DEVRENTPROJEKT
DEVRENTPROJEKT Portrait einer Erosionslandschaft
Fotografie Friedrich Don
DEVRENTPROJEKT Portrait einer Erosionslandschaft
Aus einer anderen Zeit
tung, mehr als nur ein Stück Landmasse, das unser Planet Erde zu bieten hat. Sein Name – Kappadokien. Die perfekte Verknüpfung von Geologie und Kultur.
Im Zentrum des Devrent-Projekts steht das Thema „Erosive Gestaltbildung, im Besonderen bei eruptiven Gesteinsformationen – die Landschaft als ästhetisches Objekt und konkreter Zeitzeuge langer geologischer Prozesse“.
Erdgeschichtlich noch jung, begann vor mehr als 30 Millionen Jahren der Entstehungsprozess seines heute sichtbaren Profils. Ende des Quartärs – zwischen Pliozän und Pleistozän – kam es in Zentralanatolien zu einer extrem stark eruptiven Phase. Sie formte maßgeblich diese fast 2.000 Meter hoch gelegene Region. Zwei Großvulkane im Südwesten, der 3.540 Meter hohe Hasan Daǧi und der noch mächtigere 3.900 Meter hohe Erciyes Daǧi nahe der heutigen Stadt Kayseri gelegen, schleuderten in unvorstellbar gewaltigen Eruptionsfolgen große Massen Lava und Asche ins Land. Ein Territorium von mehreren tausend Quadratkilometern wurde großflächig mit voluminösen Tuffschichten bedeckt, in den folgenden Jahrtausenden eine Spielwiese der starken Erosionskräfte. Explosionswolken, gefüllt mit glutheißen Gesteinstrümmern, flüssigen Magmaströmen und glühenden Ascheregen agierten lange Zeit wechselseitig in dieser Höllenzone. Ihre speienden Krater waren wie unerschöpfliche Quellen, die Lage um Lage Tuffstein hochschichteten und die Erdoberfläche versiegelten. Sie prägen nachhaltig bis heute das charakteristische geomorphologische Bild dieser steinintensiven Landschaft. Wind, Eis, Wasser, Hitze, das ganze Spektrum der Erosionsmöglichkeiten war am Werk und bildete im Laufe von zwei Millionen Jahre die an Bizarrheit nicht zu überbietenden wundersamen Naturformen. Die unterschiedlichen Härtegrade des Gesteins bestimmten ihr eigenwilliges Aussehen und ihre unvergleichliche Gestalt. Form und Farbe wurden zum unmittelbaren Ausdruck ihrer chemischen Zusammensetzung und geophysikalischen Beschaffenheit.
Die Abbilder von Gesteinsformationen machen kausale Prinzipien und Zusammenhänge der Erosion als sanft gestaltende, latente Naturgewalt sichtbar. Die Wirklichkeit ihrer enormen Kräfte verdichten sich in der Momentaufnahme der Fotografie zu geheimnisvoll wirkenden Monumenten, sind greifbar-sinnliche Zeitfragmente. Wir sehen ein Zwischenstadium im unendlichen Prozess ihrer Metamorphose. Ihre konkreten Bilder wirken exotisch fremd, es sind landschaftliche Gebilde wie aus einer fernen Welt. Sie geben Rätsel ob ihrer Entstehung auf, erzeugen Fantasien und verlocken uns zu Vorstellungen, die außerhalb unserer logisch konstruierten Welt liegen. Angelegt zwischen Ordnung und Chaos sind ihre Erscheinungsformen Puzzleteile einer absonderlichen physikalischen Systematik. In der Gesetzmäßigkeit oft nicht nachvollziehbar, doch in der äußeren Gestalt umso faszinierender. Ein bespielloser Ort von höchster Formdichte öffnet seine Pforten und offenbart seinen opulent-morphologischen und bildnerischen Katalog. Ein kleines Stück Land – surreal, fast illusionär in seiner Anmutung, doch hyperreal in seiner puren Stofflichkeit und Oberfläche, geheimnisvoll und immer von seinem Ursprung und seiner Entstehung erzählend. Sein außerordentlicher Status belegt durch den achtbaren Titel, ein UNESCO-Weltkultur- und Naturerbe zu sein. Herausragend und einzigartig in der Bedeu-
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Aus den Tiefen der Erde Die Tuffschichten Kappadokiens gehören zu den sogenannten vulkanischen Tuffgesteinen. Sie stammen von monströsen Eruptionen, die unter kolossalem Druck flüssiges Magma aus den Tiefen der Erde in die Atmosphäre schleuderten.
und klein, kegelartige Steinriesen und wuchtig-hohe Säulenverbände, massive Türme mit Basalthüten obenauf, riesige Felsgärten mit absonderlich merkwürdigen Steinskulpturen, weich geschliffene weiße und rote Felsfaltungen von gelb bis rosa und ebensolche farbchangierenden Felsschluchten. Exotisch schön, fremdartig und wundersam wie fiktive Filmlandschaften.
