

Südsudan: Neues Leben nach der Flucht
Liebe Leserin, lieber Leser

«Ich danke Peter Lack herzlich für sein Engagement und die vielfältigen Impulse, die er gesetzt hat.»
Diese Ausgabe des Magazins bietet viel spannenden Lesestoff. Ich empfehle Ihnen die Hauptreportage aus dem Südsudan, wo die Caritas medizinische Nothilfe in einem Lager für Geflüchtete leistet. Darüber hinaus berichten wir über die aktuelle Situation im Libanon und in Venezuela. Ein weiteres, wenig bekanntes Thema in der Schweiz ist die weibliche Genitalbeschneidung, wo die Caritas die federführende Trägerorganisation des Netzwerks gegen Mädchenbeschneidung ist.
Ebenso wichtig ist mir, Ihnen mitzuteilen, dass sich der Direktor von Caritas Schweiz, Peter Lack, entschieden hat, sich beruflich neu zu orientieren. Ich möchte ihm auch auf diesem Weg sehr herzlich danken für sein Engagement und die vielfältigen Impulse, die er gesetzt hat.
Peter Lack hat Caritas Schweiz in einer herausfordernden Phase mit grossem Engagement und Umsicht weiterentwickelt. Er hat das unternehmerische Denken und Handeln unserer Organisation geprägt, die digitale Transformation vorangetrieben und zentrale Partnerschaften gefestigt, sei es im weltweiten oder im nationalen Caritas-Netzwerk. Es ist ihm auch gelungen, in unserem neuen Leitbild die historischen Wurzeln und Werte der Caritas in die Gegenwart zu übersetzen.
Bis ein neuer Direktor oder eine neue Direktorin gefunden ist, übernimmt Esther Reinhard die operative Gesamtverantwortung. Sie ist Leiterin des Bereichs Finanzen und Administration bei Caritas Schweiz und war bisher stellvertretende Direktorin. Auch ihr gilt mein Dank, dass sie diese verantwortungsvolle und facettenreiche Aufgabe übernimmt.
Wir alle zusammen setzen uns mit Ihnen gegen Not und Armut ein – in der Schweiz und weltweit. Und dies seit 125 Jahren. Im September feiern wir unser Jubiläum. Wir freuen uns, weiterhin auf Ihre Unterstützung zählen zu können.
Herzliche Grüsse,
Monika Maire-Hefti
Präsidentin, Caritas Schweiz
Lebensbedingungen, die krank machen
Wer im südsudanesischen Gorom-Camp lebt, hat eine kräftezehrende Flucht aus dem Sudan durchgestanden. Die 22 000 Menschen sind körperlich geschwächt und seelisch zerrieben. Das Gesundheitszentrum im Flüchtlingslager bemüht sich um Heilung an Leib und Seele. Seite 6

5 Brennpunkt: Eile an der Front

In der Region Charkiw ist der Krieg sehr nahe. Die Hilfe muss rasch zu den Menschen gelangen.
13 Schweiz:
Mutter mit sieben Jobs

Eleonora S. gibt einen Einblick, wie ihre Familie über die Runden kommt. Das Budget ist knapp – obwohl beide Eltern erwerbstätig sind.
15 youngCaritas: ProjektEntwicklung konkret

Ein Wochenende voller Inspiration, um Projekte langfristig aufzustellen.
IMPRESSUM
Das Magazin von Caritas Schweiz erscheint sechsmal im Jahr. Herausgeberin ist Caritas Schweiz, Kommunikation und Fundraising, Adligenswilerstr. 15, Postfach, 6002 Luzern, E-Mail: info@caritas.ch, www.caritas.ch, Tel. +41 41 419 24 19
Redaktion: Bettina Schucan-Birkhäuser (bs), Livia Leykauf (ll), Daria Jenni (dj), Niels Jost (nj), Tamara Bütler (tb), Vérène Morisod Simonazzi (vm), Fabrice Boulé (fb), Stefan Gribi (sg), Sarina Schöni (ss), Reto Schefer (rs). Das Abonnement kostet fünf Franken pro Jahr und wird einmalig von Ihrer Spende abgezogen. Grafik: Urban Fischer
Titelbild: Kenyi Moses Druckerei: Kyburz, Dielsdorf Papier: 100 % Recycling
Spendenkonto: IBAN CH69 0900 0000 6000 7000 4 Nachhaltig produziert. Ihre Daten werden bei uns geschützt. Informationen zum Datenschutz von Caritas Schweiz finden Sie unter www.caritas.ch/datenschutz

sein grosses Engagement.

