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Schweizer Versicherung - Der Querdenker

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SCHWEIZER

MONATSMAGAZIN FÜR ASSEKURANZ, FINANZ UND VORSORGE

VERSICHERUNG NR. 2 / FEBRUAR 2019 / CHF 9.80 / EURO 8.–

Generali

Wie Europas drittgrösster Versicherer auf den Wachstums­ pfad zurückgefunden hat.

Generalagentenverband So tickt die neue Präsidentin Marianne Chapuis Borgeaud.

Vorsorge

Die stärkere Vergabe von Hypotheken könnte Anlage­ notstand mildern. Doch noch zögern die Versicherer.

PETER OHNEMUS

Der Querdenker

Der Dacadoo-Chef sorgt seit jeher mit unkonventionellen Ideen für Aufmerksamkeit. Jetzt will er im Gesundheitswesen und in der Versicherungswirtschaft durchstarten.


SCHWEIZER VERSICHERUNG FEBRUAR 2019

INHALT

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16| Cannabis Die neue Boom-Branche erreicht nun auch die Assekuranz

46| Innovationsprozesse Kreativität als Quelle der Innovation. Ein Leitfaden auch für Versicherungsgesellschaften

BILD COVER: SEBASTIAN MAGNANI, BILDER INHALT: SEBASTIAN MAGNANI, ISTOCK

MÄRKTE & KUNDEN

18| Krankenversicherungen China belohnt vertrauenswürdige Personen mit besserem Versicherungsschutz

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TECHNOLOGIE & PROZESSE

20| Generali Die Triester gehen wieder in die Offensive 23 Nespresso Le fabricant de capsules de café développe un programme pilote en Colombie 24 FSAGA La nouvelle présidente présente les objectifs qu’elle entend poursuivre 26| SVVG Die neue Präsidentin hat sich einiges vorgenommen

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FINANZ & VORSORGE

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28| Nachhaltigkeitskriterien Immer mehr Pensionskassen investieren sozial und ethisch verantwortungsvoll

49| Ombudsman Ein Fallbeispiel aus dem Bereich Rechtsschutzversicherung 50| Klimawandel Die Konsequenzen sind auch in der Assekuranz spürbar

54| Vermögensschaden-Risiken Wie man Klagen im Griff behält

«DIE MEISTEN FANDEN, DASS ICH SPINNE»

Der «serielle Unternehmer», wie Peter Ohnemus sich selbst nennt, hat in seinem Leben schon vieles gewagt. Der Chef des Schweizer HealthTechUnternehmens Dacadoo über Geistesblitze, Echtzeit-Algorithmen, Gesundheitsdaten und unkonventionelle Denkweisen.

RECHT & REGULIERUNG

52| Bundesgericht Ein Urteil zu Zinszahlungen nach Teilliquidationen

PETER OHNEMUS

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03| Editorial 06| Nachrichten 36| Standpunkt: Jérôme Cosandey 31 Prévoyance La redistribution au profit des retraités serait un mythe

55| Personen

32| Hypothekargeschäft Versicherer haben gute Chancen, um Banken auszustechen

58| Persönlich: Mirjam Bamberger, Axa

34| Serie Anlagestrategien Infrastrukturprojekte gelten jetzt als attraktive Ertragsquelle

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MANAGEMENT & BILDUNG 43 Courtiers La SIBA a lancé une offensive de formation 44| «Finanzberater des Jahres» Matthias Wyss, Drittplatzierter des Wettbewerbs 2018, im Gespräch

56| Impressum

PUBLIFORMATE 08| Die digitale Säule 3a

VERBÄNDE 37| ASDA 38| FPVS 40| IAF 41| VBV 42| SIBA


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SCHWEIZER VERSICHERUNG MONAT 2018 FEBRUAR 2019

TITEL PETER OHNEMUS

Ist im Vergleich zu gleichaltrigen Männern aus Zürich fit wie ein Turnschuh: Peter Ohnemus, CEO des Schweizer HealthTechUnternehmens Dacadoo.


