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Seidel, Stefan: Durch die Angst gehen

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Stefan Seidel Durch die Angst gehen

Das Alphabet der Hoffnung

„Und so, umringt von Straßenbahnen und Schreckensmeldungen, / verlangst du nach der Vollkommenheit des Kreises, um in dir selbst / das eigene Zwischen anzusiedeln, den Übergang vom Morgengrau / zum äußersten Licht.“

Adam Borzič (In: Die Geschichte des Fadens)1

Warum dieses Buch?

Dieses Buch erscheint inmitten einer Zeit, in der sich die Gründe für Hoffnung immer mehr zu verflüchtigen scheinen und Ängste sich epidemisch ausbreiten. Ängste sind mir vertraut. Ich weiß, wie sie lauern, wie sie sich anhaften, wie sie sich ausbreiten, sich meiner bemächtigen und alles eng zu machen drohen. Ich habe aber auch erfahren, dass sie nicht allmächtig sind, dass sie einen Ausgang haben, den es je und je zu finden gilt. Ich habe gelernt, dass sie durchgehbar sind. Doch dieses Durchschreiten muss immer neu angegangen werden. Der Ausgang muss durch ein mutiges Aufbrechen und Durcharbeiten immer wieder neu gefunden werden. Dabei geht es nicht darum, Ängste gänzlich zum Verschwinden zu bringen. Sie gehören zur biologischen Grundausstattung des Menschen und haben eine wichtige Signalfunktion. Ja, die Angst ist der Existenz des Menschen grundsätzlich eingeschrieben, weil er auf den Tod zuläuft und zeitlebens darum weiß.

Allzu oft indessen gewinnen Ängste eine Überwertigkeit, die das gute Leben, die Hoffnung und die positiven Kräfte lähmen und das Negative und Zerstörerische groß machen. Es ist daher notwendig, in ein angemessenes Verhältnis zu den Ängsten zu gelangen – in eine Lage, in der man sich zu den Ängsten verhalten, sie bewältigen kann.

Dafür muss man sie in Verbindung mit anderen Kräften wie der Hoffnung, dem Vertrauen und der Liebe bringen. Es kommt also darauf an, die Angst zu relativieren, durchschreitbar, beherrschbar und bewältigbar zu machen – und dabei allmählich wieder festen Boden und einen Weg zu finden. Das geht meistens nicht allein aus eigener Kraft. Dafür sind mentale und gemeinschaftliche Hilfen nötig. Dieses mentale sowie gemeinschaftliche Rüstzeug ist wie eine Art Geburtshilfe für den Durchgang durch Krisen und Ängste hindurch in eine neue Phase hinein, in der das Vertrauen und die Hoffnung und die Liebe wieder die Oberhand gewinnen. Das Leben fordert mir dies oft ab: immer wieder Angst, Hindernisse, Bedrängnisse zu bewältigen – und dabei und darin vorwärts zu wachsen. Das meinte wohl Rainer Maria Rilke mit seinem bekannten Vers: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, / die sich über die Dinge ziehn, / vielleicht werde ich den letzten nicht vollbringen, / aber versuchen will ich ihn.“ 2 Es ist offenbar dieses Streben auf ein Offenes hin, auf das es ankommt –ein Hineinfinden in eine Bewegung, die einen über das

Enge, Bedrängende, Trennende immer wieder hinausführt. Dazu gehört die Erfahrung und das Vertrauen, dass Ängste und Krisen „überwachsbar“ sind; dass es in ihnen einen Weg gibt; dass sie selbst ein Weg sind.

