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Kampfkunst Budo International 526 Mai 2026

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Perlen des Kriegers Marco Aurelio

„Alles

ist miteinander verwoben, und ihr gemeinsames Band ist heilig; fast nichts ist dem anderen fremd, denn alles ist aufeinander abgestimmt und trägt zur Ordnung derselben Welt bei.“

Das höchste «Glück» Das höchste «Glück» Leitartikel Leitartikel

«Der Stierkampf, das Leben, ist der Prozess, in dem der Tod uns vom Traum des Lebens abbringt, indem er das Prinzip nutzt: Deine Wünsche sind meine Waffen.»

José María Sánchez Barrio

«Der Stier war schon immer das Symbol der Wildheit.»

José Ortega y Gasset

Alles, was beginnt, endet, das ist das Gesetz. Das «Nicht-Ende» ist keine Option, sondern die Konsequenz davon, dass es einen Anfang gab. Anfang und Ende sind komplementäre Gegensätze, daher können wir sagen:

«Am Ende wie am Anfang, aber als komplementärer Gegensatz». Wenn wir den Beginn des Lebens feiern, trauern wir natürlich um sein Ende. Wir wissen jedoch, dass auf jedes Ende ein neuer, anderer Anfang folgt. Für die Menschen, so erzählen die Weisen, ist das Verlassen dieser Welt der Vorraum zu einer anderen Existenz, in Form von Energie.

Es gibt Lebenszyklen, in denen wir Stiere sind, und andere, in denen wir Stierkämpfer sind. Die Zyklen von Geburt und Tod liegen ausserhalb unserer Macht; wie beim Stier mit seinen «Suertes»(Span. Glück) sind die Zeiten vorbestimmt, und nur sein Widerstand, seine Kraft und seine Wildheit machen den Unterschied. In den anderen Zyklen, denen dazwischen, können wir zu Stierkämpfern werden, sofern wir wissen, wie wir die Angriffe des Lebens und des Wandels abwehren. In der Stierkampfsprache wird der Todesstoss dem Stier als «la suertesuprema» (der höchste Kunstgriff) bezeichnet, und er entscheidet, wenn er gut ausgeführt wird, über den Triumph oder das Scheitern der Faena; so gut diese auch gewesen sein mag, ohne einen guten Tod gibt es weder Anerkennung noch Belohnung. Im Leben ist es genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, Dinge zu Ende zu bringen, als sie zu beginnen. Der Elan, mit dem man von Natur aus dazu neigt, Dinge anzugehen, ist meist serienmässig vorhanden; wahrer Mut und Meisterschaft zeigen sich daher in ihrem Gegenteil; deshalb sagt man, dass es nicht darauf ankommt, wie wir in Dinge hineingehen, sondern wie wir aus ihnen herauskommen. Da wir Gewohnheitstiere sind, fällt es uns schwer, den höchsten Schlag auszuführen und ihn mit den richtigen Tugenden zu schmücken, die die grossen Meister anwenden: Wahrheit, Entschlossenheit, Präzision, Standhaftigkeit, Losgelöstheit und Rechtschaffenheit. Zu erkennen, dass etwas beendet ist, und zu wissen, wie man es vollendet, verhindert, dass der natürliche Verfall, der den Tod begleitet – sei er real oder im übertragenen Sinne –, unseren Weg verunreinigt. Zyklen auf diese Weise zu beenden, bevor sie sich für einen selbst schliessen, bedeutet also, der Veränderung voraus zu sein, Übergänge bewusst zu begleiten, dem Tod den Preis zu rauben und uns die Zeit zu eigen zu machen. Carlos Castaneda sagt, dass alles, was der Tod berührt, Macht hat. Denn ein passiver Protagonist der Veränderung zu sein, ist nicht dasselbe wie ein aktiver. Wer sich der dunklen Präsenz bewusst ist und weiss, wie man einen Zyklus beendet, erhält einen Schatz, einen Preis; indem er dem Schicksal zuvorkommt, zeigt er die implizite Überwindung, die jedes unveränderliche Ende begleitet. Manche Stierkämpfer sagen, dass der Stier, wenn der Moment gekommen ist, «den Tod fordert», wenn er bereits alles aus sich herausgeholt hat, was in ihm steckt.

Der Wunsch, bereits abgeschlossene Prozesse zu verlängern, schafft reale und virtuelle Zombies, die uns verzehren und klein machen. Manchmal sind es Orte, die nicht mehr Teil unserer Geschichte sind, manchmal Menschen, die ihre Aufgabe in diesem Leben an unserer Seite bereits erfüllt haben, manchmal unsere Schöpfungen, die sich im richtigen Moment in unsere Herren verwandeln und uns versklaven können. Ohne Freiheit gibt es keinen freien Willen, und ohne diesen bemächtigt sich das Schicksal eines Ganzen, das nichts ist, weil es sich über etwas ohne Macht aufdrängt.

Jede Welle hat ihren Bruch, jeder Zyklus bringt seinen natürlichen Niedergang mit sich; nur der Tod bringt Leben, denn damit etwas leben kann, muss etwas sterben, so lautet das Gesetz. Sich an Formen und Dinge zu klammern, wenn das Ende an die Tür klopft, verhindert nicht den Schmerz der Veränderung, denn dieser nährt sich von unserer Blindheit, die uns daran hindert, all das Gute zu sehen, das ein Ende mit sich bringen kann.

Um zu wissen, wie man lebt, muss man die Gegenwart des Todes am Ende jeder Phase anerkennen und, bevor wir die Tür öffnen, um einen neuen Raum zu betreten, alles in dem Raum, in dem wir waren, ordentlich und aufgeräumt hinterlassen, für alles erhaltene, danken und mit leichtem Gepäck aufbrechen… das Abenteuer geht immer weiter.

Interview mit Enrique de Vicente

Interview mit Enrique de Vicente

an Shidoshi Alfredo Tucci auf seinem Youtube-Kanal über den Ebunto Japanischen Schamanismus

an Shidoshi Alfredo Tucci auf seinem Youtube-Kanal über den Ebunto Japanischen Schamanismus

der Ureinwohner Japans

der Ureinwohner Japans

Wir Älteren leben in einer anderen, von Kampf geprägten Welt; wir kämpften um ein spärliches Wissen, das heute leichtfertig weitergegeben wird und das in seiner Fülle häufig das Wahre mit dem Falschen vermischt, ohne den Empfängern die Voraussetzungen und das Urteilsvermögen gegeben zu haben, um durch diese stürmischen Gewässer zu navigieren. Die einzige Möglichkeit, dieser Situation zu begegnen, besteht darin, durch die Augen derer zu blicken, die auf diesem Weg erfahrener sind und mit dem Licht ihrer Erfahrung die verwirrenden, chaotischen und überladenen Zeiten, in denen wir leben, erhellen können.

Sensei David Stainko hat über viele Jahre hinweg mit seinen Artikeln zu verschiedenen Aspekten und Themen der Welt der Kampfkünste unsere Seiten bereichert und in Zeiten von Lärm und Verwirrung eine notwendige geordnete und kohärente Sichtweise auf die Materie gebracht. Eine vernünftige und erfahrene Stimme konnte nur von jemandem der «alten Garde» kommen, der die grossen Veränderungen der letzten Jahrzehnte in diesem Bereich miterlebt hat und sie begleitet hat, ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren – mit dem Pragmatismus und der Perspektive eines Menschen, der, obwohl er viel erlebt hat, seine Neugier und den Geist jenes alten Sprichworts nicht verloren hat: «Manchmal Lehrer, immer Schüler!»

Er hat nie nach Rampenlicht gestrebt, sondern seine Erfahrung mit der Grosszügigkeit weitergegeben, die nur die Grossen besitzen; Heute erscheint daher sein wohlverdientes Titelbild mit diesem Interview, um unseren Lesern den Meister näherzubringen, der hinter so vielen hervorragenden Hintergrundartikeln steht – Artikeln, die zweifellos Klarheit geschaffen, informiert, strukturiert und vieles verdeutlicht haben, insbesondere für die jüngeren Leser, die, da sie die Vergangenheit nicht kennen, häufig dazu neigen, die Gegenwart falsch zu beurteilen.

Alfredo Tucci
Interview by Sandra Maljavac Photos: Photo studio Luigi (Opatija,Croatia)

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

David «Sensei» Stainko – Eine führende Persönlichkeit

der alten Schule der Kampfkünste

Wir stellen Ihnen Herrn David Stainko aus Kroatien vor, einen angesehenen Ausbilder und international anerkannten Experten für Kampfkunst. David «Sensei» Stainko hat 53 Jahre seines Lebens dem Erlernen, Üben, Erforschen und später dem Unterrichten verschiedener Kampfkünste gewidmet. In der Kampfkunst-Community ist Ausbilder David Stainko als jemand bekannt, dessen Wissen besonders hervorsticht. Entdecken Sie, wer Ausbilder und Professor David «Sensei» Stainko ist – ein Meister der Kampfkünste, ein Experte für Kampfwissenschaften und eine der führenden Persönlichkeiten der alten Schule der Kampfkünste.

B.I: Ihre erste Begegnung mit den Kampfkünsten fand 1972 statt?

David «Sensei» Stainko: Ja, das stimmt. In jenem Jahr erhielt ich ein kleines, aber faszinierendes Büchlein mit dem Titel «Karate Made Easy» von Moy Rone, auf Englisch. Ich begann, darin zu blättern, mir die Bilder anzusehen und die Übungen so gut wie möglich nachzumachen, soweit ich sie verstehen konnte. Aber das reichte mir nicht, also meldete ich mich im Oktober beim Budokai Karate Club in Rijeka an. Anfang 1973 erhielt ich meinen Vereinsausweis, und damit begann offiziell meine «Reise» in die Welt der Kampfkünste.

B.I: Erzählen Sie uns etwas über den Budokai-Karate-Stil – darüber ist wenig bekannt.

David «Sensei» Stainko: Budokai ist ein Karate-Stil, der seinen Ursprung in London, England, hat. Seine Wurzeln reichen bis ins Jahr 1918 zurück und er wurde auf den Grundlagen des ersten Judo-Clubs in Europa namens Budokwai aufgebaut, der vom japanischen Meister Gunji Koizumi geleitet wurde. Etwa zwanzig Jahre später machten sich einige seiner Schüler auf den Weg und begannen, das zu praktizieren, was für sie damals eine neue japanische Kunst war – Karate.

Der Name Budokai setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: Budo, was «der Weg der Kampfkünste» bedeutet, und kai, was «Schule» bedeutet. Weltweit ist der Budokai-Karate-Stil auch unter den Namen Budokwai, Budokwan und Budokan bekannt, wobei sich letzterer in Malaysia entwickelt hat, aber ebenfalls auf den Grundlagen des Budokai-Stils basiert. Budokai ist ein sehr effektiver Karate-Stil, der sich durch seine einzigartige Mischung aus traditionellen Judo-, Jiu-Jitsu- und Karate-Techniken auszeichnet. Das Waffentraining, als Teil der umfassenderen Ko-BudoDisziplin, wurde Mitte der 1960er Jahre intensiver in den Budokai-KarateStil integriert.

B.I: Sie haben auch andere Karate-Stile trainiert und studiert. Erzählen Sie uns etwas darüber.

David «Sensei» Stainko: Das stimmt. Ich hatte bereits 1973 die Gelegenheit, an einem Seminar unter der Leitung des bekannten Shotokan-Meisters Taiji Kase teilzunehmen. Später lernte ich auch von anderen Shotokan-Meistern, unter denen ich besonders Hirokazu Kanazawa, Hidetaka Nishiyama, Shiroshi Shirai und Dr. Ilija Jorga hervorheben möchte. Ich habe den Budokai-Stil bei Dr. Emin Topić, den UechiRyu-Stil bei Mario Topolšek und den Sankukai-Stil bei Yoshinao Nanbu gelernt.

Heute besitze ich den 8. Dan im Budokai-Karate-Do-Stil und bin einer der wenigen ursprünglichen Vertreter dieses Stils. Ausserdem besitze ich den 3. Dan im Shotokan, den 2. Dan im Uechi-Ryu und den 2. Dan im Kyokushinkai, einem Stil, den ich in Kroatien mit eingeführt habe. Ich bin auch gut mit den Stilen Goju-Ryu und Wado-Ryu vertraut, die ich ebenfalls praktiziert habe, und später habe ich mich auch mit anderen Karate-Stilen beschäftigt.

B.I: Heute ziehen Sie es vor, keiner Karate-Organisation beizutreten. Warum ist das so? David «Sensei» Stainko: Heutzutage ist es üblich geworden, dass jeder einigermassen bekannte Meister seine eigene Karate-Organisation gründet. Infolgedessen gibt es mittlerweile weltweit mehr als 15 Shotokan-Organisationen, und bei den Kyokushinkai-Karate-Organisationen ist die Situation ähnlich. Andere Karate-Stile sind in einer etwas besseren Lage, aber auch dort ist die Situation alles andere als ideal. Unter den vielen verschiedenen Karate-Organisationen, die es heute gibt, behaupten fast alle, die authentische zu sein. Ich kann diesen Behauptungen nicht zustimmen, da ich viele Veränderungen sehe, die in bestimmten Karate-Stilen im Vergleich zu den ursprünglichen Formen, die ich gelernt habe, eingeführt wurden.

Ausserdem wird in den meisten Karate-Vereinen heutzutage Sportkarate mit Handschuhen praktiziert. Das ist kein Karate – es ist reiner Sport. Sie interessieren sich nicht sonderlich für die traditionellen Karate-Stile. Ihre Trainer sind Karate-Coaches, keine Lehrer – keine Sensei. Karate als Kunst der «leeren Hand» existiert für sie eigentlich nicht mehr, daher ist Karate-Do für viele Menschen heute im Wesentlichen nur noch Karatesport geworden. Das Gleiche gilt für das moderne Judo und sogar für Taekwondo. Kampfsportarten sind keine Sportarten; sie sind weit mehr als das.

B.I: Sie sind auch ein Experte in der Kampfkunst Kung Fu. Erzählen Sie uns etwas darüber. David «Sensei» Stainko: Ich kam 1974 in Deutschland bei einem Seminar unter der Leitung von Meister Al Dacascos zum ersten Mal mit der Kampfkunst Kung Fu in Berührung. Später studierte ich in Italien bei Meister Shin Dae Wong, einem Experten für Tan-Lang-Stile sowie für eine Variante des ShaolinStils und des Pa-Kwa-Stils. Ich begann in Kroatien und Italien mit dem Tai-Chi-Chuan-Stil und setzte mein Training in der Schweiz und in England fort.

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

1982 begann ich, Wing Chun bei Lehrern zu lernen, die Schüler des mittlerweile berühmten Lehrers Ip Man gewesen waren. Zunächst trainierte ich in Ungarn unter Meister Leung Ting und wenig später in Serbien unter Meister William Cheung. Auf dieser Grundlage und beeinflusst von Bruce Lees Filmen studierte ich später das JeetKune-Do-System.

B.I: Sie tragen den Titel eines Kung-Fu-Lehrers und den Status eines SifuMeisters.

David «Sensei» Stainko: Ja, diesen Status in der Kung-Fu-Kunst habe ich seit 1985 inne. Ich muss sagen, dass Kung Fu heute anders ist als früher und anders als ich es gelernt habe. In vielen Stilen sind Veränderungen offensichtlich. Heute sprechen die Menschen weltweit neben Tai-Chi vor allem über die Kung-Fu-Stile Sanda und Wushu. Jeet Kune Do als Kampfsystem finde ich besonders interessant, obwohl es heute von vielen propagiert wird, die eigentlich nur sehr wenig darüber wissen. Viele moderne Jeet-Kune-Do-Lehrer ahmen einfach Bruce Lees Bewegungen nach, und das ist völlig

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

falsch. Bruce Lee hat immer gesagt, dass man sich in den Kampfkünsten selbst ausdrücken muss und dass Jeet Kune Do als Kampfsystem ausschliesslich an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten angepasst werden muss. Zudem verstehen viele Menschen nicht, dass dieses System nur dann voll wirksam ist, wenn man ein Meister ist – das heisst, man muss über Wissen, Schnelligkeit und Kampferfahrung verfügen. Schliesslich sagt der Name schon alles: «Abfangende Faust», was die Fähigkeit bedeutet, den Angriff des Gegners vorauszusehen und ihn abzufangen, bevor er erfolgt. Nur ein guter, erfahrener und geschickter Kämpfer kann den Angriff eines Gegners abfangen – für alle anderen ist es meist nur eine «Illusion».

B.I: Wir wissen, dass Sie auch Boxtrainer sind. Erzählen Sie uns etwas darüber. David «Sensei» Stainko: In Rijeka, meiner Heimatstadt, geniesst das Boxen als Kampfsport besondere Achtung. Man kann Weltmeister im Ringen, Fechten, Judo, Karate oder Taekwondo sein, aber wenn man nicht geboxt hat und nicht in einem Boxverein gesparrt hat, ist es, als hätte man nie als Kämpfer oder als jemand, der Kampfsport ernsthaft betreibt, existiert. So habe ich auch angefangen – ich habe mich in das Boxen verliebt und bin dabeigeblieben. 1987 wurde ich Boxtrainer. Zu dieser Zeit begann ich auch, Savate – das französische Boxen – zu lernen, und erwarb später den Titel eines «Silver Glove»-Ausbilders.

B.I: Du kennst dich auch mit koreanischen Kampfkünsten aus und hast sogar einen Tang-Soo-Do-Verein geleitet.

David «Sensei» Stainko: 1974 sah ich in Deutschland eine Vorführung von Meister Jhoon Rhee und lernte so TKD kennen. Als Kampfsportbegeisterter weckten meine Kollegen an der Fakultät für Bewegungswissenschaften mein Interesse an Taekwondo wieder, also begann ich, mit ihnen zu trainieren. 1982 begann ich, TKD im ITF-System zu praktizieren. Der Haupttrainer für Kroatien war damals der koreanische TKDMeister Park Sun Yae, der damals den 5. Dan innehatte. Ich traf auch General Choi Hong Hi, doch das Seminar, das mich am stärksten beeindruckte, war das von Hee Il Cho geleitete in England. 1988 wurde mir die Möglichkeit geboten, den ersten Tang Soo Do-Club in Kroatien zu leiten, und ich nahm dies als eine Art Herausforderung an. Man bat mich vor allem, das Training auf den von Chuck Norris vorgestellten TangSoo-Do-Ansatz zu stützen. Ich war Zeuge der Zeit, als viele TKD-Lehrer aus politischen Gründen vom ITF-System zum damals «profitableren und populäreren» WTFSystem wechselten.

B.I: Sie waren ein erfolgreicher Wettkämpfer in verschiedenen Kampfsportarten. Können Sie uns etwas über Ihre sportliche Karriere erzählen?

David «Sensei» Stainko: Ja, ich hatte insgesamt etwa 200 Kämpfe, mit etwa 17 Niederlagen, obwohl mir die vollständigen und genauen Statistiken nicht bekannt sind. Damals wurden keine so genauen Aufzeichnungen geführt wie heute, und ich trat in verschiedenen Kampfsportarten an. Ich begann mit Wettkämpfen im Kung Fu, wo ich zwei Jahre in Folge jugendlicher Meister Jugoslawiens war. Später trat ich im traditionellen Karate sowie im Budokai-Karate an, wo ich Mannschaftskapitän des Teams war, das 1982 und 1983 die jugoslawische Meisterschaft gewann. Danach trat ich im SemiContact- und Vollkontakt-Karate an und wechselte anschliessend zum Kickboxen, wo ich an vier Europameisterschaften und vier Weltmeisterschaften teilnahm. Ich war der jüngste Teilnehmer bei der ersten WAKO-Weltmeisterschaft 1978 in Berlin. Ich vertrat Jugoslawien und später Kroatien, aber auch Italien und Deutschland, und ich trat sogar in England für einen Kung-Fu-Club aus Oxford an. Ich kämpfte in Kung-Fu, Karate, Semi-Contact- und Full-Contact-Karate, Kickboxen, Boxen, Ringen, Judo, Taekwondo und bestritt sogar Kämpfe im Savate, Kyokushin-Karate sowie einige Wettkämpfe in der jugoslawischen Armee. Ich gewann verschiedene Wettkämpfe im ehemaligen Jugoslawien, aber auch anderswo, wie zum Beispiel die offenen italienischen und deutschen Meisterschaften. Ich war Europameister und Mitglied der europäischen Kickbox-Nationalmannschaft sowie Vize-Weltmeister im Jahr 1988. 1991, als ich 29 war, begann der Kroatische Unabhängigkeitskrieg, und es blieb keine Zeit mehr für Sport.

B.I: Sie waren auch Ausbilder für Kampfsport in der jugoslawischen Armee?

David «Sensei» Stainko: Ja, 1981, während ich meinen Wehrdienst in der jugoslawischen Armee absolvierte, wurde mir vorgeschlagen, einer der Kampfsportausbilder zu werden. Ich wurde zusammen mit fünf anderen Ausbildern geprüft und dann zum leitenden Ausbilder ausgewählt. Ich hatte etwa 400 Soldaten unter meinem Kommando, zusammen mit 5 Ausbildern und 3 Offizieren, und ich erhielt Befehle direkt vom Major, der der kommandierende Offizier war. Er war dafür verantwortlich, dass ich eine spezielle militärische Ausbildung im Messerkampf, im Kampf mit einem Spaten sowie im Messerwerfen und im Überlebenstraining in der Natur absolvierte. Die Ausbildung basierte in erster Linie auf dem russischen System.

B.I: Heute haben Sie den Status eines Veteranen des Heimatkrieges.

David «Sensei» Stainko: Ja, 1991 wurde ich aufgrund des Krieges, der im ehemaligen Jugoslawien ausbrach, als Kroatien um seine Unabhängigkeit kämpfte, in die kroatische Armee einberufen. Von 1991 bis 1994 war ich mit nur wenigen kurzen Unterbrechungen an der Front. Zunächst diente ich in der Infanterie, dann als Panzerkommandant und Schütze, und später wurde ich auf eigenen Wunsch von der Panzereinheit zur Militärpolizei versetzt. Ich verliess die Armee im Rang eines Militärpolizisten und Schützen.

B.I: Sie haben auch als Türsteher in Nachtclubs und bei Sicherheitsfirmen gearbeitet.

David «Sensei» Stainko : Ja, während meines ersten Studienjahres, als es einen Erstsemesterball gab, bot man mir an, am Eingang zu stehen und für Ordnung und Disziplin zu sorgen. Später wurde ich eingeladen, im studentischen Nachtclub zu arbeiten. 1984 wurde ich eingeladen, im Nachtclub Tropicana zu arbeiten, wo ich gut bezahlt wurde. Danach arbeitete ich als Türsteher in Italien und bei verschiedenen Sicherheitsfirmen als Leiter von Sicherheitsteams. Ich sorgte für die Sicherheit vieler bekannter und berühmter Persönlichkeiten und war sogar Teil des Sicherheitsteams für Papst Johannes Paul II.

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste
Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

B.I: Weniger bekannt ist, dass Sie den ersten offiziell registrierten MMA-Club gegründet haben. David «Sensei» Stainko: Ja, 1978 haben wir den ehemaligen Jugend-Budokai-Club Viktorija neu registriert, allerdings unter einem neuen Namen: Viktorija Martial Arts Club. Im ehemaligen Jugoslawien hatten wir viele Schwierigkeiten mit dem Registrierungsverfahren. Zu dieser Zeit hatten in Europa alle Vereine Namen wie Boxen, Ringen, Judo, Kung Fu, Karate, Taekwondo – jeder war auf eine Kampfkunst spezialisiert. Es gab keinen einzigen Verein, der alle Kampfkünste in seinem Namen vereinte. Dies war sicherlich der erste Verein dieser Art in Europa und vielleicht sogar weltweit. Ich war der Meinung, dass man, wenn man eine Kampfkunst ausübt, es kaum vermeiden kann, auf die eine oder andere Weise mit anderen Kampfkünsten in Berührung zu kommen. Ich wollte mich nicht einschränken. Damals, im Alter von 16 Jahren, wurde ich der jüngste zertifizierte WAKO-Cheftrainer aller Kampfkunstzentren in Europa.

B.I: Sie sind heute einer der wenigen Ausbilder des fast vergessenen Kampfsportsystems Bartitsu, das auch als die Kampfkunst von Sherlock Holmes bezeichnet wird.

David «Sensei» Stainko: Bartitsu ist ein Kampfsportsystem, das seinen Ursprung in London, England, hat und vom Engländer Edward William Barton-Wright entwickelt wurde. Er unterrichtete dieses Kampfsystem von 1901 bis Anfang 1904. Er war der Erste, der ein zirkuläres Trainingssystem entwickelte, bei dem Gruppen von Trainierenden zwischen verschiedenen Lehrern rotierten. Heute ist es ein vergessenes Kampfsystem. Bartitsu ist als Selbstverteidigungssystem äusserst effektiv und hat Vorteile gegenüber vielen der bekannteren und populäreren Systeme oder Stile, die heute praktiziert werden. Das Problem bei diesem System ist jedoch, dass es etwa sieben Jahre Training erfordert, um es wirklich zu meistern. Bartitsu ist eine Mischung aus verschiedenen Kampfkünsten, darunter Boxen, Savate (französisches Boxen), Ringen, Judo, Jiu-Jitsu, Stockkampf (La Canne) und die alte Kunst des Schwertkampfs mit einem Schwert in der einen und einem Messer in der anderen Hand.

