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Cahn's Quarterly 2/2026 - Deutsche Ausgabe

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Cahn’s Quarterly 2/2026

Deutsche Ausgabe

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser

Mit Wehmut stelle ich Ihnen die letzte Ausgabe von Cahn’s Quarterly vor. Die seit 2013 erschienene Zeitschrift – zuerst gedruckt, dann digital – wäre ohne die unermüdliche und sehr sorgfältige Redaktion von Frau Yvonne Yiu nicht möglich gewesen, weshalb wir mit Stolz auf 44 Ausgaben zurückblicken. Es war eine grosse Ehre und Freude mittels dieses Periodikums Ihnen eine ganze Reihe von Artikeln vorgestellt zu haben. In diesem Sinne sei auch meiner ehemaligen und langjährigen Mitarbeiterin Gerburg Ludwig sowie den vielen namhaften Archäologen, Kollegen und Juristen für Ihre Beiträge gedankt, die gleich wie die galerie-

internen Archäologinnen und Archäologen für Cahn’s Quarterly schrieben. Meine Rolle hingegen bestand im Wesentlichen darin, Impulse zu geben und grobe Richtlinien zu setzen.

Doch trotz des Endes dieses Formats darf ich Sie beruhigen. Die Galerie wird weiterhin in gedruckter oder digitaler Form Ihnen spannende Objekte vorstellen und Sie über die neuesten Bewegungen der Branche informieren. Ich darf Sie bereits jetzt auf die beiden Messen Antike in Basel und MAZE Design sowie die Ausstellungskooperation mit der Pariser Galerie Jocelyn Wolff in

unseren Räumen in der Malzgasse 23 aufmerksam machen. Alle drei Veranstaltungen erwarten Sie diesen Juni hier in Basel, über die Öffnungszeiten werden wir Sie zeitnah informieren.

Doch bis dahin geniessen Sie die letzte Ausgabe des Cahn’s Quarterly und lassen Sie sich auch in Zukunft positiv durch unsere Beiträge überraschen.

Antike Bodenfunde, Hadrianische Fundteilung und Schatzregal (Teil 2)

Im ersten Teil des Artikels «Antike Bodenfunde, Hadrianische Fundteilung und Schatzregal» (Cahn´s Quarterly 1/2025) ist erläutert worden, dass – von Sonderfällen wie dem Wochengötterstein von Sasbach abgesehen –weder der Eigentümer des Grundstücks, auf dem ein antiker Bodenfund gemacht wird, noch der Finder Alleineigentum an dem antiken Stück erwerben. Hierfür hält das deutsche Recht vielmehr ein besonderes Rechtsinstitut, die Hadrianische Fundteilung, bereit.

Das Dekret des römischen Kaisers Hadrian (117-138 n. Chr.)

Nachdem das römische Recht das Eigentum an einem Schatz (thesaurus1), der in einem Grundstück so lange verborgen gewesen war, dass sein Eigentümer nicht mehr feststellbar war, nach seiner Entdeckung zunächst dem Grundeigentümer zugeordnet hatte, später dann den Finder Eigentümer werden liess,2 dekretierte Kaiser Hadrian die nach ihm benannte Fundteilung, wonach der Finder und der Grundstückseigentümer das Eigentum an dem Schatz jeweils zur Hälfte erhielten.3 Diese Regelung galt im Allgemeinen ganz

Die Debatte I
Von Horst Hammen
Abb. 1: Römisches Geschirr aus dem Hortfund von Neupotz. Römisches Museum Augsburg, Foto gemeinfrei.

unabhängig davon, welcher Art der Schatz und wie das Grundstück beschaffen war. Dabei war nun ein spezielles Problem zu bewältigen: Wie sollte die Fundteilung funktionieren, wenn der Schatz in einer Grabstätte gefunden wurde? Hier war nämlich zu bedenken, dass Grabstätten nach römischem Recht als res religiosae mit der Bestattung aus dem Privatrechtsverkehr und damit aus der Verfügungsgewalt des Eigentümers ausschieden.4 Mithin gab es, anders als bei gewöhnlichem Grundeigentum, niemanden, der neben dem Entdecker des Schatzes wie ein Grundeigentümer die andere Hälfte des Eigentums hätte erwerben können. Marc Aurel und Lucius Verus entschieden pragmatisch und liessen die zweite Hälfte dem Staatsvermögen (fiscus) zukommen.5 Der römische Staat hat sich also, anders als es, wie wir noch sehen werden, die deutschen Bundesländer, zuletzt auch Bayern handhaben (sog. Schatzregal), lediglich in diesem einen Ausnahmefall einen Anteil an einem zu Tage tretenden Schatz gesichert.

Die Hadrianische Fundteilung lebt im deutschen Recht weiter. Wird im Boden ein Schatz gefunden, erwirbt der Entdecker zur einen Hälfte das Eigentum daran (Entdeckeranteil), der Eigentümer des Grundstücks6 zur anderen Hälfte (Eigentümeranteil; § 984 des Bürgerlichen Gesetzbuchs7). Durch die Zuweisung des Entdeckeranteils soll derjenige belohnt werden, durch dessen Tätigkeit das Objekt der Verborgenheit entrissen und so menschlicher Verfügungsmacht wieder zugänglich gemacht wird.8 Alleineigentümer wird der Finder nur noch dann, wenn er den Schatz auf seinem eigenen Grundstück entdeckt.9 Ein solcher Fall ereignete sich im Jahre 1979, als eine Privatperson bei Arbeiten in ihrem Garten den Schatz von Weissenburg, einen Hort von 114 Objekten (möglicherweise Tempelinventar oder ein Händlerdepot, darunter römische Bronzestatuetten, silberne Votivbleche und Gerätschaften aus Eisen), entdeckte. Da es seinerzeit in Bayern noch kein Schatzregal gegeben hat, war der Freistaat Bayern gehalten, den Hort von dem Eigentümer des Gartengrundstücks käuflich zu erwerben, um ihn dann im Römermuseum Weissenburg ausstellen zu können.10

Gelegentlich werden die Dinge aber auch anders geregelt. So geschah es bei dem Hortfund von Neupotz (Abb. 1), dem mit 1062 Stücken grössten Fund metallischer Objekte Europas aus römischer Zeit, die wohl im Jahre 260 n. Chr. als Beutegut heimkehrender alamannischer Krieger bei der Überquerung des Rheins im Fluss verloren gingen. Geborgen wurden die Stücke über mehrere Jahre hinweg beim Kiesabbau in einem Altrheinarm mit der Folge, dass die Eigentümer der Kiesgrube nach den Regeln der Hadrianischen Fundteilung auch

das Eigentum an den Objekten erwarben. Nach einer Ausstellungsodyssee durch eine ganze Reihe in- und ausländischer Museen, unter anderem im Historischen Museum der Pfalz in Speyer und im Knauf-Museum in Iphofen,11 stellte die Speyerer Denkmalschutzbehörde den Schatz unter Schutz, um eine Aufteilung des Horts zu verhindern.12 Schliesslich überliessen die Eigentümer den Schatz dem Neuen Museum in Berlin als Dauerleihgabe.

Dachbodenfunde

Die Hadrianische Fundteilung des römischen Rechts galt nur dann, wenn der Schatz auf einem Grundstück («in … loco») entdeckt wurde.13 Nun tauchen auf dem Kunstmarkt hin und wieder sog. Dachbodenfunde auf –antike Objekte und andere Kunstwerke, die in einem alten Schrank oder in einer Holztruhe auf einem Dachboden, also nicht im Boden aufgefunden werden und bei denen nach geltendem deutschen Recht gleichwohl auch einmal die Hadrianische Fundteilung zum Tragen kommen kann, weil das deutsche Recht nicht nur Schätze, die im Boden entdeckt werden, sondern auch solche betrifft, die in beweglichen Sachen (meist Möbelstücken) verborgen gewesen sind.14 In einigen dieser Fälle ist die Eigentumslage indes eindeutig mit der Folge, dass ein Rückgriff auf die Hadrianische Fundteilung ausscheidet. So verhielt es sich mit einer auf einem Speicher aufgefundenen und dann bei Sotheby´s für 16,2 Millionen Euro versteigerten Famille Rose-Vase aus der Regierungszeit des chinesischen Kaisers Qianlong im 18. Jahrhundert, deren Verkäufer darlegen konnte, seine Grosseltern hätten sie von einem 1947 gestorbenen Onkel geerbt.15 Weniger Glück hatte eine Bozner Familie, die in einer Dachkammer eines aus einer Erb-

auseinandersetzung erworbenen Anwesens acht etruskische Artefakte entdeckt und den Fund den Südtiroler Behörden gemeldet hatte. Ermittlungen der Carabinieri-Einheit für den Schutz von Kulturgütern ergaben, dass die Stücke aus illegalen Grabungen in der Region Latium stammten.16 Da nach italienischem Recht alle archäologischen Fundstücke automatisch in staatliches Eigentum übergehen, war auch hier für eine wie auch immer geartete Fundteilung kein Raum.

Gelegentlich werden dem Antikenhandel aber auch in einem alten, auf einem Speicher abgestellten Möbel entdeckte Stücke angeboten, bei denen eine Herkunft aus einer Raubgrabung oder einem Diebstahl, die zu einem Eigentumserwerb eines Staates führen würde, nicht ersichtlich ist – dies kann durch eine Abfrage bei den italienischen Carabinieri, bei Interpol oder beim Art Loss Register eruiert werden – bei denen der Finder aber auch keinen Erwerb des Stücks im Erbgang oder als bei einem Kauf des Hauses vertraglich miterworbenes Inventar belegen kann17 und zudem kein anderer Eigentümer mehr zu ermitteln ist. Ungeachtet des Umstands, dass der seriöse Kunsthandel solche Stücke mit Vorsicht betrachtet, weil ihnen hinreichende Provenienznachweise fehlen, findet auch hier ein Eigentumserwerb nach Massgabe der Hadrianischen Fundteilung statt.18

Bewegliches und Unbewegliches Manchmal werden auf Dachböden nicht nur chinesische Vasen oder etruskische Gefässe, sondern auch wertvolle Gemälde gefunden. So entdeckte ein Kunstgutachter im Jahre 2024 auf dem Speicher eines Anwesens im US-Bundesstaat Maine das auf Eichenholz gemalte Bild «Porträt eines Mädchens» von oder nach Rembrandt, das dann einige Zeit später für 1,4 Millionen US-Dollar versteigert worden ist.19 Wurden nun in der römischen Antike grossflächige Bildnisse geschaffen, geschah dies meist auf Fresken oder mit Mosaiken. Nicht ganz selten werden Bruchstücke solcher Bildnisse auch im Antikenhandel angeboten (Abb. 2). Sollten antike Fresken- oder Mosaikteile einmal in einem Möbel auf dem Speicher oder lose im Boden entdeckt werden, gilt für sie, wenn sich ein Eigentümer nicht mehr ermitteln lässt, wie für andere Antiquitäten auch die Hadrianische Fundteilung. Freilich muss, wenn es um Fresken und Mosaike geht, näher hingeschaut werden. Die Hadrianische Fundteilung betrifft nämlich nur bewegliche Sachen, also etwa Statuen oder Teile davon, Gefässe, Schmuck, Münzen usw. Für mit einem Grundstück fest verbundene Sachen gelten andere Regeln.20 Das lässt sich am Beispiel antiker Mosaiken wie dem Mosaik von Nennig, dem grössten römischen Mosaik mit figürlicher Ausschmückung nördlich der Alpen, demonstrieren.

