Skip to main content

Spektrum Herbst/Winter 2023

Page 1

Im Fokus

Ich gestalte mich in die Welt für dich

Spektrum

Die Mitteilungen der Rudolf Steiner Schule Zürich

Aus dem Schulleben

Herbst/Winter

23

Wie lernen Kinder das Schreiben und Lesen?

Innen und Aussen

Aus dem Vorstand

Die Gründung des Kollegiumsvereins – ein Meilenstein

Gelebte Gemeinschaft: Engagiert euch!

1


Eingangstür zur Weihnachtszeit


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser !

Vertrauensvolle Beziehungen und eine gelebte Gemeinschaft sind wichtige Säulen für eine gesunde Entwicklung und unser Wohlbefinden – egal ob jung oder alt. Im Fokus stellt uns Henrik Löning den pädagogischen Ansatz der Resonanzbeziehung vor, der die Beziehungsbildung als Grundsatz hat. Wohin führt uns die Waldorfpädagogik, und wohin will ich mit der Waldorfpädagogik? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die TeilnehmerInnen der September-Tagung des Seminars Atelierschule. Jean-Claude Baudet gibt uns in seinem Artikel einen Einblick in die Workshops dieser Tagung. In der Rubrik «Im Fokus» erkennt Dr. med. Michael Seefried ein gutes Potenzial der heutigen Jugend für die heutige Welt und appelliert an uns Erwachsene, (noch) mehr auf die Impulse der Kinder und Jugendlichen zu achten. Vor den Sommerferien hat Xokonoschtletl Gòmora, ein traditioneller Tänzer und Aktivist aus Mexiko, unsere Schule besucht und den SchülerInnen der Oberstufe einen Einblick in die Kultur seines Volkes, seinen Kampf um die präkolumbianische Federkrone sowie in die Rituale und Tänze der Azteken gegeben. Stefanie Wolff-Heinze und Beat

Richert waren dabei und schildern ihre Eindrücke und Erkenntnisse aus dem anschliessenden Gespräch mit «Xoko». Unglaubliche 50 Jahre lang hat die Pianistin Marlies Gutknecht Nussbaum an unserer Schule als Eurythmiebegleiterin gewirkt und somit viele Kinder und Lehrpersonen erleben und musikalisch begleiten dürfen. In der Rubrik «Aus dem Schulleben» blicken wir mit dieser beeindruckenden, warmherzigen Persönlichkeit auf ihr ehrenamtliches Engagement zurück. In der Rubrik «360 ° um die Schule» beschreibt Jonathan Keller eine Verschärfung der sozialen Ungleichgewichte in unserer Gesellschaft und erläutert, wie die Dreigliederung des sozialen Organismus durch die Finanzierung freier Bildung und Erziehung, freier Kunst, Medizin, Therapie, Religion und Wissenschaft hier entgegenwirken könnte. Eine bunte und vielfältige Ausgabe liegt vor Ihnen: Ich wünsche Ihnen viel Lesevergnügen und würde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen am ersten Adventswochenende an unserem Weihnachtsbazar begegnen dürfte. Birgit Purainer

3


t l a h In

Spektrum

Bildnerisches Gestalten, 9. Klasse

4

Rudolf Steiner Schule Zürich


Im Fokus

Menschen an unserer Schule

06

Ich gestalte mich in die Welt für dich Anregungen aus der Resonanzpädagogik: Henrik Löning über die Fähigkeit der «Anverwandlung»

08

Waldorfpädagogik – Einblick und Ausblicke Jean-Claude Baudet berichtet von der September-Tagung des Seminars Atelierschule.

24 Anfänge und Abschiede Wir heissen Sophie Schulthess, Stephanie Hächler Hess und Leo Faes herzlich Willkommen und sagen «Auf Wiedersehen» zu Franck Gigon, Matthias Lincke, Friederike Jaklin, Melinda Schmid und Jill Schumacher.

10 Der Kampf um Krone und Identität Die Rückführung einer heiligen Federkrone in die Heimat ist seine Lebensmission: Stefanie Wolff-Heinze über ihre Begegnung mit Xokonoschtletl Gòmora 12

16

17

Pachamama über allem «Räder zu nutzen, wäre eine Beleidigung für die Sonne.» Der bewegende Vortrag des mexikanischen Aktivisten Xoko hat nicht nur die Oberstufe, sondern auch Beat Richert beeindruckt. Identitti «Ein Plädoyer für die Humanität»: Sibylle Rohdich stellt den vergnüglichen Roman von Mithu Sanyal vor. Kinder und Jugendliche heute Sie sind «gspüriger» und können der Schulentwicklung wertvolle Impulse geben: Dr. med. Michael Seefried über die Wünsche der jungen Generation für eine Neugestaltung des Schulalltages

Innen und Aussen

22 Ein Meilenstein ist gesetzt: Die Gründung des Kollegiumsvereins Maya Killer und Birgit Purainer berichten vom intensiven Prozess der Organisations­ entwicklung an unserer Schule.

Aus dem Schulleben

31 Sehen und Hören als Grundlage für das Erlernen von Schreiben und Lesen Wie Kinder diese Kulturtechnik «erobern» und welche Ursachen zu einer LeseRechtschreib-Störung führen können, erläutert Birgit Purainer. 34 «Ich bin froh, dass ich an dieser Schule etwas Sinnvolles beisteuern konnte!» Die Konzert-Pianistin Marlies Gutknecht Nussbaum blickt zurück auf ihr fünf Jahrzehnte dauerndes Engagement als Eurythmie-Begleiterin. Aus dem Vorstand

38 Gelebte Gemeinschaft «Das Fundament unserer Schule ist eine starke Schulgemeinschaft!» Yvonne Stemmle, Vorstandsmitglied des Schulvereins, über die vielfältigen Möglichkeiten des elterlichen Engagements 360 o um die Schule

42 Die confoedera Bodentreuhand-Gesellschaft Jonathan Keller engagiert sich seit Jahren dafür, dass alle Menschen Anspruch auf Grund und Boden als Gemeingut haben. Impressum

5


Im Fokus

«Ich gestalte mich in die Welt für dich» Anregungen aus der Resonanzpädagogik Text: Henrik Löning (Lehrer für Bildnerisches Gestalten, Atelierschule Zürich, und Leitung Seminar Atelierschule)

In meinem schulischen Alltag gewinne ich den Eindruck, dass vorwiegend ein ressourcenorientierter Unterrichts­ ansatz verfolgt wird. Das dialogische Prinzip beschränkt sich meist auf eine persönliche Beziehungsebene zwischen Lehrperson und SchülerInnen. Beim Lesen der Autoren Jens Beljan und Wilfried Sommer wird deutlich, dass Beziehungsfähigkeit in der Pädagogik weit über das zwischen­ menschliche «Wir-haben-es-gut-miteinander» hinausgeht. Sie erstreckt sich neben der Beziehung zu den Lehrpersonen über stoffliche und methodische Beziehungen bis zur Klassendynamik und zur Gestaltung des Klassen­ zimmers und der Pflege desselben. Dem ressourcenorientierten Ansatz in der Pädagogik wird ein neuer Begriff entgegengestellt: Resonanzpädagogik.

Unter Resonanzpädagogik versteht Hartmut Rosa eine Form des Schulwesens und des Unterrichtes, bei der die Beziehung selbst im Mittelpunkt steht. Beziehungen spielen meiner Kenntnis nach oft eine zentrale Rolle in erfolgreicher Pädagogik. Doch was ist nun das Neue an der «Resonanzpädagogik»? Jens Beljan erläutert in seinem Buch «Schule als Resonanzraum und Entfremdungszone» detailliert die Resonanzpädagogik auf der Grundlage von Rosas Resonanzbegriff. Man könnte annehmen, dass das Gegenstück zur Resonanzpädagogik die Entfremdung wäre – doch für Beljan ist dies nicht der Fall. Der Moment der Entfremdung ist geradezu notwendig, um einen Lern- und Wandlungsprozess zu durchlaufen. Resonanzpädagogik zielt auf die Fähigkeit der «Anverwandlung» ab: «Die Resonanzbeziehung zielt darauf ab, Anverwandlung zu initiieren, und dafür ist es notwendig, junge Menschen zunächst ein Stück weit von ihren gewohnten Bezügen zur Welt zu entfremden, um sich neuen potenziellen Resonanzachsen gegenüber neu zu positionieren.» 1

6

So interpretiere ich die Ansätze der Resonanzpädagogik als Hilfestellung, um eine dialogische und positive Verbindung zur Welt herzustellen, in der die Fähigkeit zur eigenen Gestaltung und die Ausrichtung, das Ziel und der Sinn der eigenen Tätigkeit zum Tragen kommen. In Resonanz zu sein bedeutet, immer wieder eine neu auszulotende Stimmigkeit zu finden, die von den Lehrpersonen und SchülerInnen gefordert wird. Der Kinder- und Jugendtherapeut Henning Köhler sprach von einem sehr ähnlichen Prozess, den ich für mich in folgenden Leitsatz übersetzt habe: «Ich gestalte mich in die Welt für dich.» Der Gedanke der Resonanz ist in der Pädagogik nichts Neues. Die Resonanzpädagogik geht jedoch von einem umfassenden Primat der Beziehung aus. Sie setzt nicht beim Selbst, der (sozialisierten) Welt, bei Methoden oder Schulformen an, sondern beim «Dazwischen». Die Möglichkeiten der Beziehung werden in den Mittelpunkt gerückt – mit dem Ziel, Begegnungen mit der Welt und die eigene Selbstwerdung anzuregen und zu verstärken. Jens Beljan geht in seinem Buch neben

Rudolf Steiner Schule Zürich


dem theoretischen Überbau auch sehr konkret und umfassend auf zahlreiche Anregungen und Beispiele ein, so dass das Buch für interessierte Lehrpersonen, die Beziehungen in der Schule neu denken wollen, anregend ist.

Sie schlagen den Grundton ihrer Weltbeziehung an.»2 Seine Ausführungen zum Willen, die diesen nicht als kognitive Steuerung, sondern als Beziehungskraft auffassen, verdienen eine vertiefte Betrachtung.

Wilfried Sommer greift in seiner Essaysammlung «Resonanzfiguren des verkörperten Selbst» Gedanken von Hartmut Rosa und Jens Beljan auf und erweitert sie aus phänomenologischer und waldorfpädagogischer Sicht. Sommer konzentriert sich in seinen Skizzen auf didaktische Momente tatsächlichen Unterrichtsgeschehens, die er vor allem mit anthropologischen Begriffen von Thomas Fuchs und Rudolf Steiner betrachtet. Dabei erkundet er insbesondere die verschiedenen Ebenen des personalen Erlebens der SchülerInnen und ihrer objektivierenden Erkenntnisbildung: «Jedes Mal, wenn Schülerinnen und Schüler den Übergang zwischen einer personalistischen und einer objektivierenden Einstellung in die eine oder andere Richtung produktiv realisieren, überschreiten sie eine Schwelle, die fundamental für ihre Weltverbindung ist.

Beiden Autoren geht es darum, umfassende Möglichkeiten und Angebote zu schaffen, damit Schülerinnen und Schüler in allen Bereichen eines komplexen Schulbetriebes in Resonanz treten können. Es geht um die Förderung einer Schule, die hohe «Beziehungsqualitäten» aufweist. In diesem Zusammenhang bieten ihre anregenden Studienbücher

eine sehr interessante Möglichkeit, sich mit dem Thema der Resonanz auseinanderzusetzen, und können auch nur in Ausschnitten gelesen werden.

Literatur: 1 Jens Beljan / Michael Winkler, Resonanzpädagogik auf dem Prüfstand. Über Hoffnungen und Zweifel an einem neuen Ansatz, Beltz, Weinheim 2019, S. 104. 2 Wilfried Sommer, Resonanzfiguren des verkörperten Selbst. Essays zu anthropologischen Entwürfen der Waldorfpädagogik, Beltz-Juventa, Basel 2021, Seite 116

7


Im Fokus

Waldorfpädagogik – Einblicke und Ausblicke Tagung des Seminars Atelierschule – Seminar für anthroposophische Jugendpädagogik Text: Jean-Claude Baudet (Oberstufenlehrer und Mitglied der Seminarleitung)

Mitte September wagte sich das Seminar Atelierschule an eine Grundsatz-Tagung heran und stellte den Beteiligten die Doppelfrage: Wohin führt uns die Waldorfpädagogik? Und: Wohin will ich mit der Waldorfpädagogik? Mit diesen Fragestellungen wurde ein weites Feld geöffnet, und die Anwesenden durften an diesen zwei Tagen zahlreiche Anregungen zum individuellen Weiterforschen als auch einige Verunsicherungen mit nach Hause und in den beruflichen Alltag – eben in die Waldorfpädagogik – mitnehmen:

Tagungsgestaltung entsprach diesem Prinzip mit Einzelimpulsen einerseits und seminaristischer Gruppenarbeit andererseits. Die drei impulsgebenden Dozenten rangen in ihren Ausführungen ebenfalls damit, die Mitte zwischen den beiden Fragen auszuloten und füllen zu können.

Waldorfpädagogik – ein Feld der ständigen Forschung und ein Füll­ horn von Anregungen

Tomáš Zdražil (Lehrer, Publizist und

Waldorfpädagogik – ein Feld stetiger Zweifel und Verunsicherung, dabei Bewusstsein und Selbstwirksamkeit fordernd und fördernd Die beiden Fragestellungen repräsentierten auch ein Grundprinzip des Lebens – dasjenige der Polaritäten, die in sich eine Mitte enthalten, die ein suchendes, forschendes, erwägendes und auch immer wieder verwerfendes Erkennen erfordern. Und auch die

8

Dozent) kam auf die grundlegende Dreiheit von Körper, Seele und Geist zu sprechen, die er wie folgt darstellte: • Die körperliche Arbeitskraft – der menschliche Körper – ist so gestaltet, dass sie zum Handeln, TätigSein berufen ist. Die Pädagogik soll den Körper erziehen, ihn entwickeln, fördern und fordern. Dies wird vielerorts mit dem Begriff der Handlungspädagogik beschrieben. Infolgedessen soll das Kind auf vielfältigste Art körperlich tätig sein können – vom Spiel über das Handwerk und die erdgestaltende Arbeit bis zur Kunst. • Die Innigkeit im Seelischen, also die eigentliche Menschlichkeit und Menschenwürde. Diese bedarf der

Anleitung (nicht der Erziehung) – ganz im Sinne des Zitates von Novalis, dass «der echte Lehrer ein Wegweiser sei». • Die Helligkeit im Geiste, wie es nur dem menschlichen Ich möglich ist. Hier geht es konkret um die Individualität des Menschen. Die geistige Entwicklung des Heranwachsenden darf nicht gestört werden – der Weg zum Geiste muss selbst gefunden und natürlich ermöglicht werden. Und wieder das Prinzip: Das Erziehen und das Freilassen als Polaritäten – das Anleiten als Mitte.

Daniel Baumgartner (Lehrer an der

Freien Mittelschule FOS in Muttenz) stellte die Tagungsfragen als grammatische Polarität in den Raum: Ist die Waldorfpädagogik Subjekt oder Objekt? Als Subjekt wäre sie die Handelnde und ich als Pädagoge der Behandelte, als Objekt wäre ich handelnd und die Pädagogik «der Klotz am Bein», wie Baumgartner dies salopp formuliert. In die Mitte von Subjekt und Objekt stellte er die Beziehung zwischen Lehrperson und SchülerIn und formulierte diese Zusammenarbeit grossartig als «Beziehung zwischen zwei gleichgestellten Menschen, die sich zeitverschoben inkarniert haben» dar. Der jugendliche Mensch ist dabei ein leiblich-seelisches, der Erwachsene ein geistig seelisches

Rudolf Steiner Schule Zürich


Wesen. Und dazwischen bildet sich ein Zwischenwesen: ein neuer, zukünftiger Mensch. Wie heisst es doch sinngemäss im Neuen Testament: «Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.»

