Skip to main content

Frisch, Ralf: Mehr Opium fürs Volk

Page 1


Mehr Opium fürs Volk

Kolumnen

über Gott und die Welt

Mehr Bäume. Weniger CO2

www.cpibooks.de/klimaneutral

Zum Schutz der Umwelt verzichten wir bei diesem Buch auf das Einschweißen mit Folie.

© Claudius Verlag München 2026

Claudius Verlag im Evangelischen Presseverband für Bayern e.V. Birkerstraße 22, 80636 München

Tel. 089/12172-119 www.claudius.de

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor. Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: claudius@epv.de

Lektorat: Stenger & Rode GbR, München Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt, München, unter Verwendung von Wolken: © Freepik.com Gesetzt aus der Chaparral Pro Druck: CPI Books GmbH, Leck

ISBN 978-3-532-62915-4

„No risk, no story.“

Vorwort

„Florett und Kettensäge!“

Das wäre meine Antwort auf die Frage, welche Waffen ich wählen würde, wenn Schreiben ein Duell wäre. Nun, es ist kein Duell. Aber manchmal braucht es die Zuspitzung, um die Dinge auf den Punkt zu bringen – und die Wahrheit in die Köpfe und zu Papier.

Apropos Wahrheit. Um die geht es mir tatsächlich. Ich habe zwar keine Schwiegermutter mehr und auch keine Großmutter. Und ich würde weder die eine noch die andere für die Wahrheit oder für eine gute Pointe verkaufen. Trotzdem leide ich mitunter wie ein Hund darunter, dass es in der Kirche meiner Gegenwart so oft an jener pointierten Geistesgegenwart fehlt, die einen Eindruck hinterlässt und einen Unterschied macht.

Gerade in der öffentlichen kirchlichen Kommunikation ist es offenbar der Weichzeichner, der für Akzeptanz sorgen und das Überleben von so etwas wie Volkskirche sichern soll. Mag sein, dass alles seine Zeit hat und dass in Zeiten der Krise und der Disruption eher die Stunde der Diplomatinnen und Diplomaten schlägt. Oder eben die Stunde derjenigen Kirchenfunktionärinnen und Kirchenfunktionäre, deren hervorstechendste Schlüsselqualifikation darin besteht, das System Kirche mit breitem Kreuz, stiff upper lip und vorgeschützter Zuversicht in den Abgrund zu führen. Ich fürchte allerdings, dass es angesichts des Abgrunds

mehr braucht als die so menschliche wie mutlose Devise „Weiter so! Nur bitte diesmal mit anderen Konsequenzen!“

Und zwar braucht es, so glaube ich, den Geist der Ambiguitätstoleranz, der Menschen das Selberdenken zutraut, also einen Gebrauch des Verstandes, dessen Urteilsvermögen die Geister zu scheiden wissen wird. Echte Diversität hat viel mit der Bereitschaft zu diesem Verstandesgebrauch zu tun. Wenn diese Bereitschaft nicht vorhanden ist, bedeutet das Wort Diversität nichts anderes, als das Hinweisschild „Geschlossene Gesellschaft“ bedeutet: dass Menschen unter sich sein wollen, und seien ihre Filterblasen noch so bunt.

Der Philosoph Hans Blumenberg hat einmal wunderbar auf den Punkt gebracht, was es wirklich heißt, als denkendes Individuum in einer wahrhaft offenen Gesellschaft zu existieren: „Ein Kriterium für intellektuelle Spannweite“, so Blumenberg, „ist die Spannweite von Unvereinbarkeiten im Hinblick auf ein und dieselbe Sache, die ausgehalten wird und dazu noch Anreiz bietet, Gewinn aus der Beirrung zu ziehen.“

Dazu braucht es nicht nur Hirn, sondern auch Herz, genauer gesagt den Mut, sich ein Herz zu fassen, sich nicht wegzuducken, sondern zum geistesgegenwärtigen Angriff überzugehen. Philipp Spittas Pfingstlied singt diesen Mut im besten Sinne, wenn auch für pazifistische Gemüter zweifellos irritierend, pathetisch herbei. Mir selbst geht das Herz insbesondere in Strophe zwei auf. Dort heißt es: „Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharf-

geschliffnen Waffen der ersten Christenheit.“ Ich stelle mir vor, dass der Freimut des Glaubens und der Mumm zum disruptiven Wort in der Kraft des Heiligen Geistes diese Waffen der ersten Christenheit waren.

