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Freiwillig engagiert: Tun wir was! (Diakonie Themen 01/2011)

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Diakonische Information 160-3/11 Diakonische Information Nr.Nr. 160-3/11

Themen Freiwillig engagiert:

Tun wir was!

Interview: Michael Meyer

Im Wordrap: Helga Kromp-Kolb

Der Alltag Diakoni­ scher HelferInnen

„Häferl“: Ein Ort für Haftentlassene


EDITORIAL

Apfelstrudel und Kirchenglocken Persönliche Erinnerungen zum Wert und zur Wirkung freiwilliger Tätigkeit.

F

rau W. hat gegenüber gewohnt. In einem O., die jedes Wort mitschrieb, um es bei den Krankenbesuchen parat zu haben, wenn ein Wort nötig Haus mit kleinem Garten. Von ihrem Küchenfenster aus hatte sie den besten war. Familie L., die Ideenreiche, saß zentral in der Blick auf den Eingang unseres Hau­ses. Mitte. Und dann noch Herr B., der Begleiter der Frau W. registrierte alles. Ankommende Autos, Toten, ganz hinten, um den Glocken nah zu sein. Gäste, die zu merkwürdigen Zeiten kamen. Es ist lange her, seit ich dort, in dieser kleinen GeWir wohnten damals etwas außerhalb von Wien. meinde an der Schnellbahn, Pfarrer war. Heuer sind mir Herr B., Frau N. und die anderen öfter eingefalVerließ meine Frau das Haus in aller Früh, um die len, im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit. Schnellbahn zu nehmen, wusste ich: Frau W. hat es gesehen. Frau W. wurde aktiv. Spätestens um Diese Menschen hatten alle ihre Funktion und 11 Uhr stand sie vor der Tür und beteuerte, sie hät- Aufgabe in der Gemeinde, die sie selbstverständlich te Apfelstrudel für die Enkerln gemacht und es erfüllten. Viele von ihnen sind schon gestorben. Ansei so viel übrig, ob ich nicht einen wolle. Auch dere haben übernommen, was sie getan haben. In Ge­müsesuppe hätte sie gerade übrig. Auf Frau W. meinem Gedächtnis sitzen sie alle noch auf ihren war Verlass, ihr entging nichts. Plätzen in der kleinen Kirche Und alles, was sie beobachteund lassen die experimentelte, setzte sie mit mitfühlender len Gottesdienste des jungen Energie in ihrer Küche um. Pfarrers über sich ergehen. SELIG sind die, die Herr B. war zurückhaltender. Für mich sind sie zu Seligen ein reines Herz haben; Ihn sah ich nur zu traurigen geworden. Von Bedeutung denn sie werden Gott Anlässen. Herr B. wohnte neüber den Tod hinaus. Als Vorschauen. ben der Kirche des kleinen bilder des Glaubens, Vorbilder Ortes, und er schlug die Gloder Aufmerksamkeit und der cken, wenn jemand gestorben Achtsamkeit. Fast auf jede/n war. Ich hatte keine Telefonnummer von Herrn B. von ihnen passt ein Vers der Bergpredigt: Wahrscheinlich hatte er kein Telefon. Aber Herr B. Frau W., der Mindestrentnerin, gehört das Wort: war immer zur Stelle. Kein Trauerzug musste auf Selig sind die, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. sein Geleit verzichten. Herrn B., dem Tröster der Trauernden: Selig sind Den Überblick hatte Herr L. – den Überblick, die Energien und eine reizende Frau sowie fünf Kinder. die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Und Herrn L., dem Meister der Ideen, der viel zu Herr L. hatte den ganzen Tag Ideen: Entweder lieferte er sie beim Tor ab, oder er schrieb sie auf, oder er früh verstorben ist, gilt das Wort: Selig sind die, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott rief an. Kein Tag verging ohne neuen Einfall, ohne neues Konzept, das uns alle voranbringen würde. schauen. Und viele dieser Ideen wurden auch umgesetzt. Seinen Ideen und der Tatkraft seiner Frau sei Dank. In der Kirche saß Frau N. mit ihrer glockenhellen Stimme, die sich immer einen Chor wünschte, den sie aber doch sehr dominiert hätte. Neben ihr Frau

Pfarrer Mag. Michael Chalupka, Direktor Diakonie Österreich n 2

Themen


INHALT

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Was mich begeistert ...

Die eigene Freizeit anderen schenken: Was treibt

Menschen dazu an? Eine Nachfrage bei Freiwilligen in den Diakonie-Einrichtungen.

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Vom Engagement der Menschen

Die Zivilgesellschaft produziert die Werte, die der

Sozialstaat nicht schaffen kann. Und doch braucht

die Zivilgesellschaft einen ausgebauten Sozialstaat.

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„Weil es Spaß macht“

Non-Profit-Experte Michael Meyer erklärt, warum von

der Freiwilligenarbeit alle Beteiligten profitieren:

Freiwillig Tätige sind glücklicher und zufriedener!

THEMA: Freiwillige Tätigkeit

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„Da steckt viel Weisheit drin“

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„... und plötzlich lachen alle“

Wordrap mit Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb.

Zwei junge Diakonische Helferinnen berichten über ihr freiwilliges Jahr im Diakoniewerk Gallneukirchen.

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Verpflichtender Sozialdienst für alle?

Pro und Kontra von Werner Kerschbaum,

Österreichisches Rotes Kreuz, und Philipp Nagel, Bundesjugendvertretung.

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Menschen als Säulen

Fachkommentar von Michaela Koller, Diakonie-Zentrum Salzburg

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Die Welt in Zahlen Buchempfehlungen, Glossar Diakonie hautnah

Das „Häferl“ ist ein geschützter Ort für Haftentlassene. Hier bekommen sie warmes Essen und Zuspruch.

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Kurz gemeldet Auf den Punkt gebracht

An diesem Heft mitgearbeitet haben Mag.a Andrea Brummeier, Diakoniewerk Gallneukirchen Mag.a Birgit Katzmaier, Diakoniewerk Gallneukirchen

Mag.a Eva Kothbauer-Habersatter, Diakonieverein Salzburg Mag.a Belinda Schneider, MAS, Johanniter-Unfall-Hilfe Mag. Hansjörg Szepannek, Diakonie de La Tour Mag.a Karin Tzschentke, Der Standard

Themen

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PORTRÄTS

Was mich begeistert ... Maria Kandutsch Maria Kandutsch lebt in der Gemeinde Treffen und ist seit zwei Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterin im Pflege­ heim de La Tour der Dia­ konie de La Tour.

Meist sitze ich mit vier bis fünf alten Menschen und unterhalte mich mit ihnen. Das ist ein schönes und gutes Gefühl. Dabei erzählen sie mir Geschichten aus ihrem Leben, und manchmal verraten sie mir auch, welche Süßigkeiten sie gerne hätten. Und die nehme ich ihnen dann beim nächsten Besuch mit.

Reingard Mandl

Im Fernsehen habe ich erfahren, dass das Kinderhaus Omas und Opas sucht, die einen Tag in der Woche mit Kindern (mit und ohne Beeinträchtigung im Alter von einem bis zehn Jahren) spielen, lesen oder anderes unternehmen. Ich bin sehr angetan vom positiven Klima im Kinderhaus und fühle mich als voll integriertes Mitglied, sowohl bei den Kindergärtnerinnen als auch bei den Kindern. Besonders begeistern mich die Fortschritte der Kinder mit besonderem Förderbedarf. Elisa­ beth, ein Mädchen mit Down-Syndrom, hat mir an meinem allerersten Tag im Kinderhaus sämtliche Kinder mit Namen vorgestellt, das war mein erstes großes Aha-Erlebnis. Reingard Mandl ist seit rund acht Jahren ehrenamtliche Oma im evangelischen Kin­ der­­­haus des Diakonievereins Salzburg.

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Themen

Ulrike Oberndorfer Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass jeder Tag verschieden ist, weshalb es auch nie langweilig wird. Dieser ständige Wandel trägt dazu bei, dass man immer an sich arbeiten und sich weiterentwickeln kann. Meine Arbeit in der Wohngruppe Kaya und in der Tagesklinik stellt mich beinahe täg­ lich vor neue Herausforderungen, wodurch ich Erfahrungen sammeln kann, die mir helfen, auch andere Perspektiven und Ansichten zu erlangen. Mit meinen 18 Jahren profitiere ich von dieser Arbeit daher sehr.

Ulrike Oberndorfer arbeitet seit September 2010 für ein Jahr als Diakonische Helferin im Diakonie Zentrum Spattstraße. Berufsbegleitend besucht sie einen Ein­­füh­rungs­lehr­ gang für so­zia­le Dienste in Gallneukirchen.

