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Pisarski, Waldemar: Freundlich leben - Freundlich hoffen

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Waldemar Pisarski

Freundlich leben Freundlich hoffen Meine Schatztruhe für Kopf und Herz


Quellenhinweis: Seite 53f.: © bei Reinhard Börner. All rights reserved. Montafonweg 5, 88271 Wilhelmsdorf, www.reinhard-boerner.de Seite 152: aus: Christine Busta, Inmitten aller Vergänglichkeit, © Otto Müller Verlag, 3. Auflage, Salzburg 2015

Zum Schutz der Umwelt verzichten wir bei diesem Buch auf das Einschweißen mit Folie.

© Claudius Verlag München 2026 Claudius Verlag im Evangelischen Presseverband für Bayern e.V. Birkerstraße 22, 80636 München Tel. 089/12172-119 www.claudius.de Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor. Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: claudius@epv.de Lektorat: Stenger & Rode GbR, München Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt, München unter Verwendung von Freepik.com @ adobeyip2023 Gesetzt aus der Adobe Garamond Pro und Rotis Sans Serif Pro Druck: FINIDR s.r.o, Český Těšín ISBN 978-3-532-62919-2


INHALT

Vorwort

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1. Von der Freundlichkeit

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Freundlichkeit anziehen Mit Salz gewürzt Gut für Leib und Seele Ein Geschenk Eine Vergnügung Zum Einklang

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2. Leicht und spielerisch

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Leichtlebig „Meine Last ist leicht …“ Von der Leichtigkeit des Seins Tote lachen gar nicht Was ich lernen möchte Zum Nachklingen 3. Sich anrühren lassen Trauer und Hoffnung Ein Gedicht aus der KZ-Gedenkstätte „Ich bitte Sie um Erbarmen“ Anders beten Zum Nachklingen 4. Freundlichkeit und Poesie Meine Schatztruhe Zum Beispiel: Bertolt Brecht (1898–1956) Zum Beispiel: Rainer Maria Rilke (1875–1926)

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Zum Beispiel: Matthias Claudius (1740–1815) Zum Nachklingen 5. Die Psalmen – Das Poesiealbum der Bibel Wegzehrung Urvertrauen: Das Lied vom guten Hirten (Psalm 23) Mutterseelenallein: Das Lied von der Einsamkeit (Psalm 102) Gekrönt: Das Lied von Freude pur (Psalm 8) Zum Nachklingen

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80 81 83 85 87 88

6. Sehnsucht nach Freundlichkeit

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Wo stehe ich? Von Lust und Sehnsucht Mehr Poesie wagen Theopoesie – Von der Schönheit des Glaubens Zum Nachklingen

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7. Freundlich leben I Meine Lebenslinie Erfahrungen von Freundlichkeit Zum Nachklingen 8. Freundlich leben II Freundlich miteinander Freundlich mit mir selbst Achtsamkeitspunkte Zum Nachklingen

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9. Freundlich sterben Das Sterben ins Leben holen Prägende Erlebnisse Die Geste des Loslassens Versöhnt Abschied nehmen Zum Nachklingen

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10. Freundlich hoffen

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Mein Gottesglaube Unterschiede Hoffnungsbilder Zum Ausklang

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Danke

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Literaturverzeichnis Zum Nach- und Weiterlesen Poetisches