B.I: Heute gelten Sie als Experte für Kampfkunstwissenschaften, auch wenn viele dies vereinfachen und Sie als Experten für Kampfkunst bezeichnen.

David «Sensei» Stainko: Ja, ich habe einen Master-Abschluss in Bewegungswissenschaften und bin leitender Organisator für Bewegungswissenschaften im Freizeitbereich; ich habe an der Universität Zagreb studiert. Seit 1972 beschäftige ich mich kontinuierlich mit Kampfsport. 1995 begann ich, Fachartikel zu schreiben, die sehr gut aufgenommen wurden. Im Jahr 2004 habe ich mein Buch «Die Geschichte der Kampfkünste» fertiggestellt. Ich habe das Buch als E-Book in Kroatien veröffentlicht, und es war sehr erfolgreich und wurde viel gelesen. Ich bezeichne mich als Experte für Kampfkunstwissenschaften, aber oft vereinfachen es die Trainer und sagen, ich sei ein Experte für Kampfkünste. Manche Trainer sind davon oft überrascht. Sie verstehen nicht, wie jemand aus Europa, insbesondere aus Kroatien, ein Experte sein kann. Für diese Leute kann man kein Experte sein, wenn man nicht aus Japan, China, Korea oder zumindest aus Amerika stammt. Nun, dann sollen diese sogenannten Experten doch über Kampfsportarten unterrichten, die ihren Ursprung in Europa haben, wie zum Beispiel Volksringkampfstile, griechischer oder römischer Kampf, Boxen und Savate, verschiedene Formen des Stockkampfs, Selbstverteidigung, Messerkampf und Schwertkampf mit einem Schwert oder Dolch. Was die Kampfkünste aus China, Japan, Korea, Amerika oder dem Rest der Welt angeht, so waren bereits um 1900 die besten Lehrer in Europa zu finden. Wir hatten also 125 Jahre Zeit, etwas zu lernen – für diejenigen, die es tatsächlich wollten.

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

Eine prominente Figur der "alten Garde" der Kampfkünste

B.I: Sie haben kürzlich erklärt, dass Sie mit der Entwicklung der Kampfkünste nicht zufrieden sind. Glauben Sie, dass die Entwicklung in die falsche Richtung geht, und was genau kritisieren Sie?

David «Sensei» Stainko: Es gibt viel zu erwähnen, es ist schwer, alles abzudecken. Zum Beispiel ist Karate eine Disziplin der waffenlosen Kampfkunst, doch heute werden bei verschiedenen KarateWettkämpfen häufig Handschuhe verwendet. Im heutigen Karate sind sie unvermeidlich geworden. Viele Karate-Stile sind mittlerweile an den Rand gedrängt und vernachlässigt, und das eigentliche Wesen des Karate ist fast in Vergessenheit geraten. Viele KarateTechniken werden heute vernachlässigt und nur noch selten angewendet, wie zum Beispiel bestimmte Handschläge und viele Würfe. Im Judo wurden viele Techniken gestrichen, nur um es zu einem Sport zu machen. Im Taekwondo sowie in einigen Formen des JiuJitsu tragen die Wettkämpfer nicht mehr den traditionellen Gi oder Dobok, sondern Uniformen. Bei manchen Wettkämpfen führen sie sogenannte kreative Katas vor, die eine Mischung aus Tanz und akrobatischen Gymnastikübungen sind und nichts mit Kampfkunst zu tun haben. Es gibt auch seltsame Sportregeln. So wurde beispielsweise die olympische Goldmedaille im Karate an jemanden vergeben, der sich nicht richtig schützen konnte und schliesslich einen sauberen Tritt gegen den Kopf abbekam. Darüber hinaus gibt es im amerikanischen Kenpo-Karate mehr Trainer mit einem 10. Dan-Schwarzgurt als in allen anderen Karate-Stilen zusammen. Heutzutage gibt es viele Titel und Ränge in den Kampfkünsten, aber das tatsächliche Wissen ist in Wirklichkeit viel geringer.

B.I: Sie halten selten Seminare ab. Warum ist das so?

David «Sensei» Stainko: Die Zeiten haben sich geändert, und es gibt bestimmte Dinge an Seminaren, die mir wirklich nicht gefallen. Bei Seminaren muss man immer mit den Grundlagen beginnen, weil man sich über den Wissensstand der Teilnehmer nicht sicher ist. Und dann, noch bevor man überhaupt angefangen hat, mischen sich die heutigen Trainer sofort ein mit Aussagen wie: «Oh, das kennen wir schon, damit sind wir vertraut.» Ihnen fehlt einfach die Geduld, einen zu fortgeschritteneren Techniken voranschreiten zu lassen. Manchmal trifft man auch auf Personen, die ihr Ego nicht im Griff haben. Diese Leute können so unangenehm sein, dass man sie «in die Schranken weisen» muss, um sie in ihre Schranken zu weisen. Da ist auch noch die Frage des Geldes. Ich verlange keine Gebühren für meine Seminare, ich bitte lediglich um die Erstattung der Reisekosten. Und genau da entsteht das Problem, denn viele Ausbilder glauben, dass nur das wertvoll ist, wofür sie viel Geld bezahlt haben. Diese Leute erkennen nicht, dass kein Geldbetrag die Lektionen und das Wissen bezahlen kann, das ich mir über die Jahre angeeignet habe. Darüber hinaus glauben manche, dass sie, wenn sie für etwas bezahlt haben, automatisch einen Titel oder Status als Gegenleistung verdienen. Manche gehen sogar so weit, mir verschiedene Diplome zur Unterschrift unter die Nase zu halten. Diese Diplome und Titel sind im Grunde gekauft und nicht durch harte Arbeit verdient.

Figur

B.I: Was meinst du mit dem Begriff «Old School»?

David «Sensei» Stainko: Er bezieht sich auf die alte Art des Trainings. Damals wurden Schläge mit mehr Kraft ausgeführt, und es gab viel mehr Blutergüsse. Es war nicht selten, dass jemand durch Würgen k.o. ging. Es gab blutige Nasen, aufgerissene Lippen und andere Verletzungen. Das Training wurde mit grösserer Ernsthaftigkeit und vollkommener Hingabe angegangen. Jede einzelne Kampfkunst wurde mit Respekt behandelt. Für uns war Boxen immer noch die «edle Kunst», Fechten die „höchste Fertigkeit“, Karate die «Kunst der leeren Hand», Ringen die «Selbstverteidigung für Gentlemen», Judo und Jiu-Jitsu die «Kunst der Sanftheit» und so weiter. Wenn ich heute in Karate-Vereine gehe, um eine Trainingseinheit abzuhalten, zerreissen deren Kimonos, als wären sie aus Papier, und in Taekwondo-Zentren verlässt ein Drittel der Schüler nach dem Unterricht humpelnd den Raum mit gebrochenen Zehen. In manchen Kampfsportschulen werden nicht einmal Mundschutz verwendet, und manche Praktizierende schaffen nicht einmal zehn Liegestütze. Heute ist alles auf Sport reduziert. Der Sport hat seine eigenen Regeln, aber manchmal fehlen darin die richtigen Ehrenkodizes und Verhaltensweisen, die in den Kampfkünsten seit Jahrhunderten bestehen. Schauen Sie sich nur die heutigen UFC-Wettkämpfe an. Die Grundlage der Kampfkünste ist Respekt. Bestimmte Kampfkünste kann man nicht ohne Partner ausüben. Je besser der Partner ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man sich selbst verbessert. Deshalb muss man sowohl den Trainingspartner als auch den Gegner im Wettkampf respektieren.

B.I: Sie haben den Spitznamen «Sensei». Können Sie uns etwas darüber erzählen?

David «Sensei» Stainko: So haben mich meine Schüler Anfang 1988 aus Respekt vor meinem engagierten Einsatz in den Kampfkünsten zu nennen begonnen. Damals fanden sie das interessant, und mir machte es nichts aus. So ist mir der Spitzname bis heute geblieben. Heutzutage nennen mich manche auch Hanshi, Sifu, Meister oder Grossmeister. Der Titel, mit dem mich jemand anspricht, ist nicht wichtig, solange der andere einen echten Wunsch zu lernen hat. Immer wenn ich andere unterrichte, lerne ich auch etwas von ihnen. Je mehr Wissen man erlangt, desto mehr wird einem bewusst, wie viel man noch nicht weiss. In den Kampfkünsten sind Diplome und Titel nicht notwendig, wenn man über Wissen und Können verfügt. Wenn man hingegen mit seinen Titeln oder Diplomen prahlt, ohne über echtes Wissen und Können zu verfügen, sind sie wertlos.

B.I: Herr Stainko, vielen Dank für das Gespräch und für die vielen grossartigen Artikel, die Sie im Laufe der Jahre bei Budo eingereicht haben.

Muay Boran IMBA: Die Kunst des Angriffs

Wie jeder traditionelle Stil basiert auch Muay Boran IMBA auf allgemeinen Konzepten, die die Grundlage dieses Kampfsystems bilden. Sobald die grundlegenden Konzepte klar verstanden und gründlich analysiert wurden, verfügt der Schüler über ein solides Wissen, das es ihm ermöglicht, sich leichter in die fortgeschrittenen technischen Elemente zu vertiefen. Die 7 Tore, die zu einem korrekten Verständnis des Kampfsystems des Muay Boran IMBA führen, müssen vom Nak Muay (Muay-Praktizierenden) mit Hilfe eines erfahrenen Khru Muay (Muay-Meisters) geöffnet werden. Weitere Informationen zu den Schlüsseln zum Öffnen der 7 Tore des Muay Boran IMBA finden interessierte Leser im PDF-Buch: Muay Boran IMBA – Die Kampfphilosophie von Arjarn Marco De Cesaris. Band 1 http://www.muaythai.it/muay-boran-imba-pdf-book/ (kostenloser Download).

Das fünfte Tor bezieht sich auf den strategischen Ansatz des Kampfes: Kurz gesagt muss ein Muay-Boran-Praktizierender lernen, richtig anzugreifen (Mai Rook), zu verteidigen (Mai Rab) und zu kontern (Mai Kae), um seine Waffen bestmöglich einsetzen zu können. All dies mag recht einfach erscheinen, doch in diesem Fall kann es – wie es bei Kampfkunstthemen oft der Fall ist – schwierig sein, eine gute Theorie in die Praxis umzusetzen. Tatsächlich basiert das wahre Können eines Kämpfers auf seiner Fähigkeit, diese drei grundlegenden strategischen Ansätze in unzähligen Variationen und Kombinationen korrekt anzuwenden. Erst wenn er diese Fähigkeit erlangt hat, kann ein Nak Muay als Experte betrachtet werden. Wir beginnen unsere Analyse mit einer Untersuchung der Angriffsstrategien

des Muay Boran IMBA.

Sillapha Kan Rook oder die Kunst des Angriffs ist eines der faszinierendsten Elemente des gesamten technischen Hintergrunds des Muay Boran. Ein scheinbar grundlegender Baustein im Fundament der Kampftaktiken, den alle Praktizierenden des traditionellen Muay im Kampf anzuwenden lernen. Tatsächlich sind die Offensivstrategien der meisten traditionellen Muay-Stile komplex und detailliert. Der Trainingsplan von Muay Boran IMBA kombiniert die Offensivprinzipien verschiedener alter thailändischer Nahkampfstile. Das Ergebnis ist ein gut durchdachtes System von Angriffsmustern, das die Kampfeffizienz der Praktizierenden in kurzer Zeit steigern kann.

Der erste Schritt des Trainings besteht darin, den Einsatz der wichtigsten Körperwaffen oder Gayawoot im klassischen thailändischen Stil zu erlernen. Der Praktizierende muss die Grundübungen an Ort und Stelle ausführen, Ta Yu Kap Ti im Muay-Jargon. Die Grundformen des Einsatzes von Schlägen, Tritten, Knien und Ellbogen zum Angriff werden zunächst in einer Zweipunkt-Stellung trainiert, wobei die Füsse schulterbreit parallel stehen, sodass man das Gefühl hat, dass sich Hüften und Schultern bei jedem Schlag mitdrehen. Der nächste Schritt ist der Übergang zu einer Dreipunkt-Stellung: Die gleichen Angriffe werden von einer anderen Basis aus ausgeführt, und es wird der Unterschied zwischen der Vorder- und Rückseite des Körpers eingeführt. Man sollte viele Stunden damit verbringen, alle grundlegenden Angriffe an Ort und Stelle in diesen beiden statischen

Positionen zu üben, bevor man zur Bewegungsform übergeht. Sobald die vier grundlegenden Beinarbeitsmuster eingeführt und vom Schüler ausreichend verinnerlicht wurden, sollte mit dem Training von Schritt- und Schlagkombinationen begonnen werden. Beim Vorwärts-, Rückwärts- und Seitwärtsschritt muss der Nak Muay gemäss den verschiedenen traditionellen Synchronisationsmustern mit Fäusten schlagen, treten, mit den Knien und Ellbogen zuschlagen. Dieses fortgeschrittene Training wird im Jargon des Muay Boran als Ta Kleun Ti bezeichnet. Nach einer ausreichenden Zeit sollte der Khru Muay fortgeschrittene Angriffsmuster in das tägliche Training seiner Schüler einführen. Jeder Muay-Meister hütet das Geheimnis der alten Angriffsstrategien seines Stils. Im IMBA-Muay Boran gelten fünf Elemente als wesentlich für die Entwicklung der Offensivkraft

eines Schülers. Diese Elemente sind die folgenden:

1. Anzahl der Angriffe

2. Schlagkraft

3. Verwendete natürliche Waffe

4. Ausgangstechnik

5. Spezialangriffe

1. Der erste Punkt bezieht sich auf das Konzept der Angriffskombinationen oder Phasom Muay. Im Muay gibt es vier grundlegende Arten von Angriffskombinationen, je nach Anzahl der ausgeführten Schläge. Tatsächlich kann ein Boxer mit einem, zwei, drei oder vier Schlägen gute Ergebnisse erzielen, wenn er die Angriffe mit dem richtigen Timing und guter Beinarbeit richtig kombiniert. Im traditionellen Muay unterteilen alle Meister den Rhythmus der Angriffe in diese vier Kategorien:

• Mai Rook NeungChawa (Offensivtechniken, die auf einem einzigen Schlag basieren)

• Mai Rook Song Chawa (Angriffstechniken, die auf einer Kombination aus zwei Schlägen basieren)

• Mai Rook Saam Chawa (Offensivtechniken, die auf einer Kombination aus drei Schlägen basieren)

• Mai Rook Si Chawa (Offensivtechniken, die auf einer Kombination aus vier Schlägen basieren).

Obwohl theoretisch auch Serien von fünf, sechs oder sogar mehr Schlägen möglich sind, neigen die meisten Thai-Boxer dazu, mit Kombinationen von nicht mehr als vier Schlägen anzugreifen, um effektiv zu sein und sich vor einem möglichen Gegenangriff zu schützen.

2. Sobald man die vier Muster der Angriffskombinationen vollständig verstanden hat, muss auch die Schlagkraft in die Gleichung einbezogen werden. Tatsächlich weiss jeder gute Thai-Boxer, dass nicht alle Angriffe darauf abzielen,

Schaden anzurichten. Im Gegenteil: Bei einer Serie von drei Schlägen könnte beispielsweise nur der letzte Schlag der «echte» Angriff sein, während die ersten beiden Schläge als Tarnung dienen. Um diese Täuschungsfunktion zu erfüllen, muss ein Schlag mit hoher Geschwindigkeit und geringer Kraft ausgeführt werden. Mit anderen Worten: Die Körpermasse des Boxers darf nicht ins Spiel kommen, und das angreifende Glied muss so schnell wie möglich zuschlagen und zurückkehren. Diese leichten und schnellen Schläge dienen dazu, zu provozieren und abzulenken und so Lücken in der Verteidigung des Gegners zu öffnen. Der letzte Angriff hingegen wird mit der gesamten Körpermasse des Boxers hinter dem Schlag ausgeführt, mit dem Ziel, maximalen Schaden zuzufügen.

3. Das dritte Element bezieht sich auf den Einsatz der verschiedenen Körperteile zum Angriff gemäss den beiden zuvor analysierten Schemata. Es können Serien von ein bis vier Schlägen mit Händen, Füssen, Schienbeinen, Knien, Ellbogen und Kopf ausgeführt werden. Selbstverständlich muss die richtige Waffe im richtigen Abstand eingesetzt werden. Zum Beispiel ist es eine gute Möglichkeit, die Körperwaffen zu kombinieren, wenn man aus grosser Entfernung tritt, sich dann nähert, um aus mittlerer Entfernung mit Schlägen anzugreifen, und schliesslich aus kurzer Entfernung mit einem Ellbogenstoss den Angriff abschliesst. Umgekehrt kann der Einsatz einer natürlichen Waffe im falschen Abstand leicht zur Niederlage führen. Ein häufiges Beispiel für dieses Fehlverhalten ist der Versuch,

aus grosser Entfernung mit der Waffe anzugreifen, die die meisten Anfänger für die tödlichste von allen halten: dem Ellbogen. Dieses Verhalten führt in der Regel nicht zu nennenswerten Ergebnissen und setzt den Kämpfer potenziell einem harten Gegenangriff aus.

4. Das vierte Element der Angriffskunst des Muay Boran IMBA bezieht sich auf die Wahl der besten natürlichen Waffe, mit der man in einer bestimmten Kampfsituation einen Angriff einleiten sollte. Die Wahl der besten Waffe zum Einleiten einer Angriffskombination scheint offensichtlich, ist aber dennoch eine Fähigkeit, die gründlich verstanden und angemessen trainiert werden muss. Meistens ist der Angriff, der zum Einleiten einer Kombination verwendet wird, der wichtigste der ganzen Serie. Tatsächlich kann er uns helfen, die gewünschte Distanz zum Gegner zu erreichen, dessen Fussarbeit zu blockieren, Lücken in seiner Verteidigung zu schaffen und den Weg für weitere Angriffe zu ebnen. All dies, ohne uns möglichen Kontern auszusetzen. Der Jab (Mahd Trong Nam) und der vordere Frontkick (Tiip Trong Nam) gelten im Muay Boran IMBA als die besten Waffen, um einen Angriff einzuleiten. In anderen modern-traditionellen Stilen wie dem Muay Chaisawat gelten der vertikale Rundtritt (Poed Tawan), der direkte Kniestoss (Gratung Kampang) und der AufwärtsEllbogen (Soil Ga Sa) ebenfalls als hervorragende Eröffnungstechniken.

5. Die fünfte Kategorie bezieht sich auf die sogenannten «Spezialangriffe». In der Antike wurden die siamesischen Krieger für den Nahkampf ohne Einschränkungen ausgebildet. Neben dem Einsatz von Schwertern, Speeren, Äxten und Messern mussten die Soldaten in Techniken des waffenlosen Kampfes geschult werden, die ihnen das Leben retten konnten, sobald sie ihrer Waffen beraubt waren. Das Training für den Kampf auf dem Schlachtfeld umfasste Schläge mit verschiedenen Körperteilen und Nahkampftaktiken, die darauf abzielten, die Gelenke des Gegners zu verrenken oder ihn zu Boden zu werfen, um ihn mit Tritten oder Knie-Stössen zu erledigen. Die von diesen alten Kriegern angewandten Kampftechniken gelten noch immer als brutale, aber äusserst effektive Art, einen Gegner anzugreifen, und sind in den fünf Offensivstrategien des Muay Boran IMBA enthalten. Tum (werfen), Tap (zermalmen), Chap (greifen), Hak (zerbrechen) sind die vier speziellen Angriffssysteme der traditionellen siamesischen Kampfkünste, die in jedem Muay-Boran-Trainingsplan enthalten sein sollten und von allen ernsthaften Praktizierenden dieser faszinierenden Kampfkunst sorgfältig studiert werden müssen.

Weitere Informationen über Muay Boran IMBA:

Offizielle IMBA-Website: www.muaythai.it

• Europa: Dani Warnicki (IMBA Finnland) dani.warnicki@imbafinland.com

• Südamerika: Juan Carlos Duran (IMBA Kolumbien) imbacolombia@gmail.com

• Ozeanien: Maria Quaglia (IMBA Australien) imbaaust@gmail.com

• Generalsekretariat: Marika

Vallone (IMBA Italien) imbageneralsecretary@gmail.com

Wie gut können Frauen im Brazilian Jiu-Jitsu sein?

Warum glauben die meisten Menschen immer noch, dass die Welt der Kampfkünste bzw. Kampfsportarten nur den Männern gehört? Zwar zeigen die Zahlen auch heute noch, dass dies der Fall ist, doch die Frauen kommen sehr gut voran. Insbesondere im Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) trainieren bereits viele weibliche und männliche Athleten, sodass es nicht mehr lange dauern wird, bis sich dies ändert.

Dies ist auch unseren weiblichen Athletinnen zu verdanken, die nicht nur erfolgreich im Wettkampf sind, sondern auch den wichtigen Schritt machen und als Trainerinnen tätig sind. Nicht alle Frauen haben Lust, bei Männern zu trainieren. Deshalb sage ich allen Julias, Sandras, Maryams etc. gleich ein grosses Dankeschön. Ich bin stolz darauf, dass ihr alle dies unterstützt, und anderen Frauen und Mädchen zeigt, dass BJJ ein Weg ist, den man ohne Wenn und Aber gehen kann.

Seit einigen Jahren rede ich schon von einem «Boom», einer Welle, im Brazilian Jiu-Jitsu. Ständig kommen mehr und mehr Mädchen und Frauen unterschiedlichen Alters zu uns ins Training. In ganz Europa ist es genauso! Sie alle erkennen, dass BJJ eines der besten Workouts ist und dass es einen zusätzlichen Vorteil bietet: Man lernt auch ein paar wesentliche Techniken zur Selbstverteidigung. BJJ fördert Körper und Geist gleichermassen und stärkt das Selbstvertrauen.

Es ist kein Geheimnis, dass Yoga, Pilates und andere traditionelle Fitnessangebote nach wie vor beliebt sind. Wer jedoch den Weg auf die Trainingsmatte findet – oftmals, weil man einen Selbstverteidigungskurs besucht hat, vom BJJ gehört hat oder weil eine Arbeitskollegin, Freundin oder jemand aus der Familie schon in einer BJJ-Schule ist –, der lernt über die Vorteile des BJJ und möchte es einmal ausprobieren.

Frauen und Männer suchen nach neuen Wegen, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken, ein besseres Gleichgewicht im Leben zu finden und sich viel mehr auf Gesundheit und Ernährung zu konzentrieren. Ich weiss, es ist eine Herausforderung für alle, aber wenn man versteht, welche Vorteile man selbst daraus ziehen kann, wird man noch mehr Spass daran haben und sich grossartig fühlen. Wir müssen ein Gleichgewicht finden und unseren eigenen Lebensweg beschreiten, um uns im Leben grossartig und vollständig zu fühlen. BJJ kann ein wirklich gutes Werkzeug sein, wenn der Lehrer bzw. Trainer ebenfalls eine positive und angenehme Person ist und die Schüler auf diesem Weg unterstützt.

Wir alle wissen, dass das Kampfsporttraining im Allgemeinen einige grundlegende Elemente für den Selbstschutz bietet. Doch der Aspekt der Selbstverteidigung allein wird sie langfristig nicht vollständig erfüllen. Wenn Sie sich für BJJ entscheiden, gibt es viele andere Aspekte, die früher oder später den Unterschied ausmachen werden – wo und bei wem Sie trainieren. Im Laufe der Zeit macht auch die Community etwas aus, denn man verbringt viel Zeit mit seinen BJJ-Kollegen und -Kolleginnen.

Das von uns (Gracie Concepts® Network) vertretene BJJ nach Grossmeister Hélio Gracie wurde fürschwächere, kleinere Personen entwickelt, um sich gegen grössere und stärkere Gegner zu verteidigen. Dabei werden Hebelkraft, Taktik und Intelligenz genutzt. Im modernen (Wettkampf-)BJJ spielen andere Regeln, da es um Athleten und Athletinnen geht. Wie in allen anderen Sportarten auch ist die Athletik sicher auch sehr wichtig. In den frühen Tagen in Brasilien (ca. 1908), als das traditionelle japanische Jiu-Jitsu eingeführt wurde, das später zum «Gracie Jiu-Jitsu» wurde, nutzten die brasilianischen Meister und deren Anhänger echte Zweikämpfe, um nicht ihr Ego zu vergrössern, sondern die Effizienz des Gracie-Stils zu testen. So entstanden die neuen Übungsformen und verbesserten Techniken, die wir heute kennen.

