Leitartikel Leitartikel
ser ganzen Zeit ununterbrochen jede Woche – mit Ausnahme von Erkältungen oder Grippe, bei denen man einfach nicht in der Lage war, solche Keime in diesen Zufluchtsort zu tragen.
In diesen Jahren gab es zahlreiche kuriose und bewegende Erlebnisse mit Mama. Einmal, als wir sie noch zum Essen nach Hause holen konnten, liess Mama den Geist ihres Vaters durchscheinen und führte eine halbe Stunde lang ein unglaubliches Gespräch mit uns. Sie begann mit den Worten: «Ich danke euren Geistern, dass sie mich kommen liessen.» Während dieser Zeit sahen María und ich uns ungläubig an. Ich erkannte die Gesten und die Art zu sprechen und zu antworten meines Grossvaters wieder – eine echte Persönlichkeit. Wir wussten es damals noch nicht, aber das war das letzte Mal, dass wir sie zum Essen nach Hause holen konnten.
Mama durchlebte vor zwei Jahren eine kritische Phase, eine Lungenentzündung, wegen der wir sie ins Krankenhaus einweisen mussten. Sie überstand sie, aber sie hatte «den Mund verschlossen», wollte nichts mehr essen und, was noch schlimmer war, war sehr unruhig. Ich spürte, dass diese Unruhe weniger von ihr selbst ausging als vielmehr von den Familiengeistern, die sich ihr mit der besten Absicht genähert hatten, um zu helfen, aber nicht in der Lage waren, dies zu tun.
Im Geisterreich des Ebunto gibt es nur eine Art von Wesenheit, die sich mit den Geistern der Verstorbenen befasst: die alten Priesterinnen, die sich um die Friedhöfe kümmerten und als «Majo» bekannt sind. Es gibt jedoch noch einen anderen Namen für eine ihrer Eigenschaften: «Aburaca» – ein seltsamer Name, natürlich, und selbst unter Eingeweihten kaum bekannt. Die Majo, die mich begleitet, besitzt diese Eigenschaft, und angesichts der Situation bat ich sie eindringlich, einzugreifen, um Ordnung zu schaffen und jeden Geist fortzuschicken, dessen Anwesenheit nicht hilfreich war, sondern eher hinderlich. In jenem Moment dachten wir, dass Mama sterben könnte, und ich sagte, wenn es so sein sollte, dann wäre dies ihr Moment, nicht der von jemand anderem.
Am nächsten Tag besuchten wir sie; sie hatte sich völlig verändert, war ruhig, und sie, die damals nur noch wenige Worte artikulieren konnte – oft ohne Sinn –, sagte zu uns, während sie die Augen weit aufriss: «Aburaca ist dort oben! Sie hat das Sagen!»
Der Verfallsprozess – wer ihn schon einmal erlebt hat, weiss es – ist hart und unaufhaltsam, aber wir blieben standhaft in unserem Bestreben, ihr Liebe zu vermitteln, ganz gleich, ob sie diese bewusst wahrnahm oder nicht: bei jedem Besuch, bei jeder kleinen Massage, bei jedem Kuss, bei jeder Liebkosung.
Als Mama noch jung war, sagte sie zu meinem Bruder und mir: «Wenn ich alt bin, bringt ihr mich in ein Heim – aber kein Kriegsheim, das ist klar –, und geht ab und zu vorbei, um zu überprüfen, ob man mich dort nicht schlecht behandelt.» Mama war immer makellos, sauber, eingecremt und gut versorgt. Ich bezweifle, dass das für sie einen Unterschied machte, aber für uns ganz sicher schon.
In der letzten Woche wollte Mama nichts mehr essen, sie hatte leichtes Fieber, und man schlug mir vor, sie ins Krankenhaus zu bringen, um eine Röntgenaufnahme machen zu lassen. Natürlich sagte ich, auf keinen Fall. Selegna verfügte über hervorragende Intensivstationen und war auf die Palliativpflege vorbereitet. Dann kam der zuständige Arzt aus der Gemeinde und verschrieb ihr Antibiotika, wobei er für den Fall der Fälle Schmerzmittel bereitstellte, falls Angst ihre Stimmung befallen sollte. Das war nicht nötig. Wir hatten mehrere Majo geschickt, um sich um die Situation zu kümmern. Nachdem sich ihr Zustand stabilisiert hatte und sie über einen Infusionsschlauch mit Flüssigkeit versorgt wurde, um hydriert zu bleiben, schwand Mama ohne Angst dahin.
Am Freitagmorgen besuchte ich sie, wie an jedem Tag dieser Woche. Ihr Zustand war stabil, sie war ruhig, nichts ließ vermuten, dass das Ende so unmittelbar bevorstand, doch als ich nach dem Besuch ins Auto stieg, brach ich zum ersten Mal in diesen fünf Jahren in Tränen aus. Am nächsten Morgen hörte sie auf zu atmen.
An jenem Tag, dem Samstag, dem 16. Mai, hatten wir bei mir zu Hause ein spirituelles Fest mit 25 Gästen geplant; ob Sie es glauben oder nicht: ein Fest zu Ehren unserer Verstorbenen, unserer Geistführer, bekannt als Senzo oder Saogi. Unter den Anwesenden waren nicht wenige, die sie gekannt hatten – was gleichbedeutend war mit der Aussage, dass sie sie geliebt hatten, denn Doña Luz strahlte stets aus sich selbst heraus.
Nein, nein, der Verlust schmerzt. Doch es gibt auch Erleichterung, denn dieses Dahinschwinden, ohne wirklich präsent zu sein – insbesondere bei jemandem, der mit so viel Charisma und Substanz im wahrsten Sinne des Wortes lebendig und wach war –, ist eine Strafe zu Lebzeiten, die niemandem wünschen würde. Die Medizin verlängert das Leben, indem sie jene Phasen überspringt, die uns einst in den Garten der Schweigenden führten, und manchmal führen uns diese siegreichen Kämpfe in Überlebenszustände, die kaum mit der Vorstellung vom Leben zu vergleichen sind.
Wir haben Mama so gut wir konnten begleitet, sowohl in ihrem Leben als auch in ihrem Tod; in den guten Zeiten haben wir sie genossen; in den schlechten Zeiten haben sich die Rollen nicht selten vertauscht, und am Ende war ich ihr Papa. Sie war ein wunderbarer Mensch, und dank ihr kann ich ohne jeden Zweifel sagen, dass ich … der Sohn des Lichts bin! Das ist schon was!
Gute Reise, liebe Mama! Danke für so vieles … strahle weiter, kleines Licht, Luzita, Doña Luz …
Close Combat
Close Combat Pro Military & Police
Close Combat für Pro Military & Police, bekannt als Nahkampf, stellt eine der ursprünglichsten und zugleich komplexesten Formen menschlicher Auseinandersetzung dar. Seine Wurzeln reichen bis in die frühesten Phasen der Menschheitsgeschichte zurück, als das Überleben unmittelbar von der Fähigkeit abhing, sich ohne Hilfsmittel zu verteidigen oder durchzusetzen. Trotz des technologischen Fortschritts und der zunehmenden Regulierung von Gewalt in modernen Gesellschaften hat der Nahkampf nichts von seiner Relevanz verloren. Vielmehr hat er sich weiterentwickelt und verschiedene Rollen eingenommen – als Mittel zur Selbstverteidigung, als sportliche Disziplin, als militärisches Werkzeug und als Instrument der persönlichen Entwicklung.
Im Kern beschreibt Close Combat die direkte körperliche Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehr Personen ohne den Einsatz von Waffen. Dabei umfasst der Begriff eine Vielzahl von Techniken, Strategien und Philosophien, die sich über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen kulturellen Kontexten entwickelt haben. Diese Vielfalt ist Ausdruck der Anpassungsfähigkeit des Menschen an unterschiedliche Bedrohungsszenarien und Umweltbedingungen. Während in einigen Regionen strukturierte Kampfkünste mit klar definierten Regeln und philosophischen Grundlagen entstanden, entwickelten sich anderswo pragmatische Systeme, die ausschliesslich auf Effizienz und Überleben ausgerichtet waren.
«Ein erfahrener Kämpfer erkennt, wann er angreifen, ausweichen oder die Kontrolle übernehmen muss. Diese Fähigkeit entsteht nicht über Nacht, sondern ist das Ergebnis intensiven und kontinuierlichen Trainings.»
Historisch betrachtet war der Nahkampf eine Notwendigkeit. In Zeiten, in denen Waffen entweder nicht verfügbar oder unzuverlässig waren, mussten die Menschen lernen, ihren Körper als primäres Werkzeug einzusetzen. Diese Fähigkeiten wurden oft innerhalb von Gemeinschaften weitergegeben und verfeinert. In vielen Kulturen entstanden daraus komplexe Systeme mit festen Trainingsmethoden, Rangordnungen und ethischen Leitlinien. Diese Entwicklung zeigt, dass Nahkampf nie nur reine Gewalt war, sondern stets auch eine Form von Wissen, Disziplin und kultureller Identität darstellte.
Ein zentraler Bestandteil des Nahkampfs ist die Beherrschung des eigenen Körpers. Dies umfasst Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination, aber auch ein tiefes Verständnis für Timing und Distanz. Effektive Techniken beruhen selten allein auf roher Kraft. Vielmehr geht es darum, Energie gezielt einzusetzen und Bewegungen effizient zu gestalten. Ein erfahrener Kämpfer erkennt, wann er angreifen, ausweichen oder die Kontrolle übernehmen muss. Diese Fähigkeit entsteht nicht über Nacht, sondern ist das Ergebnis intensiven und kontinuierlichen Trainings.
Neben der körperlichen Dimension spielt die mentale Komponente eine entscheidende Rolle. In einer realen Konfliktsituation ist der menschliche Körper extremen Stressreaktionen ausgesetzt. Adrenalin, Angst und Unsicherheit können die Wahrnehmung verzerren und die Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigen. Daher ist es unerlässlich, mentale Stärke zu entwickeln. Dazu gehört die Fähigkeit, unter Druck ruhig zu bleiben, schnell zu analysieren und entschlossen zu handeln. Viele Trainingssysteme integrieren daher gezielt Übungen zur Stressbewältigung, Konzentration und emotionalen Kontrolle.
Ein oft unterschätzter Faktor im Nahkampf ist die situative Wahrnehmung. Anders als im sportlichen Kontext, wo Regeln und Rahmenbedingungen klar definiert sind, findet ein realer Konflikt in unvorhersehbaren Umgebungen statt. Enge Räume, schlechte Sichtverhältnisse oder mehrere Angreifer können die Situation erheblich erschweren. Ein kompetenter Kämpfer berücksichtigt diese Faktoren und passt sein Verhalten entsprechend an. Dabei kann die Umgebung sowohl eine Gefahr als auch eine Ressource darstellen. Türen, Möbel oder andere Hindernisse können genutzt werden, um Distanz zu schaffen oder den Gegner zu kontrollieren.
Selbstverteidigung ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen sich mit Nahkampf beschäftigen. In diesem Zusammenhang steht nicht der Sieg im klassischen Sinne im Vordergrund, sondern das Ziel, eine Gefahrensituation so schnell und sicher wie möglich zu beenden. Effektive Selbstverteidigung basiert auf einfachen, robusten Techniken, die auch unter Stress abrufbar sind. Gleichzeitig spielt Prävention eine entscheidende Rolle. Aufmerksamkeit, Körpersprache und die Fähigkeit, potenziell gefährliche Situationen frühzeitig zu erkennen, sind oft wichtiger als die eigentlichen Kampftechniken.
Im militärischen Bereich nimmt der Nahkampf eine besondere Stellung ein. Soldaten werden darauf vorbereitet, auch in Situationen ohne Waffen handlungsfähig zu bleiben. Militärische Nahkampfsysteme unterscheiden sich deutlich von zivilen Kampfkünsten.
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Sie sind in der Regel weniger formalisiert und konzentrieren sich ausschliesslich auf Effizienz und Zielerreichung. Techniken werden danach bewertet, wie schnell und zuverlässig sie einen Gegner ausser Gefecht setzen können. Dabei werden auch Methoden vermittelt, die im zivilen Kontext aus ethischen oder rechtlichen Gründen nicht angewendet werden dürfen.
Der sportliche Aspekt des Close Combat hat sich insbesondere im 20. und 21. Jahrhundert stark entwickelt. Wettkämpfe bieten ein strukturiertes und sicheres Umfeld, in dem Fähigkeiten getestet und verbessert werden können. Durch klare Regeln, Gewichtsklassen und Schutzmassnahmen wird das Verletzungsrisiko minimiert, ohne den Wettkampfcharakter zu verlieren. Sportlicher Nahkampf erfordert nicht nur technische Fertigkeiten, sondern auch strategisches Denken, taktische Anpassungsfähigkeit und eine hohe körperliche Leistungsfähigkeit.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen sportlichem und realem Nahkampf liegt in den Rahmenbedingungen. Während im Sport Fairness und Sicherheit im Vordergrund stehen, gibt es in realen Konfliktsituationen keine solchen Garantien. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sportliches Training wertlos ist. Im Gegenteil: Es bildet eine solide Grundlage für körperliche Fitness, Technikverständnis und mentale Belastbarkeit. Entscheidend ist jedoch, die Grenzen des sportlichen Kontexts zu erkennen und gegebenenfalls durch spezifisches Selbstverteidigungstraining zu ergänzen.
Ein weiterer bedeutender Aspekt des Close Combat ist die persönliche Entwicklung. Regelmässiges Training fördert Disziplin, Durchhaltevermögen und Selbstreflexion. Fortschritte werden oft nur langsam sichtbar, was Geduld und langfristiges Denken erfordert. Gleichzeitig lernen die Trainierenden, mit Rückschlägen umzugehen und sich kontinuierlich zu verbessern. Diese Erfahrungen wirken sich nicht nur auf den sportlichen Bereich aus, sondern beeinflussen auch andere Lebensbereiche positiv.
Die technischen Grundlagen des Nahkampfs lassen sich in verschiedene Kategorien unterteilen. Schlagtechniken nutzen die Arme, um gezielte Treffer zu landen. Tritttechniken erweitern die Reichweite und ermöglichen kraftvolle Angriffe aus der Distanz. Griff- und Hebeltechniken dienen der Kontrolle des Gegners und sind besonders in Situationen relevant, in denen ein direkter Schlagabtausch vermieden werden soll. Würfe und Bodenkampf spielen eine wichtige Rolle, wenn der Kampf in den Nahbereich übergeht. Eine umfassende Ausbildung integriert Elemente aus all diesen Bereichen und legt Wert auf deren sinnvolle Kombination. Anpassungsfähigkeit ist eine der wichtigsten Fähigkeiten im Nahkampf. Kein Gegner reagiert identisch, und keine Situation ist vollständig vorhersehbar. Starre Abläufe können daher schnell ineffektiv werden. Erfolgreiche Kämpfer entwickeln ein Gespür für Dynamik und lernen, ihre Techniken flexibel anzuwenden. Dies erfordert nicht nur technisches Können, sondern auch ein hohes Mass an Erfahrung und Situationsverständnis.

«Effektive Techniken beruhen selten allein auf roher Kraft. Vielmehr geht es darum, Energie gezielt einzusetzen und Bewegungen effizient zu gestalten.»
Ethik und Verantwortung sind untrennbar mit dem Thema Nahkampf verbunden. Die Fähigkeit, einem anderen Menschen körperlichen Schaden zuzufügen, bringt zwangsläufig eine moralische Dimension mit sich. Viele Kampfkünste betonen daher Werte wie Respekt, Selbstbeherrschung und Zurückhaltung. Ziel ist es, Gewalt nicht zu fördern, sondern bewusst und verantwortungsvoll damit umzugehen. In der Praxis bedeutet dies, dass körperliche Auseinandersetzungen nur als letztes Mittel betrachtet, werden sollten.
In der modernen Gesellschaft hat sich Close Combat auch als Fitnesskonzept etabliert. Trainingsprogramme kombinieren Elemente aus verschiedenen Kampfsystemen mit klassischen Ausdauer- und Kraftübungen. Diese Form des Trainings ist besonders effektiv, da sie den gesamten Körper beansprucht und gleichzeitig die koordinativen Fähigkeiten verbessert. Darüber hinaus bietet sie durch abwechslungsreiche Inhalte und klare Fortschritte eine hohe Motivation.
Die Integration von Technologie hat das Nahkampftraining ebenfalls verändert. Videoanalysen ermöglichen eine detaillierte Auswertung von Bewegungsabläufen, während digitale Plattformen den Zugang zu Trainingsinhalten erleichtern. Virtuelle Trainingsprogramme können insbesondere für das individuelle Üben hilfreich sein. Dennoch bleibt der direkte Kontakt mit Trainingspartnern unverzichtbar. Nur durch reale Interaktion lassen sich Timing, Distanzgefühl und Reaktionsfähigkeit authentisch entwickeln.
Ein weiterer moderner Aspekt ist die zunehmende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Erkenntnisse aus Bereichen wie Sportwissenschaft, Psychologie und Biomechanik fliessen zunehmend in Trainingsmethoden ein. Dadurch wird das Training effizienter und zielgerichteter. Gleichzeitig trägt diese Entwicklung dazu bei, Verletzungsrisiken zu reduzieren und die langfristige Gesundheit der Trainierenden zu fördern.
Auch gesellschaftlich hat sich die Wahrnehmung von Close Combat gewandelt. Während körperliche Auseinandersetzungen früher oft als notwendiger Bestandteil des Lebens betrachtet wurden, stehen heute Prävention und Deeskalation im Vordergrund. Kampfsport und Selbstverteidigung werden zunehmend als Mittel zur Stärkung des Selbstbewusstseins und der persönlichen Sicherheit verstanden. Diese Entwicklung spiegelt einen grundlegenden Wertewandel wider, bei dem nicht die Konfrontation, sondern die Kontrolle im Mittelpunkt steht.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Close Combat ein vielschichtiges und dynamisches Feld ist, das weit über die reine Anwendung von Techniken hinausgeht. Es vereint körperliche, mentale und ethische Aspekte und bietet zahlreiche Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung. Ob im sportlichen Wettkampf, in der Selbstverteidigung oder im beruflichen Kontext – die Prinzipien des Nahkampfs bleiben relevant und anpassungsfähig.
Gleichzeitig ist es wichtig, die Grenzen und Risiken zu erkennen. Der verantwortungsvolle Umgang mit den erlernten Fähigkeiten ist entscheidend. Gewalt sollte stets das letzte Mittel sein, und der Fokus sollte darauf liegen, Konflikte möglichst zu vermeiden oder zu entschärfen. In einer idealen Welt wäre Nahkampf überflüssig. Solange jedoch Unsicherheiten und Konflikte bestehen, bleibt er eine wichtige Fähigkeit – vorausgesetzt, er wird mit Bedacht, Respekt und Verantwortungsbewusstsein eingesetzt.
In einer zunehmend komplexen Welt bietet Close Combat somit nicht nur praktische Fähigkeiten, sondern auch einen Weg zur Selbstreflexion und persönlichen Stärke. Er fordert den Menschen auf körperlicher und geistiger Ebene heraus und schafft ein tieferes Verständnis für sich selbst und seine Umwelt. Gerade in dieser Kombination liegt, seine anhaltende Faszination und Bedeutung.
«Close Combat Pro Military & Police ist mehr als nur Kampf –es ist die Fähigkeit, unter extremem Druck die Kontrolle zu bewahren. Wahre Stärke liegt nicht in der Gewalt, sondern in Disziplin, Bewusstsein und der richtigen Entscheidung im entscheidenden Moment.»
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Die Entwicklung
Die Entwicklung militärischer Nahkampfsysteme und moderner Selbstschutzkonzepte spiegelt die Veränderungen wider, denen Streitkräfte und Sicherheitsorgane im Laufe der Zeit unterworfen waren. Während körperliche Auseinandersetzungen seit jeher Teil der militärischen Realität sind, hat sich ihre Bedeutung im Kontext der modernen Kriegsführung deutlich gewandelt. Heute ist der militärische Nahkampf nicht mehr isoliert zu betrachten, sondern eingebettet in ein umfassendes System aus Ausbildung, Technologie, Strategie und psychologischer Vorbereitung.
Militärischer Nahkampf: Funktion statt Tradition
Im Gegensatz zu klassischen Kampfsportarten steht im militärischen Kontext nicht die Tradition oder der sportliche Wettkampf im Vordergrund, sondern die reine Funktionalität. Militärische Nahkampfsysteme sind darauf ausgelegt, unter extremen Bedingungen effektiv zu sein. Soldaten werden darauf trainiert, auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn Waffen versagen, verloren gehen oder nicht eingesetzt werden können – etwa in engen Räumen, bei überraschenden Begegnungen oder in Situationen, in denen der Einsatz von Schusswaffen taktisch oder rechtlich nicht angemessen ist.
Die Ausbildung kombiniert Elemente aus verschiedenen Disziplinen wie Schlag-, Tritt-, Wurf- und Bodentechniken, wird jedoch stark vereinfacht und standardisiert. Ziel ist es, Techniken zu vermitteln, die unter Stress zuverlässig abrufbar sind. Komplexe Bewegungsabläufe oder ästhetische Aspekte spielen dabei keine Rolle. Entscheidend ist die schnelle, kontrollierte und situationsgerechte Neutralisierung einer Bedrohung.
Ausbildung und taktische
Integration
Moderne Streitkräfte integrieren den Nahkampf als festen Bestandteil ihrer Grund- und Spezialausbildung. Dabei geht es nicht nur um physische Techniken, sondern um ein umfassendes Verständnis von Einsatzsituationen. Soldaten lernen, Risiken zu erkennen, Entfernungen einzuschätzen und innerhalb von Sekunden Entscheidungen zu treffen.
Ein wesentlicher Bestandteil ist das sogenannte Situationsbewusstsein. Dieses umfasst die Fähigkeit, die Umgebung kontinuierlich zu analysieren, potenzielle Gefahren frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren. Gerade in asymmetrischen Konflikten, bei Einsätzen in städtischen Gebieten oder im Häuserkampf ist diese Fähigkeit entscheidend für das Überleben.
Darüber hinaus spielt Teamarbeit eine zentrale Rolle. Militärischer Nahkampf wird selten isoliert geführt, sondern ist in taktische Abläufe eingebettet. Kommunikation, Koordination und klare Befehlsketten sorgen dafür, dass auch in dynamischen und unübersichtlichen Situationen ein strukturiertes Vorgehen möglich bleibt.
