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Cahn's Quarterly 1/2022 - Deutsche Ausgabe

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Cahn’s Quarterly 1/2022 Deutsche Ausgabe

Editorial Liebe Leserinnen und Leser Immer wieder Neues ausprobieren, sich von anderen Menschen inspirieren lassen, gemeinsam verrückte Ideen in die Tat umsetzen – das gehört zu den schönsten Seiten des Kunsthandels, auch wenn es viel Knochenarbeit vom ganzen Team abverlangt. Einen solchen Höhepunkt durften wir im letzten Herbst erleben, als der Cahn Kunstraum an der Steinentorstrasse in Basel mit einer grossen Retrospektive der französischen Künstlerin Laura Lamiel seine Tore öffnete. Eine Bildstrecke und einen erhellenden Text der Kunsthistorikerin Manon Burg finden Sie auf S. 4-7. Das Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Pariser Galerie Marcelle Alix während der Art Basel durchgeführt wurde, war ein Erfolg und zog ein sehr gutes Publikum an. Vertreter des Centre Pompidou und der Fondation Pinault wie auch zahlreiche deutsche und schweizerische Institutionen besuchten die Ausstellung und bekundeten grosses Interesse am Werk der Künstlerin. Auch verschiedene prominente Künstler fanden den Weg zur Steinentorstrasse. Was mich besonders freut, ist, dass der Raum voll akzeptiert und in seiner Ursprünglichkeit und Unversehrtheit wertgeschätzt wurde. Der Industrieraum, gezeichnet von Jahrzehnten der Nutzung, überraschte durch seine Monumentalität und sein vielfältiges Licht – Tageslicht, warmes und kaltes Licht wie auch «Lichterdome» traten in einen lebhaften Dialog mit den Kunstwerken, weit mehr als bei einer klinischen White-Cube-Ästhetik möglich gewesen wäre. Für ihr Werk Ein Liebeslied wählte Laura Lamiel einen dunklen, unheimlich wirkenden Raum im Untergeschoss

bei archäologischen Ausstellungen bewährt, wird sich schon bald zeigen. Es ist geplant, diesen Frühling die Sammlung mit antikem Silber von Christian und Hedy Schmassmann, über die wir in Cahn’s Quarterly 4/2020 berichteten, der Öffentlichkeit vorzustellen. Ich freue mich sehr, das Projekt mit dem Sammler persönlich durchzuführen.

Laura Lamiel, Zeichnung aus Intime Territorien, 20202021. Tusche, Feder, Lippenstift, Grafit auf Papier, 42 × 29,7 cm.

aus, der massgebend zum starken Eindruck dieser Installation beitrug. Dies ermutigt uns, die Räume regelmässig mit weiteren Projekten von zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen, wie z. B. Katinka Bock, zu bespielen, wohl etwa zwei Mal pro Jahr. Auch die zeitgenössischen Projekte in Paris werden wir weiterführen. Inwiefern der Raum an der Steinentorstrasse sich auch

Wir stellen uns darauf ein, dass die jetzige Situation noch andauern wird und das veränderte Umfeld, in dem wir uns heute befinden, verlangt, dass wir uns neu positionieren: Wir planen unsere Präsenz auf die grossen Messen TEFAF Maastricht und Frieze Masters London zu beschränken, wobei dies kleine, lokale Veranstaltungen nicht ausschliesst. Zudem wollen wir unsere Kunden vermehrt besuchen. Des Weiteren bauen wir unsere digitale Erreichbarkeit aus. Wir planen unter anderem einen Live-Chat auf unserer Website, in dem Sie uns Fragen zu Objekten oder anderen Themen stellen können, sowie einen wöchentlichen Livestream auf Instagram, in dem Sie direkt mit mir oder der Archäologin Dr. Lilly Stoner via Bildschirm Gespräche führen und Objekte vor der Kamera besprechen können. Wir werden Sie per E-Mail informieren, wenn diese Neuerungen live gehen. Selbstverständlich können Sie aber weiterhin wie gewohnt die Galerie in Basel besuchen. Auf welche Weise auch immer: Wir freuen uns sehr, Sie zu sehen!