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Für Angelika


Vorwort Er ist wohl der bekannteste Wissenschaftler der Neuzeit, Albert Einstein. Bei einer Pressekonferenz, so wird erzählt, wurde er einmal gefragt: „Was meinen Sie, wie heißt die wichtigste Frage, der wir uns im Leben zu stellen haben?“ Was würde der berühmte Physiker und Nobelpreisträger wohl antworten? Einsteins Antwort ging in eine ganz andere Richtung als vermutet: „Die wichtigste Frage lautet: Ist das Universum ein freundlicher Ort oder nicht?“ Die Antwort hat inzwischen sicher noch an Brisanz gewonnen. Klimawandel ist nur eines der Stichworte, die uns heute beschäftigen. In diesem Buch soll es allerdings nicht in erster Linie um die großen Zeitfragen gehen, sondern eher darum, wie wir uns selbst freundlich entgegenkommen und dann davon auch weitergeben können. Und das wird sich auch, da bin ich mir sicher, auf die großen Probleme auswirken. Freundlichkeit hat eine nicht zu unterschätzende Kraft. Die Sehnsucht nach Freundlichkeit ist alt. Schauen wir zweitausend Jahre zurück. Eine zentrale Botschaft des christlichen Glaubens steht im Titusbrief und heißt: „Es ist erschienen die Freundlichkeit Gottes“ (Titus 3,4). Diesen Impuls will ich aufnehmen und weiterverfolgen. Dabei steht mir eine wichtige Verbündete zur Seite, die Poesie. Oft sind es Verse voller Anmut und Schönheit. Sie erzählen von Freundlichkeit, singen von Freundlichkeit, locken zur Freundlichkeit, buchstabieren Freundlichkeit, fordern Freundlichkeit und tun dies ohne den erhobenen Zeigefinger, ohne Moral. Machen wir uns also gemeinsam auf den Weg und lassen Sie sich einladen, dort mitzugehen und weiterzudenken, wo es Ihnen hilfreich erscheint. Seien Sie willkommen! Waldemar Pisarski 9


1. Von der Freundlichkeit „Ist das Universum ein freundlicher Ort oder nicht?“ Diese Grundsatzfrage Albert Einsteins hat mir geholfen, eine Zeile aus dem Neuen Testament neu zu entdecken und wertzuschätzen. Es ist ein Weihnachtswort. Vielleicht das schönste der Bibel. Nein, es kommt nicht aus den vertrauten Erzählungen der Evangelien. Weihnachten: Ich erinnere mich noch gut an die volkstümlichen Verse, die dieses Geschehen zusammenfassen. Vier, fünf Jahre muss ich gewesen sein, als meine Eltern mit diesen Worten davon erzählten. Vielleicht sind diese Verse auch Ihnen vertraut, liebe Leserin, lieber Leser: Maria und Josef mussten geh’n von Nazareth nach Bethlehem. Als sie im Städtlein kamen an, ward ihnen kein Haus aufgetan. In einem Stalle niedrig klein, richteten sie ihr Lager ein. Da mitten in der dunklen Nacht, als Maria und Josef vom Schlafe erwacht, schenkt ihnen Gott das Jesuskind, so klein wie alle Kinder sind. Da ward groß Freud im kleinen Stall, ganz hell und licht war’s überall. Schlicht, anschaulich und wunderschön. Viele Jahre später habe ich diese Verse meinen Enkelkindern vorgetragen. Das Weihnachtswort aus dem Titusbrief klingt ganz anders. Viel nüchterner, viel trockener. Ein Wort für Erwachsene. 11


Da wird zunächst einmal aufgelistet, was alles schiefläuft in der Welt. Schonungslos. Eine scharfe Zeitkritik. Worte wie Hammerschläge. So geht es zu, wohin man sieht: „Unverständig und ungehorsam, verirrt, gierig und lüstern, boshaft und neidisch, voller Selbsthass und Hass auf andere.“ Aber dann, man will fast schon abwinken und aufgeben, ein Neuanfang: „Dann, dann aber erschien die Freundlichkeit Gottes …“ (Titus 3,3 und 4). Etwas Neues tritt in die Welt. Was für ein Weihnachtswort. Das Kind von Bethlehem ist gemeint, und damit ist die Brücke zum Weihnachtsevangelium geschlagen. Etwas Neues erscheint. Freundlichkeit. Das ist die Mitteilung, die unser Leben ändern kann, auch unser Zusammenleben. Die Bibel nimmt diesen Impuls immer wieder auf. Ein paar Beispiele dafür.

