Cahn’s Quarterly 1/2023 Deutsche Ausgabe
Editorial Liebe Leserinnen und Leser Diesen März gab es, nach drei Jahren Pandemie, endlich wieder eine «normale» TEFAF Maastricht, wie gewohnt mit zwei Wochenenden. Die Messe war sehr gut organisiert und schloss somit direkt an die Messen vor Covid an. Es kamen viele Besucher und wir haben rege verkauft. Eine Neuerung war das digitale Einladungssystem, das viel Anklang fand, obschon es noch etwas der Eingewöhnung bedarf. Unser Stand befand sich am gleichen Ort wie bislang, hatte jedoch einen leicht veränderten Grundriss. Anstatt eines Rechtecks war er nun quadratisch, so dass er anders wirkte, obwohl wir ihn weitgehend mit denselben Elementen einrichteten wie sonst. Zu den altbewährten Vitrinen und Trennwänden kam neu ein bemerkenswerter Verwaltungsschrank aus Farnham Manor in Nordirland von ca. 1780 dazu. Das dunkle Möbel mit den vielen kleinen Fächern bildete einen überraschenden Kontrast zum sonst hellen und minimalistischen Standdesign. Wir haben Kunstwerke darin ausgestellt und es machte den Besuchern grossen Spass, die Werke darin zu entdecken. Einige wollten den Schrank sogar kaufen, doch wir werden ihn behalten und er wird auch künftig an Messen zum Einsatz kommen. Nächstes Jahr werden wir auch noch eine bequeme Ecke einrichten, wo unsere Kunden sitzen können.
Auf die erfreuliche und erfolgreiche TEFAF Maastricht werden dieses Jahr weitere Messen folgen. Wir werden an The Treasure House Fair in London, welche Masterpiece ersetzt, teilnehmen (22.–26. Juni 2023) und im Herbst an zwei Messen in Paris ausstellen. Die Opus Ancient Arts (20.– 24. September 2023) wurde letztes Jahr inauguriert und hat mich sehr überzeugt. Sie wirkt mehr wie ein Salon als eine Messe und versammelt alle guten Antikenhändler, die Werke von sehr hoher Qualität anbieten. Des Weiteren werden wir auch an der FAB PARIS (21.– 26. November 2023), welche neu die Fine Arts Paris und Biennale vereint, teilnehmen. Während der Art Basel werden wir wie in vergangenen Jahren eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Pariser Galerie Jocelyn Wolff in unseren Räumen an der Steinentorstrasse in Basel zeigen (13.–30. Juni 2023). Dieses Mal handelt es sich um eine Einzelausstellung des portugiesischen Künstlers Francisco Tropa, dessen Werke wir bereits 2017 und 2019 an der Malzgasse ausgestellt haben. Francisco Tropa ist einer der führenden Bildhauer der Gegenwart und seine Werke wurden unter anderem im Musée d’Art Moderne, Paris, dem Palais de Tokyo, Paris, und der Fundação Calouste Gulbenkian, Lissabon, gezeigt. 2011 vertrat er Portugal an der Biennale von Venedig. Für unsere Räume wird er eigens eine Arbeit kreieren, die Werke der Antike miteinbezieht und sich mit dem Thema von Wahrnehmung und Illusion befasst.
«The RM Enigma» A solo show by FRANCISCO TROPA
Wir werden Ihnen jeweils im Vorfeld dieser Anlässe die genauen Informationen zukommen lassen und freuen uns sehr auf Ihren Besuch.
June 13 – 30, 2023 Cahn Kunstraum Steinentorstrasse 19, Basel
Der Verwaltungsschrank aus Farnham Manor in Nordirland von ca. 1780 mit antiken Kunstwerken an der TEFAF Maastricht 2023.
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Die Debatte
Die Sanierung eines Heiligtums Die Glyptothek zu München Von Florian Knauss Die Glyptothek ist Münchens ältestes Museum. Seit 1808 hatte der bayerische Kronprinz Ludwig plastische Bildwerke aus dem alten Ägypten, Griechenland und Rom, aber auch zeitgenössische Skulpturen, die wir heute als klassizistisch bezeichnen, zusammengetragen. Für seine herausragende Sammlung entstand am Königsplatz unter Leitung des Architekten Leo von Klenze zwischen 1816 und 1830 eine «Ruhmeshalle der Skulptur». Teile der Glyptothek wurden 1943/44 bei Bombenangriffen schwer beschädigt. Aus vielen Gründen zog sich die Sanierung des Gebäudes nach dem Krieg lange hin. Der damalige Sammlungsleiter Dieter Ohly und der Architekt Josef Wiedemann entwickelten ein Konzept, das wesentliche Ideen Martin von Wagners aufgriff, die Ludwigs wichtigster Kunstagent bereits zur Bauzeit formuliert hatte. Klenzes reicher Wand- und Bodenschmuck in den Ausstellungssälen wurde entfernt, das freigelegte Ziegelmauerwerk nur mit einer Kalkschlämme überzogen, die Fenster zum Innenhof beträchtlich vergrössert und die Skulpturen frei im Raum aufgestellt, wo sie seither die meiste Zeit vom Tageslicht illuminiert werden. Nachdem man die Glyptothek 1972 wieder eröffnet hatte, beschränkten sich bauliche Massnahmen auf das Allernötigste zum Unterhalt des Gebäudes.
