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unbekannt, ich habe schon sehr oft spartenübergreifend gearbeitet, aber die Kombination mit dem Puppenspiel war mir neu. Daher war ich anfangs etwas unsicher, aber dann dachte ich mir, dass das schon funktionieren kann. Und ich bin sehr froh, dass die Szenen nun so ineinander übergreifen, sich die Übergänge von einer Kunstform in die nächste so logisch erklären und das Stück keinen Revuecharakter bekommen hat.

Weiterhin war für mich reizvoll, mit zwei mir völlig unbekannten Tänzern zu arbeiten: einem sehr reifen Tänzer mit viel Erfahrung und einer sehr jungen, frischen Tänzerin. Das ist immer eine spannende Erfahrung und es gab Momente, die mich selbst überraschten. Herausfordernd und spannend war ein Solo, welches ein Medley aus verschiedenen (Gesellschafts-) Tanzstilen ist, welches Roosje als Tanzlehrerin zeigt. Dieses Solo habe ich auch gleich zu Beginn der Probenzeit einstudiert. Ich genoss in der Zusammenarbeit mit Bianca eine Freiheit, die diese sehr enge und gleichzeitig intensive Arbeit mit sich brachte.

Bianca, was war für dich das Reizvolle an der Zusammenarbeit mit Jutta?

Nach den vielen Jahren, die wir schon in den unterschiedlichsten Konstellationen zusammengearbeitet haben und in denen sich ein ganz großer Respekt für die jeweils andere Arbeit entwickelt hat, haben wir nun die Möglichkeit, unsere beiden doch sehr unterschiedlichen Ansätze und Blickweisen auf (Theater-) Kunst zusammenzubringen. Das fand ich besonders reizvoll. Jede von uns hat ihren Freiraum in ihrer Arbeit und trotzdem hat jede von uns beiden einen Blick für das, was die jeweils andere macht. Durch Kommentare und Vorschläge entsteht so in dieser engen Zusammenarbeit immer etwas Neues.

Ihr habt ein Stück über den mutigen Überlebenskampf einer ungewöhnlichen Frau gestaltet. Inwiefern ist die Frage nach der Schuld, konkret ihrer Schuld, präsent innerhalb des Stücks?

Bianca: Es gibt Momente, in denen von außen auch innerhalb der Geschichte kommentiert wird – die sind so auch im Buch vorhanden. Man muss sich vorstellen, dass Roosje mit den Dingen, die sie getan hat, mit den Entscheidungen, die sie getroffen hat, auch immer auf Unverständnis bei ihren Mitmenschen gestoßen ist. Sie hat von vielem gewusst. Sie war als Funktionshäftling Teil der Maschinerie. Hätte sie das nicht getan, hätte sie nicht überlebt. Das ist ganz klar. Sie wäre weder gesundheitlich noch emotional in der Verfassung gewesen, den KZ-Aufenthalt und den anschließenden Todesmarsch durchzustehen. Roosje half nach ihren Möglichkeiten aber auch immer anderen, aber sie entschied sehr genau, wem – in den Lagern sorgt sie für ihre Familie, für sich selbst und für ihre engsten Freunde. Für mehr hätte es nicht gereicht und es lag auch immer ein Risiko darin. Sie selbst ist nicht die große Planerin; sie versuchte einfach immer, ihre Situation ein bisschen zu verbessern. Sie hat aber auch ein Gewissen. Das zeigt sich an ein paar Dingen innerhalb

des Buches, beispielsweise der Gedanke an den kleinen Jungen, den sie in die Gaskammer führt. Der Gedanke an dieses Kind kehrt immer wieder und lässt eine große Schuld in ihr entstehen. Diese Schuld bzw. dieses Gewissen treten immer dann zutage, wenn sie etwas innerlich anrührt. Wie auch der Tod ihrer Freundin Rachel. Das ist auch der einzige Moment im ganzen Buch, in dem sie weint.

Jutta: Ich finde interessant, dass Roosje ein sehr starkes Gespür dafür hat, wann sie eine Entscheidung treffen muss. Und wenn sie diese Entscheidung getroffen hat, dann ist sie darin auch sehr klar. Bezüglich der Schuldfrage: Wir sprechen diese Momente innerhalb des Stückes an, jedoch bewerten bzw. beurteilen wir sie nicht. Das hat auch Paul Glaser in seinem Buch nicht getan.