Ob in meine Texte ein Funke davon übergesprungen ist und ob dieser Funke aus meinen Texten heraus auf meine Leserinnen und Leser überspringt? Entscheiden Sie selbst.

Ich habe keine Ahnung, wie die Zukunft der evangelischen Kirche, des europäischen Christentums und der wissenschaftlichen Theologie aussehen werden. Aber ich hoffe auf ein Wunder. Nur Gott kann uns wiedererwecken und retten. Und er wird es tun, welche Gestalt auch immer seine Kirche künftig haben wird.

Was mich anbelangt, so sehe ich meine Rolle im Spiel des Lebens von Kirche und Theologie darin, das zu tun, was ich am besten kann, weil es das Charisma ist, mit dem mich mein Schöpfer begabt hat: durch Provokation ins Denken zu locken und zum Umdenken und Andersdenken zu inspirieren.

Zumal als Freund schöner schneller Autos habe ich daher keine Lust, auf die magische, wirklichkeitsverändernde Kraft der angezogenen Handbremse zu hoffen. Ohne Provokation keine Aha-Erlebnisse, keine Lerneffekte und schon gar keine kontroversen Diskussionen. In jeder meiner Vorlesungen und in jedem meiner Seminare erlebe ich das immer wieder aufs Neue. „Es braucht“, wie der Philosoph Konrad Paul Liessmann notierte, „Reibung, damit Spuren bleiben“. Und zwar nicht nur beim Autofahren.

Provokation beflügelt das Denken. Das ist nichts für Feiglinge, die sich in ihren vertrauten Meinungskorridoren am wohlsten fühlen und das gedankliche Kuscheln mit Gleichgesinnten schon für Weltoffenheit halten.

Übrigens bin natürlich auch ich ein Feigling – abgesehen davon, dass ich wie alle anderen in einem Lieblingsgesinnungskorridor sitze. Es heißt ja, wer im Glashaus sitzt, solle nicht mit Steinen werfen. Ich tue es trotzdem und zitiere John Wayne: „Courage is being scared to death, but saddling up anyway.“

Außerdem bringen Scherben ja vielleicht doch Glück, auch wenn dabei einiges zu Bruch zu gehen pflegt, um das es womöglich schade ist. Vielleicht tragen Scherben sogar zur Erkenntnis bei. Der Philosoph Theodor W. Adorno jedenfalls meinte, der Splitter im eigenen Auge sei das beste Vergrößerungsglas. In diesem Sinne hoffe ich sehr, dass die folgenden vierundzwanzig Kolumnen über Gott und die Welt die Wirklichkeit wie eine gelungene Karikatur zur Kenntlichkeit entstellen. Und natürlich hoffe ich auch, dass die Lektüre meiner theologischen Brocken nicht nur aufregend ist, sondern auch Spaß und vielleicht sogar Lust macht, den eigenen Glauben neu in die Waagschale zu werfen und Kirche und Theologie abenteuerlich anders zu leben. Die evangelische Christenheit in Europa hat nichts mehr zu verlieren. Das könnte sie eigentlich freier, kreativer, tollkühner und experimentierfreudiger denn je machen.

