Skip to main content

In der Nächsten Nähe (Diakonie Themen Spezial 2013)

Page 1

Themen

Spezial

Ein Sonderheft der Diakonie Österreich Oktober 2013 | 169-4/13

In der Nächsten Nähe Standortbestimmung und Herausforderung im Jahr der Diakonie 2013

Themen

Spe zial

1


Editorial

P

pädagogischen Diskussion des Jahres 2013, des apier ist geduldig. DiakoJahres der Diakonie, zu bringen. nie drängt zum Handeln. Die Debatte in der Synode A. B. hat die KomPapiere liegen in Schubladen. mission dazu bewogen, von der Weiterarbeit am Diakonie bewährt sich im All­ Projekt der Überarbeitung abzusehen – damit tag. Papiere, zumal von großen bleibt das Papier in seiner Fassung von 1997 in Gremien beschlossen, haben etGeltung. Der synodalen Kommission und der Diawas Abschließendes an sich, konie Österreich erscheint es aber wichtig, die sind oft Akte der Selbstüberarbeitete Fassung in diesem Heft zur Diskusvergewisserung nach langen, sion vorzulegen. Diese Publikation geschieht im kontroversen Diskussionen, Bewusstsein, dass der Text bruchstückhaft, in sich in einem Dokument wie­ Teilen seiner Zeit voraus und in Teilen neben der derzufinden. Der Diakonie Spur sein wird. Doch wie wir an der Rezeption des wohnt das Unfertige, das ProviPapiers von 1997 gesehen haben, können diese sorische inne. Diakonisches Schwächen eines Textes durchaus auch belebend Handeln reagiert auf die Wahrnehmung von soziwirken. Ob es dem Heiligen Geist gelingen kann, aler Not mit den gerade gegebenen Mitteln und auch diesem vorläufigen Text Leben einzubleibt deshalb zeitgebunden, vorläufig, immer in hauchen, wird die Zukunft weisen. Bewegung. Das vorliegende Heft zieht auch eine ZwischenUmso erstaunlicher war die Rezeption des Diabilanz über das Jahr der Diakonie und stellt wegkoniepapiers „Standortbestimmung und Herausweisende Praxisbeispiele vor. Kirche und Diakonie forderung“, das die Generalsynode 1997 besind auf dem Weg, dem Heischlossen hatte. Immer landsruf „Kommt her zu mir wieder wurde es aus den alle, die ihr mühselig und beSchubladen geholt, reiste in Das Synodenpapier von 1997 Aktentaschen oder per floss in die Leitbilder zahlreicher laden seid, ich will euch Ruhe E-Mail durch Österreich und diakonischer Unternehmungen geben!“ zu folgen. Bis wir gemeinsam vor dem Herrn stefand seinen Weg auch in anein. Aus Gedanken wurden hen – wir, selbst Mühselige dere Teile Europas. Kaum Projekte. Dem Papier wurde und Beladene, gemeinsam ein Vortrag über die DiakoLeben eingehaucht. mit den Mühseligen und Benie in Österreich und ihre ladenen, denen die diakoni­ rasante Entwicklung und sche Kirche zu dienen hat –, Veränderung seit 1997 kam bis wir nebeneinander vor dem Herrn stehen und ohne ein Zitat aus dem Synodenpapier aus. Es nicht einer vor dem anderen, nicht eine für die anfloss in die Leitbilder zahlreicher diakonischer Undere, sondern einer mit der anderen, ist es noch ternehmungen ein. Aus Gedanken wurden Proein weiter Weg. Das Jahr der Diakonie 2013 kann jekte. Dem Papier wurde Leben eingehaucht. ein Schritt dazu sein. Dabei war das Papier aus dem Jahre 1997 keineswegs fertig und abgeschlossen. Vor allem im zweiten Teil, der die Herausforderungen beschrieb, blieb es notgedrungen bruchstückhaft, war seiner Zeit in Teilen voraus, in Teilen auch neben der Spur, die die Zukunft einzuschlagen gedachte. Deshalb hat die Kommission für Diakonie und soziale Fragen der Generalsynode den VerPfarrer Mag. Michael Chalupka, such unternommen, das Papier „StandortbestimDirektor der Diakonie Österreich mung und Herausforderung“ zu überarbeiten, die Standpunkte auf ihre Tragfähigkeit abzuklopfen und die Herausforderungen auf den Stand der diakoniewissenschaftlichen, sozialpolitischen und

„

“

2

Themen

Spe zial


4

Lernen mit leerem bauch? Geht nicht! Gratis-Mahlzeiten an vier Schulen organisiert die Stadtdiakonie Wien

Inhalt

6

„Rosa Zukunft“ Auf nachbarschaftliche Hilfe setzt ein Wohnprojekt des Diakoniewerks Salzburg

7

Gemeindediakonie In Niederösterreich entsteht ein Netz aus sozial engagierten Menschen

8

Die Kraft der Zusammenarbeit Die Armutskonferenz vernetzt Initiativen, Forscher_innen und Armutsbetroffene.

10

Macondo: lebendiger Stadtteil Ein Gemeinwesenprojekt für alle entsteht in Wien Simmering

11

Diakonie – Standortbestimmung und Herausforderung Fassung der Kommission für Diakonie und soziale Fragen, 2013

15

Das Dorf in der Stadt Vermittlung und Anlaufstelle für Bewohner_innen sind die Bewohnerservice-Stellen in Salzburg

16

Servus Nachbar! Der Leiter der Stadtdiakonie Linz erzählt über Projekte, Ideen, Aktivitäten

18

Ein Haus für viele Das Albert Schweitzer Haus im Herzen Wiens

20

Gemeinwesenorientierte Integration Der Diakonie Flüchtlingsdienst in St. Pölten bringt Menschen zusammen

21

Gemeinsam Wohnen und Leben „Wohnen für Hilfe“: In Tirol entstehen besondere Wohngemeinschaften

22

Das Jahr der Diakonie 2013 – eine Zwischenbilanz

Spendenkonto Diakonie: IBAN AT492011128711966399 BIC GIBAATWWXXX Impressum: Medieninhaber, Herausgeber und Redaktion: Diakonie Österreich. Redaktion: Mag.a Magdalena Schwarz, Mag. Martin Schenk, alle: 1090 Wien, Albert Schweitzer Haus, Schwarzspanierstraße 13. Tel.: (0)1 409 80 01, Fax: (01) 409 80 01-20, E-Mail: diakonie@diakonie.at, Internet: www.diakonie.at. Verlagsort: Wien. Geschäftsführer Diakonie Österreich: Pfr. Mag. Michael Chalupka, Mag. Martin Schenk. Fotos: Karl Sigurd Koschek (S. 1, 18, 19), Barbara Krobath (S. 2), Diakonischer Verein Tirol (S. 3, 21), Diakoniewerk Salzburg (S. 3, 6, 15), Regina Hügli (S. 3, 10), Stadtdiakonie Wien (S. 4, 5, 23), Gisela Malekpour (S. 7), Armutskonferenz (S. 8, 9, 23), Stadtdiakonie Linz (S. 16, 17, 23), Albert Schweitzer Haus (S. 18), Diakonie Flüchtlingsdienst (S. 20), epd/Uschmann (S. 23), G. Ringelhann (S. 23). Grafik-Design: Mag.a Evelyn Felber/Info-Media Verlag für Informationsmedien GmbH, Volksgartenstraße 5, 1010 Wien. Lektorat: Mag.a Sabine Wawerda. Druckerei: AV + Astoria Druckzentrum GmbH, Faradaygasse 6, 1030 Wien. Die Diakonische Information bringt Sachinformationen und Nachrichten zur Diakonie der Evangelischen Kirchen. Die gendersensible Schreibweise ist uns ein wichtiges Anliegen. Der Bezug ist kostenlos. DVR: 041 8056 (201). Gedruckt nach der Richtlinie „Schadstoffarme Druckerzeugnisse des Österreichischen Umweltzeichens“. Umweltzeichen (UWZ 734)

Themen

Spe zial

3


Lernen mit leerem Bauch? Geht nicht! Tausende Kinder sitzen hungrig in der Schule, weil ihre Eltern sie nicht mit dem Nötigsten versorgen können. Die Stadtdiakonie Wien organisiert Gratis-Mahlzeiten an vier Schulen und hilft den Kindern damit auch beim Lernen.

H

ungrig lernen? Kein Einzelfall! Stellen Sie sich folgende Situation vor: Es ist 12 Uhr am Vormittag, Sie sitzen seit vier Stunden in der Schule und haben seit gestern Abend nichts mehr gegessen – weil es nichts zu essen gegeben hat. Ihr Magen knurrt und Ihre Gedanken kreisen nur mehr ums Essen. Was da vorne an der Tafel vor sich geht, was der Lehrer erzählt, wird immer unwichtiger ... Ein Einzelfall, glauben Sie? Nein, leider nicht. So sieht die Realität für viele Schulkinder in Wien aus. Die Eltern dieser Kinder sind wegen ihrer schwierigen sozialen und psychischen Situation oftmals nicht mehr in der Lage, ihre Kinder auch nur mit dem Nötigsten zu versorgen. Sechs Prozent der österreichi­ schen Bevölkerung leben in akuter Armut. Von der Armut ihrer Eltern am schlimmsten betroffen sind die rund 142.000 Kinder und Jugendlichen. Der finanziellen Armut folgen belastende Wohnbedingungen, gesundheitliche Probleme, chronischer Stress und Einsamkeit.

