

ZUR WELT GEKOMMEN
Wäre ich ich, zu anderer Zeit an anderem Ort?
Und Jesus – wenn er in der Schweiz geboren wäre?
Warum damals und nicht heute?
Hätte Jesus auch eine Frau sein können – oder ein Schwarzer?
War Jesus ein Christ?
Muss man nach Israel fahren, um Jesus besser zu verstehen?
Lernbereiche »ZwischenGaliläa undJerusalem« und »›Mitten unter euch‹ –Jesu Botschaft und Leben«
beschreiben
Jeder Mensch wird geprägt durch das Land, in dem er lebt, und durch seine Zeit. Mithilfe der Informationen dieses Kapitels kannst du die geographischen und politischen Lebensbedingungen im Land Jesu zu seiner Zeit sowie wichtige Grundlagen des jüdischen Glaubens damals und heute beschreiben.





Du nimmst wahr, dass Jesus zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort gelebt hat und dass er Jude war wie auch seine Familie und seine Freunde. Du deutest ausgewählte Glaubensinhalte und Feste der Juden. Dabei nimmst du auch wahr, wie vielfältig das Judentum damals war und heute noch ist, und unterscheidest verschiedene jüdische Gruppen, mit denen Jesus zu tun hatte.
untersche






Du denkst darüber nach, inwiefern man über das Judentum Bescheid wissen muss, um Jesus zu verstehen. Du setzt dich mit den Hoffnungen von Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen auf eine bessere Welt auseinander und bewertest Aussagen, in denen das Judentum verzerrt dargestellt wird. urteilen



In Diskussionen und Rollenspielen versetzt du dich in unterschiedliche Personen und Meinungen der Zeit Jesu hinein. Du tauschst dich mit anderen über Grundgedanken des Judentums aus und setzt alttestamentliche Hoffnungsbilder kreativ um.
kommunizieren
Bethlehem …

Und du, Bethlehem*, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.
Micha 5,1




… lag in Judäa






LEBENSWELTEN
Alle 0,2 Sekunden kommt ein Mensch auf die Welt. Auf welche Welt?
Das ist doch nicht egal, ob man schwitzt oder friert. Ob man in einem Haus voller Spielzeug aufwächst oder als Flüchtlingskind.
So viele Welten –keine wie die andere. Niemand kann sie sich aussuchen.
Und Jesus? Seine Welt ist mir fremd: irgendwo am Rand des Römerreichs, vor unvorstellbar langer Zeit.
Dabei sagen sie, er sei immer bei mir!
Eröffnungen
Rollen
Gruppen
ehrlich gesagt finde ich Ihren Buchanfang ziemlich langweilig: ein Stammbaum –
Matthäus: – der es in sich hat! »Bethlehem« allein beweist gar nichts – eines Tages werden die Forscher behaupten, Jesus sei in Nazareth* geboren! Nur mein Stammbaum belegt, dass Jesus tatsächlich der erwartete Davidsspross ist. Außerdem zeigt er, dass Jesus ein wirklicher Mensch war, mit Großeltern, Mutter und Vater – wohlgemerkt, auch mit Vater!
Lukas: Ein bisschen neidisch bin ich auf Ihre drei Weisen aus dem Morgenland – eine malerische Geschichte!
Matthäus: Aber Ihre Hirten sind auch nicht übel –Hirten wie David* ...
Lukas: ... die Ärmsten der Armen!
N. N.: Markus, sind Sie nicht manchmal ein bisschen eifersüchtig – so ganz ohne Weihnachtsgeschichte?

Ich beMERKEe schon: Jeder und jede hat einen eigenen Zugang zu Jesus – ich auch.
DIE VIER SIND SICH NIE BEGEGNET
Die Evangelisten* lebten an verschiedenen Orten und gehörten verschiedenen Generationen an. Stellen wir uns vor, sie könnten doch einmal miteinander sprechen, z. B. in der beliebten Talkshow von Frau Nina Neugier.
N. N.: Meine Herren, es ist mir eine große Ehre, dass Sie in meiner Sendung zum ersten Mal seit fast 2000 Jahren gemeinsam auftreten. Inzwischen hat sich viel verändert. Die Menschen kennen Ihre Geschichten nicht mehr so gut. Aber den Anfang Ihres Buches, Lukas, kennt jedes Kind!
Lukas: (lacht) Ja, ich habe schon gehört von den Krippenspielen und Weihnachtsliedern. Aber denken Sie nicht, dass ich bloß ein schönes Märchen erzählen wollte. In einem unterdrückten Land wird in ärmsten Verhältnissen der Retter der Welt geboren! Noch dazu in der Stadt Davids! Das ist eine Geschichte, die alles auf den Kopf stellt! Nun ja, von Bethlehem* schreiben Sie ja auch, Kollege Matthäus, – aber
Markus: Solche Geschichten können vom Wesentlichen ablenken. Diese Legenden aus Jesu Kindheit boomten schon zu meiner Zeit, eine wunderbarer als die andere. Mir reicht das, was ich weiß: Jesus wanderte wenige Jahre lang durch Galiläa*, um dann nach Jerusalem* zu ziehen, wo er am Kreuz starb und am dritten Tag auferweckt wurde von den Toten. Und das alles für uns! Nur das ist wichtig!
Lukas und Matthäus (gleichzeitig, leicht gekränkt): In unseren Weihnachtsgeschichten sind auch schon Passion* und Ostern versteckt!
N. N.: Johannes, Sie sind so still?