Freundlichkeit anziehen „So ziehet nun an als die Auserwählten Gottes: Freundlichkeit“ (Kolosser 3,12). Welch schöner Gedanke: Freundlichkeit kann ich anziehen, so wie ich ein Kleidungsstück anziehen kann. Und: Freundlichkeit kann ich auch ablegen wie ein Kleidungsstück. Ein Gedanke, der mir ein ganzes Stück Initiative zutraut und zumutet. Freundlichkeit anziehen. Wie sieht das konkret aus? Welche Möglichkeiten habe ich? Welche Garderobe steht mir zur Verfügung? Ich denke an einen Kleiderschrank. Da hängt ein Gewand mit dem Namen Misstrauen. Will ich das anziehen? Taugt mir das jetzt? Ich schaue weiter und sehe eine Weste mit Namen Routine. Die wäre schnell übergestreift. Soll sie es sein? Wie würde sie mich kleiden? Aber keine Sorge, im Kleiderschrank gibt es noch mehr Angebote. Eine Jacke, die für Kompromissbereitschaft steht. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Wo immer es geht, suche ich nach Kompro12


missen. Soll diese Jacke mein Standardgewand werden? Oder bräuchte ich eher etwas in Richtung Konfliktfähigkeit? Da, der rote Pullunder sieht doch danach aus. Die Auswahl ist noch nicht zu Ende. Da gibt es noch einiges, was sich nicht gerade aufdrängt, aber mir dennoch bekannt vorkommt. Der Rolli Rivalisieren zum Beispiel oder der gleich daneben, der sich Besserwisserei nennt. Und so könnte ich an meinen Klamotten entlanggehen. Manche sind schon recht abgetragen, andere wirken wie neu. „Ziehet an Freundlichkeit!“ So lautet die Einladung. Ja, für dieses Kleid will ich mich entscheiden. Will probieren, ob es passt und wie es passt. Ganz bewusst. Linker Ärmel, rechter Ärmel, über den Kopf und das Ganze ein bisschen zurechtgezogen. Vielleicht mit einer Geste oder einer Körperschwingung. Passt es? Ich entscheide mich für Freundlichkeit. Als Grundhaltung, als Lebenseinstellung. Dabei denke ich zuerst an das Moment der Selbstfreundlichkeit. „Selbstfreundschaft“ nennt es Wilhelm Schmid in seinem gleichnamigen Büchlein. Untertitel: „Wie das Leben leichter wird“. Von „Selbstfürsorge“ spricht die Psychologie. Ich bleibe bei Selbstfreundlichkeit. Darum will ich mich kümmern, darauf will ich achten. Dabei denke ich an meinen Beruf als Pfarrer, denke an viele Menschen, die in der Kirche arbeiten. Wenn ich beschreiben müsste, wie es vielen heute geht, dann fallen mir Fleiß und Hingabe ein, aber auch Verunsicherung, Anspannung, Resignation, Einsamkeit. Die hohen Austrittszahlen, die zurückgehenden Gelder, das schwindende Ansehen, das sind Herausforderungen. Eine Studie sagt, dass ein Drittel der Pfarrerinnen und Pfarrer hinsichtlich Erschöpfung und Depression zur Risikogruppe gehört und dreizehn Prozent zur Hochrisikogruppe! Geht es auch anders? Freundlichkeit anziehen. Ich kann ausprobieren, ob mir das hilft, mit all den Herausforderungen besser zurechtzukommen. 13


Vor einiger Zeit machten meine Frau und ich Urlaub am Bodensee. Zweifellos eine der schönsten Ferienregionen unseres Landes. Der Reichtum dieses Landes spiegelt sich auch in den kirchlichen Angeboten wider. An so vielen Orten wird Gottesdienst gefeiert. In den Kirchen, am Strand, in den Bergen, auf einer Insel, in einem Park, auf einem Schiff. Sehr beeindruckend! In einem Gemeindebrief allerdings die Information, die noch mehr meine Aufmerksamkeit erregt: „Unser Kirchenvorstand hat sich damit beschäftigt, wie viel Kraft die Gestaltung all der Gottesdienste kostet. Wie sie die aktiv Beteiligten oftmals erschöpft und bis an die Grenzen der eigenen Kräfte kommen lässt.“ Und weiter: „Wir haben darüber nachgedacht und beschlossen: ein Gottesdienst pro Sonntag in unserem Gebiet. Das soll genügen! Nicht jeder Pfarrer, jede Organistin, jede Mesnerin hat dann jeden Sonntag Dienst. Das setzt nicht nur neue Kräfte frei, sondern schafft auch wertvolle Zeit für neue Ideen und für die Seelsorge an den Menschen.“ So buchstabiert sich Selbstfreundlichkeit. Loslassen, damit wir uns erholen können. Loslassen, damit wieder Kräfte frei werden und die Lust am Beruf erhalten bleibt und die Freude am Leben. Zieht an das Kleid der Freundlichkeit! Bin ich da auf einem guten Weg? Sind Sie, liebe und verehrte Leserin, lieber Leser auf einem guten Weg? Oder ist es an der Zeit, die Garderobe zu wechseln?