Abb. 2: Römisches Freskofragment mit drei Vögeln an einem Krater. Foto: Dietmar Jung, Frankfurt.

Das Mosaik von Nennig

Das Mosaik von Nennig, einem 40 km von der römischen Augusta Treverorum, dem heutigen Trier, entfernt liegendem Ort an der Saar, bildete einst den aus etwa drei Millionen Steinchen verbauten, über 160 m2 grossen Fussboden der Eingangshalle einer hochherrschaftlichen Landvilla.21 Geschaffen wurde es im 1. Jh. n. Chr., sicherlich nicht von dem Bauherrn der Villa selbst, sondern von Handwerkern mit hoher künstlerischen Befähigung. Nun haben wir im ersten Teil dieser Artikelreihe berichtet, dass auf antiken Objekten gelegentlich der Name ihrer Schöpfer vermerkt ist, und wir haben gesehen, dass der Schöpfer, wenn er das Stück aus eigenen Materialien hergestellt hatte, nach römischem Recht das Eigentum daran erwarb.22 Ein Beispiel hierfür liefert ein um 160 v. Chr. unter Attalos II. geschaffenes, heute im Pergamon-Museum in Berlin zu bewunderndes Mosaik aus dem Palast auf dem Burgberg von Pergamon, auf dem sich sein Schöpfer mit seinem Namen Hephaistion verewigt hat (Abb. 3). Gleichwohl ist Hephaistion, auch wenn er das Mosaik aus zuvor in seinem Eigentum stehenden Steinchen geschaffen haben sollte, zu keinem Zeitpunkt Eigentümer des Mosaiks geworden. Denn es hat schon die gleichfalls erzählte Objektgeschichte des Wochengöttersteins von Sasbach gezeigt, dass nach römischem Recht Material, das in ein Grundstück eingebaut wird, von dem Eigentum an dem Grundstück miterfasst wird.23

Diese Rechtsregel kam indes dem Erbauer der Villa, von dem wir auch nicht wissen, wer er war und wie er an das Grundstück gekommen ist, nicht zugute. Bedacht werden muss nämlich, dass das Villengrundstück nicht in Italien, sondern in der Provinz Gallia belgica belegen war. Deshalb war es ein Provinzialgrundstück, an dem unveräusserliches Staatseigentum bestand. Privatleute, auch römische Bürger, konnten hieran nur ein Besitz- und Nutzungsrecht erwerben.24

Anhaltspunkte für eine andere Rechtslage sind nicht ersichtlich. Zwar hat es Provinzstädte25 gegeben, denen das Ius Italicum mit der Folge verliehen worden war, dass ihren Bürgern der private Erwerb von Provinzialgrundstücken zu Eigentum möglich gewesen ist.26 Während aber einem Bericht des Juristen Iulius Paulus vom Beginn des 3. Jhs. n. Chr. zufolge Vienna (Vienne an der Rhone), Lugdunum (Lyon) und die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) das Ius Italicum besassen,27 fehlen diesbezügliche Nachrichten für alle anderen Städte der gallischen und germanischen Provinzen,28 auch für das nahe bei Nennig gelegene Trier, das um die Mitte des 1. Jhs. n. Chr. zur Colonia erhoben worden war.29

Ob sich an der geschilderten Rechtslage –die Quellen schweigen – etwas geändert hat, als Trier Anfang des 4. Jahrhunderts n. Chr. kaiserliche Residenz wurde, kann dahingestellt bleiben. Denn einige Zeit nach einem Brand in einem der landwirtschaftlichen Nebengebäude der Villa ist das Anwesen im späten 4. Jh. n. Chr. aufgegeben worden.30 Das endgültige Verlassen des Grundstücks durch seinen Besitzer hatte dessen Verlust sämtlicher Rechte an dem Grundstück zur Folge.31 Über das rechtliche Schicksal des Villengrundstücks von Nennig

und seines Mosaiks im 5. Jh. n. Chr. und der sich anschliessenden Zeit fränkischer Herrschaft über das Trierer Land sind wir nicht gut unterrichtet. Wir wissen nicht, ob und wann es damals oder später einen neuen Eigentümer gefunden hat. Und wir kennen auch das seinerzeit geltende Recht über die Zuordnung wesentlicher Bestandteile wie eines Bodenmosaiks zum Grundstück nur unvollkommen. Annehmen dürfen wir, dass das römische (Boden-)Recht auch noch unter der Herrschaft des weströmischen comes Treverorum Arbogast des Jüngeren bis um 480 n. Chr. in der Übergangszeit zwischen der römischen und der fränkischen Herrschaft über das mittlere Moselgebiet in Geltung gestanden hat, dann aber alsbald verschwand.32 Möglicherweise hat es dann im 6. Jh. n. Chr. eine Nutzung der Villenanlage von Nennig durch einen fränkischen Grossen gegeben.33 Wie indes Mosaikfussböden nach dem Ende der gallorömischen Verwaltung Triers rechtlich zu betrachten waren, bleibt dunkel, weil das geschriebene fränkische Recht, die Lex Salica (um 510 n. Chr.), die nach der Eroberung Triers durch den Merowingerkönig Chlodwig I. um 500 n. Chr. auch an der mittleren Mosel gegolten hat, keine Vorschriften über das Eigentum an wesentlichen Bestandteilen von Grundstücken enthielt.

In den folgenden Jahrhunderten in Vergessenheit geraten, trat das Mosaik wieder ans Licht, als der Landarbeiter Peter Reuter im Jahre 1852 auf seinem Gartengrundstück bei Aushubarbeiten auf das «Medaillon des Löwen» (Abb. 4) stiess34 – eines von sieben dort erhaltenen Medaillons mit Szenen aus dem Amphitheater. Zu dieser Zeit galt in

Abb. 3: Mosaik mit der Signatur «Hephaistos». Pergamon-Museum, Berlin, Foto gemeinfrei.
Abb. 4: Medaillon aus dem Bodenmosaik in der römischen Villa von Nennig. Foto: roemer-tour.de/roemerspuren/deutschland/ saarland/roemische-villa-nennig/

den linksrheinischen Gebieten Preussens, auch im Trierer Raum, der französische Code civil vom Jahre 1804.35 Wie das römische Recht kannte auch der Code civil die Hadrianische Fundteilung (Art. 716). Freilich war diese Rechtsregel auf das Mosaik von Nennig von vornherein nicht anwendbar. Denn ein Mosaik ist eine «construction» auf dem Grundstück, die vom Eigentum an dem Grundstück miterfasst wird (Art. 554), ohne dass es auf die Fundumstände ankam. Um das Mosaik vor Beschädigung und Diebstahl zu sichern, kaufte die im Jahre 1801 gegründete Gesellschaft für nützliche Forschung zu Trier noch im selben Jahr die Gartengrundstücke an, unter denen es verborgen war.36 Wie nach französischem Recht umfasst auch nach dem geltenden deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch, das das französische Recht am 1.1.1900 in den preussischen Rheinprovinzen abgelöst hat, das noch heute bestehende Eigentum der Gesellschaft an den Gartengrundstücken auch das Mosaik von Nennig. In ihrer Sammlung bildet es noch nach über 170 Jahren das Prunkstück.

Funde im Bauaushub Schätze werden nun nicht nur entdeckt, wenn jemand bei Gartenarbeiten oder landwirtschaftlichen Arbeiten auf Objekte stösst, die noch im Boden stecken. Vielmehr tauchen sie nicht selten auch in Aushub auf, der bei Bauarbeiten ausgebaggert wird. Ein Beispiel hierfür bildet die Auffindung des im 16. Jahrhundert vergrabenen Grossen Lübecker Münzschatzes, des grössten bislang in Deutschland gefundenen Münzhorts, im Jahre 1984. Bei Erdarbeiten für einen Neubau auf einem Grundstück des Bundeslandes Schleswig-Holstein bemerkte der Frontladerfahrer der Baufirma in abgebaggertem und abgeladenem Erdreich Münzen, die dann von Archäologen der Bodendenkmalpflege gesichert wurden.37 Die Baufirma beanspruchte mit der Begründung einen hälftigen Anteil an dem Hort, sie habe an dem von dem Grundstück abgetragenen Aushub, in dem sich die Münzen befunden hätten, aufgrund eines in dem Bauvertrag geregelten Rechts auf Aneignung des Aushubs Eigentum erworben. Mit dieser Begründung ist die Baufirma freilich nicht durchgedrungen, weil der Bundesgerichtshof für den Erwerb des Eigentümeranteils auf diejenige Sache, hier: das im Eigentum des Bundeslandes stehende Baugrundstück, abgestellt hat, in der der Schatz ursprünglich verborgen war – in der er sich also bis zur Blosslegung durch das Abbaggern befunden hatte.38