Visit us in Maastricht www.tefaf.com/fairs/tefaf-maastricht

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Für Sie entdeckt

Heilendes «Eisen» Zum Gebrauch chirurgischer Instrumente in der Antike Von Gerburg Ludwig

Abb. 1: Set antiker chirurgischer Instrumente. Von oben nach unten: 2 Löffelsonden, 4 Ohrensonden im Wechsel mit 2 weiteren Instrumentengriffen; Pinzette. L. 9,3–19,1 cm. Bronze. Römisch, 1.–2 Jh. n. Chr. CHF 1'600

«Alles, was die Heilmittel nicht heilen, heilt das Eisen; alles, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer; was aber das Feuer nicht heilt, das muß als unheilbar gelten.» (Corpus Hippocraticum, Aphorismen 7, 87, Übers. J. Kollesch-D. Nickel). Der Auszug aus einer im 3. Jh. v. Chr. in Alexandria zusammengetragenen Sammlung medizinischer Schriften des 5.–3. Jhs. v. Chr. schildert ein recht kategorisches Vorgehen antiker Ärzte. Das «Eisen» meint hauptsächlich bronzene chirurgische Instrumente, das «Feuer» das Ausbrennen mit dem Brenneisen. Hilft beides nicht, sollte der Arzt bescheiden die Grenzen seiner Kunst anerkennen. Seit dem Neolithikum gibt es Zeugnisse medizinischer Behandlung, z. B. Spuren operativer Eingriffe an menschlichen Knochen. Doch betrachten die Menschen zunächst Krankheit und Heilung als gottgegeben. Griechen wenden sich im Krankheitsfall vor allem an den Heilgott Asklepios. Seine Söhne Machaon und Podaleirios nehmen als Ärzte am Kampf um Troja teil (Homer, Ilias 2, 731 f.; 11, 833). Homer schildert auffallend kenntnisreich Entstehung und Folgen von Verwundungen, deren Behandlung, gelegentlich mit dem Brenneisen, oft durch Medikamente und Verbände (Homer, Ilias 4, 204 ff.). In archaischer Zeit eröffnen die Vorsokratiker mit Studien zu Natur und menschlichem Leben die Entwicklung zur Medizin 2

als Techné, als Wissenschaft. Eine Generation später forschen Ärzte wie Hippokrates zu Krankheitsursachen, Symptomen, Epidemien, zu Therapie und Prognose. Im 4. Jh. v. Chr. erfasst Aristoteles die enge Verknüpfung von Anatomie und Physiologie. Empirische und auf Sektionen fussende anatomische Studien treten im Hellenismus hinzu; römische Mediziner wie Celsus und Galenos führen die Forschung fort. So wirkt das medizinische Wissen über Mittelalter und Renaissance bis in die Neuzeit. Zum Corpus Hippocraticum zählen chirurgische Behandlungstipps zur Gelenk-Reposition, Schienung von Frakturen, Behandlung von Kopfverletzungen (auch die Trepanation, Schädel-Eröffnung) oder zur Embryoektomie (Schnittentbindung). Bis auf die Nutzung von Opium ist zu Betäubungsmethoden wenig bekannt. Griechische Ärzte transferierten ihre Erfahrung nach Rom; das Vorgehen der Chirurgen wurde komplexer, versierter und durch Operationen an Abszessen, Blutgefässen, zur Harnsteinentfernung oder Starbehandlung ergänzt. Die Schrift Über den Arzt empfiehlt zu den Instrumenten: Sie «… müssen handlich zum Gebrauch nach Größe, Gewicht und Feinheit sein.» (Corpus Hippocraticum, Περὶ ἰητροῦ 9, 208, Übers. H. Diller). Aus griechischer Zeit sind kaum Instrumente überliefert; doch