Gemeinsam essen, bessere Noten

Dem will die Stadtdiakonie Wien mit dem Projekt „Lernen mit leerem Bauch? – Geht nicht!“ an Schulen, die sich an sozialen Brennpunkten befinden, entgegenwirken. Jedes Kind, das die kostenlose 4

Themen

Spe zial

Nachmittagsbetreuung der Schule besucht, erhält täglich eine Mahlzeit, damit es zumindest einmal am Tag satt wird. Den Initiatoren und Initiatorinnen des Projekts ist wichtig, die Konzentration und Aufnahmebereitschaft der Kinder im Unterricht zu steigern und damit die Noten zu verbessern. Den Magen zu füllen ist jedoch nur ein Aspekt des Projekts. Auch die soziale Komponente darf nicht zu kurz kommen. Lehrer_innen, Eltern und freiwillige Helfer_innen stehen den Jugendlichen in der Nachmittagsbetreuung nicht nur betreuend zur Seite. Vielmehr steht das gemeinsame Zubereiten der Mahlzeiten im Vordergrund. Mitglieder des Elternvereins so­ wie die Lehrer_innen verarbeiten gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern die vorhandenen Lebensmittel. Die Kinder arbeiten aktiv mit, ein Austausch findet statt – neben dem Essen kommen auch andere Themen zur Sprache, wie z. B. Konflikte. „Wir erleben die Schüler_innen jetzt ent­ spannter und ruhiger und sie nehmen auch mehr Rücksicht aufeinander. Ich bin überzeugt davon, dass sich das regelmäßige Essen auch auf die Leistung der Kinder auswirkt, und hoffe, dass das Projekt im nächsten Schuljahr fortgesetzt werden kann“, so einer der betreuenden Lehrer_innen.


Miteinander essen in entspannter Atmosphäre. Die Kinder und Jugendlichen danken es mit besseren Noten.

Für viele ist es das erste Mal, dass sie den Umgang mit frischen Lebensmitteln und die richtige Lagerung der Lebensmittel lernen. Wesentlich ist, gemeinsam den Tisch zu decken, miteinander zu essen und abzuwaschen. Die Kinder genießen den sozialen Aspekt des Essens. Sie ziehen die gemeinsame Mahlzeit dem oftmals leeren Zuhause vor. Manche kommen sogar, obwohl sie eine Jause mithaben.

Helfer_innen gesucht

Derzeit wird das Projekt an vier Schulen in Wien durchgeführt. In den Schulen ist das gemeinsame Essen bereits so beliebt, dass die Lehrer_innen das Projekt nicht mehr alleine durchführen können. Daher werden ehrenamtliche Helfer_innen gesucht, die für die Zeit des Essens kommen, um sie zu unterstützen. Diese finden sich z. B. in Pfarrgemeinden, die das Projekt bereits seit einiger Zeit durch ihr Engagement begleiten. Sie arbeiten wesentlich bei der Akquise von Lebensmitteln und Spendengeldern mit, um das Projekt am Leben zu erhalten. Die Stadtdiakonie Wien dankt den Gemeinden ihr Engagement, indem sie ihnen Know-how und Unterstützung bei gemeindeeigenen Sozialprojek-

ten sowie bei der Betreuung von notleidenden Menschen zusagt. Regelmäßig kommen die Diakoniebeauftragten der Wiener Gemeinden mit Vertretern und Vertreterinnen in die Stadtdiakonie Wien, um Vorträge zu hören, sich auszutauschen und Unterstützung bei den Vorhaben in ihrer Gemeinde zu holen. Viele Schulen haben bereits Interesse angemeldet, bei dem Projekt mitzumachen. „Unser Ziel ist es, gutes Essen für alle Kinder an so vielen Schulen wie möglich umzusetzen“, meint Claudia Röthy, Geschäftsführerin der Stadtdiakonie Wien.

„Armut und soziale Ausgrenzung gen werden oft schamhaft verschwie det. len geb aus ft und von der Gesellscha en geg hin In christlichen Gemeinden wahrwerden die konkreten Probleme deln genommen und es wird zum Han motiviert.“ und Herausforderung, (Diakonie – Standortbestimmung III) Abs. , 2013 ion miss Kom der Fassung

Stadtdiakonie Wien www.diakoniewien.at

Themen

Spe zial

5


Gemeinschaftlich leben im Quartier „Rosa Zukunft“ Das Wohnprojekt „Rosa Zukunft“ baut auf die nachbarschaftliche Hilfe seiner Bewohner_innen.

S

elbstständigkeit im täglichen Leben durch nachbarschaftliche Hilfe, egal ob als junge Familie oder im Alter: Das ist das Anliegen des Wohnprojekts „Rosa Zukunft“, das Ende dieses Jahres in Salzburg fertig gestellt werden soll. Barrierefreie Wohneinheiten, Gemeinschaftsflächen und eine Wohnkoordination, die die Wünsche und Anliegen der Bewohner_innen koordiniert, sollen dies ermöglichen. Der Flächenwidmungsplan für das Wohnprojekt „Rosa Zukunft“ sieht vor, dass die verfügbaren Wohneinheiten nach einem bestimmten Verteilungsschlüssel an Menschen, die älter und jünger als 60 Jahre sind, vergeben werden sollen. Die Wohnkoordination, die vom Diakoniewerk Salzburg bereitgestellt wird, hat ihre Arbeit bereits aufgenommen und Auswahlgespräche mit Interessenten „Wo Menschen aus Mangel an und Interessentinnen geführt. Ressourcen oder Möglichkeiten Wichtig bei der Auswahl ist behindert werden, am Leben in die Bereitschaft, sich als BeFülle teilzuhaben, unterstützen wohner_in im Quartier „Rosa Kirche und Diakonie, diese Zukunft“ zu engagieren – mit Barrieren zu überwinden.“ den eigenen Stärken und Fähigkeiten. und Heraus(Diakonie – Standortbestimmung , 2013 ion miss Möglichkeiten zur Beteiliforderung, Fassung der Kom Abs. VII) gung wird es viele geben: von der nachbarschaftlichen Hilfe über die rege Nutzung der Gemeinschaftsräumlichkeiten bis hin zur Mitarbeit im Bewohner_innenbeirat. Die Wohnkoordination wird im Hintergrund als Drehscheibe agieren und Angebote und Nachfragen einzelner Bewohner_innen zusammenbringen. Babysitten, Hunde-Ausführen, Nachhilfe und Haushaltshilfe können vermittelt werden, wenn Menschen mit Interesse sich melden. Auch professionelle Hilfe wie z. B. mobile Pflege kann organisiert werden. Das Diakonie-Zen6

Themen

Spe zial

Das Team der Wohnkoordination Rosa Zukunft.

trum Salzburg kann hier auf sein gesamtes Angebot zurückgreifen. Die Wohnkoordination wird auch dem Bewohner_innenbeirat helfend zur Seite stehen, die Nutzung der Gemeinschaftsflächen koordinieren und Kontakt zu Angeboten außerhalb des Wohnpro­ jekts herstellen – z. B. zu professionellen Pflegediensten oder den umliegenden Pfarrgemeinden. Das Know-how zur Vernetzung unterschiedlicher Interessengruppen und Personen bringt das Diakonie-Zentrum Salzburg bereits aus der Arbeit in den Stadtteilzentren mit.

Vom Start weg Zusammenleben planen

Die Planung des vielfältigen Zusammenlebens bereits vor der Bauphase ist die Besonderheit des Projekts. Menschen über 60 sollen in der „Rosa Zukunft“ die Möglichkeit haben, in Gemeinschaft alt zu werden, ohne dabei auf ihre eigene Wohnung zu verzichten. Die Wohnungen sind baulich so angelegt, dass auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität selbstständig für sich sorgen können. Darüber hinaus kann die Wohnkoordination bei Bedarf die notwendige Unterstützung gewährleisten. Dies bietet Senioren und Seniorinnen die Möglichkeit, Hilfsangebote nach eigenem Bedarf in Anspruch zu nehmen. Bereits ab Juni wird die Wohnkoordination dann ihr vorläufiges Büro in einem Baucontainer beziehen, um den Kontakt zwischen den Bauträgern und den Interessenten und Interessentinnen zu halten. Auch gilt es dann bereits, erste Hilfestellungen anzubieten, beispielsweise beim Planen der Übersiedlungen.

Diakoniewerk Salzburg www.rosazukunft.at


Gemeindediakonie: Kooperation und Koordination

Teilnehmer_innen des Deutschkurses beim Semester-Abschlussheurigen.

In Niederösterreich entsteht ein Netz aus sozial engagierten Menschen in Zusammenarbeit von diakonischer Arbeit und Kirchengemeinden.