Es gab keine Katas, keine Rituale und keine unnötigen Techniken – so entstand das authentische Brazilian JiuJitsu. Während dieser Zeit entstand das Gracie JiuJitsu, indem man die Zweikämpfe, auch «ValeTudo» genannt, als Labor benutzte und den Bodenkampf als Schwerpunkt dieses Stils festlegte. Wie mein BJJ-Lehrmeister, Grossmeister Pedro Hemetério (erster Schwarzgurt-Träger von Carlos Gracie und erster Rotgurt-Träger von Hélio Gracie), mich immer daran erinnerte, benutzte man die Vale-Tudo-Kämpfe wie einen «Filter», um zu testen, was tatsächlich funktionierte und was eben nicht. Basierend auf dieser knallharten Kampferfahrung beinhaltet unser Gracie Jiu-Jitsu heute Techniken und Taktiken wie die «geschlossene Guard» (eine Beinumklammerung mit dem Rücken am Boden), das Schützen gegen Schlagtechniken («Punch Prove»), Armund Schulterhebel sowie eine Vielzahl von Würgetechniken.

Die Wurftechniken im Stand sind ein wichtiger Bestandteil des GJJ-Kampfes, allerdings ist das Ziel ein anderes als im Judo oder Ringen, da der Kampf nicht mit Punkten, sondern mit der Unterwerfung (engl. Submission) enden muss!

In der Selbstverteidigung kann es sinnvoll sein, einen Tritt in die Leistengegend oder einen Fingerstich gegen die Augen zu verwenden, wenn die Situation es zulässt. Aber seien wir ehrlich: Wenn Sie der Meinung sind, dass das so einfach ist, dann leben Sie in einer Fantasiewelt.

Wenn Sie sich erfolgreich verteidigen wollen, müssen Sie im Ernstfall auch bereit sein, dafür zu kämpfen. Das BJJ bietet sämtliche Elemente und Trainingsoptionen, um eben auch diese «Kampflust» zu lernen und zu üben, gegen den Druck des Gegners zu überleben.

Sexuelle Übergriffe sind immer überraschend und leider oft von Personen aus dem näheren Umfeld zu erwarten. Gracie Jiu-Jitsu vermittelt auch, wie man seine Körpersprache einsetzt, um einen Angreifer auf Distanz zu halten. Aber spätestens, wenn es zu körperlicher Aggression kommt, braucht man auch die richtigen Werkzeuge, um den Gegner aufzuhalten.

Ich weiss, dass es Frauen (wie auch Männern) oft schwerfällt, mit BJJ anzufangen, und dass es immer einfach ist, Ausreden zu finden. Deshalb habe ich bereits erwähnt, dass es auf lange Sicht nicht die richtige Motivation ist, «nur» aus Gründen der Selbstverteidigung mit dem BJJ zu beginnen.

Ich verspreche Ihnen jedoch, dass Sie schon nach wenigen Lektionen Ihre Unsicherheiten beseitigen können und dass Sie erstaunliche Dinge erreichen können. Versuchen Sie nicht, Ihre männlichen BJJ-Kollegen zu imitieren. Seien Sie sich selbst! Bitten Sie Ihren Lehrer/Trainer um Unterstützung, damit Sie sich von Anfang an im Training wohlfühlen.

Versuchen Sie nicht, die Pizza auf einmal zu essen, sondern schneiden Sie sie in kleine Stücke und genießen Sie sie. Das Gleiche gilt für das Gracie Jiu-Jitsu: Wenn Sie nicht mit einer Verstopfung enden wollen, sollten Sie es ebenfalls in kleinen Stücken geniessen! Ein Stück nach dem anderen ist einfacher und effizienter.

Wir konzentrieren uns nicht auf den BJJ-Wettkampf, aber es kann eine grossartige Erfahrung sein. Bei Gracie Concepts® konzentrieren wir uns auf «BJJ für alle». Die Kombination aus körperlicher Berührung, vertrauensvollen Beziehungen und spielerischer Interaktion schafft eine Umgebung, in der dauerhafte Freundschaften entstehen können. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das eigentliche Ziel im Gracie Jiu-Jitsu ein gesundes und ausgeglichenes Leben. Die Kraft, die wir für Leben, Familie, Arbeit und zur Erreichung persönlicher Ziele benötigen, basiert auf Kraft, Ausgeglichenheit und Positivität.

BJJ ist eine grossartige Möglichkeit, dies zu erreichen. Es motiviert mich seit über 35 Jahren, und ich bin all meinen Lehrern, Kollegen, Schülern und Freunden sehr dankbar dafür. Das Brazilian Jiu-Jitsu hält einige der nützlichsten Überraschungen für Sie bereit. Sie werden sofort die Vorteile spüren, Sie werden den Sport lieben und feststellen, dass Sie vor zehn Jahren anfangen hätten sollen!

Julia Kaufmann: BJJ-Training und -Wettkampf

Soweit ich mich zurück erinnern kann, bin immer sehr aktiv gewesen und Sport spielte in meinem Leben immer eine zentrale Rolle. Seit 14 Jahren betreibe ich Kontaktsport. Begonnen habe ich mit Boxen und Kickboxen. Hier hatte ich das erste Mal das Gefühl endlich einen Sport gefunden zu haben, der mich auf ganzer Linie abholt, da alles, was ich bisher in unterschiedlichen sportlichen Aktivitäten nur vereinzelt gefunden habe, hier endlich in Kombination zugänglich war; Kraft, Ausdauer, koordinativer und kognitiver Anspruch.

Während der Pandemie ist unsere Trainingsgruppe auseinander gegangen und hat leider nie wieder richtig zusammengefunden. So kam ich allerdings durch einige frühere Trainingspartner und Trainer zum Dino Team Magdeburg. Einem Verein, der sich vordergründig mit BJJ identifiziert. Die Aufnahme hier war von Beginn an herzlich und ich habe mich dem BJJ, wenn auch anfangs etwas zögerlich, dann aber mit wachsender Begeisterung zugewandt. Hier wurde mir bewusst, dass ich zwar immer noch Begeisterung für den Standkampf hatte, mir aber neue Herausforderungen fehlten. Die zahlreichen und umfangreichen Techniken, die geschmeidigen Bewegungen sowie die zu erzielende Effizienz allein durch die Änderung kleinster Details haben mich nachhaltig begeistert. Als bald verschob sich mein Fokus immer mehr hin zum Bodenkampf. Ich erkannte, dass ich im BJJ etwas gefunden hatte, an dem man stetig weiterwachsen kann und immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert wird, die ich mit meinem sportlichen Ehrgeiz suche. Ausserdem kann man BJJ, wenn man bedächtig auf seinen Körper trainiert auch in den fortgeschrittenen Lebensjahren praktizieren.

Es dauerte nicht lange bis die Frage im Raum stand, wie es mit der Teilnahme an Wettkämpfen aussähe. Ich muss zugeben, dass ich hier anfänglich abgeneigt war. Ich hatte es mit meinem Alter begründet (zu der Zeit fast 40) und dachte ich wäre damit raus. Tatsächlich aber hatte mich die Frage nachhaltig zum Grübeln angeregt: Irgendwie wollte ich es doch wissen; wie würde ich abschneiden? Und auch die Überlegung, dass man am Ende seines Lebens nur die Dinge wirklich bereut, die man nicht getan hat, führten letzten Endes dazu, dass ich mich an einen unserer Trainer wandte und fragte, ob er mir bei der Erstellung eines Wettkampfkonzepts behilflich sein könnte. Dies tat er dann auch sehr bereitwillig und mit viel Hingabe zum Detail. Das stachelte meinen Ehrgeiz an und ich machte in kurzer Zeit immense technische Fortschritte. Nun sollten diese auch in einem Tournier unter Beweis gestellt werden. Es fanden sich noch weitere Interessenten für dieses, sogar internationales Turnier und so begannen wir eine tolle gemeinsame Zeit der intensiven Wettkampfvorbereitung mit Extra-Einheiten, Technik-Drills und jeder Menge Spass. Gemeinsam sind wir dann zum Tournier gefahren. Es war ein wahnsinnig aufregender Tag, und auch sehr erfolgreich. Ich durfte an diesem Tag insgesamt fünf Kämpfe bestreiten, von denen ich welche verlor, aber auch gewann. So konnte ich bei meinem aller ersten Tournier eine Silbermedaille mit nach Hause nehmen. Dieser emotionsgeladene Tag, den wir alle gemeinsam genossen haben, wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

– Franco Vacirca

Dabei sollte es nicht bleiben, der Knoten war geplatzt. Es folgten weitere Turniere, die ich alle sehr erfolgreich bestritten habe. Leider hatte bei den meisten dieser folgenden Events bisher nicht noch einmal die Möglichkeit auf fünf oder mehr Möglichkeiten zu stossen meine angeeigneten Fähigkeiten anzuwenden. Insbesondere auf Tournieren fällt es auf, dass Frauen doch sehr unterpräsentiert sind, dabei ist BJJ mittlerweile bei vielen Mädchen und Frauen sehr beliebt. Es wäre schön, wenn sich mehr von Ihnen für Wettkämpfe begeistern liessen, selbstverständlich auch unabhängig vom Alter. Tatsächlich durfte ich die Erfahrung machen auf einem Turnier tatsächlich einmal einer Frau auf der Matte zu begegnen mit der ich neben der gleichen Graduierung auch die gleiche Altersklasse teilte. Auch diese Erfahrung ist mir äusserst positiv in Erinnerung geblieben, da sich der Stil und der Fokus beim Kämpfen in Abhängigkeit des Alters sehr stark unterscheiden kann. Wieder eine neue Erfahrung, einfach grossartig!

In meinem näheren Umfeld versuche ich stets motivierend auf meine Mitmenschen zu wirken und offensichtlich schaffe ich es häufig Menschen mit meiner Begeisterung anzustecken. So finden sich um mich herum nach und nach Mädchen und Frauen, die sich sowohl für den Standkampf, für BJJ und auch für die Teilnahme an Wettkämpfen begeistern lassen. Ich unterstütze und fördere das so gut ich kann und bin gespannt, wo die Reise hin geht.

Aber unabhängig vom Geschlecht, Alter oder begleitender Lebensumstände war bei allen Wettkämpfen, Open Mat Events, Trainingscamps und freien Trainings, an denen ich teilnehmen durfte, immer ein durch und durch respektvoller Umgang stets Mittelpunkt im gegenseitigen Miteinander. Dies hat mich nachhaltig begeistert und geprägt. Erfahrungen, auf die ich dankbar zurückblicke und die mich gleichzeitig motiviert in die Zukunft blicken lassen.

www.graciejiujitsu.eu

BUDOPÄDAGOGIK

Die positive Kraft der Kampfkunst in Pädagogik, Therapie und Coaching nutzen

Der Erziehungswissenschaftler, Körperpsychotherapeut und Budo-Lehrmeister Dr. phil. Jörg-M. Wolters gilt als ein „Wegbereiter des Karate in Deutschland” und Gründer eines der „wichtigsten Stile mit der Bezeichnung ‚Kempo‘“ (W. Lind, BudoLexikon, Berlin 1997). Auf Grundlage seiner langjährigen praktischen Erfahrung und wissenschaftlichen Arbeit entwickelte er in den 1990er Jahren die Budopädagogik – eine Methode, die die Wirkprinzipien des Budo gezielt für Pädagogik, Therapie und Coaching nutzbar macht.

Im Zentrum steht dabei nicht die Kampfkunst als Selbstzweck, sondern ihr gezielter Einsatz als Werkzeug für konkrete Projekte mit zeitlichem Rahmen und genauer Zielsetzung. Budopädagogik verbindet die Tiefe traditioneller BudoPrinzipien mit den Anforderungen moderner pädagogischer und therapeutischer Praxis und eröffnet so neue Zugänge für die Arbeit mit Menschen im Allgemeinen und insbesondere für die Arbeit mit Menschen mit speziellem Bedarf.

Dr. Jörg Wolters, Gründer der Budopädagogik

BUDOPÄDAGOGIK

Budo – ein Lebensweg

Die traditionellen, fernöstlichen Kampfkünste (Budo) liefern eine ganz eigene und bewährte Theorie und Praxis der Körper-GeistSchulung zur physischen wie zur psychischen Selbstbeherrschung. Als originäres Budo unterrichtet, sind sie Mittel, den Charakter des Menschen zu formen. Wer die Gewalt in sich versteht, kann sie als friedvoller Krieger als bewusste und regulierte Energiequelle nutzen oder auf sie verzichten. Budo ist ein Lebensweg, eine „praktische Philosophie“ zur Überwindung der eigenen Begrenzungen und des Leidens. Das Dojo ist dabei mehr als ein Trainingsraum. Es ist Lehr- und Lernraum ja viel mehr Erfahrungsraum, in dem eine Gemeinschaft wachsen kann, die sich einem gemeinsam getragenen, werteorientierten Lebensweg verpflichtet fühlt. Die besondere Etikette, die Regeln, Rollen und Rituale, sowie die enge Lehrer-Schüler-Beziehung von „Herz-zuHerz“ sind eine wertvolle Methode zur persönlichen Entwicklung. Seit jeher wird in den Kampfkünsten der Mensch als Ganzes betrachtet, Körper und Geist sind untrennbar verbunden – wer Budo praktiziert, übt Körper und Geist gleichermaßen.

Budopädagogik – Neue Wege aus Stillstand, Frust und Ohnmacht

In der Budopädagogik werden die Mittel und Methoden des Budo gezielt angewendet, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern. Dabei schafft die besondere Wertevermittlung der Kampfkünste einen alternativen, „exotischen“ Rahmen mit vielfältigen und wirkungsvollen Lernarrangements.

Plötzlich werden unruhige Kinder aufmerksam, Jugendliche entwickeln Ziele. Viele budopädagogisch ausgebildete Lehrer haben positiven Einfluss auf Sozialverhalten und Entwicklung der Persönlichkeit ihrer Schützlinge. Budopädagogik hilft Kindern und Jugendlichen, sowie Erziehern und Lehrern, durch Bewegung, Begegnung und Besinnung wieder in guten sozialen Kontakt miteinander zu kommen.

Dabei ist die Budopädagogik nicht auf Kinder und Jugendliche beschränkt. Auch für Erwachsene bietet Budopädagogik wertvolle Impulse: Führungskräfte lernen neue Ansätze, Teams körperlich und emotional zu bewegen, Gründer können neue Konzepte entwickeln, und Coaches erhalten wirksame Werkzeuge für berufliche und persönliche Begleitung.

Säulen der Budopädagogik

Das Fundament der Budopädagogik bilden die Wesenselemente und Prinzipien des Budo. Dabei ist die Budopädagogik nicht auf einen Kampfkunststil/eine Kampfsportart beschränkt:

• Schlagende und tretende Disziplinen, wie z.B. Karate, Shaolin-Kung-Fu, Taekwondo, Wing Tsun und

• Waffenbasierte Disziplinen, wie z.B. Escrima, Iaido sind für die Budopädagogik ebenso geeignet wie

• werfende Disziplinen, wie z.B. Aikido, JiuJitsu, Judo

• Disziplinen zur Schulung innerer Energie, wie z.B. Tai Chi Chuan.

Je nach Zielgruppe wählt der Budopädagoge Übungen gezielt aus. Besonders im Fokus können beispielsweise Übungen zu Kooperation, Selbstwert oder Emotionskontrolle stehen.

Neben der Auswahl der Übungen ist die Gestaltung des Übungsraumes und der Lernatmosphäre wichtig. Der Budopädagoge fungiert dabei als Bezugsperson, Spiegel und Reibungsfläche für persönliche Entwicklung. Seine Autorität erwächst auf natürliche Art und Weise aus einem erkennbaren Vorsprung an Wissen und Können. Seine Authentizität öffnet die Tür für eine Beziehung zu seinen Klienten.

Während die Budopädagogik bei Kindern und Jugendlichen häufig zur Entwicklung von Werten und sozialen Kompetenzen eingesetzt wird, rücken im Coaching die Anwendung der Budo-Prinzipien in Beruf und Alltag stärker in den Vordergrund. Die Denk- und Arbeitsweisen der Budopädagogik ergänzen moderne Konzepte und bereichern die Arbeitsweise des „Budo-Coaches“.

BUDOPÄDAGOGIK

Historie der Budopädagogik

Vor über 30 Jahren entwickelte Dr. Wolters, Kempo- und KaratedoLehrmeister (Hanshi, 7. Dan), die Budopädagogik. Ausgangspunkt war die „Soziale Sporttherapie“ (Prof. Dr. Rieder, Universität Heidelberg) in Verbindung mit der klassischen, philosophisch begründeten BudoLehre mit Wurzeln im Taoismus und Buddhismus. Ein frühes Projekt, die ambulante Betreuung straffällig gewordener Jugendlicher („Karate statt Knast“), mündete in eine Anti-Gewaltmaßnahme im Jugendstrafvollzug. Diese Initiative bildete den praktischen Kern von Dr. Wolters’ Dissertation „Kampfkunst als Therapie – Die sozialpädagogische Relevanz asiatischer Kampfsportarten“, die die Wirksamkeit seiner Maßnahme wissenschaftlich belegte. Aufbauend darauf entwickelte er die Budopädagogik zu einem eigenständigen Fachgebiet, das sich stetig erweitert und in der Praxis bewährt hat (Budo International berichtete bereits 1991 und in den Folgejahre immer wieder darüber).

Heute wird die Budopädagogik vor allem durch das Institut für Budopädagogik und -therapie (IfBP) (www.budopaedagogik.de) unter der Leitung von spiritus rector Dr. Wolters weiterverbreitet. Es wurde eine fundierte berufsqualifizierende Weiterbildung nach den Standards anerkannter und öffentlich förderbarer Maßnahmen konzipiert, die in verschiedenen Kursreihen seit 1999 erfolgreich in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt wird. Ausgehend davon werden Aufbauprogramme (Budopädagogik-Master und Budopädagogik-Instructor) und Spezialisierungen (Klinischer Budopädagoge, Budotherapeut) angeboten.

Budopädagogik in der Praxis

Die ausgebildeten und zertifizierten Budopädagogen arbeiten haupt- oder nebenberuflich in diversen pädagogischen Feldern, betreiben ihre Kampfkunstschulen mit größerem Knowhow, sind als Coaches tätig, oder sind angestellte Mitarbeiter einer Einrichtung und leiten dort budopädagogische Angebote.

Diese budopädagogischen Angebote erreichen viele unterschiedliche Zielgruppen, von Schulentdeckern im Kindergarten, Schulanfängern, bis Oberstufenschülern, Studenten, bis hin zu Führungskräfte in Unternehmen. Die Liste an Beispielen ist lang, sodass hier nur ein paar wenige aufgeführt werden:

-In Kindergarten und Schule wurden bisher häufig Projekte zur Werteentwicklung und zu einem gesunden Selbstbewusstsein erfolgreich durchgeführt. Gerade im Übergang von Grundschule zur Weiterführenden Schule kann die Budopädagogik unterstützen.

-Kinder und Jugendliche mit Auffälligkeiten im Sozialverhalten, mit Lernschwächen, wie z.B. Legasthenie, oder bei Körperschemastörungen und Adipositas kann die Budopädagogik zu einer besseren Selbst- und Fremdwahrnehmung verhelfen. Diverse Projekte dazu wurden bereits von verschiedenen Budopädagogen erfolgreich umgesetzt.

-Im Bereich des Budo-Coachings wurden einige Angebote zu Konfliktschlichtung im Management und zur Entwicklung von Start-Ups entwickelt und erfolgreich umgesetzt.

-Insbesondere Menschen mit Behinderung, und Menschen mit psychischen und physischen Leiden können über den körperlichen Ansatz „Bewegung – Begegnung –Besinnung“ besonders erreicht werden. So wurde die Budopädagogik in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Niedersachsen über viele Jahre erfolgreich angewendet.

Professionelle Vernetzungs- und Kooperationsmöglichkeiten von Budopädagogen erfolgen vor allem durch den internationalen Berufsverband der Budo-Pädagogen und BudoPädagoginnen e.V., bei Fach-Kongressen, Experten-Treffen und auf regelmäßig angebotenen Fortbildungen.

BUDOPÄDAGOGIK

Weiterbildung zum Budopädagogen©/zur Budopädagogin©

Die berufsqualifizierende Weiterbildung zum Budopädagogen©/zur Budopädagogin© befähigt ausgebildete Pädagogen mit Erfahrungen in einer Kampfkunst/im Kampfsport, sowie Kampfkunst-/Kampfsportlehrer, die persönlichkeitsfördernden Aspekte des Budo professionell einzusetzen.

Die Weiterbildung erfolgt in kleinen Gruppen und besonderen Lernarrangements, um jeden Teilnehmer individuell begleiten zu können. Dozenten sind Gründer Dr. Wolters und erfahrene Budopädagogen, die ihr Wissen aus der Praxis weitergeben (www.weiterbildungen-budopaedagogik.de).

Fazit

Budopädagogik verbindet die Methoden und die Wirkung traditioneller Kampfkünste mit professionellen pädagogischen, therapeutischen und Coaching-Ansätzen. Sie eröffnet neue Wege der persönlichen Entwicklung, stärkt soziale Kompetenzen und schafft praxisnahe Lernräume für alle Altersgruppen.

Weitere Infos:

Dr. phil. Jörg-M. Wolters (Leitung)

Tilsiter Str. 11, D-21680 Stade www.budopaedagagogik.de

Institut für Budopädagogik und -therapie (IfBP)

Dr. phil Jörg-M. Wolters (Leitung)

Tilsiter Str. 11, D-21680 Stade www.budopaedagogik.de

Über Herrn Dr. Wolters:

„Die Arbeit von Dr. Wolters hat entscheidende Schrittmacherdienste geleistet.“

(Prof. Dr. D. Rössner, MARTIN-LUTHER-UNIVERSITÄT HALLE-WITTENBERG)

„Die Arbeit von Dr. Wolters hat mehrfachen Pioniercharakter. Sein Konzept ist eine sportmethodisch beachtliche Leistung. Wolters beweist seine Expertenschaft überzeugend.“

(Prof. Dr. H. Rieder, UNIVERSITÄT HEIDELBERG, Institut für Sport und Sportwissenschaften)

„Wolters ist ein herausragender Wissenschaftler und praktischer Experte“

(Prof. Dr. W. Ramb, UNIVERSITÄT LÜNEBURG, Sektion Psychiatriebezogene Sozialpädagogik, Ärztl. Direktor der Nieders. Fachklinik f. Kinder- u. Jugendpsychiatrie, Lüneburg)

„Die Sozialpädagogik hätte allen Grund, sich mehr solche Vertreter ihres Faches vom Schlage eines JÖRG-MICHAEL WOLTERS zu wünschen, der zu denen gehört, die an vorderster Front der Jugendhilfe mit besonders schwierigen jungen Menschen arbeiten. WOLTERS zeichnet sich als ein Pädagoge mit Mut und Leidenschaft aus, der bei seiner anspruchsvollen Arbeit mit hochaggressiven Jugendlichen in Psychiatrie und Strafvollzug die volle Unterstützung seiner Fachkollegen verdient.“

(Prof. Dr. W. Tischner, TECHNISCHE HOCHSCHULE NÜRNBERG, Fakultät Sozialwissenschaften)

In dieser modernen Welt ist es nicht einfach, Bewertungskriterien festzulegen, da wir mit ständigen Veränderungen konfrontiert sind, die uns von einem Moment auf den anderen dazu zwingen, die Maßstäbe, anhand derer wir Werte urteilen, neu zu definieren. Gerade wenn wir glauben, die Antworten verstanden zu haben, kommt das Leben und verändert die Fragen. In diesem Artikel wird unsere Gastautorin Alma Alejandra Ocampo Lugo, die Ehefrau von Shidoshi Jordan Augusto, uns wie immer auf tiefgründige Weise die dunkelsten Winkel des menschlichen Geistes erläutern, der daran denkt, durch den Einsatz der Kampfkünste anzugreifen, zu verletzen oder sich ebenso zu erheben und zu verbessern.

Wenn wir ein wenig in die Vergangenheit reisen, werden wir sehen, dass seit der Festlegung der ersten Grenzen, das heißt, als die ersten Völker begannen, um ihren Raum zu kämpfen und durch ihn ihre Reiche zu errichten, die Kunst des Krieges im menschlichen Geist stets präsent war als eine Form, den zu unterwerfen, der sich ihnen in den Weg stellte. Vielleicht hatte Sun Tzu hier Recht, als er sagte: Seid auf das Schlimmste vorbereitet und hofft auf das Beste. Mit anderen Worten: Der Geist eines Kampfkünstlers denkt genauso: Weine auf der Tatami und lache im Krieg. Um all diese Variablen und systematischen Zusammensetzungen des menschlichen Geistes in seinem bewussten und fortschrittlichen Denken zu erklären, insbesondere in einer Zeit der flüchtigen Moderne mit vertikalen sozialen Bindungen, stellen wir Ihnen die großartige forensische Psychologin Alma Alejandra vor.

Frau Doktor, was sagt uns die wissenschaftliche Evidenz über das typische psychologische Profil derjenigen, die regelmäßig eine traditionelle Kampfkunst ausüben?

