especially of coal) necessary for the war. This ambivalent alliance became ever closer and more binding the more it became apparent that Italy's own economic and military forces were far from being a match for Mussolini's ambitious goals. After the signing of the "Axis" on October 24, 1936, and after Mussolini's approval of the annexation of Austria, the relationship between the two states was cast in the iron for m of a "friendship pact" with the signing of the Steel Pact (on May 24, 1939), which - apart from sparse acclamations - met with broad, albeit silent, mistrust in Italy. Even in the highest Fascist ruling elite there were prominent politicians, for example Dino Grandi, foreign minister for a few years, who could not or would not accept this alliance. As is well known, the king and the pope also took a dismissive or wait -and-see attitude toward this union. The reports regularly produced by the fascist police testify to the fact that a deep -seated animosity toward Germany was rooted in the general public. Many feared that too close and unilateral an attachment to Hitler would inevitably lead to war, which most Italians fundamentally opposed. On the other hand, there was a certain admiration for the economic and military strength and efficiency of their partner.

11) R. de Felice, Mussolini il Duce. Glianni del consenso, Turin 1974, p. 505. 133


This was especially true of circles in industry, but even they, desp ite or because of their solid German connections, harbored massive fears that the Third Reich could thwart and undermine the hegemonic plans of the Italian economy, especially in the southern Balkans.12) Important German industrial and financial groups, fo r their part, regarded Italy partly as a useful partner and partly as a competitor in the concretization and realization of plans for a large-scale economy in the Balkan -Dona region.13) Mussolini's decision to enter the war in June 1940 was based primarily on his concern that a quick victory by Hitler might force Italy out of the arena of international politics once and for all. According to the reports of the secret police, the majority feared that Germany would play the role of the overpowering senior par tner.14) Only partially and only slowly did a change of mood become noticeable after Hitler's successes in the blitzkriegs, as the opportunistic opinion grew that it was better to be on the side of the victor. The formalization of the political and militar y alliance had important repercussions on the economic sector. Those responsible for National Socialist economic policy counted above all on large supplies of foodstuffs (southern fruits, fruits and vegetables) from Italy and looked with great desire to th e reserves of labor available there because of the economic structures that had developed very differently from region to region in that country. Industry was concentrated in a few regions of the north, especially in the "industrial triangle" of Turin -Genoa-Milan. Agriculture had undergone some modernization during the 1930s, but only in the most productive regions, especially in the Po Valley.15) This structural imbalance had contributed to the increased marginalization of many areas, especially in the Sou th. Despite the "realist" slogans of fascist propaganda, the regime continued to regard and treat agriculture as a "sponge" in which most people had to make do with a subsistence level.16) 12) Vgl. N. La Marca, Italia e Balcani fra le due guerre, Rom 1979. 13) M. Rieder, Zwischen Bündinis und Ausbeutung. Der deutsche Zugriff auf das norditalienische Wirtschaftspotential, in: "QFIAB" 71 (1991), S. 625 -698, insbesondere S. 635 ff. 14) Vgl. S. Colarizi, L'opinione degli italini sotto il regime 1929 -1943, Rom-Bari 1991, und A. Lepre, L'occhio del Duce. Gli italini e la censura di guerra 1940 1943, Mailand 1992. 15) P. Corner, Fascist Agrarian Policy and the Italian Economy in the Inter -War Years, in: J. A. Davies (Hrsg.), Gramsci and ltaly's Passive Revolution, London 1979. 16) Vgl. u. a. P. Bevilacqua, Le Campagne dcl Mezzogiorno fra fascismo e dopoguerra,Turin 1980. 134


At the same time, this policy was subordinated to the interests of industry, which, with the rural population, had at its disposal a reserve ar my of labor that was as willing as it was cheap, but which it could not absorb. In fact, the Association of Fascist Industrialists had to state in 1938 that unemployment in the industrial sector, with a total employment rate of 4.3 million, already affected 600,000 workers.17) Therefore, Germany's offers to use Italian seasonal workers in the understaffed agricultural sector were welcomed by the Fascist government as well as by the population. A first agreement to this effect was concluded in May 1937, sett ing in motion extensive migration flows of Italian agricultural workers across the Alps in the years that followed: Their number amounted to about 30,000 in January 1938, then rose steadily (1939:36,000; 1940: 45,000) to a peak of 53,000 in 1941, only to drop again to about 30,000 thereafter. Beginning in 1939, the labor migration of construction workers (about 10,000) and industrial workers also increased; the latter reached its peak in 1941 at a rate of 174,000 persons. In their recruitment campaigns, the German authorities sought primarily to recruit skilled workers for mining in the Ruhr and for heavy industry. At the beginning of 1941, Berlin commissioned von Mackensen, the ambassador in Rome, to determine the situation and extent of unemployment in Italy. The latter reported back that, according to his estimates, there were at least 700,000 workers who could be recruited for the German war economy. Thereupon Berlin tried to persuade Rome by negotiation to increase its labor contingent considerably, but this was not too successful, for they remained far from the target figure mentioned by the ambassador, despite mutual interest.18) Overall, it may be estimated that by the end of 1942 half a million Italian workers (slightly more than half of them from ind ustry) had emigrated to Germany on temporary contracts. The majority of them came from the northern regions, especially from the poorer areas of the Prealps and Aemilia. The motivation for such mass migration was primarily economic: In addition to unemployment, the wages promised by the German authorities, which were generally far higher than those in the home country and gave the migrant workers the opportunity to transfer a large part of their earnings to their families, played a primary role.

17) Vgl. Autorenkollektiv (Hrsg.), Operai e contadini nella crisi italiana del 1943/44, Mailand 1974, S. 36 f. 18) Vgl. E. L. Homze, Foreign Labour in Nazi Germany, Princeton 1967, S. 155.

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This, at least, is clear from reports of the secret police, for example, a report of the police in Genoa from March 1941 states: "Many peasants would like to emigrate to Germany, attracted by the high salaries and by the possibility of evading possible recruitment by the army "19); of the same tenor, a report from Milan: "The great majority of specialized workers would like to emigrate to Germany by all possible means and tricks, believing that in the allied nation they would be well off, so that they could send their families a sufficiently large sum of money every month. "20) As late as April 1942, secret state informers - according to a dossier from Tuscany - were still insulting the returnees as "fat and sated pigs loaded with suitcases".21) The high level of interest within the workforce in employment in Germany also increa singly aroused the displeasure of the employers, who feared for the existence of their workforce, especially the qualified part. Despite the negative attitudes toward labor migration articulated in this, state interests dominated, as evidenced by official negotiations, among other things. From a sociopolitical point of view, work in a foreign country was a unique opportunity for many families to free themselves from their difficult living conditions or even to save up modest cash reserves. At the same time, migration guaranteed the fascist state vital supplies of coal and other raw materials. It is therefore not surprising that even local party leaders became actively involved in the placement of workers, such as the "federale" of Treviso, who in April 1940 contacted the German embassy directly to inform it that there were more than 20,000 unemployed agricultural workers in his province who were very interested in finding employment in Germany.22) The interest of the German side was no less strong, since ther e was a serious shortage of labor in almost all sectors of the economy. However, since there was a clearing agreement between Italy and Germany, the Italian government would have had to pay the remittances of its emigrant workers; a financial obligation th at grew steadily due to the increasing imbalance between the two allies, reaching the astronomical sum of RM 668 million for Italy by the end of 194z, which must certainly have made a not inconsiderable contribution to the galloping wartime inflation.23)

19) Mantelli, Labor Comrades, S. 155. 20) Ebenda,S. 123. 21) Hare, The Eye of the Duce, S. 152. 22) Ibidem, p. 124. The "federale" was a party leader at the provincial level. 23) Ibidem, p. 74.

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This, combined with the bloody failure of Mussolini's str ategy of waging a "parallel war" in Greece and North Africa with the intention of defending its independence from Hitler, entangled Fascist Italy ever more inextricably in the bonds of the Ns state.24 ) In the political-racist hierarchy in force in Germany, precisely defined by the Nazis, the Italian foreign workers, thanks to the Mussolini -Hitler pact, were on one of the front ranks and were therefore formally entitled to better treatment in economic and social terms than, for example, the Slavs. The studies of Herbert and Mantelli, however, have impressively shown that their actual living and housing conditions were often far worse than the prescribed contracts and the "iron friendship" invoked by the propaganda would have led one to expect. The Italians complained above all about the lack of typical and accustomed foodstuffs - pastasciutta and coffee in particular were missed -, about the wages that were too low compared to the recruitment promises, as well as about their isolation and the mistrust shown to them covertly or openly. Thousands of Italian workers therefore tried to change their jobs, which was strictly forbidden, or even to break their contracts prematurely in order to return home. At the same time, the bad news about the fate of migrant workers in the once-promised land, which quickly spread in Italy, clouded the initial willingness to migrate, which naturally did not escape the attention of the fascist state apparatus: "It is foreseeable that the actual departures will be very limited due to t he news spread by the workers who had already emigrated before, which speaks of very hard and enervating work, especially in the mining industry. "25) As the Italian commissioners for the "labor mission" emphasized, these negative experiences of their comp atriots in Germany had a thoroughly serious domestic political component: they increasingly undermined the population's trust in the fascist regime. The agreement that migrant workers who had been prosecuted or disciplined in the Reich were consistently de ported over the Brenner Pass and handed over to the Italian state for further prosecution, which mostly took the form of banishment or internment in educational camps, played a not insignificant role here - a fact that the population perceived as an affron t to their sense of national honor. According to Italian statistics, by the end of April 1942, a total of 30,000 workers, or about 12% of all emigrants, had been sent back and subjected to these two disciplinary procedures.

24) On Mussolini's strategy, se e McGregor Knox, La guerra di Mussolini, Rome 1984. (original version 1981). 25) Mantelli, Labor Camerati, S. 317. 137


Although German demand for labor for both agriculture and industry remained unabatedly high, the civilian foreign workers and prisoners o f war on "Reich deployment" were treated more badly than well, partly for political -racist reasons and partly out of traditional prejudices, which did not exactly spur their productive ambition. This was also true of the Italians, who, despite or precisely because of their formally privileged position in the hierarchy of "foreigners," felt the prejudice of the German population on the one hand and the envy of their worse -off fellow sufferers on the other: "Among the Italians in particular, it became apparen t that there was a wide gap between the politically motivated appreciation of the Italian workers by the regime and the attitude of the German population toward them. "26) From the German side, their lack of work ethic was criticized in particular, as well as their charisma toward native women, a stereotype that linked the Italians with the French. The former was seemingly objectified on the basis of analyses within the Ruhr heavy industry, according to which the labor productivity of the Italian worker was on average 65% of his German colleague. This individual everyday disdain stood in stark contrast to the politically motivated collective esteem and must have created a psychological tension field of disappointed expectations, which should have been reflec ted in a high rate of "escape attempts. However, this was apparently not the case, because the frequency of labor contract breaches for the period from July to September 1943, arranged by the Gestapo according to ethnic criteria, was as follows: Eastern wo rkers 95, Poles 83, Dutch 67, French 55, Italians 18 breaches of contract, each in relation to 10,000 workers.27) These statistics thus clearly contradicted the widespread image of the undisciplined and discontented Italian, although the deeper reasons for this "good behavior" cannot be addressed here. In total, 271,667 Italians officially lived and worked in Germany in October 1941, including 21,695 women, who represented the largest contingent of foreign workers from countries allied with the Reich, accounting for 12.7% of the volunteer army in the service of the German war economy. In order to be able to combat the persistent shortage of labor more effectively and unbureaucratically, the National Socialist authorities, carefully bypassing Rome, establishe d direct contacts with Italian companies, primarily in the construction industry, and, for example, awarded a major subcontract for the construction of the Buna Works in Auschwitz to a local consortium of companies. For in the winter of 1942/43 there was a n abrupt turnaround in Mussolini's policy, which had hitherto been largely oriented toward German 26) U. Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des "Ausländer -Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn 1986, p. 130. 27) Ibidem, p. 304. 138


wishes. Mussolini had been persuaded by his advisors that too close ties and subordination to or under the Third Reich could undermine the basis of legitimacy of his regime. On the orders of the Duce, hectic negotiations were now underway to try to bring about the repatriation of the emigrated workers as soon as possible. Since this threatened to fail because of Berlin's obstructive attitude, Hitler personally intervened on February 20, 1943, with the dual aim of not completely jeopardizing r elations with his partner on the one hand and not endangering German war -economic priorities on the other. The result of the Führer's decision was that, although the Italian demand was agreed to in principle, its fulfillment was delayed with reference to t he administrative difficulties involved. On July 27, 1943, two days after Mussolini's removal from power, Himmler rescinded this agreement by decree, with the result that on the eve of the armistice of September 8, about 100,000 Italian workers were detained within German borders. As evidenced by SD reports, among others, Mussolini's fall and the abrupt and almost silent dissolution of the fascist regime caused deep consternation in Germany. Hitler, as is well known, had no confidence in the king and the so called court party. At the same time, Speer noted that the Italian labor resources represented an indispensable reservoir for the Third Reich, an assessment of the situation shared by the head of the okw, General Jodl: "No Italian still in Germany may cro ss the border any longer. "28) Therefore, according to Goebbels in his diary notes, all "budding unrest" among the Italian workers must be suppressed by all means.29)

III

The Italian betrayal of the Axis was expected in Berlin. Accordingly, plans were prepared for the occupation of the country, which for political, strategic and economic reasons could not and would not be surrendered. In this context, Schreiber puts forward the provable thesis that quite a few representatives of the National Socialist rul ing elite would have even welcomed Italy's

28) Collotti, L'amministrazione tedesca, p. 42. 29) Goebbels, Tagebücher, part 11, vol. 9, Munich 1993; entry of July 29, 1943, p. 192.

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withdrawal from the alliance insofar as it was no longer necessary t o take Rome's interests into consideration.30 ) The proclamation of the armistice with the Allies had been enthusiastically welcomed by the army personnel as well as by the civilian population under the illusion that the war was over for them, which is why the disarmament of the troops, apart from a few heroic but bloody exceptions on Greek islands, and the German invasion were not met with any great resistance. In all, some 750,000 officers and soldiers were taken prisoner, of whom about 600,000 were deport ed directly to Germany. In a conversation with the Japanese ambassador in Berlin, Oshima, Hitler remarked with cynical satisfaction on October 3, 1943, that he had thus gained between one and two million new workers in one fell swoop,31 ) and the chronicler Goebbels recorded in his diary: "Huge trains of Italian prisoners are already moving into Reich territory. They can be very welcome here as skilled workers. "3 2) To the question of what motivation ultimately prompted the German side to occupy Italy, Collotti gives an answer that is as brief as it is unambiguous, that this was done solely for purposes of total war -economic exploitation of the country's own resources. Klinkhammer, on the other hand, points to the complexity and partial incompatibility of the occupation policy objectives due to the "polycratic" ruling structures of the Nazi regime, although he too emphasizes the dominance of the economic factor. With regard to manpower recruitment, the commander of Army Group South, Marshal Kesselring, initial ly seemed to want to steer a moderate course with his decree of September 12, promising all Italian workers who would voluntarily report to the German authorities that they would be treated socially and legally like their German colleagues in the Reich. Bu t his "combing-out action" in Naples, carried out in the following days with the sharpest means, already proved this to be a lie; it led, among other things, to the first bloody uprising of the Italian people against the occupiers - the "quattro giornate d i Napoli" - which started from the Campanian city on September 28.

30) G. Schreiber, "Two peoples, one victory"? The Italians in the Balkans in the judgment of the Germanic ally, in B. Micheletti/ P. P. Poggio (Hrsg.), L'Italia in guerra 1940-1943, Brescia 1991, S. 95-124. 31 E. Collotti, Salò nel Nuovo Ordine Europeo, in: P. Poggio/M. Micheletti (Hrsg.), L'Italia nella Seconda guerra mondiale, Brescia 1991, S. 357. 32) Entry of September 2, 1943, Goebbels, Tagebücher, vol. 9, p. 541.

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Thus it quickly became clear that the military administration took its slogan "the German soldier has to fight, the Italian, on the other hand, has to work" literally seriously, which even Marshal Graziani, commander of the armed forces of the Repubblica Sociale Italiana (RSI), finally noted with resignation in a report for the German authorities in January 1945: "Now we know - and it is time to say this openly - that the German slogan says that the Italians cannot be used as soldiers, but only as workers "33). Thus, from the very beginning, the resource of labor was consistently subordinated to German military interests for the construction or repair of roads, bridges, railroads and other infrastructure; this was also reflected in the severe threat of punishment for strike s and refusal to work. The general guidelines for this policy were announced by the OKH on October 15: "The task of the labor administration in the occupied territories is twofold. On the one hand, it has to provide for the best regulation and order of the use of labor in the occupied territories, which is in the German interest. In addition, it must continuously supply the German war economy with as large a number of workers as possible through a comprehensive mobilization of the labor reserves of the occu pied territories. "34) To achieve these goals, the "Labor" departments in the individual military commands were simultaneously placed under the authority of Sauckel, the General Plenipotentiary for the Labor Deployment (GBA). Sauckel, who had come to Rome in person on September 30, ultimatively demanded that the authorities in Italy provide him with up to 3.3 million workers for the "Reich mission" - a demand that was rejected by local officials as completely unrealistic. Furthermore, he took the position t hat the combing out of the Italian labor reserves should be carried out directly by the German military units or the SS; on the other hand, Rahn, appointed Reich Plenipotentiary for Italy by Hitler, was of the opinion that it would be tactically wiser to involve the organizations of the newly founded Fascist Government of the Repubblica Sociale Italiana (RSI) in this difficult matter.35 ) This conflict alone indicated that the gba's policy was at odds with the interests of almost all other German agencies i n Italy: the Wehrmacht, the Beauftragter für Italien, the Speer Ministry - represented locally by General Leyers - and Himmler or his regional deputy Wolf; all of them tried in one way or another to block Sauckel's influence.36) 33) Deakin, The Brutal Frie ndship, S. 989. 34) Zitiert in Collotti, German Administration of Occupied Italy, S. 447. 35) Klinkhammer, Zwischen Bündnis und Besatzung, p. 140. 36) Cf. the assessment by Klinkhammer, Zwischen Bündnis und Besatzung, p. 423. 141


In this respect, German ße satzungspolitik was indeed characterized by a pluralism of interests with corresponding arenas of conflict from the very beginning. This also applied to the question of what status and degree of autonomy should be granted to the new fascist regime. As is w ell known, Mussolini had founded the RSI -better known in part as the "Repubblica di Salö," named after the small town on Lake Garda that had been assigned to the re-inthroned Duce as his seat - at the end of September 1943, emphasizing the principles of "r epublicanism" and "social equality" in the original spirit of fascism, which had previously been betrayed by the alliance with the monarchy and the old ruling elites. Although a comprehensive history of the rsi has yet to be written (still fundamental: Dea kin's book), there is unanimity among experts that this "national government" was a puppet cabinet in the service of the occupying power without any significant room for maneuver. In 1943, Berlin not only demanded a monthly financial compensation for its occupation costs of 7 million lire, which was increased in the following two years to 10 and iz million, respectively, and raised the official exchange rate from 1:7 to 1:10, but also staged an unbelievable raid on the country's own resources, the extent of which can only be indicated here with one example: According to German sources, in the months of February to April 1944 alone, a total of 566,896 tons of raw materials, industrial and agricultural products, and other goods were requisitioned, requiring 31 ,216 railroad cars to transport them.37) With regard to the ruthless exploitation of Italian manpower, at least four German agencies were active on the peninsula: the military authorities (from which the flak units are actually to be separated), the Organi sation Todt (OT), which mainly carried out defense engineering orders, the local network of Sauckel authorities, and the representatives of the Ministry of Armament and Ammunition headed by Speer. Together, the Wehrmacht and the OT advocated the strategy of deploying the available manpower reserves on the ground, or more precisely, directly behind the front line. In contrast, Sauckel's primary interest was to transfer as many workers as possible to Germany in order to feed the war economy there. Speer shared this goal with the GBA, but at the same time wanted to exploit the potential of domestic industry for the wartime economic interests of the Reich. As can be seen, all these goals could not be brought to a common denominator despite various attempts, espe cially since no consensus could be reached on which of these authorities should direct or coordinate German exploitation policy.

37) In: Collotti, L'amministrazione tedesca in Italia, S.413.

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Formally, Speer had already been given authority by Hitler on September 12, 1943, regarding all problems in the field of armaments and labor deployment, but it was repeatedly called into question by the aforementioned agencies.38) In this context, the authorities of the RSI must not go unmentioned, which also had the right to recruit men for labor or military service. The question of the formation of an independent army within the framework of the new fascist state remained until the end one of the most controversial points between Berlin and Salo. The Duce tried b y all means to realize this wish, on the one hand to save the national honor and on the other hand to gain a greater independence. Even in his last meeting with the Führer, a few hours after the July 20 assassination attempt, Mussolini tried in vain to rai se this issue. Hitler, however, like his military commanders, had only scorn and derision for this subject, for even before the armistice his confidence in the martial virtues of the Italians had sunk to zero, and he feared, moreover, that the soldiers of the RSI, together with their weapons, might defect to the ever stronger partisan units. Initially, the RSI had only been allowed to raise so -called workers' battalions to support the German troops. Reasons of political expediency and the increasingly difficult military situation in the mountainous and hilly areas of the northern regions, where the partisans could count in part on the support of the civilian population, finally prompted the German authorities to authorize the formation of a fascist army. Des pite major obstacles in recruiting personnel, which were not only due to widespread anti -fascist attitudes within the population, an armed contingent of an estimated 130,000 soldiers was formed, composed of various units: Guardia Nazionale Repubblicana, De cima Mas, etc. Formal voluntarism in recruiting was often overridden by other motives such as fear of reprisals against relatives or fear of losing property - from whichever of the opposing sides.39) Therefore, one may rightly speak of a "civil war", which is to be considered an important aspect of the Resistenza.40)

38) A. Speer, Erinnerungen, Berlin 1969; I quote from the Italian translation, Milan 1971, p. 404. 39) G. Pansa, II gladius and I laurel. The army of Salò, Mailand, 1991. 40) See the excellent - but also hotly debated - study by C. Pavone, La guerra civile. Saggiosulla moralità nella Resistenza, Turin 1991, in which this historian broke the most important taboos of Resistance historiography from a perspective openly sympathetic to the Resistanc e.

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In addition to the German ones, there were also Italian civil authorities that were specifically concerned with the recruitment of workers. First and foremost among these was the National Labor Commissariat, founded in December 1943 by Ernsto March iandi, an executive body set up on the Sauckel model under pressure from Rahn, which gave organizational shape to his strategy of involving the fascist regime in the labor recruitment measures of the occupying power. Another instance of the RSI in this field was the "Labor Inspectorate," better known as the "Paladino Organization" after the name of its founder, which worked closely with the OT and employed about 25,000 workers in January 1944, mainly in the north of the country. Before further analyzing the German "labor market policy" on the occupied peninsula, the suffering of the Italian prisoners of war should be briefly highlighted. The approximately 600,000 "betrayed, despised, forgotten", as the title of the commendable study by G. Schreiber41) reads, were deported to the Reich after their disarmament and were crammed into concentration camps, where they languished under desolate living conditions. The same applied to tens of thousands of soldiers in other theaters of war, most of whom had to eke out a living as slave laborers at the place of their capture. On Hitler's personal instructions, the "Badoglios," as they were derisively called by the former ally, had been deprived of the status of "prisoner of war" and given that of "military internees" (imi ), which meant that they were not protected by the relevant international conventions. In a hasty manner, attempts were made to integrate the imis, who had been separated from their officers, into the German war economy as forced laborers, which had an extremely negative effect on the development of their labor productivity, which was only 30 -35% compared to the native standard. The renaming of the imis as civilian workers in the summer of 1944 improved their position from a formal legal point of view, but hardly their concrete living conditions. Still on July 20, 1944, Mussolini had made a last attempt in this direction on the occasion of a meeting with Hitler with his offer to place the entire manpower potential of his former army at the full disposal of t he Führer in return for appropriate treatment and feeding of the prisoners of war, which, however, failed, because the negotiating partner had already had his bargaining chip in his hand for a long time.42)

41) See also L. Cajani, Die italienischen Militä r-Internierten im nationalsozialistischen Deutschland, in H. Herbert (ed.), Europa und der "Reichseinsatz" Essen 1991, pp. 295 -316. 42) Vgl. Deakin, The brutal fricndship, S. 953 ff.

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In terms of their working and living conditions, the Italian militar y internees were officially put on an equal footing with the Soviet prisoners of war, who were disavowed as "subhumans" in National Socialist racial ideology, expressing the full contempt for the traitor nation. According to internal statistics, for exampl e, the Italian ex-soldiers employed in the Krupp factories had lost an average of 9.1 kg. in weight in the course of a single month (March 1944). An official enquete found that in June 1944, 18% of Russian POWs and 14% of IMIs were sick - keeping in mind t hat the term "sickness" used here, with its overly narrow interpretation for these categories of slaves, is more than questionable.43 ) It was not until June 1944 that the authorities decided to follow the indications of some scientific studies promoted by heavy industry itself, which expected a significant increase in the productivity of Italian and Soviet slave laborers from better nutrition; but the action of rewarding (extra) performance with payments in kind ultimately came too late.44) The Duce's ex-soldiers were initially reluctant to work for their "jailers"; only a small proportion allowed themselves to be persuaded by the RSI's propaganda in this regard to perform services for the Reich in the life struggle of "Europe against Slav -Bolshevik barbarism". Much more important was the pressure exerted by the Gestapo and the vague hope of "earning" better treatment through work. To date, however, it is not known exactly how many IMIs had actually taken up employment; quantitative data are only available o n their area of deployment: The metal industry ranked first with 37.8%, followed by construction with 13.8% and mining with 8.6%, sectors where physical workloads are traditionally very high. If one follows the statistics compiled by the German authorities in August 1944, a total of 417,238 were in labor service, ranking second among the foreign contingents of forced laborers after the Soviet prisoners of war.45) The sources evaluated by Herbert vividly prove that the labor of these two largest groups was e xploited in an extremely "extensive" manner without regard to operational efficiency and economy; in the case of the Italians, labor was used as an instrument of "revenge" for their (alleged) betrayal in September 1943.46)

43) Cf. Herbert, Fremdarbeiter, p. 283. 44) Cf. D. Eichholtz, Die "Krautaktion. Ruhrindustrie, Ernährungswissenschaft und Zwangsarbeit 1944, in U. Herbert (ed.), Europe and the "Reichseinsatz," pp. 270-294. 45) Cf. Herbert, Fremdarbeiter, p. 270. 46) Ibidem, p. 260. 145


The extent of the suffering this meant for those affected can be seen from Schreiber's estimates, according to which about 45,600 or 7.5% of all IMIs died between the fall of 1943 and the spring of 1945, of which 6,500 alone especially in the last weeks of the war - were killed by German guards or the Gestapo. The contempt of the "Judasvolk" on the part of the German population, in accordance with the inveterate prejudices now released from all alliance obligations, also affected the Italian civilian workers employed in t he Reich, who - quite contrary to Mussolini's intentions - were in turn more or less equated with the deported soldiers. Moreover, Berlin blocked the disbursement of their remittances to their homeland, which prompted the RSI government to intervene in ord er not to let the already fragile consensus go completely to pieces. According to statistics from the German Clearing House, in the course of 1943 remittances via clearing had accumulated to the enormous sum of 215.7 mill. RM, about a quarter of the total financial transfers in the Reich's foreign trade; in the first quarter of 1944, however, they had fallen to 49 mill. RM, an amount equivalent to barely a tenth of Totai.47) This development testifies to the precipitous decline in the contribution that Ital ian workers in the Reich were able to make to the war economy. The occupying power's policy in Italy for mobilizing workers for its war interests consisted of a mixture of "force and seduction" (Thamer), with the latter playing a much smaller role. In a pu blic appeal in November 1943, Sauckcl had guaranteed all workers volunteering for "Reichseinsatz" the same rights and wages as German laborers and enticed them with a bridging allowance of 300 and 500 lire for single and married workers, respectively48) , but all these promises ultimately remained - as already indicated wastepaper. The German recruitment policy was thus based primarily on violence in the form of threats and repression; to illustrate this, here are two examples: On July 2, 1944, German pol icemen stormed the then, as now, well filled Milan Stadium during a Juventus vs. Milan soccer match and "combed out" almost 3,000 men there for Reich service; in July -August of the same year, the "Prison Action" was carried out, on the basis of which some 2,500 prisoners convicted of political or criminal offenses were also "freed" for the purpose of labor service in the Reich.

47) Vgl. E. L. Homze, Foreign Labour in Nazi Germany, Princeton 1967, S. 246. 48) Vgl. Collotti, The German Administration, S. 185 f.

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Similar repressive measures were taken to punish striking workers for their insubordination. The same was true of the "combing out" operations carried out as part of the guerrilla campaign, which assumed their most brutal excesses in the final ph ase of the war, when the resistance movements in northern Italy (Piedmont, Friuli and Aemilia) established so -called guerrilla republics as a sign of their political and military strength.49 ) For example, between August and November, the 10th and 14th Arm ies had launched a large-scale resettlement operation under the caring guise of leading the population out of the immediate danger zone of the front line, which in reality had two quite different objectives, namely, first, to break up the partisan infrastructure networks that were entrenched in the population and, second, to requisition as many workers as possible. The latter was quite successful: Of the approximately 600,000 people relocated, about 7,000 were deported to the Reich, where most of them had t o work in the aircraft factory of the Hermann- Göring-Werke in Thuringia50) , and another 22,500 were conscripted for wartime economic use in the field. In the "civilian" measures of manpower recruitment, the fragile but compliant apparatus of the RSI was primarily used, with the aim of achieving a higher level of acceptance for this among the population, which would allow the use of softer instruments such as appeals, public announcements, etc. in the recruitment for labor service (or for military service) in the name of Salò. However, the apparatus of the neo -fascist satellite state was not only extremely cumbersome, but also corrupt and therefore functioned very poorly. Above all, however, those responsible for the government did not want to unnecessarily disturb the "calm" among the Italian population with a labor market policy that was too one -sidedly oriented toward the interests of the occupying power, since they feared a further increase in their already great isolation within society. It is significant that, on the one hand, in the secret dossiers of the Guardia Nazionale Repubblicana (GNR) personally compiled for the Duce on the development of public opinion, comb -outs, and other violent measures, responsibility for labor recruitment was always attri buted to German units or authorities, never, on the other hand, to the instances of the RSI51), and, on the other hand, high officials complained bitterly about their impotence in this area: 49) On the history of these "partisan republics" see M. Legnani, Politica e amministrazione nelle repubbliche partigiane, Milan, n.d. 50) Cf. Klinkhammer, Zwischen Bündnis und Besatzung, pp. 383 ff. 51) Vgl. die sehr interessante Sammlung von Stimmungsberichten der gnr, in N. Verdina (Hrsg.), Riservato a Mussolini. Notiziari giornalieri della Guardia Nazionale repubblicana, Mailand 1974. 147


"The workers' lists for Germany are drawn up by the "podestà" (i.e., the mayor) and the local head of the party. In order not to arouse any difficulties, they edit long lists to the delight of the Germans; afterwards, however, it turns out that many of the persons listed there have been killed or captured in the war and no news has been received from them for a long time. The Germans now speak of sabotage; however, it is rather the re sult of a lacking or even non-existent state power. "52) Finally, it must be noted that such actions against the working class collided head -on with the officially propagated ideology of the rsi, which sought to adorn itself with anti -capitalist, even socialist laurel wreaths, since, according to the Verona founding program of November 1943, a socialization of the most important industrial sectors was itself planned. Another significant explanatory factor for the rsi's ambivalent attitude on the question of worker recruitment was that the German measures were at odds with its efforts to recruit soldiers for its own armed forces. In the above-mentioned reports of the gnr, for example, the successful recruitments of the Todt organization were attacked in harsh terms, since it was quite clear that in this way the volunteers were evading the far more dangerous military service for the RSi.53) The German authorities were naturally very dissatisfied with the obvious inefficiency of Italian administrative assistance . Thus, Sauckel judged "that measures taken by Italian agencies, at least by agencies of the present government, cannot be expected to promote effectively German interests in the field of the employment of foreigners. "54 Nevertheless, the demand for labor remained so great that further attempts were made in this field. At the beginning of 1944, the GBA had presented the Fuehrer with a new, extremely ambitious plan that called for the forced recruitment of four million additional workers throughout Europe, 1.5 million of them from Italy alone. As even Sauckel had to realize after a few months, the latter was a completely unrealistic plan in view of the 43,400 workers (including 6,954 women) brought to the Reich between October 1943 and July 1944, with the la rgest proportion coming from Lombardy at 36.7%, followed by Veneto and Piedmont with 14.9% and 13.2%.55) Nevertheless, he even planned to deport the entire population of a 30 km wide territory behind the front to Germany; a proposal 52) Cf. Klinkhammer, Z wischen Bündnis und Besatzung, p. 168. 53) Cf. numerous similar reports by the GNR in Verdina (ed.), Riservato a Mussolini, ex. S. 149, 215,126. 54) F. Wiesemann, Italienische Arbeitskräfte im nationalsozialistischen Deutschland, in: "Annali Facolà di Lett ere Univ. Napoli," 13, 1982/83, pp. 423 437, here p. 434. 55) Klinkhammer, Zwischen Bündnis und Besatzung, p. 176 f. 148


that also proved to be unfeasible. One of the leaders of the JCC authority in Italy finally stated with resignation: "The Italian peopl e is tired of the war, without energies and without leadership.... They are trying by all means to avoid any coercion, in the hope that our enemies will soon bring them "freedom. However, this assessment of the situation only captures half the truth, for i t was not only war fatigue that caused Sauckel's plans to fail, but at the same time the increasingly recalcitrant attitude of the population to evade the Reich's deployment by any means necessary. According to Klinkhammer, public attitudes toward the migr ant workers had also changed fundamentally in the meantime, and their relatives and friends back home now mostly punished them with contempt for their services - voluntary or otherwise - to National Socialist Germany.56) The Italian working class had alrea dy demonstrated its unbroken organizational capacity and strength with the strikes in March 1943, the first domestic crisis symptom of the regime, despite two decades of fascist rule. In the fall of 1943, another wave of internal struggles and strikes bega n, which - again starting in Turin - spread to the entire industrialized north in the following months; this was followed in January 1944 by explosive struggles in Genoa and the surrounding area, and finally in March by nationwide strike actions in which, according to police reports, more than 200,000 workers took part. These social struggles have been analyzed with particular attention by historiography, especially with regard to their significance for the hegemony of the Communist Party within the Italian industrial workforce, which is still perceptible today. In that acute phase of struggle, this party apparently succeeded in establishing a dense organizational network and in drafting a credible program for a socialist democracy.57) However, the more rece nt studies already cited have shown that not all strikers were guided by socialist motives; rather, practical issues of everyday life, such as pay, food, or the overall increasingly difficult living conditions, played at least an equal if not a more important role. In any case, a central moment of these social struggles was the workers' fear of having their factories dismantled in order to relocate

56) Ebenda, S. 372. 57) In der sehr reichen Literatur über diesen Wendepunkt der neueren italienischen Gesch ichte verweise ich auf L. Ganapini, Milano autunno 1944. La svolta delle lotte operaie, in "Italia contemporanea", Nr. 119,1975, S. 9 -50; C. Dellavalle, La classe operaia del Nord tra resistenza e ricostruzione, in: "Rivistastoriacontemporanea" 6,1977,S.76 -104; A. Scalpelli,Scioperi e guerriglia in Val Padana 1943 -1945, Urbino 1972. und an das von einem Autorenkollektiv herausgegebene Werk Operaie contadini nella crisi italiana del 1943/44, Mailand, 1974. 149


them, along with their workforces, to Germany; the main concern of the working people was thus to defend their domestic jobs under the slogan: "Not more people and not more machines for Nazi Germany. Working for the Germans means hunger, misery, deportation, an extension of the massacres and enslavement for Germany. "58) The German occupation authorities were once again not unanimous in their assessment of the strikes: Some considered them particularly dangerous because of their communist program, while others thought that the labor disputes mainly refl ected material problems and demands. There was agreement, however, that the revolts should be fought primarily by repressive means. Foreign Minister von Ribbentrop made the proposal that all strikers be tried by military tribunal and that a certain quota b e deported to Germany. In March, Field Marshal Keitel finally gave the order to arrest 20% of the striking workers and bring them to the Reich, where they were to be put at the disposal of the SS.59) Even if these proposals or decisions were only partially realized, the combing-out operations that followed were of a particularly brutal nature; especially in Genoa and Turin, thousands fell victim to them60), although there were occasional quite level -headed voices that pleaded for a dialogue with the Italian workers and business community. Although the cycle of strikes - with a few exceptions in Milan - died down completely in mid -March 1944 and the workers now waited calmly for the end of the war, the struggles had a signal effect for both the occupiers and the occupied insofar as, despite the fact that the material demands had only been achieved to a very limited extent, the working class had come back with power from its "long sleep" under fascism and had impressively demonstrated the feet of clay on which the socialist slogans of the Salò regime stood. The social struggles of 1943/44 had a threefold enemy: the German occupying power, the republican government and the entrepreneurs. However, during the dramatic phase of the disputes, a (temporary) rapprochem ent emerged between the workers' and employers' sides, both of whom were united by a common interest: the preservation of industrial structures in the country.

58) P. Poggio/G. Sciola, The behaviors of the working class through the accounts of the GNR, in : P. Poggio (Hrsg.), La repubblica sociale, S. 62. 59) E. Kuby, Verrat auf Deutsch. Wie das Dritte Reich Italien ruinierte, Hamburg 1981 (I quote from the Italian version, Milan 1987, here p. 356). 60) Vgl. die Fallstudie von A. Gibelli, Il reclutamento di manodopera nella provincia di Genova per il lavoro in Germania, in: "Movimento di Liberazione in Italia", Nr 99/100, 1970, S. 115 -133.

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The general attitude of industrialists toward political, economic and military developments after September 8 has s o far been studied and analyzed only very superficially.61) Their interest had apparently focused on the preservation of their property and the maintenance of the factories, including their material and human resources and infrastructures. In any case, the y wanted to avoid requisitions and dismantling and were therefore willing to cooperate with the occupying power - specifically with the Speer Authority in order to be able to maintain or even increase production. With this objective, influential industri alists such as the head of the Fiat Group, Ing. Valletta62), or the head of the Genoa heavy industry group "Ansaldo", Rocca63), negotiated directly with German authorities; at the same time they tried to maintain good relations with the workers, the Resist enza and the Allies. On the other hand, the majority of entrepreneurs and top managers had no confidence in the puppet cabinet of the RSI, against whose increasingly radical interventions they did not even disdain the help of the "enemy". In the negotiatio ns, the industrialists declared their full willingness to produce at any time for the German war economy on condition that the necessary quotas of raw materials and energy were made available to them for this purpose. This willingness to cooperate was not only greeted with joy by the Speer representatives, but was also rewarded with orders on a considerable scale. At the same time, they endeavored, though not always successfully, to keep their workforces at full strength and to protect them from deportation . This commendable attempt was thwarted by the government in Sal ò, which, like the Vichy regime in France, enforced an increase in working hours by decree in order to free up additional personnel for "Reich deployment" - a measure that apparently did not s olve the pressing problem of labor shortages in Germany either. In any case, a summit meeting was organized in Berlin in July 1944 to discuss ways and means of making personnel recruitment more effective, involving all the departments responsible for "labo r market policy" in Italy. On this occasion, Sauckel once again emphatically advocated his strategy of mass deportation and, in this context, made the proposal to ensure the feeding of the increasing number of foreign workers in the Reich by requisitioning part of the Italian grain harvest. Speer, on the other hand, defended his preferred strategy of shifting orders, which, however, he stressed, presupposed the preservation of the industrial structure in the occupied country. 61) S. Setta, Potere economic o e Rupubblica Sociale Italiana, in: Contemporary History," 8, 1977, S. 257 -287. 62) Vgl. V. Castronovo, Giovanni Agnelli. La FIAT dal 1899 al 1945, Turin 1977. 63) Rocca's attitude is discussed in the above -mentioned essay by A. Gibelli.

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Moreover, his opponent's recruitment system had so far proved ineffective, since the assignment of entire age groups to labor or military service had failed, on the one hand, because of resistance on the part of the population and, on the other, becau se of the ineffic iency of the RSI apparatus. For this reason, he argued in favor of a sector - or demand-oriented deployment of skilled workers who would actually be of use to the German war economy. As can be seen, even in the course of the Berlin meeting no consensual ans wer could be found to the question, virulent since the beginning of the war, of how the resource of "human labor" in the occupied countries could be exploited most effectively in the interests of the Nazi regime. Nevertheless, German (forced) recruitment h ad led to shortages in the domestic labor market. For this reason, and at the same time to weaken the resistance movements, Mussolini issued two amnesties in 1944 for members of the opposition groups. The fact that in June and November several tens of thousands seized the favorable opportunity to resume the life of a "normal citizen" freed from the stigma of partisanship proves that not all members of the Resistenza were animated by ideological -intrinsic motives in the same way. However, the so -called returnees were not identified and registered to the extent necessary for effective control, which is why most of them were able to rush back to their comrades -in-arms unmolested after the hard winter of 1944/45 to prepare the final phase in the liberation strug gle.64) Furthermore, the negative effects radiated by the policy pursued so far in the interest of the occupying power had not gone unnoticed even by the leading elite of the RSI. As early as March 1944, Pavolini, secretary of the newly founded Republican Fascist Party, had expressed the critical view to his closest confidant, the Duce, that the RSI would have had a good chance for economic recovery if it had been possible to block the "savage comb -outs" and other recruiting measures on the part of the Germ an authorities. In addition, he suggested that service in the armed forces should be permitted as a substitute for conscription to labor service, which would provide sufficient recruits for the national armed forces. Mussolini adopted these suggestions and submitted them to Hitler at their meeting in Kleßheim on May 21, 1944, which were obviously not considered worthy of a positive reaction65) - another indication of the complete subordination of the Sal ò regime to the oppressive dominance of Berlin, because even the Duce's argument, which was to be taken quite seriously in terms of domestic policy, that the continuation of (forced)

64) Cf. the reconstruction by Klinkhammer, Zwischen Bündnis und Besatzung, p. 393 f. 65 Ganapini, Milano autunno 1944, p. 12 f.

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recruitments would ultimately block itself by triggering increasingly violent social unrest, did not work with his negotiating partners.66) However, the above -mentioned Berlin working meeting did produce a belated result, for in October 1944 a bila teral agreement was initialed that officially put aside the "wild" deportations and forced conscription and gave priority to voluntary recruitment via economic incentives. This was intended to satisfy the Italian side, but the German representatives noted internally that only "for optical reasons the principle of voluntariness would be placed in the foreground and the provisions on forced recruitment would be included as special provisions at the end of the agreement.... 67) This agreement, announced with great propaganda effort, in reality more a lazy compromise, arose from a common interest, namely to counteract the steadily increasing solidarity of the Italian population with the resistance, because it had become obvious that primarily the forced deportat ions were to be "thanked" for "the constant and progressive strengthening of the partisans".68) This, however, did not prevent the occupying power from still using all means to meet its needs for local labor in the last months of the war, with the Organization Todt playing a special role with its main mission of building or repairing infrastructures of a military nature (such as roads, redoubts, bridges, etc.). Working for the paramilitarily formed OT was particularly dangerous because its operational area was usually in the immediate vicinity of the front or in strategically important regions. However, this did not deter many Italians from being hired by the mammoth apparatus in order to escape the even worse alternative of military service or deportation. Spazzali, author of a local study on the OT in the particularly difficult "Adriatic Coastal Operational Zone," remarks on this phenomenon: "Day laborers, peasants, industrial workers, and artisans overwhelmingly preferred service with the OT, which did not seem so difficult and dangerous to them -even from a political point of view. "69)

66) In a letter of October 8, 1944 to Kesselring, in: Deakin, The brutal friendship, p. 973. 67) Vgl. Wiesemann, Italienische Arbeitskräfte im nationalsozialistischen Deutschland, S. 435. 68) E. Collotti, Lo sfruttamento del Feconomia e della manodopera italiana sotto l'occupazione German occupation, in: ders. (Hrsg.), L'occupazione nazista in Europa, Rome 1964, S. 399 -426, hier S.419. 69) D. Spazzali, Under Todt. Business, compulsory labor service, deportations in the Zone of Operations "Adriatisches Küstenland" Görz 1995, S. 99.

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An additional incentive for this was that a large proportion of the workers were employed in the immediate vicinity of their homes. The more p recarious the military situation became, however, the more the OT had to resort to coercive means in recruiting local labor, which in turn caused productivity levels to drop abruptly. According to Siedler's estimate, the OT had a total of about 224,000 wor kers - mostly short -term - under contract on Italian territory70) ; Klink- hammer, for his part, puts the number of Italians employed in construction fortification work at the beginning of the last year of the war at 250,000.71) But it was not only the Ita lian prisoners of war and the civilian population who had to perform services for Hitler's Germany, either abroad or at home, but also the Italians living in other European countries. In the first place, France, for decades the destination of many emigrant s from the peninsula, who were joined during the fascist period by a not inconsiderable number of political refugees. According to contemporary censuses, there were about 515,000 Italians living in France, most of them in the occupied zone. After the establishment of the RSI, Mussolini requested permission to recruit soldiers for his nascent armed forces from this reservoir, a request that was, of course, denied because Berlin wanted to exploit this manpower potential itself. In this, the occupying power wa s actively supported by the Vichy regime in the hope that this would reduce the French recruitment contingent. To this day, however, the exact number of Italians deported from this country to Germany is unknown72) , as is their classification in the racial hierarchy of foreign workers in the Reich - e.g., on the level of the IMIs or on that of the labor migrants before September 8. Another historiographically unexplored field is the difficult fate of the Italian concentration camp prisoners, especially thos e in Buchenwald and Mauthausen, about whom there are only a few partial studies based on oral history or memorial studies.73) According to rough estimates, this group comprised about 40,000 to 48,000 persons who were taken there less for reasons of economi c exploitation than with the aim of eliminating as many enemies of National Socialism as possible from political life, including in the occupied territories. 70) F. W. Siedler, Die Organisation Todt. Bauen für Staat und Wehrmacht 1938 1945, Koblenz 1987, p . 1. 71) Klinkhammer, Zwischen Bündnis und Besatzung, p. 399. 72) Vgl. B. Mantelli, The Enlistment of Italian Civilians as Labor for the Third Reich after September 8, 1943, in: N. Labanca (Hrsg.), Fra sterminio e sfruttamento. Militari internati e progion ieri di guerra nella Germania nazista, Florenz 1992, S. 227 -248. 73 F. Cercja/B. Mantelli (Hrsg.), La deportazione nei campi di sterminio nazisti, Mailand 1986 154


IV In summary, it can be said that the results of the recruitment policy in Italy to cover the labor shortage in the Reich fell far short of the expectations of the Nazi leadership and the economic elites, expectations that were, however, completely overstretched from the outset - just as the German occupation policy objectives on the southern pe ninsula as a whole must be attested an unrealistic character. To illustrate this point once again: In the spring of 1944, Berlin was toying with the idea of initiating a large -scale agricultural production battle in Italy in order to compensate for the los s of the Ukrainian "granary," although it was known that the local population itself was already living on the edge of subsistence. However, with the current state of research, it is not possible to provide conclusive reliable statistics on the recruitment of Italian labor by the occupation authorities. It is true that in December 1944 Mussolini spoke of a total of 786,000 persons working in the interests of the German war economy, but he did not name a source for his information.74) In this respect, it is perhaps more interesting to resort to regional data in order to assess the effectiveness of the occupation policy measures in this regard. For example, in the provinces of Brescia, Cremona, and Mantua, between November 1943 and August 1944, the number of w orkers recruited for Reich employment was quite high for the local context, at 5,000.75) In the "Adriatic Coastal Land," 77 volunteers were still recruited in March 1944, while 496 were "combed out" and sent to Poland, a ratio that deteriorated to 33:556 i n the following months.76) More meaningful in this context are Gibelli's quantitative data, based on a comparison of deportation orders issued with those actually carried out, which for the first half of 1944 are as follows: March 560:274, May 2700:211, Ju ne 3878:143, with the extremely increasing value of the quotient signaling the increasing failure of the compulsory deportation.77) This is also confirmed by Klinkhammer, who estimates the deportees of 1944 at a total of 65,945 and describes their number from the first months of the occupation period as "quantite negligeable. "78 ) Furthermore, evidence suggests that Sauckel's ambitious 74) Zit. in Deakin, The brutal friendship, S. 986. 75) B. Mantelli, Lavoratori lombardi nel Terzo Reich: dall’emigrazione alla deportazione, in: „Storia in Lombardia“, 1993,8.115 -133. 76) Spazzali, Under Todt, S. 95. 77) Gibelli, II recruitment of manpower nclla province of Genoa. S. 121. 78 Klinkhammer, Zwischen Bündnis und Besatzung, S. 371 ff.

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plan to recruit 1.5 mil lion volunteers failed downright miserably, with a recruitment rate of 25,000 at the end of April 1944. In contrast, the OT, the Hak, and some smaller organizations of the RSI had more success to show, employing some 240,000 Italian workers at the beginnin g of 1945. The farreaching failure of the German recruitment measures in Italy is all the more remarkable in that the RSI, whose ideologically so pompously propagated law of the century on the "socialization of the economy" should have come into force on April 26, 1945, i.e., one day after the "liberation" by the Allied forces and the partisan associations, subordinated or had to subordinate its policy almost completely to the interests of the occupying power in a rigorous plundering of the material and hu man resources of this country. It should be noted in this context that the "Republic of Salb" had only minimal room for maneuver, in contrast to the "Republic of Vichy," which has often been compared to it79) and which, especially in the early years, was a ble to fight for a higher degree of autonomy.

79) Mantelli, The Enlistment of Italian Civilians, S. 138. 60

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Sergej Kudryashov

Arbeit in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, 1941-1944

I. Quellen

Die sowjetischen Quellen zur deut schen Besatzungspolitik sind unterschiedlich und zahlreich. Der größte Teil von ihnen wird in drei großen Moskauer Lagern aufbewahrt. Dokumente ausländischer Herkunft, die von der Roten Armee erbeutet wurden, befinden sich im ehemaligen Sonderarchiv in Mos kau, dem heutigen Zentrum für die Bewahrung historischer Sammlungen. Sowjetisches Material verschiedener hoher und lokaler Behörden befindet sich im Staatsarchiv der Russischen Föderation. Eine große Anzahl von Parteidokumenten wird im Russischen Zentrum f ür die Bewahrung und das Studium der Dokumente der modernen Geschichte (dem ehemaligen Zentralen Parteiarchiv) aufbewahrt, das auch ein sehr wertvolles Archiv des Zentralen Sowjetischen Stabes für Partisanenkrieg verwahrt. Die vorliegende Arbeit stützt sic h auf diese drei Archive und auf Interviews, die der Autor in den letzten acht Jahren geführt hat.

II. Bevölkerung und Zusammensetzung des Arbeitsmarktes

Die von der Sowjetunion während der deutschen Invasion verlorenen Gebiete waren wirtschaftlich sehr wichtig. Vor dem Krieg produzierten sie 71 Prozent des Gusseisens, 58 Prozent des Stahls, 57 Prozent des Walzguts, 64 Prozent der Kohle, 43 Prozent der Elektrizität, 38 Prozent der gesamten Getreideernte der Vorkriegszeit, 84 Prozent des Zuckers und 38 Pro zent des gesamten Viehbestands. Eine genaue Zahl für die sowjetische Bevölkerung (einschließlich der baltischen Staaten), die in den von Deutschland besetzten Gebieten lebte, ist immer noch umstritten, aber viele Wissenschaftler sind sich einig, dass es 157


nicht mehr als 70 und nicht weniger als 60 Millionen Menschen sein können. Wenn man bedenkt, dass die Deutschen die Arbeitsfähigen im Alter zwischen 12 und 60 Jahren ansahen, kann man davon ausgehen, dass die deutschen Behörden etwa 33 -35 Millionen wirts chaftlich aktive Menschen ausbeuten konnten. Es ist immer noch nicht klar, wie viele Bauern, Arbeiter, Lehrer und Ingenieure in den besetzten Gebieten geblieben sind. Die Gründe und Motive für den Verbleib waren unterschiedlich. Einige schafften es nicht, zu evakuieren, weil der deutsche Vormarsch so schnell war; andere wollten nicht gehen, und wieder andere beschlossen, einfach zu bleiben und abzuwarten, was passieren würde. Viele sowjetische Unterlagen über die Evakuierung sind erst kürzlich in Russland freigegeben worden. Um ein wahrheitsgetreues Bild von der Zusammensetzung der Arbeitskräfte im besetzten Osten zu erhalten, müssen wir sie mit den Arbeitskräften in den sowjetischen Gebieten vergleichen. Während diese gewaltige Aufgabe noch auf ihren Erfors cher wartet, gehen wir davon aus, dass nach der allgemeinen Volkszählung der sowjetischen Bevölkerung vor dem Krieg zwei Drittel der Bevölkerung auf dem Lande lebten. Theoretisch hatten die Deutschen etwa n Millionen Menschen in der Industrie und im Dienstleistungssektor und 23 -24 Millionen in der Landwirtschaft. Die tatsächlichen Zahlen dürften aufgrund der Wehrpflicht und der Evakuierung eher geringer sein. Die sowjetischen Behörden dürften 2,5 % der tatsächlichen Arbeitskräfte in der Industrie und 10 % i n den ländlichen Gebieten evakuiert haben. Berücksichtigt man die ungefähre Zahl der Wehrpflichtigen (3 Millionen), so ergibt sich eine Zahl von 7 Millionen in der Industrie und 18 -20 Millionen in der Landwirtschaft.

III. Deutsche Verwaltung, Mobilisierun g und Ausbeutung von Arbeitskräften

Es muss festgestellt werden, dass die Deutschen nicht in die Sowjetunion einmarschiert sind, um das Leben der Menschen dort ohne die Kommunisten glücklicher und wohlhabender zu machen. Ihre Gründe waren viel praktischer , nämlich die Ausbeutung der Ressourcen und der Bevölkerung. Die in den russischen Archiven aufbewahrten Dokumente belegen, dass der Unterschied zwischen dem deutschen Militär und der Zivilregierung in Bezug auf die Ausbeutung nicht sehr groß war. Zwangsar beit, Arbeitsdienst, Arbeitslager, Erpressung, Steuern usw. waren in allen Gebieten der Russischen Föderation Ukraine, Weißrussland und den baltischen Staaten - üblich. Viele Dokumente belegen, dass die Deutschen bei dem Versuch, die 158


sowjetische Indu strie wieder aufzubauen, große Schwierigkeiten hatten, qualifizierte Arbeitskräfte zu rekrutieren. In den ersten Wochen der Besatzung wurden sowohl die Stadt - als auch die Dorfbevölkerung akribisch erfasst. Die Bürgermeister und Ältesten waren verpflichtet , dem deutschen Kommando ein nominelles Verzeichnis der örtlichen Bevölkerung vorzulegen. In den Städten war dies auch eine Aufgabe des sogenannten Arbeitsamtes. Nach der Meldung beim Arbeitsamt erhielt jede Person ein Arbeitsbuch, mit dem der Arbeiter wiederum Lebensmittelkarten beantragen konnte. Die Arbeitsämter waren die wichtigsten Instrumente zur Mobilisierung der Arbeitskräfte in den Städten. In den Jahren 1942 -43, einer Zeit intensiver Arbeitsdeportationen in das Reich, spielten sie eine wichtige Ro lle. Wenn sich die Menschen nicht beim Arbeitsamt meldeten oder sich weigerten, nach Deutschland zu gehen, griffen die Besatzungsbehörden zu zahlreichen Zwangsmaßnahmen. In Kiew durchsuchte die Polizei alle Kinos, Geschäfte und Basare und verhaftete Mensch en, die sich versteckt hielten. In Saporoschje (Ukraine) erhielt jede Familie eine graue Karte, auf der stand, dass die Familie verpflichtet war, eine Person nach Deutschland zu schicken. Diejenigen, die nicht reagierten, mussten sich mit der Polizei ausei nandersetzen. In den russischen Städten Orel und Tschernigow drohte die örtliche Verwaltung damit, jeden zu erschießen, der sich der Mobilisierung widersetzte. In Poltawa (Ukraine) wurden fünfundsechzig Eisenbahner erschossen, als sie sich weigerten, nach Deutschland zu gehen. Für die Zwangsrekrutierung von Arbeitern in den ländlichen Regionen waren die örtliche Verwaltung und die Polizei zuständig. Wenn es sich um ein großes Dorf handelte, konnten Militäreinheiten der Armee eingesetzt werden. Die Truppen umstellten ein Dorf, und alle arbeitsfähigen Menschen wurden in der Regel zu einer Sammelstelle gebracht, von der aus sie nach Deutschland transportiert wurden. In Partisanengebieten konnten die Deutschen fast die gesamte Bevölkerung ausschalten. Ein Befehl von General Günther von Kluge (Heeresgruppe Mitte) vom 14. Juli 1943 besagte, dass alle Personen in den Gebieten, die sich vorübergehend unter der Kontrolle der Partisanen befanden, nach Deutschland geschickt werden mussten. Unter den Decknamen "Kottbus", "Hermann" und "Fritz" wurden spezielle Operationen durchgeführt, um die Menschen gewaltsam nach Deutschland zu bringen. Im Rahmen dieser Operationen wurden von deutschen Truppen 20.814 Männer> 12.021 Frauen und 5.886 Kinder verhaftet und ins Reich transpo rtiert. In den baltischen Staaten verlief die Rekrutierung zunächst reibungsloser. Der aktiven deutschen Propaganda gelang es, zumindest einen Teil der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass junge Menschen in Deutschland gute Chancen und Erfahrungen bekomme n würden. Der Bedarf an Arbeitskräften war jedoch so groß, dass die Zahl der Freiwilligen die Behörden nicht zufrieden 159


stellen konnte, und wie überall schien die Zwangsmobilisierung die Lösung zu sein.

IV. Steuern und Löhne

Unabhängig von ihrem Einko mmen mussten alle Personen im Alter von 16 bis 60 Jahren monatliche Steuern zahlen. Die Höhe der Abgaben war unterschiedlich und hing von der Region ab: Riga - 100 Rubel pro Person, Kursk - 55-100, Smolensk -120, Rostower Gebiet - 50, Weißrussland - 50-80, Ukraine - 40-120 (vor Einführung der Karbovanets). Diese Zahlungen waren für alle obligatorisch, mit Ausnahme von alleinstehenden Frauen mit mehr als 2 Kindern und teilweise behinderten Personen. Außerdem wurde überall eine Einkommenssteuer eingeführt, di e normalerweise 10 Prozent des Gehalts betrug. Diese Steuer wurde von Deutschen, die vor dem Krieg in der UdSSR gelebt hatten, nicht gezahlt. In vielen besetzten Gebieten Russlands wurde eine Grundsteuer eingeführt. In der Region Pskow zahlte die Bevölkeru ng 20 Kopeken für jeden Quadratmeter bebautes Land und 5 Kopeken für die unbebauten Flächen. In den Gebieten Smolensk und Kursk musste diese Steuer jährlich entrichtet werden. In Smolensk wurde für jedes Haus eine Steuer in Höhe von Zoos erhoben, in einigen Gebieten des Kursker "oblast" (Gebiet) bis zu 5 50 Rubel. In einigen Gebieten zahlten die Besitzer spezielle lokale Steuern für ihre Haustiere oder für ihre Fenster usw.: in Pskow und Kusk - 5-40 Rubel für jeden Hund; in Weißrussland - 40 Rubel für Katze n; einige Dörfer in den Gebieten Smolensk und Brjansk zahlten bis zu 50 Rubel für jedes Fenster zur Straße hin. Viele Dörfer zahlten auch Steuern in Form von Naturalien. Im nördlichen Teil Russlands (Regionen Pskow und Leningrad) mussten die Bauern 200 kg Getreide pro Hektar, 360 Liter Milch von jeder Kuh, 30 -50 Eier von einem Huhn und jedes Dorf zo -50 Tonnen Kartoffeln (je nach Anzahl der Bauernhöfe) abliefern. In den besetzten Gebieten Russlands und der Ukraine legten die Deutschen den Stundenlohn auf 1 R ubel 70 Kopeken für Facharbeiter und 1 Rubel für ungelernte Arbeiter fest. Nach Abzügen durfte der tatsächliche Lohn eines Facharbeiters 400 Rubel pro Monat nicht übersteigen. Die Dauer des Arbeitstages war nicht streng geregelt und hing von der örtlichen Verwaltung ab, die ihn auf bis zu 14 Stunden und sogar mehr verlängern konnte, wie aus einigen Dokumenten hervorgeht. In der Regel erhielten die Arbeitnehmer keine Vergütung für Überstunden und Urlaub (einige wenige Fabriken bildeten 160


eine Ausnahme). Fr auen konnten den gleichen Lohn wie Männer erhalten, wenn sie das gleiche Produktivitätsniveau erreichten. Im Reichskommissariat Ostland wurde eine detailliertere Regelung Entlohnung eingeführt. Der ungelernte Arbeiter erhielt dort 27 Pfennig Stunde, der angelernte - 3z Pfennig-, der hochqualifizierte - 44 Pfennig-, Spezialist (jedoch nicht der Ingenieur) - 50 Pfennig. Die Regelung galt in Regel für Arbeitnehmer, die älter als 21 Jahre waren.

