»Mein Lieblingsbuch «
Eine Auswahl der schönsten Buchempfehlungen – zusammengestellt aus den Einsendungen zum internationalen Wettbewerb »Geschichte einer Freundschaft – Mein Lieblingsbuch« Herausgegeben von Prof. Dr. h. c. Klaus-Dieter Lehmann
» Mein Lieblingsbuch « Geschichte(n) einer Freundschaft
Hueber Verlag
Inhalt
6
»Geschichte(n) einer Freundschaft« 10 – 141
»Mein Lieblingsbuch« Eine Auswahl der schönsten Beiträge
142
Lieblingsbücher – Hinweise zur Lebens-, Liebes- und Lesekunst 146
Was ist ein gutes Buch? 149
Index 152
Quellenverzeichnis •
»Geschichte(n) einer Freundschaft «
I
Foto: Goethe-Institut
mmer wenn ich reise, beobachte ich die mich umgebenden Menschen. Ihnen ist häufig eines gemein: Sie lesen. Sie studieren Akten, sie schmökern in Magazinen, sie vertiefen sich in Bücher. Lesen ist die zentrale Kulturtechnik, eine Qualifikation, die uns nicht allein Wissen erschließt, sondern uns ganze Welten eröffnet. Kein Buch ist wie das andere, ein jedes erzählt eine eigene Geschichte. Es gibt heitere, tragische, besinnliche, philosophische, spannende, unterhaltende, lehrreiche wie auch unglaubliche Bücher. Und natürlich gibt es Bücher, die uns auf besondere Art und Weise berühren, fesseln, bewegen und uns unter Umständen ein Leben lang begleiten. Der Wettbewerb des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Sprachrat »Geschichte einer Freundschaft – Mein Lieblingsbuch« hat Menschen in aller Welt dazu eingeladen, ihre besondere Beziehung zu einem Buch – ihrem Lieblingsbuch – zu beschreiben. Viele Menschen haben, unserem Aufruf folgend, ihre Zuneigung in Worte gefasst. Sie sinnierten über die zunächst so schlicht erscheinende Aufgabe, ein Lieblingsbuch auszuwählen. Nicht wenige haben uns von den Schwierigkeiten bei ihrer Entscheidung berichtet: Habe ich wirklich nur ein Lieblingsbuch oder sind es nicht doch derer mehrere? Wechselt es gar von Zeit zu Zeit? Warum erscheint mir ein Buch wertvoller als ein
anderes? All diese Fragen galt es zu klären, um an unserem Wettbewerb teilzunehmen. Das nun vor Ihnen liegende Buch legt ein beredtes Zeugnis davon ab, was Menschen weltweit mit deutscher Literatur verbindet. Die große Anzahl von Beiträgen aus Ländern wie Russland, Kanada oder Schweden ist ein Spiegel dessen, wie Deutschland im Ausland »erlesen« wird: Menschen aus Venezuela beschreiben ihre Beziehung zu Heinrich Bölls Werk, Kinder aus Irland schwärmen für Antonia Michaelis’ »Kreuzberg 007 – Mission grünes Monster« und von überall her erklären Teilnehmer ihre Zuneigung zu Klassikern wie Marlen Haushofers »Die Wand«, Patrick Süskinds »Das Parfum« und Michael Endes »Die unendliche Geschichte«. Auch mich verbindet eine besondere Beziehung mit einem Buch. Mein literarisches Kleinod ist »Die Blechtrommel« von Günter Grass. Heute, ungeachtet dessen, dass die Lektüre des Buches Jahre zurückliegt, fühle ich mich noch immer tief beeindruckt, wie man in einer Dichte und Anschaulichkeit mit Bildern und faszinierenden Konstellationen, mit einem »bizarren Helden«, die Zeit fängt und vermittelt. Deutsche Literatur ist vielfältig und lebendig, wie es die Beiträge in diesem Buch widerspiegeln. Manch einen treiben die deutschen Klassiker seit Jahrzehnten um, andere berichten von Büchern, durch die sie eine innere Veränderung
erfahren haben, wieder andere verbinden zeitgenössische Literatur oder Kindheitserinnerungen mit ihrem Lieblingsbuch. Die hier vorgestellten Beiträge sind nur eine kleine Auswahl aus der großen Vielzahl eingereichter Liebeserklärungen. Sie alle sind leidenschaftliche Plädoyers, Ausdruck individueller Vorlieben und subjektiver Begeisterung; Buchempfehlungen, die Sie einladen möchten, vielleicht auch jenseits etablierter Literaturlisten Neues und Unbekanntes zu entdecken. Was mir noch bleibt ist, Ihnen die gleiche Leselust zu wünschen, die ich bei der Lektüre verspürt habe. Auf die Freundschaft, die Sie vielleicht bald mit dem einen oder anderen der hier empfohlenen Bücher verbinden wird! Prof. Dr. h. c. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts
6
» Mein Lieblingsbuch « Geschichte(n) einer Freundschaft
E
ine Auswahl der schönsten Buchempfehlungen – zusammengestellt aus den Einsendungen zum internationalen Wettbewerb »Geschichte einer Freundschaft – Mein Lieblingsbuch«
Eine Liebeserklärung ans Lieblingsbuch
A
ch, Lieblingsbücher. Mein Lieblingsbuch liegt auf dem Küchentisch. Da liegt es nun schon seit einigen Tagen. Es liegt gut dort. Ich kann es sehen, morgens, wenn ich aufstehe. Und abends, wenn ich zu Bett gehe, schaue ich es ebenfalls noch einmal an. Mein Lieblingsbuch ist noch ganz neu, der Titel gefällt mir, das Bild vorne drauf ist schön und auch jenes, das klein auf der Rückseite zu sehen ist. Auch innen wird es mir gefallen, da bin ich sicher, obwohl ich es noch nicht gelesen habe. Es freut mich aber sehr, dass es da ist, dass es da ist und ich es bald lesen werde, sehr bald. Und die Freude darüber ist so groß, dass es bereits jetzt mein Lieblingsbuch ist. Es wird alles für mich sein, was ein Lieblingsbuch sein muss: Es wird unglaublich lustig sein – so lustig, dass es beinahe peinlich wäre, es in öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen. Aber nur beinahe. Auch ernst und traurig wird es sein, und wenn es mir nicht gut geht, wird es mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter geben und ich werde wissen, dass alles weitergeht. Es wird mich unterhalten, wenn mir langweilig ist und es wird mich beruhigen, wenn ich nicht einschlafen kann. Ich bin so froh über mein Lieblingsbuch. Manchmal streiche ich sanft über den Einband, er fühlt sich kühl an, glatt, ganz neu und unberührt. Einmal habe ich sogar die erste Seite aufgeblättert, nur ganz kurz, und sie dann schnell wieder zugeklappt. Man soll nichts überstürzen. Daniel Beskos, Hamburg
10
Meine drei Lieblingsbücher
D
as Lieblingsbuch meiner Jugend war eine im Sperrmüll am Straßenrand liegende, ziemlich verschmutzte Schulausgabe der »Kirchengeschichte«. Es war die gleiche Ausgabe, die ich als 15-Jähriger im Religionsunterricht benutzte und ich fand es irgendwie schändlich, dass ein christliches Buch (fast eine Bibel!) weggeworfen wurde – und nahm sie in die Hand. Durchblätternd und wägend, ob ich ein Junge sein wollte, der ein olles Schulbuch vor dem Müll retten würde, fand ich zwischen den Seiten einen 50-Mark-Schein! Das war so ziemlich genau der Betrag, den ich dem Pfarramt für die schon kassierten (aber für andere Dinge verwendeten …), von mir ausgetragenen »Kirche und Leben«-Ausgaben (der Bistumszeitung) schuldete – und der mir schon so einiges Kopfzerbrechen bereitet hatte. Bis heute blättere ich Bücher gerne durch. Zwischen und in den Seiten habe ich immer wieder Werte gefunden, die das Jugenderlebnis erneuerten, bestätigten, vertieften. So viele Bücher können Hilfsbrücken sein aus mehr und weniger brenzligen Situationen. Das Lieblingsbuch meiner Studentenzeit war eine bibliophile Arno-Schmidt-Ausgabe, die nicht in der Präsenzbibliothek des Münchner Germanistischen Instituts stand, sondern im Zimmer der Bibliothekarin. Ich interessierte mich nicht sonderlich für Arno Schmidt, aber ich interessierte mich für die in der Bibliothek arbeitende studentische Hilfskraft Sabine, die
das Buch immer erst holen musste – und die ich über Monate erfolglos in ein Gespräch zu verwickeln versuchte. Irgendwann sagte Sabine, die zur Ausleihe einen nicht unerheblichen Aufwand betreiben musste: »Ich habe den Eindruck, dass du mich mit dieser nervigen Bestellung ärgern willst!« Ich hatte die Geistesgegenwart zu sagen: »Ich habe den Eindruck, dass ich dich dafür zum Kaffee einladen sollte.« Dem ersten Kaffee folgten Essen, Ausflüge, Urlaube. Auch heute noch verbindet uns eine wunderbare Freundschaft – und Arno Schmidt habe ich über die Jahre auch schätzen gelernt. Das Lieblingsbuch meines Erwachsenenalters ist der noch nicht geschriebene Roman, an dem ich seit Jahrzehnten arbeite. Etliche Entwürfe und Kapitel liegen in meiner Schublade, aber es fehlt noch die Disziplin, die Zeit, die Geistesgegenwart (so sage ich mir), um diesen Roman auch wirklich fertig zu schreiben. Der Text gärt wie ein guter Wein in mir – ich weiß, dass ich ihn irgendwann fertig schreiben werde. Wie in jeder Beziehung gibt es Höhen und Tiefen in meinem Verhältnis zu meinem Lieblingsbuch. Manchmal möchte ich es verlassen, Schluss machen mit dieser fragilen und wenig sichtbaren, so unvollständigen Beziehung. An anderen Tagen liebe ich es heiß und innig und erfreue mich an den kleinen Sätzen und Ideen, die ich festhalte wie einen im Wachsen befindlichen Schatz. Solange ich es noch nicht geschrieben habe, lebe ich im
Modus des aufmerksamen Liebhabers, der die Welt mit Frühlingsaugen sieht. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht das Buch als Projekt mehr liebe als das Buch, das vielleicht irgendwann gedruckt sein wird. Ist nicht jede Beziehung an einem Ende, wenn sie abgeschlossen ist? So oder so: Ich schreibe weiter an meinem Lieblingsbuch, langsam herantastend, lächelnd, träumend und bangend, was sein wird, wenn es wirklich einmal fertig ist. Reinhard Bröker, Freising
12
»Siddhartha « H er mann H esse
E
s regnet und ich wäre so viel lieber im Bett liegen geblieben. Plötzlich erscheinen mir all die Vorurteile über das Ruhrgebiet als wahr. Graue Häuser starren mich durch einen grauen Regenschleier an. Und die Tristesse der Umgebung spiegelt sich in den Gesichtern der Menschen wieder – ich denke an Asien und sehne mich nach dem Gefühl warmer Sonnenstrahlen auf meiner Haut, nach den exotischen Gerüchen der immer lebendigen Straßen. Aber ich bin nicht in Asien, ich bin hier – in Bochum. Im Bus 353 auf dem Weg zu einem der zahlreichen bürokratischen Hürdenläufe, die Studenten vor ihrem Abschluss meistern müssen. Eine alte Frau sitzt mir gegenüber und schimpft über die Welt. Die Mundwinkel der anderen Mitfahrer hängen nach unten. Eine träge machende, schwere graue Welle scheint auf mich zuzurollen, eine Atemnot der Geistigkeit, die mir die Luft zu nehmen droht. Ich merke, wie meine eigenen Mundwinkel langsam nach unten sinken, während mein Blick traurig durchs Fenster ins graue Meer der vorbeiziehenden Umgebung schwenkt. »Scheiß Wetter!« murmle ich, mehr zu mir selbst als zu der alten Frau gegenüber, welche sich nun damit verausgabt, ihrer Nachbarin sämtliche ihrer körperlichen Leiden aufzulisten. Die graue Welle der Unzufriedenheit kommt immer näher, kriecht langsam an mir hoch und droht, die bunten Bilder des letzten Jahres auszulöschen. Doch da fällt mein Blick auf dich.
Ich lächle und fühle, wie das Grau zurückweicht. Streichle zärtlich über deinen Rücken und ziehe Sicherheit und Wärme aus deinem vertrauten Anblick. Ich kenne dich in- und auswendig, bin fast schon abhängig von dir. Niemand könnte dich je von mir wegnehmen, ist deine Seele, dein ganzer Inhalt doch schon längst tief in jeder Faser meines Herzens verankert. Seit der Schule kenne ich dich, meine Mutter hat dich mir vorgestellt und trotz totaler Pubertät konnte ich dir nicht widerstehen. Wir lernten uns 1999 kennen, am Tag der Sonnenfinsternis. Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter dich zu mir brachte, genau als der Schatten der Erde wieder von der Sonne geglitten war. Eins zu null für meine Mutter. Die Faszination, die von dir ausging, war einfach zu groß, als dass mich jugendliche Rebellion von dir hätte fernhalten können. Deine Geschichten von fernen Welten, die Magie, die Philosophie und deine wunderschöne Sprache … Das ist Liebe, das war schnell klar. Gerade als ich jünger war, hast du mir auf meiner Sinnsuche, die mir selbst oft eher wie eine Irrfahrt vorkam, den Weg gewiesen. Du hast mich aufgemuntert und mir Gründe zum Grübeln gegeben. Immer tiefer bin ich eingetaucht in deine lebensbejahenden Ideen. Jetzt hilfst du mir immer noch. Ich schaue dich noch mal an, schmunzle und richte meinen Blick auf die alte Frau, welche inzwischen in Schweigen versunken ist. Ich kann sehen, dass die graue Welle sie umgibt, obwohl sie es selbst
gar nicht merkt. »Am Wochenende soll es wieder besser werden, das Wetter«, sage ich und bemühe mich, die Wärme, die du mir gerade gegeben hast, an die Frau weiterzugeben. Sie schaut mich kurz an, zögerlich huscht ein kleines Lächeln über ihr zerfurchtes Gesicht. »Wirklich? Das wär’ ja mal was. Was lesen Sie denn da?« – »›Siddhartha‹ von Hermann Hesse« antworte ich und nehme dich in die Hand.
Dein blauer Buchrücken ist abgenutzt vom vielen Aufklappen. Die Inschrift von meiner Mutter, auf der ersten Seite, immer noch leserlich. Ich bin froh, dich zu kennen. Denn ich weiß, wenn mich die graue Welle überschwemmen will, kann ich mich an dir festhalten und weiß, graue Wellen bleiben nicht für immer, genau wie die Dunkelheit einer Sonnenfinsternis. Viviane Lucia Fluck, Bochum
14
»Abendland « M ich a el K öhl m eier
W
enn das Lesen zu einem seiner liebsten Hobbys zählt, dann ist es eigentlich sehr schwer, genau nur ein Lieblingsbuch nennen zu können. Oft hat man mehrere, oft wechseln sie. Ein Buch jedoch wirkt bei mir nun schon sehr lange nach: Der Roman »Abendland« von dem österreichischen Autor Michael Köhlmeier. Schon länger als zwei Jahre betrachte ich es konsequent als mein Lieblingsbuch. Ein Generationenroman mit einer gewaltigen Stofffülle. Der Protagonist ist Carl Jacob Candoris, ein Mathematiker, Weltbürger, Dandy und Jazz-Fan. Er ist im Alter von 95 und bittet sein Patenkind Sebastian Lukasser, seine Lebensgeschichte bzw. Lebensbeichte schriftlich festzuhalten. Sebastian ist der Sohn des verstorbenen Wiener Jazz-Gitarristen Georg Lukasser, dessen sich damals Candoris angenommen hat. Georg Lukasser war ein alltagsuntauglicher, exzentrischer Künstler. Candoris, ein rationaler Mann, versuchte, dem Musiker und seiner Familie immer wieder durch das Leben zu helfen. Das Buch behandelt alle großen Themen, wie die Geschichte Europas, den Weltkrieg, das Nazi-Regime, die Entwicklung der Atombomben und den Kalten Krieg. Und es geht um Werte und Ansichten, um Freundschaften, Familie, die Liebe, den Tod und die Endlichkeit des menschlichen Daseins. Sebastian Lukasser leidet nach einer Prostataoperation an Inkontinenz und Impotenz,
Candoris wird dem Leser als gebrechlicher, pflegebedürftiger und morphiumabhängiger Mann beschrieben. Beide Charaktere zeigen sich krank und schwach, doch beide behalten ihre Würde, den Respekt sich selbst und dem anderen gegenüber. Nach und nach lässt auch Sebastian Lukasser seine eigene Lebensgeschichte in die Lebensbeichte Candoris’ einfließen. Das Buch zeigt das immense Wissen und die Bildung von Michael Köhlmeier auf, welches er dem Leser sehr professionell vermittelt. Es sind so viele Geschichten, die in dem Roman spielen, so viele Charaktere, aber Köhlmeier schafft es, eine Ordnung beizubehalten und dem Leser Wissen zu vermitteln, ohne dabei überheblich zu wirken. Mir gefällt die direkte Sprache Köhlmeiers, seine kreativen, teilweise verzwickten Charaktere und dass er es mit seinen Büchern immer wieder schafft, den Leser mitzureißen. Ein ergreifendes Buch ist es dann, wenn man mitten in einer alltäglichen Handlung einen Gedanken an die Geschichte, die man gerade liest, hat und man es kaum erwarten kann, darin weiterzulesen. Das hat Köhlmeier bei mir mit diesem Generationenroman erreicht. Ich habe dieses Buch kurz vor meiner Abreise nach Australien gekauft und während des viermonatigen Aufenthaltes war dieses Buch mein ständiger Wegbegleiter.
Irgendwann in dieser Zeit war ich auf einer kleinen Insel in der Nähe der Ostküste und las in dem Buch. Plötzlich überkam mich eine Wehmut und Sehnsucht nach daheim, weil Köhlmeier die Schauplätze (Innsbruck, Igls) so präzise und voller Zauber beschreibt. Ich habe das Buch nicht nur gelesen, ich habe damit gearbeitet, Dinge angestrichen, herausgeschrieben, darüber nachgedacht. In meinem Freundeskreis wird der Roman als anstrengend, ermüdend und zäh beschrieben. Ich denke, um diesem zu entgehen, muss man das Buch langsam, bedacht und in kleinen Portionen lesen. Trotzdem sollte man kontinuierlich an dem Buch dranbleiben. Es sind diese intelligenten Verschachtelungen der einzelnen Geschichten, die bei einem zu sporadischen Lesen den Überblick kosten können. Vielleicht aber muss man auch einfach nur weit weg von allem sein, zum Beispiel in Australien, um eine andere Perspektive und den Fokus für diesen für mich sehr gelungenen Jahrhundertroman zu haben. Ein Generationenroman, der Politik, Naturwissenschaften, Philosophie und das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen beinhaltet. »Zwischen Was-ist? und Was-bedeutet? spannt sich eine kosmologische Leere, und man darf es nicht darauf ankommen lassen, daß sie sich so weit ausbreitet, bis am einen Ufer das andere nicht einmal mehr gedacht werden kann.« (M. Köhlmeier)
Und eines der wohl schönsten Zitate im Bezug auf die Endlichkeit des Menschen: »Welchen Wert das Leben eines Menschen hatte, zeigt sich in dem Wert, den jene, die seinem Leben Wert gaben, ihm in ihrem eigenen Leben weiterhin beimessen.« (M. Köhlmeier) Anna-Vittoria Schwendinger, Meiningen, Österreich
16
Sieger
»Briefe an einen jungen Dichter « Rainer Maria R ilke
A
ls ich die Provokation dieses Wettbewerbs annahm, wurde mein Kopf auf einmal voll von Namen, Worten, Zitaten der berühmten Autoren, die mich auf meinem Lebensweg begleitet haben. Ich lernte Deutsch seit ein paar Jahren und das Ziel war mir vom Anfang an klar: um deutsche Bücher im Original lesen zu können. Als ich zu lernen begann, lebte ich in einem kommunistischen Land, hinter »dem Eisernen Vorhang« – wie man sagte. Gelegenheiten, mit Deutschsprachigen zu reden, waren in diesem geschlossenen Raum fast null. Mir blieben aber die Bücher, ein treuer und fesselnder Gesprächspartner. Ein ganzes Panorama der deutschen Literatur, von »Parzival« mit seiner Mitleidsfrage, mit einer Station bei Goethe mit seinem »Werther«, bis zu den jüngsten Schriftstellern der heutigen Tage – Wladimir Kaminer oder Herta Müller – lief mir vor die Augen. Natürlich fiel mir schwer, eins zu wählen und die anderen wegzulassen. Das Problem ist aber nicht neu. Ich habe an »Fahrenheit 451« gedacht und an die Tatsache, dass ich mir mehrmals die Frage gestellt habe, welches Buch ich auswendig lernen würde, welches Buch ich sein möchte. Auch in den Lehrbüchern gibt es eine Übung: Welches Buch würdest du mitnehmen, wenn du allein auf einer Insel leben würdest? Die Beziehung zu den Büchern meiner Kindheit, meiner Jugend war immer fast persönlich.
Ich habe sie oft gestreichelt oder gerochen, den Duft der neuen oder der alten Seiten, den Duft der Druckerschwärze fühle ich auch jetzt, wenn ich an ein bestimmtes Buch denke, obwohl ich es vor zehn Jahren oder mehr gelesen habe. »Wir sind unvermeidlich auch das, was wir lesen.« – sagt ein rumänischer Philosoph. »Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?«, »Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.«, »Wer jetzt kein Haus hat, der baut sich keines mehr.«, »Wozu Dichter in dürftiger Zeit?«, »Was wirst Du tun, Gott, wenn ich sterbe?« – all diese verdrängten sich jetzt in meinem Kopf. Ich liebte sie sehr, ich konnte fast keine Unterschiede machen. Ich lauerte aber, ich wartete darauf, dass eins hervorspringt, und alle anderen als Hintergrund lässt. Und schließlich ist es passiert. Es gibt ein Buch, das mich mehr als 20 Jahre begleitet hat. Es wurde mir von meinem Philosophielehrer empfohlen, und ich nahm es zum ersten Mal in die Hand, als ich im letzten Jahrgang im Lyzeum war. Es handelt sich um »Briefe an einen jungen Dichter« von Rainer Maria Rilke, die Bibel meiner »poetischen« Existenz. Von ihm habe ich gelernt, dass der Dichter die Schönheit der Welt zu sich ruft und dann auch die anderen auf die Dinge der Umgebung aufmerksam macht. »Denn für den Schaffenden gibt es keine Armut und keinen armen, gleichgültigen Ort.« Dadurch habe ich die Magie der Welt entdeckt. Alle wichtigen Fragen der
Existenz bekommen in diesem Buch eine Antwort: die Liebe, das Schaffen, die Einsamkeit, die Beziehung »Ich« – »Der Andere« … Während sich die meisten heutzutage nach außen drehen, ist bei Rilke das Bild des poetischen Ich wie eine Insel: »Gehen Sie in sich. […] Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muss ich schreiben? […] Und wenn diese zustimmend lauten sollte, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit.« Keine Eile, kein Stempel des Willens; man muss nicht rechnen und zählen, sondern »reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und
getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit. Ich lerne es täglich, lerne es unter Schmerzen, denen ich dankbar bin: Geduld ist alles!« Im klaren Gegensatz zu der Geschwindigkeit und dem Rauschen unserer Zeit. Wenn ich es immer wieder lese, fühle ich mich in der Nähe Gottes, spüre ich Seine Gnade und Seinen Heiligen Geist. Monica Adina Lorelay Mitea, Giurgiu, Rumänien
18
»Das Wetter vor 15 Jahren « Wo l f H a a s
S
tellen Sie sich vor, Sie sind zum Kaffee eingeladen: Allein schon die Vorfreude, nicht wahr? Nach der Begrüßung werden Sie in einen einzigartig aparten Salon geführt, aber statt die erhoffte Torte mit Bohnenkaffee offeriert der Gastgeber, ein Österreicher mit dem gewissen Schmäh, eine Schilderung, wie er die duftenden, braun gerösteten Kaffeebohnen aus der aromaversiegelten Packung in einer Kaffeemühle zu aromatischem Mehl verwandelt. Merken Sie schon, wie sich Ihnen der Kaffeeduft langsam in die Stirnhöhle mogelt? Nebenher werden Sie genauestens informiert über Herkunft, Werdegang und Eigenschaften der besonderen Bohne. Sie werden Ohrenzeuge jedes noch so geringen Details bis hin zu dem Moment, wo das dampfende Wasser das jungfräuliche Kaffeemehl berührt, aufwallend den wundervollen Kaffeegeschmack in sich löst. In Ihrer Vorstellung erleben Sie, wie die braune Flüssigkeit in einem dickwandigen Glas behutsam auf dampfende Milch trifft und auf dem Ganzen als Krönung der Milchschaum moussiert. Sie werden genau wissen, wie es aussieht, wie es duftet, wie es schmecken wird – diese Dreifarbschichtigkeit … aber leider! … leider werden Sie diesen Latte macchiato gar nicht trinken. Genauso ist das mit der Lektüre von Wolf Haas’ Roman »Das Wetter vor 15 Jahren«. Nicht dass Sie jetzt meinen, dort ginge es um Kaffee! Das war nur ein Kunstgriff.
In Wirklichkeit geht es um eine Hochzeit, ein Unwetter oder zwei und um Untertagebau. Natürlich sei nicht verschwiegen, dass man eine Menge Hintergrundinformationen erhält: über das Wetter, über Landschaften, über Thomas Gottschalk und eine Wette selbstverständlich und natürlich geht es um Liebe und zwar mindestens zweimal, aber das merkt man erst zum Schluss, weil man sich – um im Bild zu bleiben – zu sehr auf den Latte macchiato konzentriert statt auf die äußeren Umstände. Sie fragen sich, warum ich so viel über Kaffee schreibe, obwohl es im Roman um das Wetter geht? Sehen Sie, genau damit hat es zu tun. Das Prinzip nämlich, das Bauprinzip des Buches funktioniert so wie die Kaffeeeinladung. Auch wenn Sie meinen, dass ich undeutlich bin, aber exakt das ist die Strategie. Dem Buch zuliebe kann man nur über diese Einladung zum Kaffeetrinken schreiben. Wollten Sie jetzt tatsächlich begreifen, was das Buch »würklich« ist – nein: tut, müsste ich Ihnen – um im Bild zu bleiben – den Latte macchiato ganz materialistisch liefern. Sie würden ihn trinken und hätten sich um all die unwichtigen, aber sensationellen Nebenerfahrungen gebracht. Sie hätten etwas verschluckt, von dem ich Ihnen vorher erklärt habe, dass Sie darauf achten sollen, wie sich das ausnimmt, wenn Sie den ersten Duft schnuppern. Schon dem geringsten Hauch sollten Sie nachspüren auf dem Weg in die vielfältig verzweigten
Synapsen der Wahrnehmung. Am Ende begreifen Sie, dass jede Nervenschnittstelle mit Erinnerungen gekoppelt sein könnte. Und glauben Sie nicht, dass das langweilig ist. Es gibt schließlich Geheimnisse, die darauf warten entdeckt zu werden, etwa lang zurückliegende Unglücksfälle, Zufälle, Silbersternchenorgasmen. Zwischendurch ist es einem, als wollte sich der in Wien lebende Autor lustig machen über einen Literaturbetrieb, der »too much« Kaffee trinkt und eigentlich die Finessen nicht wahrhaben will oder kann(?), weil die Sicht durch Klischees so horizontal vernagelt ist. Möglicherweise liegt dies an der zweiten Ebene des Romans. Und seien Sie sicher, Sie werden als »Blitzgneißer« (auf Neudeutsch: Schnellchecker) entlarvt werden. Schließlich ist es gar nicht so einfach, dem roten Faden zu folgen, also jenem Herrn Kowalski, der 15 Jahre lang das österreichische Wetter von seinem deutschen Arbeitsplatz aus im Auge behält, weil es dort eine unvergessene Jugendliebe gibt. Diese Macke führt ihn über die »Wetten dass …?«Sendung zurück zu seiner alpenländischen Anni. Beinahe zu spät. Denn er erreicht den Ort seiner Sehnsucht just zu dem Zeitpunkt, als die Hochzeit seiner Angebeteten mit dem Hotelier Lukki bevorsteht. Die Ereignisse überstürzen sich, genau genommen ist es die Tektonik der österreichischen Landschaft, die über unserem
sympathischen Kowalski zusammenstürzt und ihn fast begräbt. Zum Glück aber ist Kowalski mindestens so fantasiebegabt wie sein Erfinder. Ach ja, das hätte ich fast vergessen: Einen Toten gibt es auch und trotzdem ist es kein Krimi – obwohl der Haas für seine Krimis so bekannt ist –, sondern eine Geschichte, eine ausgezeichnete sogar, und zwar mit dem Wilhelm-Raabe-Preis, eine zweifache Liebesgeschichte, also quasi ein doppelter Latte macchiato. Und der Schluss? Ja, der Schluss! Sind Sie Kaffeesatzleser? Elfi Neubauer-Theis, Neckarbischofsheim
20
»Der kleine Dichter. Ein lustiges Bilderbuch für gescheite Kinder « O t t o B r o m b e r g e r / H a n s P r o b s t
Der Maulwurf tritt vor seinen Bau. Zwar sieht er nicht das Himmels …; Doch spürt er bald mit großer Wonne Auf seinem Pelz die warme … Er hebt die Nase in die Luft Und riecht den ersten Veilchen …; Da faltet er vergnügt die Hände: »Gottlob! Der Winter ist zu …!«
A
ls ich noch nicht lesen konnte, war ein kleines Buch aus der Kindheit meiner Mutter für einige Zeit mein Lieblingsbuch. Es war ein schmales Bändchen mit unscheinbarem Einband, nicht viel größer als ein Schulheft, und sein Titel lautete »Der kleine Dichter. Ein lustiges Bilderbuch für gescheite Kinder«. Abend für Abend saß ich an meine Mutter gekuschelt in der gemütlichen Sofaecke, das Licht der Stehlampe fiel auf die Seiten des Buches, wir blätterten langsam vor und auch manchmal zurück, sahen uns ausgiebig die Bilder an, die jedes der kleinen Gedichte illustrierten, dann wieder las mir meine Mutter etwas vor und ich rief die fehlenden Reime aus: »Blau!«, »Sonne!«, »Duft!«, »Ende!« Hin und wieder guckte mein Vater zu uns herein, schmunzelte, nickte voll Papa-Stolz und zog sich wieder zurück in sein Arbeitszimmer, wo er sich, umgeben von Bücherregalen, in seine Akten oder – wer weiß das schon – vielleicht ja auch in sein Lieblingsbuch vertiefte.
Es vergingen nur Wochen, da meisterte ich sie alle: das Gedicht von der Katz auf dem Fensterplatz, das von dem Marabu und dem Lederschuh, selbst das schwierige von den Mücken und dem großen Entzücken, bei dem ich, als ich es denn endlich beherrschte, jedes Mal einen Kicheranfall kriegte. Ja, dieses Buch stand einfach für alles: für Geborgenheit, für Spaß, für Herausforderung und Gelingen – für alles, was zu einer glücklichen Kindheit gehört! Und dennoch: Allmählich bekam ich Lust auf ein anderes Buch, »Die Wurzelkinder« zum Beispiel, oder »Die Häschenschule«. Und dann, eines Tages, ging ich selbst zur Schule und lernte – Buchstabe für Buchstabe – selbst zu lesen. Ich lieh mir Dutzende von Büchern aus: von Else Ury und Karl May, Enid Blyton, Arthur Conan Doyle … und schließlich von den sogenannten großen Dichtern. »Der kleine Dichter« lag weit zurück, ich hätte nicht einmal mehr sagen können, wo er sich befand, wahrscheinlich, so vermutete ich, bei den Erinnerungsstücken meiner Mutter. Wenn aber nach einem langen Winter endlich eine Ahnung von Frühling in der Luft lag, dann kam mir jedes Jahr wieder der Maulwurf in den Sinn, dann blieb ich stehen, atmete tief ein und sagte in Gedanken: »Er hebt die Nase in die Luft und riecht den ersten Veilchen … – … duft.« Nach dem Tod meines Vaters verschenkte meine Mutter einen Teil seiner alten Fachliteratur
22
und füllte den gewonnenen Platz im Regal nun mit ihren eigenen Büchern. Überwiegend mit Kochbüchern, so schien es mir, wenn ich, die inzwischen ihre eigene Wohnung hatte, nur noch hin und wieder in dem Arbeitszimmer stand. Dann, in dem Winter vor meinem 40. Geburtstag, starb ganz unerwartet auch meine Mutter, und vor mir lag nun – neben vielem anderen – die Aufgabe, die Wohnung »aufzulösen«, wie es so eigenartig heißt. Es fiel mir schwer, zu sehr hing ich an diesem und jenem. Die Wochen vergingen, und meine eigene Wohnung füllte sich immer mehr mit Taschen und Koffern, Kartons und Tüten … – bis ich das Gefühl bekam, mir wieder Freiraum schaffen zu müssen und ich beschloss, von nun an rigoroser vorzugehen. Dies war der Zeitpunkt, als ich einen Antiquar kommen ließ. Er erschien an einem Nachmittag, folgte mir ins Arbeitszimmer, sagte, er wolle sich die Bücher erst einmal in Ruhe ansehen und ignorierte mich daraufhin so vollständig, dass ich ihm das Feld überließ und im Schlafzimmer weiter die Wäsche ausräumte. Nach einer Weile rief er mich. Zu meiner Überraschung hatte er die Bücher nicht nur angesehen, sondern einen Großteil von ihnen in hohen Stapeln auf den Schreibtisch getürmt. Es war schwierig, die aufeinandergeschichteten Bücher zu erkennen. Hier und da zog ich ein Buch hervor, von dem ich mich
plötzlich doch nicht trennen mochte, sagte mir dann aber, dass ich das Regal schließlich schon vor Tagen durchgesehen hatte und unterschrieb den Zettel mit der schnell vereinbarten Summe und der Erläuterung »Ein Konvolut Bücher«. Als ich am Abend die Wohnung verließ, trug ich erneut verschiedene Tüten. An meinem Auto angekommen, setzte ich sie ab und atmete erst einmal tief durch. Und da, auf einmal, verspürte ich etwas: den ersten Hauch von Frühling in diesem Jahr! »Er hebt die Nase in die Luft und riecht den ersten Veilchen – duft«, sprach es in mir. Ach, mein alter Maulwurf, dachte ich wehmütig, und meine Kindheit schien mir weiter entfernt denn je. Auf einmal durchfuhr mich ein Schreck: Wo war eigentlich das Buch? Hatte ich es etwa vorhin zusammen mit den anderen Büchern verkauft? Ich warf die Tüten ins Auto, schlug die Türen zu und hastete wieder hinauf in die Wohnung, ins Arbeitszimmer, zu den nun spärlich bestückten Regalen. Dort standen die Kochbücher meiner Mutter, lehnten diverse Taschenbücher, Geschenkbändchen, Straßenkarten, ein alter Kalender … Aber: kein »kleiner Dichter«. Ich stürmte ins Schlafzimmer, durchwühlte die Schublade ihres Nachttischs. Rannte zurück zum Regal, griff nach jedem einzelnen der zurückgelassenen Bändchen, letztlich schon wissend, dass es das Gesuchte nicht sein würde. Und so war es auch. »Der kleine Dichter« war nicht mehr da.