viert und umfangreiche bauliche Abwägungen beinhaltet. Sorgfältige Vorbereitung und Recherche sind essentiell, um denkmalpflegerische Probleme mit den Wünschen des Nutzers abzugleichen und realistische Ziele formulieren zu können. Gleichzeitig werden spätere Probleme bei der Umsetzung so minimiert. Für uns als Nutzer stand fest, dass die Glyptothek im Inneren unverändert bleiben sollte, dass wir aber ihrer äusseren Hülle so weit wie möglich wieder die ursprüngliche Pracht verleihen wollten, so wie Klenze und Ludwig das Museum konzipiert hatten. Es war uns klar, dass nicht alle Beteiligten diesen Weg ohne weiteres mitgehen wollten. Umso wichtiger war es, dass das Büro Pfanner den Zuschlag erhielt, die Planung der Aussenarbeiten zu übernehmen, weil für Michael Pfanner die Glyptothek ein Heiligtum ist – so wie für meinen Stellvertreter und mich und auch schon für Ludwig und Klenze. Es gelang uns, bei allen wichtigen Entscheidungen glückliche Lösungen zu finden. Bei einem öffentlichen Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, sind die Interessen zahlreicher Beteiligter zu berücksichtigen. Das beginnt schon mit der Tochter des Architekten Wiedemann, die ein Mitspracherecht hat. Der Brandschutz muss seine Zustimmung ge-
ben, das Landeskriminalamt ist hinsichtlich der Sicherheit des Gebäudes eingebunden, die Belange von Menschen mit Behinderung müssen berücksichtigt werden, und auch der Denkmalschutz hat ein gewichtiges Wort mitzureden. Mit dem Bauamt entwickelten wir ein Gesamtkonzept der Sanierung. Neben der Fassadensanierung gab es Fachplaner für Statik, Elektroinstallationen, Heizung-Lüftung-Sanitär, Licht, Brandschutz und Bepflanzung. Ein Architekturbüro wurde für die Innenraumplanung und die Koordinierung sämtlicher Gewerke hinzugezogen. Realisierung Im Bauantrag hatten wir folgende Ziele formuliert: 1. Erneuerung der Gebäudetechnik, 2. Herstellung der Barrierefreiheit, 3. Sanierung der Fassaden. Noch bevor die eigentlichen Arbeiten beginnen konnten, stand eine wegweisende Entscheidung an. Was passiert mit den Skulpturen? Während üblicherweise in solchen Fällen die Kunstwerke an einen sicheren Ort ausgelagert werden, entschieden wir uns wegen der mit jedem Transport verbundenen Risiken, die Antiken am Ort zu belassen und zu ihrem Schutz einzuhausen (Abb. 1). Diese Lösung erwies sich nicht nur unter konservatorischen Gesichtspunkten als richtig, sie führte auch zu einer gewaltigen Zeit- und Kostenersparnis.
Zwischen Oktober 2018 und März 2021 wurde eine Generalsanierung durchgeführt. Das gut 200 Jahre alte Gebäude ist von der Substanz her grundsolide. Im Inneren mussten jetzt nur kleine Risse im Mauerwerk geschlossen werden, Wände und Decken wurden lediglich abgesaugt. Alters- und umweltbedingt zeigten sich allerdings Schäden an den Fassaden. Gravierend waren Mängel im Bereich der Haustechnik. So genügten Brand- und Einbruchmeldeanlage nicht mehr den Anforderungen. Während wir gemeinsam mit dem Staatlichen Bauamt München 1 einen Bauantrag vorbereiteten, war auch politische Überzeugungsarbeit zu leisten, bis der bayerische Landtag Mittel in Höhe von 17 Millionen Euro bewilligte. Planung. Viele mischen mit Die Sanierung eines historischen Gebäudes ist ein komplexer Prozess, der umfassender Planung bedarf, zahlreiche Akteure invol2
Abb. 1: Abgedeckte Fussböden und eingehauste Skulpturen im Römersaal (Foto: St. Müller-Naumann).
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Kernstück bei der Erneuerung der Haustechnik war die Verlegung eines komplett neuen Leitungsnetzes. Um den Steinfussboden und das historische Sichtmauerwerk nicht zu beschädigen, wurden sie im Innenhof verlegt und von dort aus in jeden Saal durchgestochen, wo sie jetzt in den Fugen oder auf dem Gesims verlaufen. Im Zuge dessen wurden auch Brand- und Einbruchmeldeanlage erneuert, die Heizkonvektoren und die Steuerungsanlage ausgetauscht. Aus Gründen der Sicherheit wie der Beleuchtung mussten die Fenster ausgetauscht werden. Es gelang, die alten Eisenrahmen zu erhalten und lediglich die Glasscheiben und Jalousien auszutauschen. Die neuen, noch transparenteren Fenster tun den Räumen wie den Skulpturen gut. Die meisten Stücke stehen jetzt wieder an ihrem alten Platz, einige haben wir versucht, in ein besseres Licht zu rücken. Aber diese geringfügigen Änderungen sind reversibel. Nicht alle Wünsche konnten erfüllt werden, etwa weil dem denkmalpflegerische oder Sicherheitsgründe entgegenstanden. Aber hinsichtlich der Barrierefreiheit, der sanitären Anlagen und des Besucherservice erreichten wir wesentliche Verbesserungen. Unter funktionalen wie unter ästhetischen Aspekten stellt auch die Neugestaltung des Foyers einen Fortschritt dar. Die Möblierung wurde auf den kreisrunden Satelliten reduziert, der jetzt Shop, Kasse und Sicherheitszentrale aufnimmt. Die Sanierungsarbeiten folgten der Maxime «aussen Klenze – innen Wiedemann». Während es in den Ausstellungssälen kaum für den Besucher sichtbare Veränderungen gab, waren die Eingriffe ins äussere Mauerwerk schwerwiegender. Dort galt es, nicht nur den Verfall zu bremsen und Gefährdungen für Mitarbeiter und Besucher zu vermeiden, sondern wir wollten auch bei wichtigen Details den ursprünglichen Zustand wiederherstellen. Am Anfang standen deshalb eine Schadenskartierung und eine umfangreiche Bauforschung, die beide von Prof. Pfanner und seinen Mitarbeitern geleistet wurden. Gestützt auf die Lektüre des Briefwechsels zwischen Ludwig und Klenze sowie die Auswertung von Hunderten von Photos, lässt sich die Baugeschichte nachvollziehen. Es wurde deutlich, dass die zu unterschiedlichen Zeiten vorgenommenen Veränderungen der äusseren Hülle der Glyptothek weder einem stringenten Plan folgten noch in der Vergangenheit konsequent dokumentiert worden waren, sondern lediglich der Not oder dem Zeitgeist gehorchten. Wir haben die originale Substanz so weit wie möglich erhalten und die Spuren der Geschichte sichtbar belassen. Behutsame Wiederherstellungen der Klenze’schen Architektur nahmen wir nur dort vor, wo sie historisch gesichert sind und uns für das VerCQ
