

Gottvertrauen Wir leben
z. B. als Oberarzt/ Oberärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (m/w/d)
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Wir leben
Liebe Leserin, lieber Leser,
in einer Welt die von Geschwindigkeit, ständiger Erreichbarkeit und unaufhörlichen Reizen geprägt ist, scheint Stille für viele Menschen ungewohnt oder sogar schwer auszuhalten zu sein.
Gleichzeitig wächst bei vielen die Sehnsucht nach Momenten des Innehaltens – nach einem Raum, in dem Begegnung mit Gott möglich wird. „Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin“ (Psalm 46,11) – diese biblische Einladung meint mehr als äußere Ruhe. Sie eröffnet einen Raum, in dem wir wahrnehmen dürfen, wer Gott ist – und wer wir in seiner Gegenwart sind.
Gottesbegegnungen können unser Innerstes berühren und uns daran erinnern, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist. Wo Menschen innehalten, sich neu ausrichten und Gottes Gegenwart suchen, kann Wiederherstellung geschehen – nicht als Leistung, sondern als Geschenk. Zugleich zeigt sich: Stille ist nicht immer nur Abwesenheit von Geräusch, sondern kann ein aktiver Raum sein, in dem wir Gottes Nähe suchen und erfahren –manchmal ganz anders, als wir es erwarten (Seite 06)
Dass ein Leben aus der Stille heraus prägende Kraft entfalten kann, zeigt beispielhaft das Leben Dietrich Bonhoeffers. Für ihn war Stille nicht Rückzug aus der Welt, sondern Quelle geistlicher Klarheit und innerer Orientierung (Seite 14). Solche Räume der Gottesbegegnung können in unterschiedlichen Lebensbereichen entstehen. Menschen aus verschiedenen Berufs- und Lebenssituationen berichten in dieser Ausgabe davon, wie Zeiten der Stille neue Blickwinkel eröffnen und helfen, Gottes Wirken im eigenen Leben wahrzunehmen.
Doch Gottesbegegnung geschieht nicht nur in der stillen Zurückgezogenheit. Manchmal begegnet Gott Menschen mitten im Leben: im gelebten Glauben im Alltag, im Augenblick bzw. bewusst wahrgenommener Gegenwart, bei Aktivitäten, im Kontakt und in der Gemeinschaft mit anderen – im beruflichen
wie im privaten Alltag, in der Gemeinde oder auf Freizeiten. Solche Erfahrungen zeigen, dass Gottes Gegenwart sowohl im stillen Gebet als auch im aktiven Leben entdeckt werden kann.
Gleichzeitig kann Stille auch herausfordernd sein. Nicht jeder Mensch erlebt sie sofort als wohltuend. Für manche kann sie Unruhe oder sogar Angst auslösen. Gerade hier ist es wichtig, sensibel und achtsam mit inneren Prozessen umzugehen und hilfreiche Wege zu finden, um Stille schrittweise als heilsamen Raum zu entdecken (Seite 42). Auch jahrzehntelange therapeutische Erfahrung zeigt, wie fachliche Kompetenz und Gottvertrauen miteinander verbunden werden und Menschen in ihrer Entwicklung unterstützen können – insbesondere dann, wenn Glaube als Ressource entdeckt wird.
So lädt dieses Magazin dazu ein, unterschiedliche Wege der Gottesbegegnung zu entdecken – in der Stille, im Alltag, im Beruf und in persönlichen Lebensphasen. Vielleicht finden auch Sie darin neue Impulse, wie Räume entstehen können, in denen Gottes Gegenwart erfahrbar wird.
Neben den Fachartikeln zum Schwerpunktthema erhalten Sie in dieser Ausgabe wieder Einblicke in aktuelle Entwicklungen innerhalb unserer de’ignis-Organisationen. Wenn Sie die Arbeit von de’ignis zur Förderung psychischer Gesundheit auf christlicher Basis unterstützen möchten, freuen wir uns über Ihre Spende.
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Wir wünschen Ihnen eine bereichernde Lektüre und inspirierende Impulse.
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Redaktion: Dr. rer. nat. Marie-Luise Armbruster, Winfried Hahn, Claus J. Hartmann, Sebastian Hartmann, Phil Hartmann, Marika Rimkus, Bernd Storek Ausgabe: 01 / 2026
Druckvorstufe und Produktion: AD Dipl.-Ing. Rainer Haas, haas@ad-stuttgart.de
Druck: F&W Druck- und Mediencenter GmbH Papier: Arctic Volume Highwhite (Umschlag), Amber Graphic matt (Inhalt) Auflage: 12.000
Die Herausgeber bemühen sich um eine gendergerechte Sprache. Haben sich die Autor*innen in Einzelfällen für die ausschließliche Benutzung der männlichen Form entschieden, sind die anderen Formen selbstverständlich ebenso damit gemeint.
Herausgeber: de’ignis-Fachklinik gGmbH auf christlicher Basis für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik Walddorfer Straße 23, 72227 Egenhausen
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Wenn es still wird

Impulse und Erfahrungen
06
• Die Kraft der Stille
Winfried Hahn
10
• Handlungskompetenz, Handlungsfreiheit, Befähigung zur Aktivität (in der Politik) durch Gottesbegegnung
Steffen Bilger
14

28
• Stille als Prüfstein im Ruhestand
Helmut Hauser
48
• Dynamische Wechselwirkung. Der Ausleger und sein Text.
Prof. Dr. Gerhard Maier, Landesbischof a. D.
50
• Bonhoeffer – ein Leben aus der Stille
Bernd Storek
18
• Gott in action bei christlichen Kinder- und Jugendcamps?!
Bettina Straß
22
• Raum für Gottesbegegnung im Wirbel eines Unternehmerlebens
Julian Heusel
24
• Exerzitien und der Anwaltsberuf –zwei Welten begegnen sich
Dr. Clemens-Maria Bold
• Reingehört – Wo Patienten und Bewohner Gott begegnen de’ignis-Sozialtherapeutisches Zentrum und de’ignis-Fachklinik

38
• Der Schatz des Augen-Blicks Zur Diskussion von Magdalena Burger
42
• Stille zu Gott. Psalm 62. Marika Rimkus
46
• Eine ungewöhnliche Taufe Dr. med. Rosemarie Schultheiß Aktuell
52
Therapeutische Fachartikel
30
• Gott begegnen durch Bewegung und Tanz
Sarah Nadge
34
• Musikalische Zugänge der Gottesbegegnung
Lisa Hummel
• Was hat sich entwickelt? Welche Angebote gibt es? Berichte, Termine und Aktuelles von de’ignis Fachklinik, Sozialtherapeutisches Zentrum, Institut und Stifung
Die Kraft der Stille
Gottesbegegnung in einer lauten Welt
Von Winfried Hahn

de’ignis-magazin – Impulse und Erfahrungen
• Wir leben in einer Zeit permanenter Beschleunigung. Digitale Medien erzeugen eine ununterbrochene Folge von Reizen, Nachrichten, Bildern und Meinungen. Smartphones begleiten uns bis ins Schlafzimmer, berufliche Anforderungen enden selten mit dem Feierabend, soziale Netzwerke erzeugen subtile Vergleichsdynamiken. Leistungsfähigkeit, Sichtbarkeit und Selbstoptimierung werden zu kulturellen Leitmotiven. Die Folge ist eine innere Unruhe, die viele Menschen kaum noch bewusst wahrnehmen, weil sie zum Normalzustand geworden ist. Gleichzeitig beobachten wir eine Zunahme psychischer Belastungen: Erschöpfung, Angststörungen, depressive Entwicklungen, Identitätsunsicherheiten. Der Mensch ist überinformiert – und innerlich oft orientierungslos. Inmitten dieser Reizüberflutung wächst eine tiefe Sehnsucht nach Stille. Retreats boomen, Achtsamkeitskurse sind ausgebucht, Meditationsangebote füllen Veranstaltungssäle.
Doch Stille ist nicht gleich Stille.
Aus christlicher Perspektive ist sie nicht primär eine Technik zur Stressreduktion und auch kein Weg zur Selbstoptimierung. Christliche Stille ist Beziehungsgeschehen. Sie ist der Raum, in dem der Mensch Gott begegnet: dem Vater als Ursprung seiner Würde, Christus als rettendem Freund und dem Heiligen Geist als belebender Kraft. Die Bibel beschreibt diese Dimension der Nähe Gottes mit erstaunlicher Kühnheit. Der Hebräerbrief spricht davon, dass wir durch Christus „Freimütigkeit haben zum Eingang in das Heiligtum“ (Hebr. 10,19). In ihm haben wir Zugang zum „Thron der Gnade“ (Hebr. 4,16). Stille bedeutet daher nicht Rückzug in ein unbestimmtes Inneres, sondern Hinwendung in die Gegenwart Gottes.
Hier geschieht etwas Paradoxes: Vor Gottes Thron werden wir mit uns selbst konfrontiert – und zugleich von Hoffnung erfüllt. Ehrlichkeit und Freude gehören zusammen. Selbsterkenntnis und Erlösungsgewissheit widersprechen sich nicht.
Der reformatorische Satz „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2,20) wird in der gelebten Stille zu einer erfahrbaren Wirklichkeit. Christliche Meditation führt nicht zur „Entselbstigung“ im Sinne einer Auflösung der Person, sondern zur Wiederherstellung des wahren Selbst in Christus. Sie ist kein Weg der Selbstverneinung, sondern der Selbstfindung – allerdings einer Selbstfindung, die nur im Gegenüber Gottes möglich wird.
Hier berühren wir eine Linie, die auch der Theologe Paul Tillich eindrücklich beschrieben hat. Tillich spricht von der dreifachen Entfremdung des Menschen: Entfremdung von Gott, von sich selbst und von der Welt. Diese Entfremdung ist nicht nur moralischer Natur, sondern existenziell. Sie bedeutet Verlust der inneren Einheit. Tillich verwendet dafür den Begriff des „Selbstverlustes“: die Integrität der Person als Ganzes wird bedroht, das Sein des Menschen gerät in innere Spaltung.
Der Mensch weiß nicht mehr, wer er eigentlich ist.
In der Gottesbegegnung entsteht jedoch das „zentrale Selbst“, die eigentliche Identität, die durch die Erfahrung entsteht, von Gott angenommen zu sein. Die Stille wird damit zum Ort der Re-Integration. Was durch Sünde und Selbstverfehlung zerrissen wurde, darf in Christus heil werden. Die dreifache Entfremdung beginnt sich prozesshaft aufzuheben: Versöhnung mit Gott, Annahme der eigenen Person, neue Verantwortung für Mitmenschen und Schöpfung.1 Diese Dynamik ist allerdings kein romantischer Vorgang. Wer die Stille sucht, begegnet
nicht nur Trost, sondern auch Wahrheit. In der Tradition der Wüstenväter wurde diese Erfahrung radikal durchlebt. Antonius der Große zog sich in die ägyptische Wüste zurück, um Gott zu suchen – und fand sich konfrontiert mit inneren Versuchungen, Ängsten und dunklen Impulsen. Die Überlieferung berichtet von seinen intensiven Anfechtungen, auch sexueller Natur.2
Die Wüste wurde zum Spiegel der Seele. Die sogenannten Apophthegmata Patrum, die Aussprüche der Väter, schildern immer wieder, dass das Aushalten der Stille schmerzlich sein kann. Ein Altvater sagt: „Bleibe in deiner Zelle, und deine Zelle wird dich alles lehren.“ Die Zelle – der Ort der Einsamkeit – wird zum Raum der Selbsterkenntnis.3 Nicht zur Flucht vor sich selbst, sondern zur Konfrontation mit dem, was C. G. Jung später den „Schatten“ nannte.4
Doch die Väter suchten keine Selbstanalyse um ihrer selbst willen. Ihr Ziel war die Vereinigung mit Christus. Das „Verschmelzen mit Gott“, von dem sie sprechen, meint keine Auflösung der Person, sondern eine immer tiefere Durchdringung des eigenen Lebens durch die Gegenwart Gottes. Gerade im Aushalten der Stille, im Durchstehen innerer Unruhe, reift geistliche Klarheit. So wird verständlich: Christliche Meditation unterscheidet sich in ihrer Grundbewegung von spirituellen Wegen, die die Auflösung des personalen Selbst als Ziel sehen. Ohne polemisch zu werden, lässt sich sagen: Während manche östlichen Traditionen die Überwindung des Ichs anstreben, zielt christliche Stille auf die Verwandlung des Ichs in Christus. Das Selbst wird nicht negiert, sondern erlöst.5

Die Begegnung mit Gott als Vater schenkt Geborgenheit.
Die Gemeinschaft mit Christus als Freund schenkt Identität.
Das Wirken des Heiligen Geistes schenkt innere Lebendigkeit.
Diese Erfahrung bleibt jedoch nicht beim Innerlichen stehen. Sie führt in die Welt zurück – allerdings verwandelt. Hier berühren sich Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung.
In seiner Enzyklika Deus Caritas Est 6 betont Benedikt XVI., dass am Anfang des Christseins nicht eine ethische Idee, sondern die Begegnung mit einer Person steht – mit Jesus Christus. Aus dieser Begegnung erwächst die tätige Liebe. Christliche Caritas ist deshalb mehr als soziale Dienstleistung. Sie ist Ausdruck einer von Christus geprägten Existenz. 7
Benedikt warnt vor einer rein funktionalen Sozialethik. Professionelle Strukturen sind notwendig, doch sie dürfen nicht die geistliche Quelle ersetzen. Wenn soziales Engagement sich ausschließlich aus moralischem Druck oder politischer Überzeugung speist, droht es zu verarmen. Aktivismus ohne geistliche Verwurzelung kann ausbrennen. Dagegen gilt: Wer in der Stille die Liebe Gottes empfängt, kann lieben, ohne sich selbst beweisen zu müssen. Wer im „Thron der Gnade“ verankert ist, muss nicht die Welt retten, sondern darf ihr dienen.
Das betrifft auch christlich begründete Psycho- und Sozialtherapie. Fachlichkeit bleibt unverzichtbar, doch der Mensch wird hier nicht nur als psychisches System verstanden, sondern als von Gott gerufene Person. Heilung bedeutet dann mehr als Stabilisierung; sie umfasst Versöhnung und Hoffnung. Die therapeutische Beziehung wird nicht zur Ersatzreligion, sondern bleibt transparent für Gottes Wirken. Wer die Stille sucht, begegnet nicht nur Trost, sondern auch Wahrheit.
So schließt sich der Kreis:
In einer lauten Welt beginnt Veränderung in der Stille.
In der Stille geschieht Gottesbegegnung. In der Gottesbegegnung wird Identität erneuert.
Aus erneuerter Identität erwächst tätige Liebe.
Christliche Stille ist daher kein Rückzug aus der Wirklichkeit, sondern ihr geistlicher Ursprungspunkt. Sie ist Ort der Ehrlichkeit – und Ort der Freude. Ort der Selbstwerdung – und der Christusgemeinschaft. Wer in dieser Stille lebt, wird nicht weltfremd, sondern hoffnungsvoll.
Nicht selbstverloren, sondern in Christus gefunden.
Literaturhinweise
1 Tillich, Paul (1958): Systematische Theologie, Bd. II (dt. Ausgabe). Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk. (Vgl. Teil III, bes. S. 44–95 zur Entfremdungslehre und zum Selbstverlust.)
2 Athanasius von Alexandrien, Übers. und eingel. von Hans Mertel (1983): Vita Antonii. Das Leben des heiligen Antonius. München: Kösel. (Vgl. bes. Kap. 5–14 zu Versuchung und geistlichem Kampf.)
3 Miller, Bonifaz (Hg. u. Übers. ,1965): Weisung der Väter. Apophthegmata Patrum. (mehrere Neuauflagen). Freiburg i. Br.: Herder. (Vgl. bes. die Sprüche zu Askese, Ausharren in der Zelle und geistlicher Nüchternheit.)
4 Jung, Carl Gustav: Gesammelte Werke, Bd. 11: Psychologie und Religion. Durch Gottunmittelbarkeit ohne Vermittlung durch Kirche und Rituale geschieht Individuation, Selbstwerdung durch direkte Gotteserfahrung. Jung macht einen historischen Bezug zur Reformation:
• Vor der Reformation war die Kirche stark hierarchisch organisiert, und spirituelle Erfahrungen waren oft vermittelt durch Sakramente, Symbole, Liturgie.
• Die Reformation besonders durch Martin Luther, stellte den Gläubigen direkt vor Gott, ohne dass diese Vermittler nötig waren. Der Mensch konnte individuell, unmittelbar in Beziehung zu Gott treten.
Jung interpretiert dies psychologisch:
• Die Reformation stärkte das individuelle Bewusstsein für die Beziehung zu Gott.
• Dies brachte Menschen in Kontakt mit einer inneren, unmittelbaren Erfahrung des Göttlichen, die auch psychologisch die Auseinandersetzung mit dem Selbst und unbewussten Anteilen begünstigte.
Für Jung ist die unmittelbare Gottesbegegnung eng mit der Individuation verbunden:
• Wer direkt „vor Gott gestellt“ ist, erlebt oft eine Konfrontation mit dem eigenen Schatten, denn das Bewusstsein des Göttlichen bringt unbewusste Aspekte ans Licht.
• Die Reformation kann so als kultureller Katalysator gesehen werden, der die psychologische Entwicklung des Individuums begünstigt, weil er die Zwischenschritte der Vermittlung durch äußere Strukturen aufhebt und die innere Erfahrung in den Vordergrund rückt.
Siehe auch zur religiösen Erfahrung und Individuation: Jung, Carl Gustav (1940): Psychologie und Religion. Olten/Freiburg i. Br.: Walter. Mehrere Auflagen, S. 75–110.
5 Siehe hierzu: Utsch, Michael (2003): Meditation zwischen christlicher Spiritualität und buddhistischer Praxis. EZW-Texte 169. Berlin: Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.
6 Benedikt XVI. (2006): Deus Caritas Est. Enzyklika über die christliche Liebe (25. Dezember 2005). Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 171. Bonn: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. (Vgl. bes. Nr. 1; 12–18; 20–39.)
7 Benedikt XVI. (2011): Ansprache im Konzerthaus Freiburg im Breisgau (25. September 2011). In: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Predigten, Ansprachen und Grußworte im Rahmen der Apostolischen Reise nach Deutschland 2011. Bonn: DBK, S. 145–152. (Vgl. den Abschnitt zur „Entweltlichung“ der Kirche.)
Bibelstellen zitiert nach der Übersetzung Martin Luthers. Revidierte Fassung 2017. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 2016. (Bezüge u. a. Hebr. 4,16; 10,19; Gal. 2,20; 1. Joh. 4,19)
Die gedankliche Entwicklung und inhaltliche Ausarbeitung dieses Artikels stammen vom Autor. KI-Tools wurden lediglich punktuell zur sprachlichen Unterstützung genutzt.

Autor
Winfried Hahn ist Pastor und Pädagoge. Der Vater von zwei erwachsenen Kindern studierte Pädagogik, war Pastor in mehreren freikirchlichen Gemeinden und absolvierte eine Ausbildung zum christlichen Therapeuten. Er ist Geschäftsführer des Sozialtherapeutischen Zentrums de’ignis und Vorsitzender der de’ignis-Stiftung Polen. Er ist verantwortlich für den Fachbereich Theologie am de’ignis-Institut. Als Pastor im übergemeindlichen Dienst und Buchautor hält er Predigten, Vorträge und Seminare im In- und Ausland.
Handlungskompetenz, Handlungsfreiheit, Befähigung zur Aktivität (in der Politik) durch Gottesbegegnung