Antwort: Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Praktizierende traditioneller Kampfkünste im Durchschnitt ein ausgeglicheneres und anpassungsfähigeres Persönlichkeitsprofil aufweisen als die allgemeine Bevölkerung.

In Bezug auf die „Big Five“Persönlichkeitsfaktoren lässt sich beobachten, dass sie in der Regel folgende Werte aufweisen:

- Höher bei der Offenheit für Erfahrungen: Interesse am Lernen, geistige Flexibilität.

- Höher bei Gewissenhaftigkeit: Größere Verantwortung, Organisation, Ausdauer und Disziplin beim Training.

- Höher bei Extraversion: Größere Geselligkeit, Bereitschaft zur Interaktion mit der Trainingsgruppe und zur Teilnahme an gemeinsamen Aktivitäten.

- Höher bei Freundlichkeit: Größere Bereitschaft zur Zusammenarbeit, zum Respekt gegenüber dem Partner, zur Vermeidung unnötiger Konflikte und zur Akzeptanz der Hierarchie ohne krankhafte Wettbewerbsorientierung.

- Geringere Neurotizismuswerte: Geringere Neigung zu Angstzuständen, Depressionen, emotionaler Instabilität und übermäßiger Selbstkritik.

Mit anderen Worten: Es handelt sich in der Regel um autonomere, widerstandsfähigere Menschen mit einer höheren Fähigkeit zur Selbstregulierung. Dies äußert sich in Verhaltensweisen wie Gelassenheit angesichts von Frustration, Akzeptanz der Korrekturen des Trainers und Durchhaltevermögen bei technischen Fehlern.

In Anlehnung an einen berühmten Satz aus der Kampfkunstphilosophie könnte man sagen:

„Wer die Kampfkunst beherrscht, beherrscht nicht den anderen, sondern sich selbst.“

Diese innere Beherrschung passt sehr gut zu dem, was wir in der Psychologie als „internen Kontrollpunkt“ bezeichnen: das Gefühl, dass man selbst für seine Reaktionen und sein Verhalten verantwortlich ist und nicht Opfer äußerer Umstände.

Bedeutet das, dass Kampfsportler weniger aggressive Menschen sind oder vielmehr einfach „stärker“?

Antwort: Das ist ein heikler Punkt, denn es herrscht die weit verbreitete Vorstellung, dass das Erlernen von Schlägen oder das Unterwerfen anderer die Aggressivität steigert. Die

Beweislage deutet jedoch auf das Gegenteil hin: Das strukturierte Training von Kampfkünsten führt tendenziell zu einer Verringerung der Aggression und zu einer Steigerung der Selbstbeherrschung.

In Studien, die Kampfsportler mit Nicht-Trainierenden vergleichen, zeigt sich, dass Kampfsportler: - insgesamt weniger Wut und weniger Wut-Feindseligkeit empfinden

- aktivere Bewältigungsstrategien (Vorausschau, Planung, Suche nach Unterstützung) im Umgang mit Wut anwenden, anstatt zu explosiven Ausbrüchen zu neigen - ein höheres Maß an emotionaler Selbstregulierung entwickeln, das es ermöglicht, impulsive Reaktionen zu unterdrücken, selbst wenn man sich provoziert fühlt.

Auch in Kampfkünsten mit intensivem Körperkontakt, wie in der traditionellen Schule von Ogawa Sensei und seiner Familie, hat sich gezeigt, dass Selbstbeherrschung als „Bremse“ für Aggression wirkt: Die Person spürt zwar die innere Anspannung, lernt aber, diese in Techniken, Bewegungen und Entscheidungen zu kanalisieren, statt in diffuse Gewalt.

Aus psychologischer Sicht lässt sich dies in einen zentralen Gedanken übersetzen: „Zurückhaltung ist keine Schwäche, sondern der Ursprung wahrer Stärke.“

In der forensischen Psychologie sind solche Profile von besonderem Interesse, da bekannt ist, dass impulsive Gewalt oft mit geringer emotionaler Regulierung, hoher Reizbarkeit und geringer Frustrationstoleranz zusammenhängt. Dass eine Gruppe von Menschen, die dem Training von Schlägen und Körperkontakt ausgesetzt ist, gerade mehr Selbstbeherrschung und weniger Wut entwickelt, ist eine für die Gewaltprävention sehr relevante Erkenntnis.

Aus forensisch-psychologischer Sicht: Welchen Sinn hat es, diese Personen zu untersuchen? Gehört das nicht eher in den Bereich der Sportpsychologie?

Antwort: In meiner beruflichen Laufbahn habe ich im Bereich der Sportpsychologie gearbeitet; die Unterscheidung zwischen „Sportpsychologie“ und „forensischer Psychologie“ ist nicht so starr,

wie man denkt. In der forensischen Psychologie werden Risikoverhalten, Selbstbeherrschung, Entscheidungsfindung unter Stress und der Zusammenhang zwischen körperlichem Training und emotionaler Regulierung untersucht.

Wenn man bedenkt, dass viele der Verhaltensweisen, die vor Gericht landen (häusliche Gewalt, Aggressionen im öffentlichen Raum, Gewaltanwendung, impulsive Straftaten), durch geringe emotionale Regulierung und hohe Impulsivität geprägt sind (ohne dabei die familiäre Vorgeschichte, die psychische Struktur, das Zusammenleben im sozialen Umfeld usw. zu vergessen), dann stellen Kampfsportler eine interessante „Resistenzgruppe“ dar.

Studien zeigen, dass:

- Personen, die regelmäßig Kampfsport betreiben, ein geringeres Maß an Angst und Depressionen aufweisen als die Allgemeinbevölkerung, was das Risiko von Symptomen verringert, die zu maladaptivem Verhalten führen können.

- Sie entwickeln eine höhere Stressresistenz, eine bessere Konzentrationsfähigkeit und eine größere Entscheidungsfähigkeit in Drucksituationen – Fähigkeiten, die nicht nur im Sport, sondern auch im Bereich der Sicherheit und der öffentlichen Ordnung von großem Wert sind.

In diesem Sinne kann ein Lehrer für traditionelle Kampfkunst als „Trainer der Selbstbeherrschung“ verstanden werden: Er vermittelt nicht nur Techniken, sondern auch Verhaltensregeln, Respekt, gewaltfreie Hierarchien und Wutbewältigung.

Vor einigen Jahren begann ich meine traditionelle Kampfkunstpraxis an dieser Schule; zuvor hatte ich 12 Jahre lang Kampfkunst als Sport ausgeübt. In diesem Fall, wenn ich von meiner eigenen Erfahrung, meiner Erfahrung in der Sportpsychologie und der forensischen Psychologie spreche, sagt mir das, dass es keinen einzigen „typischen Kampfkünstler“ gibt. Verschiedene Studien haben unterschiedliche psychologische Gruppen innerhalb der Population der Praktizierenden identifiziert, je nach Resilienz, Motivation, Bewältigungsstrategien und Lebenskontext.

Eine aktuelle Studie, die psychologische und soziodemografische Profile von Kampfsportlern analysiert, zeigt uns, dass dieselbe Kampfsportpraxis unterschiedliche Auswirkungen haben kann, je nachdem, wer sie ausübt und in welchem Kontext. Ein junger Mensch ohne familiäre Verpflichtungen, der sozial wenig integriert ist und eine schlechte Ausbildungsqualität erhält, kann die psychologischen Vorteile weniger nutzen und bleibt anfällig für Wut und Impulsivität.

Aus forensisch-psychologischer Sicht bedeutet dies, dass es nicht ausreicht, zu wissen, „ob jemand Kampfsport betreibt“, sondern dass folgende Aspekte analysiert werden müssen:

- Die Art der Schule (Atmosphäre des Respekts, klare Regeln, keine erniedrigende Hierarchie).

- Die Motivation (Streben nach Selbstbeherrschung, Selbstverteidigung, Gesundheit vs. Bedürfnis nach Dominanz über andere).

- Das soziale und familiäre Umfeld des Trainierenden.

Diese Art von ethischer Norm wird, wenn sie verinnerlicht wird, zu einem Schutzfaktor gegen gewalttätiges Verhalten, was die forensische Psychologie bei Risikobewertungen besonders hochschätzt.

Ich möchte dieses Interview mit einem berühmten Zitat von D.T. Suzuki über die Kampfkunst abschließen:

„Die Disziplin des Champions ist nicht nur körperlicher Natur, sondern die Disziplin, nicht in Wut zu verfallen.“

„Wer regelmäßig Kampfsport trainiert, weist ein geringeres Maß an Angst und Depressionen auf als die allgemeine Bevölkerung, was das Risiko von Symptomen verringert, die zu maladaptivem Verhalten führen können“

Kampfkunst

Die Philosophie der Kampfkunst ist weit mehr als das Erlernen von Techniken zur Selbstverteidigung oder zum Sieg über einen Gegner. Sie ist ein Weg der persönlichen Entwicklung, der Körper, Geist und Charakter gleichermssen formt. In vielen Kulturen, besonders in Ostasien, wird Kampfkunst nicht nur als physische Disziplin verstanden, sondern als Lebensphilosophie, die tief in ethischen und spirituellen Prinzipien verwurzelt ist.

Ein zentrales Element der Kampfkunstphilosophie ist die Selbstkontrolle. Wer Kampfkunst betreibt, lernt schnell, dass rohe Kraft allein nicht ausreicht. Vielmehr geht es darum, Emotionen wie Wut, Angst oder Stolz zu beherrschen. Ein wahrer Kampfkünstler handelt nicht impulsiv, sondern bewusst und überlegt. Diese Fähigkeit zur Selbstbeherrschung überträgt sich auch auf den Alltag: Konflikte werden nicht eskaliert, sondern mit Ruhe und Klarheit gelöst.

Eng verbunden mit der Selbstkontrolle ist das Prinzip des Respekts. In nahezu allen Kampfkünsten beginnt und endet das Training mit einer Verbeugung. Diese Geste symbolisiert Achtung gegenüber dem Lehrer, den Trainingspartnern und der Kunst selbst. Respekt bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu erkennen und die Fähigkeiten anderer anzuerkennen. Ohne Respekt würde das Training schnell in Chaos oder sogar in Gefahr ausarten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Disziplin. Kampfkunst erfordert kontinuierliches Üben, Geduld und Ausdauer. Fortschritte entstehen nicht über Nacht, sondern durch jahrelange Hingabe. Diese Disziplin prägt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Sie lehrt, Ziele konsequent zu verfolgen und Rückschläge als Teil des Lernprozesses zu akzeptieren. Wer diesen Weg geht, entwickelt eine innere Stärke, die weit über das Training hinausgeht.

Die Philosophie der Kampfkunst betont ausserdem das Gleichgewicht zwischen Härte und Nachgiebigkeit. Viele Systeme lehren, die Kraft des Gegners nicht direkt zu bekämpfen, sondern sie umzulenken. Dieses Prinzip zeigt, dass Flexibilität oft effektiver ist als starre Stärke. Es ist eine Lektion, die sich auch auf das Leben übertragen lässt: Nicht jeder Widerstand muss frontal überwunden werden, manchmal ist es klüger, sich anzupassen und den richtigen Moment abzuwarten.

Ein tiefgründiger Gedanke innerhalb der Kampfkunst ist das Streben nach innerer Harmonie. Der Kampf wird nicht nur als äusserer Konflikt gesehen, sondern auch als Spiegel des inneren Zustands. Wer innerlich unruhig ist, wird auch im Kampf unkoordiniert und unsicher handeln. Daher legen viele Kampfkünste grossen Wert auf Meditation und Atemtechniken. Diese helfen, den Geist zu beruhigen und eine klare Wahrnehmung zu entwickeln.

Darüber hinaus spielt Verantwortung eine entscheidende Rolle. Kampfkünstler besitzen Fähigkeiten, die potenziell gefährlich sein können. Daher wird ihnen beigebracht, diese Kräfte nur im Notfall einzusetzen. Der wahre Meister ist nicht derjenige, der ständig kämpft, sondern derjenige, der Konflikte vermeidet. Diese Haltung fördert ein ethisches Bewusstsein und ein Gefühl für die Konsequenzen des eigenen Handelns.

Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Demut. Je mehr ein Mensch lernt, desto mehr erkennt er, wie viel es noch zu entdecken gibt. Diese Erkenntnis schützt vor Überheblichkeit und fördert eine offene Haltung gegenüber neuen Erfahrungen. In der Kampfkunst gibt es kein endgültiges Ziel, sondern nur einen fortlaufenden Weg der Verbesserung.

Schliesslich ist die Kampfkunst auch eine Reise der Selbstfindung. Durch das intensive Training lernt man nicht nur Techniken, sondern auch sich selbst besser kennen. Stärken und Schwächen werden sichtbar, Ängste werden überwunden und das Selbstvertrauen wächst. Diese persönliche Entwicklung ist oft der wertvollste Gewinn, den die Kampfkunst bietet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Philosophie der Kampfkunst weit über den physischen Kampf hinausgeht. Sie vermittelt Werte wie Respekt, Disziplin, Selbstkontrolle und Verantwortung. Gleichzeitig bietet sie einen Weg zur inneren Balance und zur persönlichen Entfaltung. Wer sich ernsthaft mit Kampfkunst beschäftigt, entdeckt nicht nur eine Methode der Verteidigung, sondern eine Lebensweise, die zu mehr Bewusstsein, Stärke und Harmonie führt.

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TAKE 5: OST UND WEST – EINE GEMEINSAME KULTUR DANK DER THEORIE DER 5 ELEMENTE

Im letzten Jahrhundert haben sich die östlichen Kulturen weltweit verbreitet. Im Rahmen der chinesischen Kampfkünste wurde immer häufiger von den fünf Elementen gesprochen, die die Grundpfeiler der Kultur des Reichs der Mitte bilden. Diese gehen auf einfache Beobachtungen der Weisen der Vergangenheit zurück: Aus den Bergquellen sprudelt Wasser, das fließend die Vegetation nährt und somit das Holz, aus dem man Feuer macht, dessen Asche die Erde nährt, unter der sich das Metall befindet. Und um den Kreis zu schließen, werden aus dem Metall Werkzeuge hergestellt, die das Wasser sammeln. Tatsächlich finden die Bauern am frühen Morgen ihre Metallwerkzeuge immer nass und sogar tropfnass vor. Diese einfache Beobachtung der Natur bildet die Grundlage des gesamten chinesischen Denkens: Medizin, Akupunktur, Massage, Moxibustion, Raumgestaltung und sogar Kampfkünste wie TaiChi-Chuan, Hsing I Chuan und Pa Kua.

Und im Westen gibt es nichts davon?

Sind wir Westler nur materialistisch und auf Technologie und Wirtschaft fixiert?

Wie so oft ist das nicht der Fall!

Es genügt ein kurzer Blick in irgendein philosophisches Werk, um verblüffende Analogien zwischen Ost und West zu finden. Die Gemeinsamkeit zwischen den beiden Hemisphären sind genau diese 5 Elemente. Die westlichen unterscheiden sich, wie wir sehen werden, nur sehr wenig von den chinesischen.

Im Westen.

Wie wir wissen, war das antike Griechenland, vor allem um das 6. Jahrhundert v. Chr., von blühenden Stadtstaaten geprägt. Die griechische Kultur wurde durch die ständigen Seereisen bereichert, die sie dazu veranlassten, ferne Länder zu erkunden. Die Griechen lernten die Geometrie von den Ägyptern, die Astronomie und den Kalender von den Völkern Kleinasiens. Sie schufen auch eine präzise Sprache, mit der sie die Welt und die Ereignisse beschreiben konnten.

Die Intellektuellen jener Zeit begannen, die Vorstellung zu entwickeln, dass die Schöpfung nicht das Ergebnis des Zufalls sei, sondern dass es eine verborgene Ordnung und vor allem einen ursprünglichen Ursprung gebe.

Der Philosoph Anaximander (546 v. Chr.) vermutete, dass die Erde im Raum schwebe und dass alle Lebewesen aus dem Wasser stammten und sich die Menschen aus Fischen entwickelt hätten. Für ihn war das Wasser somit die Ursubstanz.

Um 500 v. Chr. erkannte Heraklit im Feuer den Ursprung aller Dinge und des Lebens. Der Philosoph sah die Existenz als einen ständigen Fluss; berühmt ist sein Satz: Man kann nicht zweimal im selben Fluss baden.

Anaksimenes wählte hingegen die Luft als grundlegendes Prinzip (Arché). Er vertrat die Ansicht, dass die Verdünnung der Luft das Feuer hervorbringe, während die Verdichtung Wolken und Regen, also Wasser, sowie feste Stoffe wie Erde und Stein erzeugen.

Empedokles war der Ansicht, dass es nicht nur ein einziges Grundelement gebe, sondern vier: Luft, Wasser, Erde, Feuer. Diese unveränderlichen Elemente, die in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichen Verhältnissen miteinander interagierten, brachten die Schöpfung hervor.

Der Gigant des griechischen Denkens, Aristoteles, fügte den vier Elementen ein fünftes Element hinzu, das bis zur Entdeckung der Quantenmechanik für Aufsehen sorgte: den Äther.

Aristoteles schuf auch eine Art Skala vom Dichtesten zum „Ätherischsten“ (genau genommen).

Erde: das schwerste und dichteste Element, das den Mittelpunkt des Universums einnimmt

Wasser, weniger dicht, eine Flüssigkeit, die ihrem natürlichen Lauf folgen kann

Luft, noch leichter als die beiden vorherigen (Erde und Wasser)

Feuer, das leichteste aller Elemente, mit der Tendenz, nach oben zu steigen.

Äther ist die berühmte Quintessenz, das vollkommene aller Elemente, das laut Aristoteles für die Himmelskörper zuständig ist Es ist interessant festzustellen, wie sehr die Ideen der oben genannten griechischen Philosophen dem östlichen Denken ähneln, das in der Identifizierung und Kombination der Elemente den Ursprung aller Dinge sieht.

Vergleichen wir das eben Gesagte: In China haben wir die 5 Elemente Wasser, Holz, Feuer, Metall und Erde, von denen, wie wir feststellen können, 3 von 5 mit den westlichen Elementen übereinstimmen.

In Indien hingegen finden wir: Erde (Prithvi), Wasser (Jala), Feuer (Agni), Luft (Vaju), Raum oder Äther (Akasha). Um die praktische Anwendung der fünf Elemente im westlichen Denken zu verstehen, müssen wir die Medizin der Vergangenheit betrachten.

Die Temperamentlehre und die 5 Elemente in der westlichen Medizin

In der Medizin des Hippokrates wurde sie von Galen von Pergamon untersucht und weiterentwickelt. Letzterer war der Arzt von Marcus Aurelius und anderer römischer Kaiser. Wenn wir heute in der Apotheke „galenisches Präparat“ lesen, beziehen wir uns auf diesen in Kleinasien geborenen Arzt, Philosophen und Wissenschaftler (129–216 n. Chr.). Sein Name wurde zum Synonym für maßgeschneiderte Präparate, doch hier interessiert uns vor allem seine Arbeit zu den Temperamenten. Er entwickelte die Theorie der vier Körpersäfte, und wie in der chinesischen Medizin ist Gesundheit mit dem Konzept des Gleichgewichts verbunden. Die Körpersäfte sind: Blut, Schleim (Lymphe), gelbe Galle und schwarze Galle. Kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen diesen vier Elementen, entsteht eine körperliche oder geistige Erkrankung oder beides. Jeder dieser Körpersäfte ist eng mit einem der Ur-Elemente verbunden:

Das cholerische Temperament leitet sich vom Element Feuer ab

Das sanguinische Temperament des Elements Luft

Das melancholische Temperament des Elements Wasser

Das phlegmatische Temperament des Elements Erde.

Die Theorie wurde später aufgegeben, um später von Rudolf Steiner (dem Begründer der Anthroposophie und der Eurythmie) wiederentdeckt zu werden. Heutzutage erlebt die Theorie der 5 Elemente mit der Wiederentdeckung systemischer Theorien, in denen die Beziehungen zwischen Körper, Geist, Seele und Umwelt zunehmend berücksichtigt werden, ein Comeback…

Die 5 Elemente im Menschen

Der Mensch ist psychisch und physisch gesund, wenn die Elemente in seinem Energiekörper im Gleichgewicht sind. Wenn wir uns auf die östliche Tradition beziehen, steht Wasser für das Yin, Feuer für das Yang und Luft ist das ausgleichende oder neutrale Prinzip. Das Element Erde enthält und fixiert sie, während das Element Raum (oder Äther) überirdische Vision und Intuition ermöglicht. Das persönliche Temperament, der Lebensstil und die zahlreichen äußeren Einflüsse bringen das Gleichgewicht der Elemente aus dem Lot und führen dazu, dass eines der Elemente gegenüber den anderen überwiegt. Bestimmte Bewegungsabläufe wie die Formen des Systems – Take 5 – ermöglichen die Wiederherstellung des Gleichgewichts, indem sie die Aufmerksamkeit verstärkt auf das fehlende Element lenken, ohne jedoch die anderen zu vernachlässigen. Mit anderen Worten: Man arbeitet immer an allen Elementen, widmet dem fehlenden Element jedoch mehr Zeit und Aufmerksamkeit. Die Intuition wird Ihnen die Vorstellung davon geben, wie viel davon nötig ist. Das fünfte Element (Raum, Äther oder Universum) erfordert hingegen eine besondere Behandlung, eine gesonderte Betrachtung, der man sich erst widmen kann, nachdem man sich der vier grundlegenden Elemente ausreichend bewusst geworden ist.

Die indische Tradition, insbesondere die des Yoga, identifiziert die Eigenschaften jedes Elements (die 5 Tattwas):

Erde: Sie ist das Symbol für Stabilität, Kraft und Selbstvertrauen. Die Körperhaltungen, die Kraft, Festigkeit und Verwurzelung im Boden ausdrücken, unterstützen die Entwicklung dieses Elements bei denjenigen, denen es fehlt. Das Element Erde ist das letzte Element, das vom Äther in seinem Verfestigungsprozess geschaffen wurde. Das Element Erde umfasst alle drei anderen Elemente (Feuer, Wasser, Luft). Seine negative Polarität führt dazu, dass Menschen ungeduldig, träge, verantwortungslos und pedantisch werden. Die positive Polarität des Elements hingegen verleiht Stabilität, die Fähigkeit zu rationalem und strategischem Denken („man steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden“) sowie Entschlossenheit bei Entscheidungen.

Wasser: Es ist das Symbol für Fließfähigkeit, aber auch für Reinigung und die Fähigkeit, sich an jede Situation anzupassen. Menschen, die körperlich und geistig starr sind, sollten Bewegungen praktizieren, die die Entwicklung und Harmonisierung dieses Elements fördern. Die grundlegenden Eigenschaften sind Kälte und Kontraktion. In seiner aktiven Polarität ist das Element Wasser lebensspendend; in der passiven Polarität hingegen sind die Eigenschaften negativ, wie Zersetzung, Gärung, Spaltung, Zerstreuung. Die negative Persönlichkeit, die durch einen Überschuss des Wasserelements geprägt ist, drückt Gleichgültigkeit, Apathie, Kälte, Schüchternheit, Unverschämtheit und Instabilität aus. Die positive Polarität hingegen verleiht fließendes Denken und Körperlichkeit, Gelassenheit im Umgang mit schwierigen Situationen sowie die Fähigkeit, sich an jede Situation anzupassen.

„Der Mensch ist psychisch und physisch gesund, wenn die Elemente in seinem Energiekörper im Gleichgewicht sind. Wenn wir uns auf die östliche Tradition beziehen, steht Wasser für das Yin, Feuer für das Yang und Luft für das ausgleichende oder neutrale Prinzip.“

Luft: Sie ist das Symbol für freien Atem, Leichtigkeit, sanfte, aber präzise Bewegung. Menschen, die sich selbst zu ernst nehmen, die niemals aus dem Gleichgewicht geraten, die dazu neigen, aus jedem Ereignis eine Tragödie zu machen, müssen das Element Luft ausgleichen und entwickeln. Es handelt sich um ein vermittelndes Element zwischen den beiden gegensätzlichen Elementen Wasser und Feuer. In seiner negativen Form drückt die Luft eine frivole, anmaßende Persönlichkeit aus, die zu Klatsch und Verschwendung verleitet. In der positiven Polarität drückt das Element Luft Leichtigkeit aus, die Fähigkeit, sich nicht zu sehr einlassen zu lassen, vor allem beim Ausdruck von Emotionen, und hilft, das Leben ohne emotionale Lasten zu meistern.