Rudolf Niebler Mich begeistert die Johanniter-Familie! Täglich mit Johan­nitern zusammenzu­ arbeiten, um gemeinsam anderen Menschen zu helfen, dafür kann ich mich be­geis­tern. Verletzte oder kran­ke Menschen zu behandeln oder eine Niere ins AKH zu bringen – das macht Sinn und hat immer höhere Priorität für mich, als ins Kino zu gehen.

Rudolf Niebler ist seit mehr als 27 Jahren für die Johanniter im Rettungsdienst- und Kranken­ transport sowie im Organtransport im Einsatz. Als Bereichsbeauftragter repräsentiert er die Johanniter bei Veranstaltungen und unterstützt die Geschäftsführung.


PORTRÄTS

Einen Teil der eigenen Freizeit anderen schenken: Was treibt Menschen an, das zu tun? Wir haben Freiwillige in den Diakonie-Einrichtungen gefragt.

Markus Danner Bei meinem Einsatz hier in der Martin-Boos-Schule habe ich schon viel Positives erlebt und konnte einige Lernprozesse miterleben – nicht nur bei den Kindern, auch bei mir selbst! Man kann einiges erreichen, auch wenn es scheinbar nur Kleinigkeiten sind. Ich fühle mich hier wohl und bekomme gute Rückmeldungen von den Lehrerinnen und Lehrern. Die Kinder habe ich alle sehr lieb gewonnen. Markus Danner (18) ist Diakonischer Helfer im Dia­ko­ nie­werk Gallneukirchen. Da er die Ausbildung zum FachSozialbetreuer/Behindertenarbeit im Diakoniewerk Gallneukirchen machen möchte, hat er im Rahmen des Diakonischen Jahres in mehrere Bereiche hineingeschnuppert. Seit Jänner 2011 ist er in der Martin-BoosSchule im Einsatz – in einer Klasse für Kinder mit mehrfachen Behinderungen und im Hort der Schule.

Sibylla Aschauer Nora Hergovich Mich begeistert der Team­­geist bei den Johannitern. Es macht einfach Spaß, gemeinsam etwas zu bewegen. Schon als Medizinstudentin wollte ich mich sozial engagieren und anderen helfen. Ich habe schnell bemerkt, dass ich auch sehr viel zurückbekom­ me, sei es nur ein Lächeln oder ein Händedruck. Außerdem konnte ich hier die Ausbildung zur Rettungs­ sanitäterin machen und Berufserfahrungen sammeln. Wo sonst bringt man das alles unter einen Hut?

Dr.in Nora Hergovich hat 2009 das Medizinstudium abgeschlos­ sen, studiert im 4. Se­mes­ter Biologie mit dem Schwerpunkt Genetik/Mikro­biologie und ist ehrenamtliche Ret­tungs­sanitä­ terin bei den Johannitern.

Was mich begeistert, ist der Ansatz, Integration als Lebens­thema für jeden von uns zu verstehen – zu lernen, die scheinbaren Gegensätze, die uns täglich im Leben begegnen, zu einem integrierten Ganzen zu bringen. Kinder mit besonderen Bedürfnissen müssen nicht ausschließlich in besonderen Einrichtungen ausgebildet werden, wo die Trennung, das Separieren und das gesonderte Fördern von Menschen mit speziellen Begabungen beginnt. Die Arbeit macht uns immer Freude, auch wenn sie nicht immer leicht ist. Wenn du ein paar Tage ein Ergebnis sehen willst, säe Samen. Wenn du ein paar Jahre ein Ergebnis sehen willst, pflanze einen Baum. Wenn du ein Leben lang ein Ergebnis sehen willst, entwickle die Menschen.

Sibylla Aschauer ist ehrenamtliche Vorsitzende des Diakonievereins Salzburg. Seit 1994 ist sie für den Diakonieverein freiwillig tätig. Themen

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THEMA

Vom Engagement der Menschen Die Zivilgesellschaft produziert in ihrer Arbeit die Werte, die der Sozialstaat selbst nicht schaffen kann – die er aber für den Schutz seiner schwächsten Mitglieder braucht. Von Katharina Meichenitsch und Martin Schenk

S

olidarität ereignet sich als personales, mit- Als Drittes existiert Solidarität als Gesellschafts­ menschliches Handeln, egal ob im öffent- vertrag, als Einverständnis zwischen gesellschaftlichen oder privaten Raum. Dabei nimmt lichen Gruppen. Der Gesellschaftsvertrag wird geschlossen, um etwa Hilfe bei Krankheit, Arbeits­ das solidarische Handeln unterschiedliche Formen an. Menschen begegnen sich von Ange- losigkeit oder im Alter zu bieten. sicht zu Angesicht, „face to face“, und unterstützen Für andere einzustehen und sich für andere zu einander: Sie kochen ein Mittagessen für die Kinder, engagieren kann also viele Gesichter haben. sie helfen bei der Pflege der Oma, oder sie bieten Solidarkultur einem Flüchtling Unterschlupf. Solidarität manifestiert sich außerdem als Han- Nun ist es möglich, dass eine hohe Solidarkultur in deln in Netzen, Vereinen und Gemeinschaften, wie „Face to face“-Gemeinschaften mit einer geringen etwa in Selbsthilfegruppen für Eltern von Kindern Solidarität innerhalb der Gesellschaft einhergehen mit Behinderungen, in Bürgerinitiativen für die Er- kann. Wenn etwa viele Initiativen und informelle haltung eines Parks in der nahen Umgebung, in der Netze dem Einzelnen, der gut vernetzt ist, eine gute Ab­sicherung bieten – aber ein Viertel der gesamNachbarschaftshilfe oder in einer Runde in der Pfarrgemeinde, die sich trifft und gemeinsam et- ten Bevölkerung einer Gesellschaft an bzw. unter was unternimmt. der Armutsgrenze lebt. Diese gesellschaftliche Ord-

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Themen


THEMA

Freiwilligkeit n Interview mit Michael Meyer n Projekte aus der Diakonie n Diakonische Helferinnen nung kennt man aus den USA oder auch aus England. Erst wenn familiäre und informelle Ressourcen erschöpft sind, übernimmt die Gesellschaft die Verantwortung, die Mittelschicht kommt rasch unter Druck. Umgekehrt verhält es sich in den skandinavi­ schen Gesellschaf­ten, in denen sich solidarisches Handeln durch Bürgerschaft und die damit ver­ bunde­nen Rechte auszeichnet. Aber es ist auch möglich, dass ein mit hoher gesellschaftlicher Solidarität ausgestattetes Gemeinwesen geringes solidari­sches Handeln der BürgerInnen aufweist. Das wäre das Modell Wohlfahrt von oben, pater­ nalistisch, ohne Mitbestimmung, der Bürger/die Bürgerin als Untertan: keine Mitbestimmung von Patien­tInnen, ein geschlossenes Schulsystem, kein Wahlrecht für MigrantIn­nen.

Vermittlung

s s

Eine moderne Sozialpolitik braucht jedoch eine Solidarkultur in der Vermittlung zwischen Gesellschaft, Gemeinschaft und Privatem. Denn solidarisches Handeln im Privaten allein bezieht sich nur

n Fachkommentar:

auf die Familie und meint unter Menschen als Säulen den aktuellen Bedingun­gen unben Die Welt in Zahlen zahlte und letztendlich abhängige Versorgungsarbeit von Frauen. Das zeigt sich in der durchschnittlichen wöchentlichen Gesamtarbeitszeit von Frauen von etwa 45 Stunden, während Männer im Schnitt nur 35 Stunden arbeiten. Solidarisches Handeln in der Gemeinschaft allein bezieht sich auf handelnde Gruppen und schließt gleichzeitig andere aus, die „Randständigen“, die Dissidenten, die „Ab-Normalen“. So kommen laut einer Studie in den Tiroler Sozialsprengeln Menschen mit Alkoholproblemen, MigrantInnen oder schwierige Jugendliche im bürgerschaftlichen Engagement kaum vor. Und solidarisches Handeln in der Gesellschaft allein heißt Delegation an die öffentlichen Einrichtungen und Nichtzuständigkeit allerorts, nämlich dann, wenn Gesellschaftspolitik ausschließlich „von oben“ vorgegeben wird. Eine entwickelte Solidarkultur jedoch macht das Funktionieren und Ineinandergreifen aller drei Bereiche aus. Gefährlich ist eine Politik, die das eine Themen

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THEMA

auf Kosten des anderen forcieren will. Die zivilgesellschaftlichen, bürgerschaftlichen Initiativen sind nicht der Ersatz für die gesamtgesellschaftlichen Instrumente des sozialen Ausgleichs. Und die Freiwilligen sind nicht Ersatz für die Beschäftigten. Im Gegenteil: Sie produzieren in ihrer Arbeit die Werte, die der Sozialstaat selbst nicht schaffen kann – die er aber für den Schutz seiner schwächsten Mitglieder braucht.

