


„Kein Mensch ist eine Insel. Nur für sich selbst zu existieren, ist sinnlos. Die größte Zufriedenheit erlangen wir, wenn wir uns mit einem höheren Sinn im Leben verbinden, mit etwas, das größer ist als wir selbst.“

Denis Waitley
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„Kein Mensch ist eine Insel. Nur für sich selbst zu existieren, ist sinnlos. Die größte Zufriedenheit erlangen wir, wenn wir uns mit einem höheren Sinn im Leben verbinden, mit etwas, das größer ist als wir selbst.“

Denis Waitley

Aus meiner Zeit bei Budo Bruchstücke einer Insider-Geschichte.
«Wanderer, es sind deine Spuren der Weg und nichts weiter; Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht beim Gehen. Beim Gehen entsteht der Weg, und wenn man zurückblickt, sieht man den Weg, den man wieder beschreiten muss. Wanderer, es gibt keinen Weg, sondern Spuren im Meer.»
-Antonio Machado
Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit ich als Teenager begann, in der Librería Argentina meiner Familie in Madrid zu arbeiten. Bücher, Wissen und Kommunikation standen also (wie könnte es bei einem solchen Stellium in den Zwillingen auch anders sein!) im Mittelpunkt meines Lebens … schon vor meiner Geburt! Denn mein Vater begann die Saga mit aussergewöhnlichen Taten. An einem einzigen Tag kündigte D. Basilio Antonio Tucci auf einer ganzen Seite (und was für Seiten! … Sie waren wie Bettlaken!) in der argentinischen Zeitung «La Nación» die Veröffentlichung von sage und schreibe 150 neuen Büchern an! Die Boreal-Reihe des Verlags GLEM und einige andere Juwelen, wie die „Geschichte der spanischen Heterodoxen“ von Marcelino Menéndez Pelayo. Was für ein Start! Mein Vater starb früh und hinterliess die Buchhandlung sowie den spanischen Buchvertrieb Vitae, an dessen Spitze meine Mutter Luz Romero stand, die 25 Jahre jünger war als er. Sie leitete das Unternehmen mit Weisheit und Sorgfalt und machte es nicht nur zu einer kulturellen Botschaft Argentiniens in Spanien, sondern auch zur ersten auf Esoterik spezialisierten Buchhandlung im Spanien der Franco-Ära.

«Diese daraus resultierende Distanziertheit interpretieren manche als Hochmütigkeit, Arroganz oder Überheblichkeit, aber in Wahrheit steckt dahinter nur ein ernsthafter Junge, ein guter, verantwortungsbewusster Junge, dem man eine Aufgabe stellt, und er erledigt sie … so gut er kann. Das Leben ist etwas Außergewöhnliches, man muss nur versuchen, kein kompletter Idiot zu sein!»
Der Importeur Nr. 33 (VITAE) schmuggelte verbotene Bücher durch den Zoll, indem er Sendungen mischte oder die Unwissenheit der Zensoren ausnutzte. («Ein Albtraum mit Klimaanlage» von Henry Miller kam mehr als einmal herein – als Fachbuch!). So gelangten verbotene Bücher in den geheimen Verkauf, argentinische Ausgaben von Miguel Hernández, Machado, Alberti usw. … und jene «ketzerischen» Bücher über Esoterik und Spiritualität von KIER, Losada usw.
Bei ihr liessen alle vorbeiziehen, die in dieser Welt in diesem Land in Sachen Spiritualität eine Rolle spielen oder gespielt haben, von Don Eduardo Alfonso (Vierzig Lektionen Naturheilkunde), Ramiro Calle oder Salvador Freixedo bis hin zu Fernando Sánchez Dragó, Enrique de Vicente, Juan García Atienza und später jüngeren Autoren wie der Javier Sierra sowie einer endlosen Reihe weiterer Autoren, Heiliger und Visionäre jener genialen, libertären und kreativen Zeit.
Es gab auch viele brillante Schriftsteller; man darf nicht vergessen, dass es die Zeit des lateinamerikanischen Booms war. Unter den vielen illustren Dichtern, die dort ein- und ausgingen, muss ich Vicente Aleixandre, Buero Vallejo und natürlich den grossen Jorge Luis Borges hervorheben, die uns neben vielen anderen mit ihrer Anwesenheit und Freundschaft beehrten; Luis Rosales oder Benedetti kamen jede Woche auf einen Kaffee vorbei… Alle verehrten dieses Licht, das «Doña Luz» war und das mit Eleganz und eigener Kraft in ihrem Reich strahlte.
Auch Königin Doña Sofía war eine regelmässige Kundin und liess sich beraten; denn Luz verfügte über Urteilsvermögen, Ausstrahlung und Weisheit in Hülle und Fülle. Berühmte historische Persönlichkeiten besuchten diese einzigartige Buchhandlung, darunter «der Hexer», José López Rega – ich erinnere mich noch an seinen tiefen, blauen Blick – oder «Negro Rojas», der elegante Admiral, der die Seeblockade Argentiniens durchführte, oder María Estela Martínez de Perón; der General betrat den Laden nie; er wartete draussen in seinem Dienstwagen, denn seine erste Schandtat nach seiner Rückkehr ins Land war es, die Bücher unseres Verlags in Buenos Aires zu verbrennen; mein

«Es liegt eine besondere Eleganz in diesem Bild des Cowboys, der sich langsam am Horizont verliert, auf dem Weg zur untergehenden Sonne … wie er gehe ich, doch ich bleibe, eingeprägt in das Gedächtnis des Publikums, in diesem langsamen Übergang, bis der endgültige kommt (Gott bewahre, dass es nicht zu bald geschieht!), in dem die Worte ‚The End‘ erscheinen.»
Vater, der ein Gentleman war, ging einmal hinaus, um ihn zu begrüssen, und lud ihn ein, hereinzukommen, was der General dankte, aber ablehnte: «Danke. Ich weiss, wohin ich gekommen bin.» Mein Grossvater D. Alfredo war ein hartgesottener radikaler Caudillo, und in den Räumlichkeiten unseres Verlags wurde heimlich sein Sturz geschmiedet.
Während der argentinischen Diktatur hatten wir in der Buchhandlung eine funktionierende NGO, als es solche noch gar nicht gab. Meine Mutter schaffte es, bis zu elf Arbeiter aufzunehmen, darunter Professoren, die ohne jegliches Gepäck ins Flugzeug steigen mussten, da sie aus zuverlässiger Quelle wussten, dass sie am nächsten Tag «verschwinden» würden. Das Einzige, was sie bei ihrer Ankunft am Flughafen Madrid-Barajas in der Tasche hatten, war ein Zettel mit der Adresse, der «Librería Argentina» und der Telefonnummer von Doña Luz.
Es gab Ausstellungen mit argentinischer Malerei, eine Hommage an Borges, dem die Madrider aus dem Viertel von den Fenstern aus applaudierten, und der «Martin Fierro», der zeitgleich mit der Verfassung von 1978 erschien, wurde mit denselben Steinen beworfen, die man auf uns warf, als wir seine Erstausgabe im Schaufenster mit den Flaggen beider Länder ausstellten.
Jahre später heiratete meine Mutter den argentinischen Schauspieler Alberto Dalbes (Francisco Eduardo Eyras), der den Eyras-Verlag gründete. Alberto war der Vertreter von ParamahansaYogananda in Spanien, und in unserem Haus fanden jeden Sonntag Meditationen statt. Alberto war ein aussergewöhnlicher Mann und öffnete mir mit 15 Jahren die Augen für die Welt des Yoga, der Naturheilkunde und der Makrobiotik.
Das Interesse an der traditionellen japanischen Medizin wurde zu einem Schlüsselpunkt in meinem Leben, und auf dieser Suche lernte ich 1980 meinen ersten Karatelehrer kennen, meinen geliebten Miguel Ángel Establés Elduque,

Unten: Mein erster Judo-Ausweis aus dem Jahr 1970!
Oben: Mein Vater mit mir in Rio de Janeiro, wo wir die Hälfte des Jahres lebten.
Einige Fotos in der Librería Argentina. Mit dem grossen Jorge Luis Borges – das einzige Porträt, das ich zu Hause habe, ist eines, auf dem ich neben ihm stehe!
Der Dichter Luis Rosales mit Dionisio Ridruejo! Meine Mutter mit Borges und oben der spanische Dramatiker Antonio Buero Vallejo zusammen mit Eduardo Zúñiga...

die rechte Hand von Yamashita Sensei und folglich der Mann für alles im ersten Goju Kai Spaniens. Miguel kam damals gerade von einem Studium an der East West Foundation bei Mihio Kushi in Boston.
Diese Kombination (Karate und Naturheilkunde) lenkte mein Leben in zwei ganz bestimmte Richtungen, während ich an der Universität Complutense in Madrid amerikanische Anthropologie studierte. Aus diesem Interesse entstand mein erstes Buch «Cocina Natural, paraunavidamasplena» (Naturküche für ein erfüllteres Leben), erschienen im Verlag Everest (1980), das mit mehr als 12 Auflagen und 60.000 verkauften Exemplaren zu einem Erfolg wurde.Gleichzeitig entdeckte ich die Kampfkünste mit Karate wieder; ich hatte bereits im Alter von nur 8 Jahren im legendären Fitnessstudio Fujiyama mit Judo begonnen.
Nach meinem Goju-Karate-Training bei Miguel Ángel Establés von der Yamashita-Schule (er hat mich zum Gelbgurt

geprüft!) lernte ich bei einem Interview für die Zeitschrift SENDERO José Luis Paniagua Tevar kennen. Zu ihm gelangte ich über einen meiner wichtigsten Lehrer, José María Sánchez Barrio, den ich damals über Miguel Ángel Establés kennengelernt hatte. José María war eine echte Persönlichkeit, er lebte damals in Las Lastras in Ávila und war mit der ursprünglichen Bewegung der Makrobiotik und Naturheilkunde verbunden. Sein aussergewöhnliches Wissen in diesen und anderen Bereichen und die Erfahrungen, die ich mit ihm machte, veränderten mein Leben. Damals gab er die Zeitschrift SENDERO heraus, und ich habe an mehreren Ausgaben mitgearbeitet. Meine Beziehung zu José María erstreckte sich über viele Jahre hinweg, mit Phasen der Entfremdung, in denen er sogar neben mein Haus in Alpedrete zog, wo er damals auch Nachbar von Miguel Establés wurde. Er ist zweifellos der Mensch, der sich selbst geformt hat und den brillantesten Verstand besass, den ich je gekannt habe. Er erfand und entwickelte die Thermoregulation, ein Gesundheitssystem, das auf der Anwendung von Kälte und Wärme basiert, und verfasste mehrere Bücher, von denen ich einige veröffentlichte, darunter auch eine gemeinsame Arbeit von uns beiden, unsere Version von Sun Tzus «Die Kunst des Krieges».
Nach dem Tod meines Stiefvaters Alberto während meines Militärdienstes in Ceuta musste ich mich um den Verlag kümmern; nach meiner Entlassung führte ich ihn natürlich in den Bereichen weiter, die ich am besten kannte und die mich begeis-
Oben: Der uruguayische Nobelpreisträger Mario Benedetti ging jeden Tag mit meiner Mutter Kaffee trinken; die Buchhandlung war ein wichtiger Treffpunkt während des lateinamerikanischen Booms. Unten: Der Tag, an dem unser Schaufenster zerbrochen wurde.
Auf der gegenüberliegenden Seite mein Stiefvater und meine Mutter vor der Tür der Buchhandlung. Unten: Doña Luz thront auf ihrem Thron; eine mutige, kluge, aussergewöhnliche Frau!

terten: die Kampfkünste. In Frankfurt gelang es mir, die Rechte von Kodansha, dem nationalen Verlag Japans, zu erwerben, und ich übersetzte und veröffentlichte erstmals auf Spanisch die Werke der Begründer von Judo, Karate und Aikido sowie später andere grosse Autoren dieses Fachgebiets, wie beispielsweise Bruce Lee.
Dass ich zum führenden Verleger in diesem Bereich im spanischsprachigen Raum wurde, weckte das Interesse des Herausgebers einer neuen Kampfkunstzeitschrift namens «SENSEI», José María Fraguas. Das Magazin, das damals vom berühmten Herausgeber von Muscle & Fitness, Rafael Santonja, herausgegeben wurde, musste nach der achten Ausgabe eingestellt werden, und Fraguas wandte sich daraufhin an mich, um mir vorzuschlagen, gemeinsam ein Projekt zu starten; so entstanden «CINTURON NEGRO» und Budo International.
In der Anfangsphase brachte FraguasFotolits mit grossen Fotos aus Zeitschriften wie Inside Kung-Fu aus den USA mit, und mit diesen Übersetzungen und einigen wenigen weiteren Artikeln stellten wir die ersten Ausgaben zusammen. Die Anfänge waren sehr hart, und ich, der ich mich eigentlich nicht in die Sache einmischen wollte, tat es schliesslich aus der Not heraus angesichts der katastrophalen Zahlen, die wir erzielten. Zu dieser Zeit interessierte mich vor allem die Malerei, und der Verlag sowie seine Bücher brachten mir genug zum Leben.
Mit viel Engagement gelang es mir, die finanzielle Lage des Magazins wieder in den Griff zu bekommen. Unter anderem kaufte ich mir, auf der Suche nach Einsparmöglichkeiten bei der Produktion, meinen ersten Macintosh. Wenige Jahre später beschloss Fraguas, das Unternehmen zu verlassen. Was zunächst wie eine Katastrophe aussah, da er für die Organisation der Inhalte zuständig war, wurde jedoch zu

Oben: Bei Miguel Ángel Estables, wo ich zweimal ein japanisches Abendessen für den grossen Yosuke Yamashita zubereitete. Unten: Schüler des TEAM mit José Luis Paniagua. Unten: mit ihm an dem Tag, an dem er mir den schwarzen Gürtel überreichte – den ersten, den er verlieh! – und gemeinsam in seiner Heimatstadt Valdepeñas. Oben: mit Miguel Estables im Stadtteil Santa Ana in Madrid, wo Yamashita sein Dojo hatte und wo ich japanische Küche bei meinem Lehrer Seishiro Funamitsu, dem Küchenchef des legendären Restaurants Donzoko, lernte.

einer aussergewöhnlichen Chance für Wachstum.
Ich suchte unermüdlich nach einem Chefredakteur, der seine Arbeit als Chefredakteur des Magazins übernehmen könnte, aber kein Profil passte. Die Personen, die an dieser Rolle interessiert oder ausreichend mit der Materie vertraut waren, waren es nur teilweise oder aus eigenem Interesse. Ein Karateka würde über Karate sprechen, ein Judoka über Judo und so weiter. In einem Magazin für Kampfkünste war Neutralität ebenso unverzichtbar wie schwierig…
Andererseits begann das Magazin, obwohl es kaum rentabel war, an Bekanntheit zu gewinnen, sodass es nicht wenige gab,

die diese Rolle anstrebten. Niemand erwies sich als optimal für diese Position, und angesichts der Dringlichkeit der Entscheidung beschloss ich schliesslich, einen Schritt nach vorne zu machen und mich persönlich um alles zu kümmern. Die geschäftliche Leitung zu übernehmen, war zwar etwas, das ich bereits tat, mich jedoch in die Inhalte zu verstricken, war etwas ganz anderes.
Als wir mit dem Magazin begannen, hielt ich es für eine gute Idee, die den Verkauf unserer Bücher fördern würde, aber ich stellte Fraguas und Estanislao die Bedingung, dass ich mich nicht darum kümmern müsse. Ich hatte keinerlei Interesse
Verschiedene Fotos von meinem Aufenthalt in der spanischen Armee in Ceuta, bei der mechanisierten Kavallerie MONTESA 3 in Nordafrika, zunächst als Unteroffizier der Späher und später als Oberfeldwebel im Stab. Mein Oberst Carlos de Meer de Ribera war in jenen Jahren in Spanien in turbulenten Zeiten in den Schlagzeilen. Ich unterrichtete Karate, baute das Modell des Regiments neu auf, hinterliess eine Krippe aus Ton, die den Krippenwettbewerb gewann, einen Monat Manöver in der Wüste, Wachdienst als Soldat und später als Unteroffizier… bei den mechanisierten Einheiten stürzte ich in den ersten Monaten oft von den TOA; Nachtmärsche, «Sonderdienste» und vor allem fand ich einige grossartige Freunde wie Josep Solé. Die Armee bot mir an, zu bleiben und mich an die Akademie zu schicken, um Karriere zu machen … Ich bedankte mich und ging meinen Weg …

daran, in der Branche hervorzustechen; in den ersten Ausgaben schrieb ich sogar eine Kolumne darin, deren Name meine Haltung in dieser Angelegenheit unter dem allgemeinen Titel «Aus dem Schatten» und unter dem Pseudonym «Enrique Romero», meinem zweiten Vornamen und Nachnamen, zum Ausdruck brachte. Ich wollte nicht in Erscheinung treten… Jedes Mal, wenn das Schicksal meinen Weg gekreuzt hat, hat sich dieses Phänomen wiederholt. Ich habe immer die Last der Verantwortung auf mich genommen, was mich oft in hohe, nicht angestrebte Positionen gedrängt hat (Saturn im Steinbock im Aszendenten).

Es waren nicht wenige Freunde, auf die ich in dieser Übergangsphase zählen konnte; Raúl Gutiérrez war einer von ihnen. Er verbrachte Tage damit, Fotos in unserem Archiv nach Stilen zu sortieren! Danke, mein Freund! Meine neun Jahre bei Paniagua, einem Querdenker der Kampfkünste (Autor eines Klassikers, den ich immer wieder empfehle: «Kampfkünste. Das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist»), haben mich ganz anders geprägt als die meisten anderen Praktizierenden jener Zeit. Bei Paniagua trainierten wir Karate, Taekwondo, Tai-Chi, Joggen, Meditation und Yoga. Das TEAM (Experimenteller Workshop für Kampfkunst) war ein ein-
zigartiger Ort und eine einzigartige Erfahrung mit unkonventionellen Persönlichkeiten, und meine Zeit dort verschaffte mir ein aussergewöhnliches Urteilsvermögen und eine besondere Distanz, um den Kontext der Kampfkunst aus einer integrativen Perspektive zu beurteilen, was zu jener Zeit sehr selten war. Es war dieses Urteilsvermögen, das es mir ermöglichte, eigene Inhalte für das Magazin zu entwickeln, die sich von allem unterschieden, was damals veröffentlicht wurde. Fraguas öffnete die Tür, ebnete mir einen völlig neuen Weg, und ich gestaltete ihn auf meine Weise um, weil mir nichts anderes übrigblieb.
Infolge dieser Veränderungen begann das Magazin, die Aufmerksamkeit anderer Unternehmen der Branche in Frankreich, Deutschland und Italien auf sich zu ziehen, und es entstanden Partnerschaften für die monatliche Herausgabe des Magazins in verschiedenen Sprachen.
Doch die internationalen Ausgaben entstanden nicht einfach so; die allererste hatte einen anderen Ursprung, der mit meiner Verbindung zu Lissabon zusammenhing, wo meine Grosseltern lebten. Als ich zufällig ein paar Tage im Haus meiner Mutter in Madrid war, klingelte das Telefon. Ein Arzt wollte mit meiner Mutter sprechen: Meine Grossmutter, die sich um meinen Grossvater kümmerte, der sehr pflegebedürftig war und Dialyse benötigte, hatte Krebs. Ich rief meine Mutter an, die damals unbesorgt und glücklich in Buenos Aires lebte; sie musste eilig zurückkehren, um sich um sie zu kümmern. Bei meinen regelmässigen Besuchen in Lissabon stellte ich fest, dass die Umstände sie trotz ihrer Stärke überforderten, und ich kaufte ihr einen Macintosh, in der Absicht, ihr eine neue Aufgabe zu geben, die ihrem Alltag Halt geben könnte. Dazu kam mir die Idee, dass sie das Magazin ins

Portugiesische übersetzen könnte.
So entstand die erste fremdsprachige Ausgabe von «CinturónNegro», und der Name, den ich für die Gründung des Unternehmens «Budo International Publishing Company» gewählt hatte, gewann plötzlich echte Bedeutung und Wert. Dann folgten die anderen: zuerst Frankreich mit Thierry Plee, dem Sohn der Karate-Legende Henry Plee, dann Deutschland (Stefan Billen war sehr engagiert), Italien mit Jutte Sport usw. usw.
Das war das erste Mal, dass so etwas passierte: Ein Kampfsportmagazin wurde international! Wir sprechen von einer Zeit, in der es noch kein Internet gab, und da als Massenmedium fungierte, hatte noch nie jemand die Grenzen im Kampfsportbereich überschritten. In Frankreich fand Karate Bushido, das allein herrschte, in Budo International einen würdigen Konkurrenten. In Italien erging es «Samurai» genauso, und in Deutschland, der Schweiz und Österreich sahen sich die Zeitschriften von Norbert Schiffer einer neuen Alternative gegenüber: Kampfkunst International.
In dieser Zeit waren wir das erste Magazin, das ausserhalb Brasiliens ein Titelbild über die GracieFamilie veröffentlichte, und Jahre später die Ersten, die in Europa über die UFC berichteten (wofür wir heftig kritisiert wurden…).
Die europäischen Kampfkünste, die bis dahin ignoriert worden waren, tauchten dank uns wieder in der Szene auf, und viele alte oder ethnische Traditionen erlangten durch die Veröffentlichung auf unseren Seiten an Bedeutung: das portugiesische «Jogo do pau», Palo, Tolete und Garrote aus den Kanarischen Inseln, Silat, Kali, Capoeira, die Kampfkünste der amerikanischen Ureinwohner und eine lange Liste weiterer Disziplinen. Viele zuvor verachtete innere Kampfkünste wurden bekannt

Oben: Mit José María Sánchez Barrio in Ávila – ein absolutes Genie! Wir sinnieren über die Natur des Wassers in den Wasserbecken von Burgohondo, zweifellos einer meiner Lieblingsorte. Unten an meinem Geburtstag in Alpedrete; in jenen Jahren wohnten José María, Estables und ich direkt nebeneinander.


Links: Der Tag, an dem ich meinen gerade aus Brasilien angekommenen Lehrer kennenlernte, 25. Mai 2006 – mein Geburtstag! Oben: Jahre später bei der Entgegennahme meines Shidoshi-Diploms aus den Händen von Shidoshi Jordan Augusto.

gemacht. Das Kyusho Jitsu trat in Europa und Südamerika aus dem «Untergrund» hervor und wurde dank unserer Artikel zu einem regelrechten kontroversen Phänomen.
Die polizeiliche und militärische Anwendung der Kampfkünste fand zum ersten Mal einen bedeutenden Platz in einem Kampfkunstmagazin. Krav Maga, Kapap, SOG und so viele andere Systeme wuchsen im Rhythmus unserer Ausgaben exponentiell. Ein ganzer, zu Unrecht ausgegrenzter Bereich wurde wieder an seinen rechtmässigen Platz als Kampfkunst integriert.
Es waren nicht wenige Namen, die in unserem Magazin das Echo fanden, das sie berühmt machte. Wing Tsun, ausserhalb Deutschlands eine Randerscheinung, machte mit Victor Gutierrez und Emin Boztepe auf unseren Titelseiten einen qualitativen Sprung. Der «Kaiser des Wing Tsun» selbst, GM Keith Kernspecht, schloss eine Kooperationsvereinbarung mit BUDO ab, die eine monatliche 16-seitige Beilage in unseren Zeitschriften, «WT
International», umfasste, die mehrere Jahre lang erschien und Wing Tsun (Wing Chun) zu dem Massenphänomen machte, das es heute ist.
All dies wurde durch wertvollstes audiovisuelles Material ergänzt, das wir auf Video aufnahmen und das Jahre später zu einem aussergewöhnlichen Archiv mit fast 1’000 Videoproduktionen heranwuchs. Gleichzeitig veröffentlichten wir mehr als 200 Buchtitel in verschiedenen Sprachen, und das Magazin erschien monatlich sogar in bis zu 12 Sprachen, auch wenn einige davon eher kurzlebige Experimente waren: Türkisch, Kroatisch usw. Andere, langlebigere Ausgaben wie MandarinChinesisch, Modernes Chinesisch, Russisch, Japanisch usw. bedeuteten einen Quantensprung in der Kommunikation im Bereich der Kampfkünste.
Wir produzierten zwei Dokumentarfilme für Universal Pictures, die grossen Erfolg hatten. Die enorme Produktion an Materialien und Arbeit zog eine beträchtliche Gruppe von Mitarbeitern in unseren Büros an: Über-

Links: Oben die Investorengruppe von Budo USA.
Unten: Maurice Elmalem, Cynthia Rothrock und weitere Teilnehmer einer Grossveranstaltung in Madrid mit 20’000 Zuschauern.
Unten: Der Tag, an dem ich Oberst Sanchis kennenlernte, während wir unsere Büros bauten; seine Anwesenheit war entscheidend dafür, die Idee einer nordamerikanischen Ausgabe auf den Weg zu bringen.