kennen wir die Typenvielfalt der römischen umso besser. Pompeji bietet eine Momentaufnahme: Unter einem am Amphitheater gefundenen menschlichen Skelett fand sich ein Instrumentenkasten, der Sets verschiedener Sonden, Pinzetten, Wundhaken, Skalpelle mit Eisenklingen und eine Star-Nadel enthielt. Zum Transport dienten auch Röhren mit Aufsatzdeckeln oder Klappetuis. Seit griechischer Zeit zeigen Grab- und Weihreliefs aufgeklappte Etuis, so das Berliner Arztrelief (2. Jh. v. Chr., Antikensammlung, Inv.-Nr. Sk 804). Die enthaltenen Instrumente helfen bei der Bestimmung jener, die zahlreich in Arztgräbern geborgen wurden, z. B. in Bingen/Deutschland oder in Reims/ Frankreich. Eine pompejianische Wandmalerei in der Casa di Sirico (Regio VII, Neapel, Museo Nazionale) zeigt antike Chirurgie direkt im Einsatz: Der Arzt Iapyx entfernt dem Aeneas mit einer Zange eine Pfeilspitze aus dem Oberschenkel. Schmiede fertigten die Instrumente aus Silber, Bronze und zinkreichem Messing. Der Weichteilchirurgie dienten Skalpelle, Scheren, Wundhaken, Nadeln und Brenneisen, spezielle Blasensteinskalpelle und aufgeraute Haken der Stein-Entfernung, Starnadeln der Behandlung des grauen Stars. Knochenchirurgen nutzten Sägen, Meissel, Knochenheber, Zangen, Bohrer und Schaber, zur Trepanation den bspw. im Bingener Arztgrab belegten Trepan, ein röhrenförmiges Instrument mit runder Säge und Führungsdorn, das eine Art Fiedelbogen in Drehung versetzte. Die Galerie Cahn bietet ein Set zweier weiterer typischer Instrumente der Weichteilchirurgie an: verschiedene Sonden und eine Pinzette (Abb. 1). Sie fungierten als «verlängerte Finger des Arztes» (A. Krug, Heilkunst und Heilkult. Medizin in der Antike, München2 1993, 93). Oft doppelseitig angelegt, ein heute noch genutztes Prinzip (Abb. 2), gewann der Arzt mit dem ovalen Griffende der Sonde (Sondenknopf) einen «Einblick» in natürliche Körperöffnungen, prüfte die Tiefe von Wunden und Abszesshöhlen oder nutzte es als Hebel. So beschreibt der griechische Chirurg Antyllos: « ... nachdem wir ... einen Sondenknopf unter das (Blut-)Gefäß gebracht und es angehoben haben, werden wir an dem Sondenknopf entlang eine CQ

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Nadel mit einem doppelten gesponnenen Faden hindurchführen, so daß dieser unter die Arterie kommt ...» (Über Gefäßerweiterung in: Oribasius, Coll. med. rel. XLV 24, Übers. J. Kollesch-D. Nickel). Die Gegenseite variierte in Form und Nutzung: Mit den scharfen Rändern der Löffelsonden entfernte man Beläge in Wunden oder knöchernen Höhlen. Als «scharfe Löffel» fungieren sie heute bei ambulanter oder operativer Wundbehandlung (Abb. 2). Die zierlicheren Ohrensonden mit runden Löffeln und spitzen Griffenden dienten der Reinigung des Ohrs, kleiner Wunden, Fisteln, der Blasenstein-Entfernung oder Hämorrhoiden-Behandlung. Ihnen entspricht heute die Ohrkürette in der HNO-Medizin. Zwei Instrumentengriffe können durch Vergleiche einer weiteren Löffelsonde und einer Ohr- oder Spatelsonde zugeordnet werden. Die Pinzette zählte zu den sog. glatten Pinzetten; markant die nach innen geknickten Greifbacken. Der Arzt entfernte damit eingewachsene Wimpern, Fremdkörper oder ergriff weiches Gewebe, z. B. bei Mandel- und Zäpfchenoperationen oder Hämorrhoidenentfernung. Moderne Entsprechungen dienen dem Augenarzt als Cilienpinzetten zur Wimpern-Entfernung (Abb. 2); die Mikroelektronik nutzt sie als sog. Waferpinzetten. Neben Ursprüngen medizinischer Forschung liegen auch die Wurzeln der Formgebung und praktischen Anwendung heutiger chirurgischer Instrumente in der griechischen und römischen Antike.