Impuls von Steffen Bilger
• Im Jahr 2024 hat die Bundesrepublik ihr 75-jähriges Bestehen gefeiert. Der 23. Mai 1949 ist der Tag, an dem unser bis heute bewährtes Grundgesetz verkündet wurde. Von September 1948 bis zum Mai 1949 wurde es vom Parlamentarischen Rat erarbeitet. Bewusst wurde dem Grundgesetz eine Präambel vorangestellt, in der es heißt:
„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“
Diese damals gefundenen Worte haben für mich und für viele andere Politiker auch heute noch eine große Bedeutung. „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“ ist so etwas wie das Motto unserer Gebetsfrühstücksbewegung im Bundestag und in den Landtagen. „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“ sollten wir unsere Entscheidungen treffen. Jeder Abgeordnete ist seinem Wahlkreis, seiner Wählerschaft und den Menschen in unserem Land insgesamt gegenüber verantwortlich. Aber da gibt es eben auch noch eine andere Dimension, nämlich die Verantwortung vor Gott. Diese Erkenntnis hilft, wenn es nötig ist, eine schwierige oder unpopuläre Entscheidung zu treffen. Ich empfinde es als ein großes Privileg, Mitglied des Deutschen Bundestages sein zu dürfen. Oft ist klar, wie ich bei einer Abstimmung entscheiden werde, immer wieder ist es aber auch ein intensives Ringen um die richtige Entscheidung. Während viele Experten in Medien und Wissenschaft Argumente hin- und herwälzen können, gibt es in der Politik irgendwann den Tag der Abstimmung, an dem man Farbe bekennen und eine hoffentlich gut abgewogene und richtige Entscheidung treffen muss.
Doch wie gelingt es in all der Hektik des politischen Alltags, eine gut abgewogene Entscheidung zu treffen? „Seid stille und erkennet …“ steht in Psalm 46,11 geschrieben. Das biblische Wort, das zur Stille aufruft, wirkt auf den ersten Blick wie ein Gegensatz
zu politischem Handeln. Eine wirksame Analyse der Lage sollte aber immer dem konkreten politischen Handeln vorhergehen. Zur Politik in diesen herausfordernden Zeiten gehört häufig die Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von Handlungskompetenz und Gottvertrauen, insbesondere wenn es um konkrete politische Entscheidungen geht. Wer politische Verantwortung trägt, steht ständig vor der Frage, was ihn antreibt und worauf er sich stützt.
Nach meiner christlichen Überzeugung ist der Mensch im Ebenbild Gottes geschaffen und demnach individuell wertvoll. Nicht ohne Grund zeugt Artikel 1 unseres Grundgesetzes davon, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, wobei nach dem Wortlaut des Grundgesetzes alle staatliche Gewalt der Verpflichtung unterliegt, diese zu achten und zu schützen. Auch wenn diese Annahme selbstverständlich wirken mag, ist sie die Grundlage für unser Zusammenleben und Verpflichtung für politische Entscheidungen.
Doch gleich wie jeder Mensch Würde trägt, ist es ein christlicher Glaubenssatz, dass Gott einen jeden zum Handeln befähigt. Auch wenn jedermann über ein unterschiedliches Maß an Handlungskompetenz verfügt, gibt es keinen Menschen, der ohne eine Berufung auf der Welt ist. Diese Berufung manifestiert sich in der Vielfalt von Fähigkeiten und Aufgaben in unserer Gesellschaft. Jeder darf nach seinem Maß zum Gemeinwohl beitragen, wobei keine Berufung mehr Wert besitzt als eine andere.
Politik im christlichen Kontext bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, das Individuum zu achten und das Gemeinwohl zu fördern. Wer sich als Politiker auf der Grundlage dieses Wertefundaments in den Dienst der Gesellschaft stellt, nimmt eine Aufgabe wahr, die von einem höheren Zweck geleitet wird. Werte wie Nächstenliebe, Verantwortung für die Schwachen und Gerechtigkeit, die im Christentum verwurzelt sind, motivieren mit aufrichtigem Engagement für das Gemeinwohl zu handeln.
In Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen erlebe ich immer wieder große Vielseitigkeit, ob in sozialen Einrichtungen, in Fabriken, in Behörden, im Ehrenamt oder in der Unternehmensführung. Beeindruckend ist dabei immer wieder das gemeinsame Wirken all dieser Tätigkeiten. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich darin, dass jeder entsprechend seiner Fähigkeiten zum Gemeinwohl beiträgt. Identität, gegründet in der Menschenwürde, stiftet Berufung –und dieses Zusammenspiel treibt unsere Gesellschaft voran.
Nachdem ich bereits das Grundgesetz erwähnt habe, will ich auch auf den zweiten Artikel eingehen, der die Bedeutung des Rechts auf freie Entfaltung unterstreicht und somit auch die Handlungsfreiheit betrifft. Die Menschheitsgeschichte hat gezeigt, wie politische Systeme ohne einen Bezug zu Gott oft die Einschränkung von Menschenwürde und Freiheit zur Folge hatten. In Anbetracht dieser Erfahrungen wird deutlich, dass wahre Freiheit nicht nur aus der Möglichkeit zu handeln resultiert, sondern auch aus Weisheit und Pflichtbewusstsein.
Politik im christlichen Kontext bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, das Individuum zu achten und das Gemeinwohl zu fördern.
Das Lebenszeugnis Dietrich Bonhoeffers verdeutlicht eindrucksvoll die Bedeutung christlicher Werte für eine pluralistische Gesellschaft. Wenige Wochen vor Kriegsende fiel Bonhoeffer dem Nationalsozialismus zum Opfer. Aus seinem Glauben heraus hatte er den Mut zum Widerstand gefunden und bezahlte diesen mit seinem Leben. Demokratie und Freiheit zeigen sich in diesem Licht als Prinzipien, die tief im christlichen Denken verwurzelt sind und einer Gesellschaft nachhaltig dienen.
Auch Konrad Adenauer prägte unsere Demokratie als erster Bundeskanzler nach dem Zweiten Weltkrieg in entscheidender Weise – erst im Januar durften wir seines 150. Geburtstags gedenken. Der überzeugte Katholik verstand es, gesellschaftliche Brücken zu bauen, verantwortungsvolle Entscheidungen für das Gemeinwohl zu treffen und sich offen zu seinem Glaubensfundament zu bekennen, aus dem er Kraft und Orientierung schöpfte.
Während Adenauer die Bundesrepublik in westlichen demokratischen Bündnissen verankern konnte, war der Osten unseres Landes 40 Jahre lang der SED-Diktatur ausgesetzt. Aber auch dort waren es insbesondere Persönlichkeiten aus kirchlichen Kreisen, die zur friedlichen Revolution beitrugen und nach der Wiedervereinigung zu einer neuen Verbundenheit beitrugen, die bis heute durchaus nachwirkt. Kurzum: Die Geschichte zeigt eindrücklich, wie der christliche Glaube auch in der Vergangenheit ein tragendes Fundament der Freiheit für unsere Gesellschaft war – und gerade in Zeiten größter Not und Orientierungslosigkeit Millionen von Menschen Halt und Perspektive schenkte.
Als Abgeordnete versuchen wir, den Erwartungen der Menschen gerecht zu werden. Dabei ist es unerlässlich, seine Verantwortung bewusst zu tragen und immer wieder zu hinterfragen, ob das Handeln im Einklang mit den Werten steht, die unsere Gesellschaft prägen. Kein Abgeordneter ist bei Entscheidungen an irgendwelche Pflichten gebunden, sondern darf grundsätzlich frei nach seinem Gewissen entscheiden. Eine solche
Freiheit ist mit hohem Pflichtbewusstsein verbunden. Als Fraktionsführung legen wir natürlich Wert auf ein geschlossenes Auftreten unserer Fraktionsgemeinschaft, auch weil die Wähler das in der Regel erwarten. Wenn ein Abgeordneter in seiner persönlichen Abwägung aber zu einer anderen Entscheidung kommt, ist dies im Sinne seiner persönlichen Handlungsfreiheit zu respektieren.
Es ist mir auch wichtig, den Blick noch einmal von der politischen Ebene auf eine höhere Perspektive zu lenken. Es ist natürlich, dass der Mensch in seiner ihm gegebenen Kompetenz und Freiheit auch mal an seine Grenzen stößt, trotz des Versuches, immer das Beste erreichen zu wollen. In solchen Situationen ist es entscheidend, anzuerkennen, dass es nicht wir Menschen sind, die die allerletzten Entscheidungen treffen. Wir geben zwar eifrig unser Bestes, bemühen uns um Kompromisse und suchen nach konstruktiven Lösungen, doch dabei ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass es doch Gott ist, der die Kontrolle über unsere Welt, ja unser ganzes Universum innehat. Es ist wichtig, regelmäßig innezuhalten, zur Ruhe zu kommen und den Fokus auf Gott und seine Wahrheiten auszurichten, um neue Kraft zu tanken. Hier passen auch die Worte eines anderen Psalms: „Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!“ (Ps. 121,1–2). Diese Erkenntnis kann einen dann befähigen, weiteren Entscheidungen und Begegnungen mit Zuversicht entgegenzutreten.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Fähigkeit zu Handlungskompetenz und Handlungsfreiheit uns freie Entfaltung ermöglicht. Gott schenkt uns Würde, Berufung, Identität und die Freiheit zum Handeln. Mit dieser Gewissheit können wir frohen Mutes durchs Leben gehen.

Autor
Steffen Bilger ist erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU Bundestagsfraktion und seit vielen Jahren in verschiedenen politischen Funktionen aktiv. Er vertritt den Wahlkreis Ludwigsburg und engagiert sich insbesondere in Fragen der Infrastruktur, Mobilität und wirtschaftlichen Entwicklung.
Steffen Bilger ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Sein christlicher Glaube prägt sein politisches Handeln und ist für ihn eine wichtige Quelle von Orientierung und Verantwortung.
de’ignis-magazin – Impulse und Erfahrungen
Foto: Norbert Braun / unsplash

Es ist wichtig, regelmäßig innezuhalten, zur Ruhe zu kommen und den Fokus auf Gott und seine Wahrheiten auszurichten, um neue Kraft zu tanken.
Bonhoeffer — ein Leben aus der Stille
Von Bernd Storek

de’ignis-magazin – Impulse und Erfahrungen
• „Von guten Mächten treu und still umgeben … .“ Die bittersüßen Zeilen des bekannten Gedichts bilden für viele deutschsprachige Christen eine vertraute Assoziation, wenn sie mit der Person Dietrich Bonhoeffers in Berührung kommen. Es ist einer seiner letzten überlieferten theologischen Texte, die er vor seiner Hinrichtung im Frühjahr 1945 verfasste.
Ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt, inzwischen jedoch von mehr als 70 Komponisten vertont und in zahlreiche Sprachen übersetzt, spiegelt das Gedicht authentisch eine vor und in Gott ruhende Grundhaltung Bonhoeffers wider – und diese auch im Angesicht von Leid und Verfolgung. Bonhoeffer hat aus der Stille vor Gott Kraft, Korrektur und Orientierung empfangen. Nur verständlich, dass auch in der Breite seiner Schriften das Thema „Stillewerden vor Gott“ einen entsprechenden Raum einnimmt. Aus diesen Schriften und den Veröffentlichungen seiner überlieferten Glaubenspraxis wird ein Findungsprozess deutlich, der wahrscheinlich nie vollends abgeschlossen wurde. Übergreifend lassen sich dabei wiederkehrend drei zentrale Elemente feststellen, die in sich eine Einheit bilden und fließend ineinander übergehen:
1. Persönliches Gebet
2. Auseinandersetzung mit biblischen Texten
3. Kontemplation
Nachfolgend wird auf diese Elemente einzeln näher eingegangen, um ihre wichtige Bedeutung für Bonhoeffers kontemplatives Glaubensleben herauszustellen.
Persönliches Gebet
„Die christliche Sache lebt und stirbt mit dem Gebet, das Gebet ist das Herz christlichen Lebens.“ 1
„Das Gebet ist nicht freies Opfer an Gott, sondern schuldiger Dienst, den Er fordert. […] Gebet ist der erste Gottesdienst am Tage.“ 2 Gebet als dankbare Dienstverpflichtung umfasst bei Bonhoeffer einerseits das Gemeinschaftsgebet, aber auch die an dieser Stelle relevante persönliche Zwiesprache mit Gott sowie das individuelle Fürbitte- und
Dankgebet. Ergänzend versteht Bonhoeffer das Gebet als Zugangsweg zur göttlichen Vaterfigur: „Das rechte Gebet ist nicht ein Werk, eine Übung, eine fromme Haltung, sondern es ist die Bitte des Kindes zum Herzen des Vaters.“ 3
Auseinandersetzung mit biblischen Texten
„Warum meditiere ich? Weil ich Christ bin und weil darum jeder Tag für mich verloren ist, an dem ich nicht tiefer in die Erkenntnis des Wortes Gottes in der heiligen Schrift eingedrungen bin. Nur auf dem festen Grund des Wortes Gottes kann ich gewisse Tritte tun.“ 4 Die innere Auseinandersetzung in der Stille beinhaltet für Bonhoeffer wesentlich die sogenannte Schriftmeditation. Abschnitte oder einzelne Verse des biblischen Textes bilden dabei die Grundlage. Bonhoeffer versteht den Glauben nicht als etwas Beliebiges, sondern er stellt die Suche nach der göttlichen Wahrheit, zentral vermittelt durch das jeweilige Bibelwort, ins Zentrum. „Was sagt es mir?“ 5 ist für Bonhoeffer die drängende Frage und nicht das Suchen nach allgemeiner intellektueller Erkenntnis. So macht er deutlich: „Seine Gemeinschaft, Seine Hilfe und Seine Weisung für den Tag durch Sein Wort, das ist das Ziel.“ 6
Kontemplation
„Die Stunde der Stille ist eine Stunde der ernsten Verantwortung, in der wir Gott und uns selbst gegenüber aufrichtig ernsthaft sind, aber doch immer auch eine Stunde der Seligkeit, denn sie ist eine Stunde, die in der Ruhe Gottes gelebt wird. […] Stille vor Gott bedarf der Arbeit und der Übung. Sie bedarf des täglichen Mutes, sich Gottes Wort auszusetzen und von ihm richten zu lassen, bedarf der täglichen Frische, sich an Gottes Liebe zu freuen.“ 7
Bonhoeffer findet Anleihen für sein kontemplatives Meditationsverständnis nicht in fernöstlichen spirituellen Praktiken, sondern in der Breite der christlichen Tradition und Glaubenspraxis. Eine frühe umfassende Prägung erfährt Bonhoeffer diesbezüglich durch eine Erholungs- und Studienreise in Italien und Nordafrika 1924. Der 18-jährige Theologiestudent erlebt unter
anderem kontemplativ geprägtes Glaubensleben und tiefe Frömmigkeit in katholischen Gemeinschaften. Für ihn ein einschneidendes Erlebnis:
„Ich habe mich, glaube ich, nie sehr geändert, höchstens in der Zeit meiner ersten Auslandseindrücke […]. Damals ist eine Abkehr vom Phraseologischen zum Wirklichen erfolgt.“ 8 Fortan gewinnen die Themen Meditation und das stille Gebet an theologischer und lebenspraktischer Relevanz bei Bonhoeffer. Während er anfänglich auch freie Formen der Meditation fördert, legt er im weiteren Verlauf zunehmend einen Schwerpunkt auf die schriftgebundene Meditation. Hervorzuheben im weiteren Prozess ist sein zielgerichteter Besuch von verschiedenen klösterlichen Gemeinschaften der anglikanischen Kirche im März 1935. Bonhoeffer steht unmittelbar vor dem Antritt seiner Stelle als Leiter des entstehenden Predigerseminars der Bekennenden Kirche. Mit dem festen Willen, innerhalb des Seminars eine geistliche Lebensgemeinschaft aufzubauen, sucht und findet er in den anglikanischen Kommunitäten und deren Liturgien und Ordnungen wichtige Impulse für die Ausgestaltung des Predigerseminars. Bezogen auf die Meditation sehen wir, dass er diese gegenüber seinen Seminaristen nun in eine ritualisierte Form bringt. Er verordnet täglich eine halbstündige Meditationszeit, ehe die eigentliche theologische Arbeit beginnt. Idealerweise sollen dabei die Gedanken jeweils eine Woche lang nur um einige wenige Schriftverse kreisen.
Auch für Bonhoeffer persönlich ist ein von Ritualen und kontemplativen Momenten geprägter Alltag außerordentlich wichtig. Ein biografischer Sprung führt uns in den Winter 1940/41: Bonhoeffer hat sich bewusst gegen ein Exilleben in Amerika entschieden und ist in die aktive Phase seiner Widerstandstätigkeit eingetreten. Äußerlich zunehmend eingeschränkt und angefeindet, findet er als protestantischer Theologe Aufnahme im katholischen Benediktinerkloster in Ettal. Neben konspirativen Treffen bereitet er dort mit den Arbeiten an seinem theologischen Hauptwerk „Ethik“ die geistig-moralische Begründung für sein
Handeln im Widerstand vor. Zudem schöpft Bonhoeffer in Ettal insbesondere Kraft im bewussten Mitleben des Rhythmus der klösterlichen Gemeinschaft: „Ich empfinde die Gleichmäßigkeit und Stille als sehr wohltuend für die Arbeit.“ 9
Ableitungen
1. Die Persönlichkeit und Lebensführung von Bonhoeffer sind geprägt von einer generativen Integrität. Diese außergewöhnliche und inspirierende Schaffens- und Strahlkraft entfaltet bis in die heutige Zeit ihre Wirkung. Ausgangspunkt und Kraftquelle sind für Bonhoeffer aber nicht ein überspanntes Streben nach Produktivität, sondern die alltägliche, wortgebundene und kontemplative Gottesbegegnung in der Stille.
2. Das Einlassen auf einen entsprechenden Lebensrhythmus zwischen Schaffenskraft und Kontemplation erlebt Bonhoeffer als wohltuend. Die Stille vor Gott beschreibt er als Ort der Freude und des Friedens.
3. Lenken wir den Blick auf die finale Berufung und das Lebensende Bonhoeffers, so entdecken wir bei ihm eine beeindruckende Resilienz: eine ganzheitliche Widerstandsfähigkeit im Angesicht von Leiden und äußerlicher Ausweglosigkeit.
4. Über seinen irdischen Tod hinaus zeigt sich Bonhoeffer als Hoffnungsträger für den herausgeforderten, leidenden und scheinbar ausgelieferten Menschen.
Menschen also, wie wir sie in unseren de’ignis-Einrichtungen begegnen. Und so überwältigend wie manchmal die Schilderungen des erlebten und teils bleibenden Leidens sind, so zahllos sind die tiefgreifenden und heilsamen Erfahrungen der Gottesbegegnung, die Patienten und Bewohner alltäglich in der Stille und durch die Stille machen. Sie kommen verändert aus der wohltuenden Stille; sie erleben dort wieder neu das Geschenk der Hoffnung, des Friedens und der Lebensfreude – nicht trotz ihres Leidens, sondern gerade im Angesicht großer innerer und äußerer Herausforderungen. Aus diesen fundamentalen Erfahrungen heraus werden wir bei de’ignis beständig darum bestrebt sein, hilfesuchenden Menschen in unseren Einrichtungen Räume für hoffnungsgebende
und lebensverändernde Gottesbegegnungen zu eröffnen. Dies war, ist und bleibt zentraler Kern unserer Berufung.
Fußnoten
1 Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe (DBW), Bd. 10, S. 572.
2 Gesammelte Schriften, Bd. 2, München 1959, S. 478–482.
3 DBW, Bd. 4, S.158.
4 Gesammelte Schriften, Bd. 2, München 1959, S. 478–482.
5 Ebd.
6 Ebd..
7 DBW, Bd. 10, S. 479–484.
8 DBW, Bd. 8, S. 397–398.
9 DBW, Bd. 16, S. 75.

Autor
Bernd Storek ist mit Lisi verheiratet. Sie erwarten das vierte Kind. Nach seiner Erstausbildung als Elektroniker hat er als Sozialpädagoge, Erzieher und engagierter Christ langjährige Erfahrungen in der Sucht- und Straffälligenhilfe gesammelt. Seit 2023 ist er Einrichtungsleiter im Sozialtherapeutischen Zentrum de’ignis.