«Im Gegensatz zu klassischen Kampfsportarten steht im militärischen Kontext nicht die Tradition oder der sportliche Wettkampf im Vordergrund, sondern die reine Funktionalität.»
Selbstschutz im militärischen Einsatz
Der Selbstschutz ist ein zentrales Element der militärischen Ausbildung. Soldaten müssen nicht nur andere schützen, sondern auch ihre eigene körperliche und geistige Unversehrtheit bewahren. Dazu gehören sowohl präventive Massnahmen als auch Reaktionsstrategien im Ernstfall.
Prävention beginnt mit der richtigen Einschätzung von Situationen. Durch Erfahrung und Training entwickeln Einsatzkräfte ein Gespür für potenziell gefährliche Entwicklungen. Gleichzeitig werden Techniken zur Deeskalation vermittelt, um Konflikte möglichst ohne Gewaltanwendung zu lösen – ein Aspekt, der insbesondere bei internationalen Einsätzen und im Kontakt mit der Zivilbevölkerung an Bedeutung gewinnt.
Kommt es dennoch zu einer Eskalation, ist entschlossenes Handeln erforderlich. Militärische Nahkampftechniken sind darauf ausgelegt, schnell die Kontrolle zu erlangen und die Situation zu stabilisieren. Dabei wird grosser Wert auf Verhältnismässigkeit und die Einhaltung rechtlicher Rahmenbedingungen gelegt.
«Militärische Nahkampfsysteme sind darauf ausgelegt, unter extremen Bedingungen effektiv zu sein. Soldaten werden darauf trainiert, auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn Waffen versagen, verloren gehen oder nicht eingesetzt werden können – etwa in engen Räumen, bei überraschenden Begegnungen oder in Situationen, in denen der Einsatz von Schusswaffen taktisch oder rechtlich nicht angemessen ist.»
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«Im Kern beschreibt
Close
Combat die direkte physische Konfrontation zwischen zwei oder mehr Personen ohne
den Einsatz von Waffen. Dabei umfasst der Begriff eine Vielzahl von Techniken, Strategien und Philosophien, die sich über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen kulturellen Kontexten entwickelt haben.»
Technologische Unterstützung und moderne Verteidigungssysteme
Die Rolle des Nahkampfs hat sich im Zuge technologischer Entwicklungen verändert, jedoch keineswegs an Bedeutung verloren. Moderne Streitkräfte verfügen über eine Vielzahl technischer Hilfsmittel, die den Eigenschutz und die Einsatzfähigkeit erhöhen. Dazu zählen persönliche Schutzausrüstungen wie ballistische Westen, Helme oder Schutzbrillen ebenso wie nicht-tödliche Einsatzmittel.
Darüber hinaus kommen zunehmend digitale Systeme zum Einsatz. Drohnen, Sensorik, Überwachungstechnologien und vernetzte Kommunikationssysteme ermöglichen eine präzisere Lageeinschätzung und verbessern die Entscheidungsfindung. Diese Technologien reduzieren in vielen Fällen die Notwendigkeit direkter körperlicher Konfrontation, können sie jedoch nicht vollständig ersetzen.
Gerade in unvorhersehbaren Situationen bleibt der Mensch mit seinen physischen und mentalen Fähigkeiten der entscheidende Faktor. Deshalb wird die Kombination aus technologischer Unterstützung und klassischer Ausbildung als Schlüssel moderner Verteidigung angesehen.
Psychische Belastung und mentale Stärke
Militäreinsätze sind mit erheblichen psychischen Belastungen verbunden. Stress, Unsicherheit und potenzielle Lebensgefahr stellen hohe Anforderungen an die mentale Stabilität der Soldaten. Der Nahkampf verstärkt diese Belastung zusätzlich, da er unmittelbare körperliche Nähe und direkte Konfrontation bedeutet. Aus diesem Grund ist psychologisches Training ein integraler Bestandteil der Ausbildung. Soldaten lernen, mit Stress umzugehen, ihre Emotionen zu kontrollieren und auch unter extremem Druck handlungsfähig zu bleiben. Nach Einsätzen spielen zudem Nachbereitung und psychologische Betreuung eine wichtige Rolle, um langfristige Belastungen zu reduzieren.
Bedeutung für zivile Sicherheitskonzepte
Die Prinzipien der militärischen Ausbildung finden zunehmend auch im zivilen Bereich Anwendung, insbesondere bei Polizei und Sicherheitsdiensten. Elemente wie Situationsbewusstsein, Deeskalation und einfache Selbstverteidigungstechniken werden angepasst und in Trainingsprogramme integriert.
Auch für Zivilisten gewinnt der Selbstschutz an Bedeutung. Dabei geht es weniger um Kampffähigkeiten im engeren Sinne, sondern vielmehr um Prävention, Wachsamkeit und richtiges Verhalten in Gefahrensituationen. Militärische Konzepte dienen hier oft als Grundlage, werden jedoch an rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen angepasst.
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«Ein zentraler Bestandteil des Nahkampfs ist die Beherrschung des eigenen Körpers. Dazu gehören Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination, aber auch ein tiefes Verständnis für Timing und Distanz.»
Zukunftsaussichten
Die zukünftige Entwicklung militärischer Nahkampfsysteme wird stark von technologischen Innovationen und veränderten Bedrohungslagen geprägt sein. Künstliche Intelligenz, automatisierte Systeme und erweiterte Realität könnten das Training und die Einsatzvorbereitung erheblich verändern. Simulationen ermöglichen realitätsnahe Szenarien, in denen Soldaten komplexe Situationen trainieren können, ohne realen Gefahren ausgesetzt zu sein. Gleichzeitig bleibt die Bedeutung grundlegender Fähigkeiten bestehen. Körperliche Fitness, Reaktionsfähigkeit und mentale Stärke werden auch in Zukunft unverzichtbar sein. Technologische Systeme können unterstützen, aber nicht ersetzen, was im entscheidenden Moment vom Menschen selbst geleistet werden muss.
Ein weiterer Trend ist die stärkere Betonung von Prävention und Konfliktvermeidung. Moderne Einsatzkonzepte legen zunehmend Wert darauf, Eskalationen frühzeitig zu verhindern. Kommunikation, interkulturelle Kompetenz und strategisches Denken gewinnen an Bedeutung und ergänzen die klassischen militärischen Fähigkeiten.
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Schlussbetrachtung
Militärischer Nahkampf und Selbstschutz sind heute Teil eines komplexen Gesamtsystems, das weit über reine Kampftechniken hinausgeht. Sie vereinen körperliche Fähigkeiten, taktisches Denken, technologische Unterstützung und ethische Verantwortung. Für Soldaten bedeutet dies eine kontinuierliche Weiterentwicklung, sowohl auf körperlicher als auch auf mentaler Ebene.
In einer Welt, die von Unsicherheiten und dynamischen Veränderungen geprägt ist, bleibt die Fähigkeit zur Selbstverteidigung ein wesentlicher Bestandteil der Sicherheit. Gleichzeitig erfordert sie ein hohes Mass an Verantwortungsbewusstsein. Der professionelle Umgang mit Gewalt, ihre kontrollierte Anwendung und das Streben nach Deeskalation sind zentrale Prinzipien der modernen militärischen Ausbildung.
Die Zukunft wird zeigen, wie sich diese Konzepte weiterentwickeln. Klar ist jedoch schon heute: Wer vorbereitet ist, flexibel denkt und verantwortungsvoll handelt, wird den Herausforderungen moderner Sicherheitslagen besser begegnen können – im militärischen Einsatz ebenso wie im zivilen Leben.
Fazit: Der militärische Umgang mit Nahkampf, Selbstschutz und modernen Verteidigungssystemen zeigt deutlich, dass Sicherheit heute auf dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren beruht. Körperliche Fähigkeiten allein reichen nicht aus – entscheidend ist die Kombination aus taktischer Ausbildung, mentaler Stärke, technologischer Unterstützung und verantwortungsbewusstem Handeln. Soldaten und Einsatzkräfte müssen in der Lage sein, sich schnell an wechselnde Situationen anzupassen, Gefahren frühzeitig zu erkennen und sowohl entschlossen als auch verhältnismässig zu reagieren.
Gleichzeitig wird deutlich, dass Prävention und Deeskalation zunehmend an Bedeutung gewinnen. Der direkte körperliche Einsatz ist heute oft das letzte Mittel, nicht die erste Option. Moderne militärische Konzepte setzen daher verstärkt auf Vorbereitung, Strategie und Kontrolle, um Konflikte möglichst frühzeitig zu entschärfen.
Auch über den militärischen Bereich hinaus sind diese Prinzipien von Bedeutung. Selbstschutz, Aufmerksamkeit und Disziplin sind Fähigkeiten, die in einer unsicheren und dynamischen Welt immer wichtiger werden. Letztendlich geht es nicht nur darum, kämpfen zu können, sondern zu wissen, wann und wie man Gewalt vermeidet oder gezielt einsetzt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Effektive Sicherheit entsteht durch Wissen, Training und Verantwortung. Wer diese Elemente vereint, ist nicht nur besser vorbereitet, sondern handelt auch bewusster und nachhaltiger in kritischen Situationen.
“Effektive Sicherheit entsteht durch Wissen, Training und Verantwortung. Wer diese Elemente vereint, ist nicht nur besser vorbereitet, sondern handelt auch bewusster und nachhaltiger in kritischen Situationen.”
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VERHANDLUNGSKUNST
Kämpfe, als hinge dein Leben davon ab Die Kunst der Verhandlung als Selbstverteidigung
Einleitung: Jede Begegnung ist eine Verhandlung
Selbstverteidigung ist nicht nur der Moment des physischen Kampfes. Sie beginnt schon lange bevor die Fäuste fliegen – im stillen Austausch von Blicken auf einem Parkplatz, in der Spannung eines Gesprächs, das in beide Richtungen kippen könnte, in deiner Körperhaltung, wenn du nachts die Strasse entlanggehst. Bei wahrer Selbstverteidigung, losgelöst von ihrem sportlichen Wettbewerbscharakter, geht es darum, um dein Leben zu kämpfen – und wie alles im Leben beginnt auch sie mit einer Verhandlung.
Denken Sie an etwas so Einfaches wie das Überqueren einer Strasse. Sie schauen nach links und rechts. Sie entdecken ein herannahendes Auto. In diesem Augenblick beginnt eine Verhandlung – ein stiller Austausch von Absichten zwischen Ihnen und dem Fahrer. Wird er langsamer fahren? Hat er Sie bemerkt? Anhand seiner Geschwindigkeit, seines Blickkontakts und seiner Reaktion entscheiden Sie: Gehe ich über die Strasse oder warte ich? Das ist reine Verhandlung. Es werden keine Worte gesprochen, und doch wird innerhalb von Sekunden eine komplexe Vereinbarung getroffen. Die gleiche Dynamik bestimmt jede Selbstverteidigungssituation. Bevor auch nur ein einziger Schlag ausgeführt wird, bevor eine Drohung überhaupt ausgesprochen wird, ist bereits eine Verhandlung im Gange. Dies zu verstehen – wirklich zu verstehen – verändert alles daran, wie du sowohl Konflikte als auch Selbstschutz angehst.
Die Verhandlung des Raubtiers: Die Lage einschätzen
Im Tierreich stürmt der Löwe nicht einfach auf die Herde zu. Er beobachtet. Er schätzt die Lage ein. Er sucht nach Anzeichen von Schwäche – das Reh, das hinkt, dasjenige, das zurückbleibt, dasjenige, dessen Aufmerksamkeit woanders ist. Der Raubtier verhandelt mit seiner Umgebung und stellt eine stille Frage: «Ist das Risiko die Belohnung wert?» Menschliche Raubtiere – jene, die auf der Strasse, in dunklen Parkhäusern oder in ungeschützten Momenten Schaden anrichten wollen – handeln nach derselben Logik. Sie scannen ihre Umgebung nach leichten Zielen. Sie verhandeln mit potenziellen Opfern, noch bevor diese überhaupt wissen, dass sie sich in einer Verhandlung befinden. Und genau hier wird Ihr erster Verteidigungsschachzug entscheidend: Seien Sie das Reh, das in die Luft springt. Seien Sie derjenige, der Stärke, Wachsamkeit und Widerstand signalisiert. Gehen Sie zielstrebig. Stellen Sie Augenkontakt her. Strahlen Sie durch Ihre Körpersprache Selbstvertrauen aus. Damit treten Sie in die Verhandlung des Raubtiers ein und gewinnen sie, ohne jemals ein Wort zu sagen. Das ist keine Prahlerei. Es ist Strategie. Es ist das erste Prinzip des «Negotiation-Jutsu»: Gestalte die Verhandlung, bevor sie in Worte gefasst wird.
Taktische Empathie: Die FBI-Waffe,
die du auf der Strasse einsetzen kannst
Der ehemalige leitende Geiselvermittler des FBI, Chris Voss, prägte den Begriff «Taktische Empathie» – den bewussten, kalkulierten Prozess, die Emotionen einer anderen Person zu verstehen, einzuordnen und zu lenken, um Vertrauen aufzubauen und Ergebnisse zu beeinflussen. In seinem bahnbrechenden Werk «Never Split theDifference» zeigt Voss, wie dieses aus der Geiselvermittlung stammende Konzept auf jede zwischenmenschliche Interaktion mit hohem Einsatz anwendbar ist.
«Bei taktischer Empathie geht es nicht darum, nett zu sein. Es geht darum, die andere Seite tief genug zu verstehen, um sie in Richtung des von Ihnen gewünschten Ergebnisses zu lenken.» Chris Voss, Black Swan Group. Im Kontext der Selbstverteidigung bedeutet taktische Empathie, die Person vor einem – selbst einen potenziellen Angreifer – tiefgründig und klar einzuschätzen. Was empfindet sie? Was will sie? Hat sie Angst? Ist sie wütend? Verzweifelt? Ein in die Enge getriebenes Tier ist am gefährlichsten. Jemand, der sich gehört und anerkannt fühlt, neigt weniger dazu, die Situation zu eskalieren.
Die Anwendung taktischer Empathie bei einer angespannten Begegnung auf der Straße könnte so aussehen: die
Stimme senken, die Anspannung anerkennen, der anderen Person einen verbalen «Ausweg» bieten. «Hey, ich will keinen Ärger.» Das ist keine Schwäche. Das ist der wirkungsvollste Eröffnungszug in der Verhandlung – er entschärft Emotionen und schafft Raum für eine gewaltfreie Lösung.
Der Körper als Verhandlungstisch
Selbst nachdem eine körperliche Auseinandersetzung begonnen hat, geht die Verhandlung weiter – nun ausgedrückt durch Körperhaltung, Bewegung und Opferbereitschaft. Jede Haltung, jede Abwehrposition, jede Bewegung ist eine Aussage und eine Frage zugleich.
Betrachten wir die Abwehrhaltung. Wenn du deine Hände
hebst, um dein Gesicht zu schützen, schliesst du einen Handel ab: Deine Hände sind nun ungeschützt, dein Gesicht ist bedeckt. Das ist ein ausgehandelter Tausch. Du hast entschieden, was du bereit bist zu riskieren, im Austausch für das, was du schützen musst. Wenn du einer Waffe – beispielsweise einem Messer –gegenüberstehst, wird diese Abwägung noch deutlicher:
• Werde ich meine Hände riskieren, um meinen Hals zu schützen?
• Bin ich bereit, eine Schnittwunde am Unterarm in Kauf zu nehmen, um die Kontrolle zu erlangen?
• Welchen Teil meines Körpers biete ich als Schutzschild an, und welchen Teil muss ich um jeden Preis schützen?
Das sind keine Entscheidungen, die in der Hitze der Panik aus ungeschultem Instinkt getroffen werden. Es sind ausgehandelte Ergebnisse, die im Voraus durch Training vorbereitet und so
lange einstudiert wurden, bis sie zum Reflex werden. Der gut trainierte Körper weiss, welche Kompromisse er unter Druck eingehen, ist bereit.
Deshalb ist das Kampfsporttraining untrennbar mit dem Verhandlungstraining verbunden. Eine Technik einzuüben bedeutet, eine Entscheidung einzuüben. Bei jeder Wiederholung probt der Körper eine ausgehandelte Reaktion ein: «Wenn sie X tun, werde ich mit Y reagieren.»
Kernprinzipien: Kampfsport angewendet auf Verhandlungen
Die Überschneidung zwischen dem Dojo und dem Verhandlungstisch ist nicht metaphorisch, sondern strukturell. Beide erfordern denselben inneren Zustand und dieselben Fähigkeiten:
1. Denkweise und zentrierter Zustand
Sowohl der Kampfsportler als auch der erfahrene Verhandlungsführer agieren aus einer Haltung ruhiger Zuversicht heraus – nicht aus Arroganz, sondern aus bescheidener Bereitschaft. Das Ego verschliesst den Geist. Demut öffnet ihn. Der Verhandlungsführer, der mit dem Anspruch auf Dominanz den Raum betritt, hat diesen bereits verloren, genauso wie der Kämpfer, der voller Wut vorstürmt und damit jede seiner Bewegungen vorwegnimmt.
2. Den Gegner lesen
Ein erfahrener Kampfsportler beobachtet nicht die Faust, sondern die Schulter, die Hüften, die Augen. Er achtet auf das, was dem Schlag vorausgeht. Ebenso hört ein erfahrener Verhandlungsführer nicht nur auf die Worte, sondern auch auf das, was hinter den Worten steckt: den Tonfall, das Zögern, das Unausgesprochene. Beide Künste erfordern radikale Achtsamkeit.
3. Fliessend statt starr
Im Aikido entsteht die grösste Kraft durch Nachgeben – indem man sich der ankommenden Kraft anpasst und sie umlenkt. «Verhandlungs-Jiu-Jitsu», wie es in dem grundlegenden Verhandlungsklassiker «Getting to Yes» beschrieben wird, wendet genau dieses Prinzip an: Anstatt die Position der Gegenseite frontal anzugreifen, nutzt man deren Energie. Man stellt Fragen. Man lotet Interessen aus. Man lenkt um. 4. Die Kraft des Framings und des verbalen Judo Worte sind Waffen, und wie alle Waffen lassen, sie sich gegen den Gegner richten. «Verbales Judo» ist die Kunst, Sprache einzusetzen, um zu deeskalieren, umzulenken und zu lenken. Eine einzige Umdeutung einer Situation – «Ich sehe, dass du frustriert bist» statt «Beruhige dich» – kann eine Konfrontation in ein Gespräch verwandeln.
5. Spiegeln und Benennen
Aus Chris Voss’ Arbeit stammen zwei der wirkungsvollsten Mikrotechniken in jeder Verhandlung: Spiegeln (die letzten Worte des Gegenübers wiederholen) und Benennen (eine beobachtete Emotion benennen: «Es scheint, als würdest du dich nicht respektiert fühlen»). Beides schafft das Gefühl, verstanden zu werden – oft ist das alles, was eine aufbrausende Person braucht, um sich vom Abgrund zurückzuziehen.
Das DEAL-Modell: Wenn Worte deine erste Waffe sind.
Bevor physische Techniken zum Einsatz kommen, gibt es oft ein Zeitfenster – manchmal nur wenige Sekunden lang –, in dem die Situation allein durch verbale Verhandlung vollständig gelöst werden kann. Die DEAL-Methode bietet einen strukturierten Ansatz:
•Entschärfen: Gehe zuerst auf die Emotion ein. «Ich höre dir zu. Ich verstehe, dass du wütend bist.»
•Explore: Finde das zugrunde liegende Interesse heraus. Was braucht diese Person eigentlich?
•Einigung: Finde Gemeinsamkeiten, egal wie klein sie auch sein mögen.
•Optionen aufzeigen: Bieten Sie Alternativen zum Konflikt an.
Es ist ebenso wichtig, deine BATNA – die beste Alternative zu einer Verhandlungslösung – zu kennen. Vor jeder Verhandlung musst du wissen: Wenn dies scheitert, was ist mein nächster Schritt? Im Kontext der Selbstverteidigung könnte deine BATNA körperliche Abwehr, Flucht, das Rufen nach Hilfe oder das Zeigen eines Abschreckungsmittels sein. Deine BATNA zu kennen, gibt dir Selbstvertrauen; Selbstvertrauen macht dich zu einem besseren Verhandlungsführer und einem besseren Kämpfer.
Fünf Dojo-Prinzipien für jede Verhandlung
Ganz gleich, ob es um Geschäftsverhandlungen, eine Auseinandersetzung auf der Strasse oder einen Sorgerechtsstreit geht – im Dojo werden stets dieselben fünf Prinzipien vermittelt: 1.Zeige Respekt,betrete den Raum mit Würde, nicht mit Dominanz. Demut schafft Vertrauen; Arroganz zerstört es. Der Kämpfer, der das Dojo mit seinem Ego im Vordergrund betritt, ist bereits besiegt.
2.Komm in den Flow. Tritt entspannt, losgelöst und ruhig heran. Leg deine eigenen Pläne beiseite und schärfe deine Achtsamkeit. Höre mit voller Präsenz zu. Der beste Zug entsteht aus vollkommener Aufmerksamkeit.
3.Sei ganz aufmerksam. Im Dojo wird ein abschweifender Geist mit einem blauen Fleck bestraft. In einer Verhandlung verpasst ein abschweifender Geist den entscheidenden Moment. Aufmerksamkeit ist in jeder Situation die schärfste Waffe.
4.Strahle Ruhe aus. Kein Weg zur Lösung beginnt mit wildem Herumfuchteln. Wenn die Spannung steigt, senke deine Stimme. Mach einen Gang zurück. Formuliere noch einmal, worüber ihr euch einig seid. Ruhe ist keine Passivität, sondern Kontrolle.
5.Finde Spielraum. Es gibt immer eine Variable, die du verändern kannst. Welche Kompromisslösung kannst du anbieten? Welcher alternative Weg besteht? Eine Pattsituation ist nur dann dauerhaft, wenn du aufhörst, nach einer Öffnung zu suchen.
Handeln oder nicht handeln: Das Kontinuum der Gewaltanwendung
Jede Verhandlung im Kontext der Selbstverteidigung gelangt an dieselbe Weggabelung: handeln oder nicht handeln. Und wenn man handelt, wie dann? Mit welcher Gewalt? Zu welchem Zeitpunkt?
