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Leseprobe HORTUS (De)

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HORTUS Bürogebäude für die Zukunft

Joël Luc Cachelin Christoph Merian Verlag


HORTUS Bürogebäude für die Zukunft Joël Luc Cachelin Christoph Merian Verlag


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I HORTUS ALS MEILENSTEIN House of Research, Technology, Utopia and Sustainability Exkurs: Radikal nachhaltige Publikation?

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II

ORIENTIERUNG AN DER ZUKUNFT Zukunftsbewusstsein durch nachhaltige Architektur Zukunftsbewusstsein durch Gesundheit Zukunftsbewusstsein durch Ideenflüsse Exkurs: Die sechs Positives von SENN

27 37 45 52

III

BOTSCHAFTER DER ZUKUNFT HORTUS und die zukunftsbewusste ­Architektur HORTUS und die radikale Nachhaltigkeit HORTUS und die Gesundheit HORTUS und die Zukunft der Arbeit HORTUS und die Wirtschaftlichkeit Exkurs: HORTUS als Gegenteil einer Blackbox

57 65 71 77 83 88

IV VERTIEFUNGEN IN KONTEXTTHEMEN Baustoffe der Zukunft Exkurs: Bauen mit Abfall Healing-Architecture Förderung der Ideenflüsse

123 143 147 155

V INSPIRIERENDE SEITENBLICKE Baustoffe der Zukunft Exkurs: Hindernisse beim Bauen mit Re-Use Healing-Architecture Förderung der Ideenflüsse

163 170 174 181

VI HORTUS 2.0 HORTUS ist eine Lösung, kein Gebäude

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ANHANG Tabellen Anmerkungen Literatur Impressum

194 213 217 224

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Grundrisse und Schnitte

INHALT


Projektdaten

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Grundrisse  und Schnitte

Projekt: 2020–2023 Realisierung: 2022–2025 Bruttogeschossfläche (BGF): 14 100 m² BGF oberirdisch: 14 100 m² Nettogrundfläche: 10 815 m² Anzahl der Stockwerke: 5 Grundfläche: 2992 m² Länge: 64 m Breite: 52 m Höhe: 23 m Bruttovolumen (GV): 58 500 m3 Fassadenfläche: 6500 m²


I

HORTUS als Meilenstein


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Hortus als Meilenstein

«HORTUS» ist lateinisch und bezeichnet einen Garten, in dem man anbauen, sich austauschen und sich erholen kann. Der HORTUS, um den es hier geht, ist ein Akronym, und dieses benennt das House of Research, Technology, Utopia and Sustainability in Allschwil BL. Er versteht sich als Energiequelle – sowohl von Kreati­ vi­tät für die Ideenwirtschaft der Zukunft als auch von ­Solarstrom. Als Ort der Zukunft belebt HORTUS das ­Quartier, er stärkt die Wissenschaft, erfrischt die Basler ­Wirtschaft und regt das visionäre Denken an – mit einer Haltung, die Technologie und Natur verbindet.


HORTUS als Teil des Switzerland Innovation Park Basel Area MAIN CAMPUS HORTUS liegt in einem der grössten Life-SciencesÖkosysteme Europas. Anfang 2026 haben im Switzerland Innovation Park Basel Area an drei Standorten in 110 Unternehmen und 12 Forschungsgruppen über 1500 Personen gearbeitet. Aber das ist erst der Anfang: Bis 2035 soll der Campus zum Innovationscluster mit globaler Ausstrahlung anwachsen. Die involvierten

