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Mehr Wert! Was allen zugutekommt (Diakonie Themen 01/2014)

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Diakonische Information Nr. 173-3/14

Themen

Mehr Wert! Was allen zugutekommt.

WORD Interview

Wordrap mit

Seite 10

Seite 14

Michaela Neumayr

Christoph & Lollo

RAP

Arbeitsvermittlung

Richard David Precht

Seite 20

Seite 22

Glรถcklturm in Lienz

Die Osterinsel


EDITORIAL

Wir sind Haushalter Gottes Von den Dingen im Leben, die, wenn sie geteilt werden, nicht weniger werden, sondern mehr. „Als gemeinnützig wird eine Tätigkeit bezeichnet, die darauf abzielt, das Gemeinwohl zu fördern.“ So steht’s im Lexikon. Will man es noch genauer sagen, dann kann man es auch juristisch formulieren: „Gemeinnützig ist es, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern.“ So steht’s im deutschen Gemeinnützigkeitsrecht. Im Petrusbrief ist dasselbe gemeint, es klingt aber frommer und schöner und ist auch präziser begründet. „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat“, heißt es dort. Stellt das, was ihr geschenkt bekommen habt, eure Begabungen, in den Dienst der Gemeinschaft, „Und dient einander, ein jeder in den Dienst der Gesellmit der Gabe, die er empfangen schaft. hat, als die Haushalter der Der Satz geht davon aus, dass jede und jeder mancherlei Gnade Gottes“ von uns etwas geschenkt 1. Petrus 4,10 bekommen hat, was zu teilen sich lohnt, und deshalb auch etwas beitragen kann zum großen Ganzen. Wir sollen das tun „als die Haushalter der mancherlei Gnade Gottes“. Das klingt paradox. Warum soll die Gnade Gottes denn Haushalter brauchen? Ist die Gnade nicht unendlich und unbegrenzt, ganz so wie die Liebe oder die Barmherzigkeit? Sehen wir uns aber die Gnadengaben an, die jeder und jede Einzelne (oft mit der Geburt) geschenkt bekommen hat, dann sind sie durchaus ungleich verteilt – oder besser: gesellschaftlich ungleich bewertet. Dem einen ist der Wohlstand schon in die Wiege gelegt und der anderen der Weg zum Doktorat vorgezeichnet, während ein dritter vielleicht mit einer wunderbaren musischen Gabe

AN DIESEM HEFT MITGEARBEITET HABEN 2

Themen

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gesegnet ist, ihm aber die Gabe, diese Gnade zu Geld zu machen, durchaus abgeht. Da braucht es Haushalter, die darauf schauen, dass es zu einem Ausgleich kommt und alle einander dienen können mit den ganz unterschiedlichen Gaben, die sie geschenkt bekommen haben, auf dass alle davon profitieren. Aber erfüllen wir damit auch die Voraussetzun­ gen der juristischen Definition, die Allgemeinheit selbstlos zu fördern? Aus steuerrechtlicher Sicht wohl schon, wenn niemand einen finanziel­len Gewinn aus dem Einander-Dienen zieht. Doch wir alle wissen: Einander zu dienen ist nie völlig selbstlos. Denn natürlich profitieren wir davon, wenn wir unsere Gnadengaben teilen, dann haben alle mehr davon. Die Gnade, die Liebe, die Freude, das Glück und die Hoffnung, sie alle haben eines gemeinsam: Sie gehören zu den wenigen Dingen im Leben, die, wenn sie geteilt werden, nicht weniger werden, sondern mehr. Genauso verhält es sich mit den Gaben, die wir uns nicht selbst erarbeitet haben, sondern die wir empfangen haben. Die Ökonomie des Gemeinwohls ist keine der knappen Ressourcen. Einander mit den Gaben, die wir geschenkt bekommen haben, zu dienen macht die Gesellschaft reicher, vielfältiger und bunter. Es ist also nicht selbstlos, das Gemeinwohl zu fördern, sondern kann ganz selbstbewusst vonstatten gehen. Sind wir doch nichts weniger „als die Haushalter der mancherlei Gnade Gottes“.

Pfarrer Mag. Michael Chalupka, Direktor Diakonie Österreich

Christian Göltl, Hannelore Kleiss, Gernot Mischitz, Claudia Pekatschek, Belinda Schneider, Theresa Schlage


INHALT

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Wo es ohne meinen Beitrag nicht geht ...

Menschen erzählen über ihre Arbeit, die sie neben ihrem Beruf zum Wohl der Allgemeinheit leisten.

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Unsere Gesellschaft, wie wir sie kennen

Warum es wichtig ist, sich nicht für Gewinn auszusprechen.

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Initiative Gemeinnützigkeit

Fragen und Antworten zum Schwerpunktthema.

Inhalt 16

Ist Konkurrenz besser als Zusammenarbeit?

Stimmt’s? Mythen, Märchen und Pauschalansichten.

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Neues Wohnen für Generationen!

Das Diakoniewerk Salzburg entwickelt und begleitet innovative Wohnkonzepte.

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Die Welt in Zahlen

Soziale Dienstleistungen, Beruf und Familie.

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Bücher, Europa

Betreuen gemeinnützige Anbieter Kinder besser? Interview mit Michaela Neumayr.

Maria wagt den Sprung

Aus Gesellschaft wird Gemeinschaft

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Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung in Lienz.

Freiwilligen-Netzwerke in Salzburg, Studie zu betreutem Wohnen, Hilfe Südosteuropa.

Kurz gemeldet

Projekte

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Gemeinschaft macht froh

Wordrap mit Christoph & Lollo.

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„Wir tragen Verantwortung“

Junge Freiwillige in der Diakonie erzählen über ihre Arbeit.

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NARA, 40 Jahre Johanniter-Unfall-Hilfe, Café Sospeso.

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Grüße von der Osterinsel

Niedergang einer Kultur. Von Richard David Precht.

Spendenkonto Diakonie: IBAN AT492011128711966399 BIC GIBAATWWXXX

IMPRESSUM: Medieninhaber, Herausgeber und Redaktion: Diakonie Österreich, ZVR-Zahl: 023242603. Redaktion: Dr.in Roberta Rastl-Kircher (Leitung), Mag.a Katharina Meiche­nitsch, Mag. Martin Schenk, Mag.a Magdalena Schwarz. Alle: 1090 Wien, Albert Schweitzer Haus, Schwarzspanierstraße 13. Tel.: (0)1 409 80 01, Fax: (01) 409 80 01-20, E-Mail: diakonie@ diakonie.at, Internet: www.diakonie.at. Verlagsort: Wien. Geschäftsführer Diakonie Österreich: Pfr. Mag. Michael Chalupka, Mag. Martin Schenk. Grafik-Design: Info-Media Verlag für Informationsmedien GmbH/Evelyn Felber, Volksgartenstraße 5, 1010 Wien. Druckerei: AV + Astoria Druckzentrum GmbH, Faradaygasse 6, 1030 Wien. Fotos: Cover: SOB, Diakonie de La Tour, Jens Komossa; S. 2: Nadja Meister, Diakonie; S. 3: Armutskonferenz, Diakonie; S. 4–5: alle Fotos privat; S. 6: Armutskonferenz, http://de.wikipedia.org; S. 7: Glöcklturm/Diakonie de La Tour, http://de.wikipedia.org/Sue Gardner; S. 8: Diakoniewerk Salzburg; S. 9: Regina Hügli/Diakonie Bildung; S.10–12: Daniela Klemencic; S. 13: (vlo) Diakoniewerk Salzburg; Diakonie Burgenland; Joanna Kinberger/Diakonie Katastrophenhilfe; S. 14: Ingo Pertramer; S.15: alle Fotos privat; S.16: istockphoto.de/bonnie jacobs; S.17: Gebäudefoto: DI Christof Reich; Personenfoto: Diakoniewerk Salzburg; S.18: Regina Hügli/Diakonie Bildung, Creativ Collection/Butterfly, fotolia.com; S. 19: Diakonie Österreich; S. 20: Katharina Meichenitsch/Diakonie Österreich; S. 21: Regina Hügli/Diakonie Flüchtlingsdienst; Johanniter-Unfall-Hilfe; Helmuth Weichselbraun/Kleine Zeitung; S. 22–23: istockphoto.de/Hanis, istockphoto.de/thomaslusth, Jens Komossa. Die Diakonische Information bringt Sachinformationen und Nachrichten zur Diakonie der Evangelischen Kirchen. Die gendersensible Schreibweise ist uns ein wichtiges Anliegen. Der Bezug ist kostenlos. DVR: 041 8056 (201). Gedruckt nach der Richtlinie „Schadstoffarme Druckerzeugnisse des Österreichischen Umweltzeichens“. Umweltzeichen (UWZ 734)

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PORTRÄTS

Wo es ohne meinen Beitrag nicht geht ... Menschen erzählen über ihre Arbeit, die sie neben ihrem Beruf zum Wohl der Allgemeinheit leisten.

GERTRUDE STEINBEISS

ERIC LEBRETON Gertrude Steinbeiß, 49 Jahre, arbeitet im Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz.