Das Prinzip der Gewaltanwendung erinnert uns daran, dass das Ausmass der angewendeten Gewalt proportional und der Bedrohung angemessen sein muss. Man kann rechtlich, ethisch oder strategisch nicht auf eine verbale Beleidigung mit einem Waffenschlag reagieren. Die Aushandlung von Gewalt ist genauso wichtig wie jede verbale Verhandlung. Man muss ständig abwägen:
•Ist diese Bedrohung real und unmittelbar?
•Handelt es sich um tödliche Gewalt oder um beherrschbare Gewalt?
•Handele ich bewusst oder reagiere ich nur – ist das Selbstverteidigung oder Ego?
•Wie sieht die Situation nach dem Konflikt aus – Polizei, Gerichte, Zeugen?
Die besten Selbstverteidigungsexperten planen die Verhandlungen nach dem Konflikt genauso sorgfältig wie den Konflikt selbst. Der Kampf mag nur Sekunden dauern; das Gerichtsverfahren kann Jahre dauern. Jeder Einsatz von Gewalt zieht Verhandlungen mit dem Justizsystem nach sich. Das ist kein Grund zu zögern, wenn das Leben wirklich bedroht ist – es ist ein Grund, sich stets bewusst zu sein, warum man handelt.
«Wenn dein Leben in Gefahr ist, kämpfe, als hinge dein Leben davon ab – denn das tut es. Aber denk daran: In dem Moment, in dem die Bedrohung endet, beginnen die Verhandlungen von Neuem.»
Prävention: Der grösste Verhandlungserfolg
Das am meisten unterschätzte Ergebnis in jedem Konflikt ist die Prävention. Vermeidbare Kämpfe sind gewonnene Schlachten ohne Kosten. Die Bereitschaft, «Es tut mir leid» zu sagen, die Situation verbal zu deeskalieren, jemandem einen Ausweg zu bieten, bei dem er sein Gesicht wahren kann – all das sind keine Zeichen von Schwäche. Es sind der höchste Ausdruck der Denkweise eines Verhandlungskämpfers.
Viele gewalttätige Auseinandersetzungen eskalieren, weil eine oder beide Parteien das Gefühl hatten, keinen Ausweg zu haben, der ihre Würde bewahrt. Ein erfahrener «Negotiation-Jutsu»Praktizierender schafft diesen Ausweg für die andere Person. Er bietet dem potenziellen Angreifer einen Ausweg, der es ihm ermöglicht, sein Gesicht zu wahren, und bewahrt so alle vor Schaden.
Das ist keine Naivität. Es gibt Raubtiere, die nicht verhandeln werden. Es gibt Momente, in denen Worte versagen und nur körperliche Fähigkeiten dich durchbringen können. Aber selbst dann – besonders dann – kommt dir die Denkweise des Verhandlungsführers zugute: Ruhig. Präsenz zeigen. Strategisch. Wissen, was du willst. Deine BATNA kennen. Wissen, wann du den Deal mit anderen Mitteln abschliessen musst.
Liebe bringt Liebe, Gewalt bringt Ergebnisse: Eine gefährliche Gleichung
Der Satz «Gewalt bringt Ergebnisse» verdient eine genauere Betrachtung, insbesondere weil er sowohl auf der Strasse als auch im Kontext persönlicher Beziehungen oft missverstanden und gefährlich falsch angewendet wird.
Wichtige Quellen & weiterführende Literatur
«Never Split theDifference» von Chris Voss & Tahl Raz (Black Swan Group)
«Getting to Yes» von Roger Fisher & William Ury (Harvard Negotiation Project)
«Verbal Judo» von George J. Thompson & Jerry B. Jenkins
«The Gift of Fear» von Gavin de Becker Grundsätze der Gewaltanwendung – PPCT-/FLETC-Standards
Das FLETC (Federal Law Enforcement Training Centers) ist eine Behörde des US-Heimatschutzministeriums, die Schulungen für über 100 Bundesbehörden sowie zahlreiche staatliche, lokale und Stammes-Strafverfolgungsbehörden durchführt.
PPCT (Pressure Point Control Tactics) ist ein System zur Personenbeherrschung, das häufig in das Training defensiver Taktiken integriert wird und sich auf Druckpunkte, Gelenkhebel und Gegenangriffe stützt, die auf taktischen, rechtlichen und medizinischen Forschungsergebnissen basieren.
Im Kampf führt entschlossene Gewalt, die im richtigen Moment angewendet wird, zwar zu Ergebnissen. Doch dies ist kein allgemeingültiges Gesetz für zwischenmenschliche Beziehungen. Im Privatleben, in der Liebe und in der Gemeinschaft ist die Überzeugung, dass aggressives, zwanghaftes oder manipulatives Verhalten «gewinnt», das Kennzeichen von Trauma-Bindungen und Missbrauchsdynamiken – nicht von gesunden Beziehungen.
Der «Negotiation-Jutsu»-Praktizierende muss beide Wahrheiten gleichzeitig im Blick behalten: Auf der Strasse ist Gewalt manchmal notwendig und entscheidend. Im Leben, in Beziehungen sind Liebe, Respekt und echte Kommunikation keine Schwächen. Sie sind die beständigsten und mächtigsten Werkzeuge, die wir haben.
Der Krieger, der diese Unterscheidung nicht treffen kann, der in jede Interaktion Kampfenergie einbringt, der Kontrolle mit Verbundenheit verwechselt, ist nicht geschützt. Er ist isoliert. Und Isolation ist eine Verletzlichkeit an sich.
Fazit: Verhandle, als hinge dein Leben davon ab
Verhandlungs-Jutsu ist keine Metapher. Es ist eine Art, sich wachsam, einfühlsam, strategisch und vorbereitet durch die Welt zu bewegen. Es erkennt an, dass jede menschliche Begegnung eine dynamische Verhandlung beinhaltet, vom Moment des Augenkontakts bis zur endgültigen Lösung.
Der Selbstverteidiger, der das Verhandeln versteht, ist gefährlicher als einer, der nur zu kämpfen weiss, denn er gewinnt öfter, mit weniger Aufwand und in mehr Situationen. Er gewinnt auf der Strasse, im Sitzungssaal, im schwierigen Gespräch und anschliessend im Gerichtssaal.
Trainiere deinen Körper. Trainiere deinen Geist. Trainiere deine Stimme. Lies Chris Voss. Betrete das Dojo. Gehe zielstrebig. Kenne dein BATNA. Sei das Reh, das springt – dasjenige, das ohne Worte sagt: «Ich bin kein leichtes Ziel. Such dir einen anderen Weg.»
Und wenn der Weg dennoch in einen Konflikt führt, kämpfe, als hinge dein Leben davon ab. Denn manchmal ist das tatsächlich der Fall.
SLOWENIEN-FRÜHLINGSLAGER 2026
53. Schwarzgurtprüfung & Internationale Kampfsportveranstaltung Novo Mesto, Slowenien | 20.–22. März 2026
Ein 25-jähriges Vermächtnis: Meine jährliche Rückkehr nach Slowenien
Seit 25 Jahren habe ich die Ehre und das Privileg, jedes Frühjahr nach Slowenien eingeladen zu werden – manchmal zusammen mit verschiedenen Lehrern, immer jedoch im Geiste derselben unerschütterlichen Überzeugung. Jahr für Jahr unternehme ich diese Reise, um Zeuge von etwas Seltenem und wirklich Besonderem zu werden: einer Kampfsportorganisation, die den Lauf der Zeit nicht nur übersteht, sondern mit jeder Saison stärker, tiefgründiger und zielstrebiger wird.
Ich habe beobachtet, wie Schüler als Weissgurte durch die Tür kamen – jung, unsicher, auf der Suche – und ich habe gesehen, wie dieselben Menschen Jahre später aufrecht dastanden und Graduierungen erlangten, die nicht nur technische Meisterschaft, sondern echte persönliche Wandlung widerspiegeln. Diese Kontinuität, dieser rote Faden des Wachstums, ist etwas, vor dem ich tiefsten Respekt habe. Das ist nicht alltäglich. Es ist aussergewöhnlich.
Und im Mittelpunkt all dessen stehen Jahr für Jahr zwei Menschen, deren Engagement alles möglich macht: Tina Kincl und Kyoshi Borut Kincl. Dieses Jahr war es nicht anders. Wieder einmal organisierten sie ein Camp und eine Schwarzgurt-Zeremonie von höchster Qualität – eine Hommage an ihre Vision, ihre Energie und ihre Liebe zu dieser Kunst und dieser Gemeinschaft.
Die Veranstaltung: Novo Mesto, März 2026
Am vergangenen Wochenende, vom 20. bis zum 22. März, war die Stadt Novo Mesto Gastgeber einer internationalen Kampfsportveranstaltung von bemerkenswertem Ausmass und grosser Bedeutung. Die Schwarzgurt-Zeremonie des KempoArnis-Verbandes, die am Samstagabend in der Leon-Štukelj-Sporthalle stattfand, zog mehr als 1’500 Besucher an – darunter Gäste aus Sport, Politik und Wirtschaft.
Die Veranstaltung begann mit einer feierlichen Zeremonie, die ihrer Bedeutung gerecht wurde: Die slowenische Nationalhymne wurde von Ida Metelko wunderschön vorgetragen und schuf eine Atmosphäre der Würde, des Stolzes und der tiefen Wertschätzung für das, was Kampfsportarten in einer Gemeinschaft bedeuten können. Der Bürgermeister der Gemeinde Novo Mesto, Gregor Macedoni, wandte sich an das versammelte Publikum und brachte seine persönliche Unterstützung für die weitere Entwicklung des Kampfsports in der Region zum Ausdruck.
In anspruchsvollen Prüfungen stellten Teilnehmer aus vielen Nationen das Niveau an Wissen, Engagement und Ausdauer unter Beweis, das Kempo Arnis von seiner besten Seite ausmacht. 53 Kandidaten standen auf dem Tatami – jeder einzelne stand für Jahre persönlicher Opfer, des Lernens und des Engagements.
Die Meister: Ein internationales Gremium der Exzellenz
Was dem diesjährigen Frühlingscamp eine so aussergewöhnliche Tiefe und Note verlieh, war das Kaliber der versammelten Lehrer. Es war mir eine Ehre, an der Seite von Meistern zu trainieren und von ihnen zu lernen, deren gemeinsame Erfahrung Kontinente, Disziplinen und Jahrzehnte umfasst.
Kancho Gerard Gordeau – 9. Dan Kyokushin-Karate
In diesem Jahr begrüsste die Kempo Arnis Federation zum ersten Mal den legendären Kancho Gerard Gordeau, 9. Dan Kyokushin-Karate – ein Name, der jedem, der sich mit der Geschichte der modernen Kampfkünste auskennt, kein Fremder ist. Als Pionier des modernen MMA war Kancho Gordeau Finalist beim allerersten UFC-Turnier der Geschichte. Er bestritt den ersten offiziellen Kampf nach MMA-Regeln gegen den Sumo-Ringer Tela Tula, bevor er im Finale auf den legendären Royce Gracie traf.
Abgesehen von seinen historischen Errungenschaften beeindruckt an Kancho Gordeau beim gemeinsamen Training vor allem sein Charakter – seine ruhige Autorität, sein fundiertes Wissen, seine bemerkenswerte Erfahrung und seine aufrichtige Liebe zur Kunst. Er ist bekannt für seine unerbittlichen Low Kicks, seine eiserne Disziplin und seinen aussergewöhnlichen Kampfgeist. Er ist eine einzigartige Brücke zwischen traditionellen Kampfkünsten und echtem Kampf, und seine Anwesenheit verlieh dem gesamten Seminar eine aussergewöhnliche und unvergessliche Note.
GM Gabrielle Roloff – Tapi-Tapi-Meisterin, Modern Arnis
Unsere langjährige Freundin und Lehrerin, Großmeisterin Gabrielle Roloff, kehrte als eine der ranghöchsten Frauen in der Welt der Kampfkünste nach Slowenien zurück. Als wahre Meisterin des Tapi Tapi und Modern Arnis ist GM Roloff eine der offiziell anerkannten Nachfolgerinnen des legendären Remy Presas (RIP) – eine Tradition, die immenses Gewicht und grosse Verantwortung mit sich bringt. Ihre Anwesenheit beim Camp war sowohl eine Inspiration als auch ein Geschenk, und ich habe tiefsten Respekt vor ihrem Wissen, ihrem Engagement für die Bewahrung der authentischen Lehren des Modern Arnis und ihrer Grosszügigkeit als Lehrerin.
Martijn De Bruijn – Vertreter von Hanshi Patrick McCarthy, AikiKenpoJujutsu
Es war uns zudem eine Ehre, Martijn De Bruijn aus den Niederlanden begrüssen zu dürfen, einen Vertreter von Hanshi Patrick McCarthy und der IRKRS (International RyukyuKempo Research Society) sowie einen Praktizierenden des AikiKenpoJujutsu. Hanshi Patrick McCarthy selbst sandte uns seine herzlichsten Grüsse und einen Willkommensgruss aus Okinawa, obwohl er nicht persönlich bei uns sein konnte. Martijn und ich verbindet eine tiefe Verbundenheit durch das AikiKenpoJujutsu, und es war mir eine Freude, mit ihm auf der Matte zu stehen und gemeinsam die Kunst und das Vermächtnis zu vertreten, dem Hanshi McCarthy sein Leben gewidmet hat.
Jacob Lim – Ausbilder aus Singapur, unter Kyoshi Leon Koh
Es war uns zudem eine Ehre, Jacob Lim willkommen zu heißen, der den weiten Weg aus Singapur zurückgelegt hatte, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Als Ausbilder unter Kyoshi Leon Koh war Jacobs Anwesenheit eine schöne Erinnerung daran, wie weit die Reichweite dieses Verbandes und dieser Kunst tatsächlich reicht. Er ist Teil unserer grossen weltweiten Familie – einer Familie, die Ozeane und Grenzen überschreitet und durch ein gemeinsames Bekenntnis zu Spitzenleistungen und zum Weg der Kampfkunst vereint ist.
Avi Nardia – AikiKenpoJujutsu, KAPAP, CDC
Was mich betrifft – ich bin Avi Nardia und seit mehr als 25 Jahren regelmässiger Gast in Slowenien. Ich bin Gründer von CDC/KAPAP, internationaler Cheftrainer von AikiKenpoJujutsu und trage den 4. Dan im Brazilian Jiu-Jitsu unter Meister Machado. Ich war weltweit als Ausbilder für spezielle Militär- und Polizeieinheiten tätig. Doch wenn ich jedes Frühjahr nach Slowenien komme, komme ich nicht als Gastredner – ich komme als jemand, der diese Gemeinschaft, diese Menschen und diesen gemeinsamen Weg aufrichtig liebt. Das Unterrichten im diesjährigen Camp war ein Privileg, und was mich am meisten beeindruckt hat, war, wie viel wir alle voneinander gelernt haben. Der Austausch zwischen den Lehrern war ebenso bereichernd wie der Unterricht selbst.
Tina und Borut Kincl: Das Herzstück des Ganzen
Keine Worte, die ich schreibe, können vollständig erfassen, was Tina und Borut Kincl in Novo Mesto und darüber hinaus aufgebaut haben – und weiterhin aufbauen. Borut ist die zentrale Figur dieses Verbandes: sein Gründer, sein Visionär und sein engagiertester Diener. Mit jahrzehntelanger unermüdlicher Arbeit hat er ein System geschaffen, das weit über den Sport, weit über die Technik und weit über die Wände des Dojos hinausgeht.
Tina hat es nach der diesjährigen Veranstaltung mit ihren eigenen Worten wunderschön ausgedrückt: «Um eine solch grandioses Event auf die Beine zu stellen, braucht man zunächst einmal einen Verrückten, der niemals aufgibt. Danke, Borut, dass du uns mit deiner Energie davon überzeugt hast, deinem Wahnsinn zu folgen.» Dieser «Wahnsinn» – diese Weigerung, sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben, langsamer zu werden oder sich mit weniger als Spitzenleistung zufrieden zu geben – ist genau das, was den Kempo-Arnis-Verband zu dem gemacht hat, was er heute ist.
Kyoshi Borut Kincl ist Träger des 8. Dan in RyukyuKempo Karate – Kyusho Jitsu – Tuite, des 7. Dan in KAPAP – Israeli Jiu-Jitsu sowie von DanGraden sowohl in Modern Arnis als auch in Shotokan-Karate. Er ist Inhaber und Cheftrainer des Kempo Arnis World Honbu Dojo, Gründer und
Präsident der Kempo Arnis Federation, Mitglied der Martial Arts Hall ofFame und Ausbilder für Spezialeinheiten weltweit. Sein 8. Dan in AikiKenpoJujutsu – den er in Okinawa von Hanshi Patrick McCarthy erhielt – ist eine Anerkennung dafür, dass sein Weg auf den authentischsten Grundlagen und den höchstmöglichen Standards aufgebaut ist.
Und hinter jeder grossen Führungspersönlichkeit steht ein ebenso grossartiger Partner. Tina Kincl ist das organisatorische Herzstück dieses Verbandes – Mitorganisatorin des Frühlingscamps, der Schwarzgurtprüfung und der spektakulären Abendveranstaltung. Sie beschreibt die Mission mit Worten, die mich zutiefst bewegen: «Sowohl Borut als auch ich sind in dem Geist aufgewachsen, unsere Herkunft zu schätzen. Dass wir unsere Familie und die Menschen um uns herum lieben und dass wir eine Gemeinschaft schaffen wollen, in der man, sobald man aus der Tür tritt, nur noch als Mitglied von Kenpo Arnis wahrgenommen wird. Deshalb betrachten wir das nicht als Job, sondern als eine erweiterte Familie.»
Euch beiden – Tina und Borut – zolle ich meinen tiefsten Respekt. Was ihr aufgebaut habt, ist nicht nur ein Verband. Es ist eine Familie. Es ist ein Vermächtnis.
Die 53. Schwarzgurtprüfung: Ein Moment des Lichts
Dreiundfünfzig Kandidaten standen bei der diesjährigen Schwarzgurtprüfung auf der Tatami – und jeder einzelne von ihnen trug die Last jahrelanger Vorbereitung auf seinen Schultern. Mit den Worten von Renshi Damir Ivandic, 5. Dan, der den Geist des Abends mit bemerkenswerter Eloquenz einfing:
«Diese 53 auf dem Tatami strahlten wirklich vor Licht, aber nicht weniger Licht ging von all den anderen aus, die mit uns Kata trainierten, mit uns kämpften oder uns von den Tribünen aus anfeuerten. Die Kraft ist stark in uns. Nicht nur an diesem unvergesslichen Samstag – der Samstag war so, weil wir jeden Montag, Dienstag oder an jedem anderen Tag so sind. Der Samstag war nur die Bestätigung dafür.»
Renshi Ivandic reflektierte auch über den Werdegang des Verbandes selbst und zitierte dabei Isaac Newton: «Wenn ich weitergesehen habe, dann deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.» – eine passende Würdigung des Fundaments, das Kyoshi Borut Kincl seit fast einem Vierteljahrhundert aufgebaut hat.
Alle Mitglieder führten gemeinsam die Kata «Taikyoku 1» auf, bevor die Kämpfe begannen. Die gesamte Halle – mehr als 1’500 Menschen – wurde zu einem einzigen, vereinten Körper, der sich im Einklang bewegte, im Einklang atmete und gemeinsam die Kunst ehrte. Es war ein Moment, den ich nie vergessen werde.
Im Kempo Arnis ist ein schwarzer Gürtel kein Ziel – er ist eine Verpflichtung. Eine Verpflichtung zur weiteren Entwicklung, zu grösserer Verantwortung und zu einem tieferen Verständnis des Kampfkunstweges.
Internationale Vertretung: Eine globale Familie
Team Malta – Herausragende Leistung
Herzlichen Glückwunsch an das KAF-Malta-Team für seine herausragende Leistung bei den Gürtelprüfungen und im Trainingslager. Ihre Ergebnisse sind ein Beweis für Engagement, Opferbereitschaft und die Stärke der Kempo-Arnis-Familie über Grenzen hinweg:
•Nicole Sultana – 1. Dan
•Christina Said – 2. Dan
•Emanuel Said – 2. Dan
•Matthew Grima – 2. Dan
•Franco Magrin – 2. Dan
•Ryan Attard – 2. Dan
•Amir Samhan – 2. Dan
•Joseph Portelli – 4. Dan
Wie das Team aus Malta in seiner Würdigung schrieb: «Wir können unsere Dankbarkeit gegenüber Kyoshi Borut Kincl gar nicht genug zum Ausdruck bringen, der die treibende Kraft hinter all dem war. Seine Leidenschaft, Energie, Überzeugung und Vision haben einen Traum Wirklichkeit werden lassen, Menschen zusammengebracht und eine unglaubliche Gemeinschaft geschaffen, die sich wirklich nur schwer in Worte fassen lässt.» Eine Würdigung, die die Gefühle jedes Einzelnen widerspiegelt, der Teil dieses Verbandes war.
Team Deutschland – Jan Torborg, 3.
Dan
Herzlichen Glückwunsch auch an Jan Torborg vom Team Deutschland, der bei diesem Camp erfolgreich seine Prüfung zum 3. Dan abgelegt und bestanden hat. Seine Leistung ist ein weiterer stolzer Meilenstein in der wachsenden internationalen Reichweite des Verbandes.
Über die Kempo Arnis Federation: Der Geist
der Tradition in der Kunst
der Gegenwart
Die Kempo Arnis Federation (KAF) ist eine einzigartige Synthese aus drei Kampfsystemen: Ryukyu Kempo Tomari-te Karate, der philippinischen Kampfkunst Modern Arnis und dem israelischen KAPAP – Krav Maga. Ihr Grundprogramm ermöglicht es den Praktizierenden, in allen drei Künsten den schwarzen Gürtel oder die Ausbilderstufe zu erreichen, und ist von führenden internationalen Organisationen wie IRKRS, DKI, IMAFP und
ANA offiziell anerkannt.
Was Kempo Arnis von anderen Kampfkünsten unterscheidet, sind sowohl sein Zweck als auch seine Philosophie. Es ist nicht für Sport oder Wettkämpfe konzipiert – es dient der realistischen Selbstverteidigung in jeder Situation, gegen eine beliebige Anzahl von Gegnern und in jeder Umgebung. Wie Kyoshi Borut erklärt: «Die Beherrschung dieser Kunst erfordert nicht nur körperliche Kraft und sportliches Können, sondern auch Spontaneität sowie Kenntnisse des menschlichen Körpers und der Psychologie, was es uns ermöglicht, in jedem Alter mit dem Erlernen von Kempo Arnis zu beginnen.»