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HORTUS ist ein radikal nachhaltiges Bürogebäude in Allschwil BL.1 Angelegt wurde der zehntausend ­Quadratmeter umfassende und für über sechshundert Mitarbeitende taugliche Arbeitsgarten von SENN in der Zusammenarbeit mit den Architekten von Herzog & de Meuron. Gemeinsam wollten sie ans Limit gehen und einen Bau errichten, der nicht nur ökologisch überzeugt, sondern auch durch seine Behag­ lichkeit und Ästhetik. Die Anstrengungen haben sich gelohnt. Wenige Monate nach der Fertigstellung im Sommer 2025 ist HORTUS voll vermietet und bereits mehrfach aus­ gezeichnet worden. Der Bau gewann den Publikumspreis der «Besten 2025» des Architekturmagazins «Hochparterre» und den Swiss Arc Award in der Kategorie «Arbeit, Produktion & Infrastruktur».2 In der Laudatio schreibt der Architekt Roger Boltshauser, es sei ein Bürohaus entstanden, das in beeindruckender Weise aufzeige, «dass radikale Nachhaltigkeit und atmos­ phärische Architektur keine Gegensätze sein müssen».3 HORTUS vermittle zwischen ökologischer Dring­ lichkeit und architektonischer Würde und zeige, wie viel Qualität aus der Suche nach maximaler Reduktion entstehen könne. In keiner Weise wirke das Gebäude dogmatisch, gezwungen oder collagiert.

House of Research, Technology, Utopia and Sustainability

House of Research, Technology, Utopia and Sustainability


Unternehmen forschen nach den Medikamenten, Medizinaltechnologien, Impfstoffen, Ernährungsformen und Therapien der Zukunft, mit Schwerpunkten in Prävention, Diagnostik oder Behandlung. Zusammen mit den anderen von SENN entwickelten Gebäuden – ALL, HOPE, SCALE und MAIN CAMPUS HQ – wird HORTUS einst Raum für zehntausend Arbeitsplätze bieten.4 Auf dem Campus im Bachgrabengebiet, das sich eine viertelstündige Busfahrt vom Basler Hauptbahnhof entfernt befindet, gibt es eine Kita, eine zwei­ sprachige Tagesschule, eine Apotheke, zwei Parkhäuser, Einkaufsmöglichkeiten, eine Station für Mietfahr­ räder, ein Hotel und fünf Restaurants. Bereits wird der Vergleich mit dem Life-Science-Cluster in Boston gewagt. Gemäss den Unternehmensberatenden von EY überzeugt Basel mit einer hohen Dichte und Vielfalt

HOPE

HORTUS MAIN CAMPUS HQ

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Hortus als Meilenstein

ALL

HORTUS im Switzerland Innovation Park Basel Area MAIN CAMPUS. Neben HORTUS hat SENN bereits den MAIN CAMPUS HQ realisiert. ALL öffnet 2027, HOPE 2028 und der Bezug von SCALE ist für 2030 geplant.

SCALE


an Akteuren, einem klaren Fokus auf Biopharma sowie einer guten Infrastruktur inklusive Laborflächen.5

HORTUS IN DER BIOGRAFIE VON SENN In der Biografie des Immobilien- und Arealent­wicklers SENN markiert HORTUS einen grossen, aber na­türli­chen Entwicklungsschritt. Das Streben nach einem nachhaltigeren Bauen ist für das St. Galler Familienunternehmen nichts Neues. 2013 holte das Gewer­behaus NOERD den SIA-Umsicht-Award, 2017 die Wohnüberbauung Zwicky Süd. Damit zeichnet der Schweizer Ingenieur- und Architektur­verein hervorragende baukulturelle Beiträge aus, die den Lebensraum Schweiz nachhaltig gestalten.

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Pioniere auf dem Areal sind neben dem Management des Switzerland Innovation Park Basel Area (SIP) die Universität Basel inklusive Departement of Biomedical Engineering (DBE), das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut TPH, das biopharmazeutische Unternehmen Basilea, Johnson & Johnson und SKAN – ein weltweit führender Anbieter von Isolatoren, Reinraumausrüstungen und Dekontaminationssystemen für die keimfreie biopharmazeutische Produktion. Zu den Erstmietern von HORTUS gehören unter anderem die SWISS Aviation Software, das Pharmaunternehmen Viatris und die Medtech-Spezialisten von Becton Dickinson. Fester Bestandteil der Arbeits­ gemeinschaft sind ausserdem das Fitnessangebot von CORPO, eine Kaffeebar von ROSE sowie die «HORTUS Kitchen». Alle diese Akteure erleben und verbreiten die Innovationskraft von HORTUS. Diese folgt genauso aus der Hardware des Gebäudes, also seiner Architektur und Materialität, wie aus der dazugehörigen ­Software S. 39, die sich dem Teilen verschreibt. Einen hohen Anteil der Räume nutzen die Mietenden in HORTUS gemeinsam: Sitzungszimmer, Teeküchen und Kojen für informelle Besprechungen. Auch die Ve­r­anden im EG, am Rande des inspirierenden Innenhofs, stehen allen Mietparteien zur Verfügung.