Johannes: Weil mich, verzeihen Sie bitte, diese Details nicht so interessieren. Sie, liebe Freunde, erzählen von Augustus* und Herodes*, von Hirten und Weisen, von Wüste und Galiläa – und sagen damit doch nur immer das eine: Gott ist Mensch geworden, wirklich Mensch, in einem bestimmten Land, zu einer bestimmten Zeit. Das habe ich in meinen ersten Zeilen auf den Punkt gebracht: »Am Anfang war das Wort.« –Jesus, Gottes ewiges Wort, ist Mensch geworden, das Licht der Welt! Darum geht es!
Der Evangelist* Lukas als Krippenfigur
N. N.: Leider ist die Sendezeit zu Ende. Ich danke Ihnen! Und wie gut, dass es nicht nur ein Evangelium* gibt!

Straßenschild bei Bethlehem*
DIE EVANGELIEN
Das Markusevangelium ist ca. 70n.Chr. abgefasst worden, also 40 Jahre nach Jesu Tod; Matthäus und Lukas folgten etwa 80/90n.Chr.; das Johannesevangelium wurde um 100n.Chr. geschrieben. Matthäus und Lukas haben große Teile von Markus übernommen, benutzten aber auch eigene Quellen über Jesu Worte und Taten. An den vier Evangelien kann man beobachten, wie unterschiedlich Menschen Jesus sehen. Eines ist ihnen jedoch gemeinsam: Sie wollen keine »Tatsachenberichte« über Jesus schreiben, sondern Menschen die gute Nachricht (Evangelium*) bringen: Gott liebt euch so sehr, dass er zu euch gekommen ist, als Mensch aus Fleisch und Blut, nicht irgendwo und irgendwann, sondern in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit!
Wege!
Das Land der kurzen
Gruppen

Klimatabelle für das heutige Israel
Mittlere Tagestemperaturen
JanMärzMaiJuli/AugNov
Jerusalemmax1318263019 min711162012
Tel Avivmax1822263124 (früherJafo)min811152113
Tiberiasmax1826333726 Münchenmax1,4min1014202517
8,317,7236,5 min-4,2-0,27,2120,4
Mittlere Temperatur der Wasseroberfläche
Mittelmeer 1817212823 See TotesGenezareth1716242824 Meer 2221253028
Rotes Meer Niederschlagsmengen2221242525 im Jahresdurchschnitt in mm Jerusalem660 Tiberias450 Nazareth740 Tel Aviv500

Auf einmal sind wir Weltbürger! Neue Straßen verbinden uns mit fernen Ländern! Der Handel blüht – wer jetzt nicht schläft, kann sich eine goldene Nase verdienen!
Nun ist Friede auf der ganzen Welt! Wir brauchen keine Angst mehr vor Angreifern zu haben.
Ein goldenes Zeitalter!
Sie beuten uns aus!
Die Steuerlast ist unerträglich. Überall setzen sie ihre Prachtbauten hin, man hört nur noch Griechisch und Latein; bald sind wir Fremde im eigenen Land. Wir müssen uns von ihnen fernhalten, um unsere eigenen Geschichten und Bräuche zu bewahren!

MERKe: Pax ist nicht Schalom*!
Man kann sich mit ihnen arrangieren. Hier in Jerusalem* funktioniert das prima. Pilatus residiert meist in Cäsarea und in der Stadt haben die jüdischen Priesterfamilien das Sagen.
Dieses Relief stammt von einem Altar, den Kaiser Augustus 9 v. Chr. der Göttin des »Augustäischen Friedens« errichtete (ara pacis augustae). Die Säuglinge auf dem Schoß der Göttin, die Früchte und die Tiere symbolisieren Fruchtbarkeit und Wohlstand. Rechts und links sieht man zwei Nymphen, die Meer und Luft darstellen. Mit diesem Altar setzte Augustus auch sich selbst als Weltherrscher und Bringer eines neuen Zeitalters ein Denkmal. Zu seiner Zeit hatten die Römer fast die ganze damals bekannte Welt unterworfen.
Sie haben keinen Sinn für unsere Religion. Sie tun so tolerant, aber dann passiert so etwas wie neulich, als Pilatus einfach Bilder im Tempel* aufstellen ließ! Und den Tempelschatz* wollte er für Wasserleitungen hernehmen!
Sie sind grausam! Wo man hinschaut: Soldaten. Eine friedliche Demonstration haben sie mit Knüppeln niedergeschlagen. Wer nur unter Verdacht steht, aufständisch zu sein, mit dem machen sie kurzen Prozess. Sie verstehen nur die Sprache der Gewalt!
Rollen
Silberdenar des Kaisers Tiberius (14–37n.Chr.), Vorderseite: »TI CAESAR DIVI
AUG F AUGUSTUS« (Kaiser Tiberius, Sohn des göttlichen Augustus, der Erhabene), Rückseite: die Kaisermutter Livia als Siegesgöttin; Aufschrift »PONTIF MAXIM« (»oberster Priester«)


Münze des Statthalters
Pontius Pilatus*, Vorderseite: ein Lituus (priesterlicher Krummstab aus der römischen Religion) und die griechische Aufschrift TIBEPIOY KAICAPOC (des Kaisers Tiberius), Rückseite: umkränzte Jahresangabe




Kupfermünze Herodesdes Großen* (sein Name auf Griechisch), Rückseite: mazedonisches Sonnensymbol


