Burgu spricht,
wenn du zuhörst
Burgu, das sind gut drei Dutzend
Ställe, Scheunen, schmucke Häuser. Eine Kapelle, Wiesen, Wege, Weiden. Bis 1542 war Burgu eine eigene Gemeinde. Dann wurde es ein Weiler des 500 Seelendorfes Törbel. Anderthalb Tausend Meter über dem Meer. Hoch oben im Vispertal. Wer hier hochfährt, kann Geschichten aus all den Jahrhunderten hören, man muss nur hinhören.
In der Vergangenheit haben die Bewohner von Burgu hier gearbeitet, ge-
heut, das Vieh gehütet. Viele blieben ihr Leben lang Bauern, andere wurden Arbeiter. Einige wurden reich, die Mehrheit aber litt grosse Armut. Die Geister der Vergangenheit machen sich nachts auf den knorrigen Holzböden der Häuser immer noch bemerkbar. So erzählen es die Lebenden, die Schritte hören, sie fürchten und plötzlich all die Sagen und Geschichten über die Armen Seelen glauben. .
Die Häuser und Gassen von Burgu zeugen von Veränderung und Still-
stand. Die Sonne hat die Lärchenbalken seiner Häuser geschwärzt, Wind und Wetter haben sie gekrümmt und ihnen etwas Verwunschenes verliehen. Einige ihrer Bewohner waren Glücksritter, die mit Soldgeschäften ein Vermögen machten, eine Kapelle stifteten, sich selbst ein Denkmal setzten und den Allmächtigen gütig stimmen wollten. Heute haben sich zu den verbliebenen Bauern Aussteiger hinzugesellt. Sie betrachten die Zivilisation, die Hektik und den Trubel am Liebsten aus der Ferne. So wie die Lonzawerke, die sie tief unten im Tal sehen.
Geisterhaft. So sieht Burgu an einem
trüben Tag im Dezember aus. An den Scheunen hängen Leitern. Stiefel stehen auf einem Balkon, Werkzeuge lehnen an einer Wand. All das wird erst im Sommer wieder gebraucht. Dann, wenn die Natur die Andacht des Winters durchbricht und die Arbeit auf den Wiesen wieder beginnt. Doch vereinzelt durchbrechen Tierlaute die Stille. In einigen Ställen tummeln sich Schafe und Kühe.
Bis heute prägen das Kirchenjahr und
der Kreislauf der Natur das Leben in Burgu. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Wachstum und Ernte, Vergänglichkeit und Transzendenz. Mensch, Tier und Natur bilden einen melodischen Dreiklang, der aus dem Jetzt hervorkommt, aber auf etwas ausserhalb der Zeit, das Übernatürliche hindeutet.
Es gibt Geschichten von säkularen
Städtern, die hierher kamen und nachts plötzlich Schritte hörten. Von den Einheimischen wussten sie, dass die Geräusche von Armen Seelen kommen, für die sie in der Kapelle Messen lesen und Kerzen anzünden. Arme Seelen, die Ruhe suchen. Genau wie die Aussteiger, die sich hier niederlassen.
Wer Burgu wieder verlässt, sieht im
Osten die verschneiten Gipfel des Saastals, im Süden die Mischabelgruppe, am Strassenrand Statuen der Heiligen Joseph und Antonius. Und vielleicht fragt man sich dann, wie viel Zeit gerade verstrichen ist. Minuten, Stunden? Möglicherweise weiss man es nicht und sagt sich dann, dass auch Jahrzehnte und Jahrhunderte bloss einen Atemzug, eine Autofahrt hier
Christina Werlen