Nr. 35 • 52. Jg. • 29. August 2021
Afghanistan Linz-Kabul-Linz. Tagebuch einer Flucht OÖ-Wahl Die Schlacht um Bad Ischl Das unabhängige Nachrichtenmagazin Österreichs
Christian Rainer „Diese Regierung streitet zu wenig“
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Über die Kunst, sich zu entschuldigen. Oder auch nicht.
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inhalt NR. 35 • 29. AUGUST 2021 • 52. JAHRGANG
ÖSTERREICH
Wie eine österreichische Richterin einer afghanischen Kollegin half / Umfrage zu Flüchtlingen / Glosse: Hebein tritt aus. 9 ÖVP. Sebastian Kurz geht in seine zweite Periode als Parteichef mit derselben Erfolgsformel: Vereinfachung ohne Hemmung ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 10 Strache. Das Bestechungsurteil gegen den Ex-FPÖ-Chef ist nicht rechtskräftig, aber ein Schlüsselmoment in der Ibiza-Affäre ∙ ∙ ∙ ∙ 14
COVER: APA/AFP/ANGELA WEISS; APA/HELMUT FOHRINGER; APA/ROLAND SCHLAGER; APA/AFP/GABRIEL BOUYS; APA/AFP/ODD ANDERSEN; APA/AFP/JOEL SAGET; ALEXANDRA UNGER; APA/HERBERT NEUBAUER; APA/ANDREAS ZEPPELZAUER; APA/DPA/FRANK LEONHARDT ; APA/AFP/TOLGA AKMEN
Oberösterreich. Türkis gegen Rot in Bad Ischl: Der Landtagswahlkampf im Rest des Landes nimmt sich dagegen fast gesittet aus 16 Antisemitismus. Mit der Pandemie explodierten die Übergriffe. Was tun? Doppelinterview mit Verfassungsministerin Karoline Edtstadler und Kultusgemeinde-Präsident Oskar Deutsch ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 22
WIRTSCHAFT
Neues aus den Heumarkt-Mails: Wie Investor Tojner bei Sebastian Kurz für das Hochhaus-Projekt lobbyieren wollte.
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Österreich, deine Produkte. Friedrich und Julian Riess sind die letzten ihrer Art – die einzig verbliebenen Kochgeschirr-Produzenten ∙∙ 26
Die Kunst, sich zu entschuldigen Warum sich Politiker bei der Fehlereinsicht besonders schwertun – und wie die sozialen Medien unsere SchuldKultur beeinflussen. 44
Immobilien. Schlechte Qualität, überhöhte Kosten: Bewohner in Wien wehren sich gegen die eigene Hausverwaltung ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 30 gutes geld. ÖBAG-Chefin Edith Hlawati. Warum die umstrittene Software-Schmiede Palantir viel Geld in Goldbarren steckt ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 32
AUSLAND
Deutschland: SPD in Umfragen erstmals gleichauf mit Union / Warum eine Britin eineinhalb Jahre auf Tonga festsaß. 33 Afghanistan. In letzter Minute gelang zwei Linzern die Flucht aus Kabul. profil erzählen sie ihre Geschichte ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 34 Interview. Christian Schmidt, Hoher Repräsentant Bosniens und Herzegowinas, über seine Rolle als internationaler „Aufseher“ ∙∙ 40
GESELLSCHAFT Explosionsgefahr: Die neue ORF-Serie „Die Macht der Kränkung“ von Drehbuchautorin Agnes Pluch.
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eatdrink. schöner trinken. Confit und Rillette: Ein Fisch zwischen Frankreich und Waldviertel / Australien zu Gast im Weinglas ∙ ∙ 43
WISSENSCHAFT Wie der Klimawandel Vulkanausbrüche fördert / Wie viele Freunde kann ein Mensch haben?
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#brodnig. Hasslawine in der Videospielszene / Weiterhin nackte Haut auf OnlyFans / Kino versus Streaming ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 59 Wieder Lockdown? Die Virologin Dorothee von Laer hält schärfere Maßnahmen im Herbst für fast unausweichlich ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 60
KULTUR
Im Kino: „The Green Knight“ und „The Father“ / Lois Renner, 1961–2021/ Die Architektin Tatiana Bilbao / Aaliyah auf Spotify.62 Charlie Watts. Der Anti-Rockstar: Erinnerung an den Schrittmacher der Rolling Stones ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 66
RUBRIKEN
profile. Gestorben: Rudolf Edlinger / „Hexenprozesse“ von Salem profil vor 25 Jahren. Sexismus pur im Parlament ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 6 Briefe an profil. Impressum ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ ∙ 72
4 profil 35 • 29. August 2021
MEINUNGEN Christian Rainer fordert von der Regierung: Streitet!
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21 Franz Schellhorn zeigt auf, wie der Staat unsere Einkommen plündert. 39 Franziska Tschinderle fragt sich, warum zwei kleine Balkanländer Tausende Afghanen aufnehmen. 74 Rainer Nikowitz lobt das mutige türkise Scharia-Verbot.
redaktion@profil.at
Aus der Redaktion Liebe Leserin, lieber Leser
ALEXANDRA UNGER
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Auf Spotify & iTunes
profil für alle Plattformen:
profil.at/epaper Neue Newsletter Meinungen, Podcasts und mehr: Jetzt abonnieren auf profil.at/newsletter
Richtungsweisend Stefan Melichar analysiert das (nicht rechtskräftige) Urteil gegen Strache.
Spurensuche Wie gefährlich leben Erntehelfer? Edith Meinhart recherchiert.
Gut verpackt Klima-Podcast: Was bringen Pfandsysteme und Quoten?
CHRISTINA HIPTMAYR; SEZONIERI; APA/AFP/ALEX HALADA; ESKANDAR RASULY
Genesen
lton John hatte, wie so oft, natürlich recht. Man darf seinen 1976er-Hit „Sorry seems to be the hardest word“ also ruhig als Titelmelodie zu unserer dieswöchigen Covergeschichte summen: Ja, es ist tatsächlich nicht so einfach, sich zu entschuldigen – schon gar nicht für Politiker, die dabei neben ihrem schlechten Gewissen immer auch das eigene Image, die Umfragewerte sowie die lieben Parteifeinde im Auge behalten müssen. Umso erstaunlicher fanden ANGELIKA HAGER, SEBASTIAN HOFER und CHRISTA ZÖCHLING die aktuelle Häufung öffentlicher Entschuldigungen durch prominente Politikerinnen und Politiker – in Deutschland. In Österreich ist man Derartiges ja leider gar nicht gewohnt, und wenn es vorkommt, dann meistens im Jörg-Haider-Modus, sprich: „Meinetwegen entschuldige ich mich.“ Die Politiker-Entschuldigungen, mit denen diese Geschichte ihren Ausgang nahm, bezogen sich übrigens auf die Hager, Zöchling, Hofer Situation in Afghanistan, wo in diesen Tagen die letzten Evakuierungsflüge stattfinden, überschattet vom islamistischen Terror. Wie zwei junge Männer aus Linz – wider alle Vernunft – in dieses Drama hineingestolpert sind und wie sie – nach einer unglaublichen Odyssee und mit ungarischer Hilfe – wieder herausfanden, erzählen Ihnen SIOBHÁN GEETS, MANFRED MAURER und FRANZISKA TSCHINDERLE. Eine launige Überleitung nach Bad Ischl ersparen wir uns – und Ihnen – an dieser Stelle, wollen aber trotzdem nicht verschweigen, dass uns ein prominenter Gastautor, APA-Chefredakteur JOHANNES BRUCKENBERGER, eine wunderbare Reportage aus dem Landtagswahlkampf im Salzkammergut geschickt hat, wo er beiläufig auch einen alten Bekannten wiedertraf: den ehemaligen Innenminister Ernst Strasser, inzwischen Hotelier im Bad Ischler „Hubertushof“. IHRE REDAKTION
Betrachtungen eines Schülers: Warum zählen meine Antikörper weniger?
Folgen Sie uns: instagram.com/profilonline facebook.com/profilonline twitter.com/profilonline youtube/profilonline 29. August 2021 • profil 35 5
profile profilvor 25Jahren
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Gestorben Rudolf Edlinger, 1940–2021
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ur alten politischen Schule gehörte es, den Gegner anzugreifen und gleichzeitig zum Schmunzeln zu bringen. SPÖPolitiker Rudolf Edlinger übte sich in dieser Kunst, etwa als er 2000 als scheidender Finanzminister erklärte, eher würde er seinen „Hund auf die Wurscht aufpassen lassen als die ÖVP auf das Geld der Steuerzahler“. Dass es anders kam und damals die schwarz-blaue Ära anbrach, lässt den gelernten Lithografen wie einen Abgesandten aus der zu Ende gehenden goldenen Zeit der Sozialdemokratie erschei-
nen, in der man es aus bescheidenen Verhältnissen bis nach oben schaffte: Edlinger begann als Bezirkssekretär in WienWähring, zog 1969 in den Landtag ein, übernahm 1981 den Rathausklub, war Stadtrat für Wohnbau, danach für Finanzen, bis ihn SPÖ-Kanzler Viktor Klima 1997 in die Regierung holte. Danach wurde er Präsident des FC Rapid und der grüne Schal zu seinem Markenzeichen. Den „kleinen Mann“ musste er allerdings nie mimen, er blieb ihm verbunden. Am 21. August starb Rudolf Edlinger im 82. Lebensjahr.
Gedacht Elizabeth Johnson Jr.
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ank einer engagierten Schulklasse aus dem US-Bundesstaat Massachusetts wird die bei den sogenannten „Hexenprozessen von Salem“ zum Tode verurteilte Frau 300 Jahre später entlastet werden. Elizabeth Johnson Jr. wurde im 17. Jahrhundert der „Hexerei“ schuldig gesprochen. Die Schulkinder zeigten sich von ihrer Geschichte stark bewegt und entschieden, Druck auf die Politik auszuüben. In der Senatorin Diana DiZoglio fanden sie eine Verbündete: „Es ist einfach Zeit, die Sache zu beenden und den Ruf von Elizabeth Johnson Jr. wiederherzustellen.“
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er ägyptische Tischtennisspieler begeistert bei den Paralympischen Spielen in Tokio: Er hält den Schläger mit dem Mund. Durch seine Art zu spielen wurde er zum Star. „Wenn die Leute heute sehen, wie ich den Schläger halte, denken sie, es wäre einfach.“ Es ist bereits seine zweite Teilnahme an Paralympischen Spielen: In Brasilien 2016 wurde er Elfter. Österreich hat 24 Sportler:innen aus acht Sparten zu den Spielen entsandt. Vergangenen Mittwoch gab es gute Nachrichten: Der Steirer Pepo Puch holte Silber im Dressurreiten.
6 profil 35 • 29. August 2021
WALTER WOBRAZEK; DOUGLAS GRUNDY; BOB MARTIN
Gewonnen Ibrahim Hamadtou, 48
in Jahr nach ihrem Buch über Sexismus im Parlament habe sich „an der Machtverteilung wenig geändert“, schrieb Eva Rossmann in der Ausgabe vom 26. August 1996. Nun würden weibliche Abgeordnete quer durch die Parteien aufbegehren, „mehr Mitsprache“ und Redezeiten nicht erst nach Mitternacht fordern. „Mann, älter und womöglich aus dem Fernsehen bekannt, ist top. Frau und jung ist ganz unten“, fasste die SPÖ-Abgeordnete Sonja Ablinger den Alltag im Hohen Haus zusammen: „Man muss begreifen, wo Gott wohnt und dass es keine Göttin gibt.“ Diese Erkenntnis passte auch auf die Wiener Philharmoniker, „weltweit das einzige Symphonieorchester“, das „sich ausdrücklich gegen die Aufnahme von Frauen wehrt“, schrieb profil. Aktuell spiele zwar eine Frau die Harfe – weil „Not am Manne ist“ –, sie dürfe sich aber nicht „Wiener Philharmonikerin“ nennen, und beim Neujahrskonzert zeige der ORF „nur ihre Hände, nicht aber ihr Gesicht“. Da aber demnächst aus Altersgründen „etwa 30 Stellen neu besetzt werden“ müssten, könnten beim Neujahrskonzert 2000 „notgedrungenerweise die ersten Philharmonikerinnen ihre Pulte besetzen“, und der ORF dürfe „hoffentlich auch die weiblichen Köpfe filmen“. Vielleicht, so profil, würde dann Karlheinz Böhm, Sohn der Dirigenten-Legende Karl Böhm und Afrika-Aktivist, wieder im Publikum sitzen. Als er zwei Jahre zuvor „angemahnt“ habe, Frauen „die Integration in dieses traditionsreiche Orchester nicht zu verwehren“, hätten die Philharmoniker „prompt ihre ÄthiopienHilfe“ gekündigt. Wohl aus dem Missverständnis heraus, „dass Böhms Aktion ,Menschen für Menschen‘ und nicht ,Männchen für Männchen‘ hieß“, ätzte profil. NIC
Leitartikel Christian Rainer christian.rainer@profil.at Twitter: @chr_rai
Streitet! Diese Koalition hatte zu lange Gelegenheit, sich zu verschweigen. Jetzt nicht mehr.
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in Thema für den Leitartikel dieser Woche? Wie zuletzt schon wäre Afghanistan vieler Erklärungen bedürftig. Oder Sebastian Kurz, sein Parteitag, seine Wiederwahl nach vier Jahren. Man könnte auch versuchen, dem Titelthema über das gekonnte Entschuldigen noch ein paar Gedanken abzuringen. (Erschreckend augenfällig: das Auseinanderfallen der Gepflogenheiten in Deutschland und in Österreich – beginnend mit der Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und herauf bis in die Gegenwart des jeweiligen christlich-sozialen Spitzenpersonals.) Oder doch die immer schwierigere Position des Juniorpartners in der Bundesregierung? Versuchen wir, aus all dem ein Gemeinsames abzuleiten, indem wir uns die türkis-grüne Koalition genauer ansehen! Dieser Blick kam in den vergangenen eineinhalb Jahren zu kurz, und daran waren zwei Faktoren schuld: Zunächst war das Land – soweit prinzipiell artikulationswillig – noch shell-shocked von der Ibiza-Bombe und reziprok erleichtert über eine neue Regierungspartei, die unzweifelhaft auf der richtigen Seite des Verfassungsbogens verortet ist. Drei Monate nach Regierungsbildung kam Corona wie eine biblische Plage über die Welt und verdrängte alles andere aus dem Blickwinkel. Wie wenig es da zwischen zwei vergleichsweise verantwortungsbewussten Parteien zu streiten gibt („vergleichsweise“ bezieht sich auf die realitätsnahe Vorstellung, Herbert Kickl hätte in dieser Zeit die Fäden gezogen), sieht man am Corona-Management in diesen Tagen: In der entscheidenden Frage nach einer Impfpflicht agieren Türkis und Grün kongruent, niemand wagt, die entsprechende Notwendigkeit auszusprechen – wie im Übrigen kein Regierungschef in der Europäischen Union und in Nordamerika. (In China liegt das eher an der mangelnden Effektivität des Impfstoffes, im Rest der Welt am Fehlen desselben.)
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as Wort „Streiten“ muss im Fokus einer Analyse der Koalition stehen. Ich finde es bedauerlich, dass dieses Streiten bisher nur in Spurenelementen vorhanden war (und dann meist begründet in taktischem Hickhack). Umso mehr freut es, dass die beiden Parteien sich nun endlich regelmäßig in die Wolle kriegen: Das ist der Wahrhaftigkeit zuträglich, und die Wahrheit ist dem Menschen nicht erst seit Ingeborg Bachmann zumutbar. Die Abwesenheit der Wahrhaftigkeit schadet dem Land, seit Sebastian Kurz und Werner Kogler ihre Unterschriften unter den Koalitionspakt gesetzt haben. Bekanntlich sind diese beiden Parteien wie Feuer und Wasser, was viele von
uns für ein immanent fatales Grundübel halten, was ich hingegen als eine Grundvoraussetzung sehe, um wichtige Dinge weiterzubringen. Während Volkspartei und Sozialdemokraten zankten, weil sie sich in ihrem Politikverständnis so ähnlich waren, müssen Volkspartei und Grüne streiten, weil sie mit ihren beiden zentralen Themen so gegensätzlich positioniert sind: Umweltschutz (der heute längst „Klimakatastrophe“ heißt) und Ausländer (was nun unter „Flüchtlinge“ firmiert). „Umwelt“ war bei den Grünen das Gründungsvokabel. Bei der Volkspartei hingegen steht Umwelt in einem Spannungsfeld zur Klientel der Unternehmer. „Ausländer“ wiederum ist für die Grünen ein Sinnbild für ihr liberales (ursprünglich utopisches) Gesellschaftsbild. Bei der Volkspartei hingegen steht das Fremde im Wort „Ausländer“ im Widerspruch zum bewahren wollenden Konservativismus. Vor allem Es braucht die aber und näher liegend Dialektik von verhalf und verhilft die restriktive Migrations- grüner Vision und politik Sebastian Kurz kapitalistischen ins Kanzleramt. Mitteln.
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or einigen Wochen brach der schwelende Disput endlich aus. Leonore Gewessler stellte ihre Klimapolitik auf scharf, was die Industrie aufheulen und den Kanzler mit dem Wort „Steinzeit“ outrieren ließ. An der anderen Ecke macht Afghanistan die Grenzen sichtbar: Der Vizekanzler spricht dem Koalitionspartner die „Menschlichkeit“ ab, ein grüner Landesrat sagt „Schande“ über den Null-Aufnahme-Kurs der ÖVP. Der Charme dieser Auseinandersetzungen: Sie müssen ausgefochten werden. Die Drohung mit einer schmutzigen Scheidung ginge ins Leere. Beide Parteien wollen regieren, beide können keine andere Mehrheit finden. Migration und Umwelt sind Determinanten für das Fortkommen der Menschheit. Im Konflikt zwischen In- und Ausländern, über Eingesessene und Hinzugekommene, über ethnische und religiöse Zugehörigkeit entzünden sich Kriege und zerfallen Staaten. Mit „Ausländer“ als Zunder versuchen rechtsextreme Parteien, die westlichen Demokratien sturmreif zu schießen. Die Klimapolitik andererseits entscheidet gesamthaft über das Bestehen der Welt und das Überleben aller. Da braucht es die Dialektik von grüner Vision und kapitalistischen Mitteln. Streitet! æ 29. August 2021 • profil 35 7
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DER STANDARD öffnet Türen: Das passende Zuhause unter tausenden Immobilienangeboten wartet auf Sie. Jetzt im STANDARD und auf derStandard.at
österreich RICHTERIN ZELLER Hilfe aus Luxemburg
Rainer Nikowitz
Trittsicher Die beste Wiener Ex-Vizebürgermeisterin, die die Grünen jemals entmachtet haben, hat endlich einen moralisch einwandfreien Grund zum Parteiaustritt gefunden.
PRIVAT
Kogler: Na endlich! Endlich hast di pubikumswirksam rächen kennan! Aber: Warum an mir? I hab di net abgsagelt. Hebein: Des hat damit überhaupt nix zu tun. Bei mir geht’s immer nur um Prinzipien. Kogler: Aber a Koalition is immer a Kompromiss. Hebein: Derzähl mir nix! Du vergisst wohl, dass ich auch Regierungserfahrung hab! Kogler: Wer könnte des vergessen? Wie locker du gschafft hast, sogar dem gemütlichen Ludwig mit deine Prinzipien so aufn Keks zu gehen, dass er di aus der Regierung gschmissen hat. Hebein: Typisch toxische Männlichkeit! Kogler: Klar. Was denn a sunst. Hebein: Wir müssen die afghanischen Feministinnen retten! Kogler: Super Idee! Und wie soll ma des machen? Soll i persönlich mit an Eurofighter hinfliegen auf den ma vorher „Love, Peace and Freedom“ draufgmalt ham? Hebein: Dann … müss ma zumindest sagen, dass ma die afghanischen Feministinnen retten wollen! Kogler: Verstehe. Wir retten sie also zumindest auf Facebook. Hebein: Und du musst den Kurz dazu bringen, dass er des auch sagt! Kogler: Und wenn net? Hebein: Dann musst du die Koalition platzen lassen. Werma ja sehen, wer dann nach den Neuwahlen blöd aus der Wäsch schaut! Kogler: I hätt da schon a vage Idee. Hebein: Und ich werd, weil ich so enttäuscht bin, endlich einen Schritt machen, für den die Zeit schon lang reif is: Ich werd die grüne Frauenpartei gründen! Kogler: Jetzt hab i a fixe Idee.
PETER HAJEK, UNIQUE RESEARCH
Richterin hilft Richterin. Schnell. Wie eine Juristin eine afghanische Kollegin unterstützte und warum sie dabei nicht das Außenministerium einschaltete.
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dith Zeller, Präsidentin der Europäischen Vereinigung der Verwaltungsrichter, erreichte am 20. August ein EMail einer Familienrichterin aus Mazar-i-Sharif, Afghanistan. Ein Hilferuf. Zwölf Jahre habe sie für den Staat gearbeitet und werde nun völlig im Stich gelassen. Sie sei mit ihrer Familie nach Kabul geflüchtet und halte sich dort versteckt. Sie habe eine Reihe von Taliban ins Gefängnis gebracht. Sie und ihre Familie fürchten um ihr Leben. Ihren Dienstausweis hatte die Richterin mitgeschickt. Zeller handelte rasch. An das österreichische Außenministerium wandte sie sich erst gar nicht, weil dessen Botschaft immer nur lautete, man nehme keine Flüchtlinge aus Afghanistan auf. Sie nutzte das europäische Richternetzwerk. Irgendjemand kennt immer jemand Wichtigen, der weiterhelfen kann, sagt die Erfahrung. In ihrem Fall war es ein Kollege aus Luxemburg, ein kleines Land, NATO-Mitglied. Der Kollege rief seinen Bekannten, den luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn, an. Belgische und niederländische Sicherheitskräfte halfen. Am 25. August ist die Richterin mit ihrer Familie in Luxemburg angekommen. Ein Asylantrag wurde gestellt. Für die Richterin „Shalima“, über die profil vergangene Woche berichtete, haben sich mittlerweile unter anderem die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet, das österreichische Justizministerium und die deutsche Frauenrechtsaktivistin Alice Schwarzer eingesetzt (sicher noch einige andere). „Shalima“ ist noch nicht gerettet. Es wird berichtet, sie befinde sich auf einer US-Prioritätenliste. CZ
Traumata der Vergangenheit
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ie Haltung der österreichischen Bevölkerung bleibt unverändert. Egal ob afghanische Flüchtlinge im Allgemeinen oder nur besonders gefährdete Personen, die Mehrheit möchte niemanden aufnehmen. Erleichtert wird den Menschen diese Haltung dadurch, dass Österreich im europäischen Vergleich in der Vergangenheit sehr viele Menschen aus Afghanistan aufgenommen hat. 2015 und die Folgejahre haben bei weiten Teilen der Bevölkerung tiefe Spuren hinterlassen. Die ÖVP wird ihre Position nicht ändern, denn auch sie weiß aus der Vergangenheit: Besetzt Türkis nicht diese Position, sind die Wähler schnell wieder im blauen Lager.
36% nein, ganz sicher nicht
15% ja, unbedingt
Soll Österreich besonders gefährdete Personen aus Afghanistan aufnehmen?
23% eher ja
18% eher nein Rest auf 100%: k. A., Methode: Online-Befragung Zielgruppe:Österr.Bevölkerungab16Jahren, Max. Schwankungsbreite der Ergebnisse: ±4,4Prozentpunkte, Sample: n = 500 Befragte, Feldarbeit: 23. bis 26. August 2021
29. August 2021 • profil 35 9
VON GERNOT BAUER
10 profil 35 • 29. August 2021
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or seiner Wahl zum ÖVP-Bundesobmann beim Parteitag in Linz am 1. Juli 2017 hielt Sebastian Kurz eine auffällig kurze Rede. Der Inhalt war dünn: „Wenn wir in einem Land zusammenstehen wie in einer Familie, dann ist das meine Vorstellung von einem erfolgreichen Österreich.“ Oder: „Wir brauchen wieder mehr Mut, um zu sagen, dass man sich bei uns anstrengen muss, wenn man etwas erreichen will.“ Mehr war auch nicht nötig. Die türkise Neuerscheinung in Person eines strahlenden Retters reichte den leidgeprüften schwarzen Delegierten. Kurz erhielt 98,7 Prozent. Am Samstag, nach Redaktionsschluss von profil, stellte sich Kurz beim Parteitag in Sankt Pölten der Wiederwahl. Mit einem ähnlichen Ergebnis wie vier Jahre zuvor war zu rechnen. Immerhin brachte Kurz den Kanzlerposten. Die Frische ist allerdings verflogen, groß waren die Belastungen der ersten Amtszeit: zwei Neuwahlen, Ibiza-Skandal, Abwahl als Bundeskanzler durch einen Misstrauensantrag im Parlament, türkisgrünes Experiment und vor allem: Corona. Im Ibiza-UAusschuss wurde der Charakter des Kanzlers infrage gestellt. Peinlich-pubertäre Chats zeigten, dass Kurz unter „Familie“ anderes verstand als in seiner Parteitagsrede in Linz. Sein Alleinstellungsmerkmal, den „neuen Stil“, hat er damit beschädigt. Zudem soll er im U-Ausschuss als Zeuge die Unwahrheit gesagt haben, die Korruptionsstaatsanwaltschaft ermittelt. Mag Kurz auch angeschlagen sein, die ÖVP steht hinter ihm. Sein Amt als Regierungschef verleiht ihm innerparteiliche Autorität. Einen Kanzler kritisiert man nicht öffentlich. Auch am geschlossenen Auftreten mag es liegen, dass die ÖVP trotz aller Probleme in der aktuellen profil-Umfrage auf stabile 35 Prozent kommt. In der fiktiven Kanzler-Wahl liegt Kurz weit vor den anderen Parteichefs. Der ÖVP-Obmann hat also jeden Grund, auch weiterhin seine Erfolgsformel anzuwenden: hemmungslose Vereinfachung. Die Kunst der Simplifizierung zeigte Kurz bereits im Außenministeramt, als er selbstbewusst verbreitete, „die Balkanroute“ für Flüchtlinge gleichsam im Alleingang „geschlossen zu haben“. Zum einen gab es nicht nur eine Route, zum zweiten kamen über die „geschlossene“ Route weiter Flüchtlinge ins Land, und zum dritten war die Abriegelung der Grenzen ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Staaten. Die Themen „Flüchtlinge, Asyl, Migration“ vertragen nach türkisem Verständnis unterkomplexe Darstellungen. Auch dieser Tage präsentieren Kurz und Innenminister Karl Nehammer einfache Lösungen: Damit Österreich Afghanen abschieben könne, sollten in den Nachbarländern Abschiebezentren eingerichtet werden. Rückmeldungen aus Usbekistan, Tadschikistan oder Turkmenistan gibt es noch keine.
Auch wirtschaftspolitische Konzepte des Kanzlers, die er etwa in einer Rede vor einem Jahr präsentierte, sind bisweilen simpel: „Wenn wir es alle gemeinsam schaffen, dass 20 Prozent regionale Produkte mehr in Österreich gekauft werden, dann schafft das bis zu 50.000 zusätzliche Jobs und bringt eine Wertschöpfung von rund fünf Milliarden Euro.“ Sein Austria-FirstKonzept übernahm Kurz aus einer Sieben-Seiten-Studie der österreichischen Hagelversicherung. Dass ohne billigere Importe Lebensmittel für die Konsumenten teurer und Effekte aus dem Buy-Austrian-Ansatz verpuffen würden, ließ Kurz unberücksichtigt. Zudem wirkt es befremdlich, wenn ausgerechnet der Regierungschef einer Exportnation vor Importen warnt. Eindimensional fällt auch die türkise Beurteilung des EUSüdamerika-Freihandelsabkommens Mercosur aus. Was den heimischen Bauern Konkurrenz macht, wird abgelehnt, mag die Export-Industrie auch noch so viel jammern. Beschäftigungspolitische Fragen bringt Kurz ebenfalls unkompliziert auf den Punkt: „Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur mehr die Kinder in der Früh aufstehen, um zur Schule zu gehen.“ Als im Mai die Hamas Raketen auf Israel abfeuerte, ließ Kurz die israelische Fahne auf dem Dach des Kanzleramts aufziehen. Was als Akt der Solidarität gut gemeint war, widersprach den komplexen diplomatischen Usancen. Auch Symbolik ist Vereinfachung. Der Schriftsteller Michael Köhlmeier sagte in einem profil-Interview: „Ich hörte Kurz noch nie anders reden als in Phrasen. Nie ein Stolpern beim Sprechen, das darauf schließen ließe, dass er während des Redens am Denken ist. Kurz spricht in einer Abfolge vorgefasster Formeln.“ Allerdings erreicht er damit das Publikum. Mehr braucht ein Politiker nicht zu können. Wer seine Botschaft kontrollieren will, muss sie einfach gestalten. Komplexität verwirrt, das KISSPrinzip („Keep it short and simple“) wirkt. „Kurz verwendet nie ausgefallene Worte, gewagte Formulierungen, rhetorische Kunststückchen“, analysierte profil schon 2018 Kurz’ Rhetorik. Wenn er sie doch verwendet, tut er es gezielt. In Interviews Ende Juli kritisierte Kurz die Pläne von Umweltministerin Leonore Gewessler, Infrastrukturprojekte neu zu evaluieren, und erklärte, die Klimakrise sei auch ohne Verzicht zu lösen: „Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass unser Weg zurück in die Steinzeit sein sollte.“ Dazu schwor er, unter ihm würde es keinen „KlimaLockdown“ geben. Für Kurz’sche Standards waren beide Formulierungen hochoriginell. Aber noch selten wurden Maßnahmen gegen den Klimawandel öffentlich derart plump diskreditiert .
GEORGES SCHNEIDER / PICTUREDESK.COM
ÖSTERREICH
Der Reiz des Simplen Sebastian Kurz geht in seine zweite Periode als ÖVP-Obmann. Seine Erfolgsformel wird die gleiche bleiben: Vereinfachung ohne Hemmung.
ÖSTERREICH
Herzschmerz Turbulenzen in Wien, Wahlkampf in Oberösterreich, Afghanistan-Debatte: Die Grünen ringen – wieder einmal – mit ihrer Rolle.
„D
12 profil 35 • 29. August 2021
und politische Verpflichtung“ einzumahnen, „jenen Schutz zu bieten, die ihr Land verlassen müssen“. In Oberösterreich läuft derweil die Kampagne für die Landtagswahl an. Die ÖVP könnte am 26. September einen Landesrat zurückholen, in der Regierung de facto auf die Absolute kommen und sich dann den Partner im Landtag aussuchen: Weiter mit der FPÖ? Zurück zu den Grünen? Der Grüne Stefan Kaineder wirbt in den großen Schuhen seines Vorgängers Rudi Anschober um Stimmen, APA/FOTOKERSCHI.AT/WERNER KERSCHBAUM
ie grüne Politik (…) erreicht nicht mehr mein Herz.“ Via Facebook brach Birgit Hebein, ExParteichefin der Wiener Grünen, nicht undramatisch nun mit ihrer Partei. Das Experiment des Mitregierens sei am Ende, man steuere „in eine türkis-autoritäre Richtung“. Ein lauter Abgang einer Frau, die das türkis-grüne Regierungsprogramm mitverhandelt hat. Die Grünen im Bund bemühten sich dennoch, die Causa mit Schweigen zu übergehen. Nicht wenige in den eigenen Reihen teilen Hebeins Befund zwar, aber nicht alle nehmen ihr die Enttäuschung ab. Sollte nicht gerade Hebein die Spielräume kennen? Als es beim Bundeskongress Anfang 2020 galt, die Basis darauf einzuschwören, dass man für Klimaschutzvorhaben bereit sein müsse, anderswo nachzugeben, ging sie als erste Rednerin ans Pult. Dennoch: Diese Pille war bitter – und ist es noch. Vor allem für die grüne Menschenrechtsszene. Schülerinnen wurden abgeschoben, Flüchtlinge nicht aus den überfüllten griechischen Lagern geholt, und nun dürfen selbst an Leib und Leben bedrohte afghanische Journalistinnen und NGO-Mitarbeiter nicht ins Land, weil sich die ÖVP unter Sebastian Kurz durch nichts davon abbringen lässt, dass es Hilfe nur „vor Ort“ geben dürfe. Sigrid Maurer bemüht sich als Klubobfrau, den Frust zu kanalisieren. Der Ton wird durchaus schärfer, wie beim Grünen-Landesrat aus Vorarlberg, Johannes Rauch, der den Afghanistan-Kurs vergangene Woche als „Schande“ bezeichnete. Vizekanzler Werner Kogler legte drauf, er vermisse bei der ÖVP die „notwendige Menschlichkeit“, und warnte vor einem Schaden für das Ansehen Österreichs. Ansonsten überlässt man es dem Bundespräsidenten, die „rechtliche, moralische
GRÜNE SPITZE: KOGLER, GEWESSLER, MAURER, MAYER Bittere Pillen vom Koalitionspartner
fokussiert auf „Wir wollen die Welt retten“-Klimabotschaften und ließe gerne vergessen, dass er auch für Integration zuständig ist. AfghanistanDebatten, so das Kalkül, nützen bloß dem Gegner. Wie es im ÖVP-regierten Oberösterreich weitergeht, ist im Bund durchaus von Belang: Paktieren die Türkisen erneut mit den Freiheitlichen, stärkt das jene Grünen, die ohnedies überzeugt sind, dass sich der Regierungspartner lieber mit den Blauen zusammentäte, und es auch schwer verkraften, dass ihre Partei half, einen Wunschkandidaten der Türkisen an die ORF-Spitze zu hieven und den Ibiza-U-Ausschuss zu beenden. EDITH MEINHART
Der ÖVP-Bundesparteiobmann ist ein Generalist ohne Spezialwissen. Auch seine Vorgänger waren Berufspolitiker, hatten aber aufgrund ihrer Laufbahn spezifische Kenntnisse. Wolfgang Schüssel und Reinhold Mitterlehner waren vor ihren Ministerämtern Generalsekretäre im ÖVP-Wirtschaftsbund, Josef Pröll Direktor des schwarzen Bauernbunds, Michael Spindelegger Chef des Arbeitnehmerbundes ÖAAB. Sebastian Kurz war Obmann der Jungen ÖVP. Dort erwarb er keine Sach-, aber umso mehr Machtkenntnisse. Im Werdegang erinnert Kurz mehr an Ex-SPÖ-Kanzler Werner Faymann als etwa an Wolfgang Schüssel. Der letzte ÖVP-Kanzler vor Kurz lud Philosophen zum Gedankenaustausch ins Kanzleramt. Sebastian Kurz schätzt Tatkraft, nicht Konzeptionen. Er ist ein Obmann, der eigentlich kein Parteiprogramm braucht. Das aktuell gültige beschloss die Partei 2015 unter der Regie von Gernot Blümel, heute Wiener ÖVP-Chef, damals Generalsekretär. Am Parteitag in Sankt Pölten wurde ein Leitantrag der ÖVP-Zentrale behandelt, der das türkise Grundsatzprogramm ergänzt. Die „Vision für die politische Arbeit der nächsten Jahre“ fällt dürftig aus. Unter dem Punkt „Für ein sicheres Österreich“ ist zu lesen: „Ein sicheres Österreich bedeutet für uns, dass jeder vor Gewalt und Verbrechen sicher ist.“ Zum Punkt „Für ein erfolgreiches Österreich“: „Die Krise hat uns gezeigt, dass die Digitalisierung Teil unseres Alltags ist.“ Und unter „Für ein lebenswertes Österreich“ wird „Technologieoffenheit anstatt Auto-Feindlichkeit und Straßenstopp“ garantiert. Kürzer und würziger hätte es auch FPÖ-Chef Herbert Kickl nicht formulieren können. Von Erhard Busek, Bundesparteiobmann von 1991 bis 1995, hieß es in der ÖVP spöttisch, er sei „zu gescheit“ für die Politik. Sollte heißen: „zu überheblich“. Wer es schafft, mit 31 Jahren Bundeskanzler zu werden, ist zweifellos hochintelligent. Kurz versteht es, die eigenen Taten („Schließung der Balkanroute“) zu überhöhen, sich selbst aber zurückzunehmen. Nur manchmal, wenn er etwa in Interviews gereizt wird, bricht Arroganz durch. Schon bei der Übernahme der ÖVP vor vier Jahren nutzte Kurz die Simplifizierung als politische Technik. Vereinfachung bedeutete „Entweder-oder“. Im engsten Kreis um Kurz zirkulierten drei Begriffspaare, an denen die Strategie ausgerichtet wurde: neu/alt; warm/kalt; hell/dunkel. „Neu“ war die türkise ÖVP. „Warm“ bedeutete, die Bürger nicht durch Reformen zu verschrecken. Und „hell“ hieß, harte FPÖ-Positionen zu übernehmen, aber menschlich zu verkaufen. Das Denken in einfachen Gegensätzen zählt zu Kurz’ Eigenheiten. In seiner Welt gibt es Frühaufsteher und Langschläfer, Verbündete und Gegner, Gewinner und Verlierer. Bisher lief für den wiedergewählten ÖVP-Obmann alles nach Plan: Seine Gegner waren stets die Verlierer. Um Kurz zu schlagen, muss man aus ÖVP-Sicht eben früher aufstehen. æ
Manche Spinner erkennt man sofort. Warum tun wir uns damit im Netz so schwer?
Fake News tragen keinen Alu-Hut. Und ihre Quellen wirken allzu oft auf den ersten Blick seriös. Bei den Mitgliedern des VÖZ ist Verlass darauf, dass sie nach den Regeln des Ehrenkodex der österreichischen Presse agieren. dubistwasduliest.at
DU BIST, WAS DU LIEST.
ÖSTERREICH
„Heimlichkeitsdelikt“ Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wurde – nicht rechtskräftig – wegen Bestechlichkeit verurteilt. Ein Schlüsselmoment in der rechtlichen Aufarbeitung der Ibiza-Affäre.