Die Büros von Budo in Valdemorillo. Vier wundervolle Etagen, die unserem Engagement gewidmet waren und ein Beispiel für aussergewöhnliche Kreativität und Design darstellten (Architekt: Tomás de Santiago), in denen die Begegnung zwischen Ost und West spürbar war, die unserem Kommunikationsprojekt zugrunde lag. Das schallisolierte Studio im Untergeschoss war ein riesiger Bunker, in dem wir Hunderte von Videos aufnahmen und unzählige Fotos machten. Als Hatsumi uns besuchte, sprach er aus, was viele andere sagten oder verschwiegen. Noch nie in meinem Leben hat mir ein Kampfsportmagazin auf der ganzen Welt eine solche Professionalität gezeigt!

setzer, Layouter, Fotografen, Redakteure… Zunächst mieteten wir immer grössere Räumlichkeiten, bis ich schliesslich ein außergewöhnliches Grundstück auf einem Hügel in Valdemorillo fand, mit der Skyline von Madrid zu Füssen. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich bereits in den Bergen von Madrid, fernab vom Trubel der Welt, und beschloss, dort eigens auf unsere Bedürfnisse zugeschnittene Büroräume zu errichten, mit einem vollständig schallisolierten Studio und vier Stockwerken, gekrönt von einer wunderschönen, japanisch inspirierten Pagode. Mein persönliches Büro wurde von einem Zen-Garten mit Bambus, Jacarandas, Steinen und wunderschönen Blumen abgerundet.
Wir hatten unser Geschäft ausgebaut und diversifiziert, und ein nicht unerheblicher Teil davon war die Entscheidung, ein Geschäft in einem Ladenlokal zu eröffnen, das meiner Familie im Zentrum in Madrid gehörte. Zu diesem Zweck knüpfte ich Beziehungen zu FUJI und der Familie Servent, Beziehungen, die viele Jahre andauerten. Damals war Budo International ein Komplettanbieter für Kampfsport: Wir verkauften Kimonos und Waffen, veröffentlichten Videos, Bücher und eine Zeitschrift. Im Laden kümmerte sich mein Partner, Estanislao Cortés, um diesen Bereich – wir verkauften all diese Produkte. Der Erfolg dieses Systems veranlasste uns, es in anderen Ländern als Franchise anzubieten. Warum auch nicht? Europa stand unter unserer Kontrolle und der unserer Partner: JUTTE Sport in Italien, FUJI in Frankreich, Billen in Deutschland und so weiter. Unsere englische Ausgabe hatte sogar Grossbritannien erreicht (Black Belt UK); die Insel war schon immer ein Sonderfall in Europa und ist es auch in diesem Bereich; alles deutete darauf hin, dass es keinen Grund gab, warum sich der grösste Markt der Welt, die Vereinigten Staaten von Amerika, uns verweigern sollte. Für ein solch grosses Ziel versammelte ich eine Gruppe von Freunden und sehr erfolgreichen Meistern, die daran interessiert waren, dort zu expandieren; Meister, die durch ihre Zusammenarbeit mit dem Magazin bereits aus erster Hand einen beispiellosen internationalen

Erfolg erlebt hatten. So gründeten wir Budo International USA und brachten das Know-how sowie ein beträchtliches Startkapital ein, um diesen Traum zu verwirklichen.
Zu diesem Zeitpunkt lernte ich durch den damaligen Oberst Sanchís (heute General) Maurice Elmalem kennen; gemeinsam mit den beiden, Marco de Cesaris, der Lehrerin Lilla Distefanno, Sifu Paolo Cangelosi, Sifu Victor Gutiérrez und Joaquín Almería wagten wir den Schritt, den Druck und Vertrieb von «Budo International América» in den USA zu starten.
Obwohl das Produkt bei den Experten sehr gut ankam, ist es eine Tatsache, dass wir zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt auf den Zeitschriftenmarkt kamen. Die Verkaufszahlen der ersten Ausgabe lagen erst kurz vor dem Druckauftrag für die zweite Ausgabe teilweise vor, waren aber ebenso positiv wie absurd, was mich dazu veranlasste, die Auflage drastisch zu reduzieren – ein Faktor, der es uns später ermöglichte, noch mehrere Jahre weiterzumachen.
Niemand wusste das damals, da die Vertriebsgesellschaften dies streng geheim hielten, aber die Verkaufsstellen, die einst von den Vertriebsgesellschaften kontrolliert wurden, waren exponentiell geschlossen worden. Dies führte in Verbindung mit der enormen Grösse des Landes zu katastrophalen Zahlen, die sie zu verbergen versuchten. Es war die Zeit, in der die Vertriebsgesellschaften ihre gesamte Macht verloren hatten; sie verfügten nicht mehr wie früher über effiziente Verkaufsstellen, denn es waren spezialisierte Zentren vom Typ «Barnes & Noble» entstanden, wo sie nicht nur auswählten, was in ihre Regale kam, sondern einem auch im Voraus für die blosse Nutzung der Ausstellungsfläche Geld abverlangten!
Die Vertriebsfirmen begannen zu scheitern und überflüssig zu werden, der Markt hatte sich komplett verändert, und wir gerieten mitten in diesen Wandel. Eine Reise in die USA deckte diese Aspekte auf, und wir unternahmen gemeinsam eine zweite Anstrengung, um das Projekt voranzutreiben. Alle Partner folgten dem Aufruf. In der Zwischenzeit verlegten wir den Firmensitz von Las Vegas nach New York, und Maurice trat

An der Polizeiakademie von New York, mit der wir insbesondere nach den Anschlägen vom 11. September eine hervorragende Beziehung pflegten, wo man mich auf vielfältige Weise ehrte und mit deren Mitgliedern ich bis heute eine enge Freundschaft pflege.
mutig in den Vordergrund und kümmerte sich von seinen Büros in der Bronx aus um den Verkauf der Videos. Maurice und ich hielten das Projekt mehrere Jahre lang am Laufen, mit Opfern und unter Einbussen, bis klar wurde, dass es so nicht weitergehen konnte. Zu dieser Zeit betrat das Internet die Bühne wie ein Elefant im Porzellanladen. Dieses neue Paradigma versetzte dem Vertriebssystem für Printmagazine in den USA den Todesstoss, und obwohl es in Europa noch funktionierte, zeigte es erste ernsthafte
Anzeichen von Schwäche. Da ich aus der Zukunft (den USA) kam, ergriff ich die entsprechenden Massnahmen in unserem Geschäft auf dem alten Kontinent und begann, in Spanien anzupassen; zwei Jahre lang brachten wir das Magazin einen Monat online und den nächsten Monat am Kiosk heraus. Da wir nicht nur Herausgeber, sondern auch unsere Hauptwerbekunden waren, konnten wir die Auswirkungen des einen und des anderen auf den Produktverkauf überprüfen, um Vergleiche anzustellen.
Auf den folgenden Seiten finden sich Fotos mit einigen der vielen Meister, mit denen wir vierzig Jahre lang zusammengearbeitet haben, mehr als 800 Videos, 200 Bücher, unzählige Artikel. Es sind nicht alle dabei, das wäre unmöglich; ich habe nur zufällig einige der Fotos ausgewählt. Die nicht Abgebildeten mögen mir verzeihen – sie sind mir deshalb nicht weniger wichtig!


Zwei Jahre reichten aus, um festzustellen, dass der Paradigmenwechsel nicht von einer Zukunft handelte, die noch bevorstand, sondern von einer bereits eingetretenen Gegenwart. In den Monaten, in denen wir online waren, konnten wir den Absatz unserer Produkte im Vergleich zu den Monaten in Papierform verdoppeln, und trotz der natürlichen Verbundenheit, die man mit dem edlen Medium Papier hatte, beschloss ich, dass es an der Zeit war, den vollständigen Sprung zu den neuen Technologien zu
wagen, während ich zusah, wie unsere Konkurrenten nach und nach in einem verlorenen Kampf untergingen. Die Krise von 2008 beschleunigte die Entscheidungen.
Die technologische Entwicklung reduzierte sowohl den Personalbedarf als auch den Bedarf an Räumlichkeiten für die Produktion des Magazins. Ein 1’000-Euro-Handy lieferte mehr Qualität als unsere professionellen Kameras von damals, die 10’000 Euro kosteten! Der Firmensitz von Budo war nicht mehr notwendig, und die Wirtschaftskrise auf-


grund der Subprime-Hypotheken brachte die Dinge endgültig ins Lot. Mein Partner wurde krank und konnte sich nicht mehr um den Laden kümmern, Fuji übernahm die Leitung. Ich verkaufte die Büros, mein Haus und zog, nachdem ich meine jetzige Frau kennengelernt hatte, mit leichtem Gepäck nach Valencia.
Die digitale Ära brachte viele positive Entwicklungen mit sich, denn wir haben den Wandel erfolgreich begleitet und sogar die Millionengrenze an Lesern überschritten – das
Magazin hatte in seiner gedruckten Form nie solche Zahlen erreicht!
Wir haben uns in dieser neuen Phase intensiv engagiert. Wir haben eine beeindruckende Website erstellt, die in 9 Sprachen übersetzt wurde, und uns auf unsere Kernkompetenzen konzentriert: den Verkauf von Videos und Büchern. Unser YouTube-Kanal erreichte 112’000 Abonnenten, und wir haben sogar neue Sprachen hinzugefügt.


Durch das Internet hat sich der Informationskonsum derart beschleunigt, dass wir von einer monatlichen Zeitschrift zu einer Zeitschrift mit fünfmonatigem Erscheinungsrhythmus übergingen! Mein persönlicher Arbeitsaufwand vervielfachte sich; das Internet war ein Monster, das ständig gefüttert werden musste. Facebook … soziale Netzwerke – da sind wir mit der Kirche aufeinandergetroffen, Sancho! Die Oberflächlichkeit der heutigen Medien passte nicht zum martialischen Gedanken, und
unser Geschäft, das sich auf den Verkauf von Videos und Büchern konzentrierte, hatte unter diesen Leuten, meist jungen Leuten, keine zentrale Zielgruppe.
Die Zeit vergeht, und mit ihr verändert man sich. Zyklen schliessen sich, andere öffnen sich. Mit 66 Jahren schliesse ich eine ganze Phase ab. Mein lieber Freund, Oberst Ramos Alcaraz, sagte, dass grosse Krieger nicht sterben, sondern verschwinden und sich am Horizont verlieren.
In dieser Phase übergebe ich die unternehmerische


Fackel an Maurice, werde aber fest an seiner Seite bleiben und diese neue Etappe begleiten, jedoch ohne die schweren Verantwortlichkeiten des unternehmerischen Alltags.
José María Sánchez Barrio sprach von der «vierten Phase», der Zeit, in der wir uns auf die Rückkehr zum Ganzen vorbereiten und uns vorwiegend nach innen wenden.
Fray Luis de León hat es uns so schön und liebevoll beschrieben:
Wie ruh voll ist das Leben dessen, der dem Lärm der Welt entflieht und dem verborgenen Pfad folgt, auf dem die wenigen Weisen gewandelt sind, die es je auf dieser Welt
gab;
Dennoch, und das habe ich versprochen, werde ich hier sein, wie einst, zu eurer Verfügung. Die Zeitschrift wird unverändert weiterbestehen, mit demselben Team; meine Kolumne wird nicht fehlen, nun unter einem neuen Titel, doch die Arbeit, die geschäftlichen Machenschaften und Intrigen werden meine Zeit nicht mehr in Anspruch nehmen, noch meinen Schlaf stören.
Meister Maurice kommt voller Tatendrang, voller Ideen und mit der Kraft, die Zeitschrift voranzutreiben, insbesondere in den USA, wo sie bereits sehr viele Leser hat. Seit


Jahren schon sind meine Kräfte erschöpft; wenn die Dinge für dich nicht mehr glänzen, ist es an der Zeit, einen Schritt zur Seite zu treten, das Ruder abzugeben und einem neuen Weg zu folgen, der Herz hat.
Doch das Wichtigste ist nicht so sehr, wie man in Dinge hineingeht, sondern wie man aus ihnen herauskommt… andere Horizonte rufen mich mit Nachdruck. Seit 2006, dem Jahr, in dem ich meinen Ebunto-Lehrer Shidoshi Jordan Augusto kennenlernte, der mir alles beibrachte, was ich über dieses Fach weiss – insbesondere diejenigen unter euch, die mir am nächsten folgen, wissen um mein Engagement für dessen Verbreitung und Vermittlung.
Vor vier Jahren gründete ich eine kleine Schule, um etwas fortzuführen, das viel grösser ist als ich selbst, stets ausgehend von der Bescheidenheit meines Wissens über das Thema, aber mit wachsendem Herzblut, Enthusiasmus und Entschlossenheit. Die mir verbleibenden Jahre werde ich wahrscheinlich überwiegend diesem Thema widmen, aber wer weiss … zumindest deuten alle Zeichen darauf hin. Das Schicksal, das ebenso stur wie paradox ist, neigt sich stark in diese Richtung; man weiss es, wenn alles fliesst und wenn Innen und Aussen miteinander korrespondieren und ohne grosse Spannungen natürlich fliessen.
Maurice ist ein guter Freund, er übernimmt diese Position



aus Liebe, nicht aus Gier, denn das Glück hat ihm im Leben zugelächelt und er ist ein äusserst erfolgreicher Architekt und Bauunternehmer. Niemand ist besser geeignet als er, diese Stelle zu besetzen, die ich heute verlasse. So erfüllen wir einmal mehr das hermetische Gebot: «Damit sich nichts ändert, muss sich alles ändern!» Und so geht das Abenteuer weiter.
Beim erneuten Lesen dieses Textes denke ich: Wen interessiert diese kleine Geschichte schon? Dinge geschehen, Erinnerungen verweht der Wind; keiner von uns

ist wichtig, und doch sind wir alle notwendig im grossen Spiel des Wandels. Man hat mir jedoch beigebracht, dass man Zyklen mit Gesten abschliessen sollte; diese kleine Erinnerung, dieser Auszug oder diese Zusammenfassung (die vielen, die ich ausgelassen habe, möge ich um Verzeihung bitten), ist mein Abschiedsgruss, sowohl um sie nach aussen zu tragen als auch damit sie demjenigen nützt, den sie interessieren könnte, und damit, indem ich sie festhalte, die Angelegenheit endgültig ad acta zu legen.


Ich beanspruche weder Recht für mich, noch streue ich mir selbst Rosen unter die Füsse. Die hier geschilderten Erfolge waren für mich zu ihrer Zeit wichtig; heute sind sie es nicht mehr, denn hinter jedem angegriffenen Capote entdeckt der Stier, dass nach dem gebrochenen Angriff, hinter der Täuschung, nichts mehr ist, nur der Drang, der von innen an seinen Eingeweiden, seiner Natur kratzt, um weiterzumachen … solange der Körper durchhält. Glücklicherweise sind wir in vielen Dingen Stierkämpfer und können entscheiden, wann wir das Blatt wenden und den Stier töten. Ob ich nun durch das grosse Tor gehe oder nicht, wird die Zeit entscheiden; was ich richtig gemacht habe, was ich falsch gemacht habe, die Unterschiede lösen sich in der Ferne und in der

Zeit auf… ist die Vorstellung vorbei, fällt der Vorhang, und es ist Sache des Publikums, sein Urteil zu fällen.
Die Taten des Menschen sind sein Sohn; was den Menschen verzehrt, sind seine Träume; der Traum vom Budo hat mich verzehrt und spuckt mich nun aus, denn schon lange ist er nicht mehr mein Traum. Ich habe aus Disziplin und Ehre daran festgehalten, denn schon lange tue ich es nicht mehr aus Notwendigkeit, sondern – wenn es eine ist, dann für mich schon – um meinen Teil in diesem mir zugewiesenen Schicksal zu erfüllen.
Ich danke allen, die mich bei meinem Vorhaben unterstützt haben, und auch denen, die mich auf dem Weg herausgefordert oder konfrontiert haben; dank ihnen bin ich gewachsen


und habe es geschafft, über mich selbst hinauszuwachsen. Das Vermächtnis gehört nicht mehr dem, der es geschaffen hat, sondern dem, der es nutzt; hier hinterlasse ich euch die Dinge, die Videos, die Bücher, die gedruckten oder digitalen Zeitschriften. Ich weiss, dass viele Herzen und Leben von dieser Fülle an Mitteilungen berührt wurden, und das ist das Wichtigste, denn sie haben ihrerseits wiederum mehr Menschen bewegt, und die Botschaft war gut, klar und positiv.
Heerscharen von Seelen und Menschen sind mit all dem zufrieden; manche weniger… was soll man machen, man kann es nicht allen recht machen! Man hat getan, was man konnte, entspre-


chend seiner Natur, nach bestem Wissen und mit den Mitteln, die einem zur Verfügung standen.
Viele Notare werden das hier Geschriebene bezeugen, und einige «Schwindler» werden die Geschichte auf ihre Weise erzählen. Das ist ihr gutes Recht! Aber derjenige, der dies heute schreibt und hier veröffentlicht, ist Ihr ergebener Diener; wem es nicht gefällt: Pech gehabt! Meine Lage in der Branche ist mir schon lange egal;
In den letzten Jahren hat Shidoshi Alfredo Tucci bei unzähligen Gelegenheiten und an verschiedenen Orten das Ebunto verbreitet und eine Vortragsreihe «Oriente en Occidente» geleitet, im Kulturzentrum «La Malagueta» in Málaga und bei den Wellness-Kongressen der CADENA SER in ganz Spanien.
ich spiele in anderen Ligen und ein anderes Spiel, und von dort aus habe ich verstanden, wie wichtig es ist, Zyklen gut abzuschliessen, also, Alfredo! Machen wir keine Wellen mehr!
Die Wahrheit ist, dass mir nichts mehr im Hinterkopf geblieben ist; ich hege keinen Groll, keine versteckte Rache. Ich nehme die Erfahrung an, wie sie war, und mit aufrichtiger Dankbarkeit blicke ich zurück und bewundere das Glück, das mir zuteilwurde, eine




bemerkenswerte Rolle in einer Welt zu spielen, die ich zu schätzen wusste, auch wenn (und das scheint kein Einzelfall in meinem Leben zu sein) dies nichts war, was ich angestrebt hatte. Diese daraus resultierende Gelassenheit wird von manchen als Hochmut, Arroganz oder Überheblichkeit gedeutet, aber in Wahrheit steckt dahinter nur ein ernsthafter Junge, ein guter, verantwortungsbewusster Junge, dem man eine Aufgabe stellt, und er erledigt sie … so gut er kann. Das Leben ist etwas Aussergewöhnliches, man muss nur versuchen, kein kompletter Idiot zu sein!
Es liegt eine besondere Eleganz in diesem Bild des Cowboys, der sich langsam am Horizont verliert, auf dem Weg zur untergehenden Sonne… wie er gehe auch ich, doch ich bleibe, eingeprägt in das Gedächtnis des Publikums, in diesem langsamen Übergang, bis der endgültige kommt (Gott bewahre, dass es nicht zu bald geschieht!), in dem die Worte «The End» erscheinen.
Bis dahin, zu euren Diensten, werde ich als «Emeritus», «Gründer» oder «Ehrenbischof» weitermachen – gebt mir den Titel, den ihr wollt, und seid unbesorgt, denn Maurice hat die Fackel übernommen, deshalb sage ich: Danke, mein Freund! Und danke an euch alle, Freunde, für die Begleitung!


Interview mit Maurice Elmalem, dem neuen CEO von Budo Max USA, und Alfredo Tucci.
B.I.: Ein grosser Moment in der Geschichte des Magazins, nicht wahr?
Alfredo Tucci: Zweifellos! Dinge entstehen, entwickeln sich weiter, steigen auf, stabilisieren sich dann und beginnen zu verfallen. Das ist das Gesetz der Natur. Der einzige Weg, um den Verfall zu verhindern, ist, wie das japanische Sprichwort sagt: «Wenn du den Gipfel erreichst, steige weiter hinauf.» Dazu muss es eine Wiedergeburt geben, und diese bedeutet immer, auf die eine oder andere Weise, zuvor einen Tod, ein Ende. Der weise Mensch muss die Umstände und Zyklen erkennen und entsprechend handeln. Ich gehe noch nicht in den Ruhestand, aber ich muss die nächste Phase vorbereiten, und daher dieser bedeutende Wechsel an der Spitze des Schiffes.
B.I.: Warum Grossmeister Elmalem?
Alfredo Tucci: Ganz einfach, wir haben eine gemeinsame Geschichte, wir kennen uns gut; wir habengemeinsam unter widrigen Umständen gekämpft, als wir in die USA kamen, und gerade in widrigen Umständen lernt man die Menschen kennen.
Maurice ist ein wahrer Liebhaber der Kampfkünste. Weit davon entfernt, von ihnen zu leben (er ist ein äusserst erfolgreicher Unternehmer und Bauunternehmer in New York), hat er sie, als das betrachtet, was sie sind: eine Quelle für persönliches Wachstum und innere Werte, Gesundheit und Charakter. Da sind wir uns vollkommen einig! Das gibt ihm die aussergewöhnliche Freiheit, das Magazin nicht als reines Geschäft zu betrachten, sondern als das, was es schon immer war: ein Kommunikationsinstrument in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen in der Branche, ein Leuchtturm, ein Wegweiser, der das Alte bewahrt, ohne das Neue zu schmälern, und jedem Aspekt seinen gerechten Wert beimisst.
Maurice bringt zudem frische Ideen mit, und das ist immer positiv. Ausserdem hat er im Laufe seines Lebens viele Kontakte in der Branche in den USA und auf der ganzen Welt geknüpft, und natürlich hat Budo International, da es in Europa ansässig ist, in der einen oder anderen Form immer mit einem stärkeren Fokus auf den alten Kontinent agiert.

Maurice Elmalem: Ich kenne Alfredo Tucci sehr gut, sonst hätte ich diesen Schritt nie gewagt. Er wird das Magazin weiterhin herausgeben, aber ich hoffe, grosse Namen aus den USA zu gewinnen – persönliche Freunde von mir, die grosse Schauspieler oder Kampfsportler sind, sowie junge Talente, die dort erfolgreich sind, die ihr hier in Europa aber noch nicht kennt.
Es ist eine neue Etappe, in der wir offen sind für neue Leute, Meister, die noch nicht mit uns zusammengearbeitet haben, und Organisationen, die ich kenne und die von der Idee begeistert sind.
B.I.: Sie haben zwei der denkwürdigsten Hall ofFameVeranstaltungen der Geschichte in Amerika organisiert.

Wird es weitere davon geben?
Maurice Elmalem: Sicherlich, denn es ist an der Zeit, wieder eine Veranstaltung zu organisieren – und noch viel mehr! Schon seit Langem bitten mich diejenigen, die daran teilgenommen haben, das zu wiederholen. Aber vorher gibt es noch viel zu tun. Unsere Büros in New York sind bereits eingerichtet, wir haben neue Telefonnummern, und wir stellen gerade das Studio fertig, um dort Aufnahmen zu machen. Ich möchte Prominente aus anderen Sportarten und aus dem Filmgeschäft einladen, die mit den Kampfkünsten verbunden sind, sowie Leute und Freunde, mit denen ich zusammengearbeitet habe; grosse Namen wie Keanu Reeves, Randy Couture, Bill Wallace, Chuck Zito, Benny «The Jet» Urquidez, , Michael Jay White, Wesley Snipes, Arnold
Schwarzenegger, Shannon Lee, Kevin Sorbo, Cynthia Rothrock, Don Wilson, Ray Mercer, Carlos Machado, Dolph Lundgren, Billy Blanks und viele mehr.
B.I.: Was erwarten Sie nach fast vierzig Jahren Zeitschrift für die kommenden Jahre?
Alfredo Tucci: Die Kampfkünste sind zeitlos, aber ihre Auslegung (jenseits von Modetrends) ist etwas, das sich zwar anpasst, aber dennoch Bestand hat.
Die Kommunikation und ihre Medien erleben gerade revolutionäre Zeiten. Niemand kann wissen, wohin sie in den nächsten Jahren führen werden, aber sicher ist, dass die grossen Namen und Meister, die mit uns arbeiten und fast 1000 Videos gedreht haben, ein ewiges Vermächtnis hinter-

lassen haben, denn zu jeder Zeit wird ein Mensch nur zwei Arme und zwei bewegliche Beine haben – und das wird sich nicht ändern! Damit werden sie immer im Kampf und in der Selbstverteidigung arbeiten.
Ich kenne Maurice schon seit vielen Jahren. Er wird sicher Antworten auf diese neuen Situationen finden. Er ist ein erfolgreicher Mann, denn er ist in der Lage, Chancen zu erkennen, wo andere Probleme sehen.
Das Bewundernswerteste an diesem Schritt, den er unternimmt, ist, dass er es von Herzen tut. Er braucht das nicht, um Geld zu verdienen, aber da er ein grossartiger Unternehmer ist, wird er es tun, denn ganz natürlich erkennt und interpretiert er die Bedürfnisse der Zeit – was er anfasst, verwandelt er in Gold.


Es gibt viele junge Menschen, die uns noch nicht kennen, weil es einen Generationswechsel gegeben hat. Maurice, der Enkelkinder hat, ist sehr begeistert davon, diese zu erreichen, und hat grossartige Ideen für soziale Netzwerke usw. All dies wird dazu beitragen, Aspekte zu vervollständigen, die wir in der Vergangenheit vernachlässigt haben, während wir uns auf unsere Kernkompetenzen konzentrierten: Fachleute aus dieser Branche, die daran interessiert sind, von den Besten zu lernen und Zugang zu fundierten Informationen zu haben, anstatt zu «kostenlosen» Videos, die unbewährte Techniken vermitteln. Es ist jedoch ein Bereich, dem wir uns widmen müssen, denn diese Menschen sind die Zukunft, ohne dabei unsere Kunden und Freunde zu vergessen, die dieses Projekt all die Jahre unterstützt haben. Das Gute, das bereits existiert, ergänzen statt wegnehmen.
Maurice Elmalem: Alfredo hat Recht, in diesem Bereich gibt es viel zu tun. Es gibt unglaubliche junge Leute. Gerade dieses Wochenende war ich wie jedes Jahr bei der Ocean State National Championship in Rhode Island von Don Rodríguez und habe einige motivierte und aussergewöhnliche junge Leute gesehen. All diese Leute können ihre Horizonte erweitern, indem sie einfach mit uns zusammenarbeiten; wir sind die einzige amerikanische und europäische Publikation, die weltweit gelesen werden kann und über das nötige Ansehen und die Erfahrung verfügt, um diese Herausforderung anzugehen.
Ich bin zuversichtlich, dass wir das Nötige tun werden. Ich stehe euch unter dieser neuen EMail-Adresse zur Verfügung: info@budomaxintl.com und unter dieser Telefonnummer: +1 7186527100. Das Unternehmen Budo Max International LLC wird ab diesem Mai das Ruder übernehmen, aber operativ, was die Produktion des Magazins betrifft, wird mein Freund Alfredo Tucci weiterhin die Produktion leiten.
Wir haben eine ganze Woche lang gemeinsam bei Alfredo in Valencia verbracht, um diese neue Etappe zu planen. Wir haben viele Stunden schönes Wetter genossen, Gespräche nach dem Schwimmen im Pool, bei den Snacks, in der Abenddämmerung… Es war sehr angenehm und zugleich intensiv. Die Chemie stimmt. Es ist, als wäre seit unserem letzten Treffen keine Zeit vergangen.



Alfredo Tucci: Maurice hat die ganze Angelegenheit sehr liebevoll angegangen. Er ist ein knallharter Geschäftsmann, ein waschechter New Yorker! So wie er sein Restaurant mit grossem Erfolg geführt hat, baut er auch 80-stöckige Gebäude… Das Grossartige an ihm ist, dass er nie den Blick für unsere gemeinsame Geschichte verliert. Für uns beide sind die Kampfkünste etwas Persönliches, mit Werten… Ausserdem sind wir reife Menschen und teilen eine gemeinsame Liebe zur Kunst, und diese besondere Sensibilität verändert alles.
Maurice schafft wundervolle Kunstwerke mit Schmetterlingen, er malt und entwirft unglaubliche Räume und Gebäude. Jeder kennt meine künstlerische Seite, daher kann man sagen, dass die Liebe zur Kunst, einschließlich der Kampfkunst, gleichzeitig der Treibstoff und das Schmiermittel dieser Beziehung ist.
Wir werden gemeinsam daran arbeiten, dass diese neue Etappe uns viel Freude bringt, und dass immer im Geiste des Dienstes an der Kampfkunst-Gemeinschaft.
Maurice Elmalem: Ganz ehrlich, wenn Alfredo nicht an meiner Seite wäre, hätte ich diesen Schritt niemals gewagt. Finanziell brauche ich das alles nicht, aber wenn ich mich auf etwas einlasse, dann richtig! Ich kann es nicht anders!
Alfredo Tucci: Maurice ist ein Mann der Tat! Er hat eine Menge grossartiger Ideen und neuer Initiativen eingebracht. Das ist genau das, was Budo in dieser neuen Etappe braucht.
Maurice Elmalem: Alfredos 40-jährige Erfahrung ist unverzichtbar; vieles, was ich mir ausgedacht habe, wurde in der einen oder anderen Form bereits ausprobiert. Die Perspektive der Erfahrung ist immer entscheidend. Andere Ideen hingegen kamen wie ein frischer Wind...
Alfredo Tucci: Ja, es gibt grossartige Ideen und Sichtweisen, die wir uns gar nicht erst überlegt hatten. Man muss auch bedenken, dass die Tatsache, dass Maurice in den USA ist, ihm viele operative Vorteile im Umgang mit Unternehmen wie Amazon, YouTube usw. verschafft, denn diese bieten nordamerikanischen Unternehmen eine Vorzugsbehandlung, die wir Europäer nicht haben…
Maurice Elmalem: Ich möchte grosse Namen aus Amerika in das Magazin holen, die die redaktionelle Ausrichtung bereichern werden, und wir werden weiterhin auf die grossen Namen zählen, die das Magazin möglich gemacht haben und die nicht nur Freunde von Alfredo, sondern auch meine sind, wie Paolo Cangelosi, Jordan Augusto, Marco de Cesaris, Taejoon Lee, Salvatore Oliva, Avi Nardia usw.