„Seit über zwölf Jahren arbeite ich als Reinigungskraft hier. Die Reinigung ist eine Tätigkeit, die nur dann auffällt, wenn sie nicht geschieht. Putzen, bügeln, waschen, Bestel­ lungen für Haushaltsartikel sowie für Brot und Milch aufgeben, Bewirtungen vorbereiten – das sind meine Tätigkeiten. Ich mache diese Arbeit gerne. Es ist für mich selbstverständlich, dass ich einspringe, wo es nötig ist. Zum Sitzen komme ich nur in den Pausen. Es tut gut, wenn sich jemand über die frisch geputzten Fenster freut. Schön ist auch, wenn manche Kinder schon von Weitem erfreut ,Gertrude‘ rufen. Für mich und meine Kolleginnen wäre einmal ein Kilometerzähler interessant, denn wir sind täglich wirklich viel unterwegs.“

Eric Lebreton kommt aus Paris. Seit 1993 arbeitet der Behinderten-Fachbetreuer im Diakoniewerk. Nach Österreich kam er der Liebe wegen. Seit vielen Jahren engagiert sich der Wahlmühlviertler in seiner Freizeit ehrenamtlich für die Organi­ sation der Mühlviertler Jännerrallye. „Ich habe keinen Führerschein, aber ich bin ein großer Motorsportfan. Meine Arbeit für die Jännerrallye beginnt im Juni mit den ersten Planungen und Vorbereitungen. Während der Veranstaltung bin ich für das Regrouping der Autos und für das gesamte Rahmenprogramm verantwortlich. Die Motorsportszene ist für mich eine große Familie.“

ERNST HASZONITS UND CHRISTIAN KISS Ernst Haszonits unterrichtet im Sozialpädagogischen Zentrum in Frauenkirchen und tritt immer wieder auf mit Gesang, Ziehharmonika, Mundharmonika und Trompete. Christian Kiss unterrichtet in der Volksschule Gols und unterhält gerne mit Gesang, Gitarre und Trompete. Ernst Haszonits und Christian Kiss sind musikalische Allroundkünstler und treue Freunde des Diakonie Zentrums Gols. Sei es bei den Faschingsfesten oder Schlagernachmittagen, die beiden Lehrer schaffen es immer wieder, die Bewohnerinnen und Bewohner des Altenpflegeheims zu begeistern oder zum Mitsingen und Tanzen zu bewegen. Es ist sehr berührend, zu sehen, wie die alten Menschen für einen Nachmittag wieder jung werden. 4

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PORTRÄTS

URSULA CALDWELL Ursula Caldwell ist seit Kurzem Mitarbeiterin im Evangelischen Krankenhaus Wien. Vorher verbrachte sie fast 20 Jahre in den USA. Die kreative Wienerin, zu deren Hobbys seit einigen Jahren Perlen fädeln zählt, gestaltet sogenannte „Can­ cer Awareness Ribbons“. Der Erlös aus dem Verkauf dieser Bändchen kommt der Krebsforschung der Medizini­schen Universität Wien zugute. „Vor über sechs Jahren erhielt ich nach einer Routineuntersuchung die Diagnose Krebs. Nach monatelanger Chemound Strahlentherapie konnte ich als geheilt entlassen werden. Während dieser Zeit erlebte ich alle Höhen und Tiefen, auch Todesängste. Das Gefühl, ,es‘ gut überstanden zu haben, sowie die Erfahrungen während dieser Zeit weckten in mir den Wunsch, die Krebsforschung zu unterstützen. Mein Interesse gilt dabei nicht nur der Unterstützung der Krebshilfe, sondern auch der Forschung. Mit FreundInnen habe ich begonnen, Bändchen mit Perlen zu fädeln und den Verkaufserlös der Krebsforschung zur Verfügung zu stellen.“

ANNA RUDELSTORFER

JAZMIN JERUSALEM Jazmin Jerusalem, genannt „Minet“, ist die Leiterin der Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe auf den Philippinen. Sie ist maßgeblich an allen Hilfsaktionen beteiligt, die die Diakonie seit November 2013 für die Taifunopfer in Leyte und Samar ermöglicht. „Helping others is the best present we can give to ourselves, for the heart beats happiest, when we help those who are in need“, ist Minet überzeugt. Sie lebt diese Worte im „Leyte Center for Development“ seit 27 Jahren. Ihre Organisation unterstützt Fischer- und Bauernfamilien in abgelegenen Orten der beiden philippinischen Inseln, die im November 2013 vom Taifun zerstört wurden. Sie unterstützt die Familien bei der Reparatur ihrer Fischerboote. Damit können die Familien wieder ein Einkommen erwirtschaften.

LEO SKOPEK Anna Rudelstorfer ist seit einem Jahr in Pen­ sion. Die Mutter von vier Kindern war als Jugendleiterin tätig und wohnt in Gallneukirchen. Seit rund vier Jahren besucht sie betagte Bewohnerin­ nen im Haus Elisabeth des Diakoniewerks in Gallneukirchen.

„Ich besuche jede Woche eine alte Dame im Haus Elisabeth. Wir plaudern, spielen, ich lese ihr etwas vor. Sie ist sehr daran interessiert, was sich in der Welt tut. Sie freut sich, wenn ich über ein Konzert, einen Theaterbesuch oder eine Reise berichte. Manchmal fahre ich sie in ihrem Rollstuhl spazieren. Das Kopfweh und den Schwindel, die sie häufig plagen, vergisst sie an der frischen Luft. Auch für mich sind die Begegnungen bereichernd. Es ist immer interessant, wenn sie aus ihrem Leben erzählt.“

Leo Skopek ist im Ruhestand und unterstützt die Johanniter-Unfall-Hilfe bei verschiedenen Projekten. Als gelernter Druckkaufmann war er viele Jahre in der Bankenbranche mit Bank-Vordrucken betraut und später dann für alle österreichischen Bankomat- und Kreditkarten verantwortlich, wie die Johanniter-MasterCard. „Seit meiner Pensionierung unterstütze ich die Johanniter ehrenamtlich. Das ist eine wirklich sinnvolle und bereichern­ de Aufgabe für mich. Ich helfe dem Team des Akutpflegedienstes bei der digitalen Dokumentation der Pflegeein­ sätze. Beim Jugendprojekt ,superhands‘ prüfe ich jeden Monat alle Links auf den Webseiten, ob sie noch aktuell sind. Das ist wichtig, damit alle ,superhands‘-BesucherInnen zu den Infos kommen, die sie suchen. Schön, dass ich auf diese Weise einen sozialen Beitrag leisten kann.“

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SCHWERPUNKT

Unsere Gesellschaft, wie wir sie kennen Über das Mehr, wenn man sich nicht für Gewinn ausspricht. Und das Mehr, das über das eigentliche Tun hinausreicht.

S Elvine de La Tour setzte sich vor 150 Jahren für die Schwachen ein.

Ihr Zeitgenosse Friedrich Wilhelm Raiffeisen „erfand“ die Genossenschaften für Bauern. 6

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oziale Ungleichheiten, Armut, Diskriminierung, Arbeitslosigkeit oder vergessene Jugend – sind das die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts? Ja und nein: Denn diese Probleme sind nicht neu, sondern schlichtweg nach wie vor ungelöst. Bereits in den 1870er-Jahren setzte sich Gräfin Elvine de La Tour für sozial Schwächere ein – sie wendete ihr Privatvermögen, darunter auch ihren gesamten Schmuck, für Kinder in Not, Alte und Kranke auf. Sie ließ Häuser errichten, in denen Waisen und ungewollte Kinder leben konnten, ebenso wie hochbetagte Menschen oder Menschen mit Behinderungen. Aber auch der Sucht widmete sie sich und gründete die Blaukreuzvereinigung gegen den Alkoholismus. Ein sehr umfassender Ansatz, würde man in heutiger Sprache sagen, ein großes Netz an verschiedenen Einrichtungen mit damals 15 bis 20 Beschäftigten, das noch heute unter dem Namen Diakonie bekannt ist. Etwa zur gleichen Zeit setzte sich Friedrich Wilhelm Raiffeisen dafür ein, dass Genossenschaften kleineren Bauern langfristige Darlehen

VON KATHARINA MEICHENITSCH zur Verfügung stellten. So war gewährleistet, dass Dürrezeiten besser überwunden oder Investitionen getätigt werden konnten. Hilfe zur Selbsthilfe – das war das einfache Motto. Heute ist Raiffeisen ein Konglomerat aus mehr als 330.000 Unternehmen, unüberschaubar und politisch mächtig, doch noch immer greifen Banken auf genossenschaftliche Systeme zurück, um Zugang zu Kapital gemeinschaftlich zu organisieren.

Im Netzwerk für das Gemeinwohl Was beide Personen eint, ist, dass sie gemeinsam mit ihren Netzwerken das sichtbare Elend zum Anlass nahmen, um sich sozial zu engagieren. Dabei war das Streben nach Gemeinwohl, also der Verbesserung der Lebensqualität für alle, eine der treibenden Kräfte. Was hat sich seit damals geändert? Der moderne Wohlfahrtsstaat hat Einzug gehalten, Institutionen und Organisationen sind geschaffen worden, die sich um Menschen in Not kümmern. Der Wohlfahrtsstaat hat die Initiative von Einzelpersonen weitgehend abgelöst, wenngleich vie-


SCHWERPUNKT

MitarbeiterInnen des Glöcklturms pflegen den Friedhof in Lienz

lerorts weiterhin philantropisch motivierte Personen tätig sind. Die Versorgung im Fall von Krankheit, Armut und Behinderung wurde ausgebaut, verbessert und öffentlich finanziert. Versicherungen wurden geschaffen, Geld- und Sachleistungen eingeführt, um soziale Nachteile zu kompensieren. Der Staat hat die Funktion des sozialen Ausgleichs übernommen.