APA / GEORG HOCHMUTH
„FEHLURTEIL“ Der frühere Vizekanzler Heinz-Christian Strache zeigte sich „überrascht“ und „schockiert“. Er will in Berufung gehen.
14 profil 35 • 29. August 2021
VON STEFAN MELICHAR
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ien, Straflandesgericht, Großer Schwurgerichtssaal am vergangenen Freitag. Eine Stunde lang erklärt Richterin Claudia Moravec-Loidolt das Urteil, das sie soeben mündlich gefällt hat. „Im Namen der Republik“ verurteilt sie den ehemaligen Vizekanzler ebendieser Republik zu 15 Monaten Haft auf Bewährung – wegen Bestechlichkeit. HeinzChristian Strache hört regungslos zu, als sich die Richterin direkt an ihn wendet: Er habe als Politiker eine besondere Rolle gehabt, sagt Moravec-Loidolt. Das Vertrauen dürfe nicht erschüttert werden. „Eine Käuflichkeit von Amtsträgern muss unterbunden werden.“ Harte Worte am Ende eines potenziell richtungsweisenden Prozesses. Über insgesamt sechs Verhandlungstage hinweg hat das Gericht eine Indizienkette herausgearbeitet und ist zum Schluss gekommen, dass sich Strache auf unerlaubte Weise für einen befreundeten Unternehmer eingesetzt habe, und zwar im Gegenzug für Par-
teispenden. Der Unternehmer – Eigentümer einer Wiener Privatklinik – fasste seinerseits wegen Bestechung zwölf Monate Haft auf Bewährung aus. Zu zwei Anklagepunkten gab es Freisprüche – „im Zweifel“, wie die Richterin darlegte. Die Urteile sind jedenfalls nicht rechtskräftig. Beide Angeklagten haben angekündigt, dagegen zu berufen. Die Vorwürfe reichen zurück ins Jahr 2016, als Strache noch Nationalratsabgeordneter war. Der befreundete Unternehmer hatte seit Jahren erfolglos zu erreichen versucht, dass seine Klinik in den Privatkrankenanstalten-Finanzierungsfonds (Prikraf) aufgenommen wird. Der Prikraf erleichtert die Abrechnung für Privatspitäler derart, dass jene, die nicht Teil davon sind, durchaus einen signifikanten Wettbewerbsnachteil haben können. In Strache fand der Unternehmer letztlich jemanden, der sich für sein Anliegen einsetzte. Das Gericht kam zum Schluss, dass dies auf unerlaubte Weise erfolgte. Strache soll sich demnach – zusammengefasst – erst nach einer Parteispende über 2000 Euro im Oktober 2016 politisch für das Thema stark gemacht haben. Er involvierte zunächst einen weiteren damaligen FPÖ-Abgeordneten, einen Rechtsanwalt, der das Thema prüfte. Im Februar 2017 gab es eine Pressekonferenz, im Juni 2017 einen Initiativantrag für eine Gesetzesänderung. Im August 2017 folgte dann eine weitere Parteispende – diesmal über 10.000 Euro. Im Initiativantrag erblickt das Gericht ein Amtsgeschäft, ebenso in Gesprächen Straches mit anderen Abgeordneten mit Blick auf einen möglichen Gesetzwerdungsprozess. Strache habe dabei pflichtwidrig gehandelt, da letztlich immer das Interesse des Unternehmers im Vordergrund gestanden sei, urteilte die Richterin. Dass Strache den Initiativantrag nicht selbst unterschrieben hat, ändert nichts an der Entscheidung. Moravec-Loidolt verwies mehrmals darauf, dass Korruption eben ein „Heimlichkeitsdelikt“ sei. Der Ex-FPÖ-Chef zeigte sich nach der Verhandlung „zutiefst überrascht, aber auch geschockt“. Es handle sich um ein Fehlurteil, sagte Strache zu Journalisten. Er sei in Zusammenhang mit dem Prikraf „aus tiefster Überzeugung gegen einen Missstand, ein Unrecht“ tätig geworden. Ihm würden Dinge zugeschoben, die nicht passiert seien. Auch wenn das Urteil noch lange nicht rechtskräftig ist: Es handelt sich zweifelsohne um einen Schlüsselmoment in der rechtlichen Aufarbeitung der Ibiza-Affäre. Seit mehr als zwei Jahren ermittelt die
„Mir werden Dinge zugeschoben, die nicht passiert sind.“ Heinz-Christian Strache, ehemaliger FPÖ-Chef
Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA). Unmengen an Chatnachrichten von sichergestellten Mobiltelefonen wurden ausgewertet, Dokumente gesichtet, Zusammenhänge hergestellt und Verdachtslagen darauf aufgebaut. Schwerwiegende Vorwürfe, von denen zahlreiche ehemalige, teilweise aber auch aktive Regierungsmitglieder betroffen sind. Gerüchteweise soll in den vergangenen Wochen manch Betroffener in eigener Sache auf Freisprüche im Strache-Verfahren gehofft haben. Es wäre jedenfalls Wasser auf die Mühlen der WKStA-Kritiker gewesen. Auch wenn sich die Qualität einer Staatsanwaltschaft nicht an Verurteilungen messen lässt: Das erstinstanzliche Bestechungsurteil gegen Strache ist auch dahingehend ein Signal, dass die grundlegende Herangehensweise der WKStA bei den Ermittlungen im Ibiza- und im daran anknüpfenden Casino-Komplex vor einem unabhängigen Gericht Bestand haben kann – jedenfalls in wesentlichen Teilen. Direkte Auswirkungen auf andere Stränge des umfangreichen Ermittlungskomplexes sind schwer einzuschätzen. Hier kommt es auch auf die Details an, die jeweils durchaus unterschiedlich gelagert sein können. Das Strache-Urteil zeigt aber jedenfalls eines: Selbst wenn Bestechung nach der österreichischen Rechtslage schwierig nachzuweisen ist – eine Verurteilung ist möglich. Und dafür bedarf es nicht unbedingt einer völlig unumstößlichen „Smoking gun“ in Form einer heimlichen Videoaufnahme oder eines ähnlich plakativen Beweismittels. Es genügt eine entsprechend dichte Indizienkette. Wo liegt die Herausforderung? Damit Bestechung im strafrechtlichen Sinn verwirklicht ist, genügt es nicht, dass auf der einen Seite ein Vorteil gewährt wird und auf der anderen Seite ein Politiker ein Amtsgeschäft ausführt. Nachgewiesen werden muss, dass ein Konnex besteht. Strache und der mitverurteilte Unternehmer bestreiten genau diesen Zusammenhang. Das Gericht in erster Instanz sieht ihn als erwiesen an – auch auf Basis von ausgewerteten Chatnachrichten. So fragte Strache den Unternehmer zum Beispiel
knapp vor dem Start der Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP im Oktober 2017: „Welches Bundes-Gesetz wäre für dich wichtig, damit die Privatklinik endlich fair behandelt wird? Prikraf!“ Tatsächlich kam es später zu einer entsprechenden Gesetzesänderung. Doch auch Aussagen von Zeugen und andere herausgearbeitete Fakten vervollständigen aus Sicht des Gerichts die belastende Indizienkette. Die erste – aus Sicht der Richterin für das Aktivwerden Straches ausschlaggebende – Parteispende wurde überhaupt erst im Zuge der Hauptverhandlung bekannt. Bis dahin hatte es immer geheißen, es hätte nur eine Spende gegeben, und zwar die zeitlich nachgelagerte. Auch eine langjährige Buchhaltungsmitarbeiterin der FPÖ sagte das als Zeugin aus – bis ein Oberstaatsanwalt der WKStA einen brandneuen Fund aus Straches Handy-Daten präsentierte: eine Spenderliste, auf der auch die frühere Zuwendung aufschien. Dass Parteispenden, die formal völlig korrekt getätigt wurden, Bestechungszahlungen darstellen können, ist eine weitere zentrale Erkenntnis des nunmehrigen Gerichtsurteils. Schon gar nicht notwendig ist demnach persönliche Bereicherung – eine solche sah das Gericht bei Strache dezidiert nicht als gegeben an. Manchen Beobachter mag zudem überraschen, dass ein Gericht Vorgänge, die im Polit-Betrieb vielleicht als Automatismus abgetan werden, nach streng rechtlichen Maßstäben beurteilt. Durchaus möglich, dass das in Zukunft zu einem gewissen Problembewusstsein und zu mehr Transparenz in der politischen Arbeit führt. Was den Prikraf selbst betrifft, hat das Verfahren sehr wohl offengelegt, dass der Zugang zum Abrechnungssystem letztlich nicht auf Basis objektiver Kriterien gewährt wird, sondern einer gewissen Willkür Tür und Tor geöffnet ist. Zuletzt gab es diesbezüglich auch Rufe nach einer Reform. Strafrechtlich ist das Thema auch noch nicht gegessen: Es gibt ein weiteres Ermittlungsverfahren, bei dem der Prikraf eine Rolle spielt. Dort geht es um andere Beschuldigte und um eine Parteispende an die ÖVP – alle Betroffenen bestreiten sämtliche Vorwürfe. Sein Ärger über die Nichtaufnahme in den Prikraf sei „menschlich durchaus nachvollziehbar“, sagte die Richterin zum Privatklinik-Besitzer bei der Urteilsverkündung. Aber: Der Ärger rechtfertige nicht den Griff in die Kasse für die Bestechung eines Nationalratsabgeordneten. „Dafür gibt es keine Rechtfertigung und darf es keine Rechtfertigung geben.“ æ 29. August 2021 • profil 35 15
ÖSTERREICH
TEXT UND FOTOS VON JOHANNES BRUCKENBERGER
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ad Ischl im August 2021: Um den Geburtstag von Kaiser Franz Josef am 18. August erreicht die Sommersaison ihren Höhepunkt. Touristen strömen in die Stadt, um Ischls k. u. k. Attraktionen zu besuchen. Im Hubertushof neben der Kaiservilla kümmert sich Ernst Strasser um anreisende Gäste. Der einst mächtige ÖVP-Innenminister und EU-Abgeordnete, der 2011 wegen Korruption und Bestechlichkeit aus allen politischen Funktionen schied und einen tiefen Fall erlebte, hat sich in Ischl eine neue Existenz fern der Politik aufgebaut. 2019 kauften seine Frau und er den renommierten Hubertushof. Strasser hilft an der Hotelrezeption bei Buchungen, serviert im Wirtshaus Getränke und führt dazwischen Schmäh mit Gästen. „Ich bin hier der Hausl“, legt der Hotelier seine Rolle demütig an. Draußen in der Stadt tobt derweilen eine Wahlkampfschlacht, die ganz nach dem Geschmack des früheren Wahlkämpfers Strasser wäre, während der oberösterreichische Landtagswahlkampf gemächlich vor sich hinläuft. Die ÖVP hat mit Landeshauptmann Thomas Stelzer neben einer Ibiza-geschwächten FPÖ und einer orientierungslosen SPÖ mit sommerlichen Wohlfühlbotschaften der Marke „Bleib so, Oberösterreich“ einen Start-Ziel-Sieg im Visier. Holt die ÖVP, die derzeit auf 21 Sitze im Landtag kommt, die absolute Mehrheit in der Regierung zurück, was Umfragen zufolge möglich ist, kann sie es sich aussuchen, ob sie weiter mit den Freiheitlichen regiert, wieder auf die Grünen einschwenkt oder – eher unwahrscheinlich – sich wie in den alten, großkoalitionären Zeiten mit der SPÖ zusammentut. Spannend wird es am Wahltag vor allem für FPÖ-Frontman Manfred Haimbuchner. Die Flüchtlingsbewegung hatte den Freiheitlichen 2015 Wind unter den Flügeln und ein Rekordergebnis von 30,4 Prozent verschafft. Nun könnten sie ihre de facto einzige Koalition auf Landesebene verspielen. Die Sozialdemokraten hingegen brachen bei der vergangenen Oberösterreich-Wahl dramatisch ein. Derzeit deutet wenig darauf hin, dass sie es am 26. September schaffen, verloren gegangenes Terrain in nennenswertem Ausmaß wettzumachen. Im Verhältnis dazu spielt sich vor den Augen der Ischler ein Politdrama ab, das locker Stoff für mehrere Folgen „Borgen“ oder „House of Cards“ liefern könnte. Mithilfe des ehemaligen SPÖ-Politikers Hannes Mathes will die ÖVP die amtierende SPÖ-Bürgermeisterin Ines Schiller stürzen und im Inneren Salzkammergut eine der letzten roten Hochburgen umdrehen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Interne SPÖ-Umfragen sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schiller und Mathes. „Ich glaube, dass es eng wird und schwer, im ersten Wahlgang über 50 Prozent zu kommen“, sagt Schiller. Die SPÖ regierte zuletzt mit einer relativen Mehrheit im Gemeinderat, aber einer absoluten Mehrheit im Stadtsenat. Diese Vormachtstellung ist so gut wie weg. Politische Beobachter rechnen fix mit einer Stichwahl um das Bürgermeisteramt. Um die außergewöhnliche Konstellation in Bad Ischl zu begreifen, muss man zwei Jahre zurückge-
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Die Schlacht um Ischl Türkis gegen Rot im Salzkammergut, das ist Brutalität: In der SPÖHochburg Bad Ischl toben seit Monaten nie gekannte politische Kämpfe. Mit einem Ex-Roten will die ÖVP dort die Bürgermeisterin stürzen. Im Vergleich dazu nimmt sich der Wahlkampf im Rest Oberösterreichs fast gesittet aus.
WAHLPLAKAT 2021 ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer schaut vom Hausberg Katrin auf den Battleground Bad Ischl hinunter.
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ÖSTERREICH
hen: Die Stadt wird von Bürgermeister Hannes Heide regiert. Seit 2007 führt er die Geschäfte. Heide ist der Treiber hinter der Bewerbung der Salzkammergutgemeinden um den Titel der EU-Kulturhauptstadt 2024. Bei der vergangenen Bürgermeisterwahl 2015 erreichte er im ersten Wahlgang 71 Prozent, seine SPÖ kam bei der Gemeinderatswahl auf 46,5 Prozent. Heide gilt als einer der beliebtesten Bürgermeister in der politischen Geschichte Ischls. Er hat ein gutes Gespür für die Bedürfnisse der Stadt und ihrer Einwohner und strahlt weit über die SPÖ-Wählerschaft hinaus. Bei einem neuerlichen Antreten wäre ihm eine weitere Periode als Stadtoberhaupt sicher. Mit der EU-Wahl 2019 aber wird Heide für die SPÖ ins EUParlament gewählt, das Bürgermeisteramt möchte er zum Jahreswechsel 2019/2020 abgeben. Die Nachfolge ist geregelt. Vizebürgermeister und StadtparteiBÜRGERMEISTERIN enttäuschten SPÖlern bekniet, mit einer eigenen Liste obmann Josef Reisenbichler soll übernehmen. Doch SCHILLER (SPÖ), bei der Gemeinderatswahl anzutreten. Im Jänner gibt im Sommer 2019 stirbt Reisenbichler plötzlich an HERAUSFORDERER es erste Kontakte zur ÖVP. Die Volkspartei landete bei einem Herzinfarkt, und in der SPÖ bricht ein Streit UND EX-ROTER der Wahl 2015 mit 21,4 Prozent knapp hinter der FPÖ um die Führung aus. Ines Schiller, langjährige SozialMATHES (RECHTS) Knappes Rennen, auf dem dritten Platz. Die Blauen kamen auf 22 Prostadträtin und Lebensgefährtin Heides, und auf der viele Untergriffe: anderen Seite Hannes Mathes, damals Landesgezent. Als „g’schminkte Leich“ wird die Ischler ÖVP daBeobachter rechnen mals gesehen, einen zugkräftigen Kandidaten gegen schäftsführer der Salzburger SPÖ und davor als Stadtfix mit einer Stichdie übermächtige SPÖ hat man nicht bei der Hand. So rat und Fraktionschef in der Ischler SPÖ aktiv, dränwahl. entsteht die Idee eines Bündnisses mit dem Ex-Roten gen nach vorn und melden ihren Anspruch auf das Mathes, und in der ÖVP wittern einige die einmalige Bürgermeisteramt an. Schiller setzt sich mit UnterChance, Bad Ischl umzudrehen. stützung Heides durch. Anfang 2020 wählt sie der GeIm März verdichten sich die Gerüchte, dass der meinderat zur Bürgermeisterin. Die innerfamiliäre SPÖ-Politiker und die ÖVP gemeinsame Sache maAmtsübergabe sorgt für Irritation und hinterlässt in chen. Zwei führende ÖVP-Stadtpolitiker werfen das der Stadt-SPÖ bis heute offene Wunden. Handtuch, weil sie mit den Plänen ihrer Partei nicht Schiller ist links, sozial, engagiert, direkt, mancheinverstanden sind. Mit der Bürgerplattform „Ischl mal undiplomatisch und kommt mit dieser Mikann mehr“ wird ein Testballon gestartet. Wenige schung bei der Bevölkerung nicht so gut an wie ihr Wochen später verkündet Mathes sein Antreten mit Vorgänger und Lebensgefährte. Als sie noch vor einer überparteilichen Liste. Die ÖVP ist mit an Bord. Amtsantritt im Auftrag des roten Samariterbunds De„Wir haben uns gefunden, thematisch cken und Medikamente ins bosnische abgesprochen und eine ZukunftspartFlüchtlingslager Bihac bringt, erhält sie 60 Landtagswahlen in OÖ seit 1945 nerschaft gemacht. Die Grundlage ist, Drohungen. Dass sie im Pfarrheim das dass es überparteilich bleibt“, erklärt erste Ischler Fastenbrechen mit musli50 Mathes seinen Seitenwechsel. Name und mischen Mitbürgern veranstaltet, wird ÖVP Programm der Liste: „Zukunft Ischl“. ebenfalls kritisch gesehen. Während der 40 36,4% In der Stadt läuft nun eine WahlCorona-Pandemie, die den vom TourisFPÖ mus abhängigen Ort hart trifft, wird 30,4% kampfmaschinerie an, hinter der politi30 sche Beobachter die Handschrift der ÖVP Schiller aber auch von Kritikern gute SPÖ erkennen. Die Kampagne erinnert an Arbeit attestiert. Für Unmut sorgen hin18,4% 20 eine Mischung aus dem türkisen Natiogegen Stadtentwicklungs- und BauproNichtwähler Grüne 10,3% nalratswahlkampf 2017 und der Gejekte, gegen die sich mehrere Bürgerini10 meinderatswahl in Amstetten 2020. Ein tiativen bilden. KPÖ 0,8% Berater mit Erfahrung aus niederösterRund um den Jahreswechsel 2015 reichischen Kommunalwahlkämpfen 2020/2021 wird Hannes Mathes von 1945 Quelle: Amt der Oö. Landesregierung, Abteilung Statistik
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soll als Mastermind hinter der Kampagne stehen. Mathes verweist auf „viele Stunden Strategieschulung“ in der Salzburger SPÖ und präsentiert im Wochentakt Themen und Kandidaten. Darunter drei Töchter des SPÖ-Politikers Reisenbichler, dessen Tod die Machtkämpfe in der Ischler Stadtpolitik erst ausgelöst hatte. Folder und Zeitungen werden an die 7300 Ischler Haushalte verteilt. Themen- und Kandidatencluster werden für die lokalen Medien professionell aufbereitet. Message Control in a Nutshell. Auch in den sozialen Netzwerken bricht der Wahlkampf los. „Ischl wird schlecht regiert“, so die zentrale Botschaft der Liste Mathes. Streitpunkte sind schnell gefunden: die schlechte Bausubstanz der Ischler Schulen, Verzögerungen und Mehrkosten für den Wiederaufbau der abgebrannten Tennishalle, Probleme mit Drogendealern und jugendlichen Rauschgiftkonsumenten, zu wenig Parkplätze, der Mobilfunkausbau 5G oder die Zukunft des Lehartheaters sorgen für Kontroversen zwischen den Anhängern von Mathes und Schiller. „Enttäuschte oder Leute, die etwas werden wollten, das sie nicht geworden sind, machen jetzt die Gemeinde schlecht. Das ist keine Bürgerliste, sondern die Mathes-ÖVP“, sagt Schiller. Mathes wirft Schiller im Gegenzug zu wenig Bürgernähe vor: „Es gibt Unmut, weil man die Bürger bei verschiedenen Projekten zu wenig einbezieht.“ Im Juli startet der Intensivwahlkampf. Im Ischler Stadtfernsehen stellen sich Schiller (SPÖ) und Mathes (Ex-SPÖ) gemeinsam mit Anton Fuchs, der für die FPÖ antritt, und dem Grünen Martin Schott einer ersten TV-Konfrontation. Für FPÖ und Grüne ist im Bürgermeisterduell wenig Platz. Fuchs nutzt die TV-Diskussion deshalb für einen Frontalangriff auf Mathes und bezeichnet den studierten Juristen als „Chefankläger von Bad Ischl“. Unterstützung für Mathes gibt es hingegen von Landeshauptmann Thomas Stelzer. „In Bad Ischl gilt dasselbe wie für uns in Oberösterreich: Es kommt auf das Miteinander an – das Zusammenhelfen und Zusammenarbeiten“, so Stelzer. Das Engagement Mathes’ sei „ein wertvolles Bestreben für dieses Miteinander“. Der schwarze Landeshauptmann posiert mit dem SPÖ-Dissidenten auf Fotos, und Stelzer blickt auf einem Sujet der Sommerplakatserie vom Ischler Hausberg Katrin auf den Battleground Bad Ischl. „Plan der ÖVP ist es, dass die SPÖ-Stärke in Ischl gebrochen wird“, so Bürgermeisterin Schiller. Mathes, der sein rotes Parteibuch wenige Stunden vor Bekanntgabe seiner Kandidatur zurückgelegt hatte, bereitet das kein Kopfzerbrechen. „Sollte ich gewinnen, ist definitiv kein SPÖler, aber auch kein ÖVPler Bürgermeister. Es ist eine überparteiliche Geschichte.“ Er sei kein versteckter Türkiser und kein Ischler Sebastian Kurz. In der SPÖ gilt Mathes seit jeher als untypischer Roter: bodenständig, im Nebenerwerb Biobauer, Kirchgänger, in Sachen Kindererziehung eher auf der konservativen Seite, mit Sinn für Gerechtigkeit und Leistung. Fraktionschef, Stadtrat und Vizeparteiobmann waren seine Stationen in der Stadtpartei. Von 2016 bis 2020 war er Landesgeschäftsführer in der Salzburger SPÖ.
„Wenn Ischl fällt, ist das eine Katastrophe.“ Ein SPÖ-Politiker, der anonym bleiben möchte
KAISERGEDENKEN IN NOSTALGISCHER ADJUSTIERUNG IM KURPARK Rund um den 18. August steht Bad Ischl im Zeichen des Geburtstags von Kaiser Franz Josef.
Seit 1949 stellt die Ischler SPÖ den Bürgermeister. Dass diese rote Dominanz beendet werden könnte, sorgt auch in benachbarten SPÖ-Gemeinden für Sorge. Das Innere Salzkammergut gilt in Oberösterreich als „Red Canyon“. Ebensee, Bad Ischl, Bad Goisern, Gosau, Hallstatt und Obertraun sind seit Jahrzehnten rote Hochburgen. Die ÖVP spielte immer nur eine untergeordnete Rolle. „Wenn Ischl fällt, ist das eine Katastrophe“, so ein SPÖ-Politiker, der lieber ungenannt bleiben möchte. Wegen der Salzvorkommen stand das Salzkammergut mehrere Jahrhunderte unter direkter Verwaltung der Kaiserkrone. In der Gegenreformation zogen sich viele Protestanten in die schwer zugänglichen Täler rund um den Dachstein zurück. Diese Ereignisse bildeten später die Basis für die politische Entwicklung in dem Landstrich. In den 1930er-Jahren waren hier auf der einen Seite Sozialisten und Kommunisten, auf der anderen Seite illegale Nationalsozialisten stark vertreten. Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte die SPÖ, die FPÖ erzielte überdurchschnittliche Wahlergebnisse. Der freiheitliche Säulenheilige Jörg Haider wuchs in Bad Goisern auf und ging in Bad Ischl zur Schule. Bei der Wahl am 26. September könnte die ÖVP erstmals auf Gemeindeebene in die rote Domäne einbrechen. Auf Landesebene hat sie das schon mehrmals geschafft. Die ÖVPLandeshauptleute Josef Ratzenböck und Josef Pühringer etwa schnitten hier oft besser ab als die farblosen SPÖ-Spitzenkandidaten, deren Namen rasch in Vergessenheit gerieten. Im Ischler Wahlkampf wird auch in die Schmutzkübel gegriffen. Mathes wird etwa angedichtet, er habe die Salzburger SPÖ als Landesgeschäftsführer an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geführt. Ein Check der beim Rechnungshof hinterlegten SPÖ-Rechenschaftsberichte gibt das nicht her. Mathes ortet „Dirty Campaigning“. Schiller wiederum wird per Mundpropaganda vorgeworfen, ihre drei Kinder zu vernachlässigen und nur mehr ihre politische Karrie-
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ÖSTERREICH
„Ich bin hier der Hausl.“ Ex-ÖVP-Minister Ernst Strasser über seine neue Rolle als Hotelier in Bad Ischl
re im Kopf zu haben. In der Macho-geprägten Gesellschaft des Salzkammerguts hat Schiller als Frau einen schwereren Stand: „Wenn ich ein Mann wäre, wäre es nicht so.“ Potenzielle Kandidaten der beiden Listen werden unter Druck gesetzt, nicht zu kandidieren; über Betriebe und Vereine gibt es Druck, eine bestimmte Partei zu wählen, berichten die verschiedenen Lager. Auch von gegenseitigen Fouls ist die Rede. Ischl hat etwas mehr als 14.000 Einwohner und knapp 11.600 Wahlberechtigte. Die brennenden Themen ähneln denen anderer Städte. Die steigenden Immobilienpreise und der Zuzug von Zweitwohnungsbesitzern verknappen und verteuern das Wohnungsangebot für Einheimische, zunehmender Verkehr sorgt für Staus, belastet die Umwelt und mindert die Lebensqualität. Jobs für Junge sind rar, während es im Tourismus immer schwerer ist, Personal zu finden, und mit dem Zuschlag für die Kulturhauptstadt 2024 droht Ischl ohne Mobilitätskonzept jener Massentourismus, wie er im 20 Kilometer entfernten Hallstatt täglich beklagte Realität ist. Der Großteil der Beschlüsse im Ischler Gemeinderat wurde in den vergangenen Jahren einstimmig gefällt. Nach dem 26. September könnte sich das ändern. „Wenn der Bürgermeister nicht die entsprechende Mehrheit hinter sich hat, wird es Stillstand geben“, fürchtet FPÖ-Kandidat Fuchs. Schiller kann
sich wegen der im Wahlkampf aufgerissenen Gräben eine Zusammenarbeit mit der „Mathes-ÖVP“ schwer vorstellen. Sie lässt Sympathie für die Blauen anklingen. „Momentan kann ich mit der FPÖ am besten arbeiten“, so Schiller. Ernst Strasser will die politischen Vorgänge in Ischl nicht kommentieren. Öffentliche Auftritte oder Aussagen meidet der Ex-Politiker: „Mich gibt es nicht mehr.“ In den Hubertushof, den er und seine Frau vom früheren ÖVP-Stadtparteichef gekauft haben, kommen Schwarze und Rote. 16 Vereine halten hier ihre Treffen ab. Der Politiker Strasser hatte das Innenministerium einst von Rot auf Schwarz umgefärbt, dem Privatier Strasser sind solche machtpolitischen Methoden inzwischen fremd. Für die Roten gibt es im Hubertushof ein „Rotes Stüberl“. Strasser hat es einæ fach von seinem Vorgänger übernommen.
JOHANNES BRUCKENBERGER Der Autor ist Chefredakteur der Austria Presse Agentur (APA). Mit dieser Reportage kehrt er nicht nur an die Orte seiner Kindheit und Jugend zurück – er wuchs in Bad Goisern und Bad Ischl auf –, sondern erfüllt sich nebenbei auch einen lang gehegten Traum. Seit er als Teenager zum profil-Leser wurde, wollte Bruckenberger einmal für das Magazin schreiben.
SOMMERGESPRÄCHE 2021 MO 30. AUG 21:05 LOU LORENZ-DITTLBACHER IM GESPRÄCH MIT: PAMELA RENDI-WAGNER, SPÖ
abrufbar auf
Franz Schellhorn franz.schellhorn@profil.at
Wie der Staat unsere Einkommen plündert Wer in den vergangenen fünf Jahren nur die Inflation abgegolten bekam, verdient heute um acht Prozent mehr – zahlt aber um elf Prozent mehr Steuern.
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ahlkämpfe sind nicht nur Zeiten der fokussierten Unintelligenz. Sondern auch der wahren Worte: „Was wir dem Steuerzahler antun, grenzt teilweise an Ausbeutung.“ Dieser akkurate Satz ist genau vier Jahre alt, wie auch jener: „Es gibt kaum Länder im OECD-Raum, wo die Differenz zwischen Brutto- und Nettogehalt so groß wie in Österreich ist.“ Gesprochen hat sie der damalige Außenminister Sebastian Kurz, wenige Wochen vor der Nationalratswahl 2017. Der akkuraten Zustandsbeschreibung folgte das Versprechen, die Steuer- und Abgabenbelastung auf unter 40 Prozent des BIP zu senken. Das Versprechen wurde nicht eingelöst. Und das liegt nicht nur an Corona. Denn in den ersten beiden Regierungsjahren ist die Abgabenbelastung sogar noch leicht angestiegen. Und der Staat kassiert noch immer über 47 Prozent der Arbeitsleistung. Das ist viel zu hoch. Auch daran hat sich in den vergangenen vier Jahren wenig geändert. Mit Deutschland und Belgien liegen nur zwei Länder schlechter als Österreich. Selbst in Schweden sind es „nur“ 42,7 Prozent. Würde ein Durchschnittsverdiener hierzulande ähnlich stark besteuert wie ein schwedischer, blieben ihm 240 Euro netto mehr im Monat. Nun kann man der Regierung nicht vorwerfen, nichts getan zu haben. Neben der teilweisen Rückerstattung der zu viel abgeführten Lohnsteuern wurden Familien spürbar entlastet und die Steuersätze für die untersten Einkommen reduziert. Dennoch pendelt die Besteuerung des Faktors Arbeit seit knapp 20 Jahren zwischen 47 und 50 Prozent. Wie das trotz mehrerer Entlastungen möglich ist? Ganz einfach: indem der Staat Inflation besteuert. Der technische Begriff dafür lautet „Kalte Progression“, wobei das Problem schon mit der Temperaturangabe beginnt. „Heiß“ würde es besser treffen. In der Praxis sieht das so aus: Eine Arbeitnehmerin, die vor fünf Jahren 30.000 Euro brutto im Jahr verdient hat, zahlte damals 2528 Euro Lohnsteuer im Jahr. Wurde ihr Einkommen jährlich um die Inflation erhöht, bekommt sie heute rund 8,2 Prozent mehr Lohn. Aber sie zahlt um 11,6 Prozent höhere Steuern, obwohl sie nicht mehr verdient, weil ihr ja nur die Teuerung abgegolten wurde. Durch das Nichtanpassen der Tarifstufen und der Absetzbeträge wird ohnehin schon hoch besteuerten Bürgern noch einmal Geld aus den Taschen gezogen – ohne, dass sie davon etwas mitbekämen. Für den Staat ist das ein sensationelles Geschäft: Ein Prozentpunkt Inflation spült rund 250 Millionen Euro in die Staatskasse. Seit der letzten Steuerreform 2016 sichert sich der Staat enorme Zusatzeinnahmen, allein heuer sind es 2,5 Milliarden Euro. Über politisch groß angekündigte Entlastungen wird nur ein Teil des abgelieferten
Geldes wieder an die Bürger retourniert. Aber selbst dieser Prozess kommt in Österreich nicht ohne Umverteilung aus. Wer mehr über die kalte Progression abgeliefert hat, bekommt weniger davon zurück. Das läuft hierzulande dann unter „sozialer Gerechtigkeit“. Das alles könnte man noch einigermaßen argumentieren, hätte Österreich einen sanierten Staatshaushalt mit einer verträglichen Staatsverschuldung vorzuweisen. Aber auch hier lohnt ein Blick nach Schweden. Der hervorragend ausgebaute nordische Wohlfahrtsstaat hat nur halb so hohe Staatsschulden pro Kopf wie Österreich. Wobei die hohe Pro-Kopf-Verschuldung ja noch mit hohen Investitionen in die Modernisierung der heimischen Staatsstrukturen zu rechtfertigen wäre. Auf der Suche nach Modernisierungen wird man allerdings eher im niedrig verschuldeten Schweden fündig als im hoch verschuldeten Österreich. Hierzulande wird mit steigenden Schulden und immer höheren Steuereinnahmen traditionellerweise das Nichtreformieren finanziert. Die Bürger quittieren all diese Vorgänge mit einem gleichgültigenAchselzucken.Niemand,derdagegenaufbegehrte.Der Zorn der Bürger gilt eher niedrigen Nettolöhnen, hinter denen sie schlecht zahlende Firmen vermuten, nicht dem ausbeuterischen Staat. Das wäre anders, wenn alle Arbeitnehmer ihre Arbeitskosten ausbezahlt bekämenundselbstdieBei- Ein Prozentpunkt Inträge an die Sozialversicheflation bringt dem Staat rung und das Finanzministerium abliefern müssten. 250 Millionen Euro. So wie das in der Schweiz der Fall ist. So würde der Druck auf die Regierung sprunghaft steigen, den wahren Worten auch entsprechende Taten folgen zu lassen. Indem etwa die Steuerstufen und die Absetzbeträge an die Inflation angepasst werden und der Kalten Progression endlich der Garaus gemacht würde. Zudem braucht es eine Ausgabenbremse nach schwedischem Vorbild. Diese ist nicht jetzt einzuführen, sondern jetzt vorzubereiten. Damit sie nach überwundener Krise einsatzbereit ist, um die zügellose Ausgabenlust der Politik zu bremsen und damit die Basis für eine nachhaltige und spürbare Entlastung zu schaffen. Stattdessen werden immer größere Teile der Steuereinnahmen dazu verwendet, sie über außertourliche Pensionserhöhungen an die Rentner zu verteilen. Wahlkämpfe sind eben nicht nur Zeiten der wahren Worte. Sondern auch der fokussierten Unintelligenz. Franz Schellhorn ist Direktor des Thinktanks Agenda Austria 29. August 2021 • profil 35 21
ÖSTERREICH
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rofil: „Schande“, „unmenschlich“: Die Position der ÖVP, keine Flüchtlinge aus Afghanistan aufzunehmen, wird scharf kritisiert. Auch von Ihnen, Herr Deutsch? Deutsch: Aus Afghanistan erreichen uns schockierende Bilder, wir sehen eine humanitäre Tragödie. Es gibt unterschiedliche Lösungsansätze. Aber Menschlichkeit muss Grundlage jeden Handelns sein. Edtstadler: Es trifft mich, wenn von Unmenschlichkeit die Rede ist. Es ist klar, dass wir helfen müssen. Gerade als Frau sage ich: Wir müssen afghanische Frauen unterstützen, die dafür gekämpft haben, westliche Werte zu etablieren, wir müssen sie aus dem Fadenkreuz der Taliban holen. Aber: Jemand nach Europa zu holen, ist nicht der einzige Weg, zu helfen. profil: Darum bemühen sich aber andere EU-Staaten. Edtstadler: Im Moment bemühen wir uns, eigene Staatsbürger herauszuholen. Selbst das gelingt nur schwer. Deutsch: Es bedarf einer koordinierten Kraftanstrengung. Vor Ort sind Hunderttausende Menschen in Gefahr. Und wir reden darüber, ob Österreich 100 oder 200 Frauen und Kinder aus Afghanistan aufnimmt. Das zeigt: Es geht um Symbolpolitik. profil: Soll Österreich das tun? Deutsch: Österreich muss im Rahmen der Staatengemeinschaft Hilfe leisten. Möglicherweise wäre es sinnvoll, wenn wir als Teil einer potenziellen UNO-Mission mit
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„Corona-Pandemie hat Antisemitismus befeuert“ Die Zahl antisemitischer Übergriffe stieg heuer explosionsartig an und war doppelt so hoch wie im Vorjahr. Was tun? Darüber diskutieren Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) und Kultusgemeinde-Präsident Oskar Deutsch. Sie sind sich einig: Die FPÖ spiele eine „gefährliche“ Rolle. Weniger einig sind sie sich, ob Österreich Menschen aus Afghanistan retten soll.