Bauunternehmer, Baggerführer und Archäologen

Genau hingeschaut werden muss nicht nur, wenn es um die Substanz geht, in welcher ein antikes Objekt verborgen ist, sondern auch dann, wenn sich die Frage stellt, wer

von Rechts wegen als sein Entdecker zu betrachten ist. Gelegentlich wird ein Schatz nämlich nicht bloss von einem Einzelnen gefunden, sondern es sind wie beim Trierer Goldmünzenhort mehrere an der Auffindung beteiligt.39 Einer derjenigen, die seinerzeit in das Fundgeschehen involviert gewesen sind, war der LKW-Fahrer, der den bei den Ausschachtungsarbeiten angefallenen Aushub zu einem weiter entfernten Platz verbracht hatte. Freilich ist er auf die Goldmünzen erst aufmerksam geworden, als schon einige Hobbysammler Münzen aus dem aus dem abgeladenen Aushub geborgen hatten. Deshalb kam er als Entdecker dieser Münzen oder gar des gesamten Hortes nicht in Betracht. So liegen die Fundumstände aber nicht immer. Den bereits erwähnten Lübecker Münzenhort hat der Frontladerfahrer entdeckt, als er auf die in dem aus dem Baugrundstück gebaggerten Aushub steckenden Münzen aufmerksam wurde. Das machte ihn und nicht etwa die Baufirma, bei der er angestellt war, zum Entdecker des Schatzes. Ein solch ungewöhnliches und zufälliges Ereignis wie die Entdeckung eines Schatzes durch den Arbeitnehmer könne – so hat es der BGH gesagt – nicht mit seiner betrieblichen Tätigkeit in Verbindung gebracht und deshalb auch nicht dem Arbeitgeber zugeordnet werden.40

Nur wenn der Arbeitnehmer den Schatz bei einer geplanten und gezielten Suche findet, gilt der Arbeitgeber als Leiter der Schatzsuche als Entdecker des Schatzes.41 Ein Beispiel für den Erwerb eines Schatzes durch den Arbeitgeber ist der Fund mehrerer hundert spanischer Goldmünzen aus Wracks einer spanischen Schatzflotte, der im Juli 2015 Tauchern der auf die Unterwasserschatzsuche spezialisierten 1715 Fleet-Queens Jewels LLC 300 Jahre nach dem Untergang der Flotte vor der Küste Floridas gelang.42 Die Company wusste, dass die Flotte grosse Mengen Goldes geladen hatte, und kannte den ungefähren Ort ihres Untergangs. Nach deutschem Recht wären deshalb nicht die bei der Limited Liability Company angestellten Taucher, sondern es wäre eben die Gesellschaft Eigentümer des Schatzes geworden.

Freilich zeigt das Beispiel des Goldschatzes vom Neupfarrplatz in Regensburg, dass ein Erwerb des Entdeckeranteils durch den, der den Schatz als erster wahrnimmt, auch dann ausscheidet, wenn die Freilegung zwar keine Folge einer geplanten und gezielten Schatzsuche gewesen ist, aber insgesamt unter archäologischer und denkmalpflegerischer Aufsicht und Kontrolle stand, weil historisch wertvolle Bausubstanz freigelegt wurde. Der Stadt Regensburg, die den ihr gehörenden Platz umgestalten wollte, war zwar bekannt, dass sich unter dem Platz Reste eines jüdischen Ghettos und darunter wiederum die Fundamente eines römischen Legionslagers

befanden. Anhaltspunkte für die Existenz eines Hortes von – wie sich dann zeigte – 624 spätmittelalterlichen Golddukaten in dem von Archäologen überwachten Gebiet hatte die Stadt indes nicht. Gleichwohl hat das Oberlandesgericht Nürnberg dem Begehren des Baggerunternehmers, der die Münzen als erster wahrgenommen haben wollte, entgegengehalten, würden Erdarbeiten unter der Kontrolle und der Aufsicht von Archäologen durchgeführt, sei allen Beteiligten klar, dass archäologisch wertvolle Funde das Ergebnis einer zielorientierten archäologischen Ausgrabung seien. Da die Auffindung von Zahlungsmitteln bei der Ausgrabung einer mittelalterlichen Siedlung nicht fernliege, könne die Freilegung der Münzen nicht als zufälliger Schatzfund und damit auch der mit Erdarbeiten Beauftragte, der die Münzen gefunden habe, nicht als Entdecker angesehen werden.43

Das merowingische Gräberfeld Nicht selten kommt es vor, dass ein Schatz nicht «in einem Stück» dem Boden entrissen wird, sondern in der Folge der Entdeckung eines Teils des Schatzes durch eine Person weitere Teile dieses Schatzes durch andere geborgen werden oder bei späteren Nachforschungen hätten ergraben werden können. In solchen Fällen steht der Entdeckeranteil an dem ganzen Schatz dem Entdecker des ersten Teilfundes zu. Von dieser Rechtslage profitierte der Entdecker eines von ihm in Hessen gefundenen merowingischen Gräberfeldes. Gelungen war die Entdeckung von Grabbeigaben in zwei Gräbern dieses Feldes einem ehrenamtlichen, mit einer denkmalrechtlichen Nachforschungsgenehmigung tätigen Sondengänger. Obgleich er erkannte, dass die beiden Gräber Teil eines grösseren Gräberfeldes waren, verzichtete er auf weitere Nachforschungen und zeigte den Fund, so wie es die denkmalschutzrechtlichen Vorschriften verlangen, dem Landesamt für Denkmalpflege an.44 Dessen ungeachtet wurde ihm der Entdeckeranteil nicht nur für die Grabbeigaben aus den beiden Gräbern zugesprochen, sondern auch für den ganzen an der Lokalität gelegenen weiteren Schatz. Massgeblich hierfür war die Erwägung, es dürfe dem Entdecker nicht zum Nachteil gereichen, dass er sich an das denkmalrechtliche Weitergrabungsverbot gehalten und durch die Anzeige der Entdeckung an die Denkmalbehörde die vollständige archäologische Sicherung dieses Bodendenkmals ermöglicht habe.45

Gold, Schmuck und andere Kostbarkeiten Glücklich schätzen, an einem Bodenfund nach Massgabe der Hadrianischen Fundteilung (Mit-)Eigentum erworben zu haben, kann sich nur, wer einen Schatz entdeckt hat (§ 984 BGB: «Schatzfund»). Hierbei ist es für die Anwendung des deutschen Schatzrechts gleichgültig, ob es sich um Objekte

aus, sagen wir, dem frühen 20. Jahrhundert oder aus der Antike handelt. Dabei stellt sich bei antiken Funden häufig eine Frage, die bei Funden von Gegenständen aus dem frühen 20. Jahrhundert meist keine Rolle spielt: Sind Knochen, Gefässscherben oder Einzelfunde gering erhaltener römischer Münzen Schätze? Der Duden, das wohl immer noch massgebliche Wörterbuch der deutschen Sprache, beschreibt Schätze an erster Stelle als Ansammlungen kostbarer Dinge (Schmuck, Gegenstände aus edlen Metallen u.ä.)46 und führt als ein Beispiel für diese Wortbedeutung den sagenhaften Schatz der Nibelungen an,47 der nach dem Nibelungenlied aus so viel Edelsteinen und Gold bestand, dass «12 Leiterwagen konnten ihn kaum von dannen tragen in vier Tagen und Nächten aus des Berges Schacht, hätten sie des Tags den Weg auch dreimal gemacht.»48 Wenngleich die antiken Horte, die bis heute ans Licht getreten sind, selbst wenn sie wie der Trierer Goldmünzenhort 18,5 kg wiegen,49 mit einem solchen Schatz nicht zu vergleichen sind, sind solche Horte und andere bedeutende Bodenfunde, auch wenn sie nicht aus Gold oder Edelsteinen bestehen, wie der aus Sandstein gehauene Keltenfürst vom Glauberg und der im Länderverzeichnis national wertvollen Kulturgutes von Baden-Württemberg verzeichnete, aus Kupfer- und Eisenplatten gefertigte alemannische Spangenhelm aus dem Fürstengrab von Gammertingen schon nach allgemeinem Sprachgebrauch Schätze.

Der jungsteinzeitliche Knochen mit Ritzzeichnung und der Sarkophag von Agrigento

Aber wie steht es nun mit scheinbar wertlosen Dingen wie antiken Knochen oder Ton-

scherben? Nun, gelegentlich ist ein Knochen nicht bloss ein Knochen, sondern ein Kunstwerk von hoher Bedeutung, Ein Beispiel hierfür ist der Röhrenknochen mit Ritzzeichnung eines Urhirsches aus dem Magdalenien (um 15.000 v. Chr.), der in Cahn's Quarterly 1/2013 publiziert wurde (Abb. 5)50 und den wahrscheinlich schon sein Schöpfer als ein kleines Kunstwerk betrachtet hat. Auch unscheinbare Tonscherben können sich als archäologisch wertvoll erweisen. So erging es einem Konvolut zahlloser antiker Terrakottafragmente, die über 40 Jahre lang unbeachtet in einer Privatsammlung gelegen hatten und schon entsorgt werden sollten, dann aber noch gesichert werden konnten und nun wieder zusammengefügt den restaurierten Sarkophag im Archäologischen Museum von Agrigento auf Sizilien bilden.51 Hier ist nun zu beachten, dass das deutsche Recht den Begriff des Schatzes weiter als der normale Sprachgebrauch fasst. Als Schatz werden nämlich auch ausgegrabene Überreste vorweltlicher Tiere, an denen zu keinem Zeitpunkt Eigentum bestanden hat, und Altertumsfunde begriffen, die herrenlos geworden sind, weil sie schon in der Antike weggeworfen wurden, soweit an ihnen ein archäologisches Interesse besteht.52

«…seit mehrern Jahrhunderten verborgen gewesen»

Nicht jeder Fund wertvoller Gegenstände macht den Finder und den Grundstücksbesitzer zu Miteigentümern. Vielmehr kommt es nur dann zu einer Fundteilung, wenn das Objekt so lange verborgen gelegen hat, dass der Eigentümer nicht mehr zu ermitteln ist. Der hierfür massgebliche Zeitpunkt variiert je nach der Beschaffenheit des Stücks. So kommt es gar nicht so selten vor, dass Ehe-

ringe, die auf landwirtschaftlichen Grundstücken verlorengegangen sind, nach über 50 Jahren von Sondengängern gefunden und ihren betagten Eigentümern zurückgegeben werden können. Da auf der Innenseite der Ringe häufig Namen eingraviert sind, ist eine Suche nach den Eigentümern auch noch viele Jahre nach dem Verlust erfolgversprechend.53 Demgegenüber ist, wie es im Allgemeinen Landrecht für die Preussischen Staaten aus dem Jahre 1794 bestimmt war, die Suche nach dem Eigentümer in der Regel entbehrlich, «wenn aus der Beschaffenheit des entdeckten Schatzes selbst sich ergibt, dass derselbe schon seit Einem oder mehrern Jahrhunderten verborgen gewesen sey.»54 Bei antiken Stücken, die eintausendfünfhundert Jahre oder mehr verborgen gewesen sind, brauchen solche Berechnungen nicht angestellt zu werden. Wie wir nämlich schon im ersten Teil der Artikelreihe gesehen haben, ist es bei solchen Objekten, die der Boden freigibt, von vornherein jede Hoffnung vergeblich, ihren Eigentümer zu ermitteln. Deshalb steht dann einem Eigentumserwerb nach Massgabe der Hadrianischen Fundteilung jedenfalls im Grundsatz nichts mehr im Weg.