Als Rieke Harmsen, die Chefredakteurin des evangelischen Sonntagsblatts, mich eines Tages fragte, ob ich

einmal im Monat für www.sonntagsblatt.de eine theologische Kolumne schreiben wolle, fühlte ich mich ziemlich geehrt. Als Roland Gertz, der Direktor des Evangelischen Presseverbands und amtierende Verlagsleiter des Claudius Verlags, mich dann ein paar Monate später fragte, ob wir nicht aus den Kolumnen ein Büchlein machen sollen, freute ich mich noch mehr. Beiden, Rieke Harmsen und Roland Gertz, danke ich von Herzen für diese Möglichkeit. Ich danke außerdem Oliver Marquart, Onlineredakteur des Sonntagsblatts, für seine geradezu allgegenwärtige Unterstützung auf dem Weg zur Veröffentlichung und gelegentlichen Nachjustierung meiner Kolumnen. Und ich danke Andreas Rode für sein umsichtiges Lektorat.

In dieser Sammlung von vierundzwanzig theologischen Kolumnen finden sich nicht nur – in übrigens allenfalls minimal veränderter Gestalt – meine auf www.sonntagsblatt.de veröffentlichten Kolumnen. Ich habe für dieses Buch auch drei neue, nirgendwo anders veröffentlichte Kolumnen geschrieben: eine über Christi Himmelfahrt, eine über den Buß- und Bettag und eine über meinen Onkel Erwin.

In diesem Buch finden sich darüber hinaus Texte, die als Gastbeiträge in der Tageszeitung DIE WELT erstmals das Licht der Welt erblickt haben. Ich danke dem Axel Springer Verlag und den Redakteuren der WELT-Rubrik „Meinungsfreiheit“ für die Möglichkeit, diese Texte hier nochmals zu publizieren. Ferner danke ich Reinhard Mawick, dem Chefredakteur von www.zeitzeichen.net, dass ich einen meiner zeitzeichen-Artikel hier platzieren durfte.

Vor allem aber danke ich meiner Maria. Ohne sie hätte mich nicht nur einmal in der vergangenen Zeit der Mut verlassen.

Jetzt aber viel Spaß beim Lesen!

Ralf Frisch

Brunn bei Heiligenstadt am Pfingstmontag 2025

Lutherisch? Was war das nochmal?

Ich halte fast in jedem Semester eine Vorlesung über Martin Luthers Theologie. Beim Lesen seiner Texte und der Texte über sein Denken beschleicht mich immer öfter das Gefühl, dass es im deutschen Gegenwartsprotestantismus womöglich gar keine Lutheranerinnen und Lutheraner mehr gibt. Ich erkenne jedenfalls Luthers Theologie in vielen Lebensäußerungen meiner Kirche bei aller Liebe und beim besten Willen nicht wieder und vermag sie allenfalls in homöopathischen Dosen aufzufinden. Daher stellt sich mir gelegentlich die Frage, ob die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern wirklich noch eine lutherische Kirche ist. Vielleicht wäre es redlicher, das Adjektiv „lutherisch“ aus der Selbstbezeichnung meiner Landeskirche zu streichen.

In einer Bierlaune unterbreitete ich einem Theologenfreund die Idee einer entsprechenden Eingabe an die Landessynode, deren theologischer Referent ich ja immerhin fast zehn Jahre lang war. „Wenn du dich endgültig unmöglich machen willst, dann mach das“, sagte er. Aber er fügte auch hinzu: „Es wäre jedenfalls ein Anstoß zu einer sehr nötigen Debatte in unserer Kirche.“

Was ist eigentlich lutherisch? In einer Kolumne, deren kategorischer Imperativ lautet, nicht zu langweilen und kurz, bündig und knackig zu sein, ist diese Frage natürlich unmöglich zu beantworten. Vielleicht aber ja doch. Auch deshalb, weil die größte kommunikative Herausforderung

für einen lutherischen Theologen, der um der möglichst eindringlichen Verkündigung des Evangeliums willen dem Volk aufs Maul schauen und die Sprache des Volkes sprechen möchte, darin besteht, das Entscheidende dann, wenn es an der Zeit ist, so einfach wie möglich, aber nicht einfacher zu sagen.