ständnis des Gebäudes besonders wichtig erscheinen. So wurde die farbige Fassung der Quaderung an der West-, Nord- und Ostseite wiederhergestellt, die in der NS-Zeit monochrom grau gestrichen worden waren. Die Aussenmauern erhalten so nicht nur ihre einstmalige Pracht zurück, sondern lassen auch erkennen, dass die in den Putz geritzten Quader die Farbigkeit und Struktur der an der Südfront verbauten Blöcke aus Abb. 3: Die Glyptothek nach der Sanierung (Foto: St. Müller-Naumann). Kalkstein aufnehmen (Abb. 3). Um Kosten zu sparen, hatte Klenze weite Teile des Fazit – Was haben wir gelernt? Museums in Ziegelmauerwerk anstelle des Heute sind alle an der Baumassnahme Beteiligschon damals teuren Untersberger «Marmors» ten, aber auch die grosse Mehrzahl der Besuerrichtet, den Materialwechsel aber durch den cher mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Zudem ist es gelungen, eine komplexe Generalsanieeingefärbten Aussenputz kaschiert. rung im gesetzten Zeit- und Kostenrahmen Für die «Klassizisten» Ludwig und Klenze durchzuführen. Das ist heutzutage nicht von noch grösserer Bedeutung war der reiche selbstverständlich. Es kann gelingen, wenn der Bauschmuck des Gebäudeteils, der mit den Nutzer genau weiss, was er will, und man sich ionischen Säulen an der Südseite und dem auch über Details früh Gedanken macht, damit figurengeschmückten Giebel an einen grie- man nicht durch Planänderungen während chischen Tempel erinnert. Diese Annäherung der Baumassnahme Zeit verliert und Zusatzan antike Vorbilder hatte der Kronprinz ex- kosten generiert. Um den Zeitplan einhalten zu plizit gefordert. Antefixe aus Kalkstein und können, sollte man nicht gleich klein beigeBronze sowie steinerne Löwenköpfe, die das ben, wenn die ersten Beteiligten an gesetzten Dach des Museums schmückten (Abb. 2), Fristen zweifeln. An Ludwig und Klenze haben hatte man nach dem 2. Weltkrieg aus Nach- wir uns nicht nur gestalterisch orientiert. Wie lässigkeit nicht wieder angebracht, einzelne der Kronprinz besuchten wir die Baustelle tägFiguren aus dem Giebel waren bald nach lich, waren in jeder Besprechung präsent und Kriegsende entwendet worden. Schon gegen haben in vielen persönlichen Gesprächen mit 1900 war die schmale Treppe am südlichen Planern und Handwerkern jedem Einzelnen Haupteingang durch eine unklassische Frei- die Bedeutung seiner Arbeit vermittelt. treppe ersetzt worden. Jetzt ist die Glyptothek aussen wieder das klassizistische Bauwerk, das unmittelbar an antike Vorbilder erinnert. Die Nordseite mit dem barrierefreien Zugang hat durch die Wiederherstellung des farbig gefassten Putzes und die nun gepflasterte Rampe eine starke Aufwertung erfahren. Durch die im Vergleich zur Südfront schlichter gehaltene Portikus betrat dort einst der König das Gebäude. Indem wir Efeu und wilden Wein an den Wänden des Innenhofes durch rote Rankrosen ersetzten, kommt nun auch hier die schöne Gliederung der Architektur Klenzes wieder zur Geltung.
Abb. 2: Wiederhergestellte M. Pfanner).
Bauornamentik
(Foto:
Florian Knauss, geb. 1963; Studium in Saarbrücken, Würzburg und Berlin (FU) (1984–1993), Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Vorderasiatische Archäologie der Universität des Saarlandes (1993–1994), Assistent am Archäologischen Seminar der Universität Münster (1994–2001, Konservator an den Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek München (2001–2011), seit 2011 dort Direktor. Seit 2006 Leiter der Ausgrabungen der achaimenidischen Residenz bei Karačamirli/Aserbaidschan. Forschungsschwerpunkte: griechische Vasen, achaimenidische Architektur, Kulturkontakte zwischen Orient und Okzident. 3
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Rezept
Die Verpflegung der athenischen Flotte Von Yvonne Yiu am Rastplatz. Solch alltägliche Verrichtungen spielen in der Geschichtsschreibung eine untergeordnete Rolle, doch insbesondere die Verpflegung der Flotte stellte eine Schwachstelle dar, die entscheidend zum Erfolg oder Misserfolg des Kampfgeschehens beitrug. Die Verpflegungslogistik der griechischen Flotten hing eng zusammen mit der Kampftechnik des Rammens und der sich daraus entwickelten Schiffsformen. Bereits die archaische Triakontere und Pentekontere waren mit einem bronzeummantelten Sporn am Bug versehen, mit dem sie den Gegner rammen konnten. Da der Bug verAbb. 1: ZIEGELSTEIN MIT KAMPFSCHIFF UND LEGIONSSTEMPEL. stärkt war, um der Wucht L. 19,5 cm. Terrakotta. Römisch, nach 69 n. Chr. CHF 6’000 des Aufpralls standzuhalten, «Die Taten unserer [Pferde] an Land bewundern waren die Schiffe am ehesten durch einen wir nicht so sehr, wie als sie mannhaft auf die Rammstoss in die Seite oder ins Heck zu verPferdetransportschiffe sprangen. Sie hatten senken. Bei einer Seeschlacht lagen beide FlotTrinkgefässe eingekauft, einige auch Knob- ten in der Regel in einer Linie und warteten, lauch und Zwiebeln. Sie ergriffen die Ruder, bis sich eine Schwachstelle zeigte. Eine solche so wie wir Menschen es tun, zogen kräftig und konnte auch provoziert werden, etwa in eiwieherten: ‹Hü-hott-oho! Man rührt sich nun! nem periplus (umsegeln) genannten Manöver, Besser angefasst! Was ist los? Mach, dass das in dem Schiffe aus der längeren Linie um die Schiff in Bewegung kommt, du gebrandmark- feindliche Linie herumfuhren und von hinten ter Gaul!