Ausblick

Wird ein antiker Bodenfund gemacht, dürfen sich nach den Regeln der Hadrianischen Fundteilung häufig zwei – der Entdecker und der Grundstückseigentümer – über den Erwerb jeweils eines hälftigen Eigentumsanteils an dem Fundobjekt freuen: Geteilte Freude ist doppelte Freude, sagt der Volksmund. Gelegentlich wird diese Freude freilich schnell getrübt. Nicht selten wird die Hadrianische Fundteilung nämlich durch Schatzregalien der deutschen Bundesländer verdrängt. Dann

Abb. 5: Röhrenknochen mit Ritzzeichung eines Urhirsches. Südwesteuropa, Magdalénien, Jungpaläolithikum, um 15’000 v.

Chr. Foto: Niklaus Bürgin.

erwirbt weder der Finder noch der Grundstückseigentümer Eigentumsanteile an dem Fundstück: Geteiltes Leid ist hier einmal doppeltes Leid. Manchmal besteht aber doch noch Hoffnung. Deshalb wird zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort über die verschiedenen Ausprägungen des Schatzregals in Deutschland und darüber berichtet, dass der Finder des antiken Objekts und der Eigentümer des Grundstücks, in dem das Objekt gefunden worden ist, dann doch nicht immer ganz leer ausgehen.

Referenzen

1 Paulus, Digesten 41,1,31,1: pecunia; Codex Theodosianus 10,18,2: monilia (Halsketten, Schmuck); Codex Justiniani 10,15,1: mobilia.

2 Max Kaser, Das römische Privatrecht, Erster Abschnitt, 2. Aufl. 1971, § 102, S. 427 mit Fn. 16; Ralf Fischer zu Cramburg, Das Schatzregal, 2001, S. 47 f.

3 Institutiones Justiniani 2,1,39, Hist. Aug. Hadr. 18, 6. Zur weiteren Entwicklung im römischen Recht vgl. Ralf Fischer zu Cramburg, Das Schatzregal, S. 54 ff.

4 Ulpian, Digesten 8,5,1; Codex Justiniani 3,44,2,9.

5 Callistratus, Digesten 49,14,3,10 f.

6 Schatzfunde auf Grundstücken, die keinen Eigentümer haben, sind mir nicht bekannt. Der Eigentümeranteil ist herrenlos und fällt nach deutschem Fundrecht dem Finder zu (Staudinger/C. Heinze, Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Buch 3, §§ 925-984, Neubearb. 2020, § 984 Rn. 15).

7 Zuvor schon das Allgemeine Landrecht für die preussischen Staaten (ALR) aus dem Jahre 1794, Erster Theil, Neunter Titel, Dritter Abschnitt § 82.

8 Bundesgerichtshof, Urteil vom 20.1.1988, Aktenzeichen VIII ZR 296/86, Rn. 27.

9 So bereits Institutiones Justiniani 2,1,39 und das ALR Erster Theil, Neunter Titel, Dritter Abschnitt § 81; vgl. auch Staudinger/C. Heinze, Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Buch 3, § 984 Rn. 12, Fn. 49.

10 Hans-Jörg Kellner/Gisela Zahlhaas, Der römische Tempelschatz von Weißenburg i. Bay., 1993, S. 5 ff.; Michael Donderer, Zur Interpretation des Weissenburger Schatzfundes, Germania, Bd. 82, 2004, S. 235, 242.

11 Pfalz Express, Barbarenschatz von Neupotz auf Berliner Museumsinsel ausgestellt, 17.1.2017, https://www. pfalz-express.de/barbarenschatz-von-neupotz-auf-berliner-museumsinsel-ausgestellt/.

12 Die Rheinpfalz, Barbarenschatz: Verhandlung um Neupotzer Fund, 5.4.2016, https://www.rheinpfalz.de/ lokal/kaiserslautern_artikel,-barbarenschatz-verhandlung-um-neupotzer-fund-_arid,569830.html.

13 Institutiones Justiniani 2,1,39.

14 Staudinger/C. Heinze, Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Buch 3, § 984 Rn. 1. Was aber offen auf einem Dachboden herumsteht, unterfällt indes, auch wenn schon lange niemand mehr danach geschaut hat, der Hadrianischen Fundteilung nicht (OLG Köln, Urteil v. 11.6.1991, Aktenzeichen 13 W 32/91).

15 Ludwigsburger Kreiszeitung, Dachbodenfund: Vase für 16 Millionen Euro versteigert, 12.6.2018, https://www. lkz.de/lokales_artikel,-dachbodenfund-vase-fuer-16millionen-euro-versteigert-_arid,483074.html.

16 Südtirol News, Jahrtausende alt: Spektakulärer Dachbodenfund, 2.4.2025, https://www.suedtirolnews.it/unterhaltung/kultur/jahrtausende-alt-spektakulaerer-dachbodenfund.

17 Fehlt es an einer solchen Vereinbarung, kann der Verkäufer des Grundstücks ein versehentlich in dem Haus verbliebenes Stück mangels Erwerbs des Eigentums hieran durch den Käufer herausverlangen.

18 Staudinger/C. Heinze, Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Buch 3, § 984 Rn. 1.

19 Welt, Auf Dachboden entdeckter Rembrandt für 1,4 Millionen Dollar versteigert, 11.9.2024, https://www. welt.de/vermischtes/article253361184/USA-Auf-Dachboden-entdeckter-Rembrandt-fuer-1-4-MillionenDollar-versteigert.html.

20 Staudinger/C. Heinze, Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Buch 3, § 984 Rn. 1 für Mosaikböden ausgegrabener Häuser aus der Antike.

21 Rudolf Echt, Endlich entdeckt: «Das Drum und Dran der landwirtschaftlichen Anwesen», in: Monumente der Macht, Die gallo-römischen Grossvillen vom längsaxialen Typ, hrsg. von R. Echt, B. Birkenhagen u. F. Sarateanu-Müller, 2016, S. 303, 307 f., 320.

22 Vgl. Institutiones Justiniani 2,1,28.

23 Ulpian, Digesten 47,3,1 pr. u. 1; Horst Hammen, Antike Bodenfunde, Hadrianische Fundteilung und deutsches Schatzregal (Teil 1), Cahn's Quarterly 1/2025, S. 5, 8.

24 Max Kaser, Das römische Privatrecht, Erster Abschnitt, § 97 II 2., S. 402; Gottfried Schiemann, Ius, in: Der Neue Pauly, Bd. 6, 1998, Sp. 97.

25 Das Ius Italicum ist auch an Städte verliehen worden, die keine Colonien waren (vgl. v. Premerstein, Ius Italicum, in: Paulys Realencyclopädie der klassischen Alterumswissenschaft, Bd. X,1, 1918, Sp. 1240).

26 Zur Diskussion der Frage, ob das Ius Italicum nicht nur steuerrechtliche, sondern auch eigentumsrechtliche Wirkung hatte, vgl. Friedrich Carl v. Savigny, Vermischte Schriften, Erster Band, S. 43 f., 44-49, 57-60; andererseits Andreas Zack, Forschungen über die rechtlichen Grundlagen der römischen Aussenbeziehungen während der Republik bis zum Beginn des Prinzipats. V. Teil, GFA 17, 2014, S. 247, 269, 280 ff.

27 Paulus, Digesten 50,15,8,1 u. 2; zudem Antipolis (Antibes) in der Gallia Narbonensis, v. Premerstein, Ius Italicum, in: Paulys Realencyclopädie, Bd. X, 1, Sp. 1240.

28 Kornemann, Coloniae, in: Paulys Realencyclopädie, Bd. IV, 1, 1900, Sp. 580 f.

29 Vgl. Tacitus, Historia 4, 72: «colonia Trevirorum». –Die Erhebung zur Colonia ging keineswegs stets mit der Verleihung des Ius Italicum einher (vgl. Ulpian, Digesten 50,15,1,4 u. 6).

30 Rudolf Echt (Fn 21), S. 303, 317, 320 f.

31 Vgl. Paulus, Digesten 41,7,2; Rene Roy, Die Aufgabe des Eigentums an Grundstücken gemäss § 928 BGB, 2017, S. 23; Hans Ankum, Das Verlassen von Liegenschaften, Sav. Zschr. Rom. Abt. Bd. 114 (1997), S. 402, 410 ff.

32 Sidonius Apollinaris, Ep. IV, 17, 2: «etsi apud limitem Latina iura ceciderunt»; Hans Herbert Anton, Trier im Übergang von der römischen zur fränkischen Herrschaft, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte, Bd. 12 (1984), S. 1, 22 ff., 33, 35 f.

33 Hans Herbert Anton in Hans Herbert Anton/Alfred Haverkamp (Hrsg.), Trier im Mittelalter, 1996, S. 17, 29 f.

34 Jahresbericht der Gesellschaft für nützliche Forschung zu Trier vom Jahre 1852, 1853, S. 4, https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jahresbericht_ trier1852/0010/image,info,thumbs; Harald Jansen, Römische Villa Nennig: Als ein Trierer Fälscher bei Ausgrabungen aufflog, Trierischer Volksfreund v. 25.5.2022, https://www.volksfreund.de/region/trier-trierer-land/ villa-nennig-als-ein-faelscher-aus-trier-bei-ausgrabungen-aufflog_aid-70283425.

