Karlheinz Stockhausen
Karlheinz Stockhausen
Mittwoch aus Licht
Oper in einem Gruß, vier Szenen und Abschied für 9 musikalische Darsteller (Flöte, Bassetthorn, Trompete, Posaune, Streichquartett, Bass mit Kurzwellen-Empfänger), Chor mit singendem Dirigenten, Orchester (13 Instrumentalisten)/einen Synthesizer-Spieler/ 2 Tänzer-Mimen/ Elektronische Musik/ Klangregisseur Musik, Libretto, Aktionen und Gesten von Karlheinz Stockhausen
Struktur Mittwochs-Gruß: Allen Phantasten gewidmet. Welt-Parlament: Dem ersten Welt-Parlament gewidmet. Orchester-Finalisten: Allen Orchester-Finalisten gewidmet. Helikopter-Streichquartett: Allen Astronauten gewidmet. Michaelion: Dem Heiligen Michael gewidmet. Mittwochs-Abschied Verlag: Stockhausen Stiftung für Musik
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 19. September 2026 Deutsche Erstaufführung
Karlheinz Stockhausen während einer Probenphase von Licht, Köln 1998.
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Zur Handlung von Karlheinz Stockhausen
Zu MITTWOCH aus LICHT – Merkmale des Szenischen. EVA – MICHAEL – LUZIFER. Göttliches Prinzip: Intuition – Harmonie. Thema: Liebe – Freundschaft – kosmische Solidarität. Ritual: Schönheit – Kunst. Wesen: Menschen – Schutzengel. Element: Luft. Klang: Singen. Stimmen: Sopran – Tenor – Bass. Instrumente: Bassetthorn mit Flöte – Trompete – Posaune. Organ: Gehirn, Sprachorgan. Sinn: Augen, besonders rechtes Auge, reine Vernunft. Zentrum: zwischen den Augen, Gesicht, Hellsicht. Bewusstsein: Verstehen – Vision – spirituelles Erfassen. Farbe: Hellgelb, in allen Farben irisierend. Düfte: Mastix, Weihrauch. Edelsteine: gelber Zirkon, Topas. Metall: Quecksilber. Blume: goldgelber Sonnenhut. Strauch: Forsythien. Baum: Ahorn, japanische Ahorne. Tier: Taube – Kamel. Zahl: 8. Planet: Merkur. Symbol:
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MITTWOCHS-GRUSS (im Foyer): Luftkanäle, Winde, Gebläse, Flugdrachen, Ballons, fliegende Tauben. In der 1. Szene tagt das WELT-PARLAMENT als A-cappella-Chor über den Wolken im höchsten Stock eines Wolkenkratzers oder in einer schwebenden Glaskuppel mit Eingängen von gläsernen Aufzügen, in denen die Parlamentarier von unten kommen. Der Präsident stellt als Thema die Liebe. Man sieht blauen Himmel ringsum, manchmal vorbeifliegende Helikopter und Tauben. In der 2. Szene ORCHESTER-FINALISTEN schwebt ein Orchester von fern hoch in der Luft: Einzelne Solisten fliegen näher, jeder in und über einem eigenen Raum. Teleskop-Beobachtung lässt – der Musik entsprechend – herausragendes Kathedralendach, Flugzeuge überm Meer, Schiffe im Hafen und manches andere erblicken. Die Elektronische und Konkrete Musik macht 11 Räume deutlich. Sie schließen aneinander an und überlagern sich mehr oder weniger lang in drei Schichten, deutlich durch oktophone Raumprojektion unterschieden: Oboe über einer Kathedrale; Cello über Flugplatz am Meer; Klarinette über Hafen (auch mit Flugzeugen); Fagott über Dampfeisenbahn; Violine über Vogelpark (auch einzelnen Vögeln); Tuba in Vogelscharen und Bienenschwärmen; Flöte über Kindergarten mit Ziegen; Posaune über Schwimmbad mit Elefanten; Viola mit Wildgänsen über Eisenbahn; Trompete über Marakesh-Markt, Zebras, Löwen, Wildgänsen, Pferden; Kontrabass über Segelschiff mit Baumfröschen, Klapperkasten. Objekte dieser Räume sieht man aus dem Boden herausragen. Darüber schwebt jeder Solist in eigener Weise vor und wieder zurück, auch fliegt jeder verschieden hoch, synchronisiert während seines Solos das Orchester für fünf Akkorde. Am Schluss fliegen alle spielend in verschiedene Richtungen nach oben. In der 3. Szene HELIKOPTER-STREICHQUARTETT fliegen die vier Streicher eines Streichquartetts in vier Helikoptern in die Luft, spielen synchron ein polyphones Streichquartett. Sie reagieren auf Rhythmen der Rotoren sowie auf die Flugart der Helikopter, die Piloten beeinflussen – nach entsprechenden Proben – die Spielweise der Musiker. Von Zeit zu Zeit spielen die vier Streicher identische Rhythmen und Bogenstriche, obwohl man weiß, dass sie getrennt und Kilometer voneinander entfernt sind. Die vier Streicher werden mit Kameras und Mikrophonen auf vier Bildschirmsäulen und Lautsprechersäulen in der Bodenstation für ein Publikum übertragen. Dabei sieht man auch durch die Glaskanzeln der Helikopter die Welt von oben. In der 4. Szene MICHAELION ist – wie im WELT-PARLAMENT – der geistige Inhalt die Zusammenarbeit, die ‘kosmische Solidarität’. Das MICHAELION ist eine galaktische Zentrale für Delegierte des Universums. Ein neuer Präsident soll gewählt werden. Luzikamel ist der Favorit und gewinnt mit einem hinreißenden Kamel-Tanz die Wahl. Er wird zum Operator ernannt. Die Delegierten verschiedener 6
Galaxien singen um seinen Rat, und er beantwortet ihre Probleme durch vokale Übersetzungen von Kurzwellen-Ereignissen. Der MITTWOCH aus LICHT schließt mit einem Sextett, das rings um die Zuhörer herum und schließlich in allen Räumen weiterschwingend gesungen wird: (Sechs Vokalisten stehen um das Publikum herum.) Menschen, hört: MICHAEL EVA heilen die Welt, LUZIFER durch LICHT-Musik wird umgestimmt. [: MI :] (Die Vokalisten rotieren mit gehaltenem Akkord rechtsherum.) Micha Luzi Evaelferlu Micha und alle Engel des Himmels lobt GOTT mit uns Boten aus Michaelion! Segen bringt Lob. Lob, Dankbarkeit für die Wunder der Sterne, Planeten. Alle Geister drehen in Spiralen sich zum Licht der Welt, ewig steigend zu GOTT, schöpfend im All. Lauscht dem Klang der Galaxien, Zaubermusik, Musik rotierender Töne, Rauschen, Spektren. [: CHA :] (Rotation) Jauchzet jubelt Kinder, jauchzet, jubelt, jauchzet jubelt, denn nie haben Menschen so viel gewußt über Himmelskörper, Sternenzelt! Freuet euch: MITTWOCH aus LICHT im Michaelion erzeugt Liebe Hoffnung Mut für Luzifers Frieden mit GOTT, dem Schöpfer aller Universen, Kreaturen. [: EL :] (Rotation)
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[: MICHAEL EVA LUZIFER :] (3x) Musik der Sterne am Himmel des Allmächtgen, Sphärentraum in ewgen Galaxien, Formeln unendlich vieler Konstellationen, Formeln für Töne Geräusche aus LICHT. [: EVA vergib LUZIFER :] LUZIFER, dreh deinen Geist zu MICHAEL, diene GOTTES Gesetz, dem Grundton des Alls. MI-HI-CHA-EL, GOTTES Sohn, Kosmo-Creator, kosmischer Fürst: Führe uns in GOTTES ewges Licht. MITTWOCH aus LICHT ist der Tag der Einigkeit: synchron kosmosynchron. Hört Menschen: in unserer Stimme steht – Stimme der Intuition –, Liebe auf ewig zu singen in sorgfältiger Formel-Musik zum Lob GOTTES: HU! Hinter den Vokalisten öffnen sich die Türen. Jeder singt seine Partie des letzten Sextetts noch einmal, nun aber individuell, nicht mehr synchron – und entfernt sich dabei durch die Gänge, Foyers. Der Operator ist alleine im Michaelion übriggeblieben und entschwindet langsam, Kurzwellenklänge transformierend. Das Licht ist allmählich verlöscht, und über allem bleibt das nächtliche Sternenzelt. MITTWOCHS-ABSCHIED (im Foyer): Vorbei an Spiegelvisionen, Fernsehprojektionen der Ereignisse in den 11 Räumen der Elektronischen und Konkreten Musik aus ORCHESTER-FINALISTEN suchen die Menschen das Weite.
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Eine Hymne an die Menschheit, die Natur und den Kosmos Maxime Pascal im Gespräch mit Beate Breidenbach
Maxime, du hast mit deinem Ensemble Le Balcon bis auf Mittwoch alle Teile des Licht-Zyklus von Karlheinz Stockhausen aufgeführt und bist zurzeit wahrscheinlich der beste Kenner dieses monumentalen, insgesamt 29 Stunden dauernden Werks. Was macht diese Opern so faszinierend für dich? Maxime Pascal Ob ich der zurzeit beste Kenner des Licht-Zyklus bin, weiß ich nicht, aber ich habe in der Tat einen großen Teil meiner Arbeit und meiner Zeit in den letzten 15 Jahren diesem Werk gewidmet. Es gibt so viele Aspekte, die es faszinierend machen! Zunächst ist Licht. Die sieben Tage der Woche die längste Oper, die je geschrieben wurde. Stockhausen hat 25 Jahre seines Lebens damit verbracht, diesen Zyklus zu komponieren. Er hat in dieser Zeit nichts anderes komponiert. Das ist wirklich einzigartig. Vor allem aber erforscht Stockhausen mit diesem Werk klanglich absolutes Neuland, ganz besonders, was die Elektronik angeht. Stockhausen war «der» Pionier der elektronischen Musik. Jede der sieben Opern bietet eine bis dahin unerhörte Klangerfahrung mit einem faszinierenden Raumklang, der das Publikum umgibt. Schon nur der Raumklang in den Orchester-Finalisten im Mittwoch aus Licht ist für alle, die ihn erleben dürfen, eine unvergessliche Hörerfahrung und vollkommen einzigartig in der Operngeschichte.