Ich muss die erste Anruferin am nächsten Morgen gewesen sein: Ein Reimbuch für Kinder? Schmal, kaum größer als ein Schulheft und mit dem Titel »Der kleine Dichter«? Ja, doch, das habe er mitgenommen. Natürlich, ich könne es zurückkaufen. Er werde seinem Mitarbeiter gleich Bescheid sagen, ich fände es dann neben der Kasse. So kaufte ich ein Stück meiner Kindheit zurück. Zahlte 30,– DM dafür und hätte, weiß Gott, noch viel mehr dafür gegeben. Christine Pilot, Berlin
24
»Der Vorleser « B ernhard Schlink
D
as Buch, das ich liebe, besitze ich nicht einmal. Es gehört meiner Freundin. Alle anderen Bücher des Autors besitze ich. Heute. Meine Freundin trägt wohl Schuld daran, dass ich es gelesen habe, aber allen voran meine Deutschlehrerin, da sie mich zur mündlichen Deutschprüfung verdonnerte und mir aufgetragen hatte, ein Buch vorzustellen, das ich gelesen habe. Zu dem damaligen Zeitpunkt war Daniel Defoes »Robinson Crusoe« das einzige Buch, was ich gelesen hatte, und das äußerst widerwillig. Der Sinn eines Buches verschloss sich mir in meiner Jugend völlig. Ich konnte mich in der Schule mit Plattitüden über behandelte Bücher immer über Wasser halten. Nun war ich aber gezwungen, ein Buch inhaltlich vorzustellen, und als mir meine Freundin ein Buch vorschlug, das sie in der Schule behandelt hatte, dachte ich, sie will mich verkohlen. Ein Buch, das in der Schule behandelt wurde, roch förmlich nach zähflüssigem Geseier und Schwachsinn. Ich hasste es. Ich haderte und greinte. Ich wollte nicht lesen. Wozu? Es gab für mich keinen vernünftigen Grund, wieso man seine Freizeit damit verschwenden sollte, ein Buch zu lesen. Ich hatte sogar erst den glorreichen Einfall, dass meine Freundin mir das Buch vorlesen solle. Aber der Prüfungsdruck zwang mich, das Buch doch allein anzufangen. Das Buch zog mich nach den ersten Seiten in seine Welt. Es heute zuzugeben, fällt mir leicht. Damals versuchte ich noch meine Begeisterung
zu vertuschen und strafte den Inhalt des Buches mit Geringschätzung. Doch das war schlichtweg falsch und dumm, denn ich verschlang das Buch. Ich liebte es und war, wie heute so oft, traurig, als es endete. Ganz gleich, ob es gut oder schlecht endet. Es hat tiefe Spuren hinterlassen. Ich war mittendrin. Ich war in Heidelberg bei Michael und Hanna. Ich litt und liebte mit ihnen. Ich staunte über sie und teilte ihre Geheimnisse. Noch mehr staunte ich über mich, dass ich grenzenlos verfallen war. Der gordische Knoten meines kleinen Geistes war durchschlagen und dafür möchte ich danken. Lieber Herr Bernhard Schlink, danke für Ihren Roman »Der Vorleser«. Es war das richtige Buch zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. Es hat dazu beigetragen, dass ich heute ein begeisterter Leser bin. Ich liebe das Buch »Der Vorleser«, weil es mich gelehrt hat, das Lesen zu lieben. Das Buch, das ich liebe, besitze ich nicht einmal, doch ich trage es immer in einer Ecke meiner Erinnerung bei mir. Thomas Junker, Jena
26
»Der Vorleser « B ernhard Schlink
V
or Kurzem habe ich mir die Frage gestellt, wie viele Bücher ich in meinem Leben schon gelesen habe und wie viele Bücher noch darauf warten, von mir gelesen zu werden. Aus all diesen Werken nur eines zu wählen und es mein Lieblingsbuch zu nennen, wäre für mich sehr kompliziert, wenn eines der Bücher mich nicht so stark beeindruckt, mich nicht so gewaltig berührt hätte. Ich spreche von Bernhard Schlinks Roman »Der Vorleser«. Meine erste Bekanntschaft mit diesem Werk geschah im Deutschunterricht vor fast vier Jahren. Es war unsere Hausaufgabe, einen kurzen Auszug aus dem Buch zu lesen. Dieser Auszug berichtete von einem Jungen und einer Frau, die miteinander eine kleine Reise mit den Fahrrädern unternahmen und die einander liebten. Der Text fand in unserer Gruppe keine gute Reaktion. Die Figuren der Helden waren uns unsympathisch: ein 15-jähriger Junge und eine zweimal ältere Frau, die mit ihm schläft und ihn mit einem Gürtel gegen das Gesicht schlägt. Das war bestimmt kein bester Auszug, der den Wunsch erregen könnte, das Buch zu lesen. Auch ich fand die Geschichte sehr seltsam und unangenehm, ich wollte sie nicht weiterlesen. So geriet »Der Vorleser« für mich für Jahre in Vergessenheit. Es gibt aber Bücher, die auf uns warten, bis wir erwachsen, bis wir bereit sind, sie lesen und verstehen zu können. Für mich war es »Der Vorleser«, der auf mich wartete. Erst vor
Kurzem habe ich den Text des Buches im Original gefunden. Diesmal wusste ich, dass ich dieses Buch lesen wollte. Ich wollte verstehen, was dieses Werk zum ersten deutschen Buch machte, das auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times stand und warum man dieses Buch zu den besten Werken des Jahrzehntes zählt. Ein Kapitel nach dem anderen verschlang ich das Buch, und Satz um Satz kam das Verständnis, was diesen Roman so populär machte. Das Buch hat mich so stark beeindruckt wie kein anderes, das ich in den letzten Jahren gelesen hatte. Beeindruckend war alles: die Handlung, die mich immer gespannt hielt, der leserfreundliche Stil des Autors, die Widerspiegelung einer Epoche aus der deutschen Geschichte, die vom Autor aus einer neuen Perspektive dargestellt wurde, die Vielfalt der Themen, die im Roman berührt und meistervoll abgebildet werden. Eines dieser Themen ist das Liebesthema. Die Beziehung, die mir beim Lesen des ersten Auszugs abstoßend erschien, bekam bei genauer Lektüre eine neue Aussicht. Das war nicht mehr die Geschichte einer sadistischmasochistischen Beziehung, sondern die Geschichte einer persönlichen Entwicklung eines Jungen, der eine Frau liebt (obwohl diese im Buch etwas seltsam zu sein scheint). Der Autor zeigt aufrichtig, was mit dem Jungen passiert: wie er selbstbewusster wird, wenn
alles in der Beziehung gut läuft, wie er leidet, wenn irgendwelche Probleme auftreten, wie er das erste Mal klauen muss, um seiner Geliebten etwas schenken und mit ihr einen gemeinsamen Abend verbringen zu können, wie er seine Briefmarkensammlung verkauft, um mit ihr eine kleine Reise zu unternehmen und wie ein richtiger Mann alle Kosten zu übernehmen. Nicht weniger rührend wurde die Trennung dargestellt und die Gefühle, die Michael, den Jungen, ergreifen. Und selbst nach der Trennung liebt er Hanna. Dieses Gefühl bewirkt Michaels weiteres Leben. Er sucht Ähnlichkeiten mit Hanna in anderen Frauen, findet sie aber nicht. So scheitert auch seine Ehe. Das alles rührt den Leser, und der Autor schreibt so, als ob das alles mit ihm selbst passiert war, als ob jede Handlung des Jungen einst auch die seine war. Ob es die Geschichte einer gegenseitigen Liebe ist, war für mich anfangs eher fraglich. Aber je weiter ich im Buch las, desto überzeugter wurde ich, desto mehr glaubte ich an die Gegenseitigkeit der Gefühle. Vielleicht gerade wegen dieser Liebe hat Hanna, die eine Analphabetin war, Lesen und Schreiben gelernt, um Michaels Briefe lesen zu können, wenn er sie geschrieben hätte. Sie wartete ja auf einen Brief von ihm, als sie im Gefängnis war, sie fragte immer wieder danach, als die Post kam. Darüber erfahren wir aus den Worten der Gefängnisleiterin, als Michael über Hannas Selbstmord erfährt.
Dieses Kapitel des Romans ist für mich der Höhepunkt des ganzen Buches, der emotionalste Teil, der dem Autor besonders gut gelungen ist. Als ich dieses Kapitel las, stiegen mir ständig Tränen in die Augen. In diesem Kapitel besucht Michael die Zelle im Gefängnis, in der Hanna 18 Jahre verbracht hatte und wo sie sich das Leben nahm. Die Gefängnisleiterin erzählt darüber, wie die Frau all diese Jahre lebte, wie sie Schreiben und Lesen lernte. Wir sehen einen Zeitungsartikel mit Michaels Bild, den Hanna ausgeschnitten hatte und viele Jahre lang betrachtete. Hier sehen wir die ehemalige KZ -Aufseherin aus neuer Perspektive, als einen neuen Menschen. Wir sehen sie als einen Menschen, der danach strebte, den Schwachen zu helfen. Das alles konnte mich nicht unbeeindruckt lassen. Hannas Gestalt ist aufs Engste mit noch einem Thema verbunden: Gesichter und Schicksale der KZ -Aufseher. Nie früher hatte ich daran gedacht, was für Menschen es waren, wie sie lebten und wie sie dazu kamen, Arbeit in den KZ s aufzunehmen. Bernhard Schlink stellte mich mit seinem Roman vor diese Frage. Ich glaubte immer, die KZ -Aufseher seien Unmenschen, Ungeheuer, die nichts empfinden und für die nichts Heiliges existiert. Im Buch zeigte der Autor zwei Typen der Aufseher (die wir im Gericht beim Prozess betrachten können). Der erste Typ, zu dem ich Frauen außer Hanna zähle, verkörpert eher die Gestalt
28
eines Aufsehers, wie ich sie mir früher vorstellte. Zum zweiten Typ zähle ich Hanna. Sie ist einfach anders: nicht frech, wie die anderen Angeklagten in jenem Prozess, sie gesteht ihre Schuld, wenn sie sich schuldig weiß, und verteidigt sich, wenn sie die Anklagen unrecht findet. In der Zeit, wenn die anderen versuchen, ihre eigene Haut zu retten, ist sie bereit, die Strafe zu verbüßen. Unter den anderen KZ Aufseherinnen scheint sie zufällig zu sein. Ich fragte mich (wie es auch Michael tat), warum sie diese Arbeit aufnahm, aber die Antworten, die ich mir gab, fand ich selber nicht überzeugend genug … Was ist dann eigentlich ein Lieblingsbuch? Ist das nicht das Buch, das den Leser die Handlungen miterleben und mitempfinden lässt? Ist das nicht das Buch, das vor dem Leser die neuen Seiten der Geschichte öffnet oder die schon bekannten aus einer neuen Perspektive zeigt und auf neue Gedanken bringt? Ist es nicht das Buch, das selbst die Sprachgrenzen vernichtet? Ist das nicht das Buch, in dem der Autorenstil so hinreißend ist, dass man sich vom Lesen nicht losreißen kann? Ich glaube, gerade das ist ein Lieblingsbuch. Und so ist »Der Vorleser« von Bernhard Schlink. Denis Lukashevskiy, Kostanai, Kasachstan
»Der Vorleser « B ernhard Schlink
W
enn ein Buch es schafft, mich mit einer unerwarteten Wendung so zu überraschen, dass ich erst einmal 15 Minuten dasitzen muss und unfähig bin, irgendetwas zu tun, geschweige denn weiterzulesen, dann hat es nichts anderes verdient, als zum Lieblingsbuch erkoren zu werden! Anne Schmitgen, Bayreuth
30
»Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull « THom as M a n n
»O Szenen der schönen Welt! Nie habt ihr euch empfänglicheren Augen dargeboten.« Warum nicht einfach mal zugeben, dass man ein Lieblingsbuch hat?
D
ie Frage nach dem Lieblingsbuch stellt vor allem Vielleser vor große Schwierigkeiten. Man erinnert sich manch durchlesener Nächte in Kindheit und Jugend, die jede für sich eine neu erblühende Liebe für das eine, dagegen eine erblassende für das andere Buch bedeuten konnte. Die Antwort kann immer nur Momentaufnahme sein. Mag sein, dass sie sich in zunehmendem Alter irgendwann zumindest für eine längere Zeit Festlegung und Geltung verschafft. Doch jedes neu gelesene oder gar zuweilen wiedergelesene, wiederentdeckte Buch bedeutet Gefahr für die Hierarchie im Bücherregal. Welche andere Frage liegt der Literaturkritik denn schlussendlich zugrunde, wenn nicht die nach dem Lieblingsbuch? Was ist Literaturkritik denn anderes, als die Suche nach dem Lieblingsbuch bzw. dessen Behauptung anderen Büchern gegenüber? Jedes andere Buch dürfte, bewusst oder unbewusst, den Vergleich mit demselben eingehen müssen. Wenn das Leben eine Aneinanderreihung von Entscheidungen ist, denen man nicht aus dem Weg gehen kann, so gern man es auch möchte, so gehört die bewusste Frage nicht zu diesen. Manchmal aber sollte man sich einfach festlegen, wenn auch nur für den Moment.
Mein Lieblingsbuch ist »Buddenbrooks«, oder nein, es ist »Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull«. Der Memoiren erster Teil. Thomas Manns letzter Roman. Letzter Roman – das sagt sich so leicht. Richtig ist, dass der Stoff Thomas Mann über 40 Jahre beschäftigt hat, bis zuletzt 1954 die heute bekannte Fassung erschien, ein Jahr vor dem Tod des Autors. Dennoch ist der Roman Fragment geblieben. Er war unvollendbar, wie Mann eingesteht, und doch ist er vollendet, vollendet in Form, Inhalt und der in deren Zusammenspiel genialgelungenen Konzeption. Der Inhalt wäre, wenn man es nur darauf anlegt, vielleicht sogar schnell wiedergegeben; ich weiß es nicht und könnte es nicht. Felix Krull ist ein von der Natur in fast allen Belangen begünstigtes Kind der Belle Epoque, der zudem das an absolute Perfektion grenzende Talent zur Schauspielerei, zur Maske in sich entdeckt, das nichts mit der üblichen Verstellung zu tun hat. Er spielt keine Rollen, er ist. Der glückliche Felix ist ein Künstler und ein Perfektionist in dem, was er tut. (Wer hier an Thomas Mann selbst denkt, liegt sicherlich nicht daneben.) Er macht die Schauspielerei aber nicht zu seinem bürgerlichen Beruf, dazu ist er viel zu sehr ein décadent, sie ist ihm eine Berufung zu Höherem, zur Suche nach dem Glück. Krull sieht für sich nur einen Weg: Die Welt beglücken, damit sie ihn beglückt; die Welt lieben, damit sie ihn liebt.
32
Kurz: Er wird zum Hochstapler – so jedenfalls die bürgerliche, unromantische Variante. Krull selbst sieht in seiner Hochstapelei nichts Anrüchiges. Im Gegenteil: Er gibt der Welt nur, was sie verlangt. Die Welt will betrogen werden. Er tut es. Und wie Felix Krull sie betrügt! Er ist charmant, eloquent, von einer übergeschlechtlichen, ja göttlichen Schönheit und natürlich ist er auch ein unwiderstehlicher Liebhaber. Er überzieht die Welt mit seinem »Gefälligkeitszauber«, ohne die Spur eines geäußerten schlechten Gewissens. Dennoch ist er beständig dabei, den Leser von der Ehrenhaftigkeit seines – objektiv betrachtet unmoralischen und strafrechtlich fraglos relevanten – Tuns zu überzeugen. Und der Leser glaubt dies nur allzu gern, denn auch er hat sich in Felix verliebt. Thomas Mann versetzt seinen Helden überhaupt erst in die Lage dazu, indem er ihn einfach seine Lebensgeschichte selber erzählen lässt. Und so darf Krull ungestraft sogenannte Bekenntnisse ablegen, die nichts weniger sind als Bekenntnisse. Sie sind Lobeshymnen auf sich selbst und auf das Leben. Thomas Mann hat in seinem Hochstaplerroman sein gesamtes literarisches Schaffen resümiert, nicht indem er eine Autobiografie vorlegte, sondern indem er eine fiktive Biografie verfasste, die darstellt, wie sein Leben auch hätte sein können und doch nie hätte werden dürfen. Felix Krull ist die liebevoll-ironischhumoristische Abrechnung mit seinem Werk
und seinem Leben und nicht zuletzt mit dem Leben an sich. Ja, das Leben ist schön, aber es ist eben auch menschlich. Es hat wie alles seine Schattenseiten, die es gerade erst lebenswert machen, so wie der Mensch erst durch seine Schwächen zum Menschen wird. Die Schwäche: Wir verehren die Schönheit und das reine Leben, wir wollen betrogen sein; und Felix Krull tut uns diesen Gefallen. So haben wir und er von seinem Dasein und Tun profitiert – so würde zumindest er es sehen, aber warum auch nicht? »Bildung wird nicht in stumpfer Fron und Plackerei gewonnen, sondern ist ein Geschenk der Freiheit und des äußeren Müßiggangs.« Dennis Grabowsky, Berlin
»Die Welt von Gestern « S t e fa n Z w e i g
D
as einzige Buch, das ich immer wieder mal lese, weil es einer vergangenen Epoche Leben einhaucht. Geradezu unheimlich: so klar, so nah – als wäre man dabei gewesen. Das ist Geschichtsunterricht der Extraklasse! Klaus-Norbert Kremers, Krefeld
34
»Der 35. Mai « E r ich K äst n er
M
ein Lieblingsbuch ist und bleibt das Buch, welches ich als erstes allein gelesen habe. Von dem wunderbaren Erich Kästner »Der 35. Mai«. Ich sitze in meinem alten Zimmer am Boden, liege auf dem geteilten Stockbett und kuschle mich im Wohnzimmer auf die Couch. Aber eigentlich befinde ich mich auf einem großen Abenteuer mit Konrad, Onkel Ringelhuth und Negro Kaballo. Wenn ich heute das Buch lese oder davon erzähle, erinnere ich mich an die Plätze, wo ich es verschlungen habe. Diese fantastische Erzählung hat mich in eine fremde Welt entführt und ich wollte so gerne mal ins Schlaraffenland reisen und am Baum mit dem Automat ein gemischtes Kompott essen. Den dicken Seilbast konnte ich vor mir sehen und mit Prinzessin Petersilie wollte ich Schach spielen. Die Ankunft am Äquator und das Bewundern der Südsee war und ist immer noch toll, aber gleichzeitig stimmt es mich immer traurig, weil das Buch dann gleich zu Ende ist. Ganze Passagen kann ich frei erzählen und meine Patenkinder und Nichten und Neffen sind begeistert, wenn es Fleischsalat mit Himbeersaft gibt oder man im Schlaraffenland die Erwachsenen in die Schule schickt. Konrad wurde zu einem Freund, den ich damals in der Schule nicht hatte, und so gerne hätte ich ihm beim Aufsatzschreiben geholfen und seine Hilfe bei den Matheaufgaben in Anspruch genommen. Solche Freundschaften in Büchern, im Kopf, helfen so viel und man fühlt sich nicht allein.
Heute, mit 34 Jahren, flüchte ich manchmal zum Turnier mit den Zinnsoldaten oder würde mir auch gerne aus Bequemlichkeit die Kleider einfach auf den Leib malen lassen. Was Konrad heute wohl macht? Ist er wie sein Onkel Apotheker geworden? Und Negro Kaballo, ist er immer noch glücklich verliebt? Manchmal denke ich an die Figuren und erinnere mich an meine Freunde und mein größtes Abenteuer. Tilman Schneider, Aalen
36
»Die Wand« M a r l e n H au s h o f e r
S
o sehr mir die Idee, ein Lieblingsbuch zu begründen, gefallen hat, so schwer ist mir die Auswahl des Buches gefallen. Zwischenzeitlich habe ich sechs Lieblingsbücher, die mich durch mein Leben begleiten. Bücher, die ich immer wieder – manche im Abstand von zehn Jahren – lese. Zwar bringt es die eigene Entwicklung mit sich, dass sich der Blick auf diese Bücher ändert, doch beweisen sie ihre Unersetzlichkeit stets aufs Neue. So geht es mir auch mit dem Buch »Die Wand« von Marlen Haushofer. Kein anderer Roman geht so nachdrücklich wie beeindruckend mit der Ambivalenz der menschlichen Sozialisierung um wie dieser. Die innere Spaltung, die entsteht, wenn ein Mensch sich zwingt, der von der Gesellschaft vorgegebenen Rolle zu entsprechen, zeigt Marlen Haushofer schmerzhaft deutlich am Beispiel ihrer Protagonistin. Darüber kann der Leser nicht hinwegsehen: Er steht buchstäblich vor der Wand. Als ich mit dem Schreiben begonnen hatte, erging es mir ähnlich. Erst bei der Lektüre von »Die Wand« erkannte ich meine Gefühle. Es war, als hätte die Autorin sie für mich aufgeschrieben. Diese Zerrissenheit, den Anforderungen, auch den unartikulierten, gerecht werden zu wollen und trotzdem der eigenen Berufung zu folgen. Das Wissen um die Bedürfnisse des Ichs und die Unmöglichkeit, ihnen gerecht zu werden, das fasst Marlen Haushofer in Worte. In ihrer Geschichte wird
die Protagonistin zurückgeworfen auf sich selbst und muss erkennen, dass die völlige Einsamkeit keine Lösung ist. Das ist für mich die schönste Botschaft des Buches, sie hat sich mir erst nach mehrmaligem Lesen erschlossen: Wir können unser Leben ohne »Wand« meistern. Das rechtzeitige Schaffen eines Freiraumes lässt uns Raum für unser Selbst. Der Wand- bzw. Mauerbau erübrigt sich damit. Mir ist es gelungen, diesen lebenswichtigen Freiraum nicht nur auszubauen, sondern auch zu erhalten. Ich meine, dass auch das Buch »Die Wand« von Marlen Haushofer mir dabei geholfen hat. Gibt es einen besseren Grund für ein Lieblingsbuch? Silvana E. Schneider, Germering
38
»Die Entdeckung des Himmels « H a r ry M u l is c h
W
enn man wie ich seit nunmehr 38 Jahren liest und liest und liest, dann ist es gar nicht so einfach, das Buch aller Bücher, das Lieblingsbuch schlechthin zu küren. Hat nicht schon so manches Buch so große Bedeutung gehabt, war so wichtig für eine bestimmte Phase, so geliebt, bewundert, beweint und vergnügt? War nicht »Vom Winde verweht« genau das Richtige für die damals 14-Jährige, die mit Scarlett die großen Gefühle, die großen Leidenschaften und auch die großen Abgründe entdeckte? War nicht der »Steppenwolf« exakt das Richtige, das suchende Herz einer 16-Jährigen zu erobern? Waren nicht die »Buddenbrooks« in späteren Jahren genau die richtige Welt der Schicksale und der schönen Sprache, um in sie hineinzutauchen? War nicht Eichendorffs »Taugenichts« so ein Musterbeispiel an Gottvertrauen und Gelassenheit und so voller Romantik? War nicht »Garp und wie er die Welt sah« eine höchst erfrischende Angelegenheit? Und – aktuell – kann eine Liebesgeschichte, die noch gar keine ist, sanft und heiter eine werden möchte und doch so jäh beendet wird, schöner geschrieben werden, als David Nicholls es in »Zwei an einem Tag« getan hat? Kann der Tod eines Menschen die Verästelungen von Familie und Verbund sinnlicher aufzeigen, als es Katharina Hagena in »Der Geschmack von Apfelkernen« tut? Nun denn, es muss eine Auswahl getroffen werden. Unter all den zahllosen verschlungenen, geliebten, geschätzten
Werken ist eines mein Lieblingsbuch geworden: Harry Mulischs »Die Entdeckung des Himmels«. Ganz wie es Goethe im »Faust« anregt, greift Mulisch hinein ins volle Menschenleben und bringt seinen Leser vom Himmel durch die Welt zur Hölle. Eine fantastische Idee liegt dem Buch zugrunde, und doch versteht es Mulisch, daraus eine durch und durch realistische Geschichte zu weben. Eine Geschichte, die zu Herzen geht, bewegt und anrührt und darüber hinaus stets Hochspannung erregt bis zum Ende, das ich gar nicht mehr erwarten konnte. Ich erinnere mich an diesen Sonntagnachmittag, den ich ausschließlich lesend verbrachte, nur um ja schnell zu erfahren, wie diese fantastische Geschichte ausgehen würde. Und auch der Schluss: Volltreffer. Solche Werke, zumal auch sprachlich auf hohem Niveau, sind äußerst selten und darum umso kostbarer. Wer es noch nicht kennt, sollte ganz dringend die Bekanntschaft machen. Ich habe es in diesen zehn Jahren immer wieder verschenkt und empfohlen und damit stets die gleiche Begeisterung geerntet, wie ich sie selbst empfunden habe. Marita Kasischke, Heidenheim
40
»Die unendliche Geschichte « M ich a el E n de
V
orsichtig hole ich es aus meinem Regal im Wohnzimmer, wo es einen Stammplatz hat. Es ist schon fünf Mal mit mir umgezogen und steht trotzdem eigentlich immer am selben Platz, egal in welcher Stadt und egal in welcher Wohnung. Es ist mit meinen Eltern und mir umgezogen, es kam mit in meine erste Studentenwohnung und auch in die zweite, danach in die gemeinsame Wohnung mit meinem Freund und dann wieder in meine eigene Wohnung – ohne Freund. Das Buch war immer da. Ich spüre die Schwere in der Hand, streiche über den abgegriffenen, roten, geprägten Seidenband und fühle den kühlen Stoff zwischen den Fingern. Was ich rieche, riecht alt. Mein Buch riecht alt, weil es alt ist. Es riecht nach Salzwasser und Sand, weil ich es am Strand gelesen habe. Es riecht nach Schulranzen, Pausenbrot und Tinte, weil wir es in der Schule gelesen haben. Es riecht nach muffigen Klamotten, weil ich es so oft im Koffer mit mir rumgeschleppt habe und »geschleppt« ist definitiv das richtige Wort, denn es ist dick. Ich schlage es auf: »Dieses Buch gehört Julia Rölfs« steht in kindlicher Schreibschrift im Innenband. Das habe ich stolz 1989 geschrieben, als ich das Buch zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Da war das Buch schon genauso alt, wie ich geworden war. Es war mein zehnter Geburtstag. Inzwischen sind wir beide allerdings nicht mal mehr Twens, sondern sogar schon über 30. Mein Buch und ich, scheinbar eine unendliche Geschichte.
Wenn man durch die Seiten blättert, dann sieht man grüne und rote Schrift. Die Überschriften der Kapitel sind verschlungene Buchstaben, in alphabetischer Reihenfolge hat jedes Kapitel einen eigenen Buchstaben wie ein Kunstwerk. Das liebe ich daran. Es ist so mit Liebe fürs Detail umgesetzt. Der schöne Einband, rote, geprägte Seide, die Schriftart, die Überschriften und integrierten Zeichnungen, alles ist liebevoll gestaltet. 26 Kapitel sind es. In 26 Kapiteln wird eine Welt voller Phantasie, voller Mut und Angst, Verzweiflung und Hoffnung erzählt. Sie erzählen von Traurigkeit und Freundschaft, Liebe und Hass, Fröhlichkeit, von Einzelkämpfern und Weggefährten. Die gesamte Palette einer Gefühlswelt ist dort niedergeschrieben. Auch das liebe ich daran. Warum berührt mich gerade die unendliche Geschichte so? Weil sie zeitlos ist. Man kann sie in jedem Alter wieder erneut lesen und findet sich immer irgendwo wieder. Als 10-Jährige habe ich mich mit der verworrenen Gefühlswelt von Bastian identifiziert. Teilweise fühlte ich mich auch alleine und ungeliebt wie Bastian und wäre am liebsten auf den Speicher geflüchtet. Ich wollte beliebt sein und mutig und stark wie Atréju. Mein größter Traum war es, auch einen Glücksdrachen zu haben, auf dem ich durch die Lüfte schweben konnte, dessen bronzene Stimme dröhnte und mich einhüllen würde wie eine warme Decke.
42
Ich wollte auch einen Freund, der bedingungslos für mich da war, und außerdem, wie cool war es bitte, wenn man einen Freund hatte, unter dessen großen, weichen Ohren man einschlafen konnte und der auch noch gleichzeitig fliegen konnte? Eben! Mit 13 war ich verliebt in Atréju und hab mit ihm geweint, als Artax im Moor der Traurigkeit versank. Auch das sieht man dem Buch an, denn an diesen Stellen sind die Seiten gewellt. Komischerweise muss ich immer noch weinen, wenn ich diese Stelle lese, auch wenn ich genau weiß, was passiert. Einer der schönsten Momente in meiner Jugend war, als ich mit meiner Familie zusammen nach München gefahren bin und wir die Bavaria Filmstudios besucht haben. Dort waren die Figuren aus der unendlichen Geschichte zu sehen und einige Kinder durften auf den Figuren sitzen, reiten und Fotos machen. Das war mein Tag! Ich durfte auf Fuchurs Rücken sitzen, durfte die dicke Nase streicheln, das weiche Fell anfassen und ihm meine dünnen Kinderärmchen um den Hals schlingen vor einer Bluescreen-Wand. Und dann flog ich auf Fuchur über Phantásien. Eine Windmaschine blies mir die Haare aus dem Gesicht und Fuchurs Ohren flatterten nach hinten. Auch wenn es nur eine Puppe war, ich habe mich trotzdem so unglaublich gut gefühlt! Mit 15, als wir das Buch im Deutschunterricht gelesen haben, haben wir die Tiefe der Charaktere ergründet, das Wertegefüge
interpretiert und einzelne Szenen analysiert. Glücklicherweise hatten wir eine Lehrerin, die das Buch ebenfalls schätzte und den Zauber nicht durch analytisches Denken für mich zerstörte. Aber durch die Interpretation fing ich an, die Geschichte anders zu hinterfragen, und verstand dabei, dass man Dinge immer von mehreren Seiten betrachten muss. Michael Ende hat dafür das perfekte Symbol geschaffen. Das Amulett Auryn – zwei Schlangen, die sich in den Schwanz beißen, kein Anfang und kein Ende. Auryn ist das Amulett, was dem Träger jeden Wunsch erfüllt. Aber durch jeden Wunsch für die neue Welt verliert man etwas aus der alten Welt. Wenn man einmal anfängt, sich etwas zu wünschen, findet man kein Ende mehr. So wie Bastian, so hatte auch ich viele Wünsche als Teenager, die ich gerne erfüllt bekommen hätte. Ich wollte »cool« sein, wollte in den »coolen« Freundeskreisen verkehren und auch jemanden finden, der mich »cool« findet. Das Wort »cool« hatte definitiv eine wesentliche Bedeutung. Das nächste Mal, als ich das Buch mit 26 las, war die Zeit, als mein Freund mich verlassen hatte und ich Zerstreuung gesucht habe. Ich dachte, dass es mich beruhigen würde, wenn ich etwas Märchenhaftes lesen würde, von dem ich das Ende bereits kannte. Aber beim Lesen habe ich die Traurigkeit und Resignation einiger Figuren gefühlt, für die ich bisher nicht empfänglich gewesen war.
Ich konnte mich auf einmal anders in die Figuren hineinversetzen. Interessanterweise hatten sich meine Wünsche eigentlich gar nicht so verändert seit dem letzten Mal. Sie waren lediglich etwas differenzierter als noch mit 10, 13 oder 15. Geliebt werden und jemanden finden, der mich zu schätzen weiß, wie ich bin, das war mit 26 genauso aktuell wie früher. Das ist es eben, was das Buch ausmacht. Es ist wie ein guter Freund, der einen begleitet, der für Ablenkung sorgt und einen unterhält. Und wann immer ich es zur Hand genommen und darin gelesen habe, hat es mir etwas anderes gegeben. Mal den Mut, Dinge anzupacken. Mal die Bestätigung, dass ich meinen Blickwinkel auf Sachen verändern sollte. Die unendliche Geschichte ist für mich nicht nur ein besonders schönes, anschauliches, kreatives Kinderbuch. Sie ist mehr als bloße Unterhaltung oder Zerstreuung. Für mich ist sie Phantasie und Philosophie, Märchen und Realität, irgendwie ist sie wie Phantásien selber, die Grenzen sind unendlich. »In jedem Menschen ist ein Kind, das spielen will« soll Michael Ende gesagt haben. Und ich denke, das trifft es ziemlich genau. Wenn wir alle ein bisschen mehr wären wie die Figuren aus diesem Buch und die Werte dieses Werkes mehr leben würden wie Freundschaft, Mut und Liebe, dann würden wir sehen, dass diese Werte genauso zeitlos sind, wie die unendliche Geschichte es ist. Wir könnten
unsere Welt ein bisschen mehr wie Phantásien werden lassen. Das Buch wird weiterhin mein Begleiter sein und bestimmt werden sich auch meine Wünsche genauso wenig wie das Buch verändern, egal wie alt ich bin. Aber, den einen Wunsch, den habe ich immer: Ich hätte immer noch gerne einen goldenen, fliegenden Fuchur mit einer bronzenen Stimme als Freund, der immer für mich da ist und unter dessen kuscheligen Ohren ich einschlafen kann! Julia Rölfs, Düsseldorf
44
»Die unendliche Geschichte « M ich a el E n de
W
as kann es Schöneres für eine Leseratte geben als eine unendliche Geschichte? Und wenn sie dann noch so spannend und mit solcher Phantasie geschrieben ist, muss dieses Buch einfach zum Lieblingsbuch werden. Das erste Mal gelesen – atemlos an einem Wochenende – nur unterbrochen von Pausen für Essen und Trinken, das zweite Mal langsam und genüsslich mit Blick für die Details und danach immer wieder mit Freude und als Inspiration für das eigene Schreiben. Danke, Michael Ende. Ingrid Maier, Hamburg
E
s gibt viele gute Bücher. So, wie es viele nette Menschen gibt. Aber man verliebt sich nicht in nette, sondern in besondere, herausragende, einzigartige Menschen. Und so ist auch ein Lieblingsbuch mehr als bloss ein gutes Buch. Es unterhält nicht nur, sondern es durchdringt einen. Gute Bücher schaffen nämlich, was die Philosophie seit zweitausend Jahren sucht: Wahrheit. Vor allem aber gibt es zu einem guten Buch immer eine Liebesgeschichte zu erzählen. Zu erklären, warum ich »Die unendliche Geschichte« für ein so unübertroffen gutes Buch halte, ist schwierig. Wollte ich der Aufgabe gerecht werden, müsste ich nämlich »Die unendliche Geschichte« selbst erzählen, aber das kann nicht der Sinn der Sache sein. Ich muss also meine eigene Geschichte feilbieten. Genau wie der Held der Geschichte, Bastian Balthasar Bux, der sich aber so lange weigert, das zu tun, bis er nicht mehr anders kann. Das Buch selber zwingt ihn sozusagen dazu, denn er trifft darin auf den Autoren, der dabei ist, das Buch, das Bastian liest, zu schreiben, was schliesslich zu einem metaphysischen Kurzschluss führt und den Helden zwingt, seine eigene unendliche Geschichte in Angriff zu nehmen – egal, für wie unwichtig er sie hält. Nun, meine Liebesgeschichte wird im Vergleich zur Unendlichkeit ziemlich kurz. Ich erinnere mich, wie ich das Buch zu meinem achten Geburtstag geschenkt bekam, mit
seinem kupferroten Leineneinband, der zweifarbigen Schrift und den verzierten Anfangsbuchstaben. Dann begann ich zu lesen und stellte fest, dass in dem Buch, das ich in den Händen hielt, genau dieses Buch die Hauptrolle spielt. Ich war fasziniert. Und las es in einem Zug. Ich folgte Bastian Balthasar Bux auf seine Odyssee, klaute mit ihm das Buch aus dem Antiquariat, versteckte mich mit ihm auf dem Dachboden, durchlebte mit ihm die Abenteuer Atréjus und seine Versuche, Phantásien vor dem Nichts zu retten. Und schliesslich schuf ich mit ihm Phantásien aus einem Sandkorn, gestaltete das Land nach seinen Wünschen, verfiel mit ihm dem Grössenwahn, landete beinahe in der Klapse, um dann mühsam den Rückweg zu mir zu suchen. Und ich lernte mit Bastian, dass wir unseren Wünschen und Träumen folgen müssen, um zu werden, wer wir sind. Dass wir aber für jeden Schritt auf diesem Weg auch einen Preis bezahlen. Und dass das auch eine gefährliche Angelegenheit ist, die nur durch Freundschaft und Liebe zu bewältigen ist. Bis heute habe ich das Buch schon mindestens sieben Mal gelesen. Und von Mal zu Mal gefiel es mir besser, weil ich mehr verstand. Ich erinnere mich, wie ich einmal in der Badewanne lag, im Haus meiner Eltern, ich war vielleicht dreizehn Jahre alt, ein Alter also, in dem man einigermassen empfänglich ist für Pathos. Irgendwann hielt ich das Buch in meinen verschwitzten Fingern und schnappte
nach Luft, weil mich die Wahrheit der Erzählung einfach überwältigte. Und ich weinte. Ich weiss nicht mehr, an welcher Stelle. Aber ich weiss, dass ich seither jedes Mal an irgendeiner Stelle geweint habe, wenn ich dieses Buch las – wenn auch jedes Mal an einer andern. Und das ist das Geniale an der Geschichte: Erstens, dass sie so raffiniert geschrieben ist, ein Spiegelkabinett, ein literarisches M . C .Escher-Bild sozusagen, und dann, dass sie auf so vielen Ebenen funktioniert und Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte gleichermassen zu berühren vermag. Es gibt Abenteuer und Eskapismus, es gibt Entwicklungspsychologie und Philosophie und immer wieder die ganz grossen Fragen, aber nicht wie in »Sophies Welt«, sondern verpackt in Geschichten, Geschichten, die immer weitergehen. Dann heisst es jeweils: Aber dies ist eine andere Geschichte und muss ein anderes Mal erzählt werden. Als Kind machte mich das fast wahnsinnig, ich wollte all diese Geschichten auch erfahren. Heute freue ich mich, dass es meinen Kindern genauso geht, wenn ich ihnen das Buch vorlese. Denn ich weiss, dass sie sich die Geschichten und vor allem ihre eigene unendliche Geschichte bald selber erzählen werden. Michèle Binswanger, Basel
46
»Die unendliche Geschichte « M ich a el E n de
M
ein Lieblingsbuch ist und bleibt »Die unendliche Geschichte« von Michael Ende. Es ist eines der ersten Bücher, wenn nicht das erste Buch (abgesehen von »Gummiknautschreinbeiß-Büchern«), mit dem ich in meinem Leben in Berührung gekommen bin. Ich kenne es, seitdem ich denken kann. Es hat mich quasi in die Welt des geschriebenen Wortes eingeführt. Und ich bin der Meinung, dass es kein besseres Buch gibt als »Die unendliche Geschichte«, um die Welten der geführten Fantasie kennenzulernen. Und um das erste Mal das Gefühl zu erleben, wie es ist, Seiten über Seiten in eine Geschichte abzutauchen, nur durch Worte und die eigene Fantasie durch fantastische Welten‚ zu spazieren, Hand in Hand mit Atréju und Bastian Balthasar Bux. Ich finde, dieses Buch erzählt so viel Wahrheit auf poetische Weise. Es erzählt so viel über den Menschen, über die Abgründe und die Schönheiten der menschlichen Natur mit so vielen Bildern und Kreaturen, dass man sich fragt, wie sich ein einzelner Mensch so etwas ausdenken konnte. Was ich an diesem Buch so liebe ist, dass es jedem seine eigene Geschichte erzählt. Ich glaube, wenn man die einzelnen Leser fragen würde, wovon »Die unendliche Geschichte« handelt, würden Tausende von Geschichten entstehen. So viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt. Ich habe sie als kleines Kind zum Einschlafen vorgelesen bekommen, habe sie als Kind, mit 16 und nach acht Jahren wieder gelesen.