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Für Angestellte galt folgende Skala: Mechaniker, Z eichner und ähnliche Berufe - 400 Rubel; Buchhalter - 500; Angestellte in verantwortungsvollen Positionen - 650; Manager und Spezialisten - 900; Direktoren und Manager von Unternehmen - 1200-1500 Rubel. Es ist verständlich, dass dieser Lohn die Manager in die günstigste Position brachte. Die Gehälter variierten von Region zu Region, aber diese Art von Korrelation wurde in allen besetzten Gebieten beibehalten. Den sowjetischen Dokumenten zufolge erhielten die Arbeiter in einigen Regionen überhaupt keine Zahl ungen. Stattdessen wurden ihnen Lebensmittelrationen angeboten. im besetzten Osten waren die Besatzer weder mit der Produktivität noch mit der Disziplin zufrieden. Zu den ergriffenen Maßnahmen gehörten Schläge, die weithin praktiziert wurden. In der Region Charkow wird in den Dokumenten auch die Bestrafung mit Birken und in Estland mit Rohrstöcken erwähnt. In den besetzten Ostgebieten wurde der Arbeitsdienst auf der Grundlage eines von Hitler im Juli 1941 erlassenen Erlasses eingeführt. In einer von Alfred Rosenberg unterzeichneten Verordnung hieß es, dass alle Personen im Alter von 18 bis 45 Jahren dem Arbeitsdienst unterworfen waren, der bezahlt werden sollte. In der Praxis geschah dies nur sehr selten. Selbst eine geringe Menge an Lebensmitteln stellte ei n Problem dar. So erhielten die Arbeiter in zwei Gebieten des Leningrader Gebiets nur 200 Gramm Brot pro Tag. Man ging davon aus, dass die Zivilbevölkerung im Bedarfsfall in Arbeitskolonnen organisiert würde, während andere verdächtige Personen oder solche , deren Schuld nicht festgestellt werden konnte und die daher nicht hingerichtet werden sollten, in speziellen Arbeitslagern untergebracht würden. In vielen Partisanengebieten konnten alle Erwachsenen in die Arbeitslager geschickt werden. Vielen Zeugenauss agen zufolge konnte tatsächlich jeder in die Arbeitslager geschickt werden. Sowohl in den Lagern als auch in den Arbeitskolonnen herrschten furchtbare Bedingungen. Dies trug natürlich dazu bei, dass die allgemeine Haltung gegenüber den Deutschen noch feind seliger wurde. Als Folge der Mobilisierung und des Terrors gab es in den besetzten Gebieten viele obdachlose Kinder. Den sowjetischen Dokumenten zufolge versuchten einige deutsche Soldaten und Offiziere, daraus ein Geschäft zu machen, indem 161


sie Kinder auf dem örtlichen Basar verkauften. In den Städten Novgrad und Olevsk (Ukraine) kostete ein Junge 5 RM und ein Mädchen 3 RM.

V. Arbeit in der Landwirtschaft. Eine dörfliche Fallstudie

Wir haben neun Interviews mit Menschen aufgenommen, die während der deutschen Besatzung in den kleinen Dörfern von Podvorki in der Region Smolensk gelebt haben. Das Dorf war fast zwei Jahre lang besetzt. Die erste Reaktion auf die Ankunft der Deutschen war ruhig. Die Deutschen blieben eine halbe Woche lang in den Dörfern und zogen dann weiter in den Osten. Sie ernannten einen Ältesten, der als Buchhalter in der ehemaligen Kolchose arbeitete. Auch eine Zivilpolizei wurde organisiert, und alle Wehrpflichtigen waren Einheimische. Nach ihrem ersten Auftauchen besuchten die Besatz er das Dorf nur noch selten und verhandelten über den Dorfältesten. Die Aufteilung des Eigentums der Kolchose war verboten, aber es gab keine Anweisungen, was mit den Ländereien der Kolchose geschehen sollte. Alle Pferde wurden von der deutschen Armee mitg enommen. Im Spätherbst 1941 beschlagnahmte die Smolensker Verwaltung die letzten Getreidevorräte in der Kolchose. Jeder im Dorf legte seinen eigenen Garten an und versuchte, einen kleinen geheimen Keller zu graben, in dem man Lebensmittel aufbewahren konnt e, die nach der Beschlagnahmung durch die Deutschen verwendet werden konnten. Die Lebensmittelrationen waren sehr begrenzt: Niemand der Befragten aß während des Krieges Fleisch. Einige erinnern sich an die seltenen Tage, an denen sie Brei mit Schmalz aßen. Diejenigen, die eine Kuh besaßen, behandelten sie mit großem Respekt, und es war eine Tragödie, als die Deutschen verlangten, dass das Dorf eine Kuh an die Sammelstelle ablieferte. Alle produzierten Lebensmittel wurden im Dorf verzehrt. Der nächstgelegene Basar war 15 km entfernt, und die Bauern waren nicht in der Lage, so weit zu fahren. Das Dorf zahlte die Steuern in Naturalien und nicht in Geld. Der Dorfälteste erhielt einen Auftrag für das ganze Dorf, und es lag in seiner Verantwortung, die geforderten Produkte einzusammeln. Normalerweise wechselte er zwischen den Familien, um die Bürden gerechter zu verteilen, aber die Forderungen konnten wiederholt werden. Die Leute diskutierten nicht, denn jeder wusste, dass hinter dem Rücken des Ältesten die deutsch en Behörden standen. In Podvorki wurde keine Agrarreform durchgeführt. Einmal, im September 1942, kam eine deutsche Militäreinheit, um nach jungen Leuten zu suchen. 162


Aber diese Nachricht hatte das Dorf schon lange vorher erreicht, und alle Jugendlichen, jungen Frauen und der Älteste selbst rannten weg und versteckten sich im Wald. Nachdem die Einheit nur alte Menschen gefunden hatte, verließ sie das Dorf ohne jegliche Terrorakte. Podvorki war sicherlich kein ganz typisches Beispiel. Dieses Dorf hatte das Glück, weit von der Front und den Zentren des Partisanenkrieges entfernt zu sein. Aber selbst hier, in einem relativ friedlichen Gebiet, ähnelten die Standards und Lebensbedingungen während der deutschen Besatzung der berüchtigten Leibeigenschaft der Vorm oderne. Daher wurde der Vormarsch und die Ankunft der Roten Armee mit einem Gefühl der Erleichterung und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft begrüßt.

VI. Falsche Versprec hen

Bei der Regelung des Lebens der Zivilbevölkerung achteten die Deutschen viel mehr auf Beschränkungen und Strafen als auf jede Art von Bemühungen, den guten Willen zu fördern. Der einfachste Weg, die Bevölkerung zu ermutigen, war, Versprechungen zu machen. Für den Zeitraum 1941 -42 kann man folgende Versprechungen der deutschen Führun g aufzählen: bessere Behandlung, mehr Nahrung und Kleidung, keine Kommunisten, anständiges Leben ohne Unterdrückung und Ausbeutung, Ordnung und friedliche Arbeit, völlige Freiheit einschließlich Religionsfreiheit, echter Sozialismus, Wohlstand und Glück nach dem Krieg, gerechte Preise und Löhne, freies Unternehmertum, Privateigentum und die Auflösung des Kolchos -Systems. Diese Versprechungen wurden offensichtlich aus Propagandagründen gemacht, aber selbst das am ehesten erreichbare Ziel - die Abwesenheit vo n Kommunisten - erschien höchst fragwürdig, da die Besatzer ohne Rücksicht auf ideologische Erwägungen bereit waren, die Erfahrungen der selbsterklärten Kommunisten zu nutzen. Die Deutschen stellten sogar einige von ihnen als Direktoren, Manager, Chefingenieure und sogar als Unteroffiziere der Polizei ein. Das heißt natürlich nicht, dass die Kommunisten am meisten profitierten. Wer hat es dann getan? Die Deutschen haben definitiv einigen Eigentümern und Kulaken geholfen, ihr konfisziertes Eigentum wiederzue rlangen. Die Bevölkerung der Westukraine, Westweißrusslands und der baltischen Republiken konnte ihre Ankunft als Ende der Zwangssozialisierung und des NKWD-Terrors betrachten. Eine Reihe von Menschen, die Opfer von Repressionen geworden waren, konnten auc h auf Besserung durch die Deutschen hoffen. Aber im Allgemeinen brachte die Besatzung mehr Härten 163


mit sich, machte den Alltag weniger stabil und in vielerlei Hinsicht elender, auch ohne die berüchtigte "Untermensch" -Politik der Nazis. Wer bereit war, den Deutschen zu helfen, hatte keine guten Berufsaussichten. Dem Aufstieg waren deutliche Grenzen gesetzt, und ein nicht -deutscher Helfer konnte davon träumen, einen Posten in der örtlichen Verwaltung und ein Gehalt in Reichsmark als Gipfel seiner Ambitione n zu bekommen.

VII. Schlussfolgerung

Auf die Frage, wo es während der Besatzung besser war zu leben und zu arbeiten - in der Stadt oder auf dem Land - antwortete einer der Befragten: "Ohne die Deutschen war es überall besser". Diese kurze Antwort ist ein e gute Illustration für die allgemeine Reaktion der Bevölkerung. Wir stimmen nicht mit den Historikern (Alexander Dallin, J. Hoffman) überein, die behaupten, dass Deutschland viele Chancen hatte und sie alle verpasst hat. Wir halten es für müßig, den Ort u nd den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem die größten Fehler im Osten gemacht wurden. Hitler selbst war der größte Fehler. Die allgemeinen Ziele der deutschen Wirtschaftspolitik standen im krassen Widerspruch zu den grundlegenden Interessen aller Nationen. Die von Deutschland angewandten Methoden der Arbeitsmobilisierung konnten nur vorübergehende (wenn auch manchmal außergewöhnliche) Erfolge bringen. Weiche Hände, sanfte Worte und vernünftige Toleranz hätten vielleicht mehr Hilfe herbeigeführt oder mehr Nahrun gsmittel herausgepresst, aber am Ende waren die Deutschen zur Niederlage verurteilt.

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Theo J. Schulte Lebensstandard und zivile Wirtschaft in Weißrussland

I. Einleitung

Es bestand eine Dialektik zwischen den grandiosen nationalsozialistisch en Plänen zur Ausbeutung der Sowjetunion und den praktischen Auswirkungen dieser Pläne auf das tägliche Leben der Zivilbevölkerung. Der vorliegende Beitrag gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil wird ein allgemeiner Überblick über die offizielle NS -Wirtschaftspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion gegeben. Der Schwerpunkt auf der Landwirtschaft spiegelt zum Teil den wirtschaftlichen Charakter der Fallstudiengebiete wider, auf die sich die zweite Hälfte des Papiers stützt. Es ist auch eine An erkennung des Arguments, dass der Schlüssel zum Sieg im Krieg im Osten bei der Bauernschaft lag. Am deutlichsten wurde dies im Fall der Sowjetunion, die den größten Teil ihrer Männer in die Rote Armee schickte. Doch auf beiden Seiten der Front mussten die zurückgebliebenen Frauen und Jugendlichen einen "Kampf ums Brot" führen. Im zweiten Teil der Arbeit wird anhand von Material, das hauptsächlich aus den Akten der Wirtschaftsstellen der Wehrmacht in den rückwärtigen Gebieten der Heeresgruppe Mitte sowie des Wirtschaftsstabes Ost stammt, untersucht, wie sich die Politik auf das Leben der einfachen Russen unter deutscher Herrschaft tatsächlich auswirkte.1) Die Heeresgruppe Mitte umfasste eine Fläche von rund 200.000 Quadratkilometern mit einer Bevölkerung von etwa 9 Millionen Menschen. Etwa vier Fünftel der Einwohner waren in der Landwirtschaft tätig, was über dem nationalen Durchschnitt der Sowjetunion von zwei Dritteln lag. 1 An overview of the organizational structure of the economic agencies in the East is to be found in: Alexander Dallin, German Rule in Russia 1941 -45. A Study of Occupation Policies, Second Edition, London 1981, pp. 313 -319; Norbert Müller, Wehrmacht und Okkupation 1941 - 1944, Berlin (Ost) 1971, pp. 91-107; Rolf-Dieter Müller, Das Scheitern der wirtschaftlichen "Blitzkrieg Strategie", in: Horst Boog u.a., Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, vol. 4, Stuttgart 1983, p. 954 ff. 165


Ein kleiner industrieller Sektor, der sich vor al lem auf die städtischen Zentren Smolensk, Mogilew, Witebsk und Gomel konzentrierte, nutzte verschiedene Energiequellen, darunter auch Rasenkraftwerke.2) Die Situation in der Ukraine und den baltischen Staaten, die sich oft nur im Detail und nicht in ihrer Gesamtheit unterschied, wird in diesem Papier nicht behandelt. Insgesamt wird in dem Papier argumentiert, dass die Wirtschaftspolitik nicht von der schieren Brutalität der NS -Ideologie mit ihrer obsessiven Betonung der umfassenden Rassenvernichtung und der groß angelegten Umsiedlung getrennt werden kann und sollte. Wie ein Autor kürzlich feststellte, "schufen die Eroberer durch die Ausrottung eines Teils der Bevölkerung und die Unterdrückung des Rests eine riesige Leere", die sie auf eine Weise zu füllen suchten, die das "volle Schreckenspotenzial" des Nationalsozialismus erkennen ließ.3) Nachdem der rasche Vormarsch zum Stillstand gekommen war und die deutsche Besatzung in einen Zermürbungskrieg überging, wurden alle möglichen Maßnahmen ergriffen, um die Ko ntinuität der Lebensmittelversorgung und - als wesentlicher Bestandteil davon - die Zusammenarbeit mit Teilen der Zivilbevölkerung sicherzustellen. Es herrschte eindeutig Pragmatismus vor, und die Abänderung der ursprünglichen rücksichtslosen Politik der E xtraktion und Ausrottung war eine Reaktion auf die unvorhergesehene Krise. Wie das Armeeoberkommando (aok) 9 im Dezember 1941 feststellte: "Wenn der Russlandfeldzug ein einfacher Blitzkrieg gewesen wäre, hätten wir keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nehmen müssen. Aber ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht ... unter diesen Umständen ist es töricht, ein Vorgehen zuzulassen, das nur dazu führt, dass die Zivilbevölkerung zu 100 Prozent zu unseren Feinden wird. "4) Ähnlich warnte der Rüstungsinspektor f ür die Ukraine: "Wenn wir alle Juden erschießen, die Kriegsgefangenen sterben lassen, den größten Teil der Bevölkerung der Großstädte dem Hungertod ausliefern und auch den größten Teil der Landbevölkerung durch Hunger verlieren ... bleibt immer noch die Fr age: ,Wer wird übrig bleiben, um irgendetwas von wirtschaftlichem Wert zu produzieren?'"5) 2) Field Report of the Military Administration at the High Command of Army Group Center 22 June 1941 to August 1944, 13 August 1944, Bundesarchiv Militärarchiv (here after: BA-MA), RH1911/34. 3) Jonathan Steinberg, The Third Reich Reflected: German Civil Administration in the Occupicd Soviet Union, in: English Historical Review, vol cx (1995), pp. 650- 651. 4)Dallin, German Rule, p. 331. 5) Müller, The Failure of the E conomic "Blitzkrieg Strategy," p. 1010. 166


Auch wenn man sich darüber im Klaren ist, dass solche kurzfristigen Verbesserungen nicht Ausdruck einer grundlegenden Änderung der langfristigen Gesamtpolitik waren, sondern vielmehr Ausdruck der "Widersprüche un d Selbsttäuschungen", die das Dritte Reich kennzeichneten, sollte es nicht als unangemessen angesehen werden, wenn sich Historiker mit den Umständen befassen, die es vielen Russen ermöglichten, unter deutscher Herrschaft zu überleben. In den Akten des rück wärtigen Bereichs und der verschiedenen Ebenen des Wirtschaftsstabs Ost finden sich zahlreiche und oft sehr detaillierte Erörterungen solcher Projekte. Neben extremen Beispielen für die Grausamkeiten, die die rücksichtslose Ausbeutung der besetzten Sowjetunion und ihrer Völker kennzeichneten, gibt es viele Beispiele für wirtschaftliche Projekte, die alle Arten von "normalen" wirtschaftlichen Aktivitäten einschließen, einschließlich "bezahlter" Arbeit - statt grober Sklaverei - und Versuche, eine Form der Ma rktwirtschaft wiederzubeleben, insbesondere in der Landwirtschaft. Diese Projekte sollten nicht als "verpasste Gelegenheiten" betrachtet werden, mit denen das Naziregime ein lebensfähiges soziales und wirtschaftliches System in den besetzten Gebieten der S owjetunion hätte errichten können, das muss auch eindeutig betont werden. Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat durch eine detaillierte Analyse der inhärenten Barbarei der deutschen Politik eine solche These widerlegt. Dass sie trotz des Gewichts d er Beweise Teil der "Folklore" zu diesem Thema bleibt, liegt vor allem an der Langlebigkeit von Alexander Dallins bahnbrechendem Werk über die deutsche Besatzungspolitik, das während des Kalten Krieges erschienen ist, und auch daran, dass sie einigen ihrer Befürworter im postkommunistischen Russland die Möglichkeit bietet, neue politische Ziele zu setzen.6) Während also die Konflikte über die Besatzungspolitik, die sich innerhalb der nationalsozialistischen Hierarchie entwickelten, sicherlich von Interesse sind, sollten alle Abweichungen von den ursprünglichen Plänen zur totalen Ausbeutung als "Ausnahmen, die die Regel bestätigen" betrachtet werden. Abgesehen von dem perversen, wenn auch utilitaristischen Vorschlag, die jüdische Bevölkerung indirekt durch Sc hwerstarbeit zu vernichten, anstatt sie sofort auszurotten, änderte eine solche Veränderung nichts daran, dass die Nazis darauf bestanden, die Juden alles andere als kategorisch zu behandeln. Selbst in den "bevorzugten" zivilen Gebieten musste man mit drak onischen Strafen rechnen, wenn die (tatsächlichen oder vermeintlichen) Sicherheitsbedürfnisse der Wehrmacht solche Maßnahmen rechtfertigten. Und natürlich haben die deutschen Truppen auf ihrem Rückzug aus der

6) Dallin, German Rule, S. 660 -678.

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Sowjetunion letztlich einfach alles verwüstet, auch das, was sie selbst geschaffen hatten.7)

II. Nationalsozialistische Pläne zur Ausbeutung der Sowjetunion

Ein Überblick über die Ausbeutung der besetzten Gebiete der Sowjetunion durch das Dritte Reich, wobei der Schwerpunkt auf der deutschen Seite liegt, findet sich in einer Vielzahl von Veröffentlichungen.8) In den jüngsten Arbeiten werden die rassischen, ideologischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Überlegungen der Nationalsozialisten zusammengeführt, die alle miteinander verflochten waren. Das Gesamtfazit lautet, um die oft zitierte

7) Für eine Diskussion der bisherigen Literatur über den "verbrecherischen" Charakter der deutschen Besetzung des Ostens, insbesondere der Rolle der Wehrmacht, siehe The o J. Schulte, German Army Occupation Policy in Eastern Europe: the state of the debate haif -a-century after the cnd of the Second World War, half-a-decade after German reunification, in: Karen Schönwalder (Hrsg.), Die deutschen Länder und Osteuropa, London 1996. 8) Dallin, German Rule, is still a "classic" (along with Norbert Müller, Wehrmacht und Okkupation); and a careful re -reading has reminded me how much subsequent "new" research has drawn upon these texts. Material not cited elsewhere in this article includes: Gerhart Hass, Deutsche Okkupationsziele und die Kollaboration in den besetzten Gebieten der Russischen Föderativen Sowjetrepublik 1941 -1944, and Dietrich Eichholtz, Wirtschaftskollaboration und "Ostgesellschaften" in NS -besetzten Ländern (1941-1944), both in: Werner Röhr (Ed.), Okkupation und Kollaboration (1938 1945) (= Europa unterm Hakenkreuz), Berlin 1994; Rolf -Dieter Müller, Die deutsche Wirtschaftspolitik in den besetzten sowjetischen Gebieten 1941 1943. Der Abschlussbericht des Wirtschaftss tabes Ost und Aufzeichnungen eines Angehörigen des Wirtschaftskommandos Kiew, Boppard a. R. 1991; Alan S. Mil ward, War, Economy and Society 1939 -1945, Harmondsworth 1987, Chapter 5, The Economics of Occupation; Bernd Martin and Alan S. Milwärd (Eds.), Agriculturc and Food Supply in the Second World War. Landwirtschaft und Versorgung im Zweiten Weltkrieg, Ostfildern 1985; Ingeborg Fleischhauer, Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion, Stuttgart 1983; Waclaw Dlugoborski (ed.), Second World War and Social Change: Axis Powers and Occupied Countries, Göttingen 1981; Raphael Lemkin, Axis Rule in Occupied Europe, Washington, D.C. 1944. 168


Formulierung von Ernst Nolte zu verwenden, dass der Konflikt mit Russland der "ungeheuerlichste Raub -, Versklavungs- und Vernichtungskrieg der Geschichte" war.9) Die geopolitischen Überlegungen der Nationalsozialisten in Bezug auf Russland fanden sicherlich schon in den 1920er Jahren ihren unmittelbaren Ausdruck und wurden in einem berüchtigten Satz in Mein Kampf z usammengefasst: "Deutschland wird entweder eine Weltmacht sein oder es wird kein Deutschland geben ... Wenn wir heute von Boden in Europa sprechen, können wir in erster Linie nur an Russland und seine Vasallengrenzstaaten denken. "10) Diese Aussage stand i m Einklang mit den Vorstellungen von der Expansion nach Osten, die von Mitgliedern der deutschen wirtschaftlichen, militärischen und politischen Elite sowohl vor, während als auch nach dem Krieg von 1914 1918 geäußert wurden. Die rassischen Vorstellungen d er Nationalsozialisten vom "Lebensraum" fügten den bestehenden territorialen Ambitionen eine weitere, wenn auch qualitativ noch virulentere rassische Komponente hinzu und erforderten die vorsätzliche Aushungerung von Millionen russischer Zivilisten.11) Im Mai 1941, etwa sechs Wochen vor dem eigentlichen Angriff auf die Sowjetunion, fand auf Einladung des Staatssekretärs im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Herbert Backe, unter Beteiligung der höchsten Wehrmachtsoffiziere und einer Reihe we iterer Staatssekretäre aus den verschiedenen Wirtschaftsbehörden eine Besprechung zur Ausarbeitung dieser so genannten "Hungerstrategie" statt.12) Die Gewinnung von Nahrungsmitteln aus den besetzten Ostgebieten war eines der wichtigsten wirtschaftlichen Zi ele des NS-Regimes. Wie die "Hungerstrategie" zeigte, sollte dies jedoch nicht durch die Ausbeutung der

9) Ernst Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche. The Action francaise. Der italienische Faschismus, Der Nationalsozialismus, Munich 1979 (fifth editio n), p. 436. 10) Adolf Hitler, Mein Kampf (übersetzt von Raplh Manheim), London 1969, S. 597-8. 11) Rolf-Dieter Müller, Das Tor zur Weltmacht. Die Bedeutung der Sowjetunion für die deutsche Wirtschafts - und Rüstungspolitik zwischen den Weltkriegen, Boppard am Rhein 1985. And, his more recent writings such as the article in: Rolf-Dieter Müller, Das Rußlandbild der Wirtschaftseliten im Dritten Reich. Problemskizze und Hypothesen, in: Hans -Erich Volkmann (Ed.), Das Rußlandbild im Dritten Reich, Cologne 1994, pp . 357-385. 12) Müller, Das Scheitern der wirtschaftlichen "Blitzkriegstrategie," p. 989 ff. 169


vermeintlichen Überschüsse in der Sowjetunion erreicht werden, sondern durch eine deutliche Reduzierung des russischen Zivilverbrauchs. Hochrangige Militärs vertraten die Auffassung, dass die Ostarmeen der Wehrmacht "vom Lande leben" könnten, und das Reichsernährungsministerium ging dementsprechend bei seinen Berechnungen zur Verbesserung des Lebensstandards im Großdeutschen Reich davon aus, dass bis zu 5 Million en Wehrmachtsangehörige aus der Gesamtreichsberechnung herausgenommen werden könnten.13) Ein sehr nützlicher Vergleich lässt sich mit der Politik der Militärregierung im Ersten Weltkrieg anstellen. Dies wirft die Frage auf, was an der nationalsozialistisch en Politik neu war und was "nur" Kontinuität bedeutete. Während die deutschen Streitkräfte in der Brest -Litowsk-Ära eine Prioritätenordnung für die Verteilung der Ressourcen festgelegt hatten: die deutsche Besatzungsarmee, die russische Zivilbevölkerung un d schließlich die Zivilbevölkerung des Kaiserreichs,14) war die Prioritätenordnung des nationalsozialistischen Deutschlands eine ganz andere: die Fronttruppen der Wehrmacht, die Rückwärtigen Kräfte, das Ersatzheer und die Zivilbevölkerung des Reichs. Die B edürfnisse der sowjetischen Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten wurden in der Vorkriegsplanung nicht berücksichtigt. Dies geht aus den politischen Beschlüssen der Konferenz vom Mai 1941 eindeutig hervor. Millionen von Russen würden verhungern müssen , um sowohl die deutschen Streitkräfte zu ernähren als auch die langfristigen Pläne zu erfüllen, im ersten Jahr der Besetzung zusätzlich 10 Millionen Tonnen Getreide aus der Sowjetunion zu liefern und danach weitere 7 Millionen Tonnen pro Jahr. In der Praxis verbrauchten die deutsche Besatzungsarmee und die NS -Stellen im Osten über 7 Millionen Tonnen Getreide, während das Reich selbst bestenfalls weniger als 2 Millionen Tonnen erhielt.15) In Anbetracht der Transportschwierigkeiten, mit denen die Reichswehr während des Ersten Weltkriegs konfrontiert war, ist es umso ironischer, dass es den deutschen 13) Ebd. S. 990. 14) Winfried Baumgart, Deutsche Ostpolitik. Von Brest -Litovsk bis zum Ende des Weltkrieges, Munich 1969. 15) Christoph Buchheim, Die Besetzten L änder im Dienste der deutschen Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkriegs: ein Bericht der Forschungsstelle für Wehrwirtschaft, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (hereafter: VfZ), vol. 34 (1986), pp. 117 -7 45 estimates a net extraction of some 3.5 billion RM equivalentof agricultural produce from the Ostgebietein the period up to 31.08.1944. Figures for France and the Low Countries, where less predatory methods were employed, were up to seven times those of the occupied Soviet Union.

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Planern 1917/1918 immer noch gelang, rund 1.149.950 Tonnen Lebensmittel aus den damals besetzten Gebieten zu holen.16) Die nationalsozialistischen Planer hatten ihre Aushungerungsstrategie mit Scheines radikaler Deindustrialisierung der eroberten Gebiete verknüpft, bei der die Bevölkerung in den städtischen Zentren "überflüssig" sein sollte. Hitler gab seine volle Zustimmung zu diesen Plänen, die von Staatssekretär Backe und dem Leiter des Wehrwirtschafts - und Rüstungsamtes des Oberkommandos der Wehrmacht, General Ge org Thomas, vorgetragen wurden. Eine ähnlich radikale Politik, wie sie der militärische Wirtschaftsstab Ost vorschlug, wurde zum Teil mit ähnlichen Argumenten der Produktivität, der Sicherheit und des Drucks auf die Lebensmittelversorgung gerechtfertigt.17 ) Himmlers Generalplan Ost, eine geistesgestörte Vision, die auf einer giftigen Mischung aus massiven Umsiedlungen der einheimischen Bevölkerung im Osten und der großflächigen Umsiedlung ethnischer Deutscher basierte, um eine nationalsozialistische Utopie zu schaffen, enthält viele der Elemente, die veranschaulichen, wie die bewusste Verknüpfung von wirtschaftlichem und rassischem Denken schließlich zu einem siegreichen Dritten Reich geführt hätte.18) Vorbehalte, ja sogar Feindseligkeit gegenüber einer solc hen Politik wurden in der frühen Planungsphase von Beamten wie Otto Bräutigam, Rosenbergs politischem Berater im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, geäußert, aber diese wurden von der NS -Führung zurückgewiesen. Das Regime glaubte, dass jeglich er Widerstand, den die Politik der Ausplünderung hervorrufen könnte, leicht durch Repressionen zu bewältigen sei.19)

16) Tätigkeitsbericht des Wirtschaftsstab Ost, Anhang, Die Ausnutzung der besetzten Gebiete für die Ernährung von Front und Heimat im erst en Weltkrieg 1914-1918,1944, ba-ma, rw 31/78-. 17) Müller, The Failure of the Economic "Blitzkrieg Strategy," p. 991. 18) Dietrich Eichholtz, Der Generalplan Ost. Über eine Ausgeburt imperialistischer Denkart und Politik (with documents), in: Jahrbuch für Geschichte, vol. z6 (198z), pp. Z17 -Z74; Helmut Hciber (ed.), Der Gcncralplan Ost, VfZ, vol. 6 (1958), pp. Z81 -3Z5; Rolf-Dieter Müller, Industrielle Interessenpolitik im Rahmen des "Generalplans Ost". Dokumente zum Einfluss von Wehrmacht, Industrie und SS auf die wirtschaftliche Zielsetzung für Hitlers Ostimperium, Militärgeschichtliche Mitteilungen, vol. 29 (1981), pp. 101 -141. See also Götz Aly, Endlösung. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt a. M. 1995. 19) Otto Bräutigam, Überblick über die besetzten Ostgebiete während des zweiten Weltkrieges, Tübingen 1954. 171


In der Erwartung eines raschen Sieges im Osten erschien der NS -Elite die geplante Aushungerungsstrategie relativ unproblematisch, und in der ersten Phase des Krieges konzentrierten sich die Wirtschaftsdienststellen darauf, die von den vorrückenden deutschen Truppen nicht benötigten Lebensmittelvorräte zu beschlagnahmen und ins Reich zu verschiffen. Folglich wurde die Entwicklung einer kohärenten landwirtschaftlichen Organisation für die besetzten Ostgebiete zunächst vernachlässigt. Selbst als eine Agentur zur Verwaltung der Landwirtschaft, die Zentralhandelsgesellschaft Ost, geschaffen wurde, kümmerte sie sich kaum um die Bedürfnisse der Bevölkerung in den besetzten Gebieten, sondern sorgte lediglich dafür, dass die Bauern die deutschen Quoten erfüllten.20) Die Folgen dieser Vernachlässigung werden zu gegebener Zeit untersucht. Weitreichende wirtschaftliche Ziele waren auch im Hinblick auf die deutschen Pläne zur Ausbeutung nicht nur der Nahrungsmittelreserven der Sowjetunion, sondern auch ihrer Industrierohstoffe erkennbar. Die NS -Wirtschaftsbehörden und ihre militärischen Entsprechungen gingen mit Privatunternehmen eine Art Partnerschaft zur Ausplünderung der Region ein. Ein Vorstandsmitglied der Dresdner Bank spricht im Herbst 1941 vom Krieg im Osten als dem "größten Amortisationsplan der Wirtschaftsgeschichte "21) Jenseits dieser abstrakten technischen Beschreibung der deutschen Politik gab es für die Bewohner der besetzten Gebiete eine konkretere, harte Realität. Der anfängliche Druck auf Teile der russischen Bevölkerung, sich "freiwillig" zur Arbeit in Deutschland zu melden, verlagerte sich bald auf die erzwungene Massendeportation von Sklavenarbeitern, um den Beda rf der Kriegsfabriken und Bergwerke im Reich zu decken oder um die deutsche Hausfrau mit billigen Hausangestellten zu

20) Karl Brandt et al, Management of Agriculture and Food in the German Occupied and Other Areas of Fortress Europe: A Study in Military Government, Stanford, California 1953. 21) Dietrich Eichholtz and Wolfgang Schumann, Anatomy of War. Neue Dokumente über die Rolle des deutschen Monopolkapitals bei der Vorbereitung und Durchführung des Zweiten Weltkrieges, Berlin (Ost) 1969, p. 316 ff; Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, vol. 4, pp. 138 ff; Müller, Wehrmacht und Okkupation, p. 96 ff; Dallin, German Rule, chapter XVIII; RolfDieter Müller, Das Unternehmen Barbarossa als wirtschaftlicher Raubkrieg, in: Gerd R. Ueberschär and Wolfra m Wette, (Eds.) Unternehmen Barbarossa, Stuttgart 1984; Waclaw Dlugoborski and Czeslaw Madajczyk, Ausbeutungssysteme in den besetzten Gebieten Polens und der UdSSR, in: Friedrich Forstmeier and Hans -Erich Volkmann (Eds.), Kriegswirtschaft und Rüstung 1939-1945, Düsseldorf 1977, pp. 375 -416.

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versorgen.22) Solche Massentransfers, die in der Praxis nicht immer mit den offiziellen Richtlinien auf hoher Ebene übereinstimmten, Kinder unter vierzehn Jahren auszuschließen, verwüsteten die Wirtschaft der beset zten Gebiete und hinterließen eine verzerrte Bevölkerungsbilanz, die bereits durch die Tatsache verzerrt war, dass die meisten der überlebenden männlichen Einwohner der Region in den Reihen der Roten Armee (oder in deutschen Vernichtungslagern) waren oder in die Wälder geflohen waren. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die gesamte wirtschaftliche Behandlung des Ostens kaum mehr als eine gigantische Plünderungsaktion war. Mehr als 10 Millionen Deutsche kämpften in einer Art Kreuzzug in der Sowjetunion, um ihre östlichen Nachbarn zu versklaven und auszurotten als Voraussetzung für die Schaffung eines zukünftigen Ostkolonien. In den besetzten Gebieten, die mehr als doppelt so groß wie das Reich waren, wurden mehr als 30.000 deutsche Beamte (darunter Agronom en, Forstbeamte, Bergbauingenieure, Kaufleute, Verkehrsspezialisten und Militärökonomen) eingesetzt, um die gesamte Wirtschaftsstruktur im Sinne des NS -Regimes zu organisieren. Mehr als 55 Millionen sowjetische Zivilisten waren der Gnade dieser Beamten aus geliefert. Etwa zo Millionen wurden zur Zwangsarbeit für die deutschen Besatzer gezwungen, etwa 3 Millionen wurden als "Ostarbeiter" bezeichnet und ins Reich transportiert, während deutsche Umsiedlungsbehörden in die von der einheimischen Bevölkerung geräu mten Gebiete zogen.23) In Tausenden von zerstörten Städten und Dörfern blieb kaum eine einzige russische Familie von Tod, Hunger und Zerstörung verschont. In dem Gebiet, in dem die in dieser Arbeit behandelten Fallstudien angesiedelt sind - Weißrußland - kamen 2,2 Millionen Einwohner um (jeder vierte Mensch), 209 Städte und 9.200 Dörfer wurden zerstört, die Juden in 70 Ghettos ermordet, und Hunderttausende von Kriegsgefangenen der Roten Armee, die in 60 Lagern gefangen gehalten wurden, starben an Kälte, Hun ger, Exekutionen und grassierenden Krankheiten.

22) Ulrich Herbert, Forced Labor in Germany: Soviet Civilian Workers and Prisoners of War 1941 -1945, Berlin 1991, pp. 106 -130. On the numbers of workers taken to the Reich from the Soviet Union, see Walter N aasner, Neue Machttzentren in der deutschen Kriegswirtschaft, 1942 -1945. Die Wirtschaftsorganisation der SS, das Amt des Generalbevollmächtigten für den Arbeitereinsatz und das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition/Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, Boppard am Rhein 1994, p. 129. 23) On resettlement policy see: Rolf -Dieter Müller, Hitler's Eastern War and German Settlement Policy. Die Zusammenarbeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS, Frankfurt 1991. 173


Die Auswirkungen auf die Wirtschaft des Gebietes waren so gravierend, dass man davon ausging, dass die Kapazitäten Ende der 1980er Jahre noch immer nicht wieder das Vorkriegsniveau erreicht hatten. 24)

III. Landwirtschaft und Lebensmittelve rsorgung

Die unerwartete Dauer des Hauptfeldzuges in Verbindung mit den räuberischen Aktivitäten der deutschen Vorstoßtruppen führte zu unmittelbaren Problemen. Aus den Berichten der örtlichen Heeresleitung in der Heeresgruppe Mitte geht hervor, dass die deutschen Streitkräfte alle verfügbaren landwirtschaftlichen Erzeugnisse aufbrauchen. Versuche, die Engpässe durch Subventionierung der Wehrmachtsversorgung mit Lebensmitteln aus dem Reich zu überwinden, wurden politisch blockiert. Die deutschen Truppen wu rden angehalten, die Defizite durch eine verstärkte Nutzung der besetzten Gebiete auszugleichen.

Tabelle 1: Erwartete Fehlmengen in der Heeresgruppe Mitte 1.9.1941 - 31. 8.1942 (Angaben in Tonnen)

Getreide Fette Viehbestand Kartoffeln

177 000 9 000 120 000 360 000

Source: Eastern Europe, Agricultural Requirements 1941/1942 (Handakte Dr. Baath), Bundesarchiv-Militärarchiv (BA-MA), WI/1 D./1410. 24) Klaus Segbers, Die Folgen des Krieges: Die Sowjetunion seit 1945, in: Jahn und Rürup, Erobern und Vernic hten, S. 231-248; Susan J. Linz (Hrsg.), The Impact of World War 11 on the Soviet Union, Totowa, NJ 1985. Zahlen zur Gesamtzahl der sowjetischen Todesopfer siehe: Sovetskaya kul'tura, September 23, 1987, zitiert in: R. W. Davies, Soviet History in the Gorb achcv Revolution, London 1989, S. 100; Michael Ellman und S. Maksudov, Soviet Deaths in the Great Patriotic War: A Note, in: Europa -Asien-Studien, Bd. 46 (1994), S. 671-680.

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Die Militärs verfolgten dementsprechend eine Politik, die einer fast vollständigen Entlaubung gleichkam, denn obwohl der Wehrmacht bei der Zuteilung von Ressourcen angeblich absolute Priorität eingeräumt wurde, weigerte sich Staatssekretär Backe auch, ausreichende Futtermittel für die große Zahl von Lasttieren und Pferden zur Verfü gung zu stellen, die von der deutschen Armee eingesetzt wurden. Bereits im Dezember 1941 wurde in Berichten aus Kalinin beklagt, dass die Pferde in vielen Einheiten seit über zwei Monaten keinen Hafer mehr erhalten hatten und dass in den besetzten Dörfern das Stroh von den Dächern geholt werden musste.25) Dies hatte natürlich auch zur Folge, dass diese Behausungen unbewohnbar wurden. Die Schwierigkeiten wurden noch dadurch verschärft, dass die deutsche Armee bei ihrem weiteren Vormarsch in Gebiete vordringe n würde, die von den sich zurückziehenden sowjetischen Streitkräften entweder abgeerntet oder enteignet worden waren. Die Evakuierung der sowjetischen Industrie ins Hinterland im Jahr 1941 (und erneut im Jahr 194, als die deutschen Armeen weiter vorrückten ) stellt die größte industrielle Migration der Geschichte dar. Trotz des anfänglichen Chaos und der Verwirrung schafften die sowjetischen Evakuierungsbehörden, das Militär, die Parteiorgane und die Transportunternehmen das, was auf den ersten Blick unmögli ch schien.5 26 Selbst dort, wo lebenswichtige Industrieanlagen nicht transportiert werden konnten, wurden kritische Schäden angerichtet und wichtige Gegenstände wie Spezialwerkzeuge - entfernt. [...] Zu den "vermissten" Einwohnern gehörten auch die lokal en Verwalter, die für die Instandhaltung der Infrastrukturen zuständig waren. Alle Arten von Spezialisten waren verschwunden. Ärzte und Ärztinnen waren ebenso evakuiert worden wie Fabrikleiter, Aufseher in Molkereien und Sägewerken und die Agronomen der Ko lchosen. Aus Berichten vom Oktober 1941 geht beispielsweise hervor, dass in Rshew eine systematische Evakuierung stattgefunden hatte. Ein Dorfarzt war für das große Krankenhaus der Stadt zuständig.

25) Kommandanten rückwärtiger Armeegebiete (Korück) 582, Ortskommandantur I (OKI)/302, Bericht Kalinin, 13.12.194t, BA -MA, RH 23/224. 26) Klaus Segbers, The Soviet Union in World War II. Die Mobilisierung von Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft im "Großen Vaterländischen Krieg," 1941-1943, Munich 1987. See also, S. F. Liebermann, The Evacuation of Industry in the Soviet Union during the Second World War, in: Soviet Studies, vol. 35 (1983), pp. 90 -102.

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Alle Bahnangestellten und ihre Familien waren abtransportiert worden, und ein Großteil der verbliebenen Bevölkerung war aufs Land geflüchtet. Kalinin war ein weiteres "klassisches Beispiel", und der deutsche Wirtschaftsbericht über den Zustand der Stadt las sich wie eine Art spiegelbildliches Domesday Book. In den deutschen Wirtschaftsberichten wurde betont, dass es unter diesen Bedingungen bestenfalls um die Wiederherstellung des Mindestniveaus gehe; eine Aussicht auf ein auch nur geringes Wachstum, geschweige denn auf eine nennenswerte Expansion, bestehe nicht.27) Zieht man solche Berichte heran, um die neg ativen Auswirkungen des Krieges auf das Leben der einfachen Russen in den besetzten Gebieten zu betrachten, und zwar nicht nur in Bezug auf die herkömmliche Lebensmittelversorgung, sondern auch in Bezug auf Wohnungen, Schulen und die Infrastruktur im Allge meinen, so ergibt sich unmittelbar ein Bild der totalen Katastrophe. Einen gewissen Einblick in die Probleme des Wiederaufbaus bietet die Betrachtung des Eisenbahnnetzes. In der Heeresgruppe Mitte betrug das Netz über 2.000 Kilometer und es mussten etwa 11 .000 deutsche Beamte für den Betrieb des Systems eingesetzt werden, dazu mehr als 22.000 ausgebildete Russen und weitere 60.000 ungelernte Arbeiter.28) Angesichts der Bedeutung des Systems sowohl für die Front als auch für den rückwärtigen Bereich hatte di e Wiedereröffnung der Leitungen höchste Priorität. Doch wie in anderen wichtigen Bereichen waren die Bemühungen der Deutschen stets durch die sehr niedrige Ausgangsbasis begrenzt. So waren bis zum Sommer 1942 insgesamt nur 20 Prozent der Vorkriegsstrukture n wiederhergestellt worden. Auch dies hatte erhebliche Folgen für die Zivilbevölkerung.29) Der Wirtschaftsstab Ost erkannte, dass ein Widerspruch bestand. Die Aushungerungspolitik war von einem schnellen militärischen Sieg ausgegangen, doch nun hatte der u nvollständige militärische Vormarsch seine eigenen Probleme geschaffen. Aufgrund der schieren Größe der besetzten Gebiete und der potentiellen Sicherheitsbedrohung in den rückwärtigen Gebieten hinter der Front war es nun unerlässlich, die dortige Bevölkeru ng zu beschwichtigen. Es musste ein Konflikt entstehen zwischen den unmittelbaren Anforderungen der deutschen Besatzungsarmee, dem Druck der NS -Führung, Überschüsse ins Reich zu transportieren, und der mittel - bis langfristigen 27) Korück 582, 19 -24 Oct. 1941,17-20 Dec. 1941, BA-MA, RH 23/225; Kalinin, AOK Report, 29 Nov. 1941, BA -MA, RH 23/223/3; Müller, The Failure of the Economic "Blitzkrieg Strategy," p. 1004 ff. 28) Werner Haupt, Heeresgruppe Mitte, 1941 -1945, Dorheim 1968, p. 256 ff; H. Pottgeister, Die Reichsbahn im Ostfeldzug, Neckargemünd 1960. 29) Dallin, German Rule.p. 379. 176


Notwendigkeit, die Kontinuität der Versorgung und damit die Stabilität in den besetzten Gebieten zu gewährleisten. Die Art und Weise, wie mit all diesen widersprüchlichen Bedürfnissen umgegangen werden würde, wäre für die einfachen Russen von entscheidender Bedeutung. Eine komplexe Mischung von Einflüssen bestimmte also die Politik. Hochrangige nationalsozialistische Planer bestanden weiterhin auf der Umsetzung der ursprün glichen Ausbeutungspläne, während pragmatische Erwägungen einige innerhalb der deutschen Besatzungsmacht dazu ermutigten, die Wiederbelebung der einheimischen Wirtschaft, insbesondere in der Landwirtschaft, vorzuschlagen. Es ist jedoch anzumerken, dass bei allen Diskussionen zu diesem Thema häufig zwischen den Bedürfnissen der Städte und denen des ländlichen Raums unterschieden wurde. Die Armee war sich dessen sicherlich bewusst, und auf einer Stabschefsitzung in Orsa am 13. November 1941 wurde berichtet, d ass die Ernährungslage für die Zivilbevölkerung in den Städten "katastrophal" sei.30) Als Kompromiss, aber noch ganz im Sinne des Nationalsozialismus, wurden strenge Richtlinien für die Ernährung der städtischen Bevölkerung festgelegt. Richtlinien wie die des Heeresgruppenkommandos Süd waren typisch für die meisten der besetzten Gebiete.

Tabelle 2 Zivile Rationen in Kalorien pro Tag

Kategorie Kalorien pro Tag "Nützliche Arbeit" 1 200 Kein direkter Nutzen für die deutschen Besatzer 850 Kinder unter 14 420 Juden (jeden Alters) 420 (Mindestrationen für Hilfsarbeiter im Reich für 1941: 1.990 Kalorien.31 ))

Source: Commandant, Division VII, Order No. 26, (100/41) 15. n. 1941, BA-MA, RH 22/9.

30) Christian Streit, Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sow jetischen Kriegsgefangenen 1941 -1945, Stuttgart 1978/1991, p. 157. 31) S. B. Clough, The Economics of World War II, in: Europäische Wirtschaftsgeschichte, London 1968, Tab. 40, S. 477. 177


Dort, wo bestimmte militärische Befehlshaber bereits viele Einwohne r der städtischen Zentren mit Nahrungsmitteln versorgten (wie z. B. in Witebsk), geschah dies häufiger, um Hungerrevolten zu vermeiden und so zu verhindern, dass die Einwohner zu den Partisanen überliefen.32) Der wachsende Bedarf an qualifizierten und ange lernten Arbeitskräften für die Instandsetzung von Straßen und Eisenbahnlinien machte weitere Überlegungen zum Nahrungsmittelbedarf in den städtischen Zentren erforderlich, zumal die Rekrutierung bereits durch die Entvölkerung der Städte erschwert war. Die Berichte aus Smolensk für den Juni 1942 waren ziemlich typisch: "Positive Erscheinungen des Hungers konnten bisher nur deshalb vermieden werden, weil ein großer Teil der Stadtbevölkerung zu Verwandten auf dem Lande abwandern konnte. Die Zahl der Abgewander ten kann auf etwa 12.000 geschätzt werden. Diese Menschen, die für den umfangreichen Arbeitskräftebedarf der Wehrmacht lebenswichtig sind, werden auf dem Lande nur sehr schwer zu beschaffen sein. "33) Eine Verbesserung der Politik war jedoch nur begrenzt m öglich. Die Stadtbevölkerung kam weiterhin eher durch eigene Anstrengungen als durch das Eingreifen der deutschen Verwalter zurecht. Aus Berichten aus Orten wie Rshew (Hamstern) geht hervor, dass die im Spätsommer 1942 noch in der Stadt lebenden Menschen sich nur durch den Anbau von Kartoffeln und Gemüse in behelfsmäßigen Kleingärten über Wasser halten konnten.34) Die Situation in den Städten konnte sich durch die Zwangsdeportation der russischen Zivilbevölkerung ins Reich nur noch weiter verschlechtern. Di e Auswirkungen auf die bereits unterdrückte städtische Wirtschaft waren beträchtlich, da die Deutschen dazu neigten, vorrangig Facharbeiter auszuwählen. In den ländlichen Gebieten trieb das Zwangsarbeitsprogramm auch eine große Zahl junger Menschen zur Flu cht in die Wälder. In Militärberichten wurde immer wieder vor der Bedrohung der örtlichen Landwirtschaft gewarnt, da die wichtigsten Arbeitskräfte ihre Arbeit auf den Feldern aufgaben.35) 32) Korück 582,Tagebuch -Nummer (Tgb. Nr.) 396/8,22.08.1941, BA -MA, RH 23/230. 33) Befehlshaber Heeresgebiet Mitte, Ernährung der Zivilbevölkerung,; 16.06.1942, BA-MA, RH 22/203. 34) Köruck 582, OKI/532 No. 407/42,1.9. 1942, BA -MA, RH 23/247. 35) Field Report of the Military Administration at the High Command of Army Group Center 22. 6.1941 to August 1944,23. 8.1944, BA -MA, RH 1911/34; Müller, Wehrmacht und Okkupation, p. 114 ff.

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In den ländlichen Gebieten wurde allmählich versucht, eine konstruktivere Politik zu verfolgen, die den langfristigen Versorgungsbedarf berück sichtigte und gleichzeitig versuchte, die politischen und sozialen Veränderungen herbeizuführen, die nach Ansicht der Deutschen die Sicherheit in den rückwärtigen Gebieten erleichtern würden. Es wurden Richtlinien erlassen, wonach die Beschlagnahmung zu La sten der Sowchosen (Kolchosen) und Kolchosen (Staatsbetriebe) gehen sollte, wobei jegliches Privateigentum der Bauernschaft als ausgenommen galt. Außerdem wurden Richtlinien für die Beschlagnahme von Vieh festgelegt, wobei bestimmte Kategorien von Tieren, die nicht zur Schlachtung entnommen werden durften, wie z. B. Zuchtbullen, kalbende Kühe oder solche mit hoher Milchleistung, spezifiziert wurden.36) In der Realität wurden diese Richtlinien bei den Beschlagnahmungsaktionen regelmäßig nicht eingehalten. Di e Landwirtschaftsführer warnten auch davor, dass die Beschlagnahmung von Pferden die Preise weiter in die Höhe treiben würde, da die Anbauflächen abnehmen würden. Die Beschlagnahmung von Feldfrüchten wie Kartoffeln ruinierte auch die kleine Brennereiindust rie und die Schweinezucht. Selbst dort, wo die Armee Mindestabgaben vorschrieb und durchsetzte - ein Vorgehen, das sicherlich zeigt, wie weit man sich von der Idee der totalen Ausbeutung entfernt hatte -, waren diese Beträge bei weitem nicht ausreichend. E in Vergleich mit den Erzeugerpreisen im Reich lässt den enteignenden Charakter der Heeresmaßnahmen erahnen. Der Umrechnungskurs von 10 zu 1 war für die Reichsmark äußerst günstig, gemessen am offiziellen Vorkriegskurs von 2 zu 1. Damit sollte der Unterschi ed zwischen dem Lebensstandard der Deutschen im Reich und dem der unterworfenen Völker in den Ostgebieten nicht nur aufrechterhalten, sondern sogar verringert werden.37)

36) Korück 582, Erfassung von Beindvieh, Be fehl Nr. 93, BA-MA, RH 23/234. 37) Bernard R. Kroener et al, Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, vol. 5/1, Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen 1939 -1941, Stuttgart 1988, p. 251 ff.

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Tabelle 3 Von der Wehrmacht gezahlte Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse im Vergleich zu den Reichserzeugerpreisen

Ware Viehbestand Kartoffeln Eier Getreide

Preise pro 100 Kilo (außer wie angegeben) Heeresgruppe Mitte Reich (RM*-Äquivalent) 200 (Rubel) 100 RM 12 (1,2) 6 23 (2,3) 12 22 (2,2) 11

* 10 Reichsmark (rm) = 100 roubles (= $4.00 38 ))

Source: Kommandanten rückwärtiger Armeegebiete (Korück) 582, Festsetzung der Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse beim Ankauf in Russland, 7.8.1941, BA-MA, RH 23/223.

Selbst nach der Einführung einer Art von Bezahlung zeigte das Verhalten vieler deutscher Einheiten ein grobes Missverständnis der bäuerlichen Psychologie. Die Beschwerde, dass die Armee einem Dorfbewohner die "beste" oder "letzte" Kuh weggenommen habe , tauchte so oft in den Militärakten auf, dass sie fast apokryph ist. Selbst in Fällen, in denen die sich zurückziehenden sowjetischen Truppen einem Bauern nur eine einzige Kuh hinterlassen hatten, rief die deutsche Entscheidung, dieses eine und einzige ve rbliebene Tier mitzunehmen, mehr Unmut hervor als die ursprüngliche Entfernung vielleicht des Restes der Herde; vor allem, wenn die letzte Kuh über den Winter behalten worden war.39) Unter solchen Bedingungen hatte die versprochene Entkollektivierung der L andwirtschaft wenig Anziehungskraft, was auch einige deutsche Rückwärtige Kommandanten erkannten: "Der Kleinbauer hat es wirklich schwer.

38) Brandt, Management von Landwirtschaft und Ernährung, S. 116 -119. 39) K. Gen (Kommandierender General), im Heeresg ebiete Mitte, 1a, Tätigkeitsbericht der Abt. la für Monat April 1942, Haltung der Zivilbevölkerung, Briefbuchnummer (Br.B.Nr.) 1694/ 42), 7. 5. 1942, BA -MA, RH 23/232.

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Die Wehrmacht nimmt ihm sein letztes Pferd und oft auch seine letzte Kuh weg... Was nützt dem Bauern die geplante Entkollektivierung, wenn er nicht einmal mehr ein Pferd hat, mit dem er das Land bewirtschaften kann? "40) Ein wesentliches Problem bestand darin, dass die "normale", auf Bargeld basierende wirtschaftliche Verbindung zwischen Stadt und Land durch die Besatzung unterbrochen worden war. Als den Bauern klar wurde, dass die Deutschen keine sinnvollen Anreize für die Ernährung der Stadtbevölkerung zu bieten hatten, versuchten sie oft nicht, wesentlich mehr als für den Eigenbedarf zu produzieren. Da sie selbst Opfer der Beschlagnahmungspolitik der Armee waren (auf die weiter unten näher eingegangen wird), sahen sie wenig Sinn in Programmen, die Produktivität nicht mit einem größeren Anteil an der Produktion, sondern lediglich mit ent schädigungsloser Beschlagnahme oder bestenfalls (wertlosen) Barzahlungen und Versprechungen belohnten. Stattdessen wird in den deutschen Berichten deutlich, dass die Bauern nur dann einen Überschuss erwirtschafteten, wenn sie mit der städtischen Bevölkerung Handel treiben konnten. In der Regel handelte es sich dabei um einen kleinen Tausch, aber in einigen Fällen, vor allem wenn deutsche Truppen im Spiel waren, fand eine Art groß angelegter Handel statt, bei dem Industriegüter gegen Lebensmittel getauscht w urden.41) Dies förderte natürlich das Aufblühen des Schwarzmarktes. Vor diesem Hintergrund erscheint die Einführung von Programmen zur Dekollektivierung der Landwirtschaft (der Agrarerlass vom Februar 1942) als reine Propagandaübung. Die Rückgabe von Land an die Bauern fand mit Sicherheit nie in dem versprochenen Umfang statt. Göring hatte bereits in den ersten Kriegsmonaten im Juli 1941 klargestellt, dass das Kolchos -System beibehalten werden müsse, da man davon ausging, dass eine umfassende Entkollektivierung die deutsche Getreideversorgung gefährden würde. So behielt auch der Agrarerlass im Wesentlichen eine Struktur nach sowjetischem Vorbild bei, mit obligatorischen Arbeitstagen und Ablieferungspflichten. Außerdem wurden weiterhin Grundsteuern erhoben, d ie regelmäßig erhöht wurden. Die neuen "Genossenschaften" kamen im Wesentlichen den deutschen Besatzern zugute, nicht den Bauern, die sie gründeten.42)

40) Br.B.Nr. 1694/42,7. 5.1942, BA -MA, RH 13/232. 41) Köruck 582 OKI/532 Nr. 2401/42,11.6.1941, BA -MA, RH 23/147. 42) On decollectivization see: Ralf Bartolcit, Die deutsche Agrarpolitik in den besetzten Gebieten der Ukraine vom Sommer 1941 bis zum Sommer 1942 unter besonderer Berücksichtigung der Einführung der "Neue Agrarordnung," Dissertation, Hamburg 19 87.

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In den Berichten aus Brjansk für das Frühjahr 1942 wird z. B. viel über die Feierlichkeiten berichtet, die die deutsche Armee anlässlich der Teilung der örtlichen Kolchoswirtschaft veranstaltete, aber in späteren Berichten wird darauf hingewiesen, dass es weiterhin ernsthafte Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Lebensmitteln gab und dass es notwendig war, die Requisitionsmengen zu erhöhen.43) Ein Vergleich zwischen dem Leben unter dem ehemaligen sowjetischen System und den Bedingungen unter dem "neuen" deutschen System ist schwer zu konstruieren. Es wurde jedoch auf der Grundlage sowjetischer Zahlen für 1938 und deutscher Prognosen für 1943 angenommen, dass die Bauern unter den Kommunisten 27 Prozent ihrer Produktion behalten hätten, während die Nazis den Bauern nur 22 Prozent zugestanden hätten.44) Dennoch waren die Deutschen bei der Einziehung ihrer "Ansprüche" zweifellos weniger effizient als die Sowjets, nicht zuletzt, weil die Bauern offenbar besser in der Lage waren, mehr vor dem Okkupanten zu verbergen. Dennoch kam es in den Gebieten, in denen landwirtschaftliche "Reformen" durchgeführt wurden, zu einem deutlichen Anstieg der Partisanenangriffe. Ironischerweise führte dies zwar häufig zur Beschlagnahmung von allem, was die Deutschen zurückge lassen oder vermisst hatten, aber die Deutschen ergriffen häufig "kollektive Vergeltungsmaßnahmen" gegen solche Gebiete, ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Beziehungen der örtlichen Bevölkerung zu den Partisanen. In Anbetracht der langfristigen Ziele der deutschen Besatzer geht die Behauptung, es sei eine große Chance verpasst worden, das Land nicht zu privatisieren und umzuverteilen, am wahren Wesen der nationalsozialistischen Ziele vorbei.45) Wie bereits angedeutet, hing das Dekollektivisadon letztlich von einer Art solider Geldwirtschaft ab. Reichskreditkassenscbeine - eine Form von Schuldscheinen - waren von den Besatzungsbehörden für Transaktionen mit der einheimischen Bevölkerung eingeführt worden, um eine massive Erhöhung der Geldmenge zu verhindern , die die Preise in die Höhe getrieben hätte. Eine Änderung des ursprünglichen Konzepts infolge des Ausbleibens eines raschen Sieges bedeutete nun, dass die Deutschen einen daraus resultierenden raschen Rückgang des Lebensstandards vermeiden wollten, da di e Einheimischen dies eher mit der deutschen Präsenz in Verbindung bringen würden, als dass sie es als Ausdruck der Unzulänglichkeiten des ehemaligen 43) Zum letztendlichen Scheitern der Agrarpolitik, siehe: Korück 559 (Smolensk), Br.B.Nr. 11/ 43, August 1 943, BA-MA, RH 13/155. 44) Dallin, Deutsche Herrschaft, S. 375. 45) John Barber und Mark Harrison, The Soviet Home Front, 1941 -45. Social and Economic History of the USSR in World War II, London 1991, S. 103. erhöhten jedoch die Geldmenge, und die Preise s tiegen wie erwartet. 182


sowjetischen Wirtschaftssystems ansehen würden. Die überhöhten Ausgaben der einzelnen Soldaten, die häufig Bargeld aus der Heimat verwendeten, Schuldscheine wurden zunehmend wertlos. In Anbetracht der Tendenz der Armee, die rückwär tigen Gebiete wie eine Halbkolonie zu behandeln, trug dies nur dazu bei, die Verbreitung von Hartgeld weiter zu fördern. Eine Überprüfung der Feldpost ergab nämlich, dass Soldaten nach Hause schrieben und um die Zusendung billiger Waren aus Deutschland bat en, um mit der Bevölkerung zu handeln.46) Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung lassen sich in gewissem Maße an den entstandenen Schwarzmarktpreisen ablesen:

Tabelle 4 Offizielle und tatsächliche Lebensmittelpreise: Feldkommandantur W alki, Juli 1942 (Preise in Rubel)

Lebensmittel 1kg Brot 1 Ei 1 Liter Milch 1 Liter Sonnenblumenöl

Offiziell 1,20 0,80 1,20 14,50

Unoffiziell 150 8 20 280

Source: Feldkommandantur Walki, Durchführung der Agrarordnung, 17. 07. 1942, BA-MA, RH 23/20.