„DER ANSCHLAG VOR 40 JAHREN WAR URSPRUNG UNSERER SICHERHEITSMASSNAHMEN.“ IKG-Präsident Oskar Deutsch und Ministerin Karoline Edtstadler in der Wiener Seitenstettengasse
Soldaten aushelfen. Österreich täte gut daran, da aktiv zu werden. Wir haben uns eh ein bisschen vertschüsst von den UNOEinsätzen, etwa am Golan. Edtstadler: Österreich ist ein neutrales, nur mittelgroßes Land. Dennoch sind wir an 15 Friedensmissionen mit 900 Soldatinnen und Soldaten beteiligt, etwa in Mali. Und klar ist: Die Zustände in Afghanistan sind abscheulich, Hilfe ist notwendig, besonders für Frauen. Daher will die Regierung 18 Millionen Euro in die Region schicken. Und: Wir sollten nicht vergessen, dass wir bereits eine große afghanische Community in Österreich haben. profil: Wir wechseln zum zweiten bestimmenden Thema: Corona. Bei Anti-CoronaProtesten gab es antisemitische Eskalationen, NS-Parolen. Warum befeuert Corona Antisemitismus? Deutsch: Ich sage oft: An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld. Manche Leute fragen dann: Warum die Radfahrer? Dann sage ich: Warum die Juden? Verschwörungsmythen sind der älteste Träger von Antisemitismus. Jetzt geben uns die einen Antisemiten die Schuld für das Virus, die anderen für Maßnahmen dagegen. Das ist fast weltweit so. In Österreich kommt erschwerend dazu, dass es politische Aufwiegler gibt. FPÖ-Obmann Herbert Kickl hat bei seiner Rede bei einer Demo im Frühjahr antisemitische Codes bemüht und damit Demo-Teilnehmer dazu gebracht, sich antisemitisch zu äußern. profil: Sie waren mit der FPÖ in einer Koali-
tion, tut Ihnen das leid? Sie waren sogar Kickls Aufpasserin. Edtstadler: Richtig ist: Wir sind beide im Innenministerium gesessen. Es war eine eineinhalbjährige Koalition, und ich will die damalige Regierung nicht nur an den jetzigen Vorfällen messen. Keine Frage: Während der Corona-Pandemie demonstrierten auch Antisemiten, und Herbert Kickl spielte dabei eine verabscheuungswürdige Rolle. profil: Im Herbst werden wieder Anti-Corona-Demos stattfinden. Bei Demos im Frühjahr wurde „Sieg Heil“ gerufen, auch in der Nähe jüdischer Gebetsstätten. Sollten derartige Demonstrationen verboten oder aufgelöst werden? Edtstadler: Das ist eine Frage der Einzelfallabwägung. Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht und ein hohes Gut, daher halte ich nichts davon, derartige Demonstrationen in Bausch und Bogen zu verbieten. Aber wir müssen genau beobachten, wer hingeht, und überlegen, wie man sofort eingreifen kann, wenn es Eskalationen gibt. Deutsch: Das wurde bisher zu wenig gemacht. Natürlich gibt es die Demonstrationsfreiheit, aber sie hat Grenzen: Bei „Sieg Heil“-Rufen wäre bei mir die Grenze erreicht. Da ist es Aufgabe der Polizei, zu ahnden. Das ist kein Kavaliersdelikt. profil: Die Polizei griff zu selten ein?
Deutsch: Jüdische Einrichtungen sind professionell geschützt. Aber insgesamt passiert zu wenig: Mir liegt ein Rohbericht über antisemitische Vorfälle vor. Die Zahlen sind im ersten Halbjahr 2021 massiv in die Höhe geschnallt. Der Anstieg ist explosionsartig. Im April 2021 gab es erstmals mehr als 100 antisemitische Vorfälle. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Monatsdurchschnitt des Vorjahres. Im Mai ging es in dieser Rekordhöhe weiter. Die CoronaDemos waren, neben der Auseinandersetzung zwischen Hamas und Israel, der Höhepunkt der antisemitischen Vorfälle. Edtstadler: Wenn gegen das Verbotsgesetz oder andere Gesetze verstoßen wird, ist die Grenze jedenfalls überschritten. Gesellschaftspolitisch fängt das früher an, wenn eine gefährliche Stimmung erzeugt wird. Wenn bei einer Demonstration der NS-Slogan „Arbeit macht frei“ als „Impfen macht frei“ auftaucht, wenn FPÖ-Vertreter in Reden von einer Impf-Apartheid Israels sprechen und die Stimmung aufgeheizt wird, dann ist im politischen Diskurs eine Grenze überschritten. Der Grat zwischen dumm und gefährlich ist ein schmaler, die FPÖ ist näher bei gefährlich. profil: Vor einigen Monaten hat die Regierung die Antisemitismus-Strategie präsentiert. Reicht das gegen den Anstieg der antisemitischen Vorfälle? Deutsch: Es gibt kein Allheilmittel gegen das Krebsgeschwür 29. August 2021 • profil 35 23
ÖSTERREICH
Antisemitismus. Wir müssen überall dagegen ansetzen: In Schulen, beim Sport, in der Kultur, überall. Edtstadler: Die Corona-Pandemie hat Verschwörungstheorien und Antisemitismus befeuert. Daher müssen wir diese Strategie, die aus 38 Maßnahmen besteht, regelmäßig evaluieren. profil: Diese Woche fanden sich am Computer des Stadtamtsdirektors SS-Lieder. Der Mann ist Jahrgang 1967. Wie tief verwurzelt ist derartiges Gedankengut? Deutsch: Offenbar sehr. Man muss heute den Antisemitismus von rechts, links sowie jenen aus der muslimischen Welt addieren. So wird in Österreich ein Teil der zweiten und dritten Generation der türkischen Migranten in Österreich vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan beeinflusst. Dadurch kommt es immer wieder zu antisemitischen Äußerungen. profil: Wir sitzen hier in der Nähe der Synagoge in der Wiener Seitenstettengasse. Vor 40 Jahren gab es einen Anschlag auf die Synagoge mit zwei Toten, verübt von der Organisation Abu Nidal, quasi dem Osama bin Laden der 1980er-Jahre. Ist die Terrorgefahr aus dem Nahen Osten eine Konstante? Deutsch: Der Anschlag vor 40 Jahren war der Ursprung all unserer Sicherheitsmaßnahmen. Wir geben vier Millionen Euro pro Jahr dafür aus. Eigentlich ein Wahnsinn. Aber Anschläge finden weiterhin weltweit statt – von Halle in Deutschland über Toulouse in Frankreich bis Pittsburgh in den USA. Edtstadler: Damals im Stadttempel und auch 2019 im deutschen Halle war es eine Mischung aus Zufall und Vorsicht, dass die Türen verriegelt waren und so Schlimmeres verhindert wurde. Das ist in Österreich undenkbar, dass ein jüdischer Gottesdienst stattfindet ohne Polizei vor der Tür. profil: Der verstorbene jüdische Künstler Arik Brauer sagte vor drei Jahren, er fürchtet sich mehr vor muslimischen als vor rechten Judenfeinden. Edtstadler: Ich möchte nicht bewerten, aus welcher Ecke der Antisemitismus schlimmer ist. In Ländern, wo man Arabisch oder Türkisch spricht, bekommen Kinder den Antisemitismus oft mit der Muttermilch mit. profil: Die Zahl der Muslime in Österreich ist auf 700.000 gestiegen, Studien zeigen erhebliche Judenfeindlichkeit. Geht sich gedeihliches Zusammenleben zwischen Muslimen und Juden aus? 24 profil 35 • 29. August 2021
Deutsch: Es geht nicht um eine Zahl, sondern darum, Zuwanderern und auch allen hier Geborenen klar zu machen, wie die Spielregeln in Österreich sind: dass Antisemitismus nicht möglich ist. Edtstadler: Ich möchte es nicht an einer konkreten Zahl festmachen. Aber es gibt sicher irgendwo eine Grenze, bis zu der man Zuwanderer integrieren, mitnehmen, auf unsere Werte einschwören kann. Die Herausforderungen werden immer größer. profil: Sie sagten einmal, das Judentum gehört zu Österreich wie die Milch zur Melange. Gilt das auch für den Islam? Deutsch: Sehr viele Muslime leben in Österreich und sind aus dem Land nicht mehr wegzudenken. Und das ist auch gut so. profil: Darf man als Österreicher Israel etwa für den Umgang mit Palästinensern kritisieren, oder ist das antisemitisch? Deutsch: Man darf Israel und seine Regierung genauso kritisieren wie Österreich und seine Regierung. Aber oft werden antisemitische Lügen über Israel als Kritik getarnt. Edtstadler: Man soll jede Regierung auf der Welt kritisieren können. Oft wird aber an Israel überbordend Kritik geübt. Das Land ist umgeben von Ländern, die es auslöschen wollen. Siehe die Anschläge der Hamas. profil: Wie fanden Sie es, dass nach diesen Anschlägen auf dem Bundeskanzleramt die israelische Fahne gehisst wurde? Deutsch: Ich war entzückt, dass es eine Regierung gibt, die sich das traut. Das war ein Vorbild. profil: Und die Neutralität? Edtstadler: Israel wurde nicht von einem
„JUDEN UND RADFAHRER SIND AN ALLEM SCHULD.“ Deutsch und Edtstadler im Interview mit Eva Linsinger und Clemens Neuhold
anderen Staat, sondern von einer Terrororganisation angegriffen. Bei Terror gibt es keine Neutralität. profil: Jüdisches Leben soll sichtbarer werden. Das ist eine Säule der AntisemitismusStrategie. Birgt das die Gefahr erhöhter Übergriffe? Deutsch: Wir wollen stolz nach außen tragen, dass wir ein Teil der österreichischen Gesellschaft sind. Wenn wir das Judentum aus Angst vor steigendem Antisemitismus nicht zeigen können, dann müsste ich mich fragen, ob wir im richtigen Land sind. profil: Kann man in allen Teilen Wiens bedenkenlos mit der Kippa gehen? Deutsch: Ja, man kann überall damit hingehen. Vor Corona-Demonstrationen und vor israelfeindlichen Kundgebungen informieren wir aber unsere Mitglieder. Edtstadler: Es ist keine Gefahr damit verbunden, jüdisches Leben sichtbarer zu machen. Wir wollen Vorurteile abbauen. profil: Das von der ÖVP forcierte Kopftuchverbot für Mädchen bis 14 Jahren wurde vom Verfassungsgerichtshof gekippt. Es war zu einseitig auf den Islam abgestellt. Sind Sie froh, Herr Deutsch, dass es nicht religionsneutral formuliert wurde? Dann hätte es auch die Kippa betroffen. Deutsch: Wichtig ist, dass die Religion ermöglicht wird, auch für Muslime. Die Kippa sollen Buben und Männer im Judentum tragen. Ob das beim islamischen Kopftuch für Mädchen auch so ist, weiß ich nicht. profil: Die ÖVP kämpft gegen muslimische Parallelgesellschaften. Gibt es auch unter ultraorthodoxen Juden Tendenzen zur Parallelgesellschaft? Deutsch: Juden leben wie alle anderen Österreicher, mit dem einen Unterschied: der Religion. Wenn jemand streng orthodox ist, ist das kein Widerspruch. Edtstadler: Wir haben Religionsfreiheit. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob man die Religion streng oder weniger streng auslebt. Das gilt auch für Katholiken und Muslime. Aber wenn die Möglichkeit zur Integration, gerade von muslimischen Mädchen, durch religiöse Vorschriften erschwert wird, muss die Politik aktiv werden. profil: Welche Vision haben Sie für das jüdische Leben in 20 Jahren? Edtstadler: Meine Vision ist es, dass wir irgendwann nicht mehr gegen Antisemitismus ankämpfen müssen, weil jüdisches Leben eine Selbstverständlichkeit ist. Deutsch: Ja, und dass irgendwann keine Polizisten oder Soldaten mehr vor Schulen und Synagogen stehen müssen. INTERVIEW: EVA LINSINGER, CLEMENS NEUHOLD FOTOS: ALEXANDRA UNGER
wirtschaft „Kurz weiß Bescheid“ Heumarkt-Mails. Wie Investor Tojner an ÖVP-Chef Sebastian Kurz herankommen wollte – und ein weiterer Fund in der Causa Chorherr.
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er ein derart umstrittenes Projekt wie das geplante Hochhaus am Wiener Heumarkt um- und auch durchsetzen will, steht vor großen Herausforderungen. Immobilieninvestor Michael Tojner und seine Crew waren offenbar wild entschlossen, dafür eine Menge Hebel in Bewegung zu setzen – auch politisch. Darauf deuten jedenfalls E-Mails hin, die in anderem Zusammenhang bei Tojner und in seiner Firmengruppe sichergestellt worden waren und nun auch im Ermittlungsverfahren gegen den früheren Grünen-Politiker Christoph Chorherr ausgewertet wurden – profil berichtete vergangene Woche ausführlich. Doch es gibt noch mehr. 9. November 2017. ÖVP-Chef Sebastian Kurz hat die Wahl gewonnen und verhandelt gerade mit der FPÖ über eine Koalition.
SICHERGESTELLT Den Ermittlern liegen E-Mails von Tojner und aus seiner Unternehmensgruppe vor.
Eine Tojner-Mitarbeiterin hat NachrichtenfürihrenChef:„daichglücklicherweise jetzt einen sehr guten Draht direkt zu Kurz und sein Büro habe, habe ich erfahren, dass er die Kultur und damit die Welterbe-Agenden zu sich ins Ressort holen wird.“ Der UNESCOWelterbestatus von Wien gilt als große Hürde für das HeumarktProjekt. Die Mitarbeiterin schrieb weiter: „Hilfreich wäre sicher, wenn Dichand wieder mal Kurz in unserer Sache darin bestärkt, dass er den HEUMARKT nicht zum Thema machen soll bzw., dass das Thema nicht als Mittel zur Polarisierung zwischen Bund und dem roten Wien hergenommen wird.“ Tojner leitete das E-Mail an mehrere Personen weiter – darunter offenbar an einen bekannten Wiener Restaurantbetreiber. Tojner schrieb: „Bitte um hilfe, ihr kennt ihn ja besser. Thx. …“ Noch am selben Tag antwortete der Gastronom: „Kurz weiß Bescheid… am besten wäre, wenn Eva mit ihm essen geht!!!!“. Bei „Eva“ könnte es sich demnach um Eva Dichand handeln. profil fragte bei der „Heute“-Herausgeberin nach, eine Antwort war zu Redaktionsschluss ausständig. In ihrem Büro hieß es, sie wäre auf Urlaub. Milliardärs-Lobbying beim Kanzler in spe über einen Gastro-Unternehmer und eine Zeitungsherausgeberin? Aus dem Kanzleramt heißt es, dass ein „derart polarisierendes und intensiv öffentlich diskutiertes Projekt sicherlich in aller Munde und Gesprächsstoff in den unterschiedlichsten Gesprächskonstellationen“ gewesen sei. Das ändere aber „selbstverständlich nichts an der kritischen Haltung der Volkspartei zum Projekt, die hin-
länglich öffentlich dokumentiert“ sei. Der damalige Kulturminister Gernot Blümel habe per Brief eine Klarstellung vom Wiener Bürgermeister gefordert, dass das Heumarkt-Projekt in der damaligen Form nicht realisiert werden dürfe und in weiterer Folge sogar eine Weisung in den Raum gestellt. Der Name „Dichand“ wiederum taucht auch noch auf anderen sichergestellten Mails auf – nicht zuletzt auf einem Mail-Fragment mit dem Betreff „Einladung Ithuba Charity Auktion 5.11.2014“. Ithuba hieß ein Schulprojekt des früheren Planungssprechers der Wiener Grünen, Christoph Chorherr. Ermittelt wird wegen des Verdachts, Immobilienunternehmer hätten Chorherr mit Spenden bestechen wollen. Im Mail-Fragment heißt es: „Erwin treibt ein geld für Christoph chorherrs schule in Südafrika auf. ... und chorherr machen das Projekt seit beginn gemeinsam. Und Erwin versucht chorherr (Planungschef der grünen) für sich zu gewinnen.“ Wer das an wen geschrieben hat, ist aus dem Fragment nicht erkennbar. Fest steht: Es muss bei Tojner beziehungsweise in dessen Unternehmensgruppe sichergestellt worden sein. Und es fin-
den sich zwei Namen darauf: neben jenem Tojners auch „Dichand C“ – offenbar Eva Dichands Ehemann, „Krone“-Herausgeber Christoph Dichand. Die Dichands und Tojner sind geschäftlich über das Auktionshaus Dorotheum miteinander verbunden – wie auch mit dem Immobilienunternehmer Erwin Soravia. Ist er der erwähnte „Erwin“? Betont sei, dass Soravia sämtliche Vorwürfe in der Causa Chorherr immer bestritten hat. Ein Sprecher der Soravia-Gruppe teilte auf Anfrage mit: „Die von Ihnen zitierte E-Mail-Kommunikation ist Herrn Soravia nicht bekannt.“ Es sei „mit unserem Wissensstand“ nicht möglich festzustellen, wie der Inhalt des Mails zu verstehen sei. Aus Unternehmen der Soravia-Gruppe seien keine ZahlungenanChorherroderihm nahestehendeProjektegeleistet worden. Private Spendenaktionen seien „ausschließlich aus der Überzeugung erfolgt“, ein sinnvolles Schulprojekt in Afrika zu unterstützen. Sämtliche Bauvorhaben seien „rechtmäßig beantragt und abgewickelt“ worden. EinAnwaltTojnersteilteaufAnfragemit,Zitatewärenausdem Zusammenhang gerissen, unter anderem deshalb nehme man dazu keine Stellung. Grundsätzlich bestreitet Tojner vehement jedes Fehlverhalten. Chorherr selbst weist sämtliche strafrechtlichen Vorwürfe zurück, erkennt aber an, dass seine politische Tätigkeit gleichzeitig mit seiner Obmannschaft im SchulprojektVerein „ein Fehler war“. Er hat eine Diversion beantragt. Gegen Christoph Dichand wird nicht ermittelt. Er ging auf profil-Anfrage nicht auf das erwähnte E-Mail-Fragment ein: Jedenfalls könne er ausschließen, jemals etwas zugunsten von Ithuba gespendet oder ersteigert zu haben. MEL, NIK
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WIRTSCHAFT ÖSTERREICH, DEINE PRODUKTE, TEIL 16
Reden wir über … Emailgeschirr Friedrich und Julian Riess, Geschäftsführer des Kochgeschirrherstellers Riess Kelomat, über zu hitzige Hobbyköche und eine säumige Herdindustrie.
OMA-GESCHIRR Die pastellfarbenen Töpfe werden seit den 1950er-Jahren produziert.
In dieser profil-Serie sprechen wir mit heimischen Wirtschaftstreibenden über das wichtigste Produkt aus ihrem Unternehmen. 26 profil 35 • 29. August 2021
rofil: Meine Herren, es ist fast Mittag. Was haben Sie denn zuletzt selbst in einem Emailkochtopf gekocht? Friedrich Riess: Ich habe am Sonntag einen Zwiebelrostbraten gemacht und am Tag davor geröstete Eierschwammerl mit Kartofferl. profil: Das nenne ich eine Vorlage … Julian Riess: Mit solchen Gerichten wie mein Cousin kann ich nicht aufwarten. Ich habe mir heute in der Früh im Emailkessel Wasser für den Tee gekocht und am Wochenende in einer kleinen Stielkasserolle ein weiches Ei. profil: Die meisten Menschen kennen Ihr pastellfarbenes Emailgeschirr noch von ihren Großmüttern. Ist das ein Fluch, weil es als altmodisch abgetan wird, oder ein Segen, weil Sie damit vom Retro-Trend der vergangenen Jahre profitieren? Julian Riess: Das angesprochene pastellfarbene Geschirr gehört zur Serie „Classic“ und hat tatsächlich einen gewissen Kultstatus. Da gibt es ein Revival, von dem wir profitiert haben. Es ist auch international sehr beliebt, das finden Sie sogar in Südkorea. Grundsätzlich aber haben wir unser Sortiment viergeteilt. In der Serie „Country“ spielen wir mit Farben und Mustern. Da produzieren wir beispielsweise Geschirr im Dekor der Gmundner Keramik. Für „Nouvelle“ haben wir buntes Emailgeschirr mit Glasdeckeln und Edelstahlgriffen versehen. Und dann haben wir noch eine Linie, wo wir mit Designern wie dem Büro dottings zusammenarbeiten. Da sind wir ganz weit weg vom Oma-Geschirr. Friedrich Riess: Profitiert haben wir auch vom Trend zu den offenen Küchen, denn da braucht man dann auch schönes Geschirr, das man herzeigen kann. Und natürlich vom Aufkommen des Induktionsherdes. Da bekamen wir oft die Frage gestellt, ob wir auch schon das moderne Induktionsgeschirr produzieren würden. Und wir haben immer geantwortet: Ja, seit 1922. Die Herdindustrie hat einfach 80 Jahre gebraucht, um für unser Induktionsgeschirr einen Energiesparherd zu konstruieren. profil: Ist Ihr Geschirr eher für den Hausgebrauch oder wird es auch in der Gastronomie verwendet? Friedrich Riess: Wir liefern auch an die Gastronomie. Gerade haben wir wieder einen Auftrag aus Deutschland vom Hotel sDörfle, das von der Schlagersängerin Andrea Berg betrieben wird, bekommen. Dort werden die Speisen in unserem Geschirr serviert. Wenn Sie in Wien zum Figlmüller gehen, bekommen Sie das gekochte Rindfleisch in einem Riess-Topf angerichtet. Julian Riess: Und beim Münchner Oktoberfest stehen auf den Tischen meistens Riess-Pfannen mit Brathendl oder Schweinsbraten drin. Mit einem anderen Material würde das gar nicht funktionieren, denn Email speichert die Wärme, Edelstahl strahlt sie ab. Solche Pfannen gehören zu unseren meistverkauften Produkten. profil: Edelstahl ist aber, so mein Eindruck, unkomplizierter in der Handhabung als Email. Weshalb sollte ich mich also für Letzteres entscheiden? Julian Riess: Weil die Lebensmittel unverfälscht bleiben. Wenn Sie fette Sachen kochen, ist es für den Ge-
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Nach Studium und Ausbildung zum Unternehmens- und Steuerberater trat Julian Riess 1987 als Marketing- und Verkaufsleiter ins Familienunternehmen ein. Gemeinsam mit seinem Cousin Friedrich und Cousine Susanne führt er die Geschicke des Unternehmens seit dem Jahr 2000.
Kurz nach Abschluss der HTL sei er ins Unternehmen eingetreten worden, erzählt Friedrich Riess. Es hielt ihn dort zunächst nur wenige Jahre. Es folgten Stationen in der Lebensmittelindustrie und beim Schreibwarenproduzenten Faber-Castell. 1992 kehrte er nach Ybbsitz und in die Firma zurück.
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WIRTSCHAFT ÖSTERREICH, DEINE PRODUKTE, TEIL 16
schmack eigentlich egal, welches Geschirr Sie verwenden. Wenn Sie aber Sauerkraut oder andere säurehaltigen Zutaten in einem Edelstahltopf zubereiten, dann schmeckt das metallisch. Damit Edelstahl rostfrei bleibt, sind Chrom und Nickel enthalten. Nickel kann sich aber beim Kochen mit sauren Zutaten herauslösen. Allergiker sollten Edelstahlgeschirr meiden. Friedrich Riess: Edelstahl hat – durchs Mikroskop betrachtet – eine raue Oberfläche. Email besteht aus Eisen und Glas und hat eine glatte, keramische Oberfläche, die nachgewiesenermaßen bakterienhemmend ist. Es gibt Studien, bei denen gesundheitsschädliche Keime auf verschiedenste Oberflächen aufgebracht wurden. Email ist der einzige Werkstoff, bei dem die Bakterien mit der Zeit weniger werden. Sie sterben ab, weil sie keine Grundlage haben, irgendwelche Nährstoffe zu bekommen. Julian Riess: Emailgeschirr hat noch einen weiteren Vorteil: Die Wärme verteilt sich viel schneller. Man kocht mit dem ganzen Topf samt Deckel und nicht nur mit dem Boden. Wenn Sie zum Beispiel Reis zubereiten wollen, kochen Sie das Wasser einmal auf, Deckel drauf und den Herd ausschalten. Der Reis wird energielos von selbst fertig, nur mit der Rückwärme, die im gesamten Topf vorhanden ist. Friedrich Riess: Außerdem kann man auf dem Geschirr schneiden, und es geschieht ihm nichts. profil: Ich habe aber schon öfter zerkratztes Emailgeschirr gesehen. Friedrich Riess: Nein. Das, was Sie da sehen, sind keine Kratzer, sondern da wurde mit Edelstahlprodukten wie Messer oder Löffel „geschrieben“. Das ist Metallabrieb. Mit einer Emailpflege kann man das rauspolieren, dann schaut es wieder aus wie neu. profil: Im Gegensatz zu Teflonpfannen legen sich die Speisen beim Braten in Emailpfannen leicht an. Friedrich Riess: Es geht um die richtige Handhabung. Wenn die Leute sagen, es klebt alles an, liegt es fast immer daran, dass die Temperatur zu hoch ist. Wenn Sie zum Beispiel ein Spiegelei braten, brauchen Sie nicht mehr als maximal 80 Grad, da stockt das Eiweiß. Bisschen Fett in die Pfanne, wenig Hitze, das Ei reinsetzen, langsam anbraten, da können Sie es dann richtiggehend rausleeren. Da klebt nichts an. Wenn Fleisch ein bisschen anpickt, macht das auch nichts, das löst sich ohnehin von selbst. Wichtig ist nur, dass die Oberfläche braun wird, da entsteht der Maillard-Effekt, das sind die Röstaromen. Also Pfanne langsam erhitzen, damit sie Zeit hat, sich gleichmäßig zu erwärmen, zum Anbraten rauf mit der Temperatur, und dann aber wieder runter vom Gas. Da wird das Fleisch gleichmäßig zart und weich. Bei zu viel Hitze wird das beste Fleisch zur Schuhsohle. Julian Riess: Die unterschiedlichen Werkstoffe haben alle ihre Berechtigung. Wir haben selbst mit unserer Zweitmarke Kelomat Edelstahltöpfe und Pfannen mit Antihaftbeschichtung im Sortiment. Aber die Lebensdauer von solchen Pfannen beträgt nur ein paar Jahre. Die Beschichtung nutzt sich einfach mit der Zeit ab. profil: Wie reinigt man Emailgeschirr am besten? Julian Riess: Ich bin zu Hause derjenige, der ab28 profil 35 • 29. August 2021
Riess Kelomat GmbH Die Wurzeln des Unternehmens gehen auf eine im Jahr 1550 in Ybbsitz gegründete Pfannenschmiede zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg begann man mit der Fertigung von Kochgeschirr aus Email. Von einst 76 österreichischen Kochgeschirrproduzenten blieb Riess als einziger übrig. Mit 145 Mitarbeitern werden heute rund 900 verschiedene Formen zum Backen, Kochen und Aufbewahren produziert. Außerdem fertigt Riess Schilder und Industriekomponenten aus Email. 2001 wurde die Marke Kelomat gekauft. Sein Kochgeschirr exportiert das Unternehmen inzwischen in 38 Länder.
wäscht, denn meine Frau kocht besser. Wenn sich wirklich was angelegt haben sollte: heißes Wasser und ein bisschen Spülmittel rein und einweichen lassen. Danach kann man es ganz einfach rauswischen. profil: Kann man Email in den Geschirrspüler geben? Friedrich Riess: Ja, aber eigentlich ist es gar nicht notwendig. Wenn es Tausende Spülgänge hinter sich bringen muss, kann es an Glanz verlieren. Glaskorrosion kann auch bei Email passieren, die Oberfläche wird etwas rauer. Wir empfehlen deshalb, unser Geschirr mit dem Gläserprogramm zu waschen. profil: Wie funktioniert eigentlich der Herstellungsprozess für einen Email-Kochtopf? Friedrich Riess: Email besteht aus Eisen und Glas, das miteinander verschmolzen wird. Wir beziehen von der Voestalpine ein spezielles Eisenblech, aus diesem werden Ronden, also Kreise, ausgeschnitten. Zylindrische Teile werden im sogenannten Tiefziehverfahren in die entsprechende Form gebracht. Das heißt so, weil die Bleche durch eine Matrize gezogen werden, bis die endgültige Tiefe und Form erreicht ist. Man muss das Stück langsam in Form bringen, damit das Material Zeit hat, mitzugehen, andernfalls würde es reißen. Das kann bis zu fünf Arbeitsschritte benötigen, je nachdem, wie hoch das Gefäß ist. Danach wird das Werkstück in heißem Osmosewasser mit Lauge und Ultraschall entfettet. Dann ist es bereit zum Emaillieren. Dabei werden die Rohlinge in den sogenannten Emailschlicker getaucht. profil: Was ist das? Friedrich Riess: Das sind fein vermahlene Glasflakes, die mit Wasser und Metalloxiden, die sind für die Farbe verantwortlich, vermischt werden. Die mit dem Schlicker bedeckten und getrockneten Stücke kommen dann in den Brennofen und werden bei 850 Grad aufgeschmolzen. Damit hat man das Grundemail. Ein neuer Verbundwerkstoff ist entstanden, der so in der Natur nicht vorkommt. In einem nächsten Schritt kommt das Deckemail in der jeweiligen Farbe. Will man Muster haben, sind weitere Arbeitsgänge notwendig. Für jede zusätzliche Farbe muss neu emailliert werden. profil: Und wie bekommt man die Muster auf das Geschirr? Friedrich Riess: Das farbige Email wird im Raster-Siebdruckverfahren aufgebracht. Da kommt eine sogenannte Lackmaske auf die Stücke, die verdampft im Brennofen. Das farbige Email färbt das Untergrundemail. Dann ist der Kochtopf fertig. Und jedes Produkt hat natürlich am Boden unser Riess-Emaille-Logo. profil: Sie verwenden das französische Wort. Weshalb? Julian Riess: Wir haben das vor einigen Jahren geändert, weil die Leute mit dem Begriff Email nichts mehr anfangen konnten. Das wurde als E-Mail, also wie die elektronische Post, gelesen. Wir wollten dem Werkstoff aber nicht irgendeinen künstlichen Namen geben und sind so auf die französische Schreibweise zurückgekommen. profil: Ihre Produktion ist wahnsinnig energieintensiv. Sie rühmen sich, CO2-neutral zu produzieren. Wie geht das?
Drei Assoziationen zum Thema Email
1 Die ältesten bekannten Emailarbeiten sind 3500 Jahre alt und stammen aus Mykene. Die hohe Qualität der als Grabbeigaben gefundenen Stücke (Ringe, Dolche, Szepter) zeigen eine tiefe Kenntnis der Technik.
2 Die laut „Guinness World Records“ längste Email-Malerei befindet sich in Wien. Konkret in der U-Bahn-Station Praterstern. Die Künstlerin Susanne Zemrosser gestaltete den Verbindungsgang zum Wurstelprater, exakt 50,63 x 2,61 Meter misst das Wandgemälde, auf dem Pferdchen, Schaukeln und Clowns zu finden sind.
3 Die weltberühmten Fabergé-Eier, Inbegriff höchster Goldschmiedekunst, brauchen sich auch in Sachen Emaillierung nicht zu verstecken. Hofjuwelier Carl Peter Fabergé fertigte sie ab 1885 im Auftrag des Zaren. Das Email wurde auf einen guillochierten (spezielle Gravurtechnik) Grund auf gebracht. Die Eier wurden aufwendig bis zu 100 Mal gebrannt.
„Wenn die Leute sagen, es klebt alles an, liegt es fast immer daran, dass die Temperatur zu hoch ist.“ Friedrich Riess
Friedrich Riess: Wir produzieren alles mit eigener Wasserkraft und sind europaweit die einzigen Produzenten mit Elektrobrennofen. Das ist eine Eigenentwicklung gemeinsam mit einem Ofenbauer. profil: Sie haben ein eigenes Kraftwerk? Friedrich Riess: Wir haben vier. Als unser Großvater 1922 mit der Emaillierung begonnen hat, ist die Schmelze mit Steinkohle vom Berg nebenan betrieben worden. Da hatten wir hier einen großen Rauchfang, der endete auf der Höhe, wo sich das auf einem Hang stehende Stammhaus befindet. Wenn der Wind in die falsche Richtung geweht hat, sind der Rauch und Ruß aus der Verbrennung Richtung Wohnhaus gegangen. Die Oma hat sich beim Opa beschwert: „Du Saubartel, ich kann die Wäsche nicht aufhängen, und wir haben den ganzen Dreck im Haus.“ Das war der Anstoß für den Umstieg auf elektrische Energie, der 1926 erfolgte. Und so mussten wir uns nie mit fremder Energie beschäftigen. Dem Großvater war schon damals ein ressourcenschonender Umgang wichtig. Wir haben uns im Unternehmen immer wieder gefragt, wie wir unsere Produkte mit dem geringsten Energieeinsatz herstellen können. Und so wird heute die Abwärme des Brennofens auch zur Trocknung der Produkte und zum Beheizen der Produktionshalle genutzt. Der Großvater war aber auch Fischer, deshalb haben wir bereits seit 1926 Fischaufstiegshilfen. Denn er wollte ja auch im nächsten Jahr wieder fischen gehen, da musste er natürlich dafür sorgen, dass die Fische zu ihren Laichplätzen kommen. Julian Riess: In unserem Unternehmen wird seit Generationen nachhaltig gearbeitet. Glücklicherweise ist das Thema seit einigen Jahren auch den Konsumenten wichtig. INTERVIEW UND FOTOS: CHRISTINA HIPTMAYR 29. August 2021 • profil 35 29
Hausfriedensbruch Schlechte Qualität, überhöhte Kosten: Bewohner eines neuen Porr-Gebäudes in Wien wehren sich vor Gericht gegen die eigene Hausverwaltung. Auch die Arbeiterkammer sieht Handlungsbedarf und will die Macht der Dienstleister beschneiden. VON ROSEMARIE SCHWAIGER
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er Regen hat der kleinen Grünfläche gutgetan. Vor dem Haus Canettistraße 4 im Quartier Belvedere am Wiener Hauptbahnhof wächst jetzt wieder üppiges frisches Gras. Nur das junge Bäumchen hat den heißen Sommer nicht überlebt. Welke Blätter hängen an den dürren Zweigen; die Bewässerung hat offenbar nicht funktioniert. Trotzdem sei der Anblick des Mini-Parks angenehmer als noch vor ein paar Wochen, meint ein Bewohner sarkastisch. „Seit da wieder Gras wächst, sieht man den vom Wind angewehten Müll nicht mehr so deutlich.“ Vor drei Jahren, im Sommer 2018, waren die ersten Bewohner in das neu gebaute elfstöckige Gebäude mit der auffälligen goldfarbenen Fassade gezogen. Mittlerweile hängt der Haussegen gehörig schief: Von insgesamt etwa 120 Wohnungseigentümern sind über 40 in einer E-MailGruppe verbunden, die regelmäßig unerfreuliche Erfahrungen mit der Hausverwaltung austauscht. Zu wenig Ehrgeiz bei den Reinigungsarbeiten ist nur ein Punkt der Beschwerdeliste. Noch mehr erbost die Kritiker, dass sie für die ihrer Ansicht nach bescheidene Leistung auch noch viel mehr zahlen müssen, als üblich ist. 21 Bewohner haben sich nun zusammengeschlossen, um vor Gericht gegen die Strauss Property Management GmbH vorzugehen. Über den Grazer Anwalt Markus Passer stellten sie beim Bezirksgericht Favoriten einen Antrag auf Überprüfung der Betriebskosten. „Jede Hausverwaltung ist verpflichtet, sparsam im Sinne der Mieter und Eigentümer zu wirtschaften“, erklärt Rechtsanwalt Passer. „Das ist hier offenkundig nicht der Fall, die Betriebskosten liegen um mehr als 30 Prozent über dem österreichischen Schnitt. Es besteht auch der Verdacht, dass einzelne Positionen doppelt verrechnet wurden.“ Dieser Praktiken beschuldigt wird in der Canettistraße 4 nicht etwa ein windiges Hinterhof-Bauunter-
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STREITOBJEKT Wohnungseigentümer der Canettistraße 4 beklagen zu hohe Betriebskosten.
nehmen, sondern einer der renommiertesten Baukonzerne Österreichs, die Porr AG. Der Branchenriese hat rund um das Projekt eine betriebliche Familienaufstellung etabliert, die es mitunter schwierig macht, den Überblick zu bewahren: Errichtet wurde das Gebäude von der QBC Immobilien GmbH, einer Projektgesellschaft der börsennotierten UBM Development AG, deren größte Aktionäre die Porr-Hauptaktionäre Klaus Ortner und Karl-Heinz Strauss sind. Die Hausverwaltung Strauss & Partner Development GmbH ist eine Tochter der UBM Development. Mit der „technischen Verwaltung“ wurde von Strauss & Partner wiederum die Porr-Tocher Porreal GmbH beauftragt. Reinigungs- und Reparaturarbeiten erledigt die Alea Gebäudedienstleistungen GmbH, die – es wird niemanden überraschen – im Besitz der Porreal steht. In diesem Beteiligungs-Ringelspiel auf einen Anbieter zu stoßen, der nicht eng mit der Porr verwandt ist, scheint unmöglich. Die Bewohner des Hauses fühlen sich vom Konzern im Kreis geschickt und abgezockt. Wer hier vor drei Jahren eine Wohnung gekauft hat, musste pro Quadratmeter zwischen 4000 und 6000 Euro (je nach Stockwerk) bezahlen. Dafür geboten wurden ein schickes, urbanes Umfeld, große Terrassen, ein Fitnesscenter im Erdgeschoß und die Annehmlichkeiten eines neuen, nach modernsten Maßstäben gebauten Hauses. Auch der Name Porr sei für ihn ein Kaufargument gewesen, sagt Thorsten Guggenberger, Sprecher der Antragsteller. „Wir haben uns darauf verlassen, dass wir professionell und fair behandelt werden. Leider wurden wir enttäuscht.“ Er mache sich langsam Sorgen um sein Investment, so Guggenberger. „Die hohen Betriebskosten könnten es schwer machen, die Wohnung eines Tages wieder zu verkaufen.“ Zu beanstanden gäbe es einiges: „Die Tätigkeit der Hausverwaltung umfasst praktisch nur die Buchhaltung, trotzdem wurde die volle Hausverwaltung verrechnet. Aufgaben der Hausverwaltung wurden von Porreal ein zweites Mal abgerechnet“, heißt es im Antrag an das Bezirksgericht. „Die in Rechnung gestellten Jahresbetriebskosten sind nicht nachvollziehbar und unangemessen hoch. Die in Rechnung gestellten Prämien für die Versicherungen sind nicht nachvollziehbar.“ Außerdem seien etwa im Jahr 2018 Wartungsarbeiten pauschal verrechnet worden, die in diesem Jahr nachweislich nicht durchgeführt wurden. Nebenbei genehmige sich die Porreal noch eine jährliche Pauschale für die Objektleitung. „Wofür diese Pauschale verrechnet wurde, ist überhaupt unklar.“ Allein für die Jahre 2018 und 2019 seien Mehrkosten von rund 115.000 Euro angefallen, glauben die Antragsteller. Es sind auch Kleinigkeiten, die für schlechte Stimmung sorgen. Ende des Jahres 2018 wurden die Eigentümer beispielsweise informiert, dass für das gesamte Quartier Belvedere (das aus insgesamt acht Gebäuden besteht) ein Sicherheitsdienst angeheuert werden solle. Alle anwesenden Eigentümer in der Canettistraße 4 sprachen sich dagegen aus. Das Veto nützte ihnen allerdings nichts; sie müssen seither über 26.000 Euro im Jahr dafür bezahlen, dass ein
ROSEMARIE SCHWAIGER
WIRTSCHAFT
PARALYMPISCHE ATHLETEN
AUF MEDAILLENKURS Routinier Pepo Puch holt Silber im Dressurreiten.