Menschen zusammenbringen, die die Kampfkünste lieben und weltweit berühmt sind, indem wir das Spektrum der Inhalte um Schauspieler und Boxer erweitern – die meisten davon sind Freunde von mir, die sich sehr freuen werden, Teil dieses Projekts zu sein.
Alfredo Tucci: In vierzig Jahren war ich noch nie auf dem Titelblatt des Magazins! Es ist ein seltsames Gefühl, aber der Jahrestag verdient es, dem Ereignis Bedeutung zu verleihen (lacht). Du warst es, und das mehr als einmal! Ich erinnere mich, als wir das Foto von deinem Glasbruch im Studio für deinen UF-Guinness-Rekord gemacht haben … Wir hatten nur einen einzigen Versuch! Was für ein Foto!
Maurice Elmalem: Ja! Da hat man gesehen, dass wir beide gut aufeinander abgestimmt waren!
Genau das ist die Idee! Mit diesem Geist starten wir das Abenteuer dieser neuen Etappe. Jetzt ist die Zeit für die neuen Generationen gekommen, damit auch sie ihre Träume verwirklichen können, so wie wir es getan haben.
Alfredo Tucci: Amen!




Maurice Elmalem von Marquis geehrt
Who’s Who für Leistungen in Architektur und Design
Maurice Elmalem ist ein innovativer Unternehmer und Immobilienentwickler
BRONX, NY, Maurice Elmalem wurde in das Marquis Who’s Who aufgenommen. Wie in allen biografischen Bänden von Marquis Who’s Who werden die porträtierten Personen auf der Grundlage ihres aktuellen Referenzwerts ausgewählt. Faktoren wie Position, bemerkenswerte Leistungen, Sichtbarkeit und Prominenz in einem Fachgebiet werden bei der Auswahl berücksichtigt.
Herr Elmalem ist Präsident von Maurice Contractors and Designers Inc. Real Estate Developers, einem Unternehmen, das er 1986 als Generalunternehmer und Architekt gründete. Herr Elmalem erwirbt aktiv unbebaute Grundstücke, auf denen er Eigentumswohnungen, Gewerbegebäude und Wohnhäuser plant und anschliessend errichtet, und er setzt sich weiterhin leidenschaftlich dafür ein, die Ideen seiner Kunden gekonnt in die Realität umzusetzen.
Er ist als brillanter Architekturdesigner und Immobilienentwickler bekannt, der bereits mehr als 500 Projekte realisiert hat. Seine Arbeit wird von seiner Philosophie geleitet, dass es eine sinnvolle Verbindung zwischen formalem Design und Leistung gibt. Sein Ansatz basiert auf einem Konzept, das unter Verwendung der neuesten verfügbaren Architekturprodukte neue Maßstäbe für die Beziehung zwischen der gebauten und der natürlichen Umwelt setzt.
Als prominenter Unternehmer und Investor mit 48 Jahren Erfahrung kann er auf Tätigkeiten für Unternehmen wie Tishman Bros., Helmsley& Spear, Waldorf Palace, die renommierten RoyalAthena Art Galleries in New York, Bloomingdale’s, Citibank, Paragon Honda, Ford, State Farm, Costco, American Tickets, Health and Fitness Centers, Nova Optical Labs, VIP Community Centers, New Yorker Restaurant, Apotheken, medizinische Zentren, Anwaltskanzleien, Arzt- und Zahnarztpraxen, 531 Management LLC sowie mehrere neue Wohnanlagen und Einzelhandelsgeschäfte in NYC. Er war zudem als Miteigentümer und Geschäftsführer des New Yorker Restaurants an Restaurantprojekten beteiligt. Er ist ausserdem Eigentümer der Zion Film Corporation in Israel und der 531 Management LLC.
Ein breites Spektrum an Interessen ist der Antrieb für Herrn Elmalems persönliche und berufliche Bestrebungen. Er folgte seiner Leidenschaft für Architektur und seiner Liebe zur Kunst in eine Karriere als Bauplaner und erwarb anschliessend praktische Fachkenntnisse in einem breiten Spektrum kommerzieller Projekte. Insbesondere erkundete Herr Elmalem eifrig verschiedene Segmente der Immobilienbranche, um vielversprechende Objekte zu finden, was sich als grundlegend für sein aktuelles unternehmerisches Vorhaben erwies.
Maurice kam Anfang der 1970er Jahre aus Europa in die USA und wuchs in einer bescheidenen Familie mit starkem religiösem Hintergrund auf, was ihn dazu inspirierte, ein Mensch für alle zu sein. Viele, die zu ihm aufschauen, versuchen, ihm nachzueifern. Herr Elmalem kann zudem auf aussergewöhnliche akademische Leistungen verweisen, darunter einen Bachelor of Science in Ingenieurwesen und Architektur von der Columbia University. Er absolvierte Studiengänge in Filmkunst, Innenarchitektur und allgemeinem Bauwesen. Das Profil von Herrn Elmalem wird zudem durch herausragende Qualifikationen geprägt, darunter die Zulassung als Architekt im Bundesstaat New York und ein Weiterbildungszertifikat der Pace University. Herr Elmalem ist ein renommierter Kampfsport-Experte, dessen Vorführungen bei den Olympischen Spielen 1976 und 1988 für Aufsehen sorgten. Er ist zudem siebenfacher Weltmeister, hält acht Guinness-Weltrekorde und fühlte sich geehrt, dass seine inspirierende Geschichte in den Shows von David Letterman und Jay Leno vorgestellt wurde. Seine Kampf- und Break-Fähigkeiten wurden im Guinness-Buch der Rekorde dokumentiert und von Millionen Menschen weltweit live im Fernsehen auf Channel 5, ABC Wide World of Sports, Fox 5, Discovery, MSG Network, Chanel Plus, im italienischen und spanischen Fernsehen, auf Spike TV, Telemundo TV, ESPN, Ohio TV, Bronx TV, bei Joe Franklyn, Channel 9, Channel 12 und bei Johnny Carson verfolgt. Er trat in LiveShows im Madison Square Garden, im Nassau Coliseum, im Studio 54, im Apollo Theatre, im Gleason Gym und in der Carnegie Hall auf. Er nahm an zwei Olympischen Spielen und drei Maccabi-Spielen in Israel teil. Herr Elmalem teilt sein fundiertes Wissen über den Sport, um andere weltweit durch Sportprogramme und Selbstverteidigungsseminare zu motivieren.


Zu Herrn Elmalems vielfältigen Interessen zählen kreative Aktivitäten wie Malerei, Musik, Schreiben und Schmetterlingskunst. Er war auch stolz darauf, mit Zubin Mehta, einem berühmten, in Israel tätigen Dirigenten, zusammenzuarbeiten. Herr Elmalem zeichnete sich als Stuntberater für die Filme «Karate Kid», 2Paying Mr. McGetty», «The Martial Arts Kid» und «Champions ofthe Deep» aus. Er war Schauspieler und ausführender Produzent des bald erscheinenden Films «Black Creek».
Zahlreiche Auszeichnungen markieren die bedeutenden Meilensteine in Herrn Elmalems Karriere. Er freut sich, in verschiedenen renommierten Magazinen vorgestellt worden zu sein; darüber hinaus ist er sehr stolz auf seine Erfolge in den Kampfkünsten. Seinen Erfolg führt er auf sein Engagement für andere und die enge Zusammenarbeit mit ihnen sowohl auf persönlicher als auch auf beruflicher Ebene zurück. Er engagiert sich zudem für wohltätige Zwecke, durch die Herr Elmalem stets einen positiven Einfluss auf andere ausübt.
Er ist Träger des Presidential Sports Award 1993, der ihm von Präsident Bill Clinton und Arnold Schwarzenegger verliehen wurde. Er wurde weltweit in über 250 Hall of Fames aufgenommen. Er ist bekannt als «Architekt der Kampfkünste», «Houdini», 2Renaissance-Mensch» und «Weltmeister der grössten Kampfkunst-Waghalsigen» – aufgrund seiner unerschöpflichen Talente nicht nur in den Kampfkünsten, sondern auch in seiner Vision und seinem Architektur- und Bauunternehmen. Im September 2000, nach seinem Auftritt bei der «Oriental World of Self Defense» im Madison Square Garden, NYC, überreichte ihm Filmstar Chuck Norris den Weltmeistergürtel, auf dem «World Extreme Daredevil Champion» eingraviert war, und sagte: «Herr Elmalem, Sie sind ein grossartiger Champion.»
Im Jahr 2006 gewann Herr Elmalem seinen «Best ofthe Best»-Champion-Gürtel beim Arnold Sports Festival in Ohio, das von Gouverneur Arnold Schwarzenegger ausgerichtet wurde. Seine Kampfsportkarriere erstreckt sich über fünf Jahrzehnte.
Dank seiner hervorragenden Schulnoten und seines hohen IQs hat er in seinem Leben viel erreicht und erlebt. Er wurde mehrfach in «Who’s Who in the East» für herausragende Beiträge zum architektonischen Design im Jahr 1999 aufgeführt und vom «Engineering Report Magazine» zu einem der 400 besten Generalunternehmer in den USA gewählt. GM Maurice wurde 2015 als einer der angesehensten Persönlichkeiten der Kampfsportgemeinschaft in das Sports Karate Museum in Houston, Texas, und das Martial Arts History Museum in Burbank, Kalifornien, aufgenommen. Er war Ehrengast der Regierungen von Korea, den Kaimaninseln, Israel, Frankreich, Spanien, Kanada, Italien und den USA. Er ist Träger des angesehenen «Bruce Lee Hall of Honors»-Preises 2018 in Ohio. In den Jahren 2022 und 2023 wurde er zusammen mit seinem Unternehmen für das «Best of 2023 Hall ofFame Bronx Award Program» nominiert. Er ist Autor, Produzent von vier Filmen und über 40 DVDs, Unternehmer und Herausgeber des Budo Martial Arts Magazine.
Mit Blick auf die Zukunft plant Herr Elmalem, seiner Gesundheit und seinem Wohlbefinden Vorrang einzuräumen, indem er weiterhin reist, an Filmproduktionen mitwirkt und kulturelle Entdeckungsreisen unternimmt, um seinen Horizont zu erweitern, Freude an der Musik zu finden, seine kreativen Ambitionen in der Kunst zu verfolgen und sich an Familienaktivitäten zu beteiligen. Er ist begeistert davon, ein produktives Vermächtnis für künftige, dass Herr Elmalem durch das Verfassen und Veröffentlichen weiterer Bücher über Gesundheit, Poesie und Sport sowie durch Romane sichern wird.














Interview mit Enrique de Vicente
Interview mit Enrique de Vicente
an Shidoshi Alfredo Tucci auf seinem Youtube-Kanal über den Ebunto Japanischen Schamanismus
an Shidoshi Alfredo Tucci auf seinem Youtube-Kanal über den Ebunto Japanischen Schamanismus
der Ureinwohner Japans
der Ureinwohner Japans

Steine bauen Mauern, Fundamente und Brücken
Es gibt ein wunderbares Zitat des Mathematikers Henri Poincaré aus dem 19. Jahrhundert: «Die Wissenschaft baut auf Fakten auf, so wie ein Haus aus Steinen gebaut wird; doch die blosse Ansammlung von Fakten ist ebenso wenig Wissenschaft wie ein Haufen Steine ein Haus ist.» Poincarés Logik und Einfachheit sprachen mich sehr an, als ich mich mit dem Problem befasste, Kata wahllos zu lernen und zu sammeln, anstatt die Anwendungswissenschaft, auf der sie basieren, tatsächlich zu verstehen. Als ich Anfang der 1990er Jahre die Ergebnisse meiner persönlichen Studien veröffentlichte, wurde ich mit einem Haufen Steine beworfen, nur weil ich das in Frage stellte, was damals als anerkannte Wahrheit galt. Obwohl dies für viele ein scheinbar vergessenes Thema ist und von manchen bewusst ignoriert wird, bin ich nach wie vor stolz darauf, an der Spitze einer Bewegung gestanden zu haben, deren Bemühungen den Weg für das ebneten, was heute als selbstverständlich gilt.
Vertikal vs. Horizontal
Um es klar zu sagen: Ich habe mich nie gegen vertikale Hierarchien gestellt –das traditionelle Paradigma der positionellen Autorität und die damit einhergehende «Tu, was man dir sagt» -Mentalität –, aber ich habe stets horizontal strukturierte Beziehungen bevorzugt. Ich hatte das Glück, schon früh in meiner Karriere zu lernen, dass Transparenz, gegenseitiger Austausch und Verantwortlichkeit innerhalb eines Teams erfahrener Führungskräfte für mich am besten funktionieren. Dies gilt insbesondere dann, wenn nicht jeder über dieselbe Sache auf dieselbe Weise denkt. Die Verschmelzung von moderner Wissenschaft und Kampfkunst hat dazu beigetragen, Tradition neu zu definieren und ihren transformativen Weg zu stärken. In einer multidimensionalen Branche haben sich die heutigen Enthusiasten weitaus mehr daran gewöhnt, asymmetrisches Denken anzunehmen, um ihr Training und Lernen zu beschleunigen.
Rückblick
Rückblickend empfand ich, als ich als junger Mann zum ersten Mal einen Wettkampf gewann, die Begeisterung des Sieges – fühlte mich jedoch unwohl im Rampenlicht. Jung und naiv konnte ich nicht verstehen, warum mein Freundeskreis sich plötzlich seltsam verhielt und mich anders behandelte. Dieses Verhalten sollte sich während meiner gesamten Wettkampfkarriere und in vielerlei Hinsicht fast mein ganzes Leben lang fortsetzen. Mir wurde klar, dass dies grösstenteils darauf zurückzuführen war, dass ich mich instinktiv zu Herausforderungen hingezogen fühlte, unersättlich neugierig blieb und nie das Bedürfnis verspürte, die Zustimmung oder Bestätigung anderer zu suchen. Der Einstieg als Leistungssportler war der Anfang. Die Gründung eines Dojos war ein weiterer Wendepunkt, ebenso wie das Schreiben meines ersten Buches. Auszeichnungen und öffentliche Aufmerksamkeit vergrösserten den Kreis der Kritiker weiter. Als ich regelmässiger Kolumnist wurde und auf den Titelseiten internationaler Kampfsportmagazine erschien, hatte ich mich bereits an die Kritik gewöhnt. Durch die Entscheidung, meinen eigenen Unterrichtsstil zu entwickeln, eine Organisation zu gründen und als gefragter internationaler Seminarleiter um die Welt zu reisen, wurde mir schliesslich klar, dass Kritiker einfach zum Weg zum Erfolg dazugehören.
Ich wurde fast mein ganzes Leben lang aus den unterschiedlichsten Richtungen mit Steinen beworfen – angefangen bei neidischen Konkurrenten und Plagiatoren wuchs die Liste der Kritiker exponentiell an. Unsichere, stilorientierte Eiferer, wütend darüber, dass ich es wagte, einen langjährigen und unangefochtenen Status quo in Frage zu stellen. Selbstherrliche Schüler, die


«Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich mit den vielen Steinen tun soll, die meine Kritiker geworfen haben. Instinktiv wollte ich sie zurückwerfen, in der Überzeugung, dass mir das ein gewisses Mass an Befriedigung verschaffen würde. Der vernünftigere Teil von mir erkannte jedoch, dass eine solche Vergeltung mich nur schwächen und dazu führen würde, dass noch mehr Mauern errichtet würden.»
verärgert waren, nachdem ihnen besondere Privilegien oder Anerkennung verweigert wurden. Ich wurde zur Zielscheibe von Betrügern, Scharlatanen und Ausbeutern, die dank der Hilfe und Unterstützung von Menschen mit Prinzipien inzwischen wegen ihres unethischen Verhaltens und ihrer kriminellen Aktivitäten entlarvt wurden. Zu den schlimmsten Übeltätern zählen die Soziopathen – insbesondere die stets charmante Spezies der Narzissten –, eine Mahnung an die Vergeltung, die einem droht, wenn man offen und ehrlich über diejenigen spricht, die Schaden anrichten.
Ich hatte lange darüber nachgedacht, was ich mit den vielen Steinen tun sollte, die meine Kritiker geworfen haben. Instinktiv wollte ich sie direkt zurückwerfen, in der Überzeugung, dass mir das ein gewisses Mass an Befriedigung verschaffen würde. Der bessere Teil von mir erkannte jedoch, dass eine solche Vergeltung mich nur herabsetzen und dazu führen würde, dass noch mehr Mauern errichtet würden. Ich beschloss stattdessen, diese Steine zu nutzen, um ein Fundament zu legen, auf dem Brücken gebaut werden können. Obwohl ich unterwegs einige davon in Brand setzen musste – damit die Fackel heller leuchtet, wenn sie den Weg vor uns erhellt –, war es eine bemerkenswerte Reise. Ich habe beträchtliche Fortschritte erzielt, indem ich meine Plattform als Kraft für Einheit und als Forum genutzt habe, um Verbindungen zwischen Gleichgesinnten zu pflegen, die gemeinsame Ziele verfolgen. Was uns trennt, ist niemals so wichtig wie das, was uns verbindet, und eine echte Win-Win-Situation kommt allen zugute.
Kritik ist der Preis für Ehrgeiz, und Klarheit geht oft dem Fortschritt voraus. Hindernisse sind vorprogrammiert – aber wie Steine und Mauern können sie entweder behindern oder inspirieren. Ehrgeiz kann ein Weg zum Fortschritt sein, und Beharrlichkeit ist das Fahrzeug, das dich dorthin bringt. Wie Konfuzius feststellte, haben sowohl derjenige, der glaubt, er könne es, als auch derjenige, der glaubt, er könne es nicht, Recht. Ihr könnt mich beobachten, verspotten, blockieren oder euch mir anschliessen. Was ihr nicht tun könnt, ist, mich aufzuhalten.
Patrick McCarthy
IRKRS – Direktor
Okinawa, Japan






Gibt es im «Scherma Jonica» eine Kata?
Das «Solo»-Training
Einer der offensichtlichsten Unterschiede zwischen den östlichen und den westlichen Disziplinen scheint das Vorhandensein von «Formen» in den ersteren und deren völliges Fehlen in den letzteren zu sein. Unter Formen versteht man Bewegungsabläufe, die (allein) ausgeführt werden. Sie bilden das Grundgerüst vieler Kampfkünste: die Kata des Karate, die Tao Lu des Kung Fu, die Jurus des Silat, die Sayaw des philippinischen Kali… Wenn wir hingegen an Boxen, Fechten, Ringen, also an westliche Künste denken, scheinen diese faszinierenden Bewegungsabläufe «allein» nicht zu existieren.


Ist das so?
Bevor wir diese Frage beantworten, wollen wir uns näher damit befassen, warum «Formen» praktiziert werden und wozu diese Bewegungsabläufe dienen, die die östlichen Kampfkünste so sehr prägen. Um dies zu verstehen, werden wir einen kontinuierlichen Vergleich zwischen den Systemen anstellen, die in den beiden Hemisphären der Erde (der westlichen und der östlichen) angewendet werden.
Der erste Grund für die Existenz, der oben genannten «Formen», scheint das Bedürfnis zu sein, Wissen zu bewahren und weiterzugeben. Im Westen wurde das Kampfkunstsystem durch Zeichnungen, Bildunterschriften und Erklärungen verewigt, die manchmal sogar in Versform verfasst waren. Nehmen wir zum Beispiel den Text «Fiore di battaglia» von Fiore dei Liberi: Wir stellen fest, dass der Autor sein Wissen durch Zeichnungen vermittelt und sich sogar an poetischen Darstellungen versucht, um die Verteidigungsaktionen zu beschreiben, die der Meister vorführt, der oft eine Krone auf dem Kopf trägt. Die Verse und Bilder führen den Leser zum Lernen; man lernt, wie man einem Angriff mit Schwert, Stock oder Dolch ausweicht und angemessen reagiert. Erst ein Jahrhundert später, mitten in der Renaissance, illustrierte der Mailänder Camillo Agrippa seine Abhandlung «Scientiad’arme» mit wunderbaren Zeichnungen, sodass einige Gelehrte diese Michelangelo zuschreiben, der sein Schüler war. Im Orient zog man es vor, anstelle von Zeichnungen, didaktischen Erklärungen und poetischen Reimen «virtuelle Bücher» zu schreiben, d.h. das Wissen durch das Auswendiglernen von Bewegungsabläufen zu bewahren, die wie gedrucktes Papier vom Meister an den Schüler weitergegeben wurden. Es gibt jedoch auch im Osten, in China und Japan, einige Hinweise auf technische Handbücher, die mit einigen primitiven Zeichnungen und Liedern versehen sind, die als Anleitungen dienen sollten. Man denke an die einiger Tai-Chi-Chuan-Schulen, doch sind diese nicht mit den Abhandlungen in westlichen Bibliotheken vergleichbar. Wenn man noch einmal an die Abhandlungen von Agrippa in Italien oder von Carranza in Spanien denkt, werden Themen wie Geometrie, Arithmetik, Musik und die Wissenschaften im Allgemeinen als Ergänzung zur Fechtkunst behandelt.
Während der primäre Zweck der Formen konservativ ist, ist der sekundäre Zweck hingegen formativ. Die Ausführung der genannten Bewegungsabläufe schult den Körper in den einzunehmenden Positionen und den später mit dem Partner auszuführenden Aktionen. Der grosse Vorteil besteht darin, dass man alleine trainieren und sogar ein gutes technisches Niveau erreichen kann, sofern natürlich die Figuren, aus denen sich die Formen zusammensetzen, korrekt ausgeführt werden. Es ist jedoch allen klar, dass die Anwendung mit dem Partner niemals wegfallen darf. Ebenso wahr ist, dass die Formen es ermöglichen, im Training voranzukommen und die notwendigen psychophysischen Qualitäten aufrechtzuerhalten, ohne zwangsläufig einen Partner zur Verfügung zu haben. In allen Kampfkunststilen lassen sich zwei Arten von Formen unterscheiden: die festgelegten, die mit strenger Präzision ausgeführt werden müssen, und die freien, also eine Art Improvisation seitens des Ausführenden.
In den westlichen Kampfkünsten war diese Praxis der Ausführung von Bewegungen allein oder zu zweit mit vorgegebenen Figuren von hohem ästhetischem Wert jedoch nicht völlig unbekannt. Nur wenige wissen nämlich, dass Tänze nicht nur der Unterhaltung oder der Geselligkeit dienten, sondern eine echte motorische Erziehung darstellten. Diese Darbietungen verliehen den Handlungen des Kriegers Rhythmus und Fliessendheit. Nicht jeder weiss, dass nur Krieger tanzen durften und dies manchmal unmittelbar vor der Schlacht taten, um die richtige psychophysische Kraft zu erlangen, um die Götter gnädig zu stimmen oder gar den Feind einzuschüchtern (wie der Haka-Tanz der Maori oder der der Zulu). In Italien finden wir noch heute den Schwerttanz, der den Kampf simuliert, oder die Tarantella und die Pizzica, die als regelrechte Kata des Messerkampfes betrachtet, werden können. Süditalien stand lange Zeit unter dem Einfluss der spanischen Kultur, und vor allem im Süden der Iberischen Halbinsel finden wir den berühmten Flamenco, der manchmal einen Kampf mit der Kurzschwertwaffe simuliert. Die Zigeuner haben zur Entwicklung dieser Tanz-Katas beigetragen, indem sie sowohl nach Süditalien als auch nach Spanien ihr besonderes Wissen über die Kunst des Messers brachten. Der Zigeunermessertanz wird mit einem

Messer in der Hand ausgeführt, und immer mit einer oder zwei Klingen wird die Baile Flamenco getanzt, eine Form des Flamenco mit Waffen. Es gibt noch mehr: Unter den Zigeunern gibt es auch den Feuertanz, bei dem man in der einen Hand das Messer und in der anderen eine glühende Kohle hält. Auch in Kalabrien (Süditalien) gibt es denselben Brauch im kalabrischen Messertanz, und in der kalabrischen Tarantella tanzt man mit einem Messer in der Hand und ahmt dabei ein echtes Duell nach. Heute wird das Messer oft durch einen Stab und manchmal durch die zum Schnitt ausgestreckte Hand ersetzt, da es in der Vergangenheit – nicht zuletzt wegen des Weins – leicht passieren konnte, dass aus dem Tanz ein echter Streit wurde. Süditalien hat viele Einflüsse erfahren, allen voran den griechischen, sodass das Gebiet als Magna Graecia bezeichnet wurde. Vor allem an den Ufern des Ionischen Meeres führten die Hellenen Kriegstänze ein, die mit Klingen aufgeführt wurden. Auf Kreta, einer Insel mit grosser Kriegstradition, gibt es den Pirrichios, bei dem die Tänzer mit Messern bewaffnet tanzen. Im Norden Griechenlands finden wir noch heute den Messertanz von Kastoria, bei dem die Tänzer ebenfalls mit Klingen bewaffnet sind. Auf der anderen Seite des Ionischen Meeres liegt Albanien, mit dem Süditalien enge Verbindungen unterhält, und auch hier finden wir sowohl Messertänze (in den nördlichen Bergregionen) als auch Schwerttänze (im Süden).
Die Musik spielt eine wichtige Rolle im Tanz und ermöglicht es, die Bewegung zu koordinieren, der Darbietung einen Rhythmus zu verleihen, und oft, genau wie im Flamenco oder im balinesischen Gamelan, folgen die Tänzer den rhythmischen Schwankungen der Musiker und schaffen so eine stille Kommunikation zwischen den Tänzern und den Musikern.
Die Solobewegungen können auch von geometrischen Figuren geleitet werden: gerade Linien, kreuzförmige Figuren, Halbkreise, konzentrische Kreise, Gitter, Quadrate, Dreiecke, Sternchen… Diese Figuren können sowohl die Bewegung der Füsse als auch die der Hände leiten, um den Gegner zu überraschen.
Das Fechten der Renaissance hat uns, wie oben erwähnt, umfangreiche Aufzeichnungen über die enge Beziehung zwischen geometrischen Figuren und dem Umgang mit der Klinge hinterlassen. Wir können jedoch vermuten, dass eine Persönlichkeit wie Pythagoras, Meister der griechischen Kampfkünste, sich reichlich der Wissenschaft der Geometrie bedient hat, um die Bewegungen seiner Athleten zu verbessern.
Musik und Geometrie sind also die Zutaten für eine gute freie Ausführung von Bewegungen allein oder zu zweit, sowohl mit blossen Händen als auch mit dem Einzelmesser oder dem, kombiniert mit Gürtel, Jacke, Hut, glühender Kohle, Fischerknüppel oder einer anderen Klinge.
Wir schliessen mit den gereimten Worten eines italienischen Meisters des 15. Jahrhunderts, Filippo Vadi, in seinem Werk «De arte gladiatoriaDimicandi», der der Ansicht war, dass das Fechten eine Form der Musik sei und die Bewegungen der Waffe nichts anderes täten, als geometrische Figuren zu beschreiben. Die folgenden Verse stammen von ihm: Geometrie und Musik teilen
Ihre wissenschaftlichen Tugenden im Schwert Um das grosse Licht des Mars zu schmücken.
Einmal mehr müssen wir feststellen, dass sich der westliche Liebhaber östlicher Kampfkünste oft ausführlich über die japanische oder chinesische Tradition informiert, aber nur sehr wenig über die glorreiche Tradition seines eigenen Landes weiss.
Eine abschliessende Anmerkung betrifft die Kleidung, die zumindest in der fernen Vergangenheit getragen wurde. Beim Training trug man Sandalen oder war barfuss, und zwar aus ganz praktischen Gründen: Man besass nur ein Paar Schuhe, und diese mussten geschont werden, damit sie durch die Bewegungen beim Fechten nicht beschädigt wurden. Der Oberkörper war entblösst, entweder weil es sich um Gebiete handelte, in denen die Temperaturen mehrere Monate im Jahr hoch sind, oder weil man ein Hemd trug, sofern man es sich leisten konnte. Der ideale Ort für das Fechten war der Strand, die Wiese (oft eine Lichtung zwischen stacheligen Kaktusfeigen), Friedhöfe oder verlassene Häuser. Es handelte sich stets um abgelegene Orte zu ungewöhnlichen Zeiten, an denen niemand diese Übungen beobachten konnte. Sollte zufällig ein Bauer oder ein von Neugierde überwältigter Junge Zeuge solcher Trainings werden, hätte er niemals ein Wort darüber verloren, selbst unter schwerwiegenden Drohungen nicht. Die ionische Kunst ist geheim, denn sie ist die Kunst des Blutes, flüsterten die Ältesten.




