Ausgabe Juli/August 11. Jahrgang / #101
Ausgabe 07- 0 8/14 2,50 Euro
Was da wieder los ist: Termine & Partys 19.07. – 31.08.14
Ausgabe
101
Monsieur Claude und seine Töchter ab 24.07. im kino
Die Landkarte des Lärms
Flugzeuge, Züge, Partys: Hier kracht’s in Freiburg
AUSGERUHT
SC-Coach Christian Streich im Interview
AUSGEPOWERT AUSGEZEICHNET Das Rätseln um die Uni der Zukunft
Berthold Steiber und sein Berg
mit W irts c ha fts M aga zi n bib
CHILLI EDITORIAL
Teamwork
Warum wir alle immer weltmeister sind Foto: © Instagramm
Einer von vielen: Sportclub-Star Matthias Ginter darf sich Weltmeister nennen – genau wie jeder von uns.
E
s ist Montagfrüh. Im Büro ist’s ruhig. Kein Wunder: Die Mannschaft hat am Wochenende alles gegeben. Es ging mal wieder in die Verlängerung. Es war alles andere als einfach. Phasenweise sogar ein Kampf. Aber man hat sich berappelt, ist als Team aufgetreten, hat sich auf die eigenen Stärken besonnen. Die Taktik hat gestimmt, zu verschiedenen Zeiten sind einzelne Spieler über sich hinausgewachsen und haben es aufgefangen, wenn andere mal nicht ihren besten Tag hatten. Jeder hat sein Bestes gegeben, und jetzt hat man es wieder einmal geschafft: Ein neues chilli ist herausgebracht. Sie halten es gerade in der Hand. Während in den vergangenen Wochen irgendwo in einem fernen, sonnigen Land ein paar junge Männer (unter ihnen auch der hier abgebildete Freiburger Matthias Ginter – herzlichen Glückwunsch!) fast täglich die Begriffe von der Mannschaft, vom Teamgeist und von der Leistung des Kollektivs hervorgehoben haben, gibt es tausende kleiner und mittlerer Mannschaften in Deutschland, die tagtäglich in ihren Berufen auf Ähnliches angewiesen sind. Allerdings haben wir (auch so ein arg strapazierter Begriff, aber an dieser Stelle absolut richtig
verwendet) leider nicht die Möglichkeit, in Vorbereitung auf unser Ziel, das sich im Übrigen monatlich neu stellt, in einem Fünf-Sterne-Hotel am Strand untergebracht zu sein. Wir bekommen keine Extra-Prämien, wenn wir es wieder einmal geschafft haben. Und wir werden auch nicht auf dem Balkon irgendeines Rathauses empfangen. Da geht es uns wie all den anderen Teamarbeitern in diesem Land. Aber wir alle haben auch einen Antrieb, der uns mit Lahm, Schweinsteiger, Götze und Co. eint: unsere Fans. Das können Kunden sein, Geschäftspartner, Freunde, Familienmitglieder. Oder in unserem Fall: unsere Leser. Ohne Sie (Ja, Sie sind jetzt gemeint!) wären wir nämlich Nichts. Sie spornen uns mit Kritik, Ermutigung oder gar Lob an, zu einer – aus unserer Sicht – großartigen Leistung. Das macht uns alle zusammen zu Weltmeistern. Im Fußball wie im Stadtmagazin. Viel Spaß mit dieser Ausgabe wünscht Ihnen das gesamte chilli-Team – und verabschiedet sich mit diesen Worten in die Vorbereitung auf die September-Nummer. Wir haben nämlich wieder Großes vor. fho #teamwork Juli/August 2014 CHILLI 3
Platzrunde für den Anund Abflug vom Flugplatz
Feiern am Augustinerplatz
Belastungsachse Schienenverkehr
chilli inhalt
Belastungsachse Straßenverkehr
Hochdorf
Beschwerden über Freizeitlärm, die beim Verein FILZ eingegangen sind
Impressum
Brühl FreiluftKonzerte
chilli – Das Freiburger Stadtmagazin chilli Freiburg GmbH
bargmann@chilli-freiburg.de holm@chilli-freiburg.de tanja.bruckert@chilli-freiburg.de
Kulturredaktion
Herdern
Ste fan -M eie r-S tr.
Stühlinger
Weingarten Opfi nger Stra ße
Innenstadt
Autoren/innen dieser Ausgabe
ße stra nd r La sle Ba
B31
Haslach
Andreas-Hofer-Straße
Vauban
Unterwiehre
8 CHILLI JULI/AUGUST 2014
Wiehre
Feiern der Studentenverbindungen
Übungskeller von Rockgruppen
> 8 – 10 Titel Wo es richtig lärmt in Freiburg
IN EIGENER SACHE
Lektorat // Beate Vogt Gastkolumnisten
Editorial
Titel // © Neue Visionen Filmverleih Bildagenturen // fotolia, istockphoto, pixelio Anzeigenberatung Uwe Bernhardt Alexandra Huber Cornelia Brändle Jonas Stratz
bernhardt@chilli-freiburg.de presse@chilli-freiburg.de braendle@chilli-freiburg.de marketing@chilli-freiburg.de
Anzeigenannahme // anzeigen@chilli-freiburg.de Druck & Belichtung Poppen & Ortmann KG, Freiburg
Auflage // 11.500 Exemplare Redaktionsschluss // Je am 25. des Vormonats Druckunterlagenschluss
Jeweils am 28. des Vormonats. Es gilt die Preisliste Nr. 5 Dieser Ausgabe ist ein Wirtschaftsmagazin beigeheftet. Das nächste chilli erscheint am 1. September 2014
GASTKOLUMNE
3
Volkmar Staub
7
Mehr Kolumnen
15, 19, 69
Wurmstichige Bückware In & Out, Sounddreck
TITEL Streit um lärm
Feiern auf der Sternwaldwiese
Flaschensammler
Grafik
Volkmar Staub, Geschmackspolizei
> 22 –23 Menschen Berthold Steiber Feiern am Dreisamufer
Steve Przybilla, Anaïs Lauvergeon, Marc Bargmann, Reinhold Wagner, Sebastian Bargon, Ralf Welteroth Johanna Klausmann, Simone Bednarek, Anke Huber
Waldsee Schwarzwaldstraße
St. Georgen
Michaela Moser (mos) moser@chilli-freiburg.de Erika Weisser (ewei) weisser@chilli-freiburg.de Marlene Schick terminkalender@chilli-freiburg.de
Sc hlo ss be rg rin g
Zährin gerst r.