Anders betrachtet kann man jedoch argumentieren, dass der Schwarzmarkt zusammen mit dem Harter das Funktionieren des Systems ermöglichte.47) Er ermöglichte es, die Städte unabhängig von der offiziellen deutschen Politik zu ernähren, und er erleichterte den Warenverkehr. In jedem Fall florierte er, da er ohne massive polizeiliche Maßnahmen seitens der Besatzer nicht wirklich kontrolliert werden konnte.

46) Der Kommandierende General der Sicherungstruppen und Befehlshaber im Heeresgebiet Mitte (Ao/Abw in 828 /42), Tauschhandel mit russischer Bevölkerung, 2.12.1942, BA -MA, RH 22/235. 47) Siehe die Belege aus anderen Ländern des besetzten Ostens. Zum Beispiel: J.T. Gross, Polish Society under German Occupation. The Generalgouvernement 1939 -1944, New Jersey 1979. S. 109-113. 183


Das heißt nicht, dass es keine Probleme gab. Während die offiziellen Brotpreise in Smolensk von 4 Mark pro Kilogramm im Sommer 1942 auf 25 Mark ein Jahr später stiegen, lagen die Schwarzmarktpreise bis zu einem Faktor von 100 höher.48) Die offizielle deutsche Enteignungspolitik im großen Stil war eine Sache, die inoffizielle Großplünderung durch die Besatzungsmacht eine andere. Obwohl auf höchster Ebene betont wurde, dass es sich bei den rückwärtigen Gebieten um ein ausschließliches deutsch es Wirtschaftsland handele und Plünderungen streng bestraft würden, wurden sie in immer größerem Umfang fortgesetzt. Die Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft lassen sich nicht genau beziffern. Aus den Aufzeichnungen der Militärregierung geht jedoch hervo r, dass das Problem während der gesamten Besatzungszeit weit verbreitet war und ein großes Ausmaß annahm. Um ein einziges repräsentatives Beispiel aus der Anfangszeit des Krieges zu nennen: Aus den Berichten für Witebsk von Mitte August 1941 geht hervor, d ass die Stadt eine Art offene Stadt geworden war. Die Truppen hatten große Mengen an Lebensmitteln entweder unter Androhung von Gewalt oder durch Vorlage gefälschter Beschlagnahmungsformulare abtransportiert. In den umliegenden Gebieten war das Vieh ein be sonderes Ziel. Von den 200 Kühen des örtlichen Kollektivs waren nur noch acht übrig geblieben; bis auf zwölf waren alle ohne Quittung oder Bezahlung entwendet worden. In lokalen Berichten aus Toropjez wurde berichtet, dass die Landwirte nicht bereit waren, weiterhin Lebensmittel zu liefern, nachdem das Armeehauptquartier im Distrikt sich geweigert hatte, Zahlungen für gefälschte Anforderungsscheine zu leisten. Soldaten überfielen sogar Bauern auf dem Weg zu den Märkten in den Städten, und in einigen Fällen wurden ganze Wagen und Pferde gestohlen.49) Auch hier kann man jedoch einige dieser Aktivitäten in einem anderen Licht sehen, da sie den Warenverkehr in einer Wirtschaft erleichtern, in der die "normalen" Transaktionsformen nicht mehr funktionieren können. Auch im Fall von Witebsk überfielen Soldaten die örtlichen Fabriken und Geschäfte, um Materialien zu beschaffen, die sie mit der örtlichen Landbevölkerung gegen Eier und Mehl zu tauschen versuchten. In einem Fall wurde ein Holzlager ausgeräumt und eine Mi llion Sperrholzplatten (im Wert von über 3 Millionen Rubel) gestohlen. In einem anderen Fall wurden 15 Tonnen Salz von deutschen Soldaten entwendet, die einige Zeit später bei Verhandlungen mit den örtlichen Bauern wieder auftauchten.50) 48) Situation repo rt of the district administration, Smolensk, July 1943, BA MA, RH 13/155. 49) Numerous files including: OKH GenStd.H.Az 965/42, 25. 7.1941 and Korück 582, Ortskommandantur 1/532 4.10.1941,BA -MA, RH 23/223. 50) Korück 582, Ortskommandantur 1/532 Witebsk 396 /8, 22.08.1941, BA-MA, RH 23/230. 184


IV. Eine Bilanz

Die Ausführungen in diesem Beitrag beruhen fast ausschließlich auf den Akten der deutschen Militärregierung und bieten somit eine ganz andere Perspektive auf die Lebensverhältnisse der dortigen sowjeti schen Bevölkerung. Die alltägliche Existenz der Bewohner der besetzten Gebiete hing in hohem Maße von den Maßnahmen der militärischen Besatzer ab, und in diesem Sinne hat der Rückgriff auf deutsche Quellen einen Grund, der die vorläufigen Schlussfolgerunge n dieses Papiers bestimmt. Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik kann, wie eingangs festgestellt, nicht von der nationalsozialistischen Rassenpolitik losgelöst werden. Dennoch sahen sich die deutschen Besatzer aufgrund der sich verschlechternden militärischen Lage gezwungen, einige der drakonischeren Aspekte der ursprünglichen Pläne für die besetzten Gebiete der Sowjetunion abzumildern. Ein solcher Schritt beruhte auf einfachem Pragmatismus und hatte kaum Konsequenzen für rassische Gruppen, insbeson dere die jüdische Bevölkerung, die unter keinen Umständen von den ursprünglichen Plänen zur Ausrottung und Umsiedlung ausgenommen werden konnte. Die in den Ghettos eingeschlossenen Juden, die einer sofortigen Umsiedlung bisher entgangen waren, durften nich t einmal Märkte besuchen und versuchten aus Verzweiflung, Bauern auf dem Weg in die Städte zu überfallen, was die deutsche Wahrnehmung, sie seien nichts weiter als "Banditen", nur noch verstärkte. In der Tat hatten die deutschen Heeresbeamten zweifellos se hr feste Vorstellungen von allen Russen, die sie kontrollierten. Es herrschte sicherlich die feste Überzeugung, dass die einheimischen Bewohner des Ostens als "weniger entwickelte" und von Natur aus "minderwertige Völker" einen Lebensstandard, der mit dem ihrer deutschen Herren vergleichbar war, weder erwarten noch brauchen konnten. Die besetzte Sowjetunion war eine riesige Kolonie, die einen bedeutenden Teil des deutschen wirtschaftlichen Ausbeutungsgebietes bildete, und die Bewohner hatten bestenfalls ein en Status, der diese Einstellung widerspiegelte. Die Deutschen strebten nach möglichst niedrigen Preisen, Löhnen und Lebensstandards.51) Darüber hinaus hinterließen die verheerenden Auswirkungen des deutschen Rückzugs, wenn überhaupt, nur wenige Anzeichen für den Nutzen der deutschen Besatzung. In den Fallstudiengebieten dieser Abhandlung haben möglicherweise bis zu 250.000 Zivilisten (ohne Juden) ihr Leben verloren. Die 51) Dallin, Deutsche Herrschaft, S. 403 ff. 185


Zerstörung von Wjasma, Ghatsk und Rshe w führte zu über 150.000 Flüchtlingen, und in allen drei Städten blieben weniger als 800 Gebäude jeglicher Art erhalten. In der Umgebung von Systschewka verschwanden 137 der 248 Dörfer des Bezirks, ein typisches Szenario, das sich in der gesamten Region wiederholte.52) Es mag daher abwegig erscheinen, die Frage zu stellen, ob die Bewohner der besetzten Ostgebiete überhaupt einen Nutzen aus der deutschen Präsenz gezogen haben. Ohne das Ausmaß des durch die deutsche Invasion verursachten Leids schmälern zu wo llen, ist es dennoch von historischem Wert, die damit zusammenhängende Frage zu stellen, wie die Mehrheit die Besatzung überlebte und wie unterschiedlich sie dabei vorging. Zunächst einmal ist es nicht einfach, dies zu quantifizieren. Gespräche mit Histori kern der Sowjetunion haben kaum Anhaltspunkte für die Zeit vor 1941 erbracht, an denen man die späteren Veränderungen messen könnte. Deutsche Wirtschaftsberichte deuten darauf hin, dass der Vorkriegsstand in vielen Teilen der Fallstudiengebiete sehr niedri g ist, obwohl der Kommunismus mehr als zwanzig Jahre andauerte. Die Erwartungen in, sagen wir, Smolensk waren sicherlich sehr unterschiedlich zu denen in, sagen wir, Stuttgart. Um dies zu verdeutlichen, muss man sich nicht dem nationalsozialistischen Denke n über die angeborene Rückständigkeit der Russen und die Mängel des Kommunismus als Wirtschaftssystem anschließen. Vielmehr vermittelt es einen Eindruck von den enormen Auswirkungen einer zerstörerischen Besatzung auf ein bereits unterentwickeltes System.5 3) Die Stadtbevölkerung litt eindeutig unmittelbar unter den Folgen der anfänglichen deutschen Politik. Spätere Maßnahmen zur Wiederbelebung der Industrie scheiterten im Wesentlichen an der Zerstörung der grundlegenden Infrastruktur, und die Unterbrechung der Verbindung zur Lebensmittelversorgung auf dem Lande wurde durch das Ende der "normalen" Bargeldwirtschaft noch verschärft. Die Auswirkungen auf die städtische Bevölkerung waren jedoch nicht einheitlich. Die wirtschaftlichen Bedingungen erschwerten die Wiederherstellung beschädigter industrieller Großanlagen, was zusammen mit den phantasievollen deutschen Vorstellungen über die Schaffung einer angemessenen Sozialstruktur für den besetzten Osten das Aufblühen des Handwerks begünstigte.

52) Müller, Wehrmacht und Okkupation, p. 158 ff. 53) German translations of "Ekonomitscheskaja Geografia SSR" by Baranski (1939/vF), lodged in the Wirtschaftsinstitut für Oststaaten (Königsberg), BA MA, RH 6/217.

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Die Bezahlung für Arbeiten, die die deutschen Besatzer als nützlich erachteten, erfolgte zunehmend in Reichsmark, und da die Werkstätten Waren wie landwirtschaftliche Geräte herstellten, die leicht gegen Lebensmittel getauscht werden konnten, verbesserte sich das Los dieser sozioökonomischen Gruppe weiter.54) Mit dem Wegfall eines Großteils der einheimischen Fachkräfte durch Einberufung, Inhaftierung in den Kriegsgefangenenlagern, Tod und spätere Deportation ins Reich dürften sich die Chancen für einige der Zurückgebliebenen erhöht haben, darunter auch für diej enigen mit zaristischem Hintergrund, die unter dem nun nicht mehr existierenden Sowjetregime an den Rand gedrängt worden waren. Die Zivilisten, die in dem beliebtesten Bereich der deutschen Wirtschaft, der Eisenbahn, beschäftigt waren, genossen sicherlich einen relativ höheren Lebensstandard als diejenigen, die in weniger "wichtigen" Berufen tätig waren. Auch wenn es unmodern sein mag, dies zu erwähnen, kam der Umzug der jüdischen Einwohner der Region auch einigen anderen Bewohnern zugute, insbesondere durch die Neuzuweisung von Wohnraum und die Umverteilung von Kleidung.55) Die Lebensbedingungen in den Städten, die durch den Krieg physisch geschädigt waren, wurden durch die massenhafte Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte wahrscheinlich eher verschlecht ert, da dies zu einer Gesellschaft führte, die weniger in der Lage war, sich zu regenerieren. Aber auch dort, wo es zu einem Massenzustrom ungelernter Flüchtlinge kam, führte dies in Verbindung mit der Zwangseinquartierung deutscher Truppen zu einer Verschlechterung des Lebensstandards in vielen städtischen Zentren. In Smolensk zum Beispiel wurden im Juli 1942. etwa 50.000 deutsche Soldaten in der Stadt kaserniert, während zur gleichen Zeit 20.000 russische Flüchtlinge in Kellern und Dachböden lebten. Die Wohnsituation muss ebenso wie die Ernährung, die bei der Messung des Lebensstandards in der Regel dominiert, in jede Analyse einbezogen werden.56) Auf dem Lande kamen einige glückliche Zivilisten aufgrund der schieren Größe des Gebiets bis nach dem ersten K riegswinter nicht mit den Invasionstruppen in Berührung. Doch nach diesem Intermezzo, in dem auch sie eine Atempause von der sowjetischen Autorität genossen, befand sich das

54) Zur "bevorzugten" Stellung der Handwerker siehe: Dallin, Deutsche Herrschaft . S. 379 ff. Auch Vortrag des Befehlshabers Mitte, General von Schenkendorf, 2. Juni 1942, BA-MA, RH 6/217. 55) On this highly controversial assertion see: Schulte, German Army, p. 231; Raul Hilberg, Perpetrators, Victims, Bystanders. The Jewish Catastroph e 19331945, London 1992, p. 214. See also: Claude Lanzmann, Shoah, New York 1985. 56) Lecture of the Central Command, 20.06.1942, BA -MA, RH 6/217. 187


gesamte besetzte Gebiet entweder unter der Kontrolle der Deutschen oder der Partisanen, oder im schlimm sten Fall unter der Kontrolle beider. Die ersten Besuche der Deutschen, die fast alles konfiszierten, was nicht versteckt war, hatten die lokalen Gemeinschaften so sehr verwüstet, dass die nachfolgenden politisch motivierten Pläne zur Reform der Landwirtsc haft zum Scheitern verurteilt waren. Kurzfristig bereicherten sich einige Bauern auf Kosten der Städte: durch das Harter-System und den florierenden Schwarzmarkt.57) Doch obwohl dadurch die traditionelle Aufteilung, bei der die Städte das Land ausbeuteten, durchbrochen wurde, war dies ein Pyrrhussieg. Wo die Einheimischen mit den deutschen Besatzern kooperierten, wurden sie zur klar definierten Zielscheibe für die schlimmsten Exzesse der Partisanen.58) Für die deutschen Besatzer hatte jede Andeutung einer v erweigerten Zusammenarbeit in der Regel unterschiedliche Formen der Bestrafung zur Folge, einschließlich weit verbreiteter kollektiver Repressalien gegen Gemeinden, die auch nur im Verdacht standen, Aufständische zu beherbergen. Die Maxime, dass sich die Bauernschaft unerbittlich zwischen dem deutschen Hammer und dem sowjetischen Partisanenamboss befand, ist schwer zu widerlegen.59) Die "Überlebensstrategien" zwangen zweifellos viele, für die deutschen Besatzer zu arbeiten, nicht nur auf dem Land oder in de r örtlichen Industrie, sondern auch in den militärischen Verteidigungseinheiten und Polizeiformationen. Die Gehälter für die Mitglieder des Ordnungsdienstes beispielsweise waren angesichts der Entscheidung, ab dem Winter 1942 Reichsmark auszugeben, sicherl ich attraktiv.

Tabelle 5 Tagessätze für die lokalen russischen Verteidigungseinheiten (Ordnungsdienst) Ca. 6.11.1941 Anführer Stellvertreter OD-Mann

Alleinstehende Männer 10,00 Rubel 7,50 5,00

Mann mit Familie 15,00 Rubel 12,50 5,00

57) Dallin, German Rule, p. 394. 58) Erich Hesse, Der Sowjetrussische Partisanenkrieg 1941 bis 1944 im Spiegel deutscher Kampfanweisungen und Befehle, Göttingen 1994. 59) Dallin, German Rule, p. 71.

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Ca. 12.11.1942 Anführer Stellvertreter OD-Mann

Alleinstehende Männer 3,30 RM 1,50 0,80

Mann mit Familie 4,80 3,00 1,80

Source: Korück 582, Annexes to the War Diary (KTB), Einzelbefehlezum Einsatz in Russland, 9. 5-31.12.1941, BA-MA, RH 23/228; AOK 9, extract from Annex 5, No. 8000/ 42, BA-MA, RH 23/251.

In den meisten Fällen taten diese Menschen jedoch einfach das Beste, was sie tun konnten, um ihre Häuser und Familien in einer Situation zu schützen, die sie nicht selbst verschuldet hatten. Am Ende verloren die meisten praktisch alles, entweder durch die Evakuierung nach Westen mit den sich zurückziehenden deutschen Truppen ab 1943 oder, was noch schlimmer war, durch die wiederhergestellten sowjetischen Behörden. Ein Aspekt der Lage der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten, der manchmal übersehen wird, ist die D ominanz der Frauen. Da die überwiegende Mehrheit der sowjetischen Männer in den Vernichtungslagern eingesperrt war oder sich in die Wälder geflüchtet hatte, waren die meisten Bewohner der Gebiete unter deutscher Militärkontrolle weiblich. In den rückwärtig en Gebieten der Heeresgruppe Mitte zum Beispiel waren über 75 Prozent der Bevölkerung weiblich. Erschwerend kam hinzu, dass viele der verbliebenen männlichen Einwohner nur Kinder oder Jugendliche waren. Angesichts des Mangels an tauglichen Männern in den b esetzten Gebieten versuchte das Heer, seine eigenen Personalprobleme durch den Einsatz von Frauen und Mädchen zu lösen. So wurde zunächst vorgeschlagen, die wenigen verbliebenen Männer zur Arbeit zu zwingen, während für die Frauen ein bezahltes und freiwil liges System eingeführt werden sollte. Als jedoch nicht genügend Frauen zur Verfügung standen, wurden Richtlinien erlassen, die den Einsatz von Frauen als Arbeitskräfte forderten, um die verfügbaren Männer für andere Aufgaben, insbesondere in den örtlichen Verteidigungseinheiten, freizustellen. Es wurden Richtlinien für alle weiblichen Arbeitseinheiten aufgestellt. Diesen Einheiten wurde eine hohe Arbeitsbelastung auferlegt, nicht nur in Bezug auf die zugewiesenen Aufgaben, sondern auch durch die Festlegung einer Mindestwochenarbeitszeit von 54 Stunden. Im Winter 1942 wurden alle Mütter mit Kindern zum Schneeräumen eingeteilt, und um dies zu erleichtern, planten die Heeresbehörden die Einrichtung von Kindergärten, in denen ältere Frauen als Betreuerinnen fun gierten.60) 60 Korück 581 (OKH Mitte),H.Gr.Wi.Fü/Kdr.d.Kgf./O.Qu2, Br.B.Nr.9035, BA MA, RH 13/151. 189


Als grober wirtschaftlicher Anreiz wurden extrem niedrige Löhne gezahlt. In den Verwaltungsrichtlinien wurde sogar behauptet, dass Frauen durch das Angebot von bezahlter Arbeit ein wirksames Mittel zur sozialen Reform sein könnten. Einige deutsche Beamte gingen sogar so weit zu argumentieren, dass die Bevorzugung unverheirateter Frauen bei der Arbeit eine wirklich soziale Maßnahme im Gegensatz zur Leibeige nschaft im Bolschewismus darstelle. Solche Ideen waren eher die Domäne einiger weniger "Romantiker", ebenso wie die Vorstellung, dass Einheimische zu Besuchen ins Reich geschickt werden sollten, um mit positiven Erfahrungen von deutscher "Sauberkeit" und "Effizienz" zurückzukehren, die sie in ihren Heimatgemeinden verbreiten könnten.61) Bei einer angemessenen Bewertung der Auswirkungen des Krieges ist zu beachten, dass die Verwüstungen, die durch die deutsche Evakuierung der besetzten Gebiete entstanden, du rch die sowjetische Reaktion auf diesen Rückzug noch verschlimmert wurden, insbesondere durch die Aktionen der Partisanen. Vieles von dem, was die Deutschen aufgebaut hatten, wurde einfach zerstört, und zwar nicht nur durch ihre eigenen Hände, sondern auch durch die Partisanen, die versuchten, sowohl den Abtransport von Ressourcen nach Westen zu verhindern als auch diejenigen zu bestrafen, die - aus welchen Gründen auch immer - mit den Besatzern zusammengearbeitet hatten. Das Ausmaß der von den Partisanen a ngerichteten Schäden lässt sich an den Monatszahlen der Wirtschaftsinspektion Mitte für Mai 1943 ablesen. Etwa 100 Kollektive und kleine Kraftwerke waren außer Betrieb gesetzt worden, Tausende von Nutztieren sowie erhebliche Mengen an landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten wurden gestohlen und eine Reihe von Lagerhäusern geplündert.62) Damit soll nicht die letztendliche Verantwortung der deutschen Invasoren für das Schicksal der während des Krieges besetzten Gebiete geleugnet werden, aber für viele einf ache Sowjetbürger, die unter den Folgen zu leiden hatten, unabhängig davon, welche "Seite" als Akteur auftrat, war die Unterscheidung etwas zu fein. Der Konjunktiv ist natürlich nur in kontrafaktischen historischen Gesellschaftsspielen möglich. Dennoch bes teht eine Möglichkeit, die Auswirkungen der nationalsozialistischen Politik auf den Lebensstandard der einfachen Russen, die sich unter deutscher Besatzung befanden, zu bestimmen, darin, über die kurzfristigen Einflüsse hinauszugehen, die durch die Erfordernisse des Pragmatismus geschaffen wurden, um zu überlegen, was

61) Schulte, German Army, p. 164 ff. 62) Annex to the excerpt from the secret report of the Economic Inspectorate (Wi In) Mitte, Verluste in der Wehrwirtschaft im Bereich der Wi In Mitte, Ma y 1943, BA-MA, RH 6/417. 190


passiert wäre, wenn die Deutschen den Krieg nicht verloren hätten.63) Die "Nischenwirtschaft", die sich entwickelte, als die deutschen Besatzer durch die Umstände gezwungen waren, ihre ursprüngliche drakonische Politik zu ändern, kann ein verzerrtes Bild einer wieder aufgebauten östlichen Gesellschaft entstehen lassen, die von Handwerkern und befreiten Bauern bevölkert war. In Wirklichkeit gelang es zwar einer begrenzten Anzahl sozialer und wirtschaftlicher Gruppen, die veränder te Situation zu nutzen, doch handelte es sich dabei in erster Linie um eine Strategie des kurzfristigen Überlebens. In den utopischen Projektionen der nationalsozialistischen Zukunft war das Schicksal praktisch der gesamten einheimischen Zivilbevölkerung d er besetzten Ostgebiete eher zu befürchten als zu begrüßen.

63) See, for example: Ralph Giordano, Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg, Hamburg 1989, p. 153 ff.

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Gabriella Etmektsoglou

Veränderungen in der zivilen Wirtschaft als Faktor der Radikalisierung der populären Opposition in Griechenland, 1941-1944

I. Einleitung

Die Interpretation der griechischen Kriegserfahrungen ist hauptsächlich ein Artefakt der Nachkriegsentwicklung. Als die "Dritt e Runde" des griechischen Bürgerkriegs1) im Herbst 1949 mit dem vollständigen Sieg der politischen Rechten endete, schrieb die neue griechische Führung die Misere des Landes dem "Kommunismus" zu, während die Auswirkungen der Ausbeutung durch die Achsenmächte wenn nicht vergessen, so doch begraben wurden. Bis 1974 blieb die Interpretation der Kriegsgeschichte das Monopol der "siegreichen" Rechten, die versuchte, die Nationale Befreiungsfront (EAM) zu dämonisieren und griechische Kollaborateure als Verteidige r der Nation darzustellen. Mit ihren polemischen Werken prägte die Rechte das politische und intellektuelle Leben Griechenlands so stark von den Erfahrungen des Bürgerkriegs2) , dass die griechische nationale Widerstandsbewegung der Kriegszeit von der

1) Als "Erste Runde" werden die Kämpfe bezeichnet, die im Oktober 1943 zwischen linken und rechten Widerstandsgruppen begannen. Die "Zweite Runde" dauerte von Dezember 1944 bis Januar 1945 und endete mit einer kommunistischen Niederlage. Die "Dritte Runde" b egann im Februar 1946 und dauerte bis Oktober 1949. Offiziell wurde das Ende des Bürgerkriegs erst im Juli 1961 von der siegreichen rechtsgerichteten Regierung in Athen verkündet. Siehe: Hagen Fleischer,The Last Round of the Civil War: Developments and Stagnation in Historiography Conceming Axis -Occupied Greece, 1941 -1944, in: L. Macrakis and P. N. Diamandouros (Eds.), NewTrends in Modem Greek Historiography, Hanover, N. H. 1981, p, 151. 2) Fleinz Richter, 1936 -1946: Dyo Epanastaseis kai Antepanastaseis ste n Hellada, Bd. 1, Athen 1975, S. 162 ff.

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griechischen Regierung erst im August 1982 offiziell anerkannt wurde.3) Die Wiederherstellung der Demokratie im Jahr 1974 führte zu einem großen quantitativen Aufschwung in der Kriegsliteratur, doch die überwie gende Mehrheit der Monographien befasste sich erneut mit denselben alten Themen: 1) die Spaltung der politischen Elite - des so genannten "politikos kosmos" (politische Welt) - über die Frage der Rückkehr des Königs bei der Befreiung Griechenlands; 2) die politische Charaktersierung der griechischen Widerstandsbewegung; 3) und die ausländische Einmischung in die griechische Politik, mit besonderem Augenmerk auf die britischen Kriegstaktiken und ihre Folgen.4 ) So in die innenpolitischen Entwicklungen Griech enlands verstrickt, hat die griechische Geschichtsschreibung den wirtschaftlichen Aspekten der Achsenherrschaft nur eine untergeordnete Rolle eingeräumt, wobei die Hungersnot im Winter 1941/42, die die Aufhebung der alliierten Wirtschaftsblockade im Sommer 1942 und die Organisation eines internationalen Hilfsprogramms für Griechenland erforderlich machte, fast das einzige wirtschaftliche Thema dieser Periode war, dem eine gewisse Aufmerksamkeit zuteilwurde - vielleicht weil es moralisch so aufgeladen ist.5)

3) Bis 1974 wurde die Beteiligung an der antifaschistischen griechischen Widerstandsbewegung als unpatriotisches Verhalten verurteilt. Nach dem Sturz der griechischen Junta (1967 -1974) verkündete der neue Premierminister Konstantinos Karamanles eine Gene ralamnestie und erlaubte die Rückführung griechischer Kommunisten aus ihrem Exil in osteuropäischen Ländern. Aber erst 1981, als die sozialistische Regierung von Andreas Papandreou (pasok) das Gesetz zur Anerkennung des Widerstands des griechischen Volkes gegen die Besatzungstruppen von 1941 bis 1944 einführte, wurde die Sichtweise des Kalten Krieges endgültig revidiert. Siehe Apostolos Papandreou, Kokkine Phloga. Dokimio gia ten Ethnike Antistase, Athen 1988, und Christophe Chielct, Les communistes grees d ans la guerre. Histoire du parti communiste de Grece de 1941 à 1949, Paris 1987, S. 174. 4) Nicolas Svoronos, Greck History, 1940 -1950. The Main Problems, in: John Iatrides (Hrsg.), Greece in the 1940s. A Nation in Crisis, Hannover/London 1981, S. 1-14. 5) In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden größere Anstrengungen unternommen, um die Verwüstung Griechenlands während der Besatzungszeit zu dokumentieren, als dies in den 1950er bis 1980er Jahren der Fall war. Die ruinösen Auswirkungen der Aneignung durch die Achsenmächte und insbesondere der Hungertod der griechischen Bevölkerung im Winter 1941/42 wurden in vielen offiziellen und halboffiziellen Veröffentlichungen der griechischen Exilregierung und der Alliierten in den späten 1940er Jahren 193


Glücklicherweise hat sich in den 1980er Jahren ein neuer historiographischer Trend entwickelt, und die Folgen der deutschen und italienischen Ausbeutung sind in den Mittelpunkt zahlreicher Arbeiten gerückt.6) Diese Studien stützen die Ansicht, dass die politischen u nd sozioökonomischen Entwicklungen während und nach dem Krieg stark von der Ausbeutung und dem willkürlichen Terror der Achsenmächte beeinflusst wurden. Vor dem Hintergrund des Zusammenhangs zwischen dem durch die Politik der Achsenmächte verursachten mens chlichen Leid und der Massengewalt zielt dieser Beitrag darauf ab, das wirtschaftliche Leben im besetzten Griechenland - insbesondere die materiellen Bedingungen der einfachen Menschen - darzustellen und Einblicke in einige Formen des Widerstands zu geben, zu denen das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, der Ungerechtigkeit und der Empörung der Menschen sie veranlasste. Die von mir untersuchten Quellen erlauben einen besseren Einblick in die Haltung als in die Stimmung der Bevölkerung; sie liefern jedoch genügen d Beweise dafür, dass die durch die Ausbeutung und die willkürliche Gewalt der Achsenmächte verursachte tiefgreifende sozioökonomische Verwerfung die Opposition gegen die Autorität sowohl der Besatzer als auch des griechischen politischen Establishments im In- und Ausland hervorrief und einen fruchtbaren Boden für die Ausbreitung einer autonomen Widerstandsbewegung schuf, in der die Kommunisten eine zentrale Rolle spielten.

erörtert. Darüber hinaus erschienen während der "Dritten Runde" des Bürgerkriegs an gesichts der bulgarischen Unterstützung der EAM/ELAS Partisanen Berichte über bulgarische Kriegsgräuel in Thrakien und Mazedonien. Diese Arbeiten wurden jedoch zu früh veröffentlicht, um deutsche, griechische, italienische und bulgarische Archivquellen unt ersuchen zu können. 6) For example, Anke Wappler, Grundzüge der Okkupationspolitik des faschistischen deutschen Imperialismus gegenüber Griechenland von März 1943 bis zum Oktober 1944, Ph. D. diss., Berlin (Ost) 1986; Rainer Eckert, Vom "Fall Marita" zur " wirtschaftlichen Sonderaktion". German Occupation Policy in Greece from April 6, 1941 to the Turn of the War in February/March 1943, Frankfurt a.M. 1992; Mark Mazower, Inside Hitler's Greece. The Experience of Occupation, 1941 -44, New Haven 1993; Gabriella Etmektsoglou, Axis Exploitation of Wartime Greece, 1941 -1943, Ph. D. diss., Ernory University 1995. The experience of the Greek territori es annexed by Bulgaria has not received much attention in recent historiography.

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II. Nahrungsmittelanforderungen der Achsenmächte und die Hungersnot von 1941/42

Die entsetzliche Hungersnot von 1941/42 hatte den größten Einfluss auf die Meinungsbildung der griechischen Bevölkerung während der Besatzung.7) Die Hauptursachen für die Ernährungskatastrophe waren: eine al lgemeine Verringerung der verfügbaren Nahrungsmittel, das Plünderungsregime der Achsenmächte und eine große Zahl von Besatzungstruppen, die vom Land lebten, der Zusammenbruch der Kommunikation zwischen den produzierenden und den nicht produzierenden Gebiet en, das Versäumnis, ein umfassendes System der Lebensmittel - und Preiskontrolle einzuführen, die Verlagerung von Waren auf den Schwarzmarkt und die Seeblockade der Alliierten. Der Getreidemangel in Griechenland zu Friedenszeiten wurde nach dem Angriff Italiens im Oktober 1940 alarmierend. Die Einfuhren aus den traditionellen Versorgungsmärkten, die 40 Prozent des gesamten Weizenverbrauchs8) gedeckt hatten, konnten wegen der Blockade nicht mehr gesichert werden.9) Erschwerend kam ein deutlicher Rückgang der Inlandsproduktion hinzu, der durch die allgemeine Mobilisierung und die Beschlagnahmung von Traktoren, Pferden und anderen Zugtieren durch die Armee negativ beeinflusst wurde. Im April 1941 wurde die Frühjahrsaussaat durch den deutschen Einmarsch

7) For a definition of the concept of "popular opinion" and a discussion of the difficulries involved in finding and interpreting material which allow an analysis of opinions and attirudes see: Marlis G. Steinert, Hitlers Krieg und die Deutschen. Stimmung und Haltung der deutschen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg, Düsseldorf/Wien 1970, pp. 17 -48. 8 Anòtaton Oikonomikon Symvoulion, Bericht Nr. 26, S. 177, zitiert von A. F. Freris, The Greek Economy in the Twentieth Century, London 1986, S. 96. Siehe auch Chrestos Euelpides, He Georgia tes Hellados. Oikonomike kai Koinonike Apopsis (Athen 1944), S. 171. Er schätzt, dass die lokale Getreideproduktion im Jahr 1939 73,8 Prozent des Verbrauchs deckte. Zwischen 1928 und 1932 betrugen die jährlichen Einfuhren durchschnittl ich 612.000 t. 1937 waren sie auf 507.000 t gesunken. Siehe The Royal Institute of International Affairs, Information Department, South -Eastern Europe: A Political and Economic Survey, London 1939, S. 160. 9) Bericht Nr. 1547, 2. Januar 1941, Bundesarchiv -Militärarchiv (BA-MA), Wi/ICI. 10.

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unterbrochen, so dass die Ernte nur zwei Drittel des Durchschnitts von 1935 38 betrug.10) Nach der Kapitulation Griechenlands am 23. April wurde die Kornkammer von Maas-Donia und Thrakien, die 1938 21,15 Prozent des gesamten Weizens des Landes produziert hatte, unter bulgarische Herrschaft gestellt.11) So waren bis zum Spätsommer nur 240.000 Tonnen Getreide für die Versorgung der deutschen und italienischen Zone, in der 89 Prozent der Gesamtbevölkerung Griechenlands lebten, und für die 250.000 Mann der Besatzungsarmeen12) gesichert, verglichen mit den 1,2-1,4 Millionen Tonnen (Importe plus einheimische Erzeugnisse), die in Friedenszeiten für das gesamte Land zur Verfügung standen.13) Wahllose direkte Plünderungen und Beschlagnahmungen durch die Besatzer verschärften die allgemeinen Auswirkungen des Krieges auf die Lebensmittelversorgung und gefährdeten die griechische Ernährung ernsthaft. Das gesamte Vieh (einschließlich der Milchviehbestände), Gemüse, frisches und get rocknetes Obst, Getreide (zusammen mit Saatgut für die Herbstaussaat), Zucker, Honig, Fette, Olivenöl und Oliven, Käse, Wein, Johannisbeeren und Kaffee wurden von den Deutschen beschlagnahmt. Eine große Anzahl von Kühen wurde geschlachtet, was zu einer erheblichen Verringerung des heimischen Milchangebots führte.

10) Völkerbund, Abteilung für Wirtschaft, Finanzen und Transit, World Economic Survey. Zehntes Jahr 1941/42,Genf 1942 Nachdruck 1972,S. 58. 11) According to official data from the Greek Statistica l Bureau. Soterios Gotzamancs, Memorandum on Greece's National and State Economic Situation, September 1941, Bundesarchiv Koblenz (BA), R 2/313, table on p. 71. 12) Akten zur deutschen auswärtigen Politik (ADAP), Serie D (D), XIII. 2, no. 420, pp. 554 ff; Konstantinos Logothetopoulos, Idou He Alcthcia, Athens 1948, p. 62 f. 13) Copy of note on meeting Ministerialdirektor Dr. Moritz Kriegsverwaltungsrat Overkott on the food situation in Greece, 24 June 1941, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (aa), B onn (PA-AA), Handelspolitik (HaPol) iva, Greece, Landwirtschaft 26,1; "Dringend lösungsbedürftige griechische Wirtschaftsfragen," 17 June 1941: ibid -, Wirtschaft 2. 1. in 1940 Grcece had produced 904,600 tons of wheat and another 273,100 tons had bcen imported; the respective sums for 1938 are 980,300 tons production and 474,600 tons imports; see Gotzamanes, Memorandum, tables on p. 60, p. 66 (slightly different figures on pp. 1 f).

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Die gesammelten Waren waren für den Verzehr durch die deutsche Besatzungsarmee und auch für den Versand ins Reich bestimmt14). "Die Erzeugnisse wurden direkt aus dem Boden geholt", informierte Ruth Parmelee, Direktorin der amerikanischen Frauenkrankenhäuser in Griechenland, "die Kartoffeln, wie sie gegraben wurden, die Traub en, wie sie gepflückt wurden. Tomaten wurden eingemacht und verschickt, Kartoffeln wurden vor dem Versand gebraten. In wenigen Wochen war es ein ernstes Problem, etwas zu essen zu finden. "15) Aus deutschen Aufzeichnungen geht hervor, dass von Mai bis September 1941 beschlagnahmte Waren im Wert von 4,2 Millionen Reichsmark nach Hause verschifft wurden.16) Gleichzeitig "kauften" Angehörige der deutschen Streitkräfte alle Arten von Konsumgütern und Grundnahrungsmitteln mit Reichskreditkassenscheinen (RKKS), d ie von speziellen Militärbanken ausgegeben wurden und keinen realen Geldwert hatten.17) Die italienischen Träume von der Ausbeutung wurden durch die zupackende Haltung ihres Verbündeten zunichte gemacht: Als im Juni 1941 der größte Teil Griechenlands unter italienische Kontrolle gestellt wurde, waren die meisten sichtbaren Bestände in deutscher Hand.18)

14) Charalambos Theodörides, Ho Cheimonas tou 1941 -1942. Chroniko tis Katoches, Ateena 1980, lk 49. 15) Ruth Parmelee ja Emilie Willms, Kolm korda "Ei", in : David W. Homer (toim.), Kreeka võitleb. The People Behind the Front, New York 1942, lk 52. 16) Eisenlohr (AA) Beauftragten für den Vierjahresplan, HaPol. 657/41 geheime Reichssache (g.Rs.),9. Oktober 1941, BA-MA, RW 29/95. 17) Panagiotes Dertiles, Arithm oi kai Keimena ton Exodon Katoches kai hoi Axioseis tes Hellados, Archeion Oikonomikön kai Koinonikon Epistemon vol. 44 (1964), lk. 49z f.; Mazower, Inside Hitler's Greece, l k. 24. 18) Nach Aufzeichnungen der italienischen 11. Armee wurden zwischen dem 22. Juli und November 1941 87 Tonnen Käse, 308 Tonnen Olivenreste, 1.153 Tonnen Wein und 40.000 Tonnen Johannisbeeren aus der Produktion von 1940 beschlagnahmt; Comando Superiore Forze Armate Grecia, Ufficio Operazioni, Situazione economica e organizzazione c ivile nei territori occupati, Secret, Beilage B zum Dokument Nr.. 0219058, 14. November 1941, Diari Storici Commando Supremo Regio Esercito (csre), za Guerra Mondiale, B 632, Archivio Storico dell'Ufficio Storico dello Stato Maggiore dell'Esercito (ASUSSME ), Rom.

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Die Plünderungs- und Beuteziele der deutschen Truppen wurden sogar von der Abwehr kritisiert.19) Ein Beispiel dafür ist die Beschlagnahmung von 875 von 1000 Kisten Kondensmilch, die Mussolini für arme Kinder in Athen und Piräus geschickt hatte; Wehrmachtsvertreter lieferten sie an deutsche Einheiten auf dem Weg nach Russland.20) Trotz der dramatischen Lebensmittelknappheit schwankte die deutsche Politik von Mai 1941 bis zum Frühjahr 1942 zwischen zwei Tendenzen: derjenigen, die Beschlagnahmun g von Lebensmitteln fortzusetzen und die Verantwortung für die Linderung der sich anbahnenden Hungersnot auf die Italiener abzuwälzen, und derjenigen, begrenzte Mengen an Getreide zu schicken, um Hungerrevolten zu verhindern. Im Mai 1941 drängte Günther Al tenburg, der Bevollmächtigte des Reiches in Griechenland, Emil K. J. Wiehl, den Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung in Berlin, die sofortige Verbringung von Brotgetreide aus dem Reich oder aus Drittländern zu veranlassen; Brot sei aus den griechisc hen Märkten verschwunden; in den Städten Athen und Saloniki herrsche bereits Hungersnot21); und "Griechenland würde zu einem politischen und militärischen Unruheherd werden "22), wenn sich die Ernährungslage nicht verbessere, warnte er. In der Zwischenkrie gszeit hatten der internationale Handel und die Gewinne aus dem Export wertvoller Feldfrüchte (Tabak, Johannisbeeren, Rosinen, Wein und Oliven) der griechischen Bevölkerung den höchsten Lebensstandard auf dem Balkan beschert23); dennoch blieb ein Oka Laib Weizenbrot (2,8 Pfund) für einen großen Teil der arbeitenden Bevölkerung die wichtigste tägliche Nahrungsgrundlage. 19) Lebensmittellage in Griechenland, 5. Juni 1941, zitiert von Mazower, Inside Hitlers Greece, S. 24; Carlo Geloso, Due Anni in Grecia al C ommandodell'tia Armata, 23 aprile 1941 - 3 maggio 1943, asussme, Diari Storici CSRE, B 1393 A, S. 57 f. 20) Giorgos Sepheres, Politiko hemerologio. A': 25 noemvre 1935 - 13 oktovre 1944, Athen 1979, S - 45 f- Paul Thom vom Amerikanischen Roten Kreuz in Griechenland hatte die Information, dass dieses "Geschenk" von der amerikanischen Regierung als Gegenleistung für die Lieferung von Milch durch das Amerikanische Rote Kreuz an Italiener in den britisch kontrollierten afrikanischen Gebieten gefordert worden war . Siehe Laird Archer. Balkan Journal, New York 1944, S. 232 und S. 238. 21) Telegramm Altenburg an das AA Nr. 106 g., 7. Mai 1941, PA -AA, Büro Staatssekretär (St.s.), Griechenland, Bd. 2, S. 127536. 22) Telegramm Altenburg an das AA Nr. 301 g., 15. Mai 194 1, ebd., S. 117594. 23) Südosteuropa, S. 158 ff. 198


Als Mitte Juli 1941 die Brotgrundration von 800 bis 900 Gramm24) auf 180 Gramm reduziert werden musste,25) versprach Italien die Lieferung von 8.000 Tonnen Weizen zu schicken, vorausgesetzt, Griechenland könnte zahlen.26) Ausführliche Berichte der zivilen und militärischen Verwaltung in Griechenland, in denen die Auswirkungen des Zusammenbruchs der Lebensmittelversorgung auf lebenswichtige wirtschaftliche Interessen des Reiches geschildert wurden, überzeu gten Berlin von der Notwendigkeit, die deutsche Zone mit 10.000 Tonnen Weizen aus dem Banat zu versorgen.27) Italien sandte die gleiche Menge in seine Zone.28) Weitere Lieferungen von 40.000 Tonnen Getreide für die Monate Oktober bis Dezember 1941 und 15.000 Tonnen pro Monat von Januar bis Juni 1942, vor allem aus Bulgarien und der Türkei, wurden eingeplant. Doch mit Ausnahme der ersten 20.000 Tonnen wurden alle anderen Lieferungen verschoben. Auch Bulgarien weigerte sich unter Berufung auf einen erhöhten E igenbedarf, Getreide nach Griechenland zu exportieren29), obwohl die tägliche Pro -Kopf-Ration 750 Gramm betrug - mehr als das Doppelte der durchschnittlichen europäischen

24) 453,6 Gramm= 1 Ib. 25) Memorandum Tsolakoglou an Altenburg, 15. Juli 1941, PA -AA, HaPol Clodius, Akten betr. Griechenland, Bd. 5, S. E226756 -E216764. 26) Telegramm Karl-Friedrich von Graevenitz an AA, Hapol Nr. 814, 19. Juli 1941, BA-MA, Wi/ICI. ia. 27) Aufzeichnung des Leiters der Handelspolitischen Abteilung, 15. September 1941, in: adap, d, XIII.2, Nr. 28 Italienischen Quellen zufolge lieferte Italien im November 1941 11.346 t Lebensmittel nach Griechenland. 28) Nach italienischen Angaben lieferte Italien im November 1941 11.346 t Lebensmittel nach Griechenland. Der Duce veranlasst e auch, dass 2 Millionen Doppelzentner Mehl (1 ctw = 50,80 kg), 300 Doppelzentner Käse, 500 Stück Biskuit und 100 Dosen Fleisch aus Militärbeständen an die Bevölkerung geliefert wurden; Documenti Diplomatici Italiani. IX, VII, Nr. 782, S. 794f.; und VIII, Nr. 202, S. 116. 29) Tätigkeitsbericht WiRü Amt/Athen vom 1.11. -30.11.1941 Nr. 57/41 g. an Oberkommando der Wehrmacht (okw) WiRü Amt Stab Ia, 9. Dezember 1941, BA-MA, Wi/lCI. 10; Telegramm Deutsche Botschaft in Sofia (Hermann Landwehr) an das AA Nr. 1105, It Oktoher 1941, PA -AA, HaPoI. Ciodius, Bulgarien, Bd. 2, S. E227401 ff.; Clodius, Sonderaufzeichnung für eine Unterhaltung mit dem bulgarischen Außenminister über wirtschaftliche Fragen, 13. November 1941; ebd., S. E227414 f.

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Ration - und die Athener mit 96 Gramm pro Tag (sofern verfügbar) auskommen mussten.30) Die Information, dass die Alliierten Hilfslieferungen nach Griechenland in Erwägung zogen, veranlasste das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, die Lieferungen aus deutschen Bes tänden auszusetzen. Auch das Auswärtige Amt argumentierte, dass keine dringenden außenpolitischen Gründe vorlägen, die eine Versorgung Griechenlands auf Kosten des deutschen Volkes rechtfertigen würden31); auch gebe es keinen Artikel in der Haager Konvention, der einen Besatzer zur Ernährung der eroberten Bevölkerung verpflichte.32) Außerdem gehöre Griechenland zu Italiens Lebensraum; wenn man eine solche Verantwortung anerkenne, falle sie allein Italien zu.33) Görings Vierjahresplan -Organisation betonte, d ass, wenn das Reich Lebensmittel in besetzte Gebiete schicken solle, die Interessen der deutschen Militärwirtschaft es geböten, Belgien, Holland und Norwegen den Vorrang zu geben.34) Daher sollten nur etwa 60.000 griechische Arbeiter, die bei der Wehrmacht beschäftigt waren, und die Vermieter von einquartierten deutschen Soldaten sollten von den Heereskommissariaten in ihren Gebieten zusätzliche Verpflegung erhalten.35)

30) Eisenlohr (AA) an den Beauftragten für den Vierjahresplan, HaPoI. 657/41 g.Rs., 9. Oktober 1941, BA-MA, RW 29/95; Telegramm Altenburg an das AA Nr. 1553 g., 24. September 1941, BA -MA, Wi/ICI. iA. 31) Besprechungsnotiz Nr. 13717/41 g. an V.O. WiRüAmt/L, 17. September 1941, ebd. 32) Das gleiche Argument wurde 1915 in Bezug auf Belgien verw endet. Siehe Geoffrey Best, Humanity in Warfare. The Modern History of the International Law of Armed Conflicts, London 198 3, S. 228 f. 33) Telegramm Karl Ritter an das AA Nr. 1085 g., 10. Oktober 1941, PA -AA, Büro st.s., Italien, Bd. 6, S. 372761; Bismar ck Nr. 2510 g., 11. Oktober 1941, ebd., Bd. 9; und Eisenlohr, 22. Oktober 1941, HaPoI iv b 7496, PA -AA, HaPol Wiehl, Italien, Bd. 14, S. E253138. 34) Aufzeichnung des Leiters der Handelspolitischen Abteilung, in: ADAP, D, XIII.2, Nr. 323, p.420. 35) Note of Envoy Eisenlohr Concerning Grain Supply to Greece, Dir. Hapol no. 428,24 October 1941, in: ibid., no. 420, p. 556.

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Trotz heimischer Engpässe36) lieferte Italien bis Ende September 1941 aus eigenen Beständen insgesamt 12.556 Tonnen - doppelt so viel wie Deutschland - vor allem an die Ionischen Inseln, Häfen der griechischen Westküste und die Kykladen.37) Zweifelsohne war das Motiv der italienischen Politik nicht rein humanitär. Deutschland monopolisierte zwei Drittel des griechischen Exporthandels, und der Duce erwartete zu Recht, dass sich dies zu Italiens Gunsten ändern würde, nachdem es die Aufgabe der Ernährung der Bevölkerung übernommen hatte.38) Unterdessen häuften sich die Fälle von Hungertoten auf den Straßen Athens.39) Doch trotz des italien ischen Drucks willigte Bulgarin nur in begrenzte Lieferungen von 3.700 Tonnen Hülsenfrüchten und Reis ein, die über die Ella-Türkische Handelsgesellschaft organisiert wurden, die auch Waren aus Serbien, Ungarn, Rumänien und der Türkei nach Griechenland ver schiffte, im Austausch gegen griechische Exporte von Olivenöl, Salz, Kolophonium, Terpentinöl und einigen anderen Gütern.40) Der italienische Bevollmächtigte in Griechenland, Pelegrino Ghigi, verlangte, dass alle lokalen Erzeugnisse, die nicht für den Trup penverbrauch benötigt werden, der griechischen Regierung zur Verteilung an die Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden und dass

36) Die offizielle Tagesration an Brot war auf 150 Gramm pro Kopf gesunken; W. N. Medlicott, The Economic Blockade, Bd. 11, London 1959, S. 272. 1942 importierte Italien 82.455 Tonnen Weichweizen, von denen 54.895 Tonnen aus Deutschland und der Rest aus den Balkanländern stammten; 58.810 Tonnen Roggen, alle aus Deutschland; und 64.117 Tonnen Mais aus den Balkanländern. Im selben Jahr exportierte Italien 149.612 Tonnen Weizen; siehe: Istituto Poligrafico, Annuario Statistico Italiano, 1944; S. 16, S. 22, S. 28, und S. 37, zitiert von Angela Raspin, The Italian War Economy 1940 - 1943. With Particular Reference to Italian Relations with Germany, New York 1986,S.402 37) Telegramm Hans -Georg von Mackensen an das AA Nr. 1484 g., 10 O ktober 1941, PA-AA, Büro st.s., Griechenland, Bd. 2, S. 127709. 38) Telegramm Clodius/Bismarck Nr. 2675 g., 24. Oktober 1941, und Telegramm Nr. 2033 g., 15 . November 1941, PA-AA, ebd., S. 127720, 127733 f. 39) Note by Envoy Schmidt (Office of the Reich Foreign Minister [RAM]) on the conversation between the RAM and the Italian Foreign Minister in Berlin, 25 November 1941, in: ADAP, D, XIII.2,no. 501, p. 678. 40) Ibid, no. 420, p. 555J telegram Landwehr/Beckerle to the AA no. 1205, 11 October 1941, PA-AA, HaPol. Clodius, Bulgaria, vol. 2, p. E227403; enclosure to agenda for monthly meetings to be held at the Plenipotentiary of the Reich for Greece on June 9 an d 10, 1942, HaPol IVa 5535/42, pa -aa, HaPol IVa, Greece, Economic 1,1. 201


weitere Exporte aller Arten von Grundnahrungsmitteln in Drittländer gestoppt werden, es sei denn, sie würden durch die Einfuhr anderer lebenswichtiger Güter nach Griechenland ausgeg lichen.41) Carl Clodius, stellvertretender Leiter der Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amtes, vertrat die Ansicht, dass man Deutschland "wichtige Genussmittel" nicht vorenthalten dürfe und dass diese allein den Nahrungsmittelmangel in Griechenland nich t lindern könnten. Auf Druck Roms sagten die Deutschen im November 1941 die Lieferung von 10.000 Tonnen Weizen und etwas Zucker sowie die Verteilung von 500 Tonnen beschlagnahmten Olivenöls zu.42) Im selben Monat wurden jedoch im Gebiet des Kommandanten Sü dgriechenland 214.000 kg verschiedener Lebensmittel und 900.000 Äpfel beschlagnahmt.43) Bei einem Gespräch zwischen Joachim von Ribbentrop und dem Grafen Galeazzo Ciano im November kam das Thema Griechenland zur Sprache, und letzterer erwähnte seine Befürc htung einer Hungerrevolte in Athen, die möglicherweise gewaltsam niedergeschlagen werden müsste. Ciano begründete die Situation nicht nur mit dem tatsächlichen Mangel an Vorräten, sondern auch mit der Unfähigkeit der deutschen und italienischen Behörden, das Problem zu lösen. Es war die "Doppelherrschaft", die sie ineffizient machte, so der italienische Außenminister, und er war der Meinung, dass ihre jeweiligen Aufgabenbereiche klarer definiert werden müssten. "Die Aufteilung des Kommandos zwischen uns und den Deutschen", hatte Ghigi ihm mit "tiefem Unglück" gestanden, ,,lähmte[d] viele Unternehmungen und ... belastete] die Ernährungslage in Athen mit zu vielen schwerfressenden Offiziersgangstern".44)

41) Telegramm Altenburg an die AA Nr. 2044 g., 16. Nove mber 1941, PA-AA, Büro St.S., Griechenland, Bd. 2, Bl. 127735 f. 42) Telegram Clodius to Altenburg [without number] g., 17 November 1941, PA-AA, HaPol. Clodius, Griechenland, vol. 5, pp. E226838 -E226843. 43) Anlage 3 zum Lagebericht des Wehrmachtintendante n beim Befehlshaber (Bfh.) Süd-Griechenland für den Monat November 1941, BA -MA, RW 40/125, p. 447. 44) Hugh Gibson (Hrsg.), The Ciano Diaries 1939 -1943. The Complcre, Unabridged Diarics of Count Galeazzo Ciano Italian Minister of Foreign Affairs, 1936-1943, Garden City, N.Y. 1945 reprint 1973,p. 389 (9. Oktober 1941).

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Italien wolle Hungerunruhen um jeden Preis vermeiden, so Ciano gegenüber Ribbentrop, und obwohl "auch die Italiener ihre Gürtel bis zum letzten Loch einziehen "45), werde seine Regierung versuchen, Lebensmittel ins Land zu bringen. Angesichts der steigenden Zahl der Todesopfer46) ergriff Altenburg die Initiative, für den griechischen Verbrauch 700 Barrel beschlagnahmtes Olivenöl aus Kreta zuzuteilen, das für den Versand ins Reich vorberei tet war.47) Leider gingen im Januar 1942 14.000 Tonnen Getreide, Medikamente und Treibstoff, die auf zwei Schiffen von Italien nach Griechenland transportiert wurden, verloren, als die Schiffe von den Briten versenkt wurden.48) Der Mangel an Schiffsraum un d die zunehmenden Gefahren auf dem Seeweg nach Piräus verzögerten weitere Transporte. Angesichts der dramatischen Lebensmittelknappheit versuchte das griechische kollaborative Regime, ein umfassendes System der Kontrolle über alle lebenswichtigen landwirts chaftlichen Erzeugnisse durchzusetzen. Das Hauptziel war Getreide. So ordnete das Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung an, es in den landwirtschaftlichen Gebieten einzusammeln und über ein Rationierungssystem an die unproduktiven städtischen Gebiet e zu verteilen. Empört über die Beschlagnahmung von Ernten und Vorräten durch die Achsenmächte, verteidigten die 1.300.000 Kleinerzeuger von Brotgetreide ihre Freiheit, über ihre Produkte zu verfügen, und umgingen die staatlichen Vorschriften, die die Lief erung ihrer Ernten zu festen Preisen vorschrieben, die weit unter denen des freien Marktes lagen.49) Als die Preise für Lebensmittel stark anstiegen, reagierten die Bauern, indem sie entweder Vorräte anhäuften oder ihre Erzeugnisse privat an Schwarzhändler und die Militärbehörden der Achsenmächte verkauften. Zynischer Opportunismus war zweifelsohne das Hauptmotiv vieler Bauern.

45) lbid.,p. 390(11. Oktober 1941). 46) Eilbrief des italienischen Außenministeriums Nr. 08404, 22. Januar 1942, Gab.A.P.- Grecia, Serie Affari Politici, 1931 -1945, Archivio Storico Diplomatico del Ministcro degli Affari Esteri Rome (asdmae), Grecia, B 21, pos. 16. 47) Schreiben der Firma Fertsch & Laelsz, Hamburg an das Rcichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 19. Dezembe r 1941, PA -AA, HaPol iva, Griechenland, Handel 30 -5. 5. 48) Medlicott, Wirtschaftsblockade, 11, S. 266, Anm. 2. 49) Official figure for 1940, in Memorandum from the Greek Government to Altenburg, 15 July 1941, PA -AA, HaPol Clodius, Akten betr. Griechenland, vol. 5, p. E226758.

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Für einige war die Unzufriedenheit jedoch eine Form des Widerstands: Sie glaubten, dass ihre Ernte nicht in die Städte gelangen würde, sondern an die Armeen der Achsenmächte in Nordafrika verschifft werden würde - eine Ansicht, die auch von den demobilisierten Offizieren geteilt wurde, die für die Lebensmittelsammlung zuständig waren. 50) Die Bemühungen von Geörgios Tsolakoglou von April 1941 bis Dezember 1942 Chef der Kollaborationsregierung. - in einer öffentlichen Erklärung v om Oktober 1941, die Erzeuger psychologisch zu mobilisieren, um zum physischen Überleben ihrer Mitbürger beizutragen, scheiterten.51) Die Zwangssammlung blieb erfolglos, da das Regime nicht über starke politische Methoden verfügte, um seine Dekrete gegen d ie weit verbreitete Hortung von Rohstoffen durchzusetzen, die durch die explodierende Inflation und die Spekulationsmöglichkeiten des Schwarzmarktes gefördert wurde.52) Nur ein Zehntel der Menge, die zur Versorgung der städtischen Bevölkerung benötigt wurde, konnte tatsächlich sichergestellt werden.53) Auch die Besteuerung der Landwirte in Form von Naturalien (Zahlung von 10 Prozent ihrer Bruttoproduktion) und eine Dreschsteuer (8 Prozent auf Weizen und Roggen und 9 Prozent auf Gerste und Hafer) konnten nic ht wirksam durchgeführt werden.54) 1942 erbrachte die Steuer in natura nur 40.000 Tonnen.55 )

50) Mazower, Inside Hitler's Greece, S. 27. 51) Er erinnerte sie auch daran, dass sie vor einigen Jahrzehnten durch die Agrarreform zu Landbesitzern geworden ware n und dass es nun an ihnen war, etwas für die Nation zu tun; Diakeryxis pros tous Hellenas ypo tou Strategou Georgiou Tsolakoglou, Proedrou tes Kyverneseos, Athen 1941, S. 12 f. 52) Wie Thomadakis betont, "ist die Fähigkeit eines Staatsapparats, Rohstoffe von einem Produzenten zu requirieren, durch dessen Fähigkeit zur Verschwendung, Sabotage, Konfiskation oder falschen Darstellung der Produktion begrenzt"; siehe Starvos Thomadakis, Black Markets, Inflation, and Force in the Economy of Occupied Greece, in: John O. Matrides (Hrsg.), Greece in the 1940s. A Nation in Crisis, Hannover 1981, S. 6z. 53) Stephen G. Xydis, The Economy and Finances of Greece under Occupation, N. Y. 11944], S. 54) Dimitrios Delivanis und William C. Cleveland, Greek Monetary Developments 1939-1948- A Case Study of the Conscquences of World War 11 for the Monetary System of a Small Nation, Bloomington, Ind. 1949, S. 70; Bericht des Vorstands der EIIa -Turk trading Company vom 15. Juli 1942, Archiv des griechischen Außenministeriums ( A.Y. E./1944/KC/19. 55) Bericht Emil Sandström, Lebensmittelversorgung.

5.