35 Deshalb kam es auf das als Gemeines Recht ab dem Spätmittelalter im Heiligen Römischen Reich geltende römische Sachenrecht einschliesslich der Hadrianischen Fundteilung (Bernhard Windscheid, Lehrbuch des Pandektenrechts, 1. Bd., 3. Aufl. 1870, § 1 S. 2 ff., § 139 S. 381 Fn. 3, § 184 S. 525) und auf das Kurtrierische Landrecht (ab 1668; vgl. Maria Dirks, Das Landrecht des Kurfürstentums Trier, 1965, S. 16,17, 28 f., 34) nicht an.

36 Jahresbericht der Gesellschaft für nützliche Forschung zu Trier vom Jahre 1852, S. 5.

37 Doris Mührenberg, Baggerführer findet 23.000 Münzen in einer Baugrube, Lübeckische Blätter 2009, Heft 11, S. 161.

38 Bundesgerichtshof, Urteil vom 20.1.1988, Aktenzeichen VIII ZR 296/86 Rn. 33.

39 Karl-Joseph Gilles, Der römische Goldmünzenschatz aus der Feldstrasse in Trier, Trierer Zeitschrift, Beiheft 34, 2013, S. 15.

40 Bundesgerichtshof, Urteil vom 20.1.1988, Aktenzeichen VIII ZR 296/86 Rn. 23.

41 Bundesgerichtshof, Urteil vom 20.1.1988, Aktenzeichen VIII ZR 296/86 Rn. 21.

42 Hubert Walker, Divers Discover $ 4.5 Mil More 1715 Fleet Gold off Florida Coast, Coinweek 21.8.2015.

43 OLG Nürnberg, Urteil vom 13.5.1998, Aktenzeichen 4 U 4119/97.

44 Till Kemper, Der Entdeckeranteil an einem nicht ausgegrabenen fränkischen Gräberfeld (OLG Frankfurt am Main, Urteil vom 20.8.2013) – Fluch und Segen für den Finder, Archäologische Informationen Bd. 36 (2013), S. 121-122.

45 OLG Frankfurt, Urteil vom 20.8.2013, Aktenzeichen 11 U 113/12 Rn. 35; vgl. OLG Düsseldorf, Urteil vom 20.1.1993, Aktenzeichen 11 U 58/92 zu einem römerzeitlichen Gräberfeld.

46 Auch § 398 des Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuchs für Österreich beschreibt als Schatz Geld, Schmuck «oder andere Kostbarkeiten».

47 Duden, Onlinewörterbuch, Stichwort «Schatz», https:// www.duden.de/rechtschreibung/Schatz.

48 Nibelungenlied, 19. Aventiure, Vers 1158 in der Übersetzung von Karl Simrock, Das Nibelungenlied. Übersetzt, 1868, https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Simrock/sim_ni19.html.

49 Karl-Josef Gilles, Der Trierer Goldmünzenschatz aus der Feldstrasse in Trier, S. 262.

50 Yvonne Yiu, Steinzeitlicher Artenschutz, Cahn´s Quarterly 1/2013, S. 1.

51 Jean-David Cahn, Eine pragmatische Lösung, Cahn´s Quarterly 1/2024, S. 10.

52 Staudinger/C. Heinze, Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Buch 3, § 984 Rn. 3 a.

53 OLG Hamburg, Beschluss vom 16.1.1981, Aktenzeichen 1 U 83/81; vgl. das Beispiel in FOCUS online, Ehepaar bekommt 50 Jahre lang verlorenen Ehering zur diamantenen Hochzeit zurück, 16.1.2024, https://www. focus.de/panorama/welt/goldener-schatz-ehepaar-bekommt-50-jahre-verlorenen-ehering-zur-diamantenenhochzeit-zurueck_id_259581176.html.

54 ALR Erster Theil, Neunter Titel, Dritter Abschnitt § 79.

Prof. Dr. Horst Hammen hatte einen Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht an der Justus-Liebig-Universität Gießen inne. Sein Forschungsschwerpunkt ist das Börsenund Kapitalmarktrecht. Er publiziert auch zu (rechts-)historischen Themen.

Für Sie entdeckt

Ambrosisches Öl, das ewige Götter umduftet

Unsichtbare Archäologie - Dem Duft auf der Spur

Homers ausgesprochen bildhafte Sprache in den Epen und Hymnen regt die Sinne und Fantasie des Lesers an. Neben dem reinen Lesevergnügen helfen uns diese Sprachbilder heute bei der Rekonstruktion dessen, das nicht wie Fundmaterial konkret auf der Hand liegt: alles mit den Sinnen Wahrgenommene, sei es ein Anblick, ein Klang oder ein Duft.

Im Hymnos an Aphrodite schildert Homer, wie sich jene, von Liebe für den trojanischen Fürsten Anchises erfasst, auf ein Treffen mit ihm im Ida-Gebirge vorbereitet: «... Und gen Kypros wandelnd, begab in den duftigen Tempel dort nach Paphos sie sich, woselbst der Altar und der Hain ist; Gehend hinein in den selben, verschloss sie die strahlende Pforte; Und nun wuschen und salbten sie die Chariten mit dem Oele, Mit dem ambrosischen, welches die ewigen Götter umduftet.» (Hymnos an Aphrodite 58-63, Übersetzung K. Schwenck).

Mit diesen wenigen Zeilen wird die Bedeutung des Dufts als Reiz für die menschlichen Sinne klar. Nüchtern physiologisch betrachtet, treten bei der Olfaktion Geruchsmoleküle in das Riechepithel der Nase. Von dessen Geruchsrezeptoren ausgehend, stimuliert ein neurobiologisches Signal das limbische System im Gehirn, das mit anderen Hirnregionen Erinnerungen, Emotionen und Verhalten steuert. Trotz aller Flüchtigkeit des Geruchs; die Erinnerung an ihn ist jederzeit wieder abrufbar. Tritt er erneut auf, reagieren wir, ohne gross nachzudenken: Rauch alarmiert uns; Schweissgeruch ist unangenehm; Duft erregt Wohlgefühl. Und wir verbinden Gerüche mit bestimmten Ereignissen oder persönlichen Erinnerungen. So bestimmt die Reaktion auf Geruch menschliches Verhalten, die soziale und kulturelle Interaktion.

Die Ägypter verwendeten seit dem 3. Jt. v. Chr. Parfümöl zur Salbung von Götterstatuen, Teilnehmern von Opferhandlungen, von Verstorbenen, bei Totenbanketten, zu medizinischen Zwecken oder als persönlichen Duft. Ein Relief im Musée du Louvre Paris (664-341 v. Chr., Inv.-Nr. E 11162) zeigt zwei Frauen, die mit einer Torsionspresse Öl gewinnen. Eine dritte Frau trägt einen Korb voller Blüten (Lilie, Iris?) herbei. In den Palästen Mesopotamiens nutzte man seit ca. 2000 v. Chr. Parfümöl in ähnlichen Kontexten. Das berühmte Tontafelarchiv des Palasts von Mari (Tell Hariri/Syrien, 1800 v. Chr.) listet verwendete Öle (z. B. von Oliven, Bennussbaum-Samen, Sesam), Aromen, wie Myrte, Zypresse, Duft-Schilf, und Harze, z. B. Galbanum (persisches Steckenkraut).

Essentielle und exotische Zutaten fanden im 2. Jt. v. Chr., begleitet vom Wissenstransfer, über das florierende Handelsnetz nach Westen: Mykenische Linear B-Tafeln der Archive von Knossos und Pylos listen Lieferungen von Sesam-, Distel- und Olivenöl und eigene Parfümeure und ihre Manufakturen (14.-13. Jh. v. Chr.).

In Homers Ilias gebrauchen Göttinnen fast schon verschwenderisch Duftöle. Hera salbt sich mit «lauterem Öle, fein und ambrosischer Kraft, von würzigem Dufte durchbalsamt», um Zeus zu betören (Homer, Ilias 14, 171 f., Übersetzung J. H. Voss). Aphrodite salbt Hektors Leichnam «mit ambrosischem Balsam, rosigen Dufts», während sie über ihn wacht (Homer, Ilias 23, 186-187, Übersetzung ders.). Zunächst war das Parfüm in Griechenland in der 1. Hälfte des 1. Jt. v. Chr. der aristokratischen Oberschicht vorbehalten. Aus der Zunahme des Handels mit Parfümölen und deren Zutaten im 6. Jh. v. Chr. resultierte eine breitere Nutzung, die sich in der Produktion verschiedener Parfümgefässe wie Alabastra, Aryballoi und Lekythen spiegelte. Der Trend nahm in klassischer bis hellenistischer Zeit zu: Während die Oberschicht auf besonders qualitätvolle, rare Parfüme zurückgriff, wurden herkömmliche nun in Palästra und Bad genutzt. Der französische Archäologe J.-P. Brun nennt dies die «Demokratisierung des Parfümgebrauchs»1 Schriftquellen erwähnen mehrere Parfümerien in einem besonderen Areal der Athener Agora, nebenbei auch als sozialer Treffpunkt beliebt (Lysias 24, 20; Demosthenes 25, 52).

Eine raffinierte Variante der Parfümgefässe spätklassischer Zeit bietet die Galerie Cahn an (Abb. 2). Die reliefierte Vorderseite zeigt einen stehenden jugendlichen Eros. Er lächelt fein; ein Kranz ziert seinen Kopf. Die Linke hält einen Zweig (?); die Rechte stützt sich auf einen Pfeiler. Seine weit ausgebreiteten Flügel leiten zur glatten, schwarz gefirnissten Rückseite über, wo der Henkel ansetzt und zur Kleeblattmündung führt. Während der rosettenverzierte Hals mit der Scheibe gedreht wurde, ist das Gefäss samt rechteckigem Sockel wie bei der zeitgenössischen Koroplastik aus der Form genommen. Die sonst

Von Gerburg Ludwig
Abb. 1: Eroten und Psychen bei der Parfümherstellung. Wandmalerei-Fries im 4. Stil (3. Viertel 1. Jh. n. Chr.), Casa dei Vettii in Pompeji (VI 15,1) © MentNFG, CC BY-SA 4.0.

für Oinochoen typische Kleeblattmündung ist eine Spezialität dieser Figurengefässe, die als Votivgaben oder Grabbeigaben fungierten.