B3 1
Uf fh au se rS tra ße
Lars Bargmann (bar)
SC Stadion
Nächtliches Radfahren am Dreisamuferweg
Betzenhausen Rieselfeld
moser@chilli-freiburg.de
Chefredaktion
Felix Holm (fho) Tanja Bruckert (tbr)
Mooswald Su nd ga ua lle e
Schauinslandstr.
Homepage // www.chilli-freiburg.de Geschäftsführerin (ViSdP)
Redaktion
Els äs se rS tra ße
St raß e
redaktion@chilli-freiburg.de
Zähringen
Herumlungernde am Runzmattenweg
Landwasser
0761-285 22 22 0761-292 70 60 0761-292 70 61
E-Mail für Online- / Printredaktion
Michaela Moser (mos)
Lehen
Beachvolleyballplatz
M erz ha us er
Neunlindenstr. 35, 79106 Freiburg fon / Redaktion fon / Anzeigen fax
Übende Rockgruppen am Alten Güterbahnhof
8 – 10
Der Partylärm ist längst nicht der einzige, der die Bürger zuweilen malträtiert: die Höllentalbahn, die Güterbahnstrecke, aber auch Kirchen machen mächtig Lärm. Das chilli war mit einer Lärm-App unterwegs.
Freiburg Betrunkene Diskobesucher
6
Menschen
Heimspiel im Fanhaus: Dirk Grießbaum über Sozialarbeit mit jugendlichen Fans Spionage 14 –15 Der BND enttarnt seine Abhöranlage in Rheinhausen GASTRONOMIE 18 Wie schmeckt’s im neuen Good Morning Saigon? | Gastro-News Festivals 19 Nach Konfusion fällt das Songkran-Festival ins Wasser Reportage 22 – 23 Bundesverdienstkreuz für Berthold Steiber – zu Besuch im Bergwerk
HOCHSCHULE Politik
20 – 21
Die Universität der Zukunft. Wie sich Rektor und Ministerin die Finanzierung der Unis denken 5
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4 CHILLI Juli/August 2014
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Wir t scha f t
CHILLI inhalt
business im breisgau
August 2014 Ausgabe Nr. 3 gratis
IT
Spezial Die Branche in Südbaden
>
>
72 – 73
Geschichte Der normale Wahnsinn im Waisenhaus in Günterstal
Sport Interview
Musik 12 – 13
SC-Trainer Christian Streich über die WM, den neuen Kader und seinen Verein
FREIZEIT Draussen und drinnen
25 – 35
Seenachtsfest | African Music Städtereisen | Petanque in Freiburg Fitness und Wellness-Tipps
KALENDER On Stage
36 – 65
Bülent Ceylan | ZMF | Tanzen Open Air | Unter Sternen | Isle of Dreams Brian Adams | Schlossbergfest uvm.
Literatur Bücher
62 Sport Interview mit Sportclub-Trainer Christian Streich
66 – 67
Das lesen Freiburger Promis im Urlaub / Buch-Rezensionen
Windkraft: Viel heiße Luft
Der lange Weg zur Energiewende im Schwarzwald
Urgestein
68 – 69
hintergrund
70 – 73
Stadtentwicklung
Ladenbau
Genossenschaften
Was Freiburg mit einem Perspektivplan erreichen will
Warum die Schweitzer Group nach Freiburg geht
Kerngesunde Bilanzen bei Bauverein und Familienheim
Drei Fragen an ZMF-Resident-Guest Perry Robinson / Neue CDs Was haben eigentlich lokale Tonstudios drauf? Ein Streifzug mit beeindruckenden Erkenntnissen
kultur zeitgeschichte
74 – 75
Kritiken
76 – 77
Monsieur Claude und seine Töchter Gott verhüte | Neue DVDs Freiburger filmfest
78 – 81
Wie die 11. Auflage des LeinwandSpektakels entstanden ist | Und das gibt’s zu sehen
8 – 10
Energiewende
Flaute beim Ausbau der Windkraft Genossenschaften
12 – 13
Unternehmen
14 – 15
Menschen, meldungen
16 – 19
IT-Branche
22 – 25
Ladenbau
26 – 27
Städtereise
28 – 29
Kerngesunde Bilanzen
Interview mit Dirk Schindelbeck über sein neues Buch „Wir waren nur verhandelbare Masse“
FILM
Wirtschaft
40 Millionen für Cargohalle / Volksbank zieht in Commerzbank-Turm Seilnacht sagt Servus / RVF mit Rekordzahlen / Neue BHKWs bei Micronas und in Landwasser Die hidden champions
Schweitzer Group neu in Freiburg Die irische Metropole Dublin
5
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Juli/August 2014 CHILLI 5
SCHWARZES BRETT
» Nicht immer alle einer Meinung « An der Schwarzwaldstraße hat die Saisonvorbereitung begonnen. Und das gleich zwei Mal: Kurz vor Ebnet lassen die Kicker-Profis den Ball rollen, kurz hinter dem Alten Messplatz beginnen deren Fans, die Fahnen auszurollen. Im 2013 gegründeten Freiburger Fanprojekt hat man im ersten Jahr einiges erlebt und auch in der kommenden Runde wieder einiges vor, wie Diplom-Sozialarbeiter Dirk Grießbaum erklärt: Foto: © fho
„Wir machen hier Sozialarbeit mit jugendlichen und heranwachsenden Fußballfans. Das heißt, wir bauen Kontakt zu Fangruppen auf, schaffen ein Vertrauensverhältnis und sind Ansprechpartner in allen Lebenslagen. Aber wir sind auch dafür da, den Fans mehr Stimme zu geben und dienen als Vermittler zwischen den Fans, dem Verein und der Polizei. In unserem ersten Jahr haben wir uns hier gut eingelebt. Inzwischen treffen sich in unseren Räumen vor Heimspielen bis zu 150 junge, aktive Fans. Aber auch an anderen Tagen ist bei uns einiges los: Hier werden Choreografien vorbereitet, Fahnen oder Spruchbänder bemalt, es gibt Themenabende, an denen auch mit Fußballpromis diskutiert wird, oder wir schauen auch einfach mal nur zusammen andere Fußballspiele auf Großleinwand an. Zu welchem Fanclub man gehört, ist bei uns egal, keiner wird nach einem Mitgliedsausweis gefragt. Viele, die herkommen, sind in gar keiner Vereinigung. Das heißt allerdings
nicht, dass hier alle immer einer Meinung sind: Wie es halt so ist unter jungen Leuten, gibt es immer wieder Meinungsverschiedenheiten, etwa darüber, wie angefeuert werden soll oder was überhaupt zur Fankultur gehört. Von Auseinandersetzungen untereinander sind wir aber bislang verschont geblieben. Das einzige Mal, als es handgreiflich wurde, war, als knapp hundert gewaltbereite Nürnberg-Fans hier nach dem Spiel aufgetaucht sind. Die Geschichte ging ja aber schon genug durch die Presse. Leider wird durch solche Aktionen auch die Freiburger Fanszene oft negativ dargestellt, dabei sind hier enorm viel positive Ressourcen vorhanden, die zu wenig geschätzt, gefördert und unterstützt werden. Manchmal habe ich den Eindruck, hier in der Stadt weiß man gar nicht, was man an seinen Fans hat. Mit dem Trainingslager der Mannschaft beginnt auch für uns im Fanprojekt wieder die Saisonvorbereitung. Manche von den Jungs verknüpfen ja auch ihren eigenen Urlaub mit der Vorbereitung der Mannschaft in Österreich. Wir wollen in dieser Saison einen Schwerpunkt auf den Ausbau unseres U18-Programms legen und da noch mehr anbieten. Außerdem wird das Thema „Alkohol beim Fußball“ eine große Rolle spielen. Und ab Mitte Juli steht unsere Türe an der Schwarzwaldstraße wieder für alle offen.“ Aufgezeichnet von Felix Holm
SCHLÜSSELLOS AUTO FAHREN
Rabeneltern! Oder … ?
