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Mediendienst 1 23. Januar 2014

Humanitäre Katastrophe in der Zentralafrikanischen Republik

Über 900 000 Vertriebene und Tausende von Opfern Franziska Koller

Der Mediendienst der Caritas Schweiz ist ein Angebot mit Hintergrundtexten zur freien Verwendung. Für Rückfragen stehen die Autorinnen und Autoren gerne zur Verfügung.


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Humanitäre Katastrophe in der Zentralafrikanischen Republik

Über 900 000 Vertriebene und Tausende von Opfern Annähernd eine Million Zentralafrikanerinnen und Zentralafrikaner sind nach Schätzungen des UNHCR auf der Flucht. Das entspricht einem Fünftel der Bevölkerung. Allein in der Hauptstadt wohnen über 500 000 Menschen in 70 Flüchtlingszentren. Laut Schätzungen der UN flüchteten zusätzlich im Jahr 2013 rund 240 000 Zentralafrikanerinnen und -afrikaner ins benachbarte Ausland. Inzwischen sind 2,6 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Caritas Schweiz leistet Nothilfe. Übergriffe auf die Zivilbevölkerung, Verbrennen von Dörfern und tyrannische Tötungen widerspiegeln die schweren Menschenrechtsverletzungen, die in den letzten Wochen zu gewaltigen Flüchtlingsströmen im Land geführt haben. Hinzu kommt, dass im Land die öffentliche Ordnung und Sicherheit nicht mehr unter Kontrolle ist. Ein grosser Teil der öffentlichen Infrastrukturen wie Schulen oder sanitäre Anlagen sind zerstört worden. Insbesondere in den Flüchtlingscamps ist die Lage sehr problematisch; in den Camps der Hauptstadt teilen sich durchschnittlich 4000 Menschen eine Latrine. Die konfliktive Lage hat sich inzwischen etwas beruhigt, seit der Präsident und der Premierminister Anfang Januar ihren Rücktritt bekannt gegeben haben. Inzwischen ist eine neue Präsidentin bestimmt. Dennoch deutet wenig auf eine baldige nachhaltige Besserung der humanitären Notlage hin.

Die Nothilfe der Caritas Schweiz Multilaterale Organisationen sowie internationale und lokale NGOs konzentrieren sich auf die humanitäre Hilfe, die sich wegen der Unsicherheit im Land als schwierig gestaltet; vor allem ländliche Regionen blieben bis jetzt von jeglicher Hilfe abgeschnitten. Auch Caritas Schweiz verfolgt die Lage mit grosser Besorgnis und setzt seit Januar 2014 zusammen mit der Partnerorganisation ACORD in den besonders betroffenen Regionen Bossangoa, Kaga Bandoro und Bossembélé ein Nothilfeprojekt zugunsten der Opfer um. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Linderung der Krise für die vom Konflikt betroffenen Gemeinden in den Regionen Ombella Mpoko, Ouham und Nana Gribizi. 20 000 Menschen erhalten Nahrungsmittel, Küchenutensilien, Hygieneartikel und Decken, die von Kamerun her beschafft werden. ACORD achtet bei der Auswahl der Begünstigten besonders darauf, dass alle Bevölkerungsgruppen Zugang zu den Hilfsleistungen haben. Ein besonderer Fokus wird auf Frauenhaushalte gelegt und auf Opfer von sexueller Gewalt. Nebst der Nahrungsmittel- und Materialhilfe werden acht grundlegende Infrastrukturen der begünstigten Gemeinden (zum Beispiel Brunnen, Schulen, Latrinen) wieder aufgebaut, die während des Krieges zerstört worden sind. Diese Infrastrukturen werden von beiden Bevölkerungsgruppen (Christen wie Muslime) gemeinsam genutzt. Die Einwohnerinnen und Einwohner bestimmen die zu rekonstruierenden Infrastrukturen gemeinsam. Insgesamt profitieren rund 20 000 Menschen von diesen Infrastrukturen nach derer Fertigstellung. Sie unterstützen die Aufbauarbeiten, stellen lokale Materialien (Sand, Kies und Bausteine) zur Verfügung und helfen bei den Arbeiten mit.

Caritas Schweiz, Mediendienst 1, 23. Januar 2014


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Der Hintergrund des Konflikts Der Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik brach vor gut einem Jahr im März 2013 aus. Damals übernahm die Rebellenkoalition Seleka die Macht im Land, stürzte den seit langem herrschenden François Bozizé. Dieser galt als klientelistisch und verschlossen und behielt den Reichtum des Landes für sich und seinen Clan zurück; er soll die Wahlen im Jahr 2011 gefälscht haben. Eine Koalition von heterogenen bewaffneten Gruppen drang Ende 2012 vom Norden her in Richtung Hauptstadt vor. Das Unvermögen der nationalen Sicherheitskräfte führte bereits Anfang 2013 dazu, dass die die Nachbarländer Tschad, Gabon, Kongo und Kamerun die damalige Regierung unterstützten. Unter Vermittlung der Economic Community of Central African States (CEEAC) wurde kurzfristig ein Waffenstillstand und politisches Abkommen unterschrieben. Die Umsetzung desselben wurde aber von der Regierung blockiert, sodass die Rebellen im März 2013 gewaltsam die Macht übernahmen. Die Krise verschärfte sich 2013 massiv und auf der Seite der Rebellen kämpften verschiedene muslimische Gruppen aus dem Norden des Landes sowie aus Tschad und Sudan. Die Rebellengruppe Seleka (eher muslimischer Herkunft) war nicht in der Lage, eine politische Ordnung herzustellen, und so bildeten sich in der Folge Selbstverteidigungsgruppen und in den Konflikt eingegriffen, die sogenannten Anti-Balaka, die eher christlicher Herkunft sind. Seit Herbst 2013 haben die Spannungen schliesslich auch eine interreligiöse Dimension angenommen und unschuldige Muslime wurden von den AntiBalaka respektive unschuldige Christen von den Seleka getötet. Franziska Koller, Stellvertretende Leiterin Abteilung Afrika/Lateinamerika, Caritas Schweiz, E-Mail fkoller@caritas.ch, Tel. 041 419 24 84

Caritas Schweiz, Mediendienst 1, 23. Januar 2014

Humanitäre Katastrophe in der Zentralafrikanischen Republik  

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