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Stockhausen schrieb nicht nur die Musik, sondern auch den Text und alle Gesten, die die Ausführenden auf der Bühne machen sollen … Maxime Pascal Auch das ist einzigartig. Stockhausen hatte den Traum, die Musik sichtbar zu machen. Er ist aber weder Dichter noch Theatermann oder Choreograf. Also muss man sich fragen: Ist es überhaupt Tanz, wenn Stockhausen, der Musiker und Komponist, eine Choreografie entwirft? Wenn etwas auf der Bühne Sichtbares von einem Musiker komponiert wird – ist es dann nicht viel eher Musik? Diese Idee fasziniert mich: Dass eine visuelle Kunstform Musik sein kann. Denn die Grenzen zwischen den Kunstgattungen lösen sich dabei auf. Stockhausen erneuert die Gattung Oper, indem er Erfahrungen aus dem Musiktheater, aus dem Zirkus, aber vor allem aus all den Ritualen und Zeremonien, die er auf seinen vielen Reisen vorgefunden hat, in seine Musiktheater-Werke einfließen lässt. Stockhausen war zunächst in Japan, hat dort das Nō-Theater und das Kabuki sowie Zen-Zeremonien für sich entdeckt, anschließend war er in Indien, in Indonesien, beschäftigte sich mit VoodooZeremonien in Afrika, bereiste Nord- und Süd-Amerika und natürlich Europa. Licht ist eine Synthese aus allem, was Stockhausen auf seinen vielen Reisen vorgefunden hat – eine Synthese aus verschiedenen Möglichkeiten, wie Musik einer rituellen Handlung dienen kann. All dies versuchte er, in seine eigene Sprache und Form zu übersetzen. Er entwarf damit sein eigenes Ritual und – etwas vereinfacht ausgedrückt – seine eigene Kosmogonie. Stockhausen wurde ja häufig Größenwahn vorgeworfen … Maxime Pascal Ja, das ist einer der Stereotypen, mit denen Stockhausen oft beschrieben wird. Aber hier geht es nicht um Größenwahn. Mir kommt er vielmehr vor wie ein Kind, das realisiert, dass es ein Schöpfer ist, dass es Welten erschaffen kann, ja ein ganzes Universum. Licht ist ein anthropologisches Projekt, eine Hymne an die Menschheit und an die Natur. Stockhausen war der Natur sehr verbunden, in seinem Werk sind Flora und Fauna sehr präsent, hierin ist er zuweilen seinem von ihm sehr verehrten Lehrer Olivier Messiaen ähnlich. Am wichtigsten jedoch ist für Stockhausen der Kosmos – die Natur weitet sich für ihn ins Kosmische. Diese Kombination von einem anthropologischen Projekt mit einer Hymne an die Menschheit und an die Natur und den Kosmos als Quelle der Kunst ist für mich von sehr großer Schönheit. Es gibt im Zyklus aus Licht keine Geschichte im traditionellen Sinne; es geht eher um übergeordnete Konflikte. Welche sind das? Maxime Pascal Das Thema von Licht ist der ewige Kampf zwischen Michael und Luzifer, zwei Engeln, die wie Brüder miteinander kämpfen, ohne einander zu verstehen. Insofern handelt Licht vom Krieg. Hierfür gibt es durchaus autobiografische Gründe: Die 10
Erfahrungen, die Stockhausen als Kind und als Jugendlicher mit dem Krieg gemacht hat, sind in Licht eingeflossen. Deshalb ist neben dem Krieg auch die Kindheit ein wichtiges Thema, und deshalb gibt es in den anderen Teilen des Zyklus auch so viele Kinder auf der Bühne. In den anderen Teilen hören wir zudem in der Elektronik Kriegsgeräusche, Bomben und Explosionen, Kämpfe und Geschrei. Mittwoch jedoch ist der Tag der Liebe und der kosmischen Solidarität. Der einzige Kampf, der an diesem Tag stattfindet, ist der Kampf zwischen Luzikamel und Posaunuß im Michaelion, also Luzifers Kampf gegen sich selbst. Denn sowohl Luzikamel als auch Posanuß sind Emanationen desselben Engels. Deshalb kann Luzifer, der aus dem Kampf gegen sich selbst als Sieger hervorgeht, zum Operator werden. Stockhausen wollte nichts weniger als die Welt mit seiner Musik verändern; für ihn werden wir zu besseren Menschen, wenn wir uns seiner Musik widmen. Ist das für dich nachvollziehbar? Welche Erfahrungen hast du mit Aufführungen seiner Musik gemacht? Maxime Pascal Licht hat wirklich die Kraft, das Leben der Menschen zu ändern – derjenigen, die diese Musik aufführen, aber auch derjenigen, die sie hören. Ich habe schon mehrmals erlebt, dass Menschen nach einer Aufführung zu mir kamen und in Tränen aufgelöst waren. Ich denke auch an die Kinder, die im Freitag aus Licht mitgewirkt hatten und ein Jahr später zusammen mit ihren Eltern zu anderen Aufführungen gekommen sind, weil sie eine so starke Verbindung zu dieser Musik aufgebaut hatten. Oder der jugendliche Musiker mit vielen Problemen, den ein Stockhausen-Projekt mit uns vollkommen verwandelt hat. Ich denke auch an die Reaktionen von Schulklassen auf Stockhausen-Projekte, die wir mit ihnen an Schulen mit Gewaltproblemen durchgeführt haben. Die Kinder waren absolut fasziniert! Stockhausen hat die Prozesse, die im Körper durch Schallwellen ausgelöst werden, sehr gut verstanden. Er hat begriffen, was im Gehirn passiert, damit wir eine Melodie, die wir einmal gehört haben, wiedererkennen können. Klang kann uns auf rein physischer Ebene tatsächlich verändern. Und da er beobachtet hatte, dass Musik die Menschen verändert, führte dies bei ihm zu einer Bewusstseinsveränderung: Wenn seine Musik die Menschen veränderte, musste er als Komponist dieser Wirkung würdig sein und die schönstmögliche Musik schreiben. Du hast es vorhin gesagt: Mittwoch ist der Tag der kosmischen Solidarität und der Liebe. Es ist auch der einzige Tag im Licht-Zyklus, in dem alle drei Protagonisten vorkommen – neben Michael und Luzifer, die in einem ewigen Konflikt miteinander stehen, auch Eva, die Vermittlerin zwischen beiden. Diese Figuren erleben wir aber nicht verkörpert von Sänger*innen auf der Bühne, sondern sie sind ausschließlich in der Musik präsent, als die drei Schichten der musikalischen Superformel, aus der Stockhausen 11
29 Stunden Musik für den gesamten Zyklus abgeleitet hat. Wie muss man sich das vorstellen? Maxime Pascal Die Superformel ist so etwas wie die DNA des gesamten Licht-Zyklus: eine Seite Musik mit drei übereinander geschichteten Formeln oder Melodien, die zusammengenommen die Superformel ergeben. Jede Linie hat ihre besonderen Charakteristika – melodisch, rhythmisch, dynamisch, in Bezug auf die Klangfarbe. Jede dieser Formeln steht für eine Figur. Zuoberst die Formel von Michael, in der Mitte Eva und unten Luzifer. Lassen sich aus den Formeln oder Melodien Charakteristika der Figuren, die ja eher abstrakte Ideen sind als konkret handelnde Subjekte, ablesen? Maxime Pascal Ja, durchaus. In der Luzifer-Melodie zum Beispiel kommen Zahlen vor, häufig gesprochen: eins, zwei, drei, vier, fünf und so weiter. Hier findet sich wieder ein wichtiger autobiografischer Aspekt, denn Luzifer ist im gesamten Zyklus mit dem Vater Stockhausens assoziiert. Sein Vater war Lehrer und brachte Stockhausen als kleines Kind das Zählen bei. Luzifer hat eine regelrechte Obsession mit Zahlen. Die Superformel beinhaltet aber nicht nur diese Melodien, sondern bestimmt auch die gesamte Struktur des 29 Stunden dauernden Werks. Das bedeutet: Wenn es möglich wäre, die 29 Stunden Musik im Schnelldurchlauf über Lautsprecher so abzuspielen, dass sie nur eine Minute dauern würde, wäre die Superformel zu hören. Dasselbe würde passieren, wenn wir einen Tag des Zyklus oder auch nur eine Szene auf diese Weise stauchen würden. Die Superformel findet sich in allen Schichten der gesamten Struktur. Man kann sich dieses System wie eine Spirale oder wie eine Matrioschka vorstellen – in jeder Puppe steckt noch einmal dieselbe Puppe, nur kleiner. Diese Konzeption ist vollkommen einzigartig. Michaels Formel besteht aus 13 Tönen, Evas aus 12 und Luzifers nur aus 11. Ist hier auf musikalischer Ebene der ewige Konflikt zwischen Luzifer und Michael angelegt – weil Luzifer ein Ton zur Vollständigkeit der chromatischen Skala fehlt? Maxime Pascal Ja, das könnte man so sagen. Ich denke allerdings, man sollte solche Interpretationen nicht überbewerten. Die Bedeutung von Stockhausens Musik ist nicht so direkt zu verstehen, sie teilt sich eher im Unterbewussten mit. Eva zum Beispiel ist mit der Göttin der Schöpfung verbunden, auch mit der Göttin des Wassers und der Göttin des Mondes. Deshalb gibt es in ihrer Formel gewissermaßen magische Klangelemente wie ein Zischen oder Schnalzen. Darin verbirgt sich jedoch keine kryptische Bedeutung. Diese Elemente sind eher poetisch zu verstehen, als Elemente des Traums oder des Unterbewussten.
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Also würdest du Susanne Kennedy zustimmen, die sagt, das Publikum solle sich der Musik und der Inszenierung in gewisser Weise einfach hingeben, ohne auf der intellektuellen Ebene alles verstehen zu wollen oder zu müssen?
Maxime Pascal Absolut. Wenn ich etwas von Stockhausen und seiner Musik gelernt habe, dann, was es bedeutet, wirklich zuzuhören. Für Stockhausen war es zeitlebens absolut zentral, so genau hinzuhören, dass er das hören konnte, wozu er bis dahin nicht bereit gewesen war. Genau zuzuhören bedeutet auch, wahrzunehmen, wie die Vibration des Klangs in uns ihre Resonanz findet. Wir hören viel zu wenig zu! Und nicht umsonst schließt Michaelion, der letzte Teil des Mittwoch aus Licht, mit den Worten: «Menschen, hört!» Du bist der musikalische Leiter dieser Produktion – das Publikum wird dich aber während der Aufführung gar nicht als Dirigent erleben. Wie kann das sein? Maxime Pascal Was Stockhausen von den Ausführenden verlangt, unterscheidet sich sehr von dem, was sonst in Opernaufführungen üblicherweise verlangt wird. Was er von den Instrumentalist*innen fordert, ist auch etwas völlig anderes als das, was sie gelernt haben: Sie spielen nicht im Orchestergraben, sondern auf der Bühne, sie können ihre Partien auswendig, sie tragen Kostüme, sie bewegen sich, tanzen sogar. Denn die drei Protagonist*innen Michael, Eva und Luzifer werden nicht nur von Sänger*innen dargestellt, sondern auch von Tänzer*innen und Instrumentalist*innen. Eva ist die Bassklarinette zugeordnet, Michael die Trompete, Luzifer die Posaune. Jedes noch so kleine Element der Partitur ist neu für die Interpret*innen. Und für mich als musikalischer Leiter gilt das auch. Ich dirigiere nicht, wie ich das in anderen Opern tun würde, sondern meine Aufgabe ist es, alle Beteiligten so vorzubereiten, dass sie ohne mich spielen oder singen können. Im letzten Teil der Oper, im Michaelion, sind es 42 Menschen, also ein großes Ensemble, die ohne Dirigent singen und spielen müssen. Hier wird die Idee von Kammermusik auf die allerhöchste Ebene gehoben. Auch die Regie hat eine vollkommen andere, neue Aufgabe: Sie bekommt von Stockhausen die Partitur und ist aufgefordert, damit umzugehen wie eine Musikerin. Denn alles in dieser Oper ist Musik.