„Haben wir noch Platz auf dem Schwarzen Brett“, fragte unser Redakteur Lars Bargmann kurz vor Redaktionsschluss. Er hatte gerade seinen Wagen dem Büronachbarn Mathias Haller gegeben, der in Ehrenkirchen einen wichtigen Termin hatte, dessen Auto aber warum auch immer nicht ansprang. Bargmann hatte Haller das Auto laufend übergeben. So weit, so nett. Haller fuhr zielstrebig los und rief keine halbe Stunde später an: „Gibt’s zum Auto auch einen Schlüssel?“ Der war noch in Bargmanns Hosentasche, denn zum Fahren braucht es keinen. So stand der Architekt nun da: Fenster offen, Schiebedach offen, dunkle Wolken am Himmel und ein nicht abschließbares Auto. Ja, wir hatten noch Platz auf dem Schwarzen Brett.
Skandal! Rabeneltern setzen Jungen auf Parkplatz aus! So oder so ähnlich berichteten Medien aus ganz Deutschland über den Vorfall, der sich Anfang Juli an der B31 in der Nähe des Höllentals ereignete. Klar, im ersten Moment klingt das erst mal hart. Aber schon im zweiten muss man relativieren: Ausgesetzt ist nämlich in jedem Fall die falsche Wortwahl. „Es wird derzeit überprüft, ob eine Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht vorliegt, der Tatbestand der Aussetzung ist nicht erfüllt“, erklärt die Freiburger Polizeisprecherin Laura Riske in Juristendeutsch. Zudem räumt sie – ohne dabei Partei ergreifen zu wollen – ein: „Der Elfjährige hätte von dem Parkplatz aus zu Fuß nach Hause laufen können.“
6 CHILLI Juli/August 2014
SCHWARZES BRETT
Hinhaltetaktiken
Nachgewürzt!
Ein Mann putzt ein Auto. Von Innen. Alltag. Routine. Plötzlich verharrt er. Ungläubig greift er in die Tasche, die an der Rückenlehne des Fahrersitzes angebracht ist. Als er sie wieder herauszieht, hält er eine geladene Schusswaffe zwischen den Fingern. Klingt wie aus dem Drehbuch zu einem Tatort? In Freiburg spielen sich solche Szenen offenbar noch im echten Leben ab. Geschehen ist’s Anfang Juli beim Autovermieter Europcar an der Lörracher Straße. Kurze Zeit später tauchte eine 31-jährige Frau auf, die im Auftrag des 33-jährigen Wagenmieters etwas „Vergessenes“ aus dem Fahrzeug holen wollte. Die Vermieter reagierten schnell, riefen die Polizei und schafften es, die Frau so lange hinzuhalten, bis sie von den Beamten des Reviers Freiburg-Süd festgenommen wurde. Die große Frage, die bleibt: Wie schafft man es, eine Frau, in deren Umfeld Schusswaffen offenbar nichts Besonderes sind, so lange hinzuhalten? „Bevor wir nachgucken, möchte ich Ihnen aber noch etwas zeigen. Hier mein Briefmarkenalbum …“
Freihandel
Freihandelsabkommen mit Amerika? Wieso sollen wir vom Freihandel abkommen? Wir haben doch noch gar keinen. In den letzten Monaten hatten wir mit den Amis eher Händel als Handel wegen dieser Abhörgeschichte. Aber jetzt soll gehandelt werden. Denn nur wer handelt, bleibt handlungsfähig. Entstehen soll die größte Freihandelszone der Welt. Für die Amis sind wir dann die Ostzone und sie für uns der West-Sektor. Wenn die Zollschranken zwischen den USA und Europäern endlich gefallen sind, wird unser Speiseplan noch abwechslungsreicher. Neben Big Macs und der braunen Brause auch mal hier ein hormongetränktes Rindercarpaccio, da ein leckeres Turbohähnchen mit Genmais und zum Nachtisch ein Antibiotika-Bagel. Aber Moment mal: Können wir das nicht auch jetzt schon kriegen, wenigstens in ausgesuchten Delikatessenläden? Unsere amerikanischen Freunde dürfen im Gegenzug dann Rohmilchkäse aus Frankreich verzehren. Von den ungewohnten Bakterien werden sie vermutlich so was von Durchfall kriegen, da ist die Rache Montezumas in Mexiko ein Dünnschiss dagegen. Vielleicht können wir in Zukunft auch das ganze Gemüse und Obst, das nicht den EU-Normen entspricht, über den Teich schicken: Krumme Gurken, zu kleine Äpfel und zu mickrige Schwarzwaldbananen. Oder einiges an Fallobst aus dem Kabinett? Da gibt’s doch auch Pflaumen und wurmstichige Bückware. Interessant wird auch sein, wie die Amis auf unsere europäischen Filme reagieren, für die sie endlich ihren Markt öffnen müssen. Die amerikanische Kriminalstatistik wird in den Keller rauschen, wenn erst mal Lena Odenthal oder Ballauf und Schenk durch die Häuserschluchten von Chicago schnüffeln. Oder Till Schweiger oder gar Schimanski in den Straßen von San Francisco rumballern. Und bei uns in Frankfurt ermittelt dann im Gegenzug Kojak alias Telly Savalas: Einsatz in Mainhatten. Die Vorstellung ist „entzückend, Baby“. Oder stellt Euch den Aufruhr vor, wenn im puritanischen Amerika die ganzen französischen Dreieckskomödien gezeigt werden können – da werden die bigotten christlichen Freikirchen im Viereck springen. Und fürs Rockbusiness schicken wir BAP für die Baptisten. Na, dann: Frohes freies Handeln. Eine scharfe Chilli als Appetizer.