› Bei Korinth sprangen sie ans Ufer. angriffen, oder dem diekplus (durchbrechen), Die Jüngsten scharrten schnelle Lagerstätten in dem ein Schiff durch die feindliche Linie mit den Hufen oder suchten nach Essen. Statt hindurch schoss und die verwundbaren Seiten des Mederklees frassen sie die Krebse, die an oder das Heck des Gegners rammte. den Strand gekrochen kamen, oder fischten sie im Meer.» (Aristophanes, Ritter, 598–610). Bei diesen Kampftechniken war die Stosskraft, Kursstabiliät und Agilität der Schiffe In diesem Abschnitt seiner Komödie Ritter von grösster Bedeutung. Eine lange, schlanke spielt Aristophanes auf die Schlacht bei So- Form mit einem Länge-Breiten-Verhältnis von lygeia an: Im Sommer 425 v. Chr. waren die etwa 10:1 setzte sich durch. Die Triakontere Athener «mit 80 Schiffen, 2000 ihrer eigenen mit 30 Ruderern hatte eine Länge von ca. 23 Gepanzerten und auf Pferdetransportschiffen m und die Pentekontere mit 50 Ruderern mass 200 Reitern» in korinthisches Gebiet eingefal- ca. 38 m. Zwar konnten die Schiffe für längere len; nach längerem, unentschiedenen Kampf Fahrten auch Segel setzen, doch wurden Masgab die athenische Kavallerie den Ausschlag te und Segel vor einer Kampfhandlung abgefür den Sieg. (Thukydides, Geschichte des Pe- baut. Um die Schlagkraft zu erhöhen, waren loponnesischen Krieges, IV.42–45). Aristopha- folglich weitere Ruderer nötig. Da ein noch nes lässt seine anthropomorphen Pferde die längerer Rumpf die Wendigkeit beeinträchtigt typischen Vorkehrungen treffen, die für ein hätte, wurde in klassischer Zeit mit der Triere solches Unterfangen nötig waren: der Erwerb ein Schiff entwickelt, das bei gleicher Länge von Gerät und Verpflegung vor der Abreise wie die Pentekontere nur geringfügig breiter und die Errichtung einer Lagerstätte und die war und dennoch Platz für 170 Ruderer bot. Beschaffung von Nahrung bei ihrer Ankunft Diese sassen in je drei Reihen pro Seite dicht 4
übereinander gestaffelt, so dass der obere «ins Gesicht des unteren furzt», wie Dionysos über die Besatzung der athenischen Staatstriere Paralos spottet (Aristoph., Frösche, 1074). Die weitere Besatzung bestand aus dem Trierarch, der das Kommando innehatte und auch für die Kosten seiner Triere aufkommen musste, 10 bis 20 Matrosen inklusive der Offiziere und etwa 10 Soldaten. Die Besatzung einer Triere bestand also aus rund 200 Mann, was im Verhältnis zu Schiffsgrösse sehr viel war. Es gab weder Platz zum Schlafen noch Kochen an Bord, geschweige denn für das Mitführen grösserer Mengen von Vorräten. Die Ruderer konnten einen Wasseroder Weinschlauch und ein Minimum an Essen bei ihren Bänken verstauen, doch nur unter aussergewöhnlichen Umständen wurde an Bord gegessen. Als die Athener im Sommer 427 v. Chr. Kleons Beschluss, alle Männer der abtrünnigen Stadt Mytilene hinzurichten, rückgängig machten, sandten sie eine Triere aus, um das Schiff, das den Befehl zum Massaker überbringen sollte, einzuholen. Dieses «war um etwa einen Tag und eine Nacht im Vorsprung», was nur wettgemacht werden konnte, indem die Männer des zweiten Schiffes «während des Ruderns assen, mit Wein und Öl vermengtes Gerstenmehl, und umschichtig schliefen, indes die anderen ruderten». (Thuk. III.49). Maza (nach Thuk. III.49) Im antiken Griechenland wurde geröstetes Gerstenmehl mit einer Flüssigkeit zu Klössen geknetet und, ähnlich dem tibetischen Tsampa, ohne weiteres Kochen oder Backen verzehrt. Die Herstellung von Mazen wird in der Eröffnungsszene von Aristophanes’ Friede, in der zwei Sklaven Dungmazen für den Riesenmistkäfer kneten, parodiert.
60 g Mehl aus gerösteter Gerste mit 12 ml Rotwein und 12 ml Olivenöl vermengen und zu Klössen kneten. Hesiod empfiehlt CQ
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mit Milch hergestellte Mazen während der Hundstage (Werke und Tage, 590) und gemäss dem byzantinischen Arzt Paulus Aegineta (7. Jh. n. Chr.) können auch Essigwasser, Honigessig oder Honigwasser verwendet werden (Pragmateia, I.57). Der Normalfall war, hingegen, dass die Mannschaften zum Essen und Schlafen an Land gingen, wie es auch Aristophanes’ Pferde taten. Die Nahrungsbeschaffung war nicht zentral organisiert. Vielmehr erhielt jeder seinen Sold, in der Regel eine Drachme pro Tag (Thuk. VI.8, VII.29), mit dem er auch sein Essen kaufen musste. Für ihre Mahlzeiten landete die Flotte in der Nähe einer grösseren Siedlung, damit die Männer auf dem Markt ihre Verpflegung einkaufen konnten, und tatsächlich scheint es in den meisten Fällen genügend Lebensmittel gegeben zu haben, um Tausende von hungrigen Seeleuten zu verköstigen. Da die Flotte auf Gedeih und Verderb auf die vor Ort verfügbare Nahrung angewiesen war, konnte die Situation ausgenutzt werden. In der Oikonomika des Pseudo-Aristoteles wird von der Stadt Lampsakos berichtet, dass vor der Ankunft einer grossen Flotte von Trieren die Verkäufer angewiesen wurden, den Medimnus von Gerstenmehl für sechs Drachmen anstelle der üblichen vier und den Chous von Öl für viereinhalb Drachmen statt drei zu verkaufen. Die Händler erhielten den normalen Preis, der Rest floss in die Staatskasse (II.1347). Selbst