Ermächtigen und Handeln

„Es macht Spaß“ ist das zentrale Motiv der freiwillig Tätigen in Österreich

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Themen

Gleichzeitig sind viele Initiativen der Zivilgesellschaft Reformkräfte im Sozialstaat. Sie weisen in Wort und Tat auf Fehlentwicklungen hin und mischen sich an der Seite der Benachteiligten öffentlich ein. Zivilgesellschaftliche Initiative lässt sich nicht von oben verordnen, sondern entsteht anlassbezogen, themenspezifisch und auf Zeit. Als dritter Sektor im Wohlfahrtsdreieck zwischen Staat und Markt liegt die Civil Society quer, schräg zu den Verhältnissen, nicht auf Linie. Der Auftritt der Zivilgesellschaft ist der Versuch, ein Paradoxon zu entwerfen: den nichtstaatlichen Citoyen. Menschen wollen nicht nur WirtschaftsbürgerInnen sein, nicht nur alle vier Jahre Stimm­ bürgerInnen, sondern von dem Ort aus, den sie wählen, öffentlich Handelnde. Dem paternalis­ti­ schen Modell von Bürgergesellschaft, das Gemein-

sinn von oben verordnen will, setzen sie ein Engagement entgegen, das Menschen ermächtigt statt sich ihrer bemächtigt. Sie wollen kein repressives Gemeinschafts-Pathos, das Zusammengehörigkeit verordnet, in Volksgemeinschaften beschwört, zu braven Untertanen erzieht.

Soziale Sicherung und Engagement Freiwilligen-Engagement lebt vom sozialen Ausgleich und der Absicherung derer, die sich engagieren. Untersuchungen zur Dynamik von Erwerbs­ tätigkeit und ehrenamtlichem Engagement in Deutsch­­land kommen zu dem Schluss, dass auf dem „Ehrenamts-Markt“ genau dieselben Qualifikationen gefragt sind, die auch eine erfolgreiche Erwerbsarbeitsbeteiligung fördern. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und mehrfache Erwerbslosigkeiten in der Lebensbiografie scheinen also keine „brauchbaren“ Freiwilligen hervorzubringen, ja nicht einmal eine entsprechende Motivationslage erzeugen zu können. Ein ähnlich starker Zusammenhang wie zwischen „guter Erwerbsarbeit“ und ehrenamtlichem Engagement zeigt sich auch bezüglich der Staatsausstattung und der Motivation der BürgerInnen zu freiwilliger Tätigkeit. Offensichtlich ist es so, dass in Europa die ausgebauten Wohlfahrtsstaaten mit hoher Staatsquote und ebensolcher Steuerbelas­


THEMA

tung auch eine starke BürgerInnenbeteiligung aufweisen. Freiwilligenarbeit, so Analysen des Euro­ pean Social Survey, findet sich häufiger in Staaten mit geringeren Einkommensunterschieden, stärke­ rer Urbanisierung und höheren Sozialausgaben. Je gerechter die Gesellschaften sind, desto höher also das freiwillige Engagement. Denn wer nicht von seiner Arbeit leben kann, der braucht Ressourcen und Zeit fürs eigene Durchkommen.

Rahmenbedingungen

Fotografie: Volker Dautzenberg

Rahmenbedingungen sind notwendig, um freiwilliges Engagement zu stärken, nicht um es zu begren­ zen. „Es macht Spaß“ ist das zentralste Motiv der freiwillig Tätigen in Österreich, 94 % unterstützten bei einer Befragung diese Aussage. Freude an der Tätigkeit kann nur dort entstehen, wo Spontaneität und Begeisterung geweckt werden. Es braucht eine offene Gesellschaft, die Initiativen zulässt, BürgerInnen im Handeln bestärkt und selbst Freude am Engagement hat. n

Da sein, nah sein, Mensch sein: Freiwillig engagiert.

www.diakonie.at Spendenkonto PSK 23.96.444

Menschlichkeit braucht Unterstützung. Themen

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INTERVIEW

Prof. Dr. Michael Meyer

ist Universitätsprofessor für Betriebswirtschaftslehre an der Abteilung für Nonprofit-Management an der Wirtschafts­ universität Wien (WU). Er ist Leiter dieser Abteilung sowie des Forschungsinstitutes für Nonprofit-Organisationen an der WU. Gleichzeitig leitet er den ProfessionalMBA-Lehrgang für Sozialmanagement (ISMOS) der WU.

„Weil es Spaß macht!“ DiakonieThemen: Laut Freiwilli-

genbericht haben Männer Ihres Alters und Ihrer Ausbildung im Durchschnitt zwei Positionen im hochrangigen Ehrenamt, also gewählte Vertretungspositionen im Bereich Politik oder Kultur inne. Sind Sie ehrenamtlich tätig?

„Es geht in hohem Ausmaß um Sozialkapital“

Ja, ich habe mindestens so viele Ämter. Ich bin in einem Aufsichtsgremium tätig, in einer klassischen Ehrenamtsfunktion beim ÖAMTC. Zum anderen bin ich an der Wirtschaftsuniversität in unserem Verein „NPO-Institut“ seit etwa 15 Jahren im Vorstand. Beim Zen-

Michael Meyer:

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Themen

trum für Berufsplanung der WU bin ich Sprecher des Vorstandes. Warum sind höher gebildete Menschen öfter freiwillig tätig?

?

Hier geht es, um mit Pierre Bourdieu zu sprechen, in einem hohen Ausmaß um Sozialkapital. Das heißt, die Leute sind vernetzt, haben soziales Kapital und na­ tür­lich auch symbolisches Kapital, einen bestimmten Status. Die­se Menschen werden auch öfter angesprochen, vor allem für solche Tätigkeiten. Der Klassiker im Sport: Für einen Fußballverein am Land ist der Großunternehmer der Ortschaft als Vorstandssprecher oder Präsident attraktiver als der Langzeitarbeitslose. Das heißt, es geht ein Stück weit um das Profitieren von Ressourcen und Kapital, die man sich von Menschen mit einem höheren sozialen Status erwartet und verspricht. Auch zwischen Männern und Frauen gibt es Unterschie­de?

?

Ja, im religiösen und im sozialen Bereich gibt es starke FrauenÜberhänge. Und wir haben in Österreich ein sehr starkes Feld der Blaulicht- oder Katastrophenhilfsorganisationen in der Freiwilligenarbeit, und dort wiederum eine extreme Dominanz von Männern. Deswegen schaut es so aus, als ob Männer öfter freiwillig tätig sind. Dazu kommt, dass – wie bei hauptamtlichen Jobs – im Sozialbereich die leitenden Freiwilligenämter nach wie vor von Männern ausgeübt werden. Das ist ja das Frappante, das selbst in frau­en­dominier­ten Bereichen wie der Pflege und den sozialen Dienst­leis­tun­gen die Spitzen der Or­ga­n­isatio­nen von Männern besetzt sind.

? Ist der geringere Anteil darauf

zurückzuführen, dass Frauen bereits ohne Freiwilligentätigkeit ei­ne höhere Ar­­beitsbelastung haben als Männer? Das auch, ja. Frauen arbeiten ja bekanntlich deutlich mehr als


INTERVIEW

Seine Arbeitsschwerpunkte sind Organisationsanalyse, Karrieren, die Funktionen von Nonprofit-Organisationen und die Diffusion betriebswirtschaftlicher Methoden in NPOs. Dazu liegen zahlreiche englisch- und deutschsprachige Fachpublika­ tionen vor. Michael Meyer ist Mitglied mehrerer internationaler Forschungs­ netzwerke.

Dass Freiwilligenarbeit besonders dort stark ist, wo auch der Sozialstaat stark ist, erklärt Michael Meyer im Gespräch. Interview: Katharina Meichenitsch Männer, wenn man alles zusammenzählt. Das ist sicher auch eine Erklärung.

? Freiwillige Tätigkeit ist auch ein

Definitionskriterium für eine NonProfit-Organisation. Wird das auch Standard bei den gewinn­ orien­tierten Betreibern von sozia­ len Einrichtungen werden?

? Wie kann man die Kompeten­

zen und Qualifikationen, die im Zuge der Freiwilligenarbeit erworben werden, absichern? Man muss sie nicht unbedingt absichern. Aus unserem Datensatz von 1000 WU-Absolventin­ nen und -Absolventen zeigt sich, dass Menschen, die während es Studiums Freiwilligenarbeit geleistet haben, in erfolgreicher sind. Es geht dabei um objektive und subjektive Erfolge – sie sind glücklicher und zufriedener und auch noch erfolgrei­cher hinsichtlich Gehalt und Aufstieg.

? Wie kann man das erklären? Dafür gibt es zwei Erklärungen. Die eine ist: Diese Leute erwerben wirklich Kompetenzen. Zweitens gibt es eine positive Selektion: Wer Freiwilligenarbeit leistet,

hatte die notwendigen Kompetenzen schon vorher, hatte eine starke Führungsmotivation, eine starke Soziabilität, also bestimm­ te Persönlichkeitsdimensionen, und steht damit signifikant besser da als Kolleginnen und Kollegen ohne freiwilliges Engagement. Ich glaube, dass Leute sich engagieren, weil es ihnen Spaß macht und sie etwas Sinnvolles tun wollen. Das ist ihr dominantes Motiv – nicht der Erwerb von Kompeten­zen.