Dingsda: Der CSD Ach ja, da gab’s ja noch was. Und zwar einen CSD – einen Christopher Street Day – in Freiburg. Bei dieser – in ähnlicher Form aber durchaus mit unterschiedlichen Bezeichnungen – weltweit abgehaltenen Parade, demonstrieren Homosexuelle für sich, die Liebe, ihre Rechte und gegen Ungerechtigkeiten, Diskriminierung und Ausgrenzung. Man könnte es aber auch anders zusammenfassen. „Es ist ein großes friedliches Fest und das Ganze läuft auf einem großen Schaumteppich ab und alle fragen sich, wo der herkommt. Ich hab’s noch nicht verstanden“, zeigte CSD-Gast und Oberbürgermeister Dieter Salomon, wie ein geübter Rhetoriker auch komplexe Sachverhalte ganz einfach darzustellen vermag.
Volkmar Staub
UNVERLANGTe post
Volkmar Staub, Kabarettist, geboren in Lörrach, lebendig in Berlin, vergibt die chilli-Schote am Bande.
Foto: © Privat
Und wieder eine von Tausenden Pressemitteilungen. Die elektrische Ampel, sagt uns Siemens, wird am 5. August 100 Jahre alt. Die erste ging in Cleveland ans Netz. Die allererste indes wurde 1868 am Londoner Parliament Square aufgestellt. Ein Polizist bediente die mit brennbarem Gas betriebene Innovation – bis sie nach drei Wochen explodierte und den Mann schwer verletzte. fho/bar
Juli/August 2014 CHILLI 7
Titel auf die ohren
„Zwangsbeschallung“ in Cafés & Geschäften
Stadtkarte des Lärms Platzrunde für den Anund Abflug vom Flugplatz
Feiern am Augustinerplatz
Belastungsachse Schienenverkehr Belastungsachse Straßenverkehr
Hochdorf
Beschwerden über Freizeitlärm, die beim Verein FILZ eingegangen sind
Übende Rockgruppen am Alten Güterbahnhof
Brühl FreiluftKonzerte
Lehen
Beachvolleyballplatz
Zähringen
Herumlungernde am Runzmattenweg
Landwasser Els äs se rS tra ße
Mooswald Su nd ga ua lle e
Betzenhausen
Herdern
Innenstadt
Sc hl os sb er gr in g
Opfi nge r St raß e
Ste fan -M eie r-S tr.
Stühlinger
Weingarten
Zährin gerst r.
B3 1
Rieselfeld
SC Stadion
Nächtliches Radfahren am Dreisamuferweg
Waldsee
Vauban
Unterwiehre
St. Georgen
8 CHILLI Juli/August 2014
Schauinslandstr.
Andreas-Hofer-Straße
M erz ha us er
e raß dst n a rL sle Ba
B31
Haslach St raß e
Uf fh au se rS tra ße
Schwarzwaldstraße
Wiehre Feiern am Dreisamufer
Feiern der Studentenverbindungen
Übungskeller von Rockgruppen
Flaschensammler
Feiern auf der Sternwaldwiese
Betrunkene Diskobesucher
Titel Lärm in Städten
Tuut! Bumm! Klirr! Fluglärm, Kirchengeläut, Barmusik: Hier kracht’s in Freiburg von Tanja Bruckert
K
Grafik: @ chilli / Quellen: FILZ, City-Flugplatz-Freiburg, Garten- und Tiefbauamt Freiburg
ommunaler Ordnungsdienst, Verlängerung oder Verkürzung der Sperrzeiten, nächtlicher Güterzugverkehr – die Freiburger diskutieren zwar seit Jahren hitzig, mit welchen Mitteln man dem Partylärm begegnen kann. Doch ist der die Wurzel aller Ohrenschmerzen oder nur die Spitze der Lärmbelästigung? Schmoren die Innenstadtbewohner im akustischen Gomorrha, während die anderen Stadtteile im Paradies der Stille schwelgen? Wir waren mit einer Lärmmessungs-App unterwegs, um zu schauen, an welchen Stellen in Freiburg so richtig gelärmt wird. Lärm gilt heutzutage als Umweltproblem Nummer Eins. Laut einer Umfrage des Umweltbundesamts aus 2012 fühlt sich jeder Zweite in seinem Wohnumfeld von Lärm belästigt. Schuld daran ist vor allem die steigende Zahl der Fahr- und Flugzeuge. Doch es gibt noch eine ganz andere Art von Lärm, der vielen zu schaffen macht: der Freizeitlärm. So wird der Diskobesucher mit bis zu 110 Dezibel beschallt, in Rockkonzerten werden Pegel um 120 Dezibel erreicht, und selbst bei klassischen Konzerten kann die Lautstärke bis zu 114 Dezibel betragen. Zum Vergleich: Eine Kreissäge schafft rund 100 Dezibel, ein startendes Flugzeug zwischen 110 und 140. Zum Diskobesuch wird niemand gezwungen. Doch was, wenn man dem Lärm einer Gaststätte, Straße oder Kita, eines Public Viewings oder Sportplatzes nicht entgehen kann, weil er bis ins heimische Schlafzimmer dringt? Klaus Miehling, Leiter der Freiburger Initiative gegen Lärm und Zwangsbeschallung (FILZ), sieht genau darin ein großes Problem in Freiburg. Er selbst habe mehrmals umziehen müssen, weil er unter Lärm gelitten habe, und lange gebraucht, um eine ruhige Wohnung zu finden: „Wenn man in seiner eigenen Wohnung nicht schlafen kann, ist das ungeheuerlich.“ Die Schuld daran gibt er der Gesellschaft und dem Gesetzgeber. „Die Rücksichtnahme nimmt ab, die Grenzwerte sind zu hoch, und statt sie zu verschärfen, beseitigt man sie noch zeitweise“, moniert Miehling im Hinblick auf die Ausnahmeregelungen, die etwa fürs Public Viewing gelten. „Was den Verkehrslärm betrifft, ist Freiburg vorn, doch beim Freizeitlärm ist die Stadt untätig.“ Fußballjubel, Konzerte, spielende Kinder, Hocks und Weinfeste, aus Kneipen schallende Musik, Grillfeste: des einen Freud ist des anderen Leid. Denn obwohl es Grenzwerte und Richtlinien gibt: Lärm ist etwas Subjektives, das jeder anders wahrnimmt. Der eine freut sich übers Kinderlachen vom nahen Spielplatz, der andere verzweifelt dran. Kinderkreischen kann es übrigens auf stolze 91 Dezibel bringen – gemessen vom nächstgelegenen Wohnhaus zur Paul-Hindemith-Schule im