1935
„Ich empfinde die Gleichmäßigkeit und Stille als sehr wohltuend für die Arbeit.“
Dietrich Bonhoeffer vor dem Zingsthof,
Gott in action bei christlichen Kinder- und Jugendcamps?!
Von Bettina Straß
de’ignis-magazin – Impulse und Erfahrungen
• Waren Sie auch schon einmal dabei?
Haben Sie es auch schon einmal erlebt –das besondere Flair eines christlichen Ferienlagers? Schöne Natur, Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, coole Aktionen, Abenteuer und Spaß. Einfach mal raus aus dem Alltag! Nun sind Ferienlager an sich keine christlichen Veranstaltungen, denn all das eben Genannte kann man auch bei anderen Jugendverbänden oder politischen Jugendorganisationen erleben. Das Besondere, Christliche, im Vergleich zu jenen Angeboten macht erst die Ausrichtung auf Gott beziehungsweise auf Jesus Christus aus: „Denn wo zwei oder drei sich zu meinem Namen hin versammeln, da bin ich in ihrer Mitte“ (Matthäus 18,20), versichert uns Jesus in seiner Selbstaussage.
Soll das heißen, dass Gottes Gegenwart auch in einem actionreichen Kinder- und JugendFerienlager erfahrbar ist? – Ja, ganz genau! Gott inmitten einer Freizeit mit quirligen Kids und Teens! Was für ein Erlebnis, gleichermaßen für die jungen Leute und auch für Gott! Warum? Weil er daran Freude hat, sich von seinen Geschöpfen kinderleicht finden zu lassen – von denen, die ihn suchen und brauchen (könnten) und insbesondere denen, die für ihn offen sind – ganz wie Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen, wehret ihnen nicht. Denn ihnen gehört das Reich Gottes“. (Markus 10,14) Aber auch, weil er jeden Menschen liebt und deshalb an einer persönlichen Beziehung zu jedem Einzelnen von uns, egal welchen Alters, interessiert ist. Ich denke nicht, dass es für Gott eine Rolle spielt, wo er Menschen begegnen kann. Viel wichtiger ist ihm sicherlich, dass er Menschen begegnen kann! Warum also nicht auch auf einem Feriencamp?
Ferien sind etwas Besonderes. Sie laden dazu ein, aus dem gewöhnlichen Alltagstrott auszusteigen, die Arbeit einmal ruhen zu lassen, offen für Neues zu sein und Zeit für andere Dinge zu haben: Dinge, die aufregend, interessant oder spannend sind. Ein altersspezifisches Feriencamp bietet für die meisten Kinder und Jugendliche daher ein optimales Angebot, Außergewöhnliches (im wahrsten Sinne des Wortes) zu erleben. Und außergewöhnlich ist auch Gott!
Wie etwa auf solchen Freizeiten Gott erfahren werden kann, ist wohl von ganz unterschiedlichen Komponenten abhängig. Nachfolgend werden vier Aspekte näher dargestellt, die weder Vollständigkeit noch Gesetzmäßigkeit beanspruchen und uns dennoch ein gewisses Verständnis darüber geben, wie Begegnungen zwischen Menschen und Gott ermöglicht werden können:
1. Vorbereitung durch Fürbitte
2. Raum für Begegnungsmöglichkeiten schaffen
3. Anleitung, Ausrichtung und Austausch
4. Persönliche Erwartungen und Vorbild
1. Vorbereitung durch Fürbitte Wie vieles andere will auch ein Ferien- und Freizeit-Camp gut vorbereitet sein, wenn die Teilnehmer kommen. Ob Mitarbeitereinteilung, Tagespläne erstellen, Programmpunkte entwickeln, Materialien zusammenstellen … alles will vorher gut organisiert sein, damit allen klar ist, was wann läuft und wer wofür zuständig ist. Aber können wir genauso Gott für unser Programm „einplanen“? Ich denke, einplanen: ja; aber über ihn verfügen: nein! Daher kommt hier der Fürbitte eine große Bedeutung zu.
Wir können Gott zwar nicht vorschreiben, wann er sich wie zu zeigen hat oder was er für uns tun soll, aber wir können ihn darum bitten. Und das beginnt meines Erachtens bereits bei der Planung solcher Freizeiten. Wir bitten Gott etwa für gute Ideen, um Leitung in allen Entscheidungen, um Offenbarung dessen, was er vielleicht selbst geplant hat und tun will, generell um sein Wirken bei allem und seine Führung in allem. Und vor allem bitten wir ihn darum, dass auf dem Camp jeder von uns – Mitarbeiter wie Teilnehmer – ihm begegnen und ihn erleben darf!
Darüber hinaus denke ich, dass es zu einem gewissen Grad auch am Leitungsteam liegt, was sie von Gott erwarten und welche Rolle er in ihrem Vorhaben „spielen“ darf. Geht es ihnen eher „nur“ um Schutz und Segen aller eigener Vorhaben oder geht es ihnen zuallererst um Gott selbst und die Begegnung
mit ihm? Gott ist ein Gentleman, er drängt sich nicht auf, sondern nimmt unsere Einladung und den ihm zur Verfügung gestellten Raum gerne ein (wie klein oder groß er auch sein mag). Jedoch wünscht er sich und sucht selbst die Begegnung mit uns, seinen Kindern!
Dazu ein kurzer theologischer Exkurs: Diese liebevolle Herzenshaltung des Vaters bringt uns Jesus z. B. in Lk. 15,20ff, Joh. 16,26f. oder Lk. 15,4f. eindrücklich nahe. Gott hat uns zuerst geliebt! Er sucht uns und unsere Nähe noch bevor wir es tun. (Vgl. 1. Joh. 4,10.19; Joh. 3,16f.) Vielmehr noch: Um diese Nähe zu und Gemeinschaft mit ihm überhaupt haben zu können, ist Jesus – der Sohn Gottes – für uns am Kreuz gestorben. Jesus hat (im Auftrag seines Vaters!) den Weg zur Gemeinschaft mit dem Vater für uns erst freigemacht (erst ermöglicht), damit wir Menschen endlich wieder mit unserem Schöpfer Gemeinschaft haben können! „Denn durch ihn (Jesus) haben wir beide – Juden wie Nicht-Juden – durch einen Geist den Zugang zum Vater.“ (Eph. 2,18) Gott also sucht die Nähe zu uns und sehnt sich nach Gemeinschaft mit uns, viel mehr als wir häufig meinen! Und da uns Christusgläubigen jetzt dieser Zugang zu Abba (zu unserem lieben himmlischen Papa, vgl. Röm. 8,15b; Mk. 14,36) durch Gott selbst eröffnet wurde, wie viel mehr sollten wir nun regen Gebrauch davon machen – wie geschrieben steht: „Da wir nun durch das Blut Jesu Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum […], so lasst uns [beständig] hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen […].“ (Hebr. 10,19.22; Änderung u. Hervorhebung d. Verf.) Gott ist allezeit gegenwärtig und wartet nur darauf, dass wir uns ihm nahen, dass wir uns ihm zuwenden, dass wir endlich kommen, weil der Weg offen ist. Gott ist da, er ist gegenwärtig – und wir? Wo sind wir? Wo bin ich? Wo bist du?
2. Raum für Begegnungsmöglichkeiten schaffen
Nur weil jemand da ist und im Raum steht, heißt das noch lange nicht, dass man auch Gemeinschaft mit ihm hat. Man kann
sogar mit einem (geliebten) Menschen am gleichen Tisch sitzen und dennoch keine Gemeinschaft miteinander haben. So etwa, wenn einer oder beide gleichzeitig am Handy sind, der eine sich hinter der Zeitung „versteckt“ oder mit den Gedanken ganz woanders ist, als im Hier und Jetzt, als hier bei mir. Wir Menschen merken doch recht schnell, ob jemand „nur da“ ist oder ob jemand wirklich „bei mir“ ist. Das ist der feine aber qualitativ bedeutsame Unterschied. Echte Gemeinschaft ist wirkliche Begegnung des anderen nicht nur in seiner körperlichen, sondern vor allem in seiner geistig-seelischen Gestalt. Weiß ich mich vom anderen wirklich gesehen, gehört und damit zutiefst verstanden? „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, so der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber. Und genau dafür braucht es einen Raum – einen störungsfreien Begegnungsraum. Einen Raum, der ermöglicht, dass Blicke sich treffen, dass Worte beim anderen ankommen, eine Resonanz auslösen und man sich in besonderer Weise miteinander verbunden oder zumindest persönlich angesprochen erfährt. Und das ist auch mit Gott als Gegenüber möglich!
Solche Begegnungsräume zu schaffen, ist eigentlich nicht schwer – nur tun wir uns selbst manchmal schwer mit diesen Räumen: Wir sind zwar körperlich da, aber innerlich mit vielen Dingen beschäftigt und unruhig – so wie Jesus zu Marta sagt: „Marta, Marta! Du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eins aber ist nötig.“ (Lk. 10,41f.) Ja, eins ist nötig und dies ist: innerlich zur Ruhe kommen, „sich zu den Füßen Jesu niederzusetzen und seinem Wort lauschen“. (Vers 39) Dies meint, die Beziehung zu
Gott einmal wichtiger zu nehmen und alles andere seinem Reden und seiner Person unterzuordnen; sich dazu entscheiden, den Kontakt mit Gott selbst zu suchen und alles andere radikal von sich fernzuhalten, was dieses Anliegen stören und verhindern will. Also ein entschiedenes „Nein“ zur Ablenkung und dafür ein klares „Ja“ zu Gott, zum Augenkontakt mit ihm im Hier und Jetzt.
Solche Begegnungsräume können z. B. gut angeleitete Lobpreiszeiten sein, können Zeiten der Verkündigung des Wortes Gottes sein, können kontemplative Gebetsräume oder kreative Gebetsstationen sein. Es kann aber auch – so wie es Bonhoeffer beschreibt – der „Christus im Bruder“ sein, der mich Gott begegnen lässt: im ehrlichen Austausch, im tiefen Gespräch oder in seinem Gebet für mich. Zuallererst aber will Gott uns in seinem Wort, der Bibel, und im persönlichen Gespräch in der Verborgenheit mit ihm begegnen. (Vgl. Matthäus 6,6)
Darüber hinaus ist auch ein Gang oder Verweilen in der Schönheit der Natur ein möglicher Begegnungsraum mit Gott. Da die Schöpfung ein (wenn auch derzeit noch gebrochener) Ausdruck und Zeugnis der Herrlichkeit Gottes ist, weist sie uns Menschen auf den Schöpfer hin. In Zeiten des Innehaltens und Betrachtens der Schöpfung (was weit mehr ist als die Dinge nur zu sehen) kann auch hier eine Gottesbegegnung stattfinden. So wie Paulus sagt: „Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut […]“. (Röm. 1,20) Komischerweise zieht es die meisten Menschen,
ob alt oder jung, ob Christen oder nicht, in den Ferien und im Urlaub (also in unserem Frei-Raum) in die Schönheit der Natur und damit auch in den Begegnungsraum des Schöpfers selbst!
3. Anleitung, Ausrichtung und Austausch
Häufig braucht es gar nicht den besonderen äußeren Raum, sondern den freien Raum in uns, um uns ganz auf ihn ausrichten und auch ihm in uns Raum geben zu können. Äußere Anleitung und gute Vorbilder dafür können insbesondere jungen Menschen helfen, in diese Gottesbegegnung hineinzutreten. Bei Kinder- und Jugendfreizeiten gilt es deshalb sowohl äußere Ermöglichungsräume (wie bereits oben beschrieben) zu gestalten, als auch durch persönliche Anleitung und Vorbild anschaulich zu machen, wie Kinder und Jugendliche in ihrer „stillen Zeit mit Gott“, auf Gott zugehen und ihm Raum in sich geben können.
Diese besondere Zeit mit Gott als täglicher Programmpunkt ist genauso wichtig wie anderes und hat seinen festen Platz im Freizeitprogramm. Wenn sie von den erwachsenen Mitarbeitern und Leitern mit echter Leidenschaft vorgelebt wird, dann ermutigt dieses Vorbild die jungen Menschen, diese Zeiten mit Freude zu suchen und eine persönliche Begegnung mit Gott zu erwarten.
Der gemeinsame Austausch in Kleingruppen über das „in der Stille“ Erlebte hilft zudem, zu lernen, wie Gott sich offenbart. Das kann dazu ermutigen, ihn noch mehr zu „suchen“, ihn beständig besser kennenlernen und tiefer erfahren zu wollen. Des Weiteren dient ein gemeinsamer Tagesabschluss dazu, auf den Tag bewusst zurückzuschauen, um das Schöne und die Geschenke zu erkennen und eine dankbare Haltung zu entwickeln.
4. Persönliche Erwartungen und Vorbild
Gott für diese Begegnungen zwischen Menschen (hier den Kindern und Jugendlichen) und ihm zu bitten, ist eine Sache; die persönliche Erwartung und Absicht dazu selbst zu haben, ist eine andere. Hier dürfen Leiter und Mitarbeiter Kinder und Jugendliche
(in aller persönlichen Freiheit der Teilnehmer) einladen und anleiten, Gottes Nähe und sein liebevolles Angesicht selbst zu suchen.
Zudem sind Leiter und Mitarbeiter den Kindern und Jugendlichen immer Vorbild im Blick auf das persönliche Glaubensleben und die eigene gelebte Gottesbeziehung. Und oft sprechen diese gelebten Vorbilder zu den jungen Menschen eindrucksvoller als die Verkündigung. Daher: Wenn wir als Leiter Menschen wohin führen wollen, dann müssen wir selbst schon einmal dort gewesen sein – damit wir nicht anderen gegenüber wie Blinde von der Farbe sprechen. Die persönlich gelebte Liebesbeziehung zu Gott und Jesus ist daher zugleich Ausstrahlung und Einladung für die Kinder und Jugendlichen.

Autorin
Bettina Straß ist Erziehungswissenschaftlerin (M.A.), langjährige Schulsozialarbeiterin, Referentin für Schulungen zum Kindeswohl, BTS-Lebens- und Sozialberaterin sowie zertifizierter Lerncoach (ILE/mindSYSTEMS). Als Beraterin und Assistenz der Geschäftsführung arbeitet sie im de’ignis-Institut und in der de’ignis Kinder- und Jugendambulanz.
Die persönlich gelebte Liebesbeziehung zu Gott und Jesus ist daher zugleich Ausstrahlung und Einladung für die Kinder und Jugendlichen.
Raum für Gottesbegegnung im Wirbel eines Unternehmerlebens

Von Julian Heusel
Foto: Nico Pudimat
• Ich schreibe diese Zeilen 500 Kilometer von zu Hause entfernt. Kein Büro. Keine Meetings. Keine Agenda.
Die erste Stunde solcher Rückzüge ist jedes Mal ähnlich. Da ist Sehnsucht. Ein inneres Aufatmen: Endlich. Gleichzeitig spüre ich Erschöpfung, als hätte ich länger durchgehalten, als gut war. Früher fiel es mir leichter, einfach ruhig zu werden. Heute merke ich, wie sehr ich gelernt habe zu funktionieren. Selbst in der Stille brauche ich Zeit, bis ich wirklich loslassen kann.
Ich bin 27 Jahre alt, leite eine Softwarefirma und eine Beratungsfirma, zudem habe ich ein digitales Missionswerk mitgegründet. Mein Alltag ist schnell, intensiv, ideenreich. Allein die Projekte, die im ersten Viertel meines Lebens entstanden sind, würden vermutlich mehrere Leben füllen. Tatendrang ist ein Geschenk und zugleich auch eine Versuchung. Denn jede neue Idee fordert meine Aufmerksamkeit und konkurriert um meine Hingabe.
Genau hier trifft mich Psalm 46,11: „Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin.“
Dieser Vers ist kein romantischer Meditationsspruch. Das hebräische Wort für „seid stille“ bedeutet eigentlich: Lasst ab. Hört auf. Legt die Waffen nieder. Der Psalm beschreibt keine friedliche Landschaft, sondern tobende Nationen und wankende Königreiche. Mitten im Chaos spricht Gott: Hört auf. Ich bin Gott.
Stillsein ist deshalb mehr als innere Ruhe. Es ist Loslassen. Es ist das bewusste Unterbrechen des eigenen Gestaltungswillens. Für mich heißt das: Nicht jeder Begeisterung sofort nachgehen, nicht jede Möglichkeit sofort ergreifen, nicht jede Idee sofort umsetzen. Ideen Gott hinzulegen und Prioritäten aus seiner Hand zu empfangen, fordert mich mehr als jede unternehmerische Entscheidung.
In besonders intensiven Phasen meines Lebens wurde oft auch mein Gebetsleben schneller. Fokussiert, effizient, zwischendrin.
Ich habe geistlich funktioniert – Predigten im Kalender, Gespräche als Termine, ehrenamtliches Engagement als Programmpunkt. Erst im Rückblick merkte ich, wie viel Wert in diesen Begegnungen lag und wie schwer es ist, aus der Hektik kommend plötzlich präsent zu sein. Beziehungen lassen sich nicht in Zeitslots pressen. Sie brauchen Zeit. Sie entstehen in der Gegenwart – dann, wenn wir präsent sind. Geistlich reich zu sein, hat nichts mit Effizienz zu tun, sondern mit Loslassen, mit Stille und vor allem mit Präsenz.
Corrie ten Boom sagte: „Wenn der Teufel dich nicht zum Sündigen bringen kann, sorgt er dafür, dass du beschäftigt bist.“ Dieser Satz trifft unsere Zeit. Wir leben in einer Kultur der Dauerbeschleunigung. Unendlicher digitaler Informationsfluss, ständige Erreichbarkeit, das subtile Gefühl, immer noch mehr tun zu müssen. Carl Jung formulierte es radikaler: „Die Eile ist nicht vom Feind. Die Eile ist der Feind.“ Das Gegenteil von Stille ist nicht Lärm – es ist Hektik. Und Hektik attackiert Beziehung.
Ich glaube, Gott ruft uns so radikal in die Stille, weil er uns dort formt, sortiert und ausrichtet. Nicht während wir rennen, sondern wenn wir loslassen. In diesen Zeiten ohne Agenda lege ich meinen Schutzpanzer ab, meine Pläne, meine Strategien, meine innere Betriebsamkeit. Es ist seine Zeit. Er darf sie füllen oder auch leer lassen. Manchmal kommt Klarheit. Manchmal nur die leise Erinnerung: Er ist Gott. Und genau das ordnet mein Herz neu.
Oftmals habe ich auf paradoxe Art und Weise erlebt, dass die wertvollsten Gedanken – ob persönlich, unternehmerisch, geistlich – nicht im Gefecht entstehen, sondern im Rückzug. Wenn ich vor Gott still werde. Wenn ich verletzlich werde. Wenn ich nicht optimiere, sondern empfange. „Stillness is strategy. Go slow to go fast.“ – so lautete der Titel eines Workshops, den ich vor einiger Zeit besuchte. Auch in der säkularen Welt scheint das Prinzip von Stille Einzug zu halten. Denn wer nie innehält, verliert Richtung. Wer nie loslässt, verpasst Tiefe. Vielleicht bedeutet „seid stille“ für dich
nicht, 500 Kilometer wegzufahren. Vielleicht beginnt es kleiner: Ein Spaziergang im Wald, ein Morgen ohne Handy, eine Stunde ohne Agenda, ein Moment im Sessel. Nicht um produktiver zu werden, sondern um Gott Gott sein zu lassen.
„Ich will erhöht werden unter den Völkern“, heißt es am Ende von Psalm 46. Vielleicht beginnt diese Erhöhung in unserem Leben genau dort, wo wir aufhören, alles selbst festhalten zu wollen, egal wie laut und wichtig die Dinge da draußen scheinen.
Seid stille. Und erkennt.

Autor
Julian Heusel, Jahrgang 1998, ist Unternehmer und KIExperte aus Baden-Württemberg. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der 70x Consulting GmbH, der Suited Technologies GmbH und Mitgründer des digitalen Missionswerks (creedle gGmbH). Zuvor gründete er bereits als Jugendlicher ein eigenes Softwareunternehmen.
Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit engagiert er sich in Politik und Gesellschaft, unter anderem als Gemeinderat in Egenhausen sowie im Ausschuss für KI und Digitalisierung der IHK Nordschwarzwald.
Exerzitien und der Anwaltsberuf — zwei Welten begegnen sich
Von Dr. Clemens-Maria Bold

• Claus Hartmann, Gründer der de’ignisFachklinik, fragte mich eines Tages, ob ich Lust hätte, aus meiner Sicht als Rechtsanwalt etwas über Exerzitien zu schreiben. Die Anfrage ist mir nur so erklärbar, dass er aus persönlichen Gesprächen meine durchaus Glaubensdingen zugeneigte Einstellung kennt. Ich fühlte mich sehr geehrt, wenn auch etwas überfordert, da ich noch nie in meinem Leben an Exerzitien teilgenommen hatte und – abgesehen davon – doch eher weltliche Interessen vertrete.
Fragt man den Juristen nach seiner Sicht auf das Thema „Exerzitien“, wäre eine der zu erwartenden Antworten: Rechtlich handelt es sich vermutlich um einen Vertrag sui generis mit Elementen eines Dienstvertrags (Vorträge) und eines Mietvertrags (Räume, Unterkunft).
Mit dieser rein rechtlichen Einordnung – das war mir klar – wird sich der Herausgeber des de’ignis-Magazins aber nicht zufriedengeben. Einen darüber hinausgehenden Zusammenhang zwischen dem Anwaltsdasein und dem Thema „Exerzitien“ zu finden, fiel mir schwer. Denn schließlich ist ja nun einmal der Beruf des Rechtsanwalts auf das Irdische gerichtet, während die Inhalte von Exerzitien tendenziell doch „himmelwärts“ streben. Es half nichts: ich musste meine „juristische Insel“ verlassen und hinausfahren …
Irgendwann besann ich mich auf einen alten Anwaltsspruch, den man gerne Mandanten mit auf den Weg gibt, die in der Vorstellung leben, dass Recht bekommt, wer Recht hat: „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand!“
Da war sie nun – die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Anwaltsberuf und Exerzitien. Aber was sind denn Exerzitien? In meiner vagen Vorstellung ging es um Menschen, die für ein paar Tage in ein Kloster gehen, Vorträge anhören, in aller Frühe mit den Mönchen aufstehen, um in die heilige Messe zu gehen und die romantische Stille eines Klostergartens genießen, um neue Energie zu tanken für das, was sie veranlasst hat, sich davon zu erholen.
Zufällig kam ich vor einiger Zeit mit einem Pater ins Gespräch, einem alten und schon etwas gebrechlichen Mann. Ich fragte ihn, was er mir zu Exerzitien sagen könne, da ich etwas dazu schreiben wolle. Mit ernstem Blick schaute er mich an, dann neigte er sein Haupt und blickte nachdenklich auf den Boden. Ich befürchtete bereits die falsche Frage gestellt zu haben. Endlich blickte er auf, schaute mich konzentriert an und mit starker Stimme kam es wie das „Wachet auf!“ aus seinem Munde: „Exerzitien sind Stärkung! Erfrischung! Begegnung! Sie geben neuen Mut und Kraft! Ich kann Sie nur ermutigen, das einmal zu machen!“.
Der alte Pater hatte mich überzeugt. Aber niemals würde ich diese Begeisterung für Exerzitien auf meinen Anwaltsberuf übertragen können, obgleich auch dieser Beruf seine besonderen Momente hat. Immerhin verfolgt auch der Anwalt als Organ der Rechtspflege ein hohes Ziel, nämlich als Mitbewahrer all dessen, was unserer Verfassung heilig ist, wenn einem das im Alltag auch oft nicht bewusst ist. Die Worte des Geistlichen hallten in mir nach. Vielleicht gibt es doch eine Parallele. Denn die „Begegnung“ als wichtiger Aspekt der Exerzitien, wie der Pater sagte, ist auch ein wesentlicher Teil des Anwaltsberufs. Es ist der Kontakt zu den Menschen, der Umgang mit so verschiedenen Charakteren und deren individuellen Sichtweisen und Situationen, in denen sie sich befinden und in denen sie Unterstützung und rechtlichen Rat erwarten. Besonders dieser Aspekt hat für mich den Beruf des Anwalts immer so spannend gemacht: die Begegnung mit Menschen.
Etwas vermessen wäre es zu behaupten, dass eine anwaltliche Beratung, auch wenn sie neue Wege aufzeigt, „erfrischend“ wie Exerzitien wäre. Aber durchaus eine „Stärkung“ sollte am Ende einer Beratung stehen, eine Stärkung der Rechtsposition oder eine Stärkung durch Aufzeigen des Möglichen oder eben durch Warnung vor den Risiken. „Was blind, but now I see“ heißt es in dem schönen Lied „Amazing Grace“. Ohne diese wunderbaren Worte banalisieren zu wollen: sie können sich sowohl bei Exerzitien als auch
in der anwaltlichen Beratung erfüllen, wenn auch auf einer jeweils anderen Ebene. Das Aufzeigen einer rechtlichen Möglichkeit in scheinbar auswegloser Situation kann einem Mandanten durchaus Mut machen und seinen Blick weiten.
Eine weitere Verbindung ging mir durch den Kopf. Wer zu einem bestimmten Thema immer alleine unterwegs ist und sich nie „in die Karten schauen lässt“, der läuft Gefahr, ohne dass er es merkt, vom richtigen Kurs abzukommen. In der Anwaltspraxis erlebe ich es immer wieder gerade bei starken und durchaus intelligenten Persönlichkeiten, die zielgerichtet, aber unbewusst auf rechtliche Abwege geraten, weil sie meinten, niemanden um Rat fragen zu müssen und niemand anderes in ihre Entscheidungen einbeziehen zu müssen. Wenn bei Exerzitien eine Begegnung, ein Austausch und auch eine Empfehlung durch einen Exerzitienmeister stattfindet, dann geht es auch darum, in geistigen Dingen nicht alleine unterwegs zu sein und Gefahr zu laufen, sich falsche Vorstellungen oder Gewohnheiten anzueignen. Der heute kaum mehr bekannte Psychoanalytiker Oskar Schellbach sagte einmal: „Bei jeder Kaffeemaschine ist eine Bedienungsanleitung dabei, aber wenn der Mensch auf die Welt kommt, sagt ihm niemand, wie er funktioniert“. Die Aufgabe der „Anleitung“ erfüllen Exerzitien in Bezug auf die Seele, wie es Anwälte in Bezug auf das menschliche Miteinander in einem Rechtssystem tun.
Vielleicht gibt es noch eine Parallele. Ist absehbar, dass aus einem außergerichtlichen Fall ein Gerichtsprozess wird, weil der Gegner eine Klage ankündigt oder die eigene Mandantschaft vorhat, eine Angelegenheit gerichtlich klären zu lassen, versuche ich als Anwalt, den Mandanten und seinen „Fall“ im Hinblick darauf vorzubereiten. Dies bedeutet, alles so zu machen, dass ein Gericht, das sich später mit dem Fall befasst, bei seiner Lektüre nicht nur zu dem Schluss kommt, dass mein Mandant Recht hat, sondern auch erkennt, dass man alles getan hat, um einen Rechtsstreit zu vermeiden. Schon in der Vorkorrespondenz und nicht erst bei Gericht wird man also die Gegenseite auf die Rechtslage hinweisen und mit ausreichender
Fristsetzung eine Chance geben, einzulenken. Ganz sicher ist der folgende Vergleich anmaßend, aber dienen Exerzitien nicht auch dazu, sich auf ein Gericht vorzubereiten oder – besser noch – alles zu tun, gar nicht erst „gerichtet“ zu werden?
Mit den oben aufgezeigten Parallelen habe ich versucht, etwas zu verbinden, was beim ersten Betrachten nicht zu verbinden war: die „technischen“ Zusammenhänge der Anwaltstätigkeit einerseits und den Exerzitien andererseits. Aber ein großer Zusammenhang drängt sich noch auf. Es ist das Menschsein, das uns alle und alles vereint und das auch das Thema Exerzitien mit dem Anwalt als Mensch verbindet. Denn für den Beruf des Rechtsanwalts gilt das, was auf alle Berufe und alle Menschen zutrifft: „Jeder Stand hat seine Plage“, wie einmal die letzte Köhlerin auf der Schwäbischen Alb in einem Interview sagte. Und Ijob würde wohl antworten: „Den Geplagten rettet Gott durch seine Plage und öffnet durch Bedrängnis sein Ohr.“ (Ijob 36,16)
So war ich tatsächlich nie in Exerzitien – in der Tat ein Versäumnis – aber nach einer Quelle zu suchen, die mir Kraft gibt und „hineinzuhören“, das tue ich immer wieder. Manchmal findet man solche Quellen in ganz alltäglichen Dingen – vielleicht eine Art „Mikro-Exerzitien“.
Als ich vor einiger Zeit in unserem Treppenhaus zugange war, nahm ich plötzlich eine dieser großen Fliegen wahr, die herumschwirrte und offenbar hinauswollte. So öffnete ich die Fenster weit auf und war mir sicher, sie wird nun hinausfinden. Aber weit gefehlt. Trotz der großen Fensteröffnungen irrte sie weiter umher, flog drumherum, aber fand nicht hinaus. Ich musste innerlich mit dem Kopf schütteln, dass diese Fliege noch nicht einmal zu dieser leichten Übung in der Lage war, wo man doch nur ihr Bestes wollte. In diesem Augenblick kam mir der Gedanke: „Bin ich nicht genau wie diese Fliege? Der liebe Gott stellt die Fenster wagenweit auf und ich finde dennoch nicht hinaus?“. Die Fliege fand schließlich den Weg; nur der Gedanke blieb.
Das geöffnete Fenster ist so für mich zum Sinnbild geworden für den Gott, der es gut mit uns meint, der uns „zur Freiheit berufen“ hat, wie Paulus sagt (Galater 5,13). Exerzitien sind sicherlich ein besonders großes Fenster. Aber auch im Alltag die kleinen Fenster zu sehen, fand ich immer reizvoll. Es gibt sie auf alle erdenkliche Art und Weise, wie jeder schon erfahren hat. Von Goethe stammt ja das berühmte Wort: „Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünket. Mit den Augen zu sehn, was vor den Augen dir lieget.“
Vielleicht habe ich deshalb noch nie an Exerzitien teilgenommen, weil ich in der oberschwäbischen Barockstraße aufgewachsen bin und immer schon sehr verwöhnt war, was das Gefühl der Gottesnähe anbelangt. Wie ein kleiner Vogel, der immer wieder mal an einer Quelle nippt und wieder weiterfliegt, kann man in Oberschwaben überall die schönsten Kirchen der Welt besuchen. Unendlich weite Wiesen, Felder, Wälder, viele kleine Seen und Bäche machen einem die Schöpfung Gottes immer wieder bewusst. Barockkirchen – auch wenn sie nicht jeder schön finden mag – wollen einem das Paradies näherbringen. Für die Menschen im Barockzeitalter, die oft nicht lesen konnten, waren die vielen Deckengemälde und Figuren Erbauung und Ermahnung. Exerzitien für die einfachen Leute. Es war für sie Balsam für die Seele.
Was ist nun meine Schlussfolgerung aus all diesen Gedanken? Es ist das Wort des alten Paters, das in mir nachhallt: „Exerzitien sind Stärkung! Erfrischung! Begegnung! Sie geben neuen Mut und Kraft! Ich kann Sie nur ermutigen, das einmal zu machen!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Autor Dr. Clemens-Maria Bold ist seit 2000 als Rechtsanwalt im Medizinrecht tätig. Von 2004 bis 2025 war er Geschäftsführer des Verbandes privater Klinikträger in Baden-Württemberg e. V.
de’ignis-magazin – Impulse und Erfahrungen
„Exerzitien sind Stärkung! Erfrischung! Begegnung! Sie geben neuen Mut und Kraft! Ich kann Sie nur ermutigen, das einmal zu machen!“


