Sofia Jernberg / Fiston Mwanza Mujila
Sunville Musiktheater von Sofia Jernberg, Fiston Mwanza Mujila, Stephanie Thiersch
Uraufführung in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin am 25. September 2026 Weitere Vorstellungen: 26. / 27. / 30.9. und 1. / 2.10.2026
Komposition, Gesang
Sofia Jernberg
Libretto, Performance
Fiston Mwanza Mujila
Regie, Choreografie, Bühnenkonzept
Stephanie Thiersch
Bühne
Sonja Füsti
Kostüme
Lauren Steel
Lichtdesign
Begoña Garcia Navas
Sounddesign
Thomas Wegner
Kuration, Konzept, Dramaturgie
Elisa Erkelenz
Dramaturgie
Flavia Wolfgramm
Die furchtlose Ex-Königin
Sofia Jernberg
Die Frau mit den langen Zöpfen
Noa Frenkel
Der Boxer im Ruhestand
Serge Kakudji
Der Erzähler
Fiston Mwanza Mujila
Der Wächter zwischen den Welten, Monsieur Broccoli
Emeka Ene
Der Ex-Mann, Kontrabass, musikalische Einstudierung
Ole Morten Vågan
Saxofon, Der Jäger
Espen Reinertsen
Piano
Kit Downes
Violine, Madame Broccoli
Yukari Aotani-Riehl
Violine
Esther Feustel
Viola
Yi-Te Yang
Violoncello
Maria Pstrokonska-Mödig
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Spielleitung und Inspizienz
Charlotte Domingo-Vecchioni
Probenassistenz, Assistenz der Spielleitung und FSJ Tischlerei
Devin Çakarcan
Übertitelinspizienz
Steffen Küster
Einrichtung der Übertitel
Flavia Wolfgramm, Clara Swoboda
Dramaturgiehospitanz
Clara Swoboda
Künstlerische Leitung Tischlerei
Elisa Erkelenz
Technische Direktion
Christoph Bauch
Technische Leitung Tischlerei und Beleuchtung
Steffen Hoppe
Stellvertretende Technische Leitung Tischlerei und Video
Nicolai Roloff
Ton
Ralf Wiegand
Technische Produktionsleitung
Elmar Henkel
Kostümdirektion
Wiebke Horn
Produktionsleitung Kostüm
Matthijs Holland
Gewandmeister*innen Repertoire
Melanie Höhne, Anne Lenz
Gewandmeister*innen im Abenddienst
Stefan Bock, Sindy Noack
Leitende Maskenbildner*innen
Maya Giger, Anke Stahnke
Stellvertretung
Nina Cramer, Ralf Wezel
Auszubildende für Veranstaltungstechnik
Ana Luise Böwe, Salka Salka Furtak, Pauline Horn, Titus Hünerbein, Johann Jagusch, Adele König, Pius Rieder, Leander Kroß
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Vorwort Liebes Publikum, 1972 singt Sun Ra: The truth about the planet earth is a bad truth. Als Antwort wählt er nicht die Anklage, sondern die Flucht – in die Musik, und, nicht ganz ohne Ironie, ins All. Karlheinz Stockhausen, der zur selben Zeit der Enge des europäischen Kunstbetriebs entkommen will, liest in denselben Jahren dasselbe Buch über die Liebe. Zwei Suchende, die einander nie begegnet sind, landen an derselben Stelle: im Kosmos, wo Herkunft ihre Bedeutung verliert. Sie sind die unausgesprochenen Gastgeber von Sunville – nicht als Referenz, sondern als Erlaubnis, den Fluchtpunkt woanders zu suchen als dort, wo man ihn erwartet. Sofia Jernberg, Fiston Mwanza Mujila und Stephanie Thiersch haben wir deshalb zusammengebracht: Sie sind im Dazwischen und auf der Suche Zuhause. Jernbergs Musik steht zwischen zeitgenössischer Komposition und spirituellem Jazz, zwischen Notation und explosiver Improvisation. Mwanza Mujila erzählt aus einer «Second World», in der afrikanische Kosmologien auf Science-Fiction und beißende Satire treffen. Thierschs Choreografie macht aus dem Raum einen Körper, in dem Sprache, Klang und Bewegung sich gegenseitig unter Spannung halten. Aus diesem Dazwischen entsteht eine Insel, auf der Gemeinschaft und Zusammenkommen neu ausgehandelt werden – Sunville. Die Tischlerei war für mich immer der Ort, an dem so etwas möglich ist. Sunville ist die erste Produktion, die wir unter dem Namen Unlimited zeigen. Wir haben sie nicht ausgewählt, um ein Programm zu eröffnen. Es ist umgekehrt: Das Stück hat uns gezeigt, was Unlimited heißen kann. Was die drei am Ende verbindet, erwähnt Fiston Mwanza Mujila im Gespräch mit Flavia Wolfgramm selbst am schönsten: Lachen sei Poesie, das Salz der Welt – und zugleich Widerstand. Ich wünsche Ihnen einen Abend, der dies einlöst. Ihre Elisa Erkelenz
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Intro von Flavia Wolfgramm
Überlebende des Meeres begegnen sich auf einer Insel. Sie waren Königinnen, Boxer, Ehemänner, Minenarbeiter*innen. Sie kommen von überall her, es umweht sie ein Hauch von Vergangenheit, aber auch von Zukunft. Nun müssen sie eine neue Gemeinschaft gründen. Doch wohin mit den Erinnerungen? Manche verbrennen Wracks, andere trauern um die Toten. Sie beschwören die lotrechte Sonne, bauen Fabriken, jagen Giraffen. Sie feiern und tanzen, erfinden Regeln und brechen sie wieder. Eine Gesellschaft gerät in Bewegung. Sie schwingt zwischen Ordnung und Auflösung, zwischen Gemeinschaft und Gewalt. Herkunft und Macht scheinen ihre Bedeutung verloren zu haben. Und doch sitzt die Vergangenheit tief: in den Körpern, in den Gesten, in den Blicken. Nur die Metallvögel bleiben von alldem unbeeindruckt. In drei Akten entfaltet sich Sunville in einer tentakulären Erzählweise: Situationen, Bilder und Begegnungen werden über Zeiten und Räume hinweg collagiert. Ein Krönungsritual wird bis in seine mythischen Einzelheiten ausgebreitet. Geschichten von Ausbeutung, Rassismus und kolonialer Gewalt scheinen auf und überlagern sich mit der Trauer um die Toten des Mittelmeeres. Erinnerungen treffen auf Vorahnungen, historische Erfahrungen auf Fiktion. Die Insel selbst changiert zwischen Apokalypse und Paradies. Auch in der Musik überlagern sich Zeiten und Erinnerungen. Mal erklingt Charles Mingus, mal Richard Strauss’ Elektra, dann wieder ein kongolesischer Rumba. Doch die vertrauten Elemente scheinen nur kurz auf, werden verzerrt, verbogen und in eine gegenwärtige Klangsprache überführt. Die Stimme löst sich von Sprache und Melodie, wird zu Klang, Geräusch und Atem, bricht in mehrere Töne zugleich auf und schwelgt dann wieder in melodischen Bögen. Musikalische Erinnerungen – oder sind es Vorahnungen? – schwingen sich so zu ganz eigenen Klangwelten auf. Zwischen brennenden Autoreifen, ausbrechenden Vulkanen und Fashion-Shows entsteht eine widersprüchliche Utopie. Und was bleibt? Das Lachen. Und ein Gefühl, dass sich Zukunft auch anders denken lässt. 5
Mit Geschichte die Zukunft neu denken Sofia Jernberg, Fiston Mwanza Mujila und Stephanie Thiersch im Gespräch mit Flavia Wolfgramm
Was ist Sunville? Stephanie Thiersch Sunville ist ein Ort, der wahr wird, ein Experiment, eine unperfekte humane, dreckige Utopie, in der Vergangenheit und Zukunft zusammenfallen. Fiston Mwanza Mujila Für mich ist Sunville eine glückliche Utopie, voller Hoffnung. Wir brauchen Utopien in einer Welt, die von Krisen aller Art geprägt ist. Aus welchen Geschichten, Erinnerungen und Mythologien setzt sich Sunville zusammen? Fiston Mwanza Mujila In meiner Familie gibt es Erzählungen, Märchen, Gebete, Geschichten und Anekdoten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden – bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Geburten. Wenn ich schreibe, schöpfe ich aus dem überlieferten Wissen. Mich faszinieren Erzählungen, die Jahre und Jahrhunderte überdauern. Es sind Orte voller Weisheit, voller Menschlichkeit. Aber ich schaffe auch Neues. Für Sunville wollte ich eine menschliche, zeitlose und länderübergreifende Geschichte erzählen. Sofia, auch du arbeitest mit Erinnerung und Überlieferung. Welche Rolle spielen musikalische Zitate und Referenzen in deiner Komposition? Sofia Jernberg Normalerweise arbeite ich nicht so stark mit musikalischen Zitaten. Hier ergab sich die Entscheidung aus dem Libretto. Der Text ist sehr dicht; er brauchte einen musikalischen 6
