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Kölner Straßenzeitung Draussenseiter 04/2016: Mit anderen Augen

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24. Jahrgang

Nr. 165

April 2016

R E T I E S N E S s U A R D IN

Foto: Pepa Hristova

Z A G A M N E S S A STR R E N L Ö K S A D

0,90 e für den Verkäufer

1,70 e

MIT ANDEREN AUGEN AUGENBLICK Demenz

EINBLICK Porträt

AUSBLICK

Telefonseelsorge


Anzeige


Inhalt Liebe Leserinnen und Leser, eher schleichend schreitet der

Vorwort ��������������������������������������������������������������� 3 Inhaltsverzeichnis �������������������������������������������������� 3 SKM: Winterhilfe in Köln �������������������������������������� 4 – 6

Verlust von geistigen Funktionen wie Erinnern, Orientierung und Verknüpfen von

Themenschwerpunkt: Blickwinkel

Denkinhalten voran, wenn Frühjahrsgruß für unsere Leser. Foto: Manfred Bacher

man an Demenz erkrankt. Diese Krankheitssyndrome führen oft dazu, dass die Men-

schen in ihren alltäglichen Aktivitäten erheblich beeinträchtigt sind und mehr und mehr ihre Eigenständig-

S.5

Das Glück des Augenblicks: Demenz ���������������������������� 5-6 Porträtfotografie: Mit anderen Augen �������������8-10

keit verlieren. Dennoch, so hat unsere Redakteurin Marie Breer in vielen Gesprächen mit Betroffenen erfahren, kann man sich durch Momente der Freude

Interview mit Cornelia Füllkrug-Weitzel �������������������� 11-12 Kommentar: Die Zivilgesellschaft �������������������������������� 13

und viel Zuneigung eine hohe Lebensqualität bewahren. Wir wagen in dieser Ausgabe einen Blick auf das Thema Demenz, dass es momentan immer resoluter aus der Tabu-Ecke schafft. Unter anderem, weil so viele Menschen davon betroffen sind. Dass Porträtfotografie mehr ist als nur ein Spiegelbild

Die Kölner Telefonseelsorge ��� 14-15 Verkäufer im Rampenlicht: Francisco Domingues ���������������16 Experiment: Ein Jahr Deutschland ������������������������� 17

S.14

des Menschen zeigt auch die Doppel-Ausstellung „Mit anderen Augen“, die zur Zeit im Kunstmuseum Bonn und der Photographischen Sammlung der SK Stiftung zu sehen ist. Eine Auswahl bedeutender zeitgenössischer Porträtfotografien aus Deutschland und dem internationalen Ausland zeigen Werke von mehr als

Gerd Bonse: Clown Dieter ����������������������������������������� 18 „Heroin, mein Weib“ von Frank S. ������������������������������ 19 Cartoon & Kolumne ������������������������������������������������20 Buch- und Hörtipps ������������������������������������������������ 21

50 Künstlerinnen und Künstlern. Übrigens erhalten Besucher beider Ausstellungen nach Vorlage des Tickets am zweiten Ort ein Ermäßigung von zwei Euro.

Kunst-Seite ������������������������� 22 Aus der OASE ������������������������ 23

Wir sind gespannt, was das Jahr noch bringt. Ihnen wünschen wir erst einmal einen frühlingshaften April

S.22

und gute Lektüre,

Christina Bacher

Abo ������������������������������������������������������������������ 24 Impressum ��������������������������������������������������������� 25 Vorschau ������������������������������������������������������������ 25 Service: Adressen �������������������������������������������� 26 – 27

Öffnungszeiten: OASE e.V. Kontakt- und Beratungsstelle Montag und Freitag: 9.00 – 13.00 Uhr Dienstag und Donnerstag: 9.00 – 16.00 Uhr Mittwoch: 13.00 – 16.00 Uhr 3


blickwinkel

Fotos: H. Marie Breer

Tanzen kann man auch im Sitzen und mit Rollator: Renate L. (95) lässt sich bei einem Sommerfest in der „Residenz am Dom“ von der Musik mitreißen.

Das Glück des Augenblicks Mit der Diagnose Demenz geht nicht die ganze Freude am Leben verloren, weiß die Journalistin Marie Breer aus ihrer langjährigen Arbeit mit Demenzkranken.

4


blickwinkel

D

A ngebote

ie Hände wollen nicht mehr

meist Angst und Hilflosigkeit aus, bei den

so“, sagt sie. Mit gebeugtem

Betroffenen, den Angehörigen, den Freun-

Rücken, klein und zerbrechlich

den und Bekannten. Die Krankheit berührt

„EinfachMalSingenChor“ in Gummersbach

wirkend sitzt die 88-Jährige am Klavier.

und fordert Geduld und Verständnis. Es

Dann spielt sie, ohne Noten, ein hübsches

gibt verschiedene Wege, den demenzer-

Stück. Ich bin baff, klatsche in die Hände

krankten Menschen das Gefühl zu neh-

– „Bravo“. Da wird sie lebendig: „Das kön-

men, etwas falsch zu machen, ihren Unsi-

Termine: 5. April, 3. Mai und 7. Juni 2016, von 15.30 bis 17 Uhr Wo: Halle 32, Raum L&C, (Eingang Südseite) Steinmüllerallee 10, 51643 Gummersbach

nen Sie auch, setzen Sie sich“, sagt sie und

cherheiten und Ängsten zu begegnen und

klopft auffordernd auf den breiten Klavier-

mit ihnen Lebensfreude zu erfahren –

hocker – „erst mal die Tonleiter C-Dur, also

wenn auch nur für eine kleine Zeitspanne.

„

C-D-E-F-G-A-H-C.“

Ein bewährter Weg zu Momenten der

Eben noch wusste Agnes M. nicht, was

Freude und Unbeschwertheit ist die

für ein Wochentag heute ist und warum

Musik. Das Hören und Singen vertrauter

ich bei ihr bin. Und plötzlich wird die alte

Lieder kann schöne Erinnerungen wecken

Dame, deren Betreuung ich an diesem

und ein Gespräch in Gang bringen. In

Nachmittag übernommen habe, zur reso-

Gummersbach gibt es den „EinfachMal-

luten Lehrerin. Lächelt, macht mir Mut,

SingenChor“ für Menschen mit und ohne

schimpft mich. Nächste Woche, wenn ich

Demenz. Das Projekt in Kooperation mit

wiederkomme, wird Agnes M. sich nicht

der Akademie Gesundheitswirtschaft und

mehr an diese Klavierstunde erinnern.

Senioren, der Kulturwerkstatt 32 und

Aber das gute Gefühl des Augenblicks hat

MementoCantico schafft die

sie sichtlich genossen – trotz ihrer Krank-

Möglichkeit, auf einfache, aber

heit „Seit sechs Jahren ist meine Mutter

auch außergewöhnliche Art und

dement“, hat mir ihre Tochter erzählt, und

Weise zu singen. Chorleiter und

es werde immer schlimmer.

Komponist Joachim Kottmann

Demenz ist der Oberbegriff für eine gan-

und Dozent Michael Becker

ze Reihe von Krankheitssyndromen, die mit

gestalten die Nachmittage leben-

einem Verlust der geistigen Funktionen wie

dig mit Improvisationen und

Erinnern, Orientierung und Verknüpfen

bekannten Liedern. Die nächs-

von Denkinhalten einhergehen. Sie führen

ten Termine siehe Info.

dazu, dass die Menschen in ihren alltägli-

In Köln werden spezielle Kon-

chen Aktivitäten erheblich beeinträchtigt

zerte angeboten für Menschen

sind und mehr und mehr ihre Eigenstän-

mit Demenz und ihre Angehöri-

digkeit verlieren. Das kann sich darin zei-

gen. Weitere kulturelle Angebo-

gen, dass der oder die Betroffene Namen

te sind Führungen in Museen,

vergisst, Brille, Geldbörse oder Schlüssel

Malkurse, Theaterprojekte – und

verlegt, kein Gefühl für Zeit hat, nicht weiß,

Tanzen. Bereits 2007 startete

wo er sich gerade befindet oder auch ver-

„Wir tanzen wieder!“ als Projekt

traute Menschen nicht mehr erkennt.

von Stefan Kleinstück, dem Lei-

Anfangs können „Spickzettel“ noch

ter des Demenz-Servicezentrums

helfen, die in der Wohnung platziert wer-

Region Köln und das südliche

den und etwa an das Ausschalten der

Rheinland, und der Tanzschule

Herdplatten in der Küche erinnern sollen.

Stallnig-Nierhaus in Köln-Bayen-

Mit Fortschreiten der „Krankheit des Ver-

thal. Daraus erwuchs eine Initi-

gessens“ werden sie nicht mehr gesehen

ative in Trägerschaft der Pia

und verstanden. Und es kann zu Verhal-

Causa Köln, einer Tochtergesell-

tensstörungen und Wesensänderungen

schaft der Alexianer Köln GmbH,

kommen. Vieles zu den Entstehungspro-

der sich Tanzschulen bundesweit

zessen von Demenzen ist heute noch

anschlossen. Tanznachmittage

unklar und eine „Heilung“ gibt es nicht.

laufen in Bayenthal an jedem

Daher löst die Diagnose „Demenz“

ersten Montag im Monat.

lll

Tanznachmittag in Köln Termin: 4. April von 14.30 bis 16 Uhr Anmeldung: Stefan Kleinstück, Telefon: 02203 / 36 91-111 70, Mail info@wir-tanzen-wieder.de www.wir-tanzen-wieder.de

Die Rhythmus-und Musikstunde im Seniorenhaus „Heilige Drei Könige“ in Köln-Ehrenfeld zaubert Marta D. (86) ein geradezu spitzbübisches Lächeln ins Gesicht.

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blickwinkel

Das Glück des Augenblicks lässt sich nicht für später aufheben. Ernst Ferstl, Lehrer und Schriftsteller aus Österreich

Friedl C. (95) war kaum zum Gespräch zu bewegen. Bilder waren und sind ihr wichtiger als Worte, so gab der Blick in die Fotokamera ihr Sicherheit: Sie fühlte sich angenommen.

Tipp für den Herbst 2016 M

ittlerweile sind die Vorbereitungen

und das südliche Rheinland in Koopera-

für die 6. Kölner Demenzwochen

tion mit der Stadt Köln. Veranstaltungs-

Mittlerweile gibt es viele Romane, Erzählungen, Dokumentationen und Filme, die sich mit dem Thema befassen. Eine kleine Auswahl: Bücher:

angelaufen. Vom 19. September bis

anbieter können bis Ende April online

l

2. Oktober werden Projekte sowie Bera-

Anmeldungen abgeben. Wann das Pro-

„Der alte König in seinem Exil“,

tungs- und Unterstützungsangebote vor-

gramm erscheint und wo es erhältlich

Arno Geiger

gestellt für alle, die mit Demenz zu tun

ist, wird rechtzeitig in der Tagespresse

„Der Doktor braucht ein Heim“,

haben – für demenzerkrankte Menschen

und im Internet bekannt gegeben.