Pikettys These: 100 Jahre Ungleichheit Doch glaubt man dem Ökonomen Thomas Piket­ty, der derzeit sowohl die Medien als auch die Fachwelt mit seinem neuen, knapp 700 Seiten starken Werk „Capital in the Twenty-First Century“ in Atem hält, hat sich die Verteilung von Vermögen im 21. Jahrhundert, also über 100 Jahre hinweg, nicht verändert. Der Forscher hat viele Daten zusammengetragen und festgestellt, dass sich Vermögen immer schneller vermehrt haben als die Erträge aus der Wirtschaftsleistung. Also sind Erträge aus Aktien, Anleihen oder Immobilien im Durchschnitt mehrfach höher als das Bruttoinlandsprodukt. Das bedeutet, dass die Einkommen aus Vermögen schneller wachsen als die Einkommen aus Arbeit. So wird fortgeführt, was als Art Naturgesetz des Kapitalismus bezeichnet wird – die Konzentration von Vermögen in den Händen weniger. Betrachtet man die Kurve, die Piketty zeichnet, so fällt auf, dass nach den beiden Weltkriegen (und der damit verbundenen Besteuerung von Wohlhabenden) die Ungleichheiten weniger werden, jedoch mit Beginn der 1970er-Jahre

wieder auf das Vorkriegsniveau zusteuern. Die Lösung wäre einfach – verbesserte Umverteilung finanziert durch globale Vermögenssteuern. Das Thema der Verteilung – und damit die wesentliche Diskussion über soziale Fragen – hat mittlerweile auch große Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank, die Europäische Union oder die OECD erreicht. Sie alle plädieren dafür, dass Ungleichheiten verringert werden müssen, um Wohlstand für alle zu schaffen.

Thomas Piketty sagt, dass sich Vermögen schneller vermehren als die Erträge aus der Wirtschaftsleistung.

Ins Soziale investieren In diesem Sinn hat die Europäische Union das sogenannte „Social Investment Package“ ausgerufen. Mittels Investitionen in soziale Dienstleistungen wie Kindergärten oder Pflegedienste soll die Wirtschafts- und Finanzkrise überwunden werden. Denn hier können mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden – nicht nur hilfsbedürftige Personen werden gut versorgt, sondern es werden auch Jobs geschaffen, vorrangig für Frauen, und das auch in wirtschaftlich schwachen Regionen, denn schließlich wandert ein Pflegeheim nicht ab. Aber nicht nur harte Fakten können abgelesen werden. Was ebenso entsteht, ist der soziale Zusammenhalt durch den Wohlfahrtsstaat, der unsere Gesellschaft zu dem macht, was sie heute ist. Die nationalen Regierungen wurden seit Beginn der Krise von der Europäischen Kommission dazu aufgerufen, stärker in das Soziale zu investieren, um mehr von diesen Vorteilen zu erreichen. Der Europäische Wirtschafts- und

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SCHWERPUNKT

NachbarInnen-Ausflüge: Im Stadtteilzentrum Salzburg haben sie sich kennengelernt

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Sozialausschuss, ein beratendes EU-Gremium, in dem für Österreich die Sozialpartner sitzen, geht sogar noch weiter und wird konkret: 2 % des BIP sollen investiert werden, finanziert aus einer Vermögenssteuer. Für Österreich würde dies einen Investitionsschub von 6,2 Milliarden Euro bedeuten – also nicht nur ein sanftes Anstoßen, sondern einen richtigen Ruck für unsere Wirtschaft.

Dem Gemeinsamen nützlich sein Gleichzeitig hat die Europäische Kommission zur Stärkung von Sozialorganisationen aufgerufen. Denn nur mit Unterstützung der Sozialorgani­ sationen ist es möglich, dieses Wachstum zu erreichen. Mit der „Social Business Initiative“ soll es Organisationen erleichtert werden, sich für soziale Themen starkzumachen. Das „Mehr“ liegt im Doch die Kommission unterEngagement, sich nicht für scheidet nicht genau – wähGewinn auszusprechen rend die Diakonie sich im Rahmen ihrer Gemeinnützigkeit für Menschen engagiert, werden von der EU-Initiative zum Teil auch profit­ orientierte Unternehmen im Sozialbereich angesprochen. Das wiederum erschwert die Arbeit im Sozialbereich, weil profitorientierte Unternehmen mehr auf Gewinn und weniger auf Qualität ausgerichtet sind, wie Michaela Neumayr von der Wirtschaftsuniversität Wien im Interview ausführt (siehe S. 10). Dem Gemeinsamen nützlich sein, dem Gesamten dienen – das sind die Leitsprüche der beiden eingangs vorgestellten Persönlichkeiten, die mit Unterstützung aus ihrer Umgebung und 8

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Hunderten MitarbeiterInnen wirkten. Heute trägt die Gemeinnützigkeit ein vielfältiges Gesicht – angefangen bei Sportvereinen über Umweltund Tierschutzorganisationen bis hin zu Sozialorganisationen. Nicht vergessen werden sollte der gemeinnützige Wohnbau, ebenso sind Arbeitsmarktvermittlungen oder Kulturinitiativen meist gemeinnützig organisiert. Sie alle erbringen Leistungen für die Gesellschaft und einen Mehrwert, der über das eigentliche Tun hinausreicht. Dieses „Mehr“ ist nicht einfach zu fassen und in unserer zahlenbasierten Welt schwer zu zählen. Das „Mehr“ liegt im Engagement, sich nicht für Gewinn auszusprechen, ebenso wie in der Bereitschaft, sich lautstark Gehör zu verschaffen und für Arme und Menschen in Not einzutreten. Das „Mehr“ begründet sich auch dort, wo viele Menschen miteinander arbeiten, leben und zusammenfinden.

Gemeinnützige sind Lückenfüller Doch auch die Medien und eine kritische Öffentlichkeit machen immer wieder gegen Gemeinnützige mobil. Viel zu viel Geld gehe in die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit von Sozial­organisationen, zu professionalisiert und Teil einer Sozialindustrie seien sie geworden, so lauten die Vorwürfe. Doch sehr leicht kann man entgegnen, dass hochqualifizierte ArbeitnehmerInnen wie PädagogInnen, PsychologInnen, TherapeutInnen etc. für soziale Aufgaben benötigt werden. Dass eine starke Stimme in der Öffentlichkeit für höhere Lebensqualität für alle sorgt. Und dass das Prinzip des nachhaltigen Wirtschaftens ebenso für gemeinnützige Organisationen gilt. Knapp 10 % der Beschäftigten in Österreich sind im Sozial- und Gesundheitsbereich tätig (weniger als im EU-27-Durchschnitt!), und europaweit trägt dieser Sektor etwa 5  % zum gesamten ökonomischen Output bei. Gemeinnützige Sozialorganisationen haben sich zum Ziel gesetzt, Menschen zu helfen und ihnen beizustehen. Solange die sozialen Fragen der Armut, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und der fehlenden Teilhabe unbeantwortet bleiben, so lange werden auch Gemeinnützige tätig sein und versuchen, diese Lücken zu füllen. Wie schon zu Beginn der Diakonie Elvine de La Tour oder der Raiffeisenverband vor vielen Jahrzehnten müssen Menschen ermächtigt werden, etwas selbst zu tun. Die Politik hingegen muss das Ihre tun, um auf die Schieflage in der Verteilung Antworten zu finden.


WISSEN

EN S S I W

Die neue Gemeinnützigkeits-Initiative will konkrete Verbesserungen erreichen

Wer verbirgt sich hinter der Initiative g Gemeinnützigkeit? Erstmals haben sich NGOs aus den Bereichen Soziales, Umwelt und Menschenrechte zusammengeschlossen, um sich gemeinsam für das Thema der Gemeinnützigkeit starkzumachen. Die Organisationen reichen von Diakonie, Caritas und Rotem Kreuz über Greenpeace, Global 2000 und den Alpenverein bis hin zu Amnesty International. Diese Nicht-Regierungs-Organisationen repräsentieren einen Querschnitt der gemeinnützigen Organisationen in Österreich, der auch die Vielfalt der Vereine abbildet.

g Warum gibt es den Zusammenschluss?

Gemeinnützige Organisationen, Stiftungen und Vereine erbringen vielfältige Leistungen für die Bevölkerung in Österreich. Dabei gibt es viele Kooperationen zwischen den Organisationen – doch eine große Klammer hat bislang nicht existiert. Nun gibt es den formlosen Zusammenschluss im Rahmen der Gemeinnützigkeits-Initiative, damit gemeinnützige Organisationen eine starke Stimme haben. Der Zusammenschluss ist wichtig, um die diversen Organisationen abzubilden. Denn sie verbindet eines: die Förderung des Gemeinwohls.

g Was wird gefordert?

Es gibt sehr konkrete Forderungen, auf die sich die unterschiedlichen Organisationen geeinigt haben. Sie reichen von der besseren Einbindung von BürgerInnen und Gemeinnützigen in Entscheidungsprozesse über mehr Demokratie und Zivilcourage-Bildung an Schulen. Auch die klare Unterscheidung von gemeinnützigen und profitorientierten Organisationen soll gefördert werden. Außerdem geht es darum, Rahmenbedingungen für Gemeinnützige zu verbessern, wie eine Umsatzsteuer-Refundierung oder Planungssicherheit im Bereich sozialer Dienstleistungen. Weitere Forderungen sind die Stärkung des Freiwilligen Ökologisch-Sozialen Jahres für die Arbeit mit Jugendlichen und eine bessere Absicherung der Ent­wick­ lungszusammenarbeit.

g Wie stehen die Chancen auf Umsetzung?