Mit Salz gewürzt Ein zweites Wort. „Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt …“ So heißt es im Kolosserbrief ein paar Zeilen weiter (Kolosser 4,6). Ein wichtiges Moment. Freundlichkeit ist nicht einfach nett sein oder lieb sein. Da würde die Würze fehlen. „Mit Salz gewürzt …“ Ich sehe darin einen Hinweis auf das konfrontative Moment in einer Beziehung. 14


Dabei denke ich an ein Wort meines ersten Seelsorgelehrers, des Amerikaners Howard Clinebell, Pastoralpsychologe und Professor für Praktische Theologie an der School of Theology in Claremont, Kalifornien. Leben ist nicht auf Stillstand aus, so sein Grundgedanke. Leben will sich entwickeln, will sich entfalten, will wachsen. Was aber fördert unser Wachstum? Lässt sich das mit wenigen Worten sagen? Lässt es sich auf den Punkt bringen? Clinebells Antwort ist – typisch amerikanisch – die „growth formula“, die Wachstumsformel: Zuwendung + Konfrontation = Wachstum In jeder lebendigen Beziehung muss sich zweierlei ereignen. Zunächst einmal Zuwendung, das heißt: Wertschätzung, Wohlwollen, Annehmen, Bestätigung. Erfahrungen, die man sich nicht verdienen muss, sondern die einem geschenkt werden. Dies allein aber genügt nicht, wenn die Beziehung lebendig bleiben soll. Es bedarf daneben auch der Konfrontation, also die Offenheit und Ehrlichkeit und der Mut, Verhaltensweisen oder Äußerungen zu benennen, die nicht weiterführen, ja vielleicht sogar abträglich sind. Zuwendung und Konfrontation, beide müssen zusammenwirken. Zuwendung allein lässt eine Beziehung „lieb“ werden, und dabei wird vieles ausgeklammert. Konfrontation allein führt zur Abwehr, zum Widerstand. Schlimmstenfalls zur Aufkündigung einer Beziehung. Ein Beispiel: Zwei Freunde kommen zusammen. Der eine erzählt von seinen Schwierigkeiten im Beruf. Seine Kolleginnen und Kollegen wollten wenig mit ihm zu schaffen haben. Sie würden immer wieder gesellig zusammenkommen, aber ihn selbst habe man noch nie eingeladen. So langsam bekomme er das Gefühl, man möge ihn nicht. Der Freund versichert ihm, dass er ihn verstehen könne. Dass er seinen 15


Kummer fühlen könne. Nach einer kurzen Pause aber bringt er noch einen anderen Gedanken ein: „Sag mal, kann es sein, dass dieses Nichtbeachten auch irgendetwas mit deinem Verhalten zu tun hat?“ Langes Schweigen, dann: „Hm, hab ich ja auch schon drüber nachgedacht! Manchmal bin ich ziemlich ungeduldig. Vielleicht geht das den anderen auf den Geist.“ Zuwendung und Konfrontation. Freundlichkeit, mit Salz gewürzt. Das führt zu einer Vertiefung, das lässt nach vorne gehen. Jetzt kann etwas wachsen, kann sich etwas neu entwickeln. Ein anderes Beispiel. Der große Paartherapeut Jürg Willi macht darauf aufmerksam, dass eine lebendige Beziehung in Bewegung bleiben will. Dafür hat er die anschauliche Formel gefunden: „Kollusion oder Ko-evolution“. Die „Kollusion“ (lat. „Zusammenspiel“) bezeichnet ein Nebeneinander ohne Berührung, ohne Auseinandersetzung, ohne tieferen Kontakt. Es herrscht Ruhe, es herrscht Oberflächlichkeit. Stillstand in der Beziehung. Ein trostloses Nebeneinander. „Die Ehe war zum jrößten Teile / vabrühte Milch un Langeweile. / Und darum wird beim happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt“, schließt das Gedicht „Danach“ von Kurt Tucholsky. Die Alternative dazu ist die „Ko-Evolution“. Zwei Menschen wachsen und entwickeln sich weiter und unterstützen und ermutigen sich dabei gegenseitig. Sie loben einander, machen sich Komplimente, aber lernen auch, sich freundlich zu sagen, was gerade stört, was den Alltag schwierig macht, was sie sich anders wünschen, wie etwas vielleicht besser laufen könnte. Zuwendung und Konfrontation. Freundlichkeit, mit Salz gewürzt. Menschen sagen einander, wo es ihnen gut geht und wo nicht. Sagen einander, wie sie ihre Beziehung empfinden, wo sie zufrieden sind und wo nicht. Und tun so sehr viel dafür, dass ihr Miteinander lebendig bleibt.

