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Bündner

Wald

Jahrgang 69 | Juni 2016

Wege zu einer ökologischen Jagd

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Inhalt

Wege zu einer ökologischen Jagd Editorial.................................................. 4

«Jagende Förster sollten die Verjüngungs-

Wald vor Wild oder Wild vor Wald –

situation nicht relativieren!»...................... 45

Problematik der Wildschäden...................... 5

Wildstand und Abschuss im Fluss

Wildeinfluss im Gebi gswaldbau –

der Jahre – Beispiel Österreich................... 52

eine persönliche Bilanz.............................. 13

Den Wildtierfütterungen

Wie weiter mit der Wald-Wild-Frage

entgegenwirken........................................ 55

in Graubünden?........................................ 18

Die Eibe und das Wild............................... 57

Wildeinflussmonitoring mittels LFI – Grau

Comic Theo & Heinz.................................. 61

bünden im interregionalen Vergleich.......... 24

Auf Hansjörg Weber folgt

«Wo kein Wille ist, da ist eine Ausrede».... 31

Roberto Paravicini..................................... 62

Erfolgreiche Tannenverjüngung

Vorschau «Bündner Wald»

im St. Galler Wald dank Luchs?.................. 35

August 2016............................................. 63

Braucht es eine ökologische Jagdvereinigung in der Schweiz?......................................... 40

Titelbild: Schälung aus dem Winter 2012/2013 oberhalb von Schiers in unmittelbarer Nähe einer weitergeführten «Notfütterungsstelle» aus dem Vorwinter. (Bild: Sandro Krättli) Bild Inhaltsverzeichnis: Weisstanne am Calanda mit neuen Chancen. Der seit vier Jahren unverbissene Baum ist über 50-jährig und konnte noch nicht aus dem «Äser» des Wildes wachsen. (Bild: Sandro Krättli) Bündner Wald 3/2016 3

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Editorial

Das Pro-Natura-Zentrum Aletsch erhielt ­einen Brief, in welchem die WSL und die ETH festhielten, dass der Aletschwald künftig nicht mehr als Forschungsobjekt dienen kann. Das uralte Naturschutzgebiet steht unter zu starkem Wildeinfluss. Ganze Alpen­ rosenbestände werden vom Hirsch verspeist. Die Arve und die Fichte verjüngen sich nicht mehr. Dies erfuhr ich bei einem Besuch bei Forstkollegen. Diese berichteten auch, wie im Mittelwallis über mehrere Jahre der Hirschbestand leicht zur Abnahme gebracht werden konnte. Wie dies funktionierte, ist simpel – deutlich über 35 %, sogar bis 50 % des Zählbestands müssen auf den Abschussplan. Begründung: Die Dunkelziffer wird ­unterschätzt. Eine forstliche Haltung des zuständigen Forstingenieurs, die auf einem Bierdeckel Platz hätte, widerspiegelt die Standhaftigkeit, die dazu führte: «Öffentliche Mittel für den Wald sind nicht da, um Forstbetriebe oder das Wild zu füttern – sie müssen dem Schutzwald dienen.» Ich sah Blössen im Wald, die vor 25 Jahren als waldbauliche Eingriffe gedacht waren. Ich dokumentiere Wildzäune, die aussehen wie quadratische Oasen in einer Grassteppe. Ja, und ich habe auch Berufskol­legen verzweifeln sehen. All diese Erlebnisse wühlen mich auf. Menschen, die weder Jäger noch Waldfreunde sind, verstehen diese Problematik oft nicht. Für die Betroffenen ist es ein jahrzehntelanger Kampf, der immer wieder in Resignation und Stillstand endet. Die Krea­tivität, um die Thematik zu relativieren, ist erstaunlich. Seit sich das Forstpersonal wieder klarer äussert, gilt die Wald-WildProblematik erneut als verschärft. Doch sie hat sich, bezogen auf den langen Verjüngungshorizont der Gebirgswälder, seit über 40 Jahren nicht verändert. Eine ganze Förstergeneration also, die uns vergessen lässt, wie Wälder sich verjüngen könnten. Dieses

Vergessen, eine Nebenerscheinung der Resignation, darf sich nicht verstärken. Heute hat die Thematik beispielsweise für «Wald Schweiz» kaum eine Bedeutung – immerhin die nationale Vertretung der Waldeigentümer, welche sich direkt aus dem Wald fina ziert. In jedem Wald müssen wir hinschauen. Dies hilft, um sich ständig wieder einzumitten, sich auszutauschen und sich zu vergewissern, dass es nicht zu spät ist, um zu handeln. Ein Berufskollege aus dem angrenzenden Ausland sagte mal, der Wald-Wild-Konflik sei nicht das grösste Umweltproblem unserer Zeit, aber eines, das man einfach lösen könnte. Für ein Umdenken muss das Ausmass der Verjüngungsverarmung mit allen ökologischen und ökonomischen Konsequenzen dargestellt sein. Der Klimawandel liefert neue zwingende Argumente. Die Auf­klärung hört eben nie auf. Einzelne Forstleute engagieren sich mutig und unbeirrt. Es müssen aber mehr werden, die auf diesen WaldWild-Missstand hinweisen und Lösungen im Wald andenken, statt die Schuld auf andere zu schieben. Und jene, die es bereits tun, sollen unbeugsam sein. Und noch was: Die Daseinsberechtigung von Baumarten wie bspw. der Weisstanne ist nicht verhandelbar. Es wäre eine Bankrotterklärung, nicht nur für natürliche und stabile Schutzwälder, sondern für ein ganzes System. Dies erkannte alt Regierungsrat Luzi Bärtsch 1993, als er sagte: «Ich bin Jäger mit Leib und Seele, aber in einem Kanton wie Graubünden hat der Wald erste Priorität.» Sandro Krättli, Redaktor Bündner Wald Bahnhofplatz 3B, CH-7302 Landquart sandro.kraettli@awn.gr.ch

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Wald vor Wild oder Wild vor Wald Problematik der Wildschäden Die Beobachtung von Wildschäden reicht in Europa zeitlich weit zurück. In England klagte bereits Shakespeare (1607) über Rotwildschäden. Goubert und Denis (1789) beschreiben die Situation im barocken Frankreich und Köstler (1934) die Situation im feudalen Bayern. Albrecht V. von Bayern erlaubte nur Zäune um Felder, wenn diese an vier Ecken Ein- und Auslässe hatten, sodass das Wild ungehindert wechseln konnte. Umso befremdlicher mutet es an, dass – trotz aller politischen Änderungen seit dem Barock – die Wildproblematik unvermindert diskutiert wird. Die Wildbestände steigen in allen Ländern Europas und in Nordamerika an (Appolonio et al., 2010, Horsley et al., 2003; Gill, 1992). Im Folgenden werden wir versuchen, wesentliche Gründe für dieses Dilemma darzulegen. Wir werden aus Sicht des Waldes auf die Bedeutung und die Folgen von Wildschäden aufmerksam machen, Methoden zur Erfassung von Wildschäden darlegen, und schliesslich in einem gesellschaftlichen Umfeld nach Gründen suchen, die zu diesem Konflikt führen, der unabhängig von der gesellschaftlichen Ordnung, unabhängig von der Jagdgesetzgebung und unabhängig von der Grösse des Waldbestands schwelt (Bouriaud et al., 2016). Es ist sicher unmöglich, hier in Kürze ein umfassendes Review zu schreiben. Wir beziehen uns hauptsächlich auf Daten aus Deutschland. Wir werden aber versuchen, die gesellschaftlichen Aspekte allgemeiner zu betrachten. Zur Biologie des Wildverbisses Die Problematik des Wald-Wild-Konflikt besteht darin, dass die wiederkäuenden Huftiere unter den Wildtieren nicht nur Gras fressen, sondern sich vor allem im Winter und Frühjahr von Knospen der Bäume ernähren und zusätzlich die Rinde der Baum-

stämme annagen (Prien und Müller, 2010). Die Schäden erzürnen den Bewirtschafter, der mit Sorge den Schwund an Baumarten im Jungwuchs beobachtet und den Wertverlust des Holzes sieht. Im Naturschutz wird der Verlust von Baumarten kaum beachtet (Reif et al., 2010). Das Wild – vor allem das Rehwild – ist ein Feinschmecker, das bestimmte Baumarten bevorzugt. In einem Thüringer Laubwald wurde der frische Verbiss des letzten Winters über eine Stichprobeninventur ermittelt (Schulze et al., 2010). Es wurden 77 Prozent des Bergahorns verbissen, obgleich dieser nur mit 20  Prozent der Indi­viduen in der Verjüngung vorhanden ist. Bei der Hainbuche wurden 73 Prozent der Terminalknospen verbissen, obgleich nur 0,1 Prozent des Bestands von dieser Baumart gestellt wird. Dagegen wurde bei Buche trotz hoher In­ dividuenzahl (50  Prozent) nur 12 Prozent der Terminalknospen verbissen. Fehlen die Edellaubhölzer, werden einzelne Fichten in einer Buchendickung oder einzelne Buchen in einer Fichtendickung verbissen. Im montanen Wald ersetzt die Vogelbeere (Sorbus aucuparia) das Edellaubholz und wird entsprechend abgeäst. Somit sind die Schäden in allen Waldstufen gross. In Thüringen, das von der collinen bis zur montanen Stufe reicht, sind 100  Prozent der Edellaubhölzer verbissen, aber nur 17 Prozent der Buchen und nur 7  Prozent der Fichte (Brümmel und Niephagen, 2014). Das hier geschilderte Problem reicht von Schweden (Kullberg und Bergström, 2001) über die Alpen (Bang und Duc, 2002) bis nach Südeuropa (Bugalho und Milne, 2003). Schalenwild ist bestimmend für die Vegetationsentwicklung in europä­ischen Wäldern (Schütz, 2005). Der Verbiss der Wipfelknospe ist im Kon­ kurrenzkampf der Arten im Verjüngungs­ stadium besonders wirksam. Der verbissene Bündner Wald 3/2016 5

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Abb. 1: Anzahl der Baumarten auf 8 m2 grossen Beobachtungsflächen bei unterschiedlicher Vegetationshöhe für unbewirtschafteten Naturschutzwald, Plenterwald und Altersklassenwald. Im Vergleich dazu werden die Artenzahlen in einer gezäunten Waldparzelle gezeigt. (Grafik: Max Planck Institut für Biochemie)

Baum kann nur bei dem nächst tieferen Wirtel wieder austreiben, d. h., es geht der letztjährige Trieb verloren, während der unverbissene Nachbar einen neuen Trieb bildet, der damit einen unwiederbring­lichen Konkurrenzvorteil hat. Nach einem Jahr besteht ein Unterschied in der Höhe von bis zu zwei ­Jahrestrieblängen, und das kann bereits entscheidend für das Überleben des Verbis­senen sein. Begehrte Arten werden im Allgemeinen wiederholt verbissen.

Ahorn und Esche sind wegen ihrer herausragenden apikalen Knospe besonders betroffen. Im Gegensatz dazu ist die Wipfelknospe der Buche relativ gut geschützt, da sie nach dem Austrieb zunächst nach unten hängt und sich erst später mit zunehmender Verholzung aufrichtet. Zusätzlich hat die Buche ein dichtes Verzweigungssystem und bietet dem Wild auch im Winter vor allem Seitenknospen zum Frass an. Hinzu kommen sekundäre Inhaltsstoffe, die einige

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Abb. 2: Verbisskarte Thüringen aus dem Jahr 2013. (Grafik: Thüringen Forst)

Arten begehrt machen. Dies gilt anscheinend für die Eiche, die Vogelbeere und den Bergahorn. Artenschwund ohne Wildschutz bis zum Dickungsalter ist wildbedingt Die Auswirkung des selektiven Verbisses ist eine schleichende Verschiebung im Artenspektrum des Waldes. Abb. 1 zeigt die ­Artenzahl auf 8 m2 grossen Beobachtungsflächen bei aufwachsender Verjüngung bis zu über 1,3 m hohen Heistern. Unabhängig von der Bewirtschaftung ist eine Abnahme in der Artenzahl zu beobachten. Von durchschnittlich zwei bis drei Baumarten (maximal sechs Baumarten) – pro Aufnah-

mefläche in der niedrigen Verjüngung – bleibt in der höheren Verjüngung nur eine einzige Baum­art übrig: die Buche. Der ­Artenschwund ist im unbewirtschafteten Naturschutzwald am grössten. Dies gilt insbesondere für Nationalparks, wo unter dem Motto «Natur Natur sein lassen» (Bibel­-rie­ther, 1991) die Jagd ruht, aber auch für Nationalparks, in denen nur in einer kurzen Periode gejagt wird ­(Haller, 2014). Nicht untersucht wurden Wildschutzgebiete. Dort werden ähnliche Verhältnisse erwartet. Die Situation von Wildschutzgebieten in Schutzwäldern ist daher besonders bedenklich, vor allem wenn diese über die Landschaft verteilt sind. Bündner Wald 3/2016 7

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Es wäre denkbar, dass die in Abb. 1 dargestellte Beobachtung nicht vom Wildverbiss herrührt, sondern die Begleitarten bei aufwachsender Verjüngung durch natürliche Konkurrenz verschwinden. Die Buche wurde in älterer Literatur immer wieder wegen ­ihrer Konkurrenzkraft gerühmt. Der Zusammenhang mit dem Wildverbiss ist letztlich nur durch sogenannte Weiserzäune nachweisbar, die das Wild ausschliessen und eine ungestörte Entwicklung der Baumarten zulassen. Im Weiserzaun (Abb. 1) ist die Baumartenzahl auch in der niedrigen Verjüngung deutlich höher als im Freibestand (vier bis sechs Baumarten), was darauf hinweist, dass der Verbiss im Keimlingsstadium beginnt. Abgebissene Keimlinge tauchen in der Verbissstatistik nicht auf. Des Weiteren sinkt die Artenzahl im Zaun nicht ab. Das Arteninventar bleibt bis zum Dickungsalter erhalten. Das bedeutet, dass natürliche Ausleseprozesse erst später wirksam werden und der Artenschwund ohne Wildschutz bis zum Dickungsalter wildbedingt ist. Regionale Erfassung des Wildverbisses Die Voraussetzung für eine regionale Feststellung des Verbisses ist ein objektives Netz an Beobachtungspunkten mit geeigneten Erfassungsverfahren (Hessenmöller et al., 2013). Ideal wäre es, die Verbissinventur an die nationale oder regionale Wald­inventur anzuhängen. In Thüringen wurde ein objektives Netz an Flächen bestimmt, aber innerhalb dieser Flächen hatte das Bearbeitungsteam nach wie vor subjektive Freiheiten in der Auswahl der Aufnahmefläche. Trotz dieser Restsubjektivität entstand eine Verbiss- und Schälkarte über Thüringen, die die Schäden von «gesicherter Verjüngung» bis hin zu dem Zustand einer «Gefährdung der Verjüngung durch Verbiss» klassifiziert

In Thüringen besteht eine flächendeckend Gefährdung durch verschiedene Wildarten wie Reh, Muffel, Damwild und Rotwild unabhängig von den Eigentumsverhältnissen mit einem Maximum im Privatwald (Abb. 2). Das Beispiel betrifft zwar Thüringen, die Verhältnisse sind aber ähnlich für ganz Deutschland (BWI3). Auf 50  Prozent der Inventurpunkte ist die Verjüngung der Mischbaumarten und der Hauptbaumarten infrage gestellt. Analyse der gesellschaftlichen Ursachen der Wildproblematik Bislang gibt es keine länderübergreifende Untersuchung über die Ursachen der hohen Wildbestände (Bouriaud et al., 2016). In Abb. 3 wird ein Versuch unternommen, die verschiedenen Interessen darzustellen, die auf die Population des Wildes einwirken. Das Bild ist geprägt durch eine Vielzahl von Akteuren, die bei der Bewirtschaftung des Waldes und der Wildbewirtschaftung mitreden und mitbestimmen wollen (Schulze und Schulze, 2013), wobei es unter den Akteuren immer Gruppierungen für den Wald oder für das Wild gibt. In Abb. 3 wurde versucht, ein Minimum an Interaktionen darzustellen, die zu Verbiss beziehungsweise gesunder Verjüngung führen. Die Identifikationen der Interaktionen beruht auf der Erfahrung der Autoren, ist aber letztendlich subjektiv. Es gibt den Eigentümer, der aber auch dann, wenn für ihn der Wald ein Wirtschaftsobjekt ist, nicht ungestört wirtschaften kann. Das Wild wird in der Schonzeit über die Grenze zum waldfreundlichen Nachbarn laufen (Pfeil 9) und im «grünen» Forst äsen. Es gibt den Staat, der als gesetzgebendes Organ die Situation regeln könnte (Pfeil 3). Doch es gibt auch viele Jagdausübende ohne Land, die in der Freizeit auf jeden Fall etwas er-

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Abb. 3: Zusammenwirken verschiedener Interessen bei der Wildbewirtschaftung. Grüne Pfeile: Unterstützung einer Artenvielfalt im Wald. Schwarze Pfeile: Unterstützung hoher Wildpopulationen bei reduzierter Artenvielfalt im Wald. Blaue Pfeile: Mögliche Lösungsansätze zum Schutz der Baumartenvielfalt im Wald. Die Abbildung enthält eine Auswahl von Mechanismen, die aber sicher weit vielfältiger sind. (Grafik: Max Planck Institut für Biochemie)

legen wollen (Pfeil 4). Es gibt zwar Waldumbauprogramme als Reaktion auf Sturm­ereignisse, aber es besteht kein besonderes Interesse, grundlegend etwas im Bereich der Jagdgesetzgebung zu tun. Der Staat übernimmt die Rolle der barocken Feudalherren. Dabei zeigen Bouriaud et al. (2016), dass der Staat durch eine Verschärfung des Haftungsrechts und durch Beweisumkehr (d. h., der Jäger muss nachweisen, dass das Wild, das er füttert, keine Bäume beim Nachbarn frisst) in der Tat über Instrumente verfügt, die dem Wald sogar kurzfristig helfen könnten (Pfeil 3). Die Jagdplanung müsste unabhängig vom Jagdinhaber erfolgen und sich an den Zielen der Wirtschafts- oder Schutzwaldpflege orientie en. Neben dem Eigentümer gibt es die Gesellschaft, die in zunehmendem Masse in der Stadt lebt und die in der Freizeit im Wald

nach Erholung sucht, weil die Feldflur nicht mehr als Erholungsraum geeignet ist. Mit der Entfremdung vom Land geht auch einher, dass es ein grosser Teil der Bevölkerung anscheinend nicht mehr verträgt, dass wilde Tiere getötet werden, und man ist erfreut, am Wochenende im Wald «Wild» sehen zu können (Pfeil 7). Als Akteur gibt es den ­Jäger, der in den meisten Fällen kein Landeigentümer ist und für eine hohe Pacht seinem Hobby, der Jagd, nachgeht, und die Geweihe und Gehörne der männlichen Tiere als Trophäe primär im Auge hat, die ohne Fütterung nicht zu erreichen sind (Pfeil 9). Schliesslich gibt es externe Jäger, z. B. die Wilderer (Pfeil 10) und die natürlichen Prädatoren (Pfeil 11) – insbesondere der Wolf und der Luchs –, die in Westeuropa weitgehend ausgerottet wurden, da sie mit dem Jäger um Beute konkurrieren. Bündner Wald 3/2016 9