Feuer: Es ist das erste Element, das aus Akasha (Äther) hervorgeht; das Feuer steht auch für das Licht. Das bekannte „Fiat lux“ war der Ausdruck des Elements Feuer, das das Licht hervorbrachte. Dieses elementare Prinzip symbolisiert Wärme, die Energie der Veränderung, dynamisches Handeln und Kraft ohne Schwere. Menschen, die entschlossener, energischer, tatkräftiger und willensstärker sein müssen, müssen das Element Feuer entwickeln und ins Gleichgewicht bringen. Der positive Aspekt des Feuerelements ermöglicht es, Wärme in zwischenmenschlichen Beziehungen zu suchen, Menschen einzubeziehen und die Gemüter zu entfachen. In seiner positiven Polarität steht es auch für Expansion, die

„Das Element Erde wird durch den Norden repräsentiert

Das Element Wasser durch den Westen

Das Element Feuer durch den Süden

Das Element Luft durch den Osten“

Fähigkeit, Energie für die Entwicklung von Projekten zu erzeugen. In seiner negativen Ausprägung hingegen drückt das Feuer Irrationalität, Zerstörung und Zerfall aus. Negativ sind auch Eifersucht, Wut und die Unfähigkeit, sich zu beherrschen.

Raum oder Äther. Nach indischer Weisheit ist dies das Element, das die anderen vier hervorbringt. Es ist auch das Element, das uns mit dem kollektiven Unbewussten, dem metamorphen Feld und dem jenseitigen Leben verbindet; es lässt sich gut durch sowohl statische als auch bewegte Meditation kultivieren. Die Entwicklung dieses Elements ist besonders nützlich für Menschen, die zu materialistisch sind, für diejenigen, die sich ausschließlich um ihren Besitz kümmern, die zu sehr an Geld, Arbeit und sozialem Status hängen. Es ist das Element des universellen Wissens.

Die

Unterdrückung

im Westen

Kehren wir nun in den Westen zurück, wo es, wie wir wissen, eine Unterdrückungskampagne gab, die Folter und den Tod auf dem Scheiterhaufen für all jene vorsah, die vom „wahren Glauben“ abwichen. Einige religiöse Konfessionen duldeten keine Konkurrenz und verbündeten sich mit den jeweiligen Machthabern (Könige, Kaiser, Diktatoren,

„Das Element Erde wird durch den Winter repräsentiert Das Element Wasser durch den Herbst Das Element Feuer vom Sommer Das Element Luft vom Frühling“

Staatsoberhäupter), um die Unwissenheit und die Ängste des Volkes auszunutzen und leichtfertig Anschuldigungen wegen Hexerei oder Ketzerei zu erheben. Diese Anschuldigungen führten sehr leicht zur Verurteilung zum Tode und zur Vernichtung jeglichen Lehrmaterials wie Bücher, Symbole, Statuen, Amulette usw.

Das Buch war das erste, das auf den Index gesetzt wurde, da es leicht zu entdecken und schwer zu verbergen war. Es gibt jedoch bemerkenswerte Ausnahmen, wie zum Beispiel die Schriftrollen vom Toten Meer oder die von Nag Hammadi, die wahrscheinlich versteckt wurden, um ihre Zerstörung zu verhindern (auch wenn es hierzu verschiedene Hypothesen gibt). An anderen Orten wurde das alte Wissen in Symbolen bewahrt. Diese konnten so aussehen, wie wir sie uns vorstellen, also als Zeichnungen oder Gravuren, oder noch unsichtbarer in Gemälden oder Skulpturen und sogar in den Grundrissen, auf denen prächtige Kathedralen emporragten. Ein gutes Versteck diente nicht nur dazu, das okkulte Wissen (so genannt, weil es verborgen war) weiterzugeben, sondern auch dazu, seine Haut zu retten. Man bedenke nur, dass man schon für weit weniger auf

dem Scheiterhaufen endete, und das Beispiel von Giordano Bruno, der am 17. Februar 1600 auf dem Marktplatz lebendig verbrannt wurde, dürfte einen guten Eindruck von den schwierigen Zeiten vermitteln, die jede Form von abweichendem Denken durchlebte. Wir können auch Galilei anführen, der gezwungen war, seine wissenschaftlichen Hypothesen zu widerrufen, um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden. Manchmal muss man jedoch, um etwas besser zu verbergen, alles offen zur Schau stellen. So taten es einige. In meiner Jugend, gestärkt durch wissenschaftliches Wissen und geprägt von der Philosophie der Aufklärung, habe ich mich über diejenigen lustig gemacht, die sich die Tarotkarten legen ließen. Ich dachte, diese Karten hätten, abgesehen von ihrer unbestreitbaren ästhetischen Anziehungskraft, überhaupt nichts Interessantes an sich, ja, sie

seien sogar ein Spiel für geistig armselige Menschen. Offensichtlich habe ich mich geirrt, denn die Tarotkarten waren ein Buch!

Ein Text, der nur von denen gelesen werden konnte, die seine Sprache verstanden. Berühmte Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst waren von den Tarotkarten fasziniert und machten sie zum Gegenstand ihrer Studien: der berühmte Psychologe Carl Gustav Jung, der flämische Maler Hieronymus Bosch, der Nobelpreisträger Dario Fo, der Schriftsteller und Gelehrte René Guénon, der reiner Künstler und Regisseur Alejandro Jodorowsky… Ebenso interessant sind die gewöhnlichen Spielkarten, deren vier Farben genau die vier Elemente darstellen.

Sehen wir uns die Bedeutung an:

Das Element Erde wird durch die Münzen dargestellt

Das Element Wasser durch die Kelche

Das Element Feuer durch die Stäbe

Das Element Luft durch die Schwerter

Die Elemente werden in der Tradition auch als Engelgestalten dargestellt, wobei jedes Element als Erzengel visualisiert wird:

Das Element Erde wird durch Uriel dargestellt

Das Element Wasser durch Gabriel

Das Element Feuer durch Michael

Das Element Luft durch Raphael

Die vier Elemente entsprechen auch den vier Jahreszeiten

Das Element Erde wird durch den Winter repräsentiert

Das Element Wasser durch den Herbst

Das Element Feuer vom Sommer

Das Element Luft durch den Frühling

Und sogar den vier Himmelsrichtungen:

Das Element Erde wird durch den Norden repräsentiert

Das Element Wasser vom Westen

Das Element Feuer im Süden

Das Element Luft durch den Osten

Es ist interessant festzustellen, dass es auch Positionen

und Bewegungen gibt, die mit den 5 Elementen in Verbindung gebracht werden können (in diesem Fall schließen wir auch die Quintessenz, also den Äther/Raum, mit ein). Die östliche Tradition, insbesondere die südostasiatische, hat es besser verstanden, diesen Aspekt zu bewahren als die westliche. Die Menschen im Osten haben Bewegung genutzt, um Wissen zu bewahren, weshalb in Bewegungsabläufen wie Tänzen oder „Formen“ das alte Wissen erhalten bleibt, das es ermöglicht, die Urenergien anzuzapfen, die durch die fünf Elemente repräsentiert werden. Einige Yoga-Stellungen erfüllen beispielsweise dieselbe Funktion: den Menschen mit den ursprünglichen Energiequellen in Kontakt zu bringen.

Das „Take 5“-System

Das System besteht aus nur 5 Sitzungen à 10 Stunden, in denen jeweils ein Element behandelt wird. Man beginnt mit dem Element Wasser und lernt:

1.Die Philosophie. Darstellung des Elements Wasser mit seinen positiven und negativen Eigenschaften sowie einer entsprechenden Wassermeditation

2.Haltungen. Mit dem Element Wasser verbundene Körperhaltungen, auch als Wasser-Yoga bezeichnet

3.Bewegung. Die Bewegungsabläufe des Elements Wasser, d. h. die Formen des Wassers 4.Atmung. Die Atmung des Wassers 5.Therapie. Der energetische Kontakt auf der

Grundlage des Elements Wasser ist eine Arbeit zu zweit mit dem Ziel, die Energie des Elements Wasser zu nutzen, um den psychophysischen Zustand des anderen zu verbessern.

Das gleiche Schema wiederholt sich für jedes der Elemente bis zum letzten, nämlich dem Äther (oder Raum), der die Entwicklung des Bewusstseinszustands ermöglicht.

Sobald der Take-5-Praktiker gelernt hat, wie er die Ressourcen jedes der 5 Elemente anzapfen kann, wird er wie ein moderner Alchimist in der Lage sein, auf sich selbst und auf andere eine angemessene Zusammensetzung der 5 Urfaktoren zu dosieren und so dabei zu helfen, den Charakter, die Bewegung, die Emotionen, die Denkmuster, die Beziehungen zu anderen und sogar den Gesundheitszustand zu formen.

Durch das Studium der Elemente kehrt man zu einer ganzheitlichen und nicht mehr fachspezifischen Ausbildung zurück, in der Meditation, Atmung, Yoga, Bewegungsabläufe, Philosophie und Therapie gemeinsam zum Gleichgewicht des modernen Menschen beitragen, der sich selbst immer fremder wird.

Die Bewegungsabläufe im Take-5-System sind von den 5 Elementen und deren gekonntem Ausgleich inspiriert.

Drachen vor den Toren

Die vor Ihnen liegende Zusammenfassung spiegelt mein Verständnis davon wider, wie die waffenlosen Selbstverteidigungstechniken für den zivilen und häuslichen Gebrauch entstanden sind, sich weiterentwickelt haben und schließlich die Grundlage bildeten, auf der Karate entwickelt wurde. Auch wenn die Erklärung kurz ist und jene Pioniere, die maßgeblich für die Ausrichtung dieser Kunst verantwortlich waren, völlig außer Acht lässt, bin ich überzeugt, dass sie überzeugend ist und durch ihre Kürze nichts an Aussagekraft verliert.

Ein Geschenk für den Weltfrieden

Die Kunst des Karate stellt die perfekte Verschmelzung von Wissenschaft und Kunst dar, die zusammenkommen, um eine transformative Magie zu erschaffen. Diese altehrwürdige Tradition bietet einen Weg, auf dem die Reise der Selbstfindung zu einem gesunden, glücklichen und sinnvollen Leben führen kann. Hochgradig herausfordernd und tiefgründig kann Karate-do eine Brücke zwischen Selbstakzeptanz und Selbstschutz sein – eine einzigartige Methode, den Körper zu trainieren, den Geist zu schulen und die Seele zu nähren. Es ist Okinawas Geschenk an den Weltfrieden.

Was ist Tradition?

Doch trotz ihrer Bedeutung wird eine scheinbar einfache Lektion über das Wesen der Tradition allzu oft missverstanden, misstrauisch vernachlässigt oder bewusst vermieden. Verhüllt von einem Schleier kultureller Mehrdeutigkeit, verzerrt durch Zeit, Missverständnisse und eigennützige Propaganda, bleibt das wahre Wesen der Tradition eine ihrer wichtigsten Lehren. Eine gründliche Erforschung ihrer frühen und vielseitigen Entwicklung offenbart den unvermeidlichen Prozess, den die frühen Pioniere auf ihrem Weg zur funktionalen Kompetenz durchliefen. Eine solche Entdeckung kann jeden von uns dazu inspirieren, über unsere Grenzen hinauszugreifen, uns von den Fesseln der Konformität zu befreien und die wunderbar innovative Natur der Tradition anzunehmen.

Geschichte

Am Anfang war nichts – dann kamen die Menschen. Unzählige Menschen. Die frühen Menschen entwickelten sich von Paaren zu Clans, zu größeren Gemeinschaften und schließlich zu Gesellschaften, weil Sicherheit in der Gemeinschaft lag. Das Überleben des Stärkeren schuf einen innewohnenden Kampf – einen Kampf ums Überleben. Körperliche Gewalt entwickelte sich parallel zur Menschheit als Anpassungsmechanismus für Überleben, Sicherheit und Kontrolle. Angst wich der Notwendigkeit, und die Notwendigkeit wurde zur Mutter der Erfindung.

Notwendigkeit ist die Wiege der Entdeckung, und frühe Zivilisationen begannen, Methoden zu entwickeln, um sowohl bewaffnete als auch unbewaffnete Akte physischer Gewalt, die als Teil der menschlichen Natur angesehen wurden, zu verstehen, zu katalogisieren und damit umzugehen. Eine Theorie besagt, dass sich Sport ursprünglich als Mittel entwickelte, um das Jagen, Kämpfen und die Selbstverteidigung zu erlernen. Im Laufe einer ungeschriebenen Geschichte ziviler Brutalität ermöglichte empirische Beobachtung den innovativsten Köpfen, die noch in den Kinderschuhen steckenden Kampfpraktiken kontinuierlich zu verbessern.

Feuerwaffen

Klosterheiligtümer erwiesen sich als einige der erfolgreichsten Testfelder, auf denen sich hochfunktionale Kampfmethoden in relativer Geheimhaltung entwickelten. Als begehrte Lehren wurden solche Methoden schließlich sehr gefragt –und gerieten dann leider still in Vergessenheit, nachdem Feuerwaffen Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem einfachen Volk an Beliebtheit gewannen. Mit wenig oder gar keiner formalen Ausbildung fürchtete selbst der furchterregendste Kämpfer keinen waffenführenden Gegner mehr. Eine einzige Kugel genügte.

„Die Kunst des Karate verkörpert die perfekte Verschmelzung von Wissenschaft und Kunst, die zusammenkommen, um eine transformative Magie zu erschaffen.“

In den Sanden der Zeit verloren

Doch obwohl sie als minderwertig galten, verschwanden die waffenlosen Kampfpraktiken nicht vollständig. Die vorherrschenden Köpfe sahen einen alternativen Nutzen darin, solche langjährigen Traditionen aufrechtzuerhalten. Mit gezielten Modifikationen wurde Kata zu einer wirksamen Ergänzung der japanischen Kriegsmaschinerie – eingesetzt als strukturierte Gymnastikübungen, um körperliche Fitness, soziale Konformität und Kampfgeist unter großen Gruppen von Schülern in Vorbereitung auf die Wehrpflicht zu fördern. Da sie nicht mehr wegen ihrer einst hochfunktionalen waffenlosen Kampfpraktiken geschätzt wurden, gingen diese zeitlosen Lehren im Sand der Zeit verloren.

Ein kultureller Mikrokosmos

Als kulturelle Freizeitbeschäftigung wuchs die Popularität dieser modifizierten Praxis exponentiell. Die noch in den Kinderschuhen steckende Praxis nahm neue Züge an, geprägt von den japanischen BudoTraditionen, die ihren Wachstum und ihre Ausrichtung am stärksten beeinflusst hatten –nämlich Kendo und Judo. Nachdem sie sich zu einer faszinierenden kulturellen Freizeitbeschäftigung und einem äußerst anspruchsvollen, regelgebundenen Sport entwickelt hatte, wird diese Tradition heute von Enthusiasten in allen Teilen der Welt praktiziert.

Drachen vor dem Tor

Nun hat sich der Kreis geschlossen, ganz so, wie einst die Notwendigkeit eine zeitgenössische Interpretation aus dem Schoß der klassischen Tradition hervorgebracht hat. Eine breite Bewegung hat eine neue Generation von Lernenden hervorgebracht –Praktizierende, die darauf bedacht sind, die ursprüngliche Kunst und ihre zeitlosen Lehren wiederzuentdecken. Die begehrten Zweierübungen, lange Zeit unter Schichten von Leistungsdruck und Konformität begraben, haben die Schleusen des kritischen Denkens aufgestoßen und zwingen die Konformität dazu, allmählich in den Tiefen ihrer eigenen Unwissenheit zu versinken.

Das ist Tradition. Das ist der KU-Weg.

Okinawa

Patrick McCarthy Hanshi und der Open Circle

Eine Reise nach Okinawa und zur lebendigen Tradition der Kampfkünste

„Tradition ist nicht die Verehrung von Asche, sondern die Bewahrung des Feuers.“

Patrick McCarthy Hanshi

Meine jüngste Reise nach Japan war mehr als nur eine Reise – sie war eine Rückkehr zu den Wurzeln der Kampfkünste, eine Wiederverbindung mit der Geschichte und ein zutiefst persönlicher Meilenstein.

Im Mittelpunkt stand Okinawa … und ein Wiedersehen mit Patrick McCarthy Hanshi.

Ich traf ihn zum ersten Mal 1985 als junger Praktizierender in Japan. Von dieser allerersten Begegnung an teilten wir ein gemeinsames Verständnis – dass traditionelle Kampfkünste mehr sein müssen als nur Ritual; sie müssen die Realität menschlicher Konflikte widerspiegeln. Diese Idee begleitet mich seitdem.

Dieses Mal hatte ich das Privileg, bei Patrick McCarthy Hanshi und seiner Frau Yuriko in Okinawa zu wohnen. Ihre Gastfreundschaft war großzügig und aufrichtig, aber mehr noch – sie bot etwas Seltenes: Zeit. Zeit zum Trainieren, zum Austausch von Ideen und zur Begegnung mit erfahrenen Lehrern aus Okinawa am Geburtsort des Karate.

Einer der demütigendsten Momente meines Besuchs war die Verleihung des Titels Hanshi und des 9. Dan. Ich nehme dies nicht als Ziel, sondern als Verantwortung an – weiter zu lernen, zu lehren und mich weiterzuentwickeln.

Patrick McCarthy Hanshi gilt als eine der führenden Autoritäten auf dem Gebiet der klassischen Kampfkünste. Geboren in Kanada und geprägt von Jahrzehnten in Australien, den Vereinigten Staaten und Japan, lebt er heute in Okinawa. Einst gehörte er zu den gefragtesten Seminarleitern der Welt und reiste über dreißig Jahre lang um die Welt, um Hunderte von Seminaren in mehr als dreißig Ländern zu leiten.

Als Gründungsdirektor der International Ryukyu Karate Research Society (IRKRS) und Begründer des KoryuUchinadi schlägt seine Arbeit eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart – indem er die funktionalen Prinzipien des traditionellen okinawanischen Karate bewahrt und sie gleichzeitig modernen Praktizierenden zugänglich macht.

„Als Wettkampfsportler zeichnete er sich in zahlreichen Disziplinen aus – Kata, Kumite, Waffen und darüber hinaus. Seine Erfahrung umfasst Karate, Jujutsu, Judo, Kobudo und japanische Schwerttraditionen und spiegelt ein Leben langes Eintauchen in die Künste wider.“

Seine Studien führen zurück zu einflussreichen Persönlichkeiten wie Kinjo Hiroshi, Hanashiro Chōmo, Itosu Ankō und Matsumura Sōkon. Doch was seine Arbeit ausmacht, ist nicht allein die Abstammungslinie – sondern die Fähigkeit, zu hinterfragen, zu analysieren und dem, was oft ungeklärt blieb, einen Sinn zu geben.

Als Wettkampfsportler zeichnete er sich in zahlreichen Disziplinen aus – Kata, Kumite, Waffen und darüber hinaus. Seine Erfahrung umfasst Karate, Jujutsu, Judo, Kobudō und japanische Schwerttraditionen und spiegelt ein Leben langes Eintauchen in die Kampfkünste wider.

Seine Übersetzung des Bubishi bleibt einer der wichtigsten Beiträge zur modernen Karate-Forschung und macht einen einst obskuren Text der breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Durch jahrzehntelange Reisen und Forschungen in Okinawa, auf dem japanischen Festland, in China, Südostasien und auf den Philippinen hat Patrick McCarthy Hanshi nicht nur die Technik erforscht, sondern auch das kulturelle und historische Gefüge, aus dem diese Traditionen hervorgegangen sind.

Zu seinen einflussreichsten Beiträgen zählt das Konzept der „Habitual Acts ofPhysicalViolence“ (HAPV) – ein Rahmenkonzept, das Kata wieder mit der Realität verbindet, wie Gewalt tatsächlich entsteht. Hier hört Tradition auf, abstrakt zu sein … und wird wieder funktional.

Doch sein vielleicht größter Beitrag liegt in seiner Art zu unterrichten. Er fordert die Praktizierenden dazu auf, nachzudenken. Zu hinterfragen. Über das Nachahmen hinauszugehen und nach Verständnis zu streben. Sein Ansatz passt sich dem Einzelnen an – in der Erkenntnis, dass keine zwei Menschen denselben Weg gehen.

Okinawa verleiht all dem eine tiefere Bedeutung. Es ist nicht nur ein Ort – es ist ein lebendiges Archiv, in dem Geschichte nicht hinter Glas bewahrt, sondern durch das Üben weitergetragen wird.

Diese Reise erinnerte mich an etwas Einfaches, das jedoch leicht in Vergessenheit gerät:

Bei den Kampfkünsten geht es nicht um die Wahl zwischen Tradition und Moderne.

Sie sind die Brücke zwischen beiden.

Und durch Lehrer wie Patrick McCarthy Hanshi… bleibt der Kreis offen

„Kampfkunst ist keine Wahl zwischen Tradition und Moderne. Es ist die Brücke zwischen beiden. Und durch Lehrer wie Patrick McCarthy Hanshi… bleibt der Kreis offen“

Das Feuer weitertragen: Eine Rückkehr zum Kyumeikan

In Erinnerung an Kubo Akira Sensei – Eine Würdigung von Avi Nardia, Hanshi 9. Dan

In den Kampfkünsten sagen wir oft, dass viele Menschen denselben Berg auf unterschiedlichen Wegen erklimmen. Doch im Laufe der Jahre ist mir etwas Beunruhigendes aufgefallen: Zu viele Menschen umrunden den Berg lediglich und reden sich ein, sie würden ihn besteigen. Dieser Unterschied – zwischen dem echten Aufstieg und dem gemütlichen Spaziergang am Fuße des Berges – ist der Kern dessen, was die Kampfkünste als Weg der Selbsterhaltung und Selbstverteidigung von den Kampfkünsten unterscheidet, die rein als Hobby oder Freizeitbeschäftigung ausgeübt werden. Der eine Weg verlangt dir alles ab. Der andere verlangt nichts.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf stattete ich dem Kyumeikan Dojo in Tokio meinen letzten Besuch ab – jener geschichtsträchtigen Trainingshalle, die 1957 von Kubo Kahei Sensei gegründet und jahrzehntelang von seinem Sohn, Kubo Akira Sensei, weitergeführt wurde, der am 23. Oktober 2023 verstorben ist. Akira Sensei war nicht da. Er wird nie wieder dort sein. Doch in dem Moment, als ich durch diese Tür trat, konnte ich seinen Geist in jeder abgenutzten Diele spüren, in jedem Pinselstrich der Kalligraphien, die an den Wänden hingen, in jedem Echo in diesem heiligen Raum. Es war sowohl der friedlichste als auch der traurigste Besuch, den ich je in einem Dojo gemacht habe.

Du hast nur einen Pfeil

Meine Gedanken in diesem Dojo schweiften zurück zu einer Zen-Geschichte, die ich seit vielen Jahren in mir trage – eine, die direkt den Unterschied zwischen Kampfkunst als Selbstverteidigung und Kampfkunst als Selbstverwöhnung anspricht.

Ein junger Samurai stand mit einem Bogen und mehreren Pfeilen da und schätzte sorgfältig die Entfernung zu seinem Ziel ab. Ein vorbeikommender Mönch blieb stehen und sagte: „Du wirst niemals gut schießen lernen, wenn du dir den Luxus gönnst, einen Fehlschuss zu korrigieren. Im Kampf gibt es keine zweite Chance. Lerne, dein Ziel beim ersten Mal zu treffen – denk immer daran, du hast nur einen Pfeil. Auch im Leben musst du alles vom ersten Moment an mit vollem Einsatz tun, denn es gibt vielleicht keine Gelegenheit, das wieder gutzumachen, was unachtsam getan wurde.“

Dies ist die Philosophie, die im japanischen Konzept von ichi-goichi-e (一期一会) – „einmal, eine Begegnung“ – zum Ausdruck kommt. Entstanden aus der Kultur der Teezeremonie, lehrt es, dass jede Begegnung, jeder Moment, absolut einzigartig ist und nie wiederkehren wird. Einen Moment nachlässig zu behandeln bedeutet, etwas zu verschwenden, das niemals wiederhergestellt werden kann.

Ich erinnere mich lebhaft an meine erste Kyudo-Stunde. Der Lehrer sah uns an und sagte mit absoluter Ernsthaftigkeit: „Das Ziel ist nicht, das Ziel zu treffen.“ Ich war verwirrt. Ich bin von Natur aus und durch meine Ausbildung ein zutiefst praktischer Mensch. Ich habe mein Leben damit verbracht, Kampfkünste unter dem Gesichtspunkt der praktischen Anwendung in der realen Welt zu studieren – Kendo, Iaido, Jodo, Kenjutsu und moderne praktische Kampftechniken. Wenn mir jemand sagt, das Ziel sei es nicht, das Ziel zu erreichen, will ich Antworten. Aber mit der Zeit habe ich es verstanden. Im Kyudo wie im Leben führt die Perfektion des Prozesses – die Stille des Geistes, die Korrektheit der Haltung, die Reinheit der Absicht – zum Ergebnis. Der Pfeil trifft sein Ziel nicht, weil man darauf zielt, sondern weil alles andere stimmt.

Dieses Prinzip ist der Grund, warum ernsthafte Kampfkünste Selbsterhaltung und Selbstverteidigung immer als einheitliche Ziele betrachten müssen, nicht als getrennte. Techniken, ohne den Druck realer Konsequenzen zu üben, bedeutet, um den Berg herumzulaufen. In dem Moment, in dem du verinnerlichst, dass es nur einen einzigen Pfeil gibt – dass jede Technik, jede Entscheidung, jede Begegnung die Einzige sein könnte, die du bekommst –, verändert sich die Qualität deines Trainings vollständig.