Dezember

1943,

A.Y.E./1943 -44/KC/ 204


Zu den Schwierigkeiten des bäuerlichen Widerstands kamen noch Kommunikationsprobleme hinzu. Die Aufteilung Griechenlands in eine deutsche, eine ital ienische und eine bulgarische Zone verhinderte zum Beispiel den Transport von überschüssigem Getreide und Gemüse aus der deutschen und der bulgarischen Zone im Norden und von Olivenöl aus Kreta und Mytilene auf das Festland in den Raum Athen -Piräus.56 ) Ob wohl das Dekret vom 14. November 1941, das den Transport zwischen verschiedenen Teilen des griechischen Territoriums praktisch verbot, dahingehend geändert wurde, dass der Transport von 28 Pfund pro Person von einer Besatzungszone in eine andere erlaubt wa r, blieben die strengen gesetzlichen Verbote der unkontrollierten Verteilung von Lebensmitteln, selbst innerhalb der einzelnen Zonen, bestehen. Der offensichtliche Zweck der "Blockierung" der lokalen Versorgung bestand darin, die Beschaffung von Lebensmitt eln durch die Achsenmächte zu niedrigen Preisen zu erleichtern.57) Daher hatten selbst Regierungsbeamte, die über eine Sondergenehmigung zum Überschreiten der Wirtschaftsgrenzen verfügten, immer noch mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, um die geringe Menge gesicherter Lebensmittel in die Hauptstadt zu bringen. Die Lebensmittel konkurrieren mit anderen Gütern wie Treibstoff und Rohstoffen für die im Auftrag der Achsenmächte arbeitenden Industrien und der Versorgung der Truppen in Nordafrika um den Transportraum. Für die Kommunikation mit den Inseln stellten die Achsenmächte nur wenige Segelschiffe unter 15 Tonnen zur Verfügung. Da die griechische Kollaborationsregierung nicht in der Lage war, die Nahrungsmittellieferungen zu kontrollieren, waren die offiziellen Zuwendungen völlig unzureichend und meist nur auf dem Papier verfügbar. Fleisch und Molkereiprodukte waren ab August 1941 nicht mehr erhältlich, und Olivenöl, Rosinen und Zucker wurden nur noch selten verteilt. Außer Brot war nur etwas Reis rationiert. Der Brennwert der aktuellen Rationen betrug 183 im November 1941, 410 im Dezember, 355 im Januar 1942 und 204 im Februar.58) "Man fragte sich, ob es nicht ein bisschen gefährlich sei, einem hungernden Volk mitzuteilen", bemerkte Ralph Kent, D irektor des Athens College, "dass es fünfundzwanzig Dram Zucker pro Person und Monat, fünfzig Dram Reis und neuneinhalb Dram Kaffee haben könnte - wenn man fünf Monate lang spart, würde man eine schwache Tasse Kaffee bekommen. "59) 56) Geloso, Due Anni, pp . 55 f.;Thomadakis, Black Markets, p. 65. 57) Xydis, Economy, p. 15; enclosure 1 to report Oberbefehlshaber (Obfh) Südost no. 6311 g., 2.1 May 1943, Italian Purges in Greece, BA -MA, RH 19 VII/53, p.98. 58) Demetrios Gatopoulos, He Martyrike Zoe tes Sklavia s sten Athena (kata toetos 1941),Historikon Archeion Ethnikes Antistaseos,voi. 5 (1958/59), p. 61. 59) Griechenland kämpft, S. 63,1 oka = 400 dramia = 2,81 lbs. = 1,28 kg. 205


Die Lebensmittelknappheit war so akut, dass die Auslage von anderen Lebensmitteln als Gemüse und Nüssen in Geschäften und Restaurantfenstern verboten wurde.60) Die städtischen Zentren waren am stärksten von der Lebensmittelknappheit betroffen, wobei Athen und insbesondere die Hafenstadt Piräus in den ersten anderthalb Jahren der Besat zung am stärksten ausgehungert wurden. Im Vorkriegsjahrzehnt hatte fast ein Fünftel der griechischen Bevölkerung in Attika gelebt, und seit dem italienischen Angriff auf Griechenland im Oktober 1940 hatte sich die Zahl der Einwohner fast verdoppelt. Flücht linge aus den an Albanien angrenzenden Gebieten hatten sich bei Ausbruch der Feindseligkeiten in den Süden geflüchtet, und im Frühjahr 1941 folgten die Einwohner Thrakiens und Mazedoniens, die vor den Bombardements der Achsenmächte und nach der Besetzung G riechenlands vor der bulgarischen Herrschaft flohen.61) "Das Hungerpferd der sprichwörtlichen Vier [war] bereits auf dem Vormarsch unter den Arbeitslosen, den Flüchtlingen und den Familien der mobilisierten Männer mit der plötzlichen Einstellung der staatlichen Subventionen", als die Deutschen am 27. April in Athen einmarschierten.62) Nach der Demobilisierung der griechischen Armee strömten auch Tausende ehemaliger Soldaten in die überfüllte Hauptstadt, in der Hoffnung, einen Transport in ihre Heimat zu bek ommen, und waren gezwungen zu bleiben. Die Verringerung der Nahrungsmittelversorgung traf die arbeitende Bevölkerung der Stadt am härtesten. Die durchschnittliche tägliche Kalorienzufuhr eines Arbeiters, die vor dem Krieg zwischen 2.500 und 3.000 Kalorien gelegen hatte, sank im entscheidenden Winter 1941/42 auf 875 Kalorien pro Tag. 63) Einem Bericht des Internationalen Roten Kreuzes (IRC) zufolge verbrauchten zwei Erwachsene mit zwei Kindern im Zeitraum von November 1938 bis Januar 1939 durchschnittlich 7. 300 Kalorien pro Tag, während sie im Zeitraum von Dezember 1941 bis März 1942 nur noch durchschnittlich 3.530 Kalorien zu sich nahmen.64 ) 61) John Louis Hondros, Occupation and Resistance. The Greek Agony, 1941 44, N.Y. 1983, S. 68. 62) Archer, Balkan Jou rnal, S. 189 f. Archer war Mitglied des Personals der amerikanischen Botschaft in Athen. 63) International Labor Organization, Labor Problems in Greece. Report of the Mission to Greece, October -November 1947, Geneva 1949, S.28. 64) Greece's supply during o ccupation 1941-1944 and during the first five months after liberation. Final Report of the Management Commission for the Relief in Greece under the auspices of the International Committee of the Red Cross, Athens 1949, pp. 608 ff. 206


Da die Wirtschaftstät igkeit aufgrund des Mangels an Brennstoffen, Rohstoffen und Halbfertigprodukten erheblich eingeschränkt war, war ein vorübergehender oder sogar dauerhafter Stillstand das unausweichliche Schicksal der meisten Unternehmen, auch derjenigen, die auf deutschen Befehl arbeiteten. Bis 1942 war die griechische Industrieproduktion auf achtzig bis neunzig Prozent des Niveaus von 1939 gesunken.65) Mehr als die Hälfte der Beschäftigten in der Region verlor ihren Arbeitsplatz. Es wurde ein Gesetz erlassen, das Unterneh men und Fabrikbesitzer dazu verpflichtete, Löhne und Gehälter an arbeitslose Angestellte/Arbeiter weiterzuzahlen66), während die Regierung versuchte, sie durch den Betrieb von Suppenküchen zu unterstützen.67) Da die Lebensmittelpreise stark anstiegen und d ie Einkommen aufgrund der Währungsinflation dramatisch sanken, waren Beamte, Bankangestellte und Angestellte der Privatwirtschaft, Inhaber kleiner Geschäfte und andere Angehörige der Mittelschicht in Athen und Saloniki auf Mahlzeiten, die an ihrem Arbeitsplatz organisiert wurden, und auf Sachleistungen angewiesen, um ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie zu sichern. Suppenküchen für die Armen wurden von Erzbischof Damaskinos, einer Reihe von griechischen Wohlfahrtseinrichtungen, dem IRC68), der Wohlfa hrtsabteilung der EAM, der EA (Nationale Solidarität, gegründet am 27. Mai 1941), und wohlhabenden griechischen Industriellen eingerichtet.69) Aber die Mittel dieser Organisationen waren so gering, dass nur etwa 150.000 Personen, weniger als ein Viertel de r hungernden Arbeitslosen, Flüchtlinge, ehemaligen Soldaten und Kinder, die Nahrungsmittelhilfe benötigten, unterstützt werden konnten. Außerdem waren die Mahlzeiten von geringem Nährwert und Energiewert. In 65) Final Report on the Activities of the Milit ary Administration in Greece, p. 118, geh., BA-MA, RW 40/116b, p. 15 f. 66) Oberregierungsrat Dr. S. Nestler, Das Finanzwesen einschliesslich der Besatzkosten in Griechenland während der deutschen Besatzungszeit 1941 1944, p. 132, pa-aa, Sonderbevollmächti gter Südost, Dienst. Athens, vol. 7. 67) Georgios Tsolakoglou, Apomnemoneumata, Athens 1959, p. 206 f. 68) Evangelos Papastratos (Hrsg.), Commission de gestion des envois des vivrcs du Comite international de la Croix -Rouge en Grece. Rapport final de son activite, octobre 1941 - aoüt 1942, Athen 1945, S. 40 -59. 69)Une soupe populaire au Piree, La Republique, 24. März 1942; Besuch einer Suppenküche in Pireaus, wo Frau Papastratos, Ehefrau eines griechischen Tabakunternehmers, die tägliche Verteilung von Mahl zeiten an Kinder organisierte, die mit vom Internationalen Roten Kreuz (IRC) und anderen Organisationen zur Verfügung gestellten Lebensmitteln zubereitet wurden.

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Saloniki versorgte das örtliche Hilfskomitee 65.000 demobilisierte Soldaten, 30.000 Flüchtlinge aus der bulgarischen Zone und zahlreiche Arbeitslose mit Brotrationen.70) Da die Stadtbevölkerung mit den geringen Zuwendungen des Rationierungssystems nicht überleben konnte, war sie gezwungen, sich aus einer zweiten, besser funktionierenden Zuteil ungsquelle zu versorgen. Die enorme Knappheit der Lebensmittel, der Zusammenbruch der freien Marktwirtschaft und die Unfähigkeit des Kollaborationsregimes, die Verteilung der Produktion zu kontrollieren und eine strenge Preiskontrolle durchzusetzen, führte n dazu, dass die Lieferungen vom Land in die Lager der Profiteure gelangten und dann zu Preisen verkauft wurden, die viel schneller stiegen als die Inflationsrate.71) Schwarzmarktgeschäfte wurden offen abgewickelt. Wie Starvos Thomadakis kritisch feststell t, "war die verräterische Regierung lediglich die administrative Stütze des Kollaborationismus und man konnte nicht erwarten, dass sie sich den Profiteuren, die die wirtschaftliche Seite des Kollaborationismus ausmachten, entgegenstellte".72) Die Regierungsbeamten schlossen sich selbst dem Klub der "großen Profiteure" an, mit den ehemaligen Wirtschaftsministern, PI. Chatzemichales und l. Karamanos, und der Gouverneur von Mazedonien gehören zu den Hauptverdächtigen.73) Zwischen der zivilen und der militärisc hen deutschen Verwaltung herrschte große Uneinigkeit darüber, ob der Schwarzmarkt gefördert oder bekämpft werden sollte. Wenn infolge der Hortung benötigte Güter nicht mehr beschafft werden konnten, war der Schwarzmarkt, der einen großen Teil des Gesamtangebots kontrollierte, eine willkommene Alternative, und die Besatzungsbehörden hatten nichts dagegen, große Summen zu zahlen, da sie sich der RKKS und später großer Mengen von Papierdrachmen bedienten, die für Besatzungskosten gesammelt wurden. Schließlich wurden auch Angehörige der Besatzungstruppen selbst in Schwarzmarktgeschäfte verwickelt. Die Verspätung der Wehrmacht bei der Anpassung der Soldatenbesoldung an die inflationären Verhältnisse in Griechenland, wie sie die italienische Militärverwaltung vorg enommen hatte, veranlasste eine große Zahl von

70) Xydis, Wirtschaft, S. 28 71) Ibid.,p. 18. 72) Thomadakis, Black Markets, S. 76. 73) Mazower, Inside Hitler's Greece, S. 62 f.

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Soldaten zu dem Versuch, ihre Schwarzmarkt geschäfte zu kompensieren.

geringe

Kaufkraft74)

durch

Bald nahmen diese Vorgänge skandalöse Ausmaße an und beschäftigten die Militärgerichte zum Leidwesen ihrer Befehlshaber. So wurden z. B. Genehmigungen für Lieferungen an Bauern auf den Märkten der Nachbarstädte nur gegen eine Geb ühr erteilt, die oft in Naturalien (Teil der transportierten Ware) erhoben wurde. Was die Soldaten behielten, wurde mit großem Gewinn an Kaufleute verkauft. Es gab auch zahlreiche offizielle Wehrmachtsberichte über die alarmierende Häufigkeit, mit der Sold aten griechische Geschäfte und Privathäuser, Militärkantinen und Lagerhäuser plünderten und alles, was sie erbeuten konnten, auf dem Schwarzmarkt verkauften. In Patras wurde Militärbrot von den Italienern für 1.2,00 Drachmen pro Laib verkauft. Xydis behaup tet, dass 60 Prozent der Stadtbevölkerung auf diese Weise mit Lebensmitteln versorgt wurden.75) Die sozialen Ungleichheiten, die das Rationierungssystem nicht auszugleichen vermochte, wurden durch die Zuteilung von Lebensmitteln auf dem Schwarzmarkt noch verschärft. Der Großteil der Stadtbewohner hatte kaum Zugang zu diesem Markt, da die Erhöhungen der Gehälter, Löhne und Renten in keinem Verhältnis zur Abwertung der Währung standen.76) Lebenswichtige Lebensmittel wie Olivenöl wurden oft nur in großen Behäl tern zu 13 Okas zu einem Preis verkauft, der weit über der Kaufkraft der Lohnempfänger lag, die zu Preisen des "freien Marktes" auf weniger als ein Sechstel des Vorkriegswertes gefallen war. 77) Sie und ihre Familien ernährten sich mehr als sechs Monate la ng fettfrei, bis im Winter 1941/42 eine Lieferung von Oliven aus der Türkei eintraf.78) Aber auch die wohlhabenderen sozialen Gruppen mussten Schmuck, Goldmünzen, Möbel, Teppiche, Gemälde,

74) Im November 1942 musste ein Soldat vier Tageslöhne für eine S chachtel Streichhölzer ausgeben; siehe Telegramm von Hermann Neubacher/AItenburg Nr. 2757,26. November 1942, PA-AA, HaPol Wiehl, Griechenland, Aufbaukosten. 75) Xydis, Wirtschaft, S. 19. 76) Schreiben von Tsolakoglou an Gotzamanes Nr. 101, 12. Juli 1942, u nd an Altenburg Nr. 554, 12. September 1942, A.Y.E./ 1942/KK/4/11/1. 77) Thomadakis, Schwarze Märkte, S. 71 f. 78) Brief von Mary [kein Nachname angegeben], 27. April 19 42, A.Y.E/194142/KL/10/1942 A/I .

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Antiquitäten, Kleidung, sogar ihre Schuhe und B etten und schließlich ihre Wohnungen verkaufen, um das Nötigste zu kaufen.79) Immobilien wurden auf dem Schwarzmarkt mit bis zu 5 Prozent ihres Vorkriegswertes gehandelt, und vermutlich mussten hochrangige Regierungsangestellte, Kaufleute und Industrielle, die mit den Deutschen Geschäfte machten, Großgrundbesitzer und Personen, die mit dem Warenverkehr (vor allem mit Lebensmitteln) zu tun hatten, ein großes Vermögen angehäuft haben.80 ) Für die Mehrheit der Bevölkerung, die die Ausbeutung ihrer Not und ihre s Elends durch skrupellose Geschäftemacher ertragen musste, wurden Gier und Eigennutz in den Nachkriegsjahren zu Synonymen für biaktisches Treiben, und Personen mit solchen Eigenschaften werden noch heute als Mauragoriten (Schwarzmarkthändler) verunglimpft . Nur wenige würden den positiven Aspekt der "Schattenwirtschaft" als ein System anerkennen, das die Mehrheit der Mittelschichten in den Städten mit Lebensmitteln versorgte und vielen Arbeitslosen eine Möglichkeit zum Lebensunterhalt bot.81) Im außergewöhn lich kalten und lang anhaltenden Winter 1941/42 machten der Mangel an Vitaminen, Fetten und tierischem Eiweiß, an Kohle82), Strom, warmem Wasser und Kleidung, die verlängerten Arbeitszeiten, die täglichen Strapazen des stundenlangen Schlangestehens und der Essensbeschaffung, die Duldung der Anwesenheit des Feindes und griechischer Kollaborateure, die Sorge um das Schicksal von Verwandten und Freunden es den Menschen fast unmöglich, ihre Gesundheit zu erhalten.83)

79) Thomadakis, Black Markets, S. 73 f.; An dre Kedros, La resistance grecque (1940-1944), Paris 1966, S. 76 und S. 81; Ioanna Tsatsou, Phylla Katoches, 5th Ed. Athen 1987, S. 26. 79) Thomadakis, Black Markets, S. 73 f.; Andre Kedros, La resistance grecque (1940-1944), Paris 1966, S. 76 und S. 81; I oanna Tsatsou, Phylla Katoches, 51h Ed. Athen 1987, S. 26. 80) Thomadakis, Schwarze Märkte, S. 74. 81) Jan Gross, Die polnische Gesellschaft unter deutscher Besatzung. The Generalgouvernement, 1939 - 1944, Princeton 1979, S. 109 und S. 113. 82) Die Besatzun gsbehörden und die griechische Bevölkerung hatten damit begonnen, Holz aus den Wäldern um Athen zu verbrennen. Im Januar 1943 berichtete Altenburg, dass die meisten Wälder in Attika abgeholzt worden waren; siehe Telegramm Altenburg Nr. 129, 14. Januar 1943, PA-AA, Büro St.S., Griechenland, Bd. 4, S. 81741.

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Viele erlagen Tuberkulose, Bronchopneumonie, Krätze, Typhus und Malaria, und es kam zu einer starken Zunahme von Hungerödemen, Rachitis und Magen Darm-Beschwerden.84) Krankenhäuser, Kinderkliniken u nd Heime waren den Epidemien nicht gewachsen; der Mangel an Seife und warmem Wasser, an Impfserum und Medikamenten erschwerte ihre Bekämpfung extrem. Im Sommer 1941 hatten die Deutschen die Krankenhäuser und Laboratorien ihrer medizinischen Vorräte beraubt , und seitdem war keine Lieferung mehr eingetroffen. Unter den Flüchtlingen breiteten sich Läuse in alarmierender Weise aus. Der Bürgermeister von Athen, Angelos Georgatos, setzte sich energisch dafür ein, die Hauptstadt so sauber wie möglich zu halten, un d überwachte den Betrieb der öffentlichen Bäder.85) Um die Ausbreitung von Epidemien einzudämmen, mussten Theater, Cafés und Säle geschlossen werden, was die Not der Bevölkerung noch vergrößerte. Wie bereits erwähnt, war die Unterernährung unter den Armen in den städtischen Zentren am größten. Die Menschen brachen auf der Straße vor Hunger zusammen86); behinderte Veteranen des albanischen Krieges starben in Hauseingängen und auf den Bürgersteigen, wo sie in Lumpen gehüllt um Almosen gebettelt hatten, um sic h warm zu halten. Städtische Fuhrwerke holten die Toten vom Bürgersteig, die manchmal in der Nacht zuvor von Familienangehörigen dorthin gebracht worden waren, um ihre Rentenkarten zu behalten, und brachten sie zu den Friedhöfen, wo sie massenhaft bestatte t wurden.87 ) In seinem Buch Olberge, Weinberge. 83) Die Folgen der Unterernährung in Griechenland, Bericht von Dr. Gregor P. Hadhivassiliou, Dezember 1941; Anlage zum Telegramm Altenburg an das AA Nr. 6118 g., 27. Dezember 1941, PA -AA, HaPol IVa, Griechenl and, Landwirtschaft 26,1. 84) Under German Domination, Greece mid -March-July 1942, Bericht der britischen Botschaft in Bem Nr. P9427,27. Juli 1942, S. 7: A.Y.E/1941 42/KL/12/A/1/XIII; Gatopoulos, Martyrike Zoe, S. 60; Geloso, Due Anni, S. 66 ff. 85) Bericht des Journalisten D. Bogres, veröffentlicht in der türkischen Tageszeitung Batan, 29. Juli 1942: A.Y.E/1942/KC/17. Die Müllabfuhr wurde zu einem akuten Problem. Für diesen Zweck standen keine Lastwagen zur Verfügung, und wenn sich welche finden ließen, ga b es kein Gas für deren Betrieb. 86) Roger Milliex, Hemerologio kai martyries tou polemou kai teskatoches, Athen 1982, S. 36 und S. 40. Er war Mitglied der Fakultät des Französischen Instituts in Athen und verließ Griechenland im September 1942. Siehe auch Theodorides, Cheimonas, S. 103. 87) Ebd., S. 37, S. 84 ff, S. 133; Kedros, Widerstand, S. 80. 211


Ein Griechenland -Buch, Erh art Kästner, der von April 1941 bis Mai 1945 in Griechenland stationiert war und im Luftgaukommando SO II diente, erzählt wortgewaltig die dramatische Geschichte des Todes in Piräus: "Ich erreichte den Rand eines Grabes, so lang und breit wie ein Schulzimmer.... Von der Seite führten die Spuren eines Karrens hinauf zu ihm. Offenbar waren die Leichen tagsüber hierher gebracht und sofor t vom Karren in die Grube gelegt worden, ohne Särge, wie es in Kriegs - und Pestzeiten üblich ist. Diesmal, im Winter 41 42, war es der Hunger.... Die Grube war etwa zur Hälfte gefüllt. Man hatte die Toten eingelegt wie die Früchte, und die Ernte war gut... . Die Gesichter waren vom Feuer des Flungers verzehrt; das Fleisch der Wangen und Lippen floh von den Gebissen zurück, so dass man sich einbilden konnte, sie hätten noch in ihren letzten Minuten daran gedacht, in ein hingehaltenes Stück Brot einzubeißen. "88) Auch die griechische Oberschicht sowie Angehörige der amerikanischen und anderer Kolonien litten unter körperlichen Entbehrungen. Iöanna Tsatsou, die Ehefrau von Professor Konstantin Tsatsos, dem späteren Präsidenten Griechenlands, beschreibt in ihrem Tagebuch ihr Verlangen nach Essen, wenn sie nach langen Stunden der Essensverteilung an die Armen und Kinder in der Stadt in die eisigen Räume ihrer Vorstadtvilla zurückkehrte, hungrig wie die meisten und verzweifelt besorgt über das Schicksal der Kinder Griechenlands in diesem schrecklichen Winter.89) Auf vielen Inseln herrschten Hungersnöte, und die Sterblichkeitsrate überstieg oft die der Region Athen -Piräus. Da nach der Unterbrechung der Handelsschifffahrt zwischen den Inseln keine Lieferungen vom Fest land mehr eintrafen und die Fischerei aufgrund des Verbots der Verwendung von Netzlampen bei Nacht auf kleine Gebiete beschränkt war90), waren die Inselbewohner auf die Erzeugnisse des felsigen, kargen Bodens beschränkt.

88) "Ich erreichte den Rand eines Grabes, das so lang und so breit wie ein Klassenzimmer war. An einer Seite führten Spuren eines Karrens entlang. Offensichtlich hatte jemand die Toten tagsüber zum Grab gefahren und sie vom Karren in die Grube geladen, ohne Särge, wie es in Kriegs - und Pestzeiten üblich ist. Dieses Mal, im Winter 41/42, war es der Hunger.... Die Grube war bis zur Hälfte gefüllt. Die Toten waren wie Früchte ausgelegt worden, und die Ernte war gut.... Die Gesichter waren vom Feuer des Hungers verzehrt; das Fleisch der Wangen und der Lippen zog sich von den Kiefern zurück, so dass man sich vorstellen konnte, ihr letzter Gedanke sei gewesen, in ein ihnen angebotenes Stück Brot zu beißen." Erhärt Kästner, Ölberge, Weinberge. Ein Griechenland-Buch, Frankfurt a. M. 1974, S. 73 -75. 89) Tsatsou, Phylla, S. 27 ff., S. 32f., S. 39 f.; Milliex, Hemerologio, S. 83. 90) Archer, Balkan Journal, S. 217. 212


Fast alle großen Fischerboote waren beschlagnahmt worden91), und die meisten der meist kleinen Fänge wurden von den Besatzungsbehörden beschlagnahmt, bevor die Fischer den Hafen erreichen konnten. Selbst eine so fruchtbare Insel wie Chios litt unter Nahrungsmittelknappheit92), und im Herbst 1941 erteilte der Militärgouverneur den örtlichen Beamten die Erlaubnis, den Kauf von Nahrungsmittel n aus der Türkei zu organisieren. Ein Teil der importierten Lebensmittel wurde von den Deutschen beschlagnahmt, die jedoch einen Teil davon an örtliche Wohltätigkeitseinrichtungen verteilten. Insgesamt war die Mission erfolgreich, aber "es ist zweifelhaft, ob eine ähnliche Delegation irgendeine andere Insel in der Ägäis verlassen durfte".93) Die Situation auf Chios blieb kritisch, und schließlich flüchteten etwa 15.000 Männer, Frauen und Kinder, fast ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, in die Türkei.94) Hund erte von Flüchtlingen von anderen ägkanischen Inseln, "verkrüppelt wie Sardinen, halbnackt [und] oft mehr tot als lebendig", wurden nach Zypern evakuiert. Ein britischer Korrespondent, der ihre Ankunft beobachtete, berichtete aus Nikosia, dass "sie sich wi e Tiere auf das Essen stürzten".95) Ein Kreter erinnert sich mit bewundernswertem Humor an die Erfahrung des Hungers: "Damals wurde das Schneckenreich am stärksten angegriffen. Jede Nacht zogen die Dorfbewohner zu Hunderten aus, bewaffnet mit Ölkännchen un d Fackeln, auf der Suche nach dem unbezahlbaren Schatz, der die luxuriöseste Speise war, die man in einem Haus oder einer Herberge finden konnte. Ich erinnere mich, ... mit Schnecken gekochtes Gras gegessen [zu haben]. ... Wir nahmen das Gras Halm für Halm , pflückten die zerbrochenen Schneckenhäuser ab und aßen es mit viel Gelächter. "96)

91) Nach offiziellen griechischen Angaben beschlagnahmten die Italiener allein 1.180 Seefischereifahrzeuge: A.Y.E/1944/KL/51, Schadentabellen, Italienische Haftung, Nr. 1 5. 92) Zu den deutschen Requisitionen von Lebensmitteln auf Chios siehe Philip P. Argenti, The Occupation of Chios by the Germans and their Administration of the Island, 1941 -1944. Describcd in Contemporary Documents, Cambridge 1966, S. 12, S. 38,S. 43, S. 130, S. 139,S. 231. 93) Ebd., S. 39. Zu den Erfahrungen von Syrossce Mazower, Inside Hitler's Greece, S. 50 ff. 94) Argenti, Besatzung von Chios, S. 53. 95) Unter deutscher Herrschaft, S. 5. 96) George Psychoundakis, Der kretische Läufer. His Story of the German Occupation, London 1983, S. 60. 213


Die ländlichen Gebiete von Epirus und Mittelgriechenland litten weniger unter der Nahrungsmittelknappheit. In Friedenszeiten hatte sich die Bevölkerung hauptsächlich selbst versorgt, indem sie kleine Mengen an We izen, Mais und Kartoffeln anbaute und ein paar Ziegen und Schafe hielt, die Milch, Käse, Wolle und Leder lieferten. In den ersten Jahren der Besatzung blieben die Menschen von den Requisitionen der Armee verschont und lebten einfach von Brot, Käse, Oliven, Gemüse und Eiern. Doch als 1943/44 die deutschen Repressalien gegen den Widerstand in den Bergregionen Nordgriechenlands (vor allem in Thessalien) und auf dem Peloponnes wüteten, brach auch auf dem Lande eine Hungersnot aus. Bevor ein internationales Hilf sprogramm begann, das regelmäßig Weizen, Trockengemüse und Milchpulver aus den Vereinigten Staaten und Kanada nach Griechenland brachte, hatte die Hungersnot bereits mehrere tausend Tote gefordert. Statistiken über die Sterblichkeitsrate im Zusammenhang mi t dem Hunger sind schwer zu ermitteln; die von verschiedenen offiziellen Behörden und Institutionen vorgenommenen Schätzungen über die Gesamtzahl der Todesopfer sind daher widersprüchlich. Der Premierminister der griechischen Exilregierung berichtete im Fe bruar 1942 an Anthony Eden über die Lage in Griechenland und schrieb, dass nach offiziellen Angaben des Athener Standesamtes zwischen dem 1. Oktober 1941 und dem 26. Januar 1942 30.000 Menschen im Großraum Athen gestorben seien.97) Die tatsächliche Zahl de r Toten muss wesentlich höher gewesen sein, da sich die Familien weigerten, den Tod eines Mitglieds zu melden, um dessen Lebensmittelkarte zu behalten.98) Im Oktober 1942 veröffentlichte die BBC die überhöhte Zahl von 500.000 Hungersnotopfern.99)

97) Emmanuel 1. Tsouderos, Ho Episitismos, 1941 -1944, Athen 1946, S. 34, S. 190f. 98) Ebd., S. 34; Bericht von Paul Mohn vom IRC, 22. Dezember 1943, A.Y.E/i943-44/KC/Food Supply. 99) Der Vatikan, Actes et documents du Saint -Siege relatifs à la seconde guerre mondiale (ADSS), VIII, no. 498, S. 671; Inter -Allied Information Committee London, Conditions in Occupicd Territories, Bd. II, Rationing under Axis Rule, London 1942, S. 9. Eine ähnlich hohe Zahl wird von William Byford -Jones, The Greek Trilogy (Resistance - Liberation - Revolution), London 1945, S. 63, angegeben. Im November 1942 protestierte der Vatikan bei der britischen Regierung gegen die von der BBC verbreiteten übertriebenen Zahlen und behauptete, zuverlässige Quellen hätten die Zahl der Hungertoten in de r Region Athen-Piräus in diesem Jahr auf 34.622 Personen geschätzt; ADSS, VIII, Nr. 549, p. 722. 214


Vasileios G. Valaoras, Professor für Hygiene an der Universität Athen, hat anhand der vom griechischen Statistikamt gesammelten Daten über Eheschließungen, Geburten und Sterbefälle in den Städten Athen und Piräus von 1940 bis Januar 1943 die Zahl der Hungertoten und die Verluste aufgrund des Geburtendefizits in den beiden Hungerjahren (Mai 1941 bis April 1943) auf 60.000 geschätzt. Überträgt man diese Ergebn isse auf den Rest des Landes (weniger als eine Million der griechischen Gesamtbevölkerung von sieben Millionen lebte in dem untersuchten Gebiet, und die Sterblichkeitsraten auf einigen Inseln waren sogar noch höher), so schätzt Valaoras, dass der Hunger in diesem Zeitraum im ganzen Land 450.000 Menschen das Leben gekostet haben muss.100) Eine Regierungsveröffentlichung von 1946 schätzt den Verlust von Menschenleben durch Hunger während der gesamten Besatzungszeit auf 360.000 101), und die Zahl dürfte kaum v iel niedriger gewesen sein.102) Nach Angaben des Gesundheitsministeriums und Studien des IRC erreichten die Todesfälle im Quartal Januar -März 1942 einen Höchststand, der sechsmal höher war als normal.103) Die Sterblichkeitsrate bei den Männern war um minde stens ein Drittel bis zur Hälfte höher als bei den Frauen, wobei die Sterblichkeitsrate bei den Männern das Fünf - bis Achtfache des Vorkriegsniveaus erreichte. Die Mehrheit der Opfer war 40 Jahre und älter.104) Säuglinge bis zum Alter von 3 Jahren waren we niger betroffen als Kinder von 4 bis 14 Jahren; beide waren viel weniger von Unterernährung betroffen als ihre Eltern105), die selbst die kleinste Menge an Nahrung entbehrten, um ihre Kinder zu ernähren, und oft daran starben. Bis 1944 hatten 370.000 Kinde r einen oder beide Elternteile verloren.106)

100) Vasileios G. Valaoras, Some Effects of Famine on the Population of Greece, Milbank Memorial Fund Quarterly, Bd. 24 (1946), S. 225. 101) Constantine A. Doxiadis (Ed.), The Sacrifices of Greece in the Strugg le of the United Nations, 1940 -1945, Sacrifices -Deads - Massacres - Disease Famine - Dcstruction - Economic Ruins, Athens 1946, S. 13. 102) Mazower, Inside Hitl er's Greece, S. 41; Milliex, Hemerologio, S. 82. Hagen Fleischer argumentiert, dass die tatsä chliche Zahl der Hungertoten nicht über 100.000 gelegen haben kann; Hagen Fleischer, Im Kreuzschatten der Mächte: Griechenland 1941 -1944, Frankfurt a.M. 1986, S. 118. 103) Valaoras, Einige Auswirkungen der Hungersnot, S. 219. 104) Ebd., S. 218, Tabelle 2; Ravitaillement, S. 36 ff., S. 608 -623. 105) Valaoras, Einige Auswirkungen des Hungers, S. 220, S. 225 -234. 106) Doxiadis, Opfergaben in Griechenland, S. 14. 215


Ein von den Briten und der griechischen Exilregierung ausgearbeiteter Plan zur Evakuierung grie chischer Kinder nach Ägypten oder in andere Teile des Britischen Empire wurde von den Besatzungsbehörden abgelehnt.107) Nur eine kleine Zahl, die 1941/42 heimlich an Bord von Kaikis Ägypten erreicht hatte und in den im Nahen Osten eingerichteten Flüchtling slagern lebte, konnte der Hungersnot entgehen.108) Von dem Problem der Schätzung der Opferzahlen zu der Frage, wer für die Hungersnot verantwortlich war, muss gesagt werden, dass die Deutschen mit der Plünderung der meisten Lebensmittel zwar keine unheilvo lle, bewusste Politik betrieben, um die griechische Bevölkerung auszuhungern (wie die meisten Zeitgenossen glaubten und wie es in Polen der Fall war), dass aber die Entscheidung, die Hungersnot im Winter 1941/42 zu ignorieren, als der Lebensmittelverbrauch im Reich fast auf dem Vorkriegsniveau lag109), eine Frage der bewussten Politik war. Es sei darauf hingewiesen, dass die Hungersnot nicht nur auf den Mangel an Brotweizen zurückzuführen ist, wofür die alliierte Blockade verantwortlich gemacht werden kann1 10), sondern auch auf das große Fett -, Vitamin- und Eiweißdefizit (die Eiweißzufuhr betrug nur 38 Prozent der erforderlichen Menge)111 ) in der kalorienarmen Ernährung der Bevölkerung. 107) Medlicott, Wirtschaftsblockade, 11, S. 275. 108) S. L. Hourmouzios (Hrsg.), Starvation in Grecce, London 1943, S. 16 f., S. 37, und Fotos auf S. 13 f. und S. 30 ff. 109) Die durchschnittliche tägliche Kalorienzufuhr lag auch 1944 -45 bei 2.450 Kalorien. Siehe Arnold Toynbee und Veronica M. Toynbee (Hrsg.), Hitler's Europc, Survey of International Affairs 1939 -1946, London 1954 Nachdruck N.Y. 1968, S. 215 f.; League of Nations, Economic, Financial and Transit Department, Food Rationingand Supply, 1943/44, Genf 1944, S. 34 f., Tabelle VI, 52 ff.; Boris Shub, Starvation Over E urope (Made in Germany). A Documented Record, N.Y. 1943, S. 22 -26, S. 47, S. 52. 110) Heinz Richter, Griechenland zwischen Revolution und Konterrevolution (1936-1946), Frankfurt a. M. 1973, S. 140 f., S. 144 -148. Der Autor argumentiert zum Teil zutreffend, dass das Getreide nicht konfisziert wurde. Offizielle griechische Aufzeichnungen bezeugen die Aneignung von Getreide aus den Depots der KEPES (Zentrales Komitee zum Schutz des Weizenanbaus in Griechenland, gegründet 1927) sowohl durch italienische als auc h deutsche Militärbehörden, aber diese Praxis dürfte sich nach dem Herbst 1941 nicht wiederholt haben. Sek. A.Y.E/1944/KL/51, Schadenstabellen, Italienische Haftung, landwirtschaftliche Erzeugnisse; und Tabelle 10, Schäden an landwirtschaftlichen Erzeugnis sen. 111) Shub, Starvation Over Europe, S. 50. 216


Im Jahr 1940 hatte Griechenland 102.200 Tonnen Olivenöl produziert, von denen 30.400 exportiert wurden.112) Im Jahr 1939 stammten 48,6 Prozent der Gesamtexporte aus der kretischen Überschussproduktion. 113 ) Die Menschen auf Kreta und in anderen Gebieten mit Olivenölüberschüssen waren also gewiss keine Opfer der britischen Propaganda, als sie die Plünderung durch die Achsenmächte (vor allem durch die Deutschen) dafür verantwortlich machten, dass es keinen Tr opfen Olivenöl gab, um ihre Wildgrassuppe wenigstens nahrhaft zu machen.114) Was Milch, Eier, Butter und Fleisch anbelangt, so schlachteten die Truppen angesichts des Mangels an anderen Lebensmitteln und der mangelnden Bereitschaft Berlins, Lebensmittel au s deutschen Beständen zu verschiffen, eine große Anzahl von Tieren und Geflügel für den Eigenbedarf, was dazu beitrug, den Rückgang der Milchprodukte zu erklären. Von italienischer Seite wurden noch im August 1941 Anstrengungen unternommen, um den Transpor t von 15.000 Tonnen Brotgetreide nach Piräus zu organisieren.115) Aber die deutsche Führung hatte längst aufgehört, sich übermäßig um ihr "Sorgenkind" zu kümmern und wartete darauf, dass das internationale Hilfsprogramm diese Verpflichtung übernehmen würde .116) Und als die ersten Notlieferungen von Brotgetreide und Trockengemüse durch die alliierte Blockade in Piräus eintrafen, berichtete der deutsche Wehrmachtsintendant seinen Vorgesetzten, dass er Johannisbeeren und Feigen in ausreichenden Mengen gesicher t habe, die nicht nur den Bedarf der in Griechenland stationierten Truppen, sondern auch den der deutschen Armee im Osten decken könnten.117) 112) Gorzamanes, Memorandum, table in p. 67. 113) Statistical Table Areas of Olive Oil Production by Shares of Exp orts, PAAA, Sonderkommando von Künsberg, Crete geh. 114) On German requisitions of foodstuffs in Crete see Marlen von Xylander, Die deutsche Besatzungsherrschaft auf Kreta 1941 -1945, Freiburg/Br. 1989, pp. 61-64. 115) Als im März 194z Gespräche mit den It alienern über die wirtschaftliche Zukunft Griechenlands, insbesondere die Frage der Besatzungskosten, aufgenommen wurden, stimmte Berlin zusätzlichen Weizenlieferungen zu, bis die von beiden Ländern zwischen September 1941 und Juni 1942 gelieferte Gesamtmenge 56.000 Tonnen erreichte; Vertrauliches Protokoll vom 14. März 194z, S. 86, PA-AA, HaPol Verträge, Italien, Bd. 1. 116) Telegramm Emil K. J. Wiehl an die deutsche Botschaft in Rom, Nr. 3344 g., 19. August 1942, PA -AA, HaPol Wiehl, Italien, Bd. 15,1. 117) Wehrwirtschaftsoffizier Athen, Sonstige kriegswirtschaftlich wichtige Fragen, Bericht Nr. 68/ 42 g., 12. März 1942, BA -MA, RW 29/97. 217


Abschließend lässt sich kaum bestreiten, dass die griechische Bevölkerung mit Oliven, Käse, Nüssen, Obst und Gemüse, etwas Fisch und einigen Rationen Brot am Existenzminimum hätte überleben können, wenn das Getreide aus den bulgarisch kontrollierten Kornkammern Thrakiens und Mazedoniens den Rest des Landes erreicht hätte und alle anderen beschlagnahmten Waren wie Obst, Gemüse, Olivenöl, Vieh, Milchprodukte usw. für den lokalen Verbrauch übrig geblieben wären.118) Die Politik und die Praktiken der Nazis in anderen besetzten und Satellitenländern in Bezug auf Versorgungsprobleme beweisen eine Diskriminierung der Griechen. D iese basierte weniger auf rein rassischen als auf wirtschaftlichen Erwägungen, aber das Ergebnis war das gleiche. Griechenlands industrielle Produktivität und Arbeitskraft waren für die deutschen Kriegsanstrengungen nicht so wichtig wie die der westeuropäi schen Länder. Daher hatten die Deutschen, abgesehen von der Angst vor sozialer Anarchie, wenig Interesse daran, die Griechen zu ernähren. In Belgien hingegen hielten es die Besatzungsbehörden für sinnvoll, die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen119) , während die Rationen im Protektorat 1939 noch relativ höher waren als im Reich selbst.120) Äußerungen von Himmler, Göring121) und anderen zeigen deutlich die Gleichgültigkeit der Nazis gegenüber der Notlage der Griechen, die die Besatzungsbehörden nicht einmal zu verbergen suchten.

118) Siehe auch die Übersetzung des Schreibens an Tsolakoglou, unterzeichnet von Erzbischof Damaskinos, G. A. Soteriou, N. I. Exarchopoulos, G. Boures, I. Theophanopoulos und N. Kitsikes, 16. Dezember 1941, PA -AA, HaPol IVa, Griechenland, Landwirtschaft 26,1. 119) Karl Brandt, Otto Schiller, and Franz Ahlgrimm (Eds.), Management of Agriculture and Food in the German -Occupied and Other Areas of Fortress Europe. A Study in Military Government, Germany's Agricultural and Food Policies in World War n, Bd. z, Stanford, Calif. 1953. pp. 458-471. 120) Vojtech Mastny, Die Tschechen unter der Naziherrschaft. Das Scheitern des nationalen Widerstands, 1939 -1942. N.Y. 1971, S. 69, S. 83 f. 121) "Auf deutscher Seite... ist nichts zu tun... w ir können uns nicht übermäßig um den Hunger der Griechen sorgen. Es ist ein Unglück, das außer ihnen noch viele andere Menschen treffen wird. .... Vielleicht ist es gut, dass es so ist, denn bestimmte Völker müssen dezimiert werden. Aber selbst wenn es nic ht so wäre, kann nichts dagegen getan werden. Es ist klar, daß, wenn die Menschheit zum Hungertod verurteilt ist, unsere beiden Völker als letzte sterben werden." Göring's Statement in: Malcolm Muggeridge (Hrsg.), Ciano's Diplomatie Papers, London 1948, S. 464 f. Eine ähnlich brutale Erklärung in: Internationales Militärtribunal (IMT), Dokument B -100, Auszüge aus deinem 218


Am ersten Jahrestag der Besetzung Griechenlands (April 1942) fragten die Deutschen Nachrichten in Griechenland in einem Artikel mit dem Titel "Wird Griechenland überleben? Ein ernstes Wort zur letzten Stunde" unverblümt gefragt: "Sind die Menschen in den griechischen Städten, die zur Zeit nur aus Händlern, Schwarzhändlern, Hehlern, Dieben und Arbeitsverweigerern zu bestehen scheinen, es w irklich wert, mit den Lebensmittellieferungen der Achsenmächte am Leben erhalten zu werden? Wie lange die Achsenmächte in ihrem harten Kampf noch eine Bevölkerung von Millionen von Faulenzern ernähren können, bleibt abzuwarten.... Keiner hilft dir, wenn du dir nicht selbst hilfst! Hört auf zu streiten, arbeitet und verdient euch euren Lebensunterhalt selbst, sonst könnten die Achsenmächte das Interesse verlieren, ihn zu gewähren. Griechenland muss von seiner eigenen Anstrengung leben!"122) Die sozioökonomis che Erfahrung des täglichen Lebens im besetzten Griechenland hatte einen enormen Einfluss auf alle sozialen Gruppen. Mit Ausnahme derjenigen, die die Gelegenheit nutzten, um zu profitieren, entwickelten die meisten Bürger ein starkes Gefühl der systematischen Ausbeutung, der sozialen Ungleichheit und der Ungerechtigkeit. Die Bedeutung einer weiteren Untersuchung der dauerhaften sozialen und psychologischen Folgen des Hungers123) und des demographischen Wandels durch Hunger und Krankheit liegt auf der Hand. Hier geht es um die unmittelbare Reaktion der Überlebenden - eine wachsende Abneigung gegen das Besatzungs - und Kollaborationsregime und der Wunsch, den Feind und das politische System zu bekämpfen, das sie im Stich gelassen hatte.124) stenographischen Ber icht über die Besprechung Görings mit den Reichskommissaren für die besetzten Gebiete und den Militärbefehlshabern über die Ernährungslage, 6. August 1942, in: Leon Poliakov und Joseph Wulf (Eds.), Das Dritte Reich und seine Diener. Dokumente, Berlin -Grunewald 1956, S. 471. 122) Deutsche Nachrichten in Griechenland Nr. 97, 26. April 1942, Kopie in HA MA, N 449/2. Zur Reaktion der griechischen Öffentlichkeit und der Mitglieder der deutschen Kolonie auf diesen Artikel siehe Schreiben der Deutschen Akademie Athen an von Graevenitz, 29. April 1942, ebd. 123) Siehe F. Skouras, A. Hadzedcmos, A. Kaloutses und G. Papademetriou, He Psychopathologia tes Peinas, tou Phovou kai tou Anchous: Neuroseis kai Psychoneuroseis, Athen 1947, Nachdruck 1991, S. 14 ff., S. 185 -303. 124) Dimitri Kitsikis, Die Hungersnot in Griechenland (1941 -1942). Les consequences politiqucs, in: Revue d'histoire de la deuxieme guerre mondiale, Bd. 19 (1969), S. 23 -28; und Philip Minehan, Dependency, Realignment and Reaction: Movement Toward Civil War in Greece Düuring the 1940s, in: Journal of the Hellenic Diaspora, Bd. 10 (1983), S. 27. 219


III. Wirtschaftskrise, Zwangsarbeit und die Radikalisierung der Volksopposition

Desillusionierung und Hoffnungslosigkeit schlagen nicht zwangsläufig in aktiv e Opposition um, und so hätte sich die Situation in Griechenland nach den Erfahrungen des Winters 1941/41 auch anders entwickeln können. Wie Barrington Moore hervorhebt: "An sich kann eine [soziale] Störung nichts anderes als Apathie, Verwirrung und Verzwe iflung verursachen. Wenn sie eine Bevölkerung anpassungsfähiger macht, kann sie sie für neue und bedrückende Formen der Autorität anpassungsfähig machen. .... In der Tat kann die vollständige Zerstörung bestehender Institutionen und Gewohnheiten der Zusammenarbeit Widerstand unmöglich, ja undenkbar machen, indem sie die Basis zerstört, von der aus er beginnen kann. "125) Die demoralisierende Wirkung der totalen Hoffnungslosigkeit wurde nicht zu einem großen Hindernis für die Opposition, da im August 1941 ei n internationales Hilfsprogramm für Griechenland gestartet wurde, das die Städte "vergleichsweise gut versorgt" hielt.126) Das Programm versorgte 1.200.000 Menschen im Raum Athen -Piräus mit durchschnittlichen Tagesrationen von 190 Gramm Brot und sorgte mit zusätzlichen Lebensmittellieferungen für eine tägliche Versorgung von 1.100 Kalorien pro Person - zwar immer noch unter dem Existenzminimum, aber immerhin eine Ernährungsgrundlage.127) Die Verurteilung der Ausbeutung durch die Achsenmächte nahm aus mehrer en Gründen die Form einer aktiven Opposition an. Die Tatsache, dass es dem kollaborierenden Regime nicht gelang, die Ausbeutung durch die Achsenmächte oder den unverhohlenen Opportunismus der Profiteure einzudämmen, führte zu einem umfassenden Bewusstsein für die Notwendigkeit der Selbsthilfe. Die Erfahrung von Hungersnot und Tod, die

125) Barrington Moore, Injustice. The Social Bases of Obcdience and Revolt, London 1978, S. 470 f. 126) Kopie eines Schreibens von Risbcrg, Konsul in Athen, an den Aufsichts rat des Schwedischen Roten Kreuzes, 6. Februar 1944, mit der Übermittlung eines Berichts über die Aktivitäten des Tripolis -Büros zwischen März und Dezember 1943, verfasst von Professor Axel Persson und seiner Frau Elsa, A.Y.E/1944/KC/18. 127) Xydis, Wirtschaft, S. 17. Kriegsinvaliden wurde eine zusätzliche Portion von einem Drittel einer Ration gewährt. Brot wurde von 700 Bäckern, die für das IRC arbeiteten, zu 200 Drachmen pro Oka an diejenigen verkauft, die keine Unterstützung erhielten. 220


diese Unterschiede noch deutlicher machte, überzeugte die weniger Privilegierten von der Notwendigkeit sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Gleichzeitig weckten die Rückschläge der Achsenmächte in Nordafrika und Russland die Hoffnung auf eine nahende Befreiung und stärkten die Entschlossenheit, einer nicht mehr unbesiegbar erscheinenden Macht Widerstand zu leisten. Eine gut organisierte linke Widerstandsbewegung, die EAM/ELAS128), gewann an politischer Glaubwürdigkeit und zog Bürger aller Schichten in ihre Reih en, indem sie sich um die Beseitigung spezifischer, unmittelbarer und konkreter wirtschaftlicher Missstände bemühte und dabei ihre kommunistische Ideologie geschickt herunterspielte. Es ist nicht überraschend, dass die Kommunistische Partei Griechenlands die erste Partei war, die die Notwendigkeit der Schaffung einer städtischen Massenwiderstandsbewegung erkannte.129) Die KKE war besser an die Strukturen und Techniken des Untergrunds angepasst als die traditionellen griechischen Parteien und nutzte das Syst em der "Zellen" und "Fraktionen", das 1924 eingeführt und nach dem Verbot der Partei durch die Diktatur von General Johannes Metaxas 1936 weiterentwickelt wurde, als Mittel zur Organisation des Widerstands gegen die Besatzer.130) Im Juli 1941 schloss sie sich mit der GSEE (Allgemeiner Bund der griechischen Arbeiter) zusammen und bildete die EEAM (Nationale Befreiungsfront der Arbeiter). Im September 1941 schlossen sich mehrere kleine Parteien mit politischen Sympathien links der Mitte der EEAM an und organi sierten die EAM (Nationale Befreiungsfront). Über die EAM versuchte die KKE, aus dem städtischen Widerstand gegen die Achsenmächte und die griechischen Kollaborateure Kapital zu schlagen und den Widerstand der Bevölkerung in eine politische Revolution umzu wandeln, die auf eine umfassende, aber nicht unbedingt gewaltsame131) Umgestaltung der sozioökonomischen und politischen Struktur Griechenlands nach der Befreiung abzielte. Die politische Legitimität der EAM, eine Widerstandsbewegung des Volkes zu leiten, wurde durch das Versäumnis des Königs und seiner Regierung, ein Widerstandskommando einzurichten, bevor sie nach Kairo flohen, oder eine politische

128) ELAS: Ethnikos Laikos Apeleutherotikos Stratos (Nationale Populäre Befreiungsarmee). ELAS war der mil itärische Zweig der eam. 129) Panagiotes Kanellopoulos, He zoe mou. He alethcia gia tis krisimes stigmes tes historias tou ethnousapoto 1915 -1980, Athen 1985, S. 61. 130) Minehan, Dependenz, S. 23. 131) Ole L. Smith, "The First Round" - Civil War During t he Occupation, in David H. Close (Ed.), The Greek Civil War, 1943 -1950. Studies of Polarization, London 1993, S. 59. 221


Widerstandsbewegung von Ägypten aus zu koordinieren und zu unterstützen, noch verstärkt.132) Die von der traditionellen politischen Eli te Griechenlands verfolgte Politik der "Geduld und Besonnenheit "133) trug ebenfalls wesentlich zur Bekanntheit der EAM bei. Die konservativen Politiker, die mit der Frage der Monarchie und der Wiederherstellung ihrer politischen Macht nach der Befreiung b eschäftigt waren, zeigten wenig Interesse an den aktuellen sozialen und wirtschaftlichen Problemen der arbeitenden Bevölkerung und der Armen. Stattdessen versuchten sie, sich "eine Position der Immunität gegenüber den Besatzungsbehörden zu sichern, indem s ie nichts unternahmen, was offenkundig Vergeltungsmaßnahmen provozieren könnte".134) Eine Reihe von städtischen Geheimorganisationen wurde von Offizieren der regulären Armee und bürgerlichen, nationalistischen, demokratischen und republikanischen Kräften gegründet (140 solcher Organisationen waren im September 1943 registriert), und einige wurden 1943 mäßig aktiv. Mit Ausnahme der EDES (Nationale Republikanische Griechische Liga), der PEAN (Patriotische Vereinigung der kämpfenden Jugend) und der EKKA (Natio nale und Soziale Befreiung) blieben sie jedoch weitgehend kleine Netzwerke eigennütziger Einzelpersonen mit starken Dass -, Gruppenoder Gemeindezugehörigkeiten.135) Mit ihrer antifaschistischen Nationalfrontpolitik und ihrem demokratischen, nationalistisc hen Programm sozialer und wirtschaftlicher Reformen konnte die EAM überzeugend für sich in Anspruch nehmen, für die gesamte Nation und nicht nur für die Linke zu sprechen. So konnte sie nicht nur Menschen mit linken politischen Sympathien (Industriearbeite r, Bauern und ethnische Minderheiten) für sich gewinnen, sondern auch ein breites Spektrum städtischer Gruppen mit anderer oder gar keiner politischen Zugehörigkeit, wie Angestellte, Geschäftsleute, Beamte, Ärzte, Rechtsanwälte, Intellektuelle, Lehrer, Stu denten, republikanische (venizelistische136))

132) Hondros, Occupation, S. 101; Sepheres, Politiko hemerologio, S. 125 f. 133) Fleischer, Kreuzschatten, Bd. 1, S. 100. 134) John A. Petropulos, The Traditional Political Parties of Greece During the Occupation, in: Iatrides, Greece in the 1940s, S. 28. 135) Für eine detaillierte Beschreibung der Ziele und Aktivitäten dieser Organisationen siehe Hagen Fleischer, Sterna kai Svastika. He Hellada tes Katoches kai tes Antistases, 1941 -1944, Bd. 2, Athen 1995, S. 13-66. 136) Die venizelistischen Offiziere, die seit dem gescheiterten Putsch von 1935 gegen die Antivenizelisten nicht mehr an der Macht waren, wurden von Metaxas nicht zum Kampf gegen die Deutschen zugelassen. 222


Offiziere, Priester, Hausfrauen und ab Mitte 1943 auch einige angesehene nicht-linke Politiker.137) Was ein Bündnis zwischen Elementen der herrschenden und der unteren Klassen möglich machte (zusätzlich zu ihrem gemeinsamen nationalistischen Gefühl und der Fähigkeit der EAM zur effektiven Masse nmobilisierung), war die Tatsache, dass die durch die Politik der Achse verursachte wirtschaftliche Zerrüttung die Lebensbedingungen von beiden beeinträchtigte. Indem sie ihre Situation [nicht als unvermeidlich, sondern] als Folge menschlicher Ungerechtigkeit definierten: eine Situation, die sie nicht ertragen müssen, nicht ertragen können und nicht ertragen sollten" und indem sie aufzeigten, dass "die offensichtlichen Ursachen des Leidens ... [auf die Handlungen konkreter, leicht identifizierbarer Personen " 138) und Mächte zurückzuführen waren, konnten die EAM -Aktivisten ihre gemeinsame moralische Empörung in politisch wirksame Opposition umsetzen. Wirtschaftliche Fragen waren auch in den 1930er Jahren der wichtigste Faktor für das Erstarken der KKE. Der so ziale und wirtschaftliche Druck, der durch die Depression entstanden war, ließ die KKE unter den verschuldeten Bauern, den städtischen Proletariern und den Flüchtlingen aus Kleinasien an Popularität gewinnen.139) Unter der Führung von Nikos Zachariades sti eg der Stimmenanteil der Partei bei den Wahlen von 1936 auf 5,8 Prozent.140) Der unentschiedene Wahlausgang von 1936 ermöglichte es der kommunistischen Partei sogar, das Gleichgewicht der Macht zu halten, wobei der Führer der Liberalen Partei geheime Verha ndlungen mit der KKE aufnahm, um deren Unterstützung für die Bildung einer liberalen Regierung zu gewinnen.141) Unter dem Vorwand der "Bedrohung durch den Kommunismus" schaffte 137) Heinz Richter, British Intervention in Greece: From Varkiza to Civil War, London 1985, S. 262 und S. 269. 138) Moore, Ungerechtigkeit, S. 439, S. 470. 139) Die eifrigsten Anhänger der KKE waren seit Ende der 1920er Jahre die Tabakarbeiter in Nordgriechenland, die zwischen 1930 und 1933 schwere Einkommensverluste hinnehmen musst en, als sich die ausländischen Abnehmer des rohen orientalischen Blattes den Märkten zuwandten, die billiger waren als der Grcek. Unterbezahlte Textil - und andere Industriearbeiter in diesem Gebiet wurden ebenfalls von der kommunistischen Propaganda stark beeinflusst. Siehe Mazower, Inside Hitler's Greece, S. 126 ff., S. 223-230, S. 287. 140) John C. Loulis, The Greek Communist Party, 1940 -1944, London 1982, S. 1 f. 141) Rizospastis (die Tageszeitung der KKE), 3. April 1936 223


Metaxas das parlamentarische System ab, errichtete am 4. August 1936 ein königliches diktatorisches Regime und erklärte die KKE für illegal. Wären die Ereignisse anders verlaufen, hätte die KKE Ende der 1930er Jahre vielleicht Raum für die Entfaltung ihres sozialen Potenzials gefunden . Nach dieser verpassten Gelegenheit schien die Besetzung Griechenlands durch die Achsenmächte, die die alte politische Ordnung in ihren Grundfesten erschütterte, eine neue Chance zu bieten. Die ersten Aktionen des Volkswiderstandes waren spontan, wie zum Beispiel die öffentlichen Respektsbekundungen für gefangene Commonwealth -Soldaten, die unmittelbar nach dem Einmarsch der Achsenmächte durch die Straßen Athens in die Vernichtungslager gebracht wurden. Der Befehlshaber der Wehrmacht kündigte harte Strafen für diejenigen an, die ihre Sympathie für die Briten zum Ausdruck brachten, einschließlich der Presse, und griff die griechische Polizei an, weil sie die Zurschaustellung von achsenfeindlichen Gefühlen tolerierte.142) Wenige Tage später, am 30. Mai 1941, r issen zwei Studenten, Manoles Glezos und Apostolos Sandas, das Hakenkreuz auf der Akropolis herunter und zeigten damit, dass der griechische Nationalgeist ungebrochen war.143) Trotz des gesetzlichen Verbots öffentlicher Äußerungen und veröffentlichter Erkl ärungen, die direkt oder indirekt die Besatzungsbehörden und die Kriegsanstrengungen der Achsenmächte kritisierten144) , wurden die nationalen Feiertage von den Studenten immer wieder als Gelegenheit genutzt, um sich offen gegen die Achsenmächte und die gr iechische Kollaborationsregierung zu stellen.145)

142) IMT, Bd. VII, Dok. UK -82, S. 577 f. Siehe auch Harold Denny, Nazis in Greece. Famine Makers, in: The New York Times, 20. Oktober 1941. 143) Phakellos Hellas,Ta Mystika Archeia tou Phorein Ophphis. Diktatoria, Polemos, Katoche, Mese Anatole, Andartiko, Dekemvriana, Athen 1972, S. 208 f. 144) Gesetzgebungsdekret Nr. 33 vom 13. Mai 1941, EK, 1941,1, Nr. 165, S. 803. Zuwiderhandlungen wurden mit mindestens drei Monaten Gefängnis und bis zu zwei Jahren Vers etzung bestraft. Der Erlass Nr. 178,14. Juni 1941, erklärte, dass zusätzlich zu den oben genannten Strafen Universitäts - und Gymnasiasten über 18 Jahre von allen staatlichen Bildungseinrichtungen ausgeschlossen werden sollten; IBID., Nr. 196, S. 974 f. 145) Am 28. Oktober 1941 demonstrierte die Athener Bevölkerung am ersten Jahrestag des italienischen Angriffs und zeigte damit offen ihre Opposition gegen die Achsenmächte. An diesem Tag löste die Rede von Konstantin Tsatsos an der Universität von Athen große patriotische Begeisterung aus. Siehe Tsatsou, Phylla, S. 20 f. 224


Bis zum Herbst 1941 nahm die Zahl der achsenfeindlichen Flugblätter, Zeitungen, Flugblätter und Wandschmierereien erheblich zu, während vereinzelte Sabotageakte wie Beschädigung von Telefo nanlagen (Durchschneiden von Drähten), Diebstahl von Treibstoff aus Militärlagern, Bombardierung von Munitionslagern und Eisenbahnlinien, Zerstörung von Maschinen in Fabriken sowie Hinterhalte bewaffneter Banden auf achsenfeindliche Garnisonen und Transpor tkonvois sowie auf griechische Gendarmen zahlreich wurden.146) Die Deutschen antworteten mit Repressalien147) gegen die Zivilbevölkerung148) Exekutionen, Niederbrennen von Dörfern - und mit der Internierung von Personen, die verdächtigt wurden, kommunist ischen Partisaneneinheiten anzugehören.149)

146) Kurt Mehner (Hrsg.), Die geheimen Tagesberichte der deutschen Wehrmachtsführung im Zweiten Weltkrieg 1939 -1945. Die gegenseitige Lageunterrichtung der Wehrmacht -, Heeres- u. Luftwaffenführung über alle Hauptund Nebenkriegsschauplätze, aus den Akten des Bundesarchivs/Militärarchivs, Freiburg i. Br., Bd. 3, Osnabrück 1984 (26,29. August, 8. September und 18,26. Oktober 1941). 147) In den offiziellen deutschen Aufzeichnungen werden Vergeltungsmaßnahmen als "Sühnemaßnahmen" bezeichnet.

diese

148) Am 17. Oktober 1941 wurden die Dörfer An o und Kato-Kerdyliois (sic), 75 km östlich von Saloniki, niedergebrannt und alle männlichen Einwohner zwischen 16 und 60 Jahren (insgesamt 207 Personen) hingerichtet, weil sie verdächtigt wurden, in der Gegend aktive bewaffnete Banden unterstützt zu haben. Frauen und Kinder mussten in andere Dörfer umgesiedelt werden. Siehe Dok. USSR-103 in: P. A. Steiniger (Ed.), The Nuremberg Trial. Aus den Protokollen, Dokumenten und Materialie n des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Berlin 1957, Bd. 2, S. 442 f. Am 25. Oktober verbrannten die Deutschen die Dörfer Ambelophyto, Kleisto und Kyd onies und richteten alle männlichen Einwohner zwischen 16 und 60 Jahren hin. Siehe Liste der Hingerichteten, übermittelt am 12. März 1942 durch den Gouverneur von Mazedonien an das Büro des Ministerpräsidenten, A.Y.E/1944/KK/2; und Zentrales Staatsarchiv Potsdam (ZStAP), Film Nr. 40708, in: Martin Seckendorf (Hrsg.), Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien und Ungarn (1941-1945), Berlin/ Heidelberg 1992, S. 177. 149) Bericht Nr. 5 (29. Oktober - 10. November 1941) der 164. Infanterie Division, ZStAP, Film -Nr. 53307, teilweise in: Seckendorf, Okkupationspolitik, S. 182 f.