Budo, Alltag in Japan und der Geist jenseits der Technik
Meine letzte Reise nach Japan war unvergesslich. Unter den vielen wunderbaren Menschen, die ich wiedergetroffen habe, war auch mein alter Freund Shmulik Nadlin. Vor Jahren, als ich mich intensiv mit Kendo beschäftigte und den Grossteil meiner Zeit und Energie darauf verwendete, ein besserer Kendoka zu werden, trainierte ShmulikKyokushin-Karate.
Dieses Mal war ich nicht nur erstaunt darüber, wie viel Japanisch er gelernt hatte, sondern auch darüber, wie tief er in das Verständnis der japanischen Kultur eingetaucht war. Heute teilt er dieses Wissen mit Besuchern Japans und schreibt oft über die tieferen Bedeutungen hinter japanischen Traditionen und dem Alltag.
Während eines unserer Gespräche sprachen Shmulik und ich über mehrere japanische Wörter, die weit mehr sind als blosser Wortschatz. Sie sind Lebensweisen. Diese Gedanken begleiteten mich durch Okinawa und Tokio, wo ich erneut sah, wie geduldig die Menschen miteinander umgehen.

In vielen Ländern werden die Menschen schnell ungeduldig, hupen oder reagieren aggressiv, wenn es eng wird. In Japan warten die Menschen einfach. Es herrscht ein stilles Verständnis und Respekt für andere. Ein Wort, das diesen Geist widerspiegelt, ist «gamansuru».
Gaman suru (我慢する ) bedeutet, durchzuhalten, durchzubeissen, geduldig zu sein und Schwierigkeiten ohne Klagen zu ertragen. Es ist emotionale Beherrschung, Disziplin und stille Stärke. Es ist keine Schwäche. Es ist die Fähigkeit, auch unter Stress ruhig und gefasst zu bleiben.
Das sieht man überall in Japan. Vielleicht ist es nirgendwo so deutlich zu sehen wie an der berühmten Shibuya-Kreuzung in Tokio, wo Tausende von Menschen gleichzeitig die Strasse überqueren, was wie völliges Chaos aussieht, doch alle bewegen sich harmonisch.
Bei einem meiner letzten Gespräche mit Shmulik fragte er mich, was ich über Krieg denke. Meine Antwort war einfach: Kuchen und guter Kaffee. Er lachte und sagte: «Das ist ein grossartiger Kōan.»
Ein Kōan (公案 ) ist eine paradoxe Frage oder Geschichte, die im ZenBuddhismus verwendet wird, um über Logik und gewöhnliches Denken hinauszugehen. Fragen wie «Wie klingt das Klatschen einer Hand?» sollen keine rationalen Antworten haben. Sie sollen uns helfen, die Realität anders zu sehen und uns selbst tiefer zu verstehen.
Für Kampfsportler sind diese Ideen sehr wichtig. Budō ist nicht nur Technik, Wettkampf oder Selbstverteidigung. Budō ist eine Lebensweise.
Dieser Geist wird während des Okinawa-Camps vom 20. bis 24.

Oktober mit Hanshi Patrick McCarthy, Kyoshi Borut Kincl und Avi Nardia weitervermittelt. Nach Okinawa werden Seminare und Workshops in Tokio im MagaGym fortgesetzt, wo Praktizierende mit unterschiedlichem Hintergrund und aus verschiedenen Systemen gemeinsam trainieren und nicht nur Techniken, sondern auch die tieferen Werte des Budō erforschen können.
Omotenashi und der Geist des Budo
In Japan wird das Wort «Omotenashi» oft einfach mit Gastfreundschaft übersetzt. Doch seine wahre Bedeutung geht weit über Höflichkeit oder guten Service hinaus.
Omotenashi ist die Kunst, die Bedürfnisse eines anderen zu erahnen, bevor sie ausgesprochen werden. Es bedeutet, aufrichtig und von Herzen zu geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Es ist Respekt, Demut, Dankbarkeit und Achtsamkeit.
Im Dojo spiegelt jede Verbeugung, jeder Schritt und jeder kontrollierte Atemzug Omotenashi wider. Der Respekt vor dem Trainingsraum, dem Lehrer, dem Trainingspartner und der Kunst selbst sind allesamt Ausdruck dieses Prinzips.
Der Lehrer, der streng, aber fair korrigiert, praktiziert Omotenashi. Der Trainingspartner, der dich über deine Grenzen hinausfordert, dabei aber respektvoll und beherrscht bleibt, praktiziert Omotenashi. Und der Schüler, der Korrekturen dankbar annimmt, praktiziert dessen tiefste Form.
Das ist der Geist des Budō – nicht nur im Dojo, sondern auch im Alltag.

Das, was vor dem Vorherigen liegt Die uralte Antwort auf den OODA-Zyklus: Initiative, Ki und der Zyklus der Entscheidungsfindung im Kampf
Wo Budo-Weisheit auf moderne Kampfstrategie trifft
Eine Studie über Shin-Gi-Tai: Geist, Technik und Körper Vorwort: Warum die alten Wege noch immer Gültigkeit haben.
Es gibt eine Frage, die jeden ernsthaften Schüler der Kampfkünste beschäftigt, der sich auch mit der Gewalt der modernen Welt auseinandersetzt: Warum schien der Krieger der Antike besser auf die Brutalität des Kampfes vorbereitet zu sein –nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch – als viele Krieger von heute?
Wir leben in einem Zeitalter aussergewöhnlichen körperlichen Trainings. Moderne Kämpfer sind schneller, stärker und besser in Form als zu fast jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte. Die Wissenschaft von Fitness, Ernährung und sportlicher Leistungsfähigkeit ist weiter fortgeschritten, als es sich irgendein Samurai oder Bushi hätte vorstellen können. Und doch sind trotz alledem posttraumatischer Stress und psychischer Zusammenbrüche nach dem Kampf weit verbreitet. Trotz alledem erstarren Krieger unter Druck, schätzen Situationen falsch ein und finden nicht zu jener tiefen Quelle ruhiger Entschlossenheit, die die alten Traditionen fast selbstverständlich zu kultivieren schienen.
Der Unterschied liegt meiner Meinung nach in einem grundlegenden Ungleichgewicht. Moderne Kampfsysteme haben enorme Energie auf den Körper verwendet – auf körperliche Fitness, taktische Positionierung, den Umgang mit Waffen – und weit weniger auf das, was die alten Budo-Traditionen Shin-Gi-Tai nannten: Geist, Technik und Körper, verstanden als drei untrennbare und gleichermassen wesentliche Säulen.
Im alten Budo und im Kodex des Bushido wurde der Krieger als ganzer Mensch ausgebildet. Geist und Seele waren keine Nebensächlichkeiten oder der letzte Schliff, der nach der körperlichen Meisterschaft hinzugefügt wurde. Sie waren das Fundament. Ohne einen geschulten und disziplinierten Geist kann der Körper nicht auf höchstem Niveau funktionieren. Ohne Seele – nicht bloss Kampfgeist oder Aggression, sondern etwas Tieferes: Ki, die lebenswichtige innere Energie, die das Selbst mit der Umgebung und dem Gegner verbindet – ist der Krieger halbblind, reagiert auf Äusserlichkeiten und verpasst dabei den tieferen Strom dessen, was tatsächlich geschieht.
Dieser Artikel untersucht eines der tiefgründigsten Konzepte dieser alten Tradition: Sen no Sen, die Kunst, genau in dem Moment die Initiative zu ergreifen, in dem ein Gegner seinen Angriff einleitet. Und er untersucht, wie dieses alte Prinzip nicht nur historisch interessant ist, sondern eine direkte und praktische Antwort auf eines der zentralen Modelle der modernen
Kampfentscheidungstheorie bietet: John Boyds OODA-Loop. Das Argument lautet: Sen no Sen, richtig verstanden und trainiert, konkurriert nicht nur mit dem OODA-Loop – es geht darüber hinaus. Indem der Praktizierende die Sensibilität entwickelt, das Ki des Gegners zu spüren, ist er nicht mehr allein auf seine Augen angewiesen. Der Kreislauf wird nicht dadurch verkürzt, dass man innerhalb desselben Prozesses schneller ist, sondern indem man den reaktiven Kreislauf gänzlich verlässt. Und das ist etwas, was die alten Meister wussten, auch wenn sie es anders nannten.
Die klassische japanische Kampfkunsttradition versteht den Krieger anhand von drei untrennbaren Dimensionen:
•Shin ( 心 ), Geist: Die mentale und psychologische Dimension. Achtsamkeit, Absicht, Wahrnehmung, emotionale Regulierung und die Fähigkeit, ohne Zögern zu handeln.
•Gi (技 ), Technik: Die verfeinerte Ausführungsfertigkeit. Nicht nur die körperliche Mechanik, sondern die verinnerlichte Weisheit, die aus tiefgreifender Wiederholung entsteht – eine Technik, die so geübt ist, dass sie kein bewusstes Nachdenken mehr erfordert.
•Tai (体), Körper: Körperliche Kondition, strukturelle Kraft, Beweglichkeit und das Gefäss, durch das Geist und Technik zum Ausdruck kommen.
Diese drei sollen niemals isoliert voneinander existieren. In Miyamoto Musashis Go Rin noSho (Das Buch der fünf Ringe), geschrieben zwischen 1643 und 1645, macht er dies deutlich: Der Geist muss offen und mit dem Körper vereint sein, damit die Verzögerung zwischen Wahrnehmung und Ausführung beseitigt wird. Ohne den Geist funktioniert der Körper nicht auf höchstem Niveau. Ohne den Körper kann der Geist die technische Ausführung nicht steuern. Und ohne ausgefeilte Technik sind sowohl Geist als auch Körper richtungslos.
Moderne Kampfsysteme haben trotz all ihrer Raffinesse dieses dreiteilige Gerüst weitgehend auf einen einzigen Bestandteil reduziert: den Körper. Körperliche Leistungsmerkmale – Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Explosivität – dominieren das Training. Technik wird gelehrt, aber oft losgelöst von dem mentalen und spirituellen Kontext, der ihr ihre tiefste Bedeutung verleiht. Und Shin – der Geist – wird oft erst dann thematisiert, wenn etwas katastrophal schiefgelaufen ist, und zwar in Form einer Nachsorgebehandlung statt einer Vorbereitung vor dem Kampf.
Dies ist kein geringfügiges Versäumnis. Die Krieger der Antike standen vor Kämpfen, die in jeder Hinsicht unmittelbarer und persönlich brutaler waren als fast alles, was man heute erlebt. Schwert gegen Schwert auf Armeslänge. Keine Körperpanzerung, keine Fernkampfwaffen, keine Rettung, wenn etwas schiefging. Und doch deuten die Belege – historische, literarische und in den mündlichen Überlieferungen der Kampfkünste bewahrte – darauf hin, dass viele dieser Krieger diese Realität mit einer psychischen Widerstandsfähigkeit meisterten, die das moderne Training nur schwer nachbilden kann.
Die Antwort liegt nicht einfach darin, dass sie härter oder weni-


ger sensibel waren. Die Antwort ist, dass das Trainingssystem selbst alle drei Säulen abdeckte. Die Kultivierung von Shin – und darin die Entwicklung der Sensibilität für Ki – war für die Vorbereitung ebenso zentral wie jede körperliche Übung.
Bevor wir Sen no Sen vollständig verstehen können, müssen wir uns mit Ki (気) beschäftigen – einem der am meisten missverstandenen und im westlichen Kampftraining am meisten vernachlässigten Konzepte der Kampfkunsttradition.
Was ist Ki?
Ki ist der japanische Begriff für Lebensenergie oder innere Kraft – dasselbe Konzept wie Qi in der chinesischen Tradition. Es steht für die grundlegende belebende Energie, die in und zwischen Lebewesen fliesst. Im alltäglichen Japanisch ist Ki so in die Sprache eingewoben, dass deutlich wird, wie zentral dieses Konzept für das Verständnis von Geist, Emotion und Absicht ist:
•Genki (元気) – Gesund, voller Energie: wörtlich «zentriertes Ki»
•Kiai (気合) – Der konzentrierte Energieruf der Kampfkünste, der Ki in einem einzigen explosiven Moment bündelt
•Kininaru (気になる) — Neugierig oder besorgt sein: «Ki ist in Bewegung»
•Kiga au (気が合う) — Sich mit jemandem gut verstehen: «Die Kis sind in Harmonie»
•Ki wo tsukau (気をつかう) — Rücksicht nehmen: «Ki auf einen anderen richten»
Diese sprachliche Allgegenwärtigkeit ist bezeichnend. Ki ist kein exotisches, mystisches Konzept, das den Spezialisten der Kampfkünste vorbehalten ist. Es ist die gewöhnliche, alltägliche japanische Art, den Fluss von Energie, Absicht und Atmosphäre zwischen Menschen zu beschreiben. Jeder Mensch in Japan versteht auf einer intuitiven Ebene, was es bedeutet, das Ki eines Raumes zu spüren oder zu ahnen, dass sich das Ki einer Person verändert hat.

Im Kontext der Kampfkünste erhält Ki eine verfeinerte und spezifischere Bedeutung. Es ist die innere Kraft, die körperliche Handlung mit geistiger Absicht verbindet – der Strom, der zwischen der Entscheidung zur Bewegung und der Bewegung selbst fliesst. Im Aikido wird Ki als primäres Mittel zur Steuerung der Technik kultiviert: Der Praktizierende lernt, seine Absicht vom Körperzentrum aus nach aussen durch die Extremitäten zu projizieren und dabei Ki zu nutzen, um die Energie eines Angreifers zu lenken und umzulenken, anstatt ihr mit reiner Kraft entgegenzutreten.
Im Kendo und in den traditionellen Schwertkünsten wird die Sensibilität für das Ki des Gegners als höchste Stufe der Achtsamkeit verstanden – die Fähigkeit, nicht nur wahrzunehmen, was der Gegner tut, sondern auch, was er im Begriff ist zu tun, und sogar, was er beabsichtigt, noch bevor sich die körperliche Entscheidung vollständig herausgebildet hat. Das ist keine Zauberei. Es ist eine verfeinerte Form der Wahrnehmungsaufmerksamkeit, die Mikrosignale der Absicht wahrnimmt – subtile Veränderungen in Haltung, Gewichtsverteilung, Atmung, Augenbewegung, Muskelspannung –, bevor sich diese Signale zu sichtbarer Handlung entwickelt haben.
Entscheidend ist, dass diese Sensibilität nicht in erster Linie über die Augen zugänglich ist. Die Augen sind schnell, aber sie sind reaktiv – sie reagieren auf eine Bewegung, die bereits begonnen hat. Ki-Sensibilität, richtig trainiert, wirkt auf einer tieferen Ebene: Sie ist eine ganzkörperliche Einstimmung auf das Feld der Absicht, das einen Gegner umgibt. Sie nimmt Signale wahr, die die Augen nicht erfassen können, weil sie nicht auf Bewegung wartet – sie spürt die Vorbereitung auf die Bewegung.
Dies ist die Brücke zu Sen no Sen. Und es ist die Dimension des Trainings, die die meisten modernen Kampfsysteme unentwickelt gelassen haben.


Das Konzept von Sen (先) – was am direktesten mit «vor», «voraus» oder «die Initiative ergreifen» übersetzt werden kann – ist eines der zentralen Organisationsprinzipien der japanischen Kampfkunststrategie. Es wurde durch die Schwerttraditionen weitergegeben, in den Lehren von Miyamoto Musashi systematisiert und in Kendo, Karate, Judo und Aikido weitergeführt.
Das Wort «Sensei» (先生) verwendet dasselbe Schriftzeichen: derjenige, der «voraus» oder «vor» ist – derjenige, der auf dem Weg weiter fortgeschritten ist. Dies vermittelt einen Eindruck davon, wie tief das Konzept der Initiative, der Weitsicht und des «Vorausseins» im japanischen Kampfkunst- und Kulturdenken verankert ist.
Musashi identifiziert in seinem «Buch des Feuers» innerhalb des «Go Rin noSho» drei grundlegende Anwendungen von Sen unter dem Titel «Die drei Initiativen ergreifen». Diese wurden über Jahrhunderte hinweg weitergegeben und weiterentwickelt und sind heute am häufigsten bekannt als:
Sen Senno Sen (先先の先) –
Dies ist die höchste Stufe: auf die Absicht des Gegners zu reagieren, bevor dieser sich zu einer physischen Bewegung entschlossen hat. Der Praktizierende liest das Ki des Gegners – die mentale Entscheidung zum Angriff – und schlägt zu, während sich der Gegner noch im Prozess der Willensbildung befindet. Es gibt noch keinen «Angriff», auf den man reagieren müsste, sondern nur die energetische Vorbereitung darauf. Dies erfordert vom Praktizierenden, dass er das bewahrt, was Musashi einen Geist «klar wie ein makelloser Spiegel» nannte – vollkommen still, vollkommen empfänglich, fähig, die subtilsten Veränderungen im inneren Zustand des Gegners wahrzunehmen.
«Du schlägst nicht auf den Körper, sondern auf die Absicht. Du neutralisierst den Sturm, bevor sich die erste Wolke bildet.»
Dies ist der Schwerpunkt unseres Artikels: der Angriff genau in dem Moment, in dem der Gegner seinen Angriff beginnt. Der Gegner hat sich mental festgelegt und sein Körper hat begonnen, sich zu bewegen, doch die Bewegung ist noch nicht vollständig entwickelt. Der Praktizierende greift genau in diesem Moment ein – er erwischt den Gegner, wenn dieser am entschlossensten und am wenigsten in der Lage ist, sich zu verteidigen, da er eine Position verlassen hat, aber noch nicht in der nächsten angekommen ist. Im Kendo manifestiert sich dies als Debana-waza: den Gegner in dem Moment zu treffen, in dem er sich zum Angriff erhebt, bevor seine Technik vollendet ist. Im Karate ist es das DeaiWaza – die Initiative im Moment der Begegnung zu ergreifen. Im Judo und Aikido nutzt man den Vorwärtsschwung und die Energie des Gegners im Augenblick seines Engagements, um ihn in eine Technik zu lenken.


Entscheidend ist, dass Sen no Sen nicht als Gegenangriff im herkömmlichen Sinne verstanden wird, sondern als gleichzeitiges Abfangen. Man wartet nicht auf den Angriff und reagiert dann – man nimmt den Beginn des Angriffs wahr und handelt im selben Moment darauf ein. Es ist ein gleichzeitiges Entstehen, keine Abfolge.
Go no Sen bedeutet, die Initiative zu ergreifen, nachdem der Gegner seinen Angriff bereits gestartet hat. Der Praktizierende nimmt den Angriff auf oder lenkt ihn ab und kontert dann, bevor sich der Gegner erholen kann. Dies erfordert zwar echtes Können, spielt sich jedoch am reaktiven Ende des Spektrums ab – der Gegner hat das Timing vorgegeben, und der Praktizierende muss darauf reagieren.
Wichtig ist, dass Go no Sen nicht nur eine körperliche Reaktion ist, sondern ein mentaler Zustand tiefer Harmonie mit der Bewegung des Gegners. Go no Sen auf höchstem Niveau wirklich auszuführen bedeutet, so vollständig mit dem Rhythmus des gegnerischen Angriffs zu verschmelzen, dass der Konter als natürliche Fortsetzung der eigenen Energie des Angreifers entsteht – das Ki des Angriffs wird genutzt, um den Angriff selbst zu neutralisieren.
Wartens
Tai no Sen beinhaltet, eine bewusst verwundbare Haltung einzunehmen, um den Gegner zum Angriff einzuladen, und dann mithilfe von Tai Sabaki (Körperbewegung) die Distanz und den Winkel zu verändern, wodurch eine Lücke entsteht, die das Timing des Gegners durcheinanderbringt und die Öffnung für einen entscheidenden Konter schafft. Das «Warten» ist hier nicht passiv – es ist strategisch aktiv und steuert die Entscheidungsfindung des Gegners, indem es kontrolliert, was er sieht und welche Optionen ihm zur Verfügung zu stehen scheinen.
All diese Strategien basieren auf dem Verständnis von drei Arten von Öffnungen (Suki) beim Gegner:
•Eine Lücke im Kopf des Gegners: Konzentrationsverlust, Ablenkung durch eine Finte, übermässige Fokussierung auf den eigenen Angriff statt auf deine Reaktion.
•Eine Schwachstelle in der Deckung des Gegners: Schlechte Kamae (Kampfhaltung), Hände zu hoch oder zu tief, ein vorhersehbarer Rhythmus.
•Eine Lücke in der Technik des Gegners: Zu weit zurückweichen vor dem Schlag, die Hände während eines Tritts sinken lassen, sich zu sehr auf eine Technik konzentrieren.
Sen, in all seinen Formen, ist die Kunst, diese Lücken wahrzunehmen und genau in dem Moment darauf zu reagieren, in dem sie entstehen – was oft nur den Bruchteil einer Sekunde dauert.


Oberst John Boyd war ein Kampfpilot der US-Luftwaffe und Militärstratege, der eines der einflussreichsten Konzepte der modernen Kampfdoktrin entwickelte. Als er während des Koreakriegs F-86 flog, begann Boyd sich zu fragen, warum amerikanische Piloten gegenüber feindlichen Piloten, die die technisch überlegenen MiG-15 flogen, durchweg eine günstige Abschussquote erzielten. Seine Antwort veranlasste ihn, eine umfassende Theorie der Entscheidungsfindung im Kampf zu entwickeln, die seitdem weit über die Luftkriegsführung hinaus Anwendung findet – im Bodenkampf, in der Unternehmensstrategie, in der Cybersicherheit, bei der Katastrophenhilfe und vielem mehr.

Beobachten
Der Kämpfer nimmt Rohdaten aus der Umgebung auf – was der Gegner tut, wo er sich befindet, welche Waffen oder Hilfsmittel zur Verfügung stehen, wie das Gelände aussieht. Dies ist die Phase der sensorischen Wahrnehmung.
Dies ist die kritischste und komplexeste Phase. Der Beobachter verarbeitet die Rohdaten durch die Filter früherer Erfahrungen, kultureller Prägungen, mentaler Modelle, Ausbildung und Doktrin. Orientierung ist nicht neutral –sie prägt, was wir sehen und was wir glauben, dass es bedeutet. Zwei Beobachter mit unterschiedlichen Orientierungsrahmen können dasselbe Ereignis auf radikal unterschiedliche Weise wahrnehmen und gegensätzliche Schlussfolgerungen ziehen. Boyd betrachtete dies als die entscheidende Phase: Gewinnen oder Verlieren entscheidet sich grösstenteils hier, in der Qualität und Geschwindigkeit der Orientierung.
Auf der Grundlage der Orientierung formuliert der Kämpfer einen Aktionsplan. Hier wird Strategie zur Absicht. Die Entscheidung kann augenblicklich erfolgen oder einen Moment der Überlegung erfordern, je nachdem, wie gut die Orientierungsphase den Geist darauf vorbereitet hat, die Situation zu erkennen.

Die Entscheidung wird umgesetzt. Die Handlung wird ausgeführt. Und dann kehrt der Kämpfer sofort zum Beobachten zurück – er beobachtet die Auswirkungen der Handlung und erhält neue Informationen, um den Zyklus erneut zu beginnen.
Die zentrale Erkenntnis von Boyds Rahmenkonzept ist, dass es sich um einen Zyklus handelt, nicht um eine Abfolge –und der Sieg gehört dem Kämpfer, der diesen Zyklus schneller durchlaufen kann als der Gegner. Wenn du deinen zweiten oder dritten Zyklus absolvierst, während sich der Gegner noch in seiner ersten Orientierungsphase befindet, befindest du dich, in Boyds Worten, «innerhalb seiner Entscheidungsschleife». Die Beobachtungen des Gegners sind bereits veraltet, bevor er darauf reagieren kann. Er reagiert immer auf etwas, das sich bereits verändert hat. Er verliert den Überblick, gerät in Verwirrung, macht Fehler und bricht schliesslich zusammen.
Boyds Konzept, «in die Entscheidungsschleife des Gegners einzudringen», ist tiefgründig und hat seinen Wert in vielen Bereichen unter Beweis gestellt. Es beinhaltet jedoch eine implizite Annahme, die einer Überprüfung bedarf: Es geht davon aus, dass die primären Werkzeuge der Kampfaufklärung die konventionellen Sinne sind, insbesondere das Sehen, und dass eine Verbesserung in erster Linie dadurch erzielt wird, dass diese Eingaben schneller verarbeitet werden. Hier bietet Sen no Sen etwas, was das OODA-Loop-Modell nicht bietet.
Teil 5: Sen no Sen als Antwort auf den OODA-Loop
Sowohl der OODA-Loop als auch das Konzept von Sen stellen Antworten auf dieselbe grundlegende Herausforderung dar: wie man in einer sich schnell verändernden, unsicheren, potenziell tödlichen Situation entschlossen und effektiv handelt. Doch sie nähern sich dieser Herausforderung aus unterschiedlichen Blickwinkeln, und wenn man sie gemeinsam betrachtet, offenbaren sie etwas, das mächtiger ist als das, was jedes für sich allein bietet.

Der OODA-Loop und das Spektrum von Sen teilen eine gemeinsame Kern Erkenntnis: Der Kämpfer, der handelt, während der Gegner noch im Prozess ist, gewinnt. Boyd nennt dies «ins Innere des Loops gelangen». Die japanische Schwertkunsttradition nennt es die Initiative ergreifen – Sen. Beide erkennen an, dass es beim Sieg nicht in erster Linie um Stärke oder Geschwindigkeit im herkömmlichen Sinne geht, sondern um den Zeitpunkt der Entscheidung: in dem Moment zu handeln, in dem die eigene Aktion den Zyklus des Gegners am stärksten stört.