SCHWEIZER VERSICHERUNG FEBRUAR MONAT 2018 2019

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«Habt Träume und verfolgt diese!» Der Unternehmer Peter Ohnemus hat schon vieles erlebt. Vom steilen Höhenflug bis zum plötzlichen Absturz war alles dabei. Doch nach Misserfolgen ist er immer wieder aufgestanden und positiv geblieben. Derzeit startet der gebürtige Däne mit Dacadoo durch – im Gesundheitswesen und in der Versicherungswirtschaft. Von Jasmine Alig; Fotos Sebastian Magnani

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n Geistesblitzen mangelt es dem Mann offenbar nicht: «Ich stehe jeden Morgen auf und bin voller Ideen und Energie», sprudelt es aus Peter Ohnemus heraus. Der 53-Jährige ist Präsident und CEO des Schweizer HealthTech- und InsurTech-Anbieters Dacadoo, gründete mit 23 Jahren seine erste Firma, trinkt gerne stilles Wasser und bezeichnet sich selbst als seriellen Unternehmer. Ginge es nach ihm, würde er noch viel mehr machen – wenn er nur genügend Zeit hätte. Denn der gebürtige Däne ist nicht nur erfolgreicher Unternehmer, sondern zugleich Ehemann und Vater von fünf Töchtern. Und so leitet er «nur» Dacadoo, ist jedoch Gründer und Besitzer von «sechs oder sieben» weiteren Firmen. So genau scheint er das nicht zu wissen. Als serieller Unternehmer verliert man offensichtlich irgendwann den Überblick. Seine beruflichen Wurzeln hat Ohnemus, dessen Mutter Dänin und dessen Vater Schweizer ist, in der Chemiebranche. «Meinen

ersten Job hatte ich in einer dänischen Firma», verrät er und schenkt sich ein Glas Wasser ein. Schon früh entdeckte er seine Faszination für Computer und eignete sich immer spezifischeres Wissen im Bereich Software an – alles autodidaktisch. Es folgten mehrere Firmengründungen, darunter des Schweizer Datenbank-Unternehmens SQL AG, das er später an das grosse amerikanische Softwareunternehmen Sybase verkaufte. Oder die an der Börse hochgejubelte und dann abrupt gefallene Hightech-Firma The Fantastic Corporation. Oder die Nachhaltigkeits-Datenbank Asset4, die er 2009 an Thompson Reuters verkaufte. «Seit 30 Jahren gründe ich ein Unternehmen nach dem anderen», fasst Ohnemus sein bisheriges Wirken zusammen, «und nach Misserfolgen bin ich immer wieder aufgestanden und habe weitergemacht.» Gesundheit von 1 bis 1000 Sein nächstes grosses Projekt widmete sich der Gesundheit. «Ich fand, dass man nicht nur Unternehmen, sondern auch Menschen nach ihrer Nachhaltigkeit bewerten kann»,

erzählt der IT-Crack, der jahrelang auch für Versicherungsgesellschaften programmiert hat. Und so erfand er den Gesundheitsindex (engl. Health Score) und gründete im Jahr 2010 mit Eigenkapital sein nächstes Unternehmen, die Dacadoo AG. «Der Grundgedanke war, einen Proxy, also eine Währung, zu erfinden, um die Gesundheit eines Menschen zu beschreiben», erklärt Peter Ohnemus. Diese werde durch einen Echtzeit-Algorithmus anhand von drei Hauptsäulen berechnet: 1. Lebensstil (Ernährung, Schlaf, Bewegung, Stress), 2. Körper (Gewicht, Grösse, Geschlecht sowie andere Körperwerte) und 3. mentales (Wohl)Befinden. Basierend auf den anonymisierten Daten von über 300 Millionen klinischen Personenjahren ergibt sich dadurch ein individueller Health Score von 1 (klinisch tot) bis 1000 (übermenschlich). Ohnemus’ aktueller Gesundheitsindex liegt bei 647. «Der ist jetzt auf einem höheren Niveau, weil ich mich in den Ferien viel bewegen und Sport treiben konnte», freut sich der Däne, wischt mit dem Finger über sein