in den seltenen Fällen, wo Kornfrachter die Flotte begleiteten, war es unumgänglich, zusätzliche Lebensmittel und selbstredend auch Wasser an Land zu beschaffen. Als die Athener und ihre Verbündeten im Sommer 415 v. Chr. mit 134 Trieren in See stachen, um Syrakus zu unterwerfen, wurden sie zwar von «30 Kornschiffen, die zugleich die Bäcker […] an Bord hatten» begleitet, liefen aber dennoch verschiedene italische Städte an. Doch «die Städte sperrten ihnen Markt und Mauerring», und «gewährten [nur] Wasser und offene Reede – Tarent und Lokroi auch dies nicht». (Thuk. VI.43). Die wichtigsten Nahrungsmittel zur Verpflegung der Flotte waren Getreide, Olivenöl und Wein. Ebenfalls zur Grundverpflegung gehörten Oliven, Zwiebeln und Knoblauch. Diese finden sowohl in den Komödien (Aristoph., Ritter, 600, Acharner, 543–554), als auch in der seriösen Geschichtsschreibung Erwähnung. Als beispielsweise der Stratege Koiratadas aus Theben ca. 400 v. Chr. ein neues Kommando übernahm und mit einem Opfer inaugurierte, brachte er dem Heer auch Speis und Trank mit: «Ihm folgten zwanzig Männer, die Gerstenmehl trugen, zwanzig weitere mit Wein, drei mit Öl, einer mit einer riesigen Last Knoblauch, ein weiterer mit einer Last Zwiebeln». (Xenophon, Anabasis, VII.1.37). Die Männer werden zudem auch Käse, Hülsenfrüchte und Gemüse auf dem Markt gekauft haben, wohl eher seltener Fleisch oder Fisch. CQ
Einen Einblick in den Speisezettel der Seeleute und Hopliten gewährt uns Thukydides bei seiner Beschreibung der Belagerung von Sphakteria im Sommer 425 v. Chr. Die Athener, die eine Seeblockade um die von Spartanern besetzte Insel errichtet hatten, litten an einem «Mangel an Korn und Wasser». Die Spartaner hingegen forderten «jedermann auf, gemahlenes Korn, Wein, Käse und welche Speise sonst für Belagerte geeignet wäre, auf die Insel zu schaffen, hatten dafür hohe Preise festgesetzt. Da fuhren viele hinüber, trotz aller Gefahr. Auch schwammen sie hinüber auf der Hafenseite, Taucher unter Wasser, und zogen an Stricken Schläuche nach mit Honigmohn und gestampftem Leinsamen.» (Thuk. IV.26). Spartanisches Mahl auf Sphakteria (nach Thuk. IV.26)
Apanthrakis, ein dünnes Brot, das «auf der Glut gebacken wird, wie das Aschenbrot der Athener» (Athenaeus, Deipnosophistae, 3.110b) eignet sich für die Zubereitung unter Feldbedingungen und passt zu Käse und Wein. 300 g Mehl mit 200 ml Wasser zu einem Teig kneten, zu einem Fladen formen, mit heisser Asche bedecken, die Glut darüber häufen und ca. 30 Minuten backen. Galens bissige Bemerkung, solche Brote seien aussen verbrannt und innen nicht durch, sie hätten einen unangenehmen Geschmack und seien die schlechtesten Brote überhaupt (Über die Kräfte der Nahrungsmittel, 1.490), trifft nicht ganz zu, da die Asche die Hitze der Glut mildert und ein gleichmässiges Backen ermöglicht. Alternativ das «gemahlene Korn» mit Wasser zu einem Brei kochen, mit Honig, Mohn und Leinsamen verfeinern. So entsteht eine Süssspeise, die dem Apothermum (Apicius, De Re Coquinaria 2.2.10) ähnlich ist. Wie eine kluge Verpflegungslogistik zum Sieg führen konnte, zeigt die dritte Seeschlacht bei Syrakus im Sommer 413 v. Chr. Als am Morgen des dritten Tages der Kampf zwischen den Athenern und Syrakusern immer noch unentschieden war, beschlossen die syrakusischen Befehlshaber, den Lebensmittelmarkt von der Stadt ans Meer zu verlegen, «damit das Schiffsvolk gleich neben den Schiffen seine Mahlzeit einnehmen und nach kurzer Pause die Athener mit einem zweiten Angriff überraschen könne». Als die Syrakuser zur Stadt zurückruderten, dachen die Athener, sie gäben sich geschlagen und «gingen in aller Ruhe an
Land, kümmerten sich um ihre Sachen, auch ums Essen, und waren für heute keiner weiteren Seeschlacht gewärtig». Durch den erneuten spartanischen Angriff überrumpelt, stürzten sich die Athener «in grosser Aufregung und die meisten ungegessen» in ihre Schiffe. Obwohl sie mutig kämpften, mussten sie sich schliesslich geschlagen gegeben (Thuk. VII.39– 41), und in den folgenden Wochen wurde das Expeditionsheer weitgehend vernichtet. Damit hatte Athen den Zenit seiner Macht überschritten. Zwar zog sich der Peloponnesische Krieg noch neun Jahre hin, doch die endgültige Niederlage Athens war absehbar. Der einst so mächtigen Polis wurde der Todesstoss durch einen Fehler in der Verpflegungslogistik versetzt. 405 v. Chr. zogen die Athener ihre ganze Flotte am Hellespont zusammen, um die lebenswichtige Versorgung Athens durch Getreide aus dem Pontus zu sichern. Als sie von der Eroberung der Stadt Lampsakos durch die Spartaner hörten, verlegten sie ihre 180 Schiffe nach Aigospotamoi. «Alkibiades, der beobachtet hatte, wie die Athener am offenen Strande festmachten anstatt vor einer Stadt, wie sie ihre Lebensmittel aus Sestos, 15 Stadien von den Schiffen entfernt herbeiholen mussten, während den Feinden in einem Hafen und bei einer Stadt alles, was sie brauchten, zur Verfügung stand, sagte er den Athenern, sie ankerten an einem ungünstigen Platze und riet dringend, sie sollten ihren Stützpunkt nach Sestos verlegen.» Die Feldherren hörten jedoch nicht auf ihn. An vier Tagen in Folge stellten die Athener ihre Schiffe in einer Frontlinie auf, bereit zur Seeschlacht, doch die Spartaner fuhren nicht gegen sie aus. Am fünften Tag jedoch, als die Athener für das Mittagessen an Land gingen und sich über die Chersonesos zerstreut hatten, «was sie sich von Tag zu Tag mehr angewöhnten, da sie ihre Lebensmittel von weither kaufen mussten», griffen