The woman with long braids - Act II, Scene IV
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25/ 08/ 2026
Rahmen, der ihn tragen konnte, ohne ihn durch meine eigene, manchmal recht komplexe Musiksprache zu überlagern. Ich habe eine enge Beziehung zur europäischen klassischen Tradition. Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen, sie ist Teil meines eigenen musikalischen Selbstverständnisses. Gerade deshalb kann ich sie aber auch umkehren, hinterfragen und in andere Kontexte stellen. Musikalische Zitate ziehen in meinen Kompositionen wie ein Hauch der Vergangenheit vorbei, fast wie ein Parfüm. Sie lassen Geschichte, Erinnerung und kulturelle Assoziationen in die Musik einfließen. Wie zeigt sich das konkret? Sofia Jernberg Das Dies irae (Seite 7) ist dafür ein gutes Beispiel. Zunächst kann das musikalische Material einfach melancholisch wirken. Sobald die Referenz erkennbar wird, kommen ihre Geschichte und die Assoziationen hinzu, die sie mit sich trägt. Im Zusammenspiel mit dem Text öffnet sich eine weitere Ebene. Die Wirkung wird dadurch viel körperlicher. Mich interessiert genau diese Spannung: zwischen dem, was an der Oberfläche zu hören ist, und allem, was darunter liegt. Das Dies irae, der «Tag des Zorns», ist ein mittelalterlicher lateinischer Gesang über das Jüngste Gericht und war über Jahrhunderte Teil der Totenmesse. Du zitierst ihn aus Franz Liszts Totentanz, in dem die alte Melodie in zahlreichen Variationen verarbeitet wird. Gibt es auch Referenzen, die über ein kurzes Zitat hinausgehen? Sofia Jernberg Ja. Eine besondere Rolle spielt Maraba Blue* des südafrikanischen Pianisten und Komponisten Abdullah Ibrahim (Seite 8). Das Stück bildet den musikalischen Grundstein für das Ende des ersten Aktes. Stephanie, wie werden Musik und Text für dich zu Bewegung und Raum? Stephanie Thiersch Ich arbeite mit Assoziationen, Bildern und Atmosphären, zunächst im leeren Raum – mit Improvisation, Variation und Wiederholung. Im Tanz entsteht vieles gemeinsam und organisch im Prozess. In der Oper bilden das Libretto und die Komposition dagegen eine Rahmung, die mich reizt und herausfordert. Mich beschäftigt, wie sich Musik und Text in körperliche Raumbilder übersetzen, verschieben und überlagern lassen.
* Abdullah Ibrahims Maraba Blue verweist auf Marabi, eine frühe Form urbaner südafrikanischer Musik, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts besonders in den Townships und Shebeens rund um Johannesburg entwickelte und zu einer wichtigen Wurzel des südafrikanischen Jazz wurde.
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Mich inspirieren dabei die Menschen, mit denen ich arbeite, und das Leben selbst: eklektisch, vielstimmig, chaotisch. Dabei arbeitest du mit Tableaux vivants, mit lebenden Bildern. Was interessiert dich am Stillstand? Stephanie Thiersch Mich interessieren Tableaux vivants, wenn sie zu einem Spiel mit dem kulturellen Gedächtnis werden, mit unseren menschlichen Bilderarchiven. Deren Ursprung haben wir vielleicht vergessen, ihre Machtstrukturen wirken jedoch weiter. Ein Tableau vivant kann die Essenz einer Szene in einer Situation verdichten, indem es die Zeit dehnt. Darin liegt für mich ein Paradox: Im Stillstand hören und sehen wir mehr. Fiston, die Erzählung von Sunville löst sich von einer linearen Zeit. Was ermöglicht dir das nichtlineare Erzählen? Fiston Mwanza Mujila Es gibt nicht nur eine Art, eine Geschichte zu erzählen, sondern tausendundeine. Man kann am Anfang beginnen, am Ende oder zurückgehen und sich selbst widersprechen. Manche Geschichten lassen sich unmöglich linear erzählen. Meine Großeltern, die die Kolonialzeit erlebt haben, erzählten ihre Vergangenheit nie chronologisch. Geschichte anders zu erzählen bedeutet für mich, neue Türen des Verständnisses und andere Perspektiven zu öffnen. Dasselbe Ereignis kann aus gegensätzlichen Blickwinkeln erlebt und erzählt werden. Manchmal kann Chronologie die Poesie einer Geschichte sogar zerstören. Und alle erzählen. Nicht nur Menschen, sondern auch Tische, Blumen, Möbel, Vulkane usw. Sofia, auch in deiner Musik gerät die Chronologie durcheinander. Was passiert, wenn unterschiedliche musikalische Zeiten gleichzeitig präsent sind? Sofia Jernberg Etwas, das ich selbst komponiert habe, kann manchmal so wirken, als stamme es aus einem anderen Jahrhundert. Mich interessiert, was passiert, wenn mehrere musikalische Epochen gleichzeitig präsent sind und aneinander reiben, bis die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Walter Benjamins «Engel der Geschichte» ist für mich dabei ein wichtiges Bild. Die Vergangenheit kommt niemals unversehrt bei uns an. Anstatt Geschichte als eine Linie zu behandeln, die sich durch das Stück zieht, versuche ich, sie auseinanderzunehmen und neu zu ordnen. Fragmente tauchen an unerwarteten Stellen wieder auf und treten in neue Zusammenhänge. Vielleicht müssen wir Geschichte griffbereit haben, um sie neu ordnen und uns dadurch auch Zukunft anders vorstellen zu können.
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Fiston, Wiederholung ist für dich ein wichtiges Stilmittel. Was verändert sich, wenn etwas wiederholt wird? Fiston Mwanza Mujila Wiederholung symbolisiert das Leben. Als Menschen wiederholen wir jeden Tag dieselben Handlungen. Als Dichter ermöglicht mir Wiederholung, Musik, Rhythmus und Poesie zu schaffen. Die perfekte Wiederholung gibt es nicht. Eine Geste zu wiederholen bedeutet immer auch, eine andere Geste auszuführen. Ich komme aus einem Land, in dem man dieselbe Geschichte tausendmal erzählen kann und die Menschen jedes Mal zuhören. Denn mit jeder Wiederholung kommen neue Details hinzu, seien sie noch so klein. Vergangenheit und Zukunft fallen in Sunville immer wieder ineinander. Welche Rolle spielt dabei der Afrofuturismus? Fiston Mwanza Mujila Meiner Meinung nach könnte Afrofuturismus auch in anderen kulturellen Räumen Afrikas oder der afrikanischen Diaspora existieren – unter anderen Namen oder Identitäten. Unser Afrofuturismus ist nicht unbedingt in der US-amerikanischen Kultur verwurzelt, aber er ist mit unserer Geschichte verbunden. Ich bin Kongolese. Ich wurde in einer Diktatur geboren, meine Eltern in der Kolonialzeit. Meine Familie hat die Gewalt der Mobutu-Diktatur erlebt. Nun lebe ich seit über fünfzehn Jahren in Europa und betrachte die Welt zugleich aus Graz und aus Lubumbashi, meiner Heimatstadt. Was mir am Afrofuturismus gefällt, ist die Möglichkeit, eine andere Welt zu erfinden. Genau darin liegt für mich Sunville: in der Hoffnung, die eine Utopie möglich macht. Stephanie, wie wird diese Utopie zum konkreten Bühnenraum? Stephanie Thiersch Ich wollte einen logischen und zugleich unlogischen Ort imaginieren, der das Geschehen immer wieder in ein anderes Licht taucht. Fiston beschreibt einen besseren Ort – und gleichzeitig nicht; bessere Menschen – und gleichzeitig nicht. Mich interessiert diese Widersprüchlichkeit: Wie etwas zugleich Lebenselixier und Todesgefahr, spirituelle Macht und Poesie, Farbenspiel und ideologische Behauptung sein kann. Die Landschaft wird zu einem Wesen, das sich wie ein Chamäleon anpasst und zugleich widersetzt – immer in Veränderung, immer auf der Suche. In Sunville treten Metallvögel auf. Was hat es mit ihnen auf sich? Fiston Mwanza Mujila Die Metallvögel gehören zu meiner Mythologie – oder sagen wir: zu meiner Weltvorstellung. Ich bin mir sicher, dass es sie gibt, in allen Farben und Größen. Manche sprechen, andere haben seit einem Jahrhundert nicht geschlafen.