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Die Abbildung legt nahe, dass es in Europa – unabhängig von der politischen Richtung und Gesetzgebung – grosses Interesse an hohen Wildbeständen gibt, wobei die Verherrlichung der Trophäe und die Vermutung, dass «der Rothirsch ... immer noch die vornehmste Art der Bestechung in Politik und Wirtschaft» ist (Klingholz, 1958), nach wie vor gültig sind und durchaus eindämmbar wären. Die Verabschiedung hoher Beamter mit dem Abschuss einer Trophäe gehört in die gleiche Kategorie (Süddeutsche Zeitung, 1993). Es gibt aber auch Situationen, in denen es eine grosse Zahl von Jägern gibt (z. B. in der Schweiz), die dann aber mit dem Trophäenkult verwoben sind und nicht die Regulation der Wildpopulation vor Augen haben. Selbst in Skandinavien, wo die Jagd eine Art von Volkssport ist, kommt es zu Überpopulationen. Dort aber hat der Erwerb von Wildbret neben der Trophäe einen eigenen Stellenwert. Es bleiben der Wilderer und das natürliche Raubtier, die dem Wald helfen könnten. Die Wilderei ist mit steigendem Wohlstand zurückgegangen und in den meisten Ländern eine Straftat. Die Rolle der Raubtiere bleibt umstritten (Gärtner und Noack, 2009). Es scheint so zu sein, dass Wolf und Luchs nur einen Bruchteil des Wildes abschöpfen können, aber dass das Wild unabhängig von der Schonzeit gestört wird. Ob die Jagd erleichtert wird, ist umstritten. Insofern ruht in der modernen Gesellschaft eine grosse Hoffnung auf Luchs und Wolf. Schlussfolgerung Trotz aller Euphorie über die Rolle des Waldes im Klimaschutz als Gegengewicht zu den industriellen Emissionen, ist die Situa­tion für die Baumartenvielfalt im Wald dramatisch. Umso wichtiger ist es, auf der Basis von ­objektiven Stichprobeninventuren regionale

Daten zu erstellen. Nur mit Zahlen und Fakten, insbesondere wenn diese finanziell unterlegt sind, können Entscheidungsträger überzeugt und zu Änderungen in der Gesetzgebung bewegt werden. Literatur Apollonio M, Andersen R, Putman R (2010): European ungulates and their management in the 21th century. Cambridge University Press, 604 pp. Bibelriether H (1991): Natur Natur sein lassen. In: Prokosch P (ed.): Ungestörte Natur – was haben wir davon? 11. Internationaler Wattenmeertag 1991, Husum. WWF Tagungsberichte 6: 85–104. Bouriaud L, Prokofieva I, Gòrriz E, Schulze ED et al (2016): Institutional patterns to fin instruments to regulate the overabundance of wild herbivore in Europe. Ecological Economics (in review). Bang P, Duc P (2002): Zu wenig Verjüngung im Schweizer Gebirgs-Fichtenwald: Nachweis mit einem neuen Modellansatz. Schweiz. Z. Forstwesen 6: 219–227. Brümmel R, Niepagen A (2014): Ergebnisse der Verbiss- und Schälinventur 2013 im Freistaat Thüringen. ThüringenForst. Bericht. Bugalho MN, Milne JA (2003): The composition oft he diet of red deer (Cervus elaphus) in a Mediterranean environment: a case of summer nutritional constraints? Forest Ecology and Management 181: 23–29. Cromsigt JPGM, Kuijper DPJ, Adam M, Beschta et al. (2003): Hunting for fear: innovating management of human-wildlife conflicts. J Appl. Ecology: 50: 544 – 549. Klingholz K (1985): Der waidwunde Wald. ­ ultur Die Zeit: Ausgabe vom 23.3.1985, Teil K Gärtner S, Noack R (2009): Populationsentwicklung und Schälschäden des Rotwildes in den nordostsächsischen Wolfsgebieten. Artenschutzreport 23/2009: 27–31.

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Gill RMA (1992): A review of damage by mammals in Northern temperate Forests: 1. Deer. Forestry 65: 145–169. Goubert P, Denis M (1789): Les Français ont la parole. Cahiers de doléances des États généraux présentés par Pierre Goubert et Michel Denis, suivis d’un glossaire pratique de la langue de quatre-vingt-neuf. Paris: Jul­ liard. Reprint 1964. Haller H (2014): Flaggschiffe des strikten Naturschutzes: der Schweizerische Nationalpark im Engadin. Nationalpark 164: 10 –15. Hessenmöller D, Elsenhans AS, Schulze ED (2013): Die PPS-Transektmethode zur Erfassung von Verjüngungen. AFZ – Der Wald 10/2013: 38–39. Horsley SB, Stout S, DeCalesta DS (2003): White-tailed deer impact on the vegetation dynamic of a Northern hardwood forest. Ecological Applications 13: 98 –118. Köstler J (1934): Geschichte des Waldes in Altbayern. C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung. München, 174pp. Kullberg Y, Bergström R (2001): Winter browsing by large herbivores on planted deciduous seedlings in Southern Sweden. Scand. J. For. Res. 16: 371–378. Prien S, Müller M (2010): Wildschäden im Wald. Neumann-Neudamm, 365pp. Reif A, Bruckner U, Kratzer R, Bauhus J, Schmiedling A (2010): Was verbindet, was trennt Forstleute und Naturschützer? AFZ – Der Wald 10/2010: 22–24. Schulze ED, Bouriaud, O, Wäldchen J, Eisenhauer N et al. (2010): Ungulate browsing causes species loss in deciduous forest independent of community dynamics and sil-

vicultural management in Central and South­ eastern Europe. Annals of Forest Research 57: 267–288. Schulze ED, Schulze I (2013): Wer will was vom Wald? – Umwelt- und Klimaverträglichkeit bei steigender Inanspruchnahme. AFZ – Der Wald 6/2013: 7–10. Schütz M (2005): Huftiere als «Driving Forces» der Vegetationsentwicklung. Forum für Wissen 2005: 27–30. Shakespeare (1607): Antonius und Cleopa­ tra. 1. Akt, 4. Szene, übersetzt von WC Baudissin, Bertelsmann, Bd. 6, 1957. Süddeutsche Zeitung (1993): Hohe Beamte schiessen die teuersten Böcke. SZ vom 27. November 1993, Seite 55. Ernst-Detlef Schulze Schulze ED, Max Planck Institut für Biogeochemie Postfach 100164, D-07701 Jena

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Wildeinfluss im Gebirgswaldbau – eine persönliche Bilanz Für diesen Beitrag habe ich aus den alten Akten der Schweizerischen Gebirgswaldpflegegrupp  GWG das Arbeitspapier Wald-Wild ausgegraben, das in den Jahren 1991 / 1992 entstanden ist. Die Gebirgswaldpflegegruppe führt seit 1984 in verschiedenen Kantonen Waldbautagungen durch und schreibt 1992 Folgendes in ihrem Papier: «Die vorgeschlagenen waldbaulichen Massnahmen scheitern jedoch praktisch durchwegs an den übersetzten Schalenwildbeständen.» Seither hat sich viel verändert. Es wurden zahlreiche Studien verfasst, Methoden für die Erfassung des Wildeinflusses wurden entwickelt, das BAFU hat eine neue Vollzugshilfe für den Wald und das Wild erlassen, Wildru­hezonen wurden geschaffen und für die Schutzwaldpflege wurden waldbauliche Anforderungsprofile formuliert. Auch wenn die Verjüngung immer noch unbefriedigend ist, so haben sich doch vor allem die Kommunikation und die Zusammenarbeit zwischen den Vertretern von Wald und Wild verbessert. Dieses Fundament bietet die Chance, die Bedingungen für die Verjüngung in den Gebirgswäldern wirksam zu verbessern. Im Rahmen der Programmvereinbarungen zwischen Bund und Kantonen fliessen jährlich rund 120 Millionen Franken an öffentlichen Geldern in die Schutzwaldpflege. Trotzdem hat in der Schweiz gemäss Landesforstinventar der Anteil der Schutzwaldfläche mit kritischer bis ungenügender Verjüngung in der Zeit zwischen 1995 und 2013 von 36  Prozent auf 41 Prozent zugenommen (Rigling, A., Schaffer, H. P. 2015). Es wäre falsch, diese Entwicklung alleine dem Wild anzulasten, aber im Gebirgswald behindert der Wildeinfluss das Erreichen waldbaulicher Zielsetzungen massgeblich. Im Folgenden versuche ich meine persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen im

Schweizer Gebirgswald zusammenzufassen, die ich im Verlauf der letzten 30 Jahre an zahlreichen Begehungen und Veranstaltungen in der Praxis gemacht habe. Ich nehme mir dabei die Freiheit heraus, über meine Arbeit als Leiter der Fachstelle für Gebirgswaldpflege zu berichten, obwohl viele Aussagen (noch) nicht wissenschaftlich belegt werden können. Wildeinfluss ist schwierig zu bewerten Veränderungen im Gebirgswald sind schleichende Prozesse, die schwer zu erfassen sind. 30 Jahre entsprechen ungefähr 20  Prozent eines Baumlebens im bewirtschafteten Wald, und so lange dauert oft auch die Zeitspanne zwischen zwei Eingriffen am gleichen Ort. Wenn während dieser Zeit zu wenig oder keine Verjüngung heranwächst, ist das wenig spektakulär, und nur dem Förster fällt es auf. Die methodische Erfassung der Verjüngungssituation und deren Entwicklung ist sehr aufwendig. Es dauert Jahre, bis zuverlässige Ergebnisse vorliegen, und selbst dann können immer noch die Methoden infrage gestellt werden. Auswirkungen der Wildbelastung Wenn nun aber der Einfluss des Wildes während Jahrzehnten so gross ist, wie viele Förster behaupten, müssten die Auswirkungen davon doch spürbar sein? Tatsächlich können im Wald Phänomene beobachtet werden, die zur Sorge Anlass geben: – Natürliche Selbstregulation: Bei günstigen Bedingungen können dank der natürlichen Selbstregulation der Waldentwicklung die Pflegemassnahmen reduziert werden. Das gilt insbesondere im Verbreitungsgebiet der Weisstanne. Das Fehlen dieser Baumart vergrössert den Handlungsbedarf und erhöht das ­Risiko. Bündner Wald 3/2016 13

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– Überalterung: Wenn die alten Bäume älter werden, ohne dass gleichzeitig die Verjüngung nachwächst, verschärft sich der Prozess der Überalterung. – Instabilität: Wenn die Überalterung fortschreitet, sinkt die Stabilität, und das ­Risiko für flächige Schäden nimmt zu – Blössenbildung: Wenn sich Bestände durch den Ausfall alter instabiler Bäume bei fehlender Verjüngung langsam auflichten, kann die sich ausbreitende Bodenvegetation auf vielen Standorten den Verjüngungsprozess langfristig behindern. – Verbauungen: In manchen Situationen muss die nachlassende Schutzwirkung eines Walds durch technische Massnahmen ersetzt werden. Mit dem Argument der Sicherheit ist es einfacher, ein Verbauungsprojekt zu begründen, als die Rahmenbedingungen für die langfristige Waldverjüngung zu verbessern, obwohl es um ein Mehrfaches teurer ist. – Produktionsverlust: Wenn sich die Verjüngung mit Verzögerung oder gar nicht einstellt, ergibt sich daraus eine Verlängerung der Umtriebszeit beziehungsweise des Produktionszeitraums, was insbesondere in gut erschlossenen Wäldern einen ökonomischen Verlust darstellt. Das Bildpaar (Abb.  1 a, 1 b) zeigt beispielhaft, wie solche Prozesse ablaufen können. Im Jahr 1997 wurde in diesem Tannen-­ Buchenwald ein Eingriff zur Förderung der Verjüngung und zur Ausformung der kleinflächigen Struktur ausgeführt. Vor dem ­Eingriff waren an der im Bild (Abb. 1a) gezeigten aufgelichteten Stelle zahlreiche Tannensämlinge vorhanden. Um diesen den Aufwuchs zu erleichtern, wurden ei­ nige Bäume entfernt, und um die Entwicklung zu beobachten, wurde ein kleiner Zaun errichtet. 18 Jahre später (Abb. 1b) ist

die Bodenvegetation dichter, aber sonst hat sich kaum etwas verändert. Der eilige Beobachter wird daraus schliessen, dass die Verjüngung mehr Geduld braucht, dass die Öffnung im Kronendach zu klein ist, oder er wird vermuten, dass etwas mit der Keimfähigkeit der Samen nicht stimmt. Der kleine Zaun im Hintergrund von Abb. 1b zeigt jedoch eindrücklich, welche Entwicklung in dieser Situation erwartet werden könnte. Die Tannen im Zaun sind heute bereits ein bis zwei Meter hoch. Bei näherer Betrachtung sind auch über die Fläche verteilt immer noch Sämlinge der Tanne und anderer Baumarten zu finden, welche starken Verbiss aufweisen. Bei den Stichprobenaufnahmen zum Wildeinfluss werden jedoch Sämlinge, die kleiner als 10 cm sind, nicht erfasst, weshalb hier gar kein Wildeinflus festgestellt wird. Eingeschränkte Handlungsoptionen Wenn im erwähnten Beispiel der Verjüngungsprozess erfolgreich verlaufen wäre, könnten nun weitere Bäume geerntet und gleichzeitig die aufkommende Verjüngung gefördert werden. In der gegebenen Situa­ tion sind die Erfolgsaussichten dieses Vorgehens jedoch zweifelhaft. Manche Kol­ legen suchen einen Ausweg, indem sie stärker eingreifen und für die Verjüngung grössere Öffnungen schaffen, in der Erwartung, dass dadurch die jungen Bäume dem Äser schneller entwachsen oder dass sich vermehrt lichtbedürftige Baumarten einstellen werden. Dieses Vorgehen beinhaltet erhebliche Risiken. Denn wenn sich die Verjüngung nicht wie erwartet entwickelt, kann die sich ausbreitende Bodenvegeta­ tion den Verjüngungsprozess langfristig auf grosser Fläche behindern. In manchen Fällen muss man feststellen, dass die wald­ baulichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind

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Abb. 1a: 2. Oktober 1997, Zustand vor dem Eingriff.

Abb. 1b: 15. September 2015, Zustand 18 Jahre nach dem Eingriff mit dem Zaun im Hintergrund (roter  Pfeil). (Bilder: Raphael Schwitter)

und weitere Massnahmen kontraproduktiv werden. Vermehrt sind auch Situationen anzutreffen, in denen den Förstern empfohlen werden muss, aufgrund des hohen Verbissdrucks auf

Eingriffe zu verzichten. Es ist nicht zumutbar, dass sie die Verantwortung für Massnahmen übernehmen, deren Erfolgsaussichten so gering sind. Insbesondere für den Schutzwald sind das keine guten Nachrichten, denn aufBündner Wald 3/2016 15

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wendige Sanierungsarbeiten mit technischen Massnahmen können die spätere Folge davon sein. Wälder können während langer Zeit auch bei mangelhafter Verjüngung dicht genug sein, um die Schutzwirkung zu erfüllen. Wenn aber ein solcher Bestand durch Borkenkäfer oder Sturm zerstört wird, dauert es sehr viel länger, bis dessen Schutzwirkung wieder hergestellt ist. Es gibt zahlreiche ­Flächen auf denen zum Beispiel nach dem Sturm ­«Vivian» von 1990 aufwendige Verbauungen und Aufforstungen gemacht werden mussten, weil zu wenig Verjüngung vorhanden war. Umgekehrt gibt es auch Beispiele von Sturmflächen, auf denen die bereits vorhandene Verjüngung die Schutzfunktion sehr schnell und bei geringen Kosten wieder übernehmen konnte. Schutzmassnahmen Immer wieder wird der Versuch unternommen, die Verjüngung vor Wildeinfluss zu schützen. Nach anfänglichen Erfolgserlebnissen scheitern diese Bemühungen aber meistens am langfristigen Unterhalt, der im Gebirgswald während mehrerer Jahrzehnte sichergestellt werden muss, um die jungen Bäume tatsächlich zu retten. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Wildschutzmassnahmen im Gebirgswald nur punktuell wirksam sind, wenn es zum Beispiel darum geht, einzelne Samenbäume zu schützen. Es muss gelingen, die Schalenwildbestände auf einen deutlich tieferen Stand zu bringen. Insbesondere für langfristig wirksame Schutzwälder gibt es hierzu keine praxis­taugliche Alternative. Und solange die Waldverjüngung nicht für alle Baumarten gesichert ist, kann die Forderung nach einer Regulierung der Wölfe und Luchse in der Schweiz aus jagdlichen Gründen nicht nachvollzogen werden.

In Zukunft wird sich die Bedeutung des Wildeinflusses auf die Waldverjüngung wegen des Klimawandels noch verschärfen. Es muss zum Beispiel möglich werden, die Fichtenbestände in den Alpen durch andere Baumarten anzureichern. Solche Anpassungen der Baumartenzusammensetzung in den Gebirgswäldern sind nur möglich, wenn der Wildeinfluss gegenüber heute deutlich reduziert wird. Meine Schilderung der Situation steht teilweise in Widerspruch zu anderen Publika­ tionen zu diesem Thema (M. Fehr et al. 2016). Die Schwierigkeit liegt wohl darin, dass die Aussagekraft der unterschiedlichen Methoden und verfügbaren Daten begrenzt ist und dem Verjüngungsproblem vieler Gebirgswälder nicht gerecht wird, wie es die Autoren in ihrem Fazit andeuten. Die gute Nachricht ist, dass diese Art der Diskussion den Weg für wirkliche Verbesserungen bereiten kann. Literatur M. Fehr, M. Frei, S. Krättli, O. Schneider, M.  Huber, A. Kupferschmid 2016: Wie steht es um den Einfluss von Reh, Gams und Hirsch? In Wald und Holz Nr. 4 / 2016. Rigling, A., Schaffer, H. P. (Eds.) 2015: Waldbericht 2015. Zustand und Nutzung des Schweizer Waldes. Bundesamt für Umwelt, Bern, Eidg. Forschungsanstalt WSL, Birmensdorf.

Raphael Schwitter Fachstelle Gebirgswaldpflege CH-7304 Maienfeld Telefon +41 81 403 33 58 www.gebirgswald.ch

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Wie weiter mit der Wald-Wild-Frage in Graubünden? Rund zwei Drittel der Waldfläche im Kanton Graubünden sind Schutzwälder. Die Schutzwälder haben eine existenzielle Bedeutung für unseren Kanton. Der Bündner Forstdienst ist mit der anspruchsvollen Pfleg betraut und betreibt diese kontinuierlich mit erheblichem Aufwand. Sinn und Zweck der eigentlichen Schutzwaldpflege sind stabile, nachhaltige und gut aufgebaute Wälder. Dabei ist das Einleiten und Fördern der Naturverjüngung ein Kernelement. Mit den überhöhten Wildbeständen und dem politischen Druck auf die Bündner Jagd spitzt sich die Sachlage im Wald zu – genauso wie im öffentlichen Diskurs. Es sind Strategien aus dieser scheinbaren Sackgasse gefragt, denn wir müssen uns auch gezielt auf den Klimawandel vorbereiten. Hierfür ist das Rezept klar – artenreiche Wälder.