Und jedes Mal hat sie mir neue Dinge gesagt. Jedes Mal habe ich eine neue Geschichte gelesen. Ich glaube dieses Buch enthält alles, was man braucht, um ein Leben zu begreifen. Und wenn ich alt bin, wird es mir wieder anderes erzählen, was ich bis dahin noch nicht verstanden habe. Karoline Herfurth, Schauspielerin, Berlin
48
»Die unendliche Geschichte « M ich a el E n de
Meine Lieblingsbücher – Aus Mangel an Entscheidung
E
in Lieblingsbuch aus meinem Regal ziehen zu müssen, fühlt sich ungefähr so an, wie den perfekten Weihnachtsbaum in einem von schönen Tannen gespickten Wald zu suchen, falls dieser Vergleich gestattet ist. So habe ich mich dann auch, die Auswahl fiel zu schwer, für zwei Bücher entschieden, die für mich noch einmal besonderer waren. Wenn ein Buch zum Lieblingsbuch werden kann, fühle ich es sofort. Meist reichen nur zwei, drei kleine Sätze und ich weiß, des Autors Stimme ist für mich. Die nächsten Tage werde ich das Buch mit mir herumtragen, in einer ohnehin von Büchern viel zu schweren Tasche, werde Bekannte in der Bahn mit voller Absicht ignorieren, ebenso wie meinen Mann. Ihn kurz vor dem Einschlafen vielleicht mit einer Hand abwesend hinter den Ohren kraulen. Mehr jedoch nicht – und das ist normal. Ich suchte also Bücher, die mich zu mehr getrieben haben als der Zurschaustellung meiner zyklisch wiederkehrenden Einigelei – die mir noch einmal mehr bedeuten, etwas anderes in mir rührten. Und ich habe sie gefunden. Ein Buch, das ich schon als Kind liebte, und eines, das mich vor drei Jahren vollkommen einnahm.
1. Das Kinderbuch: Michael Endes »Die unendliche Geschichte« Wozu einen dieses Buch treiben kann, sieht man an meiner Ausgabe genau. Außen auf dem roten Leinen sind dunkle Flecken zu sehen, innen schrieb ich im Alter von 13 Jahren, am 18. Mai 1996: »Je älter man wird, desto mehr lernt man aus und mit dem Buch. Insofern ist diese Geschichte in der Tat unendlich.« Die Farbe des Stiftes wählte ich mit Bedacht. Es war ein grüner Kugelschreiber, exakt die Farbe Phantásiens. Denn ganz hatte ich auch mit dreizehn die Hoffnung auf dieses Land noch nicht aufgegeben – obwohl ich meinen ersten Jungen küsste, mir einen Nasenring stechen ließ und das Rauchen hinter Häuserecken ausprobierte. Schon immer wollte ich dorthin. Ich war sieben, als das Buch seine Flecken bekam. Damals dachte ich, ich hätte die Geschichte verstanden. So, wie noch niemand zuvor. Ich dachte, jemand schriebe gerade meine Geschichte in das große Buch, vielleicht mit blauer Tinte. Und ich dachte, ich hätte einen neuen Namen für die Kindliche Kaiserin gefunden. Einen besseren Namen. Einen, der mich für eine Weile forttragen würde, obgleich ich es in meinem Leben in dieser Welt auch sehr gut hatte. Also ließ ich den Rollladen meines Kinderzimmers herunter, stellte mich auf meinen Schreibtischstuhl, atmete einmal tief ein und brüllte den Namen (meine Mutter war zum Glück beim Einkaufen) so laut, dass meine
»Schilf « Juli Z eh
zwölf Quadratmeter Kinderzimmerchaos noch eine ganze Weile nachzuhallen schienen »Honigauge!« Nun ja. Mehr geschah nicht, und so »plockten« nach einer Weile meine Tränen auf das rote Leinen. Nicht, weil ich begriffen hatte, dass Phantásien nicht existiert, sondern weil ich mir sicher war, zu blöd für das Finden des richtigen Namens zu sein. Was mein Herz noch heute an dem Buch hängen lässt ist, dass der Satz meines dreizehnjährigen Ichs tatsächlich zutrifft: Jedes Mal, wenn ich das Buch lese, fühle ich etwas Neues. Das Buch, die Geschichte, scheint mit meinem Herzen mitzuwachsen. Mit sieben wurde die Hoffnung auf Wunder in meine Seele gepflanzt und ich spürte die zuweilen angsteinflößende Macht der Fantasie, mit dreizehn war ich das Zentrum meiner Clique, aber immer noch heimlich in Atréju verliebt, und als Erwachsene merkte ich, wie viel ich tatsächlich aus dem Buch gelernt zu haben scheine: Dass Loyalität und Mut einen weiter bringen können, als man es jemals zu hoffen gewagt hat, man manchmal eine Reise antreten muss, deren Ende man nicht kennt und dass Hochmut niemals lange verschleiert werden kann. Und dass ich mit Atréju wohl doch nicht glücklich geworden wäre. Danke also! Neulich habe ich in einem Buchladen in Leipzig meine geliebte unendliche Geschichte in blau-roter Tinte, statt in grün-roter gedruckt gesehen. Das konnte ich einfach nicht fassen.
2. Das Erwachsenenbuch: Juli Zehs »Schilf« »Ein Kind wird entführt und weiß nichts davon. Ein Arzt tut, was er nicht soll. Ein Mann stirbt, zwei Physiker streiten, ein Polizeiobermeister ist verliebt.« Mal ehrlich: Dieses Buch muss man doch lesen wollen! Sätze wie dieser schmecken bereits nach der Geschichte, die Juli Zeh vor einem aufspannt wie einen fleckigen, löchrigen Fallschirm, einen auffordert, mit ihr zu springen, wohl wissend, dass dieses mottenzerfressene Ding niemals halten wird. Ich bin ein Juli-Zeh-Fan. Ein waschechter, eingefleischter sozusagen. Aber dieses Buch war Stufe zwei. Auch »Schilf« brachte mich dazu, etwas zu tun, was ich normalerweise vermeide. Zum einen las ich es vor lauter Gier beim Gehen, was in einer Stadt wie Berlin nicht gerade ratsam ist, zum anderen ließ ich ein lautes »Nein!« hören (beim Gehen, auf der Straße, in Berlin), als ich begriff. Als sich das Ende ankündigte, das Verständnis durch meine Adern sickerte, an meinen Hinterkopf pochte und ich nur eines dachte: »Das kann sie nicht tun!« Aber Juli Zeh kann. Ich würde nicht sagen, dass ich mit dem Ende des Buches einverstanden war. Mehr noch: Ich darf sagen, dass ich mit dem Ende des Buches überhaupt ganz und gar nicht einverstanden war. Sie ließ mich mit ausgelutschtem Herzen und saublöder Enttäuschung zurück – als wollte sie sagen: »Tja, Kleines. So ist die Welt!«
50
Aber trotzdem ist »Schilf« eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Denn Juli Zeh hat mich mit ihrem Buch auf die Matratzen geschickt. Ich trete nun an, um ihr zu beweisen: Nein, so ist sie nicht, die Welt. Vielleicht war ja ein Mensch so blöd, einem anderen aufgrund akustischer Zweifelhaftigkeiten mit einem gespannten Drahtseil den Kopf zu spalten, als sei dieser nicht mehr als ein Frühstücksei, aber das war ein tragischer Unfall. Und nicht, wie es einen das Buch glauben machen will, eine physikalische Zwangsläufigkeit. Vielleicht habe ich die ganze Sache ja auch nur vollkommen falsch verstanden. Lachen Sie bloß nicht, Frau Zeh. Wenn, dann war das nur Zufall! Eva Siegmund, Berlin
»Homo faber « M a x F risch
»Ich habe sie so satt, Ivy, mit ihrem ständigen Vorwurf, dass ich sie nicht heirate. Und überhaupt, ich muss hier mal raus. Nur werde ich dieses Mal einen Schiffstransfer für meine Dienstreise buchen; nach allem was passiert ist in den vergangenen Wochen. Was weiß ich, welchen Grund sie hat, ausgerechnet auch auf meinem Schiff zu sein. Sie, das Mädchen … Homo Faber, Schweizer Ingenieur, über 50.« ie Beziehung eines Mannes mittlerer Reife zu einer jungen Frau, einem Mädchen. Wie finde ich das? Suggeriert uns die Welt der Hollywood-Stars hierin alltäglich die Normalität, wo ziehe ich da meine persönliche Grenze? Vielfach diskutiert, konnte ich beobachten, wie divers meine »deutschen« Empfindungen zu diesem Buch, zu denen im meinem italienischen Freundeskreis sind. Und wie sehen das eigentlich andere Kulturen? Eine spannende Lektüre, die weit über das eigentliche Lesen hinaus fesselt. Jedem empfehle ich auf die Reise des »Homo faber« zu gehen und in eine Welt der Moral und des Umbruchs einzutauchen. Max Frisch hat hier einen Bericht verfasst, der nicht nur im Jahr 1957 bei seiner Erstveröffentlichung Aufsehen erregte, sondern noch bis heute weltweit hochaktuell ist. Kirstin Pageler, Oldenburg
D
52
»Diese eine Nacht « Ulr ik e K olb
»Wen werde ich im Urlaub kennenlernen? Seite 139, Zeile 12, von oben.« »… ein Schwein in fröhlichem Grunzen …« Alle brachen in Gelächter aus. »Das ist ein Betrugsspiel! Nehmt ein anderes Buch!«
I
ch war an der Reihe, meine Wahrsagungen zu hören. Ich schloss die Augen und griff unsicher tastend nach Dir. Du warst eines von vielen, die im Regal standen und dessen Leere ausfüllten. »Ulrike Kolb. Diese eine Nacht. Na dann, frag du jetzt mal etwas!« Ich habe Dich schlecht behandelt. Erinnerst Du Dich an den Regenguss, der uns überrumpelt hat? Verzeihst Du mir, dass ich Dich damals ausnutzte und Dich über den Kopf deckte, als wärest Du ein Regenschirm? Das Regenwasser war durch Deinen Umschlag eingedrungen. Dir sind die Spuren auf den Seiten geblieben … und meine über die Wangen laufenden Tränen um ein ausgefallenes Date und die verdorbene Frisur. Das war wirklich nicht der beste Look, den ich anzubieten habe. Und während ich in einer verqualmten Zuflucht abwartete, bis der Regen aufhört, bewirtetest Du mich mit köstlichem Trank Deiner bleibenden Erinnerungen. Süß und herb schmeckten sie. Mit jeder Zeile fühlte ich mich in Deine Liebesgeschichte verwickelt, als wäre Dein Deckel eine Tür mit einem Spion – ich guckte hindurch, ich konnte alles beobachten, alles
belauschen, ohne jegliche Gewissensbisse und Sorgen um die von mir hinterlassenen Beweisstücke zwischen Deinen Seiten – zerknittertes Bonbonpapier und verwelkte Gräschen … Du warst sehr aufrichtig. Oder war ich zu neugierig? Neugieriger als der Mann im Bus? Der bebrillte grauhaarige Mann im dunklen Anzug, der mir gegenübersaß und mich ungeniert musterte, als ich Dich aus meiner Mülltasche herausfischte und aufschlug. Du ziehst die Blicke an! Ich sah in Dich hinein, aber konnte mich nicht konzentrieren. Selbstverteidigungsmäßig fing ich an, mir den Neugierigen von oben bis unten prüfend anzusehen. Sein Gesicht war von unzähligen Falten durchzogen. Unter der Jacke trug er ein rotes T-Shirt mit einer verschleierten Botschaft »Everybody likes mushrooms«. In seiner rechten Hand hielt er eine zusammengerollte Zeitung, die stark nach Druckfarbe roch, und aus der Hosentasche guckte ein Schnapsflaschenhals hervor und glotzte mich auch an. »Liest du?« hat er gefragt. »Dein Lieblingsbuch? Interessant? Deutsch?« Er schwieg einen Moment, als ob er sich an etwas Bestimmtes erinnern wollte, und dann kam wie aus der Pistole geschossen: »Eins, zwei, drei, fünf!« Seite dreißig, vierzig, fünfzig … Je mehr ich mich in die Offenbarungen vertiefte, die Du mir zukommen ließt, desto verschwommener schienen mir die Grundlinien Deines klassi-
schen Liebesdreiecks. Vielleicht lässt sich das Gefühl in keine geometrische Form bringen? Mathematik war niemals meine Stärke. Ich zerbrach mir den Kopf, indem ich Deine Gleichung mit einer Unbekannten zu lösen versuchte: SIE liebt IHN , ER liebt ein X , das X ist gleich … Die Gleichung der Liebe wird nie aufgehen. Du könntest ein Fotoalbum sein … oder eine Diashow … oder ein stummer Film. Genauso wie ein Foto ist ein Wort ein zuverlässiges Mittel, einen Augenblick anzuhalten und das Vergangene zu verlebendigen. Schwarz-weiße Fotos und Farbbilder vergilben. Aber durch die schönsten Wörter werden Deine Aufnahmen in mir wie aufs Neue entwickelt. Die darin festgehaltenen Ereignisse, leidvolle und schöne, alle zusammengetragen und gebunden, damit sie nicht wegflattern, spielten sich vor meinen Augen im Zeitraffertempo ab. Und ich war schon kurz davor, Dir mein kurzes Geständnis abzugeben: »Ja, das habe ich auch einmal erlebt.«, oder »Nein, das kenne ich nicht.« Und ich hasste Dich, als Du mir Salz auf die Wunde streutest, indem mir etwas ins Gedächtnis zurückgerufen worden war, was ich aus dem Kopf löschen wollte und nicht konnte, was meinen wunden Punkt traf, was mich süchtig machte und … In diesem Moment hätte ich Dich am liebsten gegen die Wand gestoßen, aber ich nippte an Dir weiter, ich kostete Dich mit kleinen Schlucken, Wort für Wort. Süß und herb.
Manchmal so süß und manchmal so herb, dass ich Dich damals halb gelesen ins Regal zurückstellen wollte – das Unvermeidliche sei voraussagbar – aber doch den Rest in einem Zug auslas und wieder von Neuem begann … Weil Du mir gefällst. »Na, wirst Du endlich was fragen?!« Eine wachsende Ungeduld war nicht zu zügeln. »Hm, wird sie tatsächlich ein Schwein im Urlaub kennenlernen? Seite 165, Zeile 3, von unten.« Olesya Tyutyunova, Wolgograd, Russland
54
»Joseph und seine Brüder « Thom as M a n n
I
ch verdanke dem Werk ein besonderes Erlebnis und einen hohen Genuss: Mir war so, als würde ich beim Lesen zugleich eine wunderbar klingende Symphonie wahrnehmen. Thomas Mann versteht es, mit der deutschen Sprache wie mit Tönen und Klängen umzugehen. Genießerisch folgt man seiner Wortwahl und den Satzkonstruktionen. Der Roman wirkt wie musikalisch komponiert, wobei ich die Reden Josephs als solistische Höhepunkte empfinde. Thomas Manns Klänge sind verführerisch. Die außergewöhnliche Länge des Werkes lässt eine beträchtliche Sogwirkung aufkommen und führt zu einem Dauergenuss im Leserausch. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass sich mein Lieblingsbuch nicht nur durch die wunderbare Sprache, sondern auch durch die Tiefe und den Reichtum des biblischen Inhalts auszeichnet. So ist mir der Roman nicht nur lieb, sondern steht ganz oben im Rang meiner Wertschätzung. Michael Ermel, Berlin
»Deutsche Erzähler « H ugo
1
vo n
H ofm a n nsth a l
979 legte ich die Abiturprüfung ab. Es war eine Zeit des Umbruchs – Traditionen galten als verpönt, neue Formen hatten wir noch nicht gefunden. So ereilte mich die Frage des damaligen Direktors, ob ich es für richtig hielte, wenn mir die Schule etwas schenkte zum Abitur, das ich doch mit so erfreulichem Ergebnis soeben abgelegt hätte. »Ein Buch«, sagte ich, »wäre dem Anlass doch angemessen.« Auswahl und Besorgung desselben überließ die Schule mir, so waren die Zeiten damals. So kam ich an »Deutsche Erzähler«, eines der schönsten deutschen Hausbücher, eine Blütenlese der deutschen Erzählliteratur, von Hugo von Hofmannsthal 1912 gesammelt. Eine besonders tiefe Beziehung entstand zu einer Erzählung von Heinrich von Kleist: »Das Erdbeben in Chili«. Diese atemberaubende Geschichte habe ich seitdem viele Male gelesen, betrachtet, vorgelesen – ich kann auch heute weder Sinn noch Ereignis fassen. Es ist eine Geschichte von Liebe und Gewalt, und alles fügt sich ohne rechten Plan zu einem Ende, mit dem ich heute wieder hadere. Von den Hauptpersonen dieser Erzählung überleben am Ende nur zwei, Don Fernando und das neugeborene Kind einer verbotenen Liebe. Zuvor war Don Fernandos Familie vom Mob ebenso erschlagen worden wie die Eltern des Jungen, den er in seinen Armen trägt. »…, und wenn Don Fernando Philippen mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war es ihm fast, als müßt er sich freuen.« Als auch ich in diese Krise
geriet, die viele zwischen 20 und 30 befällt, die bei Kleist als »Kantkrise« und ursächlich für die Erzählung selbst bezeichnet wird, musste ich meinen Lebensplan ändern und wurde Schulmeister. Kleists Novelle gab den Ausschlag für die Fächerwahl, neben die, die ich als Theologe schon beherrschte, sollte eines treten, das jungen Menschen jenseits der Transzendenz bei der Suche nach Antworten wider alle Verzweiflung helfen könnte. So wurde ich Deutschlehrer. Jahre später, in einem Oberstufenkurs am Goethe-Institut, lasen wir diese Novelle, und ich las sie einer Teilnehmerin vor, die seitdem das Leben mit mir teilt. Worauf dürfen wir hoffen? Auf diese Frage fand ich meine Antwort. Nicht, dass sie sicher trüge und kein Ereignis sie erschütterte – aber in der Rückschau »ist es mir fast, als müßt ich mich freuen.« Unsere Kinder sind sieben und neun Jahre alt. Wir haben »Das Erdbeben in Chili« in diesem Sommer gemeinsam gelesen. Kinder des digitalen Zeitalters tun sich schwer mit der Syntax dieses für mich erstaunlichsten aller Erzähler des 19. Jahrhunderts. Aber sie verfolgte die Geschichte mit Spannung, mit innerer Bewegung. Zugegeben – ich habe nicht die ganze Erzählung vorgelesen und ihnen das Ende vorenthalten. Und andere Erzählungen eignen sich für Kinder sicher besser. Dennoch ist sie für mich eine Schatztruhe besonderer Art. Ich habe darin meinen Schatz gefunden. Matthias Makowski, Goethe-Institut, München
56
»Diercke Weltatlas «
M
ein Lieblingsbuch? Als mir der Flyer vom Goethe-Institut aus der Zeitschrift entgegenfällt, bin ich ratlos. Ich liebe Bücher, ja, aber ein Lieblingsbuch? Eigentlich ist jedes Buch, das mich zu interessieren oder gar zu fesseln vermag, zum Zeitpunkt des Lesens mein Lieblingsbuch. Aber das war ja vom GoetheInstitut sicher nicht gemeint!? Während der Fahrt zu meinen Eltern gehe ich auf Reisen zu einigen Stationen meiner schöneren Leseerfahrungen. Da waren die Mädchenbücher der Berte Bratt, die irgendwann als zu altmodisch aus den Regalen der Stadtbibliothek verschwanden. Dann folgte in der Jugend während der Phase der Romantik die Inhalation – von Lesen konnte keine Rede sein – des Romans »Vom Winde verweht«. Während der Schulzeit begeisterte mich die schnörkellose Sprache und die unfassbare Handlung von Max Frischs »Homo faber«. Während des Studiums beschäftigte mich die Beziehung von Malve, Verena und Rose zu Ricarda Huchs »Michael Unger«. Und ich verliebte mich so sehr in die achtbändige Ausgabe der Romane und Erzählungen von Theodor Fontane des Aufbau-Verlags, dass ich sie meinen Eltern förmlich abschwatzte. Auf dem Gebiet der Lyrik berühren mich die Gedichte der Mascha Kaléko – besonders die Sammlung »In meinen Träumen läutet es Sturm«. Das war in jüngeren Jahren. Kürzlich las ich als Vorbereitung für einen Ausflug nach
Leipzig unter anderem Bernd-Lutz Langes »Gebrauchsanweisung für Leipzig«. Neben einem Reise-/Stadtführer empfehle ich jedem, dieses Buch zu lesen. Hier lernt der Leser en passant und oft mit einem Lächeln vieles über die Stadt und ihre Geschichte, wenn auch aus häufig subjektiver Sicht. Ich war jedenfalls sehr traurig, als die 183 Seiten gelesen waren – ich wollte viel mehr wissen! Nach meinem Besuch trifft mich im Moment des »Gar-nicht-darüber-Nachdenkens« mit einem Schlag die Erkenntnis: Es gibt ein Buch, ohne das ich nicht leben könnte und wollte. Ich hab es ernsthaft versucht, als ich aus dienstlichen Gründen ein Jahr in einer anderen Stadt wohnte. Ich hab es nicht geschafft! Ich habe mir umgehend ein zweites Exemplar besorgt, um nicht ohne meinen Quell an Information zu sein. Ich kaufte mir einen »Diercke Weltatlas«. Natürlich werden die einen sagen, das Werk betrachte die Welt recht zentralistisch. Immerhin werden auf den ersten neunzig Seiten Europa und speziell Deutschland betrachtet. Andere werden einwenden, der »Diercke Weltatlas« sei doch nur für Schüler gemacht. Den einen halte ich nun entgegen, dass es sich dabei um meinen Lebensmittelpunkt handelt. Letzteren sage ich, dass es nicht mein einziger Atlas ist, aber der, zu dem ich im ersten Impuls greife. Er ist, rein gewichtstechnisch betrachtet, nicht zu schwer, die Farben, die die Kartografen gewählt haben, entsprechen
meinem Geschmack und ganz wichtig: Ich finde physische und politische Karten – je nachdem, was ich gerade wissen will, habe ich die Wahl. Und in besonders schönen Stunden ist mein »Diercke Weltatlas« mein Kamerad auf Reisen in ferne und nähere Länder. Antje Rothe, Berlin
58
»Emil und die Detektive « E r ich K äst n er
»E
mil und die Detektive« war eines der Bücher, die 1933 in einer Nacht in Berlin auf dem Bebelplatz von den Nazis auf den Scheiterhaufen geworfen wurden. Der Autor des Buches, Erich Kästner, tauchte zufällig am Rande des Geschehens auf, um die Verbrennung seines eigenen Buches zu beobachten. Mehr als 30 Jahre nach der Bücherverbrennung, nachdem das Buch vor den Flammen gerettet und weltweit publiziert worden war, lag ich auf der anderen Seite der Welt in meinem Bett und las »Emil und die Detektive«. Die Nazis hatten Emil und die anderen Charaktere des Buches als »zu passiv« bezeichnet. Für ein achtjähriges Kind wie mich, das in den 60erJahren aufwuchs, ergab die Meinung der Nazis überhaupt keinen Sinn. Emils Welt hätte nicht weiter weg von meiner eigenen sein können. Abgesehen von ein paar Ausflügen nach Wellington befand sich die Stadt weitgehend außerhalb meiner Reichweite. Sie lag weit weg am anderen Ende der Bucht. Ich verband sie mit Weihnachten und den Rugby-Nationalspielern. Kästner brachte mir eine ganz andere Stadt, Berlin, viel näher. Walter Triers charakteristische Zeichnungen zeigen beeindruckende Szenen in den Straßen Berlins. Kinder in meinem Alter trugen Mützen, aber es war klar, dass dies keine Mützen für die Schule waren. Sie sahen mehr aus wie die Kappen der Arbeiter. Mein Vater und die Väter meiner Freunde trugen Hüte, aber nicht so
einen dunklen, steifen Hut wie der Dieb in Triers Illustrationen. Und niemand, den ich kannte, hatte eine Himmelfahrtsnase. Aber so anders die Gesichter und Straßen auch waren, es gab auch genug, was mir bekannt vorkam. Zum Beispiel der kleine schwanzwedelnde Hund, der das Schlusslicht von so vielen der gezeichneten Szenen bildete. Oder die unschuldigen Gesichtszüge Emils im Gegensatz zu den härteren und gerissenen Gesichtern der Berliner Kinder, mit denen er sich anfreundete. Eine Geschichte musste wirklich stark sein, um mich in meiner Situation fesseln zu können: Ich las, weil ich im Bett lag und ich lag im Bett, weil ich krank zu Hause war, anstatt in der Schule. Ich hatte Charles Dickens »Große Erwartungen« unter den gleichen Umständen gelesen, aber »Emil und die Detektive« war das Buch, zu dem ich schon fast reflexartig griff, wann immer ich krank war. Die Magie der abgegriffenen, trockenen Seiten und Triers Illustrationen aus schwarzer Tinte versagten nie. Das Buch lebte monatelang unter meinem Bett und setzte Staub an. Die Krankheit, die mich regelmäßig zu Fall brachte, war ein Magenleiden. Ich war mit einem Bauch, der dem gespannten Leder einer Trommel glich, von der Schule nach Hause gekommen. Nun lag ich im Bett und betete zu Gott, dass ich mich nicht übergeben würde. Das Allheilmittel meiner Mutter war Backpulver. Mit den Worten »Gesunde oder geh zugrunde!« wurde es mir
60
vorgesetzt und ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals etwas anderes bewirkt hätte, als beides zugleich. Hinterher, innerlich erfolgreich gereinigt, aber immer noch zitterig, wurde ich zurück ins Bett geschickt. Mein Zimmer fühlte sich verändert an. Ich fühlte mich verändert. Etwas benommen griff ich nach dem zerknitterten Taschenbuch mit dem gelben Staubmantel und kehrte nach Berlin zurück, um mich der Jagd nach dem Gauner Grundeis anzuschließen. Es war bereits ein ausgetretener Pfad, auf dem ich mich bewegte, aber die Spannung blieb trotzdem bis zum Ende, es war inzwischen eine Art Ritual für mich geworden. Ich las mich quasi zurück zum Gesundsein und »Emil und die Detektive« war Teil dieses Genesungsprozesses. Jahre später würde ich »Emil und die Detektive« meinen eigenen Kindern vorlesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kästners Klassiker eine andere Rolle eingenommen. Er gehörte zu den Büchern, von denen ich dachte, es sei essenziell wichtig, dass meine Kinder sie kennen. Ich denke, mir ging es dabei um eine Art gemeinsame Erfahrung. Wie das Buch damals in meine Hände gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Die einzige andere Übersetzung eines anderssprachigen Buchs ins Englische, die es zu dieser Zeit in den Bücherläden gab, waren die Märchen von Hans Christian Andersen. Als ich nach so vielen Jahren zu »Emil und die Detektive« zurückkehrte, war mir sofort klar,
warum ich damals so ein bereitwilliger und demütiger Leser dieses Buches war. Emil und seine neugewonnenen Freunde waren so viel anders als mein eigener Freundeskreis. Wir lebten sozusagen draußen, in den Kronen der Bäume und verbrachten unsere Zeit unten am Fluss. Emil bewegte sich in der Welt der Erwachsenen. Die paar Erwachsenen, die ich sah, schlurften im Dunkeln an unserem Küchenfenster vorbei. Ansonsten war die Straße komplett menschenleer. Noch fesselnder waren aber die verschiedenen Wege, mit denen das Buch Freundschaft und Vertrauen thematisierte, um dann mit dem Glauben an diese Werte zu brechen. Das war das Erschütterndste daran. Ein Erwachsener hatte einem Kind tatsächlich Geld gestohlen. Es war schwer zu glauben. Von heute aus betrachtet ist es schwer zu glauben, wie naiv und unschuldig ich war. Grundeis’ Diebstahl war ein unglaublicher Bruch mit der Welt, die ich bisher kannte. Fast genauso schlimm war die Tatsache, dass es nicht Emils Geld war, sondern das seiner Mutter. Alle Kinder in meiner Straße wussten, dass es keine Entschuldigung dafür gab, wenn man Geld auf dem Weg zum Laden an der Ecke verlor. Emil hatte die Verantwortung bekommen, Geld an seine Großmutter zu überbringen, die es dringend brauchte. Jetzt musste er es wiederbekommen. Und hier wurde es spannend. Er ging nicht zur Polizei, wie ich es getan hätte. Nein. Er setzte all sein Vertrauen in eine Horde Straßenkinder,
um die Erwachsenenwelt zu überlisten. Genauso überraschend war es für mich, dass Emil auch nach den Ereignissen im Zug weiterhin Fremden vertraute. »Passivität« scheint hier eine geradezu lächerliche Fehleinschätzung der Nazis. Ich habe Kästners Klassiker zwischen 2007 und 2008 noch einmal gelesen, als ich als neuseeländischer Schriftsteller in Berlin zu Gast war. Ich versuchte gezielt, die Orte des Buches in Berlin aufzusuchen und fand mehr über Kästner, den Schriftsteller, Poeten und Satiriker, heraus. Die Idee für »Emil und die Detektive«, so wird zumindest behauptet, kam Kästner während seiner Spaziergänge durch die Straßen um den Zoologischen Garten. Selbst heute begegnen einem, wenn man zum ersten Mal diese Gegend besucht, leichte Verwirrung und Orientierungslosigkeit, sobald man aus dem Zug steigt. Der ideale Ort für Emil, um anzukommen. Ein Ort, der zu beschäftigt ist mit seinen eigenen Angelegenheiten, um einen Jungen vom Land mit seiner abgenutzten Reisetasche zu bemerken. Kästner lief gerne von seinem Haus aus zu dem bekannten »Café Josty« am Potsdamer Platz. Dort, auf der Gartenterrasse, schrieb er seinen Klassiker. 1927 war er bereits nach Berlin gezogen, um als Journalist zu arbeiten. In »Emil und die Detektive« interviewt ein Journalist mit Kästners Namen Emil und einige der Detektive
im Café Josty, nachdem das gestohlene Geld wieder da ist. Heute sind viele von den Orten des Buches verschwunden. Den Nollendorfplatz gibt es noch, aber nicht das Hotel »Kreid«, in dem Grundeis wohnt. Das einst so großartige Café Josty war nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch ein Haufen Schutt. Einige Teile der ursprünglichen Wände und Decken konnten gerettet werden. Heute kann man ein wieder zusammengesetztes Café Josty im Sony Center am neugebauten Potsdamer Platz finden. Drei Mal wurde das Buch verfilmt. Zufällig wurde im Kino »Babylon Mitte« gerade die Version von 1931 gezeigt, das Drehbuch stammt von Erich Kästner und Billy Wilder. Ich ging hinein, in der Hoffnung, das Vorkriegs-Berlin des Buches zu finden und wurde nicht enttäuscht. Wenn Emil am Zoologischen Garten aus dem Zug steigt, befinden wir uns im Berlin des Jahres 1931. Die Straßenbahnen. Die Straßen. Und da ist die Kaiser-Wilhelm-GedächtnisKirche. Die gleiche zerbombte Kirche auf dem Kurfürstendamm, die heute so bekannt ist, dass die Touristen in Scharen kommen, um sie betrachten. Es ist ein Schock, sie im Film so intakt zu sehen. Nun fährt die Tram in die Kaiserstraße. Hier verlässt der Dieb die Straßenbahn und überquert die Straße auf dem Weg ins Café Josty. Es ist das originale Café, in dem Kästner mit seinem Morgenkaffee saß und »Emil und
62
die Detektive« schrieb. Ich habe Fotos des berühmten Cafés im Internet gesehen. Trostlose, alte Schwarz-Weiß-Fotos, so leblos wie Seifenblasen. Aber im Film ist das Café Josty voller Leute, die vorne im Gartenbereich sitzen, unter der Markise, und genau dort setzt sich Grundeis hin, um ein herzhaftes Mittagessen zu sich zu nehmen und eine dicke Zigarre zu rauchen. Ich besuchte die neue Stadtbibliothek am Potsdamer Platz. Dort half mir Mariana, die Bibliotheksdirektorin für Fotografie freundlicherweise, mehr Bilder von Kästners Berlin zu finden. Bis zu dem Moment, in dem ich dabei war, ihr Büro zu verlassen, dachte ich nicht daran, die eigentlich offensichtlichste Frage zu stellen. Hatte sie jemals »Emil und die Detektive« gelesen? Das hatte sie, und nicht nur das, sie sagte, sie sei bei dem Walt-Disney-Remake von 1964 dabei gewesen. Sie besuchte damals eine Privatschule in Charlottenburg und die Schule hatte, wie sie es ausdrückte, den Filmemachern die Kinder »ausgeliehen«. In der Walt-DisneyVersion des Buches bilden Mariana und ihre Klassenkameraden den Mob von Hunderten von Kindern, der Grundeis bis zur Bank folgt, wo Emil ihn schließlich mit dem Diebstahl konfrontiert. Mariana gestand mir, dass sie in der Nacht vor dem Dreh nicht habe schlafen können. Sie sei verliebt gewesen, sagte sie. Aber habe sich nicht zwischen Emil und einem
der beiden Hauptdetektive, dem eigensinnigen Gustav, entscheiden können. Mariana gab mir ihre Visitenkarte und bat mich, sie zu kontaktieren, sollte ich jemals auf eine Videoaufnahme des Films stoßen. Sie wollte sehen, wie sie als Kind ausgesehen hatte. Sie wollte ihre alten Klassenkameraden wiedersehen. Dann, als die Aufzugtüren sich schon schlossen, erinnerte sie sich noch an etwas anderes. Sie besaß immer noch die Süßigkeiten, die die Filmemacher jedem der Kinder damals gegeben hatten. Marianas Gefühl wird perfekt eingefangen von Kästners Hommage an die Kindheit: »Sich wirklich und wahrhaftig an seine Kindheit zu erinnern bedeutet, wieder zu wissen, was richtig und was falsch, was gut ist und was böse. Die meisten vergessen ihre Kindheit wie einen Regenschirm, den sie irgendwann in der Vergangenheit vergessen haben. Und dennoch können fünfzig Jahre Erfahrung und Wissen nicht das aufwiegen, was die Seele in den ersten zehn Lebensjahren lernt.« Emil vergessen? Niemals. Das Buch hat eine Bücherverbrennung überlebt und auch der Zahn der Zeit konnte ihm nichts anhaben. Lloyd Jones, Schriftsteller, Neuseeland (Übersetzung: Sonja von Struve)
»Emil und die Detektive « E r ich K äst n er
W
enn ich zurück an meine Kindheit denke, und ich denke sehr oft daran, fallen mir viele Lieblingsbücher ein – die von Erich Kästner. Ich habe seine Bücher immer und immer wieder gelesen und war jedes Mal von Neuem fasziniert. Selbst heute, als erwachsener Mensch, lese ich sie noch gerne und erfreue mich an den Erinnerungen, die ich damit verbinde. Am meisten aber hat mir sein Buch »Emil und die Detektive« gefallen. Ich war damals acht Jahre alt und hatte endlich gelernt, wie man richtig liest. Um so aufgeregter war ich, als ich meinen ersten Roman geschenkt bekommen habe. Das Buch hieß »Emil und die Detektive«. Allein der Name gefiel mir so gut, dass ich es nicht mehr länger erwarten konnte und sofort zu lesen begann. Ich war mir sicher, dass es ein richtiges Abenteuer werden würde! Das Abenteuer von Emil Tischbein konnte also beginnen. Schon als ich die ersten Seiten gelesen habe, war ich total hin- und hergerissen. Das Buch war humorvoll, aber auch fesselnd geschrieben. Ich konnte es nicht beiseitelegen, nein, ich musste weiter lesen. Keiner konnte mich aus der Ruhe bringen! Selbst meine Eltern nicht, denn wenn sie mich riefen, tat ich einfach so, als ob ich es nicht gehört hätte. Auf keinen Fall wollte ich, dass mich jemand stört! Und so geschah es, dass ich Tag und sogar bis spät in den Abend hinein las, bis das Buch sein Ende erreicht hatte – ein wahrhaftiges Abenteuer,
kann ich nur sagen! Der zwölfjährige Emil sollte seine Verwandten in Berlin besuchen, aber Lust dazu hatte er keine. Als er dann aber doch im Zug saß, wurde ihm sein Geld gestohlen. Damit begann auch das Abenteuer, denn Emil verfolgte den Dieb: Angst? – Die kannte er nicht! Wo würde es ihn wohl hin verschlagen? – Das wusste er nicht. Mut? – Den hatte er, und darum habe ich ihn sehr bewundert. Er war für mich der geborene Held! Vom Glück verfolgt war er auch noch, denn er traf auf einige Jungen, die ihm bei der Jagd halfen. Durch Mut, Tapferkeit, Stärke und mit pfiffigen Ideen schlugen sie den Dieb in die Flucht. Emil und auch seine Freunde waren die Helden Berlins. Nicht nur in Berlin, sondern auch für mich war Emil ein Held und so blieb es nicht aus, dass ich mich total in ihn verliebte. Den ganzen Tag schwärmte ich von ihm, erzählte meinen Eltern und Großeltern die Geschichte von Emil Tischbein, die sie schon auswendig kannten, immer und immer wieder! Mich verbindet eine sehr tiefe Freundschaft mit meinem allerersten Roman. Das Buch hat einen Ehrenplatz zu Hause und ich liebe es über alles! Was wäre meine Kindheit wohl nur ohne »Emil und die Detektive« gewesen? Sandy Meißner, Reinhardtsdorf
64
»Faust. Der Tragödie erster Teil « J oh a n n Wolfga ng
G
oethes »Faust« war schon immer mein Lieblingsbuch und sogar der Grund, warum ich nach dem Abitur begonnen habe, Germanistik zu studieren. Mich fasziniert die sprachliche Brillanz und die Langlebigkeit des Textes, die ihn noch heute aktuell macht. Dies habe ich versucht, in einem »dramatischen Gespräch« zwischen mir und Mephistopheles aufzuzeigen und hoffe, es gefällt Ihnen! Mittlerweile arbeite ich als freie Lektorin und Korrektorin und bin noch immer von Literatur fasziniert! JULIA
Habe nun, ach! Germanistik, Linguistik und auch die Literatur durchaus studiert, mit heißem Bemüh’n. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Ein Lieblingsbuch zu wählen, das mich begeistert, bewegt und auch berührt, das mir herauf, herab und quer und krumm, in Kopf und Herzen schwirrt herum. So viele sind’s, die mir gefallen, und täglich werden’s mehr und mehr, ein Einzelnes nun auszuwählen, fällt mir dabei besonders schwer. Und doch – Des Goethes Faust, Tragödie ohne Gleichen, sofort denk ich an dich,
vo n
G oethe
an Faust, Mephisto und an Gretchen, den Pakt, den Mord und sein Gericht, die Hexenküche, die Osternacht, die unselige Zaubermacht! Ja, sollt’ ein Lieblingsbuch ich wählen, käm’ kein andres in Betracht! M E P H I S T O P H E L E S (lacht) Des Goethes Faust? Ist das dein Ernst und deine volle Absicht? Dem Goethe-Institut mit Goethe kommen, das wird doch niemals nicht genommen! Julia, ich bitte dich! Außergewöhnlich ist das nun wirklich nicht! Mach’s dir doch leicht und nimm sogleich Fontane, Schiller oder Keller, ein bisschen Lessing oder Grass, noch besser Gottsched oder Lenz, dazu schreibst du auf Germanisten-Weise von Peripetie, Kadenz und Reim, das wirkt gebildet und auch weise, ein bisschen Show, die muss schon sein! Oder nimm gleich Harry Potter, gezaubert, das wird da doch auch, dazu gibt’s Riesen, Elfe, Gnome und moderner ist es auch! Julia, ich beschwöre dich, nimm alles, nur nicht die alte Geschicht’!