Irene Dische

selbst, für Angehörige, Ehrenamtler und hauptamtlich Tätige. Die Themen rei-

„Kopf in den Wolken“, Paco Roca www.koelner-demenzwochen.de

„Small World“, Martin Suter (auch

chen von den diagnostischen Möglich-

als Film, Frankreich 2010)

keiten beim Verdacht auf eine Demenz

„Mein Leben ohne Gestern (Still

über Stressbewältigung für pflegende

Alice)“, Lisa Genova (auch als Film,

Angehörige und unterschiedliche Wohn-

USA/Frankreich 2015)

formen, bis hin zu Aktivitäten speziell

te etc.). Es wird wieder ganz vielfältige

Weitere Informationen zu „DemenzAngeboten“ im Internet u.a. unter folgenden Adressen:

Vorträge, Fragestunden, Workshops und

l w ww.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/

für demenzerkrankte Menschen (Tanzen, Malen, Theaterspielen, Gottesdiens-

Ausstellungen geben.

6

Organisiert und koordiniert werden die

l

Kölner Demenzwochen vom

l

Demenz-Servicezentrum Region Köln

l

gesundheit/demenz www.demenz-service-koeln.de www.alzheimerforum.de www.dementia-und-art.de

l

weitere Filme:

„Honig im Kopf“, Deutschland 2014 „Family Business“, Deutschland/ Polen 2015 „Vergiss mein nicht“, Deutschland 2012 „Mein Vater“, Deutschland 2002


von hunden und menschen

Clemens-Josef-Haus

Willkommen im Clemens-Josesf-Haus auf dem Vellerhof, einem Fernab der „Straße“ sind die Menschen hier gern gesehene Gäshistorischen Gehöft inmitten eines Naturschutzgebietes, auf dem te, die auf dem Gelände des Clemens-Josef-Hauses auf ihrem ganz heute hilfebedürftige Menschen leben, wohnen und arbeiten. persönlichen Weg begleitet werden. Clemens-Josef-Haus I Altenwohn- & Pflegeheim und stat. Einrichtungen der Gefährdetenhilfe · Vellerhof 1 · 53945 Blankenheim Gefährdetenhilfe: 0 26 97 . 91 00 16 · Altenwohn- & Pflegeheim: 0 26 97 . 91 00 25 · www.vellerhof.de

Wohnungslosenhilfe Station machen I zur Ruhe kommen

Übernachtung I Aufnahme I Wiedereinstiegshilfe I Lebenshilfe I Langzeitwohnen

Arbeiten

Qualifizierung erwerben I Selbstwertgefühl erleben Beschäftigung I Ausbildung I Arbeitstraining I Qualifizierung I Arbeitsvermittlung

Pflegewohnheim

begleiten und fördern I beraten und anleiten

Pflege & Betreuung I Lebenszufriedenheit I Wohlbefinden I Menschlichkeit I Zu Hause

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blickwinkel

Qamile 1, aus der Serie Sworn Virgins, Albanien 2008–2010, Š Pepa Hristova

8


blickwinkel

Mit anderen Augen Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie

ebenso zu sehen wie zeitgenössische internationale Dokumentarfotografen. Auffällig ist, dass die Räume durch und durch aufgeladen sind mit Geschichten: von den Arbeitsverhältnissen und den Spuren, die sie in den Gesichtern der Porträtierten

S

hinterlassen haben. Geschichten vom Gleich nebenan sorgt Katja Stuke für

Krieg und den Versehrungen derjenigen,

befasst sich die Fotografie mit dem

eine komplett andere Szenerie: Schnapp-

die ihn überlebt haben. Geschichten aus

Porträt des Menschen. Sie bewegt sich

schuss-artige, scheinbar zufällige Porträts

den entlegenen Winkeln der Erde ebenso

zwischen Dokumentation und Zeitzeugen-

von geschäftigen Männern in grauen

wie aus dem urbanen Raum.

schaft auf der einen und der Kunstfotogra-

Anzügen und jungen Demonstranten bli-

Herausstechend in ihrer Intensität sind

fie auf der anderen Seite – inklusive der

cken von der Wand herab. Die verpixelten

die Porträts von Pieter Hugo. Aufgenom-

vielen Schattierungen, die zwischen diesen

Bilder, auf denen wir alle zu sehen sein

men am Stadtrand von Accra in Ghana,

beiden Polen liegen. Das Kunstmuseum

könnten, vergegenwärtigen eindringlich,

zeigen sie Arbeiter auf einer Halde mit

Bonn und die Photographische Sammlung

dass unzählige Überwachungskameras

/ SK Stiftung Kultur in Köln zeigen nun in

Tag für Tag, meistens völlig unbemerkt,

einer Doppelausstellung eine Auswahl

Fotos wie diese schießen. Wie viele Bilder

bedeutender zeitgenössischer Porträtfoto-

dieser Art gibt es von uns?

chon immer und immer wieder

grafien aus Deutschland und dem interna-

Dass die Porträtfotografie auch aus der

tionalen Ausland. Über 50 Künstler sind

Malerei schöpft, wird beim Blick auf einen

mit mehr als 750 Arbeiten vertreten.

anderen Fotografen deutlich: Thomas

Im Bonner Teil der Ausstellung liegt der

Struth, der Malerei bei Gerhard Richter

Fokus auf der künstlerischen Fotografie

studierte, bevor er sich als Fotograf einen

aus Deutschland seit den 1990er Jahren.

Namen machte, thematisiert in seinen

Sie entfaltet ein ganzes Kaleidoskop an

Fotografien die Ausstellungssituation von

aktuellen künstlerischen Positionen rund

Kunst selbst. Seine fotografische Bühne

um das Porträt. Die Photographische

bilden die großen Kunstmuseen der Welt,

Sammlung / SK Stiftung Kultur in Köln

in denen er ausgewählte Kunstwerke

hingegen konzentriert sich auf Porträts,

sowie ihre Betrachter fotografisch festhält.

die einem künstlerisch-dokumentarischen

Die Verbindung zwischen Porträts und

Ansatz folgen. Ausgehend von den Arbei-

Inszenierung zeigen Arbeiten wie die von

ten August Sanders, dessen Bildarchiv die

Sabrina Jung. In der ausgestellten Serie

SK Stiftung beherbergt, präsentiert die

kombiniert sie Aufnahmen aus den 20er

Ausstellung Werke internationaler Künst-

Jahren mit Modefotos zeitgenössischer

ler, die in der Nachfolge des Dokumentar-

Magazine. Die so entstandenen Collagen

fotografen zu sehen sind.

verstellen den Blick auf die ursprünglich N. 6th off Bedford towards Driggs, (dappled sunlight), 27.06.2013, © Jerry L. Thompson

Also auf nach Bonn! Gleich zu Beginn

Porträtierten, gleichzeitig unterstreicht

der Ausstellung wird man gewissermaßen

die Kombination aus altem Bildmaterial

dort abgeholt, von woher man kommt:

und zeitgenössischen Modefotografien die

Elektroschrott. Während Hugo diese

Passengers heißt die Serie von Dagmar

Inszenierung, die jedem Porträt – und die-

Arbeiter fotografisch porträtierte, kam

Keller und Martin Wittwer, die zarte, leicht

sen hier ganz besonders – anhaftet.

ihm der Gedanke, die Monotonie der Sze-

verschwommene Porträts von Bus- oder

Ähnlich facettenreich geht es weiter.

nerie aus demselben Blickwinkel zu fil-

Zugreisenden zeigt. Gemeinsam ist allen

Mit jedem weiteren Raum der Ausstellung

men, den er auch für seine Porträtfotogra-

Bildern dieser Reihe, dass die Porträtierten

kommen weitere fotografische Positionen

fien gewählt hat. In Köln sind die so ent-

vom Betrachter durch ein Glasfenster

hinzu, die einander ergänzen, widerspre-

standenen Porträts gewissermaßen mit

getrennt sind. Trotz oder vielleicht gerade

chen oder einfach kommentieren.

bewegtem Hintergrund zu sehen – eine Arbeitsweise, mit der Hugo hier zum ers-

wegen dieser unscheinbaren Barriere schei-

Zurück nach Köln. Anerkannte Klassiker

nen sie einer anderen Welt anzugehören

der Dokumentarfotografie wie August

– einer Welt der treibenden Gedanken und

Sander, Diane Arbus oder das Künstlerpaar

Sehenswert sind auch die Arbeiten der

der vorbei gleitenden Landschaften.

Gabriele und Helmut Nothhelfer sind hier

bulgarischen Fotografin Pepa Hristova: Ihre

ten Mal experimentierte.

9


blickwinkel

Porträts zeigen herbe, knorrige Menschen, die auf den ersten Blick sowohl Mann als auch Frau sein könnten. Tatsächlich handelt es sich bei den Sworn Virgins, so der Titel der Reihe, um albanische Frauen, die ihr Leben als Mann leben. Ist kein Familienoberhaupt vorhanden, übernehmen sie diese Rolle, und zwar sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft. Um anerkannt zu werden, müssen sie jedoch schwören, für immer Jungfrau zu bleiben und auf eine Partnerschaft zu verzichten. Die Porträts untersuchen, wie sich diese außergewöhnliche Lebensweise im Laufe der Zeit in die Physiognomie der Porträtierten einschreibt. Hiroh Kikai wiederum beschäftigt sich mit dem Porträt von Menschen, denen er zufällig auf der Straße begegnet. Seit 1973 fotografiert er in Asakusa, einem Stadtteil von Tokio, täglich einen oder zwei Passanten, und zwar immer vor demselben Hintergrund: der neutralen Mauer des Sensji-Tempels. So lässt er den Porträtierten, die dem Betrachter mit bewundernswerter A clerk who was letting her hair grow long, 1987, aus der Serie Asakusa. © Hiroh Kikai

Ruhe und innerer Kraft entgegenblicken, Raum ihre Persönlichkeit zu zeigen. Aufgeladen mit Geschichten wie diesen und einem geschärften Blick für die Menschen in der Umgebung, können die Besucher diese Ausstellung verlassen.

lll

Aus der Serie Permanent Error, 2009, 2010, Courtesy Priska Pasquer, Köln © Pieter Hugo

10

mehr …

z 25. Februar bis 8. Mai 2016 Kunstmuseum Bonn, Museumsmeile, Friedrich-Ebert-Allee 2, 53113 Bonn geöffnet Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr, Mittwoch 11–21 Uhr; montags geschlossen; Eintritt: 7 €, ermäßigt 3,50 €; Kinder bis 12 Jahre, Schulklassen u. Mitglieder des Museumsvereins frei z 26. Februar bis 29. Mai 2016 Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Im Mediapark 7, 50670 Köln geöffnet täglich außer mittwochs, 14 -19 Uhr. Eintritt: 5,50 € (ermäßigt 3 €), erster Montag im Monat freier Eintritt Regelmäßige Führung: Jeden Sonntag um 15 Uhr, egulärer Eintritt + 2 Euro Führungsgebühr Die Doppelausstellung wird von einem Rahmenprogramm flankiert, das unter anderem Künstlerführungen und ein Programm für Kinder umfasst. Details sind unter www.mit-anderen-augen.info zu finden.