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Welche Rolle spielt das Lachen in dieser Welt? Fiston Mwanza Mujila Lachen ist Poesie. Lachen ist das Salz der Welt. Und Lachen ist Widerstand. Es kann von Glück erzählen, von Einsamkeit, Wut oder Verzweiflung. Als Dichter nutze ich all diese Möglichkeiten. Lachen ist in meinen Texten allgegenwärtig. Es lässt sie atmen. Wann habt ihr das letzte Mal herzhaft gelacht? Sofia Jernberg Mit Petter Eldhs Ensemble Post Koma in Saalfelden, am 24. August 2024! Fiston Mwanza Mujila Im Moment lache ich ständig mit Serge Kakudji, dem Countertenor. Wir sind in derselben Provinz aufgewachsen. Wir erzählen uns jeden Tag dieselben Geschichten und lachen wie Maschinen. Stephanie Thiersch Heute.
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Der Wächter zwischen den Welten Lachen ist unsere letzte Rettung. Das Leben war schön Auf dem Boot Plötzlich wogte das Meer Die Leute schrien Und ich schwamm und schwamm
Der Erzähler Ich bin Fiston Mwanza Mujila Ich bin Schriftsteller, Librettist Ich habe die Sonne Katangas gesehen Heimat von Kupfer und Uran Ich möchte euch in aller Kürze von der Thronerhebung der Königin Beatriz Coumba Da Souza aka Sofia erzählen.
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Die furchtlose Ex-Königin Ich kümmere mich nicht um die Lebenden Sie leben ihr Leben Ob’s dem Geist der Urahnin nun passt oder nicht Ich werde die Metallvögel zähmen
Der Boxer im Ruhestand Die Königin wird mich lieben Sie wird meine Stiefel polieren Und meine Kleider waschen Ich bin der schönste Mann der Welt Ich bin stark wie der Stier und gut erzogen Sie wird mir zu Füßen liegen Ich bin charmant und gut erzogen Ich weiß, wie man mit Mädchen und mit Pflanzen spricht
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Die Frau mit den langen Zöpfen Ich verbrenne Wracks Um mich zu entspannen Und mit der Vergangenheit abzuschliessen Der Qualm befreit mich Fünfzehnmal habe ich geheiratet Fünfzehnmal wurde ich geschieden Ich kenne alle Sorten Männer
Der Ex-Mann Wir suchten Zion Seit Tausenden von Jahren Hier sind wir gelandet Welch Unglück dieses Paradies ohne Treibstoff
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Der Jäger Welch Unglück! Hier auf dieser maroden Insel Europa langweilt mich Wo ist der Champagner? Wo sind die Giraffen und Elefanten? Noch nicht mal verdammte Antilopen
Monsieur und Madame Broccoli Wir wollen die Insel kaufen Wir haben Geld Viel Geld Wir wollen auf dieser Insel bauen Fabriken, Werke, Plantagen
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Libretto von Fiston Mwanza Mujila
Act 1: Psalms against the sea Scene 1: The sea is as picture postcard Akt 1: Psalmen gegen das Meer Szene1: Das Meer als Postkartenlandschaft The Woman with Long Braids Das Meer ist ein wildes Tier Das Meer ist niemals satt Das Meer hat riesige Zähne Das Meer massakrierte Das Meer verschlang Das Meer zerstampfte Es zermalmt, frisst die Menschen Und spuckt die Leichen an den Strand Man hörte Körper ins Wasser stürzen
Die Frau mit den langen Zöpfen Das Meer ist ein wildes Tier Das Meer ist niemals satt Das Meer hat riesige Zähne Das Meer massakrierte Das Meer verschlang Das Meer zerstampfte Es zermalmt, frisst die Menschen Und spuckt die Leichen an den Strand Man hörte Körper ins Wasser stürzen
The Guardian Between Worlds We danced the polka We drank beers We had a laugh Life was goo On the boat Suddenly, the sea grew rough People began to yell I swam and swam And swam and swam
Der Wächter zwischen den Welten Wir tanzten Polka Wir tranken Bier Wir lachten Das Leben war schön Auf dem Boot Plötzlich wogte das Meer Die Leute schrien Ich schwamm und schwamm Und schwamm und schwamm
The Retired Boxer Les peuplades pleuraient dans toutes les langues En français, en suédois En russe et en vietnamien En allemand, en tchèque et en roumain Une cacophonie mélodieuse et sinistre Pour un monde qui s’enlise
Der Boxer im Ruhestand Die Menge weinte auf allen Sprachen Auf Französisch, auf Schwedisch Auf Russisch und Vietnamesisch Auf Deutsch, auf Tschechisch und auf Rumänisch Eine melodiöse und düstere Kakophonie Für eine Welt, die sich festgefahren hat 25
N’en déplaise à l’Esprit de l’Aïeule matrilinéaire
Ob’s dem Geist der Urahnin passt oder nicht
The Woman with Long Braids Diese Route durchs Mittelmeer ist gefährlich
Die Frau mit den langen Zöpfen Diese Route durchs Mittelmeer ist gefährlich
The Choir of Survivors Das Meer ist eine Rattenfalle
Der Chor der Überlebenden Das Meer ist eine Rattenfalle
The Woman with Long Braids Das Mittelmeer ist gefährlich Diese Route ist scheußlich und bringt Pech Das Meer zeigte seine Krallen und sein Barbarenmaul
Die Frau mit den langen Zöpfen Das Mittelmeer ist gefährlich Diese Route ist scheußlich und bringt Pech Das Meer zeigte seine Krallen und sein Barbarenmaul
The Retired Boxer La seule route de la Méditerranée Est une archive des rêves bâclés Des projets pharaoniques Que la mer ensevelit Toutes sortes de maladie Frappaient le bateau On larguait les corps Et les cadavres à la mer
Der Boxer im Ruhestand Die einzige Route übers Mittelmeer Ist ein Archiv verkorkster Träume Und pharaonischer Pläne Die das Meer begräbt Alle möglichen Seuchen Befielen das Boot Man warf die Körper Und die Leichen ins Meer
The Woman with Long Braids Der Tod ist ein glückliches Ereignis
Die Frau mit den langen Zöpfen Der Tod ist ein glückliches Ereignis
The Choir of Survivors Syphilis, Tripper Pest, Ruhr Vogelgrippe, Skorbut, Krätze
Der Chor der Überlebenden Syphilis, Tripper Pest, Ruhr Vogelgrippe, Skorbut, Krätze
The Brave and Ancient Queen The sea vomits Das Meer speit The sea is a moving cemetery Das Meer ist ein ambulanter Friedhof
Die furchtlose Ex-Königin Das Meer speit Das Meer speit Das Meer ist ein ambulanter Friedhof Das Meer ist ein ambulanter Friedhof
The Woman with Long Braids Der Tod ist ein glückliches Ereignis
Die Frau mit den langen Zöpfen Der Tod ist ein glückliches Ereignis
The Brave and Ancient Queen The sea is a traitor Das Meer ist eine Verräterin The stomach of the sea is filled With the shreds of dreams all spent The sea is a death trap
Die furchtlose Ex-Königin Das Meer ist eine Verräterin Das Meer ist eine Verräterin Der Bauch des Meeres ist voll Mit zerbrochenen, blutleeren Träumen Das Meer ist ein Hospiz
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The Choir of Survivors The sea entombs our pasts and our laughter Our expectations and our desires for freedom The sea is a demon, a cannibal, a psychopath The sea is an open-air prison The sea, the sea, the sea
Der Chor der Überlebenden Das Meer begräbt unsre Geschichten, unser Lachen Unser Sehnen und unser Streben nach Freiheit Das Meer ist ein Dämon, ein Kannibale, ein Psychopath Das Meer ist ein Freiluft-Gefängnis Das Meer, das Meer, das Meer
Scene 2: Requiem for the stateless dead Szene 2: Requiem für die staatenlosen Toten The Brave and Ancient Queen They disembark from Europe Sie kommen aus allen Ländern Amerikas De la Chine, du Japon et de l’Indonésie They are indecent, filthy, Avachis par la maladie Aus ihrem Mund läuft Speichel La bouche dégouliante de bave Ihr Tod eine schaurige und makabre Symphonie Don’t look at their faces Schau nicht auf ihre Gesichter Ne regardez pas leur visages Sie kommen aus Europa Vergib ihnen, wenn sie schmutzige Zähne, stinkende Mäuler haben They come from Europe Give them eternal rest «As it was in the beginning»