I

n den niederösterreichischen Pfarrgemeinden leisten viele ehrenamtlich vieles. Sie betreuen alte und demenzkranke Menschen, helfen pflegenden Angehörigen, arbeiten als ehrenamtliche Seelsorger_innen im Gefängnis oder halten Sprachkurse für Flüchtlinge und leisten Hilfe für Menschen mit Behinderung. Die Deutschkurse für Asylwerber_innen, denen rechtlich kein Unterricht zusteht, konnten in den Pfarrgemeinden Amstetten, Krems, Gmünd, St. Pölten, Mitterbach sowie St. Aegyd/Traisen jeweils an einem oder bei Bedarf an mehreren Standorten etabliert werden. Besuchsdienste bei Senioren und Seniorinnen, ob zu Hause, in Senioren- oder Pflegeheimen und in Krankenhäusern, funktionieren in jeder Pfarrgemeinde sehr gut. Das Projekt „Pflegende Angehörige“ wird in Form von Gesprächskreisen derzeit in den Gemeinden St. Pölten, Mödling und St. Aegyd/ Traisen angeboten, in Klosterneuburg befindet es sich im Aufbau. Im Bereich der Gefängnisseelsorge arbeiten drei Ehrenamtliche gemeindeübergreifend mit.

Gemeinde die Projekte koordinieren und den Überblick haben, aber auch das Bindeglied zur diözesanen ARGE Diakonie darstellen. Die ARGE Diakonie verbindet die verschiede­ nen Akteurinnen und Akteure aus Kirchenleitung, Gemeinde und Diakonie. Vorbereitet wurden beispielsweise das Diakoniejahr 2013 auf diözesaner Ebene, ein Studientag, der Diakonietag sowie das Handbuch Sozialnetzwerk.

Pfarrgemeinden „Diakonische Einrichtungen und iehung, beim sind Orte, die für Bildung und Erz Behinderung, und Altern, bei Pflegebedürftigkeit Krankheit und in Armut und sozialen Krisen, bei Flucht und bei Sucht, nach Straffälligkeit, auf der tützungsmögKatastrophen Räume und Unters lichkeiten anbieten.“ (Diakonie – Standortbestimmung mission 2013, Abs. VII)

und Herausforderung, Fassung der

Kom-

Diakoniebeauftragte

Die gute Zusammenarbeit funktioniert diözesenweit nur deshalb, weil alle Pfarrgemeinden Diakoniebeauftragte bestellt haben, die in ihrer eigenen

ARGE Diakonie | Gisela Malekpour E-Mail: gisela@malekpour.at

Themen

Spe zial

7


Die Kraft der Zusammenarbeit Die Armutskonferenz ist ein Beispiel für erfolgreiche Netzwerkarbeit und Community Organizing. Armutsbetroffene sprechen für sich selbst.

V

on Beginn an waren Diakonie und Evangelische Akademie führend in der Entwicklung der österreichischen Armutskonferenz engagiert. Das Netzwerk bringt auf Bundesebene wie auch in den Ländern Organisationen, Initiativen, Projekte, Forscher_innen und Armutsbetroffene zusammen.

Kulturpass: „Nicht vom Brot allein“

Die Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“ öffnet die Türen zu Kino, Ausstellungen oder Theater für alle. Mit dem Kulturpass erhalten Menschen in finanzieller Not freien Eintritt in aktuell über 600 kulturellen Einrichtungen österreichweit. Zugute kommt diese Aktion Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, die Sozialhilfe oder Mindestpension beziehen, Menschen mit Notstandshilfe und Flüchtlingen. Die Vergabe des Kulturpasses wird über das Netzwerk der Armutskonferenz, über viele soziale und karitative Hilfsorganisationen und Betreuungsstellen sichergestellt. Warum brauchen Leute, die eh nichts haben, einen Theaterbesuch, Tanz oder Kino? Da geht’s doch

Reger Austausch beim „Parlament der Ausgegrenzten“.

8

Themen

Spe zial

um Wohnung, Job und Einkommen: Das ist auf jeden Fall am wichtigsten, aber bekanntlich lebt der Mensch nicht vom Brot allein (www.hungeraufkunstundkultur.at).

Das Parlament der Ausgegrenzten

„Wir sind keine Bittsteller, wir wollen Respekt!“, so die Teilnehmer_innen des ersten österreichweiten Treffens von Menschen mit Armutserfahrungen, das unter dem Titel „Sichtbar werden“ 2006 in Wien stattfand. Erwerbsarbeitslose, Mitarbeiter_innen von Straßenzeitungen, psychisch Erkrankte, Menschen mit Behinderungen, Alleinerzieher_innen und Migranten bzw. Migrantinnen waren drei Tage zusammengekommen, um gemeinsam über Strategien gegen Armut zu beraten und sowohl ihre Anliegen als auch Lösungsansätze aufzuzeigen und zu diskutieren. „Sichtbar werden sollen unsere Alltagserfahrungen. Sichtbar werden sollen unser Können und unsere Stärken. Sichtbar werden sollen unsere Forderungen und Wünsche zur Verbesserung der Lebenssituation.“ Daraus ist eines der erfolgreichsten Community-Organizing-Projekte für sozial Benachteiligte in Österreich geworden. Neueste Initiative: das Parlament der Ausgegrenzten „Wir machen uns stark“ und ein eigener Medienpreis. Durch die jährliche Vergabe eines „Journalismuspreises von unten“ wird die Perspektive umgedreht: Plötzlich beobachten jene, die sonst immer beobachtet werden.


Armutsbetroffene treten bei der Kundgebung „Sichtbar werden“ auf.

Szenen aus dem Leben

In der Steiermark haben Menschen mit Armutserfahrungen gemeinsam mit Schauspielerinnen und Schauspielern der Theaterwerkstatt InterACT ein Forumtheaterstück zu Armut und Überschuldung erarbeitet. „Kein Kies zum Kurven-Kratzen“, so der Name des Stücks, wurde in den darauffolgenden Monaten in über 30 Orten quer durch die Steiermark und in ganz Österreich aufgeführt. Weit mehr als 1000 Menschen haben sich, angeregt durch die Aufführung, an der Suche nach Lösungen zur Vermeidung und Bekämpfung von Armut beteiligt, die schließlich im Rahmen einer Aufführung im österreichischen Parlament mit verantwortlichen Politikern und Politikerinnen diskutiert wurden. In einem Folgeprojekt entwickelten Jugendliche, die keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz haben und auch nicht (mehr) zur Schule gehen, Szenen aus ihren Erfahrungen zum Stück „Jung, pleite, abgestempelt“. Die Szenen zeigen ihr Leben auf der Straße, in der Familie, am Arbeitsamt, in der Schule und in psychiatrischer Behandlung.

Spenden mit Stimmrecht

Das Wiener Spendenparlament sammelt „Stimmen gegen Armut“ durch „Spenden mit Stimmrecht“. Wer mindestens 75 Euro im Jahr gibt, bestimmt in der gemeinsamen Versammlung im Rathaus mit, wofür die Spenden eingesetzt

werden. Seit der Gründung wurden so 165.000 Euro an über 50 Projekte für Menschen in Not vergeben. Das Wiener Spendenparlament hilft Projekten, Einrichtungen und Initiativen, die einspringen, wo das soziale Netz Lücken hat: Einrichtungen, die helfen, Isolation zu durchbrechen; die Menschen wieder aufrichten; die zur Selbsthilfe anregen; die mit beispielhaften und innovativen Ideen helfen (www.spendenparlament.at).

erer „Diakonie wendet sich in besond die zu, Not von Weise jenen Bereichen rich Ein r vom Netz öffentlicher soziale tungen nicht entsprechend wahrge nommen werden. auch Diakonisches Handeln ist immer zuund Protest, weil es Not lindert ingleich nach Veränderung der Bed en.“ gungen ruft, die die Not verursach und Herausforderung, (Diakonie – Standortbestimmung Abs. IX) Fassung der Kommission 2013,

Die Armutskonferenz www.armutskonferenz.at

Themen

Spe zial

9


Macondo: lebendiger Stadtteil In Wien Simmering entsteht ein Gemeinwesenprojekt für alle. Die Diakonie entwickelt, fördert und unterstützt es.