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SCHWEIZER VERSICHERUNG FEBRUAR 2019

Smartphone und öffnet die Dacadoo-App. Die drei Übersichtsbalken auf der Startseite verraten, dass er zwar insgesamt sehr gesund lebt, aber erstens ein Gewichtsproblem hat (er wiegt 100 Kilo) und zweitens zu wenig schläft. «Ich lebe einfach zu gern», rechtfertigt er sich schmunzelnd. Dafür sei er psychisch sehr ausgeglichen, was auch sein Umfeld ihm immer wieder bestätige. Andere Männer in seinem Alter aus Zürich haben einen durchschnittlichen Health Score von 575. Ohnemus ist im Vergleich also fit wie ein Turnschuh. Punkte für Gutes Der persönliche Gesundheitsindex sinkt, wenn man den ganzen Tag sitzt. Deshalb bietet Dacadoo zusätzlich einen auf künstlicher Intelligenz basierenden Feedback «Die KostenLoop an. Dieser funktioniert als eine struktur, die im Art automatisierter und personaliGesundheitssierter Gesundheitscoach, und er gibt wesen auf uns dem User Tipps in den Bereichen Bezukommt, können wir uns gar nicht wegung, Ernährung, Stress und leisten!» Schlaf. «Wir wollen den Leuten nicht nur erklären, wie gesund sie sind, sondern auch, was sie tun können, um ihre Gesundheit zu halten bzw. zu verbessern», erklärt der Unternehmer. Und weil Menschen für gutes Verhalten gerne belohnt werden, können Versicherungskunden von Dacadoo optional das eingebaute Belohnungssystem aktivieren. Wer Gutes tut für seine Gesundheit, bekommt Punkte, die er später für eine Belohnung einlösen kann. Das System ist so programmiert, dass es, sofern die eigene Krankenkasse mit Dacadoo zusammenarbeitet und der User das möchte, den Belohnungs-Punktestand an die Krankenkasse weiterleitet, die ihrerseits gesundheitsförderliches Verhalten mit Prämienrabatten oder anderen Rewards in einem Reward Shop belohnt. Spitze Zungen könnten nun behaupten, dass Dacadoo die Menschen mit dem Feedback Loop und dem Belohnungssystem bevormunden will. «Nonsense», winkt Ohnemus ab. «Ich sage: Lebe wie du willst.» Er wolle und dürfe Menschen nicht beurteilen. «Aber wenn Sie mit 200 km/h auf der Autobahn fahren, was passiert? Sie kriegen eine Busse. Wenn Sie drei Mal mit dem Auto in eine Wand fahren, steigt die Prämie für die Autoversicherung.» Auch er trinke gern ein Glas Rotwein oder rauche eine gute Zigarre. Das sei jedem selbst überlassen. «Doch die Eigenverantwortung ist durch die Anonymität der Grossstädte verlorengegangen», ist der Dacadoo-Chef überzeugt. Versicherungen hätten am Anfang so gut funktioniert, weil jeder jeden gekannt habe und keiner seinen Nachbarn betrogen habe, weil alle wirtschaftlich voneinander abhängig gewesen seien. «Heutzutage – nehmen wir Mexiko City mit 30 Millionen Leuten – kennt keiner mehr den anderen; die sind einander völlig Wurst», so Ohnemus. Das Hauptziel eines jeden sei eher, die Versicherung über den Tisch zu ziehen. «Jetzt kann man sagen, ich probiere künstliche Intelligenz, um Betrug aufzudecken.» Oder