Die furchtlose Ex-Königin Sie kommen aus Europa Sie kommen aus allen Ländern Amerikas Aus China, aus Japan und Indonesien Sie sind schmutzig, elend, Von Krankheit gezeichnet Aus ihrem Mund läuft Speichel Aus ihrem Mund läuft Speichel Ihr Tod eine schaurige und makabre Symphonie Schau nicht auf ihre Gesichter Schau nicht auf ihre Gesichter Schau nicht auf ihre Gesichter Sie kommen aus Europa Vergib ihnen, wenn sie schmutzige Zähne, stinkende Mäuler haben Sie kommen aus Europa Gebe ihnen die ewige Ruhe «Wie es war zu Anbeginn»
Scene 3: Things and things Szene 3: Dinge und Dinge The Woman with Long Braids Sie ist älter als die Sonne Diese Frau ist über hundert Jahre alt Sie hat keinen Zahn mehr im Mund Sie verbringt ihr Leben mit den Toten
Die Frau mit den langen Zöpfen Sie ist älter als die Sonne Diese Frau ist über hundert Jahre alt Sie hat keinen Zahn mehr im Mund Sie verbringt ihr Leben mit den Toten 27
Und sie übergeht mich Sie verachtet, hasst, verleumdet mich Sie nennt mich beim Namen sämtlicher Vögel Diese Frau will mir ans Leder Sie will mich lieber tot als lebendig
Und sie übergeht mich Sie verachtet, hasst, verleumdet mich Sie nennt mich beim Namen sämtlicher Vögel Diese Frau will mir ans Leder Sie will mich lieber tot als lebendig
The Retired Boxer The queen will love me She will wipe my shoes She will wash my clothes I’m the finest man on earth Moi, moi, me, The Queen will love me She will wipe my shoes J’ai l’énergie du taureau et bien éduqué La reine me vénérera The queen will love me Je suis un gaillard charmant, beau parleur et bien éduqué I’m the gentlest man on earth I know how to talk to girls and plants too The Queen will love me
Der Boxer im Ruhestand Die Königin wird mich lieben Sie wird meine Stiefel polieren Sie wird meine Kleider waschen Ich bin der schönste Mann der Welt Mich, mich, mich Die Königin wird mich lieben Sie wird meine Stiefel polieren Ich bin stark wie der Stier und gut erzogen Sie wird mir zu Füßen liegen Die Königin wird mich lieben Ich bin charmant, redegewandt und gut erzogen Ich bin der sanfteste Mann der Welt Ich weiß, wie man mit Mädchen und mit Pflanzen spricht Die Königin wird mich lieben
The Guardian Between Worlds (about The Brave and Ancient Queen) She was a queen She is a queen A queen remains a queen It’s in the mind It’s in the heart She cares only for the dead The living doesn’t interest her anymore They live their lives
Der Wächter zwischen den Welten (über die furchtlose Ex-Königin) Sie war eine Königin Sie ist eine Königin Eine Königin bleibt eine Königin Das hat man im Kopf Das hat man im Herzen Sie kümmert sich nur um die Toten Die Lebenden interessieren sie nicht mehr Sie leben ihr Leben
The Brave and Ancient Queen I spray myself with rainwater, I wear a long purple dress, I go to the beach, I collect the bodies and I wash them, I wash the children, I wash the women, I wash the men, I dress them in purple, I pray for them, And then I bury them
Die furchtlose Ex-Königin Ich erfrische mich am Regenwasser, Ich trage ich ein langes purpurnes Kleid, Ich gehe zum Strand, Ich sammele die Leichen und wasche sie, Ich wasche die Kinder, Ich wasche die Frauen, Ich wasche die Männer, Ich kleide sie in Purpur, Ich bete für sie, Und beerdige sie
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The Guardian Between Worlds (about The Retired Boxer) What is he seeking? In this lost place
Der Wächter zwischen den Welten (über den Boxer im Ruhestand) Was sucht er? An diesem verlorenen Ort
The Brave and Ancient Queen I spend days and nights, Washing and dressing the bodies And then I bury them Manchmal spuckt das Meer tausend Leichen aus Certains jours, la mer crache mille cadavres
Die furchtlose Ex-Königin Ich verbringe Tage und Nächte Um die Leichen zu waschen und zu kleiden Und dann beerdige ich sie Manchmal spuckt das Meer tausend Leichen aus Manchmal spuckt das Meer tausend Leichen aus
The Retired Boxer Je viens d’une contrée lointaine I come from a far-off land la République d’Afrique du Sud Je viens d’une contrée lointaine Dans mon pays, tout est compartimenté Des restaurants pour Noirs, des restaurants pour Blancs Des bordels pour Noirs, des bordels pour Blancs Des latrines publiques pour Noirs, des latrines publiques pour Blancs Des trains pour Noirs, des trains pour Blancs Des hôpitaux pour Noirs, des hôpitaux pour Blancs
Der Boxer im Ruhestand Ich komme von weither Ich komme von weither aus der Republik Südafrika Ich komme von weither In meinem Land ist alles unterteilt Restaurants für Schwarze, Restaurants für Weiße Bordelle für Schwarze, Bordelle für Weiße Latrinen für Schwarze, Latrinen für Weiße Züge für Schwarze, Züge für Weiße Krankenhäuser für Schwarze, Krankenhäuser für Weiße
The Guardian Between Worlds (about The Retired Boxer) He told me he was born in Mamelodi, South Africa He said he has always lived in Mamelodi The township of love Spearhead against Apartheid And it’s bloody bureaucracy All his associates are in prison Or working in the mines They came from Soweto and Tembisa From Khayelitsha and Sebokeng From Botshabelo and KwaMashu
Der Wächter zwischen den Welten (über den Boxer im Ruhestand) Er erzählte mir, er wurde in Mamelodi in Südafrika geboren Er sagte, er habe immer in Mamelodi gelebt Das Township der Liebe Speerspitze gegen die Apartheid Und ihre blutrünstige Bürokratie Alle seine Kumpel sind im Gefängnis Oder schuften in den Minen Sie kamen aus Soweto und aus Tembisa Aus Khayelitsha und aus Sebokeng Aus Botshabelo und aus KwaMashu
The Retired Boxer I’m a child from Mamelodi
Der Boxer im Ruhestand Ich bin ein Kind aus Mamelodi 29
The Brave and Ancient Queen Have you ever seen a dead child’s corps? Die das Meer an den Strand spuckt The living doesn’t interest me anymore They live their lives Sie leben ihr Leben
Die furchtlose Ex-Königin Haben Sie jemals die Leiche eines toten Kindes gesehen? Die das Meer an den Strand spuckt Die Lebenden interessieren mich nicht Sie leben ihr Leben Sie leben ihr Leben
The Woman with Long Braids (about The Brave and Ancient Queen) Diese Hexe lügt Sie möchte die Stadt und das Meer sauber machen Aber das Meer spuckt die Leichen aus Das ist nur ein Tropfen Wasser im Ozean
Die Frau mit den langen Zöpfen (über die furchtlose Ex-Königin) Diese Hexe lügt Sie möchte die Stadt und das Meer sauber machen Aber das Meer spuckt die Leichen aus Das ist nur ein Tropfen Wasser im Ozean
The Choir of Survivors Sie leben ihr Leben
Der Chor der Überlebenden Sie leben ihr Leben
The Woman with Long Braids Das Meer spuckt Leichen aus Und die Papiere, die Plüschtiere, die Hosen, die Musikinstrumente, Die Küchengeräte, die Hemden, die Tische, die Schuhe, Die Brillen, die Bierflaschen, die Maissäcke, die Benzinkanister, Die Regenschirme, die Pelzmäntel, die Fahrräder, die Schlafsäcke, Die Bücher, die Zigaretten, Die die Verschollene bei sich trugen Fumeux, fume, fumé, fumeuse speculacion
Die Frau mit den langen Zöpfen Das Meer spuckt Leichen aus Und die Papiere, die Plüschtiere, die Hosen, die Musikinstrumente, Die Küchengeräte, die Hemden, die Tische, die Schuhe, Die Brillen, die Bierflaschen, die Maissäcke, die Benzinkanister, Die Regenschirme, die Pelzmäntel, die Fahrräder, die Schlafsäcke, Die Bücher, die Zigaretten, Die die Verschollene bei sich trugen Rauchig, raucht, geraucht, nebulöse Spekulation