M

acondo nennen die rund 3000 Bewohner_innen den Stadtteil, der 1956 entstand und weit draußen am äußeren Rand des 11. Bezirkes liegt. Der Stadtteil stellt ein in Österreich einzigartiges Sozialsystem dar. Seit den 1950erJahren wird er von Menschen bewohnt, die als Flüchtlinge nach Österreich kamen – aus Ungarn, der Tschechoslowakei, aus Chile und Vietnam. Sie haben ihrer neuen Heimat hier an diesem Ort, damals noch zwischen Wald und Feldern, den Namen Macondo gegeben – nach der Stadt, die in einem Roman von Gabriel García Márquez Vertriebene im Dschungel gründen. Manche sind bis heute geblieben. Sie sind nun hier die Alteingesessenen. Vieles hat sich seit damals verändert: Die Stadt ist um Macondo herumgewachsen. Zwischen den Wohnhäusern befindn seie n, en sich zahlreiche Klein­ rce sou Res an l „Ein Mange der r ode n gärten, vor allem von rce sou es materielle Res tizi Par r Österreichern und Öster­ Zugang zu Bildung ode der reicher­ innen genutzt. So pationsprozessen, schließt von Ent kt vielfältig wie die Bewohrän sch und Teilhabe aus und che ner_innen sind auch die Kir . ein faltungschancen Mög ige Pro­­ b lemstellungen im Diakonie bieten vielfält Stadt­­teil: Arbeits- und lichkeiten der Teilhabe.“ drohende Obdachlosigund Herausforde(Diakonie – Standortbestimmung keit, Sprachdefizite, Müll, , Abs. VI) rung, Fassung der Kommission 2013 ethnische Konflikte und schlechte Infrastruktur. Was aber ist Macondo? Ein Stadtteil? Eine Insel in der Stadt? Vielleicht sogar ein Ghetto? All dies sind Zuschreibungen von außen … Vor allem ist Macondo ein Ort, ein 10

Themen

Spe zial

Raum, in dem Menschen einen Teil ihres Lebens verbringen, miteinander interagieren, kommunizieren, diesen Raum gestalten, ihn beleben und aus ihm LebensRaum machen.

Jede_r trägt was bei

Mit BASIS Margetin will der Diakonie Flüchtlingsdienst nicht an den Defiziten, sondern an den Ressourcen ausrichten. In einem gemeinwesenorientierten Integrationsbüro sollen Fragen gemeinsam mit den hier lebenden Menschen beantwortet werden: Was will Macondo sein? Was wollen die Bewohner_innen, dass Macondo ist? Wie wollen sie diesen ihren LebensRaum, wie wollen sie ihr Zusammenleben und wie wollen sie über die Grenzen dieses Stadtteils hinaus aktiv und gemeinsam Gesellschaft mitgestalten? Mit BASIS Margetin entsteht eine zentrale Ansprechstelle, bei der die Bewohner_innen Ideen und Bedürfnisse artikulieren können und ihre Vorstellungen, unterstützt und moderiert, gemeinsam entwickeln und umsetzen können. Und all das in enger Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren: von Wohnbauträgern wie GPA und BIG, Institutionen und Behörden wie den Magistraten der Stadt über Pfarrgemeinden und religiöse Vereinigungen, Jugendeinrichtungen, Schulen und Kindergärten bis hin zu Gemeinschaftsgartenprojekten und Vereinen, Communitys und der lokalen Bevölkerung in und um Macondo. BASIS Margetin, Diakonie Flüchtlingsdienst fluechtlingsdienst.diakonie.at


Diakonie – Standortbestimmung und Herausforderung Kommission für Diakonie und soziale Fragen, 4. Juli 2013

I. Kirche ist wesentlich diakonisch Sie hilft, Leben zu bewältigen. Diakonie ist kein zusätzliches Arbeitsfeld der Kirche. Sie ist Bestandteil des Lebens und Wirkens der Gemeinde Christi.

II. Diakonie ist eine Form kirchlicher Gemeinschaft Christen teilen Freude und Leid, Hoffnung und Angst und erfahren Zuspruch und Vergebung; sie nehmen Anteil an Armut und Unterdrückung, an Krankheit und Not und kümmern sich umeinander in allen Lebensbezügen. Von der Verwaltung bis zur Liturgie gibt es keinen Bereich der Kirche, der nicht entscheidend von der diakonischen Dimension mitgeprägt wäre. Die diakoni­ sche Existenz der Kirche ist begründet in der Hingabe Christi. Diakonie geht vom Teilen am Tisch des Herrn aus und führt immer wieder zurück zum Tisch des Herrn.

III. Diakonisches Handeln beginnt mit der Wahrnehmung von Not Wie die erste Gemeinde in Jerusalem die Notlage der griechischen Witwen, Martin Luther die Verarmung durch Geldentwertung, Johannes Calvin das Flüchtlingselend in Genf, die Gräfin de La Tour das Elend der unehelich geborenen Kinder und die Brüder Ernst und Ludwig Schwarz die soziale Ver­ elendung wahrgenommen haben, so müssen auch wir die allgemeine soziale Lage und die spezifischen Nöte bestimmter Gruppen und Menschen genauso konkret entdecken und benennen. Diakonie ergreift die Option für die Armen und die vielfach Verwundeten. Armut und soziale Ausgrenzung werden oft schamhaft verschwiegen und von der Gesellschaft ausgeblendet. In christlichen Gemeinden hingegen werden die konkreten Probleme wahrgenommen und es wird zum Handeln motiviert. Sie sind Orte für Menschen, die unabhängig von ihrer Herkunft und sozialen Situation ihren Glauben leben.

„

6 % der österreichischen Bevölkerung leben in akuter Armut. Von der Armut ihrer Eltern am schlimmsten betroffen sind die rund 142.000 Kinder und Jugendlichen. Der finanziellen Armut folgen belastende Wohn­ bedingungen, gesundheitliche Probleme, chronischer Stress und Einsamkeit.

“

Siehe S. 4

Themen

Spe zial

11


IV. Diakonie übt die Geschwisterlich­keit der Menschen ein

„

Eine Atmosphäre von Gleichheit und Gemeinschaftlichkeit wird etabliert, wenn Menschen miteinander über ihr Potenzial für Kommunikation und Ausdruck durch Bewegung lernen.

“

www.danceability.at Siehe S. 18

Menschen in Not dürfen nicht zu Objekten helfenden Handelns werden; sie sind unsere Brüder und Schwestern, die Jesus seliggesprochen hat (Matth. 5; Mk. 3, 34). „Von entscheidender Bedeutung ist die Intention der Diakonie, mit und nicht für Menschen zu arbeiten, um zu stärken und zu verändern.“ (Er­ klärung der Konferenz Europäischer Kirchen zur Diakonie, Bratislava 1994) In jedem Menschen ist das Ebenbild Gottes zu erkennen. Die Würde jedes Menschen ist die unaufgebbare Grundlage diakonischen Handelns. Diakonie ist der Ernstfall für die Geschwisterlichkeit der Menschen. Pflegende und sorgende Begleitung von Alten, Schwachen und Menschen mit Behinderung ist also nicht nur ein Geben, sondern auch ein Empfangen. Helfen heißt nicht, sich herabzulassen zu einem Bedürftigen, sondern ist nach dem Gleichnis vom Weltgericht (Matth. 25) Christusbegegnung. Sie entscheidet das Christsein.

V. Diakonie als christliches Glau­b­­­ens­­­­zeugnis und ihr protestantisches Profil Die Evangelischen Kirchen wissen sich mit den anderen christlichen Kirchen einig, dass die soziale Verantwortung dem Grund des Glaubens selbst entspringt. „Weil Gott sich in Jesus Christus durch den Heiligen Geist liebevoll der Welt zuwendet, gehört es zum Wesen christlichen Glaubens, der Welt und den Menschen in ihren konkreten Nöten zugewandt zu sein.“ (Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, 2003) Im ökumenischen Geist der versöhnten Verschiedenheit haben die christlichen Kirchen unterschiedliche Schwerpunkte in der Tradition der sozialen Arbeit. Während etwa die römisch-katholische Tradition ihre spezifischen Stärken in der Armutsbekämpfung hatte, betonte die evangelische Diakonie die soziale Verantwortung aus der Freiheit, die uns durch den Glauben geschenkt ist. Dadurch rückt die Entwicklung und Förderung des Einzelnen in den Fokus der Aufmerksamkeit für ein weitgehend selbstständiges Leben – unabhängig von den ihm oder ihr am Anfang des Lebens mitgegebenen Chancen und Möglichkeiten.

„

Bewohnerservice-Stellen sind Gemeinschaftsorte, wo die Türen immer offen stehen, wo man die Menschen kennt und wo man mit seinen Problemen gehört wird – mitten in der Stadt.

“

12

Themen

Spe zial

Siehe S. 15

Die sozialen Traditionen der einzelnen christlichen Kirchen dienen heute nicht mehr der Unterscheidung, sondern werden als gegenseitige Lernfelder begriffen.

VI. Orte der Inklusion: Teilhabe und Ressourcen Ziel diakonischen Handelns ist der Einsatz für ein menschenwürdiges Leben aller. Sie sollen an den Chancen und Möglichkeiten, die unsere Gesellschaft bietet, teilhaben können. Die Teilhabe aller gründet in der Würde des Menschen, die nach christlichem Glauben in der Gottebenbildlichkeit gründet und in der Schöpfung, die allen geborgt und anvertraut ist. Eine gerechte Verteilung der Güter und die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen erlauben es dem Einzelnen, seine Freiheit verantwortlich leben zu können. Ein Mangel an Ressourcen, seien es materielle Ressourcen oder der Zugang zu Bildung oder Partizipationsprozessen, schließt von der Teilhabe aus und schränkt Entfaltungschancen ein. Kirche und Diakonie bieten vielfältige Möglichkeiten der Teilhabe.