? Sollte der Staat eingreifen, so-

dass nur bestimmte Organisatio­ nen Freiwilligenarbeit anbieten? Das halte ich für Schwach­sinn – zwischen guter und schlech­­ter Freiwilligenarbeit zu unterscheiden! Ich habe da immer ironische Konflikte mit meinen bundesdeutschen und schweizerischen Kolleginnen und Kollegen, weil ja dort in den letzten Jahren so etwas wie Engagementpolitik ein Thema geworden ist. Im Familienministerium von Ursula

s s

Das glaube ich nicht. Meine Vermutung ist, dass die Bereitschaft von Menschen, sich freiwillig zu engagieren, schon sehr stark vom Non-Profit-Charakter, vom zivilgesellschaftlichen Charakter der jeweiligen Organisation abhängt. Keiner macht bei IBM Freiwilligenarbeit. Das hat schon damit zu tun, dass man durch seinen Einsatz zum Gemeinwohl beitragen möchte. Ich glaube auch, dass in Freiwilligenorganisationen die Möglichkeit für Freiwillige und von Freiwilligen gegeben sein muss, sich in wichtigen Fragen der Organisation zu Wort zu melden. Nur zu sagen: Wir nehmen euch, ihr dürft bei

uns das und das machen und Leute durch die Gegend begleiten, aber sonst habt ihr überhaupt nichts mitzureden – das funktioniert nicht.

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PROJEKTE

Freiwillige Ärztinnen/Ärzte

A

mber“ wurde am 12. Jänner 2004 von der Diakonie gegründet. Zunächst war die medizinische Versorgung der zahlrei­ chen obdachlosen Asylsuchenden das Ziel der Einrichtung. Im Lauf der Zeit kamen immer mehr MigrantInnen und unversicherte ÖsterreicherInnen zu Amber. Amber wird hauptsächlich durch das ehrenamtliche Engagement von Allgemein- und FachmedizinerIn­ nen, angehenden Ärztinnen/Ärz­

ten, DolmetscherInnen und weiteren MitarbeiterInnen getragen. Darüber hinaus steht ein Netz aus externen FachärztInnen, Röntgeninstituten, Laboratorien und Instituten im Bedarfsfall zur Verfügung. Seit August 2006 wird Amber als Gemeinschafts­ projekt des Diakonie Flüchtlingsdienstes und des Österreichi­ schen Roten Kreuzes unter dem Na­men Amber-Med geführt. www.diakonie.at/amber n

Freiwillige RechtsberaterInnen

N

achdem im Oktober 2008 dem Großteil der Flüchtlingsberatungsstellen in Österreich die Finanzierung entzogen worden war, schlossen sich 40 junge StudentInnen zur unabhängigen Diakonie-Rechts­be­ra­ tung in Tirol zusammen. Das Besondere daran ist, dass es sich ausschließlich um StudentInnen handelt. Die Beratungsstelle berät und unterstützt in Fragen des Asyl- und Fremdenpolizeigesetzes und in Fragen zum Niederlassungs- und Auf­ent­halts­ ­gesetz. KlientInnen werden auch bei der Erstellung von Rechtsmitteln unterstützt und in Vorbereitungsgesprächen auf Ein­­ver­nah­ men am Bundesasylamt vorbereitet. www.diakonie.at/fluechtlingsdienst n

Freiwillige ManagerInnen

W

ir gehen gemeinsam spazieren, organisieren Feste, unternehmen Ausflüge, musizieren, basteln oder hören einfach zu“, erzählt eine Mitarbeiterin von PricewaterhouseCoopers, die ehrenamtlich in den Diakonie-Hausgemeinschaften Erdbergstraße tätig ist. Die BewohnerInnen der Hausgemeinschaften erleben eine Abwechslung vom Alltag, erfahren wichtige motorische und kognitive Reize und bekommen kleine Wünsche erfüllt. „Corporate Volunteering“ – das unentgeltliche, freiwillige Engagement der MitarbeiterInnen im sozialen Kontext – ist für PwC Teil der Organisations- und Personalentwicklung. Durch den

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Themen

Austausch und die Erfahrung bei den Besuchen in den Diakonie-Hausgemeinschaften gelingt es, die Sozialkompetenzen der MitarbeiterInnen zu fördern und die Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung zu bieten. www.diakoniewerk.at n


INTERVIEW

Die Freiwilligenarbeit ersetzt ja nichts, wenn sich der Staat zurückzieht. Das wirkt nicht.

s s

van der Leyen oder in Bundesländern wie Baden-Württemberg wurde sehr viel Geld in die Hand genommen, um zivilgesellschaftliches Engagement zu fördern, z. B. durch Engagementbüros in den Gemeinden. Ich finde das paradox, weil sich zivil­gesell­ schaft­­li­ches Engagement auch dort entwickelt, wo es der Staat nicht haben will – Stuttgart 21 in Baden-Württemberg ist ein Beispiel. Die haben sich nicht vorher beim Engagementbüro gemeldet und gesagt, wir wollen jetzt eine Bürgerinitiative machen.

? Was kann der Staat beitragen? Der Staat sollte Rahmenbedingungen schaffen – zum Beispiel so­z ialversicherungsrechtliche Absicherungen wie eine Unfallversicherung. Aber dieses bemühte Forcieren von freiwilligem Engagement durch Bund, Länder und Gemeinden, das halte ich für schönfärberisch.

? 2001 war das „Internationale

Jahr der Freiwilligentätigkeit“, heuer sind wir im „Europäischen Jahr der Freiwilligkeit“ – ist in den letzten Jahren in der Freiwilligenpolitik etwas weitergegangen? Es ist sehr viel weitergegangen auf der Ebene der Organisationen. Die Organisatio­nen in Österreich machen das größtenteils

sehr gut. Sie brauchen jedoch Rahmenbedingungen, aber ohne dass öffentliche Strukturen dafür aufgebaut werden. Ein Beispiel: Alle internationalen Daten zeigen uns, dass Freiwilligenarbeit und überhaupt zivilgesellschaftliches Engagement überall dort besonders stark sind, wo auch der Sozialstaat stark ist. Wir haben in Europa ein klassisches Nordwest-nach-Südost-Gefälle.

? Wo liegt Österreich im europäi­ schen Vergleich?

Im Mittelfeld. Ganz weit vorn ist Skandinavien, dann kommen die Niederlande und Belgien. Das heißt, es hat mit dem Wohlfahrts­ staat zu tun. Die Leute sind eher bereit, Freiwilligenarbeit zu leis­ ten, wenn sie merken, dass das dem Staat auch etwas wert ist.

? Was wäre da jetzt die Empfehlung aus Ihrer Sicht?

Eine aktive Sozialpolitik des Staates! Der Staat muss die Organisationen, die auch Freiwilligenarbeit fördern, gedeihlich behandeln, also anders, als es jetzt in den neun Bundesländern passiert, wo man im sozialen Bereich den Sparstift ansetzt. Denn die Freiwilligenarbeit ersetzt ja nichts, wenn sich der Staat zurückzieht. Das wirkt nicht.

? Sie mache n auch ein Freiwilligenprojekt mit Studierenden der Wirtschaftsuniversität.

Das haben wir voriges Jahr ins Leben gerufen. Studierende der WU geben Nachhilfe und machen Freizeitgestaltung mit Kindern aus Caritas-Einrichtungen. Das sind Kinder mit Migrationshintergrund, teilweise schwer traumatisiert, etwa aus Tschetschenien. Mittlerweile haben wir über 100 Studierende, die sich freiwillig gemeldet haben. Sie werden ausgebildet und treffen sich dann mit den Kindern mindestens einmal in der Woche. Voriges Jahr hatten wir auch ein Feriencamp im Sommer, im Natio­nalpark Hohe Tauern. Finden Sie für dieses Projekt genug Freiwillige?

?

Wir haben fast mehr Freiwillige, als wir Plätze haben, daher werden wir das Projekt erweitern. Und es ist eine unglaublich positive Resonanz da. Die Studierenden sagen: „So viel wie in diesem Projekt hab ich in meinen Leben noch nie gelernt.“ Sie waren beim Lernferien-Projekt zehn Tage lang mit den Kindern zusammen. Das war zwar unglaublich intensiv, und sie waren teilweise an der Grenze ihrer Belastbarkeit, aber der Lerneffekt ist natürlich enorm. n Themen 13


WORDRAP

Da steckt viel Weisheit drin Wordrap mit Klimaforscherin Prof.in Dr.in Helga Kromp-Kolb.

Urlaub?

Diakonie?

Lieblingsbuch?

Fukushima?

Natur, kein Zeitdruck

Nach Laune

Freiwilliges Engagement?