Act 2: One foot in the past Scene 1: Lives in tatters Akt 2: Einen Fuß in der Vergangenheit Szene 1: Zerlumpte Leben The Woman with Long Braids Diese Hexe lügt
Die Frau mit den langen Zöpfen Diese Hexe lügt
The Guardian Between Worlds Sofia, aka Queen Beatriz
Der Wächter zwischen den Welten Sofia aka Königin Beatriz
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She was born in Ethiopia The only African country never colonized Country of Haile Selassie Descendant of the dynasty Of the Queen of Sheba and King Solomon
Sie kam in Äthiopien zur Welt Dem einzigen nicht-kolonisierten Land Afrikas Dem Land des Haile Selassie Nachfahre der Dynastie der Königin von Saba und des Königs Salomon
The Brave and Ancient Queen I Sofia Jernberg, Jernberg like the song of metal birds I have another life off-stage A broad and fabulous, thunderous past I was a Queen for several years Back then, they called me: Queen Beatriz Coumba Ngolamino Kazembe Moreira Da Souza Sophia-Madeleine
Die furchtlose Ex-Königin Ich, Sofia Jernberg, Jernberg wie die Gesänge der Metallvögel Ich habe ein Leben jenseits der Bühne Eine magische, gigantische, dröhnende Vergangenheit Viele Jahre lang war ich Königin Damals nannte man mich: Königin Beatriz Coumba Ngolamino Kazembe Moreira Da Souza Sophia-Madeleine
The Narrator Je suis Fiston Mwanza Mujila Je suis écrivain, librettiste. J’ai vu le soleil dans le Katanga, La capitale du cuivre et de l’uranium. Je voudrais vous raconter en deux mots, l’intronisation de la reine Beatriz Coumba Da Souza aka Sofia. L’intronisation de la nouvelle reine est un phénomène extraordinaire. C’est une activité spéciale. C’est un spectacle riche en couleurs qui se déroule en moyenne tous les quarante ou cinquante ans. Il précède l’assassinat par décapitation de la reine mère. Deux reines ne peuvent coexister dans un seul royaume. Dans le royaume du soleil déchu, une reine mère ne doit pas rire en public ou manger devant ses sujets. La reine ne doit pas être frappée de maladie grave. Sa santé ne doit pas faillir. La reine ne doit pas vieillir. Elle ne doit être ni sourde ni muette, ni aveugle ni borgne! Son corps doit être droit comme le soleil à midi. Alors, quand la reine commence à vieillir et à subir toutes sortes de pathol-ogies, tout le monde la regarde, l’observe et épie dans les moindres détails tous ses faits et gestes; et puis un jour, on programme sa mort. On la décapite! On coupe sa tête avec une machette. C’est ce qui se passa avec la mère de Beatriz Coumba Da Souza. Elle prit de l’âge et fut atteinte de la ma-ladie d’Alzheimer. On décida de la tuer. Un meurtre organisé en grande pompe ! Car la mort de la reine signifie son ascension dans le monde des anciens. L’intronisation de Beatriz se déroula le lendemain de la mort de sa mère. Elle eut lieu comme toutes les autres intronisations: les mêmes décors, les mêmes personnages, le même scénario, les mêmes bêtes sacrificielles, les mêmes musiciens, les mêmes instruments, le même soleil, la même danse du ventre.
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On tira d’abord quarante coups de canon en l’air. À partir du trente-septième coup de canon, douze élus se mirent à habiller la future reine avec des parures composées de perles, de coquilla-ges et de diamants. Ensuite, elles tatouèrent sur ses mains et son visage les animaux totems de l’Ancêtre primordial, le serpent, la chèvre et le buffle. Le soleil s’éclipsa, la nouvelle reine entreprit le tour de la cité. À chaque arrêt, on immolait une chèvre, deux poules blanches et un serpent jusqu’à ce qu’elle eût accompli les vingt-cinq stations. La nuit, tandis qu’elle retournait dans son palais, deux cent vingt-cinq batteurs de tambours – certains âgés de quatre-vingts ans –, les meilleurs batteurs et percussionnistes de tout le royaume, battaient le rythme avec une énergie féroce, dans une atmosphère euphorique et démentielle. Ils jouaient et chantaient comme possédés par les esprits du fleuve. Ils jouèrent jusqu’au petit matin. Alors que la forêt commençait à brûler et que les oiseaux métalliques voyageaient par couples de six vers le sud, les douze élus coupèrent les cheveux de la nouvelle reine qui fredonnait à voix lente le chant de l’intronisation. Der Erzähler Ich bin Fiston Mwanza Mujila Ich bin Schriftsteller, Librettist Ich habe die Sonne Katangas gesehen Heimat von Kupfer und Uran Ich möchte euch in aller Kürze von der Thronerhebung der Königin Beatriz Coumba Da Souza aka Sofia erzählen. Die Thronerhebung der neuen Königin ist ein außergewöhnliches Ereignis. Eine große Tat. Ein farbenfrohes Spektakel, das sich im Schnitt alle vierzig, fünfzig Jahre wiederholt. Dem voraus geht die Enthauptung der Königin-Mutter. Denn in einem Reich kann es nicht zwei Königinnen geben. Im Reich der gestürzten Sonne darf die Königin-Mutter nicht in der Öffentlichkeit lachen oder vor ihren Untertanen essen. Die Königin darf nicht von einer schweren Krankheit befallen werden. Sie muss stets bester Gesundheit sein. Die Königin darf nicht altern. Sie darf nicht taub oder stumm, blind oder auch nur kurzsichtig werden. Ihr Körper muss lotrecht sein wie die Sonne am Mittag. Wenn also die Königin altert und an verschiedenen Pathologien leidet, wird sie von allen besehen, beobachtet und bis in die kleinsten Taten und Gesten ausspioniert; und eines Tages plant man ihren Tod. Man enthauptet sie! Man schneidet ihr mit einer Machete den Kopf ab. So geschah es mit der Mutter von Beatriz Coumba Da Souza. Sie wurde alt und litt an Alzheimer. Man beschloss, sie umzubringen. Ein prunkvoller Mord. Schließlich bedeutet der Tod der Königin den Aufstieg in die Welt der Ahnen. Die Thronerhebung Beatriz’ erfolgte am Tag nach dem Tod ihrer Mutter. Sie lief ab wie alle Thronerhebungen vor ihr. Dieselbe Deko, dieselben Persönlichkeiten, dasselbe Szenario, die gleichen Opfertiere, dieselben Musikerinnen, dieselben Instrumente, dieselbe Sonne, derselbe Bauchtanz. Zunächst wurde vierzig Mal in die Luft geschossen. Ab dem siebenunddreißigsten Schuss begannen zwölf Auserwählte, die künftige Königin in Gewänder aus Perlen, Muscheln und Diamanten zu kleiden. Dann tätowierten sie ihre Hände und ihr Gesicht mit den Totemtieren der wichtigsten Vorfahren – Schlange, Ziege und Büffel. Die Sonne machte sich davon, die Königin begab sich auf ihren Rundgang durch die Stadt. Bei jedem Halt opferte man eine Ziege, zwei weiße Hühner und eine Schlange, bis sie jede der fünfundzwanzig Stationen besucht hatte. 32
Nachts, als sie in ihren Palast zurückkehrte, schlugen zweihundertfünfundzwanzig Trommler (manche von ihnen achtzigjährig), die besten Schlagzeuger und Perkussionistinnen des ganzen Königreichs, in einer euphorischen, wahnsinnigen Stimmung die Instrumente (mit erbarmungsloser Energie). Sie spielten (und sangen), als wären sie von den Flussgeistern besessen. Sie spielten bis zum Morgengrauen. Während der Wald in Flammen aufging und die Metallvögel in Sechserpaaren gen Süden flogen, schnitten die zwölf Auserwählten das Haar der neuen Königin, die mit träger Stimme den Gesang der Thronerhebung anstimmte.