Tim Murer übernimmt neu die Geschäftsleitung der Genossenschaft Caritas-Markt.
Neuer Leiter für die Caritas-Märkte
Jeden Tag kaufen über 3600 Personen in den Caritas-Märkten ein. Diese sind als Genossenschaft organisiert. Nach neun Jahren an ihrer Spitze ist Thomas Künzler im Februar in Pension gegangen. Die Geschäftsleitung hat er seinem Stellvertreter Tim Murer übergeben. Dieser sagt: «Gemeinsam mit dem Team setze ich mich auch künftig für ein preiswertes und breites Sortiment ein, damit sich Menschen mit kleinem Budget ausgewogen ernähren können.»
Thomas Künzler hat den Caritas-Markt entscheidend geprägt. Unter seiner Leitung wurde das Sortiment auf 1200 Artikel ausgeweitet, das Kassensystem moder-
Solarstrom am
nisiert und eine neue App für die Kundschaft lanciert. «Thomas ging es immer um eines: Menschen in Armut zu unterstützen», sagt Verwaltungsrat Daniel Furrer. «Mit viel Energie hat er wichtige Projekte vorangetrieben und wertvolle Partnerschaften geschlossen.»
Die Genossenschaft mit Sitz in Sempach-Station koordiniert unter anderem die Warenbeschaffung, die Logistik und legt das Basissortiment für das schweizweite Netzwerk fest. Die 22 Märkte selbst werden von regionalen Caritas-Organisationen betrieben. (nj)
caritas-markt.ch
Hauptsitz in Luzern
Nachhaltige Energieproduktion ist nicht nur in Caritas-Projekten weltweit wichtig, sondern auch am Hauptsitz in Luzern. Seit Sommer 2025 produziert eine Solaranlage auf dem Bürogebäude Strom. Die 138 Solarpanels nutzen die grosse Dachfläche und decken an sonnigen Tagen den gesamten Energiebedarf ab. Überschüssige Energie fliesst ins Netz und stärkt die lokale Versorgung.
Ausschlaggebend für die Installation war der Nachhaltigkeitsgedanke, wie Benjamin Brander, Leiter Gebäude- und Betriebsunterhalt, betont. Mit dem So-
larstrom lassen sich jährlich 41 Tonnen CO2 einsparen. Für Brander ist die Anlage auch ein Herzensprojekt: «Wir sind stolz, dass wir diese Lösung realisieren konnten. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zu unserer Energiestrategie.»
Caritas Schweiz setzt damit ein weiteres Zeichen für nachhaltige Energie. Weltweit bringt sie in Projekten Komponenten mit erneuerbarer Energie zum Einsatz – etwa Solarboxen in Äthiopien oder solarbetriebene Kühlräume in Haiti. Die Anlage in Luzern ergänzt dieses Engagement. (tb)
Medienecho
20 Minuten | Familien in Geldnot: «Waren seit neun Jahren nicht in den Ferien» | 16. 3. 2026 «Die Krankenkassenprämien und steigende Preise: Das sind die Top-2-Sorgen von Schweizer Familien, wie das ‹Familienbarometer› jüngst erneut feststellte. Dass finanzielle Sorgen Familien in der Schweiz plagen, zeigt auch ein Aufruf bei unserer Community. Viele berichten von Einschränkungen, Entbehrungen, Zweitjobs – und am Ende doch nur knapp einer schwarzen Null auf dem Konto. […] Besonders prekär ist die Lage laut der Caritas für Paare mit Kleinkindern, Alleinerziehende sowie Familien mit drei oder mehr Kindern.»
Watson | Ukraine: Spendenbereitschaft hält an | 22. 2. 2026 «Vier Jahre nach Beginn der russischen Grossinvasion geht der Bombenterror gegen die ukrainische Zivilbevölkerung weiter. […] Caritas Schweiz registriert heute zwar eine nicht mehr so hohe Spendenbereitschaft wie zum Beginn der grossangelegten russischen Invasion, aber es gebe nach wie vor Private sowie Institutionen und Vereine, die kontinuierlich Projekte unterstützten, hiess es auf Anfrage. Die Menschen wüssten, dass es wichtig sei – insbesondere in den Wintermonaten. […] Eine Müdigkeit beobachtet Caritas laut einer unlängst veröffentlichten Mitteilung eher auf politischer Ebene.»
SRF | Caritas warnt vor höherer Armut | 8. 1. 2026 «Caritas warnt vor Armut im neuen Jahr. Gemäss dem Hilfswerk nimmt die Belastung für ärmere Haushalte in der Schweiz 2026 weiter zu. Es bestehe Handlungsbedarf: Von Armut betroffene Haushalte sollen dringend stärker entlastet werden. Dies solle beispielsweise durch den Ausbau bestehender Massnahmen wie der Prämienverbilligung geschehen […].»
Vize-Präsident Daniel Furrer (im Bild links) dankt Thomas Künzler für