Der Verband vertritt die Ansicht, dass jede Kunst, die sich nicht verändert und anpasst, tot ist – blosse Folklore. Kempo Arnis ist daher eine lebendige Fertigkeit, die sich je nach Zeit und Ort weiterentwickelt und die wirksamsten Aspekte traditioneller Kampfkünste von den schwerfälligen Interpretationen befreit, die sie in der Zeit erstarren liessen, während gleichzeitig der tiefste Respekt für ihre Ursprünge in den Traditionen Okinawas und der Philippinen gewahrt bleibt.
Was Sie durch Kempo Arnis gewinnen werden – in den Worten von Kyoshi Borut Kincl
1. Echte Selbstverteidigungsfähigkeiten
Lernen Sie, Strategien und Techniken aus drei der weltweit effektivsten Kampfsysteme anzuwenden, die Sie darauf vorbereiten, gefährlichen Situationen im modernen, realen Alltag zu begegnen.
2. Verbesserte kognitive Fähigkeiten
Das Training erfordert ein hohes Mass an Konzentration, fördert geistige Klarheit und die Fähigkeit, unter Stress innere Ruhe zu bewahren – Fähigkeiten, die sich direkt auf den Alltag übertragen lassen.
3. Geringerer Stress
Kempo Arnis ist ein wirksames Mittel zum Stressabbau. Das körperliche Training regt den Körper zur Ausschüttung von Endorphinen an und sorgt so für ein natürliches Wohlbefinden.
4. Verbesserte körperliche Fitness
Das Training fördert durch abwechslungsreiche und zielgerichtete Bewegungsabläufe Widerstandsfähigkeit, Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer.
5. Mehr Selbstvertrauen
Fortschritte sowohl in der Fitness als auch in den Kampfkünsten führen ganz natürlich zu einem tiefen, verdienten Selbstvertrauen – zu der Art von Selbstvertrauen, die entsteht, wenn man Herausforderungen wirklich meistert.
6. Gemeinschaft und Zugehörigkeit
Teil der Kempo-Arnis-Familie zu werden bedeutet, in eine Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen einzutreten, die durch gemeinsame Werte, gemeinsame Herausforderungen und gemeinsames Wachstum verbunden sind – eine echte Grossfamilie.
KAF: Eine Tradition der Pionierleistungen in Slowenien und im ehemaligen Jugoslawien
KAF und sein Vorgänger RKSI spielen seit ihrer Gründung eine führende Rolle bei der Innovation und Forschung im Bereich der Kampfkünste in Slowenien und im ehemaligen Jugoslawien. Zu ihren zahlreichen bahnbrechenden Errungenschaften zählen:
•Als Erste wurden in der Region die Konzepte echter Kampfkünste vermittelt
•Die ersten, die Seminare zu israelischen Kampfkünsten – Krav Maga, KAPAP und Israel Combat Systems – organisierten
•Erste lizenzierte Ausbilder für israelische Kampfkünste in Slowenien
•Erste, die Bunkai Jitsu auf hohem Niveau trainieren und unterrichten
•Erste, die Kyusho Jitsu – Tuite-Seminare unterrichten und organisieren
•Die ersten und einzigen Meister des RyukyuKempo – Kyusho Jitsu – Tuite in Slowenien
•Erste, die Seminare zu philippinischen Kampfkünsten unterrichteten und organisierten (mit Meistern wie Bram Frank – CSSD/SC, Marc Denny – Dog Brothers, Cristino Vasquez – IMAFP, Jon Escudero – LSAI, Ken Smith – IMAF, Gaby Roloff – IMAF)
•Erster Veranstalter von Kämpfen und Wettkämpfen im Stock- und Messerkampf
•Erste Meister der philippinischen Kampfkünste in Slowenien
•Erste, die ein Seminar zur russischen Kampfkunst Systema organisiert haben
•Erster, der ein Kiai-Jitsu-Seminar unterrichtet und organisiert hat
•Erster Veranstalter von Wettkämpfen nach den Regeln des Kyokushinkai (Knock-Down)-Karate
Dieser Weg der Innovation und Forschung geht weiter. Wie Kyoshi Borut selbst gesagt hat: «Wir bei der KAF wissen, dass noch ein langer Weg vor uns liegt, auf dem wir den Menschen und sein Wesen erforschen und ernsthaft studieren müssen. Das Studium der Kampfkünste ist somit wahrhaftig ein Studium des Lebens.»
Schlussworte: Von einem Kriegerherz zum anderen
Jedes Jahr verlasse ich Slowenien mit einem vollen Herzen. Voller Wissen, voller Freundschaft, voller Inspiration und voller tiefer Dankbarkeit für das, wofür diese Gemeinschaft steht.
Dieses Jahr war keine Ausnahme. Tatsächlich war dieses Jahr aussergewöhnlich. Gemeinsam mit Kancho Gerard Gordeau, GM Gabrielle Roloff, Martijn De Bruijn, Jacob Lim und der gesamten Kempo-Arnis-Familie trainiert zu haben – stets geleitet von der Vision von Kyoshi Borut Kincl und dem aussergewöhnlichen organisatorischen Herz von Tina Kincl – war ein Privileg, das ich nicht auf die leichte Schulter nehme.
Tina schrieb über die diesjährige Zeremonie: «Es ist uns gelungen, Menschen aus verschiedenen Ecken der Welt mit unterschiedlichen Überzeugungen und noch unterschiedlichereren Hintergründen miteinander zu verbinden.» Das ist für mich die wahre Leistung. Technik lässt sich lehren. Philosophie lässt sich studieren. Aber die Fähigkeit, Menschen über Kulturen, Sprachen und Hintergründe hinweg aufrichtig miteinander zu verbinden –
das ist selten. Das ist Führungsstärke. Das ist Liebe.
Kyoshi Borut Kincl wird zu Recht als bester Botschafter Sloweniens durch die Kampfkünste anerkannt. Er hat Novo Mesto auf die Weltkarte gesetzt – nicht durch Politik oder Wirtschaft, sondern durch die universelle Sprache der Disziplin, des Respekts und des Kampfgeistes. Ich werde nächstes Jahr wiederkommen. Ich komme immer wieder zurück. Denn hier, in Slowenien, im Herzen der Kempo-Arnis-Föderation, finde ich etwas, wonach jeder Kampfsportler sucht: eine Gemeinschaft, die das lebt, was sie predigt. Menschen, die wirklich – im Dojo und im Leben – Mitglieder von Kempo Arnis sind.
OSU | Avi Nardia
Internationaler Cheftrainer, AikiKenpoJujutsu
Gründer, CDC / KAPAP | 4. Dan, Machado Brazilian Jiu-Jitsu
Ausbilder für spezielle Militär- und Polizeieinheiten weltweit
Seit über 25 Jahren Gastausbilder bei der Kempo-Arnis-Föderation, Slowenien Frühjahr 2026
DIE SELTSAMEN PAARE
Der Einsatz von zwei Waffen, eine in jeder Hand, im Kampf reicht bis in die Vorgeschichte zurück. Felsgravuren zeigen, dass Krieger der Vergangenheit gelernt hatten, den Schild mit einer Hand und eine Waffe – sei es eine Hieb- oder Schlagwaffe – in der anderen Hand, meist der dominanten, zu führen. Auch die Kombination aus Peitsche und Schwert scheint antike Ursprünge zu haben; diese Paarung finden wir manchmal in der Kombination Messer und Peitsche oder Stock und Peitsche wieder. Wenn wir an die italienische Renaissance denken, stellen wir fest, dass das «belpaese» der Welt das außergewöhnliche Paar aus Schwert und Dolch geschenkt hat, das in der Welt der Kampfkünste dank der Verbreitung der philippinischen Kampfkünste bekannt wurde. Der südostasiatische Archipel, der gerade während der Renaissance von den Spaniern kolonialisiert wurde, hat eine «Mestizo»-Kultur hervorgebracht, in der sich Orient und Okzident erfolgreich miteinander verschmolzen haben. Wie wir an dieser Stelle bereits erwähnt haben, waren Schwert und Dolch das Waffenpaar, das von den (vor allem italienischen) Söldnerkapitänen im Dienst der Eliteeinheiten im Gefolge von Magellan verwendet wurde. Tatsächlich stellt diese Kombination die Waffenpaarung par excellence dar. Im asiatischen Archipel wurde diese Kombination durch Stock und Messer verdrängt – einfachere, aber leichter beschaffbare Waffen. Der Einsatz dieser beiden Waffen im Kampf ermöglichte eine bessere Entfaltung sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung.
Auch die japanischen Samurai, bekannt für ihr Zweihandschwert, kamen nach etwa hundert Jahren zu demselben Schluss: Der grosse Schwertkämpfer Miyamoto Musashi begründete nämlich die Ni-Ten-Schule (zwei Himmel), in der eine Hand das klassische Katana und die andere das kleinere Wakizashi hielt.
Kehren wir in den Westen und insbesondere in den Mittelmeerraum zurück, so erinnern wir uns daran, dass das Messer, das wir als das Schwert des Volkes bezeichnet haben, einzeln oder im Paar mit der Jacke – einem volkstümlichen Ausdruck des Mantel-und-Schwert-Stils – oder in Verbindung mit dem Gürtel verwendet wird, der, wie wir leicht erahnen können, aus dem Paar Peitsche und Schwert stammt.
In jedem Winkel der Erde hat der Mensch gelernt, ein Arbeitsgerät in eine Kriegswaffe zu verwandeln; man denke nur an den sogenannten «Kreuzzug der Bettler», der aus Menschen bestand, die sich weder ein Pferd noch eine Rüstung und nicht einmal ein Schwert leisten konnten. Diese Abenteurer stürzten sich mit Stöcken und Heugabeln bewaffnet in das Unterfangen und waren bereit, an einigen Stationen – vor allem auf italienischem Boden – rudimentäre Reitstunden zu nehmen, bevor sie sich auf den Weg nach Palästina machten. Erfahrene Ritter, die sich im Umgang mit Waffen auskannten, gaben an Orten wie Messina auf Sizilien ihr Bestes, um die improvisierten Rekruten auszubilden.
Im Orient wurden das durch Bruce Lee berühmt gewordene Nun-Cha-Ku und die Tonfa unter Kampfsportlern so bekannt, dass man ihren bescheidenen Ursprung – nämlich als Arbeitsgeräte zum Dreschen von Reis – fast vergass. In Südostasien ereilte ein anderes Werkzeug bzw. eine Waffe ein ähnliches Schicksal: ein besonderes Messer mit gebogener Klinge, das in verschiedenen Grössen im gesamten malaysischen Raum verbreitet ist. Viele glauben, es handele sich um eine Waffe, die geschaffen wurde, um die eigene Kampfkunst effektiver zu machen. Auch ich dachte so, bis ich auf einem sehr belebten Markt in Sumatra eine grosse Menge davon in allen Formen und Grössen sah. Mir wurde sofort klar, dass es sich nicht um den Verkauf von Artikeln für Kampfkunst oder Selbstverteidigung handelte, sondern um Arbeitsgeräte. Es handelte sich nämlich um die Messer der Gerber, also derjenigen, die Leder und Haut bearbeiten. Die Ware war auf einer einfachen Decke ausgestellt, die auf dem Asphalt ausgebreitet war. Ich beugte mich zu dem Verkäufer hinunter, der auf dem Boden sass, und fragte ihn, wozu all diese Messer dienten. Er antwortete mir anhand eines Beispiels: Er nahm ein Stück Leder, das bereits zugeschnitten war, und begann, es mit geschickten und schnellen Bewegungen zu schneiden. Da fragte ich ihn, warum einige (nicht alle) Messer einen Ring hatten, in den man den Finger stecken konnte. Die Antwort war ein-
fach, und seine Darstellung der Szene war einmal mehr aufschlussreich: Der Ring ermöglichte es, beide Hände zu benutzen, ohne das Messer jedes Mal ablegen und wieder aufnehmen zu müssen; wenn man es nicht brauchte, liess man es an der Hand baumeln. Manche hängten ihn am Zeigefinger ein, andere am kleinen Finger und wieder andere an einem der übrigen Finger, je nach Bequemlichkeit des Arbeiters. Der Ring sparte in der Tat viel Zeit, da man das Werkzeug nicht aus der Hand legen musste, um beide Hände zu benutzen, es abzulegen und dann wieder aufzunehmen, da es stets an der Hand befestigt blieb. Andere Messer hatten hingegen keinen Ring, doch der Händler fügte hinzu, dass manche die Gewohnheit hatten, sie mit einer Schnur am Handgelenk zu befestigen, während andere weder von Ringen noch von Schnüren etwas wissen wollten und es vorzogen, es als einfaches Hautmesser mit gebogener Klinge zu verwenden. Als ich in den Dörfern der ionischen Region zum ersten Mal die von Seeleuten verwendete Keule sah, die am Handgelenk oder – wie es die Erfahrensten taten – am Daumen befestigt wurde, kamen mir die Methoden wieder in den Sinn, die auf Sumatra zur Befestigung des gebogenen Messers angewendet wurden. Der kleine Knüppel, mit dem der Fang – vor allem Tintenfische – betäubt oder getötet wurde, diente bei Bedarf als Verteidigungsinstrument, um Menschen zu betäuben oder die Knochen eines bewaffneten Arms zu brechen, wodurch die Passivität der Abwehr zu einer Art offensivem Gegenangriff wurde.
Der Einsatz des Knüppels zur Verteidigung, vor allem im Lichte des oben Gesagten, ist das Ergebnis menschlicher Kreativität, die jedes Werkzeug in eine Waffe verwandelt. Heute ist er ein seltenes Werkzeug, schwer zu finden, und noch schwieriger ist es, den kriegerischen Einsatz dieses Geräts nachzuvollziehen. Diejenigen, die es wussten, sind längst verstorben, und die Überlebenden sprechen nicht gern über diese Dinge, vor allem hier in Süditalien. Diese Bräuche zu kennen bedeutete, eine stürmische Vergangenheit gehabt zu haben, an Streitigkeiten oder schlimmer noch an Vereinigungen teilgenommen zu haben, die nur äusserlich etwas Ritterliches an sich hatten.
Noch geheimnisvoller und wertvoller ist der Einsatz von Keule und Messer im Paar; ja, unter allen oben aufgeführten Paaren ist dieses das seltsamste und auch das seltenste, was es jedoch nicht weniger wirksam macht – im Gegenteil, ihr Potenzial ist geradezu explosiv.
Normalerweise hält die dominante Hand (die rechte bei Rechtshändern und die linke bei Linkshändern) das Messer, während die andere Hand den Knüppel hält. Die Paraden und Bewegungen unterscheiden sich nicht von denen beim Einzelmesser, jedoch muss man lernen, die Bewegungen beider Teile zu koordinieren, um aus beiden die maximale Wirksamkeit zu erzielen.
Der erste Vorteil besteht darin, mit dem Schläger und nicht mit der blossen Hand zu parieren, was einen grösseren Sicherheitsspielraum bei der Parade bietet und somit das Risiko einer versehentlichen Schnittverletzung erheblich verringert.
Zweitens ist die Parade ein harter Schlag, der bereits für sich allein das Duell entscheiden kann, indem er dem Gegner das Handgelenk bricht oder ihn infolge des schmerzhaften Aufpralls entwaffnet.
Die Angriffsziele des Knüppels beschränken sich nicht auf das Handgelenk oder die Hand; er ist auch gegen das Schlüsselbein, die Brust und natürlich den Kopf wirksam.
Selbst die Knie oder Knöchel können schwere Verletzungen davontragen. Um diese Zielbereiche zu treffen, muss man sich entweder mit speziellen Techniken nach unten beugen oder einen vom Angreifer ausgeführten Tritt ausnutzen, um ihm an die Beine zu schlagen, ohne sich bücken zu müssen.
«In jedem Winkel der Erde hat der Mensch gelernt, ein Arbeitsgerät in eine Kriegswaffe zu verwandeln – man denke nur an den sogenannten Bettlerkreuzzug, der aus Menschen bestand, die sich weder ein Pferd noch eine Rüstung und nicht einmal ein Schwert leisten konnten.
Diese Abenteurer stürzten sich mit Stöcken und Heugabeln bewaffnet in das Unterfangen und waren bereit, an einigen Stationen, vor allem auf italienischem Boden, rudimentäre Reitstunden zu nehmen, bevor sie sich auf den Weg nach Palästina machten.»
Kano Jigoros Besuch auf Okinawa im Jahr 1927
von Patrick McCarthy
Im Januar 1927 besuchte Kanō Jigorō Okinawa, vor allem um den ersten «JūdōYūdanshaShinkō-kai» der Insel einzuweihen. Als Adliger von beträchtlichem Ansehen übte Kanō erheblichen politischen Einfluss aus. Er fand Gehör bei der Regierung, dem Bildungsministerium, dem Kriegsministerium und dem Butokukai und galt in ganz Japan weithin als der führende Pädagoge des Landes. Sein Besuch in Okinawa wurde daher als grosse Ehre angesehen, und ein konservatives Komitee – organisiert durch die örtliche Bildungsbehörde – unternahm erhebliche Anstrengungen, um sicherzustellen, dass er entsprechend empfangen wurde.
Zu den Anlässen, die für Kanōs Besuch organisiert wurden, gehörte eine Vorführung von Tōdi (唐手), der Kampfkunst, die damals üblicherweise mit den Schriftzeichen für «te» (手), «Hand» oder «Kunst», geschrieben wurde, ergänzt durch das Präfix «Tō» (唐), das auf einen ausländischen – insbesondere chinesischen – Ursprung hinwies. Es lohnt sich, an dieser Stelle einen Moment innezuhalten, denn die Wahl der Bezeichnung für das Vorführungsprogramm war keineswegs zufällig.
Die Einteilung von Tōdi in drei Hauptregionen – Shuri, Naha und Tomari – war erstmals in den Schriften von Funakoshi Gichin aufgetaucht. Im Jahr 1913 beschrieb Funakoshi Tōdi, auch als Tōdi-jutsuKenpō (唐手術拳法) bezeichnet, als zwei grosse, aus China stammende Traditionslinien: Shōrin-ryū (少林流 ) und Shōrei-ryū (昭霊流 ), wobei sich beide Namen auf Tempel oder Traditionen beziehen, die mit China in Verbindung stehen. Heute erkennen wir, dass «Shōrei» höchstwahrscheinlich eine fehlerhafte oder verwechselte Umschreibung war, die vielleicht besser im Zusammenhang mit Wudang (武當/Wǔdāng) zu verstehen ist, während Shōrin eindeutig auf Shaolin hinweist. Dennoch blieb diese geografische Einteilung weitgehend eine beschreibende Erleichterung und wurde nicht öffentlich oder offiziell verwendet.
Gegen Ende des Jahres 1926 entschied sich das Komitee, das mit der Organisation der Vorführung vor Kanōs Besuch im Januar beauftragt war, die geografische Klassifizierung öffentlich zu übernehmen und den ursprünglichen Begriff Tōdi (唐手 ) damit zu ersetzen. Drei lokale Vertreter wurden ausgewählt, um ihre jeweiligen Bezirke zu repräsentieren: Mabuni Kenwa (摩文仁賢和 , 1889–1952) als Vertreter von Tōdi in Shuri; Miyagi Chōjun (宮城長順, 1888–1953) als Vertreter von Tōdi in Naha; und KyānChōtoku (喜屋 武朝徳 , 1870–1945) als Vertreter von Tōdi in Tomari – daher die Bezeichnungen Shuri-di (首里手 ), Naha-di (那覇手) und Tomari-di (泊 手). Da sie nun mit einer so landesweit berühmten und einflussreichen Persönlichkeit wie Kanō Jigorō in Verbindung gebracht wurden, entwickelten diese Bezeichnungen ein Eigenleben und gewannen rasch an Popularität als anerkannte Bezeichnungen für die wichtigsten Traditionen der Insel. Obwohl auch MotobuChōki ( 本部朝基 , 1870–1944) Tameshiwari vorgeführt haben soll und Ōshiro Chōjo ( 大城朝恕 , 1887–1935) Bōjutsu vorführte, sind diese Vorführungen für den vorliegenden Punkt nicht direkt relevant.
Die Gründe für diese Entscheidung sind leicht nachvollziehbar. Das Präfix 唐, gelesen als Kara oder Tō, identifizierte China ausdrücklich als Ursprung der Praxis. In einer Zeit intensiven Nationalismus, antichinesischer Stimmung und zunehmender militärischer Radikalisierung barg dies offensichtliche politische Risiken. Hätte man Tōdi unter seinem ursprünglichen Namen vor einem so prominenten Würdenträger vom japanischen
Kano Jigoros Besuch auf Okinawa im Jahr 1927
Kano Jigoros Besuch auf Okinawa im Jahr 1927
Patrick McCarthy Patrick McCarthy
Festland – einem mit direkten Verbindungen zur Regierung und zu nationalen Institutionen – präsentiert, wäre dies bestenfalls als geschmacklos und schlimmstenfalls als politisch provokativ angesehen worden. Durch die Ersetzung der Namen durch die Namen der lokalen Bezirke, aus denen die jeweiligen Hauptdemonstratoren stammten und in denen sie lehrten und praktizierten, gelang dem Komitee ein recht eleganter Schachzug: Die Assoziationen mit China wurden stillschweigend beiseitegeschoben, und an ihrer Stelle wurde die Kunst, als etwas präsentiert, das in Okinawa selbst verwurzelt war, was ihr sowohl öffentliche Legitimität als auch lokalen Stolz verlieh.
Wenn Kanō vor jungen Menschen sprach, betonte er meist zwei Kernprinzipien: SeiryokuZen’yō (精力善用) – «Maximaler, effizienter Einsatz der eigenen Energie.» Nicht nur im Kampf, sondern auch beim Lernen, bei der Arbeit, im Alltag und im persönlichen Verhalten. Er lehrte, dass Erfolg daraus entsteht, wenn man sowohl geistige als auch körperliche Energie klug und ohne Verschwendung einsetzt.
Jita Kyōei (自他共栄) – «Gemeinsames Wohlergehen und gegenseitiger Nutzen» oder «Du und ich gedeihen gemeinsam». Die Idee, dass individuelle Leistungen zum allgemeinen Wohl der Gesellschaft beitragen sollten. Wahrer Fortschritt war nach Kanōs Ansicht nicht egoistischer Aufstieg, sondern kollektive Verbesserung.