TITEL PETER OHNEMUS

man baue eine Vertrauensbeziehung mit seinen Kunden auf. «Ich bin viel mehr für die Vertrauensbeziehung.» Neue, digitale Ideen Als Unternehmer sei er auch ein Querdenker, sagt Peter Ohnemus nicht ohne Stolz. «Ich suche nach Innovationen; davon lebe ich.» Nach dem Zweiten Weltkrieg habe man befunden, dass es eine Krankenkasse brauche, um die Gesundheitskosten decken zu können. Und eine Lebensversicherung, um sicherzustellen, dass, wenn der Hauptverdiener in der Familie sterbe, der Rest der Familie finanziell gesichert sei. «Das ist ja gut und recht. Inzwischen hat sich die Welt aber massiv verändert», stellt er klar. «Das Gesundheitssystem, das wir dazumal aufgebaut haben, funktioniert heute nicht mehr.» Die Kosten seien einfach zu hoch geworden. «Die demografische Struktur der Gesellschaft hat sich massiv geändert; wir werden viel, viel älter», hebt er hervor. «Die Kostenstruktur, die im Gesundheitswesen auf uns zukommt, ist wahnsinnig. Das können wir uns gar nicht leisten!» Die Eigenverantwortung der Menschen werde grösser werden müssen. «Das heisst, wir brauchen neue Ideen.» Eines der grösseren Probleme im heutigen Gesundheitswesen sei, dass Daten analog erfasst würden. Ohnemus: «Patientendaten werden oftmals lokal in sieben verschiedenen Datenbanksystemen in der Schweiz abgespeichert. Das kostet ein Vermögen!» Seiner Meinung nach wird in Zukunft nur noch digital gemessen. «In den kommenden fünf bis zehn Jahren wird es 25 Milliarden Internet-of-Things(IoT)Sensoren geben. Die generieren Daten ohne Ende!» Bereits heute gebe es Sensoren, die Blut in EchtZUR PERSON zeit messen würden. Oder Leute, PETER die einen Chip unter der Haut hätten. Kontaktlinsen von Google OHNEMUS … messen den Glykoseindex in den Augen. Und auch Diabetes II lässt sich digital messen und verwalten. … ist Gründer, Präsident «Das gesamte Gesundheitswesen und CEO der Dacadoo AG. wird und muss digital werden», Der gebürtige Däne war in hält der Datenbank-Experte mit den vergangenen 25 Jahren Nachdruck fest und zitiert aus eian diversen Hightechner Studie von McKenzie: «Damit und Biotech-Investitionen lässt sich ein Drittel der Kosten im beteiligt, die zu vier BörGesundheitssystem sparen.» sengängen und mehreren Teure Fehlbehandlungen Hohe Kosten verursachen gemäss Peter Ohnemus nicht nur Wiederholungen, sondern auch falsche Diagnosen. «Gemäss führenden internationalen medizinischen Studien geht man davon aus, dass zwischen 35 und 40 Prozent der medizinischen Diagnosen falsch sind», erklärt er. «Das heisst, Sie schlucken Blutdrucktabletten, obwohl Sie gar keinen Bluthochdruck haben. Oder Sie nehmen Pillen gegen zu hohes Cholesterin, aber

Handelsverkäufen geführt haben. Über die vergangenen zehn Jahre war Ohnemus Verwaltungsratsmitglied unter anderem bei Rothschild Bank, Tele Denmark (Schweiz), Esbatech und CommerceOne. Gelegentlich unterrichtet er digitale Innovation, Unternehmertum und Wirtschaft an der HSG und in Bocconi (Indien).