Vom Kendo zum echten Schwert

Es war Kubo Akira Sensei, der mir als Erster half zu verstehen, dass Kendo trotz all seiner Strenge und Disziplin ein Tor ist – kein Ziel. Das Tragen von Schutzausrüstung und das Schlagen mit dem Shinai ist von Natur aus sicher. Diese Sicherheit ermöglicht es Anfängern, sich zu entwickeln, und ermöglicht es den Praktizierenden, hart zu trainieren, ohne Angst vor Verletzungen zu haben. Aber sie birgt eine versteckte Gefahr: die Gefahr, zu vergessen, was das Schwert eigentlich ist.

Kubo Sensei erinnerte uns daran, dass es in der Realität keine langen Schwert-gegen-Schwert-Auseinandersetzungen gibt. Ein echtes Schwert, das auf ein anderes echtes Schwert trifft, zerbricht. Die Physik des tatsächlichen Kampfes hat fast keine Ähnlichkeit mit den fließenden Schlagabtauschen, die wir im Dojo üben. Jeder „verfehlte“ Schlag im Kendo könnte mit einer echten Klinge den Tod bedeuten. Genau dieses Verständnis ist der Grund, warum Kubo Sensei darauf bestand, dass seine erwachsenen Schüler nicht nur Kendo, sondern auch Iaido und Jodo praktizieren. „Nachdem ihr euren Shodan im Kendo erhalten, habt“, pflegte er zu sagen, „müsst ihr beginnen, Iaido zu lernen. Ihr müsst das Katana verstehen – wie es sich sowohl von dem Bambus-Shinai unterscheidet, das ihr so frei schwingt, als auch diesem ähnelt.“ Und dann Jodo, mit seiner Präzision auf den Millimeter und seinem gnadenlosen Timing, um im Praktizierenden ein tiefes Gefühl für die Ernsthaftigkeit wiederherzustellen, die das Training in alten Zeiten verlangte.

Was Kubo Senseis Kendo so einzigartig machte, war seine Tiefe und Körperlichkeit – und vieles davon stammte aus einer Quelle, die diejenigen überraschen dürfte, die ihn nur als Schwertkämpfer kannten. Kubo Sensei war auch ein Amateur-Sumo-Ringer, und dieser Hintergrund hinterließ einen unverkennbaren Eindruck auf seine gesamte Herangehensweise an die Kampfkünste. Beim Sumo geht es nicht nur um Größe oder Kraft; es geht um das Verwurzeln, um das Lesen des Körpers, um explosive Vollkontakt-Kämpfe ohne Schutzausrüstung und ohne Spielraum für Fehler. Diese Sensibilität floss direkt in sein Kendo ein. Seine Fußarbeit war schwerer und entschlossener, seine Vorstöße entschlossener, sein Distanzgefühl geprägt von der rohen körperlichen Intelligenz, die nur das Vollkontakt-Ringen entwickelt.

Darüber hinaus praktizierte und bewahrte Kubo Sensei das, was oft als Vorkriegs-Kendo bezeichnet wird – eine weitaus aggressivere, kämpferischere und umfassendere Ausdrucksform dieser Kunst als das, was die meisten Menschen heute kennen. Das moderne Kendo, geprägt von den Reformen der Nachkriegszeit und seiner Entwicklung zum Wettkampfsport, tendiert zu Verfeinerung und Punktgewinn. Das Vorkriegs-Kendo war etwas ganz anderes: direkter, brutaler in seiner Absicht, bereit, Wurftechniken, Körperkontakt und ein breiteres Spektrum an Taktiken einzubeziehen, die seine Wurzeln in der tatsächlichen Schwertkunst widerspiegelten. Kubo Sensei ließ niemals zu, dass Kendo unter seinem Dach zu einem bloßen Sport wurde. Er hielt es als Budo – als Bushido – lebendig, mit dem Geist und der Ernsthaftigkeit der Kriegertradition, aus der es hervorgegangen war. Unter ihm zu trainieren bedeutete, den Unterschied zu spüren zwischen einem Spiel mit Bambusschwertern und einer Disziplin, die auf dem Verständnis beruht, dass das Schwert eine Waffe ist und der Krieger für sein Leben und das Leben anderer verantwortlich ist.

Ich hatte das Glück, nicht nur im Kyumeikan zu trainieren, sondern dank Kubo Senseis außerordentlicher Großzügigkeit und seiner Verbindungen auch auf den höchsten Ebenen der japanischen Schwertkampfwelt. Ich studierte an der Kokushikan-Universität unter dem legendären Kiyoshi Nakakura Sensei – einem Mann, der sowohl der beste Schüler von Nakayama Hakudo als auch ein Vertreter gewesen war, der zum Training bei Morihei Ueshiba im Aikido-Dojo entsandt worden war. Ich trainierte im Shin Kiba, dem Dojo des Polizeipräsidiums, und im Dojo des Kaiserpalasts unter Sato Sensei. Jeder dieser Lehrer brachte eine andere Philosophie mit, eine andere Interpretation des Weges des Schwertes. Zusammen bildeten sie ein Mosaik, das kein einzelner Lehrer allein hätte bieten können. Ich trage den 6. Dan im Kendo und besitze Dan-Grade in Iaido, Jodo und Kenjutsu neben meinen modernen und praktischen Kampfkünsten. Diese Breite war kein Zufall – sie war beabsichtigt, und zwar nach dem Plan v -Kubo Sensei. Er schickte mich zu mehr als hundert verschiedenen Lehrern und Schulen. Ich studierte verschiedene Stile, Philosophien und Traditionen. Seine Philosophie lautete stets: „Öffne den Geist – aber achte darauf, dass er nicht ungeschützt bleibt.“ Ein offener Geist ist eines der großen Geschenke des Kampfkunststudiums, doch was man in diesen offenen Geist hineinlässt, muss stets sorgfältig abgewogen werden.

Das Feuer weitertragen: Der Mann hinter dem Dojo

Kubo Akira Sensei war nicht immer dazu bestimmt, das zu werden, was er wurde. Er war in vielerlei Hinsicht ein Träumer – ein Mann, der als professioneller Fotograf frei in Amerika leben und die Weite Australiens genießen wollte. Beides hatte er getan. Er hatte sieben Jahre in Amerika gelebt, seine Green Card erhalten und war sogar für den Vietnamkrieg eingezogen worden, bevor das Schicksal eingriff. Er studierte das Leben nach seinen eigenen Vorstellungen.

Dann starb sein Vater, Kubo Kahei Sensei, plötzlich. Akira war der älteste von drei Söhnen. Es gab keine Überlegungen, keine langwierige Entscheidung – nur Giri, das japanische Konzept von Pflicht, Verpflichtung und Engagement, das tiefer geht als persönlicher Wunsch. Er kehrte nach Japan zurück, gab seine Green Card auf, gab Amerika auf und nahm die Last des Kyumeikan auf seine Schultern. In diesem Moment wurde er der jüngste Kancho – Dojo-Leiter – in Japan. Seine Mutter starb kurz darauf, und er blieb allein zurück, ohne Anleitung, ohne Handbuch, und lernte alles aus Erfahrung und Willenskraft.

Das ist die Geschichte, an die ich denke, wenn Leute das Leben eines Kampfkunstlehrers romantisieren. Das Dojo war kein bequemes Erbe, das mit klaren Anweisungen weitergegeben wurde. Es war eine Last, die mit Würde angenommen wurde, ein Feuer, das weitergetragen werden musste, damit es nicht erlosch. Wie es in der Tradition heißt: Trage das Feuer, nicht die Asche. Die Asche zu tragen bedeutet, die Form, ohne den Geist zu bewahren – den Schein einer Tradition aufrechtzuerhalten, während ihr Wesen verblasst. Kubo Sensei trug das Feuer.

Unter seiner Leitung wurde Kyumeikan zu etwas Außergewöhnlichem. Aus einem einzigen Dojo in Itabashi-ku wuchs es zu einer Institution heran, die mehr als fünftausend Schüler in Japan und über dreitausend internationale Praktizierende aus fünfzig Ländern erreichte. Kubo Sensei organisierte zweiundfünfzig internationale Reisen in dreißig Länder und verbreitete Kendo, Iaido und Jodo persönlich rund um den Globus. Sein Motto – watoshinrai, Freundschaft und Vertrauen – war kein bloßer Slogan. Es war die Leitphilosophie hinter allem, was er aufbaute.

Er schrieb einmal: „Wir sind nur ein Unkraut auf dem Feld –nicht schön wie eine Rose, sondern eine von vielen kleinen Anstrengungen für den Weltfrieden und das gegenseitige Verständnis.“ Diese Bescheidenheit war aufrichtig. Und doch war das, was Kyumeikan auf seine stille Art erreichte, alles andere als klein.

Die Uchi-Deshi-Jahre: Das Leben im Dojo

Ich war einer von Kubo SenseisUchi-Deshi – ein im Dojo lebender Schüler, der Tag und Nacht in das Leben des Dojos eingetaucht war. Die Beziehung eines Uchi-Deshi gehört zu den engsten in den Kampfkünsten. Man besucht nicht nur den Unterricht; man lebt in der Welt des Lehrers. Man nimmt nicht nur die Technik auf, sondern auch die Umgangsformen, die Philosophie und den täglichen Rhythmus eines Lebens, das dem Budo gewidmet ist.

Durch Kubo Sensei öffneten sich Türen, die ich allein niemals hätte erreichen können. Er stellte mich Lehrern vor, deren Wissen und Überlieferungslinien die gesamte Bandbreite der japanischen Kampfkunsttradition umfassten. Er ging bei diesen Vermittlungen mit Bedacht vor – er wusste, welcher Lehrer mich auf welche Weise herausfordern würde, welche Schule eine Lücke in meinem Verständnis schließen würde, welche Philosophie mein Denken erweitern würde. Er war nicht einfach nur ein Lehrer. Er war der Architekt einer Kampfkunstausbildung.

Vieles von dem, was mich als Kampfkünstler ausmacht – als Hanshi, als Ausbilder, als jemand, der weltweit praktische Kampfsysteme entwickelt und unterrichtet hat –, entspringt direkt aus diesen Jahren im Kyumeikan und dem Wissensnetzwerk, das Kubo Sensei um mich herum aufgebaut hat. Man kann nicht in Worte fassen, was das bedeutet. Man kann es nur weitergeben.

Das Alte und das Neue: Shu-Ha-Ri

Kubo Sensei sprach oft von Shu-Ha-Ri – den drei Stufen der Meisterschaft. Shu: Befolge die Regeln absolut, schaffe das Fundament, lass keine Abweichungen zu. Ha: Beginne zu hinterfragen, dich auszutauschen, die Prinzipien an anderen Ideen zu messen. Ri: Übersteige die Regeln, nachdem du sie so vollständig verinnerlicht hast, dass sie nicht mehr bewusst befolgt werden müssen.

Dieser Rahmen spiegelt meine eigene Überzeugung wider, die durch jahrzehntelanges Training in vielen Disziplinen gefestigt wurde: Um das Neue zu verstehen, muss man zuerst das Alte meistern. Die klassischen Künste – Kenjutsu, Iaido, Jodo – sind keine Museumsstücke. Sie sind das Fundament, auf dem jedes praktische Verständnis des Schwertes aufbaut. Ohne dieses Fundament schwebt das moderne oder sportorientierte Training ohne Wurzeln. Mit ihm wird alles bedeutungsvoller, präziser, ehrlicher.

Deshalb habe ich sowohl in meinem eigenen Studium als auch in meinem Unterricht stets darauf bestanden, dass Selbsterhaltung und Selbstverteidigung als Einheit studiert werden müssen. Es handelt sich nicht um getrennte Wege. Die innere Kultivierung, die die klassische Praxis verlangt – die Stille, die Disziplin, die Ethik –, ist untrennbar mit ihren äußeren Anwendungen verbunden. Man kann nicht das eine entwickeln, während man das andere vernachlässigt, und sich dennoch im vollen Sinne als Kampfkünstler bezeichnen.

Den Samen säen: Kendo kommt nach Israel

Unter den vielen Dingen, die ich Kubo Sensei verdanke, gibt es eines, das für mich von besonderer persönlicher Bedeutung ist: Er war es, der mir half, das erste Kendo-Dojo in Israel zu gründen, und der zusammen mit Sato Sensei vom Imperial Palace Dojo die Gründung der Israel Kendo Federation im Jahr 1985 unterstützte –die von Anfang an der International Kendo Federation angegliedert war. Das war keine Kleinigkeit. Um eine Kampfkunst auf neuem Boden zu etablieren, bedarf es nicht nur Begeisterung, sondern auch Glaubwürdigkeit, Verbindungen und der Unterstützung derjenigen, die in der internationalen Gemeinschaft dieser Kunst anerkannt sind. Kubo Sensei stellte all das zur Verfügung.

Die Gründung der Israel Kendo Federation ist auf ihre Weise eine Geschichte vom Weitertragen des Feuers. Kendo hatte in Israel keine natürliche Heimat. Es gab keine Tradition, keine Infrastruktur, keine etablierte Gemeinschaft von Praktizierenden. Was es gab, war die Überzeugung, dass Budo – echtes Budo mit seinen ethischen Grundlagen und seinem Anspruch auf echtes Engagement – etwas zu bieten hatte, das über Kultur und Geografie hinausging. Kubo Sensei glaubte fest daran und handelte entsprechend, indem er die Bemühungen unterstützte, dies zu verwirklichen. Sato Sensei, dessen Ansehen in der japanischen Welt der Kampfkünste dem Verband in den Augen der International Kendo Federation Legitimität verlieh, stellte in einem entscheidenden Moment seinen Namen und seinen Einfluss zur Verfügung.

Dieser Verband, der 1985 aus der Vision zweier japanischer Meister und eines israelischen Schülers hervorging, besteht noch immer. Er ist eines der stilleren Denkmäler für das, was Kubo Sensei aufgebaut hat – nicht durch große Gesten, sondern durch persönliches Vertrauen, gezielte Vermittlungen und die geduldige Arbeit, Kendo nicht als japanischen Export, sondern als menschliches Erbe zu verbreiten.

Ein letzter Besuch im Kyumeikan

Als ich bei meinem letzten Besuch im Kyumeikan stand, war es im Dojo still. Die Tatami, die Waffen an den Wänden, die abgenutzte Trainingsausrüstung – alles war genau so, wie ich es in Erinnerung hatte. Kubo Sensei war nicht mehr da, aber der Raum bewahrte noch immer die Form all dessen, was er im Laufe seines Lebens in ihn hineingesteckt hatte. Ich dachte an die Worte des Mönchs an den jungen Samurai. Du hast nur einen Pfeil. Kubo Sensei verbrachte seinen Pfeil – sein einziges Leben – für etwas, das zählte. Er gab den Traum des Fotografen auf, das amerikanische Abenteuer, den einfachen Weg. Er trug das Feuer, obwohl es so viel einfacher gewesen wäre, es niederzulegen. Aufgrund dieser Entscheidung tragen heute Tausende von Menschen in fünfzig Ländern etwas von diesem Feuer in ihren eigenen Händen.

Ich verließ das Dojo mit demselben Gefühl, das ich aus jeder echten Begegnung mit den Kampfkünsten mitnehme: dankbar, demütig und entschlossener denn je, das zu ehren, was mir gegeben wurde, indem ich den Berg erklimme – wirklich erklimme – und nicht einfach nur um ihn herumlaufe.

Kubo Akira Sensei – Direktor des Kyumeikan Dojo, 1957–2023. „Trage das Feuer, nicht die Asche.“

Über den Autor

Avi Nardia trägt den Rang eines Hanshi 9. Dan und ist eine anerkannte Autorität sowohl in klassischen als auch in modernen Kampfkünsten. Er besitzt den 6. Dan in Kendo und fortgeschrittene Ränge in Iaido, Jodo und Kenjutsu sowie umfangreiche Qualifikationen in modernen und praktischen Kampfsystemen. Als ehemaliger Uchi-Deshi im Kyumeikan Dojo trainierte er unter Kubo Akira Sensei, Kiyoshi Nakakura Sensei und vielen der führenden Kampfkunstmeister Japans. Er unterrichtet und gibt die Traditionen, die er empfangen hat, weiterhin weiter, in der Überzeugung, dass das Verständnis des Alten der sicherste Weg zur Beherrschung des Neuen ist.

Erinnerungen unseres brandneuen CEO und Direktors an seinen Freund Chuck Norris

Meine Reise mit dem verstorbenen Schauspieler und Kampfsportler Chuck Norris begann Mitte 1976 während der Meisterschaft von GM S. Henry Cho, wo ich Chuck durch meinen Lehrer, den verstorbenen Joe Hays – Weltmeister und Schüler meines Großmeisters Dr. Richard Chun – kennenlernte. Es war eine Ehre, unsere Kampfsportkünste vor einem riesigen Publikum im Madison Square Garden in New York City zu präsentieren. Ich war besonders begeistert, mit Chuck in Kontakt zu kommen, der damals aktiv an seinen Fähigkeiten feilte und in der globalen KampfkunstCommunity Anerkennung fand. Später kreuzten sich unsere Wege erneut, und er hieß mich herzlich willkommen und umarmte mich wie ein Familienmitglied.

Chuck war ein enger Freund von Großgroßmeister Aaron Banks, dem weltweit führenden Kampfsport-Promoter, der neben Bruce Lee eine entscheidende Rolle dabei spielte, Kampfsportarten einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Herr Banks blieb jahrzehntelang ein führender Promoter. Im Laufe der Jahre blieben Chuck und ich in Kontakt. Ich war sehr stolz darauf, mitzuerleben, wie er seine Schauspielkarriere startete, inspiriert durch die Anleitung seines Schülers, des Schauspielers Steve McQueen, in seiner Kampfsportschule. Chuck erlangte weltweite Anerkennung als Kampfsportler und zeichnete sich in Tang Soo Do, Taekwondo und brasilianischem Jiu-Jitsu aus.

Am 26. April 2000 hatte ich die Ehre, in den Madison Square Garden zurückzukehren, um meinen Titel „World Martial Arts Daredevil“ zu verteidigen. Zu meiner großen Freude nahm Chuck in seiner „Walker, Texas Ranger“-Montur an der Veranstaltung teil und gesellte sich zu einer elitären Versammlung von Kampfsportgrößen – darunter S. Henry Cho, Dr. Richard Chun, Großgroßmeister Aaron Banks, Hanshi Steven Kaufman, Lou Neglia, Rick Lenchus und andere. Die Atmosphäre kochte, als das Publikum Zeuge einer elektrisierenden Darbietung der Mixed Martial Arts wurde. Ich beendete den Wettkampf als letzter Kämpfer und verteidigte meinen Titel zum fünften Mal erfolgreich – ein berauschender Triumph. Im Anschluss an den Kampf führte ich eine waghalsige Demonstration vor: Ich zerschlug einen Stapel Glas mit einem Messerhandschlag, führte doppelte Flugtritte aus, um fünf 2,5 cm dicke Bretter in einer Bewegung zu zerschmettern, und spaltete mit Kopf- und Daumenschlägen zwei weitere dicke Bretter.

Maurice Elmalem Chuck Norris

Zum Abschluss betrat Chuck, sichtlich beeindruckt von meiner Leistung, den Ring, legte mir den Weltmeistergürtel um die Hüften und erklärte: „Du bist ein großartiger Champion.“ Dieser Moment gilt als Höhepunkt meiner Kampfkunstkarriere – eine Ehrung, die ich immer in Ehren halten werde. Im Laufe der Jahre kreuzten sich unsere Wege weiterhin bei Veranstaltungen, wie beispielsweise den Ocean State Grand National Championships in Rhode Island, wo er mehrere meiner Kampfsportbücher empfahl. Ich bin froh, dass wir eine dauerhafte Freundschaft hatten, zu der auch seine wunderbare Frau Gina gehörte. Sie waren ein bemerkenswertes Paar, und ich habe Chucks Leistungen immer bewundert. Ruhe in Frieden, lieber Freund. Danke für dein lebenslanges Engagement für die Förderung der Kampfkünste und dafür, dass du durch deine inspirierende Initiative „Kick Start America“ unzählige Menschen in Not unterstützt hast. Gott segne dich.

Er ist jenseits aller Zweifel einer der hellsten Sterne am Himmel der Kampfkünste und hat eine tiefe Spur in der Kinogeschichte derselben hinterlassen. Im Kino war er stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort, von seinem Treffen mit dem Kleinen Drachen in der erinnerungswürdigen Schlacht im römischen Kolosseum bis hin zu einem Wettlauf, der in Kino und Fernsehen ein großer Erfolg war. Aber Chuck Norris ist viel mehr. Hinter der Person steht eine ganze Geschichte, ein vom Schicksal beglücktes Wesen, das wir kennen lernen möchten. Darum haben wir den Meister Pedro Conde, unseren Experten-Reporter, gebeten, dass er sich in in die Biographie des berühmtesten Ranger der Geschichte vertieft und nun hat er diesen fantastischen Artikel geschrieben, der sehr unterhaltsam und vollständig ist und zweifellos von heute an eine Quelle für Sammler sein wird.

Alfredo Tucci

Carlos Ray Norris, besser bekannt als Chuck Norris, wurde am 10. März 1940 in Oklahoma geboren. Norris wurde inmitten einer bescheidenen und religiösen Familie erzogen, tatsächlich ist der Name Carlos eine kleine Hommage an den ehrwürdigen Carlos Berry, den Priester der Familie während dieser Jahre. Norris hat irische Vorfahren auf Seiten seines väterlichen Großvaters und seiner mütterlichen Großmutter und Cherokee-Vorfahren auf Seiten seiner väterlichen Großmutter und seines mütterlichen Großvaters. Als er an Wettkämpfen teilnahm, pflegte er über seine Herkunft zu scherzen und sagte zu seinen Gegnern: „Wenn du es schaffst, die Schlagkraft meiner irischen Hälfte zu besiegen, dann wird dir meine Cherokee-Seite auf den Leim gehen.” Im Ernst nahm er immer an, dass seine Energie und Vitalität von seinem irischen Blut und seine Entschlossenheit und sein Gleichmut von seinem indianischen Blut herrührt. Wenn Norris sagt, dass ihm nichts geschenkt wurde und er schon immer ein Kämpfer war, hat er zweifellos recht. Schon seine Geburt war ein Kampf mit dem Leben: Nach einer langen und komplizierten Geburt kam er mit Atemproblemen zu Welt und musste fünf Tage unter medizinischer Beobachtung bleiben, bis er außer Gefahr war.

Seine Kindheit war definitiv nicht leicht. Zum einen entwickelte er eine ungeheure Schüchternheit, die unter anderem daher rührte, dass es ihm nie möglich war dauerhafte Freunde zu finden: Seine Familie zog unentwegt um. Noch bevor er 15 wurde, war er bereits durch 13 unterschiedliche Städte gezogen. Die finanzielle Lage der Familie war nie allzu gut, sie mieteten immer kleine Apartments, wo man sich zum schlafen drängen musste. Ein weiteres, großes Problem seiner Kindheit war der Alkoholismus seines Vaters: Ray Norris kehrte mit einem starken Trinkproblem vom Zweiten Weltkrieg zurück. Das gab Anlass für mehrere, schwierige Situationen mit seiner Mutter und seinen Söhnen. „Glücklicherweise ist es nie soweit gekommen, dass er uns schlug.” , erinnert sich Norris. „Er war ein friedlicher Mann und wenn er nicht betrunken war, war er sehr freundlich. Aber wenn er unter dem Einfluss von Alkohol stand (also den größten Teil des Tages), war er sehr finster und unberechenbar. Manchmal schrie er uns an und bedrohte uns, was mich sehr belastete, da ich ein sensibles und verletzliches Kind war. Andere Male verschwand er für einige Tage oder sogar Wochen.” Die Situation wurde untragbar und als Chuck Norris 16 und seine Brüder Wieland und Aaron zwölf und vier waren, ließen sich seine Eltern scheiden. Kurz darauf heiratete seine Mutter erneut und der Stiefvater schaffte es, die familiäre Situation zu stabilisieren. Während dieser Zeit lernte Norris Dianne kennen, die er Jahre später heiraten würde.

Nach seinem Schulabschluss beschloss Norris, in die Armee einzutreten und zu versuchen, später einen Posten in der Armeepolizei zu erhalten. Im August 1958 heuerte er an und wurde für eine Militärbasis in Lackland, Texas eingeteilt. Dort war es auch, wo die anderen Rekruten begannen, ihn wegen der Schwierigkeiten, den Namen Carlos auszusprechen, stattdessen Chuck zu nennen.