rasch die Heizung repariert und ein Generator angeschafft werden.
Tempo entscheidet: Neue Wege der Nothilfe in der Ukraine
Nahe der ukrainischen Front wird Hilfe schnell benötigt. Ein neues Projekt von Caritas Schweiz ermöglicht es zwei lokalen Caritas-Organisationen, schneller zu handeln. Dank eines flexiblen Budgets können Evakuierungen und provisorische Einrichtungen rascher umgesetzt und die Bedürftigsten direkt unterstützt werden.
Die Gemeinden in der Region Charkiw, die unmittelbar an der ukrainischen Frontlinie liegen, leiden unter ständigen Bombardierungen. Die Bevölkerung wird vertrieben,
«Wir haben die Zeit, auf Notfälle zu reagieren, von zwei Monaten auf zwei bis drei Wochen verkürzt.»
die Infrastruktur zerstört. Trotzdem bleiben lokale Akteure wie Kirchgemeinden, Freiwilligengruppen und die lokalen CaritasOrganisationen weiterhin vor Ort, um den Betroffenen mit dem Nötigsten zu helfen. Diesen lokalen Strukturen fehlt es jedoch
häufig an finanziellen Mitteln, um die Hilfe aufrechtzuerhalten und die Kosten für den Betrieb oder auch Unvorhergesehenes zu decken. Die üblichen Subventions-Mechanismen sind unter den gegebenen Umständen zu komplex und zeitaufwändig. Angesichts dieser Lage stattete Caritas Schweiz von Januar bis März zwei lokale Caritas-Organisationen mit Budget aus, nämlich Caritas Ukraine Charkiw und Caritas Spes Charkiw. Die beiden Organisationen konnten die «Group Cash Transfers», also die Gruppen-Bargeld-Überweisungen, flexibel für Nothilfe-Projekte einsetzen: für die Vorbereitung von Evakuierungen, die Installation von Heizungen und Ladestationen für elektronische Geräte in den Evakuierungszentren oder
in gewissen Fällen für direkte Finanzhilfe an Familien.
Fünfmal mehr Menschen erreicht «Insgesamt haben 984 Personen von dieser Hilfe profitiert – weit mehr als die erwarteten 160», freut sich Sarah Buss, Leiterin der humanitären Hilfe bei Caritas Schweiz. Die Bevölkerung hat die Unterstützung besonders wegen ihrer Schnelligkeit und Flexibilität geschätzt. Ladestationen versorgten sie während Stromausfällen mit Elektrizität und ermöglichten den Menschen, mit ihren Liebsten in Kontakt zu sein. Auch der Schulalltag liess sich via Online-Unterricht einigermassen aufrechterhalten. Durch die finanzielle Direkthilfe konnten die am stärksten benachteiligten Familien dringende Ausgaben decken, etwa für Lebensmittel, Medikamente, Stromund Wasserrechnungen oder ärztliche Versorgung. Neun besonders bedürftige Familien erhielten Heizkörper.
Ein Ansatz mit Potenzial für künftige Projekte
Das Pilotprojekt erlaubte es, auf Notfälle viel schneller zu reagieren. «Wir konnten die Bearbeitungszeit, die bei humanitären Projekten normalerweise zwei Monate beträgt, auf nur zwei bis drei Wochen verkürzen», betont Sarah Buss. Das Projekt hat gezeigt, dass der Ansatz der «Group Cash Transfers» wirksam und flexibel ist und sich daher besonders eignet für Krisensituationen. Caritas Schweiz bereitet nun in der Ukraine ein ehrgeizigeres Nachfolge-Projekt vor und wird die gewonnenen Erkenntnisse in anderen Ländern einfliessen lassen. (vm)
Eine Mutter und ihr Sohn mit Behinderung haben Zuflucht gefunden in einem Zentrum für Geflüchtete. Dank der Caritas konnte dort
Eine Praxis für 22 000 Geflüchtete im Gorom-Camp
Text: Livia Leykauf
Bilder: Kenyi Moses

Viola Abali misst bei ihren Patientinnen bei jeder Konsultation den Blutdruck.
Die medizinischen Möglichkeiten im Gorom-Camp sind beschränkt. Umso grösser ist die Freude, wenn es rund um die Geburt keine Komplikationen gibt.

Im südsudanesischen Gorom-Camp unterstützt die Caritas das einzige Gesundheitszentrum für 22 000 Geflüchtete. Für die Menschen, die durch Krieg und Flucht Schlimmes durchgemacht haben, ist es eine Anlaufstelle für ihre körperlichen Beschwerden und seelischen Verletzungen.
Das Gesundheitszentrum ist eines der ganz wenigen stabil gemauerten Gebäude im Gorom-Flüchtlingslager. Zwischen dem Raum, in dem das Labor un-
« Unter diesen Bedingungen zu gebären, ist nicht einfach, weder für die Mütter noch für mich als Hebamme. »
tergebracht ist, und den zwei spärlich eingerichteten Sprechzimmern erstreckt sich im Freien der Wartebereich. Schon früh am Morgen harren hier Dutzende Menschen auf den Holzbänken bis zur
Öffnung der Klinik. Dafür, dass so viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, ist es ungewöhnlich still. Alle wirken gedankenversunken. Selbst von den Kindern ist kaum ein Kreischen oder Lachen zu hören.
Die erste Station für die Patientinnen und Patienten ist nach der Registration das Sprechzimmer, das Reich von John Lako Michael. Der 28-Jährige ist Clinical Officer, eine Funktion zwischen Pfleger und Arzt. Er sitzt aufrecht an seinem fast leeren Schreibtisch und strahlt natürliche Autorität aus. Deswegen vertrauen ihm die Menschen. John Michael untersucht, diagnostiziert und verschreibt Medikamente. Komplizierte Fälle leitet er an die Ärztin des Projekts weiter, andere überweist er in die Klinik in der Hauptstadt Juba.
Das Zentrum bietet medizinische Grundversorgung. Für die Menschen im Camp ist dieses Angebot, das von Caritas Juba umgesetzt wird, existenziell. Sonst gäbe es nicht einmal Schmerztabletten, Diabetesmittel oder Malariatests, geschweige denn Antibiotika, Wundverbände und Infusionen. Behandlungen und Medikamente ausserhalb des Camps sind für die Geflüchteten unerschwinglich.
Zustände machen krank
Die Untersuchungsmöglichkeiten in der Gesundheitsstation sind beschränkt. «Umso wichtiger ist, genau zu verstehen, was den Menschen fehlt. Ich muss ein offenes Ohr haben und gut zuhören», weiss Michael. Die meisten der Patientinnen und Patienten haben die Grauen des Krieges im Sudan hautnah miterlebt und später auch auf der Flucht Traumatisches durchgemacht. Hinzu kommt: «Die Lebensbedingungen im Gorom-Camp sind alles andere als förderlich für die Gesund-
Fast alle Hütten in dem Flüchtlingslager sind aus einfachen Holzverstrebungen und einer Plastikplane gebaut.