Die drei Sen lassen sich auf aufschlussreiche Weise auf den OODA-Loop abbilden:
•Go no Sen entspricht einem reaktiven OODA-Zyklus: Man beobachtet den abgeschlossenen Angriff, orientiert sich, entscheidet und handelt als Reaktion darauf. Man ist immer einen Zyklus hinter der Einleitung des Angreifers zurück, was bedeutet, dass der Sieg davon abhängt, den eigenen Reaktionszyklus schneller auszuführen, als der Angreifer seinen Angriff zu Ende führen kann.
•Sen no Sen entspricht dem Handeln innerhalb der Aktionsphase des Gegners: Man erkennt den Beginn des Angriffs und handelt gleichzeitig, wodurch man den Gegner mitten in seiner Ausführung erwischt. Die eigene Aktion reagiert nicht nur auf den Zyklus – sie bricht den Zyklus des Gegners zusammen, indem sie dessen Aktion unwirksam macht, bevor diese abgeschlossen ist.
•Sen Senno Sen entspricht dem Handeln, bevor der Gegner überhaupt seine Entscheidungsphase erreicht, hat: Du erkennst die Angriffsabsicht und handelst, während sich der Gegner noch in der Orientierungs- oder frühen Entscheidungsphase befindet. Sein Zyklus wird nie abgeschlossen. Er wird neutralisiert, bevor er gehandelt hat.
Hier liegt, der entscheidende Unterschied und das zentrale Argument dieses Artikels: Der OODA-Zyklus, wie er typischerweise verstanden und angewendet wird, ist in erster Linie ein visuelles Rahmenwerk. Die Beobachtungsphase wird hauptsächlich von dem bestimmt, was wir sehen. Die Orientierungsphase verarbeitet visuelle und auditive Inputs anhand unserer mentalen Modelle. Die Entscheidungs- und Handlungsphasen werden auf der Grundlage dieser visuell verankerten Orientierung ausgeführt. Selbst in seiner ausgefeiltesten Form geht der OODA-Zyklus davon aus, dass Bewusstsein aus sensorischen Inputs – vor allem aus den Augen – entsteht und dass die Geschwindigkeit durch eine effizientere Verarbeitung dieser Inputs erhöht wird.
Sen no Sen – insbesondere auf der Ebene von Sen Senno Sen – bricht mit dieser Annahme vollständig.
Um die Absicht eines Gegners wahrzunehmen, bevor dieser sich physisch bewegt hat, nutzt der Praktizierende keine schnellere Version desselben visuellen Beobachtungsprozesses. Er agiert auf einem völlig anderen Kanal: der Ki-Sensibilität. Er nimmt das Feld der Absicht wahr, die energetische Vorbereitung, die innere Mobilisierung, die der Bewegung vorausgeht. Dies sind Informationen, die die Augen nicht liefern können, da die Augen auf Bewegung reagieren und auf dieser Ebene noch keine Bewegung vorliegt.
Das bedeutet, dass der Praktizierende von Sen no Sen nicht einfach einen schnelleren OODA-Loop durchläuft. Er verkürzt den Loop, indem er auf eine Dimension von Informationen zugreift, die der Loop, wie er normalerweise verstanden wird, gar nicht erst umfasst. Seine Beobachtungsphase erfasst mehr – und relevantere – Daten. Seine Orientierungsphase arbeitet nicht härter; sie verfügt über ein reichhaltigeres und früher auftretendes Signal, mit dem sie arbeiten kann. Die Lücke zwischen Beobachten und Handeln schliesst sich nicht, weil die Verarbeitung schneller ist, sondern weil die anfängliche Beobachtung die Situation auf einer früheren, grundlegenderen Ebene erfasst. «Die Augen sehen, was geschehen ist. Ki spürt, was geschehen wird. Der Krieger, der sich allein auf seine Augen verlässt, wird auf einer bestimmten Ebene immer hinterherhinken.»
Der Mechanismus: Wie Ki den Kreislauf
Wenn ein Praktizierender durch intensives Training echte Ki-Sensibilität entwickelt hat, beschränkt sich die Beobachtungsphase seines OODA-Zyklus nicht mehr auf das Sichtbare. Er nimmt Signale im Ki des Gegners wahr – dem energetischen Feld der Absicht –, die jeder physischen Bewegung vorausgehen. Zu diesen Signalen können gehören:
•Mikroverlagerungen in der Gewichtsverteilung des Gegners, die eine bevorstehende Richtungsentscheidung signalisieren.
•Veränderungen im Atemrhythmus, die auf eine innere Mobilisierung hindeuten.
•Subtile Veränderungen der Muskelspannung, die an Schultern, Nacken oder Hüften sichtbar sind, bevor sich Hände oder Füsse bewegen.
•Ein Ausdruck in den Augen des Gegners, der die Entstehung einer bestimmten Absicht offenbart.

•Das allgemeine «Gefühl» des Ki des Gegners – ob es aufsteigt, sich sammelt, zögert oder sich festlegt.
Nichts davon ist mystisch. All dies sind reale, subtile körperliche Signale, die ein gut ausgebildeter Beobachter zu deuten lernen kann. Der Schlüssel liegt jedoch darin, dass sie für einen Praktizierenden am besten wahrnehmbar sind, der darauf trainiert ist, darauf zu achten – der neben der visuellen Beobachtung auch eine Art taktile und energetische Beobachtung entwickelt hat.
Das in den traditionellen japanischen Kampfkünsten gelehrte «Enzan noMetsuke» (Blick auf den fernen Berg) ist hier von unmittelbarer Bedeutung. Anstatt den Blick auf einen bestimmten Punkt – eine Hand, eine Waffe, ein Gesicht – zu richten, kultiviert der Praktizierende einen weiten, sanften, unkonzentrierten Blick, der das gesamte Energiefeld des Gegners erfasst. Diese Art der Aufmerksamkeit verarbeitet visuelle Informationen im herkömmlichen Sinne nicht schneller. Aber sie ist weitaus empfindlicher für das vor der Bewegung liegende Ki-Feld, da sie nicht eng auf die Oberflächen fixiert ist, auf denen die Bewegung schliesslich erscheinen wird.
Boyd identifizierte die Orientierungsphase als das kritischste Element des OODA-Loops – und die Tradition des Sen bestätigt diese Erkenntnis aus einem anderen Blickwinkel.
Der Grund, warum Sen no Sen jahrelanges Training erfordert, ist nicht in erster Linie körperlicher Natur. Die damit verbundenen körperlichen Fähigkeiten – Timing, Positionierung, Schlagtechnik – lassen sich schnell entwickeln. Die tiefgreifendere Herausforderung besteht darin, den Orientierungsrahmen zu entwickeln, der es einem Praktizierenden ermöglicht, das Wahrgenommene korrekt zu interpretieren. Das Erkennen des Signals im Rauschen des Ki eines Gegners erfordert eine innere Bibliothek an Referenzerfahrungen: Tausende von Wiederholungen, bei denen beobachtet wird, wie sich die innere Mobilisierung verschiedener Absichten anfühlt, wie die Mikrosignale eines entschlossenen Angriffs im Vergleich zu einer Finte aussehen und sich anfühlen, wie sich die Qualität des Ki eines Gegners verändert, während er von der Beobachtung über die Absicht zur Handlung übergeht.


Deshalb schrieb Musashi, dass die Technik durch intensive Wiederholung «eins mit dem Körper» werden muss –nicht damit der Körper ohne den Geist handeln kann, sondern damit der Geist von der Steuerung der Technikmechanik befreit wird und sich vollkommender tieferen Orientierungsaufgabe widmen kann, das Ki des Gegners zu lesen. Der Praktizierende, der seine Fussarbeit oder seine Deckung noch bewusst steuert, kann sich nicht auf die subtilen Signale des richtigen Zeitpunkts für die Initiative konzentrieren. Derjenige, der diese Grundlagen vollständig verinnerlicht hat, kann es.



In OODA-Begriffen: Die Beherrschung von Sen no Sen ist die Beherrschung der Orientierung. Und Orientierung ist keine schnellere Version desselben Prozesses – sie ist eine qualitative Verschiebung dessen, worauf der Prozess ausgerichtet ist.
Teil 6: Geist und Seele – Was das moderne Training vergessen hat
Wir kehren nun zu der Frage zurück, mit der wir begonnen haben: Warum schien der Krieger der Antike psychologisch besser auf die Brutalität des Kampfes vorbereitet zu sein als viele moderne Krieger?
Das in diesem Artikel beschriebene Trainingssystem ist nicht bloss eine Sammlung physischer oder taktischer Werkzeuge. Es ist im Kern ein System zur Entwicklung einer bestimmten Bewusstseinsqualität – einer Art, in der Welt präsent zu sein, die ruhig, wachsam, sensibel und im herkömmlichen Sinne nicht reaktiv ist.
Zanshin (残心) wird üblicherweise mit «verbleibender Geist» oder «anhaltende Achtsamkeit» übersetzt. Es beschreibt die Qualität der wachen Präsenz, die der Kampfsportler vor, während und nach einem Kampf aufrechterhält – eine kontinuierliche Bereitschaft, die nicht in Spitzen und Einbrüchen verläuft, sondern sich als Grundzustand des Seins selbst erhält. Modernes Kampftraining schafft oft ein Muster der

Wachsamkeit, das durch bestimmte Umweltreize konditioniert ist –den Anblick einer Waffe, das Signal zum Angriff, das Geräusch einer Bedrohung. Ausserhalb dieser Auslöser ist der Praktizierende möglicherweise psychologisch «ausgeschaltet». Dieses binäre Ein-Aus-Muster der Erregung ist zwar scheinbar effizient, schafft jedoch Verwundbarkeit in unklaren Situationen, in denen das Bedrohungssignal nicht eindeutig ist, und trägt zur Schwierigkeit der Deeskalation nach dem Kampf bei – das System, das eingeschaltet wurde, lässt sich nur schwer wieder ausschalten. Zanshin hingegen ist keine Notfallreaktion. Es ist eine grundlegende Eigenschaft ruhiger, kontinuierlicher Achtsamkeit. Es benötigt keinen Adrenalinschub, um zu funktionieren. Und genau diese Art von Achtsamkeit ist am empfänglichsten für Ki – denn KiSignale sind subtil und erfordern ein ruhiges, aufnahmefähiges Feld, um wahrgenommen zu werden.
Mushin (無心) – «Gedankenlosigkeit» oder «leerer Geist» – ist der Zustand geistiger Klarheit, in dem der Praktizierende voll und ganz präsent ist, ohne dass diskursive Gedanken, vorweggenommene Ängste oder reaktive Emotionen ihn stören. In diesem Zustand entstehen Wahrnehmung und Handlung unmittelbar, ohne die vermittelnde Ebene bewusster Überlegung.
Musashi beschrieb dies als den Schlag des «Nicht-Denkens» –eine Handlung, die so integriert ist, dass es keine wahrnehmbare Lücke zwischen der Wahrnehmung einer Gelegenheit und der Ausführung einer Reaktion gibt. Dies entspricht genau dem, was der
OODA-Loop als Zusammenfallen der Phasen «Entscheiden» und «Handeln» in die Phase «Orientieren» durch ausreichendes Training und geistige Klarheit beschreibt.
Doch Mushin ist mehr als ein taktisches Werkzeug. Es ist ein psychologischer Zustand, der die psychische Gesundheit wirklich schützt. Der Praktizierende, der gelernt hat, Mushin aufrechtzuerhalten – der gelernt hat, vollkommen präsent zu sein, ohne reaktiv zu sein, zu beobachten, ohne sich festzuklammern oder Abneigung zu empfinden –, entwickelt genau die Art von psychologischer Flexibilität und Resilienz, von der wir heute dank der modernen Traumaforschung wissen, dass sie vor den psychischen Schäden durch Kampfeinsätze schützt.
Der Krieger der Antike war nicht weniger sensibel gegenüber Gewalt oder Leid. Er war darauf trainiert, darin präsent zu bleiben, ohne davon überwältigt zu werden – die innere Stille zu bewahren, die auch inmitten des Chaos klare Wahrnehmung und zielgerichtetes Handeln ermöglicht. Dies ist keine emotionale Unterdrückung; es ist eine kultivierte Bewusstseinsqualität, die es Emotionen erlaubt, durchzuströmen, ohne das zugrunde liegende Bewusstsein zu fragmentieren.
Der Kriegergeist und Ki
Der Kampfgeist, der im modernen Militär- und Kampfsporttraining oft betont wird, ist real und wichtig. Aber er ist für sich genommen nur ein Bruchteil dessen, was die alten Traditionen unter Geist (Ki, in diesem Zusammenhang) verstanden.
Ki als Geist ist keine Aggression. Es ist Vitalität – das Gefühl, vollkommen lebendig und vollständig mit dem Geschehen verbunden zu sein. Es ist die Eigenschaft, die einen Krieger gefährlich macht, nicht weil er bereit ist anzugreifen, sondern weil er so vollkommen präsent ist, dass nichts seinem Bewusstsein entgeht und jede Handlung von der Fülle dessen geprägt ist, was im Moment real ist.
Ein Praktizierender mit gut entwickeltem Ki muss nicht wütend sein, um wirkungsvoll zu sein. Er muss nicht auf Adrenalin laufen. Er ist wirkungsvoll, weil er vollkommen da ist – und ein Gegner kann diese Präsenz als eine Art Druck spüren, als Ausstrahlung konzentrierter Achtsamkeit, die sein eigenes Ki beeinflusst und oft auf subtile Weise seine Fähigkeit stört, seine Pläne auszuführen.
Dies ist es, was die alten japanischen Traditionen als Kihaku bezeichneten: Geist oder Willenskraft von solcher Intensität, dass sie einen Gegner beeinflusst, noch bevor irgendeine physische Technik angewendet wird. Dem geübten Praktizierenden von Go no Sen wurde nachgesagt, er besitze ein so mächtiges Kihaku, dass Gegner es als greifbare Kraft spürten. Das ist keine Fantasie. Es ist die beobachtbare Wirkung konzentrierter, trainierter Präsenz

auf den psychologischen Zustand eines Gegners, der für solche Dinge empfänglich ist – was die meisten Menschen sind, ob sie nun Worte dafür haben oder nicht.
Teil 7: Sen no Sen trainieren –Praktische Ansätze
Wenn wir das Argument akzeptieren, dass Sen no Sen etwas bietet, was das OODA-Loop-Modell allein nicht bietet – nämlich, dass die Entwicklung von Ki-Sensibilität es einem Praktizierenden ermöglicht, seinen Entscheidungszyklus nicht durch schnellere Verarbeitung, sondern durch den Zugriff auf frühere und reichhaltigere Signale zu verkürzen –, dann stellt sich die Frage: Wie trainieren wir das konkret?
Die folgenden Ansätze verbinden traditionelle Methoden, die in den Kampfkünsten bewahrt wurden, mit dem, was wir heute über Wahrnehmungslernen, verkörperte Kognition und Aufmerksamkeitstraining wissen.



1. Enzan noMetsuke – Der Blick auf den fernen Berg
Ersetze den engen, fokussierten Blick durch eine weite, sanfte, diffuse visuelle Aufmerksamkeit, die den gesamten Körper des Gegners gleichzeitig erfasst. Übe dies sowohl im normalen Alltag als auch im Training – nimm den gesamten Raum oder eine Strassenszene wahr, anstatt dich auf Einzelheiten zu fixieren. Diese Art der Aufmerksamkeit ist sensibler für Bewegungen im peripheren Sichtfeld und für die subtilen Vorzeichen, die einer körperlichen Aktion vorausgehen.
2. Partnertraining in Zeitlupe zur Wahrnehmung des Ki
Arbeite mit einem Partner in langsamer Bewegung. Das Ziel ist nicht, die Technik bei reduzierter Geschwindigkeit zu üben, sondern die Sensibilität zu entwickeln, den Moment der Entscheidung zu spüren – den Augenblick, in dem die Entscheidung des Partners, sich zu bewegen, unumkehrbar wird. Bei normaler Geschwindigkeit ist dieser Moment unsichtbar. In Zeitlupe wird er als subtile Gewichtsverlagerung, als leichte Veränderung des Muskeltonus, als winzige Veränderung der Atmung wahrnehmbar. Wiederhole dies tausende Male. Arbeite mit einem Partner in extrem langsamer Bewegung. Das Ziel besteht nicht darin, die Technik bei reduzierter Geschwindigkeit zu üben, sondern das Gespür dafür zu entwickeln, den Moment der Entscheidung zu spüren – den Augenblick, in dem die Bewegungsentscheidung des Partners unumkehrbar wird. Bei normaler Geschwindigkeit ist dieser Moment unsichtbar. In Zeitlupe wird er wahrnehmbar als subtile Gewichtsverlagerung, als leichte Veränderung des Muskeltonus, als winzige Veränderung der Atmung. Wiederhole dies tausende Male, bis dir dieses Gefühl so vertraut ist wie ein Fingerabdruck.
Ki-Wahrnehmung ist nicht nur visuell. Nutze Trainingsmethoden, die die taktile und propriozeptive Sensibilität für die Energie und Absicht eines Gegners entwickeln. PushHands-Übungen (aus dem Tai Chi), Sensibilisierungsübungen aus dem Aikido und Wing Chun sowie ähnliche Praktiken entwickeln die Fähigkeit, durch Berührung die Absicht eines Gegners zu spüren, bevor dieser sich voll darauf eingelassen hat. Selbst das Training mit verbundenen Augen, bei dem sich der Übende ausschließlich über Geräusche und taktile Wahrnehmung orientieren muss, kann die nicht-visuellen Dimensionen der Wahrnehmung dramatisch entwickeln.
Übe im Training, Ki bewusst auf einen Gegner zu projizieren, mit der Absicht, dessen mentalen Zustand zu stören und eine Reaktion zu erzwingen. Dies trainiert sowohl die Projektion von Ki (die den Kreislauf des Gegners von außen beeinflusst) als auch die Sensibilität, zu spüren, wie sich das Ki des Gegners als Reaktion darauf verändert. Mit der Zeit lernt der Praktizierende, diese Veränderungen als Informationen über Timing und Absicht zu deuten.
Verpflichte dich bei allen Formen des kontrollierten Sparrings dazu, den Angriff des Gegners gleich zu Beginn abzufangen, anstatt abzuwarten, bis er sich entwickelt. Dies zwingt den Praktizierenden dazu, die Sensibilität für frühe Signale zu entwickeln, die den Kern von Sen no Sen bildet. Beginne mit vorab vereinbarten Angriffen (Yakuzoku Geiko), bei denen das Timing bekannt ist, und steigere die Unvorhersehbarkeit schrittweise, während sich die Sensibilität entwickelt.
Regelmäßige Sitzmeditation ist keine sanfte Ergänzung zum harten Training. Sie ist eine direkte Methode zur Entwicklung der Qualität ruhiger, nicht-reaktiver Präsenz, die die Voraussetzung für Ki-Sensibilität ist. Ein Geist, der mit hoher Geschwindigkeit in Gedanken, Erwartungen und reaktiven Emotionen verläuft, kann subtile Ki-Signale nicht wahrnehmen. Beginne Trainingseinheiten mit kurzen Phasen der Stille und bewusster Aufmerksamkeit auf das Bewusstsein des gegenwärtigen Augenblicks. Entwickeln Sie die Fähigkeit, während des Sparrings in Mushin zu verbleiben – vollkommen wachsam, vollkommen reaktionsfähig, ohne die Einmischung von vorweggenommener Angst oder reaktiven Emotionen.
7. Das Verständnis Ihres natürlichen Sen
Wie die alten Lehren bemerken, neigen die meisten Praktizierenden von Natur aus zu einem der drei Sen. Der ungeduldige, aggressive Praktizierende neigt von Natur aus zu Sen no Sen – dem proaktiven Schlag. Der geduldige, strategische Praktizierende neigt von Natur aus zu Go no Sen – dem Abwarten und Kontern. Das Verstehen deiner natürlichen Neigung ist der Anfang der Weisheit, nicht das Ende. Trainiere alle drei, damit du wählen kannst, welche du gegen einen bestimmten Gegner einsetzt, anstatt dich auf das zu verlassen, was dir vertraut ist. Der vorhersehbare Praktizierende ist immer verwundbar, unabhängig davon, wie geschickt er in seiner bevorzugten Vorgehensweise ist.
Teil Acht: Ein einheitliches Rahmenwerk –Budo-Weisheit für den modernen Krieger
Wir haben viel Stoff behandelt. Lass uns das Ganze zusammenfassen.
Der OODA-Loop ist ein authentisches und wertvolles Rahmenwerk zum Verständnis der Entscheidungsfindung im Kampf. Boyds Erkenntnis, dass der Sieg dem Kämpfer gehört, der schneller als der Gegner durch Beobachtung, Orientierung, Entscheidung und Aktion durchlaufen kann – und insbesondere der die Orientierung des Gegners stören kann –, wird durch jahrhundertelange Kampfkunst-Erfahrung bestätigt.
Doch der OODA-Loop, wie er typischerweise angewendet wird, wirkt in erster Linie auf der oberflächlichen Ebene sichtbarer Aktion und Reaktion. Er ist ein Rahmenwerk, um innerhalb des normalen Zyklus der Kampfwahrnehmung schneller zu sein.
Sen no Sen und die Tradition des Budo, in der es verwurzelt ist,
bieten etwas mehr: eine Möglichkeit, den Kreislauf nicht dadurch zu verkürzen, dass man innerhalb desselben schneller ist, sondern indem man über einen anderen Wahrnehmungskanal an einem früheren Punkt in den Kreislauf eintritt. Durch die Entwicklung einer Sensibilität für Ki –für das Feld der Absicht, das einen Gegner umgibt – erhält der Praktizierende Zugang zu Informationen, die früher und besser verwertbar sind als alles, was die Augen allein liefern können. Er führt nicht einfach eine schnellere Version desselben Prozesses durch. Er beobachtet etwas anderes – die Ursache stromaufwärts statt die Wirkung stromabwärts.
Dies ist die uralte Antwort auf den OODA-Loop. Und es ist eine Antwort, die die Kultivierung von Shin – dem Geist – und die Entwicklung einer Sensibilität für Ki erfordert, neben der körperlichen Konditionierung und der technischen Verfeinerung, die das Tai und Gi des Budo darstellen.
„Der Krieger, der sich allein auf seine Augen verlässt, wird immer auf

das reagieren, was bereits begonnen hat. Der Krieger, der Ki wahrnimmt, handelt vor dem Beginn – nicht durch Prophezeiung, sondern durch eine so verfeinerte Aufmerksamkeit, dass die Vorbereitung auf die Handlung so sichtbar ist wie die Handlung selbst.“
Dies ist nicht die exklusive Domäne des alten Japans. Es ist eine menschliche Fähigkeit. Sie ist trainierbar. Und sie ist vielleicht eine der wichtigsten Dimensionen der Kriegerausbildung, die moderne Kampfsysteme noch nicht vollständig wiederentdeckt haben.
Die alten Krieger des Budo begegneten ihrer brutalen Welt mit einer psychischen Widerstandsfähigkeit, die viele moderne Krieger nur schwer finden. Der Unterschied liegt nicht in der Gewalt, der sie ausgesetzt waren – in jeder Hinsicht war diese unmittelbarer und persönlicher. Der Unterschied liegt in der Vollständigkeit ihrer Vorbereitung: Körper, Technik und Geist. Shin, Gi, Tai. Alle drei Säulen stehen zusammen und stützen einen Krieger, der nicht nur zum Kämpfen ausgebildet, sondern dazu erzogen wurde, ein vollwertiger Mensch zu sein –
bewusst, präsent, verbunden und furchtlos.
Sen no Sen zu lehren – es wirklich zu lehren, mit all seinen mentalen und spirituellen Dimensionen intakt – ist eines der wirkungsvollsten Dinge, die moderne Kampfkünste und Kampfsysteme für die Krieger in ihrer Obhut tun können. Nicht nur, um sie im Kampf effektiver zu machen, sondern um sie als Menschen ganzheitlicher zu machen. Denn dieselbe Qualität der Achtsamkeit, die es Sen no Sen ermöglicht, im Kampf zu wirken, ist dieselbe Qualität der Achtsamkeit, die es einem Krieger ermöglicht, aus dem Kampf zurückzukehren und dabei noch ganz er selbst zu sein. Das ist vielleicht das größte Geschenk von Sen no Sen.
Referenz: Sen und OODA –Vergleichsrahmen
Sen-Stufe
Sen Sen no Sen: Wirkt während der Orientierungs-/Entscheidungsphase des Gegners. Höchste Stufe – nimmt das Ki der Absicht vor der Bewegung wahr. Stört OODA direkt, bevor es die Aktionsphase erreicht.
Sen no Sen: Wirkt während der Aktionsphase des Gegners. Fängt die Bewegung bereits zu Beginn ab. Bricht den Zyklus des Gegners mitten im Ablauf ab.
Go no Sen: Wirkt nach der Aktionsphase des Gegners. Reagiert auf einen abgeschlossenen oder sich entwickelnden Angriff. Gewinnt durch

einen schnelleren Reaktionszyklus.
Tai no Sen: Beeinflusst die Beobachtungs/Orientierungsphase des Gegners durch bewusste Körperhaltung. Kontrolliert, was der Gegner sieht und damit, was er entscheidet.
Schlusswort: Das Alte studieren, um das Neue zu verstehen
„Das Alte studieren bedeutet, das Neue zu verstehen.“
Dieser Artikel begann mit einer traditionellen Maxime und endet mit einer. Die alten Kampfkünste bieten keine veralteten Antworten auf irrelevante Fragen. Sie bieten, kodiert in jahrhundertelanger bewährter Erfahrung, ein tiefes Verständnis für den Menschen unter Druck, dem moderne Konzepte in vielerlei Hinsicht noch immer nacheifern.
Der OODA-Loop ist modern. Sen no Sen ist uralt. Sie sprechen über dasselbe Thema, nur von unterschiedlichen Enden derselben Wahrheit aus. Bringt man sie zusammen – bringt Shin, Gi und Tai zusammen –, dann ist der Krieger, der daraus hervorgeht, nicht nur schneller oder stärker. Er ist wacher. Präsenter. Besser in der Lage, aus der tiefen Ruhe heraus zu handeln, die sowohl Exzellenz im Kampf als auch Integrität außerhalb davon ermöglicht.
Das ist es, worauf Budo immer hingewiesen hat. Das ist es, worauf Sen no Sen, richtig verstanden, auch heute noch hinweist.
先の先
Die Initiative des Angriffs. Die Initiative der Achtsamkeit. Die Initiative des ganzen Menschen.