Die in diesem Programm verwendete Nomenklatur setzte sich schliesslich durch. Meiner Ansicht nach war es – obwohl Funakoshi die geografische Klassifizierung bereits 1913 erstmals verwendete – dieses bedeutende kulturelle Ereignis, das dazu beitrug, dass Tōdi in der öffentlichen Wahrnehmung allgemein und dauerhaft mit den unterschiedlichen lokalen Praktiken von Shuri-te, Naha-te und Tomari-te gleichgesetzt wurde.
Doch genau hier hat sich seitdem ein folgenschwerer Fehler in die historischen Aufzeichnungen eingeschlichen. Einige Historiker – und im weiteren Sinne auch diejenigen, die von deren Arbeiten beeinflusst wurden – scheinen aus dieser Episode den Schluss gezogen zu haben, dass die geografischen Präfixe tatsächlich unterschiedliche und kodifizierte Stile der Kunst widerspiegelten, von denen jeder für seinen jeweiligen Bezirk einzigartig war. Ich glaube nicht, dass dies der Fall ist.
Unabhängig davon, ob man diese Einteilung auf Funakoshis Zeitungsartikel von 1913 oder auf die Vorführung von 1927 selbst zurückführt, waren die geografischen Bezeichnungen ursprünglich kaum mehr als eine praktische Erleichterung – ein Mittel, die Kunst anhand der Gemeinde oder des Fürstentums zu identifizieren, die bzw. das mit ihren prominentesten Vertretern in Verbindung stand. Was Shuri-te, Naha-te und Tomari-te voneinander unterschied, war in keinem sinnvollen Sinne ein grundlegender Unterschied in der Kunst selbst, sondern vielmehr die individuellen Merkmale und Lehrvorlieben derjenigen, die für ihre Weitergabe verantwortlich waren.
Funakoshi beschrieb Shuri-te als agil und schnell, gekennzeichnet durch natürliche Atmung, leichte Fussarbeit, direkte Angriffe und ausweichende Körperbewegungen. Nahate hingegen wurde als eine Kunst dargestellt, die auf fest verankerte Stellungen, Spannungstraining, geregelte Atmung und Kraftentfaltung im Nahkampf setzt. Tomari-te
wurde oft als Synthese der beiden Traditionen präsentiert, die Beweglichkeit mit Stabilität und lineare Bewegungen mit kreisförmigen Ausweichmanövern verbindet.
Zwar sind solche Beschreibungen Teil der historischen Überlieferung, doch sollten sie nicht mit starren technischen Unterscheidungen verwechselt werden. In Wirklichkeit beruhen alle effektiven Kampfmethoden genau auf den Eigenschaften, die jeder Tradition zugeschrieben werden. Geschwindigkeit ohne Stabilität ist beeinträchtigt. Kraft ohne Beweglichkeit ist begrenzt. Ausweichen ohne Struktur ist unzuverlässig. Verwurzelung, Atmung, Gewichtsverlagerung, Beweglichkeit und Kraftentfaltung sind keine exklusiven Merkmale, die der einen oder anderen geografischen Linie angehören; sie sind universelle Anforderungen einer funktionalen Kampfpraxis.
Entscheidend ist weder der Zufallsort, an dem ein Praktizierender lebte, noch die Bezeichnung, die seiner Tradition später zugewiesen wurde, sondern die Art der körperlichen Gewalt, mit der man sich auseinandersetzt. Ein grosser, beweglicher Praktizierender aus Naha würde seine Beweglichkeit nicht plötzlich aufgrund geografischer Gegebenheiten aufgeben, ebenso wenig wie ein kompakter und kraftvoller Praktizierender aus Shuri den Wert der Verwurzelung und der Kraft im Nahkampf ignorieren würde. Die Probleme, die durch gewohnheitsmässige körperliche Gewalt entstehen, sind universell, und die Lösungen, die sie erfordern, gehen über regionale Einteilungen hinaus.
La visita a Okinawa en 1927 de Jigoro Kano
La visita a Okinawa en 1927 de Jigoro Kano
Patrick McCarthy Patrick McCarthy
Kano Jigoros Besuch auf Okinawa im Jahr 1927
Kano Jigoros Besuch auf Okinawa im Jahr 1927
Patrick McCarthy Patrick McCarthy
So betrachtet sagen die historischen Unterscheidungen zwischen Shuri-te, Naha-te und Tomari-te mehr über die Persönlichkeiten, Vorlieben und Trainingsmethoden einflussreicher Lehrer aus als über grundlegende Unterschiede in der zugrunde liegenden Kunst selbst.
Diese Interpretation findet Unterstützung in den Äusserungen von Miyagi Chōjun (宮城長順, 1888–1953) während der mittlerweile berühmten Rundtischgespräche von 1936, die oft als «Treffen der Meister» bezeichnet werden. Als sich die Diskussion auf die Unterschiede zwischen den verschiedenen Traditionen des Karate-dō aus Okinawa richtete, wurde Miyagi gebeten, zu erklären, wie sich ein Stil von einem anderen unterscheide. Seine Antwort war ebenso einfach wie aufschlussreich. Wenn es Unterschiede gebe, so meinte er, dann hingen diese grösstenteils davon ab, wie dieselben Prinzipien und Übungen von verschiedenen Lehrern vermittelt würden. Mit anderen Worten: Die Unterschiede spiegelten weniger die Kunst selbst wider als vielmehr die Personen, die für ihre Weitergabe verantwortlich waren.
Eine solche Sichtweise stellt die spätere Tendenz in Frage, Shuri-te, Naha-te und Tomari-te als grundlegend
unterschiedliche Systeme zu betrachten. Vielmehr deutet sie darauf hin, dass das, was sie voneinander trennte, oft eine Frage von Schwerpunktsetzung, Pädagogik, Temperament, Körperbau, Erfahrung und persönlicher Vorliebe war. Die Unterschiede waren eher persönlicher als stilistischer Natur – ein Spiegelbild der Lehrer, nicht der Methode.
Tatsächlich überwiegen, wenn man die erhaltenen Kata, Zweierübungen, Trainingspraktiken und historischen Berichte im Zusammenhang mit diesen Traditionen untersucht, die Gemeinsamkeiten bei weitem die Unterschiede. Alle zielten darauf ab, eine effiziente Körpermechanik, eine effektive Kraftentfaltung, eine gesunde Atmung, Beweglichkeit, Stabilität, Ausweichbewegungen und praktische Reaktionen auf zwischenmenschliche Gewalt zu fördern. Was sich unterschied, war nicht das Ziel, sondern der Weg, der eingeschlagen wurde, um es zu erreichen. Die regionalen Bezeichnungen mögen zu ihrer Zeit einen nützlichen beschreibenden Zweck erfüllt haben, sollten jedoch nicht als Beweis für grundlegend unterschiedliche Kampfkünste missverstanden werden. Sie waren vor allem praktische geografische Kennzeichnungen für Traditionen,
Funakoshi Gichin
Kano Jigoros Besuch auf Okinawa im Jahr 1927
Kano Jigoros Besuch auf Okinawa im Jahr 1927
Patrick McCarthy Patrick McCarthy
die von einzelnen Lehrern geprägt wurden, von denen jeder einen gemeinsamen Wissensschatz durch die Brille seiner persönlichen Erfahrung interpretierte und weitergab.
Diese Präfixe rückblickend als Hinweis auf die Existenz separater und formal definierter Schulen zu interpretieren, bedeutet meiner Meinung nach, eine administrativ und politisch motivierte Kategorisierung mit dem Nachweis einer echten stilistischen Divergenz zu verwechseln.
Nirgendwo wird dieses Missverständnis deutlicher als in den heutigen, stark stilisierten modernen Praktiken, bei denen die Aufmerksamkeit oft eher auf äußerliche Unterschiede als auf die gemeinsame Kampf Funktion gerichtet ist. Auch wenn zeitgenössische Trainingsmethoden unterschiedliche Aspekte betonen mögen, entstand die Kunst selbst aus dem Bedürfnis nach Selbstschutz. Das Wie und Warum der Bewältigung körperlicher Gewaltakte wurde durch die Dynamik dieser Handlungen selbst sowie durch die individuellen Unterschiede derjenigen geprägt, die darauf reagierten. In diesem Sinne war die Kunst niemals wirklich geografisch geteilt. Sie wurde von Menschen, Umständen, Erfahrungen und der Notwendigkeit geprägt.
Überblick über Kano
Jigoros Besuch in Okinawa im Jahr 1927
Am 31. Dezember 1926 stach Kanō Jigorō, der Visionär hinter dem Jūdō, an Bord der «Amakusa Maru» in Richtung Naha in See. Am 2. Januar 1927 kam er in Kagoshima an, wo er und seine Kollegen das Schiff für den Abend verliessen, um im beliebten Restaurant «Suehiro» zu speisen.
Nach seiner Ankunft in Naha am 3. Januar 1927 stand sein Besuch im Zeichen der Einweihung des JūdōYūdansha-Verbands von Okinawa, Treffen mit verschiedenen Vertretern aus dem öffentlichen und privaten Sektor, Besichtigungen der lokalen Sehenswürdigkeiten sowie dem Genuss kultureller Aktivitäten und der lokalen Küche. Ausserdem hatte er Gelegenheit, lokale Karate-Experten zu treffen, darunter Miyagi Chōjun, MotobuChōki, Mabuni Kenwa, KyānChōtoku und Ōshiro Chōjo.
Bei seiner Ankunft um 9:00 Uhr wurde er von einer grossen Menschenmenge begrüsst, zu der Vertreter des öffentlichen und privaten Sektors gehörten, darunter Kishimoto Gashō – ein lokaler Politiker der Präfektur und ehemaliger Studienkollege von Kanō in Tokio.
Nachdem er in seiner Unterkunft eingecheckt hatte, genossen sie ein gemeinsames Essen, und die folgenden Tage waren gefüllt mit verschiedenen Aktivitäten rund um das Jūdō, Vorträgen und Besichtigungen, darunter der Besuch einer Show, bei der ein Mungo gegen eine HabuSchlange antrat. Kanō besuchte die Präfekturbibliothek und das Rathaus und traf sich mit verschiedenen Amtsträgern. Ausserdem fuhr er mit dem Auto – statt mit dem Zug, um Zeit zu sparen – zur Burg Shuri und besichtigte weitere wichtige Stätten, darunter die ehemalige Residenz des Königs, dessen Grabstätte, die Industrieschule und den Enkakuji-Tempel, der sich neben der Shihan Gakkō befindet.
Das Treffen mit Miyagi Chōjun schien ein besonderer Höhepunkt zu sein, da Miyagi als lokaler Karate-Experte hoch angesehen war. Zusätzlich zu seiner Ausbildung auf Okinawa war Miyagi auch zweimal nach China gereist, um seine Fähigkeiten und sein Wissen zu vertiefen. Er demonstrierte freundlicherweise verschiedene Übungsabläufe und beantwortete Fragen von Kanō; seine Einblicke lieferten wertvolle Klarheit über die Grundlagen dieser Kampfkunst. Bei derselben Zusammenkunft führte auch ein Chinese –höchstwahrscheinlich Go Kenki – karateähnliche Techniken vor, die auf dem Kranich-Stil basierten, und bot damit eine weitere Perspektive auf diese Kampfkunst.
Im Anschluss an diese aufschlussreiche Veranstaltung wurden Kanō und seine Begleiter zusammen mit einer Gruppe von Schülern der Höheren Normalschule – darunter auch sein ältester Sohn, der selbst sehr versiert im Karate war – in das Haus von Ōshiro-san, einem weiteren lokalen Politiker, eingeladen.
Am 6. Januar 1927, nach einem ereignisreichen Vormittag, wohnten Kanō und Ōshiro-san einer BōjutsuVorführung eines lokalen Meisters bei – nämlich Ōshiro Chōjo. Darauf folgte eine Tamashiwari-Vorführung des angesehenen MotobuChōki. Motobus Engagement für die Weiterentwicklung des Karate durch jahrelanges Training und Forschung hatte ihm den Ruf als lokale Autorität für die praktische Anwendung eingebracht. Beeindruckt von Motobus körperlicher Verfassung untersuchte Kanō persönlich dessen Hände und Fäuste und würdigte seine lobenswerten Bemühungen.
Zum Abschluss seines Okinawa-Besuchs verliessKanō Naha am 8. Januar 1927 und kam am folgenden Morgen um 9:00 Uhr in Kagoshima an. Diese Reise, deren Schwerpunkt zwar auf Jūdō lag, zeigte Kanōs aufrichtige Wertschätzung für – und seine Auseinandersetzung mit –dem reichen Kampfkunst-Erbe Okinawas, insbesondere des Karate, da er mit versierten Praktikern wie Miyagi Chōjun, MotobuChōki, Mabuni Kenwa, KyānChōtoku und anderen in Kontakt kam.
• Quelle: Kanōs Tagebuch «Okinawa Kyūshū», Jūdō, März 1927, S. 28–36. Besonderer Dank gilt Lance Gatling Shihan in Tokio für das Quellenmaterial
Karate-Zeitleiste für Kano Jigoro von Shishida Fumiaki, Waseda-Universität (Journal of Martial Arts Anthropology,
Bd. 11, Nr. 1–4, 2011, S. 44)
1908/1909 – KanōJigorō begegnet zum ersten Mal dem Karate aus Okinawa bei einer vom Butokukai organisierten Jugendveranstaltung in Kyoto.
18. April 1911 – Eine Gruppe von Karate-Lehrern der Lehrerbildungsanstalt aus Okinawa besucht Kanō Jigorō in seinem Haus und im Kōdōkan.
März–Juni 1922 – Kanō beobachtet Vorführungen von Funakoshi Gichin und Gima Shinken und unterstützt anschliessend aktiv die Einführung des Karate auf dem Festland.
Nov. 1922 ~ Siehe IRKRS-Anhang
Okinawa im Jahr 1927
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Patrick McCarthy Patrick McCarthy
Okt. 1926 ~ Siehe IRKRS-Anhang
3.–7. Januar 1927 – Kanō besucht Okinawa für vier Nächte und fünf Tage, begleitet von Nagaoka Shūichi und Yokomoto Isekichi.
6. Januar 1927 – Kanō sieht sich eine Karate-Vorführung in der Aula der Pädagogischen Hochschule der Präfektur Okinawa an. Zeitgenössische Quellen aus dem Jahr 1927 beschreiben seine Reaktion auf die Bewegungen dieser Kampfkunst als «beeindruckend» oder «wild». Bei derselben Gelegenheit sah er auch eine Bōjutsu-Vorführung von Ōshiro Chōjō (大城朝 恕 , 1887–1935) sowie die berühmte Brettbrech-Vorführung von MotobuChōki (本部朝基, 1870–1944).
IRKRS-Nachtrag ~ unabhängig, von dieser Zeitleiste, bezüglich Kanōs zweier früherer Besuche auf Okinawa:
Quelle: Kindai Karate-dōnoRekishi o Kataru (近代空手道の歴史 を語る , «Über die Geschichte des modernen Karate-dō») von Fujiwara Ryōzō (藤原 稜三) & Gima Shinken (儀間真謹), S. 90: «Er reiste im November 1922 und im Oktober 1926 dorthin.» Veröffentlicht von Shin Jinbutsu Ōraisha, 1986.
Nachwort
Es gibt noch eine letzte Anmerkung, die mir erwähnenswert erscheint, und sie betrifft Kanōs zwei Kernprinzipien im Zusammenhang mit dem, was er, während seines Okinawa-Besuchs erlebte.
SeiryokuZen’yō – der möglichst effiziente Einsatz der eigenen Energie – und Jita Kyōei – gegenseitiges Wohlergehen und gegenseitiger Nutzen – waren keine Prinzipien, die Kanō auf Jūdō beschränkte. Für ihn waren sie universelle Wahrheiten, die auf jeden Aspekt menschlichen Strebens anwendbar waren: Studium, Arbeit, Alltag und persönliches Verhalten. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Mann von seiner Scharfsinnigkeit diese Prinzipien nicht auch im Karate wiedererkannte, wie es ihm im Januar 1927 vorgeführt wurde.
Kanō war bereits mit Funakoshi Gichin und dessen Herangehensweise an diese Kampfkunst vertraut. Funakoshi hatte Shuri-te als eine Kunst beschrieben, die sich durch Beweglichkeit, natürliche Atmung, leichte Fussarbeit, direkte Angriffe und ausweichende Körperbewegungen auszeichnete – ein in sich schlüssiges und bewundernswertes System, das jedoch nur einen Teil dessen darstellte, was diese Kampfkunst in ihrer Gesamtheit zu bieten hatte. Als Kanō dann Miyagi Chōjun, Mabuni Kenwa und KyānChōtoku bei der Vorführung ihrer jeweiligen Traditionen zusah, wurde er wohl genau mit jenen Eigenschaften konfrontiert, die Funakoshis Beschreibung nicht erfasst hatte: geerdete Stabilität, geregelte Atmung, Spannungstraining und Kraftentfaltung im Nahkampf. In ihrer Gesamtheit dürften die Vorführungen etwas dargestellt haben, das weit über die Summe ihrer Teile hinausging. Für einen Geist, der von SeiryokuZen’yō geprägt war, lag die Schlussfolgerung auf der Hand. Die erfolgreiche Anwendung jeder Technik –sei es im Kampf oder im Leben – beruht nicht auf der isolierten Beherrschung einer Reihe von Fertigkeiten, die aus einer einzigen Tradition stammen. Sie beruht auf dem intelligenten und effizienten Einsatz des Ganzen. Geschwindigkeit ohne Stabilität ist unvollständig. Kraft ohne Beweglichkeit ist begrenzt. Jede Eigenschaft hängt von den anderen ab und wird durch sie verstärkt. Die geografischen Bezeichnungen, die diesen Traditionen zugeordnet wurden, waren in diesem Sinne nebensächlich. Was Kanō sah, waren nicht drei getrennte Künste, sondern ein einziges Wissensgefüge, das durch unterschiedliche Schwerpunkte zum Ausdruck kam.
Und wenn SeiryokuZen’yō für den effizienten Einsatz des Ganzen gegenüber dem Teilischen steht, dann steht Jita Kyōei für etwas ebenso Relevantes: dass wahrer Fortschritt nicht durch die Isolierung oder Bevorzugung einer Tradition gegenüber einer anderen erreicht wird, sondern durch ihre gemeinsame Integration. Nicht egoistischer Fortschritt, sondern gegenseitige Verbesserung.
Ich glaube, dass genau dies auch der Dai Nippon Butokukai während der Zeit erkannte, die wir zu Recht als die goldene Ära der Verbreitung des Karate auf dem Festland bezeichnen können – jenes bemerkenswerte Jahrzehnt zwischen den frühen 1920er Jahren und Dezember 1933, als die Kunst offiziell als eine einzige, einheitliche Tradition anerkannt wurde. Indem der Butokukai die verschiedenen Praktiken unter einer Bezeichnung zusammenführte, bekräftigte er – ob bewusst oder unbewusst – genau jene Prinzipien, für die sich Kanō seit langem eingesetzt hatte: dass das Ganze grösser ist als die Summe seiner Teile und dass die kollektive Weiterentwicklung wichtiger ist als die Aufrechterhaltung künstlicher Grenzen.
Kanō erkannte dies im Jūdō. Er erkannte es mit ziemlicher Sicherheit auch im Karate. Und 1933 machte der Butokukai dies offiziell.
Gleichgesinnte zusammenbringen, um gemeinsame Ziele zu verfolgen, und durch KoryuUchinadi Selbstermächtigung, persönliche Erfolge und Kameradschaft feiern. Eine Verbindung zur Vergangenheit ist Ihre Brücke in die Zukunft: Das einzigartige System der Anwendungsübungen von Koryu Uchinadi ist ein Weg zwischen Kata und Kumite. KU kann auch als provokative Alternative zu herkömmlichen Methoden der körperlichen Fitness und des Stressmanagements erlernt bzw. vermittelt werden. Zu lernen, wie man gelassen auf ungerechtfertigte Aggression reagiert, erfordert Selbstermächtigung. Ein solches Training fördert innere Ruhe und trägt im Konfliktfall dazu bei, ein natürliches Gleichgewicht in persönlichen und beruflichen Beziehungen wiederherzustellen.
Muay Boran: Kampfstrategien gegen Faustschläge
Muay Thai ist die siamesische Kunst des waffenlosen Kampfes. Die einzigen «Waffen», die immer zur Verfügung stehen, sind unsere Körperteile, insbesondere: Hände, Beine, Knie, Ellbogen und Kopf. Muay hat den Einsatz dieser natürlichen Waffen zu einer wahren Wissenschaft gemacht: Ein Muay-Thai-Kämpfer wird darin geschult, anzugreifen und sich zu verteidigen, indem er genau diese Körperteile auf Hunderte von äusserst effizienten Arten gekonnt einsetzt. Aus diesem Grund betrachten alle Kampfsportbegeisterten Muay als ein typisches Beispiel für eine «auf Schlägen basierende Kunst». Eine Kunst dieser Art ist eine Kampfdisziplin, deren Techniken sich auf den Einsatz kraftvoller Schläge als Hauptsystem zur Besiegung eines Feindes bzw. Gegners konzentrieren. Die meisten Experten betrachten die Schlagtechniken des Muay Thai als einige der besten, die es hinsichtlich explosiver Kraft und tödlicher Effizienz gibt.

Das ist sicherlich richtig; doch es steckt noch viel mehr dahinter. Tatsächlich blickt Muay Thai auf eine lange Geschichte zurück, die Jahrhunderte zurückreicht. Im Laufe der Jahre hat diese Kampfkunst eine Reihe von Wandlungen durchlaufen und sich von einer Disziplin auf dem Schlachtfeld zu einem raffinierten und gut geregelten Kampfsport entwickelt. Die verschiedenen Ausprägungen des Muay vor der grossen Revolution dieses Stils, die um das Jahr 1930 stattfand, konzentrierten sich nicht nur auf Schläge, sondern umfassten vielfältige Kampfstrategien wie das Greifen, Blockieren, Verdrehen und Brechen der Gliedmassen oder des Halses des Gegners. Einige dieser Techniken werden im modernen thailändischen Boxen noch immer angewendet, doch die Einführung von Boxhandschuhen und die strengen Regeln, die bei Kämpfen im Ring gelten, haben dazu geführt, dass diese Kampftaktiken nach und nach aufgegeben wurden. Im Gegensatz dazu war das alte Muay reich an Techniken und Strategien des Nahkampfs: Eine der überlieferten Strategien, um Feinde auf dem

Schlachtfeld auszuschalten, bestand darin, einen Arm zu packen und Hebel, Verdrehungen sowie Schläge im Bereich des Ellbogens auszuführen, um den Gegner zu entwaffnen oder ihn auf andere Weise kampfunfähig zu machen.