Eines haben alle Forderungen gemeinsam: Sie sind sehr konkret, und sie können mit politischem Willen relativ rasch umgesetzt werden.

Warum setzen sich Gemeinnützige gerade g für diese Themen ein? Die Aufgabe von Gemeinnützigen ist es, dem Gemeinwohl zu dienen. Das heißt, Kindergärten zur Verfügung zu stellen, Umweltstandards einzufordern, die Natur zu schützen, Beratung für Flüchtlinge zu gewährleisten oder Rettungsdienste anzubieten. Um diese Aufgaben gut erledigen zu können, braucht es Rahmenbedingungen, die das Arbeiten für das Gemeinwohl erleichtern. Dazu zählen steuerliche Rahmenbedingungen, aber auch Mitspracherechte oder Demokratie-Wissen von jungen Menschen.

g Wurde schon etwas umgesetzt?

Jein – denn es gibt bislang nur Bekenntnisse der Bundesregierung zu allen Punkten. Das heißt, in Verhandlungsrun­ den bestätigte die Regierungsspitze, sich für alle Forderungen einzusetzen. Einige der Punkte finden sich auch im neuen Regierungsprogramm wieder. Bei anderen Punkten war jedoch das Bekenntnis nicht stark genug. So wurde mit dem Budget 2014 kräftig in der Entwicklungszusammenarbeit gespart und diese nicht – wie angekündigt – finanziell besser ausgestattet.

g Wie geht es weiter?

Die Zusammenarbeit der NGOs ist wichtig und notwendig. Die große Klammer, die über Soziales, Umwelt und Menschenrechte geschlagen worden ist, muss weiter verstärkt werden. Die Diakonie wird sich dafür einsetzen, dass die Gemeinnützigkeits-Initiative bei bestimmten The­ men zusammenarbeiten wird und dass die inhaltlichen Forderungen an die Politik herangetragen werden. www.freiewohlfahrt.at

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INTERVIEW

Aus Gesellschaft wird Gemeinschaft Sind gemeinnützige Anbieter – wie die Diakonie – besser geeignet, Altenheime und Kindergärten zu betreiben? – Im Gespräch mit Michaela Neumayr von der Wirtschaftsuniversität Wien. INTERVIEW: KATHARINA MEICHENITSCH | FOTOS: DANIELA KLEMENCIC

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Themen


INTERVIEW

DiakonieThemen: Gewinnorientiert oder gemein-

nützig – was ist besser? Michaela Neumayr: Das hängt davon ab, worum es geht. Beides hat Vorteile, beides hat Nachteile – und vor allem: besser für wen? Das muss man sich genauer anschauen. Außerdem ist auch der Staat Anbieter sozialer Dienstleistungen, und als vierten „Anbieter“ darf man die Haushalte nicht vergessen, die noch immer 80  % der Betreuung alter Menschen übernehmen. Der kritische Punkt bei der Auswahl des Anbieters ist aber die Qualität. In der ökonomischen Theorie geht man davon aus, dass ein gewinn­ orientierter Anbieter versucht, seinen Gewinn mit allen Mitteln zu maximieren.

? Wirkt sich Gewinnmaximierung zulasten der Qualität aus? Gerade bei sozialen Dienstleistungen tritt das Prob„Bei Kinderbetreuung wird Gemeinnützigen lem der „asymmetrischen Information“ auf. Das heißt, eher vertraut als Privaten“ dass die Personen, die die Leistung in Anspruch nehmen, weniger wissen als die, die sie anbieten. Das nicht gegeben. Ein anderer Vorteil von Gemeinnützileuchtet ein, wenn wir etwa über Kinderbetreuung reden. Ich kann kleine Kinder schwer fragen, wie gen ist, dass sie, im Gegensatz zu öffentlichen Anbiedenn die Betreuung tagsüber war. Ich bringe sie zwar tern, besser Nischen füllen können. Wenn es etwa in hin und hole sie ab, aber was dort wirklich passiert, abgelegenen Regionen keinen Kindergarten gibt, das weiß ich als Elternteil kaum. Letztendlich müssen können Elterninitiativen oder kirchliche Anbieter dieEltern darauf vertrauen, dass die Betreuung gut ist. se Lücke gut schließen. Das gilt auch für mehrspraDarum spricht man auch von „Vertrauensgütern“. chige Angebote. Die Forschung sagt, je verschiedeDabei wird gemeinnützigen ner eine Gesellschaft, desto Anbietern eher vertraut als stärker ist der Non-Profit„Gemeinnützige dürfen gewinnorientierten, weil man Sektor ausgeprägt, weil es Gewinne machen, sie aber davon ausgeht, dass bei den dann eben viele unterschiedGemeinnützigen der Gewinn nicht ausschütten. Der Anreiz, liche Bedürfnisse gibt. nicht an erster Stelle steht. Profit zu machen, ist nicht ? Welche Aufgaben erfülgegeben“ len Non-Profit-Organisatio? Bedeutet das, dass die Gemeinnützigen für diese nen sonst noch? Dienste besser geeignet sind? Die bekannteste Aufgabe, von der wir gerade geDas heißt nicht, dass sie besser sind, nein. Es heißt sprochen haben, ist das Angebot von Dienstleistunaber, dass das Risiko größer ist, bei Gewinnorientier- gen. Eine weitere Aufgabe ist die Advocacy-Funktion. Diese ist für mich fast die wichtigste. Sie bedeutet, ten eine schlechtere Leistung zu bekommen. Weil ich das schwer kontrollieren kann, verlasse ich mich eher dass NPOs die Interessen von bestimmten Gruppen auf gemeinnützige oder kirchliche Anbieter. Ein ande- vertreten. So wie Amnesty International versucht, res Vertrauensgut wäre eine medizinische Dienstleis- Aufmerksamkeit zu bekommen und politisch Druck tung. Wenn ich heute zur Ärztin gehe, dann werde ich zu machen. Die dritte Funktion wird auch untermanchmal erst nach zehn oder 15 Jahren wissen, ob schätzt: das Community Building. Am Beispiel der die Behandlung richtig war oder nicht. Feuerwehr ist das gut zu illustrieren: Es geht um Gemeinschaftsbildung, Leute kommen zusammen und ? Warum wird den Gemeinnützigen mehr Ver- bauen in ihrem Verein untereinander Vertrauen und gemeinsame Regeln auf. So wird aus Gesellschaft trauen entgegengebracht? Der wesentliche Grund ist, dass Non-Profit-Organi- Gemeinschaft. sationen, also „Gemeinnützige“, Gewinne nicht ausschütten dürfen. Sie dürfen sehr wohl Gewinne ma? Wie genau funktioniert das? Wenn sich Menschen treffen, gemeinsam an einem chen, das wird oft falsch verstanden, aber sie dürfen sie nicht an die Eigentümer ausschütten. Der Anreiz, Projekt arbeiten und ein gemeinsames Ziel haben, halten sie unsere Gesellschaft zusammen. Menschen einen möglichst hohen Profit zu machen, ist also

DR.IN MICHAELA NEUMAYR ist Habilitationsstipendiatin und wissenschaftliche Mit­arbeiterin am Institut für Nonprofit Management an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie arbeitet zum Thema Spenden in Öster­reich, zur Finanzierung von Non-Profit-Organisationen und zu den gesellschaft­ lichen Funktionen des Non-Profit-Sektors bzw. der Sozialwirtschaft.

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INTERVIEW

„Wird eine soziale Dienstleistung ausgeschrieben, darf der Preis nicht das einzige Kriterium für den Zuschlag sein“

„Im Sozial- und Gesundheitssektor arbeiten mehr Menschen als im Baubereich oder im Tourismus“

bauen Kontakte auf, pflegen Netzwerke, auf die sie zurückgreifen können. Wenn ich etwas brauche, dann rufe ich eine Freundin an, die wieder jemand anderen kennt, der mir helfen kann. Das sind wesentliche Ressourcen, nicht nur für die Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes. Das klingt sehr einfach, aber wenn man überlegt, wie es wäre, wenn wir das nicht hätten – was wäre das für eine Gesellschaft?

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Themen

Sektor aus sehr vielen verschiedenen sozialen Einrichtungen besteht: Das beginnt bei der Kultur und geht bis hin zu Tierschutzorganisationen. Da ist es schwierig, dass sich alle zusammentun, schließlich gibt es da auch ideologische Grenzen.

? NPOs sollen also selbstbewusster auftreten? Wir leben in einer Zeit, wo sich die Ökonomisierung in allen Lebensbereichen durchsetzt. Das Ökonomische ist der sogenannte „dominante Code“, und nur über diesen wird man wahr- und ernst genommen. Wenn man an ökonomischen Fakten misst, was NPOs leisten, zum Beispiel über das BIP oder die Beschäftigten, dann kann es sich der Sektor leisten, wesentlich stärker aufzutreten.