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«Mittwoch» ist der visionärste Teil des Zyklus Text von Imke Misch
Mit dem Zyklus Licht – Die sieben Tage der Woche (1977-2003) schuf Karlheinz Stockhausen das bislang umfangreichste Bühnenwerk der Musikgeschichte: sieben abendfüllende Opern, benannt nach den Tagen der Woche, addieren sich zu mehr als 29 Stunden Musik, in denen fast 27 Jahre kompositorische Arbeit stecken. Der genetische Kern des Opernzyklus ist im Vergleich dazu minimalistisch: ein dreistimmiges melodisches Gebilde von knapp einer Minuten Länge diente wie eine Art Matrix oder DNA zur Herleitung des gesamten musikalisch-szenischen Geschehens. Diese sogenannte Superformel für Licht ist im Detail äußerst präzise ausgeformt und bestimmt insbesondere die musikalischen Eigenschaften der drei Hauptfiguren namens Eva, Michael und Luzifer. Sie erscheinen als Geister, Menschen, Sänger, Tänzer und Instrumentalisten auf der Bühne und sind eng mit den weltkulturell überlieferten Bedeutungen der Wochentage verflochten. Der Montag symbolisiert als Tag des Mondes in vielen Mythologien das Weibliche, Fruchtbarkeit und Wachstum, und ist folglich im Opernzyklus der Tag Evas, der Frau und der Geburt. Das deutsche Wort Dienstag und seine Entsprechungen in anderen Sprachen (ital. martedí) verweisen auf Tius und Mars, die in der altgermanischen bzw. römischen Mythologie als Kriegsgötter verehrt wurden. Im szenischen Geschehen vom Dienstag aus Licht geht es dementsprechend um physische Kämpfe und intellektuelle Auseinandersetzungen zwischen Michael und Luzifer. Der Mittwoch als Tag der Wochenmitte und des Merkur (frz. mercredi) ist mit Solidarität und kommunikativer Vermittlung verbunden. Der Donnerstag, dessen Name auf Thor, Jupiter und Donar zurückgeht (engl. Thursday, frz. jeudi), steht in Licht als Michaelstag für das Lernen, während der Freitag, abgeleitet von Freia und Venus (frz. vendredi), das Thema Versuchung zwischen Eva und Luzifer fokussiert. Der dem Saturn zugeordnete Samstag (engl. 14
Saturday) ist in der Oper Luzifers Tag und steht für Tod und Auferstehung. Der Sonntag, Tag der Sonne, bildet schließlich den Höheund Wendepunkt des Wochenzyklus und leitet den Wieder- bzw. Neubeginn am Montag ein; im Zentrum stehen Eva und Michael. Als Zeiteinheit bestimmt die Woche von Tag zu Tag kontinuierlich das menschliche Dasein. Mit der Heptalogie Licht wollte Stockhausen der Woche einen neuen, musikalischen Sinn verleihen, nachdem er bereits im Tierkreis (1974/75) die zwölf Melodien der Sternzeichen, in Sirius (1975-77) die vier Jahreszeiten und im Jahreslauf (1977), dem späteren 1. Akt vom Dienstag aus Licht, den Gang der Jahrtausende bis Jahre vertont hatte. Seinem letzten, unvollendeten Zyklus Klang. Die 24 Stunden des Tages (2006/07) sollten noch die Komposition der Minute und der Sekunde folgen. Dem Opernzyklus Licht liegt kein Libretto zugrunde, das in herkömmlichem Sinne in Musik gesetzt ist. Die Szenarien entwickelte Stockhausen, indem er ein Handlungsgeflecht zwischen Eva, Michael und Luzifer mit Ausschnitten der Superformel und den Wochentagsthematiken verkoppelte. Bei der Komposition der Gesangspartien verzichtete Stockhausen häufig auf vollständige Sätze oder gewohnte Dialogformen, vielmehr entwarf er nach assoziativ-semantischen oder phonetischen Gesichtspunkten Wortkonstellationen und Begriffsfelder. Licht versteht sich als «kosmologische Komposition»: Der Handlung liegt die Vorstellung einer göttlichen Ordnung des Universums zugrunde, in die Erde und Mensch gleichermaßen eingebunden sind. Zwischen Gott und dem Menschen stehen als engelähnliche Wesen die drei Protagonisten Eva, Michael und Luzifer. Eva verkörpert das weibliche Prinzip, das mit den Themen Fortpflanzung und Evolution korreliert ist, aber auch mit der Vermittlung zwischen den beiden Kontrahenten Luzifer und Michael. Luzifer, der Kontrageist, rebelliert gegen die göttliche Hierarchie und vor allem gegen die von Gott initiierte Schöpfung des Menschen, für die sich Michael mit Nachdruck einsetzt. Für Luzifer ist die Erschaffung des Menschen ein zum Scheitern verurteiltes Experiment, weil der Mensch sterblich ist und unvollkommen. Michael hingegen ist überzeugt, dass der Mensch durch Lernen und den Tod zu einem höheren Bewusstseinszustand aufsteigen und sich dadurch Schritt für Schritt göttlicher Vollkommenheit annähern kann. Stockhausen, der als Katholik im Bergischen Land nahe Köln aufwuchs, war ein zutiefst gläubiger Mensch. Beeinflusst durch zahlreiche Begegnungen mit anderen Religionen dieser Welt wandte er sich nach und nach vom Katholizismus ab und entfaltete eine universale Glaubenshaltung, die auf der Überzeugung basiert, dass der Kosmos von Gott geschaffen und alles im Universum sinnhaft geordnet ist; der Mensch hat die Pflicht, sich – auch musikalisch – zu bilden und nach Verbesserung zu streben. In Grundzügen spiegelt der Handlungskern von Licht diesen Glauben. Der Titel Licht ist die Metapher für das Göttliche, und in die Ausarbeitung der Sze15
narien flossen vielfältige religiöse, mythologische und literarische Quellen ein, insbesondere die Bibel und das 1955 in den USA erschienene Urantia Buch, eine Art erweiterte Bibel. «Urantia» meint die Erde, die ein Teil des lokalen Universums Nebadon ist, über das Michael herrscht. Michael durchlebt verschiedene Inkarnationen und beendet zuletzt in der Person Jesu Christi auf Urantia die Rebellion Luzifers. Der Mittwoch aus Licht ist der visionärste Teil der Heptalogie und der einzige Tag, an dem die drei Hauptfiguren gleichberechtigt und nur musikalisch in Erscheinung treten. Zu den «Merkmalen des Szenischen», die Stockhausen für den Mittwoch aus Licht ausgewählt hat, gehören unter anderem die Themen «Liebe – Freundschaft – kosmische Solidarität»; das Element ist die Luft, der Klang das Singen; das Bewusstsein wird von Verstehen, Vision und spirituellem Erfassen geleitet; die Farbe des Mittwoch ist hellgelb, die mit dem Tag verbundenen Tiere sind Taube und Kamel, der Mittwochs-Planet ist der Merkur. Dem zentralen Element entsprechend spielen die drei Szenen vom Mittwoch hoch in der Luft: Im Mittelpunkt der 1. Szene steht ein Weltparlament, das in Form eines A-cappella-Chores in einem Wolkenkratzer oder einer schwebenden Glaskuppel tagt, um über das Thema Liebe zu debattieren. Der Chor eröffnet die Szene mit einer Aufzählung der wichtigsten Themen vom Mittwoch: Zusammenarbeit, Versöhnung, Verständigung, Gleichberechtigung der Frau, Frieden und eine neue Sprache als Grundlage der kosmischen Solidarität. Diese neu geschaffene Sprache, in der der Chor anschließend singt, besteht aus Vokalen, Konsonanten und gereihten Silben, die in einer rhythmisch-dynamisch pulsierenden Gesangsstruktur organisiert sind, ohne Wortsinn zu entfalten. Immer wieder treten einzelne Mitglieder des Welt-Parlaments vor, um nunmehr in einer fürs Publikum verständlichen Sprache Erklärungen zur Liebe vorzutragen: Liebe ist Treue, Vergebung, Hilfe, Gottes Licht, verjüngendes Elixier, Musik und «cosmic glue» – der Stoff, der den Kosmos zusammenhält. Plötzlich wird die Szene unterbrochen, Stockhausens Humor kommt zum Tragen: ein Hausmeister betritt die Bühne und berichtet aufgeregt, dass ein Auto abgeschleppt werden soll. Der Präsident, der bisher den Chor dirigiert hat, läuft davon, weil es sein Auto ist. Die erste Sopranistin springt spontan ein und leitet die Aufführung weiter – eine Anspielung auf die Hauptfigur Eva und den Aspekt der Gleichberechtigung der Frau. Unter Leitung der Ersatzpräsidentin wird die Sitzung des Welt-Parlaments zu Ende gebracht, wobei abschließend noch einmal die Themen vom Mittwoch resümiert werden. Mit der 2. Szene Orchester-Finalisten setzte Stockhausen seine Vision eines modernen Orchesters um, bei dem sich die einzelnen Mitglieder nicht nur zu einem großen Klangkörper zusammenschließen, sondern auch mit eigenen Soli ihre instrumentalen Fähigkeiten zum Ausdruck bringen. Elf verschiedene Instrumente spielen – im 16
Idealfall in der Luft schwebend – nacheinander in elf PhantasieKlangräumen. Die Wände dieser kubischen Räume werden aus elektronischer Musik gebildet, die auf konkreten Klängen basiert. Faszinierende Welten eröffnen sich, in denen alle Räume mit dem Thema Luft und dem römischen Gott Merkur oder seiner griechischen Entsprechung Hermes verknüpft sind. Zu hören sind Ventilatoren, Düsenjäger, Bienen, klappernde Wanten eines Segelboots, eine Eisenbahn, Wind und Wildgänse, aber auch Kinder, Ziegen, Marktszenen, Steppengeräusche und anderes, denn Hermes ist nicht nur ein kommunikativer Bote, sondern auch der Gott der Jugend, der Hirten und Herden, während Merkur speziell als Gott des Handels und der Reisenden gilt. 45 Jahre lang hatte Stockhausen kein Werk einer klassischen Gattung geschrieben, als ihm 1991 ein Kompositionsauftrag für ein Streichquartett angeboten wurde. Die Umsetzung des Auftrags wurde spektakulär: Im Helikopter-Streichquartett steigen die vier Musiker in Helikoptern in die Luft, und ihr Spiel wird erst im Konzertsaal audiovisuell zusammengeführt. Anfangs sah es so aus, als würde die Umsetzung dieser 3. Szene vom Mittwoch aus Licht an finanziellen und bürokratischen Hürden scheitern, doch interessanterweise gehört das Helikopter-Streichquartett inzwischen zu den relativ häufig aufgeführten Werken Stockhausens. Die Rotorengeräusche Skizze der Superformel zu Licht von Karlheinz Stockhausen, 1977.
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und Vibrationen der Helikopter integrierte Stockhausen in die Musik und erweiterte diese Qualitäten um kontinuierliche Tremoli der vier Streicher. Deren Stimmen sind so komponiert, dass sie ihre Formeltöne von Instrument zu Instrument und damit gewissermaßen von Helikopter zu Helikopter weiterreichen. In der 4. Szene Michaelion geht es noch einmal um Zusammenarbeit, Einigung und Harmonie. Das Michaelion war in der römischen Antike eines der berühmtesten Heiligtümer des Erzengels Michael, das Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert nördlich von Konstantinopel errichtet haben soll. In der gleichnamigen Szene ist es laut Stockhausen «eine galaktische Zentrale für Delegierte des Universums». Es wird ein neuer Präsident gesucht, dessen Aufgabe es sein soll, als Operator sämtliche kosmischen Nachrichten verstehen und übermitteln zu können. Als bester Kandidat gilt Luzikamel. In der Tat tritt ein Kamel auf und lässt sieben bunte Weltkugeln fallen. Wie der Name schon andeutet, ist hier Luzifer im Spiel, der in Begleitung einer Posaune, dem Instrument Luzifers, tanzt und kämpft. Schließlich schlüpft der eigentliche Operator aus dem Kamel und übersetzt als «Michael-Präsident-Operator» namens Luka Kurzwellen-Nachrichten aus dem Jenseits, woraufhin elf Delegierte aus unterschiedlichen Galaxien nacheinander Antworten auf ihre jeweiligen Anliegen erbitten. Die Szene verbindet rheinisch-karnevalistischen Humor mit zahlreichen Wortspielen und Bezügen zu den Mittwochs-Themen: Das Kamel ist ein hervorragendes Reisetier für weite Strecken; das Luzikamel stammt aus der AndromedarGalaxie. Die sieben Weltkugeln, die es fallen lässt, symbolisieren die sieben Wochentage und Kontinente der Erde. In diesem Kontext spielt der Chor mit den Namen Kakabel und Camael: Kakabel ist ein Engel, der in jüdisch-christlicher und islamischer Überlieferung mit den Sternbildern verknüpft ist, Camael ein Erzengel, der Liebe und Harmonie verkörpert. Die Szene schließt mit einem Trio, in dem die drei Instrumente Trompete, Bassetthorn und Posaune die am Mittwoch angestrebte Harmonie und Einigkeit der drei Hauptfiguren Eva, Michael und Luzifer auf Grundlage der Superformel musikalisch umsetzen. Den finalen Höhepunkt der Szene bildet ein Vokalsextett, das die Kernaussage der Oper bündelt: «LUZIFER durch LICHT-Musik wird umgestimmt. […] MITTWOCH aus LICHT im Michaelion erzeugt Liebe, Hoffnung, Mut für Luzifers Frieden mit GOTT, dem Schöpfer aller Universen, Kreaturen.» Wie alle Wochentage von Licht wird auch der Mittwoch mit einem Gruß eröffnet und einem Abschied beschlossen. Der MittwochsGruß stammt aus der elektronischen Musik vom Michaelion, während beim Mittwochs-Abschied die elektronische Musik der elf Fantasie-Räume aus der Szene Orchester-Finalisten erklingt. Dr. Imke Misch hat als Musikwissenschaftlerin maßgebliche Beiträge zur Erforschung des Komponisten Karlheinz Stockhausen und der Neuen Musik geleistet. Über viele Jahre hinweg stand ihre wissenschaftliche Arbeit in engem Bezug zur StockhausenStiftung für Musik.