heit», erklärt Michael mit seiner sonoren Stimme.
Das Flüchtlingslager war für 2500 Personen konzipiert worden, heute leben dort nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks etwa 22 000 Menschen. Ein grosses Problem ist die Versorgung
Im Camp finden die Menschen Sicherheit, aber es bleibt ein Balanceakt zwischen Leben und Überleben.
mit Wasser, die Wasserstellen im Lager sind nur wenige Stunden in Betrieb. Neben den fehlenden Sanitäranlagen führt die Mangelernährung zu Krankheiten. «Manchmal», so der Clinical Officer, «haben die Menschen tagelang nichts zu essen. Das schwächt den Körper, und ein schwaches Immunsystem ist ein Einfallstor für Krankheiten.» Hinzu kommt die Hitze in der Trockenzeit mit oft über
40 Grad oder die Feuchtigkeit in der warmen, regenreichen Zeit – paradiesische Zustände für Malaria-Mücken.
Raum für neues Leben
Wenige Schritte weiter befindet sich die gynäkologische Abteilung. Direkt an der offenen Eingangstür sitzt Viola Abali, eine diplomierte Hebamme. In ein grosses querformatiges Buch schreibt sie die Befunde und Daten der Patientin, die ihr auf der anderen Seite des Türrahmens gegenübersitzt. Einige Tage in der Woche kommt ein Frauenarzt, aber die erste Ansprechpartnerin ist die 23-Jährige.
Das Zimmer – Warte-, Anmelde-, Sprech- und Untersuchungszimmer in einem – ist voll. Drei Frauen hocken am Rand einer Pritsche, auf der eine Hochschwangere liegt. Andere warten auf Plastikstühlen, bis sie an der Reihe sind. Privatsphäre gibt es hier nicht. Am hinteren Ende des Raumes schützt ein Paravent vor Blicken auf die Untersuchungsliege.
Die junge Hebamme zwängt sich zwischen Vorhang und Bett, um mit dem Pinard-Hörrohr auf die Herztöne des Ungeborenen zu horchen. Moderne dia-
gnostische Geräte stehen nicht zur Verfügung. Für Entbindungen gibt es einen Gebärsaal, der nicht schlichter sein könnte: An einer Liege sind zwei Beinstützen angebracht, daneben ein kleines Waschbecken mit fliessendem Wasser. Für Neugeborene steht ein kleines Babybett mit Moskitonetz bereit, daneben eine Waage und ein Beutel zur manuellen Beatmung, falls es zu Komplikationen kommt. «Unter diesen Bedingungen zu gebären, ist nicht einfach, weder für die Mütter noch für mich», beschreibt Viola Abali ihre Arbeit. «Doch wenn die Babys dann auf der Welt sind, steht die Zeit für einen Moment still.» Erst vor wenigen Tagen hat eine sehr junge Frau entbunden. Sie gab ihrer Tochter den Namen Angel, also Engel. Das sind die hoffnungsvollen Momente in dem sandig-staubigen Camp: neues Leben, ein Zeichen, dass es irgendwie weitergeht, trotz allem.
Liegend im Jeep in die Hauptstadt Zur Krankenstation im Gorom-Camp gehören neben der Praxis und der gynäkologischen Abteilung ein Labor, eine Apotheke, eine Impfstelle und zwei Zimmer, in denen Patientinnen und Patienten stationär aufgenommen werden können. Ein kleiner Junge mit einer schweren bakteriellen Augenentzündung hockt neben seiner Grossmutter unter einem Tuch, das ihn vor dem Lichteinfall schützt. An einem anderen Bett empfängt ein Mann mit einem externen Fixateur am Bein Besuch, während ein Jugendlicher wegen hohen Fiebers am Tropf hängt. Es sind die «einfacheren» Fälle wie Malaria oder Typhus, die hier behandelt werden. Patientinnen und Patienten mit komplexen Krankheitsbildern müssen in die Hauptstadt überwiesen werden. Als Krankenwagen dient ein umgebauter Jeep, der die 26 Kilometer ruckelnd und schwankend über die holprige Sandstrasse zurücklegt. Doch leisten könnte sich die Fahrt- und Arztkosten kaum jemand im Flüchtlingslager. Die Überweisungen zu besser ausgestatteten Gesundheitszentren in der Hauptstadt sind deshalb Teil des Projekts der Caritas.
Traditioneller sudanesischer Kaffee gegen Heimweh
Im Camp finden die Menschen Sicherheit, aber es bleibt ein Balanceakt zwischen Leben und Überleben. Diese Spannung ist häufig Thema im Schutzraum für Frauen, der ebenfalls zum Projekt für medizinische Grundversorgung im GoromCamp gehört. Mehrmals in der Woche treffen sich dort je um die 50 Frauen, um einen thematischen Impuls zu erhalten oder in Gruppen Themen zu diskutieren. Mit dem psychologisch geschulten Personal können sie sich austauschen über den Umgang mit erlittenen Traumata oder ihre Zukunftsängste wegen der fehlenden Arbeitsmöglichkeiten, über die häusliche Gewalt im Lager oder die schwere Bürde, Kinder allein grossziehen zu müssen, weil der Mann im Krieg umgekommen ist.
Am Ende jedes Treffens wird im Hinterzimmer, in dem sonst die psychologischen Einzelberatungen stattfinden, Kaffee gekocht und nach sudanesischer Tradition mit Gewürzen angereichert. Er wird mit salzigem Popcorn serviert. Für