Jüdische Münze (Schekel) aus der Zeit des ersten jüdischen Aufstands (66 n.Chr.), Vorderseite: Amphore, hebräische Umschrift (»Jahr 2«), Rückseite: Weinblatt, hebräische Umschrift (»die Freiheit Zions*«)


Römische Judäa*-capta-Münze. Vorderseite: Kaiser Vespasian (69–79 n.Chr.), Rückseite: Trauernde Frau unter einer Palme, symbolisiert die Trauer des besiegten jüdischen Volkes nach der Zerstörung Jerusalems*
DIE RÖMER UND DAS GELD
Die Menschen im Land Jesu litten unter der Ausbeutung durch die Römer. Aller Grund und Boden, alle Habe, Sklaven und Vieh waren mit Abgaben versehen. Dazu gab es indirekte Abgaben auf alle Handelsgeschäfte, die von Zöllnern*, besser: Steuerpächtern, eingetrieben wurden. An ihnen entlud sich der ganze Hass gegen Rom.
Viele Menschen verarmten völlig, bei einer schlechten Ernte konnte es sein, dass ein Bauer seinen Grund verpfänden musste oder sogar selbst in Schuldhaft kam.
Die Münzprägung war das Hoheitsrecht der Herrscher. Münzen waren wichtige Machtsymbole und Propagandamittel*.
UNTER FREMDER HERRSCHAFT
63 v.Chr. wurde Palästina* von Pompejus erobert. Zur Zeit der Geburt Jesu war Kaiser Augustus an der Macht. Palästina ließ er durch Herodes den Großen* regieren, der Jerusalem und den Tempel* prächtig ausbaute und Israel für die griechische und römische Kultur öffnen wollte. Wegen seiner Anpassung an die Besatzungsmacht und seiner Machtgier war er bei vielen Juden unbeliebt. Als Jesus erwachsen war, herrschte in Rom Kaiser Tiberius, in Galiläa* regierte Herodes Antipas*, Sohn Herodes’ des Großen. Die Provinz* Judäa* und die Hauptstadt Jerusalem* wurden direkt durch den römischen Präfekten Pontius Pilatus* verwaltet. 66 n.Chr. begann der jüdische Aufstand gegen die Römerherrschaft, der blutig niedergeschlagen wurde und 70n.Chr. mit der Zerstörung Jerusalems endete.
Vielfalt …
IN DER HÖHLE DES LÖWEN
»Hey, komm doch mal her!« Amos blickt erschrocken auf von den Orangensäcken, die er gerade vor der Burg Antonia ablädt. Der Römer sieht gar nicht unfreundlich aus, offenbar ein hoher Beamter. »Wie heißt du, Jude?« »Amos. Ich bin Kaufmann aus Jericho.« »Ich habe dich schon öfters hier gesehen. Du belieferst uns schon lange, ja? Deine Waren sind gut. Sicher willst du weiter Geschäfte mit uns machen. Setz dich her! Ich heiße übrigens Claudius. Ein Becher Wein? Ach ja, ihr esst und trinkt ja nicht mit unsereinem. Pass auf: Mein Chef, Pontius Pilatus*, macht sich viele Gedanken, warum es mit euch Juden ständig Ärger gibt. Da wollte er euch einen Gefallen tun und Wasserleitungen bauen – und ihr bedankt euch mit einem Aufstand!« »Es liegt an unserer Religion«, sagt Amos vorsichtig, »das Geld für die Wasserleitungen stammte aus dem Tempelschatz*.« »Genau deshalb frage ich ja. Wir Römer sind berühmt für unsere Toleranz. Eure Religion ist uns egal. Was machen wir falsch? Mit den Sadduzäern in Jerusalem* verstehen wir uns doch blendend! Die Priester* können in Ruhe ihren Opferkult praktizieren (zugegeben, bei heißem Wetter stinkt es ziemlich!) und sie respektieren uns. Wir lassen dem Hohenpriester*
freie Hand in Rechtsangelegenheiten – dieser Kaiphas, ein tüchtiger Mann!«
»Wir Juden sind nicht alle gleich«, erklärt Amos, »genauso wenig wie ihr Römer. Auf dem Land lebt man anders als in der Stadt, in Galiläa* anders als in Judäa*. Auch die Religion wird unterschiedlich praktiziert. Also ich, ich stamme aus einer pharisäischen Familie. Wir Pharisäer bemühen uns, den Alltag zu heiligen und so gut wie möglich nach den Geboten zu leben. Wir befolgen z. B. die Speisegebote und vermeiden am Schabbat* jede Arbeit.« – »Ihr sondert euch ab! Ihr wollt nichts mit uns zu tun haben!« Amos schweigt. Irgendwie hat Claudius ja recht. Er versucht abzulenken. »Wir sind friedliche Leute. Wir würden keinem etwas zuleide tun. Wir sind keine Zeloten!« »Diese Terroristen«, sagt Claudius scharf, »wir werden sie alle ans Kreuz schlagen!« »Eure Demütigungen hält eben nicht jeder aus. Gewalt provoziert Gegengewalt!«, entgegnet Amos – hat er zuviel gesagt? Claudius darf auf keinen Fall wissen, dass Amos’ Bruder Barabbas sich den Widerstandskämpfern in den judäischen* Bergen angeschlossen hat. Doch Claudius spricht schon weiter: »Was seid ihr für ein merkwürdiges Volk. Nie zufrieden. Hier ein Messias*, dort ein Heilsbringer. Warum findet ihr euch nicht endlich ab und genießt das Leben? Und das Verquerste ist ja diese Geheimorganisation am Toten Meer – kennst du da jemanden?« – »Nein, zu den Leuten von Qumran* hat niemand von uns Zutritt. Man sagt, sie haben einen Gegen-Tempel* aufgebaut, der nicht aus Stein ist. Sie feiern ihre eigenen Gottesdienste und halten die Reinheitsgebote* perfekt ein. Aber vor denen brauchst du keine Angst zu haben –sie warten, bis Gott seinen Messias schickt.«
»›Messias‹* – das Wort höre ich immer wieder.« –Amos’ Augen leuchten: »Der Friedenskönig! Die Propheten* haben es versprochen!« »Also so eine Art Rebellenführer?« »Die Zeloten sehen das so, ja. Wir Pharisäer glauben nicht, dass er Waffen nötig hat! Wann er kommt, hängt davon ab, wie gut wir Gottes Gebote einhalten.« – »Verrückt!«, murmelt Claudius. Er steht auf. »Das Gespräch mit dir war nicht uninteressant, vielleicht können wir es gelegentlich fortsetzen. Mein Verwalter soll dir deine Orangen gut bezahlen!«
Rollen