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Die Deutschen gingen besonders brutal gegen die Kreter vor, die bereits einen Guerillakrieg führten und britischen Soldaten bei der Flucht nach Ägypten halfen.150) Wirtschaftliche Mis sstände erklären die Umwandlung der spontanen Opposition (oft Ausdruck eines verstärkten Nationalismus und mit begrenzten Zielen) in eine urbane Mobilisierung mit einer spezifischeren Absicht: Einflussnahme auf die Politik der Achsenmächte und der Regierun g, Verurteilung der ausländischen und einheimischen Ursachen des Leids und Angriff auf die soziale Ordnung selbst - jedoch ohne eine klare Vorstellung von einer neuen Ordnung. Ab dem Frühjahr 1942 begann die EAM, die Militanz der städtischen Bevölkerung zu organisieren und gezielt einzusetzen, um wirtschaftliche Verbesserungen zu erreichen. Am 17. und 18. April legten Beamte der Post -, Telefon- und Telegrafenämter im Raum Athen -Piräus sowie der Ministerien für Finanzen, Wirtschaft, Wohlfahrt, Arbeit, Landwi rtschaft und Justiz ihre Arbeit nieder und forderten höhere Löhne und die Versorgung mit Lebensmitteln.151) Der Streik dauerte eine Woche und breitete sich auch in Saloniki aus. Die Regierung erklärte sich sofort bereit, mit besonderen Lebensmittelvorräten zu helfen, billigte aber gleichzeitig die Ausarbeitung eines neuen Erlasses durch den Wehrmachtsbefehlshaber Südost und den Kommandeur der italienischen Streitkräfte, Carlo Geloso, der die Teilnahme von Regierungsbeamten, Angestellten und Arbeitern an Str eiks verbot.152) 150) Wegen der schweren Verluste von Fallschirmjägern in der Schlacht um Kreta, an der kretische Männer und Frauen auf Seiten der britischen und griechischen regulären Streitkräfte teilnahmen, hatte das deutsche Militär unmittelbar nach de r Besetzung der Insel Vergeltungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung eingeleitet. Es bestand sogar die Absicht, alle männlichen Einwohner ab 15 Jahren zu exekutieren; siehe Kopie des Ietter Nr. 1596, 27. Mai 1941, und Schreiben des Oberkommandos des Heere s an das Armeeoberkommando (aok) 12 Nr. 550, 28. Mai 1941, BA -MA, RH 20-12/211. Personen, die verdächtigt wurden, Fallschirmjäger getötet zu haben, wurden summarisch vor ein Kriegsgericht gestellt, und die meisten erhielten die Todesstrafe; siehe Bericht d es Kommandanten der "Festung Kreta", 3. Oktober 1941, zstAP, Film Nr. 43602, teilweise in: Seckendorf, Okkupationspolitik, S. 171 f. Bis Kriegsende wurden 1.600 von 6.000 kretischen Dörfern von den Deutschen ganz oder teilweise zerstört; Dok. USSR -358 in: Steiniger, Nürnberger Prozess, Bd. 2, S. 443. Siehe auch Psychoundakis, Crctan Runner, S. 8 f., S. 40, S. 222 -225. 151) Mit Dekret Nr. 8267/A 69 vom 16. März 1942 hatte die griechische Regierung angeordnet, dass ab dem 1. März 1942 die Gehälter alle zwei Wochen ausgezahlt werden sollten; EK, 1942, 2, Nr. 97, S. 405. 152) Verordnungsblatt für das besetzte griechische Gebiet, Nr. 8, 28. April 1942, BA-MA, RWD 23/1. 226


Die Strafe für Zuwiderhandlungen betrug 2 bis 5 Jahre Gefängnis, und den Organisatoren von Streiks drohte die Todesstrafe. Der Aprilstreik wurde durch Entlassungen und Verhaftungen niedergeschlagen. Altenburg, der nach Berlin berichtete, erklärte, dass die steigende Inflation und die Lebensmittelkrise die Agitation gegen die Regierung verschärft hätten und dass die Kommunisten die Spannungen ausgenutzt hätten, um den Streik zu verlängern.153) Im Juni, als die Regierung den Staatsbediensteten Zuschüsse zu den Lebenshaltungskosten sowie umfangreiche Sachleistungen gewährte, wurde deutlich, dass der Widerstand der Bevölkerung gegen die Politik der Achsenmächte wirksam sein konnte.154) Ein zweiter Streik brach am 7. September in der Hauptstadt aus, wenige Tage bevor das erste schwedische Schiff mit Weizen aus Kanada den Hafen von Piräus erreichte.155) Bankangestellte und Angestellte der staatlichen Versicherungen156), Staatsbeamte aus fünf Ministerien, des Gerichtshofs und der Staatsanwaltschaft, Arbeiter des Elektrizitätswerks, Betreiber der staatlichen Eisenbahn, Hafenarbeiter der Häfen von Piräus, A rbeiter in den Reparaturbetrieben der deutschen Marine und viele andere folgten dem Aufruf der EAM und legten die Arbeit bis zum Abend nieder. Sie protestierten gegen "die systematische Ausbeutung der Ressourcen [des Landes], die auf "altmodische Plünderun g und Diebstahl "157) hinauslief, und forderten Lohnerhöhungen und die Wiedereröffnung der Suppenküchen.158)

153) Telegramm Erdmannsdorff an das AA Nr. 1673, 21. April 1941, PA -AA, Deutsche Botschaft Rom, Bd. 153, S. E259636 -39. 154) Erlass Nr. 1424, 8. J uni 1942, EK, 1942,1, Nr. 149, S. 787 -790. Ihre Höhe schwankte zwischen 150 -300 % des Grundgehalts, umgekehrt proportional zu dessen Höhe. 155) Brief Tsolakoglou A.Y.E/1942/KK/4/11/1.

an

Altenburg

Nr.

554,

12.

September

1942,

156) Proklamation des Kooperat ionsausschusses der Verbände der Bankangestellten, 31. August 1942, Historisches Archiv der Griechischen Nationalbank (haete), Serie XXXII, Akte 20. 157) Best, Menschlichkeit, S. 227. 158) Verwaltungsbericht Walter Weygoldt, Chef des Stabes des Bfh. Südgriechenland, Juli-September 1942, ZStAP, Film -Nr. 172000, teilweise in: Seckendorf, Okkupationspolitik, S. 208 ff. Siehe auch Kopie des Schreibens Altenburg an das AA, 8. September 1942, PA -AA, Deutsche Botschaft Rom, Bd. 153, S. E259697.

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Im August hatten die Achsenmächte einen Teil der vom griechischen Staat gesammelten Lebensmittelvorräte für die Verteilung an die Bevölkerung und den Betrieb von Suppenküchen159) beschlagnahmt, die nun täglich eine Million Bürger in Athen -Pireaus und 200.000 in Saloniki mit einer warmen Mahlzeit versorgten.160) Infolgedessen musste die tägliche Brotration reduziert und die Küchen vorübergehend geschlossen werden. Erneut wurde der Streik durch Verhaftungen, Geldstrafen und Entlassungen gebrochen.161) Zwei Rädelsführer wur den mit dem Tode bestraft. In einem Brief an Altenburg verteidigte Tsolakoglou die wirtschaftlichen Forderungen der Bevölkerung als absolut gerechtfertigt und kritisierte die Ansicht, dass kommunistische Agitation für die Unruhen verantwortlich sei. Trotz einer leichten Verbesserung der Ernährungslage seit dem Frühsommer blieb die wöchentliche Brotration niedrig (rund 1.400 Gramm). Und die immense Diskrepanz zwischen Nominallohn und Preisen hatte sich durch die Inflation noch einmal vergrößert.162) Im ganze n Land herrschten Unglück und Entbehrung, schrieb Tsolakoglou; die Menschen hätten nichts, nicht einmal das Nötigste, und müssten täglich gegen unvorstellbare Widrigkeiten ankämpfen. Unter diesen Umständen würden repressive Maßnahmen künftige Ausbrüche von Empörung nicht verhindern, warnte er den deutschen Bevollmächtigten.163) Wenn die Achsenmächte ihre Forderungen nach Nahrungsmitteln und Besatzungskosten nicht senkten, drohe dem Land der totale wirtschaftliche und politische Zusammenbruch.

159) Die grie chischen Erzeuger waren durch ein Sondergesetz verpflichtet, 10 % ihres Ertrags in Naturalien an die Regierung abzuliefern. 160) Die politisch -wirtschaftlichen Verhältnisse in Griechenland seit dem Balkanfeldzug, 12. Juli 1942, Institut für Zeitgeschichte (IFZ), MA-514, S. 122. 161) Zu den Sanktionen, die gegen Angestellte der Nationalbank von Griechenland verhängt wurden, die sich an dem Streik beteiligt hatten, siehe Auferlegte Strafen und darauf folgende sonstige Schritte wegen des Streiks vom 9.9.42, HAETE, Serie XXXII, Akte zo. 162) In Saloniki beispielsweise konnten einige Arbeiter, die in einer Wehrmachtsfabrik arbeiteten, mit ihrem Lohn nicht einmal ihre eigene tägliche Lebensmittelration bezahlen, geschweige denn ihre Familien versorgen. Siehe Beric ht Bfh. Saloniki-Ägäis an den Wehrmachtsbefehlshaber Südost (AOK 12) Nr. 423/42 g., 28. November 1942,IFZ,MA -511, S. 124. 163) Brief Tsolakoglou an Altenburg Nr. 554, 12. September 1942, A.Y.E /1942 /KK /4 /11 /1. 228


Dass eine Behebung des griechischen Fi nanzchaos längst überfällig war, war auch die Meinung Mussolinis, der die Notwendigkeit betonte, die deutschen Abgaben zu senken.164) Die monatliche Zahlung der Forderungen der Achsenmächte für Besatzungskosten und Kriegskontributionen, die bei weitem die höchsten pro Kopf der Bevölkerung im besetzten Europa waren165), hatte eine katastrophale inflationäre Wirkung. Da die öffentlichen Haushaltsmittel die Ausgaben der Achsenmächte nicht decken konnten, finanzierte die Druckerpresse letztere. Dies führte zu e iner Ausweitung des Bargeldumlaufs, gefolgt von einem starken Rückgang des Kaufwerts der Drachme und einem raschen Anstieg des Preisindexes. Diese Entwicklungen führten zu einer Ausweitung der Forderungen der Achsenmächte für Besatzungsausgaben, was wiederum die Inflationsrate beschleunigte und eine chronische Wirtschaftskrise auslöste.166) So schrieb der Reichsfinanzminister Lutz Graf Schwerin von Krosigk im Juli 1942 an Göring: "[Nach der Okkupation] kam es zu einem ungeregelten Ausverkauf, bei dem das an fängliche Miteinander der verschiedenen öffentlichen und privaten Käufer - darunter auch Angehörige der Wehrmacht - bald in ein Gegeneinander ausartete. Die Folgen des Ausverkaufs waren das Anziehen der Preis - und Lohnschraube und eine weitgehende Verlager ung des Warenverkehrs auf den Schwarzmarkt. ... In Greece, the end point of the development is as good as reached; there is no longer a legal market here at all, there is no longer a price ratio that could serve as the basis for stabilization and reorganiz ation. ...

164) Telegramm Mackensen an das AA Nr. 3398 g.Rs., 8. September 1942, adap, E, 111, Nr. 276, S. 469 f. Seine Ansicht wurde von Ciano geteilt, der in seinem Tagebuch die Schrecklichkeit der wirtschaftlichen Situation Griechenlands beschrieb und bemerkte "Heute ist der Mittelstand schon gezwungen, seine Juwelen, seine Betten, manchmal seine Töchter aufzugeben, um zu leben. Daher sehen wir uns mit Aufständen und Unruhen konfrontiert, deren Ausmaße derzeit noch nicht genau abzuschätzen sind. Aber ni chts kann die Deutschen dazu bringen, ihre absurde und idiotische Haltung zu ändern, und das Schlimmste daran ist, dass wir Italiener für die Folgen einstehen müssen." Ciano, Tagebücher, S. 529. 165) Übersicht der Reichsbank, 9. April 1943, ZStAP, Film 230 8, in: Seckendorf, Okkupationspolitik, S. 66. Im besetzten Frankreich war der Pro -Kopf-Beitrag fünfmal niedriger als in Griechenland. 166) Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Wie wurde der Zweite Weltkrieg finanziert?, in: Bilanz des zweiten Weltkrieges. Erken ntnisse und Verpflichtungen für die Zukunft, Oldenburg 1953, S. 321.

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Bei einer längeren Dauer des Krieges kommt es darauf an zu verhindern, daß die Länder, deren Potential wir in Anspruch nehmen, vorzeitig absacken. "167) Altenburgs unmittelbare Reakt ion auf den Septemberstreik war die Genehmigung einer 50 -prozentigen Erhöhung der Gehälter von Staatsbeamten, Angestellten, Fach - und Hilfsarbeitern sowie der monatlichen Pauschalvergütung, die zur Deckung des Preisanstiegs gewährt wurde.168) Außerdem wurden die Arbeitgeber für die Dauer des Krieges verpflichtet, ihren Angestellten zwei Mahlzeiten pro Tag am Arbeitsplatz anzubieten.169) Nach einer Volksabstimmung im September 1942 wurden alle Suppenküchen geschlossen; die Lebensmittel wurden direkt von 2.50 0 Lebensmittelhändlern verteilt, und die Menschen konnten zu Hause kochen.170) Zwei Monate später erreichte das Preisniveau für Lebensmittel einen neuen Höchststand, da in Erwartung einer weiteren Lebensmittelkrise heftig spekuliert wurde.171)

167) "Nach der Besetzung kam es zu einer ungeordneten Säuberung, bei der das anfängliche Nebeneinander der verschiedenen öffentlichen und privaten Abnehmer - darunter auch Angehörige der Wehrmacht - bald in offene Konflikte ausartete. Die Folgen der Säuberung waren e in Anstieg der Preise und Löhne und eine weitgehende Verlagerung des Handels auf den Schwarzmarkt... In Griechenland ist der Endpunkt dieser Entwicklung fast erreicht; es gibt weder einen legalen Markt noch einen Preismechanismus, der als Grundlage für ein e Stabilisierung und Reorganisation dienen könnte... Wenn der Krieg sich hinzieht, wird es notwendig sein, die Länder, deren Potential wir ausnutzen, vor dem vorzeitigen wirtschaftlichen Ruin zu bewahren." Schwerin von Krosigk an Göring, 15. Juli 1942, Y 5 090-60 v g., BA, R 7/3015, Bl. 18-26, in: Wolfgang Schumann (Hrsg.), Griff nach Südosteuropa. Neue Dokumente über die Politik des deutschen Imperialismus und Militarismus gegenüber Südosteuropa im Zweiten Weltkrieg, Berlin (Ost) 1973, S. 189-193. 168) Beschlüsse Nr. 39985)A 302 vom 24. Oktober und Nr. 39986)A 304 vom 30. Oktober 1942, EK, 1942, 2, Nr. 200, S. 859 f., und Nr. 209, S. 913 f. Siehe auch S. Fh. Kosmetatos an das griechische Büro des Staatssekretärs für Information in London, 21. Oktober 1942, A .Y.E/1941-42/KL/11/A/1/XVI. 169) Decreeno. 2019,19. Dezember 1942, ek, 1942, 1 ,no. 322,p. 1905. Die Arbeitnehmer konnten aufgefordert werden, einen Beitrag von maximal 50 Drachmen pro Tag für ihre Verpflegung zu leisten. Arbeitgeber, die nicht in der Lage sind, Suppenküchen einzurichten, müssen die Rationen umwandeln oder den Gegenwert in bar auszahlen. 170) Bericht Mohn, 22. Dezember 1943, A.Y.E/1943 -44/KC/Versorgung. 171) Thomadakis, Schwarze Märkte, S. 74 f. 230


Die Aufhebung der Preiskontrollen, die Ab schaffung der Rationierung und eine Reihe anderer Maßnahmen, die Hermann Neubacher, Hitlers Sonderbevollmächtigter, der im Oktober 1942 nach Griechenland entsandt worden war, um den völligen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern, ergriffen hatte, führ ten jedoch in Verbindung mit den psychologischen Auswirkungen des Sieges der Alliierten in El Alamein zu einem Rückgang der Schwarzmarktpreise. Innerhalb weniger Tage kamen große Mengen an Lebensmitteln auf den Markt. In dem Glauben, dass das Ende des Krie ges unmittelbar bevorstand, entledigten sich die Schwarzmarkthändler in Panik ihrer Vorräte, um noch etwas Gewinn zu machen, bevor der Frieden ihr florierendes Geschäft ruinierte. Aber, wie der Reichsfinanzminister vorausgesagt hatte, hatte die wirtschaftl iche Erholung "einen sehr relativen bleibenden Wert".172) Das Gleiche gilt für die Milderung der städtischen Unruhen.

IV. Städtischer Widerstand, Zwangsarbeit und deutscher Terror

Parallel zum Wachstum und zur Ausbreitung einer städtischen Massenwiderstandsbewegung breitete sich der bewaffnete Widerstand in den Bergen langsam aus. "Diese Form des Widerstands, die sich auf die Politik stützt173) und einen sekundären militärischen Charakter hat, führt nicht zu einer nationalen Bewegung, sondern zu einer Vie lzahl rivalisierender Widerstandsorganisationen. Zunächst tolerierten sich ihre Führer gegenseitig, doch später schlug ihr gegenseitiges Misstrauen aufgrund der unterschiedlichen Nachkriegsziele in einen offenen Konflikt um. Der ernsthafteste Rivale der EA M/ELAS, die EDES, eine rechtsgerichtete Widerstandsbewegung mit royalistischen Tendenzen und irredentistischen Nachkriegszielen, wurde im Frühsommer 1942 gegründet. Ihr Anführer, der nationalistische Offizier Napoleon Zervas, wurde von den Briten dazu gedrängt, sich in die Berge zu begeben. Seine bewaffneten Banden hatten wenig mit der politischen Gruppe EDES in Athen gemein, deren nominelles Oberhaupt, General Nikolaos Plasteras, seit 1936 im französischen Exil lebte. Zervas verwendete mehr Energie darauf, einen Personenkult zu pflegen, als

172) Copy of letter Schwerin von Krosigk to Reich Minister of Economics Walther Funk, 28 December 1942, BA, R 2/315, frame 104. 173) Christopher M. Woodhouse, Apple of Discord. A Survey of Recem Greek Politics in their International Setting, London 1948, Nachdruck 1985, S. 178. 231


seine Einheiten zu einer effektiven, landesweiten Widerstandsbewegung nach dem Vorbild der EAM/ELAS zu machen. Die ELAS denunzierte ihn als deutschen Kollaborateur und seine Streitkräfte als Hort nicht nur von Royalisten, sondern auch von "quasi-reformierten Kollaborateuren".174) Die Vorwürfe waren berechtigt und wurden von den Briten wiederholt, ohne deren Unterstützung Zervas schon viel früher als Ende 1944 von der ELAS vernichtet worden wäre.175) Ernsthafte Sabotageaktivitäten begannen erst im Herbst 1942. Ein Zusammenschluss von ELAS, EDES und britischen Offizieren der Special Operation Executive (soe Cairo) unter Colonel Edmund C. W. Myers zerstörte im November176) das Viadukt von Gorgopo tamos und unterbrach damit für einige Wochen die Versorgungslinie nach Südgriechenland, was den Verkehr von Konsumgütern und Treibstoff stark beeinträchtigte.177)

174) Ebd., S. 80. Im Herbst 1943 unterzeichnete EDES ein Waffenstillstandsabkommen mit den D eutschen, das es den Deutschen erlaubte, ihre Angriffe gegen Elas zu verstärken. 175) Heinz Richter, General Lanz, Napoleon Zervas und die britischen Verbindungsoffiziere, in: Militärgeschichtlichc Mitteilungen, Bd. 45 (1989), S. 111-138. 176) Edmund C. W. Myers, Greek Entanglement, 2d revised Ed., Gloucester 1985, S. 69-87; Christoph er M. Woodhouse, Early British Contacts with the Greek Resistance in 1942, in: Balkan Studies, Bd. 2 (1970/71), S. 347 -363; Jorgen Hacstrup, European Resistance Movements, 193 9-1945: A Complete History, Westport, CT/London 1981, S. 437 f. Der Erfolg dieser Operation machte den Einsatz deutscher Kampftruppen zur Sicherung aller Transportwege zwingend erforderlich: siehe Telegramm Neubacher an Ribbentrop [ohne Nummer], 2. Dezembe r 1942, ZStAP, Film -Nr. 5422, in: Seckendorf, Okkupationspolitik, S. 217 f. 177) Verkehrslage Griechenlands, S. 247. Die Gorgopotamos -Operation gilt als der strategisch wichtigste Sabotageakt, der von griechischen Widerstandsgruppen und den in Griechenland operierenden sowjetischen Offizieren gemeinsam ausgeführt wurde. Allerdings hatten sich Rommels Truppen bereits am 2. November zurückgezogen, so dass die Unterbrechung der Nachschublinie aus Griechenland nicht wesentlich zur Niederlage der deutsch-italienischen Panzerdivisionen beigetragen haben kann. Diese waren in die Defensive gedrängt worden, lange bevor ein durch diesen Akt verursachter Versorgungsmangel festgestellt werden konnte. Deutsche Aufzeichnungen berichten, dass aufgrund der veränderten milit ärischen Lage Mitte November die Verstärkungen für Afrika reduziert wurden und für Afrika bestimmte Munition und Treibstoff in Griechenland für die dortigen Truppen 232


Um auf die Entwicklung des städtischen Widerstands gegen die Achse zurückzukommen: Unge achtet der sich immer mehr verschlechternden finanziellen Lage war Ende 1942 eher politischer Ungehorsam als Selbsterhaltung zu seinem Hauptziel geworden. Die anfänglichen Forderungen der Demonstranten nach höheren Löhnen, Krediten, Kleidung und Lebensmitteln wurden durch offenen politischen Protest gegen die Achse ersetzt. Im Februar 1943 demonstrierte die EAM offen gegen die Neue Ordnung. Die Ankündigung des Wehrmachtsbefeblsbaber Südost vom Januar 1943 über die Einführung des deutschen Strafrechts im bes etzten Griechenland178) hatte die Widerstandsaktivisten nicht erschreckt. Trotz des bewaffneten Eingreifens der Italiener und der griechischen Polizei demonstrierten am 5. März 1943 rund 250.000 Athener auf den Straßen der Hauptstadt gegen den Mobilisierun gsplan179) vom 30. Januar, der den Arbeitsdienst aller Bürger zwischen 16 und 45 Jahren vorsah.180) Die 1942 auf freiwilliger Basis durchgeführte Anwerbung vo n Arbeitskräften hatte nur etwa 12.000 Arbeitskräfte181); mit der Zwangsmobilisierung hofften die Deutschen, den Mangel an Freiwilligen ausgleichen zu können. Der permanente Arbeitskräftemangel wirkte sich negativ auf die Versuche der Achsenmächte aus, die griechischen Produktionskapazitäten für ihre Kriegsanstrengungen zu nutzen. Die Diskrepanz zwisch en Löhnen und Preisen war der Hauptgrund für

zurückgehalten wurden. Es scheint, dass die zivile Versorgung durch die Sprengung von Gorgopotamos mehr gelitten hat, als bisher angenommen wurde. Sek Lagebericht WBfh. Südost (AOK 12) la Nr. 33 20/42 g.Kdos., 29. November 1942, BA-MA, RH 20-12/153, S. 21. 178) Verordnungsblatt für das besetzte griechische Gebiet, 10. Januar 1943, BA-MA, RW 2.9/99. Auf Sabotageakte gegen die Achsenmächte und die Mitgliedschaft in einer kommunistischen Organisation stand nun die Todesstrafe. 179) Wolfgang Schumann and W. Bleyer, Deutschland im zweiten Weltkrieg, vol. 3, Der grundlegende Umschwung im Kriegsverlauf (November 1942 to September 1943), Cologne 1979, p. 381. 180) Verordnungsblatt für das besetzte griechische Gebiet, no . 12, 30 January 1943, p. 13, BA-MA, RWD 23/1. 181) In einer Proklamation vom Mai 1942 hatte die Jugendorganisation der KKE die griechischen Arbeiter aufgefordert, sich nicht freiwillig zur Arbeit in Deutschland zu melden. "Jeder Hammerschlag in einer deut schen Fabrik ist ein neuer Ring in der Kette der Versklavung der Griechen", hatten sie gewarnt; BA-MA, RW 40/125, S. 98.

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dieses Phänomen.182) Bis Mitte 1942 waren die Preise in Athen um 13.000 Prozent gestiegen183), doch die Besatzungsbehörden ließen selbst in strategisch wichtigen Wirtschaftszweigen, in denen die realen Einkommenssteigerungen vergleichsweise am höchsten waren, keine gerechte Anpassung der Lohnsätze zu.184) Während also der Preis für 1,25 kg Olivenöl 16.000 Drachmen erreicht hatte, bl ieb der Schichtlohn im Bergbau bei 600 Drachmen. Natürlich fanden sich nur wenige Arbeiter, die für ein solches Einkommen freiwillig in den Bergwerken arbeiteten185) , und in vielen Fällen konnten die benötigten Quoten nur durch Zwangsrekrutierung unter Au fsicht der örtlichen Feldgendarmerie erfüllt werden. Die Wehrpflicht wurde zuerst in den ländlichen Gebieten eingeführt, wo ein Mangel an Arbeitskräften herrschte, da die meisten Bauern mit der Bewirtschaftung ihrer eigenen kleinen Parzellen beschäftigt wa ren. Auch auf Kreta wurden etwa 20.000 Männer zwischen 16 und 45 Jahren von ihren Feldern ferngehalten, um in einer Zeit, in der die Lebensmittel knapp geworden waren, Straßen, Flugplätze und Befestigungen zu bauen. Alle fünfundvierzig Tage mussten sie zwe i Wochen lang (10 Stunden pro Tag einschließlich der Sonntage) für die Wehrmacht arbeiten und erhielten einen Bruchteil des normalen Lohns für Landarbeiter.186) Die für die Projekte verantwortlichen Bauunternehmer waren diejenigen, die von der Maßnahme pro fitierten. Sie bekamen sogar von der griechischen Kollaborationsregierung die gezahlten Löhne erstattet, da solche Bauarbeiten als Besatzungskosten eingestuft wurden.187)

182) S. Agapitides, The Inflation of the Cost of Living and Wages in Greece during the German Occupation, International Labour Review, Bd. 52 (1945), S. 649 ff. 183) John R. Lampe und Marvin R. Jackson, Balkan Economic History, 1550 1950. From Imperial Borderlands to Developing Nations, Bloomington, Ind. 1982, p. 549. 184) Delivanis und C leveland, Greek Monetary Developments, S. 68. 185) OKW/Wi Amt an Vortragenden Legationsrat Hudcczek (AA) Nr. 8760/42 g., 24. Oktober 1942, PA -AA, HaPol IVa, Griechenland, Rohstoffe u. Waren, Erze, Bd. 2 186) Christos Hadziiossif, Griechen in der deutschen Kriegsproduktion, in: Ulrich Herbert (Ed.), Europa und der "Reichseinsatz" Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ -Häftlinge in Deutschland 1938 -1945, Essen 1991, p. 215. 187) Ibid.

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Als sich viele Bauern in die Berge flüchteten und sich Wid erstandsgruppen anschlossen, um diesem Zwangsdienst zu entgehen188) , wurden im September 1941 alle kretischen Reservisten, die in Athen und Umgebung wohnten, aufgefordert, sich beim Arbeitsamt zu melden und sich auf den Transport nach Kreta vorzubereiten. 189) Ende 1941 wurde auch in Nordgriechenland für den Betrieb der Chrom - und Molybdänminen sowie für Reparatur- und Bauarbeiten die La borpflicht eingeführt. Unterdessen begannen deutsche Beamte des Reichsarbeitsministeriums und des Reichsministeriums für B ewaffnung und Munition (unter Dr. Fritz Todt) im Januar 1942 in Saloniki mit der Anwerbung von Arbeitskräften auf freiwilliger Basis für das Reich. In der Stadt gab es mehr als 30.000 Arbeitslose190), aber zwischen Mitte Januar und Oktober 1942 wurden im g esamten Gebiet unter dem Kommando des Wehrmachtsbefehlshabers Saloniki -Ägäis nur 6.177 rekrutiert.191) Auf die Regierung der Kollaboration wurde Druck ausgeübt, um die Arbeitslosenunterstützung zu streichen und die Lebensmittelkarten derjenigen einzubehalt en, die ein Angebot zur Aufnahme einer Arbeit im Reich ablehnten.192) Darüber hinaus "bemühte sich die Besatzungsbehörde, die Geldvermehrung zu begrenzen, mit dem doppelten Ziel, die reale Kaufkraft der Arbeiter so weit wie möglich zu minimieren, um die Au fnahme von knappen Gütern zu verringern, und eine so drastische Verschlechterung des Lebensstandards herbeizuführen, dass viele griechische Arbeiter dadurch

188) Ebd., S. 214. 189) Bericht der Königlichen Griechischen Gesandtschaft in Ägypten über die Lage auf Kreta, A.Y.E/1941/KL/8/A/1/20. 190) Die meisten lebenswichtigen Industrien mussten wegen des Mangels an Mineralöl und Kohle schließen. Nur einige Textil - und Lederindustrien, die für die Wehrmacht arbeiteten, und die Allatini -Mühlen wurden mit Brenn stoff versorgt. Die Arbeitslosigkeit nahm im Herbst/Winter 1941 und 1942 zu, auch weil das Wehrmachtsbeschaffungsamt in Beigrade keine zusätzlichen Aufträge in Saloniki vermittelte. Außerdem brachte die Verschiffung der Kokons ins Reich die Seidenindustrie zum Erliegen. Siehe Wirtschaftskommando Saloniki, Lagebericht April-Juni 1941 und Lagebericht Juli -September 1941, BA -MA, RW 29/107. 191) Übersicht über die Ergebnisse der Anwerbung griechischer Arbeitskräfte im Bereich des Bfh. Saloniki -Ägäis, und Übersi cht über die Ergebnisse der Anwerbung griechischer Arbeitskräfte im Bereich des Bfh. Süd -Griechenland, BA Potsdam, Film Nr. 43105 und 43107, in: Eckert, "Fall Marita", S. 159 f. 192) Dies war auch in den Niederlanden, Norwegen, Frankreich und Belgien der Fall. 235


veranlasst würden, sich freiwillig zur Arbeit in Deutschland zu melden. "193) Zwischen Mai und November 1942 wurden weitere 11.971 Personen (20 Prozent davon Frauen) aus Südgriechenland ins Reich transportiert. Die Gesamtzahl blieb jedoch weit un ter den erwarteten 50.000, und von den ersten 5.000, die nach Deutschland gebracht wurden, wurden 1.000 sofort als untauglich zurückgeschickt. Die Arbeit in den Hermann -Göring-Werken in Linz war zu anstrengend für die ausgehungerten Männer.194) Im Frühjahr und Frühsommer musste die Rekrutierung wegen einer Typhusepidemie vorübergehend ausgesetzt werden, wurde aber im Juni wieder aufgenommen (außer in der Region Piräus). Ein halbes Jahr zuvor hätte das Reich auf die wenigen tausend Arbeitskräfte, die Griechenland liefern konnte, verzichten können. Doch die deutschen Verluste in Russland, die Aussicht auf einen langen Zermürbungskrieg und die Mobilisierung von mehr Männern für den Einsatz an der Ostfront machten den Einsatz aller verfügbaren Arbeitskräfte erfo rderlich. Im Frühjahr und Sommer 1942 konnte das Reich seine Gesamtzahl an Arbeitskräften erhöhen, indem es die Arbeitskräfteressourcen der neu besetzten sowjetischen Gebiete nutzte.195) Nach den letzten Monaten des Jahres 1942 wurden jedoch keine neuen Gebiete mehr erworben, und ab 1943 verringerte sich die Fläche unter deutscher Kontrolle langsam. Angesichts der unzureichenden Versorgung mit zusätzlichen Arbeitskräften begannen Fritz Sauckel, der für die Zuteilung ausländischer Arbeitskräfte für das Reich und deren Verteilung zuständig war, und Albert Speer, der die Rüstungsproduktion für Deutschland in den besetzten Gebieten kontrollierte, um die zivilen Kontingente zu konkurrieren.196) Um den Arbeitskräftemangel in Griechenland zu beheben, wurden 3.500 griechische Juden aus Saloniki, zumeist Selbstständige und Künstler, von Juli bis Oktober 1942 zur Arbeit im Straßenbau verpflichtet; einige wenige wurden auch in den Chromminen von Olympos eingesetzt. Bevor die jüdische Gemeinde von Saloniki ihre Freiheit für den Preis von 3 Milliarden

193) Delivanisand Cleveland, Greek Monetary Developments, p. 68. 194) Agenda for the Monthly Meetings to be Held at the Plenipotentiary of the Reich for Greece on June 9 and 10, 1941, PA -AA,HaPol IVaGreece, Wirtschaftswesen 1, vol. 2. 195) Toynbee, Hitler's Europe, p. 130 f., p. 135 f. 196) Ibid, p. 238 ff.

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Drachmen197) erkaufen konnte, waren viele von ihnen an Lungenentzündung gestorben. Als nächstes beschlossen die Deutschen, die Jahrgänge 1925 -32 und 1943-44 zur Einberufung aufzurufen. Doch nur wenige folgten diesem Aufruf, und diejenigen, die sich erwischen ließen, flüchteten bei der ersten Gelegenheit von ihrem Arbeitsplatz, um sich den Partisanen anzuschließen.198) In der Folgezeit beschlossen die Deutschen trotz d es italienischen Widerstands, die freiwillige Anmeldung zur Arbeit im Reich durch eine Zwangsrekrutierung zu ergänzen. Mitte 1942 war in den besetzten Gebieten Westeuropas der Zwangsarbeitsdienst eingeführt worden 199), und ein halbes Jahr lang hatte Griechenland damit eine privilegierte Stellung. Dies änderte sich im Januar 1943 mit der Einführung der zivilen Einberufung von Männern und Frauen im Alter zwischen sechzehn und fünfundvierzig (später fünfundsechzig) Jahren in der deutschen und italienischen Zo ne.200) Allen zur Arbeit Einberufenen wurden Geldentschädigungen und Lebensmittelrationen versprochen; denjenigen, die zur Zwangsarbeit verpflichtet waren, sich aber geweigert hatten, dieser Verpflichtung nachzukommen, drohten der Entzug der Lebensmittel- und Bekleidungskarten, Geldstrafen, Haftstrafen und die Einweisung in Arbeitslager.201)

197) Leften Stavrianos, Die Juden in Griechenland, in: Journal of Central European Affairs, Bd. 8 (1948/ 49), S. 261. Steven Bowman spricht von zwei Milliarden Drachme n; siehe seine Judes in Wartime Greece, Jewish Social Studies, Bd. 48 (1986), S. 53. 198) Eckert, "Fall Marita", S. 161. 199) Auch im Reich hatte ein Erlass vom 27. Januar 1943 alle Männer und Frauen (mit einigen Ausnahmen) zwischen siebzehn und fünfundvie rzig Jahren aufgefordert, sich zur Arbeit zu melden; siehe Toynbec, Hitlers Europa, S. 231. 200) Mit der Proklamation des Oberbefehlshabers der italienischen Streitkräfte in Griechenland Nr. 21 vom 21. Dezember 1942 wurde die Einberufung aller griechischen Staatsbürger derselben Altersgruppen auch in der italienischen Besatzungszone eingeführt. Die Wehrmacht und die deutschen Arbeitsvermittlungsstellen durften auch in der italienischen Zone Arbeitskräfte einberufen. Siehe Monatsbericht des Wehrwirtschaftsof fiziers Athen (WO Athen), März 1943, ZStAP, Film -Nr. 43107, teilweise in: Seckendorf, Okkupationspolitik, S. 231. 201) Ordinance Gazette for the Occupied Greek Territory, no. 11, 30 January 1943, BA-MA, RWD 23/1.

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Am 24. Februar werden 100.000 Arbeiter und Angestellte von Rüstungsbetrieben, Baufirmen und Unternehmen, die für die Wehrmacht arbeiten, eingezogen.202) In der zweiten Februarhälfte organisierten die Widerstandsgruppen EAM und EDES Streiks, Massendemonstrationen und Proteste gegen die allgemei ne zivile Mobilisierung. Am 24. Februar demonstrierten Arbeiter, Beamte, Kriegsveteranen sowie Universitäts - und Gymnasialschüler beiderlei Geschlechts gegen den geplanten Mobilisierungsplan.203) Am 5. März 1943 folgten über 7.000 Menschen dem Aufruf der E AM zum Generalstreik auf den Straßen von Athen. Trotz des bewaffneten Eingreifens der Italiener und der griechischen Polizei stürmten die Demonstranten das Gebäude des Arbeitsministeriums und steckten es in Brand, wobei sie die Listen der Gewerkschaften ve rbrannten. Vier Teilnehmer wurden getötet und siebzig verwundet.204) Es folgten Verhaftungen und Hinrichtungen. Unterdessen wurden in Patras, Larissa, Saloniki und Chania auf Kreta Demonstrationen und Streiks organisiert. Beeindruckt von der Intensität der Unruhen, die sechzehn Tage andauerten, beantragte Konstantinos Logotbetopoulos, Ministerpräsident der zweiten Kollaborationsregierung (Dezember 1942 - Juli 1943), die Aussetzung des Mobilisierungsplans. Unterstützt wurde er von griechischen Industriellen, die erkannten, dass die Einberufung von etwa 80.000 griechischen Arbeitern den Verlust ihrer billigen Arbeitskräfte bedeutete, die eine Grundvoraussetzung für das Überleben der griechischen Industrie waren.205) Die Deutschen gaben schließlich dem Druck de r Front Damaskinos206) nach und verschoben ihre Pläne zur Einberufung von Arbeitskräften auf Juni. Die Organisation Todt holt Arbeiter aus Kroatien für den Bau von Eisenbahnen in Nordgriechenland.207) Die deutschen Besatzungsbehörden zeigten sich empört üb er die Weigerung der Griechen, für sie zu arbeiten, sei es in Griechenland oder im Reich.208)

202) Copy of a Durchführungsbefehl by Militärbcfehlshaber Griechenland General der Flieger Wilhelm Speidel, 24 February 1943, BA -MA, RW 29/100. 203) Kurt Zentner, Illustrierte Geschichte des Widerstandes in Deutschland und in Europa, 1933 - 1945, Munich 1966, p. 318 ff. 204) Mehner, Die geheimen Tagesberichte, vol. 6, Osnabrück 1984, p. 207. 205 Hadziiossif, Griechen, p. 223 206) Tsatsou, Phylla, S. 79 -82. 207) Lageberichte WO Athen, Januar und Februar 1943, BA -MA, RW 29/106. 208) Final Report, p. 118. 238


Die Griechen hätten die Großzügigkeit des Führers bei der Befreiung aller Kriegsgefangenen vergessen oder missverstanden, kommentierten die Deutschen Nachrichten in Griechenland in einem Artikel mit dem Titel "Das Ende des Selbstbetrugs".209) Ohne diese Sonderbehandlung könnten einige hunderttausend griechische Soldaten der besiegten Armee nach internationalem Recht gezwungen werden, in Deutschland zu arbeiten, wie es Kriegsgefangene aus anderen Ländern taten, argumentierte der Autor.210) Die griechischen Soldaten hätten stolz darauf sein sollen, am Wiederaufbau ihres Vaterlandes und der neuen europäischen Ordnung mitzuwirken. Die Schaffung eines neuen Europas sei s icher; weder die anglo -amerikanischen Armeen noch Stalin könnten etwas dagegen tun. Nicht Deutschland, sondern die Griechen selbst würden den Platz ihres Landes in der Völkergemeinschaft durch ihren gegenwärtigen Beitrag zum Wiederaufbau ihres Landes und g anz Europas bestimmen. Die Botschaft stieß natürlich auf taube Ohren. Die Zwangsrekrutierung wurde im Sommer 1943 wieder eingeführt, aber die Arbeitssituation konnte erst ab September 1943 durch den Einsatz italienischer Kriegsgefangener verbessert werden. Bis zum Ende des Jahres wurden etwa 90.000 Zwangsarbeiter für die Wehrmacht in Griechenland eingesetzt211) , und weniger als 4.000 wurden ins Reich verschifft.212) 1944 griffen die Deutschen zu härteren Maßnahmen, um ihr Arbeitskräftekontingent zu füllen: KZ-Häftlinge wurden in Arbeitslager in Deutschland transportiert, während arbeitslose Arbeiter in Saloniki und anderen Städten Nordgriechenlands zusammengetrieben und zur Arbeit in den Minen gezwungen wurden.

209) Deutsche Nachrichten in Griechenland, 13 . März 1943. 210) In Polen wurden fast 2 Millionen der insgesamt 15 Millionen Einwohner zur Arbeit nach Deutschland geschickt; Gross, Polish Society, S. 78. 211) Im Dezember 1943 arbeiteten 166.000 Männer und Frauen in Griechenland direkt oder indirekt für die Wehrmacht; siehe Abschlussbericht, S. 122. 212) Hadziiossif, Griechen, S. 226. Hondros spricht von 2.653; vgl. Hondros, Occupation, S. 77 f. Ewerth beziffert die Zahl der zwischen April und Dezember 1943 ins Reich zwangsverschleppten griechischen Arbe itskräfte auf 13.500 (Lutz Ewerth, Der Arbeitseinsatz von Landesbewohnern besetzter Gebiete des Ostens und des Südostens im Zweiten Weltkrieg, Dissertation. Tübingen 1954, S. S. 5, S. 8, S. 208.); siehe Herbert, "Reichseinsatz" S. 208. Die Schwierigkeit, die genaue Gesamtzahl zu bestimmen, liegt darin, dass die deutschen Berichte unterschiedliche Zahlen nennen.

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Insgesamt unterstützten zwischen den Jahren 1942 und 1943 nur 42.000 Griechen die Kriegsanstrengungen des Reiches mit ihrer Arbeitskraft in Deutschland213), eine unbedeutende Zahl im Vergleich zu den Wehrpflichtigen aus anderen Ländern214) und zur Gesamtzahl der von der Wehrmacht in Griechenland eingesetzten einheimischen Arbeitskräfte.215) Die Gründe für die geringe Zahl der aus Griechenland ins Reich verschifften Arbeitskräfte lagen im Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, in der Abwesenheit der meisten Arbeitslosen in den griechischen Industrien, die für die Achsenunternehmen arbeiteten, im Widerstand der griechischen Bevölkerung gegen Einbe rufungen und Razzien, im schlechten Ruf und der schlechten körperlichen Verfassung der freiwillig ins Reich abgewanderten griechischen Arbeiter und in der ungünstigen Einstellung der griechischen Kollaborationsregierungen zum direkten Achsen -Zwang.216) Die Entfremdung und die starke moralische Empörung der meisten gesellschaftlichen Gruppen verstärkte sich in den letzten eineinhalb Jahren der Besatzung. Die Deportation der gesamten jüdischen Gemeinde von Saloniki nach Auschwitz, wo 45.000 griechische Juden vernichtet wurden, und die "abscheuliche" deutsche Politik des wahllosen Terrors gegen die Zivilbevölkerung, die eingeführt wurde, um die wachsende Zahl der EAM Mitglieder zu kontrollieren und die Sabotageaktivitäten einzudämmen, sorgten für neue Unruhe. Das Jahr 1943 war durch einen verstärkten Aktivismus der Jugend (insbesondere der Studenten) gekennzeichnet, und 1944 rekrutierten sich 60 Proz ent der ELAS-Partisanen (etwa 32.000 junge Männer und Frauen) aus der EPON, der Jugendorganisation der EAM.217)

213) Von den Einberufenen müssen etwa 22.500 freiwillig ins Reich gegangen sein. Der Rest, der nach der offiziellen Einführung der Zwangsarbeit im Januar 1943 verschifft wurde, muss zwangsverpflichtet worden sein. 214) So arbeiteten z. B. insgesamt 161.000 Serbinnen und Serben während der Kriegsjahre im Reich. Siehe Ewerth, Arbeitseinsatz, S. 5. 215) Hadziiossif schätzt, dass nur 1,1 Prozent der erwerbsfähigen griechischen Bevölkerung für den Reichseinsatz eingesetzt wurden, während 10 Prozent für die Deutschen in Griechenland arbeiteten; Hadziiossif, Griechen, S. 226. 216) Abschlußbericht, S. 121; Bericht Speidel, 5. Oktobcr 1943, ZStAP, Film Nr. 18735, teilweise in: Seckendorf, Okkupationspolitik, S. Z65 f.; Note Verbale Altenburg an das Büro des griechisch en Ministerpräsidenten Nr. 1829,19. April 1943, A.Y.E/1944/KK/5 und Vermerk des Amtes des griechischen Ministerpräsidenten an Altenburg Nr. 1027 IY/7, z8. Juni 1943; ebd. 217) Fleischer, Stema kai Svasrika,S. 311; Richter, 1936 -1946, Bd. 1, S. 171 f. 240


Am 25. Juni führte die EEAM einen Generalstreik durch, um gegen die Erschießung von 128 Geiseln als Vergeltung für eine Sabotageaktion zu protestieren, die sich später als ein Unfall herausstellte. Italienischen Quellen zufolge hatten sich Erzbischof Damask inos und eine Reihe von Geistlichen dem deutschen Kommandanten als Geiseln anstelle der Unschuldigen angeboten, die verhaftet worden waren und auf ihre Hinrichtung warteten. 218) 100.000 Menschen, Ladenbesitzer, Beamte, Bankangestellte und andere reagierten darauf, und sogar 1.200 Polizisten verließen ihren Posten.219) In seinem Bericht an den Oberbefehlshaber Südost über die allgemeine politische Lage räumte der Befehlshaber Südgriechenland im Juli 1943 ein, dass 90 Prozent der Griechen eine feindliche Halt ung gegenüber den Achsenmächten einnahmen und zum off enen Aufstand bereit waren.220) Die durch den Seitenwechsel Italiens im September 1943 verursachten Unruhen ermöglichten es der städtischen Bevölkerung, weitere Forderungen nach Lohnerhöhungen durchzuset zen.221) Die Truppenverstärkung und die umfangreichen Befestigungsprojekte hatten eine Erhöhung der monatlichen griechischen Zahlungen für die Besatzungskosten unumgänglich gemacht. Dies hatte die Inflationsrate beschleunigt und das Preisniveau in die Höhe getrieben.222) Beamte der staatlichen Wasser -, Gas-, Elektrizitäts-, Eisenbahn- und Telefongesellschaften traten im September in den Streik und forderten die Anpassung ihrer Löhne an die tatsächlichen Lebenshaltungskosten. Drei der Teilnehmer wurden zum T ode verurteilt, acht erhielten lange Haftstrafen, und die deutschen Militärbehörden verhängten ein allgemeines Streikverbot.223) In Erwartung einer deutschen Niederlage zeigten sich die privaten Arbeitgeber in Industrie und Handel dennoch bereit, die wirtschaftlichen Forderungen ihrer Beschäftigten zu erfüllen, als Beweis für ihr Engagement zum Wohle der Nation. In einem Bericht nach Berlin stellte Neubacher fest, dass aus dem gleichen Grund die Regierungsbeamten immer 218) Santa Sede, Grecia, boll. radiot el. n. 165, 14. Juni 1943, ASDMAE, Serie Affari Politici, 1931 -1945, Grecia, B 22. 219) Bericht Bfh. Süd -Griechenland an den Oberbefehlshaber Südost, Oberkommando Heeresgruppe Eno. 17512,5. Juli 1943, BA -MA, RW 40/131. Die Regierung entwaffnet und entlässt 395 Polizeibeamte. Die übrigen kehren am 2. Juli auf ihre Posten zurück. 220) Ebd. 221) Im August erhöht die Regierung die Löhne der Arbeiter um 100 Prozent und die Gehälter der Angestellten um 60 Prozent. 222) Etmektsoglou, Achse der Ausbeutung, S. 537 -547 223) Administrative Report of General Speidel for III Quarter 1943, 5 October 1943, ZStAP, film no. 18735, partly in: Seckendorf, Okkupationspolitik, p. 265 f. 241


mehr dazu neigten, "ungerechtfertigte" Forderungen der Massen, die durch die kommunistische Propaganda geschürt wurden, zu erfüllen.224) Die materielle Lage der ärmeren Arbeiterklassen in den Städten blieb auch im letzten Jahr der Besatzung prekär. Im Oktober 1943 betrug das Preisniveau das 1.000-fache des Vorkriegsniveaus, aber die Nominallö hne waren nur auf das 40- bis 150-fache des Vorkriegsniveaus gestiegen; somit "betrug der allgemeine Rückgang des Lebensstandards Mitte 1943 im günstigsten Fall die Hälfte des Vorkriegsniveaus und im schlimmsten Fall ein Fünfundzwanzigstel des Vorkriegsniveaus".225) Als der Winter nahte, herrschte "in bestimmten Teilen" des Landes eine "regelrechte Hungersnot", und die Menschen aßen "gewöhnliches Schweinefutter".226) Die Ernte belief sich auf etwa 250.000 bis 280.000 Tonnen, verglichen mit 350.000 Tonnen im Jahr 1942, und das IRC musste 4.000.000 Menschen versorgen.227) Die landwirtschaftliche Produktion im Allgemeinen wurde durch den Mangel an Arbeitskräften, Saatgut, Düngemitteln, Zugtieren und tierischen Nahrungsmitteln, Geräten und Insektiziden irreparab el beeinträchtigt. Auch die zunehmenden Zerstörungen durch die Besatzungstruppen und die Partisanen hemmten die Produktion.228) So blieb die Gefahr einer Hungersnot bestehen, vor allem in den von griechischen Partisanen kontrollierten Gebieten, in denen di e Wehrmacht bis auf wenige Ausnahmen die Lieferung von Hilfsgütern untersagte.229) Das Ziel der Wehrmacht war es, die Widerstandsbewegung zu brechen, indem sie die Berge aushungerte und den Menschen zeigte, dass ihre Andartes wertlos waren und ihnen keinen Schutz boten. Nordgriechenland befand sich Ende 1943 unter der Kontrolle bewaffneter Widerstandsgruppen, und die Deutschen hatten sich in den Kleinstädten des Flachlandes in Stützpunkten organisiert. Selbst auf dem Peloponnes, wo die deutschen Truppen relativ zahlreich waren, kam es zu ständigen Angriffen auf

224) Telegramm Neubacher Nr. 2389, 31. August 1943, BA -MA, Wi/ICI. IC. 225) Xydis, Wirtschaft, S. 38. 226) Bericht von Persson (Anm. 126), März -Dezember 1943, Anhang 4, S. 5. 227) Auszüge aus dem Pr otokoll des Coordinating Committee of American Agencies in Greece, P. Mohn, Situation in Greece, 22. Dezember 1943, und Bericht von Emil Sandström, 5. Dezember 1943, A.Y.E/1943 -44/KC/Food Supply. 228) Angeliki Laiou -Thomadakis, Die Politik des Hungers: Eco nomic Aid to Greece, 1943-1945, Journal of the Hellenic Diaspora Bd. 7 (1980), S. 28. 229) Abschlußbericht, S. 94.

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Verkehrseinrichtungen, auf Lastwagenkonvois und auf kleine militärische Einheiten.230) Bis 1944 war es der EAM/ELAS gelungen, in mehr a ls der Hälfte des griechischen Staatsgebiets einheitliche und nahezu autarke Gebiete unter kommunistischer Herrschaft zu schaffen, in denen sie alle Verwaltungsbefugnisse und Zuständigkeiten des griechischen Staates übernommen hatte. Als Teil ihres umfasse nden Reformprogramms hin zu einer partizipatorischen "Volksdemokratie" schuf die EAM/ELAS neue Institutionen der lokalen Selbstverwaltung (wie lokal gewählte Volksgerichte und Komitees für Wohlfahrtsdienste, die Verteilung von Lebensmitteln, Steuern, Bildu ng und Sicherheit), gewährte den Frauen gleiche Rechte und erklärte die demotische Sprache zur offiziellen Staatssprache.231) Trotz dieser positiven Maßnahmen setzten die Zusammenstöße zwischen der ELAS und der EDES die Landbevölkerung willkürlicher Gewalt aus und schufen ein Klima der Angst, wodurch die Attraktivität einer Widerstandsorganisation untergraben wurde, die weder Sicherheit noch eine verbindende nationale Sache bieten zu können schien. Vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs und der deutschen Vergeltungsmaßnahmen gab es für die Zivilbevölkerung keine andere Möglichkeit, dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu entkommen, als sich einer Widerstandsgruppe anzuschließen - je nachdem, welche Gruppe sich in ihrem Dorf zuerst rekrutierte. Je nachde m, wie viel Glück sie hatten, brachte ihnen ihre Wahl mehr Sicherheit oder schlimmere Probleme als ihre vorherige politische Neutralität, die in den griechischen Bergen nach 1943 keine zulässige Alternative war. Um die steigende Mitgliederzahl der EAM zu k ontrollieren und subversive Aktivitäten zu unterbinden, hatten die Deutschen eine Politik des wahllosen Terrors gegen die Zivilbevölkerung eingeführt, mit dem Ergebnis, dass von März 1943 bis Oktober 1944 21.255 Griechen getötet und etwa 20.000 inhaftiert wurden.232)

230) From the 117th Jäger Division's situation assessment of November 29, 1943, on the partisan movement in southern Greece, ZStAP, film no. 42919, partly in: Seckendorf, Occupation Policy, pp. 283 f. 231) L. S. Stavrianos, The Greek National Liberation Front (EAM): A Study in Resistance Organization and Administration, Journal of Modern History, vol . 24 (1952), pp. 42 -55; Richter, 1936-1946, vol. 1, pp. 272 -280. 232) Hondros, Occupation, S. 158 und Anmerkung 131.

243


Der Befehl der Wehrmacht sah die Hinrichtung von fünfzig griechischen Geiseln für jeden getöteten deutschen Soldaten und zehn für jeden Verwundeten vor.233) Die Deutschen betrachteten solche rücksichtslosen Strafmaßnahmen als "wirksame Abschreckung "234). Vom 10. bis 14. Dezember 1943 wurden 696 Männer, Frauen und Kinder von der österreichischen 117. Schützendivision hingerichtet und 24 Dörfer und drei Klöster um Kalavryta (südöstlich von Patras) als Vergeltung für die Ermordung von 77 deutschen Soldaten durch ELAS -Partisanen nied ergebrannt.235) Das "Blutbad" von Kalavryta wurde am 5. April 1944 in Klissoura wiederholt: 223 Personen wurden hingerichtet, darunter 9 Säuglinge, 29 Kinder unter 5 Jahren und 34 zwischen 5 und 15 Jahren, als Vergeltung für den Tod von zwei deutschen Motorradfahrern in 25 km Entfernung.236) Neubacher scheiterte mit seinen Bemühungen, eine Wiederholung solcher von SS -Einheiten angeordneter und durchgeführter Aktionen des "blanken Wahnsinns" zu

233) Die Lage in Griechenland, Bericht unseres Vertrauensmanne s Nr. 20, 10. November 1943, BA-MA, Wi/ICI. IC. Als Anfang 1944 ein deutscher General, vermutlich von Partisanen, auf dem Peloponnes erschossen wurde, wurden 100 Geiseln als Vergeltung hingerichtet, und es wurde angekündigt, dass von nun an das Verhältnis 100 Griechen für jeden getöteten deutschen Soldaten und 50 für jeden Verwundeten gelten würde. Siehe Zeugenaussage von Willy Finger, IFZ, Dok. NOKW 2895. 234) Keitels Befehl vom 16. September 1941, in: Margaret Carlyle (Hrsg.), Documents on International A ffairs 1939-1946, Bd. 2, Hitler's Europe, London/New York 1954, S. 188 f.; Befehl Oberbefehlshaber Südost Alexander Löhr, 10. August 1943, ZStAP, Film -Nr. 53308, teilweise in: Seckendorf, Okkupationspolitik, S. 244. 235) Sie gehörten zur 5. Kompanie des le ichten Regiments 749, das am 19. Oktober von Partisanen geplündert wurde; siehe Teilübersetzung des Dokuments NOKW-1246, Auszüge aus dem Kriegstagebuch Nr. 3, LXVIII. Armeekorps (28. November - 14. Dezember 1943), in: IMT, Bd. II, S. 1030 ff. 236) Telegram m Neubacher an das AA Nr. 1464 g.Rs., 15. Mai 1944, in: ADAP, E, VIII, Nr. 27, S. 54 ff. In seinem Befehl vom 18. Oktober 1942 hatte Hitler den Kampf gegen die Partisanen in allen Ostgebieten als "eine Schlacht der völligen Vernichtung des einen oder ander en Teils" bezeichnet. Mit seinem Befehl vom 16. Dezember 1942 erlaubte er den Einsatz brutalster Mittel, auch gegen Frauen und Kinder; ZStAP, Film Nr. 5461, teilweise in: Seckendorf, Okkupationspolitik, S. 219.

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verhindern.237) Am 10. Juni und am 2. September wurden weitere 350 unschuldige Griechen in Distomon und Chortiates getötet.238) Die Protestbriefe nach dem Ereignis239) waren viel weniger, als man es von Ioannes Ralles, dem Ministerpräsidenten des dritten kollaborativen Regimes (April 1943 bis Oktober 1944), erwarten würde, der sich viel stärker für den "Schutz" der griechischen Bürger vor den ELAS -Widerstandskämpfern einsetzte, indem er Sicherheitsbataillone zur Bekämpfung der EAM/ELAS einsetzte.240) Im letzteren Fall stand natürlich auch das p olitische Leben der Kollaborateure und der traditionellen Politiker, die Ralles vertrat, auf der Kippe. So kam im letzten Jahr der Besatzung zu der großen Belastung durch die Entbehrungen des Krieges eine immer stärkere Gewalterfahrung der Zivilbevölkerung hinzu, deren Erinnerung für die Gestaltung der Haltung der Bevölkerung nach der Befreiung von größter Bedeutung war. 237) "Es ist der blanke Wahnsinn", schrieb Neubacher am 15. Mai 1944 an Ribbentrop, "Säuglinge, Kinder, Frauen und alte Männer zu ermorden , weil schwer bewaffnete rote Banditen gewaltsam in ihrem Hause übernachtet haben, und weil sie zwei deutsche Soldaten in der Nähe des Dorfes getötet haben. Die politischen Auswirkungen ... dieses sinnlosen Blutbades ... sind katastrophal. Das unrühmliche Ergebnis dieser Heldentat ist, dass die Babys zwar tot sind, die Partisanen aber weiterleben und durch den Einsatz von Maschinengewehren in völlig wehrlosen Dörfern wieder Quartiere finden werden"; in: ADAP, E, VIII, Nr. 27, S. 55. 238) Der Waldheim-Bericht, vorgelegt am 8. Februar 1988 an Bundeskanzler Dr. Franz Vranitzky von der Internationalen Historikerkommission zur Feststellung des Militärdienstes von Oberleutnant Kurt Waldheim. Autorisierte englische Übersetzung des unveröffentlichten deutschen Berichts, Kopenhagen 1993, S. 184 f. 239) Briefe von Ralles an Altenburg/Neubacher und Speidel, 1. Juli und 19. Dezember 1943, sowie vom 25. Juni und 4. Oktober 1944, in: G. A. Pharmakides, Pepragmena tes para to Prothypourgo Hyperesias Antapokriseon meta ton Germanikon Archon kata ten Karochen. Perileptike Ekthesis, Athen 1957, S. 25 ff., S. 31 -44; Georgios I. Ralles, Ho Ioannes D. Ralles Homilei ek tou Taphou, Athen 1947, S. 129 -135. 240) Wie Woodhouse richtig bemerkt, bestand Ralles' eigentliches Motiv bei der Organisation dieser Truppe darin, sie "als Brücke zu benutzen, über die Griechenland ohne eine Pause des Chaos von der deutschen Besatzung zur Befreiung durch die Alliierten übergehen würde; er beabsichtigte, das Beste aus beiden Welten zu genießen und d ie Früchte der Zusammenarbeit mit beiden Seiten zu ernten. Sein Kalkül war erstaunlich scharfsinnig". Apfel der Zwietracht, S. 28. 245


V. Das frustrierte Bemühen der KKE um einen "Übergang zum Sozialismus": Die Volksbasis der EAM/ELAS während des Krieges u nd die Niederlage nach dem Krieg

Am Morgen der Befreiung war Griechenland verwüstet, die Bevölkerung verarmt, körperlich gequält von den Folgen der Unterernährung und politisch radikalisiert. Der durch die Wirtschaftspolitik der Achsenmächte in Griechenland verursachte Ruin ist fast unvorstellbar.241) Laut einem Album, das von der griechischen Nachkriegsabteilung für Wiederaufbau auf der Grundlage von Daten zusammengestellt wurde, die während des Krieges vom Büro für Stadt- und Landesplanung des Ministeriu ms für öffentliche Arbeiten und von anderen öffentlichen Diensten und Einzelpersonen242) gesammelt wurden, überstieg die Zahl der Toten während des Krieges und der Besatzung eine halbe Million.243) Berücksichtigt man auch den Geburtenrückgang, so verursachte der Krieg einen Rückgang der griechischen Bevölkerung um 10,2 10,8 Prozent.244) Von den Überlebenden litten 400.000 an Tuberkulose und 2.500.000 an Malaria.245) 3.500 Städte und Dörfer waren durch Bombardierungen und Brände zerstört worden, wodurch sich die Gesamtzahl der Wohnungen in Griechenland um 23 Prozent verringerte und 1.500.000 Menschen obdachlos wurden.246) 25 Prozent der Wälder waren gerodet und 73 Prozent der gesamten Vorkriegstonnage der Handelsmarine versenkt

241) Detaillierte Tabellen üb er den Wert der Zerstörungen und Enteignungen durch die Deutschen und Italiener in A.Y.E/1944/KL/51, Tables of Damages. 242) Dieser Bericht mit dem Titel The Sacrifices of Greece in the Second World War (siehe Anm. 101) wurde im Frühjahr 1945 in Paris, Lon don und auf der U.N.O.-Konferenz in San Francisco ausgestellt. 243) Tabelle "Verluste an Menschenleben" Gesamtbevölkerung von 7.337.000 Millionen (1940).

in

ebd.