Angesichts der Wirksamkeit dieser Technik ist der Angriff auf den Ellenbogen auch heute noch die primäre Strategie, die erfahrene Muay-Pram-Kämpfer anwenden, um «den Flügel des Schwans zu brechen»: mit anderen Worten, um den Gegner durch Schmerzen sowie physisches und psychisches Ungleichgewicht in einen Zustand extremer Schwäche zu versetzen. Die unmittelbare Folge eines geschädigten Ellbogens ist die fast vollständige Unfähigkeit, Angriffe auszuführen oder sich angemessen zu verteidigen.
Der Ellenbogen befindet sich zwischen Oberarm und Unterarm und bildet das zentrale Drehgelenk der Bewegungskette der oberen Gliedmassen. Gelingt es dir im Kampf, den Ellenbogen des Gegners in einen Hebel zu nehmen, kontrollierst du damit auch seine Schulter und kannst infolgedessen seinen gesamten Körper kontrollieren.
Wird der Hebel mit einem Ruck angewendet, kann das Ellbogengelenk dauerhaft geschädigt werden. Der Gegner wird nicht mehr in der Lage sein, dich mit dem Arm zu treffen oder eine Waffe gegen dich einzusetzen: Seine Kampfkraft wird drastisch eingeschränkt.
Da das Ellbogengelenk jedoch durch starke Muskeln und Sehnen geschützt ist, ist es nicht ganz einfach, es zu verletzen. Wenn der Gegner nämlich merkt, dass sein Ellbogen angegriffen wird, neigt er instinktiv dazu, die Armmuskeln anzuspannen, wodurch das Gelenk zusätzlich geschützt wird. In diesem Moment wird es sehr schwierig, einen Hebel zu vollenden. Um einen Hebel anwenden und den Ellenbogen verletzen zu können, muss man daher schnell und mit grosser Entschlossenheit handeln. Die meisten Ellboghebel werden gegen Griffe oder Schläge angewendet. Wenn man den Arm eines Angreifers, der einen mit einem Schlag attackiert, greifen will, muss man zunächst lernen, den Schlag des Gegners wahrzunehmen und zu kontrollieren, um die Technik korrekt ausführen zu können.
Da der Arm bei Faustschlägen jedoch gestreckt ist und schnell nach hinten gezogen wird, könnte es sich als sehr schwierig erweisen, das Handgelenk des Angreifers zu greifen. Es ist jedoch auch wahr, dass sich der Ellbogen bei der Ausführung von Faustschlägen langsamer bewegt als die Hand: Aus diesem Grund empfiehlt es sich, sowohl den Ellbogen als auch das Handgelenk gleichzeitig oder in schneller Abfolge zu greifen, um einen sichereren Halt zu erzielen.
Sobald du den Arm des Gegners ergriffen hast, musst du sofort einen schmerzhaften Hebel oder einen Schlag anwenden: Dir steht nur ein Bruchteil einer Sekunde zur Verfügung, bevor der Gegner eine Gegentechnik ausführt. Sei also schnell, präzise und entschlossen, wenn du willst, dass der Hebel wirksam ist.
In dieser Phase kommen all die ausgeklügelten Strategien des Muay Pram zum Tragen, die darauf abzielen, die Schläge abzuwehren und den angreifenden Arm einzuklemmen. Ein gut ausgebildeter Nak Muay Pram (Muay-Pram-Kämpfer) sollte Dutzende hochwirksamer Techniken beherrschen, um den Arm jedes Gegners, der ihn angreift, abzufangen und festzuhalten. Für einen Ungeübten mag es unmöglich erscheinen, einen mit voller Geschwindigkeit geschleuderten Schlag abzufangen und festzuhalten; doch die Praktizierenden des Muay Boran lernen dies bereits in der ersten Trainingseinheit. Und sie üben diese Techniken regelmässig, bis das Abfangen eines Schlags zu einer automatischen Bewegung wird.
Die drei wichtigsten Strategien des Muay Pram, um Schläge gegen den Kopf zu vermeiden und stattdessen den Arm des Gegners zu fassen, sind: die Vier-Handflächen-Technik (Kan Pad Mue), das Öffnen der Deckung nach oben (Poed Su) und das Anlegen einer Blume hinter dem Ohr (Dtad Mala).
Beispielsweise kann ein Muay-Pram-Kämpfer bei einem geraden Schlag ins Gesicht einfach den Oberkörper drehen und den Schlag knapp an sich vorbeigleiten lassen. Gleichzeitig greift er mit seinem Handgelenk das des Gegners und blockiert dessen Ellbogen mit der Schulter. Durch eine ruckartige Drehung der Hüften und einen Stoss der Schulter gegen den Arm des Angreifers bricht er diesem mühelos das Ellbogengelenk.
Sollte der Gegner mit einem Haken oder einem Schwinger gegen den Kopf angreifen, kann der Nak Muay Pram mit der berühmten aggressiven Verteidigungstaktik namens «Dtad Mala» reagieren. Der Aufprall würde abgefedert und gleichzeitig würde die Ellbogenspitze des Verteidigers gegen die Kehle oder das Gesicht des Gegners stossen. An dieser Stelle liesse sich leicht ein schneller Griff von oben ansetzen. Eine explosive Hüftdrehung ist die Bewegung, die an dieser Stelle üblicherweise angewendet wird und eine Luxation des Ellenbogens des eingeklemmten Arms verursacht.
Weitere Informationen zu Muay Boran IMBA:
•Offizielle IMBA-Website: www.muaythai.it
•Europa: Dani Warnicki (IMBA Finnland) dani.warnicki@imbafinland.com
•Südamerika: Juan Carlos Duran (IMBA Kolumbien) imbacolombia@gmail.com
•Ozeanien: Maria Quaglia (IMBA Australien) imbaaust@gmail.com
•Generalsekretariat: Marika Vallone (IMBA Italien) imbageneralsecretary@gmail.com
Der Weg entsteht beim Gehen: Meine Reise nach Bugei und Ebunto
Von João Paulo Gomes Barbosa
«Wanderer, es gibt keinen Weg; der Weg entsteht beim Gehen.»
Antonio Machado (spanischer Dichter, 1875–1939)
Meine Geschichte bei Kaze no Ryu Bugei begann im Jahr 2005, als ich fast zufällig entdeckte, dass es hier in meiner Stadt, Uberlândia (MG), Kenjutsu- und Aikijujutsu-Kurse gab. Ich bat um eine Probestunde und seitdem trainiere ich kontinuierlich weiter und lerne immer mehr technische und historische Aspekte sowie tiefgreifende Elemente der Bugei-Kultur kennen.
Mein erster Kontakt mit Shidoshi Jordan Augusto fand 2006 bei einem Kyujutsu-Seminar statt, das er zusammen mit anderen Lehrern der Schule wie Shidoshi Juliana, Shidoshi André, Shidoshi Giovanni und Shidoshi Thiago in meiner Stadt leitete. Nach dieser Veranstaltung folgten weitere, wie der Kurs zur Selbstverteidigung im städtischen Raum sowie die Winter- und Sommerkurse, die traditionell vom Hauptsitz angeboten wurden, der sich bis dahin in Goiânia (GO) befand.
Eines der Elemente, das mir immer besonders aufgefallen ist, war die Herzlichkeit und Aufmerksamkeit, die Shidoshi Jordan den Kursteilnehmern stets entgegenbrachte – nicht nur beim Vermitteln der Inhalte und beim Beantworten von Fragen am Ende der Veranstaltungen, sondern auch bei der Fürsorge für die Menschen nach den Aktivitäten. In der Regel fanden gesellige Zusammenkünfte statt, damit alle schöne Momente teilen und die vermittelten Konzepte noch einmal Revue passieren lassen konnten. So wurden Grillfeste veranstaltet, Sushi und andere japanische Gerichte – eine Spezialität der Shidoshi und der Menschen, die zu dieser Zeit in der Schule waren – organisiert sowie weitere Möglichkeiten zum geselligen Beisammensein geboten, damit sich alle integriert und als Teil einer Gemeinschaft fühlten, die dasselbe Interesse teilte.

Daher ging ich davon aus, dass ich im Laufe des Jahres 2006 und vor allem im Jahr 2007 viel Kontakt zu Shidoshi Jordan haben würde, sei es hier in meiner Stadt oder in der Zentrale. Doch interessanterweise war 2006 das letzte Jahr, in dem Shidoshi Jordan in Brasilien war, denn zu dieser Zeit zog er nach Spanien, wo er bis heute lebt und seine Aktivitäten genauso fortsetzt, wie er sie in Brasilien ausgeübt hat – nun jedoch mit globaler Reichweite und für Menschen aus verschiedenen Ländern.
Ich erinnere mich gerne daran, dass eine der letzten Feierlichkeiten bei mir zu Hause stattfand, wo sich alle Teilnehmer bemühten, Sushi und andere japanische Gerichte zuzubereiten, damit sich alle willkommen fühlen und Teil der Schule sein konnten – in diesen letzten Momenten von Shidoshi Jordan in Brasilien.
Die Tatsache, dass er im Ausland lebte, bedeutete jedoch keine Entfremdung. Ganz im Gegenteil: Es war eine Zeit der Annäherung durch andere Mittel, wie virtuelle Treffen und vor allem die Texte und Videos, die auf der Website der Schule geteilt wurden.
Die Website war schon immer ein Ort grosser Bewunderung und wurde regelmäßig besucht, da Shidoshi Jordan täglich etwa vier Texte zu den unterschiedlichsten Themen veröffentlichte und darüber hinaus Videos sowie weitere Lehrmaterialien zur Verfügung stellte. Dies ermöglichte es uns, die Werkzeuge und Techniken noch besser zu verstehen, die nicht nur in Europa, sondern auch hier in Brasilien durch die von Shidoshi Jordan ausgebildeten Personen verbreitet
wurden, wie zum Beispiel Shidoshi Thiago Morais, der während dieser Zeit mein Lehrer war.
Ich gebe zu, dass es oft schwierig war, mit der Fülle an Wissen Schritt zu halten, die Shidoshi Jordan in seinen Texten und Videos vermittelte, aber diese Anstrengung war notwendig, um alle Inhalte, die auf sehr vielseitige Weise zur Verfügung gestellt wurden – wie Akijujutsu, Jujutsu, Kenjutsu, Sumiê sowie die Lehrer-Schüler-Beziehung, die SempaiKohai-Beziehung und viele weitere von der Schule angebotene Künste.
Und so ging die Ausbildung weiter. Neben der Website der Schule veröffentlichte Shidoshi Jordan auch Artikel in der Zeitschrift «Budo International», und wann immer diese Artikel damals in gedruckter Form erschienen (man bedenke, dass wir hier vom ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre sprechen), schickte er uns – über digitale Kanäle wie E-Mail oder durch Veröffentlichung auf der Website der Schule – Kopien der Artikel und der Titelseiten, auf denen er im Mittelpunkt stand, damit wir hier in Brasilien sehen konnten, wie erfolgreich der Weg des Bugei auf internationaler Ebene war.
Diese Anerkennung machte uns alle in Brasilien sehr glücklich, denn zu sehen, wie unser Lehrer in der Hall ofFame als «lebendes Kulturgut» geehrt wurde und an bedeutenden Festivals wie dem Festival de Bercy in Frankreich teilnahm, war wirklich inspirierend und trug sicherlich dazu bei, dass auch wir, hier in Brasilien ebenfalls einen Ehrenplatz bei bedeutenden Festivals einnehmen konnten, wie dem Festival do Japão in São Paulo (SP), das als die grösste Veranstaltung japanischer Kultur in Lateinamerika gilt.

Es war sehr schön, diese Entwicklung über die Jahre hinweg mitzuverfolgen, bis wir in den Jahren 2009, 2010, 2011 und 2012 von hier aus Brasilien nach Spanien reisen konnten, um an Seminaren und internationalen Treffen teilzunehmen, die vom Hauptsitz der Schule, der sich nun in Europa befindet, organisiert wurden. Die Möglichkeit, Trainingsmomente und Lehren nicht nur mit Shidoshi Jordan, sondern auch mit anderen Vertretern aus Ländern wie den Vereinigten Staaten, Mexiko, Portugal, Italien, Katar und vielen anderen zu teilen, ermöglichte es mir zudem zu verstehen, wie diese lokalen Kulturen die Inhalte von Shidoshi Jordan aufnahmen, die er selbst sehr bewunderte.
Bei einem dieser Treffen hatte ich die Gelegenheit, auch die spirituelle Seite unserer Schule kennenzulernen, das sogenannte Montou. Durch Vorträge und Erläuterungen von Personen aus dem engsten Umfeld von Shidoshi Jordan, die in der Schule für diesen Bereich verantwortlich sind – wie Shidoshi Alfredo Tucci und andere –, gelang es mir, diesen Aspekt etwas besser zu verstehen. Nach den erforderlichen Zeremonien konnte ich mich auch tiefer in diesen Weg vertiefen und immer mehr von den Geheimnissen und Mysterien kennenlernen, die diese Art des Studiums umgeben. Genau wie in der Kampfkunst fasste ein Sprichwort, das die Menschen hier in Brasilien immer wieder sagten – und das natürlich auch in Europa wiederholt wurde –, die Bedeutung von Bugei und Ebunto im Leben der Menschen zusammen. Kurz gesagt lautete es, dass sowohl Bugei als auch Ebunto Wege sind, die von vielen bewundert, aber von wenigen beschritten werden, was die Ernsthaftigkeit und den Wert widerspiegelte, den die Schule für uns alle hatte.
Seitdem konnte ich an Kursen und Festlichkeiten teilnehmen, die ebenfalls diesem spirituellen Weg gewidmet waren, sodass bei meinen Reisen nach Europa nicht nur Elemente der Kampfkunst vermittelt wurden, sondern auch Elemente des spirituellen Weges der Schule, die sich sowohl im Ebunto als auch in den auf die geistige Entwicklung ausgerichteten Künsten wie Sumi-e und Shodo widerspiegelten.
Ich hatte die Gelegenheit, Shidoshi Jordan persönlich dabei zuzusehen, wie er wunderschöne Werke schuf, vor allem im Sumi-e und Shodo, und wie er diese Werke auf so freundliche und herzliche Weise den Menschen schenkte – seien es Besucher, Praktizierende oder Menschen aus dem Schulalltag. Wer kam, wurde so freundlich empfangen, dass er, soweit möglich, ebenfalls mit diesen Werken beschenkt wurde.
Ein Aspekt, den ich mit grosser Zuneigung und Aufmerksamkeit hervorheben und erwähnen möchte, ist, dass Shidoshi Jordan die Menschen stets sehr herzlich empfangen hat. Auch ich selbst werde, wenn ich nach Spanien reise, mit der Freundlichkeit bedacht, immer in seiner Nähe sein zu dürfen. Oft durfte ich bei Shidoshi zu Gast sein, was entscheidend dazu beitrug, dass ich so viel Zeit wie möglich mit Lernen und Üben verbringen konnte. Die Trainingseinheiten dauerten oft mehr als acht Stunden am Tag, und dieses intensive Eintauchen ermöglichte es uns, die Wege der Kampfkunst und der Spiritualität der Schule immer besser zu verstehen.
Um diese Beziehung nicht in einen Missbrauch zu verwandeln, habe ich mich Shidoshi Jordan stets in aller Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft zur Verfügung gestellt, um ihm in den Angelegenheiten zu helfen, in denen ich nützlich sein konnte, und auf hilfsbereite, aufmerksame und bescheidene Weise nicht nur dazu beizutragen, ihm zu dienen, sondern auch die Belange der Schule zu erfüllen, damit die Schule durch diese Hilfsbereitschaft immer weiterwachsen konnte.
Ein weiterer wichtiger Moment, den ich in meiner Geschichte mit dem Bugei hervorheben möchte, ereignete sich während der Pandemie, als dank virtueller Tools Online-Treffen stattfinden konnten. Es war eine Zeit, in der ich mich noch intensiver mit der Kampfkunst und der Spiritualität der Schule auseinandersetzen konnte und zudem neue Menschen kennenlernte, die Teil der Geschichte von Shidoshi Jordan wurden und natürlich auch Teil meiner eigenen Geschichte und meiner Ausbildung sind – und denen ich sehr dankbar bin.
Dies ist ein Ausschnitt aus der Geschichte dessen, was ich in der Schule erlebt habe und weiterhin erlebe, der die mehr als 20 Jahre des Engagements für die traditionellen Wege unserer Linie hervorhebt und der sich mit Sicherheit noch mindestens weitere 20 Jahre fortsetzen wird.
Ich bedanke mich demütig und respektvoll nicht nur bei Shidoshi Jordan, sondern auch bei all jenen, die mich auf diesem Weg begleitet haben und die, jeder auf seine Weise, zu meiner Ausbildung und Entwicklung in der Schule beitragen konnten.
«Folge nicht den Fußspuren der Vorfahren; suche das, wonach sie suchten.»
Matsuo Bashō (japanischer Dichter, 1644–1694)
By Dr. Neil Farber, Co-Founder of FIMA & GM Maurice Elmalem CEO/Director Budo Magazine
FITA 2026
FIMA INTERNATIONAL TRAINING & AWARDS
CONFERENCE
Die FITA 2026, die FIMA International Training and Awards Conference, fand vom 29. bis 31. Mai in Phoenix, Arizona, im Holiday Inn Phoenix Airport statt. Das Wochenende bot über 16 Stunden Training, eine einzigartige Zusammenkunft von Ikonen und Legenden der Selbstverteidigung, die Seminare in verschiedenen Disziplinen (Krav Maga, Brazilian Jiu-Jitsu, Mixed Martial Arts, Kickboxen) leiteten, sowie die Preisverleihungsgala der «Israeli Martial Arts Hall of Honors». Seit ihrer Gründung ist die FIMA eine internationale, unpolitische Dachorganisation, die sich der Förderung hochwertiger israelischer Kampfkünste verschrieben hat. Sie entstand aus der historischen Entwicklung von Krav Maga und Kapap und wurde gegründet, um als Dachverband und globale Netzwerkorganisation für Praktizierende und Akademien zu dienen, die diese aus dem Militär stammenden Selbstverteidigungssysteme unterrichten. Was ursprünglich Teil der obligatorischen militärischen Ausbildung war, wurde später zu einer Pflichtdisziplin für israelische Schüler ab der 8. Klasse, die sich über die gesamte Schulzeit bis hin zum Militärdienst erstreckt. Als System, das für seinen geradlinigen und praktischen Ansatz bekannt ist, legt Krav Maga den Schwerpunkt auf schnelle entschlossene Bewegungen, die darauf ausgelegt sind, Bedrohungen rasch zu neutralisieren. Die Techniken konzentrieren sich auf schnelle Schläge, Tritte und Stossbewegungen, um Abstand zu schaffen und längeren Nahkampf zu verhindern, was sie sowohl effizient als auch zuverlässig macht.

Da die Veranstaltung nun bereits in ihr zweites Jahr ging, konnte man deutlich die wunderbare Zusammenarbeit von Schülern, Grossmeistern und Ausbildern aus verschiedenen Ländern beobachten, die sich sowohl in praktischen Seminaren als auch in anderen Bereichen engagierten. Ilya Dunsky, ein erfahrener KravMaga-Experte mit 30 Jahren Erfahrung im Selbstverteidigungstraining und über 20 Jahren Lehrtätigkeit, eröffnete den Freitag mit den drei Prinzipien, die neunzig Prozent der Bedrohungen durch Pistolen entschärfen. Samuel Kwok, ein äusserst erfahrener Kampfsportler, der weltweit unterwegs ist und seine einzigartigen Techniken lehrt, stellte Wing Chun für den Strassenkampf vor. Eyal Yanilov führte ein vollbesetztes Publikum durch Selbstrettungsmassnahmen bei Raubüberfällen und Geiselnahmen gegen eine gezogene Pistole. Gavriel
Schneider, Träger des 9. Dan und hoch angesehener Vorreiter in den Bereichen Selbstverteidigung, Kampfsport und Ausbildung mit über 40 Jahren Erfahrung, analysierte die Anzeichen vor einem Konflikt, die einen von vornherein aus einem Kampf heraushalten. Carlos Machado, renommierter Experte für brasilianisches Jiu-Jitsu, bekannt für sein «Dominate fromthebottomcomprehensivebutterflyguardsystem», demonstrierte Griffe und Schlüsselpunkte der Selbstverteidigung. In seinem Vortrag gab Dan Severn, legendärer MMA-Kämpfer, UFC-Champion und Mitglied der Hall ofFame, aufschlussreiche Tipps aus seiner langjährigen Kampferfahrung, wie man auf einen Angreifer reagiert – sei es bei Griffen, Würgegriffen, Takedowns oder Schlägen. Don «The Dragon» Wilson trainierte die Grundlagen des Kickboxens, während Shonie Carter, ein UFC-Veteran,


praktisches Judo für die Strasse vorführte. Der sechsmalige ungeschlagene Kickbox-Weltmeister Benny «The Jet» Urquidez stellte sein «Jet Combatives» vor. Die Kampfsportlegende und der professionelle Kickboxer Bill «Superfoot» Wallace präsentierten «SuperfootCombatives» in bester Manier.
Jeff Speakman, zertifizierter Defensive Tactics Instructor (DTI) und «Ausbilder für scharfe Waffen», stellte uns «Kenpo 5.0» vor. Julius Melegrito, Ausbilder für Philippine Combatives und das SandataSelbstverteidigungssystem, hielt einen dynamischen Vortrag über den Stockkampf, bei dem zwei Stöcke zur Abwehr verschiedener Angriffe eingesetzt werden. Dana Abbott übertrug die Schwertkunst in die moderne Selbstverteidigung, und Chris Lane sowie Greg Schneider führten alle Teilnehmer durch ein taktisches Fitnesstraining. Zu den weiteren Mitwirkenden der Seminare gehörten Cynthia Rothrock, Silvio Simac, Olivier Gruner und viele mehr. Was auch immer man lernen wollte – ein Meister war nur wenige Schritte entfernt und bereit, es zu vermitteln.



