



“Gibt es einen Unterschied zwischen Glück und innerem Frieden? Ja. Glück hängt davon ab, dass Umstände als positiv wahrgenommen werden; innerer Frieden nicht.”

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“Gibt es einen Unterschied zwischen Glück und innerem Frieden? Ja. Glück hängt davon ab, dass Umstände als positiv wahrgenommen werden; innerer Frieden nicht.”


Der Verstand und der Geist, ihre Kraft und ihre Wirkungsbereiche.
Der Verstand und der Geist, ihre Kraft und ihre Wirkungsbereiche.
Viele Schüler fragen mich nach der Bedeutung des Verstandes und nach seiner tatsächlichen Kraft auf einem persönlichen und spirituellen Weg. Alles oder nichts! Diese grossen Fragen haben keine einfachen Antworten und müssen, bevor sie beantwortet werden, in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden.
Der Verstand ist eine Entdeckung des Bewusstseins des Seins und ein Werkzeug mit biologischer Grundlage und Stütze (und nicht nur das Gehirn!). Wenn wir den Evolutionsprozess betrachten, werden wir den Sinn seines Entstehens und die Phasen der Polarisierung verstehen. Die Erde, Mutter von allem, was auf ihr ist, gemeinsam mit dem Himmel Mitschöpferin aller Dinge, hat drei grosse Evolutionsphasen durchlaufen.
Nämlich: Lithogenese (Entstehung der festen Struktur und der tragenden Basis), Biogenese (Entstehung des Lebens), Noogenese (Entstehung des Bewusstseins). Dieser Prozess deutet auf eine Tendenz hin, zunächst zur Bewegung, zur Transformation hin zur Komplexität, zur Individuation (Polarisierung, Vielfalt der Formen) und schliesslich zum Bewusstsein des differenzierten Seins. Wir Menschen sind gewissermassen „die Früchte“ der Evolution des Planeten und sein Same.
Das pflanzliche Bewusstsein, das existiert, ist stark auf Automatismen beschränkt; das tierische erreicht eine höhere Ebene, verfügt jedoch über stark vorprogrammierte Grundlagen (Instinkt); und schliesslich erscheint der Mensch im Evolutionsprogramm, der die vorherigen mit sich trägt, jedoch als Träger eines Bewusstseins, ein klar differenziertes Wesen zu sein. Die Noogenese bedeutet also einen wesentlichen Sprung in der Evolution der Materie, da diese zum ersten Mal die Fähigkeit erlangt, sich ihrer selbst und einer scheinbaren Trennung bewusst zu sein. Durch den Menschen betrachtet sich das Universum zum ersten Mal selbst.
Das Entstehen des Bewusstseins ist somit die Ursache und die Mutter des Geistes, sein bestes Instrument zur Interpretation der Realität. Es ist eine grossartige Errungenschaft, die jedoch von vornherein durch ihr schichtweise aufgebautes Entstehungssystem eingeschränkt ist. Wir Menschen besitzen ein primitives Gehirn, auf dem sich neue Schichten bilden, bis hin zu seiner letzten Schicht, dem präfrontalen Kortex, der logisches und analytisches Denken ermöglicht. Alle diese Schichten sind miteinander verbunden und verarbeiten Informationen auf komplexe Weise, sodass wir sowohl Tiere als auch Menschen, Pflanzen als auch Menschen sind und in unserem Körper die Mineralien besitzen, aus denen die Erde selbst besteht.
Der Mensch ist ein komplexes Kompendium der gesamten Evolutionssequenz, ihr bisheriges Endprodukt, der höchste Teil der Nahrungskette, und in unserem Gehirn liegt sein grösster Unterschied, und dort findet der grösste Energieverbrauch des gesamten Körpers statt.
Der Geist ist ein funktionales Kompendium, das auf einer bestimmenden biologischen Struktur basiert, aber er besitzt eine subtilere Seite; diese steht in Zusammenhang mit seinem unsichtbaren oder spirituellen Teil und spricht von seiner Schwingung auf Quantenebene. Ein Auto ist ein Auto, aber selbst, wenn es sich um dasselbe Modell handelt, wird es beim Fahren unterschiedliche Verhaltensweisen hervorrufen, allein aufgrund der Farbe, in der es lackiert ist. Die Versicherungen wissen das sehr gut und behandeln ein rotes Auto nicht genauso wie ein weisses. Wir haben also im Geist strukturelle und funktionelle Determinanten, vererbte und erworbene Determinanten sowie solche, die sich aus seinem eigenen Schwingungszustand und seiner Wandelbarkeit ergeben: Frequenz, Positivität oder Negativität, Übermass oder Mangel, Ausdehnung oder Kontraktion und so weiter. Wesentliche Veränderungen bei einem Menschen herbeiführen zu wollen, ohne all dies zu berücksichtigen, ist so, als wolle man einen Löwen mit einem Furz angreifen. Der Verstand allein, das Uubo oder mentale Chakra, erzeugt entgegen der Meinung vieler Menschen eine geringe Spannung. Er ist aus evolutionärer Notwendigkeit heraus zu wechselhaft und formbar, um eine kontinuierliche Spannung aufrechtzuerhalten. Deshalb sagen wir, dass „Worte vom Winde verweht werden“ oder dass „der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist“. Der Verstand artikuliert, analysiert und entscheidet auch und vor allem in Abhängigkeit von all diesen Einschränkungen und schliesslich in Abhängigkeit von dem Frequenz- und Schwingungszustand, in dem sich das Wesen befindet.
Betrachtet man die Geschichte des Planeten, so lässt sich schlussfolgern, dass die Richtungen der Evolution folgende sind: nach vorne,



Der Verstand und der Geist, ihre Kraft und ihre Wirkungsbereiche.
Der Verstand und der Geist, ihre Kraft und ihre Wirkungsbereiche.
nach oben, nach innen und zum Ganzen hin. Nach vorne – schon die ersten Lebewesen, die nach Nahrung suchten, entwickelten an ihrer Vorderseite ihre Wahrnehmungsorgane (Augen usw.). Nach oben: Die Geschichte der Evolution ist die Geschichte des Aufrichtens vom Boden, zunächst, um sich fortbewegen zu können (Pflanzen versus Tiere), und nachdem sie schwammen, begannen sie, sich über den Boden zu schleppen (Amphibien), um dann auf vier Beinen zu laufen und sich schliesslich auf zwei zu erheben, wodurch sie ihre Himmels-Erde-Achse (Wirbelsäule als Antenne) stabilisierten. Nach innen wird sich das Wesen seiner selbst bewusst (auch hier gibt es Ebenen), seiner Unterschiede und Besonderheiten sowie seines Platzes in der Welt. Schliesslich hin zum Ganzen: Jedes einzelne Wesen erlebt seine Endlichkeit und damit seine Rückkehr zum Ursprung, lässt seinen physischen Teil auf der Erde zurück und befreit seinen Geist zu einer neuen Wiedergeburt als mehr oder weniger bewusste Energie. Darüber hinaus beginnt der Mensch, wenn er sich weiterentwickelt hat und in Phase vier eintritt, sein Bewusstsein auf seinen wesentlichen Ursprung zu richten, indem er begreift, dass er ein Tropfen im Ozean ist, sich jeden Tag mehr mit seinem unsterblichen Teil identifiziert, Körper und Geist voneinander trennt und das Phänomen des Lebens jeden Tag mehr vom Geistigen hin zum Materiellen betrachtet.
Diese Richtungen sind in unserer Bühne (der Natur) und in unserer DNA fest eingeschrieben. Der Zustand und die Bedingungen, unter denen sie sich vollziehen, sind wechselnde und zyklische Elemente, die mit Angelegenheiten von grösserer Art und Bedeutung im Leben jedes Einzelnen verbunden sind: Geist, Bestimmung, Entwicklung und so weiter. Wenn man auf das Wesen einwirkt, ändert sich alles: „Wer das Grosse bewältigen kann, kann auch das Kleine bewältigen“, wie das Sprichwort sagt; daher die bedeutenden Veränderungen, die wir nach den Übergangsriten oder bei den spirituellen Exerzitien, „Ashikoro“, beobachten, die wir im Ebunto durchführen, denn bei diesen wirken die Veränderungen auf Quantenebene und verändern die Schwingung der wesentlichen Struktur des Seins. Der Geist des Subjekts wird sich entsprechend verändern, und zwar nicht als grundlegender transformierender Faktor, sondern indem er die Gelegenheit schafft, die Dinge anders zu betrachten, indem er die Farbe und den Schwingungszustand seines Wesens verändert, also die Säulen seiner strukturellen und zugleich funktionalen Identität.
Die Kraft des Geistes, so gross sie auch sein mag, ist auf seinen operativen Zustand sowie auf seine erworbenen Werkzeuge beschränkt und wirkt sich eher auf seinen natürlichen Wirkungsbereich (Gedanken) aus.
Ist der Zustand des energetischen und spannungsbezogenen Körpers positiv, neigt der Geist dazu, Informationen angemessen zu interpretieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Andernfalls ist es normal, Dinge falsch zu interpretieren und unangemessene Entscheidungen zu treffen. Wenn wir dazu noch die Tatsache hinzufügen, dass wir das anziehen, was wir ausstrahlen, (Gleiches verbindet sich mit Gleichem auf derselben Ebene), schaffen wir durch das Einwirken auf den wesentlichen Schwingungszustand des spirituellen und spannungsbehafteten Körpers alle Voraussetzungen dafür, dass das Leben in seinen natürlichen Bahnen positiv verläuft, natürlich eingebettet in den Rahmen der Lebensumstände und persönlichen Bedürfnisse dieses konkreten Geistes, der ein materielles Leben voller Anpassungen, zu erreichender Ziele und Bestimmung lebt.
Der Verstand ist ein Werkzeug, das es uns ermöglicht, die Umgebung zu analysieren und Entscheidungen zu treffen; seine Kraft liegt in diesem Bereich, denn seine Fähigkeit gibt uns die Möglichkeit, zu wählen und uns angesichts der sich wandelnden Ereignisse unseres Lebens zu positionieren, wodurch wir Konsequenzen hervorbringen, Dinge, Situationen und Erfahrungen anziehen und abweisen. Aufgrund seiner Beschaffenheit und Bedeutung hat er nur begrenzte Möglichkeiten, unser Leben zu beeinflussen und zu verändern. Obwohl seine Fähigkeiten unerlässlich sind, kann der Verstand nicht ausschliesslich für sich allein betrachtet werden, ohne seine Natur als Werkzeug von etwas Höherem zu berücksichtigen, dem er angehört und dem er antwortet: dem Geist.
„Ist der Zustand des energetischen und spannungsbezogenen Körpers positiv, neigt der Verstand dazu, Informationen richtig zu interpretieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Andernfalls ist es normal, Dinge falsch zu interpretieren und unangemessene Entscheidungen zu treffen.“
„Ist der Zustand des energetischen und spannungsbezogenen Körpers positiv, neigt der Verstand dazu, Informationen richtig zu interpretieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Andernfalls ist es normal, Dinge falsch zu interpretieren und unangemessene Entscheidungen zu treffen.“



Als Bruce Lee John Benn, den Mafia-Paten aus „Die Faust des Drachen“, kennenlernte, sagte er zu ihm: „John, ich werde dich mit dem Film nicht reich machen, aber ich werde dich berühmt machen!“ Tatsächlich wurde niemand durch ihn reich, doch dank des Ruhms und der Anerkennung, die sie an seiner Seite erlangten, haben sie jahrelang von den „Einkünften“ gelebt – zumindest die grosse Mehrheit derer, die das „Glück“ hatten, seinen Weg zu kreuzen. Möglicherweise war Chuck Norris keine Ausnahme… Zweifellos ist „Enter the Dragon“ der Klassiker schlechthin des Martial-Arts-Kinos, doch der beste Kampf dieses Genres in der Geschichte der Filmkunst ist derjenige, den Bruce Lee gegen Chuck Norris im römischen Kolosseum in „Die Wut des Drachen“ austrägt. Nicht umsonst wurde er damals als der Kampf des Jahrhunderts bezeichnet, und tatsächlich war und ist er das, denn bis heute wurde er in keinem anderen Film übertroffen, und dass, obwohl er vor mehr als 40 Jahren gedreht wurde.
Nach dem Tod von Bruce Lee blieb der Thron des „Königs der Kampfkünste“ vakant; es schien, als habe kein Asiate genug Talent, um ihn einzunehmen. Also suchte Hollywood nach einer Alternative, und logischerweise war der einzige Westler mit dem nötigen Ruhm und den Kampfkunstkenntnissen, um diesen Platz zu besetzen, zu jener Zeit Chuck Norris. Er war der erste westliche Schauspieler des sogenannten Martial-Arts-Kinos, der in Hollywood eine Spur hinterliess, der Jahre später andere Schauspieler wie Steven Seagal, Jean-Claude Van Damme, Jeff Speakman, Wesley Snipes usw. folgten.
Chuck Norris, der den Niedergang des Martial-Arts-Kinos vorausahnen konnte, feierte zunächst in Nordamerika und anschliessend weltweit Erfolge mit „Walker, Texas Ranger“, einer Fernsehserie, die aus drei 90-minütigen Pilotfolgen und 200 45-minütigen Episoden bestand und in der grosse Stars und Kampfsport-Experten auftraten.

„Zwei Grössen, die uns verlassen haben! Dieser Artikel sei eine Hommage an beide, diese aussergewöhnlichen Persönlichkeiten, die die Geschichte der modernen Kampfkünste geprägt haben.“

„Bruce
Lee war zweifellos der Pionier des VollkontaktKampfes; er war der Erste, der Handschuhe und Schutzausrüstung verwendete, als in Amerika nur Karate bekannt war.“

Zweifellos war es Bruce Lee, der Chuck Norris die Chance bot, in die Welt des Films einzusteigen – eine Gelegenheit, die er nicht ungenutzt liess. Dank seiner klugen Entscheidungen und seines Glücks ist er heute möglicherweise der angesehenste Schauspieler des Martial-Arts-Kinos, zumindest in Nordamerika, wo er eine echte Institution ist. Doch wie entstand die Freundschaft zwischen Bruce Lee und Chuck Norris?
„Ich lernte Bruce Lee 1968 in New York kennen, und zwar bei der All American Grand Championship, die im Madison Square Garden stattfand. Ich trat dort an, und er war eine Berühmtheit. Als ich gewann, stellte mich der Veranstalter Bruce Lee vor. Obwohl ich wusste, wer er war, und er mich bei Turnieren gesehen hatte, hatten wir noch keine Gelegenheit gehabt, uns persönlich kennenzulernen. Ich hatte ihn bei seiner grossartigen Vorführung bei der Internationalen Meisterschaft in Long Beach 1964 gesehen und kannte seine Arbeit als Schauspieler in der Fernsehserie „Green Hornet“. Bruce gratulierte mir und würdigte, wie schwer es war, Joe Lewis im Finale der Meisterschaft zu besiegen. Wir unterhielten uns freundlich und stellten fest, dass wir im selben Hotel wohnten. Ich hatte seit 10:00 Uhr morgens gekämpft und es war mittlerweile 23:00 Uhr, ich war sehr müde, aber ich wollte ihn schon lange kennenlernen. Also fingen wir an zu reden und tauschten Philosophien und Techniken aus, dann nahmen wir gemeinsam ein Taxi, wir waren wirklich in das Gespräch vertieft. Wir kamen zum Aufzug und hielten auf seiner Etage an, er wohnte im 7. und ich im 9. Stock, und wir redeten weiter. Also stieg ich aus dem Aufzug und blieb im Flur stehen. Es war fast Mitternacht, und das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich meine Jacke auszog und wir anfingen zu trainieren. Und ich schwöre dir, als ich das nächste Mal auf meine Uhr schaute, war es 7:00 Uhr morgens. Bruce war so dynamisch, dass es mir wie nur zwanzig Minuten vorkam. Es war unglaublich, dass niemand den Hotelsicherheitsdienst rief, um sich über zwei Verrückte zu beschweren, die im Flur seltsame Bewegungen machten. Ich konnte es kaum glauben – ich hatte in zwei Stunden einen Rückflug nach Los Angeles. „Egal“, sagte Bruce, „wenn wir zurück sind, trainieren wir zusammen.“ Kurz darauf lud er mich ein, in seinem Garten in Culver City, Kalifornien, zu trainieren. Bruce hatte alle möglichen Geräte in seinem Garten, darunter eine hölzerne Puppe, die er selbst gebaut hatte, einen mit Stroh umwickelten Pfahl zum Üben von Schlägen, Schutzwesten und Boxhandschuhe. Wir trainierten zweimal pro Woche, drei bis vier Stunden pro Einheit, und das zwei Jahre lang. Bruce brachte mir einige seiner Kung-Fu-Techniken bei, und ich brachte ihm einige der hohen Tritte des Tae Kwon Do bei. Eine bemerkenswerte Anekdote ist, dass Bruce, als wir anfingen, gemeinsam zu trainieren, keine hohen Tritte ausführte; seine Konzepte basierten darauf, unterhalb der Hüfte zu treten, weshalb ich ihm beibrachte, etwas mehr Höhe zu erzielen. Ich war derjenige, der ihm beibrachte, hochzutreten. Er war der Meinung, dass ein Tritt gegen den Kopf dasselbe sei wie ein Faustschlag gegen die Beine, was durchaus logisch ist, und darauf basierte seine Beinarbeit im Jeet Kune Do; aber ich sagte ihm, man müsse die Fähigkeit besitzen, überall hinzutreten, und so brachte ich ihm die hohen Tritte, Drehtritte usw. bei, und natürlich lernte er sehr schnell! Er hatte eine besondere Begabung dafür, Dinge zu lernen und zu verinnerlichen. In weniger als sechs Monaten konnte er diese Tritte genauso gut ausführen wie ich und fügte sie mit enormer Effizienz seinem Repertoire hinzu. Ich glaube, dass die grosse Vielfalt an Trainingsgeräten, über die er verfügte, enorm dazu beitrug. Auf diesem Gebiet war er uns allen um Jahre voraus; ausserdem war Bruce äusserst kompetent und versiert in den Kampfkünsten und, Kilo für Kilo, einer der stärksten Männer, die ich je gekannt habe.“
Chuck Norris bewahrt schöne Erinnerungen an diese Trainingsjahre und gibt gelegentlich überraschende Aussagen darüber ab… „Bruce Lee war zweifellos der Pionier des Vollkontakts, er war der Erste, der Handschuhe und Schutzausrüstung benutzte, als in Amerika nur Karate bekannt war, aber… (Chuck Norris lächelt und fügt hinzu) er hat nie gekämpft. Ich habe zwei Jahre lang mit ihm trainiert, und er hat nie gegen mich gekämpft. Ich sagte zu ihm: ‚Bruce, lass uns ein bisschen kämpfen‘, und er antwortete mir: ‚Nein, lass uns Technik üben, Technik.‘ Deshalb hatte ich nie die Gelegenheit, mich mit ihm zu messen. Er machte immer Techniken – swash! – und das war’s (Norris führt zwei schnelle Fausttechniken aus und kehrt in die Ausgangsposition zurück).“
Mehr als ein Leser wird sich fragen: Warum haben sie nie gekämpft? Was haben sie bei diesen Trainingseinheiten gemacht? Damals wurden in den Kampfkünsten ausser dem Makiwara nur wenige weitere Geräte verwendet. Bruce Lee war ein Pionier und Innovator, indem er Ausrüstung aus anderen Sportarten adaptierte; er erfand und entwarf sogar einige Geräte, um sein Training zu optimieren. Chuck Norris war sich, wie andere KampfsportExperten auch, einig, dass man mit diesen Geräten in kurzer Zeit grossartige Ergebnisse erzielen konnte.
„Bruce Lee hatte eine grossartige Ausrüstung zum Trainieren, und genau das taten wir: nur trainieren – Boxsack, Tritte und all diese Dinge. Wir haben nie gegeneinander gekämpft. Ich war ein professioneller Kämpfer, er nicht, aber er war gut, sehr gut. In einem echten Kampf hätte ich ihn sicher besiegt, aber Bruce Lee wollte es nicht so weit kommen lassen und … ich auch nicht.“
Interessanterweise und entgegen der landläufigen Meinung war es nicht in „Die Faust des Drachen“, als Bruce


„Ich lernte Bruce Lee 1968 in New York kennen, bei der All American Grand Championship, die im Madison Square Garden stattfand. Ich trat an und er war eine Berühmtheit; als ich gewann, stellte mich der Veranstalter Bruce Lee vor. Obwohl ich wusste, wer er war, und er mich bei Turnieren gesehen hatte, hatten wir noch keine Gelegenheit gehabt, uns persönlich kennenzulernen.“
Lee Chuck Norris zum ersten Mal für einen Film engagierte; sein Filmdebüt verdankte er Bruce Lee, sondern dem Spielfilm „Die Villa der sieben Freuden“ mit Dean Martin, Elke Sommer und Sharon Tate in den Hauptrollen, in dem der Drache als Choreograf der Actionszenen fungierte und dessen Dreharbeiten im Juli 1968 stattfanden. Chuck Norris’ Anfänge im Kino waren nicht sehr vielversprechend… „Kurz vor der internationalen Meisterschaft erhielt ich einen Anruf von Bruce Lee, der mir erzählte, er habe einen Vertrag als Stuntkoordinator für den Film „The Wrecking Crew“ mit Dean Martin und Elke Sommer in den Hauptrollen bekommen. Es gibt eine kleine Rolle, und ich glaube, du würdest das sehr gut machen“, sagte Bruce zu mir. „Du wirst Elkes Bodyguard sein, gegen Dean Martin kämpfen und einen Satz im Dialog sagen. Hast du Interesse?“ „Natürlich“, antwortete ich. Auch wenn ich nichts über Schauspielerei wusste, dachte ich, es wäre gut, es zu versuchen. Er nannte mir das Datum, an dem ich mich im Filmstudio melden sollte – es war einen Tag nach der internationalen Meisterschaft.“
Chuck Norris wollte nicht, dass man sein Gesicht berührte, um nicht mit blauen Flecken im Gesicht zum Dreh zu erscheinen. Deshalb sagte er im Finale in der Umkleidekabine zu Skipper Mullins, dem drittplatzierten Karateka der nationalen Rangliste: „Morgen habe ich meine erste Filmrolle. Schlag auf meinen Körper, aber fass mir nicht ins Gesicht.“ Dieser antwortete: „Na gut, aber du stehst bei mir in der Schuld.“
Offensichtlich hielt Skipper sein Wort nicht; nachdem er eine Reihe von Punkten erzielt hatte, versetzte er Chuck Norris

einen heftigen Schlag ins Auge. Dieser gewann zwar das Turnier, nahm aber eine unangenehme Erinnerung mit zum Dreh… „Am nächsten Tag kam ich mit einem blauen Fleck zum Dreh, den der Maskenbildner eine Stunde lang abdecken musste. Ich war fasziniert, als ich das Filmstudio betrat, um mich auf mein Debüt vorzubereiten. Ich war noch nie zuvor an einem Set gewesen und wusste nicht, was mich erwarten würde. Das Studio war eine riesige Halle, und der Ort, an dem wir arbeiteten, war ein riesiger Kubus mit sehr hohen Decken, riesigen, hellen Scheinwerfern und Kabeln überall. Dutzende von Menschen huschten wie Ameisen hin und her, und ich fragte mich, wie man bei so einem Chaos einen Film drehen konnte. Schnell übernahm der Regisseur das Kommando, und wir machten uns an die Arbeit. Wie viele andere damals wusste ich nichts über Dreharbeiten; ich dachte, Filmregisseure würden einfach eine Kamera einschalten und die Schauspieler würden ihre Rollen spielen, so wie man es in der Schule macht. Ich lag völlig falsch. Jede Szene dauerte zwei Stunden. Die Beleuchtung musste neu eingestellt, die Kamerawinkel überprüft und die Schauspieler ausgewählt und an ihren Plätzen positioniert werden. Mein Filmdebüt beschränkte sich auf einen Satz. In dem Film betrat Dean Martin einen Nachtclub, ich musste mich vor ihn stellen und sagen: „Dürfte ich bitte, Herr Helm?“ Die Szene sollte mit einem Streit zwischen Dean und mir enden. In den Wochen vor den Dreharbeiten wiederholte ich diesen Satz immer wieder, während ich mich im Badezimmerspiegel betrachtete, um den richtigen Ton für den Satz zu finden.Als die Kameras zu laufen
begannen, kam Dean Martin pünktlich herein. Als ich ihn auf mich zukommen sah, spürte ich, wie meine Kehle und mein Körper sich verkrampften. Der Satz kam mir wie ein Seufzer über die Lippen. „Dürfe ich, Herr Helm?“ Dean Martin schien meine heisere Stimme nicht zu bemerken und reichte mir gehorsam die Pistole. Ich dachte: „Hier ist meine künstlerische Karriere vorbei! Ich konnte nicht einmal einen Satz richtig sagen!“
Nach so vielen gemeinsamen Trainingsstunden war es unvermeidlich, dass zwischen uns beiden eine grosse Wertschätzung entstand, in der Respekt und Einfühlungsvermögen stets präsent waren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir unsere Geheimnisse und Träume miteinander teilten:
„Seine grösste Stärke und zugleich vielleicht sein grösster Fehler war ein und dasselbe: Bruce Lee lebte und atmete für die Kampfkunst. Er verwandelte die alltäglichsten und gewöhnlichsten Dinge des Lebens in etwas, das mit dem Kampfkunsttraining zu tun hatte: Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt wusste, was es heisst, sich zu entspannen. Wir waren gute Freunde, gut genug, dass er mir seinen Traum anvertraute. ‚Chuck, ich will ein Filmstar werden‘, sagte er mir: ‚Alles, was ich tue, dient diesem Ziel.‘ Bruce trainierte verschiedene Prominente wie Kareem Abdul-Jabbar, James Coburn, Lee Marvin und Steve McQueen. Seine Schüler empfahlen ihn oft für kleine Rollen in Filmen, und Bruce hatte in einigen davon als Stuntman gearbeitet. Aber er gab sich nicht damit zufrieden, nur der Stuntman der Stars zu sein. Er