Tanzen um zu überleben – inwieweit half der Tanz Roosje Glaser tatsächlich zu überleben?

Jutta: Ich würde sagen, sie benutzt den Tanz. Es ist eine bewusste Entschei -

dung, dass sie dem jungen SS-Offizier davon erzählt, dass sie früher Tanzlehrerin war. Dadurch kam es, dass sie den anderen Offizieren anfing, Tanzunterricht zu geben, sie sogar in Benimmfragen zu unterrichten.

Bianca: Plötzlich drehte sich das „Machtverhältnis“ um – sie stellte Regeln auf, sie gab den Ton an. Die Hierarchie veränderte sich. Sie ist die Lehrerin und die Nazis sind ihre Schüler, die sie belehren muss.

Jutta: Tanz war vor der Kriegszeit Freiheit und wurde dann während des Krieges zu einem Machtmittel, ein Mittel zum Zweck. Das Tanzen gab ihr aber auch Kraft in dieser Zeit – sie hat Kabarettabende organisiert, um sich und ihren Mitmenschen die Zeit zu vertreiben. Ganz am Ende, als sie den Bolero tanzt, weiß sie, dass sie in Freiheit ist, dass sie alles überstanden hat.

Joy Kammin
Joy Kammin

MENSCH(ZU)SEIN

„Warum hatte all dies geschehen müssen – warum?

Nur weil ich die bin, die ich bin.“ Roosje Glaser

Statt einfachhin zu sein, scheint der Mensch sein zu wollen, wer er ist. Er ist auf der Suche nach (s)einer Identität, der er sich durch allerlei Entwürfe nähert, gleich einem Künstler, der sich selbst portraitiert. Mal ähneln diese Entwürfe gedankenlosen, einlinigen Skizzen, mal sind sie wohlbedacht, detailliert und plastisch. Der Mensch wird zum Lebenskünstler.

Geworfen in die ihr fremde Rolle der Jüdin, versucht Roosje ihren Selbst-Entwurf zu bewahren. Dies tut sie lachend, wenn sie die im Rassenwahn erdachten Beschränkungen ignoriert und in Cafés ungeniert vor Schildern mit der Aufschrift „Juden verboten!“ posiert und auch, wenn sie auf dem Dachboden ihres Elternhauses unerlaubterweise weiterhin Tanzunterricht gibt. Sie will leben.

„Ich wäre gern ein Hündchen Recht puschelig und klein Mir scheint nichts angenehmer Als puschelig zu sein.“ Aus dem Gedicht „Tiere“ von Roosje Glaser

Später als Häftling, als dieser Drang zu leben dem Willen zu überleben weichen muss, nimmt Roosje die Realität ihrer neuen Welt an, ohne sich ihr zu ergeben. Sie überlebt durch ihre Kunst, die nicht allein das Tanzen umfasst, sondern die Fähigkeit zur Annahme einer Gegenwart ohne Zukunft, den Optimismus absoluter Gegenwärtigkeit. Durch die Annahme oder Ablehnung einer Rolle nähert oder entfernt sich

der Mensch von seiner inneren Identität, die im Wandel der Entwürfe einer Konstanten bedarf. Diese Konstante, der Wesensgrund des Selbst-Seins, ist für den Menschen die Menschlichkeit.

„Ich ließe mich dressieren Im Zirkus ne Saison Und wenn ich alles könnte Dann liefe ich davon.“ Aus dem Gedicht „Tiere“

Roosje lehnt alle Rollen ab, die man ihr aufzuzwingen versucht: Die Rolle der untermenschlichen Jüdin, diejenige des unterwürfigen Häftlings, aber auch die Rolle der egoistischen Opportunistin, die ihr ihre Mitgefangenen in Westerbork aufgrund ihrer Tätigkeit als Funktionshäftling (und Geliebte eines SSOffiziers) zuschreiben. Obwohl sie sich äußerlich den unmenschlichen Bedingungen der Lagerwelt anpasst, um zu überleben, bleibt Roosje Mensch: Im Umkleideraum vor einer Gaskammer, wo sie Handtücher an die Unwissenden verteilen muss und einem kleinen Jungen aufmunternd zulächelt in dem Wissen, dass sie seine Leiche kurze Zeit später ins Freie wird schaffen müssen. Wenn sie sich berechnend doch ehrlich fühlend auf eine Affäre mit einem SS-Offizier einlässt. Wenn sie tanzt. Mehr noch als die Kunst des Tanzens beherrscht Roosje jedoch die Kunst des Menschseins und des Menschbleibens.