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Pioniere in Allschwil


Mit HORTUS wollte SENN einen Schritt weiter gehen und prüfen, wie man heute gleichzeitig radikal ökologisch, ästhetisch anspruchsvoll und gesund bauen kann. Hierzu gab die ambitionierte Bauherrin SENN konkrete Ziele vor. – Energiepositivität: HORTUS soll über seinen gesamten Lebenszyklus mehr Energie pro­ duzieren als aufbrauchen. Die graue Energie ist innerhalb einer Generation kompensiert. – Kreislauffähigkeit: HORTUS soll so gebaut werden, dass seine Materialien in die Kreisläufe zurückkehren können. Jedes Element lässt sich wiederverwenden, recyceln oder kompostieren. – Nachhaltige Materialität: HORTUS soll ­mehrheitlich mit lokalen, natürlichen Materialien gebaut werden. Es wird ein Anteil von fünfundsiebzig Prozent nachhaltigen Rohstoffen ­angestrebt. – Tiefe Lebenszykluskosten: HORTUS soll niedrige Lebenszykluskosten haben, die Instand­ haltung und allfällige Renovationen produzieren wenig finanzielle und ökologische Kosten. – Hohe Behaglichkeit: HORTUS soll sich positiv auf das Zusammenleben und -arbeiten seiner Nutzerinnen und Nutzer auswirken. Wesentlich dafür ist eine hohe gefühlte Behaglichkeit.

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Hortus als Meilenstein

Innovationsteam Um das Vorhaben erfolgreich umzusetzen, holten sich SENN und Herzog & de Meuron schon ganz am Anfang des Projekts Expertinnen und Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen an den Tisch: die Ingenieure von ZPF, die Holzbauenden von Blumer Lehmann sowie den Lehmbauexperten Martin Rauch mit seinem Unternehmen Lehm Ton Erde Baukunst. Weiter wurden Architekturpsychologinnen, Lichtspezialistinnen, Gebäudetechniker, Ärzte und Biodiver­si­ tätsprofis beigezogen.6 Der Gruppe war es ein Anliegen, als Gemeinschaft von gleichberechtigten Partnern zusammenzuarbeiten und dabei ergebnisoffen zu agieren. Sie wussten am Anfang also noch nicht, was sie einst bauen würden. Zudem wollten sie das erarbeitete Wissen teilen,


damit es multipliziert, ausdifferenziert und neu ­kom­biniert werden konnte. Diesen Open-Source-­ Gedanken setzt diese Publikation mit einer um­ fassenden Dokumentation von HORTUS und dazu­ gehörigen Gedanken fort. Um das nächste Level der Nachhaltigkeit zu ­erreichen, wagten die Macherinnen und Macher von ­HORTUS einen Paradigmenwechsel und kehrten den üblichen Planungsprozess um. Statt vom Endprodukt zum Detail dachten sie vom einzelnen Bau­ element hin zur Gesamtkonzeption. Konkret leitete die Nachhaltigkeit der Bauteile die Entwicklung des Gebäudes an. Aus den lokal verfügbaren Rohstoffen mit optimierter Nachhaltigkeit bildeten sich ­Konzeption und Design heraus. Dieses Vorgehen war zukunftsorientiert, aber gleichzeitig eine Reise in die Vergangenheit. «Bevor es die Möglichkeit gab, mit Verbundstoffen zu arbeiten und diese von überall her günstig anzuschaffen, war das Bauen eigentlich sehr nachhaltig. Man arbeitete mit dem, was vorhanden war», stellt Markus Steinmann, Chief Engineer bei SENN Technology, fest.7