Das alles betrifft Fragen des inneren Wachstums. Doch dafür scheint es in der gegenwärtigen Zeit, die geradezu manisch auf äußeres Wachstum fixiert ist, kaum Raum und Kenntnis zu geben. Eine Frage drängt sich auf: Haben wir das Hoffen verlernt? Sind wir in all den atemberaubenden Spezialisierungen im Technischen, in all den Gipfelstürmen der Wissenschaft und in all dem unfassbaren Wachstum im Materiellen zu Analphabeten der Hoffnung geworden? Vieles deutet für mich darauf hin. Wir sind wie blind geworden für rettende Auswege. Unsere Hoffnungskraft scheint wie gelähmt zu sein. Das Wissen darum, wie man Ängste durchschreitet und in ein verwandeltes, vertrauendes Leben wächst, das sich auch in den Brüchen von etwas Größerem getragen weiß, scheint kaum mehr zugänglich. So kam mir dieser Gedanke: Es bräuchte eine Alphabetisierung in Sachen Hoffnung –ein Durchbuchstabieren jener Gründe, Mittel, Wege und Kräfte, die in die Spur des Hoffens, Vertrauens und Liebens führen – und die Bedingungen für die Möglichkeit der Veränderung des Zerstörerischen schaffen. Dafür wäre es nötig, wieder jenes andere Wissen aufzuspüren, das zur Kunst des Lebens und zum Umgang mit Krisen,

Brüchen und Bedrängnissen befähigt und das seit jeher als Weisheitswissen in den philosophischen und spirituellen Traditionen der Menschheit überliefert wird. Das vorliegenden „Alphabet der Hoffnung“ soll zu einigen Bestandteilen dieses Weisheitswissens die Verbindung wiederherstellen und sie auf die gegenwärtigen Krisen beziehen. Nicht nur, um im Nebel dieser Krisen überhaupt wieder Gründe und Wege der Hoffnung zu sehen, sondern auch, um selbst Teil dieser verändernden Hoffnungskraft zu werden und damit stückweise das korrigieren zu können, was dieser Hoffnung heute so mächtig entgegenwirkt.

Hoffnung hängt somit nicht nur davon ab, ob Mächtige dieses oder jenes tun. Hoffnung hängt davon ab, mit welchen Hoffnungskräften ich selbst in Verbindung bin, zu welcher Hoffnung ich selbst fähig bin, welchen Nährboden die Hoffnung in mir hat. Hoffnung wächst von innen nach außen. Sie braucht einen veränderten Geist, ein anderes „geistiges Hinterland“ als das, was in die Krisen und Ängste geführt hat. Es braucht vor allem ein neues Kultivieren des Verbundenseins – im Inneren als Angeschlossensein an das größere Ganze und im Äußeren als Gemeinschaft verbündeter Herzen und Hände. Dann kommt etwas in Bewegung. Dann drängt etwas heraus aus dem Krisenhaften. Dann wird ein Durchgang ermöglicht. Dann würde Hoffnung ansteckend und könnte als Gegengift gegen die ebenfalls ansteckenden Ängste und den

Sog des Negativen wirken. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass angesichts einer düsteren Realität eine unmöglich scheinende Hoffnung als kleiner Geistkeimling von innen nach außen wächst und die Verhältnisse derart bewegt, dass plötzlich eine andere, lange utopisch scheinende Wirklichkeit aufbricht. Doch dafür käme es darauf an, der Hoffnung mehr zu vertrauen als der Angst, sich selbst mit dem Hoffnungsgeist zu verbinden und sich mental und gemeinschaftlich zu rüsten. Bleibt man allein den Krisenkräften ausgesetzt, gelangt man wohl nicht in diese Bewegung des Durchquerens, die dem Erhofften entgegenstrebt.

Es bräuchte also einen Ruck der Hoffnung. Und ein Rüstzeug der Hoffnung. Und ein tieferes Vertrauen. Denn für die Hoffnung gilt wohl dasselbe, was der US-amerikanische Theologe Walter Wink (1935–2012) über das Wesen des Glaubens sagte: dass der Glaube nicht darin bestehe, in das geteilte Wasser zu schreiten, sondern in das Wasser zu schreiten, bevor es sich teilt.3 Hoffnung bedeutet, sich auch in dem, was übermächtig, unbekannt, ungewiss und unfassbar scheint, unverloren zu wissen – und unterwegs zu bleiben. Auf dass unbeirrt in der Hoffnung und damit für die Hoffnung gelebt werden kann.

Ängste sind mir vertraut. Ja, das stimmt. Aber stärker noch wirkt eine Kraft, die mich der Hoffnung vertrauen lässt und mich drängt, mich immer wieder in sie

hineinzuarbeiten, um von ihr erfasst und über die Ängste hinaus getragen zu werden. Und so wünsche ich allen, die dieses Buch zur Hand nehmen, dass das vorliegende ABC der Hoffnungskunst ihnen ebenso wie mir diesen Trotzdem-Geist stärken und zu Durchbrüchen der Hoffnung verhelfen kann.