Valentin Wember (Publizist und Do-

zent), bei dem der Schreibende im Tagungskurs war, ging ebenfalls auf die Dreiheit von Körper-Seele-Geist ein und brachte dazu den Begriff der Selbstlosigkeit ins Spiel: • Die Organe des menschlichen Körpers funktionieren selbstlos; kein

gesundes Organ käme auf die Idee, sich selbst bevorteilen zu wollen. Und Wember sieht diese Selbstlosigkeit als Grundprinzip für das gesunde, zukünftige Handeln der Menschheit. • Das Seelische muss ebenso selbstlos werden wie die physischen Organe. Ich fühle mit dir, aber nicht, weil ich mich damit hervortun will. • Und es gilt auch für das Geistige: Alles Urteilen sollte auf dieser Grundlage der Selbstlosigkeit gedeihen – eine hohe und schöne Aufgabe, die der heutigen Zeit der (Ver-)Urteilskultur diametral entgegengesetzt scheint. In Bezug auf die Waldorfpädagogik kam Wember auf den künstlerischen Unterricht zu sprechen. Rudolf Steiner formulierte, dass wir «Erziehungskünstler» sein müssten, um den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen gerecht werden zu können. Konkret führte er –

insbesondere für den Epochenunterricht – die folgenden Qualitäten des pädagogisch künstlerischen Tuns auf: Der Unterricht muss • Atem haben (Einatmen – Ausatmen im Wechsel); • eine Entwicklung, Steigerung zu einem Höhepunkt enthalten; • seelisch anregend und bereichernd sein; die Seele muss mitschwingen (wichtig ist hierbei die Musik!); • eine geistig-moralische Ansprache aufweisen (ohne moralisch zu wirken und ohne dahinzuplätschern).

Als Ziel der Waldorfpädagogik formulierte Valentin Wember, dass der jugendliche Mensch am Ende seiner Schulzeit die Empfindung haben sollte, dass er eine wichtige Lebensaufgabe vor sich hat. Zusammengefasst darf Waldorfpä­dagogik auch so gesehen werden: Wir arbeiten aus der Vergangenheit heraus in der Gegenwart des Kindes bzw. des Jugendlichen an dessen Zukunft. Und dies muss selbstlos geschehen. Denn Dank und Bestätigung (die wir doch gerne hätten) erfolgen oft erst in der Zukunft – manchmal sogar erst nach Jahrzehnten, wenn man auf der Strasse von einer fremden und doch irgendwie bekannten Person angesprochen wird, die sich für die weit zurückliegende pädagogische Arbeit bedankt. Zuletzt blieb noch die Frage im Raum: Was bliebe übrig von der Waldorfpädagogik, wenn sie verschwinden oder gar

verboten würde? Zwei Qualitäten, die die Pädagogik prägen, würden gemäss Wember auf jeden Fall überleben: • Die Kraft des Erkennens der Wesenhaftigkeit der Kinder und Jugendlichen durch das phänomenologische Betrachten und Arbeiten mit den SchülerInnen – also die Menschenkunde, die Menschenerkenntnis. • Die Initiativkraft des Menschen, in Liebe und mit Interesse dem Gegenüber begegnen zu wollen. Zur Initiativkraft des Menschen abschliessend eine kurze Geschichte: Ein Onkel von Valentin Wember kämpfte in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts gegen den Totalitarismus. Lange konnte er sich der Festnahme durch die Nazi-Schergen dank seiner geschickten Dialektik erwehren. Doch eines Tages wurde er gefasst und kam in ein Konzentrationslager, wo er in einem kleinen, engen Raum ohne jede Beschäftigungsmöglichkeit gefangen gehalten wurde. Da besann er sich auf die Kraft, die ihm niemand nehmen konnte: Die Initiativkraft des Menschen. Er begann, gegenüber seinen Wärtern und seinen Mitgefangenen (die er nur hörend wahrnehmen konnte) möglichst viel Liebe zu empfinden, und stellte sich als deren persönlicher Engel vor. Eines Tages sprach ihn ein Wärter an, warum er stets so fröhlich und voller Elan sei. Als das Nazi-Regime zu Ende ging und die Gefangenen hingerichtet wurden, ermöglichte ihm dieser Wärter die Flucht in die Freiheit.

«Diese neue Schule soll wirklich hineingestellt werden in dasjenige, was gerade in unserer Gegen­ wart und für die nächste Zukunft von der Entwi­ ckelung der Menschheit gefordert wird.» Rudolf Steiner bei der Eröffnungsfeier der Freien Waldorfschule Stuttgart

In diesem Sinne wünsche ich uns allen täglich viel Initiativkraft und das Gelingen des menschenkundlichen Erkennens!

9


Im Fokus

Der Kampf um Krone und Identität Der mexikanische Aktivist Xokonoschtletl Gòmora zu Besuch an unserer Schule Text: Stefanie Wolff-Heinze

Begibt man sich im World Wide Web auf die Suche nach Xokonoschtletl Gòmora bzw. «Xoko», wie er sich in Kurzform nennt, finden sich viele Funktionen, die das Schaffen dieser einzigartigen Persönlichkeit kennzeichnen: mexikanischer traditioneller Tänzer, Trommler der Azteken, Reiseleiter, Buchautor, Ehrenmitglied im Ältestenrat der indigenen Völker Mexikos, Aktivist und Neoschamane. 1951 unter dem Namen Antonio Gòmora in Mexiko geboren, wurde er bereits in jungen Jahren Anführer einer indigenen, aztekennahen Bewegung. In dieser Funktion kämpft er seit über 40 Jahren darum, eine im Wiener Weltmuseum aufbewahrte präkolumbische Federkrone wieder in seine Heimat überführen zu können. Beim Besuch unserer Schule und einem Treffen mit SchülerInnen der Oberstufe erzählt Xoko von den Bräuchen der Azteken und warum die Krone eine so immense Bedeutung für sein Land und ihn hat! Was bedeutet dieser fast unaussprechliche Name Xokonoschtletl eigentlich? Er selbst erklärt ihn so: «Xoko steht für sauer bzw. bitter, Nosch für Kakteenfeige und Tletl für Feuer. In Anlehnung an die tiefen Wurzeln des Feigenkaktus bedeutet mein Name: Der, der sehr tiefe Wurzeln hat und sich dadurch ernähren und überleben kann – auch wenn der Boden sehr karg und trocken ist.»

Rückkehr der heiligen Krone als Lebensmission

Die tiefe Verwurzelung mit seiner Heimat und seinem Volk lässt Xoko seit über vier Jahrzehnten unbeirrt an seiner Lebensaufgabe festhalten: Damals brach er als junger Mann sein Studium ab, wurde Aktivist, gründete den Kulturverein für Völkerverständigung Yankuik Anahuak International und war für einige Jahre Sprecher des Weltrates der indigenen Völker (World Council of Indigenous Peoples). Im Mittelpunkt seiner Mission stand dabei stets der Kampf

10

um die Rückgabe der heiligen Federkrone des neunten Kaisers der Azteken, Montezuma Xocoyotzin, an sein Volk. Die mit 400 Federn und Gold verzierte, heilige Krone, die 1521 im Zuge der spanischen Eroberung geraubt und im 16. Jahrhundert von den Spaniern an die Habsburger verschenkt wurde, soll – so das Ziel des 72-Jährigen – bis zur 700-Jahr-Feier von Mexiko City in die Heimat zurückehren: Die Stadt wurde 1325 von den Azteken gegründet; insgesamt 2 Millionen Azteken und 1,5 Millionen Mayas leben heute – so erläutert Xoko – in Mexiko.

Impuls zur Umkehr in der mexikanischen Gesellschaft

Warum setzt sich Xoko so beharrlich dafür ein, dass das Weltmuseum in Wien die Federkrone zurückgibt? «Mexiko hat viele Probleme: Diebesbanden, Gewalt und Drogen machen das Leben gefährlich. Diese Krone, deren Federn von einem Vogel namens Kizali (steht für «Weisheit»)

stammen, wird ein Umdenken in meiner Heimat anstossen, denn sie hat eine höchst spirituelle und ideelle Bedeutung für die mexikanischen Ureinwohner. Sie ist das Symbol für die Wiederkehr des Geistes ihres Herren.»

Eine Reise um die Welt

Xoko hat mittlerweile sehr viel Lebenszeit in diese Mission gesetzt: Drei Monate des Jahres tingelt er von Land zu Land, hat mittlerweile 47 Nationen bereist, vier Sprachen erlernt und spricht vor nationalen Parlamenten ebenso wie vor der UNO, mit dem Dalai Lama ebenso wie mit Papst Johannes Paul II. Das Geld ist immer knapp, denn seine Mission wird von keiner Organisation bezahlt. Er finanziert seine Reisen aus dem Verkauf seiner insgesamt elf Bücher sowie aus Spenden. Jedoch: «Meine Zufriedenheit und Freiheit sind mehr wert als alles Geld!»

Rudolf Steiner Schule Zürich


Mexiko – Hölle und Paradies zugleich

Das Heimweh ist bei seinen weltweiten Reisen sein stetiger Begleiter, denn zuhause warten in einer Hütte im Regenwald neben seiner Ehefrau auch seine beiden Kinder, 8 und 29 Jahre alt, auf ihn. Wenn er in seiner Heimat ist, verdient er seinen Lebensunterhalt als staatlich geprüfter Reiseleiter und führt die Touristen u.a. an karibische Strände und an Kraftorte der Maya in den Tropen. «Mexiko ist Hölle und Paradies zugleich», erwidert Xoko, wenn man ihn nach seiner Heimat fragt. Möchte man die Hölle verwandeln, braucht es – so erklärt der engagierte Aktivist – eine Veränderung im Kopf wie auch im Herzen: «Wenn die Federkrone zurückkommt, wird mein Volk seine Identität nochmals neu erkennen.» Sie wird – so seine Erwartung – als kleine Flamme ein grosses Feuer entfachen und dafür sorgen,

dass jede Mexikanerin und jeder Mexikaner wieder für sein Land kämpfen. «Sie werden sich dagegen wehren, dass die Regierung sie blind halten möchte, und sich dafür einsetzen, dass alle – vor allem die Indigenen – in Würde leben dürfen. Denn die jetzige Regierung hält uns Indigene für unzivilisiert.»

Ist die Federkrone nicht transportfähig?

«Schmückt euch nicht mit fremden Federn» – so appelliert der 72-Jährige seit vielen Jahren an die Österreicher. Aus welchem Grund wird eigentlich seitens des Weltmuseums in Wien und auch seitens der Politik in Österreich die Rückgabe verweigert? Gründe für die Ablehnung gab es schon viele, so erzählt Xoko. So wird u.a. von wissenschaftlicher Seite bestritten, dass dieser einzigartige Kopfschmuck wirklich auf den aztekischen Herrscher zurückzu-

führen sei. Aktuell argumentiere man – so erzählt er – seitens des Museums damit, dass die Krone nicht transportfähig sei und durch Vibrationen beschädigt werden könne. Der Aktivist sieht den wahren Grund jedoch darin, dass das Weltmuseum mit der über einen Meter breiten Gold- und Federkrone als Touristenattraktion werbe und nicht auf die Einnahmen verzichten möchte. Trotz einer breiten Unterstützerszene, die sich der Aktivist mittlerweile in Mitteleuropa aufgebaut hat, ist es ihm in all den Jahren nicht gelungen, den Druck auf die österreichischen Entscheider ausreichend zu erhöhen. Doch Antonio Gòmora wird sein Ziel weiterverfolgen: 2025 spätestens soll die heilige Federkrone wieder den Mexikanern gehören!

11


Im Fokus

Pachamama über allem Text: Beat Richert (Fachlehrer für Medienkunde)

Eigentlich wollten wir im Englertsaal im harmonischen Kreis sitzen. Da jedoch alle Schülerinnen und Schüler der Oberstufe eingeladen waren, füllte sich der Saal gänzlich und der Kreis weitete sich in ein abgerundetes Viereck aus, in dessen Mitte der imposante Xokonoschtletl Gòmora stand, um mit unserer Schule Weisheiten und Ansichten seines Volkes auszutauschen. Seine tiefe Stimme füllte den Raum gänzlich und zog die lauschende Schülerschar sofort in den Bann. die hochentwickelten Spanier Südamerika erobert haben. Er erklärte, dass zum Zeitpunkt der Invasion 98 Prozent der Spanierinnen und Spanier Analphabeten waren und demgegenüber alle Azteken schreiben und lesen konnten. Während er diese spannenden Geschichten erzählte, machte ein Stück Baumrinde die Runde. Auf Baumrinden wurde geschrieben und kommuniziert. Ein bewährter Datenträger also, der weder auf eine volle Batterie noch auf eine Spezial-App für Sonderzeichen angewiesen ist.

Die erfrischend andere Botschaft war eine Aufforderung zu Liebe, Respekt und Demut. «Spucke nach oben und die Spucke trifft dich», so ein einführendes, jahrhundertaltes Zitat des Naturphilosophen. Respektvoller Umgang, auch in den Chats der «sozialen» Medien, könnte nicht prägnanter auf den Punkt gebracht werden. Schnell wurde klar, dass der indigene Vertreter weder Wikipedia noch andere, cloudbasierte Wissens-Ansammlungen vertritt, sondern an der Weisheit und Wahrheit interessiert ist. Ersteres kann man nicht erlernen, sondern nur erwerben. Und Letzteres sollte zu unserem angeborenen Lebensziel werden, um so als freie Menschen existieren zu können. Xokonoschtletl erklärte, dass Weisheit nur in Verbindung mit der Natur entstehen kann. In seiner Sicht ist also jede Schicht von zusätzlicher, vermehrt

12

«Haben Sie ein Handy?», so die Frage eines Schülers an den Aktivisten. Nicht ohne eine mitschwingende Wehmut erwiderte Xokonoschtletl, dass es seine Aufgabe sei, sich der Gesellschaft anzupassen, weil sie sich nicht ihm anpasse und er sonst nicht kommunizieren könne. Wird die Waldorfpädagogik diesem einfachen Gesetz gerecht? fragt sich der Schreibende. So trägt auch der überzeugte Botschafter von Pachamama, der Mutter Erde und der Natur, ein Smartphone in seiner Tasche.

Die allzeitige Verbundenheit mit der Natur erläuterte «Xoko» auch mit dem Kreis, dessen perfekter Form die Azteken in Demut gegenüberstehen. Neues Leben kommt aus dem vollkommenen Kreis der Vagina einer gebärenden Frau. Das ganze Leben ist zyklisch, sagte der Anführer und entlarvte so den linearen Gedanken des ewigen Wachstums und der kapitalistischen Wertvermehrung. Hier räumte Xokonoschtletl auch mit einem anderen (europäischen) Vorurteil auf, demgemäss die indigenen Völker Südamerikas nicht mal Räder erfunden hätten. «Räder zu benutzen, wäre für uns eine Beleidigung für die Sonne», so die Worte des alten Weisen. «In Demut vor Pachamama tragen wir deshalb unsere Sachen. Eine Ausnahme machen wir nur für Kinderspielzeuge mit Rädern», fügte Xokonoschtletl in selbstverständlichem Unterton an.