»Pharisäer« nennt man ein Getränk aus Kaffee, Rum und einer Sahnehaube. Angeblich hat man damit in einem nordfriesischen Dorf im 19. Jh. einen strengen Pfarrer, der keinen Alkohol zuließ, überlistet. Dieser soll, als er die Mischung entdeckte, ausgerufen haben: »Ihr Pharisäer!«
Aus dem Duden-Wörterbuch:
Pha|ri|sä|er
– Angehöriger einer altjüdischen, die religiösen Gesetze streng einhaltenden Bewegung – (gehoben abwertend) selbstgerechter Mensch; Heuchler – heißer Kaffee mit Rum und geschlagener Sahne
JÜDISCHE GRUPPEN ZUR ZEIT JESU
Den Pharisäern war wichtig, die Tora* (z.B. die Schabbat*- und Speisegebote) ganz genau einzuhalten und alles Unreine zu vermeiden. Das bedeutete, dass sie sich auch von der römischen Besatzungsmacht und ihrer Kultur konsequent fernhielten; jedoch lehnten sie den gewaltsamen Widerstand ab. Das Lernen der Tora und die Diskussion über ihre Auslegung waren ihnen wichtig – viele unter ihnen waren ausgezeichnete Schriftgelehrte, die Jesus damit sehr nahestanden (vgl. Lk 13,31 und Joh 3,1 ff.). Später wurden die Pharisäer im Neuen Testament teilweise sehr negativ dargestellt (z.B. Mt 23,13 ff.); je stärker im Christentum die Judenfeindschaft wurde, desto mehr wurden sie als »die typischen jüdischen Gegner Jesu« missverstanden. Auf der Grundlage ihrer Lehren beruht noch heute das gesetzestreue Judentum.
Schriftgelehrte waren in neutestamentlicher Zeit eine einflussreiche Gruppierung, die als Schriftkundige und Kommentatoren der jüdischen Überlieferung zu den Lehrern des Volkes wurden. Zur Zeit Jesu waren Hillel und Schammai die beiden wichtigsten Lehrer unter ihnen. Da das jüdische Gesetz für alle Lebensbereiche wichtig ist, hatten die Schriftgelehrten auch richterliche Befugnisse.
Zeloten: Der Name bedeutet wörtlich »Eiferer« und bezeichnet eine Gruppierung, die zur Zeit der römischen Herrschaft gewaltsamen Widerstand leis-
pha|ri|sä|er|haft
– in der Art eines Pharisäers, – wie bei einem Pharisäer üblich
Synonyme zu pharisäerhaft heuchlerisch, scheinheilig, unehrlich, unlauter
tete, weil sie die Tora als einzige Grundlage für das Leben des Volkes ansah und es strikt ablehnte, sich fremde Gesetze aufzwingen zu lassen. Den Messias* stellten sie sich als gewaltigen Kriegsmann vor, mit dessen Hilfe es dem Volk Israel gelingen würde, sich von den Römern zu befreien.
Die Sadduzäer waren eine religiös-politische Gruppe im Judentum, die sich um 200 v. Chr. herausbildete und vor allem einflussreiche und wohlhabende Kreise der Bevölkerung umfasste: reiche Landbesitzer, Kaufleute, Tempelpriester und Leviten*. Sie waren im Hohen Rat* (Staatsrat) vertreten und glaubten im Gegensatz etwa zu den Pharisäern nicht an die Auferstehung der Toten. Außerdem sahen sie sich als Bewahrer der alten Ordnungen und waren an Veränderungen wenig interessiert.
Über die Essener weiß man wenig; sie waren wohl eine Gemeinschaft überwiegend von Männern, die sich unter Führung eines »Lehrers der Gerechtigkeit« vom übrigen Judentum absonderten, um ein völlig reines und gottgefälliges Leben zu führen –was ihrer Ansicht nach in einer von den Römern beherrschten Gesellschaft nicht mehr möglich war. Sie hielten eigene Gottesdienste und Rituale ab, befolgten strenge Lebensregeln und erhofften den Sieg der »Söhne des Lichts« über die »Kinder der Finsternis«, wie sie die Welt außerhalb ihrer Gemeinschaft nannten. Möglicherweise hatte Jesus über Johannes* den Täufer Kontakt zu ihnen.
Galiläa:

Josephus* (ca. 37–100n.Chr.), ein jüdischer Schriftsteller, schwärmt von Galiläa*: »... in seiner ganzen Ausdehnung fruchtbar und reich an Viehweiden ... das ausgeglichene Klima passt auch für die verschiedenartigsten Gewächse; Nussbäume, die eine besonders kühle Witterung brauchen; daneben stehen Palmen, die Hitze brauchen, ferner Feigen- und Ölbäume unmittelbar dabei ... Weintrauben und Feigen

beschert der Boden zehn Monate lang ununterbrochen, die übrigen Früchte reifen nach und nach das ganze Jahr hindurch.«

In Kapernaum (Kafarnaum) hielten sich nach biblischem Zeugnis Jesus und seine Jünger* oft auf. Man fand dort unter einer Synagoge* aus dem 3.–4. Jh. Mauerreste, die zu der Synagoge gehören könnten, in der Jesus gepredigt hat (erfahrungsgemäß gibt es eine »Beständigkeit heiliger* Orte«, d.h. Gotteshäuser wurden oft an Plätzen ehemaliger Heiligtümer gebaut). Daneben hat man unter einer Kirche Reste von Wohnhäusern aus Jesu Zeit gefunden; eines davon wurde – das zeigen Inschriften – schon im 1. Jh. n.Chr. als Haus des Petrus* verehrt.

Markt in Akko, einer alten Stadt in Galiläa
Sog. »Haus des Petrus«, das später mit einer Kirche überbaut wurde
Ein sensationeller Fund gelang 1986: Im Schlamm des Sees Genezareth entdeckte man ein großes Fischerboot aus der Zeit Jesu, das man mühevoll barg und restaurierte. Man fand auch Überreste weiterer Schiffe – gab es hier eine Werft? Dazu passt, dass der Name des nahegelegenen Ortes Tarichea (bekannt auch als Migdal – früher Magdala –, die Heimat der »Maria Magdalena«) »Trockenfisch« bedeutet. Offenbar wurde hier eine seltene Fischart im großen Stil verarbeitet und exportiert – man hat bei Tarichea gefertigte Tongefäße in Ptolemais (heute: Akko) und in der Gaulanitis und Dekapolis gefunden. Auf der Via Maris, der Hauptverkehrsader des Landes, konnten die Waren transportiert werden.
Sepphoris, die von Herodes Antipas* befestigte und zur Zeit Jesu blühende Stadt mit ca. 10.000 Einwohnern, rückte erst durch Ausgrabungen seit ca. 1990 ins Bewusstsein der Bibelwissenschaftler. Hat Jesu Vater, hat vielleicht sogar Jesus selbst als Bauhandwerker am Aufbau dieser Stadt mitgearbeitet? Kannte er das große Theater? Konnte er griechisch sprechen? Die Forscher sind sich nicht einig. Denn Sepphoris wird in der Bibel nicht erwähnt.





Funde aus der »Höhle der Briefe in Qumran*« in der Nähe des Toten Meeres: Schuh, verschiedene Utensilien aus dem Besitz von Frauen, Glasgeschirr, Kämme, Korb


bzw. restauriertes antikes Theater von Sepphoris
Nazareth*, heute eine Stadt von 6000 Einwohnern, ist als Heimatort Jesu berühmt geworden. Tatsächlich hat man Reste von Höhlenwohnungen entdeckt. Doch Nazareth muss ein völlig unbedeutendes Nest gewesen sein. Weder die Synagoge* noch irgendein bedeutendes Bauwerk hat man gefunden. Nach Nazareth führten nur Feldwege, allerdings waren Sepphoris und die gut ausgebaute Via Maris nur wenige Kilometer entfernt.
Eine Touristin erzählt: »In einem Dorf in Galiläa wurde mir von einer Bäuerin ein Fladenbrot aus Weizenmehl angeboten. Mit Olivenöl und Kräutern gewürzt schmeckte es köstlich. Dazu bekam ich einen Schluck Wein. Das erinnerte mich an die Frauen der Bibel, an Jesu Mutter, an Maria und Martha und an Jesus selbst, der mit seinen Freunden und Freundinnen so gerne aß und trank. Es war, als ob die Zeit stehen geblieben wäre!«
Bergung des antiken Bootes – seit 2000 ist es im Yigal-Allon-Museum zu sehen
Ausgegrabenes
Jerusalem

STADT DES TEMPELS UND DER REGIERUNG
Jerusalem war zur Zeit Jesu Hauptstadt der Provinz* Judäa*. Der von Herodes demGroßen* prächtig ausgebaute Tempel stellte das Zentrum der jüdischen Religion dar. Die Juden verehrten ihn als Ort der Gegenwart des Gottes, von dem man sich kein Bild machen und dessen Namen man nicht aussprechen durfte. Im Tempel vollzogen Priester* und Leviten* den Opferkult. Das Allerheiligste im Zentrum des Tempels durfte nur der Hohepriester* am Versöhnungstag* betreten. In abgestuftem Abstand zu diesem »Mittelpunkt der Welt« hatten die anderen Menschen Zutritt zu den Tempelbereichen: Priester, (jüdische) Männer, (jüdische) Frauen, Nichtjuden.
Direkt an den Tempel grenzte die römische Burg Antonia. Der Hohepriester und die Sadduzäer* kooperierten so gut mit den Römern, dass der römische Präfekt* ruhig am Mittelmeer im kühleren Cäsarea residieren konnte. Nur zu den großen Festen, wenn die Menschen aus dem ganzen Land in die Heilige Stadt pilgerten, kam er in die Hauptstadt, um Unruhen vorzubeugen. Natürlich florierte rund um den Tempelkult auch das Geschäft, v.a. mit Opfertieren. Dies hatten schon Propheten* wie Amos und Jeremia heftig kritisiert. Jesu »Tempelreinigung« (Mk 11,15–18) war vermutlich einer der Hauptgründe für seine Auslieferung an die Römer durch den Hohen Rat*.
Aus einem Pilgerlied
Ich freute mich, als man mir sagte: »Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.« Schon stehen wir in deinen Toren Jerusalem. Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut und fest gefügt.
Dorthin ziehen die Stämme hinauf, die Stämme des Herrn, wie es Israel geboten ist, den Namen des Herrn zu preisen. [...]
Erbittet für Jerusalem Frieden! Wer dich liebt, sei in dir geborgen. Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit. [...] Psalm 122 (Einheitsübersetzung)

