Edwin Baumgartner
Geschichten aus der Hauptstadt der Marotten
EDWIN BAUMGARTNER
Wiener Wahn Geschichten aus der Hauptstadt der Marotten
Im Buch kommt sie als die Lektorin meines Vertrauens vor. Das ist sie. Und noch viel mehr. Für Petra
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Mehr Bäume. Weniger CO2. www.cpibooks.de/klimaneutral
Copyright © Claudius Verlag, München 2020 www.claudius.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden. Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt, München unter Verwendung von © BlazJ/shutterstock.com (Riesenrad) und © Vextok/shutterstock.com (Vogel) Layout: Mario Moths, Marl Gesetzt aus der Sabon LT Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck ISBN 978-3-532-62854-6
Inhalt Wien und die Wiener (quasi ein Prolog)
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Die frĂźheren Zeiten
13
Der Piwonka
22
Die Kaiser
31
Der Nandl
41
Der Zilk
51
Der Kreisky
58
Die Reichsgräfin und der Baron
67
Der Waldheim
75
Der Mozart
81
Die Mozart und die Einzi
92
Der Marcello
101
Der Zobl
110
Der Pfaff vom Kahlenberg
117
Die Tante Hilde
124
Der Kyselak
130
Die Unbeugsamen
136
Die Chernel
142
Der Calafati
150
Die Indianer
158
Der HĂśrbiger
168
Die Tante Gusti
172
Der Schachspieler
180
Die Barbie-Schwestern und die Saxophonspielerin
189
Der Narrendattel
195
Ludwig van Beethoven
201
Der Waluliso
212
Der Altenberg
218
Die Zornbinkel
225
Der Cap
232
Der Adriano
241
Der Auhirsch
246
Der PompfĂźneberer
254
Die Ingrisch
260
Der Psychologe
269
Der Tod
277
Der Basilisk
286
Literaturverzeichnis 291 Anmerkungen 295
Wien und die Wiener (quasi ein Prolog)
Das ist aber schön, dass ich Sie hier treffe. Wie, als hätten wir uns verabredet, würde ich sagen, wenn wir uns nicht verabredet hätten. Aber wir haben uns verabredet, Sie und ich, und jetzt treffen wir einander, und es ist mir eine Riesenfreud’. Sie haben eh noch nicht lange gewartet, hoffe ich? Wissen S’, die Tram1 hat eine Störung gehabt, deshalb habe ich mich um die paar Minuten verspätet. Was gibt’s Schöneres in Wien, als dass wir uns hier treffen, grad in dem Kaffeehaus und grad heut’. Wollen Sie lieber draußen sitzen? Ich richte mich ganz nach Ihnen. Herr Ober! Wobei, wissen Sie, ich sitze lieber drinnen. So herrlich kann die Sonne nicht scheinen, und so schön kann die Amsel nicht zwitschern: Kaffeehaus ist für mich der Samtbezug auf den Bänken, und wenn die Marmortischplatte da und dort ein bisserl ausgeschlagen ist, gehört das dazu. Was hätten wir denn draußen? – Blechtische und Blechsessel. Na ja, und die Sonne halt. Aber Sonne und Kaffeehaus, das verträgt sich irgendwie nicht. Den Schatten von ein paar Bäumen hätten wir natürlich auch, wollen Sie sagen, der würde grad recht zur Sonne passen? – Jo, eh2. Wissen Sie, wenn ich im Schatten von
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einem Baum sitzen will, dann geh’ ich zu einem Heurigen. Sie können übrigens gerne mitkommen. In einem Kaffeehaus brauche ich, ich hab’s schon gesagt, eine Sitzbank mit Samtbezug, ein bisserl abgewetzt und durchgesessen, bitteschön, oder einen Holzsessel mit einer Sitzfläche ohne Polsterung, übrigens nach Möglichkeit rund, die Sitzfläche, und wenn der Sessel beim Niedersetzen knarrt und so tut, als würde er unter meinem Gewicht zusammenbrechen, dann ist das grad recht, weil er ja nur so tut als ob, der Sessel, in Wahrheit ist es ihm ganz wurscht, ob die Person, die sich auf ihn setzt, fünfzig, hundert oder hundertfünfzig Kilo hat. Das Knarren ist sozusagen seine Unmutsäußerung. Grantig ist er, der Sessel, und Grant ist eine charakteristische Äußerung des Wiener Gemüts. Darum gehört der knarrende Sessel zu einem Wiener Kaffeehaus dazu. Grantig ist er, weil er was zu tun bekommen hat, der Sessel, er muss einen Gast tragen, manchmal muss er auch einen Gast ertragen, und das mit einem Körperteil … Seien Sie ehrlich: Wären Sie gerne ein Sessel? Ich nicht. Was nehmen Sie? Den Kaiserschmarrn könnt’ ich empfehlen, wie immer. So, Herr Ober, wir nehmen zweimal den Kaiserschmarrn, bitte, dazu einen großen Braunen und für mich einen Einspänner – oder, nein: bringen Sie mir doch bitte einfach eine Melange. Und jetzt verraten Sie mir, bitte, wie Sie auf die Idee kommen, ich soll Ihnen was erzählen über Wiener mit einem Pecker3 und Wiener Originale? Das läuft ja sowieso oft aufs Gleiche hinaus. Über solche Leute kann ich Ihnen schon allerhand erzählen, so ist das nicht. Ich frage mich