Gegensteuern

Wenn ich versuche, das Grundgefühl dieser Tage auszudrücken, klingt das etwa so: Beklemmung angesichts krisenhafter Zustände und drohender Untergänge, denen zu wenig entgegengesetzt wird – als lebte man unter einer Glocke schwelender Bedrohungen, wo Ängste wuchern und Hoffnungen langsam eingehen. Ein Bild kommt mir in den Sinn: Als wandelte man entlang einer Abbruchkante, wo der Boden vom Abrutschen bedroht ist. Jetzt hält er noch. Aber wie lange? Führt der Weg näher an den Abgrund heran oder auf gesichertes Gelände? Wann kommt alles ins Rutschen? Die Krisen und Kriege der Gegenwart scheinen die Welt wie apokalyptische Reiter immer näher einem Abgrund entgegenzutreiben. Etwas Katastrophisches liegt in der Luft. „Es riecht nach Weltuntergang“, dichtete einst Christine Lavant. 4 Die ökologische Krise und die nukleare Bedrohung verdunkeln den Horizont. Die Weltuntergangsuhr ist auf 89 Sekunden vor Zwölf vorgerückt – so weit wie noch nie. Und die Hoffnung?

Sie wird immer brüchiger, findet immer weniger Gründe. Diese „Leidenschaft für das Mögliche“, wie sie Sören Kierkegaard einmal genannt hat, wird schier erdrückt von einer Realität, die immer umfassender von Zerstörungskräften dominiert wird. Ab und an irrlichtert so etwas wie Hoffnung als Glaube an einen militärischen Sieg oder an die Allmacht der Technik durch die Welt. Dann heißt es, alles sei machbar und zu managen, wenn nur noch kräftiger so weitergemacht würde wie bisher. Doch ist das echte Hoffnung? Man ahnt, dass das höchstens ein trügerischer Optimismus ist, der auf kurzsichtige und falsche Mittel baut – und damit wohl mehr Teil des Problems als der Lösung ist. Denn die Krisen wurzeln offensichtlich tiefer: In einem falschen Verhältnis zur Welt. Wird dieses nicht geändert, können auch nur immer wieder falsche Mittel in Anwendung gebracht werden – und weiter in Richtung des Abgrunds führen.

Dabei fehlt es nicht an warnenden Stimmen, die vor Augen führen, was kommt, wenn es so weiter geht wie bisher. Wenn weiter vorrangig auf Gewaltlogik, Eskalation und Hochrüstung gesetzt wird oder wenn an Wachstumszwang, Ressourcenverschleiß und CO2-Ausstoß festgehalten wird und damit die Biosphäre weiter vernutzt und verbraucht wird – dann dürften bald die Gleichgewichte und Grenzen der Lebenssysteme kippen und das Ganze ins Rutschen bringen.

Womöglich hängen die vielen derzeitigen Krisen eng miteinander zusammen und bedürften alle dieser grundlegenden Umkehr an ihrer gemeinsamen Wurzel im geistigen Zentrum: weg von der Anbetung des Profitdenkens und dem Glauben an rettende Gewalt, weg von der Unterwerfung unter dem Vorrang ökonomischer und militärischer Maximen, weg von Empathielosigkeit und Egoismus, Beziehungsunfähigkeit und Beherrschenwollen, weg von Angst und Angstmachen. Denn diese Prinzipien steuern so offensichtlich und absehbar ins Katastrophische, dass sie als untauglich für das Sichern des gemeinsamen Überlebens angesehen werden müssen. Stattdessen müsste es um ein Gegensteuern gehen und nach anderem gesucht und anderes für möglich gehalten und möglich gemacht werden. Darin wäre der Quellgrund und Nährboden echter Hoffnung zu finden.