die Spartaner zu See und Land an. Die Athener setzten sich zur Wehr, doch da die Leute am Einkaufen waren, konnten die Schiffe nur teilweise oder gar nicht bemannt werden. Nur neun Trieren, darunter die Paralos, gelang es zu fliehen; die restliche Flotte wurde von den Spartanern erbeutet und ihre Besatzung gefangen genommen. (Xenophon, Hellenika, II.1.21–28). «In Athen verbreitete sich die Kunde von dem Schicksalsschlag, nachdem die Paralos bei Nacht in den Hafen eingelaufen war, und ein Jammergeschrei lief vom Peiraieus durch die langen Mauern nach der Stadt.» Es folgte die mehrmonatige Belagerung Athens, welche die Bevölkerung dazu zwang, das Friedensangebot der Spartaner anzunehmen. Die Spartaner fuhren «in den Peiraieus ein […] und man begann, die Mauern unter der Begleitmusik von Flötenspielerinnen einzureissen in dem Glauben, jener Tag bedeute für Hellas den Anfang der Freiheit.» (Xen., Hell., II.2.3–23). 5
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Sozialer Status und gesellschaftliches Ansehen in der Antike
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EIN PAAR GOLDOHRRINGE MIT KARNEOL. L. 3,6 cm. Gold, Karneol. Bogenförmiger Reif aus Golddraht mit Rundschild. Oberhalb des Schildes eine Öse, in die das andere Ende des Reifes eingehängt ist. Am unteren Schildende ein Goldkügelchen. Anhänger in Form eines Drahtes mit aufgezogener, bikonisch geschliffener Karneolperle und Öse am oberen Ende. Mit Coins and Antiquities Ltd., undatierter Katalog (zwischen 1975 und 1978), Nr. 60, AN 821. Danach Privatslg. Römisch, 2. Jh. n. Chr. CHF 2'400
SILBERLÖFFEL MIT PANTHERKOPFAPPLIK. L. 15,5 cm. Silber. Ehem. Slg. Sch.-Lensing (Slgs.-Nr. 238), 1970er–1990er Jahre. Römisch, 3. Jh. n. Chr. CHF 800
GEMME MIT FRAUENBÜSTE. H. 1,3 cm. Karneol. Ehem. Privatslg. Koppenwallner, Köln, Deutschland, seit den 1970er Jahren. Römisch, 2. Jh. n. Chr. CHF 3'800
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GEMME MIT JÄGER. H. 1,7 cm. Karneol. Vorm. Privatslg. K., Schweiz, aufgebaut seit den 1960er Jahren. Danach im Familienbesitz. Römisch, 1. Jh. n. Chr. CHF 9'800
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Cahn’s Quarterly 1/2023
Für Sie entdeckt
Unsichere Zeiten und ein Lichtblick Zum Übergang der sog. Dunklen Jahrhunderte in die frühe Eisenzeit Von Gerburg Ludwig Spekulation, besonders für das 11.–frühe 10. Jh. v. Chr. Doch wie erging es den einstmals so hochentwickelten Kulturen und Regionen? In Ägypten führten innere, aus dem Systemkollaps resultierende Konflikte zum Ende des Neuen Reiches und zur Zweiteilung des Landes (Wende vom 12. zum 11. Jh. v. Chr.). In der Levante bedingte das Ende ägyptischer und hethitischer Besatzung eine völlige Neuordnung: Zerstörte Stätten wurden z. T. neu besiedelt, so durch eines der «Seevölker», die Peleset/Philister, die sich Kanaan mit Phöniziern und Israeliten teilten. Ugarit dagegen sollte 650 Jahre unbesiedelt bleiben. Hattuša, die hethitische Hauptstadt, war schon lange komplett aufgegeben worden. Auf Zypern wurden viele Orte wieder aufgebaut und erst später aufgegeben.
Abb.1: Kentaur von Lefkandi, Ton, protogeometrisch, 925–872 v. Chr., Archäologisches Museum Eretria, ME 8620. © Foto: GJCL Classical Art History (online abgerufen 30.04.2023).
Verschiedenste Faktoren, wie die Bedrängung durch die sog. Seevölker, Dürre, Hungersnöte oder Erdbeben, führten gegen Ende des 12. Jhs. v. Chr. in der multilateral vernetzten spätbronzezeitlichen Welt im östlichen Mittelmeerraum zum Systemkollaps (CQ 3/2022, S. 6–7). Eine Zeit der gesellschaftlichen, politischen Instabilität brach an, verdeutlicht durch eine markante Abnahme materieller Befunde und ihrer Qualität. Aus dem Einbruch der zentralen Palastwirtschaften resultierte ein Verlust der von ihnen genutzten Linear B- und Keilschrift; weitreichende Illiteralität war die Folge. Diplomatische Beziehungen brachen ab. Fernhandel sowie technologischer Austausch gingen zurück. Altertumsforscher bezeichneten die Zeit von 1200–750 v. Chr. lange als sog. «dunkle» Jahrhunderte. Jüngere Grabungsbefunde begrenzten den «dunklen» Zeitraum inzwischen auf ca. 1050–800 v. Chr. Vieles muss rekonstruiert werden oder bleibt wegen mässiger Befundlage im Bereich der 8
Die mykenische Kultur währte in der sog. postpalatialen Zeit noch 150 Jahre. Mykenes nicht vollständig zerstörte Palastanlage und die Unterburg von Tiryns wurden kleiner dimensioniert weiterbewohnt, die Paläste von Pylos, Theben und Orchomenos nicht wieder besiedelt. Gut ausgebaute Infrastruktur verfiel. Siedlungen wurde befestigt oder in sichere Höhenlagen verlegt. Die Bevölkerungszahl ging zurück. Insbesondere aus dem Umfeld der ehemaligen Paläste machten sich viele auf die Suche nach besseren Lebensbedingungen. Der Stilwandel der Keramik unterteilt die postpalatiale Zeit in Späthelladisch III C (1190/80–1050 v. Chr.), vielfältig ornamental, mit Streifen, auch figürlich dekoriert, und in die submykenische Schlussphase (1050/30– 1000 v. Chr.), flüchtig mit Streifen und geometrischen Ornamenten bemalt – Elemente, auf welche die Töpfer der Früheisenzeit zurückgreifen. Der kleine, bauchige Krug auf flachem Ringfuss der Galerie Cahn zählt zu den letzten Vertretern spätmykenischer Keramik (Abb. 2). Die changierenden Brauntöne des Streifendekors erreichte der Töpfer mit variierender Verdünnung des Tonschlickers. Stehende, paarweise spitz zusammengeführte Streifenbänder zieren die Schulter. Mit der schmalen Mündung liess sich das wohl im Krug enthaltene Parfümöl gut dosieren. Kleine, autarke Siedlungen mit einem Herrensitz, ausserhalb der ehemaligen Palastter-