Archäologische Belege einer späthellenistischen Parfümmanufaktur identifizierte J.-P. Brun 1997 im Haus I, B im Stadion-Bezirk auf der Insel Delos. Zwei in situ gefundene, besonders sorgfältig und verziert gearbeitete Tische von Keilpressen aus Marmor verglich er mit einem sehr verwandten, der Parfümproduktion bereits zugewiesenen Pressentisch in Paestum/Kampanien. Tief verankerte Pfostenlöcher neben den Tischen boten einem regalartigen hölzernen Pressengestell Halt. Dieses trug Körbe mit Olivenpaste, die durch hineingetriebene Keile ausgepresst wurden. Das Öl lief über den Pressentisch in ein Auffanggefäss. Über vier benachbarten Feuerstellen wurde es für die Weiterverarbeitung in Kesseln erhitzt.

Unsere Informationen zu Parfümproduktion, Zutaten und Produkten verdanken wir Theophrastus' Schriften De odoribus und De sensibus (Ende des 4. Jh. v. Chr.). Sie basieren u. a. auf direktem Kontakt mit Parfümeuren in Athen. Andere Autoren, wie Kallimachos, Cicero, Plinius d. Ä., Dioskurides und Columella sowie Inschriften, z. B. aus dem Apollon-Heiligtum in Delos, bieten weitere Informationen, Kallimachos und Dioskurides sogar konkrete Rezepte.

Den Ablauf der Arbeiten in einer Parfümmanufaktur visualisiert lebhaft und detailliert ein Wandmalerei-Fries mit Eroten und Psychen in der Casa dei Vettii in Pompeji (VI 15,1; Abb. 1). Von links nach rechts: Zwei Eroten treiben mit grossen Hämmern Keile in die Körbe. Das Öl läuft von der Keilpresse in eine grosse Schale. Es folgt die Erhitzung und Enflourage des Öls mit Duftstoffen im Kessel. Daneben zerreiben oder rühren zwei Eroten weitere Zutaten in einem hohen Mörser. Ganz links die Abfüllung, Präsentation im Laden und Testung des Parfüms durch eine «Kundin».

Im Vergleich zur modernen Parfümproduktion, die als Trägerstoff hochprozentigen Alkohol und in destilliertem Wasser gelöste, natürliche Essenzen oder gar synthetische Duftstoffe verwendet, beinhalten antike Parfüme als Trägerstoff native pflanzliche Öle, z. B. Sesam-, Bittermandel-, Benussbaumöl, später vor allem Öl zerkleinerter grüner Oliven. In diesen Ölen sind Triglyzeride mit dreifachen Fettsäuren verestert. Abhängig von Zeit und Region gewann man das Öl im Laufe der Jahrhunderte auch mit Spindel-, Hebel- oder Torsionspressen. Ziel war nicht, raue Mengen zu produzieren, sondern mit einem möglichst langsamen Press-Vorgang die besondere Qualität und Feinheit des Parfümöls zu garantieren. Vorher durch Schroten und Mazeration aromatischer Substan-

zen gewonnene Duftstoffe, z. B. von Iris-, Rosenblüten, Dufthölzern, wurden nach Zugabe und Erhitzung vom Öl absorbiert. Eine weitere Wärmezufuhr war bei der Enflourage hilfreich aber nicht unabdingbar. Beigefügte Harze reduzierten die Volatilität; Salze dienten der Konservierung; Farbstoffe, wie z. B. Krapprot, sorgten für eine zusätzliche optische Wirkung. Der Lagerung dienten opake Flaschen aus Keramik oder Stein; bei Verkauf füllte man das Parfüm in kleinere Gefässe ab.

Wie der Fries aus der Casa dei Vettii vor Augen führt, breitete sich die Nutzung und Produktion von Parfümen mit Beginn der römischen Besetzungen im Osten nach Italien aus, bis schliesslich in der Kaiserzeit grosse Mengen produziert und verwendet wurden. Zum Hauptproduktionszentrum entwickelte sich Kampanien, vor allem Paestum (seit ca. 270 v. Chr.). Berühmt für seine zweimal im Jahr blühenden Rosengärten, lag es auf der Hand, dass die Parfümeure Rosendüfte herstellten. Die Produktion glich der griechischen und erreichte im Laufe der Zeit fast industrielles Niveau. An der Nordwestecke des Forums waren wie in Athen mehrere Parfümerien angesiedelt. Dort fand man auch das Vergleichsexemplar der delischen Keilpressen.

Im kampanischen Puzzuoli belieferten Glasbläser «über die Gasse» die Parfümeure mit den passenden Gefässen, häufig Unguentaria, wie das hier von der Galerie Cahn angebotene, intakte, zeittypische sog. Candlestick-Unguentarium (Abb. 3). Das Parfüm im flach gestalteten Gefässbauch glockenförmiger Kontur mit eingewölbtem Boden konnte über den langen Hals mit breit ausgestelltem Mündungsrand sehr gut dosiert werden. Die Irisierung des farblosen Glases verleiht dem Gefäss einen zusätzlichen Reiz.

Literatur:

1J.-P. Brun, The Production of Perfumes in Antiquitiy: The Cases of Delos and Paestum, American Journal of Archaeology 104, Nr. 2; April 2000, 277-308, hier 277.

Impressum

Herausgeber

Jean-David Cahn

Malzgasse 23

CH-4052 Basel www.cahn.ch

ISSN 2624-6368

Redaktion

Jean-David Cahn

Yvonne Yiu

Autoren

Jean-David Cahn

Ulrike Haase

Horst Hammen

Gerburg Ludwig

Tim Wright

Übersetzungen

Yvonne Yiu

Fotos

Niklaus Bürgin

Ulrike Haase

Gestaltung

Michael Joos

Yvonne Yiu

Abb. 3: UNGUENTARIUM. H. 20,5 cm. Farbloses Glas. Römisch, spätes 1.-3. Jh. n. Chr. CHF 3'800
Abb. 2: PLASTISCHE ATTISCHE OINOCHOE IN EROSGESTALT. H. 13 cm. Terrakotta. Griechisch, spätklassisch, um 350 v. Chr. CHF 4'800

KELTISCHER KOPF. H. 12,5 cm. Sandstein. Vormals englische Slg.; erworben bei Chris Russ Antiquities, vor 1998 (siehe List 32). Bei Finch & Co Privatslg. Danach Privatslg. J. P. Keane. Seit 2025 auf dem französischen Markt. Angeblich in Wroxeter, Shropshire (in der Nähe der römischen Stadt Viroconium, dem Verwaltungszentrum des keltischen Stammes der Cornovii) gefunden. Keltisch, 1. Jh. v. Chr.-1. Jh. n. Chr. CHF 14'000

KOPF EINES IDOLS. H. 5,8 cm. Terrakotta. Vorm. Privatslg. London. Danach Rupert Wace Ancient Art, Ltd., London, 2007 oder früher; erworben vom britischen Kunstmarkt. Thessalisch, Sesklo-Kultur, Frühneolithikum, 7.-6. Jt. v. Chr. CHF 6'800

BRONZESTATUETTE DES HARPOKRATES. H. 16.4 cm. Bronze. Vorm. Privatslg. Roger Liechti (1934-2010), Petit-Lancy, Schweiz (Inv.-Nr. E. 747); erworben 1958 in Turin (Piazza San Carlo). Durch Vererbung im Familienbesitz, Schweiz. Ägypten, Spätzeit bis Römisch, 2. Hälfte 1. Jt. v. Chr. CHF 9'800

VOTIVKOPF EINES MANNES. H. 30 cm. Rötlich-brauner, leicht glimmerhaltiger Ton mit schwarzen Einschlüssen. Ehemals Privatslg. E. C. (1923-2014), Israel; 1970 erworben (siehe Rechnung). An ihren Sohn D. L., Schweiz, vererbt. Etruskisch oder mittelitalisch, 3.-2. Jh. v. Chr. CHF 6'800

EINES KELTEN. H. 31 cm. B. 20 cm. T. 11,5 cm. Sandstein. Ehem. Privatslg. Robert Wyndham Ketton-Cremer, Felbrigg Hall, Norfolk, England. Danach Privatslg. Norman Brett. Anschliessend im Besitz seines Neffen James Brett, 1966 (bis 1986 in seinem Büro in seinem Laden in Elm Hill, danach in seinem Cottage in Gunton Park, Gunton, Norfolk). Seitdem Privatslg. S. G. Basel. Keltisch, 2.-3. Jh. n. Chr. CHF 38'000

ATTISCHE ROTFIGURIGE PELIKE, DEM FLORENZ-MALER ZUGESCHRIEBEN. H. 30,5 cm. Dm. Mündung 16,5 cm. Dm. Körper 21,3 cm. Dm. Fuss 14,9 cm. Ton. Vormals Privatslg. Erika (1934-2025) und Jakob (1927-2025) Binkert, Binningen, Schweiz. Erworben 1956 bei Galerie Otto Markees, Antiquar, Spalenberg, Basel. Seitdem in Familienbesitz. Attisch, Frühklassisch, ca. 460 v. Chr. CHF 9'800

BRONZESTATUETTE DES OSIRIS. H. 14,5 cm. Bronze. Vorm. Privatslg. Roger Liechti (1934-2010), Petit-Lancy, Schweiz; erworben 1957 in Zürich (handschriftliche Notiz auf der Unterseite des Holzsockels). Danach durch Vererbung im Familienbesitz, Schweiz. Ägypten, Dritte Zwischenzeit bis Spätzeit, 900-332 v. Chr. CHF 7'600

KOPF

OINOCHOE MIT LÖWENKOPFAPPLIKE (GNATHIA-WARE). H. 21,7 cm. Ton, Schwarzfirnis, rote, weisse und gelbe Deckfarbe. Vorm. Slg. Alphonse Raifé (1802-1860).

Publiziert: F. Lenormant, Description des antiquités, égyptiennes, babyloniennes, assyriennes, mèdes, perses, phéniciennes, grecques, romaines, étrusques et américaines composant la collection de feu M. A. Raifé, (Paris 1867) 181, Nr. 1420 (altes Sammlungsetikett auf der Unterseite der Vase).