Dabei korrigierte er auch generelle Wahrnehmungs-Verzerrungen von europazentrischer Weltanschauung, wonach

Derweil ist der Schreibende tief fasziniert von diesem Respekt und Zusammenleben mit der Natur und erinnert

auch technologischer Komplexität zwischen Menschen und Natur eine Entfernung der uns gegebenen Fähigkeit zur Weisheit.

Rudolf Steiner Schule Zürich


sich daran, dass auch das Wort «Umwelt» eine eher neue und europäische Erschaffung ist. Implizit suggeriert es, dass die Welt um uns herum stattfindet und wir quasi als von der Welt losgelöstes Zentrum funktionieren. Vielleicht ein mexikanischer Steilpass, vermehrt Etymologie zu betreiben, um die ursprünglichen Absichten unserer Wortkreationen ins Bewusstsein zurückzuholen.

Die Weisheit der Azteken besteht jedoch nicht nur aus Worten, sondern ist auch tief mit Zahlen verbunden. So erklärte uns Xokonoschtletl, dass die Schläge der Trommel, die Schritte der Tänze und die Bewegungen der Tanzenden allesamt in kosmischer Harmonie abgezählt sind und in perfektem Verhältnis zum Sonnensystem stehen. Um die kollektive Energie des Tanzens in den

Raum zu holen, lud «Xoko» uns alle ein, mit ihm zu tanzen. Innert wenigen Minuten verband sich der Kreis der tanzenden Kinder mit ihm und bildete einen spirituellen Raum, aus dem alle genährt und berührt wieder zurück in die Schulzimmer gingen.

13


14

Rudolf Steiner Schule Zürich


15


Im Fokus

«Identitti» von Mithu Sanyal Ein vergnüglicher Roman über die «Fiktionen der Zugehörigkeit» * Text: Sibylle Rohdich (Fachlehrerin für Deutsch und Kunstgeschichte)

Der Roman «Identitti» von Mithu Sanyal beginnt mit einem Skandal: Die Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf, Dr. Saraswati, ist nicht eine PoC (Person of Colour) wie ihre Studentinnen, sondern weiss und ihre Identität vermeintlich vorgetäuscht. Ist ihr eindrücklicher Auftritt mit langen, dunklen Haaren, getönter Haut und mit rotem Sari nur gespielt? Denn durch eine Internetmeldung erfährt die Öffentlichkeit, dass sie eigentlich Sarah Vera Thielmann heisst und eine Deutsche ist. Die Studentin Nivedita, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, ist scho-

ckiert. Denn Saraswati ist ihr role model, ihr Vorbild und ihre vergötterte Mentorin, die auch einmal alle Personen, die nicht PoCs sind, aus dem Hörsaal schickt. Ein klassischer Fall von kultureller Aneignung? Nivedita treibt mehr die Frage um, warum ihre Professorin alle getäuscht bzw. enttäuscht hat. Dabei wird sie immer wieder mit ihrer eigenen Identität konfrontiert. Als Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter mit polnischen Wurzeln, geboren und aufgewachsen in Deutschland, fühlt sie sich nirgendwo richtig zugehörig. Indien ist ihr fremd, nur die indische Mythologie übt einen grossen Reiz auf sie aus. In ihrem Blog «Identitti», dessen Name ein Wortspiel aus «Identität» und «Titten» ist, kommt immer wieder die vielarmige Göttin Kali zu Wort. Nivedita führt ebenfalls Selbstgespräche mit ihr. In Deutschland fühlt sie sich auch nicht zu Hause. Immer wieder wird sie gefragt, «woher sie denn eigentlich komme». Erst in Saraswatis Vorlesungen spürt sie zum ersten Mal ein Zugehörigkeitsgefühl. Umso mehr erschüttert die Offenbarung der «wahren» Identität der Professorin Niveditas Selbstbild. Während ihre KommilitonInnen mit Demos für die Entlassung der ehemals verehrten Professorin plädieren, nähert sich

16

Nivedita ihr an und zieht bei Saraswati ein. Hier wird sie mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert und durchläuft einen Erkenntnisprozess, der sich ironisch mit der eigenen Identität auseinandersetzt. Wenn das Geschlecht fluide sein kann, wieso nicht auch die Herkunft? Der ganze Roman ist gespickt mit Verweisen auf die wissenschaftliche Debatte zur Identitätspolitik, sodass die Leserin bzw. der Leser auf namhafte Autorinnen und Autoren zum Thema stösst. Auch formal ist der Roman aktuell, denn er nimmt die Formen der Internetkommunikation via Soziale Medien auf. So zeigen Twittermeldungen den Shitstorm, der über Saraswati und dann auch über Nivedita hereinbricht. Die Blogeinträge Niveditas sowie die Kommentare dazu malen das Bild einer Öffentlichkeit, die alles Persönliche ins Licht zerrt und zum Teil hasserfüllt kommentiert. Der Roman ist herrlich selbstironisch, offenherzig und mit einem liebevollen Blick auf die Menschen geschrieben und meines Erachtens ein Plädoyer für die Humanität. Es ist eine empfehlenswerte Lektüre – auch für LeserInnen, die den Wissenschaftsdiskurs zur Identitätspolitik (noch) nicht mitverfolgt haben.

* Kwame Anthony Appiah: Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit, München 2021, 3. Auflage. Dieses Buch wird von Mithu Sanyal ausdrücklich in ihrem Nachwort erwähnt. Sie spricht sogar davon, dass es im Schulunterricht behandelt werden sollte.

Rudolf Steiner Schule Zürich


Im Fokus

e t u e h e h ic l d n e g u J Kinder und uns Welche Impulse können e Kinder und Jugendlich geben? für die Schulentwicklung

Text: Dr. med. Michael Seefried (Kinderarzt, Paracelsus Zentrum am Grossmünster in Zürich)

Wenn ich an die heutige Jugend denke, habe ich den Eindruck, dass sie ein gutes Potenzial für diese Welt hat. Viele der Kinder und Jugendlichen sind «gspüriger» als frühere Generationen. Damit meine ich, dass sie sensibler sind und mehr Antennen haben. So erlebe ich immer wieder Kinder und Jugendliche, die instinktiv sofort wissen, wie es ihrem Gegenüber geht, schon bevor auch nur ein Wort gesprochen wird. So erleben sie es auch in ihrer Klasse: Sie spüren unmittelbar, wie es den anderen in der Klassengemeinschaft geht und ob sie sich authentisch verhalten. Für mich ist das eine unglaubliche Leistung, eine unglaubliche Fähigkeit und Intuition. 1

Leider leiden diese Kinder und Jugendliche oftmals, weil sie von ihrem Umfeld nicht richtig verstanden werden. Gerade jetzt in dieser unsteten Umbruchphase, in der sich die Welt völlig zu verändern scheint, sind Erwachsene nicht so präsent, wie es die Jugend eigentlich bräuchte.

Familien und die «Erwachsenenwelt» Demgegenüber erleben wir immer mehr Erwachsene, die offenbar mit sich und der Welt nicht mehr zurecht-

kommen, was sich seit Corona akzentuiert hat. Die Anzahl der Partnerschaften und Familien, die in einer Krise stecken, hat sich sehr gesteigert. Wenn sich Eltern in einer Krise befinden, haben sie eine geringere Wahrnehmung für sich selbst und ihr Umfeld, insbesondere für ihre Kinder und deren Bedürfnisse und Sehnsüchte. Bricht das familiäre Umfeld weg oder wird es sehr instabil, brauchen wir uns nicht wundern, wenn Kinder und Jugendliche in diesem Umfeld zunehmend unsicher, fragiler und auffälliger werden. Die Vorbilder sind keine Vorbilder mehr!

Die Situation in den Schulen

In den meisten öffentlichen Schulen und partiell auch an Steinerschulen

finden wir den Umstand vor, dass die Lehrpersonen am Alten, Bewährten festhalten. Weiterhin wird mit Leistung, Druck und Frontalunterricht versucht, Kinder und Jugendliche dazu bewegen, sich am Schulalltag zu beteiligen und zu erfreuen. Zugleich wird oftmals der auf die Lernbereitschaft erwiesenermassen positiv wirkende Einfluss einer guten Beziehung zwischen Lehrperson und Kind bzw. Jugendlichem zu wenig genutzt. Die Lehrpersonen erleben, dass die Anzahl derjenigen Kinder und Jugendlichen pro Schulklasse stark angestiegen ist, die nicht mehr mit dieser Form Schule zurechtkommen und in irgendeiner Form «auffallen». Erfahrene Lehrpersonen müssen feststellen, dass ihre seit Jahrzehnten erfolgreichen

1 Siehe das Kapitel über «Neue Kinder» in Seefried, Michael: «Kommt ein Kind zum Arzt. Dem Leben mit Zuversicht begegnen»

17


pädagogischen Massnahmen nicht mehr wirken. Zudem ist der Einfluss des Medienkonsums nicht zu unterschätzen. Gerade Kinder und Jugendliche, die eine schwere Entwicklungszeit durchmachen und vielleicht sensibler sind als andere, flüchten sich in eine andere Welt und vor der Realität. Der Medienkonsum hat auch ein grosses Suchtpotenzial. Es ist gut, dass immer mehr Schulen Medienexperten zu Rate ziehen, die einerseits mit den Kindern und Jugendlichen und andererseits mit den Lehrpersonen arbeiten, oftmals auch Vorträge für Eltern anbieten. Nun stellt sich die Frage: Hat die Anzahl «auffälliger» Kinder mit ernst zu nehmenden Diagnosen wie ADHS, Legasthenie, Lese-Rechtschreibschwäche, Angststörungen, Depressionen etc. so extrem zugenommen? Oder ist die Anzahl derjenigen Kinder gestiegen, die diese Schulform, wie sie seit über 100 Jahren existiert, nicht mehr aushalten, tolerieren und immer mehr ablehnen? Aber grundsätzlich durchlaufen diese Kinder eine normale Entwicklung. Oder liegt eine «Mischform» beider Varianten vor? Ich erlebe immer mehr Lehrpersonen verzweifelt und überfordert, immer mehr Kinder und Jugendliche verzweifelt und unglücklich, immer mehr Familien überfordert und ratlos.

18

Der Schrei nach «Abklärung» – also nach einer Untersuchung, ob das Verhalten der Schülerin bzw. des Schülers völlig «normal» ist oder ob doch eine Aufmerksamkeitsstörung oder gar eine psychische Erkrankung vorliegt – wird immer lauter und immer häufiger insbesondere in öffentlichen Schulen gestellt. Mit «Abklärung» ist eine entwicklungspädiatrische Abklärung gemeint

nicht angenommen, wie sie sind, nicht im Herzen berührt. Dabei sollte die Schulzeit ja eigentlich zu unseren schönsten Zeiten gehören!

Was sich unsere Kinder wünschen

Was ist die Konsequenz daraus?

Hatten wir bis vor wenigen Jahren noch eine Wartezeit von sechs bis acht Wochen, um einen Termin für eine Abklärung zu erhalten, so warten Eltern mittlerweile neun bis zwölf Monate. Tendenz steigend! Das ist für diejenigen Kinder und Jugendlichen dramatisch, bei denen eine entwicklungspädiatrische Abklärung dringend erforderlich wäre, um ihnen die richtige therapeutische Begleitung geben zu können. Bei einem grossen Teil der Kinder und Jugendlichen, die in meiner Sprechstunde mit der Fragestellung nach einer entwicklungspädiatrischen Abklärung erscheinen, ist nach wenigen Minuten und detaillierten Fragen klar, dass diese Kinder und Jugendlichen keine Abklärung benötigen. Ihr Verhalten ist altersentsprechend und völlig normal. Jedoch sind diese Kinder und Jugendlichen mit ihren Familien unglücklich, verzweifelt, verunsichert, weil sie sich nicht abgeholt fühlen,

Die Corona-Pandemie hat unter anderem aufgezeigt, dass Lern- und Heilungsprozesse neu gegriffen werden sollen. Eindrücklich zeigt eine Corona-Studie, die von mir während des ersten Lockdowns im März/April 2020 durchgeführt wurde, dass insbesondere die Kinder dazu eine klare Haltung haben.1 Daran hat sich drei Jahre später nichts geändert – im Gegenteil: Die eindrückliche Haltung der Kinder zu Beginn der Pandemie ist heute klarer denn je. Nehmen wir das Verhalten der Kinder und Jugendlichen ernst, insbesondere die, die im Unterricht «stressen». Daraus ergeben sich exemplarische Qualitäten; die drei wichtigsten sind (A):


•G esehen werden und im Herzen berühren • Begeisterung • Lebendigkeit leben, lebendig sein Diese drei Qualitäten fanden sich bei den meisten Antworten der Kinder wieder. Aber das müssen wir Erwachsene als erstes leben und in unser Leben ganz integriert haben ! Zudem teilten die meisten Kinder noch mit (B): Der Schulalltag ist zu vollgepackt. Sie wollen weniger Unterricht in der Schulklasse. Sie wünschen sich mehr Projekte und weniger Frontalunterricht. Sie möchten die Möglichkeit haben, sich der Projektarbeit ein bis zwei Tage pro Woche zu Hause widmen zu können. Die ersten genannten Qualitäten (A) sind seelisch-sozialer-emotionaler Natur, die zweiten (B) betreffen die konkrete Gestaltung des Schulalltages. Wieviel Prozent der Kinder haben einen Schulalltag von mehr als 40 Stunden pro Woche, rechnet man den Schulweg, der oft viel länger als 30 Minuten beträgt, mit ein?

Neugestaltung des Schulalltages, nicht Reform!

Wie sich zeigt, sind bei (A) grundlegende Veränderungen nur durch eine Neugestaltung des Schulalltages und sozialer Beziehungen möglich. Da kann jede Lehrperson, jede Mutter und jeder Vater bei sich selbst beginnen. Es zeigt sich die Aufgabe, Polaritäten zu überwinden, bei sich anzukommen und authentisch zu sein. Es ist diese Neugestaltung, die die Voraussetzung für die Transformation der Lern- und Heilungsprozesse bedeutet. Mit der Neugestaltung der sozialen Beziehungen können wir lernen, ganz

Reiz

bei uns anzukommen, ganz authentisch zu werden, Ängste zu erkennen und zu überwinden, unser Gefühlsleben so zu kultivieren, dass wir ihm nicht ausgeliefert sind, sondern es uns als Mediator hilft, in dieser Welt zurecht zu kommen. Bisher sind wir gewohnt, in Polaritäten zu handeln, zu denken, zu fühlen. Gut– schlecht, richtig–falsch, sympathisch– unsympathisch sind die Qualitäten, die sich rasch – bewusst oder unbewusst – einstellen. Es sind diese Qualitäten, die in der Regel unser Verhalten beeinflussen. Wie oft ist es uns passiert, dass wir eine Äusserung, eine Mail, eine SMS rausgeschickt haben, die wir später gerne korrigieren wollten? Jeder kennt das! Wie können das Bedürfnis und die Sehnsucht, die sich in diesen Punkten ausdrücken, umgesetzt werden? Wie kann dem ein neu gestalteter Schulalltag Rechnung tragen? Alle Punkte aus (A) und (B) wurden auch von vielen Lehrern und Eltern formuliert. Die meisten signalisierten, dass es so, wie es im Moment ist, nicht mehr stimmig ist.

Die Situation der Steinerschulen

Während an der Rudolf Steiner Schule Zürich die Anzahl der Schülerinnen und Schüler konstant ist, müssen die meisten Steinerschulen seit Jahren einen kontinuierlichen Abwärtstrend verzeichnen. Ein Umstand, der in der Schweiz schon deutlich ist und sich in den kommenden Jahren auch in Deutschland zeigen wird. In der Schweiz mussten Steinerschulen bereits schliessen, in den meisten Schulen ist die Schülerzahl pro Klasse wirtschaftlich gesehen viel zu klein geworden.