Evangelische Pfarrgemeinden tragen die Möglichkeiten zur Inklusion in sich. Pfarrgemeinden sind Orte, die Gemeinschaft möglich machen – über die Vertretung einzelner Interessen hinaus. Im Gottesdienst und in der Gemeinde finden Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft einen gemeinsamen Ort, der auch allen Teilhabe und Mitbestimmungsmöglichkeiten bietet. Dieses Potenzial der Offenheit und Inklusion gilt es zu nutzen und auszubauen. Bauliche, ideologische oder aus der Tradition überkommene Barrieren gilt es abzubauen.

VII. Inklusion als Strukturprinzip evangelischer Praxis Diakonische Einrichtungen und Pfarrgemeinden sind Orte, die für Bildung und Erziehung, beim Altern, bei Pflegebedürftigkeit und Behinderung, in Armut und sozialen Krisen, bei Krankheit und Sucht, nach Straffälligkeit, auf der Flucht und bei Katastrophen Räume und Unterstützungsmöglichkeiten anbieten. Menschen in jeder Lebensphase werden eingeladen, befähigt und ermächtigt, ihr Leben selbst zu verantworten und für sich selbst zu sprechen. Wo Menschen aus Mangel an Ressourcen oder Möglichkeiten behindert werden, am Leben in Fülle teilzuhaben, unterstützen Kirche und Diakonie, diese Barrieren zu überwinden. Innerhalb kirchlicher Gemeinden und Einrichtungen wird darauf geachtet, Teilhabe und Inklusion zum Strukturprinzip kirchlicher Praxis werden zu lassen.

„

Was wollen die Bewohner_innen, dass Macondo ist? Wie wollen sie diesen ihren LebensRaum, wie wollen sie ihr Zusammenleben und wie wollen sie über die Grenzen dieses Stadtteils hinaus aktiv und gemeinsam Gesellschaft mitgestalten?

“

Siehe S. 10

Dabei geht es nicht darum, dass christliche Gemeinschaft sich als Sammlung der Starken begreift, die Schwache zu integrieren habe, vielmehr sind alle Eingeladenen Jesu Christi, der alle zu sich ruft: „Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben.“ (Matth.11, 28 nach ELB 2008) Christinnen und Christen sind mit all ihren Stärken und Schwächen gerufen. Kirche als inklusive Gemeinschaft lebt aus Christus und den Stärken und Ressourcen, die den Schwachen geschenkt sind. (2. Kor. 12, 9)

VIII. Diakonie ist organisierte Nächstenliebe Neben dem spontanen helfenden Handeln Einzelner ist jede Form diakoni­ scher Tätigkeit organisiert. Sie bedarf mitgebrachter und erworbener Kompetenzen. Sowohl in der hauptamtlichen wie ehrenamtlichen diakonischen Arbeit besteht Bedarf nach qualitätsvoller Aus- und Fortbildung. Sie ist nach Maßgabe der Möglichkeiten von den einzelnen Einrichtungen anzubieten. Bei alldem ist besonders auf die Qualität menschlicher Zuwendung sowie auf die personellen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen zu achten. An Bedeutung können gemeinschaftlich organisierte nahe Formen des Helfens gewinnen, die haupt- und ehrenamtlich getragen werden.

„

Im Gespräch mit Gemeinden wird die diakonische Dimension von Gemeinde im Horizont konkreten Handelns deutlich gemacht.

“

Siehe S. 16

IX. Hilfe unter Protest: Gerechtigkeit und sozialer Ausgleich Diakonie wendet sich in besonderer Weise jenen Bereichen von Not zu, die vom Netz öffentlicher sozialer Einrichtungen nicht entsprechend wahrgenommen werden.

Themen

Spe zial

13


„

Diakonisches Handeln ist immer auch Protest, weil es Not lindert und zugleich nach Veränderung der Bedingungen ruft, die die Not verursachen.

Warum brauchen Leute, die eh nichts haben, einen Theaterbesuch, Tanz oder Kino? Da geht’s doch um Wohnung, Job und Einkommen: Das ist auf jeden Fall am wichtigsten, aber bekanntlich lebt der Mensch nicht vom Brot allein.

“

Siehe S. 8

Wir halten fest, dass die soziale Aufgabe grundsätzlich Bestandteil der res publica, unserer gemeinsamen gesellschaftlichen Sache ist. Die Wahrnehmung diakonischer Aufgaben ist heute weitgehend nur in enger Kooperation mit der öffentlichen Hand möglich. Diakonie mischt sich ein, um Fehlentwicklungen zu korrigieren, und arbeitet aktiv an der Verbesserung des Sozialstaates mit. Gerade darum beobachten wir mit Sorge die Entwicklungen der Kommerzialisierung der sozialen Dienstleistungen sowie den schleichenden Abbau des Sozialstaates. Es fehlt nicht an Gütern und Vermögen, um Armut und Ausgrenzung wirksam bekämpfen zu können, sondern sie sind ungleich verteilt. Die Kommerzialisierung sozialer Dienstleistungen schließt gerade die aus, die der Hilfe am dringendsten bedürfen. Die ungerechte Vermögensverteilung führt zu einer Spaltung der Gesellschaft, die neben sozialen Spannungen auch die Gefahr der Destabilisierung einer demokratisch organisierten Gesellschaft in sich trägt. Ziel diakonischen Handelns ist eine inklusive und gerechte Gesellschaft. Dazu muss die Kirche Verbündete suchen. Sie wird Lösungen nicht alleine verwirklichen können. Ihr Auftrag, für Gerechtigkeit und Inklusion einzutreten, bleibt unaufgebbar.

„

Mitmenschlichkeit ungeachtet des Herkommens soll für uns kein Lippenbekenntnis sein und sich nicht in frommen Sprüchen – sondern in Taten! – zu erkennen geben.

“

ó Teilnehmer bei Elong 20 S. he Sie

X. Diakonie in der „Einen Welt“ Evangelische Christinnen und Christen verstehen sich als Teil einer weltweiten Gemeinschaft. Diakonie und soziale Verantwortung können deshalb nie losgelöst von der Verantwortung für die „Eine Welt“ gesehen werden, in der wir unseren Glauben leben. Ungeteilte Aufmerksamkeit gilt sowohl den Menschen, die ihr Heil nur mehr in der Flucht aus ihren Heimatländern erkennen können, als auch denen, die in den Ländern des Südens unserer partnerschaftlichen Unterstützung bedürfen. Diese Verantwortung stellt ebenso unseren Umgang mit Gütern in Frage. Ziel diakonischer Arbeit mit Flüchtlingen oder in der Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe ist es, den Menschen materielle Teilhabe und selbstbestimmte Partizipation an den gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen. Sofern Christinnen und Christen in unseren Gemeinden und in unserer Kirche Heimat suchen und finden, werden sich unsere Strukturen veränderungsbereit zeigen müssen.

XI. Diakonie ist missionarische Kirche Indem die Kirche in ihrem diakonischen Handeln dem Menschen treu bleibt, macht sie das Evangelium von Gottes Menschenliebe glaubwürdig. Insofern ist diakonische Kirche immer auch missionarische Kirche. (Erklärung der Generalsynode 2009: Die Evangelischen Kirchen in Österreich als missionarische Kirchen, Pt 6.1.)

14

Themen

Spe zial


Das Dorf in der Stadt – Bewohnerservice-Stellen in Salzburg Wenn Kompromisse notwendig werden: Vermittlung und Anlaufstelle bei kleinen und großen Sorgen in Salzburg.

D

ie Bewohnerservice-Stellen sind Gemeinschaftsorte, wo die Türen immer offen stehen, wo man die Menschen kennt und wo man mit seinen Problemen gehört wird – mitten in der Stadt. Drei der insgesamt fünf Bewohnerservice-Stellen in der Stadt Salzburg betreut das Diakoniewerk Salzburg. Neun Mitarbeiter_innen leisten seit über zehn Jahren professionelle Gemeinwesenarbeit. Die Bewohnerservice-Stellen bieten die Möglichkeit, sich bei der Gestaltung ihres Stadtteils zu engagieren, Bekannte zu treffen, Hilfe zu bekommen und Neues zu lernen. Zugleich bieten sie Personen, die Deutschkurse, Sportaktivitäten etc. veranstalten wollen, Räumlichkeiten und Infrastruktur; oder z. B. einen unentgeltlichen Besuchsdienst. Die Arbeit der Bewohnerservice-Stellen basiert auf drei Säulen:

Raum für Gespräch

Bewohner_innen der Umgebung finden beim Bewohnerservice die Möglichkeit, ihre Anliegen zu schildern und sich Hilfe zu holen. Unbürokratische Hilfe ist ein großes Anliegen. Dieses Angebot nützen z. B. alte Menschen, die mit der Bewältigung des Alltags nicht mehr zurechtkommen.

Raum für Initiative

Durch die vielen direkten Gespräche sind die Servicestellen auch „Seismografen“ für soziale Themen in der Stadt. Die Mitarbeiter_innen wissen, was die Menschen beschäftigt. Daher wurde das Bewohnerservice Gnigl & Schallmoos vom Stadtplanungsamt eingeladen, sich bei der Neugestaltung von Flächen in Bahnhofsnähe zu beteiligen und dadurch den unterschiedlichen Anliegen der Bewohner_innen Gehör zu verschaffen.