Die Österreichiist auch den schen Lotterien Österreichischen und das ÖsterLotterien zu verreichische Paradanken, die als lympische ComPartner der ersmittee (ÖPC) ten Stunde mit blicken auf eine an Bord sind. 20-jährige PartRegelmäßige Innerschaft zurück formation über und nun gedie Athletinnen meinsam stolz und Athleten auf die aktuellen und ihre Erfolge Erfolge in Tokyo. trägt wesentlich Denn bereits dazu bei, die am zweiten Anerkennung Wettkampftag der Leistungen gibt es Silber im im BehinderPepo Puch holt Silber im Dressurreiten Dressurreiten. tensport und und damit nach Gold und Bronze in Der gebürtige die dazu nöLondon 2012 und Gold und Silber in Rio Steirer Pepo Puch tige Bewusst2016 sein fünftes Edelmetall bei Paraholte zum insseinsbildung zu lympischen Spielen. gesamt fünften schaffen. Daher Mal Edelmetall sind die Lotterien bei Paralympischen Spielen und machte auch als Premium Partner beim virtuellen es diesmal mit einer fulminanten AufÖsterreich Haus mit dabei, das während holjagd nach einem Fehlstart besonders der Spiele täglich um 19.00 Uhr via spannend. Die Österreichischen Lotterien Live-Stream über oepc.at besucht wergratulieren herzlich zu diesem Erfolg. den kann und mit vielen Beiträgen und Dass sich der paralympische SpitzenInterviews über die aktuellen Ereignisse sport in Österreich so entwickeln konnte, vor Ort berichtet. GEPA pictures / Matic Klansek
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LOTTERIEN TAG IM TECHNISCHEN MUSEUM WIEN Am 3. September mit einem Lotterieprodukt gratis eine geballte Ladung Technik hautnah erleben.
Achim Bieniek
Security-Mitarbeiter auf dem Gelände seine Runden dreht. Auf die profil-Frage, warum die Betriebskosten in einem neuen Haus höher seien als in vielen Altbauten, antwortet Strauss Property Management per E-Mail: „Das gegenständliche Gebäude ist aufgrund seiner technischen Ausstattung sowie diverser Zusatzausstattungen (…) nicht mit einem durchschnittlichen Gebäude vergleichbar. Das spiegelt sich auch in der Höhe der Betriebskosten wider.“ Von einer gerichtlichen Überprüfung wisse man nichts, so die SPM. Den Vorwurf, dass nur verwandtschaftlich verbundene Unternehmen zum Zug kämen und die Preise deshalb zu hoch seien, will Strauss Property Management nicht gelten lassen. Man handle im Sinne der Eigentümergemeinschaft, heißt es in dem EMail. Die Vergabe erfolge stets im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen. „Hierbei werden geeignete Unternehmen für die zu erbringende Leistung, unabhängig jedweder Konzernzugehörigkeit, kontaktiert und der Bestbieter beauftragt.“ Das Bezirksgericht Wien-Favoriten muss nun klären, welche Seite recht hat. Anwalt Passer rechnet mit einem ersten Verhandlungstermin im Herbst. Nur eine Minderheit wehrt sich vor Gericht, aber Probleme mit der Hausverwaltung gibt es an vielen Standorten. Oft ist es sehr schwer, die Dienstleister loszuwerden. Walter Rosifka, Wohnrechtsexperte der Arbeiterkammer, bestätigt das: „Wir bekommen laufend Beschwerden. Das Problem ist: Es gibt kein Gesetz, das vorschreibt, was man alles als Betriebskosten verrechnen darf.“ Besonders bei Neubauten sei es meist so, dass der Bauträger die Hausverwaltung bestimme, sagt Rosifka. Das führe fast zwangsläufig zu Interessenskonflikten. „Wohnungseigentümer sind Malversationen der Hausverwaltung und Preisabsprachen bei der Bewirtschaftung der Liegenschaft weitgehend ausgeliefert, weil Mehrheitsbeschlüsse im Zusammenhang mit Schadenersatzforderungen wegen zu hoher Betriebskosten in der Praxis kaum zu erreichen sind“, heißt es in einer AK-Studie aus dem Jahr 2020, die Walter Rosifka mit einem Kollegen erstellte. Derzeit arbeitet das Justizministerium an einer Reform des Wohnungseigentumsgesetzes. Der Arbeiterkammer gehen die geplanten Änderungen nicht weit genug. In ihrer Stellungnahme fordern die Experten unter anderem, dass jeder Eigentümer die Möglichkeit erhalten solle, gegen unkorrekte Abrechnungen im Außerstreitverfahren vorzugehen. Das grundsätzliche Problem sieht Rosifka darin, dass die Verwaltung im mehrgeschossigen Wohnbau meist von zwei Parteien vereinbart werde und ein dritter die finanziellen Konsequenzen tragen müsse. „Kein Wunder, wenn so nicht die günstigsten Preise herauskommen.“ Und oft wohl auch nicht der beste Service. Er habe die kaputte Lüftungsanlage in seiner Wohnung über ein Jahr lang reklamiert, erzählt Thorsten Guggenberger, Wohnungseigentümer in der Canettistraße 4. „Erst nach mehreren Anläufen hat es mit der Reparatur geklappt.“ Dazu Strauss Property Management: „Meldungen über die monatelange Nichterledigung eines Schadens sind uns nicht bekannt.“ æ
Lotterien Tag mit spannenden Einblicken in die Welt der Technik
Hochspannung garantiert: Am Freitag, den 3. September 2021 wartet beim Lotterien Tag im Technischen Museum auf vier Ebenen eine umfassende Schau über die Geschichte der Technik im Lauf der Jahrhunderte. Das Wissen über das Erlebnis Technik wird dabei oft auch spielerisch und interaktiv vermittelt und komplexe Vorgänge werden auf diese Art leicht verständlich nachvollziehbar gemacht. Auch zu sehen ist die spannende neue Ausstellung „Künstliche Intelligenz?“. Die Schau zeigt die vielen Gesichter des digitalen Wandels, mit Anwendungen, die nach Science-Fiction aussehen und
doch in vielen Fällen schon Realität sind. Für Besucherinnen und Besucher gibt es am Lotterien Tag drei kostenlose Führungen mit limitierter Teilnehmerzahl: 9.15 Uhr –„Künstliche Intelligenz?“, 11.15 Uhr und 13.30 Uhr „Hochspannungsvorführung“. Detaillierte Informationen findet man auf lotterientag.at. Zusätzlich werden um 13.30 Uhr und 16.00 Uhr exklusive Führungen für Menschen mit Sehbehinderung angeboten. Eine Anmeldung ist unter wissensvermittlung@ tmw.at erforderlich. Das Museum hat am Lotterien Tag von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr geöffnet.
WIRTSCHAFT
gutes geld REDAKTION CHRISTINA HIPTMAYR
Krisenabsicherung Warum die umstrittene Software-Schmiede Palantir viel Geld in Goldbarren steckt.
250
2000 Quelle: finanzen.net
32 profil 35 • 29. August 2021
2021
ANGSTKURVE In Krisenzeiten steig der Goldpreis.
EDITH HLAWATI Neue Öbag-Chefin
Krisengewinnerin Die Überraschung hielt sich in Grenzen, als vergangenen Freitag die neue ÖBAG-Führung bekannt gegeben wurde: Edith Hlawati, sie war bereits als Favoritin kolportiert worden, ist zur neuen Alleinvorständin der Österreichischen Beteiligungs AG bestellt. U-Ausschuss und Chat-Protokolle hatten den früheren Chef Thomas Schmid bekanntlich zum Rücktritt gezwungen (profil berichtete ausführlich). Die Wirtschaftsanwältin und Partnerin der Kanzlei Cerha Hempel kennt die ÖBAG und ihre Vorgängerorganisationen in- und auswendig. Sie zog in den Aufsichtsrat der Telekom Austria und etwas später auch in jenen der Österreichischen Post ein. In beiden staatsnahen Konzernen ist sie heute Aufsichtsratsvorsitzende. Das ÖBAG-Gesetz, das Schmid für seine eigene Bestellung maßschneidern ließ, trägt auch ihre Handschrift. Ein Neustart für die arg gebeutelte Staatsholding ist Hlawatis Bestellung freilich nicht. Die Juristin hat sich gegen Wolfgang Hesoun, Chef von SiemensÖsterreich, durchgesetzt, der lange als TopKandidat galt. Es ist bezeichnend, dass juristischer Expertise gegenüber Industrie- und Managementerfahrung der Vorzug gegeben wird. Die ÖBAG steuert elf staatliche Beteiligungen im Wert von knapp 27 Milliarden Euro. Dazu gehören neben Post und Telekom unter anderem der Verbund, die OMV sowie die Casinos Austria.
RENE PROHASKA / VERLAGSGRUPPE NEWS / PICTUREDESK.COM; APA/AFP/LUDOVIC MARIN
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as war eine etwas größere ShoppingTour, die Palantir Technologies unternahm: 50,7 Millionen US-Dollar gab das amerikanische Datenanalyse-Unternehmen diesen Monat für Goldkäufe aus. Da fragt man sich unweigerlich: Was weiß die Führungsriege rund um Vorstand Alex Karp, was der Rest der ALEX KARP Welt nicht weiß? Prinzipiell Der Palatir-CEO setzt auf Edelmetalle. wohl eine ganze Menge, denn zu Palantirs Kunden zählen Behörden, Regierungen, Geheimdienste sowie das US-Militär. Wie das Unternehmen erklärte, ist das Motiv für das Gold-Investment weder Inflationsschutz noch spekulatives Interesse, sondern die Sorge vor sogenannten „schwarzen Schwänen“. „Black Swans“ nennt man unerwartete Ereignisse, die erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten. Man müsse auf eine Zukunft mit mehr schwarzen Schwänen vorbereitet sein, hieß es aus dem Unternehmen, in dem die ehemalige SPÖ-Politikerin Laura Rudas als Strategie-Managerin tätig ist. Und an potenziellen Auslösern mangelt es derzeit wirklich nicht. In den vergangenen Jahren hat der Goldpreis besonders dann stark zugelegt, wenn ein „schwarzer Schwan“ gelandet ist. Das war zu Zeiten der Finanzkrise 2008, der Eurokrise 2011 und der Corona-Pandemie 2020 der Fall. Seitdem sich die Weltwirtschaft dank der Einführung des Impfstoffs erholt hat, ist der Goldpreis wieder gefallen. Sollten die Zentralbanken die Zinsen erhöhen, würde Gold weiter an Attraktivität verlieren. Die Marktprognosen sind daher eher trist, so sieht etwa JPMorgan „für die kommenden Quartale einen weiterhin rückläufigen Ausblick für die Goldpreise“. Dagegen könnte ein Umfeld, geprägt von niedrigem Wachstum, niedrigen Renditen und hoher Inflation, dem Goldpreis zu einer neuen Initialzündung verhelfen. Wer sich Sorgen vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch macht, sollte dennoch auf Diversifizierung nicht verzichten. Das ist der Schlüssel zu einem wirksamen finanziellen Schutz, auch gegen extreme Ereignisse. Auch Palatir hat lediglich einen geringen Teil seines Kassenbestands – nämlich unter drei Prozent – in Gold investiert. Die gekauften 100-Unzen-Gold1790 US-$ barren seien an einem sicheren Goldpreis Ort im Nordosten der USA gelagert, gab das von Milliardär Pe1250 ter Thiel mitgegründete Unternehmen bekannt.
ausland Der grinsende Dritte In den Umfragen vor den Bundestagswahlen in Deutschland hat die SPD kräftig aufgeholt.
APA/AFP/JOHN MACDOUGALL
18 MONATE
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inen Monat vor den Bundestagswahlen in Deutschland liegt die SPD im ZDF-„Politbarometer“ erstmals gleichauf mit der Union: In der Umfrage von vergangenem Freitag kommen beide Parteien auf je 22 Prozent. Das ForsaTrendbarometer sieht die Sozialdemokraten sogar einen Prozentpunkt vor den Konservativen. Der beliebteste Kanzlerkandidat der Deutschen ist schon länger Olaf Scholz. Nur hat die Popularität des Sozialdemokraten bisher wenig auf seine Partei abgefärbt. Nun aber hat sich die SPD um drei Prozentpunkte verbessert, gleichzeitig sackten CDU/CSU um vier Prozentpunkte ab. Für die deutschen Konservativen ist es der schlechteste „Politbarometer“-Wert aller Zeiten. Mit den neuen Umfrageergebnissen wäre keine Zweier-Koalition möglich. Mehrheiten gäbe es nur für eine Reihe von Dreierbündnissen, darunter für eine Regierung aus SPD, Grünen und Linken. In diesem Szenario würde der Kanzler wohl Olaf Scholz heißen. Manche Beobachter sehen Scholz bereits als den lachenden – oder, wenn man sich Scholz dieser Tage ansieht, grinsenden – Dritten. Sein Aufholen in den Umfragen wird weitgehend als Folge der Schwächen seiner Konkurrenten interpretiert. Die Konservativen haben sich ganz auf Annalena Baerbock eingeschossen und viel unternommen, um die grüne Kandidatin in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. Gut möglich, dass ihnen das am Ende auch selbst geschadet hat. Im Gegensatz zu Baerbock, die in ihrem neuen Buch abgeschrieben hat, und dem Unionskandidaten Armin Laschet, der im Überflutungsgebiet herzhaft lachte, hat Scholz nicht mit Skandalen gekämpft, zumindest nicht im Wahlkampf. Seine Fehler liegen weit zurück, ausgegraben hat sie kaum jemand. 22% 22% Bereits im Jänner hat CDU/ SPD 20% Scholz gesagt, dass die CSU Grüne Wende in den Umfragen spätestens im August kommen werde. Die aktuellen Zahlen geben ihm recht. 11% Doch es kann noch viel geAfD schehen. Vier Wochen sind im Wahlkampf eine lange Zeit – und die TV-Auftritte stehen noch bevor. S.G.
AUFHOLJAGD Der SPD-Kandidat Olaf Scholz ist plötzlich im Kanzlerrennen.
SONNTAGSFRAGE Welche Partei würden Sie wählen, wenn nächsten Sonntag Bundestagswahlen wären?
10% FDP
6% Linke
3%
saß eine junge Britin auf Tonga fest. Im März 2020 war Zoe Stephens für einen Wochenendausflug auf die Inselgruppe im Pazifik geflogen, doch dann schloss Tonga seine Grenzen. Weil sich das Coronavirus immer rascher über die ganze Welt verbreitete, war eine Reise zurück nach China, wo Stephens seit zwei Jahren lebte, lange nicht möglich. Flüge gab es keine mehr – und eine Reise per Schiff erschien Stephens zu aufwendig und teuer. So blieb die 27-Jährige auf der Insel. In den vergangenen eineinhalb Jahren überlebte sie einen Zyklon, fing wieder an zu studieren und ging jeden Tag joggen. Mittlerweile ist die Britin in dem 100.000-EinwohnerLand eine kleine Berühmtheit geworden. Um Spenden für gute Zwecke zu sammeln, lief sie 100 Kilometer. Das gefiel den politischen Führern so gut, dass sie nun jedes Jahr einen Marathonlauf veranstalten wollen. Bald kann Stephens ein Ticket nach Neuseeland buchen. Doch das Land kämpft gerade mit einem neuen Covid-Ausbruch. In Auckland müsste Stephens wohl erst einmal in Quarantäne.
FW Quelle: ZDF/Politbarometer profilinfografik•noa
29. August 2021 • profil 35 33
VON SIOBHÁN GEETS, MANFRED MAURER UND FRANZISKA TSCHINDERLE
A
ls Abdullah diesen Donnerstag gegen Mittag aufwacht, kann er es immer noch nicht fassen. Er ist zu Hause. In Sicherheit. Das erste Mal seit Wochen muss er sich nicht fürchten. Nach einem Monat in Afghanistan ist er in den frühen Morgenstunden in seine Heimatstadt Linz zurückgekehrt. Seine Reise hätte er fast mit dem Leben bezahlt, dennoch würde er es wieder tun. Der Grund, warum er all das riskiert hat, liegt neben ihm: Amira. „Hätte ich meine Frau dort gelassen“, sagt Abdullah, „ich hätte es bis zum Ende meines Lebens bereut.“ Amira, Abdullah und sein jüngerer Bruder Najib haben eine regelrechte Odyssee hinter sich. Zuerst die Flucht innerhalb Afghanistans, dann das tagelange Bangen um die Rettung aus Kabul. Doch von Anfang an. Ende Juli versinkt Afghanistan im Chaos. Während immer mehr Menschen das Land verlassen, treten zwei Brüder aus Linz den umgekehrten Weg an: Abdullah N., 28, und sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Najib N. (Namen geändert). Der Jüngere, österreichischer Staatsbürger seit 2018, hat vor Kurzem seinen Grundwehrdienst beim Bundesheer beendet. Der Ältere arbeitet als Elektriker und besucht nebenbei die HTL für Elektrotechnik. Österreicher ist er seit 2016. Die Brüder kennen die Reisewarnungen des Außenministeriums. Sie wissen um die Gefahren, die in ihrer alten Heimat lauern. Ihr Vater wurde einst von Unbekannten ermordet. Das, so erzählen sie es, sei vor zehn Jahren auch der Fluchtgrund für ihre Familie gewesen. Abdullah kehrte dennoch zurück, das letzte Mal vor zwei Jahren, um nach verschollenen Verwandten zu suchen. Damals, als die Situation noch sicherer war als im Sommer 2021, verliebt sich Abdullah in die damals 19-jährige Amira. Unzählige Male haben sich die beiden seither über Skype gesehen. Nun wollen sie heiraten. Am 24. Juli steigt Abdullah ins Flugzeug nach Kabul, wenige Tage später kommt Najib nach. „Wir sind geflogen, weil ich Angst um meine Frau hatte“, sagt Abdullah zu profil. 24. Juli, Samstag Als er am 24. Juli in Kabul ankommt, hat die afghanische Regierung gerade eine nächtliche Ausgangssperre über 31 der 34 Provinzen des Landes verhängt, um die Bewegungsfreiheit der Taliban einzuschränken. Sie wird den Feind nicht mehr stoppen. Seit die Amerikaner und ihre internationalen Partner mit dem Abzug der Truppen begonnen haben, nehmen die Taliban jeden Tag neue Gebiete ein. Ende Juli kontrollieren sie bereits mehr die Hälfte des Landes sowie wichtige Grenzübergänge. Tausende Menschen sind auf der Flucht, auch in Kabul wächst die Angst vor den Radikalislamisten. Westliche Geheimdienste schätzen noch Anfang August, dass die Hauptstadt innerhalb der nächsten 30 bis 90 Tage an die Taliban fallen könnte. Es ist die eklatanteste Fehleinschätzung in den Tagen vor dem Fall Kabuls.
34 profil 35 • 29. August 2021
APA/AFP/US AIRFORCE/CAPT. CHRIS HERBERT
AUSLAND
Linz–Kabul–Linz. Tagebuch einer Flucht Mehr als 100 Österreicher haben es bisher geschafft, der Hölle der Taliban zu entkommen. Abdullah und Najib sind zwei von ihnen. profil haben die Linzer ihre Geschichte erzählt – auch welche Rolle Ungarn bei ihrer Rettung spielt.
PRIVAT
Daheim in Österreich verschärft die Regierung den Grenzschutz. Man fürchtet eine Fluchtwelle aus Afghanistan. Bis zu 400 zusätzliche Soldaten sollen an die Grenzen zur Slowakei, zu Slowenien und Ungarn geschickt werden. „Es kann nicht sein, dass Österreich und Deutschland für die EU das Afghanistan-Problem lösen“, sagt Innenminister Karl Nehammer. In diesen Tagen reisen Abdullah und Najib von Kabul Richtung Westen nach Herat – mehr als 800 Kilometer quer durch ein Land, in dem Krieg tobt. In Herat wollen die Brüder nach verschollenen Verwandten suchen – und endlich Amira treffen. Rund um die Stadt haben sich bereits die Taliban formiert. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie Herat einnehmen. 8. August, Sonntag Für Abdullah und Amira ist es endlich so weit. Zwei Jahre waren sie verlobt, nun feiern sie Hochzeit in Herat. Dort leben auch viele schiitische Hazara, eine Minderheit, die in Afghanistan seit Jahrhunderten unterdrückt wird. Mit dem Vorrücken der Taliban ist diese Volksgruppe, der auch die Linzer angehören, besonders gefährdet. Den Hazara drohen Folter, Hinrichtung oder Zwangskonvertierung. Abdullahs und Amiras Hochzeit wird ein großes Fest – rund 400 Gäste sind geladen. Es wird getanzt und gegessen, die Menschen feiern in dem Wissen, dass es das letzte Mal sein könnte. „Man hat die Schüs-
IN LETZTER SEKUNDE Mehr als 800 Menschen wurden in einer einzigen Maschine der USAir Force evakuiert (links). Donnerstagfrüh erreichten Abdullah, Amira und Najib Linz: „Die ungarischen Soldaten sind unsere Helden.“
se schon gehört“, sagt Abdullah, „aber wir haben uns die Feier nicht versauen lassen.“ Es ist das letzte Aufbäumen in einer Welt, die es so bald nicht mehr geben wird. Wenige Tage später, am 12. August, nehmen die Taliban die Stadt ein. Für die Islamisten ist es ein Riesenerfolg: Mit rund 600.000 Einwohnern ist Herat die drittgrößte Stadt des Landes. Sie erobern sie Stück für Stück – den Gouverneurspalast, das Gefängnis, die Polizeistation. Die Taliban machen Selfies und verbreiten die Bilder in sozialen Netzwerken, um ihre Macht zu demonstrieren. „Vier Stunden vor der Eroberung Herats durch die Taliban haben die Behörden die Heiratsurkunden ausgestellt“, sagt Abdullah. Das frischgebackene Ehepaar und der Bruder dürfen jetzt keine Zeit verlieren. Sie ergreifen die Flucht, die schönen Hochzeitskleider bleiben zurück, werden durch unauffällige Landeskleidung ersetzt. Sie haben eine lange Busfahrt nach Kabul vor sich und dürfen nicht auffallen. Sie haben alle Fotos und ausländische Kontakte auf ihren Handys gelöscht. Die SIM-Karten verstecken sie in den Sohlen der Schuhe, ihre österreichischen Dokumente unter Amiras Hemd, denn die Taliban durchsuchen Frauen in der Regel nicht. In der Nacht hält der Bus immer wieder an und Taliban steigen ein. „Sie haben allen ins Gesicht geleuchtet, um zu sehen, wer Hazara ist“, sagt Abdullah. Die Hazara, häufig erkennbar an ihren Gesichtszügen, 29. August 2021 • profil 35 35
AUSLAND
PRIVAT
müssen sich ausweisen. Dem Linzer klopft das Herz bis zum Hals, doch er versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Die Taliban dürfen nicht erfahren, dass die Brüder Europäer sind. Deshalb zeigen sie ihnen ihre afghanischen Geburtsurkunden. Die Täuschung funktioniert, die drei können weiterfahren. Nach etwa 16 Stunden kommen sie völlig erschöpft in Kabul an. In der Hauptstadt wollen die drei Amiras Verwandte besuchen – und die Heimreise nach Wien über Pakistan organisieren. In Islamabad, so der Plan, soll Amira einige Zeit bei Bekannten wohnen und die Rot-Weiß-Rot-Karte beantragen. Sie spricht bereits gut Deutsch und will im September am Goethe-Institut in Islamabad die A1-Prüfung ablegen. Doch dann kommt alles anders. Am Sonntag, den 15. August, erobern die Taliban Kabul. Der afghanische Präsident Aschraf Ghani flüchtet Hals über Kopf in die Vereinigten Arabischen Emirate. „Der Krieg in Afghanistan ist vorbei“, verkündet Taliban-Sprecher Mohammed Naim an jenem Abend über den TV-Sender „Al Jazeera“. In der Bevölkerung bricht Panik aus. Ehemalige Helfer der ausländischen Truppen wie Übersetzer, aber auch Frauen, Richterinnen und Journalisten fürchten die tödliche Rache der Taliban. Tausende brechen zum Flughafen auf, dem letzten Nadelöhr, um außer Landes zu gelangen. Das Areal ist jetzt eine von US-Truppen gesicherte Festung, umzingelt von den Taliban, jener Terrorgruppe, die vor 20 Jahren erstmals besiegt wurde und nun zurück ist. Der Abzug wird zur panikartigen Flucht. Es ist eine demütigende Niederlage für die USA und ihre Verbündeten. Mit dem Einmarsch der Taliban in Kabul ist das Versagen des Westens besiegelt. Dramatische Bilder gehen um die Welt. Zu sehen sind verzweifelte Menschen, die sich an eine abhebende Maschine der US-Air Force klammern und aus schwindelerregenden Höhen in den Tod stürzen. Auch Abdullah, Amira und Najib versuchen in diesen Tagen immer wieder, zum Flughafen zu gelangen. In den Menschenmassen fallen Schüsse. Jeder will nach vorn, die Menschen drängen, es ist unerträglich. Die Brüder nehmen Amira in die Mitte und versuchen, sie so gut es geht zu schützen. „Ich habe gesehen, wie ältere Frauen und Kinder hingefallen sind und erdrückt wurden“, erzählt Abdullah. „Sie hatten keine Chance mehr, aufzustehen.“ Ein anderes Mal sieht der Linzer, wie die Köpfe der Kinder in der Menschenmasse untergehen: „Sie waren zu klein. Sie haben keine Luft mehr bekommen und sind erstickt.“ Während die ganze Welt schockiert auf Afghanistan blickt und fieberhaft daran gearbeitet wird, möglichst viele Menschen zu retten, verstrickt die ÖVP Österreich in eine Abschiebungsdebatte. „Faktum ist, dass wir weiterhin Staatsbürger aus Afghanistan abschie36 profil 35 • 29. August 2021
„Faktum ist, dass wir weiterhin Staatsbürger aus Afghanistan abschieben.“ Außenminister Alexander Schallenberg drei Tage nach dem Fall Kabuls
DAS LANGE WARTEN Abdullah auf dem Flughafen in Kabul. Mehr als 24 Stunden warteten er, seine Frau und sein Bruder auf den Flug nach Usbekistan. XXX Xxx
ben“, sagt Außenminister Alexander Schallenberg drei Tage nach der Eroberung Kabuls. Weil niemand mehr nach Afghanistan zurückgebracht werden kann, will die ÖVP nun Abschiebezentren in den Nachbarländern einrichten. „Damit zu argumentieren, ist unerträglich“, sagt Klaus Luger. Der sozialdemokratische Bürgermeister von Linz weiß um die Verzweiflung der beiden Brüder. Er ist in die Frage, wie es die drei nach Österreich schaffen können, indirekt eingebunden. „Das iranische Regime und die anderen Nachbarstaaten werden die Menschen nicht aufnehmen. Man sollte mit solchen realitätsfremden Lösungen nicht Politik machen“, sagt er. „Da werden die Menschen für dumm verkauft.“ Während in Österreich debattiert wird, tauchen Abdullah, Amira und Najib in Kabul unter. Aus Angst, von den Taliban entdeckt zu werden, wechseln sie immer wieder ihr Versteck. 19. August, Donnerstag Am vergangenen Donnerstag erreicht die drei ein EMail aus Wien. „Liebe Österreicherinnen und Österreicher, bitte begeben Sie sich morgen bis spätestens 08:00 Uhr zum North Gate des Hamid Karzai International Airport zur UNGARISCHEN FLAGGE …“, steht da. Es bestehe die Möglichkeit einer „Evakuierung österreichischer Staatsbürger*innen mittels ungarischer Militärmaschinen nach Buchara, Usbekistan“. Um die Weiterreise von dort nach Österreich hätten sich die Geretteten selbst zu kümmern, heißt es in der Nachricht aus dem Außenministerium. Am nächsten Tag, einem Freitag, bricht das Trio auf. Der Versuch, zum Flughafen zu gelangen scheitert – überraschenderweise aber nicht an den Taliban. Eigentlich hätten ungarische Soldaten vor das Gate kommen und allen, die sich als österreichische Staatsbürger ausweisen, ein T-Shirt mit ungarischer Flagge übergeben sollen, eine Art tragbaren Passierschein. So war es den Brüdern vom Außenministerium in Wien mitgeteilt worden. Abdullah, Amira und Najib warten seit sechs Uhr morgens – vergeblich. „Die deutschen Soldaten am Gate haben uns einfach ignoriert“, sagt Abdullah. Auch US-Soldaten erweisen sich nicht als Hilfe, im Gegenteil: „Sie schießen mit Maschinengewehren und gehen mit Tränengas vor“, schreibt Abdullah auf WhatsApp an profil. In diesen Stunden geht es den beiden Österreichern und ihrer afghanischen Gefährtin wie Tausenden anderen verzweifelten Menschen, die im Staub zwischen Stacheldrahtzäunen und Betonsperren vor dem Flughafen ausharren. Einen Platz in einer der Maschinen zu ergattern, kann über Leben und Tod entscheiden. Es ist eine Achterbahnfahrt zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
26. August
Ankunft in Linz ÖSTERREICH
Weg in die Freiheit
26. August spätnachts Ankunft in Budapest
USBEKISTAN
Schwarzes Meer
24. August
Kaspisches Meer
Flug von Kabul nach Buchara, Usbekistan AFGHANISTAN
Mittelmeer
12. August
Flucht aus Herat An diesem Tag eroberten die Taliban Herat
Daheim in Linz wird der Freundeskreis der Brüder aktiv, um die drei aus Afghanistan zu holen und Druck auf die Politik zu machen. Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen wird um Unterstützung gebeten. Doch die Brüder aus Linz sind nicht die Einzigen, die dieser Tage aus Kabul um Hilfe rufen. In einer Antwort vom 19. August verweist die Präsidentschaftskanzlei auf „derzeit viele Hilfeersuchen wie das Ihre“. Eine Sprecherin Van der Bellens hält fest, „dass dem Bundespräsidenten hier keine unmittelbaren Veranlassungen möglich sind“. Van der Bellen habe jedoch „den Auftrag gegeben, sowohl das Bundesministerium für Inneres als auch das Außenministerium auf Ihr Schreiben aufmerksam zu machen“. 22. August, Sonntag Am Abend – ein Lichtblick. Vom Außenministerium in Wien kommt die Empfehlung, es beim Flughafen gelegenen Hotel Baron zu versuchen. Vier Tage später, als die beiden bereits in Sicherheit sind, wird dort eine Bombe detonieren. Nicht weit entfernt liegt das sogenannte „Abbey Gate“ – auch hier sprengt sich am Donnerstag ein Selbstmordattentäter des „Islamischen Staats“ in die Luft. Dorthin, so das Außenministerium in einer Nachricht an die Brüder, sollten sich die Österreicher in Gruppen mit anderen EU-Bürgern begeben. Die konkrete Aufforderung lautet, sich mit Rufen wie „Hungary, Magyar“ oder „Ungarn“ bemerkbar zu machen. Doch so weit kommen die meisten gar nicht. „Nahe dem Hotel Baron kamen wir an zwei Taliban-Checkpoints vorbei, zehn Meter vor dem dritten ist dann eine Massenpanik ausgebrochen. Es gab Verletzte und Tote“, schildert Abdullah die schrecklichen Szenen. Er befindet sich in einer Gruppe aus 15 Personen, darunter zwei Frauen, und versucht, zum nur 20 Meter entfernten Gate zu gelangen. Doch die Menschen werden immer wieder von Taliban-Kämpfern auseinandergetrieben. Das deutsche Außenamt warnt Festsitzende über einen Messenger-Dienst: „Es kann vor dem Hotel und auf dem Weg zum Abbey Gate kein Schutz gewährt werden.“
DIE ODYSSEE Nach der Eroberung Herats durch die Taliban flohen die drei nach Kabul. Am Ende ging esnach Usbekistan und über Budapest zurück nach Linz.
„Hätte ich meine Frau dort gelassen, ich hätte es bis zum Ende meines Lebens bereut.“ Austro-Afghane Abdullah N.
23. August, Montag Nach sechs gescheiterten Versuchen, den Airport zu erreichen, haben Abdullah, Najib und Amira die Hoffnung auf einen Flug in die Freiheit verloren. „Psychisch geht es uns nicht gut“, sagt Abdullah in der Früh am Telefon zu profil. In Kabul machen Gerüchte über einen drohenden Anschlag des „Islamischen Staats“ die Runde. Haben die Amerikaner es in die Welt gesetzt, um den Andrang auf den Flughafen einzudämmen, oder ist die Gefahr real? Die drei sind sich nicht sicher. Drei Tage später werden tatsächlich Bomben explodieren. Weil das North Gate mittlerweile geschlossen ist und es auch beim Abbey Gate kein Durchkommen gibt, überlegen Abdullah, Najib und Amira in ihrer Verzweiflung eine Flucht über den Landweg nach Pakistan. Dafür haben sie mit Unterstützung von Freunden sowie der österreichischen Botschaft in Islamabad Vorbereitungen getroffen. Letztere hat einen Schutzbrief geschickt, in dem die pakistanischen Behörden „freundlich ersucht“ werden, die Einreise der drei zu gewähren. Rund 300 Kilometer sind es von Kabul nach Pakistan – eine Strecke, die man unter normalen Umständen an einem Tag schaffen sollte. Doch in diesen Tagen ist nichts normal. Bald stellt sich heraus: Die Fahrt gleicht einem Himmelfahrtskommando. Die Grenze ist dicht, ein Übertritt viel zu gefährlich. Bei Abdullah, Najib und Amira wächst die Verzweiflung. Die drei sitzen immer noch in Kabul fest – und die Zeit drängt. Die USA planen nach wie vor, bis Ende August abzuziehen. Und die Taliban haben bereits festgehalten, dass sie einer Ausdehnung der Frist nicht zustimmen werden. Der 31. August sei die rote Linie, eine Überschreitung würde Konsequenzen nach sich ziehen. Am Nachmittag erreicht die drei Wartenden endlich eine gute Nachricht: Unter den in Kabul verbliebenen Europäern spricht sich herum, dass die Chancen, auf den Flughafen zu gelangen, in der Nacht gut sein sollten. Am Abend machen sie sich ein siebtes Mal auf den Weg zum Abbey Gate. Um 21 Uhr schreibt Abdullah seinen Freunden in Linz: „Kann 29. August 2021 • profil 35 37
wer da anrufen und fragen, wann die Ungarn kommen?“ Keine 20 Minuten später kommt die Antwort: „Hab sie erreicht – morgen um 7 Uhr kommen die Ungarn raus (zum Gate Abbey).“ Unauffällig in traditionelle afghanische Gewänder gekleidet, kommen Abdullah, Amira und Najib gegen halb elf in der Nacht am Gate an. Überall sind Taliban. Die drei gehen die Mauer entlang, die sie vom Flughafengelände trennt. Schließlich entdeckt Najib einen ungarischen Soldaten. „We are from Austria!“, ruft der 28-Jährige und hält seinen Pass in die Höhe. Jetzt müssen die drei in einen Graben und durch den Kanal, der entlang der Mauer verläuft. Das Wasser ist schwarz vor Dreck, Abdullah trägt zuerst Amira und dann seinen Bruder auf die andere Seite. Dort hilft ihnen der ungarische Soldat über die Mauer. Sie haben es geschafft. 24. August, Dienstag Noch ist die Flucht aber nicht zu Ende. Abdullah, Amira und Najib sitzen am Flughafen fest. Wann sie nach Usbekistan reisen können, ist unklar. Das Zeitfenster für Evakuierungen schließt sich. Zwei bis drei Tage bleiben den Menschen noch, um das Land zu verlassen. Gegen Ende der Woche dürften die verbliebenen US-Truppen ihren eigenen Abzug einleiten, heißt es am Dienstag. Den Flughafen weiter zu betreiben, ist ohne die rund 5800 amerikanischen Soldaten nicht möglich. Eines wird in diesen Tagen immer deutlicher: Es wird sich in den wenigen Tagen, die bis Ende August bleiben, nicht ausgehen, alle Schutzbedürftigen und ausländischen Staatsbürger auszufliegen. Vor dem G7-Gipfel am Dienstag setzen sich Großbritannien, Deutschland und Frankreich für eine Verlängerung der Rettungsmission ein. Doch die Taliban schließen das nach wie vor aus. Am Abend geht die Videokonferenz der G7 ohne Überraschungen zu Ende. Nach stundenlanger Verzögerung tritt Biden in Washington vor die Presse. Es wird keine Verlängerung des Rettungseinsatzes geben – im Gegenteil. Es klingt eher, als wolle Biden die verbliebenen US-Truppen früher abziehen als geplant. Jeder Tag vor Ort erhöhe die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ auf den Flughafen, sagt der US-Präsident – und verschwindet wieder, ohne eine einzige Journalistenfrage zu beantworten. In Kabul ist die Nacht angebrochen. Die Taliban haben den Flughafen für Afghanen gesperrt, es werden jetzt nur noch Ausländer durchgelassen. Abdullah, Najib und Amira haben Glück gehabt, es noch rechtzeitig geschafft zu haben. Wenige Stunden später wäre das wohl nicht mehr möglich gewesen, denn Amira ist afghanische Staatsbürgerin. Auch wenn sie im Schutzbrief der österreichischen Botschaft in Islamabad als Österreicherin ausgewiesen wird: Über einen Aufenthaltstitel oder gar einen Pass verfügt sie nicht. Gegen Mitternacht hat das Warten für die drei endlich ein Ende: Sie ergattern einen Platz in einer Maschine nach Buchara, Usbekistan. 38 profil 35 • 29. August 2021
„Machen Sie sich durch Rufe (,Hungary/Magyar/ Ungarn’) bemerkbar.“ Österreichs Außenministerium in einem E-Mail an die Brüder
SCHUTZBRIEF Die österreichische Botschaft in Pakistan hilft den Brüdern, die es zwischenzeitlich über den Landweg nach Pakistan versuchen wollen.