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Gut für Leib und Seele Eine dritte Stimme zur Freundlichkeit kommt etwa aus dem fünften oder vierten Jahrhundert vor Christus. Das biblische Buch der „Sprüche“ ist eine Sammlung von Sprichwörtern, deren Beginn bis in die israelitische Königszeit zurückreicht und die traditionell König Salomo zugeschrieben werden, auch wenn die Zusammenstellung sicher erst später erfolgte. „Freundliche Reden“, so heißt es an einer Stelle, „sind wie Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder“ (Sprüche 16,24). Worte mit Charme und Poesie. Wie lassen sie sich für den Alltag übersetzen? Zunächst einmal: Freundlichkeit für andere Menschen wirkt auf uns selbst zurück. Wenn ich freundlich zu anderen bin, dann gebe ich nicht nur etwas, ich empfange auch etwas. Geben und Nehmen gehören zusammen. Ich verhalte mich freundlich und das bewirkt auch etwas bei mir. Viele Studien belegen das. Und die Lebenserfahrung ebenso: In meinen letzten Berufsjahren lernte ich zwei junge Menschen kennen und spürte sofort, wie es zwischen ihnen knisterte. Ein paar Wochen später klingelt mein Telefon. Die beiden sind am Apparat und nach einem kurzen Hallo kommen sie zur Sache. Sie hätten sich entschlossen zu heiraten und ich möge bitte so freundlich sein und sie trauen. Aber gerne doch, und so feierten wir einen schönen Gottesdienst, ein tolles Fest, und es gab so viele Menschen, die mitfeierten. Ein paar Wochen später wieder das Telefon, wieder die beiden, und diesmal klang es bedrückt. Sie hätten eine schöne Wohnung gefunden, alles entwickle sich prächtig. Nur gäbe es da einen Nachbarn, der sei einfach ein „Kotzbrocken“. Weiß der Teufel, was in ihn gefahren sei, aber er verhielte sich einfach unmöglich. Wie reagieren? Wir gingen ein paar Möglichkeiten durch. Eine Möglichkeit wäre, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wir haben dafür eine ganze Reihe von 17


Redensarten. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Auf einen Schelmen anderthalbe. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wie man sich bettet, so liegt man. So wird es oft praktiziert. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, das Verhalten des anderen einfach zu ignorieren: Wir gehen dir aus dem Weg. Wir beachten dich nicht. Wenn wir dich sehen, dann sehen wir durch dich hindurch. Bleib, wo du bist. Basta! Die beiden haben sich nach unserem Telefonat für eine dritte Möglichkeit entschieden. Honigseim hieß doch das alte Wort, oder? In unsere Zeit übersetzt: Sie haben mit Freundlichkeit reagiert. Einmal war es ein freundlicher Gruß, ein fröhliches „Guten Morgen“ oder „Guten Abend“. Ein andermal war es eine kurze Bemerkung zum Wetter: „Nicht schön heute, oder? Da zieht sich ja wieder was zusammen!“ Ein drittes Mal etwas Fürsorgliches. „Passen Sie bitte auf, da unten ist die Treppe ziemlich glitschig.“ Und siehe da, ganz allmählich entspannte sich die Beziehung. Nicht von jetzt auf gleich. Aber doch stetig. Auf dem maskenhaften Gesicht des Nachbarn zeigten sich kleine Bewegungen. Ein Zucken um die Mundwinkel. Die Andeutung eines Lächelns. Die beiden trauten ihren Ohren nicht, so erzählten sie mir im nächsten Telefonat, als sie auf einmal den Vorschlag vernahmen, sich doch auf einen Kaffee zu treffen. Wow! „Freundliche Reden sind wie Honigseim …“ Immer wieder kann ich es erleben. An der Kasse des Supermarktes, wo hektische Unfreundlichkeit dominiert. Beim Telefonat mit meiner Krankenversicherung. Ich lasse mich nicht zur Unfreundlichkeit provozieren, sondern bleibe höflich, bleibe persönlich, freundlich – und siehe da, das Gegenüber taut auf, Knoten lösen sich. „… süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“ Mir gefällt auch der zweite Teil dieses Spruches. Leib und Seele. Sie 18