Die enge Zusammenarbeit mit anderen Vereinen, Netzwerken, Pfarrgemeinden und der Stadt Salzburg macht die Bewohnerservice-Stellen auch zu einer wichtigen Drehscheibe. In den regelmäßig erscheinenden Zeitungen wird über die Angebote, die im Stadtteil vorhanden sind, berichtet.

Raum für Begegnung

Mit Gemeinschaftsfrühstück, Schreibwerkstätten, Sprachkursen, Sportveranstaltungen u. v. m. finden sich Angebote für jede und jeden. Die Angebote richten sich nach den Bedürfnissen ihrer Besucher_innen. Das Bewohnerservice Aigen & Parsch wird z. B. von Müttern und Kindern mit Migrationshintergrund besucht. Für viele der Mütter ist es schwierig, ihren Kindern beim Lernen für die Schule zu helfen. Das Projekt „Lernbrücke – Netze im Stadtteil“ hilft ihnen dabei. So können sich Kinder etwa vor Schularbeiten nach Anmeldung Hilfe für die Schulaufgaben holen.

„Ziel diakonischen Handelns ist der es Einsatz für ein menschenwürdig ncen Cha den an Leben aller. Sie sollen ellGes ere und Möglichkeiten, die uns schaft bietet, teilhaben können.“ und Herausforderung, (Diakonie – Standortbestimmung Abs. VI) Fassung der Kommission 2013,

Diakoniewerk Salzburg www.diakoniewerk-salzburg.at

Themen

Spe zial

15


Servus Nachbar! Gemeindediakonie in Oberösterreich. Aus einem Gespräch mit Georg Wagner, dem Leiter der Stadtdiakonie Linz.

D

ie Stadtdiakonie Linz arbeitet seit Herbst im Auftrag der Evangelischen Kirche Oberösterreich als Begleiterin der Gemeindediakonie. Im Gespräch mit Gemeinden wird die diakonische Dimension von Gemeinde im Horizont konkreten Handelns deutlich gemacht. Die Bandbreite der Aktivitäten in diesem Projekt ist sehr groß: einen Gedankenaustausch unter Pfarrerinnen und Pfarrern zum Thema Diakonie moderieren, Gemeindeveranstaltungen zu Fragen der Diakonie organisieren, ein Projektteam für ein neues diakonisches Angebot in der Gemeinde be-

Die Zeittauschbörse ermöglichte ein Netz von Hilfe ohne Geld.

16

Themen

Spe zial

raten und begleiten, einen angestellten Mitarbeiter einer Pfarrgemeinde bei der Entwicklung seiner diakonischen Arbeit unterstützen. Es hat sich klar gezeigt, dass mit diesem Projekt bestehende diakonische Arbeit in den Gemeinden gestärkt, aber auch Neues entwickelt und vertieft werden kann. Besonders ermutigend ist, dass in vielen Pfarrgemeinden diakonische Fragestellungen sehr lebendig sind und dass es in sehr vielen Fällen zuerst einmal darum geht, sich bewusst zu machen, was alles an diakonischem Handeln in einer Pfarrgemeinde bereits verankert ist, aber noch nicht so klar gesehen und von anderen Zielen überlagert wird. Bei vielen Anfragen von Gemeinden geht es um die „Diakonie an der Pfarrhaustür“. Inputs seitens der Stadtdiakonie sind: 1. Informationen über das soziale Hilfenetz in der Region. 2. Tipps, wie das soziale Hilfenetz vor Ort kennengelernt werden kann, das im Gemeinwesen vorhanden ist. Mit Menschen, die das soziale Netz vor Ort knüpfen, Absprachen treffen, was als eigener Beitrag sinnvoll sein könnte. 3. Vereinbarungen der Beteiligten (von Sekretär_in und Mitarbeiter_in bis Pfarrer_in), wie in verschiedenen Situationen gehandelt wird …


„Radl“ – die Zeittauschbörse

Nachbarschaftshilfe

In Vöcklabruck gab es die ganz konkrete Anfrage, ein eigenes gemeindediakonisches Handlungsfeld aufzubauen. Hier ging es um die Begleitung und Organisation der Projektentwicklung bis hin zum fertigen Projekt „Servus Nachbar – die evangelische Nachbarschaftshilfe“. Es wurden zwölf ehrenamtliche Mitarbeiter_innen gefunden, die Hilfe beim Abholen von Rezepten und kleinere Fahrdienste anbieten oder auch Demenzerkrankten vorlesen. Dieses Projekt wurde von den Anfängen bis heute „nachgehend“ begleitet.

Trauerarbeit und Sozialberatung

In Marchtrenk war bereits eine Person angestellt. Erste Konzepte sowie Anfragen der Stadtgemeinde waren schon vorhanden. Hier war es die Aufgabe der Stadtdiakonie Linz, fachlicher Ansprechpartner in der Konzeptentwicklung und -umsetzung zu sein. Entstanden ist eine mode­ rierte Trauergruppe, die in Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde (auch von ihr finanziell gefördert) geführt wird. Weiters gibt es ein begleitetes Team von Ehrenamtlichen, die kleinere Hilfen im Haushalt anbieten. Der Mitarbeiter ist – aufgrund seiner Profession (Pro-mente-Wohnbegleitung im Rahmen psychosozialer Nachsorge) – in der Pfarrgemeinde auch für die Sozialberatung eingesetzt. Außerdem wurde von einem ehrenamtlichen Team die Betreuung der Kantine in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses übernommen.

„Radl“ war eine Zeittauschbörse – manchmal wurde sie auch „Talentetauschbörse“ genannt. Unsere Währung waren „Meter“. Im „Radl“ wurden Dienstleistungen von Rasenmähen, Computersupport über Kinderbetreuung bis hin zu Marmeladeeinkochen, Kuchenbacken oder Catering „gehandelt“, nur eben ohne Geld. Die Stadtdiakonie erledigte für diesen Kreis, der sich vor allem aus Personen aus verschiedenen evangelischen Pfarrgemeinden in Linz zusammensetzte, die Administration, d. h. die Buchhaltung der „Meter“ und der Mitgliederkonten. Sie übernahm weiters die Organisation und Moderation der regelmäßigen Treffen. In den Anfangsjahren ergänzte sich die Gruppe der Mitglieder sehr gut: Ältere, die Hilfe im Haushalt oder beim Computer brauchten, und Junge, die Kinderbetreuung benötigten. Aus diesem Bedarf sind die Jungen in der Zwischenzeit jedoch herausgewachsen. Auch durch Abwanderung gab es Veränderungen, sprich: Verkleinerungen, in der Gruppe. Aus diesem Grund wurde nach einer finalen Durststrecke die Gruppe geschlossen, weil es in Linz auch andere Angebote an Tauschbörsen gibt. Für viele Teilnehmer_innen war in unserem „Radl“ aber die persönliche Bekanntschaft der Trumpf. Die beschränkte Mitgliederzahl – ursprünglich ein Vorteil – erwies sich später als Nachteil. Dass Projekte enden, ist aber eigentlich ein Merkmal jeder Arbeit, die sich an den Bedürfnissen des Gemeinwesens orientiert. Hier können Themen bzw. Aufgabenfelder auch einmal zehn Jahre Anziehungskraft haben, dann aber an Aktualität verlieren, sodass es keinen Bedarf mehr an der Gruppe oder dem Projekt gibt.

. „Kirche ist wesentlich diakonisch . gen älti Sie hilft, Leben zu bew Diakonie ist kein zusätzliches Arbeitsfeld der Kirche.“ und Herausforde(Diakonie – Standortbestimmung , Abs. I) 2013 ion miss Kom der ung Fass rung,

Stadtdiakonie Linz stadtdiakonie-linz.diakonie.at

Themen

Spe zial

17


Ein Haus für viele im Herzen Wiens Das Albert Schweitzer Haus bietet Platz für unterschiedliche Menschen und Ansprüche. An diesem Anliegen orientiert sich das Haus bereits seit vielen Jahrzehnten.

D

Das Albert Schweitzer Haus in der Schwarzspanierstraße.

18

Themen

Spe zial

as Albert Schweitzer Haus ist ein altes Haus mit Geschichte. Das ursprüngliche Gebäude wurde bereits 1633 als Klosterkirche der Benediktiner von Montserrat des Schwarzspanierordens erbaut. Seit dieser Zeit hat das Haus viele Wandlungen durchgemacht – Wandlungen architektonischer Art, aber auch Veränderungen seiner Nutzung. Nachdem das Gebäude einige Male völlig zerstört worden war und wieder aufgebaut hatte werden müssen, trug man 1964 das gesamte Kirchenschiff ab und errichtete hinter der barocken Fassade ein Gebäude, das bis heute als modernes Studierendenheim, Veranstaltungsort und Bürogebäude dient. 1966 beherbergte das Haus erstmals Studie­rende und sorgte damit für Aufruhr: Im damals ersten Wiener Studierendenheim wohnten Männer UND Frauen mit verschiedenen Konfessionen unter einem Dach.