An dieser Stelle schiebe ich eine kleine Zwischenbemerkung ein. Jeder Versuch, konfessionelle Identität zu definieren oder gar zu stärken, stößt gegenwärtig in der Regel auf Kopfschütteln, Abwinken und Augenverdrehen. Nach dem Motto: „All diese Konfessions- und Religionsstreitigkeiten sind doch von gestern! Dem interreligiösen Dialog gehört die Zukunft! Und die dringlichste Herausforderung unserer Zeit besteht darin, dass wir Christen im Miteinander der Religionen unserer Weltverantwortung gerecht werden und dass die Welt endlich erkennt, dass Religion durch Ethik ersetzt werden muss.“ Mag sein. Mag sein, dass konfessionelle Differenzen der Vergangenheit angehören, weil das Abendland und mit ihm die Kirchen immer säkularer werden. In der Tat begegne ich der Bemerkung „Bist a Lutherischer, gell? Derfst dich trotzdem herhockn!“ allenfalls noch dort, wo in mancherlei Hinsicht die Zeit stehengeblieben ist: in den von mir vorzugsweise aufgesuchten Brauereiwirtschaften auf dem Gebiet des Erzbistums Bamberg.

Es geht mir allerdings gar nicht um konfessionelle Differenzen, geschweige denn um irgendetwas Antikatholisches. Ganz und gar nicht. Es geht mir vielmehr um die Differenz

des lutherischen Geistes zum Geist meiner weltlich-allzuweltlichen, sich für das Maß aller Dinge haltenden und sich selbst maßlos ideologisch, wenn nicht sogar religiös überhöhenden Gegenwart. Und ich meine, dass man die seltene Spezies der Lutheranerinnen und Lutheraner heute wahrscheinlich am ehesten daran erkennt, ob sie einen Unterschied machen zu den blauäugigen, realitätsfremden, überforderungsanfälligen, nihilistischen und gottesvergessenen Menschen- und Weltbildern ihrer Zeit und ihrer Kirche. Und zwar nicht einen ewiggestrigen, sondern einen geistesgegenwärtigen Unterschied.

Ich komme jedenfalls immer mehr zu dem Ergebnis, „lutherisch“ als Gegenbegriff und als Gegengesinnung zu fast allem zu verstehen, was mir aus vielerlei nichtkirchlichen und kirchlichen Kanälen als alternativlose moralische und gesellschaftspolitische Überzeugung einer nachchristlichen Welt eingeredet wird. Die Überzeugung, dass jeder seines Glückes und seiner Selbstwerdung Schmied ist, zum Beispiel. Oder die Überzeugung, dass es für eine Christin oder einen Christen vor allem darauf ankommt, ein guter Mensch zu sein oder ein besserer Mensch zu werden. Oder dass das Evangelium in ein Gesetz, also in eine sanktionsbewehrte Handlungsaufforderung verwandelt werden muss, um die Welt verändern und ihre Übel beseitigen zu können.

Oder dass Religion nur ein anderes Wort für Demokratie und Gott nur ein anderes Wort für Menschlichkeit ist.

Zurück zu Luther. Jede dieser Überzeugungen hätte ihm die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Den Star des

Humanismus seiner Zeit, Erasmus von Rotterdam, bekämpfte er letztlich wegen eines einzigen Satzes aus dessen Schrift über den freien Willen. Der Satz lautet: „Der Mensch vermag alles, wenn Gottes Gnade ihm hilft; also können alle Werke des Menschen gut sein.“ Luthers Menschenbild war weit weniger optimistisch und daher viel kirchensystemsprengender als das pädagogisch-humanistische Menschenbild des niederländischen Hipsters. Und deshalb hätte Martin Luther sich im Jahr 2017 wahrscheinlich im Grabe umgedreht, wenn er mitansehen hätte müssen, wie eine schlanke Playmobilfigur zur Ikone und zum vielleicht einzigen Souvenir des Reformationsjubiläums wurde. Zur Ikone, die Luther darstellen sollte, aber eher dem Erasmus glich als ihm, dem fetten, polternden, selten diplomatischen, immer kompromisslosen Madensack.