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nur, über wen allen ich Ihnen was erzählen soll in einem vernünftigen Rahmen, so, dass wir nicht hier übernachten müssen. Ich hätte zwar nichts dagegen, aber beim Herrn Ober bin ich mir weniger sicher. Wenn ich anfange mit dem Thema, hör’ ich nämlich lang nicht mehr auf. Wissen Sie, wo das Wort „Spinner“ herkommt? Ich hab’s nachgeschaut, extra für Sie, als Sie mir angekündigt haben, Sie möchten, so wie Sie sich vornehm ausgedrückt haben, von mir etwas über die Wiener mit einem Spleen erfahren. Spinner kommt wirklich vom Spinnen, also einen Faden spinnen, aber gemeint ist ein falscher gedanklicher Faden. Für mich geht die Bedeutung noch weiter: Für mich sind die Spinner die Menschen, die sich in eine eigene Welt so einspinnen, dass sie sozusagen in der Mitte des Knäuels ihrer Ideen sitzen. Da sind alle dabei, die Spinner, die Eigenbrötler, die Käuze, die Narren, die Orginale, die mit einem Pecker, also kurz: die Wiener. Wissen sie, ich mag diese Leute, die mit einem Pecker, die Spinnerten und die Sonderlinge, ich mag sie sehr, und wenn ich von ihnen erzähle, geht’s quer durch den Gemüsegarten. Da sind Kaiser dabei und Leute, denen man auf der Gasse begegnet. Manche sieht man täglich, ohne zu wissen, wie sie heißen. Sieht man sie ein paar Tage nicht, fragt man sich, was los ist mit ihnen, weil es doch eine liebe gewohnheit ist, ihnen zu begegnen, sie gehören zu einem guten Tag wie der Kaffee, der Sonnenaufgang und der Sonnenuntergang, und zwar in dieser Reihenfolge, bitte, und man atmet auf, wenn man sie ein paar Tage später wieder trifft. Wie das halt ist in einem Grätzel4. Sogar aus meiner eigenen Familie muss ich Ihnen was erzählen, denn wenn die Tante Gusti keinen
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Pecker gehabt hat, dann hat niemand jemals einen Pecker gehabt, und niemand wird jemals einen Pecker haben. Von der Tante der Lektorin meines Vertrauens muss ich Ihnen auch was erzählen, Ihnen darf ich es weitersagen, das hat mir die Lektorin meines Vertrauens erlaubt. Wir sind ja unter uns. Grad in Wien ist es überhaupt keine Schande, einen Pecker zu haben oder ein Sonderling zu sein oder ein Original. Sie müssen nämlich wissen: In Wien ist nur einer normal, der einen Pecker hat. Ein Wiener, der keinen Pecker hat, hat einen Pecker, oder er ist kein Wiener. Wien ist ja immer voll mit Menschen gewesen, die so ein bisserl, wie soll ich sagen: etwas Außergewöhnliches an sich gehabt haben. Ich glaube sogar, Wien zieht diese Menschen an, so, wie der Nordpol die Magnetnadel von einem Kompass. Anders kann ich mir das nicht erklären. Das hat schon in den ganz alten Zeiten angefangen mit den Spinnern, damals, bei den Römern, als Wien noch Vindobona geheißen hat. Der Kaiser Marc Aurel5 zum Beispiel: Statt, dass er zu Hause bleibt, Orgien feiert und im Circus ein paar Tierhetzen, Gladiatorenkämpfen und Seeschlachten zuschaut und was sonst noch für einen gestandenen Alt-Römer eine Hetz6 gewesen ist, zieht er nach Oberpannonien, wo es wirklich kalt ist und windig ist, und wo weit und breit keine frische Barbe zu bekommen ist und keine ordentliche Fischlake7, und schreibt eines der klügsten Bücher über Gelassenheit, das je verfasst worden ist. Kann gut sein, dass er damit auf Vindobona reagiert hat. Er hat das Buch quasi zu seiner eigenen Beruhigung geschrieben, davon bin ich überzeugt. Jeder, der unter Ner-
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vosität leidet und mit dem modernen Leben nicht zurechtkommt, sollte sich diese „Selbstbetrachtungen“ zu Gemüte führen. Danach schaut die Welt wieder anders aus, und zwar besser. Ein römischer Kaiser, der zu Bescheidenheit und Gelassenheit rät – das nenne ich einen Spinner! Aber vielleicht war er es, der den Wienern ihre Lebensweise in die Wiege gelegt hat: Wenn der Herrgott net will, nutzt es gar nix, sei net bös’, net nervös, denk, es war nix. Renn’ nur nicht gleich verzweifelt und kopflos herum, denn der Herrgott weiß immer, warum.