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Musik ist die sublimste Kunst, mit Schwingungen, mit Tonschwingungen Verbindung zwischen den Geistern herzustellen. Musik ist die substanzloseste Materie, die reinste Materie, die direkt die Seele und den Geist imprägniert, die unseren Geist formt. lch glaube, daß in einem Endzustand der Menschheit jeder ein Musiker ist; und daß die Umgangssprache eine hochdifferenzierte Musik sein wird, in der wir nicht mehr bellen und jaulen (es sei denn, mal nebenbei), sondern im wesentlichen als wirklich hochdifferenzierte Gesangskünstler und Instrumentalkünstler miteinander kommunizieren. Musiker zu sein ist das Höchste, was man auf diesem Planeten lernen kann.
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Ein archaisches, zugleich futuristisches Ritual Susanne Kennedy im Gespräch mit Beate Breidenbach
Susanne, du kommst vom Schauspiel und von der Performance, in Berlin kennt man dich eher von der Volksbühne. In Basel hast du vor einiger Zeit Einstein on the Beach von Philip Glass inszeniert und kürzlich Parsifal an der Oper in Antwerpen; trotzdem ist das Musiktheater immer noch Neuland für dich. Was bedeutet es für dich, nun an der Deutschen Oper Berlin Mittwoch aus Licht von Karlheinz Stockhausen zu inszenieren? Susanne Kennedy In der Stadt zu arbeiten, in der ich lebe, ist etwas Besonderes. Es fühlt sich so an, als würde ich hier gerade einen nächsten, für mich sehr wichtigen Entwicklungsschritt machen. Die Konzepte für meine Arbeiten entwickle ich seit einiger Zeit zusammen mit Markus Selg, er entwirft die Bühne und das Video, er ist mein künstlerischer Partner und zugleich auch mein Lebenspartner. Wenn Leben und Arbeit so ineinanderfließen, dann ist das für mich ein großes Glück. Auch bei Stockhausen selbst waren Leben und Kunst kaum voneinander zu trennen… Susanne Kennedy Ja, er hat das allerdings noch sehr viel weitergetrieben, darin erkenne ich mich nicht. Bei ihm war das fast ein eigener Kult, der da stattgefunden hat. Das spürt man natürlich auch im Mittwoch aus Licht, in dem Stockhausen versucht, wirklich alles 34
zu bestimmen, Kostüme, Gesten, Bewegungen. Er hatte einen sehr starken Kontrolldrang. Wie gehst du damit um? Susanne Kennedy Einerseits finde ich es irritierend. Andererseits bewundere ich Stockhausen dafür, dass er einen solchen Kosmos aus sich heraus erschafft und dabei absolut kompromisslos ist. Vor fünf oder zehn Jahren war ich noch nicht so gefestigt in meiner eigenen ästhetischen Form, dass ich mit Stockhausen und seinem krassen Formwillen hätte umgehen können. Heute kann ich dieses Werk in Angriff nehmen, weil ich selbst mich dadurch als Künstlerin nicht bedroht fühle. Im Gegenteil, es inspiriert mich sogar. Die vielen Vorgaben von Stockhausen nehmen nichts weg von meinen eigenen Setzungen. Es braucht wohl eine gewisse Reife, das zu durchdringen, was Stockhausen vorschwebte. Was inspiriert oder fasziniert dich an dieser Oper? Susanne Kennedy Das Spirituelle. Stockhausen selbst sagte, er komme vom Planeten Sirius. Das meinte er durchaus ernst. Wir sind heute schnell darin, solche Gedanken als Spinnereien abzutun. Ich möchte sie ernst nehmen – nicht unbedingt als buchstäbliche Behauptung, sondern als Ausdruck seiner Vorstellung, dass Musik eine Verbindung zu einer anderen, über das unmittelbar Wahrnehmbare hinausgehenden Wirklichkeit herstellen kann. Diese Spiritualität hat sein Leben geprägt: Er war im Katholizismus verwurzelt, hat andere Religionen und Rituale kennengelernt und aufgenommen und daraus schließlich seine eigene Kosmologie entwickelt, in der Musik zu einem Weg der Erkenntnis und der Überschreitung wird. Damit ist er häufig auch angeeckt… Susanne Kennedy Ich möchte in meiner Arbeit diese Spiritualität erforschen. Nicht gleich Kritik daran üben, sondern mich dem hingeben. Diese Herangehensweise schließt jedoch nicht aus, dass es auch für mich immer wieder Irritationen gibt. Wo siehst du als Regisseurin für dich den Gestaltungsraum, wenn so vieles bis hin zu Bewegungen und Gesten vom Komponisten festgelegt ist? Susanne Kennedy Ich habe fünf Tänzer*innen oder Performer*innen mitgebracht. Mit ihnen schaffe ich eine eigene, zusätzliche Ebene mit Bewegungsabläufen, die ich selbst choreografiert habe. Diese Ebene passt für mich sehr gut mit Stockhausens Intentionen zusammen, ich fühle mich Stockhausen hier gar nicht fremd. Wo liegen die Berührungspunkte dieser zusätzlichen Ebene mit dem, was von Stockhausen vorgegeben ist? 35
Susanne Kennedy Er arbeitet zum Beispiel mit dem Prinzip des Mantras – das bedeutet, dass Dinge in verschiedenen Variationen immer wieder wiederholt werden. Hierfür finden wir Entsprechungen in den Bewegungsabläufen. Es gibt ein Stück von Stockhausen mit dem Titel Inori, in dem er Gesten entwickelt hat, die sehr beeindruckend sind. Hiervon möchte ich etwas einfließen lassen in Mittwoch. Außerdem arbeite ich seit einigen Jahren selbst an einer Form, die Bewegung nicht als Illustration von Musik oder Handlung versteht, sondern als eigenständige Sprache – eine Art körperliches Vokabular, in dem sich durch Wiederholung, Variation und Rhythmus Bedeutung und Wahrnehmung verändern. In deinen früheren Arbeiten hast du häufig nicht nur inszeniert, sondern auch die Texte selbst geschrieben; die Arbeit am Mittwoch aus Licht könnte kaum gegensätzlicher sein… Susanne Kennedy Ich möchte mich ja weiterentwickeln, mich inspirieren lassen. Das ist eine Chance, die ich sicher nur einmal im Leben bekommen werde. In diesem Stück treten die drei Hauptfiguren, die den siebenteiligen Zyklus bestimmen – also Michael, Eva und Luzifer –, nicht auf, sie sind «nur» in der Musik präsent; auch gibt es keine sich entwickelnde Handlung, keine sich durchziehende Geschichte. Ist es überhaupt eine Oper? Susanne Kennedy Ich bin keine Opernspezialistin – ich fühle mich ein bisschen wie der reine Tor in Parsifal, der nichts wissend in die Gralsgemeinschaft eintritt. Aber natürlich ist Mittwoch aus Licht nicht das, was man sich gemeinhin unter einer klassischen Oper vorstellt. Vielleicht würden Begriffe wie Mysterienspiel oder auch kunstreligiöses Happening besser passen. Die Frage ist: Was ist die Oper der Zukunft? Inwieweit können wir sie heute mitgestalten? Wie kann man Genrebegriffe erweitern? Das interessiert mich. Wir sprachen mehrfach über die Spiritualität Stockhausens. Warum fasziniert sie dich? Susanne Kennedy Aus unserem Leben ist die Spiritualität fast völlig verschwunden. Es gibt noch einige wenige Menschen, die in die Kirche gehen und dort Spiritualität erleben, aber die meisten von uns haben solche Rituale abgeschafft, und es gibt nichts, was sie ersetzt hat. Ich glaube aber, dass der Mensch in sich eine Sehnsucht trägt, oder anders gesagt: dass es ohne Spiritualität ein Vakuum gibt in uns Menschen. Ich würde nicht sagen, dass Theater oder Oper das ersetzen können, aber sie können Orte sein, an denen etwas stattfindet, das sich mit dieser Sehnsucht verbinden kann. Nicht als Religionsersatz, sondern als Erfüllung der Sehnsucht nach einem Ort, an dem man gemeinsam etwas erlebt, das einen aus 36
dem Alltäglichen, Profanen herausholen, in einen anderen Zustand versetzen kann, in dem auch die eigene Wahrnehmung noch mal anders herausgefordert wird. Es interessiert mich, etwas zu erleben, das man nicht sofort einordnen und in Worte fassen kann. Oper und Theater passieren im Hier und Jetzt, ich erlebe die Aufführungen zusammen mit anderen Menschen. Für mich bietet Theater natürlich auch ein intellektuelles Erlebnis, aber eben auch eines, das auf anderen, tieferen Ebenen stattfindet, dort, wo man vielleicht das Denken auch mal loslassen kann. Die vier Teile des Mittwoch aus Licht – Welt-Parlament, Orchester-Finalisten, Helikopter-Streichquartett und Michaelion – sind in der Vergangenheit häufig einzeln aufgeführt worden und haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun – wenn man von der musikalischen Superformel absieht, die der Kern des Ganzen ist und natürlich alle Teile auf der musikalischen Ebene zusammenhält. Wie schaffst du da szenische Verbindungen? Susanne Kennedy Sie entstehen durch die Tänzer*innen, die immer auf der Bühne sind, außer im Helikopter-Streichquartett. Sie sind es, die durch den Ritus hindurchführen, dabei aber auch ihre Funktion verändern. Mal scheinen sie Ministrant*innen, dann wieder haben sie vielleicht eine ganz andere Funktion. Vieles ergibt sich erst während der szenischen Arbeit. Die Szenen entstehen aus dem Geist der Musik. Das ist ein sehr zerbrechlicher Prozess. Stockhausen gibt in der Partitur auch Hinweise darauf, welche Themen, Farben, Sinne, Planeten, Tiere, Zahlen etc. dem Mittwoch zugeordnet sind; neben der Farbe Gelb ist zum Beispiel die Luft das zentrale Element, der Planet Merkur spielt eine wichtige Rolle, das Kamel sowie die Zahl acht. Inwiefern haben euch solche Zuordnungen inspiriert? Susanne Kennedy Natürlich kenne ich alle Vorgaben, die Stockhausen gemacht hat. Ich bereite mich sehr lange und intensiv vor. Aber dann kommt irgendwann der Punkt, wo ich all das, was ich gelesen habe, wieder loslassen und darauf vertrauen muss, dass sich mein Wissen irgendwo wieder bemerkbar macht und – vielleicht unbewusst – auf der Bühne seine Form findet. Einfach eine Liste abzuarbeiten, würde für mich die Inspiration töten. Wenn ich auf die Probe komme, lasse ich alle meine Bücher und Notizen zuhause und bin ganz im Hier und Jetzt. Und dann ergeben sich Dinge, über die ich vielleicht selbst erstaunt bin. Einen solchen Moment hatten wir gerade gestern auf der Probe: Ich habe in den Aktionen und Gesten der Performer*innen ein Bild oder eine Szene entdeckt, die für mich klar Zusammenarbeit erzählt hat – eines der für Stockhausen zentralen Themen in Mittwoch. Und du hast gesagt, 37