Stille als Prüfstein im Ruhestand
Was geschieht, wenn das Leben leiser wird – persönliche Reflexionen.
Von Helmut Hauser Bild: Enno Hauser
• Als ich Ende 2022 in den Ruhestand ging, wusste ich: Das ist ein Einschnitt. Ich hatte mich intensiv vorbereitet, alles gut geplant und fest abgesichert. Und doch trat etwas ein, womit ich nicht gerechnet hatte: eine leise, aber spürbare Unsicherheit – es wurde still.
Nicht schlagartig, sondern allmählich. Vor allem im Außen. Vieles, was mich über Jahrzehnte im Wesentlichen getragen und ausgefüllt hatte, fiel weg: meine berufliche Tätigkeit als Architekt und geschäftsführender Gesellschafter eines Unternehmens, das meine Frau und ich 1984 gegründet hatten. Dazu kamen mehrere Ehrenämter, ob in der Kommunalpolitik, in der Kirche oder in gemeinnützigen Organisationen. Und mit ihnen manche Beziehungen, die sich lockerten oder ganz verschwanden. Was bleibt, wenn es still wird, und was füllt mein Leben jetzt aus? Vier Schätze haben sich für mich als sehr kostbar erwiesen.
Familie umfassender erleben
Meine Frau Ute und ich sind seit fast 50 Jahren verheiratet. Was für ein Geschenk. Im Ruhestand hat unsere Beziehung noch einmal eine höhere Qualität bekommen. Wir entdecken Gemeinsamkeiten neu, und achten zugleich stärker auf unsere individuellen Freiräume. Ich nenne das: Einheit in der Vielfalt.
Auch der Umgang mit der nächsten Generation war uns immer wichtig, nach dem Motto „Loslassen und lieben“ oder wie der Mystiker Meister Eckhart es ausdrückt: „Geschehen lassen“.
Dazu gehören auch schwere Erfahrungen. Der Tod unserer jüngsten Tochter im Alter von 18 Jahren liegt über 25 Jahre zurück. Er hat unser Leben tief geprägt und unseren Glauben herausgefordert. Heute tragen wir trotz allem Verlust eine große Dankbarkeit im Herzen – erfüllt von der Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Zur Familie gehören aber auch die natürlichen Übergänge. Unsere älteste Tochter und ihr Mann haben inzwischen das Unternehmen übernommen. Der Wechsel verlief intensiv und war reibungslos; der Prozess und das Ergebnis haben uns mit viel Freude erfüllt.
Und dann ist da noch etwas ganz Besonderes: das Großvater-Sein. Über Enkelkinder öffnet sich ein neuer Zugang zur jüngeren Generation. Mein 6-jähriger Enkel Enno ist eine große Bereicherung für mich. Seit er ein Jahr alt ist, malen wir zusammen. Ich bat ihn kürzlich spontan, für diesen Artikel zum Thema „Stille“ ein Bild zu malen. Sein Ergebnis nach kurzer Überlegung war kreativ, einfach, eigenständig; es hat mich berührt. Manches im Leben ist erstaunlich schlicht, und gerade deshalb so erfüllend.
Beziehungen neu sehen
In der Stille habe ich begonnen, Menschen bewusster wahrzunehmen. Seither frage ich mehr und mehr: Wem möchte ich dienen? Auf wen gehe ich als nächstes zu? Wen kann ich ermutigen? Zuhören, Interesse zeigen, wohltuende Worte finden – all das gewinnt an Bedeutung, wenn der äußere Lärm leiser wird.
Glaube als tiefe Erfahrung Für mich führt das zunächst zurück zu den Sinn-Fragen: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Die Antworten kommen aus meinem Glauben an einen persönlichen, dreieinigen Gott. Er meint es gut mit uns Menschen, auch im fortgeschrittenen Alter. Nicht als theoretische Wahrheit, sondern als gelebte Erfahrung. Gerade im Ruhestand habe ich eine neue Tiefe im geistlichen Erleben entdeckt.
Die Kraft der Stille „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“. (Ps. 62,2) In der Stille übe ich mich frühmorgens, mich von Gedanken freizumachen, Wünsche auszublenden, mich auf Gott und seinen Geist zu konzentrieren. Herzens-Gebet, so nennt es Stefan Kunz in seinem Buch „Jesus atmen“. Ich praktiziere das Herzens-Gebet in drei Phasen:
Reduktion: eine stille Umgebung wählen, entspannt aufrecht sitzen, zur Ruhe kommen, Raum zur inneren Wahrnehmung zulassen, in der Stille verharren.
Transformation: mein Geist und Gottes Geist werden ineinander verwoben, leise
betend in den Worten: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner, dabei bewusst ein- und ausatmen, still ausklingen lassen.
Impakt : Gedanken und Empfindungen wahrnehmen, höchster Dank an den dreieinigen Gott – Vater, Sohn, Heiliger Geist –, der alles schenkt.
Diese Praxis ist für mich keine Methode, sondern eine Hilfe. Sie begleitet mich inzwischen auch unterwegs: in der Natur, in Gotteshäusern, in den verschiedensten Verkehrsmitteln, in Konzerten, in Museen.
Aus diesen Momenten gehe ich gestärkt hervor – gelassen, innerlich geordnet, dankbar. Mein Leben im Ruhestand ist schlichter geworden. Es ist aber nicht leer. Im Gegenteil, es ist reich erfüllt:
• von der Kraft der Stille,
• von Beziehungen zu Menschen und zu Gott und
• von einem Glauben, der trägt.
Literatur
• Die Heilige Schrift
• Kunz, Stefan (2024): Jesus atmen. Basel: Fontis.

Autor
Helmut Hauser ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. Er ist Diplom-Ingenieur (Architektur) im Ruhestand und engagiert sich ehrenamtlich in der Gebetsfrühstücksbewegung mit Politikern in Berlin und deutschlandweit sowie bei Nehemiah Gateway in Nürnberg und Albanien.
Gott begegnen durch Bewegung und Tanz
Von Sarah Nadge
• Im Alter von 23 Jahren wollte ich es genau wissen. Ich lag auf meinem Fußboden und hatte mir fest vorgenommen, nicht aufzustehen, bevor Gott direkt mit mir gesprochen hatte. Ich brauchte Gottes Stimme für mich persönlich. Die Tatsache, dass jeder Mensch Gott anders sieht und erlebt, wie auch die verschiedenen Bibelauslegungen verwirrten mich und weckten in mir den Wunsch, Gottes Stimme persönlich zu hören.
Durch den ersten Bandscheibenvorfall während meiner Tanzausbildung, depressive Verstimmungen und eine drei Jahre anhaltende Essstörung war ich körperlich und emotional am Boden – ich war verzweifelt. Meine Verzweiflung jedoch wurde zum Auslöser für mein Harren auf Gott.
Ich konnte nicht mehr.
Nach einiger Zeit auf dem Fußboden sprach Gott zu mir. Ein innerer Friede und Annahme breiteten sich in mir aus. Daraufhin erlebte ich eine intensive Zeit mit Jesus, in der ich seine Stimme kennenlernte, tiefe Momente der Begegnung mit ihm hatte und nicht warten konnte, mit ihm Zeit zu verbringen.
Schon als Kind war ich sehr kreativ. Ich habe viel gemalt, oft mein Zimmer umgestellt, viel dekoriert und gebastelt. Mit 13 entdeckte ich das Tanzen auf einer christlichen Freundesparty und fing an, eine Tanzgruppe zu leiten, ohne selbst jemals Tanzunterricht gehabt zu haben. Dementsprechend asynchron und intuitiv war das Ganze, die Freude hingegen war sehr groß. Nach meinem Abschluss der Kunstfachoberschule begann ich eine Tanzausbildung in Kanada, ohne Vorkenntnisse. Das war eine sehr harte Zeit für mich. Ich konnte diese vier Jahre auch nur deshalb durchhalten, weil ich von Gott wusste: Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Zurück in Deutschland studierte ich dann Theaterpädagogik und in mir wuchs die Sehnsucht, diese Künste mit meinem Glauben an Gott zu verbinden, um durch Kunst und Bewegung Menschen in eine Intimität mit Gott einzuladen. In einer christlichen Lebensgemeinschaft
in Indien hatte ich dann die Gelegenheit, mit meinem erlernten Wissen zu erforschen und zu experimentieren, wie ich Menschen dabei einladen könnte, Gott durch und mit ihrem Körper zu erleben. Damals nannte ich es Tanzmeditation. Meditieren – also sich auf etwas zu besinnen– in diesem Fall, sich durch Tanz auf Jesus auszurichten.
Meine eigene Sehnsucht nach Heilung und Freiheit von der Essstörung und den dahinter liegenden Ursachen war immer mein Antrieb. Während eines Kurses sagte ich einmal zu Gott: „Wie kann ich die Teilnehmer in Heilung führen, wenn ich doch selbst noch so ,nicht-heil‘, unfrei und unvollkommen bin?“ Ich spürte, wie mir der Heilige Geist antwortete: „Sarah, das ist meine Verantwortung. Du stellst dich dazu bereit und gibst den Rahmen.“
Bis heute ist mir das immer noch eine wertvolle Erinnerung, wenn ich die Not meiner Kursteilnehmenden wahrnehme und denke, dieser nicht begegnen zu können. Ich kann Gott vertrauen, dass er heilt und freisetzt. Inzwischen bin ich nach 18 Jahren frei von der Essstörung und zutiefst dankbar über Gottes Gnade und Freiheit auf meinem Heilungsweg.
Bewegung ist so unmittelbar, verletzlich und ehrlich. Körper lügen nicht. Wenn etwa eine Person sagt, ihr geht es gut, aber die Schultern der Person nach vorne hängen und der Rücken gebeugt ist, spricht der Körper lauter als das gesagte Wort.
Alles, was wir vor Entwicklung der Sprache bzw. vor unserer Sprach- und Sprechfähigkeit erleben, bleibt im Nervensystem gespeichert. Das Körpergedächtnis ist älter, tiefer und langlebiger als das bewusste Gedächtnis. Es entsteht früher, vergisst langsamer und trägt Erinnerungen, die nie im Gehirn „abgelegt“ wurden. Die unbewussten Erinnerungen drücken sich aus in Spannung, Bewegung, Atmung, Reflexen, Schmerz und Emotionen.
Die Selbstheilungskräfte unseres Körpers faszinieren mich immer wieder. Die größte Herausforderung im Prozess der
Wiederherstellung besteht meines Erachtens vor allem darin, einen Zugang zum eigenen Körper zu finden und auf seine Signale zu hören und darauf zu vertrauen, dass er dem Weg der Heilung Raum gibt.
Veränderung geschieht nicht nur durch Verstehen des Verstandes, sondern auch durch neue verkörperte Erfahrung. So kann z. B. eine Grenze, die bei mir immer wieder überschritten wird, durch körperliche Übungen neu ausprobiert und verhandelt werden.
Wie kann ich in dem Gott erfahren?
Theresa von Ávila sagte: „Wenn ich gewusst hätte, dass der liebende Gott in mir wohnt, hätte ich ihn dort nicht so oft alleine gelassen.“ Es scheint so schwierig für uns Menschen, mit uns selbst zu sein. In uns hineinzuspüren, wahrzunehmen und hineinzuhorchen. Sobald ich still werde, wird alles in mir lauter und ich brauche Zeit, um bei mir anzukommen. Gott ist ja schon längst da.
Nicht nur in meinen Tanzseminaren, auch im Alltag mache ich es mir immer wieder zur Aufgabe, innezuhalten, auch auf die Signale meines Körpers zu achten, die er mir sendet. Was will mein Körper mir mit dieser Empfindung sagen? Eine Verspannung im Lendenwirbelbereich etwa, da weiß ich inzwischen, dass irgendwo im Alltag der Druck zu hoch ist. Wenn ich Druck dagegen ausübe, wird dieser jedoch noch größer. Denn Druck erzeugt Gegendruck. Wenn ich dem aber Raum gebe, spüre und bewusst wahrnehme, hat er die Möglichkeit, sich zu verändern.
Immer wieder höre ich die Frage: Spüren, wahrnehmen, intuitive Bewegung … Wozu soll das gut sein? Ein einfaches Beispiel aus der Tierwelt verdeutlicht vielleicht nochmal die Bedeutung, den Körper miteinzubeziehen. Wenn ein Tier in freier Wildbahn gejagt wird und entkommen ist, wird es nach dieser Jagd am ganzen Körper zittern. Leider haben wir Menschen diese Art der Regulation inzwischen verlernt. Nach Stresssituationen, Krisen und Anspannung nehmen wir eher eine Tablette, als die angestaute Energie abzuschütteln.
Traumatische Erlebnisse sind gebundene Energie, führen zum Verlust der Verbindung zu uns selbst und beeinträchtigen die Integration unserer beider Gehirnhälften. Um diese wieder miteinander zu verbinden, aus der Erstarrung herauszufinden und wieder ins Schwingen zu kommen, hilft Bewegung. An dieser Stelle will ich nicht so sehr auf das Thema Trauma eingehen; mir geht es eher um das Bewusstsein darüber, wie hilfreich Bewegung in Stresssituationen sein kann. Wie hilfreich es sein kann, sich kurz rauszunehmen und ins Schwingen zu kommen.
Ein Beispiel
In einer Streitsituation, die ziemlich lang anhielt, zog ich mich allein in mein Zimmer zurück und machte Musik an. Ich fing an, mich zu bewegen und nach und nach merkte ich, wie sich meine Starre löste, Freude in mir aufkam, mein Blick weiter und meine Gedanken wieder heller und lösungsorientierter wurden. Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass Bewegung aus dem inneren erlebten Tunnelblick, aus dem Starren und Engen befreit. Nach dieser kurzen Bewegungseinheit konnte ich wieder offener und regulierter auf die andere Person zugehen.
Eine meiner Lieblingsübungen, um mit Gott durch meinen Körper zu sprechen, ist die „Liegende 8“, die aussieht wie das Unendlichkeitszeichen in der Mathematik.
Wenn Sie mögen, probieren Sie es doch einmal selbst aus: Machen Sie sich Ihr Lieblingslied an. Stellen Sie sich etwas breitbeiniger hin, so als würden Sie auf einem Nilpferd sitzen:
• Lockern Sie die Beine, halten Sie Ihre Hände körpernah auf Höhe Ihres Bauches und malen Sie mit den Händen eine liegende 8.
• Malen Sie diese 8 einmal etwas kleiner und auch mal etwas größer, sodass Sie auch Ihre Körperseiten miteinbeziehen.
• Der Oberkörper schwingt mit und der Kopf folgt der Bewegung Ihrer Hände.
• Stellen Sie sich dabei vor, dass Ihre Hände Farbe an den Fingern haben und dass Sie hiermit Farbe im ganzen Raum verteilen in Form dieser 8.
• Machen Sie sich diese Bewegung spielerisch zu eigen, sodass es Ihre eigene Bewegung wird.
Dabei dürfen Sie sich bewusst machen, dass Sie als Kind Gottes ewig leben, was durch diese Bewegung greifbar und sichtbar wird. Ihre Zellen und Muskeln nehmen dies auf und so kommunizieren Sie mit und durch Ihren Körper. Gleichzeitig kommuniziert Ihr Geist mit Gottes Geist.
Das Schöne dabei: Sie müssen es weder verstehen, noch analysieren, sondern Ihr Körper und Geist wissen schon, was sie tun. Versuchen Sie dabei, Ihren inneren Kritiker vor die Tür zu schicken. Hier geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um Intuition und Impulse zu hören und spielerisches Ausprobieren.
Die Bewegung wird zu einem Gebet auf einer tieferen Ebene, auf der es keiner Worte bedarf. In Zeiten der Not, wenn ich meine Gefühle nicht benennen kann, hilft es mir, mit Gott durch meinen Körper zu sprechen. Den Bewegungsimpulsen meines Körpers Raum zu geben und ihnen zu folgen. Dem Körper zu vertrauen, dass er sagt, was er sagen will. Selbst ein Seufzen drückt manchmal alles aus, was ich meinem Schöpfer mitteilen will: „Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.“ (Röm. 8,26, Lutherbibel 2017)
Auch die Bibel trennt den Körper nicht vom Geist: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“ (1. Kor. 6,19, Lutherbibel)
Und da fängt es doch schon an. Ganz praktisch gefragt: Wie gehe ich mit meinem Tempel um? Kümmere ich mich um meinen Leib? Pflege ich ihn? Versorge ich ihn mit guten Nährstoffen? Fühle ich mich selbst in ihm zu Hause? Begegne ich in ihm dem Heiligen Geist, der darin wohnt? Wohne ich selbst darin?
An einer anderen Stelle in Römer 12,1 lesen wir: „Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“
Herrlich! Meinen Leib Gott hinzugeben, als Gottesdienst. Es ist befreiend, mir bewusst zu machen: Mein Körper muss keinem Schönheitsideal entsprechen, er ist nicht von Gott erschaffen, um gut auszusehen, sondern um mit all meinen Sinnen das Leben zu leben, welches Gott mir geschenkt hat: zu schmecken, riechen, spüren, empfangen, umarmen, geben, laufen, tanzen, drücken, heben, wackeln, wippen, drehen, sitzen und vieles mehr. Dann wird es zu einem Spiel, in dem ich ganz hier bin. Ganz in der Gegenwart, in der Gott ist. Und ich endlich auch. Dann findet Begegnung statt.
Oft braucht es Zeit, um im Tanzen anzukommen. Manchmal sind es am Anfang einfach nur Bewegungen. Wie bei fast allem, was ich tue, braucht es ein paar Momente, um mich einlassen zu können. Nach und nach merke ich eine Dichte im Raum und gehaltvollere Impulse. Es kommt auch vor, dass während der Bewegung innere Bilder oder Filme entstehen, ein klares Wort von Gott für mich zu hören ist. Ein Gefühl von Gewissheit, Friede, Liebe oder Annahme sich ausbreitet, dass das, was mich beschäftigt, in den Hintergrund tritt. Es kommt auch einmal vor, dass eine Bewegung stets wiederholt werden möchte, mal kleiner und größer wird und mir dabei eine Person bewusst wird, für die ich dann eine Fürbitte tanze (anstatt mit Worten für sie zu beten).
Besonders für mich ermutigende Momente sind körperliche Heilungen, die ich während der angeleiteten Bewegungseinheiten erleben durfte. Eine Kursteilnehmerin berichtete von der Heilung ihrer Ohrenschmerzen, nachdem die Körperteile, die schmerzten, durch das Tanzen „sprechen“ durften. Eine andere Teilnehmende berichtete von ihrer Hörfähigkeit von 70 %, die auf 100 % völlig wiederhergestellt wurde. Ich erinnere mich auch an eine Rückmeldung von einer
Kursteilnehmerin, die nach dem Tanzen feststellte, dass sie aufgehört hatte, an ihrer Nagelbetthaut zu kauen.
Alles ist möglich, wenn wir uns in Gottes Gegenwart begeben.