The Brave and Ancient Queen Je suis jeune Je suis la nouvelle reine Je vais régner sur les hommes et les animaux Je vais dominer les plantes et la foudre Je vais emprisonner la pluie et le soleil Je vais domestiquer les oiseaux métalliques Même si un jour Je deviendrai adulte Même si un jour comme ma mère comma sa grand-mère Les douze élus me couperont la tête Avec la machette
Die furchtlose Ex-Königin Ich bin jung Ich bin die neue Königin Ich werde über die Menschen und die Tiere herrschen Ich werde die Pflanzen und den Blitz beherrschen Ich werde den Regen und die Sonne einsperren Ich werde die Metallvögel zähmen Selbst wenn ich eines Tages Erwachsen werde Selbst wenn mir eines Tages wie meiner Mutter wie ihrer Großmutter Die zwölf Auserwählten mit der Machete den Kopf abschneiden
The Narrator Après l’intronisation, la nouvelle reine prenait le surnom de la Reine mère, même si elle n’avait pas encore de progéniture. On l’aimait, on l’adorait, on psalmodiait, on vantait ses mérites, son intelli-gence, sa beauté. Elle était convoquée dans toutes les conversations possibles. On la surnommait Soleil, Reine, Reine mère, Fille de la Reine mère, Fille préférée de la Reine mère, Fleuve éternel, Forêt dense, Oasis, Source de la Sagesse. Oui, la Reine a droit à tous les privilèges. Elle nous appartient. Nous lui appartenons. Elle dirige les gens, les animaux aquatiques et les oiseaux métalliques. Nous sommes ses esclaves. Tous les enfants qui naissent appartiennent à la Reine mère. C’est pourquoi un adage dit: «La Reine a cinq mille enfants». C’est pourquoi on dit, “le ventre de la reine mère est une région forestière”. Mais lorsque la Reine mère atteint un certain âge, on commence à la regarder, à l’insulter, à la mépriser et à la bouder, à la considérer comme une sorcière. Et puis, on la tue. On coupe sa tête. Et la jette dans le Fleuve afin qu’il ravive le Soleil et participe à la fertilité des plantes et de la pluie. 33
Der Erzähler Nach der Thronerhebung nahm die neue Königin den Beinamen Königin-Mutter an, selbst wenn sie keinen Nachwuchs hatte. Man liebte sie, man verehrte sie, man sang Psalmen auf sie, man pries ihre Stärken, ihre Intelligenz, ihre Schönheit. Sie war Gegenstand aller Unterhaltungen. Man gab ihr neue Namen: Sonne, Königin, Königin-Mutter, Tochter der Königin-Mutter, Lieblingstochter der Königin-Mutter, ewiger Fluss, dichter Wald, Oase, Quelle der Weisheit. Ja, die Königin besitzt alle Privilegien. Sie gehört uns. Wir gehören ihr. Sie führt Menschen, Meerestiere und Metallvögel. Wir sind ihre Sklaven. Alle Kinder, die geboren werden, gehören der Königin-Mutter. Deshalb lautet eine Lebensweisheit: «Die Königin hat fünftausend Kinder». Und man pflegt zu sagen: „Der Bauch der Königin ist ein tiefer Wald.“ Aber sobald die Königin-Mutter ein gewisses Alter erreicht, beginnt man, sie zu beobachten, zu beleidigen, zu verachten und zu meiden, sie für eine Hexe zu halten. Und dann tötet man sie. Man schneidet ihr den Kopf ab. Und man wirft sie in den Fluss, damit der Fluss die Sonne befreit und für die Fruchtbarkeit von Pflanzen und Regen sorgt.
Scene 2: Hunting scene in a tropical scrubland Szene 2: Jagdszene in einem tropischen Buschland The Hunter Millions we were Seeking rich, wild land What tragedy To find myself In this rotten place My grandfather and I Went to Africa Strutting about In the jungle We shot buffalo We hunted elephants Rhinos and birds There’s nothing finer Than an African hunt I’ve loved Africa and Africans Since I was a youngster Exploring Africa My passion The jungle of Africa enchants my soul by heart
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Der Jäger Wir waren Millionen Wir suchten wildreiche Gegenden Welch Unglück Hier auf dieser maroden Insel Gestrandet zu sein Mein Großvater und ich Gingen mit geschwellter Brust Nach Afrika Im Dschungel Schossen wir auf Büffel Jagten wir Elefanten Nashörner und Vögel Nichts ist schöner Als die Jagd in Afrika Seit meiner frühsten Jugend Liebe ich Afrika und seine Menschen Afrika zu erkunden Ist meine Leidenschaft Der Dschungel Afrikas verzaubert meine Seele Ich kenne Afrika wie meine Westentasche
Scene 3: A season of pathologies and curses Szene 3: Eine Zeit der Pathologien und der Verwünschungen The Former Husband We searched for Zion For millenia We ended up here What a tragedy This paradise, That doesn’t even have one drop of oil
Der Ex-Mann Wir suchten Zion Seit Tausenden von Jahren Hier sind wir gelandet Welch Unglück Dieses Paradies, Ohne Treibstoff
The Woman with Long Braids Ich verbrenne Wracks Um mich zu entspannen Und mit der Vergangenheit abzuschliessen Der Qualm befreit mich Eifersüchtige, Alkoholiker, Untreue Mythomanen, Gewalttätige, Launische, Alkoholiker, Mythomanen, Chaoten, Spötter Fünfzehnmal habe ich geheiratet Fünfzehnmal wurde ich geschieden Ich kenne alle Sorten Männer
Die Frau mit den langen Zöpfen Ich verbrenne Wracks Um mich zu entspannen Und mit der Vergangenheit abzuschliessen Der Qualm befreit mich Eifersüchtige, Alkoholiker, Untreue Mythomanen, Gewalttätige, Launische, Alkoholiker, Mythomanen, Chaoten, Spötter Fünfzehnmal habe ich geheiratet Fünfzehnmal wurde ich geschieden Ich kenne alle Sorten Männer
The Retired Boxer Son dernier mariage était l e plus beau, le plus grand D’innombrables invités Avec des cadeaux de toutes des sortes Des sacs de sel, bouteilles de vin, Coquillages, épices de Zanzibar, Perles, tournesols Et des parapluies Les gens dansèrent jusqu’à l’aube La rumba, la valse, Polka piquée et le boléro
Der Boxer im Ruhestand Ihre letzte Hochzeit war die schönste, die größte Es kamen unzählige Gäste Mit den verschiedensten Geschenken Säcke voll Salz, Flaschen voll Wein, Muscheln, Gewürze aus Sansibar, Perlen, Pelzmäntel Und Regenschirme Die Leute tanzten bis zum Morgengrauen Rumba und Walzer Polka Piquée und Bolero
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Scene 4: The woman with long braids Szene 4: Die Frau mit den langen Zöpfen The Woman with Long Braids Schweigen Tanzen
Die Frau mit den langen Zöpfen Schweigen Tanzen
The Hunter Europe bores me I can’t kill Here, it’s just as boring I want to hunt I miss Africa and Africans
Der Jäger Europa langweilt mich Ich kann nicht töten Hier ist alles langweilig Ich will jagen Afrika und seine Menschen fehlen mir
Scene 5: The loss of hair ushers in joy Szene 5: Haarausfall bringt Glück The Crowd Don’t cut your hair Your hair tells the chronology of your ancestors Don’t cut you hair Your hair is a thousand-year-old story Don’t cut you hair The hair of our ancestors Don’t cut you hair Cut over many centuries Don’t cut you hair Your hair brings us the sun Don’t cut you hair Your hair is a geography of joy Don’t cut you hair Your hair makes us glow Don’t cut you hair
Die Menschenmenge Schneide nicht dein Haar Deine Haare sind die Chronik deiner Ahnen Schneide nicht dein Haar Deine Haare erzählen aus tausend Jahren Schneide nicht dein Haar Die Haare unserer Ahnen Schneide nicht dein Haar Jahrhundertelang geschnitten Schneide nicht dein Haar Dein Haar bringt uns die Sonne Schneide nicht dein Haar Deine Haare sind eine Geografie der Freude Schneide nicht dein Haar Dein Haar lässt uns erstrahlen Schneide nicht dein Haar
The Hunter Oh, champagne and cigars Where is the champagne? Where are the giraffes and elephants? Not even a damn antelope Where is the champagne? Where are the giraffes?