Mooswald. Während der eine das Rattern der Güterbahn ausblendet, kann der andere bei offenem Fenster nicht arbeiten – der lauteste Zug zieht während des Schreibens dieses Artikels mit 88 Dezibel an der Redaktion auf dem Güterbahnhof vorbei. Und während der eine wegen der Nachbarkirche vor Gericht zieht, schafft der andere seinen Wecker ab. Im Rappen am Freiburger Münsterplatz dröhnt es oben aus dem schönsten Turm der Christenheit mit 89 Dezibel ans offene Hotelzimmer. Ab 85 Dezibel, so der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte, können bereits kurze Einwirkungen zu dauerhaften Gehörschäden führen.
Fluglärm in Wiehre, Zähringen und stadtmitte An einem Sonntag auf dem Balkon entspannen, ist für Marianne Förderer unmöglich. Bei gutem Wetter flögen von 10 Uhr morgens bis 20 Uhr abends Sportflieger über ihr Haus in der Rehlingstraße – im Dreiminutentakt. Auch sie misst fürs chilli: zwischen 73 und 89 Dezibel. Telefonieren sei unmöglich, Gespräche auf dem Balkon auch. Dabei liegt ihre Wohnung nicht einmal direkt in der Einflugschneise: Die Piloten sind dazu angehalten, vom Zubringer über die Bahngleise Richtung Flugplatz zu fliegen. „Wenn die Flieger diese Platzrunde einhalten, höre ich sie zwar auch“, erzählt die 45-Jährige, „das ist aber in Ordnung. Das Problem sind die vielen Flieger, die stattdessen direkt über das Wohngebiet fliegen.“ Förderer ist nicht die einzige Freiburgerin, die sich vom Fluglärm belästigt fühlt: Die Freiburger Schutzgemeinschaft gegen Lärm erreichen rund 50 Beschwerden im Jahr, überwiegend aus der Wiehre, Zähringen und der Stadtmitte. Der Verein leitet die Beschwerden, die sich überwiegend gegen den Sport- und Schulflugbetrieb wenden, an das Regierungspräsidium weiter. Geändert hat das bisher nichts.
laute Feierei: Das Ende der Bar Erika? Der am meisten umlärmte Streitpunkt in der Debatte ist das Freiburger Nachtleben. Ein aktueller Fall: Die Bar Erika in der Kartäuserstraße. „Anwohner kämpfen gegen die Bar Erika“ titelte die BZ im vergangenen Oktober. Einer ist Tobias Kurzeder: „Die Bar Erika ist von Amts wegen geschlossen worden. Ich gehe davon aus, dass der Betreiber das Maß des von der Stadtverwaltung tolerierbaren Ignorierens von Auflagen überschritten hat.“ Juli/August 2014 CHILLI 9
Titel Lärm in Städten
Lärmquelle Biergarten: Kein Vergleich gegen die Höllentalbahn.
Damit konfrontiert, fällt Katharina Möckel, die die Bar zusammen mit Klaus Henning gepachtet hat, aus allen Wolken: Von Schließen sei keine Rede, die Bar habe lediglich Betriebsferien. Doch der Anwohner scheint den richtigen Riecher zu haben: Nach Angaben der städtischen Pressestelle hat das Ordnungsamt den Betreiber aufgefordert, die Bar zu schließen. Der habe dagegen einstweiligen Rechtsschutz vor Gericht beantragt, was ihm aber am 7. Juli versagt worden ist. Für Henning kein Grund, das Geschirrtuch zu schmeißen. Er will in die nächste Instanz gehen:„Wir sind ein gut laufender Betrieb und werden nicht schließen.“ Doch obwohl sich die Pächter kämpferisch geben, merkt man ihnen an, dass sie der Streit mitnimmt. „Ich bin nervlich fix und alle“, sagt Möckel resigniert, „wir wollen mit den Anwohnern und nicht gegen sie.“
Ratternde Züge, hupende Autos, quietschende Bremsen: Freiburgs Lärmaktionsplan Auf den ersten Blick wirkt das Einfamilienhaus in Zähringen wie eine Traum-Immobilie: Wohnzimmer mit Parkett und Schwedenofen, heller Wintergarten, gepflegter Garten mit großer Terrasse. Dennoch tut sich Immobilienmaklerin Lydia Beyer schwer, das Haus an den Käufer zu bringen. Grund: Die Lage direkt an der Bahnlinie. Bei rund 80 Anfragen sei es nur zu zehn Besichtigun10 CHILLI Juli/August 2014
Foto: @ privat
gen gekommen, die anderen Interessenten habe bereits vorm Haus der Lärm abgeschreckt. In einer anderen Lage wären statt der veranschlagten 595.000 Euro locker 660.000 Euro drin. „Die lauteste Lärmquelle ist in der Regel der Verkehrslärm“, weiß der Schallschutzgutachter Wolfgang Rink aus Reute. Die Zahl der Menschen, die in Freiburg durch den Straßen- und Schienenverkehr belastet ist, wird im Lärmaktionsplan des Garten- und Tiefbauamts (GuT) auf 12.900 am Tag und 13.800 in der Nacht taxiert. Aus Rinks Sicht ist die Stadt Freiburg beim Umgang mit Lärm in einer Vorreiterrolle: „Nicht alle Kommunen nehmen das Thema so ernst.“
Die unbekannte Lärmquelle: Pfandflaschensammler Doch die Umsetzung von Lärmschutzmaßnahmen ist nicht immer einfach, weiß Georg Herffs, Abteilungsleiter Verkehrsplanung des GuT: „Uns sind vom Gesetzgeber enge Grenzen gesetzt.“ Beispiel: Zone 30. Innerstädtisch gelte eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern. „Wenn eine Kommune diese niedriger ansetzen will, dann ist das eine Ausnahme, die begründet werden muss“, so der Verkehrsplaner. Monika Ross wohnt gegenüber des Adelhauser Klosters im vierten Stock. Eine ruhige Lage – eigentlich. Dennoch wacht die 45-Jährige bis zu „zehnmal in der Nacht“ auf, kann ausgerechnet in heißen Sommernächten nur bei ge-