dass das von dir nicht bewusst so gesetzt war, sondern eher intuitiv entstanden ist. Susanne Kennedy Ja, genau. Und dann braucht man natürlich ein Publikum, das bereit ist, das zu lesen und zu erfahren und sich dem hinzugeben. Auch das ist eine Zusammenarbeit. Der Text in Mittwoch aus Licht, der zu einem Teil aus stark fragmentierten Wörtern besteht, stammt von Stockhausen selbst. Inspirationen für den Zyklus erhielt er unter anderem aus dem Katholizismus, aber auch aus den Schriften von Pythagoras oder aus theosophischen Werken wie zum Beispiel dem Urantia-Buch. Susanne Kennedy Viele dieser Quellen wie zum Beispiel die Schriften des Pythagoras sind mir schon länger bekannt gewesen. Aber auch das Kabuki-Theater oder bestimmte indische Tänze haben Stockhausen inspiriert, und diese Referenzen sind auch mir sehr vertraut. Lass uns noch kurz auf die einzelnen Teile des Mittwoch aus Licht eingehen; es beginnt mit dem Welt-Parlament, worum geht es hier? Susanne Kennedy Verschiedene Abgeordnete aus der ganzen Welt kommen zusammen, um über Liebe und Zusammenarbeit zu sprechen, und das, so hat es Stockhausen vorgesehen, im obersten Stockwerk eines Hochhauses, von dem aus man in den Himmel sehen kann. Das Weltparlament hat einen Präsidenten, der im Laufe des Stücks allerdings von einer Präsidentin ersetzt wird. Einige Choristinnen und Choristen haben solistische Momente, in denen sie Dinge über die Liebe postulieren. Es wird nicht debattiert, sondern es ist bereits ein Zustand erreicht, in dem sich alle einig sind, ein utopischer Zustand der Solidarität. Der zweite Teil trägt den Titel Orchester-Finalisten, was hat es damit auf sich? Susanne Kennedy Hier spielen 13 Musiker*innen solistisch, dazu kommt eine sehr ausgefeilte Raumelektronik. Es geht also weniger um das Orchester als Kollektiv, sondern um die Individualität und die Meisterschaft der einzelnen Musiker*innen. Nur in wenigen Momenten spielen alle gemeinsam, ohne Dirigent. Das Besondere ist, dass Stockhausen Musiker*innen hier einsetzt wie Performer*innen, die auf der Bühne auch szenisch agieren. Der dritte Teil, das Helikopter-Streichquartett, ist der spektakulärste und auch bekannteste Teil; bei uns wird in den fünf Aufführungen in der Deutschen Oper Berlin eine Aufzeichnung einer einmaligen Live-Aufführung vom 5. September zu sehen sein. Im letzten Teil, dem Michaelion, 38
kommen Musiker*innen und Chorsänger*innen erstmals auf der Bühne zusammen. Susanne Kennedy Michaelion knüpft in gewisser Weise an das Welt-Parlament an; hier sind es Abgeordnete verschiedener Planeten, die zusammenkommen, um einen neuen Präsidenten zu wählen. Dieser Präsident wird dann ausgerechnet ein Kamel, dem ein Operator entsteigt, der Signale aus dem Weltraum auffangen und für die Anwesenden übersetzen kann. Die Szene könnte unfreiwillig komisch oder gar lächerlich wirken, wenn man Stockhausens Vorgaben wörtlich folgt. Susanne Kennedy Hier muss ich eine gute Balance finden zwischen dem, was Stockhausen vorgibt, und dem, was ich selbst geschmacklich vertreten kann. Ich teile auch Stockhausens Humor an dieser und an manchen anderen Stellen nicht. Für mich ist es eine echte Herausforderung, hierfür szenische Lösungen zu finden, die nicht vollkommen die Spannung verlieren. Markus Selg ist nicht nur für die Bühne, sondern auch für das Video verantwortlich; welche Bildwelten erwarten uns, wovon habt ihr euch inspirieren lassen? Susanne Kennedy Markus hat sich bei seinen Recherchen mit der Kultstätte Göbekli Tepe in der Türkei beschäftigt, einem steinzeitlichen Heiligtum, das zu den ältesten Bauwerken der Menschheit gehört. Hier wurden riesige Steinskulpturen aufgestellt für rituelle Handlungen. Interessanterweise waren diese Skulpturen vermutlich auf Sirius ausgerichtet – den Stern also, der für Stockhausen so zentral war. Markus hat eine monumentale Bühnenskulptur aus Beton und LED-Videopanels erschaffen. Eine Art brutalistischer Hightech-Altar. Er bildet das Zentrum der Rituallandschaft inmitten der Deutschen Oper und ist gleichzeitig ein virtueller Eingang in den Kosmos von Mittwoch aus Licht. Ich wünsche mir, dass das Publikum sich angezogen, aber auch irritiert fühlt von diesen ganz eigenen rituellen Handlungen, denen es auf der Bühne begegnet. Ein archaisches, aber zugleich auch futuristisches Ritual wird hier zelebriert. Es findet etwas statt, das an vieles erinnert, dem man aber keinen konkreten Ort geben kann; trotzdem ist es etwas, das in uns allen steckt. Soll das Publikum also seinen Kopf ein Stück weit ausschalten, wenn die Aufführung beginnt? Und sich – ganz unkritisch – dem Ritus hingeben? Susanne Kennedy Vielleicht. Ich jedenfalls sehe meine Aufgabe als Regisseurin nicht darin, Kritikerin zu sein. Ich möchte mich lieber mit Dingen beschäftigen, denen ich mich freudig hingebe. Was natürlich nicht heißt, dass ich nicht auch kritisch bin. Aber Kritik ist für mich nicht der interessanteste Weg, mit Kunst umzugehen. 39
Litanei Ich habe es seit vielen Jahren unzählige Male gesagt und geschrieben: Dass ich nicht MEINE Musik mache, sondern die Schwingungen übertrage, die ich auffange; dass ich wie ein Übersetzer funktioniere, ein Radioapparat bin. Wenn ich richtig, in der richtigen Verfassung komponierte, existierte ich SELBST nicht mehr. (…)
Versuche nicht, es mit dem Verstand zu begreifen, Du wirst alles nur stören und unmöglich machen. Du musst das Vertrauen gewinnen, dass Du es können wirst. Ich habe es von Beginn an gehabt nur deshalb bin ich einen kleinen Schritt voraus.
Aber Du musst es auch gewinnen, sonst wird alles falsch und verdreht, was ich empfangen habe und durch dich übertragen wollte. (…)
Meine letzte Erfahrung waren die KURZWELLEN; ich bin so nah wie möglich Dir gekommen und dem, was an Musik in der Luft ist. Nun kommt der schwere Sprung, nicht von Menschen gemachte Signale, Musik, Getön zu übertragen, sondern die Schwingungen, die aus einem höheren, unmittelbar wirkenden Bereich kommen: nicht höher über uns, außerhalb von uns, sondern höher IN UNS UND AUSSERHALB Karlheinz Stockhausen
Aus: David von Bassewitz / Thomas von Steinaecker: Stockhausen – Der Mann, der vom Sirius kam. Band 2. Voraussichtlich 2027.
Knecht Gottes Text von Corinne Holtz
Geht das: Avantgarde sein und jeden Tag beten? Karlheinz Stockhausen (1928–2007) schuf auf dieser Grundlage ein solitäres Werk. Die Popkultur feiert ihn als Superhelden, zuletzt in einer Graphic Novel. Als Kind betete er am liebsten zu Michael, einem der Erzengel. Vielleicht, weil ihm sein Vater aus der Bibel vom Drachentöter vorlas, der den Satan in die Hölle stürzte. Dieser Held schwang wie Siegfried im Nibelungenlied das Schwert und führte die himmlischen Heerscharen an. Noch dramatischer als der Vater klangen die Pfarrherren. Sie baten am Ende jeder Messe den Erzengel Michael um Schutz: gegen die bösen Geister mitsamt Satan, die zum Verderben der Seelen in der Welt umherwandern. «Stürze den Satan mit göttlicher Kraft in die Hölle hinab. Amen.» Das Donnerwort erklang im Dom zu Altenberg. Dort stand auch die Michaelstatue, vor der das Kind kniete und seine Gebete sprach. Karlheinz Stockhausen: ein in Familie und Katholizismus geborgenes Kind? Vater und Mutter stammten aus Bauernfamilien: der Vater ärmlich aufgewachsen, die Mutter bessergestellt, so, dass sie Klavier lernen durfte. Der Vater stieg zum Volksschullehrer auf und leistete sich das Jagen. Gleichzeitig war er praktizierender Katholik – bis er 1937 in die NSDAP eintrat. Die Mutter wurde 1928, nach der Geburt ihres ersten Kindes, psychisch auffällig. So war sie fest davon überzeugt, dass Karlheinz nicht ihr Kind war, sondern auf der Entbindungsstation verwechselt worden sei. Sie begann zu verstummen, der Haushalt überforderte sie. Als sie aus dem Fenster zu springen versuchte, standen Karlheinz und seine Schwester Anna Katharina neben ihr. Sie war drei, er vier Jahre alt. Dass Karlheinz später Klavier lernen durfte, erfuhr die Mutter nie. Sie lebte mit der Diagnose Schizophrenie in einer Heilanstalt. 1941 wurde sie nach Hadamar verlegt, eine der Tötungsanstalten der Nationalsozialisten. Dort erstickte Gertrud Stockhausen, geb. Stupp, am Tag der Verlegung in der Gaskammer. Der Kontakt zur Familie war längst abgebrochen. Stockhausens Vater Simon hatte wieder geheiratet, war Offizier geworden und diente zuletzt an der Ostfront. Er hinterließ 1945 drei Vollwaisen. Jahrzehnte später kommen Bruchstücke dieser biografischen Verwerfungen auf die Bühne, transformiert von einem Komponisten, 50
der wie viele seiner Zeitgenossen nicht über seine Erfahrungen im Nationalsozialismus sprach. Donnerstag aus Licht (1981) beginnt mit einer Art Familienaufstellung: links sitzt die Mutter-Figur, rechts steht die Vater-Figur mit Zeigestock ausgerüstet vor einer Schultafel. Die Kind-Figur heißt Michael. Sie geht einmal auf den Vater zu, ein anderes Mal auf die Mutter. Schließlich bleibt Michael vor der Mutter stehen. Zusammen singen sie: «Ma-ma». Die Szene mündet in Michael auferlegte Prüfungen. Er weist sich dem Prüfer gegenüber als blendender Sänger, Trompeter und Tänzer aus. Unschwer, in dieser Szenerie Stockhausen selber zu vermuten. Wer darüber hinaus die theologische Grundierung der Michael-Figur kennt, mag sich über die Anmaßung des Urhebers wundern. Michael bedeutet im Hebräischen «wie Gott». Versteigt sich Stockhausen demnach zur Hybris, wie der inkarnierte Engel als Stellvertreter Christi aufzutreten?
Mensch-Sein heißt, die Anwesenheit eines höheren Geistes anzuerkennen Sein Denken war ein «völlig anderes», entgegnet Thomas Ulrich, Theologe und Dramaturg zweier Stockhausen-Produktionen. «Die drei Protagonisten von Licht sind keine Personen, sondern kosmische Grund-Kräfte, die primär musikalisch in den Formeln erscheinen.» Diese wiederum würden sich in den Figuren verkörpern, auch in den Instrumentalisten, sowie in «jedem von uns». Mensch-Sein hieß für Stockhausen, die Anwesenheit eines «höheren Geistes» anzuerkennen. Drei Kräfte wirken im Opernzyklus Licht, den Figuren Michael, Eva und Luzifer eingeschrieben. Die Zahl drei symbolisiert Ganzheit, so in Triaden wie Vater-Mutter-Kind und Leib-Seele-Geist. In Michael wirkt der Erlöser, in Luzifer der Versucher und Repräsentant des Bösen, in Eva «die mütterliche Seite Gottes und somit mütterlicher Kern der Wirklichkeit». Stockhausens Kräftelehre beschwört die Polarität: zwischen Mann und Frau sowie zwischen Gut und Böse. Letzteres stehe auch für Ja und Nein und befreie «das Gegeneinander von Christus und dem Teufel aus moralistischer Engführung». Indirekt scheint in Michaels Jugend (so der Titel des ersten Akts in Donnerstag) die Leidensgeschichte der Jüdinnen und Juden auf, angeregt von der Dichterin Recha Freier. In Berlin hatte sie 1933 eine Hilfsorganisation für die Auswanderung jüdischer Kinder gegründet und riskierte als Widerstandskämpferin ihr Leben. Freier, der die Flucht nach Palästina gelingen sollte, rief 1968 den «Composer’s Fund» ins Leben und finanzierte damit Kompositionsaufträge. Sie waren mit der Auflage verbunden, die von ihr geschriebenen Libretti einzubauen – Texte gegen das Vergessen jüdischer Existenz. Stockhausen legte sie Fragmente aus Moses’ Himmelfahrt, der Apokalypse des Baruch und dem Testament des Levi vor. 51
Daraus entstand das Eröffnungsstück von Michaels Jugend, betitelt mit Unsichtbare Chöre, eingespielt von Tonband. Das zweisprachige Chorstück (Deutsch und Hebräisch) greift die Vorstellung der Shekina in der jüdischen Theologie auf: Gott ist gegenwärtig bei seinem Volk, Ruhe und Frieden breiten sich aus. Stockhausen verleiht dem Chorstück szenische Kräfte: Es löst die Protagonisten aus der Starre, sie beginnen sich «natürlich zu bewegen».