Gestaltungsraum Denken - Fühlen - Handeln

Reaktion

Nun stellt sich die Frage: Sollten Reformen die Lösung sein oder eine ganz neue grundsätzliche Entwicklung einer Pädagogik und somit eines Schulsystems, die den Entwicklungstatsachen der Kinder, Jugendlichen und letztendlich der Menschheit Rechnung tragen kann? Wie das zu vollziehen ist und gelingen kann, weiss ich auch nicht, aber machen wir uns auf den Weg! Für mich kann sich dieser Entwicklungsprozess nur gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen vollziehen. Werden wir also konkret: Beginnen wir, gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen zu gestalten. Wäre es zum Beispiel denkbar, dass jede Schule ein Gremium bildet, das sich mit Entwicklungsfragen beschäftigt? Dass pro Schule zwei Lehrpersonen den Auftrag haben, an einem landesweiten Gremium teilzunehmen? Wäre es eine Idee, aus jeder Klasse ab der 9. oder 10. Klasse je zwei Schüler auch in dieses Gremium zu entsenden? Dass also die Entwicklungsfragen durch Lehrpersonen und Schüler gemeinsam gestaltet werden? Dass man sich vornimmt, zum Beispiel nach zwei Jahren ein Resümee dieser Arbeit abzugeben? Wäre es zudem eine Idee, die Gestaltung des Schulalltages inklusive der Erstellung der Stundenpläne gemeinsam mit den Jugendlichen vorzunehmen? Vielleicht die Eltern vorab fragen, welche besonderen Bedürfnisse oder Wünsche sie haben? Ich habe diesen Vorschlag in einer Fortbildung bei der AfaP (Akademie für anthroposophische Pädagogik) mit den anwesenden Lehrpersonen besprochen. Die anfänglichen Bedenken, dass dies zu aufwendig bzw. nicht organisierbar sei, konnten mit dem Argument abgeschwächt werden, dass sich die Umsetzung im Laufe der Jahre gut integrieren lässt, nach dem Motto: «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.»

1 Siehe die Ausgaben von «Schulkreis» Herbst 2020, «Spektrum» Herbst/Winter 2020 sowie «Erziehungskunst» Herbst 2020

19


Wie kann man das Thema Schule neu greifen?

Meiner Einschätzung nach sind diese Fragen so fundamental, dass alle Steinerschulen in der Pflicht sind, sich diesen Entwicklungsaufgaben zu stellen. Es gibt schon einige Versuche, das Thema Schule neu zu greifen. So erschien zum Beispiel im September 2023 das Buch «Lernwelten. Das Leben bildet» mit Beiträgen von u.a. Denis Bitterli, Ueli Keller, Giulia Pampoukas und Jiri Rose. Insbesondere Ueli Keller ist seit Jahrzehnten europaweit unterwegs und kann sehr detailliert Schulen benennen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Pädagogik und die Schulform den Bedürfnissen der heutigen Kindergeneration anzupassen.

20

Rudolf Steiner Schule Zürich


«Unsere Schule hat in den letzten Jahren einige Reformen angestossen und neue Fachstellen eingerichtet, um den Bedürfnissen unserer Schülerinnen und Schüler besser gerecht zu werden: So ist seit mehreren Jahren die Schulsozialarbeiterin Joanna Dal Bosco, die zusammen mit den SchülerInnen viele Projekte initiiert, an unserer Schule tätig: Neben Präventionsund Sexualkundeprojekten bietet sie auch Hilfe bei sozialen Schwierigkeiten in den Klassen. Ebenso leitet die Schulsozialarbeiterin den Oberstufenrat unserer Schule. Hier treffen sich alle zwei Monate zwei bis drei VertreterInnen der 7.-9. Klassen und planen Veranstaltungen wie zum Beispiel einen Schlitteltag oder Kinoabend oder auch Projekte wie die Pausenplatzgestaltung, das kostenlose Znüni-Angebot in der Mensa oder auch spezielle Themenwünsche im Unterricht. Bestens aufgestellt mit unserem Medienpädagogen Beat Richert sind wir auch in der Medienpädagogik. Von der 6. bis zur 9. Klasse ist Medienpädagogik und informatische Bildung seit Juni 2022 fixer Bestandteil des Schuljahres. Die Prävention vor den Gefahren digitaler Technologien ist ein Hauptthema, das sich über alle vier Jahre ausbreitet. Dabei geht es um den Schutz der Privatsphäre, Cyber-

Wie ist die aktuelle psychische Lage in der Welt? Und was leben wir unseren Kindern und Jugend­ lichen vor?

Nehmen wir uns das Zitat von Krishnamurti zu Herzen: «Ich habe nichts gegen das, was geschieht.» Stellen wir also die Zeitgeschehnisse nicht infrage, sondern nehmen sie hin, wie sie sind. Allerdings sollten wir versuchen, die Botschaft zu verstehen, die sich durch die aktuellen Zeitgeschehnisse vermit-

mobbing, Sexting, Umgang mit Bildern, Online-Ethik und ganz allgemein um das kritische Denken und die konstante Selbstref lexion. Beat Richert hat in der Herbstausgabe 2022 dieses Heftes ausführlich über die Medienpädagogik an unserer Schule berichtet. Darüber hinaus unterstützt eine Förderlehrperson mit einem 50%-Pensum die SchülerInnen; sie begleitet individuell Kinder bei Lernschwierigkeiten. Das neugegründete Seminar Atelierschule, das wir gemeinsam mit der Atelierschule finanzieren, ist ein weiterer wichtiger Schritt, um nicht «steckenzubleiben» und mit den Bedürfnissen der Jugendlichen Schritt zu halten. Hier gibt es eine unglaubliche Dichte an reformpädagogischen Themen, die bearbeitet, weiterentwickelt und in die Praxis umgesetzt werden. Um uns auf der pädagogischen Ebene hier an der Plattenstrasse weiterzuentwickeln, haben wir die kollegialen Hospitationen und Intervisionen neu gegriffen und intensiviert. Und letztlich ist auch durch den Generationenwechsel ein neuer Schwung in der Schule angekommen.» Birgit Purainer, Mitglied der Schulleitung

teln möchte. Viele Kinder und Jugendliche zeigen es uns bereits durch ihr Verhalten, durch ihr «Auffallen». Anstatt sie abklären zu wollen, sollten wir auch hier versuchen, ihre Botschaft und ihre Geste zu verstehen. Welche Aufgabe sollen sie in der Welt haben?

Ein (vorläufiges) Fazit

mehr in das «pädagogische Weltbild» zu passen scheinen, in der Weise ernstnehmen, dass sie uns eine Botschaft überbringen wollen, die uns hilft, diese Welt besser zu verstehen und die anstehende Entwicklung mitzugestalten. Das kann aus meiner Sicht am besten gelingen, wenn wir dies mit den Jugendlichen gemeinsam versuchen.

Wir dürfen die rasante Zunahme der Kinder und Jugendlichen, die uns im Moment Sorgen bereiten bzw. die nicht

21


Innen und Ausssen

Ein Meilenstein ist gesetzt: Die Gründung des Kollegiumsvereins am 11. Mai 2023 Text: Maya Killer (Fachlehrerin Bildnerisches Gestalten Oberstufe) und Birgit Purainer (Mitglied der Schulleitung)

In den letzten beiden SPEKTRUM-Ausgaben haben wir bereits darüber berichtet, dass unser Kollegium einen umfangreichen und intensiven Organisationsentwicklungsprozess führte. Dieser Prozess konnte nun erfolgreich abgeschlossen werden, am 11. Mai 2023 war es soweit: Der Kollegiumsverein der Rudolf Steiner Schule Zürich wurde gegründet.

Tafelbild einer Klausurtagung

Der Arbeitsprozess der Neuorganisation unserer Schule wurde durch eine fünfköpfige Lenkungsgruppe mit Mitgliedern aus dem Kollegium intern geleitet und extern begleitet durch die Trigon Entwicklungsberatungsfirma. An verschiedenen Klausurtagungen und in zahlreichen Konferenzen wurden wichtige Fragen diskutiert – etwa, wie die Verwaltungsaufgaben vereinfacht werden könnten, um uns noch vertiefter unserem Kerngeschäft, der Pädagogik, widmen zu können. Weiter bestand ein breites Anliegen des Kollegiums darin, Strukturen zu überdenken

22

sowie Entscheidungskompetenzen und Haftungsfragen anzuschauen; so wurden in intensiven Gesprächsrunden verschiedene Lösungsansätze und Rechtsformen ausdiskutiert. Wir haben ein neues Organisations- und Gehaltsmodell für unsere Schule entwickelt und konnten diesen Prozess durch die Gründung des Kollegiumsvereins erfolgreich abschliessen: Die Einfache Gesellschaft, in der der Grossteil der Lehrkräfte als Selbstständig Erwerbende viele Jahre lang organisiert war, wurde aufgelöst und der Kollegiumsverein der Rudolf Steiner Schule Zürich gegründet. Alle Mitarbeitenden sind nun seit dem 01. August 2023 angestellt beim Kollegiumsverein, der durch fünf RessortleiterInnen geführt wird. Die wöchentliche Pädagogische Konferenz bleibt – neben den Stufenkonferenzen – erhalten, 14-tägig berichten die Ressortleiter Aktuelles aus ihren Ressorts; es gibt Raum für Erläuterungen, Fragen und Diskussionen. Die Freie Schulvereinigung in Memoriam Walter Wyssling mit ihren Aufgaben (v. a. die treuhänderische Verwaltung der Elternbeiträge und des Vermögens der Schule) bleibt weiterhin bestehen, die Zusammenarbeit mit dem Kollegiumsverein

wird partnerschaftlich in einem Zusammenarbeitsvertrag geregelt. Für die Eltern entstehen durch die neue Rechtsform keinerlei Änderungen – weiterhin ist die EBK (Elternbeitragskommission) für die Schulgelder zuständig; die Ansprechperson ist wie bisher Carmen Silbermann. Für schulische Anliegen von Eltern bleibt wie bisher die Klassenlehrperson die erste Ansprechperson. Die Ressortleitung für Elternanliegen und den Elternrat hat Rhea Dietschi übernommen. Wir freuen uns ausserordentlich, dass es gelungen ist, diesen intensiven Prozess in etwas mehr als einem Jahr erfolgreich abzuschliessen, und stellen hier die Schulführung mit allen RessortleiterInnen sowie deren Zuständigkeiten vor: Ivonne Schulz: Pädagogische Qualität und Entwicklung Jean-Claude Baudet: Personal Rhea Dietschi: Eltern & Elternrat Stefan Eugster Stamm: Finanzen & Infrastruktur Birgit Purainer: Öffentlichkeits- und Verbandsarbeit, Veranstaltungen und Bazar

Rudolf Steiner Schule Zürich


Die neue Schulleitung: Ivonne Schulz, Jean-Claude Baudet, Rhea Dietschi, Stefan Eugster Stamm, Birgit Purainer (v.l.n.r)

Unsere Bauprojekte werden vorerst durch alle Schulführungsmitglieder begleitet, die RessortleiterInnen werden je durch zwei oder drei Kollegiumsmitglieder unterstützt.

Wir sind überzeugt, dass wir als Kollegium mit dieser neuen Weichenstellung einen tragfähigen und zukunftsweisenden Weg eingeschlagen haben und uns durch die neuen Strukturen der

Zusammenarbeit auf inspirierende Weise als Schule stetig weiterentwickeln und weiterentfalten können.

23


Menschen an unserer Schule

, n e m m o k l l i W h c i l z Her ! a i h p o S e lieb

Text: Sophia Schulthess (Fachlehrerin Sport 7. Klasse) Die Faszination und Begeisterung rund ums Thema Körper und Bewegung begleitet mich schon sehr lange. Ich machte lange und intensiv Ballett und entdeckte während des Studiums die wohltuende Wirkung eines ganzheitlichen Konditionstrainings. Nach der Matura begann ich allerdings zunächst eine Ausbildung zur Hebamme. Doch dann zog mich meine zweite Leidenschaft, die Liebe zu Musik und Tanz, doch noch an die Uni, wo ich ein Musikwissenschafts- sowie Tanz- und Theaterwissenschafts-Studium mit dem Master abschloss. Danach arbeitete ich für Opernhäuser und Symphonieorchester im In- und Ausland als Dramaturgin

24

sowie als Kulturjournalistin bei der NZZ, bis schliesslich die Ankunft meiner zwei Kinder mein bisheriges Leben komplett auf den Kopf stellte. Als junge Familie zogen wir zu dritt nach Venedig, und als wir nach zwei Jahren wieder zurück in die Schweiz kamen, waren wir schon bald zu viert. Während meine Kinder heranwuchsen und gediehen, schwanden meine Kräfte zunehmend. Irgendwann war ich ausgebrannt. Da wusste ich: Jetzt muss sich etwas ändern. Nach nächtelangem Ringen und unzähligen Brainstormings beschloss ich, meine Begeisterung für Bewegung zum Beruf zu machen. Ich

absolvierte also eine dreijährige Ausbildung zur Bewegungspädagogin, und seither unterrichte ich mit grosser Freude Sport und Bewegung in verschiedenen Formen. Meine zwei Kinder sind seit dem Kindergarten hier an der Steinerschule Zürich; die Waldorfpädagogik ist eine Pädagogik, die mich überzeugt. Deshalb freue mich ganz besonders, dass ich nun auch einen Beitrag leisten darf für diese Schule und für die ihr anvertrauten Kinder – im Sinne einer Pädagogik, die sich am Kind und dessen Entwicklung orientiert und die das Kind in seiner Ganzheit sieht und fördert.

Rudolf Steiner Schule Zürich


, n e m m o k l l i W h c i l z Her ! e i n a h p e liebe S t

Text: Stephanie Hächler Hess (Fachlehrerin Sport) Aufgewachsen bin ich im Zürcher Oberland, wo ich auch die Kantonsschule besuchte und während dieser Zeit bereits Trainings mit Kindern in der Rhythmischen Gymnastik leitete. Nach der Matura machte ich das Turn- und Sportlehrerdiplom an der ETH Zürich und liess mich in Bern zur Musicaldarstellerin ausbilden. In den folgenden zwei Jahren ging ich vor allem dem Bühnenberuf nach und war in verschiedenen Stücken in der Schweiz und auch in Deutschland zu sehen. Bald schon zog es mich aber wieder zum Unterrichten von Kindern und ich konnte eine 50%-Stelle als Sportlehrerin bei der Katholischen Schule Zürich antreten (Oberstufe und 10. Schuljahr), was mir immer noch Zeit liess, um mit den Märlimusicals des Gastspieltheaters Zürich auf Tournee zu gehen. Nach drei

Jahren reizte es mich, das Unterrichten von Kindern und die Bühne in einem Job zu vereinen, und ich fand einen Platz als Tanzlehrerin und Choreographin bei der Voicesteps Musicalschule in Cham sowie auch bei Simply Theater Zurich. Seit dem Abschluss meines Sportlehrerstudiums durfte ich als Assistenz mit Cécile König die Tanzausbildung an der ETH Zürich in den Bewegungswissenschaften co-leiten. Mit den dance360school Workshops für Lehrpersonen war ich in den vergangenen zehn Jahren mit Freude auch in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 2019 habe ich meine eigenen Musicalkurse für Kinder und Jugendliche im GZ Oerlikon und biete auch Musicalferienwochen für Kinder an.

widmete mich meinen zwei Kindern, die mittlerweile acht und zehn Jahre alt sind. Ich wusste immer, dass ich irgendwann wieder zum Schulunterricht zurückkehren würde, aber anders. Diese andere Art nahm ich in Angriff, als ich 2020 ein Studium am Intrinsic Campus in Zürich startete und schlussendlich bei der Schule meiner Kinder in Wetzikon landete, wo ich immer noch tätig bin. Ich bin von Lernformen überzeugt, die Raum für die eigene intrinsische Motivation und die eigenen Interessen lassen. So möchte ich auch den Sportunterricht an der Steinerschule Zürich gestalten: Was sind die Interessen der SchülerInnen? Was brauchen sie? Wo möchten sie neue Impulse?