schlossenem Fenster und mit Oropax schlafen. Denn durch die Adelhauserstraße ziehen regelmäßig Pfandsammler, die in ihren Wagen auf dem Pflaster Glasflaschen transportieren. Bei schönem Wetter scheppere es durchaus mal bis fünf Uhr morgens. Ross schickte eine Beschwerde ans Ordnungsamt. Das geht von einem Verstoß gegen das Gebot der Nachtruhe aus und rät, eine Anzeige bei der Polizei oder Bußgeldbehörde zu erstatten. Allerdings nur gegen eine „namentlich bekannte Person“. Ross, die seit 21 Jahren in dem Haus wohnt: „Soll ich nachts auf der Straße warten und den Pfandsammler zwingen, mir seinen Namen zu nennen?“ Wem es in der Stadt zu laut ist, soll eben aufs Land ziehen, ist das oft angeführte Totschlagargument. Doch auch hier ist es – wie überall, wo Menschen wohnen – nicht mucksmäuschenstill. Der Rasenmäher des Nachbarn – aus dem ersten Stock belauscht – schlägt mit 58 Dezibel zu Ohren, der Laubsauger schafft es sogar auf 72 Dezibel. Die mit Abstand lauteste Lärmmessung des chilli war übrigens auf einem Balkon im Haus Sternwaldstraße 49. Wenn dort die Höllentalbahn zum Wiehrebahnhof vorbeizieht, schlägt der Zeiger auf 103 Dezibel aus.
Lärm
So laut sind … > 35 Dezibel: Flüstern p Lärmgrenze für Geräusche in reinen Wohngebieten (nachts) > 50 Dezibel: normales Gespräch Lärmgrenze für Geräusche p in reinen Wohngebieten (tagsüber) > 60 Dezibel: Gruppengespräch p Stressgrenze > 80 Dezibel: Staubsauger > 100 Dezibel: Kreissäge > 120 Dezibel: Flugzeug > 130 Dezibel: Düsenjäger Schmerzschwelle p
Auch Androids haben die BZ jetzt auf’m Schirm!
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BZ
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Sport Interview
» Der Verein hat sich verändert« SC-Trainer Streich über den Transfermarkt, die WM und Selfies
B
Fotos: © fho, SC Freiburg
eim SC Freiburg hat die Vorbereitung auf die kommende Runde begonnen. Im Gegensatz zur turbulenten Saison 13/14 scheint das Fahrwasser an der Schwarzwaldstraße jetzt aber um einiges ruhiger zu sein: Den wenigen Abgängen hat man in Person von Sascha Riether, Sebastian Mielitz, Mike Frantz und Roman Bürki bislang Neuzugänge mit Qualität und Erfahrung entgegengesetzt. Weitere Spieler von etablierten Vereinen könnten in diesen Wochen hinzukommen. Zudem ist der SC nicht für den internationalen Wettbewerb qualifiziert, es gibt also keine Dreifachbelastung. Vor seiner vierten Saison als Cheftrainer ist Christian Streich trotzdem nicht wesentlich entspannter. Wie im Gespräch mit chilli-Redakteur Felix Holm schnell klar wurde. chilli: Hallo Herr Streich, haben Sie sich im Urlaub gut erholt? Streich: Jaja. chilli: Wie oft hat sich denn das Management bei Ihnen gemeldet und Sie über Neuigkeiten vom Transfermarkt informiert? Streich: Wir sind ständig im Kontakt. Täglich. chilli: Einiges hat sich ja auch schon getan. Riether, Mielitz, Bürki und Frantz sind schon fix hinzugekommen. Kempf, Besler und Mirotic sind weitere Namen, die im Raum stehen. Alles Spieler, die von etablierten Vereinen kommen … 12 CHILLI Juli/August 2014
Streich: (unterbricht energisch) … das ist aber nicht der Faktor. Ein Spieler, der beispielsweise von Braunschweig kommt und dort Stammspieler war, kommt mit besseren Voraussetzungen als einer, der bei einem etablierten Verein auf der Bank gesessen ist. chilli: Dennoch hat sich in Sachen Transfers beim SC in den vergangenen Jahren etwas verändert. Früher kamen Talente aus Georgien oder Mali an die Schwarzwaldstraße, heute fertige Spieler aus europäischen Ligen. Streich: Die Bedingungen haben sich geändert. Der Verein hat sich auch ein Stück weit verändert. Wenn heute in Georgien ein junger, talentierter Spieler auftaucht, so wie damals Kobi oder Iaschi, dann sind die mit 16 oder 17 Jahren schon bei einem größeren Club unter Vertrag. Es gibt Vereine, die nehmen 60, 70 junge Spieler unter Vertrag, nur um die dann wieder zu verleihen. Viele Vereine haben sogenannte – ein furchtbares Wort – „Farmteams“ in Südamerika, in Afrika und, und, und. Das bedeutet, diese Nische, die es damals gab, gibt es praktisch nicht mehr. chilli: Und inwiefern hat sich der Verein verändert? Streich: Der Verein verändert sich immer. Jeder Verein verändert sich immer. Wir sind jetzt seit Jahren in der ersten Bundesliga, waren in den vergangenen Jahren fast immer
Sport Interview
dort. Das eröffnet dann auch gewisse Möglichkeiten. Aber auch andere Vereine entwickeln sich und verbessern ihre finanziellen Bedingungen auf ganz andere Arten. chilli: Was meinen Sie? Streich: Siehe Red Bull Leipzig, siehe Hoffenheim, siehe Wolfsburg, siehe Leverkusen. Wir haben uns das wirklich über unsere Qualität über viele Jahre hinweg erarbeitet. Aber trotzdem geht die Schere weiter auseinander. Wir können unter den ersten 25 Vereinen in Deutschland mithalten. Zu denen gehört inzwischen aber auch Leipzig. Wenn Red Bull Leipzig einen Spieler will und wir wollen einen Spieler, kriegt den Red Bull Leipzig. Wenn der Spieler nach dem Geld geht. chilli: Aber Sie würden schon sagen, dass der SC anders auf dem Markt auftreten kann als noch vor 15 Jahren – auch finanziell anders. Streich: Wir haben so gearbeitet, dass wir uns gewisse Möglichkeiten erarbeitet haben. Aber vor 15 Jahren konnte man, wenn man es gut gemacht hat, eben auch noch in Georgien einen Spieler entdecken. chilli: Wie bewerten Sie den Kader in diesem Jahr?