25. August, Mittwoch Abdullah, Najib und Amira warten auf die Weiterreise nach Budapest. 700 Kilometer liegen jetzt zwischen ihnen und dem Horror von Kabul. Dort warten immer noch Tausende auf die rettende Ausreise, darunter auch österreichische Staatsbürger. Außenminister Schallenberg spricht in der „ZIB 2“ von „zwei bis drei Dutzend“ Österreichern, die sich noch in Afghanistan befinden. Andere Länder, darunter Deutschland und Großbritannien, haben ihre Leute teils mit Spezialeinheiten aus der Stadt geholt. Das Außenministerium in Wien hat zwar einen Krisenstab in die Region geschickt, mit dem Staatsbürger telefonisch in Kontakt treten können. Doch dort heißt es nur, dass man noch abwarten müsse. Bei der Flucht sind die Brüder weitgehend auf sich alleingestellt. 26. August, Donnerstag Ein Uhr nachts, Donnerstag. Die drei sind am Flughafen in Budapest gelandet und machen sich auf den Weg in die österreichische Botschaft, um die Formalitäten zu klären. Danach fahren sie nach Wien, wo ein Freund auf sie wartet. Vor Linz steigen sie aus dem Auto und machen ein Foto von sich vor dem Ortsschild. Sie sehen unglaublich erleichtert aus. Für Abdullah, Amira und Najib ist die Geschichte gut ausgegangen. Weil sie mit einem Österreicher verheiratet ist, muss die 21-Jährige Amira nicht um Asyl ansuchen, sondern kann einen unbefristeten Aufenthaltstitel beantragen. In Österreich will Amira zuerst die Matura nachholen und dann studieren. Was, das weiß sie noch nicht. Mehrere Tage lang stand profil mit den Brüdern in Kontakt, telefonierte mit ihnen und ihren Freunden daheim in Linz. Nach ihrer Rückkehr wollten wir sie auch persönlich zum Interview treffen. Doch am Ende blieb es aufgrund der nach der Einreise nötigen Quarantäne bei Telefonaten. Für die Familie gibt es ein Happy End. Für viele andere gilt das leider nicht. Mehr als 95.000 Menschen haben die USA und ihre Verbündeten bis Freitag aus Afghanistan evakuiert. Doch viele Tausende mehr müssen nun die Verfolgung durch die Taliban fürchten. Für die Frauen Afghanistans sieht Abdullah schwarz. „Die Taliban versprechen jetzt einiges, aber sie haben sich nicht geändert“, sagt er. Die Radikalislamisten würden den Frauen die Bildungschancen nehmen: „Sie werden kein Leben mehr haben und sich verstecken müssen.“ Abdullah will sich bedanken. Bei der österreichischen Regierung. Und bei den ungarischen Soldaten, die ihn, seinen Bruder und seine Frau über die Mauer ins Flughafengelände gezogen haben. „Die ungarischen Soldaten“, sagt er, „sind unsere Helden.“ Abdullah und Najib haben eine Odyssee hinter sich. Was denkt er jetzt, nach all dem Horror, über seine Entscheidung, während des Siegeszuges der Taliban nach Afghanistan zu reisen? Würde er es wieder tun? „Für Amira, ja“, sagt er. „Ich würde keine Sekunde zögern.“ æ
Meinung Franziska Tschinderle tschinderle.franziska@profil.at Twitter: @tschinderle
Der Hindukusch auf dem Balkan Warum Albanien und Kosovo Tausenden Afghanen Schutz gewähren.
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tellen Sie sich vor, Österreichs Kanzler Sebastian Kurz fiebert der Ankunft von Flüchtlingen aus Afghanistan regelrecht entgegen. Auf die Frage, warum er so gastfreundlich ist, antwortet er in Interviews: „Das ist für mich eine Sache der Moral.“ Und: „Es geht um Leben und Tod.“ Kein Wort, dass sich 2015 nicht wiederholen dürfe. Warum auch? Die Situation ist eine gänzlich andere. Menschen kommen nicht zu Fuß, sondern per Flugzeug, nicht illegal, sondern als Teil eines Transitverfahrens, koordiniert von den USA. Botschaftsmitarbeiter, Übersetzer und Soldaten sind darunter. Menschen, denen unter den Taliban der Tod droht, weil sie für die NATO gearbeitet haben. Stellen Sie sich vor, Außenminister Alexander Schallenberg empfängt diese Flüchtlinge persönlich am Flughafen in Wien oder Budapest. Er sagt: „Ich bin wirklich erleichtert, dass nach all den Zwischenfällen in Kabul nun das erste Kontingent angekommen ist.“ Seine Partei muss sich vor keiner Retourkutsche im Wahlkampf fürchten. Auf internationaler Ebene wird den Türkisen Anerkennung gezollt. Sie stehen für eine Außenpolitik mit Weitblick – über Wahlen und Umfragewerte hinaus. Dieses Szenario gibt es in Europa nicht. Wirklich? Albanien und Kosovo – sie zählen zu den ärmsten Ländern in Südosteuropa – sind dabei, rund 6000 Menschen aus Afghanistan aufzunehmen. Auf einer Fläche, in etwa so groß wie die Schweiz. Und das, obwohl dort der Sozialstaat schwach, die Löhne niedrig und die Jugendarbeitslosigkeit hoch ist. Gute Gründe, selbst die Flucht zu ergreifen. In sozialen Netzwerken ist schnell ein Vergleich gefunden. Während sich die reichsten Länder Europas zieren, nehmen die Ärmsten bereitwillig Menschen auf. Stimmt das? Ja und nein. Die Realität wird auch romantisch verklärt. Die Menschen bleiben nicht für immer, sondern nur temporär. „Seien wir mal ehrlich“, sagte kürzlich eine Albanerin zu mir, „wer die Wahl zwischen den USA und Kosovo hat, wird sich wohl für Erstere entscheiden.“ Dazu kommt: Washington schießt Geld und die nötige Infrastruktur zu. Es ist leichter, nur vorübergehend den Gastgeber zu spielen, insbesondere dann, wenn man nicht die ganze Rechnung bezahlen muss. All das schmälert aber nicht den Beitrag. Ganz im Gegenteil. Während sich Länder in Westeuropa bewusst hart geben, wetteifern zwei Nicht-EU-Länder, wer mehr Menschen aufnehmen kann. Das hat unterschiedliche Gründe. Da wäre die moralisch-menschliche Dimension. Ein großer Teil der Bevölkerung weiß, wie es sich anfühlt, auf der Flucht zu sein. Im Kosovo war es mehr als die Hälfte der Bevölkerung, in Albanien waren es Hunderttausende. Sie flohen in überfüllten Booten, auf Traktoren oder zu Fuß über
die Berge. „Vor 30 Jahren waren wir die Afghanen“, sagte der albanische Premierminister Edi Rama kürzlich in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN. Rama, ein ehemaliger Basketballspieler, gibt dieser Tage den Mann mit dem weichen Herzen. Dieses Image verschleiert, dass er selbst kein lupenreiner Demokrat ist und sich innenpolitisch immer mehr Kritik gefallen lassen muss. Mit der Afghanen-Frage hingegen kann Rama punkten. USAußenminister Antony Blinken hat ihn auf Twitter bereits in den Himmel gelobt. Womit wir bei der geopolitischen Dimension angekommen sind. Die USA sind eine gedemütigte Weltmacht. Es gibt einen Ort, wo Aber es gibt einen Ort, der gedemütigten an der ihr noch Jubel ent- Weltmacht USA noch gegenbrandet: auf dem Balkan, und hier insbe- Jubel entgegenbrandet. sondere unter Albanern und Albanerinnen, die, obgleich mehrheitlich muslimisch, zu den glühendsten Amerika-Fans der Welt zählen. Ihre Außen- und Sicherheitspolitik ist, ähnlich wie jene Israels, stark an die USA angelehnt. So benennen die Albaner Straßen nach Bill Clinton und lassen das Sternenbanner vor ihren Häusern wehen. Insbesondere im Kosovo, der ohne die NATO-Bombardements von 1999 heute wohl kein Staat wäre, zollt man Washington große Dankbarkeit. Können Staaten, deren Existenz von den USA abhängt, überhaupt Nein zu den Amis sagen? Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Ja. 2013 wischte NATO-Partner Albanien eine Anfrage der Amerikaner vom Tisch, syrische Chemiewaffen im eigenen Land zerstören zu lassen. Im Kosovo wiederum regiert seit Februar eine Partei, die ausländische Diplomaten noch vor wenigen Jahren mit Kolonialherren verglich. Die US-Botschaft in Pristina weigerte sich lange, deren Chef Albin Kurti zu treffen. Heute ist er Premierminister und lässt die Amerikaner in seinem Land bereitwillig Transitverfahren abwickeln. Das zeigt: Auch kleine Staaten haben Handlungsspielräume. In der Afghanistan-Frage ist der Balkan kein Abstellgleis. Er ist ein Tor in eine bessere Welt ohne Taliban-Herrschaft und Selbstmordattentäter. Diese Männer, Frauen und Kinder werden nicht an der Adria sesshaft werden. Sie werden weiterziehen. Aber eine Erinnerung wird bleiben. Einige wenige Staaten haben im Spätsommer 2021 schnell und unbürokratisch geholfen. Um Menschen, die ihr Leben für die westlichen Alliierten aufs Spiel gesetzt haben, Schutz zu bieten. Österreich hat nicht dazugehört. æ 29. August 2021 • profil 35 39
AUSLAND
„Die Opfer verdienen Respekt“ Christian Schmidt, Hoher Repräsentant Bosniens und Herzegowinas, über seine Rolle als internationaler „Aufseher“, Rückendeckung aus Washington und das letzte Gesetz seines österreichischen Vorgängers Valentin Inzko.
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rofil: Herr Schmidt, Staat und Verwaltung in Bosnien sind dysfunktional. Wird das jetzt unter Ihnen anders werden? Schmidt: Wir müssen alle dazu beitragen, dass die Dysfunktionalität aufgehoben und der Staat funktionsfähig gemacht wird. Das ist zuallererst die Aufgabe der gewählten politischen Verantwortlichen hier vor Ort. Ich bin bereit, dabei Hilfe zu leisten. profil: Ihre Vorgänger argumentierten ähnlich. Sie appellierten an die Verantwortung der örtlichen Politiker, meist vergebens. Dabei hat der Hohe Repräsentant etliche Machtmittel. Sie können Politiker aus dem Amt werfen, Gesetze erlassen … Schmidt: In der Tat stehen mir zahlreiche Möglichkeiten der Amtsführung zur Verfügung. Aber ich halte es nicht für zielführend, sie sozusagen willkürlich einzusetzen. Da, wo die existenziellen Interessen des Staates gefährdet sind, ist der Punkt, wo ich mich dann auch einschalte.
profil: Ihr Vorgänger, der Österreicher Valentin Inzko, hat noch in seinen letzten Tagen ein Gesetz erlassen, das die Leugnung von Genozid- und Kriegsverbrechen und die Heroisierung von Kriegsverbrechern unter Strafe stellt, es ihnen gewissermaßen zu Füßen gelegt. Wie stehen Sie dazu? Schmidt: Die Frage, der sich keiner entziehen kann und die jeder für sich beantworten muss, gleich ob in der Republika Srpska oder in der Föderation BiH, ist: Was kann ich in meiner Verantwortung tun, damit die nächste Generation nicht wieder mit Geschichtsnarrativen konfrontiert oder in diesen ausgebildet wird, bei denen die anderen die Schlechten sind und man selber nur gut ist. Das ist die Grundaussage, und da werde ich auch unangenehm sein. profil: Ist das Gesetz jetzt eine gute Sache? Schmidt: Ein Gesetz hat dann Wirkung, wenn sich alle darauf einigen, was nicht sein soll. Und daran müssen wir arbeiten. Vor allem geht es darum, dass wir in Zukunft verhindern wollen, dass es solche
Tatbestände überhaupt gibt, aus denen heraus dann Kriegsverbrecher angeklagt werden müssen. Das ist anspruchsvoller, als zu sagen, ich bin für oder gegen das Gesetz. Es geht nie um Kollektivschuld eines Volkes oder einer Volksgruppe, sondern um die Ahndung individueller Vergehen. profil: Die Hinterbliebenen der Opfer von Srebrenica, die Menschen, die schon als Kinder durch die grausame Belagerung Sarajevos traumatisiert wurden, leben in diesem Land mit ihren Wunden weiter. Schmidt: Und diese Menschen haben Respekt verdient. profil: Dieser Respekt existiert gerade in der Republika Srpska nicht. Im serbischen Landesteil ist die Leugnung der Kriegsverbrechen geradezu politische Doktrin … Schmidt: Das nehme ich so nicht als gegeben hin. Auch Serben haben Opfer zu beklagen. profil: Valentin Inzko und andere Vorgänger hatten nicht mehr die nötige Unterstützung der internationalen Gemeinschaft,
Blumen für den Schützengraben Im zerrissenen Balkanland Bosnien und Herzegowina kommt die Politik nicht vom Fleck. Welche Rolle kann der von außen besetzte Hohe Repräsentant leisten? Und braucht es ihn heute überhaupt noch? COMMUNITY ART Die bosnische Künstlerin Smirna Kulenović, 25, bei einer Performance in Sarajevo
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arajevo zeigt sich in diesem Sommer von seiner unbeschwerten Seite. Die Touristen sind wieder da, die Stadtbewohner besuchen das Filmfestival. Ehrengäste wie Bono Vox von der Rockband U2 waren auf dem roten Teppich vor dem Nationaltheater zu sehen. Dennoch: Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende ist BosnienHerzegowina immer noch ein dysfunktionaler Staat. Die ethnischen Parteien der Bosniaken, Serben und Kroaten blockieren Reformen des Wahlrechts und der Justiz. Die Korruption grassiert und bleibt weitgehend straflos. Patronage, Kliente-
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lismus und fehlende Jobs lassen viele Tausende junge Menschen, aber auch erfahrene Ärzte und Ingenieure ihr Glück im Ausland suchen. Neu ist nur: Europäer und Amerikaner ziehen wieder gemeinsam an einem
Strang, etwas, das in der Ära Trump keine Selbstverständlichkeit war. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel einigte sich mit US-Präsident Joe Biden darauf, den deutschen Politiker Christian Schmidt als neuen Hohen Repräsentanten (OHR) der internationalen Gemeinschaft einzusetzen (siehe Interview). Dieser von außen besetzte Posten, eine Art internationales Aufsichtsorgan, ist ein Produkt des Friedensvertrags von Dayton, der im November 1995 den Krieg mit etwa 100.000 Toten und unfassbaren Massakern beendete. Der OHR soll über Einhaltung und Umsetzung des Vertrags
GREGOR MAYER/DPA/PICTUREDESK.COM
Christian Schmidt, 64,
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ist studierter Jurist. Von 2005 bis 2013 war der CSU-Politiker Staatssekretär im Verteidigungsministerium, von 2014 bis 2018 Landwirtschaftsminister. Seit 1. August ist er der Hohe Repräsentant der internationalen Gemein-
wachen. Im Prinzip hat der Hohe Repräsentant viel Macht: Er kann Politiker aus dem Amt entlassen, Gesetze und Verordnungen der örtlichen Körperschaften aufheben und eigene Gesetze erlassen. Mit der Zeit wurde all das immer seltener angewandt. Die internationale Gemeinschaft wollte es so: Die gewählten örtlichen Politiker sollten endlich selbst Verantwortung übernehmen, hieß es. Schmidts Vorgänger war der österreichische Karrierediplomat Valentin Inzko. Mangels Unterstützung von außen agierte er zwölf Jahre lang eher unauffällig. Eine Woche vor seinem Abgang setzte Inzko einen Knalleffekt: Kraft seines Amtes erließ er im Alleingang ein Gesetz, das die Leugnung von Kriegsverbrechen unter Strafe stellt. Im serbischen Landesteil wird etwa der bosnisch-serbische Militärführer Ratko Mladić – er befehligte unter anderem das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 – bis heute als Held verehrt. Die Aufregung über Inzkos Gesetz war dementsprechend groß. Milorad Dodik, der ser-
schaft in Bosnien-Herzegowina. Seit 1990 ist er Abgeordneter im Deutschen Bundestag mit Direktmandat. Mit dem Amtsantritt in Sarajevo zog er seine Kandidatur für die Bundestagswahl im September zurück.
bische Vertreter im bosnischen Staatspräsidium, will nun das Gremium boykottieren. Selbst gemäßigte Politiker in der serbischen Metropole Banja Luka halten nicht viel davon. „Es ist unmöglich, dieses Gesetz bei uns anzuwenden“, sagt Milan Radojević, Vizepräsident der Oppositionspartei SDS, zu profil. Ausländische Beobachter blicken mit gemischten Gefühlen auf das Gesetz. „Die Bestrafung einer Leugnung von Genozid ist natürlich positiv zu sehen“, sagt Florian Bieber, Südosteuropa-Experte an der Universität Graz, „aber fraglich ist, ob ein von einem ausländischen Diplomaten per Dekret durchgebrachtes Gesetz zur gesellschaftlichen Aufarbeitung beitragen wird.“ Bieber befürchtet, dass das Gesetz zu einer Polarisierung führen könnte. Ganz anders, die Stimmung in Sarajevo. Dort hat Inzkos Gesetz Erleichterung ausgelöst. Hinterbliebene der Kriegsopfer und traumatisierte Überlebende der Belagerung sehen sich durch den MladićKult der Serben verhöhnt. „Wenn ich
um markanter durchzugreifen. Ist das jetzt bei Ihnen anders? Schmidt: Die internationale Gemeinschaft wird sich mehr um den Westbalkan kümmern. Es ist Teil meiner Aufgabe hier, nachhaltig einen Beitrag zu leisten. profil: Sie waren vor wenigen Tagen in Berlin, trafen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Was bringen Sie davon mit? Schmidt: Dass mich die Bundeskanzlerin so zeitnah empfangen hat, werte ich als ein klares Zeichen dafür, dass sie ein gesteigertes Interesse an der Region und an Bosnien insbesondere zeigt und als eine klare Unterstützung für mein Amt. profil: Sie haben sich bereits mit Außenpolitikern aus der neuen US-Administration besprochen? Schmidt: So ist es. Ich darf darauf hinweisen, dass auch die Bundeskanzlerin und USPräsident Joe Biden über meine Nominierung und die Mission hier bereits gesprochen haben. Ich will auch in Kürze nach Washington reisen. profil: Man sagt, Sie verfügen über einen guten Draht nach Washington … Schmidt: Ich war Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Da war ich natürlich häufig in Washington. Ich bin Präsident der Deutsch-Atlantischen Gesellschaft. Ich bin ausgewiesener Transatlantiker. Einige der Personen, die jetzt in der Administration und im Kongress tätig sind, kenne ich seit Langem. Das mag die Gespräche erleichtern. INTERVIEW: GREGOR MAYER, SARAJEVO
mich mit Gleichaltrigen in Banja Luka darüber unterhalte, wirken sie auf mich wie gehirngewaschen“, erzählt die 27jährige Künstlerin Smirna Kulenović. „Sie kriegen das von der Familie und in der Schule einfach so mit.“ Das Haus, in dem Kulenović aufwuchs, steht am Hang des Berges Trebević im Süden Sarajevos. Rund 200 Meter von hier verlief im Krieg der 1990er-Jahre die Front, als die Stadt von bosnisch-serbischen Milizen gnadenlos belagert wurde. Der Schützengraben der bosnischen Verteidigungslinie ist immer noch da. Kulenović macht derzeit ihren Master an der Kunstuniversität Linz. An einem Sonntag im August zog sie mit 100 rot gekleideten Frauen zum Schützengraben und setzte 1000 Ringelblumen in die vom Krieg hinterlassene Furche ein. Die junge Künstlerin bindet Bürgerinnen und Bürger immer wieder in ihre Projekte ein. „Ich glaube, auf diese Weise können wir dazu beitragen, die Traumata zu heilen“, sagt sie. 29. August 2021 • profil 35 41
gesellschaft SPAZIERGÄNGE AM ABGRUND Starbesetzung mit Julia Koschitz (l.) und Murathan Muslu als Loser (r.), in dem sich die Wut aufstaut
EXPLOSIONSGEFAHR
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er Anabolika futternde SecurityBeamte (Murathan Muslu), der von seiner Frau ständig gesagt bekommt, dass er nichts auf die Reihe kriegt. Die gescheiterte Pianistin (Julia Koschitz), die als Versicherungs-Agentin von ihrem Kollegen beruflich und privat missbraucht wird. Beide sind die Protagonisten der ersten beiden Folgen der sechsteiligen ORF-Serie „Die Macht der Kränkung“ (ab 29. August, 20:15 Uhr, ORF 2), in der Drehbuchautorin Agnes Pluch kunstvoll und voller Empathie für ihre Figuren jene Handlungsstränge miteinander verflicht, die einen Amoklauf in einem Einkaufszentrum zur Folge haben. Auch die Ästhetik der Serie in der Regie von Umut Dağ kann durchaus in ihrer klaren Coolness mit Netflix- und Sky-Produktionen mithalten. Inspiriert wurde Pluch, eine der herausragendsten Filmautorinnen Österreichs, von jenen Tatsachenberichten, die der Vorarlberger forensische Psychiater Reinhard Haller in seinem Buch über das Phänomen Kränkung erzählte. Kränkung ist das häufigste Motiv für Verbrechen, so die Kriminalstatistik. Die erste Kränkung des Menschen beginnt de facto mit dem Eintritt ins Leben und dem damit verbundenen Geburtsschock. Die Entwicklungspsychologin Brigitte Rollett sieht in einem stabilen familiären Umfeld, in dem auch ein Ausweichen auf andere Vertrauenspersonen möglich ist, einen Grundstein für die spätere Kränkungsresilienz eines Kindes. Die Psychiaterin Heidi Kastner definiert Kränkung als „Erschütterung des Selbstwerts durch eine
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relevante Person“. Jene Menschen, die ihre Selbstwertschwäche nicht neutralisieren, weil sie beispielsweise an einer Persönlichkeitsstörung leiden, können angesichts von winzigen Details und Lappalien aus dem Gleichgewicht geraten, die als eine solche Entwertung empfunden werden. Haller findet, dass die Kränkung (profilCoverstory 11/2016) in der Psychiatrie bislang völlig unterschätzt wurde: „Erstaunlicherweise wurde den destruktiven Energien der Kränkung über Jahrzehnte kaum Raum gegeben. Der ganze Fokus lag auf der Traumaforschung. Einer Studie zufolge waren 88 Prozent aller Amokläufer (96 % sind männlich) zu- AGNES PLUCH vor in der Schule oder am Die Drehbuchautorin zeichnet mit Arbeitsplatz gehänselt, aus- großer Empathie Menschen, die von geschlossen oder von Mäd- der Spur gekommen sind. chen zurückgewiesen worden. Kränkung ist auch das häufigste Motiv bei Femiziden. Am häufigsten werden Frauen in Österreich von ihren Männern getötet – wenn sie im Begriffe waren, ihren Partner zu verlassen oder es bereits getan hatten. „Männer sind viel leichter kränkbar als Frauen“, so Haller, „oft zeigen sie nach ihren Taten kaum Reue und nehmen kommentarlos lebenslängliche Gefängnisstrafen in Kauf, weil sie aus ihrer Sicht durch den Mord ihren Selbstwert wiederhergestellt haben.“ AH
ORF/MONA FILM/PETRO DOMENIGG(2); ORF/GÜNTHER PICHLKOSTNER
Die destruktiven Energien von Kränkungen als ORF-Serie
GESELLSCHAFT
KARPFEN AUF ZWEIERLEI ART Oben: im Fett gegart, unten: püriert mit Zitrusaroma und Chili
eatdrink KLAUS KAMOLZ • klaus.kamolz@profil.at
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n meiner Küche ist wieder einmal ein Karpfen gelandet, der unterschätzteste unter den heimischen Speisefischen und paradoxerweise doch auch kanonisiert als fastentaugliche Proteinbombe. Klöster haben ihn seit dem Mittelalter auf unseren sonst nicht gerade fischaffinen Speiseplänen etabliert. Hier auf dieser Seite taucht er nicht oft, aber deutlich häufiger auf als in freier Küchenwildbahn; ich habe ihn schon geräuchert und auch unvermeidlicherweise paniert und gebacken. Aber was tu ich diesmal mit dem Waldviertler Burschen von knapp drei Kilo? Ein Blick nach Frankreich hilft, denn dort wohnen zwei, die den Fisch grandios zur Geltung kommen lassen: Rillette & Confit. Aus der Touraine und der Gegend um Le Mans stammen die Rillettes, ursprünglich eine Konservierungsmethode für fettreiche Tiere wie Enten, Gänse und Schweine. Das Ergebnis ist ein mit deren Fett angereicherter grobfasriger Aufstrich. Rillettes, so die amerikanische Reise-Autorin Carol Kramer, sind „die grobschlächtige ländliche Cousine der anspruchsvollen und eleganten Galantine“, also gleichsam deftiger Bauernaufstrich versus aristokratische Pastetenkunst. Die „New York Times“ nennt Rillettes „die französische Urfassung von Pulled Pork“. Längst werden Rillettes auch aus Fisch hergestellt, frischem wie geräuchertem. Bestens geeignet sind Thunfisch, Lachs, Makrele, Forelle, Sardine – und Karpfen, wie ich unlängst im „o boufés“ von Konstantin Filippou erleben durfte, wo als Gedeck großartig frische, zitrusduftende Karpfen-Rillettes serviert werden. Ich habe dem genialen Chef, im Dienste der hier versammelten gastrophilen Gemeinde, ein paar Details aus den Rippen geleiert und in mein Rezept eingebaut. Den Karpfen habe ich bereits filetiert. Nun ziehe ich zwischen Fleisch und Haut ein superscharfes Messer durch, sodass zwei gehäutete Filets entstehen, die ich dann noch längs teile: in den dicken Rücken und den flachen, fetteren Bauchlappen. Für die Rillettes verwende ich den Bauch. In einen Topf leere ich je 1/2 Liter Wasser und Weißwein und gebe 4 bis 5 Zweige Thymian, die grob
Confit & Rillette
Besuch aus Frankreich für einen dicken Fisch aus dem Waldviertel.
geschnittenen Schalen von 1 Zitrone, einige Zweige Dille, 1 kleine, grob geschnittene Zwiebel, 1 Handvoll Wurzelgemüse, 1 TL Pfefferkörner, 4 cl Pernod, 2 bis 3 Lorbeerblätter und 1 gehäuften TL Salz dazu. Diesen Sud bringe ich zum Kochen, drehe nach 2 bis 3 Minuten den Herd ab und lege sofort die Bauchfilets ein. Nach 15 Minuten kommt der Fisch wieder heraus, wird in grobe Stücke geschnitten und in einen Mixbecher gelegt. Dazu gebe ich 1 gute Prise Piment d’Espelette (Chilipulver aus der baskischen Sorte Gorria), je 3 EL Crème fraîche und weiche Butter, 1 fein gehackte Schalotte, 2 bis 3 EL Olivenöl, geriebene Schale und Saft von 1/2 Zitrone, Salz und 2 EL grob gehackte Dille. Das alles wird nun mit dem Stabmixer zu einer nicht ganz homogenen Paste püriert und entweder in kleine Schüsseln gestrichen oder mit dem Eiskugelausstecher geformt (Letzteres mag ich lieber); dazu bitte allerbestes Schwarzbrot servieren. Für das Confit schneide ich die Rückenfilets in etwa 6 cm lange Rechtecke. In einen Topf schlichte ich als unterste Lage 5 mm dicke Zwiebelringe, dann die Karpfenstücke, darüber einige Zweige Thymian und Oregano, 1 TL schwarze Pfefferkörner, darüber etwa 10 Lorbeerblätter und ganz oben 1 cm dicke Tomatenscheiben. Aufgefüllt wird mit Sonnenblumenöl und Olivenöl im Verhältnis 5:1, bis alles bedeckt ist. So kocht das Confit langsam auf. Wenn das Öl ordentlich blubbert, ziehe ich den Topf vom Herd und lasse den Fisch noch 10 Minuten ziehen. Dann entnehme ich die Tomatenscheiben, köchle sie in einem zweiten Topf – gewürzt mit einer zerdrückten Knoblauchzehe, 1 Msp. Nelkenpulver und 1 kleinen Schuss Weißwein – ca. 10 Minuten und püriere alles zu einer sämigen Creme. Die träufle ich dann über den lauwarmen, aus dem Fett gehobenen Karpfen. Man kann übrigens beide Gerichte optimal vorbereiten und dann ohne Stress finalisieren: Gekühlte Rillettes einfach zimmerwarm werden lassen, Confit und Creme leicht erwärmen. æ
schönertrinken ADI SCHMID • adi.schmid@profil.at
Koonunga Hill Seventy Six 2017, Penfolds
KLAUS KAMOLZ(2); WALTER WOBRAZEK
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eit dem ersten Jahrgang im Jahr 1976 ist dieser Rotwein eine Erfolgsgeschichte. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums 2006 wurde diesem Wein zu Ehren auch eine Hommage-Version gekeltert – der Seventy Six. Der aktuelle Jahrgang 2017 ist ein hervorragender Rotwein von pfeffriger Würze, mit Nuancen von
schwarzen Beeren, Bitterschokolade, Kakao, schwarzen Oliven, Himbeeren und Minzblatt. Perfekter Holzeinsatz, passende Säure und Fruchtcharme tragen zur Gaumenfülle bei. Der Shiraz sorgt für die Frucht, der Cabernet Sauvignon für das Tannin – viel Wein für nicht zu viel Geld (Schraubverschluss).
Weinbaugebiet: South Australia Weinjahr: sehr gut Bewertung: Australien zu Gast im Glas Trinkreife: jetzt bis 2028 Preis: ca. 16 Euro Speisenbegleitung: Bœuf Stroganoff Adresse TOP Spirit Heiligenstädter Straße 43, 1190 Wien, Tel.: 01/368 60 38-240 service@topspirit.at, topspirit.at
29. August 2021 • profil 35 43
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Warum es so schwierig ist, sich zu entschuldigen (vor allem für Politiker)
APA/AFP/JOEL SAGET; APA/HELMUTH FORINGER; APA/AFP/ALAIN JOCARD; APA/AFP/GABRIEL BOUYS; APA/AFP/TOLGA AKMEN; ROY ROCHLIN/FILMMAGIC/GETTY IMAGES; APA/ROLAND SCHLAGER; APA/AFP/ANDREW CABALLERO-REYNOLDS; APA/AFP/ANGELA WEISS; APA/AFP/JEWEL SAMAD; SVEN SIMON/ULLSTEIN/PICTUREDESK.COM; APA/AFP/STEFANIE LOOS; APA/AFP/CARLO ALLEGRI; APA/DPA/FRANK LEONHARDT; APA/AFP/ODD ANDERSEN
VON ANGELIKA HAGER, SEBASTIAN HOFER UND CHRISTA ZÖCHLING
Sorry!
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eiko Maas hat es getan. Es war nicht unbedingt zu erwarten. Andere in seiner Position hätten es nicht getan, weil sie so etwas aus Prinzip nicht tun. Heiko Maas hat einen Fehler eingestanden und sich öffentlich dafür entschuldigt. Es gebe „nichts zu beschönigen“, erklärte der deutsche Außenminister bei einer Pressekonferenz am 16. August mit Blick auf die Entwicklung in Afghanistan: „Wir alle haben die Lage falsch eingeschätzt“, also „gebietet es auch die Ehrlichkeit, das in aller Form so einzugestehen.“ Noch unverblümter gestand die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in diesen Tagen eigene Fehler ein. Sie kündigte sogar persönliche Konsequenzen an: „Was immer da vor Ort passiert: Ich halte den Kopf hin.“ Wenn die Mission in Afghanistan zu Ende sei, „werde ich für mich selbst sehr genau überlegen, welche Verantwortung ich getragen habe, welcher Verantwortung ich gerecht geworden bin, wo vielleicht auch nicht, und welche Schlüsse ich persönlich daraus ziehen muss“. Ähnlich deutlich war zuletzt nur die deutsche Kanzlerin. Ganz allein ihr Fehler sei das Chaos um die Osterruhe gewesen, so Angela Merkel im März, „denn am Ende trage ich für alles die letzte Verantwortung. Qua Amt ist das so, also auch für die am Montag getroffene Entscheidung zur sogenannten Osterruhe. Und es ist mir wichtig, das auch hier zu sagen: Ein Fehler muss als Fehler benannt werden, und vor allem muss er korrigiert werden, und wenn möglich hat das noch rechtzeitig zu geschehen. Gleichwohl weiß ich natürlich, dass dieser gesamte Vorgang zusätzliche Verunsicherung auslöst. Das bedauere ich zutiefst, und dafür bitte ich alle Bürgerinnen und Bürger um Verzeihung.“ Klare Worte. Eindringlich formuliert, glaubwürdig vorgetragen. Also durch und durch ungewöhnlich. Man kennt so was nicht, vor allem nicht in Österreich. Aber bricht da vielleicht gerade ein neues Zeitalter der politischen Fehlerkultur an? Oder steckt bloß Kalkül dahinter? Entwaffnende Ehrlichkeit? Zweifel erscheinen angebracht. Denn Entschuldigungen sind immer heikel, in der Politik können sie tödlich sein. Die öffentliche Meinung ist unerbittlich. Im Prinzip vom Wähler erwünscht, werden sie in der Realität doch sehr schnell als Schwäche ausgelegt. Nach seiner Entschuldigung für die zu spä-
29. August 2021 • profil 35 45
TITEL
„Ich weiß, was ich nicht getan habe, und ich werde es wieder bestreiten.“ Plácido Domingo, Startenor, relativierte im Februar 2020 die eigene Entschuldigung gegenüber Frauen, die ihm zuvor sexuelle Belästigung vorgeworfen hatten.
Politische Entschuldigungen erinnern häufig an rhetorische YogaÜbungen.
46 profil 35 • 29. August 2021
ten Evakuierungsbemühungen in Kabul wird Maas schon als Ablösekandidat gehandelt. Anders als etwa in Japan, wo traditionell eine sehr ausgeprägte und formalisierte Entschuldigungskultur gepflegt wird, die für verschiedene Stufen von Vergehen je verschiedene Entschuldigungsformeln und -rituale vorschreibt, sind in Europa öffentliche Vergebungsbitten äußerst rar. Und wenn sie doch einmal vorkommen, erinnern sie an rhetorische Yoga-Übungen, bei denen die Dinge so lange hin und her gestreckt werden, bis unten oben ist und der Täter das Opfer. Die Rhetorik der Pseudoentschuldigung gehört ins Handgepäck aller politisch Aktiven, es geht darum, einen Abtausch von symbolischer Reue gegen reale Folgenlosigkeit vorzunehmen. Entschuldigen ist immer noch billiger als Zurücktreten. Im Englischen bedeutet „excuse“ sowohl Entschuldigung wie auch Ausrede. Da kann man durcheinanderkommen. Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) rät dennoch zur Zurückhaltung beim Ruf nach Entschuldigungen. Er selbst wolle sich jedenfalls nicht zum Richter aufspielen, sagt er im Interview mit profil (siehe Seite 50). Entschuldigungen müssten immer mit einem individuellen Schuldempfinden verbunden sein, also mit einer sehr persönlichen Moral. Entschuldigungen für historisches Unrecht, an dem die Nation, die ein Politiker repräsentiert, beteiligt war, sind dagegen hohe Staatskunst. Es muss nicht immer eine Rede sein: Der deutsche Kanzler Willy Brandt schuf mit seinem Kniefall vor dem Mahnmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto im Dezember 1970 ein ikonografisches Bild – eine Entschuldigung ohne Worte. Er legte einen Kranz mit weißen Nelken nieder, zupfte an der Schleife, trat ein paar Schritte zurück und sank unvermittelt auf die Knie. Ein geschichtsträchtiger Moment. Auschwitz war auf polnischem Boden von Nationalsozialisten errichtet worden. „Da kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wollen. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland.“ So beschrieb da-
„Es war ein typisch alkoholbedingtes Machogehabe, mit dem ich wahrscheinlich auch die attraktive Gastgeberin beeindrucken wollte.“ Heinz-Christian Strache entschuldigte sich im Mai 2019 für sein Verhalten auf Ibiza – bei seiner Frau.
mals ein Reporter des „Spiegel“ die Szene. Nach Umfragen hielt die Mehrheit der Deutschen Brandts Geste für „übertrieben“. Das US-Magazin „Time“ kürte ihn zum „Man of the year“. 20 Jahre später sprach Kanzler Vranitzky im Nationalrat über die Lebenslüge Österreichs als angeblich erstes Opfer Hitlers und entschuldigte sich bei Überlebenden und ihren Nachkommen. Einige hatten ihm im Vorfeld davon abgeraten, doch Vranitzky fand, es sei an der Zeit. Ein paar Jahre zuvor hatte der Spitzendiplomat Kurt Waldheim, der später auch zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt werden sollte, seine Wehrmachtsjahre am Balkan unterschlagen und wollte, als es (unter anderem durch Recherchen des profil) herauskam, als Stabsoffizier nichts gewusst haben von Judendeportationen und Geiselerschießungen. Waldheim beteuerte, er habe „nur seine Pflicht getan wie 100.000 andere Österreicher auch“ – und wurde zum Symbol für Österreichs verlogenen Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Nach seinem Tod 2007 hinterließ Waldheim ein schriftliches Vermächtnis, in dem stand, dass es ihm leidtue, „viel zu spät zu den NS-Verbrechen umfassend und unmissverständlich Stellung genommen zu haben“. Eine Entschuldigung war das nicht. Entschuldigungen, gerade solche von Politikern, sind immer ambivalent. Sind sie aufrichtig gemeint oder nur strategisch eingesetzt? Wird ein konkretes Fehlverhalten benannt oder allgemein geschwurbelt? Entschuldigt man sich für den Ton oder den Inhalt? Wird die Entschuldigung gar ins Lächerliche gezogen? Der verstorbene FPÖ-Politiker Jörg Haider war ein Meister in dieser Disziplin. Als er im Kärntner Landtag 1991 die „ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ lobte und ihm scharfe Kritik entgegenschlug, leugnete er zuerst das Gesagte, bis er mit den Worten „eigentlich muss ich mich entschuldigen …“ die Wogen zu glätten suchte. „Meinetwegen entschuldige ich mich“ – damit ist Haider ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Gern auch im Konjunktiv: „Falls ich jemanden verletzt haben sollte.“ „Das müssen Sie heute in Österreich tun. Die politisch korrekte Gesellschaft hat da Erwartungshaltungen“, erläuterte Haider 2000 in einem Interview mit André Müller. Ein weiteres stilprägendes Beispiel stammt aus der Krisen-PR-Abteilung der Supermarktkette
„Ich bin der Erste, der zugibt, dass wir einen ganzen Haufen Fehler gemacht haben.“
APA/AFP/JOEL SAGET; APA/HELMUT FOHRINGER; APA/AFP/ALAIN JOCARD; APA/AFP/GABRIEL BOUYS; APA/AFP/TOLGA AKMEN
Mark Zuckerberg, Facebook-Gründer, entschuldigte sich im November 2011 – zum wiederholten Mal – für unzureichenden Datenschutz.