JULIA
Das aber ist des Pudels Kern: Ich mag den Faust nun mal so gern! Ich mag die Tragik und die Tiefe, den Humor, die Bissigkeit, die gut versteckten Seitenhiebe und die Sprüche mag ich auch, die da sind, du weißt es ja, auch heute noch im Sprachgebrauch. »Es irrt der Mensch, solang er strebt« Das hat Faust doch wirklich vorgelebt! »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!« Warum man auch immer wählen muss? Und wer mich fragt, Wie hältst du’s mit der Religion? Dem sag ich: Frag Goethe nur, der weiß es schon! Du siehst, der Faust, das ist Kultur, und jeder Satz ein Treffer. Schon in der Schule und im Seminar, fand ich ihn immer besser. Die Liebe zur Sprache und zum Wort, sind mir seitdem geblieben, nicht zuletzt hab ich mich daher einst für Germanistik eingeschrieben.
Der Faust, eine »alte Geschicht’«? – Nein, das ist er wirklich nicht! Als Teil des Teils, der einmal alles war, bist du doch wirklich sonderbar, denn letztlich bist du doch Hauptperson, neben Faust, du verstehst mich schon, ihr seid Kultur, ihr seid Geschicht’, Mephisto, bitte, vergiss das nicht! M E P H I S T O P H E L E S (einlenkend)
Der Faust, das ist ein Meisterstück, besonders ja, du weißt Bescheid, aufgrund von meiner Wenigkeit, drum vergess’ ich’s freilich nicht. Ich hab’s auch nicht so ernst gemeint, verzeih mir mein Gezauder. Ich bin halt doch, du kennst mich ja, der Geist, der stets verneint, und oft auch nur, ich geb’ es zu, damit es sich schön reimt! Julia Kargl, Mannheim
66
»Kleine Lichter « Roger Willemsen
I
ch bin die Liebhaberin. Es ist der 100. Tag. Ich bin zurückgekommen. Und nun warte ich. Sitze unter deinem Fenster und warte. Hole das Buch hervor und warte. Wenn dieses Buch eines ist, dann lehrreich. Wenn ich eines bin, dann trotzig. Und so sitze ich hier, halte das Buch in den Händen, trotze dem Inhalt und lerne nicht – niemals! Denn Liebe lässt sich nicht lernen; Liebe lässt sich auch nicht lesen. Aber doch gebe ich, meinem eigenen Trotz zum Trotz kleinlaut zu, dass dieses Buch das Er-Lesenste ist, was sich in meinem Bücherregal befindet. 240 Seiten sagen mir, schreien mich an und flüstern mir zu, was ich fühle. Es ist mein Buch, denn es sagt mir, was ich sagen will. Wenn es mir aber sagt, was ich schon zuvor sagen wollte, bin ich böse, weil es schneller war oder die passenderen Worte fand, während ich noch danach suchte. War ich jedoch schneller, und hatte es schon ausgesprochen, bevor ich es las, verfluchte ich das Buch, weil es dort stand: Meine Gedanken, meine Geschichte, meine Gefühle – und sein Name. Ich will keine Namen in diesem Buch, keinen Autor, keine Protagonisten, die Namen tragen! Das ist sonst anders: Harry Potter war mein kleiner Bruder, den ich jedes Jahr aufs Neue nach Hogwarts begleitete, bis er mich mit seiner Zauberei austrickste, um zwanzig Jahre alterte und sich an Kings Cross winkend von mir verabschiedete. Tom Builder baute mir eine Kathedrale und lächelte mich über all die
Jahre hinweg mit dem »Alles-wird-gut«-Gesicht meines Vaters an und an der Seite Morgaines durchschritt ich anfangs noch etwas ängstlich die nebeligen Wälder Avalons. Mit ihr vollzog ich im keltischen Britannien im warmen Licht der Beltanefeuer meine Initiation zur Leserin. An ihrer Seite erfuhr ich, dass mich Buchstaben reisen ließen – durch die Zeit, in fremde Welten und ohne die lästigen Vorschriften des Transitverkehrs. Ich brauchte keinen Wandschrank wie die Pevensie-Geschwister und keinen Wirbelsturm wie Dorothy, um den Schnee Narnias unter meinen Füßen zu spüren und die Farben in Oz zu sehen. Ich brauchte nur die 26 Zeichen, welche sich auf seltsame Weise so zusammenfügten, dass daraus Worte, Sätze, Sinn und Geschichten wurden. Ich erahnte dieses Potential bereits in der ersten Klasse, als ich, nur über einen Bruchteil des Alphabets verfügend, las, dass »Anna am See« oder »Oma im Haus« war. Seitdem machte ich es wie Bastian und saß in einer nicht enden wollenden Geschichte entweder mit ihm auf dem Rücken des Glücksdrachens oder suchte mir mein eigenes Glück in Casanovas Venedig, dem Römischen Reich, der afrikanischen Steppe oder auf der Scheibenwelt. Nirgends brauchte ich einen Stadt- oder Schlachtplan und ich fürchtete mich weder vor wilden Tieren noch vor dem Herunterfallen. Ich mochte meine Protagonisten und so dankte ich ein ums andere Mal den Autoren, dass wir einander bekannt gemacht wurden.
68
Einzig Kafka war mir immer suspekt. Ich konnte weder Herrn K., noch Karl oder K. in meiner Lesewelt angemessen willkommen heißen und als Gregor Samsa zum Käfer wurde, verabschiedete ich mich auch von ihm. Kafka und ich haben uns dann aber doch wieder angenähert, als wir uns gemeinsam die »Aeroplane in Brescia« anschauten und er mir nach einer missglückten Abiklausur sagte: »Vollkommene Leistungen können nicht gewürdigt werden, vollkommener Leistungen hält sich am Ende jeder für fähig, zu vollkommenen Leistungen scheint kein Mut nötig!« Stolz auf meinen Mut und mit der Gewissheit, dass ich dem nun auf mich zueilenden realen Leben nicht mit Vollkommenheit entgegentreten musste, passierte mir dann aber das, was in jedem Buch so sicher vorkommt, wie es aufeinanderfolgende Zahlen am unteren Seitenrand gibt … Liebe. Und die ist einfach nicht einfach. Aber Einfachheit ist ohnehin nicht meine Stärke. Ich will überhaupt nicht, dass mein Leben einfach ist; ich will nicht, dass einfache Menschen Einfluss auf mein Leben nehmen und ich will keine einfachen Beziehungen führen; na dann, warum nicht: Liebe! Ich werde es schon besser hinbekommen als Tristan und Isolde, als Romeo und Julia allemal – schließlich hatte ich gelesen, was die falsch gemacht hatten (ich würde also kein Gift trinken). Außerdem war es eben nicht diese große, im zu
grellen Scheinwerferlicht der Literaturgeschichte leuchtende Liebesbeziehung – es war eher ein »kleines Licht«. Manchmal in der Nacht blitzte es ganz mutig auf, sagte: »Hier bin ich und leuchte!« Aber am Tag war es selten stark genug, um gesehen zu werden und dann verdunkelte es sich noch mehr aus Angst, gesehen zu werden. In diesen Momenten der Angst holte ich »Kleine Lichter« hervor. Es war meine Taschenlampe. Dieses Buch leuchtete immer genau in die Richtung, welche ich sehen wollte und ließ alles andere im Dunkeln. Es fokussierte genau die Stellen, die mir als richtiger Weg erschienen. Und diesen Weg schritt ich zielstrebig ab – ich las – ich ging – las weiter – ging weiter – las – ging, bis ich merkte, dass du nicht mitgingst, dass ich alleine las. Dass es aber nicht die Entfernung war, welche uns trennte, sondern die Zeit. Einstein habe ich übrigens nie gelesen und auch nie verstanden. Vermutlich hing die Lösung unseres Problems aber irgendwie mit der relativen Zeit, mit Geschwindigkeiten, in jedem Fall mit Licht zusammen. Und auch wenn ich vermute, dass kleine Lichter mit der gleichen Geschwindigkeit reisen wie große; … du machtest dich nicht auf diesen Weg, scheutest die Dunkelheit und bliebst im Neonlicht zurück. Ich und die kleinen Lichter reisten weiter, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Seite für Seite … Ich weiß nicht, wann du begonnen hast, in einer anderen Zeit zu reisen. Oder war ich es, die es schaffte, die Gesetze des
Chronos zu entkräften? Schließlich hatte ich diese Fähigkeit im Lesen perfektioniert … Wie auch immer, irgendwann schauten wir nicht mehr auf die gleiche Uhr, drehten sich unsere Zeiger nicht mehr in der gleichen Geschwindigkeit, vielleicht nicht einmal mehr in die gleiche Richtung. Wann immer dieser Moment tatsächlich eingetreten ist, es war niemand da, der mir auf die Schulter geklopft und mich davor bewahrt hat. Niemand hat mir das Buch aus der Hand gerissen, zu vertieft war ich stets, wenn ich es las. Aber selbst wenn man es mir in meine Ohren geschrien hätte, keiner hätte mich davon abhalten können, weiterzulesen, an uns zu glauben. Der Einzige, der es wagte, war der Autor. Erst knipste er mir das Licht an, erleuchtete mir damit meine Gefühle, fand die Worte, die ich suchte, schrieb auf, was ich dachte und dann, einfach so – Licht aus. Und jetzt sitze ich hier – unter deinem Fenster, das Buch in der Hand und verlange nach einer Antwort: »Leuchte, kleines Licht. Zeig mir den Weg!« Aber das Buch ist eben kein Stadtplan und meine Liebe ist nicht so klar kartografiert wie New York. In meinen Gefühlen gibt es keine rechten Winkel und keine durchnummerierten Straßen und Blocks. Mein Inneres ist wie Venedig. Diese Stadt widersetzt sich auch der euklidischen Geometrie. Schon der geschwungene Canal Grande trotzt jeglicher Orthogonalität. Und dann dieses immerwährende Auf und Ab, Rechts und Links, plötzlich ein
großer Platz, oder eine Kirchenfront versperrt einem den Weg, wo man einem Kanal vermutet, der doch eigentlich zum Wasser hätte führen sollen. »Wenn man nicht weiß, wohin man geht, weiß man bald auch nicht mehr, wo man sich befindet«, höre ich Gaston Bachelard besserwisserisch in meinem Kopf. Na gut, den habe ich gelesen und bereue nun noch mehr, dass ich die dafür notwendige Geduld nicht für Einstein aufgebracht habe. Es ist schon seltsam, dass man mit einer derart begrenzten Menge an Buchstaben eine solche Fülle an Wortkonstruktionen entwerfen kann. Bachelard entwarf mit ihnen seine »Poetik des Raumes«, Einstein relativierte damit, was einst die Poetik der Zeit war und »Kleine Lichter« wurde zu meiner Poetik der Liebe. Und ich liebe dieses Buch dafür, dass es ein Gefühl, welches doch eigentlich jeder Gesetzmäßigkeit trotzt, zu beschreiben vermag, indem es sich selbst den Gesetzmäßigkeiten von Deklinationen, Appositionen, Indikativen, Pronomen und Partizipien unterwirft. Ich brauche dieses Buch, denn ich kann all das, was du für mich bist und warst nicht mit derartig logischen Wortgefügen darstellen. Dinge, an welche ich mich erinnere, haben eben diese Eigenart, wie nur ich sie erkennen kann und ich hoffe, dass du sie auch gespürt hast. Ich finde unsere Beziehung klang geografisch eckig und physikalisch rund, roch musikalisch grün und literarisch rot, fühlte sich mathematisch
70
süß und chemisch bitter an, schmeckte optisch hoch und emotional tief – es ergibt keinen Sinn. Mein Lieblingsprotagonist, Bariccos »Novecento« würde sagen: »Das versteht man nicht. Das ist eine von den Sachen, über die man besser nicht nachdenkt, sonst wird man verrückt.« Und doch habe ich es in jeder Minute mit dir verstanden und in jeder Stunde ohne dich vermisst. Deshalb sitze ich hier – noch immer – und meine Taschenlampe leuchtet und ihr Lichtkegel umkreist meine Schuhe, die diesen langen Weg zurückgelegt haben. Aber dann muss ich feststellen, dass sich das »kleine Licht« irgendwann verliert, wenn ich es still sitzend, mich nicht vorwärts bewegend, in die Weite schicke. Es passiert immer wieder auf der Seite 240, der letzten Seite des Buches. Wohl wissend, dass mich diese Zahl unglücklich machen könnte, lässt sie der Autor einfach weg, steht sie dort nicht mehr – nur eine fast leere Seite – nur oben acht Zeilen. Und es endet mit dem Satz: »Ich bin dieser Liebhaber, es ist der 99. Tag.« Darauf folgend zwei Drittel leere Seite ohne Seitenzahl. Aber weil schon auf 238 die 239 folgte, weiß ich, dass hier eine 240 stehen müsste. Aber nichts – nur »es ist der 99. Tag«, dann ein Punkt und auf der restlichen leeren Seite die leicht durchscheinenden Buchstaben von den Seiten 238 und 239. Aber genau da liegt mein Beweis. Bücher sind nun einmal linear und meiner mathematischen Inkompetenz zum Trotz weiß ich, dass
auf die Zahl 240 eine 241 folgen muss. Es kann hier nicht aufhören, nicht am 99. Tag. Ich habe meine Antworten noch nicht bekommen. Und so sitze ich hier, verharre trotzig auf meinem Stuhl, lasse auf den 99. den 100. Tag folgen, schreibe noch hastig die Zahl 240 auf die Seite und schließe dann, wissend, dass es weitergehen wird, das Buch. Zwar lösche ich damit meine »kleinen Lichter« aus und bekomme für einen kurzen Moment Angst vor der Dunkelheit, aber ich weiß, dass ich dieses Buch immer wieder aufschlagen kann. Und auf der Seite 7 lese ich den ersten Satz: »Hier endet meine Reise […]« steht dort. Und mit der tiefgreifenden Gewissheit, dass meine Reise beginnt, lese ich weiter, denn es folgen die Seiten 8, 9, […] 239. Und seitdem ich um die Wertigkeit dieses Buches für mein Leben weiß, auch eine handgeschriebene 240 auf der letzten Seite. Melanie Knaup, Gießen
»Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister « R ein hold Z iegler
D
ass das Hintergrundbild auf meinem Desktop den Hafen von Hunts Point in Kanada zeigt, dass mein Auto einen Namen trägt, dass ich endlose Weiten und Straßen, die im Horizont enden, zu schätzen weiß, hat einen Grund. Er heißt Achim. Genauer gesagt zwei Gründe: Achim und Sparky. Achim hat eine Lebens- und Liebeskrise, plündert sein Konto und fliegt nach Amerika, den »Kopf voll von Vorstellung, Erwartung und Phantasie. Träume einer anderen Welt.« Er denkt an »Easy Rider« und Rock ’n’ Roll, an Popcorn und Donald Duck. Nachdem er einsieht, dass sich dieser Traum mit Freunden im Schlepptau und einer genau abgesteckten Reiseroute eher nicht verwirklichen lässt, kauft er sich ein altes Auto (»Babe«) und fährt alleine mehr oder weniger ziellos durchs Land, vage Kurs auf Kalifornien haltend. Plötzlich steht Sparky am Straßenrand inmitten der endlosen Sonnenblumenfelder von Saskatchewan, 14 Jahre jung, von zu Hause abgehauen und von nun an Achims Reisepartner. Wie Reinhold Ziegler die Reise der beiden beschreibt, das ist magisch, sehnsuchterweckend, fernwehtriefend, lustig, traurig, gewaltig, bildschön. Ich bekam den Roman mit 14 oder 15 Jahren geschenkt und habe ihn etwa 30 Mal gelesen. Jedes Mal kitzelt er erneut das Fernweh in mir wach, das mich seit eh und je begleitet. Jedes Mal pflanzt er mir neue Reisepläne ins Hirn. Und jedes Mal erinnert er mich an den großen Traum, einmal selbst diese Reise zu
machen. In Teilen ist mir das bereits gelungen: 2000 fuhr ich mit dem Greyhound-Bus quer durch Amerika, 2007 mit einem Ford Focus durch Ostkanada. Aber wie Achim und Sparky von Ost nach West zu fahren und den gesamten Kontinent zu durchqueren, das fehlt noch. Deshalb werde ich den Roman am besten gleich noch mal durchlesen. Es kann nie schaden, sich schon mal auf die Erfüllung des großen Traums vorzubereiten … Golo Schmidt, Oxford, Großbritannien
72
»Das kalte Herz « W i l h e l m H au f f
V
on all den eindrucksvollen Kindheitslektüren, die sich ins Erwachsenenlesealter hinübergerettet haben und immer einmal wieder, alle paar Jahre, bei jedem Wiederlesen, zu meinem Entzücken und Erstaunen ihren Zauber bestätigen und erneuern, gehört ein besonderer Platz in meinem Herzen Wilhelm Hauffs »Das kalte Herz«. Zunächst einmal ist der Schwarzwald, wo das berühmte Märchen spielt, Kinderheimat für mich. Auf unzähligen Tagesausflügen, Wanderungen und Klassenfahrten vermeinte ich jedes Mal, im »hohen Tann« das Grauen, die Angst, die Verheißungen wiederzufinden, die sich schon beim ersten Vorlesen in mir festgesetzt hatten. Ein klassischer Fall von Beglaubigung der Realität durch die Literatur. In jedem Moment tiefer Stille dort spürte ich zwischen den hohen Stämmen in meinem Rücken das Glasmännlein, in jedem tiefverschatteten Hohlweg lauschte ich bang, ob nicht hinter mir die Schritte des Holländer-Michels erklangen. Wann immer ich zurück in die Gegend südwestlich von Calw komme, ist diese Geschichte in mir präsent, wann immer ich sie lese, diese Landschaft. Was ist es, was sowohl die Phantasie des Siebenjährigen mit unvergeßlichen Bildern bevölkert, als auch den geschmäcklerischen Vielleser von vierzig noch immer in seinen Bann zu ziehen vermag? Denn Hauffs andere Märchen, »Der Kalif Storch« oder »Der kleine
Muck«, sind in meiner Kindheit zurückgeblieben. Große Kunst ganz gewiß, aber eben noch etwas zusätzliches. Hugo von Hofmannsthal schrieb im Stil der Zeit, als er »Das kalte Herz« 1913 in seine Sammlung klassischer deutscher Erzählungen aufnahm, er finde »das reine, unzerstörte Volkswesen mit seinen geistigen und Seelenmächten« darin. Worauf ich noch zurückkommen werde. Zunächst aber für all jene, die keine Vorlesemama oder -oma hatten oder zur Generation Computerspiel gehören. Worum geht’s: Der Köhler und Sohn eines Köhlers, Peter Munk, unzufrieden mit seinem kargen Leben, läßt sich vom Schutzgeist des Schwarzwalds seine Wünsche nach einem besseren Leben erfüllen. Die gehen aber auf Reichtum und Bequemlichkeit und sind dumm. Deswegen kann er mit den Gaben des Glasmännleins auch nichts anfangen und landet früher oder später beim zweiten Patron der Gegend, dem diabolischen Holländer-Michel, der ihn mit reichlich Geld versorgt, als Gegenleistung aber sein Herz einbehält, woraufhin der junge Mann zu einer Art kapitalistischer Heuschrecke mutiert. Da dies aber nicht die Realität ist, sondern ein Märchen, endet die Sache böse: Peter erschlägt seine Frau, die einem Armen ein Almosen geben wollte und muß nun Abbitte leisten. Schließlich hilft der gute Waldgeist dem Geläuterten, sein Herz zurückbekommen, und am Ende der Geschichte ist Munk wieder Köhler wie zuvor – aber ein
74
zufriedener. Das ist die saloppe Nacherzählung einer Geschichte, die sich wie ein sehr moralinsaures Pamphlet anhört: Schuster bleib bei deinen Leisten. Aber ganz so glatt geht die Sache nicht auf. Gewiß, die Moral ist erbaulich, aber zwischen den Zeilen blitzt immer einmal – genauso schwer zu sehen wie das Glasmännlein – der Hauch einer Ironie auf, ein leichtes Fragezeichen angesichts der Verdammungswürdigkeit der bösen Verführungen, die die Novelle schildert. Zwar hat man sein Herz dem Michel verpfändet, und natürlich will man lieber ein guter Mensch sein, aber Geld, Erfolg, Spaß auf dem Tanzboden und bei den Frauen … Wie heißt es postmodern: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Aber ob man die Moral nun verspottet oder nicht, man wird sich der Schilderungskraft des Autors nicht entziehen können. Die moderato cantabile gespielte Einführung mit der Unterteilung der Schwarzwälder in Glasbläser und Köhler drüben im Badischen und Flößer hüben im Schwäbischen, die erste Begegnung mit dem Holländer-Michel, der Zorn des Glasmännleins, die Szenen im Tanzboden, das ist poetisch und derb zugleich, biedermeierlich und romantisch aufregend und bei aller Märchenhaftigkeit passagenweise von modernem Realismus. Und das wirft dann auch die Frage nach dem Autor auf, und hier gibt es eine Entdekkung zu machen, denn wer spricht heute noch von Wilhelm Hauff, dem ebenso tragisch früh
verstorbenen Generationsgenossen Büchners. Hätten diese beiden ein normales Alter erreicht, die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts hätte ein anderes Gesicht bekommen. Voller Staunen und voller Bewunderung stand ich im letzten Herbst auf dem Stuttgarter Hoppenlau-Friedhof, wo er liegt und ließ dieses kurze und ungeheuer produktive Leben Revue passieren, das noch vor dem 25. Geburtstag endete. Erzählungen, gothic novels in der Nachfolge Walter Scotts, Märchen, Lyrik. O hätte dieses junge Originalgenie an der Wende von der Romantik zum Realismus doch eine Stadt gehabt anstatt nur das Geniedorf Tübingen, und mehr Zeit, was hätte nicht alles aus ihm werden können. So wie man sich für einen langlebigeren Büchner eine Existenz als deutscher Shakespeare hätte ausmalen können, so ist es nicht verwegen, sich Wilhelm Hauff als einen deutschen Victor Hugo oder Stendhal oder Dumas zu denken. Es hat nicht sollen sein. Vor kurzem wurde »Das kalte Herz« in einem interessanten Artikel über die Rohstoffkrise erwähnt. Eine solche, erfuhr ich, gab es auch schon um das Jahr 1800, als große Holzknappheit herrschte. Denn der deutsche Wald, der auch in diesem Märchen gefeiert wird, es gab ihn damals infolge jahrhundertelangen Raubbaus überhaupt nicht mehr. Riesige Waldflächen seien damals kahlgeschlagen worden, um Holzkohle für die Industrien der Zeit zu gewinnen. Hauffs Novelle wird dort
vorgeworfen, reaktionär zu sein, indem sie diejenigen Branchen der frühen Neuzeit, die dem Wald am schlimmsten geschadet haben, mit dem Mantel des Ewigen adelt. Daran ist für mich vor allem der Gedanke interessant, daß Hauff, reaktionär oder nicht, mit dem »kalten Herz« zu den Erfindern des deutschen Waldes gehört. Denn ebenso wie den Arabern ihre eigene Geschichte erst über den Import der Märchen aus 1001 Nacht bewußt wurde, ist unser deutscher »ewiger Wald« nicht zuletzt eine Erfindung der romantischen Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Doch, es steckt einiges in dieser Novelle, was zum Nachdenken reizt. Ich finde, »Das kalte Herz« ist einer jener großen Texte, die, indem sie die regionalen Legenden und Märchen mehrheitsfähig machen und in die jeweilige Gegenwart hinüberretten und dort verankern, eine Nation bauen. Bei der unsrigen versteht es sich von selbst, daß sie davon nichts mitbekommen hat. Michael Kleeberg, Schriftsteller, Berlin
76
»Liebesfluchten « B ernhard S chlink
L
iebesgeschichten interessieren mich. Bei uns in der Bibliothek sind die Romane nicht nach dem Autorenalphabet, sondern nach Interessenkreisen geordnet: Krimi, Frauen, Familie, Lebenserfahrungen – und Liebe eben. Oft stehe ich vor dem Regal, ziehe ein Buch nach dem anderen heraus, lese die ersten Seiten an und stelle es enttäuscht wieder zurück. Liebesgeschichten interessieren mich – aber längst nicht alle. Es scheint kaum ein anderes Thema zu geben, das so leicht ins Klischeehafte abrutscht, das große Gefühle verspricht, mit Pathos beschwört und dann im Grund nur einen ganz armseligen Eindruck hinterlässt. Der Dichter Theodor Fontane soll mal ganz ehrlich zugegeben haben, dass es ihm einfach nicht gelinge, eine Liebesszene zu beschreiben. Zwar könne er ziemlich gut schildern, was einer Liebesszene vorausgeht und auch das, was folgt. Aber die Liebesszene selbst –, die würde ihm nie glücken. Vielleicht, so vermutete Fontane, liegt das an der »Unterhaltungsnot der Liebespaare«, an deren schweigenden Umarmungen, die ohne Worte auskommen. Und Bernhard Schlink? Weiß er eine Lösung auf Fontanes Problem? Kommen Liebesszenen in seinen Geschichten vor? Sind das überhaupt Liebesgeschichten, die er in seinem Buch »Liebesfluchten« versammelt hat? Sind das gelungene Liebesgeschichten oder sind sie so gelungen, weil sie eben keine
Liebesgeschichten sind, sondern geradezu »Anti-Liebesgeschichten«? Zunächst ist festzuhalten: Seine Geschichten interessieren mich. Sehr sogar. Seine »Liebesfluchten« habe ich nicht gleich nach dem ersten Anlesen ins Regal zurückgestellt. Auch und gerade, weil in diesem Buch die Grenzen zwischen Liebe und Nicht-Liebe, Anfang und Ende, Hingabe und Verrat, Vorher und Nachher nie ganz eindeutig auszumachen sind. Schon der Titel trägt dieses Schweben zwischen zwei Möglichkeiten in sich: Flucht in die Liebe oder Flucht vor der Liebe? Das sind keineswegs Gegensätze, sondern viel öfter Zustände, die fließend ineinander übergehen. Das ist vielleicht die Dynamik der Liebe überhaupt, zusammengefasst in einem einzigen Wort, das dies zu beschreiben sucht. Allein dafür darf man Bernhard Schlink loben! Und für seine Geschichten auch! Er schafft es meisterlich, gerade in den Brüchen und Unzulänglichkeiten der Liebe, hinter den Enttäuschungen und Verletzungen etwas aufzuspüren, was weiterträgt. Es beschreibt Momente des Scheiterns und des Verrats mit allen ihren bitteren Konsequenzen – aber nie sind die Rollen der Gewinner und Verlierer klar zugeteilt. Es gibt die schonungslose Desillusionierung, aus der heraus ein Funken Kraft für neue Träume schlägt. Man könnte das tröstlich nennen, aber das führt auf die falsche Fährte. Tröstliches im Leid gerät oft kitschig und oberflächlich.
Gerade das geschieht in diesem Buch aber nicht. Schlink beschönigt nichts, biegt zum Ende nichts zurecht, um ein Happyend wie einen Silberstreif am Horizont aufleuchten zu lassen. Schlink lässt die Liebe so schmerzlich, wie sie mitunter ist, und lässt dennoch keinen Zweifel daran, dass wir ohne sie nicht leben können, dass wir ihr nicht entfliehen und ebenso wenig Zuflucht und Sicherheit in ihr finden werden. Es ist was es ist – sagte schon Erich Fried.