? Die NPOs erfüllen alle drei Funktionen? Meist in unterschiedlichen Ausprägungen, ja. Alle drei Funktionen zu vereinen ist das Allein­stel­lungs­ merk­mal gemeinnütziger Organisationen. Den gewinn­ ­orientierten Anbietern fehlt vor allem die Advo­cacy, weil bei ihnen das Interesse eher darin besteht, eine Dienstleistung so lange wie möglich gewinnbringend anzubieten. Sie bekämpfen nicht un­be­dingt die Ursachen von sozialen Bedürfnissen wie etwa Pflege­ bedürftigkeit, denn damit würden sie ihre eigene Geschäftsgrundlage verlieren. Das ist aus meiner Sicht aber nicht die passende Logik für den sozialen Sektor. Gemeinnützige sind deswegen so wichtig, weil sie Funktionen erfüllen, die andere nicht erfüllen.

? Wie groß ist dieser Sektor? Fast 10  % der Bevölkerung arbeiten im Sozial- und Gesundheitssektor. Das ist mehr als im Baubereich oder im Tourismus. Die Industriellenvereinigung vergleichsweise tritt viel selbstbewusster auf. Das könnte der NPO-Sektor auch! Aber da gibt es noch viel zu tun. Zusätzlich müssen sich natürlich auch die Rahmenbedingungen verbessern.

? Wie können Gemeinnützige gestärkt werden? Für die organisierte Zivilgesellschaft gibt es einen klaren Befund, und der ist auch nicht neu: Der Sektor muss stärker und geschlossener auftreten – und auch selbstbewusster. Das ist nicht einfach, weil der

? Was könnte man verbessern? Wenn eine soziale Dienstleistung ausgeschrieben wird, darf der Preis nicht das einzige Kriterium für den Zuschlag sein. Letztlich muss es um die Qualität gehen, weil es um Leistungen für Menschen geht.


PROJEKTE

Freiwilligen-Netzwerke

„Besuchsdienst für zu Hause“ in Salzburg.

Studie belegt: Betreuung ist „mehr wert“

Gegenwert Es ist schön, zu Hause besucht zu werden

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ass im urbanen Bereich immer mehr ältere Menschen alleine leben und vereinsamen, ist traurige Realität. Vor allem in anonymen Wohnsiedlungen ist es nicht so leicht, Kontakte zu knüpfen, obwohl sich viele gerade dort Gesellschaft und Hilfe wünschen. Neue Bekannte treffen, mit ihnen zu plaudern, zu spielen oder spazieren zu gehen, gemeinsam einzukaufen oder von ihnen zum Arzt oder zu Behörden begleitet zu werden – das sind Möglichkeiten, die die Freiwilligen-Netzwerke in Salzburg anbieten. Vor allem der „Ehrenamtliche Besuchsdienst für zu Hause“ wird seit Jahren gerne von vielen älteren Menschen angenommen. Mit Mai 2014 haben die Freiwilligen-Netzwerke ihre Arbeit auf das Wohnquartier „Rosa Zukunft“ in Taxham ausgeweitet. www.diakoniewerk-salzburg.at

Hochwasser

Südosteuropa: Helfen nach der Katastrophe.

Die Diakonie Katastrophenhilfe verteilt Hilfspakete in Serbien und Bosnien

Betreutes Wohnen rentiert sich mehrfach.

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eder Euro, der im Bereich des betreuten Wohnens für SeniorInnen investiert wird, bringt der Gesellschaft mehr als das Doppelte an monetärem Gegenwert. Der größte Teil des Profits kommt dabei den BewohnerInnen zugute, die nicht nur finanziell, sondern auch durch erhöhte Lebensqualität von den Investitionen profitieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien, die den sogenannten „Social Return on Investment“ (SROI) des betreuten Wohnens für SeniorInnen der Diakonie Miteinander Leben GmbH in der Steiermark untersucht hat. Im Rahmen der Studie wurden die Wirkungen sozialer Investitionen auf die BewohnerInnen, ihre Angehörigen, den Bund, das Land sowie die Bauträger erfasst und anschließend monetär bewertet. www.miteinander-leben.at

N

ach dem Hochwasser von Mitte Mai ist die Lage in den überfluteten Regionen in Serbien, Bosnien-Herze­ gowina und Kroatien noch immer angespannt. MitarbeiterInnen der Diakonie Katastrophenhilfe haben die Katastrophenregion in Serbien besucht. Sie berichten, dass das Wasser in manchen Orten auch Wochen nach der Katastrophe noch in den Häusern und auf den Feldern steht. „Das Wasser ist innerhalb von 15 Minuten um fast einen Meter angestiegen. Ich habe meine Mutter auf den Rücken und meinen Sohn auf den Arm genommen, um den Fluten zu entkommen“, erzählt ein Familienvater. Gemeinsam mit ihren Partnern unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe betroffene Haushalte in entlegenen Regionen. Unter anderem werden Hilfspakete mit Hygiene­ artikeln sowie Desinfektions- und Reinigungsmaterialien ver­teilt, um der Ausbreitung von Seuchen in der Region ent­gegen­zuwirken. www.diakonie-katastrophenhilfe.at

Themen

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WORDRAP

WORD RAP

DEN MUSIKERN CHRISTOPH & LOLLO

CHRISTOPH & LOLLO sind die Erfinder und bislang einzigen Vertreter der Musikgattung „Schispringerlieder“. In diesem Genre sind sie seit fast 20 Jahren tätig, haben aber mittlerweile auch anderes im Repertoire, wie Lieder über politische Parteien. Bei Konzerten spielen die Musiker nicht nur ihr Programm, sondern scherzen und diskutieren auch ausgiebig. Ihr Konzertprogramm kommt fast ausschließlich spontan zustande.

Gemeinschaft macht froh LUXUS? Für mich unbrauchbar.

GEMEINSCHAFT? Macht froh.

GEMEINNÜTZIG? Das ist was anderes als Charity.

GEMEINHEIT? Findet man von der Sandkiste bis zur Vorstandsetage viel zu häufig.

NACHBARSCHAFT Muss man können, dann macht sie froh.

STADT/LAND Dass jetzt sogar schon die Bienen in die Stadt flüchten, sollte den Leuten auf dem Land zu denken geben.

LIEBLINGSPLATZ? Auf dem Land. 14

Themen

DIAKONIE? Ist wahrscheinlich gut.

VISION? Für uns ein lateinisches Fremdwort.

LUXUS? Macht nicht froh.

TYPISCH ÖSTERREICH? Alle Österreicher fällen immer Pauschalurteile.

ENTBEHRLICH? Hundegacki.

ERSTREBENSWERT? Ständiges Frohsein wär super.

TRADITION? Niemand hat keine.

MOTTO? Alles dauert länger, als man annimmt.


DIAKONIE WÖRTLICH

Wir tragen Verantwortung Junge Freiwillige engagieren sich ein Jahr lang in der Diakonie. Drei von ihnen erzählen von den alltäglichen Herausforderungen, die ihnen bei der Arbeit mit KlientInnen begegnen.

Johanna

„Seavas Chefin“ „Ich bin froh über meine Entscheidung. Inzwischen kenne ich beim BACH alle TeilnehmerInnen persönlich, mit Namen, Vorzügen, Macken und Marotten ;-). Ich genieße es, mit ,Seavas Chefin‘ begrüßt zu werden. Die ,Natur und Technik‘-Prüfung und die Geschichte-Prüfung haben alle erfolgreich hinter sich, es gibt viele Einser und Zweier, wenn auch manche Wiederholungen. Zu solchen Anlässen beschränkt sich die ,Gesunde Jause‘, die ich täglich vorbereite, streng gesehen

nicht auf Gesundes, da gibt’s auch Kraftfutter wie Müsliriegel und Schokobananen. Egal was man für die TeilnehmerInnen hinstellt – in höchstens zwei Minuten ist alles weg.“ Johanna arbeitet beim BACH (Bildungszentrum für junge Menschen mit Migrationsund Fluchthintergrund des Diakonie Flüchtlingsdienstes)

Johanna (l.) betreut junge Flüchtlinge auf dem Weg zum Schulabschluss

Max

Meisterwerke aus Ton Max ist als helfende Hand in Küche und Werkstatt sehr beliebt

„In meinem Freiwilligen Sozialjahr arbeite ich mit Menschen mit Behinderung oder, wie sie bei uns genannt werden: Klienten. Mein Tag fängt immer gleich an, nämlich mit dem Mittagessen. Danach findet für die KlientInnen eine ,aktive

Pause‘ statt, in der sie sich selbst beschäftigen. Manche schlafen, andere spielen oder plaudern miteinander, und wir jungen Freiwilligen sollen mit ihnen etwas unternehmen. So gegen zwei Uhr geht dann der Arbeitsalltag weiter, und die KlientInnen arbeiten in den verschiedenen Werkstätten (Töpferei, Korbflechterei, Holzwerkstatt, textiles Arbeiten). Ich unterstütze sie bei ihren Tätigkeiten in der Töpferei. Dort helfe ich ihnen, ihre Meisterwerke aus Ton fertigzustellen.“ Max arbeitet in der Meierei der Diakonie de La Tour