Nach kurzer Zeit, Ende 1959, schickte man ihn zu einer Militärbasis der amerikanischen Luftwaffe in Osan, Korea. Diese Versetzung war anfangs sehr

& Don warrener

Text: Nuria Ortiz López & Pedro Conde. Fotos: Pedro Conde. Archives of Budo
„Carlos Ray Norris, besser bekannt als Chuck Norris, wurde

am 10. März 1940 in Oklahoma

geboren.”

problematisch, da er Dianne, die er kurz zuvor geheiratet hatte, nicht mitnehmen konnte, und stellte sich schließlich für sein Leben entscheidend heraus. Bei seiner Rückkehr würde nichts mehr so sein, wie es einmal war. „In der Militärbasis in Osan gab es nur vier Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben: Karten spielen, mit anderen Rekruten trinken gehen, sich bei akademischen Kursen einschreiben oder Judo trainieren. Die Mehrheit der Rekruten wählten die ersten beiden Möglichkeiten; ich wählte die letzte. Der Grund dafür ist recht einfach: Unseren Ausbildern war es ziemlich egal, ob man trainierte

oder in Form war; sobald sie die Möglichkeit hatten, machten sie dich körperlich fertig, bis du vollkommen erschöpft warst. Ich habe beschlossen, Judo zu lernen (die einzige Kampfkunst, die zu dieser Zeit bekannt war) um zum einen, meine körperliche Kapazität zu erhöhen und zum anderen zu versuchen, die Unsicherheit zu besiegen, die mich bis dahin kennzeichnete.”

Während eines Besuches im Dorf Osan zog ein seltsames Spektakel seine Aufmerksamkeit auf sich: Umringt von vielen Neugierigen gaben einige junge Koreaner eine Vorführung der

Kuriose Bilder eines jungen

In der Zeit, in der er an Wettkämpfen teilnahm, gehörte er zur Elite der Revolution des Karate mit Kontakt.

Gemeinsam mit Mike Anderson und anderen großen Namen dieser Zeit ,dejapanisierten’ sie die Kampfkunst und riefen ein neues Sportkonzept ins Leben.

Kampfkünste und führten dabei unglaubliche Tritte jeglicher Form aus: Kreisförmig, in der Umdrehung, im Sprung usw. Norris war sehr beeindruckt von dem, was er sah; er hatte niemals gedacht, dass der menschliche Köper zu so etwas fähig sei.

Nach langem Beharren schaffte es Norris schließlich, in den Tang Soo Do-Unterricht (so nannte sich die Kampfkunst, die diese jungen Leute aufgeführt haben) des koreanischen Meisters Jae Chul Shin aufgenommen zu werden. „Shin pflegte den traditionellen Stil des Trainings”, erinnert sich Norris mit einem Lächeln. „Das heißt: Fünf Stunden von Montag bis Samstag. Wir waren ungefähr 20 Schüler, die Mehrheit waren Koreaner mit dem Schwarzen Gürtel und wenige Amerikaner. Der Anfang war besonders hart, Shin und seine Schüler wussten nur sehr wenig von pädagogischer Psychologie. Es gab nichts dazwischen: Entweder gefiel und es dir und du gabst dich bis zur Seele jedem Training hin, oder du gingst nach einer Woche fluchend davon. Glücklicherweise war ich vom Anfang bis zum Schluss ein ausdauernder und standhafter Schüler. Man kann ohne zu übertreiben sagen, dass die Kampfkünste mein Leben veränderten. Nachdem ich einige Monate trainiert habe, begann ich, mich viel selbstsicherer zu

Dank Bruce Lee begann seine Filmkarriere, in der er im Laufe der sehr langen Zeit tiefe Spuren hinterließ. Fotos während der Dreharbeiten, einige kuriose wie dieses falsche auf der oberen rechten Seite, auf der er mit seinem langjährigen Freund Bob Wall zu sehen wäre.

fühlen und wurde viel kommunikativer und sozialer mit meinen Kollegen bei der Basis. Sie haben mich sogar einmal zum ,Soldaten des Monats’ gewählt!”

Als Norris im März 1961 Osan verlassen musste, um in die USA zurückzukehren, verfügte er bereits über den Schwarzen Gürtel im TangSoo Do und den Braunen Gürtel im Judo. Nachdem er nach Hause zurückgekehrt war, wurde er zum Unteroffizier der Armeepolizei der Luftwaffenbasis von Riverside ernannt. Damals beschloss er, seine Karriere im Militär mit seiner Leidenschaft für Kampfkünste zu vereinen. Er nahm weiterhin Judostunden (er nahm sogar an einigen überstaatlichen Turnieren teil), während er TangSoo Do alleine trainierte, da er keinen Meister kannte, der diesen Stil unterrichtete. Dann begann er, „Karate”-stunden zu geben. Da man zu dieser Zeit, wenn man von Tang So Do sprach, dachte, es handle sich dabei um ein orientalisches Essen, sah sich Norris gezwungen, den ansatzweise bekannten Begriff ,Karate’ zu gebrauchen. Seine ersten Schüler waren seine Brüder und Cousins und Soldaten seiner Basis. Ihm wurde schnell klar, dass es sehr viele Menschen gab, die sich für die Kampfkünste interessierten, weshalb er 1962 die Armee verließ und sich ausschließlich dem Unterrichten widmete. Er öffnete ein kleines Sportzentrum, aber die Dinge liefen nicht so, wie er es sich erhoffte: „Wenn ich wirklich als Lehrer der Kampfkünste

Erfolg haben wollte, musste ich zuerst einige nationale Turniere gewinnen. Es war die einzige Möglichkeit, mir einen gewissen Bekanntheitsgrad in dieser kleinen Welt zu verschaffen und die Aufmerksamkeit der fachlichen Presse auf mich zu lenken.”

So seltsam es auch erscheinen mag, ging Chuck Norris aus seinen ersten Versuchen, sich zum Champion zu machen, besiegt hervor. Weit davon entfernt, sich geschlagen zu geben, zeigte er einmal mehr, dass Beständigkeit und der Glaube an sich selbst früher oder später Früchte tragen; so ging er 1964 in einem Turnier in Los Angeles als Sieger hervor. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen Sportkarriere. Norris brachte bald die Tritte in der Umdrehung in Mode, denen er mehr als nur einen Titel verdankt. Er und seine Schüler begannen, überall wo sie waren, die anderen zu besiegen. Endlich bot sich ihm im August 1966 die Möglichkeit, beim wichtigsten Turnier der Zeit teilzunehmen: dem Internationalen in Long Beach, organisiert von Ed Parker; eine Möglichkeit, die er sich nicht entgehen ließ, denn er ging mit dem Titel des Mittelgewichts nach Hause.

Damals wurde Chuck Norris klar, dass, wenn er bereits Blut schwitzen musste, um an die Spitze zu gelangen, es ihn noch viel mehr kosten würde, wenn er unter der Elite bleiben wollte. Er beschloss also, sich mit Körper und Seele den Kampfkünsten hinzugeben. Er

Mit dem Autor des Artikels, Pedro Conde, bei einem der vielen Interviews, die er im Laufe seines Lebens gegeben hat.

begann, mit den besten KarateLehrern der amerikanischen Westküste zu trainieren: Mit Fumio Demura, Experte in Shito Ryu, mit Hidetaka Nishiyama, Meister des Shotokan und mit Tutamu Oshima, von dem ihm einige besondere Erinnerungen geblieben sind: „Oshima war extrem hart. Das Niveau, auf das er seine Stunden brachte, war beeindruckend; mit ihm habe ich gelernt, die Grenzen, die mir mein Körper setzte, zu überschreiten und den körperlichen und technischen Fortschritt mit Opfern und Leiden auf der Macht des Geistes aufzubauen.” Er trainierte auch Hapkido und Aikido mit dem Meister Jun Chung und Ju Jitsu mit Al Thomas. Unter der Führung von Ed Parker lernte er Kenpo-Karate, und Gene Lebell, Experte in Wrestling, Judo, Boden und Karate, vermittelte ihm eine gute Basis für den Nah- und Bodenkampf. Norris’ Talent und die Lehren dieser Meister erlaubten es ihm, 1967 seinen Championtitel im Mittelgewicht zu verteidigen und außerdem den Titel aller Gewichtsklassen vom berühmten Joe Lewis zu übernehmen. Bei dieser Meisterschaft lernte er auch Bruce Lee kennen.

Auf dieses Turnier folgten weitere, die ihn zum großen Koloss der amerikanischen Wettkämpfe werden ließen. Über seinen Erfolg bei diesen Ereignissen sagte er „Es gibt drei Facetten, um ein Sieger zu sein: Die geistige, die körperliche und die psychologische. Ich bereite mich geistig vor, indem ich die schwachen und starken Punkte meiner Gegner kennenlerne und ziehe so einen Vorteil daraus. Wenn ich geistig vorbereitet bin, kann ich alles sehen und wahrnehmen, was um mich herum passiert. Ich bereite mich psychologisch vor, indem ich an mich und meine Fähigkeiten glaube und daran, dass ich siegen kann. Ich bereite mich körperlich vor, indem ich eifrig trainiere und somit meine Techniken auf die bestmögliche Form bringe. Unter exzellenten Bedingungen passiert es immer wieder, dass ich meinen Gegner schlage, ohne dass mein Gehirn es registriert. Wo ich eine Lücke sehe, komme ich herein.”

Als er Bruce Lee kennenlernte, begannen die beiden, drei oder vier Stunden ein oder zweimal pro Woche miteinander zu trainieren, so begann ihre Freundschaft. Norris schaffte es, Bruce davon zu überzeugen, dass es immer nützlich sein kann, etwas zu treten (Bruce war sehr vom Wing Chun beeinflusst und trat nur von der Hüfte abwärts) und er zeigte ihm einige Techniken. Im Austausch dazu erklärte ihm der Kleine Drache Mechanismen des direkten Schlages im Wing Chun, was Norris sofort in sein Kampfrepertoire aufnahm.

Die erste Rolle, die Chuck Norris in einem Film übernahm, erhielt er dank Bruce Lee, als dieser ihn eines Morgens im Jahr 1968 anrief und ihm sagte:

„Chuck, ich kann dir eine kleine Rolle verschaffen, die ideal für dich wäre: Du wärst der Leibwächter der Schauspielerin Elke Sommer im Film „Rollenkommando“. Bist du interessiert?” In diesem Film spielten außerdem Dean Martin und Sharon Tate mit…Natürlich war Norris enorm interessiert. Aber die erste Chance in einer ernsthaften und wichtigen Produktion in der Welt der siebenten Kunst kam nicht, bevor ihn 1972 Bruce Lee aus Hong Kong anrief, um ihm die zweite Hauptrolle im Film „Die Todeskralle schlägt wieder zu“ anzubieten. Obwohl Norris bereits großes Ansehen genoss, ließ er sich die Möglichkeit, sich weltweite Bekanntschaft und Eintritt in die Welt des Kinos zu verschaffen, die ihm Bruce Lee anbot, nicht entgehen. Norris reiste nach Rom und danach nach Hong Kong, um mit Bruce Lee das zu drehen, was später der „Kampf des Jahrhunderts” genannt wurde, ihr Duell im Kolosseum, was an die alten Gladiatorenkämpfe erinnert.

Nachdem er praktisch alles gewonnen hatte, hörte Chuck Norris Anfang 1974 auf, an Wettkämpfen teilzunehmen, um sich vollkommen seiner Arbeit als Lehrer der Kampfküste zu widmen. „Manchmal ist es fast genauso wichtig, zu wissen, wann man aufhört, wie wann man beginnt. Im Alter von 34 Jahren habe ich sechs Jahre in Folge den Weltmeistertitel des Karate erhalten. Ich hatte nicht mehr die nötige Intensität, um erneut zu kämpfen, also entschied ich, mich vollständig in den

Mit dem Autor des Artikels, Pedro Conde, und dem Großmeister

Raúl Gutiérrez Jahre später.

Unterricht der Kampfkünste zurückzuziehen. Sei es, weil mich der Tod von Bruce Lee in meiner Entscheidung beeinflusste oder ob es einfach nur der Wunsch war, mich dann zurückzuziehen, als ich ganz oben war –ich bin nicht sicher, aber offiziell zog ich mich 1974 aus der Karatemeisterschaft zurück und verließ den Ring als sechsfacher Weltmeister der Mittelgewichtsklasse.”

Nach seinem Eintritt in den Ruhestand schloss er sich mit Bob Wall zusammen und sie eröffneten mehrere Schulen, Norris übernahm das Unterrichten und Bob die betrieblichen Angelegenheiten, aber das funktionierte nicht. Nach der Premiere von „Die Todeskralle schlägt wieder zu“ vergrößerte sich seine Berühmtheit in den USA und 1977 übernahm er die Hauptrolle in „Breaker! Breaker!“ und ein Jahr später die in

„Black Tiger“. Nach dem Tod von Bruce Lee war der Thron des „Königs der Kampfkünste” frei und es sah so aus, als ob kein Bürger der östlichen Welt genug Talent hatte, um ihn zu besetzen, somit suchte Hollywood eine Alternative: Logischerweise war der einzige aus dem Westen, der genug Ruhm und Wissen besaß, um diesen Posten zu dieser Zeit zu besetzen, Chuck Norris. Es war offensichtlich, dass das Publikum genug von so vielen östlichen Filmen hatte, man brauchte einen westlichen Schauspieler, mit dem sich das Publikum identifizieren konnte. „Der Bulldozer“ war seine nächste Arbeit (in der er gemeinsam mit Bill Wallace arbeitete), „Octagon“, „Der Gigant“ waren weitere. Die erste Etappe seiner Filmographie reduziert sich auf Kampfkunstfilme, doch zu Beginn der 80er versucht Norris einen Wechsel

seiner Rolle, in die er bisher eingeordnet wurde und spielte nun in Actionfilmen im Stil von Schwarzenegger und Stallone. „Missing in Action“, „Invasion USA“, „McQuade, der Wolf“, „Cusak – Der Schweigsame“ und „Delta Force“ sind gute Beispiele für die zweite Etappe von Chuck Norris’ Filmographie. In Bezug auf diesen Wechsel kommentierte Norris: „Mitte der 70er wurde ich als Karate-Star eingestuft. Mein Vorhaben war es, dieses Thema zu unterbinden und somit musste ich mich im Kino von den Kampfkünsten entfernen. Ich glaube, dass ich es inzwischen geschafft habe, mir einen Namen unter den Größen des Actionfilms zu machen, also kann ich ernsthaft darüber nachdenken, wieder mehr Kampfkunst in meine Filme einfließen zu lassen.”

1987, vor dem Beginn der Dreharbeiten für „Braddock –Missing in Action 3“ hatte Chuck Norris eine Erfahrung, die sein Konzept der Kampfkünste komplett ändern sollte… „Bob Walls und ich sind nach Rio de Janeiro, Brasilien für einen Tauchurlaub gereist. Während wir dort waren, wollte ich die unterschiedlichen Stile der Kampfkünste kennenlernen, die man im Land praktizierte. Wir trainierten in verschiedenen Akademien und überall, wo wir hinkamen, erzählte man uns etwas über die erstaunliche Familie Gracie, eine der lokalen Ikonen des Ju Jitsu. ,Niemand lässt sich mit den Gracies ein.’, sagten alle. ,Diese Leute sind sehr rau!’ Bob und ich beschlossen, dass wir die Familie Gracie kennenlernen wollten und begannen, ihre Akademie in Rio zu suchen. Dort lernten wir Helio Gracie kennen, den Vater des Clans, ein kleiner Mann von etwas mehr als 70 Jahren und seinen Sohn, Rikson, den Anführer der Jüngeren der Gracies. Bob und ich baten darum, mit ihnen zu trainieren und sie nahmen freudig an. Ich hatte zuvor etwas Ju Jitsu bei Gene LaBelle in den USA gelernt und bin ein Schwarzgurt im Judo, darum fühlte ich mich, als könnte ich mit dem Niveau dieser Jungs mithalten. Aber als wir in den Tatami eintraten, entdeckte ich schnell, dass keine der Bewegungen all der Kampfkünste, die ich beherrschte, gegen die Gracies wirksam war. Es war, als hätte ich niemals in meinem Leben Kampfkünste trainiert! Es war die demütigendste Erfahrung, die ich als Praktizierender der Kampfkünste erlebt habe. Diese Typen warfen mich zu Boden! Helio Gracie kam auf die Matte und wollte einen Kampf. Wir kämpften entlang der ganzen Tatami und einmal konnte ich die Oberhand gewinnen. Dann sagte Senhor Gracie zu mir: ,Chuck, schlag mich!’ – ,Oh nein, Senhor Gracie, ich werde sie nicht schlagen.’ – ,Nein, nein, kein Problem. Na los, schlag mich!’ Der Alte bestand darauf. Also sagte ich: ,Also gut…in Ordnung’, während ich meinen Arm hob…und das ist das letzte, woran ich mich erinnere. Er hat mich ausgeknockt. Als ich wieder aufwachte, sah ich mich um und dachte, dass der Alte mir auf den Hals geschlagen hatte und ich ohnmächtig geworden war. Ich glaube, mein Hals tat Tage danach noch weh. Senhor Gracie lächelte und bot mir an: ,Chuck, bleib hier bei uns in Rio und ich mache dich zu einem der besten Ju Jitsu-Kämpfer der Welt.’ –,Danke, Senhor Gracie, aber ich muss wirklich in die USA zurück’, sage ich, während ich versuchte, zu schlucken. Ich würde die Dreharbeiten eines weiteren Filmes beginnen, darum konnte ich nicht länger in Brasilien bleiben.”

Dennoch beeinflusste ihn diese Erfahrung bis zu dem Punkt, an dem er die Möglichkeit hatte und Brazilian Ju Jitsu bei den Machado-Brüdern zu trainieren begann, in einigen Gelegenheiten kämpfte er auch mit den Gracies… „Seit 1978 habe ich eine Organisation von Schwarzgurten der Kampfkünste angeführt, bekannt als der Bund der Vereinigten Kampfkünste. Jedes Jahr im Juli lade ich alle meine Schwarzgurt-Schüler zu einem Konvent in Las Vegas ein, wo wir für ein paar Tage gemeinsam trainieren. Für zehn Jahre in Folge, angefangen in 1993, haben die Gracies und die Machado-Brüder bei dem Konvent Seminare gegeben.”

Um wieder zu seiner Filmkarriere zurückzukehren, geriet die Figur des Chuck Norris als Schauspieler und Kampfkünstler Ende der 80er Jahre in eine Krise. Seine letzten Filme („Hero“ und „Hitman“) hatten nicht den erhofften Erfolg. In Spanien zum Beispiel gingen diese Produktionen direkt an den Video-Markt und wurden gar nicht erst in den Kinosälen gezeigt.

Trotz allem war er weiterhin sehr beliebt in den USA: Als persönlicher Freund des ExPräsidenten Bush entwickelte er ein breitgefächertes Anti-Drogen Programm, indem er in den Randgebieten großer Städte den Jugendlichen Kampfkünste beibrachte… 1992, als es so aussah, als hätten andere ,Helden’ des Kampfkunst- und Action-Kinos ihn überholt, wurde ihm ein waghalsiges Angebot gemacht: Eine Fernsehserie, dessen Hauptperson an die Figur erinnerte, die er in „McQuade, der Wolf“ spielte. „Während ich 1992 in Israel den Film „Hellbound“ drehte, rief mich mein Vertreter Mike Emery an und fragte mich, ob ich Interesse hätte, eine wöchentliche Serie namens „Walker, Texas Ranger“ mit CBS zu machen, eine moderne Geschichte eines texanischen Rangers, der die altmodischen Werte hat und das Gute gegen das Böse verkörpert. Anfangs war ich nicht sonderlich interessiert, aber Mike motivierte mich, als er mir sagte, dass es sich um einen Gesetzeshüter im Cowboystil handele, der gegen Verbrechen in der modernen, texanischen Stadt kämpfte. ,Lass mich darüber nachdenken, Mike, ich bin nicht sicher, ob ich Fernsehen machen will.’, sagte ich. ,Nach allem wäre es ein großes Risiko. Außerdem, wenn die Serie keinen Erfolg hat, könnte es meiner Kinokarriere schädigen.’”

Manchmal hatte Chuck Norris verkündet, dass er sich mit der Figur, die er in „McQuade, der Wolf“ gespielt hatte, gut hatte identifizieren können. Die Idee der Serie überzeugte ihn, aber wenn sie nicht den erhofften Erfolg haben würde, so wie seine Karriere in letzter Zeit lief, würde ein Scheitern fatale Folgen haben. Chuck Norris hat in seinem Leben viele riskante Entscheidungen getroffen, fast immer ist es gut ausgegangen und auch dieses Mal war

keine Ausnahme, er nahm die Hauptrolle der Serie an… „ ,Walker wurde die erfolgreichste Fernsehserie am Samstag seit der legendären Serie „Rauchende Colts“. Es war nicht überraschend, dass viele Fernsehkritiker sie als gewalttätig einstuften. Ich war enttäuscht, aber nicht beleidigt. Wir hatten das typische Cowboy-Ambiente von einst im Programm und unsere Figuren stürzten sich ständig in Schlägereien und schossen auch mit Pistolen, aber natürlich gewann Walker viele Auseinandersetzungen, indem er sein Wissen über Kampfkünste einfließen lies. Das führte dazu, das einige Menschen es als gewalttätig ansahen. Was die Kritiker aber vorzogen, nicht zu sehen, war natürlich die Tatsache, dass die Guten in Walker Gewalt niemals anwendeten, wenn es eine andere Möglichkeit gab, die Verbrecher festzunehmen und sogar bei diesen Gelegenheiten wurde immer gezeigt, dass die angewandte Gewalt die letzte Möglichkeit war und nur als Möglichkeit eingesetzt wurde, damit das Gute das Böse besiegt.”

Die Serie war nicht nur in Nordamerika sehr erfolgreich, sondern auch in den Ländern, in denen sie sonst gezeigt wurde, machte Chuck Norris zu der berühmtesten Figur auf Kampfkunst-Niveau im öffentlichen Rahmen und überstieg in seiner Berühmtheit sogar Steven Seagal und Jean Claude van Damme.

„Walker, Texas Ranger“ bestand aus 203 Folgen von je 45 Minuten und wurde zwischen dem 21. April 1993 und dem 19. Mai 2001 vom nordamerikanischen Sender CBS ausgestrahlt. Auf internationaler Ebene wurde die Serie in mehr als 80 Länder auf der ganzen Welt übertragen, mit einem Durchschnitt von einer Milliarde Zuschauer pro Folge.

„Die letzte Folge von Walker, Texas Ranger, ein großes, zweistündiges Finale, wurde am 6. April 2001 ausgestrahlt. Es war ein sehr emotionaler Moment für uns alle. Viele im Team haben für acht Staffeln zusammen gearbeitet; wir waren wie eine Familie. Als wir unseren letzten Tag beendeten, rede ich kurz mit dem Personal und den Schauspielern. Ich habe mich nicht getraut, viel zu sagen, weil ich Angst hatte, zu weinen. Trotzdem gab es beim Abschied viele Tränen. Als wir die Szenerie von Walker schlossen, sah ich meine Frau Gena an und sagte: ,Komm, wir gehen nach Hause.’ Als wir begannen, für die Serie zu arbeiten, dachte ich, dass Walker Potential hätte, sich drei oder vier Jahre lang zu halten. Ich hatte niemals gedacht, dass es acht werden würden! CBS hätte vielleicht noch ein Jahr weiter gemacht, aber zu diesem Zeitpunkt war Gena schwanger und ich wollte nicht an die festen Zeitpläne der Serie gebunden sein. Gena würde Zwillinge bekommen und ich wusste, dass sie meine Hilfe braucht.”

Nach der Geburt der Zwillinge setzte sich Chuck Norris praktisch zur Ruhe und spielte nur hin und wieder eine Rolle in einigen Filmen (die nur im Fernsehen gezeigt wurden), die mit seiner Serie verbunden waren. 2005 drehte er den Film „The Cutter“, in dem er praktisch unbemerkt auftauchte. Seitdem hat er kaum seine Ranch Lone Wolf in Napisota, Texas, verlassen, wenn dann nur für einen öffentlichen Akt. 2012 gelang ihm die Teilnahme an „The expandables 2“, was seine letzte Arbeit ist. Mit 74 Jahren will er nur noch Ruhe und seine Familie genießen. Diejenigen, die die Ehre hatten, ihn kennenzulernen, wissen, dass er ein Gentleman ist, er ist einfach der große Ritter (mit einem großen R) der Kampfkünste. Diejenigen, die ihn kennenlernen durften, können bestätigen, dass er die Latte als Person und Meister sehr hoch gelegt hat. Und in letzterer Kategorie bleiben nicht mehr viele.

Die Berufung nach der Hingabe

Was muss ein Krieger tun, wenn er sich Christus hingegeben hat?

Es gibt einen Moment im Leben eines Menschen, den Worte kaum fassen können. Er ist nicht laut, doch er mag die Himmel erschüttern. Er ist für die Welt nicht sichtbar, doch er verändert alles. Es ist der Moment, in dem ein Mensch, nachdem er sein ganzes Leben lang gekämpft, gestrebt, erobert, Widerstand geleistet und ausgeharrt hat, endlich an seine Grenzen stößt und sich verneigt – nicht vor einem anderen Menschen, nicht vor dem Schmerz, nicht vor dem Scheitern, sondern vor Gott. Dieser Moment ist keine Schwäche. Er ist keine Niederlage. Er ist nicht der Zusammenbruch der Kraft, sondern die Offenbarung ihrer Grenzen. Er ist das Zerbrechen der Illusion. Er ist der Tod des Stolzes. Er ist die Erkenntnis, dass keine Menge an Macht, Intellekt, Disziplin oder weltlichen Errungenschaften die Leere in der Seele füllen kann, die allein für Gott geschaffen wurde.