Autorin
Sarah Nadge ist selbstständig als Prozessbegleiterin durch Tanz und Bewegung. Sie leitet Tanz- und Gebetswochenenden und ist freiberufliche Mitarbeiterin in christlichen Familienaufstellungsseminaren, die sie tanztherapeutisch unterstützt.
Weitere Informationen über Sarah Nadge und ihre Arbeit finden Sie auf www.tanzheitlich.de
Die Bewegung wird zu einem Gebet auf einer tieferen Ebene, auf der es keiner Worte bedarf.
Musikalische Zugänge der Gottesbegegnung
Von Lisa Hummel

• Lauscht man den Klängen der Natur, dem Rauschen des Meeres, dem Wehen des Windes oder dem Gezwitscher der Vögel, so lässt sich vermuten, dass Musik etwas ist, das es schon länger gibt als die Menschheit selbst und das über menschliches Erleben und Gestalten hinausgeht. Musik ist etwas, das Gott in seine ganze Schöpfung mit hineingelegt hat. Dies eröffnet die spannende Frage, wie durch Musik Zugänge zur Gottesbegegnung geschaffen und erlebt werden können.
„Zieht ein in seine Tore mit Dank, in seine Vorhöfe mit Lobgesang! Preist ihn, dankt seinem Namen!“ (Psalm 100, 4; Elberfelder Bibel-Übersetzung)
Dies ist ein Vers aus einem der 150 Psalmen, die in der Bibel aufgeschrieben sind. Psalmen – das sind Lieder, die von verschiedenen Autoren zu verschiedenen Anlässen entworfen und später schriftlich festgehalten wurden, sodass andere Menschen damals wie auch heute noch davon lesen können. Beschäftigt man sich mit dem Thema Musik in der Bibel, so kommt man um das Buch der Psalmen nicht herum.
Ein bekannter Psalmenschreiber ist König David, von dem etwa die Hälfte der Psalmen geschrieben wurde. Zum oben genannten Psalm 100 ist kein Autor genannt, jedoch kennen wir aus Vers 1 den Anlass, für den das Lied geschrieben wurde: „Ein Psalm. Zum Dankopfer.“ Die damaligen Opfer wurden im Tempel dargebracht, also an dem Ort, an dem Gott gegenwärtig ist. Nun heißt es in Vers 4, den ich als Anweisung für die am Opferritual Teilhabenden verstehe: „Zieht ein in seine Tore mit Dank, in seine Vorhöfe mit Lobgesang! Preist ihn, dankt seinem Namen!“ Die Menschen werden also eingeladen, mit Dank und Lobgesang den Raum
zu betreten, in dem Gott ist. Heute leben wir Christen unsere Beziehung zum Gott Israels anders als das Volk Israel damals, denn der Opferdienst wurde durch Jesus’ Opfertod am Kreuz ein für alle Mal erfüllt und Gottes Gegenwart ist – symbolisiert durch das Zerreißen des Vorhangs vor dem Allerheiligsten – nun nicht mehr an den Tempel als Gebäude gebunden und nur wenigen geheiligten Menschen vorbehalten, sondern auf besondere Weise uns allen an Christus Gläubigen zugänglich geworden. Dennoch können wir die Anweisung aus Psalm 100 in gewisser Weise auf unser Leben heute übertragen – wir dürfen mit Dank und Lobgesang bewusst den Raum betreten, an dem Gott ist. Oder anders formuliert. Wir dürfen uns mithilfe von Dank und Lobgesang Gottes Gegenwart bewusst machen und sie erleben.
„Doch du bist heilig, du wohnst in den Lobliedern Israels.“ (Psalm 22, 4; Das Buch)
Dieser Vers aus Psalm 22 gibt nun einen Hinweis darauf, dass nicht nur wir durch Lobpreismusik eine Art Raum betreten, um Gott zu begegnen, sondern, dass auch Gott diesen Raum betritt bzw. sogar in ihm wohnt. Es gibt verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für diesen Vers und es bleibt etwas offen, was genau Lobgesang vor Gott bewirkt. Jedoch wird auch an anderen Stellen in der Bibel deutlich, dass unser Lobgesang nicht ohne „Antwort Gottes“ bleibt. Beispielsweise lesen wir im Neuen Testament in Apostelgeschichte 16,25 von zwei JesusNachfolgern, die sich zum entsprechenden Zeitpunkt im Gefängnis befanden: „Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott mit Gesang, und die Gefangenen hörten ihnen zu. Da entstand plötzlich ein großes Erdbeben, sodass die Grundfesten des Gefängnisses erschüttert wurden, und
sogleich öffneten sich alle Türen, und die Fesseln aller wurden gelöst.“ (Schlachter 2000)
Paulus und Silas beteten zu Gott und sangen ihm zu, woraufhin die Erde so sehr erschüttert wurde, dass sie aus ihrer Gefangenschaft befreit wurden. Erfahrungen dieser Größenordnung machen die meisten von uns vermutlich eher selten, aber wir lesen in der Bibel auch von anderen Beispielen, wie durch Lobpreismusik etwas verändert wird. Beim Lesen der Psalmen lässt sich zum Beispiel häufig beobachten, wie innerhalb des Liedes die Aussagen, das Befinden und das Herz des Psalmenschreibers völlig verändert werden. Einige Beispiele dafür sind Psalm 6, 7, 13, 42, 60 und 86. Psalm 13 beginnt beispielsweise mit den Worten: „Bis wann, Herr? Willst du für immer mich vergessen? Bis wann willst du dein Angesicht vor mir verbergen?“ und endet mit der Aussage: „Mein Herz soll jauchzen über deine Rettung. Ich will dem Herrn singen, dass er mir Gutes erwiesen hat.“ (Elberfelder) Und auch über das gesamte Buch der Psalmen hinweg sehen wir eine Entwicklung, die sich allmählich weg bewegt von den Themen der Klage und Bitte, und sich immer mehr dem Lob und Dank Gottes zuwendet.
Ein weiterer Vers, der mir in diesem Zusammenhang wichtig geworden ist, steht in Jakobus 4,8: „Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch!“ (Schlachter 2000) Auch hier lesen wir wieder, dass der Raum, den wir betreten, wenn wir uns Gott bewusst zuwenden, nicht nur von uns, sondern auch von ihm betreten wird. Gottes Gegenwart ist, wie oben beschrieben, nicht mehr nur punktuell und für einzelne Menschen zu bestimmten Zeiten erlebbar, sondern für uns alle beständig zugänglich. Der Zugang zu Gottes Gegenwart ist demnach in keiner Weise auf Lobpreismusik beschränkt. Diese
„Mein Herz soll jauchzen über deine Rettung. Ich will dem Herrn singen, dass er mir Gutes erwiesen hat.“ Psalm 13

bietet lediglich eine von vielen Möglichkeiten, bewusst einen Raum zu betreten und zu gestalten, in welchem wir Gott begegnen können. Und wir dürfen damit rechnen, dass, wenn wir Gottes Nähe suchen und uns ihm zuwenden, er sich uns als jener nahbare Gott zeigen wird.
Bisher haben wir fast nur von Lob und Dank als Zugangsmethoden in die Gegenwart Gottes gehört, sodass sich uns die Frage stellen könnte, ob all das bisher Geschriebene denn nur für das Loben und Danken gilt – oder, ob wir auch mit anderen Dingen bewusst in Gottes Gegenwart treten, ihm begegnen und seine Nähe erleben können. Diese Frage klärt sich jedoch recht schnell, wenn man durch das Buch der Psalmen blättert. Denn dort ist die Rede von Klage, Rache, Trauer, Wut, Verzweiflung und von vielen weiteren Themen menschlichen Lebens und Erlebens. Auch diese Psalmen wurden aufgeschrieben und überliefert, wodurch sich zeigt, dass diese Themen, Emotionen und Fragen ebenso ihren Platz in unserer Beziehung zu Gott und in seiner Gegenwart haben dürfen.
Das Buch der Psalmen trägt auf Hebräisch den Titel „sefær təhillîm“, was „Buch der Lobgesänge“ bedeutet. „Təhillîm“ wird in seiner verwandten Form „təhillāh“ 30-mal in den Psalmen verwendet, beispielsweise in dem oben genannten Vers aus Psalm 100: „Zieht ein in seine Tore mit Dank, in seine Vorhöfe mit Lobgesang!“ In den allermeisten Psalmen kommt das Wort jedoch gar nicht vor und inhaltlich überwiegen im Buch der Psalmen die Themen der Klage und Bitte. Dennoch wurde „Buch der Lobgesänge“ als Titel für das gesamte Psalmenbuch gewählt, was darauf hindeutet, dass nach hebräischem Verständnis das gesamte Buch als „Lobgesang“ gesehen wird und nicht nur die Psalmen, in denen es explizit ums Loben und Danken geht.1
In unserer Beziehung zu Gott als Person ist demnach, wie auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, Raum für alle diese Facetten menschlichen Erlebens und wir dürfen uns ihm damit zuwenden und zumuten. In Jesus ist er selbst Mensch geworden und zeigt uns damit, dass er unserer Lebensrealität nicht fremd ist oder sich ihr entzieht, sondern sich in sie hineingibt – mit all ihren Facetten.
Nun bleibt noch die Frage, ob bei all dem denn wirklich musikalische Begleitung nötig ist. Viele Menschen, mit denen ich mich über Lobpreismusik unterhalte, weisen auf die Gefahr hin, wie im Lobpreis durch die Art der Darbietung auch Manipulation von Emotionen und Erfahrungen geschehen kann. Dass durch Musik tatsächlich Emotionen und Gemütszustände erzeugt oder beeinflusst werden können, haben wir vermutlich alle schon einmal erlebt. Ich denke da an berührende Lieder zu Beerdigungen, herzzerreißende Liebeslieder im Radio oder auf Trauungen, oder beschwingte PartyLieder, die gute Laune machen und zum Tanzen animieren. Durch Musik werden Emotionen transportiert. Das merken wir auch daran, dass sich häufig selbst bei Liedern, die in einer für uns unverständlichen Sprache gesungen werden, ganz gut abschätzen lässt, ob diese inhaltlich von Liebe, Herzschmerz, Triumph, Niederlage, Leichtigkeit oder Schwere handeln.
Emotionen spüren und ausdrücken zu wollen, ist zunächst einmal etwas sehr Menschliches und Wichtiges. Emotionen können unsere Entscheidungen beeinflussen, unser
Verhalten prägen, uns miteinander verbinden und vereinen, in uns Wünsche wachsen lassen und uns die nötige Energie zur Verfügung stellen, diesen Wünschen nachzugehen. Diese Aspekte gilt es ernst zu nehmen und ihnen mit Weisheit und Feingefühl zu begegnen. Ich denke, dass sich jeder Lobpreisleiter immer wieder selbst fragen muss, welches Ziel er oder sie verfolgt – andere Menschen in Gottesbegegnung zu führen oder lediglich Emotionen zu erzeugen. Auch ich selbst muss mich das immer wieder fragen: Möchte ich bei mir oder anderen durch die Lobpreismusik ein Gefühl erzeugen um des Gefühls willen? Oder möchte ich Raum für Gottesbegegnung schaffen, in dem vielleicht auch Gefühle vorkommen dürfen?
Ist meine Lobpreiszeit mir „erfolgreich“ genug, wenn ich gar kein Gefühl erlebe? Diese Fragen muss ich mir immer wieder neu stellen, mich ehrlich hinterfragen und mich hinterfragen lassen.
Jedoch sehe ich in der Einbeziehung von Emotionen, die in der Musik unweigerlich geschieht, auch viel mehr eine Chance, den Inhalt des Gesungenen begreifbar und erfahrbar zu machen und ihm somit Farbe zu verleihen. Ich sehe dies vor allem als Chance, nicht nur intellektuell über Gott nachzusinnen (was Teil des Lobpreises sein kann), sondern auch einmal „am eigenen Leib“ zu erleben, wer und wie Gott ist und was das, was ich ihm da zusinge für eine Bedeutung hat. Hierzu ein Beispiel aus einem anderen Kontext: Sagt ein Mensch zu einem anderen: „Ich liebe dich!“, so wird je nach Emotion, die in diesen Satz hineingelegt wird, eine ganz andere Botschaft kommuniziert. Der Satz kann voller Liebe und Ernsthaftigkeit gesprochen sein, er kann sarkastisch rüberkommen oder so trocken und emotionslos ausgesprochen werden, dass das Gegenüber vielleicht sagt: „Das glaube ich dir nicht!“. Die wahre Botschaft und Intention dieses Satzes kommen also erst dann an, wenn entsprechende „Färbung“, also Emotion, mit hineingelegt wird. Ich würde daher sagen, dass die Emotionen und weiteren Ebenen in der Musik nicht nur Gefahren darstellen, sondern sogar wesentlicher Teil der Botschaft sind. Vielleicht sind gerade deshalb
so viele Menschen durch Lobpreismusik berührt, weil Botschaften wie beispielsweise „Gott liebt dich“ hierbei auf besondere Art eine „Färbung“ erhalten, die die Botschaft so kommuniziert, dass sie auch wirklich ankommt – und das nicht nur intellektuell, sondern von Herz zu Herz.
Auch diesen Aspekt finden wir im Buch der Psalmen wieder, da häufig verschiedene Anweisungen mit festgehalten sind für diejenigen, die die dort niedergeschriebenen Lieder nachsingen und -spielen möchten. Mal gibt es Anweisungen, zu welchem Anlass das jeweilige Lied zu singen ist. Mal ist angegeben, welches Instrument zur Begleitung gespielt werden soll. Mal ist eine bestimmte, damals wohl bekannte, Melodie genannt, nach der das Lied gesungen werden soll. Die Melodien und Instrumente von damals sind uns heute zum Großteil leider nicht mehr bekannt, daher bleibt etwas unklar, was sich die Psalmenschreiber zu alttestamentlichen Zeiten für die Darbietung ihrer Lieder überlegt und gewünscht hatten. Beispielsweise gibt es zu Psalm 8, 81 und 84 die Anweisung „Nach/Auf der Gittit“. Damit könnte ein Instrument gemeint sein oder vielleicht eine Melodie. Die Neue Genfer Übersetzung wählt an dieser Stelle die Interpretation „Auf beschwingte Weise zu begleiten“. Angesichts des Inhalts dieser drei Psalmen, in denen Gottes Größe, Herrlichkeit und Macht gepriesen und bejubelt werden, liegt diese Interpretation nahe. Ob die Anweisung tatsächlich so gemeint war, bleibt unklar. Jedoch lässt sich eines festhalten: Die Psalmen wurden niedergeschrieben und in den Kanon der Bibel aufgenommen, und zwar ausdrücklich mit den genannten Anweisungen. Daraus schließe ich, dass es den Psalmenschreibern nicht nur um den reinen Inhalt der Lieder ging, sondern dass auch die Art und Weise der Darbietung für sie eine wichtige Rolle spielte. Oder anders formuliert: Sie wählten wohl eine bestimmte Art und Weise der Darbietung (und gaben diese sogar explizit als Anweisung weiter), um damit den Inhalt angemessen zu transportieren, sodass die Botschaft ganzheitlich möglichst verständlich und umfassend beim Hörer ankommt.
Fazit
Es gibt viele Möglichkeiten und Räume, um Gott zu begegnen. Musik ist dafür nicht nötig. Sie bietet uns aber besondere Möglichkeiten, unsere Gottesbegegnung individuell und gemeinsam zu gestalten und zu erleben. Wenn ich Lobpreismusik mache, ist das für mich gleichzeitig Ausdruck und Empfangen, Gestalten und Berührtwerden, Geben und Nehmen, einen Raum öffnen, ihn selbst füllen und füllen lassen – in den ich sogar noch andere Menschen mit hineinnehmen darf. Ich denke, dass durch Musik ein spiritueller Raum entsteht, der nicht leer, aber auch noch nicht voll ausgefüllt ist. Es ist ein Raum, in welchem wir uns ausdrücken können und in welchem Gott wirken und echte Begegnung stattfinden kann. Ein Raum, in dem wir zugleich gemeinsam und auch individuell persönlich Gottesbegegnung erleben können.
Fußnoten
1 Siehe: https://www.die-bibel.de/ressourcen/ wibilex/altes-testament/psalmen-at, Stand: 24.02.2026.

Autorin
Lisa Hummel ist Psychologin (M.Sc.), ehrenamtlich in der Jugend- und Gemeindearbeit engagiert, macht besonders gerne mit anderen Menschen Lobpreismusik und ist in der de’ignisFachklinik als Bezugstherapeutin tätig, wo sie ihre Leidenschaften für Menschen, Musik und Jesus miteinander verbinden darf.
Der Schatz des Augen-Blicks
Kontemplatives Gebet: Gott im Hier und Jetzt begegnen
Von Magdalena Burger