Vivien

Unterstützung für jedes Kind „Jeden Tag, wenn ich ins Haus Herrnhilf komme, decke ich als Erstes den Tisch. Für 12 bis 15 Menschen nimmt das schon ein bisschen Zeit in Anspruch. Was ich danach mache, ist abhängig davon, wann die Kiddies von der Schule ins Heim kommen. Dann ruft als Nächstes die Wäsche! Bei zehn Kindern gibt’s da definitiv jeden Tag was zu tun. Nach einigen Monaten weiß ich so langsam, welche Hose wem gehört. Falls ein Kind schon aus der Schule gekommen ist, heißt das für mich: Hilfe bei den Hausübungen. Jedes Kind braucht spezielle Unterstützung. Der eine ist in Mathematik gut und

tut sich in der Rechtschreibung schwer, die andere schreibt wie ein Profi, versteht „Wäsche waschen, Tisch decken, Hausübungen: aber einfache RechBei zehn Kindern gibt es jeden Tag genug zu tun“ nungen nicht. Das ist normal, nur man muss sich eben dran gewöhnen.“ Vivien arbeitet in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche im „Haus Herrnhilf“ der Diakonie de La Tour

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MYTHEN & MÄRCHEN

Mythos: „Nur Konkurrenz und Wettbewerb ? bringen uns weiter“ STIMMT´S MYTHEN & MÄRCHEN

Wahr ist: Kooperation bringt gute Lösungen, Zusammenarbeit wirkt. VON MARTIN SCHENK

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In der Jigsaw-Klasse müssen Kinder einander zuhören, um zu lernen

ünfzig Luftballons befinden sich in einem Raum. Auf jedem Ballon steht ein Name. Die Namen gehören zu 50 TeilnehmerInnen eines Seminars. Die Tür zum Zimmer geht auf. Alle 50 Personen sollen den Luftballon mit ihrem Namen finden. Alle stürzen sich auf die Ballons, lesen, suchen, lassen die Ballons wieder aus – ein riesiges Durcheinander entsteht, Ballons gehen kaputt, fast niemand hat seinen Namen gefunden. Doch der Versuch hat einen zweiten Durchgang. Die Tür geht wieder auf. Jede und jeder soll nun den jeweils am nächsten gelegenen Luftballon in die Hand nehmen, den Namen darauf lesen und die dazugehörige Person suchen. Innerhalb einer Minute stehen alle mit ihren „richtigen“ Ballons im Raum. Kooperation wirkt. Zahlreiche Ergebnisse aus Wissenschaft und Forschung zeigen uns, dass Vertrauen eine starke Währung ist und Zusammenarbeit massive Kräfte entwickelt. Unser Wort Puzzle kommt von der englischen Bezeichnung „jigsaw puzzle“. Das Jigsaw-Expe16

Themen

riment suchte sich ein konfliktreiches Feld: Feindschaften in der Schule zwischen Kindern verschiedenster Herkunft. Das Experiment ging so: SchülerInnen wurden in verschiedene Lerngruppen geschickt, bestehend aus jeweils sechs Personen. Was es zu lernen galt, wurde in sechs Abschnitte unterteilt, von denen jede Person einen übernahm. Von einer Geschichte oder einer Chemieaufgabe gab es nun sechs Teile, die vermittelt gehörten. Jedes Kind lernte nun seinen Teil und versuchte ihn den anderen beizubringen. Wie ein Puzzle mussten die Teile zusammengefügt werden, damit ein Gesamtbild entsteht. In dem von Konkurrenz geprägten Klassenzimmer geht es allein darum, dem Lehrer zu zeigen, wie klug man ist. Man braucht den Mitschülern nicht viel Aufmerksamkeit schenken. In der Jigsaw-Klasse müssen die SchülerInnen einander zuhören, um zu lernen. Peter muss auf Maria und auch auf Gülten achten, um die für ihn wichtigen Informationen zu bekommen. Wenn Haki im traditionellen Unterricht aus Angst und Unbehagen Schwierig­keiten hat, etwas vorzutragen, können ihn die anderen SchülerInnen leicht ignorieren – sogar demütigen, beschämen. Hat Haki jedoch in der Jigsaw-Klasse diese Probleme, liegt es im Interesse der MitschülerInnen, geduldig zu sein, ihn zu ermutigen und ihm zu helfen, damit er sein Wissen preisgibt. Die Ergebnisse waren beeindruckend: Verglichen mit Schülern und Schülerinnen in traditionellen Klassen war bei den Kindern der JigsawGruppe eine Abnahme von Ablehnung und eine Zunahme von Sympathie für die Mitglieder ihrer Arbeitsgruppe festzustellen – unabhängig von deren ethnischer Herkunft. SchülerInnen der Jigsaw-Gruppe schnitten auch bei den Prüfungen besser ab und ihr Selbstwert war höher.


FACHKOMMENTAR INHALT

Neues Wohnen für Generationen!

Wohnprojekt „Rosa Zukunft“ in Salzburg-Taxham

Das Diakoniewerk Salzburg entwickelt und begleitet innovative Wohnkonzepte.

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ie demografische Entwicklung bringt mit sich, dass sich Generationenbeziehungen verändern. Auf der einen Seite leben aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung in Familien manchmal bis zu vier Generationen, auf der anderen Seite nimmt die Zahl jener Familien zu, in denen die Kinder ohne Beziehung zu den Großeltern aufwachsen. Auf diesen Veränderungen bauen alternative Wohnkonzepte auf, die den Bedürfnissen junger wie älterer Menschen entsprechen können.

wenn die Rollläden der Nachbarin, anders als gewohnt, vormittags noch nicht aufgezogen sind. Aufgabe der Wohnkoordination ist es, Prozesse zwischen den BewohnerInnen anzuregen, zu fördern und zu unterstützen. Dazu gehört die Bildung eines BewohnerInnenbeirats, einer wesentlichen Basis für Eigeninitiative und nachbarschaftliches Engagement. Indem die Wohnkoordination Informationen zu den Frei­­zeitinteressen oder zum Bedarf an Hilfe sammelt, vernetzt sie die Generationen miteinander.

Wohnprojekt „Rosa Zukunft“

Blumen und Vorlesen

Das Diakoniewerk Salzburg entwickelt innova­ Die alleinerziehende Mutter wird durch eine tive Konzepte, die eine Vielfalt von neuen Wohn- „Leih-Oma“ ebenso unterstützt wie die alleinstehende ältere Dame, deren Lebensmittel­einkauf und Betreuungsangeboten für Menschen im Alter, aber auch fachlich begleitetes Generatio- durch ebendiese Mutter erledigt wird. Die Blunenwohnen beinhalten. Mit der Übergabe der men der im Krankenhaus befindlichen Frau werden durch Nachbarn ebenso mitversorgt wie der „Rosa Zukunft“ in Salzburg-Taxham wurde im Dezember 2013 das erste derartige Wohnpro- Hamster der Jungfamilie während ihres Urlaubs. Eine „Vorlesestunde“ bei dem sehbeeinträchtigjekt realisiert. ten älteren Herrn ist zugleich Spaß und Übung Sozialkapital für das Volksschulkind, während die Jungen Alternative Wohnkonzepte bauen auf bestehen- beim gemeinsamen Garteln von der Erfahrung den Werten auf – auf gesellschaftlich veranker- der Älteren profitieren. Das Wort „Wahlvertem „Sozialkapital“, das gezielt gefördert wird. wandtschaften“ wird mit Leben gefüllt! Dabei sieht sich die Wohnkoordination als Gelebte Nachbarschaft, Solidarität, sozialer Zusammenhalt und das (Er)Leben von Generatio- unterstützende „Kraft im Hintergrund“, um die nenbeziehungen beugen sozialer Isolation vor, größtmögliche Selbstständigkeit und Eigeninitia­ ermöglichen neue Erfahrungen, geben Sicher- tive der BewohnerInnen zu fördern und die bestehenden Kompetenzen zu erhalten. heit und vermitteln Geborgenheit. Die Einbindung in die Gemeinschaft kann sich www.rosazukunft.at auch nur auf gegenseitige Rücksichtnahme bewww.diakoniewerk-salzburg.at ziehen, wie das Bemerken und Reagieren darauf,

MMag. Michael König, Geschäftsführer Diakoniewerk Salzburg

Themen

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ZAHLEN

Die Welt in Zahlen 9,5 % Österreich

Österreich liegt mit den Beschäftigten im Sozial- und Gesundheitssektor unter dem EU-Durchschnitt. Anteil der Beschäftigten im Sozialund Gesundheitssektor an den Beschäftigten insgesamt:

12,4 % Deutschland 18,6 % Dänemark 21,0 % Norwegen Durchschnitt der EU 27: 10,6 %

0

5

10

15

20

Durchschnitt der EU 15: 11,8 %

25

Weniger haben nur Estland, Tschechien, Ungarn und Italien

Quelle: Eurostat

Vereinbarkeit von Beruf und Familie 10 % UK

73 % UK

25 % EU 27

53 % EU 27 62 % Belgien

32 % Belgien

57 % Österreich

22 % Österreich

g

20 oder 30 nur 40 teilzeitbeschäftig50 60 70 80 20 oder 30 teilzeitbeschäftigten 40 50 60 70 80 57 %0 der10 nicht 22 %0 der10nicht

ten Mütter in Österreich sagen, dass es keine passende Kinderbetreuung gibt.

Mütter in Österreich sagen, dass die Kinderbetreuung zu teuer ist.

Fast nirgends ist Kinderbetreuung so wenig verfügbar wie in Österreich.

Nirgends ist Kinderbetreuung so einfach leistbar wie in Österreich.

Non-Profit-Organisationen in Österreich 5,2 % der gesamten Erwerbstätigen in Österreich sind im NPO-Sektor tätig.

4,7 Mrd. Euro ist der Wert der Freiwilligenarbeit in

Hat man das Glück, einen Platz zu bekommen, ist dieser jedoch günstig oder sogar gratis.