wollte, dass sein Name in Leuchtschrift auf den Kinomarkisen erschien, und bei der Motivation, die Bruce hatte, gab es keinen Zweifel daran, dass er es schaffen würde.“
Sich in Hollywood durchzusetzen war nicht einfach, vor allem für einen Asiaten; zu jener Zeit gab es keinen asiatischen Schauspieler, der in einer amerikanischen Produktion die Hauptrolle spielte. Auf Anraten seiner Freunde nahm Bruce Lee einen Vertrag bei Golden Harvest an, um in zwei Filmen mitzuspielen, die in Südostasien gedreht werden sollten:
„Bruce ging nach Hongkong, um seine Schauspielkarriere fortzusetzen, und ich hörte etwa zwei Jahre lang nichts von ihm. Eines Morgens rief er mich aus Hongkong an und sagte: ‚Chuck, ich habe zwei Filme in Hongkong gedreht, und sie waren ein grosser Kassenerfolg. Ich habe gerade das Drehbuch für einen Film fertiggestellt, den ich in Rom, im Kolosseum, drehen werde.‘ Er sagte mir voller Begeisterung: Zwei Gladiatoren, die bis zum Tod kämpfen! Das Beste daran ist, dass wir die Choreografie selbst ausarbeiten werden. Ich verspreche dir, dass der Kampf der Höhepunkt des Films sein wird. Ich möchte eine Kampfszene drehen, an die sich jeder erinnern wird. „Grossartig!“, sagte ich. „Wer gewinnt?“, fragte ich. Bruce antwortete lachend: „Ich! Ich bin der Star!“ „Ah, wirst du den aktuellen Karate-Weltmeister besiegen?“, fragte ich. „Neeeein“, antwortete Bruce. „Ich werde den aktuellen Karate-Weltmeister töten.“ Ich lachte und sagte zu, den Film zu machen. Ich willigte ein, mitzumachen, weil ich wusste: Wenn Bruce dabei war, würde es kein Unsinn werden. Ich habe seine Arbeitsweise immer respektiert und besonders seine Beharrlichkeit auf Perfektion und Realismus in den Kampfkünsten bewundert.“
Drei Wochen später rief Bruce Lee Chuck Norris erneut an, um ihm mitzuteilen, dass die Dreharbeiten beginnen würden, und fragte ihn, ob er bereit sei, nach Rom zu reisen. Chuck Norris erfuhr in diesem Moment, dass seine Rolle die eines Söldners, eines Kampfkünstlers, war, der angeheuert worden war, um Bruce Lee zu verprügeln.
„Ich war noch nie zuvor in Europa gewesen, also bat ich Bob Wall, meinen guten Freund und Partner in den KarateAkademien, mich zu begleiten. Als wir am Flughafen Leonardo da Vinci in Rom ankamen, wartete Bruce mit einem Filmteam auf uns, um uns beim Aussteigen aus dem Flugzeug zu filmen. Bruce wollte die Ankunftsszene als Teil des Films verwenden. Da Bob mit mir gekommen war, beschloss Bruce, dass er ebenfalls darin mitspielen sollte. Es waren zwei Jahre vergangen, seit ich Bruce das letzte Mal gesehen hatte, aber er war immer noch so herzlich wie eh und je. Er schämte sich nicht für männliche Zuneigung und umarmte uns herzlich, bevor er uns zum Auto führte. Für die Szene im Kolosseum wollte er, dass ein beeindruckender Gegner zu sehen war. Ich wog 73 Kilo, er dagegen 65 Kilo; er wollte, dass ich noch 9 oder 10 Kilo zunehme. Glücklicherweise war mein Stoffwechsel sehr langsam, und ich konnte in weniger als einer Woche 3 oder 4 Kilo zunehmen – natürlich nur, wenn ich mein Training reduzierte und meine Ernährung vernachlässigte. Ich sagte zu ihm: „Grossartig! Ich kann mich auf Kosten der Firma satt essen.“ Bob und ich verbrachten zwei Wochen damit, wie typische Touristen herumzuspazieren,


„Ich habe seine Art, Dinge anzugehen, immer
respektiert und bewunderte besonders sein Streben nach Perfektion und Realismus in den Kampfkünsten.“
besuchten Tempel wie den Petersdom und den Vatikan, Sehenswürdigkeiten wie den Trevi-Brunnen und die wunderschönen Gärten der Villa Borghese. Ich fand ein Restaurant, in dem ich mich an Pasta und Eis satt essen konnte – das Beste, was ich je in meinem Leben gegessen habe. Fast jeden Abend assen wir in der Taberna Flavia in Trastevere zu Abend. Ich nahm sofort an Gewicht zu und erreichte mein Ziel innerhalb der gesetzten Zeit.“
Die Dreharbeiten zu „Die Wut des Drachen“ begannen am 10. Mai 1972; das ursprüngliche Budget betrug 350’000 Dollar. Das Team begann um 6:00 Uhr morgens mit der Arbeit und beendete sie je nach Drehtag um 18:00 oder 20:00 Uhr. In den ersten Tagen widmete sich Bruce Lee den für den Film erforderlichen Aussenaufnahmen und drehte an einigen der repräsentativsten Strassen und Plätze Roms, wie der Via Vittorio Veneto, den Gärten des Tivoli-Brunnens, der Piazza Navona usw. Als er damit fertig war, traf er sich mit Chuck Norris, um den Kampf im Kolosseum zu drehen. Da sie keine Drehgenehmigung für das Amphitheater hatten, packten sie eine Kamera und die notwendige Ausrüstung in Reisetaschen. Nachdem sie den Wachleuten ein Trinkgeld gegeben hatten, damit diese „blind“ machten, begannen sie mit der Arbeit…
„Bruce und ich gingen zum Kolosseum, um die Details für die grosse Kampfszene zu besprechen. Es war ein seltsames Gefühl, mit ihm in einem dieser Tunnel zu stehen, die zur Arena führten. Ich erinnerte mich an Filme wie Spartacus, in denen Kirk Douglas in der Arena kämpfte, und empfand Respekt, wenn ich an die echten Kämpfe auf Leben und Tod

dachte, die regelmässig im Kolosseum ausgetragen wurden, um die römische Bevölkerung zu unterhalten. Das Kolosseum war grösser und beeindruckender, als ich es mir vorgestellt hatte. Wir setzten uns auf einen der Steinsitze in der Arena und besprachen die Szene. Bruce machte sich Notizen zu den Kamerawinkeln. Er plante die Szene so, dass es so aussah, als wären wir zwei Gladiatoren, die gegeneinander kämpften. Da wir selbst für die Choreografie verantwortlich waren, fragte er mich: „Was willst du machen?“ Ich sagte: „Nun, ich mache dies und das.“ Ich zeigte ihm ein paar Techniken, von denen ich dachte, dass sie interessant wären. Er sagte: „Okay“, und so bereitete er seine Verteidigung vor. Also gingen wir in die Arena und machten freies Sparring. Da wir uns so gut kannten, weil wir schon lange zusammen trainiert hatten, lief die Szene perfekt. Darin tat Bruce nichts anderes, als mich anzugreifen, das war alles. Angreifen, angreifen, mich angreifen. Er versuchte, mich zu zermürben, und alles spielte sich wie in Zeitlupe ab. Ich erinnere mich, wie er sich mit diesen wunderschönen, fliessenden Bewegungen bewegte und versuchte, mich zu zermürben, und wenn ich versuchte anzugreifen, duckte er sich und wich die ganze Zeit aus. Als schliesslich alle meine Schläge ihr Ziel verfehlten und ich müde wurde, rückte er vor, landete Schläge auf alle meine Schwachstellen und schlug mich k.o. Da war ich schon völlig erschöpft. Dann drückte er mich gegen eine Wand, und es kam zu dem Punkt, an dem ich aufschrie und Bruce mich gegen die Wand stiess. Das war der Moment, in dem er mir das Handgelenk, den Ellbogen und das rechte Knie brach; ich fiel zu Boden und versuchte aufzustehen. So kamen wir zu
dieser dramatischen Szene, in der ich mit grosser Anstrengung versuche aufzustehen und weiterzukämpfen, woraufhin Bruce mich ansieht, als wolle er sagen: „Lass uns aufhören, ich habe gewonnen.“ Sie hatten die Kamera so aufgestellt, dass sie zwischen seinem Gesicht und meinem Gesicht hin und her schwenkte. Was sie vermitteln wollten, war, dass ich irgendwie lächelte, ein Lächeln der Dankbarkeit, aber nein, eher eines der Art: „Ich bin ein Profi“, nach dem Motto „Entweder du gibst alles oder du stirbst“, und ich würde lieber sterben, als aufzugeben oder zu verlieren – diese Art von Lächeln. In diesem Moment stiess ich einen Schrei aus und stürzte mich auf Bruce, fast fliegend, und er hielt mich fest, packte mich am Hals. Das Einzige, was ich tun konnte, war, ihm eine Reihe von Schlägen in die Nieren zu versetzen, und schliesslich brach er mir das Genick. Dann legte er mich sanft auf den Boden und ging weg, als bereue er es, mich getötet zu haben. Glücklicherweise zwang mich Bruce nicht, so bösartig zu sein; das war ein Kampf zwischen zwei Profis. Am Ende des Kampfes, als er mich tötet, bedeckt er mich mit meiner Uniformjacke und legt meinen Gürtel auf sehr feierliche und respektvolle Weise darüber.“
Die Dreharbeiten für den Zweikampf dauerten drei Tage; der Kampf sollte laut Linda Lee den Höhepunkt des Films bilden. Der grosse Kampf mit Chuck Norris umfasste 20 Seiten Drehbuch und war so sorgfältig geplant wie die Aufführung eines professionellen Balletts. Bruce Lee entwarf die Choreografie zu Hause und probte die Bewegungen oft mit ihr. Die Witwe erzählt: „Plötzlich kam ihm eine Eingebung und er sagte zu mir: ‚Komm, probieren wir das mal aus!‘ All diese

Arbeit und das Genie von Bruce Lee wurden auf der Leinwand festgehalten, Chuck Norris sagt über ihn …
„Es war schwierig und herausfordernd, aber es hat mir Spass gemacht. Obwohl Bruce ein unerfahrener Regisseur war, wusste er genau, was er wollte und wie die Kamera es einfangen sollte. Genau wie Bruce es vorausgesagt hatte, wurde unsere Kampfszene zu einem Klassiker. Wenn man heute einen beliebigen Kampfsportschüler nach seinem Lieblingskampf in einem Film fragt, werden fast alle antworten, dass sie sich an die Kampfszene zwischen Bruce Lee und mir in „Die Faust des Drachen“ erinnern. Es ist unglaublich, wie gut das geworden ist, wenn man bedenkt, dass wir nur eine Kamera hatten.“
Aber was macht sie so besonders? Warum hat eine renommierte US-amerikanische Zeitschrift sie in die Top 10 der besten Actionszenen der Filmgeschichte aufgenommen?
„Heutzutage gibt es eine Vielzahl sehr guter Kämpfe. Der Kampf zwischen Bruce und mir war eher emotionaler Natur; wir sahen uns an, beobachteten uns, und zwischen den einzelnen Einstellungen kämpften wir. Das war es, was den Kampf in „Die Faust des Drachen“ so spannend machte. Bruce war sehr intelligent, er wollte immer ein Gefühl vor der Kamera einfangen, denn die Techniken, die verwendet wurden, sind dieselben, die ich in meinen Filmen verwende, aber diese Emotion, die Bruce in der Atmosphäre, mit der Kamera, erzeugte … das war etwas Besonderes. Normalerweise sind Kämpfe, einfach nur Kämpfe: ein paar Schläge, sich bewegen und so weiter. Aber Bruce war wirklich sehr clever; er wusste, wie man die Kamera einsetzt, um Emotionen und Spannung


im Kampf zu erzeugen und einen unvergleichlichen Höhepunkt zu schaffen. In diesem Bereich muss man anerkennen, dass er ein Genie war.“
Es gab logistische Probleme, Zeitdruck, Genehmigungen und unzählige andere Schwierigkeiten, die es in Rom zu bewältigen galt, weshalb die Kampfszenen nicht fertiggestellt wurden… „Bruce, Bob Wall und ich flogen nach Hongkong, um den Rest unserer Szenen zu drehen. An dem Tag, als wir dort ankamen, hatte Bruce arrangiert, dass

wir Gäste in der berühmtesten Fernsehsendung der Stadt sein sollten. Geniesst den Abend, die Hongkonger Version der amerikanischen Sendung The Tonight Show mit Johnny Carson.“
Auf Einladung von HK-TVB kamen Bruce, Norris und Bob Wall, um eine Kampfkunstvorführung zu geben und ein Interview zu gewähren, da Bruce Lees Absicht, Norris und Bob Wall dem Publikum in Hongkong vorzustellen, unverändert blieb. Als sie auf Sendung gingen, sagte der

Moderator Josiah Lau, der Bruce Lee kannte, zu ihm: „Bruce, unser Publikum interessiert sich sehr für dich. Könntest du uns erzählen, was du in letzter Zeit gemacht hast?“ Bruce antwortete: „Raymond Chow und ich waren kürzlich in Rom, um die Aussenaufnahmen für unseren neuen Film zu drehen. Ein weiterer Kampfsportler ist mit uns nach Hongkong gekommen; er ist der amerikanische Karate-Meister, Herr Norris kam direkt aus den Vereinigten Staaten nach Rom, um mit uns zu arbeiten. Neben ihm gibt es noch einen weiteren amerikanischen Karate-Experten, nämlich Herrn Bob Wall. Beide haben in unserem Film „Die Wut des Drachen“ mitgewirkt.“ Lau fragte: „Ich habe aus der Zeitung erfahren, dass Norris und Bob Wall deine Schüler sind. Es ist auch bekannt, dass sie, als sie zu dir kamen, bereits berühmt waren – sie sind seit vielen Jahren KarateMeister. Ich glaube, dein JKD muss sehr kraftvoll sein!“
Bruce schüttelte den Kopf und gestikulierte mit den Händen: „Nein, spiel dieses Spiel nicht mit mir. Ich habe nie gesagt, dass sie meine Schüler sind. Wir sind Freunde; wenn wir Zeit haben, treffen wir uns und diskutieren über Kampfkunst.“ Danach erklärte Bruce Lee, was Jeet Kune Do ist, und äusserte verschiedene Ansichten über die Kampfkunst im Allgemeinen und insbesondere über das chinesische Kung Fu. Das Publikum wollte den Drachen in Aktion sehen, doch Bruce lehnte die Einladung ab und sagte: „Das Publikum in Hongkong kennt mich bereits. Heute stellen wir diese beiden Männer vor, Kampfkünstler in ‚Die Wut des Drachen‘ und im wirklichen Leben: Norris und Bob Wall. Sie sind heute die Hauptdarsteller. Ich sollte ihnen heute das Wort überlassen.“ Die im Studio Anwesenden applaudierten dem Vorschlag. Norris und Bob standen lächelnd auf und fragten: „Was wollt ihr sehen?“ Da die Anwesenden nicht viel über Kampfkunst wussten, wussten sie nicht, was sie antworten sollten, also sagte Bruce: „Darf ich einen Vorschlag machen? Im Wesentlichen trainieren Kampfsportler vier Dinge: Präzision, Aggressivität, Schnelligkeit und Kraft. Ich glaube, wir könnten ein Spiel machen, um die Präzision ihrer Tritte zu zeigen. Bob Wall hält sich eine Zigarette im Mund, und Norris tritt sie ihm weg.“ Alle waren von der Idee begeistert. Bruce fügte hinzu: „Wie wir alle wissen, sind unsere Beine zum Laufen gemacht. Wenn wir sie benutzen wollen, um ein hoch gelegenes Objekt zu erreichen, ist es ziemlich schwierig, unser Bein zu kontrollieren. Das liegt daran, dass, wenn
man ein Bein anhebt, das andere das Gewicht des Körpers tragen muss. Präzise zu treten ist nicht einfach, vor allem, wenn man schnell ein kleines Objekt treffen muss. Bob muss die Zigarette im Mund halten, und wenn Norris nicht präzise ist, kann Bob sich natürlich am Mund oder an der Nase verletzen.“Schnell wurde Bob Wall eine Zigarette gereicht, Norris beobachtete Bob einige Sekunden lang und – fuhh – in einer Sekunde drehte er seinen Körper, hob sein rechtes Bein und traf die Zigarette, die kleine Kippe flog durch die Luft. Die Zuschauer brachen in Applaus aus, waren aber nicht zufrieden, sie wollten mehr. Dazu sagt Chuck Norris: „Man bat mich, einige Kampfsportvorführungen zu machen, und ich begann damit, eine Zigarette aus Bobs Mund zu treten, ich zerbrach ein paar Bretter, dann führten Bob und ich eine Freikampfvorführung durch. Ich traf Bob mit einem Drehkick von hinten, der ihn in die Brust traf und ihn quer durch das Studio schleuderte. Alle waren beeindruckt, aber Bob stand auf, als wäre nichts gewesen. Als wir die Vorführung beendet hatten, wollte der Moderator der Sendung den Brustschutz sehen, den Bob trug. ‚Welchen Schutz?‘, sagte Bob, während er den oberen Teil seines Gi öffnete. Der Abdruck meines Fusses war auf seiner Brust zu sehen.“ Als die Vorführung beendet war, fragte Lau sie: „Viele Leute sagen, dass ihr beide Schüler von Bruce seid, aber Bruce bestreitet das und sagt, ihr seid Freunde. Was ist die Wahrheit?“
Chuck Norris, wie immer so respektvoll und besonnen, antwortete: „Vielleicht denkt er, dass unsere Karate-Techniken nicht gut genug sind und wir nicht qualifiziert sind, seine Schüler zu sein, aber wir bewundern sein Kung-Fu. Auch wenn er uns nicht wie seine Schüler behandelt, betrachten wir ihn als unseren Meister.“ Diese Äusserungen im Fernsehen brachten dem amerikanischen Giganten Ärger ein; viele Kampfsportler strebten nach Ruhm, und einige Experten wie Lau Taichuen erreichten ihr Ziel, nachdem sie Bruce Lee über die Presse herausgefordert hatten. Im Fall von Lau gelang es ihm, obwohl er nicht gegen Bruce Lee kämpfte, dank der gewonnenen Publicity eine Rolle in einem Film zu ergattern, auch wenn seine Filmkarriere nur von kurzer Dauer war – er wirkte lediglich in vier Spielfilmen mit. Jemand, der seinem Beispiel folgte, versuchte dasselbe mit Chuck Norris: „Am nächsten Tag forderte mich jemand in einer Lokalzeitung zu einem Kampf heraus. Bruce war von dem Artikel verblüfft und las ihn mir vor. – Was meinst du, soll ich tun? – fragte ich ihn. –

„Genau wie Bruce es vorausgesagt hatte, wurde unsere Kampfszene zu einem Klassiker. Wenn man heute einen beliebigen Kampfsportschüler nach seinem Lieblingskampf in einem Film fragt, werden fast alle antworten, dass sie sich an die Kampfszene zwischen Bruce Lee und mir in „Die Faust des Drachen“ erinnern. Es ist unglaublich, wie gut das geworden ist, wenn man bedenkt, dass wir nur eine Kamera hatten.“

Ignoriere ihn einfach – sagte er. – Mich fordert man ständig heraus. Sie wollen doch nur Publicity“, sagte er, doch Bob war verärgert. „Ich spiele keine Hauptrolle in dem Film“, sagte er zu Bruce. „Wie wäre es, wenn ich annehme?“ „Nur zu, wenn du das willst“, sagte Bruce. Bob trat am nächsten Abend in der Fernsehsendung auf und sagte zum Publikum: „Ein Zuschauer hat meinen Trainer, Chuck Norris, herausgefordert. Chuck ist ein besserer Kämpfer als ich. Deshalb will ich es mit dir aufnehmen, wer auch immer du bist: Kämpfe zuerst gegen mich und beweise, dass du ein würdiger Gegner bist, um gegen ihn anzutreten. Unser Kampf wird in dieser Fernsehsendung stattfinden, damit ganz Hongkong sehen kann, wie ich dich in Stücke reisse. Der Herausforderer, wer auch immer er war, tauchte nie auf, und niemand hat mich in Hongkong jemals wieder herausgefordert.“
Der Film war abgedreht, und Bob Wall kehrte zusammen mit Chuck Norris nach Nordamerika zurück, wo sie wieder als Kampfsporttrainer arbeiteten. Beide vergassen den Film; sie dachten, er würde nur in Asien gezeigt werden. Bruce Lee würde seine Schauspielkarriere fortsetzen. Nachdem sie gesehen und festgestellt hatten, welchen Ruhm er im Osten erlangt hatte, dachten beide, er würde sich vollkommenauf seine Karriere konzentrieren und es würde lange dauern, bis sie sich wiedersähen, aber sie irrten sich… „Mitte Juli 1973 kam Bruce Lee nach Los Angeles, um sich untersuchen zu lassen. Er lud mich zum Essen ein, ich sagte Bob Wall Bescheid, und wir trafen uns in einem Restaurant in Chinatown. Ich muss zugeben, dass Bruce sehr gut aussah. Schlank und kräftig. Bruce zeigte sich sehr optimistisch. Er erzählte uns, dass die Ärzte in Hongkong die Ursache für einige Ohnmachtsanfälle, die er kürzlich gehabt hatte, nicht gefunden hatten; das war der eigentliche Grund für seinen Besuch in der Stadt. Er war

gekommen, um sich in einem der besten Krankenhäuser von Los Angeles untersuchen zu lassen. Er war sehr glücklich, denn die Ärzte hatten nichts bei ihm festgestellt; sie sagten ihm, er habe den Körper eines 18-Jährigen. Mit seinen zweiunddreissig Jahren sah er körperlich in perfekter Verfassung aus, aber ich war verwirrt. „Na ja, aber wenn es dir so gut geht, was glauben die Ärzte dann, was deine Ohnmachtsanfälle verursacht hat?“ Bruce sagte zu mir, während er ass: „Stress, nehme ich an, Überarbeitung, zu wenig Ruhe, das Übliche eben.“ Er begann, uns von der anstrengenden Arbeit an seiner letzten Produktion, „Enter the Dragon“, zu erzählen; er war sehr optimistisch, was das Ergebnis anging. Die Wahrheit ist, dass er sowohl körperlich als auch geistig in Bestform war. Das erzählte ich Bob auf dem Heimweg. – Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu – Das war das letzte Mal, dass ich ihn lebend sah...“ Kurz nach diesem Essen kehrte „Der kleine Drache“ nach Hongkong zurück; nichts deutete auf die schrecklichen Ereignisse hin, die bevorstanden… Bruce Lee starb am 20. Juli 1973; fünf Tage später fand in Hongkong eine Trauerfeier in einem zentralen und luxuriösen, wenn auch kleinen Raum des Kowloon Funeral Home statt. Den Medienberichten zufolge versammelten sich bei der Zeremonie etwa 25’000 Menschen. Freunde, Familienangehörige, Arbeitskollegen und unzählige Unbekannte kamen zusammen, um Bruce Lee die letzte Ehre zu erweisen. Am nächsten Tag feierte „Enter the Dragon“ in Hongkong Premiere; vielleicht wollten die Produzenten diesen unheilvollen Moment nutzen, um sein letztes Werk zu zeigen...
Am 31. Juli wurde Bruce Lee in Seattle beigesetzt; die Beerdigung verlief ruhiger und im engsten Kreis. Etwa 180 Personen, darunter Freunde und Verwandte, nahmen daran teil. Der Sarg war mit weissen, gelben und roten Blumen
bedeckt, die so angeordnet waren, dass sie das Yin-YangSymbol bildeten. Der Sarg wurde von Steve McQueen, James Coburn, Dan Inosanto, Taky Kimura, Peter Chin und Robert, dem Bruder von Bruce Lee, getragen; unter den engsten Freunden und Verwandten befand sich Chuck Norris...
„Vier Tage, nachdem ich mit ihm gegessen hatte, erreichte mich die schreckliche Nachricht, dass er gestorben war. Ich wollte es nicht glauben, ich hatte ihn doch gerade noch so strahlend und lebhaft gesehen, das Sinnbild für Gesundheit, Lebensfreude und Glück. Wie konnte das sein? Die Gerüchte über seinen mysteriösen Tod verbreiteten sich schneller über den Pazifik als der Jet, der seinen Sarg brachte. Einige Gerüchte deuteten darauf hin, dass Bruce an den Folgen des Konsums von Marihuana gestorben sei, was Fragen über seinen Drogenkonsum aufwarf. Andere vermuteten, dass sein bekanntes Experimentieren mit Steroiden seinen Tod verursacht habe. Wieder andere sprachen davon, dass Bruce durch einen tödlichen Schlag eines Auftragskillers ermordet worden sei, eines Experten für orientalische Tötungstechniken. Einige der vorgeschlagenen Erklärungen für seinen Tod schienen plausibel, doch die meisten waren lächerlich. Vielleicht waren die Gerüchte einfach die Art und Weise, wie die Welt der Realität eine Erklärung gab; dass keinem von uns die nächsten fünf Sekunden garantiert sind. Das Leben ist ein Geschenk Gottes. Damals lautete die offizielle Todesursache, die von den Gerichtsmedizinern in Hongkong angegeben wurde, ein Hirnödem, verursacht durch eine Überempfindlichkeitsreaktion auf den Wirkstoff einer Kopfschmerztablette – sehr ähnlich der seltenen Reaktion, die manche Menschen zeigen, wenn sie von einer Biene gestochen werden. Die amerikanischen Ärzte sagten, es sei ein Hirnaneurysma gewesen. Bruce wurde in Seattle beigesetzt, und aufgrund seiner