Für die Frauen ist der Austausch in geschütztem Rahmen wichtig zur Aufarbeitung des Erlebten.
die Frauen ist diese Tasse Kaffee, der ein bisschen nach Heimat schmeckt, ein tröstlicher Luxus im bedrückenden Alltag.
Vom Krieg in den drohenden Krieg
Im Sudan kämpfen die Streitkräfte und die paramilitärische Gruppierung «Rapid Support Forces» seit April 2023 gegeneinander. Millionen von Menschen fliehen und suchen in Nachbarstaaten Schutz, auch im Südsudan.
Südsudan
Doch das Land steht selbst vor enormen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen. Die Sicherheitslage ist höchst angespannt. Es herrscht ein offener Machtkonflikt zwischen dem Präsidenten Salva Kiir Mayardit und Vizepräsident Riek Machar. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen zwischen den beiden Lagern. Das fragile politische Gleichgewicht ist zutiefst erschüttert. Darüber hinaus sind in verschiedenen Teilstaaten noch weitere lokale, militarisierte Gruppen in die Kämpfe involviert. Viele befürchten,
caritas.ch/suedsudan
dass der Südsudan erneut in einen Bürgerkrieg abrutscht.
Die Versorgungslage der Geflüchteten im Südsudan hat sich in den letzten Jahren massiv verschärft. Die weltweiten Kürzungen der Finanzmittel für die internationale Zusammenarbeit treffen die Menschen hart, die in Flüchtlingslagern wie dem Gorom-Camp leben. Viele Hilfsorganisationen haben den Ort inzwischen verlassen. Von den Vereinten Nationen erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner monatlich etwas Bargeld, um Lebensmittel und das Nötigste zu kaufen. Die Verteilung von Lebensmittelpaketen wurde jedoch eingestellt. Auch im Gesundheitsbereich fehlen die Mittel. Hier setzt das Projekt von Caritas Schweiz an.
JUBA
Mauricio findet seinen Rhythmus wieder – fern seiner Heimat
Mauricio dreht die Musik auf. Endlich darf er wieder singen, lachen, Kind sein. Nach Jahren ohne Stabilität findet der Elfjährige in Medellín zurück in einen geregelten Alltag. Zwischen Schule, Fussballplatz und mitreissenden Melodien wächst seine Hoffnung, dass das Leben wieder leichter wird.
Nach Monaten ohne Unterricht
kann Mauricio endlich wieder regelmässig zur Schule.
Wenn Mauricio im «Inquilinato» singt und tanzt, schafft er sich für einen Moment einen inneren Rückzugsort inmitten der lauten, unruhigen Umgebung. Die Gemeinschaftshäuser von Medellín bieten vielen geflüchteten Familien und Menschen mit wenig Geld ein Dach über dem Kopf. Doch die Gebäude sind eng, überbelegt und oft sehr schlecht unterhalten. Die Zimmer sind nur durch dünne Platten
oder Tücher getrennt, Konflikte eskalieren schnell, und besonders Kinder sind Risiken ausgesetzt. Ruhe, Rückzug und Sicherheit sind hier selten.
Auch Mariangel und ihre beiden Kinder wohnen in einem Inquilinato. Für viele venezolanische Familien ist diese Wohnform die einzige erschwingliche Möglichkeit, in Kolumbien Fuss zu fassen. Umso wichtiger sind Orte, an denen die Kleinsten zur Ruhe kommen und einfach Kind sein dürfen. Einen solchen Ort bietet das «Haus der offenen Tür», ein Projekt von Caritas Schweiz und der lokalen Partnerorganisation Corporación Educativa Combos. Hier finden Kinder wie Mauricio

Venezuelas Krise treibt Millionen Menschen nach Kolumbien Venezuela steckt seit Jahren in einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise. Viele Familien können ihre Grundbedürfnisse kaum mehr decken: «Die jüngsten politischen Entwicklungen verschärfen die Lage für die Zivilbevölkerung nochmals massiv. Inflation, Armut und Unterernährung nehmen rasant zu und prägen den Alltag», sagt Rafael Filliger, Programmverantwortlicher Venezuela-Krise bei Caritas Schweiz. Über 5 Millionen Menschen sind auf externe Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Die anhaltende Unsicherheit und schwierige Lebensrealitäten zwingen Millionen, ihr Land zu verlassen. Rund 2,8 Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner suchen heute Schutz in Kolumbien. Caritas Schweiz unterstützt sowohl Familien in Venezuela als auch Geflüchtete in Kolumbien.
sichere Räume zum Lernen, Spielen und Durchatmen.
Zurück in einem Alltag, der Halt gibt Mariangel musste mehrmals aus Venezuela fliehen und ihren Sohn immer wieder beim Vater zurücklassen, von dem sie getrennt ist. Oft ohne Kontakt oder ohne zu wissen, wann sie Mauricio wiedersehen würde. Ende 2023 wagten sie gemeinsam den Neuanfang in Medellín. Seither geht Mauricio wieder regelmässig zur Schule. In der dritten Klasse der Combos-Grundschule findet er schrittweise zurück: in ein sicheres Umfeld, in den Rhythmus des Lernens und zur Freude an Fussball und Musik. Besonders die traditionelle «Música Llanera» lässt den Jungen strahlen. Wenn seine Stimme durch das Inquilinato hallt, fühlt sich das Leben für einen Moment leicht an, und Mauricio träumt: «Eines Tages will ich vom Tanzen, Singen oder Fussballspielen leben.» (dj)
caritas.ch/schutz-kinder
Mariangel und ihre Kinder halten trotz der Herausforderungen im Inquilinato als Familie zusammen.