So käme es also zunächst entscheidend darauf an, sich nicht der sich ausbreitenden Hoffnungslosigkeit zu ergeben, sondern immer wieder die Kraft und den Glauben zu erwecken, die dem Lebendigen, dem größeren Ganzen verpflichtet sind – der Liebe. Und sich mit ihr zu verbinden. Nur so könnte man Teil einer Hoffnung sein, die der Angst und Resignation standhält und ihr etwas anderes, Veränderndes entgegenhält – und sei es zunächst „nur“, dass man aus dem, was die Angst und die Resignation und das Destruktive vertieft, aussteigt und in ein anderes

Muster im Denken und dann im Handeln einsteigt, das eine andere Welt für möglich hält und diese anderen Möglichkeiten und Mittel ins Spiel und auf den Weg bringt. Dann wäre man bereits in der Hoffnung und würde diese nicht auf ein fernes Datum vertagen. Dann wäre man bereits in Bewegung und unterwegs auf einem Weg der Hoffnung. Dann würde man schon an anderen Mustern weben und Samen der Hoffnung in die Wirklichkeit tragen. So wäre Hoffnung also als ein Prozess zu bestimmen, der damit beginnt, von hoffnungslosen Mustern abzulassen und stattdessen hoffnungsvollere Muster zu wählen, die geeigneter sind, die Bedingungen für ein gutes Leben für alle zu schaffen. Diese Umkehr bestünde in einer Absage an Geist, Logik und Praxis gewaltförmiger Muster, die Unverbundenheit, Entsolidarisierung und Ausnutzung befördern – und in einer Zusage an Geist, Logik und Praxis liebenden Verbundenseins, dessen Kreise immer weiter gezogen werden. Dass man so aus der Vereinzelung und der Ohnmacht heraustritt und sich in Verbindungen begibt – mit anderen, mit der der Kraft der Liebe, mit der Kreativität des Lebens, mit dem größeren Ganzen. Dann wäre man in der Hoffnung.

Hierfür ist aber jene mentale Umkehr so entscheidend, jener Wechsel des Mindsets hin zu einem Bewusstsein eines umfassenden Bezogenseins und Zusammengehörens, eines aufeinander Angewiesenseins und füreinander Verant-

17 wortlichseins, eines Beziehungsbewusstseins. Dieses ist eine nötige Vorbedingung der Hoffnung, um den gegenwärtig so mächtigen Ideologien der Spaltung, Vereinzelung, Ausgrenzung, Ausbeutung und Gewaltgläubigkeit mit all den daraus resultierenden fatalen Krisen entkommen zu können und sie zu überwinden. Der Weg müsste demnach wegführen von den Prinzipien, die den Tod nähren und hinführen zu den Prinzipien, die das Leben nähren; weg von Angst, Unterwerfung, Gewalt und hin zu Liebe, Verbundensein und Vertrauen; weg vom Ausbeuten und Ausgrenzen, weg vom Gegeneinander und von der Gier, weg vom Besitzen- und Beherrschen-Wollen, weg vom Glauben an das Recht des Stärkeren und an die Gewalt – und hin zu Gemeinsinn und Empathie, Solidarität und Verbundenheit, Fairness und Teilhabe, Gemeinwohl und Genügsamkeit, Vermittlung und Verständigung. Es wäre eine Wende nötig vom „Ich“ zum „Wir“, vom Gegeneinander zur Beziehung, von Zerstörung zu Schonung, von Unterwerfungsmacht zu geteilter Macht. Es wäre der Weg, der einen sowohl mit seinem „besseren Ich“ (Václav Havel) verbindet als auch mit der umfassenden Liebe, die alles und alle in einem Geist der Solidarität verknüpft.

Im vertrauenden Teilnehmen an dieser Liebe könnten die Bedingungen für ein heileres Lebens geschaffen werden: Indem der herrschende Zwang zu Egoismus und Gewalt überwunden und Raum und Nährboden für ein

anderes, ein besseres Leben für alle in einer größeren Verbundenheit geschaffen wird. Ein Leben, das das Trennende nach und nach abbaut zugunsten der Teilhabe von immer mehr Leben. Diese Bewegung der Hoffnung eröffnet Möglichkeiten der Liebe. Sie erweckt, um mit Kierkegaard zu sprechen, die „Leidenschaft für das Mögliche“. Es ist eine Leidenschaft für das Leben, das in der Liebe wurzelt – eine Leidenschaft für das Lebendige und für eine andere Welt.