Und Theodor Fontane? Der könnte bei Schlink lernen, dass es »die Liebesszene« in Reinform eigentlich nie gibt. Dass in jeder Liebesszene ein Vorher und Nachher schon mitschwingt, dass die »Unterhaltungsnot der Liebespaare« selten Sprachlosigkeit bedeutet, sondern vielmehr ein feinsinniges Spiel zwischen Einverständnis und Missverständnis. Das als Dichter in Worte zu fassen, ist tatsächlich schwierig. Bernhard Schlink kann das! Susanne Brandt, Westoverledingen
78
»Liebespaare « U lr ich Woelk
W
ie stets sind es die Fragen der eigenen Existenz. Ist es die Erfahrung der Begegnung mit sich selbst, die uns nicht in Ruhe lässt, uns auf jene von innerer Unruhe geprägten nächtlichen Wanderungen schickt, seien es jene im Geiste, oder die zum Kühlschrank, in der verzweifelten Hoffnung, dass dort noch Licht ist. Hinzu kommt, dass wir häufig ausgerechnet dann, wenn wir es am wenigsten erwarten, – auf uns – quasi wortwörtlich – zurückgeworfen werden. Uns plötzlich – betroffen und erschrocken gleichermaßen – selbst und unmaskiert gegenüberstehen. Mein Lieblingsbuch erzählt genau von diesen scheinbar harmlosen Momenten. Mein Lieblingsbuch offenbart sich dabei jedoch als Verbündeter. Es nimmt diesen Momenten ihren Schrecken, indem der Autor im gleichen Moment den Blick wendet, hin zu banalen, alltäglichen Dingen, die im Moment der Betrachtung einen Glanz und eine Schönheit entwickeln, die existentieller kaum zu sein vermögen. Das Spiel mit der inwendigen Betrachtung einerseits und der ästhetisierenden Weltbeschreibung andererseits bringt ein Element der wohlwollenden Gnade ins Spiel. Was gibt es Schöneres, als im Moment der Läuterung, und der Akt des Lesens bringt die Identifikation mit dem Gelesenen als auch reflektorisch den Bezug zur eigenen Person mit sich, als also im Moment der erlesenen Läuterung mit dem Autor den Blick sanft zur Seite zu wenden, eingeladen
und an die Hand genommen zu werden, die Welt anders zu sehen, sie neu zu entdecken. Woelk schafft es mit einer ins Surreale spielenden Sprach- und Wortakrobatik, genau jene Stimmungen und Momente zu beschreiben, durch die auch wir so häufig gegangen sind, ohne uns jedoch an die Details zu erinnern. Wer hat sie nicht erlebt, jene »stehenden Gewässer seichter verplauderter Erwachsenennachmittage«, oder die gesellige Runde, in der man unfreiwillig den kommunikativen Anschluss verpasst hat und sich weit außerhalb von allem wiederfindet »als werde das Leben immer einsamer, je geselliger es ist.« Auch unscheinbaren Momenten, wie dem, in dem man, weil das Sommersonnenlicht blendet, die Augen schließt, gelingt es Woelk, eine eigene Bedeutung zu verleihen: »Doch ein Farbenecho der Welt bleibt auf der Netzhaut zurück, seltsam leuchtende Schemen, die in unbestimmter Entfernung zu treiben scheinen, als gebe es irgendeine Macht, die einen von der Gegenwart nicht loskommen lässt.« Die Rede ist dabei stets von Fred und Nora, und deren Bekanntenkreis, »jenem lose geknüpften urbanen Konversationsnetzwerk«, deren Wohlstandsleben im Deutschland der vergangenen Jahrtausendwende inhaltslos dahin plätschern, »als wäre die Zeit eine leichte Kräuselung auf dem großen See der Gesprächsthemen.« Gespräche und weiträumige Gesten hinter denen die Suche nach Sinn und die Sehn-
sucht nach Liebe allfällig aufscheinen. »Liebespaare«, beschreibt den Prozess einer existentiellen Suche: Nach Halt, etwas Verlässlichem. Es ist dieses Kaleidoskop von wunderbar beschriebenen Momentaufnahmen, in denen man, nicht ganz unerwartet, sich selbst entdeckt, sich wiederfindet. Mit einer bildmächtigen und wortgewandten Sprache gelingt es Woelk auf beeindruckend-sympathische Weise, der fragilen Dynamik zwischenmenschlicher Verstrickungen eine Alltags-Ästhetik zur Seite zu stellen, die wohlwollend und erdend zugleich ist. Oder wie Ulrich Woelk es beschreibt: »Das ist das Schöne an dieser Welt: Sie lässt alles zu, wenn es nur hinreichend unwahrscheinlich ist.« Kevin Arnold, München
80
»Nichts als Gespenster « J u dith H er m a n n
D
ie Geschichte unserer Freundschaft beginnt an einem verregneten Sonntagnachmittag im November 2006. Ein langweiliger Tag, grau und trübe ist der Himmel. Das schlägt mir aufs Gemüt. Ich habe keine Lust rauszugehen, Menschen zu treffen. Lieber will ich mich ein bisschen einigeln heute, still den Tag verstreichen lassen. Mit einem guten Buch. Eine Freundin hat mir »Nichts als Gespenster« empfohlen, ich hatte vorher noch nichts von Judith Hermann oder ihrem Debütroman »Sommerhaus, später« gehört. Eingewickelt in eine Wolldecke und mit einem Schokopudding in der einen, dem Buch in der anderen Hand, setze ich mich vor die Heizung und beginne zu lesen. Es brauchte nicht viele Seiten um festzustellen, dass ich das richtige Buch für diesen Tag ausgewählt hatte. Zwar bin ich zu dieser Zeit noch weit von dem Alter der Protagonistinnen entfernt, trotzdem finde ich mich an diesem trüben Tag in jeder von ihr wieder. In Ruth, die sehnsüchtig und leidenschaftlich an die Zeit mit ihrer guten Freundin zurückdenkt und ziellos, dennoch nie rastlos durch Europa reist. Die Reise als Sinnbild für die Suche nach sich selbst. Oder in der Protagonistin von »Aqua Alta«, die an ihrem 30. Geburtstag die Beziehung zu ihren Eltern neu austariert, zwischen dem ewigen Kind und der losgelösten Erwachsenen, die sie ist. Oder mit Ellen, die nach einer Begegnung mit einem völlig fremden Urlauber in den USA ihre Beziehung und damit ihr Leben neu ordnet, ausgehend
von einem von ihm gesagten Satz, den sie nicht vergessen kann. Feinfühlig und vielschichtig entwirft Judith Herman Charaktere, die eigentlich nichts Besonderes an sich haben. Die sieben Kurzgeschichten sind unaufregend und glanzlos. Es geht nicht um das, was passiert, sondern eher um das, was erdacht wird. Die Protagonistinnen schwelgen in Melancholie und baden in Selbstzweifeln, suchen sich selbst, leben in Tagträumen. Keine versucht, ihrem Unglück und der Ratlosigkeit zu entkommen. Lethargie ist das, was die Figuren verbindet. Ich bin so nicht. Ich habe Pläne, Ziele, Sehnsüchte, Ehrgeiz. Ich bin Optimist, ich lache viel und wandele lieber auf der Sonnen-, als auf der Schattenseite des Lebens. Und dennoch hat mich »Nichts als Gespenster« fasziniert und bis heute nicht mehr losgelassen. Denn zu jeder Sonnenseite gehört eben auch – von Zeit zu Zeit – Schatten, jeder Optimist verfängt sich dann und wann in Selbstzweifeln. Wie an diesem verregneten Novembersonntag. Vor zwei Jahren wurde »Nichts als Gespenster« für die Kinoleinwand verfilmt. Ich habe mir den Film bis heute nicht angesehen. Das Buch ist und bleibt mein Heilmittel für verregnete Sonntagnachmittage, für Selbstmitleid mit Schokopudding. Für eine kurze Zeit genehmige ich mir dann Melancholie, Lethargie und den ganzen Schmerz der Welt, um wenige Stunden später das Buch zufrieden wieder zuzuschlagen und zurück in die Welt der Optimisten zu kehren. Anne Fromm, Erfurt
82
»Momo « M ich a el E n de
D
ie Zeit, eine Blume, die im Inneren eines jeden Menschen aufblüht und verwelkt … Sekunde um Sekunde, Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche … Was für ein wunderbares Bild, welch schöne und eigenartige Vorstellung! Dieses geheimnisvolle Bild hat mein Leben verändert … Es war einer jener Tage, an denen der Arbeitsstress, der Verkehr und die Luftverschmutzung der Großstadt meinen Kopf zu zersprengen drohten, als eine Volksdemonstration die Hauptstraße versperrte und mich zwang in einer Seitenstraße zu halten, direkt vor einer kleinen Bücherei: »La parada de los libros« (die Bücherhaltestelle). Ich stieg aus, ging in den kleinen gemütlichen Laden und bemerkte beim Herumstöbern eine Ecke mit Büchern in verschiedenen Sprachen. Unter mehreren Romanen auf Italienisch, Französisch und Portugiesisch fand ich »Momo«, eine schön eingebundene Ausgabe vom Thienemann Verlag Stuttgart. Ein Jugendbuch, von dem ich schon oft gehört hatte, aber noch nie die Gelegenheit gehabt hatte, es zu lesen. »Das kaufe ich mir,« dachte ich und erstand somit die wunderbarste Geschichte auf Erden. Mit jedem Wort, jeder Zeile, jedem Kapitel versank ich in einen angenehmen Rausch; einen Rausch aus Liebe, Freundschaft, Freude und vor allem Zeit …
Die Erkenntnis, dass mein Leben und meine Zeiteinteilung genau in das Schema der grauen Männer passte, machte mir Angst. Ich hatte all meine Tage, ja sogar jede Minute meiner Zeit verplant: arbeiten, Karriere machen, Geld verdienen, die Zukunft aufbauen … Die Zukunft aufbauen? Es traf mich wie ein Schlag! Ich lebte, wie viele moderne Menschen, in der Zeit der Zukunft. Der heutige Tag, der jetzige Augenblick war nur dafür geschaffen, die kommende Zeit zu verplanen – und was hatte ich davon? Lauter einsame Zukunftsträume und ständige Kopfschmerzen. Kein Moment hat mich je so berührt, wie das Bild der kleinen Momo, die sehr langsam hinter der Schildkröte Kassiopeia durch das hektische Gewühl der Stadt läuft und doch schneller vorankommt, als alle anderen. Es war wie ein Kübel Eiswasser über meinem Kopf, so erfrischend und belebend. Und dann der Höhepunkt: Meister Horas Welt der Zeit! Die Stundenblumen, die aufblühen und verwelken und von denen jede neue Blume einem schöner vorkommt als die vorherige; die Musik, die von Gold, Silber, der Sonne und dem Mond zu kommen schien und der unendlich weite Raum, der sich vor Momo auftat. Einfach genial! Die Zeit existiert in dieser magischen und unendlich schönen Form im Inneren eines jeden Menschen und jeder Mensch ist der Herr seiner eigenen Zeit. Ich konnte an vielen Stellen einfach nicht
mehr weiterlesen. Ich fühlte mich schuldig, meine eigene Zeit an die grauen Herren der modernen Welt und der Zukunftsträume verkauft zu haben und zum ersten Mal in meinem »erfolgreichen« Leben wollte ich alles anders machen. Ich fasste, dank dieses Buches, den besten Entschluss meines Lebens: Lebe und genieße den jetzigen Moment, denn er kommt nie wieder.
Seitdem lebe ich in einer kleinen Stadt an der Karibikküste, unterrichte an einer Universität, treffe mich mit Freunden zu heiteren Musikabenden, mache Yoga am Strand und genieße in vollen Zügen die Natur. … Und meine Kopfschmerzen? Die haben sich ganz einfach in eine graue nichtssagende Wolke aufgelöst. Birgit Jordan, Cancun, Mexiko
84
»Stiller « M a x F risch
E
s gab viele Bücher, die mich in meiner Jugend begleitet haben. Und dann gab es die Phase, in der ich Franz Kafka, Hermann Hesse und Max Frisch entdeckte. Kafka ist immer noch einer meiner Lieblingsautoren, doch ich finde seine Erzählungen weitaus komplexer und interessanter als seine drei unvollendeten Romane. Hesses Werke habe ich geliebt, konnte ich jedoch nur bis Anfang 20 lesen. Danach habe ich mich nicht mehr dazu durchringen können. Bleibt also Max Frisch. »Ich bin nicht Stiller«. Ein Satz wie ein Schlag ins eigene Gesicht. Als junger Mann war ich gebrochen, fast von einer Existenz verschluckt, deren Sinn mir fragwürdig schien. Dann aber dieser Satz mit Pauken und Trompeten. Wahrscheinlich der erstaunlichste Satz, mit dem je ein Roman eingeleitet wurde. Der Protagonist ist nicht Stiller. Er ist zwar Stiller, aber nicht mehr der Stiller, der er vor seinem Fortgang war. Zwei Jahre später ist er ein Anderer. Vieles hat sich geändert, eine andere Identität als »White« ist nur die äußere Bezeichnung der Verwandlung. Ich habe bei der Lektüre dieses Romans in den Spiegel geschaut, schauen müssen. Das ist nicht nur einfach ein Roman, das ist eine Offenbarung. Die Suche nach der eigenen Identität, die Versuchung der Selbstakzeptanz. Ich war überfordert von den Dingen, die auf mich einwirkten. »Stiller« verkörpert für mich die Suche nach der inneren Wahrheit des Men-
schen. Der Protagonist steht letztlich für alle Menschen, die auf dieser Welt ihren Standpunkt erreichen wollen. Es ist ein immerwährendes Versteckspiel vor sich selbst, kann aber auch in die Erfahrung münden, dem Antlitz zu begegnen, das mit der inneren Reflexion nichts gemein hat. »Sieh, darum ist es so schwer, sich selbst zu wählen, weil in dieser Wahl die absolute Isolation mit der tiefsten Kontinuität identisch ist, weil durch sie jede Möglichkeit, etwas anderes zu werden, vielmehr sich in etwas anderes umzudichten, unbedingt ausgeschlossen wird.« (Sören Kierkegaard) Durch die Lektüre von »Stiller« wurde ich auf Kierkegaard aufmerksam. Wahrscheinlich hätte ich den streitbaren Theologen sonst ein Leben lang ignoriert. Der Weg zu Kierkegaard führte über Max Frisch und umgekehrt. Ich habe »Entweder – Oder« von Kierkegaard gelesen, und abwechselnd dazu »Montauk« und »Mein Name sei Gantenbein« von Max Frisch. »Stiller« wurde ein Lebensbuch für mich. Viele Jahre später habe ich es nochmals gelesen, und jetzt verstand ich auch so manchen Wink mit dem Zaunpfahl. Nicht nur Menschen wandeln sich, auch Bücher. Ich las ein anderes Buch, weil ich ein Anderer war. Wenn ein Buch die tiefsten Schichten der menschlichen Seele zu erreichen vermag, kann es nur ein Meisterwerk sein. Doch das ist in diesem Fall gar nicht mal wichtig, weil selbstverständlich. »Stiller« hat
86
mich geprägt, ein Feuer in mir entzündet, mich näher an die Selbstakzeptanz herangebracht. Ja, ich wähle mich als ständig im Wandel begriffene Existenz. Jeder Tag stellt eine neue Herausforderung dar. Ich habe mir mein Weltbild konstruiert, und mittlerweile bin ich ein Teil des Ganzen. Auch der Konstruktivismus ist mir verständlich geworden. »Stiller« ist mein Lieblingsbuch, weil ich mich darin selbst finden kann. Ich bin ein Teil dieses Romans, auch wenn ich ihn nicht lese. Einfach hineinstürzen und nie wissen, was mich erwartet. Das Leben ist nicht berechenbar und das ist gut so. »Stiller« sei Dank. Jürgen Heimlich, Wien
»Schweigeminute « S iegfried L enz
V
on der ersten Seite an hat mich dieser Liebesroman in den Bann gezogen. Die ruhige Erzählweise verbirgt die Aufregung und die Erotik einer geheimen Liebe nicht, sondern sie lässt den Leser sogar noch mehr daran teilhaben. Der Roman spiegelt reines Glück wider, ebenso aber tiefe, unstillbare Trauer und Hilflosigkeit. Ein »Herzensbuch«. Ilse Wollin, Wunsiedel
88
»Über das Glück « H er mann H esse
E
s war Sommer, wirklich kalt, 7 Grad und hat sogar geregnet. Ich wollte unbedingt zum Institut gehen. Trotz des Regens bin ich zu Fuß gegangen, zwei mal verlaufen, aber die schöne Umgebung durch Viktualien Markt, Marienplatz bis zur Sonnenstraße war sicher angenehm. Alleine zu sein war sicher einsam, war froh, als ich die Tür des Goethe Institutes, Sonnenstraße 25 drücken konnte. Hier war ich und fühlte mich ganz klein und durcheinander. Im Unterricht war es schön. Wir waren 14 Lehrkräfte von verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Gesichtern und Farben, nun was gleich war, war das Ziel. Wir sind Deutschlehrer und hier wollten wir gemeinsam unser Deutsch verbessern. Nachmittag sind wir zusammen in die Mediathek gegangen. Dort habe ich auf ersten Blick das Buch gesehen, das immer dabei war, als ich mein Leben zwei Wochen lang in München verbracht hatte. Das Buchtitel gefällt mir sehr, »Über das Glück« von Hermann Hesse. Das Wort Glück ist ja sehr geheimnisvoll. Er schrieb »Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.« Ich war ja alleine in dieser großen Stadt, seine Worte, Sätze haben mich begleitet und dann hatte ich besseres Gefühl und war nie mal allein. Ich war an einem Samstag in einem Aufzug eingesperrt, eine Stunde lang sogar. Mein Lieblingsbuch war ja dabei, und ich habe es
gelesen, als ich auf den Mann gewartet, um die Tür des Aufzuges zu öffnen. Wenn mein Glückbuch nicht dabei gewesen wäre, wäre ich alleine gewesen und hätte ich schreckliche Angst gehabt. Das Glück hat mir gerettet. Es hat eine so warme, beruhigende, weise, besonnene, ausdrucksstarke, liebenswerte – diese Adjektive reichen nicht mal – das Buch hat eine Stimme, dass ich allein um diese Stimme zu hören und auf mich wirken zu lassen. »Keine Angst«, hätte das Buch zu mir gesagt. »Das Glück« bleibt ja immer bei dir. In diesem Moment begann meine Reise mit dem Buch. Jeden Tag waren wir zusammen zum Institut und wieder nach Hause. Als ich nach Neuschwanstein mit dem Bus fuhr, war es auch dabei. Die Reise hat ungefähr zwei Stunden lang gedauert, mit meinem »Glück« dabei verging die Zeit ganz schnell. Ich war tief im Buch und mit meinem Glück wanderte ich auf den Burg, durch die Straße bis zu dem Märchenschloss vom König Ludwig II. Wir waren auch zusammen im Englischen Garten. Es gab Tausende von Leuten, weil in diesem Tag die Sonne endlich schien. Das Glück hat mir sicher geholfen und wir haben uns auf einem Bank gesessen und unsere Reise fing wieder an. Ich konnte mir nicht glauben, wie schön die Reise durch »das Glück« war. Die zwei Wochen gingen zu schnell. Wir mussten uns verabschieden. Das war sicher nicht leicht für mich. Ich habe es zurückgegeben.
Aber die Inhalt des Buches bleibt immer tief in mir, das Glück bracht mir in München und ich flog wieder nach Malaysia mit dem Glück zusammen. Narmawarni Abdul Kadir, Perak, Malaysia
90
»Tonio Kröger « Thom as M a n n
M
ein Lieblingsschriftsteller in deutscher Sprache ist Thomas Mann und mein Lieblingsbuch ist die Erzählung von ihm »Tonio Kröger«. Warum? Ich begann mit 10 Jahren, Deutsch in der Schule zu lernen. Sehr bald wusste ich, dass ich mich eines Tages mit der deutschen Sprache beschäftigen werde. Die Ursprünge meiner Liebe und Zuneigung zur deutschen Sprache sind subjektiv, idealistisch und unerklärbar, da ich in dieser Zeit keine Beziehungen zu Deutschland hatte. Mit 18 begann ich, Germanistik zu studieren und deutsche Bücher zu lesen, zuerst im Rahmen des Kollegiums »Deutsche Literatur«. Mein Uni-Professor der deutschen Literatur war eine allgemein bekannte Persönlichkeit, Herr Viktor Žmegač. Durch seine Vorlesungen habe ich gelernt, wie man die gesamte deutsche Literatur im Rahmen der allgemeinen kulturellen und geschichtlichen Entwicklung verstehen kann und schätzen muss. Wir mussten im Studium (fast) alle prominenten Autoren vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart lesen … Aber nur in den Werken von Thomas Mann habe ich das gefunden, was ich gesucht habe: die Erklärung meiner Liebe zur deutschen Sprache. Die deutsche Sprache ist für mich zugleich einfach und komplex, logisch, strukturiert und trotzdem verführerisch, mit wunderschönen (nicht nur sinnvoll, sondern
auch ästhetisch gesehen) Ausdrücken, rein und prächtig. Ich bewundere das gesamte Talent von Thomas Mann, aber nur in seiner Erzählung »Tonio Kröger« habe ich, wie im Spiegel, mich selbst gesehen … In seiner Sehnsucht gegenüber dem Alltäglichen und Normalen, den Blonden und Blauäugigen, die die Lebensfröhlichkeit symbolisieren, habe ich meine Gedanken, meine Gefühle und meine Sehnsucht gefunden … Hypersensibel, introvertiert, öfters melancholisch … und mein ganzes Leben wollte ich anders sein … fröhlich, leichtsinnig, ohne schwierige Gedanken über den Sinn des Lebens … Lange Zeit habe ich gebraucht, bis ich verstanden habe, dass man sich selbst nicht verändern kann und darf. Diese Zeit nenne ich Zeit des Erwachsenwerdens. Ich habe »Tonio Kröger« mehrmals gelesen. Zum ersten Mal mit 18, das letzte Mal neulich, mit viel größerer Lebenserfahrung, und jedes Mal finde ich in diesem Werk neue Wahrheiten, jedes Mal verstehe ich ein klein wenig mehr seine Worte. Meine Bewunderung dieses Werkes existiert auf zwei Ebenen – auf der rein formellen und der inhaltlichen Ebene. Immer finde ich neue Wörter oder Ausdrücke, die mich wieder aufs Neue beeindrucken, die auf den ersten Blick als ganz logisch und einfach erscheinen, die aber
tief und gründlich durchgedacht sind. Die inhaltliche Ebene ist natürlich noch komplexer. Hier aber finde ich auch immer neue Aspekte und neue Zusammenhänge, neue Abgründe in Tonio Krögers Seele, neue Gedanken, neue Zweifel, neuen Schmerz. Dieses Buch drang und dringt noch immer tief in mein Herz, ich erlebe es immer aufs Neue, kann Tonio Kröger sehr gut verstehen und zwar nicht nur intellektuell, sondern mit meinem ganzen Körper. Tonio Kröger will das Unmögliche. Er will ordentlich, anständig, konventionell, fröhlich und leichtsinnig sein und das Leben einfach genießen, ohne viel darüber nachzudenken. Er leidet darunter sein ganzes Leben, obwohl er intellektuell versteht, dass er anders ist, dass nicht alle Leute so sind, dass »ihre Sprache nicht seine Sprache ist«. Aber emotional ist das nicht so einfach … Am Ende akzeptiert er dieses Leiden und diese Sehnsucht und sagt einen der schönsten Sätze, meiner Meinung nach, im ganzen Werk: »Sie (seine Liebe zum Alltäglichen und Normalen) ist gut und fruchtbar, Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.« Tamara Keglević, Zagreb, Kroatien
92
»Hauspostille« B e r t o lt B r e c h t
V
or einigen Monaten hörte ich im heimischen Augsburg die Rede eines jungen Erfolgsautors auf Bertolt Brecht. Es war eine Rede etwas von oben herab, eine Art Sündenregister des B. B. , gar nicht so weit weg vom Sound, den ich noch aus meinen bayerischschwäbischen Jugendtagen kenne – als Brecht der verleugnete Sohn der Stadt war, der »Ostzonen-Dichter« und »Ulbricht-Knecht«, mit dem man grad’ gar nichts zu tun haben wollte. Dass die Rede des jungen Dichters nicht mit der vollständigen Verdammung Brechts endete, sondern mit einer lau historisierenden Entschuldigung, machte alles leider nur noch schlimmer: »Hinab mit Brecht in die Halbwelt der gerade noch Geduldeten« – das war die unausgesprochene conclusio. Als ob offene Feindschaft schon zu viel der Ehre wäre! Zum Glück gibt es auch andere Stimmen. Zum Beispiel die von Albert Ostermaier, der in seiner Lyrik tief von Brecht beeinflusst ist. Oder jene wunderbare kleine Suhrkamp-Reihe, in der junge Autorinnen und Autoren BrechtTexte thematisch neu sichten: Brecht zu Rausch, Verführung, Musik, Verrat, Kapital und Verbrechen – alles Dinge, über die man auf jeden Fall gut informiert sein sollte. Und zum neu Hineinfinden oder Wiederlesen gibt es das wunderbare Bändchen, das für mich zum Schönsten gehört, was in deutscher Sprache im 20. Jahrhundert entstanden ist – Bertolt Brechts »Hauspostille«, Gedichte des
jungen Brecht aus den Jahren zwischen 1916 und 1925. Im Titel spielt Brecht ironisch auf Martin Luthers gleichnamige Predigtsammlung an und schickt sogar eine »Gebrauchsanleitung« vorweg, damit der Leser und die Leserin auch den richtigen Nutzen aus der Lektüre ziehen mögen, so wie auch Predigten ihre erbauliche Wirkung entfalten sollen. Aber die ironische Anspielung hat für mich noch einen tieferen Sinn. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass Brechts Bedeutung für die deutsche Sprache im 20. Jahrhundert vergleichbar ist mit der Luthers in seiner Zeit. Brecht hat mit einen Standard gesetzt, hinter den auch seine ärgsten Kritiker kaum zurück können. Er hat die Sprache unserer Moderne mit geformt, eine Leistung, die vergleichbar ist mit dem, was das Bauhaus in Architektur und Gestaltung leistete. Und besonders beeindruckt mich, dass Brecht bei aller Modernität in keinen kalten Technizismus verfällt. Ganz im Gegenteil. Gerade auch seine Naturlyrik setzt Maßstäbe. Man lese nur seine »Morgendliche Rede an den Baum Griehn« (Grün), der hoch aufgewachsenen zwischen Mietskasernen den Sturm der letzten Nacht überstanden hat. Oder: »Vom Schwimmen in Seen und Flüssen«: Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt Wiegt ihn der kleine Wind vergessen Weil er ihn wohl für braunes Astwerk hält.
»Die Ballade von der Hannah Cash« ist der große Katechismus auf eine lebenslange Liebe – wider alle Wahrscheinlichkeit. Und natürlich rührt mich das Gedicht von der sechzehnjährigen Marie Farrar, einem Augsburger Waisenmädchen, das sein Kind getötet hat, ganz unbrechtisch zu Tränen: Denn ihr, ich bitte euch, wollt nicht in Zorn verfallen, Denn alle Kreatur braucht Hilf von allen. Brechts Bedeutung für die moderne deutsche Sprache kann kaum überschätzt werden. Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, wäre es an der Zeit, alte Schützengräben der dogmatischen Brechtfreundschaft und Brechtfeindschaft zu verlassen – und auch subtilere Formen des positiven und negativen Vorurteils zu hinterfragen. Die Lektüre der »Hauspostille« kann den Blick für ein neues und zeitgemäßes Brechtbild öffnen. Ich wünsche dieser großartigen Sammlung die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Claudia Roth, Bundesvorsitzende Bündnis 90 / Die Grünen, Berlin
94
»Wahrig – Deutsches Wörterbuch «
»A
uf dem Weg zur Zweisprachigkeit: die Geschichte einer einmaligen Beziehung, die deine Sprachauffassung für immer verändern wird.« Da steht es, unübersehbar rot mit einem blesseähnlichen gelben Quadrat auf dem dicken Buchrücken geprägt und es schaut mich an, als wolle es sagen: Ich bin stolz auf dich! Manchmal schon habe ich überlegt, ob es nicht besser wäre, eine neue Ausgabe auf dem Regal stehen zu haben, diesen Gedanken jedoch gleich verworfen. Zu oft sind wir durch dick und dünn gegangen: Wer hat mich auf meinem Weg zur Zweisprachigkeit begleitet, mich dabei getröstet, wenn mir ein Wort nicht einfiel und mich bestärkt, wenn ich entgegen allen Deutschlehrern Recht hatte? Er natürlich: mein »Wahrig«! Mit vier Jahren habe ich angefangen, Deutsch an einer deutschen Auslandschule zu lernen, und erst wenig Zeit später stand dieser anfangs mit Skepsis in der Buchhandlung abgeholte Schmöker auf der Schulbücherliste … Was nutzte mir denn ein Wörterbuch, wenn ich schon vorher wusste, dass ich davon keinen Gebrauch machen würde? Obwohl ich es anlässlich jeder Klassenarbeit mitnahm, diente es vielmehr als Alibi, um mein damals junges, dennoch ausgereiftes Gewissen zu stillen: nein, die ersten neun Jahre meiner fast einundzwanzigjährigen deutsch-italienischen Sprachkarriere habe ich gewiss nicht in Liebe zu allem Deutschen verbracht, und so kam es, dass mein
»Wahrig« sich jahrelang mit einer regelmäßigen Luftstunde begnügen musste. Weder ich noch meine Lehrer oder Eltern hätten je ahnen können, dass eines Tages genau dieses bisher fast zum Staubfänger verkommene Wörterbuch mir dazu verholfen hätte, jedes im Italienischen gekannte Wort auch im Deutschen zu lernen, also mich bilingual weiterzuentwickeln. Als genau dieser Sinneswandel zu entstehen begann und ich die zum Greifen nahe Gabe erblickte, beschloss ich eines Nachmittags, endlich den »Wahrig« aufzuschlagen. Sofort fielen mir die weißen, unangetasteten und neu riechenden Seiten auf, die ich zum ersten Mal mit Neugier durch die Finger gleiten ließ: Irgendwie lag es schon in der Luft, dass dies nicht zum letzten Mal stattfinden würde … Seitdem hat der »Wahrig« die verschiedensten Sprachbedürfnisse gestillt: Einmal war es ein Verb und dessen präpositionale Konstruktion, das andere Mal eine Redewendung und noch ein weiteres Mal hatte es mir irgendein dahergewehtes umgangssprachliches Wort angetan, das ich beim Blättern zufällig erwischt hatte! Jeder nachgeschlagene Begriff und dessen Definition wurden dann akribisch in ein Notizheft eingetragen, beinahe in der Überzeugung, ich vermochte einen klitzekleinen Teil meines sprachlichen Wegbegleiters in gekürzter Form festzuhalten: Erst später wird sich mir offenbaren, dass jedes neu gelernte Wort, das mir eine
96
akkurate Suche im treuen »Wahrig« beschert hatte, sich mitsamt des jeweiligen Nachschlageanlasses in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. An dieser Stelle ist es legitim, sich nach der objektiven Besonderheit des »Wahrig« im Vergleich zu anderen Wörterbüchern zu fragen: Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort, möglicherweise, weil der besondere Wert, den man einem Buch verleiht, einzig und allein aus den damit verbundenen Erinnerungen besteht, sich aus den hervorgerufenen Gefühlen oder den mit einer Lupe bemerkbaren Fingerabdrücken und hinterlassenen Flecken bildet, die dich an das eine Mal entsinnen lassen, als man gepackt von nicht zu bändigender Wissenslust den Esstisch verlassen hat und mit mal leicht klebrigen mal feuchten Fingerkuppen das Buch im Sprachrausch durchblättert hat. Dennoch ist jedes Wörterbuch und zu dieser Gattung gehörende Nachschlagewerk sprachlicher Ziehvater aller erschienenen und noch zu erscheinenden Bücher, denn die ersten sorgen für die intakte, trotzdem dynamische Überlieferung des menschlichen Sprachvermögens. Das Blättern im »Wahrig« gestaltet sich als ein gegenseitiges Geben und Nehmen: Wenn man z. B. einen Begriff in Gestalt dessen weiterer Bedeutung neu entdeckt, nimmt man nicht nur einen Kachelstein des unendlichen Mosaiks der Sprache mit, sondern somit erweist man den lexikalischen Mühen unserer Ahnen den sich
gebührenden Respekt und trägt man zur Aktualität eines nie vollendeten Werks bei. Manche im schnelllebigen Alltag entstehenden und genau so unaufhaltbar beigelegten Redensarten sehen die Seiten meines Lieblingsbuchs, die sich schon seit Langem derart zähmen lassen haben, dass der gesuchte Begriff sich gleich finden lässt, nicht vor, aber es ist schließlich unwichtig: wer hat mich nämlich in meiner Überzeugung bestärkt, als ich am Abend des zweiten dreier Prüfungstage zum Erlangen des berühmtesten (und gefürchtetsten) Sprachdiploms, das ich letzten Endes mit Bestnote bestehen durfte, trotz höllischer Kopfschmerzen und geplagt von Selbstzweifeln nach dem Wörterbuch griff und darin tröstende und bestätigende Worte fand? Das sprachliche Können eines Individuums gleicht in meinen Augen einem nicht versiegenden Ab- und Zufluss der verschiedensten Fähigkeiten, also dem Gegenteil eines im wirtschaftlichen Jargon so genannten »Grundstocks«, wobei sich der rostfreie, sichere und flinke Umgang mit der Sprache ausschließlich durch deren täglichen, von Leidenschaft angeregten Gebrauch bewahren und verfestigen lässt: Der »Wahrig« hat jedoch als Anker gedient, um den Hürden des langen Wegs zum Bilingualismus gewachsen zu sein. Dieser ist von Hochs und Tiefs gepflastert, wobei man auf das krönende Erlangen der Zweisprachigkeit, die in deren vollständigster
Bedeutung zu verstehen ist, kein Gift nehmen sollte: diese ist nämlich das metaphorische Präzipitat langjähriger und unermüdlicher Erfahrung, totalisierender Motivation, des Bewusstseins, eine Gabe zu besitzen, eines Quäntchens Glücks und einer soliden Beziehung zu einem Wörterbuch, dem man seine Wortwünsche, Schwachstellen und Kenntnisse anvertrauen kann. Fern von jedem Irrealismus lässt sich die Bindung zu einem Nachschlagewerk wie dem »Wahrig« damit begründen, dass jeder Eintrag ein pillenartiges Konzentrat aus menschlichem Schweiß, sprachlicher Forschungslust und den Emotionen und Gefühlen der nur beiläufig im Inneren des Wörterbuchs kleingedruckten Autorennamen ist. Edoardo Beretta, Mailand, Italien
98
»Wahrig – Deutsches Wörterbuch «
E
s liegt zu meiner Rechten und dominiert den Schreibtisch durch seine Fülle. Mit drei Kilogramm Gewicht spricht es der Ansicht Hohn, Wissen sei rein abstrakt. Und wenn es richtig ist, dass Liebe sich in der Zahl hingebungsvoller Berührungen ausdrückt, hat Regina allen Grund, eifersüchtig auf den Folianten zu sein. Die Dehnung seiner Fadenheftung ist eine Folge häufiger Benutzung (auf Seite 250 = Verwendung, Gebrauch, auch übermäßige Benützung – eine Definition, die Regina zu allerlei frivolen Bemerkungen verführt) und bewirkt durchaus praktischen Nutzen. Sie führt nämlich dazu, dass gelesene Seiten nicht automatisch verschlagen, das Buch bleibt offen liegen. Jedermann kann erkennen, welche Bildungslücke ich – wenigstens vorübergehend – geschlossen habe. Und dann fragt mich Regina: »Wusstest du etwa nicht, das ›Potential‹ (Seite 1158) aus dem Lateinischen kommt und seinen Ursprung in ›potentia‹ hat und deshalb mit ›z‹ statt mit ›t‹ geschrieben wird?« Und dann, nach einer kleinen Pause: »Du, sieh’ mal nach, ob ich ›Ratio‹ jetzt auch mit ›z‹ schreiben darf – und ›sozial‹ vielleicht mit ›t‹?« Gespräche mit Regina bilden. Dabei hatte ich nur wissen wollen, was ›post urbem conditam‹ (Seite 1158) genau heißt. Aber es ist nutzlos, dergleichen Ausflüchte lauthals vorzubringen, selbst wenn sie der Wahrheit entsprechen. Mir wird nicht geglaubt, und ich
muss so tun, als ob ich den über mich ausgegossenen Spott für eine verliebte Neckerei hielte, denn Bildungsstreitereien mit Regina finden eher unterschwellig statt. Zu offenem Streit kommt es nur zwischen meinem geliebten Buch und dem Rechtschreibprogramm von Microsoft, Word. Will Word mich zwingen, ›selbstständig‹ zu schreiben, erlaubt mir das Buch auch ›selbständig‹, wie ich es vor Zeiten gelernt habe, zu buchstabieren (Seite 1346). Ähnliches gilt für ›Plattitüde‹ und ›Platitude‹ (Seite 1146) oder eine Unmenge anderer Wörter, bei denen mir mein kluges Buch die Wahl lässt, die Maschine aber nur eine von ihr bevorzugte Version für zulässig hält. Und bei der Silbentrennung käme es gewiss zu Tätlichkeiten zwischen Buch und Rechner, wenn sie die Möglichkeit hätten. Setzt nämlich der Computer den Trennstrich bei ›anonym‹ direkt hinter dem ›a‹, behauptet mein Buch, das Wort müsse entweder vor oder nach dem ›o‹ getrennt werden (Seite 154). Und ständig macht sich bemerkbar, dass die Maschine niemals Latein gelernt hat: es ist nicht ›möglich‹, ihr beizubringen, dass Dabeisein ›inter esse‹ bedeutet und nicht ›inte resse‹, so dass ›Interesse‹ nach dem ›r‹ getrennt werden muss und nicht davor. Die Folge ist: Ich stelle mich grundsätzlich auf die Seite meines Lieblingsbuchs, und Regina fürchtet, dass ich eines Tages, wenn ich es am wenigsten erwarte und überhaupt nicht gebrauchen kann, von meinem Computer aus Rache
schmählich im Stich gelassen werde: »Er wird, nur um dich zu ärgern, Selbstmord begehen.« Aber ich bin ja nicht der Einzige, der das Deutsche Wörterbuch liebt. Glücklicherweise haben auch Regina und die Kinder die Nützlichkeit meines Lieblingsbuch erkannt. Ständig finde ich zwischen den 1728 Seiten vierblättrigen Klee, Gänseblümchen und Herbstblätter, die später – getrocknet – Postkarten und Briefe an Großmütter, Freundinnen und weibliche Lehrkräfte zieren sollen. Falls sie nicht vergessen werden – was meistens der Fall ist. Vor ein paar Tagen habe ich zwischen den Seiten 1008 und 1009 sogar einen kleinen Fuchs, den bunten Nesselfalter Aglais urticae gefunden. Seither ist nicht mehr erkennbar, ob das Wort M I K R OW E L L E N S P E K T R O S KO P I E zwischen k-t oder o-s oder zwischen t-r und s-k getrennt wird; unter getrocknetem Insektenblut und verwischtem Flügelstaub lassen sich weder Druckbuchstaben noch Trennstriche erkennen. Ein anderes nutzbringendes Schicksal, von dem ich nicht weiß, ob es dem Buch vielleicht mehr Spaß gemacht hat als das haptische Vergnügen, fortwährend benutzt zu werden, habe ich ihm dennoch erspart: Als es eines Tages plötzlich nicht mehr an seinem üblichen Platz lag – ich hatte mich an den Schreibtisch gesetzt und wollte mir das Vergnügen gönnen, bestätigt zu finden, dass ›Forsythien‹ immer noch nicht als ›Vorsüzien‹ oder ähnlich buchstabiert werden; der arme
Herr Forsyth (Seite 542) hätte sich im Grabe umgedreht – wendete (Seite 25) ich mich an die Kinder. Die begriffen allein die höfliche Frage schon als Beschuldigung und taten empört. Also wandte (Seite 25) ich mich an Regina, als sie vom Einkaufen endlich nach Haus kam. »Ach so, das Buch …« Sie zögerte und suchte nach Worten. Aber dann kam ihr eine Idee. Sie gab mir die übergewichtigen Einkaufstüten und sagte: »Komm mit!« Zielstrebig führte sie mich ins Schlafzimmer, stellte sich vor das breite, immer noch zerwühlte Bett, zeigte nach unten und triumphierte: »Da.« Und da lag es tatsächlich. Am rechten Ende des Bettes ersetzte es einen abgebrochenen Fuß. Es passte genau. Nichts hatte gestern Abend gewackelt. Die Situation war dem Buch gegenüber trotzdem irgendwie peinlich und es dauerte ein paar Tage, bis ich den Einband unbefangen wieder in die Hand nehmen konnte. Aber mein Lieblingsbuch ist es immer noch, und auch Regina ist ihm in stiller Bewunderung zugeneigt. Sie zeigt es ihm durch gelegentliche Benutzung als Türstopper, Untersetzer für Platten fürs kalte Büffet, Beschwerer von Klebestellen und Teppichecken, Zuhälter von Hamsterkäfigtüren und Terrarienabdeckungen, Verminderer des Klirrfaktors kleinerer Lautsprecherboxen, Fensteroffenhalter, Beamer-Unterlage, Notenhalter sowie zur
100
Lösung manch anderer praktischer Probleme: »damit es nicht im Elfenbeinturm seiner eigenen Intellektualität verkommt«, sagt Regina, »und bilde dir nicht ein, dass es ausschließlich dein Lieblingsbuch ist. Es ist nämlich nicht nur vielseitig, es ist auch – mit bedeutungsvollem Augenaufschlag –, »vielseitiger als manch einer denkt.« Und das Bett ist inzwischen repariert. Gerd Pfeifer, Bovenden
»Der Turm « U w e Tellk a mp
W
ie gut, dass es das Tal der Ahnungslosen gab! Dresden bildet ein Abbild der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Als Wessi habe ich begriffen, welche Möglichkeiten des inneren Überlebens Bildung schenken kann. Wie stark junge Menschen werden konnten gegen die Verführung und den Druck totalitärer Systeme. Und ein wenig Stolz auf die Vielfalt der deutschen Sprache und ihren Neuerfinder Uwe Tellkamp ist auch dabei. Für mich ist das der deutsche Bildungsroman des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts; das macht mir als altem Menschen Mut für die Zukunft. Hans-Jürgen Salz, Bonn
102
»Winnetou « K a r l M ay
H
at so ein Viel- und Querleser wie ich, der immer wieder gerne durch Buchläden oder an Regalreihen in unserer Stadtbücherei vorbei streift, sich eher ungezielt von Buchtiteln und Einbänden inspirieren lässt und das so ausgewählte Werk nicht selten nur teilweise gelesen wieder enttäuscht zur Seite legt, überhaupt so etwas wie ein Lieblingsbuch, frage ich mich beim Lesen dieses Ausschreibungstextes? Aktuell fällt mir jedenfalls dazu kein Buchtitel ein, doch, etwa fünfzig Jahre ist es schon her, da lag ein dickes Buch mit ledergebundenem Rücken in Geschenkpapier verpackt unter dem Christbaum. »Karl May – Winnetou« stand in eingeprägten Buchstaben auf dem Buchrücken. Der Einband zeigte auf der Vorderseite das Bild eines Indianers, der auf einem Felsvorsprung stand, die rechte Hand zum Gruß nach oben gestreckt und mit der Linken eine Flinte auf dem Boden abstützend. Auf der Rückseite sah man ein paar Reiter, die auf einem schmalen Felsenpfad am Rande einer steil abfallenden Schlucht entlangritten. Meine Eltern hatten mir das Buch geschenkt, weil ich schon als Junge eine uneingeschränkte Begeisterung für die Indianer entwickelt hatte, obwohl diese – oder vielleicht gerade weil diese? – in den Cowboy- und Indianerfilmen, die sonntags oft in der Jugendvorstellung im Kino liefen, sich zwar tapfer gegen eine Übermacht von Weißen wehrten, aber letztlich doch bittere Niederlagen einstecken mussten.