Foto: Martin Kath

interview

„Bei Konfliktlösung muss man realpolitisch sein, nicht moralisch“

DRAUSSENSEITER: Warum kommen gerade jetzt so viele Flüchtlinge zu uns? Cornelia Füllkrug-Weitzel: Viele Fluchtursachen sind hausgemacht. Sie beruhen auf einer Kette von Handlungen und Unterlassungen. Eine der wichtigsten Unterlassungen: Seit mindestens drei Jahren ist klar, dass die Nachbarländer Syriens und des Iraks mit der Aufnahme von Flücht-

Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe und des Werkes Brot für die Welt, über Fluchtursachen, Wirtschaftsflüchtlinge, Waffenexporte und Ansätze für den Frieden. Birgit Müller hat mit ihr gesprochen.

lingen hoffnungslos überfordert sind. Trotzdem fühlen sich die Geberländer nicht aufgefordert, den UNHCR oder das WFP stärker mit Mitteln auszustatten. Die Menschen können schlicht nicht in Jordanien, im Libanon oder der Türkei bleiben, wenn sie nichts mehr zu essen haben. Da hat man Warnungen nicht hören wollen oder fühlte sich nicht zuständig. Das Zweite, was sicherlich mit dazu beigetragen hat, war die Panik verschiedener Regierungen, die Grenzen wieder zu schließen. Das hat noch einmal magnetisch gewirkt, weil jeder noch unter den

11


interview

letzten sein wollte, die wegrennen können.

mit Gesprächen gelöst werden konnten.

dazu beitragen, dass in Afrika die Men-

DRAUSSENSEITER: Wie helfen Sie vor Ort?

Die Antwort heißt Politik. Bei Konfliktlö-

schen von ihrer Arbeit leben könnten. Die

Cornelia Füllkrug-Weitzel: In Jordanien

sung muss man realpolitisch sein und

Debatte um die Flüchtlinge muss man

beispielsweise leben die wenigsten Flücht-

nicht moralisch. Alles andere ist naiv.

dazu nutzen, zu sagen: Diese Menschen kommen nicht, weil sie Schmarotzer sind,

linge in Lagern, wir unterstützen die MenDRAUSSENSEITER: Könnte man die Waffen-

weil sie noch weniger haben. Wir arbeiten

exporte besser kontrollieren?

immer mit kirchlichen Partnern vor Ort,

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Natürlich.

DRAUSSENSEITER: Viele haben Angst, dass

die Sozialarbeit machen. Wir geben bei-

Aber trotz aller Versprechen der Bundes-

die große Zahl von Flüchtlingen unsere

spielsweise Winterkleidung, Schulbücher

regierung werden Waffen in Konfliktlän-

Gesellschaft gefährdet. Wie sehen Sie das?

oder Hefte bis hin zu Mietkostenzuschüs-

der oder in Länder mit krassen Menschen-

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Viele Flücht-

sen. Weltweit sind wir mit der Diakonie

rechtsverletzungen geliefert. Und solange

linge zu beherbergen ist ein großer Risi-

Katastrophenhilfe durchschnittlich in 150

es keine Endverbleibkontrolle gibt und

kofaktor in einer instabilen Gesellschaft.

Programmen tätig. Wir haben grundsätz-

keine internationalen Waffenregister,

Für Jordanien ist es beispielsweise relativ

lich den Ansatz, nicht dahin zu gehen, wo

solange wir Kleinwaffen in schamloser

gefährlich, noch eine zweite große Bevöl-

alle anderen sind. Im Libanon gibt es bei-

Weise und in großem Stil exportieren,

kerungsgruppe im Land zu haben. Aber

spielsweise keine Lager, die Menschen

solange heizen wir den Konflikt noch an.

dass bei uns die Demokratie gefährdet wird oder unsere Wohlfahrt, das wird ja

leben überall: bei Familien, auf Feldern, in Erdhöhlen oder in provisorischen Zelten.

DRAUSSENSEITER: Viele Flüchtlinge aus Afri-

bisher nur herbeigeredet. Wenn da nur ein

Wir sind auch auf der Westbalkan-Flucht-

ka kommen ja, weil sie kein Auskommen

Funken Wahrheit dran sein sollte, dass die

route vertreten. Wo die Flüchtlinge keinen

mehr haben.

Flüchtlinge destabilisierend auf das arme

Wasserzugang haben, helfen wir mit

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Da muss man

Deutschland wirken, wie soll es dann auf

Duschen und Toiletten. Manchen geben

unterscheiden zwischen Flüchtlingen und

Jordanien, auf den Libanon und die Türkei

wir direkt Geld in die Hand, damit sie sich

Arbeitsmigranten. Durch unfaire Handels-

wirken?

selbst kaufen können, was sie brauchen.

beziehungen werden Marktöffnungen erzwungen. Dadurch können gerade die

DRAUSSENSEITER: Wir haben also kein Pro-

DRAUSSENSEITER: Gibt es denn irgendetwas,

afrikanischen Länder nicht mehr ihre

blem?

mit dem man die Menschen in Syrien direkt

kleinbäuerlichen Strukturen schützen –

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Ich hoffe, dass

unterstützen kann?

und sind gegen die EU oder andere Markt-

die Einwanderungspolitik nicht auf

Cornelia Füllkrug-Weitzel: In Syrien gibt

führer machtlos.

Abwehr setzt. Dass es eine europäische

es eine Zugangsproblematik. Wir können

Das, was die Entwicklungshilfe vorher

Registrierung und Verteilung gibt. Und ich

keine humanitäre Hilfe leisten, weil weder

mühsam aufgebaut hat, beispielsweise an

hoffe, dass das unfaire Dublin-System

der IS oder die US-Amerikaner, noch

Milchverwertungsmöglichkeiten oder

(gemeint ist: Flüchtlinge müssen da leben,

Assad oder die Russen das humanitäre

Geflügelzucht, das geht dann mal eben

wo sie zuerst ankommen, also meist an

Völkerrecht respektieren. Das gebietet

den Bach runter, weil das nicht gegen die

den EU-Außengrenzen; Anm. d. Red.), das

nämlich eigentlich, die Zivilbevölkerung

EU-Konkurrenz ankommt. Dann haben

Deutschland den anderen EU-Partnern

unangetastet zu lassen und der humani-

die Leute keine Perspektive mehr. Sie flie-

aufgezwungen hat, durch eine sinnvolle

tären Hilfe Zugang zu gewähren.

hen vor den Folgen unseres unfairen Wirt-

Verteilung ersetzt wird.

schaftsgebarens.

Wenn das nicht passiert, dann haben wir ein echtes Problem. Noch haben wir keins.

DRAUSSENSEITER: Was müsste man tun? Cornelia Füllkrug-Weitzel: Man muss

12

sondern weil wir sie in die Armut drücken.

schen in den Dörfern und in den Städten,

DRAUSSENSEITER: Was tun?

diesen Konflikt sinnvoll beenden. Dazu

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Man müsste

muss es Gespräche mit allen Konfliktpar-

nationale Umsetzungspläne für die

teien geben. Vermutlich sogar mit dem IS.

UN-Leitlinien schärfer formulieren und

Wenn man sagt: „Du bist ein Schwein, mit

entwickeln, in denen wir unserer Wirt-

dir red‘ ich nicht!“, kriegt man das Prob-

schaft bestimmte Bedingungen auferle-

lem nicht gelöst. Mit Gewalt ist in den

gen. Sie müsste sich in der ganzen Produk-

letzten zehn oder 20 Jahren kein einziger

tions- und Lieferkette an Menschenrechts-,

Konflikt gelöst worden. Aber es gibt eine

Umwelt- und Arbeitsstandards halten.

Statistik, dass 40 Prozent aller Konflikte,

Dann haben wir vielleicht eine Chance.

die schon Gewaltstatus erreicht hatten,

Wirtschaftsbeziehungen könnten dann

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom INSP News Service www.INSP.ngo / Hinz&Kunzt

lll

mehr …

Infos unter www.diakonie-katastrophenhilfe.de und www.brot-fuer-die-welt.de


kommentar

DieZivil

gesellschaft meinschaft“ zerbröckelt unter dem

sehr die Flüchtlingskrise in den

Druck nationaler Egoismen. Der Syri-

letzten Monaten das bisherige

en-Krieg findet kein Ende; am Horizont

Gefüge der Zivilgesellschaft zu zerrei-

erscheint wieder die Griechenland – und

ßen beginnt. Hier breitet sich blanker

Eurokrise. Derweilen sieht der russische

Hass, Fanatismus – von Zorn und ohn-

Ministerpräsident Medwedew sogar den

mächtiger Wut durchmischt – aus, aber

Beginn eines neuen „kalten Krieges“.

auch zum Platzen geladene Empörung

Das Funktionsmuster der Zivilgesell-

ist zu lesen, oft auch fassungslose Angst

schaft – daran ist zu erinnern – ist

vor dem Fremden, ein Gefühl der Bedro-

jedoch immer auf offenen Diskurs

hung, die Suche nach simplen Antwor-

gerichtet; es ist von Toleranz und Res-

ten. Diese Emotionen entladen sich vor

pekt vor der Meinung des Andersden-

allem in den sozialen Medien, aber auch

kenden geprägt. Dieser ist nämlich nur

in den Leserbriefspalten der Tageszei-

der Gegner, nie aber der Feind. Der

tungen: Oft wahre Hasstiraden gegen

Kampf um die Richtung der Politik, um

die Politik der Regierungsparteien. Ein

das bessere Argument in der Sache muss

tiefer Riss geht durch die Gesellschaft.

in einer Demokratie stets offen und

Empathie mit den Schutzsuchenden hat

ohne Aggressionen, Empörung oder gar

nachlassende Konjunktur; die Verhär-

Hass, ohne Fanatismus ausgetragen wer-

tung des eigenen Herzens ist vielfach

den. Es geht nämlich in diesem „Kampf

Programm; die Abschottung der Gren-

der Ideen“ stets um die Überzeugungs-

zen das politische Ziel.

kraft des einsichtiger vorgetragenen

Finanzminister Wolfgang Schäuble

Sacharguments, auch um den Irrtum,

hat von dem „Rendezvous mit der Glo-

den einzugestehen keine schmachvolle

balisierung“ gesprochen, welches seit

Niederlage ist.

dem Beginn des Flüchtlingsstroms hier

Frage daher: Wie soll die von allen als

und jetzt Wirklichkeit geworden ist. Die

entscheidend angesehene Integration

damit einhergehenden Verwerfungen

der muslimischen Flüchtlinge in unsere

des bislang Gewohnten überfordern

Zivilgesellschaft gelingen, wenn wir

sehr viele Bürger. Gleichzeitig nimmt

selbst als mündige Bürger einer freien

die Zahl der bedrohlichen Krisen täglich

Gesellschaft einander nicht mehr mit

zu: Horst Seehofer redet von der „Herr-

Respekt, Toleranz und auch mit Höflich-

schaft des Unrechts“; die EU und damit

keit zuhören, sondern uns vor allem die

die Idee von Europa als einer „Wertege-

Köpfe einschlagen?