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Besonders wichtig für die Nachhaltigkeit von Gebäuden sind die Decken und tragenden Stützen. Konkret haben die ZPF Ingenieure berechnet, dass sich hier fünfzig Prozent der CO2-Emissionen eines Rohbaus verstecken.8 Entsprechend suchte das Projektteam zuerst bei den Decken nach innovativen ökologischen Lösungen. Das Innovationsteam entwickelte ein modulares Holz-Lehm-Deckensystem, aus dem anschliessend Schritt für Schritt die Architektur des Gebäudes entstand. Im Vergleich zu einer konventionellen Flachdecke aus Beton mit vergleichbarer Traglast verursacht die Herstellung der HORTUS-Decken zehnmal weniger CO2-Emissionen.9 Das Deckensystem kon­sti­ tuiert sich aus einem mit Lehm gefüllten Holzrahmen. Für die Füllung diente in erster Linie das Aushub­ material der Baustelle (76 Prozent), man ergänzte es mit regionalem Mergel (24 Prozent). Hergestellt wurde diese Mischung in einer extra eingerichteten Zelt­ feldfabrik auf einer freien Parzelle direkt neben

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Bedeutung des Deckensystems


­ ORTUS. Die Komponenten wurden gesiebt, H ­gebrochen und in die von Blumer Lehmann in Gossau hergestellten Deckenrahmen gestampft.10 Die Verantwortlichen von Herzog & de Meuron ­zeigen sich rückblickend nicht nur beeindruckt von der sauberen Baustelle – eine Folge der verbauten Materien, aber auch der präzisen Arbeit der hochqualifizierten Handwerker und Handwerkerinnen. ­Genauso überraschte das Interesse der möglichen Zulieferer, um das Deckensystem zu realisieren, wobei Lehm Ton Erde Baukunst als Sieger aus dem Rennen ging. Die Architekten betonen die Bedeutung des Standorts Schweiz für die Innovationen von HORTUS. In kaum einem anderen Land hätte das Gebäude so gebaut werden können, benötigte die Decke doch eine Einzelzulassung, um das Standhalten im Brandfall nachzuweisen.

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Hortus als Meilenstein

KONSEQUENTE NACHHALTIGKEIT ALS DREH- UND ANGELPUNKT Mit dem Entscheid für ein radikal nachhaltiges ­Bürogebäude bezieht sich SENN auf eine globale Herausforderung. Gemäss Studien der Interna-­ tionalen Energieagentur (IEA) und des World Economic Forum (WEF) ist der Gebäudesektor für den Verbrauch von zirka vierzig Prozent der globalen Rohstoffe, der Energieverwendung, der ausge­stossenen Treibhausgase und der menschlichen Abfälle verantwortlich. Gemäss Zahlen aus Deutschland bindet der Baubereich neunzig Prozent der mineralischen Rohstoffe, weiter werden zwanzig Prozent des Frischwasserverbrauchs dem Bausektor zugeordnet.11 In keinem anderen Lebensbereich gibt es einen ähnlich mächtigen Hebel für das Abdämpfen des Klimawandels. Gestiegene Dringlichkeit Die Frage, wie die Menschheit baut, gewinnt an ­Bedeutung, weil sich die Klimakrise und die Ressourcenknappheit verschärfen. Entscheidend dafür sind das Überschreiten von ökologischen Kipppunkten, das Wachstum der globalen Bevölkerung und


das Entstehen einer globalen Mittelklasse. Besonders in Asien und Afrika ist die Urbanisierung noch nicht abgeschlossen, und man baut Städte in einem Ausmass wie nie in der Geschichte der Menschheit. Um diesen Schub zu bewältigen, werden weltweit voraussichtlich 230 Milliarden Quadratmeter neue ­Bodenfläche bebaut, bis 2060 soll sich die Anzahl der Gebäude auf der Erde verdoppeln.12 Doch wird wie bisher gebaut, könnte sich die weltweit durch Gebäude verbrauchte Energie bis zur Jahrhundertmitte verdoppeln oder gar verdreifachen, erhalten doch Milliarden von Menschen Zugang zu Elektrizität und angemessenem Wohnraum.13