Jedes Jahr zur Faschingszeit lief ich jedenfalls immer als Indianer verkleidet durch die Gegend, nie als Cowboy, wie die meisten meiner Kameraden. Und genau so wie den echten Rothäuten, die von den Weißen ausgerottet wurden, widerfuhr auch mir jedes Jahr ein ähnliches Schicksal. Kaum hatte ich mich in dem eigens von meiner Mutter angefertigten Indianer-Kostüm, mit Gummimesser, Tomahawk, Pfeil und Bogen bewaffnet auf die Straße gewagt, fielen ganze Heerscharen wild um sich schießender Cowboys und Revolverhelden über mich her. Mein verzweifelter und einer Rothaut durchaus würdiger Widerstand war vergebens. Meist endete ich gefesselt und gemartert an einem Baum oder an einem der in den fünfziger Jahren gottlob noch nicht so üppig wuchernden Pfosten eines Verkehrsschildes. Wenn ich dann mit Schrammen, zerrissenem Kostüm und ausgerupften Federn an meinem Federbusch nach Hause kam, versuchte mich meine Mutter, die mitleidsvoll meine Wunden pflegte, mit der Bemerkung zu trösten: »Nächstes Jahr nähe ich dir ein Cowboy-Kostüm.« Dies lehnte ich stets entrüstet ab. Niemals würde einer wie ich ins andere Lager wechseln. Meine roten Brüder wären sicherlich stolz auf mich gewesen. Auch mein Vater brach immer eine Lanze für mich mit der Bemerkung: »Recht so, mein Junge; man gibt nicht so einfach auf. Du weißt ja, ein Indianer kennt keinen Schmerz.« Derart bestärkt begab ich mich
104
dann meist schnell wieder auf den Kriegspfad … mit bekanntem Ergebnis. Doch zurück zu Winnetou, meinem Buchgeschenk. Die Neugierde hatte mich an jenem Heiligen Abend vor fünfzig Jahren jedenfalls sofort gepackt. Ich kann mich noch schemenhaft daran erinnern, dass ich mich mit dem Buch gleich in eine ruhige Ecke zurückzog, zu lesen begann und mit jeder Zeile immer tiefer in eine abenteuerliche Welt eintauchte, die mich in ihrem Bann hielt und alles um mich herum vergessen ließ. Auch heute noch, nach vielen Jahren, taucht er gelegentlich in einer Rückschau auf diesen unvergesslichen Weihnachtsabend vor meinem geistigen Auge auf, der Held meiner Kindheit. Der junge Häuptlingssohn Winnetou, ein stolzer, edler und tapferer Apache, völlig frei von jeglichen negativen Charaktereigenschaften. Ich sehe ihn dann vor mir, mit seiner Silberbüchse auf seinem Rappen Iltschi Seite an Seite mit seinem weißen Bruder Old Shatterhand. Ich fühle noch immer mit, wie dieser sich in Winnetous hübsche Schwester Nscho-tschi verliebt und ich empfinde noch immer Trauer darüber, als diese mit ihrem Vater Intschu tschuna von weißen Banditen erschossen wird. Ich begleite Winnetou, nach Vergeltung strebend, auf der Suche nach Santer, dem Mörder seines Vaters und seiner Schwester und kann bis auf den heutigen Tag den tiefen Schmerz über Winnetous Tod kaum verwinden, als dieser bei einer Befreiungsaktion für verschleppte
weiße Siedler von einem Sioux erschossen wird und für immer in die ewigen Jagdgründe einzieht. Dass Santer auf der Jagd nach dem Goldschatz der Apachen schließlich doch noch den verdienten Tod findet, kann mich auch heute noch nicht über den unwiederbringlichen Verlust meines Helden Winnetou hinwegtrösten. Leider haben mich die wenige Jahre später über die Kinoleinwand flimmernden KarlMay-Filme Winnetous und Old Shatterhands Abenteuer nie wieder so intensiv erleben lassen wie beim Lesen des Buches an diesem Weihnachtsfest vor langer Zeit. Winnetou und Old Shatterhand haben mich jedenfalls für den Rest meines Lebens nachhaltig geprägt, obwohl, ich muss es gestehen, meine Bemühungen, diesen edlen Helden im richtigen Leben nachzueifern, leider viel zu oft gescheitert sind. Ich habe mein Lieblingsbuch, das ich vor fünfzig Jahren mindestens ein halbes Dutzend Mal gelesen habe, seither nie wieder aufgeschlagen, obwohl es einen Ehrenplatz in der Glasvitrine im Wohnzimmerschrank hat. Hin und wieder nehme ich es heraus, betrachte es von allen Seiten, lasse meine Gedanken dabei zurück in die Abenteuerwelt schweifen und stelle es ungelesen wieder an seinen Platz zurück. Nur so kann ich diesen Zauber, den Winnetou beim ersten Lesen damals bei mir entfacht hat, und den ich sicherlich nie wieder so empfinden könnte, für immer in meinen Gedanken und in meinem Herzen bewahren. Raimund Eich, Neunkirchen
» Alte Liebe « E l k e H e i d e n r e i c h / B e r n d S c h r o e d e r
I
ch habe viele Lieblingsbücher. Das Liebste ist mir immer das zuletzt gelesene, wenn es mich berührt hat. Bei »Alte Liebe« von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder ging es mir so. Ich habe es gern gelesen, mit großer Spannung die Banalitäten einer »alten Liebe« verfolgt. So kann es also sein. Ja, so muss – auch darf – es sein, wenn man über lange Zeit einander liebt und kennt. Ich hatte noch nie eine »alte Liebe«. Die Sprache ist klar und einfach und doch melodiös. Das Buch ist sehr spannend, sodass man es nicht aus der Hand legen möchte. Ich mag den Aufbau, die Monologe, die immer in Dialogen enden. Ich mag die große Glaubwürdigkeit der Figuren. Ich mag den liebevollen Blick auf das Unvollkommene. Es gibt viele Bücher, die man mit Vergnügen liest und kaum hat man sie verschlungen, sind
sie vergessen. Dann gibt es Bücher, denen man nachhängt, die einen beschäftigen, die man aus den unterschiedlichsten Gründen liebt. Wegen der Geschichte, des Satzklanges, der Figuren, der Phantasie oder des Witzes und der Originalität. Manchmal liest man ein Buch – und liebt es und geht mit ihm schlafen und steht mit ihm auf. Man will nicht, dass es aufhört und die letzte Seite kann richtig Trauer hinterlassen. Dann blättert man es noch einmal kurz durch, liest den einen Absatz noch mal und stellt es beiseite. Der Umschlag ist bei meinen Büchern oft etwas mitgenommen; ich lese in der Bahn, im Kaffeehaus, auf der Wiese und besonders gern im Bett. Jeder Fleck ein Kuss. Für lange Zeit kann ich mir dann nicht vorstellen, es herzugeben. Sarah Wiener, Fernsehköchin und Unternehmerin, Hamburg
2 106
»Gefühltes Wissen « H orst E v ers
D
anach fühlt man sich als Mensch nicht mehr ganz so schlecht! Es gibt tatsächlich Menschen, die genauso verrückt sind, genauso eine Macke haben und sich genauso über unnötige Dinge aufregen, die sich aber trotzdem mehr zu erwähnen lohnen, als man selbst. Wahnsinn, wie Horst Evers das Leben und seine kleinen Momente auf den Punkt beschreibt. Wahnsinn, wie diese kleinen Geschichten den Tag erhellen und wie man danach seine Umwelt wahrnimmt. Und Wahnsinn, wie ich beim Lesen der Kurzgeschichten lauthals lachen musste! Einfach toll, toll, toll. Alessandra Negri, Berlin
»Duineser Elegien « R ainer M aria R ilke
M
it einigen verband mich nur eine Affäre, kurz und heftig, oder aber ich habe mich erbost, schlimmstenfalls gelangweilt abgewandt. Andere Beziehungen dauerten länger, beeindruckten, bewegten, beschäftigten mich über Monate oder sogar Jahre. Für jeden Lebensabschnitt, Kindheit, Pubertät, Elternschaft gab es den richtigen Partner, der mit dem Ende desselben allerdings auch einen Großteil seiner Funktion verlor. Wie lange auch immer die Beziehung dauerte, ich bin mir sicher, Spuren, mal größer, mal kleiner, hat jede in mir hinterlassen. Und dann gibt es da eine Handvoll Freunde, die mich seit Jahren durchs Leben geleiten, nie aufdringlich, aber immer bereit, mich an ihrem Wissen, an ihren Erfahrungen und nicht zuletzt an ihrer Schönheit teilhaben zu lassen. Und jetzt sich entscheiden, eins auszuwählen, das eine, das liebste Buch. Sein Dichter, Rainer Maria Rilke, wusste, welch Werk er da geschaffen hatte, als er der Fürstin Marie von Thurn und Taxis den gesegneten Tag anzeigte, an dem er seine »Duineser Elegien« vollendet hatte. Ein namenloser Sturm, ein Orkan im Geist war über ihn gekommen. Ich könnte niemals behaupten, alle zehn Elegien auch nur annähernd verstanden zu haben, einige hinterließen nur ein paar Sätze, unauslöschlich immerhin, in meinem Gedächtnis. Die sich hingebende Geige der ersten Elegie etwa, der Auftrag, der dadurch an
uns Menschen ergeht, den wir aber allzu gern überhören, weil wir so oft Größeres – noch Größeres erwarten. Dann die zweite Elegie, die uns unsere Grenzen aufzeigt, denn »so weit sind wirs, dieses ist unser, uns so zu berühren; stärker stemmen die Götter uns an«. Der Wunsch nach dem einen Platz, nach dem reinen, verhaltenen, schmalen Menschlichen, nach dem Streifen Fruchtland zwischen Strom und Gestein, wer hegte ihn nicht? Schließlich die neunte Elegie, nach nichts Geringerem fragt sie, als nach dem Sinn unseres Menschseins, bringt uns den unschätzbaren Wert, einmal gewesen zu sein, ins Bewusstsein, appelliert an unseren Willen, unseren Auftrag zur Verwandlung und endet in, ich kann es nur so nennen, einen Jubelgesang auf das Leben. »Erde, du liebe, ich will. Namenlos bin ich zu dir entschlossen.« Die »Duineser Elegien«, es bräuchte ein langes Leben, um nach allen mir noch in und zwischen den Zeilen verborgenen Schätzen zu graben. Und sie geben mir ein Lebensmotto, das hilft, mich über manche Verdrießlichkeit und Unwägbarkeit des Lebens hinwegzutragen. Was mehr kann man von einem Buch, von einem Freund erwarten? Marita Morisse, Loxstedt
108
»Letzte Lockerung « W a lt e r S e r n e r
E
ben stelle ich fest, daß die »Letzte Lockerung« schon wieder nicht im Bücherschrank steht … Wie hieß nur der Untertitel? »Hochbrevier für Hochstapler« oder so ähnlich? Merke: Du sollst keine Bücher verborgen, schon gar nicht an gute Freunde! Sonst alles da von Walter Serner. Es war Ende der 60er-Jahre als ich Serner »entdeckte«. Ich hatte eben angefangen, Jus zu studieren. Nicht aus Neigung, sondern aus Gehorsam. Damals hatten Eltern ihren Töchtern noch was zu sagen. Auf einem Flohmarkt in Wien blätterte ich in einem Buch und dachte mir, – na so etwas – der Bursche schreibt zwar Deutsch, aber dieses Deutsch liest sich ja wie Französisch. Also kramte ich schnell nach ein paar Schilling in meiner Tasche und sauste mit meiner Beute nach Hause. Ich war fasziniert. Unmoralisch, witzig, voll Esprit und einem Satz, den ich liebe, aber mich trotzdem niemals in meinem Leben daran halten konnte: »Mir geht nichts über mich.« Danach begann eine jahrelange Suche nach weiteren Werken Walter Serners. Ich liebte seine Sprache, die Atmosphäre des Ruchlosen, in der die Düfte, auch der beißende Geruch bestimmter Straßen in Paris, und auch die abgestandene, muffige Luft in schäbigen Zimmern zu erschnuppern war. Als ich irgendwann feststellen mußte, daß ich wirklich schon alles, alles, alles gelesen
hatte, was er je geschrieben hatte, war ich total deprimiert. Sagen wir einmal – es war eine große Leidenschaft, die mich gepackt hatte. Dieser Charme des Gesetzlosen, wie ihn Serner formulieren konnte, entzückte mich, prickelte in mir wie das heimlich stibitzte Schlückchen Champagner aus dem Glas meines Vaters, als ich noch ein Kind war. Die Gesamtausgabe der Werke Walter Serners aus dem Renner Verlag habe ich mir vorwiegend deshalb gekauft, weil einer der Bände einen mir gänzlich unbekannten Titel hatte: Walter Serner, »Die Haftung des Schenkers wegen Mängel im Rechte und wegen Mängel der verschenkten Sache«. Vibrierend vor Spannung und Vorfreude öffnete ich das Buch schon im Vorzimmer, stolperte lesend in mein Zimmer und stellte fest: Dieses Buch war Serners Dissertation (!) als Jurist. Zugegebenermaßen war meine Enttäuschung dermaßen groß, daß ich mich sofort hinsetzen mußte. Dann aber mußte ich schmunzeln. Wenn ich seine Abhandlung bereits während meines eigenen Studiums gekannt hätte und anläßlich einer Seminararbeit Walter Serner zitiert hätte, wäre das ein feiner Spaß gewesen. Über mein Lieblingsbuch, die »Letzte Lockerung«, kann ich leider nicht viel mehr sagen. Es ist jetzt schon das vierte oder fünfte Exemplar, das im Laufe meines Lebens verschwunden ist.
Noch einmal besorge ich es mir nicht mehr – mir reicht mittlerweile das Gefühl, das ich habe, wenn ich mich an dieses Buch erinnere. Ein Gefühl der Sehnsucht nach einer frechen, gefährlichen Freiheit, das mich ein wenig schaudern läßt und in ein verschmitztes Lächeln über mich selbst übergeht. Ulrike Schenk, Wien
110
»Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders « P at r i c k S ü s k i n d
D
ie Provinzschule aus den Fünfzigerjahren war ein Gebäude, für dessen kompromisslose geometrische Strenge wir Schüler damals nur Geringschätzung übrig hatten. Der dreistöckige Flachdach-Riegelbau, in dem die Klassenzimmer untergebracht waren, hatte eine Lochfassade mit regelmäßigen, ungefähr zwei Meter hohen und eineinhalb Meter breiten, vollverglasten Fensteröffnungen. Die Unterrichtsräume, die auf der Südseite des Riegels angeordnet waren, zeigten sich regelmäßig in helles Licht getaucht, und diese gut gemeinte Anordnung hatte einen gewaltigen Haken: die riesigen, nicht unterteilten Fenster ließen sich nicht öffnen. Viel zu weit hätte ein Flügel in den Raum geragt, viel zu gefährlich groß dimensioniert, als dass man sie hätte offen stehen lassen können. Lediglich der an vielen Fenstern längst defekte Hebel ermöglichte ein fast folgenlos bleibendes Lüften der Räume. Betätigte man einen intakten, neigte sich das riesige Fenster in einem minimalen Winkel leise seufzend nach innen, und wenn man Glück hatte und die Luft draußen in Bewegung war, gelangte hin und wieder etwas Sauerstoff ins Klassenzimmer. So war die Luft in den Klassenzimmern also schlecht, schuljahrein, schuljahraus. Am Morgen, wenn man den Raum betrat, mischte sich in den trockenen Kreidestaubgeruch der schale Geruch der halbfeuchten Tafelschwämme. In regelmäßigen Abständen hing über diesem trostlosen Grundodeur ein scharfer Hauch von
virenabtötenden Putzmitteln. Im Laufe einer Unterrichtsstunde im Klassenverband mischten sich die Ausdünstungen aller Anwesenden hinein. Man schwitzte über Klassenarbeiten nicht weniger als über der Gruppenarbeit, Lehrer hyperventilierten, mal vor Wut, seltener vor Eifer. Man schwitzte beim Anblick des oder der Angebeteten, in mitgebrachten Sportbeuteln müffelte die Turnkleidung nach der Sportstunde leise vor sich hin. Dazu gaben Schulbrote ihren Wurst- und Käsegeruch an die Atmosphäre ab, unter einer Bank wurden vergessene Milchtüten stechend ranzig. Im Winter drängte sich der Geruch trocknender Wollschals dazwischen, die Luft vertrocknete dennoch förmlich von zu hoch geregelten Heizkörpern. Wann immer es draußen kalt war, brandeten jähe Auseinandersetzungen auf, wenn die Gruppe der Frischluftfanatiker nach gekippten Fenstern verlangte und niedergeschrien wurde von der meist in der Überzahl vertretenen Fraktion derer, die sofort nach dem Betätigen der wenigen noch intakten Kippmechanismen steif und fest behaupteten, sie würden erfrieren, schlösse man nicht unverzüglich alle Fenster. Die sanken daraufhin seufzend zurück in die Vertikale. Und alle empfindlicheren Nasen, darunter meine, rümpften sich beleidigt. Man versank erneut im Elend eines jämmerlichen Potpourris, in sauerstoffarme, resignierte Agonie. Ich wünschte mir sehnlichst, meine Nase zuklappen zu können, ganz so, wie sich
Elias Canetti in seinen Aufzeichnungen einmal sehnlichst wünscht, die Ohren möchten doch gegen grelle Töne verschließbar sein wie Augenlider, wenn zu grelles Licht auf die Pupille trifft. In meiner Gymnasialzeit las ich alles, was ich in die Finger bekam, wann immer ich konnte und an allen passenden und unpassenden Orten, an denen ich mich halbwegs ungestört wähnte. Eines Tages, ich war wohl fünfzehn oder sechzehn, und weiß heute nicht mehr, auf welchem Weg jenes Buch zu mir geraten war, hielt ich Patrick Süskinds »Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders« in Händen. Der Name des Autors sagte mir nichts, doch Titel und Untertitel gefielen mir so gut wie das Cover. Ich beschloss, vielleicht unbewusst geleitet
von dem Bildausschnitt aus Antoine Watteaus »Nymphe et Satyre ou Jupiter et Antiope«, auf dem die schöne, schlafende Nackte auf eine grünfließende Fülle von Stoff gebettet liegt, (der Satyr, der die Schlafende lüstern betrachtet, aber aus dem Bild herausgeschnitten ist, wie ich viel später erfahren habe), die Lektüre in der Badewanne zu beginnen, ein damals von mir geschätzter Leseort, der Ungestörtheit garantierte. Altergemäß mengte ich dem einlaufenden Wasser etwas stark Schäumendes in großzügiger Dosis bei und versenkte mich, nachdem die Wanne gefüllt und blubbernd bekrönt war, darin. Es brauchte nicht eine ganze Seite bis zu dem einen Satz, den ich las und wusste, dass ich ein Buch vor mir hatte,
112
das Worte für mein Leiden an den schlechten Gerüchen der Welt fand. Der zweite Absatz begann mit den Worten: »Zu der Zeit, von der wir reden, herrschte in den Städten ein für uns moderne Menschen kaum vorstellbarer Gestank.« Dieser Satz erinnerte mich an die Luft im Klassenzimmer, rief die Erinnerung an jene unerträgliche Mischung aller Geruchsquellen wach. Und ich biss an wie ein Fisch nach dem Köder schnappt, begann, die Geschichte des genialen Schurken Jean-Baptiste Grenouille regelrecht in mich aufzusaugen. Zwischendrin ließ ich immer wieder einen Teil des abkühlenden Badewassers ablaufen und öffnete, allen elterlichen Anweisungen zum vernünftigen Umgang mit der kostbaren Ressource zum Trotz, den Hahn, um eine entsprechende Menge heißen Wassers nachlaufen zu lassen. Als ich einen ordentlichen Teil des Buches verschlungen hatte und meine Epidermis einer Dörrpflaume ähnelte, verließ ich die Wanne, griff schlafwandlerisch nach dem nächstbesten Bademantel, um in meinem Zimmer so lange keinen anderen Gedanken an mich heranzulassen, bis ich, äußerlich aufgeweicht, innerlich völlig atemlos, ob der unglaublichen Geschichte dieses Mörders auf der letzten Seite angelangt war und schließlich einschlief. Von diesem Zeitpunkt an litt ich merklich weniger unter den stinkenden Klassenräumen, den muffigen Bussen, die uns jeden Morgen zur Schule kutschierten und jeden Mittag wieder
nach Hause verfrachteten, ich litt weniger an all jenen unangenehmen Gerüchen, die mal jäh in die Nase fahren, mal leise sich einschleichen: Gerüche, die einfach da sind, ohne dass man sie gesucht hätte. Ich litt weniger, denn ich wusste nun, dass meine Nase ja immerhin längst nicht so fein war wie die Grenouilles. Er konnte die Raupe im Blumenkohl finden, noch ehe der Kohl zerteilt war, die Milch im Glas noch der Kuh zuordnen, von der sie stammte, konnte jede Eidechse unter einem Stein erschnüffeln, während seiner Lehrzeit als Parfumeursgeselle bei komplizierten Mazerationen, bei denen Blüten in heißem Fett gekocht werden, genau bestimmen, wann die Temperatur genau richtig war, wann die Blüten ihren letzten Duft ungetrübt abgegeben hatten. Ist »Das Parfum« also mein liebstes Buch? Auf jeden Fall gehört es in seinem sezierenden, unerbittlichen Duktus zu den unangreifbarsten, die ich kenne. In den rund zwanzig Jahren, die seit meiner ersten Lektüre vergangen sind, habe ich es wieder und wieder verschlungen, es ob seiner perfekten Komposition und der akribischen Analyse der Magie des Geruchs bewundert, kann ich inzwischen von Seite zu Seite voraussagen, was als nächstes geschieht. Fast will es mir vorkommen, als wiederhole der Autor in der Komposition seines Romans, was er auf der Handlungsebene beschreibt: wie Grenouille die Formel für das unwiderstehliche Parfum komponiert, so hat Süskind das unwiderstehli-
che Buch komponiert, das aufs Ganze geht und im Verstummen in der vollständigen Selbstauslöschung seines Helden endet. »Das Parfum« hatte mir ein selten betretenes Terrain erschlossen und Worte für etwas gefunden, was meine Wahrnehmung so sehr bewegte. Wo anderswo allenfalls ein Hauch von Veilchen durch die Zeilen weht, das Meer mal salzig riecht, hatte dieser Roman das Vokabular des Riechens und der Gerüche in einer Weise durchdekliniert, die überhaupt erst ins Bewusstsein rückte, was kaum einem je der Worte wert zu sein schien. Immer wieder entdeckte ich bei den wiederholten Lektüren neue Facetten. Fesselten bei der ersten Lektüre die Beschreibungen von Grenouilles ausgeprägtem, einzigartig-genialischem Geruchssinn, dessen, was er alles erroch, seiner Fähigkeit, sich in völliger Dunkelheit mithilfe seiner Nase zu orientieren meine ganze Aufmerksamkeit, konzentrierte ich mich beim zweiten Mal auf die unglaublich fein gearbeitete Gestaltung seines Werdegangs zum Mörder, auf das allmähliche Reifen des Plans ein unwiderstehliches Jungfrauenparfum zu destillieren. Spätere Lektüren folgten: die mit dem Fokus auf die nie langweilige Detailverliebtheit des Autors Süskind, die noch kleinste Nebensächlichkeiten miteinander verzahnt, bemerkte etwa, dass Jean-Baptiste Grenouilles Geburtstag, der auf den 17. Juli datiert, nicht nur auf den Juli 1789, in dem die Französischen Revolution ihren Höhepunkt erreichte, sondern auch in
das astrologische Zeichen des Krebses fällt. Die diesem Zeichen nachgesagten Eigenschaften korrespondieren mit denen dieses genialen, sich nach außen hin stets verkapselnden, unscheinbaren Einzelgängers, dessen Inneres erfüllt ist von fantastischem Einfallsreichtum – wenn auch Einfallsreichtum der brutalsten Sorte. Auch die Geschichte von der Sehnsucht nach einer Liebe, die im Status ihrer ewigen Unerfülltheit in blanken Hass umschlägt, erzählt »Das Parfum«, dieser Text, betörend wie der Duft, den Grenouille aus der Aura von 25 schönen jungen Frauen destilliert. Fast unheimlich in seiner Perfektion ähnelte das Buch ein wenig seinem schaurigen Protagonisten. Jahre nach der ersten Lektüre fand ich zufällig in der Aula der Universität einen Aushang, mit dem nach Probanden gesucht wurde, die sich zu einer großzügig entlohnten Teilnahme an einer Riechstudie bereit erklären wollten. Im Vorbeigehen riss ich einen der Schnipsel mit der zugehörigen Nummer ab und fand mich einige Tage später in einem medizinischen Fakultätsgebäude wieder. Kleine Elektroden wurden an geheimen Punkten in meinem Naseninneren befestigt, man drückte mir einen Joystick in die Hand, mit dem ich die Intensität der wahrgenommenen Gerüche steuern sollte, die man mir in verschiedener Konzentration in die Nase leitete. Als Duftdestillate hatte man Vanille und Kümmel ausgewählt und während ich wild mit dem Joystick
114
herumruderte, bemerkte ich, dass der aparte Doktorand, dessen Versuchskaninchen ich war, mich aufmerksamer ins Visier nahm als bei der Begrüßung. Ob mir aufgefallen sei, dass mein Geruchssinn besonders ausgeprägt sei? Ich schüttelte den Kopf und gab zu bedenken, dass mir ja keine Vergleichsnase zur Verfügung stünde. Er nickte, verschwand und kam kurz darauf mit bekittelten Kollegen zurück, man umringte und befragte mich. Ich dachte an Grenouille, fand die Aufregung lächerlich und wusste nicht recht viel zu sagen. Die Luft im Klassenzimmer fiel mir ein, ich berichtete, man nickte und lud mich zu einer zweiten Versuchsreihe, nicht ohne den aus studentischer Sicht überaus üppigen Stundensatz zu erhöhen. Einige Tage später radelte ich also noch einmal zum Fakultätsgebäude, noch einmal ruderte ich – Vanille und Kümmel – wild mit dem Joystick herum, noch einmal bekam ich einen Schein in die Hand gedrückt. Und beendete damit zugleich meine kurze Karriere als Nase. Inzwischen kenne ich die einzigartige Erfolgsgeschichte dieses Romans, der in fast fünfzig Sprachen übersetzt ist, und mit dem sich sein schweigsamer, völlig zurückgezogen lebender Autor einen Lebenstraum erfüllt hat: er habe sich gewünscht, so ist nachzulesen, ein Buch zu schreiben, von dem er die restliche Zeit seines Lebens leben könne. Er hat es geschafft. Und ist daraufhin quasi von der Bildfläche verschwunden. Ob sein Wunsch, sich zurück-
zuziehen, mit dem Geruch der Welt zu tun hat? Er schweigt, nicht nur über diese Frage, und das ist gut so. Denn alles, was die Empfindlichkeit von Nasen betrifft, hat er ja bereits gesagt. Die Schule ist heute kaum mehr wiederzuerkennen. Aus dem schnörkellosen Bau, dessen strenge Schönheit wir damals nicht zu würdigen wussten, ist durch Sanierung ein Gebäude geworden, dessen Gestaltung nicht mehr der strengen Formsprache der Moderne Reverenz erweist, sondern nun vielmehr einer Kreissparkasse ähnelt: Pinkfarbene Feuertreppen tragen dem Brandschutz Rechnung, ein Satteldach hat das elegante Flachdach ersetzt, die Fenster haben neue, ebenfalls pinkfarbene Rahmen und sind unterteilt. Man kann sie öffnen und in jedem der Klassenzimmer dürfte eine ausreichende Frischluftzufuhr gewährleistet sein. Nie kann ich daran vorbeifahren, ohne an die Gerüche von damals zu denken und an das Leseerlebnis, das mir mein Unwohlsein darüber milderte. Damals schlicht »Gymnasium« genannt, heißt die Schule heute »Walter-Gropius-Gymnasium« und ehrt auf krude Weise damit die späte planerische Tätigkeit des Architekten in der Kleinstadt und eine architektonische Formensprache, die, im Geiste Gropius’ ursprünglich auf das Gebäude angewandt, heute bis zur Unkenntlichkeit verbaut ist. Von dem Schicksal, das dem Bau widerfahren ist, werden Süskind und »Das Parfum« hoffentlich auf alle Zeit verschont bleiben. Beate Tröger, Frankfurt am Main
»Die Waldgräfin « D ag m a r T r o d l e r
N
achdem ich mich mit Haut und Haaren auf die Welt von Alienor und Erik eingelassen hatte, konnte ich das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen. Und als ich es am Ende schließlich zur Seite legen musste, entdeckte ich in meinem Spiegel einen neuen Menschen. Atemlos bin ich Alienor auf ihrem Weg zu und mit Erik gefolgt. Ich habe mit ihr gelitten und ich habe mit ihr geweint.
Ich habe die Fesseln ihrer Zeit verflucht und sie für ihren Mut und ihren eisernen Willen bewundert. Ich habe ihre Schmerzen mit ihr geteilt, ihre Schuld auf meinen Schultern getragen, ihre Leidenschaft in mir brennen gespürt. Dieses Buch und die beiden nachfolgenden sind eine Bereicherung für mein Leben. Sylvia Maria Zöschg, Lana, Italien
116
» Kasperle auf Reisen « J osephine S iebe
A
ls der Krieg im Jahre 1945 zu Ende ging, war ich sieben Jahre alt. Die Wohnung meiner Eltern in Berlin war ausgebombt, mein Vater verschollen und ich hatte mit meiner Mutter nach tagelanger Bahnfahrt aus einer kleinen Stadt in der Oberlausitz, wohin wir beide evakuiert worden waren, das Feuerinferno in Dresden erlebt. Unser Ziel erreichten wir dann aber doch wohlbehalten und meine Mutter begann, sich in einem uns zugewiesenen Zimmer so gut es ging mit den paar Habseligkeiten einzurichten, die sie in ihrem Rucksack mitgeschleppt und somit gerettet hatte. Von der Not und den Hungerjahren will ich gar nicht berichten, das vergisst man ohnehin oder sieht es später sogar verklärt, aber eines habe ich nie vergessen: das Buch, das mich damals so gefangen nahm und an das ich noch heute voller Freude denke. Wer es mir schenkte, weiß ich nicht mehr, aber es hieß »Kasperle auf Reisen« und ich habe es wieder und wieder gelesen, weil es so wunderbar aufmunternd wirkte, zum Träumen einlud und mich die Not um uns herum vergessen ließ. Es zeigte vor allem in der düsteren Nachkriegszeit ein ganz anderes Leben, das meine Fantasie ungeheuer anregte, mich aufmunterte und mich immer wieder entzückte. Es vergeht auch heute noch kaum eine längere Zeit, in der ich nicht an dieses Buch denke. Ich habe in meinem Leben viele Bücher gelesen, aber der Kaspar von Josephine Siebe (1870 – 1941) ist mir nie aus dem Gedächtnis entschwunden, da er
meine Kinderjahre in der damals so trostlosen Zeit um vieles freundlicher und erlebnisreicher machte. Ein dunkler Punkt rankt sich aber trotz allem um mein Lieblingsbuch: Ich hatte es im vierten Schuljahr einer Klassenkameradin geliehen, aber sie gab es mir erst nach langer Wartezeit auf Druck meiner damaligen Lehrerin zurück, die ich immer wieder gebeten hatte, auf meine Schulkameradin einzuwirken. Ich glaube, ich bin auch mit 72 Jahren noch ein fröhlicher Mensch, woran das reisende Kasperle nicht ganz schuldlos sein dürfte. Waltraud Charlotte Buchwald, Lahnstein
»Brockhaus Enzyklopädie «
M
ein Lieblingsbuch sind Bücher. Jetzt nicht, was Sie denken, Bücher im Allgemeinen oder so. Nein, nein, ich meine es so: Bücher. Mein Lieblingsbuch ist eine Enzyklopädie und zwar die von Brockhaus (meine war mit Ergänzungsbänden 24 Bände stark, blauer Umschlag und mit Goldschnitt). Ja, sie lesen richtig: war. Leider muss ich etwas weiter ausholen, damit die Geschichte verständlich wird. Ich bin jetzt 59 Jahre alt, habe ein bewegtes Familienleben hinter mich gebracht und nach dem Tod meines Mannes beschlossen, mir eine seniorengerechte Wohnung in meinem Haus zu bauen. Barrierefrei mit allem was man so als alter Mensch braucht. Gesagt, getan. Ein bisher nur als Abstellfläche genutzter Anbau wurde umgebaut. Er wurde auch tatsächlich fertig. (Die Fertigstellung ist wieder eine andere Geschichte, aber ich will mich hier ja nicht verzetteln.) Fertig bedeutet dann auch: Einziehen. Oje, das hatte ich gar nicht richtig bedacht, jetzt muss ich also aus meiner (allein belebten) 120-Quadratmeter-Wohnung in eine 52 Quadratmeter kleine Seniorenwohnung umziehen. Das bedeutet, von allem nur noch die Hälfte. Halben Schrank, halben Tisch, halbe Tasse und so weiter. Sie verstehen schon, wie ich das meine. Im März diesen Jahres war die große Einweihungsfeier. Ich hatte alle Freunde und Bekannten, Nachbarn und Handwerker eingeladen, um mit mir zu feiern. In Wirklichkeit
hatte ich ein wenig Angst vor der großen Veränderung und hatte deswegen ein so großes Fest organisiert und die Parole ausgegeben, nach der Feier übernachte ich schon im eigenen Seniorenheim. Es war eine sehr schöne Feier mit vielen guten Wünschen, alle haben mir Mut gemacht und es blieb mir gar nichts anderes übrig, als einzuziehen. Am nächsten Tag wurde mir die ganze Tragweite meines Umzuges bewusst. Ich stand im alten Wohnzimmer vor meinem Bücherschrank. Drei mal zwei Meter voller Bücher. Na ja dachte ich, Bücher aus dem Studium und viele veraltete Reisebücher, die können gleich weg. Aber was mache ich mit meinem Brockhaus? Zur Erinnerung: 24 Bände. Nein, mitnehmen geht überhaupt nicht, absolut kein Platz. Und wann habe ich das letzte Mal nachgeschlagen? Das wusste ich nicht mehr, war sicher schon lange her, jetzt benutze ich schließlich das Internet. Mir kamen die Tränen, den Hund nehme ich schließlich auch mit und den Brockhaus habe ich schon länger. Aber es half alles nichts. Er musste weg. Wie sagte Wilhelm Busch: »Wer Sorgen hat, hat auch Likör!« Also erst einmal nachdenken und ein Likörchen trinken, oder auch zwei … Es wurden noch mehr und ich habe den ganzen Abend den Werdegang meiner Beziehung zu dieser Enzyklopädie aufgearbeitet.