Die Auswurfmassen verfestigten sich bei ihrer Ablagerung zusammen mit unterschiedlichen Ascheteilchen und anderen Gesteinsfragmenten. Diese Vermischungen ließen unterschiedliche Korngrößen entstehen und ermöglichen so eine Art Klassifizierung des Tuffs. Die Tuffgesteinsarten aus pyroklastischen Fall- oder Fließablagerungen unterscheiden sich drastisch in Dichte und Härte und damit auch in ihrem Erosionsverhalten. Fließablagerungen sind durch ihre höheren Temperaturen während des Ablagerungsvorgangs und durch Verschmelzung mit anderen Komponenten deutlich härter. Vulkanischer Tuff tritt meistens großflächig geschichtet auf. Wegen seiner Ablagerung durch Wasser und Wind zählt er zu den Sedimenten. Pyroklastische Gesteine bilden häufig Decken und Kegelformen. Ihre unterschiedlichen Härten reagieren bei der Erosion unterschiedlich schnell und sind bei der Gestaltbildung ein wichtiger Faktor. Die chemische Zusammensetzung entscheidet über die farbliche Erscheinungsform. Die Farben gehen dabei von weiß und grau über gelblich, braun, leicht rötlich-violett bis zu einem kräftigen Rot. Aufgrund von mehr oder weniger starken Gaseinschlüssen ist das Gestein generell sehr porös und zählt deswegen zu den Weichgesteinen, die sich ausgezeichnet auch als Bauwerkstoffe bearbeiten lassen. Ist dieses Gestein der reinen Erosion ausgeliefert, verändert es seine Form stetig und in relativ kurzer Zeit. Begeht man das Gebiet um Göreme, zeigen sich fast im Kilometertakt ständig neue Landschaftstypologien mit signifikanten Farb- und Formcharakteristika. Wie streng sortiert reihen sich verschiedenartige Gesteinsareale in ihrer ureigenen Formensprache aneinander. Gruppen exakter Kegelformen – groß
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Die Wechselbeziehungen von Landschaft und Kultur Als die frühen Christen dann im 4. Jahrhundert diese Region für sich als sicheren Lebensraum entdeckten, verwandelten sie für die nachfolgenden Generationen das Land in ein bedeutungsvolles Kulturland. Komplette Kirchen mit Säulengängen und Gewölben wurden aus dem massiven Fels gemeißelt. Altare, Taufbecken, Bänke künden noch heute von den ersten großen Christengemeinden und ihren Aktivitäten. Die wild zerklüftete Außenhaut der Felsen hielten prachtvolle Freskenmalereien und andere wertvolle Kultobjekte im Inneren vor ihren Feinden und Widersachern geschickt verborgen. Und so ahnten Eindringlinge angesichts der schnöden Erscheinung des groben Felsens nicht, dass sich dahinter große Schätze befanden und zogen ahnungslos weiter.
Nicht nur die Natur in ihrer Gesamtheit hat sich hier als geniale Gestalterin erwiesen. Auch der Mensch nutzte ihre Erscheinungsformen und setzte sich kreativ und erfindungsreich allerorts mit ihnen in Szene. Schon vor 8.000 Jahren kamen die ersten Siedler und nutzten die fruchtbaren mineralhaltigen Böden zum Anbau von Getreide und anderen Nahrungsmitteln. Sie waren der elementare Garant für das Überleben in diesen abgelegenen Orten. Schon in vorchristlicher Zeit entwickelte sich hier in der Abgeschiedenheit der zentralanatolischen Hochebene ein Siedlungsgebiet für viele Volksstämme, wie Hethiter, Perser, Griechen und Römer. Diese Landschaft mit ihren weichen, ausgeschwemmten Erosionsschichten machte die Talregionen nicht nur fruchtbar, sondern bote mit ihren verschlungenen, labyrinthartigen Strukturen auch idealen Schutz vor Feinden. Die Ursiedler nutzten schon die ausgezeichneten bautechnischen Eigenschaften des Tuffgesteins, das sich mit einfachsten Werkzeugen universell bearbeiten ließ. Mit Geschick gruben sie heute kurios anmutende Behausungen für Mensch und Tier in den Fels. Tiefe, höhlen-
Als dann die Christenverfolgungen im 9. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichten, wurden einige Siedlungen zu wahren unterirdischen Fluchtburgen ausgebaut. Die festen Schichten des Tuffs ließen abenteuerliche Bauten zu. Die Siedler gruben sich vertikal bis zu 20 Stockwerke tief in das Gestein. Mit perfekten Lüftungssystemen, Zugang zu tiefen Grundwasserbrunnen und üppigen Vorratsspeichern konnten sie über lange Zeiträume ihren Feinden trotzen. Diese Bauwerke waren Garantie zum Überleben und zugleich Ausdruck einer vollkommenen Verbindung von Mensch und Erde. Grund für dieses unglaubliche Durchhaltevermögen waren nicht nur absolute Entschlossenheit und entbehrungsreiche Opferbereitschaft allein, sondern eben auch die spezifische geophysikalische Beschaffenheit der Wohnorte. Sie war letztendlich die Voraussetzung dafür, dass die Religion und Wertevorstellung dieser Christen erhalten blieb und weiter verbreitet wurde. Damit prägte sie grundlegend die Geschichte und Kultur unserer ganzen westlichen Hemisphäre.