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Wer heute nachhaltig ambitioniert baut, agiert in einem gesellschaftspolitisch höchst relevanten Labor der Zukunft. Entsprechend viel Innovation wird es in den nächsten Jahrzehnten geben, und was sich bewährt, skaliert global. Gerade nach dem Abebben der grünen Welle bedingt der Wandel markante und positiv wahrgenommene Gebäude, die selbstbewusst den Aufbruch in eine nachhaltige Zukunft ausdrücken und gleichzeitig die Qualitäten des ökologischen Bauens erlebbar machen. Gute Vorbilder erleichtern es, für eine andere Zukunft zu begeistern, und er­ mutigen Kritikerinnen, neue Dinge auszuprobieren. Beispiele für solche Schlüsselbauten sind der Copenhill in Kopenhagen (eine Müllabfuhr, die auch einen ­Biodiversitätspark und eine Skipiste enthält) oder der temporäre Grand Ring von Sou Fujimoto für die EXPO 2025 in Osaka. Laut Guinness-Buch der Rekorde war es die grösste Holzkonstruktion der Welt, nun wird die Konstruktion demontiert, und das Holz kann neu ­verwendet werden.14 Auch unbekanntere Beispiele wie die Schwimmhalle aus Stampflehm in Toro, die stroh­ gedämmten Holzhäuser in einer Wohnanlage in Nänikon, das Rathaus in Freiburg im Breisgau als erstes öffentliches Netto-Plus-Energiehaus oder das hölzerne Sara-Kulturzentrum samt Hotelhochturm im schwe­ dischen Lappland sind charismatische Vorboten der Zukunft.15 Die Rohstoffe der Leuchttürme müssen nicht neu sein. In Indonesien entstand eine ikonische

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Leuchttürme der nachhaltigen Architektur


­ ini­bibliothek aus zweitausend alten Eiscremekübeln, M in Basel werden Bauteile eines demontierten Parkhauses in der Wohnsiedlung ELEMENTA eingebaut.16 Offenheit und Luxus

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Hortus als Meilenstein

Ein ökologisches Bauen verlangt Offenheit gegenüber möglichen Ergebnissen. Zu Beginn des Entwicklungsprozesses wissen Bauherren nicht im Detail, was am Ende der Suche nach der nachhaltigsten ­Lösung für ein spezifisches Gebäude mit spezifischen Funktionen an einem spezifischen Ort resultieren wird. Bei Projekten, die dem Re-Use-Paradigma S. 37 folgen, also mit bereits einmal verwendeten Bauteilen arbeiten, verstärkt sich diese Notwendigkeit, weil mit dem gebaut wird, was zum Zeitpunkt X in der Nähe der Baustelle am Ort Y gerade abgerissen wird.17

Oben: Schwimmhalle aus Stampflehm in Toro, Spanien (Vier Arquitectos, 2010). Unten: «Grand Ring» von Sou Fujimoto für die Weltausstellung 2025 in Osaka. Der demontierbare Bau war das grösste Holzgebäude der Welt.


Damit sind die wichtigsten Eckpunkte zusammen­ getragen, um die vertiefende Entdeckungstour von HORTUS zu beginnen. Die Publikation verfolgt drei Ziele. – Erstens hält sie die Erkenntnisse fest, die SENN im Planen, Bauen und Beziehen von HORTUS gemacht hat. Dadurch werden diese für zukünftige Projekte gespeichert. – Zweitens will die Dokumentation von HORTUS die Begeisterung für das nachhaltige Bauen verstärken und neue Interpretationen einer nachhaltigen, gesunden und inspirierenden Arbeitswelt anregen.

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ZIELE UND EBENEN DIESER DOKUMENTATION