Der Schutzwald leidet zu stark unter dem Wildeinfluss Das Gleichgewicht im Ökosystem Wald ist heute, was die Waldverjüngung anbelangt, über weite Teile der Bündner Wälder nicht vorhanden. Hohe Wildbestände erschweren und verunmöglichen teilweise das Aufkommen der Naturverjüngung. Der starke Einfluss des Wildes auf die Jungwaldentwicklung ist durch Jungwald-/Wildschadenaufnahmen sowie durch Kontrollzäune belegt. Auf 17 % der Gesamtwaldfläche bestehen Verjüngungsprobleme, welche ganz oder teilweise auf die Einwirkung von Schalenwild zurückgehen. Im Schutzwald sind es sogar 19 %. Insbesondere die natürliche Verjüngung der Weisstanne ist heute praktisch in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet ohne Schutz-

Der Regionalforstingenieur, der Waldfachchef und der Revierförster machen sich gemeinsam ein Bild über die Wildbelastung im Schutzwald. (Bilder: Sandro Krättli)

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massnahmen nicht mehr möglich. Im Altbestand ist die Weisstanne die dritthäufigst Baumart. Ihre Samen keimen gut, doch ­stagniert das Aufwachsen der jungen Bäume ab Höhe Krautschicht infolge Verbiss durch Schalenwild. Die Verjüngung der Vogelbeere, die als wichtige Wegbereiterin der Fichtenverjüngung in den subalpinen Fichtenwäldern funktioniert, wird in fünf von zehn Wald-Wild-Berichten als ungenügend bis lokal ganz ausbleibend beurteilt. Beim Ahorn und bei der Waldföhre muss ebenfalls von untragbaren Verbisswerten ausgegangen werden gemäss den Ergebnissen des Landesforstinventars. Die Unterdrückung der Jungwaldentwicklung blockiert das waldbauliche Handeln und stellt letztlich die Erfüllung der Waldfunktionen infrage. Können sich keine Verjüngungsansätze einstellen, entwickelt sich die Bodenvegetation oft so üppig und dicht, dass für längere Zeit kaum mehr Keimlinge ansamen und aufwachsen können. In diesem Falle kann mit waldbaulichen Massnahmen nichts mehr erreicht werden. In besonders schwierigen Fällen wird versucht, die Verjüngung mit Wildschadenverhütungsmassnahmen zu unterstützen. Solche Massnahmen sind jedoch sehr teuer und werden deshalb nur punktuell eingesetzt. Der Erfolg eines Wildschutzzauns ist zudem nicht garantiert, kann schon ein einzelner Baum, der auf einen Wildschutzzaun fällt, unter Umständen die Anstrengungen von mehr als einem Jahrzehnt in kurzer Zeit zunichtemachen. In Gebieten, in welchen erfahrungsgemäss mit erheblichen Wildschäden zu rechnen ist, besteht die Tendenz, ganz auf waldbauliche Eingriffe zu verzichten. Mittelfristig bietet dieses Vorgehen keine Lösung, denn die Waldbestände werden damit noch dunkler und somit für neue Verjüngung ungünstiger.

Die seit einigen Jahren herrschende Wildproblematik muss jetzt einer Lösung zu­geführt werden. Es dauert lange, bis sich ­unsere Schutzwälder erholt haben. Die Reduktion des Wildverbisses ist deshalb unverzüglich an die Hand zu nehmen. Das bedeutet: Ohne stärkere Wildregula­tion geht es nicht! Die natürliche Bestandesregulierung durch Wolf und Luchs ist in diesem Zusammenhang zu begrüssen. Rolle des kantonalen Forstdienstes Es liegt auf der Hand, dass der kantonale Forstdienst in der Wald-Wild-Thematik eine zentrale Rolle einnimmt. Mit dem Instrument der regionalen Wald-Wild-Berichte (WWB) schafften wir zusammen mit dem AJF (Amt für Jagd und Fischerei) eine Grundlage, um die Wald-Wild-Problematik breit abgestützt anzugehen. Die erste Periode dieses Instrumentariums läuft in den ersten Regionen aus. Es zeigt sich, dass gewisse Verbesserungen für die Folgeperiode eingeflochten werden müssen; einzelne Punkte müssen gar komplett neu organisiert werden. Die Verantwortung, einheitliche und praktikable Ins­trumente auf der Waldseite bereitzustellen, liegt beim AWN. Dieser Verantwortung sind wir uns bewusst. Wir arbeiten auch intensiv daran, um hier möglichst fundierte und klare Grundlagen bereitzu­stellen. Die Darstellung und objektive Interpreta­tion der Verbisssituation ist gerade für Graubünden sehr anspruchsvoll. Neben wissenschaftlich fundierten Aufnahmen und deren korrekten Interpretation als einheitliche Basis ist die gutachterliche und jährliche Beurteilung des zuständigen Forstpersonals unerlässlich – ja gar entscheidend. Für diesen Teil werden künftig die Revierförster und Regionalforstingenieure gleichermassen gefordert sein. Bündner Wald 3/2016 19

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Die Jagd als wichtiger Partner für den Wald Die Jagd ist die wirksamste und beste Massnahme zur Verhinderung von übermässigen Wildschäden! Nur, die Bündner Jagd stösst bezüglich Leistungsfähigkeit merklich an ihre Grenzen. Die plausiblen und mittler­weile auch klar ausgesproche-

­ rundstruktur der traditionellen Bündner G Patentjagd erhalten will. Die weiteren Schalenwildarten werden bei Wald-WildDiskussionen oft aussen vorgelassen. Dies ist gerade aus forstlicher Sicht unverständlich. Weiter ist die Bündner Jagd mit ihrer Tradition und ihrer breiten gesellschaftlichen Verankerung ein heiss diskutiertes

Gepflegte Aufforstungsflächen im Schutzwald A oberhalb St. Antönien, welche grossflächig auf rund 8 Hektaren in den Wintern 2015 und 2016 geschält wurden.

nen forstlichen ­Forderungen, die Wildbestände auf ein waldverträgliches Mass zu senken, sind verschiedenen Umsetzungsschwierigkeiten ausgesetzt: Die Bejagung des Hirsches erfordert ein mit den Bündner Rahmenbedingungen abgestimmtes Vorgehen, um den verschiedenen Ansprüchen neben dem Wald gerecht zu werden. Das Konzept mit einer nachgelagerten Herbstjagd im November/Dezember ist die ­logische Umsetzung, wenn man die

Thema. Verschiedene Interessenansprüche prallen teilweise heftig aufeinander. Dies endete jüngst in zwei jagd- und waldfeindlichen Initiativen. Weitere Emotionen löst die Rückkehr der Grossraubtiere aus. Insbesondere die Bildung des Wolfsrudels am Calanda stellt eine neue Herausforderung dar. Für den Wald sind Grossraubtiere wie Luchs und Wolf wichtige Elemente, zusammen mit der Jagd. Solche Entwicklungen müssen von Forstleuten proaktiv kommu-

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niziert werden. Fordert man eine Modernisierung der Jagd im Sinne des Waldes, muss man sich gleichzeitig auch zu Jagdfragen äussern, die das Ökosystem Wald betreffen. Negative Entwicklungen müssen wir genauso bekämpfen wie wir Chancen erkennen und fördern müssen. Dieses neue Verständnis des Austauschs kann aber nicht nur die involvierten Ämter betreffen, sondern auch die weiteren wichtigen Partner. Solche Partner sind beispielsweise der Bündner Patentjägerverband (BKPJV) oder Naturschutzorganisationen. Innere Haltung und Positionierung des Bündner Forstpersonals Die Prozesse, welche sich in einer Verjüngungsfläche abspielen, laufen langsam ab – über Jahrzehnte! Oft können nur Kontrollzäune oder Fotografien plausibel dokumentieren, was geschieht beziehungsweise eben nicht geschieht. Umso wichtiger ist es, dass innerhalb der Forstbranche die gleiche Sprache gesprochen wird. Dies erfordert Sachverstand und eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik auf verschiedenen Ebenen: etwa bei der Ausbildung, bei der Planung, beim Festlegen und Kontrollieren von Zielen oder bei der direkten Kommunikation. Die Aufklärung bei solch langsamen Naturprozessen ist immens wichtig. Somit sehe ich hier auch einen der wichtigsten Entwicklungsschritte des Forstdienstes in den nächsten Jahren. Wir müssen eine gemeinsame Haltung entwickeln und geeint mit einer klaren Stimme für den Wald sprechen. Nur so können wir unsere Glaubwürdigkeit wahren. Dies geht nicht von heute auf morgen. ­Jegliche Schritte zur Optimierung der Jagd im Sinne einer Regulation der Schalenwildbestände, damit sie für den Wald tragbar sind, müssen unterstützt werden. So kann es

beispielsweise nicht angehen, dass sich forstlich tätige Personen gegen die Sonderjagd stellen. Die Rückkehr der Grossraubtiere – insbesondere von Luchs und Wolf – ist für den Wald begrüssenswert. Deshalb ist dazu eine grundsätzlich positive Haltung des Forstpersonals zu erwarten, die sich in manchen Köpfen wohl noch entwickeln muss. Es verbleiben weitere Jagdthemen, die den Wald direkt oder indirekt betreffen. Handlungsbedarf sehe ich bei einem uneingeschränkten Bekenntnis zur Artenvielfalt im Wald oder im Umgang mit Futterstellen, in der Distanzierung zum radikalen Tierschutz, der jagdlichen Priorisierung von Trophäen, der Argumentation bei Wildschutzgebieten oder der Umsetzung von Ruhezonen – um nur einige Beispiele zu nennen. Was sind die nächsten Schritte des AWN? Als zuständiges Amt werden wir bemüht sein, die zeitnahe und objektive Darstellung der Situation sicherzustellen. Hierfür sind auch Anpassungen von bestehenden Konzepten notwendig, wie bereits erwähnt. Die erste Revision eines Wald-Wild-Berichts wird zurzeit in der Surselva durchgeführt. Dieser Prozess dient auch gleich als Pilot, um konkrete Verbesserungen aus der ersten WWBPhase einfliessen zu lassen. Folgende konkrete Anpassungen zeichnen sich bereits ab: – Das Netz von Aufnahmeflächen wird ­enger geflochten und die eigentlichen Aufnahmen werden intensiviert. Jede Waldregion erarbeitet einen Masterplan für diese Aufnahmen. Insbesondere werden die Aufnahmen mit dem praktischen Teilprogramm zwei ausgeweitet (vereinfachte Feldaufnahme nach NaiS-Kriterien). – Für die jährliche, gutachterliche Berichterstattung wird ein neues Tool zur Beurteilung bereitgestellt. Die jeweilige BeurBündner Wald 3/2016 21

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teilung wird nach klaren Anleitungen durch den zuständigen Revierförster und Regionalforstingenieur oder -ingenieurin jeweils im Frühjahr vor der Jagdplanung ausgeführt. – Die Periode für die Revision der WaldWild-Berichte wird auf 5 bis 7 Jahre verkürzt. Gleichzeitig wird das schriftliche Dokument entschlackt und auf die betroffene Periode fokussiert. Die neu konzipierten Wald-Wild-Berichte müssen mit der gutachtlichen Berichterstattung korrespondieren bzw. die gutachterliche Beurteilung ergänzt den periodischen WaldWild-Bericht. – Wir stellen fest, dass das Bedürfnis nach aktuellen Informationen steigt und auch besonders für den Themenbereich WaldWild moderne Möglichkeiten für den Infofluss gefragt sind. Die Aufbereitung dieser Daten für Laien oder generell für die interessierte Allgemeinheit ist anspruchsvoll. Es ist jedoch das erklärte Ziel, diese Information öffentlich, verständlich und zeitnah darzustellen. Wir denken dabei an einen Mapservice. Die aufgeführten Punkte sind deutliche Schritte des AWN zur Optimierung auf der Verwaltungsebene. Die jeweiligen Hand-

lungsfelder erfordern klar auch das Engagement der Waldeigentümer und ihrer Revierförster. Erwartungen an die forstlichen Partner Waldeigentümer: Es müssen vermehrt Eigentümerinteressen in die Diskussionen fliessen Betroffen ist in Graubünden meist Gemeindewald. Die Gemeinden können und sollen auf politischer Ebene ihre Ansprüche geltend machen. Hier ist der Forstdienst besonders gefordert, damit die Entscheidungsträger über die Situation und das Ausmass möglichst objektiv informiert werden. Die Revierförster als ihre Angestellten sind dabei die wichtigsten Botschafter. Forstpersonal: Wir wissen bereits sehr viel, wie sich die Verjüngungssituation präsentiert. Daher ist vom Fachpersonal in der ­gesamten Breite eine klare und vor allem ­eindeutige Haltung zu erwarten. Der Waldzustand geht uns alle an. Bildungsstätten: Die Ausbildung ist das Fundament einer funktionierenden Branche. Auf allen Bildungsstufen muss die WaldWild-Thematik eine wichtige Stellung in den Lehrplänen einnehmen. Nur so kann gewährleistet werden, dass bei der prakti-

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Der Einfluss der Gämse auf die Waldverjüngung kann bspw. in Steinschlagschutzwäldern das Aufkommen der Naturverjüngung entscheidend hemmen.

schen Arbeit lösungsorientiert und sachlich vorgegangen wird. Forschung: Die Vorgänge und Einwirkungen des Wildes auf den Wald sind weitgehend bekannt. Genauer untersucht werden muss vor allem noch die Bedeutung der Verbissintensität. Gefragt ist zusätzlich auch die Forschung für konkrete Monitoringkonzepte und/oder die Implementierung von funktionierenden Ansätzen bei neuen Rahmenbedingungen. Weiter ist bei nahen Forschungsfeldern wie beispielsweise zum Klimawandel oder zur Waldentwicklung die Wildproblematik mitzuberücksichtigen. Verbände: Die Waldverbände haben als Sprachrohr für gebündelte Interessen eine wichtige Aufgabe. So können die SELVA, Graubünden Wald oder Graubünden Holz wesentlich Einfluss nehmen auf den öffentlichen und inneren Diskurs. Eine unabhängige, schlagkräftige und zeitnahe Kommunikation wird immer wichtiger. Eine Vernetzung

auf nationaler Ebene kann ebenfalls durch die Verbände gesichert werden und stärkt somit die Waldanliegen weiter. Eines ist sicher, Schuldzuweisungen innerhalb der Branche werden uns bei dieser Thematik nicht weiterhelfen. Vielmehr ist ein gemeinsames Handeln aller beteiligten Partner gefragt. Wir müssen dahin gehend wirken, dass die Jagdplanung mutiger wird und die Abschusszahlen höher angesetzt werden. Der erforderliche Einfluss oder Druck kann nicht allein durch das AWN erfolgen. Es braucht den Willen und den Einsatz aller.

Reto Hefti Amt für Wald und Naturgefahren Loestrasse 14, CH-7000 Chur reto.hefti@awn.gr.ch

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Wildeinflussmonitoring mittels LFI GR im interregionalen Vergleich Das Landesforstinventar (LFI) erhebt verschiedene Merkmale zum Einfluss von wildlebenden Huftieren auf den Wald. Einerseits werden bei der Verjüngungserhebung je Grössenklasse und Baumart die Bäumchen innerhalb konzentrischer Kreise fixer Grösse gezählt und dabei an jedem Bäumchen der Verbisszustand des Vorjahrestriebs festgestellt. Andererseits wird je Grössenklasse das dem Zentrum der Verjüngungs-Probefläche nächstgelegene Bäumchen unter anderem bezüglich Fege bzw. Rindenschäle untersucht. Diese Verjüngungserhebungen betreffen Bäumchen ab einer Höhe von 10 cm bis zu einem Brusthöhendurchmesser (BHD) von 11,9 cm. Bei den LFI-Probebäumen mit einem BHD ≥ 12 cm werden bis zu zwei «Schäden» detailliert beurteilt. Mehr Informationen zu Methoden und Ergebnissen des LFI sind unter www.lfi.ch verfügbar. Aufgrund der schweizweit einheitlichen Methode sind mit dem LFI interkantonale Vergleiche möglich. Kantonale Erhebungen zum Wildeinfluss verwenden meist unterschiedliche Methoden oder stützen sich auf gutachtliche Erhebungen, was solche Vergleiche erschwert. Der Nachteil des LFI ist hingegen seine beschränkte räumliche Auflösung. Im vierten LFI von 2009 bis 2017 wird eine Stichprobe je zwei Quadratkilometer Wald erhoben. Das führt zu grossen Unsicherheiten (grossem Standardfehler, in weiterer Folge bezeichnet mit dem Symbol «±») und instabilen Mittelwerten bei Auswertungen für kleine Gebiete. Der folgende Überblick zum Wildeinflus in Graubünden soll die Möglichkeiten und Grenzen von regionalen Vergleichen auf der Basis von LFI-Daten aufzeigen. Er bezieht sich auf zwei regionale Gliederungen: die fünf Bündner Waldregionen (Abb. 1, links) und eine weitere Unterteilung der Waldregionen in 19 Subregionen (Abb. 1, rechts).

Ausgewertet wurden Daten des vierten LFI der Erhebungsjahre 2009 bis 2013 im zugänglichen Wald ohne Gebüschwald. Endtriebverbiss Kurzfristig bewirkt ein Verbiss des Endtriebs einen Verlust des Höhenzuwachses; zum Teil sterben besonders kleine Bäumchen verbissbedingt ab. Intensiver Verbiss führt daher langfristig zu einer Senkung der Stammzahl und zur Entmischung, sollten die Baumarten ungleich stark betroffen sein. Quantifizier wird der Endtriebverbiss üblicherweise mit der Kennzahl «Verbiss­intensität» (VI), dem Anteil pro Jahr verbissener Bäumchen an der Gesamtanzahl. Um damit den Einfluss des Verbisses auf die Wald­verjüngung bewerten zu können, wird mit ­einem Grenzwert, der sog. «zulässigen Verbissintensität», verglichen. Ist die gemes­sene VI grösser als die zulässige VI, dann ist längerfristig mit waldbaulich relevanten Auswirkungen des Verbisses zu rechnen. Kupferschmid et al. verglichen in der «Schwei­zerischen Zeitschrift für Forstwesen» 6 / 2015 die VI je Kanton für sieben Baumarten. Die Verbissintensitäten liegen in Graubünden für die Baumarten Esche, Vogelbeere, Tanne und Ahorn im Grenzwertbereich. Abb. 2 und 3 zeigen Stammzahl je Hektare, VI und die kritischen Grenz­werte bzw. Grenzwertbereiche der VI der sieben Baumarten für ganz Graubünden sowie die Waldregionen bzw. Subre­gionen. So beträgt laut Abb. 2 zum Beispiel die Stammzahl der Tanne in der Waldregion Herrschaft-Prättigau-Davos 56 Pflanze pro Hektare (± 99 %). In Abb. 3 ist jedoch ­ersichtlich, dass sie in dieser Waldregion überhaupt nur im inneren Prättigau in den LFI-Daten vorkommt, nämlich mit einer Stammzahl von 267 Pflanzen pro Hektare (± 96%). Der grosse Unterschied dieser bei-

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Abb. 1: Die fünf Waldregionen und 19 Subregionen des Kantons Graubünden (© Amt für Wald und Naturgefahren GR) und die Anzahl an LFI-Probeflächen je (Sub-)Region. Abkürzungen der Regionen: HPD: Herrschaft-Prättigau-Davos, RS: Rheintal-Schanfigg, Su: Surselva, MiM: Mittelbünden/Moesano, Sü: Südbünden und Subregionen, Her: Herrschaft, äPr: Äusseres Prättigau, iPr: Inneres Prättigau, Dav: Davos, RTF: Rheintal-Trin-Flims, Sch: Schanfigg, Fop: Foppa, Saf: Safien, LV: Lumnezia-Vals, Cad: Cadi, MiB: Mittelbünden, DoH: Domleschg/Heinzenberg, SAR: Schams-Avers-Rheinwald, Moe: Moesano, EnB: Engiadina Bassa (Unterengadin), VaM: Val Müstair, Val: Valposchiavo, EnO: Engiadin’Ota (Oberengadin), VaB: Val Bregaglia. (Grafiken: Daten LFI, WSL)

den Stammzahlen kommt von der Berücksichtigung der vielen Probeflächen ohne Tanne. Bei der Fichte liegt die VI in Südbünden im Grenzbereich der zulässigen VI; der Standardfehler ist jedoch gross, was auf lokale Unterschiede innerhalb der Region hindeutet. Die grösste Stammzahl und VI innerhalb Südbündens zeigt sich im Unterengadin, jedoch auch innerhalb dieser Subregion mit grossem Standardfehler. Auch in den Subregionen Mittelbünden, Domleschg/ Heinzenberg und Cadi ist die VI der Fichte scheinbar im Grenzbereich. In den Regionen Domleschg/Heinzenberg und Cadi ist dieses Ergebnis jedoch aufgrund des geringen Stichprobenumfangs von nur 15 resp. 18 Probeflächen mit Vorsicht zu beurteilen, nicht aber in Mittelbünden mit 41 Probefl chen.