Danach Privatslg. Paris, erworben 1990. Westgriechisch, apulisch, letztes Viertel 4. Jh. v. Chr. CHF 8'800

TETRADRACHME, ANTIOCHOS IV. EPIPHANES. 17,18 g. Dm. max. 32 mm. Silber. Vorm. Privatslg. des amerikanischen Numismatikers Arthur Houghton (geb. 1940), New York, vor 1983. Mit Gorny & Mosch, München, Auktion 269, 2020, Los 525. Kunstmarkt Deutschland, vor 2024. Publiziert: A. Houghton. Coins of the Seleucid Empire from the collection of Arthur Houghton. Ancient Coins in North American Collections. The American Numismatic Society (New York 1983) 78, Nr. 781 (mit Taf. 46). Hellenistisches Palästina, Ake-Ptolemais (modern Akkon), ca. 168-164 v. Chr. CHF 6'800

KÖPFCHEN EINES BÄRTIGEN (VIELLEICHT AJAX). H. 3,3 cm. Speckstein. Vorm. Slg. Friedlinger-Brandt, ca. 1950-1960, Botschafter in Kairo (vor 1920). Griechisch, hellenistisch, 2. Jh. v. Chr. CHF 1'200

KAMEO MIT FRAUENBÜSTE, MÖGLICHERWEISE APHRODITE. H. 3,4 cm. Silikatgestein (verbrannter Chalzedon). Vorm. englische Privatslg., aufgebaut 1965-2018. Griechisch, hellenistisch, 3.-1. Jh. v. Chr. CHF 26'000

TETRADRACHME, ATHEN. 17,25 g. Dm. 2,5 cm. Silber. Vorm. Privatslg. Bayern, Deutschland. Danach Kunstmarkt Deutschland, 2018. Griechisch, attisch, 449-413 v. Chr. CHF 6'500

BÜSTE EINER JUNGEN FRAU MIT SCHLEIER. H. 16 cm. Weisser, feinkristalliner Marmor. Vormals Privatslg. Mark Sanders, Princeton, New Jersey; erworben im Jahr 1985 bei der Münzen und Medaillen AG, Basel. Bei Acanthus Gallery (siehe Rechnung 11.17.1992). Bei Jerome Eisenberg, New York; erworben im Dezember 1995. Publ.: J. Eisenberg, Art of the Ancient World, Bd. IX, 1997, Nr. 23. Mittelmeerraum, späthellenistisch, 1. Jh. v. Chr. CHF 34'000

BRONZEMÜNZE, SOLUS. G. 4,95 g. Dm. 1,6 cm. Bronze. Vormals Privatslg. Dr. Frank Hieronymus (1930-2022), Basel, Buchhändler und Altphilologe; erworben 1984 bei der Münzen und Medaillen AG, Basel (siehe Rechnung Nr. 27). Sizilien, Solus (Solunto), ca. 380-350 v. Chr. CHF 1'800

PORTRÄTKOPF EINES MANNES. H. 24 cm. Marmor. Französischer Kunstmarkt, 2018. Römisch, Spätrepublikanisch, 2.-3. Viertel des 1. Jhs. v. Chr. CHF 16'000

ARCHAISTISCHER KOPF EINES JÜNGLINGS, VIELLEICHT APOLLO. H. 25,5 cm. Marmor. Vorm. Privatslg. Christen Sandberg (1861-1918). Er wurde von Edvard Munch porträtiert (siehe beigefügtes Bild). Römisch, spätes 1. Jh. v. Chr.-1. Jh. n. Chr. CHF 38'000

GEMME MIT FRAUENBÜSTE, WOHL FAUSTINA DIE JÜNGERE. H. 1,3 cm. Karneol. Ehem. Privatslg. Koppenwallner, Köln, Deutschland, seit den 1970er Jahren; danach durch Vererbung im Familienbesitz. Römisch, 2. Jh. n. Chr. CHF 6'800

GEMME MIT BÜSTE DES HERAKLES. H. 1,7 cm. Roter Jaspis. Vorm. H.A.C. AG, Basel, zwischen 1988-1999. Seitdem in der Familie. Späthellenistisch/römisch, republikanisch bis frühkaiserzeitlich, 1. Jh. v. Chr.1. Jh. n. Chr. CHF 5'800

GRYLLOS MIT PAN UND SILEN. H. 1,3 cm. Karneol. Vorm. H.A.C. AG, Basel, zwischen 1988-1999 (Etikett: --- Coll./ M X 301/Kib 240-). Seitdem in der Familie. Römisch, 1.-2. Jh. n. Chr. CHF 3'800

Die Naxos-Tetradrachme: Ein Meisterwerk?

Wenn eine der um 460 v. Chr. geprägten Tetradrachmen von Naxos in einer Auktion erscheint, wimmelt es nur so von Superlativen. In den letzten sechzehn Versteigerungen wurde die Münze beispielsweise als «überaus berühmt», «allgemein gefeiert», «begehrenswert», «vielleicht einzigartig», «ikonisch», «beeindruckend» sowie «prestigeträchtig und faszinierend» beschrieben. Der Künstler, der das Motiv der Tetradrachme schuf, wird als «ein Meistergraveur und wohl der beste seiner Zeit in der gesamten griechischen Welt, heute als Aitna-Meister bezeichnet» charakterisiert (Classical Numismatic Group, Auktion 112, Los 112, 11.9.2019). Es wird festgestellt, dass «Kritiker sie [die Naxos-Tetradrachme] nicht nur im Vergleich zu anderen Münzen beurteilt haben, sondern als eigenständiges Kunstwerk, unabhängig vom Medium» (Morton & Eden, Auktion 124, Los 112, 26.9.2023). In einer der berühmtesten Auktionen mit Münzen der Antike wird die Naxos-Tetradrachme als «eine der grossartigsten aller griechischen Münzen des 5. Jahrhunderts» bezeichnet (Prospero Sale, Los 149, 4.1.2012). Fast die Hälfte der Auktionskataloge schliesst mit Formulierungen, die sinngemäss betonen, es handle sich um «ein Meisterwerk der numismatischen Kunst Griechenlands» (z. B. Morton & Eden, Auktion 95-96, Los 312, 24.10.2018).

Es mag verlockend sein, diese Beschreibungen als eigennützige Übertreibungen der Auktionskataloge abzutun, doch gibt es mindestens drei Quellen, welche solche Einschätzungen bestätigen könnten. Erstens bezeichnete Her-

bert A. Cahn (1915–2002) in seiner massgeblichen Studie zur Naxos-Serie (Die Münzen der sizilischen Stadt Naxos, 1944) die Münze als Werk eines «olympischen Meistergraveurs», dessen Stempel von den Naxianern selbst dann noch als unersetzlich erachtet wurden, als sie bereits deutliche Abnutzungserscheinungen und Brüche aufwiesen. Zweitens belegte die Naxos-Münze den vierten Platz (und den dritten unter den griechischen Münzen), als Harlan Berk 2008 Wissenschaftler, Museumskuratoren, Händler und Sammler befragte, welches die 100 bedeutendsten Münzen der Antike seien. Und drittens gehörten die Zuschläge, welche die Naxos-Münze bei Versteigerungen in den letzten fünfundzwanzig Jahren erzielte, durchwegs zu den höchsten Preisen unter den antiken griechischen Münzen (vgl. Abb. 2).

Zweifellos wird die Naxos-Münze sowohl von der numismatischen Fachwelt als auch vom Markt hoch geschätzt. Aber wird sie dadurch auch zu einem numismatischen Meisterwerk? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Ursprünge des Begriffs «Meisterwerk» beleuchten, seine Anwendbarkeit auf antike Münzen prüfen und schliesslich die Naxos-Münze auf dieser Grundlage bewerten.

Der Begriff des Meisterwerks und seine Entsprechungen (Meisterstück, chef-d'œuvre) haben ihren Ursprung in den mittelalterlichen Zünften Europas, die als streng kontrollierte Monopole die Interessen der verschiedensten Handwerkssparten, vom Goldschmied bis zum Sattler, sicherten. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich um das Werk eines Meisters: Damit ein Lehrling oder Geselle die volle Zunftmitgliedschaft und den Titel «Meister» erlangen konnte, musste er ein oder mehrere Werke ohne Hilfe oder Aufsicht schaffen, die den Massstäben des jeweiligen Handwerks entsprachen. Es stand viel auf dem Spiel, denn die Mitgliedschaft bot nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern eröffnete mitunter auch attraktive Heiratschancen. Wesensgemäss konservativ, lag der Schwerpunkt auf der getreuen technischen Ausführung gemessen an einem idealen Prototyp mit klar definierten Normen hinsichtlich Proportion, Harmonie und Schönheit. Das «Werk» war stets ein greifbarer Gegenstand –ungeachtet von Richard Wagners poetischem Ausflug in die immaterielle Welt des Liederschaffens (Die Meistersinger von Nürnberg, 1868).

Von Tim Wright
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Abb. 2: Die zehn bedeutendsten griechischen Münzen. Rangliste antiker griechischer Münzen nach durchschnittlichen realen Auktionsergebnissen, 2000–2024. Quelle: CoinArchives. © Tim Wright 2025.
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Abb. 1: Die Tetradrachme von Naxos, ca. 460 v. Chr. Quelle: Morton & Eden, Auktion 124, Los 112. © Morton & Eden, 2023.

Der Begriff wurde zunehmend auch für Werke von herausragender Fertigkeit und höchster Qualität in der Malerei, Musik oder Literatur verwendet. Gleichzeitig wurde vermehrt zwischen dem «Handwerk» des treuen Nachbildens und der «Kunst» der Innovation in Komposition, Sujet oder Ausführung unterschieden. Meisterwerke tendierten eher zur letzteren Kategorie, behielten jedoch das Merkmal der Einzigartigkeit, das im Ursprung des Begriffs begründet ist, da das Wort verwendet wurde, um das grösste Einzelwerk eines Künstlers zu beschreiben – sein magnum opus (wörtlich: «grosses Werk»). Dies wiederum wurde als zu restriktiv angesehen, da es nicht nur suggerierte, dass jeder grosse Künstler ein Meisterwerk hervorbringe, sondern auch, dass selbst die grössten Künstler nur eines erschaffen würden! Zudem hat die Weiterentwicklung der Kunstauffassung, insbesondere in der inklusiveren postkolonialen Epoche, zu einer verstärkten Hinterfragung der wesensgemäss elitären und männlich konnotierten Vorstellungen des Meisterwerks geführt.