Der Jäger Oh Champagner und Zigarren Wo ist der Champagner? Wo sind die Giraffen und Elefanten? Noch nicht mal verdammte Antilopen Wo ist der Champagner? Wo sind die Giraffen?
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Where are the crocodiles, rhinos and birds? I want to hunt Where are the giraffes?
Wo sind die Krokodile, Nashörner und Vögel? Ich will jagen Wo sind die Giraffen?
Act 3: Sun and Stars Scene 1: The narrator recounts the arrival of the strangers Akt 3: Sonne und Sterne Szene 1: Der Erzähler erzählt von der Ankunft Unbekannter The Narrator Dans ce monde pourri Sans foi, ni loi, Où les microbes (gros comme des oeufs) règnent en maître. Où la puanteur des animaux morts et des cadavres rivalisent avec la pollution et la fumée des épaves des voitures. La passion de la Femmes aux longues tresses, c’est de brûler,de carboniser, d‘incendier les épaves des voitures et des bateaux. Ça la fait vivre, de voir de la fumée et des voitures partir en fumée. Ça la fait sourire, de voir les épaves qui se consument. Elle ne mange pas. Elle ne boit pas. Elle n’alimente pas son corps (déjà, elle n‘a même pas de corps) S’alimenter pour elle, c‘est observer (avec joie)la fumée. Dans ce monde pourri dans ce monde où les séquelles persistent où les pathologies prennent une autre tournure, où la lune a les dents cassées, où le soleil a le dos en aluminium, dans ce monde avarié, privé de mazout, maudit, rempli de bruits de toutes sortes, arrivent un couple habillé comme l’arc-en-ciel. L‘arc-en-ciel (Mwanza Kongolo). L‘arc-en-ciel qui arrête la pluie et sa politique cynique d’inondation. L‘arc-en-ciel comme fusion des deux serpents (le serpent mâle, Mwanza Mbala et le serpent femelle, Mwanza Nkangi). L‘arc-en-ciel qui soudoie les animaux fluviaux et les oiseaux métalliques. Ce couple maritime débarque tout propret. 37
Tout le monde le regarde avec des yeux remplis de jalousie, d’amour ou même de douce rage. Même la Femme aux longues tresses (elle que rien n’intéresse) s’extasie et arrête de brûler la tête d’une locomotive ou les vêtements des morts. Elle rit, exécute une grimace ou pète Depuis sa naissance c‘est peut-être la première fois qu‘elle éprouve des sentiments La Reine-Mère, elle va se cacher? Va-t-elle prendre ses médicaments contre la folie? A-t-elle honte? Ou n‘est-elle pas intéressée de parler avec ces étrangers vêtus de couleurs vives comme la forêt? Se sent-elle mal habillée pour la première fois? Le Boxeur à la retraite boxe dans le vide pour cacher son irritation. Le choeur des rescapés estompent ses jérémiades et ses chansons de malheur. Der Erzähler In dieser maroden Welt Ohne Glaube und Gesetz Wo Mikroben (groß wie Eier) alles beherrschen Wo der Gestank toter Tiere und Leichen wetteifert mit der Luftverschmutzung und dem Qualm der Schrottkarren Will die Frau mit den langen Zöpfen nur immerzu Autos und Schiffswracks anzünden, niederbrennen, abfackeln Der Anblick von Rauch und sich in Rauch auflösender Karren hält sie am Leben Der Anblick von verkohlten Wracks bringt sie zum Lächeln Sie isst nichts. Sie trinkt nichts. Sie nährt ihren Körper nicht (schon weil sie keinen Körper hat) Ihre Nahrung ist der (erfreuliche) Anblick von Rauch In dieser maroden Welt In dieser gezeichneten Welt Wo Krankheiten eine ganz neue Wendung nehmen Wo der Mond kaputte Zähne hat Und die Sonne ein Rückgrat aus Aluminium In dieser verdorbenen, verfluchten, lärmenden Welt ohne Treibstoff Erscheint ein Paar Im Regenbogendress Der Regenbogen (Mwanza Kongolo) Der Regenbogen, der den Regen und seine zynische Politik der Überschwemmung beendet Der Regenbogen als Vereinigung beider Schlangen (der männlichen Schlange, Mwanza Mbala, und der weiblichen Schlange, Mwanza Nkangi) Der Regenbogen, der die Flusstiere und Metallvögel besticht Das maritime Paar landet ganz adrett Alle betrachten es voller Neid, Liebe oder sanfter Wut Sogar die Frau mit den langen Zöpfen (die sich doch für nichts interessiert) ist begeistert und hört auf, den Triebkopf einer Lokomotive oder die Kleider der Toten zu verbrennen Sie lacht, zieht eine Grimasse oder furzt Es ist vielleicht das erste Mal seit ihrer Kindheit, dass sie Gefühle empfindet Wird die Königin-Mutter sich verstecken? 38
Wird sie ihre Medikamente gegen den Wahnsinn nehmen? Schämt sie sich? Oder interessiert sie sich nicht für ein Gespräch mit diesen Fremden, deren Outfit in allen Farben des Waldes leuchtet? Fühlt sie sich zum ersten Mal schlecht gekleidet? Der Boxer im Ruhestand boxt in die Luft, um seine Irritation zu überspielen Der Chor der Überlebenden dämpft sein Jammern und Klagen.
The Hunter I love Africa and Africans I love rhinoceros hunting in Africa Oh, Africa, oh, Africa
Der Jäger I love Africa and Africans I love rhinoceros hunting in Africa Oh, Africa, oh, Africa
Scene 2: Erotic landscape or loving with handcuff Szene 2: Erotische Landschaft und Liebesspiele mit Handschellen Monsieur Broccoli Love is strange We love each other madly We forget ourselves for the other Unhealthy passion, uncontrolled desires Oh, Madame Broccoli I love you
Monsieur Broccoli Die Liebe ist seltsam Man liebt sich wie wahnsinnig Man flippt aus für den anderen Morbide Leidenschaft, unkontrolliertes Begehren Oh Madame Broccoli Ich liebe Sie
Madame Broccoli Mein Pferd, mein liebstes Tier galoppieren Sie durch die Prärie meiner Gefühle Kommen Sie zu mir Auf der unbestimmten Küste der Ekstase
Madame Broccoli Mein Pferd, mein liebstes Tier galoppieren Sie durch die Prärie meiner Gefühle Kommen Sie zu mir Auf der unbestimmten Küste der Ekstase
Monsieur Broccoli Madame Broccoli I follow you everywhere Me and my soul in distress Subjugate me Domesticate me
Monsieur Broccoli Madame Broccoli Ich folge Ihnen, wohin immer Sie gehen Ich und meine Seele in Not Fesseln Sie mich Zähmen Sie mich
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Madame Broccoli Mein Meerestier Schwimmen Sie im Wasser meiner unendlichen Zärtlichkeit Kommen Sie zu mir ins Paradies Der Pflanzen und Tiere
Madame Broccoli Mein Meerestier Schwimmen Sie im Wasser meiner unendlichen Zärtlichkeit Kommen Sie zu mir ins Paradies Der Pflanzen und Tiere
Monsieur Broccoli Love is a perverse game Congratulations require words Congratulate me
Monsieur Broccoli Die Liebe ist ein perverses Spiel Man gratuliert sich mit Worten Gratulieren Sie mir
Madame Broccoli Mein Pferd, mein Schakal Mein Nashorn, mein Eisbär Mein Wildschwein, mein Dino Meine Palme, mein Fluss Ich begehre Sie wie wahnsinnig
Madame Broccoli Mein Pferd, mein Schakal Mein Nashorn, mein Eisbär Mein Wildschwein, mein Dino Meine Palme, mein Fluss Ich begehre Sie wie wahnsinnig
Monsieur Broccoli Oh, Madame Broccoli
Monsieur Broccoli Oh Madame Broccoli
Madame Broccoli Oh, Monsieur Broccoli
Madame Broccoli Oh Monsieur Broccoli
Scene 3: The Sale of the Island Szene 3: Der Verkauf der Insel Monsieur Broccoli We want to buy the island
Monsieur Broccoli Wir wollen die Insel kaufen
Madame Broccoli We have money
Madame Broccoli Wir haben Geld
Monsieur Broccoli A lot of money
Monsieur Broccoli Viel Geld
Madame Broccoli We want to build on this island
Madame Broccoli Wir wollen auf dieser Insel bauen
Monsieur Broccoli Factories, workshops, plantations ...