Zur Diskussion: Hier werden Beiträge veröffentlicht, die nicht in allen Punkten der Meinung des Redaktionsteams entsprechen müssen.
• Das Wort „Augenblick“ beinhaltet viel. Zuerst ist da natürlich die zeitliche Komponente: Ein kurzer Moment, kaum da, ist er schon wieder vorbei, manchmal fast unbemerkt und manchmal zutiefst bedeutsam. Der Augenblick ist vermutlich die einzige Zeiteinheit, die wir als „Jetzt“ bewusst wahrnehmen können, bevor sie bereits wieder Vergangenheit ist. Als zweites ist da der „Blick“: Was sehe ich? Was nehme ich von der Welt um mich herum wahr? Was zieht meine Aufmerksamkeit auf sich und woran streift sie vorbei? Im „Augen-Blick“ steckt auch die Begegnung mit einem Gegenüber: Wie blicke ich auf andere und mit welchen Blicken bedenken mich diese? Mit welchem Blick schaue ich auf mich selbst? Was ist meine Idee davon, wie Gott auf mich schaut?
Während der Zeit meiner Jüngerschaftsschule im Gebetshaus Augsburg ging es für mich viel um diese Themen. Insbesondere die Fragen bezüglich des „Augen-Blicks“ beschäftigten mich tief. Zentral war und ist hierbei immer wieder die Frage: „Unter welchem Blick stehst du gerade?“ Den Augenblick als Schatz wahrzunehmen und in ihm Gott auf einfache und tiefe Weise zugleich zu begegnen, war ein Prozess, der während meiner Jüngerschaftsschule begann und immer noch weitergeht. Ich möchte meine auf dem Weg gesammelten Erfahrungsschätze mit Ihnen teilen und Sie einladen, selbst auf Schatzsuche zu gehen.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie über die eingangs gestellten Fragen nachdenken? Zu welchen Antworten kommen Sie, wenn Sie ganz ehrlich in sich hineinschauen? Bei mir waren da viele Stimmen von Kritik. Überwiegend Kritik an mir selbst aus Angst, nicht gut genug zu sein oder nicht dazuzugehören. Ich wollte es unter allen Umständen richtig machen, richtig in den Augen meiner Mitmenschen und ganz besonders richtig in Gottes Augen. Denn was passiert, wenn ich Dinge falsch mache? Vor allem dann, wenn es Fehler sind, die ich persönlich echt
schlimm finde? Wer bin ich dann? Kennen Sie solche oder ähnliche Fragen? Fragen, die sich vielleicht sogar bis hinein in Ihr Gebetsleben ziehen? Ob Sie richtig beten, oft und lang genug Gottes Gegenwart suchen und aufmerksam genug sind? Ob ihm das ausreicht?
Ich glaube, um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, um zu klären, wer Gott ist und wer wir sind und um dem Schatz auf die Spur zu kommen, ist es wichtig, sich einmal anzuschauen, was Gott selbst in seinem Wort dazu zu sagen hat. Wenn man die Bibel durchforstet, gibt es unzählige Bibelstellen, die einem Antwort geben können und durch die Gott uns einlädt, ihn und sein liebendes Herz näher kennenzulernen. Im Folgenden möchte ich jedoch zwei bestimmte Bibelstellen näher mit Ihnen betrachten.
1. „Ich bin, der ich bin.“
Als Mose Gott am brennenden Dornbusch nach seinem Namen fragt, antwortet ihm dieser: „Ich bin, der ich bin“ (2. Mose 3,14).
Das Spannende ist, dass die Verbform so geschrieben ist, dass man es auch als „Ich werde sein, der ich sein werde“ oder sogar als „Ich bin der ‚Ich bin da‘“ lesen kann. Vielschichtig, geheimnisvoll und doch ein Statement, wie es klarer kaum sein könnte. Gott ist vollkommen gefestigt in seiner Identität und vollkommen präsent. Genau hier, genau jetzt. Lassen Sie das einmal auf sich wirken! Denn wo und wann ist der Ort und der Zeitpunkt, an denen wir Gott (überhaupt) begegnen können? Richtig: genau hier, genau jetzt. In genau diesem Moment, diesem Augenblick ist vollumfängliche Begegnung mit ihm möglich! Die Frage ist nur, sind auch wir da? Um ehrlich zu sein, ich bin es sehr oft nicht. In meinen Gedanken bin ich bei den To-dos, die noch erledigt werden müssen, bei vergangenen Ereignissen, in irgendwelchen teils komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen, ich mache mir Sorgen, plane, hänge Tagträumen nach, vergleiche mich mit anderen oder analysiere mich selbst. Das ist bei weitem nicht alles schlecht, nur bin ich in all dem entweder in der Vergangenheit, in der Zukunft oder an einem völlig
anderen Ort, aber eben nicht im Hier und Jetzt. Dass wir aber im Hier und Jetzt sind, ist nicht nur deshalb wichtig, weil es uns einfach guttut, immer mal wieder aus allem herauszutreten, was uns gerade beschäftigt, sondern insbesondere deshalb, weil das Hier und Jetzt einen einzigartigen Begegnungsraum mit Gott darstellt. Es ist tatsächlich einer der größten Wünsche Jesu, dass wir in Begegnung mit ihm kommen! Er betet in seinem großen Gebet vor seiner Verhaftung und Kreuzigung: „Vater, ich will, dass die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin […]“ (Joh. 17,24).
2. „Alles an dir ist schön“ Wenn wir uns also einmal hineinwagen ins Hier und Jetzt, in diesen Begegnungsraum mit Gott, treten wir auch unter seinen Blick. Was sieht er nun, wenn er auf uns schaut? Was ist der Blick, den dieser allmächtige Gott auf uns hat? Die mit am eindrücklichsten Antworten auf diese Frage können wir im Hohelied finden, jenem Buch der Bibel, das im Bild von Braut und Bräutigam unter anderem Gottes Beziehung zu seinem Volk, aber auch zu jedem einzelnen von uns beschreibt. Dort heißt es: „[…] sein Zeichen über mir ist Liebe“ (Hld. 2,4). Das heißt, über mir, über Ihnen steht sein „Ja“. Wie vollumfänglich dieses „Ja“ ist, lesen wir zwei Kapitel später, wo der Bräutigam spricht: „Alles an dir ist schön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir“ (Hld. 4,7). Lassen Sie sich diese Worte auf der Zunge zergehen: Alles ist schön in seinen Augen, kein Makel ist da. Egal, wie es in uns aussieht, was wir denken oder fühlen, was wir getan oder unterlassen haben – Gott sieht nur Schönheit an uns! Sein Blick auf uns ist pure Liebe. Für mich ist das immer wieder kaum vorstellbar, dass das tatsächlich wahr ist und zu jedem einzelnen Zeitpunkt in meinem Leben gilt. Gott immer wieder im Hier und Jetzt zu begegnen, mich seinem Blick auszusetzen, heißt daher auch, mir seinem Ja zu mir bewusst zu werden und zu lernen, mich so zu sehen, wie er mich sieht.
Und nun? Wie treten wir denn nun ein in diesen Begegnungsraum? Welche Wege ins Hier und Jetzt können wir beschreiten? Und
wie fallen wir da nicht sofort wieder raus? Das Gute ist, dass uns zu jeder Zeit etwas zur Verfügung steht, das im Hier und Jetzt verankert ist: Das Erste sind unsere fünf Sinne. Alles, was wir sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen, ist im Hier und Jetzt. Das Zweite ist unser Körper. Während unsere Gedanken und Gefühle abschweifen können, bleibt unser Körper genau da, wo er in diesem Moment ist. Unser Körper trägt darüber hinaus noch eine besondere Auszeichnung: Er ist der Tempel des Heiligen Geistes (vgl. 1. Kor. 6,19), also der Wohnort Gottes!
Um ins Hier und Jetzt einzutreten, genügt es, unseren Blick zu richten auf das, was da ist. Wahrzunehmen und „für wahr zu nehmen“, was unsere Sinne und Körperempfindungen uns mitteilen können. Aufmerksam sein. Ohne Anspruch, wie es sein sollte oder was wir wahrnehmen sollten und was nicht, ohne Leistungsdenken, ohne Bewertung. So wie Gott über uns sagt: „Alles an dir ist schön“, können auch wir ein Ja zu dem finden, was wir wahrnehmen und einfach da sein. Das Da-Sein im Hier und Jetzt, im Begegnungsraum mit Gott, ist ein Hineingenommensein in das liebevolle Verweilen des dreieinen Gottes. Und so wird es auf wundersame Weise zum Augen-Blick, in dem er uns anschaut und wir ihn anschauen.
Dass das ganz schön schwer sein kann, erlebe ich selbst immer wieder. Allzu oft schweifen meine Gedanken ab und ich bin mehr weg als wirklich da und manchmal nicke ich sogar ein. Und jedes Mal bin ich versucht zu sagen: „Mist, jetzt hat es wieder nicht geklappt“ – schwupps, schon ist das Leistungsdenken wieder da! Ein Vers, der mir sehr viel bedeutet und der in diesem inneren Kampf zwischen „Einfach-nur-dasein-wollen“ und dem Leistungsdenken sehr heilsam war, steht in Hld. 4,9: „Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester, meine Braut. Du hast mir das Herz geraubt mit einem einzigen Blick aus deinen Augen […].“ Ein einziger Moment meiner oder auch Ihrer Aufmerksamkeit, genügt ihm und er ist wie verzaubert und völlig hingerissen. Egal, ob wir direkt wieder abschweifen, dieser eine Augenblick genügt
ihm. Ein Moment im Hier und Jetzt. Mehr nicht – und doch alles. Und je länger wir verweilen, je öfter wir in diesen Begegnungsraum zurückkehren, desto mehr werden wir verwandelt: „Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild
von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht“ (2. Kor. 3,18).

Jetzt wird’s praktisch!
Konkrete Übungsmöglichkeiten
Gott im Hier und Jetzt durch Wahrnehmen und Stille zu begegnen, wird als kontemplatives Gebet bezeichnet. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, wie dieses aussehen kann. Wenn Sie Interesse haben, das kontemplative Gebet tiefer kennenzulernen, können Sie z. B. das Buch „Kontemplative Exerzitien“ von Franz Jalics lesen oder Seminare zu dieser Gebetsform besuchen. Diese werden unter anderem vom Gebetshaus Augsburg oder dem Haus Gries in Wilhelmsthal angeboten. Im Folgenden möchte ich Ihnen eine kleine Auswahl an Übungen vorstellen, wie ich sie kennengelernt habe.
1. Naturspaziergang
Die Natur ist eine wunderbare Möglichkeit, uns ins Hier und Jetzt zu holen. Sie ist immer im Moment und erzählt zugleich von Gottes Herrlichkeit. Ich lade Sie ein, in Stille, allein und ohne Handy einen Spaziergang in der Natur zu unternehmen. Idealerweise bietet sich ein Spaziergang in einem Wald oder über Wiesen und Felder an. Falls das nicht möglich ist, ist es auch kein Problem, einfach die Natur vor der Haustür zu nehmen, selbst wenn es dort nur vereinzelt Bäume und Vorgärten gibt.
Achten Sie im Gehen auf Ihre Sinne. Was können Sie sehen? Was hören, riechen, fühlen, ja sogar schmecken Sie? Gehen Sie mit Ihren Sinnen auf Entdeckungsreise. Bewerten Sie nicht in gut oder schlecht. So schwer es sein mag, lassen Sie das Denken und Analysieren sein. Nehmen Sie nur wahr. Gefühle dürfen sein, Pausen sind erlaubt, ebenso Abstecher abseits der Wege, Stehenbleiben, Ausprobieren, …
Kleiner Tipp: Gehen Sie eher zu langsam als zu schnell und nehmen Sie sich mindestens eine Stunde Zeit. Sie müssen auf diesem Spaziergang nicht weit kommen und kein Ziel erreichen.
2. Körperwahrnehmung
Nehmen Sie sich Zeit, Gott in seinem Tempel zu begegnen, indem Sie in Ihrem Körper ankommen, wahrnehmen, was dort ist und in Gottes liebevolles Ja zu Ihnen einstimmen.
Für diese Übung benötigen Sie entweder einen Gebetshocker, auf dem Sie knien können, oder Sie setzen sich auf einen Stuhl, so weit vorne, dass Sie sich nicht anlehnen und mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehen. Egal, ob Sie knien oder sitzen, richten Sie Ihren Rücken gerade auf, als würden Sie von einem Marionettenfaden an Ihrem Hinterkopf nach oben gezogen. Schließen Sie die Augen oder blicken Sie auf einen ca. 1m entfernt liegenden Punkt am Boden. Die Hände legen Sie locker auf Ihren Schoß. Wandern Sie nun mit Ihrer Aufmerksamkeit langsam durch Ihren Körper, gehen Sie jeden Bereich einzeln durch. Eine mögliche Reihenfolge stelle ich Ihnen weiter unten im Text vor. Falls es Ihnen mit einer gesprochenen Anleitung leichter fällt, finden Sie auf YouTube eine solche etwa am Ende des Vortrags „Der Reichtum der Stille“ von Beke Glaeser.
Wichtig ist: Sie müssen nichts erzwingen. Nehmen Sie wahr, was da ist und wenn Sie nichts spüren, verweilen Sie ein wenig und wandern dann weiter. Alles darf so sein, wie es jetzt gerade ist. Denken Sie nicht nach. Sie müssen sich auch nichts bildlich vorstellen, einfach nur wahrnehmen, was Ihr Körper Ihnen rückmeldet. Wenn Ihre Aufmerksamkeit abschweift, kommen Sie einfach wieder zurück an den Punkt, an dem Sie die Aufmerksamkeit verloren haben. Je nachdem, wie detailliert Sie Ihren Körper wahrnehmen wollen, benötigen Sie mehr oder weniger Zeit, mindestens jedoch eine Viertelstunde (persönliche Empfehlung: eine halbe Stunde).
Eine mögliche Reihenfolge könnte sein: linker Fuß (Zehen, Fußrücken, Ferse, Übergang zum Bein), Schienbein, Wade, Knie, Oberschenkel oben, Gewicht der Hand auf dem Oberschenkel, Oberschenkel unten, Gesäß. Dasselbe mit dem rechten Fuß und Bein. Rücken von unten nach oben. Schulterbereich. Linke Hand (Finger einzeln, Handinnenfläche, Handrücken, Handgelenk), Unterarm, Ellenbogen, Oberarm. Dasselbe mit der rechten Hand. Nacken, Hinterkopf, Ohren, Kopf oben, Stirn, Augen, Wangen, Nase, Mund.
Zum Schluss können Sie Ihre Aufmerksamkeit für ein paar Atemzüge auf Ihre Atmung lenken. Wie fühlt es sich an, wenn Sie einatmen? Wie, wenn Sie ausatmen? Für ein paar weitere Atemzüge können Sie innerlich Jesu Namen sagen: „Christus“ beim Einatmen, „Jesus“ beim Ausatmen.
Verweilen Sie, solange Sie möchten. Es mag zeitweise herausfordernd sein, aber das ist nicht schlimm. Sie haben diesen Begegnungsraum mit Gott, Sie müssen nichts leisten, dürfen einfach sein. In diesem AugenBlick berührt die Ewigkeit die Gegenwart.
Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch ein Zitat von Franz von Sales (1567–1622) mit auf den Weg geben: „Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart Gottes. Und selbst dann, wenn du nichts getan hast in deinem Leben, außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen –obwohl es jedes Mal wieder fortlief, wenn du es zurückgeholt hattest –, dann hat sich dein Leben wohl erfüllt.“
Literatur
• Verwendete Bibelübersetzung: Elberfelder Bibel 2006
• Im Artikel genannte Buchempfehlung: Jalics, Franz (2025): Kontemplative Exerzitien: Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet. Echter Verlag, 21. Auflage, ISBN 978-3-429-01576-3.

Autorin
Magdalena Burger ist Psychologin (M. Sc.) und nahm nach ihrem Studium an der zehnmonatigen Jüngerschaftsschule „Flame Academy“ des Gebetshauses Augsburg teil. Aktuell ist sie in Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Systemische Therapie und parallel am Universitätsklinikum Ulm im Institut für Allgemeinmedizin als Lehrassistentin tätig.
Stille zu Gott

de’ignis-magazin – Therapeutische Fachartikel
Psalm 62
Von Marika Rimkus
• Stille.
… macht eventuell Panik? zu.
… oh, eine Richtung? Gott.
… Ankommen. Geborgenheit.
Stille oder Achtsamkeit
Achtsamkeit scheint in der Gesellschaft mehr denn je verankert, ein regelrechter Hype. „Zur Ruhe kommen“ als Tugend, die weiter für die übliche Stressbewältigung befähigt.
Läuft hier nicht etwas schief?
Kaum merklich geht es hier oft nicht wirklich um die Reduktion von Stress, Aufgaben und Dingen, es geht oft nicht darum, innere Ruhe und Gelassenheit zu generieren, um weniger zu tun, sondern bisweilen darum, mit „innerer Ruhe“ das Gleiche am besten noch mehr zu tun.
Der eine soll das Mehr einfach weiter bewältigen und möglichst unauffällig über sich hinauswachsen. Selbstoptimierung – ein Phänomen unserer Zeit.
Wenn wir Achtsamkeit unter diesen Vorzeichen betrachten, dann unterscheidet sie sich gravierend von der Stille zu Gott.
Autophobie
Stille. Leere. Einsamkeit.
Was, wenn ich Angst habe vor der Stille, Angst habe, allein zu sein? Allein mit mir. Was, wenn Stille nicht hin zu Gott erlebbar wird, sondern vielmehr Schmerzhaftes aus meinem Inneren plötzlich laut wird und meine ganze Wahrnehmung einnimmt, mich vielleicht mit meinem Rest an Lebensmut völlig dahinrafft?
Was, wenn Stille selbst Verletzung war? Was, wenn meine gelernte Lösung für meinen Selbstwert eben hauptsächlich an mein Tun geknüpft ist – und das viele Jahre schon, vielleicht auch aus Familientradition?
Was, wenn mir der Mut fehlt, auszubrechen, loszulassen?
Was, wenn unendliche Leistung, Betriebsamkeit und Fleiß nicht als Krankheit der
Ruhelosigkeit definiert werden, die dazu führt, dass wir Selbstwert nur dann fühlen, wenn wir etwas Nützliches tun, vielleicht sogar unabhängig von der Anerkennung anderer?
Und was, wenn ich diese Angst, mit mir selbst allein zu sein, einfach einmal benenne, und zwar hin zu Gott?!
Aber treffe ich dabei wirklich auf Gott oder bleibe ich letztlich doch schmerzhaft allein?
Eine bloße Entscheidung, mich dieser Angst zu stellen, könnte tatsächlich hilfreich sein, und zwar am meisten hilfreich für mich selbst!
Für Mystiker, die uns häufig wertvolles Vorbild sind und Stille als eine der größten Tugenden beschreiben, ist eines klar: Stille zu Gott braucht Exerzitien, Übung, Training.
Stille ist nicht einfach geschenkt. Stille zu Gott ist auch Übung.
Nicht Könnung, aber mögliche Übung. Mögliche Übung, Gott zu erkennen, und durch ihn sich selbst zu erkennen, so dass unser ich an ihm zum du werden darf.
Seid still und erkennet, dass ich Gott bin Psalm 46,11.
Harpu u-de’u ki-anokhi El-ohim. Harpu ( ופרה): „Lasset ab“, „werdet still“, „loslassen“.
u-de’u (ועדו): „und erkennt“, „und wisst“. ki-anokhi (יכנא־יכ): „dass ich“.
El-ohim (םיהלא): „Gott“.
Die Wurzel von Harpu liegt bei Raphah und bedeutet mehr als „werdet still“ im Sinne von ruhig:
Die Hände sinken lassen, loslassen, entspannen, Anstrengung aufgeben.
Gemeint ist Vertrauen durch Loslassen als aktiver Prozess.
Es ist doch dann viel mehr eine liebevolle Einladung Gottes, mit Ihm in Beziehung zu treten.
Lohnt es sich, dafür in Exerzitien zu gehen, zu üben?
Was sagt die Psychologie dazu? Sie ermutigt! Es gibt einen Weg!
Die Selbstbestimmungstheorie spricht von einem Kontinuum (SDT-Kontinuum, engl. Self-Determination Theory von Deci und Ryan), das durchaus fremdbestimmt beginnen kann, und einen Weg bedeutet, der sein Ende nimmt bei eigener Freude an der Sache selbst:
1. Extrinsisch (extern): Belohnung/Strafe (am wenigsten selbstbestimmt)
2. Introjiziert (introjektiv): Pflichtgefühl, Vermeidung von Scham
3. Identifiziert: Sinnhaftigkeit erkannt
4. Integriert: Teil der eigenen Werte
5. Intrinsisch: Freude an der Sache selbst (am stärksten selbstbestimmt)
Ist es nicht einen Versuch wert, Stille zu Gott langsam und dosiert zu üben, auch bei gleichzeitiger Angst?
Mut als Angst, die gleichzeitig vertraut Angst vor Stille ist in unserer Zeit ein normalpathologisches Phänomen, weil wir Meister der Ablenkung geworden sind und dafür wie nie zuvor eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Verfügung steht.
Soziale Medien stärken nicht per se unsere Sozialkompetenz, fördern nicht per se soziales Miteinander und Füreinander. Sie bewirken vielmehr, dass sich unsere sozialen Fähigkeiten in realen Begegnungen zu reduzieren, und das teilweise bis hin zur Auflösung. Zum Beispiel die Bitte um Entschuldigung. Sie ist sehr viel schwieriger direkt jemandem ins Gesicht zu sagen, als ein kurzes „Sorry“ ins Display zu tippen. Jemandem in die Augen zu sehen, scheint sehr viel schwieriger, als jemanden „zuzutexten“.
Stille zu Gott … birgt ein Hin zu, auf jemanden, den Vater aller Vaterschaft!
Es bedeutet Bindung.
Reale Bindung.
Erfahrbare Bindung. Das, was vielen Menschen verwehrt war.
Stille zu Gott ist ein möglicher Weg, um Trost, Heilung, Identität, Ermutigung und Befähigung zu empfangen – einfach so, aus der Gemeinschaft mit dem Schöpfer selbst heraus.
Stille zu Gott öffnet den einzig wahren Raum, wo deine Würde und dein Wert wiederhergestellt wird! Woanders her kann Würde und Wert niemals kommen.
Gott selbst hat beides in dich hineingelegt.
Stille zu Gott, wie in Psalm 62 beschrieben, kommt wiederum vom hebräischen Dumijah, das ein wenig anders als Raphah konnotiert ist: Stilles Schweigen und ruhiges Vertrauen als innerer Zustand.
Eine ebenso liebevolle Einladung Gottes an uns.
Es könnte sich also lohnen, zu üben, auch wenn ich Geduld brauche. Es könnte sich lohnen, Mut zu investieren, weil uns Gott versichert: „Ich bin, der ich bin und sein werde“ und zugleich auch: „Ich bin (für dich) da“, 2. Mo. 3,14.
An dieser Stelle möchte ich persönlich dem Vorbild Davids folgen, und auch dem der Mystiker, und selbst wieder mehr üben, in die Stille zu gehen, vielleicht manchmal ohne und manchmal mit Angst. Ich bin neu dazu ermutigt, Du auch?
Stille zu Gott Psalm 62
Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht wanken werde.
Wie lange stellt ihr alle einem nach, wollt alle ihn morden, als wäre er eine hangende Wand und eine rissige Mauer? Sie denken nur, wie sie ihn von seiner Höhe stürzen, sie haben Gefallen am Lügen; mit dem Munde segnen sie, aber im Herzen fluchen sie. Sela.
Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung.
Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht wanken werde. Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.
Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht. Sela.
Aber Menschen sind ja nichts, große Leute täuschen auch; sie wiegen weniger als nichts, so viel ihrer sind.
Verlasst euch nicht auf Gewalt und setzt auf Raub nicht eitle Hoffnung; fällt euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran.
Eines hat Gott geredet, ein Zweifaches habe ich gehört:
Gott allein ist mächtig, und du, Herr, bist gnädig; denn du vergiltst einem jeden, wie er’s verdient hat.

Autorin
Marika Rimkus ist Psychologin, Systemische Therapeutin i. A., Systemische Supervisorin i. A., ACT-Therapeutin und als Therapeutin in der de’ignis-Fachklinik tätig, sowie am de’ignis-Institut engagiert.


Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht wanken werde.