Kehren wir nun vor diesem Hintergrund zur Münze von Naxos zurück, um zu prüfen, ob sie angemessen als «numismatisches Meisterwerk» bezeichnet werden kann. Bei der Wahl der «bedeutendsten» antiken Münzen orientierten sich die von Harlan Berk befragten Experten an einer Reihe von Kriterien, darunter insbesondere Kunstfertigkeit, historische Bedeutung, Seltenheit und Wert. Obschon dabei nicht explizit auf die Thematik des Meisterwerks eingegangen wird, scheint dies dennoch ein guter Ausgangspunkt für unsere Einschätzung der Münze von Naxos zu sein.

Die Naxos-Münze (Abb. 1) wird sowohl für ihre innovative Komposition als auch für ihre hervorragende Ausführung bewundert. Obschon die Motive des Dionysos auf der Vorderseite und des Silenos auf der Rückseite nicht ausschliesslich für diese Münzprägung verwendet wurden, zeigt ihre Komposition in mehreren wichtigen Punkten eine neuartige Gestaltung. Die Darstellung des Satyrs Silenos, eines Begleiters des Dionysos, der in instabiler Haltung auf dem Boden kauert, hat die Aufmerksamkeit vieler auf sich gezogen. Die komplexe Komposition gilt als eines der frühesten Beispiele für die Verwendung von Verkürzung bzw. Perspektive in einem Münzbild. Die Vorderseite mit dem Weingott ist mindestens ebenso bedeutend. Der zurückhaltende oder «strenge» Dionysos wirkt überaus gepflegt in seiner Erscheinung, durchbricht jedoch voller Vitalität den rahmenden Perlkreis. Beide Figuren bilden einen Kontrast zueinander, sind aber auch in sich selbst kontrastreich – ähnlich, so Herbert A. Cahn, den Giebeln eines griechischen Tempels. Darüber hinaus veranschaulichen sie

Abb. 3: Bekannte Exemplare der Tetradrachme von Naxos. Quelle: Nach Cahn 1944; aktualisiert anhand von Auktionen, Privatsammlungen, Publikationen und Museen. © Tim Wright 2025.

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nach Cahn den Übergang vom archaischen zum klassischen Stil.

Wie oben erwähnt, wird die Münze dem Aitna-Meister zugeschrieben. Dessen namensgebende Münze ist die nahezu zeitgleiche Aitna-Tetradrachme, die von manchen als «Mona Lisa der Münzen» angesehen wird. Für Cahn stand ausser Zweifel, dass die Naxos-Münze von demselben Stempelschneider geschaffen wurde. Diese Ansicht wurde sowohl von dem italienischen Archäologen Giulio Emanuele Rizzo (1885–1950) als auch von François de Callataÿ, dem Kurator der Königlichen Bibliothek Belgiens (KBR) in Brüssel, die das einzige bekannte Exemplar der Aitna-Münze besitzt, geteilt. Streng genommen könnte dies gegen die Bezeichnung der Naxos-Münze als Meisterwerk (magnum opus) sprechen, da der Stempelschneider nach einem anderen Werk benannt ist; doch eine solche Argumentation erscheint zu engstirnig. Vielmehr lässt sich diese Zuschreibung gerade als Argument zugunsten dieser Einschätzung verstehen.

Wie der Archäologe Richard Bradley festhält, ist Kunst ohne eine uns bekannte historische Vorgeschichte bestenfalls «Kunst», da

wir mangels eines zeitgenössischen Narrativs lediglich über die Absichten des Künstlers und die Reaktionen seines Publikums spekulieren können. Obschon sie nicht zeitgenössisch sind, berichten klassische Quellen – wie beispielsweise Diodor von Sizilien in seiner Bibliotheca Historica – die dramatische Geschichte von der Umsiedlung der Naxier durch den Tyrannen Hieron I. von Syrakus und deren Rückkehr aus dem Exil ein Jahr vor der Prägung der Münze. Dies erlaubt uns die reizvolle Vorstellung, dass die Münze zur Feier dieser Rückkehr geprägt wurde und dass womöglich der strenge Dionysos als Schutzgott von Naxos, wie die Naxier selbst, durch das Exil gebunden und durch die Rückkehr befreit wurde.

Gemäss dem Kunstanthropologen Alfred Gell besteht das prägende Merkmal der Kunst in ihrer Handlungsmacht (agency), die sie sowohl widerspiegelt als auch hervorbringt. Über den historischen Kontext lässt sich nur spekulieren, doch stehen wir zugleich vor einem offensichtlichen Widerspruch: Die Münze scheint darauf angelegt zu sein, eine grosse Resonanz hervorzurufen, was jedoch in keinem Verhältnis zur geringen Bedeutung der Stadt Naxos steht, wie sie in den klas-

Abb. 4: Index der Auktionsergebnisse der Tetradrachmen von Naxos im Vergleich zu anderen Anlageklassen. Quelle: Auktionskataloge/-websites und verschiedene Quellen. © Tim Wright 2025.

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Cahn 1944; updated from auctions, private collections, publications and museums © Tim Wright 2025

sischen Quellen und von Historikern wie Sir Moses Finley als untergeordnet und abhängig beschrieben wird. Dieses scheinbare Paradox lässt sich nur auflösen, wenn man die neueren archäologischen Ausgrabungen berücksichtigt, die darauf hinweisen, dass Naxos ein bedeutendes religiöses Zentrum war, das sizilische Griechen aufsuchten, um Opfer darzubringen, bevor sie zur Heimreise ins Mutterland aufbrachen. Solche Traditionen werden zwar bereits von Thukydides erwähnt, erhalten jedoch erst durch die jüngsten archäologischen Funde lebendige Konturen, die es uns ermöglichen, die Bedeutung von Naxos neu zu würdigen und zu verstehen, warum die Stadt möglicherweise einflussreicher war, als auf den ersten Blick ersichtlich.

Die Verbindung von Geschichte und Kunstfertigkeit, die sich in der Naxos-Münze manifestiert, macht sie zu einem überaus begehrten Objekt. Im Unterschied zu anderen Kunstwerken, die als Meisterwerke gelten, wurde ein einziges Stempelpaar verwendet, um eine Vielzahl antiker Münzen zu prägen. Könnte dies bedeuten, dass das eigentliche Meisterwerk nicht in den Münzen selbst, sondern im gravierten Stempel zu sehen ist? Dagegen spricht, dass die Münzen das Ergebnis bzw. das «Werk» darstellen. Im übrigen sind die Naxos-Münzen vergleichsweise selten. Cahn identifizierte in seiner Studie 56 Exemplare. Aufgrund einiger übersehener Stücke sowie neu «entdeckter» Exemplare, unter anderem aus dem bekannten Randazzo-Hortfund von 1980, lässt sich diese Zahl heute auf 78 erhöhen (vgl. Abb. 3). Nichtsdestotrotz bleibt die Münze selten, auch wenn sie heute weniger selten erscheint, als es noch vor achtzig Jahren der Fall war.

Aufgrund ihrer Seltenheit und Begehrtheit zählt die Naxos-Münze zu den teuersten antiken griechischen Münzen. Der erste dokumentierte Verkauf einer Naxos-Münze erfolgte vor zwei Jahrhunderten und be-

traf die Sammlung von Thomas Dimsdale (1712–1800), einem angesehenen Arzt, Ban kier und Politiker, der Berühmtheit erlangte, als Katharina die Grosse ihn in Anerkennung seiner Pockenimpfung der russischen Zaren familie zum Baron erhob. Diese Münze wur de ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod bei Sotheby’s für die fürstliche Summe von fünf Pfund verkauft. Im Jahr 2023 erzielte ein Exemplar, das einst der Gräfin Martine de Béhague (1869–1939) und Prinz Saud bin Mohammed Al Thani (1966–2014) gehör te, bei einer Auktion von Numismatica Ars Classica nahezu das Hunderttausendfache dieses Betrags. Selbst unter Berücksichtigung der Inflation entspricht dies einer Steigerung um das Tausendfache, was die Wertsteige rung aller anderen Anlageklassen bei wei tem übertrifft. Dies spiegelt nicht nur eine allgemeine, gut dokumentierte Vermögensinflation wider, die auch Kunstwerke und Sammlerstücke umfasst, sondern verdeutlicht zugleich die beschleunigte Wertentwicklung der Naxos-Münze (vgl. Abb. 4).

Macht dies die Naxos-Münze zu einem numismatischen Meisterwerk? Von herausragender Kunstfertigkeit und geschaffen von einem der begabtesten Stempelschneider des antiken Griechenlands, vereint sie stilistische und kompositorische Innovationen mit meisterhafter Ausführung. Ihr historischer Hintergrund trägt zusätzlich zu der Wirkung bei, die sie, ob beabsichtigt oder nicht, sowohl zur Zeit ihrer Prägung als auch im Verlauf ihrer illustren Sammlungsgeschichte entfaltet hat. Den Gesetzen von Angebot und Nachfrage zufolge erzielen die wenigen erhaltenen Exemplare dieser hochbegehrten Münze, sobald sie auf den Markt kommen, Preise, die zu den höchsten, die je für antike Münzen verzeichnet wurden, zählen. All dies garantiert zwar nicht ihren Status als numismatisches Meisterwerk, macht sie jedoch zweifellos zu einem äusserst starken Anwärter hierfür.

werden liess. Heute ist er teilpensioniert, lebt im Vereinigten Königreich und in Frankreich und widmet einen zunehmenden Teil seiner Zeit der Numismatik. Sein erstes Buch, British Celtic Coins: Art or Imitation (Spink, London), das 2023 veröffentlicht wurde, erhielt 2025 den Lhotka-Preis der Royal Numismatic Society. Dr. Wright ist Mitglied der Royal Numismatic Society (RNS), der British Numismatic Society (BNS) und der American Numismatic Society (ANS). Er hat Artikel für verschiedene numismatische Publikationen verfasst, darunter ANS Magazine, Spink Insider, CoinNews und MünzenWoche, hat Vorträge bei der RNS und im Hunterian Museum gehalten und zum Webauftritt der Bibliothèque nationale de France beigetragen. Sein zweites Buch, Travels with the Naxos Masterpiece: An Introduction to Greek Numismatics through the Lives of a Sicilian Coin, erschien im Juni 2025 bei Spink.

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