Die Tanne ist in Graubünden relativ selten und regional so unterschiedlich verteilt, dass der Verbiss mit den LFI-Daten kaum seriös beurteilt werden kann. Tannenverjüngung wurde im LFI 2009 bis 2013 nur in den Subregionen inneres Prättigau, Rheintal-Trin-Flims, Mittelbünden, Moesano und Ober­engadin festgestellt. Das innere Prättigau sticht mit hohem Tannenverbiss hervor. Bei so kleinen Gebieten mit nur 15 Probeflächen und im Schnitt nur 267 Tannen pro Hektare in der Verjüngung, ist das Ergebnis aber wenig aussagekräftig; es wäre gut, ein verdichtetes Stichprobennetz zu besitzen. Ahorn kommt in den meisten Waldregionen vor, im Norden aber etwas häufiger als im Süden. Die VI ist im äusseren Prättigau, in Rheintal-Trin-Flims und in Safien über dem Grenzwert. Im Moesano ist die VI im Bereich des Grenzwerts, aber die Variation ist Bündner Wald 3/2016 25

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Abkürzungen siehe Abb. 1 und GR: Kanton Graubünden. Die verwendeten Grenzwerte und Grenzwertbereiche (grau) entsprechen jenen von Kupferschmid et al. (SZF 6/2015). Es ist zu beAbb. 2, ganze Seite 26: Jungwaldstamm­zahlen

achten, dass die Abbildungen für die Baumarten

(schwarz) und Verbissintensitäten (rot) je

unterschiedliche Skalen bei der Stammzahl und

Waldregion und Gesamt auf Basis des LFI4.

der VI zeigen. Ausserdem wurden Stammzahlen

Angegeben sind Mittelwerte und Standard-

nur für Regionen angegeben, wo Bäumchen dieser

fehler (Balken).

Art in den LFI-Daten vorkamen.

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Abb. 3, ganze Seite 27: Jungwaldstammzahlen (schwarz) und Verbissintensitäten (rot) je Subregion und Gesamt auf Basis des LFI4. Angegeben sind Mittelwerte und Standardfehler (Balken).  Abkürzungen siehe Abb. 1 und GR: Kanton Graubünden. Die verwendeten Grenzwerte

der VI zeigen. Ausserdem wurden Stammzahlen

und Grenzwertbereiche (grau) entsprechen jenen

nur für Regionen angegeben, wo Bäumchen dieser

von Kupferschmid et al. (SZF 6/2015). Es ist zu

Art in den LFI-Daten vorkamen. Die Stammzahl für

beachten, dass die Abbildungen für die Baumarten

Fichte beträgt im inneren Prättigau 11 603 (± 86 %)

unterschiedliche Skalen bei der Stammzahl und

und in Domleschg/Heinzenberg 10 154 (± 87 %). Bündner Wald 3/2016 27

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sehr hoch, bei Stammzahlen von im Mittel nur etwa 200 Pflanzen p o Hektare. Die Esche wird in allen Waldregionen, ausser in der Surselva, relativ stark verbissen. Die Auswertung für Subregionen zeigt, dass aber nur im äusseren Prättigau, in Mittelbünden und im Moesano die VI den Grenzwert übersteigt. In Herrschaft, Schanfigg und im Val Bregalia, wo die VI scheinbar auch sehr hoch ist, ist der Stichprobenumfang aber zu gering für statistisch gesicherte Aussagen. Bei der Vogelbeere ist die Situation ähnlich wie bei der Esche. Der Verbiss liegt in allen Waldregionen ausser in der Surselva und in Südbünden oberhalb oder im Bereich des geschätzten Grenzwerts. Besonders stark verbissen wird die Vogelbeere im äusseren Prättigau, bei einer mittleren Stammzahl von 2000 Pflanzen pro Hektare. Im Gebiet Rheintal-Trin-Flims ist die Vogelbeere mit im Mittel 257 Pflanzen pro Hektare relativ selten und die Variation der VI ist gross. In anderen ­Regionen mit hohem Verbiss, wie in den Re-

gionen Herrschaft, Davos, Schanfigg, Domleschg/Heinzenberg und Schams-AversRheinwald, sind die Ergebnisse aber aufgrund des geringen Stichprobenumfangs unsicher. Buche und Eiche kommen nur in wenigen Regionen und mit sehr hoher Variation der Stammzahldichte vor. Die VI liegt bei beiden Baumarten deutlich unterhalb des Grenzwerts. Veränderung der Verbissintensität Zur Veränderung der Verbissintensität seit dem LFI2 1993 bis 1995 lässt sich nur auf kantonaler Ebene für einzelne Baumarten eine statistisch seriöse Aussage treffen. Bei den Ahornarten nahm die VI von im Mittel 26 Prozent (± 10) im LFI2 auf 56 Prozent (± 13) im LFI4 zu. Bei der Vogelbeere hingegen nahm sie von 61 Prozent (± 12) auf 36 Prozent (± 7) ab. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Stammzahl der Ahornarten in dem Zeitraum etwa gleich blieb, wohingegen bei der Vo-

Rindenschälung an Esche. (Bild: Oswald Odermatt, WSL) 28

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gelbeere die Stammzahl von 284 (± 31 %) auf 654 (± 27%) Pflanzen pro Hektare zunahm. Für die anderen Baumarten lassen sich keine ­signifikanten Veränderungen nachweisen. Fege und Rindenschälung Fege und Rindenschälung bewirken Rindenverletzungen und führen in der Folge zu erhöhter Wahrscheinlichkeit für Pilzerkrankungen und Mortalität. Von Fegen sind in Graubünden nur 0,6 Prozent (± 0,3) der beurteilten Bäumchen, die kleiner als 1,3 m in der Höhe sind, betroffen. Das entspricht etwa dem für die ganze Schweiz festgestellten Anteil von 0,7 Prozent (± 0,1). Etwa 4,3 Prozent (± 0,9) der in Graubünden beurteilten Bäumchen mit einem BHD zwischen 0 cm und 12 cm weisen entweder Spuren von Fege oder von Rindenschälung auf. Vermutlich aufgrund der geringeren Hirschdichte ist dieser Anteil mit 2,7 Prozent (± 0,3) für die gesamte Schweiz

etwas geringer. Eine detailliertere Auswertung nach Regionen ist aufgrund des Stichprobenumfangs von nur einer beurteilten Pflanze je Grössenklasse und Probefläch nicht sinnvoll. Bei den Probebäumen mit einem BHD ≥ 12 cm weisen in Graubünden 0,7 Prozent (± 0,2) von Wild verursachte «Schäden» auf. Für die allermeisten Regionen liegt der Mittelwert in diesem Bereich. Lediglich in der Surselva ist er mit 1,8 Prozent (± 0,7) etwas höher. Die Tabelle (S. 30) zeigt, dass nicht in allen Subregionen Schälschäden auf den LFI-Probefl chen gefunden wurden, so zum Beispiel innerhalb der Surselva nur in Safien und in der Cadi. Fazit Der Wildverbiss ist ein kantonsweites, aber lokal gehäuftes Phänomen. Mit Esche, Tanne, Ahorn und Vogelbeere weisen vier wichtige Baumarten über den ganzen Kanton betrachtet einen hohen Verbiss auf. Die

Endtriebverbiss an Ahorn. (Bild: Sandro Krättli) Bündner Wald 3/2016 29

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Subregion

Anteil (%)

±

Herrschaft

0

–

Äusseres Prättigau

1,2

0,7

Inneres Prättigau

0,4

0,4

Davos

0

–

Rheintal-Trin-Flims

0,7

0,5

Schanfig

0

–

Foppa

0

–

Safie

1,8

1,3

Lumnezia-Vals

0

–

Cadi

3,6

1,8

Mittelbünden

0,7

0,4

Domleschg / Heinzenberg

0

–

Schams-Avers-Rheinwald

0

–

Moesano

0,6

0,4

Engiadina Bassa

0,1

0,1

Val Müstair

0

–

Valposchiavo

1,6

0,9

Engiadin’Ota

0

–

Val Bregaglia

0

–

Graubünden

0,7

0,2

Region Herrschaft-Prättigau-Davos weist mit zwei Arten über und zwei Arten im Bereich der zulässigen VI-Grenzwerte den höchsten Verbiss auf. In Südbünden ist die Fichte, eine sonst eher selten verbissene und häufig vorkommende Baumart, betroffen. Schälschäden sind zwar etwas seltener zu beobachten, doch handelt es sich um Regionen, die vom Verbiss her weniger tangiert sind. Die Unterschiede zwischen und innerhalb der Regionen sind scheinbar gross. Leider lassen sich erst ab einem Stich­probenumfang von etwa 30 Probefl chen mit dem LFI bedingt seriöse Auswertungen machen. Derzeit stehen nur Daten der ersten fünf von insgesamt neun Aufnahmejahren des LFI4 zur Verfügung. Da-

her stösst die Aussagekraft des LFI bei einer feineren Regionalisierung als die fünf Bündner Waldregionen oft an seine Grenzen. LFI-Ergebnisse für kleinere Regionen müssen daher mit grosser Vorsicht interpretiert werden. Mit dem «vollen» LFI4 nach 2017 sind zwar bessere Schätzwerte und eine höhere Aussagekraft für einige Subregionen zu erwarten. Trotzdem werden manche Subregionen im Grenzbereich für seriöse statistische Auswertungen bleiben. Daher ist und bleibt aus statistischer Sicht die Durchführung von kantonalen bzw. betrieblichen Waldinventaren für die Waldplanung auf dieser Ebene eine wichtige Ergänzung zum LFI. Aussagen zu Totverbiss sind mit dem LFI unmöglich machbar. Denn wenn eine Baumart aufgrund des Verbisses eine Höhe von 10 cm gar nicht erreicht, kann keine VI berechnet werden. Hier können Kontrollzäune wichtige Hinweise liefern.

Markus Huber Eidg. Forschungsanstalt WSL Zürcherstr. 111, CH-8903 Birmensdorf 044 739 22 57 markus.huber@wsl.ch

Andrea D. Kupferschmid Eidg. Forschungsanstalt WSL Zürcherstr. 111, CH-8903 Birmensdorf 044 739 28 13 andrea.kupferschmid@wsl.ch

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«Wo kein Wille ist, da ist eine Ausrede» «Wenn im Revier die waldbaulichen Ziele auf dem richtigen Weg sind und Naturverjüngung ohne Verbiss wächst, hat der Pächter es richtig gemacht», freut sich Dr. Franz Straubinger (DE) über seinen naturverjüngten Wald. Der Geschäftsführer der Hatzfeldt-Wildenburg’schen Verwaltung ist in der Diskussion um das Thema «Wald und Wild» auch in der Schweiz eine bekannte Grösse. In seinem Forstbetrieb – dem grössten Privatwald in Rheinland-Pfalz – wird nach anderen Massstäben gejagt als in den meisten privaten Genossenschaftsrevieren. Ebenfalls eine bekannte Grösse zum Thema ist Franz Puchegger (AT), begeisterter Förster und Jäger. Es ist ihm ein wichtiges Anliegen, sein Wissen und seine Leidenschaft für Wald und Wild kompromisslos zu leben und weiterzugeben. BüWa: Können Sie sich den BüWa-Leserinnen und -Lesern vorstellen und Ihren beruflichen erdegang kurz schildern? Straubinger: Ich wurde 1955 in Mindelheim in Bayern geboren. Bereits mit 17 Jahren habe ich die Jagdprüfung absolviert. Das Studium der Forstwissenschaften konnte ich 1980 in München erfolgreich abschliessen und 1988 an derselben Universität am Lehrstuhl für Waldwachstumskunde/Forsteinrichtung promovieren. Seit 1993 arbeite ich bei der Hatzfeldt-Wildenburg’schen Verwaltung – zuerst als Leiter der Forstverwaltung, seit 2000 als Geschäftsführer der Verwaltung. Puchegger: Ich bin 1962 in eine Bergbauernfamilie im südlichen Niederösterreich, wo meine Leidenschaft für Natur und Wald entfacht wurde, hineingeboren. In Wien habe ich Forstwirtschaft studiert und dort in Waldbauprofessor Dr. Hannes Mayer mein Vorbild gefunden, weil er sich leidenschaftlich für den Wald einsetzte. Dank diversen

Berufs­stationen konnte ich in alle Bereiche der Forstwirtschaft und Holzindustrie blicken, bis ich die WaldHolz GmbH gründete. Wie würden Sie Ihre Haupttätigkeiten betreffend der Thematik Wald-Wild umschreiben, Herr Puchegger? Puchegger: In meiner Beratungsfirma versuche ich die naturnahe Waldbewirtschaftung nach den Prinzipien von ProSilva gemeinsam mit den Waldbesitzern auf der Fläche umzusetzen. Voraussetzung für das Gelingen ist eine Balance zwischen Wild und Wald, welche durch eine ökologische Jagd nach dem Leitbild des ökologischen Jagdverbandes erreicht werden kann. Es wurden Musterreviere geschaffen, wo alle Interessierten die Möglichkeit haben, im Rahmen von Waldbegehungen, Gruppenansitzen sowie Bewegungsjagden bei dieser Art der Waldbewirtschaftung und Jagd unmittelbar dabei zu sein. Wie würden Sie Ihren Forstbetrieb ganz allgemein, aber auch mit Blick auf die WaldWild-Situation beschreiben, Herr Dr. Straubinger? Straubinger: Die Hatzfeldt-Wildenburg’sche Verwaltung ist ein Familienbetrieb, der sich seit 1589 im Eigentum der Familie von Hatzfeldt-Wildenburg ist. In den Jahren 2001 bis 2003 wurden Waldflächen in Brandenburg erworben und 2012 wurde der Betrieb mit einem laubholzgeprägten Revier in Thüringen ergänzt. Die bewirtschaftete Gesamtfl che beträgt seitdem 15 200 ha. In unserem Familienbetrieb wird Erwerbswaldwirtschaft betrieben – wir leben also vom Wald! Dies verstärkt die enge Bindung aller Mitarbei­ tenden zur Besitzerfamilie. Betreffend WaldWild hat der Eigentümer eine glasklare Zielsetzung, deren Umsetzung ebenfalls glasklar und kompromisslos ist. Dabei soll die WaldBündner Wald 3/2016 31

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gleichs­weise starkes Wild und vor allem sehr wenig Fallwild (0,5 % der Jagdstrecke – im Vergleich zum Landkreisdurchschnitt von 22 %). Die Waldverjüngung kann gleichzeitig dank des bedeutend grösseren Äsungsangebots natürlicherweise aufkommen und ist gesichert.

Franz Puchegger, begeisterter Förster und Ökojäger (AT). (Bild: zVg F. Puchegger)

verjüngung selbst wie auch die gesamte Flora ohne jegliche Schutzmassnahmen (weder chemisch noch technisch) aufwachsen. Dieses Ziel ist nur über eine entsprechende Jagd erreichbar, wobei durch die Jagd in der Verwaltung selbst ein positiver Deckungsbeitrag erwirtschaftet werden muss. Deshalb unser Credo: «Die Jagd ist nicht alles, aber ohne Jagd ist alles nichts!» «Das Erreichen unserer waldbaulichen Betriebsziele ist die Messlatte unseres Jagens» – die Jagd ist also der Weg zum Betriebsziel. Wie sind Ihre Erfahrungen damit, Herr Straubinger? Straubinger: Wir betreiben seit über zwanzig Jahren die Umstellung des Waldbaus auf ­naturgemässe Waldwirtschaft mit der Konsequenz, dass die Jagd in ein ganzheitliches Konzept eingebettet ist. Mit dem Ziel der Minimierung von Wildschäden und der ­Umsetzung des Leitbilds des «naturnahen Waldbaus». Das angesprochene Betriebsziel haben wir im Forstbetrieb 1993 als Antwort auf die Katastrophen Wiebke und Vivian entwickelt. Zu Beginn war die Nachbarschaft doch sehr aufgebracht und uns schlug ein harter Wind entgegen – die Situation hat sich mittlerweile aber völlig entspannt. Allen Unkenrufen zum Trotz erreichen wir heute die grösseren Jagdstrecken, haben ver-

In diversen Schlagzeilen ist zu lesen, dass Ökojäger «mehr schiessen und weniger hegen, dem Wild und Wald zuliebe». Sind Sie auch Ökojäger, Herr Dr. Straubinger? Straubinger: Wir stehen den Ideen des ökologischen Jagdverbands durchaus sehr nahe, sind aber keine Ökojäger. Zwar hegen wir auch nicht im klassischen Sinne: Wir praktizieren keinerlei äsungsverbessernde Massnahmen und tätigen keine Abschüsse nach Klassen. Wir würden uns aber trotzdem eher als professionelle Jäger bezeichnen, die lebensraumspezifisch jagen. Schliesslich helfen hohe Abschüsse und geringe Wilddichten nicht nur dem Wald, sondern auch dem Wild und tun ihm sogar sehr gut – und den Jägern im Endeffekt auch: So gilt unser Klientel der Jäger für viele Zeitgenossen nicht als Störenfriede, sondern als Menschen, die mit Erfahrung Lebensraum und Wild in Einklang bringen. Sie hingegen sind Ökojäger, Herr Puchegger. Können Sie den Österreichischen Ökojagdverband und Ihr Engagement für diesen beschreiben? Puchegger: Ich versuche dem Wald eine Stimme zu geben und frage mich: Wann hat er Schonzeit? Der Wald soll sich ohne Schutzmassnahen mit allen Baumarten der potenziellen, natürlichen Waldgesellschaft verjüngen können. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels erforderlich. Dem Ökojagdverband stehen folgende zwei Leitsätze vor:

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1. «Der Wald zeigt, ob die Jagd stimmt» – und nicht Abschusspläne, Abschusslisten, Gesetzestexte, Hegeringe, Trophäen­ schauen, Sonntagsreden von Agrarpolitikern, Absichtserklärungen von Trophäenjägern etc. 2. «Wild soll Wild bleiben dürfen» – weg von Wildfütterungen, Jagd-, ZuchtFleisch­gattern und Aussetzen von Wildtieren, die unmittelbar danach «erlegt» werden.

Bläst Ihnen als «Ökojäger» harter Gegenwind ins Gesicht, Herr Puchegger? Puchegger: Ja, und es ist keine Beruhigung in Sicht! Im Gegenteil: Die traditionellen Jäger in Österreich blasen zum letzten Trieb. Nachdem viele der höchsten Vertreter der offiziellen Jagd begeisterte Gatter- und Trophäenjäger sind und bei einer natürlichen, waldgerechten Wilddichte keinen Jagderfolg hätten, wird erst eine Veränderung kommen, wenn es andere Spitzenfunktionäre gibt. Ich stehe unter Beobachtung, werde gemobbt, verfolgt, bedroht, es werden Gerüchte und Unwahrheiten verbreitet. Ich bin ein Geächteter: Ich habe inzwischen etwa 15 Behördenverfahren hinter mir und aktuell ein Jagdkartenentzugsverfahren laufen. Worauf konzentriert sich der Jagdbetrieb bei Ihnen konkret aus waldbaulicher Sicht? Bildet auch die Rotwildbejagung einen Schwerpunkt, Herr Puchegger? Puchegger: Wichtig ist eine abwechslungsreiche Jagd mit einem Mosaik von Einzelansitzen (wie der Luchs), Gruppenansitzen und Bewegungsjagden (wie die Wölfe) in Intervallen mit intensiver Jagd während günstiger Zeitfenster sowie Jagdruhen. Im intensiven Jagdfenster wird nach «Zahl vor Wahl» geschossen, Muttertierschutz als Ausnahme. Rotwild kommt bei uns nicht überall vor,

wird sehr stark zum Nachtwild und kann nur grossflächig erfolgreich bejagt werden. Inseljagden, umgeben von «Hirschzüchtern», haben auch bei intensiver Jagd wenig Chance; Fütterungen dienen nur zum Erhalt eines hohen Wildstands, häufig zur Schaffung eines Ersatzlebensraums. Bei Ihnen, Herr Dr. Straubinger, konzentriert sich der Jagdbetrieb aus waldbaulicher Sicht auf die intensive Bejagung des Rehwilds. Wie würde es aussehen, wenn auch die Rotwildbejagung einen Schwerpunkt bildet? Straubinger: Im brandenburgischen Revier Massow haben wir auch Rotwild und konnten trotzdem gute waldbauliche Erfahrungen sammeln. Die Jagd auf Rotwild gestaltet sich oftmals sogar noch unkomplizierter als diejenige auf Rehwild. Allerdings betreiben wir auch hier konsequent keine Trophäenjagd. Eine gewisse Vermenschlichung betreffend Bejagung von Kahlwild ist natürlich auch in Deutschland vorhanden. Aber wenn wir ehrlich sind: Es gibt doch kein Muttertier – das ist einfach ein Tier, das ein Kalb hat. In der Schweiz wird nach unterschiedlichen Jagdsystemen gejagt, insbesondere in den Gebirgskantonen nach dem Patentsystem – so auch in Graubünden. Sehen Sie hier spezifische or- und/oder Nachteile? Straubinger: Das Ganze sehe ich weniger als Systemfrage, sondern klar als Frage der Umsetzung. Jedes System kann erfolgreich sein. Probleme entstehen nicht durch das System, sondern in den Köpfen der Jäger und Jagdverantwortlichen. «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – wo kein Wille ist, da ist eine Ausrede» – aber in der jagdlichen Landschaft sind leider viele Ausreden vorhanden. Eine konsequente und zielführende Umsetzung ist deshalb umso wichtiger, auch wenn dafür Bündner Wald 3/2016 33

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deutlich zu hoch, der Wald wurde den Jägerinteressen geopfert.