starken Verbundenheit mit der chinesischen Gemeinschaft fand zuvor eine weitere Trauerfeier in Hongkong statt, an der mehr als zwanzigtausend Anhänger teilnahmen. Ich nahm zusammen mit Bob Wall, Steve McQueen und James Coburn an der Beerdigung in Seattle teil; letzterer war einer von Bruces Privatschülern und hielt eine sehr bewegende Rede über seinen Lehrer.
Nach der Beerdigung flogen Bob, James, Steve und ich im selben Flugzeug zurück, doch der Flug verlief äusserst still. Jeder von uns schien in seine Gedanken versunken zu sein und über die Botschaft nachzudenken, die Bruces Tod für uns bereithielt. Da war er, in Bestform, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, und plötzlich war alles vorbei. Natürlich hatte er sein Ziel erreicht, ein grosser Star zu werden, aber was nützte das seiner wunderbaren Frau und den beiden Kindern, die er zurückliess?
„Nachdem er gestorben war, habe ich viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass das Leben nicht in Jahren gemessen wird, sondern in Errungenschaften. Bruce hatte zwei Ziele im Leben: Erstens wollte er als Kampfsportler anerkannt werden, was ihm natürlich gelang, und zweitens wollte er als Schauspieler anerkannt werden, was ihm ebenfalls gelang. Bruce hat also beide Ziele, die er sich im Leben gesetzt hatte, in einem kurzen Zeitraum von 32 Jahren erreicht. Viele von uns werden 80 Jahre alt und erreichen die Ziele, die wir uns gesetzt haben, nicht.“
Die Pilotfolge der Serie „Kung Fu“ wurde am 14. Oktober 1972 in den USA ausgestrahlt und trug ursprünglich den Titel „The Warrior“. Die Serie basierte auf der ursprünglichen Idee von „El PequeñoDragón“ und war ein grosser Erfolg, durch den sich die Kampfkünste im Westen allmählich verbreiteten. Ironischerweise kam am 17. August 1973, fast einen Monat nach seinem Tod, „Enter the Dragon“ in
New York in die Kinos; zwei Tage später wurde der Film auch in anderen nordamerikanischen Städten gezeigt – der Mythos begann zu entstehen … das Publikum verlangte nach weiteren Filmen mit Bruce Lee. Am 7. August 1974, fast ein Jahr nach der Premiere von „Enter the Dragon“, kam „Die Wut des Drachen“ in die Kinos…
„Ich hatte den Film fast vergessen, bis er in den Kinos angekündigt wurde. Als er in Südkalifornien anlief, beeilten sich viele meiner Schüler, ihn anzusehen; am nächsten Morgen ging ich in eine meiner Schulen, und alle starrten mich an, als könnten sie nicht glauben, dass Bruce mich wirklich nicht getötet hatte; ich fand das sehr lustig, man merkte, dass sie von dem, was sie am Abend zuvor gesehen hatten, beeindruckt waren. Ich glaube, man könnte sagen, dass die Kampfszenen in „Die Wut des Drachen“ in Sachen Realismus und Perfektion das Nonplusultra aller Martial-Arts-Filme waren, die ein Fan je gesehen hat. Bruce Lee hatte zweifellos eine Erfolgsformel für seine Filme gefunden. Die Leute strömten in die Kinos, um seine Filme zu sehen. Das Budget von ‘Die Wut des Drachen’ hatte 240’000 Dollar betragen, und am Ende hatte der Film weltweit über achtzig Millionen Dollar eingespielt.“
Das Bild von Chuck Norris im Kampf gegen Bruce Lee erschien in zahlreichen Publikationen. Im Westen kamen unzählige Martial-Arts-Filme in die Kinos; erneut wurde der amerikanische Koloss 1974 von Golden Harvest engagiert, um erneut den Bösewicht in „Der Tiger von San Francisco“ (Slaughter in San Francisco & Karate Cop) zu spielen. In Südostasien suchten die Studios nach einem Nachfolger

für „Den kleinen Drachen“, doch dieser tauchte nicht auf; als das Genre zu schwächeln begann, brachten sie Filme mit Bruce-Lee-Klonen heraus. Chuck Norris hatte nie vor, ein Hollywood-Star zu werden; tatsächlich hatte er kurz nach Abschluss von „The Turn ofthe Dragon“ in einer sehr bescheidenen US-Produktion mit dem Titel „The Student Teachers“ (1973) mitgewirkt und widmete sich wieder seinem Unterricht und seinen Fitnessstudios. 1977 spielte er zum ersten Mal die Hauptrolle in einem Spielfilm mit dem Titel „Breaker, Breaker“; ein Jahr später kam „Die Tapferen kleiden sich in Schwarz“ in die Kinos. Zum ersten Mal wurde er in der Werbung und in Veröffentlichungen als Nachfolger von Bruce Lee angekündigt. Im Westen hatte das Publikum genug von den vielen chinesischen Produktionen und brauchte einen neuen Helden, der Rest ist Geschichte… Zu Beginn seiner Karriere war es unvermeidlich, dass man ihn mit Bruce Lee verglich und ihn nach seinem Kampfstil fragte…
„Jeet Kune Do ist ein grossartiges System, aber man muss zugeben, dass es nur für Bruce Lee gemacht war. Um es zu entwickeln, integrierte er all jene Techniken, die er von anderen Meistern und Experten gelernt hatte, in ein einziges Kampfsystem; ausserdem schöpfte er viel Wissen aus seiner umfangreichen Bibliothek. Aber ich wiederhole: Jeet Kune Do war nur für ihn geeignet, nur für Bruce Lee; es ist kein System, das ein anderer in die Praxis umsetzen könnte, denn dazu wären sein Genie und sein Talent nötig, und das hat niemand. Aus diesen Gründen kann ich versichern, dass Bruce Lee das JKD war und das JKD Bruce
Lee. Er hinterliess kein Kampfsystem, dem seine Schüler folgen konnten, nicht einmal Dan Inosanto war dazu in der Lage, denn es war so variabel und komplex, dass ich nie erfahren werde, ob es ein System mit Regeln und Grundlagen gibt, denen man folgen kann, um seine Perfektion zu erreichen.“
Jede Kampfkunst hat ihre Besonderheiten und Eigenheiten, die sie von anderen unterscheiden. Was ist im Fall von JeetKune Do das Besondere? Laut Chuck Norris…
„Die Essenz des Jeet Kune Do ist Geschwindigkeit und Explosivität, es gibt nur ein Problem: Nicht jeder verfügt über diese Eigenschaften. Bruce war sehr schnell … er war ein Fanatiker, er war der fanatischste Kampfsportler, den ich je gekannt habe, er lebte es, er atmete es, von morgens bis abends war sein Geist nur auf Kampfsport ausgerichtet. Was ihn so grossartig machte, war, dass er nicht in der Tradition stehen blieb. Er suchte immer nach Wegen, sich selbst zu perfektionieren. Er liebte das Leben, genoss jeden Augenblick, war ein sehr optimistischer Mensch, wurde angesichts nichts jemals pessimistisch, hatte viel Energie, eine enorme Energie, die er auf andere übertrug.“
Der Kampf des Jahrhunderts hat sich in das Gedächtnis

Tausender Zuschauer eingebrannt. Natürlich wurde Chuck Norris mehr als einmal nach dem Kampfkunstniveau seines Freundes und Trainingspartners gefragt, vor allem zu Beginn seiner Karriere, als diese Frage immer wieder auftauchte: Was wäre in einem echten Kampf zwischen den beiden passiert? Seine Antwort war im Grossen und Ganzen immer dieselbe… „Ich weiss nur, dass die Kampfkünste dank Bruce Lee weltweit bekannt wurden und dass er ein Genie auf diesem Gebiet war. Jetzt ist er tot, und ob er mich oder einen Schwergewichtler hätte besiegen können, spielt keine Rolle.“
Sicherlich ist es Bruce Lee zu verdanken, dass die Kampfkünste heute weltweit bekannt sind; ohne ihn hätten sie niemals die Verbreitung erreicht, die sie heute haben. Deshalb ist er ihre unbestrittene Ikone, eine Position, die er seit mehr als 40 Jahren einnimmt. Alles andere war und ist Nebensächlichkeit, die zu nichts führt. Unbestritten ist, dass seine Filme bis heute unübertroffen sind und dass kein anderer Schauspieler, trotz der Weiterentwicklung der Kampfkünste, in der Lage war, ihn zu entthronen. Und so wie es um dieses Filmgenre steht, gibt es kurzfristig keinen Nachfolger. Lang lebe also der „King“ – niemand hat jemals so viel für die Kampfkünste getan.



Don und Christine Rodrigues veranstalteten die 44. jährlichen Ocean State Grand Nationals, eine Veranstaltung der NASKA World Tour, die vom 10. bis 12. April 2026 im Crowne Plaza Hotel in Warwick, Rhode Island, stattfand. Die Ocean State Grand Nationals präsentierten bei dieser hochkarätigen Veranstaltung einige der besten Talente der Kampfkunst, bei der Eliteathleten um begehrte Weltmeistertitel kämpften.

In einer elektrisierenden Atmosphäre war der Abend geprägt von intensiven Wettkämpfen in verschiedenen Kategorien, darunter Formen, Waffen und Punkt-Sparring sowie Mannschaftswettbewerbe.
Die diesjährige Veranstaltung hatte definitiv internationales Flair, mit Teilnehmern aus den gesamten USA, Kanada, Guatemala, der Dominikanischen Republik, Puerto Rico, Mexiko, Ungarn, Deutschland, Venezuela und Griechenland!

Die Abendshow am Samstag begann mit einer spannenden Vorführung des Demo-Team-Meisters Competitive Edge. Anschliessend wurden die beiden besten unterstützenden Schulen mit einem 86-Zoll- und einem 75-Zoll-Smart-TV in Farbe ausgezeichnet! Die Gewinner waren Next Level Martial Arts aus der Bronx, NY, und The Lab aus Rhinebeck, NY. Die Preise wurden vom Ocean State Collision Center gesponsert und von der Familie Zangari sowie dem Bürgermeister von Warwick, Frank Picozzi, überreicht. Die Stadt Warwick war erneut Sponsor des Ocean State, ebenso wie Century Martial Arts, FFM2, die Tori Lynn Andreozzi Foundation, Paul Mitchell Haircare, Ocean State Collision und Asian World of Martial Arts.
Der diesjährige Ehrengast und Preisträger des Legend Award war Weltmeister Pedro „The Axe Man“ Xavier! Eine lange Schlange von Fans stand am Samstag den ganzen Tag über am Stand von Ocean State Collision, um ein kostenloses, signiertes T-Shirt von Pedro zu erhalten. Pedros Lehrer, Meister Joe Pina, kam auf die Bühne, um Pedro gemeinsam mit den Veranstaltern Don & Christine Rodrigues den Legend Award zu überreichen.



Zu den Gewinnern der spannenden Abendshow gehörten: Julia Damascena gewann die Grand Championship in der Kategorie Formen für Mädchen unter 13 Jahren, während Kodi Molina die Gesamt-Grand-Championship in der Kategorie Formen für Mädchen von 14 bis 17 Jahren gewann. Caleb Baschnagel sicherte sich die Grand Championship in der Kategorie Formen für Jungen unter 13 Jahren, während Judah Sagawa sowohl die Gesamt-Grand-Championship in der Kategorie Formen als auch in der Kategorie Waffen für Jungen von 14 bis 17 Jahren gewann. Madalynn Wiersma gewann die Gesamtmeisterschaft im Waffen-Kata der Mädchen unter 13 Jahren und Leopold Aramovich gewann die der Jungen unter 13 Jahren. Amanda Duarte gewann die Gesamtmeisterschaft im Waffen-Kata der Mädchen von 14 bis 17 Jahren. Jake Presley sicherte sich die Gesamtmeisterschaft im traditionellen WaffenKata der Männer. Avery Presley errang ihren ersten Gesamtmeistertitel bei den Erwachsenen im CMX-Waffen-Kata


der Frauen. Phillip Brumme gewann die Gesamt-Meisterschaft der Männer über 18 in der Kategorie CMX-Waffen. Mitchell Street sicherte sich die Gesamt-Meisterschaft der Männer über 18 in der Kategorie Traditionelle Formen. Esteban Tremblay gewann die Gesamt-Meisterschaft der Männer in der Kategorie CMX-Formen mit einem sauberen Durchmarsch! Haley Glass Mancillas sicherte sich die Gesamt-Meisterschaft der Frauen in der Kategorie CMXFormen mit einem sauberen Durchmarsch. Die spannenden Sync-Formen wurden vom Team Revolution gewonnen, und die Sync-Waffen gingen an das Team Paul Mitchell. Bei den traditionellen Formen der Männer siegte Mitchell Street, und bei den Frauen kehrte Maddy Kennaway zurück, um erneut zu gewinnen!
Die Preisträger der Ocean State Hall ofFame 2026 waren Alexander Brooks-Major II, Renee Potter, Anjey Bannon, Ricardo Rodriguez, Elizabeth Dunton (Warwick Tourism), Peggy Oliver (General Managerin des Crowne Plaza Hotels), Jeff Doss und Dr. El-Java Abdul-Qadir. Der Veteran’s Award ging an Herrn John D’Angelo III, der 2006 als Staff Sergeant aus der US Air Force ausschied. Er ist derzeit Träger des 3. Dan (schwarzer Gürtel) im Oki-Ryu Kenpo. Sparring und Super Fights: Victoria Homsani wurde zur Grand Championin im Sparring der Mädchen (16–17 Jahre) gekürt, nachdem sich ihre Gegnerin Sandrine Audy verletzt hatte. Der Sparring-Champion der Jungen (16–17 Jahre) war Luis „Picky“ Rivera, der sich gegen Jahmir Caton durchsetzte. Katana Everett vom Team Paul Mitchell gewann die Gesamtwertung im Sparring und besiegte ihre Teamkollegin Katarina Herman mit 5:2. Die Grand Championship im Leichtgewicht der Männer gewann Enrique Letona gegen seinen Bruder Jason, während die Grand Championship im Schwergewicht der Männer an Dimitrios Economo aus Griechenland ging. Das Team „Top 10 Team USA“ gewann die Team-Sparring-Meisterschaft der Männer nach einem Comeback gegen das Team Paul Mitchell.
Das grosse Finale bildeten die Open-Weight-Meisterschaften der Männer und Frauen, die von Female Fighter Matter Too und Frau Maggie Messina gesponsert wurden. Die Sieger der Männer- und Frauenklassen gewannen jeweils 3’000 Dollar, der Zweitplatzierte 1’000 Dollar, die beiden Drittplatzierten jeweils 500 Dollar und die Finalisten auf den Plätzen 5 bis 8 jeweils 250 Dollar. Stefanie Megerie aus Deutschland sicherte sich den Titel bei den Frauen in einem umstrittenen Finale gegen Katarina Herman aus Kanada. Bailey Murphy aus den USA gewann im Hauptkampf die Super-Fights-Meisterschaft der Männer im offenen Gewicht, indem er Enrique Letona aus Guatemala besiegte.

Die Ocean State Grand Nationals 2026 erwiesen sich als spannendes Ereignis, das das Engagement und das Talent von Kampfsportlern aus verschiedenen Disziplinen unter Beweis stellte. Mit beeindruckenden Leistungen und unvergesslichen Momenten hob der Wettbewerb nicht nur individuelle Erfolge hervor, sondern unterstrich auch den Geist der Kampfsportgemeinschaft. Während sich die Athleten auf zukünftige Wettkämpfe freuen, wird das Vermächtnis der diesjährigen Grand Nationals viele inspirieren. Die Ocean State Grand Nationals 2027 finden vom 2. bis 4. April 2027 statt!










OSS oder OSU:
Meine Ehrerbietung und mein tiefster Respekt
Es gibt ein japanisches Wort, das heutzutage von vielen Menschen, die Kampfsportarten ausüben (insbesondere Karate), häufig verwendet wird. Es ist ein Wort, das mittlerweile fast überall auf der Welt bekannt ist. Dieses Wort lautet OSS oder OSU. Fragt man jedoch verschiedene Kampfsportlehrer nach der genauen Bedeutung dieses Wortes sowie nach seinem Ursprung, also woher es genau stammt, können nur wenige Lehrer eine präzise Antwort auf diese Frage geben. Viele Kampfsport-Experten sowie verschiedene Lehrer, Historiker, sogar Wissenschaftler aus aller Welt diskutieren schon seit geraumer Zeit über dieses Wort und suchen nach einer klaren Antwort auf diese Frage.
Das Wort OSS oder OSU wird in verschiedenen Kampfkünsten auf der ganzen Welt verwendet: in fast allen Karate-Stilen, im amerikanischen Kenpo, im Kajukenbo, im Judo, im Jiu-Jitsu, im Ninjutsu, im Aikido, im Sumo-Ringen, im Sambo, im brasilianischen Jiu-Jitsu, im Teil- und Vollkontakt-Karate, im Kickboxen, im Taekwondo, im Muay Thai, im Kung Fu Sanda, im Kendo, in der Kunst des Kobudō sowie in vielen anderen. Das Wort ist auch vielen Angehörigen der Polizei und des Militärs bekannt und kommt Kämpfern, Boxern, Fechtern sowie MMA-Praktizierenden vertraut vor. Wir können mit Sicherheit sagen, dass sich das Wort OSS (oder OSU) in vielen Kampfkünsten etabliert hat. Einige Trainer werden dir sagen, dass das Wort OSS (oder OSU) ein universeller Ausdruck ist, der nicht nur eine einzige Bedeutung hat, sondern mehrere. So kann das Wort je nach Situation bedeuten: „Ja“, „Ich verstehe“, „Bitte“, „Danke“, „Ich werde es tun“, „Bitte sehr“, und es kann auch als Gruss verwendet werden, wie „Guten Morgen“ oder „Auf Wiedersehen“. Aber ist das wirklich so?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir verschiedene Theorien über den Ursprung dieses Wortes sowie seine wahre Bedeutung in den Kampfkünsten untersuchen. Einige Kampfkunst-Experten werden dir sagen, dass es im Grunde nur drei verschiedene Theorien über den Ursprung dieses Wortes und seine Bedeutung gibt. Dem würde ich nicht zustimmen, denn ich glaube, dass es tatsächlich mehrere Theorien über die Bedeutung dieses Wortes gibt. Beginnen wir jedoch Schritt für Schritt mit unserer Erkundung dieses Wortes.
Das Wort OSS oder OSU wird je nach Land leicht unterschiedlich ausgesprochen und geschrieben. Die meisten Menschen schreiben das Wort als OSS oder OSU; der Unterschied liegt hauptsächlich in der Schreibweise, obwohl beide Formen korrekt und akzeptabel sind. Die tatsächliche Aussprache des Wortes ähnelt eher dem Ausdruck „OHSS“.
Einige Kampfsportlehrer werden Ihnen sagen, dass der Ursprung des Wortes OSS (oder OSU) sowie dessen Verwendung ursprünglich aus Japan stammt, jedoch nicht aus Okinawa, der Wiege des Karate. Diese Behauptung ist nur teilweise richtig. Um dies genauer zu klären, wollen wir zunächst die verschiedenen Theorien über den Ursprung und die Bedeutung dieses japa-

nischen Wortes untersuchen. Eine der bekanntesten Theorien stammt vom Japanisch-Experten Dr. Mizutani Osame, Professor an der Universität Nagoya, der ein Werk mit dem Titel „Japanisch: Die gesprochene Sprache im japanischen Leben“ veröffentlichte. In seinem Werk widmete Professor Dr. M. Osame unter anderem der Untersuchung verschiedener bekannter Begrüssungsformeln, die in Japan verwendet werden, besondere Aufmerksamkeit.
Dr. M. Osame kam in seiner Untersuchung zu dem Schluss, dass das japanische Wort OSS (oder OSU) eine Abkürzung des offiziellen und formellen japanischen Ausdrucks „Ohayogozaimasu“ sein könnte. Die Japaner verwenden diesen Ausdruck nur selten, wenn sie jemanden höflich mit „Guten Morgen“ begrüssen möchten. Dr. M. Osame glaubt auch, dass das Wort OSS (OSU) einen eher umgangssprachlichen Ausdruck darstellen könnte, der hauptsächlich von Männern verwendet wird, wenn sie sich untereinander ansprechen, und dass das Wort in solchen Fällen eine ähnliche Bedeutung hat wie der englische Ausdruck „HEY YA’“. Allerdings könnten wir auch Gründe haben, diese von Dr. Osame veröffentlichte wissenschaftliche Arbeit anzuzweifeln, da wir weder die genaue Anzahl der Teilnehmer der Untersuchung noch deren Alter kennen. Aus diesem Grund bleibt die tatsächliche Glaubwürdigkeit der Studie, d. h. das tatsächliche Ausmass der Verwendung dieses Wortes in den verschiedenen Regionen Japans, ungewiss. Zudem stellt sich eine berechtigte Frage: In welchem Zusammenhang stünde dies mit der Verwendung des Wortes in den Kampfkünsten (Karate, Judo, Sumo, Jiu-Jitsu, Kendo, Aikido)?
Die zweite Theorie stützt sich auf bestimmte historische Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass das Wort OSS von einem Samurai des Saga-Clans, Yamamoto Tsunetomo (1659–1719), auf der Insel Kyushu erfunden worden sein könnte. Der Samurai Tsunetomo ist der Autor des bekannten Buches „Hagakure“, in dem er Aspekte des kriegerischen und spirituellen Lebens der japanischen Samurai-Krieger erläutert. In seinem Buch erwähnt Tsunetomo unter anderem, dass sich die jungen Krieger des Saga-Clans im 17. und 18. Jahrhundert jeden Morgen auf dem Weg zur Schule mit dem Wort OSS begrüssten. Diese Theorie hat jedoch auch ihre Schwächen, denn obwohl sie uns auf die historische Möglichkeit hinweist, dass das Wort OSS von den Samurai verwendet wurde, sagt sie uns in Wirklichkeit nichts über die Bedeutung des Wortes selbst.
Es gibt auch eine dritte Theorie, die nahelegt, dass das Wort OSS (oder OSU) eine Abkürzung des Ausdrucks „Onegaishimasu“ (ausgesprochen oh–na–guy–she–mus) sein könnte, was in einer groben Übersetzung so viel bedeuten würde wie „Bitte kümmere dich um mich“ oder „Ich vertraue mich dir an“. Aber welchen direkten Bezug hätte dies zu den Kampfkünsten? Sinnvoll wäre dies nur in der Situation, in der ein junger Schüler ein Dojo betritt, doch selbst diese Theorie ist mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Einige Trainer behaupten, das Wort OSS (OSU) sei eine höfliche Art, „bitte“ zu sagen, und stelle eine informelle Form des Ausdrucks „onegaishimasu“ dar. Aber ist das wirklich so? Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass das Wort OSS (oder OSU) im Kontext der modernen Kampfkünste tatsächlich diese Bedeutung hat.
Es gibt auch eine vierte Theorie, die vor allem im Kyokushinkai-Karate vertreten wird (obwohl sie auch in anderen Kreisen recht bekannt ist), bekannt als „Osu