Abb. 2: KRUG MIT STREIFENDEKOR. H. 12 cm. Ton. Spätmykenisch, 12. Jh. v. Chr. CHF 1'600
ritorien, zeigten erstaunliche Resilienz und überdauerten die unsicheren Zeiten. Mancherorts belegen Nekropolen sogar einen Bevölkerungszuwachs im 11. Jh. v. Chr. Teichos Dymaion/Nordwestpeloponnes mit seiner noch heute erhaltenen späthelladischen Zyklopenmauer setzte als lokaler Fürstensitz Handelskontakte mit dem italischen Raum fort und blieb, trotz erneuter Zerstörung (Mitte des 11. Jhs. v. Chr.), kontinuierlich bis in die Eisenzeit bewohnt. Jene Zerstörungen am Ende der postpalatialen Periode sind wohl auf regionale Konflikte zurückzuführen, die alle Erscheinungen des Rückzugs, Rückgangs und der Unsicherheit nochmals verstärkten. Sollte von «dunkler» Zeit die Rede sein, dann jetzt, wobei die Entwicklung einen fliessenden, hier früher, da später einsetzenden Verlauf nahm. Lefkandi an der Südwestküste Euboias erreichte aussergewöhnlich früh den Wendepunkt. Zunächst untergegangen, war die Siedlung zu submykenischer Zeit bereits wieder bewohnt und erlebte um 1000 v. Chr. bemerkenswerten Aufschwung. Davon zeugen reiche protogeometrische Funde in der sog. Toumba-Nekropole: aufwändig gestalteter Goldschmuck, Stempelsiegel, Glasperlen, Gefässe und Ketten aus Fayence, attische, auch qualitätvolle einheimische Keramik, Bronzegeräte. Herausragend die berühmte Ton-Statuette eines Kentauren (Abb. 1). Sie markiert den Übergang von der mykenischen zur geometrischen Epoche. Viele Beigaben kamen CQ
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aus Zypern, dem Orient und Ägypten – Signale eines wieder auflebenden Seehandels.
Highlight
Architektur und Dimension des sog. Heroons im Westen der Nekropole, eines langgestreckten Lehmziegelbaus (45x10 m, 2. Hälfte 10. Jh. v. Chr.) mit Apsis und Ringhalle deuten bereits in Richtung der grossen Tempelbauten. Im Inneren eine aufwändige Doppelbestattung: in einer figural reliefierten, zyprischen Bronzeurne, in Tuchreste gehüllt, die Asche eines Mannes, daneben die Körperbestattung einer Frau mit vielfältigen, teils orientalischen Beigaben: Schmuck aus Gold, Bronze, Eisen, Fayence, Gewandnadeln aus Bronze und Eisen, ein Eisenmesser mit Elfenbeingriff. Bei der Urne eine Speerspitze, ein Schwert aus Eisen und ein Wetzstein, im Umfeld Brandspuren und Holzkohle. In einem zweiten Grab die Skelette von vier geopferten Pferden, wohl vom Gespann des Leichenwagens. Das Heroon riss man nach der Bestattung nieder und schüttete darüber einen Tumulus auf. Die Insassen des Doppelgrabs zählten zur Oberschicht: Der Mann war wohl tatsächlich der lokale Anführer, der «Fürst von Lefkandi». Das Bestattungsritual zeigt erstaunliche Parallelen zu denen in Homers Ilias, bes. dem für den toten Patroklos (Homer, Ilias 23, 1–256).
Das Bildnis eines Mannes
Zu solch statusträchtigen, von der Elite getragenen Schmuckstücken zählte der Aufsatz in Form eines stilisierten Männerkopfes der Galerie Cahn, der eine Gewandnadel zierte (Abb. 3). In Anbetracht der Grösse handelte es sich hierbei um ein recht grosse Nadel zur Fixation von Stoffbahnen über Schulter oder Brust. Stilistische Parallelen zur Bronzegruppe mit Mann und Kentaur im Metropolitan Museum, New York, Inv.-Nr. 17.190.2072, weisen die Nadel aber bereits in hochgeometrische Zeit. Die exemplarisch vorgestellte, ausserordentlich vielfältige Befundlage macht Lefkandi zum Referenzort des Aufschwungs am Übergang zur frühen Eisenzeit. Der Fortgang und die vielseitige Aufbruchsstimmung in die geometrische Epoche Griechenlands sollen in der nächsten Ausgabe genauer beleuchtet werden.
Abb. 3: STILISIERTER KOPF. H. 6,4 cm. Bronze. Griechisch, geometrisch, Mitte 8. Jh. v. Chr. CHF 7'800
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Von Detlev Kreikenbom
Abb. 1 a–b: BILDNIS EINES MANNES. H. 42 cm. Marmor. Römisch, frühantoninisch, ca. 140–150 n. Chr. Basel, Galerie Cahn. Preis auf Anfrage
In keiner Phase der antiken Bildniskunst entstanden so viele Werke wie unter den antoninischen Herrschern (138–198 n. Chr.), sowohl offizielle wie auch private Darstellungen, wobei letztere sich motivisch und stilistisch mit unterschiedlicher Konsequenz an den kaiserlichen orientierten – eine Praxis, die schon vordem üblich gewesen war und die auch hier bei einem Kopf der Galerie Cahn zur Anwendung kam. Aus der grossen Menge antoninischer Privatbildnisse hebt dieser sich gleichwohl auf vielfältige Weise als eigene, aber auch eigenwillige Arbeit hervor (Abb. 1a-b). Anscheinend waren für ihn gleich zwei Mitglieder des Kaiserhauses direkt oder indirekt relevant. Sein ausladendes Untergesicht mit sphärisch gewölbten, eingebetteten Jochbeinen und weich eingezogenen Nasolabialfalten steht, vom fehlenden Kinnbart abgesehen, Darstellungen des 138 n. Chr. gestorbenen Kaisers Hadrian so nahe, dass ein Zufall wohl ausgeschlossen werden kann; insbesondere kommt dessen Porträttypus Chiaramonti 392 als Referenz in Betracht. Mit der hadrianischen Zeit liesse sich auch die noch zurückhaltende Angabe der Pupille vereinbaren. Die mächtige Frisur ist dagegen ohne den «Kronprinzen» Marc Aurel nicht zu denken; sowohl dessen 1.,
wahrscheinlich wiederum 138 n. Chr. ausgegebener Typus als auch sein 2., der um 140 n. Chr. einsetzte, boten konzeptionelle Ausgangspunkte (Abb. 2-3). Überraschend ist die Schwierigkeit, das Alter des Dargestellten einzuschätzen. Die betreffenden Merkmale widersprechen sich.