Der Libanon am Limit: Hilfe in einer schlimmen Krise
Die humanitäre Lage im Nahen Osten ist extrem angespannt. Nach den Bombardierungen des Irans durch die Vereinigten Staaten und Israel hat sich die Gewalt auf den Libanon ausgeweitet. Caritas Schweiz und ihre lokalen Partner leisten Nothilfe für die betroffene Bevölkerung.
Die libanesische Bevölkerung ist am Ende ihrer Kräfte. Seit Jahren trifft das Land eine Krise nach der anderen: eine enorme Explosion im Beiruter Hafen 2020, der
«Die Vertreibung der Bevölkerung ist nicht mehr vorübergehend, sie ist ein Dauerzustand.»
Zusammenbruch der Wirtschaft und die Abwertung des libanesischen Pfundes, bewaffnete Auseinandersetzungen im Jahr 2024.
Nach dem Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf den Iran am 28. Februar haben sich die israelischen Bombardierungen auf den Libanon intensiviert. Für
tausende Familien, die schon durch die im Jahr 2024 begonnenen Gewaltausbrüche traumatisiert sind, bedeutet dies einen weiteren Schock. Viele von ihnen sind erst vor wenigen Monaten in ihre Wohnorte zurückgekehrt und mussten nun erneut fliehen.
Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung vertrieben Bereits nach wenigen Tagen sind schon 1,3 Millionen Menschen vertrieben worden, darunter 380 000 Kinder, die nun ohne Schulunterricht und ohne Sicherheit verbleiben. Lebenswichtige Einrichtungen brechen zusammen: Strassen und Brücken sind zerstört, Strom- und Wassernetze ausser Betrieb, Spitäler und Krankenstationen beschädigt oder geschlossen.
Auch der Zugang zu humanitärer Hilfe wurde immer schwieriger. Die Schutzunterkünfte konnten nur einen Bruchteil der Vertriebenen aufnehmen. Der Grossteil fand privat Unterschlupf oder muss in improvisierten Zelten, Parkhäusern oder unter freiem Himmel übernachten.
Hilfe trotz Hindernissen
Caritas Schweiz hat sofort gehandelt. Seit Anfang März 2026 verteilt sie zusammen mit lokalen Partnerorganisationen Wasser, Lebensmittel, Decken und Matratzen. Darüber hinaus gewährleistet sie medizinische und psychologische Unterstützung in mobilen Kliniken und Gesundheitszentren. Unter den Vertriebenen sind auch ältere Personen sowie chronisch Kranke und Menschen mit Behinderungen.
Ein von der Glückskette finanziertes Nothilfe-Projekt ergänzt diese Sofortmassnahmen. Trotz unterbrochener Strassen und Sicherheitsrisiken gelangen die Teams weiterhin in die besonders betroffenen Gebiete.
Eine andauernde Flucht
Wael Darwish, Direktor des Nahost-Programms von Caritas Schweiz, berichtet aus Beirut vom Ausmass der Krise: «Der Krieg treibt die Gemeinschaften an den Rand des Abgrunds. Die Vertreibung ist nicht mehr vorübergehend, sie ist ein Dauerzustand, mit wachsenden Risiken für die Gesundheit, die Würde und die soziale Stabilität.»
Caritas Schweiz hat sich nicht nur vor Ort für die betroffene Zivilbevölkerung eingesetzt. Vielmehr hat sie sich auch in der Schweiz auf politischer Ebene für das Einhalten des humanitären Völkerrechts stark gemacht. Mehr denn je ist internationale Solidarität unerlässlich, um libanesische Familien zu unterstützen. (fb)
Das Spiel bietet den Kindern eine kleine Zuflucht vor dem Alltag in Trümmern.

Deqa Samatar vermag das Vertrauen ihrer Gemeinschaft zu gewinnen. So ist sie auch fürs Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung eine wertvolle Türöffnerin.
«Lasst uns unsere Mädchen schützen»
Auch in der Schweiz gibt es Mädchen und Frauen, die von weiblicher Genitalbeschneidung betroffen sind. Deqa Samatar sensibilisiert unermüdlich zu diesem Thema. Begegnung mit einer Pionierin.
Deqa Samatar strahlt eine grosse Ruhe aus. Die 65-Jährige hat viel durchgemacht in ihrem Leben. Und liess sich nie unterkriegen. Seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert engagiert sie sich gegen weibliche Genitalverstümmelung bzw. -beschneidung (siehe Kasten).
«Weibliche Genitalbeschneidung hat nichts mit Religion zu tun.»
«Als Mädchen hatte ich ein sehr schönes Leben», schwärmt Samatar. Ihre Familie habe in Somalia zum Mittelstand gehört. Doch 1991 musste Samatar mit ihren vier Kindern vor dem Krieg fliehen.
Via Italien sind sie in die Schweiz gelangt. «Alleine mit vier Kindern hier anzukommen – das war hart», erinnert sich Samatar. Immerhin hat sie Englisch gesprochen und lernte rasch Deutsch. Sie
arbeitete als Reinigungsfachkraft und Übersetzerin. Ihr Mann gelangte auch in die Schweiz, und drei weitere Kinder kamen zur Welt. Andere somalische Geflüchtete hatten grosse Schwierigkeiten –die Schrecken des Krieges steckten ihnen noch in den Knochen, dennoch mussten sie sich ohne Kenntnis der hiesigen Landessprachen zurechtfinden. Samatar übersetzte in Geburtsvorbereitungs-Kursen für Somalierinnen und gründete einen somalischen Frauenverein.
Gegen eine Tradition, die Schmerzen verursacht Ein grosses Thema für viele Frauen aus jener Region ist die weibliche Genitalbeschneidung. Begründet wird sie mit einer alten Tradition. Doch der Eingriff hat vielfach grosse physische und psychische Leiden zur Folge. Deqa Samatar bringt zahlreiche Frauen dazu, sich helfen zu
Sensibilisierung gegen ein qualvolles Tabu
Weibliche Genitalverstümmelung/-beschneidung wird oft mit der englischen Abkürzung FGM/C bezeichnet. Weltweit erleiden mehr als 200 Millionen Frauen und Mädchen FGM/C. Auch in der Schweiz leben schätzungsweise 24 600 Personen, die davon betroffen oder bedroht sind.
Von FGM/C spricht man, wenn die äusseren weiblichen Geschlechtsorgane ohne medizinischen Grund teilweise oder vollständig entfernt oder verletzt werden. Je nach Region und Gemeinschaft unterscheidet sich die Ausprägung. Meistens werden Mädchen im Alter von null bis 15 Jahren beschnitten.
Vor zehn Jahren hat Caritas Schweiz gemeinsam mit drei weiteren Organisationen im Auftrag des Bundes das «Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung Schweiz» gegründet. Das Netzwerk ist deutlich wirkungsvoller dank Multiplikatoren und Multiplikatorinnen wie Deqa Samatar.
lassen. Sie mahnt: «Weibliche Genitalbeschneidung ist verboten, es ist gegen die Menschenrechte. Es hat nichts mit Religion zu tun. Um des schönen Lebens willen: Lasst Eure Mädchen nicht beschneiden!» Oft sei es die ältere Generation, die auf dem Brauch beharre. Und viele Männer hielten die Beschneidung für ein Zeichen der Reinheit. Allmählich wachse jedoch der Anteil jener, die die Tradition hinterfragten. Auch die Fachleute sind heute nach jahrelanger SensibilisierungsArbeit besser geschult. (bs)
caritas.ch/maedchenbeschneidung