Das ist der Refrain aus einem Wienerlied, das der Hans Moser8 gesungen hat. Wenn der Marc Aurel nicht Kaiser geworden wäre, wäre er vielleicht der erste WienerliedDichter geworden. Das Zeug dazu hätte er gehabt, das Verständnis für die Wiener Seele, meine ich. Manche Wiener sind nur einen Moment lang spinnert. Das blitzt eine Sekunde lang auf, und schon hat man das Gefühl, das Gegenüber, just wegen seiner Spinnerei, schon eine halbe Ewigkeit zu kennen. Sie wissen schon, was ich meine. Diesen wunderbaren Wiener Spinnern verleiehe ich allen den Adelstitel. Ja, ich kann das, obwohl ich kein Kaiser bin, und obwohl der Adel in Österreich bei Strafe abgeschafft ist. Ja, wirklich, wenn einer unrechtmäßig einen Adelstitel führt, kann das mit einer Geldbuße in der Höhe von 14 Cent geahndet werden. Stellen Sie sich vor, was da auf die Jahrln zusammenkommen kann. 50 Jahre einen Adelstitel führen, kostet glatt 210 Euro. Eigentlich hätt’ ich Lust, mir das zu leisten. Sie auch?
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Aber der Adelstitel, den ich verleihe, das ist kein echter, also kein strafbarer, sondern der Volksadelstitel. Der ist kein „von“, kein „Freiher“, kein „Edler“, kein „Graf“ oder sonst was, das ist der bestimmte Artikel vor dem Namen. Dann wird aus Bruno Kreisky „der Bruno Kreisky“ oder „der Kreisky“ und aus Kaiser Ferdinand I. wird der Kaiser Ferdinand, wenn man ihn nicht gleich „der Nandl“ nennt. So ist das mit dem Volksadelstitel, und den verleihe ich gerne – aber nur an die Würdigen, also an die Sonderlinge und die mit einem Pecker. Apropos Kaiser und Kreisky: Also die früheren Zeiten – ich sage Ihnen …
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Der Calafati
Jetzt muss ich Ihnen was erzählen, und zwar vom Calafati. Der Calafati hat keinen Vornamen, und die Wiener haben ihm ein Denkmal gesetzt. Das steht am Eingang vom Wurstelprater. Früher haben die Wiener die Statue auch den „großen Chineser“ genannt, weil sie asiatische Gesichtszüge hat und ein Gewand, das ausschaut, als wäre es aus einer Provinzinszenierung von Franz Lehárs Operette „Das Land des Lächelns“. Das muss wirklich ein sehr großer Mann gewesen sein, der Calafati, auch, was seine Körpergröße betrifft, weil einem Zwerg würde man nicht als Riesen ein Denkmal setzen. Vielleicht ist der Calafati ein Kaufmann gewesen, den es aus dem fernen China nach Wien verschlagen hat, oder er ist ein Ringer gewesen, das passt schon besser zum Wurstelprater, oder ein Zauberkünstler. Ja, so muss es gewesen sein: Er ist er ein Zauberkünstler gewesen, der Calafati der aus dem fernen China in den Wurstelprater gekommen ist und da Schwerter geschluckt und Feuer gespuckt hat und aus dem Nichts wunderbare Gestalten durch die Luft fliegen hat lassen, einen Kaiser mit seinen Konkubinen, gefolgt von einem Drachen. So wunderbar sind die Künste des Calafati gewesen, dass man ihm nach seinem Tod ein Denkmal gesetzt hat. Vielleicht aber der Calafati nur eine Chimäre gewesen, die Gestalt eines Ma-
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giers aus fernem Land, wie ihn sich die Wiener vorgestellt haben, ungefähr so, wie der liebe Augustin: Ein bisserl was Wahres ist dran, der Rest ist Schmäh. Das Denkmal vom Calafati jedenfalls ist fast so eine Art Wiener Wahrzeichen, nicht ganz im Rang vom Stephans dom, nicht ganz im Rang vom Riesenrad, das auch im Wurste lprater steht, aber mit dem Donauturm zieht er gleich. Als Kind habe ich eine riesen Angst gehabt vor dem Calafati, also vor dem Denkmal. Wenn mich meine Großmutter in den Wurstelprater geführt hat, hab ich immer gesagt: „Aber, bitte, nicht zum Calafati.