Gleichheit, Respekt und die individuelle Ausdrucksform stehen im Mittelpunkt der DanceAbility-Tanz-Workshops.

anderen Seminarräumen im Haus finden wissenschaftliche Tagungen, Betriebsklausuren verschiedener Firmen, Diskussionsveranstaltungen von NGOs und vieles mehr statt Auch für kulturelle Veranstaltungen gibt es Platz: In der Café-Lounge wird regelmäßig Tango getanzt und Künstler_innen können ihre Werke ausstellen. Das Albert Schweitzer Haus ist außerdem Partner des Vereins DanceAbility, der hier einmal im Monat Dance-Battles veranstaltet.

DanceAbility

Wohnen, arbeiten und tanzen

Heute ist das Haus Heimat von Studierenden aus über 30 Nationen. Das Haus bietet barrierefreien Zugang und barrierefreie Wohneinheiten, die an Menschen mit Behinderung vergeben werden. Die Studierenden teilen geräumige Wohnküchen, Sport- und Übungsräume sowie eine große Terrasse über den Dächern Wiens. Sie vertreten ihre Anliegen im Haus durch die sogenannte „Heimvertretung“. Kurzfristig stellt das Albert Schweitzer Haus auch Zimmer für Asylwerber_innen zur Verfügung. Nachbarn dieser Bewohner_innen sind unterschiedliche Organisationen, die im Haus untergebracht sind: B die Diakonie Österreich B die Evangelische Akademie B Life Tool Wien (Beratungsstelle für computer­ unterstützte Kommunikation) B die Geschäftsstelle des Diakoniewerks Gallneukirchen, Region Wien B die Evangelische Hochschulgemeinde Im Erdgeschoß befindet sich Albert’s CaféLounge, ein Restaurant, das zu einem Veranstaltungsort umfunktioniert werden kann, während der Restaurantbetrieb weiterläuft. Hier und in den

DanceAbility ist ein Verein, der Kurse und TanzWorkshops anbietet. Zugleich ist DanceAbility eine besondere Art zu tanzen, ein Interpretationstanz. Der Tanz ist offen für Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Tänzer_innen und Nicht-Tänzer_innen, Menschen mit und ohne Behinderung u. v. m. Gleichheit, Respekt und die eigene Art, sich zu bewegen, stehen im Mittelpunkt von DanceAbility. Dem soll in geschütztem Rahmen Ausdruck verliehen werden.

e inklusive „Ziel diakonischen Handelns ist ein muss die und gerechte Gesellschaft. Dazu Kirche Verbündete suchen.“ und Herausforderung, (Diakonie – Standortbestimmung Kommission 2013, Abs. IX)

Fassung der

Albert Schweitzer Haus | DanceAbility Träger des Hauses: Diakoniewerk und Evangelischer Verein für Studentenheime Wien www.albert-schweitzer-haus.at www.danceability.at www.diakoniewerk.at

Themen

Spe zial

19


Gemeinwesenorientierte Integration

Beim Buddy-Programm von Elongó entstehen Freundschaften.

D

as Projekt Elongó vom Diakonie Flüchtlings­ dienst bietet Familien bzw. Personen mit Fluchthintergrund die Möglichkeit, Kontakte und Anschluss zu Menschen aus unserer Gesellschaft zu finden. Damit soll ihnen der Start in ihre neue Zukunft erleichtert werden. Zugleich bietet es Österreichern und Österreicherinnen die Möglichkeit, mehr über Menschen mit Fluchthintergrund zu erfahren – und damit eine Grundlage für gegenseitiges Verständnis zu bereiten.

Freiwillige Integrationsbuddys

Wie kann man Menschen am besten dabei unterstützen, sich in einem neuen Land zurechtzufinden? Man hilft ihnen, die neuen Herausforderungen zwischen Bürokratie und Freizeitangeboten selbst zu meistern. Den Familien bzw. Personen, die am Programm teilnehmen, werden Buddys zur Seite gestellt, die sie mit der österreichischen Gesellschaft vertraut machen, die für sie Ansprechpersonen bei Alltagsfragen sind, mit ihnen Deutsch üben oder sich Zeit für gemeinsame Freizeitaktivitäten nehmen. mit Ein weiteres Angebot eit Arb er „Ziel diakonisch kwic der Diakonie ist das FrauEnt der Flüchtlingen oder in asKat encafé, in dessen Rahmen lungszusammenarbeit und en Frauen mit Fluchthinter­ trophenhilfe ist es, den Mensch stgrund und ihre weiblichen selb und e hab materielle Teil den an Buddys an Veranstaltunion bestimmte Partizipat zu sen gen teilnehmen können, gesellschaftlichen Prozes Informationen zu bestimm­ ermöglichen.“ ten Themen erhalten und und Herausforde(Diakonie – Standortbestimmung sich austauschen können. , Abs. X) rung, Fassung der Kommission 2013 Auch die Buddys erhalten gezielte Unterstützung von 20

Themen

Spe zial

Der Diakonie Flüchtlingsdienst in St. Pölten bringt Menschen mit Fluchthintergrund und Menschen aus Österreich miteinander ins Gespräch. Elongó: Sie haben die Möglichkeit, an Schulungen zu Themen wie Asyl und Trauma teilzunehmen, um mit den Anliegen der Flüchtlinge besser umgehen zu können.

Flüchtlinge als Role Models

Elongó unterstützt Flüchtlinge, ihre Vorhaben aktiv in die Tat umzusetzen. So wurde in der Vergangenheit z. B. bei der Gründung eines Kulturvereins oder bei der Organisation eines persischen Neujahrsfestes mit über 100 Gästen beraten. Auch werden Menschen mit Fluchthintergrund als Referenten und Referentinnen bzw. Experten und Expertinnen bei Schulungen und Veranstaltungen eingesetzt. Flüchtlingen soll durch Vorbilder Mut gemacht werden, ihre Vorhaben selbst durchzuführen. Angehende Polizisten und Polizistinnen, Sozial­ arbeiter_innen sowie Schüler_innen von Hauptschulen haben vom Bildungsangebot von Elongó profitiert: Schulungen zum Thema Asyl bzw. zur Lebenssituation von Flüchtlingen sollen die Zusammenarbeit mit Menschen mit Fluchthintergrund erleichtern.

Party together

Mit Veranstaltungen und Festen möchte Elongó einen zwanglosen Rahmen bieten, in dem Menschen mit und ohne Fluchthintergrund einander begegnen. Bei einem Integrationsfußballturnier spielten etwa Menschen aus Flüchtlingspensionen, der Polizei, von Radio NÖ, vom lokalen Fußballverein Sturm 19 und viele andere miteinander. Elongó, Diakonie Flüchtlingsdienst fluechtlingsdienst.diakonie.at


Gemeinsam wohnen und leben Wohnplatz gegen Hilfe im Alltag: Das ist das Konzept des Projekts „Wohnen für Hilfe“, das besondere Wohngemeinschaften zusammenbringt und begleitet.

F

rau U. ist pensionierte Ärztin und lebt seit einigen Jahren alleine in ihrem großen Haus in Innsbruck. Die täglichen Arbeiten wie Putzen, Gartenarbeit und Einkaufen fallen ihr nicht mehr so leicht. Yildiz studiert Pädagogik und ist auf der Suche nach einem leistbaren Zimmer – in Innsbruck keine leichte Aufgabe. Yildiz hätte auch nichts dagegen, ihren Wohnraum mit jemandem zu teilen. Beide haben also etwas, das sie zur Verfügung stellen können: Frau U. den Wohnraum und Geschichten aus ihrem Leben, Yildiz ihre Hilfe bei anfallenden Arbeiten und ihre Gesellschaft. Dieser Ausgangspunkt ist der Grundgedanke von Renate Gabriel, Leiterin des Diakonischen Vereins Tirol. Sie vermittelt „Wohnen für Hilfe“: Wer Wohnraum zu bieten hat und Hilfe braucht, lässt jemanden bei sich wohnen, der/die diese Hilfe bieten kann und Wohnraum benötigt. „Jeder Mensch hat etwas zu geben und kann damit vielleicht den Bedarf von jemandem anderen decken“, so Gabriel. „Wir dürfen an Menschen nicht nur ihre Defizite sehen, sondern müssen ihre Ressourcen erkennen. Wenn zwei Menschen sich gegenseitig etwas zu geben haben, können sie mit Respekt zusammenleben. Das ist dann wirkliche Solidarität.“

Eine Frage der Vereinbarung

„Wohnen für Hilfe“ ist eine Idee, die in verschiede­ nen Ländern angeboten wird. In Tirol ist die Diakonie die einzige Vermittlerin dieser Wohngemeinschaften. Renate Gabriel bringt Interessierte zusammen und unterstützt sie dabei, gemeinsam die Rahmenbedingungen abzuklären. Als Faustregel gilt: Pro m2 Wohnfläche soll eine Arbeits-

stunde im Monat geleistet werden. Will der/die Mieter_in weniger arbeiten oder gibt es weniger zu tun, ist auch eine reduzierte Miete gegen Mitarbeit nach Bedarf möglich. „Grundsätzlich müssen beide das Gefühl haben, dass sie einen Gegenwert für das erhalten, was sie geben“, erklärt Gabriel. Sie steht auch bereits bestehenden Wohngemeinschaften beratend zur Seite.