Foto: Frank Bluemler

E

s ist beängstigend anzusehen, wie

lll

zur person

Gastautor Prof. Dr. Friedrich Graf von Westphalen ist von Hause aus Rechtsanwalt und Publizist, wie Honorarprofessor der Universität Bielefeld. Auf den DRAUSSENSEITER wurde der begeisterte Musikhörer aus Köln durch einen netten Straßen-Verkäufer vor der Philharmonie aufmerksam. Er kaufte das Heft, las es von vorne bis hinten durch und schrieb eine Mail an die Redaktion. Seit nun mehr fünf Jahren gehört er zum freien Mitarbeiter-Stab unseres Straßenmagazins. 13


seelsorge

Annelie Bracke (Katholische Telefonseelsorge Köln, l.) und Pfarrerin Gabriele Koye (Evangelische Telefonseelsorge Köln) warben anlässlich eines Aktionstages für neue Ehrenamtler.

Pfarrerin Gabriele Koye, Superintendentin Andrea Vogel, Kardinal Rainer Maria Woelki und Annelie Bracke (v. l.) würdigten das Engagement der Kölner Telefonseelsorger.

14


seelsorge

Die Aufhebung der Sprachlosigkeit Kölner Telefonseelsorge sucht Mitarbeiter für ehrenamtliche Dienste von Thomas Dahl

I

m Rahmen des Aktionstages „Telefon-

Hilfsangebot für Suizidgefährdete offerier-

re alt und kommen aus den verschiedens-

seelsorge“ warben die Initiatoren der

ten. 1956 startete in Berlin die erste deut-

ten Berufen. Die Arbeitszeiten reichen

evangelischen und katholischen Kirche

sche Seelsorge. Derzeit betätigen sich bun-

von fünf Stunden am Tag bis neun Stun-

für weitere ehrenamtliche Mitarbeiter.

desweit in dem Arbeitsbereich rund 8.000

den in der Nacht. Die Stellen sind unter

Der bundesweite Event wurde von Besu-

Ehrenamtler und circa 200 Hauptberufler

den Rufnummern 0800/1110111 sowie

chen führender Kirchenvertreter in Seel-

in 105 Einrichtungen. Alleine im letzten Jahr

0800/1110222 rund um die Uhr besetzt.

sorgestellen begleitet. In Köln würdigten

verzeichneten die Stätten rund 1,9 Millio-

Informationen über das Ehrenamt ertei-

Kardinal Rainer Maria Woelki und Super-

nen Anrufe, davon mehr als 45.000 aus Köln

len die Mitarbeiter unter 0221/2570184

intendentin Andrea Vogel vom Kirchen-

und Umgebung – Tendenz steigend. 2016

(katholische Seelsorge) und 0221/317159

kreis Köln-Rechtsrheinisch die Arbeit der

begehen die Stätten das 60-jährige Beste-

(evangelische Seelsorge). Zudem sind die

haupt- und ehrenamtlichen Beschäftigten

hen. Die Finanzierung der Einrichtungen

Einrichtungen unter mail@telefonseelsor-

während einer persönlichen Visite.

erfolgt zu 90 Prozent aus Kirchensteuern.

ge-koeln.de und telefonseelsorge@kir-

„Es ist traurig, wie viel Einsamkeit es in

„Um auch zukünftig den Anforderungen

che-koeln.de erreichbar. Die Ausbildungs-

unserem Umfeld gibt, die man oft gar nicht

gerecht zu werden, suchen wir neue ehren-

kurse beginnen nach den nächsten Som-

entdeckt. Deshalb bin ich froh, dass es die

amtliche Mitarbeiter. Voraussetzungen für

merferien.

Telefonseelsorge gibt. Die Mitarbeiter

die Tätigkeiten sind ein Mindestalter von

haben ein offenes Ohr für die Nöte der Men-

25 Jahren, Belastbarkeit und Abgrenzungs-

schen in unserer Stadt, ohne Ansehen der

fähigkeit“, erklärte die Leiterin der Katho-

Person und der Weltanschauung“, äußerte

lischen Telefonseelsorge Köln, Annelie

sich der Kölner Kardinal. Superintendentin

Bracke. Die infrage kommenden Interes-

Vogel ging zudem auf die Kommunikations-

senten erfahren eine mindestens 120-stün-

veränderung im digitalen Zeitalter ein: „Die

dige Schulung. Zudem bestehen Coaching-

Veränderung durch Mobilfunk und Internet

und Beratungsangebote.

war auch für die Telefonseelsorge eine Her-

Hauptthemen in den Gesprächen seien

ausforderung. E-Mail-Seelsorge gehört

Einsamkeit, Beziehungsprobleme, Stress

schon seit 18 Jahren zum Leistungsangebot,

am Arbeitsplatz sowie körperliche Miss-

denn Einsamkeit und Beziehungsprobleme

handlung, erklärte Bracke. Rund 25 Pro-

bleiben auch für die Menschen im Web ein

zent der Anrufer sind in therapeutischer

Thema“, so die Repräsentantin der evange-

Behandlung. Den ehrenamtlichen Seelsor-

lischen Kirche.

gern stehen für die Bewältigung ihrer

Die weltweiten Hilfsstellen gehen auf

Arbeit Experten zur Verfügung.

eine Idee der Londoner „Samaritans“

Die Beschäftigten des Kölner Teams

zurück, die am 2. November 1953 das erste

sind zwischen Ende 30 bis Anfang 80 Jah-

lll

zusammengefasst

Telefonseelsorge 0800/1110111 und 0800/1110222 Informationen zum Ehrenamt: Katholische Seelsorge Tel. 0221/2570184 mail@telefonseelsorge-koeln.de Evangelische Seelsorge Tel. 0221/317159 telefonseelsorge@kirche-koeln.de 15


aus aller welt

den Menschen in Kontakt zu kommen, an verschiedenen Orten zu sein und viele verschiedene Dinge zu lernen. Ich mag das Projekt. Ich habe es schon immer genossen, anderen helfen zu können. Ich bin zwar selbst mittellos, habe aber trotzdem die Möglichkeit, stark, gesund und kreativ zu sein. Ich möchte nicht, dass man sich an mich als Obdachlosen oder Drogenabhängigen erinnert. Ich möchte, dass sich die Menschen daran erinnern, dass ich etwas Sinnvolles mit meinem Leben gemacht habe, etwas, das die Zeit überdauert. Wenn Sie mir jetzt erzählen, dass einmal ein Denkmal von mir gebaut oder eine Straße nach mir benannt wird, tja … Der Witz daran ist, dass man sich für immer an mich erinnern würde. Ich bereite mich darauf vor, zu meiner Familie zurückkehren zu können. Ich Mi Valedor-Verkäufer Francisco González Dominguez. Quelle: Mi Valedor/Mahzatlan

möchte Koch werden und ein eigenes Restaurant betreiben, mit meinen eigenen Leuten – ein Mikrounternehmer sein. Jeder kann studieren und Anwalt werden,

16

Verkäufer im Rampenlicht

aber wenn du dann nicht genug zu essen

Francisco Dominguez

wachsen die Feldfrüchte gut. Ich möchte

hast, was machst du dann? Auf dem Land die Leute gut bedienen und zum Beispiel eine große Forelle mit einer herzhaften

Von „Mi Valedor“, Mexiko-Stadt

Beilage anbieten. Und jeder soll die Reste

F

wenn du gegessen hast, lässt du etwas Geld

mit nach Hause nehmen dürfen. Und

rancisco Dominguez hat alles verlo-

Gefängnis hat alles verändert. Ich war fast

da. Es ist ein gegenseitiges Geben und

ren, nachdem er ein Jahr im Gefäng-

ein ganzes Jahr lang eingesperrt. Ich habe

Nehmen.

nis verbracht hatte. Nach seiner Ent-

meine Familie, meine Freundin, meine

lassung lebte er als Obdachloser in Mexi-

zwei Kinder und alle meine Papiere verlo-

ko-Stadt und fing an, Drogen zu nehmen.

ren. Als ich entlassen wurde, hatte ich kei-

Er hatte jede Hoffnung verloren – bis er die

nerlei emotionale oder finanzielle Unter-

Straßenzeitung „Mi Valedor“ entdeckte.

stützung. Ich wurde depressiv. Ich ging

Jetzt plant er wieder seine Zukunft. Dazu

nach Mexiko-Stadt, aber ich war obdachlos

gehört auch, anderen etwas zurückzuge-

und hatte ein paar Probleme. Dazu gehör-

ben. „Ich will nicht, dass man sich an mich

te, dass ich drogenabhängig wurde. Ich

als Obdachlosen oder Drogenabhängigen

habe versucht, von den Drogen wegzukom-

erinnert. Ich möchte, dass sich die Leute

men. Es ist einfach, den Halt zu verlieren

daran erinnern, dass ich mit meinem Leben

und nichts mehr zu schaffen. Jetzt widme

etwas Sinnvolles angefangen habe“, sagt er.

ich mich verschiedenen Dingen: Ich habe

Ich bin im Haus meiner Großmutter in

die High School beendet und lerne Fran-

der Nähe des Nationalparks La Marquesa

zösisch, Englisch und Fotografie. Wissbe-

aufgewachsen. Dort im Wald fehlte es uns

gierig war ich schon immer.

an nichts. Wir haben alles selbst angebaut

Wenn ich jetzt „Mi Valedor“ in der

und hatten sauberes, fließendes Wasser. Das

Hand halte, habe ich eine Möglichkeit, mit

Mit freundlicher Genehmigung des INSP News Service www.INSP.ngo / Mi Valedor

lll

mi Valedor, mexiko

Sitz: Mexiko-Stadt Gegründet: 02/2015, Mexikos erstes Straßenmagazin Verkäufer: etwa 60 Auflage: 10.000 – 12.000 Erscheint: monatlich Link: www.mivaledor.com


deutschland gedicht

Ein Jahr Deutschland – zu Fuß von West nach Ost

A

m 3. Oktober 2014 brachen zwei

land aus, ein Vierteljahrhundert nach der

Kölner Reporter auf, um die Repu-

Wende?

blik binnen eines Jahres zu Fuß zu

Die Route verläuft quer durch das Land,

durchqueren. Zwölf Etappen, jeden Monat

vorbei am Tagebau in Erkelenz, über den

ein paar Tage lang, Luftlinie gut 700 Kilo-

Rhein ins Bergische (wahrscheinlich auch

und Professor für Bildjournalismus an der

meter. Von Isenbruch an der niederländi-

noch mitten im Winter), dann durchs Sau-

FH Dortmund. Jörg-Christian Schillmöller

schen Grenze bis nach Neißeaue an der

erland nach Kassel und über die alte

ist Redakteur beim Deutschlandfunk. Die

polnischen Grenze. Eine Wanderung

Zonengrenze hinein nach Thüringen zum

Gestaltung und Produktion übernimmt

durch das Land, das Jahr, die Jahreszeiten.

Kyffhäuser und weiter in Richtung Osten,

die Medien-Designerin Tamara Soliz. Sie

Eine Reportage als Fortsetzungsroman.

über Riesa und Kamenz in die Oberlausitz

arbeiten seit Jahren zusammen, im Iran

Ankunft am 3. Oktober 2015, dem 25. Jah-

und zur polnischen Grenze.

und in Brasilien ebenso wie für das hyper-

restag der Wiedervereinigung.