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Durch die Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron hatte SENN jederzeit die Gewissheit, gute Architektur zu erhalten – egal wo der Entwicklungsprozess ­hin­führen würde. Und tatsächlich überzeugt HORTUS ebenso mit seinem Äusseren wie seinen inneren ­Werten, die ein gesundes, produktives und kreatives Arbeiten anleiten. Ist HORTUS durch seine exklusive Qualität und seine weltbekannten Architekten deshalb ein Luxusgebäude? Ist er ein Sonderfall, der durch die Exzellenz der Beteiligten nur bedingt als Best Practice dienen kann? Nein, sagen die Involvierten. Zwar bewegen sich die Herstellungskosten etwa zehn Prozent über dem Standard, und die Investitionen für die Solarhülle von HORTUS waren beträchtlich. Werden aber statt nur den Initial- und Investitionskosten die langfristigen Kosten einberechnet, kehrt sich das Blatt sofort. Zum Beispiel ist der CO2-Ausstoss bei herkömmlichen Büros drei- bis viermal so hoch wie bei HORTUS. Zudem ist HORTUS ein Gebäude, das über die Zeit an Wert gewinnen wird. Es produziert mehr Energie, als es verbraucht, und wird innerhalb einer Generation seine graue Energie amortisiert haben. Es ist auch auf künftige Regulierung vorbereitet. Würden sich eines Tages die Klimagesetze verschärfen, müsste HORTUS nicht nachrüsten.


– Drittens lotet das Buch die Möglichkeiten einer nachhaltigen Publikation S.25 aus. Wie ­HORTUS optimiert es seinen ökologischen Fussabdruck und prüft, wo beim Ausstatten und Drucken ökologischer Spielraum besteht.

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Hortus als Meilenstein

Aus diesen Zielen ergeben sich die fünf Erzählweisen des Buchs. Auf der ersten Ebene steht die ebenso umfassende wie detailreiche Dokumentation von HORTUS. Dazu wird einerseits darüber nach­ gedacht, was ein zukunftsgerechtes Bürogebäude heute leisten muss, anderseits werden die Vorzüge von ­HORTUS präsentiert. Auf einer zweiten Ebene ­werden die Daten über HORTUS visualisiert und kontextualisiert, um diese verständlicher zu machen. Diese Kontextualisierung unterstützen auf einer dritten Ebene Vertiefungstexte zu den Kernargumenten von HORTUS. Sie führen über die Healing-­ Architecture S. 151, die Baustoffe der Zukunft S. 127 sowie über die Förderung der Ideenflüsse S. 159 von Wissensarbeitenden. Zu diesen Themen gibt es auf einer vierten Ebene Seitenblicke, um die Kontexthemen zu konkretisieren und zu illustrieren. Auf der fünften Ebene macht ein reichhaltiges Bildmaterial die Funktionsweise und den Charakter von HORTUS deutlich. Zwar ersetzt es keinen Besuch vor Ort, aber es erleichtert es, das Gebäude aus der Distanz sinnlich und emotional zu erfassen.

Modelle der Skelettstruktur von HORTUS.


EXKURS RADIKAL NACHHALTIGE PUBLIKATION? HORTUS ist ein radikal nachhaltiges Gebäude, was aber zeichnet ein nachhaltiges Buch aus? Analog zum Entwicklungsprozess von HORTUS suchten die Macher dieses Buches Wege, um die Publikation so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Am nachhaltigsten wäre es, ganz auf das Drucken eines Buchs zu verzichten und stattdessen von HORTUS zu erzählen oder auf Webseiten darüber zu berichten. Die Veröffentlichung als E-Book wäre deshalb ­ökologischer, gemäss Stiftung Warentest fällt bereits ab zwei bis drei gelesenen Büchern pro Person und Jahr die Ökobilanz zugunsten der Reader aus, andere haben dreissig bis fünfzig Bücher pro Jahr als Grenze berechnet, verweisen aber gleichzeitig auf die Extraktion von Rohstoffen hin, um die Reader herzustellen.18 Durch eine digitale Publikationsform unterbände man allerdings das haptische Erlebnis, genauso die tiefgründigere, nachhaltiger wirkende Lektüre, die man dem Lesen auf Papier zuschreibt. Ausserdem gehen digitale Publika­ tionen mit weiteren Problemen einher. Erwähnenswert sind insbesondere die Anfälligkeit für eine technologische Überholung sowie eine Manipulation oder Löschung.