Monsieur Broccoli Fabriken, Werke, Plantagen
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The Retired Boxer Tobole?
Der Boxer im Ruhestand Soll ich euch sagen, was Sache ist?
The Crowd Tobola!
Die Menschenmenge Sag uns, was Sache ist!
…
…
Epilogue: Collective laughter as a deliverance Epilog: Gemeinsames Lachen als Befreiung The Guardian Between Worlds Laughter is the appeal against idiocy and puerile dogmatism. Laughter is a foodstuff. Laughter is the river that supplies villages. Laughter is the oasis in the desert. Laughter is what’s left after syphilis and solar eclipse, after fire and disaster, after shipwreck and exile. We were defenestrated from Heaven (from the Summit) but we still keep laughing. It’s all we have left after the great banishment. Laughter, yes, laughter is our lifeline. Laughter as redemption. Laughter to remainder the chaos and pauperization of our desires of grandeur. Laughter as an antidote. Laughter as the ABC of joy and delinquency – happy delinquency as a brake on ineptitudes and the ranking of peoples. Laughter is our parachute. Laughter is our lucky charm, our elixir and our love for eternal pleasure. Laughter as the apotheosis of insouciance and disobedience. Laughter, the is the royal route to happiness and to the subjectivity of reason. Yes, we still have a hundred years, two hundred years, even four centuries to laugh and laugh some more until we break our spines. Laughter as poetry. Laughter as a sacred calling. Laughter as religion of life and solicitude. Laughter to paralyze insomnia and get rid of inner suffering (once and for all). We must not let ourselves wilt through the idleness of days deprived of fuel oil. We must not let ourselves be inoculated by the plague of intrusion. We must not let ourselves be crucified on wooden posts. We must not let ourselves be damaged, demolished, dismembered and sequestered by regrets and primordial remorse. We have need of insolence against idiocy; and this laughter is that rough Trojan horse of a poetry during these lean years. We declare the year of laughter for a thousand years. We laugh against the murders of Lumumba and Steve Biko. Laughter as a memory and relic of Queen Pokou, the prophet Simon Kimbangu and Kimpa Vita. We laugh against the imprisonment of Mandela. We have laughter, and our laughter announces a bigger, brighter day. Der Wächter zwischen den Welten Lachen ist ein Plädoyer gegen Dummheit und albernen Dogmatismus. Lachen ist ein Grundnahrungsmittel. Lachen ist der Fluss, der die Dörfer versorgt. Lachen ist die Oase in der Wüste. Lachen ist, was uns nach Syphilis und Sonnenfinsternis, nach Großbrand und Katastrophe, nach Schiffbruch und Exil bleibt. Wir wurden aus dem Himmel (vom Gipfel) gestürzt, aber das Lachen geben wir 41
nicht her. Es ist das einzige, was wir nach der großen Verbannung noch in der Hand haben. Lachen, ja, Lachen ist unsere letzte Rettung. Lachen statt Erlösung. Lachen, um das Chaos und die Verwahrlosung unseres Größenwahns auszugleichen. Lachen als Gegengift. Lachen als ABC der Freude und der kriminellen Energie – die glückliche Kriminalität, um die Ignoranz und die Hierarchisierung von Menschen auszubremsen. Lachen ist unser Fallschirm. Lachen ist unser Glücksbringer, unser Elixier und unsere Liebe zu ewigem Genuss. Lachen als Gipfel der Sorglosigkeit und des Ungehorsams. Lachen, der Königsweg zum Glück und zur Subjektivität des Verstandes. Ja, uns bleiben noch hundert Jahre, zweihundert Jahre, vier Jahrhunderte sogar, um zu lachen und zu lachen, bis das Rückgrat bricht. Lachen als Poesie. Lachen als heiliges Amt. Lachen als Religion des Lebens und der Fürsorglichkeit. Lachen. Lachen, um die Schlaflosigkeit lahmzulegen und (ein für alle Mal) die Verzweiflung zu besiegen. Wir lassen uns nicht vom Müßiggang der Tage ohne Treibstoff austrocknen. Wir lassen uns die Pest der Fremdbestimmung nicht einimpfen. Wir lassen uns nicht auf Holzpfählen kreuzigen. Wir lassen uns nicht kaputtmachen, zerstören, zerstückeln und gefangennehmen von grundsätzlicher Reue und Schuldgefühlen. Wir brauchen Unverfrorenheit gegen die Dummheit, und das Lachen ist die ungeschliffene Poesie und das Trojanische Pferd dieser mageren Jahre. Wir rufen das Jahr des Lachens für tausend Jahre aus. Wir lachen gegen die Morde an Lumumba und Steve Biko. Lachen als Erinnerung und Relikt der Königin Pokou, des Propheten Simon Kimbangu und Kimpa Vita. Wir lachen gegen die Haft von Mandela. Wir lachen und unser Lachen verkündet ein besseres Morgen.
Livret intégral / Ungekürztes Libretto / Unabridged libretto Fiston Mwanza Mujila:
Français
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Deutsch
English
BEWUSSTHEIT wenn die Erde uns noch lange boykottiert wenn die Erde uns auf den Wecker geht wenn die Erde uns für Peanuts verhökert wenn sie uns daran hindert, uns mit Bissap zu betrinken wenn die Erde uns bepisst dann erfinden wir einen neuen Planeten in einem Rausch aus Wahn, Gemeinheit und sogar Verzweiflung werden wir die Dinge neu beim Namen nennen ab sofort werden wir die Sterne durch Glühbirnen ersetzen und Flüsse, Regen und Typhusfieber an den Meistbietenden versteigern Fiston Mwanza Mujila
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Impressum Copyright Stiftung Oper in Berlin Deutsche Oper Berlin, Bismarckstraße 35, 10627 Berlin Intendanz Aviel Cahn Geschaftsführende Direktion Thomas Fehrle, Spielzeit 2026/27 Redaktion Flavia Wolfgramm Kreativ Direktion BOROS Illustration Umschlag Olga Prader Gestaltung Sandra Kastl Druck Königsdruck Printmedien und digitale Dienste GmbH, Berlin Textnachweise Seite 25-42: Librettofassung vom 21.09.2026 Französische Fassung des Librettos: Fiston Mwanza Mujila Englische Übersetzung des Librettos: Roland Glasser Deutsche Übersetzung des Librettos: Lena Müller Seite 43: Fiston Mwanza Mujila, Bewusstheit, aus «Kasala für meinen Kaku – und andere Gedichte» (Ritter Verlag), Übersetzung aus dem Französischen von Elisabeth Müller. Bildnachweise Seite 7 und 8: Partitur von Sofia Jernberg Seite 13-16: Illustrationen von Lauren Steel Seite 17-24: Fotos von Thomas Aurin (Hauptprobe/Durchlauf, 14.09.2026),
In Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Mit großzügiger Unterstützung der Deutsche Bank Stiftung und des Förderkreises der Deutschen Oper Berlin.
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