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eigentlich ist alles in Ordnung mit Ihren Werten.» Als er diese Fakten an einem Vortrag beim Schweizer Ärzteverband präsentiert habe, habe es vernichtende Kritik gehagelt. «Einer stand sogar auf und nannte mich ein Arschloch. Das ist mir noch nie passiert.» Auch das Thema Telemedizin spalte die Geister. Ohnemus: «Ein Standard-Arztbesuch kostet rund 250 Franken. In den USA gibt es einen Fixpreis von 50 Franken für eine Diagnose per Telefon – inkl. medizinischer Empfehlung. So lassen sich 80 Prozent der Kosten sparen.» Es gebe viele Ärzte, die dagegen seien. «Aber wir brauchen neue Denkweisen!» Der IT-Spezialist hält viel von künstlicher Intelligenz (KI), insbesondere von Machine Learning. «Google konnte in einer Studie mit 20 000 Leuten nachweisen, dass KI fähig ist, via Face ID den Augendruck zu erkennen und so grauen Star vorauszusagen. Ohne dass ein Mensch dabei war. Nur mit dem Smartphone.» Klar könne man mit dem Smartphone keine Herzoperation durchführen. Dazu brauche es immer noch den Menschen. «Aber was man heute Computer in Bilderkennung trainieren kann ist Wahnsinn», sagt Ohnemus mit einem Strahlen im Gesicht. «Beispiel Hautkrebs: Wieso soll ein Smartphone nicht in der Lage sein, eine Sonnenallergie zu erkennen?» Auch bei Dacadoo arbeite man derzeit an der Bildererkennung und versuche, Krankheiten nur aufgrund des Gesichtsausdrucks zu erfassen. «Das Ganze ist noch nicht annähernd spruchreif, aber Sie werden staunen, was wir da alles feststellen können.» Näher am Kunden Nicht nur die Zukunft der Medizin ist gemäss Ohnemus’ Prognose digital, sondern auch diejenige des Versicherungswesens. «Banken sind der Versicherungsindustrie digitalisierungstechnisch zehn bis 15 Jahre voraus. Und das wird jetzt zusätzlich beschleunigt», betont der Unternehmer. Apple habe Versicherungslizenzen beantragt, Amazon ebenso, es tue sich was auf dem Markt. «Die Damen und Herren aus der Versicherungsindustrie können nicht mehr lange schlafen. Die werden bald sehr wach.» Wach werden müssen vor allem auch die Lebensversicherer. «Das klassische Lebensversicherungsprodukt, das wir von früher kennen, hat – zumindest in der westlichen Welt – seine Wachstumsquote erreicht», erklärt Ohnemus. Die gesamte Lebensversicherungsindustrie müsse sich neu erfinden. Das Ziel sei mehr Kundennähe, um überhaupt eine Relevanz im Leben eines Kunden zu haben. «Heute haben Lebensversicherer ja gar keine Beziehung zu ihren Kunden.» Die meisten Policen laufen über 10, 20 Jahre und werden nie angepasst. «Die haben keine Ahnung, wie ich lebe. Ich könnte Alkoholiker sein, Bungee Jumping machen oder Skydiven, völlig egal», so der Däne. «Ein sehr krankes Geschäftsmodell, wenn man sich das überlegt.»

«Die Damen und Herren aus der Versicherungsindustrie können nicht mehr lange schlafen. Die werden bald sehr wach.»

PETER OHNEMUS DACADOO AG

Spannenderweise gehe man beim Underwriting ja ohnehin davon aus, dass der Kunde lüge. «In der Versicherungswelt nennt man das ein ‹Technical Adjustment›», fachsimpelt Ohnemus. «Ich aber möchte meinem Gegenüber vertrauen können.» Deshalb plädiert er für die «Etwas-für-etwas»Wirtschaft. «Die Zukunft der digitalen Versicherung ist ein Marktplatz. Und dieser Marktplatz wird nur funktionieren, wenn man etwas gibt und dafür etwas zurückbekommt. Das ist ganz wichtig.» Zigaretten versus Yoga In anderen Bereichen sei das Prinzip bereits selbstverständlich. «Wenn Sie jahrelang unfallfrei Auto fahren oder sogar eine Blackbox installiert haben, angemessen beschleunigen und nicht mit 200 Sachen über die Autobahn brettern, bekommen Sie viel attraktivere Prämien bei Ihrem Motorfahrzeugversicherer», untermalt der Unternehmer seine Argumentation. Das sei doch fair. Bei Dacadoo gehe es um den selbstverursachten Schaden an der eigenen Gesundheit. «Die Leute sollen Alkohol trinken, rauchen, keinen Sport treiben. Das