„Mea culpa.“ Papst Johannes Paul II. entschuldigte sich am 23. März 2000 in einem Gottesdienst in Rom – durchaus verklausuliert – für die Verfehlungen der katholischen Kirche in den vergangenen 2000 Jahren.
Lidl, nachdem bekannt geworden war, dass diese ihre eigenen Mitarbeiter bespitzelt hatte: „Wenn Sie sich in Misskredit gebracht und persönlich verletzt fühlen, so bedauern wir dies außerordentlich und entschuldigen uns dafür bei Ihnen.“ Notabene: Wir entschuldigen uns für Ihre Gefühle. Eine Entschuldigung ist eine Anerkennung persönlicher Schuld und Ausdruck des Willens, den entstandenen Schaden wiedergutzumachen. Sie kann von den Adressaten angenommen werden oder nicht. Aber wer sich entschuldigt, macht schon etwas falsch. Er – oder sie – kann allenfalls um Entschuldigung bitten, idealerweise für eine konkrete Verfehlung, die er oder sie glaubhaft bereut. Sich-Entschuldigen funktioniert nicht, die moralische Schuld lässt sich nicht so einfach abladen. Die katholische Beichte als institutionalisierte Form der Entschuldigung gibt hier leider ein schlechtes Beispiel, jedenfalls dann, wenn sie als billige Reinwaschung mit Vergebungsgarantie betrachtet wird. Dazu ein Wort des deutschen Moralapostels Friedrich Nietzsche: „Wenn sich jemand vor uns entschuldigt, so muss er es sehr gut machen: sonst kommen wir uns selber leicht als die Schuldigen vor.“ Dabei können Entschuldigungen für alle Beteiligten positive Auswirkungen haben: Eine Entschuldigung stellt fest, dass eine Regel verletzt, eine Grenze überschritten wurde, sie stellt also gewissermaßen Rechtssicherheit her – insbesondere für den Betroffenen, dessen Anrecht auf Wiedergutmachung durch sie dokumentiert wird. Sie verbessert also dessen Gerechtigkeitsempfinden und damit in aller Regel auch das Ansehen des Übeltäters. In der österreichischen Politik wird der Ruf nach einer Entschuldigung schnell erhoben, aber selten gehört. Alt-Bundeskanzler Heinz Fischer gestand ein, dass er Simon Wiesenthal unrecht getan hatte, als er ihn einst nicht gegen die unsäglichen Beschimpfungen durch Bruno Kreisky verteidigt hatte. „Heute würde ich anders handeln“, sagte Fischer 2004. Als Nationalratspräsidentin entschuldigte sich Doris Bures 2016 bei Missbrauchsopfern unter ehemaligen Heimkindern. Innenminister Karl Nehammer hat sich bis heute nicht bei allen Familien der Opfer des Terroranschlags vom 2. November 2020 in Wien entschuldigt. Entschuldigt wofür? Für die Pannen der
„Ich bin entsetzt, es ist mir peinlich, und ich möchte mich übergeben.“ Billie Eilish, US-Popstar, entschuldigte sich im Frühjahr für eine aus heutiger Sicht unsensible Äußerung als Teenager.
Gleitmittel Empathie Die Fähigkeit zur Fehlereinsicht ist Charaktersache.
D
Das englische excuse bedeutet Entschuldigung und Ausrede. Da kann man durcheinanderkommen.
ie beste Voraussetzung, um sich im späteren Leben schwer mit Entschuldigungen zu tun, wird in der Kindheit gelegt: Narzissten haben oft schon im Babyalter nicht gelernt, Frustrationstoleranz zu entwickeln. Kinder, denen von ihren Helikopter-Eltern konsequent sämtliche Widrigkeiten aus dem Weg geräumt und die mit übertriebenem Lob überhäuft wurden, „laufen in Gefahr, schmerzliche Erfahrungen nicht normal integrieren zu können“, so der Psychiater Otto Kernberg. Ein prägender Wesenszug des Narzissten ist seine Kritikunverträglichkeit, die mangelnde Fehlereinsicht eine Begleiterscheinung. Zwischen Eltern und Kindern oder auch unter Geschwistern kommt ein damit direkt zusammenhängendes Phänomen häufiger vor, als man glaubt: der völlige Kontaktabbruch als eine Form von passiver Aggression. Die deutsche Psychotherapeutin Claudia Haarmann, die das Phänomen in einem Buch erforschte, erklärt, dass die Vorgeschichte für das laute Schweigen meist darin liege, dass von den Eltern oder anderen Verwandten „Sicherheit, Halt, Konstanz und Wertschätzung nicht vermittelt werden konnten“. Oft genügt dann ein banaler Auslöser, um destruktive Energien freizusetzen, die zum Ende eines Beziehungsdialogs führen. Menschen, die ausreichend Resilienz und Empathievermögen besitzen, sind freilich in der Lage, einen emotionalen Perspektivenwechsel durchzuführen. Das verlangt aber nicht nur Einfühlungsvermögen, sondern auch die Fähigkeit, echtes Mitgefühl für das Gegenüber zu mobilisieren. Sollte es nach langer Kontaktpause wieder zu einer Annäherung kommen, sei in jedem Fall davon abgeraten, die alten Konflikte aufzuwärmen, sondern sich auf Sätze zu beschränken wie: „Es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe.“
29. August 2021 • profil 35 47
TITEL
„Diese Geschichten sind wahr. Es gibt daran nichts, was ich mir verzeihen könnte.“ Louis C.K., US-Comedian, erklärte in einem Statement im November 2017, wie er zu den Vorwürfen sexueller Belästigung stehe, die mehrere seiner ehemaligen Kolleginnen gegen ihn erhoben hatten.
Ganz neu ist das Phänomen der Vorabentschuldigung für noch zu begehende Fehler.
48 profil 35 • 29. August 2021
„Ich habe ihre „Zutiefst bedauere Grenzen überschritich, dass ich – unter ten und es tut mir leid, dem äußeren Druck monströser Beschuldigun- dass das passiert ist.“ US-Präsident Joe Biden entschuldigte gen – viel zu spät zu den sich im April 2019 bei mehreren Frauen, NS-Verbrechen Stellung die ihm unangebrachte Berührungen genommen habe.“ vorgeworfen hatten – betonte aber, Kurt Waldheim in einem posthum veröffentlichten Brief
Behörden, meinen die Hinterbliebenen. Ein Untersuchungsbericht spricht von „Fehlverhalten“ aufseiten des Staatsschutzes, der den Anschlag nicht verhindern konnte. In Deutschland bat Heiko Maas, damals Justizminister, die Hinterbliebenen der Opfer des Terroranschlags am Berliner Breitscheidplatz um Entschuldigung, dass man sich danach nicht richtig um sie gekümmert habe. „Wir waren nicht ausreichend auf die Folgen eines solchen Terroranschlags für die Betroffenen vorbereitet. Man könne mehr tun, um den Menschen beizustehen.“ Die deutsche Politologin Karina Strübbe hat für eine Forschungsarbeit Bundestagsprotokolle, Parteitage und mediale Debatten der Jahre 2009 bis 2015 auf das Vorkommen von Entschuldigungen untersucht. Dabei fällt auf: Die Deutschen sind höflich. Ihre Bundestagsabgeordneten entschuldigen sich andauernd und wegen jeder Kleinigkeit. Im Vergleich zum rauen Ton, der im österreichischen Parlament herrscht, wirkte der Bundestag – jedenfalls vor Einzug der AFD – wie ein sehr kultiviertes Pensionat. Am Fall des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, dem vorgeworfen wurde, er habe seine Doktorarbeit zu einem Gutteil abgeschrieben, lernt man, dass eine Entschuldigung, die zu spät kommt, den Ruf auch nicht mehr retten kann. Guttenberg hatte wochenlang beteuert, er sei sich keiner Schuld bewusst – ehe er doch bereute und alle Ämter zurücklegte. Ganz neu ist das Phänomen der Vorabentschuldigung für noch zu begehende Fehler. Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn meinte in der CoronaKrise, „wir werden uns gegenseitig einiges zu verzeihen haben“. Auch Ex-Gesundheitsminister Rudolf Anschober entschuldigte sich öffentlich für fehlerhafte Verordnungen zur Corona-Pandemie; Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache für seinen Auftritt in der Villa in Ibiza. Dabei rückte Strache allerdings mehr den peinlichen Eindruck, den er hinterlassen hatte, in den Mittelpunkt – und nicht etwa seine moralischen Verfehlungen gegen Staatswesen und freie Presse. Herzstück seiner Rücktrittserklärung war die Entschuldigung an seine Frau Philippa: „Es war ein typisch alkoholbedingtes Machogehabe, mit dem ich wahrscheinlich auch die attraktive Gastgeberin beeindrucken wollte (…) Und damit habe ich den wich-
sich eigentlich keiner Schuld bewusst zu sein.
tigsten Menschen in meinem Leben zutiefst verletzt, nämlich meine Frau. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen.“ Im Jahr 1980 begann der New Yorker Konzeptkünstler Allan Bridge ein bemerkenswertes Experiment. Er affichierte in der Stadt Plakate mit dem Aufruf: „Attention. Call Apology.“ Darunter eine Telefonnummer und einige sachdienliche Hinweise: Man möge sich unter besagter Nummer – anonym und folgenlos – für Fehler, Straftaten, Irrtümer entschuldigen: „Werde deine Übeltaten los!“ Die Resonanz war beachtlich. Räuber gestanden ihre Taten, Betrüger ihre Tricks, Liebhaber ihre Seitensprünge. Ein reuiger Ehemann gab zu, dass er seinen Ehering nicht – wie seine Frau seit Jahren glaubte – verloren, sondern einer Prostituierten in Vietnam geschenkt hatte. Bridge betrieb seine „Apology Line“ bis zu seinem Tod 1995 und verarbeitete die anonymen Beichten in Ausstellungen, Audiosammlungen und einem eigenen Magazin (ein neuer Podcast, „The Apology Line“, erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Bridges Witwe Marissa). Im Magazin „New Yorker“ erklärte Bridge anno 1993, was die Anrufer dazu trieb, sich mit ihren Geständnissen zu melden: „Sie versuchen, ihr Leben in ein moralisches Lehrstück zu verwandeln, mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende: Ich habe dies getan, ich habe das gelernt, und hier ist die Moral.“ Eine Entschuldigung drängt zu einer Auflösung, zum Verzeihen, zum „Schwamm drüber“. Für sich allein ist sie unvollständig. Sie muss, um zu funktionieren, angenommen werden. Erst dann wird das moralische Gleichgewicht wiederhergestellt, die Geschichte zu Ende gebracht. Die #MeToo-Ära brachte eine ganze Palette an Entschuldigungen hervor, die diese Voraussetzung nicht erfüllte. Täter traten mehr oder weniger zerknirscht vor die Presse oder vor ihren Twitter-Account und signalisierten mehr oder weniger Bedauern und Reue. Andrew Cuomo zum Beispiel, bis vor wenigen Tagen Gouverneur von New York, meinte bei seinem Rücktritt, die ihm vorgeworfenen sexuellen Übergriffe seien tatsächlich gar keine gewesen, denn er habe keine Grenze überschritten, vielmehr seien die Grenzen – wohl ohne sein Wissen – neu gezogen worden. Diese Art von Entschuldigung wird – seit Harvey
„Ich entschuldige mich für mein fehlendes Urteilsvermögen, als ich jung war.“
ROY ROCHLIN/FILMMAGIC/GETTY IMAGES; APA/ROLAND SCHLAGER; APA/AFP/ANDREW CABALLERO-REYNOLDS; APA/AFP/ANGELA WEISS; APA/AFP/JEWEL SAMAD
Lady Gaga, US-Popstar, entschuldigte sich nachträglich für ein Duett mit dem mutmaßlichen Sexualstraftäter R. Kelly.
Wer ins Netz geht, wirdschnell eine Gelegenheit finden, sich schuldig zu fühlen – oder sich zumindest entschuldigen zu müssen.
Weinsteins Anwältin Lisa Bloom ihren Klienten als „alten Dinosaurier, der die neuen Regeln erst lernen muss“ bezeichnet hatte – als „Dinosaurier-Entschuldigung“ geführt. Auch US-Präsident Joe Biden, dem im Wahlkampf mehrere Frauen unangebrachte Berührungen vorgeworfen hatten, versteifte sich zu seiner Verteidigung darauf, dass sich die sozialen Normen eben geändert hätten, er sei bloß ein bisschen altmodisch. Der Komiker Louis C.K. wiederum veröffentlichte im November 2017 eine Erklärung, in der er die ihm vorgeworfenen sexuellen Übergriffe zwar zugab – „these stories are true“ –, aber danach sehr lange über sich selbst sowie darüber schrieb, ob er sich selbst denn nun vergeben könne. Von seinen Opfern war nur flüchtig die Rede: eine Entschuldigung ganz ohne Entschuldigung. Die Blaupause für konsequente öffentliche Reuegeständnisse legte der spätere römisch-deutsche Kaiser Heinrich IV. 1077 ab, als er 26-jährig zu Fuß von Mainz über die Alpen nach Canossa pilgerte, wo er vor der Burg seines Papstes und Gegenspielers Gregor VII. drei Tage lang im Büßerhemd auf dessen Absolution harrte – und diese schließlich, weil die Kirche ihren Sündern eben verzeiht, auch erhielt. Eine ganz ähnliche Übung fand fast 1000 Jahre später im Petersdom zu Rom statt, als Papst Johannes Paul II. am 23. März 2000 in einem Fürbittengebet – stark verklausuliert – um Vergebung für die Verfehlungen der Kirche der vergangenen 2000 Jahre bat, für ihre Beteiligung am Kolonialismus etwa, am Kampf gegen Wissenschaft und Aufklärung, an der Unterdrückung von Andersgläubigen, von Frauen und Minderheiten. Dieser Geste war eine jahrelange innervatikanische Debatte vorangegangen. Fachtagungen waren abgehalten, Thesenpapiere geschrieben worden, schließlich gab die Glaubenskongregation unter Kardinal Ratzinger ihr Placet – die Bitte um Vergebung stärke die Glaubwürdigkeit der Kirche. Der Plan ging nur zum Teil auf, was auch an aktuelleren Verfehlungen liegt. Im neuen Jahrtausend reißen die Vergebungsbitten kirchlicher Institutionen, die in Missbrauchsskandale verwickelt waren, nicht ab. Zuletzt räumte der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki im März 2021 nach der Vorstellung eines Missbrauchsgutachtens in seinem Bistum eine gewisse Schuld ein: Er habe „nicht alles Menschenmögliche getan“. Zu-
„Die Verantwortung liegt bei mir. Ich bin der Präsident. Wenn es nicht funktioniert, ist es mein Job, das zu reparieren.“ Barack Obama, US-Präsident, entschuldigte sich 2013 für Komplikationen bei der Einführung von Obamacare.
rücktreten werde er jedoch nicht, denn: „Die moralische Verantwortung einfach mitnehmen und gehen, zum Schutz des Ansehens von Bischofsamt und Kirche, das ist mir zu einfach und in meinen Augen ist es falsch.“ Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa – das kollektive Schuldbekenntnis im Bußgottesdienst entbindet nicht von der persönlichen Beichtpflicht und ist außerdem dreiteilig: Auf das Gestehen der Schuld (confessio) folge die tätige Reue (contritio) und die Linderung des entstandenen Schadens (satisfactio). Aus dem religiösen Schuldzusammenhang samt Erbsünde und Beichtgebot haben sich die meisten westlichen Gesellschaften im Lauf des späten 20. Jahrhunderts allerdings befreit, auch deren psychologische Internalisierung bekam man weitgehend in den Griff – man war ganz frei und man selbst und ansonsten gut therapiert. In den letzten Jahren erleben wir freilich die Schuld im Zeitalter ihrer technologischen Reproduzierbarkeit. Wer ins Netz geht, wird schnell eine Gelegenheit finden, sich schuldig zu fühlen oder sich zumindest entschuldigen zu müssen. Im social-media-immanenten Meinen-Müssen wird grob gehobelt und schnell geschossen, zudem ist die Gegenkritik unerbittlich, vor allem auch in der Kritik der Entschuldigung, die unter dem strengen Blick der Twitter- und Facebook-Auguren kaum einmal restlos gelingen kann. Unter aufziehenden Shitstormwolken ist so eine neue Entschuldigungskultur entstanden. „Wenn du heutzutage berühmt sein willst, brauchst du (einmal abgesehen von Talent oder zumindest Popularität) den Willen, Fehler einzugestehen – und ein iPhone“ schrieb die „New York Times“. Und tatsächlich scheint Reue vor Millionen Fans auf den sozialen Medien zu einem echten Trend geworden zu sein. Auf YouTube findet sich ein Video mit den katastrophalsten Celebrity-Entschuldigungen der vergangenen Jahre. Spitzenreiter dieser ReueGaus ist Justin Timberlake, der Janet Jackson bei einer Super-Bowl-Performance 2004 das Korsett so demontierte, dass der Vorfall als „Nipplegate“ in die Popgeschichte einging. Etwas halbherzig hatte er bei den Grammys jenes Jahres erklärt: „Es tut mir leid, wenn ihr euch beleidigt gefühlt habt.“ So einfach würde er heute nicht mehr durchkommen. Und wie man
Wir erleben die Schuld im Zeitalter ihrer technologischen Reproduzierbarkeit.
29. August 2021 • profil 35 49
„Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien.“
„Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler, denn am Ende trage ich für alles die letzte Verantwortung.“
Der „Spiegel“-Journalist Hermann Schreiber berichtete im Dezember 1970 über den historischen Kniefall des deutschen Kanzlers Willy Brandt in Warschau.
Angela Merkel, deutsche Bundeskanzlerin, entschuldigte sich im März für die missglückte Planung eines OsterShutdowns.
seit #Metoo weiß, kennt das kollektive Bewusstsein keine Verjährungsfrist. Deswegen legte Timberlake 17 Jahre später, im Februar 2021, auf Instagram nach und entschuldigte sich für seine vergangene „Ignoranz“: Er habe von einem System profitiert, das „Frauenfeindlichkeit und Rassismus duldet“. Prinzipiell geht der zeitgemäße Superstar lieber in die Offensive, indem er selbst Jahrzehnte zurückliegende Fehltritte aufgreift, ehe der Mob Gelegenheit bekommt, die Berühmtheit in ein schiefes Licht zu rücken. Nachdem der Rapper und Produzent R. Kelly in Missbrauchsverdacht geraten war, verkündete Lady Gaga 2019 ihren 77 Millionen Twitter-Followern, dass sie den gemeinsamen Track „Do What U Want (With My Body)“ aus dem Jahr 2013 sofort aus allen Streaming-Diensten löschen lassen werde: „Ich entschuldige mich für mein fehlendes Urteilsvermögen, als ich jung war, und dafür, dass ich nicht früher den Mund aufgemacht habe.“ Die Meldung erschien auf einem grauen Untergrund, Apple-Benützern bekannt als Notizenund Listen-App. Das Erscheinungsbild hat einen kalkulierten Hintergrund: Der Look vermittelt die Aura von Authentizität und den Eindruck, dass Lady Gaga ihre Beichte selbst formuliert habe. Weitere Werkzeuge aus Hollywoods Krisenkommunikationsbaukasten: Mach ruhig ein paar Rechtschreibfehler, das erhöht die Glaubwürdigkeit! Geh nie in allen Details auf das Vergehen ein! Zeige schmerzliche Betroffenheit! Halte dich kurz! Sag, dass du inzwischen ein anderer Mensch geworden bist! Ganz nach diesem Muster richtete sich auch Billie Eilish im vergangenen Juni an ihre Fans. Kurz vor Erscheinen ihres neuen Albums waren im Netz Videoclips aufgetaucht, in denen die damals 13-Jährige asiatische Akzente und die afroamerikanische Sprachfärbung nachgeahmt hatte. Auf Instagram agierte Eilish emotional, rau und so glaubhaft authentisch: „Ich bin entsetzt, es ist mir peinlich und ich möchte mich übergeben.“ Fast schon überirdisch souverän dagegen der Rapper Ja Rule, der nach dem katastrophalen Flop des von ihm mitorganisierten Influencer-Festivals „Fyre“ allen enttäuschten Gästen sicherheitshalber in Großbuchstaben ausrichtete: „Ich entschuldige mich wirklich, denn es war NICHT MEIN FEHLER.“ Karl Nehammer hätte es nicht besser formulieren können. æ
50 profil 35 • 29. August 2021
ALEXANDRA UNGER
TITEL
„Man kann eine Entschuldigung auch ins Lächerliche ziehen“ Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky über seine bahnbrechende Entschuldigung für Österreichs Anteil am NS-Regime und den moralischen Kompass jedes Politikers.
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rofil: Es war im Juli 1991,
als Sie im Nationalrat eine Erklärung abgaben, welche die NS-Vergangenheit Österreichs betraf. Als erster Politiker in Österreich sagten Sie, dass sich das Land für das Böse, das damals geschehen war, verantworten und entschuldigen muss. Warum haben Sie diese Sätze eigentlich in eine Rede über den Zerfall Jugoslawiens gepackt? Vranitzky: Es gab in der politischen Debatte damals zahlreiche Schuldzuweisungen, an die Serben, an die Kroaten, die Bosnier. Dabei sollten gerade wir Österreicher nicht vergessen, dass auch in unserem Land Dinge geschehen sind, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Über Jahrzehnte hindurch war die Opferthese kultiviert worden, mit der man sich offensichtlich sehr wohlfühlte. Das hielt ich nicht für richtig und hatte mich schon länger mit dem Gedanken getragen, das einmal politisch
wirksam anzusprechen. Etliche Leute haben mir davon abgeraten. profil: Mit welcher Begründung? Vranitzky: Mit dem mehr oder weniger versteckten Hinweis, dass das vielen Leuten nicht gefallen würde. profil: Ihre Erklärung entfaltete einige Wucht. Vranitzky: Mir war schon bewusst, dass das keine Allerweltsanmerkung ist, die man in zwei Tagen vergessen haben würde. Die Opferthese war sehr nahe an einer Lebenslüge. Österreich ist mit seiner Nazivergangenheit sehr schlampig umgegangen, besonders in den Waldheim-Jahren. Ich habe nicht von einer Kollektivschuld gesprochen, doch gar nicht wenige Österreicher waren schon vor 1938 und erst recht nach dem 13. März 1938 bereit, sich dem Nationalsozialismus anzuschließen. Vom Tag dieser Erklärung an musste sich Österreich nicht mehr
„Meiner Ansicht nach habe ich keine Grenze überschritten.“
SVEN SIMON/ULLSTEIN BILD/PICTUREDESK.COM; APA/AFP/STEFANIE LOOS; APA/AFP/CARLO ALLEGRI; APA/DPA/FRANK LEONHARDT; APA/AFP/ODD ANDERSEN
Andrew Cuomo, ehem. Gouverneur von New York, gab am 10. August seinen Rücktritt bekannt. Mehrere Frauen hatten ihm unerwünschte Berührungen und sexuelle Avancen vorgeworfen. Cuomo beharrte: „So bin ich, seit ich denken kann.“
nachsagen lassen, seine Vergangenheit zu verdrängen. Ich habe damit auch das Verhältnis unserer Republik zum Staat Israel in Ordnung gebracht. Meine Nachfolger konnten auf dieser Grundlage die Restitution durchführen. profil: Abseits dieses konkreten Falls: Tun sich Politiker schwer, Verantwortung für Fehler oder Fehleinschätzungen zu übernehmen? Vranitzky: Das ist nicht allgemein zu beantworten. Ich habe hier keine Handlungsanleitung. Jeder muss für sich selbst entscheiden – und die Adressaten müssen beurteilen, ob die Entschuldigung ernst gemeint ist oder nicht. Man kann eine Entschuldigung auch ins Lächerliche ziehen wie Jörg Haider, der sich mit der Phrase „meinetwegen, wenn …“ entschuldigt hat – was natürlich alles entwertet. profil: Es fällt auf, dass in Österreich Politiker sehr viel weniger oft Fehler zugeben als etwa in Deutschland. Hängt das mit unserer Geschichte zusammen, in der so viel so lange verdrängt wurde? Vranitzky: Dazu stelle ich mich nicht als Richter zur Verfügung. Man könnte umgekehrt auch der Meinung sein, es entschuldigt sich niemand, weil niemand etwas angestellt hat. Wenn man eine Entschuldi-
„Wenn Sie unbedingt meinen, sich beleidigt fühlen zu müssen, dann kann ich mich meinetwegen auch entschuldigen.“
„Da gibt es nichts zu beschönigen.“ Heiko Maas, deutscher Außenminister, gab zuletzt Fehler in der Einschätzung der Lage in Afghanistan zu.
Jörg Haider perfektionierte die politische Nichtentschuldigung.
gung verlangt, setzt man voraus, dass eine Fehlleistung vorausgegangen ist. Dazu fühle ich mich nicht berufen. profil: Ihr Ministerkollege Friedhelm Frischenschlager hat sich 1985 öffentlich dafür entschuldigt, den NS-Kriegsverbrecher Walter Reder mit Handschlag in Österreich begrüßt zu haben. Wie kam es dazu? Vranitzky: Als dieser Handschlag bekannt wurde, haben sich die sozialdemokratischen Regierungsmitglieder natürlich entrüstet. Die sehr besonnene Reaktion von Bundeskanzler Sinowatz hat es Frischenschlager dann erleichtert, sich für diesen Fehler zu entschuldigen. Diese Entschuldigung hat die Lage beruhigt – nur Jörg Haider hat ihn feig genannt. profil: Wie dachte Ihr engstes Umfeld über Fehlerkultur? Offen damit umgehen oder besser keine Schwächen zeigen? Vranitzky: In meinem Kabinett gab es kein Tabu. Natürlich passieren in einer langen Regierungszeit wie der meinen nicht nur angenehme Dinge. Aber der Vertuschungsaufwand lohnt nicht. Alles kommt an den Tag. Da ist es befreiender, den Stier bei den Hörnern zu packen: Wenn man Schuld auf sich geladen hat, muss man sich entschuldigen. Das ist der bessere Weg, als es auf andere abzuwälzen.
profil: Wie weit reicht die Ver-
antwortung eines Spitzenpolitikers? Vranitzky: Ein Beispiel: Wir hatten in der Steiermark einen Arbeiterkammerfunktionär, der mehrere Einkommen bezog. Ich wurde von Haider in einer ORF-Diskussion damit konfrontiert und konnte dazu nichts sagen, weil ich nichts davon wusste. Daraufhin habe ich im Parteivorstand ein Verbot solcher Mehrfachbezüge beschließen lassen. Angenehm war das nicht. Von außen wurde es als Schuldeingeständnis gewertet, innerhalb der Partei auch nicht von allen Seiten goutiert. Manchmal muss man wie ein Boxermotor in alle Richtungen arbeiten. profil: Aus jüngerer Vergangenheit ist uns kein Schuldbekenntnis eines österreichischen Politikers bekannt. Vranitzky: Vielleicht hat keiner Schuld auf sich geladen. profil: Uns fiele ein Anlass ein: Dass der Attentäter von Wien nicht schon vorab dingfest gemacht wurde, ist das Resultat einer Kette von behördlichen Fehlern. Wäre eine Entschuldigung angebracht? Vranitzky: Ich möchte mich hier mit guten Ratschlägen zurückhalten. Der Vorwurf der Muppetloge ist schnell da. Aber ich entnehme den Medienberichten, dass der Verfassungs-
schutz auch aus diesem Grund neu aufgestellt wird. profil: Der deutsche Außenminister Heiko Maas gestand Fehler beim Abzug aus Afghanistan ein und wird jetzt als Ablösekandidat gehandelt. Hätte er sich besser nicht entschuldigt? Vranitzky: Heiko Maas hat sich aus eigenem Antrieb hingestellt. Es wird ihn niemand gezwungen haben. Afghanistan ist eine derart komplexe Angelegenheit, dass man wenige Beteiligte finden wird, die in diesem Zusammenhang in den vergangenen Jahren keine Fehler gemacht haben. profil: Fällt Ihnen etwas ein, wofür sich Politiker – und sei es zum Erhalt der politischen Hygiene – entschuldigen hätten sollen? Vranitzky: Ich entziehe mich der Beantwortung dieser Frage. Politisches Handeln entspringt immer einer subjektiven Zielsetzung. Man muss sehr vorsichtig sein, Entschuldigungen zu verlangen. Der politischen Entscheidung wohnt immer das Risiko der Fehlentscheidung inne. Aber bewirkt eine Fehlentscheidung schon Schuld? Besonnenes Abwägen ist zwingend. Der Rechtsstaat erst recht. INTERVIEW: SEBASTIAN HOFER UND CHRISTA ZÖCHLING
29. August 2021 • profil 35 51
| PORTFOLIO
TEIL IV: Nachhaltig leben Elektrogeräte sind meist zu schade für den Müll und können ein zweites Leben führen – genau darauf hat sich das junge österreichische Unternehmen Refurbed spezialisiert.
WIEDERBELEBUNG 52 PROMOTION • 29. August 2021
ROVIC/REFURBED
Sauber trennen
SHUTTERSTOCK
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Österreich ist in Sachen Mülltrennung im EU-Vergleich durchaus gut unterwegs, 60 Prozent des Abfalls wird in entsprechenden Systemen gesammelt; rund 3200 Betriebe kümmern sich um Vorbehandlung, Verwertung und Beseitigung des Abfalls. Den größten Anteil am Abfallaufkommen machen laut Umweltbundesamt stiegen ist, sagt Windischhofer. Aushubmaterialien und Abfälle Aber was bedeutet Nachhaltigaus der Bauwirtschaft aus (rund keit in diesem Zusammenhang 71 Millionen Tonnen). Jeder Ös- überhaupt? „Jedes Produkt von terreicher erzeugt pro Jahr rund Refurbed ist nicht nur bis zu 40 eine halbe Tonne Abfall in seinem Prozent günstiger, sondern spart Haushalt. Potenzial für eine Ver- auch 70 Prozent CO2-Emissiobesserung gibt es bei den Kunst- nen im Vergleich zu Neugeräten stoffen: Mit einer Recyclingquote ein“, erklärt der Refurbed-Grünvon mehr als einem Drittel ist Ös- der. Die restlichen 30 Prozent terreich zwar auch in dieser Hin- würden vom Unternehmen sicht im EU-Vergleich gut, doch bis kompensiert, indem für jedes 2030 soll die Verwertungsquote Produkt ein Baum gepflanzt auf 50 Prozent steigen. Vor allem wird. „Unterm Strich bilanziebei Elektrogeräten und Fahrzeu- ren wir damit CO2-negativ.“ gen könnte noch mehr Kunststoff Das Interesse an der Onwiederverwertetet werden. line-Plattform steigt – nicht nur
as Handy hat den Geist aufgegeben, der Fernseher zeigt falsche Farben, der Laptop spinnt wieder mal? Weg mit dem Krempel und einfach ein neues Gerät kaufen. Die erschreckend kurze Lebens- und Behaltedauer vieler Elektround Elektronikgeräte mag Hersteller und Händler vielleicht freuen – in Sachen Klimaschutz und einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen gibt es dafür allerdings Minuspunkte. Dabei würde sich eine Reparatur in den meisten Fällen durchaus auszahlen. Außerdem landen ausgemusterte Geräte häufig im Restmüll, wodurch wertvolle Bestandteile wie seltene Metalle verlorengehen. Dass eine echte Kreislaufwirtschaft auch in diesem Bereich eine Zukunft hat, beweist das junge österreichische Unternehmen Refurbed: Über den 2017 von Peter Windischhofer, Kilian Kaminski und Jürgen Riedl in Wien gegründeten Online-Marktplatz für erneuerte Geräte werden heute bereits mehr als 11.000 Produkte angeboten; vor allem Smartphones und Tablets erfreuen sich großer Beliebtheit. „Es zeigt sich, dass oftmals nur ein oder zwei Komponenten ausgetauscht werden müssen, bevor ein Elektronikprodukt ein zweites Leben wie neu, nur eben besser, antreten kann“, erklärt Windischhofer. Die Kosten dafür betragen durchschnittlich rund 50 bis 100 Euro pro Gerät. Das Unternehmen trifft mit seinem Angebot den Trend der Zeit: War es anfangs vor allem die Preisersparnis gegenüber neuen Geräten, die Käufer angesprochen hat, lässt nun der Trend zu einem nachhaltigen Konsum die Nachfrage steigen. Die internen Auswertungen zeigen, dass der Anteil an Konsumenten, die aufgrund dieses Arguments ein Refurbed-Gerät wählen, von 30 Prozent im Jahr 2017 auf über 50 Prozent im heurigen Jahr ge-
seitens der Kunden, sondern auch seitens der Investoren. Vor kurzem hat Refurbed von Geldgebern eine Finanzspritze von mehr als 45 Millionen Euro erhalten; darunter war etwa die kalifornische Almaz Capital, auch die österreichische Speedinvest hat nochmals Geld in das junge Unternehmen gesteckt. Und die Auswirkungen der Coronakrise? In den letzten Monaten ist die Nachfrage nach gebrauchten Geräten sogar gestiegen, unter anderem wegen des Trends zum Arbeiten im Home Office, denn dadurch musste so manches Gerät angeschafft werden. Und es gibt noch viel Potenzial, meint Windischhofer – unter anderem bei Haushaltsgeräten. Die Rahmenbedingungen dafür verbessern sich zusehends: So hat die EU bereits im Vorjahr mit einem Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft das Recht auf Reparatur verankert. Es brauche aber generell einheitliche und internationale Standards, sagt Windischhofer. „Die Hersteller von Elektrogeräten müssen sich ihrer Verantwortung stellen, Geräte einfacher reparierbar zu konstruieren und länger mit Updates zu versorgen.“ Und am Ende des Lebenszyklus eines Produkts sollten sie ihre Geräte verpflichtend zurücknehmen und sicherstellen, dass wertvolle Rohstoffe verwertet und in den Produktionskreislauf integriert werden.
Refurbed-Gründer Kilian Kaminski, Jürgen Riedl und Peter Windischhofer (v. li.): „Wie neu, nur eben besser.“
Stecken wertvolle Rohstoffe in Altgeräten? 12 Millionen Tonnen Elektroschrott fallen jährlich in Europa an – Tendenz steigend. Doch ein großer Teil der alten Handys, Tablets, Laptops und Spielkonsolen landet nicht bei der Wiederverwertung, sondern im Restmüll und wird daher weder ordnungsgemäß entsorgt noch verwertet. Das ist nicht nur ökologisch problematisch, sondern auch wirtschaftlich wenig sinnvoll: In alten Geräten stecken nämlich wertvolle Rohstoffe, die erneut verwendet werden könnten. Die Gewinnung von Metallen ist ja mit einer hohen Umweltbelastung verbunden, daher sollten vorhandene Ressourcen besser genutzt werden. Das Problem dabei: Oft sind diese Metalle in den Altgeräten in Form von Mischungen enthalten, beim Recycling sind daher aufwändige chemische Prozesse nötig. Spezialunternehmen kümmern sich um die Wiederverwertung von Elektroschrott – und ihr Geschäft brummt. Aber nicht nur beim Recycling, bereits bei der Produktion bräuchte es ein Umdenken. So werden die meisten Handys und viele andere Elektrogeräte auf eine Weise gebaut, die ein Zerlegen zwecks Nutzung einzelner Komponenten unmöglich oder zumindest unrentabel macht. Hat das teure iPhone seinen Geist aufgegeben, landet es oft als Ganzes im Mistkübel. Ein stärkerer Fokus auf Reparierbarkeit, Wiederverwertung und generell auf eine längere Lebensdauer wäre dem Klimaschutz zuliebe wünschenswert – zu einer Entwicklung in diese Richtung können die Konsumenten mit ihren Kaufentscheidungen beitragen.