noSeishin“. Nach dieser Theorie gilt das Wort OSU (oder OSS) als Abkürzung für zwei Wörter: das Verb „osu“, das „Drücken“ oder „sich mit Kraft anstrengen“ bedeutet, und das Wort „shinobu“, das „Aushalten“ bedeutet. Gibt es jedoch wirklich einen direkten Zusammenhang mit dem Ausdruck „Osu noSeishin“, wenn das Wort „oshi“ eigentlich „sich mit aller Kraft anstrengen“ bedeutet, während „shinobu“ „aushalten“ bedeutet? Daher kann man sagen, dass es zumindest etwas seltsam ist, zu behaupten, das Wort OSU (oder OSS) sei eine Abkürzung. Und wenn ja, von welchen japanischen Wörtern genau wäre es abgekürzt, d. h. von welchem konkreten Ausdruck: „Osu noSeishin“ oder „Oshi Shinobu“?
Was zudem einige Trainer betrifft, die behaupten, das Wort OSU (oder OSS) stehe für den Kriegergeist und spiegele die Bedeutung von Geduld, Entschlossenheit und Ausdauer in den Kampfkünsten wider, so können wir nur sagen, dass uns diese Interpretation nicht ganz überzeugt. Einige KyokushinkaiKarate-Lehrer gehen sogar so weit zu behaupten, dass das Wort OSU (oder OSS) zum ersten Mal innerhalb des Kyokushinkai-Karate selbst auftauchte. Nun, das ist nicht der Fall. Masutatsu Oyama veröffentlichte seine ersten Bücher 1958 in Japan, und erst um 1966 tat er dies in Amerika und Europa. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Wort OSS (oder OSU) in Europa bereits unter Kampfsportlern verwendet. Wie man sieht, weist auch diese Theorie gewisse Mängel auf und gibt keine Antwort auf die grundlegenden Fragen: Stammt das Wort tatsächlich von dort, und was ist seine wahre Bedeutung?
Es gibt auch eine Theorie, die besagt, dass einige Geschichtsbücher darauf hinweisen, dass das Wort bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückreicht, als es erstmals an der Offiziersakademie der Kaiserlichen japanischen Marine auftauchte. Diese Theorie wird jedoch durch eine andere widerlegt, die besagt, dass Miyamoto Musashi, ein berühmter Samurai und Schwertkämpfer, in seinem Buch – „Das Buch der fünf Ringe“ oder „Go Rin No Sho“ – schrieb, dass Samurai OSS/OSU oder ähnliche Ausdrücke verwenden, um ihre innere Kraft zu sammeln sowie ihrem Gegner dreimal Ehrerbietung zu erweisen: vor dem Kampf, mitten im Kampf und nach dem Kampf (der meist tödlich endete). Diese Theorie wird manchmal im BJJ verwendet, und einige Trainer behaupten, dass das Wort OSS/OSU als Kompliment, als Selbstbestärkung und sogar als Bewunderung für die gute Ausführung einer Technik dient. Dies ist jedoch weder die richtige Erklärung noch die korrekte Verwendung des Wortes.
Einige Trainer behaupten, dass das Wort OSS (oder OSU) in bestimmten Filmen aufgetaucht sei, und deuten dies als „Beweis“ für etwas an, erklären jedoch nicht genau, was es angeblich beweisen soll. Sie erwähnen auch einige Köche, die das Wort OSS (OSU) verwenden, sowie bestimmte Fernsehmoderatoren und andere, können aber nicht erklären, in welchem Zusammenhang dies mit den Kampfkünsten steht. Bestimmte Aikido-Lehrer behaupten, das Wort OSS (oder OSU) sei eine Abkürzung für den Ausdruck „Ohayogozaimasu“, was mit „Guten Morgen“ übersetzt wird (laut den Recherchen von Dr. Osame). Diese Behauptung ist jedoch mit grosser Skepsis zu betrachten, da sie eigentlich nichts Sinnvolles erklärt. Einige weltbekannte Kampfkunstmeister lehnen die Verwendung des Wortes OSS (oder OSU) gänzlich ab, da sie es für unpassend, gekünstelt und sinnlos halten.
Unter bestimmten Lehrern sind insbesondere die Worte des bekannten Meisters Fumio Demura (1938–2015) hervorzuheben, der sagte:
„OSS ist kein gutes Wort. Die Leute sagen oft OSS, OSS, OSS. Verstehen sie das Wort? Nicht einmal ich verstehe es ganz. In Japan benutzen nur Gangster dieses Wort ständig.“
Und ja, das stimmt. Nun kommen wir zu den japanischen Gangstern. Vielleicht fragst du dich: Was haben japanische Gangster mit dem Wort OSS (oder OSU) zu tun, und wenn sie überhaupt etwas damit zu tun haben, wie hängt das mit den Kampfkünsten zusammen? Nun, ja, das tut es. Die Yakuza ist die bekannteste japanische organisierte Verbrechergruppe, berühmt für ihre strenge


Hierarchie, ihre Rituale und ihre Tattoos, die den ganzen Körper bedecken. Die bekanntesten Clans sind Yamaguchi-gumi, Sumiyoshi-kai und Inagawa-kai. Sie widmen sich Erpressung, Erpressung, Glücksspiel und anderen illegalen Aktivitäten. Was uns am meisten interessiert, ist die Tatsache, dass sich die Mitglieder dieser Clans üblicherweise mit dem Wort OSS begrüssen. Für sie steht das Wort für Demut und dient als Ausdruck gegenseitigen Respekts. In Japan hatten die Mitglieder der Yakuza Einfluss auf viele Berufsgruppen: Händler, Gastronomen, Metzger, Handwerker sowie die Polizei, Politiker und zahlreiche andere Berufe, darunter auch Kampfsportlehrer. Sie arbeiteten mit einigen Lehrern zusammen, während sie andere sogar erpressten oder als Trainer für ihre Mitglieder einsetzten. Einer der grössten Yakuza-Clans hatte seinen Sitz in Naha, Okinawa. Aus diesem Grund vermeiden Lehrer aus Okinawa oft die Verwendung des Wortes „OSS“, um jegliche Assoziation mit Gangstern oder dem Yakuza-Clan zu vermeiden. Interessanterweise verwenden einige Kampfkunststile aus Okinawa Embleme, die identische oder leicht abgewandelte Versionen der Symbole des Yakuza-Clans sind, insbesondere des Kyokuryukai-Clans. Zu diesen Stilen gehören Uechi-ryu, Shorin-ryu, Kyokushinkai-ryu, Ryu Kyu Kempo, Goshin-ryuKempo, Ryu KokuSeindokan sowie einige Jiu-Jitsu-Stile. Die Yakuza verwendet den Begriff OSS in Anlehnung an den Bushido-Kodex der Samurai, insbesondere an dessen sieben zentrale Tugenden: Meiyo (Ehre), Yu (Tapferkeit), Gi (Integrität), Rei (Respekt), Jin (Mitgefühl), Makoto (Ehrlichkeit und Bescheidenheit) und Chugi (Pflicht und Loyalität). Mit anderen Worten: Sie verbinden die Verwendung von „OSS“ mit dem Bushido-Kodex, der wiederum eng mit den japanischen Kampfkünsten verbunden ist. Die Yakuza ist nicht die einzige mafiöse Organisation, die mit „OSS“ grüsst; sogar einige Zweige der chinesischen Triaden verwenden einen ähnlichen Gruss, bei dem eine Verbeugung mit dem Wort „OSS“ kombiniert wird, insbesondere unter Mitgliedern in Hongkong, Singapur, Malaysia, Taiwan und den Vereinigten Staaten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Japaner die Verwendung des Wortes „OSS“ in der Regel vermeiden, da es direkte Assoziationen mit der Unterwelt weckt. Aus diesem Grund verzichten die meisten darauf, es in der Öffentlichkeit zu verwenden, selbst in ihren Dojos und Kampfsporttrainingszentren.
Zwar verwenden bestimmte Sportgruppen an einigen japanischen Gymnasien und Universitäten das Wort, und auch einige Sportler nutzen es, und es taucht in bestimmten Kampfkünsten auf, doch in den meisten Fällen verwenden Japaner dieses Wort selten ausserhalb von Kampfkunstzentren, d. h. ausserhalb des Dojos, und befürworten seine Verwendung nicht. Dennoch hat sich das Wort OSS (oder OSU) in den Kampfkünsten weltweit fest etabliert. Manche verwenden es häufig, andere sogar übermässig, während wieder andere es eher zurückhaltend einsetzen. Aber weisst du eigentlich, wann dieses Wort in den Kampfkünsten verwendet werden sollte? Nach den ungeschriebenen Regeln sollte es eigentlich viel seltener verwendet werden, als allgemein angenommen wird.
Das Wort wird immer in dem Moment verwendet, in dem du ein Sportzentrum oder Dojo betrittst, sogar schon beim ersten Schritt hinein. Auch wenn zum Zeitpunkt deiner Ankunft niemand im Dojo ist, sagst du beim Eintreten „OSS“ (oder „OSU“) als Verbeugung und Gruss, also als Zeichen des Respekts gegenüber der Kampfkunst, die du praktizierst, und gegenüber dem Dojo selbst. Befinden sich bereits ein Trainer und einige Schüler im Dojo, werden diese mit einem einzigen „OSS“ (oder „OSU“) begrüsst. War der Trainer bei deiner Ankunft nicht im Dojo und betritt es später, wird er separat mit „OSS“ (oder „OSU“) begrüsst. Beim Verlassen des Dojos ist es in der Regel nicht notwendig, dieses Wort zu sagen. Bei Wettkämpfen wird das Wort nur einmal verwendet, entweder beim Begrüssen deines Gegners und seines Trainers oder beim Begrüssen der Kampfrichter. Wenn du erfolgreich bist und auf das Podium steigst, um eine Medaille oder einen Pokal entgegenzunehmen, sagst du OSS (oder OSU) als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber den Organisatoren des Turniers. Sobald du den Wettkampf verlässt, bist du nicht mehr verpflichtet, das Wort zu verwenden.
Wenn du in einem Dojo bist und ein Trainer mit dir spricht oder dir etwas erklärt, bist du nicht verpflichtet, mit dem Wort OSS (oder OSU) zu antworten. Ebenso bist du bei einem Wettkampf, wenn dein Trainer dich anleitet, dir Taktiken, Techniken oder andere
Anweisungen erklärt, nicht verpflichtet, mit OSS (oder OSU) zu antworten. In den Kampfkünsten wird das Wort in diesen Situationen nicht verwendet. Viele Menschen fragen sich daher: Was bedeutet das Wort OSS (oder OSU) im Kontext der Kampfkünste eigentlich? Die Antwort ist ganz einfach. Wenn man mehrere Trainer verschiedener Kampfkünste aus aller Welt bittet, in einfachen Worten zu erklären, was das Wort OSS (oder OSU) für sie im Wesentlichen bedeutet, werden etwa 95 % von ihnen dieselbe Antwort geben: „Meine Ehrerbietung und mein tiefer Respekt“. Manche Trainer verwenden das Wort OSS (oder OSU) sogar am Ende ihrer schriftlichen Korrespondenz als Abschiedsgruss, um dem Adressaten des Briefes ihren tiefen Respekt auszudrücken.
Und schliesslich gibt es hier noch eine weitere Theorie zur Verwendung des Wortes OSS (oder OSU) in den modernen Kampfkünsten, erforscht von Professor David „Sensei“ Stainko aus Kroatien, die auf den ersten Blick völlig seltsam oder sogar absurd erscheinen mag. Als Karate, Judo, Jiu-Jitsu, Aikido, Kendo und

andere japanische Kampfkünste in Europa praktiziert wurden, kam das Wort OSS (oder OSU) etwas später auf. Die europäischen Trainer verstanden, dass das Wort mit einer Verbeugung gegenüber der Person einherging, an die es gerichtet war, als Zeichen des Respekts. Und so unglaublich es auch klingen mag: Das war alles, was sie zu diesem Zeitpunkt über das Wort wussten. Eine Verbeugung, dann das Wort OSS (oder OSU) – und für sie ergab das Sinn. Warum? Weil sie wussten, dass in Japan, als Teil der Etikette, das Verbeugen sehr verbreitet ist. Die Europäer (wie auch andere Westler) verbanden diesen japanischen Brauch jedoch schnell mit einer ihrer eigenen früheren Traditionen, was ihnen das Verständnis und die Akzeptanz erleichterte. Von da an begannen sie, ihn häufig in den Kampfkünsten zu verwenden und integrierten ihn auf natürliche Weise in ihre Praxis.
So benutzten Händler in Deutschland bereits im 17. Jahrhundert einen sehr bekannten Gruss, „Mein Bogen“, und in Österreich wurde derselbe Gruss als „Mein Bucken“ bezeichnet. Dieser Gruss

erfolgte durch eine Neigung des Kopfes oder des Oberkörpers in Richtung der Person, die man begrüßte, und wurde als „meine Verbeugung“ bekannt. Dieser Gruss war nicht nur in Deutschland und Österreich bekannt, sondern auch in der Schweiz, in Ungarn, Kroatien, Slowenien sowie in Teilen Italiens, Belgiens, der Niederlande, der Tschechischen Republik, Polens, Serbiens und sogar Russlands üblich. Mit anderen Worten: Der Gruss „meine Verbeugung“ war ein in ganz Europa weit verbreiteter Brauch. Die europäischen Kampfsportler verbanden diesen vertrauten Brauch des Verbeugens einfach mit einem neuen Wort, OSS (oder OSU), als sie die japanischen Kampfkünste übernahmen. Sie wandten etwas, das ihnen bereits bekannt war, als Lösung für etwas an, das ihnen ansonsten fremd und unbekannt war. Und, was noch wichtiger ist, sie begingen dabei keinen Fehler. Auf diese Weise übernahmen die Europäer nicht nur diesen japanischen Brauch, sondern trugen in gewisser Weise dazu bei, ihn unter Kampfsportbegeisterten auf der ganzen Welt zu verbreiten.
Die Verbeugung steht also für Demut, und die Worte OSS (oder OSU) drücken den tiefen Respekt einer Person gegenüber demjenigen aus, an den sie sich wendet, und dies ist in den Kampfkünsten allgemein anerkannt. Wenn sich jemand mit einer Verbeugung an dich wendet und „OSS“ (oder „OSU“) sagt, vermittelt dieses einfache Wort seinen tiefen Respekt dir gegenüber, und das ist die grösste Anerkennung, die du von einer anderen Person in den Kampfkünsten erhalten kannst. Dieses kurze Wort aus drei Buchstaben bedeutet, wenn es ausgesprochen wird, viel mehr als das Aufzählen von Titeln, mehr als die Verwendung von Rangbezeichnungen und sogar mehr als das Überreichen von Geschenken oder andere Gesten. In den Kampfkünsten beginnt alles mit Respekt. Meine Verbeugung und das gesprochene Wort „OSS“ oder „OSU“ als Zeichen meines tiefen Respekts dir gegenüber sagen alles über mich aus. Ich hoffe, diese Erklärung verdeutlicht, was viele Menschen in den Kampfkünsten häufig sagen und tun, obwohl viele von ihnen nur teilweise oder gar nicht verstehen, warum sie es tun.



IN EISEN GESCHMIEDET
Das Leben, das Vermächtnis und der unerschütterliche Geist von Oberstleutnant Chaim Peer 10. Dan | Krav Maga | Kapap | BJJ | IDF Lotar | Iron Man
Es gibt Männer, die von Widrigkeiten geprägt werden, und es gibt Männer, die sich trotz dieser Widrigkeiten selbst formen. Chaim Peer gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Im Laufe eines Lebens, das Kriege, Meisterschaften, Schulbänke und Kampfzonen umfasste, ist er zu einer der angesehensten und stillen einflussreichsten Persönlichkeiten in den Bereichen israelische Kampfkünste, militärische Ausbildung und menschliche Widerstandsfähigkeit geworden. Für diejenigen, die ihn kennen – und ich habe das Glück, mich zu ihnen zählen zu dürfen –, ist er nicht nur eine Legende. Er ist ein Freund. Ich lernte Chaim über die israelische Rugby-Nationalmannschaft kennen, wo ich als Sporttrainer tätig war und er das Amt des Nationaltrainers innehatte. Schon bei unserer allerersten gemeinsamen Trainingseinheit wurde mir klar, dass dies ein Mann war, wie ich ihn im Sport noch nie getroffen hatte. Sein Wissen über den menschlichen Körper – seine Grenzen, sein Potenzial, seine psychologischen Aspekte – ging weit über das hinaus, was die meisten Trainer jemals in Betracht ziehen. Doch es war sein Charakter, der ihn auszeichnete: Gelassenheit unter Druck, hohe Ansprüche, Grosszügigkeit mit seinem Wissen und eine Herzlichkeit, die jeden Sportler in seiner Umgebung dazu motivierte, besser werden zu wollen.
Fünf Jahre lang reisten wir gemeinsam mit der Nationalmannschaft um die Welt und bestritten internationale Wettkämpfe auf allen Kontinenten. Diese Reisen schufen etwas Tieferes als eine berufliche Beziehung. Sie schufen eine Freundschaft – eine, die auf gemeinsamen Opfern, nächtlichen Gesprächen in fremden Hotelzimmern und jener besonderen Brüderlichkeit beruhte, die entsteht, wenn man sein Land auf der Weltbühne vertritt. Chaim Peer war in jeder Hinsicht ein Teamkollege.
Die Grundlage: Ein kämpferischer Gelehrter
Chaim Peers Geschichte beginnt nicht in einem Dojo oder auf einem Rugbyfeld. Sie beginnt, wie so viele Geschichten seiner Generation, an der Front von Israels verheerendstem Konflikt – dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973. Er war jung, als ägyptische und syrische Streitkräfte am heiligsten Tag des jüdischen Kalenders ihren Überraschungsangriff starteten und Israel so unvorbereitet trafen, dass die Nation bis ins Mark erschüttert wurde. Die Verluste waren katastrophal. Die psychischen Folgen waren unermesslich. Doch genau in diesem Feuer wurde Chaim Peer geschmiedet.
Er ging aus dem Krieg nicht gebrochen, sondern gestählt hervor – so wie Stahl gehärtet wird: härter, schärfer und widerstandsfähiger als zuvor. Diejenigen, die ihn kennen, sagen, er spreche nie viel über jene Tage, doch die Lehren des Krieges sind in allem, was er tut, verankert. Das Bekenntnis zur Vorbereitung. Die Weigerung, eine mentale Niederlage zu akzeptieren. Das Verständnis, dass Ausdauer nicht nur körperlich ist – sie ist eine Entscheidung, die in den tiefsten Kammern des Willens getroffen wird.
Seine militärische Laufbahn führte ihn bis zum Rang eines Oberstleutnants in den israelischen Streitkräften, wo er zu einer der führenden Persönlichkeiten in der Krav-Maga-Ausbildung und der Doktrin des Nahkampfs wurde. Seine Rolle in der Eliteeinheit Lotar (Terrorismusbekämpfung) der israelischen Streitkräfte brachte ihn mit einigen der besten Einsatzkräfte der Welt in Kontakt, und sein Ruf, körperliche Brutalität mit psychologischer Intelligenz zu verbinden, machte ihn zu einem gefragten Ausbilder im gesamten israelischen Verteidigungsapparat.

Nach unseren Jahren auf Tour mit der RugbyNationalmannschaft schloss sich Chaim meinem Dojo an der Universität Tel Aviv an – und hier begann ein neues Kapitel unserer Zusammenarbeit. Was er in den Trainingsraum einbrachte, war außergewöhnlich: eine Synthese aus traditioneller

Kampfkunstdisziplin, kampferprobtem Krav Maga, Kapap (einem älteren System des israelischen Nahkampfs) und einem aufkeimenden Interesse an den Prinzipien des Bodenkampfs, die bald den Kampfsport weltweit verändern sollten.
Das Dojo wurde zu einer Art lebendem Labor. Schüler kamen aus ganz Tel Aviv – Sportler, Soldaten, Zivilisten – und fanden in Chaim einen Ausbilder, der alles verlangte, aber mit

Geduld und Präzision unterrichtete. Bei seinem Ansatz ging es nie um Ego oder Leistung. Es ging immer um Funktion: Was funktioniert? Was übersteht den Kontakt mit einem echten Gegner? Was hält Stress stand?
Als für mich die Zeit kam, zu gehen – um mich der YAMAM, Israels nationaler Eliteeinheit zur Terrorismusbekämpfung, anzuschliessen –, vertraute ich Chaim die Fortführung dessen an, was wir aufgebaut hatten. Er hat es nicht nur aufrechterhalten. Er hat es auf ein neues Niveau gehoben. Der JiuJitsu- und BJJ-Club der Universität Tel Aviv wurde unter seiner Führung zu einer der führenden Kampfsportinstitutionen des Landes, und sein Einfluss reichte weit über die Mauern der Universität hinaus.


Der wahre Maßstab für einen Kampfsportlehrer liegt nicht in seinen eigenen Gürteln oder Trophäen. Er liegt in der Qualität der Schüler, die er hervorbringt. Nach diesem Maßstab steht Chaim Peer in der allerhöchsten Liga.
Zu den prominentesten Namen, die unter seiner Anleitung trainiert haben, gehören Eran Bert, Ido und Roye Pariente – Kämpfer und Trainer, die selbst zu Säulen der israelischen MMA- und BJJ-Community geworden sind. Die von ihm begründete Tradition zieht sich durch Fitnessstudios, Akademien und Militäreinheiten im ganzen Land. Viele der heute führenden MMA-Trainer Israels führen ihre grundlegende Ausbildung direkt oder indirekt auf Chaim Peer zurück. In einem Land, in dem die Kultur der Kampfkünste in den letzten zwei Jahrzehnten explosionsartig gewachsen ist, gehörte er zu den Ersten, die das Fundament legten.
Sein 10. Dan in israelischen Kampfkünsten ist nicht nur eine Anerkennung seiner technischen Meisterschaft, sondern auch seines lebenslangen Beitrags zu dieser Kunstform und zu den Menschen, die sie ausüben. Er hat die Doktrin des Krav Maga, wie sie heute innerhalb der IDF existiert, mitgeprägt und arbeitete dabei eng mit den Institutionen und Einheiten zusammen, die festlegen, wie sich israelische Soldaten auf den Nahkampf vorbereiten. Das Wort „Lotar“ – auf Hebräisch „Terrorismusbekämpfung“ – hat in militärischen Kreisen enormes Gewicht, und Chaim Peers Handschrift ist in weiten Teilen der Ausbildungsphilosophie zu erkennen, die Israels Fähigkeiten zur Terrorismusbekämpfung weltweit Respekt verschafft hat. Er ist zudem Praktiker und Lehrer von Kapap – ein Akronym für Krav Panim el Panim, also Nahkampf – einem der ältesten formalisierten Kampfsysteme, das im Rahmen der israelischen Militärtradition entwickelt wurde. Wo sich viele Ausbilder spezialisieren, verbindet Chaim verschiedene Disziplinen. Sein multidisziplinärer Ansatz, den er „Multi Fight“ nennt, spiegelt die Erkenntnis wider, dass echter Kampf keine Kategoriegrenzen kennt.
Was Chaim Peerbemerkenswert macht – und was ihn von unzähligen Kampfsportlehrern unterscheidet, die von Disziplin sprechen, aber Bequemlichkeit praktizieren –, ist, dass er nie aufgehört hat, sich körperlich auf die Probe zu stellen. In einem Alter, in dem sich die meisten Männer mit seinen Errungenschaften damit zufriedengeben würden, von einer Plattform aus zu unterrichten, nimmt Chaim weiterhin an Marathons und Ironman-Triathlons teil. Er spielt Wasserball. Er trainiert. Er schwitzt. Er leidet bereitwillig.
Das ist keine Eitelkeit. Das ist gelebte Philosophie. Chaim hat längst verstanden, dass Körper und Geist keine getrennten Instrumente sind – sie sind ein System, und dieses System muss unter Belastung aufrechterhalten werden, um unter Druck zuverlässig zu bleiben. Seine Seminare über mentale Ausdauer und Durchhaltevermögen, die er vor Spezialeinheiten und Elite-Sportteams auf der ganzen Welt hält, basieren nicht auf Theorie, sondern auf gelebter, fortwährender Erfahrung. Wenn er davon spricht, Schmerzen zu überwinden, Klarheit jenseits der Erschöpfung zu finden, spricht er als ein Mann, der genau das gestern getan hat und es morgen wieder tun wird. Dieses Bekenntnis zu körperlicher Höchstleistung trotz des Älterwerdens ist selbst eine Form der Lehre. Seine Schüler – seien es Soldaten, die sich auf einen Einsatz vorbereiten, oder Sportler, die einen persönlichen Rekord anstreben – sehen in ihrem Lehrer den Beweis dafür, dass die Grenzen des Körpers weitgehend verhandelbar und nicht festgeschrieben sind. Es ist eine eindringliche Lektion, die ohne ein Wort vermittelt wird.
Der 7. Oktober und die Last des Zeugnisses
Ich sah Chaim bei meinem letzten Besuch in Israel wieder – einem Besuch, der im Schatten der schlimmsten Gräueltat in der Geschichte des Landes seit seiner Gründung stattfand. Am 7. Oktober 2023 überquerten mehr als dreitausend Terroristen aus dem Gazastreifen die Grenze und verübten ein Massaker von erschütternder