stört mich nicht.» Aber ein Verhalten, das der Gesundheit zuträglich ist, soll belohnt werden. Aussagen wie diese machen Peter Ohnemus angreifbar in Bezug auf das Solidaritätsprinzip. «Ich glaube sehr an den sozialen Gedanken», kontert er, aber das Solidaritätsprinzip funktioniere in einer anonymisierten Welt nicht. «Beispiel: Herr Müller raucht 40 Zigaretten am Tag, trinkt 20 Biere und sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch. Herr Meier macht Yoga, geht täglich mit dem Hund spazieren und isst vegan. Beide wohnen im Züricher Kreis 8, sind gleich alt und zahlen dieselben Krankenkassenprämien. Schlussendlich wird aber der eine vermutlich irgendwann viel kranker sein als der andere und erheblich mehr Kosten generieren.» Das müsse nicht zwingend so sein, doch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich so entwickle, sei relativ gross. Risiko in Echtzeit Dacadoos neustes Produkt ist die Real Time Risk Engine. «Wir fanden, dass es eigentlich spannend wäre, wenn wir das Risiko in Echtzeit berechnen könnten», erklärt Ohnemus

DACADOO NAVIGATIONSSYSTEM FÜR GESUNDHEIT UND LEBENSSTIL Dacadoo ist ein innovatives, weltweit tätiges Schweizer Unternehmen, das die digitale Transformation im Gesundheitswesen und in der Versicherungsindustrie vorantreibt. Es verfolgt das Ziel, durch aktive Begleitung und künstliche Intelligenz Gesundheit und Wohlbefinden zu stärken. Die umfassende digitale Plattform zur Gesundheitsprävention motiviert mit spielerischem Ansatz zu einem gesunden Lebensstil und macht Gesundheit individu-

ell messbar. Die mobilen Dacadoo-Gesundheitslösungen kombinieren Motivationstechniken aus der Verhaltensforschung mit Funktionen aus Onlinespielen und sozialen Netzwerken. Auf der Basis des wissenschaftlich fundierten «Health Scoring» und des Gesundheitscoachings durch den «Lifestyle Navigator» bietet Dacadoo die führende digitale Lösung für Unternehmen im Gesundheitsbereich sowie für die betriebliche Gesundheitsförderung an.