«Die Jagd ist nicht alles, aber ohne Jagd ist alles nichts!» (Bild: zVg Dr. Straubinger)

eingespielte Jagdtechniken überdacht und allenfalls angepasst werden müssen. «Nach der Jagd ist vor der Jagd» – die Jagd ist ein Perpetuum mobile: Je mehr und intensiver gejagt wird, desto grösser ist die Akzeptanz und desto mehr kann gejagt werden. Wenn sowieso alles geschützt werden muss, damit Waldverjüngung aufkommt, muss dann noch gejagt werden?! Die Gesellschaft wird uns Jäger am Erfolg in den Wirtschafts- und Schutzwäldern messen. Puchegger: Im Patentsystem Graubündens überwiegen die Vorteile für den Wald klar: keine Fütterung, keine «Ernte», der bessere Jäger macht das Rennen und nicht der reichste. Die Trophäenträger haben keine Namen. Es ist eine Überraschung, sie zu ­sehen und zu erlegen. Die Jagd ist unvorhersehbar und bleibt damit spannend. Die Akzeptanz der Jagd in der Öffentlichkeit ist deutlich höher, weil sie nicht so elitär erscheint und jedermann unbürokratisch und kostengünstig mitmachen kann. Das Reviersystem in Österreich wurde durch Fütterung und Trophäenkult extrem ausgenützt und degradiert, wodurch der Wald stark geschädigt wurde. Zwei Drittel des verjüngungsnotwendigen Walds kann sich nicht ausreichend natürlich regenerieren, die Schutzwälder überaltern und brechen zusammen. Die Schalenwildbestände sind

Was können Sie Ihren Berufskollegen im Kanton Graubünden empfehlen? Puchegger: Geben Sie dem Wald Ihre Stimme, bewirtschaften Sie ihn weiterhin naturnah und kahlschlagfrei: «Der Wald zeigt, ob die Jagd stimmt!» Straubinger: Es wird je länger, je wichtiger Koalitionen zu schaffen: für die Jagd, für den Wald! Denn Jäger helfen dem Wald und sind Dienstleister für die Gesellschaft. Der Wald braucht die Jagd und umgekehrt! Deshalb brauchen wir eine Jägerschaft nicht um ihres Selbstzwecks willen, sondern eine, die sich dem gesellschaftlichen Dialog stellt und an politischer Bedeutung gewinnt. Als Tipp an meine Berufskollegen im Kanton Graubünden möchte ich folgende Punkte nennen: – Fahrt mal dorthin, wo Jagd und Wald im Einklang sind und schauts euch an! – Ladet einen externen Berufskollegen oder Fachmann zu euch ein, der keinen Bezug zur Gegend hat und weder Vornoch Nachteile des Gebiets kennt. – Sprecht euch mit allen Akteuren ab und macht gemeinsame Zielvereinbarungen. – Setzt die klar formulierten Ziele konsequent um. Warum sollte es ausgerechnet unsere Generation – mit allen technischen Raffinesse ausgestattet – nicht schaffen, so wie früher alle standortgerechten Baumarten in unseren Wäldern zu verjüngen? Die alten Wälder zeigen doch, dass es geht. Nina Gansner SELVA Bahnhofplatz 1, CH-7302 Landquart info@selva-gr.ch

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Erfolgreiche Tannenverjüngung im St. Galler Wald dank Luchs? Im Rahmen des Projekts LUNO (Luchsumsiedlung Nordostschweiz) wurde der Luchs ab dem Jahr 2001 in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Zürich wieder angesiedelt. Ziel war der Aufbau eines sich selbst erhaltenden Bestands in der Nordostschweiz sowie die Vernetzung der Populationen der schweizerischen West- mit den Ostalpen, um damit zur Sicherung des Luchsbestands im gesamten Alpenraum beizutragen. Ein lokales Ziel des LUNO-Projekts war die Reduktion des Reh- und Gämsbestands und damit indirekt der Wildverbissintensität in Gebieten mit erschwerter Waldverjüngung. 13 Jahre nach den ersten Wiederansiedlungen wurden nun in einer Studie in Zusammenarbeit mit dem Amt für Natur, Jagd und Fischerei St. Gallen die entstandenen Wechselwirkungen zwischen den trophischen Ebenen Luchs-Schalenwild-Vegetation untersucht und damit überprüft, ob die genannten Ziele erreicht wurden. Anhand von gesicherten und von Experten überprüften Zufallsbeobachtungen wurde vorerst eruiert, in welchem Gebiet der Luchs seit der Wiederansiedlung permanent nachgewiesen wurde. Dieses Gebiet galt in der Folge als Luchs-Kerngebiet, für welches die Abschussstatistiken von Reh und Gämse, die Bestandsschätzungszahlen der Jägerschaft sowie die Verbissdaten der Weisstanne mehrerer Jahre vor und nach der Luchsansiedlung verglichen wurden. Resultat: Sowohl die Abschuss- und Bestandsschätzungszahlen von Reh und Gämse wie auch die Ver­ bissintensität der Weisstanne haben im Luchs-Kerngebiet in den Jahren nach der Luchsansiedlung gegenüber jenen davor ­signifikant abgenommen. Um zu prüfen, ob diese beiden Resultate einen Zusammenhang haben könnten, wurde eruiert, ob die Grösse des Reh- und Gämsbestands ­(Abschuss- und Bestandsschätzungszahlen)

Abb. 1: Entwicklung der jährlichen Reh-Abschussstatistik pro 100 ha jagdbarer Fläche (jFl) in den Jagdrevieren des Luchs-Kerngebiets. Eingezeichnet sind zudem überdurchschnittlich nasse Mai-/ Juni- sowie kalte und schneereiche zurückliegende Nov.-/Dez.-/Jan.-/Feb.-/März-Monate. Dargestellt sind arithmetisches Mittel und 95 % Konfidenz­ intervall. (Grafiken: © J. Schnyder)

Abb. 2: Entwicklung des Reh-Abschusses pro 100 ha jagdbarer Fläche und Fünf-Jahres-Periode in den Jagdrevieren des Luchs-Kerngebiets in den Jahresperioden vor und nach der Luchsansiedlung (1996 – 2000 = vor; 2004 – 2013 = nach Wiederansiedlung; die ersten Wiederansiedlungsjahre wurden von der Analyse ausgeschlossen). Dargestellt sind arithmetisches Mittel und 95 % Konfidenzintervall. Bündner Wald 3/2016 35

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Abb. 3: Positiver Zusammenhang zwischen der Höhe der jährlichen Verbissintensität der Weisstanne (%) sowie der Abschussstatistik von Reh und Gams (Summe pro 100 ha jFl). Wir gingen davon aus, dass die Jagdstrecken die Bestandsgrössen verhältnismässig widerspiegeln (hohe Abschussquoten = grosse Bestände). Die Grafik zeigt ausschliesslich tiefe bzw. hohe Verbissintensitäten in den Bereichen sehr kleiner bzw. sehr grosser Wildbestände. Die grosse Streuung im Bereich der «mittelhohen» Wildbestände (ca. 4–8) deutet allerdings darauf hin, dass bei diesem Wildbestands­ niveau andere Faktoren massgeblich beeinflussen, wie hoch die Verbissintensität in einem Gebiet ausfällt (z. B. Lebensraumqualität, Nahrungsangebot).

überhaupt einen direkten Einfluss auf die Waldverjüngung hat. Dieser Zusammenhang zwischen den lokalen Wildbestandsgrössen und Verbissintensitäten war signifikant positiv: Je höher der lokale Reh- und

Gämsbestand war, desto höher waren die Verbissintensitäten im Gebiet. Aufgrund dieser Resultate kann ein effektiver indirekter Einfluss des Luchses auf die Waldverjüngung vermutet werden. Der signifikant positive Zusammenhang zwischen allen Ebenen (Luchs – Reh-/Gämsbestand – Wildverbiss – Luchs) deutet auf nicht zufällige Korrela­ tionen hin, belegt aber keine Kausalitäten. Die Studie zeigte jedoch auch, dass der Luchs und die Wildbestandsgrössen auf keinen Fall als alleinige Wirkungsfaktoren betrachtet werden dürfen. Ob ein Prädator einen reduzierenden Einfluss auf eine Beutetierpopulation nehmen kann, hängt auch von ihrer Grösse ab. Kleine Beutetierpopulationen reagieren sensibler auf Prädationseinflüsse (beispielsweise ist der Effekt von 50 gerissenen Rehen aus einer Population von 100 Rehen grösser, als er es aus einer Population von 1000 wäre). Der Luchs weist eine hohe Spezialisierung auf die Beutetiere Reh und Gämse auf. Studien haben gezeigt, dass er in kleineren Beutetierpopulationen zwar durchaus weniger Beutetiere reisst, die Risse vollständiger nutzt und das Streifgebiet vergrössert (was in der Folge wiederum Auswirkungen auf die Luchsdichte hat), es bleibt aber bei einer gewissen minimalen jährlichen Rissrate. Die «Ausgangs-Populationsgrösse» von Wildhuftieren wiederum hängt ab von Klima, Flächenproduktivität bzw. Nahrungsgrundlagen, Landnutzung des Menschen, Witterung, Krankheiten, intra- und interspezifischer Konkurrenz sowie natürlich auch der Jagd. Der Einfluss des Luchses interagiert somit stark mit diesen Faktoren zusammen und die Interaktionen sind zeitlich und räumlich variabel. Im Kanton St. Gallen sorgte ein erhöhter Jagddruck seit Mitte der 90er-Jahre sowie insbesondere der «Jahrhundertwinter» 1998 /1999 und mög-

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licherweise der darauffolgende nasskalte Frühling für Rückgänge in den Reh- und Gämsbeständen. Somit waren die Populationen unmittelbar vor der Luchsansiedlung auf einem dezimierten Niveau, was den Einfluss des Luchses, zusammen mit einer anhaltend intensiven Bejagung, verstärkt haben könnte. Diese Interaktionen (Bejagung, Witterung, Luchs) als ausschlaggebende Faktoren für die zumindest zwischenzeitliche Bestandsabnahme sind insbesondere für das Reh anzunehmen. Es ist aber zu beachten, dass schon bei einem geringen Rückgang des Rehbestands die Beobachtbarkeit und somit auch die Bejagdbarkeit durch den Menschen überproportional abnehmen. Die ­effektive Bestandsabnahme war daher möglicherweise kleiner, als von der Jagdstatistik angedeutet. Dennoch zeigen die Jagdstatistikdaten, dass sich der Rehbestand in den letzten Jahren auf einem tieferen Niveau stabilisiert bzw. eher wieder zugenommen hat. Es kann

Abb. 4: Verbissintensität der Weisstanne (%) auf den Indikatorflächen ab 1995 im Luchs-Kerngebiet in den Jahren vor und nach der Luchsansiedlung (vor Wiederansiedlung = 1995, 1996, 1997, 1998, 1999, 2000/2001, nach Wiederansiedlung = 2002, 2004, 2006, 2008, 2010, 2012). Dargestellt sind arithmetisches Mittel und 95 % Konfidenzintervall.

vermutet werden, dass der konstante Luchseinfluss und der anhaltende Jagddruck unmittelbar in den Folgejahren witterungsbedingter Bestandsrückgänge dafür sorgten, dass die Bestände nicht sofort wieder auf

Abb. 5: Aussetzungsluchs Alma, Alt St. Johann. (Bild: © Amt für Natur, Jagd und Fischerei, St. Gallen) Bündner Wald 3/2016 37

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das ursprüngliche Niveau anwachsen konnten. Diese (mitunter prädatorenbedingte) Zeitverzögerungen in der Bestandszunahme von Huftieren könnten verbissbeliebten Baumarten wie der Weisstanne ein ausreichend langes Zeitfenster für eine erfolgreiche Verjüngungswelle verschaffen. Anders sieht die Situation bei der Gämse aus: Die Bestände waren im Luchs-Kerngebiet bereits vor der Luchsansiedlung und auch im grössten Teil des Alpenraums rückläufig. Dass auch luchsfreie Gebiete seit Jahren Bestandsabnahmen verzeichnen, weist auf andere ausschlaggebende Fak­toren hin (z. B. Krankheiten, Witterung, Jagd). Zudem zeigten telemetrische Luchs­peilungen aus den ersten Wiederansiedlungsjahren im Stu-

diengebiet, dass der Luchs ausschliesslich im Wald und in Waldrandnähe jagt und Offenflächen meidet. Daher wird vermutet, dass er vor allem in den Waldgäms- und nicht in den Alpingämsbestand eingegriffen hat. Ob die Waldgämse tatsächlich numerisch zurückgegangen ist oder mit einer räumlichen Verschiebung in höhere Lagen reagiert hat, konnte im Rahmen der Studie nicht eruiert werden. Untersuchungen in anderen Gebieten zeigten allerdings keine räumliche Verhaltensänderung von Waldgämsen nach der Luchsansiedlung. Ebenso behielten teleme­ trisch überwachte Rehe in anderen Studiengebieten gute Territorien, auch wenn der Luchs anwesend war. Hingegen besteht die Möglichkeit, dass das Feindvermeidungsverhalten in Form einer höheren Aufmerksamkeit angepasst wird. Auch die Beziehung Wildbestand – Wildverbiss darf nicht ohne die Berücksichtigung weiterer Faktoren betrachtet werden. In welchem Ausmass das Nahrungsangebot (in unserem Fall junge Weisstannen) in einem Gebiet genutzt wird, hängt nicht nur von der Wildbestandsgrösse ab, sondern beispielsweise auch vom Waldmanagement und der quantitativen und qualitativen ­Lebensraumausprägung (auch in umliegenden Gebieten). Die Resultate haben gezeigt, dass gerade bei «mittelhohen» Wildbestandshöhen diese Faktoren ausschlaggebend dafür sein können, wie hoch die Verbiss­intensität in einem Gebiet ausfällt (vgl. Abb. 3). Studien, welche gesamte trophische Kaskaden (Nahrungsnetze) untersuchen, sind selten und komplex. Die vorhandenen Studien zeigen jedoch, dass die Wiederansiedlung von Topprädatoren weitreichende Veränderungen in den Pflanzen-, Wirbellosen- und Wirbeltiergesellschaften und damit verbunden – aufgrund veränderter Konkurrenzver-

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Abb. 6: Die Lebensräume des Luchs-Kerngebiets. (Bild: Waldregion 4, © R. Ehrbar).

hältnisse – eine Erhöhung der Bio­diversität zur Folge haben kann. Die Resultate in dieser Fallstudie in St. Gallen zeigen, dass Prädatoren wie der Luchs die Waldverjüngung positiv beeinflussen können. Die Erfolgskontrolle im Projekt LUNO ergab somit eine Zielerfüllung: Seit der Wiederansiedlung des Luchses hält sich die Verbissintensität der Weisstanne im Luchs-Kerngebiet auf konstant tiefem Niveau. Vor allem die Rehbestände sind seit der Luchsansiedlung aus forstlicher Sicht auf das waldbaulich «tragbare Mass» reduziert. Jagdlich gesehen sind sie vielerorts jedoch auf einem Tiefpunkt, was die Attraktivität der Jagd schmälert. Spannend wird es in Zukunft, wenn in diesem Gebiet weitere Wildtierarten vermehrt auftreten: der Wolf und der Rothirsch. Sie könnten neue Dynamik in die Verbisssituation und in die Zusammensetzung der Wildbestände bringen.

Verbissintensität: «Anzahl durch Schalenwild innerhalb eines Jahrs am Gipfeltrieb verbissene Jungbäume im Verhältnis zur Gesamtanzahl vorhandener Jungbäume». Sie wird regelmässig kantonsweit auf Indikatorflächen erhoben. Aufgrund des selektiven Verbisses durch Reh und Gämse wurde in der Studie die Verbissintensität der Weiss­ tanne untersucht. Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Rolf Ehrbar, Friedrich Reimoser, Klaus Robin. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von JAGD & NATUR – das Schweizer Jagdmagazin. Jasmin Schnyder Wildtierökologin MsC, Fornat AG Universitätsstr. 65, CH-8006 Zürich jasmin.schnyder@fornat.ch

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Braucht es eine ökologische ­Jagdvereinigung in der Schweiz? ÖJV – diese drei Buchstaben lösen in weiten Teilen der deutschen Jägerschaft Widerstand aus. Die Abkürzung steht für den Ökologischen Jagdverband, einen 1988 in Deutschland gegründeten Verein, der mittlerweile auch einen Ableger in Österreich hat. Obwohl kaum jemand etwas gegen die «Ökologie» im Sinne von Naturschutz hat (gegen die Ökologie als naturwissenschaftliche Disziplin wohl ebenso wenig), löst der Verband bei konservativen Jägern Abneigung aus, während Umweltverbände ihn als wichtigen Partner sehen. Weshalb? Der ÖJV wurde von Jägern gegründet, die zugleich auch ein forstliches Interesse hatten und haben. Sprich: Für sie muss sich das Wild im Gleichgewicht mit dem Lebensraum Wald befinden. «Wald vor Wild» heisst die Devise, bei der es einigen kalt den Rücken runter läuft. Deutschland wäre natürlicherweise hauptsächlich geprägt von grossen Buchenwäldern. Die Realität ist aber eine andere. Es herrschen oft standortfremde Kiefer- oder Fichten-Monokulturen vor. Einerseits wurde durch den wachsenden Einfluss des Umweltgedankens und andererseits aber auch durch die realen Folgen des Waldsterbens spätestens in den 1980er-Jahren klar, dass ein derartiger Waldbau nicht zukunfts­ trächtig ist. Ein Waldumbau war deshalb fortan die Devise. Es sollten vermehrt wieder natur­nahe, ökologisch wertvolle Laubmischwälder wachsen. Das Problem dabei: Die ausgesprochen hohen Schalenwilddichten verhinderten diesen Umbau, eine natürliche Verjüngung vieler Laubbäume war schlicht nicht möglich. Damit der Waldumbau, ­eigentlich eine Form der Renaturierung, möglich ist, müsste also die Wild­ dichte si­gnifikant gesenkt werden. Dazu wiederum müsste mit einigen Traditionen der deutschen Jagd aufgeräumt werden.