Die Küche ist ein zentraler Ort des Familienlebens. Auswärts essen gibt es nicht.
Working Poor: Wie sich eine Familie durch den Alltag jongliert
Eleonora S., ihr Mann und ihre drei Kinder leben von rund 5000 Franken pro Monat. Sie zählen wie viele Familien in der Schweiz zu den Working Poor. 800 000 Menschen leben in einem Haushalt, der trotz Erwerbseinkommen von Armut betroffen oder bedroht ist. Ein Einblick in einen bewegten Alltag.
Freundlich und ohne Hektik gibt Eleonora S. am Telefon Auskunft. Sie ist gerade in der Stadt unterwegs, um ihren zweijährigen Sohn zum Hüten zu bringen. Er ist zwar krank, aber sie hat keine
«Uns ist es wichtig, dass unsere Kinder ihren Leidenschaften nachgehen können.»
andere Wahl. Denn sie muss zur Arbeit. Nicht weniger als sieben verschiedene Jobs übt sie aus: als Waldspiel-Pädagogin, Kunstvermittlerin, Übersetzerin und in einer Familienberatung. Sie hat einen Hochschulabschluss in Literatur und Kunstgeschichte. Früher war die 36-Jährige auch öfter im Gastgewerbe tätig.
Ihr Mann unterrichtete in der Türkei in kurdischer Sprache als Lehrer. Er musste fliehen. Sein Universitätsabschluss wird hier nicht anerkannt, daher arbeitet er als Klassenassistent. Eine Ausbildung würde mehr Zeit und Geld erfordern, als zur Verfügung steht. Als Schriftsteller erhält er Förderbeiträge. So beträgt das Familieneinkommen alles in allem rund 5000 Franken, mal etwas weniger, mal etwas mehr.
Förderangebote und KulturLegi helfen Die beiden Töchter begeistern sich in der Freizeit für Sport und Musik. «Sie können ihren Leidenschaften nachgehen, weil es in der Stadt Zürich soziale Angebote wie das Programm Talent Eye und Musikschulen gibt. Das ist uns wichtig, auch wenn es mit viel Organisation im Alltag
verbunden ist», betont Eleonora S. Dass die ganze Familie mit der KulturLegi der Caritas an Veranstaltungen teilnehmen kann, bedeutet ihr viel.
Das Leben der Familie ist mit Einschränkungen verbunden. Die Kleider der Kinder stammen von ihren Cousinen oder lassen sich gratis über den Quartierchat finden. «Wir kochen alles selbst zuhause, auswärts essen gibt es für uns nicht», sagt Eleonora S. Natürlich bekommen die Mädchen inzwischen mit, dass andere Familien zum Skifahren gehen oder teure Ferien machen. Das stört sie bisher kaum. Wenn es für sie Ferien gibt, dann führen diese zu Eleonoras Familie in Sizilien, wo das Leben deutlich günstiger ist als in Zürich.
Sozialhilfe ist keine Option
«Es kann sein, dass wir berechtigt wären, Sozialhilfe zu beziehen», sagt Eleonora S. Dass sie es nicht abklärt, hat einen Grund: Sie möchte sich einbürgern lassen. Würde sie Sozialhilfe beziehen, wäre das unmöglich: «Die Einbürgerung ist keine Willenssache, sondern eine wirtschaftliche Frage. Das finde ich unglaublich ungerecht.»
In der Schweiz spreche man selten über Finanzielles. Als sie kürzlich im «Tages-Anzeiger» über das Familienbudget Auskunft gegeben habe, habe sie viele positive Reaktionen erhalten. «Wir schaffen es, mit so wenig über die Runden zu kommen, und sind stolz darauf. Aber wir wissen auch, dass wir Glück haben und es anderen schlechter ergeht», sagt Eleonora S. Ohne ihre günstige Wohnung ginge es auch für sie nicht. Und an einen Zahnarzt-Notfall mag sie gar nicht erst denken. (sg)
Eine Webplattform zu Armut in der Schweiz