Viele Jahre war ich ausschliesslich im Tanz- und Bühnenbereich tätig und

Ich bin gespannt und freue mich auf die gemeinsame Reise!

25


, n e m m o k l l i W h c i l Her z lieber Leo!

Text: Leo Faes, (Fachlehrer Sport 5. & 6. Klasse) Ich bin Leo Faes, 30 Jahre alt und ab diesem Schuljahr der neue Sportlehrer der 5. & 6. Klasse der Rudolf Steiner Schule Zürich; ich unterrichte zudem an der Atelierschule Zürich. An der Pädagogischen Hochschule in Bern habe ich das Lehrdiplom für Maturitätsschulen in den Fächern Sport und Geografie erworben. Ich bewege mich leidenschaftlich gern, mit oder ohne Ball, mit oder ohne Brett an den Füssen, mit oder ohne Velosattel unter mir. Ich freue mich sehr, diese Bewegungsbegeisterung neu auch mit zwei Klassen an jungen Energiebündeln zu teilen und weiterzuentwickeln.

26

Rudolf Steiner Schule Zürich


Auf Wiedersehen,

k c n a r F r e lieb ! s a i h t t a und M

Good! Text: Birgit Purainer Franck Gigon hat in der Mittelstufe Fremdsprachen unterrichtet, und wir durften ihn im Kollegium als sehr freundlichen und interessierten Kollegen erleben. Die SchülerInnen hat er geduldig und phantasiereich an die Fremdsprachen herangeführt. Franck Gigon war nur mit einem kleinen Pensum an unserer Schule tätig; seine Haupttätigkeit war und ist an der Montessori-Schule, an der er jetzt sein Pensum erweitern konnte. Matthias Lincke, Berufsgeiger und Volksmusiker, hat das vergangene Schuljahr als Musiklehrer in unserer Mittelstufe unterrichtet. In dieser kurzen Zeit war es uns eine Freude, ihn mit seiner warmherzigen und kreativen Wesensart an unserer Schule zu haben. Seine Begeisterung für die Musik und Auftritte hat

Hi

ça va ? uns sehr berührt. Sie führt ihn jetzt wieder vermehrt auf die Bühnen und in die Konzertsäle.

Salut

Beide Kollegen haben sich entschieden, beruflich einen neuen Weg einzuschlagen. Leider führt sie dieser Weg von unserer Schule weg – wir bedauern das sehr. Wir bedanken uns herzlich für ihr Engagement, die vertrauensvolle Zusammenarbeit und die Offenheit unserem Kollegium gegenüber. Lieber Franck, lieber Matthias: Wir freuen uns darauf, euch an unseren Schulveranstaltungen wiederzusehen. Macht es gut. Wir wünschen euch viel Glück an euren Wirkungsstätten!

27


Auf Wiedersehen,

! e k i r e d e i r liebe F

Text: Birgit Purainer Unsere liebe Kollegin Friederike Jaklin hat ihre Aufgabe als Förderlehrperson an unserer Schule beendet. Friederike Jaklin war und ist der Steinerschule an der Plattenstrasse schon seit vielen Jahren zutiefst verbunden. Als Schulmutter von drei Kindern kannte sie unsere Schule schon gut, als sie die Aufgabe als Förderlehrperson übernahm. Als Mutter und als Nachhilfelehrerin in ihrer Wohngemeinde hatte sie Erfahrungen im Fördern von Kindern gesammelt und freute sich, diese in unserer Schulgemeinschaft anwenden zu können. Mit grossem persönlichen Einsatz, fachlichem Interesse und Verlässlichkeit hat sie diese Aufgabe übernommen und ausgeführt. Da wir zu Beginn ihrer Tätigkeit keinen Raum für sie zur Verfügung hatten, hat sie in der Schülerbibliothek unterrichtet. Friederike hat stets für eine sehr warme und lernfördernde Atmosphäre in ihren Stunden gesorgt. Unglaublich geduldig und freundlich, stets ressourcen- und

28

nicht defizitorientiert ist sie den Kindern begegnet. Sie hat die Förderstunden mit viel Leidenschaft, Kreativität und immer den Bedürfnissen der Kinder angepasst vorbereitet und durchgeführt. Die Kinder sind allesamt sehr gerne und freudig zur Förderstunde gekommen – und auch Friederike hat jeder Stunde freudig entgegengeblickt. Aber nicht nur als Förderlehrperson war Friederike an unserer Schule tätig: Sie hat auch ein sehr wichtiges Mandat übernommen, das sie weiterhin betreuen wird. Als ausgebildete Juristin und Mediatorin engagiert sie sich bei der Vermittlungsstelle. Sie war und ist stets darauf bedacht, dass keine schnellen «Urteile» oder «Beurteilungen» getroffen werden, dass die Ansichten aller Beteiligten gehört und respektiert werden und dass für eine Lösung der Konflikte eine Bereitschaft entwickelt werden muss, sich selbst zu hinterfragen und zu reflektieren. In den Konferenzen und Klausurtagungen hat uns Friederike Jaklin mit ihrem positiven, vermittelnden und harmonisierenden Wesen stets bera-

tend und unterstützend zur Seite gestanden, hat sich auch nicht gescheut, Kritik zu äussern und Vorgehensweisen zu hinterfragen, und war uns immer eine liebevolle Kollegin und Helferin. Wir sind sehr froh, dass Friederike Jaklin ihr Mandat in der Vermittlungsstelle weiterführt und dazu beiträgt, dass Konflikte in der Schulgemeinschaft respektvoll und allen Beteiligten zugewandt bearbeitet werden können. Liebe Friederike, nun sind die intensiven und bereichernden Gespräche mit Dir nicht mehr selbstverständlich, da unsere Begegnungen nicht mehr alltäglich sind. Deine tiefe Verbundenheit mit unserer Schule wird dich aber immer wieder zu uns führen, und wir freuen uns auf viele weitere Begegnungen und Gespräche bei einer (oder wahrscheinlich mehreren) Tasse(n) Kaffee. Für deinen neuen Lebensweg, deine Projekte und Vorhaben wünschen wir Dir von Herzen alles Gute, viel Freude und Muse und vor allem Zufriedenheit.

Rudolf Steiner Schule Zürich


Auf Wiedersehen,

! a d n i l e M liebe

Text: Braida Leemann (Kindergartenlehrperson) Du bist ursprünglich als Vertretung für mich im verlängerten Mutterschaftsurlaub zu uns in den Kindergarten gekommen und dann glücklicherweise gleich sieben Jahre geblieben. Äusserst zuverlässig und mit grossem Fachwissen hast du im Kindergarten an der Treichlerstrasse und Dolderstrasse gewirkt und die dir anvertraute Kinderschar in äusserst liebevoller Art geführt und begleitet. Du besitzt die grosse Gabe, dich in jedem Moment der Situation anpassen zu können – sei dies mit Humor, Bestimmtheit, Zuwendung oder

auch mit deiner bildhaften Sprache. Es gelang dir stets, alle Kinder wunderbar abzuholen. In dieser Zeit ist deine eigene Familie gewachsen, und du bist nun Mutter dreier Kinder. Du hast dich entschieden, als Kindergärtnerin zu pausieren, um mehr Zeit mit deiner Familie verbringen zu können. Für deine warmherzige und fröhliche Art im Umgang mit den Kindern, aber auch in der Zusammenarbeit mit dem Kollegium möchten wir uns sehr herzlich bei dir bedanken. Wir wünschen dir nun etwas ruhigere Momente in deinem Leben, viel Freude sowie Erfüllung. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!

29


Auf Wiedersehen,

liebe Ji ll!

Text: Birgit Purainer und Sabine Wyss (Fachlehrerin Handarbeit) Vor einigen Jahren gab es eine Klasse, die aufgrund eines Personalmangels keinen Handarbeitsunterricht hatte. Jill Schumacher – damals Schulmutter in dieser Klasse – ergriff die Initiative und bot sich spontan als Aushilfe an. Diese «Aushilfssituation» hat sich als Glücksgriff für unsere Schule herausgestellt. Jill Schumacher hat die Aufgabe als Handarbeitslehrerin verantwortungsvoll, kreativ und völlig den Kindern zugewandt übernommen. Sie hat sich in diese Aufgabe mit grossem Engagement eingearbeitet und wurde zu einer ebenso verlässlichen wie fachkompetenten Kollegin. Jill Schumacher zeichnete sich dadurch aus, dass sie sich

30

selbst und die Gruppen, die sie unterrichtete, stetig reflektierte und ihren Unterricht demgemäss anpasste. Die Arbeiten und Zwischenarbeiten wählte sie nach den Jahreszeiten, anstehenden Veranstaltungen und Unterrichtsinhalten der Klasse aus. Es war ihr eine Herzensangelegenheit, dass in ihrem Unterricht alle Kinder in der Handarbeit mitmachen konnten. Und so testete sie diverse Unterstützungsmassnahmen für Kinder mit körperlichen Einschränkungen, damit diese möglichst viel allein erarbeiten können. Jill ist äusserst neugierig und versucht sehr gerne neue Methoden, Materialien und Designs. Sie passt Altbewährtes an die heutige Zeit und an die Interessen

der Kinder an. Sie gibt sich nicht schnell zufrieden: Material, Farbe und Form müssen stets perfekt und idealerweise auch recycelt sein! Jill ist loyal und akzeptiert Menschen – egal ob klein oder gross –, wie sie sind; sie ist darüber hinaus sehr hilfsbereit und sieht immer etwas Gutes. Seit einigen Jahren ist Jill Schumacher auch an der Rudolf Steiner Schule Winterthur als Handarbeitslehrerin tätig; nun hat sie dort eine Vollzeitanstellung angetreten. Wir werden Jill im Kollegium vermissen! Wir wünschen ihr weiterhin viele kreative Ideen und freudvolle Momente in Winterthur!

Rudolf Steiner Schule Zürich


Aus dem Schulleben

Sehen und Hören als Grundlage für das Erlernen von Schreiben und Lesen Text: Birgit Purainer (Dipl. Sozialpädagogin und Waldorflehrerin, ausgebildet in integrativer Diagnostik und Lerntherapie)

Lesen und Schreiben zu lernen ist nur durch ein Zusammenspiel von Sehen und Hören möglich. In diesem Beitrag möchte ich dieses Zusammenspiel erklären und auf die Lese-Rechtschreib-Störung eingehen. Lernen ist grundsätzlich kein einfacher Prozess. Wenn wir lernen – und das tun wir schliesslich ein Leben lang –, spielen sich viele Prozesse in uns ab, die wir meist mehr unbewusst als bewusst wahrnehmen. Lernen ist ein Vorgang der Verinnerlichung, ein sich in die Welt hineingeben, Dinge aufnehmen und verinnerlichen. Das Lernen ist zudem ein Zusammenspiel von Sehen und Hören und hat Parallelen zum Aufnehmen und Verstehen.

Sehen: Das Auge ist das Organ, um das Bildhafte aufzunehmen. Die Sinneswahrnehmung findet über den Kopf statt. Was ich sehe, ist meist etwas Dauerhaftes – etwas, was bleibt. Es ermöglicht uns die Wahrnehmung des Gegenübers. Durch das Sehen erhalten wir Sicherheit, es gibt uns Permanenz im Raum und hilft uns bei der Orientierung im Aussen. Den Blick zu weiten oder zu richten, ist Ich-bedingt und eine Willenstätigkeit.

Welche Schritte benötigt es, damit wir lernen können, und in welcher Form ist das Sehen und Hören dabei involviert?

Hören: Das Ohr ist das Organ, um das Tönende aufzunehmen. Es benötigt den ganzen Muskelmenschen, um das Tönende aufnehmen und mitschwingen zu können. Das Hören ist stark verankert im Gliedmassenmenschen. Der ganze Muskelmensch ist beim Hören aktiv. Das Gehörte ist vergänglich und lebt im Moment. Dem Hören bin ich ausgeliefert, und es ist kaum möglich, sich dem zu verschliessen. Nicht hinzuhören oder wegzuhören, benötigt viel Willenskraft.

1.

Wahrnehmen – Sinneswahrnehmung 2. Verstehen – Interesse 3. Erinnern – Gedächtnisbildung Wahrnehmen: Das Bildhafte oder das Tönende nehmen wir über unsere Sinnesorgane, die Auge und die Ohren, auf.

Sehen = das Bildhafte wahrnehmen Zusammenspiel in der Gedächtnisbildung Hören = das Tönende wahrnehmen

31


«Wir haben also bei jedem solchen Vorgang zu unterscheiden: Wahrnehmen, Verstehen und soweit innerliches Verarbeiten des Verstandenen, dass das Gedächtnis es behalten kann. Und dieses Dritte ist nun verbunden mit dem Stoffwechselsystem. Jene feinsten inneren Stoffwechselvorgänge, die im Organismus vor sich gehen, auf die wir wohl zu achten haben, und die uns namentlich als Erzieher bekannt sein müssen, hängen mit dem Gedächtnis, mit dem Erinnerungsvermögen zusammen.» GA-302a Erziehung Unterricht aus Menschenerkenntnis, 3. Vortrag 21. Sept. 1920 Beim Lesen nehme ich Bildhaftes wahr (Buchstabenform), und gleichzeitig muss ich mich an etwas erinnern, was ich gehört habe. Lesen findet somit im Kopf statt und ist eine Sinnes-Nervensystem-Tätigkeit. Beim Schreiben höre ich den Klang des Lautes, und ich muss mich an das Bildhafte erinnern. Es ist ein Gliedmassen-Stoffwechselprozess und somit ein Willensprozess. Rudolf Steiner betonte auch in seinen Vorträgen, dass das Kind erst Schreiben und danach Lesen lernen soll, da das Schreiben ein weniger intellektueller Prozess ist. Verstehen: Rudolf Steiner betonte, dass das Verstehen nicht durch das Nervensystem, sondern durch das Rhythmische System (Lunge und Herz) geschieht. Der Liquor kommt durch das Rhythmische System in Bewegung. «... alles Verstehen wird vermittelt durch das rhythmische System des Menschen, nicht durch das Nerven- Sinnessystem. Durch das Nerven-Sinnessystem wird lediglich das Wahrnehmen vermittelt; und wir verstehen zum Beispiel irgendeinen Bildvorgang auch nur dadurch, dass sich der rhythmische Vorgang, der reguliert wird vom Herzen und von der Lunge, durch das Gehirnwasser in das Gehirn hinauf fortpflanzt. Jene Vibrationen im Gehirn, die dort vorgehen und die ihre Erregung im rhythmischen System des Menschen haben, vermitteln in Wahrheit körperlich das Verstehen. Verstehen können wir dadurch, dass wir atmen.» GA-302a Erziehung und Unterricht aus Menschenerkenntnis, 3. Vortrag 21. Sept. 1920

32

Um verstehen zu können, müssen wir das Wahrgenommene aber auch fühlen. Verstehen ist die Verbindung zur Wahrnehmung. Deshalb benötigen Kinder und Jugendliche, um gut lernen zu können, eine tragfähige und stabile Beziehung zur Lehrperson. Lernen geschieht über Beziehung und Emotion. Besonders über Bilder, Märchen, Fabeln und Geschichten können wir die Kinder und Jugendlichen ins Gefühl bringen; dadurch wird ein tieferes Verstehen möglich. Erinnern: Dinge im Gedächtnis zu behalten, ist der letzte Schritt im Lernprozess. Nur das, woran wir uns dauerhaft erinnern können, gilt als gelernt. Wo das Tonhafte erinnert wird, wird das Sehen wahrgenommen. Wo das Bildhafte erinnert wird, wird das Hören wahrgenommen. Nur durch das Verstehen kommen Wahrnehmung und Erinnerung zusammen. Beim Schreiben und Lesen müssen sich Sehen und Hören treffen.