Am Freitagabend, vor dem Abendessen, genossen alle eine beeindruckende OpenAir-Vorstellung vor dem Hotel mit Feuershows, Akrobatik und einer rasanten Messervorführung. Später wurden wir Zeugen von Dan Meyers erstaunlicher Schwertschluck-Darbietung – einer unglaublichen und gewagten Meisterleistung. Am Samstag, vor dem Abendessen, zeigte eine weitere Darbietung bemerkenswerte Balance- und Jonglierkünste. Das Herzstück des Wochenendes war jedoch die Hall ofFame. In diesem Jahr wurde der verstorbene Chuck Norris geehrt. Er war so viel mehr als nur ein Filmstar, er war ein wahrer Champion. Fünf seiner engsten Freunde kamen auf die Bühne, um die Ehrung in seinem Namen entgegenzunehmen: Bill

«Superfoot» Wallace, Carlos Machado, Benny «The Jet» Urquidez, Joe Corley und Jeff Smith. Als diese fünf Legenden gemeinsam für ihren Freund auf der Bühne standen, wurde es im Saal still, und dann erhob sich das Publikum von den Sitzen. Es gab niemanden im Saal, der keine Tränen in den Augen hatte. Es war ein Abschied, der diesem Mann würdig war. Zu denjenigen, die uns mit ihrer Anwesenheit beehrten, gehörten Chuck Zito, ein versierter Schauspieler und persönlicher Leibwächter (von Prominenten, Boxern und Politikern, darunter Donald Trump und seine Familie), sowie Dr. Robert Goldman, ein wahrer Renaissance-Mensch mit vielfältigen Talenten und Inhaber mehrerer Guinness-Weltrekorde.
2026 AUFGENOMMENE IN DIE HALL OF FAME
«Living Legend»-Auszeichnungen
Benny «The Jet» Urquidez (Kickboxen)
Bill «Superfoot»Wallace (Vollkontakt-Karate)
Ernie Reyes Sr. (amerikanische Kampfkünste)
Dan «The Beast» Severn (MMA)
Carlos Machado (BJJ)
Jeff Speakman (Kenpo)
Ran Steinberg (Dennis Survival Ju-Jitsu)
Moti Horenstein (Mixed Combat Sports)
Lebenswerk
Chuck Norris – Alles
Als dieses Kapitel der FITA-Veranstaltung 2026 zu Ende ging, wurden wir an einige zentrale Aspekte der Kampfkünste erinnert: Vermächtnis, Charakter und Gemeinschaft. Die Beherrschung der Kampfkünste ist kein Ziel, sondern ein lebenslanges Streben nach Demut, Respekt und Ausdauer.
Darren Levine – Krav Maga
«Als dieses Kapitel der FITA-Veranstaltung 2026 zu Ende ging, wurden wir an einige zentrale Aspekte der Kampfkünste erinnert: Vermächtnis, Charakter und Gemeinschaft. Die Beherrschung der Kampfkünste ist kein Ziel, sondern ein lebenslanges Streben nach Demut, Respekt und Ausdauer.»
«Als dieses Kapitel der FITA-Veranstaltung 2026 zu Ende ging, wurden wir an einige zentrale Aspekte der Kampfkünste erinnert: Vermächtnis, Charakter und Gemeinschaft. Die Beherrschung der Kampfkünste ist kein Ziel, sondern ein lebenslanges Streben nach Demut, Respekt und Ausdauer.»
Teil V: Der soziopathische Geist in der modernen Gesellschaft
Eine der grossen Verwirrungen unserer Zeit besteht darin, dass wir uns das Böse nur in dramatischen Begriffen vorstellen.
Wir suchen nach Extremen.
Nach Schlagzeilen.
Nach offensichtlichen Monstern.
Nach spektakulären Zusammenbrüchen.
Unterdessen werden alltäglichere Formen der Seelenverderbnis normalisiert, belohnt und sogar bewundert.
Deshalb gedeiht der soziopathische Geist in der modernen Kultur. Nicht nur bei pathologischen Individuen, sondern als Wertemuster. Er ist in Systeme, Anreize, Medien, Beziehungen, Politik, Sexualität und Wirtschaft eingewoben. Die Zeit selbst erzieht die Menschen oft weg von Ehrfurcht und hin zur Nützlichkeit.
Denken Sie an die Botschaften, die Menschen täglich erhalten:
Gestalte dich selbst.
Schaffe dir eine Marke.
Nutze dein Image.
Lass dich nicht aus der Ruhe bringen.
Lass niemals erkennen, dass du etwas brauchst.
Hol dir, was du kriegen kannst.
Nutze deinen Schmerz als Währung.
Nutze Schwäche aus, bevor Schwäche dich ausnutzt.
Behalte die Kontrolle über die Geschichte.
Gewinne die Aufmerksamkeit aller.
Schütze dich selbst zuerst.
Nimm Abstand.
Mache Aufmerksamkeit zu Geld.
Wirke mächtig. Wirke begehrenswert. Wirke überlegen.
Und vor allem: Beuge dich nicht.
Fotos: Claire Davey
Sag mir ehrlich – bereitet das nicht den Boden für Soziopathie?
Eine Kultur, die mehr Wert auf das Image als auf das Wesentliche legt, auf Ergebnisse statt auf Gewissen, auf Macht statt auf Ehrfurcht und auf Konsum statt auf Gemeinschaft, wird unweigerlich hohle Seelen hervorbringen. Die Menschen lernen, Fürsorge ohne Opfer zu zeigen, Intimität ohne Wahrheit nachzuahmen, von Moral zu sprechen, ohne Gehorsam zu üben, und die Sprache der Heilung zu verwenden, während sie Verantwortung vermeiden.
Die Moderne lehrt die Menschen oft, Manager der Wahrnehmung zu werden, statt Diener der Wahrheit.
Deshalb können viele soziopathische Züge «erfolgreich» wirken. Rücksichtslosigkeit wird als Ehrgeiz bezeichnet. Emotionale Kälte wird als Gelassenheit bezeichnet. Strategisches Lügen wird als Klugheit bezeichnet. Narzisstisches Image-Management wird als Selbstvertrauen bezeichnet. Raubtierhafte Verführung wird als Charisma bezeichnet. Unerbittliches Eigeninteresse wird als Stärke bezeichnet. Öffentliche Manipulation wird als Führungsstärke bezeichnet.
Kein Wunder, dass der Zeitgeist hungert.
Beim Ideal der Hwarang ging es nie nur um Kampfkunst. Es ging darum, einen Menschen zu formen, der fähig ist, Stärke im Dienste der moralischen Ordnung einzusetzen. Ein Krieger, der sich nicht verneigen kann, wird zur Gefahr für die Gemeinschaft. Ebenso wird eine Gesellschaft, die unnachgiebige Individuen belohnt, geistig instabil, ganz gleich, wie technologisch fortgeschritten, wohlhabend oder effizient sie auch sein mag.
Schaut euch um.
Wir leben in einem Zeitalter der Verbundenheit und der Entfremdung. Offenlegung und Leere.
Sichtbarkeit und innerer Armut. Lärm und Hohlheit.
Viele Menschen wissen heute besser, wie man Empathie signalisiert,
als wie man sie praktiziert. Sie beherrschen die Sprache der Authentizität, bleiben dabei aber tief in sich verschlossen. Sie wissen, wie man Leid schildert, aber nicht, wie man Reue dafür zeigt, es verursacht zu haben. Sie wissen, wie man tiefgründig wirkt, aber nicht, wie man vor der Wahrheit in die Knie geht. Deshalb ist Unterscheidungsvermögen notwendiger denn je. Der soziopathische Geist muss sich nicht mehr durch offensichtliche Grausamkeit zu erkennen geben. Er kann sich nun hinter Raffinesse verbergen. Psychologie. Aktivismus. Spiritualität. Professionalität. Romantik. Er kann sich in jedem Bereich verstecken, in dem menschliche Schwächen zum eigenen Vorteil ausgenutzt werden können.
Ein Mensch kann spirituelle Sprache verwenden, um Vertrauen zu gewinnen.
Psychologische Sprache, um sich der Verantwortung zu entziehen.
Moralische Sprache, um andere zu beschämen.
Opfer-Sprache, um Mitleid zu manipulieren.
Die Sprache der Liebe, um Zugang zu erlangen.
Erfolgssprache, um einzuschüchtern.
Das Vokabular ändert sich.
Der Thron bleibt derselbe.
Das Selbst im Mittelpunkt. Andere in der Umlaufbahn.
Gott wird ausgeschlossen oder instrumentalisiert.
Deshalb sind moderne Menschen in Beziehungen oft so verwirrt. Sie haben es nicht nur mit persönlicher Unreife zu tun, sondern mit einer ganzen Kultur, die den Menschen entheiligt hat. Sobald Menschen nicht mehr als Träger des göttlichen Ebenbilds betrachtet werden, werden sie schnell zu Funktionen: Körper, Statussymbole, Ressourcen, Publikum, emotionale Regulatoren, Trophäen, Sprungbretter.
Und sobald das geschieht, erscheint Ausbeutung nicht mehr schockierend. Sie erscheint normal.
Der Christ und der Krieger müssen dies gänzlich ablehnen.
Ein Mensch ist kein Gebrauchsgegenstand.
Kein Spiegel.
Keine Versorgungsquelle.
Kein Körper für Begierden.
Keine Plattform für dein Ego.
Kein Ziel für deinen Groll.
Kein Darsteller in deinem privaten Theater.
Jeder Mensch ist heilig.
Unvollkommen, ja. Gefallen, ja. Kompliziert, ja. Aber heilig.
Dies zu vergessen bedeutet, in Richtung Soziopathie abzudriften, sei es extrem oder subtil.
Deshalb bedeutet das Lob der Gesellschaft sehr wenig, wenn die Gesellschaft selbst in Unordnung ist. Man kann von seiner Zeit bewundert werden und dennoch verdorben sein. Man kann einflussreich und dennoch geistig bankrott sein. Man kann mächtig wirken und dennoch unfähig sein zu lieben. Man kann Anhänger befehligen und dennoch unfähig sein, sich um auch nur eine einzige Seele zu kümmern.
Messe Gesundheit nicht am Applaus.
Messen Sie sie an den Früchten.
An der Wahrheit.
An der Fähigkeit zur Reue.
An der Fähigkeit, zu lieben, ohne zu verzehren.
An der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
An der Demut vor Gott.
Und wenn wir diese Maßstäbe nicht wiedergewinnen, werden wir weiterhin polierte Leere mit Größe verwechseln.
Teil VI: Kann eine soziopathische Seele erlöst werden?
Das ist die Frage, die viele nicht zu stellen wagen. Nicht, weil sie abstrakt ist, sondern weil sie persönlich ist. Manche stellen sie, weil sie von einem solchen Menschen verletzt wurden und Gerechtigkeit wollen. Andere stellen sie, weil sie beängstigende Tendenzen in sich selbst erahnen und Hoffnung suchen. Wieder andere stellen sie, weil sie jemanden lieben, dessen Herz unerreichbar tief vergraben zu sein scheint.
Fragen wir also ganz offen:
Kann eine soziopathische Seele erlöst werden?
Meine Antwort lautet:
Durch den Menschen vielleicht nur sehr wenig.
Bei Gott ist keine Seele außerhalb seiner Reichweite.
Aber nicht jede Seele wird sich dafür entscheiden, erreicht zu werden.
Dieser Unterschied ist entscheidend.
Erlösung ist keine Zauberei.
Sie ist kein Umgehen der Wahrheit.
Sie ist kein sentimentaler Optimismus.
Sie ist nicht die Leugnung des angerichteten Schadens.
Erlösung erfordert eine Konfrontation mit der Realität, die so hart ist, dass das falsche Selbst nicht länger aufrechterhalten werden kann.
Für die soziopathische Seele ist dies besonders schwierig, denn das falsche Selbst ist nicht bloss ein Kostüm – es ist Festung, Überlebensstruktur, Thron, Religion und Identität zugleich. Es aufzugeben, fühlt sich wie Vernichtung an. Um Busse zu tun, müsste der Betroffene genau jene Schuld, Trauer, Scham, Not und Abhängigkeit spüren, die er sein ganzes Leben lang zu vermeiden versucht hat.
Deshalb bereuen viele nicht.
Nicht, weil Gnade nicht verfügbar wäre.
Sondern weil die Hingabe unerträglich ist.
Doch unerträglich heißt nicht unmöglich.
Es gibt Momente im Leben, in denen die Festung Risse bekommt. Die Folgen verschärfen sich. Beziehungen brechen zusammen. Die Entlarvung entzieht der Illusion ihren Glanz. Das bewunderte Bild versagt. Der Körper altert. Die Kontrolle entgleitet einem. Der Mensch begegnet einem Leiden, das er nicht beherrschen, verführen, manipulieren oder dem er nicht entfliehen kann. Manchmal dann, zum ersten Mal, zittert das hohle Selbst.
Das ist Barmherzigkeit, auch wenn es sich nicht wie Barmherzigkeit anfühlt.
Der Tiefpunkt ist oft Gnade in brutaler Verkleidung.
Die Frage ist dann, ob sich der Mensch weiter verhärtet oder sich endlich beugt.
Wenn er sich beugt – sich wirklich beugt –, ist Erlösung möglich. Aber man muss verstehen, was das bedeutet.
Es bedeutet:
Keine Ausreden mehr.
Keine Manipulation der Erzählung mehr.
Keine Teilgeständnisse mehr.
Keine Nutzung der Reue mehr als Taktik.
Kein Vorrang des Images vor der Wahrheit mehr.
Das bedeutet, die Konsequenzen zu akzeptieren.
Die Wahrheit zu sagen, ohne sich selbst zu schützen.
Wo möglich, Wiedergutmachung leisten.
Sich Grenzen unterwerfen.
Sich der Bloßstellung stellen.
Empathie nicht als Schauspiel, sondern als Teilhabe am Schmerz eines anderen zu lernen.
Zulassen, dass das Herz gebrochen wird, wo es zuvor gepanzert war.
Gott herrschen lassen, wo einst das eigene Ich regierte.
Das ist der Tod des falschen Selbst.
Und erst dann kann die Auferstehung beginnen.
Zachäus ist ein wunderschönes biblisches Beispiel. Ein Mann, dessen Leben auf Ausbeutung ausgerichtet war. Er nahm anderen etwas weg. Profitierte von Korruption. Nutze Macht egoistisch aus. Dann begegnete ihm Christus – und die Umkehr zeigte sich nicht nur in Emotionen, sondern in Früchten: Wiedergutmachung, Demut, Kehrtwende.
Das ist das Vorbild.
Nicht nur Worte. Früchte.
Könnte sogar eine zutiefst soziopathische Seele durch Christus verwandelt werden? Ja. Denn Christus kann das erreichen, was die Psychologie nicht vermag. Er kann das wiederbeleben, was das Gewissen fast verloren hat. Er kann Stein zerbrechen und wieder Fleisch machen.
Gott sagt in Hesekiel:
«Ich werde das Herz aus Stein aus eurem Leib nehmen und euch ein Herz aus Fleisch geben.»
Hesekiel 36,26
Da ist es. Das ist der ganze Kern der Sache.
Ein Herz aus Stein.
Ein Herz aus Fleisch.
Die soziopathische Seele ist wie Stein – hart, abgeschottet, ungerührt von dem, was sie eigentlich bewegen sollte. Erlösung ist keine Zierde. Sie betrifft das Herz. Gott muss das ersetzen, was das Ich verhärtet hat.
Aber seien wir auch ehrlich.
Manche wollen kein Fleisch.
Stein fühlt sich sicherer an.
Stein blutet nicht.
Stein zittert nicht.
Stein braucht nichts.
Stein lässt sich nicht so leicht in die Knie zwingen.
Auch wenn Erlösung, im Prinzip, möglich ist, kommt sie in der Praxis nur selten vor, es sei denn, Leiden, Gnade, Wahrheit und Hingabe kommen auf aussergewöhnliche Weise zusammen.
Deshalb bleiben Unterscheidungsvermögen und Grenzen unerlässlich. Die Hoffnung auf Gott erfordert keine törichte Aussetzung gegenüber wiederholtem Leid. Man kann für die Erlösung eines Menschen beten und dennoch Abstand wahren. Man kann an Gnade glauben und dennoch den Zugang verweigern. Man kann sich nach Veränderung sehnen und dennoch die Gefahr klar benennen.
Vergebung hebt Weisheit nicht auf.
Mitgefühl hebt keine Grenzen auf.
Gnade bedeutet nicht Naivität.
Christus sagte seinen Nachfolgern, sie sollten «klug wie die Schlangen und unschuldig wie die Tauben» sein (Matthäus 10,16). Das ist Weisheit. Unschuld ohne Unterscheidungsvermögen wird zur Beute. Unterscheidungsvermögen ohne Unschuld wird zum Zynismus. Beides ist notwendig.
Also ja, Erlösung ist möglich.
Aber sie ist niemals billig.
Niemals oberflächlich.
Niemals bloss verbal.
Eine erlöste soziopathische Seele würde völlig anders aussehen: wahrhaftig, demütig, verantwortungsbewusst, von dem verursachten Leid betrübt, bereit, sich unterzuordnen, bereit, an Status einzubüssen, bereit, Wiedergutmachung zu leisten, bereit, gewöhnlich zu sein, bereit, bedingungslos zu lieben.
Alles andere mag zwar eine Verbesserung der Form sein, aber keine vollständige Verwandlung im Geist.
Dennoch überlassen wir das endgültige Urteil Gott. Er sieht, was wir nicht sehen können. Er weiss, ob die Verbeugung aufrichtig ist. Er weiss, ob Tränen Strategie oder Reue sind. Er weiss, ob das Herz aus Stein bricht oder sich nur anpasst.
Unsere Pflicht ist es nicht, Gott zu spielen.
Unsere Pflicht ist es, zu unterscheiden, die Wahrheit zu sagen, das Heilige zu bewahren und uns vor dem einen zu verneigen, der allein gerecht richten und wiederherstellen kann.
UNKONVENTIONELLE ALTERNATIVEN (UCA)
FRANCO VACIRCA – EIN EINZIGARTIGER ANSATZ FÜR BRAZILIAN JIU-JITSU
BUDO: Professor Franco, Sie waren der Erste, der das brasilianische Jiu-Jitsu nach Europa brachte, wofür Sie von Kalifornien nach Zürich reisten. Viele der frühen BJJSchüler Ihrer Akademie sind mittlerweile selbst Lehrer geworden. Allerdings vertreten nicht alle von ihnen Ihre Linie. Woran liegt das?
VACIRCA: Zunächst möchte ich Ihnen sagen, dass wir Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre etwa zur gleichen Zeit mit der Gracie-Familie und unserem Lehrer in Kontakt kamen. Mit «wir» meine ich meinen Bruder Demetrio, meine Schwester Maria Carmen und mich. Kampfsport war schon immer etwas, das wir drei in der Familie Vacirca gemeinsam hatten, auch wenn ich immer derjenige war, der meinen Bruder und meine Schwester positiv ermutigt hat. Es war mir immer wichtig, sie an meiner Seite zu haben, und wir haben uns immer gegenseitig unterstützt, auch wenn wir unterschiedliche Meinungen hatten. Zum Beispiel brachte mein Bruder Demetrio Anfang der 90er Jahre «Natural Movements» und Yoga ins BJJ ein.
Ich kann keinen bestimmten Grund nennen, warum einige unserer Schüler gegangen sind und ihren eigenen Weg eingeschlagen haben, aber ehrlich gesagt ist das für uns völlig in Ordnung. Diejenigen, die bei uns geblieben sind, sind seit über 37 Jahren unsere Freunde und Kollegen. Menschen kommen und gehen. Man könnte wohl sagen, dass ich mein Bestes tue, um die «Gracie-Tradition» so aufrechtzuerhalten, wie sie mir vermittelt wurde, aber vielleicht entspricht das nicht jedermanns Philosophie.
Ich unterrichte in meinem Dojo nicht nur Gracie Jiu-Jitsu –ich bevorzuge heutzutage den Begriff «Dojo» gegenüber «Academy», auch wenn ich den Begriff «Academy» früher selbst verwendet habe. Ich habe die grosse Ehre, seit 1989 meinen Muay-Thai-Lehrer Ajarn Chai Sirisute zu vertreten, und ich habe schon immer verschiedene philippinische Kampfkünste (FMA) wie Kali und Eskrima in meinen Unterricht
integriert, insbesondere was den Umgang mit Waffen und den Messerkampf betrifft.
Ich trainiere die Leute so realistisch wie möglich. Der sportliche Aspekt des BJJ ist für mich zweitrangig. Ich möchte, dass meine Schüler sich bei Bedarf verteidigen können. Wenn ich mir das BJJ anschaue, ist es heutzutage sehr leicht, sich vom «Kampfkunst-Traum» mitreissen zu lassen. In unserem Gracie Concepts®-Netzwerk haben wir Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Zielen. Das hat jedoch keinen Einfluss darauf, wie ich mein Programm unterrichte. Mal ehrlich: Wie viele Kampfsportlehrer und -experten waren jemals in einer echten Strassenkonfrontation? Sehr wenige! Die meisten Kampfsportlehrer sind noch nie geschlagen worden. Das Ergebnis ist, dass diese Experten eine Art Kampfsport«Tanz» lehren, der die Aufmerksamkeit Neugieriger auf sich zieht, und manche Menschen lassen sich davon täuschen. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit als Kampfsportlehrer. Ich habe keine Zeit für Politik. Die Grundregeln, die ich für das Gracie Concepts®-Netzwerk aufgestellt habe, sind sehr einfach und bieten dir die einzigartige Gelegenheit, Gracie Jiu-Jitsu zu lernen und du selbst zu sein. Ich bitte Sie, unser 54-Lektionen-Programm zu befolgen; wie könnte ich sonst das Niveau Ihrer Schüler einschätzen? Ab einem bestimmten Niveau biete ich auch «Alternativen» und «Unkonventionelle Alternativen» (UCA) an, um ihnen zu helfen, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie sie diese in ihrem Jiu-Jitsu-«Spiel» anwenden können.