Wo sie übernachten, wissen die beiden

lokale Kölner Blog meinesuedstadt.de.

nicht. Sie wissen auch nicht, welche Geschichten sie erwarten. Welche Menschen sie treffen und was die ihnen erzählen. Es können auch spontan Menschen mitgehen, ein paar Stunden, einen Tag lang. Ganz gleich, woher sie stammen und was sie tun. Dorfbewohner, Soziologen, Freunde – alle sind willkommen. Wie leben die Deutschen? Was bewegt

Ihre Geschichten schreiben die Reporter

sie? Wie machen sich die großen Themen

auf: Auf www.einjahrdeutschland.de und

der Gegenwart im Alltag bemerkbar?

in den sozialen Medien kann jeder das Blog

Migration, Demographie, soziale Gerech-

mit Text, Fotos, Audio und Videos verfolgen.

tigkeit, Nachhaltigkeit: Wie sieht Deutsch-

Das Team: Dirk Gebhardt ist Fotograf

lll

mehr …

… über dieses Projekt, das Konzept und die ersten großen Reportagen finden Sie hier: www.einjahrdeutschland.de Sie können der Idee auch bei Twitter folgen: #1JahrD. Bei Facebook sind wir hier: https://www.facebook.com/1jahrdeutschland Und bei Deutschlandfunk gibt es bereits eine Unterseite: www.deutschlandfunk.de/ zwoelf-mal-deutschland.2255.de.html 17


bonse

clown dieter Dieter, sein Alter verrät er nicht, fällt auf. Mit seinem Clownkostüm wandert er durch die Kölner Fußgängerzone und spricht sympathische Menschen an. Er verkauft Obdachlosenzeitungen und bestreitet dadurch seinen Lebensunterhalt. Jeder, den er in ein Gespräch verwickelt, bekommt einen Lolli geschenkt. „Die Menschen sind dann noch freundlicher und bekommen Interesse an seinen Zeitungen“. Dieter vagabundiert durch ganz Deutschland, von Kiel bis zum Bodensee und wieder zurück. Sein Terminkalender wird von Stadtfesten bestimmt, die Hanse Sail in Rostock, die Cannstatter Wasen, das Oktoberfest in München, der Weihnachtsmarkt in Frankfurt etc. Vor einigen Wochen ist er in Köln angekommen und wird bis nach Ostern bleiben. Seine Unterkunft sucht er sich bei Freunden, übernachtet aber auch im Freien, wenn Freunde nicht zur Verfügung stehen. Über 30 verschiedene Obdachlosenzeitungen in ganz Deutschland verkauft er im Laufe des Jahres. „Der Kölner Draussenseiter ist übrigens Spitze“. In Köln will er zur Zeit etwas gesundheitlich regenerieren bevor es wieder quer durch Deutschland geht. Foto und Text: Gerd Bonse

18


verkäufer im rampenlicht

Heroin, mein Weib

ausgerichtet. Du bist immer noch da. Deine Faszination aber hast Du verloren. Ob ich Dich nicht mehr liebe, fragst du mich jeden Tag. Natürlich liebe ich Dich,

S

aber wenn ich auch nur eine Nacht mit chon bevor Du geboren wurdest,

lich, stets bereit, mir ohne Fragen überall

Dir verbringe, brauche ich jetzt immer

kannte ich Deine Familie. Deinen

hin zu folgen. Du warst mein Maßanzug

zwei Tage, um mich von Deiner Umar-

Vater, das Opium, maulfaul, aber

aus gezupfter Watte, die Enttäuschung

mung zu erholen. Wir haben das doch oft

und Demütigung aufsaugte.

genug probiert. Und Schatz, je länger wir

gemütlich, und Deine Mutter Morphin, die mein Kopfhaar in heiße Nadeln ver-

Ja, Schatz, wir haben viel zusammen

uns nicht sahen, je mehr Zeit verging zwi-

wandelte und mir jedes einzelne unter die

erlebt. Wir waren in den besten Hotels und

schen unseren Dates, desto zahlreicher

Schädeldecke jagte. Deine Geschwister

in den übelsten Gefängnissen. Wir sind gut

werden wieder auftauchende Freunde.

lernte ich vor Dir kennen.

rumgekommen auf der Welt. Wie viele

Temperament, mein sprichwörtlicher

Das Pantopon, wie warmer, aber bitter-

Menschen haben wir getroffen, interes-

Charme und die Fähigkeit, Menschen für

kalter Kakao; das Codein, das jeden Hus-

sante und entbehrliche, aber haben woll-

mich einzunehmen, mit den dreien bin

ten sich selbst verschlucken ließ, und auch

ten Dich fast alle.

ich gern zusammen.

Dilaudid, Dicodid, Jetrium, Palvium, Clira-

Ein treue Geliebte bist Du nicht, mehr

Du wirst das nicht gerne hören, aber

don, Acedicon, Dolantin waren unterhalt-

ein sehr eifersüchtiges Weib. „Bis dass der

mir geht es immer länger gut auch ohne

sam, weckten aber kein dauerhaftes Inte-

Tod uns scheidet“, das nimmst Du wört-

Dich. Ich bin jetzt 52 Jahre alt an Erfah-

resse bei mir.

lich. Du bist immer die Überlebende. Gabi,

rung, kein junger Bengel mehr, dem Du

Bis Du kamst.

Mona, Claudia, Helmut, Eddi, Peter, Backi

so leicht den Kopf verdrehen kannst. Seit

Schon beim ersten Kuss gingst Du mir

und Volker wissen, wie konsequent Du

meine DNA abgespeichert ist, kann ich

unter die Haut, doch mein Körper wollte

bist. Die alle trage ich im Herzen, und Du

Dich ja nicht einmal mehr verkaufen: Ja,

Dich nicht. Noch während er sich übergab,

zu Grabe. Ich möchte keine Rosen mehr

mein Schatz, im Schrank meiner Erinne-

hülltest Du mich schon ein wie ein ange-

auf Grabsteine legen.

rungen habe ich Platz für Dich gemacht.

wärmter Nerzmantel, und jedes einzelne

Ja, mein Weib, viel haben wir zusam-

Auch die Kleiderbügel aus Zedernholz

Haar wusste, wo es mich zu streicheln hatte.

men erlebt, doch wo stehen wir jetzt? Wir

habe ich aus dem Schrank genommen,

Du wurdest schnell zu meinem fliegen-

sind wie ein altes Ehepaar, abgeklärt und

Zedernholz mögen Motten nicht ....

den Teppich, immer startklar und verläss-

ohne Illusion, nur mehr auf Versorgung

Seit DRAUSSEN-

und mitmischen konnte“, erinnert sich

Was Frank viel bedeutet, ist sein einiger-

SEITER-Verkäufer

der heute 55-Jährige an Zeiten, in denen

maßen geregelter Tagesablauf: Die vorge-

Frank im Dia-

er das Leben in vollen Zügen genoss. So

schriebenen Termine des Diamorphin-Pro-

morphin-Pro-

kam er Ende der 70er Jahre an Heroin.

gramms und sein Job als DRAUSSENSEI-

gramm der Stadt

Auch als er seine heutige Frau kennen-

TER-Verkäufer am Neumarkt, wo er fast

Köln ist, geht es

lernte, kam er zunächst nicht davon los.

täglich von 8-12 Uhr vor dem Modehaus

ihm den Umstän-

Das Paar lebt heute in bescheidenen Ver-

Appelrath Cüpper in der Zeppelinstraße

den entspre-

hältnissen in einer Wohnung in Kalk,

steht. „Es ist schön, Stammkunden zu

chend gut. Seit

nicht mal ein Herd ist dort vorhanden.

haben, die mir mal einen Kakao ausgeben

„Aber es ging bisher immer irgendwie!“

oder mal ein belegtes Brötchen mitbrin-

Weise mit dem Stoff versorgt, den sein

Seit jedoch seine Frau von einem Auto

gen“, sagt er. Für das Straßenmagazin hat

Körper braucht. „Wenn du illegale Dro-

angefahren wurde und sich mehreren

er jetzt erstmals einen Text geschrieben

gen brauchst, geht da auch immer eine

Operationen unterziehen musste, ist er in

(siehe oben).

Beschaffungskriminalität einher. Das ist

Sorge: „Nach dem Unfall hat man ihr

ein Teufelskreis“, weiß der aus Wanne-

jetzt zwei Titanplatten in beide Füße ope-

Eickel stammende Mann, der schon lan-

riert. Ist fraglich, ob sie jemals wieder in

ge in Köln zu Hause ist. „Stollwerck,

den vierten Stock hochkommt, wo sich

Ehrenfeld, Chlodwigplatz, Domplatte –

unsere Wohnung befindet“. Zuerst

ich war in meiner Anfangszeit in Köln

kommt seine Frau in Reha, dann muss

überall, wo man sich damals einmischen

man weiter sehen.

drei Jahren wird er nun auf legale

lll

beratungsstellen

www.vision-ev.de www.drogenhilfe-koeln.de www.skm-koeln.de/4.0/sucht.html www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf53/23.pdf 19


comic/kolumne

Illustration: Heiko Sakurai

Kolumne

alterssex

G

erade haben wir uns mit Jugend-

erwischte seine Eltern im Schlafzimmer

sich ständig mit Sendungen von und mit

wahn und Schönheits-Chirurgen

bei genau jenem Vorgang und hängte

Dieter Bohlen zu beschäftigen. Ist der

angefreundet, da schwappt

das „Unglaubliche“ bei RTL an die gro-

nicht auch über sechzig? Und Robert de

schon eine neue Welle heran: Die Rede

ße Glocke. Damit war Alterssex ein The-

Niro? Ulrich Wickert? Jean Pütz? Fritz

ist von Sex! Das war zwar schon immer

ma, zog weite Kreise und wurde in der

Wepper? Aber egal. Das Thema Rent-

ein beherrschendes Thema – vorwie-

Öffentlichkeit gesellschaftsfähig. Alle

nersex wird jetzt solange durchgehechelt,

gend für dynamische Jungeinsteiger.

reden jetzt von „Sex im Alter“, wie in

bis auch den Jüngeren die Lust am Sex

Aber diesmal betrifft es den Sex der

den 60ern von „Sex in Gruppen“.

vergeht und sie ihn endgültig abhaken.

Alten, auch Alters- oder Rentnersex

20

Zwar mag man sich nicht vorstellen,

An dieser Stelle möchte ich anmer-

genannt. Das Interesse daran haben die

wie sich alte Leute stöhnend vor Lust,

ken, was Michelangelo einst über Sex

meisten Alten zwar längst verloren – sie

und nicht etwa vor Rückenschmerzen,

sagte: „Wenn du dein Leben verlängern

reden nicht einmal mehr davon –, aber

im Bett wälzen – aber darüber reden

willst, dann führe den Geschlechtsakt

da muss es vereinzelt noch heiße Feger

schadet ja nicht. Über irgendwas muss

überhaupt nicht aus oder so selten wie

geben, die ihn betreiben. Wie die Sache

schließlich getalkt werden, wenn uns

möglich!“ – war übrigens ein genialer

rauskam? Ein vierzigjähriger, im „Hotel

Wirtschaftskrise und Klimawandel über-

Kopf, dieser Michel!