Die haben ja ein Jahr durchgespielt. Und irgendwann muss der Körper ja auch mal zur Ruhe kommen. chilli: Etwa der von Matthias Ginter. Welche Rolle spielt er in Ihrer Saisonplanung? Streich: (Denkpause) Er ist nach wie vor bei uns. Er spielt die Rolle, die alle anderen auch spielen, solange sie beim SC sind. chilli: Haben Sie von Ginter mal ein Selfie oder ähnliche Grüße aus dem Campo Bahia in Brasilien geschickt bekommen? Streich: Ein was? Ein „Safie“? Da weiß ich gar nicht, was das ist. Solche Dinge haben für mich keine Relevanz. chilli: Haben Sie bei der WM denn Dinge beobachten können, die auch für Freiburg von taktischer oder systematischer Bedeutung sein könnten? Streich: Wie Mexiko oder Chile an ihre Spiele herangegangen sind, nicht so abwartend, das entspricht mit Sicherheit auch der Art und Denkweise, wie wir an unsere Spiele rangehen wollen. chilli: Geht der Trend weg vom dominanten Ballbesitz hin zum schnellen Umschaltspiel? Streich: Perfektes Gegenpressing und Ballbesitz schließen sich für mich nicht aus.
Die ersten Neuzugänge: Mike Frantz (kam vom 1. FC Nürnberg), Sascha Riether (FC Fulham), Roman Bürki (GC Zürich) und Sebastian Mielitz (Werder Bremen)
Streich: Es ist zumindest so, dass wir nicht so viele Abgänge haben wie im letzten Jahr und das, obwohl wir die Qualifikation im Europapokal vor der Brust hatten. Das ist positiv für die Mannschaft, die eingespielter ist. Es muss nicht so viel integriert werden, die Jungen sind ein Jahr weiter. Spieler wie Kerk und Günter konnten viel kicken und sind stabiler. Wir haben mit Mike Frantz und Sascha Riether eindeutig eine gewisse Erfahrung dazubekommen. Und dann sind noch ein paar junge Spieler dazugekommen, bei denen man sicher noch ein wenig Geduld haben muss. chilli: Wer hat im Torwartduell momentan die Nase vorn? Streich: Es gibt im Moment kein Torwartduell, weil Roman Bürki nach seiner WM-Teilnahme noch im Urlaub ist. chilli: Welche Bedeutung hat die Rückkehr von einem etablierten Spieler wie Sascha Riether für Ihr Team und den Verein? Streich: Wir freuen uns. Das zeigt, dass wir auch für solche Spieler attraktiv sind. chilli: Folgt auf die schwierige Spielzeit 13/14 eine leichtere? Streich: Das weiß ich nicht. Die letzte Saison war eine Extremsituation, in allem. Aber wir konnten damit umgehen und haben es trotzdem geschafft, Spieler zu entwickeln. Wir müssen jetzt schauen, ob wir gesund bleiben. Wir müssen schauen, was mit den Jungs passiert, die bei der WM waren.
chilli: Was ist mit Standardsituationen? Streich: Das ist in den letzten zwei Jahren ja schon viel mehr in den Fokus gerückt, das sieht man auch in der Bundesliga, wo es immer mehr Varianten gibt. Grob 40 Prozent der Tore werden ja heute über Standards erzielt. chilli: Wie haben Sie die Kritik an Löw in den Wochen während der WM erlebt? Streich: Die Bedeutung des Fußballs ist so groß geworden, dass halt aus allen möglichen gesellschaftlichen Richtungen Kommentare kommen. Von allen möglichen Leuten aus den unterschiedlichsten Positionen. Da gibt es einfach wahnsinnig viele sogenannte Experten. Aber das ist Teil des Geschäfts. chilli: Welches Ziel haben Sie außer dem Klassenerhalt? Streich: Wir wollen so gut wie möglich Fußball spielen. Die Leute sollen Freude haben und merken, dass die Mannschaft rennt und kämpft und spielt. Ob wir mal ein Spiel verlieren oder zwei, muss dabei egal sein. Die Zuschauer sollen trotzdem total gerne hinter uns stehen, zu uns kommen. Und beim Auswärtsspiel sollen hier in Freiburg die Kneipen voll sein, weil man den SC sehen will, weil es da was zu sehen gibt. chilli: Herr Streich, vielen Dank für das Gespräch. Juli/August 2014 CHILLI 13
SZENE Abhörskandal
» Ich würde Snowden Asyl gewähren « Jetzt ist es Auch offiziell: Der BND spioniert in Rheinhausen
A
bhören ohne Grenzen“ – so titelte das Freiburger Stadtmagazin chilli im vergangenen Juli. Auf dem Höhepunkt der NSA-Affäre lüftete die Redaktion das Mäntelchen des Schweigens um die Aktivitäten des Bundes-
nachrichtendienstes in Südbaden. Ein Jahr später ist es nun offiziell: Im „Ionosphäreninstitut“ (so der Tarnname) werden Auslandsgespräche abgehört. Was unsere Interviewpartner damals sagten und heute äußern – hier ganz transparent.