sind eine Einheit, sagen wir oft. Richtig! Aber es geht noch ein bisschen genauer. Im Jahr 1949, Deutschland lag noch in Trümmern, formuliert Viktor von Weizsäcker bei einem Kongress in Wiesbaden drei inzwischen berühmt gewordene Thesen zur Psychosomatik. Die zweite These lautete: „Körper und Seele sind keine Einheit, aber sie gehen miteinander um.“ Freundlichkeit wird einmal mehr in der Seele ankommen, ein andermal mehr körperlich. Aber sie wird immer auch den anderen Teil mit ansprechen. Es lohnt sich, dem nachzuspüren, ja, sich ein wenig in der Achtsamkeit dafür zu üben. Wie spüre ich die Süße auf meiner Seele? Ist es eine Portion Lebenslust oder Leichtigkeit oder das Aufkommen von Verbundensein? Wie spüre ich das Heilsame für die Glieder? Geschieht es im Herzbereich? Ist es ein Bauchgefühl? Sind es Arme und Hände und Füße, die sich auf einmal munterer anfühlen? Und kann ich etwas empfinden vom Dialog zwischen Leib und Seele, von ihrem Umgang miteinander? Von einer neuen Vitalität? Der Honigseim macht’s.

Ein Geschenk Eine freundliche Stimme noch aus unserem Gesangbuch. Es ist eine Liedstrophe. Die fünfte Strophe des wohl bekanntesten und vielleicht auch beliebtesten Adventsliedes „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Verfasst im Jahr 1623 von dem Königsberger Pfarrer und Kirchenlieddichter Georg Weissel. Im katholischen Gotteslob eröffnet es als Nummer 218 die Lieder zum Advent und zum Kirchenjahr. Im Evangelischen Gesangbuch ist es die Nummer 1 und somit Ausgangspunkt und Vorzeichen für alle folgenden Lieder.

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Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr. Eine Bitte für den Alltag. Die Freundlichkeit Gottes möge ich spüren. Sie möge mich ausfüllen. In ihr möchte ich mich verwurzeln. Heute, in dieser ruhelosen Welt mehr denn je. Dass es nicht grau und schwer bleibe in meinem Leben, sondern adventlich werde. Dass die Freundlichkeit Gottes auch in unserem Leben erscheinen möge, das geschieht ja nicht unbedingt von selbst. Es bedarf der Sehnsucht danach und der Öffnung dafür. Menschen erzählen mir, und ich selbst erlebe es auch so, dass Rituale sehr hilfreich sind. Am Morgen zum Beispiel: Ich springe nicht gleich aus den Federn, sondern nehme mir ein paar Minuten Zeit, um mit mir selbst in Berührung zu kommen. Nehme mir vielleicht auch Zeit, darum zu bitten, dass mir der Tag freundlich entgegenkomme. Dass ich etwas von der Schönheit des Lebens spüren werde, etwas von seiner Verlässlichkeit. Etwas von seinem Gehaltenwerden. Ein Ritual auch am Abend. Den Tag bedenken, ehe ich mich in den Schlaf verabschiede. Mich des Schönen erinnern. Blumen, die ich gesehen habe. Vogelstimmen, die mein Ohr erreichten. Ein Lächeln in der Straßenbahn. Ein Brief, der immer noch mein Herz bewegt. Bedenken und danken. Danke dafür. Danke für all die Freundlichkeiten dieses Tages. 20