Verschmilzt mit dem Beruf: für das globale Ökosystem, die Lebensgrundlage der Menschen

Hilfe für Menschen

Noch immer kein Grund, umzudenken?

Tradition?

Nicht mutwillig über Bord werfen – da steckt viel Weisheit drin

Sozialstaat?

Bedeutet Gerechtigkeit und Freiheit von Lebensangst, nicht Almosen

Lieblingsrezept?

Unkompliziertes aus heimischen, naturbelassenen Lebensmitteln

Zivilcourage?

Zu wenig – aber unentbehrlich für den notwendigen Kulturwandel

Luxus?

Zeit für mich, die Familie, Freunde und die Natur

Typisch Österreich? Grüne Natur, saubere Luft, frisches Wasser, lockende Berge

Entbehrlich?

Fast alles, was man in Geschäften kaufen kann

Erstrebenswert?

Befriedigung, einen Beitrag zu etwas Wertvollem geleistet zu haben

O. Univ.-Prof.in Dr.in phil. Helga Kromp-Kolb

H

elga Kromp-Kolb habilitierte sich 1982 an der Universität Wien in Umweltmeteorologie. 1986 bis 1995 leitete sie diese Abteilung. 1995 wurde sie als Professorin für Meteorologie an die Universität für Bodenkultur berufen. 2005 wurde sie mit dem Titel „Wissenschaftlerin des Jahres“ ausgezeichnet. Helga Kromp-Kolb leitet das Institut für Meteorologie der Universität für Bodenkultur sowie das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit, das im Juni 2010 mit einem Team von acht MitarbeiterInnen offiziell seine Arbeit aufnahm.

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Themen


GEDANKEN

... und plötzlich lachen alle Katharina Iglseder (18) und Stefanie Lukasser (19) sind Diakonische Helferinnen im Diakoniewerk Gallneukirchen. Ihre Erfahrungen im Lauf des Freiwilligen Jahres möchten sie nicht mehr missen. Von Petra Jens

E

s gibt einen Klienten, der fängt plötzlich zu schreien an, da hab’ ich mich am Anfang geschreckt. Jetzt weiß ich, der schreit halt manchmal, und ich kann ihn ganz ruhig fragen, was er braucht“, erzählt Katharina von ihrer ers­ten

Begegnung in der „Sozialgruppe“, wo SeniorInnen mit Behinderungen Beschäftigung finden. Von den MitarbeiterInnen fühlte sie sich von Anfang an herzlich aufgenommen und unterstützt. Auch Stefanie erinnert sich an Überraschungen an ihrem ersten Arbeitstag: „Eine Klientin ist sofort auf mich zugekommen und hat mich umarmt. Die war total offen und herzlich!“

Freiwilliges Jahr Mit dem Freiwilligen Diakoni­ schen Jahr schnuppern Katharina und Stefanie in ein Berufsfeld, das sie interessiert hat, von dem sie aber nur eine vage Vorstellung hatten. Nie zuvor waren sie mit Menschen zusammen gewesen, die dement sind oder eine Behinderung haben. Jetzt sind sie ein Jahr lang

mitten im Geschehen und besuchen nebenbei Einführungskurse zu Pflege, Psychologie und anderen Fächern. Auch das Abschiednehmen gehört zum Berufsleben dazu. Ob sie damit zurechtkäme, dem Tod zu begegnen, war Stefanies größte Sorge vor Antritt des Diakonischen Jahres. Nachdenklich meint sie: „Als es dann einen Sterbefall gab, haben die Kollegen viel mit mir gesprochen. Momentan war es schon traurig, aber es geht hier eben um den letzten Lebensabschnitt. Die Leute haben ein langes Leben hinter sich, auch daran soll man denken.“ Dank der behutsamen Begleitung, die der jungen Helferin zuteil wurde, fühlt sich Stefanie nun emotional so weit gestärkt, dass sie auch diese Herausforderung annehmen kann.

Besondere Momente Gemeinsam mit ihren KlientIn­ nen fädelt Katharina bunte Ketten, mischt Kräutertees und backt Energiekekse. Später werden diese Produkte im Werkstätten-Shop verkauft. Zweimal am

Tag geht die ganze Gruppe spazieren. „Neulich hat der Wind einem Klienten die Kapuze vom Kopf geweht. Er ist zuerst sehr erschrocken, aber dann hat er sich darüber amüsiert, und plötzlich fingen alle zu lachen an!“, erzählt Katharina von den besonderen Momenten im Alltag. Ihr Verhältnis zu Menschen mit Behinderungen hat sich gewandelt. „Am Anfang wollte ich helfen und ihnen alles Schwierige abnehmen. Aber die Leute kommen selbst zurecht, es dauert halt nur etwas länger.“ Mit der Zeit hat Katharina gelernt, dass es manch­mal weniger Unterstützung braucht, als es scheint. Was den beiden auch gefällt am Diakonischen Jahr, ist der Kontakt zu den anderen jungen Leuten – beim Unterricht, abends am Lagerfeuer oder beim Feiern. Für die beiden Frauen ist jetzt schon ganz klar: eine Ausbildung im Sozialbereich machen, und dann eine Stelle finden – im Gesundheitswesen, in der Alten­ pfle­ge oder in der Behindertenarbeit! n

Stefanie Lukasser (oben) und Katharina Iglseder

Das Freiwillige Diakonische Jahr

Das „Freiwillige Diakonische Jahr“ richtet sich an junge Menschen ab 17 Jahren. Neben der praktischen Arbeit gibt es berufsvorbereitende Kurse im Ausmaß von 100 Stunden, die zum Teil bei einer späteren Ausbildung für soziale Berufe angerechnet werden. Zusätzlich gibt es Super­vision. Für Verpflegung und Unterkunft wird in der Regel gesorgt.

Themen 15


PRO UND KONTRA

Verpflichtender Sozialdienst für alle? Die Diakonie hat nachgefragt, Experten antworten.

PRO

Werner Kerschbaum,

stv. Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes

>>

Der Zivildienst ist in den 35 Jahren seines Bestehens zu einer wichtigen Säule des österreichi­ schen Gesundheits- und Sozialsystems geworden. Beim Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht bieten sich mehrere Alternativen als „Nachfolgemodelle“ für den Zivildienst an. Sie reichen von der wenig wahrscheinlichen ersatzlosen Streichung über Freiwilligen­ dienste, bezahlte „soziale Jahre“, „normale“ Dienstverhältnisse bis zu einem verpflichtenden Sozialdienst für Männer und Frauen. Die letztgenannte Alternative stößt bei politischen Parteien, aber auch bei Trägerorganisationen mit dem Hinweis auf die Europäische Menschenrechtskonvention auf breite Ablehnung. Auch dem Roten Kreuz ist der Artikel II der Menschenrechtskonvention be-

kannt, demzufolge Zwangsarbeit untersagt ist. Davon ausgenommen sind eben zum Beispiel Wehrersatzdienste – Dienstleistungen, die verlangt werden, wenn Notstände das Wohl der Gemeinschaft bedrohe; Dienstleistungen, die zu den übli­ chen Bürgerpflichten gehören. Angesichts der demografischen Entwicklung und der täglich um sechs Stunden ansteigenden Lebenserwartung erscheint dem Roten Kreuz eine derartige solidarische Bürgerpflicht in Form eines verpflichtenden Sozialdienstes sowohl überlegenswert als auch zumutbar. Wir haben angeregt, zu prüfen, ob ein verpflich­ ten­der Sozialdienst verfassungsrechtlich vertretbar ist. In einer Umfrage der OGM (Österreichische Gesellschaft für Marketing) vom Dezember 2010 sprechen sich übrigens 77 % der unter 30-Jährigen dafür aus. n

KONTRA Philipp Nagel, Vor­ sitzender der Bundes­ jugendvertretung

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Themen

Als gesetzlich verankerte Interessenvertre>> tung der jungen Menschen in Österreich warnt die

Bundesjugendvertretung davor, den Erhalt sozialer Dienstleistungen auf dem Rücken junger Menschen auszutragen. Anstatt junge Menschen als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen, muss es vielmehr um eine Lösung gehen, bei der alle gesellschaftlichen Gruppen gemeinsam die Verantwortung tragen und dringend notwendige Jobs im Sozialbereich ausgebaut werden. Die Diskussion wurde in der Vergangenheit häufig mit dem Thema „freiwilliges Engagement“ vermischt, doch muss die notwendige Förderung von freiwilligem Engagement getrennt von der Debatte um die Abschaffung der Wehr-

pflicht ablaufen. Junge Menschen sind jedenfalls für freiwilliges Engagement und für Freiwilligendienste aufgeschlossen. Das beweisen sie alltäglich in vielfältigen Formen. Es fehlen jedoch noch immer eine ausreichende sozialrechtliche Absicherung, die Anrechnung nichtformal erworbener Kompetenzen und verlängerte Beihilfenfristen für junge Freiwillige. Außerdem braucht es ausreichen­ de Ressourcen für Organisationen, die freiwilliges Engagement fördern, wie Kinder- und Jugendorganisationen. Gerade im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit muss endlich eine Verbesserung der Situation geschaffen werden! Nachhaltige Lösungen werden letztendlich nur dann zustande kommen, wenn es zum Dialog zwischen politischen EntscheidungsträgerIn­nen und Betroffenen kommt. n


FACHKOMMENTAR

Menschen als Säulen Die Freiwilligenarbeit entwickelt sich durch die Menschen, die sie ausüben.