118
Ich war 23 Jahre alt, lebte glücklich mit meinem Mann Peter zusammen. Wir lebten in Aachen, mein Mann studierte an der RWTH und ich verdiente unsere Brötchen als Sachbearbeiterin an der Fachhochschule Aachen. Wir bewegten uns hauptsächlich unter Studenten und ich hatte das Gefühl, für meine Bildung etwas tun zu müssen. Und da kam mir der Gedanke, mir eine Enzyklopädie zu kaufen. Aber welche Enzyklopädie? Brockhaus oder Meyer. Da gingen die Meinungen ja weit auseinander. Ich entschied mich für den Brockhaus, und da ich die Dinge meist immer gründlich mache, wollte ich auch die große Ausgabe. Die Kosten waren enorm. Wenn ich mich richtig erinnere, musste ich zwei Monatsgehälter (die ich nicht hatte) dafür ausgeben. Ich habe mir die Enzyklopädie förmlich vom Munde abgespart und war dementsprechend stolz auf jeden Band, den ich besaß. Nie hat er mich im Stich gelassen. Was ich nachlesen wollte, fand ich, ganze Abende habe ich damit verbracht, darin zu lesen. Als ich dann Mutter wurde (ich habe fünf Kinder geboren) wurde mein Brockhaus nicht vergessen, mit den Kindern gemeinsam haben wir in ihm nachgeschlagen, zuerst nach Bildern geschaut und später kleine Erklärungen gelesen, die dann immer Anstoß dazu waren, Geschichten zu erzählen. Z. B . bei einer Stadtbeschreibung konnten dann eigene Erfahrungen erzählt werden. Warum hat die Stadt dieses oder jenes Wappen? Wofür ist sie besonders
bekannt? Die Kinder haben dann teilweise die Wappen nachgemalt (natürlich nicht in meinem Brockhaus, sondern auf Papier). Ganz wichtig war mir immer, und das stelle ich jetzt beim Schreiben fest, dass es mein Brockhaus war. Die Kinder hatten instinktiv erfasst, dass sie nicht alleine darandurften. Auch später, als sie für die Schule Referate schrieben, haben sie sich des Brockhauses (meines!) bedient, immer vorher gefragt und auch mit dem Versprechen, ihn ordentlich zu behandeln. Ich erinnere mich auch, dass wir ein gelegentliches Abendvergnügen mit dem Brockhaus hatten. Die Kinder, die schon lesen konnten, durften einen Begriff, eine Person oder sonstiges aussuchen und die Erwachsenen oder die großen Geschwister testen, was darüber gewusst wurde, oder was auch nicht. Wir haben wirklich mit ihm gelebt. Meine Kinder haben alle Abitur gemacht und da erst später das Internet auftauchte, kann ich sagen: dank Brockhaus. Und auch ich, die ich fast täglich irgendetwas nachgeschlagen habe, bin nicht dümmer geworden: dank Brockhaus. So und nun soll er weg! Am liebsten wäre ich wieder aus der Seniorenwohnung in die alte Wohnung gezogen. Aber das geht nun auch nicht wirklich. Der zweite Gedanke dann: verkaufen. Einen Händler angerufen und gefragt, Ergebnis war: kein Interesse. Und nun habe ich angefangen zu jammern, überall wo ich war, habe ich erzählt, dass ich mich von meinem Brockhaus trennen muss und dass ich
es nicht übers Herz bringe, ihn zum Altpapier zu bringen. Ich jammerte im Schwimmverein, ich jammerte in der Gymnastikgruppe, ich jammerte bei der Badmintongruppe. Und dann geschah es. Eine Mitspielerin erzählte mir von ihrem fast erwachsenen Sohn, der immer in der Bücherei geparkt wird, wenn eine Stadtbesichtigung anliegt, und der dann auch nicht böse ist, wenn es mal länger dauert. Sie sagte, dass er Bücher liebe und dass sie ihn mal fragen wird. Sie tat es und tatsächlich, nach paar Tagen kam er, schaute sich meinen Brockhaus an und war begeistert. Wir verabredeten einen Abholtermin. Er kam, schuftete schwer und brachte alles aus dem ersten Stock zum Auto. Dabei schaute er so glücklich aus, dass mir die Sprache weg blieb. Ich freue mich sehr, einen guten Platz für meinen Brockhaus gefunden zu haben und er scheint auch glücklich zu sein. Ich erhielt ein Blümchen und Pralinen und wenn ein Tränchen kam, dann nur vor Glück. Adieu, Brockhaus und vielen Dank. Christa Morks, Bochum
120
»Immensee « Theodor S tor m
I
ch möchte mein Plädoyer meinem Lieblingsbuch »Novellen des 19. Jahrhunderts« von Theodor Storm widmen. Nämlich, in diesem Schreiben möchte ich meine Begeisterung und Vorliebe zur Novelle von Theodor Storm »Immensee« zum Ausdruck bringen. Mit dieser Novelle verbindet mich sehr viel und ich kann wirklich sagen, dass ich eine besondere Beziehung, ein ganz besonderes Gefühl zu diesem Werk erlebe. Eine von meinen größten Leidenschaften ist das Lesen der Bücher in allen Sprachen, die ich kann und das sind drei Sprachen: Kasachisch – meine Muttersprache –, Russisch und Deutsch. Bücher sind sehr vielseitig und unterschiedlich, abhängig vom Autor und sogar vom Leser, weil ein und dasselbe Buch kann auf verschiedene Weise erlebt werden. Aber jedes gelesene Werk bleibt nicht spurlos, das lässt uns nachdenken, weckt Assoziationen, der Leser bildet eine eigene Meinung und hat eigene Wahrnehmung des Gelesenen. Obwohl die Novelle von Theodor Storm eine kurze Geschichte ist, aber die Novelle hat mich sehr tief beeindruckt. Ich habe sie das erste Mal an der Universität gelesen und sie gilt für mich als Symbol zum Einstieg in die Welt der deutschen Literatur, was ich Jahre später danach sehr gern und mit großer Leidenschaft mache. Natürlich habe ich später viele Bücher auf Deutsch gelesen und weil ich Deutsch als meinen Beruf studiert habe, versuche ich die
Sprache zu pflegen und dabei sind die Bücher das beste Mittel. Überhaupt das Lesen ist etwas Reizendes, ich liebe das Lesen, das ist eine Art von Entspannung und Erholung. Man öffnet das Buch, blättert eine Seite nach der anderen und vertieft sich in eine Welt der handelnden Personen. Es ist wirklich ein sonderbares Gefühl – man taucht in eine fremde Welt ein … Das Buch wird nicht nur bloß gelesen, es wird erlebt und gefühlt. Die Liebe zum Lesen wurde mir von Kindheit an beigebracht. Ich kann mich noch heute erinnern, was für eine große Freude war es, wenn mein Vater von seinen Dienstreisen mit einem neuen Buch zurückkam. Es war immer das Gleiche, ich sollte das lesen, nacherzählen, der Inhalt wurde besprochen und erst danach habe ich das nächste Buch bekommen. Als Kind war ich sehr stolz, wenn meine Sammlung immer größer wurde, heute bin ich meinen Eltern sehr dankbar dafür. Die Liebe zum Lesen wird mit den Jahren größer und bedeutender. Um eine Fremdsprache zu beherrschen, muss man in dieser Sprache belesen sein. Es ist ein besonderes Gefühl, wenn du Goethe, Schiller, Heine im Original lesen und erleben kannst! Jetzt möchte ich zum Thema meines Plädoyers »Die Geschichte einer Freundschaft« kommen. Ja, warum ist die Novelle »Immensee« meine Lieblingsnovelle? Weil ich so viele Erinnerungen mit diesem Buch verbinde, weil sie so viel in mir weckt … Die Novelle hat auf mich noch
122
damals sehr großen Eindruck gemacht. Die ganze Novelle ist von einer lyrischen Stimmung durchzogen. Die Art und Weise, wie Theodor Storm die Liebesgeschichte präsentiert, ist irgendwie sehr innig und sehr durchdringlich, dass es einem ans Herz greift. In der Novelle geht es um eine unerfüllte Jugendliebe, die der Hauptheld Reinhard durch das ganze Leben getragen hat. Selbst der Aufbau der Novelle, die Reihenfolge, in der die Ereignisse beschrieben werden, ist interessant. Die Geschichte beginnt an einem Spätherbstnachmittag. Ein alter, einsamer Mann kommt von einem Spaziergang nach Hause zurück und setzt sich in einen Lehnstuhl. Es wird langsam dunkel und ein Mondstrahl fällt durch die Fensterscheiben auf die Bilder an der Wand. Seine Augen folgen unwillkürlich dem Mondstrahl und plötzlich sieht er das kleine Bild in schlichtem Rahmen, er sagt leise »Elisabeth« … Und wie er das Wort gesprochen hat, geht die Zeit zurück und er war in seiner Jugend. Dann erlebt der Leser die Kindheit, Jugendjahre, die Zeit des Studiums und den Besuch am Immensee mit. Die Novelle endet wieder im dunklen Zimmer, wo der Alte, ganz in seine Gedanken versunken, sitzt. Die ganze Novelle ist praktisch die Erinnerung des alten Mannes. Der Leser erlebt mit ihm zusammen alle Abschnitte seines Lebens. Theodor Storm konnte dem Leser so schön die Anmut der Kindheit, den Glanz und Zauber der Jugend,
den verschwiegenen Reiz und den geheimen Schmerz der unerfüllten Liebe wiedergeben. Als ich »Immensee« das erste Mal gelesen habe, hatte ich sehr tiefes Mitleid zu Reinhard und Elisabeth erlebt. Die Novelle hat mich damals so tief berührt, dass ich einige Tage daran gedacht habe … und das Leiden von Reinhard nicht vergessen konnte. Es ist schade um ihn, dass er seinen Schmerz durch das ganze Leben getragen hat und nichts unternommen hat, um seine Lage zu ändern. Er hat den Kopf hängen lassen und hat für seine Liebe nicht gekämpft. Elisabeth hat so viel für ihn bedeutet, von Kindheit an war sie ihm der Ausdruck für alles Liebliche und Wunderbare seines aufgehenden Lebens. Aber seine Liebe ist ihm unerreichbar geblieben, wie die Wasserlilie am See, die so nah und doch unerreichbar war. Diese Wasserlilie, die Reinhard zu erreichen versuchte, ist das Symbol seiner unerfüllten Liebe. Es ist eine Metapher für seine Erlebnisse: Das kalte schwarze Wasser um ihn herum symbolisiert sein Leben ohne Elisabeth und die Wasserlilie, die so nah und jedoch weit, einsam in der Ferne liegt, ist Elisabeth. Wenn ich an den Inhalt der Novelle denke, dann denke ich, warum ist das Leben manchmal so hart? Dann denke ich an die Schicksale von vielen Leuten, die vielleicht so etwas Ähnliches wie Reinhard und Elisabeth erlebt haben. Es gibt viele Leute im Leben, denen die Liebe unerfüllt bleibt. Aber jeder kommt
doch nur einmal zur Welt, man kommt leider nicht noch einmal zurück, um zu lieben und geliebt zu werden. Desto tiefer ist Reinhards Schmerz um seine Elisabeth. Der Autor beschreibt seine Leiden sehr innig. Als Reinhard nach einem Spaziergang mit Elisabeth allein im Zimmer sitzt und versucht, die Nachtigall zu hören, aber er hört nur den Schlag seines eigenen Herzens. Und als er Elisabeths Haus im Morgengrauen verlässt, sieht er, wie sich ihre Lippen bewegen, aber er hört keine Worte. Ja, jedes Buch ist ein Stück von unserem Leben, ein Stück von der Welt. Jedes Buch lässt das Schicksal vieler Menschen erkennen. Die Geige des Schicksals spielt im Leben jedes Menschen verschiedene Melodien: fröhliche und traurige. Die Novelle »Immensee« von Theodor Storm hat mich vor vielen Jahren bezaubert und bleibt auch heute mein Lieblingswerk in der deutschen Sprache. Die Novelle liegt mir am Herz und obwohl viel Zeit vergangen ist, erinnere ich mich in allen Einzelheiten an den gesamten Inhalt, weil ich mich so gefühlt hatte, als hätte ich alles miterlebt. Wahrscheinlich, weil es dem ewigen Thema »der Liebe« gewidmet ist. Das Thema, von dem viele Dichter und Schriftsteller in allen Zeiten inspiriert wurden! Und so wie der große Goethe sagte:
Mir geht das Bild vom einsamen Mann im dunklen Zimmer nicht aus dem Sinn … Damit möchte ich meine Liebeserklärung für die Novelle von Theodor Storm »Immensee« beenden. Alima Tengisbai, Almaty, Kasachstan
O welche Wonne, welcher Schmerz! […] Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!
124
»Der einsame Weg « A rthu r S ch nitzler
»Ein Dasein ohne Schmerzen wäre wohl genauso armselig wie ein Dasein ohne Glück« oder wie Arthur Schnitzler mit seinem Spiel aus Ernsthaftigkeit und Leichtsinn meine Liebe zur Literatur wiederbelebte.
W
äre Arthur Schnitzler noch am Leben, würde ich wohl das zwingende Gefühl verspüren, mich bei ihm bedanken zu müssen. »Der einsame Weg«, sein großartiges, Anfang des 20. Jahrhunderts geschriebenes Werk hat für mich auf einen Schlag eine gefühlte Abneigung gegen die Literatur des menschlichen Leidens, vor allem des Sich-selbst-Bemitleidens aufgehoben. Wenn schon eine selbstverliebte Ode an unsere Ängste, dann doch bitte wie bei Schnitzler. Das Theaterstück, das sich im Kern um den Tod, die Einsamkeit und auch den menschlichen Egoismus dreht, strotzt, trotz der Schwere der Themen, geradezu vor federleichter Selbstironie. Schnitzler schafft es, seinen Figuren, auch in ihren traurigsten Momenten, etwas urkomisches in den Dialog zu schreiben. Am brillantesten ist hier wohl die Figur des Herrn von Sala. Der Mittvierziger ist sich seines nahen Todes bewusst. Alleingelassen, bejaht er die menschliche Vergänglichkeit mit einer Konsequenz, die alle anderen Figuren zu zerbrechen droht. Wenn er Freunde hat, »dann verleugnet er sie«. Eine jede Unterhaltung mit ihm endet in einer Bloßstellung, weil er seinen jeweiligen
Gegenspieler als mit Nichtigkeiten beschäftigt dastehen lässt. Dabei hat er sich selbst vor dem Tod dem völlig fantastischen Ziel verschrieben, die verlorene, wohl nicht existente Stadt Baktrien aufzuspüren. Ein so trauriges wie schönes Reiseziel. Denn, so Johanna, die sich in Liebe zu dem kalten, geheimnisvollen Mann verzehrt: »Entschlossen sein heißt auch Flügel haben.« Ein perfektes Beispiel für einen goldenen Schnitzler-Moment. Die Ausflüchte, unerreichbaren Ziele und Pläne, denen sich das gelangweilte Wiener Bürgertum hingibt, werden in all ihrer Poesie gefeiert. Denn sie »werden sie nicht halten können, diese goldenen Tage, [genauso wenig, wie] das Wasser ihr Bild behält«, nachdem sie den Platz am Ufer verlassen. Der Schönheit des Augenblicks wird dadurch dennoch kein Abbruch getan. Stella Rieck, Berlin
»Der Nachsommer « A da l b e r t S t i f t e r
A
lle fünf Jahre muss ich »Der Nachsommer« lesen. Dann erklären mich meine sechs Kinder für verrückt, wenn ich eintauche in die Welt Stifters: Schönheit und Geheimnis, Vollkommenheit und Sehnsucht. Wo gibt es vergleichbare Landschaftsschilderungen? Allein schon der Titel! »Nachsommer« – poetisch, enigmatisch! Für mich: tiefsinniger als eine Therapiesitzung, nachhaltiger als ein Strandurlaub, berauschender als eine Bergwanderung! Hildegard Wittersheim, Wuppertal
126
»Spieltrieb « Juli Z eh
Vier Behauptungen zur Verteidigung meines Lieblingsbuches »Spieltrieb« von Juli Zeh: Lieblingsbücher sind nicht gefällig. Sie wollen nicht geliebt werden. s gibt viele nette Bücher. Bücher, die es gut meinen mit dem Leser. Die ihn umgarnen, bezirzen, die gefällig sind und gefallen wollen. Da gibt es nirgendwo einen Widerhaken, nirgendwo einen Widerstand. Solche Bücher taugen nicht zum Lieblingsbuch. Zu glatt und geschmeidig sind sie. Alles fließt und nichts bleibt: kein Abdruck, kein Pieksen, kein Stachel. Mein Lieblingsbuch ist borstig und widerspenstig, schwierig und abweisend. Es ist nicht nett zum Leser. Keineswegs taugt es zum Kuscheln. Seine Worte sind nicht so, dass man es auf Anhieb reizend finden könnte. Es schmeichelt nicht, es lullt den Leser nicht ein. Man muss kämpfen um dieses Buch. Denn gefällig ist es nicht, es will, so scheint es, gar nicht gefallen.
E
Lieblingsbücher drücken sich gewählt aus. Schlecht geschriebene Bücher quälen den Leser, sie nerven und ärgern, bis man schließlich aufgibt, weil man all die sprachlichen Grobheiten und Verfehlungen, die platten Vereinfachungen, die schiefen Bilder und hässlichen Vergleiche nicht mehr aushält. Mein Lieblingsbuch hingegen ist ein Feuerwerk der Sprache. Und ein bisschen kokett ist es obendrein, dieses Buch. Es spricht gewählt
und äußerst wortgewandt, treffsicher und eloquent. Und es weiß, dass es das kann: das Sprechen nämlich, das Wortewählen, das Sich-in-Szene-setzen mit den Mitteln der Sprache. Im Wörterauswählen, im Wörtersetzen ist es ganz groß. Da dreht und wendet es sich vor dem Leser und zeigt sich von allen Seiten, kokett wie ein Model auf dem Laufsteg, bewunderungs- und siegessicher. Der Leser ist auch gebührend beeindruckt – vielleicht auch ein wenig geblendet – von all dem Glimmer und Glitzer, der scheinbar leicht und elegant daherkommt. Und er labt sich daran, er genießt das Zusammenspiel der Wörter und Sätze, das immer wieder überrascht und verblüfft. Lieblingsbücher sind schwere Kost. Leichte Kost verdaut man schnell. Ja, oft ist es sogar so, dass die Verdauung erst gar nicht beginnen muss, weil sich das Buch sofort nach dem Lesen der letzten Seite verflüchtigt, gasförmig wird und aufsteigt gen Himmel. Man schaut noch ein bisschen hinterher, zuckt vielleicht mit den Schultern und sieht es entschwinden: auf Nimmerwiedersehen, auf Nimmerwiedererinnern. So, denke ich, soll es nicht sein mit Lieblingsbüchern. Möglichst unverdaulich sollten sie sein, uns schwer im Magen liegen, uns fest im Griff haben. Auf mein Lieblingsbuch trifft dies jedenfalls zu. Schon ein einziger Satz auf der Rückseite des Buches legt dies unmissverständlich klar: »Wenn das
128
alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.« Ja, es scheint keinen Ausweg zu geben. Und dies, obwohl das Spiel, so möchte man meinen, eine durchaus angenehme Tätigkeit ist. Und nicht nur das: Folgt man Schiller, so ist es das Spiel, das den Menschen erst zum Menschen macht: »… und er [der Mensch] ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Wenn er spielt, der Mensch, befreit er sich, schwingt sich empor zu Höherem, wird wirklich und wahrhaftig Mensch. Denn das Spiel, bei Schiller gleichgesetzt mit der Schönheit, ist Vermittler zwischen zwei widerstreitenden Prinzipien: dem egoistischen und dem moralischen Handeln. Der Spieltrieb, das heißt der Drang zur Schönheit, vermag den Menschen von der Enge des Irdischen zu befreien und macht ihn zum humanen, zum moralischen Menschen. So weit so gut. Mein Lieblingsbuch spricht eine ganz andere Sprache: Spielen bedeutet für Ada und Alev nichts weiter als ein Überbrücken der Langeweile, eine Flucht aus der Gleichgültigkeit, die sich ergibt, wenn der Glaube daran abhanden gekommen ist, dass eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse möglich ist, wenn alles einerlei ist, wenn letztlich der Zufall bestimmt, ob wir rechts oder links gehen, uns moralisch oder unmoralisch verhalten, weil es keine Gründe dafür und keine dagegen gibt. »Plötzlich konnte ich mich nicht entscheiden. In Wahrheit gibt es kein Für und Wider,
keine Gründe für rechts oder links. Merk dir das, Söhnchen. Was die Menschen täglich ihre Entscheidungen nennen, ist nichts weiter als ein gut einstudiertes Spiel.« (S. 179) Dieses Spiel nehmen Ada und Alev, beide hochbegabte, aber sozusagen schwierige Jugendliche, äußerst ernst. Der Spieltrieb ist es, der sie antreibt, ist das einzige, was zählt und ihnen Lebendigkeit verleiht. Und Alev glaubt, sozusagen in Schillerscher Manier, durchaus, dass dieses Spiel befreit, wenn auch nicht die Spieler, die es nicht zu befreien gilt, weil sie schon frei sind, absolut frei, losgelöst von allem eben, sondern das Opfer des Spiels, den Lehrer Smutek. Er wird, so Alev, erkennen, dass Gut und Böse, dass Moral keine unumstößlichen Kategorien sind, auch nicht eine Frage der richtigen Entscheidungen, sondern vielmehr das Ergebnis einer Kette von Zufällen. Der Mensch entscheidet sich nicht für oder gegen etwas, weil es keine Gründe für oder gegen etwas gibt. Vielmehr lässt er sich treiben in einem Spiel, dessen Spielregeln zu akzeptieren er gelernt hat. Außerhalb dieses Spiels gibt es nichts. Freilich hat dieses Spiel, das die beiden Jugendlichen mit dem Lehrer spielen, Konsequenzen: tödliche für Smutek; ernsthafte für den Leser, wenn er sich auf das Gedankenspiel der Richterin im Schlusskapitel einlässt. Und so zeigt sich der Satz auf der Rückseite des Buches in all seiner Tragweite: »Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.«
Fassen wir zusammen: Mein Lieblingsbuch erschließt sich dem Leser unter der Bedingung, dass er genügend Geduld hat; es macht ihm das Lesen nicht leicht, auch wenn es wortgewandt und eloquent mit ihm spricht. Zudem ist es ganze 566 Seiten lang und liegt einem schwer im Magen, wenn man es endlich geschafft hat, bis zur letzten Seite vorzudringen. Dann ist man verwirrt und verunsichert, ein bisschen verstört. Kann man ein solches Buch lieben? Ja, man kann. »Denn Lieblingsbücher sind nicht liebenswert, aber man liebt sie doch, grundlos vielleicht, wie das eben mit Lieblingen ist.« Sonja Hartner, Bruneck, Italien
130
»Narziß und Goldmund « H er mann H esse
M
eine Geschichte beginnt fünf Jahre früher, als ich das Abitur bestanden habe. Die Gymnasium war vorbei und eine andere, vielleicht schönere Zeitspanne öffnete vor mir. Mein Herz war voll mit widersprüchlichen Gefühle und ich wollte Ordnung in meine Gedanken machen. So habe ich mich entschlossen, aufs Land zu fahren, um meine Großeltern zu besuchen. Ich erinnerte mich gern an die Tage meiner Kindheit, als ich der ganze Sommer bei ihnen blieb. Ich liebte die Wand hinter dem Haus, die Stille der Natur als die Sonne unterging. Ich wollte noch einmal den Wind hören, als er durch die Blätter fließt. Vielleicht war der gleiche Wind, der mich diesmal zu ihnen rief. Ich kaufte mir eine Fahrkarte und wartete ungeduldig, dass der Tag vergeht. Am Morgen weckte ich gut gelaunt, weil die Sonnenstrahlen durch mein Zimmer und mein Gesicht spielten. Sie waren wie ein Freund, der sich freute, mich wiederzusehen. Als ich auf den Bahnhof angekommen war, bin ich in den Zug eingestiegen, und sah, dass in meinem Zugabteil nur eine Person, eine Frau, war. Wir haben uns kennengelernt. So habe ich entdeckt, sie war eine Deutschlehrerin, und sie fuhr nach Klausenburg, weil sie dort eine Konferenz über Hermann Hesses Werke halten musste. Er war ihr Lieblingsschriftsteller, sie hatte alle seine Werke gelesen. Sie begann, mir zu erzählen, warum Hesse so wichtig war, was das Einzigartige bei ihm war. Die Lehrerin
bemerkte, dass ich ihr bezaubert zuhörte, und schenkte mir ein Buch von Hermann Hesse: »Narziß und Goldmund«. Ich erzählte ihr ein bisschen von mir, und sie freute sich, als sie erfuhr, dass ich fremde Sprachen an der Universität studieren möchte. Sie beriet mich, neben Italienisch, denn ich Italienisch studieren wollte, auch Deutsch als eine fremde Sprache zu wählen. Es schien wirklich eine besondere Kombination zu sein, obwohl Deutsch mir eine schwere Sprache schien. Dann musste ich aussteigen. Mit diesem Geschenk war ich zu meinen Großeltern angekommen. Der nächste Tag suchte ich mich einen ruhigen Platz, und so habe ich begonnen, die wunderbare Geschichte »Narziß und Goldmund« zu lesen. Ich bemerkte nicht wie die Zeit floss; manchmal, um die Erzählung besser zu verstehen, hielte ich, um der Garten mit seinen farbigen Blumen zu beobachten, oder ging ich durch den Wald spazieren. Nachdem ich das Buch gelesen habe, war ich neugierig es auch auf Deutsch zu lesen. Diese Neugier ist, meiner Meinung nach, der Motor, der alles in Bewegung setzt: Daraus entstehen die Kunstwerke, es ist das Grund, wofür das Leben so schön ist. Dieses Buch hatte mich geweckt und ich wusste was ich tun sollte. Ich verabschiedete mich von meinen Großeltern und ich fuhr nach Hause zurück. Ich bereitete mich für die Aufnahmeprüfung an der Universität und ich habe es
geschafft. Ich habe für drei Jahre Deutsch und Italienisch studiert, und ich habe schöne Erinnerungen an diese Zeit, denn ich Deutsch mit Hilfe von »Narziß und Goldmund« gelernt habe. Heute sehe ich, dass ich eine sehr gute Wahl gemacht habe, denn beim Studieren habe ich eine Sprache entdeckt, die eine außergewöhnliche Schönheit beherrscht. Hermann Hesses Erzählung hat eine ganz bestimmte Harmonie, seine Sätze sind so elegant gebaut, und das macht wirklich Spaß beim Lesen. Das gefällt mir sehr bei ihm. Manchmal, wann ich das Buch lese, kann ich mir den Autor vorstellen, wie er mit der Sätze spielt, wie er sie verwandelt. Und ich habe noch etwas gelernt: Man muss keine Vorurteile haben. Am Anfang kann jemandem eine Sprache schwer scheinen, aber nachdem man ihre Regeln gelernt hat, sieht man wie schön sie ist. Es ist wie beim Klavier
spielen: Zuerst kennt man die Regeln nicht, und die Klavier ist verstimmt. Nachdem man geübt hat, statt Lärm macht man Musik und das Spielen wird Vergnügen, und man will immer mehr schöne Musikwerke spielen. Immer wenn ich an dieses Buch denke, erinnere ich mich an die Tage, als ich eine nette Lehrerin getroffen habe, und an den Garten meiner Großeltern. Also, für mich ein Lieblingsbuch besteht nicht nur aus einem ganz besonderen Buch, sondern auch aus dem Moment und dem Platz, wo ich dieses Buch gelesen habe. Diese Erzählung ist noch heute wichtig für mich, denn sie gibt mir, als ich sie wiederlese, die Antworten die ich brauche; sie ist da, um mich zu erinnern, wie schön diese Welt ist, und dass wir unseren Seelen zuhören müssen. Ion-Mărgineanu Miruna, Constanţa, Rumänien
132
»Mein Name ist Eugen « K l au s S c h ä d e l i n
I
ch habe dieses Buch selber nie gelesen. Mein Vater hat mir, als ich die 4. Klasse besuchte, jeden Abend vor dem Schlafengehen daraus vorgelesen. In diesem Buch erzählt Eugen, ein Bub von zwölf Jahren, was er mit seinen Freunden, dem Wrigley, dem Eduard und dem Bäschteli, erlebt. Abenteuer erlebt von vier Jungen, erzählt von einem Jungen. Und ich bin ein Mädchen. Trotzdem wollte ich jeden Abend wissen, wie es denn weitergeht. Später als ich grösser wurde und heute, da ich nicht mehr grösser werde, fällt mir dieses Buch immer nur in die Hände, wenn ich umziehe. Wenn ich es aus dem Regal hole, um es später, an einem neuen Ort, wieder an seinen alten Platz zu stellen. Das einzige Souvenir aus meiner Kindheit. Obwohl die Schweiz im Buch nicht mehr ganz die Schweiz meiner Kindheit war, hatte ich
mich bei jedem Satz und jeder Formulierung heimisch gefühlt. Und später zeigte mir dieses Buch die Fehler meiner Heimat auf, die manchmal so klein, so verbohrt ist. Und heute bringt mich der Gedanke an dieses Buch dazu, meine Heimat, mit den Eigenarten der Menschen, die sie bevölkern (mich eingeschlossen), immer wieder aufs Neue lieb zu gewinnen. Man kommt woher man kommt. Auch wenn man in der Jugend auszubrechen versucht, ich den Eugen, Wrigley, Bäschteli und Eduard mit fünfzehn vergessen hatte, sind sie mir heute wieder ans Herz gewachsen, wie damals, als mir mein Vater das erste Mal von ihnen erzählte. Ich habe dieses Buch selber nie gelesen. Trotzdem ist es mein Lieblingsbuch. Jessica Jeker, Laufen, Schweiz
» Aus dem Leben eines Taugenichts « J oseph
vo n
Taugenichts, ich liebe dich!
D
eine wunderbare Welt öffnet sich wie ein Märchenbuch für mich. Du wanderst durch die Natur und ich begleite dich und werde nie pitschnass. Die Morgensonne funkelt wie lauter Gold, jeder Tag strahlt hell und froh, ich werde nicht müde, mit dir durch die prächtigen Sommernächte zu wandern. Deine Natur ist ein lauschiges Wohnzimmer, darinnen sind wir behütet und geborgen. Vergessen sind Smog und Klimawandel, deine Seelenlandschaft ist gesund und weit und rein. Du zeigst sie mir in neuer Perspektive: Mit dir fühle ich mich leicht und frei wie ein Vogel. Wir sitzen schwerelos auf rauschenden Wipfeln und fliegen durch stille Lande, über idyllische Dörfer, satte Kornfelder und schimmernde Weinberge. Mit dir überschaue ich die Welt, mit dir bin ich im Höhenrausch. Kein Cabrio, kein Flieger weckt solche schwindelnde Lust. Taugenichts, du verstehst meine Gefühle, denn du hast selbst welche. Du zeigst und lebst deine Emotionen. Mehr noch: Du schämst dich nicht, über Empfindungen zu sprechen. Du bist einfach der ideale Mann! Du bist unbekümmert und authentisch. Ich höre dir so gerne zu! Du singst heraus, was dir auf dem sternklaren Herzen liegt, deine Lieder sind wunderbar harmonisch, du bist mein deutscher Superstar! Deine Texte sind tief und stimmig, deine Stimme romantisch. Du singst mit allen zärtlichen Sinnen.