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Bei der Herstellung eines Buchs sind fünf Emissionsquellen zu berücksichtigen: die Entwicklung der Inhalte, die Produktion des Papiers, der Druck und die Bindung, die Distribution und der Handel sowie die Entsorgung beziehungsweise das Recycling.19 Über die Hälfte der Emissionen eines Buchs fallen bei der Herstellung des Papiers an.20 Die Verwendung von Papier ist zunächst einmal durch den Energieverbrauch problematisch, der mit der Bereitstellung des Faserstoffs verbunden ist. Dies macht etwas mehr als die Hälfte der Energie aus, die bei der Publikation eines Buchs anfällt. Für das Papier müssen zudem CO2 speichernde Bäume gefällt werden. Das erklärt, warum im gesamten Lebenszyklus eines Buchs achtzig Prozent der Treibhausgase auf das Papier zurückgehen.21 Neben Holz benötigt die Papierherstellung viel Wasser sowie umweltschädliche Chemikalien.

Radikal nachhaltige Publikation?

Emissionsquellen des Buchs


Hortus als Meilenstein 26

Wie beim Beton S. 128 lösen Recyclingprodukte das Problem nur bedingt, weil das Sammeln, Aufbereiten und die Logistik des Recyclingpapiers ebenfalls einen ökologischen Fussabdruck hinterlassen. Entschei­ dend für die Umweltbelastung sind hier zu je einem Drittel die notwendigen Chemikalien und Hilfsstoffe und zum anderen die Energie. Trotzdem lohnt sich der Rückgriff auf mehrfach genutztes Papier. Die Gestalterinnen Katharina Scheller und Ladina Ingold beziffern den Vorteil über alle Umweltdimensionen hinweg auf dreiundfünfzig Prozent. Gemäss der Ökobilanzierung des deutschen Umweltbundesamts spart die Produktion von Recyclingpapier durchschnittlich fünfzehn Prozent CO2-Emissionen und acht­ undsechzig Prozent Energie. Deutlich sind ausserdem die Ersparnisse beim Wasserverbrauch. Die Herstellung von Recyclingpapier schneidet hier um acht­ undsiebzig Prozent besser ab.22 Aussenstehende erkennen nachhaltiges Papier durch den «Blauen Engel». ­Vorausgesetzt dafür sind unter anderem hundert Prozent Altpapier, der Verzicht auf Chlor und die Begrenzung des Wasserverbrauchs. Es gibt weitere Optimierungspotenziale für Bücher mit einer nachhaltigen Materialität. Zunächst ergibt es schlicht Sinn, die Auflage nicht zu überschätzen, selbst wenn die Grenzkosten eines Buchs abnehmend sind.23 Taschenbücher sind für die Umwelt besser als Hardcover. Einen festen Einband herzustellen, ist ökologisch doppelt «so teuer» wie das Softcover eines Taschenbuchs. Zudem besteht Potenzial darin, wenn in der Produktion möglichst wenig Papier ­weggeworfen wird. Am radikalsten wäre im Geiste von Re-Use das Nutzen von bereits bedrucktem Papier, das in anderen Kontexten gedruckt, bei Testdrucken angefallen oder abgeschnitten wurde. Diesem Vor­ gehen folgend, wäre jedes Buch ein Unikat mit eigener Optik, allerdings würde es zu Einbussen bei der ­Leserlichkeit kommen. Wie beim Bauen ist es für die Zirkularität schliesslich problematisch, wenn unterschiedliche Materialien verklebt werden, die dadurch im Recycling schwer zu trennen sind. Um die Res­ sourceneffizienz zu erhöhen, muss das Format des Buchs so gewählt werden, dass beim Zuschneiden der Bögen in der Standardgrösse A0 mit den Massen von 841 auf 1189 Milimeter kaum Reste anfallen.