Meine Auswahl

Ein Kopf eines Knaben Von Jean-David Cahn Dieser lebensgrosse Kopf eines Knaben, der ein Alter von etwa zwei bis vier Jahren haben dürfte, fasziniert mich, weil er in höchst subtiler Weise individuelle Gesichtszüge mit einer gewissen Idealisierung verbindet. Das Gesicht des kleinen Jungen, das von einem auffälligen Kontrast zwischen der hohen, breiten Stirn und dem schmal zulaufenden Kinn bestimmt ist, zeichnet sich durch eine Ernsthaftigkeit aus, wie sie nur Kinder haben können. Der melancholische Blick unter schläfrig-schweren Lidern und das leicht skeptische Lächeln verbinden sich zu einem ahnungsvollen Gesichtsausdruck: Es scheint dem Knaben bewusst zu sein, dass er weggehen muss, ins Jenseits. Der Kopf ist praktisch intakt, mit nur wenigen oberflächlichen Auffüllungen. Unterhalb des Kinns befindet sich ein Einlasszapfen, mit dem der KOPF EINES KNABEN. H. 21,1 cm. Marmor. Griechisch, spätklassisch, Kopf in einem Grabmonu- 1. Hälfte 4. Jh. v. Chr. Preis auf Anfrage ment angebracht werden konnte. Die Kalotte ist besonders volumi- der Folge der grossen Bauprojekte, etwa des nös, weil der Junge schräg von oben nach Parthenons, eine grosse Dichte an hochkaunten schaute. Die Qualität das Haars ist rätigen Bilderhauern gab. So entstand eine sehr hoch, mit den typisch spätklassischen Fülle von Grabmälern höchster Qualität. In Haarzangen, die durch Ritzung nochmals diesem Kontext ist auch unser bemerkensunterteilt sind, und Löckchen im Nacken. werter Kopf anzusiedeln. Die lebhaft züngelnden Lockenbüschel erinnern stark an Metallarbeiten.

Impressum

Abb. 2: Moderne, teils doppelseitige chirurgische Instrumente. Von li. nach re.: Knopfsonde, Serie scharfer Löffel, unten: Cilien-Pinzette © Graphik: R-E-A-L, Wikimedia Commons (online abgerufen 21.09.2021) © Foto: Zephyris, Wikimedia Commons (online abgerufen 01.10.2021)

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Unsere Skulptur ist zweifelsohne ein griechisches Original der Spätklassik (1. Hälfte 4. Jh. v. Chr.), etwas, das auf dem Kunstmarkt sehr selten anzutreffen ist. Hierfür spricht nicht nur die klare Formensprache, sondern auch die Unmittelbarkeit des Gefühlsausdrucks – diese Melancholie des Abschieds, die uns direkt trifft und bewegt. Die Gestaltung von Emotionen in Bildwerken erreichte im Athen des späten 5. und frühen 4. Jhs. v. Chr. einen Höhepunkt, der später nicht wieder erreicht wurde, da es in

Herausgeber Jean-David Cahn Malzgasse 23 CH-4052 Basel www.cahn.ch ISSN 2624-6368

Ulrike Haase Gerburg Ludwig

Redaktion Jean-David Cahn Yvonne Yiu

Fotos Niklaus Bürgin Ulrike Haase Serge Hasenböhler

Autoren Manon Burg Jean-David Cahn

Gestaltung Michael Joos Yvonne Yiu

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Cahn’s Quarterly 1/2022

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Cahn Kunstraum

Laura Lamiels Ausstellung Honig am Messer Eine Reise in andere Realitäten Von Manon Burg

Laura Lamiel, Intime Territorien, 2020-2021. Tusche, Feder, Lippenstift, Grafit, Papier, Kupfertische, Zeichnungen.