Vor dem Schicksal gibt es kein Glück … „Es ist unglaublich, welche Kraft Dinge haben, wenn sie geschehen müssen.“
Kein Satz könnte die Ankunft von EBUNTO in Spanien besser beschreiben als dieser. Es ist der 2. April 2006. JOHO (Shidoshi) Juliana Galende – meine ehemalige Ehefrau – und ich waren mit der Absicht, ein neues Leben zu beginnen, in Spanien angekommen.
Glaubst du an das Chaos? An das Glück? Glaubst du, es sei das Ergebnis des Schicksals? Glaubst du, alles sei bereits vorbestimmt? Ist das bei den Menschen immer wieder so? Konfuzius fragt uns weise: „Wie alt wärst du, wenn du nicht wüsstest, wie alt du bist?“

Nach Jahrzehnten extremer Hingabe und großer Erschöpfung aufgrund aufeinanderfolgender, intensiver Projekte hatten wir beschlossen, den Weg der Lehre zu verlassen und das Land zu wechseln, um etwas Neues zu beginnen, das nichts mit meinem früheren Beruf zu tun hatte. Unser ursprüngliches Ziel war Japan, aufgrund der Menschen und der Möglichkeiten, die sich durch die im Laufe der Jahre geknüpften Freundschaften und beruflichen Verbindungen ergeben könnten.
Durch einige Freundinnen, die in Spanien lebten, kam jedoch bei JOHO (Shidoshi) Juliana der Gedanke auf, dass, wenn unser Plan darin bestand, ein neues Leben zu beginnen, dies vielleicht ein günstiges Ziel sei – aufgrund der sprachlichen Nähe und der Lebensqualität, die auf spannende Weise beschrieben wurde. Nun gut, am 5. April 2006 verließen wir Brasilien und
landeten am nächsten Tag auf dem Flughafen „Josep Tarradellas Barcelona-El Prat“ in Barcelona.
Alles war von Brasilien aus vereinbart worden: Die Leute sollten uns am Ausgang erwarten und uns in dieses vermeintlich neue Leben einführen. Doch nichts davon geschah. Es wartete niemand auf uns. Erst zwei Tage später, nach wiederholten Anrufen, tauchte eine Freundin von JOHO (Shidoshi) Juliana Galende dank der Hilfe eines Taxifahrers in dem Hotel auf, in dem wir untergebracht waren. Entgegen unseren Erwartungen wurden wir in ein etwa fünfzig Kilometer von Barcelona entferntes Dorf namens Saint Celoni gebracht – ein wunderschöner Ort zwischen zwei Bergen. Das Gebiet Montnegre in Sant Celoni ist sowohl besiedelt als auch ein bedeutendes Naturgebiet, das zum „Naturpark Montnegre i el Corredor“ in der Provinz Barcelona gehört. Sant Celoni dient als Tor zu dieser bewaldeten Landschaft, die sich durch ihre Eichen- und Kastanienwälder auszeichnet und von hohem naturkundlichem und

landschaftlichem Interesse ist.
Da ich die Sprache nicht beherrschte und keine Perspektiven hatte, begab ich mich zu einem örtlichen Telefonladen, um nach Brasilien zu telefonieren und einige Dinge zu klären. Dort lernte ich Hamid kennen – einen neugierigen Mann marokkanischer Herkunft. Da wir nur ein Prepaid-Handy hatten, war es praktischer, die Anrufe von dort aus zu tätigen.
Es kommt nicht selten vor, dass wir uns wünschen, andere würden unsere Probleme lösen oder uns gar eine Antwort auf unsere vielen Fragen geben. In meiner Sichtweise auf das Leben und seine „Einzelheiten“ ist der Alltag eine ständige Metamorphose, die verschiedene Arten von „Bewusstseinsrevolutionen“ hervorbringt; ich sage dies im Singular, denn es handelt sich um unterschiedliche Denkweisen und Standpunkte.
Das kann bedeuten, dass wir alle eine individuelle Art von Atmosphäre der Zerstörung und Erneuerung besitzen. Jeder Moment, jeder Augenblick, alles ist Teil dieser Reise, die wir jeden Tag unternehmen. Konfuzius

sagt uns: „Der edle Mensch ist beharrlich auf dem wahren Weg und nicht nur beharrlich.“ Diese Tatsache führt uns zur Bildung eines Ganzen, das Teil unserer Existenz ist; Teil eines Weges, der sich ständig wandelt, während wir unter der Führung unserer inneren Wahrheiten voranschreiten, die nichts anderes sind als unser eigenes Leben an sich.
Hamid war der Erste, der mir nach und nach erklärte, wie mein neues Land funktionierte. Zwei Wochen später erhielten wir einen Anruf von Alfredo Tucci, dem CEO des renommiertesten Magazins für Kampfkünste – Budo International. Herr Tucci, Enkel portugiesischer Einwanderer, sprach unsere Sprache perfekt; was die Verhandlungen für das, was später unser erstes „Titelbild“ werden sollte, erheblich erleichterte. Etwas, das den Lauf unserer Geschichte völlig verändern sollte.

Madrid, 25. Mai 2006. Zufälligerweise war es der Geburtstag von Herrn Tucci. Nach den Aufnahmen und Fotos markierte eine schöne Freundschaft den Ausgangspunkt, der die Geschichte von EBUNTO in Europa endgültig schreiben sollte.
Auf dem ersten Titelblatt eines so bedeutenden Magazins zu erscheinen, war der Grundstein dafür, dass Menschen begannen, uns in Sain Celoni aufzusuchen. Die ersten waren Luís Nogueira und seine Frau Rebeca Roca, die bis zum Jahr 2015 an unserer Schule blieben. Nach ihrer Ankunft interessierten sich viele weitere Menschen dafür, uns kennenzulernen.
Ein lieber Lehrer sagte einmal, dass wir im Leben nicht ständig Dinge „austauschen“ können. Und das stimmt! Im Grunde bedeutet dies, dass unsere Entscheidungen, Einstellungen usw. die Beständigkeit widerspiegeln, dass das Leben an sich

die Aneignung der Früchte jedes Augenblicks darstellt; eine Art kontinuierliches Experimentieren, bei dem man nicht innehalten kann.
Wenn wir den Weg der Evolution betrachten, entwickeln wir eine Perspektive, die dieses Leben selbst oder seine Realität in ein Szenario versetzt, in dem dieses Wesen gezwungen ist, die Kontrolle über das „Schiff seines Lebens“ zu übernehmen. Dazu wird es unweigerlich in seinen eigenen Wahrheiten und Lügen die Gründe leben, die es dazu bringen, seine eigene Bedeutung in seinem Prozess oder Weg wahrzunehmen – oder auch nicht. Dies führt uns parallel dazu zu der Überlegung, die uns letztendlich an den Punkt bringt, an dem es auf dasselbe hinausläuft: Es gibt verschiedene Arten von Leben und Realitäten in einem einzigen Wesen.

Im Jahr 2007 nahmen wir an der ersten Hall of Fame teil, die von der Zeitschrift Budo International und der ISMA organisiert wurde –unter der Leitung des Kampfkunstmeisters und Generals der amerikanischen „Mariners“, Santiago Sanchis. Verschiedene Meister aus verschiedenen Ländern richteten zum ersten Mal ihren Blick auf uns und interessierten sich für unsere Arbeit. Ich, die ich ein diskretes, ruhiges Leben mochte, stand nun auf der Weltbühne.
Dann kam der Moment, in dem Barcelona aufgrund der Geschichte von JOHO (Shidoshi) Juliana Galende, die ihr Medizinstudium in Brasilien begonnen hatte, ihre Studienleistungen nicht anerkennt. Die Hoffnung, dass eine andere Stadt diese anerkennen würde, und die Meinungen anderer Spanier führten uns nach Valencia – eine Stadt, die unser endgültiger Wohnsitz werden sollte.
Zwischen den vielen Reisen nach Madrid ließen JOHO (Shidoshi) Juliana Galende und ich, die wir in Bezug auf unsere Spiritualität stets diskret waren, nach und nach einige Informationen über unseren Glauben und unser Wissen fallen. Durch Herrn Tucci lernte ich Francisco (Paco) Suarez kennen, eine Person, die innerhalb von EBUNTO zu einem wichtigen „Kotoma Tonbo“ werden sollte.
Im Jahr 2008 begann Herr Tucci schließlich, sich auf den Pfaden des EBUNTO zu bewegen. Valencia und Madrid teilten gemeinsame Interessen, was die Bewahrung des EBUNTO betraf. Stephen Hawking, Autor zahlreicher Bücher, darunter „Das Universum in der Nussschale“, sagt uns: „Es ist eine Frage der allgemeinen Erfahrung, dass die Dinge mit der Zeit immer ungeordneter und chaotischer werden.“
Es versteht sich von selbst, dass sich unser Leben für immer verändern würde. Das Schicksal, dieser große Protagonist, der das Leben eines jeden Sterblichen wie durch Zauberei verwandeln kann, hatte an unsere Tür geklopft. Meine Lehrer hatten Recht, als sie sagten: „Der Mensch, der weder in sich selbst noch in seine Umgebung blickt, kann weder seine eigene Realität noch


die Realität seiner Umgebung erkennen.“ Daher denke ich, dass derjenige, der sich selbst nicht kennt und nicht weiß, ob er eine bestimmte Rolle im Leben spielt oder nicht, in Wahrheit tot ist, auch wenn er wie seine Mitmenschen isst und trinkt.
Im Jahr 2011 macht ein ASHAKORO – Hajimeru (Einweihung) mit mehreren Personen aus verschiedenen Ländern Spanien endgültig zu einem wichtigen Punkt in der Geschichte von EBUNTO.
Im selben Jahr zieht Herr Tucci endgültig nach Valencia, und ein neues Kapitel unserer Geschichte beginnt. Studien,

Intensität, Projekte... Arthur Schopenhauer sagte: „Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen sie aus.“
So war es auch bei uns: Aufgrund der lokalen Bedürfnisse, die von der „Spiritualität“ aufgezeigt und von Meistern bestätigt wurden, sollten neue Schritte unternommen werden, und voller Möglichkeiten und neuer Horizonte fand ein bedeutendes Fest in der Provinz Cheste statt – einer spanischen Gemeinde in der Region Hoya de Buñol, im Landesinneren der Provinz Valencia, in der Autonomen Gemeinschaft Valencia, 26 km von der Provinzhauptstadt entfernt.
Im Rahmen ständiger Zeremonien würden wir 2014 die ersten Verantwortlichen für das EBUNTO ausbilden. Sechs neue Lehrer sollten die Basis dieser Festung bilden, die nach etwa einem Jahr vollständig zusammenbrechen und einstürzen würde. Im Zuge derselben Trägheit beschließt JOHO (Shidoshi) Juliana Galende, sich der Medizin zu widmen, und unsere einvernehmliche Scheidung läutet eine neue Etappe ein, in der ein neues Kapitel geschrieben werden sollte.
Im Jahr 2016 lernte ich auf einer Reise nach Mexiko meine neue Frau kennen – die forensische Psychologin Alma Alejandra –, die Jahre später nach Valencia ziehen würde, um mir dabei zu helfen, das wiederaufzubauen, was verloren gegangen war.
Verschiedene Denkrichtungen schreiben den Schlüssel zu unserem Leben, zu unserem Glück, allein dem Guten oder dem Bösen zu... Ist das wirklich so? Seit dem Tag, an dem wir




geboren wurden, an dem wir auf diese Welt kamen, sind wir dazu bestimmt, in verschiedene Perspektiven einzutauchen, in verschiedene Gleichgewichtspunkte, die eher wie Kreuzungen wirken, an denen die Gewissheit ins Wanken gerät: Der Zweifel ist an der Reihe!
Während dieser Zeit nähert sich JOHO (Shidoshi) Joao Paulo mir auf makellose Weise und beginnt durch eine Reise nach Spanien (wo
er bei mir zu Hause wohnt) eine neue Etappe seiner Ausbildung.
Jede einzelne Erfahrung entspricht dem Zustand der Beobachtung, den wir auf uns selbst und folglich auch auf andere ausüben. Die Vielfalt der Momente und Augenblicke hat ihre Wurzeln fest im „Jetzt“ verankert. Sie gründet sich und stützt sich auf den gegenwärtigen Augenblick. Wenn in diesem kurzen




Zeitabschnitt deine Vorliebe dem Guten oder dem Bösen gilt, sage ich ohne jeden Zweifel: Ja, es sind nur diese beiden, die über dein Leben entscheiden.
Ich betrachte die Dinge jedoch immer aus der Perspektive der geistigen Welt. Meiner Auffassung nach sind wir geistige Wesen, die eine materielle Erfahrung durchleben. Wir sind das Ergebnis dessen, was unser Bewusstsein uns sagt; wir sind das Ergebnis eines Bruchteils von Sekunden, der die Kraft bestimmt, die

augenblicklich wirkt, wenn wir unsere Ideen miteinander verbinden; wenn unser Glaube bestimmt, was wir sehen sollen..... Hast du schon einmal darüber nachgedacht?
Auf seinen ständigen Reisen nach Spanien setzte JOHO (Shidoshi) Daniel Motheo, mein ältester Schüler, seine Ausbildung fort und wurde zu einer wichtigen Referenz unserer Kultur und Tradition.
Im Jahr 2021 eröffneten wir meine neue Schule und damit kam


eine Vielzahl neuer Schüler und Lehrer hinzu. Unter ihnen Kotoma Tonbo Fabián Garcia, JOHO (Shidoshi) Sibila Silva, JOHO (Shidoshi) Miguel Morales, JOHO (Shidoshi) Sérgio Verdeguer, JOHO (Shidoshi) Vicente Laparra, JOHO (Shidoshi) Alma Alejandra, JOHO (Shidoshi) Hermes Romero.... Am 25. April 2026 begann eine neue Etappe mit neuen Ämtern und



Verantwortlichen für die Pflege und Weitergabe unserer Kultur und Tradition.
Mit mir persönlich verbunden sind heute, sowohl im martialischen als auch im spirituellen Bereich, die folgenden Namen:
JOHO (Shidoshi) Tonbo Alfredo Tucci (Goemon Kawazuki). Kokeisha Kawazuki Togo, Founder of Budo International Magazine.
Tonbo Francisco Suárez
Tonbo Fabián Garcia
JOHO (Shidoshi) Juliana Galende
JOHO (Shidoshi) Marcos Amaral
JOHO (Shidoshi) Maria de Manuel
JOHO (Shidoshi) Daniel Motheo
JOHO (Shidoshi) Thiago Moraes
JOHO (Shidoshi) Sérgio Botelho
JOHO (Shidoshi) André Bortoluzzi
JOHO (Shidoshi) João Paulo Gomes
JOHO (Shidoshi) Giovanni Nunes

JOHO (Shidoshi) Raoni Rosa
Sensei Leonardo Nunes
Sensei Sérgio Moraes
Sensei Miguel Estables
JOHO (Shidoshi) Hermes Romero
JOHO (Shidoshi) Vicente Laparra
JOHO (Shidoshi) Sergio Verdeguer
JOHO (Shidoshi) Alma Alejandra
JOHO (Shidoshi) Sibila Sol Silva
JOHO (Shidoshi) Miguel Morales.
Sensei Stéphane Postel (França)
Sensei Alfredo Garcia*
Die anderen Namen von JOHO (Shidoshi) und Sensei, die hier nicht aufgeführt sind, dienen entweder persönlichen Zwecken oder haben noch kein ausreichendes Niveau erreicht.
„Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde!“ – Immanuel Kant.








Nicht witzig!
Dezember 2025, Franco Vacircas Seminar, im Panda Gym Berlin. Franco ruft zwei Mädchen in die Mitte, um ihre Technik zu zeigen, und fragt die übrigen Teilnehmer: «Was seht ihr falsch?»
Eine leise männliche Stimme hinter mir murmelt: «Frauen!»
Der Witz mag harmlos wirken, doch er wirft eine ernsthafte Frage auf: Werden Frauen im Jiu-Jitsu wirklich willkommen geheissen?
Die Zahl weiblicher Jiu-JitsuPraktizierender steigt kontinuierlich – auch in Kindergruppen ist dieser Trend sichtbar. Gleichzeitig übernehmen immer mehr qualifizierte Frauen Positionen als Trainerinnen oder Instruktorinnen. Ich habe mehrere von ihnen befragt, und erfreulicherweise berichtete keine von sexistischen Erfahrungen im Unterricht. Doch das bedeutet nicht, dass Diskriminierung vollständig aus der Kampfkunstwelt verschwunden ist –sonst gäbe es keinen Grund, diese Zeilen zu schreiben.



Im Gegensatz zu meinem Heimatland, dem Iran, sind die Trainingsräume in Europa gemischt. Frauen und Männer trainieren gemeinsam auf der Matte. Das bedeutet auch, dass ich gegen Männer rollen darf.
Wie Maren vom Panda Gym Berlin es formuliert: «Es ist wichtig, dass Frauen die Möglichkeit haben, mit Männern zu trainieren, denn auf der Strasse kann ein Gegner ebenfalls ein Mann sein.»
Persönlich wurde ich auf der Matte meist mit Respekt behandelt. Dennoch gab es auch unangenehme Momente: Männer, die nicht mit Frauen rollen wollten, oder solche, die ihre körperliche Stärke demonstrativ zur Schau stellten.
Diese Erfahrungen bringen mich immer wieder zu derselben Frage – an mich selbst und an meine Trainer: Werden Frauen im Jiu-Jitsu wirklich fair behandelt?
Mit «fair» meine ich mehr als nur das Vermeiden plumper sexistischer Witze wie dem am Anfang dieser Geschichte. Fairness bedeutet auch, dass Frauen nicht lediglich als Mittel zur Erhöhung der Diversität betrachtet werden. Es bedeutet, dass die Leistung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unabhängig vom Geschlecht bewertet wird –allein nach Technik, Einsatz und Entwicklung auf der Matte.
Das Ziel dieses Textes ist jedoch nicht, diese Frage endgültig zu beantworten. Eine einfache Antwort – ein klares Ja oder Nein – wäre zu kurz gegriffen. Vielmehr möchte ich das Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.
Die eigentliche Antwort muss sich jeder selbst stellen.
Möchtest du einen stärkeren Partner?
«Wir können die Partner tauschen, wenn du mit jemandem Stärkerem trainieren möchtest»
Diesen Satz höre ich gelegentlich mitten im Training – und zwar ausschliesslich von Frauen.
Ehrlich gesagt überrascht mich das nicht. Am Anfang meines eigenen Weges im Brazilian Jiu-Jitsu habe ich selbst ähnliche Sätze zu meinen Trainingspartnern gesagt. Dahinter steckt oft ein Gefühl von Unsicherheit – vor allem die Befürchtung, körperlich nicht mithalten zu können.
Vielleicht ist das ein normales Gefühl für viele Anfängerinnen und Anfänger. Allerdings habe ich solche Worte bisher selten von männlichen Anfängern gehört.
Der Punkt ist deutlich: Viele Frauen trauen sich zunächst nicht, gegen Männer zu kämpfen oder mit ihnen zu trainieren. Die Tatsache, dass Männer körperlich häufig im Vorteil sind, verstärkt dieses Gefühl natürlich.
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich jedoch sagen: In einer Trainingsumgebung, die von Respekt und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist, verschwindet diese Unsicherheit mit der Zeit. Sie wird allmählich durch Selbstvertrauen ersetzt.
Gleichzeitig wirken abwertende oder sexistische Kommentare in die entgegengesetzte Richtung: Sie verstärken genau diese Unsicherheit, anstatt sie abzubauen.
Dabei spreche ich bewusst von denjenigen, die bleiben – von den Trainierenden, die weitermachen. Nicht von denen, die nach der ersten unangenehmen Erfahrung oder den ersten blauen Flecken auf der Matte das Training abbrechen und dem Jiu-Jitsu den Rücken kehren.
Ein weiterer Aspekt ist ebenso wichtig: Eine Frau muss sich zunächst selbst als gleichwertige Trainingspartnerin sehen. Ein erster Schritt dahin kann sein, abwertende oder sexistische Kommentare nicht zu verinnerlichen und ihnen nicht zu viel Gewicht zu geben.
Was dabei oft übersehen wird: Ein guter Trainingspartner ist nicht zwangsläufig der stärkste – und nicht jeder starke Partner trägt automatisch zu deiner Entwicklung bei.


Manche Schulen bieten spezielle Trainingseinheiten ausschliesslich für Frauen an – eine Stunde, in der nur Frauen auf der Matte trainieren und rollen. Ohne schwitzende Männer.
Die Ideen dahinter sind unterschiedlich: Für einige steht der geschützte Raum im Vordergrund, in dem erste Unsicherheiten abgebaut werden können. Für andere geht es stärker um Gemeinschaft und Austausch untereinander.
Ein konkretes Beispiel dafür ist das Panda Gym Berlin, wo einmal pro Woche ein BJJ-Training nur für Frauen angeboten wird. Dort haben Mütter zudem die Möglichkeit, ihre Kinder mitzubringen, die während des Trainings am Mattenrand spielen können.
«Es geht um eine starke Community für Frauen, die Familie und einen freundlichen Einstieg in das Jiu-Jitsu. Der Einstieg ist oft die grösste Hürde, und der enge körperliche Kontakt mit verschiedenen Personen ist oft ungewohnt.», meinte Maurice Wollny, Inhaber von Panda Gym Berlin.
In MMA Jerusalem Academy gibt es zweimal pro Woche Trainingseinheiten nur für Frauen. Der Grund dafür ist laut Sharir Richman, dem Inhaber der Schule und der Head von ICCS-Organisation, dass es Frauen gibt, die aus kulturellen oder religiösen Gründen keinen körperlichen Kontakt mit Männern haben möchten.
Im Crazy Team BJJ in Sevilla (Spanien) hingegen gibt es keine speziellen Trainingseinheiten für weibliche Teilnehmerinnen. «Aus dem gleichen Grund, aus dem es auch keine Trainingseinheiten nur für Männer gibt», sagt Alberto Gonzalez, Headcoach und Leiter der Schule.
Die spezifische Trainingsmöglichkeit bietet zahlreiche Vorteile – insbesondere für unsichere Anfängerinnen, die zunächst Selbstvertrauen aufbauen müssen. Sie kann auch für fortgeschrittene Frauen eine gute Gelegenheit sein, sich gezielt auf Wettkämpfe vorzubereiten und mit Partnerinnen auf ähnlichem Niveau und in vergleichbaren Gewichtsklassen zu trainieren.
Auf der anderen Seite darf man nicht ausser Acht lassen, dass solche Trainingseinheiten für manche Frauen auch eine Komfortzone schaffen können, die sie nur ungern verlassen.
Dazu sagt Sharir Richman: «Das Frauentraining, soweit ich es sehe, ist gut für Frauen, die sich nicht wohl dabei fühlen, mit Männern zu trainieren. Wenn sie mit Frauentraining anfangen und später ins gemischte Training wechseln, ist das sehr gut. Aber Frauen, die nie mit Männern trainieren, bleiben in einer Art Illusion – und das ist problematisch. Sie könnten einen Schock erleben, wenn sie diese Realität irgendwann erfahren. Der Grund ist, dass Männer grundsätzlich körperlich stärker sind. Gleichzeitig bietet das Training mit Männern viele Vorteile: Es hilft dir, deine Technik und deinen Game-Plan zu entwickeln, und du lernst, was dich in einem echten Kampf erwartet – wie schnell und präzise du sein musst.»
Diese Überlegungen werfen jedoch weitere Fragen auf: Was ist mit unsicheren männlichen Anfängern? Auch sie stehen oft vor ähnlichen Hürden – ohne dass es vergleichbare geschützte Trainingsräume für sie gibt.
Zudem stellt sich die Frage, ob die Trainingsqualität in separaten Einheiten für Frauen langfristig mit der eines regulären Trainings vergleichbar ist. Wird dort mit der gleichen Sorgfalt ein strukturierter Trainingsplan verfolgt wie in anderen Einheiten? Und werden Anspruch, Didaktik und Erwartungen an das Frauentraining auf demselben Niveau angesetzt wie im gemischten Training?
Wenn dies nicht der Fall ist, wäre es aus meiner Sicht eine Form der Diskriminierung gegenüber Frauen. Ein weiterer Aspekt betrifft die Wahrnehmung innerhalb der Schule: Werden Frauen von männlichen Trainingspartnern gleichermassen ernst genommen, wenn es parallel spezielle Einheiten nur für sie gibt? Oder verstärkt dies ungewollt die Vorstellung, dass sie «anders» trainieren müssen?
Schliesslich bleibt auch eine grundsätzliche Frage offen: Ist es bereits eine Form von Ungleichbehandlung, wenn spezielle Trainingsangebote für Frauen geschaffen werden, während vergleichbare Formate für Männer nicht existieren – oder ist es vielmehr ein notwendiger Ausgleich bestehender struktureller Unterschiede?
Natürlich gibt es keine allgemeingültige Antwort auf diese Fragen. Je nach Trainingsumfeld, zugrunde liegenden Prinzipien und Motivation können unterschiedliche Perspektiven und Realitäten entstehen.
Ich kann hier nur aus meinen eigenen Erfahrungen sprechen – und genau diese führen mich zu den genannten Fragen.
Was ich jedoch betonen möchte: Frauentrainingseinheiten sollten nicht als Übungsfeld für Instruktoren betrachtet werden.