Hoffnung buchstabieren –

Das Alphabet der Hoffnung

AAbschiedlich existieren

Abschiede schneiden sich unvermeidbar ein in das Leben. Mal sind es die kleineren, die sich in den Gang der Dinge als leise Bitterkeit und Verletzung mischen. Und dann sind es immer wieder auch die größeren Abtrennungen – Verluste, Lebensübergänge, Schicksalsschläge –, die tiefe Wunden schlagen und Spuren hinterlassen. Abschiede sind oft schmerzhaft, brechen etwas ab, trennen einen von etwas, dessen Teil man doch war. So sind wir nicht besonders gut und geübt in der Kunst des Abschiednehmens. An Bahnhöfen lässt sich das öfters beobachten: Man drückt

sich, lässt sich los, drückt sich noch einmal fester, lässt sich wieder los, verdrückt die Tränen, berührt noch einmal die Hand, winkt, läuft ein Stück neben dem Zug her, bis er in der Ferne entschwindet und man allein zurückbleibt.

Oder die stillen Tränen der Eltern bei den Einschulungen, Konfirmationen, Schulabschlussfeiern oder beim Auszug der Kinder aus dem Elternhaus. Da stehen viele Mütter und Väter hilflos vor der Schwelle, die es nun unweigerlich zu überschreiten gilt. Plötzlich muss das bis dahin so eng Verbundene ein Stück losgelassen und abgelöst werden. Bindungen müssen geweitet werden. Auf seinem Lebensweg hat der Mensch immer wieder loszulassen: Bindungspersonen und Lebensphasen, Gewohntes und Gewisses, Verlässliches und Vertrautes, Ideen und Ideale, Lebenszeit und Lebenskraft, Geliebtes und Geliebte.

Durch das Leben geht das Lied des Abschieds. Die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff sprach von einer „Sterbemelodie“, die durch das Leben weht – mal leiser, mal lauter, mal seltener, mal häufiger, mal gnädiger, mal härter.33 Das Leben zwingt zum Loslassen, zu vielen kleinen und großen Abschieden. Manche treffen einen mit solcher Wucht und Macht, dass sie auch viel von einem selbst mitreißen. Und so stehen wir dann an den Gräbern der Verstorbenen, getroffen von dem Verlust, der einen verstört und verwundet, erschüttert und entwurzelt zurücklässt. Wir bringen mühsam eine letzte Geste zustande,

stammeln ein Abschiedswort, ein letztes „Adieu“, einen letzten Gruß, einen Dank oder ein Verzweiflungswort: „Er hatte keine Chance!“, „Warum nur?“, „Die Besten müssen zuerst gehen.“, „Das hat sie nicht verdient.“, „Du kannst mich doch nicht allein lassen …“ Wir sind dazu gezwungen, abschiedlich zu leben – als Wesen, die dem Verlust nicht entkommen können. „Denn Bleiben ist nirgends“, wie Rainer Maria Rilke in der ersten Duineser Elegie bemerkte und deshalb in seinen zeitgleich entstandenen Sonetten an Orpheus empfahl: „Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter / dir, wie der Winter, der eben geht.“ 34 Doch wie kann das gelingen? Es ginge wohl darum, sich selbst ein Stück loszulassen und die zugemuteten Verluste auch als eine Reifung zu verstehen: Dass das Verlieren einen hineinformt in ein größeres Ganzes, an das sich das Ego immer mehr übereignen muss. Der Mediziner Paul Becker bemerkte einmal, dass die von der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross beschriebenen Sterbephasen eigentlich Lebensphasen seien, die sich vielfach im Leben als Trauerphasen abspielen. Dass also die beim Sterben zu beobachtenden Phasen des Nichtwahrhabenwollens, Auflehnens, Verhandelns, Depressivseins und Annehmens auch bei Abschieds- oder Verlusterfahrungen im Leben ablaufen, etwa beim Scheitern einer Ehe oder einer großen Enttäuschung. „Dieses Wissen um die einzelnen Phasen könnte dabei helfen, diese tapfer zu durchschreiten, um in

eine Akzeptanz und einen neuen, verwandelten Zustand hineinzufinden.“ Das Leben zeigt, dass diese Situationen durchschreitbar sind und man verwandelt daraus hervorgehen kann. In diesem Vertrauen könnte auch das Sterben ein Stück entängstigt werden: „Das Sterben ist ein Teil des Lebens und das Sterben ist dem Lebenden zumutbar. Das haben wir gerade aus den Erfahrungen Sterbender berichtet bekommen“, schreibt Becker und empfiehlt, sich bewusst auf das Sterben einzulassen und sich vorher schon auf diesen Prozess einzustellen. Hilfreich hierfür sei die Begleitung durch ein Gegenüber und immer wieder das bewusste Bewältigen der zugemuteten Abschiede im Lebensverlauf.35