Der Cahn Kunstraum wurde im Herbst 2021 mit einer Einzelausstellung der französischen Künstlerin Laura Lamiel (geb. 1948) eingeweiht. Honig am Messer war zweifelsohne die grösste Ausstellung ihres Werks, die jemals ausserhalb Frankreichs gezeigt wurde. Diese Soloschau bot dem Publikum die Gelegenheit, Lamiels künstlerische Praxis im Lichte einer Auswahl archäologischer Objekte, die die Künstlerin während eines Aufenthalts in der Galerie Cahn in Basel getroffen hatte, zu erkunden. In dieser Ausstellung setzte sich Laura Lamiel auf brillante Weise mit der brutalistischen Architektur des Cahn Kunstraums, der selbst schon ein Gefäss verschiedener Temporalitäten und früherer Aktivitäten ist, auseinander. Sie präsentierte fünf monumentale Installationen, die alle auf ihre eigene Weise originell sind. Immersive Installationen, rote Tuschezeichnungen, ältere Arbeiten und Neuschöpfungen: Laura Lamiels Werke wurden durch die Integration antiker Objekte transformiert, was zu einer Vervielfachung der affektiven, poetischen und politischen Aufladung ihrer Arbeiten führte. Diese Begegnung mit der Archäologie kann sowohl symbolisch als auch suggestiv verstanden werden, ist aber auch in einer fusionellen Beziehung gefangen. In Ohne Titel (2000-2020) – einem Werk, welches das minimalistische Erbe, mit dem sich die Künstlerin verbunden fühlt, wiederbelebt – ordnete Laura Lamiel emaillierte Metallstäbe auf eine rechtwinklige Weise an, die an die Methode der stratigraphischen Ausgrabung erinnerte. In den vier weiteren Instal4

lationen – Ich sah Wasserbüffel (2019-2021), Intime Territorien (2020-2021), Honig am Messer (2021), Ein Liebeslied (2019-2021) – wurden zeitgenössische Artefakte aus der Sammlung der Künstlerin mit Gegenständen aus der Vergangenheit ohne Hierarchie oder Unterscheidung kombiniert. Laura Lamiel spricht von «einem Gleiten der Erinnerungen aus dem Jahr 2020, die sich mit solchen aus vergangenen Jahrhunderten vermischen und umgekehrt». Ein visuelles Leitmotiv hierfür sind die Koffer, die in verschiedenen Arbeiten anzutreffen sind. Diese Koffer wurden von der Künstlerin meistens auf dem Flohmarkt gekauft. Einige von ihnen mögen Einwanderern gehört haben und «ein Hemd und ein Stück Seife» enthalten haben, um die Worte der Künstlerin zu verwenden. Für die Ausstellung füllte sie sie mit Fotos ihrer Sammlung von Objekten und/oder Pflanzen, sowie – was besonders auffiel – mit römischen Glasgefässen. Als Behältnisse früherer Erinnerungen stellen diese Koffer eine mise en abîme dar und wiederholen das der Ausstellung zugrunde liegende Prinzip im mikrokosmischen Massstab: Laura Lamiel zielt darauf ab, das lineare, chronologische Modell, basierend auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zu untergraben, um auf andere Realitäten jenseits der physischen Welt zugreifen zu können. Die Koffer werden so zu «Torwächtern» dieser von der Künstlerin inszenierten transtemporalen Reise. Die Frage nach der Schwelle ist in der Tat zentral für Laura Lamiels Arbeit. Dies wird besonders deutlich in der häufigen Verwendung des Spiegels, der den Übertritt in andere

Realitäten andeutet. Unter den Hunderten von zerbrochenen in Honig am Messer scheinen einige römische Gläser – Reisende durch die Jahrtausende – auf wundersame Weise als Einzige diese Katastrophe überlebt zu haben. Zwischen einem psychoanalytischen Ansatz und spiritueller Kosmologie oszillierend, eröffnet der Spiegel dem Betrachter einen Zugang zu den pluralen Welten jenseits materieller Realitäten. Die Künsterin vertraute mir an, dass in Ein Liebeslied, eine Hommage an Jean Genets gleichnamigen Film, die kolossalen römischen Skulpturen, die ihre «Zelle» schmückten, die Schwere ihres Stücks betonten und es verankerten. Darauf erwiderte ich: «Trotz der schieren Körperlichkeit dieses Kolosses, der fast eine Tonne wiegt, lädt uns unser Spiegelbild, das ins Unendliche projiziert wird, ein, uns von dieser physischen Welt loszureissen». Laura Lamiel sucht nach Lücken; sie versucht eine Spannung zwischen Gegensätzen zu schaffen, die so intensiv ist, dass sie wieder aufeinandertreffen und verschmelzen. Dies ist vielleicht eine der grössten Kräfte, die man in ihrer Arbeit erleben kann. Am Vorabend der Eröffnung der Ausstellung sagte mir die Künstlerin, dass sie noch nicht wisse, was ihre Begegnung mit diesen antiken Objekten, diesen Kulturen aus der Vergangenheit in ihrer Arbeit bewirken werde. Eines ist sicher, Laura Lamiel kann uns noch viel durch ihre Augen zeigen. Wenn Sie mehr über die Ausstellung und die Arbeit der Künstlerin erfahren möchten, können Sie sich das Audio-Interview mit Laura Lamiel auf der Website von Cahn Contemporary anhören. S. 5 oben: Laura Lamiel, Ich sah Wasserbüffel, 2019-2021. Gehärtetes Glas, Bilder hinter Glas, Metallrahmen, Leuchtstoffröhren, Bücher, Pflanzen, Koffer, Objekte aus der Sammlung der Künstlerin. Verschiedene Grössen S. 5 unten: Laura Lamiel, Honig am Messer, 2021. Glas, Spiegel, Stuhl aus Rohstahl, Leuchtstoffröhren, Objekte aus der Sammlung der Künstlerin. Verschiedene Grössen S. 6: Laura Lamiel, Ein Liebeslied, 20192021. Stahl, Spionspiegel, Kupfertisch, Objekte aus der Sammlung der Künstlerin, Leuchtstoffröhren, 190 × 200 × 160 cm © Fotos: Serge Hasenböhler