Eine ungewöhnliche Taufe
Von Dr. Rosemarie Schultheiß
• Von 1990 bis 2005 arbeitete ich in einem Buschkrankenhaus in der Westprovinz in Sambia. Viele ungewöhnliche Erkrankungen bekam ich da zu sehen, ganz besonders durch die vielen AIDS-Erkrankungen, für die es damals noch keine Medikamente gab. AIDS war eine große Bedrohung, so groß, dass sie fast täglich Menschenleben forderte. Dies löste in mir eine große Ohnmacht und Hilflosigkeit aus, besonders wenn es Menschen waren, die ich gut kannte. In meinen Gebeten flehte ich zu Gott und betete um irgendeinen Ausweg. Das folgende
Erlebnis hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.
Ein Auszug aus meinem Buch „Welcome to Africa …, so ist das halt in Afrika“ Charles war Katholik und als Lehrer an der Luampa Hauptschule tätig. Seine Frau Margret arbeitete als Hebamme im Krankenhaus. Sie waren einflussreiche wichtige Menschen, deren Meinung in der Bevölkerung ernst genommen wurde. Doch weil ihnen Luampa zu abgelegen war, hatten
sich die beiden entschlossen, nach Kaoma in die Kreisstadt zu ziehen. Für Charles waren Kirche und Glaube völlig unwichtig. In der Zeit waren bereits in Luampa erste HIV-Erkrankungen diagnostiziert worden. Doch diese Erkrankung war ein Tabu, über das niemand sprach. Als ich am Nachmittag zur Sprechstunde kam, sah ich Charles unter den wartenden Patienten sitzen. Er sah schlecht aus und er hatte viel Gewicht verloren. Es ging ihm nicht gut. Deshalb erhoffte er sich Hilfe in unserem Krankenhaus, die er in Kaoma nicht bekommen hatte. „Hallo
Charles, wie schön, dich wiederzusehen.“ Er schilderte seine Probleme und dass er viel abgenommen habe. Ich musste ihn stationär aufnehmen, weil er zu schwach war, um in dem Zustand nach Kaoma zurückzukehren.
Sein Gesicht war eingefallen und seine Arme schienen nur noch Haut und Knochen zu sein. Sehr rasch war die Diagnose klar, er war HIV-positiv. Das war ein Schock für ihn und seine Frau Margret. Die Immunsuppression hatte bei ihm den Ausbruch einer tuberkulösen Infektion ausgelöst. HIV konnte viele schwere Infektionen verursachen. Ich ordnete für ihn eine Behandlung mit Tuberkulostatika an, die auch rasch Besserung brachte. Mit dieser Behandlung erholte er sich langsam und kam wieder zu Kräften. Bei der Visite meinte er zu mir: „Heute habe ich eine gute Nachricht für dich. Ich will mich taufen lassen“. Er sei fest entschlossen, aus der katholischen Kirche auszutreten. Ich stand mit dieser Aussage etwas verdattert da. Er bat um biblischen Unterricht von Hans, er wolle mehr über den christlichen Glauben wissen. Doch daraus wurde nichts, denn als sich sein Gesundheitszustand gebessert hatte, kehrte er wieder nach Kaoma zurück. Wenige Monate später kam er wieder, diesmal so geschwächt, dass er fast nicht mehr gehen konnte. Er war in einem so schlechten Zustand, gepaart mit depressiven Stimmungen, dass er sogar seine Medikamente verweigerte. Seine Frau saß Tag und Nacht an seinem Bett. Aber er war immer noch fest entschlossen, sich taufen zu lassen. Ich solle den Kontakt herstellen zu den Krankenhausseelsorgern, denn er wolle im Krankenhaus getauft werden, weil es da eine Badewanne gebe. Unsere Krankenhausseelsorger Mr. Samende und Mr. Willie, die täglich über die Stationen gingen, kleine Schriften verteilten und mit den Patienten sprachen und beteten, hatten sein Anliegen der Taufe vernommen und sich sehr darüber gefreut, denn eine Taufe in der Badewanne des Krankenhauses hatten sie noch nicht erlebt. Das sei sicher kein Problem, gaben sie Charles zu verstehen. Sie bemühten sich sehr, sein Anliegen Wirklichkeit werden zu lassen. Mit strahlendem Gesicht marschierten die beiden zum Büro des Krankenhausdirektors. Sie klopften vorsichtig an und
trugen Dr. Rob ihr Anliegen um Erlaubnis für eine erste Taufe im Krankenhaus vor. Es sei Mr. Charles Musangu, der getauft werden wolle. Doch Dr. Rob verweigerte entgegen ihren Erwartungen seine Zustimmung. Mr. Samende und Mr. Willie waren am Boden zerstört. Nun verstanden sie gar nicht mehr, was Nächstenliebe war. Keiner, dem sie es erzählten, konnte diese Entscheidung nachvollziehen. Mit ihrer Enttäuschung kamen sie schließlich zu mir. Was sollte ich dazu sagen? Ich wusste es auch nicht. Ich schüttelte nur verständnislos den Kopf. Fieberhaft versuchten wir, eine Lösung zu finden, denn laut unseres Direktors müsse eine Taufe außerhalb des Krankenhauses stattfinden. Aber wo gab es Wasser in der näheren Umgebung des Krankenhauses? Charles war nicht mehr in der Lage, zum Fluss zu laufen. Da fiel mir ein, dass wir ein großes blaues Fass hatten, das geeignet sein könnte. Alle Beteiligten waren mit dieser Lösung einverstanden und dem Direktor wurde nichts davon gesagt. Und so versammelten sich Freunde und ein paar Verwandte am Nachmittag in Chivolio, dem Patientendorf, um diese ungewöhnliche Taufe mitzuerleben. Das Fass wurde gefüllt und Charles stieg auf einen Stuhl und mit Hilfe der Seelsorger in das blaue Fass und wurde von Mr. Samende getauft. Lieder begleiteten diese für Charles so wichtige rituelle Handlung. Ich war gerührt. Nun fühlte er sich für seinen bevorstehenden Tod vorbereitet. Er lebte nur noch zwei Wochen.
Diese Taufe hat sich so tief in mir eingeprägt, dass ich heute noch die Bilder vor mir sehe. Es war sehr berührend. Jeder, der dieser Tauffeier beigewohnt hatte, wusste, dass diese Taufe für Charles Musangu sehr wichtig war. Mir hat es gezeigt, dass wir den letzten Wunsch eines Menschen, wenn irgend möglich, erfüllen sollten. Gott hatte unsere Ohnmacht und Hilflosigkeit gesehen und uns einen Ausweg gezeigt. Ich bin bis heute dankbar, dass wir ihm diesen letzten Wunsch erfüllen konnten.
Ist es nicht so, dass der Mensch eine Vorahnung für seinen bevorstehenden Tod haben kann und eine Chance hat, sich
darauf vorzubereiten? Diese Taufe bedeutete Charles M. alles. Sie bedeutete für ihn Vergebung und Hoffnung auf ein ewiges Leben.
Zum Buch „Welcome to Africa …, so ist das halt in Afrika“
In dem Buch werden Sie mitgenommen in ein afrikanisches Hüttendorf mit aller Romantik, aber auch Beschwerlichkeit, die das Leben der Dorfbewohner ausmacht.
Sie lesen von unglaublichen Erlebnissen, die es in einer europäischen Welt nicht gibt und werden außerdem mit hineingenommen in den Alltag einer Buschklinik. Familie Schultheiß erlebte die Sambier als aufgeschlossene und überaus freundliche Menschen. Da sie ihre Sprache erlernten, war es ihnen möglich, die Sambier und ihre wirklichen Nöte zu verstehen. In diesem Spannungsfeld sammelte die Familie viele unglaubliche Erlebnisse, die Sie nun hautnah miterleben können.

Autorin
Dr. Rosemarie Schultheiß ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach 16-jähriger Tätigkeit in einem Buschkrankenhaus in Sambia kehrte sie zurück nach Deutschland und arbeitete von 2006 bis 2012 in der de’ignis-Fachklinik in Altensteig und Egenhausen. Von 2012 bis 2015 absolvierte sie ihre Facharztausbildung in Hirsau und Böblingen. Bis zu ihrer Rente arbeitete sie in der Tagesklinik Böblingen.
Dynamische Wechselwirkung. Der Ausleger und sein Text.
Von Prof. Dr. Gerhard Maier, Landesbischof a. D.

Nachruf auf Landesbischof i. R.
Prof. Dr. Gerhard Maier
Mit tiefer Betroffenheit und zugleich in dankbarer Erinnerung nehmen wir Abschied von Altbischof Prof. Dr. Gerhard Maier, der am 4. April 2026 verstorben ist.
Über viele Jahre hinweg war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von de’ignis und hat insbesondere die theologischen Grundlagen unseres Instituts entscheidend mitgeprägt. Sein klares theologisches Profil, seine geistliche Tiefe und seine persönliche Integrität haben unsere Arbeit nachhaltig beeinflusst.
Prof. Dr. Maier war für de’ignis weit mehr als ein Beiratsmitglied: Er war ein verlässlicher Begleiter und ein sorgfältiger theologischer wie geistlicher Ratgeber, dessen Wort Gewicht hatte. Sein Denken war geprägt von der verbindlichen Orientierung an der Heiligen Schrift und dem ernsthaften Ringen um deren Bedeutung für das persönliche Leben.
Wir sind dankbar für sein Wirken, seine Zeit und seine Verbundenheit mit den Anliegen von de’ignis.
Unser Mitgefühl gilt seiner Frau Gudrun Maier und allen Angehörigen. Wir wünschen ihnen Trost und Zuversicht aus dem Glauben an Gottes Verheißungen.
Im Gedenken an ihn veröffentlichen wir erneut einen Beitrag aus dem de’ignis-Magazin (Nr. 48), der exemplarisch Einblick gibt in sein theologisches Anliegen und sein persönliches Zeugnis.
Die Gesellschafter und Geschäftsführer von de’ignis
• Der Ausleger nähert sich seinem Text in Fortsetzung seiner bisherigen Lebensgeschichte. Diese Lebensgeschichte ist nicht nur Hintergrund, ist nicht nur Folie, sondern reale Voraussetzung für den Schritt, mit dem er sich auf den Text zubewegt. Er tut dies nicht als ein möglichst Unbeteiligter oder gar als ein möglichst Distanzierter, sondern in dem Urvertrauen, das ihm die bisherige Begegnung mit der Stimme des lebendigen Gottes im Wort eingeflößt hat. Er tut es unter Gebet.
Sein Gebet zielt darauf, vom selben Heiligen Geist erfüllt zu arbeiten, in dem die Verfasser der Bibel gearbeitet haben.
Er weiß, dass sein Gebet – man denke an Luthers oratio! – ihn nicht vor Fehlern bewahrt. Aber er weiß zugleich, dass er mitsamt seinen Fehlern der Gemeinde dienen kann, für die er zum Ausleger berufen ist. Er weiß, dass sein Gebet für den Lebenszusammenhang mit dem Gott bestimmend ist, der auch in diesem, vielleicht sehr seltsamen, Text mit ihm redet, und dass dieser Lebenszusammenhang für seine Auslegung und deren Frucht entscheidend ist. Er nähert sich dem Text weiter in dem Bewusstsein, dass hier unter Umständen ein Kampf auf ihn wartet. Dies kann ein Kampf zwischen Gott und dem Menschen, also ihm, dem Ausleger, sein.
Er weiß um seine natürliche Entschlossenheit, Gottes Stimme nach seinen eigenen Vorstellungen zu modulieren und zu verändern. Er weiß um die Grenzen seiner Bereitschaft, dies oder jenes zu sehen. Er kennt den Unterschied zwischen seiner Praxis und seinem Auftrag. In alledem erlebt er die tentatio, von der Luther ebenfalls sprach. Er weiß auch, dass jener Kampf sein Verstehen sowohl hindern als auch fördern kann. Es könnte jedoch auch ein Kampf mit dem Bösen auf ihn warten. Die tentatio kann zur Stunde des Versuchers werden.
Seine Fehler können ihre Harmlosigkeit verlieren und zur Verführung werden. Oder es wird ihm vorgespiegelt, dass eine solche Gefahr bestehe. In jedem Falle weiß er, dass Entscheidungen auf ihn warten. Ebenso, wie jedes Denken ein Wollen in sich trägt (Schlatter), ist jeder Gedanke eines Auslegers selbst schon die Folge bestimmter Entscheidungen (Oepke). Insofern besteht jede Exegese aus einem Willensakt. Wir sind damit weit entfernt von der Auffassung von Ulrich Wilckens, derzufolge „eine wissenschaftlich verantwortbare Auslegung der Bibel“ „allein“ in einer solchen Untersuchung der Texte besteht, „die unter methodisch konsequenter Anwendung der historischen Vernunft“ zustande kommt. Was für eine blutleere und abstrakte Auffassung! Eine solche Auffassung bleibt im wörtlichsten Sinne „u-topisch“.
Der Ort einer biblisch-historischen Auslegung ist schließlich gekennzeichnet durch den inneren Umgang des Auslegers mit seinem Text. Wir stoßen hier auf die Spuren dessen, was Luther die meditatio nannte. Unser moderner Begriff der „Meditation“ passt hier allerdings schlecht. Denn nicht das Sichkonzentrieren und Sichversenken des Menschen ist dabei der wesentliche Vorgang, sondern das Über-sich-hinaushören.
Der Ausleger strebt dem Text zu. Er bittet Gott darum, dass er sich öffnen kann, dass seine Beschränkungen überwunden werden. Er weiß, dass er sich öffnen kann, dass seine Beschränkungen überwunden werden. Er weiß, dass er es mit einer Apokalypsis zu tun hat, die sich jeder Arrangierbarkeit entzieht (vgl. Matthäus 16,17). Er wartet gewissermaßen auf den Text. Noch genauer gesagt: Er wartet auf eine Art Parusie des Textes, seine „Ankunft“ bei ihm. „Kommt“ der Text bei ihm nicht „an“, stellt sich diese „Ankunft“ nicht ein, dann bleibt er notgedrungen bei einer philologischen, literarischen oder bestenfalls isoliert-kognitiven „Erklärung“ stehen.

Autor
Prof. Dr. Gerhard Maier (†) war von 2001 bis 2005 Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Zuvor wirkte er als Prälat in Ulm sowie als Studienleiter des AlbrechtBengel-Hauses in Tübingen.
Er war Autor zahlreicher wegweisender Bücher und theologischer Fachveröffentlichungen und lehrte zuletzt als Gastprofessor an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel sowie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Heverlee/Leuven (Belgien).
Prof. Dr. Maier war Mitglied im theologischen Beirat von de’ignis.
Reingehört …
Was berichten Patienten aus der de’ignis-Fachklinik und dem Sozialtherapeutischen Zentrum? Wie erleben sie Gott in ihrem Alltag und in der Therapie?
(Fachklinik) „Gott ist Inhalt in den Therapien. Ein Beispielgespräch mit der Pflegerin: ‚Ich kann vor Jesus meine Masken fallen lassen und jetzt einfach nur sein, ohne etwas leisten zu müssen – wie im Lied „Vor dir“.‘ Ich habe die Liebe Gottes in der bedingungslosen, äußerst wertschätzenden, ermutigenden Annahme sowie die Bejahung von mir als geliebtes Kind Gottes in meinem Herzen spürbar erlebt. Es wurde in jeder Therapie ganz kostbar mit unserer Seele umgegangen. Danke!“
(Fachklinik) „Die Andachten, die von der Klinik organisiert waren, haben mir genauso wertvolle Impulse gegeben wie die Therapiesitzungen. Des Weiteren war auch die Minigruppe, das Gebet unter den Patienten und die von uns selbst organisierten Lob- preisabende für mich sehr kostbar. Alles zusammen hat mich persönlich wieder ein Stück näher zu Gott gebracht und mich aufgebaut.“
(Fachklinik) „Im Rahmen der Therapie begegne ich Gott in vielen einzelnen Situationen, Gesprächen und im Zwiegespräch mit IHM. Gott setzt das zerstörte Puzzle Stück für Stück zusammen – in seinem Tempo … . Aufgrund einiger Ereignisse konnte ich Gott über zwei Jahre nicht mehr spüren, konnte ihn nicht anbeten, keinen Lobpreis hören, geschweige denn selbst Lobpreis machen. Hier hat sich vieles gelöst. Ich konnte mein inneres Kind kennenlernen und bin Gott wieder nah. Danke an alle Therapeuten, Pflege- und Reinigungspersonal, Mitpatienten und Gott für diese Zeit.“
(Sozialtherapeutisches Zentrum) „Im Wohnheim begegne ich Gott zwischen Menschen und Freundschaften. Dabei habe ich erlebt: Dankbarkeit, Glück, Liebe … meine Träume sind erfüllt.“
(Sozialtherapeutisches Zentrum) „Im Wohnheim begegne ich Gott indem immer jemand da ist, der reagiert, wenn man einen Hilfeschrei zu Gott sendet. Und indem ich Gebete sage, die nur ich sage – alle anderen beten anders. Ich habe erlebt, dass die Struktur des Tages wirklich eine Hilfe ist, um nicht abzudriften. Und dass man erlebt, wie es ist, sich wieder zu versöhnen – z. B. nach einem Streit, wenn man selbst und der andere: ‚Tut mir Leid!‘ sagen.“
Sozialtherapeutisches Zentrum
(Sozialtherapeutisches Zentrum)
„Im Wohnheim begegne ich Gott in den wöchentlichen Gottesdiensten (Predigt, Lobpreis, Gebet) und in der persönlichen Beziehung zu Jesus. Dabei habe ich erlebt, wie ich ermutigt und herausgefordert werde vom Wort Gottes, habe die Gegenwart Gottes gespürt und darin seine heilsame Liebe erlebt. Durch Mitar- beiter und Leiter wurde mir sehr viel Gnade entgegen- gebracht und immer wieder gesunde Grenzen gesetzt, die für mich hilfreich waren. Somit habe ich ein Stück vom Herzen Gottes erfahren.“
(Sozialtherapeutisches Zentrum) „Ich habe erlebt, dass ich so sein darf wie ich bin und dass ich Gott mit offenen Armen empfangen darf.“
(Sozialtherapeutisches Zentrum) „Im Wohnheim begegne ich Gott in meiner persönlichen Zeit mit Gott, im Gottesdienst. In einem Gottesdienst z. B. wurde mir bewusst, dass wir alle auf Gnade angewiesen sind und keiner über dem anderen steht. Ich spürte liebevolle Verbundenheit. … In meiner persönlichen Zeit mit Gott in meinem Zimmer erlebe ich, wenn ich Gottes Wort (seine Zusagen und Wahrheiten) lese und es bete, dass der Heilige Geist in meinem Herzen wirkt und es lebendig macht.“
Aktuell •
Fachklinik • Sozialtherapeutisches Zentrum • Institut • Stiftung
In der de’ignis-Fachklinik erhalten Menschen bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen, Ängsten, Zwängen und Burnout, sowohl stationär als auch ambulant oder tagesklinisch eine individuell auf sie ausgerichtete Behandlung. Zusätzlich bietet sie Nachsorge- und Sonderprogramme mit einzelnen Sozialversicherungsträgern sowie verschiedene Präventionsangebote an. ↗ Ab Seite 53
Das Sozialtherapeutische Zentrum von de’ignis nimmt Menschen mit psychischen Erkrankungen und Lebenskrisen auf, die vorübergehend oder langfristig nicht in der Lage sind, selbstständig zu leben. Es deckt die Bereiche des intensiven und teilstationären Heimbereichs, den Wohntrainingsbereich sowie den ambulanten Bereich ab. Dabei bietet es ein umfangreiches sozialtherapeutisches Programm an. ↗ Ab Seite 58
Das de’ignis-Institut bietet seit über 30 Jahren erfolgreich Fortbildung, Schulung, Supervision und Beratung für Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche an, hierbei insbesondere die Fortbildung für Christlich-integrative Therapie. Das Institut bildet eine Schnittstelle zwischen Medizin, Psychologie und Theologie. ↗ Ab Seite 55
Die de’ignis-Stiftung in Polen bietet bereits seit einigen Jahren Seelsorgekurse an und unterstützt den Aufbau eines Netzwerks von Seelsorge-Beratungsstellen. Des Weiteren erhalten Menschen mit psychischen Erkrankungen in der de’ignis-Beratungsstelle in Warschau ambulante Psychotherapie.
Fachklinik
Unterwegs mit unserem de’ignis-Messestand auf der MEHR-Konferenz 2026 in Augsburg

• Zu Beginn des Jahres war de’ignis auf zwei großen christlichen Veranstaltungen mit einem Messestand vertreten: Anfang Januar auf der MEHR Konferenz in Augsburg sowie Mitte Februar beim Willow Creek Leitungskongress in Dortmund. Insgesamt kamen mehrere Tausend Menschen zusammen – aus unterschiedlichen Konfessionen, beruflichen Hintergründen und Lebenssituationen. Beide Veranstaltungen boten Raum für Inspiration, geistliche Impulse, Austausch und persönliche Begegnungen.
Auch an unserem de’ignis-Stand ergaben sich zahlreiche Gespräche. Das Interesse war groß und vielfältig: Betroffene und Angehörige, Ärzte und Psychotherapeuten, Pastoren und Seelsorger, Fortbildungssuchende oder Menschen, die sich beruflich für unsere Arbeit interessieren. Viele nutzten die Gelegenheit, sich über die Möglichkeiten einer psychosomatischen Rehabilitation oder über unsere therapeutischen Angebote zu informieren.
Besonders häufig wurde der Ansatz von de’ignis thematisiert –die Verbindung von fundierter Psychotherapie mit dem christlichen Glauben. Für manche war dies bereits bekannt und geschätzt, für andere eine neue und überraschende
Entdeckung. Immer wieder wurde deutlich, wie dankbar Menschen für ein solches Angebot sind: kompetente medizinisch-therapeutische Hilfe, die den Glauben bewusst einbezieht.
In vielen Gesprächen kamen auch persönliche Lebensgeschichten zur Sprache – geprägt von Belastungen, Krisen und schmerzhaften Erfahrungen. Dabei wurde erneut sichtbar, wie groß die Not im Bereich psychischer Erkrankungen ist. Gleichzeitig war es ermutigend, für Menschen da zu sein, zuzuhören, Orientierung zu geben und Hoffnung weiterzugeben. Besonders bewegend waren die Begegnungen mit ehemaligen Patientinnen und Patienten. Einige berichteten, wie prägend ihre Zeit in der de’ignis-Fachklinik für sie war und dass sie darin eine entscheidende Wende ihres Lebens erlebt haben. Dankbarkeit, Wiedersehensfreude und Wertschätzung für die Arbeit von de’ignis waren deutlich spürbar.
Nach intensiven Tagen, vielen Begegnungen und guten Gesprächen kehrte unser Messeteam dankbar und ermutigt zurück. Was bleibt, ist die Gewissheit: Unsere Arbeit lohnt sich –jeden Tag neu. Sie trägt Früchte, oft auch über das hinaus, was wir unmittelbar sehen können. Hier geschieht seelische Heilung – Gott zur Ehre.
Erfolgreiche
exzellente Qualität in der Rehabilitation bei de’ignis
• Die de’ignis-Fachklinik wurde erneut erfolgreich rezertifiziert und zusätzlich mit dem Qualitätssiegel „Exzellente Qualität in der Rehabilitation (EQR)“ ausgezeichnet. In einem mehrtägigen Audit prüften unabhängige Gutachter des TÜV Rheinland zahlreiche Bereiche unserer Klinik – von der medizinischen Behandlung über therapeutische Angebote bis hin zu Patientenbetreuung und Organisation. Das Ergebnis bestätigt eindrucksvoll, was unsere Patientinnen und Patienten täglich erleben: Bei de’ignis steht der Mensch im Mittelpunkt – mit einer Rehabilitation auf höchstem fachlichem Niveau.
Für unsere Patientinnen und Patienten bedeutet die Qualitätsbewertung vor allem eines: Sicherheit und Vertrauen. Sie können sich darauf verlassen, dass sie in der de’ignis-Fachklinik eine strukturierte, professionelle und zugleich menschlich zugewandte Rehabilitation erhalten. Unsere Behandlungsangebote basieren auf hohen Qualitätsstandards und werden regelmäßig überprüft sowie weiterentwickelt – damit jede Patientin und jeder Patient die bestmögliche Unterstützung auf dem Weg zur Genesung ihrer psychischen Gesundheit erhält.
Hinter der erfolgreichen Re-Zertifizierung steht vor allem das Engagement unseres Teams. Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Pflegekräfte sowie Mitarbeitende in unterstützenden und administrativen Bereichen arbeiten interdisziplinär zusammen, um unseren Patientinnen und Patienten die bestmögliche Rehabilitation zu ermöglichen. Dabei legen wir großen Wert auf fachliche Kompetenz, kollegiale Zusammenarbeit, einer Kultur der gegenseitigen Wertschätzung und klaren Strukturen sowie eine Behandlung, die den Menschen als Ganzes sieht. Gemeinsam verfolgen wir ein klares Ziel: Menschen in schwierigen Lebenssituationen bestmöglich zu begleiten, ihnen Hoffnung und eine neue Perspektive für ihr Leben zu geben.
Das Ergebnis der Re-Zertifizierung ist für uns Bestätigung und Ansporn zugleich. Es motiviert uns, unsere Qualität auch in Zukunft weiter auszubauen, getreu unserem Claim: Kompetenz und Gottvertrauen.
Weitere Informationen zu unseren Behandlungsangeboten erhalten Sie unter www.deignis.de/angebote
Wer bei de’ignis arbeitet, begleitet Menschen in einer wichtigen Phase ihres Lebens kompetent und auf christlicher Basis.
Werde Teil von de’ignis und bewirb dich online. Wir freuen uns darauf, dich kennenzulernen!
Mehr Informationen zu de’ignis als Arbeitgeberin und freien Stellen findest du auf deignis.de/jobs
Illustration:
Institut
Interessante Angebote für Lehrer/innen und Schulsozialarbeiter/innen
Lehrer und Schulsozialarbeiter an Schulen sind heutzutage auf vielfältige Weise stark beansprucht.
Mit dem Wunsch, Sie in Ihren täglichen beruflichen Herausforderungen zu unterstützen, bieten wir Ihnen im Rahmen des de’ignis-Instituts sowie der de’ignis-Fachklinik unter anderem folgende Angebote:
Kollegiale Beratung /Intervision
Gemeinsam Lösungen entwickeln