A

ls vor knapp zwölf Jahren ein ehrenamtlicher Besuchsdienst implementiert wurde, war das Bild der Freiwilligenarbeit noch traditionell geprägt. Keiner dachte daran, dass daraus ein „Zukunftsfaktor“ für die Gesellschaft werden würde. In diesen Jahren hat sich das Bewusstsein für erforderliche Struk­turen enorm gewandelt – zwar ist uns Freiwilligenarbeit nicht fremd, doch muss dieses Thema in jede Zeit hineinbuchstabiert werden. Die Freiwilligenarbeit im Diakonie-Zentrum Salzburg ist entstanden durch „learning by doing“, ohne Vorlagen und aus vielen Gesprächen und Reflexio­nen. Sie wird nie fertig sein, sondern ist immer im Werden und Entstehen. Ihre Säulen sind die Menschen, die damit beschäftigt sind. Ausgangspunkt für die Entscheidung war eine Patientin, die wochenlang im Krankenhaus lag. In all der Zeit bekam sie keinen Besuch, sie war in der letzten

Phase ihres Lebens allein. Daher entschied sich das Diakonie-Zentrum Salzburg für die Initiierung des Projektes „Ehrenamtlicher Besuchsdienst“. Aus dem Ergebnis einer KundInnenbefragung wurden ein Anforderungsprofil und ein Lehrgang entwickelt, der im ersten Durchgang hausintern ablief, ab 2003 in Kooperation von Diakonie und Caritas. Insgesamt wurden bisher über 30 solche Lehrgänge mit ca. 400 Teilnehme­ rInnen durchgeführt. Aus den Berichten der TeilnehmerInnen über die Strukturen ihres Einsatzes vor Ort entwickel­ te sich der Schritt zum nächsten Angebot: Derzeit wird der fünfte Lehrgang für FreiwilligenkoordinatorInnen von Diakonie und Caritas in Salzburg durchgeführt.

Lange Tradition Die Diakonie steht in einer langen Tradition der Freiwilligenkultur. Diese Kultur entstand nicht zufällig und zwischendurch, auch wenn es mitunter so wirkt. Damit Freiwilligenarbeit gelin-

gen kann, braucht es einerseits Strukturen wie etwa die in Salzburg 2005 errichtete „Stabstelle Freiwilligenarbeit“. Kontakt, Gespräch und gemeinsame Erfahrungen sind andererseits wichtige Elemente der Freiwilligenkultur. Es gilt, neben aller Tradi­ tion und Geschichte, offen und lernend zu bleiben. Ich habe in diesen zwölf Jahren sehr viel gelernt: Alles anzuführen würde die­sen Rah- Dr.in Michaela Koller ist im men sprengen. Schlüs- Diakonie-Zentrum Salzburg selpunkt war für mich, Ansprechpartnerin für Seelsorge. Sie ist Projektleiterin des dass mir dieses Projekt anvertraut und diese „Ehrenamtlichen Besuchsdienstes“. Arbeit zugetraut wurde. Viele Menschen haben dazu beigetragen, dass aus der Idee gelebte Wirklichkeit wurde. Explizit danken möchte ich an dieser Stelle Josef Scharinger, der als damaliger Geschäftsführer des Diakonie-Zentrums Salzburg die Bedeutung der Freiwilligenarbeit für unsere Gesellschaft erkannt und Erfahrungen in diesem Bereich ermöglicht hat. n Themen 17


DATEN

Die Welt in Zahlen 3.019.242

aller ÖsterreicherInnen über 15 Jahre engagieren sich freiwillig, das sind ...

4,1 14.692.679 2.000 93.000.000

Stunden leisten alle Freiwilligen in Österreich gemeinsam pro Woche

Personen sind freiwillig für die Diakonie oder die evangelische Kirche tätig

Personen über 15 Jahre in der EU engagieren sich freiwillig, das sind ...

2011

ist das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit

2001

war das Internationale Jahr der Freiwilligen

40

%

Stunden leistet eine Freiwillige/ein Freiwilliger durchschnittlich pro Woche

351

43,8

23

%

Frauen zwischen 17 und 26 Jahren haben im Jahr 2009/2010 das „Freiwillige Soziale Jahr“ oder das „Diakonische Jahr“ absolviert Männer zwischen 17 und 26 Jahren haben im Jahr 2009/2010 das „Freiwillige Soziale Jahr“ oder das „Diakonische Jahr“ absolviert

Quellen: BMASK (2009), Freiwilliges Engagement in Österreich, 1. Freiwilligenbericht. Diakonie, eigene Berechnungen. GHK (2010), Study on Volunteering in the European Union, Final Report. Parlamentarische Anfrage an Bundesminister Rudolf Hundstorfer, 7261/AB XXIV.GP, www.parlament.gv.at

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Themen


BÜCHER • GLOSSAR

Buchempfehlungen Freiwilliges Engagement in Österreich 1. Freiwilligenbericht Bundesministerium für Soziales Mit diesem „1. Bericht zum freiwilligen Engagement“ wird eine wissenschaftliche Grundlage vorgelegt in Bezug auf Definition, Ausmaß und soziale Rahmenbedingungen von freiwilligem Engagement in Öster­reich. Untersucht werden aber ebenso die Hindernisse für die Beteiligung; insbesondere aus der Sicht der Jugend, der älteren Menschen sowie aus der Gender- und Migrationsperspektive.

Freiwilligenarbeit in der Altenhilfe: Motivieren – organisieren – honorieren Von Sigrid Daneke Nach dem Motto „Mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit für Freiwillige“ zeigt die Autorin, dass auch Freiwilligenarbeit nicht umsonst zu haben ist. Inhalte: Einsatzfelder für Freiwillige, Freiwillige integrieren und gewinnen, Motivationen erkennen und fördern, Freiwilligenarbeit organisieren. Das Buch richtet sich in erster Linie an MitarbeiterInnen der ambulanten bzw. stationären Altenhilfe.

Verantwortung in der Zivilgesellschaft: Zur Konjunktur eines widersprüchlichen Prinzips Von Ludgar Heidbrink und Alfred Hirsch Von Verantwortung, besonders Eigenverantwortung, ist viel die Rede. Im Zuge gesellschaftlicher Reformen wird von den Bürgern erwartet, sich ebenso um das Gemeinwohl wie um die eigene Existenzsicherung zu kümmern. Dieser Band geht den Widersprüchen der „Verantwortungsgesellschaft“ nach, die dem Einzelnen viel Entscheidungsspielraum lässt, ihm aber immer schwerere Lasten auferlegt, die zu neuen Ungerechtigkeiten und Überforderungen führen.

Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement Von Johanna Klatt und Franz Walter Die Form der Bürgergesellschaft hat sich in den letzten Jahren gewandelt: Informelle und flexible Aktivitäten werden gegenüber starren Mitgliedschaften bevorzugt. Doch ist kaum versucht worden, die Perspektive sozial Benachteiligter einzunehmen. Dieses Buch beschäftigt sich mit der Teilhabe von Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsgrad und zeigt: Auch hier gibt es zivilgesellschaftliches Engagement. Nur anders.

Soziales Engagement

S

oziales Engagement drückt sich im sozialen Handeln aus, dem verschiedene Motivationen zugrunde liegen. Prinzipien der Ehrenamtlichkeit und Freiwilligkeit sind für soziales Engagement wichtig, denn es geht darum, entweder Zeit oder Geld zur Verfügung zu stellen. Konkrete Handlungen können ein „Freiwilliges Soziales Jahr“, Spenden an eine Umweltschutzorganisation oder die Übernahme einer ehrenamtlichen Position sein. Auch Unternehmen engagieren sich, indem sie so­ zia­le Projekte (mit)finanzieren.

Z

um einen wird darunter die Gesamtheit der Non-Profit-Organisationen und der Nichtregierungsorganisationen verstanden. Das bedeutet, die Zivilgesellschaft drückt die Vielzahl der nichtstaatlichen und nicht gewinnorientierten Vereinigungen aus, wie etwa Initiativen, Vereine oder Verbände. Zum anderen wird mit Zivilgesellschaft eine Richtung beschrieben, die die Forderung nach mehr Demokratie oder mehr Partizipation erhebt. BürgerInnen organisieren sich in der Zivilgesellschaft selbst und wirken auf die Entwicklung des Gemeinwesens ein.