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Jeden Monat Neues auf www.cahn.ch

Einblicke in antikes Alltagsleben

SCHWARZFIGURIGE SIANA-SCHALE MIT SYMPOSIASTEN, DEM C-MALER ZUGESCHRIEBEN. Dm. 26,3 cm (ohne Henkel). Ton. Tiefe Schale mit leicht ausgestelltem Rand. Vorm. mit Galerie Arete, Zürich. Danach Privatslg. London, erworben bei Galerie Arete am 24. Juni 1981. Publiziert: H.A.G. Brijder, Siana Cups I and Komast Cups (Amsterdam 1983) 245 Nr. 109 (ohne Abb.). Attisch, ca. 575-560 v. Chr. Verkauft

STATUETTE EINES SCHAUSPIELERS. H. 13,7 cm. Bronze. Vorm. Privatslg. Frankreich. Römisch, 2.-3. Jh. n. Chr. CHF 10'000

DOPPELSPIRALORNAMENT. B. 15,1 cm. Bronze. Doppelspirale aus dünnem Bronzestab mit rhombischem Querschnitt. Äussere Windung jeweils mit gekerbtem Dekor. Mittig verbunden durch runde Drahtspirale. Ursprünglich Trachtelement. Grüne Patina. Intakt. Ehem. Schweizer Privatslg. Dr. R. H. (1922-2007). Donauraum, 1. Hälfte Spätbronzezeit, ca. 14.-12. Jh. v. Chr. CHF 3'800

ROTFIGURIGE SCHALE, DEM MALER VON LOUVRE G 456 ZUGESCHRIEBEN. Dm. 28,5 cm. Ton. Ehem. Slg. Cavadini, Sorengo-Lugano, Schweiz, in den 1960er Jahren erworben. Attisch, um 440 v. Chr. CHF 24'000

FAUSTKEIL. H. 15,5 cm. Stein (Silex). Ehem. Privatslg. Hervé Bouraly, Saint-Ouen, Frankreich, aufgebaut 1965-1990. Beschriftung auf Objekt: «1953. Champley (Yonne)». Frankreich, Altpaläolithikum, ca. 800.000100.000 B.P. CHF 2'800

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FAUSTKEIL. H. 17,5 cm. Stein. Ehem. Slg. Dalomba, Frankreich. Beschriftung auf Objekt: «JABLINE. Set M. 1877». Frankreich, Mittelpaläolithikum, Moustérien in Acheuléen-Tradition, ca. 120.000-40.000 B.P. CHF 2'800

MONUMENTALE BLATTSPITZE. H. 20 cm. Silex. Symmetrischer, blattförmiger Umriss. Intakt. Ehem. Privatslg. Hervé Bouraly, Saint-Ouen, Frankreich, aufgebaut 19651974. Frankreich, Spätpaläolithikum, Solutréen, ca. 22.000-17.000 B.P. CHF 4'600