Brutalität: Sie mordeten, vergewaltigten, verbrannten Menschen bei lebendigem Leib und entführten Familien. Die Gemeinden des Gazastreifens – Kibbuzim und Kleinstädte, die in einer Art entschlossenem Optimismus am Rande der Gefahr existiert hatten – wurden an einem einzigen Morgen ausgelöscht. Die Nation war gleichermassen von Trauer und Wut erschüttert.
Chaim hatte sich, wie ich es von ihm erwartet hatte, nicht vor dem Schrecken zurückgezogen. Er war ihm entgegenge-

gangen. In den Wochen nach dem Angriff gehörte er zu denen, die Teams organisierten und leiteten, um den Überlebenden zu helfen – den Zivilisten, die das Unerträgliche ertragen hatten, die sich in Schutzräumen versteckt hatten, während ihre Nachbarn vor ihren Augen getötet wurden, die in eine Welt hinaustraten, die bis zur Unkenntlichkeit verändert war. Seine Arbeit war in diesen Momenten nicht militärischer Natur. Sie war menschlich. Er sass bei den Menschen. Er hörte zu. Er half ihnen, auf jede erdenkliche Weise einen Weg zurück zu etwas Festem zu finden.
Als ich ihn sah, konnte ich erkennen, dass die Last all dessen ihn erreicht hatte. Wie hätte es auch anders sein können? Er hatte Dinge miterlebt, die kein Mensch miterleben sollte, hatte Berichte gehört, die an der äussersten Grenze dessen liegen, was Sprache fassen kann. Es lag etwas in seinen Augen, das anders war – eine Schwere, eine zusätzliche Ernsthaftigkeit. Und doch stand er aufrecht da. Er ging weiter voran. Er organisierte das Nächste, plante die nächste Sitzung, bereitete das nächste Seminar vor. Denn genau das ist Chaim Peer.
Als ich ihn beobachtete, dachte ich an den jungen Soldaten, der fünfzig Jahre zuvor den Jom-Kippur-Krieg überlebt hatte. Die Geschichte hatte ihm eine schreckliche neue Prüfung auferlegt, und er begegnete ihr auf dieselbe Weise, wie er jeder Prüfung zuvor begegnet war: mit Präsenz, mit Zielstrebigkeit und mit der stillen Wildheit eines Mannes, der vor vielen Jahrzehnten beschlossen hatte, dass er sich nicht brechen lassen würde.
Es gibt einen Ausdruck auf Hebräisch – Ish Emet –, der so viel bedeutet wie „ein Mann der Wahrheit“. Er weist auf etwas hin, das über Ehrlichkeit im engeren Sinne hinausgeht: eine Art von Integrität, die sich durch alle Bereiche des Lebens eines Menschen zieht und nicht zwischen dem, was vorgetäuscht wird, und dem, was echt ist, unterscheidet. Es ist ein Ausdruck, den ich von Menschen gehört habe, die Chaim Peer in ganz unterschiedlichen Kontexten kannten – als Soldat, als Trainer, als Ausbilder, als Freund –, und er passt mit ungewöhnlicher Präzision zu ihm.
Er spricht nicht von Ehre. Er lebt sie. Seine Loyalität gegenüber seinen Schülern ist absolut. Sein Engagement für die Institutionen und Einheiten, denen er gedient hat, ist unerschütterlich. Seine Bereitschaft, Schwierigkeiten – körperlichen, emotionalen, moralischen – ohne zu zögern zu begegnen, ist keine Pose, sondern ein tiefgreifendes Wesensmerkmal seiner Persönlichkeit. In einer Welt, die Leistung und Image feiert, ist Chaim Peer fast schon aggressiv authentisch.
Die Soldaten, die unter ihm ausgebildet wurden, wissen das. Die Athleten, die an seiner Seite an Wettkämpfen teilnahmen, wissen das. Die Überlebenden, mit denen er nach dem 7. Oktober zusammensass, wissen das. Und diejenigen von uns, die das Glück hatten, ihn einen Freund nennen zu dürfen, wissen es am besten.
Zum Schluss: Was Chaim Peer lehrt
Ich habe viele Jahre in Umgebungen verbracht, in denen Härte die Grundvoraussetzung ist – Militäreinheiten, EliteSportprogramme, Wettkämpfe mit hohem Einsatz. Ich habe viele starke Menschen kennengelernt. Doch Chaim Peer verkör-


pert eine besondere Art von Stärke, die seltener ist als körperliche Kraft oder technisches Können. Es ist die Stärke eines Menschen, der seine Werte so tief verinnerlicht hat, dass Widrigkeiten keinen Schwachpunkt finden, den sie ausnutzen könnten.
Das Dojo, das er an der Universität Tel Aviv leitet, ist nicht nur ein Ort, an dem Menschen das Kämpfen lernen. Es ist ein Ort, an dem Menschen lernen, durchzuhalten – jene innere Struktur aufzubauen, die standhält, wenn alles um sie herum zusammenbricht. Das ist der wahre Lehrplan, und er entspringt direkt dem Leben des Mannes, der ihn vermittelt.
Chaim Peer, Oberstleutnant, 10. Dan, Ironman-Athlet, Trainer von Champions und Diener seines Landes in dessen dunkels-
ten Stunden – er ist im wahrsten Sinne des Wortes aus Eisen geschmiedet. Und er schmiedet auch andere weiter. Es ist eines der grössten Privilegien meines Lebens, ihn meinen Freund nennen zu dürfen.
– Geschrieben zu Ehren von Oberstleutnant Chaim Peer Krieger. Lehrer. Freund.
„Avi – vor lauter Überraschung wäre mir fast das Telefon aus der Hand gefallen. Ich war überwältigt von den Superlativen, die du mir zuteilwerden liessest und über mich geschrieben hast. Als Veteran von vier Kriegen – Jom Kippur, zwei Libanonkriege, die „Iron Swords“ – mit einer Vielzahl von Einsätzen hinter mir, hat mich selbst all das nicht hart genug gemacht, um alles, was du über mich geschrieben hast, aufzunehmen und zu verarbeiten. Nicht umsonst habe ich stets darauf geachtet, die wahre Kameradschaft und Freundschaft, die zwischen einem Menschen und seinen Mitmenschen besteht, zu verinnerlichen und in meinem Charakter zu verankern – und dennoch bin ich so bewegt, dass es mir schwerfällt, die schiere Menge an Güte und standhafter Freundschaft zu verdauen, die aus den Worten, die du geschrieben hast, hervorgeht.
Ich schätze und danke dir zutiefst für das, was du geschrieben hast. Ich wusste gar nicht, dass ich so auf andere wirke oder dass du so über mich denkst. Noch einmal meinen tiefsten Dank und meine herzlichste Wertschätzung für jedes Wort, das du mir in diesem dritten Kapitel meines erfüllten Lebens gewidmet hast.
Als Einzelkind von Eltern, die den Holocaust überlebt haben – die als einzige einer großen Familie aus Ungarn überlebten, die in den Krematorien von Auschwitz-Birkenau in Rauch aufging –, war es mein persönliches Ziel, offenbar ein stilles, stets mit Entschlossenheit zu beweisen, dass mein Volk stark ist, dass es überlebt und dass es keine Möglichkeit gibt, es zu vernichten. Und wenn wahre Freundschaft über sich selbst hinauswächst, wird sie zu einer wichtigen und unverzichtbaren „Ressource“ – zusammen mit der Hilfe für die Schwachen oder diejenigen, die zurückbleibenund zu kämpfen haben.
Wenn ich zurückblicke, bin ich ziemlich stolz auf das, was ich durchgemacht und erlebt habe. Auch wenn wir in den letzten Jahren von einem Volk zu einem „Überrest“ geworden sind.
Avi, noch einmal – vielen Dank und meine tiefste Wertschätzung für das, was du geschrieben hast, und für das, was wir gemeinsam in diesen turbulenten und nicht immer einfachen Jahren durchgemacht haben – im Guten wie im Schlechten.“
— Chaim Peer


Die Seele offenbart sich in Mustern. Nicht in vereinzelten Vorfällen. Nicht in einem einzigen Misserfolg. Nicht in einer schlechten Phase. Sondern in wiederholten Verhaltensweisen im Umgang mit der Wahrheit, der Macht und anderen Menschen.
Das ist wichtig, denn viele Seelen sind unvollkommen, ohne hohl zu sein. Viele Menschen lügen aus Angst und bereuen es später. Viele verletzen andere in ihrer Verwirrung und trauern später darüber. Viele scheitern in der Liebe, weil sie unreif sind, nicht weil sie ausbeuterisch sind. Viele durchleben Phasen der Selbstsucht, ohne sich ganz der Selbstvergötterung hingegeben zu haben.
Deshalb müssen wir kritisch sein. Nicht hysterisch. Nicht vereinfachend. Nicht darauf aus, zu verurteilen.
Doch Unterscheidungsvermögen erfordert auch Mut. Wir dürfen Verhaltensmuster, die eine tiefe moralische Störung offenbaren, nicht entschuldigen, nur weil die Fassade poliert ist. Die äusseren Merkmale von Soziopathie können subtil sein, ja sogar gesellschaftlich belohnt werden. Doch darunter verbirgt sich eine tiefgreifende Verletzung heiliger Beziehungen.
Betrachten wir einige dieser Merkmale – nicht als klinische Checkliste, sondern als moralischspirituelle Anzeichen einer Verleerung.
Eines der trügerischsten Merkmale ist Charme. Viele Menschen glauben, Aufrichtigkeit und Charme seien dasselbe. Das sind sie nicht. Aufrichtigkeit entspringt innerer Kongruenz. Charme kann ohne Wahrheit erzeugt werden. Er kann erlernt, verfeinert, massgeschneidert und eingesetzt werden. Er kann exquisit intelligent und völlig leer sein.

„Viele Menschen glauben, Aufrichtigkeit und Charme seien dasselbe. Das sind sie nicht. Aufrichtigkeit entspringt innerer Kongruenz. Charme kann ohne Wahrheit erzeugt werden.“


Die soziopathische Persönlichkeit studiert Menschen oft so, wie ein Raubtier Bewegungen studiert. Er bemerkt Unsicherheit, Sehnsucht, Eitelkeit, unerfüllte Bedürfnisse, Wunden, Ambitionen, Ängste. Er hört zu, ja – aber nicht unbedingt, um zu verstehen. Oft, um sich einen Überblick zu verschaffen. Um zu verstehen, wo Zugangspunkte existieren. Um zu erfahren, welche Selbstreflexion den Zugang freigibt.
Deshalb können solche Menschen zunächst berauschend wirken. Sie scheinen dich zu sehen. Sie wirken aufmerksam. Sie wirken ungewöhnlich präsent. Doch was sich wie Präsenz anfühlt, ist vielleicht nur Präzision. Was sich wie Intimität anfühlt, ist vielleicht nur eine Einschätzung.
Echte Liebe offenbart das Selbst und ehrt den anderen.
Strategischer Charme offenbart nur das, was nützlich ist, und sucht nach Einflussmöglichkeiten.
Deshalb sind viele verwirrt, nachdem sie einer solchen Person begegnet sind. „Aber sie wirkten so fürsorglich.“ Ja – vielleicht. Eine Darbietung kann überzeugend sein, besonders wenn die andere Person verzweifelt, darauf hofft, dass sie echt ist.
Gewöhnliche Menschen lügen vielleicht unter Druck. Das ist schon falsch. Aber das soziopathische Muster geht noch weiter. Lügen wird zur Atmosphäre. Es ist keine verzweifelte Ausnahme. Es ist ein adaptives Umfeld. Die Person lügt nicht nur, um Konsequenzen zu entgehen, sondern um die Wahrnehmung zu formen, die Kontrolle zu behalten, Verwirrung zu stiften, Überlegenheit zu wahren oder sich an der Macht zu ergötzen.
Die gefährlichsten Lügen sind nicht immer die grössten. Oft sind es die kleinen strategischen Verzerrungen, die sich anhäufen, bis die Realität selbst um die Person herum instabil wird. Eine Geschichte hier, eine Auslassung dort, ein subtiler Widerspruch, eine Korrektur, eine Anschuldigung, eine erfundene Erzählung – bis die Menschen um ihn herum beginnen, an ihren eigenen Wahrnehmungen zu zweifeln.
Die Wahrheit wird zu Ton in seinen Händen. Das ist geistig monströs, denn Wahrheit ist nicht bloss Information. Wahrheit ist die Grundlage jeder Beziehung. Sobald die Wahrheit gewohnheitsmässig verletzt wird, kann keine echte

Gemeinschaft mehr bestehen bleiben. Es mag Anhaftung geben. Es mag Intensität geben. Es mag Abhängigkeit geben. Es mag Verlangen geben. Aber es gibt keine Gemeinschaft, denn Gemeinschaft erfordert Realität.
Christus sagte:
„Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“
Johannes 8,32
Der soziopathische Geist hasst dies, denn die Wahrheit nimmt ihm die Kontrolle. Die Freiheit anderer ist für den Manipulator gefährlich. Er braucht Verzerrung, um seinen Vorteil zu wahren.
Dies ist vielleicht eines der deutlichsten Anzeichen: die Fähigkeit, Emotionen zu nutzen, ohne sich wirklich auf ihre moralische Bedeutung einzulassen.
Ein solcher Mensch weint vielleicht, wenn es nützlich ist, entschuldigt sich, wenn er in die Enge getrieben wird, schmeichelt, wenn es vorteilhaft ist, tobt, wenn er herausgefordert wird, zieht sich zurück, wenn es Panik auslöst, oder gesteht gerade so viel, um das Vertrauen zurückzugewinnen. Das Problem ist nicht, ob Emotionen äusserlich vorhanden sind oder fehlen. Das Problem ist, ob Emotionen mit Wahrheit und Reue verbunden sind – oder lediglich als Instrument dienen.
Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Gefühl von Trauer, weil man entlarvt wurde, und dem Gefühl von Trauer, weil man Unrecht getan hat. Das eine ist Selbstmitleid. Das andere ist Reue.
Der Soziopath mag das Erste lebhaft empfinden. Das Zweite – selten.
4. Die Objektivierung anderer
Hier kommen wir zum Kern der Sache.
Die soziopathische Seele objektiviert. Menschen werden nicht als heilige Gleichgestellte wahrgenommen, sondern als Kategorien: nützlich oder nutzlos, stark oder schwach, bewundernd oder bedrohlich, verfügbar oder hinderlich, profitabel oder entbehrlich.
Diese Objektivierung kann sich sexuell, beruflich, emotional, sozial oder spirituell äussern. Die Form variiert; die Logik bleibt dieselbe. Die Person fragt unbewusst:
Was kann dieser Mensch für mich tun?
Wie kann das mich bestätigen?
Wie kann ich das hier nutzen?

Wie gefährlich ist das für mein Image oder meine Wünsche?
Selten fragt er:
Wie ehre ich diese Seele?
Was ist meine Verantwortung vor Gott in Bezug auf diesen Menschen?
Wie kann ich lieben, ohne zu verbrauchen?
Sobald die Objektivierung dominiert, wird Ausbeutung fast unvermeidlich. Die einzige Frage ist die nach der Art und Weise.
5. Das Fehlen von Reue – oder ihre überzeugende Nachahmung
Reue ist heilig.
Nicht angenehm.
Nicht angenehm.
Aber heilig.
Es ist der Schmerz, der die Seele vor völliger Verderbnis bewahrt. Es ist die innere Stimme, die sagt: Du hast etwas Echtes verletzt. Es ist das Tor, durch das die Reue Einzug hält. Ohne Reue verkalkt die Sünde.
Der Soziopath mag die Folgen bedauern.
Er mag es bereuen, erwischt worden zu sein.
Er mag es bereuen, Zugang, Komfort, Bewunderung oder Kontrolle verloren zu haben.
Aber echte Trauer über den anderen zugefügten Schmerz fehlt oft in alarmierender Weise – oder ist oberflächlich, kurzlebig und wird schnell durch Selbstrechtfertigung ersetzt.
Wenn er damit konfrontiert wird, spiegelt er vielleicht sogar die erwartete Reue wider. Er hat das Drehbuch gelernt:
„Ich weiss, dass ich dir wehgetan habe.“
„Ich hasse mich dafür.“
„Ich habe es nie so gemeint.“
„Ich bin am Boden zerstört.“
„Ich gebe mir Mühe.“
Worte. Manchmal sehr schöne. Aber achte darauf, was folgt.
Ändert sich das Verhalten?
Vertieft sich die Wahrheit?
Nimmt die Verantwortlichkeit zu?
Zeigt sich Demut?
Fügt er sich Grenzen, Konsequenzen und der Bloßstellung?
Oder beginnt der Kreislauf einfach von vorne?
Wahre Reue trägt Früchte.
Leistung strebt nach Wiedereinstieg.
Eines der sichersten Anzeichen ist nicht bloss das Fehlverhalten, sondern die Art der Reaktion, die entsteht, wenn das Fehlverhalten benannt wird.
Die gesunde, aber unvollkommene Seele mag sich zunächst vertei-
digen, ja. Viele tun das. Aber wenn das Gewissen lebendig ist, dringt die Wahrheit schliesslich durch. Scham kommt auf. Die Reflexion beginnt. Demut ist möglich.
Das soziopathische Muster reagiert jedoch oft auf die Aufdeckung mit Wut, Verachtung, Spott, Umkehrung oder kalkulierter Vergeltung. Warum? Weil die Aufdeckung die falsche Souveränität bedroht. Genau gesehen zu werden, ist unerträglich. Also greift die Person den Spiegel an.
Sie mag Sie als verrückt bezeichnen.
Instabil.
Unfair.
Beleidigend.
Schwach.
Besessen.
Unversöhnlich.
Er muss den Zeugen diskreditieren, denn die Wahrheit selbst ist der Feind.
Deshalb fühlen sich diejenigen, die solchen Menschen gegenüberstehen, oft desorientiert, schuldig oder beschämt, selbst wenn sie die Geschädigten waren. Der Manipulator projiziert mit solcher Wucht, dass die moralische Realität verschwimmt.
Das ist geistlicher Kampf auf der Ebene der Beziehung.
7. Die Freude an der Macht über Schwäche
Das vielleicht düsterste Zeichen ist dieses: Der Mensch nutzt Schwäche nicht nur aus, sondern fühlt sich von ihr angezogen, weil sie Macht verspricht. Er sucht vielleicht vertrauensvolle, einfühlsame, idealistische, verletzte oder hingebungsvolle Menschen auf, weil solche Seelen leichter zu binden, zu durchschauen, zu destabilisieren und zu beherrschen sind.
Er spricht das vielleicht nicht offen aus. Er gibt es vielleicht nicht einmal bewusst zu. Aber er fühlt sich lebendiger, wo Asymmetrie herrscht. Gegenseitigkeit interessiert ihn nicht so sehr wie Macht.
Das Ideal der Hwarang steht in völligem Gegensatz dazu. Der wahre Krieger schützt Schwäche; er nährt sich nicht von ihr. Er trägt Stärke in sich, damit andere bestehen können, nicht damit er über die Zitternden thront.
Deshalb ist Soziopathie in ihrem Kern anti-kriegerisch. Sie mag Disziplin, Entschlossenheit, Gelassenheit und Wagemut imitieren –doch sie ist geistig feige. Sie beutet aus, anstatt zu schützen. Sie nutzt aus, anstatt zu dienen. Sie strebt nach Überlegenheit, nicht nach Verantwortung.
8. Die Unfähigkeit, sich zu verneigen
Hier gelangen wir zum tiefsten Zeichen von allen.
Die soziopathische Seele kann sich nicht wirklich verneigen. Nicht innerlich.

Er mag Unterwerfung vortäuschen, wenn es vorteilhaft ist. Er mag Autoritäten schmeicheln. Er mag Ehrerbietung vortäuschen. Er mag die Heilige Schrift, Philosophie, Moral, Psychologie, ja sogar die Demut selbst zitieren. Aber innerlich bleibt das Selbst auf dem Thron.
Sich zu verneigen bedeutet, zu akzeptieren, dass man nicht souverän ist.
Sich zu verneigen bedeutet, die Wahrheit über das Verlangen zu stellen.
Sich zu verneigen bedeutet, dassselbst Gott, dem Gewissen, der moralischen Ordnung und der Rechenschaftspflicht zu unterwerfen.
Die soziopathische Persönlichkeit widersetzt sich dem von Grund auf. Er mag von Macht, Religion, Ritualen, Hierarchien oder Symbolik fasziniert sein – aber nur, wenn diese vereinnahmt werden können. Echte Hingabe ist unerträglich, weil sie Entthronung erfordert.
Und genau das muss geschehen, damit Erlösung möglich ist. Der falsche König muss abtreten.
Bis dahin bleiben alle Züge Zweige desselben vergifteten Baumes: das auf den Thron gehobene Selbst, das begrabene Herz, die Weigerung, sich zu verneigen.
Das ist Soziopathie in ihrer moralisch-spirituellen Form.
Nicht bloss Fehlverhalten.
Nicht bloss eine Persönlichkeit.
Sondern ein Leben, das auf die Bewahrung und Ausdehnung des Selbst ausgerichtet ist, auf Kosten von Liebe, Wahrheit und Ehrfurcht.
Und nun müssen wir die Frage hinter der Frage stellen: Wie erhellt die Heilige Schrift diese Dunkelheit?
Teil IV: Die Heilige Schrift und die soziopathische Seele
Die Bibel verwendet nicht den modernen Begriff „Soziopathie“. Sie geht tiefer.
Sie offenbart die Anatomie des gefallenen Herzens.
Die Schrift ist nicht nur daran interessiert, Symptome aufzulisten. Sie legt das Wesen bloss. Sie geht hinter das Verhalten bis hin zur Herrschaft – zu der Frage, was den Menschen beherrscht. Ist es die Wahrheit oder die Begierde? Gott oder das Selbst? Liebe oder Stolz? Ehrfurcht oder Rebellion?
In diesem Sinne spricht die Heilige Schrift mit beunruhigender Präzision über den soziopathischen Zustand.
Das verhärtete Herz
Immer wieder warnt die Bibel vor der Verhärtung des Herzens.
Ein verhärtetes Herz ist nicht nur ein starkes Herz. Es ist keine Widerstandsfähigkeit. Es ist keine Disziplin. Es ist ein Herz, das sich der Wahrheit so oft widersetzt hat, dass seine Empfänglichkeit nachlässt. Überzeugungen dringen nicht mehr zu ihm durch. Barmherzigkeit macht es nicht mehr weich. Leiden lehrt es nichts mehr. Das Leben anderer Menschen hat für es keine heilige Bedeutung mehr.
Der Pharao ist eines der grossen biblischen Porträts dieses Zustands. Er sieht Leid. Er verursacht Leid. Er wird gewarnt. Er wird zur Rede gestellt. Er erlebt die Folgen. Und doch macht er weiter. Warum? Weil sein Herz verhärtet ist. Macht ist ihm wichtiger als die Wahrheit. Kontrolle ist ihm wichtiger als Gerechtigkeit. Sein eigener Wille ist ihm wichtiger als die Schreie der Unterdrückten.
Das ist das soziopathische Prinzip in spiritueller Sprache.
Ein Herz kann sich so sehr der Selbstherrschaft verschreiben, dass selbst die Realität, Plagen, Warnungen und Verwüstung es nicht demütigen können.
Paulus schreibt von denen, deren Gewissen „wie mit einem heissen Eisen eingebrannt“ ist (1. Timotheus 4,2). Was für ein Bild. Ein Gewissen, das verbrannt ist. Vernarbt. Abgestumpft. Unempfindlich, wo Empfindsamkeit bleiben sollte.
Das ist die Folge wiederholter Sünde ohne Reue. Zunächst sticht das Gewissen. Dann warnt es. Dann protestiert es. Doch wenn es lange genug ignoriert wird, schwächt sich seine Stimme ab. Nicht weil sich die Moral geändert hat – sondern weil die Empfindsamkeit beschädigt wurde.
Die soziopathische Seele ist nicht bloss unwissend in Bezug

auf Recht und Unrecht. Oft hat sie Recht und Unrecht so oft ausser Kraft gesetzt, dass der innere Zeuge fast unzugänglich ist. Deshalb scheitern Argumente allein oft. Man hat es nicht einfach mit falscher Argumentation zu tun, sondern mit abgestumpftem moralischem Empfinden.
Wölfe im Schafspelz
Christus warnte:
„Hütet euch vor falschen Propheten. Sie kommen zu euch im Schafspelz, aber innerlich sind sie reissende Wölfe.“
Matthäus 7,15
Dies ist eine der deutlichsten spirituellen Beschreibungen der Tarnung von Raubtieren. Die Gefahr besteht nicht nur darin, dass das Böse existiert, sondern dass es sich mit Unschuld, Sanftmut, Spiritualität und sogar Dienstbarkeit verkleiden kann.
Der Wolf kündigt sich nicht an. Er dringt durch Vertrauen ein. Deshalb ist Unterscheidungsvermögen für den Krieger oder den Gläubigen kein Luxus. Man muss lernen, nicht nur auf Worte, das Äussere, die Intensität, den Charme, das Wissen oder die Gefühle zu achten – sondern auf die Früchte.
Christus fährt fort:
„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“
Matthäus 7,16
Nicht an ihrem Wortschatz.
Nicht an ihren Tränen.
Nicht an ihren Versprechen.
Nicht an ihrem Selbstvertrauen.
An ihren Früchten.
Werden die Menschen um sie herum freier oder verwirrter?
Stärker oder geschwächt?
Ehrlicher oder unsicherer?
Ganzheitlicher oder ausgenutzter?
Die Frucht offenbart das Wesen.
Paulus’ Beschreibung in 2. Timotheus 3 ist erschreckend aktuell:
„Die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldgierig, prahlerisch, hochmütig, beleidigend… undankbar, gottlos, lieblos… verleumderisch, zügellos, grausam, das Gute nicht liebend…“
Beachten Sie, wie Selbstliebe, wenn sie aus dem Gleichgewicht gerät, zur Quelle der Verderbnis wird. Das Problem ist nicht die angemessene Würde. Es ist das Selbst als Besessenheit, das Selbst als Idol, das Selbst als alles beherrschender Mittelpunkt. Sobald das Selbst zum Gott wird, wird jede Beziehung verzerrt.
Die soziopathische Seele ist die extreme Entfaltung dieses Prinzips.