Quelle: Europäische Kommission, Report Barcelona-Ziele

Warum sind soziale Dienstleistungen wichtig? Sie helfen Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf.

Österreich (gemessen am mittleren Brutto­stunden­ verdienst) – das sind 1,8 % des BIP.

Sie schaffen Arbeitsplätze.

5,9 Mrd. Euro erwirtschaften NPOs an Bruttowert­

Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird möglich.

schöpfung.

„Social Return on Investment“ investierte Euro erzielt. Das hat „Miteinander leben“, die Organisation für betreutes Wohnen der Diakonie in der Steiermark, errechnet.

Themen

Betreuung und Pflege sind in Stadt und Land gefragt.

g

2,26 Euro ist der Gegenwert der Wirkung, die jeder

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In Österreich sind Kindergärten und Krippen nicht ausreichend verfügbar.

So werden sozialer Ausgleich und gutes Leben für alle möglich.


BÜCHER | EUROPA

Buchempfehlung

Best of EUrope

Handbuch Armut in Österreich

Nikolaus Dimmel, Martin Schenk, Christine Stelzer-Orthofer (Hg.); Studien-Verlag, 2. erweiterte Auflage 2014 Auf 1000 Seiten finden sich 57 Bei­­träge von 62 ExpertInnen. Die soziale Verunsicherung und Armutsbedrohung haben sich durch die Finanz- und Wirtschaftskrise bis weit in die Mittelschicht hinein verschärft. Die Beiträge geben einen Überblick über den aktuellen Stand der Armutsforschung in Österreich. Sie präsentieren neueste Erkenntnisse zu den Ursachen und Faktoren von Armut, individuellen Bewältigungsstrategien sowie öffentlichen und privaten Instrumenten zur Bekämpfung von Armut.

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Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes

Michael J. Sandel; Ullstein 2012 Fast alles scheint heute käuflich zu sein. Wollen wir das so? Die Regeln des Marktes haben auch Lebensbereiche infiltriert, die jenseits von Konsum und Mehrwert liegen sollten: Medizin, Erziehung, Politik, Recht und Gesetz, Kunst, Sport, sogar Familie und Partnerschaft. Mit Verve und anhand prägnanter Beispiele wirft Harvard-Professor Michael Sandel eine der wichtigsten ethischen Fragen unserer Zeit auf: Wie können wir den Markt daran hindern, Felder zu beherrschen, in denen er nichts zu suchen hat?

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Handbuch der Nonprofit-Organisation: Strukturen und Management

Ruth Simsa, Michael Meyer, Christoph Badelt; Schäffer-Poeschel 2013 Früher war es bei NPOs noch wichtig, auf Ökonomie und Betriebswirtschaft aufmerksam zu machen. Heute agieren NPOs äußerst professionell. Zu professionell? „Managerialismus“ und „Verbetriebswirtschaftlichung“ sind zwei aktuelle Entwicklungen. Das heißt: NPOs müssen sich eher wieder auf ihren Unternehmenszweck, ihre „Mission“ zurückbesinnen. Doch kann es gelingen, ökonomisch zu denken und dennoch soziale Ziele anzustreben und zu erreichen?

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Was allen gehört. Commons.

Die Armutskonferenz; ÖGB-Verlag 2013 Die Bedeutung der gemeinschaftlichen Organisation von Gemein- und Allmendegütern: Gebrauchen, Zusammenarbeiten, Teilen und Beitragen sind vier zentrale Prinzipien von Commons. Im Mittelpunkt steht, gemeinsam Ressourcen zu nutzen und zu pflegen, Regeln auszuhandeln und sich die Welt anzueignen, ohne sie in Besitz zu nehmen.

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NGOs mit einer politischen Vision für Europa

Spring Alliance

Der Zusammenschluss von NGOs aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Entwicklungszusammenarbeit hat eine positive Vision für ein gemeinsames Europa. Menschen und der Planet Erde sollen dabei an erster Stelle stehen. Knapp 125 Millionen Menschen in der EU leben an der Armutsgrenze – und ihre Zahl steigt. Der Sparkurs, den die EU gewählt hat, um den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise beizukommen, scheint nicht zu wirken, denn er bekämpft nicht die sozialen Folgen der Krise. Der ausschließliche Fokus auf die ökonomische Entwicklung der EU und die fehlenden sozialen Maßnahmen werden daher von der „Spring Alliance“ massiv kritisiert.

Positive Vision für ein gemeinsames Europa Die Spring Alliance hat AkteurInnen der Zivilgesellschaft aus Umwelt-, Sozial- und Entwicklungsorganisationen und Gewerkschaften im Rahmen des EU-Wahlkampfs vereint. Mitglieder sind europäische Dachverbände, wie etwa die „Social Platform“, wo auch die Diakonie vertreten ist, oder der Europäische Gewerkschaftsverbund. Ziel ist es, eine positive Vision für ein gemeinsames Europa zu verwirklichen. Um Armut, Umweltbelastungen und soziale Ungleichheiten zu reduzieren, hat die Spring Alliance umfassende Gesetzesvorschläge in einem Manifest erarbeitet. Dieses Manifest soll nun, nach den Europa-Wahlen, von der nächsten EU-Kommission bzw. dem Europäischen Parlament umgesetzt werden. Es bezieht sich auf sechs Themen: Transparenz und Stärkung der Demokratie, Reduzierung von Armut und Verbesserung der Sozialsysteme, Schaffung qualitativer Arbeitsplätze, Stärkung der Solidarität und globaler Gerechtigkeit, Vorantreiben von politischen Veränderungen sowie Reduktion der Umweltbelastung durch Maßnahmen in den Bereichen Klima, Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Die Spring Alliance denkt in ihren Lösungsansätzen breit und vernetzt. Sie vereint soziale, politische und ökologische Sichtweisen, um Problemen auf allen Ebenen zu begegnen. www.springalliance.eu

Themen

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DIAKONIE HAUTNAH

Maria wagt den Sprung

Wie das „Sprungbrett Glöcklturm“ in Lienz Menschen mit Behinderung zu einem Arbeitsplatz verhilft.

I Maria schiebt die Einkaufswagen zurück, lenkt aber auch die „Ameise“.

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Themen

VON KATHARINA MEICHENITSCH

nterspar ist einer der größeren Arbeitgeber in der Region Osttirol. Wir wollen hier Maria treffen. Sie arbeitet seit ein paar Wochen in der Filiale in Lienz. Seit ihren ersten Tagen beim Glöcklturm war es ihr erklärter Wunsch, genau bei diesem Unternehmen tätig zu sein. Das „Sprungbrett Glöcklturm“ konnte helfen, denn dieses Projekt der Diakonie verhilft Menschen mit intellektueller Behinderung mittels ver­schie­­dener Formen der Unterstützung zu Arbeitsplätzen. Assistenz und Begleitung – je nach Bedarf den ganzen Tag lang, stundenweise oder auch nur einmal die Woche – ermöglichen die Beschäftigung bei einem „normalen“ Arbeitgeber. Wir finden Maria im Lager. Sie sortiert gerade Leergut-Flaschen in Kisten ein. Sie trägt eine Uniform der Firma, wie alle anderen hier auch. Sie freut sich, dass Besuch gekommen ist, und erzählt, welche Tätigkeiten sie hier jeden Tag verrichtet. Vom Sortieren der Flaschen über das Hin- und Herschieben von Einkaufswagen – die KundInnen möchten das Wagerl zwar am Eingang nehmen, aber lieber am Parkplatz zurückgeben – bis hin zum Lenken der sogenannten Ameise, eines elektrischen Hubwagens, mit dem Maria ihre Kurven dreht.

Es war Marias erklärter Wunsch, in diesem Unternehmen zu arbeiten

schen mit einer Lernbehinderung. Wird dieser Traum wahr, gibt ihnen das Kraft und Selbstbewusstsein.

Warum Austausch wichtig ist Kathrin Zabernig, die Leiterin des Sprungbretts, erzählt, wie wichtig die eigene Arbeit, die gleiche Kleidung, die gemeinsamen Pausen mit KollegInnen, das ernst gemeinte Lob vom Chef und der Austausch mit anderen sind. „Das alles stärkt nicht nur die eigenen Fähigkeiten, sondern vor allem das Vertrauen in die eigene Leistung und das Selbst“, betont Kathrin. Das wiederum bestärkt auch die MitarbeiterIn­ nen im Sprungbrett, die gemeinsam mit den KlientInnen vor Kurzem den ersten Geburtstag gefeiert haben. Und obwohl es jetzt „auch mal ein bissl ruhiger sein könnte“, werden schon die nächsten Pläne gewälzt. Von vielen verschie­ denen Projekten ist die Rede, man spürt förmlich die Motivation und den Tatendrang des jungen Teams.

Selbstständig arbeiten

Arbeitgeber gesucht!