DOLCHKLINGE. L. 15,5 cm. Silex. Österreichische Privatslg, erworben in den 1990er Jahren im Kunsthandel. Nordischer Kreis (Skandinavien, Norddeutschland), Ausgehendes Neolithikum bis frühe Bronzezeit, ca. 2200-1000 v. Chr. CHF 6'800

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BECHER MIT FADENAUFLAGE. H. 8 cm. Klares, bläulich-grünes Glas. Auf der Wandung ein feiner, spiralförmig aufgelegter Glasfaden. Frei geblasen. Vorm. Privatslg. Dr. F.-J. und M. E., Wehr, erworben 1980. Römisch, 1.-3. Jh. n. Chr. CHF 1'600

AMPHORISKOS. H. 8,9 cm. Hellblaues Glas. Frei geblasen. Auf einer Seite des Gefässes und auf der Unterseite ausgeprägte Irisierung in silbriger und weisslicher Farbgebung. Vorm. Slg. Shlomo Moussaieff, Israel, 19482000. Römisch, 1.-3. Jh. n. Chr. CHF 2'200

GROSSE KUGELFLASCHE. H. 24,9 cm. Grünliches Glas. Vorm. Privatslg. H. W.-W. (19011979), Schweiz. Auf der Unterseite zwei alte Etiketten: «Römische Flasche aus Lyoner Privatbesitz» und «Collection ... Paul Bie». Römisch, 2.-3. Jh. n. Chr. CHF 4'800

EIN PAAR GOLDOHRRINGE. L. 3,2 cm und 3,4 cm. Gold. Vorm. Sotheby’s London, 1962, Los 86 mit Abb. Mit Ars Antiqua, Luzern, Auktion 5, 1964, Los 151 mit Abb. Danach Nachlass Dr. Roland Maly, Schweiz. Griechisch, 2. Hälfte 4.-3. Jh. v. Chr. CHF 5'600

EIN PAAR GOLDOHRRINGE. L. max. 5 cm. Gold. Die filigrane Handarbeit und die zahlreichen Details zeugen von der herausragenden Qualität dieser Ohrringe. Privatslg. Südfrankreich, erworben in den 1990er Jahren. Ostgriechisch, 3.-1. Jh. v. Chr. CHF 15'000

RING MIT ADLER-GEMME. Dm. 1,3 cm. Gold, Karneol. Römisch, 1.-3. Jh. n. Chr. CHF 3'200

GEMME MIT JÄGER. H. 1,7 cm. Karneol. Vorm. Privatslg. K., Schweiz, seit den 1960er Jahren. Römisch, 1. Jh. n. Chr. CHF 12'000

LENTOIDE GEMME. H. 1,4 cm. Schwarzbrauner Karneol. Ehem. Herbert A. Cahn, Basel, 1990er Jahre. Römisch, 1. Jh. v. Chr. CHF 800

KLAPPMESSER MIT TIERGRUPPE. L. 6,1 cm. Bein, Eisen. Griff in Form einer Tiergruppe in erotischer Konstellation. Ehem. Privatslg. London, erworben zwischen 1970 u. 1980 im europäischen Kunsthandel. Provinzialrömisch, 3. Jh. n. Chr. CHF 3'600

TETRADRACHME, SYRAKUS. Dm. 2,3 cm. Silber. Av: Quadriga mit Wagenlenker nach rechts. Darüber Nike mit Kranz. Rv: Kopf der Arethusa im Profil. ΣΥΡΑΚΟΣΙΟΝ. Ehem. Slg. A. Maly, erworben 1966 von Bank Leu, Zürich. Westgriechisch, Sizilien, Syrakus, um 480-475 v. Chr. CHF 6'600

NOMOS, TARENT. Dm. 1,9 cm. Silber. Av: Nackter, bewaffneter Reiter nach rechts galoppierend. ΓΥ im Feld. Rv: Phalanthos, der mythische Gründer von Tarent, auf einem Delphin reitend, ein Füllhorn und eine Nike haltend. Magna Graecia, 302-281 v. Chr. CHF 1'500

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FINGERRING MIT GRANAT. Dm. 1,2 cm. Gold, Granat. Westgriechisch, hellenistisch, 3.-1. Jh. v. Chr. CHF 1'200

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