Foto: © Steve Przybilla
von Steve Przybilla
Juli 2013
Juli 2014
Jürgen Louis, Bürgermeister (CDU): „Ich war in meiner ganzen Amtszeit nur einmal im Institut. Was dort geschieht, habe ich nicht gefragt. Das war wohl auch nicht gewünscht. Als öffentliche Einrichtung zahlt das Institut keine Gewerbesteuer.“
Jürgen Louis: „Es war immer klar, was sich hier abspielt. Geändert hat sich jetzt nur das Klingelschild. Ich bin überzeugt, dass auch demokratische Staaten geheimdienstliche Informationen brauchen. Deshalb kann ich mit dem BND in unserer Gemeinde gut leben.“
Bernd Maurer, Gemeinderat Rheinhausen (Freie Wähler): „Früher haben wir uns Sorgen gemacht, dass durch die Antennen zu viel Elektrosmog entstehen könnte. Wir werden auch nicht gefragt, wenn etwas erweitert oder gebaut werden soll.“
Bernd Maurer: „Natürlich kann ein Geheimdienst nicht alles öffentlich machen. Viel schlimmer finde ich, dass diese angebliche Transparenzoffensive erst ein Jahr nach den Snowden-Enthüllungen kommt. Das ist sein Verdienst, ich würde ihm Asyl gewähren.“
Axel Mayer, Kreisrat (Grüne): „Der Kampf gegen Überwachung und Volkszählung war eines der großen politischen Themen der 80er-Jahre. Inzwischen sind fast alle unsere Befürchtungen von damals Realität geworden. Das Ionosphäreninstitut verkörpert die übertriebene Datensammelwut des Staates.“
Axel Mayer: „Die nie geheime Geheimniskrämerei hat ein Ende, ein kleiner Erfolg auch für mich. Doch der BND gibt immer nur zu, was er zugeben muss, weil es schon alle wissen. Die wirklich spannenden Fragen bleiben: Was steckt in der ,Wundertüte BND-Station‘ drin? Wer wird abgehört? Arbeitet der BND in Rheinhausen mit der NSA zusammen?“
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SZENE Spionageaffäre
MEINE SORGEN Geheimdienstmitarbeiter
Ja so was! Da haben die Amerikaner doch tatsächlich spioniert. Und dann auch noch bei uns! Die fiesen Hunde! Und dabei wurden offenbar ja nicht nur Handys abgehört, sondern auch noch Mitarbeiter im Staatsdienst zu Überläufern gemacht. Also, das geht so schon mal gar nicht. Spione schön und gut. Aber, wenn diese Herren und Damen mit den schwarzen Mänteln und den Sonnenbrillen sich in Deutschland aufhalten, gilt auch für sie natürlich deutsches Recht. Und nach
dem darf man nicht einfach so irgendwelche Telefongespräche mithören oder sich Einblick in Akten des Verteidigungsministeriums verschaffen. Deutschland ist schließlich ein ehrbares Land. Und überhaupt: Wenn deutsche Spione sensible Daten aus anderen Ländern besorgen, machen sie das auf dem politisch korrekten Weg. Sie googeln vielleicht erst Mal ein bisschen, dann ein offener Anruf beim jeweils zu Bespitzelnden, und dann, wenn es für alle Beteiligten o.k. ist, vielleicht auch eine schriftliche Erlaubnis-
anfrage, ob man das eine oder andere Foto (benutzen Spione im Internetzeitalter eigentlich immer noch Microfilme oder auch schon Micro-SD-Karten?) der geheimen Akten schießen dürfe. „Dass die Amerikaner drittklassige Leute bei uns anwerben dürfen“ findet Finanzminister Wolfgang Schäuble folgerichtig auch „so was von blöd“. Eben. Nach deutschen Spionage-Standards gebietet das internationale Fairplay, dass wir den Amis unsere Besten der Besten anbieten. Felix Holm
Juli 2013
Juli 2014
Erich Schmidt-Eenboom, BND-Experte: „Die Anlage gehört zum BND. Abgehört wird dort aber nicht. Stattdessen geht es um die technische Erforschung der Ionosphäre und Stratosphäre, was wiederum als Grundlage für Abhörverfahren dient. Insofern ist der Name des Instituts gar nicht mal falsch.“
Erich Schmidt-Eenboom: „Die Intensität der Überwachung hat mich überrascht. Ansonsten ist die Transparenzoffensive nur albern. Der BND mauert weiter, wie man beim NSA-Untersuchungsausschuss sieht. Gut ist die Umbenennung höchstens für die Mitarbeiter in Rheinhausen. Jetzt müssen sie nicht mehr lügen, was ihren Arbeitgeber angeht.“
Pförtner (am Telefon): „Ionosphäreninstitut Rheinhausen, guten Tag. Ob wir zum BND gehören, kann ich Ihnen nicht sagen. Wenden Sie sich bitte per E-Mail an den Institutsleiter.“ (Die Adresse stellte sich übrigens als falsch heraus)
Pförtner (am Telefon): „Bundesnachrichtendienst, Außenstelle Rheinhausen, guten Tag. Ein Interview mit dem Institutsleiter ist leider nicht möglich. Für Anfragen wenden Sie sich bitte an die BND-Pressestelle.“
BND-Pressestelle: „In der Sache können wir Ihnen leider nicht weiterhelfen, da dieses Institut nur aus ähnlichen früheren Anfragen bekannt ist. Ich schlage vor, dass Sie sich direkt an das Ionosphäreninstitut wenden. Die Postanschrift lautet offenbar ,Ionosphären-Institut Rheinhausen, 79365 Rheinhausen‘.“
BND-Pressemitteilung (gekürzt): „Die Nutzung von Legenden wie „Ionosphäreninstitut“ ist Geschichte. Die Aufhebung ist Bestandteil der Transparenzoffensive des BND. In Rheinhausen gewinnt der BND Informationen mit den Methoden der Satelliten-Fernmeldeaufklärung. Zu diesen Aufgaben stehen wir, weshalb wir auf die Legendierung im Inland verzichten.“
Juli/August 2014 CHILLI 15
Dies war eine Leseprobe der Juli-Ausgabe 2014.
Sie haben lust auf mehr? Das komplette Heft ist unter abo@chilli-online.de oder im Handel erh채ltlich.