Sicher ist es kein Zufall, dass uns oft Lieder ansprechen. Dass sich etwas ändert, wenn wir zu singen beginnen. Wie heißt es doch bei Joseph von Eichendorff? Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort. Ein solches Zauberwort ist für mich Freundlichkeit. Selbstfreundlichkeit und Freundlichkeit anderen gegenüber. Jetzt lege ich noch mal eine schwarze Folie auf, um den Kontrast deutlich zu machen. Kurt Tucholsky, der große Spötter – er kam in diesem Kapitel schon einmal zu Wort –, hat eine Geschichte zur Familie geschrieben. Darin kommen alle möglichen Figuren vor. Eine aber sticht heraus. Die Tante, und von ihr heißt es: „Jene Tante, die auf dem berühmten Sofa saß, ist eine Geschichtsfälschung: denn erstens sitzt eine Tante niemals allein, und zweitens nimmt sie immer übel – nicht nur auf dem Sofa: im Sitzen, im Stehen, im Liegen und auf der Untergrundbahn.“ Ein Dank dem Dichter für die Karikatur. Manchmal möchte ich sie auf andere Personen übertragen. Diese Boshaftigkeit gönne ich mir jetzt einfach: Er stand vor der Schulklasse und nahm übel. Er stieg auf die Kanzel und nahm übel. Sie leitete die Behörde und nahm übel. Er wurde in ein hohes Parteiamt gewählt und … Sie wissen schon. Und vielleicht haben Sie Lust, die Liste fortzusetzen. Natürlich – jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre rein zufällig. Aber einmal mit dem Schlimmen zu spielen, um den Wert des Guten zu entdecken, das kann sinn- und hilfreich sein. 21


Eine Vergnügung Zu guter Letzt noch einmal eine ganz weltliche Stimme. Der große Sohn meiner jetzigen Heimatstadt Augsburg, Bertolt Brecht, hat in den Fünfzigerjahren ein Gedicht mit dem Titel „Vergnügungen“ geschrieben. Es sind Verse von einer großen Einfachheit. Der Dichter lebt seit 1948 in Ostberlin. Die allerschlimmsten Zerstörungen sind inzwischen beseitigt. Allmählich gibt es Raum für einen etwas weiteren Blick. So entstehen diese Verse. Die Vergnügungen werden einfach hingestellt, werden mit Namen versehen. Eine Aufzählung mit sechzehn Zeilen, ein „Glückskatalog“ (Harald Weinrich). Dabei möchte ich vor allem auf die letzte Zeile hinweisen. Hier der Anfang und das Ende des Gedichtes: Vergnügungen Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen Das wiedergefundene alte Buch Begeisterte Gesichter Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten (…) Schreiben, Pflanzen Reisen Singen Freundlich sein Welch schöner Gedanke! Freundlichkeit nicht als Gebot, nicht als Pflicht, nicht als Anstrengung, nicht als Forderung. Freundlichkeit als Vergnügung. Der Charme des Leichten, des Spielerischen darf mittönen. Würdigen kann man diese so schlichte Aussage wohl nur dann, wenn man sich der finsteren Zeiten erinnert, 22


wie Brecht sie in dem Gedicht „An die Nachgeborenen“ beschrieben hat. Entstanden zwischen 1934 und 1938, ist es wohl einer der wichtigsten Texte der deutschen Exilliteratur. „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ So beginnt es. In den Zeilen 6 bis 8 folgt dann das berühmte Zitat: Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Und zum Schluss heißt es: (…) Ach, wir Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit Konnten selber nicht freundlich sein. Ihr aber, wenn es soweit sein wird Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist Gedenkt unsrer Mit Nachsicht. Ist es nicht ein Wunder? Nach all dem Leid, nach all dem Schrecken, nach dem vielen Töten und Sterben darf die Freundlichkeit zurückkehren, und zwar – fast unglaublich – als Vergnügung.