Bei

einer

244) Dieser Prozentsatz könnte sich auf 11,5 bis 13 Prozent erhöhen, wenn nicht alle Geiseln, Gefangenen und Deportierten nach 1944 zurückkehren. Siehe ebd.; Doxiadis, Sacrifices of Greece, S. 13; und Constantine A. Doxiadis, Such was the War in Greece, Athens 1947, S. 4'" 243) Bericht Mohn, 22. 44/KC/Lebensmitte lversorgung

Dezember

1943,

A.Y.E/1943 -

246) Doxiadis, So war der Krieg in Griechenland, S. 30 -34. 246


worden. Der Verlust des nationalen Reichtums wurde auf 17.871 Millionen Dollar geschätzt.247 ) Zwischen April 1941 und Oktober 1944 hatte sich der Notenumlauf um das 68.457.984,76 -fache erhöht, wodurch die griechi sche Drachme wertlos wurde.248) Niemand kann behaupten, dass die oben genannten Zahlen verlässlich sind (Statistiken sind bestenfalls Schätzungen), aber Berichte, die mit weniger interner Voreingenommenheit erstellt wurden als die von griechischen Agenturen (und zu anderen Zwecken), zeigen, dass die Jahre 1941-1944 eine Zeit des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zerfalls waren, der die bestehenden Strukturen und Verhaltensmuster gewaltsam beeinflusst hatte. Der Widers tand gegen die faschistischen Kräfte endete in einem Bürgerkrieg zwischen der populärsten und am weitesten verbreiteten linken Widerstandsbewegung, der EAM, und der griechischen Rechten. Die detaillierte Geschichte des Scheiterns der EAM/ELAS, sich in eine revolutionäre Bewegung zu verwandeln und die Macht zu ergreifen, würde den Rahmen dieses Papiers sprengen. Es genügt zu sagen, dass der Grund für die Stärke der EAM/ELAS als dominierende Widerstandsbewegung mit etwa 500.000 bis 1.500.000 Anhängern249) auc h ein entscheidendes Hindernis für den Versuch der Kommunisten war, eine Massenunterstützung für eine Revolution zu entwickeln. Gerade die Tatsache, dass die EAM/ELAS Menschen aus allen Teilen der Bevölkerung angezogen hatte, indem sie an ihren Patriotismu s appellierte und auf ihrer Unzufriedenheit mit ihren sich verschlechternden materiellen Bedingungen aufbaute, ermöglichte es der kommunistischen Partei, die spontane Opposition der Bevölkerung zu politisieren, nicht aber, Unterstützung für eine soziale Re volution nach der Befreiung zu gewinnen.250) Mit der Evakuierung Griechenlands durch die Deutschen verlor die EAM/ELAS ihre Anziehungskraft als vorwiegend nationale Widerstandsbewegung, die für die Unabhängigkeit kämpfte. Der Nationalismus der Kriegszeit, der die Spaltungen in den Reihen der EAM/ELAS verdeckt hatte, wich der Sorge um die territoriale Integrität und Expansion Griechenlands, die wirtschaftliche Erholung und den Wiederaufbau sowie die Kontrolle über den Staatsapparat. Auf der Suche nach altern ativen Wegen für die sozioökonomische und politische Entwicklung sahen sich die Mittelschicht, die

247) Ebd., S. 45. 248) (April 1941 = 100); Paul Hahn, Die griechische Währung und währungspolitische Maßnahmen unter der Besetzung, 1941 -1944,Tübingen 1957, p. 41. 249) Smith, "Die erste Runde", S. 60. 250) Minehan, Dependency, Realignment and Reaction, S. 3 -234. 247


kleinen städtischen Arbeiter, die Bauern und die bürgerlichen Elemente vor die Wahl gestellt, entweder eine von den Kommunisten vorgeschlagene radikale neue Ordnung oder die Rückkehr der alten politischen und wirtschaftlichen Eliten und die Errichtung eines von Großbritannien unterstützten proroyalistischen Regimes zu wählen. Die stark nationalistisch und individualistisch geprägten bäuerlichen un d bürgerlichen Elemente der EAM hatten ihre konservative Verteidigung des Privateigentums beibehalten und waren gegen einen gewaltsamen Kampf um die Macht; und selbst die städtische Arbeiterschaft - die einzige Unterstützerin der Linken in den späten 1940e r Jahren251 - war nicht militant. Vielleicht hatte Oberst Casson Recht mit seiner Feststellung: "Die Griechen sind, wie die Amerikaner, Individualisten, die auf eine gute Investition achten. Im Moment hat RAM eine kommu nistische Speerspitze mit einer demokratischliberalen Welle dahinter. Zu gegebener Zeit wird sich die Welle von der Speerspitze ablösen. Aber bis dahin könnte die Speerspitze gewinnbringend auf die Deutschen gestoßen werden. Angesichts der britischen Entschlossenheit, die EAM zu zerschlagen, und der Tatsache, dass Stalin und Churchill im Oktober 1944 in Moskau ein Abkommen geschlossen hatten (von dem die KKE-Führung keine Kenntnis hatte), das Griechenland in den britischen Einflussbereich einbezog, konnte die KKE nur durch eine bewaffnete Machtübernahme oder mit Unterstützung der traditionellen griechischen Parteien an die Macht kommen. Doch aus Furcht vor der Popularität der EAM in der griechischen Öffentlichkeit, ihrer Durchdringung aller öffentlichen Dienste auf lokaler Ebene und aus Angst vor einem kommunistischen Staatsstreich253) unterstützen das politische Zentrum und die alte Liberale 251) Nach den Gewerkschaftswahlen, die vor der Machtübernahme der Rechten im Jahr 1946 stattfanden (nach denen die Linken aus den Gewerkschaften auf alle n Ebenen entfernt wurden), unterstützte die Mehrheit der Arbeiter "vermutlich" auch in den Jahren 1947 -1950 die Linke. Weißer Terror, Inflation und eine geschätzte Arbeitslosigkeit von 30 Prozent erklären die Popularität der Bewegung bei diesen Menschen. D och die geografische Isolation und die Kontrolle der Exekutive der GSEE (General Con - federation of Greek Workers) durch die Regierung und die American Mission for Aid to Greece Agency nach 1946 hinderten die städtischen Arbeiter daran, die Partisanen der Deinokratischen Armee zu unterstützen. Siehe David H. Close, The Legacy, in: The Greek Civil War, S. 115. 252) Brief von Colonel Casson an das britische Wirtschaftsministerium, 26. Oktober 1943, Public Record Office (PRO), Foreign Office (FO) 371/37232, S. 87 ff. 253) Close, The Reconstruction of a Right -wing State, in: ebd., The Greek Civil War, S. 157. 248


Partei die Royalisten, die seit Ende 1943 versprechen, dass freie Wahlen über das Schicksal der Monarchie entscheiden würden. Die EAM/ELAS verfolgte einen ambivalenten Legalitätskurs, da sie sich ihrer Stärke in den Städten nach der Befreiung nicht sicher war und ideologisch nicht wusste, ob sie versuchen sollte, ein sozialistisches Regime mit militärischen Mitteln durchzusetzen (wie es in Jugoslawien geschah) oder die politische Vorherrschaft im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie zu erlangen - wofür sie in der Bevölkerung viel Unterstützung fand. Seit Dezember 1942 hatte die EAM mehrmals ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, sich an einer Koal ition mit den traditionellen Parteien zu beteiligen und eine repräsentative Regierung der nationalen Einheit unter Beteiligung anderer Widerstandsgruppen und aller politischen Parteien zu bilden254), was darauf hinzudeuten schien, dass ein Teil der KKE-Führung auch daran dachte, die Kontrolle über Griechenland mit verfassungsmäßigen Mitteln zu übernehmen. Dies war die Linie, zu der Moskau der Partei geraten hatte. Mit der Unterzeichnung des Caserta -Abkommens am 26. September 1944 stimmte die EAM der Auflösu ng des Politischen Komitees der Nationalen Befreiung (PEEA) zu, das im März 1944 als provisorische Regierung in den von der ELAS befreiten Gebieten gebildet worden war, und schloss sich der Regierung der Nationalen Einheit von Georgios Papandreou an, obwohl das PEEA mehr Gefolgschaft und Rechtmäßigkeit genoss als die nicht gewählte Exilregierung in Kairo. Die ELAS -Truppen wurden - wie die der EDES - dem britischen General Ronald Scobie unterstellt.255) Die Entscheidung der KKE im Dezember 1944, gegen die br itischen und griechischen Truppen zu kämpfen, wurde also durch Papandreous Weigerung provoziert, die extrem antikommunistische und royalistische Dritte Brigade zu demobilisieren, während General Scobie die Auflösung der Partisanenkräfte angeordnet hatte. A lle kommunistischen und sozialistischen Minister der Regierung der nationalen Einheit traten aus Protest gegen Papandreous Taktik zurück, die Offiziere der ELAS praktisch aus der Nationalgarde (der neuen griechischen Armee) auszuschließen.256) Die EAM rief für den dritten Dezember 1944 zu einer Massendemonstration und für den vierten Dezember zu einem Generalstreik auf.

254) V. Bouras, He Politike Epitrope Ethnikes Apeleutherosis, PEEA: Eleuthere Hellada, 1944, Athen 1983, S. 58 -60. 255) Haris Vlavianos, T he Greek Communist Party: in search of a revolution, in Tony Judt (Hrsg.), Resistance and Revolution in Mediterranean Europe, 1939 1948, London/New York 1989, S. 178 -189; Stephanos Saraphes, HO ELAS, Athen 1946, S. 348. 256) Ibid., S. 437 ff., S. 448 -452. 249


Als EAM-Anhänger von Polizeieinheiten in der Athener Innenstadt beschossen, verwundet und getötet wurden, begannen ELAS -Kräfte einen Aufstand, der nach 33 Tagen erbitterter Kämpfe in den Straßen von Athen und Piräus von britischen Truppen niedergeschla gen wurde.257) Die militärische Niederlage der ELAS war ein fataler Schlag für das Prestige der KKE als politische Bewegung. Die meisten nichtkommunistischen Anhänger der EAM waren sich des Potenzials des rechten Terrors nicht bewusst und waren schockiert über die Nachricht von den Massenhinrichtungen ziviler Geiseln durch die ELAS, die während ihres Rückzugs aus Athen im Januar 1945 vorgenommen wurden.258) Am 12. Februar handelte die besiegte EAM/ELAS mit der Regierung ein Abkommen aus, in dem sie ihre Waf fen im Gegenzug für das Versprechen der Regierung abgab, eine allgemeine Amnestie für politische Verbrechen zu gewähren und eine Volksabstimmung über die Frage der Rückkehr des Königs abzuhalten. Dieses Varkiza -Abkommen führte jedoch nicht zu einer nationa len Versöhnung. Vielmehr folgte eine Kampagne des "weißen Terrors" unter der Führung der extremen Rechten, die den Ausbruch einer weiteren Runde des Bürgerkriegs unausweichlich machte.259) Die öffentliche Meinung missbilligte die mangelnde Mäßigung der Rec hten und die britische Einmischung in die griechische Politik, unterstützte aber nicht die neue bewaffnete Konfrontation der KKE mit der griechischen Regierung vom Winter 1947 bis zum Sommer 1949. Seit den Ereignissen vom Dezember 1944 wurden Menschen sowo hl aus dem venizelistischen als auch aus dem antivenizelistischen Lager allmählich auf die antikommunistische Seite gezogen, motiviert durch ihre Angst vor der angeblichen Unterstützung der KKE für ein unabhängiges Mazedonien, ihren freundschaftlichen Bezi ehungen zu Griechenlands Rivalen im Norden und den Slawophonen innerhalb Griechenlands sowie den angeblichen Absichten der Kommunisten in Bezug auf den orthodoxen Glauben und das Privateigentum.260) Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die griechische Vo lkswiderstandsbewegung als Teil eines allgemeineren Phänomens, das während des Krieges auftrat, Ziele der nationalen Befreiung, die sich gegen die Besatzungstruppen der Achsenmächte richteten, mit Motiven sozialer und politischer Art verband, die auf einen mehr oder weniger radikalen Wandel abzielten und sich gegen das alte innenpolitische Establishment richteten, das im Kampf ums Überleben keine Führungsrolle übernommen hatte. Die Besetzung durch die Achsenmächte trug 257) Vlavianos, Griechische Kommunist ische Partei, S. 189 -192. 258) Documents regardingthe Situation in Greece: Januar 1945, 20. Januar 1945, London 1945, PRO, FO 371/48254, r 2684. 259) Vlavianos, Greek Communist Party, S. 192 -198; Close, Reconstruction, S. 160-166. 260) Close, The Greek Ci vil War, S. 12 f. 250


zur Radikalisierung der Volksopposition und zur Polarisierung zwischen linkem und rechtem Widerstand bei, die sich in dieser Zeit herausgebildet hatte. Doch der Wunsch der Bevölkerung nach sozioökonomischer Gerechtigkeit und das ideologische Streben der KKE nach einer sozialistischen Revolution wurden nach der Befreiung zu unvereinbaren Zielen für das Nachkriegsgriechenland. Soweit man das beurteilen kann, waren die britische "Hilfe" und die Nutzung der EAM durch die KKE als Instrument zur Erlangung der Macht die größten Herausforderungen für das Potenzial der EAM als Instrument des sozialen Wiederaufbaus und der liberalen Demokratie im Griechenland der Nachkriegszeit. Nach der Befreiung waren es Erwägungen des nationalen Interesses und die Notwendigkeit der Ordnung und des wirtschaftlichen Wiederaufbaus, die die traditionellen Verbündeten Griechenlands besser zu fördern schienen, die die Einstellung der Bevölkerung zu einem neuen politischen Weg bestimmten.

251


Péter Stpos

Ungarn in der deutschen Interessensphäre

I. Der neue Plan und Ungarn

Die Länder Mittel- und Südosteuropas, darunter auch Ungarn, können bereits seit Mitte der 1930er Jahre als Teil von Hitlers "informellem Reich" betrachtet werden, wie es der deut sche Historiker Hans-Jürgen Schröder einmal formulierte. Bei den wirtschaftlichen Kriegsvorbereitungen ab 1934 wurde der Region eine besondere Rolle zugewiesen, unterstützt durch Hjalmar Schachts Außenhandelsprojekt, den so genannten Neuen Plan, der ein ne ues System internationaler Wirtschaftsbeziehungen vorsah. Deutschland "unternahm große Anstrengungen, die Devisen so weit wie möglich zu erhalten. Es unternahm große Anstrengungen, um von Ländern zu kaufen, mit denen es Clearing- oder ähnliche Zahlungsabko mmen hatte. Der bilaterale Handel war eines der Grundprinzipien des gesamten Systems.... Deutschland war bestrebt, sein System des bilateralen Handelsausgleichs zu etablieren, wo immer es möglich und für Deutschland von Vorteil war.... Die Idee des multila teralen Handels und des internationalen Preiswettbewerbs wurde durch bilaterale Verträge und Clearingabkommen ersetzt.... Infolge des Neuen Plans nahm die Bedeutung der Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Südosteuropa stark zu. Diese landwirtschaft lich geprägten Länder verfügten über einen Überschuss an Rohstoffen und Nahrungsmitteln und entsprachen damit der neuen Theorie des Handels zwischen Ländern mit komplementären Wirtschaftsstrukturen."1) So fasste der zeitgenössische tschechische Wirtschaftswissenschaftler Antonin Basch die Essenz der deutschen Außenhandelspolitik zusammen. Ab 1935-36 spielte Deutschland auch im Außenhandel mit Ungarn eine immer bedeutendere Rolle und war mit einem Anteil von 23 -14 Prozent sowohl bei den Ausfuhren als auch be i den Einfuhren führend. Für die ungarische

1) Hans-Jürgen Schröder, Der Aufbau der deutschen Hegemonialstellung in Südosteuropa 1933 -1936, in: Manfred Funke (Ed.), Hitler, Deutschland und die Machte. Materialien zur Außenpolitik des Dritten Reiches, Düs seldorf 1976; Antonin Basch, The Danube Basin and the German Economic Sphere, London 1944, p. 172-173. 252


Landwirtschaft war es von Vorteil, ihre Überschüsse auf diese Weise abzusetzen und einen Markt für ihre Produkte zu finden, den sie in den vorangegangenen Jahren dringend benötigte. Allerdings wurde die ungarische Wirtschaft allmählich schutzlos und abhängig vom deutschen Markt, und die Ungarn wurden keineswegs gleichberechtigt behandelt. Die einseitige Durchsetzung deutscher Interessen manifestierte sich in vielerlei Hinsicht. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre erwirtschaftete Ungarn einen immer größeren Exportüberschuss. Die deutschen Verbindlichkeiten beliefen sich 1935/36 auf 10,6 Millionen Reichsmark, 1937/38 bereits auf 23,3 Millionen. Die pl ötzliche Erhöhung der Überziehungskredite war in Wirklichkeit eine verdeckte Aufnahme von zinslosen Krediten. Mit dem Anschluss Österreichs und der Tschechoslowakei war die Unterdrückung des deutschen Außenhandels in Ungarn vollendet. Bereits im Mai 1958 wurde das vierte deutsch -ungarische Zusatzabkommen unterzeichnet, in dem festgelegt wurde, dass das österreichisch -ungarische Handelsabkommen von 1922 und das Zusatzabkommen von 1932 mit Wirkung von diesem Datum Teil des deutsch -ungarischen Handelsabkommens und der Zusatzabkommen der beiden letztgenannten Länder sind. Darin wurde auch festgelegt, dass Ungarn 50 % seiner Weizenüberschüsse an Deutschland abtreten musste. Ähnliche Vereinbarungen wurden auch nach der Annexion des Sudetenlandes und der Tschechosl owakei getroffen. So wurde der Handel zwischen Ungarn und Österreich bzw. der Tschechoslowakei 1938/39 Teil des deutsch-ungarischen Handels, so dass der deutsche Handel im ungarischen Außenhandel übermäßig dominierte. Während 1937 der deutsche Anteil an den ungarischen Exporten 34,1 Prozent und an den ungarischen Importen 26,2 Prozent betragen hatte, stieg 1939 der deutsche Anteil an den Exporten auf 52,2 Prozent und an den Importen auf 52,5 Prozent. Der Import von deutschen Fertigwaren betrug 80 Prozent. E ine ähnliche Situation des deutschen Außenhandels gab es in ganz Südosteuropa. Der Anschluss und die Annexion der Tschechoslowakei brachten eine neue Situation mit sich, auch was den Zustrom von deutschem Kapital nach Ungarn betrifft. In der Zwischenkriegszeit hatte das deutsche Kapital in Ungarn eine relativ unbedeutende Rolle gespielt, seine Beteiligung war viel geringer als vor dem Ersten Weltkrieg. Nicht einmal die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten brachte in dieser Hinsicht eine wesentliche Änderung. In den 1930er Jahren war der Kapitalexport allgemein gering, und Deutschland investierte sein gesamtes Kapital in die immer intensiveren Kriegsvorbereitungen. Zu dieser Zeit stellte Deutschland die Gewährung von Warenkrediten an Ungarn ein und ve rsuchte sogar, im Wege des Clearings Warenkredite von Ungarn zu leihen. Auch Neuinvestitionen von Betriebskapital waren selten und basierten auf eingefrorenen Vermögenswerten in Ungarn. Der Einfluss des deutschen Großkapitals beruhte also bis Anfang 1938 kaum, wenn überhaupt, auf Kapitalinvestitionen. 253


Als jedoch die Deutschen ihre Hände auf die beträchtlichen österreichischen und tschechischen Investitionen legten, kam es zu einer radikalen Veränderung. Die bis dahin unbedeutenden deutschen Investitione n wurden durch die Aneignung der österreichischen und tschechischen Interessen, die größtenteils aus der Zeit der österreichisch -ungarischen Monarchie stammten, vervielfacht. Die Deutschen erlangten bis zum Frühjahr 1939 wichtige Positionen, wenn nicht in den großen Banken, so doch in der verarbeitenden Industrie. Die Zahl der Industriebetriebe in deutscher Hand betrug über hundert, und die Deutschen waren an fast allen größeren Industrieunternehmen des Landes beteiligt. Das deutsche Kapital, das in Bergbau und Industrie investiert wurde, belief sich auf etwa 125 Millionen Pengös, was etwa 13 -14 Prozent des gesamten Kapitalstocks in Höhe von 900 Millionen Pengös allein in der Industrie ausmachte. Mehr als die Hälfte des ausländischen Kapitalstocks in Ungarn, der 25 Prozent der Gesamtinvestitionen im Land ausmachte, befand sich also 1938/39 in deutschen Händen.2) Die Rolle der deutschen Kapitalinteressen wurde durch den wirtschaftlichen Druck verstärkt, der sich aus der kommerziellen Hegemonie ergab, und auch durch die politische Hegemonie, die in der Zeit nach dem Münchner Abkommen und den Wiener Schiedssprüchen allmählich gestärkt wurde und Ungarn enorme Gebietsgewinne von 56 Prozent seines früheren Territoriums brachte. Wie Ministerpräsident Sändor Teleki in einem Brief vom Februar 1939 formulierte: "Das Deutsche Reich ist an diesem Land in so vielerlei Hinsicht und in einem solchen Ausmaß interessiert, dass es in der Lage ist, das gesamte Wirtschaftsleben Ungarns zu kontrollieren und durch diese Kontrolle au ch zu beeinflussen.... Seit der Entfaltung der auf den Südostraum gerichteten Lebensraumpolitik sind neue Interessen entstanden, während die alten erweitert wurden und eine politische Bedeutung erhielten".3) Anfang 1939 brachte Berlin die Idee einer deutsc h-ungarischen Zollunion auf. Ungarn konnte dies abwehren, aber die Idee, die industrielle Entwicklung Ungarns zu unterdrücken, wurde in der Folgezeit immer häufiger geäußert. Bei den Gesprächen im Februar 1939 erklärten die Deutschen, dass "die Eindämmung der weiteren Industrialisierung Ungarns eine wesentliche Voraussetzung für die Erreichung der von beiden Regierungen gesetzten Ziele sei. Es wäre ein wirtschaftlicher Unsinn von Seiten Ungarns, Industrien zu schaffen, für die es keine Rohstoffe hat ... Die wirksamste, ja die einzige

2) Ivan T. Berend und György Ranki, Magyarorszag a fasiszta Nemetorszag "elertereben" 1933~1939, Budapest i96o,p. 190. 3) Ungarisches Nationalarchiv (OL), K. Abteilung für Wirtschaftspolitik des Ministeriums für Auswärtige Ang elegenheiten, 1939358/res. 254


Möglichkeit, das Wirtschaftsleben der beiden Länder zu koordinieren, besteht darin, dass Ungarn diese Politik aufgibt. "4) Schließlich wurde vereinbart, dass Ungarn Maßnahmen ergreifen sollte, um seine landwirtschaftliche Pro duktion an die deutschen Importbedürfnisse und seine industrielle Produktion an die Anforderungen des deutschen Exporthandels anzupassen. Istvan Bethlen, von 1921 bis 1931 ungarischer Ministerpräsident und Führer der konservativen und liberalen politischen Kräfte im Lande, brachte die politischen Ziele, die hinter diesem Konzept der deutschen Wirtschaftspolitik standen, sehr deutlich zum Ausdruck: "... die deutschen Warnungen, wir sollten nicht auf einer eigenen Industrie bestehen, sondern ein Agrarland ble iben und unsere Produkte an die Deutschen liefern und von ihnen Industrieprodukte kaufen, bedeutet eine totale wirtschaftliche Unterordnung und eine vollständige wirtschaftliche Durchdringung von Seiten Deutschlands in einem Ausmaß, das unweigerlich eine p olitische Unterordnung nach sich ziehen würde. "5)

II. Die deutsche Kriegswirtschaft und der ungarische Satellit

Das Deutsche Reich beanspruchte auch in den Kriegsjahren ungarische Agrarimporte. Der deutsche Anteil an den Agrarexporten aus Ungarn betrug 81. 2 Prozent im Jahr 1940, 76,1 Prozent im Jahr 1941, 68,3 Prozent im Jahr 1942 und 68,7 Prozent im Jahr 1943. Im Gegensatz dazu lag der Verbrauch von Lebensmitteln in Ungarn ab Sommer 1942 unter der Quote, die das deutsche Rationierungssystem vorsah. Ungarn war für Deutschland während des Krieges jedoch nicht in erster Linie wegen seiner landwirtschaftlichen Erzeugnisse wichtig, sondern wegen seiner Lieferungen von Bauxit, Mangan und Mineralöl sowie einiger seiner Industriezweige. Dies bedeutete ein Umden ken in Deutschland, und die Reduzierung der ungarischen Industrie wurde endgültig von der Tagesordnung gestrichen. Stattdessen drängte Deutschland auf den Ausbau der Kapazitäten der Kriegsindustrie und die Verbesserung der bestehenden Anlagen. Im April 1941 untersuchte eine deutsche Kommission die Möglichkeiten, die industriellen Kapazitäten in Ungarn besser zu nutzen. Die Ungarn erklärten sich bereit, Aiiftragsverlagerungen im Wert von 177 Millionen Pengös für die deutschen Landstreitkräfte vorzunehmen. Di e Parteien einigten sich auch darauf, dass "alle Kapazitäten, die in Ungarn mit deutscher Unterstützung in naher Zukunft ausgebaut werden, 70 Prozent ihrer Produktion für Deutschland reservieren sollten".6) 6) OL. K. 69.1941 -402-3-29/res. 255


Die militärische Führung Ungarns befürwortete das System der Kommissionsarbeit sehr und hatte den Deutschen bereits Anfang 1940 die freien Industriekapazitäten des Landes angeboten, früher als es die ungarische Regierung getan hätte. Die Armeeführung hoffte, dass ihre deutschen Partner die ungarische Kriegsindustrie mit Rohstoffen versorgen würden. Die bedingungslos pro -deutschen militaristischen Kreise haben nicht bedacht, dass die Deutschen durch die Kommissionsarbeit die freien Industriekapazitäten ein für alle Mal b eschäftigen würden und dass dieses System auch in Zukunft ihren eigenen Interessen dienen würde. All dies zeigte sich bald in dem dominierenden Bereich der Kommissionsarbeit, nämlich der Flugzeugproduktion. Im Juni 1941 wurde in Berlin der ungarisch deutsche Vertrag über die gemeinsame Herstellung von Flugzeugen unterzeichnet. Sein Ziel war es, "in Ungarn eine produktive Kriegsflugzeugindustrie aufzubauen und den Überschuss nach Deutschland zu liefern". Die Gesamtproduktion sollte aus je 900 Messerschmitt 2 10 (Me 210) und Me 109 F und 3600 Daimler -Benz-Motoren 605 (d.b. 605), Typen A und B, bestehen. Der ungarische Anteil an dieser Menge betrug 280 Me 210 und 240 Me 109 F sowie 1066 Motoren. Das Verhältnis der in Ungarn verbleibenden und der an die Deutschen gehenden Me 210 war 1:1, das der Me 109 F und der Motoren 1:2, bis die ungarische Quote erfüllt war. Die Produktion sollte im Frühjahr 1943 anlaufen.7) Ursprünglich war für die Realisierung dieses sogenannten Messerschmitt -Projekts eine Milliarde Pengös v orgesehen, aber die Deutschen verlangten, dass der Betrag 1943 auf 2,7 Milliarden Pengös erhöht werden sollte. Im Rahmen dieses Projekts ließen die Weiss -ManfredWerke und die Handelsbank, unterstützt auch durch deutsches Kapital, eine Donau-Flugzeugfabrik (Dunai Repülögepgyar) bei Horthy -liget in der Nähe von Budapest errichten und erweiterten die bereits bestehende Weiss -ManfredFlugzeug- und Motorenfabrik (Weiss Manfred Repülogepes Motorgyár) auf der Csepel-Insel sowie die ungarische Waggon - und Maschinenfabrik (Magyar Vagones Gepgyar) in Györ. Die ersten einsatzfähigen Flugzeuge wurden erst im Juni 1943 fertiggestellt. Im Jahr 1943 wurden 92 Me 109 F und 57 Me 210 hergestellt, während im Jahr 1944 516 Me 109 F und 21 Me 210 hergestellt wurden. 1943 wurde n 427 Motoren des Typs D.B. 603 hergestellt, während 1944 599 dieser Motoren produziert wurden. Die Deutschen richteten eine spezielle Kommission namens DIKO (Deutsche Industrie-Kommission in Ungarn) ein, um die Ausführung von Auftragsarbeiten zu kontrollieren. Unter dem Vorwand, die Arbeit in den Fabriken der ungarischen Kriegsindustrie zu kontrollieren, übten sie in Wirklichkeit eine offizielle Kontrolle über die gesamte verarbeitende Industrie aus. Das System der Kommissionsarbeit verstärkte also die wir tschaftliche Unterordnung 7) Lorand Dombrady, A magyar gazdasag es warfelfelfeleles 1938 -1944, Budapest 1981. 256


Ungarns unter das deutsche Kapital noch weiter. Die Unterordnung manifestierte sich nicht nur in der Kontrolle der Kommissionsarbeit, sondern auch in der Tatsache, dass die Versorgung der ungarischen Industrie mit Rohstoffen und Maschinen in immer stärkerem Maße von den Deutschen abhing und ausschließlich von deutschen Interessen bestimmt wurde. Die Deutschen beschränkten die Lieferung von Rohs toffen nach Ungarn und konzentrierten sich nur auf die Auftragsarbeiten. In vielen Fällen haben die Deutschen die benötigten Rohstoffe gar nicht erst beschafft, sondern sie aus den ungarischen Militärreserven "geliehen", und diese Darlehen wurden natürlich nie zurückgezahlt. Die Deutschen unterließen es sogar, die in deutschem Auftrag geleistete Arbeit zu bezahlen, so dass dieses System letztlich zu einem Instrument der Ausplünderung Ungarns wurde. Die Eingliederung Ungarns in die deutsche Kriegswirtschaft bedeutete für Deutschland auch die Möglichkeit, an einige grundlegende Rohstoffe wie Bauxit, Mangan und Mineralöl zu gelangen. Die Deutschen hatten sich schon vor Kriegsausbruch um diese kriegswirtschaftlich wichtigen Rohstoffe bemüht und forderten während der Kriegsjahre ein Maximum an Produktion und Export. Die ungarische Regierung bemühte sich zwar erfolglos, die Rohstofflieferungen an eine deutsche Lieferung von für die ungarische Industrie notwendigen Rohstoffen zu koppeln, aber die Deutschen weigerten sich auch in dieser Hinsicht, die Ungarn als gleichberechtigt anzusehen. Bereits Anfang der 1930er Jahre versuchten die Deutschen, an die ungarischen Bauxitlieferungen heranzukommen. Der Bauxitabbau begann hier in den dreißiger Jahren und stützte sich vor allem auf Schweizer und deutsches Kapital. Fast die gesamte Produktion wurde nach Deutschland geliefert. Vor dem Ausbruch des Krieges gegen die Sowjetunion "warnten uns gewisse Kreise im Ausland immer wieder, dass die ungarischen Aluminiumverarbeitungswer ke keinen Erfolg haben würden. Von diesem Zeitpunkt an schwenkten die Deutschen, die bis dahin gegen die Errichtung solcher Werke in Ungarn gekämpft hatten, plötzlich auf das andere Extrem um", so der ungarische Industrieminister.8) Auf deutsche Initiative hin wurde im März 1942 ein Vertrag über die Gründung der Donau -Tonerde-Gesellschaft (Dunav olgyi Timfoldipari Rt.) geschlossen, der darauf abzielte, die Produktion von Tonerde und Aluminium in Ungarn erheblich auszuweiten. Ziel war es, mit einer Investition von 70 Millionen Pengös eine Tonerdefabrik mit einer Kapazität von 60 000 Tonnen pro Jahr und ein Aluminiumwerk zu errichten.

8) Ivan T. Berend und Gyorgya R anki, Die ungarische Wirtschaft vor dem Zweiten Weltkrieg und während des Habor 1933 -1944, Budap est 1958, S. 349.

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Da die Deutschen diese Fabriken dringend benötigten, verpflichteten sich die Vereinigten Aluminiumwerke, die Anlagen zu liefern, und im Gegenzug erhielt das deutsche Kapital eine führende Rolle in dem neuen Konzern, wodurch die deutsche Kontrolle über die Produktion von Tonerde und Aluminium in Ungarn für die Zukunft gesichert war. Außerdem wurde festgelegt, dass die Entwicklung der ungarischen Aluminiumindustrie nur solche Ausmaße annehmen sollte, die der deutschen Aluminiumindustrie keine ungarischen Rohstoffe vorenthalten würden. Die ungarische Partei, die Aluminiumbergbau und Industriegesellschaft (Aluminium - ercbänya es Ipar Rt.), verpflichtete sich, "dafür Sorge zu tragen, dass die Bauxitversorgung der deutschen Tonerdefabriken in quantitativer und qualitativer Hinsicht nicht nachteilig beeinflusst wird".9) Zur Unterstützung dieser Verpflichtung erklärte die Regierung, dass "Ungarn in den nächsten fünfundzwanzig Jahren ab dem 1. August dieses Jahres die Lieferung von einer Millio n Tonnen Bauxit nach Deutschland gewähren und auf diese Lieferung weder Steuern noch Abgaben erheben wird". Die Deutschen förderten auch die Ausbeutung von Manganerz in Ungarn. Der deutsche Bedarf an Mangan konnte durch die heimische Produktion nicht gedeckt werden, so dass das Land Einfuhren in Höhe von 500.000 Tonnen pro Jahr benötigte. Als die Deutschen vorübergehend die Ukraine besetzten, konnten sie ihren Bedarf eine Zeit lang decken, aber der Mangel wurde wieder drückend, als sie das Gebiet verloren u nd gezwungen waren, sich aus dem Osten zurückzuziehen. In diesen Monaten investierten die Deutschen sogar große Summen in den Ausbau der ungarischen Manganminen. Der dritte wichtige Rohstoff war Mineralöl. Infolge der 1933 an die Ungarisch Amerikanische Ölgesellschaft (Maort oder Magyar -Amerikai Olaj Rt.) vergebenen Erdölförderung auf den transdanubischen Gebieten wurde die Produktion unmittelbar vor Kriegsausbruch 1937/38 aufgenommen. Die Produktion wuchs schnell und machte Importe in großem Umfang überflü ssig. Mit Fortdauer des Krieges wurde der Export nach Deutschland immer dringlicher. Der wachsende Bedarf an ungarischem Öl wurde zu einem ständig wiederkehrenden Thema der deutsch -ungarischen Handelsgespräche.10) Es ist erwähnenswert, dass nach der Festle gung der Quoten für jedes Quartal des Jahres in den Gesprächsprotokollen auch festgehalten wurde, auf welche Produktionsmenge sie sich bezogen, und dass "der Überschuss nach Deutschland geliefert wird".

9) OL. S. 1106. alummiumerc es banya Rt. Batch 1. 10) Jozsef Buzas und Andras Kis, Magyarorszag külkereskedelme, Budapest 1961, S. 241. 258


Deutschland wollte nicht nur so viel ungarisches Öl wie möglich bekommen, sondern die gesamte ungarische Produktion monopolisieren. Obwohl die Maort bestrebt war, die d eutschen Forderungen nach einer Ausweitung der Produktion und des Exports zu erfüllen, unternahmen die Deutschen einen erfolglosen Versuch, die Aktien der Gesellschaft zu übernehmen. Gleichzeitig beantragten sie 1939 eine Lizenz zum Aufsuchen von Erdöl und Erdgas in der Ungarischen Tiefebene. Im Februar 1941 setzte Industrieminister Jozsef Varga im Abgeordnetenhaus durch, dass der Wintershall A.G. das Recht zur Erdölsuche erteilt wurde, denn "der Haushalt konnte nicht mit einer so großen und ungewissen Ausgabe belastet werden".

III. Die Besetzung Ungarns und das Vordringen des deutschen Kapitals

Am 19. März 1944 besetzten die Truppen der Wehrmacht mit Zustimmung des Regenten, Admiral Miklós Horthy, Ungarn.11) Dies war der Beginn der Anpassung der ungarisch en Wirtschaft an die deutschen Interessen. Sie wurde in das System der deutschen Kriegswirtschaft eingebunden. Deutschland legte großen Wert auf die Erkundung und Nutzung der bisher ungenutzten ungarischen Kapazitäten und Reserven. So brachten die Besatzer auch Wirtschaftsexperten mit, um die Umstellung so schnell wie möglich vorzubereiten. Im Machtkampf zwischen den an der Ausplünderung Ungarns beteiligten deutschen Ministerien, Institutionen und Heeresführern bemühte sich Außenminister Joachim von Ribbent rop, die führende Rolle seines Ministeriums und seiner Person zu sichern. Er protestiert bei Hitler gegen den von Rüstungs- und Kriegsindustrieminister Albert Speer, Wirtschaftsminister Walther Funk und Ernährungsminister Herbert Backe am 6. April vorgeleg ten Erlassentwurf, der die Entsendung eines Wirtschaftskommissars nach Budapest vorsah, der dort unter dem Reichsbevollmächtigten Edmund Veesenmayer arbeiten sollte, und zwar unter Missachtung des Außenministeriums. Ribbentrop überzeugte Hitler davon, dass Veesenmayer und sein Stab, zu dem auch der Gesandte Felix Benzler, Experte für Wirtschafts- und Finanzfragen, gehörte, durchaus in der Lage waren, die wirtschaftliche Mobilisierung in Ungarn selbst durchzuführen. 11) Peter Sipos, Zwei Armeen - Zwei Besetzungen in Ungarn 1944 -1945, in: 1945: Konsequenzen und Folgen des Zweiten Weltkriegs. Bulletin des Internationalen Komitees für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, Nr. 27/28 (1995). PP-131 ff. 259


Am 13. April teilte Ribbentrop Minister Hans Lammers mit, dass sich der gemeinsame Entwurf von Speer und Funk für die Entsendung eines Sonderkommissars zur Kontrolle der wirtschaftlichen Angelegenheiten in Ungarn "aufgrund meines Berichts und des Berichts des Reichsbevollmächtigten Veesenmayer als unnötig erwies en hat und der Führer beschlossen hat, ihn abzulehnen. Am 9. April stimmte der Führer der von mir vorgeschlagenen Behandlung der wirtschaftlichen Angelegenheiten in Ungarn zu. Demnach wird der Reichsbevollmächtigte die wirtschaftlichen Angelegenheiten dort persönlich koordinieren. Er wird die deutschen Interessen mit der notwendigen politischen Unterstützung vertreten und sie gegenüber der ungarischen Regierung durchsetzen. Die Vertreter der beteiligten Reichsbehörden werden zum Stab des Reichsbevollmächtig ten gehören und ihm unterstellt sein. So wird der Vertreter des Ministeriums für Rüstung und Kriegsindustrie eine Bestandsaufnahme der ungarischen Industrie im Hinblick auf die deutschen Kriegsanstrengungen nach den politischen und allgemeinen Weisungen de s Reichsbevollmächtigten, aber auf der Grundlage der fachlichen Weisungen seines Ministeriums vornehmen." Das deutsche Oberkommando, die Stäbe der Dienste und das Kriegsministerium schickten eine große Zahl von Experten nach Ungarn, die die Interessen der deutschen Armee bei den Gesprächen mit der ungarischen Regierung, bei denen Entscheidungen über die Wirtschaft getroffen wurden, und bei der Kontrolle in der Kriegswirtschaft durchsetzten. Am 19. April fand im Auswärtigen Amt eine Sitzung statt, in der die konkrete Arbeit festgelegt und aufgeteilt wurde. Das Grundprinzip war die volle Ausnutzung aller wirtschaftlichen Möglichkeiten in Ungarn. Das Rüstungsministerium begann mit der Ausarbeitung eines allgemeinen Programms über die Methoden zur Erreichung dieses Ziels im Sinne der "gemeinsamen Kriegsanstrengungen". "Der Reichsbevollmächtigte wird die Leistungsfähigkeit der verschiedenen Zweige der ungarischen Volkswirtschaft an Ort und Stelle, auf Grund der ihm hoffentlich genauesten Angaben und mit Hilfe der ihm unterstellten Sachverständigen zu ermitteln haben." Die Ausnutzung der Kriegspotentiale wird bei den Gesprächen und der tatsächlichen Durchführung des Projekts im Mittelpunkt stehen müssen, wobei die Produktion von Bauxit, Mangan, Mineralöl und Antimon , die Reorganisation und Verlagerung der Kriegsindustrie sowie die Entwicklung des Flugzeugprogramms die wichtigsten Punkte sind. Die akribischen Vorbereitungen führten am 2. Juni 1944 zu einer Vereinbarung zwischen Veesenmayer und Finanzminister Lajos Rem enyi-Schneller über den ungarischen Beitrag zur Finanzierung der deutschen Besatzung und der gemeinsamen Kriegsanstrengungen sowie zu einer weiteren Vereinbarung zwischen Veesenmayer und Ministerpräsident Dome Sztöjay über die Einbindung der ungarischen Wi rtschaft in die gesamteuropäische Planung. 260


Veesenmayer und Sztöjay waren sich einig, dass das ungarische Wirtschaftsleben reorganisiert und in die Pläne der Achsenmächte integriert werden musste. So erklärte sich Sztöjay bereit, die ungarische Armee m it deutschen Waffen zu beliefern und die dadurch frei werdenden Kapazitäten der ungarischen Kriegsindustrie in den Dienst der gemeinsam geplanten Produktion zu stellen. Es wurde auch festgelegt, dass die Reorganisation von Veesenmayers Wirtschaftsexperten M. Boden und dem ungarischen Wirtschaftsminister ohne Geschäftsbereich Bela Imredy kontrolliert werden sollte. Die Reorganisation und Eingliederung sollte ohne Vorbehalte, "in kürzester Zeit und mit starker Hand" erfolgen.12) Die deutschen Bemühungen werde n durch die Entwicklung des Messerschmitt -Projekts nach der Besetzung Ungarns gut illustriert. Erhard Milch, Görings Stellvertreter, wies im Einvernehmen mit dem Minister für Rüstung und Kriegsproduktion am 22 März 1944 den Stabsingenieur Dr. Sehm an, sich nach Budapest zu begeben und "unter Berücksichtigung der Interessen des Jägerstabes dafür zu sorgen, daß die ungarische Industrie ungestört den Interessen der deutschen Flugzeugproduktion dient. Die erteilten Aufträge und die getroffenen Maßnahmen sollten geeignet sein, die Kapazität der ungarischen Industrie für die deutschen Zwecke auszunutzen." Sofort begannen Gespräche über die Rationalisierung der ungarischen Flugzeugproduktion. Die Notwendigkeit, Arbeitsgemeinschaften oder Werkstätten unter deutsche Kontrolle zu bringen, wurde nicht erörtert, aber die ihnen übertragenen Aufgaben riefen den Protest der ungarischen Partei hervor, der die Gespräche verlangsamte. Die ungarischen Experten äußerten nämlich ihre Zweifel an den deutschen Forderungen, denn der Arbeitskräftemangel und der chronische Mangel an Werkzeugmaschinen und Beschlägen, der durch die ersten britischen und amerikanischen Bombardierungen noch verschärft wurde, machten es unmöglich, die den ungarischen Fabriken zugewiesenen hundert Flugzeugzellen und zweihundert Motoren vorzubereiten. Schließlich wurde Veesenmayer des Feilschens müde und auf seine Intervention hin beendete Sztöjay die Gespräche, indem er die deutschen Forderungen vollständig akzeptierte. "Er vereinbarte mit den Deutschen, dass wir die deutschen Forderungen akzeptieren, sofort mit der Verlegung der Fabriken in den Untergrund beginnen und sogar unterirdische Arbeitsstätten schaffen, die für das erweiterte Programm später notwendig sind."

12) Zur deutschen Wirtschaftspolitik nach der Besatzung siehe Wilhelmstraße, Dokumente 596, 603, 614, 617, 621, 626, 630, 636, 640 und 658; außerdem Stadtarchiv Budapest, B. 19618/1949, Geständnis von Lajos Remenyi -Schneller und Nb. IV. 628/1946, Geständnis von Döme Sztojay. 261


Am 6. Mai bericht et Veesenmayer an Ribbentrop, dass "die ungarische Regierung der Ausweitung des Jagdflugzeugprogramms, der Verdreifachung der Produktion von Flugzeugzellen und Motoren und im Prinzip auch der Verlegung der Werke Wiener Neustadt und Steyr nach Ungarn zustim mt". Ein ungarischer Regierungskommissar wird mit der Leitung der Arbeiten beauftragt. Die Verlagerung der Fabriken in schusssichere Höhlen war bereits im Gange. Der Schirmherr der Operation war Ministerpräsident Sztöjay selbst. Im Rahmen des der ungarisch en Regierung aufgezwungenen Abkommens wurden die Danubian Aircraft Factory Co. (Dunai Repülögepgyar Rt.), die Hungarian Waggon and Machine Factory, die Flugzeugabteilung der MAVAG und die Pestloric Industrial Plants Co. mit den Wiener Neustädter Flugzeugwerken zusammengelegt. Das neue Unternehmen sollte monatlich 550 Me 109 und später auch Me 262 herstellen. Das neue Abkommen ließ der deutschen Führung freie Hand bei der Planung, Ausführung und Kontrolle. Außerdem sollten die ungarischen Partner den Flugzeu gwerken den größten Teil ihres Gewinns überlassen. Die Motorenwerke Weiss Manfred hatten eine ähnliche Rolle zu spielen und mit der Daimler Puch A.C. in Steyr (später Messerschmitt Werke) zu fusionieren und waren verpflichtet, monatlich 650 Motoren und 15 Prozent Beschläge zu produzieren. Ein wichtiger Punkt der Vereinbarung war, dass der Maschinenbestand der Mitgliedswerke bei Bedarf an eine andere Werkstatt weitergeleitet werden konnte.13) Die deutschen Bemühungen, ihren Anteil an ungarischen Unternehmen zu erhöhen oder sie ganz zu übernehmen, wurden nach der Besetzung des Landes immer deutlicher. Wir haben bereits die Beteiligung deutscher Firmen an der Entwicklung der ungarischen Flugzeugindustrie, der Aluminiumindustrie und an der Erdölförderung erwähnt . Darüber hinaus berichtete der ungarische Minister in Berlin bereits 1941, dass die Reichsgruppe für Industrie "beauftragt worden ist, detaillierte Vorschläge für eine verstärkte Beteiligung bestimmter Zweige der deutschen Industrie oder bestimmter deutsc her Syndikate an ungarischen Unternehmen oder für die Erhöhung des Kapitals an den bereits bestehenden Beteiligungen auszuarbeiten".14) Der beste Weg für das Eindringen des deutschen Kapitals und für die Ausweitung der deutschen Interessensphäre war der Er werb von Anteilen an ungarischen Unternehmen. Die deutsche Expansion in diesem Bereich ging im Wesentlichen darauf zurück, dass die Deutschen durch die Besetzung Europas die österreichischen, französischen usw. Anteile am ungarischen Bankwesen und an der I ndustrie erhielten.

13) Dombrady, a.a.O., 132. 14) OL. K. 69.1942 -249/res.

262


Ein für die Durchdringung des deutschen Kapitals sehr wichtiger Schritt war, dass die Dresdner Bank in den Jahren 1941 und 1942 134.000 Aktien der ungarischen Kreditbank (Hite lbank) erwarb, die zusammen mit den 20.000 Aktien, die sie zuvor von den Rothschilds in Wien mit dem Anschluss erhalten hatte, eine Beteiligung von 18 Prozent an der Kreditbank bedeuteten.15) Damit wurden die Deutschen zu Vorstandsmitgliedern und waren in der Lage, das ungarische Wirtschaftsleben direkt zu beeinflussen. Neben der deutschen Beteiligung an der Gründung neuer Industriezweige war dies das bedeutendste Ereignis, das auf das erweiterte Vordringen des deutschen Kapitals hinwies. Gleichzeitig bemüh te sich das deutsche Kapital um Positionen in fast allen größeren Unternehmen des Landes. Die l.G. Farben unternahm Schritte, um das pharmazeutische Werk Chinoin in ihre Interessensphäre zu ziehen, insbesondere weil die Chinoin bedeutende Exporte hatte. Im Sommer 1941 erörterte der Vorstand des Werkes das Problem des "Rohstoffboykotts seitens der deutschen Fabriken und Exporteure". Dieser Boykott (Materiallieferungsverbot) ging auf die Anordnung des deutschen Wirtschaftsministeriums zurück und "steht im Zus ammenhang mit den Versuchen großer deutscher Firmen, vor allem der l.G. [Farben] und der Schering, Anteile und einen entscheidenden Einfluss bei Chinoin zu erlangen". Um den Druck zu mindern, beschloss das Chinoin -Konsortium, die Vertreter einer kleineren deutschen Firma (Walter Haupt) und den Leibarzt Hitlers, Prof. Dr. Theodor Morell, in den Verwaltungsrat zu wählen. Trotz der Bemühungen des deutschen Finanzkapitals konnte es keine nennenswerten Interessen in Ungarn erwerben, so dass seine Rolle in der Maschinenindustrie auch in den Kriegsjahren keine großen Ausmaße annahm. Die meisten der Positionen, die es erwerben konnte, gehörten ursprünglich österreichischen und tschechischen Firmen oder stammten aus früheren Zeiten. Einem internen Bericht der Großban ken von Ende 1942 zufolge belief sich der Wert der deutschen Anteile an der ungarischen verarbeitenden Industrie auf über 200 Millionen Pengös. Die Deutschen waren in fast allen bedeutenden Unternehmen bis zu einem gewissen Grad vertreten.16) Die einzigen Steinkohlebergwerke des Landes um Pecs, im Mecsek -Gebirge, befanden sich in den Händen der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (Dunagözhajözasi Tarsasag), die im Besitz der Getmans war. Mehrere große Textil-, Lebensmittel- und Bauunternehmen waren zu hunder t Prozent deutsch, und sie hielten zwischen 20 und 50 Prozent der Anteile an etwa fünfzig wichtigen Industrieunternehmen.

15) György Tallos, A Magyar Altalanos Hitelbank (1867 -1948), Budapest 1995, S. 360. 16) Berend und Ranki, Magyarorszag gyaripara, S. 389. 263


Name der Fabrik Ganz gyar (Ganz Works) Rimamuranyi Vasmu (Rimamurany Iron W orks) Egyesült Izzo (United Bulb) Villamos-tröszt (Electric Trust) Salgotarjani Koszonbanya ( Salgotarjan Coal Mines) Urikany-Zsilvölgyi Koszenbanya (Urikany -Zsilvölgy Coal Mines) Magyar Altalanos Koszenbanya (Hungarian General Coal Mines) Hungaria Vegyimuvek (Hungaria Chemical Works) Ruggyanta-gyar (Rubber Factory)

Deutsche Anteile in % 17,3 18,3 15,3 34,0 13,1 8,7 6,7 17,5 22,8

Um den Saldo in Mark zu verringern , fand ab 1943 eine Rückführung von Aktien statt, durch die ungarische Aktien von deutschen Unternehmen zurückgeholt werden konnten. Dieser Schritt konnte natürlich die zunehmenden deutschen Kapitalinteressen in Ungarn nicht ausgleichen, wie die folgenden Grafiken zeigen.17)

Finanzielle Beteiligung Deutschlands an Ungarn, dargestellt durch in Deutschland gehaltene ungarische Wertpapiere (Nennwert in Tausend Pengös)

Finanzinstitutionen Bergwerke Schwerindustrie Textilindustrie Chemische Industrie Verkehrsunternehmen, ausgenommen lokale Eisenbahnlinien Verschiedene Unternehmen Insgesamt

Bei Ausbruch des Krieges 1531 9098 19361 1248 1527 3007

Am Ende des Krieges 608 6 12931 70 68 2489

Veränderung

1246

207

1039

37018

16439

20579

923 9032 6430 1178 1459 518

17) Lajos Jocsik, Deutsche Wirtschaftseinflüsse im Donautal, Budapest 1946, S. 28-29. 264


Deutsches finanzielles Interesse in Ungarn, repräsentiert durch in Ungarn investiertes deutsches Kapital in Ungarn investiert (Nominalwert in Tausend Pengoes)

Finanzinstitutionen Bergwerke Schwerindustrie Textilindustrie Chemische Industrie Nahrungsmittelindustrie Transport Verschiedene Unternehmen Insgesamt

Bei Ausbruch des Krieges 3250 9702 5761 897 7700 600 1144

Am Ende des Krieges 14988 19527 27805 11507 22367 14506 4190 5257

Veränderung

29054

120147

91093

11738 19527 18103 5746 21470 6806 3590 4113

Der wichtigste deutsche Schritt zur Erhöhung des Anteils an der ungarischen Industrie nach der Besetzung war der vorübergehende Erwerb der zweitgrößten Eisen- und Maschinenfabrik des Landes, der Weiss Manfred Werke in Csepel. Auch die Hermann Göring Werke erhoben Anspruch auf Csepel und wollten es mit Steyr und dem Flugzeugwerk in Wiener Neustadt zusammenlegen. Die ungarische Regierung gab Anfang M ai ihre grundsätzliche Zustimmung. Weder das Göring -Syndikat noch die ungarische Regierung wussten von den Gesprächen zwischen Ferenc Chorin, dem Vertreter der Familien, in deren Besitz sich die Weiss -Manfred-Werke befanden, d.h. den Erben des Gründervater s Manfred Weiss, und SS -Obersturmbannführer Kurt Becher, Hitlers Vertreter in Ungarn in Wirtschaftsfragen.18) Die wichtigsten Punkte des am 17. Mai 1944 unterzeichneten Vertrags lauteten wie folgt: - Becher und seine Gruppe als Vertreter der SS lassen eine neue Holdinggesellschaft mit dem Namen Hausverwertungs - und Verwaltungs A.C. gründen, um die Transaktion voranzutreiben; diese Gruppe wird für die nächsten fünfundzwanzig Jahre der Treuhänder des Aktienpakets sein, das die Kontrolle über die Weiss -Manfred-Werke ausübt, und sie wird die Übergabe aller anderen Industrieanlagen und des damit verbundenen Vermögens der Familie an die Holdinggesellschaft kontrollieren; nach Ablauf der genannten Frist wird die SS alle Vermögenswerte und das Eigentum der Familient reuhand

18) Zu den Dokumenten der Gespräche siehe Elek Karsai und Miklos Szinai, A Weiss Manfred-vagyon nemet kezbe kerülesenck tortencte, Szazadok, nos. 4 5 (1961), S. 680-719. 265


zurückgeben. Punkt 4, der nie veröffentlicht wurde, ermöglichte es den Mitgliedern der Familie, Ungarn zu verlassen und 600.000 Dollar und 250.000 Mark in bar zu erhalten. Becher und die SS erhielten für ihre Dienste 5 Prozent des Bruttoeinkommens des Konzerns.19) Becher und die SS waren natürlich an einer schnellen Genehmigung durch die ungarische Regierung interessiert. Die Zustimmung war nicht nur wichtig, um die Kontrolle der SS über die fraglichen Fabriken zu gewährleisten, sondern vor allem, um den Anschein ungarischer Souveränität zu wahren. Das eigentliche Problem waren nicht so sehr die 51 Prozent der Aktien in "arischer" Hand, sondern die 49 Prozent in jüdischer Hand, die nach dem Erlass Nr. 1:600/1944 des Ministerpräsidenten in die Zuständigkeit des ungarischen Staates fielen. 1:600/1944 des Premierministers. Was erste re anbelangt, so umging Becher die Beschränkungen (nämlich dass nach der Verordnung Nr. 1:970/1935 des Ministerpräsidenten keine Ausländer ohne Zustimmung der Nationalbank ungarische Aktien besitzen durften), indem er sich und einige seiner engsten Mitarbe iter wie SS-Obersturmbannführer Hans Bobermin als in Budapest ansässig erklärte. Die SS erhielt die rechtliche Befugnis, den Konzern zu kontrollieren, als Remenyi -Schneller und Industrieminister Lajos Szász ihnen für das folgende Jahr das Stimmrecht auch f ür die jüdischen Aktien übertrugen. Nach Abschluss des Abkommens mit den Ungarn machte sich Reichsführer -SS Heinrich Himmler daran, den Konzern vollständig den Interessen der SS unterzuordnen.

19) C. A. Macartncy, Octobcr fiftcenth. A History of Modern Hu ngary 19291945" Edinburgh 1957, Bd. 11, S. 288. Der Weiss-Clan wurde aus Ungarn herausgeschmuggelt und vorübergehend nach Wien gebracht. Nachdem sie dort sieben Wochen verbracht hatten, wurden zweiunddreißig Mitglieder der Gruppe, darunter Ferenc Chonn jr . und seine Familie sowie zehn Mitglieder der Familie Weiss, am 25. Juni mit dem Zug zunächst nach Stuttgart und dann mit zwei Sondermaschinen der Lufthansa über Madrid nach Lissabon gebracht. Eine kleinere Gruppe wurde in die Schweiz gebracht. Eine von Hi mmlers Bedingungen für den Pakt war, dass sich die Dans in der freien Welt "anständig benehmen" würden, und so hielt er neun Mitglieder der Familie in Wien als Geiseln fest. Die Familien sollen viele Wertgegenstände mitgenommen haben, aber sie haben nie di e gesamte Summe gesehen, die ihnen von der SS versprochen wurde. Der Choriner Zweig erhielt 170 000 Dollar auf dem Weg oder nach ihrer Ankunft in Portugal, und Baron Alfonz Weiss erhielt 250000 Deutsche Mark bei einer Bank in Wien. Die SS war jedoch nicht mehr in der Lage, die restlichen 400 000 Dollar zurückzuzahlen.