“ Ich weiß aber gar nicht, ob ich wirklich Angst vor dem Calafati gehabt habe, oder ob ich das nur vor der Großmutter gespielt habe, weil sie mir dann immer zur Beruhigung eine Geschichte von früher erzählt hat, vom alten Wien und vom Kaiser. Damit hat sie bei mir wahrscheinlich den ganz speziellen Samen gelegt, der jetzt dazu führt, dass wir beide, Sie und ich, uns über Wien und die Wiener unterhalten. Meine Großmutter hat meinetwegen also immer einen Umweg gemacht auf dem Weg zur Hochschaubahn. Dorthin nämlich hat der Weg geführt. Die Hochschaubahn ist eine alte Achterbahn. Die ursprüngliche ist im Krieg abgebrannt, aber nicht durch Bomben, sondern durch einen Kurzschluss. Die neue, die auch schon wieder alt ist, die hat man 1950 errichtet. Hochtrabend hat man sie „Alpenbahn“ genannt, weil sie durch eine Berglandschaft fährt, die ganz aus Papiermache gefertigt ist. Aber weil überall Gartenzwerge stehen, heißt sie im Volksmund die „Zwergerlbahn“. Sieben Tunnel hat sie, dreimal geht es steil
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inunter, am steilsten beim ersten Mal, und dann kommt h schon der boshafte Zwerg, der quer zur Fahrtrichtung einen Wasserstrahl ausspuckt. Schnell ducken, sonst wird man klatschnass. Oder Kopf hinauf an heißen Tagen, da kann man sich, zusätzlich zum Hochschaubahnvergnügen, eine Erfrischung holen. Sehen Sie, den heutigen Wurstelprater können Sie nicht mit dem Wurstelprater meiner Jugend vergleichen, wie Sie auch den Wurstelprater meiner Jugend nicht mit dem Wurstelprater früherer Zeiten vergleichen können. Heute hat der Wurstelprater viele Attraktionen, die auf Mutproben hinauslaufen: Achterbahnen, die mit irrsinniger Geschwindigkeit fahren und steil hinabstürzen, oder man lässt sich aus großer Höhe hinunterfallen und solche Sachen. Das ist früher ganz anders gewesen. Man hat seiner Freundin imponiert, wenn man ihr an der Schießbude mit dem Luftdruckgewehr eine Rose oder ein Stofftier geschossen hat, und wenn man sich als Kraftlackel aufführen hat wollen, dann hat dem Watschenmann157 eine Dachtel158 gegeben. Dazu steht er ja da mit seinem Lederkopf und dem angeschlossenen Kraftmesser. Der Watschenmann ist so populär, dass man im Wienerischen sagt: „I bin do net da Watschenmann“, wenn man auf Hochdeutsch meint, man möchte nicht der Fußabstreifer sein. Auch eine Satiresendung im Radio hat „Der Watschenmann“ geheißen. Ja, das ist mein Wurstelprater gewesen, mit Ringelspiel und Autodrom, mit dem Toboggan159, dem Spiegelkabinett, in dem man dick und dünn sein konnte und groß und klein, mit dem Watschenmann und der Geisterbahn, vor deren Geistern sich keiner je gegruselt hat, der Liliputbahn, die
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hinausfährt aus dem Wurstelprater und entlang der Prater Hauptallee ihre Runde dreht, dem Riesenrad, das auch ein Wiener Wahrzeichen geworden ist, dem Planetarium, der Kasperlbühne und eben der Zwergerlbahn. In meinem Wurstelprater ist es ums Staunen gegangen und ums Vergnügen, nicht darum, mutig zu sein, Höhenängste zu besiegen oder absichtlich seekrank zu werden. Von dem noch älteren Wurstelprater hat mir meine Großmutter erzählt, den habe ich selbst gar nicht mehr kennengelernt. Der ist im Zweiten Weltkrieg zerbombt worden. Der Wurstelprater nämlich ist alt. Sein Name leitet sich wirklich vom Wurstel ab, vom Kasperl, dem Wiener Hanswurst. Die Wiener haben an dem Kasperl solch einen Narren gefressen gehabt, dass die ganze innere Stadt voll gewesen ist mit Kasperlbühnen, auf denen der freche Kerl seine Zoten gerissen hat. Dem Kaiser Joseph II., Sie wissen schon, das war der, der sich um alles gekümmert hat von den Pfeffernüssen bis zum Begräbnis, dem sind die Kasperlbühnen auf die Nerven gegangen. Weil er ohnedies das zuvor kaiserliche Gelände des Praters für die Allgemeinheit geöffnet hat, hat er gleich auch die Volksbelustigungen dorthin verbannt. So hat seine Majestät verfügt, dass „niemanden verwehrt seyn soll, sich daselbst mit Ballonschlagen, Kegelscheiben und anderen erlaubten Unterhaltungen eigenen Gefallens zu divertieren“ und dass „allen bürgerlichen Gastgebern und Coffeesiedern, welche in dem Bratter tractiren, Wein, Bier, Coffee und dergleichen ausschenken, auch zu diesem Ende Zelten aufschlagen, oder andere Bequemlichkeiten daselbst verschaffen wollen“, die Erlaubnis dazu gratis zu erteilen sei.