Zum Einklang Ich möchte Sie an dieser Stelle zu einer Erfahrung einladen und Sie bitten, sich darauf einzulassen. Ja, noch einen Schritt weiter. Ich bitte Sie, diese Erfahrung für ein paar Tage aufzunehmen und zu schauen, was sie Ihnen bedeutet. Sollten Sie zu dem Schluss kommen: Nein, danke, das ist nichts für 23


mich, dann ist das gut so. Aber vielleicht sagen Sie auch: Hm, da ist was dran. Ich möchte weitermachen. Worum geht es? Ich lade Sie dazu ein, die Zusage der Freundlichkeit mit Ihrer Atembewegung zu verbinden. Mit dem „Ein“ Ihres Atmens, mit dem „Aus“ und – ganz wichtig – mit der Atempause dazwischen, aus der heraus ein neues Einatmen fließt. Sicher werden Sie die folgende Anleitung erst ein paar Mal durchlesen wollen, um sie sich einzuprägen, ehe Sie mit der Übung beginnen: · Bitte setzen Sie sich gut hin. Am besten auf einen Stuhl. Gut hinsetzen heißt: Ihre Füße stehen auf dem Boden, Sie nehmen die ganze Sitzfläche in Anspruch (und sitzen nicht etwa nur auf der Stuhlkante) und Ihr Rücken vertraut sich der Wirbelsäule an, die Sie hält und trägt. Wenn das für Sie schwierig ist, dann lassen Sie sich gern von der Lehne unterstützen. · Legen Sie jetzt Ihre beiden Hände auf die Leibmitte. Einander gegenüber, aber ohne Berührung … Wie ist so der erste Eindruck? Spüren Sie die Wärme Ihrer Hände oder eher die Kühle? Liegen Ihre Finger eng beieinander oder gibt es da einen kleinen Abstand? Wie ist das mit dem Daumen? Liegt er am Zeigefinger an oder ist er ein bisschen abgespreizt? Bitte nichts machen, sondern einfach wahrnehmen. · Wenn Sie möchten, dann schließen Sie jetzt für ein paar Minuten Ihre Augen. Ist Ihnen dies unangenehm, dann wählen Sie einen Punkt auf dem Boden vor Ihnen, auf dem Ihre Augen ruhen können. Versuchen Sie, Ihre Aufmerksamkeit vom Äußeren zurückzuziehen und nach innen zu richten. · Achten Sie jetzt auf Ihre Atembewegung. Sie atmen durch die Nase ein und Sie atmen aus. Vor einem neuen Einatmen liegt eine kleine Zeit der Stille, die Atempause, aus der heraus dann 24


ein neues Einatmen wächst. Ein und aus, Atempause, ein und aus. · Wenn Sie ein erstes Gefühl für diese Atembewegung haben, dann schauen Sie, ob Sie Ihren Atem dorthin locken können, wo Ihre Hände liegen. Nicht zwingen, nicht pressen, sondern locken. Wenn Ihnen dies gelingt, werden Sie spüren, wie es in der Leibmitte beim Einatmen ein bisschen weiter wird und wie der Raum beim Ausatmen wieder ein bisschen enger wird. · Wenn Sie so ein Gefühl für Ihren Atemrhythmus gefunden haben, dann begleiten Sie diese Bewegung in der Stille mit den Worten: „Freundlich atme ich ein, freundlich atme ich aus.“ Atempause. Und weiter: „Freundlich atme ich ein, freundlich atme ich aus …“ · Nach ein paar Minuten lassen Sie es ausklingen. Verabschieden Sie sich von den Atemworten, von der Wahrnehmung der Atembewegung, von der Berührung Ihrer Hände mit der Leibmitte und legen Sie Ihre Hände langsam auf Ihren Oberschenkeln ab. Bleiben Sie aber noch eine kurze Weile in der Aufmerksamkeit. · Stellen Sie sich jetzt vor, von der Leibmitte aus würde Freundlichkeit in Ihren ganzen Körper strahlen: Freundlichkeit in allen Räumen meines Körpers, Freundlichkeit in allen Organen meines Körpers, Freundlichkeit in allen Bahnen meines Körpers, Freundlichkeit in den Millionen und Abermillionen Zellen meines Körpers. Alles ist durchpulst, durchatmet, durchseelt von Freundlichkeit. Es ist erschienen die Freundlichkeit Gottes. So schön! 25


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