Lautgetreues Schreiben und Lesen: Lautgetreu zu schreiben, hat in gewissem Sinne mit Musikalität zu tun. Schreiben soll nach dem Gehör gelernt werden. Erst muss gelernt werden, die Sprache wahrzunehmen und sprechen zu können. Wo nicht deutlich gesprochen wird, wird in der Regel auch nicht deutlich gehört. Deshalb ist auch die Sprachgestaltung für die Lehrpersonen ein wichtiges didaktisches Mittel. Es ist wichtig, dass Lehrpersonen deutlich, plastisch und in Silben vorsprechen. Das überdeutliche oder ganz genaue Sprechen unterstützt die Kinder beim Schreiben; ebenfalls unterstützend wirkt, wenn die Kinder beim Schreiben laut mitsprechen. Beim Diktat- und Textschreiben ist das Sprechen in Silben grundlegend, damit die Kinder hörend gut wahrnehmen können. Es sollte im Bewusstsein der Lehrpersonen sein, laut und langsam in Silben sprechend zu diktieren, zum Beispiel: « Lei se rei sen Scha fe» oder «Wir freuen uns auf Zu hau se ».

Rudolf Steiner Schule Zürich


«Daher sollen wir auch nicht künstlich dem Menschen Orthographie beibringen, sondern Orthographie so beibringen, dass wir ihm das Wort richtig vorsprechen, ihn nachsprechen lassen und ihm so allmählich zum Aufschreiben des richtig Gehörten verhelfen. Wir sollen gerade voraussetzen: Wird unorthographisch geschrieben, so wird unrichtig gehört. Und haben wir das Gehör zu unterstützen, nicht irgendetwas einzustellen, was mehr im vollen Bewusstsein ist als eben das Gehör.» Rudolf Steiner GA 301, 6.Mai 1920

Warum haben Kinder Schwierigkeiten beim Schreiben und Lesen? Das kann eine Vielzahl von Ursachen haben. So kann es sein, dass das Sehen und Hören aufgrund einer Schädigung der Hör- und Sehorgane (Ohren/Augen) beeinträchtigt ist; es kann auch vorkommen, dass das Erinnerungsvermögen um das Gehörte und Gesehene zu gering ist oder die für diese Prozesse notwendige Ausreifung der unteren Sinne (Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn und Gleichgewichtssinn) nicht ausreichend ausgereift sind. Es kann aber auch sein, dass eine LeseRechtschreib-Störung vorliegt. Die Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) Laut einer Studie des deutschen Bundesverbandes für Legasthenie und Dyskalkulie aus dem Jahr 2018 sind im Durchschnitt ein bis zwei Kinder einer Klasse von einer Lese-RechtschreibStörung betroffen – Knaben prozentual etwas mehr als Mädchen. Beobachtet wurde auch eine familiäre Häufung. Das Hauptmerkmal einer LRS ist eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, Lebensumstände oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Leseverständnis – also die Fähigkeit, gelesene Wörter wiederzuerkennen sowie vorzulesen – und Leistungen, für die Lesefähigkeit nötig ist, können betroffen sein.

Eine LRS ist meist an stockendem, langsamem und mühsamem Lesen – kombiniert mit dem Auslassen von Zeilen und Buchstaben – und einem sehr langsamen Leseverständnistempo zu erkennen.

Mein Literaturtipp:

Eine LRS birgt langfristig Probleme in der schulischen Entwicklung. Es kann zu negativen Schulerfahrungen, Verständnisproblemen in anderen Fächern, sozialen Problemen aufgrund von Frustrationen und einem Gefühl des «Abgehängtseins» führen. Die Lese-RechtschreibStörung ist nicht wegtherapierbar; aber mit frühzeitiger Unterstützung und gezielten Nachteilsausgleichen können die Kinder Strategien für sich entwickeln, um besser damit umgehen zu können. Unterstützung für Kinder mit LeseRechtschreib-Störung Wie kann eine solche Unterstützung aussehen? •

•

• • •

• • •

•

•

ie 2. Klass-Beobachtung, die D wir jedes Jahr zwischen den Sport- und Sommerferien bei den Zweitklässlern durchführen, dient als diagnostisches Mittel. Möglichst früh (Ende 2./Anfang 3. Klasse) mit einer Förderung beginnen. Förderung der Kinder über einen längeren Zeitraum Stärkung der unteren Sinne als Basis für das Lesen und Schreiben Intensives Üben der Laut-Buchstaben-Zuordnung und des Leseflusses Zerlegung von Wörtern in Silben (in Silben sprechen) Lautgetreue Lese- und Schreibübungen Emotionale Stärkung der Kinder durch Erfolgserlebnisse und künstlerische Erlebnisse in der Schule (Klassentheater, Aufführungen, Handarbeit, Werken etc.) Die Möglichkeit, gewisse Aufgaben und Tests nur mündlich und nicht schriftlich zu machen. Mehr Zeit für Aufgabenerledigung und Hilfe beim Lesen von Aufgaben (z.B. Textaufgaben beim Rechnen)

33


Aus dem Schulleben

«Ich bin froh, dass ich an dieser Schule über viele Jahrzehnte etwas Sinnvolles beisteuern konnte!»

Interview: Birgit Purainer, Vera Torriani und Stefanie Wolff-Heinze

1973 begann die Konzert-Pianistin Marlies Gutknecht Nussbaum, sich unserer Schule als Eurythmie-Begleiterin zur Verfügung zu stellen. «Aus Dankbarkeit, weil es unseren beiden Töchtern hier an der Schule so gutging.» Nach fünf Jahrzehnten wurde sie nun im Kollegium offiziell und mit grosser Dankbarkeit für ihre Treue und Unterstützung verabschiedet. Warum bei ihr trotzdem keine Langeweile aufkommt und was sie auch im Alter von 88 Jahren noch antreibt, hat sie im Gespräch mit Vera Torriani, Birgit Purainer und Stefanie Wolff-Heinze verraten. 34

Rudolf Steiner Schule Zürich


Liebe Marlies, schauen wir zu Beginn unseres Gespräches auf die Anfänge zurück: Wie bist du mit unserer Schule in Kontakt gekommen? Wir hatten Anfang der 70er-Jahre unsere zwei Töchter eigentlich schon hier an der Schule angemeldet, weil wir verschiedene Personen kannten, die auch in der Steinerschule waren. Doch dann meldeten wir sie wieder ab, weil sie in unserem Quartier so gut integriert waren. Wir wohnten damals im Sihltal in Leimbach. Dann kam die Ältere in die erste Klasse und war fortan ständig krank; sie hatte Asthma. Es wurde so schlimm, dass wir zu einer Kinderpsychiaterin gingen. Was wir nicht wussten: Sie war Anthroposophin! Von ihr kam dann der Rat, die Tochter nun in der Steinerschule anzumelden. Zu unserem grossen Glück konnte sie in die dritte Klasse eintreten – und die jüngere Tochter gleichzeitig in die erste Klasse. Die beiden hatten eine wundervolle Schulzeit!

Wie kam es dazu, dass du Eurythmie-Begleiterin wurdest? Die ältere Tochter hatte bei Junta Schütze Eurythmie-Unterricht; sie fragte mich eines Tages, ob ich ein wenig aushelfen könnte. Ich hatte jedoch zunächst keine Ahnung von Eurythmie, aber ich war sehr froh, dass ich etwas helfen konnte, weil wir über die Aufnahme unserer Kinder so erleichtert waren. Ich habe damals mit einem Nachmittag angefangen, und dann hat sich das Engagement bis zum Vollpensum gesteigert.

Du hast dann die Musikhochschule besucht? Ja, ich war in Basel am Konservatorium und habe das Lehr-Diplom gemacht. Danach bin ich für ein Jahr nach Paris gegangen und absolvierte nach drei Jahren in Basel das KonzertDiplom. Während dieser Zeit hatte ich bereits rund 30 Schülerinnen und Schüler. Meine Karriere war eigentlich vorbestimmt: Aber dann habe ich geheiratet, und als die erste Tochter auf die Welt kam, war für mich klar: Ich stelle mich zurück und habe erst mit Konzerten wieder angefangen, als die Kinder hier in der Schule waren.

Teilen deine Töchter auch die Liebe zum Klavier? Sie haben beide bei mir Stunden genommen: Die Ältere wollte eine Sonatine von Beethoven können. Und als sie diese spielen konnte, hat sie aufgehört. Die Jüngere hat das Kindergartenlehrerinnen-Seminar absolviert. Da war es obligatorisch, ein Instrument zu spielen; sie spielt noch heute für ihre Schülerinnen und Schüler.

Du hast in den letzten 50 Jahren auch viele Sommerspiele der 4. Klassen am Klavier begleitet. Wie hast du deine Premiere erlebt? Es hat mir sehr gefallen. Die Verfasserin des Sommerspieles, Marguerite Lobeck, war damals noch persönlich dabei: Sie hat einen Elternabend veranstaltet und eine Einführung gegeben. Als ich ihr zuhörte, war mir alles klar. Sie war auch noch im hohen Alter sehr beweglich.

Wie wurdest du Pianistin? Schon als Kind hatte ich immer den Wunsch, ein eigenes Klavier zu haben. Überall, wo wir hinkamen, ging ich ans Klavier. Aber ich war ein AsthmaKind und sehr viel krank, so dass meine Eltern der Meinung waren, dass es doch angesichts meiner Fehlzeiten in der Schule keinen Sinn mache, auch noch Instrumentalunterricht zu nehmen. Als ich dann in die Bezirksschule kam, ging der Musiklehrer – ohne mir zu etwas zu sagen – zu meinen Eltern und sagte ihnen, sie müssten mir unbedingt ein Klavier kaufen. Ich war damals 12 Jahre alt, und nach drei Monaten wusste ich, dass das mein Beruf wird. Ich wollte nie etwas anderes machen als Klavierspielen!

Wie begleitest du eine Klassen-Eurythmie? Die Eurythmistin gibt eine Aufgabe, wie sich die Kinder bewegen sollen; zumeist spiele ich ein festes Stück und beobachte dabei mit einem halben Auge die Klasse. Was machen die Schülerinnen und Schüler? Darauf stelle ich mich dann ein und improvisiere entsprechend. Es werden aber auch feste Stücke während eines Quartals erarbeitet.

Gab es denn auch mal eine Situation, in der du gedacht hast: Das geht jetzt gar nicht! Ich habe einige Eurythmistinnen und Eurythmisten erlebt, die meisten sind

aber nicht mehr da. Ich könnte Bücher schreiben … (lacht). Aber wenn es einmal nicht gutging, lag das eindeutig an der Lehrperson und nicht an den Schülerinnen und Schülern.

Wir haben dich ja eigentlich vor zwei Jahren schon einmal verabschiedet. Aber dann bist du wieder zurückgekommen und hast uns nochmals unterstützt. Ist dir das schwer gefallen? Nein, es ist mir lediglich schwergefallen, aufzuhören. Ich hänge an den Kindern; deswegen begleite ich nachwievor in Lenzburg an der Sonderschule die Eurythmiestunden.

Du bist seit fünf Jahrzehnten an unserer Schule – eine lange Zeit! Hast du im Laufe der Jahre Veränderungen wahrgenommen bei den Kindern? Ja, das kann ich unterschreiben; Vor 50 Jahren waren die Kinder noch brav. Doch sie wurden immer selbstsicherer und wagen es, auch einmal zu reklamieren. Aber ich finde es auch gut, dass sich die Kinder wehren können.

Früher herrschte so ein Selbstverständnis vor: Das, was die Lehrerin oder der Lehrer sagte, wurde einfach gemacht. Heutzutage ist es so, dass die Kinder schon sehr früh hinterfragen. Kinder sollen sich immer äußern dürfen. Es kommt nur jeweils auf den Ton an.

Wie hast du in den letzten fünf Dekaden die Entwicklung der Schule erlebt? Am Anfang kam mir alles starrer vor, auch im Kollegium, und mit der Zeit wurde alles etwas lockerer. Ich fand das eine gute Entwicklung; ich hoffe, dass die Schule so weitermacht und noch lange fortbesteht. Ich kann sie nur empfehlen, denn ich habe sehr schöne Erinnerungen an die Schule.

Ich habe gelesen, dass du immer noch viele Konzerte gibst? Ja, ich bin bis Ende 24 bereits ausgebucht. Aber ich sage jeweils, wenn Anfragen an mich herangetragen werden: «Wer weiss, ob ich dann noch lebe.» Ich bin ja schon steinalt, aber trotzdem übe ich pro Tag drei Stunden.

35


Früher während des Studiums habe ich sechs Stunden geübt. Ich möchte immer wieder neue Sachen lernen und dafür muss ich trainieren wie die Sportler auch.

Ich finde es immer so faszinierend, wenn PianistInnen alles auswendig spielen … Wenn ich Eurythmie begleite, dann nehme ich die Noten mit. Aber wenn ich allein spiele, dann spiele ich auswendig. Dann ist man frei und muss nicht noch auf den bzw. die anderen schauen.

Verlierst du beim Auswendigspielen nicht manchmal den Faden? Das ist mir auch schon passiert. Dann muss man die Nerven behalten im Konzert und einfach etwas machen, bis man wieder drin ist. Die Leute, die die Stücke nicht kennen, merken gar nichts. Aber das darf ich mir nicht leisten, wenn ich zum Beispiel in einer Eurythmie-Aufführung spiele, sonst kommen ja alle raus.

Hast du auch einmal Kirchenorgel gespielt? Ja, bei Abdankungen oder bei Feiern; aber Orgelspielen ist nicht so mein Ding. Aber ich habe schon wieder Aufträge für kommende Abdankungen erhalten. Beim Orgelspiel muss man auch die Füsse einsetzen, aber ich möchte nicht da unten spielen.

Gibt es ein Werk, bei dem du besonders stolz bist, dass es dir gelungen ist? Stolz bin ich überhaupt nicht und zufrieden schon gar nicht (lacht). Ich kann jetzt nur von den Kritiken sprechen, die ich erhalten habe. Da ist zum

Beispiel ein Schubert-Konzert sehr lobend erwähnt worden: Meine Gestaltungskraft sei ausserordentlich …

Wie geht man mit negativem Feedback um? Ich verstehe es jeweils, weil ich ja auch nicht zufrieden mit mir bin. Ich probiere dann immer, es das nächste Mal besser zu machen.

Als du dich bei unserem Abschluss an den Flügel gesetzt hast, wirkten aus dir – einer zarten und stillen Person – so eine Aufrichte und Stärke. Diese optisch sichtbare Verwandlung fand ich unglaublich ! Wir waren alle begeistert und verzaubert von dir. Spürst du diese Verwandlung selbst auch? Ich fühle mich einfach zu Hause am Klavier, das war immer so. Ich spreche nicht so gerne, aber spielen tue ich sehr gerne.