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So ist der Teil des Praters, der dem Praterstern am nächsten liegt, zum Wurstelprater geworden. Nach und nach hat der Wurstelprater dann Schausteller angezogen und er ist ein großer Vergnügungspark geworden. Zu den Schaukeln und Ringelspielen, Kegelbahnen und Ballspielplätzen sind bald Buden dazugekommen, in denen man zuerst mechanische Vögel bewundern hat können und später dann andere Automaten und sogar künstliche Menschen. Auch eine Schwimmschule hat es im Prater gegeben. Das meiste allerdings sind Wirtshäuser gewesen. In Wien ist ja Essen und Trinken seit jeher ein Anziehungspunkt. Sind Sie schon einmal auf dem Christkindlmarkt vor dem Rathaus gewesen? Während Sie Christbaumschmuck aussuchen und überlegen, ob Sie lieber eine Glasspitze auf den Baum setzen oder eine Engelsfigur, schnuppern Sie den Mischgeruch von Zuckerwatte und den Knoblauch von den Langos160. Und dann, am Abend des 24. Dezember, zünden Sie die Kerzen an, und sosehr sie nach Weihnachten duften und ihren Wohlgeruch mit dem des Tannenbaums mischen, steigt Ihnen aus der Erinnerung die Mischung aus Zuckerwatte und Knoblauch in die Nase. Der Christbaum ist für mich immer wieder Zuckerwatte und Knoblauch, ja, ich sage Ihnen: Ohne Zuckerwatte mit Knoblauch ist Weihnachten kein Weihnachten – oder zumindest der Christkindlmarkt kein Christkindlmarkt. Wo waren wir? – Ach ja: Beim Prater. Sie sehen, bei Zuckerwatte mit Knoblauch verliere ich die Orientierung bei allem, was ich Ihnen erzählen will, nämlich vom Calafati. Ich habe doch gesagt, dass der dasteht als Statue und ein sehr großer Chinese ist. Und jetzt vergessen Sie bitte, was
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ich Ihnen erzählt habe vom großen Chinesen Calafati und seinen Zauberkünsten, es ist alles ein Schmäh gewesen – nur, dass ich als Kind Angst vor der Figur gehabt habe, das ist kein Schmäh gewesen. Die Figur vom „großen Chineser“ aber heißt nur im Volksmund der Calafati, und den Calafati hat es ganz real gegeben, nur ist er kein Chinese gewesen, sondern ein Grieche namens Basileios Kalafates. Geboren ist er am 1. Jänner 1800 in Triest, weshalb er seinen Namen zu Basilio Calafati italianisiert hat. Wie er nach Wien gekommen ist, wird der Metternich gerade zum Staatskanzler ernannt, der Rothschild eröffnet eine Niederlassung in Wien und ein Komponist macht gerade großes Aufsehen: Er stammt aus dem Kurfürstentum Köln, aus der Stadt Bonn, heißt Ludwig van Beethoven und dirigiert Konzerte mit seinen Werken in der Josefstadt. Das ist die Stadt, wie sie der Calafati vorfindet. Im Prater verdingt sich der Calafati zuerst als Salamucci. Ein Salamucci ist ein Käse- und Wurstverkäufer gewesen, der als besondere Spezialität Salami im Angebot gehabt hat. 1830 hat der Calafati beim „Zauberer vom Prater“, dem Sebastian von Schwanenfeld, eine Anstellung als Assistent angenommen. Vier Jahre hat er jeden Kreuzer gespart und dann dem Schwanenfeld die Praterhütte „Schießstätte, Spielhalle“ abgekauft, die er auf Geistererscheinungen umgestellt hat. So hat sein Aufstieg zum König des Praters begonnen. Er hat Wirtshäuser und Schaubuden und Ringelspiele besessen und den Prater zu dem gemacht, was er lange Zeit gewesen und heute nicht mehr ganz so ist: Ein Ort der überrascht leuchtenden Augen.