Die lutherische Wahrheit ist, dass Luther nicht an den Menschen, sondern an Gott glaubte und dass aus Luthers Sicht allein mit Humanismus kein Staat und schon gar keine Kirche zu machen ist. Weil Luther den Menschen mitnichten für die Antwort auf alle Fragen des Glaubens hielt, war nicht der Mensch, sondern der Mensch vor Gott das Thema von Luthers Theologie. Der Mensch, der allein aus Gottes Erbarmen lebt. Der Mensch, den niemand außer Christus von seiner Ichichichichich-Sucht und von der Illusion befreien kann, selber zum Christus werden zu müssen und zu können, um die Welt zu retten. Der Mensch, dem es vielleicht gelingen kann, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher

Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen, der aber allein durch Gott die frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt erfahren und allein durch diesen Gott erlöst werden kann. Und um Erlösung geht es im christlichen Glauben – jedenfalls dann, wenn er seinem lutherischen Namen Ehre machen will. Es geht im Glauben um Erlösung des in sich selbst und in seiner Selbstgerechtigkeit gefangenen, also gerade des seiner moralischen Stärke gewissen Menschen. Und es geht um die Kunst der Unterscheidung. Und zwar zwischen letzten und vorletzten Dingen. Zwischen den Dingen der Welt und dem Reich Gottes, das nicht von dieser Welt ist und die Herzen der Welt gerade deshalb höherschlagen lassen kann.

Ich lese zurzeit das sehr empfehlenswerte Buch „Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe“. Sein Autor ist der katholische Münchner Journalist Tobias Haberl, der bemerkenswerterweise auch für die Süddeutsche Zeitung schreibt. In Haberls Buch stehen Sätze wie: „Ein gläubiger Mensch hat ein grundsätzlich anderes Ziel als ein ungläubiger. Er möchte nicht befriedigt, er möchte erlöst werden.“

Oder: „Der Mensch, der von Gott nichts wissen will, findet nicht, was er sucht. Die große Freiheit stellt sich nicht ein.“

Oder: „Die Kraft des Glaubens liegt gerade in der Differenz zum Zeitgeist. Der Glaube muss überfordern, um nicht banal zu werden.“ Eigentlich finde ich ja, dass Tobias Haberl nicht nur römisch-, sondern aufgrund seiner weltfremden

Weltlichkeit auch lutherisch-katholisch ist. Er selbst würde

allerdings sagen, dass ihm das wurscht ist, weil er vor allem ein ganz normaler Sünder ist, der an Gott glaubt.

Aber genau das könnte der springende Punkt sein. Vielleicht kann man ungeachtet aller Konfessions- und Religionszugehörigkeiten Lutherische ziemlich einfach von Nichtlutherischen unterscheiden. Lutherische Exemplare des Homo sapiens sind bereit, sich als Sünder oder Sünderinnen zu verstehen, die an Gott als rettendes Gegenüber glauben und dem Menschen weniger zutrauen als Gott. Nichtlutherische Vertreterinnen und Vertreter der Spezies Homo sapiens glauben eher, dass Gott nur eine Metapher für die humanitäre Geisteskraft in uns ist, durch die wir irgendwann das Unmenschliche und das Ungute besiegen und die Welt ins Reich Gottes verwandeln. Oder sie glauben – wenn ihnen der Glaube an Gott und der Glaube an den Humanismus zu vollmundig ist – das, was Paulus in 1. Korinther 15,32 illusionslos scharfsichtig für die einzig echte Alternative zum christlichen Glauben hielt: „Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot.“

Ich weiß nicht, ob das zu einfach und am Ende zu schubladenmäßig unfair gedacht ist. Ich hoffe nicht. Und ich weiß auch nicht, ob ich meine Bierlaunenidee der Eingabe an die Landessynode weiterverfolgen soll. Ich glaube, eher nicht. Ich belasse es lieber beim Denkanstoß dieser Kolumne.

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Frisch, Ralf: Mehr Opium fürs Volk by ClaudiusVerlag - Issuu