Dass dies bei alteingesessenen, konservativen Jägern nicht auf Gegenliebe stossen wird, war klar. Die Hege des Wildes und die Erhaltung grosser Bestände sind in der deutschen Jagdkultur tief verankert. Winterfütterungen sind ein Teil davon. Dass diese bis zum Exzess getrieben wurden, zeigen Episoden aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs eindrücklich. Während die Bevölkerung hungerte, wurde namentlich der König der Wälder – der Rothirsch – weiterhin fleissig mit Waldbesitzer Georg Hinterstroisser wurde 2010 vom Ökologischen Jagdverband Bayern für seinen Einsatz für die Rechte der Waldeigentümer ausgezeichnet. Er setzte bis vor Bundesverwaltungs­ gericht in Berlin das Recht auf eine natürliche Waldverjüngung für dessen Eigentümer durch. (Bilder: Sandro Krättli)

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Getreide gefüttert, das für den menschlichen Verzehr geeignet gewesen wäre. Aber auch aktuelle Beispiele demonstrieren die Bedeutung der Winterfütterung für Teile der Jägerschaft. Viele Jagdgesetze der Bundesländer erlauben solche Fütterungen zu «Notzeiten». Wann Notzeiten herrschen, entscheiden meist die Jagdreviere selber. Zahlreiche Presseartikel, aber auch unzählige Beiträge in Jagdforen zeigen, dass für einen Teil der Jägerschaft jeder Winter – ob mild oder streng – automatisch eine Notzeit ist – und das im deutschen Tiefland! Wenn unsere auf 2000 m ü. M. überwinternden Rehe dies wüssten ... Das heisst, die grossflächige Fütterung von Reh- und Rotwild, teilweise aber auch von eingeführtem Damund Muffelwild, ist bis heute eine Realität. Es ist nicht zuletzt diese Fütterung, die die deutschen Wildbestände zum massiven Anwachsen gebracht hat und deshalb nach Ansicht des ÖJV eben den Wald gefährdet. Man muss mit dem ÖJV nicht in allen Punkten übereinstimmen, aber dass er den Finger auf den wunden Punkt gelegt hat, lässt sich kaum abstreiten. Aus Schweizer Sicht lässt sich festhalten, dass die Exzesse der deutschen Jagd hier nie in diesem Ausmass vorhanden waren oder bereits überwunden sind. Systematische Winterfütterungen gehören zum Glück meist der Vergangenheit an und wurden, wo nötig, durch andere Konzepte ersetzt. In vielen Köpfen hat sich auch festgesetzt, dass im Winter Ruhe die beste Fütterung ist. Der hohe Anteil an Schutzwäldern in der Schweiz hat zudem bereits frühzeitig für die Sensibilität gegenüber zu hohen Wilddichten gesorgt. In Deutschland ist die fehlende natürliche Verjüngung ein ökonomisches und ökologisches Problem – hierzulande geht es hin­ gegen meist auch um die Sicherheit des Menschen.

Das Jagdhandwerk hat eine direkte Wirkung aufs Ökosystem Wald. Bündner Wald 3/2016 41

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Alles in Butter also punkto Wald und Wild in der Schweiz? Nicht ganz. Der Verbiss in Schutzwäldern, der Ausfall ganzer Baum­arten wie der Weiss­tanne, die Entmischung von Wäldern, all diese Themen sind Realität im Schweizer Wald. Im naturnahen Dauerwald, mit häufigen Eingriffen auf der ganzen Waldfläche stellt sich im Mittelland mit Verzögerung eine natürliche Verjüngung ein. Mit dem Vordringen des Rotwilds ins Unterland kann sich hier die Sachlage aber auch verschlechtern. Seltene Arten wie Eichen müssen bereits jetzt geschützt werden. Auch im Dauerwald können die Weisstanne und der Bergahorn als wichtige Weiserarten beigezogen werden – kommen diese Baumarten nicht auf, ist der Wildbestand überhöht. Es

besteht durchaus in der ganzen Schweiz Handlungsbedarf. Indem die Waldverjüngung und insbesondere der Einfluss der Wildtiere auf den Wald in die Wildbewirtschaftung so inte­griert wird, dass die standortgerechten Baumarten ohne Schutzmassnahmen aufwachsen können. Das dürfte an vielen Orten zu einer verstärkten Bejagung der Wildtiere führen. Und indem der Wald flächig bewirtschaftet wird und genügend Licht auf den Waldboden gelangt, dass auch eine üppige Vegetation wachsen kann. Vor Jahren hat das Bobi Jecklin im «Bündner Wald» kurz und treffend mit: «Jagen, Jagen, Jagen. Holzen, Holzen, Holzen» zusammengefasst. Aber auch für die natürliche Vielfalt der Wildtiere selbst ist nicht alles im grünen ­Bereich.

Die Ansprüche der Gesellschaft an den Wald und die Jagd haben sich gewandelt. 42

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Was ist deine Meinung: Braucht die Schweiz einen Ökologischen Jagdverband? Bereits 1988 wurde in Deutschland der Ökologische Jagdverband gegründet, als Alterna­ tive zu den etablierten Jagdverbänden. Der Verband setzt sich aus zwölf Landesgruppen zusammen. Nachgezogen ist Österreich. In beiden Ländern engagieren sich die Mitglieder dieser Bewegung für eine moderne und zeitgemässe Jagd. Braucht die Schweiz auch eine solche Bewegung? Was denkst du? Wärst du bereit, dich dafür zu engagieren? Teile deine Gedanken mit via: info@oekojagd.ch Sollten sich motivierte Personen finden lassen, werden nächste Schritte zur Vorbereitung einer schweizerischen Bewegung eingeleitet.

Darüber, dass einerseits Bejagungskonzepte für gewisse jagdbare Arten möglicherweise negativ wirken (Stichwort: Rück­gang der Gämse), diskutiert die Jägerschaft angeregt. Der Artenschutz andererseits kommt nicht zuletzt durch die etablierten Jagdverbände, die eine Regulierungsmöglichkeit für ausnahmslos alle Tierarten haben wollen (ob geschützt oder nicht), massiv unter Druck. Die Grossraubtiere, welche von zentraler Bedeutung für intakte Ökosysteme sind und die auch wichtiger Partner bei der Wildregulierung sein könnten, sollen zugunsten von hohen Jagderträgen bereits wieder dezimiert werden. Der Luchs hat in der Schweiz sein einziges etabliertes Vorkommen im ganzen Alpenraum – die weitere Ausbreitung dieser Katze hängt massgeblich davon ab, dass unsere Vorkommen gross bleiben und entsprechend weiteren Abwanderungsdruck generieren. Der Wolf wiederum weist gerade mal zwei Fortpflanzungseinheiten, sprich Rudel, auf, die auf sage und schreibe einem Prozent der ­Landesfläche vorkommen. Hohe Bestände sehen wahrlich anders aus. Angesichts der nicht bestreitbaren Probleme im Wald, der insgesamt ständig steigenden Jagdstrecken beim Schalenwild und des zwar guten, aber

dennoch latent an­gekratzten Bildes der Jägerschaft in der ­Öffentlichkeit ist der Druck zur Dezimierung geschützter Arten ein veritables Eigentor. Rechtfertigt dies die Gründung des Ökologischen Jagdverbands in der Schweiz? Ja – wenn sich die erwähnten Konflikte und Probleme akzentuieren. Nein – wenn man sich der Probleme im Wald und dem ökologischen Gedanken ernsthaft annimmt. Vorab sei auch betont, dass sich der Einsatz für eine ökologische Jagd gerade nicht gegen die etablierten Jagdverbände richtet, sondern sich darum bemüht, die Jagd für die Zukunft fit zu machen und ihre Legitimation damit langfristig abzusichern. Die Jagd ist in der Bevölkerung mehrheitlich akzeptiert und die Jägerschaft geniesst im Allgemeinen auch keinen schlechten Ruf. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht zuletzt durch die Urbanisierung ihre gesellschaftliche Anerkennung gefährdet ist. Die zunehmende Präsenz von jagdgegnerischen Kreisen im In- und Ausland bestätigt dies. Dass der Druck auf die Jagd zugenommen hat, ist offensichtlich. Es geht nun aber nicht Bündner Wald 3/2016 43

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darum, diesen Kreisen recht zu geben, sondern darum, auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Gesellschaft punkto Ökologie und Tierwohl, aber auch auf den Wald und die Lebensräume, ausreichend Rücksicht zu nehmen. Konkurrenzdenken, hohe Wildbestände mit negativen Folgen für den Wald bei gleichzeitiger Forderung nach Regulierung geschützter Arten, aber auch Trophäenkult und vereinzelte Praktiken, die dem Tierwohl entgegenstehen (Stichwort z. B. Baujagd), sind da fehl am Platz und schaden der Jagd und der Jägerschaft. Ein Umdenken ist deshalb gefragt.

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«Jagende Förster sollten die Verjüngungssituation nicht relativieren!» Anlässlich dieser Schwerpunktnummer lud der «Bündner Wald» zu einem runden Tisch, wo in erster Linie die Sicht der Naturschutzorganisation auf Wald und Wild bzw. Jagd und Forstwirtschaft die Grundlage für die Diskussion bildete. Das sonst emotionale Themenfeld wurde sachlich, aber mit klaren Positionen der jeweiligen Interessenvertretungen angegangen. An der Gesprächsrunde nahmen Regula Bollier (wissenschaftliche Mitarbeiterin des WWF Graubünden und aktive Bündner Jägerin), Jacqueline von Arx (Geschäftsführerin von Pro Natura Graubünden), Nina Gansner (Geschäftsführerin der SELVA und aktive Bündner Jägerin) sowie Robert Brunold (Präsident des Bündner Patentjäger-Verbands) teil. Ein forstliches Positionspapier wird begrüsst Erstmals in der Geschichte des Vereins Graubünden Wald wird der Verein des Bündner Forstpersonals ein Positionspapier verabschieden. Darin wird die Sorge der Branche zur sich erneut verschärfenden Wald-Wild-Situation thematisiert, was auch Anlass für diese Schwerpunktnummer ist. Wie Nina Gansner bestätigt, ist die Thematik auch dem Waldwirtschaftsverband sehr wichtig. So hat man bereits an der letzten GV klare Forderungen an die Jagdplanung gestellt. Gerade die einheitliche Stimme – und dazu gehört auch ein klares Wording aus dem Wald – wird begrüsst. «Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass man branchenintern auch nach innen schaut und eine klare Haltung einnimmt, dass der Wald die Jagd braucht und die Jagd infolgedessen umgekehrt auch den Forstdienst – im Sinne, dass eine Lösung der zugespitzten Lage nur gemeinsam erreicht wird», präzisiert Nina Gansner. Robert Brunold bestätigt die Äusserungen von Nina Gansner und bekräftigt,

wie wichtig eine einheitliche forstliche Stimme sei. Es ist eine Realität, dass gerade an Sektionsversammlungen jagende Förster hinter vorgehaltener Hand auch sagen, die Situation sei gar nicht so schlimm wie oft dargestellt. Der Jägerpräsident findet für dieses Phänomen klare Worte: «Gerade dies schadet sowohl den Wald- wie auch den Jagdanliegen. Ich persönlich wäre froh, gäbe es eine klare, aber vor allem einheitliche Stimme aus dem Wald!» «Ein Positionspapier wird bestimmt Bewegung in die ­Thematik bringen,» ist auch Jacqueline von Arx überzeugt. Darin werden in erster Linie Ansprüche und Forderungen einer Nutzergruppe niedergeschrieben sein. Pro Natura als Naturschutzorganisation werde sich nie auf die eine oder andere Seite einer Nutzergruppe schlagen – also weder auf die Forstnoch auf die Jagdseite – denn das Kern­ anliegen wird immer der Schutz und nicht der Nutzen aus der Natur sein. Zentrales Anliegen an jede Nutzergruppe ist, dass eine Nutzung nachhaltig vonstattengeht und in ­diesem Sinne nicht schädigend auf einen anderen Naturwert wirkt. Somit wird das Positionspapier aus naturschützerischer

Jacqueline von Arx, Geschäftsführerin von Pro Natura Graubünden. (Bilder: Sandro Krättli) Bündner Wald 3/2016 45

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Sicht – besonders bezüglich Artenvielfalt im Wald – spannend sein. «Wir hoffen, ein ökologisches Verständnis im Sinne des aktuellen Wissens ist darin zu finden», konkretisiert sie die Ausführungen. Was ist eine ökologische Jagd? Robert Brunold thematisiert als Erster den Titel dieser Schwerpunktnummer «Wege zu einer ökologischen Jagd». Er stellt die Frage, was man mit diesem Titel bezwecke, denn er suggeriere, dass die Jagd heute nicht ökologisch sei. Gerade diese Aussage wäre sehr heikel, weil man dies mit der zweiten Jagdinitiative in Verbindung bringen könnte. Diese läuft zurzeit unter dem Titel «Für eine naturverträgliche Jagd». Die Frage, ob nun die Bündner Jagd ökologisch sei, prägt den weiteren Verlauf der Diskussion. Regula Bollier meint dazu: «Ob die Bündner Jagd ökologisch ist, kann ich so nicht beantworten. Es ist eine äusserst komplexe Frage. Ist etwa die Vogeljagd ökologisch sinnvoll? Aus Sicht der Weisstanne scheint die Jagd nicht ökologisch zu sein. Wie sich die Jagd im Kanton Graubünden zeitgemässen Erkenntnissen anpasst,

Regula Bollier vom WWF Graubünden lauscht den Argumenten von Jägerpräsident Robert Brunold.

ist wieder vorbildlich im Quervergleich. Ich denke, ganz grundsätzlich muss bei einer ökologischen Ausrichtung Platz für alle heimischen Arten sein – also genauso für Grossraubtiere oder jede Baumart – ‹ökologisch› wäre dann am ehesten eine Richtschnur oder ein Grundsatz.» Der Mensch als zentrales Element darf bei dieser Betrachtung nicht ausser Acht gelassen werden, denn grundsätzlich orientiert man sich an natürlichen Systemen, befindet sich aber mitten in einer Kulturlandschaft – und dazu gehört gemäss Nina Gansner vor allem auch die Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung der verschiedenen Waldfunktionen. Auch Jacqueline von Arx kann als Naturschützerin diese Sicht vertreten, weist aber darauf hin, wie wichtig es sei, solche Systeme nicht als starr zu betrachten. So müsse eine erhöhte Verbisssituation aus ökologischer Sicht für eine gewisse Periode noch kein Problem darstellen. Man soll auch mit diesem Horizont begründen, wieso beispielsweise der Hirschbestand reduziert werden muss. «Verjüngt sich eine Baumart über mehrere Jahrzehnte über ein grosses Gebiet nicht mehr, hat dies eine ökologische Tragweite, während lokale Probleme vielleicht vor allem für den betroffenen Bewirtschafter ein grosses und auch verständliches Problem sind, aber noch lange nicht eine Art gefährden», erklärt Jacqueline von Arx ihre Sichtweise anhand eines Beispiels. Diese Erläuterung findet auch Robert Brunold plausibel, welcher den Begriff «ökologische Jagd» so vertreten kann, gleichzeitig aber die berechtigte Frage stellt: «Ist denn die Forstwirtschaft heute ökologisch . ..?» Förster und Jäger sind wichtige Fachpersonen für den Naturschutz Was stört die Naturschutzorganisationen an den Nutzungsformen Jagd und Waldwirtschaft im Jahr 2016 am meisten? Diese Fra-

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ge drehte Jacqueline von Arx kurzerhand um und betont, wie wichtig Förster und Jäger für Naturschutzfragen seien. Ihr persönlich sei es immer wichtig, Gremien im Naturschutzbereich mit solchen Fachkräften zu bestücken, weil deren Praxiserfahrung für Lösungsansätze wichtig sei. Regula Bollier schlägt in die gleiche Kerbe. Sie ergänzt, dass Graubünden mit der Bündner Jagd ein einzigartiges und gesellschaftlich breit abgestütztes Kulturgut pflegt, wo Naturanliegen gelebt und weitergegeben werden. Vielleicht müssten die Naturschutzorganisationen diesen Zugang sogar noch aktiver nutzen. Auf den Geschäftsstellen von WWF und Pro Natura treffen immer wieder kritische Kommentare von besorgten Mitgliedern ein, weil Nutzungen von Holz oder Wildtieren nicht verstanden werden. Solche Sorgen können die Naturschutzorganisationen meist gut abfangen oder relativieren, weil das Vertrauen in den Forstdienst wie in die Jagd vorhanden ist. Natürlich stehe man einzelnen Entwicklungen und Vorfällen auch kritisch gegenüber. Auf der forstlichen Seite wird der unverhältnismässige Ausbau von Forststrassen erwähnt, was teilweise auch zu Übernutzungen von Wäldern führen könne. Auf der jagdlichen Seite halten sich andererseits falsche Behauptungen, dass die Wölfe am Calanda ausgesetzt worden seien. Dies unterstreicht die eher noch weitverbreitete feindliche Stimmung zu Grossraubtieren in Jägerkreisen. Gerade bei der Grossraubtierdebatte erwarten beide Naturschutzorganisationen eine positive Grundhaltung von Jagd und Forstseite. «Dieses Anliegen verstehe ich», betont Robert Brunold. Er fügt aber gleich an: «Im Gegenzug wäre es ebenso wichtig, dass die Naturschutzorganisationen auch den ökologischen Wert menschlicher Nutzungsformen proaktiv unterstützen und kommunizieren – eben dass

Nina Gansner ist eine gesamtheitliche Betrachtung wichtig.

beispielsweise fünftausend Hirsche geschossen werden müssen, damit der Bestand dem Lebensraum angepasst ist.» Sonderjagd nötig – aber wie lange noch? Die Sonderjagd ist das Kernelement für die Regulation der Schalenwildbestände im Kanton Graubünden. Gerade bei dieser heiss diskutierten Frage demonstrierten die Waldund Jagdvertreter in den vergangenen Jahren Einigkeit. Ja, die Waldverjüngung wurde gar als entscheidendes Element für die Sonderjagd in die Waagschale geworfen. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob ein Bekenntnis zur Sonderjagd als gemeinsamer Nenner mit den Naturschutzorganisationen ebenfalls genagelt werden kann. Als Einleitung zu dieser Fragestellung erläutert Robert Brunold eindrücklich, wie schwierig insbesondere die Bejagung des Hirsches ist, dessen Bestände sich aus Bündner Standwild und zu- und abwandernden Tieren aus den Grenzregionen zusammensetzen. Für den Lebensraum sind die überwinternden Bestände im Wald entscheidend. Sie setzen Bündner Wald 3/2016 47

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verstanden. ­Regula Bollier gibt aber zu bedenken, dass besonders in den Wintermonaten mit der Jagd empfindliche Störungen für andere Arten entstehen und man nicht bedingungslos die Bejagung einer Art über alles stellen kann. Jacqueline von Arx geht noch etwas weiter und stellt zur Diskussion, ob nicht eher Faktoren gefördert werden sollten, die zu einer natürlichen Sterblichkeit führen und auch Faktoren minimiert werden, welche die Überbestände begünstigen. Konkrete Beispiele nennt Jacqueline von Arx gleich beim Namen: «Aus forstlicher Sicht sind die Schalenwildbestände heute überhöht. Und dennoch werden leider noch private Wildfüt­terungen durchgeführt. Hier braucht es Überzeugungsarbeit, dass solche Aktionen für den Wald kontraproduktiv sind. Seit der Bildung eines Wolfsrudels wurde am Calanda keine Sonderjagd mehr durchgeführt. Es werden sich weitere Rudel bilden. Was bedeutet dies für die Bündner Jagd? Welche Rolle übernehmen Wildasyle künftig, wenn die Schalenwildbestände sehr hoch sind und Grossraubtiere wieder verbreitet sind?»