Abb. 2. BILDNIS DES MARC AUREL, 1. Typus. Modena, Galleria Estense. Foto: K. Fittschen, Prinzenbildnisse antoninischer Zeit, Mainz 1989, Taf. 5a.
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Highlight Gesichts. Auf diesem wiederum lastet die breite Fülle der Haare. Insofern lässt sich die Abfolge der Teile im Sinne einer «statischen» Korrespondenz lesen, zugleich auch als Sequenz der Volumina. Die Frisur erscheint als eine kohärente Masse und entfernt sich schon darin von der Vorgabe durch die jugendlichen Typen des Marc Aurel. Einzelne Strähnen sind allenfalls am Rand zu erkennen. Ansonsten überzieht eine in der Menge verschwimmende Vielzahl von Buckel- und Schneckenlocken die Kalotte. Tendenzen zur Formreduktion und Verdichtung der Haarmotive sind an antoninischen Bildnissen ganz verschiedener Teile des römischen Reichs einschliesslich des Mutterlandes zu beobachten. Besonders zahlreich finden sie sich im östlichen Mittelmeerraum, von Griechenland bis zur Kyrenaika. Ein aus Syrien stammendes Bildnis eines Privatmannes sei als Beispiel angeführt (Abb.
quasi ohne Wahrnehmbarkeit bleibt. An den Schläfen wird die kompakte Haarmenge linear abgeschnitten, als wäre sie hier eingezogen, und definiert einen annähernd trapezförmigen Stirnumriss. Umgekehrt dehnt sie sich im zentralen Bereich mit leicht hängendem Bogenrand abwärts auf die Stirn aus. So entsteht zugleich ein reizvolles Gegenspiel von fein geglätteter Stirnhaut und stumpfer Haarstruktur, von ruhiger Fläche und kleinteiliger Bewegung. Die sich von selbst einstellende Frage, inwieweit die Gestaltung der realen Erscheinung des Porträtinhabers Rechnung trug, entzieht sich einer Entscheidung. Klar ist nur, dass die Modefrisur, die vom jugendlichen Marc Aurel ausgegangen war, einer grundlegenden Transformation gemäss regionaler oder persönlicher Vorstellungen unterzogen wurde. Eine östliche Entstehung besitzt einige Wahrscheinlichkeit.
Abb. 3: BILDNIS DES MARC AUREL, 2. Typus. Rom, Museo del Foro Romano. Foto: K. Fittschen, Prinzenbildnisse antoninischer Zeit, Mainz 1989, Taf. 32a.
Gekräuselte Koteletten, ein knapper Oberlippenbart und der Anflug einer «Fliege» unter der Unterlippe könnten auf einen Jugendlichen oder Heranwachsenden verweisen, zumal ein Kinnbart selbst ansatzweise (noch) fehlt. Kaiser Elagabal (218–222 n. Chr.) wurde beispielsweise als Fünfzehnjähriger in solcher Weise der Öffentlichkeit in Bildnissen vorgestellt, nachdem er ein Jahr zuvor inthronisiert worden war. Marc Aurel war schon mehr als 20 Jahre alt, als er entsprechend auf Münzen und in rundplastischen Arbeiten wiedergegeben wurde. Immerhin zeigten sich an dessen Kinnspitze erste Härchen, während die Gesichtshaut jugendlich glatt und straff blieb. In unserem Fall lassen dagegen die Wangen, die Augen und vor allem die Nasolabialfalten keinen Zweifel am erwachsenen Alter des Dargestellten, so dass an sich ein durchgehender Bart zu erwarten gewesen wäre. Und eine rasierte Kinnspitze kann gemäss den Konventionen römischer Porträtkunst ausgeschlossen werden. Ein jugendliches Kennzeichen bot wiederum der lange Hals mit kaum hervortretenden Muskeln und fast ohne Andeutung einer «Grube». Ursprünglich war er, nach links gewendet und eingelassen in eine Büste oder Statue, effektvoll vom Rand eines Mantels, einer Toga oder eines Paludamentums umschlossen. Die schalartige, im Nacken hoch ansetzende Rahmung beschnitt den Blick des Betrachters in keiner Weise. Der Hals fungiert wahrnehmbar als ein stabiler Träger des sich über ihm weitenden 10
Abb. 4 a-b: BILDNIS EINES MANNES IN ANLEHNUNG AN MARC AUREL, 3. Typus. Aus Syrien. Cambridge, Fitzwilliam Museum. Foto: M. Kocak – D. Kreikenbom, Sculptures from the Roman Syria II. Greek, Roman and Byzantine marble statuary, Berlin 2023, Taf. 3 A und D.
4 a-b). Die geschlossene Lockenaddition an Ober- und Hinterkopf ähnelt der des Bildnisses in der Galerie Cahn. Die Vergleichbarkeit bleibt aber auf diese Bereiche der Kalotte beschränkt. An der Vorderseite macht sich eine ganz andere Relation von Haar und Gesicht geltend. Am syrischen Privatporträt überfängt ein plastisch vortretender Bogen geschwungener Locken die Stirn; in vereinfachter Weise wiederholen sie die spielerisch-lockeren und auf Hell-DunkelKontraste abhebenden Motive der Marc Aurel-Bildnisse. Sie reihen sich wie selbstverständlich aneinander und übereinander, scheinbar ohne kompositorische Verpflichtung auf das Gesicht. Am Bildnis der Galerie Cahn kehrt der Lockenkranz aber nur in so minimalisiertem Zitat wieder, dass er
Impressum Herausgeber Jean-David Cahn Malzgasse 23 CH-4052 Basel www.cahn.ch ISSN 2624-6368 Redaktion Jean-David Cahn Yvonne Yiu Autoren Jean-David Cahn Ulrike Haase Florian Knauss
Detlev Kreikenbom Gerburg Ludwig Yvonne Yiu Fotos Niklaus Bürgin Ulrike Haase Gestaltung Michael Joos Yvonne Yiu
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