Die Abwesenheit von Liebe
Paulus schreibt:
„Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.“
Römer 13,10
Einfach. Absolut. Unbequem.
Nicht, dass Liebe niemals konfrontiert, niemals züchtigt, niemals falsch idealisierten Trost verletzt. Aber Liebe nutzt Schaden nicht als Mittel zur Selbstverherrlichung. Sie findet keine Freude daran, andere zu destabilisieren. Sie verzehrt sie nicht. Sie manipuliert ihre Würde nicht zum Vergnügen oder zum eigenen Vorteil.
Wo wiederholt Schaden zugefügt wird, ohne dass Reue gezeigt wird, fehlt die Liebe, ganz gleich, welche Worte gesprochen werden.
Und wenn Liebe fehlt, fehlt Gott im Zentrum – denn „Gott ist Liebe“ (1. Johannes 4,8). Keine Sentimentalität. Keine Nachsicht. Kein romantisches Theater. Sondern heilige, aufopfernde, wahrhaftige Liebe.
Deshalb ist die soziopathische Seele nicht einfach nur psychisch gestört. Sie ist geistlich entfremdet. Sie hat sich von jenem Leben der Liebe abgeschnitten, das die Persönlichkeit ganz macht.
Die dämonische Logik der Anschuldigung und Umkehrung
Die Schrift nennt Satan „den Vater der Lüge“ (Joh 8,44) und „den Ankläger“. Das sind keine zufälligen Beschreibungen. Lügen und Anschuldigungen sind zwei der wichtigsten Werkzeuge, mit denen die Realität auf den Kopf gestellt wird. Der Schuldige wird zum Opfer. Der Wahrhaftige wird als unzuverlässig dargestellt. Der Unschuldige wird zum Verdächtigen. Der Unterdrückte wird zum Täter.
Kommt Ihnen das bekannt vor?
Viele soziopathische Manipulationen folgen dieser Logik. Nicht weil jeder solche Mensch in irgendeinem sensationellen Sinne „dämonisch“ ist, sondern weil die geistige Struktur der Verzerrung mit Falschheit, Anklage, Umkehrung und Herrschaft einhergeht. Die Realität wird nicht angenommen; sie wird verdreht. Die Wahrheit wird nicht geachtet; sie wird als Waffe eingesetzt.
Sowohl der Krieger als auch der Gläubige müssen dies klar erkennen.
Das Heilmittel: der Tod des falschen

Wenn die Heilige Schrift das Problem tiefgreifend diagnostiziert, offenbart sie auch das einzig wahre Heilmittel.
Nicht blosse Selbstverbesserung.
Keine Imagepflege.
Kein Verhaltensmanagement.
Nicht strategische Reue.
Das Heilmittel ist Tod und Wiedergeburt.
Christus sagt:
„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Lukas 9,23
Das ist für die soziopathische Struktur unerträglich, denn es verlangt genau das, was das Hohle Selbst am meisten fürchtet: die Entthronung.
Sich selbst zu verleugnen, bedeutet nicht, sich selbst zu hassen. Es bedeutet, auf die falsche Herrschaft des Egos zu verzichten. Aufzuhören, die Begierde zum König zu machen. Aufzuhören, die Kontrolle zu verehren. Aufzuhören, das Selbst um jeden Preis zu bewahren. Dem falschen Selbst zu sterben, damit ein wahres Selbst – in Gott verankert – leben kann.
Es gibt kein anderes Heilmittel. Nicht letztendlich.
Therapie kann helfen.
Konsequenzen können zügeln.
Erkenntnis mag Klarheit schaffen.
Aber solange der falsche Thron nicht aufgegeben wird, bleibt die Wurzel bestehen.
Deshalb ist Christus die endgültige Antwort auf Soziopathie – nicht, weil er ein religiöses Gewand bereitstellt, sondern weil er allein die tiefste Rebellion offenbart und heilt: die Inthronisierung des Selbst über Gott und die Ausnutzung anderer im Dienst dieses Throns.
Am Kreuz wird jede falsche Macht entlarvt.
Jede Manipulation wird gerichtet.
Jeder Stolz wird gedemütigt.
Alle Ausreden verglühen.
Und die Einladung bleibt bestehen:
Bow.
Bekenne.
Stirb dem falschen Selbst.
Werde neu.
Doch nur wenige wollen dies, denn es ist kostspielig. Es ist keine kosmetische Anpassung. Es ist die Kreuzigung des Egos.
Dennoch gibt es keinen leichteren Weg zum Leben.

“Viele soziopathische Manipulationen folgen dieser Logik. Nicht weil jede solche Person in irgendeinem sensationellen Sinne ‚dämonisch‘ ist, sondern weil die spirituelle Struktur der Verzerrung mit Falschheit, Anschuldigung, Umkehrung und Dominanz einhergeht. Die Realität wird nicht wahrgenommen; sie wird verdreht. Die Wahrheit wird nicht geachtet; sie wird als Waffe eingesetzt”



DAS PITAGORISCHE DENKEN ANGEWANDT AUF DIE KAMPFKÜNSTE DES IONISCHEN RAUMS
Die Mathematik ist die Art und Weise, wie wir die Welt beschreiben, Wissen ordnen, unsere Umgebung verstehen und Thesen und Vorhersagen entwickeln. Galileo sagte, die Natur sei ein Buch aus mathematischer Mathematik. Viele von uns glauben, Mathematik sei nur Rechnen, doch sie ist eine effektive Denkweise, um funktionale Zusammenhänge zum Verständnis von Phänomenen herzustellen, eine grosse Menge an Informationen zusammenzufassen und wiederkehrende Muster zu erkennen, die uns Vorhersagen ermöglichen. Die grossen italienischen Fechtmeister haben immer gesagt, dass Mathematik und Geometrie die Grundlagen der Schwertkunst sind. Für Pythagoras ist alles Zahl, nicht im abstrakten, sondern im praktischen Sinne, denn alles war in Zahlen ausdrückbar: der Klang, die Natur, der gesamte Kosmos. Im Geiste der Lehren des Meisters der Vergangenheit werden wir sein Denkmodell auf das Fechten der ionischen Region anwenden und das Programm, die wesentlichen Aktionen, die Taktiken und Strategien in einer numerischen Skala zusammenfassen. Auf dieser Skala drückt jede Zahl eine oder mehrere Aktionen aus, die das grundlegende Gefüge der tödlichen Kunst bilden. Auf diese Weise erhält man einen Gesamtüberblick über die ionische Kurzschwertkunst, ermöglicht aber auch unserem Gehirn, funktionale Beziehungen zwischen den einzelnen Aktionen herzustellen. Schauen wir uns konkret an, wovon wir sprechen, indem wir die Konzepte, Strategien und technischen Aktionen im Zusammenhang mit dem „Niemerp“ darlegen. Wir erinnern daran, dass der Begriff nicht das ist, was wir im Alltag darunter verstehen, sondern die Synthese eines Gedankenkonzepts, das es ermöglicht, die Erfahrung zu ordnen.


•Die Zahl 1. Für Pythagoras war sie die Monade, der Ursprung und sogar Gott selbst. In unserem ionischen Fechten steht sie für den Punkt, also den Spitzenstoss, auch „Punta“ genannt. Mit dieser Zahl ist auch die kreisförmige Bewegung verbunden, die, wie wir später sehen werden, am Ende der Skala, also bei der Zahl 10, besser entwickelt und zum Ausdruck gebracht wird.
•Die Zahl 2 ist für Pythagoras das Weibliche, sie steht für die Dualität. Im ionischen Fechten ist sie die Vereinigung zweier Punkte, wodurch eine Linie entsteht, nämlich der Hieb. Dieser kann drei Richtungen haben: vertikal, horizontal und diagonal, und für jede davon zwei Richtungen: aufwärts oder abwärts, oder von rechts nach links und umgekehrt. Die Zahl zwei steht auch für die beiden grundlegenden Griffe: den geraden und den umgekehrten. Diese Techniken betreffen nicht nur das Messer, sondern auch andere Waffen wie Macheten unterschiedlicher Grösse und sogar Schlagwaffen wie Stöcke oder Eisenstangen. Die Zahl zwei steht auch für die Teilung in zwei Teile; mit diesem binären Konzept ist die grundlegende Teilung des menschlichen Körpers in zwei Hälften verbunden. Wir beziehen uns auf die sogenannte Mittellinie, also eine imaginäre Linie, die sowohl meinen Körper als auch den des Gegners in Längsrichtung teilt. Diese Vorstellung ermöglicht eine effektive Verteidigung, indem Angriffe, die von rechts oder von links auf das Ziel zukommen, sofort klassifiziert werden.
•Mit der Zahl 3 verbinden wir bei Pythagoras das Männliche, aber auch die Harmonie. Im ionischen Fechten beginnen wir, den Kampfraum in drei Distanzen zu unterteilen: die lange, die mittlere und die kurze. Manchmal kann es nützlich sein, den Raum in drei konzentrische Kreise zu unterteilen, wie es die italienischen und spanischen Meister der Renaissance tat.
•Die Zahl 4 gibt uns die Möglichkeit, das Ziel in vier Quadranten zu unterteilen. Dabei muss man sich den Körper des Gegners vorstellen, der von einer vertikalen Linie – der bereits erwähnten Mittellinie – und einer horizontalen Linie durchschnitten wird, die diese schneidet und so ein Kreuz bildet. Das Kreuz erzeugt vier Quadranten, in die die Angriffe des Gegners gelangen können. Diese Einteilung ermöglicht eine effektive Organisation von Paraden oder Ausweichmanövern. Man bedenke, dass diese Unterteilung in den Arnis-de-ManoSchulen auf den Philippinen unverändert erhalten geblieben ist.
•Die Zahl 5 verweist zunächst auf die fünf grundlegenden Körperbewegungen, die mittlerweile weltweit als „Footwork“ bezeichnet werden: den Vorwärtsschritt (Step und Slide), der dadurch erzielt wird, dass man den vorderen Fuss ausstreckt und den hinteren gleiten lässt, um den Abstand zwischen den Füssen wieder auf den Ausgangswert zu bringen. Der zweite Schritt ist der Rückwärtsschritt: In diesem Fall wird der hintere Fuss nach hinten gestreckt und der vordere Fuss herangezogen, um wieder den gleichen Abstand wie zu Beginn zu erreichen. Der dritte Schritt ist der Seitenschritt in Richtung des Rückens: Wenn wir beispielsweise den rechten Fuss vorne haben, bewegen wir ihn nach rechts, und anschliessend bewegt sich auch der linke Fuss nach rechts, um eine Position zu erreichen, die der Ausgangsposition entspricht, wobei sich jedoch der gesamte Körper nach rechts verlagert hat. Der vierte Schritt ist der Brustschritt: Befindet sich beispielsweise der rechte Fuss vorne, bewegen wir zuerst den hinteren Fuss (den linken) und richten dann den rechten Fuss wieder auf unsere linke aus; so verschieben wir den gesamten Körper nach links. Schliesslich können wir den fünften Schritt als Kompassschritt oder Stierkämpferschritt (wie er in alten Boxbüchern genannt wird) oder Drehschritt und sogar als japanisches TAI SABAKI bezeichnen. Dabei dreht man sich auf dem vorderen Fuss und führt mit dem hinteren Fuss einen Viertelkreis aus, wodurch die Ausrichtung des gesamten Körpers verändert wird. Der Drehschritt kann auch auf dem hinteren Fuss ausgeführt werden; in diesem Fall wird der Kreisbogen vom vorderen Fuss ausgeführt. Mit
dieser Technik verbinden wir auch die 5 grundlegenden Paraden: niedrige Innenparade, niedrige Aussenparade, hohe Aussenparade, hohe Innenparade über dem Kopf.
•Mit Nummer 6 ist die erste Kombination verbunden, die wir als 3+3 zusammenfassen könnten. Das Ziel wird durch zwei horizontale Linien unterteilt, wodurch drei Bereiche entstehen: ein unterer, ein mittlerer und ein oberer. Man trainiert, jeden dieser drei Bereiche von jeder der drei Entfernungen – der langen, der mittleren und der kurzen – auszuerreichen.
•Mit der Nummer 7 ist die Kombination der 5 Spitzen mit dem Schnitt der Nummer 2 verbunden, wir haben also 5+2. Wir erinnern uns ausserdem daran, dass die Schnitte drei Richtungen folgen: horizontal, vertikal und diagonal.
•Wir sind bei der Zahl 8 angelangt, die den Mittelweg zwischen dem Quadrat und dem Kreis darstellt, nämlich das Achteck. Eine Form, die sowohl den Chinesen als auch unserer Templertradition am Herzen liegt. Ohne uns in Esoterik zu verlieren: Die Zahl 8 wurde häufig verwendet, um die acht Schläge des Schwertes zu bezeichnen; auch im Westen leitete das Sternchen die Schüler bei der Ausführung der Schläge an. Im Film „Mortal Arts“ lehrt der Messermester seinen Schüler, wie man die Klinge führt, indem er sie über das auf den Spiegel gezeichnete Sternchen bewegt. Im Judo wird dieses Symbol verwendet, um die acht Richtungen für das Ungleichgewicht „Happo No Kusushi“ verständlich zu machen. Die Fussarbeit in den acht Richtungen ermöglicht nicht nur Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen sowie Seitwärtsbewegungen nach rechts und links, sondern auch diagonale Schritte, die eine Verschmelzung der beiden vorherigen Bewegungen darstellen.
•Die 9 ist die letzte Zahl vor den Zehnern und wird deshalb als die esoterischste bezeichnet. Auf der praktischen Ebene, die uns hier am meisten interessiert, lässt sich die Neun auf verschiedene Weise unterteilen; sehen wir uns einige davon an: 2+1+3+3 – übersetzt bedeutet dies: 2 steht für die Hiebtechniken, 1 für die Spitze, die erste 3 für die drei Entfernungen und die zweite 3 für die drei Höhen. Eine weitere interessante Unterteilung ist 5+4; damit wird die Fähigkeit bezeichnet, die 5 Spitzen in den 4 Quadranten zu nutzen, in die das Ziel unterteilt ist. Lassen Sie mich noch eine weitere der unzähligen Möglichkeiten veranschaulichen, die die Zahl 9 bietet: die 8+1. Schauen wir uns an, was das bedeutet. Mit der Zahl 8 sind die 8 Richtungen gemeint, während sich die 1 auf die Spitze bezieht. Es geht darum, zu lernen, mit der Spitze zu treffen, während man die 8 Bewegungen ausführt – einen Schlag in jede Richtung, natürlich vorwärts, rückwärts und mit Handwechsel, um bei Bedarf mit der linken Hand zu schlagen.
•Die letzte Zahl, die wir betrachten, ist die Zahl zehn, die pythagoreische Tetraktys, gebildet aus 1+2+3+4. Sie wird durch ein gleichseitiges Dreieck dargestellt, dessen Basis aus 4 Punkten besteht, über denen 3 Punkte, dann 2 und schliesslich 1 liegen. Dieses Dreieck kann in einen Kreis eingeschrieben werden, der dadurch in drei gleiche Teile von je 120° geteilt wird. Im ionischen Fechten steht die 10 für die Beherrschung des Wissens, das durch die in den vorhergehenden Zahlen zusammengefasste Erkenntnis zum Ausdruck kommt. Damit verbinden wir kreisförmige Bewegungen wie Ausweichmanöver oder Gegenausweichmanöver, aber auch Handbewegungen mit der bewaffneten und der freien Hand.
Wenn wir diese Beziehungen zwischen Zahlen und Bewegungen im Hinterkopf behalten, können wir verstehen, was wir tun und wie wir eine Aktion funktional mit einer anderen verbinden können, was nicht immer erklärt oder hervorgehoben wird. Dieser gedankliche Vorgang erleichtert nicht nur das Lernen, sondern auch das Einprägen eines umfangreichen Programms wie dem des ionischen Fechtens, das seine Wurzeln im antiken Magna Graecia hat.





Québec Open 2026: Ein führendes Kampfsport-Event in Nordamerika
Die Québec Open International Martial Arts Championship brachte die Kampfsportgemeinschaft erneut zu einer Grossveranstaltung zusammen, die vom 23. bis 25. April in der PEPS-Anlage der Laval University stattfand.

Bei ihrer 43. Ausgabe begrüßte die Québec Open fast 1’000 Teilnehmer aus über einem Dutzend Ländern und bestätigte damit ihren Status als eines der führenden internationalen Turniere Nordamerikas. Als einzigartiges und sich ständig weiterentwickelndes Event spielt sie eine Schlüsselrolle bei der Förderung eines gesunden Lebensstils, der Förderung des Spitzensports und der Präsentation von Québec City auf der internationalen Bühne.
In diesem Jahr galten in allen Klassen die NASKA-Regeln, wodurch sich die Québec Open als offizielle Station der World Tour etablierten, die für ihre hohen Standards und ihre professionelle Organisation bekannt ist. Darüber hinaus trugen die Klassen im Continuous Fighting (Light Contact) sowie eine Vielzahl von Wettkampfformaten zum Gesamterlebnis bei.
Die Québec Open zeichnen sich zudem durch ihre pädagogische Komponente aus, mit hochkarätigen Seminaren, die allen Praktizierenden offenstehen. Diese Veranstaltungen bieten wertvolle Möglichkeiten zur technischen Weiterentwicklung und zum fruchtbaren Austausch innerhalb der Kampfsportgemeinschaft.
Zweifellos bleibt der Höhepunkt des Wochenendes die Finalshow am Samstagabend. Diese „Nacht-Show“, die vor einem beeindruckenden Publikum im Desjardins Amphitheatre präsentiert wird, gilt mittlerweile weithin als die beste Show auf der NASKA-Tour – ein Ruf, der von Zuschauern, Wettkämpfern, Eltern, Veranstaltern und Trainern gleichermassen bestätigt wird. Ihre einzigartige Atmosphäre, die hochkarätige Inszenierung und die unbestreitbare Energie machen sie zu einem Event, das man gesehen haben muss. Für viele ist der Auftritt auf der Bühne der Québec Open zu einem Ziel an sich geworden.
Die Eröffnungsvorführung, präsentiert vom Elite-Team der Studios Unis, gab mit einer kraftvollen Mischung aus Intensität, Präzision und Emotion den Ton an und unterstrich die Tiefe und Kunstfertigkeit der Kampfkünste.
Die Veranstaltung stützt sich zudem auf das Engagement von fast 125 Freiwilligen, darunter eine grosse Zahl von Offiziellen, deren Professionalität entscheidend zur Durchführung eines hochkarätigen Wettkampfs beiträgt.



Die Québec Open profitieren von der unverzichtbaren Unterstützung wichtiger Partner, darunter Destination Québec Cité, die Stadt Québec, das Bureau des grandsévénements, die Regierung von Québec, das Secrétariat à la Capitale-Nationale und das Ministerium für Tourismus, die alle zum kontinuierlichen Wachstum und zur internationalen Reichweite der Veranstaltung beitragen.
Die Veranstaltung wird von einem engagierten Team von Veranstaltern geleitet – David Bossinotte, Claire Cocozza, Samuel Gagnon und Keila Mejia –, deren Vision und Fachwissen das Québec Open weiterhin zu einem Maßstab in der Welt der Kampfsportarten machen.
Bekannt für seine Beständigkeit, organisatorische Exzellenz und einzigartige Erfahrung etabliert sich das Québec Open weiterhin als FlaggschiffVeranstaltung auf der internationalen Bühne.
Die Organisation blickt bereits auf die nächste Ausgabe, die Ende April 2027 stattfinden wird, und ist fest entschlossen, Grenzen zu überschreiten und ein noch eindrucksvolleres Erlebnis zu bieten.

EBUNTO
Tradition, Anthropologie und „Wissenschaft des Unsichtbaren“
Im Laufe der Geschichte haben zahlreiche Kulturen Wissenssysteme entwickelt, die darauf abzielen, das zu verstehen, was sich der gewöhnlichen Wahrnehmung des Menschen entzieht: Emotionen, Bewusstsein, Intuition, innere Zustände und die Beziehung zwischen dem Individuum und den Kräften, die seine Realität prägen.
Im Osten versuchten Konzepte wie das chinesische Qi, das hinduistische Prana oder bestimmte esoterische Strömungen Japans, dem Gestalt zu geben, was heute von einigen zeitgenössischen Forschern mit Wahrnehmung, Tiefenpsychologie und erweiterten Bewusstseinszuständen in Verbindung gebracht wird.
In diesem Zusammenhang taucht Ebunto auf, eine spirituelle und energetische Tradition, die mit dem Volk der Hagumo – in Japan auch Shizen genannt, „die Naturmenschen“ – verbunden ist und von vielen ihrer Praktizierenden als eine echte „Wissenschaft des Unsichtbaren“ definiert wird.
Weit davon entfernt, sich als Religion zu präsentieren, beschreibt sich Ebunto als ein komplexes System der Beobachtung, des Studiums und der Praxis, das darauf ausgerichtet ist, die Energien, die inneren Spannungen des Menschen und die Muster zu verstehen, die das Verhalten, die Emotionen und die persönliche Entwicklung beeinflussen.
Um diese Tradition besser kennenzulernen, sprachen wir mit Shidoshi Kakushin Sergio Verdeguer (Ushashi Kawazuki) und Kakushin Felipe Kawazuki, zwei der repräsentativsten Persönlichkeiten der Zentralen Ebunto-Schule in Spanien.

„Ebunto ist eine alte und äusserst komplexe Kunst“
—Wie würden Sie Ebunto aus anthropologischer Sicht definieren?
—Die Anthropologie untersucht im Wesentlichen „den Weg des Menschen auf der Erde“. Ebunto ist Teil jener alten Systeme, mit denen verschiedene Kulturen versuchten, die menschliche Natur, das Bewusstsein und die unsichtbaren Kräfte, die das Dasein beeinflussen, zu verstehen.
Historisch gesehen könnten wir das Ebunto in drei grosse Phasen unterteilen.
Die erste entspricht der Zeit vor der Vermischung des HagumoVolkes mit den Japanern. Das Hagumo-Volk stammte ursprünglich aus Regionen rund um die Insel Hokkaido und war geprägt von mongolischen, chinesischen und lokalen StammesEinflüssen. Die ersten Bewohner Hokkaidos waren die Ainu, ein Begriff, der in ihrer Sprache „Mensch“ bedeutet.
Es handelte sich um ein Volk von Bauern, Fischern und Jägern

mit geringer militärischer Stärke, was dazu führte, dass es durch die japanische Expansion nach und nach verdrängt und absorbiert wurde. In diesem Zusammenhang entstand das Ebunto auch als ein System des kulturellen, spirituellen und menschlichen Schutzes.
Die zweite Phase beginnt mit der fortschreitenden Integration beider Kulturen. Japan bringt philosophische Raffinesse, Disziplin und Struktur ein, während das Volk der Hagumo eine tiefe Verbindung zur Natur und zu den Traditionen der Vorfahren bewahrt.
Die dritte Phase entspricht der Ankunft des Ebunto in Brasilien durch Ogawa Sensei und Shinyuki Sensei. Dort begann eine tiefgreifende Neuordnung des Wissens, mit dem Versuch, die rein mythische Komponente von einem eher analytischen und empirischen Ansatz zu trennen.
„Spiritualität muss aus dem Zweifel heraus studiert werden“
—Sie sprechen ständig von einer wissenschaftlichen

Dimension innerhalb des Ebunto. Was meinen Sie damit genau?
—Wissenschaft besteht darin, jedes Phänomen zu beobachten, zu analysieren und zu zerlegen, um es zu verstehen. Deshalb ist Ebunto in mehrere Studienbereiche und spezifische Fächer unterteilt.
Nun lässt sich jedoch kein spiritueller Weg vollständig durch konventionelle wissenschaftliche Parameter erklären.