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sich zu grossen Teilen auch aus jenen Tieren zusammen, welche sich im Herbst gar noch nicht in Graubünden befinden und jeweils im Frühling wieder abwandern. Diese Bestände können nur in den Wintermonaten bejagt werden. Diese Tatsache stützt auch die SELVA in ihren Ausführungen zur Bündner Jagd, weil aus forstlicher Sicht vor allem auch eine optimale Verteilung des Schadenwilds in den Wintereinständen angestrebt und Massierungen möglichst verhindert werden müssen. Damit lässt sich auch begründen, dass man sich als Waldeigentümervertreter gegen die Oktoberjagd ausgesprochen hat, weil eben in dieser Zeit nur das Standwild bejagt werden kann. Diese Auslegung wird seitens des Naturschutzes

Grossraubtiere akzeptieren, begrüssen oder unterstützen Die Rückkehr der Grossraubtiere hat festgefahrene jagdliche Grundsätze aufgeweicht. Hierbei sind sich alle Anwesenden einig. Das Argument, der Jäger ersetze Grossraubtiere, zieht nur noch bedingt. Gleichzeitig werden auf der Waldseite gewisse Hoffnungen für die Waldverjüngung geweckt. Nur, wie soll man sich hier positionieren? Schon der Begriff «fördern» ist aus naturschützerischer Sicht heikel. Mit «fördern» verbinden viele «aussetzen» – gerade wenn sie an den klassischen Naturschutz denken. Aussetzungen finden vonseiten der anwesenden Naturschutzorganisationen und der betrof-

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fenen Ämter schweizweit keine statt. Man setzt sich vielmehr für die öffentliche Akzeptanz und die politische Förderung ein. Auch Robert Brunold bestätigt hier, dass es aus seiner Sicht eine positive Haltung der Jägerschaft braucht – auch wenn sich die Bejagung verändern kann. Ein Nebeneinander muss gefördert werden. Dies betrifft aber nicht nur die Jägerschaft, sondern die gesamte Bevölkerung. Die Bevölkerung muss aktiv eingebunden werden. Man kann sich nicht einfach auf positive Umfrageresultate stützen. In noch wolffreien Regionen wird man positiver eingestellt sein, weil die Wölfe ja noch weit weg sind. Vor Ort, bei den Direktbetroffenen, ist die Skepsis grösser. Diese Menschen sollte man besonders ernst nehmen. Dies wird ein Schlüssel für die breite Akzeptanz von Grossraubtieren sein, ist der Jägerpräsident weiter überzeugt. Jagdlich habe man durchaus Änderungen im Calandagebiet festgestellt. Der Abschuss während der Hochjagd sei zwar numerisch nicht zurückgegangen – die Ab-

Regula Bollier erkennt durchaus Handlungspotenzial auf Wild- und Waldseite.

schüsse haben sich aber verschoben, weil sich das Wild durch die Prädatoren neu verteilt. Hirsche wurden eher in tieferen La­­gen geschossen, während sich Gämsen eher ins felsige Gebiet verschoben. Hier hakt ­Jacqueline von Arx ein. Sie betont explizit: «Mir ist es wichtig, dass man in Jagdkreisen nicht von einem sonderbaren oder neuartigen Verhalten, sondern im Gegenteil auch im Wording von einem natürlichen Verhalten spricht! Denn die natürlichen Prädatoren führen wieder zu einem ‹natürlicheren› Verhalten der Wildtiere – und nicht umgekehrt.» Auf der Waldseite verbindet man gewisse Hoffnungen mit der Rückkehr der Grossraubtiere. Leo Lienert, ehemaliger Oberförster von Obwalden, gilt gar als «Luchsvater». Er setzte sich mit der Ansiedlung des Hirsches für die erste Ansiedlung der Grosskatze als Gegenleistung erfolgreich ein. Heute positionieren sich forstliche Organisationen positiv zu Grossraubtieren. Auch Nina Gansner bestätigt, dass man sich hier auf der Waldseite eine positive und ergänzende Wirkung ­erhofft – ohne gleich in eine Euphorie zu verfallen. Seitens des WWF Graubünden erwartet man vom Forstdienst vermehrt auch öffentliche Bekenntnisse zu Grossraubtieren und Aufklärungsarbeit zur erwarteten Wirkung für den Wald. Abschliessend einigt man sich auf folgende Verben: Der Jäger akzeptiert, der Förster begrüsst und der Naturschützer unterstützt Grossraubtiere! Ein Fütterungsverbot muss gesetzlich verankert sein – hier herrscht Einigkeit! Graubünden gilt als Kanton, wo die Wildtierfütterung als Hegemassnahme offiziel abgelöst wurde. Allen Anwesenden ist aber klar, dass dem nicht so ist, und noch viele Wildfütterungen aktiv sind. Die Zeitschrift Bündner Wald 3/2016 49

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Gegenseitige Wünsche Wünsche an den Forstdienst .. . – «Ich wünsche mir jagende Förster, die auch vor ihren Jagdkollegen oder der Jagdversammlung für ihre Überzeugungen und den Wald einstehen. Sie besitzen die grösste Glaubwürdigkeit innerhalb der Jagdkreise.» (Robert Brunold) – «Ich wünsche mir einen offenen Forstdienst, der sich vermehrt mit natürlichen Prozessen auseinandersetzt und diese auch – beispielsweise bei der Totholzdynamik oder einem lockeren Umgang mit Borkenkäferbefall – zulässt. Mir gefällt das Zitat: Ein kranker Wald ist ein gesunder Wald.» (Jacqueline von Arx) – «Ich wünsche mir vor allem Augenmass beim Waldstrassenbau! Einerseits muss nicht der letzte Winkel erschlossen sein und andererseits bin ich sehr skeptisch, wenn vermehrt Asphalt zum Einsatz kommt.» (Regula Bollier) Wünsche an die Naturschutzorganisationen . . . – «Ein klares Lippenbekenntnis zur nachhaltigen Nutzung von natürlichen Ressourcen wäre für die Jagd und den Wald wertvoll.» (Nina Gansner) – «Der allerwichtigste Wunsch vonseiten der Jägerschaft ist eine Weiterführung und Intensivierung der Zusammenarbeit. Ein weiterer, der vielleicht etwas weit geht, wäre eine klare Distanzierung vom radikalen Tierschutz.» (Robert Brunold) – «Aus forstlicher Sicht liegt ein grosses Potenzial für gemeinsame Anliegen zwischen Forstdienst und Naturschutz brach – daher liegt der Wunsch nah, die Zusammenarbeit basierend auf gemeinsamen Zielen zu intensivieren.» (Nina Gansner) Wünsche an die Jägerschaft .. . – «Genauso wie von den Jägern ein forstliches Bekenntnis zur Jagd verlangt wird, erwarten wir dies natürlich auch von der Jägerschaft zum Wald. Schön wäre, wenn man das Jagdhandwerk direkt mit der Waldwirkung verstehen würde.» (Nina Gansner) – «Wenn der BKPJV als grosser Jagdverband eine Führungsrolle zur Förderung der Akzeptanz für Grossraubtiere übernehmen würde, wäre dies ein sehr starkes Signal. Ich bin überzeugt, dies würde auch einem modernen Jagdverständnis dienen.» (Regula Bollier) – «Ich wünsche mir neben der politischen Zusammenarbeit eine rein praktische bei konkreten Objekten, wo man Hand anlegt, beispielsweise beim Aufwerten von Biotopen könnte man gegenseitig profitie en.» (Jacqueline von Arx)

«Bündner Jäger» betreibt seit mehreren Jahren aktive Aufklärungsarbeit bezüglich der negativen Folgen dieser Praktiken. Auch der Forstdienst ist bemüht, aktive Wildtierfütterungen mit Aufklärungsarbeit und den beschränkten rechtlichen Mitteln zu entfer-

nen. Neben Installationen, die von Jägern betrieben werden, sind besonders indirekte oder direkte Fütterungen durch Private ein ungelöstes Problem. Hier zeigen sich alle Beteiligten hoffnungsvoll, weil kürzlich ein grüner Tisch zur Problematik einberufen

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wurde (Artikel in dieser Ausgabe, S. 55). Alle bestätigen die Einigkeit aller involvierten Parteien. In diesem Zusammenhang kommen auch die angewendeten Notmassnahmen des Kantons Graubünden zur Sprache. «Die Notmassnahmen, welche auch Fütterungsmassnahmen beinhalten, waren im strengen Winter 2012 ein völlig falsches Signal an die Öffentlichkeit. Schon damals gab es mahnende Stimmen, besonders aus dem Forstdienst», betont Regula Bollier. Um das Problem nun flächendeckend im Kanton lösen zu können, werden griffig gesetzliche Grundlagen gefordert. Ob nun rechtliche Vorgaben über die Raumplanung zielführender sind als über die Jagdgesetzgebung, ist man sich nicht ganz einig. Für eine Lösung über die Raumplanungsgesetzgebung spricht die übergeordnete Bedeutung und Anwendbarkeit; für eine jagdliche Verankerung die klare Zuständigkeit samt Hoheit über das Jagdregal. Sorgen bereitet allen die Tuberkulose, welche im angrenzenden Vorarlberg bedenkliche Züge angenommen hat. Gerade mit diesem Fokus sind aktive Fütterungen beispielsweise im Prättigau nicht tolerierbar! Rehbejagung als Spiegel für das ökologische Verständnis Das Reh hat als Entmischer erwiesenermassen einen wesentlichen Einfluss auf die Waldverjüngung. Ein forstlicher Kritikpunkt ist der mangelnde jagdliche Druck auf diese Wildart. Jacqueline von Arx stellt aus Interesse die Frage an die Jagenden der Runde, wieso dies so sei. Robert Brunold erklärt als oberster Jäger: «Es ist schon so, dass für die Mehrheit der Bündner Jäger das Reh nicht an erster Stelle kommt. Hirsch und Gämse werden klar bevorzugt, das Reh wird vielfach eher als ‹Nebenwildart› angesehen und ist weniger attraktiv. Den gesellschaftlichen

Einfluss darf man beim Reh nicht unterschätzen – hier spielt der Bamby-Effekt!» Diese Ausführungen lösen bei von Arx weitere Fragen auf: «Dies heisst für mich, dass der Bündner Jäger wohl in erster Linie von Anerkennung und Trophäenkult angetrieben ist und nicht seinem eigentlichen Auftrag nachgeht.» Regula Bollier teilt diese Interpretation und fügt an, dass bei dieser Thematik auch die Jagdbetriebsvorschriften nicht konsequent sind und nicht nur der einzelne Jäger das Problem ist. «Es macht doch keinen Sinn, dass Gämse und Reh zusammen ein Kontingent bilden, während beim Hirsch viel mehr Freiheiten bestehen! Hier gäbe es sicherlich Spielraum», wird sie konkret. Nina Gansner bestätigt als aktive Jägerin und engagierte Jagdausbildnerin die Problematik. Sie weist aber darauf hin, dass bereits in der Jagdausbildung schon Sensibilisierungsarbeit gemacht wird. Die momentane Situation ist wohl auch eine Generationenfrage, die sich wandeln wird. Auch Robert Brunold bestätigt diesen Trend innerhalb der Jägerschaft und ergänzt, dass durch die Jagdkommission letzten Juni die Rehkitzbejagung über den ganzen Kanton eingeführt wurde. Mit folgender Aussage findet Regula Bollier ein passendes Schlusswort: «Diese sehr spannende Rehdiskussion ist für mich symptomatisch, wie doch noch viel machbar wäre, um die Jagd noch konsequenter nach einer ökologischen Richtschnur auszurichten.»

Sandro Krättli, Redaktor Bündner Wald Bahnhofplatz 3B CH-7302 Landquart sandro.kraettli@awn.gr.ch Bündner Wald 3/2016 51

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Wildstand und Abschuss im Fluss der Jahre – Beispiel Österreich Im Sog der Diskussionen rund um das Positionspapier von Graubünden Wald wurde die Redaktion des «Bündner Wald» auf ­einen Artikel aus der österreichischen Forstzeitung aufmerksam. Auch in Österreich wurde bereits ein Positionspapier zur gleichen Thematik Wald/Wild vonseiten des Österreichischen Forstvereins verabschiedet (1993). Wie sich dieses in die Geschichte bettet, zeigt der folgende Artikel, erschienen in der Forstzeitung 02 – 2016. Alljährlich im Spätwinter steht bei den meisten Jagdleitern die Erstellung des Abschussplans auf dem Terminkalender. Die vor Kurzem veröffentlichten Abschussergebnisse des Jagdjahrs 2014/2015 werden zum Anlass genommen, die Entwicklung des Abschusses von Rot-, Reh- und Gamswild über einen längeren Zeitraum zu beleuchten. Bei der Erstellung eines Abschussplans wird in der Regel vom Vorjahrsergebnis ausgegangen und überlegt, ob der Plan für das neue Jagdjahr beibehalten oder abgeändert werden soll. Da kleine jährliche Veränderungen oft kaum als solche wahrgenommen werden, in ihrer Summe aber bedeutend sein können, empfiehlt es sich, von Zeit zu Zeit auch einen längeren Zeitraum in Betrachtung zu nehmen. Auf das Problem, dass die Planung theoretisch nicht von Abschüssen, sondern von Wildständen ausgehen soll, deren Höhe in Wirklichkeit aber nicht bekannt ist, wird hier nicht eingegangen. In der Praxis wird in der Regel aus den Abschüssen und auch daraus, wie leicht oder schwer sie im abgelaufenen Jahr zu erreichen waren, auf eine bestimmte Wildstandshöhe geschlossen und danach der Plan darauf ausgerichtet. Ökologie versus Jagdinteressen Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag die Jagd in weiten Bereichen darnieder, die Wildstände waren dezimiert und eine Fütte-

rung gab es nur in Ausnahmefällen. Die Grundbesitzer und die Jäger waren glei­ chermassen an einer Aufhege interessiert, was um etwa 1970, also 25 Jahre nach dem Kriegsende, weitgehend auch erreicht war. Als aber zu dieser Zeit nicht nur die Wildstände, sondern auch der Verbiss und die Schälschäden deutlich angestiegen waren, begannen die Interessen der Waldbesitzer und die der Jäger auseinanderzudriften. Die Österreichische Forstinventur, die Vorläuferin der heutigen Waldinventur, stellte gros­se Schälschäden fest, das ökologische Bewusstsein wuchs und die Bedeutung der Mischbaumarten wurde mehr und mehr erkannt. Die Forstwirtschaft begann, immer öfter und immer deutlicher vor einem weiteren Wildstandanstieg zu warnen. Aber trotzdem wurden von den Jagdbehörden jahrzehntelang die Abschusspläne gekürzt. Während also schon um diese Zeit von der einen Seite eine Stabilisierung der Wildstände verlangt wurde, freute sich die andere Seite über die Erfolge der Aufhege, denn mit dem steigenden materiellen Wohlstand waren auch die Ansprüche der Jäger und der Prestigewert des Jagens gewachsen. Diskussion und Konfrontation Nach 1970 wurde die Auseinandersetzung zwischen der Forstseite und der Jagdseite über den Zustand des Walds und die Tragbarkeit des Wildstands immer heftiger. Anlässlich der Forsttagung 1990 in Salzburg erklärte der damalige Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, F. Fischler: «Aufgrund der von Fachleuten vor Ort vorgenommenen Beurteilung muss gesagt werden, dass auf drei Viertel der Waldgebiete Österreichs ohne Schutzmassnahmen gegen Verbiss die Verjüngung einer ökologisch richtigen Baumartenmischung nicht mehr möglich ist.» «Wir sind auf dem richtigen Weg!»,

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konterte die Jagdseite immer wieder; aber wo dieser Weg hingeführt hat, sieht man an den heutigen Wildständen und an den heutigen Schäden. Neuorientierung – und die Folgen? Das Positionspapier 1993 des Österreichischen Forstvereins: «Die Jagd braucht eine Neuorientierung» leitete zwar eine gewisse Änderung im verbalen Umgang zwischen der Forst- und der Jagdseite ein, aber es wurden bis in die Gegenwart keine entschlossenen Schritte gesetzt, um den weiteren Wildstandanstieg nachhaltig zu stoppen. Obwohl es in der Mariazeller Erklärung (2012) heisst: «Die Regulierung der Schalenwildbestände ist die vordringlichste Aufgabe der nahen Zukunft», hat W. Wolf in der Nr. 11/2015 der Forstzeitung die Frage gestellt, ob diese Regulierung denn «überhaupt schon mit dem notwendigen Nachdruck angegangen» worden sei. Keine Reduktionsstrategie Die Entwicklung des Abschusses von Rot-, Reh- und Gamswild im Zeitraum zwischen 1970 und 2014 zeigt Folgendes: – Der Rotwildabschuss betrug im Jahr 1970 rund 33 000 Stück, pendelte bis zum Jahr 2000 zwischen 34 000 und 46 000 Stück, stieg dann deutlich an und liegt nach einem Spitzenwert von 59 000 Stück (2012) derzeit bei rund 52 000 Stück, also etwa um die Hälfte höher als der Abschuss von 1970. – Der Rehwildabschuss lag um 1970 bei rund 150 000 Stück, stieg dann innerhalb von wenigen Jahren auf über 200 000 Stück an, erreichte mehrmals Gipfelwerte (das Maximum im Jahr 2003 betrug 285 114 Stück) und liegt derzeit mit 268 000 Stück um etwa 80 Prozent über dem Abschuss von 1970.

– Der Gamswildabschuss lag um 1970 bei etwa 16 000 Stück, stieg bis zu Beginn der 1990er Jahre auf über 29 000 Stück an, war dann wieder rückläufig und sank zuletzt auf unter 20 000 Stück. Der Abschuss 2014 liegt also «im Trend»: er ist beim Rotwild um 6461 Stück und beim Rehwild um 4214 Stück niedriger als im Vorjahr und nur beim Gamswild um 588 Stück höher. Da das Abschuss-Minus bei Rotwild wie auch Rehwild vorwiegend bei den weiblichen Stücken, also bei den Vermehrungsträgern liegt, ist aus dem Abschuss 2014 jedenfalls keine allgemeine Reduk­tionsstrategie abzulesen. Ob ein Wildstand tragbar ist oder ob er allenfalls reduziert werden muss, kann nicht nach der Höhe des erfolgten Abschusses, sondern muss nach dem Zustand des Walds und vor allem der Verjüngung beurteilt werden. Insbesondere die Kurve des Rehwildabschusses der letzten Jahrzehnte lässt vermuten, dass man nach jedem Höchstwert meinte, dass man jetzt schon in die Substanz eingegriffen habe und man also jetzt mit dem Abschuss wieder zurückgehen müsse. Dass diese ­Annahme jedenfalls in den Perioden nach 1977, 1991 und 2003 unrichtig war, zeigt die jeweils darauf folgende Entwicklung: Die vermehrten Abschüsse haben nicht einmal ein Gleichbleiben des Wildstands ­bewirkt, geschweige denn eine Reduktion, sonst hätten die Abschüsse und also auch der Wildstand nicht nachmals munter weitersteigen können. In Zeiten eines höheren Wildstands sind die Jäger an mehr jagdliche Anblicke und an mehr Abschüsse gewöhnt, nach jedem grösseren Abschussanstieg werden die Anblicke seltener und die Abschüsse schwieriger. Und nicht alle von den vielen, die heute unter grossem Zeitdruck ins Revier hinauseilen, werden mit dieser Situa­ tion fertig. Bündner Wald 3/2016 53

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Jagdstrecke seit 1970. (Grafik: Dr. Otto Moser/ Quelle Statistik Austria)

Jagdrevierweise Prüfung Die Zahlenbeispiele lassen erkennen, wie sich die Abschüsse und damit wohl auch die Wildstände in den letzten Jahrzehnten im ganzen Bundesgebiet, also im Grossen entwickelt haben. Es genügt nun aber nicht, zu sagen, der Wildstand müsse «in Österreich» wieder auf ein waldverträgliches Ausmass zurückgeführt werden. Österreich ist ja nicht ein einziges, grosses Jagdgebiet, sondern setzt sich aus mehr als 10 000 Jagdrevieren zusammen, aus deren Summe sich das Gesamtbild ergibt. Wenn eine Veränderung im Grossen erfolgen soll, dann kann das nur durch einen Wandel in den einzelnen Revieren geschehen. Es muss jagdrevierweise geprüft werden, wie denn die Verhältnisse vor zehn, vor zwanzig, vor dreissig Jahren waren und wie weit man sich heute von diesen schon entfernt hat.