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Zu diesem Zweck gründete er eine Holdinggesellschaft mit dem Namen Vereinigte Industrie Werke (Manfred Weiss) A.G., Budapest. Becher schlug Himmler vor, Milch und drei führende SS -Offiziere als Vertreter der SS bei den dortigen Aktionärsversammlungen zu benennen. Für die tatsächliche Gründung der Holding gibt es keine Belege, aber die zu den Weiss -MannfredWerken gehörenden Rüstungsbetriebe und Industriebetriebe arbeiteten unter der Gesamtkontrolle von Becher weiter.20) Die endgültige Bilanz der ungarisch -deutschen Wirtschaftsbeziehungen während des Krieges fiel schließlich sehr ungünstig aus. Nach dem Jahresbericht der Ungarischen Nationalbank für das Jahr 1947 betrug die aktive Verschuldu ng 1.057 Mio. RM, d.h. 1.764 Mio. Pengös, und es gab auch eine entschädigungslose Ausgabe von 2 Mrd. Pengös, die aus der Aufrechterhaltung der deutschen Truppen in Ungarn resultierte. Insgesamt beliefen sich die deutschen Schulden auf 3.764 Millionen Pengö s, was einem Drittel der Inflation der Währung zwischen 1938 und 1944 in Höhe von 11.317 Millionen Pengös entsprach. Während die Inflation in den ersten Kriegsjahren in erster Linie auf die militärischen Vorbereitungen zurückzuführen war, war sie nach 1941 vor allem auf die rasch ansteigende ungedeckte deutsche Verschuldung zurückzuführen. Die Deckung dieser Schulden durch eine immer größere Ausgabe von Banknoten führte zu einem Teufelskreis. Die Inflation und die unbefriedigte Nachfrage durchbrachen die Pr eiskontrolle und verursachten einen Preisanstieg, der den Nominalwert der Exporte nach Deutschland erhöhte, d.h. den Bedarf an Geld, der zu einem weiteren Preisanstieg führte. Einige Experten schätzen die Summe der deutschen Clearingverbindlichkeiten im So mmer 1944 auf 28 Milliarden Mark, und Deutschland deckte ein Viertel seiner Kriegskosten durch die Ausplünderung der besetzten Länder.21) Ungarn hatte dank seiner Regierungen, die die grundlegenden Interessen der Nation verrieten, einen überproportionalen Anteil an dieser Summe. Die deutschen Schulden in Ungarn beliefen sich auf insgesamt 3,7 Milliarden Pengö, die nach dem Wert des Pengö im Jahr 1938 (auf der Grundlage des Großhandelspreisindexes) auf 1,2 Milliarden Pengö umgerechnet wurden. Diese Summe ent sprach fast 30 Prozent des Nationaleinkommens des Landes für ein Jahr. Die festen Schulden, d.h. die ungedeckten Exporte nach Deutschland, führten also dazu, dass ein erheblicher Teil des Volkseinkommens durch den Außenhandel aufgegeben wurde.

20) Randolph L. Braham, A magyar Holocaust, Budapest 1988, Vol. 1, pp. 410 ff. 21) Buzas und Kis, Ungarn, S. 3 28.

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Ryzard Kaczmarek

German economic penetration in Poland (Upper Silesia)

I

The subject of my paper is the German elites and their various interest s in and in the Upper Silesian economy, for which new foundations were laid during the Second World War. Upper Silesia formed a striking example of the behavior of German leadership groups for two reasons: first, because of its economic importance for the war economy and, second, because of its role in German Polish relations after 1918. Already in the years of war preparation (1934 1937), this region was a cornerstone of the planning work of the Ns regime in this regard, especially of the Commissioner for the Four-Year Plan (bvjp), and its economic importance increased steadily during the World War. The central importance that the Upper Silesian mining area finally assumed for the German war economy is evidenced, among other things, by Albert Speer's memorandum of January 30, 1945, in which he emphasized to Hitler: "After the loss of Upper Silesia, German armaments will no longer be able to [. 1) Even in the Third Reich, the German economic elites were able to preserve their vested interests and their relati vely large autonomy by officially subscribing to the National So cialist ideology on the whole.2 ) This was especially true for those representatives who had already been involved in the realization of the Four -Year Plan since the 1930s. Behind this plan was a working group under the leadership of Hermann Göring3) , whose members mainly had the status of economic experts, which enabled them to keep a certain distance from National Socialist (party) ideology.

1) According to Konrad Fuchs, Wirtschaftsgeschicht e Oberschlesiens 1871 1945, Dortmund 1981, p. 207. 2) Michael Ruck, Führerabsolutismus und polykratisches Herrschaftsgefüge Verfassungsstrukturen des NS -Staates, in: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (eds.), Deutschland 1933 -1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Düsseldorf 1992, p. 47. 3) Alfred Kube, Hermann Göring -Second Man in the "Drirten Reich," in: Ronald Smelser/Rainer Zitelmann (eds.), Die braune Elite. 2.1 biographical sketches, Darmstadt 1989, pp. 74 -75. 268


H. Kehrl even noted a certain ambivalence in their acceptance of National Socialism, which he characterized on the one hand as "radical politicization" and on the other as "anti -political specialization".4) This strange combination of "political roma nticism" and fascination with technical progress, which was typical of the time, was one of the reasons for the relatively high degree of autonomy of the entrepreneurs, who were given the national economic goals but had a free hand in fulfilling the busine ss plans. In addition, factory managers were able to contribute their expertise to the numerous economic organizations, such as the chambers of industry, commerce and crafts, which mediated between the state and industry and, over time, became increasingly important in shaping state economic policy - a process that was not completed until the war, after the establishment of the Speer ministry.5 ) In this respect, Göring's economic staff can also be seen as a community of entrepreneurs, industrialists and ma nagers, which de facto exercised a not inconsiderable influence on official economic policy, all the more so the more important the status of the economic sectors they represented was in the re spective districts.This circle also included a small group of p arty functionaries and state officials who, on the basis of their specific (long -term) economic policy intentions, saw the Reichsmarschall as a suitable successor to the "Führer. This personnel composition reflected the close interlocking of party and business elites so typical of the Ns system, especially in industrialized areas such as the Ruhr or Baden, which in turn was the prerequisite for industry to freely accept the long -range goals of the Nazi state. In the annexed territories, the role of economic leaders was virtually imposed on the entrepreneurs, although in the East there was hardly any conflict between the state administration and the economic management, which there identified neither with the Wilhelmine tradition of cultural sponsorship nor w ith the new National Socialist ideology of race and settlement.6) Rather, on the initiative of some Gauleiters, a

4) According to Manfred Funke, Führer -Prinzip und Kompetente -Anarchie im internationalistischen Herrschaftssystem, in: Neue politische Liter atur, 1975, H. i,pp. 66-47. 5) Hans-Erich Volkmann, Zum Verhältnis vom Großwirtschaft und NS -Regime im Zweiten Weltkrieg, in: Vaclaw Dlugoborski (ed.), Zweiter Weltkrieg und sozialer Wandel. Axis Powers and Occupied Countries, Göttingen 1981, pp. 88 89. 6) Miroslaw Cygariski, SS W ruchu narodowosocjalistycznym i W III Rzeszy 1925-1945, Poznan 1978, pp. 370 -371; Edward Jedrzejowski,Hitlerowska koncepcja administracji paristwowej. Studium polityczno -prawne,WroclawWarszawa-Krakow-Gdansk 1975, pp. 159 -165; Peter Hüttenberger, Die 269


structural-political modernization of the regional economic systems was initiated, so that one cannot speak sweepingly of a National Socialist predatory economy in Europe, which is especially not true of Upper Silesia, which developed into an experimental field of novel economic strategies.

II

After the lightning occupation of the Upper Silesian regions in the first three days of September 1939, already on October 8, by Hitler's decree, the Government District of Katowice (hereina fter abbreviated to Upper Silesia) was established and annexed to the Reich together with other Polish western and northern territories. It comprised the eastern - before 1921 Prussian - part of Upper Silesia, part of the Ostrava -Karwina area, the D^browa and JaworznoChrzanow coal basins, and the Zywiec district. The establishment of this new administrative unit had mainly economic motives: the entire Upper Silesian coalfield was to be integrated into the economy of the Old Reich and exploited to the maximum for the German war economy. Since its industrialization at the turn of the last century, Upper Silesia was economically a heterogeneous area dominated by three great powers before the First World War - Russia, Austria and Prussia. Most of the industria l core was on the Prussian side and thus became an integral part of the German Empire. From the very beginning, the economic development of this region was supported by the private capital of local magnates, but less by (Prussian) state capital, which, mor eover, was not invested in the mining sector, which was already dominant at that time, but in that of metal processing; a constellation that even survived the renewed partition of Upper Silesia in 1921 according to the Treaty of Versailles without damage - the majority of the working capital remained in German private hands. This changed only in the 1930s, when the Polish state, through the vehicle of a rigid etatist policy, increasingly sought a "Polonization" of the Upper Silesian economy, the most promin ent victim of which was the Prince of Pleß and his industrial concern, which was nationalized because of its tax debts. However, this did not result in any serious structural changes, certainly not in terms of capital: on the eve of the Second World War, t he Polish share in heavy industry was only 13.4 %, the remainder being distributed primarily

Gauleiter. Studie Zum Wandel des Machtgefüges in der NSDAP, in: Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1969, pp. 153 -157; Dieter Rebentisch, Füh rerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg. Verfassungsentwicklung und Verwaltungspolitik 1939 -1945, Stuttgart 1989, pp. 278-281; Volkmann, Zum Verhältnis, pp. 111 -112. 270


among German (55.3 %), French, Swiss, American and Belgian owners. Moreover, the Warsaw government viewed this industrial area, which was the most important for Poland, almost exclusively from the fiscal policy point of view of securing state revenues, especially from coal production.7) Under the "dictate of empty coffers," urgently n eeded modernization measures of an infrastructural and production -related nature were not taken to eliminate the backwardness that already existed before 1914 in comparison to the modern industrial centers of the Reich. This situation hardly changed at the beginning of the war, because Berlin, especially after its victory over France, initially showed little interest in this economic region, whose reorganization was to take place only at a later date. Thus, with the exception of the mining industry and coal production, virtually nothing was invested in the outdated heavy industry and the desolate infrastructure. However, as a result of the massive aerial bombardment of the industrial centers in the old Reich that began in 1942, war and production planning increasingly shifted to the Upper Silesian region - a fact that the new Gauleiter Fritz Bracht also knew how to use to his personal advantage.8) Previously, the two provinces of Silesia and Upper Silesia had been under the control of Reich Governor and Chief President Josef Wagner, an old party comrade who had been one of the first twelve Reichstag deputies of the NSDAP from 1928 to 1930. Due to his function as chief president of Silesia (since 1934), the former elementary school teacher had administrative ex perience as well as, due to his origin - he was a native of Lorraine - a certain feeling for ethnic conflicts in border areas. Wagner saw the reunification of the two provinces less in terms of conquering new living space for the German people than in terms of continuing and completing the revisionist policies of the Weimar Republic.

7) Cf. Wactaw Dlugoborski, Eine schwerindustrielle Region vom Aufstieg zur Krise. Upper Silesia 1850 -1990, in: Werner Bramke/Ulrich Heß (eds.), Saxony and Central Germany. Pol itical, Economic and Social Changes in the 20th Century, Cologne/Weimar/Vienna 1995. s. 53-71. 8) Willi A. Boelcke, Die deutsche Wirtschaft 1930 -1945: Interna des Reichswirtschaftsministeriums, Düsseldorf 1983, S. 242 f.; Alfred Sulik, Rola Gornego Slaska w gospodarce wojennej Trzeciej Rzeszy, in Wojciech Wrzesinki (Hrsg.), Slask wobec wojny polsko -niemieckiej 1939 roku, Wroclaw/Warszawa 1990, S. 187 f.

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This resulted in his resistance to the rigid implementation of Himmler's racial policy in his area o f power, despite his clearly anti -Polish basic attitude. In addition, he was a practicing Catholic, which played a major role in his exercise of office in this deeply Catholic area. In 1940, Wagner fell from grace and was arrested in July 1941.9) His succe ssor Bracht embodied exactly the opposite type: the trained gardener belonged to that group of administratively inexperienced party functionaries who only made a career for themselves after the seizure of power in 1933.10) He viewed Upper Silesia exclusive ly from the point of view of its economic and manpower potential for the German war economy. This economistic view, rather than consideration of national factors, led him, too, to oppose a tightening of anti -Polish policy.

III

The incorporation of the ne w province of Upper Silesia confronted the German economic elites with two basic problems: On the one hand, the confiscated assets had to be processed and utilized (registration of working capital, dispossession of the previous owners, etc.); on the other hand, the transformation of heavy industry to the wartime needs of the Third Reich had to be initiated. For the capital investments connected with the economic integration of the Katowice administrative district, the unclear ownership situation proved to b e a major obstacle, which affected not so much Polish (and Jewish) private and state property as the assets of foreign shareholders, especially from neutral states or states collaborating with Germany. How complicated the situation in this respect was unti l 1941 and how difficult the constellation of interests involved was can be seen, among other things, from a situation report of the Katowice armaments command: "On the whole, it is the case that the large West German corporations were interested in taking over Upper Silesian plants (although some of them were obsolete) as long as the political situation in the West made them appear to be favorable alternative plants. 9) Jochen v. Lang, Der Sekretär. Martin Bormann: Der Mann, der Hitler beherrschte, Stuttga rt 1977, pp. 198-202; Karl Teppe, Provinz - Partei - Staat. Zur provinziellen Selbstverwaltung im Dritten Reich am Beispiel Westfalens, Münster 1977, pp. 19 f. and 84 f.; Robert Wistrich, Wer war wer im Dritten Reich. Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politi k, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft, Munich 1983, p. 287. 10) Bundesarchiv Koblenz, Außendienststelle Zehlendorf, SA, Fritz Bracht, Personalfragebogen; PK, Fritz Bracht, Lebenslauf. 272


After the conclusion of the armistice with France, the ques tion of the takeover of Upper Silesian plants by Krupp, Röchling, etc. has receded considerably into the background. In addition, the Hermann Göring Works have completely seized the raw material base of the Upper Silesian industrial region and have thus made the steel mills dependent on them for the allocation of raw materials in terms of quantity and price. In all negotiations, therefore, the West German industrial agencies continue to strive to obtain opportunities to acquire the coal mines of eastern Upp er Silesia and the Dombrowa mining district and the ore mines of Zawiercie -Czestochowa. In the opinion of the Command [Rüstungskommando - RK], the final clarification of the ownership question is the 1st prerequisite for the development of an efficient mod ern industry in Upper Silesia. "11) To the extent that West German private and state -owned corporations fought over market domination in the new eastern territories, regional interests fell by the wayside. Basically, this predatory mentality, prototypicall y represented by the Reichswerke Hermann Göring (RWHG), in combination with the unclear ownership structure, prevented from the outset the realization of the economic policy plans originally worked out by the Gauleiter Wagner's advisory staff. These were based on the willingness of private capital to invest in the Upper Silesian infrastructure, which, however, could not even be awakened due to the withdrawal of the Chief President's control over the most important industries, first and foremost the mining i ndustry, and in view of the immense costs of modernization in other sectors. Josef Wagner and his staff had set themselves the ambitious goal of developing Upper Silesia into the new economic center of the Third Reich, focusing their modernization policy entirely on centralized control of the macroeconomic structural measures necessary for this purpose. From the beginning of his party career, Wagner had regarded economic policy as the basis for his work within the NSDAP and for this reason surrounded himse lf with a circle of economic experts. His economic program was a peculiar mixture of ideological set pieces of the National Socialist movement: Theoretically, it was rooted in the "national socialism" of a Gregor Strasser and in etatism, practically in his experiences during the Great Depression in Westphalia. The cornerstone of his völkisch economic concept was the resolute rejection of economic liberalism: the people needed not only the national revolution but also - as he wrote in the 1930s - economic freedom. From his point of view, liberalism, in accordance with its inherent principle of profit maximization, had led to a steady concentration of capital in the form of overpowering banking and industrial corporations that placed their self 11) Bundesarchiv Koblenz, Abteilung VI - Militärarchiv Freiburg, RW 21 -31/1, Kriegstagebuch Rüstungskommando Kattowitz, 1 -2 VII 1040, K. 137 -138. 273


interest above the welfare of the national community. Therefore, in the second stage of the National Socialist revolutio n, the economy would have to be subordinated to the primacy of the political and remodeled into an "economy of the people". The prerequisite for this was that the basic social contradiction between capital and labor be eliminated and that the political leadership elite supportively guide the management, which was above the classes, in its service to the community.12) As contemporary sources indicate, Wagner wanted to put his economic theory into practice in Upper Silesia. He therefore recruited experienced and assertive representatives of the new, community -oriented type of entrepreneur, to whom he offered the management of important enterprises. But even before that, he had made efforts to find suitable specialists to implement his economic concept13) , for which pars pro toto the career of Paul Pleiger can be cited, who under his protection rose from a medium -sized entrepreneur to one of the most influential leaders of heavy industry.14) Wagner regularly took his protege to the Gauleiter meetings in Berlin, where the latter made the acquaintance of Wilhelm Keppler - key figure in Goering's economic staff and head of the office named after him, which advised Hitler in the field of economics.

12) Josef Wagner, Nationalsozialistische Deutsche Zeitenwende, Leip zig 1934, pp. 26-38. 13) Wagner not only valued the specialist knowledge of the experts on his advisory board, but also allowed themselves to be Wagner not only valued the expertise of the experts on his advisory board, but also allowed themselves to be co nvinced by their judgments, in line with his principle of "leading, not guiding. This combined with his good contacts to managers and industrialists, quickly earned him the reputation of a profound economic expert within the party. Cf. W. A. Boelcke, Die d eutsche Wirtschaft, p. 136; Gerhard Kratsch, Der Gauwirtschaftsberater im Gau Westfalen -Süd, in: Dieter Rebentisch/Karl Teppe (eds.), Verwaltung contra Menschführung im Staat Hitlers. Studien zum politisch -administrativen System, Göttingen 1986, pp. 176 f. 14) Paul Pleiger, geh. 1899 as the son of a miner; engineer and medium -sized entrepreneur; 1931 member of the dnvp, 1932 member of the NSDAP, 1933 Gauwirtschaftsberater im Gau Westfalen -Süd; 1934 "Büro Keppler," 1937 head of the Reichswerke in Salzgitter - Watenstadr, later head of the Reichswerke Hermann Göring; during the World War Reichsbeauftragter für die Kohle und Vorsitzender der Reichsvereinigung Kohle; since 1942 Reichsbeauftragter für die Kohle in den besetzten Gebieten. 274


Although Pleiger allowed himself to be recruited for Keppler's office and, after it was placed under Göring's economic staff (1937), was entrusted with the management of the Reichswerke in Salzgitter -Watenstadt, he maintained close contact with his patron and at the same time r emained Gau economic advisor in Westphalia until the end of the war. 15) The structural economic policy measures for Upper Silesia were defined by Wagner's staff as follows: (1) subordination of the entire heavy industrial complex to the mining industry; ( 2) modernization of the obsolete iron producing industry and its concentration in a state concern; (3) preparation of chemical coal hydrogenation (the planned production of Oberschlesische Hydrierwerke ag in Blechhammer [Polish. Blachowina Slaska] was set at 450,000 tons for synthetic gasoline and 600,000 tons for fuel oil; the planned investments amounted to RM 830 million, and almost 60% of the shares were to be held by the Upper Silesian mining industry); (4) intensification of regional power generation and use of long-distance gas for the expansion of the iron industry. These plans, which originally focused only on heavy industry, were adapted to the prevailing situational conditions in the course of the war, turning Upper Silesia into a central hub of t he German war economy. In view of the increasing geopolitical importance of this region, its transport infrastructure also had to be developed: Roads and railroads that had lost their importance after 1922 were to be reactivated and modernized; for example , the already existing Breslau-GIeiwitz highway was to be connected to Kraków and later extended in the direction of Prague -Vienna. Special attention was paid to the development of waterways: the construction of an Oder -Danube canal was planned by 1946, to be followed by an Oder -Weichsel canal.16) These gigantic structural measures required an equally gigantic amount of capital, which could not be financed from the realization of Polish private and state assets, over which the Gauleiter had only limited inf luence, since it was in the hands of the Haupttreuhandstelle Ost (HTO). Thus, in principle, only two sources of financing remained: Treasury (a special "Eastern Aid Tax" was considered) and private investment: "Taken as a whole, the tax relief undoubtedly means a very considerable strengthening of financial power for the Upper Silesian industrial economy.

15) Hans Kehrl, Krisenmanager im Dritten Reich. 6 Jahre Frieden - 6 Jahre Krieg, Düsseldorf 1973, p. 75 f -> Kratsch, Der Gauwirtschaftsberater, p. 176 f. 16) Alfred Pott, Neuordnung und Aufbau im oberschlesischen Raum. Vortrag, gehalten am 7.2. 1941 im Rahmen der Fachschulkurse für Wirtschaft und Verwaltung an der Schlesischen Friedrich -Wilhelm-Universität in Breslau, Breslau 1941, p. 16. 275


However, the capital formation triggered by this will not be able to provide nearly the funds that would be necessary to finance the extraordinary investment needs of almost all Upper Silesian mining and metallurgical industries. In addition to the investment requireme nts, there are also considerable financial needs of the public authorities, as well as credit requirements for newly established industrial enterprises. Therefore, Upper Silesia will not be able to manage without outside capital assistance. It will be necessary to direct very broad capital flows from the Reich to Upper Silesia. "17) This was intended to initiate a general economic upswing that would encompass all sectors of the economy (including the technologically obsolete ones) and thus guarantee the exh austion of the entire labor potential. The mining industry was given the function of a flywheel, for which a growth rate of 30% was targeted with an increase in the employment rate of one third.18 ) Toward the end of the war, Upper Silesia accounted for 65% of the total coal production in the German Reich.

Tab.1 Coal production in Upper Silesia 1940 -1944 Year 1940 1941 1942 1943 1944

Coal mining in the Upper Silesian region 82 863,5 Ts. T. 82 064,0 Ts. T. 91 253,2 Ts. T. 100 082,6 Ts. T. 95 849,3 Ts. T.

Source: Alfred Sulik, Przemysl ciczki w rejcncj i katowickiej w gospodarce Trzeciej Rzeszy (1939 -1945), Katowice 1984, S. 339 -340.

However, the realization of these ambitious targets was severely limited by two factors: a lack of capital and a shortage of qualified personnel for upper and middle manageme nt.

17) Ibidem, p. 17. 18) Günther Saath, Die Industrie der eingegliederten oberschlesischen Ostgebiete, Berlin/Prague/Vienna 1942, p. 18 f. 276


Above all, there was a shortage of skilled workers, technicians and engineers, which had a negative impact especially in the Dombrau area, especially since skilled workers from the Old Reich could hardly be recruited for employment in the East. This personnel shortage would have been even more serious if the National Socialist principles of nationality and race had been rigidly followed.19) In the reorganization of the Upper Silesian economy, which was pursued not only by Wagner and his staff but also by other groups or institutions such as the army, the Reichswerke Hermann Göring (rwhg), and local or West German business circles, two planning approaches can be stated: (1) exploitation and modernization of certain productive sectors without targete d wartime investment measures; (2) regulatory restructuring of the entire economic system in the sense of a centrally controlled private economy in the service of the war economy. After the establishment of the Katowice administrative district, the planning staff of the Gauleiter initially preferred the first approach.20) The most important control and influence organs of the NSDAP in the reorganization were, in addition to the government and provincial authorities - the local chambers of i ndustry, commerce and trade, later the Gauwirtschaftskammern (since i January 1943 also in Upper Silesia). With its establishment, the entire economy was formally placed under the control of the Gauleiters, who simultaneously held the function of Reich Defense Commissar. However, sin ce the most important production sectors in Upper Silesia fell within the scope of the war and armaments economy, which was not subject to the control of the Gauatrapen, Wagner's staff quickly lost its grip on the development and expansion of the regional economy, whose long-term regulatory goals lost any chance of realization the more the war situation affected economic life. Moreover, the specific method of property disposal in Upper Silesia made it considerably more difficult for him to fulfill his supervisory and control function.

19) Ibidem, p. 32. 20) W. A. Boelcke, Die deutsche Wirtschaft, pp. 287 -288; Fritz Blaich, Wirtschaft und Rüstung im Dritten Reich, Düsseldorf 1987, p. 49; Czeslaw Madajczyk, Polityka III Rzeszy w okupowanej Polsce, T. 1, Warszawa 1970, pp. 546-549.

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When Wagner became head of the civil administration in Upper Silesia, Otto Fitzner21) , assisted by two deputies -Günther Falkenhahn22) and Michael Matouschka23)-took his former position as head of the Gau Economic Council. Despite this change in personnel, the economic policy concept of the specialized administration for the administrative district of Katowice remained the work of Wagner and his colleague Fritz Dietlof von Schulenburg, who, based on the economic importance of thi s region for the Reich, successfully steered a relatively pragmatic course in continuation of the Kaiser-era Ostpolitik, ignoring racial ideological elements. There was only one point on which Wagner could not prevail: He was a staunch opponent of an expansion of the areas to be incorporated beyond the 1918 level, since the underdevelopment of the areas further east (Dombrauer Region) would have required an even greater level of investment, but he had to bow to Göring's vote.24)

21) Otto Fitzner, born 1888, presidential member of the Metal Federation; until 1934 chairman of the Association of Metal Ore Mines; 1934 -1939 head of the Economic Group Metal Industry; 1939 -1945 head of the Economic Group Nonferrous Metal Industry; since 1935 head of the Economic Cha mber of Lower Silesia; since 1942 head of the Main Metals Group of the Ministry of the Spear; in Upper Silesia deputy to the head of the Civil Administration; cf. Rainer Eckert, Die Leiter und Geschäftsführer der Reichsgruppe Industrie, ihrer Haupt- und Wirtschaftsgruppen (II). Documentation on their position in monopolies, monopolistic associations and in state -monopolistic economic regulation, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1980, Part I, p. 183. 22) Günther Falkenhahn, born July 4, 1887; since 19 21 in the von Donnersmarck concern inTamowirz and Bytom; since 1933 chairman of the Mining and Metallurgy Association; 1935 head of the Chamber of Industry and Commerce for Upper Silesia; after 1939 head of the Chamber of Industry and Commerce in Katowice; cf. Alfred Sulik, Przemysl ciczki rejencji katowickiej w gospodarce Trzeciej Rzeszy (1939 -1945), Katowice 1984, p. 103. 23) Michael v. Matouschka, born in 1888, head of the Agricultural Council of the Province of Silesia and Upper Silesia; from 1941 head of the Economic Department of Upper Silesia; sentenced to death in 1944. 24) Cf. Irena Sroka, Gorny Slask i Zaglebie Dabrowskie pod okupacyjnym zarzadem wojskowym, Katowice 1975, pp. 115 -118; Edward Jedrzejowski, O niemieckiej administracji na terenach wla czonych do rejencji opolskiej w latach 1939-1945, in: Studia Slaskie. Seria nowa, 1969, pp. 41 -75, pp. 49-50; Ryszard Kaczmarek, Pomiedzy pragmatyzmem a ideologia. Górny Slask w oczach administracji niemieckiej podczas II wojny Swiatowej, in: Przeglad Zachodni 1992, no 2., pp. 104 -106. 278


The army, or rather the armament commission, also strongly pleaded for a maximum rounding off of the Upper Silesian economic area. Since the beginning of the war, the Wehrmacht had developed into an independent decision-making center alongside the Gauleiter's staff, whose influence had steadily increased with the establishment of the Armaments Command in Gliwice, since February 1940 in Katowice25) , and the installation of dependencies in the Wehrbezirke to monitor and control the armaments sector.26 ) On the occasion of an inspection by Lieutenant General Leykauf from Breslau, the latter had pointed out the necessity of expanding Silesia to include the entire Dombrau and Teschen areas.27) The longer the war lasted, the more the Speerministry, the Gauselbstverwaltung, the Wehrmacht, and Göring's staff planned and acted more alongside and against each other than with each other. Responsible for the activities of the armaments commission in Katowice was Major Hütter, who since September 1939 had headed a special economic council, the so -called TK 8, and supervised th e entire armaments production in Upper Silesia. The unclear ownership structure was also an insurmountable obstacle to the development and expansion of the armaments industry. Hüttner complained about this to General Leeb, head of the Army Weapons Office, who promised remedial action and the intervention of his colleague Thomas in the OKW, but ultimately all efforts were unsuccessful: The Haupttreuhandstelle Ost (HTO) continued to maintain control over heavy industry and viewed with suspicion any interference by the Wehrmacht in its sphere of influence. Toward the end of the war, the Armaments Commission finally had virtually no influence on economic policy in this region.28) Formally, the entire Upper Silesian economy fell under the jurisdiction of HTO, which had already established a trusteeship office in Katowice on November 2, 1939, headed alternate ly by Otto Fitzner (1939), Artur Jakob29) (January

25) Bundesarchiv Koblenz, Abteilung VI -Militärarchiv Freiburg, RW 21 -31/1, RüKo Kattowitz, Kriegstagebuc h 5.2.1940, K. 195. 26) W. A. Boelcke, Die deutsche Wirtschaft, S. 242 -243; Czeslaw tuczak, Polityka ekonomiczna Trzeciej Rzeszy w latach drugiej wojny swiatowej, Poznan 1982, S. 15 f. 27) Bundesarchiv Koblenz, Abteilung VI -Militärarchiv Freiburg, RW 21 -31/1 Kriegstagebuch NR. 1 W ehrwirtschaftsstelle Gleiwitz, K. 143 -162. 28) Bundesarchiv Koblenz, Abteilung VI - Militärarchiv Freiburg, RW 21 -31/1, RüKo Kattowitz, Kriegstagebuch 27.9.1940, K. 34. 29) Artur Jakob, Gau economic advisor in the Gau Upper Silesia, President of the Economic Chamber and the Provincial Council of the Province of Upper Silesia. 279


1940 - February 1941) and M. Matouschka (since February 1941). This regionally autonomous executive body of the HTO for the registration, administration and utilization of Polish (and Jewish) state and private assets was integrated into the Gauwirtschaftsverwaltung (Gau Economic Administration) at the be ginning of February 1941, but continued to be subject to the technical supervision of its Berlin headquarters.30 ) The registration of the assets that had fallen into the hands of the Reich was completed in 1942; the dispossessions, on the other hand, dragge d on until 1944 and in some cases beyond. Initially, HTO planned to manage all German assets from before 1918 on its own and to present itself to West German private capital as a monopoly agency for investments in Upper Silesian heavy industry. This plan failed, however, due to the resistance of the state corporations, which - first and foremost the RWGH - claimed the best "filet pieces" for themselves: The most valuable part of the Upper Silesian industry was bought by the "Bergverwaltung Oberschlesien GmbH " for 199 million marks, but only partially paid for. The Upper Silesian branch of the RWGH, with a working capital of RM 200 million, was headed by Pleiger, who gave sustained support to the state's capital investments in Upper Silesian coal mining, which - freed from Speer's spending restrictions - ran up to RM 120 million.31) In banking, the leading role was claimed by Deutsche Bank, which had already been the only bank present in Polish East Upper Silesia during the interwar period. In addition, Dresdner Bank, the German Agrar - und Commerzbank AG in Berlin, the German Industriebank and the local banks from Wroclaw wi th Eichborn &c Co. at the top were also active in this region. In order to stimulate the regional capital market, which did not get off the ground despite various efforts, a regional bank was to be founded on the initiative of the provincial authorities, but this failed due to the resistance of the big banks32) , because the "Upper Silesian Bank Association" that was finally established (from Upper Silesia, Otto Breve and Alfred Pott33) , among others, were active there) was little

30) Jedrzejowski, On German, S. 64; Sulik, Ciezki Przemysl, S. 68 -69; Madajczyk, Politics, S. 519 -520. 31) Sulik, Ciezki Przemysl,S. 139 -152. 32) After the dissolution of the "Silesian Bank Association," capital relations with Wroclaw were also severed in April 1943. Cf. ibid., p. 80 ff. 33) Otto Breve, head of Gräfliche Schaffgotsch Werke GmbH Gleiwitz, Provincial Councilor in Upper Silesia, member of the board of Deutsche Bank in Katowice; Alfred Pott, authorized representative of Ballestrem Werke, member of the board of Deutsche Bank in Katowice.

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more than a "paper tiger" . This failure was mainly due to the fact that the economic policy of the provincial government increasingly came to naught, since the willingness of the large financial institutions to invest could not be awakened to the necessary extent. Wagner's successor, Fritz Bracht, had to take a completely different economic policy course than his predecessor in view of the changed wartime situation and the takeover of the mining industry by the RWHG. The new satrap was mainly concerned with practical business issues and concrete problems of the labor market, for example in the mining sector. Thus, in view of the shortage of skilled workers, Himmler's nationality and race policy was a secondary matter for him, a not entirely harmless view, for which, however, he found support even with the staff leader of the Reichsführer's representative as Reich Commissioner for the Consolidation of German Nationality in Katowice, Fritz Arlt.34) Bracht's pragmatic turn in economic policy, which finally put to rest the far-future investment and modernization plans of his predecessor, benefited from three main factors: the changed wartime situation, the increasing economic importance of Upper Silesia due to the massive Allied bombing campaign in the Old Kingdom, and the appointment of Speer as armaments minister. Within the framework of centrally controlled war planning, previously closed "obsolete" factories were now reopened, their output capacities considerably increased by the introduction of modern production methods, for which substantial state credits were granted that had not been available before. From the point of view of the Upper Silesian population, this change of course meant a stabilization and safeguarding of their existence, often even protection from conscription into the Wehrmacht; from an economic point of view, on the other hand, it meant an intensification of the predatory economy, especially in th e coal industry, through increasing capital requirements and devaluation of the old capital from the interwar period. Finally, the question of the sources of financing for the investments made in Upper Silesian industry during the war remains to be answered . The assertion that the transfer of property by HTO alone satisfied the enormous need for capital is false, although it did result in a considerable increase in share capital. The main burden for the economic structural measures in 1939 1941 had to be bor ne by the Reich. However, a large part of the state loans was earmarked for conversion to armaments production, which applied in particular to all those plants that had already been decommissioned as "obsolete" and had to be reactivated due to the war situa tion.

34) Fritz Arlt, Polen -, Ukrainer-, Juden-Politik im Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete 1939/40 und in Oberschlesien 1941/43 und im Freiheitskampf der unterdrückten Ost völker, Lindhorst 1995, pp. 75 f. 281


The provincial authorities massively supported the centrally directed economic policy of the war years with the aim of strengthening the political and economic weight of their New German Gau, in which they could count on the energetic help of the econ omic groups, first and foremost the mining, ironmaking and metal industries, on which, among other things, the strong position of the RWGH in Upper Silesia was based.

IV.

If Wagner's and his staff's ambitious modernization plans had been realized, Upper Silesia would have had the very best chances to develop into the leading economic center in East Central Europe, for which, however, neither the time nor the opportunities were available during the war. Although Bracht's successor pragmatically adapted his econom ic policy to the respective wartime economic requirements, he too was largely guided by the interests of the regional economy. One expression of this clearly economic policy dominated orientation framework was, among other things, the moderate nationality and race policy compared to the Warthegau and Danzig -West Prussia, although neither of the two chief presidents can exactly be described as friends of Poland. However different the two satraps may have been in terms of political ideology, character and car eer, they were nevertheless united by the conviction that the socioeconomic integration of Upper Silesia into the Old Kingdom could only succeed in the medium term if structural modernization measures ensured the competitiveness of its industry vis -à-vis West German competitors.

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Gerard A. Alders

Drei Wege der deutschen wirtschaftlichen Durchdringung in den Niederlanden: Tarnung, Kapitalverflechtung und "Arisierung"

Eine vorläufige Untersuchung*

I. Einleitung

In diesem Artikel werden drei Methoden des deutschen Eindringens in die Wirtschaft der Niederlande untersucht: Kapitalverflechtung, "Arisierung" und Tarnung. Cloaking, d.h. die "Kunst", die wahren Eigentumsverhältnisse eines Unternehmens vor den Behörden zu verbergen, begann fast unmittelbar nach dem Ende des Ersten Wel tkriegs, während Kapitalverflechtung und "Arisierung" als Teil einer bewussten deutschen Besatzungspolitik in der Zeit von 1940 bis 1945 durchgeführt wurden. Alle drei Formeln hatten jedoch ein Ziel - wenn auch zu unterschiedlichen Zwecken - gemeinsam: die vollständige oder teilweise Übernahme niederländischer Industrieunternehmen und Bankhäuser durch deutsche Geschäftsleute. Die Tarnung war eine überwiegend geheime Angelegenheit, die beiden anderen Methoden wurden mehr oder weniger offen durchgeführt. Inwi eweit waren diese Unterwanderungsversuche erfolgreich?

II. Tarnung

Die Verhüllung begann bald nach dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags (1919), als die Sieger des Ersten Weltkriegs das Angebot an Produkten der deutschen Industrie einschränkten. * Ich danke Prof. Dr. Joh. de Vries für seine kritischen Anmerkungen zu diesem Artikel. 283


Um den Bestimmungen des Versailler Vertrages zu entgehen, wurden illegal gewordene industrielle Aktivitäten ins Ausland verlagert. Deutschland musste entmilitarisiert werden, und des halb betraf dies vor allem Industriezweige, die direkt oder indirekt an der Produktion für die Luft -, See- und Streitkräfte beteiligt waren. Als Ergebnis von Versailles, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, wurde ein wichtiger ein wichtiger Teil der phys ischen Kriegsanlagen Deutschlands in andere Länder verlagert, um einen Kern für eine neue deutsche Anstrengung zur Welteroberung zu schaffen".1) Es gibt keinen Beweis dafür, dass Deutschland damals schon auf eine "Welteroberung" aus war, aber es bleibt die Tatsache, dass wichtige Teile der deutschen Industrie ins Ausland verlagert wurden. Vor allem traditionell neutrale Länder wie Schweden, die Schweiz und die Niederlande wurden zum Standort für große deutsche Unternehmen wie Krupp (Stahl, Werften und Rüstung), Zeiss (optische Instrumente), Siemens (Elektrokonzern), Dornier (Flugzeuge), Junkers (Flugzeuge) und Rhein - metallBorsig (Stahl und Rüstung). Diese Unternehmen legten großen Wert darauf, dass ihr (militärisches) Know -how erhalten blieb und dass die Entwicklung und Verbesserung neuer Waffen und militäri schen Materials fortgesetzt wurde.2) Die Unternehmen, die die militärisch orientierten Teile ihrer Produktion ins Exil schickten, konnten auf die Unterstützung des ehemaligen deutschen Personals und der deutschen Regierung zählen. Aus naheliegenden Gründen arbeiteten die deutschen Firmen im Ausland in der Regel nicht unter eigenem Namen, so dass die Beteiligung der Muttergesellschaft an der Tochtergesellschaft in den meisten Fällen unsichtbar blieb. Krupp beispielsweise trat in den Niederlanden unter dem Namen Siderus Smit und Siemens als Hazemeyer auf, allesamt niederländische Eigennamen. Deutsche Unternehmen verschleierten ihr Auslandseigentum effektiv, indem sie die Anteile an neutrale Bürger oder an eine Holding in einem neutralen Land übertrugen, die vo n da an als nominelle Eigentümer auftraten. Manchmal wurden diese Übertragungen mehrmals wiederholt, was

1) Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, Code 3, Ordner 313.22, Spcial Blocking Measures against Dutch Banks in the US, Erklärung von Orvis A. Schmidt, Director of Fo reign Funds Control vor dem Kilgore Committee, 2. Juli 1945. 2) Trials of War Criminals before the Nuernberg Military Tribunals, Vol. IX (1950), Washington, S. 279 -282.

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die Ermittlung des tatsächlichen Eigentümers für die Behörden sehr schwierig oder fast unmöglich machte. In den meisten Fällen handelte es sich um geheime Verträge, in denen die Zahlung von Gewinnen an die Muttergesellschaft, Zinsen und geheime Optionen für den "Rückkauf" in besseren Zeiten geregelt wurden. Vor allem der Chemiegigant IG Farben erwies sich als Genie im Verstecken seines Auslandsvermögens. 3) Seit 1932 waren deutsche juristische und natürliche Personen verpflichtet, ihr Auslandsvermögen bei der Reichs bank anzumelden, und ab 1933 drohte das so genannte Landesverratsgesetz denjenigen, die ihr Vermögen im Ausland verheimlichten, die Todesstrafe an.4) Auch Dr. Gustav Schlotterer vom Wirtschaftsministerium betonte die Bedeutung der Verheimlichung deutschen Vermögens im Ausland, insbesondere angesichts der "gegenwärtigen internationalen Lage". Sein Schreiben datiert vom 9. September 1939, also nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, und ist als "Geheime Reichssache" eingestuft.5) Es liegt auf der Hand, dass die verschiedenen deutschen Regierungen nach dem Abschluss des Versailler Vertrages der Tarnung eine große Bedeutung beimaßen. Während des Krieges versorgten die getarnten Niederlassungen in den neutralen Ländern die Regierung in Berlin mit Devisen. Zugleich dienten sie als Quelle für Informationen verschiedener Art. Das Gleiche galt für die Tarnfirmen im Feindesland. Dank dieser getarnten Firmen wurden die deutschen Behörden über technische Entwicklungen informiert, die für die Verteidigung des Landes, in dem die getarnten Niederlassungen angesiedelt waren, unerlässlich waren.

3) Siehe zu den Techniken der Tarnung: Gerard Aalders und Cees Wiebes, Die Kunst der Tarnung. Die geheime Kollaboration neutraler Staaten mit der deutschen Kriegsindustrie. Der Fall Schweden, Frankfurt a. M. 1994, S. 17 -47Englische Ausgabe: Die Kunst der Tarnung des Besitzes, Amsterdam 1996 4) Rijksinstituut voor Oorlogsdocu mentatie (im Folgenden RvO), Archief Bregstein, Box 10, Ordner Enclosures Memorandum AKU, Erklärung von Hermann J. Abs, 14. April 1949. 5) Washington National Record Center, RG 407, Foreign Occupied Area Reports 1945-1954, Box 1014, Folder External Assets Germany, Brief von Schlotterer an den Oberfinanzpräsidenten, 9. September 1939. Schlotterer schrieb auch, dass laut Reichserlass RE 152/36 deutsche Firmen im Ausland, die der Devisenbewirtschaftung unterlagen, von ihren Muttergesellschaften getarnt werden sollten und dass alle Tarnmaßnahmen als "streng geheim" behandelt werden sollten. Außerdem sollte um jeden Preis vermieden werden, dass deutsche Tochtergesellschaften in neutralen Ländern von den Feindstaaten enttarnt werden. 285


Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden Tarntechniken neben den oben erwähnten militärischen Motiven auch aus fiskalischen Gründen eingesetzt, etwa um die Zahlung von Doppelbesteue rungen zu vermeiden oder Schutzmaßnahmen zu umgehen.6) Ein Teil des Filterinteresses der deutschen Regierung an den ausländischen Tochtergesellschaften wurde zweifellos durch den Wunsch geweckt, die Kontrolle über die Devisenströme zu behalten. Seit 1931 war die deutsche Reichsmark nicht mehr konvertierbar. Ab 1934 wurden die Zahlungen zwischen den Niederlanden und Deutschland über ein Clearing System abgewickelt. In Holland wurden die Zahlungen über das Nederlandsch Clearinginstituut abgewickelt, in Deutsc hland über die Verrechnungskasse. Diese Zentralinstitute kümmerten sich um die Zahlungen an die Exporteure und zogen die Zahlungen der Importeure in ihrem eigenen Land ein. Die Zahlungen sollten in etwa mit den Verpflichtungen übereinstimmen. Das bedeutete in der Praxis, dass die Verrechnungsmarge vor dem Krieg durch die Höhe der ein- und ausgehenden Geld - und Kapitalströme bestimmt wurde. Die Höhe des niederländischen Exports von Waren und Dienstleistunge n nach Deutschland sollte in etwa im Gleichgewicht mit dem Nettoerlös deutscher Lieferungen in die Niederlande stehen.7) Die IG Farben war ein Meister in der Entwicklung von Tarntechniken, bei denen die neutralen Niederlande und die Schweiz eine zentrale Rolle spielten. Die Art ihrer Operationen wurde bereits ausführlich dokumentiert, wenn auch nur ein kleiner Teil wirklich ausgegraben wurde, da die deutsche Eigentümerschaft dank der ausgeklügelten Tarnstrukturen in vielen Fällen schwer zu beweisen war.8)

6) Aalders, Wiehes, The Art of Camouflage, pp. 17 -19. 7) Henk A.M. Klemann, Tussen Reich en Empire. De economische betrekkingen van Nederland met zijn belangrijkest handelpartners: Duitsland , GrootBrittannië en Belgie en de Nederlandse handelspolitiek, 1929 -1936, (Amsterdam 1990), S. 184 ff. 8) Ein Beispiel für diese Vorgänge sind: Gerard Aalders und Cees Wiebes, Stockholms Enskilda Bank, German Bosch and IG Farben. Eine kurze Geschichte der Tarnung, in: Scandinavian Economic History Review, Bd. 33 (1985), S. 25 50. Zu den weltweiten Tarnungsaktivitäten der IG Fa rben: Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.), Ermittlungen gegen die IG Farben, Nördlingen 1986. Mehr über die IG Farben in: Josiah E. Dubois, Generäle in grauen Anzügen. The dircctors of the International "IG Farben" Cartel, their conspiracy and trial at Nuremberg, London 1953; Joseph Borki n, The Crime and punishmentof IG Farben, London 1979.

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Weniger bekannt sind in diesem Bereich die Aktivitäten von Siemens & Halske (im Folgenden Siemens) in den Niederlanden, die hier als Beispiel für deutsche Tarnoperationen in den Niederlanden dienen sollen. 1922 wandte sich die Berliner Firma Siemens, um Versailles zu umgehen, an die Niederlande, um dort unter dem Namen Signaal ihre berühmten Feuerleitanlagen zu produzieren.9) Für das unmittelbare Motiv der Gründung der Siemen s-Niederlassung müssen wir in das Jahr 1921 zurückgehen. Zwei Schiffe für die Königliche Niederländische Marine, die hm "Java" und die hm "Sumatra", sollten auf Anraten des Artillerieausschusses der Seestreitkräfte mit dem Feuerleitsystem ausgestattet werd en, das von der Kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg verwendet worden war. Während dieses Krieges hatten die Deutschen bewiesen, dass ihr Siemens -System dem britischen System weit überlegen war.10) Das Problem war, dass das System wegen Versailles nicht in Deutschland hergestellt werden konnte. Aber die Techniken zur Umgehung von "Versailles" waren der Berliner Elektrofirma nicht unbekannt. Bereits ein Jahr später, 1922, wurde die N.V. Hazemeyer's fabriek van Signaal Apparaten (im Folgenden Signaal) mit dem Segen der niederländischen Behörden in Hengelo, einer kleinen Stadt nahe der deutschen Grenze im Osten der Niederlande, gegründet. Siemens nahm die Produktion wieder auf, und die Niederländer erhielten das gewünschte Feuerleitsystem. Das neue Unternehmen war das Ergebnis einer Vereinbarung zwischen der Siemens-Muttergesellschaft in Berlin und der N.V. Hazemeyer -Apparaten (im Folgenden Hazemeyer). Die neue Gesellschaft wurde in dem bereits bestehenden Werk von Hazemeyer untergebracht und unter dieselbe Leitung gestellt. Das gesamte Aktienkapital der neuen Gesellschaft betrug fl. 100.000, aufgeteilt in 20 Aktien zu je fl. 5000, -. Aktionäre waren die N.V. Internationale Patenthandel (Ipath) (13) und Hazemeyer (7 ). Ipath, offiziell als Patentbüro in Den Haag gegründet, aber mit Sitz in Zeist, einer Stadt im Zentrum der Niederlande, war zu 100 % im Besitz von Siemens und diente als Fassade, um seine Interessen an Signaal zu verbergen. Das Management bestand aus 9) Die Informationen über Siemens und Halske und seine Verbindung mit Signaal und Ipath basieren - sofern nicht auf andere Quellen verwiesen wird auf den Unterlagen über Hazemeyer und Ipath des niederländischen Vermögensverwalters (Nederlands Beheersinstituut) im Allgemeinen Staatsarchiv (Algemeen Rijksarchief, im Folgenden ARA), 2.09.26, Nederlands Beheersinstituut (im Folgenden NVB), Box 7853. Es enthält mehrere Berichte, Memoranden, Briefe und Notizen. 10) Dick Wittenberg, Overneming HSA markeerteinde tijdperk, in: NRC Handelsblad, 28. August 1989. 287


Niederländern, die aber nur Marionetten waren, die von der Siemens -Zentrale in Berlin aus gesteuert wurden, wo alle Entscheidungen getroffen wurden. Im Dezember 1921 hatte Siemens seine Patentrechte an die Firma Ipath übertragen, die dafür 5000, - fl. zahlte. Das Patentbüro konnte mit den Rechten handeln, aber nur mit ausdrücklicher Zustimmung von Siemens. Die Erlöse aus den Lizenzen und den Patentrechten gingen sowohl an Siemens als auch an Ipath. Es ist nicht sicher, wie die Aufteilung der Einnahmen geregelt wurde, aber das ist von geringer Bedeutung, da Ipath vollständig zum Siemens Konzern gehörte. Es wurde lediglich vereinbart, dass Ipath seine eigenen Ausgaben trägt. Das Hauptziel war es, den größten Teil der Einnahmen für den weiteren Ausbau des Ipath -Geschäfts zu verwenden. Vieles wurde durch mündliche Absprachen geregelt. Zunächst zahlte Signaal fl. 553.000, - für die Nutzung von Patentrechten auf dem Gebiet der "Artillerie - und TorpedoFeuerleitanlagen", die es der Firma Hengelo ermöglichten, die von den Holländern so begehrten Apparate für die "Java" und die "Sumatra" herzustellen. Im September 1935 wurde ein neuer Vertrag zwischen Ipath und Hazemeyer aufgesetzt. Nun wurde vereinbart, dass Signaal fl. 2.000.000, - für die Patentrechte zahlen sollte, abzügl ich der fl. 553.000, -, die 1922 gezahlt wurden. Im Jahr 1939 hält Ipath neben Signaal auch Beteiligungen an La Societe des Ateliers ]. Hanrez (Belgien), Officine Lombarde Apparechi di Precisione (Olap) (Italien) und Elektroteclma A.G. für Schwachstromtechnik (Tschechoslowakei). Die von der Muttergesellschaft in Berlin entsandten Techniker handelten auf direkte Anweisung der Siemens -Zentrale und bildeten faktisch den eigentlichen Vorstand. Zu Beginn des Jahres 1922 waren bei Signaal etwa 70 Personen beschäftig t, die meisten von ihnen deutsche Experten für Feuerlöschtechnik.11) Der erste Auftrag für das neue Unternehmen kam von der König lichen Marine von Dutcli. Im Verhältnis zu den Gesamtkosten für die Feuerleitsysteme für hm "Java" und hm "Sumatra", fl. 2.160.000,-, war Signaals Anteilskapital von fl. 100.000, - viel zu klein, aber das erwies sich nicht als Hindernis. Den Siemens -Vertretern gelang es, Aufträge aus dem Ausland zu erhalten, was wahrscheinlich auf den ersten Auftrag der Königlichen Niederländischen Marine zurückzuführen war, die im Ausland einen guten Ruf genoss.

11) Die Zahl der Beschäftigten stieg von etwa 79 im Anfangsjahr auf mehr als 250 Anfang 1930. Im Krisenjahr sank die Zahl auf ca. 75 Männer. Danach stieg sie allmählich auf 423 im Jahr 193 8 an. Im Jahr 1940 gab es 886 Beschäftigte, während der Höchststand im März 1944 erreicht wurde (1298 Beschäftigte). In diesem Monat wurde Signaal bei alliierten Kriegsangriffen schwer beschossen.

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Darüber hinaus wurde Signaal, das sich hinter der Ipatb -Front verbarg, als niederländisches Unternehmen angesehen, das seinen Sitz in einem der stabilsten Länder Europas hatte. Der starke Gulden und die bekannte Absicht Den Haags, seine traditionelle Neutralitätspolitik beizubehalten, trugen zum Bild der Stabilität de r Niederlande bei. Dieses Image der Stabilität trug dazu bei, Aufträge von den Seestreitkräften Schwedens, Norwegens, Dänemarks, Finnlands, Argentiniens, Spaniens, Jugoslawiens und Griechenlands zu erhalten. Zweigstellen deutscher Banken hatten auch ihren Weg in die Niederlande gefunden, die nach und nach zu einem wichtigen Wirtschafts - und Finanzzentrum in Europa wurden. Während des Ersten Weltkriegs waren die deutschen Banken in Großbritannien, Frankreich und Belgien beschlagnahmt worden, was zu schweren Verlusten geführt hatte. Eine Rückkehr in diese Länder kam nicht in Frage und wurde zudem von den dortigen Behörden untersagt. In Schweden war die Gründung ausländischer Banken gesetzlich verboten, und die Schweiz galt damals als geographisch zu isoliert. Die Wahl fiel auf die neutralen Niederlande, und alle großen deutschen Banken hatten eine Niederlassung in Amsterdam.12) 1929 übernahm Ipath 4 Aktien von Hazemeyer und diese Situation hielt bis 1937 an, als das Aktienkapital auf fl. 500,000. -. 85 Aktien (f l. 425.000) befanden sich in den Händen von Ipat h, während 15 Hazemeyer gehörten. Eine letzte Änderung fand 1943 statt, als das Kapital auf fl. 1,500,000. -. Ipath besaß damals 2,97 Aktien, die restlichen 3 blieben im Besitz des einzigen Gesellschafters. Das Auftragsbuch war von Anfang an gut gefüllt, mit einigen starken Rückgängen in den Krisenjahren 1932 und 1933 und mit zusätzlichen Aufschwüngen in den Kriegsjahren 1942 und 1943.13) Nach 1940 arbeitete Signaal ausschließlich für die deutsc he Kriegsindustrie. Die Auslandsaufträge hatten aufgehört.

12) Johan de Vrics, De Nederlandsche Bank van 1914 tot 1948, Vol. 1, Visserings tijdvak 1914 - 1931, Amsterdam 1989, S. 213 -216; Johannes Houwink ten Cate, Amsterdam als internationales Finanzzentrum, in: De Florijn, nr. 5 (1984), S. 6-9 und ebenda, De "Mannen van de Daad" en Duitsland. The HoIIand Company and the Prewar Foreign Policy, 1919 -1939, Den Haag 1995, S. 80-89 und passim. Auch Karl Strasser, Die deutschen Auslandbanken, München 1925, S. 56-62 und T.P. Bergsma, Das Niederländische Bankwesen, Den Haag 1939, passim. 13 Der erste Auftrag (1922) belief sich auf fl. 2.160.000, - (für das Feuerleitsystem der beiden niederländischen Marineschiffe). Im Jahr 1923 289


Offenbar empfand die niederländische Regierung die deutsche Beteiligung (oder besser gesagt, ihren eigenen bescheidenen Anteil) zunächst nicht als störend. 1935 bemühte sich die niederländische Marine um mehr Einfluss in Signaal, aber das geschah nur halbhe rzig, was zum Teil auf den Mangel an niederländischen Experten in diesem sehr speziellen Bereich zurückzuführen war. 1936 wurde der niederländische Marineoffizier Leutnant J.J.A. Schagen van Leeuwen als "Assistent" in den Vorstand aufgenommen.14) Es war da s einzige Zugeständnis, das Siemens seinem Gastland zu machen bereit war. Es liegt auf der Hand, dass sich Siemens dank dieser Konstruktion nicht nur Aufträge ausländischer Kunden sichern konnte (die Signaal als niederländisch betrachteten), sondern auch (u nd durch sie die deutschen Nachrichtendienste) Kenntnisse über die Verteidigungssysteme der Länder erlangte, die es mit Feuerleitgeräten belieferte. Die ursprüngliche Absicht - die Produktion von Feuerleitgeräten für die Königliche Niederländische Marine - war nicht durchführbar, da die Herstellung für ein einzelnes kleines Land unmöglich rentabel sein konnte und es offensichtlich war, dass ausländische Kunden notwendig waren, um zu überleben. Die Ipatb diente nicht nur als Fassade für Siemens, um seine Interessen an Signaal zu verschleiern, sondern auch als Abflussrohr, um die Gewinne (getarnt als Patentrechte) nach Berlin oder in andere Tei le der Welt zu leiten, wo das Geld von Siemens benötigt wurde. In den Kriegsjahren war es besser, die Gewinne von Signaal auf Ipath zu behalten, als sie nach Deutschland zu schicken, wo 40 Prozent Steuern gezahlt werden mussten, anstatt der 11 Prozent in den besetzten Niederlanden. Gegen Ende des Krieges wurden die

wurden keine neuen Aufträge verbucht. In den Jahren 1924 und 1925 wurden Aufträge in Höhe von fl. 810.000, - verbucht werden, von denen fl. 410.000, aus dem Ausland; 1927: fl. 3.300.000, -, davon fl. 2.800.000, - aus dem Ausland; 1929: fl. 2.800.000, -, davon fl. 2.200.000, - aus dem Ausland; 1930: fl. 1.100.000,- (nicht weiter spezifiziert); 1931: fl. 1.400.000, -(nicht weiter spezifiziert); 1932: fl. 250.000, - (nicht weiter spezifiziert); 1933: fl. 100.000, (nicht weiter spezifiziert); 1934: fl. 1.200.000, - (nicht weiter spezifiziert); 1935: fl. 1.740.000, - (nicht weiter spezifiziert); 1936: fl. 2.000.000, - (nicht weiter spezifiziert); 1937: fl. 1.600.000, - (nur Auslandsaufträge); 1938: fl. 4.000.000,- davon fl. 1.620.000, - aus dem Ausland; 1939: fl. 3.500.000, - davon fl. 500.000,- aus dem Ausland; 1940: fl. 9.700. 000,- davon fl. 1.400.000 aus dem Ausland; 1941: fl. 6.944.000, - wahrscheinlich nur aus Deutschland; 1942: fl. 18.500.000,- wahrscheinlich nur aus Deutschland; 1943: fl. 14.342.000, wahrscheinlich nur aus Deutschland. Keine weiteren Bestellungen bekannt. 14) Nach dem Krieg war J.J.A. Schagen van Leeuwen vom 7. August 1 946 bis zum 25. November 1947 Minister für die Marine. 290


Patente massenweise an sichere Orte wie Schweden und die Schweiz gebracht.15) Das deutsche Eindringen in die niede rländische Wirtschaft konnte vor den Interalliierten Kontrollkommissionen, die die Umsetzung von Versailles überwachten, nicht geheim gehalten werden, aber die Kommissionen konnten wenig tun, da Den Haag nicht Vertragspartei des Friedensvertrags war.16) Au ch in den Niederlanden waren diese deutschen Aktivitäten nicht unbekannt. Vor allem die niederländischen Friedensbewegungen (um 1930 etwa 30 Gruppen) protestierten gegen die Anwesenheit so vieler Deutscher in den Aufsichtsräten niederländischer Unternehmen. Die Unruhe über den ausländischen Einfluss in niederländischen Unternehmen wurde so stark, dass die niederländische Regierung sich gegen ihren Willen gezwungen sah, eine Untersuchung einzuleiten. Dies geschah jedoch erst, nachdem die sozialdemokratische Partei damit gedroht hatte, die Angelegenheit durch eine parlamentarische Untersuchungskommission untersuchen zu lassen. Das Ergebnis der Untersuchung war sehr dürftig. Es überrascht nicht, dass das Verteidigungsministerium die Untersuchung seiner Zusammen arbeit mit Signaal sabotiert hat.17) Die Aktivitäten von Siemens beschränken sich nicht auf die Niederlande, deren Regierung aktiv dazu beiträgt, diesen wirtschaftlichen Brückenkopf und die Quelle für den deutschen militärischen Wiederaufbau am Leben zu erhalten. Im neutralen Schweden unterhielt das Unternehmen mehrere Niederlassungen und arbeitete eng mit Atlas -Diesel (Maschinen) zusammen, das auch als Vermittler von Siemens beim Verkauf von Waren ins Ausland fungierte. Die Elektrofirma von ASEA war auch eng mit Siemens verbunden und verkaufte Siemens -Produkte im Ausland.18)

15) N.N., Discovery of Nazi Post War Plans, in: The Department of State Bulletin, 1 April 1945; Harry S. Truman Librar y, Fred Vinson papers, Box 130, Encmy Branch fea, Report Allied Activities Relating to German Assets, Economic activities and Industrial personnel outside Germany. No. 25, n.d. Siehe für Patente auch Martin Domke, Trading with the enemy in world war 11, Supplement, New York 1947, S. 180 -192; Günther Reimann, Patents for Hitler, London 1945; und National Archives Washington, RG 59, Division of Economic Security Controls, Box 3, File: Sweden, German Patents in Sweden, 1945. 16) Houwink ten Cate, Mannen van de Daad (Männer der Tat), S. 81 -82. 17) J. Enklaar, Niederländische Hilfe für die illegale deutsche Wiederaufrüstung nach 1920, in: Spiegel Historiael, Vol. 25 (1990), S. 178 -194. 18) Archives of State Department, Freedom of Information Act request, no. 8601230, German Economic Interests in Sweden and National Archives 291


Für kurze Zeit arbeitete Siemens mit L.M. Erikson zusammen, der schwedischen Telefongesellschaft, die damals dem schwedischen Finanzkönig Ivar Kreuger (1880 -1931) gehörte, der später als einer der größten Betrüger dieses Jahrhunderts entlarvt wurde. Nicht lange nach Kreugers Selbstmord in Paris (1932) gelang es Sosthenes Behn, dem führenden Direktor des amerikanischen Kommunikat ionsunternehmens ITT, durch eine Reihe von Kartellvereinbarungen mit L.M. Erikson, American General Electric und Siemens, den europäischen und lateinamerikanischen Markt aufzuteilen.19) Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Siemens -Niederlassungen in Russland (Sowjetunion) unter deutscher Leitung und mit russischen Arbeitskräften wiedereröffnet. Die Verwertung von Patenten durch Industriegiganten wie Siemens, IG Farben, Zeiss, Robert Bosch ( Elektrokonzern) und AEG (Elektrokonzern) erwirtschaftete einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen. Die deutschen Unternehmen nutzten Patente, um die Ergebnisse der technischen und chemischen Forschung in der ganzen Welt zu monopolisieren. Dies hatte unter anderem zur Folge, dass Unternehmen, die lediglich eine Lizenz erworben hatten, nicht mehr bereit waren, Geld für die Forschung auszugeben, da nur noch der Patentinhaber davon profitieren würde. Durch die Kontrolle ihrer Patente konnten deutsche Firmen die F orschung und Produktion ganzer Industriezweige beherrschen. Und da die Unternehmen davon abgehalten wurden, selbst zu forschen, konnte der Einfluss von Patentvereinbarungen sogar über die Dauer des Patents selbst hinausreichen. Siemens zum Beispiel hatte 1 939 ein Abkommen mit dem amerikanischen Hersteller von Flugzeugausrüstungen, der Bendix Corporation, geschlossen. Dies hatte zur Folge, dass Bendix der britischen Firma Zenith untersagte, ihre Kriegsproduktion von Flugzeugvergasern zu erhöhen. Siemens und Bendix tauschten auch ungehindert Daten über Autopiloten, zukünftige und aktuelle

Washington, Archives of the US Department of Commerce, International Trade Administration, Office of Western Europc, Extent ofWallcnberg's control of the economy of Sweden, 1 July 1945. Atlas Diesel und ASEA waren von Wallenberg kontrollierte Unternehmen. Die Familie Wallenberg war (und ist immer noch) die einflussreichste Familie Schwedens mit einer dominanten Kontrolle über die schwedische Industrie und das Bankwesen; siehe Aalders & Wiebes, Die Kunst der Tarnung, passim. 19) Anthony Sampson, The sovereign State of ITT, New York 1973. Während des Zweiten Weltkriegs besaß ITT zusammen mit Siemens die Telefonkabelgesellschaft TTP in Argentinien. Siemens hatte 1918 eine Kartellvereinbarung mit General Electric getroffen; Antony C. Sutton, Wall Street and the Rise of Hitler, Sudbury 1976, S. 51.