„Die Chance, je ein Tier zu sein Ist leider mehr als klein Die größte Kunst auf Erden Ist es, Mensch zu sein.“

Aus dem Gedicht „Tiere“

DIE STADTBIBLIOTHEK

„Rudolf Hagelstange“, Nikolaiplatz 1, Tel. (0 36 31) 69 62 62, hält zu „Die Tänzerin von Auschwitz“ u. a. folgende Medien bereit:

Literatur

Glaser, Paul: Die Tänzerin von Auschwitz: die Geschichte einer unbeugsamen Frau/Paul Glaser. – 2. Aufl. –Berlin: Aufbau Verl., 2015. – 286 S.

Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem: ein Bericht von der Banalität des Bösen/Hannah Arendt. – 1. Aufl. –Leipzig: Reclam, 1990. – 468 S.

Arendt, Hannah: Eichmann war von empörender Dummheit: Gespräche und Briefe/Hannah Arendt; Joachim C. Fest. – München: Piper, 2011. – 206 S.

Galliard-Risler, Francine: Todesmarsch in die Freiheit durch den Harz/Francine Galliard-Risler. – Sonnefeld: Iatros Verlag & Services, 2015. – 149 S.

Koren, Yehuda: Im Herzen waren wir Riesen: die Überlebensgeschichte einer Liliputanerfamilie/Yehuda Koren; Eilat Negev. – Düsseldorf: ECON Verl., 2003. – 303 S.

Maldoom, Royston: Tanz um dein Leben: meine Arbeit – meine Geschichte/ Royston Maldoom. In Zusammenarbeit mit Jacalyn Carley. – 2. Aufl. – Frankfurt am Main: Fischer , 2010. – 315 S.

Wagner, Jens-Christian: Produktion des Todes/Jens-Christian Wagner; hrsg. von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. –Göttingen: Wallstein Verlag, 2015. – 662 S. Enth. u.a.: Kulturelle Überlebensstrategien

Film Rhythm is it!/Regie: Thomas Grube u. Enrique Sánchez Lansch. – 2004. –1 DVD

Multimedia Zeugen der Shoah. Fliehen – Überleben – Widerstehen – Weiterleben. Lernsoftware mit Video-Interviews –Bonn: Bundeszentrale für pol. Bildung, 2012. – 4 DVD-ROM + 4 DVD-Video

Quellen:

S. 3: Roosje Glaser zit. nach Paul Glaser in: Die Tänzerin von Auschwitz, Berlin 2015 (S. 74).

S. 4: Roosje Glaser zit. nach www.tante-roosje.com, Roosje Glasers Leben wurde erzählt nach Paul Glaser: Die Tänzerin von Auschwitz, Berlin 2015.

S. 5: Originalbild, entnommen aus Paul Glaser: Die Tänzerin von Auschwitz, Berlin 2015.

S. 6: zusammengestellte unter Verwendung von Paul Glaser: Die Tänzerin von Auschwitz, Berlin 2015.

S. 10, 11: zit. nach Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München/Berlin 1964 (S. 364). Sowie Roosje Glaser zit. nach Paul Glaser in: Die Tänzerin von Auschwitz, Berlin 2015 (Seiten 168 und 163).

S. 14: Roosje Glaser zit. nach Paul Glaser in: Die Tänzerin von Auschwitz, Berlin 2015 (Seiten 69 und 282).

S. 16: zit. nach Sachs, Nelly: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, Berlin 2010 (S. 36f)

Die Probenbilder entstanden zur ersten Kostümprobe. Urheber ist András Dobi (www.adobivisual.com). Der Abdruck des Bildes von Rosa Glaser erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Paul Glaser.

„O wir hilflosen Trauerfalter Eingefangen auf einem Stern, der ruhig weiterbrennt Wenn wir in Höllen tanzen müssen. Unsere Marionettenspieler wissen nur noch den Tod.“

Nelly Sachs

Impressum:

Herausgeber: Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH

Intendant: Lars Tietje, Käthe-Kollwitz-Str. 15, 99734 Nordhausen, Tel.: (0 36 31) 62 60-0, Programmheft Nr. 9 der Spielzeit 2015/2016, Premiere: 7. April 2016

Redaktion und Gestaltung: Lisa Ohl und Daniela Zinner

Layout: Landsiedel | Müller | Flagmeyer, Nordhausen

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