Fachvorträge und Workshops
Impulse zu aktuellen Themen

Gerne informieren wir Sie näher zu allen Angeboten und beraten Sie individuell.
Wir freuen uns auf den Kontakt mit Ihnen!
Die Kollegiale Beratung ist eine strukturierte Methode zur gegenseitigen Beratung auf Augenhöhe. In festen Gruppen von etwa vier bis acht Personen werden konkrete berufliche Fragestellungen gemeinsam reflektiert und lösungsorientiert bearbeitet.
So entstehen neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten – direkt aus der Praxis für die Praxis.
Gerne begleiten wir Sie dabei, diese Form der Zusammenarbeit an Ihrer Schule einzuführen und nachhaltig zu etablieren.
Unsere Fachkräfte aus der de’ignis Kinder- und Jugendambulanz bieten Vorträge und Workshops zu zentralen Themen wie:
• Kindeswohlgefährdung
• psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen
• Belastungen im pädagogischen Alltag
Die Inhalte werden jeweils auf Ihre Zielgruppe abgestimmt –ob Schülerinnen und Schüler, Kollegium oder Elternschaft –und können flexibel als Vortrag oder Workshop gestaltet werden.
Beratung und Therapie
Raum für Klärung und Stabilisierung

Seminar „Stressmanagement“
Impulse für einen gesunden Umgang mit Belastung
Samstag, den 18. Juli 2026 Egenhausen

Gerade in herausfordernden Zeiten ist es wichtig, gut für sich selbst zu sorgen. Reflexionsgespräche, Beratung oder auch therapeutische Begleitung können helfen,
• belastende Situationen zu verarbeiten,
• neue Orientierung zu gewinnen und
• wieder handlungsfähig zu werden.
Im de’ignis-Institut (Kinder- und Jugendambulanz) bieten wir qualifizierte Sozial- und Lebensberatung an, in der de’ignis-Fachklinik zudem ambulante psychotherapeutische Unterstützung
Dieses eintägige Seminar richtet sich besonders an Schulpädagoginnen und -pädagogen. Es vermittelt konkrete Ansätze, um mit Stress konstruktiv umzugehen:
• Distanz zu belastenden Gedanken gewinnen
• hilfreiche innere Einstellungen entwickeln
• eigene Problemlösestrategien stärken
• Erholung und Ausgleich im Alltag fördern
Das Seminar ist Teil der Fortbildungsangebote zur Christlichintegrativen Therapie (CiT).
Gesundheitskurse
Stressbewältigung und Entspannung im Alltag

Unsere zertifizierten Gesundheitskurse unterstützen Sie dabei, langfristig besser mit Belastungen umzugehen. Die Kosten werden häufig ganz oder teilweise von den Krankenkassen übernommen.
Kurs zur Stressbewältigung
Verschiedene Formate ermöglichen eine flexible Teilnahme:
• 8 Termine als Abendkurs in Präsenz (Egenhausen)
• 8 Termine online (montags, 18:30–20:00 Uhr)
– 08.06. – 27.07.2026
– 05.10. – 23.11.2026
• 2-tägiges-Intensivtraining (auf Anfrage)
Entspannungskurs (Progressive Muskelentspannung)
In acht Einheiten erlernen Sie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen – eine bewährte Methode, um körperliche und seelische Spannungen gezielt abzubauen und im Alltag zur Ruhe zu finden.
Foto: Daiga Ellaby / Caia image
Erfüllung Wir leben
z. B. als Ergotherapeut/in (m/w/d)
de’ignis bietet die besondere Chance, die persönliche Berufung im Gesundheitswesen auf christlicher Basis täglich zu verwirklichen. Mit Leidenschaft und Teamgeist verwandeln wir gemeinsam unsere Arbeit in sinnvoll genutzte Lebenszeit — in einer einzigartigen Arbeitswelt bei de’ignis. Bewirb dich jetzt!
deignis.de/jobs
Wir leben
Sozialtherapeutisches Zentrum

Raum für Gottesbegegnung und Spiritualität im Kontext des Sozialtherapeutischen Zentrums
Von Bernd Storek, Einrichtungsleitung de’ignis-Sozialtherapeutisches Zentrum.
• Wir wollen psychisch erkrankte Menschen dabei unterstützen, ihre spirituelle Identität zu leben. Wenn wir in Kennenlernprozessen herausfinden, warum Personen um eine Aufnahme in unser Wohnangebot anfragen, dann spielt der Wunsch nach einer Berücksichtigung der eigenen spirituellen Bedürftigkeit für viele eine tragende Rolle. Da sie dies explizit zum Ausdruck bringen, werden sie in diesem Anliegen vonseiten ihres Kostenträgers unterstützt und eine entsprechende Gesamtplanung erstellt. Um diesem Handlungsauftrag im konkreten Begleitungsprozess gerecht zu werden, stellen wir entsprechende Unterstützungsangebote und Entfaltungsräume zur Verfügung:
Pädagogisch-spirituelle Gruppenangebote In unseren Gruppenangeboten mit pädagogisch-spirituellen Schwerpunkten haben Bewohner die Möglichkeit, zu beten, zu singen, über den eigenen Glauben ins Gespräch zu kommen oder einer Impulsandacht zu folgen. Das Angebot steht jeden Vormittag (von Montag
bis Freitag) zur Verfügung. Zur Abendzeit findet einmal pro Woche der begleitete Gesprächskreis „Glaube und Spiritualität“ statt. Ergänzt wird dies durch zusätzliche Veranstaltungen anlässlich bestimmter Jahresfeste (z. B. Ostern und Weihnachten). Vereinzelt nutzen Bewohner sogar die Möglichkeit, Impulsandachten selbst vorzubereiten und zu halten, um auf diese Weise eigene stärkende und hoffnungsgebende Glaubenserfahrungen weiterzugeben.
Vorhalten sakraler Räume
Um den jeweiligen Glaubensprägungen und -praxen zu begegnen, bedarf es sakraler Räume. So steht Bewohnern unsere sogenannte „Kapelle“ im Haus rund um die Uhr zur Verfügung. Ergänzend dazu ist fußläufig die tagsüber geöffnete „Dorfkirche“ erreichbar. Regelmäßig lassen sich an diesen Orten Bewohner zum stillen Gebet, zum gemeinsamen Gesang oder zum andächtigen Musizieren antreffen.
de’ignis-magazin – Aktuell – Sozialtherapeutisches Zentrum
Musisch-kreative und musikalische Entfaltungsräume – dem Glauben Ausdruck verleihen
Aus unserer Sicht ist es elementar und heilsam, dass Bewohner ihrer Spiritualität ganzheitlich Ausdruck verleihen können. Innerhalb unserer Tagesstrukturangebote nutzen dafür viele die Möglichkeiten in der Holzwerkstatt, beim Töpfern oder im kreativen Gestalten. Die Bewohner überraschen uns dabei immer wieder mit ihrer bildnerischen Ausdruckskraft. So sind etwa zum Jahresausklang wunderschöne Weihnachtskrippen entstanden. Inspirationsquellen dafür sind unter anderem unsere freizeitpädagogischen und kulturellen Ausflugsangebote, die regelmäßig in kunstvoll gestaltete Kirchen und Klosteranlagen führen.
Innerhalb unserer liebevoll „Wohnheim-Band“ genannten Combo finden sich musikalisch begabte Bewohner und ihre Instrumente wieder. Regelmäßig bereichern und unterstützen sie als Team die oben genannten Gruppenangebote. Für den stimmlichen Ausdruck des Glaubens steht ergänzend der „Bewohner-Chor“ zur Auswahl. Dieser wird regelmäßig von umliegenden Kirchgemeinden eingeladen, um gemeinsam Gottesdienste zu gestalten. Der letzte Einsatz fand bei der sogenannten Vesperkirche in Sigmaringen anlässlich der Auftaktveranstaltung statt.
Förderung selbstorganisierter spiritueller Gemeinschaft
Nach dem Prinzip des Empowerments (Selbstermächtigung) freuen wir uns über Initiative zur gemeinsamen spirituellen Aktivität, die aus der Bewohnerschaft kommt. So können wir beobachten, wie man gemeinsam und selbstorgansiert externe Gottesdienste besucht oder wie Bewohner gegenseitig in ihre Zimmer einladen, um füreinander zu beten und Bibel zu lesen. Gerade in der Corona-Zeit wurden – je nach Auflagen – die ermutigenden Möglichkeiten des Glaubenslebens in selbstgewählten „Zweierschaften“ gerne genutzt.
Berücksichtigung der Spiritualität in der Bezugsbetreuung
Die spirituelle Identität des Bewohners und die damit verbundene Lebensplanung nimmt infolgedessen einen entsprechenden Raum im Begleitungsprozess und den Gesprächen mit dem pädagogischen Bezugsmitarbeiter ein. So haben Bewohner den Wunsch, in der praktischen Entfaltung ihrer Spiritualität gefördert und in der Kontaktaufnahme zu Glaubensgemeinschaften unterstützt zu werden. Deshalb werden im gemeinsamen
Austausch entsprechende Ziele festgehalten, Schritte geplant und die Umsetzung evaluiert. Je nach Assistenzbedarf erfolgt auch eine persönliche Begleitung in die spiritualitätsbezogene Lebenssituation hinein.
Assistenz zur Partizipation an einer Glaubensgemeinschaft
Dem Bedürfnis nach Assistenz zum Anschluss an eine Glaubensgemeinschaft (z. B. eine Kirchgemeinde) begegnen wir vielfältig und vielschichtig.
• Prediger umliegender Kirchgemeinden bekommen die Möglichkeit, Impulsandachten im Rahmen der oben genannten spirituellen Gruppenangebote einzubringen. Sie agieren so als Brückenbauer zum Sozialraum außerhalb der Einrichtung, schaffen Vertrauen und helfen, (Berührungs-)Ängste abzubauen.
• Sonntäglich bieten wir Fahrdienste zu gottesdienstlichen Veranstaltungen in der Region an. Die Bewohner sind dankbar für die Möglichkeit und nutzen sie rege.
• Im Rahmen der Freizeitpädagogik werden begleitete Besuche von themen- oder gruppenspezifischen Veranstaltungen von Glaubensgemeinschaften angeboten (z. B. Männervesper, Frauenfrühstück, Vortragsabend). In diesem Kontext unterstützen wir Bewohner auch, an Formaten wie Gemeindefreizeiten oder Seminarwochenenden teilzunehmen.

Unsere „Wohnheim-Band“ gestaltet ein spirtuelles Gruppenangebot
• Auf Wunsch des Bewohners werden dessen seelsorgerliche Bezugspersonen im Begleitungsprozess einbezogen, um eine ganzheitliche Hilfeplanung zu gewährleisten.
• Wo angestrebt, fördern wir die Integration von Bewohnern in Kleingruppen der Glaubensgemeinschaften (z. B. Hauskreise) und das Einbringen in Form von Ehrenämtern. Aktuell gibt es Bewohner, die sich im Begrüßungsdienst, in der musikalischen Begleitung oder im Kinderprogramm einer besuchten Kirchgemeinde engagieren.
Anstiftung zur Nächstenliebe
Wir verstehen die Berücksichtigung der spirituellen Identität und Bedürftigkeit der Bewohnerschaft in unserer Angebotsstruktur als praktische Umsetzung des Ansatzes von „Spiritual Care“. Spiritual Care erweitert die klassische pädagogisch-medizinische Versorgung um die der seelischen Dimension. Dadurch werden wichtige salutogenetische Prozesse (also Faktoren, die Gesundheit aktiv fördern und erhalten) unterstützt und die Lebensqualität verbessert. Spiritual Care wirkt „nach innen“, aber auch „nach außen“: Bewohner (wieder)entdecken und entwickeln soziale und fürsorgliche Kompetenzen für ein Leben in und mit der Umwelt. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf unsere Hausgemeinschaft und auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander. Somit sind wir als begleitende und die Ganzheitlichkeit des Menschen im Blick nehmende Einrichtung „Anstifter zur Nächstenliebe“.


Der Bewohnerchor begleitet die Eröffnungsveranstaltung der Vesperkirche Sigmaringen
Dem Glauben Ausdruck verleihen – selbst getöpferte Weihnachtsgrippe einer Bewohnerin
Gemeinsam Zukunft gestalten.

Bewerben Sie sich jetzt online auf deignis.de
Als Quereinsteiger*in (Pädagogik) oder Fachkraft im Sozialtherapeutischen Zentrum.
Das de’ignis-Sozialtherapeutische Zentrum nimmt Menschen auf, welche aufgrund einer psychischen Erkrankung aktuell nicht in der Lage sind, selbstständig zu leben. Helfen Sie mit, den Bewohnern des Sozialtherapeutischen Zentrums auf Basis des christlichen Glaubens Hilfe und Heimat zu geben. Die Aufgaben, die Sie dabei erwarten sind anspruchsvoll, vielseitig und bieten Ihnen die Möglichkeit, Ihre Berufung zum Beruf zu machen.
Eine pädagogische Vorausbildung ist nicht notwendig. Ergänzend suchen wir auch regelmäßig Fachkräfte im Bereich Pädagogik und Sozialarbeit, sowie Pflege und Ergotherapie
Interessiert? Lernen Sie uns als Einrichtung und das Mitarbeiter-Team kennen. Nutzen Sie die Chance, Ihre persönliche Berufung bei uns zu finden. Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung!
Der Kurseinstieg ist jederzeit möglich, da die Lehreinheiten regelmäßig in weiteren Zyklen im Tabor Schulungszentrum wiederholt werden.
Teilnehmerstimmen
Themenübersicht zum Kurs in begleitender Seelsorge
(Alle Verfasser sind der Redaktion bekannt)
„Die Hauptreferenten haben spürbar ein Herz für psychisch erkrankte Menschen – und egal mit wem man spricht, ist alles in Liebe eingebettet. Das erlebe ich sonst nirgends.“
„ Ich habe an diesen Abenden unglaublich viel gelernt – nicht nur im Kopf, sondern vor allem im Herzen. Es sind für mich Momente, die mich zum Nachdenken bringen, mir neue Perspektiven eröffnen und tief in meinem Inneren etwas bewegen. Dieser geistliche Auftakt ist für mich zu einem echten Wendepunkt geworden: Er hat eine persönliche Entwicklung in mir angestoßen, mein Bewusstsein gestärkt und mir neue Impulse für meinen Alltag geschenkt. Ich habe oft viel mehr mitgenommen, als ich erwartet hätte – nicht nur Wissen, sondern echte Veränderung.
Ich bin unendlich dankbar für diese Erfahrungen. Wenn du auf der Suche nach Inspiration, persönlichem Wachstum und einer tieferen Auseinandersetzung mit dir selbst bist, kann ich dir diesen Kurs von Herzen empfehlen.“
„Die starken Inhalte des Kurses haben mich nachhaltig geprägt. Besonders wertvoll war für mich der direkte Praxisbezug zum Alltag. Ich konnte vieles unmittelbar in meinem eigenen Leben anwenden und habe dadurch echte Veränderung erlebt.
Für mich ist dieser Kurs weit mehr als nur eine Ausbildung. Er ist gleichzeitig ein Weg der Persönlichkeitsentwicklung geworden, auf dem ich mich selbst besser kennenlernen und wachsen durfte.
Ich kann den Kurs von Herzen jedem empfehlen – sowohl als fundierten Ausbildungsweg als auch als wertvolle Investition in die eigene persönliche Entwicklung.“
Kursleitung: Winfried Hahn
Teamleitung: Dagmar Göhring
Fachliche Beratung: Dr. med. Herbert Scheiblich
Unter Mitwirkung von: Dr. med. Friedrich Böhme, Dr. med. Ute Horn, Helge Lack, Norbert Monschau, Marianne Burau
Seminar 1 • Biblische Perspektiven für seelsorgerliches Handeln
• Psychische Erkrankung und Lebenskrisen
• Transaktionsanalyse als Kommunikationsmodell
Seminar 2 Methodische, inhaltliche und juristische Rahmenbedingungen seelsorgerlicher Gesprächsführung
Seminar 3 • Psychische Krankheitsbilder einordnen und verstehen lernen
• Psychisch krank trotz Glaube?
• Unterscheidung von Normalpathologie und Psychopathologie
Seminar 4 Darstellung der gängigen Therapieschulen und ihre Behandlungsverfahren aus christlicher Sicht
Seminar 5 Freundschaft, Liebe, Sexualität – im Jugendalter und in der Ehe
Seminar 6 Biblisches Menschenbild (Anthropologie), Therapie des Herzens, umfassende Konzeption biblischer Seelsorge, Hören auf Gott
Seminar 7 Innere Heilung durch Klärung der Beziehung zu Gott, zum Du (Mitmenschen) und zum Ich (zu mir selbst) in Vergangenheit und Gegenwart
Seminar 8 Identitätsentwicklung und -störungen, Auswirkung auf die Persönlichkeit
Seminar 9 Persönlichkeit des Seelsorgers, Fähigkeit zur Selbstreflexion, Selbstkritik und Introspektion
Seminar 10 Umgang mit Leid, Theodizee-Problematik, Burn-out und andere Belastungsstörungen
Kompetenz. Und Gottvertrauen.
Kurs in begleitender Seelsorge
Der Kurs in begleitender Seelsorge von de’ignis ist eine unverzichtbare Schulung für Menschen, die anderen in schwierigen Lebenssituationen zur Seite stehen möchten. Fachlich qualifiziert, theologisch reflektiert und praxisorientiert lernen Sie, Menschen in Lebenskrisen, seelischen Nöten und psychischen Erkrankungen kompetent und biblisch fundiert zu begleiten.
Lebenskrisen sind Phasen, die fast jeder – mehr oder weniger intensiv – im Laufe seines Lebens durchlebt. Hierbei ist eine einfühlsame Begleitung aus Empathie und Lebenserfahrung entscheidend. Der Kurs vermittelt die dafür notwendigen Reflexionsprozesse und Selbstreflexionsübungen.
Seelische Nöte gehören ebenfalls zum Erleben vieler Menschen. Der Kurs zeigt auf, wie man sie bewältigen kann und welche Hilfen im Bereich der Seelsorge und Therapie zur Verfügung stehen. Angesichts der steigenden Zahl von Menschen mit behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen wird auch die Rolle der Seelsorge als besonderes und wirkungsvolles Hilfsangebot beleuchtet.
Der Seelsorgekurs ist nicht nur für Helfende und solche, die es werden möchten, geeignet, sondern auch für Angehörige und Betroffene selbst. Entdecken Sie die Möglichkeiten und Chancen, die in dieser wichtigen Form der Unterstützung liegen!
Termine für 2026 / 2027
Seminar 10 | 24. – 25. Juli 2026
Umgang mit Leid, Theodizee -Problematik; Burnout und andere Belastungsstörungen
Seminar 1 (Neustart) | 20. – 21. November 2026
Biblische Perspektiven, psychische Krisen und Transaktionsanalyse – ein Seminar, das seelsorgerliches Handeln fundiert und praxisnah stärkt.
Seminar 2 | 26. – 27. Februar 2027
Methodische, inhaltliche und juristische Rahmenbedingungen seelsorgerlicher Gesprächsführung
Alle Seminartermine für 2026 und 2027 sind online auf www.deignis.de unter Veranstaltungen zu finden.
Der Kurseinstieg ist jederzeit möglich, da die Lehreinheiten regelmäßig in weiteren Zyklen im Tabor Schulungszentrum wiederholt werden.
Veranstaltungsort
Tabor Schulungszentrum für Pastoraltheologie, Seelsorge und Erweckung
Sigmaringer Straße 64 • 72474 Winterlingen info@tabor- schulungszentrum.de
Weitere Infos und Termine auf deignis.de/fortbildung/ seelsorge - schulung



de’ignis-Fachklinik
Fachklinik auf christlicher Basis für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
Stationäre medizinische Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen, ambulante und teilstationäre Rehabilitation und Behandlungen, Sanatoriumsbehandlungen, Nachsorge IRENA und Psy-RENA, Prävention und Vorsorge, Berufsbegleitende Reha, de’ignis-Kompakt
de’ignisSozialtherapeutisches Zentrum
Sozialtherapeutisches Zentrum mit Angeboten der Eingliederungshilfe nach christlich-integrativem Konzept.
Wohngruppen (besondere Wohnform), Tagesstrukturierende Angebote (z. B. Holzwerkstatt, kreatives Werken, Hauswirtschaft, Büro- und IT-Training), Individuelle Betreuung, Freizeitpädagogik, ambulant betreutes Wohnen
de’ignis-Institut
Institut für Psychotherapie und christlichen Glauben
Kurs in begleitender Seelsorge, Vernetzung von Fachleuten, Fortbildung in Christlich-integrativer Therapie, Coaching, Supervision, ambulante Beratung für Erwachsene, Sozialpädagogische Beratung für Kinder /Jugendliche / Familien, weitere Angebote zur Prävention
de’ignis-Stiftung Polen
Christliche Stiftung mit Einzel- und Gruppenangeboten
Schulungen in pastoralpsychologischer Seelsorge und christlichintegrativer Psychotherapie, Aufbau von Beratungssstellen