Mama“ wohnender Stubenhocker

fordern. Allemal besser jedenfalls, als

Astrid Hülser


buch- und hörtipps

CD-Tipp

Clare Mackintosh

Gard Sveen

„Meine Seele so kalt“

Der letzte Pilger

Destroyer

Poison Season

GB, Bristol. Fulminantes Debut einer ehemaligen Polizistin. Die Geschichte schleicht sich an. Unmerklich. Um plötzlich umzudrehen, dem Leser ins Gesicht zu springen, ätsch, du hast dich vertan. Ist alles ganz anders, als du dachtest. Dazu bedarf es etwas Geduld. Doch wer durchhält, der wird reichlich belohnt. Mit Spannung, durch wunderbare Einfälle, grandiose Volten ein Debut, dass es in sich hat. Eine junge Mutter steht am Straßenrand mit ihrem kleinen Sohn Jacob an der Hand. Der reißt sich los, will die Straße überqueren, da kommt ein Auto rasant vorbei gebraust, erfasst das Kind, überfährt es. Dies ist die Ausgangssituation, um die sich bis zuletzt alles dreht. Von da an ermitteln Detective Inspector Ray Stevens und seine Kollegin Kate. Kommen aber nicht weiter. Glauben nur, dass es eine Frau am Steuer war, die einfach Fahrerflucht beging. Und tatsächlich werden die Leser mitgenommen auf die Flucht dieser Frau, die sich zurückzieht, immer wieder die Bilder des Unfalls im Kopf. Weit, weit weg zieht sie. In eine einsame, verfallende Hütte ans Meer. Lernt einen Mann kennen, verliebt sich. Und alles scheint auf eine Art Romantic-Thriller zuzusteuern. Doch dann reißt die Autorin das Ruder um. Aber sowas von. Und von da an geht es rasant weiter. Mit Protagonisten, die es in sich haben. Mit sich kämpfen. Verdächtige, die sich als harmlos entpuppten. Harmlose Mitbürger, die hinter der Fassade von Scheinheiligkeit und Gutbürgerlichkeit ihre Macken ausleben, Gewalt zur alltäglichen Kommunikationsform machen. Und ein Ende, das einem den Mund offen stehen lässt. Ein Psychothriller, wie ich ihn mir nicht besser gestrickt wünschen kann. Ein wahrer Schlafkiller. War Sunday Times-Bestseller in England.

Norwegen. Debut. Ausgezeichnet als bester Krimi Skandinaviens. Zu Recht. Alles drin: Rückblenden, politische Verwicklungen, geschichtliche Aufarbeitung, Liebe, Verrat, und ein Hass, der nie endete. Agnes Gerner war eine Schönheit, bei der Männer automatisch den Atem anhielten. Das machte sich die norwegische Exilregierung in London zu Nutze und schleuste die Patriotin während der deutschen Besatzung Norwegens im Zweiten Weltkrieg in die Reihen der SS-Leute und Offiziere ein. Doch dann lief damals offenbar irgendetwas aus dem Ruder. Jahrzehnte später, im Jahr 2003, stößt Kommissar Tommy Bergmann auf das Grab von drei Leichen, einem jungen Mann, einer Frau und einem Kind. Allem Anschein nach ist eine der Toten eben jene schöne Agnes Gerner. Als kurz danach ein norwegischer Widerstandsheld auf grausamste Weise umgebracht wird, vermutet Kommissar Bergmann, dass beide Verbrechen miteinander zu tun haben könnten. Und so begibt er sich denn auf die Reise in die Vergangenheit des Nationalhelden Carl Oscar Krogh, den jemand so gehasst haben musste, dass er seinen Körper regelrecht verwüstete. Bei der Suche nach der Verbindung zwischen dem Grab in der Nordmarka und dem norwegischen Widerstandskämpfer muss sich Bergmann auf eine turbulente und immer wieder durch falsche Fährten erschwerte Reise in die Vergangenheit begeben. Ein Debut, das nicht locker lässt, eine vergangene, bedrohliche Welt noch einmal heraufbeschwört. Und wie viel sich letztlich um Geld, um Sex, um Verrat und Schönheit dreht. Ein Krimi, der bis zur letzten Seite hält, was er verspricht und aufbaut: Die Lösung eines eigentlich kaum noch zu entwirrenden Rätsels. Ein unglaublich tolles Debut.

Pop | Eine Band, die „Destroyer“ heißt und dazu noch ihre Platten „Kaputt“ oder nun „Poison Season“ nennt, das schreit nach Heavy Metal. Doch keine Musikrichtung könnte weiter von den Klängen entfernt sein. Verwirrung gehört zum Konzept. Und die Verwirrung fängt beim Namen an. Denn vom ersten Ton an umarmt uns schwelgerischer Pop, meisterhaft komponiert und arrangiert von Dan Bejar, der einst bei den New Pornographers Feder führte. David Bowie, Brian Ferry, Prefab Sprout – diese Künstler spannen den Referenzbogen von „Poison Season“. Große Referenzen. Und die Scheibe ist als großer Wurf angelegt. So beginnt sie gleich selbstbewusst mit einer Ouvertüre, dem Intro von „Times Square“. Der Song eröffnet das Album, bildet das Zentrum und beendet es. „You could fall in love with Times Square“, singt Bejar in drei Versionen auf dem Album. Zwischen Intro und Extro ertönen die Trompeten, mäandern Schlagzeuge, flirren Streicher, jubilieren Saxophone, als ob die 1980er Jahre nie aufgehört hätten. Und zwar nicht als pathetische Untermalung, wie so häufig in der Popmusik, sondern als frei komponierte Soli. Dan Bejar schenkt seinen Musikern große Freiheiten und diese danken es ihm mit eingängigen Jazz-Intermezzi und ungezügelter Spielfreude. Dennoch ist das Album aus einem Guss. Ja, „Poison Season“ ist gewaltige Inszenierung. Destroyer feiert die Dekadenz, die Melancholie, die Liebe, das Leben. Überschwänglich, mit Verve und ins Ohr gehenden Melodien. Das liebt man oder man findet es schrecklich. Kalt lässt es einen nicht.

Ingrid Müller-Münch

Ingrid Müller-Münch

Jens Hüttenberger

Clare Mackintosh: „Meine Seele so kalt“, Bastei/Lübbe, 9,99 Euro, Ü.: Rainer Schumacher, 2015, ISBN 9783404172924

Gard Sveen: Der letzte Pilger, List bei Ullstein, 2016, Ü.: Günther Frauenlob, 14,99 Euro, ISBN 9783471351161

Destroyer „Poison Season“, Label: Dead Oceans, 2015, CD 12,99 Euro, MP3 9,09 Euro

21


kunst

Köln-Ansichten in der OASE

15 Jahre Kunst und Kultur im Gulliver Die Jubiläumsausstellung bietet einen

TIPP zum KölnTag Abends im Museum Gedenkstätte Gestapo-Gefängnis

Rückblick auf die vielfältigen Ausstellungen, die in den letzten 15 Jahren im GULLIVER gezeigt wurden sowie einen Ausblick auf kommende Projekte. Zu sehen sind u.a.

Wahl-Kölner STAN Schrobosch setzt die Domstadt mit minimalistischer Strichführung schwungvoll in Szene. Am Liebsten malt er auf den Poller Wiesen, die er liebevoll sein „Freiluftatelier“ nennt und auch

Das EL-DE-Haus war von 1935 bis 1945

gerne zum Motiv seiner Kunst macht.

Sitz der Kölner Gestapo. Neben der

„Köln ist geil, kreativ und sexy“, sagt STAN.

Gedenkstätte Gestapo-Gefängnis mit über

„Mit meinen Bildern möchte ich Tradition

1.800 Inschriften der Gefangenen, zeigt

und Moderne der Stadt eine neue Dimen-

die Dauerausstellung auf zwei Etagen die

sion verleihen.“ Acht ausgewählte Bilder

Geschichte Kölns im Nationalsozialismus.

aus seiner Ansichten-Serie „Cologne exci-

Die Führung ist kostenlos.

te“ sind aktuell in der OASE zu sehen. Werke aus den Bereichen Malerei, Zeichnung, Fotografie sowie einzelne Objekte – immer im Visier: die interessante und

Wo? Treffpunkt: Kasse im EL-DE-Haus, Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln Wann? Do., 7. April, 18.30 Uhr

lebendige Kölner Kunstszene. Der Ausstel-

Wo? OASE Benedikt Labre e.V., Alfred-Schütte-Allee 4, 50679 Köln Wann? Mo. u. Fr. 9 – 13 Uhr, Di. u. Do. 9 – 16 Uhr

22

lungsort hat mittlerweile eine feste Position

Der KölnTag

neben den Kölner Galerien und Räumen

Jeweils am ersten Donnerstag im Monat

für Kunst eingenommen. Ein Ort, an dem

haben alle Bürgerinnen und Bürger mit

Kunst für Menschen präsentiert wird, die

Wohnsitz in Köln freien Eintritt in die

normalerweise nicht ins Museum gehen

Ständigen Sammlungen der städtischen

und die so dennoch am kulturellen Leben

Museen. Die Museen schließen an diesem

teilhaben können. Für viele war der Besuch

Tag erst um 22 Uhr. Zusätzlich gibt es

der Ausstellungen oft auch eine erste Kon-

besondere Veranstaltungen.

frontation mit der Situation von Woh-

Freien Eintritt in die städtischen Museen

nungslosen und Migranten und hat ihren

haben auch: KölnPass-Besitzer, Kölnerin-

Horizont der Wahrnehmung erweitert und

nen und Kölner unter 18, Kölnerinnen und

auch bewirkt, sich in der städtischen Zivil-

Kölner am Tag ihres Geburtstages, Schüle-

gesellschaft mehr zu engagieren.

rinnen und Schüler.

Kuratorin: Elvira Reith Veranstalter: Kölner Arbeitslosenzentrum KALZ e.V. Wo? Überlebensstation GULLIVER, Trankgasse 20, 50667 Köln, Bahnbogen 1, Hohenzollernbrücke Wann? Mo. u. Fr. 6 – 13 Uhr / 15 – 20 Uhr; Sa. u. So. 10 – 18 Uhr, noch bis zum 20. April

Wo? Städtische Museen, außer Sonderausstellungen Wann? Erster Donnerstag im Monat, außer an Feiertagen; geöffnet bis 22 Uhr Wie? Mit Schülerausweis, KölnPass oder Personalausweis Netz www.museenkoeln.de (sab)


Aus der OASE

Meldung

Neue Mitarbeiterin

Zitat des Monats

Seit dem ersten Februar unterstützt die Sozialarbeiterin Anna Kruse die Kontakt- und

Ich liebte es, Edward mit den Scherenhänden zu spielen, weil es an ihm nichts Zynisches, Reizloses oder Unreines gibt. Es ist beinahe eine Enttäuschung, wenn ich in den Spiegel schaue und feststellen muss, dass ich nicht Edward bin.