Wie passt die Gattung Oper zur Avantgarde nach 1945? Wie passt die Gattung Oper zu einem Komponisten, der die Avantgarde nach 1945 wesentlich mitprägte? Oper gilt als Repräsentationskunst, beklatscht von einem Publikum, das auf Anerkennung und Distinktion setzt. An dieser Sozialstruktur hat sich auch im 21. Jahrhundert wenig verändert, wie belastbare Studien zeigen. Stockhausen stand der Gattung, wie andere tonangebende Avantgardisten, kritisch gegenüber. 1951 war er ein unbekannter Komponist aus Köln, der seine erste serielle Komposition (Kreuzspiel) zu schreiben begann. Angeregt von den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik und der Begegnung mit Olivier Messiaens Mode de valeurs et d’intensités. Stockhausen war dort zuvor mit der Einsendung eines Liederzyklus’ gescheitert. Seine tonal geprägte Zwölftönigkeit sei altmodisch, die Anti-Kriegs-Texte seien plump. Bis in die 1960er-Jahre trieb Stockhausen die Radikalisierung seiner Musiksprache voran. Die Möglichkeiten, Musik, Raum und Bewegung kompositorisch einzubinden, nutzte er früh. Sie wirkten als Treiber hin zum Musiktheater. Angefangen bei Kreuzspiel: dort ist die Verortung der Instrumente und Musiker auf der Bühne bereits genau festgelegt; in Kontakte (1958–60) steht in der Mitte des Podiums, zwischen Klavier und Schlagzeug, ein großes Tamtam. Harlekin für Klarinette (1975) muss im Kostüm aufgeführt werden und einer festgelegten Choreografie folgen. Sirius (1975–1977) ist ein Mysterienspiel im Kleid der Science-Fiction. Silbergleißende Kostüme blenden, vielleicht von Sun Ras Jazzperformances inspiriert, designt von Stockhausens Partnerin, der Künstlerin Mary Bauermeister. Stockhausen hatte eine Mission und war auf Wirkung bedacht. Seit Beginn war das so, stellte sein Komponistenfreund Karel Goeyvaerts fest, der sich an die «Unverfrorenheit» des «barocken Geistes» erst einmal gewöhnen musste. Das Vorhaben Licht war spirituell initiiert. So soll Stockhausen 1977 einen Tempel in Kyoto besucht haben. Die kontemplative Energie dieser Erfahrung hielt an, woraus schließlich der Funke zündete. Stockhausen begann den engen Zusammenhang zwischen Zeit und Musik zu untersuchen. Zeit ist rational nicht fassbar. Vergleichbar mit kosmischen Phänomenen wie den superschnellen GammaStrahlen. Dennoch strukturieren wir unser Leben in Jahre, Monate, 52
Das Wort LICHT war ziemlich bald da, denn es ist durch unsere großen Lehrer immer wieder klar geworden: ob im religiösen oder profanen Bereich oder im abstrakt philosophischen, ob Christus oder Aurobindo es verwendet, der eine sagt: «Ich bin das Licht» – oder «Gott ist das Licht» oder «Der Vater ist das Licht», der andere sagt: «Das Universum ist das Licht», «Das Sein ist das Licht» oder «Der Gedanke ist das Licht». Licht ist offenbar Geist überhaupt, Manifestation des Geistes, eben des vollkommenen, alles durchdringenden, alles erhellenden Geistes. Dafür haben wir dieses Universalwort, und es kann kein anderes Wort an seine Stelle treten als Name meines Werkes. Karlheinz Stockhausen
Wochen und Tage. «Musik stellt Ordnungsverhältnisse in der Zeit dar», so Stockhausen. Somit halte sie sich «im Kern der Wirklichkeit auf». Licht war das Gefäß, um das Projekt «Zeitkomposition» unterzubringen. Der großformatige Wochenzyklus sollte performative Wucht entfalten und szenische Utopien realisieren. Das verlangt nach einer hochgerüsteten Infrastruktur, wie sie einzig das Opernhaus bietet. Licht sprengt Grenzen. Wie das Urantia Book, der Taktgeber für Stockhausens Libretto. Das Buch ist eine Kompilation aus Bibel und Erlösungsfantasien, 1955 von der Urantia Foundation in Chicago veröffentlicht. Die sektenähnliche Vereinigung besteht bis heute, ihre Wirkungsmacht gründet auf der Lehre im Urantia Book. Es erzählt von einem Universum, das aus unzähligen bewohnten Sternen und Planeten besteht, darunter der Erde. Das Universum ist streng patriarchal organisiert, sogenannte «Offenbarungsbeamte» dirigieren die Neben- und Unteruniversen, somit auch den Planeten Urantia (Erde). Dort regiert der «Schöpfersohn» namens «Michael von Nebadon», inkarniert als Jesus von Nazareth. Karlheinz Stockhausen bei Versuchen im Studio für Elektronische Musik des WDR in Köln, 1960 © AKG Images
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So weit, so bizarr – Stockhausen jedenfalls ließ das Urantia-Book nie mehr los. Es ermöglichte ihm, sein überkomplexes Musikdenken in einem religiösen Phantasma aufgehoben zu wissen. Licht könnte demnach als kosmische Rebellion gelten, regiert von einem Michael und seinem Ordnungsprinzip von Musik auf der Grundlage von Formeln.
Das Formel-Prinzip Das Formel-Modell Stockhausens ist eine Fortsetzung seriellen Komponierens. Eine Formel besteht aus einer Zwölfton-Melodie, versehen mit Spielanweisungen für Tonhöhe, Tondauer, Lautstärke und Klangfarbe. Den Einzelton einer Formel verstand Stockhausen als «Tonperson mit Kopf, Körper und Innenleben». Die Formel als Ganzes sei eine musikalische Gestalt, in der Aspekte wie Melodie, Rhythmus, Lautstärke, Farbe und Räumlichkeit integriert sind, «vergleichbar mit der Gestalt eines Menschen mit allen Eigenschaften an Form und Details». Die Formel ist sangbar und dient als Generator der Komposition. Durch Verfahren wie Abspaltung, Transposition und Diminution prägt die Formel die gesamte Struktur eines Stücks. Werden mehrere Formeln übereinandergeschichtet, entsteht ein Tongebäude, das Stockhausen «Superformel» nennt. In Licht haben Michael, Eva und Luzifer je ihre eigene Formel, übereinandergeschichtet bilden sie eine Superformel. Sie ist der Kern jeglicher Klangerscheinungen in Licht. In Mantra (1970) kam die Formel erstmals zur Anwendung. Das war ein Wendepunkt. Stockhausen kehrte damit zur genauen Notation zurück und verabschiedete sich von der vorangehenden Praxis: der Textkomposition. Exemplarisch steht dafür Aus den sieben Tagen (1968) für improvisierendes Ensemble. Statt Parameter wie Tonhöhe, Rhythmus und Klangfarbe vorzugeben, spricht in Stockhausen der Poet. Angeregt durch Fasten und Meditation, genährt von Lektüre über den Yogi Sri Aurobindo, legte er den Musiker*innen 15 suggestive Texte vor. «Spiele einen Ton solange, bis du die völlige Sicherheit hast, dass du weiter nicht spielen sollst.» Hier klingt Fluxus an, an anderer Stelle das Mantra. «Spiele eine Schwingung im Rhythmus Deiner kleinsten Bestandteile. Spiele eine Schwingung im Rhythmus des Universums. Spiele alle Rhythmen, die Du zwischen dem Rhythmus Deiner kleinsten Bestandteile und dem Rhythmus des Universums heute unterscheiden kannst». Musikerinnen und Musiker sollen sich in Spiritualität üben anstatt festgefügtes Notenmaterial in Klang übersetzen. Angeregt durch den Komponisten, der sich einem Yogi ähnlich zum Wortflüsterer erhebt. Aurobindo lesen war in den 1960er Jahren Kult. Der integrale Yogi fand insbesondere in Deutschlands junger Generation Anklang. Deutsche würden über eine außergewöhnliche spirituelle Tiefe verfügen, so Aurobindo. Selbst im «falschen Deutschland» des Nationalsozialismus lasse sich dessen besondere «Meisterleistung» 55
erkennen. Solche Thesen grenzen an Geschichtsrevisionismus. Sie dienten jedoch der Verdrängung und konnten Kinder aus Nazi-Familien entlasten, waren sie doch der transgenerationalen Weitergabe des Unausgesprochenen meist ungeschützt ausgesetzt. Eine Figur wie Aurobindo bot in der Repressions- und Disziplinarkultur des Kalten Krieges Halt. Er pries die Innerlichkeit, eine angeblich weitere deutsche Eigenschaft. Darin erkannte sich Stockhausen – anders als in den Heilsversprechen von 1968. Er war in Paris, als Studenten auf den Straßen protestierten, zog es jedoch vor, zu arbeiten. «Ich bin ein Kind des Krieges, Arbeit ist mein Leben.» Stockhausens Musik begann indes den Atlantik und den Klassengraben zu überwinden. Sie fand Eingang in die Underground-Kultur New Yorks und gab neue Standards vor. Stockhausen war unter den Avantgardisten stets zuvorderst: Mit Kreuzspiel sorgte er 1952 für einen Skandal an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik und eroberte sich einen Platz neben Pierre Boulez und Luigi Nono. Gesang der Jünglinge war ein Quantensprung der elektronischen Musik, Gruppen transferierte die serielle Orchesterpolyphonie ins Räumliche. 1966 sollte Telemusik «die ganze Erde, alle Länder und Rassen» umarmen.
Stockhausen und die Beatles Letzteres gelingt einfacher unter Einwirkung von Drogen. John Lennon, der mit Yoko Ono Meinungen und Lager teilte, träumte sich statt nach Indien nach Tibet. Er las im Tibetischen Totenbuch, begleitet von LSD, und feierte das Universum in nie gesehener Farbenpracht. Gleichzeitig interessierte sich Lennon für Anleitungen zum kontrollierten Rausch. Ob er auch Stockhausen unter LSD gehört hatte? Jedenfalls faszinierten ihn Gesang der Jünglinge und Hymnen derart, dass er zum Hörer griff und Stockhausen anrief. Es ging auch um Persönlichkeitsrechte. Einmal bat Lennon darum, Stockhausens Porträt auf dem neuen Plattencover abdrucken zu dürfen, zusammen mit anderen Ikonen des 20. Jahrhunderts. Stockhausens Einverständnis tat Wirkung. Er war auf dem Cover von Stg. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und damit in der Pop-Kultur angekommen. Das Album verkaufte sich über 32 Millionen Mal und war die erfolgreichste Musikproduktion der Zeit. Erscheinungen wie Albert Einstein, Marlene Dietrich, Aldous Huxley und Marilyn Monroe fallen sofort ins Auge. Stockhausen muss man suchen: Er findet sich in der hintersten Reihe an fünfter Stelle von links. Sein Porträt wirkt im Kunterbunt aus Blumenkindern, Stars und Pappgesichtern fremd. Stockhausen stützt das Kinn in die Hand und schaut mit ernster Miene auf das Treiben. Ist er hier richtig? «Of course», versichert ihm Lennon am Telefon und berichtet Stockhausen über den Fortgang seiner Rekompositionen. So könnte es gewesen sein. Jedenfalls beruht Revolution 9 auf Verfahren, wie sie 56
Stockhausen in der ersten Fassung von Hymnen (1967) angewandt hat. Darin treibt er fast 40 Nationalhymnen bis zur Unkenntlichkeit durch den Modulator. Neben der Marseillaise, dem Horst-WesselLied und dem Schweizerpsalm hat auch die UdSSR ihren Platz. Die Botschaft der Collage, aufwändig produziert im Studio für elektronische Musik des WDR Köln, ist eine Utopie geblieben. Menschen «aller Nationen» leben nur im Traum in Frieden zusammen. Die Beatles nahmen die Steilvorlage ernst. John Lennon und Yoko Ono, maßgeblich unterstützt vom Gitarristen George Harrison, produzierten im Studio den avantgardistischsten Song ihrer Geschichte. Revolution 9 setzt auf Overdubbing, Loops, Echos, Verzerrungen und Raumwirkungen außerhalb des Mehrheitsfähigen. Mit über acht Minuten Länge ist Revolution 9 der längste und unbequemste Song der Beatles.