Der ökologische Fussabdruck von Büchern reduziert sich weiter, wenn die Bilder gezielt eingesetzt und Farbflächen schraffiert werden.24 Um den CO2-Abdruck eines Buchs zu verkleinern, sollten die Druckmaschinen mit sauberer Energie betrieben werden. Auch in der Lagerung und in der Logistik können fossile Energien zum Einsatz ­kommen. Wenn möglich werden die Bücher mit elektronisch betriebenen Fahrzeugen verteilt, bei der Verpackung radikal nachhaltiger Bücher verzichtet man auf Plastik. Entweder wählt man eine verpackungsfreie Variante und nimmt leichte Dellen und Schmutzspuren in Kauf, oder man prüft Verpackungslösungen aus Papier. Auf Schutzumschläge aus Plastik sollte verzichtet werden. Sinnvoller sind Bucheinbände aus robusten Materialien, um zu verhindern dass Bücher weggeworfen werden müssen.25 Schliesslich sind die Schadstoffe eine Herausforderung, die bei der Produktion eines Buchs auftreten. Biofarben kommen ohne Mineralöle aus und basieren grösstenteils auf pflanzlichen Ölen und nachwach­ senden Ressourcen.26 In ihrem Handbuch zum verantwortungsbewussten Gestalten empfehlen Katharina Scheller und Ladina Ingold das Kompostierziel nur bedingt. Zum einen kann es Jahre dauern, bis das Kompostieren abgeschlossen ist, zum anderen kann sich in Papier, besonders in Recyclingpapier, ­Mikroplastik verstecken.27

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Aus diesen Überlegungen entwickelten ­Bonsma & Reist die Konzeption und das Design dieses Buches. Analog zu HORTUS, wo zuerst die Deckenelemente gesetzt wurden, weil sie für einen Grossteil des ­ökologischen Fussabdrucks verantwortlich sind, setzten die Überlegungen beim HORTUS-Buch zuerst bei den grössten ökologischen Nennern an, also beim Papier und beim Format. Das Format ist so angelegt, dass der Druckbogen optimal ausgenutzt ist und somit möglichst wenig Papierabfall entsteht. Das Buch geht sogar einen Schritt weiter und verzichtet auf einen normalerweise standardisierten Schnitt an der Unterkante, um den Papierabfall um ein paar Prozente zu reduzieren.

Radikal nachhaltige Publikation?

Konzept dieses Buchs


Im Layout wurde eine Schrift mit einem leichten Schnitt gewählt, um auch hier möglichst ökonomisch in der Farbführung zu arbeiten. Zum Schluss wurde der Schwarzauftrag um zirka fünfundzwanzig Prozent gesenkt, um zusätzlich Farbmaterial zu sparen. Gedruckt wurde das Buch auf hundert Prozent recyceltem Papier, im Cradle-to-Cradle-Prinzip. Bei der Produktion nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip werden für den Druck ausschliesslich Substanzen verwendet, die sicher in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden können. Auch der Bindfaden sowie der Klebstoff sind Cradle-to-Cradle-zertifiziert. Dadurch ist das Buch vollständig in den biologischen Kreislauf zurückführbar. Die CO₂-Emissionen, die in der Druckerei Gugler anfallen, werden von dieser berechnet. Sie unterstützt ein nach dem Gold-Standard zertifiziertes Klima­schutzprojekt mit einem finanziellen Beitrag in der Höhe von 110 Prozent dieser Emissionen. Um den übrigen CO2-Abdruck zu kompensieren, wurden ausserdem Bäume gepflanzt. Gemäss der antizipierten Belastung von 1,065 Kilo CO2 für die realisierten tausend Bücher hat Almighty Tree fünf Bäume gepflanzt, die in ihrem Leben (gerechnet mit zwanzig Jahren) jeweils zirka zweihundert Kilo CO2 binden sollten. Aline und Gilles Suard von Almighty Tree haben in den letzten Jahren in der Schweiz über 65 000 Bäume gepflanzt. Wie HORTUS verbindet Almighty Tree Natur mit Hightech. Das Pflanzen kann einfach via Website veranlasst werden, dort können die Bäume mit einem Code auch getrackt werden.

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Hortus als Meilenstein

Verbrauch (Schätzung) Papier Recycling (Umschlag + Kern, 918 g × 0,6 kg CO2/kg)

551 g CO2 / Buch

Papier gestrichen (234 g × 1,3 kg CO2/kg, Frischfaser)

304 g CO2 / Buch

Druckprozess 4/4 + Lackierung

100 g CO2 / Buch

Fadenheftung, Dispersionsleim, Weiterverarbeitung

30 g CO2 / Buch

Transporte von Melk AT in die Verteilzentren

80 g CO2 / Buch

Total

1065 g CO2 / Buch


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