Unsere Arbeit bei Gracie Concepts® begann 1996 mit der Gründung der ersten angeschlossenen BJJ-Gruppen in Ländern wie Griechenland mit Dimitrios Gletzakos, Italien mit Fabrizio Manzo, Deutschland mit Peter Angerer, Mario Stapel und André Stock und vielen anderen. Sie waren auch die ersten Schwarzgurte, und wir haben einige grossartige Zeiten und Geschichten miteinander geteilt.
Heute können wir im Gracie Concepts®-Netzwerk sehr stolz auf die Arbeit sein, die wir bisher geleistet haben, und wir müssen weitermachen und dürfen niemals aufgeben.
BUDO: Im Vergleich zu deinen Partnerschulen und Dojos hast du wahrscheinlich den kleinsten Standort ohne Logo oder andere Schilder, keine Bilder oder
Zertifikate an der Wand, keine Medaillen, Trophäen oder Gürtel und eine Tatame-Fläche von vielleicht 70 m²! Warum ist das so?
VACIRCA: Tatsächlich gehört mir das Dojo in Zürich (Schweiz) nicht einmal. Dennoch unterrichte ich hier jeden Tag Gracie JiuJitsu, Muay Thai und FMA/Kali. Früher hatte ich Zeit, ein grösseres Dojo zu besitzen, aber aufgrund von Zeitmangel und der Notwendigkeit, für verschiedene Projekte flexibel zu bleiben, ist dies der perfekte Standort – zumindest vorerst, seit dem Ende der durch die Coronavirus-Pandemie auferlegten Einschränkungen.
Die Leute, die bei mir trainieren, sollten sich nicht von etwas anziehen lassen, das nicht echt ist. Wir sind seit dem 16. Juli 1995, als die Vacirca Academy of Martial Arts (VAMA) gegründet wurde, authentisch geblieben. Von 1989 bis 1991 waren wir nur eine Lerngruppe; sie hiess «The Basement», wie die Schule von Nino Bernardo (Wong Shun Leung Wing Chun) in London, Grossbritannien. Von 1991 bis zur Eröffnung der VAMA im Jahr 1995 experimentierten wir mit verschiedenen Trainings- und Lehrmethoden.
Zwischen 1991 und 1995 änderten wir den Namen unserer Trainingsgruppe auch mehrmals, was auf den Einfluss meiner damaligen Lehrer in Kalifornien zurückzuführen war. Ich führte das
Progressive Fighting System (PFS) ein, indem ich ein Seminar mit Paul Vunak in der Schweiz veranstaltete. Dank dieses Seminars half er mir dabei, die ersten Gracie-Brazilian-Jiu-Jitsu-Techniken am Boden in meine PFS/Kali/Muay-Thai-Gruppe einzuführen. Während ich buchstäblich in Hermosa Beach lebte und mich auf Kampfkünste und Arbeit konzentrierte, unterrichtete ich meine eigenen Schüler in Zürich. Sie wurden so gut, dass ich härter trainieren musste, um ihnen vorauszubleiben, was nicht immer einfach war, da unsere Schüler so engagiert waren.
Es kamen auch Leute aus verschiedenen Ländern zu mir nach Hause. Während dieser Zeit konzentrierten wir uns mehr auf JeetKune-Do-Konzepte (PFS/Kali) und später auf BJJ. Die Nachfrage nach VAMA-Seminaren und Privatstunden stieg rapide an. Einige unserer Schüler glaubten, sie würden denselben oder sogar noch grösseren Erfolg haben, wenn sie sich von uns trennten, aber das war für sie nicht die Realität. Innerhalb weniger Jahre eröffneten viele JKD-Schulen, und ebenso viele mussten wieder schliessen. Man konnte nicht einfach durch das Lesen des «Tao of JKD» unterrichten, und nur sehr wenige verfügten über die persönlichen Qualitäten und finanziellen Mittel, um zu reisen und direkt an der Quelle zu lernen. Einige von ihnen fanden einen Weg, als selbsternannte JKD-Experten Geld zu verdienen, indem sie andere trai-

nierten, um sich Reisen leisten oder Trainer aus Kalifornien einladen zu können. Aber seien wir ehrlich: Das ist keine langfristige Lösung. Kampfsport ist vielleicht nicht jedermanns Sache, und wer es nicht ernst meint, kommt nie sehr weit.
BUDO: Was hältst du davon, wie sich BJJ in Europa durchgesetzt hat?
VACIRCA: OK, aber was meinst du mit BJJ? In den frühen 90er Jahren begannen Lehrer in den USA, den Begriff «Brazilian JiuJitsu» (BJJ) zu verwenden, weil Grossmeister Rorion Gracie, einer der ältesten Söhne von Grossmeister Hélio Gracie und Mitbegründer der UFC, gegen Mitglieder seiner eigenen Familie um die Registrierung von «Gracie Jiu-Jitsu» kämpfte. In Europa hat Brazilian Jiu-Jitsu zwei Bedeutungen: Man verwendet den Begriff BJJ, wenn man in einer Schule trainiert, die Brazilian Jiu-Jitsu unterrichtet, egal ob Gracie oder nicht, und wenn man in Wrestling, Judo, Jiu-Jitsu, Luta-Livre usw. trainiert und an BJJ-Turnieren teilnimmt. Hier in Europa ist BJJ ein Oberbegriff, der bedeutet, dass man auch «Bodenkampf» trainiert, aber man könnte auch Krav Maga, Judo oder Ringen unterrichten und trotzdem an BJJ-Turnieren teilnehmen und sich als BJJ-Praktizierender bezeichnen! Vor einem Jahr besuchte ich mit Meister Royce Gracie das UFC Gym in Berlin, da ich ein Seminar für ihn moderierte. Als wir an der Rezeption des Fitnessstudios ankamen, fragte der Geschäftsführer, ob er uns helfen könne und ob wir das Studio sehen wollten. Ich sagte ja, aber der Manager erkannte Master Royce nicht, also fragte ich ihn: «Kennen Sie diesen Herrn?» Er antwortete: «Nein!» Ich entgegnete sofort: «Nun, das ist der UFC-Champion Royce Gracie!» Während wir durch das Studio gingen, versuchte der Manager mit seinem Handy, Royce Gracie bei Google zu finden!

MMA hat nicht die Ergebnisse gebracht, die BJJ hätte erzielen sollen. BJJ hat MMA geholfen, aber nicht umgekehrt. Wenn du BJJ trainieren möchtest, suche dir bitte eine richtige BJJ-Schule. Als ich als Nicht-Brasilianer anfing, Gracie Jiu-Jitsu zu unterrichten, glaubten mir die meisten Leute nicht, dass ich ein anerkannter Schwarzgurt war. Selbst heute glauben die meisten Brasilianer, dass man Brasilianer sein muss, um Jiu-Jitsu zu unterrichten. Das Gleiche galt in den 1970er Jahren für Kung Fu: Mein Lehrer musste mit viel Skepsis fertig werden, weil er Spanier war und in der Schweiz lebte, aber dennoch chinesische Kampfkünste unterrichten konnte. Glücklicherweise ändern sich die Dinge mit der Zeit. Leider glauben jedoch zu viele Brasilianer, sie seien gute Lehrer, nur weil sie einige BJJ-Turniere gewonnen haben. Wie mein GJJ-Lehrer Pedro Hemetério mich immer wieder erinnert: «Ein guter Kämpfer ist nicht unbedingt ein guter Lehrer.» Der Verkauf von Gürteln und Diplomen in Europa durch brasilianische Organisationen und Lehrer ist nichts Neues und wird immer häufiger.
Ich bin ein Europäer, der eine brasilianische Kampfkunst mit tiefen Wurzeln im japanischen Jiu-Jitsu erlernt hat. Ich habe sie nach Europa gebracht, und dies ist meine persönliche Interpretation dessen, was ich von meinen Lehrern gelernt habe. Mein Wissen und meine Fähigkeiten haben sich mit der Erfahrung und der Zeit verbessert. Mit der Hilfe meiner Lehrer habe ich das traditionelle Lehrprogramm angepasst und moderne Technologien und Lehrmittel eingesetzt, um es zu verbessern. Die Standards sind gestiegen. Es ist dasselbe wie in jeder anderen Sportart.
Man bezeichnet Jiu-Jitsu gerne als die Kunst der Samurai, was jedoch falsch ist. Stellen Sie sich einen Samurai in seiner gesamten Schutzausrüstung vor, der am Boden kämpft, wie es heute im BJJ
üblich ist. Die Samurai waren zu ihrer Zeit grossartig, aber heute verfügen wir über weitaus fortgeschrittenere Fähigkeiten, Kenntnisse und Technologien.
BUDO: Ihr Unterrichtsstil ist weder explosiv noch langsam. Ist Ihr Ansatz eher «traditionell» oder «modern»?
VACIRCA: Manche Leute fragen mich, ob ich «Old School» oder «New School» unterrichte, und ich antworte immer: «Truth School»! Natürlich ist es MEINE Wahrheit! Es ist nicht die Wahrheit eines meiner Lehrer. Ich kann nur interpretieren, was meine Lehrer mir meiner Meinung nach vermittelt haben, aber letztendlich stehe ich hier vor euch. Ich glaube, dass mein «Bewegungsstil» eine Weiterentwicklung des traditionellen Jiu-Jitsu ist. Ich war der erste Schwarzgurt im brasilianischen Jiu-Jitsu und wurde von der ersten und zweiten Generation der Gracie-Familie ausgebildet. Ich könnte mich dafür entscheiden, brasilianisches JiuJitsu so zu unterrichten, wie es mir beigebracht wurde, und dabei dieselben Techniken anwenden, die ich heute benutze. Es ist die Erfahrung aus über 35 Jahren Training, die den Unterschied ausmacht. Für mich ist Jiu-Jitsu Überleben. Ja, es macht Spass, meinen Trainingspartner, der mich anlächelt, sanft zu besiegen, aber es ist eine ernste Angelegenheit, wenn wir zur Selbstverteidigung trainieren. Ich glaube, das ist der Grund, warum sich heute so viele Menschen dem Gracie Jiu-Jitsu verschrieben haben.
BUDO: Unterrichten alle Ihre Schüler der ersten Generation noch mit Ihnen?
VACIRCA: Nein, natürlich nicht! Wie ich bereits erwähnt habe, fühle ich mich geehrt, dass wir eine Zeit lang denselben Weg gegangen sind, aber ich freue mich auch, dass sie ihren eigenen Weg im Brazilian Jiu-Jitsu eingeschlagen haben. Peter Angerer zum Beispiel wurde Gründer und Leiter des berühmten German Top Teams. Ich besuche immer noch sein Hauptquartier in Reutlingen für Seminare und Gürtelprüfungen. Das Gleiche gilt für André Stock in Magdeburg – ich sehe seine Schüler mindestens einmal im Jahr. Mittlerweile habe ich etwa fünfzehn Schulen in Europa mit rund zweitausend Schülern, und wir haben weitere fünfzehn kleinere Teams in verschiedenen Regionen. Ich habe kein Interesse am US-Markt, auch wenn wir in der Vergangenheit Anfragen erhalten haben. Auch der asiatische Markt interessiert mich nicht, obwohl wir seit vielen Jahren mit japanischen BJJ-Gruppen in Kontakt stehen. Nur die Zeit wird zeigen, was die Zukunft für uns bereithält.
Ich habe viele Schüler, wie zum Beispiel Thomas Mehnert, der Trainer an der Polizeiakademie ist und seit über zwanzig Jahren bei mir ist. Im Jahr 2006 gründeten er und ich das Gracie Jiu-Jitsu Team Berlin. Ein weiterer hervorragender GJJ-Lehrer ist Maurice (Mo) Wollny, Inhaber des Panda Gym Berlin. Ja, mein Hauptmarkt ist Deutschland und die Schweiz, und es ist nicht einfach, zu expandieren, wenn man gleichzeitig sein eigenes Dojo behalten will.
BUDO: Was können wir von Ihrer neuen DVD «Unconventional Alternatives» erwarten? Für welche Gürtelfarbe sind diese Techniken geeignet?
VACIRCA: Zu Beginn nutzen wir ein strukturiertes
Unterrichtsprogramm. Wenn man jedoch täglich unterrichtet, gewinnt man mehr Einblick in alle möglichen Situationen. Wir haben sehr engagierte Schüler in unseren Gruppen, die sehr motiviert und interessiert sind. Beim Unterrichten von Seminaren und Kursen kann es vorkommen, dass man dieselben Prinzipien und Techniken wiederholt, sie jedoch auf unterschiedliche Situationen anwendet. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Schüler auf natürliche Weise lernen müssen. Jeder Schüler wird sich das merken, was für seinen Körper gut funktioniert. Im BJJ-Sport stehen athletische Eigenschaften im Vordergrund, bei unseren Techniken jedoch nicht. Das bedeutet, dass du Gracie Jiu-Jitsu aus einer sehr persönlichen Perspektive angehen wirst. Du nutzt das System, nicht das System dich. Randori (japanisch für «Freestyle-Jiu-Jitsu») ist einer der Schlüssel zum Erfolg im brasilianischen Jiu-Jitsu. Randori ist kein Sparring. Wenn ich mir Sparring im Boxen anschaue, sieht es manchmal einem echten Kampf sehr ähnlich. So möchte ich nicht, dass meine Schüler trainieren. Bei Randori ist es das Ziel, Dinge in einer sicheren, schrittweisen und unterstützenden Umgebung auszuprobieren. Es ist nicht ungewöhnlich, in einer Randori-Einheit Hunderte verschiedener Techniken zu sehen.
BUDO: Wie wichtig ist die Verteidigung gegen bewaffnete Angreifer? Unterrichten Sie die Verteidigung gegen Messerangriffe?
VACIRCA: Ja, das tue ich, aber erst, wenn die Schüler mit dem Werkzeug vertraut sind und verstehen, dass sie ihre Techniken sehr ernsthaft trainieren müssen. Wir hatten in unserem Dojo auch immer «Waffentraining». Meiner Meinung nach muss man, wenn man sich gegen eine Waffe verteidigen will, auch wissen, was sie anrichten kann. Die Verteidigung gegen Messer, Stöcke und Schusswaffen ist für den heutigen Jiu-Jitsu-Praktizierenden unverzichtbar. Die meisten Lehrer vermeiden dieses Thema jedoch lieber und konzentrieren sich stattdessen auf Medaillen und Gürtel. So ist es viel einfacher, was auch der Grund dafür ist, dass es nicht viele gute, vielseitige BJJ-Trainer gibt.
Wir treten, schlagen, ringen und kämpfen am Boden. Wir betrachten Gracie Jiu-Jitsu als 360-GradSelbstverteidigung. In einem Strassenkampf gibt es keine Regeln. Wenn man einen Angriff überleben will, muss man gewinnen. Der Überlebende ist derjenige, der den Kampf gewinnt. Wir haben keine Regeln. Während des Trainings achten wir jedoch darauf, uns nicht gegenseitig zu verletzen. Im Jiu-Jitsu gibt es immer Körperkontakt. Es ist leicht, seinen Trainingspartner zu verletzen. Randori ist kein Ersatz für einen echten Strassenkampf.
Wir nutzen Randori auch, um uns gegen Schläge und Waffen zu trainieren. Dein Körper wird sehr natürlich reagieren und nicht wie bei einem Tanz. Im BJJ lernst du vielleicht eine Technik, die zehn oder mehr Schritte erfordert, bevor sie zu einer Submission führt. Das ist nicht realistisch.
Um deinem Gegner immer einen Schritt voraus zu sein, musst du über den Tellerrand hinausschauen und unkonventionelle Strategien und Techniken ausprobieren. Wenn du einzigartige und innovative Ansätze in
dein Jiu-Jitsu einbaust, kannst du dich von anderen abheben und auf eine Weise erfolgreich sein, die du nie für möglich gehalten hättest.
Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, besteht darin, Misserfolge als Lernchance zu begreifen. Betrachte Rückschläge nicht als Hindernisse, sondern als Sprungbrett für Wachstum und Verbesserung. Risiken einzugehen und aus Fehlern zu lernen, kann dir helfen, eine widerstandsfähige Mentalität zu entwickeln, die dich vorantreibt.
Eine weitere Strategie besteht darin, deine einzigartigen Stärken und Talente zu nutzen; finde heraus, was dich von anderen unterscheidet, und setze diese Eigenschaften zu deinem Vorteil ein. Ob es sich um eine bestimmte Fähigkeit, eine einzigartige Perspektive oder einen kreativen Ansatz handelt – wenn du deine individuellen Stärken ausspielst, kannst du dich von anderen abheben.
BUDO: Wir wissen, dass Sie verschiedene Reisen auch in Japan gemacht haben. Können Sie uns ein bisschen davon erzählen?
VACIRCA: Für viele, die Jiu-Jitsu (in der neuen japanischen Schriftweise «Ju-Jutsu») trainieren, ist das Thema «japanische Wurzeln» quasi eine «Reise zur eigenen Identität». Ob man in Japan aufgewachsen ist oder nicht, die Verbindung zu dem «Land der aufgehenden Sonne» prägt das Selbstverständnis tiefgreifend. Die Suche nach den «eigenen Wurzeln» in Japan kann verschiedene Formen annehmen. Die einen lassen sich von Musashi Miyamoto, dem berühmtesten Schwertkämpfer, inspirieren, andere hingegen suchen nach Mitsuyo Maeda, dem Jiu-Jitsu-Meister, bevor er sich auf den Weg nach Brasilien machte.
Sicherlich gibt es auch einige, die von einer «Mischung aus Traditionen» wie dem Buddhismus und Schintoismus, der Sprache, Ritualen wie der Teezeremonie und vielem anderen fasziniert sind und die ihr Leben und ihre Werte prägen.
Als «Gaijin» (Aussenseiter) sieht man nicht immer alles auf den ersten Blick; vieles, das anfangs ganz klar erscheint, erweist sich als weniger eindeutig, insbesondere, wenn der/die Freund/in (und später sogar Ehefrau bzw. Ehemann) ist. Hierzu könnte ich einige kleine Geschichten erzählen, die meine verschiedenen Reisen in Japan geprägt haben.
Meine «Reise» entstand durch verschiedene «zufällige» oder eben nicht zufällige Ereignisse. Aus «Angst bzw. Respekt», die Menschen, die ich auf meiner Reise getroffen hatte, ungewollt zu schädigen oder das mir gegebene Vertrauen nicht gut genug zu schützen, entschloss ich mich, viele Jahre mit dieser «wohltuenden Last» zu leben und es kaum mit jemand zu teilen. Erst in den letzten zwei, drei Jahren, nachdem die Person, die mich zum ersten Mal nach Japan brachte, mir eindeutig das Erlaubnis gab, darüber offen zu sprechen, begann ich darüber zu berichten.
Die mir bekannten und wahren Meister in Japan sprechen niemals von JJ-Künsten, so wie wir es heute in Europa, den USA oder Brasilien tun. Ich bin überzogen, dass sie es niemals, selbst als Meister wie Maeda nach Europa ging, war das JJ niemals
das, was wir uns heute vorstellen. Für sie ist das JJ «Nihon» (日 本) oder «Nippon» (にっぽん) und deshalb auch als «TaiJutsu/Tai-Jitsu» zu verstehen. Beide Begriffe (Nihon und Nippon) bedeuten wörtlich «Ursprung der Sonne». Mit «Tai» bezieht man sich auf die «körperlichen» Kampftechniken bzw. «Fähigkeiten», denn Jiu-Jitsu war immer mit Waffen verbunden, sei es ein Seil, ein Messer, ein Schwert oder ein Stock.
Auf meinen Reisen habe ich vermutlich tatsächlich meine «japanischen Wurzeln» (Nikkeijin) gefunden, indem ich oft einfach den Weg mit jemandem geteilt habe, den ich liebte oder gut mochte. Im Berufsleben kam ich unter anderem mit «Kaizen» in Berührung und lernte, in kleinen Schritten zu lernen, zu optimieren und zu wachsen. Dadurch glaube ich auch, eine tiefe Verbindung zur japanischen Ästhetik und Mentalität erlebt zu haben, obwohl ich nur Gast war. Das Konzept des «Ikigai» (der Sinn des Lebens) oder die Wertschätzung von Perfektion und Höflichkeit sind Teil des kulturellen Erbes der Japaner – all das nahm ich in meinem eigenen Rucksack mit nach Hause.
BUDO: Zwei Seminare in einem Monat – und das mit zwei absoluten BJJ-Legenden! Wie ist es dazu gekommen?
VACIRCA: Wie? (lächelnd) Ganz einfach: durch jahrelanges Kennenlernen und wahre Zusammenarbeit. Meister Royce Gracie hat mir und meinem Freund und Dojo-Partner Thomas Mehnert während des SOHA-Camps in Zypern die Möglichkeit gegeben, ihn kurzfristig zu buchen. Diese Chance liessen wir uns nicht entgehen. Meister Royce ist einmal im Jahr bei uns und das wollen wir, auch dank der Unterstützung unserer Mitglieder, weiterhin so beibehalten. Er ist für uns nicht nur die UFC-Legende. Wir alle profitieren sehr von seinem Wissen und als Mensch will man ihn unbedingt kennengelernt haben. Er ist für alle zugänglich, und man spürt, dass er das Gracie Jiu-Jitsu mit grosser Leidenschaft und Professionalität vermittelt. Es ist fast 35 Jahre her, dass ich mit ihm und seinem älteren Bruder Rorion Gracie in Kalifornien angefangen habe.
Meister Sergio «Malibu» Jardim kenne ich fast genauso lange. Ich lernte ihn kennen, als wir zur ersten BJJ-Weltmeisterschaft in Rio de Janeiro waren. Er führte zusammen mit einem meiner Lehrer in Rio de Janeiro, Mauricio Pereira (Behring), das Bekleidungsunternehmen HUNTER, und so lernten wir uns kennen. Professor Mauricão (RIP) verstarb leider sehr jung, doch der Kontakt zu Meister Malibu blieb bestehen. Er ist ein Schüler der ersten Gracie-Tradition, lernte unter anderem bei der Legende Rolls Gracie und ist heute Träger des Coral Belt 8. Grades. Bei seiner Graduierung waren hochgraduierte Hélio Gracie-Schüler wie Francisco Mansur (Rotgurt), Rorion Gracie (Rotgurt), Reyson Gracie (Rotgurt) und unser gemeinsamer Freund Joe Moreira (Rotgurt) anwesend. Meister Malibu hat sich viel vorgenommen, worüber ich auch schon bald hier berichten möchte.
BUDO: Vielen Dank Mestre, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.
VACIRCA: Danke euch allen.
Keep it real!