Deine Finger flogen nur so über die Tasten … Genau das muss man trainieren. Viele Leute wundern sich, warum ich noch übe, ich könne doch schon alles. Aber das ist eben Training!

«Deine Fähigkeiten als Pianistin sind immer den Kindern zugutegekommen. Du hast nie einfach irgendwie dahingeklimpert und gespielt, sondern hast dich immer reingegeben – und genau das haben die Kinder tief gespürt. Sie haben dich immer sehr gern gehabt.» Nach all den Jahren verstehst du viel von der Eurythmie? Ja, inzwischen schon. Ich arbeite auch mit Berufseurythmistinnen. Wir machen Tourneen mit dem Eurythmie-Ensemble Zürich; ich bin fester Bestandteil dieses Ensembles und übe mit ihnen jede Woche.

Du hast noch Ulrich Stoller miterlebt, der die Musik zum Sommerspiel komponiert hat. Er war ja unser Musiklehrer über lange Jahre, eine wirklich sehr wichtige Person an unserer Schule. War er freilassend in dem, wie du das gespielt hast, oder musstest du viel Anweisungen annehmen? Wenn ich seine Kompositionen gespielt habe, bin ich zuerst zu ihm nach Hause gegangen, und er hat mir gezeigt, wie er es haben möchte, aber sonst hat er mir keine Anweisungen gegeben. Im Gegenteil, er hat mir gesagt, ich dürfe alle seine Noten haben und damit machen, was ich wolle. Wir waren sehr freundschaftlich zu sammen. Nein, Anweisungen hat er nicht gegeben, einfach Tipps. Zum Beispiel, dass ich nicht bis 70 spielen solle. Aber daran habe ich mich nicht gehalten. Wenn ich keine Aufführungen hätte, würde ich nicht üben. Aber ich brauche das Üben; darum ist es so wichtig, dass ich immer ein Ziel vor Augen habe.

Was zeichnet aus deiner Sicht eine gute Eurythmie-Lehrerin aus? Dass sie die Kinder nicht überfordert! Denn wenn man zu viel will, ist das nicht gut; dann werden die Kinder nervös und es geht gar nichts mehr. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht, dass man aufbaut, sodass die Kinder folgen können, und man eins ums andere Element dazu nimmt, und nicht alles aufs Mal. Es ist schon wichtig, dass man selbst nicht chaotisch ist.

Gibt es in der Kindheit und im Jugendalter eine Altersgruppe, wo du das Gefühl hast, dass sie besonders offen für die Eurythmie ist? Bei den Kindern kommt mit dem Ende der sechsten Klasse der Moment, wo sie nicht mehr so richtig mitmachen wollen, wo sie alles in Frage stellen; später dann, ab der neunten bzw. zehnten Klasse, kommen sie wieder gerne in die Eurythmie.

Ich sage immer: Wegen Umbau geschlossen! Aber vielleicht ist es gerade in dieser Zeit besonders wichtig? Auf jeden Fall sollte man in dieser schwierigen Zeit nicht aufgeben, aber auch nicht zu viel verlangen.

36

Rudolf Steiner Schule Zürich


«Man sollte im Leben etwas für die Mitmenschen tun, was sinnvoll ist, und die Eurythmie war und ist das in meinen Augen.»

Die nächsten Konzerte mit Marlies Gutknecht Nussbaum: 03. Dezember: Weihnachtsmusik aus aller Welt I Villa Irniger, Zürich

Das ist nicht selbstverständlich, und ein grosses Thema hier an der Schule: Wie bereit sind die Eltern, sich zu engagieren und etwas für die Schulgemeinschaft zu tun? Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Zu meiner Zeit haben alle ein Ämtchen übernommen, oder die Eltern sprangen ein, wenn etwas anstand. Ich finde auch, man muss nicht für alles bezahlt werden. Macht es für die Sache!

08. Dezember: Adventsgeschichte mit Musik I Hauskonzert Effretikon 09. Dezember: Adventsgeschichte mit Musik I Casa Christoforo in Ascona 17. Dezember: Adventsgeschichte mit Musik I Alters- und Pflegeheim Birkenrain, Zürich 09. Januar: Frédéric Chopin und George Sand I Hans Christian Andersen-Zweig Winterthur

Wie steht es bei dir um die Beziehung zu deinem Klavier und zum Schaffen? Gab es da auch Krisenzeiten? Ich hatte jeweils die grössten Krisen, wenn ich zu wenig ans Klavier kam.

Hast du ein Klavier oder einen Flügel zu Hause? Beides. Mein erstes Klavier haben meine Eltern an die Verwandtschaft verschenkt. Als ich dann später einen Autounfall mit den Kindern hatte und ein Schleudertrauma erlitt, wurde die Therapie vier Jahre lang von der Versicherung bezahlt. Dann haben sie gesagt, sie zahlen mir jetzt noch 10 000 Franken und ich solle selbst für die Therapie sorgen. Dann bin ich nicht mehr in die Therapie gegangen, sondern habe mir ein Klavier gekauft. Es stand fortan im Schlafzimmer, und ich konnte mich dahin zurückziehen. Das war die beste Therapie!

Mit das Schönste an deiner Geschichte finde ich den Beweggrund für dein Engagement als Eurythmie-Begleiterin: aus Verbundenheit und Dankbarkeit gegenüber der Schule, weil es deinen Töchtern hier gut ging. Ja, genauso war es. Ich war bis zu meinem Abschied froh, dass ich etwas beisteuern konnte.

Liebe Mar wir möchlies, dir von H ten e dankenrzen für dein l jährigeasngEngagem ent ! 37


Aus dem Vorstand

Gelebte Gemeinschaft Text: Yvonne Stemmle (Leitung Öffentlichkeitsarbeit Schulverein, Mitglied des Vorstandes)

Die Rudolf-Steiner-Schule Zürich lebt von einer starken Schulgemeinschaft. Eltern, LehrerInnen, SchülerInnen und alle Mitglieder des Schulvereins tragen unsere Schule und somit dazu bei, dass Kinder und Jugendliche zu engagierten Persönlichkeiten heranwachsen können. Selbstständig handeln, fühlen und denken zu können, sind die Grundlagen, die es den jungen Menschen erlauben, ihren aktiven Beitrag zu einer menschlichen und lebenswerten Gesellschaft zu leisten. Die Kinder entfalten sich, die LehrerInnen gestalten den Raum dafür – und Sie als Eltern machen es möglich: mit Ihrem Vertrauen, Ihrer Mitarbeit und Ihren finanziellen Mitteln. Ihr Engagement sowie das anderer Familienmitglieder und von Freunden helfen der Schule, u.a. die Einnahmen zu erhöhen. Bestes Beispiel dafür ist der Weihnachtsbazar, der seit mehr als 90 Jahren zum grössten Teil auf Elternengagement beruht. Er findet alljährlich am Wochenende

des 1. Advent statt. Dieser Anlass trägt zu einem beträchtlichen Anteil des Schulbudgets und somit zur Finanzierung der Schule bei. Das BazarKomitee, das sich aus Eltern der Schule zusammensetzt, organisiert und plant den Ablauf, das Angebot, die Veranstaltungen sowie die Öffentlich-

keitsarbeit. Je nach Klassenstufe gibt es bestimmte Aufgaben, die von den Eltern der jeweiligen Klasse organisiert und durchgeführt werden. In der Regel sind die Termine und die Aufgaben im Voraus bekannt und auch für berufstätige Mütter und Väter gut machbar.

Vertraue deinem Lebensweg Spirituelle Biographiearbeit Einführungskurse Grundkurse Ausbildung

biographiearbeit-zuerich.ch

38

Rudolf Steiner Schule Zürich


Mit Weihnachtseinkäufen das Schulbudget entlasten

Sind Sie auf der Suche nach passenden Weihnachtsgeschenken? Wir würden uns freuen, wenn Sie die Pool-Firmen dabei berücksichtigen. Eine aktuelle Übersicht der beteiligten Geschäfte und Firmen finden Sie auf unserer Webseite: Für Fragen können Sie sich gerne an Roswitha Uhlenhoff (Schulsekretariat) wenden unter info@steinerschulezuerich.ch oder Tel.: 043 268 20 40

Vielen herzlichen Dank für Ihren Beitrag! Die Idee ist einfach: Auf der einen Seite gibt es zahlreiche Schuleltern, Lehrpersonen und Freunde der Schule, die regelmässig einkaufen oder Aufträge vergeben, und auf der anderen Seite gibt es zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen, die die Rudolf Steiner Schule Zürich unterstützen und bis zu 15 Prozent Ihres Einkaufsbetrages an die Schule spenden – vom Lebensmittelladen übers Velogeschäft bis zum Treuhandbüro oder der Landschaftsgärtnerei.

(z.B. monatlich) in unserem Schulsekretariat ab. Selbstverständlich können Sie die Belege auch per Post ans Sekretariat senden.

Bitte beachten Sie, dass mit Kreditkarten bezahlte Rechnungen und Einkäufe leider nicht abgerechnet werden können. Sie brauchen sich in der Regel weder beim Kauf noch bei der Einholung einer Offerte als «Pool-Mitglied» auszuweisen. Etwaige Ausnahmen sind in der Liste mit einem * markiert. Die Pool-Firmen erUnd so funktioniert es: Wenn Sie beim Einkaufen oder halten anschliessend von unserem Schulsekretariat bei der Auftragsvergabe Partnerfirmen auf der Pool- eine Abrechnung und spenden uns den entsprechenden Liste auswählen, sammeln Sie einfach die Originalrech- anteiligen Betrag Ihres Einkaufes zurück. nungen und Kassenzettel und geben diese regelmässig

Wo sich auch ehemalige Steiner Schüler wohlfühlen.

Anthroposophische Pflege, ein vielseitiges Kultur­ programm und eine, von Bio Suisse ausgezeichnete Küche, das Alters­ und Pflegeheim Birkenrain hat Ihnen viel zu bie­ ten. Die Ruhe im Einzelzimmer oder das Miteinander in der Wohngruppe, hier leben Sie in familiärer Gemeinschaft, liebevoll gepflegt in einem rundum erneuerten Haus, im grünen Zürcher Quartier Enge.

Birkenrain

Ein Zuhause für sinnerfülltes AltersPflegeheim Leben und im Alter Bellariastrasse 21 8002 Zürich sekretariat@birkenrain.ch 044 206 47 00 www.birkenrain.ch

39


Ein über den Bazar hinausgehendes Engagement ist für die Schule unbedingt erforderlich. In vielen Gruppen können Sie sich je nach persönlicher Fähigkeit zu den verschiedensten Themen und in vielen unterschiedlichen Bereichen der Schule einbringen – sei es bei Klassenlagern, im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit, bei Vermittlungsorganen, in der Elternbeitragskommission, im Elternrat, im Vorstand oder auch bei einem Projekt, das Sie selbst initiieren. Nur so können die Betriebskosten und somit die Elternbeiträge geringgehalten werden. Was bewirkt der Elternrat? Der Elternrat fördert die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Eltern, Kollegium und Schulleitung sowie allen anderen an der Schule tätigen Personen. Jede Klasse wählt zu Beginn des Schuljahres zwei VertreterInnen aus der Elternschaft, die sich jeweils 4x pro Jahr im Elternrat treffen. Dieser bietet den Eltern die Möglichkeit, auf der einen Seite ihre Anliegen einzubringen und auf der anderen Seite die Unterstützung aus der Elternschaft zu erhalten. Interessiert, mehr darüber zu erfahren? Anna Karrer, Schulmutter und Leiterin des Elternrates, steht gerne unter info@ steinerschule-zuerich.ch für Auskünfte zur Verfügung. Wie engagiert sich die Schulvereinigung in Memoriam Walter Wyssling? Kennen Sie unseren Schulverein? In der Freien Schulvereinigung sind ehemalige Schülerinnen und Schüler, aktive und ehemalige Eltern sowie an der

40

Rudolf-Steiner-Schule Zürich Interessierte zusammengeschlossen. Gemeinsam bilden sie die Pfeiler, die die Schule tragen. Die Vereinigung sieht ihre Aufgabe darin, den Bestand und die Entwicklung der Schule ideell und finanziell zu unterstützen. Die Schulvereinigung ist als Verein im Handelsregister eingetragen und wird durch einen Vorstand geführt. Er kümmert sich um die treuhänderische Verwaltung der Einnahmen und des Vermögens der Schule sowie um andere Verwaltungsaufgaben in freier Zusammenarbeit mit dem Kollegium und der Elternschaft. Weitere Informationen finden Sie unter dem Link: https://steinerschule-zuerich.ch/ verein/zweck-aufgaben-statuten/ Interessiert, sich aktiv zu beteiligen? Der Vorstand sucht Unterstützung. Jon Turnes, Vorsitzender des Vorstandes und Schulvater, informiert Sie gerne; schreiben Sie ihm unter info@ steinerschule-zuerich.ch. Eine Übersicht weiterer Möglichkeiten, sich an unserer Schule zu engagieren, finden Interessierte in der KompassRubrik «Elternengagement».

Die nächsten Veranstaltungen Auf unserer Website finden Sie unter dem Link https://steinerschule-zuerich. ch/agenda/veranstaltungen/ jeweils die Ankündigung zu unseren Veranstaltungen. Der Weihnachtsbazar in diesem Jahr Der Weihnachtsbazar findet am Samstag, 2. Dezember, von 10.00 bis 18.00 Uhr und am Sonntag, 3. Dezember, von 10.30 bis 17.00 Uhr statt. Neujahrskonzert 2024 Am 11. und 12. Januar 2024 jeweils um 19.00 Uhr lädt der Schulchor zum Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach in der Kirche Oberstrass (Stapferstrasse 58, Zürich) ein. Tickets können schon jetzt im Sekretariat unter info@steinerschulezuerich.ch vorbestellt werden. Weihnachtsspiel der 4. Klasse Vor den Weihnachtsferien lädt die 4. Klasse zum Weihnachtsspiel ein. Besuchen Sie die Vorstellung am 21. Dezember, 18.00 Uhr, im Grossen Saal unserer Schule.

Wir freuen uns auf Sie!

Rudolf Steiner Schule Zürich


Unser Spendenaufruf für die Theatersaal-Renovation Im Sommer 2023 wurde mit den schon lange notwendigen Renovationsarbeiten im Theatersaal begonnen. Die Bühne wird saniert und die Technik erneuert. Die Kosten werden unter der Atelierschule, der ImmoRSS und der Rudolf Steiner Schule Zürich aufgeteilt Bitte helft uns, unseren Anteil für die Renovation aufzubringen. Jeder Beitrag zählt! Im Namen aller Kinder und Jugendlichen, die den Theatersaal rege nutzen, danken wir von ganzem Herzen. Die Spende kann von den Steuern abgezogen werden; sie wird von uns mit einer Spendenbescheinigung verdankt.