Zivilgesellschaft

D

er Begriff kommt aus dem Französischen bzw. Lateinischen und beCitoyen zeichnet BürgerInnen oder StaatsbürgerInnen, die im Geist der Aufklärung aktiv und eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilnehmen und dieses mitgestalten. Werte des Citoyens sind Demokratie, Partizipation oder Gleichheit. Im Gegensatz ist der Bourgeois (den Ständen nahestehende Stadtbürger) Teil der „höheren Klasse“, der politische Entscheidungen ohne Einbindung aller BürgerInnen vertritt.

P

ierre Bourdieu (1930–2002, französischer Soziologe) versteht Individuen als TrägerInnen verschiedener Kapitalarten. Soziales Kapital bezeichnet die Gesamtheit der Ressourcen, mit der eine Teilhabe an sozialen Beziehungen möglich ist, und bietet Zugang zum gesellschaftlichen Leben, Unterstützung, Hilfe, Anerkennung, Wissen, Arbeit oder Ausbildung. Menschen mit geringem sozialem Kapital haben schlechtere Chancen, sodass ein Ausgleich über gesamtgesellschaftliche Mechanismen erfolgen muss.

Soziales Kapital

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DIAKONIE HAUTNAH

Von der Maus im Kochtopf Im „Häferl“ finden Haftentlassene einen geschützten Ort und Menschen ohne Ressentiments. Viele Freiwillige helfen mit, dass ehemalige „Häfenbrüder“ eine warme Mahlzeit erhalten und die Möglichkeit, mit jemandem zu reden. Ein Feature von Karin Tzschentke

Das „Häferl“ bei seiner multimedialen KochShow im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen

W

o das Wort „Häfen“ Menschen sehen. Zu finden im des Respekts. Mit dem Servieren für Gefängnis her- „Häferl“, einer sozia­len Einrich- gibt man ihnen ein Stück ihrer rührt? „Das ist ein- tung der Wiener Stadtdiakonie, Würde zurück.“ fach erklärt“, sagt in der Hornbostelgasse im sechsDas Häferl funktioniert ohne ten Wiener Gemeindebezirk, ei- übergeordnetes Herr Karl und legt seinen Löffel Hilfskonzept. ner kleinen Straße, die nur auf „Wir sind keine Neustart-Organibeiseite. „Stellen Sie sich einen Kochtopf vor, der im Wiene- dem Stadtplan eine Sackgasse ist. sation, ich kann niemandem etrischen auch Häfen genannt An drei Tagen in der Woche – was versprechen“, sagt Karvanek. wird. Dann stellen Sie sich darin Es sind die zwischenmenschli­ Mittwoch, Samstag und Sonntag chen Beziehungen, die die Einrichtung tragen und prägen.

Die Mittel sind knapp

Internet: www.haeferl.net

eine Maus vor, die aus ihm raus will. Und dann wissen Sie, wie es sich anfühlt, im Häfen zu sitzen.“ Doch auch wenn eine Strafe abgesessen ist, „Buße“ geleistet worden ist, hört das Gefühl der Ausweglosigkeit für Haftentlassene nicht auf. Der Weg zurück in die Gesellschaft ist schwer. Die Familie wendet sich ab, die Chance auf einen Arbeitsplatz ist rar – Obdachlosigkeit häufig die Folge.

Ein Stückchen Glück Für ein paar Stunden aus dieser Sackgasse zu entkommen ist da ein Stückchen Glück. Eine warme Mahlzeit, eine Schale Kaffee und vor allem Menschen, die in den ehemaligen „Häfenbrüdern“ die 20

Themen

– dampft es hier aus den Töpfen auf dem Herd der Miniküche des Häferls, das in der Unterkirche der Gustav-Adolf-Kirche in Maria­ ­hilf seit mehr als 20 Jahren eine Herberge hat: Erdäpfel­gulasch, Gemüseeintopf, Schinken- und Krautfleckerln, Reis­fleisch, Pasta asciutta, Haschee-Hörnchen, und was sonst noch gut schmeckt und ein wohliges Gefühl des Sattseins vermittelt. Bis zu 140 Teller Essen geben die freiwilligen HelferInnen an den Öffnungstagen aus. Dabei wird großer Wert darauf gelegt, dass das Essen an die Tische serviert wird. „Sie sind unsere Gäs­ te“, betont Häferl-Leiter Norbert Karvanek, „und es ist eine Frage

Da ist Herr Franz, der sich über die Zuhörer freut, die seinen G’schich­terln lauschen. Da ist der junge arbeitslose Haftentlassene, der „lieber hier mittut statt blöd irgendwo herumzuhocken“. Da ist Philipp, der eine Semester­ arbeit für Soziologie übers Häferl schreiben wollte und nun eine freie Malgruppe anbietet. Am guten Willen, den Gestrandeten für ein paar Stunden einen geschützten Hafen zu bieten, mangelt es nicht. Am Geld dafür umso mehr. Neben der Diakonie und der evangelischen Kirchengemeinde Gumpendorf gibt es finanzielle Unterstützung und Sachspenden aus dem Justizministerium. Von der „Wiener Tafel“ werden Lebensmittel zur Verfügung gestellt. „Unsere Mittel sind mehr als knapp“, stellt Norbert Karvanek nüchtern fest. „Was zunimmt, ist die Zahl der Besucher, die zu uns kommen. Und weggeschickt wird niemand.“ n


KURZ GEMELDET

Kärntner Landesausstellung 2011 G

laubwürdig bleiben – 500 Jahre protestantisches Abenteuer“ lautet der Titel der Kärntner Landesausstellung 2011, die am 7. Mai 2011 vor dem neuen Diözesanmuseum in Fre­sach mit einem Festakt eröffnet wurde. Die Landesausstellung dokumentiert nicht nur die bewegte jahrhundertealte Geschichte der Evangelischen Kärntens, deren Bedeutung für das Land sowie den

ökumeni­schen und interreligiö­ sen Dialog, sondern geht erstmals in Österreich durch ein einmaliges Vermittlungssystem mit Jugendli­ chen ganz neue Wege: BesucherInnen werden von Jugendlichen in alter Tracht durch die Ausstellung geführt. Die Diakonie de La Tour ist Projektträger der Landesausstellung 2011. Zu sehen bis 31. Oktober 2011, täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr. Alle Infos im Internet: www.landesausstellung011.at n

Jugendliche in Tracht führen durch die Ausstellung

TRIGOS 2011

I

Europatour D

ie „Europatour“ im Rahmen des Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit machte in allen 27 EU-Mitgliedstaaten Station. Beim Österreich-Stopp Anfang Jänner 2011 präsentierten rund 100 Freiwilligenorganisatio­ nen aus ganz Österreich drei Tage lang ihre vielfältigen Aufgabenbereiche im Wiener Rathaus. Freiwillig Tätige aus den unterschiedlichsten Bereichen standen BesucherInnen Rede und Antwort und boten Einblicke in ihre Arbeit. Am Stand der Diakonie Österreich präsentierten sich das Diakoniewerk Gallneukirchen, der Diakonie Flüchtlingsdienst, die Stadt­

dia­konie Wien und die Johanniter-Unfall-Hilfe mit ihren Angeboten. Auf Initiative der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (Trägerorganisationen: Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe) und in Ko­ operation mit dem ORF und dem Sozialministerium wurde der 17. Juni 2011 zum österreichweiten „Tag der Freiwilligen“ erklärt. An diesem Tag werden zahlreiche Projekte und Aktionen der Diakonie und anderer Organisa­ tio­nen im Bereich „Freiwilligkeit“ einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. www.freiwilligentag2011.at n

m Rahmen der Unternehmenskoopera­ tion „Verbund Empowermentfund der Diakonie“ wurde ein einzigartiges Voluntee­ ringprojekt gestartet. Verbund-MitarbeiterInnen können mit Betreuten von Diakonie/ LifeTool, insbesondere solchen Menschen, die assistierende Technologien bzw. unterstützte Kommunikation nützen, über eine virtuelle Online-Plattform in Beziehung treten. Die Gruppe wird von zwei AdministratorInnen (seitens Diakonie und Verbund) begleitet und supervidiert. Diese virtuelle Beziehung soll neue Sichtweisen auf beiden Seiten eröffnen, das Kennenlernen der Welt des anderen sowie die Kontakterweiterung für KlientInnen ermög­ lichen. Mit diesem Projekt wurde das Unter­ nehmen Verbund mit dem TRIGOS-Sonderpreis 2011 zum Thema „Freiwilligen­en­ gage­ment“ ausgezeichnet. Mehr Infos unter www.diakonie.at/sponsoring n Themen 21


AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Das Recht des Einzelnen, als Subjekt anerkannt zu werden

Loblied der Zivilgesellschaft Was Demokratie alles kann.