Familienmitglied auf Zeit

Das Interesse an „Wohnen für Hilfe“ ist besonders unter jungen Menschen sehr hoch. Renate Gabriel vernetzt das Angebot regelmäßig mit dem Studierendenwohnheim der , Diakonie in Innsbruck. „Christen teilen Freude und Leid n Wohn­raumanbieter_innen hre erfa Hoffnung und Angst und hingegen sind eher zuZuspruch und Vergebung; sie neh rückhaltend. Um sie wirbt men Anteil an Armut und UnterRenate Gabriel in Pfarrgedrückung, an Krankheit und Not meinden und in Zeitunund kümmern sich umeinander in gen. „Viele sind missallen Lebensbezügen.“ trauisch und wollen nicht und Herausfordejemanden Fremden zu (Diakonie – Standortbestimmung , Abs. II) rung, Fassung der Kommission 2013 sich nehmen. Ich versuche durch persönlichen Kontakt, dieser Skepsis entgegenzuwirken und zu zeigen, dass es nicht darum geht, eine unpersönliche Abmachung zu treffen. Denn eigentlich ist es so, als würde man ein Familienmitglied auf Zeit zu sich nehmen.“ Wohnen für Hilfe, Diakonischer Verein Tirol www.diakonie-tirol.at

Themen

Spe zial

21


Das Jahr der Diakonie 2013 – eine Zwischenbilanz Seit der ersten Planungssitzung für das Jahr der Diakonie 2013 vor über einem Jahr hat sich viel getan. Zeit für ein Zwischenresümee.

D

er 5. Juli 2011 bedeutete für eine kleine Gruppe den Startschuss für das „Jahr der Diakonie“ 2013 in den evangelischen Kirchen. Michael Chalupka von der „Diakonie Österreich“, Hansjörg Lein und Erna Moder vom „Ausschuss für Diakonie und soziale Fragen“ der Generalsynode und Karl Schiefermair von der Kirchenleitung legten die ersten Themen und Absichten dieses Jahres fest: B ein Sonntagstermin, an dem österreichweit die Gottesdienste ein Thema haben B Gemeindefeste zusammen mit sozialen Einrichtungen B Einrichtung von Gemeinde- und Diözesan-Diakoniebeauftragten B Überarbeitung des sog. „Diakoniepapiers“ der Generalsynode von 1997 B eine Mappe mit „Best practice“-Beispielen von diakonischer Arbeit in Pfarrgemeinden B Schärfung des „Community-Aspekts“ und B ein lustvoller, unverkrampfter Zugang zu den Themen dieses Jahres! Seit dieser ersten Planungssitzung hat sich manches verändert, vieles ist dazugekommen, aber dieser zunächst geplanten Linie ist man doch treu geblieben. Nach einem halben Jahr dieser Schwerpunktsetzung kann man ein kleines Resümee ziehen. Mein Eindruck ist: Das Thema ist in den Pfarrgemeinden gut gelandet. Es ist ja auch kein „fremdes“ Thema, sondern eines, das aus dem Inneren des Glaubens kommt. Ein Blick in die Gemeindezeitungen beweist, dass das Thema zwar unterschiedlich, aber fast überall aufgegriffen wurde. Eine interessante Frage ist, wie sich die einzelnen Gruppen in einer Pfarrgemeinde dem Thema nähern. Ist der „Diakoniekreis“ wieder der Einzige, der sich dem Schwerpunkt widmet? Tragen alle Gruppen etwas bei, z. B. auch die Jugend- und Kindergottesdienst-Arbeit? Werden die Projekte, die etwa in Marchtrenk, Innsbruck, Wien-Donaustadt, St. Aegyd an der Traisen und anderswo gestartet worden sind, nachhaltig sein? Wird die Zusammenarbeit mit den Trägern professioneller diakonischer Arbeit gesucht und/oder ausgebaut?

22

Themen

Spe zial

Eine wichtige Funktion in diesem Jahr hatte nach meiner Beobachtung der österreichweite Themengottesdienst am 14. April, der auch flächendeckend gefeiert wurde – mit großartigen Ideen der Gestaltung dieses Tages sowie der Zeit davor und danach (siehe diakonie2013.at/aktivitaeten/diakoniesonntag): Benefizsuppenessen, Legostadtbau für jede und für jeden, Generationenfest, KonfiGottesdienst zu Matth. 25, Asylwerber_innendiskussionen, Austeilen von Grundversorgungspaketen ... Schon allein diese kleine Aufzählung beweist, wie ideenreich und vielfältig die diakonische Arbeit der Pfarrgemeinden schon jetzt ist. Als genauso wichtig hat sich die Homepage www.diakonie2013.at erwiesen. Sie informiert über die Aktivitäten dieses Jahres und erfreut sich unerwartet hoher Zugriffszahlen. Die „besten Beispiele“ diakonischer Arbeit werden auf dieser wie auch auf der Homepage der Diakonie Österreich vorgestellt. Gesamtkirchliche Impulse setzten zusätzlich bis in den Sommer hinein die Auseinandersetzungen auf der Generalsynode über die von der „Kommission für Diakonie und soziale Fragen“ vorgelegten Grundsatzerklärung, die zunächst mit einer Vertagung der Entscheidung darüber endete. Damit ist die inhaltliche Diskussion erst eröffnet worden. Sie wird sich fortsetzen (vgl. den Beitrag auf S. 2). Einen weiteren kräftigen Impuls setzte die gesamtösterreichische Pfarrer_innenkonferenz in Mürzzuschlag (Bericht auf: http://diakonie2013.at/das-war-die-pfarrerinnentagung-2013/). Die Teilnehmer_innen wurden sich wohl zumindest der Vernetzungsnotwendigkeit und -problematik bewusst. Hier liegt für die soziale Arbeit der Pfarrgemeinden das stärkste Potenzial. Was kann ein „Schwerpunktthema“ auf dem Weg zum Reformationsjubiläum in der Kirche zusätzlich erreichen? Das nach langen Diskussionen gefundene Motto des Schwerpunktjahres, „... dass es zu einem Ausgleich komme (2. Kor. 8,13b): zugewandt – solidarisch – vernetzt“, bringt zum Ausdruck, worum es geht: dass sich im Gemeinwesen die Pfarrgemeinde als solide bei der Bewältigung der Aufgaben erweist, die der Nah-


raum uns als Einzelnen und als Gemeinschaft stellt. Auch dieses Motto hat sich als impulsgebend herausgestellt, zuletzt predigte dazu Bischof Bünker beim 25. Jahresfest des „Häferl“ in Wien-Gumpendorf (diakonie2013.at/shaeferl-ist-25).

Was braucht es noch?

Über die Nachhaltigkeit von „Schwerpunktjahren“ kann man sich zu Recht Gedanken machen. Damit das Thema „Diakonie“ nicht nur einmal im Jahr für einen Gottesdienst, einmal für einen Bericht in der Gemeindezeitung, für eine Pfarrer_innenkonferenz, einen Reformationsempfang aufgegriffen wird, bedarf es sicherer Strukturen, die gewährleisten, dass nachhaltig auf allen Ebenen der Kirche „diakonisch“ gedacht und gearbeitet wird. Zwei Formen sind es vor allem, die Halt und Struktur nach innen geben sollen: Die „Diakoniebeauftragten“ in Gemeinden und Diözesen sollen Anlauf-, Informations- und Koordinierungsstelle für alle diakonischen Aktivitäten sein. Sie unterstützen die freiwilligen Mitarbeiter_innen, sorgen ggf. für Fortbildungen und halten insgesamt die Motivation für soziales Engagement hoch! Der „Diakoniepreis“ unserer Kirche, der jedes Jahr ausgeschrieben wird, will die Kreativität und den Mut stärken, soziale Probleme mit innovativen Konzepten zu bearbeiten. Die Projekte sollen in die Sozialstrukturen vor Ort eingebettet sein und mit kirchlichen und öffentlichen Partnern gestaltet werden. Darüber hinaus sollte die Zusammenarbeit aller evangelischen Kirchen – wie in diesem Jahr vorbildhaft geschehen – in diesen Fragen unbedingt fortgesetzt und die Kooperationen mit den professionellen diakonischen Einrichtungen verstärkt werden. Der Weg zu einer „diakonischen Kultur“ in unserer evangelischen Kirche ist vorgezeichnet; es gilt, ihn auch zu beschreiten – unverkrampft, solidarisch, vernetzt und jenen zugewandt, die „auf dem Weg liegen“ (Luk. 10, 29ff).

OKR Prof. Mag. Karl Schiefermair, in der Kirchenleitung u. a. zuständig für alle Bildungsbereiche, Religionsunterricht, Diakonie und Seelsorge

Themen

Spe zial

23


In der Nächsten Nähe

ewandt – solid zug ar

is c

Ic h g l a u b e , chaft s in e m e G ie d an der Heiligen, Jahr egal woher 2013 sie kommen..at konie

www.dia

h

er n –v

e tzt

zu einem „...dass es mme“ Ausgleich ko(2. Kor. 8)

e Evangelisch Kirche


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
In der Nächsten Nähe (Diakonie Themen Spezial 2013) by Diakonie Österreich - Issuu