E ichendor ff
Du lebst in einer heilen Welt, bist aber ganz von dieser Zeit. Ich liebe deine Lebendigkeit. Erst bist du Gärtner. Dann wechselst du den Beruf und wirst Zolleinnehmer. Du bist Liedermacher und Künstler, Tourist und Reisereporter, Verliebter und Verwechselter, Abenteurer, Bräutigam und glücklicher. Du bist ein flexibler Arbeitnehmer, ein moderner Mensch, der mir zeigt, wie man viele Rollen unkompliziert leben kann. Taugenichts, ich liebe dein Gottvertrauen. Du bist unterwegs ohne GPS und Navi, doch mit einer reichen inneren Landkarte und den funkelnden Sternen über dir. Das genügt. Du wirst in Abenteuer verwickelt und behältst immer deinen Optimismus. Dein gesunder Instinkt rettet dich aus jeder Not, dein Vertrauen in Gott und die Welt lässt dein Leben glücken. Taugenichts, mit dir werd ich zum Kind, mit dir bin ich ein bessrer Mensch. Joseph von Eichendorff brachte dich 1826 zur Welt. Längst bist du erwachsen und kannst dich immer noch verwandeln. Du zeigst mir heut noch neue Seiten. Wie sich mein Leben ändert, so entdecke ich auch dich in neuem Licht. Taugenichts ich liebe dich! Fluke Finn, München
134
»Liebe heute « M axim Biller
I
ch kannte weder Autor noch Stil, lediglich der Einband hatte meine Aufmerksamkeit geweckt. Dieses knallrote, auf dem Kopf stehende Herz. Der Titel in schwarzer Schrift. Weißer Untergrund. Schön verpackt, einfach schön verpackt, dachte ich, obwohl ich mir aus Verpackungen eigentlich nichts mache. Das gilt übrigens für sämtliche Gefährten, da muss der Charakter stimmen, was nicht unbedingt heißen mag, dass ich immer den richtigen Riecher gehabt hätte. Vielleicht war es ja auch nicht die Verpackung, als vielmehr der Titel: »Liebe heute«. Das klang vielversprechend. Heute. Ist Liebe heute anders als gestern? Würde dieses so schön verpackte Buch vielleicht genau den Nerv treffen? Genauso wie ich immer gehofft hatte, der Richtige würde den Nerv treffen und mir die ewige Liebe in jede Zelle pflanzen. Mich sozusagen mitreißen, mit derartiger Heftigkeit, dass ich ihn nie mehr loslassen wollte. Die Realität sah leider anders aus. Normalerweise las ich nur ihre ersten Zeilen, schmökerte dann lustlos bis ich nur noch blätterte und weit vor dem letzten Kapitel, hatte ich sie bereits ins Regal gestellt und dort vergessen. Wo war der Spannungsbogen? Ein Höhepunkt? Dieser Lesetaumel, der einen die Zeit vergessen lässt. »Liebe heute«. Das klang irgendwie vielversprechend. Vielleicht braucht meine Generation Maxim Biller, um sich selbst in dieser modernen Welt zwischen Verbindung und Ferne zu verstehen, dachte ich. Außerdem
reizte das Risiko, die gebundene Ausgabe um die halbe Welt zu schleppen, obwohl ich gar nicht wusste, auf was ich mich einließ. Aber wenn mich Maxim Biller verstand, dann würde ich zum ersten Mal den richtigen Begleiter mitnehmen. So schmerzhaft die Erkenntnis werden könnte, »Liebe heute« war ein neuer Versuch, dem gewöhnlichen Liebesroman ein Ende zu setzen und sich auf etwas Neues einzulassen. Ich war verreist, um Abstand zu gewinnen, weil der vorbehaltlose Genuss einer Beziehung mal wieder nur ein Wunsch geblieben war und uns, oder wohl eher mich, der träge Alltag viel zu schnell eingeholt hatte. Ich konnte mich einfach nicht langfristig einlassen. Anfangs schon, da war es leicht. Dieser Reiz, das Neue, die Versuchung. Ich ließ mich lesen und blättern, bis ich mich letztendlich mit voller Wucht dazu entschied, den Deckel zuzuklappen und keinen Satz mehr von mir zu geben. Dann zog ich los und griff nach dem nächsten Werk, ließ es auf mich wirken und legte es vielleicht viel zu früh, aber entschieden beiseite. Bis Maxim Biller auftauchte und mich buchstäblich übermannte. Er steigerte sich nicht langsam, wie die anderen es womöglich getan hätten. Er verstand es, mich gleich zu Beginn zu durchwühlen. Und doch versuchte er nicht, mit Gewalt mein Herz zu erobern. Er klebte nicht an meinen Lippen, nein, er war stilvoll, elegant und vor allem schnörkellos deutlich. Ungeniert hatte er meine Erfahrungen gesammelt, gab sie hier
und da preis, als hätte er mich ein Leben lang beobachtet, um mir nun den Spiegel hinzuhalten und zu sagen: Schau! Er war sachlich und doch per du. Die Sehnsucht nach Liebe war für ihn kein Gefühl aus Adjektiven, sondern versteckte sich in den schrägen Momenten der menschlichen Substantive. Die wenigen Worte, mit denen er diese präsentierte, waren liebevoll ausgewählt und sorgfältig zusammengesetzt. Und egal in welcher Kombination, sein Drehbuch aus Alltagsszenen, vor denen ich so oft geflohen war, kam trotz oder vielleicht genau wegen der sparsamen Worte nicht nur einmal auf den Punkt. Das gibt’s doch gar nicht, dachte ich, und begann zu schlingen als hätte ich tagelang nichts gegessen und als hätte mir jemand meine Leibspeise vor die Nase gesetzt und gesagt: Iss! Es schmeckte, vor allem weil es einfache Kost war, verträglich und doch langanhaltend nahrhaft. Der Inhalt war hingegen männlich und weiblich kompliziert, das merkte ich aber erst, wenn ich kurz innehielt, um zu schlucken. Auch den melancholischen Unterton spürte ich nur dann, wenn mir Maxim am Ende jeder Geschichte die Schüssel entriss, um mich beim nächsten Liebesmoment wieder anzufüttern. Er vermochte es, in nur wenigen Sekunden die wohlbekannte Unsicherheit moderner Zwischenmenschlichkeit aufzuzeichnen, als würden tatsächlich nur ein paar Pinselstriche genügen, um die Welt zu verstehen, beziehungs-
weise sie nicht zu verstehen. Jede Liebe ist anders und doch immer gleich. Und während ich Zeile für Zeile verdaute, vergaß ich Ort und Zeit, aber auch den Grund, warum ich »Liebe heute« gekauft hatte. Es gibt nichts zu verstehen, es gilt sich einzulassen, alles andere passiert einfach, ließ er mir zwischen den Zeilen ausrichten. Schnelle Liebe, erfüllte Liebe, verlorene Liebe. Alles kann passieren. Alles ist passiert. Alles wird passieren. Ich ließ mich ein. Und genoss die zärtlichen Zeichnungen eines gewöhnlichen Alltags. Und es war schön. Einfach schön. Ich denke, dass ich Maxim zum richtigen Zeitpunkt getroffen habe. Er trug mich davon und ließ mich an einem stillen Ort reflektieren, um dann letztendlich friedvoll einen Schlussstrich zu ziehen. Und so landete auch er im Regal, doch ich hole ihn hin und wieder heraus und schaue ihn an. Er sieht schön aus. Liebe, in schwarzen Buchstaben auf einem knallroten, umgekehrten Herz. Ich glaube an die Liebe. Zumindest heute. Kathrin Heydebreck, München
136
»Tohuwabohu « A r n o l d S ta d l e r
»M
ein Lieblingsbuch« gibt es natürlich nicht, wohl aber einige Bücher, die mir besonders lieb und wichtig sind. Dazu zählt zum Beispiel Arnold Stadlers »Tohuwabohu«, eine außergewöhnliche, scheinbar beliebige Sammlung von heiligen und profanen Texten aus der Weltliteratur, insbesondere den Schriften der christlich-jüdischen und der islamischen Tradition, die der Autor unter dem Eindruck der Ereignisse vom 11. September 2001 zusammengestellt hat, um »Texte, die ich kenne und die mir etwas sagen über Gott, die Welt und die Menschen, also auch über mich, wieder (zu) lesen und (zu) sehen, ob sie die alten sind. Ob sie mir noch etwas sagen, mich zu Fragen anregen, die sich der Mensch stellen muss oder stellt.« Dazu gehören die beiden biblischen Schöpfungsgeschichten, einige der von Stadler selbst in unsere Zeit und ihre Sprache übersetzten Psalmen, ausgewählte Suren aus dem Koran, Lessings Ringparabel, Goethes Schilderung des Erdbebens von Lissabon, Gedichte, Märchen und Erzählungen, die man fast alle irgendwann einmal gelesen hat und neu entdeckt. Wer den Spuren der Texte aus beinahe 3000 Jahren folgt, dem wird eindrucksvoll bestätigt, dass die Ängste, Sorgen, Freuden und Hoffnungen der Menschen im 21. Jahrhundert sich kaum von denen früherer Generationen unterscheiden – eine Erkenntnis, die man, je nach Standpunkt, als banal oder als tröstlich verstehen kann, jedenfalls nicht als Anlass zur
Resignation. Ein einziges Tohuwabohu – Luther hat das hebräische Wort aus dem 1. Buch Mose mit »wüst und leer« übersetzt – ist unsere Erde nicht, ebenso wenig wie Arnold Stadlers überzeugende Sammlung literarischer Dokumente der Menschheitsgeschichte: eine Anthologie, wie sie im Buche steht. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages
138
»Glückskäferchen reist um die Welt. Ein abenteuerliches Märchen von Tieren und Blumen « I l s e P rü f e r
S
ehr geehrte Damen und Herren, war es nun eine Zeitungsnotiz oder ein Gespräch? – Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wann oder wo ich vor längerer Zeit Kenntnis vom Wettbewerb »Mein Lieblingsbuch« erhielt. Flüchtig tauchte von Zeit zu Zeit der Gedanke daran auf – rumorte – und setzte sich schließlich fest: Hatte es nicht mehrere Lieblingsbücher je nach Lebenslage – und Alter – gegeben? Ja, schon …, doch es gibt ein Buch, das mich begleitet und geprägt hat: »Glückskäferchen«! Diese Geschichte vom Erwachsenwerden eines Marienkäferchens erschloss mir nicht nur den Wert eines Elternhauses, der Freundschaft, der Liebe, des Todes und Verzeihens, sondern auch die wunderbare Welt der Käfer, Raupen, Spinnen, Mäuse, und die der Gräser und Blumen. Diesem Buch verdanke ich wohl auch, dass ich von klein auf keine Furcht oder Ekel vor allerlei Getier empfunden habe. »Glücks-
käferchen reist um die Welt« war das allererste Buch in meinem fast 80-jährigen Leben. – Es hat alle Zeiten überstanden. – Es liegt vor mir. – Wettbewerb hin oder her … Eigentlich schreibe ich Ihnen nur, um mich bei allen zu bedanken, welche die wunderbare Idee für das »Lieblingsbuch« hatten. Ohne das Suchen nach dem Buch wären all die vielen Erlebnisse und Erinnerungen nicht wieder so intensiv lebendig geworden, wäre nicht in Fotos und Briefen gestöbert worden … Das Gelingen eines solchen Projektes erfordert sicherlich viel (Klein-) Arbeit, um die damit verbundenen Aufgaben zu bewältigen. Allen Beteiligten wünsche ich viel Erfolg für die weitere Arbeit und für das persönliche Wohlergehen alles Gute, Gesundheit und viel Glück. Mit freundlichen Grüßen vom Strelasund in den Süden Christa Irmscher, Stralsund
140
Lieblingsbücher – Hinweise zur Lebens-, Liebes- und Lesekunst
I
n meinem Lieblingsbuch, das zugleich das objektiv beste Buch ist, das je in deutscher Sprache verfasst wurde (aber so müssen alle, die wahrhaft lieben, reden, denn Liebe wäre keine wahre Liebe, wenn sie nicht das Liebesobjekt in Sphären jenseits aller subjektiven Relativität ansiedelte), in Goethes 1809 erschienenem Roman »Die Wahlverwandtschaften« gibt es eine ebenso großartige wie abgründige Passage. Sie handelt davon, was ein Lieblingsbuch mit seinem Leser und in diesem Fall mit einer Leserin anzustellen vermag. Ottilie, so heißt es da »trug das Kind und las im Gehen nach ihrer Gewohnheit. So gelangte sie zu den Eichen bei der Überfahrt. Der Knabe war eingeschlafen; sie setzte sich, legte ihn neben sich nieder und fuhr fort zu lesen. Das Buch war eins von denen, die ein zartes Gemüt an sich ziehen und nicht wieder loslassen. Sie vergaß Zeit und Stunde und dachte nicht, daß sie zu Lande noch einen weiten Rückweg nach dem neuen Gebäude habe; aber sie saß versenkt in ihr Buch, in sich selbst, so liebenswürdig anzusehen, daß die Bäume, die Sträuche ringsumher hätten belebt, mit Augen begabt sein sollen, um sie zu bewundern und sich an ihr zu erfreuen. Und eben fiel ein rötliches Streiflicht der sinkenden Sonne hinter ihr her und vergoldete Wange und Schulter.« Ottilie, keine Frage, hat ein Lieblingsbuch – eines jener Bücher, »die ein zartes Gemüt anziehen und nicht wieder loslassen«. Dem Zauber ihres
Lieblingsbuches ist sie wie dem Zauber eines geliebten Menschen gänzlich verfallen. Ottilie ist so vorbehaltlos in ihr Lieblingsbuch »versenkt«, dass ihr hingebungsvolles Lesen kein geringeres Opfer fordert als das Leben des Kindes. Ottilie muss feststellen, dass sie sich lesend verspätet hat, und darum will sie, den Weg zum Schloss abkürzen, indem sie sich, ihr Lieblingsbuch und das Kind, einem Kahn anvertraut. »Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand das Buch, in der rechten das Ruder, schwankt auch sie und fällt in den Kahn. Das Ruder entfährt ihr nach der einen Seite und, wie sie sich erhalten will, Kind und Buch nach der andern, alles ins Wasser.« So lakonisch endet eine Passage, die eben noch vom verklärenden Goldglanz der sinkenden Sonne berichtete. Wie subtil Goethe das gemacht hat, wie souverän hier die Versenkung in ein Buch, die sinkende Sonne und die schockierende Versenkung eines Kindes ineinander verwoben werden. Goethes Roman »Die Wahlverwandtschaften« ist nicht irgendeines unter vielen guten Büchern, die liebevolle Verehrung verdient haben, – diese Prosa ist das beste deutschsprachige Buch überhaupt. Wer das bestreitet, hat nie wirklich geliebt und gelesen, schreibt jemand, der ein Leseleben lang mit einem Buch verheiratet ist und das Glück hat, früh dem besten und liebenswertesten aller denkbaren Bücher begegnet zu sein. Und doch, die Paradoxie ist offensichtlich.
Großartige Bücher wie Dantes »Göttliche Komödie«, Goethes »Wahlverwandtschaften« und Flauberts »Madame Bovary« warnen davor, Büchern allzu sehr zu vertrauen und sie allzu leidenschaftlich zu lieben – aus Liebe zu ihren Lesern und Leserinnen. Bücher, die sich, einer alten Tradition folgend, ihren geneigten Lesern als Freunde und Liebesobjekte anempfehlen, sind deshalb suspekt. Zum wirklichen Lieblingsbuch taugen nur die Bücher, die sehr genau vom Wissen zeugen, dass Lesen, Leben und Lieben zwar miteinander verwandt, aber eben nur wahlverwandt sind. Auch Bücher sind mit Menschen wahlverwandt und stehen eben deshalb zu ihnen in einem Spannungsverhältnis. Schon die Begrifflichkeit, die Bücher umgibt, ist anthropomorph. Bücher sind nicht Dinge unter anderen; sie sind vielmehr (wie) menschliche Lebewesen und eben deshalb lesens- und liebenswert. Bücher haben wie professionell gebildete Menschen einen Titel, sie haben einen Rücken, und sie können, wenn sie denn Gelehrtes enthalten, Fußnoten haben. Textsammlungen bilden einen corpus (lat. Körper), und Körper bedürfen, um vor der Umwelt geschützt zu sein, der Textilien, in die sie sich einschmiegen können. Text und Textil sind nächstverwandte Begriffe; Bücher bearbeiten einen Stoff und entfalten Motive. Dichter texten, weben, spinnen ihr Garn, und sie durchwirken einen Text mit einem roten Faden (kein anderer Roman als Goethes »Wahlverwandtschaften«
142
hat die Wendung vom roten Faden populär gemacht). Jemand spricht wie ein Buch, jemandes Seele ist ein offenes Buch, im Buch des Lebens kann ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Bücher sind aber nicht nur den Menschen, die sie lesen, ähnlich, sondern auch überlegen. Sie sind menschenfreundlich und übermenschlich zugleich. Selbst im Internetzeitalter ist die großdimensionierte Buchmetaphorik omnipräsent. Es ist auffallend, dass das Internet mit dem unsicheren Element des Wassers assoziiert wird. Wir surfen und navigieren im Datenmeer, ja im Netz (... seltsame Katachrese, denn dort, wo Netze ausgeworden sind, wird keiner surfen wollen und können …) und drohen wegen information overload unterzugehen. Bücher bleiben hingegen der Erde treu. Sie bestehen aus festen Buchstaben, liegen gut in der Hand und überleben zumeist ihre Nutzer. Leser von Büchern surfen nicht, sie verharren in eigentümlicher Entschleunigung vor dem haltbaren, kompakten, festen und zugleich bedeutsamen Ding, das ihnen vor Augen liegt und zur Hand ist. Ein Buch qualifiziert sich zum Lieblingsbuch auch durch seine äußere Gestalt, durch seine Aura, durch die Anmutung seines Einbandes und seines Papiers, durch die Farbe des Lesebändchens, durch die Drucktype und den Zeilenabstand und nicht zuletzt durch die unverwechselbaren Umstände, die zum ersten
Rendezvous mit diesem singulären Exemplar geführt haben. Aus dem Rendezvous mit einem Buch kann eine heiße Affaire – und eine lebenslange Bindung hervorgehen. Buchliebhaber sollten sich dennoch keine Illusionen machen: die Elektronisierung des Buches ist in vollem Gange, sie wird nicht aufzuhalten und auch nicht auszubremsen sein. Aber so wie eine Autofahrt zum Wochenendgroßeinkauf im Supermarkt etwas anderes ist als ein sonntäglicher Ausritt oder eine Kutschfahrt, so ist auch die hingebungsvolle wiederholte Lektüre eines Lieblingsbuches etwas anderes als der Download eines Textes auf ein Smartphone oder ein E-Book. Auch wenn es rettungslos sentimental und romantisch klingt: Lieblingsbücher sollten Lieblingsbücher sein, weil sie ewig sind und deshalb zeitlichen Menschen dauerhafte Offenbarungen versprechen (das kann auch die Offenbarung sein, dass es keine endgültigen Offenbarungen gibt; das kann auch die Einsicht sein, dass nur eines auf Dauer gestellt ist: die Furie des Verschwindens). Dass die Welt und das Dasein voller deutungsbedürftiger Widersprüche ist, zählt zu den Grund- bzw. zu den Abgrunderfahrungen des Lebewesens, das die Sprache hat (zoon logon echon) bzw. von der Sprache besessen wird. Und deshalb suchen sprechende, widersprechende, in sich widersprüchliche Menschen Halt an festen Buchstaben. Bücher versprechen Halt, sie sind dauerhaft, ihre Autoren haben, jedenfalls
dann, wenn sie zu Lieblingsautoren erkoren wurden, Autorität. Bleibt die schon eingangs angeklungene Frage, ob man/frau ein absolutes Lieblingsbuch oder aber Lieblingsbücher haben sollte. Liebe verlangt Ausschließlichkeit. Aber gilt das auch im Hinblick auf das Lieblingsbuch? Monogamie im Reiche der Bücher? – Das ist eine seltsame Vorstellung. Schon die beliebte Frage, welche drei Bücher man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, kann einem leidenschaftlichen Buchliebhaber als Frevel gelten. Er hält sich an das Wort aus dem Buch der Bücher und wandelt das monotheistische Motiv schlechthin in ein monobibliophiles Motiv: Du sollst kein anderes Buch haben neben mir. Denn dieses Buch hat mich erleuchtet, mich durch alle Krisen begleitet, mein Leben verändert, mir stets erneut Trost gespendet, mir geholfen, dem stummen Gewicht der Welt sprachlich Stand zu halten, mir die Welt verständlich und erträglich gemacht oder gar (um ins dramatische oder filmische Fach zu wechseln) die Kugel aufgehalten, die auf mein Herz zielte. Erst der Leser, der mit vielen Büchern angebändelt hat, weiß, dass es für ihn ein Buch der Bücher, ein ultimatives Lieblingsbuch gibt. Für die Glücklichen, die ein Lieblingsbuch haben, das auch und gerade angesichts vieler anderer Bücher, der sich die wandernde Liebe zuwenden könnte, Bestand hat, gilt, dass lesende Treue reich belohnt wird. Z. B. mit der Erleuchtung, die sich bei der wiederholten
Lektüre der »Wahlverwandtschaften« einstellt. In diesem Roman steht ein Satz zu lesen, der offenbart, was geschehen kann, wenn aus dem Rendezvous zwischen einem Buch und einem Leser eine heiße Affaire und sodann eine Dauer im Wechsel versprechende Lebensliebe wird: »Das Leben war ihnen ein Rätsel, dessen Auflösung sie nur miteinander fanden.« Jochen Hörisch, Literatur- und Medienwissenschaftler, Mannheim
144
Was ist ein gutes Buch?
E
s gibt viele verschiedene Antworten auf diese zeitlose Frage. Das Goethe-Institut und der Deutsche Sprachrat stellten im Rahmen des Wettbewerbs »Geschichte einer Freundschaft – Mein Lieblingsbuch« jedoch nicht die Frage nach der literarischen Qualität, sondern jene nach der ganz persönlichen Lesart: Haben Sie ein Lieblingsbuch? In der Regel verbleibt das in der Leseerfahrung entdeckte Kleinod nur in unseren Köpfen. Diese Kostbarkeit als Empfehlung von Leser an Leser weiterzugeben, war der Kerngedanke des Wettbewerbs. Gerade eben in der individuellen Subjektivität der Bewertung liegt der Reiz und die Vielfalt des Unterfangens. Und so sind es nicht die Bücher, sondern die überzeugendsten, charmantesten, ja leidenschaftlichsten Plädoyers, die von einer prominent besetzten Jury ausgewählt und prämiert wurden. Mehr als 4000 Teilnehmende aus aller Welt haben sich auf die Herausforderung eingelassen, indem sie ihre ganz individuelle Geschichte erzählt haben: Warum und auf welche Weise können Bücher uns beeinflussen, berühren, bewegen? Die Wettbewerbsteilnehmer ließen uns teilhaben an ihrem individuellen Blick auf Literatur. Dabei haben sie nicht einfach beschrieben, sondern für ihr Buch geworben, ihm geschmeichelt, es bewundert, ihm, wie es sich für ein Lieblingsbuch gebührt, Liebeserklärungen gewidmet.
Viele Teilnehmer berichteten, dass ihnen die Auswahl und Festlegung auf »ein Lieblingsbuch« nicht leichtgefallen sei: »Als ich die Provokation dieses Wettbewerbs annahm, wurde mein Kopf auf einmal voll von Namen, Worten, Zitaten der berühmten Autoren, die mich auf meinem Lebensweg begleitet haben.« Ein weiterer Teilnehmer beschrieb diesen Prozess als Frage: Ist die Suche nach dem Lieblingsbuch etwas anderes als dessen Behauptung anderen Büchern gegenüber? Bücher haben mannigfaltige Aspekte, die sie dafür prädestinieren, ein Lieblingsbuch zu sein. Die Plädoyers in diesem Buch sind daher auch ein Spiegel dessen, wie verschieden der individuelle Zugang, das Erleben eines Buches geartet sein kann, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt, sich die Welt zu »er-lesen«. Oftmals sind es aufwühlende, berührende, von Kindheitserinnerungen geprägte Erlebnisse, die den persönlichen Bezug zu dem Lieblingsbuch bestimmen. Anderen gelingt es dank der Lektüre eines bestimmten Buches, ungeahnte Perspektiven einzunehmen. Eine Wettbewerbsteilnehmerin berichtete gar davon, dass sie durch Michael Endes »Momo« verstand, wie Hektik und Überdruss ihr Leben bestimmten und daraus die Konsequenz zog, nach Mexiko auszuwandern. Bücher können den Menschen verändern. Aus 57 Ländern haben uns Menschen zugetragen, wie sehr sie deutschsprachige
Literatur wertschätzen. Neben den vielen Einsendungen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich erreichten uns besonders viele Beiträge aus Italien, Kasachstan, Malaysia, Rumänien, Russland, Serbien, Ungarn und den USA . So verehrt man in Australien und Mexiko Hermann Hesses »Steppenwolf«, eine Kanadierin huldigt dem »Duden«, ein Brasilianer schwärmt für Thomas Manns »Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« und eine junge Japanerin preist Erich Kästners »Das doppelte Lottchen«. Auch waren der Begeisterung keine (Alters-)Grenzen gesetzt. So war der jüngste Bücherfreund 7 Jahre alt, die älteste Bibliophile
90 Jahre jung. Das Buch, dem die meisten Liebeserklärungen zuteil wurden, Michael Endes »Die unendliche Geschichte«, wird von Deutschen, wie auch z. B. von Spaniern, Südafrikanern und Japanern, als Meisterstück beschrieben. Das Faszinosum einer guten Geschichte ist beeindruckend, kulturübergreifend, in diesem Fall gar unendlich. Der »unendlichen Geschichte« (162) folgten mit zahlreichen Plädoyers »Der Vorleser« (114), »Krabat« (107), »Buddenbrooks« (98), »Das Parfum« (87), »Momo« (80), »Faust« (64), »Die Wand« (63) und »Siddhartha« (42). Eines haben alle diese Beiträge gemein: Sie erzählen authentisch und persönlich von der Begegnung mit dem Buch und der Begeisterung für das Buch. Der Wettbewerb »Geschichte einer Freundschaft« ermöglichte es, die vielgestaltigen Beziehungen zwischen Menschen und Büchern »mit zu er-lesen«. Diese Freundschaften können flüchtig sein, sie können ein Leben lang andauern. Sie sind für jeden von uns zuweilen eine Herausforderung. Manchmal geraten unsere papiernen Freunde deshalb in Vergessenheit, ihr Einband vergilbt, ihre Seiten haben Eselsohren, sie rücken im Regal nach hinten und doch, sie warten beständig darauf, wieder an unserem Leben teilhaben zu dürfen. Nutzen Sie die Gelegenheit und schauen Sie mal wieder nach Ihrem besten Freund. Es lohnt sich allemal! Nadja Kranz und Rolf C. Peter – Projektteam
146
Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf deshalb der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags. Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne eine solche Einwilligung überspielt, gespeichert und in ein Netzwerk eingespielt werden. Dies gilt auch für Intranets von Firmen und von Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen.
3. 2. 1. Die letzten Ziffern 2014 13 12 11 10 bezeichnen Zahl und Jahr des Druckes. Alle Drucke dieser Auflage können, da unverändert, nebeneinander benutzt werden. 1. Auflage © 2010 Hueber Verlag, 85737 Ismaning, Deutschland Verlagsredaktion: Hans Hillreiner, Hueber Verlag, Ismaning Redaktion Goethe-Institut: Nadja Kranz, Rolf C. Peter (pkomm) Bildgestaltung: Ilja C. Hendel, Oslo/Berlin Gestaltung: Matthias Schilling, d-signbureau, Starnberg Umschlag: Parzhuber und Partner, München Druck und Bindung: aprinta druck GmbH & Co. K G , Wemding Printed in Germany I S B N 978 – 3 – 19 – 507891 – 7
Index
10 – 11 Daniel Beskos, Hamburg Eine Liebeserklärung ans Lieblingsbuch 12 – 13 Reinhard Bröker, Freising Meine drei Lieblingsbücher 14 – 15 Viviane Lucia Fluck, Bochum H er mann H esse »Siddhartha« 16 – 17 Anna-Vittoria Schwendinger, Meiningen, Österreich M ich a el Köhlmeier »Abendland«
Sieger
18 – 19 Monica Adina Lorelay Mitea, Giurgiu, Rumänien R ainer M ar ia R ilk e »Briefe an einen jungen Dichter« 20 – 21 Elfi Neubauer-Theis, Neckarbischofsheim Wolf H a as »Das Wetter vor 15 Jahren« 22 – 25 Christine Pilot, Berlin O t to B rom berge r H a ns P robst »Der kleine Dichter. Ein lustiges Bilderbuch für gescheite Kinder«
26 – 27 Thomas Junker, Jena 28 – 30 Denis Lukashevskiy, Kostanai, Kasachstan 31 Anne Schmitgen, Bayreuth Bernhard S chlink »Der Vorleser« 32 – 34 Dennis Grabowsky, Berlin THom as M a n n »Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« 35 Klaus-Norbert Kremers, Krefeld S t e fa n Z w e i g »Die Welt von Gestern« 36 – 37 Tilman Schneider, Aalen E r ich K ästner »Der 35. Mai« 38 – 39 Silvana E. Schneider, Germering M a r l e n H au s h o f e r »Die Wand« 40 – 41 Marita Kasischke, Heidenheim H a r ry M u l isc h »Die Entdeckung des Himmels«
42 – 45 Julia Rölfs, Düsseldorf 46 Ingrid Maier, Hamburg 46 – 47 Michèle Binswanger, Basel 48 – 49 Karoline Herfurth, Schauspielerin, Berlin
M ich a el E nde »Die unendliche Geschichte« 50 – 52 Eva Siegmund, Berlin
M ich a el E nde »Die unendliche Geschichte« Juli Z eh »Schilf« 53 Kirstin Pageler, Oldenburg M a x F risch »Homo faber« 54 – 55 Olesya Tyutyunova, Wolgograd, Russland Ulr ik e Kolb »Diese eine Nacht« 56 Michael Ermel, Berlin THom as M a n n »Joseph und seine Brüder« 57 Matthias Makowski, Goethe-Institut, München H ugo von H ofmannsthal »Deutsche Erzähler«
148
58 – 59 Antje Rothe, Berlin »Diercke Weltatlas« 60 – 64 Lloyd Jones, Schriftsteller, Neuseeland (Übersetzung: Sonja von Struve) 65 Sandy Meißner, Reinhardtsdorf E rich K ästner »Emil und die Detektive« 66 – 67 Julia Kargl, Mannheim J oh a n n Wolfga ng vo n G o e t h e »Faust. Der Tragödie erster Teil« 68 – 72 Melanie Knaup, Gießen Roger Willemsen »Kleine Lichter« 73 Golo Schmidt, Oxford, Großbritannien R einhold Z iegler »Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister«
74 – 77 Michael Kleeberg, Schriftsteller, Berlin W i l h e l m H au f f »Das kalte Herz«
90 – 91 Narmawarni Abdul Kadir, Perak, Malaysia H er mann H esse »Über das Glück«
78 – 79 Susanne Brandt, Westoverledingen Bernhard S chlink »Liebesfluchten«
92 – 93 Tamara Keglević, Zagreb, Kroatien THom as M a n n »Tonio Kröger«
80 – 81 Kevin Arnold, München
94 – 95 Claudia Roth, Bundesvorsitzende Bündnis 90 / Die Grünen, Berlin B e r t o lt B r e c h t »Hauspostille«
U lr ich Woelk »Liebespaare« 82 – 83 Anne Fromm, Erfurt J u dith H er m a n n »Nichts als Gespenster« 84 – 85 Birgit Jordan, Cancun, Mexiko M ich a el E nde »Momo« 86 – 88 Jürgen Heimlich, Wien M a x F risch »Stiller« 89 Ilse Wollin, Wunsiedel S iegfried L enz »Schweigeminute«
96 – 99 Edoardo Beretta, Mailand, Italien 100 – 102 Gerd Pfeifer, Bovenden »Wahrig – Deutsches Wörterbuch« 103 Hans-Jürgen Salz, Bonn U w e Tellk a mp »Der Turm« 104 – 106 Raimund Eich, Neunkirchen Ka r l May »Winnetou«
107 Sarah Wiener, Fernsehköchin und Unternehmerin, Hamburg
E l k e H e i d e n r e i c h B er nd S chroeder »Alte Liebe« 108 Alessandra Negri, Berlin H orst E vers »Gefühltes Wissen« 109 Marita Morisse, Loxstedt R ainer M aria R ilke »Duineser Elegien« 110 – 111 Ulrike Schenk, Wien W a lt e r S e r n e r »Letzte Lockerung« 112 – 116 Beate Tröger, Frankfurt am Main Pat r i c k S ü s k i n d »Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders« 117 Sylvia Maria Zöschg, Lana, Italien D ag m a r T r o d l e r »Die Waldgräfin«
118 Waltraud Charlotte Buchwald, Lahnstein J osephine S iebe »Kasperle auf Reisen« 119 – 121 Christa Morks, Bochum »Brockhaus Enzyklopädie« 122 – 125 Alima Tengisbai, Almaty, Kasachstan Theodor S tor m »Immensee« 126 Stella Rieck, Berlin A rthur S chnitzler »Der einsame Weg« 127 Hildegard Wittersheim, Wuppertal A da l b e r t S t i f t e r »Der Nachsommer« 128 – 131 Sonja Hartner, Bruneck, Italien Juli Z eh »Spieltrieb«
134 Jessica Jeker, Laufen, Schweiz K l au s S c h ä d e l i n »Mein Name ist Eugen« 135 Fluke Finn, München J o s e p h vo n E i c h e n d o r f f »Aus dem Leben eines Taugenichts« 136 – 137 Kathrin Heydebreck, München M axim Biller »Liebe heute« 138 – 139 Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages A r nol d S ta dl e r »Tohuwabohu« 140 – 141 Christa Irmscher, Stralsund I l se P rü f e r »Glückskäferchen reist um die Welt. Ein abenteuerliches Märchen von Tieren und Blumen«
132 – 133 Ion-Mărgineanu Miruna, Constanţa, Rumänien H ermann H esse »Narziß und Goldmund«
150
Quellenverzeichnis
Maxim Biller: Liebe heute, Kiepenheuer und Witsch, 2007 Bertolt Brecht: Bertolt Brechts Hauspostille, Kiepenheuer, 1926 Brockhaus Enzyklopädie, Verlag F. A. Brockhaus, aktuelle Auflage: 2005 Otto Bromberger / Hans Probst: Der kleine Dichter: Ein lustiges Bilderbuch für gescheite Kinder, Braun & Schneider, 1909 Diercke Weltatlas, Westermann, 2008 Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts, Erstausgabe: Vereinsbuchhandlung, Berlin, 1926 Michael Ende: Momo oder die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte, Erstausgabe: K. Thienemann Verlag, 1973, aktuell: Thienemann Verlag, 2005 Michael Ende: Die unendliche Geschichte *, © 1979 by Thienemann Verlag (Thienemann Verlag GmbH), Stuttgart, Wien Horst Evers: Gefühltes Wissen, Eichborn, 2005 Max Frisch: Homo faber *, Erstausgabe: Suhrkamp, 1957; aktuell: 1998 (lieferbar) Max Frisch: Stiller, Erstausgabe: Suhrkamp, 1954; aktuell: Suhrkamp, 2004 (lieferbar) Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil *, Erstausgabe: Cotta, Tübingen, 1808 Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften, Erstausgabe: Cotta, Tübingen, 1809 Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren, Hoffmann & Campe, 2006 Wilhelm Hauff: Das kalte Herz *, aus: Märchenalmanach auf das Jahr 1828, 1827 Marlen Haushofer: Die Wand, Claassen Verlag, 1995 Elke Heidenreich / Bernd Schroeder: Alte Liebe, Carl Hanser Verlag, 2009 Judith Hermann: Nichts als Gespenster *, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2006 Hermann Hesse: Narziß und Goldmund, Erstausgabe: Suhrkamp, 1930; aktuell: Suhrkamp, 2007 Hermann Hesse: Siddhartha *, Erstausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt 1922; aktuell: Suhrkamp, 2004 (lieferbar) Hermann Hesse: Über das Glück, Suhrkamp, 2005 Hugo von Hofmannsthal (Hrsg.): Deutsche Erzähler, Insel Verlag, 1912 Erich Kästner: Emil und die Detektive *, Cecilie Dressler Verlag, 1929 Erich Kästner: Der 35. Mai * oder Konrad reitet in die Südsee, in: Kästner für Kinder, Cecilie Dressler Verlag, 2007 Michael Köhlmeier: Abendland, Carl Hanser Verlag, 2007 Ulrike Kolb: Diese eine Nacht *, Klett-Cotta, 2003
Siegfried Lenz: Schweigeminute, Hoffmann & Campe, 2008 Thomas Mann: Joseph und seine Brüder, Die vier Joseph-Romane in einem Band, Erstausgabe: S. Fischer Verlag, 1933 – 1943; aktuell: S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007 Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Erstausgabe: Rikola, 1922; aktuell: S. Fischer Verlag, Frankfurt 2005 Thomas Mann: Tonio Kröger, Erstausgabe: S. Fischer Verlag, 1913 Karl May: Winnetou *, Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld, 1893 Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels, Carl Hanser Verlag, 1993 Ilse Prüfer: Glückskäferchen reist um die Welt, Verlag A. Anton & Co. 1936 Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien *, Erstausgabe: Insel Verlag, 1923 Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter *, Insel Verlag, 1929 Klaus Schädelin: Mein Name ist Eugen, Erstausgabe: Zwingli-Verlag, 1955 Bernhard Schlink: Der Vorleser *, Erstausgabe: Diogenes, 1997 Bernhard Schlink: Liebesfluchten, Diogenes Verlag, 2000 Arthur Schnitzler: Der einsame Weg, 1904 Walter Serner: Letzte Lockerung. manifest dada, Steegemann, 1920 Josephine Siebe: Kasperle auf Reisen, Erstausgabe: Verlag Levy und Müller, 1921 Arnold Stadler: Tohuwabohu. Heiliges und Profanes, gelesen und wiedergelesen von Arnold Stadler nach dem 11. September 2001, DuMont, 2002 Adalbert Stifter: Der Nachsommer, Erstausgabe: Verlag Gustav Heckenast, 1857 Theodor Storm: Immensee, Erstausgabe: Duncker, 1851 Patrick Süskind: Das Parfum, Erstausgabe: Diogenes, 1985 Uwe Tellkamp: Der Turm, Suhrkamp, 2008 Dagmar Trodler: Die Waldgräfin, Erstausgabe: Blanvalet, 2001 Renate Wahrig-Burfeind (Hrsg.): Wahrig Deutsches Wörterbuch, Bertelsmann, 2008 Roger Willemsen: Kleine Lichter, S. Fischer Verlag, 2005 Ulrich Wölk: Liebespaare, Hoffmann & Campe, 2001 Juli Zeh: Schilf, Schöffling und Co., 2007 Juli Zeh: Spieltrieb, Schöffling und Co. 2004 Reinhold Ziegler: Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister, Beltz, 1985 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern *, Erstausgabe: Bermann und Fischer, 1944, aktuell: S. Fischer Verlag, Frankfurt 2006 *D iese Buchtitel erscheinen auch als Prägung auf dem Buchcover.
Wir danken dem Suhrkamp Verlag, dem S. Fischer Verlag, dem Verlag Friedrich Oetinger, dem Diogenes Verlag und dem Verlag Klett-Cotta für die freundliche Genehmigung der Verwendung ihrer Titel für die Prägung des Buchcovers. Literatur über die »Lieblingsbücher« hinaus: Beitrag Mitea: »Wer reitet so spät, …«: Johann Wolfgang von Goethe: Der Erlkönig, 1782 »Und die Welt fängt an zu singen, …«: Joseph Freiherr von Eichendorff: Wünschelrute, 1835 »Wer jetzt kein Haus hat, …«: Rainer Maria Rilke: Das Buch der Bilder, 1902 »Wozu Dichter …«: Friedrich Hölderlin: Brod und Wein, 1801 »Was wirst Du tun, Gott, …«: Rainer Maria Rilke: Das Stundenbuch (Erstes Buch. Das Buch vom mönchischen Leben), 1905 Beitrag Tyutyunova: … ein Schwein in fröhlichem Grunzen …«: Wilhelm Busch: Siebzig Briefe an Maria Anderson, Rostock: Volckmann, 1908 Beitrag Knaup: »Vollkommene Leistungen können nicht gewürdigt werden, …«: Franz Kafka: Die Aeroplane in Brescia, in: Deutsche Zeitung Bohemia, Prag, 29.09.1909 »Wenn man nicht weiß, wohin man geht, …«: Gaston Bachelard: Poetik des Raumes, Übers. Kurt Leonhard, Carl Hanser Verlag, 1975 »Das versteht man nicht …«: Alessandro Baricco: Novecento, Übers. Erika Christiani, Piper Verlag, 1999 Beitrag Kleeberg: »… das reine, unzerstörte Volkswesen …«: Hugo von Hofmannsthal (Hrsg.): Deutsche Erzähler, 1912 Beitrag Brandt »Es ist was es ist …«: Erich Fried: Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte, Wagenbach, 1996 Beitrag Heimlich: »Sieh, darum ist es so schwer …«: Sören Kierkegaard: Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, Kopenhagen, 1843 Beitrag Morks: »Wer Sorgen hat, …«: Wilhelm Busch: Die fromme Helene, Bassermann Verlag, 1872 Beitrag Tengisbai: »O welche Wonne, welcher Schmerz!«: Johann Wolfgang von Goethe: Willkommen und Abschied, in: Iris, 1775 Beitrag Hartner: »…, und er ist nur da ganz Mensch, …«: Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in: Die Horen, 1795
Fotos: Ilja C. Hendel, Oslo/Berlin Fotos auf den Seiten 8 /9 (© fotolia/coffee break), 22, 25, 140, 141: Andreas Huber Photographie, Berg Abbildung Seite 147: Goethe-Institut; Gestaltung: Harald Lukas Design, München; Foto: © fotolia/coffee break