Richtig ist es, sich der Spiritualität aus dem Zweifel, dem Hinterfragen und der unvoreingenommenen Beobachtung herauszunähern.
Zweifeln bedeutet nicht angreifen. Hinterfragen bedeutet nicht diskreditieren. Es bedeutet, aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten.
In unseren Schulen legen wir grossen Wert darauf, drei grosse Fehler zu vermeiden, die im Laufe der Geschichte zahlreiche spirituelle Wege verzerrt haben: Mystifizierung, Romantisierung und Fantasie.
Eines der grundlegenden Fächer innerhalb des Ebunto ist Nemboga, übersetzt als „Klarheit“, denn Spiritualität lässt sich nicht ohne einen klaren, ausgeglichenen und rationalen Geist studieren.

„Das Ebunto ist nicht elitär“
—Manchmal wird gesagt, Ebunto sei eine Tradition, die der Elite vorbehalten ist. Stimmt das?
—Nein. Jeder kann Ebunto studieren.
Es stimmt, dass es jahrhundertelang ein diskretes und sogar geheim gehaltenes Wissen war, aber das bedeutet nicht Elitismus. Historisch gesehen suchten viele einflussreiche Personen, Aristokraten oder Machthaber diese Art von Lehren, aber der spirituelle Weg ist immer zutiefst individuell.
Ein Lehrer kann dich begleiten, dir Orientierung geben oder dir helfen, aber die endgültigen Entscheidungen liegen immer beim Einzelnen.


Viele Menschen kommen zu unseren Schulen, nachdem sie schwierige Situationen, persönliche Krisen oder tiefe innere Suchprozesse durchlebt haben. In gewisser Weise sagt man oft, dass es zwei Wege zur Spiritualität gibt: den des Schmerzes oder den der Liebe.
„Das Ebunto befasst sich mit Energien, Spannungen und Realitätsmustern“
—Wie könnte man jemandem, der noch nie von Ebunto gehört hat, auf einfache Weise erklären, was genau es untersucht?
—Das Ebunto untersucht die Zusammenhänge zwischen Energie, Bewusstsein und menschlichem Verhalten.
Wir arbeiten mit emotionalen Spannungen, mentalen Zuständen, Schwingungsfrequenzen, Naturelementen, Verhaltensmustern und Prozessen der persönlichen Transformation.
Wir untersuchen auch, wie sich bestimmte Ereignisse im menschlichen Leben nach bestimmten Strukturen oder Mustern zu wiederholen scheinen. Von aussen betrachtet lassen sich gewisse Parallelen zur östlichen Philosophie, zur Symbolik, zum Schamanismus oder zu einigen modernen Studien über Wahrnehmung und Verhalten feststellen. Aber Ebunto lässt sich nicht vollständig auf eine dieser Kategorien reduzieren. Es hat eine eigene Identität.
„Die neun Kräfte des Ebunto“
—In dieser Tradition ist von Kräften die Rede, die Rangu oder Tengu genannt werden und die verschiedenen Fraktale der Natur repräsentieren. Was stellen sie dar?
—Innerhalb des Ebunto gibt es neun Hauptkräfte, die Rangu (Tengu) genannt werden. Sie werden nicht als Götter oder Wesen verstanden, sondern als energetische Archetypen, die mit verschiedenen Aspekten der menschlichen Existenz verbunden sind.

Sie stehen für Konzepte wie Transformation, Weisheit, Emotionen, Gleichgewicht, Konflikt, Fülle, Schicksal oder Spiritualität.
Nach dieser Sichtweise manifestieren sich diese Kräfte ständig im Alltag und können durch Disziplin, Studium und Erfahrung beobachtet, verstanden und in Einklang gebracht werden.
„Das Wissen muss bewahrt werden“
—Wenn jemand Ebunto studieren möchte, was sollte er tun?
—Zunächst muss man eine authentische Schule finden, die in der Lage ist, die ursprüngliche Tradition zu bewahren und das Wissen unverfälscht weiterzugeben.
Das Volk der Hagumo besitzt sogar einen eigenen Dialekt, der noch immer bei bestimmten Zeremonien, Gebeten und internen Überlieferungen gepflegt wird.
Das gesamte Ebunto-System besteht aus 41 spirituellen Fächern. Einige befassen sich mit philosophischen Aspekten, andere entwickeln Wahrnehmung, mentale Disziplin oder energetische Deutung.
Das Ziel ist nicht, blind an etwas zu „glauben“, sondern zu lernen, wie bestimmte Energien wirken und wie man sie richtig in Einklang bringt.
„Pragmatismus, Ernsthaftigkeit und Wissen“
—Was wären dann die grundlegenden Prinzipien dieses Weges?

—Drei Säulen: Pragmatismus, Ernsthaftigkeit und Wissen.
Jeder spirituelle Weg, der diese drei Elemente verliert, läuft Gefahr, in Aberglauben oder emotionale Manipulation zu verfallen.
Deshalb legen wir so grossen Wert auf Beobachtung, Studium und direkte Erfahrung.
„Erfahrungen müssen gelebt werden“
—Wie arbeiten Sie derzeit in den Schulen?


„Jeder kann Ebunto lernen. Es stimmt, dass dieses Wissen jahrhundertelang diskret und sogar geheim gehalten wurde, aber das bedeutet nicht, dass es elitär ist. Historisch gesehen suchten viele einflussreiche Personen, Aristokraten oder Machthaber diese Art von Lehren, aber der spirituelle Weg ist immer zutiefst individuell.“

—Wir bieten Kurse, audiovisuelle Schulungen und verschiedene Studienbereiche an.
Es gibt auch traditionelle Systeme der Deutung und Analyse – 36 Arten von Orakeln –, die darauf ausgerichtet sind, Ursachen, Folgen und Muster im Leben der Menschen zu verstehen. Ebenso gibt es ein tiefgreifendes Geflecht aus numerischen Berechnungen, dass uns Zugang zu bestimmten Informationen aus verschiedenen Bereichen und für unterschiedliche Zwecke ermöglicht.
In vielen Fällen empfangen wir Menschen, die darauf bedacht sind, zu erfahren, was jenseits dessen liegt, was uns unmittelbar zur Verfügung steht. Sie suchen nach jenem Wesen, das sich dem blossen Blick entzieht, fernab vom Alltäglichen. Vielleicht ist dies einer der grossen Reize, sich der Welt des Unsichtbaren zu nähern. Pragmatische Dinge, die sich manchmal unserem Verstand entziehen, Situationen, die man sieht, spürt und – was am wichtigsten ist – aus erster Hand erlebt. Eine einzigartige und nicht übertragbare Erfahrung. Uralt überlieferte Techniken, die darauf abzielen, die Spannungen zwischen Körper, Geist und einer oft unbekannten spirituellen Dimension auszugleichen, wo sich neue Muster des Verstehens jenseits des Greifbaren entwickeln.
Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass sich keine Erfahrung vollständig mit Worten erklären lässt. Sie muss erlebt werden.

„Die Welt begann ohne den Menschen und wird ohne ihn enden“
—Während des gesamten Interviews legen Sie grossen Wert darauf, eine rationale Sichtweise auf Spiritualität beizubehalten.
—Genau. Wir zitieren sogar oft den Anthropologen Ralph Linton, der sagte:
„Die Welt begann ohne den Menschen und wird ohne ihn enden.“
Dieser Satz erinnert uns daran, wie wichtig es ist, den Menschen aus einer demütigen und beobachtenden Perspektive zu verstehen, fernab von Dogmatismus und Absolutismus.
Unabhängig von den Interpretationen, die man über seine spirituelle oder energetische Dimension anstellen mag, erscheint das Ebunto als ein komplexes System aus Tradition, Symbolik, Disziplin und Menschenbeobachtung, dass es geschafft hat, über Generationen hinweg zu überleben, indem es sich an verschiedene kulturelle Kontexte angepasst hat.
Derzeit führt die Zentralschule für Ebunto in Spanien weiterhin Ausbildungsaktivitäten und internationale Treffen durch, die darauf abzielen, dieses angestammte Erbe zu bewahren.
Unser Dank gilt Shidoshi Kokeisha Sergio Verdeguer und Kokeisha Felipe dafür, dass sie uns an einer Tradition teilhaben lassen, die im Westen noch wenig bekannt ist.
TAOWS UNIVERSITY VALENCIA WingTsun und Escrima Concepts




Gracie Concepts® Das Brazilian Jiu-Jitsu in Europa
Vergangenheit – Wie allesanfing!
Es wird oft behauptet, dass unser Jiu-Jitsu (Ju-Jutsu) aus der Zeit der Samurai stammt. Das ist jedoch falsch, denn während der Samurai-Zeit hatten diese Krieger ganz andere Mittel, um zu kämpfen. Stellen Sie sich vor, ein Samurai hätte einen Zweikampf mit der schweren und komplexen Kampfausrüstung geführt.
Tatsächlich entstand das Jiu-Jitsu um die Jahre 1900–1910, als die ersten japanischen Meister nach Europa kamen und später weiter nach Südamerika gingen, um dort ein besseres und sichereres Leben zu führen.
Selbst das Wort «Jiu-Jitsu» (oder auch «JuJutsu») entstand hier im Westen, um der «flexiblen» bzw. «anpassenden» Kampfkunst einen Namen zu geben. In Europa gab es damals bereits die Chinesen mit ihrem Kung-Fu (oder eben auch Gung-Fu) und die wenigsten konnten den Unterschied erkennen oder verstehen. Aus den chinesischen Kampfkünsten entstanden in Marseille die ersten Savate(oder Chausson-) Kickboxschulen, in denen zahlreiche Adlige trainierten, um sich auf den Strassen gegen Überfälle zu verteidigen.

Als dann die Japaner kamen, wollte man sich diese Kampfkunst aneignen, die später auch als «sanfte Kunst» (Bras. Arte Suave) bekannt wurde. Interessanterweise begeisterte diese Kampfkunst Frauen viel mehr als andere Künste wie Boxen, Savate oder Ringen, die im Westen ebenfalls stark vertreten waren.
Nachdem man in Japan das Schwert niedergelegt und zahlreiche Kriegskünste (Bujutsu) verboten hatte, gingen die meisten dieser Schulen (Ryu) unter und fanden keinen anderen Weg, als sich im Westen neu zu erfinden. So entstand auch die Kampfkunst Jiu-Jitsu neu.
Zahlreiche junge Meister kamen mit der Hoffnung, ihr wertvolles Wissen weiterzugeben, zu uns. Oft waren es sogar die Söhne der alten Grossmeister, die nach Europa kamen. Das Interesse an ihnen als Kampfexperten war gross geworden, was auch in ganz Asien rasch zur Kenntnis genommen wurde. So fanden die jungen Meister, die oft nur über wenig Können und Unterrichtserfahrung verfügten, einen guten Job als Ausbilder bei der Polizei oder als einer Art «moderne 007-Butler» bei jemandem, der sich dies leisten konnte.
Nachdem sich Jiu-Jitsu in Europa etabliert hatte, zogen einige

von ihnen weiter nach Südamerika, wo es eine grosse Zirkus- und Kampfshow-Kultur gab und sie als Zweikampfexperten gut bezahlt wurden. In Brasilien waren zahlreiche Zirkusse unterwegs, viele davon in den Händen von Europäern, insbesondere Italienern, Spaniern und Portugiesen, die sich dort niedergelassen hatten. Oft blieben sie nicht nur in Brasilien, sondern wanderten durch ganz Südamerika; Argentinien und Mexiko waren ebenfalls geliebte Destinationen.
Spanien hatte verschiedenen japanischen Jiu-Jitsu-Meistern eine neue Heimat gegeben, darunter auch dem berühmten Mitsuyo Maeda, der seinen Spitznamen «Conde Koma» in Sevilla erhielt, als er unter anderem als Kämpfer unterwegs war, um Geld zu verdienen. Maeda war nicht der erste Japaner, der nach Brasilien reiste, aber sicher einer der ersten, die in diesem Land das Jiu-Jitsu auch den Einheimischen und nicht nur den eigenen Landsleuten beibrachten. Maeda soll um das Jahr 1914 herum in Belém do Pará angekommen sein. Gemeinsam mit seinen Freunden, die ebenfalls junge JiuJitsu-Experten aus seinem Heimatland waren, reiste er durch Südamerika und liess sich dann später für immer nieder.
Gemeinsam mit seinem engsten Freund Satake, der den Spitznamen «Schwarzer Bauch» trug, soll er auch die ersten JiuJitsu-Schulen gegründet haben. Man erzählte sich, dass der ältere Satake ein ausgezeichneter Lehrer der «Arte Suave» gewesen sei. Im Gegensatz zu Maeda war Satake ein besserer Kämpfer. Er machte sich einen ausgezeichneten Namen, indem er das Jiu-Jitsu in den verschiedensten Theatern Brasiliens präsentierte und stets bereit war, sein Wissen und Können unter Beweis zu stellen. So kämpfte er gegen zahlreiche Kampfsportler, darunter Ringer, Capoeira-Experten, Boxer und andere Preisgeldsuchende.
Als Satake nach Japan zurückging, um sein Vaterland im Ersten Weltkrieg zu unterstützen, wie es viele andere taten, entschied sich Maeda, in Brasilien zu bleiben und die Schule von Satake als Meister zu übernehmen. Unter seinen Schülern befanden sich einige sehr begeisterte und fleissige Brasilianer, die bei Satake ein hohes Können erlangt hatten und Maeda nun als Assistenten beim Jiu-Jitsu-Unterricht unterstützten.
Einer von ihnen war Pires dos Reis, ein junger, ehrgeiziger Mann, der eine wichtige Position innerhalb der Nationalpolizei besetzte. Er führte das Jiu-Jitsu in die Polizei und gründete eines der ersten Ausbildungsmodelle für Polizeikräfte, das später im ganzen Land zum Pflichttraining wurde.
Pires gründete auch die erste Jiu-Jitsu-Akademie in Rio de Janeiro. Im Jahr 1925 bekam er eine Position als Haupttrainer der Polizei in dieser Stadt. Auch er war nicht der erste Brasilianer, der eine Jiu-Jitsu-Schule in Rio gegründet hatte. Zur Unterstützung nahm er sich die jungen Gracies Carlos, George und Hélio, die alle drei bei ihm mit dem Jiu-Jitsu-Training – und nicht bei Maeda, begonnen hatten. George blieb nicht lange in Rio, da er sich von der Familie, insbesondere von Carlos und Hélio, trennen wollte, um seinen eigenen Weg zu gehen. So ging er nach São Paulo, wo er unter anderem bei Geo Omori, einem japanischen Jiu-Jitsu- und Ringer-Experten, einen neuen Lehrmeister fand.
Hélio und Carlos hingegen blieben bei Pires. Im Jahr 1936 übernahmen sie dann Pires Schule, da er einen neuen

Ausbildungsauftrag in Fortaleza annahm. Hélio und Carlos benannten ihre Schule in «Academia Gracie de Jiu-Jitsu» um. Mitte der 40er Jahren, als der zweite Weltkrieg stattfand, geriet Carlos mit dem Gesetz in Konflikt und musste sogar Rio de Janeiro für eine ganze Weile verlassen. Man erzählte sich u.a., dass er nach Argentinien geflohen sei, und dort ein Ernährungswissenschaftler kennen gelernt haben soll, und nach seiner Rückkehr die «Gracie Diät» entwickelt haben soll.Schriftlich dokumentiert existiert darüber jedoch nichts.
Hélio Gracie musste von einem Moment auf den anderen nicht nur die Schule leiten, sondern auch die grosse Familie ernähren, so erinnert sich mein Lehrmeister Pedro Hemetério. Carlos hatte die Gewohnheit, stets eine neue und junge Frau haben zu wollen, und so kam es, dass er am Ende 21 Kinder hatte. Natürlich war er nicht immer der leibliche Vater dieser Kinder, sondern sie wurden oft durch die neue Ehe in die Familie eingebracht.
Da die Schule in den Händen von Hélio ganz gut funktionierte, war Carlos nun in ganz Brasilien unterwegs.In Belém do Pará schaltete er eine Anzeige in der Tageszeitung, in der er sich als Jiu-Jitsu-Expertebekannt machte und den Teilnehmenden, die den vollständigen Kurs bei ihm bestanden, eine Position als Trainer in seiner Jiu-Jitsu-Schule in Rio de Janeiro anbot. «Zahlreich kamen sie aus verschiedenen Regionen, um diese Möglichkeit wahrzunehmen», erinnert sich mein Meister Hemetério, der damals ebenfalls an dieser sehr intensiven Ausbildung teilnahm. «Sie dauerte ein Jahr und am Ende waren nur noch zwei von uns übrig!», so Pedro weiter. Am Schluss erhielt Pedro nicht nur den Schwarzgurt durch Carlos Gracie, sondern auch eben die versprochene Stelle an der Schule in Rio, an der Seite von Hélio Gracie.
Durch die Jahre der Zusammenarbeit wurden Hélio und Pedro sehr gute Freunde und die Familie nahm ihn als «Onkel Pedro» auf. Carlos blieb weiterhin ausserhalb von Rio de Janeiro, sodass der neue Patriarch Hélio anfing, seinen eigenen Unterrichtsweg zu gehen, um mehr Mitglieder zu gewinnen. Zu
diesem Zeitpunkt entwickelten sie gemeinsam das Klassenprogramm, da sie praktisch nur Privatunterricht in Kleingruppen gaben.
Im Vordergrund stand die Selbstverteidigung, denn es gab noch keine Sport-JJ-Wettkämpfe, wie man sie heute kennt. Dies änderte sich erst mit der Neugründung des Jiu-JitsuVerbands in Rio de Janeiro in den 60er Jahren durch Hélio Gracie, Hélio Vigio und Pedro Hemetério. Die Lektionen und Techniken wurden so zusammengestellt, dass die Schüler die Grundprinzipien lernten und die Techniken an ihre körperlichen Fähigkeiten anpassen konnten, anstatt unzählige Techniken auswendig zu lernen.
Um das Jiu-Jitsu im ganzen Land weiter zu fördern, blieben Hélio, Pedro und die neue Generation der Gracies – darunter Rolls und Carlson – sowie Nicht-Gracies wie Ivan Gomes, der die Schule mit Carlson an der Copacabana gründete, aktiv. Während Hélio noch sehr intensiv im Namen seiner Familie und des Jiu-Jitsu im Vale-Tudo-Kampfring stand, war Pedro der Haupttrainer. So kam es, dass die Mehrheit der neuen Generation durch ihn ausgebildet wurde.
Als George Gracie in São Paulo immer mehr Schüler gewann, verlangte sein jüngerer Bruder Hélio, dass er nach Rio de Janeiro zurückkehren müsse, um ihn zu unterstützen. Doch George hatte es sich nicht leicht gemacht, dorthin zu gelangen, wo er nun war, und so blieb er weiterhin in São Paulo an der Seite von Geo Omori. Hélio entschloss sich schliesslich, seinen eigenen Bruder George gegen seinen besten Vertreter Pedro Hemetério in einem Jiu-Jitsu-Kampf antreten zu lassen. «Ich konnte mich nicht gegen Hélios Entscheidung stellen, denn er war mein Meister», erzählte mir Pedro,«aber die ganze Situation gefiel mir gar nicht, denn er

war eben auch der älterer Bruder von Hélio.»
So standen sie sich schliesslich gegenüber. Pedro hatte sich gut vorbereitet, während George glaubte, besser zu sein. Doch Pedro gewann den Kampf schnell für sich. Am gleichen Abend trat eine Interessentengruppe an Pedro, und fragte ihn, ob er nun in São Paulo bleiben würde, um dort sein Jiu-Jitsu zu unterrichten. Diese Gruppe half ihm nicht nur, einen Ort für den Unterricht zu finden, sondern stellte ihm auch eine Wohnung bereit, sodass er praktisch sofort nach São Paulo ging und sich dort für immer niederliess.
Es dauerte nicht lange, und die Schule von George Gracie wurde geschlossen – da auch sein Lehrmeister Omori gestorben war, und so kehrte er nach Rio zurück, wo er jedoch nie wieder den Kimono trug. Die Schule von Professor Pedro wurde hingegen die offizielle Vertretung des HélioGracieJiu-Jitsu in São Paulo. Die Verbindung zu Rio de Janeiro wurde jedoch immer schwächer, da auch dort die nächste Generation neue Pläne für die Zukunft des modernen (Brazilian) Jiu-Jitsu hatte.
In ganz Brasilien entstanden neue Schulen, teils der Gracies, teils ihrer Meisterschüler, teils anderer Linien aus der Generation der ersten und zweiten japanischen Immigrationswelle. Durch das (neue) Judo aus dem Haus Kodokan in Tokio entstand eine weitere «Konkurrenz». Aber auch das Kung-Fu und Karate war nun in Brasilien angekommen, so dass vermehrt die Vale-Tudo-Kämpfe auch im weissen Kimono zu sehen waren. Die Japaner bezeichneten das Jiu-Jitsu oft auch als «brasilianisches Judo», um ihre höhere Position in der Gesellschaft zu unterstreichen. In der Zwischenzeit war das brasilianische Jiu-Jitsu jedoch bereits so gut und stark verbreitet, dass es sogar in Japan von Topathleten aus dem Ringen und Grappling geübt wurde.
Wie ich schon beschrieben habe, wurde der erste JiuJitsu-Verband Mitte der 60er Jahre in Rio de Janeiro (Guanabara) gegründet. Die Gründungsmitglieder legten die Gürtelgrade, die Gewichtsklassen für Wettkämpfe, eineinfaches Punktesystem, die Kampfzeiten und alles andere fest. So fanden die ersten offiziellen Jiu-Jitsu-Turniere statt, die später auch von zahlreichen Judokas besucht wurden – allerdings mit wenig Erfolg.
So entwickelte sich das BJJ zu einem eigenständigen und gut organisierten Kampfsport. Durch den Generationswechsel, als Carlos Gracie Junior den Verband in Rio neu organisierte und später daraus den Internationalen BJJ-Verband (IBJJF) entstehen liess, erfuhr der Sportwettkampf im Jahr 1996 einen weiteren Aufschwung,

der massgeblich dem Erfolg von Royce Gracie, dem Sohn von Hélio Gracie, im UFC zu verdanken ist.
In den 1980er Jahren wanderte einer der älteren Söhne von Hélio, Rorion Gracie, in die USA aus. Nach einem kurzen Aufenthalt in New York entschloss er sich, nach Kalifornien zu reisen, um dort unter der warmen Sonne das Jiu-Jitsu seines Vaters zu fördern. Doch in Kalifornien stiess er auf grossen Widerstand, denn hier war die Professional Karate Association (PKA) mit ihren starken Schulen und einer eigenen TV-Show gut vertreten. Durch das Surfen kam Rorion mit verschiedenen Brasilianern in Kontakt. Durch einen Freund der ebenfalls Jiu-Jitsu in Rio trainiert hatte, gelang es ihm, eine Doppelgarage zu bekommen, in der er ein paar Matten auslegen und somit seine ersten Lektionen geben konnte.
So entstand die bekannte und allererste Gracie Garage und somit auch die Verbreitung des Gracie Jiu-Jitsu in der Welt.