Der Opernzyklus Licht, das umfangreichste Werk der Musikgeschichte Stockhausen dachte in anderen Dimensionen. Er komponierte das umfangreichste Werk der Musikgeschichte. Der Opernzyklus Licht entstand im Zeitraum von 25 Jahren und dauert gegen 29 Stunden. Dagegen nimmt sich Richard Wagners Ring des Nibelungen fast schon bescheiden aus. Die Entstehung der Tetralogie spannte sich ebenfalls über 25 Jahre, sie dauert jedoch halb so lang wie Licht: ungefähr 15 Stunden. Ist Licht die Fortsetzung von Wagners Gesamtkunstwerk? Stockhausen bestritt das stets, obwohl sich Parallelen aufdrängen. Wagner grub in altnordischen Sagen, um sich die Welt zu erklären. Stockhausen zog es Richtung Himmel. Musik verstand er «als schnelles Luftschiff zum Göttlichen». Genau das passiert in Michaels Reise um die Erde aus Donnerstag. Sein Heldenweg mitsamt abschließender Himmelfahrt gleicht dabei offenkundig einer anderen Lichtgestalt der Operngeschichte: nämlich Parsifal und dessen Weg zum Gralshüter. Der «Knecht Gottes» – eine Selbstbezichtigung des jungen Stockhausen – war auch ein Meister der Kontrolle. Ein fatales Mal kam sie ihm während einer Presskonferenz abhanden. Hamburg, 16. September 2001: Stockhausen spricht über Licht und die Gegenpole Michael und Luzifer sowie über deren Reinkarnation. Eben wieder habe sich die Präsenz Luzifers gezeigt, und zwar in New York. Dann bricht Stockhausens Sprech-Sperre. Was für «ein Kunstwerk: 5000 Leute werden in die Auferstehung gejagt» – undenkbar in der Musik, dass Leute zehn Jahre fanatisch üben würden für ein Konzert und dann sterben. Seine Aussage ging um die Welt. Veranstalter zogen sich zurück. Stockhausen wurde zur Unperson. Er schlug das Reale (Massenmord) dem Erhabenen (Kunstwerk) zu und brach damit die Übereinkunft ethischer Grenzen. Das schien vorgezeichnet, ging 57
Ich wollte eine kosmologische Komposition schreiben, die der Wahrheit von jetzt und ewig entspricht; ich wollte der Versuchung, ein historisches Werk zu schreiben, entfliehen: ich wollte nichts, was nur erdhistorisch ist; Mythologisches nur dann, wenn es etwas wieder an den Tag bringt, was immer gültig ist; nichts, was im vulgären Sinne nebelhaft mythologisch ist, in die dunkle Vergangenheit zurückverweist und dort läßt, als sei es Vor-Geschichte, nicht ewige Wahrheit.
Karlheinz Stockhausen
Stockhausen doch auch privat eigene Wege. Er führte zwei Ehen und zeugte Kinder. So weit, so durchschnittlich. Wenige Kilometer von Altenberg und dem Dom seiner Kindheit im Bergischen Land entfernt, schuf er sich ab 1965 ein eigenes Reich. Hinter eisernen Gittern verstecken sich im abgelegenen Weiler Kettenberg Haus und Garten. Hier teilte er das Leben seit den 1980er-Jahren mit zwei Partnerinnen: mit der Klarinettistin Suzanne Stephens und der Flötistin Kathinka Pasveer, zentrale Interpretinnen und Botschafterinnen seiner Musik. Sein Lebenswerk, ermöglicht durch und teils ko-kreiert von den Frauen und Künstlerinnen an seiner Seite, wiegt schwer: 376 Stücke komponiert. Fast alle Uraufführungen selber dirigiert oder am Mischpult Klangregie geführt. Vermittlungsarbeit in eigener Sache geleistet, 150 Aufnahmen seiner Werke realisiert. Seit 1950 die Musikgeschichte modellhaft geprägt. Serielle, punktuelle, elektronische Musik geschaffen. Raummusik, Prozesskomposition, Formelkomposition erkundet.
Stockhausen als Empfänger von Botschaften des Sirius Den Schaffensdrang überantwortete Stockhausen der Transzendenz. Er sah sich allen Ernstes als Empfänger von Botschaften des Sirius – ein Stern, 25-mal heller als die Sonne und nur 8.6 Lichtjahre von der Erde entfernt. Dessen elektromagnetische Wellen nährten Stockhausens Träume, von dort senkten sie sich in die Intuition ab und wurden während des Kompositionsprozesses wirksam. «Himmelsmusik den Menschen, Menschenmusik dem Himmlischen» – das war Stockhausens Mission, dem Erzengel Michael am Ende von Donnerstag in den Mund gelegt. Auch auf die letzte Frage hatte Stockhausen eine Antwort. Was kommt nach dem Tod? «Ich reise ab zum Sirius.»
Corinne Holtz, Dr. phil. hist., lebt als Autorin in Zürich. Sie publiziert für das Kulturradio SRF2 und Qualitätszeitungen wie die Neue Zürcher Zeitung und Die Zeit. Außerdem verfasste sie die ersten Monografien über die deutsche Regisseurin Ruth Berghaus sowie den Schweizer Komponisten Klaus Huber. corinneholtz.ch
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Zeittafel 22. August 1928 An einem Mittwoch wird Karlheinz Stockhausen in Mödrath bei Köln geboren. 27. Mai 1941 Mutter Gertrud Stockhausen, geborene Stupp, wird in der Tötungsanstalt Hadamar Opfer der systematischen Krankenmorde zur Zeit des Nationalsozialismus. 1945 Vater Simon Stockhausen, Volksschullehrer, fällt im Zweiten Weltkrieg in Ungarn. 1947 – 1951 Stockhausen studiert in Köln an der Staatlichen Hochschule für Musik (Klavier, Schulmusik) und Universität (Germanistik, Philosophie, Musikwissenschaft). 1950 Beginn seines kompositorischen Schaffens und erste Aufführungen eigener Werke. Zum Ende seines Lebens wird Stockhausens Œuvre 376 einzeln aufführbare Werke umfassen. 1951 Komposition Serieller Musik, u.a. Kreuzspiel Nr. 1⁄7 für 6 Instrumente, eines der ersten konsequent seriell organisierten Werke, mit strenger Ordnung von Parametern wie Tonhöhe und -dauer. Vermählung mit der Musikpädagogin Doris Andreae. Aus ihrer Ehe werden 4 Kinder hervorgehen: Suja (1953), Christel (1956), Markus (1957) und Majella (1961).
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1952 Studium für Rhythmik und Ästhetik bei Olivier Messian in Paris. Erste Synthesen von Klangspektren mit elektronischen Sinustönen. Kompositionen Punktueller Musik, z. B. KontraPunkte Nr. 1 für 10 Instrumente, die erste gedruckte Komposition Stockhausens. 1953 Ständiger Mitarbeiter im Studio für Elektronische Musik des WDR Köln, dessen künstlerische Leitung er in den Jahren 1963 – 1977 innehaben wird. Danach bleibt er bis ins Jahr 1990 als künstlerischer Berater eng mit dem Studio und seiner Arbeit verbunden. Erste Kompositionen Elektronischer Musik, darunter die Elektronischen Studien I und II und der Gesang der Jünglinge (Raum-Musik, die er in Momentform komponierte und mit aleatorischen Techniken kombinierte), sein vielleicht bekanntestes Werk, in dem erstmals elektronisch erzeugte Klänge mit der menschlichen Stimme zu einer Einheit verbunden werden. 1953 – 1974 und 1996 Dozent der jährlichen Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt. 1954 – 1956 Studium der Phonetik und Kommunikationsforschung an der Universität Bonn bei Werner Meyer-Eppler, parallel zur Forschung und Komposition im Studio für Elektronische Musik des WDR Köln.
1954 – 1959 Mitherausgeber der Schriften über Serielle Musik die Reihe, Universal Edition (Wien).
1957 Uraufführung von Klavierstück XI, Variable Musik in Momentform, in New York.
1967 Vermählung mit Mary Bauermeister. Bereits 1966 wurde die gemeinsame Tochter Julika geboren, 1967 das zweite Kind Simon. Abbildung auf dem Beatles-Cover zu Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band als eine von 70 Persönlichkeiten einer «Gemeinschaft der neuen «freien Menschen». Stockhausen gilt nicht nur für die Musik der Beatles als prägend, auch die isländische Musikerin Björk oder die Band Kraftwerk berufen sich auf ihn.
1958 – 1960 Experimente neuer elektronischer Klangsynthesen und Raumprojektionen für Kontakte Nr. 12, UA 1960. Die kompositorischen Basiselemente sind hier nicht mehr Sinustöne, sondern der Instrumentalmusik entnommene Klangkonzepte, die allerdings rein elektronisch realisiert werden.
1968 Komposition Intuitiver Musik, die ganz aus der Intuition und aus dem Moment heraus entsteht, mit z.B. Aus den sieben Tagen Nr. 26 für beliebiges Instrumentarium. Beginn des künstlerischen Obertonsingens. Uraufführungen von Kurzwellen in Bremen und Stimmung Nr. 24 für 6 Sänger in Paris.
1963 – 1968 Gründung der Kölner Kurse für Neue Musik, deren künstlerische Leitung Stockhausen in den folgenden fünf Jahren innehaben wird.
15. November 1969 Skandal bei der Uraufführung von Fresco für vier orchestrale Gruppen in vier unterschiedlichen Räumen, der bis heute einzigen Aufführung dieses Werkes in Bonn.
1956 Uraufführung von Gesang der Jünglinge in Köln.
1964 Gründung und seither Leitung einer Interpretationsgruppe für Live-elektronische Musik, seitdem zahlreiche Kompositionen für diese Gruppe. 1965 Gastprofessur für Komposition an der University of Pennsylvania in Philadelphia. Scheidung von Doris Andreae nach 14 Jahren Ehe. Die letzten Jahre lebte er in polyamorer Konstellation mit Doris und der Künstlerin Mary Bauermeister. 1966 Im elektronischen Studio des japanischen Rundfunks NHK realisiert Stockhausen zwei Auftragswerke: Telemusik und Solo. 1966 – 1967 Gastprofessor für Komposition an der University of California in Davis.
1970 Auf dem Weg nach Japan verbringt Stockhausen 3 Wochen auf Bali. Weltausstellung Expo ’70 in Osaka, Japan: In einem von Stockhausen entworfenen Kugelauditorium werden von 20 Instrumentalist*innen und Sänger*innen an 183 Tagen 5½ Stunden täglich die meisten bis 1970 komponierten Werke Stockhausens für über eine Million Zuhörer aufgeführt. Kompositionen Kosmischer Musik wie Mantra, das auch Stockhausens erste Formelkomposition ist. Diese Kompositionstechnik liegt später auch dem Licht-Zyklus zugrunde. 1971 – 1977 Professur für Komposition an der Staatlichen Hochschule für Musik Köln.