Fazit
Es ist seit Langem bekannt, dass Frauen sich ihren eigenen Platz in der Kampfkunst erobert haben. Dabei geht es nicht darum, ob wir für Selbstverteidigung, Wettkampf oder persönliche Entwicklung auf der Matte trainieren. Entscheidend ist, anzuerkennen, dass Menschen sich in körperlicher und mentaler Stärke unterscheiden.
Eine faire Trainingskultur erkennt diese Unterschiede an, ohne sie zu verstärken. Sie schafft Raum für Entwicklung, ohne künstliche Grenzen zu ziehen.
Jiu-Jitsu ist für mich viel mehr als nur ein Sport. Es ist ein Weg, immer weiter zu entdecken. Ein Weg, der mich zum Denken anregt – nach aussen in die Welt und nach innen in den Menschen.
– Maryam Kegel
Schlusswort:
Meiner Meinung nach gibt es hier (fast) nichts hinzuzufügen. Ich stehe vollkommen hinter diesem Bericht von Maryam Kegel und bedanke mich für ihre offenen und klaren Aussagen.
Was die separaten Frauengruppen angeht, bin ich gleicher Meinung wie unser Brazilian Jiu-Jitsu-Kollege in Sevilla: Warum sollte es Frauengruppen geben? Bei uns gibt es schliesslich auch keine «nur» Männergruppen! Als ich kürzlich beim oben genannten Seminar in Berlin war, gab es eine Reaktion von Maryam, die ungefähr wie folgt war: «Franco, ich habe gesehen, dass du jetzt auch eine ‚nur Frauengruppe‘ hast!» (dabei lächelte sie, weil ich mich immer gegen dieses Gruppenformat gestellt habe, und das weiss sie sehr gut.)
Tatsächlich brachte mich Meister Sylvio Behring, als er kürzlich bei uns zu Besuch war, auf diese Idee. Und so trainieren bei uns neustens, Frauen und Mädchen ab 13 Jahren, einmal in der Woche kostenlos in einer geschlossenen Gruppe. Der Trainingsinhalt ist derselbe wie bei den Männern, ausser dass wir zusätzlich noch wichtige Sicherheitstipps geben wollen, die meiner bescheidenen Meinung nach wichtig sind.
Warum kostenlos? Weil ich meiner Community zeigen will, wie wichtig Selbstverteidigung für Frauen und Mädchen ist. Es gibt viele Gründe, weshalb Frauen es sich so schwer machen, auf die Matte zu kommen und Jiu-Jitsu zu erlernen. Ich denke, so mache ich einen Schritt und biete mich als Trainer an.
Ein weiterer wichtiger Grund ergab sich, als ich damit konfrontiert wurde, dass in einem WhatsApp-Chat blöde Jiu-Jitsu-Memes verteilt wurden. Da dachte ich mir, dass wir in unseren Schulen alle möglichen sexuellen Orientierungen ansprechen. Auf meinem Tatame gibt es keinen Platz für Gespräche über Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Religion und Politik.
Ich weiss aber aus verschiedenen Kreisen, dass dies nicht nur ein Problem im BJJ und Kampfsport generell ist. Auch im Fussball und Basketball stehen die Organisationen, Vereine, Leiter und Trainer immer wieder vor Situationen, in denen gewisse Menschen einfach «zu dumm» sind und den tiefen Drang spüren ihre «Neandertaler-Wurzeln» zeigen zu müssen.
Im Brazilian Jiu-Jitsu gibt es auch ein anderes Phänomen, weshalb wir als Teamleiter Präventionsarbeit leisten müssen. In den letzten Monaten wurden international bekannte BJJ-Trainer und Leaders, wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen entlassen und müssen nun auch mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Als ich mich in Berlin in der Umkleidekabine befand, fragte mich einer der Seminarteilnehmer: «Franco, du trägst einen Tiefschutz im BJJ?» Meine Antwort war: «Ja, immer, wenn ich weiss, dass auch Frauen, Mädchen und Kinder/Jugendliche dabei sind!» «Ach so, das verstehe ich!», kam als Antwort zurück.
Wenn ich es offen sagen darf, habe ich manchmal das Gefühl, dass Sport die Intelligenz von Männern negativ beeinflusst und die grauen Zellen, wie es Detektiv Poirot sagen würde, komplett blockiert oder sie gar ausschaltet.
Wenn ichmir den Fussballsport anschaue, muss ich mich jedes Mal zwingen, nicht gleich zu übergeben. Die Emotionen der Fans schlagen in totale Aggressivität um, als wäre ein Tor mehr als nur ein Ball im Netz. Nach langer Zeit war endlich wieder ein internationales Kickbox-Event in der Schweiz in den Schlagzeilen, aber nicht, weil die Veranstaltung so grandios war, sondern weil die Fans eine Massenschlägerei anfingen, ohne dass der Zweikampf im Ring begonnen hatte.
Wir Menschen haben noch einen langen Weg vor uns, sowohl in zahlreichen Lebenssituationen als auch in der Art, wie wir unser Leben miteinander teilen wollen. Ich vertraue jedoch der nächsten Generation. Sie wird nicht nur besseres BJJ machen, sondern kann damit auch sämtliche Mauern abbauen. Sie wird das Jiu-Jitsu nutzen, um eine bessere, sicherere und vor allem offenere Welt zu gestalten.
– Franco Vacirca




Die explosive Faust des Muay Lert Rit.
Die Vertreter der alten Kampfkünste wie Pankration und Pugilatum, Experten für mittelalterliche europäische Kampfkünste, chinesische Kampfkünstler und siamesische Krieger –sie alle kannten die Wirksamkeit des vertikalen Direktschlags im realen Kampf. Auch die Barhändler des 18. Jahrhunderts und diejenigen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Europa und Amerika Boxhandschuhe trugen und die Fäuste zu einer Wissenschaft machten, führten direkte Schläge meist in der «Daumennach-oben»-Position aus. Diese Schlagtechnik steht im Gegensatz zur Position mit der Handfläche nach unten, die in vielen Kampfkünsten und im modernen Boxen üblich ist.
In Thailand ist laut Meister Chaisawat die Standardhandhaltung für den geraden Schlag die «Daumen-nach-oben»-Position. Der ursprüngliche Grund dafür war, dass ein mit einem Schwert bewaffneter Krieger (in diesem Fall das thailändische Daab) in einer Nahkampfsituation gezwungen sein könnte, Schläge auszuführen. Es liegt auf der Hand, dass er dazu seine Hand in vertikaler Position geschlossen halten musste, da ein Drehen der Hand keine Option war, solange er das Schwert in der Hand hielt. Die waffenlosen Techniken folgten der Biomechanik des bewaffneten Kampfes: So wurde der direkte Schlag gegen den Kopf im Grunde genommen mit vertikaler Faust ausgeführt. Darüber hinaus hat der Muay Korat, ein r Stil aus Nordostthailand, diese Art, direkte Schläge auszuführen, zu einem echten Markenzeichen dieses Systems gemacht, das von den Vertretern anderer regionaler Stile gefürchtet wird.
Die Frage ist: Warum wird diese spezifische Handhaltung für direkte Schläge heute nicht mehr praktiziert, wo doch Tausende erfahrener Kämpfer weltweit sie seit Jahrhunderten angewandt haben?
Die Antwort findet sich in den Worten des grossen Boxers Jack Dempsey, der wie kaum ein anderer seiner Champion-Kollegen studierte, wie man Fäuste im echten Kampf einsetzt.
In seinem Lehrbuch aus dem Jahr 1950 über Faustkampf (d.h. die «süsse Wissenschaft» der Selbstverteidigung und nicht den Boxsport) mit dem Titel «Championship Fighting: Explosive Schläge und aggressive Verteidigung» machte er deutlich, dass ein grundlegendes Konzept im Angriff das

Prinzip der Kraftlinien ist. Bei geraden Schlägen ist die Kraftlinie (oder Power Line) eine imaginäre Linie, die sich vom Körper über die Schulter und den Ellbogen erstreckt und senkrecht aus den drei unteren Knöcheln der Faust austritt. Da diese Position für den Angreifer anatomisch stark und sicher ist, ist sie die reinste und kraftvollste Art, mit geraden Schlägen zuzuschlagen. Laut Dempsey werden die Grundlagen echter Fausttechniken Anfängern nicht vermittelt, und zudem ist das äusserst wichtige Konzept der Kraftlinie in Vergessenheit geraten.
Versuchen wir,
dieses Konzept genauer zu analysieren.
Beim Schlagen mit blossen Fäusten ist es vorteilhaft, eine lange, flache Fläche zu nutzen, um die Aufprallkraft auf einen grösseren Bereich der Faust zu verteilen. Das bedeutet, dass es richtig ist, mit den drei Knöcheln von kleinem Finger, Ringfinger und Mittelfinger zu schlagen. Der Knöchel des Ringfingers dient als Visier, mit dem wir das Ziel anvisieren. Unsere Anatomie bestimmt die Effizienz der Faust in der «Daumen-hoch»-Position: Wenn Sie den Arm ausgestreckt halten und die Faust senkrecht positionieren, werden Sie feststellen, dass eine gerade Linie von der Schulter zu den drei unteren Fingerknöcheln verläuft. Bei den ersten beiden Knöcheln ist dies nicht der Fall. Da beim Schlagen mit dem unteren Teil der Faust eine gerade Linie von der Hand zum Ellbogen und somit zur Schulter entsteht, ist die vertikale Fausthaltung anatomisch widerstandsfähiger als der Schlag mit nach unten gedrehter Handfläche. Diese auf korrekter Biomechanik basierende Faustform bietet die stabilste Linie, um die kinetische Energie des Schlags zu absorbieren. Wenn du deine Energie auf ein Objekt (das Ziel) ausübst, erhältst du die gleiche Menge an Rückenergie. Dies ist das dritte Newtonsche Gesetz: Auf jede Aktion folgt eine gleich grosse und entgegengesetzte Reaktion. Je stärker du also zuschlägst, desto mehr Rückenergie musst du bereit sein, zu verkraften. Bei vertikalen Fäusten absorbiert der gesamte Arm und nicht nur ein Teil die Energie des Schlags, die zurück zur schlagenden Hand geleitet wird. Der einfachste Weg, dies zu «testen» (wie Dempsey sagt), besteht darin, den Arm steif in Richtung einer Wand auszustrecken und die vertikal gehaltene Faust auf Kinnhöhe anzulegen. Stützen Sie Ihr Körpergewicht darauf und lassen Sie Ihren Arm Ihre gesamte Masse tragen. Sie werden feststellen, dass die unteren drei Fingerknöchel eine natürliche, solide Stütze für Ihr Gewicht bilden. Sie werden eine starke Energielinie spüren, die von Ihrem Körper über Ihre Schulter, Ihren Ellbogen und Ihr Handgelenk bis zu den unteren drei Fingerknöcheln verläuft. Dabei spüren Sie die wahre Kraftlinie vertikaler Direktschläge. Dies ist der berühmte «Drei-KnochenSchlag», den Jack Dempsey als die beste Anwendung einer reinen Kraftlinie betrachtete. Ein vertikaler gerader Faustschlag hat viele Anwendungsmöglichkeiten, was die Entfernung zum Gegner betrifft. Die offensichtlichsten Anwendungen sind auf grosse Distanz, aber auch auf kurze Distanz kann er eine beeindruckende Waffe sein.
• Weitere Informationen zum Thema «Lert Rit-Faust». Offizieller Leitfaden der IMBA zum Lert Rit: http://www.muaythai.it/imba-lertrit/?lang=es#guide
• Weitere Informationen zum IMBA Muay Boran: • Offizielle IMBA-Website: www.muaythai.it
• Europa: Dani Warnicki (IMBA Finnland) dani.warnicki@imbafinland.com
• Südamerika: Juan Carlos Duran (IMBA Kolumbien) imbacolombia@gmail.com
• Ozeanien: Maria Quaglia (IMBA Australien) imbaaust@gmail.com
• Generalsekretariat: Marika Vallone (IMBA Italien) imbageneralsecretary@gmail.com


• Anwendungen auf grosse Distanz. Meistens sollte man eine vertikale Faust einsetzen, um den Gegner aus der Distanz anzugreifen, während der Phasen des sogenannten Out-Fightings. Ein explosiver Schritt nach vorne und eine rechtzeitige vertikale Gerade sind alles, was du brauchst, um deinen Gegner k.o. zu schlagen. Das ist es, was Jack Dempsey als explosiven Schlag bezeichnete: Machen Sie einen Schritt nach vorne, als würden Sie fallen, und führen Sie einen Schlag entlang der Kraftlinie aus, wobei Sie daran denken, den Knöchel des Ringfingers als Visier zu nutzen. Im Muay Lert Rit wird die Art von Energie, die durch die kraftvolle Kombination

aus einem Schritt nach vorne und einem gleichzeitigen geraden Schlag zum Ausdruck kommt, als «der vergiftete Pfeil» bezeichnet. Tatsächlich ist der mit dieser explosiven Kraft ausgeführte Schlag vergleichbar mit einem Pfeil, der von einem grossen Bogen abgeschossen wird und, wenn er empfindliche Ziele trifft, irreparable Schäden verursacht. Wenn er das Kinn, den Kiefer, die Augenhöhle oder die Nase des Gegners präzise trifft, ist es wahrscheinlich, dass der Gegner zu Boden geht und dort liegen bleibt.
Auch aus grosser Entfernung kannst du den Schritt und den vertikalen Faustschlag gegen Tritte anwenden (wie in der Combat-Muay-Boran-Technik namens «Der Rabe pickt
das Ei»). Wenn der Gegner beginnt, seine Hüften zu drehen, um sein Bein in einer kreisförmigen Bewegung auszustrecken, verliere keine Zeit und mache einen schnellen Schritt nach vorne, wobei du mit einer kraftvollen vertikalen Geraden zuschlägst, mit dem Ziel, das Ziel (das Gesicht, den Hals oder die Seite seines Kopfes) zu treffen. Ein schneller Gnadenstoss ist oft das dramatische Ergebnis dieser Aktion.
• Anwendungen auf kurze Distanz.
In manchen Fällen bist du gezwungen, aus kurzer Distanz zum Ziel zuzuschlagen. Dies ist der Fall in Situationen, in denen du nicht mit deinem Gegner kämpfen willst und es

vorziehst, ihn zu fangen und zu schlagen. Selbst aus kurzer Distanz kann eine vertikale Gerade die beste Option sein, um deinen Gegner schnell k.o. zu schlagen. Tatsächlich ermöglicht die vertikale Gerade auch aus kurzer Distanz zum Ziel eine grössere Kraftentfaltung. Dies liegt vor allem an der anatomisch korrekten Position der Schulter. Denn wenn der Arm vor dir ausgestreckt ist und die Faust in der Daumen-nach-oben-Position ist, ist die Schulter auf natürliche Weise mit dem Körper verbunden und in einer Position fixiert, die die Körpermasse fest mit dem Arm verbindet. Dies garantiert, eine optimale Energieübertragung und Sicherheit für den Angreifer im Moment des Aufpralls.




Selbstverteidigung mehr als nur körperliche Abwehr
Selbstverteidigung, oft auch „Self Defense“ genannt, ist weit mehr als das Erlernen von Techniken, um Angriffe physisch abzuwehren. Sie umfasst ein ganzheitliches Konzept aus körperlicher Fitness, mentaler Stärke, Bewusstsein, Prävention und rechtlichem Wissen. In einer Welt, in der Sicherheitsgefühl und Selbstbestimmung zunehmend an Bedeutung gewinnen, spielt Selbstverteidigung eine zentrale Rolle besonders für Menschen, die ihre Eigenverantwortung ernst nehmen und lernen wollen, sich in kritischen Situationen zu schützen.
1. Die Bedeutung der Selbstverteidigung
Selbstverteidigung bedeutet, sich selbst vor körperlichem oder psychischem Schaden zu schützen. Dabei geht es nicht darum, Gewalt mit Gewalt zu beantworten, sondern vielmehr darum, Gefahren zu erkennen, zu vermeiden und, wenn nötig, effektiv auf sie zu reagieren. Jeder Mensch hat das Recht auf Selbstschutz. Selbstverteidigung dient also nicht der Aggression, sondern der Deeskalation und Sicherheit. Sie vermittelt das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und kann entscheidend dazu beitragen, Opferrollen zu vermeiden. Gerade in brenzligen Situationen ist es die mentale Stärke, die über kluge Entscheidungen und angemessenes Handeln entscheidet.
Die effektivste Form der Selbstverteidigung ist, gar nicht erst in eine gefährliche Lage zu geraten. Prävention beginnt mit Aufmerksamkeit. Menschen, die ihre Umgebung aktiv wahrnehmen, potenzielle Risiken erkennen und frühzeitig bestimmte Orte oder Situationen meiden, reduzieren ihr Gefahrenpotenzial erheblich.
Sicherheitsbewusstsein entsteht durch Training:
•Beobachtung der Umgebung: Wer aufmerksam ist, bemerkt Veränderungen, ungewöhnliche Verhaltensweisen oder mögliche Gefahrenquellen.
•Körpersprache und Auftreten: Eine selbstbewusste, aufrechte Haltung signalisiert Stärke und Wachsamkeit und kann potenzielle Angreifer abschrecken.
•Vertrauen in das Bauchgefühl: Intuition ist ein starkes Warnsystem. Wenn sich eine Situation „falsch“ anfühlt, sollte man ihr ausweichen.
•Austausch von Informationen: In Städten oder auf Reisen ist es hilfreich, sich über lokale Sicherheitslagen, Lichtverhältnisse und Rückzugsorte zu informieren.
All dies zeigt: Selbstverteidigung beginnt bereits im Kopf, lange bevor ein Angriff stattfindet.

Neben der Prävention bildet das körperliche Training das Zentrum der klassischen Selbstverteidigung. Ziel ist es, einfache, wirkungsvolle Techniken zu erlernen, die in Stresssituationen abrufbar sind unabhängig von Geschlecht, Körpergrösse oder Fitnessgrad.
Typische Elemente sind Schläge, Tritte, Befreiungen aus Griffen sowie das gezielte Nutzen von Schwachstellen des Gegners. Wichtige Disziplinen und Trainingskonzepte sind:
•Krav Maga: Ein modernes israelisches System, bekannt für seine Effektivität und realitätsnahen Szenarien. Es schult Reaktion, Entschlossenheit und Anpassungsfähigkeit.
•Wing Chun: Eine chinesische Kampfkunst, die auf Effizienz, Schnelligkeit und ökonomische Bewegung setzt. Ideal für körperlich unterlegene Personen.
•Jiu-Jitsu oder Brazilian Jiu-Jitsu: Hier liegt der Fokus auf Bodenkampf und Hebeltechniken, um Angreifer zu kontrollieren oder kampfunfähig zu machen.
•Boxen und Kickboxen: Sie verbessern Kondition, Koordination und Schlagkraft wichtige Komponenten für schnelle und klare Reaktionen.
Ziel des Trainings ist nicht, ein Kämpfer zu werden, sondern in der Lage zu sein, sich im Ernstfall zu behaupten. Regelmäßiges Üben stärkt zusätzlich Fitness, Reflexe, Gleichgewicht und Durchhaltevermögen.

Selbstverteidigung beginnt im Geist. Wer in einer Stresssituation ruhig bleibt, hat die besseren Chancen, sinnvoll zu handeln. Angst ist ein natürlicher Begleiter in Gefahrensituationen, kann aber lähmen oder zu unüberlegten Reaktionen führen. Trainingsprogramme integrieren daher zunehmend psychologische Komponenten: Stressmanagement, mentale Vorbereitung und das Überwinden von Angst. Durch wiederholtes Üben realistischer Szenarien wird das Gehirn darauf konditioniert, Gefahrensituationen schneller zu erkennen und Instinktreaktionen zu optimieren.
Ein wichtiger Aspekt ist auch die Selbstbehauptung das klare Setzen von Grenzen. Bereits eine deutliche Stimme, ein entschlossenes „Nein!“ oder eine bestimmte Körperhaltung kann viele Angriffe verhindern. Menschen, die wissen, wie sie sich verbal und nonverbal behaupten, strahlen eine natürliche Autorität aus, die Aggressoren häufig abschreckt.
Frauen:
Frauen fühlen sich statistisch häufiger durch körperliche Übergriffe bedroht. Entsprechend bieten viele Schulen spezielle Selbstverteidigungskurse für Frauen an. Diese konzentrieren sich auf realistische Szenarien, wie Übergriffe im öffentlichen Raum oder Belästigungen. Der Fokus liegt hierbei auf Befreiungstechniken, Nutzung der eigenen Stimme und mentaler Stärke. Kinder und Jugendliche:

Für junge Menschen steht Prävention im Vordergrund: Gefahren erkennen, „Nein!“ sagen können und wissen, wie man Hilfe holt. Selbstverteidigung lehrt sie, auf ihr Bauchgefühl zu hören und Grenzen zu wahren. Gleichzeitig stärkt sie das Selbstbewusstsein und reduziert Mobbinggefahr.
Senioren:
Auch ältere Menschen können von Selbstverteidigung profitieren. Hier geht es weniger um physische Techniken, sondern um Achtsamkeit, Körperbalance und einfache Bewegungsabläufe, die in Stressmomenten ausführbar bleiben.
Das bedeutet: Wer sich oder andere gegen einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff verteidigt, handelt rechtmässig auch wenn dabei der Angreifer verletzt wird. Allerdings gilt die Verhältnismässigkeit: Die Verteidigung darf nicht über das erforderliche Mass hinausgehen. Ziel ist es, den Angriff zu beenden, nicht Vergeltung zu üben. Deshalb ist es wichtig, Selbstverteidigungstechniken so zu trainieren, dass sie effektiv, aber kontrolliert eingesetzt werden können.
Wer Selbstverteidigung trainiert, verändert auch seine Haltung zum Leben. Man lernt, Verantwortung zu übernehmen, Grenzen zu setzen, Konsequenzen zu akzeptieren und mit Stress umzugehen. Dieses Selbstbewusstsein wirkt sich oft positiv auf andere Lebensbereiche aus im Beruf, in Beziehungen oder im Alltag.

Viele berichten, dass sie durch regelmässiges Training an Körperwahrnehmung, Achtsamkeit und innerer Ruhe gewinnen. Manche vergleichen Selbstverteidigung sogar mit einer Form der Meditation in Bewegung, weil sie Konzentration und Gelassenheit schult.
In Zeiten der Digitalisierung ist auch virtuelle Selbstverteidigung der Schutz persönlicher Daten und Privatsphäre Teil des Selbstschutzes geworden. „Cyber Self Defense“ umfasst sicheres Verhalten im Netz, das Schützen sensibler Informationen und Erkennen manipulativer Handlungsversuche, etwa durch Phishing oder Social Engineering.
Dieser erweiterte Begriff verdeutlicht, dass Selbstverteidigung heute ganzheitlich verstanden werden muss physisch, psychisch und digital.
Fazit: Selbstverteidigung bedeutet, Kontrolle über die eigene Sicherheit zu übernehmen körperlich, geistig und rechtlich. Sie ist kein Ausdruck von Gewalt, sondern von Selbstrespekt und Selbstbewusstsein. Jeder Mensch kann sie lernen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Fitness.
Das Ziel ist nicht, unbesiegbar zu werden, sondern vorbereitet, wachsam und handlungsfähig zu bleiben. Wer sich selbst verteidigt, schützt nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Würde, Freiheit und Lebensqualität.

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Sociopathy part 1 Sociopathy part 1

Die Aushöhlung der menschlichen Seele
Es gibt viele Gefahren, denen sich ein Krieger stellen lernen muss.
Manche sind offensichtlich.
Eine Klinge.
Eine Faust.
Ein Feind, der offen vor dir steht.
Das sind jedoch nicht die gefährlichsten.
Die gefährlichsten Feinde sind diejenigen, die sich unbemerkt einschleichen.
Diejenigen, die nicht von aussen auf dich zukommen, sondern aus deinem Inneren aufsteigen.
Diejenigen, die nicht zuerst das Fleisch verwunden, sondern die Seele zerfressen.
Diejenigen, die den Körper aufrecht stehen lassen, das Gesicht lächeln, die Stimme selbstbewusst klingen lassen und doch das Herz aushöhlen, bis ein Mensch nicht mehr zwischen Macht und Liebe, Kontrolle und Wahrheit, Eroberung und Sinn unterscheiden kann.
Einer dieser Feinde ist das, was in der modernen Sprache oft als Soziopathie bezeichnet wird.
Ich spreche hier nicht nur wie ein Kliniker, noch bin ich daran interessiert, das Geheimnis der menschlichen Seele auf ein steriles Etikett zu reduzieren. Es gibt einen Platz für die Medizin, einen Platz für die Diagnose, einen Platz für die Psychologie, und diese Disziplinen haben ihren Nutzen. Doch der Krieger, der Suchende, der spirituelle Mensch muss tiefer gehen. Er muss nicht nur fragen: «Was ist das Verhalten?», sondern: «Was ist der Geist dahinter?» Nicht nur: «Was stimmt mit diesem Menschen nicht?», sondern: «Was ist in ihm gestorben?» Nicht nur: «Wie funktioniert er?», sondern: «Was ist aus ihm geworden?»
Denn die grösste Tragödie im menschlichen Leben besteht nicht einfach darin, böse zu werden. Es ist, unfähig zu werden, das Gewicht des Bösen zu spüren.
Das ist weitaus erschreckender.
Ein Mensch mag sündigen und dennoch rettbar sein, weil das Gewissen noch in ihm brennt. Er mag versagen, er mag fallen, er mag andere verletzen, doch wenn er noch weinen kann, wenn er noch Scham empfinden kann, wenn er noch vor der Wahrheit zittern kann, dann bleibt etwas Heiliges in ihm lebendig. Doch wenn das Herz so verhärtet, so selbstschutzorientiert, so sehr vom Mitgefühl abgeschnitten ist,
dass der Schmerz eines anderen Menschen nicht mehr als real wahrgenommen wird – dann sprechen wir nicht mehr nur von Schwäche. Wir sprechen von einer tiefgreifenden Verdorbenheit des Menschen.
Soziopathie ist in diesem Sinne nicht bloss Täuschung. Sie ist nicht bloss Manipulation.
Es ist nicht blosser Egoismus.
Es ist die schrittweise Inthronisierung des Selbst auf Kosten der Seele.
Es ist der Zustand, in dem der Mensch andere nicht mehr als heilige Wesen sieht, die das Ebenbild Gottes tragen, sondern als Objekte – nützlich, entbehrlich, strategisch, unterhaltsam, gewinnbringend oder hinderlich. Es ist die Reduzierung von Beziehungen auf ihren Nutzen. Es ist die Trennung von Macht und Liebe. Es ist die Erhebung persönlicher Begierden über die Wahrheit, über das Mitgefühl, über die Ehrfurcht, über die Rechenschaftspflicht, über Gott selbst.
Der Soziopath mag stark erscheinen.
Tatsächlich tut sie das oft.
Er mag unter Druck gelassen wirken.
Er mag furchtlos, entschlossen, charismatisch, ja sogar überlegen wirken.
Er mag die richtigen Dinge sagen, die richtigen Emotionen vortäuschen, Selbstvertrauen ausstrahlen und den Raum beherrschen.
Aber schauen Sie genauer hin.
Viele verwechseln das Fehlen sichtbarer Angst mit Mut.
Das ist es nicht.
Viele verwechseln emotionale Kälte mit Meisterschaft.
Das ist es nicht.
Viele verwechseln Charme mit Charakter.
Das ist es nicht.
Viele verwechseln kalkulierte Gelassenheit mit Weisheit.
Das ist es nicht.
Ein Stein ist auch ruhig.
Das macht ihn nicht lebendig.
Die Frage ist nicht, ob ein Mensch Stärke zeigen kann.
Die Frage ist, ob seine Stärke in Wahrheit, Mitgefühl, Ehrfurcht und Verantwortung verwurzelt ist – oder ob sie lediglich die effiziente Maschinerie eines eigennützigen Willens ist.
Den Hwarang wurde gelehrt, dass sich der Geist verneigen muss, bevor ein Schwert erhoben wird. Warum? Weil Macht ohne Demut zu Gewalt wird. Können ohne Gewissen wird zu Raub. Intelligenz ohne Liebe wird zu Korruption. Und Disziplin ohne Gott wird zu Selbstvergötterung. Die Gefahr der Soziopathie liegt genau darin: Ein Mensch kann in der Welt hochfunktional werden, während er innerlich geistig entstellt wird. Er mag an Einfluss gewinnen, wäh-

rend er seine Seele verliert. Er mag lernen, Menschen zu durchschauen, aber nicht, sie zu lieben. Er mag die Strategie beherrschen, aber niemals sich selbst.
Deshalb muss Soziopathie nicht nur als soziale Störung verstanden werden, sondern als spirituelle Warnung.
Sie wirft eine beängstigende Frage auf:
Was geschieht, wenn ein Mensch von der moralischen Bedeutung des Leidens eines anderen Menschen abgeschnitten wird?
Was geschieht, wenn die Tränen anderer dich nicht mehr erweichen?
Wenn Schuld, eher zu einer Unannehmlichkeit als zu einer Überzeugung wird?
Wenn Wahrheit verhandelbar wird?
Wenn Lügen zu Werkzeugen werden?
Wenn Beziehungen zu Transaktionen werden?
Wenn sogar Freundlichkeit zur Show wird?
Wenn man aufhört zu fragen: «Ist das richtig?», und nur noch fragt: «Komme ich damit durch?»
Das ist der Abstieg.
Und seien wir ehrlich – dieser Abstieg beginnt nicht bei Monstern.
Er beginnt bei gewöhnlichen Menschen. Er beginnt mit kleinen Kompromissen.
Er beginnt im Ego.
Er beginnt mit unbehandelten Verletzungen.
Er beginnt mit Stolz, Angst, Anspruchsdenken, Groll und der Weigerung, Verantwortung zu übernehmen.
Es beginnt, wenn wir Kontrolle über Verletzlichkeit, Image über Wahrheit, Vorteil über Gewissen stellen. Es beginnt, wenn das Herz zu schweigen beginnt.
Die Tragödie besteht darin, dass die moderne Gesellschaft oft die frühen Formen dieser Korruption belohnt. Wir bewundern rücksichtslosen Ehrgeiz. Wir feiern Dominanz und nennen sie Führung. Wir verherrlichen Eigeninteresse und nennen es Selbstvertrauen. Wir trainieren Menschen darin, den Schein zu wahren, Wahrnehmungen zu manipulieren und Beziehungen zum eigenen Vorteil zu nutzen. Wir verwechseln unbeeindrucktsein mit Reife. Wir verwechseln emotionale Distanziertheit mit Reife. Wir verwechseln Einschüchterung mit Respekt. Wir verwechseln Selbsterhaltung mit Weisheit. Und dann wundern wir uns, warum so viele Seelen hungern, während so viele Egos gedeihen.
Versteht dies – versteht es wirklich.
Ein Mensch wurde nicht nur geschaffen, um zu überleben.
Er wurde nicht geschaffen, nur um zu gewinnen.
Er wurde nicht geschaffen, nur um zu konsumieren, zu erwerben, zu beeindrucken, zu verführen, zu dominieren oder zu ertragen.
Er wurde geschaffen, um zu lieben.
Um zu dienen.
Um die Wahrheit zu erkennen.
Um demütig vor Gott zu wandeln.
Um das Heilige zu schützen.
Verantwortung zu tragen.
Ein Gefäss zu werden, durch das Güte, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Mut in die Welt fliessen können.
Wenn diese heilige Ausrichtung verloren geht, bleibt die Seele nicht neutral.
Sie hält nicht einfach inne.
Sie wendet sich nach innen.
Sie beginnt, sich selbst zu verzehren.
Und was übrigbleibt, mag zwar noch wie ein Mensch aussehen – aber nicht wie ein ganzer.
Dieser Artikel soll weder dazu dienen, aus der Ferne zu verurteilen, noch uns über diejenigen zu stellen, die wir hier betrachten. Er wurde geschrieben, weil jeder ernsthafte
Suchende sich der Möglichkeit stellen muss, dass die Keime dieser Verderbtheit in gewissem Masse in uns allen vorhanden sind. Vielleicht nicht in ihrer extremen Form. Vielleicht nicht in jener vollen Ausprägung, die Leben ohne Reue zerstört. Aber die Wurzel ist da, wann immer wir Schwäche ausnutzen, Zuneigung manipulieren, Selbstsucht als Tugend tarnen oder uns gegenüber dem Leiden anderer verhärten.
Deshalb handelt es sich hier nicht nur um einen Artikel über «die anderen».
Es handelt von uns.
Darüber, was aus Menschen wird, wenn die Wahrheit aufgegeben wird.
Wenn Stolz auf den Thron erhoben wird.
Wenn Wunden vergöttert werden.
Wenn Verantwortung vermieden wird.
Wenn Gott durch das Selbst ersetzt wird.
Und doch schreibe ich nicht ohne Hoffnung.
Solange noch Atem in uns ist, bleibt Erlösung möglich.
Solange ein Mensch noch die Wahrheit hören, noch Überzeugung spüren, noch niederknien, noch Busse tun, noch sich hingeben kann, ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Das Herz mag begraben sein, aber es muss nicht tot bleiben. Die Seele mag verhärtet sein, aber sie muss nicht unerreichbar bleiben. Was verzerrt wurde, kann durch Gnade ans Licht gebracht werden.
Doch nur, wenn man bereit ist, sich der Wahrheit zu stellen.
Und genau dort beginnt jede echte Heilung.
Nicht mit Ausreden.
Nicht mit Imagepflege.