Es dauerte nicht lange, und Rorion hatte eine grosse Warteliste von Interessenten, die unbedingt sein brasilianisches Jiu-Jitsu erlernen wollten – darunter auch ich. Es dauerte auch nicht lange, und Rorion gründete in Torrance (Los Angeles) die erste offizielle Gracie-Jiu-Jitsu-Academy. Für uns alle wurde dieser Ort in den 90er Jahren die Hauptquelle des authentischen BJJ.
Da ich in regelmässigen Abständen aus der Schweiz (ab 1991) an der Academy in Torrance trainierte, nahm ich auch die Möglichkeit wahr, unter anderem bei Rorion und gleichzeitig bei Royce zu trainieren. Gelegentlich war ich auch bei anderen auf dem Tatame, wobei Royce zu meinem
Hauptlehrer wurde – sei es im Privatunterricht oder in den offenen Klassen, die morgens und abends stattfanden.
Es war kein einfaches Unterfangen, in das ich mich eingelassen hatte, aber ich nahm es vom ersten Moment an sehr ernst, das Gracie Jiu-Jitsu zu erlernen. Ich hatte auch meine Zeit, insbesondere zwischen 1996 und 2004, in der wir uns auch mit dem BJJ-Sportwettkampf auseinandersetzten. So trainierte ich parallel auch bei den Cousins der Gracies, die Machado Brüder – insbesondere bei Rigan, John und Roger. Dies blieb jedoch eine Phase, denn für mich war der Aspekt der Selbstverteidigung und die körperliche Fitness durch das Jiu-Jitsu viel wichtiger.
Als Royce Gracie im UFC im Oktagon stand, war das Vale-Tudo (MMA) für mich nicht so wichtig, denn ich erkannte schnell, dass es den Amerikanern nicht um das Jiu-Jitsu ging, sondern darum, den nächsten «Superman des Kampfsport» zu finden. Rorion verkaufte das UFC auch ziemlich schnell wieder, für eine Million Dollar hiess es. Wir aber waren nicht wegen des UFC da, sondern wegen Royce Gracie und dem Brazilian Jiu-Jitsu.
Mein Gracie Jiu-Jitsu hat sich in den letzten Jahren wohl nicht viel verändert, da ich mich weiterhin als Schüler von Royce Gracie betrachte. In der Zeit, als ich bei Pedro Hemetério trainierte, fing ich meiner Meinung nach wieder von vorne an, auch wenn ich damals bereits als anerkannter Schwarzgurtträger meine eigene Jiu-Jitsu-Schule in Zürich führte. Ich würde sagen, dass meine GJJ-Laufbahn erst richtig anfing, als ich den Blaugurt erhielt.
Ich gelang eigentlich durch Hélio Gracie zu Professor Pedro in Sao Paulo, als ich gerade in Rio de Janeiro an der Gracie Humaita, beim Grossmeister persönlich, trainierte und ihn fragte, wo ich seiner Meinung nach, am besten zu einem guten Instruktor, ausbilden lassen soll. Er meinte dann, hier bei meinem Sohn Royler, in Kalifornien bei Rorion, oder bei Pedro Hemetério in Sao Paulo, wo meine Reise anschliessend mich auch hinbrachte.
Ich möchte mich bei SOHA Retreats und Master Royce Gracie für das aussergewöhnliche Jiu-Jitsu-Camp in diesem Jahr bedanken. Es war wieder einmal ein fantastisches Erlebnis!Ich habe bereits zum dritten Mal am RG Training Camp teilgenommen, das von SOHA Retreats organisiert wurde. Das erste Mal fand es in Portugal statt und hat meine Erwartungen übertroffen. Dann kam Zypern – gleich zweimal – und dieser Ort ist wirklich ein Juwel.Das Hotel und das Personal sind erstklassig, und die Lage ist fantastisch – es gibt jede Menge zu unternehmen für die ganze Familie.Das Training mit Master Royce war wie immer inspirierend und professionell – genau so, wie ich es seit über 32 Jahren kenne. Manuel Benages ist ein echter Gastgeber, und SOHA Retreats ist einfach top.Alles, was ich an dieser Stelle sagen kann, ist: Wenn du das nächste Mal dabei sein willst, solltest du auf jeden Fall bald mit der Planung deiner Reise beginnen!
Ich freue mich immer über euer Feedback.
www.graciejiujitsu.eu




Die Durchbruchs-Strategie des Muay Boran.
Eine der verheerendsten Kampfstrategien des Muay Boran lässt sich mit folgender Definition beschreiben: Paksa Waeg Rang,
. Die Bedeutung dieses Ausdrucks lautet: „Der Vogel dringt in das Nest ein oder stürmt es.“ Das Schlüsselwort ist Waeg, was „eindringen“, „durchdringen“ oder „aufbrechen“ bedeutet. Wenn man die Verteidigung oder die Deckung des Gegners durchbricht, eröffnet man den Weg für viele verheerende Angriffsmöglichkeiten. Tatsächlich ist das „Nest“ des Gegners eine Metapher für die anatomischen Schwachstellen, die sich entlang einer imaginären Linie vom Scheitel bis zum Damm befinden: Dieser entscheidende Körperbereich wird gemeinhin als Mittellinie bezeichnet. Verschiedene östliche Kampfkünste stützen ihre Offensiv- und Defensivstrategien auf die Theorie der Mittellinie. Die meisten Kämpfer lernen zu Beginn ihrer Karriere, dass es viele Schwachstellen im oder nahe dem zentralen Bereich ihres Körpers gibt: Das Angreifen des zentralen Bereichs des Gegners ist ein sicherer Weg zum Sieg. Ebenso ist der Schutz der eigenen empfindlichen Stellen entscheidend, um die Sicherheit im Kampf zu gewährleisten. Die Verteidigung auf die Absicherung der Mittellinie zu konzentrieren, ist eine vernünftige Herangehensweise, die auch in den Offensivphasen Sicherheit bietet.

Jeder Muay-Boran-Praktizierende sollte sein Training mit den folgenden drei Schritten beginnen:
Schritt 1. Lernen Sie, lebenswichtige Punkte entlang der Mittellinie zu erkennen. Diese Linie teilt den Körper vertikal in zwei Hälften, die linke und die rechte Seite. Viele empfindliche Punkte befinden sich auf oder ganz in der Nähe dieser imaginären vertikalen Linie. Einige der wichtigsten Punkte für den Kampf sind die folgenden: (1) Scheitel, (2) Augen, (3) Nasenwurzel, (4) Oberlippe, (5) Kehle, (6) Halsseiten, (7) Brustbein, (8) Herz, (9) Solarplexus, (10) Blase, (11) Leistengegend. Angriffe auf jeden dieser Punkte sind potenziell verheerend. Ziele am Kopf lassen sich am besten mit Hand- und Ellbogenschlägen treffen. Ziele am Körper können mit Händen, Ellbogen und Knien angegriffen werden. Tritte und Kniestöße sind die beste Wahl, um Ziele im unteren Bereich anzugreifen.
Schritt 2. Entwickeln Sie effektive Angriffsstrategien, die darauf abzielen, die Mittellinie des Gegners anzugreifen. Schläge entlang der Mittellinie können schwere Verletzungen und bei sehr präzisen Angriffen sogar den Tod verursachen. Um in die Deckung des Gegners einzudringen und dessen Zentrum zu erreichen, setzt ein Muay-Boran-Kämpfer in der Regel geradlinige Angriffe ein: direkte Tritte, direkte Faustschläge und Stoß-Ellbogen. Eine Standard-Abwehrhaltung dient dazu, einige der empfindlichsten Punkte zu schützen, doch ohne einen Seitenschritt oder eine Blockade ist es unmöglich, alle Ziele gleichzeitig mit einer einzigen Abwehrhaltung abzudecken. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, zu lernen, alle Schwachstellen entlang der Mittellinie mit verschiedenen Körperteilen anzugreifen, um unaufhaltsame Angriffstaktiken zu entwickeln.
Schritt 2. Ausgehend von einer guten Verteidigungshaltung entwickle eine Reihe von Verteidigungsstrategien, die darauf ausgelegt sind, mögliche Angriffe auf deine Mittellinie abzuwehren und Gegenangriffe auszuführen. Die Absicherung der Mittellinie ist im Kampf ohne Regeln entscheidend, da ein starker Angriff auf das „Nest“ den Kampf jederzeit schnell beenden kann. Wenn unser Zentrum ungeschützt ist, wird ein kluger Gegner unsere vitalen Punkte leicht erreichen; im Gegensatz dazu zwingen wir mit einer soliden Deckung und einer guten Verteidigungsstrategie unseren Gegner dazu, zuerst die weniger empfindlichen Bereiche anzugreifen, um uns dazu zu bringen, unsere Mittellinie für einen finalen Angriff zu öffnen. Dies schafft Lücken entlang seiner inneren Linie und gibt uns genügend Zeit, zu reagieren und in die Offensive zu gehen, wobei wir unsere Angriffe auf sein Zentrum richten, das sich wahrscheinlich entblößen wird.
Die Kampfstrategie Paksa Weag Rang ist darauf ausgelegt, zu lernen, die Mittellinie des Gegners auf die effizienteste Weise anzugreifen. Diese auf dem Schlachtfeld bewährte Mai Muay (Kampftechnik) basiert auf der Entwicklung instinktiver Reflexe, die es einem Kämpfer ermöglichen, die Verteidigung des Gegners gleichzeitig mit dem Angriff oder unmittelbar danach zu durchbrechen. Bei der Ausführung des Gegenangriffs wird ein Experte der Paksa Waeg Rang-Strategie stets bestrebt sein, Verteidigungs- und Gegenangriffstechniken gleichzeitig auszuführen: Wenn beispielsweise ein Arm den Angriff des Gegners abwehrt, muss der andere gleichzeitig einen Gegenangriff ausführen. Diese Art des Gegenangriffs macht jede Art von Verteidigung, die der Gegner anwenden könnte, praktisch wirkungslos; während ein Arm abwehrt oder blockt, trifft der andere Arm (oder ein Bein) die ungeschützten Ziele mit ausreichender Kraft, um einen plötzlichen K.O. zu verursachen. Dies ist die eigentliche Kunst dieses Mai Muay Boran.

„Wenn man in die Verteidigung oder die Deckung des Gegners eindringt, eröffnet man sich den Weg zu vielen vernichtenden Angriffsmöglichkeiten.“

Sehen wir uns einige Beispiele für mögliche Anwendungen dieser alten Kampfstrategie gegen einige der häufigsten Angriffe an.
1.Paksa Waeg Rang gegen Rundhiebe (Mahd Wiang). Mache einen Schritt nach vorne und weiche gleichzeitig dem Schlag aus und schlage zu. Wenn der Gegner auf dich zukommt und einen rückwärtigen Rundschlag ausführt, verschwende keine Zeit und gehe auf den Angriff zu. Dein Fokus muss auf dem Ziel deines Gegenangriffs liegen, in diesem Fall einem tiefen Knie in Richtung Leiste oder Blase. Während du vorrückst und mit dem Knie zuschlägst, nutze deinen Unterarm, um den Schwung des Rundschlags abzuwehren. Der äußere Knochen deines Unterarms sollte auf den inneren Unterarm deines Gegners treffen – eine schmerzhafte Blocktechnik, die ihn verwirrt und es ihm praktisch unmöglich macht, deinen Gegenangriff abzuwehren.

2.Paksa Waeg Rang gegen Rundtritte (Tae Wiang). Mache einen Schritt nach vorne und stoppe gleichzeitig den Tritt (und greife, wenn möglich, das Bein), bevor du zuschlägst. Der Rundtritt ist ein sehr kraftvoller Angriff, den alle Kämpfer lernen müssen, richtig zu neutralisieren und zu kontern. Wenn du versuchst, einem Rundtritt durch seitliches Ausweichen auszuweichen, wirst du feststellen, dass das angreifende Bein dir folgt und dich trotzdem trifft. Die beste Verteidigungsoption ist die Anwendung der Paksa-Waeg-Rang-Strategie und ein Schritt nach vorne: Die Ellbogen müssen das Schienbein (mittlerer Teil) und den Oberschenkel des Gegners treffen, wodurch der Tritt abgewehrt und das angreifende Bein wahrscheinlich verletzt wird. Unmittelbar danach sollten ein schneller Griff am Bein und ein sofortiger Gegenangriff folgen. Mögliche Gegenangriffe sind: ein tiefer Seitwärtstritt gegen das Knie des Standbeins oder ein vertikaler Rundtritt in die Leistengegend.
3.Paksa Waeg Rang gegen gerade Schläge (Mahd Trong). Weiche der Faust aus und gehe gleichzeitig vorwärts, um zuzuschlagen. In die Deckung des Gegners einzudringen, während dieser einen geraden Schlag ausführt, ist keine leichte Aufgabe. Die Paksa Waeg Rang-Einbruchs-Strategie ist die beste Wahl, wenn du es mit einem guten Straight-Hitter (Geradschläger) zu tun hast. Wenn der Angreifer vorrückt und beginnt, seine Faust zu schwingen, beuge dich leicht nach vorne und gehe vorwärts. Strecke beim Vorwärtsgehen deinen Arm nach vorne aus und schaffe so eine „Barriere“, die den Schlag von deinem Körper ablenkt. Gleichzeitig wird die Mittellinie des Gegners völlig ungeschützt und offen für verschiedene mögliche Gegenangriffe (Ellbogenschläge, Kniestöße, Kopfstöße, vertikale Rundtritte).

4.Paksa Waeg Rang gegen direkte Tritte (Tiip Trong). Weiche dem Tritt aus, mache einen Schritt nach vorne und schlage zu. Um das „Nest“ des Gegners zu erreichen, wenn dieser mit einem Fronttritt angreift, muss der Verteidiger zunächst das angreifende Bein mit einer tiefen Ausweichbewegung umlenken. Gleichzeitig muss er vorrücken und das Bein seines Gegners einhaken: Auf diese Weise kann der Verteidiger leicht die Mittellinie des Angreifers erreichen und ist bereit, mit Schlägen oder Würfen zu reagieren. Die Gegenangriffe können von Ellbogenschlägen ins Gesicht, auf den Hals oder die Kehle bis hin zu Kniestößen in den Unterleib reichen. Auch verschiedene Wurftechniken lassen sich aus dem Beinfang heraus ausführen: Durch Vorwärts-, Diagonal- oder Seitwärtsbewegungen kann der bereits aus dem Gleichgewicht gebrachte Gegner relativ leicht zu Boden geworfen werden.

5.Paksa Waeg Rang gegen einfache oder doppelte Halsgriffe (Chap Ko). Machen Sie einen Schritt nach vorne, kontrollieren Sie die Arme Ihres Gegners und schlagen Sie zu. Das Eindringen in die Deckung des Angreifers kann auch gegen einen Versuch eines Nackengriffs mit einem oder beiden Armen ausgeführt werden. Während der Angreifer vorrückt, um eine oder beide Hände um deinen Hals zu legen, gehe auf ihn zu und fange seine Arme ab, indem du deine Unterarme oder Handgelenke in die Beuge seiner Ellbogen legst. Zieh an seinen Armen und schlag ihn mit der Stirn: Setze sofort mit einem Knie in den Unterleib nach. Die Ziele für den Kopfstoß liegen entlang seiner Mittellinie, ebenso wie der Unterleib: Nase, Augenhöhlen und Kinn sind Schwachstellen, die, wenn sie mit ausreichender Kraft getroffen werden, einen dramatischen K.O. verursachen können.

•Offizielle Website der IMBA: www.muaythai.it
•Europa: Dani Warnicki (IMBA Finnland) dani.warnicki@imbafinland.com
•Südamerika: Juan Carlos Duran (IMBA Kolumbien) imbacolombia@gmail.com
•Ozeanien: Maria Quaglia (IMBA Australien) imbaaust@gmail.com
•Generalsekretariat: Marika Vallone (IMBA Italien) imbageneralsecretary@gmail.com




Glaubst du, dass du mit deiner Kampfkunst in einer echten Konfrontation gewinnen würdest?
Das ist fast jedem schon einmal passiert. Du bist auf einer Veranstaltung, erzählst, dass du trainierst, und bevor du dich versiehst, stellt jemand die unvermeidliche Millionenfrage: „Und wenn du auf der Strasse angegriffen wirst, würde es dir dann wirklich helfen, dich zu verteidigen?“
Seit Jahrzehnten verkauft uns das Kino die Fantasie des unbesiegbaren Meisters, der mehrere Angreifer mühelos ausschalten kann. Aber wenn wir die Kampfkünste von Scheinwerfern, Drehbüchern und Choreografien befreien, bleibt eine viel härtere Realität übrig. Die Frage ist nicht nur berechtigt, sondern auch ein Test auf brutale Ehrlichkeit, den sich jeder Praktizierende einmal im Leben stellen sollte.
Der erste grosse Fehler besteht darin, die kontrollierte Umgebung mit der Realität zu verwechseln. Im Dojo, im Fitnessstudio oder im Ring gibt es Regeln, einen glatten Boden, einen Schiedsrichter und vor allem einen Partner, der denselben Verhaltenskodex teilt. Man weiss, worauf man sich einlässt, man bewegt sich im Rahmen von Regeln und kann im schlimmsten Fall aufklatschen, um aufzugeben und die Aktion zu beenden.
Auf der Strasse gibt es keine Regeln, keine Gewichtsklassen und kein Fairplay. Eine echte Konfrontation ist chaotisch, schmutzig, unvorhersehbar und asymmetrisch. Es gibt kein Aufwärmen. Der Angreifer kündigt sich nicht an, er sucht den Überraschungsmoment, den Vorteil und ist oft bewaffnet oder in Begleitung. Deshalb ist der Glaube, dass sportliche Fähigkeiten einen in einer dunklen Gasse immun machen, der direkteste Weg in einen schweren Fehler.
Die Kunst oder die Methode?
Viele Debatten verlieren sich in der Theorie darüber, welcher Stil überlegen ist: ob die Schlagkraft des Muay Thai, die Distanz des Karate, die Kontrolle des Judo oder die Submission des Jiu-Jitsu. Die tatsächliche Wirksamkeit liegt jedoch nicht in der Bezeichnung der Kampfkunst, sondern darin, wie man trainiert.
Ein System, das sich ausschliesslich auf Ästhetik, reglementierten Wettkampfsport oder starre Formen ohne echte Gegenwehr konzentriert, wird den Auswirkungen von purem Adrenalin kaum standhalten. Damit eine Reaktion unter Druck funktioniert, muss das Training den Stressfaktor, den Umgang mit Angst, die tatsächliche Distanz und die Akzeptanz von Körperkontakt integriert haben. Wenn man nicht unter psychischem Druck trainiert, erstarrt der Körper einfach, sobald die Bedrohung real ist.
Paradoxerweise zeigt sich die grösste Stärke eines effektiven Kampfsystems dann, wenn es zu keiner physischen Konfrontation kommt. Ernsthaftes Training verleiht keine Superkräfte, sondern vermittelt drei entscheidende Werkzeuge: Situationsbewusstsein: Die Fähigkeit, die Umgebung zu lesen, Gefahr zu wittern, bevor sie sich konkretisiert, und sie zu vermeiden.
Ego-Kontrolle: Die nötige Reife, sich bei einer Provokation umzudrehen und wegzugehen, im Wissen, dass man niemandem etwas beweisen muss.
Deeskalation: Der Einsatz von Besonnenheit und verbaler Kommunikation, um das Feuer zu löschen, bevor es zu Funkenflug kommt.
Diese Empfehlungen von der Theorie in die Praxis umzusetzen, erfordert mehr als nur gute Absichten; es erfordert eine Trainingsmethode, die speziell für den schlimmsten aller Fälle entwickelt wurde.
In diesem Sinne wurde das KickToro-Trainingssystem genau dafür entwickelt, die Grenzen der herkömmlichen Tatami zu überwinden. Es basiert nicht auf Annahmen oder choreografierten Abläufen, sondern auf der nackten Realität. Die KickToroMethode wurde rigoros getestet und hat ihre volle Wirksamkeit in realen Situationen mit höchstem Risiko bewiesen, in denen es keine zweite Chance gibt. Durch die strikte Anwendung der Prinzipien von Stressbewältigung, Antizipation und Entschlossenheit, wenn eine Deeskalation nicht mehr möglich ist, gibt dieses System dem Praktizierenden die realen Werkzeuge an die Hand, um sich durchzusetzen.
Solltest du morgen in eine Extremsituation geraten, wird dir kein Gürtel allein durch das Tragen den Sieg garantieren. Was dich retten wird, ist deine Anpassungsfähigkeit, deine mentale Vorbereitung auf das Chaos und ein Trainingssystem, das diese Situation bereits vor dir durchlebt hat.
Wenn du das nächste Mal gefragt wirst, ob du in einer echten Konfrontation gewinnen würdest, lautet die ehrlichste und martialischste Antwort: „Ich trainiere, um das niemals herausfinden zu müssen, aber sollte es doch passieren, hat mein Training bereits bewiesen, dass ich darauf vorbereitet bin.“




Ich habe immer gesagt, dass der wichtigste Wert, der der Verbreitung des Karate zugrunde liegt, in seinem Namen selbst liegt, und viele Experten stimmen mir darin zu. Interessanterweise entstand Karate (leere Hand) als ein Name, der sich an die Umstände anpasste, die seine Entstehung im Kontext der damaligen Zeit (Ende des Zweiten Weltkriegs) umgaben.
Das „To Te“ oder „To De“ entwickelte sich als Selbstverteidigungssystem auf der Insel Okinawa, die erst lange nach der Vereinigung der Hauptinseln zu einer einzigen Nation unter der Herrschaft eines Kaisers und insbesondere unter der Kontrolle seiner „Vertrauten“, bekannt als Shogun, Teil des japanischen Reiches wurde.
Okinawa besass eine eigene Sprache und Kultur, die stark von der chinesischen Kultur beeinflusst waren, und stand unter der Herrschaft eines Königs, bis es von Japan annektiert wurde. In diesem Zusammenhang kam es zu einer bedeutenden Akkulturation, wobei die Eroberer versuchten, den Einwohnern japanische Formen und Kulturen aufzuzwingen.
Funakoshi, der als Lehrer perfekt Japanisch sprechen und schreiben konnte, lernte von zwei verschiedenen Linien, zwei aussergewöhnlichen Meistern, die ihm die Grundlagen seines Stils vermittelten.
Als sich die Gelegenheit zur Verbreitung in Japan bot, musste der Name japanisiert werden, daher die Suche nach einem Kanji, das zum ursprünglichen Konzept passte. Eine Kampfkunst aus Okinawa hätte niemals eine Chance gehabt, in Japan akzeptiert zu werden, schon gar nicht vor dem Krieg, in einem Umfeld des nationalistischen Fanatismus, wie es damals herrschte, und auch nicht danach, denn selbst nach der Niederlage im Krieg hätte das stolze japanische Volk nur etwas Eigenes akzeptiert (wie im Fall des Judo).
Funakoshi fungierte hier als Brücke zwischen zwei Welten, zwei Kulturen und zwei Epochen; dazu nutzte er die früheren Bestrebungen von Jigoro Kano, indem er das Ju-Jutsu in einem neuen Kontext strukturierte – dem Ju-do –, einem Kontext, der frei von der Rauheit und Traditionalitätwar, die die amerikanischen Besatzer so sehr stören könnten. Die Jutsu wurden zu „Do“, lösten sich von einer konfliktreichen Vergangenheit, um sich dem neuen Kontext anzupassen, und gingen im Falle des Judo sogar noch weiter, indem sie daraus einen Sport machten – den ersten japanischen Sport, der bei den Olympischen Spielen zugelassen wurde.
Derselbe Prozess vollzog sich Jahre später mit dem Aiki Ju-Jutsu, einer Verteidigungsform der Oberschicht, die weitaus raffinierter war als Judo und die Morihei Ueshiba in Aikido umwandelte, mit dem grossen Erfolg, den wir heute kennen.
Funakoshi handelte klug, auch wenn er nicht so weit ging wie Kano. Er akzeptierte niemals die Ausübung des Kumite und schon gar nicht dessen Einstufung als Sport; diesen Schritt wagte vor allem sein Schüler Nakayama, der sich der drängenden Notwendigkeit stellte, dieser Realität Rechnung zu tragen, und dem enormen Interesse, das diese Möglichkeit bei den Praktizierenden weckte.
Der Weltverband trieb diesen Prozess voran, der mit dem uns heute bekannten Erfolg und der Figur des Spaniers Antonio Espinos für immer mit seiner Geschichte verbunden sein wird.
Zuvor, in den 1950er und 1960er Jahren, entstand an der Westküste der USA ein grosser Wachstumsschub. Hollywood hatte bereits die Möglichkeiten einer Art von Filmen mit geringen Kosten, aber hoher Akzeptanz erprobt. Bruce Lee war zweifellos der Erste, dem dies gelang, und an seiner Seite stach ein Name über alle anderen hervor: Chuck Norris.
Damals wurde alles, was mit Tritten zu tun hatte, als Karate bezeichnet. Sogar Taekwondo musste in den USA anfangs den Namen „Korean Karate“ tragen!
Über die Kinoleinwand und das Fernsehen, mit „Texas Ranger“, vermittelte Norris der breiten Öffentlichkeit die Werte des Karate und verlieh dem Karate ein positives Image. Die Geschichte, die von Helden und Mythen geschrieben wird, dringt tief in das kollektive Unterbewusstsein ein und prägt die Werte und die Anerkennung, die die gesamte Menschheit jedem einzelnen Ding zuschreibt.
Chuck Norris ist im vergangenen Monat von uns gegangen; mögen diese Zeilen auch als bescheidene Hommage an einen Mann dienen, der den Namen Karate in Grossbuchstaben auf die Kino-Plakate brachte und die Leidenschaft für unseren Sport und unsere Kampfkunst in die ganze Welt trug.
Ein vorbildlicher Mann – niemand, der ihn kannte, hat mir jemals ein einziges schlechtes Wort über ihn gesagt! Ganz im Gegenteil! Er bewies, dass man Erfolg haben kann, ohne seine Bescheidenheit zu verlieren, und lernte weiterhin bei allen möglichen Meistern wie ein gewöhnlicher Schüler. Er verstand es, der amerikanischen Jugend durch das Karate-Training zu helfen, sich von Drogen fernzuhalten, mit seiner Stiftung „Kick Drugs Out of Kids“, und noch bis neun Tage vor seinem Tod trat er weiter gegen einen Sandsack.
Andere folgten ihm, aber er war der Erste, und sein Vermächtnis ist riesig – ebenso wie unsere Anerkennung und Dankbarkeit, mit der wir sein Andenken ehren.
Lebewohl, Sensei Norris!