Beratungsstelle in der OASE, wo sie künftig Menschen bei Wohnungslosigkeit oder drohendem Wohnungsverlust beraten wird. Nach ihrem Bachelor in „Sozialer Arbeit“ betreute die gebürtige Kölnerin unter anderem einen Sprachkurs mit Migranten in Siegburg und Bonn. Außerdem arbeitete sie in einem Heim für pychisch erkrankte Menschen. Die OASE freut sich über ihre Unterstützung: Herzlich willkommen im Team!

Sprechzeiten: Montag und Freitag 9-13 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag 9-16 Uhr in der Alfred-Schütte-Allee 4, 50679 Köln. (sab)

momente mit Clayd:

da so rum und ich dachte mir, „Sieht ja

Mein Rezept bei Regen

cool aus“! Jetzt ist es meine Puppe.

Zuerst früh aufstehen und Frauchen wecken. Dann fertigmachen zum Gassi-

Meine guten Wünsche für euch

gehen. Kurz vorher feststellen, dass es reg-

Keine Nachbarn, die euch plagen, Glück

net – igitt! Und gleich wieder zurück in

und Mut an allen Tagen. Harmonie nicht

die Heia.

zu vergessen, keine Sorgen, die euch stres-

Johnny Depp

sen. Frieden, Weitsicht und auch Mein neues Spielzeug Ich habe eine kleine Wickie-Puppe gefunden.

Geld, dass euer Glaube Recht behält. Stärke auch in schlechten Zeiten, Freun-

Sieht genauso aus wie

de, die euch stets beglei-

die Trickfilmfigur aus

ten. Liebe ist das A und

dem Fernsehen damals.

O. Viel Gesundheit

Frauchen sagt, viele ken-

sowieso. Wärme und

nen noch die Serie „Wickie und die starken Männer“. Sagte mir aber nix.

Geborgenheit – Diskussionen ohne Streit. Schaffenslust und Übersicht, dass euer Wil-

Den Stoffwickie sollte eigentlich der

le niemals bricht. Lebenslust statt Frustra-

Enkel von Frauchen kriegen. Aber der lag

tion... So, ich glaub, dass war es schon. Euer Clayd

Hallo, ich bin Clayd aus Rumänien. Von dort bin ich mit einem halben Jahr zu meinem Frauchen, der Draussenseiter-Verkäuferin Kölsche Linda, gezogen. Nun habe ich ein gutes Zuhause und ein schönes Hundeleben. In meiner Kolumne erzähle ich euch, wie mein Alltag so aussieht, und was ich alles erlebe. Foto: Kölsche Linda lll

HOLEN SIE

DIESES MAGATRZAINSSE.

VON DER S

Kölns ältestes Straßenmagazin. Jeden Monat neu.

Wie fast immer dienstags hatte unser ehrenamtlicher Koch Robby mal wieder ein leckeres Mal für die Hungrigen im Offenen Treff der OASE gezaubert: Nudeln mit Hackfleischsoße. Doch diesmal bekam er spontan Hilfe von Manni, einem Besucher, der mit einer Spende in Kuchenform anrückte: Für alle Besucher gab es an diesem Tag noch ein Stück Torte zum Nachtisch. Das war richtig spitze! Danke für diese tolle Idee. (cb)

werbeagentur-von-morgen.de

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23


eintritt frei / Abo

Landesmeisterschaft Ringen U8, 10, 12/2016 16. April 2016, ab 9 Uhr Der Eintritt ist frei Wo: Sporthalle Bergischer Ring Bergischer Ring 40, 51065 Köln Wer: AC Mülheim 1892 e.V. info@ac-muelheim1892.de

DRAUSSENSEITER-Abonnement

Junge Talente landen im April wieder auf der Matte des Traditionsvereins AC Mülheim 1892. Die Altersklassen unter 8, 10 und 12 Jahren zeigen dann ihr Talent in der antiken, aber nicht antiquierten Sportart. In der Halle am Bergischen Ring gehen neben dem männlichen

Nachwuchs auch starke Mädchen an den Start. Neben den verschiedenen Altersklassen, werden die Wertbewerbe zudem in bestimmte Gewichtsklassen eingeteilt, so dass sich ein fairer Wettkampf geliefert werden kann. Erwartet werden 200 Nachwuchsringerinnen und Nachwuchsringer im Kampf um den Landesmeistertitel.

Foto: Christoph de Haar

Eintritt frei

Rund um die Biene Kölner Imkerverein informiert in Finkens Garten 24. April 2016 von 14 bis 18 Uhr Die Teilnahme ist kostenlos Wo: Finkens Garten, Friedrich-Ebert-Straße 49, 50996 Köln-Rodenkirchen Wer: Amt für Landschaftspflege und Grünflächen, gruenflaechenamt@stadt-koeln.de

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Der Kölner Imkerverein von 1882 e. V. führt einen Informations- und Aktionstag rund um die Honigbiene in Finkens Garten durch. Treffpunkt ist das Bienenhaus im Naturerlebnisgarten. Dieser ist mit den KVB-Linien 16 (Haltestelle Rodenkirchen) und 131 (Haltestelle Konrad-Adenauer Straße) gut zu erreichen.

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ein Straßen-Abo zu 36,– Euro pro Jahr

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Als Dankeschön für das Förder-Abo gibt es zudem das Buch „Köln trotz(t) Armut“.

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Die Bestellung wird erst wirksam, wenn sie nicht binnen einer Frist von 10 Tagen schriftlich widerrufen wird. Zur Wahrung der Frist genügt die rechtzeitige Absendung des Widerrufs. Das Abo kann jederzeit gekündigt werden.


vorschau

IMPRESSUM Redaktionsleitung Christina Bacher (cb), bacher@draussenseiter-koeln.de www.draussenseiter-koeln.de

Trotzdem …

Redaktionsassistenz Sabrina Burbach, burbach@draussenseiter-koeln.de Herzlichen Dank allen freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dieser Ausgabe. Lektorat Barbara Feltes Titelgestaltung Deborah Keser Titelfoto Pepa Hristova Fotos Christina Bacher, Gerd Bonse, H. Marie Breer, Sabrina Burbach, Thomas Dahl, Christoph de Haar, Martin Kath, Kölsche Linda, Mahzatlan, Hanna Witte Illustrationen Heiko Sakurai Gestaltung Innenseiten Petra Piskar, de haar grafikdesign, www.dehaar.de Druck druckdiscount24.de Abos Martina Jühlke, juehlke@oase-koeln.de Vertrieb Ali Baran Herausgeber Benedikt-Labre e.V. – OASE Alfred-Schütte-Allee 4, 50679 Köln Tel.: 0221/989353-0, Fax: 0221/98935316 Depots (nur für Verkäufer) Kiosk Amer, Gürzenichstraße 30, 50667 Köln Kiosk Orman, Salierring 15, 50677 Köln OASE, Alfred-Schütte-Allee 2-4, 50679 Köln Verkauf öffentlich Agnesbuchhandlung, Neusser Straße 63, 50670 Köln Buchladen Neusser Straße, Neusser Str. 197, 50733 Köln Bunt Buchhandlung, Venloer Straße 338, 50823 Köln VIELFACH, Baudri-Platz, 50733 Köln Kontoverbindungen IBAN: DE66 3705 0198 0016 5020 31 SWIFT-BIC: COLSDE33, Sparkasse KölnBonn

Der Hambacher Forst wird nach und nach gerodet – Protestler versuchen das zu verhindern. Foto: Jens Hüttenberger

D

er Hambacher Forst, ein 12.000 Jahre alter Wald bei Kerpen, gehört zu den stark bedrohten Waldgebieten. In wenigen Jahren soll er dem Braunkohleabbau weichen. Ausgerechnet an dem Tag, an dem unser Mitarbeiter Jens Hüttenberger dort mit dem Aktionskünstler Todde Kemmerich verabredet war, um über seine bundesweite beachtete Baumschutzbilder-Ausstellung zu berichten, wurde er Zeuge einer spontanen Machtdemonstration der RWE Power AG gegen die Protestler: Diese fällten Teile der von der Kunstaktion betroffenen Bäume, die am Rande des Areals standen. Wir fragen uns, ob Protest heute wichtiger denn je ist: Der 1. Mai wäre ein guter Tag, darüber ernsthaft nachzudenken, wenn noch nicht geschehen. Denn wie schon Adorno in der „Minima Moralia“ bemerkte, macht man sich schnell zum Teilhaber des Wahnsinns, wenn man sich dem Weltlauf einfach so anpasst.

draussenseiter ist das Sprachrohr für alle Obdachlosen, deren Freunde, ehemals Obdachlose und andere Betroffene. Leserbriefe sind immer herzlich willkommen. Für namentlich gekennzeichnete Artikel und Leserbriefe sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Bedürftigen wird für veröffentlichte selbstgeschriebene Artikel, Interviews und Fotos ein kleines Honorar gezahlt, wenn dies der Autor ausdrücklich wünscht. Nachträgliche Forderungen werden nicht akzeptiert. Es gilt die Anzeigenpreisliste vom 1.1.2009. draussenseiter ist Mitglied des

Der nächste DRAUSSENSEITER erscheint zum 1. Mai 2016. Mehr dazu unter www.draussenseiter-koeln.de und auf facebook. 25


Foto: Hanna Witte

service

Für Alle  Diakoniehaus Salierring Fachdienst für Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe d. Diakonischen Werkes Köln und Region, Salierring 19, 50677 Köln, Tel.: 27 69 70-0, verwaltung.salierring@ diakonie-koeln.de, www. diakonie-koeln.de Beratung: Mo bis Fr 9-12 Uhr, Di + Mi 16-18.30 Uhr (u. a. Postadressen u. Treuhandkonten) Straffälligenhilfe: Zeiten wie oben Tagestreff: Mo bis Fr 8.30-12.30 Uhr, Frühstück, (donnerstags auch Mittagessen), Duschen, Wäschekeller, Aufbewahrung, Internetzugang Kleiderkammer: Di u. Do 9-11.30 Uhr Krankenwohnung, Betreutes Wohnen § 67 SGB XII, Ambulante Begleitung gem. § 67 SGB XII, Betreutes Wohnen § 53 SG XII, Clearingstelle Claro im Trägerverbund

 Emmaus Geestemünder Str. 42, 50725 Köln, Tel.: 971 17 31, info@emmaus-koeln.de, www.emmaus-koeln.de

Appelhofplatz: Essenausgabe u. medizinische Versorgung, Mo bis Fr ab 21 Uhr Leben und Arbeiten in Gemeinschaft, günstiger Einkauf von Secondhand-Artikeln, DritteWelt-Arbeit durch Versand von Hilfslieferungen  Gulliver – Überlebensstation für Obdachlose Trankgasse 20, Nähe Hauptbahnhof, 50667 Köln, Tel.: 120 60 91

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Duschen, Toiletten, Waschmaschinen, Trockner, Tagesschlafraum, Kleiderkammer: Di und Fr 15-17 Uhr, Postadressen, Caféteria mit Frühstück und Snacks, Beratungsangebote, Internetzugang, Kunstausstellungen, Handyladestation Mo bis Fr 6-13 Uhr u. 15-22 Uhr, Wochenende, Feiertage 10-18 Uhr