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Flugzeuginstrumente aus und teilten die Welt in Verkaufsgebiete ein.20) Cloaking war ein Mittel, um mit Zustimmung und unter Mitwirkung der deutschen Behörden in die Wirtschaft fremder Länder einzudringen. Die Tarnaktivitäten scheinen, soweit sie bekannt sind, recht erfolgreich gewesen zu sein. Genaue Zahlen liegen nicht vor, aber als Mittel zur Aufrechterhaltung von Know-how, zur Fortführung von in Deutschland verbotener Forschung und Produktion sowie zur Vermeidung von s teuerlichen Hindernissen erwies sie sich als recht effektiv.21)

III. Kapitalverriegelung

Der zweite deutsche Versuch, in die niederländis che Wirtschaft einzudringen, begann unmittelbar nach der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 und dauerte etwa bis zum Herbst 1941. Die "Verflechtung", wie die Deutschen sie nannten, war ein Versuch, die Wirtschaft der Niederlande fest in den Griff zu bekommen, der jedoch nicht so erfolgreich zu sein schien, wie die Besatzer zunächst erwartet hatten.22) 20) Riksarkivet Stockholm, 1920 ars dossiersyst. HP 1645, Ein Programm zur wirtschaftlichen und industr iellen Abrüstung Deutschlands. Foreign Economic Administration Enemy Branch, Final Report, 20. Dezember 1945; Enzensberger, Ermittlungen gegen die IG Farben, S. 127 -131; John Stuart Martin, All honourable men, Boston 1950, S. 11 und S. 60 -63; Tom Bower, Blind eye to murder. Britain, America and the Purging of Nazi Germany -A Pledge betrayed, London 1995, S. 352. 21) Aalders, Wiebes, Die Kunst der Tarnung, S. 17 -47. Für die Niederlande, ARA, NBI, 2.09.16, 520, Statistisches Reichsamt Abteilung VI, Verzeichnis der niederländischen Gesellschaften bzw. die ganz oder teilweise in deutscher Hand sind, undatiert, aber wahr scheinlich 1940. Diese Liste enthält 274 niederländische Unternehmen mit einer deutschen Beteiligung, die von mindestens 1,4 Prozent bis zu 100 Prozent (99 Firmen) reicht. In 47 Firmen besaßen Deutsche mehr als 50 Prozent der Anteile (aber weniger als 100) . Die Liste ist unvollständig, und es wird auch nicht immer das gesamte Nennkapital (oder die Beteiligung) genannt. Wahrscheinlich handelte es sich nicht in allen Fällen um "Tarngeschäfte". 22) Louis de Jong, Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog (hereafter Koninkrijk), vol. 4, The Hague 1972, pp. 375 -380; Otfried Ulshöfer, Die Einflußnahme auf Wirtschaftsunternehmungen in den besetzten nord -, west- und südosteuropäischen Ländern, Tübingen 1958, pp. 140 -142. 293


Der Kern der deutschen Bemühungen während des Zweiten Weltkriegs, durch Verflechtung in die niederländische Wirtschaft ei nzudringen, findet sich in einem Schreiben des Reichswirtschaftsministeriums an eine Reihe von deutschen Banken: "Es soll versucht werden, in den Niederlanden eine möglichst weitgehende Beteiligung der deutschen Wirtschaft zu erreichen. ... Mit der Anlage von Kapital soll möglichst ein beherrschender Einfluss auf die Leitung des Unternehmens verbunden sein und eine Unterwanderung des Personals. ... Besond eres Augenmerk ist zu legen auf die wichtigen Schlüsselpositionen in der niederländischen Wirtschaft. .. . Darüber hinaus bitte ich Sie, selbst zu ermitteln, welche interessanten Positionen in der niederländischen Wirtschaft im Bereich Ihrer Kompetenz für eine deutsche Beteiligung in Betracht kommen und mir entsprechende Vorschläge zu unterbreiten. "23) Es wird niemanden überraschen zu erfahren, dass die Deutschen die niederländischen Industrieressourcen für ihre Kriegsführung nutzen wollten. Erstaunlich ist jedoch, dass sie keine wirksamen Pläne entwickelt hatten, um dieses Ziel zu erreichen. Weder für die Niederlande noch für Belgien oder das übrige bese tzte Westeuropa gab es einen "Masterplan" für die wirtschaftliche Ausbeutung. Natürlich gab es auf wirtschaftlichem Gebiet viele Planungen, wie z.B. durch den Vierjahresplan (1936), der das Reich von der Rohstoffversorgung unabhängig machen sollte.24) Es scheint, dass Reichsmarschall Hermann Göring mit einem sehr kurzen Krieg gerechnet hatte, und eine schnelle Verflechtung des Kapitals passte in diese Vision. Man ging davon aus, dass die Unternehmen in den besetzten Ländern kaum eine andere Wahl hatten, als den Wünschen und Weisungen der deutschen Usurpatore n zu folgen. Ursprünglich hatten die Deutschen drei Verflechtungsverfahren im Sinn: (a) die obligatorische Verflechtung bestimmter niederländischer (und belgischer) Unternehmen mit bestimmten deutschen Firmen auf Anweisung des Generalstabs. (b) die Schaffun g einer "freundlichen Verflechtungsatmosphäre" mit der freiwilligen Hilfe einflussreicher Bürger sowohl in Deutschland als auch in den besetzten Ländern, (c) Verflechtung auf der Grundlage privater Initiativen, aber unter staatlicher Aufsicht.

23) RvO, Archief 264, Chefjustiziar Kriegsverbrechen Nürnberg (im Folgenden Archief 264), N. 84/1, Vertrauliches Rundschreiben des Reichswirtschaftsministeriums (Dr. Landfried) an die Banken, 7. September 1940. 24) A. (Hans) J. van der Leeuw, Adaptation and collaboration, in Samenwerken met de vijand. Verslag van het Symposium over de vraag waar de aanpassing stop en collaboratie be gint, Voorburg 1981, S. 16 -23.

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Aufgrund des Widerstands der Unternehmen hatte die erste, obligatorische Methode praktisch keinen Erfolg und brachte nichts als Unruhe. Die zweite war unter den gegebenen Umständen auch nicht sehr erfolgversprechend und erst die letzte Methode schien nach einem Jahr de s überwiegenden Misserfolgs ein Weg zu sein, der durch den Kauf von Anteilen an den großen Unternehmen oder durch Kapitalerhöhung einen bescheidenen Erfolg bringen konnte.25) Innerhalb des Reichswirtschaftsministeriums wurde eine Sonderabteilung für Kapitalverflechtung eingerichtet, die sich mit der Neuen Wirtschaftsordnung in Europa unter deutscher Führung befasste. Ihre Politik stützte sich auf dokumentarisches Material, das sie von deutschen Großbetrieben und Banken sowie von Sonderabteilungen in den bes etzten Ländern erhielt. Die zentrale Frage, mit der sich diese Abteilung beschäftigte, war, ob der Erwerb bestimmter Firmen für Deutschland wünschenswert war oder nicht.26) Im Hinblick auf die Niederlande fand keine Prüfung statt, wenn der Wert 100.000 RM nicht überstieg, vorausgesetzt, die zuständige Handelskammer erhob keine Einwände gegen die persönliche Zuverlässigkeit des Käufers. Beträge über 100.000 rm bedurften der Bescheinigung der zuständigen Abteilung im Reichswirtschaftsministerium.27) In den Niederlanden wurde im Sommer 1940 eine Zentralstelle eingerichtet, die dem Generalkommissar für Finanzen und Wirtschaft unterstellt war. Diese Abteilung wurde als Bureau Mojert bekannt. Seine Hauptaufgabe bestand darin, das Wirtschaftsministerium in Berlin über die finanzielle Lage der niederländischen Unternehmen zu informieren . Das Ministerium traf dann auf der Grundlage dieser Informationen Entscheidungen. Das Bureau Mojert fungierte lediglich als "Briefträger des Reichswirtschaftsministeriums". In Belgien und Frankreich wurden vergleichbare Abteilungen eingerichtet.28) Die Geschichte der Entwicklung der Verflechtungsidee ist relativ kurz und lässt einen Mangel an gründlicher Planung erkennen. Die ersten Spuren finden sich im Mai 1940, als Hitler eine Rede zu diesem Thema hielt. Im Juli hatte der deutsche Generalkommissar für Finanzen und Wirtschaft, Dr. H. Fischböck, dem Präsidenten der Nederlandsche Bank, Dr. L.J.A. Trip, und dem Generalsekretär des niederländischen Wirtschaftsministeriums, Dr. H. M. Hirschfeld, mitgeteilt, dass die gegenseitige Verflechtung hohe Priorität habe, doch beide Männer hatten sofort protestiert. 25) RvO, Archief 266, N 85/3, Map b, minutes of the meeting of the interministerial committee on questions of capital partic ipation, 23 September 1941. 26 Ulshöfer, Einflußnahme, p. 50.

27) See note 23.

28) Ulshöfer, Einflussnahme, pp. 66 -67. 295


Sie waren von der dominierenden Stellung D eutschlands auf dem europäischen Kontinent überzeugt und wussten, dass die wirtschaftliche "Abhängigkeit" der Niederlande in der kommenden Neuordnung so gut wie Null sein würde. Sie wollten so viel wie möglich von der niederländischen Unabhängigkeit bewahren und lehnten aus diesem Grund die Kapitalverflechtung ab. Sie erkannten, dass die Deutschen eine Aktienmehrheit in den Niederlanden erlangen könnten, gingen aber davon aus, dass ein solcher Kauf für niederländische Investoren in deutschen Unternehmen nic ht sehr wahrscheinlich war und dass die Niederländer unter den gegebenen Umständen überhaupt keinen Einfluss auf deutsche Unternehmen ausüben könnten. Die niederländische Finanzwelt schien in der Tat nicht interessiert zu sein.29) Am 17. August 1940 hatte Hermann Göring an den Wirtschaftsminister geschrieben, dass Deutschland noch vor Kriegsende so weit wie möglich in die Wirtschaft Hollands, Belgiens, Norwegens und Dänemarks eindringen solle, dass aber andererseits auch die Niederländer (und die Dänen) an deutschen Unternehmen beteiligt werden sollten.30) Die ersten Weisungen des Reichswirtschaftsministeriums zur Kapitalverflechtung wurden im September 1940 erlassen und an deutsche Banken weitergeleitet, die für ihre Kunden den Erwerb von Aktien übernehmen sollten. Diese als "streng geheim" gekennzeichneten Weisungen, die Hinweise auf die Politik der wirtschaftlichen Unterwerfung der Niederlande enthielten, wurden auch an die an der Verflechtung beteiligten B ehörden versandt.31) Die Deutschen waren vor allem an den Aktien von vier niederländischen Weltkonzernen interessiert: Unilever (Lebensmittel), Philips (Elektrotechnik), Shell (Erdöl) und AKU (Holzfaser). Für die drei erstgenannten Unternehmen wurden Kommissare ernannt, um sie in vollem Umfang für die Kriegswirtschaft des Reiches arbeiten zu lassen. Den Deutschen gelang e s nicht, eine Beteiligung an Philips und Unilever zu erreichen. Ein Plan der deutschen Telefongesellschaft Telefunken, Philips mit Hilfe einer Gruppe von Industriellen und Banken zu erwerben, scheiterte. Die Einzelheiten dieses Plans sind dürftig und vage. So bleibt die Frage offen, ob Telefunken jemals ernsthaft versucht hat, (Teile von) Philips zu übernehmen.

29) De Jong, Königreich, Vol. 4, S. 375 -376. 30) RvO, HSSPF, 65A, brief van Der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD aan de Reich Security Main Office, april 1942. 31) RvO, Archief 266, N 157/1, Dresdner Bank, Auszug aus dem Bericht über die Dresdner Bank-Untersuchung. Siehe auch Anmerkungen 22 und 23. 296


Darüber hinaus hatte der Konzern eine Reihe von rechtlichen Maßnahmen ergriffen, um seine Besitztümer zu schützen. So wurde im Hinblick auf den drohenden Krieg 1939 der Sitz des Konzerns nach Curacao verlegt, während der Besitz der meisten ausländischen Tochtergesellschaften im Mai desselben Jahres an Treuhänder in Großbritannien und den Vereinigten Staaten übergeben wurde. Der Vorstand von Unilever hat te ebenfalls Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Der in den Niederlanden ansässige Teil des multinationalen Unternehmens hatte die formelle Kontrolle über alle Besitztümer des Konzerns, die sich nicht auf den britischen Inseln befanden. Um diese zu sichern, wurd e im Sommer 1939 eine Holdinggesellschaft in Südafrika gegründet. Im Falle einer Besetzung der Niederlande durch die Deutschen genügten einige wenige Unterschriften in der britischen Zentrale in London, um zu verhindern, dass die Besatzungsmacht über die n iederländische Zentrale in Rotterdam auf die außerhalb Englands ansässigen Tochtergesellschaften zugreifen konnte. Nur ein bescheidener Erfolg wurde im Fall von Shell erzielt, der durch ein Abkommen mit Shell und seiner Tochtergesellschaft Astra Romana ein erseits und dem Kontinentalen Öl andererseits erreicht wurde. Diese Vereinbarung garantierte eine maximale Kapazität der Ölproduktion von Astra Romana, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft von Shell in Rumänien. Nur der größte Teil des AKU-Kapitals wurde in deutsche Hände gebracht. Dieser Erfolg war vor allem auf eine Kapitalerhöhung zurückzuführen, die aus dem Bau einer neuen Holzfaserfabrik und aus Käufen auf dem Aktienmarkt resultierte.32) Andere Unternehmen wie Koninklijke Ncderlandse Hoogovens (Stahlwerke), Stork (Maschinen), Hcineken Breweries, Wilton Feijenoord (Werften) und Verenigde Koninklijke Papierfabrieken Van Gelder (Papierfabriken) wurden ebenfalls auf die Verflechtungsliste gesetzt. In einigen Fällen waren die Deutschen recht erfolgreich: Die Vereinigten Stahlwerke erwarben 40 Prozent von Hoogovens, während die Aktien der berühmten niederländischen Flugzeugfabrik Fokker von der Bank der Deutschen Luftfahrt im Auftrag des deutschen Luftfahrtministeriums übernommen wurden. 32) RvO, Archief 266, BBT, Box 7, Karte C, Memorandum über die deutsche Beteiligung in den Niederlanden, Belgien und Griechenland, von Rademacher, 22. November 1941. Zu Unilever siehe auch: DeJong, Koninkrijk, Bd. 2, Den Haag 1969, S. 428 und für Philips siehe auch: RvO, archief 266, btt, Box 7, Karte AI, Aktenver merk zum Erwerb der Firma Philips, Eindhoven (Holland), 30. November 1946 und Frits Philips, 45 jaar met Philips, Rotterdam 1976, S. 106-114. Für AKU siehe auch: Enzensberger, Ermittlungen gegen die Deutsche Bank, Nördlingen 1985, S. 257 -265. Für Astra Romana und Shell, ibidem, S. 265-268 und H. Gabriels, Koninklijke Olie: de eerste honderd jaar 1890 -1990, Den Haag 1990, S. 105 -143 und passim. 297


November 1941 Deutsche Kapitalbeteiligungen in Höhe von fl. 50 Millionen (65 Millionen RM) erworben worden. Dieser eher bescheidene Betrag sollte nicht überschritten werden. In Belgien war der Erfolg der Verflechtung noch geringer. Der Grund dafür war, dass die belgische Wirtschaft von zwei großen Banken beherrscht wurde, der Societe Generale de Belgique und der Banque de Bruxelles. Die Societe besaß etwa 800 belgische Unternehmen und kontrollierte 40 bis 50 Prozent der Wirtschaft. Die Beteiligung in Belgien überstieg trotz des starken Drucks, der auf die Societe Generale ausgeübt wurde, nicht 15 Millionen Reichsmark. Im Gegensatz zu Holland hatte es nur die Dresdner Bank geschafft, in Belgien Fuß zu fassen.33) Die Banken spielten eine wichtige Rolle bei der Verflechtung (und später bei der "Arisierung"). Aus diesem Grund gründeten die Dresdner Bank, die Commerzbank und die Bank der Deutschen Arbeit neue Filialen in den Niederlanden. Die Deutsche Bank war bereits seit 1919 mit einer Filiale in Amsterdam vertreten: H. Albert de Bary & Co. Dieser Zweig wurde allgemein als deutsch angesehen, und um diese Beziehung zu verschleiern, versuchte die Deutsche Bank 1936, ihre Interessen durch eine Tarnoperation zu verschleiern. Die Ban ken wurden so wichtig, weil die Übernahmen hauptsächlich durch ihre Vermittlung stattfanden. In den Niederlanden spielten die Deutsche Bank (über H. Albert de Bary & Co) und die Dresdner Bank über ihre Filiale Handelstrust West (im Folgenden HTW) die wicht igste Rolle. Die Dresdner Bank war wahrscheinlich im Bereich der mittleren und kleinen Unternehmen am aktivsten. Die Interessen der Dresdner Bank in den Niederlanden reichen bis ins Jahr 1921 zurück. 33) RvO, Archief 264, N 84/1, Memorandum für die Akten Dresdner Bank, 20. September 1940 und RvO, Archief 266, BBT, Box 7, Karte C, Memorandum über die deutsche Beteiligung i n den Niederlanden, Belgien und Griechenland, von Rademacher (Deutsches Auswärtiges Amt), 22. November 1941 und ibidem, Zusammengefaßter Bericht über die Kapitalverflechtung mit Holland und Belgien seit der Besatzung im Mai 1940 (ohne Datum), und RvO, Fin. Abt. fr. Sammlung RWM, Feind vermögen, Bd. 42, Vermerk über die am 6. und 11. September 1940 unter Vorsitz von Ministerialdirigent Dr. Schlorterer geführten Besprechungen über die wirtschaftlichen Beziehungen zu den besetzten Gebieten, 16. September 1940. In Belgien wurden die Ankäufe über die Banque de Paris et des Pays -Bas, die Credit Lyonnais, die Westminster Foreign Bank Ltd, die Lloyd's und die National Provincial Foreign Bank Ltd getätigt. Ankäufe in Belgien durften nur in Absprache mit dem zuständig en Militärkommandanten (Dr. Flad und Dr. Hartenstein, Oberkriegsverwaltungsräte) getätigt werden. Siehe für Hoogovens während des Krieges auch Johan de Vries, Hoogovens Ijmuiden 1918 -1968. Ontstaan en groei van een basisindustrie, Ijmuiden 1968. 298


Die Bank unterhielt Verbindungen zu zwei niederländischen Bankhäusern (Proehl & Gutman und Hugo Kaufmann & Co. Bank, die in den frühen 30er Jahren bzw. 1938 getrennt wurden). Im Oktober 1939 wurde eine vollständige Tochtergesellschaft, die HTW, gegründet. Ab Mai 1940 nahmen die Aktivitäten dieser Niederlassung, die nun offiziell als Tochtergesellschaft fungierte, rasch zu und erreichten ein großes Ausmaß. Ihr Kapital wurde auf fl. 1.000.000,34) Über die HTW erwarb Rheinmetall Borsig zwischen 25 und 30 % der Anteile an Werkspoor, dem größten Motorenwerk in Holland. Ein erster Versuch, Aktien über die Amsterdamer Börse zu erwerben, scheiterte fast vollständig. Doch Rheinmetall Borsig gelang es, durch die Kapitalerhöhung von Werkspoor seinen großen Einfluß zu erhalten. HTW kaufte die Bezugsrechte für die neuen Aktien über zahlreiche Vermittler, kaufte aber nie direkt, so dass die Geschäftsführung von Werkspoor nicht wusste, was vor sich ging. Sie wurden bewusst auf eine falsche Fährte gelockt, weil bekannt war, dass sie eine Abneigung gegen die Du rchdringung mit deutschem Kapital hatten.35)

34) RvO, Archief 264, N 94, Teil I, Drei Berichte über die Tätigkeit der Handelstrust West N.v., der wichtigsten Tochtergesellschaft der Dresdner Bank in den Niederlanden, 2. Mai 1947; Hans Magnus Enzensberger, Ermittlungen gegen die Dresdner Bank, Nördlingen 1986, S. 136 -155 und RvO, Fin. Abt. fr. Samml ung RWM, Feindvermögen, Bd. 42, Vermerk über die Besprechungen vom 6. und 11. September 1940 unter Vorsitz von Ministerialdirigent Dr. Schlotterer über die wirtschaftlichen Beziehungen zu den besetzten Gebieten, 16. September 1940. In den Niederlanden wurd en die Ankäufe durch die folgenden Banken getätigt: H. Albert de Bary de Co, Handelstrust West N.V.; Hollandsche Koopmansbank N.v., Continentale Handelsbank N.V., Wodan Handelsmij N.v., Theodoor Gilissen; Rhodius Koenigs Handels Mij N.v. und Rehholz Effekt enkantoor. Für den Tarnbetrieb der Deutschen Bank außerdem: Lothar Gail, Gerald D. Feldman, Harold James, Carl Ludwig Holtfrerich und Hans E. Büschgen, Die Deutsche Bank 1870 - 1995, München 1995, S. 377. Ernst Heldring, ein berühmter niederländischer Kaufmann, wurde - als Teil dieser Tarnungsaktion - zum Aufsichtsdirektor von H. Albert de Bary & Co. ernannt; Johan de Vries (Hrsg.), Herinneringen en Dagboek van Ernst Heldring (1871 -1954), Bd. 2, Groningen 1970, S. 1193 und S. 1217. 35) RvO, Archief 264, N. 85/3, Brief von Hans Rinn an Carl Rasche, 2. Mai 1941 und RvO, N.157/1, Dresdner Bank, Erklärung unter Eid Ernst Groser, Leiter Wertpapierabteilung htw, September 1947

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Die Deutschen Bank tätigte die größten Ankäufe, von denen die AKU -Affäre der erfolgreichste war.36) Anfangs wurden die Ankäufe durch die Devisenbeschränkungen der Vorkriegszeit behindert, doch nach und nach wurde der Geldtransfer zu Investitionszwecken erleichtert. Nach der Besetzung wurden neue Transferabkommen mit den Niederlanden geschlossen, und am 1. April 1941 wurde die Devisengrenze zwischen den beiden Ländern fast vollständig aufgehoben. Es lag im Interesse der Deutschen, die niederländische Industrie für ihre Kriegsanstrengungen zu mobilisieren, ohne durch die Höhe des Verrechnungskontos behindert zu werden.37) Die fast vollständige Aufhebung der Devisenbeschränkungen hatte zur Folge, dass eine riesige Menge an Kapital aus dem Reich in die Niederlande floss. Die HTW unterstützte ihre deutschen Kunden bei Investitionen in den Niederlanden, indem sie deutschen Unternehmen half, Anteile an niederländischen Firmen zu erwerben. Ermutigt durch die verschiedenen Schreiben des Reichswirtschaftsministers zum Kauf von Aktien in den Niederlanden, tat die HTW ihr Bestes in einem solchen Ausmaß, dass sie mit dem Sonderdiplom der NSDAP in den Niederlanden (Diplom für hervorragende Leistungen) ausgezeichnet wurde, das der Reich skommissar Dr. Arthur Seyß Inquart persönlich überreichte.38) Im Herbst 1941 gründete die HTW sogar eine weitere Niederlassung in Den Haag.39) Warum war die Verflechtung ein Misserfolg? Schließlich waren die Niederländer in eine völlig abhängige Position manövriert worden, sowohl was ihre Rohstoffe als a uch den Absatz des größten Teils ihrer Produkte betraf. Theoretisch hätten die Deutschen sie also zwingen können, ihre Anteile an deutsche Unternehmer zu verkaufen, aber in der Praxis kam es anders. Erstens gab es kaum Kontakte zwischen den deutschen Firmen und den niederländischen Unternehmen, die deutsche Aufträge ausführten.

36) Hans-Magnus Enzensberger, Ermittlungen gegen die Deutsche Bank, Nördlingen 1985, S. 202 -203. 37) Zur Aufhebung der Devisenbeschränkung siehe Johan de Vries, Geschiedenis van de Nederlandsche Bank. Fünfter Teil. De Nederlandsche Bank von 1914 bis 1948. Reisezeitraum 1931 -1948, unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg, Amsterdam 1994, S. 272 -281 und Centraal Bureau voor de Statistiek, Economische en Sociale Kroniek der Oorlogsjaren, Utrecht 1947, S. 194-210. 38) RvO, Archief 264, N. 86/3, Karte A, Diplom für Hervorragende Leistungen. Die HTTW erhielt die Auszeichnung in den Jahren 1942, 1943 und 1944. 39) RvO, Archief 266, N 157/1, Dresdener Bank, Auszug aus dem Bericht über die Untersuchung der Dresdner Bank. 300


Die notwendigen Kontakte wurden über deutsche Regierungsstellen einerseits und niederländische Regierungsstellen andererseits gepflegt. Die deutschen Beamten waren in erster Linie an der rechtzeitigen Lieferung der Aufträge interessiert und fürchteten zu sehr, dass die Verflechtung zu Verzögerungen führen und damit die rechtzeitige Lieferung gefährden könnte, die sie als ihre Priorität betrachteten. Ihre niederländischen Kollegen wider setzten sich ihrerseits der Kapitalverflechtung, wann immer sie konnten, weil sie der Ansicht waren, dass sie den niederländischen Interessen zuwiderlief. Ein weiterer Faktor, der zum Scheitern beitrug, war der relativ geringe Umfang der deutschen Investit ionen in den Niederlanden bei Ausbruch des Krieges im Mai 1940. Dies war hauptsächlich auf die strengen Devisenbeschränkungen der deutschen Behörden zurückzuführen.40)

V. "Arisierung"

Nach weniger als einem Jahr schien die "Arisierung" "praktisch die einzige Möglichkeit, den Befehl des Reichsmarschalls zur Kapitalverflechtung der deutschen und der niederländischen Wirtscha ft auszuführen".41) Die "Arisierung" von Industrie und Wirtschaft muss im Lichte der nationalsozialistischen Politik zur vollständigen Beseitigung der Juden aus der Gesellschaft gesehen werden. Die Endlösung war profitabel, weil sie es den Deutschen ermöglichte, den jüdischen Besitz zu konfiszieren und für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Nicht nur ganze Unternehmen, sondern auch Bargeld, Wohnhäuser und Gebäude, Wertpapiere und Hypotheken, Schmuck, Forderungen an Dritte, Kunst - und Briefmarkensammlungen, Bankguthaben und Lebensversicherungspolicen, Möbel und Vieh - alles von Wert - wurden beschlagnahmt. 40 Rvo, Archief 43, Generalreferat 9, Abteilung Feindvermögen II c, Verflechtung der deut schen und holländischen Wirtschaft von Dr. Mojert, 15.11.1941. Dieser Bericht gibt einen Überblick über die Kapitalverflechtungen in folgenden Bereichen: Banken, Seeschifffahrt, Binnenschifffahrt, Schiffbau, Bergbau, Stahlwerke, Metallindustrie, metallvera rbeitende Industrie einschließlich Maschinenbau, Luftfahrt, Auto und LKW-Industrie, Elektroindustrie, Chemie, Brennstoffe und Öl, Gummi, Leder, Zement, Bauwesen, Holz, Textil - und Bekleidungsindustrie, Zellstoff -, Papier- und Pappeindustrie, Lebensmittel -, Tabak- und Alkoholindustrie und neue Einrichtungen. 41) Siehe Anmerkung 30. 301


Die letztgenannten Kategorien können im strengen Sinne des Wortes nicht als Eindringen in die Wirtschaft angesehen werden, obwohl nicht be kannt ist, wie viel von den Verkäufen von den Deutschen für den Aufkauf von Aktien und Firmen verwendet wurde. Von den Besatzern wurden spezielle Plünderungssysteme entwickelt. So verkaufte die Niederländische Grundstücksverwaltung Häuser, die den Juden weggenommen worden waren; die Hausraterfassung räumte die Möbel aus jüdischen Häusern aus und schickte sie nach Deutschland, wo sie von Bürgern benutzt wurden, deren Wohnungen von den Alliierten bombardiert worden waren; jüdische Unternehmen wurden der Wirts chaftsprüfstelle unterstellt, die einen Verwalter oder Treuhänder für diese Firmen einsetzte, die entweder an niederländische oder deutsche Kunden verkauft oder abgewickelt wurden42); Wertpapiere und Geld wurden bei der Bank Lippmann, Rosenthal & Co, (nachstehend LiRo) in Amsterdam verwahrt, die 1941 eigens für diesen Zweck gegründet wurde. Die Deutschen benutzten absichtlich den Namen einer alteingesessenen und renommierten jüdischen Bank, um ihre Opfer glauben zu lassen, dass ihr Besitz in den Tresoren dieses angeblichen jüdischen Bankhauses sicher sei. Alle niederländischen jüdischen Bürger wurden gezwungen, ein Konto bei LiRo zu eröffnen. Im Laufe des Jahres 1942 wurden die Juden aufgefordert, alle ihre verblieben en Wertgegenstände abzuliefern: Lebens- und Rentenversicherungen, Bankkonten, Briefmarken - und Kunstsammlungen, Bücher, Schmuck und Silberwaren. LiRo verkaufte die Wertsachen in den Niederlanden und Deutschland oder im Ausland. Aktienanleihen und Zertifika te von Namensaktien wurden hauptsächlich über die Amsterdamer Börse verkauft, entweder über Börsenmakler oder direkt von LiRo. Sowohl die Liquidatoren als auch LiRo deponierten schließlich den Erlös dieses enormen Raubes (einschließlich der verwerteten Akt ien) bei der Vermögensverwaltungs - und Rentenanstalt (VVRA), dem zentralen Institut, das die enorme Beute verwaltete.43) 42) Nur die größeren jüdischen Firmen galten unter dem Gesichtspunkt der Fortführung als interkulturell. Sie wurden einem Verwalter unterstellt, der meist als Verwalter b ezeichnet wurde. Die Niederländische Aktien Gesellschaft für Abwicklung von Unternehmungen (NAGU) wurde gegründet, um den Wert der enteigneten Unternehmen zu ermitteln und einen geeigneten Käufer zu finden, aber nach einiger Zeit wurden die meisten Fälle v on der Wirtschaftsprüfstelle selbst bearbeitet. Es gab zwei Arten von Verwaltern: die Liquidations-Treuhänder, die den Auftrag hatten, jüdische Unternehmen zu liquidieren, und die Verwaltungstreuhänder, deren Aufgabe es war, ein Unternehmen bis zum Verkauf zu verwalten. Angesichts der wirtschaftlichen Durchdringung sind wir hauptsächlich mit der Tätigkeit der letzteren befasst. 43) Louis Dejong, Königreich, Band. 7, Den Haag 1976, S. 419 -434. 302


Die niederländische Wirtschaft war hauptsächlich in den folgenden Sekto ren "verjudet": Einzel- und Großhandel, Agenturen, kleinere Bankvertretungen, kleiner Lebensmitteleinzelhandel, kleiner Bekleidungshandel, Bekleidungsindustrie und einige Zweige der Lebensmittelindustrie. Vier der größten jüdischen Einzelhandelsunternehmen wurden zwangsweise "arisiert": die Kaufhäuser De Bijenkorf, Gebr. Gerzon, N. V. Gerzon, N. V. Hirsch & Co. und Maison de Bonneteried.44) De Bijenkorf wurde von der HTW "arisiert".45) Den holländischen Juden wurden während der deutschen Eroberung auf der Grundlage von Verkaufszahlen etwa 700 Millionen fl. entzogen.46)

44) RvO, HSSPF, 65 A, Bericht des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD für die besetzten niederländischen Gebiete an das Reichssicherheitshauptamt, April 1941; RvO, Archief 266, bbt, Box 7, Karte c, Zusammenfassender Bericht über die kapitalmäßige Durchdringung Hollands und Belgiens durch Deutschland seit der Besetzung im Mai 1940, ohne Datum und RvO, Archief 264, N. 85/3 Karte 3, Bericht über die wirtschaftliche Durchdringung Hollands und Belgiens durch Deutschland seit Mai 1940. 45) RvO, Archief 266, N 157/1, Dresdner Bank. Auszug aus dem Bericht über die Untersuchung der Dresdner Bank. Das Nominalkapital von De Bijenkorf betrug 11,10 Millionen, bei Kriegsbeginn befanden sich 5 Prozent in den Händen der Westdeutschen Kaufhof a.C. (ehemals Leonhard Ti etz), Köln; ARA, NVB, 2.09.16, Inventar Nr. 5 20, Statistisches Reichsamt Abteilung VI, Verzeichnis der niederländischen Gesellschaften bzw. die ganz oder teilweise in deutscher Hand sind, undatiert, aber wahrscheinlich 1940. Gebr. Gerzon, Hirsch & C Co. und De Bonneterie sind in dieser Liste nicht aufgeführt. 46 Diese Zahlen sind etwas verwirrend. Für die Schätzung von ca. 700 Millionen: Ministerie van Financien (Niederländisches Finanzministerium), Archief Bewindvoering, Eindverslag van Beheerders -Vereffenaars betreffende Liquidatic van Verwaltung Sarphatistraat (L.V.V.S.) aan het Nederlandse Beheersinstituut te 's -Gravenhage", 1958 und Eindverslag betreffende de taken van het Centraal Afwikkelingsbureau Duitse Schadeuitkeringen (c.a.d.s.u.). Uitgebracht door het Hoofd van het c.a.d.s.u. (1966). In einem Bericht der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD wurde der Gesamtwert der jüdischen Fir men auf zwischen fl. 700 Millionen und fl. 1 Milliarde geschätzt. Insgesamt gab es 21.000 jüdische Firmen (vom Lumpensammler bis zum Industriebetrieb), von denen nur 1000 bis 1500 "entjudet" oder "arisiert" werden sollten; der Rest sollte liquidiert werden : RvO, Zusammenfassende Darstellung der Entwicklung bezüglich Hortung des jüdischen Vermögens', 21. Juni 1941. Vgl. Louis de Jong, Koninkrijk, Bd. 5, Den Haag 1974, S. 586, S. 589 und S. 591 -601. De Jong schreibt, dass in der Hälfte der jüdischen Unternehm en, die der Wirtschaftsprüfstelle gemeldet wurden, 303


Der Restbetrag aus den Liquidationen und Verkäufen wurde nicht an die jüdischen Eigentümer ausgezahlt, sondern ging direkt an die VVRA, die sich verpflichtet hatte, den Betrag inn erhalb von hundert Terminen zu je drei Monaten, also 25 Jahren, an die ursprünglichen jüdischen Eigentümer auszuzahlen. Natürlich bestand nie die Absicht, eine dieser Zahlungen zu leisten. Als die VVRA im Mai 1941 von Seyß - Inquart gegründet wurde, war bereits beschlossen worden, dass die Jude n deportiert werden sollten.47) Der Gesamtbetrag der bei LiRo gesammelten jüdischen Aktien belief sich auf etwa 350 Mio. fl., von denen etwa 250 Mio. verkauft wurden, hauptsächlich an der Amsterdamer Börse durch LiRo d irekt oder durch Vermittler. Über den endgültigen Betrag, der von der Robb er-Bank verkauft wurde, herrscht Uneinigkeit: die Zahlen schwanken zwischen 213 und 250 Millionen fl.48) Einige deutsche Firmen zeigten großes Interesse an diesen Aktien, die sie als eine ausgezeichnete Gelegenheit betrachteten, eine vollständige oder teilweise Kontrolle über wichtige niederländische Unternehmen zu erlangen. Die Hauptkäufer waren jedoch niederländische Börsenmakler, wobei unklar bleibt, wie viele von ihnen als Vermitt ler für deutsche Geschäftsleute tätig waren. dies nur geschah, weil es einen "jüdischen Einfluss" gab, z.B. einen jüdischen Direktor oder Aufsichtsdirektor. Diese Männer konnten mit Zustimmung der Wirtschaftsprüfstelle ausgetauscht werden, wenn auch nicht frei von "Pflicht": in der Regel zahlte die Firma 1 Prozent des Aktienkapitals für die Zustimmung. Ungefähr 2.000 Betriebe wurden tatsächlich "arisiert". lm Frühjahr 1945 warteten noch etwa 1.000 Fälle auf die Bearbeitung durch die Wirtschaftsprüfste lle. Zwischen 9.000 und 10.000 Firmen, meist Kleinbetriebe, wurden liquidiert. Der durchschnittliche Erlös dieser kleinen Unternehmen lag bei etwas weniger als fl. 500, was eine Gesamtsumme von höchstens 5 Mio. fl. in dieser Kategorie bedeutet. In einem Br ief von Seyß-Inquart an Reichskommissar Bormann vom 27. Januar 1942 schrieb dieser, dass die Arisierungsverordnungen etwa 11/2 Milliarden Gulden einbringen würden, wenn jede Firma, die z.B. einen jüdischen Aufsichtsratsvorsitzenden im Vorstand hatte, davon betroffen wäre |d.h. die oben erwähnte "Pflicht" G.A.J. Von den 2000 Firmen, die tatsächlich arisiert wurden, waren im Januar 1942 etwa 1000 erledigt. Von diesen wurden 400 von Niederländern übernommen (Gesamtbetrag 60 1/2 Millionen Gulden), während 340 F irmen in deutsche Hände kamen (103 Millionen Gulden Kapital). Die verbleibenden 260 Unternehmen wurden für Kriegsteilnehmer reserviert oder an diese vergeben: RvO, Archief 264, N. 90/1, Karte B. Es hat den Anschein, dass die Deutschen Unternehmen erhielten , die etwa doppelt so groß waren wie die ihrer niederländischen Konkurrenten. 47) De Jong, Koninkrijk, Bd. 5, S. 591 -592. 48) Das Gericht, das Dr. Otto Rebholz, einen Bankier und Börsenmakler, der 304


VI. Die Rolle der Banken bei der "Arisierung"

Wegen der zentralen Rolle der Amsterdamer Börse wurde die Hilfe von Börsenmaklern mit Börsenzulassung benötigt. Filialen deutsc her Banken versuchten, die Wünsche ihrer Kunden durch diese Vermittler zu erfüllen. Die Dresdner Bank und ihre Filiale HTW sind ein Beispiel dafür, wie "Arisierungen" mit Hilfe von Banken und ihren Strohmännern durchgeführt wurden. Der Eifer der Mutterbank , in den besetzten Ländern Geschäfte zu machen, zeigt sich in einem Brief des Direktors ihrer Krefelder Filiale, in dem er an Dr. Carl Rasche, den Verantwortlichen für alle Aktivitäten in Westeuropa, schreibt: "In unserem Kundenkreis hören wir ein kleines, verspieltes, aber für Sie schmeichelhaftes Reimchen: ,Wer marschiert denn da hinter dem ersten Panzer? Es ist Dr. Rasche von der Dresdner Bank!'"49) Das verlockende "Arisierungs"-Geschäft war einer der Gründe für die Gründung der oben erwähnten Speerspitz e der Bank in Den Haag im Dezember 1941. In Holland half die Bank aktiv bei der Umsetzung und Durchführung der "Arisierungs" Politik. Schon Monate vor der Verabschiedung des "Arisierungsgesetzes" vom 12. März 1941 ("V erordnung über die Errichtung und Änderung von Betrieben und Unternehmen") war die Dresdner Bank (wie auch andere deutsche Banken) mit Vorbereitungsarbeiten beschäftigt, und aus einer Reihe von Vermerken geht hervor, dass die Bank es kaum erwarten konnte, mit dem Kauf von Aktien für ihre deutschen Kunden zu beginnen.50) als einer der wichtigsten LiRo -Kollaborateure galt, verurteilte, sprach von einer "niedrigen Schätzung" (1. 350 Millionen; Ministerie van Justitie, Dossier A 55/0765 A, Liquidatic vermögen Rebholz, Vonnis inzake Lrna A. RebhoIz Schröter, Otto Rebholz, 4. Mai 1955 und ibidem Brief von J.H. de Pont (Rebholz' Anwalt) an (Generalstaatsanwalt) A.A.L.F. van Dullemcn, 22. Dezember 1950. De Pont schreibt, dass von den 350 Mio. fl. 100 Mio. fl. für die Juden verwendet wurden (Lebensunterhalt, Bezahlung von Schulden usw.), der Rest (250 Mio. fl.) wurde verkauft. Nach De Jong, Koninkrijk, Bd. 5, S. 610, belief sich der Gesamtbetrag der Verkäufe auf etwa 213 Mio. fl. Für die Geschichte der Amsterdamer Börse während des Krieges siehe Johan de Vries, Een eeuw vol effecten. Historische schets van de Vereniging voor de Effectenhandel en de Amsterdamse Effectenbeurs 1876-1976, Amsterdam 1976, S. 175-212. 49) Enzensberger, Dresdner Bank, S. VII. 50) RvO, N 157/1, Dresdner Bank, Auszug aus dem Bericht über die Untersuchung der Dresdner Bank durch das Office Of Military Government fo r Germany (u.s.) Section IV,The Dresdner Bank in the Netherlands. Für das 305


Die ursprüngliche Quelle für das Bestreben der Bank findet sich in einem vertraulichen Schreiben des Reichswirtschaftsministers, in dem die Richtlinien und Verfahren für die Anlage von Kapit al in den Niederlanden dargelegt wurden.51) Eine Woche vor der Veröffentlichung der neuen "Arisierungs" Verordnung schrieb Georg Rienecker vom HTVV an seine Vorgesetzten bei der Dresdner Bank, dass der wichtigste Abschnitt der neuen Verordnung die meldepflichtigen jüdischen Unternehmen betreffe: "... Nach den Zielangaben aller Interessenten wird endgültig entschieden, welche Firmen konkret an welche Interessenten gehen. Die seit Monaten laufenden Vorarbeiten im Bankensektor werden dabei berücksichtigt werde n. ... Es wird empfohlen, dass die Banken als vollberechtigte Vertreter der deutschen Interessen auftreten und ihre Argumente bei den Planungstreffen vorbringen.... Sobald die Planungsversammlung fest gelegt hat, wer [ein bestimmtes Unternehmen] erwerben soll, ... wird der Verkaufspreis nicht durch Verhandlungen, sondern durch Festsetzung eines sogenannten angemessenen Preises durch eine Verwahrungsstelle bestimmt, die zu diesem Zweck vom Reichskommissa r für die Niederlande eingerichtet wird. "52) Unmittelbar nach der Veröffentlichung des "Arisierungsgesetzes" kabelte die Niederlassung an ihre Muttergesellschaft in Berlin, dass: "... die Entjudung der Wirtsch aft hier in Holland wird radikal durchgesetzt werden. Wir können daher in nächster Zeit mit vielen Geschäften für den Handelstrust auf diesem Tätigkeitsgebiet rechnen ... "53) Die Schnelligkeit, mit der die Dresdner Bank reagierte, um die "Arisierungs"-Politik in konkrete Geschäfte umzusetzen, zeigt, dass die Bank ihr Vorgehen in den besetzten Ländern sorgfältig im Voraus geplant hatte. Noch am selben Tag, an dem der deutsche Wirtschaftsminister in einem Rundschreiben an die deutschen Banken vom 20. S eptember 1940 dazu aufrief, "die Verflechtung zwischen der niederländischen, belgischen und französischen Wirtschaft einerseits und der deutschen Wirtschaft andererseits" zu erhöhen und "den Einfluss des deutschen Kapitals zu stärken", verfasste der Leiter der Wertpapierabteilung der Dresdner Bank ein Memorandum, in dem er die Firmen auflistete, deren Wertpapiere die Bank besonders zu erwerben wünschte: "Wir haben den Dauerauftrag, aus jüdisch niederländischem und feindlichem Besitz zu erwerben". Siemens war zum Beispiel hinter Hazemeyer -Aktien her, die Margarine Verkaufs Union war an Aktien von Lever und Jürgens van den Berg interessiert.

"Arisierungsgesetz" (vo 48/41) siehe: Verordeningenblad voor het bezette Nederlandsche Gebi ed jaar 1941. 51) Siehe Anmerkung 23. 52) Siehe Anmerkung 50. 53) Ebd. 306


Wenige Wochen nach Verabschiedung des "Arisierungsgesetzes" (12. März 1941) hatte die HTW eine Abteilung "Arisierung" eing erichtet.54) Aber schon am 16. März 1942 versuchte die HTW, deutsche Kunden zu bedienen, die Aktien kaufen wollten, um in den Niederlanden in ihrer Branche Fuß zu fassen: Versicherungsgesellschaften baten um Anteile an Versicherungsgesellschaften, Chemieun ternehmen wollten Anteile an Chemieunternehmen usw. In mehreren Schreiben an den Generalkommissar für Finanzen und Wirtschaft forderte die Bank, dass LiRo der HTW die Aktien niederländischer Unternehmen aus jüdischem Besitz für Rechnung deutscher Interessenten anbieten sollte. Darunter befand sich auch Siemens, das seinen Einfluss bei Hazemeyer noch weiter verstärken wollte.55) In einer Reihe von Fällen wurden Aktien direkt von LiRo zum Tageskurs gekauft. Auf diese Weise kaufte die HTW Wertpapiere zwischen fl. 5 und 6 Millionen. Die wichtigsten Akquisitionen waren die Nederlandsche Handel - Maatschappij (Bank), ca. 1 1/2 Mio. fl, de Nederlanden van 1845 (Versicherung), ca. 350.000 fl und Unilever, ca. 1 1/2 Mio. fl. Es gibt zahlreiche Beispiele für Fälle, in denen die Dresdner Bank oder ihre Niederlassung in den Niederlanden als Vermittler auftraten, um Firmen und Geschäftsleute bei den "besten Käufen" von "arisierbaren" Immobilien zu beraten.56) Die HTW und die Mutterbank Dresdner Bank waren die aktivsten Banken auf dem Gebiet der "Arisierung" und der Kapitalverflechtung, wie Dr. Walter von Karger, Geschäftsführer von LiRo, nach dem Krieg in einem Verhör erklärte. Die Dresdner Bank hatte sogar direkten Einfluss auf den Verkauf von Raubaktien, die bei LiRo eingesammelt wurden. Diese "Raubbank" erhielt vom Bureau Mojerl Weisungen in allen Kapitalverflechtungsfragen. Als der Verkauf der geraubten jüdischen Aktien im November 1941 begann, leitete LiRo Listen mit ge raubten Aktien an das Büro

54) Ebd. 55) RvO, Archief 264, N 90/1 Karte a, 11 Fotokopien von Briefen der htw an den Generalkommissar für Finanzen und Wirtschaft , 16. März 1942. 56) RvO, Archief 264, N. 157/1 Dresdner Bank, Erklärung unter Eid Ernst Groser, Leiter Wertpapierabteilung htw, September 1947. Groser gibt geschätzte Zahlen an; und Rvo, Arc hief 264, N. 156/1 Karte A, Handelstrust West, Directe aankoopen,dus buiten de beursom,gedurende de oorlogsjaren door de N.v. Handels Trust west van het bij Lippmann, Rosenthal. Sarphatistraat ingdeverde Joodsch effecten Bezit. Nach diesem Bericht, der wahrscheinlich einen Gesamtüberblick über die von htw direkt von LiRo gekauften Aktien gibt, belief sich der Gesamtbetrag auf nominell 4 Mio. fl, obwohl die tatsächliche Summe zwischen 7 und 8 Mio. fl betragen haben muss. 7 und 8 Millionen liegen. 307


Mojert weiter, wo entschieden wurde, welche Aktien für die "Arisierung" wichtig waren und daher ausschließlich und direkt an interessierte deutsche Unternehmen verkauft werden sollten. Bureau Mojert wiederum erteilte LiRo Anweisun gen, an welche deutschen Unternehmen die Aktien verkauft werden sollten. Der Rest der beschlagnahmten Aktien wurde an der Amsterdamer Börse verkauft. Drei Männer im Bureau Mojert trafen die Entscheidungen: Dr. P. Mojert, der Mann, der der Abteilung seinen Namen gab, Dr. H. Ansmann und Dr. Holz. Diese Männer hatten ihre jeweiligen Wurzeln in der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und der Reichskreditgesel lschaft. Diese drei Bankiers, so von Karger, spielten eine entscheidende Rolle und waren in der alleinigen Position zu entscheiden, welche deutschen Interessen sich an Durch -Firmen beteiligen sollten. "Dabei haben sie natürlich die Interessen ihrer eigenen Bankhäuser nicht vergessen". Von Karger erinnerte sich bei seiner Vernehmung daran, dass der deutsche Kommissar bei der Nederlandsche Bank, Dr. A.J. Bühler, sich über die Doppelrolle des Trios beschwert hatte.57) Neben der LiRo und der Börse wurden von der Deutschen Revisions und Treuhand A.G., der Gesamttreuhänderin des feindlichen Vermögens, in großem Umfang Aktien niederländischer Unternehmen erworben. Die HTW hatte eine Lizenz für den Handel an der Amsterdamer Börse erhalten, war dort aber nie tätig geworden. Die Bank zog es vor, freundschaftliche Geschäftsbeziehungen mit Maklerhäusern und niederländischen Kollegenbanken zu unterhalten, die als Vermittler für den Kauf von Aktien an der Exklave fungierten. Im allgemeinen waren die niederländischen Banken und Makler nicht abgeneigt, mit der HTW Geschäfte zu machen, da sie gute Provisionen erhielten. 58)

57) RvO, Archief 246, N 94, Teil 1, eidesst attliche Erklärung von Dr. Walter von Karger, Geschäftsführer von Lippmann, Rosenthal & Co. über Lippmann, Rosenthal und Co., deutsche Regierungsstellen in Holland und Geschäfte mit der Handelstrust West und der Dresdner Bank, 2.4. September 1947. Sowohl die Dresdner Bank als auch die Deutsche Bank hatten sich ihre Sporen in der Praxis der "Arisierung" verdient. Zuvor hatten beide Banken die deutsche Regierung bei der Vorbereitung ihrer "Arisierungs" -Politik unterstützt; Enzensberger, Dresdner Bank, S. XXXV III-LIII und Enzensberger, Deutsche Bank, S. 395-401. 58) RvO, Archief 264, N 94, deel 1, Drei Berichte über die Ak tivitäten von Handelstrust West N.N., der wichtigsten Tochtergesellschaft der Dresdner Bank in den Niederlanden, 2. Mai 1947.

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Was die Bankkollegen von Fliese nicht wissen konnten, war, dass die Dresdner Bank ebenfalls Pläne hatte, in die niederländischen Ba nken einzudringen. Am 3. September 1941 stellte Hans Rinn, Leiter der Wertpapierabteilung, fest, dass durch die Erledigung der Bestimmungen über das Feindeigentum große Pakete niederländischer Bankpapiere verfügbar geworden waren. "Es besteht die Möglichkeit, uns unauffällig Positionen im niederländischen Bankwesen zu sichern, insbesondere im Hinblick auf niederländische Bankpapiere in jüdischem Besitz. Diese letzte Gruppe scheint noch größer zu sein, als die früheren Schätzungen von Dr. Ansmann, so dass in einigen Fällen eine bedeutende Minderheit festgestellt werden könnte. "59) Dies ist eines der Beispiele dafür, dass die HTW die Anwesenheit Ansmanns im Bureau Mojert ausnutzte, indem sie Rasche direkt über die in Kürze verfügbaren Wertpapierpakete informi erte. Rinn riet Rasche, diese Aktien entweder bei LiRo s sperren zu lassen oder "noch besser" über die Dego (Deutsche Golddiskontbank), die er als "neutral" ansah, kaufen zu lassen. Die Dego sollte nur als Vermittler auftreten und die Aktien nach einiger Z eit entweder an die Dresdner Bank oder an einen ihrer interessierten Kunden weitergeben. Etwa 3 Monate später offenbarte Rinn erneut das Interesse der Bank an einer Beteiligung an Banken: "Die Tatsache, dass in nächster Zeit jüdische Aktien zum Verkauf kommen, ist von besonderer Bedeutung, da sich unter diesen Objekten sehr bedeutende Beträge holländischer Großbankenpapiere befinden. "60) Dies geschah zu einer Zeit, als man in deutschen Kreisen den endgültigen Sieg der Nazis noch für sicher hielt. Die Dresd ner Bank war entschlossen, diese Chance zu nutzen und eine große niederländische Bank zu übernehmen. Die Übernahme von Aktien der Nederlandsche Han - del-Maatschappij im Wert von 1 1/2 Mio. fl. von der LiRo muss in diesem Licht gesehen werden.61) Im Allgemeinen erfolgte das Eindringen in die niederländische Wirtschaft im Wege der "Arisierun g" entweder durch den Aufkauf kompletter jüdischer Firmen für interessierte Kunden oder durch den Kauf von Aktien entweder direkt von LiRo oder an der Amsterdamer Börse, mit oder ohne Hilfe von Strohmännern. 59) RvO, N 157/1, Dresdner Bank, Auszug aus dem Bericht über die Untersuchung der Dresdner Bank durch das Amt der Militärregierung für Deutschland (u.s.), Abschnitt IV, Die Dresdner Bank in den Niederlanden und Rvo, Archief 264, N. 85/3 Karte b, Brief von Rinn an Ras che, 3. September 1941. 60) Ebd. 61) Rvo, Archicf 264, N. 15 7/1 Dresdner Bank, Erklärung unter Eid Ernst Groser, Leiter Wertpapierabteilung htw, September 1947. 309


Der Gesamterlös der "Arisierung" (die nur teilwei se als Durchdringung der niederländischen Wirtschaft angesehen werden kann, d.h. was die Übernahmen von Unternehmen und Banken betrifft) ist schwer zu ermitteln. Bei LiRo wurden Aktien im Wert von etwa 350 Mio. fl. eingesammelt, von denen etwa fl. Z50 Mill ionen verkauft wurden. Viele dieser Aktien waren jedoch ausländischer Herkunft und konnten nicht für die "Arisierung" der niederländischen Wirtschaft verwendet werden. Der Rest der insgesamt rund 700 Millionen fl, die den jüdischen Bürgern abgenommen wurde n, stammte aus dem Verkauf anderer Immobilien. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die "Arisierungs" -Aktivitäten der Wirtschaftsprüfstelle Hunderte von Millionen Gulden einbrachten.62) Eine gründliche Untersuchung der Institutionen, die sich mit der Rehabilitierung jüdischen Eigentums nach dem Krieg befassten, könnte ein genaueres Licht auf dieses Thema werfen.63)

VII. Feindliches Kapital

Es gibt eine letzte Kategorie, die die Deutschen für ihre Verflechtungsoperationen hätten nutzen können, von der sie sich aber im Allgemeinen fernhielten: die feindlichen Investitionen oder das Feindvermögen. Die gesamten feindlichen Investitionen (Großbritanniens, Frankreichs und später auch der Vereinigten Staaten) in den Niederlanden wurden 1944 auf 1.200 Millionen fl. geschätzt. Die fe indlichen Beteiligungen an niederländischen Unternehmen machten etwa 40 Prozent aus, weitere 40 Prozent bestanden aus Wertpapieren in Feindbesitz, während die restlichen 20 Prozent aus Bankguthaben, Hypotheken usw. bestanden. Aufgrund der Verordnung vo 26/ 1940 wurde das feindliche Vermögen von der Abteilung Feindvermögen übernommen.

62) Siehe auch Anmerkung 46. Vgl. Abel J. Herzberg, Kroniek der Jodenvervolging in Onderdrukking en Verzet. Nederland in oorlogstijd, Arnhem/Amsterdam 1950, S. 72, der den Gesamtbetrag auf etwa 500 Millionen fl. beziffert. 63) Ich bereite ein Buch über die Plünderung des jüdischen Kapitals in den Niederlanden während des Zweiten Weltkriegs vor. Diese Studie wird sich auch mit der Wiedererlangung von Rechten nach dem Krieg befassen, die in den Niederlanden mehr als 25 Jahre lang andauerte. 310


Generell galt jedoch die Regel, dass das feindliche Kapital erhalten werden sollte, wahrscheinlich aus Angst vor Repressalien gegen deutsches Eigentum in den alliierten Gebieten. 64)

VIII. Zusammenfassung

Von den drei Methoden des deutschen Eindringens in die niederländische Wirtschaft war die Tarnung aus mehreren Gr ünden ein Erfolg. Das deutsche Know-how blieb erhalten, die Forschung konnte weitergeführt werden und gleichzeitig wurde ein wirtschaftliches Standbein in den Niederlanden geschaffen. Es sind keine Zahlen bekannt. Die Verflechtung war die am wenigsten erfolgreiche Methode. Ziele wie eine substanzielle Beteiligung an niederländischen Unternehmen und ein dominierender Einfluss in der Unternehmensführung wurden nicht erreicht (außer bei AKU). Die Politik der Kapitalverflechtung scheiterte wahrscheinlich an der schlechten Vorbereitung, der Willkür der Beamten und der Opposition (sowohl auf deutscher als auch auf niederländischer Seite) sowie an der unverhohlenen Abneigung niederländischer Geschäftsleute und Regierungskreise, sich zu beteiligen, weil sie die Vorteile für Holland nicht sahen. Der Gesamtbetrag überstieg nie 50 Millionen fl. Die "Arisierung" funktionierte am besten aufgrund der brutalen Methoden, die angewandt wurden. Die Zwangsabgabe aller jüdischen Besitztümer, die insgesamt mindestens 700 Mio. fl. einbrachte (vgl. Zahlen in 64) RvO, Archief 43, Archief van het Generalkommissariat für Finanz und Wirtschaft, Generalreferat Hauptabteilung Wirtschaft, Abteilung Feindvermögen, Vorwort zum Index FiWi, Abteilung Feindvermögen und De Jong, Koninkrijk, Bd. 5, S. 602. Diese Zahlen stimmen nicht mit Rvo, Archicf 2.66, bbt, Box 7, Map c, Zusammengefaßter Bericht über die Kapitalverflechtung mit Holland und Belgien seit der Besatzung im Mai 1940 überein, der behauptet, daß bei Kriegsausbruch die britischen und französischen Investitio nen in Holland (feindliches Kapital oder Feindvermögen) ca. fl. 213 Millionen, einschließlich fl. 120 Millionen englischer Shell-Aktien; für Belgien hätte dieser Betrag etwa 327 Millionen RM betragen; RVO, Archief 264, N 86/1, Aufzeichnung über die deutsch e Kapitalbeteiligung in Holland, Belgien und Griechenland, 22. November 1941. Jüdisches Feindeigentum (Wertpapiere, unbare Coupons, Verkaufserlöse usw.) wurde auf separaten Konten verwaltet: National Archives Washington, na 59, Decimal File 1945 -1954, Box 4191, Folder 800.515/10 -1245, Administration by the Treuarbeit The Hague Branch of seized Enemy Property in the Netherlands", 12. Oktober 1945. 311


Anmerkung 46), war für die deutschen Besatzer recht profitabel. Der Betrag wurde aus den Zahlen der Verkäufe während der Besatzung geschätzt. Der Wiederbeschaffungswert nach Kriegsende muss viel höher gewesen sein. Es ist nicht wirklich bekannt, wie viel von diesem Kapital für direkte wirtschaftliche Durchdringungszwecke verwendet wurde.

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