gleiter [5]
Moderne 3D-Rekonstruktion des herodianischen Tempels


Jüdinnen und Juden beten an unterschiedlichen Stellen an der Klagemauer und stecken zwischen die Steine Zettel mit Gebeten.
Stadt der Sehnsucht
HEILIGE* STADT
70 n.Chr. schlugen die Römer den jüdischen Aufstand blutig nieder und machten Jerusalem dem Erdboden gleich. Nur noch ein Teil der Westmauer blieb übrig – die heutige »Klagemauer«, für Jüdinnen und Juden ein heiliger Gebetsort. Auf dem Tempelberg stehen nun der islamische »Felsendom« mit seiner goldenen Kuppel und die Al Aqsa Moschee. Jerusalem ist heute heilige* Stadt dreier Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Juden und Palästinenser beanspruchen sie als Hauptstadt.
»… NÄCHSTES JAHR IN JERUSALEM«
Für Jüdinnen und Juden in aller Welt ist Jerusalem (auch »Zion«* genannt) Stadt der Sehnsucht. »Dieses Jahr hier, nächstes Jahr in Jerusalem«, sagen sie am Ende jedes Pessachfestes*. Auf Seite 56 sieht man den Tempelberg vom jüdischen Friedhof aus. Es ist eine Ehre, dort, wo einst der Messias* kommen wird, begraben zu sein. Auch für Christinnen und Christen verbindet sich die Hoffnung auf das Reich Gottes mit dem »neuen Jerusalem« (Off 21,2).
So spricht der Herr:
Ich kehre wieder auf den Zion zurück und will zu Jerusalem wohnen, dass Jerusalem »Stadt der Treue« heißen soll. [...] Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.
aus Sach 8,3–5


Keramikplatten für Matzen (ungesäuertes Brot, das an Pessach* gegessen wird) sind oft mit Bildern von Jerusalem geschmückt.
Halacha heißt Weg

AUFMERKSAM LEBEN
Die Freude an der Tora, das Nachdenken über ihre Auslegung und der Versuch, danach zu leben, bilden das Zentrum der jüdischen Religion. Hebräisch Tora bedeutet nicht einfach »Gesetz«, sondern: »Wegweisung«, »Lebensorientierung«. Der Begriff bezeichnet besonders die Fünf Bücher Mose. Nach der Überlieferung wurden Mose am Berg Sinai* nicht nur die Zehn Gebote*, sondern auch deren gesamte schriftliche und mündliche Interpretation offenbart. Mit »Halacha« (»Gehen«, »Weg«) bezeichnet man den gesamten rechtlichen Teil der Überlieferung. Die Halacha regelt das ganze Leben: Es gibt vor Gott keinen unwichtigen Bereich. Der Alltag ist Gottesdienst, selbst die Küche soll »heilig«* sein. So achtet man darauf, Speisen koscher* (»rein«) zuzubereiten.
»Unrein« im Sinne der Reinheitsgebote meint dabei nicht »schmutzig«, sondern: Etwas entspricht nicht dem Willen Gottes, ist nicht gut für mich. Doch was heißt das in der konkreten Situation? Das muss immer wieder neu überlegt und diskutiert werden. Streit gehört dazu! »Drei Juden – vier Meinungen«, lachen Jüdinnen und Juden über sich selbst.
MOSCHE, EIN ORTHODOXER* JUDE, ERKLÄRT ZU
DEN SPEISEGESETZEN:
»Unser religiöses Leben ist sehr eng mit dem Essen verknüpft. Die Juden haben große Ehrfurcht vor dem Esstisch. Er hat etwas mit dem Altar zu tun. Wenn wir das Dankgebet sprechen, darf kein Messer auf dem Tisch sein. Wir bitten um Frieden und Leben und denken nicht ans Töten. Wenn wir auch Tiere essen, sollten wir uns als Juden doch immer bewusst sein, dass wir Leben nehmen, wenn wir Fleisch essen. Wenn man tierisches Leben missachtet, wird man wahrscheinlich auch vor menschlichem Leben keinen Respekt haben. In orthodoxen Häusern wachsen die Kinder mit dem Bewusstsein auf, dass es bei ihnen Dinge gibt, die man tut, und Dinge, die man nicht tut. Sie lernen es, sich auf besondere Speisen an besonderen Festen zu freuen. Die Kinder empfinden sie deshalb nicht als Zwang. Aber wie ein Sportler täglich trainieren muss, so müssen auch wir uns und unsere Kinder trainieren. Unsere Speisegesetze sind das stolze Abzeichen unseres Volkes, nicht der gelbe Stern*, den Hitler uns aufzwang.«
Mithilfe von Apps kann man, z.B. durch Einscannen der Barcodes, beim Einkaufen prüfen, ob Lebensmittel koscher sind.