TITEL PETER OHNEMUS

die Idee dahinter. Lebensversicherungen und gung. Damit verdienen wir unser Geld, nicht auch Krankenkassen würden mit sogenann- mit dem Verkauf von Gesundheitsdaten.» Der Kunde kann also selbst entscheiden, ten Aktuar-Werten arbeiten. «Sie nutzen eine Life-Table, der man entnehmen kann, wie ob er seine Daten seiner Versicherung freigeviele Leute 2017 aus welchem Grund gestor- ben will. Oder ob er sie für die Wissenschaft ben sind.» Dacadoo erhält Daten in Echtzeit verfügbar macht. Ohnemus: «Das ist zwar von Millionen von Quellen. Peter Ohnemus: noch etwas Zukunftsmusik, aber ich glaube «Wir können also eine viel bessere Echtzeit- an das, was Professor Ernst Hafen propaRisikobewertung machen.» Die statistische giert: Dass man künftig einen Teil seiner DaAussagekraft der Dacadoo-Daten sei enorm ten der Forschung zur Verfügung stellen stark. «Im Vergleich zur grössten Gesund- kann. In einer Art Mietmodell. Als Gegenheitsstudie der Welt, der NHANES III, leistung werden einem die Krankenkassenweicht die errechnete Sterblichkeitsrate von prämien bezahlt.» Dacadoo nur wenig ab. Wir liegen also mit unserer Risikoberechnung extrem nahe an Think positive Peter Ohnemus hat es einmal mehr geder Wahrheit.» Die Risiko-Engine, die nicht nur die Mor- schafft: Mit seiner Firma Dacadoo gewinnt talität, sondern auch die chronischen Krank- er einen Preis nach dem anderen, er kann heiten berechnet, hat für Versicherer gleich immer mehr grosse Kunden von seinem mehrfachen Nutzen: Einerseits ermöglicht sie Produkt überzeugen, geht Partnerschaften in der ganzen Welt ein und baut eine Beschleunigung des Undersein Angebot laufend aus. writing-Prozesses (Accelerated «Mittlerweile zieht es langsam Underwriting). «Gewisse Versi«Unternehmer – das heisst, ich bin an», freut sich der Unternehcherungsgesellschaften nennen bereit, etwas zu mer. Aber am Anfang habe er es das auch ‹fluidless underwriting›, unternehmen.» schwer gehabt: «Die meisten weil kein Blut genommen wird», Menschen fanden, dass ich erklärt der Dacadoo-Chef. Anspinne, als ich ihnen meine Idee dererseits bildet sie den Grunderklärt habe.» «Das schafft der stein für das Index-basierte Pricing für Lebensversicherungen, für das nie», sei der Grundtenor gewesen. «Was wir sogenannte «Pay as you live». Ohnemus: «Mit da auf die Schnauze bekommen haben mit unserem Risk Engine wird das Pricing dyna- Dacadoo in den ersten paar Jahren …» Aber misch.» Es passt sich also kontinuierlich dem als wahrer Unternehmer stehe man immer wieder auf und denke positiv. «Ich finde das Lebensstil des Kunden an. Verb ‹unternehmen› in der deutschen Sprache so passend: Ich ‹unternehme› etwas. Das Daten gehören dem Nutzer Die Wände im Eingangsbereich der Büro- gibt es weder auf Englisch noch auf Franzöräumlichkeiten von Dacadoo an der Othmar- sisch. Unternehmer – das heisst, ich bin bestrasse in Zürich sind übersät mit gerahmten reit, etwas zu unternehmen.» Unternommen hat Ohnemus während Patenten. «Mittlerweile haben wir über 90 Patente eingereicht. 23 davon sind welt- seiner bisherigen Karriere schon einiges. Beweit genehmigt», freut sich der Chef und straft wurde er für sein ungestümes Wesen schlendert den Flur entlang. Eines der Pa- schon früh: «In meinen jungen Jahren erlitt tente, das bereits vor vier Jahren gebaut und ich einmal ein Burnout und musste lernen, angemeldet worden ist, heisst «Ledger of Life». dass ich auf mich selbst Acht geben muss.» «Dacadoo ist so gebaut worden, dass es mit der Heute sei er sehr ausbalanciert und mache Blockchain funktioniert», erklärt Ohnemus, viel Sport, probiere, genügend Schlaf zu be«denn Blockchain ist die Zukunft des Versi- kommen und im Gleichgewicht zu bleiben. cherungswesens», ist er felsenfest überzeugt. «Zuerst musste ich aber voll in die Wand knalMit «Ledger of Life» werde nun jede Bewe- len, und dann habe ich daraus gelernt.» Sein Rat an einen jungen Menschen, der gung auf der Blockchain hinterlegt. «Das führt dazu, dass man nicht betrügen kann», ein Unternehmen gründen will: «Das Alerklärt der Experte. Es gebe aber auch das lerallerallerwichtigste ist, dass man Träume hat. Niemand von uns darf erwachsen werRecht an den Daten zurück an den Kunden. Die Daten, welche die Nutzer dem Daca- den.» Er meine das ernst. «Habt Träume doo-System preisgeben, werden verschlüs- und verfolgt diese!» Er selbst komme aus eiselt. «Ich bin der festen Überzeugung, dass ner ganz normalen Familie, seine Eltern sämtliche Gesundheitsdaten der Privatperson hätten ihm kein Geld für die Gründung seigehören», betont Peter Ohnemus. Über das ner ersten Firma gegeben, und auch die sogenannte Opt-in kann der User wählen, ob meisten Banken hätten ihm die kalte Schulseine Daten begrenzt eingesehen werden dür- ter gezeigt. «Schlussendlich habe ich von eifen. «Dacadoo selbst besitzt jedoch keine Da- ner ganz kleinen Bank auf dem Land etwas ten», räumt der Unternehmer etwaige Zweifel Geld geliehen bekommen», erinnert er sich. aus dem Weg. «Wir sind ein B2B-Unterneh- Kein Mensch hätte ihm dazumal zugetraut, men und stellen interessierten Versicherern dass er es schaffen würde. Er hat allen das unsere unabhängige Plattform zur Verfü- Gegenteil bewiesen.

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