Die Webplattform gibt Antworten rund um Armut hierzulande.
Was heisst es, in der reichen Schweiz arm zu sein? Wer ist betroffen? Wie funktioniert unser Sozialsystem? Was kann die Politik gegen Armut tun? Caritas Schweiz wird regelmässig kontaktiert von Behördenmitgliedern, Studierenden, Medienschaffenden und anderen Interessierten, die sich mit dem Thema Armut befassen. Antworten finden sich nun auf der Webplattform «Armut in der Schweiz». In einer gut verständlichen Form bietet sie einen umfassenden Überblick zur Armutssituation in der Schweiz. Dabei fliessen auch zentrale Erkenntnisse des Nationalen Armutsmonitorings ein. «Wir wollen dazu beitragen, dass das Wissen zu Armut breiter zugänglich wird», begründet Caritas-Direktor Peter Lack diese Initiative. (sg)
125 Jahre Caritas Schweiz
Caritas Schweiz feiert ihr 125jähriges Bestehen mit diversen Anlässen am Hauptsitz an der Adligenswilerstrasse 15 in Luzern.
9. bis 30. September 2026, jeweils Montag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr: Öffentliche Ausstellung für alle sowie Führungen und Workshops für Schulklassen.
Besuch für Einzelpersonen ohne Voranmeldung möglich; Gruppen ab zehn Personen werden gebeten, sich anzumelden.
caritas.ch/webplattform-armut
Alle Informationen, weitere Anlässe und aktuelle Hinweise zu Öffnungszeiten unter: caritas.ch/jubiläum
KulturLegi ermöglicht Teilhabe – seit 30 Jahren

Gratis ans Konzert? Für einen Fünfliber ins Schwimmbad? Den Deutschkurs zum halben Preis? Wer in der Schweiz wenig Geld zum Leben hat, erhält mit der KulturLegi mindestens 30 Prozent Rabatt auf über 4300 Angebote aus den Bereichen Kultur, Sport, Bildung und Gesundheit.
Die KulturLegi gibt es nun seit 30 Jahren. Lanciert wurde die persönliche Ausweiskarte 1996 in der Stadt Zürich von der IG Sozialhilfe. Es folgten stetig weitere Regionen und Angebote. Seit 2007 ist die Caritas die alleinige Trägerin.
Heute verfügen 219 477 Personen über eine Karte. Marylise Schiesser, Leiterin der Geschäftsstelle, sagt: «Die KulturLegi ist ein niederschwelliges Angebot der Armutsbekämpfung, das Menschen konkret entlastet und ihnen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.» (nj)
kulturlegi.ch
Vergünstigt ins Museum: Eines der 4300 Angebote der KulturLegi.

Die WIRkstatt verbindet Fachwissen mit lebendigem Austausch unter Peers.


In der «WIRkstatt» an Projekten feilen
youngCaritas fördert und unterstützt seit 2021 junge engagierte Personen bei der Umsetzung ihrer eigenen Projektideen. Im März fand das erste WIRkstatt-Weekend statt. Es ist Teil eines neuen Programms zur langfristigen Förderung von Projektmachenden.
«Ich habe ein Projekt lanciert und benötige nun einen klaren Plan für die Weiterentwicklung.» Im Austausch mit jungen Menschen erreichen youngCaritas oft solche Aussagen. Hier setzt das neue Projekt «WIRkstatt» an. In Zusammenarbeit mit der Stiftung Wegweiser begleitet das youngCaritas-Team Projektmachende über einen längeren Zeitraum bei ihren nächsten Schritten.
Erstes Intensiv-Wochenende im Appenzellerland
Mitte März fand das erste WIRkstattWeekend statt. Ein Dutzend engagierte Menschen aus sechs Projekten profitierten während drei Tagen im Kinderdorf Pestalozzi von einem idealen Umfeld, um ihre Projekte weiterzuentwickeln. Auf dem Programm standen sowohl FachInputs, gemeinsames Brainstorming als
auch Zeit zum individuellen Arbeiten. Dabei konnten alle auf die Unterstützung von Coaches mit unterschiedlicher Expertise zählen.
Von Vorbildern lernen
Unter anderem war Lior Etter als Coach vor Ort, der ein Vorbild für die Projektentwicklerinnen und -entwickler sein kann. Sein Projekt «Wasser für Wasser» (WfW) hat 2012 den youngCaritas-Award gewonnen. Mittlerweile ist WfW eine renommierte NGO, die von Etter als Geschäftsleiter geführt wird. Weitere wertvolle Inputs erhielten die Teilnehmenden von Schauspiel-Coach Matthias Koch und Unternehmensberaterin Julia Oestreich.
Das war erst der Anfang
Das Intensiv-Wochenende war für die Teilnehmenden der Start eines Prozesses.

«Für mich war es toll, sind wir zusammengekommen. Es war spannend, Inputs aus verschiedenen Perspektiven zu erhalten. Ich will jedes Jahr an der WIRkstatt teilnehmen und empfehle es allen Projektmachenden. Sie können da so viel lernen.»
Teilnehmende W. M.

Mit individuellem Coaching werden sie in den nächsten Wochen und Monaten dabei unterstützt, die erhaltenen Inputs umzusetzen. Im Herbst wird sich die Gruppe nochmals treffen, um sich über die neusten Entwicklungen auszutauschen. (rs/ss)
youngcaritas.ch/WIRkstatt
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Foto: Franca Pedrazzetti