 Kontakt- u. Beratungsstelle Rochus (SKM) Bartholomäus-Schinkstr. 6, 50825 Köln, Tel.: 3377063-4, Fax: 3377063-9 http://skm-koeln.de/9.0/9.1.8/rochus-p.html rochus@skm-koeln.de

der MüTZe, Berliner Str. 77, Köln-Mülheim

Angebot: Aufenthaltsmöglichkeit, Begegnung, Freizeitangebote, (Spieleangebot, Kaffee), Essen, Duschen, Wäschepflege, Schreibhilfe, Telefonmöglichkeit, mediz. Versorgung, PC-Nutzung mit Internetzugang offene Info- u. Orientierungshilfen: Mo., Di., Do., Fr. 12-15 Uhr, Mi. 12-14 Uhr Sa., So. und Feiertage 12-13 Uhr Beratung (auch anonym): Mo, Mi, Do, Fr 9-11 Uhr, Mo bis Fr 14-16 Uhr

Angebote: täglich warmes Essen von 12-14 Uhr, kalte u. warme Getränke, Duschmöglichkeit (Behindertendusche u. -toilette), Wäschewa Lobby-Restaurant LoRe des KALZ für Berber schen, Kleiderkammer nur für wohnungslose und Banker Menschen von Di und Do 11-13 Uhr, Beratung Domstr. 81, Nähe Hauptbahnhof, 50668 Köln, täglich von 11-15 Uhr und nach Vereinbarung, info@koelnerarbeitslosenzentrum.de, Medizinische Sprechstunde Di + Do 12-13 Uhr, www.koelnerarbeitslosenzentrum.de Postadresse, Betreutes Wohnen, PC-Nutzung mit Mittagessen: Mo, Di 12 -16 Uhr, Internetzugang, Samstags Frühstück. Mi, Do, Fr 12 -15.30 Uhr Öffnungszeiten: Mo bis Fr 11-15 Uhr, Sa 10-14 Uhr, So 10-14 Uhr  Kölner Obdachlosenfrühstück, Peter-Deubner-Stiftung  Sozialdienst Katholischer Männer e.V. Tel.: 430 39 83 Bahnhofsvorplatz 2a (1. Etage), Angebote: 9 -11 Uhr: Kostenloses sonntägliches 50667 Köln-Innenstadt, Tel.: 13 49 19, kontaktstelle@skm-koeln.de, Frühstück jeden 2. u. 3. Sonntag im Monat im Vringstreff, Im Ferkelum 42, jeden 4. Sonntag in www.skm-koeln.de

 GUBBIO Obdachlosenseelsorge Ulrichgasse 27-29, 50577 Köln, www.gubbio.de Öffnungszeiten: Di, Mi 14 – 17 Uhr Angebote: Raum zum Gespräch, Bibelstunde, Meditation, thematische Gesprächskreise, religiöse Filme


service

 Vringstreff e.V. Für Menschen mit und ohne Wohnung Im Ferkulum 42, 50678 Köln, Tel.: 278 56 56, info@vringstreff.de, www.vringstreff.de Mo bis Do 11.30-17 Uhr, Fr 9-12 Uhr Jeden 2. und 3. Sonntag Obdachlosenfrühstück 9-11 Uhr, Café, Freizeitangebote, Veranstaltungen, Beratung  Dienstleistungsagentur „Huddel und Brassel im Veedel“ Im Ferkulum 42, 50678 Köln, Tel.: 3377706-17 huddelundbrassel@vringstreff.de  Bürger für Obdachlose e.V. Basislager Gebrauchtwarenkaufhaus Bürger für Obdachlose e.V. Basislager: Silcherstr. 11, 50827 Köln Tel.: 640 22 68, info@bfoev.de Kleiderkammer, Gebrauchtwaren-Kaufhaus für Jedermann, Arbeitsprojekt und Suppenküche. Obdachlose können gerne auch Kleidung, Schlafsäcke etc. in unserem Gebrauchtwaren-Kaufhaus kostenlos bei uns beziehen. Gemeinsam mit Emmaus betreibt der Verein die Suppenküche am Appelhofplatz.  Initiative Bauen Wohnen Arbeiten e.V. Peter-Michels-Str. 1-9, 50827 Köln Tel.: 0221/ 9535301, Fax: 0221/ 5948789 ibwa@netcologne.de www.bauenwohnenarbeiten.de Angebot: Arbeitsgelegenheiten, Beschäftigung, Wohnen, Betreutes Wohnen

 OASE-Benedikt Labre e.V. Alfred Schütte Allee 4, 50679 Köln, Tel. 0221/9893530 kontakt@oase-koeln.de www.oase-koeln.de

Kontakt- und Beratungsstelle: Montag und Freitag 9 – 13 Uhr, Dienstag und Donnerstag 9 – 16 Uhr, Mittwoch 13–16 Uhr

Offener Treff: Montag 10.30–13 Uhr, Dienstag 13–16 Uhr, Mittwoch 13–16 Uhr, Donnerstag 13–16 Uhr, Freitag 11.30–13 Uhr Frühstück: Montag 10.30–13 Uhr

Sprechstunde Mobiler Medizinischer Dienst: Montag 10.30–11.30 Uhr Kleiderkammer/Duschmöglichkeit für Leute auf der Straße: Montag 10.30-12 Uhr, Mittwoch 13-15.30 Uhr, Donnerstag 13-15.30 Uhr; Computer-Nutzung: nach Vereinbarung

Redaktionssitzung DRAUSSENSEITER: Alle zwei Wochen, montags um 12.30 Uhr

Nur für Frauen  agisra e.V. Informations- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen Martinstr. 20a, 50667 Köln, Tel.: 0221/124019 oder 1390392, www.agisra.org

 Haus Rosalie Gocher Straße 45, 50733 Köln-Nippes, Tel.: 0221/97 30 88 88, haus-rosalie@vinzentinerinnen.de Wohnprojekt für Frauen

Beratung nach Terminvereinbarung, Telefonische Sprechzeiten: Mo, Di und Do 10-15 Uhr

 LOBBY FÜR MÄDCHEN e.V. für Mädchen und junge Frauen Beratung und Begleitung bei Problemen und in Krisensituationen

 Café Auszeit Kontakt -und Beratungstelle für wohnungslose Frauen Mauritiussteinweg 77-79, 50676 Köln, Tel.: 0221/12695310, cafe-auszeit@skf-koeln.de

Mädchenberatung linksrheinisch Fridolinstr. 14, 50823 Köln-Ehrenfeld Tel.: 0221/45 35 56 50 maedchenberatung-linksrhein@lobbyfuer-maedchen.de

Tägl. Essensangebot, Duschen & Baden, Wäschepflege, Kleiderkammer, Postadresse, Schließfachnutzung, Beratung und Soforthilfe, Mo, Di, Do, Fr 11-15 Uhr, Mi 15-19 Uhr, u. nach Vereinbarung  Café Auszeit, Schäl Sick SKF e.V., Buchheimer Str. 36, 51063 Köln, Tel.: 0221/946 96 24, Fax: 0221/2855199 cafe-auszeit.schaelsick@skf.koeln.de Beratung, Hilfe und Unterstützung bei allgemeinen Fragen, Vermittlung an weiterführende Hilfen, Rechtsberatung, Frauenfrühstück, Postadresse Mo und Fr 10-12 Uhr, Mo, Mi, Do 15-17 Uhr Do 10-12 Uhr Frauenfrühstück  Comeback Notschlafstelle für Frauen, Sozialdienst kath. Frauen e.V., Mauritiussteinweg 77-79, Nähe Neumarkt, 50676 Köln, Tel.: 0221/12695-210 Täglich geöffnet von 20 bis 10 Uhr. Angebot für wohnungslose Frauen und Frauen in Notlagen: Schutz, Übernachten, Essen, Duschen, Wäsche waschen, Kleiderkammer, PC und Internetnutzung. Tiere sind erlaubt. Beratung und Vermittlung an weiterführende Hilfen sind möglich.  Elisabeth-Fry-Haus Albert-Schweizer Straße 2, Nähe Südfriedhof, 50968 Köln, Tel.: 99 56-43 00, efh@diakonie-michaelshoven.de www. diakonie-michaelshoven.de Notaufnahmeheim für Frauen und Frauen mit Kindern, Schutz, Übernachtung, Verpflegung, Wohnen, Beratung und Begleitung. Das Haus ist rund um die Uhr geöffnet.  Frauen gegen Gewalt e.V. – Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen Tel.: 56 20 35, mailbox@notruf-koeln.de www.notruf-koeln.de Beratung telefonisch, persönlich und per E-Mail, Begleitung und Unterstützung nach sexualisierter Gewalt; Prozessvorbereitung und -begleitung; Rechtsberatung; Gruppenangebote

Mo bis Do: ganztägig nach Vereinbarung Mi 14-16 Uhr: ohne Anmeldung Di 10-11 Uhr, Do 14-15 Uhr: telefonische Beratung, Di 16-18 Uhr: kostenlose Betreuung Ess-Störungen 0800 5 03 58 85 Mädchenberatung rechtsrheinisch Buchheimer Str. 56, 51063 Köln-Mülheim Tel.: 0221/890 55 47 maedchenberatung-rechtsrhein@lobbyfuer-maedchen.de Mi bis Fr ganztägig nach Vereinbarung Fr 14-18 h ohne Anmeldung  Mäc-Up Treffpunkt für Mädchen von 14-27 Jahren Gereonstr. 13, Nähe Bahnhof, 50670 Köln, Tel.: 0221/13 35 57 Essen, Trinken, Dusche, Wäsche waschen, Second-Hand-Kleidung, medizinische Versorgung, Beratung Öffnungszeiten: Mo., Mi., Do. und Fr. von 12-15.30 Uhr Di. von 10-13 Uhr, Frühstück gibt es Di. und Mi., gekocht wird Mo. und Fr.

Nur für Männer  Notschlafstelle für Männer Johanneshaus Köln, Annostr. 11, 50678 Köln, Nähe Chlodwigplatz, Tel.: 931221-54 (tagsüber) und -26 (ab 18 Uhr), jhk-notaufnahme@johannesbund.de Sozialarbeiterische Beratung, Erarbeitung einer Perspektive, Vermittlung in weiterführende Hilfen Aufnahme: Täglich (auch Sonn- u. Feiertags) ab 18 Uhr für wohnungslose Männer ab 18 Jahren  „Reso“ – Resozialisierungsabteilung Johanneshaus Köln, Annostr. 11, 50678 Köln, Nähe Chlodwigplatz, Tel.: 931221-54, th.klahr@johannesbund.de Hilfe für wohnungslose Männer mit sozialen Problemlagen nach § 67 SGB XII: Unterbringung, Verpflegung und Selbstversorgung, individuelle Einzelfallhilfen, Beschäftigungsangebote, Mo bis Fr.: 8-16.30 Uhr


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Kölner Straßenzeitung Draussenseiter 04/2016: Mit anderen Augen by Draussenseiter - Issuu