Darauf ist dann der Abschuss auszurichten. So bitter das sein mag: Ohne eine Anpassung des Wildstands an die Tragfähigkeit des Lebensraums ist eine nachhaltige Waldbewirtschaftung nicht möglich. Das sollte halt sowohl von forstlicher als auch von jagdlicher Seite vertreten werden. Dr. Otto Moser war mehrjähriger Leiter der Forstverwaltung Steyr (OÖ) und danach mehr als zwanzig Jahre Leiter der Abteilung für Forsteinrichtungen und Waldbau bei den Österreichischen Bundesforsten. otto.k.moser@gmx.at

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Den Wildtierfütterungen entgegenwirken Um den unerwünschten Wildtierfütterungen entgegenzuwirken, wurde in Bergün ein «grüner Tisch» installiert. Merkliche Korrekturen sollen herbeigeführt werden. Hierzu muss Aufklärungsarbeit das wichtigste Instrument bilden, aber auch Sanktionen oder Mustergesetzesvorschläge. Seit Jahren hat der kantonale Hegepräsident Hansruedi Andreoli zu den Themen «Das Wild braucht Ruhe» und «Wildtierfütterungen sind kontraproduktiv» einen langen Atem. Und solange es noch Jäger gibt, die Wild füttern, lässt auch der «Bündner Jäger» nicht locker. Das für das Wild völlig kontraproduktive Phänomen ist jedoch nicht nur bei uneinsichtigen Jägern festzustellen. Man war sich auch einig, dass die genannte Situation dem Wald und insbesondere dem Schutzwald empfindliche Schaden zufügt. Die Erfahrungen rufen nach Korrektur Es ist trotz der oben erwähnten Bemühungen unübersehbar, dass in Graubünden immer noch einige Jäger uneinsichtig sind, Privatpersonen absichtlich oder unabsichtlich Hirsche und Rehe füttern, dass unzählige Komposthaufen immer noch als Anziehungspunkt für Wildtiere dienen und dass zu viele Landwirte sich nicht darum kümmern, mit wenig Aufwand jene Abwehrmassnahmen zu treffen, die Bauernhöfe als gefährliche Futterquelle für Wildtiere zweckentfremden lassen. Jedes Jahr verenden deshalb Hirsche oder Rehe, weil sie auf dem Weg zur unnatürlichen Futterquelle überfahren werden, von Hunden gerissen werden oder elendiglich verenden, weil sie das Futterangebot von Komposthaufen oder Silo nicht vertragen. Zudem verlieren nicht selten angelockte Hirsche und Rehe ihre natürliche Scheu und entwickeln sich unschuldigermassen als Gefahr für den Menschen. Der Abschuss bleibt

dann noch als letzte Möglichkeit, wenn Hirsche den Landwirt nicht mehr in den Stall lassen oder Hirsche sogar im Sommer ganze Dörfer in Atem halten, weil sie seelenruhig durch das Dorf marschieren und zusätzlich alle Gärten plündern – so geschehen 2015 in Bergün. Zu den genannten Missständen wird das Füttern in Siedlungsgebieten noch ein weiteres Problem verursachen – denn eines ist unabdingbar klar: Wölfe werden sich in Graubünden weiter verbreiten. Deshalb ist absehbar, dass sie im Winter ihre Beute ­vermehrt dort suchen, wo sich Wild ansammelt – gemäss der heutigen Situation in vielen Siedlungsgebieten. «Darum braucht es eine geeinte Kraft von Interessensvertretern und kantonalen Ämtern, die dieses traurige Dilemma endlich aus der Welt schaffen», sagt der kantonale Hegepräsident. Sagen und Machen sind jedoch zweierlei Paar Schuhe. Darum lud Hansruedi Andreoli zu einem «grünen Tisch». Lösungsorientierter Wille und viel Fachwissen am «grünen Tisch» Am «grünen Tisch» waren anwesend: Robert Brunold, Präsident des BKPJV, Jacqueline von Arx, Geschäftsführerin von Pro Natura Graubünden, Anita Mazzetta und Regula Bollier vom WWF Graubünden, Jürg Brosi, Leiter des Amts für Jagd und Fischerei, Daniel Buschauer, Leiter des Amts für Landwirtschaft und Geoinformation, Martin Renner, Geschäftsführer des Bündner Bauernverbands, Reto Hefti, Leiter des Amts für Wald und Naturgefahren, und Rolf Haniman, Leiter des Amts für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit. Urs F­ liri, Revierleiter des Forst- und Werkbetriebs Albula und Vorstandsmitglied der Sektion Bergün, hat vor Ort über erfolgreiche Massnahmen und Notwendigkeiten zum Thema «Fütterung in Siedlungsgebieten» referiert. Danach hat Bündner Wald 3/2016 55

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Zur Verbesserung der misslichen Umstände der Wildtierfütterungen wird nun eine gebündelte Kraft eines «grünen Tischs» aktiv. (Bild: Walter Candreia)

der kantonale Hegepräsident die Diskussion zum «grünen Tisch» eröffnet und geleitet. Der beobachtende Redaktor war schnell einmal von der lösungsorientierten Gesprächskultur beeindruckt. Alle Anwesenden waren sich einig: «In dieser Frage müssen wir zukünftig gemeinsam auftreten, gemeinsam aufklären und vorgängig vor allem gemeinsam Massnahmen ausarbeiten, die umsetzbar sind.» Schulung, Massnahmen und gebündelte Aufklärungsarbeit Die Diskussion zu den für das Wild und die Umwelt schadenstiftenden Wildtierfütterungen wurde durchwegs sachlich geführt. Daraus entstanden dann auch erfreuliche Vorschläge, wie beispielsweise derjenige, dass dieses Thema bei der Jägerausbildung und der landwirtschaftlichen Ausbildung am Plantahof berücksichtigt werden soll. Die vielfach nichtwissende Bevölkerung müsse noch besser aufgeklärt werden, wie man beispielsweise Komposte anlegen kann, die für das Wild nicht als Futterange-

bot dienen, und so nicht Hirsche, Rehe, Füchse oder Wölfe in Siedlungsnähe anlocken. Wo es möglich ist, sollen zudem illegale Entsorgungsorte sanktioniert werden. Weiter wurde entschieden, dass zuhanden der Gemeinden Mustergesetze erarbeitet werden. Damit kann dann jede Gemeinde im Baugesetz ein gesetzliches Instrument zur Frage Komposthaufen und Entsorgungsorte usw. festlegen. Eine Arbeitsgruppe, unter der Leitung von Hansruedi Andreoli und Anita Mazzetta, wird hierzu Vorbereitungsarbeit leisten. Ende Mai 2016 findet dann der zweite «grüne Tisch» statt. Sind die verschiedensten Zielsetzungen erreicht, wird eine grosse Pressekonferenz einberufen, wo der gesamte «grüne Tisch» auftritt. An der Pressekonferenz soll zusätzlich ein Leuchtturm vorgestellt werden, will heissen, eine Gemeinde, die im Sommer 2016 alle möglichen Massnahmen ergriffen hat, damit kein Wild mehr in Siedlungsnähe angelockt wird. Die Landwirtschaft, Jäger, Naturschutzorganisationen und die verschiedensten Ämter sind nun wirklich gewillt, gebündelt nach aussen gegen Fütterungen von Wildtieren im Allgemeinen und gegen Fütterungen in Siedlungsnähe im Speziellen anzukämpfen. Hierzu sind sich alle bewusst, dass ausschlaggebende Erfolge nicht von heute auf morgen erreicht werden – aber das Problem nun mit Überzeugungskraft angepackt werden muss.

Walter Candreia Redaktor Bündner Jäger redaktion@buendner-jaeger.ch

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Die Eibe und das Wild

Eibe mit beästen Stammfirsttrieben. (Bilder: Paul Rienth)

Die Europäische Eibe fasziniert durch ihre Vielseitigkeit. Ihr langlebiges und biegsames Holz hat – unter anderem verarbeitet zu Waffen – die Geschichte in Europa mitgeprägt. Ihre Inhaltsstoffe vermögen zu töten und zu heilen. Durch die Übernutzung der Eibe und die Ausrottung entlang der Verkehrswege sind die heutigen Populationen in Europa stark fragmentiert. In der Schweiz kommt die Eibe im Jura, im ganzen Mittelland, in den Voralpen und im Tessin vor. Besonders grosse Populationen liegen in der Region Hörnli/ Töss, Napf sowie an der Albiskette und in den Föhntälern um die Alpenrandseen. Im Kanton Graubünden liegt das Hauptausbreitungsgebiet im Churer Rheintal. In der Schweiz gilt die Eibe noch nicht als gefährdet. Deshalb trägt die Schweiz eine be-

sondere Verantwortung für den Schutz und die Verjüngung der Eibe. Dabei stellt gerade das Wild die Forstfachleute vor grosse Heraus­forderungen. Einerseits hat das Reh die Eiben zum Fressen gern und an­dererseits fegt sich der Hirsch mit Vorliebe an Eiben. Am Uetliberg lässt sich das Aufwachsen vieler grosser Bäume auf die Zeit zwischen 1800 und 1860 zurückführen – eine Zeit, in der der Rehwildbestand fast auf null sank und sich die Eibe ungestört entwickeln konnte. Mit der Rückkehr des Rehwilds wurden die Wuchsbedingungen für die jungen Bäumchen viel schwieriger und mittlerweile fehlen am Uetliberg auch in schönen Eibenbeständen oft die Höhenklassen zwischen 10 cm und 2 m. Neben den Rehen sind die ganz jungen Eiben auch von Schnecken, Rüsselkäfern, Hasen und Mäusen beBündner Wald 3/2016 57

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23. Internationale Eibentagung der Eibenfreunde vom 5. bis 7. Oktober 2016 in Zürich Wir begrüssen die Eibenfreunde dieses Jahr in Zürich. Das grossartige Eibenvorkommen am Uetliberg bildet die perfekte Kulisse für spannende Fachbeiträge. Im Gelände wollen wir fast 20 Jahre nach der letzten Eibentagung in Zürich der Frage nachgehen, wie sich die Eibenbestände am Uetliberg seither entwickelt haben.

Programm Mittwoch, 5. Oktober 2016 13.30 Uhr

Tagungsbegrüssung

14.00 Uhr Vorträge 19.00 Uhr Nachtessen Donnerstag, 6. Oktober 2016 08.30 Uhr Exkursion im Waldrevier Uetliberg mit Mittagessen 16.00 Uhr Besuch der Parkanlage – die Eibe in der Gartenkunst, anschliessend Apéro 19.00 Uhr GV der Eibenfreunde Freitag, 7. Oktober 2016 08.30 Uhr Exkursion nach Graubünden (Eiben in Graubünden) mit Mittagessen 15.30 Uhr Tagungsabschluss mit Besuch der dicksten Eibe auf Stadtgebiet 18.00 Uhr Ende der Tagung

Zusatzangebot: Samstag, 8. Oktober 2016 10 .00 bis 15.00 Uhr Gemeinsame Begehung des Eibenpfads im Waldrevier Uetliberg Anmeldung bis 30. Juni 2016 und detailliertes Programm unter: www.stadt-zuerich.ch/eibentagung

Grün Stadt Zürich Eine Dienstabteilung des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements

droht. Während die letzteren vor allem auf Sämlinge losgehen, beginnt der Verbiss durch das Rehwild erst später. Mit der heutigen Verbisssituation wachsen die Eiben ohne Schutz nicht in genügend grosser Zahl aus dem Äsungsbereich des Rehwilds. Ein Lösungsansatz ist die Einzäunung von klei-

neren Gebieten mit Naturverjüngung, die Einbringung von Wildlingen oder im Forstgarten gezogenen Sämlingen. Am Uetliberg wurden gute ­Erfahrungen mit der Auspfla zung von Container-Eiben gemacht. Die im Forst­garten bis 0,5 m aufgewachsenen Jungpflanzen überstehen die Waldpfla -

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Eibensämling.

zung ohne Wuchsverlust, müssen jedoch bis auf 1, 7 m mit einem Einzelschutz geschützt werden. Auf diese Weise kann die Eibe bei guten Lichtverhältnissen schon in fünf bis sieben Jahren der Frass­höhe entwachsen. 23. Internationale Eibentagung der Eibenfreunde Die internationale Eibentagung 2016 finde vom 5. bis 7. Oktober 2016 in Zürich statt. Neben Exkursionen und Vorträgen zum Thema Wildverbiss und der Auswertung von über 20 Jahren Forschung am Uetliberg lockt auch die Auseinandersetzung mit der Eibe in der Gartenkunst sowie eine Exkursion zu Eiben im Kanton Graubünden. Die Eibenfreunde freuen sich über ein interessiertes Publikum und zahlreiche Anmeldungen zu den verschiedenen Veranstaltungen (www.stadt-zuerich.ch/eibentagung). Quellen: Aufzeichnungen von Willy Federer (ehemaliger Stadtförster am Uetliberg)

Rudow, A. (2001): Eibe. Taxus baccata L. In: Barengo, N., Rudow, A., Schwab, P., 2001: Förderung seltener Baumarten auf der Schweizer Alpennordseite. Grundlagen, Artensteckbriefe, Regionensteckbriefe. Merkblätter ETHZ/BAFU. Bundesamt für Umwelt (BAFU), Bern. 98 S. Odermatt, O. (2015): Eibenverjüngung und Rehwildverbiss am Uetliberg. In: Der Eibenfreund 21/2015, S. 38 – 45. Hassler-Schwarz, J. (1999): Die Eibe: Taxus baccata L.; eine Beschreibung unter besonderer Berücksichtigung des Kantons Graubünden; ein Versuch zur Beschreibung der Baumart mit ihren physischen und mythischen Eigenschaften sowie ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und ihrer Stellung in Graubünden. Dr. Regina Wollenmann, Grün Stadt Zürich, Forstingenieurin ETH Lea Bauer, Grün Stadt Zürich, Umweltnaturw. ETH Bündner Wald 3/2016 59

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Auf Hansjörg Weber folgt Roberto Paravicini

Hansjörg Weber geht in Pension. (Bilder: AWN)

Unser neuer Mitarbeiter: Roberto Paravicini.

Hansjörg geht in Pension Hansjörg Weber ist am 29. Februar 2016 in den – nach 27 Dienstjahren beim Amt für Wald und Naturgefahren, Region Südbünden – wohlverdienten Ruhestand getreten. Er war vorgängig über vier Jahre direkt bei den damaligen Gemeinden des Val Müstair als Projektleiter zur Behebung der Unwetterschäden nach Pfingsten 1983 angestellt, nachdem er im Kanton St. Gallen im Bereich Melioration Projekte betreut hatte. In dieser sehr langen Amtszeit konnte Hansjörg massgeblich zur Stabilisierung der Einhänge im geologisch-geotechnisch an­spruchs­vollen Umfeld des Val Müstair beitragen, er widmete sich aber auch intensiv dem Waldbau in seinem Zuständigkeitsgebiet. Auch im Rahmen des speziellen Mandats zur Leitung des Forstbetriebs, das er seit 2009 innehatte – respektive mit Einsitz in die Biosfera Val Müstair – konnte er bei der Entwicklung des Val Müstair wesentlich mitwirken. Hansjörg hinterlässt seine forstlichen Spuren im Val Müstair und auch in der Gemeinde Zernez (RFI ab 2006), für die er bis Ende Februar als Regionalforstingenieur zuständig war. Wir danken Hansjörg ganz herzlich für seine stets sehr offene, aufgestellte und frohe Art, die Projekte dennoch mit grosser Professionalität und Seriosität, stets zum Wohle des Bündner Waldes, aber sicher

auch zum Wohle der Bevölkerung, durchgeführt zu haben. Ein grosser Dank gilt ihm auch betreffend der akkuraten und wertvollen Einführung seines Nachfolgers Roberto Paravicini. Auf Hansjörg folgt Roberto Mit der Person von Roberto Paravicini konnte ein einheimischer dipl. Forstingenieur FH mit Masters in Ökonomie, aufgewachsen in Bever und mit Wurzeln in Poschiavo, gewonnen werden. Nach seiner Tätigkeit in einem Ingenieurbüro im Engadin hat er seine neuen Aufgaben am Amt für Wald und Naturgefahren als Regionalforstingenieur für die Gemeinden Val Müstair und Zernez sowie das Spezialwesen Erschliessungen am 1. März übernommen. Im Zuge der Pensionierung seines Vorgängers wurde die Aussenstelle Valchava zudem in das kantonale Verwaltungszentrum nach Scuol verlegt. Wir wünschen Roberto herzlich grosse berufliche Genugtuung und insbesondere grosse Freude und Faszination am und im Wald. Gian Cla Feuerstein Regionalleiter Region Südbünden Islas 244, CH-7524 Zuoz gian.cla.feuerstein@awn.gr.ch

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Vorschau «Bündner Wald» August 2016 Der Wald und sein(e) Wasser (Süss-)Wasser wird fast überall gebraucht und ist ein Gut mit stark steigendem Wert, weil die verfügbaren Ressourcen künftig immer geringer werden. Es gibt jedoch auch Orte, an welchen das Wasser zwei unterschiedliche Rollen spielt. Der Mensch leitet es ab, weil das Wasser ganze Hänge zum Rutschen bringen kann und braucht es aber trotzdem dringend als kostbares Trinkwasser. Das Wasser birgt in sich selbst Gegensätze, welche es zusätzlich zu einer interessanten Materie machen. In Verbindung mit dem Wald wird das Thema noch um einiges vielfältiger und spannender. So finden wir in

Auenlandschaften auch ausgesprochen trockenheitsliebende Pflanzen, die Aue selbst überlebt aber nur dank der Nähe zum Fluss und braucht Überschwemmungen. Redaktion: Jörg Clavadetscher Vorschau auf die nächsten Nummern: Oktober 2016: Adern der Waldnutzung Redaktion: Sandro Krättli Dezember 2016: Wer im Wald den Takt angibt Redaktion: Jörg Clavadetscher

Herausgegeben vonvon Graubünden Wald, Amt für Wald Graubünden undGraubünden der SELVA. Herausgegeben Graubünden Wald, Amt und für Naturgefahren Wald und Naturgefahren und der SELVA. Verleger: Südostschweiz Presse und Print AG, Südostschweiz CH-7007 Chur Sekretariat: SELVA, Christophe Trüb, Verlag: © Somedia Production AG, CH-7007 Chur Print, Sekretariat: SELVA, Urs Rutishauser, ­Bahnhof­Bahnhofplatz 1, CH-7302 Landquart, Telefon + 41 (0) 81 300 22 44, buendnerwald @  selva-gr.ch Redaktoren: Jörg Clava­

platz 1, CH-7302 Landquart, Telefon + 41 (0) 81 300 22 44, buendnerwald @  selva-gr.ch Redak-

detscher, Revier forestal da Val Müstair, CH-7535 Valchava, Telefon + 41 (0) 81 858 58 21, forestal-muestair @ bluewin.ch.

toren: Jörg Clava­detscher, forestal-muestair @ bluewin.ch. Sandro Krättli, sandro.kraettli @ awn.gr.ch.

Sandro Krättli, AWN GR, Sagastägstrasse 96, CH-7220 Schiers, Telefon + 41 (0) 81 300 24 11, sandro.kraettli @ awn.gr.ch.

Die Redaktion behält sich vor, Beiträge in nicht verlangter Form ohne Rückfrage zu ändern. ­Her-

Die Redaktion behält sich vor, Beiträge in nicht verlangter Form ohne Rückfrage zu ändern Druckvorstufe (Satz, Lithos, Belich-

stellung: SomediaPresse Production, Chur. Erscheint sechsmal Auflage 1700 : Südostschweiz tung)  und PrintCH-7007 AG, Südostschweiz Print, Antonin Friberg jährlich. Druck: Südostschweiz PresseExemplare und Print AG, Inserate: Somedia Promotion, Telefon + 41 1,(0) 81 650Chur, 00 70, thusis@somedia.ch Abonnements­ Süd­ ostschweiz Print, Postfach 508, Kasernenstrasse CH-7007 Telefon + 41 (0) 81 255 51 11, Fax + 41 (0) 81 255 52 89. Erscheint jährlich. 700 Exemplare Inserate: Südostschweiz Publicitas AG, Neudorfstrasse 17, preise: CHF 60.– sechsmal (inkl. MwSt. fürAuflage Mitglieder Verein Graubünden Wald) Abonnemente/Adressände­ CH-7430 Telefon (0) 81 650 70, abo  Fax + 41 (0) 81 650 00www.buendnerwald.ch 74, thusis@so-publicitas.ch ­Abonnementspreise: rungen: Thusis, Telefon + 41 + 41 (0) 81 255 540054, somedia.ch,

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