29. August 2021 • PROMOTION
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„Nachhaltig – aber wie?“ Unter der Lupe
MOANAH
Nachhaltigkeit ist zum Verkaufsargument geworden: Unternehmen werben mit angeblich nachhaltiger Ausrichtung und nachhaltigen Produkten. Dabei ist schon der Begriff schwammig, da kann rasch etwas als „nachhaltig“ bezeichnet werden. Mit Hilfe von Apps kann man aber den Inhalten auf die Spur kommen. So kann man mit der App „CodeCheck“ durch einen Scan des Barcodes mit dem Handy die Inhaltsstoffe ersichtlich machen; dabei wird unter anderem aufgezeigt, ob Mikroplastik oder Palmöl in Kosmetikprodukten bzw. viel Zucker oder Fett in Lebensmitteln enthalten ist. Ähnliches ermöglicht die App „ToxFox“ der deutschen Naturschutzorganisation Bund; mit dem „Nabu Siegel-Check“ können Umweltsiegel auf Produkten analysiert werden. Die Lebensmittelverschwendung will die App „Too Good to Go“ bekämpfen: Damit kann man Supermärkte, Restaurants und Bäckereien auswählen, die übrig gebliebene, aber genießbare Waren zu vergünstigten Preisen anbieten.
„Auf alles verzichtet, was nicht wirklich für das Wäschewaschen nötig ist.“ KATHARINA ZURMÜHLEN Moanah
54 PROMOTION • 29. August 2021
JOHANNES ORTLIEB/MOANAH
N A C HHA LT I G L E B E N | PORTFOLIO
„Der Markt ist hart umkämpft. “ SALAR ARMAKAN, FELIX KLEINHENZ, KATHARINA ZURMÜHLEN Gründerteam von Moanah
Supersauber
Reinigungs- und Waschmittel belasten die Umwelt – doch nun findet ein Umdenken statt.
lles sauber – oder auch nicht: Wer seine Wohnung und seine Wäsche reinigt, belastet damit die Umwelt. So ist in vielen Waschmitteln Mikroplastik enthalten und die meisten Reinigungsprodukte kommen in Plastikverpackungen auf den Markt, die nach einmaligem Gebrauch im Müll landen. Es gibt allerdings immer mehr Alternativen, unter anderem stellt das deutsche Start-up Everdrop Reinigungsmittel her, die in Form kleiner Tabs und wiederverwendbarer Flaschen eingesetzt werden: In den Flaschen werden die Tabs mit Wasser aufgelöst, bisher wurden damit laut Firmenaussage rund fünf Millionen Einwegverpackungen eingespart. Mit einer ähnlichen Geschäftsidee ist das Mannheimer Start-up Moanah gestartet, bietet aber seit kurzem auch umweltfreundliche Alternativen zu herkömmlichen Waschmitteln an. „Wir haben auf alles verzichtet, was man nicht wirklich für das Wäschewaschen benötigt, etwa Färbemittel und Mikroplastik“, erklärt Katharina Zurmühlen, die das Unternehmen 2019 gemeinsam mit Salar Armakan und Felix Kleinhenz gegründet hat. Ihr Vollwaschmittel gibt es in zwei Varianten – mit und ohne Duft; der wichtigste Vertriebskanal ist der eigene Onlineshop, die Moanha-Produkte sind unter anderem auch über Amazon zu kaufen. „Der Markt ist hart umkämpft“, sagt Zurmühlen, die auf die Verpackungsgröße als wichtiges Kaufargument vertraut: Die 0,95-Kilogramm-Packung ist so gestaltet, dass sie in Briefkästen passt. „Beim Waschen wird meistens zu viel Mittel verwendet, weil große Hersteller ihre Produkte mit Füllstoffen strecken – auch darauf verzichten wir.“ Bei den Tensiden, die zur Fettlösung benötigt werden, achtet Moanah nach eigenen Angaben auf die strengen europäischen Richtlinien für biologisch abbaubare Inhaltsstoffe. „Und wir verwenden nur so viel, wie unbedingt nötig ist.“ Bei den Konsumenten finde ein Umdenken statt: Wer es sauber möchte, will dennoch auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit achten. „Durch Unternehmen wie Moanah werden auch die großen Hersteller unter Druck gesetzt, in dieser Hinsicht mehr zu tun.“
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N A C H H A LT I G L E B E N | PORTFOLIO EXPERTENSTIMME
Grundsätzlich ist der Online-Warenhandel weder mehr noch weniger nachhaltig als andere Formen des Konsums von Gütern oder Dienstleistungen, sagt Markus Bürger, Generalsekretär des Österreichischen Rats für nachhaltige Entwicklung. „Es kommt sehr auf die Praxis des E-Commerce, also die Abwicklung des Kaufgeschäfts entlang nachhaltiger Lieferketten an.“ Nachhaltigkeit fange beim Bewusstsein der Konsumenten an, die eine Kaufentscheidung aufgrund unterschiedlicher Kriterien treffen. „Neben den Faktoren der Qualität und des Preises kommen nun auch Anfragen an die Produktionsbedingungen und Verwertungsmöglichkeiten hinzu“, sagt Bürger. Es geht um das Ökosystems des Produkts oder der Dienstleistung – ist dieses von der Produktion bis zum Transport strategisch auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, wird der konkrete Beitrag zum Klimaschutz von klassischen und potenziellen Kundengruppen wahrgenommen werden. Und wie können E-Commerce-Projekte bzw. -Unternehmen die Nachhaltigkeit in ihre Strategie integrieren? „Zunächst ist es wichtig zu wissen, wo ethisch-moralische Fallstricke innerhalb der Lieferkette eines Produkts identifiziert werden können.“ Hier schaue man klassisch etwa auf Arbeitsbedingungen in Fabriken oder Transportwege von Produkten bis hin zum Endverbraucher. „Nachhaltiges Handeln ist in erster Linie eine Frage des Wissens, hernach eine Frage guter Führung von Unternehmen.“ In jedem Fall ist die Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien ein strategischer Prozess des Managements und nicht ein Add-on des Produktportfolios.
„Es kommt sehr auf die Praxis des E-Commerce an. “ MARKUS BÜRGER, Österreichischer Rat für nachhaltige Entwicklung
56 PROMOTION • 29. August 2021
Versandgut Damit Online-Shopping nachhaltiger abläuft, werden neue Lösungen bei Verpackungen und Zustellungen gesucht.
H
urra, der Bote war da: Vor der Haustür stapeln sich die Pakete. Das Einkaufen im Internet ist zwar bequem und erspart so manchen Weg, doch die bestellten Waren müssen ja irgendwie zum Käufer gelangen. Alleine im Großraum Wien hat sich die Zahl der Paketzustellungen zwischen 2014 und 2019 beinahe verdoppelt; im Vorjahr wurden in Österreich rund 287 Millionen Pakete zugestellt. Eine umweltfreundliche Zustellung ist demnach ein zentraler Aspekt, soll E-Commerce nachhaltig funktionieren. In der niederösterreichischen Stadt Mödling beispielsweise soll die letzte Meile, also der Weg vom Verteilpunkt
zum Privatkäufer, in Zukunft emissionsfrei absolviert werden. Waren werden aus diesem Grund von einem Zentrallager mit Elektroautos zu den Endkunden gebracht. Auch in anderen Städten wird an Konzepten gebastelt, um die Verteilung zentral und vor allem klimaneutral zu regeln – Elektrofahrzeuge und Lastenräder könnten dazu beitragen, die Emissionen zu reduzieren. Ein zentraler Aspekt beim E-Commerce ist auch das Verpackungsmaterial. Plastik, Styropor und andere Materialien werden großzügig eingesetzt, etwa für den Versand von heiklen Waren wie Elektronikgeräten oder auch bei Möbeln. Was nützt die beste Klimabilanz bei der Herstellung, wenn nach dem Auspacken Unmengen an (schlecht verwertbarem) Müll übrigbleiben? Immer stärker achten daher Hersteller und Händler auf umweltfreundliche Verpackungen; die Möbelbranche beispielsweise setzt verstärkt auf Papier und Pappe – diese lassen sich gut recyclen. KANIZAJ MARIJA-M,/ÖSTERREICHISCHER RAT FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG; SHUTTERSTOCK
„Eine Frage des Wissens“
Nicht irgendeine Küche.
Die Küche für morgen.
100 %
96 %
100 %
96 %
100 %
Fertigung in Österreich
Heimische und europ. Hölzer
g Wohngesund
Lacke auf Wasserbasis
Strom aus erneuerbarer Energie
Nachhaltigkeit ist für ewe kein Trend – sie zeigt sich in jedem einzelnen Detail. Weil Verantwortung für uns keine Phrase, sondern Leitsatz ist.
wissenschaft Heinrich Heine (1797–1856)
deutscher Dichter
„Wir tanzen hier auf einem Vulkan – aber wir tanzen. Was in dem Vulkan gärt, kocht, brauset, wollen wir heute nicht untersuchen, und nur, wie man darauf tanzt.“
Sonnenschirm Der Klimawandel fördert Vulkanausbrüche, wie Forscher nun herausgefunden haben. Die Aschewolken könnten die Erde immerhin kühlen. APA/AFP/ARLAN NAEG
KÜHLEFFEKT Der Ausbruch des Pinatubo 1991 auf den Philippinen senkte die globale Temperatur für einige Zeit um 0,5 Grad.
D
er philippinische Vulkan Pinatubo schleuderte vor 30 Jahren so viel Asche, Staub und Aerosole in die Luft, dass rund um den Erdball weniger Sonnenlicht durchkam und die Temperatur weltweit um 0,5 Grad sank. Das könnte nun häufiger passieren. Das Schmelzen der Eisschichten nahe der Pole werde Ausbrüche etwa in Island begünstigen, ergaben neue Modellrechnungen der Universität Cambridge. Hin-
K U R Z
zu kommen zwei Effekte: Gewaltige Eruptionen wie jene von 1991 dürften die Erde künftig noch stärker abkühlen, da sich die Rußwolken durch den Treibhauseffekt länger in der Atmosphäre halten. Mittlere Ausbrüche hingegen werden es bald nicht mehr in die Stratosphäre schaffen, wo sie die Sonneneinstrahlung am effektivsten bremsen. Denn: Die darunterliegende Troposphäre dehnt sich durch die Erderwärmung aus und könnte bis 2100 mehr als einen Kilometer an Höhe gewinnen. Welches der beiden Phänomene wird sich aber nun mehr auswirken – die stärkere Kühlung durch Megaausbrüche oder der fehlende Kühleffekt kleinerer Eruptionen? „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass die großen Ausbrüche das Geschehen dominieren werden“, sagte Studienleiter Thomas Aubry im Fachmagazin „Science“.
G E F R A G T
Wie viele Freunde sind genug? , seit Erfindung der sozialen Medien sind es bis zu 200 Kontakte, die ein Mensch maximal pflegen kann. Abhängig ist die Zahl von der Hirnleistung, wie der britische Anthropologe Robin Dunbar bereits in den 1990erJahren bei der Erforschung von
58 profil 35 • 29. August 2021
Affen herausfand. Je größer die kognitiven Fähigkeiten einer Art, desto größer die soziale Kompetenz und folglich der Freundeskreis. Die meisten Menschen zählen zehn bis 15 Personen zu ihren Freunden, drei bis fünf davon sind enge Vertraute. Bis zu 150 Bekannte hatten
schon Steinzeitmenschen. Durch Facebook, Twitter und Instagram sei die Zahl auf 200 angewachsen, schreibt die Psychologin Corinna Hartmann in „Spektrum der Wissenschaft“. Aber auch die Online-Kommunikation habe ihre Grenzen, so Hartmann.
APA/DPA
150
GESELLSCHAFT
#brodnig REDAKTION INGRID BRODNIG
Aufregung über OnlyFans OnlyFans ist eine BezahlPlattform, bei der man eigens dafür erstellte Inhalte kaufen kann: Das klingt jetzt kompliziert, in der Praxis bedeutet das, dass man dort erotische und pornografische Inhalte kauft. Zum Beispiel gibt es Influencer oder Influencerinnen, die auf Instagram oder TikTok Fans anhäufen, wobei diese Social-MediaPlattformen strenge Vorgaben haben, wie viel Nacktheit erlaubt ist. Nun gab es einige Aufregung rund um OnlyFans: Denn die Plattform hat angekündigt, „sexuell-explizite“ Aufnahmen ab Oktober nicht mehr zuzulassen. Laut dem Unternehmen habe es Druck von Bankpartnern und Zahlungsdienstleistern gegeben, auf solche Inhalte zu verzichten. Jedoch führte diese Ankündigung von OnlyFans zu einem derartig großen Aufschrei, dass nun das Unternehmen zurückruderte – und weiterhin pornografische Inhalte zulässt.
JAKUB PORZYCKI/NURPHOTO VIA GETTY IMAGES
Kino oder Stream? Die Kinobranche ist alarmiert: Zunehmend gibt es Ideen, neue Filme zum Beispiel zeitgleich im Kino und auch via Streaming herauszubringen oder aber Kinos nur noch eine kürzere Zeit (45 Tage) das exklusive Vorführrecht neuer Filme einzuräumen. Beim Branchentreff der US-Kinobetreiber CinemaCon wurde nun von den zuständigen Vertretern betont, dass solche Praktiken eine Gefahr für die Kinolandschaft seien. John Fithian, Leiter des US-Kinoverbands, sagte laut Medienberichten: „Gleichzeitige Veröffentlichungen funktionieren nicht, sie funktionieren für niemanden.“ Hintergrund des Ganzen ist natürlich einerseits die Corona-Krise, die Streaming ungemein begünstigte, da in vielen Ländern die Kinos geschlossen waren oder von vielen Menschen gemieden wurden, sowie andererseits auch die Digitalisierung als größerer Trend, weil einige Medienunternehmen wie Disney mittlerweile ihre eigenen Streaming-Dienste haben.
Die Hasslawine
In der Videospielszene wird ein Problem immer deutlicher: Hate Raids.
NACKTE HAUT OnlyFans macht Geld damit, dass es explizitere Inhalte als andere Plattformen (wie zum Beispiel Instagram) erlaubt.
30
Millionen Besucher hatte die Plattform Twitch laut eigenen Angaben im Schnitt pro Tag, erfasst wurde die Zahl für das Jahr 2020.
Was denken Sie darüber? Schreiben Sie mir unter ingrid.brodnig@profil.at facebook.com/brodnig twitter.com/brodnig
W
ir reden sehr viel über Hass im Netz, der sich auf den besonders bekannten Plattformen Facebook und Twitter ereignet. Wichtig ist aber auch, dass man hinschaut, welche anderen Sites gröbere Probleme mit hasserfüllter Rede haben. Zum Beispiel die Streaming-Plattform Twitch, auf der sich Leute beim Videospielen filmen und dies für die Gaming-Community übertragen. Dort passieren „Hate Raids“, auf Deutsch: Hassüberfälle. Dabei stürmen andere User den Chat einer Person, die gerade ein Videospiel streamt, und fluten den Chat mit aggressiven Botschaften. Hier kommt bisweilen eine Mischung aus Mensch und Maschine zum Einsatz: In manchen Fällen müssen das also gar nicht alles reale Menschen sein, die reihenweise Herabwürdigungen posten. Es kann sich um Bots handeln, also ferngesteuerte Accounts, die von besonders gut organisierten, aggressiven Usern betrieben werden. Diese Störaktionen betreffen besonders Streamer, die einer Minderheit angehören. Den Personen werden dann massenweise Kommentare geschickt, etwa, dass ihr Kanal jetzt dem Ku-Klux-Klan gehöre. Für betroffene User sind solche Hate Raids belastend: Normalerweise freut man sich, wenn Leute den eigenen Stream ansehen, aber in solchen Fällen kriegt ein User oder eine Userin nur Aufmerksamkeit, um sie oder ihn dann zu demütigen. Es mehrt sich die Kritik an der Plattform Twitch, die dem Online-Konzern Amazon gehört, dass sie zu wenig gegen solche aggressiven User mache. Dazu passend gibt es den Hashtag #TwitchDoBetter. Mittlerweile kam es sogar zum Aufruf, die Plattform am 1. September zu meiden – also eine Art Boykott. Ich erzähle das so genau, weil ich eines verdeutlichen möchte: Wenn wir über Hass im Netz reden, dann werden meistens Beispiele von Facebook oder Twitter gebracht, manchmal auch YouTube. Die Gefahr ist, dass weniger bekannte Plattformen beziehungsweise Plattformen, auf denen eher Jugendliche aktiv sind, weniger Aufmerksamkeit bekommen – und damit auch der gesellschaftliche Druck auf sie geringer ist, genügend Schutz für die Opfer solcher Aktionen zu bieten. Wenn die Community anfängt, mit Hashtags und Boykottaufrufen zu reagieren, lässt das erahnen, wie groß der Leidensdruck unter den Betroffenen geworden ist.
29. August 2021 • profil 35 59
WISSENSCHAFT
TEAMS-GESPRÄCH MIT DOROTHEE VON LAER Harte Maßnahmen im Herbst, dafür ein Ende von Masken und Co. im Frühling
„Die 1G-Regel ergibt überhaupt keinen Sinn.“
„Werden um einen Lockdown nicht herumkommen“ Die Virologin Dorothee von Laer hält schärfere Corona-Maßnahmen in den kommenden Monaten für fast unausweichlich, weil die Impfrate zu niedrig und die Delta-Variante hochansteckend ist. Zusatzproblem: Die Immunisierung bei Älteren lässt bereits nach.
60 profil 35 • 29. August 2021
rofil: Die Zahlen steigen wieder dramatisch. Sind wir schon in der vierten Welle? Von Laer: Wir sind mitten im Anstieg der vierten Welle. profil: Werden wir im Herbst und Winter um Lockdowns herumkommen? Von Laer: Das kommt darauf an, wie gut wir die Menschen zum Impfen motivieren können. Um einen Lockdown zu vermeiden, müssten 85 Prozent geimpft oder genesen sein. profil: Davon sind wir ein gutes Stück weit entfernt. Von Laer: Das stimmt. Deshalb reichen die aktuellen Maßnahmen nicht aus, man wird sie Schritt für Schritt verschärfen müssen. Das nächste wird wohl die Verkürzung der Gültigkeit der Tests auch außerhalb Wiens sein. Wenn die Welle nicht bald abflacht, werden wir um einen Lockdown nicht herumkommen. profil: Liegt das an der Delta-Variante? Von Laer: Ja. Ich habe das selbst als unwahrscheinlich erachtet, aber Delta ist wirklich eine andere Nummer als das Ursprungsvirus. Die Variante ist ähnlich ansteckend wie Windpocken oder Masern. Deshalb brauchen wir einen wirklich hohen Durchseuchungsgrad. profil: Bei den Hochbetagten liegen die Impfquoten bei 80 bis 90 Prozent. Könnte das nicht vor Lockdowns schützen? Von Laer: Das Problem ist, dass der Impf-
schutz bei den im Frühjahr Geimpften schon wieder nachlässt. Insbesondere bei den Älteren ist jetzt mit Impfdurchbrüchen zu rechnen. profil: Im September beginnen die Altenund Pflegeheime mit den Auffrischungen. Ist das zu spät, weil man ja inzwischen weiß, dass der Impfschutz nach sechs Monaten spürbar nachlässt? Von Laer: Ich denke, September ist ausreichend. profil: Werden manche Menschen eine neue Grundimmunisierung brauchen? Von Laer: Die Immunantwort in den Gedächtniszellen ist langlebig. Sie müssen nur immer wieder gekitzelt werden, um nicht in den Tiefschlaf zu fallen. Eine Auffrischung nach sechs bis neun Monaten ist völlig in Ordnung. profil: Die Weltgesundheitsorganisation plädierte dafür, mit den Auffrischungen zu warten, bis auch ärmere Länder ihre Bürger geimpft haben. Was halten Sie davon? Von Laer: Das ist eine moralische Frage, keine virologische. profil: Ist der dritte Stich für Österreich also der richtige Schritt? Von Laer: Für Österreich auf jeden Fall. Weltweit sollte man die Produktion der Impfstoffe so ankurbeln, dass wir auch ärmere Länder rasch durchimpfen können. profil: In den USA grassiert derzeit Delta Plus. Wie gefährlich ist diese Variante, und wird sie sich auch in Europa ausbreiten?
Von Laer: Delta entwickelt sich ständig weiter. Noch ist nicht klar, ob sich eine Subvariante durchsetzen wird. Wir wissen aber, dass die im Sommer in Peru gefundene Lambda-Variante keine Chance gegen Delta hat und sich kaum ausbreiten wird. profil: Rechnen Sie in nächster Zeit mit Varianten, die der Impfung entkommen? Von Laer: Mit Delta gehen wir stark in diese Richtung. Wir sehen, dass die Variante die Immunantwort bis zu einem gewissen Grad umgehen kann. profil: Der US-Virologe Anthony Fauci versprach für Frühjahr 2022 einen „gewissen Grad an Normalität“. Glauben Sie das auch? Von Laer: Ja. Man wird an einen Punkt kommen, an dem man mit der Impfung nicht mehr weiterkommt und die Krankheit durchlaufen lässt, ohne das Gesundheitssystem zu gefährden. profil: Wann ist dieser Punkt gekommen? Von Laer: Wenn alle impfwilligen Erwachsenen aufgefrischt sind und der Impfstoff für unter Zwölfjährige zugelassen ist. Alle, die Covid nicht durchmachen wollen, sollten dann einen guten Immunschutz haben. Alle anderen werden sich früher oder später infizieren. profil: Von welchem Zeithorizont sprechen Sie da? Von Laer: Wir werden die Impfung für unter Zwölfjährige noch diesen Winter haben, dann dauert es etwa zwei Monate, um die Risikokinder zu impfen. Daneben sollten wir eine ausführliche Antikörperstudie machen, um zu wissen, ob 85 Prozent der Bevölkerung geschützt sind – entweder weil sie geimpft sind oder genesen. Man könnte also die Maßnahmen irgendwann im Frühling 2022 aufgeben und die Krankheit durchlaufen lassen. profil: Aber ist dann nicht mit einem Anstieg der Long-Covid-Patienten und der Todesfälle zu rechnen? Von Laer: Natürlich. Aber das ist eine Solidaritätsfrage. Wer sich impfen lässt, schützt sich und das Gesundheitssystem vor den Langzeitfolgen und vor der Intensivstation. Und eine gewisse Zahl an Todesfällen nehmen wir auch bei den jährlichen Grippewellen in Kauf. profil: Sie haben sich vor einigen Wochen für eine Impfpflicht ausgesprochen. Bleiben Sie dabei? Von Laer: Aus der Sicht der Virologin ist die Impfpflicht die einzig vernünftige Lösung. Ich finde die Opfer, die wir momentan bringen, enorm. Wenn sich alle impfen lassen würden, könnten wir die Maßnahmen in wenigen Monaten aufgeben. Aber das ist eine politische Frage. profil: Die 1G-Regel kommt einer Impf-
pflicht relativ nah. Von Laer: Die 1G-Regel ergibt aus virologischer Sicht überhaupt keinen Sinn. Man sollte eine 2G-Regel machen, bestehend aus Geimpften und Genesenen. profil: Die Genesenen protestieren also zu Recht? Von Laer: Absolut. Genesene haben einen Schutz vor Ansteckung von weit über 90 Prozent, er ist deutlich höher und wahrscheinlich auch langlebiger als bei den Geimpften. Natürlich gibt es hier das Problem des Nachweises, für den wir ein breites Angebot an Antikörpertests brauchen. Man sollte diese für sechs Monate in den Grünen Pass eintragen. Ich glaube, dass die Regierung an so einer Lösung arbeitet. profil: In Israel ist etwa die Hälfte der Intensivpatienten doppelt geimpft. Wie ist das zu erklären? Von Laer: Israel hat als erstes Land weltweit die Alten durchimmunisiert. Bei diesen lässt nun der Impfschutz nach. Deshalb müssen wir jetzt auffrischen. profil: Wie sehen Sie dem Schulanfang im September entgegen? Von Laer: Er wird die Zahlen weiter nach oben treiben. Man tut zwar, was man kann mit den regelmäßigen Tests, aber klar ist: Erwachsene, die sich nicht impfen lassen, treiben die Pandemie und hemmen die Kinder in ihrem Recht auf Bildung. profil: Wie gut hat sich Österreich bisher in der Pandemie geschlagen?
Von Laer: Manchmal war Österreich Vorreiter: Es gab den harten Lockdown im vergangenen Herbst, als andere noch zögerten. Wir haben sehr früh die Teststrategie eingeführt, als man in Deutschland noch meinte, das könne unmöglich funktionieren. Damit kamen wir relativ gut in den Frühling. Tirol konnte zwei lokal aufgetretene Fluchtvarianten durch hervorragende Kontaktnachverfolgung in Schach halten. profil: Was waren die größten Fehler? Von Laer: Alle Staaten, nicht nur Österreich, haben das Virus lange unterschätzt. Dann kam Ischgl, da hätte man viel früher reagieren müssen. Danach stolperten wir von einer Welle in die nächste, weil die Politik es nicht schaffte, mit der Wissenschaft gemeinsam langfristig und strategisch zu denken. Aber auch hierbei war Österreich nicht allein. profil: Hätte man diesen Sommer früher reagieren müssen? Von Laer: Nein. Der derzeitige Weg ist richtig. 25 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen sind geimpft, wir beginnen nächste Woche mit den Auffrischungen. Ich habe den Eindruck, dass im Kanzleramt jetzt eine größere Bereitschaft herrscht, längerfristig zu planen und nicht nur die nächsten drei Wochen im Blick zu haben. profil: Sie sind Österreichs bekannteste Virologin und stehen seit 2020 permanent in der Öffentlichkeit. Genießen Sie das? Von Laer: Wenn man im Mittelpunkt stehen möchte, wird man Herzchirurgin und nicht Virologin. Seit eineinhalb Jahren komme ich kaum zu meiner Leidenschaft, der Forschung, und noch weniger zu meinem Hobby, den Pferden. Aber ich sehe es als meine Pflicht, die Menschen aufzuklären. Schließlich wird meine Arbeit vom Steuerzahler mitfinanziert. profil: Sie ernteten scharfen Gegenwind, als Sie die Corona-Politik in Ihrer Wahlheimat Tirol immer wieder kritisierten. Von Laer: Als Wissenschafterin muss ich den Mund aufmachen, wenn die Politik einen Weg geht, der in die Katastrophe führt. Ich wurde geprägt durch meinen Vater, der als einer der ersten Klimaforscher vor der Erderwärmung warnte. Es lohnt sich, für die Wahrheit Kritik auszuhalten. profil: Wie gehen Sie mit Shitstorms um? Von Laer: Ich versuche, sie zu ignorieren. Die meisten unflätigen Nachrichten erreichen mich gar nicht, weil sie meine Sekretärin löscht. Alle drei Wochen überkommt mich die Wut, und ich schreibe jemandem zurück, dass er wohl keine Erziehung genossen hat. INTERVIEW: FRANZISKA DZUGAN FOTOS: ALEXANDRA UNGER 29. August 2021 • profil 35 61
Nachruf
kultur1
Der Formforscher NEUMAYR/PICTUREDESK.COM
Vor wenigen Tagen starb der österreichische Künstler Lois Renner, erst 59-jährig, bei einer Wanderung in Salzburg. Angela Stief, Chefkuratorin der Albertina modern, war mit ihm an jenem Tag unterwegs. Sie erinnert sich hier an einen Perfektionisten in der kreativen Nachstellung einer brüchigen Realität.
ÜBERSTEIGERTE WIRKLICHKEIT Lois Renner (1961–2021)
A
m Samstag vorvergangener Woche besuchte ich Lois Renner in seiner Heimatstadt Salzburg, um über eine mögliche Zusammenarbeit zu sprechen. Er zeigte mir sein aktuelles Projekt, das nun sein letztes bleiben wird: Ein gigantisches Modell türmte sich im bewaldeten Garten seines Salzburger Elternhauses auf; er hatte einen noch nicht fertiggestellten Faun inmitten einer Kulisse aus Felsen sowie künstlichen und natürlichen Gewächsen platziert. Technische Gerätschaften wie Lampen und Kameras, aber auch Handwerksutensilien waren um das Set herum verstreut. Klein neben der oben thronenden Figur, die er nach einem muskelbepackten Mo-
62 profil 35 • 29. August 2021
dell geschaffen hatte, stellte sich der Künstler selbst mit Malerkittel in einem 3D-Print dar. Das Modell im Modell war eine Art Signatur, die er häufig in seine Werke integrierte. Renner sprach stolz von einer „Water Sculpture“. Er liebte die Natur und die Elemente, vor allem das Wasser, aber auch dramatische, fast künstlich wirkende Stimmungen des Himmels, die er vom Glashaus seiner Dachwohnung in Wien beobachtete, hatten es ihm angetan. Über die breitbeinig dasitzende Figur hatte Renner tags zuvor einen Kübel mit Wasser geschüttet, während seine Mutter auf einer Leiter stehend den Auslöser der Kamera betätigte. In hoher Auflösung hielt er die Szene, den kaum wahrnehmbaren Moment, in dem noch die kleinsten Spritzer und Tropfen
plastisch wurden, akribisch fest. Es ging dem Perfektionisten, der sich selbst und der Kunst alles abverlangte, um eine übersteigerte, brüchig gewordene Realität. Eine doppelbödige Wirklichkeit, die zu einer täuschend ähnlichen Simulation ihrer selbst geworden war. Stets dominierte der ästhetische Schein das Sein. Barocke Opulenz vermischte sich in Renners Bildern mit einem modernen Willen zur Konstruktion. Für seine Versuchsanordnungen, die er auch „Formforschung“ nannte, stellte Renner, der sich als Maler verstand, häufig sein Atelier – man könnte auch sagen: seine Künstlerexistenz – modellhaft nach, fotografierte, übermalte, fotografierte wieder. Der Sohn eines wohlhabenden Malermeisters, der in den 1980er-Jahren bei Gerhard Richter an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hatte, zielte auf die Umkehrung dessen, was damals angesagt war: Er malte nicht fotografische Vorlagen ab, sondern fotografierte die eigenen Bilder, die zuvor freilich zahlreiche mediale Verwandlungen durchlaufen hatten. Über die Wahrheit in der Kunst meinte Renner einmal, dass die Malerei das Gefühl zeige und die Fotografie die Wahrheit. Lois Renner war ein Meister der Inszenierung, der die Grenzen zwischen fact und fiction zu verwischen verstand. Ein höchst eloquenter Künstler, ein Intellektueller, der Realität so lange modulierte, reproduzierte und verzerrte, bis sie zur Kenntlichkeit entstellt war. Am vergangenen Samstag ist Lois Renner in seinem 60. Lebensjahr bei einer Wanderung auf den Untersberger Dopplersteig unerwartet und ganz plötzlich gestorben. Es war ein kurzer, schmerzloser Tod in einer wunderschönen Landschaft, die irreal, beinahe wie eine seiner Kulissen wirkte. Mein Besuch in kuratorischer Mission nahm am 21. August also eine schicksalhafte Wendung. Ich war wohl die Letzte, mit der er über die barocken modelli, die den Kern seiner Arbeit bildeten, gesprochen hat. Lois Renner wurde aus dem Leben gerissen – dramatisch und viel zu früh. Vielleicht hätten ihm die Umstände seines Todes sogar gefallen. Seine Arbeit jedenfalls wird weiterleben, ganz nach dem Motto, das er für sich selbst geprägt hat: „Lieber Maler-Fürst als Foto-Graf.“ ANGELA STIEF
Empathie am Bau
ANA HOP
COLLAGE: TATIANA BILBAO ESTUDIO
INNOVATIVE ANSÄTZE Architektin Bilbao: Collage für das Meeresforschungszentrum Cortes in Mexiko (großes Foto); Wohnhaus Los Terrenos (2016)
Eine Ausstellung zeigt das spielerische und sozial orientierte Werk der mexikanischen Architektin Tatiana Bilbao.
Pressekonferenz zur Eröffnung ihrer Schau im Architekturzentrum Wien (bis 17.1.2022). 23 Projekte werden da präsentiert, vom Botanischen Garten in Culiacán bis zu sozialem Wohnbau, der in Mexiko einen zentralen Stellenwert hat. Tatiana Bilbao forscht an jedem Ort neu, tritt in Dialog mit der Geschichte und der Bautradition der jeweiligen Gegend, spricht mit den Menschen, die später hier wohnen sollen. Keine große, stets wiedererkennbare Architekturgeste steht bei ihr im Vordergrund, nicht um protziges, unverwechselbares Stilgehabe geht es ihr. Neugierig wird untersucht, welche Projekte welche Herangehensweisen brauchen. Bilbaos Bauweise ist von Empathie geprägt. „Architektur hat die Macht, Leben zu beeinflussen – im Guten wie im Schlechten“, betont die Architektin, die gern lokales, günstiges Material verwendet. Auch darin ist sie zukunftsweisend. K.C.
RORY GARDINER
F
ür Laien sind Pläne von Gebäuden schwer lesbar. Computermodelle sind auch nicht viel besser, sie wirken meist idealisierend und abgehoben künstlich. Das macht Ausstellungen über Architektur oft zu einer eher sperrigen Angelegenheit für Experten. Umso überraschender ist der sinnliche, niederschwellige Zugang der 1972 in Mexixo-Stadt geborenen Architektin Tatiana Bilbao. Ihre Pläne sind schillernde Kunstwerke. Sie nutzt Collagen und handgezeichnete Skizzen, auch um Diskussionen über geplante Gebäude in Gang zu bringen und Vorbehalte abzubauen. Das Spielerische, Veränderbare, Improvisierte rückt da in den Vordergrund. „Für uns stehen die Menschen im Zentrum, deshalb ist es wichtig, mit den zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern ins Gespräch zu kommen“, erklärte Bilbao bei der
29. August 2021 • profil 35 63
Aufgedreht
kultur2
Gruppenzwang 20 Jahre nach Veröffentlichung ist die Musik der legendären Sängerin Aaliyah erstmals auf Spotify verfügbar. Damit schließt sich eine der letzten prominenten Lücken im Streaming-Angebot.
Alptraumzeit Zwei neue Filme erforschen die psychischen Zwischenwelten destabilisierter Antihelden: „The Green Knight“ und „The Father“.
TIM MOSENFELDER/GETTY IMAGES; A24; TOBIS FILM GMBH/SEAN GLEASON; COURTESY KARPUCHINA GALLERY, CZ
B
aby Girl ist endlich da – und die 90ies-Playlists auf Spotify sind damit der Vollständigkeit näher gerückt. Vergangene Woche wurde das Album „One in a Million“ der 2001 jung verstorbenen US-Sängerin Aaliyah – genannt Baby Girl – auf allen Streaming-Plattformen veröffentlicht. Ihr letztes, kurz vor ihrem Tod erschienenes Album „Aaliyah“ soll im September folgen. Ein Disput um die Rechte an der Musik zwischen dem Label Blackground Records und ihrem Nachlass, verwaltet von ihrer Mutter und ihrem Bruder, war einer bisherigen digitalen Veröffentlichung ihrer Alben im Weg gestanden – jetzt ist mit Aaliyah eine der letzten großen Streaming-Lücken gefüllt. Wirklich komplett ist die Online-Musikbibliothek natürlich nicht: Neben einzelnen Alben von Kraftwerk und den Smashing Pumpkins sowie einem Gutteil der Musik der Rapper De La Soul fehlt auch das Werk des Country-Stars Garth Brooks, von dem lediglich einzelne Songs zu streamen sind. Vor ein paar Jahren war das Vakuum noch viel größer: Weder Prince noch Thom Yorke oder Tool waren damals auf Spotify, Alben von Coldplay, Adele und Beyoncé fehlten ebenso. Und das nicht etwa aufgrund von Rechtsstreitigkeiten – sondern aus Protest. Besonders medienwirksam opponierte Taylor Swift, als sie 2014 ihre gesamte Diskografie von Spotify entfernte und die unangemessene finanzielle Entlohnung von Künstler:innen kritisierte. Auch Neil Young stieß sich an der ungerechten Bezahlung, mokierte sich aber im Rahmen eines Kurzzeit-Boykotts 2018 auch über mangelhafte Soundqualität. Swift ist seit 2017 wieder streambar, nach kurzen Protest-Abwesenheiten auch Prince und Thom Yorke. Aber nicht, weil man Musiker inzwischen besser bezahlen würde, sondern weil der Widerstand angesichts der immer weiter wachsenden Marktdominanz des Portals keine wirtschaftliche Option mehr ist. LENA LEIBETSEDER
64 profil 35 • 29. August 2021
US-SÄNGERIN AALIYAH Auch 20 Jahre nach ihrem Tod eine Inspiration für unzählige Musikerinnen
REALITÄTSVERLUSTE Foto oben: Dev Patel und Alicia Vikander in dem exzentrischen Fantasy-Epos „The Green Knight“. Unten: Die Erfahrung eines Lebens mit Demenz – Szene aus „The Father“, mit Anthony Hopkins, Olivia Colman (Mitte) und Imogen Poots
Neu im Kino
E
s ist nicht anzuraten, sich unvorsichtig auf Gewaltspiele einzulassen. Ein Hieb mit der Axt genügt zwar, um den grünen Ritter, der halb Mensch, halb Schlingpflanzenmonster zu sein scheint, zu enthaupten. Doch der Hieb hat Konsequenzen. Die walisische Sagengestalt Gawain, der Neffe des mittelalterlichen Königs Artus, gerät aus Übermut in jenen öffentlichen Zweikampf, in ein Duell als Mutprobe. Er siegt blutig, auch weil sein Gegner ihm kampflos den Hals hingehalten hat. Der mythische grüne Ritter nimmt anschließend lachend seinen Kopf hoch und zieht ab. Um seine Ehre zu wahren, muss Gawain jedoch das böse Spiel gemäß dessen Regeln zu Ende bringen: Er soll, genau ein Jahr später, im Rahmen einer Reise, die sich zur Odyssee auswachsen wird, seinen schlafenden Kontrahenten ausfindig machen – und diesem dann furchtlos die Gelegenheit geben, den Axthieb zu retournieren. Will oder muss Gawain sterben? Es ist offensichtlich, dass Regisseur und Autor David Lowery („Ain’t Them Bodies Saints?“, 2013) einen Fantasyfilm im Sinn hatte, der den Konventionen des Genres in vielerlei Hinsicht widersprechen sollte: „The Green Knight“ ist ein sehr körperlicher, der physischen Realität bisweilen ungewohnt naher Film geworden. Vieles bleibt rätselhaft in diesem Werk, und der visuelle Bombast vieler Szenen reibt sich auf befremdliche Weise mit dem fast surrealistischen Grundprinzip seiner Erzählung. Aber „The Green Knight“ bleibt faszinierend, man folgt den oft unerwarteten Handlungswendungen mit wachsender Spannung, nimmt ihre vielfältigen Absurditäten in Kauf. Dev Patel ist ein – gerade auch in seiner Ambivalenz zwischen Müßiggang und Pflichtgefühl – sympathischer Pro-
Termine
tagonist, die Schwedin Alicia Vikander ist ihm, in einer Doppelrolle zu sehen, eine kongeniale Partnerin. Und der hochtalentierte junge Ire Barry Keoghan absolviert in diesem winterlichnebeligen Geisterspektakel einen beklemmenden Gastauftritt. *** Um eine ganz andere, ungleich bedrohlichere Art des Wirklichkeitsverlusts dreht sich das zweifach oscargekrönte Kammerspiel „The Father“, das nach diversen Lockdown-Verschiebungen nun endlich in die Kinos kommt: Auch in diesem Film kann man nie sicher sein, ob man sich gerade noch auf der Realitätsebene oder doch schon in der beunruhigenden Vision eines Demenzkranken befindet. Der britische Schauspieler Anthony Hopkins, der für diese Darstellung (ebenso wie das Drehbuch) unlängst mit einem Academy Award ausgezeichnet wurde, spielt den angeschlagenen, aber sturen Titelhelden, der die Hilfeleistungen seiner Tochter (Olivia Colman) immer wieder zurückweist, obwohl ihn seine kognitiven Fähigkeiten im Stich lassen. Der französische Dramatiker und Theaterregisseur Florian Zeller, der mit „The Father“ sein eigenes Bühnenstück bearbeitet hat, begibt sich in die verstörende Binnenlogik eines Schwerkranken, dem nicht nur die Welt und sein Gefühl für Zeit und Raum, sondern auch die eigene Identität abhanden kommt. Hopkins, der in einem profilInterview das Hohelied der schauspielerischen Reduktion sang („Minimalismus ist ein hoher Wert; zwei plus zwei sind vier, daraus muss man nicht sechs machen“) changiert hier virtuos zwischen Charme, Wut, Bitterkeit und Verzweiflung – bis ins transzendente Finale der Erzählung, in dem äußerster Schmerz und später Seelenfrieden ungeahnt zueinanderfinden. ST.GR.