artige Wohn- und Kultstätten entstanden, die frühen Bewohner verbanden die Naturform einfallsreich mit einer zweckdienlichen Nutzung. Der Tuff war auch deswegen ein hervorragender Werkstoff, weil er mit seinem hohen Dämmungswert, die extremen Klimaunterschiede perfekt ausgleichen kann. In den frostigen Wintermonaten gibt der Fels dosiert seine Wärme ab, während er im Sommer seine Bewohner vor der trockenen Hitze schützt. So konnten sich in diesem recht lebensfeindlichen Umfeld in einer kurzen Zeitspanne normales Leben und einfache Kulturformen entwickeln. Als die frühen Christen dann im 4. Jahrhundert diese Region für sich als sicheren Lebensraum entdeckten, verwandelten sie für die nachfolgenden Generationen das Land in ein bedeutungsAls
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Die Bildfolgen Das folgende Portfolio beinhaltet neun Themenfelder mit verschiedenen Motivschwerpunkten.
räume, kleine Rasterflächen von Taubenschlägen. Eine klassische Laienarchitektur, die das pralle Leben zeigt und in ganzer Breite die Ursprünglichkeit des Wohnens dokumentiert. Verwoben mit der Natur, der Landschaft und dem nackten Stein.
1 Themenfeld 1 zeigt explizit Kegel-Formen, zum Teil von solitären Monolithen oder Felsgruppen. In dieser Bildsequenz ist mir die reine Urform des Kegels und deren ästhetischer archaischer Gehalt wichtig. Frei von jeglichem emotionalen Beiwerk habe ich die komplette Bildreihe über eine DuplexDuoton-Technik dargestellt, nur der reinen Form folgend. Die Reduktion auf das Wesentliche und deren elementare Erscheinungsform steht dabei im Fokus.
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Im Mittelpunkt des nachfolgenden Themas stehen Türme. Phallusartige Tuffsteinsäulen, viele mehr als 50 Meter in den Himmel ragend, aufgestellt wie Relikte einer längst vergessenen Kultur. Andere, wie monströse, steingewordene Pilzformen und märchenhafte Feenkamine, erzeugen magische Assoziationen.
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aufgesetzten, wellenartigen Formverläufe bestimmen primär die Bildkompositionen und ihren Aufbau.
Ihre urzeitliche Erscheinung setzt sich auch in der nächsten Bildreihe Gruppen fort. Im dortigen Sujet präsentieren sich Felsgruppen als Typen- und Charakteren-Verbände, mit geheimnisvollem Form- und Farbvokabular.
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9 Und zuletzt phänomenale Skulpturen aus dem Devrent-Tal,
2 Das Gleiche gilt beim zweiten Thema – Dächer. Ihre seltsam
Imposante, kühne Faltungen des Tuffgesteins präsentiert das Thema 3. Dreidimensionale Erosionspuren – ein Spektrum weicher Körperform-Vernetzungen bis hin zu unglaublich prismatischen Polyeder-Ausformungen in kontrastreichen weißen und beige-grauen Oberflächen-Tönungen.
jenem Ort dessen Name dem Fotoprojekt seinen Titel gegeben hat. Seine Formjuwelen, aus der Härte des Steins geboren und wie Phantasiegebilde der Wirklichkeit entrückt, bannen und entzücken jedes Betrachter-Auge.
4 Das vierte Thema – Areale – wird in farbrealer Erscheinung dargestellt. Große Felsareale in unterschiedlichen Strukturen, organisch gewachsene Erosions-Topografien.
Es sind autonome Gewerke der Natur, selbstgestaltend und völlig unkontrolliert auf ihren permanenten Veränderungsprozess bedacht. Der eigentliche Schöpfungsmechanismus hängt vielleicht nur von einem Quäntchen mehr an Härte oder Dichte eines Stoffes ab, der sich durch eine konkrete Form manifestiert und in einem winzigen Zeitfenster wahrgenommen werden kann. Betrachtet als vermeintlich anarchische, zügellose Objekte mit dem Anspruch, der Ewigkeit zu gehören. Grandiose Gestalten, immer mit dem Zufall spielend, bewegen sie sich zwischen absoluter Logik und totalem Chaos – vielleicht Sinnbilder für die allgemeine Weltformel schlechthin.
5 Der Themenpunkt Öffnungen zeigt geheimnisvolle Gänge mit magischen Lichtmodulationen, rätselhafte Portale vor mysteriösen, dunklen Raumfolgen. Albtraumhafte Tunnel und Verbindungsstollen mit Blick ins gleißende Licht des Äußeren und deren Abgründe.
6 Die nächste Bildsequenz zeigt in logischer Abfolge Habitate. Felssiedlungen, höhlenartige Steinbehausungen, kunstvoll aus dem vollen Fels gemeißelt. Fenster, Türen, aufgebrochene Innen-
Friedrich Don November 2013
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Herausgeber Don Artworks Fotografie | Text | Gestaltung Friedrich Don www.don-artworks.de Š Friedrich Don 2013