Juden feiern Simchat Tora*.

Lebenslanges Lernen
Lernen – ein Leben lang


Haggada* für KinderJüdische Kindergartenkinder
»Ich darf noch nicht zum Fußballspielen kommen, muss noch lernen. Wie langweilig!
»Das möchte ich noch genauer verstehen.
»Jetzt hab’ ich’s! Das ist die Lösung!
»Wiederholt bitte den Lernstoff auf S. 15!
»Du musst lernen, dich zu wehren!
LERNEN IN JÜDISCHER TRADITION
Wer sich an der Diskussion um die Auslegung der Tora* selbstständig beteiligen will, muss darüber gut Bescheid wissen. Daher ist das Lernen im Judentum so wichtig.
Zum Studieren, Diskutieren und zum Beten traf man sich schon zu Jesu Zeit in der Synagoge*; Jesus selbst hat in Synagogen gelehrt und wird Rabbi*, Lehrer, genannt.
In früheren Zeiten lernten v.a. die Jungen von Kind auf Lesen und Schreiben, um die Tora und ihre Kommentare verstehen zu können. Doch auch die Mädchen konnten sehr viel von ihrer Tradition lernen, z.B. in der Küche, beim Vorbereiten und Feiern von Festen und beim Entzünden der Schabbatkerzen gemeinsam mit ihrer Mutter. Heute lernen Jungen und Mädchen meist gemeinsam und nicht nur Jungen feiern ihre Bar Mizwa*, sondern auch Mädchen (Bat Mizwa).
Nach jüdischer Auffassung kann und soll man lernen, solange man lebt.
»Nach meinem Jahr in England war ich ein neuer Mensch!
»Ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.
»Was du gestern gesagt hast, hat mir zu denken gegeben.
Drei jüdische MERKes:
»Die Welt steht auf dem Atem der Schulkinder.«
»Wer sind die Wächter der Stadt? – Die Lehrer der Kinder.« »Der Unwissende kann nicht fromm sein.«

Freiheit – erinnert …
Wenn dich morgen dein Kind fragt: Was sind das für Weisungen, Bestimmungen und Vorschriften, die euch der Herr, unser Gott, gegeben hat, dann sollst du deinem Kind antworten: Wir waren Sklavinnen und Sklaven des Pharao in Ägypten und der Herr hat uns mit starker Hand aus Ägypten geführt.
Dtn 6,20 f.

BeMERKenswert: Hier heißt es nicht: »Frag nicht soviel!«
ERINNERUNGSFESTE
Schon in biblischer Zeit gab es die drei Wallfahrtsfeste, die die Befreiung aus Ägypten und die Wüstenwanderung erinnernd vergegenwärtigen: Pessach*, Sukkot* und Schawuot*.
Zur Zeit des Tempels* pilgerten die Gläubigen an Pessach nach Jerusalem*. Heute wird dieses Fest meist zu Hause gefeiert. Es beginnt mit dem Sederabend. Auf die Frage des jüngsten Kindes: »Warum ist diese Nacht anders als andere Nächte?«, antwortet der Vater mit der Pessach-Haggada*, der Erzählung vom Auszug aus Ägypten, die von symbolischen Speisen begleitet wird. Die Feiernden können ihre eigenen Erfahrungen, ihre Sorgen und ihre Hoffnungen in die alte Geschichte hineinlegen. Die Tür bleibt einen Spalt auf für den Propheten* Elia*, den Vorboten des Messias*. Vielleicht kommt er ja gerade heute!
An Sukkot, dem Laubhüttenfest, wird in selbstgefertigten provisorischen Hütten gelebt, durch deren Dach der Himmel sichtbar sein soll. Das Fest erinnert an die Erfahrungen der Wüste: ohne ein Dach über dem Kopf, immer unterwegs und doch von Gott begleitet.
An Schawuot gedenken Juden an die Gabe der Tora* am Sinai*; zugleich danken sie Gott für die Ernte.

Sedertisch: Aus der Pessachhaggada wird die Geschichte vom Auszug aus Ägypten gelesen. Ein Platz mit Gedeck bleibt frei für den Propheten* Elia*.
Rollen
»Denn uns ist ein Kind geboren [...] und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, EwigVater, Friede-Fürst.« Jes 9,5
»Sie werden Schwerter zu Pflugscharen* machen!« aus Micha 4,3

»Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.«
Jes 42,2
»Ein Reis wird hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes.« Jes 11,1f
»Da wird der Wolf beim Lamm wohnen.« Jes 11,6a

»Ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel!« Sach 9,9b

»MESSIANISCHE GYMNASTIK«
Der jüdische Schriftsteller Manes Sperber (1905–1984) erzählt von seiner Kindheit in Osteuropa:
stimmt hat wie die Idee, dass diese Welt nicht bleiben kann, wie sie ist, und dass sie ganz anders, besser werden kann, und dass sie es werden wird.
die mich so überwältigt und meinen Weg so stetig be-
ich, seit ich denken kann, keiner Idee begegnet bin,
Aber die Zuversicht, mit der ich den Messias erwartet hatte, war die gleiche geblieben. Es mag sein, dass
Längst beachtete ich nicht mehr die zahllosen Verbote, die den Alltag des frommen Juden beherrschten.
Später dachte ich oft an Bereles Kopfstandübungen.
te ich auf den Händen gehen, mit dem Kopf so lange nach unten, bis mir schwindlig wurde.
tion zu vermeiden, galt es, den Kopfstand rechtzeitig zu üben, erklärte Berele. Unter seiner Anleitung lern-
te daraus, dass man plötzlich auf den Kopf zu stehen kommen würde. Um nun diese unangenehme Situa-
Wie die Erwachsenen wussten auch wir Kinder, dass der Messias jeden Augenblick auf die Erde herabsteigen könnte. Unsere Erlösung würde erst einmal mit einer »Umkehrung der Welt« beginnen. Berele folger-