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1972 Kompositionen Szenischer Musik. Scheidung von Mary Bauermeister nach 5 Jahren Ehe. 1973 – 1974 Inori, Anbetungen für Tänzer-Mimen und Orchester, Uraufführung in Donaueschingen. 1974 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. 1975 – 1977 Fertigstellung der Komposition Sirius Nr. 43, Elektronische Musik mit 4 Solisten, eine multiformale Komposition unter erstmaligem Einsatz von Synthesizer und Sequencer, deren Uraufführung im neugegründeten Centre Sirius in Aix-en-Provence im August 1977 stattfand. 1977 Der Jahreslauf, komponiert in Japan und uraufgeführt im Nationaltheater Tokio. Beginn des Kompositionsprozesses des OpernZyklus Licht, Die sieben Tage der Woche, der kompositionstechnisch auf der Superformel beruht. 1978 Konzertante Uraufführung von Michaels Reise um die Erde (II. Akt vom Donnerstag aus Licht) in Donaueschingen. 1981 Erste vollständige szenische Aufführung einer Licht-Oper mit der Uraufführung vom Donnerstag aus Licht in der Mailänder Scala. 1986 Stockhausen erhält den Ernst von Siemens Musikpreis. 1988 Ehrenbürgertitel der Gemeinde Kürten. 1989 Wahl zum Ausländischen Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences. 62
1991 Beginn der Veröffentlichung einer Stockhausen-Gesamtausgabe, einer Sammlung von unter Mitwirkung Karlheinz Stockhausens entstandenen Aufnahmen seiner Werke. 1992 Verdienstorden des Landes NordrheinWestfalen. 1993 Komposition vom Helikopter-Streichquartett (3. Szene Mittwoch aus Licht, Auftrag der Salzburger Festspiele). 1994 Aufführung von 7 Stockhausen-Werken bei den Salzburger Festspielen. Stockhausen-Symposium und Aufführungen von 30 Stockhausen-Werken (die meisten mit elektroakustischer Aufführungspraxis) im Rahmen des Berliner Festivals Inventionen. Gründung der Stockhausen-Stiftung für Musik als gemeinnützige Stiftung mit dem «Zweck der Förderung der Musikwissenschaft einschließlich der Förderung des Musiklebens auf der Grundlage des künstlerischen Werkes von Herrn Professor Karlheinz Stockhausen». 1995 Stockhausen-Werkzyklus bei den Osterfestspielen in Salzburg. Stockhausen-Retrospektive in 11 Konzerten auf dem Holland Festival in Amsterdam. Komposition vom Welt-Parlament für Chor a cappella (1. Szene von Mittwoch aus Licht, Auftrag des SWR). Uraufführung von Helikopter-Streichquartet. 1996 Uraufführung vom Welt-Parlament für Chor a cappella in Stuttgart. Uraufführung von Orchester-Finalisten für Orchester und Elektronische Musik (2. Szene von Mittwoch aus Licht) beim Holland Festival Amsterdam (Auftrag des Holland Festivals). Ehrendoktor der Freien Universität Berlin. Ausgewählter Komponist der Europäischen Kulturhauptstadt Kopenhagen mit 8 Konzerten.
1997 Komposition von Michaelion (4. Szene von Mittwoch aus Licht) für Chor, Bass mit Kurzwellen-Empfänger, Flöte, Bassetthorn, Trompete, Posaune, einen Synthesizer-Spieler, Tonband und Klangregisseur (Auftrag des Bayerischen Rundfunks). 26. Juli 1998 Uraufführung von Michaelion mit 2 Aufführungen im Prinzregenten-Theater München in der Konzertreihe Musica Viva. August 1998 Veranstaltung der ersten Stockhausen-Kurse in Kürten, die seitdem jährlich und bis heute stattfinden. Sie sind von Anfang an nicht nur Ort zahlreicher Uraufführungen, sondern verzeichnen mit ihrer weltweit einzigartigen Kombination aus Konzerten, Meisterkursen, Kompositionsseminaren und wissenschaftlichen Symposien jedes Jahr über 130 Teilnehmende aus über 20 Ländern, aus den Feldern Interpretation, Komposition, Klangregie, Musikwissenschaften sowie Gasthörende. 2001 Beginn einer 7-teiligen Sendereihe vom SWR über Licht mit der 1. Sendung von Stockhausens Oper Montag aus Licht am 21. Oktober, moderiert von Karlheinz Stockhausen in Zusammenarbeit mit Dr. Reinhard Ermen. Bis 2007 wird jährlich eine Oper von Licht gesendet. Auszeichnung mit dem Polar Music Prize. Kontroverse öffentliche Äußerungen zum Anschlag vom 11. September auf das World Trade Center.
2004 Uraufführung von Mittwochs-Gruß (Mittwoch aus Licht) in der Whitla Hall, Belfast. Vollendung seiner Arbeit am Licht-Zyklus nach 27 Jahren. Beginn der Komposition des Werks Klang, Die 24 Stunden des Tages, welches 24 Kompositionen für unterschiedliche Besetzungen umfassen sollte, doch mit 21 Stunden unvollendet bleiben wird. Eröffnung des Sonic Arts Research Centre in Belfast und Ehrendoktortitel der Queens University Belfast. 2005 Uraufführung der Ersten Stunde aus Klang, Die 24 Stunden des Tages. 2006 Anfang einer Sonderausgabe von TextCD-Veröffentlichungen mit Vorträgen, die Stockhausen seit 1952 gehalten hat. April 2007 Erstunterzeichner des Aufrufs für eine Parlamentarische Versammlung bei den Vereinten Nationen, die ein erster Schritt zu einem Weltparlament sein soll. 5. Dezember 2007 An einem Mittwoch stirbt Stockhausen in Kürten-Kettenberg bei Köln, wo er 24 Jahre lang gewohnt hatte.
22. August 2003 Aufführung des Helikopter-Streichquartetts anlässlich seines 75. Geburtstages. 23. und 30. Oktober 2003 Mittwoch aus Licht wird vom SWR als 3. Sendung der 7-teiligen Sendereihe über Licht in zwei Teilen gesendet, moderiert von Karlheinz Stockhausen in Zusammenarbeit mit Dr. Reinhard Ermen.
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About the plot by Karlheinz Stockhausen
About WEDNESDAY from LIGHT – features of the scenic aspect LIGHT-spirits: EVE – MICHAEL – LUCIFER. Divine principle: intuition – harmony. Theme: love – friendship – cosmic solidarity. Ritual: beauty – art. Beings: humans – guardian angel . Element: air. Sound: singing. Voices: soprano – tenor – bass. Instruments: basset-horn with flute – trumpet – trombone. Organ: brain, speech organ. Sense: sight, especially the right eye, pure reason. Centre: between the eyes, face, clairvoyance. Awareness: understanding – vision – spiritual comprehension. Colour: bright yellow, iridescent in all colours. Scents: mastic, frankincense. Precious stones: yellow zircon, topaz. Metal: mercury. Flower: golden yellow rudbeckia. Shrub: forsythia. Tree: maple, Japanese maples. Animal: dove – camel. Number: 8 . Planet: Mercury. Symbol: 64
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WEDNESDAY GREETING (in the foyer): flues, winds, blowers, kites, balloons, flying doves. In the 1st scene, the WORLD PARLIAMENT – as a cappella choir – is in session above the clouds on the top floor of a skyscraper or in a floating glass dome, accessible from glass elevators in which the parliamentarians arrive from below. The president introduces the topic of debate, love. The blue sky surrounds, and sometimes helicopters and doves fly by. In the 2nd scene, ORCHESTRA FINALISTS, an orchestra is floating high up in the air from far away: individual soloists fly closer, each of them in and above his (her) own space. Telescopic observation reveals – corresponding to the music – a towering cathedral roof, aeroplanes flying over the sea, ships in a harbour, and many other scenes. The electronic and concrete music delineates 11 spaces. They follow each other in succession, are superimposed in three layers for various lengths of time, and are clearly differentiated through octophonic spatial projection: oboe above a cathedral; cello above an airport by the sea; clarinet above a harbour (also with aeroplanes); bassoon above a railway train with steam locomotive; violin above a bird reserve (also individual birds); tuba in flocks of birds and swarms of bees; flute above a kindergarten with little goats; trombone above a swimming pool with elephants; viola with wild geese above a railway train; trumpet above a market-place in Marrakech, zebras, lions, wild geese, horses; double bass above a sailing-ship with tree frogs, rattletrap. Objects inherent to these spaces protrude out of the floor. Above this, each soloist floats back and forth in a particular way (each also flies at a different altitude), and during his solo synchronises the orchestra for five chords. At the end, all fly upwards in different directions, playing. In the 3rd scene, HELICOPTER STRING QUARTET, the four musicians of a string quartet are airborne in four helicopters and synchronously play a polyphonic string quartet. They react to the rhythms of the rotor blades and to the flying of the helicopters by the pilots, who – through adequate rehearsals – can thus influence the playing of the musicians. From time to time the four string players play identical rhythms using the same bowing, although it is clear that they are isolated and kilometres apart. As they play, the four musicians are transmitted by cameras and microphones to four columns of video screens and four columns of loudspeakers for an audience at the ground station. During this – through the glass cockpits of the helicopters – also the world can be seen from above. The spiritual content of the 4th scene, MICHAELION, is the same as that of WORLD PARLIAMENT: collaboration, cosmic solidarity. The MICHAELION is a galactic headquarters for delegates of the universe. A new president is to be elected. Lucicamel is the favoured 65
candidate and wins the election with a thrilling Camel Dance. He is appointed Operator. The delegates from different galaxies sing for advice and he answers their problems through vocal translations of short-wave events. WEDNESDAY from LIGHT closes with a sextet, which is sung surrounding the listeners and finally, resounding in all spaces: (Six vocalists stand surrounding the audience.) Mankind, hear: MICHAEL EVE are healing the World, LUCIFER will be brought around through the music of LIGHT. [: MI :] (The vocalists rotate clockwise, holding the chord.) Micha Luci Evaelferlu Micha and all angels of Heaven praise GOD with us, messengers from Michaelion! Blessing brings praise. Praise, gratitude for the miracles of the stars, planets. All spirits turn in spirals towards the Light of the World, eternally ascending to GOD, creating in the All. Listen to the sound of the galaxies, magical music, music of rotating tones, rushing noises, spectra. [: CHA :] (rotation) Rejoice jubilate children, rejoice, jubilate, rejoice jubilate, for never has mankind known so much about the heavenly bodies, starry firmament! Be glad: WEDNESDAY from LIGHT in the Michaelion engenders love hope courage for Lucifer’s peace with GOD, the creator of all universes, creatures. [: EL :] (rotation) 66
[: MICHAEL EVE LUCIFER :] (3x) Music of the stars in the sky of the Almighty, Dream of spheres in eternal galaxies, Formulas of innumerable constellations, Formulas for tones noises of LIGHT. [: EVE forgive LUCIFER :] LUCIFER, turn your spirit towards MICHAEL, serve GOD’S law, the fundamental of the All. MI-HI-CHA-EL, GOD’S Son, Cosmo-Creator, Cosmic Prince: lead us to GOD’S everlasting light. WEDNESDAY from LIGHT is the day of consensus: synchronous cosmo-synchronous. Hear, mankind: in our part – voice of the Intuition – it says to sing love forever through conscientious formula music in praise of GOD: HU! The doors behind the vocalists open. Each sings his part of the final sextet once again – but now individually and no longer synchronous – while departing through the corridors and foyers. The Operator remains alone in the Michaelion and slowly vanishes, transforming short-wave sounds. The light is gradually extinguished, and the nocturnal firmament remains shining above. WEDNESDAY FAREWELL (in the foyer): Past mirrored visions, video projections of the events in the 11 spaces of the electronic and concrete music of ORCHESTRA FINALISTS, the people decamp.
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Impressum Copyright Stiftung Oper in Berlin Deutsche Oper Berlin, Bismarckstraße 35, 10627 Berlin Spielzeit 2026/27 Intendant Aviel Cahn Geschaftsführender Direktor Thomas Fehrle Redaktion Beate Breidenbach Kreativ Direktion BOROS Illustration Olga Prader Gestaltung Sandra Kastl Druck Königsdruck Printmedien und digitale Dienste GmbH, Berlin Textnachweise Karlheinz Stockhausen, Zur Handlung, zitiert nach: Aufführungsmaterial Mittwoch aus Licht, © Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten (www.karlheinzstockhausen.org). Die Texte von Imke Misch und Corinne Holtz sowie die Gespräche mit Susanne Kennedy und Maxime Pascal sind Originalbeiträge für dieses Programmheft. Karlheinz Stockhausen, Auszug aus Litanei, © Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten (www.karlheinzstockhausen.org). Zitate Karlheinz Stockhausen: S. 33, aus: Karlheinz Stockhausen, «Sind Sie noch derselbe Mensch?», Gespräch mit Bálint András Varga am 7. Oktober 1984, in: Texte zur Musik, Bd. 6, Köln 1989; S. 53 und S. 59, aus: Karlheinz Stockhausen, LICHT-Blicke, Ausschnitt aus einem Gespräch mit Michael Kurtz am 24. Januar in Kürten, in: Texte zur Musik, Bd. 6, Köln 1989. Die Zeittafel stellte Clara Swoboda zusammen. Bildnachweise Fotos Karlheinz Stockhausen und Superformel: akg images. Der Ausschnitt aus «Stockhausen. Der Mann, der vom Sirius kam», Bd. 2, ist ein Vorabdruck aus dem voraussichtlich 2027 erscheinenden Band. © 2026 Carlsen Verlag GmbH, Völckersstraße 14-20, 22765 Hamburg. Julian Roeder fotografierte die Hauptproben am 15. und 16. September 2026.
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