Spendenkonto PC 80-13055-6 IBAN CH91 0900 0000 8001 3055 6

41


360° um die Schule

Die confoedera Bodentreuhand-Gesellschaft Ein Weg zur Finanzierung freier Schulen Text : Jonathan Keller (Geschäftsführer Allgemeine Bodentreuhand-Gesellschaft)

Schon seit längerer Zeit beobachten wir, wie sich die sozialen Ungleichgewichte verschärfen, wie die Umwelt aufs Äusserste strapaziert wird, wie die Krisen und Konflikte zunehmen und die technische Entwicklung immer mehr Sorgen auslöst. Da der Mensch für diese Entwicklung verantwortlich ist, bezweifeln viele, dass die Menschheit genug vernünftig ist, das Steuer noch rechtzeitig herumzureissen. So heisst zum Beispiel der Titel in einem Gastkommentar der NZZ vom 6. September 2023, der sich mit diesem Thema befasst: «Sind wir ganz einfach zu intelligent zum Überleben?» Im Glauben, nur der Staat könne die Sache noch zum Guten wenden, wird ein immer stärkeres Eingreifen desselben gefordert. Dass dies mit zunehmender staatlicher Kontrolle, mit Zwang und Einschränkung der individuellen Freiheit verbunden ist, wird dafür in Kauf genommen. Aber: Gibt es keinen menschenwürdigeren Weg für die notwendigen Veränderungen? Liegt es nicht in unserer Hand, durch Bildung und Erziehung Generationen heranwachsen zu lassen, die rücksichtsvoller mit Mensch und Umwelt umgehen werden als wir heute? Und wenn diese Möglichkeit bestünde, welche Eigenschaften müsste ein Bildungswesen aufweisen, in dem dies möglich wäre?

psychologie des Kindes orientiert, enthält das Potenzial, Generationen mit anderen moralischen Qualitäten und einer rücksichtsvolleren Lebensweise hervorzubringen. Als kleines Beispiel dafür, was sich aus einer rein auf Menschenerkenntnis gegründeten Pädagogik ergibt, sei hier Folgendes erwähnt. Rudolf Steiner weist die Lehrpersonen darauf hin, dass – so erstaunlich es auf den ersten Blick auch sein mag – die Art, wie das Rechnen eingeführt wird, die Moralität der Kinder beeinflusst. «Wenn das Kind daran gewöhnt wird, hinzuzufügen, dann entsteht eben jene moralische Anlage, die vorzugsweise ausbildet das nach dem Begehrlichen Hingehen. Wenn von dem Ganzen zu den Teilen übergegangen wird …, so bekommt das Kind die Neigung, nicht das Begehrliche so stark zu entwickeln, sondern es entwickelt die Besonnenheit, die Mässigkeit im edelsten Sinne des Wortes.» 1 Anstatt dem Staat immer mehr Aufgaben übertragen zu wollen, setzt

sich confoedera deshalb für die Finanzierung freier Bildung und Erziehung, freier Kunst, Medizin, Therapie, Religion und Wissenschaft ein. Die dafür eingesetzten finanziellen Mittel kommen aus Liegenschaften, die zu diesem Zweck übernommen werden konnten. Wie dies geschieht, soll nachfolgend skizziert werden.

Ziele der BodentreuhandGesellschaft

Die confoedera Bodentreuhand-Gesellschaft wurde im Jahr 2017 in Zürich gegründet. Entwickelt wurde sie aus einem Kreis von Menschen, die sich mit der Idee der Dreigliederung des Sozialen Organismus und dem Nationalökonomischen Kurs von Rudolf Steiner beschäftigt haben. Die Kernidee besteht darin, dass Grund und Boden seiner Art nach – gleich wie Sonnenlicht, Luft und Wasser – Allgemeingut ist, worauf deshalb alle Menschen gleichermassen Anspruch haben. Dies steht im Widerspruch zum heute geltenden Recht, das Grund und Boden zum verkauf- und vererbbaren Privateigentum macht2 – eine

Da die meisten Menschen ein staatliches Schulsystem durchlaufen haben, liegt es auf der Hand, dass das heute vorherrschende Denken und Handeln – welche die eingangs genannten Probleme verursachen – mit ein Ergebnis dieser staatlich und wirtschaftlich beeinflussten Schulbildung sind. Meine These lautet deshalb: Erst ein freies, von Staat und Wirtschaft unabhängiges Bildungswesen, das sich ausschliesslich an der Entwicklungs-

42

Rudolf Steiner Schule Zürich


der Hauptursachen der immer grösser werdenden sozialen Ungleichgewichte. Die Bodentreuhand möchte diesen Prozess – da wo Menschen dies aus freier Einsicht wollen – stoppen und umkehren.

Berechnung der Jahresmietkosten Haus mit 4 Wohnungen ergibt 45’000 Fr. Spendengeld pro Jahr

Umsetzung der Ziele

Grund und Boden als Allgemeingut behandelt erfordert Folgendes: - Grundstücke gehören der Allgemeinheit und können deshalb nicht mehr verkauft oder vererbt, sondern nur mehr für eine bestimmte Zeit genutzt werden. 3 - Die Allgemeinheit oder deren Delegierte entscheiden, wer welches der Grundstücke bzw. welche Wohnung nutzen darf. - D ie Entscheidung über die Nutzung wird nicht allein aufgrund der finanziellen Möglichkeiten der interessierten NutzerInnen gefällt. - Die NutzerInnen entrichten der Allgemeinheit über die Mieten oder Baurechtszinsen einen Nutzungsausgleich. Um dies umzusetzen, übernimmt die Bodentreuhand mit Hilfe der steuerbefreiten confoedera-Stiftung Grund und Boden durch Kauf oder Schenkung. Ist ein Grundstück einmal so erworben, kann es die Stiftung gemäss ihrem Zweck nicht mehr veräussern. Als nächstes wird die Verwaltung des Grundstückes an die BodentreuhandGesellschaft und die dafür delegierten Personen oder Gremien übertragen. Dann müssen die Grundstücke mit Hilfe von Schenkungen von ihrem heutigen Kapitalwert befreit werden. Entweder verzichten bereits die Verkäufer darauf, den Bodenwert ganz oder teilweise zu verrechnen. In diesem Fall wird bei bebautem Land nur der Wert des Gebäudes, manchmal noch ein Teil des Landpreises bezahlt. Ist dies nicht möglich, werden andere Menschen gesucht, die dabei helfen, den Bodenpreis mittels Schenkungsgeld zu tilgen. Ist der Freikauf eines Grundstückes dann gelungen, können die aus seiner Nutzung sich ergebenden Gebühren 4

Gebäudewert bezahlt 1’100’000 Fr.

Nutzungsgebühr Gebäude 4%

Geschenkter Bodenwert 1’500’000 Fr.

Nutzungsgebühr Boden 3% wird Spendengeld

= 45’000 Fr.

Mietkosten ganzes Haus pro Wohnung und Jahr

= 89’000 Fr. = 22’250 Fr.

als Spendengeld zur Förderung von Erziehung, Bildung, Kunst, Therapie, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Grundlagenforschung verwendet werden. Ab dem Jahr 2024 werden aus den 14 dazugehörenden Liegenschaften jährlich in etwa Fr. 150’000 an Spendengeldern verteilt werden können. Um dem Grundsatz «Grund und Boden ist ein Allgemeingut» auch bei der Verteilung der Spendengelder treu zu bleiben, erfolgt diese Zuweisung nicht durch ein kleines Gremium. Vielmehr kann jedes der aktuell 150 Mitglieder der Bodentreuhand-Gesellschaft jedes Jahr selbst entscheiden, welches Projekt oder welche Initiative es mit seinem Anteil der zur Verfügung stehenden Spendengelder fördern möchte. In der Regel werden die Nutzungsgebühren, die dann als Spendengeld verwendet werden, mit 3 Prozent des geschenkten Bodenwertes berechnet. Aufgrund dieser Berechnung wird innerhalb von 33 Jahren in der Summe gleich viel Spendengeld verteilt, wie geschenkt werden musste, um den Boden frei zu kaufen – nach 66 Jahren doppelt so viel, nach 99 Jahren das Dreifache. Weil Grund und Boden dadurch eine Quelle zur Förderung des freien Kultur- und Geisteslebens wird, erwirken

= 44’000 Fr.

die SchenkerInnen dieser Grundstücke, dass über die Jahre ein Vielfaches ihrer Schenkung an Spendenerträgen erzeugt wird.

Machen auch Sie mit?

Überlegen Sie sich, der Gesellschaft als BodentreuhänderIn beizutreten (Sie müssen dafür nicht selbst BodeneigentümerIn sein) oder haben Sie noch Fragen dazu? Suchen sie nach einer Handhabung Ihres Grundstückes in diesem Sinn? Wollen Sie durch Schenkungen, Teilschenkungen oder Legate von Grundstücken oder anderen Vermögensanteilen die Entschuldung des Bodens zugunsten einer dauerhaften Förderung des freien Kultur- und Geisteslebens ermöglichen? Möchten Sie die confoedera-Stiftung mit zinslosen oder zinsgünstigen Darlehen unterstützen? Nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf, wir freuen uns auf Sie.

Kontakt

Allgemeine Bodentreuhand-Gesellschaft, Untere Zäune 19, 8001 Zürich Jonathan Keller, Geschäftsführung Tel. 055 246 46 36 / bodentreuhand@ confoedera.ch / www.confoedera.ch An die confoedera-Stiftung gerichtete Spenden können von den Steuern abgezogen werden.

1 Rudolf Steiner, GA 305, 21.8.1922 2 Die auf dem Boden stehenden Gebäude hingegen sind von Menschen hergestellt. Es sind Waren, die mit dem Alter an Wert verlieren. Dass diese Privateigentum werden, ist gerechtfertigt. 3 Entweder, indem sie gemietet oder im Baurecht abgegeben werden 4 Der Mietzins bei der Bodentreuhand setzt sich aus einem Beitrag zum Unterhalt und Werterhalt des Gebäudes und aus einer Gebühr für die Nutzung des Bodens zusammen. Diese Gebühr ist nicht mehr an die Entwicklung der Bodenpreise gebunden.

43


Wir sind für Sie da.

grundsätzlich ganzheitlich 365 Tage offen von 8-20 Uhr St. Peterstr. 16 | 8001 Zürich | 044 211 44 77 www.stpeter-apotheke.com

ANTHROZÜRICH

Netzwerk anthroposophischer Arbeitsfelder im Raum Zürich

Als Mitglied oder GönnerIn unterstützen Sie unsere Projekte nachhaltig.

Der Marktplatz für anthroposophische Initiativen und Organisationen → Veranstaltungskalender → Anbieter finden → eigene Angebote aufschalten Auf dem Laufenden bleiben? Newsletter abonnieren!

www.anthrozuerich.ch/newsletter

44

Pflegeschulung

Therapien

Forschung

Gemeinsam für ganzheitliche Medizin Förderverein Anthroposophische Medizin Bergstrasse 7 | 8805 Richterswil | Tel. 044 251 51 35 info@foerderverein-anthromedizin.ch www.foerderverein-anthromedizin.ch

Rudolf Steiner Schule Zürich


DD COM

ZUM WEITERGEBEN, AUFHÄNGEN, Entdecken & VORLESEN.

RUDOLF STEINER SCHULE ZÜRICH

Plattenstrasse 37 8032 ZÜRICH

02 .

DEZ.

03.

DEZ.


Samstag 10.00 –18.00 UHR

SONNTAG 10.30 – 17.00 Uhr

DEZ.

Plattenstrasse 37, 8032 ZÜRICH Märchenhafte Stände

WERTVOLLE RARITÄTEN

&

SPIELEN, VERZIEREN

FÜR KINDER BIS

BASTELN FASZINIERENDE

99 JAHRE MINERALIEN

C H R I S T B A U M S C H M U C K

Guetzliträume

SCHMÖKERN IN DER

Bücher Stube

KERZENZIEHEN

BEZAUBERNDE KLÄNGE

& INSTRUMENTE ∫

Für alle Bazar-

∫

traumhafte Advents - MISTELZWEIGE &Dekorations -Kränze SONNTAGSZÖPFE B E S O N D E R E ANTIQUARIAT WEIHNACHTSG E S C H E N K E BÜCHER ZMORGENBUFFET IM

KAFISTÜBLI: SA 09.30 UHR SO 09.30UHR &

Frühaufsteher

WARME KÜCHE: SAMSTAG 11.30 – 17.00 UHR SONNTAG 11.30 – 15.00 UHR

GESCHENK-GUTSCHEINE SIND AB SOFORT IM SCHULSEKRETARIAT ERHÄLTLICH.

T

I

S

C

H

P

U

P

P

ab 3 Jahren

«DER SÜSSE BREI» Märchen der Gebrüder Grimm AUFGEFÜHRT VON

VA N E S S A H E R F U R T H ANKE ZIMMERMANN

Erzählerin Anastasia Gazepis

SAMSTAG 02. DEZEMBER

11.00, 13.00, 14.30 Uhr

Sonntag 03. Dezember 11.30 und 13.30 Uhr JEWEILS 25 PLÄTZE

E

N

-

T

H

E

A

T

E

R

ab 4 Jahren

« Die Prinzessin in der Flammenburg» MÄRCHEN aus Siebenbürgen AUFGEFÜHRT VON BRAIDA LEEMANN, JASMINE MILAZZO, ANDREA SPIRIG

SAMSTAG

02.

DEZEMBER

14.00, 15.00, 16.00 Uhr

So nntag 03. D e zember 11.30, 13.30 Uhr JEWEILS 50 PLÄTZE

EINTRITTSKARTEN IM ZIMMER RECHTS NEBEN HAUPTEINGANG ERHÄLTLICH


n

t k e p ze

t tü

s er s t a n U ed Si

S

m ru

Das Spektrum sind die Mitteilungen der Rudolf Steiner Schule Zürich; es wird weiterhin kostenlos an alle InteressentInnen und Organisationen verteilt. Gerne können Sie uns jederzeit eine Spende zur Unterstützung unserer Arbeit zukommen lassen. Bitte geben Sie als Verwendungszweck «Spektrum» an. Um Ihnen eine Spenden­ bescheinigung ausstellen zu können, benötigen wir Ihre Anschrift. Unsere Kontoverbindung: Freie Schulvereinigung In Memoriam Walter Wyssling 8032 Zürich Vermerk «Spektrum» Postfinance IBAN: CH91 0900 0000 8001 3055 6

QR-Code für Bankeinzahlung

QR-Code für Twint-Überweisung

Impressum Spektrum

Die Mitteilungen der Rudolf Steiner Schule Zürich Herbst/ Winter 2023 Herausgeber

Rudolf Steiner Schule Zürich & Freie Schulvereinigung In Memoriam Walter Wyssling Plattenstrasse 37, 8032 Zürich Telefon 043 268 20 40 info@steinerschule-zuerich.ch www.steinerschule-zuerich.ch Inserate

Carmen Silbermann ebk@steinerschule-zuerich.ch

Druck

Prowema GmbH CH-8418 Schlatt © November 2023 Die Verantwortung für die einzelnen Beiträge und die Rechte daran liegen bei den jeweiligen Autorinnen und Autoren. Redaktion

Birgit Purainer (verantwortlich) Stefanie Wolff-Heinze

Weitere Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe

Jean-Claude Baudet Leo Faes Stephanie Hächler Hess Jonathan Keller Maya Killer Braida Leemann Henrik Löning Beat Richert Sibylle Rohdich Sophia Schulthess Michael Seefried Yvonne Stemmle Vera Torriani Sabine Wyss

Konzeption und Lektorat

Stefanie Wolff-Heinze Fotokreation

Werner Eschmann Trix Niederau Birgit Purainer Yvonne Stemmle Zeichnungen

9. Klasse

Kreation und Produktion

DD COM AG Seefeldstrasse 301 CH-8008 Zürich www.ddcom.ch

Design:

Daniel Müri Maximilian von Baussnern Druckvorstufe

Andreas Laub

SPEKTRUM wird mit grosszügiger Unterstützung der Prowema GmbH produziert.


VIER LINDEN für‘s Dörfli: •

•

•

Geschenke • Spielwaren • Bücher vierlinden.ch

Spektrum

Die Mitteilungen der Rudolf Steiner Schule Zürich

Nächste Ausgabe: Frühling/ Sommer

24


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Spektrum Herbst/Winter 2023 by DD COM - Issuu