MESSIASHOFFNUNG
Messias, hebr. maschiach, griech. christos, bedeutet: der Gesalbte (König). Zur Zeit Jesu erhoffte sich das jüdische Volk einen von Gott geschickten Messias, der die Römer aus dem Land vertreibt und Frieden (schalom*) bringt. In dieser bewegten Epoche traten immer wieder Personen als angebliche Messiasse auf, scharten Leute um sich und verkündeten den Umsturz. Die Römer machten mit ihnen kurzen Prozess. Wenn Christinnen und Christen Jesus »Christus« nennen, drücken sie damit aus, dass sie in ihm den von Gott gesandten Messias sehen. Im Unterschied dazu warten Jüdinnen und Juden weiterhin auf den Messias – die Tür für Elia* bleibt offen!
Die Comicfigur Superman stammt ursprünglich aus der Feder zweier junger jüdischer Amerikaner.

»War das Zimmer vorher leer?
»Auf dem Stuhl liegt ein Kissen – wie für einen König!
»Die beiden haben sonst wenig Zeit zum Tanzen!
»KostbarerWein–einFreudenzeichen!

»Nur ein Tag – wenn er doch ewig dauern würde!
»Wie Tischleindeckdich.
»Gleich wird er verschwunden sein!
»Einfach nur da sein dürfen!
»Alles ist anders als sonst. Wie verzaubert!
Marc Chagall, Illustration zu »Der Zauberer«
SCHABBAT
Der Schabbat (Sabbat), der jüdische Ruhetag, beginnt – traditionell begangen – am Freitagabend bei Sonnenuntergang mit dem Entzünden der Kerzen, einem Synagogen*gottesdienst und einem festlichen Mahl. Die zwei Kerzen stehen für die beiden biblischen Wurzeln des Schabbat: Das Schabbatgebot wird einmal mit der Ruhe Gottes am 7. Schöpfungstag begründet (Ex 20,8–11), ein anderes Mal mit der Befreiung aus Ägypten (Dtn 6,12–15). Der Schabbat ist damit auch ein Fest der Freiheit und Gleichheit der Menschen. Es stimmt nicht, dass man am Schabbat »nichts tun« darf. Er ist ein Tag für die Familie, für Freunde, für sich selbst; man hat Zeit füreinander, es wird gespielt, gefeiert, gesungen, getanzt, geredet, gegessen – der Schabbat, so heißt es, gibt einen Vorgeschmack auf das Reich Gottes. Verboten ist jede Tätigkeit, die in die Schöpfung eingreift: Bauen, Abreißen, Feuer machen, sogar das Anschalten einer Lampe. Auch die Küche bleibt kalt. Dies praktizieren Jüdinnen und Juden heute unterschiedlich streng. Schon zur Zeit Jesu gab es Streit um den Schabbat (wie ja überhaupt Streit zur Auslegung der Tora* gehört). Nie war allerdings umstritten, dass einem Menschen, der in Gefahr ist, am Schabbat geholfen werden muss. Der Schabbat ist ja für den Menschen da! Auch Jesus hat bei dieser Diskussion deutlich Position bezogen, indem er am Schabbat öffentlich Kranke geheilt hat (z.B. Mk 3,1–6, Lk 13,10–17).
ZWEI RABBIS* IM GESPRÄCH
Ein Fremdling bat Rabbi Schamaj: »Nimm mich in das Judentum auf unter der Bedingung, dass du mir die ganze Tora erklärst, während ich auf einem Bein stehe.« Schamaj warf ihn wütend hinaus. Da trat der Fremdling mit der gleichen Bitte an Hillel heran: Dieser nahm ihn auf und sagte: »Was du nicht willst, das man dir tut, das tue auch deinem Nächsten nicht an; das ist die ganze Lehre. Alles andere ist nur Erläuterung. Geh hin und lerne sie!«

Lecha Dodi – Im Synagogen*gottesdienst wird der Sabbat mit diesem Lied feierlich begrüßt: traditionell
Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Das Angesicht des Schabbat wollen wir empfangen! Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Die Königin Schabbat wollen wir empfangen!
Vaterhaus

[…] da fanden sie ihn im Tempel* sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Lk 2,46 b–47

Vasily Polenov, Mitten unter den Lehrern (1896)
Albrecht Dürer, Der zwölfjährige Jesus im Tempel (1496/98)
Im Zusammenhang
wiedergeben ++ beschreiben ++ wahrnehmen ++ deuten ++ reflektieren ++ urteilen ++ kommunizieren ++ sich ausdrücken












Was hast du dazugelernt, was kannst du jetzt besser als vorher (vgl. die Vorschau auf S. 45)?


Was hat dir Freude gemacht, was weniger?
Was war besonders wichtig?
Was sollte man sich merken?
Worüber möchtest du nochmal nachdenken?













Rollen