Idealraum Die Kunstmesse Contemporary Vienna (2.–5.9.) setzt unter ihrem neuen Leiter Boris Ondreička verstärkt auf die Stadt als zu entdeckenden Raum. Wien wird da als großes Atelier begriffen, als idealer Raum, um Sammler, Kunstinteressierte und Galerien zusammenzubringen. So wird es heuer eine Performance im Amalienbad geben (3.9.), zentraler Ausgangsort aber ist die frisch renovierte Alte Post in der Innenstadt. Nachwuchsstars zu entdecken gibt es in der Ausstellung Zone1, die Kunstschaffenden unter 40 gewidmet ist, die in Österreich leben und arbeiten (Foto oben: Gemälde von Julius Reichel).
Geburtstags-Gigs Wenige heimische Labels stehen so sehr für Offenheit und Entdeckerfreude wie das 2005 gegründete Siluh Records, das bereits auf über 90 Veröffentlichungen zurückblickt. Der Indie-Bereich wird da erfreulich breit gedacht, von den wilden Experimenten eines Philipp Quehenberger bis zu Melodiösem von Luise Pop. Label-Gründer Bernhard Kern war es aber von Anfang an auch wichtig, Konzerte und Partys zu organisieren. Der 15. Geburtstag wird deshalb – pandemisch leicht verspätet, aber ausgiebig – gefeiert mit Konzerten der Indie-Heroinnen Dives und der PostPunk-Band Culk, die am 3.9. im Wiener WUK auftreten werden und am 4.9. im Posthof Linz.
KULTUR
Fels in der Brandung
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Der Schlagzeuger Charlie Watts war das Rückgrat und das Triebwerk der Rolling Stones. Seine Leistung wurde, weil er daraus keine große Sache machte, von vielen gewaltig unterschätzt – nicht zuletzt von ihm selbst. Nun starb er 80-jährig in London, betrauert von einem altgewordenen Popbetrieb.
66 profil 35 • 29. August 2021
29. August 2021 • profil 35 67
KEITH BEDFORD / GETTY IMAGES
KULTUR
STONES-STATIONEN Charlie Watts ca. 1968 (oben) und im Kreis jener Band, bei der er 58 Jahre lang getrommelt hat: die Rolling Stones um 1963 in London (re.) – Jagger, Richards, Jones, Wyman und Watts (v. li. n. re.) – und 2002 in New York City (großes Bild oben, Watts in Rosa)
68 profil 35 • 29. August 2021
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VON STEFAN GRISSEMANN
it ernstem Gesicht saß er hinter seinen Trommeln, und er wirkte, während vorn Mick Jagger zappelte und Keith Richards die Gitarre phallisch schwenkte, in sich versunken, sehr konzentriert, als würde er im Geist den Takt mitzählen, den er schlug, was er beim zehntausendsten Mal „Satisfaction“ wohl nicht mehr musste. Der Londoner Charlie Watts bediente ab Jänner 1963, fast sechs Jahrzehnte lang, das Schlagzeug der Rolling Stones, einer der gewaltigsten Bands der Welt, einer weltumspannenden Rock’n’Roll-Maschine, die Stadien und Arenen füllte – und längst zur Legende erstarrt war, auch vom Tod kaum noch antastbar erschien, alle Verfallsprozesse gestoppt wie unter einer meterdicken Eisschicht. Aber das Eis schmolz schnell, denn die Rolling Stones waren stets um schnelle Erhitzung bemüht, auf Erregungswirkung, Rausch und Ekstase gepolt,
lein machen müsse. An einem typischen Leben als Rockstar hatte Charlie Watts keinerlei Interesse. Von Groupies hielt er sich fern, von den meisten Drogen auch, Hotelzimmer zertrümmerte er ungern, und Interviews mochte er sowieso nicht, wie er, sichtlich maulfaul, seinen Interviewern oft sehr direkt mitteilte, um die Gespräche kurz zu halten. Das war nicht Arroganz, denn von sich selbst hielt er nicht allzu viel. Er sei absolut ersetzbar, sagte er vor wenigen Jahren noch, ganz im Ernst; ohne Mick und Keith ginge es nicht, die schrieben die Songs und seien das Zentrum der Shows, auf ihn könne man dagegen leicht verzichten. Dabei trug er nicht nur als Schlagzeuger zur Wirkmacht der Stones bei: Als ausgebildeter Grafiker entwarf er viele der monumentalen Bühnenbilder für die Tourneen seiner Band. Dennoch wurde Watts, seines Understatements wegen, gewaltig unterschätzt. Der eigentümliche Groove der Stones (siehe dazu auch die Stilanalyse auf S. 71) basiert meist auf scheinbar simplen, vorantreibenden, Snare-intensiven Beats, auf Solidität und Essenzialismus. Der HipHop-Künstler Questlove (The Roots) nennt Watts einen „foundational drummer“, das „großartigste Metronom der Welt“, sogar einen „Anti-Schlagzeuger“. Watts habe einen nicht dauernd
„Charlie Watts war das großartigste Metronom der Welt.“ Questlove, Drummer der Roots
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insofern war Charlie Watts die produktive Antithese dieses Unternehmens. Die paradoxe Intervention seines Spiels brachte Jaggers nervöse Gestik und Richards’ ironisches Imponiergehabe erst wirklich zur Geltung, akzentuierte die kontrollierte Entgrenzung dieser Band. Fast genervt und kaum bewegt absolvierte Watts sein Programm, kein Tropfen Schweiß stand ihm auf der Stirn, denn er setzte nicht auf Geschwindigkeit und Lautstärke, sondern auf Coolness, Simplizität und Stoizismus. Dies allerdings mit enormer, niemals augenfälliger Präzision. Sein größtes Zugeständnis an den Rock’n’Roll-Zirkus war der Wurf seiner Trommelstöcke ins jeweilige Auditorium, nach dem Verklingen der letzten Zugabe. Mehr Publikumsnähe musste nicht sein. Am Dienstag vergangener Woche starb Charlie Watts 80-jährig in einem Londoner Krankenhaus, angeblich friedlich, im Kreis seiner Familie, während sich Mick Jagger, 78, Keith Richards, 77, Ronnie Wood, 74, sowie der schon seit 1993 nicht mehr als Bandmitglied fungierende Bill Wyman, 84, weiterhin zumindest passabler Gesundheit erfreuen. Watts ist dennoch nicht der Erste, dessen Ableben die Stones zu betrauern haben. Der Gitarrist Brian Jones, die frühe Triebfeder der Band, starb nach Jahren des Drogenmissbrauchs und der wachsenden psychischen Instabilität bereits 1969. Aber auch Watts hatte seine Gesundheitskrisen: In den 1980er-Jahren begann er infolge familiärer Probleme selbstzerstörerisch zu trinken, schaffte es aber nach wenigen Jahren, seine Sucht zu besiegen. 2004 überwand er zudem eine Kehlkopfkrebserkrankung. Als einer der bestgekleideten Popmusiker der Welt, der auch feinen Tweed mit unnachahmlicher Lässigkeit tragen konnte, als wäre es ganz selbstverständlich, als Rockmusiker so auszusehen, wurde er oft gewürdigt; es stach eher in die Augen als sein seelenruhiges Spiel. Die Neigung zum Edlen ließ ihn vier kostbare Oldtimer anschaffen, in denen er gerne saß, wie er berichtete, und ab und zu den Motor startete. Fahren konnte er mit seinen prachtvollen vintage cars nicht, denn er hatte keinen Führerschein. Natürlich verweigerte Watts auch Mobiltelefone und Laptops. Wer ihn erreichen wollte, müsse ihm eben einen Brief schreiben, erklärte er achselzuckend. Der Jazz war seinem Herzen näher als der Rock’n’Roll. Mit der Musik von Chico Hamilton, Gerry Mulligan und Charlie Parker wuchs er auf, brachte sich als Arbeiterkind ab 1955 das Trommeln bei; wenige Jahre später, noch als Teenager, trat er in lokalen Jazzclubs auf, bis ihn der Musiker Alexis Korner, der ihn 1962 in seine Band holte, auch mit Rhythm’n’Blues konfrontierte. Er habe vom Zuschauen und Zuhören gelernt, sagte Watts. Man müsse nicht möglichst viele Noten produzieren, sondern vor allem ein guter Zuhörer sein. In der Jazz-Improvisation sei diese Fähigkeit unabdingbar. Watts gehörte zu den ungewöhnlichsten Gestalten des Rock’n’Roll-Betriebs: Er war bescheiden, meldete sich ungern öffentlich zu Wort, hatte nichts zu besprechen mit Leuten, die er kaum kannte. 20 Jahre lang verweigerte er jeden Kontakt mit der Presse, bis Jagger sich beschwerte, dass er alle Promotion-Arbeit al-
NEUE ! REIHE
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Kinopremiere am 9.9.2021, 20.15 Uhr
Der Film über den investigativen Journalismus rund um die „Ibiza-Affäre“. Für den Dokumentarfilm „Hinter den Schlagzeilen“ öffnet die SZ – Deutschlands größte Tageszeitung – erstmals die Tür zu ihrem weltweit renommierten Investigativ-Ressort und erlaubt einen intimen Einblick in Arbeitsprozesse, die sonst nur unter strikter Geheimhaltung stattfinden.
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> profil verlost 10 x 2 Karten für die Premiere von „Hinter den Schlagzeilen“ am Do., 9. September 2021 um 20.15 Uhr in Anwesenheit von Regisseur Daniel Andreas Sager sowie den Journalisten Frederik Obermaier und Bastian Obermayer im Filmcasino, Margaretenstraße 78, 1050 Wien. Mitmachen per E-Mail bis So., 5. September 2021 unter events@profil.at
„Er war ein fantastischer Drummer, beständig und zuverlässig.“ Paul McCartney via Twitter
SIMPLE PRÄZISION Watts bei einem Auftritt mit seinem NebenBandprojekt The ABC and D of Boogie Woogie, München 2010
APA / DPA / URSULA DÜREN
Hinter den Schlagzeilen
davon überzeugen wollen, wie verdammt hart er arbeite, er betrieb lieber rhythmische Grundlagenforschung. Und Watts habe, wie Robert Rotifer unlängst in seinem FM4-Blog schrieb, „nie wirklich zu swingen aufgehört. Deshalb blieben die Stones auch immer jenes erstaunlich seltene Biest: eine Rockband, zu der man tatsächlich tanzen konnte.“ Metallica-Drummer Lars Ulrich stimmt diesbezüglich zu: „Die Leute glauben immer, wenn sie die Stones erleben, dass sie mit Mick Jagger tanzen. Nein! Sie tanzen mit Charlie Watts!“ Das monatelange Touren begriff Watts als Arbeit, über die er nicht nachdenken wollte und musste. Er verdrehte gern die Augen angesichts der Eskapaden seiner Bandkollegen, und um gute Pointen war er, wenn man ihn überhaupt zu fassen kriegte, nicht verlegen. Als er in den späten 1980er-Jahren gefragt wurde, wie es sich anfühle, 25 Jahre lang bei den Rolling Stones gespielt zu haben, antwortete er kühl: „Wie fünf Jahre Arbeit und 20 Jahre Nichtstun.“ Watts war auf auffällige Weise unauffällig, das erhöhte den spielerischen Reiz des Zusammenwirkens dieser sehr verschiedenen Bühnenfiguren. Mit den Stones, die ihn 1963 abwarben, war er länger zusammen als mit seiner Ehefrau – allerdings nur ein paar Monate. Seine Shirley Ann, die er 1964 heiratete, hatte er noch vor den ersten Erfolgen der Band kennengelernt. Die Ehe hielt bis zu seinem Ableben, brachte Tochter Seraphina und Enkelin Charlotte hervor. Im Angesicht des Todes sind auch die alten Animositäten zwischen den britischen Pantheon-Bands der Sixties Schnee von gestern. Beatles an Stones: Pop-Legende Paul McCartney, 79, zollte dem Schlagzeuger, wenige Stunden nach Verbreitung der Nachricht vom Tod des Drummers, via Twitter Tribut. Es sei „so traurig“ zu hören, dass Watts gestorben sei, sagte McCartney in einem Video, den Tränen nahe: „Charlie war ein Felsen, ein fantastischer Drummer, beständig und zuverlässig.“ Keith Richards postete lediglich ein Foto jenes kleinen Drumkits der Traditionsfirma Gretsch, das Watts stets verwendete, ein Modell aus den 1950er-Jahren. Ein „Closed“-Schild hängt am verlassenen Schlagzeug. Auch Mick Jagger reagierte wortlos auf den Tod seines Freundes, stellte eines jener seltenen Bilder online, auf denen man Watts hinter seinen Trommeln herzhaft lachen sieht. Ohne Charlie Watts sind die Rolling Stones allerdings nur mehr ein Schatten ihrer selbst, auch wenn ihr Management schon angekündigt hat, dass die kommende US-Tournee, für die Watts wegen einer „kurzfristig nötigen Rückenoperation“ ohnehin bereits vor vier Wochen abgesagt hatte, ab Ende September selbstverständlich wie geplant ablaufen werde; solange Jagger und Richards, die alten GlimmerTwins, noch stehen können, werden sie die Freilichtbühnen und Großsporthallen wohl weiter, vielleicht noch jahrelang, als The Rolling Stones beehren. Aber was ist die Brandung, wenn sie gegen keinen Felsen mehr schlagen kann? All jene, die hören konnten, wie sehr Charlie Watts den speziellen Klang dieser Band geschärft und definiert hat, werden wissen, dass es die Stones seit dem unseligen Sommer 2021 schon nicht mehr gibt. æ
TWITTER@PAUL MCCARTNEY
KULTUR
Takt und Timing
Kunstgenuss in Salzburg
Die Luft zwischen Hi-Hat und Snare Drum: kleine Analyse des diskreten Spielstils Charlie Watts’. eine Soli, keine Posen, kein Pomp. Charlie Watts hatte keine Batterie von Trommeln, auf die er wild einschlagen hätte können. Er arbeitete mit Reduktion und Understatement, ließ Raum für seine exaltierten Bandkollegen vorn an der Rampe. Charlie Watts hat stets genau das gemacht, was für virtuose Schlagzeuger die größte Herausforderung ist. Er spielte simpel. Denn natürlich war es nicht simpel, wie Charlie Watts zu spielen. Man muss sich, wollte man dessen Stil imitieren, bedingungslos in den Dienst eines Songs stellen. Man darf nicht zeigen wollen, was man eigentlich kann. Bei „Gimme Shelter“ etwa sind die DrumFills, die Songabschnitte voneinander abgrenzen, sehr reduziert, und die Becken werden kaum benutzt. Hier blickt man in den Maschinenraum der Stones: So ließen sie ihren speziellen Groove entstehen. Viele Menschen – und vielleicht insbesondere Schlagzeuger – leiden an großer Angst vor der Leere, an einem Horror vacui. Es ist natürlich, musikalische Leerstellen füllen zu wollen. Sie nicht zu füllen, dafür braucht es Disziplin oder große Entspanntheit. Charlie Watts hatte beides. Und er verfügte über perfektes Timing. Seine Basstrommel trieb meist leicht nach vorn, analysierte
Stewart Copeland von The Police, während seine Snare kaum merkbar hinterher marschierte. So erzeugte der Stones-Drummer in seiner Konstanz innere Spannung. Wenn man sich die Schlagzeugspur von „Gimme Shelter“ isoliert anhört – im Netz ist das möglich –, wird die Eleganz des rhythmischen Gerüsts erst deutlich. Paul McCartney sagte über Charlie Watts, er spielte „felsenfest“. Und Bruce Springsteen schrieb über ihn, dass der Sound seiner Snare Drum gleich wichtig für die Rolling Stones war wie Mick Jaggers Stimme und Keith Richards’ Gitarre. Watts selbst fand, dass er die Snare anders als die meisten seiner Kollegen spielte, nämlich eher wie in einer Marschkapelle, weniger auf dem Off-Beat. Und seine Snare hatte eine weitere Besonderheit, die sogar ihm selbst lange nicht bewusst war: Immer wenn er auf sie schlug, zog er die andere Hand von der Hi-Hat zurück. Dadurch hatte seine Linke den Weg frei, um härter aufzuschlagen. Und der Sound stand frei, ohne von einem Becken überlagert zu werden. Man darf mutmaßen, dass etliche Stones-Songs ohne Charlie Watts wohl nicht zu Hits geworden wären, an Aura jedenfalls stark verloren hätten. „Sympathy For The Devil“ war ursprünglich eine Folk-Ballade. Von sechs verschiedenen Rhythmen, die man dazu probierte, passte keiner richtig, erst mit einem brasilianischen Samba entwickelte der Song seinen diabolischen Sog. „Get Off Of My Cloud“ dagegen wird befeuert von Watts’ schnellen, sich wiederholenden Akzenten. Und das Grummeln seiner Tomtoms trägt maßgeblich zur düsteren Stimmung von „Paint It Black“ bei. Charlie Watts fehlt auf vielen Listen der besten Drummer aller Zeiten. Er spielte in einer der größten Bands des Planeten, aber er ließ sich dies nicht anmerken. Einen Schlagzeuger wie ihn musste man sich eben erst verdienen. STEFAN NIEDERWIESER
profil lädt im September zum „profil-Mittwoch“ ins Museum der Moderne Salzburg © Museum der Moderne Salzburg; Foto: Marc Haader
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profil-Mittwoch 1+1 Gratis-Aktion Jeden Mittwoch im September 2021 können alle BesucherInnen des Museum der Moderne Salzburg (Mönchsberg & Rupertinum) eine Begleitperson gratis mitnehmen (bei unterschiedlichen Tickettarifen wird der günstigere Tarif erlassen). Zusätzlich zu der Aktion „1+1“ erhalten alle BesucherInnen am „profilMittwoch“ eine aktuelle profil-Ausgabe. Das Museum der Moderne Salzburg präsentiert ganzjährig an seinen zwei Standorten Ausstellungen zur Klassischen Moderne, zur Kunst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zur Gegenwart. Museum der Moderne Salzburg Mönchsberg 32, 5020 Salzburg Rupertinum Wiener-Philharmoniker-Gasse 9, 5020 Salzburg
Weitere Infos unter: www.museumdermoderne.at 29. August 2021 • profil 35 71
briefe an profil redaktion@profil.at
profil 34/2021
Brutal, aber banal Leitartikel von Christian Rainer.
D profil-Cover 34/2021
Die Taliban zeigen ihr Gesicht
Im Jahr 2000 gab Taliban-Repräsentant Abdul Hakim Mujahid dem profil ein Interview.
„Was in unseren Augen unmenschlich ist, rechtfertigen Taliban als gottbefohlen.“ Mit der Berufung auf Gott als universelle, zeitlose Instanz lässt sich ziemlich alles rechtfertigen. PETER ZEJDA
impressum ANSCHRIFT
Leopold-Ungar-Platz 1, A-1190 Wien, Tel.: 05 9030 22501 E-Mail: redaktion@profil.at
HERAUSGEBER Dr. Christian Rainer CHEFREDAKTION Dr. Christian Rainer Stellvertretung Mag. Eva Linsinger, Michael Nikbakhsh, Mag. Robert Treichler REDAKTION Art-Direktor Erich Schillinger Chef v. Dienst Mag. Stephan Graschitz, MA Textchef Mag. Sebastian Hofer Editor-at-Large Sven Gächter Österreich Mag. Eva Linsinger (Leitung), Mag. Gernot Bauer, Mag. Edith Meinhart, Mag. Clemens Neuhold, Rainer Nikowitz, Rosemarie Schwaiger, Jakob Winter, MSc, Christa Zöchling Wirtschaft Michael Nikbakhsh (Leitung), Mag. (FH) Joseph Gepp, Mag. Christina Hiptmayr, Mag. Stefan Melichar Außenpolitik Mag. Robert Treichler (Leitung), Mag. Siobhán Geets Gesellschaft Angelika Hager (Leitung), Mag. Sebastian Hofer Wissenschaft Alwin Schönberger (Leitung) Kultur Stefan Grissemann (Leitung), Dr. Wolfgang Paterno Online Isabel Russ, MA (Leitung), Mag. Philip Dulle, Ines Holzmüller, MA, Lena Leibetseder, Mag. Katharina Zwins Medien Mag. (FH) Ingrid Brodnig Fotoredaktion Alexandra Unger Grafik Judith Illmer Redaktionsmanagement Beate Maisner, Ursula Tögel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Mag. Martin Bruny, Dr. Robert Buchacher, Mag. Karin Cerny, Noa Croitoru-Weissman, Dr. Franziska Dzugan, Dr. Marianne Enigl, Elfriede Hammerl, Georg Hoffmann-Ostenhof, Thomas Hoisl, BA, Klaus Kamolz, Ruud Klein, Doris Klimek, Dr. Herbert Lackner, Otmar Lahodynsky, Dr. Gregor Mayer (Budapest), Thomas Migge (Rom), Elfi Puchwein, Dr. Nina Schedlmayer, Dr. Nicole Schmidt, David Staretz, Dipl.-Des. (FH) Alexander Ströck, Dr. Tessa Szyszkowitz (London), Franziska Tschinderle, BA, Walter Wobrazek Art-Copyright ©Bildrecht, Wien Copyright Alle Rechte, auch die Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs 1 Urheberrechtsgesetz, sind vorbehalten. ABO-Service Tel: 05/90 30 300, E-Mail: leserservice@profil.at Abobetreuung Mediaprint Zeitungs- u. Zeitschriftenverlag Ges.m.b.H. & Co KG GESCHÄFTSFÜHRUNG Mag. Thomas Kralinger Chief Operating OfficerProk. Mag. Ursula Gallautz, MBA MEDIENINHABER Profil Redaktion GmbH Leopold-Ungar-Platz 1, A-1190 Wien Chief Sales Officer Martin Moser (moser@mediaprojekte.at) Managing Partner Paul Leitenmüller (p.leitenmueller@leadersnet.at) Herstellung Walstead Leykam Druck GmbH & Co KG Bickfordstraße 21, A-7201 Neudörfl Der Offenlegungstext gem. § 25 MedG ist unter www.profil.at/impressum abrufbar.
72 profil 35 • 29. August 2021
anke für diese umfassende, gut strukturierte und ergänzende Zusammenfassung all dessen, was derzeit von allen Medien zum Thema Afghanistan auf uns einströmt. Damit wird es leichter, die verschiedenen Informationen über Vergangenes und Aktuelles einzuordnen und zu verstehen beziehungsweise auch die eigenen Gedanken gestärkt oder relativiert zu sehen. Danke und bitte weiter so – immer wenn es kompliziert ist oder scheint. LIANE BENNA
S
o sehr ich Ihre Kommentare, Ihre kritische, spezielle Sicht vieler Tatsachen auch schätze, so sehr muss ich Ihnen diesmal widersprechen. Ich bin überzeugt, dass denkbegabte Landsleute die Vorgehensweise der Türkisen durchschauen, weiterhin straffällig gewordene Afghanen abschieben zu wollen, wohlwissend, welche innenpolitischen Absichten dahinterstecken. Sie vergessen in Ihrer Analyse aber einen wichtigen Faktor: Ob Österreicher diese im Moment leider nicht mehr durchführbaren Maßnahmen nun für richtig, falsch oder sogar unmenschlich empfinden, hat gar nichts mit der eigenen politischen Einfärbung zu tun! Als vollkommen überzeugter Nichtsympathisant sowohl den Blauen als auch den Türkisen gegenüber muss ich fairerweise auf die Warnungen der Freiheitlichen hinweisen, die kassandramäßig diese Gespenster in der Vergangenheit immer wieder auf unser innenpoli-
tisches Firmament projiziert haben, sich dafür aber von allen anderen Parteien beschimpfen lassen mussten. Doch hatten sie nicht recht? Sind nun nicht genau jene Zustände im Land eingetreten, vor denen immer wieder gewarnt wurde? ERNST-STEFAN BELOHOUBEK WIEN
S
o leid es mir tut, Herr Rainer, aber die Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber vorzugsweise jungen Männern aus z. B. Afghanistan sind einfach ernst zu nehmen. Es handelt sich dabei faktisch um eines der gefährlichsten Länder der Welt, in weitläufigen Gebieten des Landes herrscht seit über 40 Jahren Bürgerkrieg, viele Menschen sind nicht zur Schule gegangen und haben nur Gewalt erfahren, großflächig wird Geschlechterapartheid gelebt. Wer das nicht wahrhaben will, schau sich bitte noch mal die Beiträge engagierter westlicher Journalisten an. Sorry, aber eine Auseinandersetzung mit der Thematik kann schon mal, so nebenbei, Leben retten. Das meine ich nicht zynisch. MAG. GÜNTHER MARCHGRABER
Gefühlsecht Kolumne von Rainer Nikowitz.
V
ielen Dank für Ihren so treffenden Artikel zu der Haltung der Basis-Grünen in unserem schönen Land. Ich würde gerne weiter gehen als Sie und diese Gruppe nach Afghanistan ausfliegen, damit sie endlich vor Ort mit den Taliban Friedensgespräche führen kann. Werner Kogler wird sie bestimmt nicht aufhalten wollen. Und wenn sie schon in der Gegend sind,
Testabo könnten sie dort ja auch andere diktatorische Schurkenstaaten zur Einhaltung der Menschenrechte bewegen. Ich bin sicher, dass ihre so einleuchtend einfachen Erklärungen dort viel bewegen werden. Ein Schelm, der Böses denkt! HANS BRANDSTÄTTER
G
roßartig wie immer, doch Sie werden leider viel böse Post dafür bekommen. Schuld daran ist aber die türkise Familie, die Österreich dauernd in irgendeinem Bereich als Welt- oder Europameister darstellt, im Fall der Flüchtlingsaufnahme aber die menschenrechtlich tollen Zahlen verschweigt. Es gibt eben auch Grenzen der Aufnahme, und die könnten nur durch Offenlegung kommuniziert werden. In Brüssel wird man das ja machen, aber hinter geschlossenen Türen. JULIUS BAUER WIEN
profil-Cover 33/2021
Warum verweigert ihr euch? profil lässt zwölf Impfskeptiker:innen zu Wort kommen – und Virologen antworten.
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© iStockphoto/webphotographeer
n Ihrem Artikel fehlen mir noch folgende Szenarien zur Gretchenfrage Injektion oder Infektion: Ausgehend von der erforderlichen Her-
4 Wochen kostenfrei profi l.at/abo denimmunität von 80 Prozent. Fall 1: Geimpfte: 60 Prozent Ergebnis. Die Hälfte der ungeimpften 40 Prozent muss sich (früher oder später) infizieren, damit sich die Kurve der Ausbreitung asymptotisch gegen null bewegt. Dauer: unbekannt, jedenfalls längerfristig. Risiko: Ungeimpfte setzen sich freiwillig, unmittelbar und mit einer 50-prozentigen Gewissheit dem Risiko aus. Fall 2: Geimpfte: mehr als 80 Prozent. Ergebnis: Das Virus kann sich faktisch nicht mehr verbreiten, und das Risiko einer Infizierung geht gegen null. Dauer: Kurzfristig, das Virus ist mit „sofortiger“ Wirkung gebannt. Risiko: vermeidbar, kontrollierbar. Diejenigen, die sich schon vor der Bereitstellung der Impfungen infiziert haben, haben schon ungewollt ihren „Beitrag geleistet“. Die Ungeimpften jedoch nehmen das 50:50-Risiko bewusst und gewollt in Kauf. ING . THOMAS BOLT TAINACH
Die neue Gretchenfrage Ziesel und Tamarisken schützen oder Kraftwerke und Windräder bauen?
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um Artikel ist klarzustellen, dass ich nicht der Ansicht bin, dass es keine neuen Kraftwerksbauten braucht, wie es die Bildunterschrift suggeriert. Es ist dies nur nicht das einzig relevante bzw. entscheidende Thema, wenn es um die Erreichung der Klimaziele geht. Ein höherer Anteil erneuerbarer Energiekonversion ist in einem nicht statischen System nicht mit einem bestimmten Ausmaß an Zubau verknüpft. Es kann je nach Rahmenbedingung „weniger ist mehr“ gelten und oder aber andererseits auch ein Riesenbauaufwand schon im Bereich Elektrizität wirkungslos verpuffen, wie das die Vergangenheit schon gezeigt hat. Und der Stromsektor hält aktuell nur bei 20 Prozent der Endenergie, bekommt dennoch 99 Prozent der Aufmerksamkeit. Klimaziele zu erreichen, ist eine verantwortungsvolle und
komplexe Aufgabe und macht auch andere Anforderungen wie Erhaltung der Biodiversität und Gewässerschutz nicht obsolet. Allzu schlichte Konzepte, gepaart mit Forderungen von Trittbrettfahrern, den Weg für jedes Bauprojekt geebnet zu bekommen, werden weder der Zielerreichung noch dem Interessensausgleich gerecht. WOLFGANG REHM UMWELTORGANISATION VIRUS WIEN
Werden wir bald verdampfen? Kolumne von Franz Schellhorn.
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s müsste Energie überall dort eingespart werden, wo sie verschwendet wird. Fast alle Pkw könnten viel kleiner und damit weniger treibstoffverbrauchend sein, als sie es derzeit aus Prestige sind. Zum Atomstrom meine ich: Kein Problem, unter zwei Bedingungen. Erstens: In Betrieb befindliche und geplante Kraftwerke müssen so sicher gebaut werden, dass sie selbst abstürzende Verkehrsflugzeuge und Tsunamis überstehen. Zweitens: Es müssen Endlager bestehen, die alle menschlich denkbaren Katastrophen sicher überdauern. DIPL. ING. JOSEF POREMBA
Menschen – Themen – Meinungen. Jeden Montag Mittag live: Radio Wien lädt profil ins Studio.
Rainer Nikowitz rainer.nikowitz@profil.at
Jessas Scharia! Schon bei der Vorbereitung für den ÖVP-Parteitag wurde klar: Diesmal geht es thematisch aber wirklich ans Eingemachte! urz: Also, was soll ma denn bei unserem Parteitag alles Bahnbrechendes beschließen, Freunde? Edtstadler: Und -innen! Kurz: Äh … was? Edtstadler: Und Freundinnen! Nehammer: GuterHinweis!Beschließma,dassGendernaBledsinn is. Dann ärgern si de Grünen. Edtstadler: Aber … Kurz: Antrag angenommen. Worüber stimm ma noch ab? Köstinger: Na … Über di natürlich! Kurz: Ja, Elli. Schon. Aber über des brauch ma net extra reden, weil da steht ja des Ergebnis net infrage. Köstinger: Ja, aber … bei de andern Sachen doch a nit! Wir machen doch kan Parteitag, damit ma über irgendwas ernsthaft diskutieren. Kurz: Eh net. Und wenn doch, dann spielt’s Granada! Hanger: Moment! Hamma da net an Leitantrag, mit dem ma Granada verbieten wollen? Kurz: Helft’s mir kurz: Is des jetzt scho wieder Satire – oder hat eam a Autobus gstreift? Nehammer: Scharia, Andi! Wir wollen Scharia verbieten. Hanger: Ah! Okay. Wöginger: Ja. Hanger: Liegt des a in Italien? Edtstadler: Wobei i da als Verfassungsministerin schon noch kurz drauf hinweisen möcht, dass de Scharia sowieso eher net so ganz verfassungskonform wär. Köstinger: Na und? Wehret den Anfängern! Kurz: DrumisjadieserunserBeschlussauchsoungeheuermutig und überhaupt ka vollkommen sinnbefreiter Populismus! Köstinger: Wie übrigens auch unser wegweisender Antrag gegen diese schreckliche Autofeindlichkeit! Nehammer: Ha! Von diesen beiden Tiefschlägen wird si die FPÖ net so leicht erholen! Hanger: Aber sollt ma, wenn’s um des geht, net eher so was beschließen wie dass ma gegen diese klanen Bill-Gates-Roboter im Corona-Impfstoff san? Kurz: Es reicht schon, wenn’s uns net draufkommen, dass entgegen unserer Null-Afghanen-Politik jeden Tag a ganzer Schippel von denen im Burgenland ankummt. Köstinger: Wir könnten einfach beschließen, dass wir dagegen san, dass des rote Burgenland dauernd Afghanen einelasst. Edtstadler: Aber is die Grenzsicherung net eher Bundessache? Nehammer: DrumwärjaauchdieserBeschlussungeheuermutig und überhaupt ka vollkommen sinnbefreiter Populismus! Edtstadler: Da kömma aber genauso gut beschließen, dass wir
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„Die Scharia verbieten? Die wär doch sowieso schon jetzt nicht so wirklich verfassungskonform.“ – „Na und?“
74 profil 35 • 29. August 2021
extrem dagegen san, dass illegale Romulaner unsern Luftraum verletzen. Kurz: Angenommen! Sagt’s des glei der Tanner Klaudia, dass sie am Parteitag ihr Sternenflotten-Uniform anziehen soll. Hanger: I hab no Spock-Ohren vom letzten Gschnas von de Ybbsitzer Kegelbrüder. Köstinger: Stylish! Derf i als Uhura gehen? Kurz: Na. De is zu wenig türkis. Nehammer: Was fallt uns zum Klimawandel eigentlich no ein? Edtstadler: No, da simma natürlich auch dagegen. Kurz: Aber halt net autofeindlich dagegen. Des is wichtig! Vielleicht könnt ma a no a Grundrecht auf an immer freien Parkplatz verlangen. Nehammer: Wer soll denn da außer uns zustimmen? Kurz: Wie wenn des net völlig wurscht wär! Und dann schreibt’s no irgendwas dazu von wegen Innovation und synthetische Kraftstoffe, bla bla bla. Irgendwas, was kana versteht, des aber voll modern klingt. Köstinger: Und außerdem samma klimawandelmäßig für grüne Wiesen, blaue Seen, weiße Wolken und a gelbe Sunn. Mit Muhkulis auf de Wiesen. Und Motorboote auf de Seen. Nehammer: Und für zwa Brettln und an gführigen Schnee. Und gscheite Seilbahnen überall. I tät sagen, damit is unser AntiSteinzeit-Position ziemlich umfassend erklärt. Hanger: Aber wenn ma schon beim Verbieten san … I bin ja voll gegen eckige Kreisverkehre! De gehen mir dermaßen auf de Nerven! Kurz: Super Idee! Klingt nach 100 Prozent der Stimmen – also ziemlich genauso viel wie bei meiner Bestätigung als großer Vorsitzender. Gekauft! Edtstadler: I wiederum bin strikt gegen eine Erhöhung der Portogebühren für E-Mails. Nehammer: No, da kann ma ja auch wirklich net dafür sein! Die Abgabenquote is eh schon viel zu hoch. Es wär Zeit, dass wir einmal den Finanzminister kriegerten. Kurz: Oder irgendwie für Integration zuständig wären. Köstinger: I bin gegen Laufmaschen in frisch anzogene Strumpfhosen! Hanger: Und i gegen Flaxn im Schnitzel! Köstinger: Da kömma aber nix beschließen. Sunst hab i de Schweinebauern am Hals. Hanger: Ah ja. Dann bin i gegen … gegen … Bügelfalten in Jeans. Kurz: Wie kann ma da bitte dagegen sein? Hanger: Okay. Du bist der Chef. Edtstadler: Aber eins muss uns klar sein: Die werden wieder alleschreiben,dasswirnuraufInszenierungbauenundansonsten ganz viel heiße Luft verbreiten. Kurz: Never change a winning formula! æ
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