Im Hintergrund steht die Betreuerin, die nur mehr in bestimmten Situationen hilft, etwa beim Einteilen der Zeit für die ver­schie­­denen Tätigkeiten. Vieles macht Maria aber selbstständig. Sie erzählt, dass sie die Pausen gemeinsam mit den KollegInnen verbringt und dass sie jeden Vormittag hier arbeitet. Nach dem Mittagessen fährt sie zum Glöcklturm, wo sie sich mit anderen austauscht und von ihrem Tag erzählt. Zehn KlientInnen zwischen 20 und 30 Jahren werden derzeit vom Sprungbrett Glöcklturm begleitet. Sie alle möchten gerne einer „normalen“ Arbeit nachgehen – ein großer Traum für Men-

Gleichzeitig zeigen die langen Wartelisten des Sprungbretts, wie wichtig solche Arbeitsmarktprojekte für Menschen mit Behinderung sind. Viele junge Menschen möchten den Sprung ins Berufsleben wagen, doch nicht alle können dabei entsprechend begleitet werden. Viel Überzeugungsarbeit muss noch geleistet werden, um Vorurteile abzubauen. Daher antwortet Kathrin Zabernig auf die Frage, was sie sich für den Glöcklturm in Zukunft wünscht, rasch und bestimmt: „Viele weitere Arbeitgeber, die für Menschen wie Maria offen sind!“


KURZ GEMELDET

Anlaufstelle NARA

Rechtsberatung für Flüchtlinge in Innsbruck. Viele ehemalige AsylwerberInnen, deren Verfahren in Österreich negativ beschieden wurden, können aus faktischen oder rechtlichen Gründen Österreich nicht verlassen, etwa weil sie keine gültigen Papiere haben oder weil ihnen ihr Heimatland keine Heimreisezertifikate ausstellt. Diesen Menschen, die kein Aufenthaltsrecht haben, aber auch nicht abgeschoben werden können, hilft NARA, die Beratung für niederlassungs- und aufenthaltsrechtliche Angelegenheiten. Ziel ist es, den Aufenthaltsstatus der KlientInnen zu legalisieren und ihnen dadurch den Zugang zum Arbeitsmarkt und zur Selbstversorgung zu ermöglichen. NARA ist auch eine Anlaufstelle für Menschen, die sich während der langen Dauer ihres Asylverfahrens ein schützenswertes Familienleben in Österreich aufgebaut haben. NARA versucht, diesen Menschen zu ihrem Recht auf Privatund Familienleben nach Art. 8 der Europäischen Menschen-

NARA hilft Menschen, die keine gültigen Papiere haben

rechtskonvention zu verhelfen. Seit Jänner 2014 haben ca. 60 Personen dieses Angebot in Anspruch genommen. http://fluechtlingsdienst.diakonie.at

Teilen und genießen Der Café Sospeso in Österreich.

Starthilfe aus Deutschland: der erste Johanniter-Wagen

Ein Wagen zum Einstand 40 Jahre Johanniter-Unfall-Hilfe.

1974 wurde die Johanniter-Unfall-Hilfe als klassische Rettungsorganisation gegründet. Damals starteten die Johanniter in Wien mit einem Krankentransportwagen – einem Einstandsgeschenk der deutschen Johanniter – und einer Handvoll engagierter Ehrenamtlicher. Die vergangenen 40 Jahre sind für die Johanniter eine Erfolgsgeschichte: Sie zeigt, wie aus einer kleinen Idee eine große professionelle Hilfsgemeinschaft wurde. Die 40-jährige Geschichte der Johanniter basiert auf dem Zusammenhalt, dem Engagement und der Hilfsbereitschaft jeder einzelnen Mitarbeiterin, jedes einzelnen Mitarbeiters. Der Dank gebührt diesen Menschen für ihren unermüdlichen, vielfach ehrenamtlichen Einsatz sowie den mehr als 40.000 Förderinnen und Förderern, die Unterstützung leisten. www.johanniter.at

Jedes Café, das mitmachen will, ist willkommen!

„Es ist ganz einfach. Ich zahle zwei Kaffees, einen für mich und einen für jemanden, der es sich nicht leisten kann“, beschreiben Vera Hinterdorfer und Martin Schenk die Ak­ tion Sospeso Bo(h)nuskaffee, die, ausgehend von Neapel, jetzt auch in Österreich stärker Fuß fasst. Man zahlt im Voraus in einem Lokal für Essen oder Trinken für jemanden, der sich’s nicht leisten kann. SpenderIn und EmpfängerIn bleiben einander unbekannt, damit für die einen der Stolz gewahrt bleibt und die Großzügigkeit der anderen nicht beschämend wirkt. Mittlerweile nehmen Kaffeehäuser in Wien, St. Pölten, Villach, Purkersdorf und Vöcklabruck an der Aktion teil. „Jedes Café, das mitmachen will, ist willkommen, denn ein Café ist mehr als eine ,Auftankstation‘: Es ist Treffpunkt, Arbeitsplatz und Ort der Freizeitgestaltung zugleich. Es ist ein kommunikativer Raum, in dem alle ihren Platz haben“, so die InitiatorInnen von Sospeso Bo(h)nuskaffee. www.sospeso-bohnuskaffee.at

Themen

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AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Grüße von der Osterinsel

Was mag derjenige gedacht haben, der auf der Osterinsel den letzten Baum gefällt und damit den Untergang einer Kultur besiegelt hat? VON RICHARD DAVID PRECHT

D RICHARD DAVID PRECHT ist Philosoph. Dieser Text ist dem Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ entnommen.

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Themen

ie Osterinsel im Südpazifik ist berühmt für ihre bis zu neun Meter großen Steinstatuen, die Moai. Mehr als hundert dieser eindrucksvollen Gebilde stehen auf der kargen Insel. Einem heutigen Besucher erscheinen sie so seltsam und fremd in die Landschaft gesetzt, dass der Schweizer Phantast Erich von Däniken nur eine Antwort auf die Frage fand, wie sie dort hingekommen waren: Außerirdische Besucher aus dem Weltall mussten sie geschaffen haben. Den Polynesiern der Insel jedenfalls traute Däniken eine solche Leistung nicht zu. Auch der norwegische Entdecker Thor Heyerdahl hielt sie für das Werk von Fremden, vermutlich einer südamerikanischen Hochkultur. Die Statuen erregen Erstaunen, und sie stimmen nachdenklich. Schon als der niederländische Seefahrer Jacob Roggeveen am Ostersonntag 1722 nach 17-tägiger Fahrt von der chilenischen Küste durch den Pazifik seinen Fuß

auf die einsam gelegene Insel setzte, stand er vor einem Rätsel. Um Skulpturen wie die Moai zu bauen, brauchte man Baumstämme für Schlitten, Kanuleitern und Hebel. Aber die Insel war unbewaldet, der größte Baum, den Roggeveen fand, war nicht einmal drei Meter hoch. Und die Polynesier auf der Insel präsentierten sich als ein völlig unkultiviertes Volk mit kleinen lecken Kanus. Irgend­etwas war hier schiefgelaufen, und zwar verdammt schief! Tatsächlich war die Osterinsel ursprünglich bewaldet gewesen. Mit der Ankunft der Polynesier um 900 vor Christus begannen sie den Wald als Ressource zu nutzen. Richtigen Raubbau aber betrieben sie erst, als die rivalisierenden Häuptlinge der Insel versuchten, sich mit ihren Statuen zu übertrumpfen. Und je schwieriger die ökonomische Lage durch den massiven Holzeinschlag wurde, umso kostbarer und gigantischer wurden die Statuen.


AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Der Raubbau begann, als die Häuptlinge sich mit ihren Statuen gegenseitig übertrumpfen wollten

Die Osterinsulaner rotteten erst die Flora aus, dann die Tiere

Sie waren der religiöse Fetisch der herrschen- teten ein karges Los. Wie hatte es dazu komden Klasse geworden und das Statussymbol, men können? Und warum verhinderte niemand den sich anbahnenden Selbstmord einer gandas alle Mittel rechtfertigte. Als die botanischen Ressourcen immer knap- zen Zivilisation? Warum erkannte keiner auf der per wurden, entwickelten sich die Osterinsula- Osterinsel, dass mit dem Holzfällen ganz schnell ner zu Fleischessern. Sie rotteten erst die Delfi- Schluss sein musste? Und wenn er es erkannte, ne vor der Küste aus, als Nächstes die Landvögel warum wurde er nicht gehört? „Was mag“, fragt der Evolutionsbiologe Jared und dann die Seevögel. Am Ende ernährten sie Diamond von der University of California in Los sich fast nur noch von Ratten. Es kam zur Hungersnot, die Kultur brach zu- Angeles, „derjenige gedacht haben, der auf der sammen, die Bevölkerung schwand, zuletzt Osterinsel den letzten Baum gefällt und damit den unaufhaltsamen Untergang einer 700 Jahre auch durch den Kannibalismus. Erst als der letzte Baum gerodet, das letzte lang erfolgreichen Kultur besiegelt hat?“ Die Antwort auf diese Frage, die Diamond wilde Tier gejagt, der letzte Fisch gefangen war, so ließe sich frei nach der ominösen „Weissa- sich selbst gibt, ist so schlicht wie realistisch: gung der Cree“ sagen, stellten die Osterinsula- „Wahrscheinlich, dass Bäume schon immer gener fest, dass sie ihre Statuen nicht essen konn- fällt wurden und dass es völlig normal sei, wenn ten. Voll Ingrimm stürzten sie ihre Skulpturen um, auch der letzte fällt.“ wie die Bevölkerung Bagdads das Denkmal von Saddam Hussein. Aber es war zu spät. Neunzig Prozent der Einwohner waren gestorben, die Überlebenden fris-

Richard David Precht: Die Kunst, kein Egoist zu sein. Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält. Goldmann 2010

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Mehr Wert! Was allen zugutekommt (Diakonie Themen 01/2014) by Diakonie Österreich - Issuu