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Sein spektakulärster Besitz ist ein Ringelspiel gewesen, das nicht von Pferden gezogen worden ist, sondern von zwei Dampflokomotiven, die der Calafati „Hellas“ und „Peking“ genannt hat. 1844 ist dieses „Eisenbahncaroussel“ in Betrieb gegangen. Ursprünglich ist das Ringelspiel mit einem Lokal überbaut gewesen. Das aber hat zu wenig abgeworfen. Deshalb hat es der Calafati abtragen lassen. Nur hat er jetzt für das Ringelspiel einen anderen Blickfang gebraucht. So ist er auf die Idee gekommen, den großen Mast, an dem die Drehplattform aufgehängt ist, als chinesischen Amtmann zu verkleiden. Wie das Ringelspiel später abgebaut worden ist, hat man den Mittelmast als Erinnerung aufgestellt – kein Wunder, er hat ja wirklich etwas Imponierendes an sich. Sehen Sie, so ist es zum Calafati gekommen. Der echte Calafati ist am 27. Mai 1878 gestorben, in der griechisch-orthodoxen Pfarrkirche „Zur Hl. Dreifaltigkeit“ eingesegnet und, ganz, wie er es verfügt hat, in seinem schwarzen Hochzeitsanzug auf dem Sankt Marxer Friedhof bestattet worden. In der Abteilung der griechischnichtunierten Kirche des Friedhofes steht heute noch sein ursprünglicher Grabstein. Das Grab selbst befindet sich aber seit 1905 auf dem Zentralfriedhof161. Der „große Chineser“, den Sie heute sehen, ist übrigens nicht mehr die originale Figur. Die ist aus Holz gewesen und bei einem Bombardement in Flammen aufgegangen. Die Figur, die Sie heute sehen können, ist eine Steinnachbildung162. Aber auch dem Calafati, dem richtigen, hat man ein Denkmal gesetzt, das steht im Wurstelprater auf dem
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Calafattiplatz, der den Namen des Pratererfinders mit einem Schreibfehler verewigt. Doch das ist nicht alles: Fragen Sie einmal die Wiener nach dem Calafati. Die meisten werden ihn für eine erfundene Figur halten, für eine Gestalt, in die man den ganzen Pratermythos der alten Zeit hineingeheimnisst. Und in Wahrheit hat er wirklich gelebt, der Basilio Calafati. So kann es gehen in Wien: Aus manch einem, der nie gelebt hat, macht das kollektive Gedächtnis der Stadt eine reale Gestalt, und aus manch einer realen Gestalt macht es eine Figur aus der der Volkserzählung. Apropos mythische Gestalten: Also zum Beispiel die Indianer – ich sage Ihnen ...
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»Spinner« kommt vom Spinnen, also einen Faden spinnen, aber gemeint ist ein falscher gedanklicher Faden. Für den Autor geht die Bedeutung aber noch weiter: Spinner sind Menschen, die sich in eine eigene Welt so einspinnen, dass sie sozusagen in der Mitte des Knäuels ihrer Ideen sitzen. Da sind alle dabei, die Eigenbrötler, die Käuze, die Narren, die Originale – also kurz: die Wiener.