Für dieses abschiedliche Existieren hat Sigmund Freud die Bedeutung des Trauerns hervorgehoben: Es helfe dabei, mit dem Tod als Teil des Lebens zu leben und sich trotz des Todes immer wieder neu ins Leben zu geben. „Wir wissen, die Trauer, so schmerzhaft sie sein mag, läuft spontan ab. Wenn sie auf alles Verlorene verzichtet hat, hat sie sich selbst aufgezehrt“, so Freud.36 Die einst in dem Verlorenen gebundene Liebesenergie wird auf dem Weg des Trauerns wieder frei, sodass das Verlorene durch Neues ersetzt werden kann. Man lässt dann etwas los, an dem man hing und das ein Teil von einem war, akzeptiert dessen Verlust – und eröffnet damit die Möglichkeit, dass sich etwas Neues an dessen Stelle setzen kann. Für diesen

Vorgang prägte Freud den Begriff Trauerarbeit: der Prozess der Ablösung von geliebtem Verlorenen, um neu zu werden. Wird dieser Prozess nicht durchlaufen oder abgebrochen, kann die notwendige Ablösung nicht vollzogen werden und die normale, vorübergehende Trauer wandelt sich in Depression – in einen Zustand, der sich vom Leben abschneidet.37

Die Psychologin Verena Kast betont, dass wir an der Emotion der Trauer „gesunden“ können, da sie eine Wandlung und Entfaltung unseres Wesens bewirke. Trauern sei ein Prozess, „ins Leben hineinzusterben“, wofür das Vertrauen in ein größeres Verbundensein nötig sei. „Der kann sich trennen, der auf weitere Bindungen vertraut, der kann abschiedlich existieren, der immer wieder weiß, dass er sich niederlassen kann“, hält Kast fest.38

In dieses Vertrauen kann man hineinfinden, wenn man sich als Teil des großen Lebensflusses zu begreifen lernt, in dem man geformt und gezeichnet, geprägt und geführt, abgerieben und abgeschliffen wird; in dem einem aber auch immer wieder Neues zugespielt wird, in dem man bewegt und bereitet, umspült und umfangen, weitergetragen und weitergezogen wird – der Mündung ins Meer entgegen.

So könnte man auch in einen reifen und getrosten Umgang mit dem eigenen Tod hineinfinden: Dass er nicht verdrängt und ausgeschlossen, nicht angstvoll als das Ge-

genteil des Lebens gefürchtet, sondern als Teil des Lebens bejaht wird – als der Teil, der das Leben zu seiner eigentlichen Ganzheit führt, in dem man vom Ego entbunden wird und in die Verschmelzung mit dem größeren Ganzen hineingeboren wird. Etwas von diesem abschiedlich-vertrauenden Existieren vermittelt das Gedicht „Flugzeit“ von Rainer Brambach: „Laub fällt, und sichtbar werden / leere Vogelnester im Geäst. / Es regnet, regnet weiter / bis zum Schnee – / Kommt noch ein Tag, auf Nebelhörnern / kühl November blasend, / stehen wir in Wolle eingewickelt / bis zum Kinn und prüfen unser Dach. / Die offnen Stellen füllen wir mit Sorge. / Zeit wär’s zu fliegen.“39

B

Beharrlich hoffen

Immer wieder gilt es, Rückschläge für die Hoffnung und das Vertrauen ins Leben hinzunehmen. Nicht nur der Tod, sondern vor allem das Leiden ist dabei der wohl größte Prüfstein der Hoffnung. Das Leiden markiert eine Grenze des Machbaren und kann das Leben so erschüttern, dass die Hoffnung zerbricht und der Verzweiflung weicht. Deshalb käme es darauf an, sich immer wieder von Leid und Rückschlägen

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