Nicht mit Schuldzuweisungen.
Nicht mit Überlegenheit.
Sondern mit der schrecklichen, reinigenden, befreienden Wahrheit.
Fangen wir dort an.
Teil I: Jenseits des Etiketts – Was Soziopathie wirklich offenbart
Worte sind gefährliche Dinge.
Wenn sie unbedacht verwendet werden, verbergen sie mehr, als sie offenbaren.
Werden sie oberflächlich verwendet, vermitteln sie uns die Illusion von Verständnis, ohne die Last wahrer Einsicht. «Soziopathie» ist eines dieser Wörter.
Die Leute werfen damit heute leichtfertig um sich. Ein egoistischer Liebhaber wird als Soziopath bezeichnet. Ein strenger Chef wird als Soziopath bezeichnet. Ein Lügner, ein Manipulator, ein egoistischer Freund, ein kaltherziger Ex, ein grausamer Politiker – jedem wird ein Etikett angeheftet, als ob das Benennen des Verhaltens gleichbedeutend wäre mit dem Verstehen der Seele dahinter.
Doch der Krieger darf sich niemals mit oberflächlichen Bezeichnungen zufriedengeben.
Er muss nach dem Wesen suchen.
Er muss fragen: Was ist die Wurzel?
Die äusseren Anzeichen mögen variieren. Der eine lügt zwanghaft. Der andere manipuliert Zuneigung. Ein weiterer missbraucht Vertrauen. Ein anderer empfindet keine Reue. Ein weiterer zieht Vergnügen aus der Kontrolle. Ein anderer kann Menschen wiederholt verletzen und dennoch friedlich schlafen. Ein anderer behandelt Intimität wie eine Waffe. Ein anderer spricht die Sprache der Liebe, während er nach dem Gesetz der Begierde lebt. Ein anderer kann Mitgefühl so gut vortäuschen, dass selbst die Weisen getäuscht werden.
Das sind Symptome.
Aber was ist das Wesentliche?
Das Wesen ist dies: ein tiefgreifender Bruch zwischen dem Selbst und der moralischen Realität anderer.
Die soziopathische Veranlagung bricht nicht bloss Regeln.
Sie bricht die Verbindung zum Gewissen.
Sie bricht die Achtung vor der Menschenwürde.
Sie durchbricht die heilige Grenze, die besagt: Diese andere Person steht dir nicht zur Verfügung.
Deshalb kann Soziopathie nicht bloss als Verhaltensproblem verstanden werden. Sie ist eine Störung der Beziehungen – nicht nur zur Gesellschaft, sondern zur Wahrheit, zur Empathie, zur moralischen Verantwortung

und letztlich zu Gott. Die soziopathische Seele hat in gewisser Weise aufgehört, andere Menschen als heilig zu empfinden. Sie mag sie studieren. Sie mag sie bezaubern. Sie mag ihre Reaktionen vorhersehen. Sie mag sie sogar brauchen. Aber sie ehrt sie nicht.
Das ist der Unterschied.
Manche Menschen glauben, Empathie bedeute emotionale Weichheit. Nein. Empathie ist moralische Anerkennung. Es ist die Fähigkeit, auf authentische Weise zu spüren, dass die Freude und das Leid eines anderen Menschen echt sind. Dass ihr Leiden zählt. Dass ihre Menschlichkeit nicht hinter deinem Verlangen zurücksteht.
Ohne das wird Intelligenz zu Raubtierhaftigkeit.
Charme wird zum Köder.
Stärke wird zur Einschüchterung.
Liebe wird zum Theater.
Und Beziehungen werden zur Jagd.
Deshalb ist Soziopathie so erschreckend. Sie ist nicht immer explosiv. Tatsächlich ist sie oft gefasst. Nicht immer gewalttätig. Oft sehr kontrolliert. Nicht immer sichtbar grausam. Oft kultiviert, strategisch, verführerisch und sozial geschickt.
Der unreife Verstand erwartet, dass das Böse hässlich aussieht.
Das ist oft nicht der Fall.
Manchmal ist das Böse eloquent.
Manchmal ist es attraktiv.
Manchmal ist es erfolgreich.
Manchmal ist es diszipliniert.
Manchmal trägt es Selbstbewusstsein wie ein königliches Gewand.
Manchmal spricht es mit Bestimmtheit, lächelt ohne Wärme und betrachtet deine Wunden so, wie ein Stratege eine Karte studiert.
Sei nicht naiv.
Nicht jeder, der Emotionen versteht, empfindet sie auch richtig.
Nicht jeder, der «Ich liebe dich» sagt, weiss, was Liebe ist.
Nicht jeder, der weint, ist aufrichtig.
Nicht jeder, der ruhig ist, ist im Reinen mit sich.
Nicht jeder, der stark ist, ist gut.
Die Welt lehrt die Menschen, das Äussere zu bewun-

dern. Gott schaut auf das Herz.
Die Heilige Schrift sagt uns klar:
«Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.»
1. Samuel 16,7
Und genau im Herzen liegt der Kern der Sache. Denn der Soziopath wird oft sehr geschickt darin, sein Äusseres zu manipulieren, weil es ihm an innerer Substanz mangelt. Wenn das echte Gewissen schwach ist, wird das Äussere zum Mass aller Dinge. Wenn man nicht gut sein kann, kann man dennoch gut erscheinen. Wenn man nicht lieben kann, kann man es dennoch vortäuschen. Wenn man keine Verbindung herstellen kann, kann man dennoch kontrollieren. Wenn man keine Reue empfinden kann, kann man dennoch lernen, wie Reue aussehen soll.
Deshalb können solche Menschen andere so zutiefst verwirren. Ihre Worte und Taten stimmen nicht lange überein, doch ihr Auftreten kann überzeugend genug sein, um die Erkenntnis hinauszuzögern. Und weil sich viele Menschen danach sehnen, das Beste zu glauben, entschuldigen sie, was eigentlich klar zu erkennen gewesen wäre. Sie verwechseln Inkonsistenz mit Komplexität. Sie verwechseln Manipulation mit Schmerz. Sie verwechseln Gefahr mit blosser Verletzlichkeit.
Verstehen Sie mich nun bitte genau: Verletztheit ist real. Trauma ist real. Gebrochenheit ist real. Menschen tragen schreckliche Verletzungen aus ihrer Kindheit, aus Verlassenheit, Demütigung, Verrat und Angst mit sich. Viele destruktive Verhaltensweisen entspringen dem Schmerz. Aber Schmerz, wie tief er auch sein mag, rechtfertigt keine Grausamkeit. Wunden erklären vieles, aber sie entschuldigen nicht den wiederholten Missbrauch anderer ohne Reue.
Hier kommt die moralische Verantwortung ins Spiel. Ein verletzter Mensch mag um sich schlagen und es dann bereuen.
Ein verletzter Mensch kann versagen und dann Reue zeigen.
Ein verletzter Mensch kann Schaden anrichten und dann nach der Wahrheit suchen.
Aber wenn jemand wiederholt verletzt, täuscht, ausbeutet, demütigt und manipuliert – und dies dann ratio-

nalisiert, herunterspielt, leugnet oder sogar geniesst –, haben wir es nicht mehr nur mit Schmerz zu tun. Wir haben es mit einer Person zu tun, die begonnen hat, sich in moralischer Verzerrung einzurichten.
Deshalb ist das Thema so ernst.
Soziopathie ist nicht bloss«beschädigt sein». Es ist zur Waffe gewordene Schädigung.
Es ist Selbstschutz, der sich zu Herrschaft entwickelt hat. Es ist ein Wille, der so sehr auf seine eigene Erhaltung, Befriedigung und Kontrolle ausgerichtet ist, dass andere Leben als Kollateralschaden behandelt werden.
Und wie geschieht das? Nicht auf einmal.
Die Seele wird nicht in einem einzigen Moment ausgehöhlt. Sie wird durch Wiederholung ausgehöhlt.
Durch Kompromisse.
Durch umgestandene Sünden.
Durch einstudierte Lügen.
Durch ignorierte Schuld.
Durch befriedigte Begierden.
Durch ein Gewissen, das immer wieder übergangen wird, bis seine Stimme leise wird.
Zunächst weiss der Mensch Bescheid.
Dann rationalisiert der Mensch.
Dann passt sich der Mensch an.
Dann identifiziert sich der Mensch mit der Verzerrung. Und schliesslich fragt die Person nicht mehr, ob die Sache falsch ist – sondern nur noch, ob sie wirksam ist.
Das ist der Verlauf.
In diesem Sinne offenbart Soziopathie etwas Schreckliches, aber Wichtiges über das menschliche Dasein: Ein Mensch kann hochfunktional werden, während er moralisch deformiert wird. Die Gesellschaft belohnt oft Ergebnisse, nicht die Reinheit des Herzens. Sie belohnt Image, Leistung, Charisma, Ergebnisse, Überzeugungskraft, Ehrgeiz, Einfluss. Ein Mensch kann äusserlich gedeihen, während er innerlich stirbt. Er kann öffentlich bewundert werden, während er geistig verrottet. Er kann die Welt gewinnen und seine Seele verlieren – genau wie Christus gewarnt hat.
«Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert?»
Matthäus 16,26
Das soziopathische Muster ist eine Antwort auf diese Frage.
Es ist das, was geschieht, wenn Gewinn zum Gott wird.
Wenn das Selbst zum Herrscher wird.
Wenn das Gewissen zum Hindernis wird.
Wenn die Wahrheit dem Verlangen untergeordnet wird.
Gehen wir nun noch tiefer.

Dem Soziopathen fehlt es nicht nur an Liebe. Oft fürchtet er sie sogar. Wahre Liebe erfordert Verletzlichkeit, Gegenseitigkeit, Ehrfurcht und Hingabe. Sie erfordert die Erkenntnis, dass ein anderer Mensch kein Spielball in deiner Geschichte ist, sondern ein heiliges Leben, das deiner Obhut anvertraut wurde. Das erschreckt die gestörte Seele, denn Liebe lässt sich nicht so kontrollieren wie eine Darbietung. Wahre Liebe entlarvt. Sie erfordert Rechenschaftspflicht. Sie verlangt Wahrheit. Sie bedroht das falsche Selbst.
Deshalb ersetzt die soziopathische Seele Intimität oft durch Dominanz.
Zu dominieren ist sicherer als zu lieben.
Manipulieren ist sicherer als vertrauen.
Zu verführen ist sicherer, als erkannt zu werden.
Zu kontrollieren ist sicherer als sich hinzugeben.
Zu nutzen ist sicherer als zu schätzen.
Deshalb mögen solche Menschen mächtig erscheinen, während sie doch zutiefst verkümmert bleiben. Sie können Situationen meistern, aber nicht sich selbst. Sie können Schwäche erkennen, aber Stärke nicht würdigen. Sie können Räume, Beziehungen und Institutionen mit strategischer Präzision betreten – und bleiben doch geistig kindisch, unfähig, niederzuknien, unfähig, Busse zu tun, unfähig, zu lieben, ohne zu verschlingen.
Das ist keine Grösse.
Es ist eine als Stärke getarnte Missbildung.
Die Hwarang verstanden, dass wahre Stärke in Ehrfurcht, Zurückhaltung, Loyalität und moralischer Zielstrebigkeit verwurzelt sein muss. Ein Krieger, der sein eigenes Ego nicht beherrschen kann, ist unfähig, seine Macht zu beherrschen. Einem Mann, der sich nicht verneigen kann, darf man kein Schwert anvertrauen. Und ein Mensch, der die Heiligkeit eines anderen Lebens nicht spüren kann, wird gefährlich, ganz gleich, wie kultiviert, diszipliniert oder begabt er auch erscheinen mag.
Was ist also Soziopathie?
Es ist die erschreckende Möglichkeit, dass eine menschliche Seele so sehr in sich selbst verstrickt sein kann, dass sie die Gaben der Intelligenz, der Wahrnehmung, der Sprache, der Sexualität, der Strategie und der Macht nicht zur Gemeinschaft, sondern zur Ausbeutung nutzt. Nicht zum Schutz, sondern zur Selbstverherrlichung. Nicht für die Wahrheit, sondern zur Manipulation. Nicht für Gott, sondern für den Thron des Selbst.
Und wenn wir weise sind, werden wir nicht nur fragen: «Wer in meiner Umgebung, ist so?»
Wir werden die schwierigere Frage stellen: Wo in mir beginnen diese Tendenzen?
Denn Heilung beginnt dort, wo die Illusion endet.


Kein Kind kommt auf die Welt und sagt: «Ich möchte ein Zerstörer des Vertrauens werden.»
Kein Säugling liegt in der Wiege und schmiedet Pläne zur Manipulation.
Kein kleiner Junge sagt: «Eines Tages werde ich nichts mehr fühlen, wenn andere zerbrechen.»
Kein kleines Mädchen sagt: «Eines Tages werde ich Zuneigung in Strategie verwandeln.»
Die Verdorbenheit kommt erst später.
Das bedeutet, dass wir eine schmerzhafte, aber notwendige Frage stellen müssen:
Wie entsteht das hohle Selbst?
Um das zu beantworten, müssen wir dort beginnen, wo jede ernsthafte Wahrheit beginnt – mit dem Bruch der Unschuld.
Menschen werden verletzlich geboren. Abhängig. Aufnahmebereit. Offen. Welche Stärke später auch immer entsteht, sie beginnt in der Schwäche. Wir kommen auf die Welt und brauchen Berührung, Liebe, Fürsorge, Einfühlungsvermögen, Führung und Schutz. Wir lernen uns selbst durch Beziehungen kennen. Wir entdecken die Realität durch Vertrauen. Wir verstehen Sicherheit durch das Gesicht und die Gegenwart eines anderen.
Wenn dieses heilige Fundament verletzt, verzerrt, vernachlässigt oder als Waffe eingesetzt wird, kann in der Architektur der Seele etwas Tiefgreifendes schiefgehen.
Ein Kind, das beständig geliebt wird, lernt, dass Beziehungen sicher sind.
Ein Kind, das geführt wird, lernt, dass man der Wahrheit vertrauen kann.
Ein Kind, das mit Liebe zurechtgewiesen wird, lernt, dass Grenzen keine Ablehnung sind.
Ein Kind, das wahrgenommen wird, lernt, dass seine innere Welt zählt.
Aber ein Kind, das ausgenutzt, verworfen, terrorisiert, beschämt, manipuliert oder emotional verlassen wird, lernt möglicherweise eine ganz andere Wahrheit.
Es lernt vielleicht, dass Verletzlichkeit gefährlich ist.
Dass Abhängigkeit Demütigung ist.
Dass Zärtlichkeit Schmerz einlädt.
Dass die Wahrheit keinen Schutz bietet.
Dass Liebe unbeständig ist.
Dass Menschen unsicher sind.
Dass Kontrolle Überleben bedeutet.
Und sobald diese Lektion tief genug sitzt, beginnt die Seele, sich auf Verteidigung auszurichten.
Hier beginnt die Verhärtung.
Lassen Sie mich das klarstellen. Nicht jeder, der leidet, wird zum Soziopathen. Viele, die schreckliche Wunden ertragen, wer-

den gerade deshalb mitfühlend, weil sie den Schmerz kennen. Viele gebrochene Seelen werden barmherzig. Viele betrogene Menschen werden ehrlich. Viele vernachlässigte Kinder werden zu zutiefst liebevollen Erwachsenen. Leiden bestimmt nicht das Schicksal.
Aber unbewältigtes Leiden kann das Schicksal verzerren.
Besonders dann, wenn Schmerz nicht mit Wahrheit und Liebe begegnet wird, sondern mit Stolz, Groll, Anspruchsdenken und der Gier nach Kontrolle. Dann ist die Wunde nicht mehr nur etwas, das man trägt. Sie wird zu etwas, dem man gehorcht. Sie wird zur Identität. Sie wird zur Methode. Sie wird zur Erlaubnis.
Das verletzte Kind sagt: «Ich will mich nie wieder machtlos fühlen.»
Das ist verständlich.
Der verdorbene Erwachsene sagt dann: «Deshalb werde ich dafür sorgen, dass andere sich machtlos fühlen, bevor sie mir wehtun können.»
Da beginnt die Tragödie.
Anstatt durch das Leiden demütig zu werden, wird der Mensch dadurch gestärkt. Anstatt den Schmerz das Herz aufbrechen zu lassen, verhärtet der Schmerz es zu einer Rüstung. Und weil die Rüstung funktioniert – zumindest äusserlich –, wird sie mit Stärke verwechselt.
Aber eine Rüstung ist keine Haut.
Und Verteidigung ist kein Leben.
Das hohle Selbst entsteht, wenn Schutz zum obersten Gesetz wird. Wenn der Mensch aufhört zu fragen: «Was ist wahr?», und nur noch fragt: «Was bewahrt mich davor, verletzt, blossgestellt, beschämt oder verletzlich zu sein?»
Sobald dies zum Leitprinzip wird, beginnt jede Fähigkeit des Selbst, sich danach auszurichten.
Die Wahrheit wird verhandelbar.
Zuneigung wird strategisch.
Moral wird situationsabhängig.
Andere Menschen werden zu Instrumenten.
Das Gewissen wird zum Störfaktor.
Das Herz verschwindet nicht auf einmal.
Es wird begraben.
Schicht für Schicht.
Begraben unter Angst.
Begraben unter Wut.
Begraben unter Demütigung.
Begraben unter Ehrgeiz.
Begraben unter Selbstschutz.
Begraben unter dem Bedürfnis, nie wieder niederzuknien.
Und hier setzt der Stolz mit verheerender Wucht ein.
Stolz bietet immer dasselbe Gift:
Du wirst nie wieder schwach sein.
Du wirst nie wieder unter jemandem stehen.
Du wirst nie wieder der Liebe ausgeliefert sein.

Du wirst niemanden brauchen.
Du wirst unantastbar werden.
Es ist die alte Lüge aus dem Garten Eden in einer psychologischeren Form.
Die Schlange sagte: «Ihr werdet wie Gott sein.»
Der Stolz sagt immer noch dasselbe.
Nicht unbedingt in religiöser Sprache. Manchmal in emotionaler Sprache. Manchmal in der Sprache des Überlebens. Manchmal in therapeutischer Sprache. Manchmal in der Sprache der Selbstermächtigung.
Aber dahinter verbirgt sich dieselbe Rebellion:
Ich werde Gut und Böse für mich selbst definieren.
Ich werde keiner Autorität über mir vertrauen.
Ich werde mein eigener Beschützer, mein eigenes Gesetz, mein eigener Mittelpunkt, mein eigener Retter.
Das ist der Beginn des hohlen Selbst.
Der Mensch mag von anderen verletzt worden sein, ja. Doch dann kommt der schicksalhafte Moment, in dem die Verwundung zur Selbstvergötterung wird. Der Mensch schützt sich nicht mehr nur. Er setzt sich selbst auf den Thron. Und sobald das Selbst auf dem Thron sitzt, wird die Beziehung dem Verlangen untergeordnet.
Deshalb umgibt Soziopathie oft eine Aura kalter Souveränität. Der Mensch ist nicht bloss impulsiv. Er fühlt sich oft überlegen. Über der Zurechtweisung. Über gewöhnlichen emotionalen Verpflichtungen. Über Schuld. Über der Zärtlichkeit, die anständige Menschen leitet. Er verachtet vielleicht sogar diese Fähigkeiten bei anderen und betrachtet Empathie als Schwäche, Reue als Unannehmlichkeit und Selbstaufopferung als Torheit.
Was ist geschehen?
Der Mensch hat Unverletzbarkeit der Menschlichkeit vorgezogen.
Und diese Entscheidung – über Jahre hinweg einstudiert –höhlt die Seele aus.
Nun folgt eine weitere schmerzhafte Wahrheit: Manchmal werden die Samen nicht nur durch Schmerz, sondern auch durch Lob genährt. Ein von Natur aus begabtes Kind – schön, intelligent, charismatisch, talentiert, von Natur aus manipulativ – entdeckt vielleicht schon früh, dass Leistung Zugang verschafft. Dass Charme Türen öffnet. Dass Wahrnehmung Macht ist. Dass Emotionen nachgeahmt werden können. Dass Erwachsene ausmanövriert werden können. Dass man Konsequenzen entgehen kann.
Wenn der Charakter nicht parallel zu solchen Begabungen geformt wird, vervielfacht sich die Gefahr.
Denn dann verteidigt sich das Kind nicht nur gegen Schmerz. Es lernt den Rausch der Kontrolle kennen.
Es lernt:
Ich kann sagen, was sie hören wollen.
Ich kann das werden, was sie sehen wollen.

Ich kann Aufrichtigkeit vortäuschen, ohne etwas Echtes preiszugeben.
Ich kann gewinnen, ohne zu lieben.
Ich kann nehmen, ohne den Anschein zu erwecken, dass ich nehme.
Das ist spirituell katastrophal.
Denn Gaben ohne Formung werden zur Korruption.
Macht ohne Ehrfurcht wird zu Ausbeutung.
Einsicht ohne Gewissen wird zur Waffe.
Deshalb warnt die Heilige Schrift so oft vor dem Herzen. Nicht weil Emotionen böse sind, sondern weil das ungezügelte Herz – besonders wenn es mit Stolz verschmilzt – in seiner Selbstrechtfertigung gerissen wird.
«Das Herz ist überaus trügerisch und unheilbar. Wer kann es ergründen?»
Jeremia 17,9
Das bedeutet nicht, dass das Herz nutzlos ist. Es bedeutet, dass das Herz, losgelöst von der Wahrheit und von Gott, zum Meister der Selbsttäuschung werden kann. Es kann Rache Gerechtigkeit nennen. Es kann Kontrolle Weisheit nennen. Es kann Lust Liebe nennen. Es kann emotionale Taubheit Frieden nennen. Es kann Stolz Selbstachtung nennen. Es kann Grausamkeit Stärke nennen.
Das ist die Gefahr.
Das hohle Selbst ist nicht immer bewusst böse. Manchmal täuscht es sich selbst zutiefst. Es glaubt seinen eigenen Erzählungen. Es rechtfertigt sich mit fast religiöser Inbrunst. Alle anderen lagen falsch. Alle anderen waren schwach. Alle anderen haben es verdient. Alle anderen haben
es missverstanden. Alle anderen haben die Prüfung nicht bestanden.
Und weil die Person der Bewahrung des falschen Selbst verpflichtet ist, wird die Wahrheit unerträglich. Echte Rechenschaftspflicht fühlt sich wie Vernichtung an. Busse zutun,würde den Zusammenbruch der Identität erfordern, die aufgebaut wurde, um Schmerz zu vermeiden. Fehler zuzugeben würde bedeuten, wieder verletzlich zu werden. Sich niederzuknien würde sich wie der Tod anfühlen.
Anstatt also das falsche Selbst sterben zu lassen, lässt die Person das wahre Selbst verkümmern.
Das ist die Geburt des hohlen Selbst. Nicht einfach nur Schmerz. Nicht einfach nur Stolz.
Sondern Schmerz, der sich mit Stolz zu einer falschen Souveränität verbindet.
Deshalb erfordert Heilung, sofern sie möglich ist, immer dasselbe schreckliche Wunder: Der Mensch muss bereit sein, das zu fühlen, was er sein ganzes Leben lang vermieden hat.
Scham.
Trauer.
Abhängigkeit.
Schuld.
Bedürfnis.
Verlust.
Ohnmacht.
Erst dann kann das vergrabene Herz beginnen, sich zu erheben. Doch zuvor kommt der tiefere Abstieg. Denn sobald das hohle Selbst geboren ist, bleibt es nicht passiv. Es beginnt zu handeln.
Und genau dort wird Soziopathie in der Welt sichtbar.

«Das hohle Selbst ist nicht immer bewusst böse. Manchmal täuscht es sich selbst zutiefst. Es glaubt an seine eigenen Erzählungen. Es rechtfertigt sich mit fast religiöser Inbrunst. Alle anderen lagen falsch. Alle anderen waren schwach. Alle anderen haben es verdient. Alle anderen haben es missverstanden. Alle anderen haben die Prüfung nicht bestanden.»