D

ie Menschenrechte werfen ein anderes Licht auf die Situa­ tion der Demokratie. Die historischen Etappen, die uns als Erweiterung und zugleich Schwächung der Demokratie erschienen – also die Idee der sozia­len Rechte, die unter der Diktatur des Proletariats ihren Niedergang erlebte, und die Idee kultureller Rechte, die oft zu Intoleranz und Fundamentalismus verkommt –, diese historischen Entwicklungsschritte kann man als Etappen auf dem Weg zur Stärkung der Menschenrechte betrachten, erst politisch, dann gesellschaftlich und schließ­lich kulturell. Mit der Entwicklung der Menschenrechte wird die Fähigkeit des Menschen, als freies Individuum zu handeln, zunehmend direkt geschützt, übrigens in einer Situation, in der die institutio­ 22

Themen

nellen Schranken der Ökonomie geschwächt sind und zentrale politische Lösungen unmöglich erscheinen.

Anerkannt als Subjekt Zu einem Zeitpunkt, als Jean François Lyotard das Ende der großen Erzählung und der Kollek­ tivgeschichten verkündigt, hören wir überall große Individualgeschichten – groß deshalb, weil es den Verfassern gelingt, wie schwach sie auch sein mögen, sich als Akteure zu definieren. Sie begreifen sich eben nicht nur als Opfer, als Konsumenten oder als Mitglieder einer Gemeinschaft. Man könnte sagen, die Auf­ gabe der Demokratie besteht darin, das Recht des Einzelnen institu­tio­nell zu garantieren, sich als Subjekt, mit einer eigenen Lebens­erzählung, zu begrün­den und anerkannt zu werden. Das bedeutet keineswegs, dass man

Von Alain Touraine als andersartig anerkannt werden will. Im Gegenteil: Es bedeutet, dass man, wie alle anderen auch, das Recht hat, sich sein Leben als eine eigene, unver­ wech­selbare, einzigartige Kom­ bination aus vielen Elementen zu entwerfen – aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Respekt hat Vorrang Diese liberale Vorstellung von Demokratie, orientiert am Subjekt und seiner Lebenserfahrung, wendet sich grundsätzlich „nach unten“. Sie unterscheidet sich von der heute üblichen Suche einer Lösung „oben“, also einer Lösung oberhalb des Nationalstaats, auf der Europa- oder Welt­ ­ebene. Längst hat ja die „nach unten“ orientierte Demokratie eine neue Ebene in der politischen Gesellschaft geschaffen. Nach den Parteien und den Gewerk-


AUF DEN PUNKT GEBRACHT

schaften als den wichtigs­ten Vertretern von sozialen und Arbeiterrechten entwickelt sich nun eine neue Art von politi­schem Akteur: die Zivilgesellschaft. Ich meine das Zusammenwirken von Vereinigungen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), meinungsbildenden Bewegun­ gen sowie – zugegeben – den Meinungsführern, darunter die Medien, auch wenn ihre Wirkun­ gen des Öfteren eher negativer als positiver Natur sind. Verdienstvollerweise widmet sich die Zivilgesellschaft dem Schutz der Umwelt, die nun einmal kein ureigenes Element der Demokratie ist, und dem Schutz von Minderheiten, die nicht nur oft benachteiligt, sondern häufig auch ihrer Würde und Rechte beraubt sind. Gewiss, die Moralisierung des öffentlichen Lebens kann an die gleichen Grenzen stoßen wie die

Philanthropie im 19. Jahrhundert. Und doch macht sie den Vorrang deutlich, den kulturelle Probleme, besonders aber der Respekt vor der Einzigartigkeit der menschlichen Person gegenüber Fragen der Macht (und ihres Zugangs) haben müssen.

Schwächung alter Konzepte Die alte Verfechterin von gesellschaftlicher Integration und nationaler Einheit, die traditionel­le republikanische Demokratie, wird von dieser Entwicklung zusehends geschwächt. Von außen ist sie durch Finanznetze und transnationale Unternehmen bedroht, im Inneren führt eine individualistische Kultur zu geis­tiger Leere. Die gewohnten Formen republikani­ scher Politik wirken erschöpft. Wenn also nicht alles täuscht, ist es allein die Demokratie – die

Organistionen, die das Freiwillige Diakonische Jahr anbieten Diakoniewerk Gallneukirchen

in Oberösterreich, Schladming, Tirol, Wien, Salzburg, Graz Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen Martin Boos-Straße 4 4210 Gallneukirchen Tel. 07235/632 51 www.diakoniewerk.at

Demokratie des Individuums mit ihrem starken Einsatz für die menschlichen Grundrechte –, wel­che die klassischen Institutio­ nen noch einmal mit neuem Leben erfüllen kann. Welche Chancen die Demokratie hat, das hängt von unserer Fähigkeit ab, neue Freiheiten zu fordern. Und davon, ob es gelingt, sie einzuschreiben in das Gesetz des Staates und die Sitten der Menschen. n

Alain Touraine ist einer der führenden Soziologen Frankreichs. Dieser Text ist Teil einer Artikelserie, die 1999 in der Zeitschrift „Die Zeit“ erschien.

Freiwillig tätig für die Diakonie

Diakonie de La Tour in Klagenfurt, Waiern/Feldkirchen, Treffen, Spittal

Über 2.000 Menschen sind derzeit freiwillig für die Diakonie tätig. In diakonischen Einrichtungen und Gemeinden leisten sie eine wertvolle Unterstützung! Alte Menschen besuchen, mit Kindern lernen oder Ausflüge machen, Flüchtlinge begleiten – es gibt viele Möglichkeiten, sich einzubringen:

Diakonie Burgenland

Diakonie de La Tour gemeinnützige Betriebsges.m.b.H. Harbacher Str. 70 9020 Klagenfurt Tel. 0463/323 03 www.diakonie-delatour.at

Diakonie Zentrum Spattstraße

Willingerstraße 21, 4030 Linz Tel. 0732/34 92 71 www.spattstrasse.at

Arbeitsfelder der Diakonie, aus denen gewählt werden kann:

Altenhilfe • Behindertenhilfe • Arbeit mit Kindern und Jugendlichen • Gesundheitswesen

www.diakoniebgld.at

Diakonie de La Tour

www.diakonie-delatour.at

Diakonie Flüchtlingsdienst

www.diakonie.at/fluechtlingsdienst

Diakoniewerk Gallneukirchen www.diakoniewerk.at

Heilsarmee Österreich www.heilsarmee.at www.diakonie.at

Johanniter-Unfall-Hilfe www.johanniter.at

Stadt-DIAKONIE Linz www.stadtdiakonie.net

Stadtdiakonie Wien www.stadtdiakonie.net

Themen 23


Österreichische Post AG / Sponsoring.Post GZ 02Z033615 S

Die Diakonie dankt ihren freiwillig Engagierten!

IMPRESSUM Medieninhaber, Herausgeber und Redaktion: Diakonie Österreich Redaktion: Mag.a Bettina Klinger (Leitung), DI Petra Jens, Mag.a Katharina Meichenitsch, Mag. Martin Schenk Alle: 1090 Wien, Albert Schweitzer-Haus, Schwarzspanierstraße 13. Tel.: (0)1 409 80 01, Fax: (01) 409 80 01-20, E-Mail: diakonie@diakonie.at, Internet: www.diakonie.at. Verlagsort: Wien. Geschäftsführer Diakonie Österreich: Pfr. Mag. Michael Chalupka. Grafik-Design: Info-Media Verlag für Informationsmedien GmbH, Volksgartenstraße 5, 1010 Wien. Druckerei: AV + Astoria Druckzentrum GmbH, Faradaygasse 6, 1030 Wien. Fotos: BJV (16), Diakonie de La Tour (4), Diakonie Österreich (21), Diakonie-Rechtsberatung Tirol (12), Diakonie Zentrum Spattstraße (4, ), Diakonieverein Salzburg (4, 5), Diakoniewerk Gallneukirchen (1, 3, 5, 15, 17), Johanniter-Unfall-Hilfe (4, 5), Bettina Klinger (12), Barbara Krobath (2), Landesausstellung Fresach 2011 (21), LifeTool/Verena Reisinger (21), Gerhard Maurer (1, 3, 6, 7, 8, 17, 22), Nadja Meister (1, 10, 11, 13), ÖRK/Anna Stöcher (16), Stadtdiakonie Wien/Eva Wahl (1, 3, 18, 20), Universum Magazin/R. Hügli (1, 14). Die Diakonische Information bringt Sachinformationen und Nachrichten zur Diakonie der Evangelischen Kirchen. Der Bezug ist kostenlos. DVR: 041 8056 (201). Gedruckt nach der Richtlinie „Schadstoffarme Druckerzeugnisse des Österreichischen Umweltzeichens“. Umweltzeichen (UWZ 734)

Spendenkonto Diakonie PSK 23.96.444 BLZ: 60.000


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Freiwillig engagiert: Tun wir was! (Diakonie Themen 01/2011) by Diakonie Österreich - Issuu