Und nach diesem Moment – nach den Tränen, nach dem Zerbrechen, nach der Hingabe – taucht eine Frage auf, die leise aus den Tiefen des Herzens emporsteigt, doch das ganze Gewicht der Ewigkeit in sich trägt:

Nun, da ich mich Jesus Christus als meinem Herrn und Erlöser hingegeben habe, was tue ich?

Diese Frage ist nicht so einfach, wie sie klingt. Tatsächlich ist sie eine der schwierigsten und wichtigsten Fragen, die ein Mensch jemals stellen kann. Denn es ist eine Sache, vor Gott auf die Knie gezwungen zu werden. Es ist etwas anderes, wieder aufzustehen und den Rest deines Lebens im Einklang mit dieser Hingabe zu leben. Viele Menschen erleben einen Moment der Überzeugung. Viele kommen sogar zu Tränen. Aber sich wirklich hinzugeben bedeutet, dass der Rest deines Lebens nicht mehr dir gehört. Es bedeutet, dass du nicht mehr fragst, was du willst, was du bevorzugst, was deine Ambitionen erfüllt oder was deinem Image dient. Die einzige Frage, die bleibt, ist: Was ist Sein Wille?

Als ich zum ersten Mal zu Christus kam, rang ich zutiefst mit dieser Frage. Ich dachte, vielleicht sei die Antwort offensichtlich. Vielleicht müsste ich, um Gott wirklich zu dienen, alles aufgeben, was ich gekannt hatte, und alles, was ich geerbt hatte. Vielleicht müsste ich meine Führungsrolle bei Hwa Rang Do® aufgeben. Vielleicht müsste ich mich vom Erbe meines Vaters, der Last meiner Abstammung und dem Weg, der jeden Atemzug meiner Existenz seit meiner Kindheit bestimmt hatte, lösen. Ich überlegte, ob ich ein Priesterseminar besuchen, Pastor werden und den Rest meines Lebens der Predigt von der Kanzel widmen sollte. In meinen Augen schien dies der direkteste und edelste Weg zu sein, dem Herrn zu dienen.

Doch diese Annahme, so aufrichtig sie auch war, beruhte auf einer engen Sichtweise des Dienens. Es war eine menschliche Denkweise, keine göttliche.

Während ich isoliert blieb, vertieft in die Heilige Schrift, das Gebet und unzählige Predigten, begann ich etwas zu erkennen, das ich zuvor nicht verstanden hatte. Ich sah Männer und Frauen aus allen Lebensbereichen, die von Gott gebraucht wurden. Ich sah Prediger, ja, aber ich sah auch gebrochene Menschen, ruinierte Menschen, vergessene Menschen – Männer in Gefängniszellen, die lebenslange Haftstrafen ohne Aussicht auf Bewährung verbüßten, Männer, die die Welt als unver-

besserlich abgetan hatte, Männer, die schweres Unrecht begangen hatten, und doch, nachdem sie Christus angenommen hatten, predigten sie hinter Gittern das Evangelium und führten andere Gefangene zu Gott. Da waren sie, eingeschlossen in Beton und Stahl, äußerlich verurteilt, und doch geistlich freier als viele, die auf der Erde wandelten. Ich sah, dass Gott sie nicht verlassen hatte. Er hatte nicht gesagt: „Weil ihr hier seid, könnt ihr mir nicht dienen.“ Im Gegenteil, er hatte den Ort ihres Urteils in den Boden ihres Dienstes verwandelt. Und das traf mich mit ungeheurer Wucht.

Wenn ein Mann im Gefängnis Gott dienen kann, wenn jemand, der keine weltliche Freiheit besitzt, dennoch den göttlichen Plan erfüllen kann, dann gibt es offensichtlich nicht nur einen Weg, dem Herrn zu dienen. Es gibt viele Wege. Es geht nicht um die Form. Es geht um Gehorsam.

Da wurden die Worte Christi und der Apostel auf neue Weise lebendig. Uns wird gesagt, dass der Leib Christi aus vielen Gliedern besteht. Das Auge ist nicht die Hand. Die Hand ist nicht der Fuß. Das Ohr ist nicht der Mund. Doch keines ist größer, keines ist entbehrlich, und keines kann zum anderen sagen: „Ich brauche dich nicht.“ Der Leib ist eins, weil der Geist eins ist, auch wenn die Funktionen vielfältig sind. Das ist eine einfache Wahrheit, doch eine von tiefgreifender Tragweite. Wir Menschen versuchen immer, uns gegenseitig einzustufen. Wir wollen wissen, wer wichtiger ist, wessen Rolle heiliger ist, wessen Beitrag größer ist. Aber Gott sieht nicht so, wie der Mensch sieht. Derjenige, der von der Kanzel predigt, ist nicht größer als derjenige, der treu im Verborgenen dient. Derjenige, der die Heilige Schrift lehrt, steht nicht von Natur aus über demjenigen, der sie durch Opferbereitschaft, Disziplin, Wahrhaftigkeit und Mut verkörpert. Jeder Teil hat seinen Platz. Jede Seele hat eine Berufung. Die Frage ist nicht, ob meine Berufung so aussieht wie deine. Die Frage ist, ob ich bereit bin, den Willen Gottes an dem Ort zu tun, an den Er mich gestellt hat.

Diese Erkenntnis begann mir die Augen zu öffnen. Als Christus gefragt wurde, welches der Gebote das größte sei, gab er keine Antwort, die sich auf Rituale, Titel oder Institutionen bezog. Er brachte alles auf seinen Kern zurück. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Verstand und mit aller deiner Kraft. Und das zweite ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Alles beruht auf der Liebe. Genau hier missverstehen viele Menschen den Gehorsam. Sie glauben, Gehorsam bedeute Unterwerfung unter Drohungen. Sie glauben, Gott zu gehorchen bedeute, aus Angst zu handeln – aus Angst vor Strafe, vor dem Gericht, vor der Hölle. Doch Angst kann das Verhalten zügeln, ohne das Herz zu verwandeln. Liebe ist es, die das Herz verwandelt. Ein Kind, das seine Eltern liebt, gehorcht nicht bloß, weil es Angst vor den Folgen hat. Es gehorcht, weil es sich danach sehnt, denen zu gefallen, die es liebt. Es mag ihm misslingen. Es mag ihm nicht gelingen. Es mag sie enttäuschen. Doch wenn die Liebe echt ist, dann ist sein Wunsch nicht, zu rebellieren, sondern es besser zu machen. Und wenn es ihm misslingt, vergeben ihm liebende Eltern, weisen es zurecht und lieben es nicht weniger. Dies, so wurde mir klar, ist nur ein schwacher Abglanz unserer Beziehung zu unserem himmlischen Vater.

Christus sagt: „Wenn ihr mich liebt, haltet meine Gebote.“ Er sagt nicht: „Wenn ihr mich fürchtet.“ Er sagt nicht: „Wenn ihr Strafe vermeiden wollt.“ Er sagt: „Wenn ihr mich liebt.“ Das verändert alles. Das Motiv ist nicht mehr Furcht, sondern Hingabe. Wir bemühen uns nicht, weil wir uns für vollkommen halten. Wir bemühen uns, weil wir lieben. Wir bemühen uns, weil die Gnade uns aufgebrochen hat. Wir bemühen uns, denn nachdem wir gesehen haben, wer Er ist und was Er getan hat – wie könnten wir da nicht danach streben, unser Allerbestes zu geben?

Doch selbst als mir dies immer klarer wurde, blieb in meinem Geist ein Knoten, mit dem ich viele Jahre lang gerungen hatte – eine Frage, die lange Zeit als Treibstoff für meinen Stolz und als Hindernis für meine Hingabe gedient hatte. Es war die Frage nach dem freien Willen.

Wie kann der Mensch einen freien Willen besitzen, wenn Gott allwissend, allmächtig und jenseits der Zeit ist? Wenn Gott alles weiß – was wir getan haben, was wir tun, was wir tun werden und sogar die Gedanken, derer wir uns selbst noch nicht bewusst sind –, in welchem Sinne sind wir dann wirklich frei? Ist unser freier Wille lediglich eine Illusion aus unserer begrenzten Perspektive? Handeln wir einfach nur das aus, was bereits vollständig gesehen und gewusst wurde? Diese Frage verfolgte mich. Mehr noch, sie nährte meine Arroganz. Ich befragte Pastoren, Philosophen, Intellektuelle und sogar einen meiner Studenten, der Professor an einer renommierten christlichen Universität war. Keine Antwort stellte mich jemals vollständig zufrieden. Und weil ich nicht zufrieden sein konnte, klammerte ich mich an die Frage, als wäre sie ein Beweis meiner eigenen Überle-

genheit. Ich suchte Zuflucht in der Komplexität. Ich versteckte mich hinter dem Intellekt. Ich verwechselte ungelöste Geheimnisse mit Gründen, mich Gott zu widersetzen.

Dann, eines Tages, als ich allein draußen war, bemerkte ich eine Ameisenstraße unter meinen Füßen. Es war eine einfache Sache. So gewöhnlich, dass die meisten ihr keinen zweiten Blick schenken würden. Die Ameisen bewegten sich eine nach der anderen in einer einzigen Reihe. Sie lebten in linearer Abfolge, jede in ihrem eigenen Moment, und bewegten sich vom Anfang bis zum Ende. Aber ich sah von meinem Standpunkt aus die ganze Reihe auf einmal – den Anfang, die Mitte, das Ende. Mit einem einzigen Blick nahm ich wahr, was sich aus ihrer Perspektive nur Schritt für Schritt entfaltete.

Und plötzlich ging mir etwas auf.

Wir leben in linearer Zeit. Das ist die Bedingung unserer menschlichen Existenz. Wir bewegen uns von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft in einer einzigen Richtung und können dem nicht entkommen. Doch Gott ist nicht in der Zeit, wie wir es sind. Er steht außerhalb der Zeit. Er sieht alles – den Anfang und das Ende, das Erste und das Letzte, alle Momente auf einmal in einer ewigen Gleichzeitigkeit. So wie ich die gesamte Ameisenreihe sehen konnte, während sich die Ameisen selbst darin bewegten, so sieht auch Gott die gesamte Geschichte, während wir in ihr leben. Das bedeutet nicht, dass sich die Ameisen nicht bewegten. Es bedeutet nicht, dass sie ihren Weg nicht selbst wählten. Es bedeutet lediglich, dass mein Blickwinkel den ihren überstieg. Ebenso hebt Gottes Allwissenheit unsere Erfahrung der Wahl nicht auf. Sie geht darüber hinaus. Dann kam mir ein weiterer Gedanke, der mich noch demütiger machte. Als ich diese Ameisen beobachtete, wurde mir klar, dass ich absolute Macht über sie hatte. Ich könnte sie zertreten. Ich könnte sie ertränken. Ich könnte sie jeden Augenblick vernichten. Sie waren unter mir völlig hilflos. Und doch ließ ich sie leben. In diesem Moment spürte ich, wenn auch nur im kleinsten Bruchteil, wie machtlos wir vor Gott sind – und wie geduldig Er mit uns ist. Wir trotzen Ihm, ignorieren Ihn, verfluchen Ihn, erheben uns gegen Ihn, und dennoch lässt Er uns leben. Wir tun so, als wären wir souverän, als hätten wir uns selbst geschaffen, als sei unser Trotz Stärke, doch wir sind so hilflos wie Ameisen vor unserem Schöpfer. Und dennoch liebt Er uns. Diese Erkenntnis hat mich auf eine Weise gebrochen, wie es kein Argument jemals könnte. Sie hat nicht jede philosophische Frage beantwortet, aber sie hat den Stolz zerschmettert, der hinter ihnen stand. Es gab noch ein weiteres Thema, mit dem ich nach meiner Hingabe intensiv rang, und das war die Frage des Glaubens selbst. Ich traf mich mit dem koreanischen Meister, der mich einst herausgefordert hatte, die Bibel zu lesen – genau der Mann, den Gott als Werkzeug auf meinem Weg zu Christus benutzt hatte. Unser Treffen selbst fühlte sich wie eine Fügung an. Er hatte nicht vor, in Los Angeles zu bleiben, doch aufgrund einer schweren Rückenverletzung konnte er nicht fliegen und musste wochenlang dortbleiben. So öffnete sich die Tür für unser Treffen in einem kleinen koreanischen Restaurant in Koreatown. Ich war aufgeregt, überfließend vor Dankbarkeit und Fragen. Doch unter all den Dingen, die wir besprachen, wurde ein Punkt zum Kern unserer Meinungsverschiedenheit: der Glaube. Ich argumentierte, was die meisten Menschen annehmen, nämlich dass Glaube bedeutet, an etwas zu glauben, das nicht beweisbar ist. Sodefiniert es die Welt oft. Ich argumentierte, dass dies mein Opfer für Gott sei, mein „Sprung ins Ungewisse“, meine Bereitschaft, auch ohne Beweis zu vertrauen. Doch er stellte mich scharf in Frage. Er beharrte darauf, dass es, wenn ich glaubte, ohne meine Zweifel und Fragen geklärt zu haben, überhaupt kein wahrer Glaube sei. Das ärgerte mich. Ich argumentierte leidenschaftlich. Ich hielt meine Bereitschaft, trotz der Ungewissheit den Sprung zu wagen, für edel, ja sogar schön. Doch seine Worte blieben mir im Gedächtnis, denn irgendwo in meinem Innersten spürte ich, dass er etwas Tieferes sagen wollte. Also studierte ich weiter. Viel weiter. Ich vertiefte mich in eine Debatte nach der anderen, ein Argument nach dem anderen, und setzte mich mit dem Christentum im Vergleich zum Atheismus, dem Christentum im Vergleich zum Islam, dem Christentum im Vergleich zum Judentum, den Argumenten für und gegen Intelligent Design, der Evolutionstheorie, der Feinabstimmung des Universums, der Physik, der Biologie, historischen Beweisen, archäologischen Funden, geologischen Behauptungen und philosophischen Einwänden auseinander – mit allem, was ich finden konnte. Das war keine Sache von einem Tag oder einer Woche. Es dauerte Jahre. Ich wollte meinen Verstand nicht aufgeben. Jeder Einwand musste angegangen werden. Jeder Zweifel musste ans Licht gebracht werden. Und was mir durch all das klar wurde, war etwas ebenso Einfaches wie Verheerendes: Es gibt nichts auf dieser Welt, das einen absoluten Beweis in der Art hat, wie viele ihn von Gott verlangen. Wir leben nicht nach absoluten Beweisen. Wir leben nach vernünftigem Urteil, nach Beweisen, nach dem, was über jeden vernünftigen Zweifel hinausgeht.

Selbst in unserem Rechtssystem können Menschen zum Tode verurteilt werden, nicht weil jeder mögliche Zweifel ausgeräumt wurde, sondern weil der Fall jen-

seits aller begründeten Zweifel bewiesen wurde. Doch wenn es um Gott geht, verlangen die Menschen einen unmöglichen Maßstab. Warum? Weil ein absoluter Beweis keinen Raum für die Rebellion des Herzens lassen würde. Es geht nicht um Beweise. Es geht um Hingabe.

Dies war ein weiterer großer Wendepunkt für mich. Ich begann zu verstehen, was jener koreanische Meister gemeint hatte. Glaube ist keine Irrationalität. Glaube ist kein blinder Unsinn. Glaube ist keine sentimentale Wunschvorstellung. Glaube ist eine Überzeugung, die jenseits aller begründeten Zweifel steht, während man gleichzeitig anerkennt, dass der menschliche Verstand begrenzt ist und niemals absolute Gewissheit besitzen kann, so wie Gott sie besitzt. Glaube steht nicht im Widerspruch zur Vernunft; er ist die rechtmäßige Schlussfolgerung der Vernunft, die zur Demut geführt wurde.

Gleichzeitig begann ich, die Bibel mit unnachgiebiger Disziplin zu lesen. Ich verpflichtete mich, mindestens ein Kapitel dreimal am Tag zu lesen. Das war etwas, das ich dank Hwa Rang Do verstanden hatte. Disziplin war mir durch das Training und durch meinen Vater in die Knochen getrieben worden. Also wandte ich diese Disziplin auf die Heilige Schrift an. Dreimal am Tag, egal was kam. Ehrlich gesagt war dies nicht das erste Mal, dass ich versucht hatte, die Bibel zu lesen. Ich hatte es schon einmal versucht und war gescheitert. Es schien schwierig, trocken und unverständlich. Doch dieses Mal war es anders. Die Worte wurden lebendig. Sie sprangen mir förmlich von der Seite entgegen und drangen in mein Herz. Ich begann mit dem Neuen Testament, und oft fand ich mich in Tränen wieder. Christus sagt: „Wer Ohren hat, der höre, und wer Augen hat, der sehe.“ Wir alle haben Ohren. Wir alle haben Augen. Aber nicht alle hören wirklich, und nicht alle sehen wirklich. Er spricht vom Herzen. Solange das Herz nicht nach der Wahrheit verlangt, solange es nicht wirklich nach Gott sucht, bleiben die Ohren taub und die Augen blind, ganz gleich, wie gut sie körperlich funktionieren.

Bald wurden aus einem Kapitel dreimal täglich drei Kapitel, dann vier, dann zehn. Ich ging zum Alten Testament über, was schwieriger war – voller Geschichte, Geografie, Genealogie, Gesetz. Doch selbst dort begann ich, etwas Außergewöhnliches zu erkennen. Die Bibel war nicht bloß moralische Unterweisung. Sie war Geschichte, Prophezeiung, die sich entfaltende Aufzeichnung der Menschheit von der Schöpfung bis zur Vollendung. Und je mehr ich las, desto überzeugter wurde ich – nicht allein durch Emotionen, sondern durch die Gesamtheit ihrer Kohärenz, Tiefe und Wahrheit –, dass es sich tatsächlich um das Wort Gottes handelte.

Als ich also endlich sagen konnte – nicht aus Gefühl, sondern aus Überzeugung: Ich glaube an Jesus Christus –, kehrte die Frage mit noch größerer Wucht zurück: Was ist dann meine Berufung?

An diesem Punkt irren sich viele Menschen. Sie gehen davon aus, dass Berufung bedeutet, sich eine neue religiöse Identität auszusuchen. Aber nicht wir sind es, die Gott im wahrsten Sinne des Wortes wählen; sondern Er ist es, der uns ruft. Uns ist die Freiheit gegeben, anzunehmen oder abzulehnen, zu umarmen oder Widerstand zu leisten, aber die Initiative liegt immer bei Ihm. Und wenn Er uns gerufen hat, dann besteht der Zweck nicht darin, dem zu entfliehen, was wir sind, sondern darin, das zu werden, was wir unter Seiner Herrschaft sein sollen.

Diese Erkenntnis führte mich nicht weg von Hwa Rang Do, sondern zurück zu ihm – mit neuen Augen.

Jahrelang hatte ich durch Hwa Rang Do unterrichtet, geführt, diszipliniert, geschrieben, aufgebaut, korrigiert und Opfer gebracht. Doch nun, nach meiner Hingabe, betrachtete ich erneut – tiefer als je zuvor – seine Werte, Tugenden und seinen Zweck. Und was ich fand, war kein Widerspruch, sondern Übereinstimmung. Der Weg der Hwarang stand in seiner wahren und höchsten Form nicht im Widerspruch zu Christus. Er war eine Vorbereitung darauf, tiefgründige spirituelle Wahrheiten zu verstehen. Nicht die Erlösung an sich, niemals das; sondern ein Mittel, durch das Disziplin, Opferbereitschaft, Mut, Loyalität, Wahrhaftigkeit und Selbsthingabe gepflegt werden konnten. Diese Dinge finden ihre Vollendung nicht in kriegerischen Errungenschaften, sondern in Christus. Und dann erkannte ich etwas, das ich zuvor nicht vollständig verstanden hatte: Der gesamte menschliche Kampf wurzelt im freien Willen. Was den Menschen von anderen Geschöpfen unterscheidet, ist nicht bloß Intelligenz im praktischen Sinne, sondern das bewusste Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, entgegen dem Instinkt zu entscheiden. Ein Tier folgt dem Trieb, dem Überlebensinstinkt, dem Impuls. Doch der Mensch kann wissen, was gut ist, und sich dennoch weigern, es zu tun. Er kann wissen, was böse ist, und sich dennoch dafür ents-

cheiden. Das ist die Tragödie und der Ruhm der menschlichen Freiheit. Wir sind fähig zu Vernunft, Gewissen, Streben und Selbstüberwindung, aber auch zu Rebellion, Verderbtheit, Grausamkeit und Selbstzerstörung.

Was ist also erforderlich, damit der Mensch konsequent das Richtige tut?

Ein Wort: Disziplin. Disziplin ist keine Bestrafung. Disziplin ist das Training, das Richtige zu tun. Es ist die Schulung des Willens, damit richtiges Handeln möglich wird, selbst wenn Emotionen, Angst, Begierde oder Bequemlichkeit das Gegenteil verlangen. Dies, so wurde mir klar, ist der Kern von Hwa Rang Do. Hinter all den Techniken, Formen, dem Kampftraining und der körperlichen Strenge – all dem „ “ – liegt der wahre Zweck: Disziplin. Genauer gesagt: Selbstdisziplin – die Fähigkeit, sich selbst im Einklang mit dem Richtigen zu führen, ohne auf äußere Zwänge angewiesen zu sein.

Wie lehren wir Selbstdisziplin? Wir lehren sie, indem wir den Menschen helfen zu verstehen, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat. Gute Entscheidungen bringen Gutes hervor. Schlechte Entscheidungen bringen Schmerz, Zerstörung, Verlust und Verderbnis hervor. Wenn negatives Verhalten unbeantwortet bleibt, wenn Unrecht ignoriert, geduldet oder belohnt wird, dann sind wir nicht liebevoll – wir machen uns am Bösen mitschuldig. Deshalb ist Disziplin eine der reinsten Formen der Liebe, auch wenn sie zugleich eine der am meisten missverstandenen und am meisten gehassten ist.

Mein ganzes Leben lang schien mir diese Rolle zugeschrieben zu sein. Vielleicht begann es mit meinem Vater, der selbst ein wahrer Hwarang war – ein unerschrockener Krieger, der für Gerechtigkeit eintrat und das Richtige tat, ungeachtet der Kosten. Als ältester Sohn wurde mir die Verantwortung für meine jüngeren Geschwister übertragen. Wenn sie etwas falsch machten, musste auch ich die Konsequenzen tragen. Damals hasste ich das. Aber diese Last hat mich geprägt. Sie lehrte mich Führungsstärke, Verantwortung und den Preis der Fürsorge.

Ich erinnere mich, wie ich als Kind in Korea, als mein Vater in Amerika war, um uns nachholen zu können, meine Mutter allein für sieben kleine Kinder sorgen musste, während sie lange arbeitete. An einem eiskalten Wintertag versammelte ich die Kinder und beschloss, dass wir helfen würden, indem wir die Wäsche wuschen. Es gab keine Waschmaschine, keine Inneninstallationen, nur eine manuelle Wasserpumpe im Hof. Wir arbeiteten zusammen und schafften, was uns wie eine heldenhafte Aufgabe erschien; triumphierend hängten wir die Wäsche draußen auf. Wir warteten gespannt darauf, dass meine Mutter nach Hause kam und uns lobte. Stattdessen fand sie, als sie zurückkehrte, die Wäsche steifgefroren in der Winterluft vor. Ohne ein Wort des Vorwurfs zog sie sich um, kochte Wasser über dem Feuer, weichte jedes Kleidungsstück ein, wrang es aus und hängte es in der Küche wieder auf. Jahrelang erzählte ich diese Geschichte, um mit meiner Führungsrolle in der Kindheit zu prahlen. Doch nachdem ich mich Christus hingegeben hatte, erinnerte ich mich anders daran. Ich sah nicht die Komik, sondern das Gesicht meiner Mutter. Ich sah den Schmerz, die Erschöpfung, das stille Leiden, das sich darin widerspiegelte. Und ich weinte. Mir wurde klar, dass sie uns nicht bestrafte, denn ihr dabei zuzusehen, wie sie die Folgen unseres Fehlers trug, war Strafe genug. Das war maßvolle Disziplin. Das war Opferbereitschaft. Das war Liebe.

Deshalb lassen sich Disziplin und Liebe nicht voneinander trennen. Die meisten Menschen glauben, Liebe bedeute, nett, bestätigend, nachsichtig und beliebt zu sein. Aber wahre Liebe bringt Opfer. Wahre Liebe leidet. Das Maß der Liebe ist nicht Sentimentalität. Es ist Opferbereitschaft. Wenn du gibst, was dich nichts kostet, gibt es kein Opfer. Wenn du gibst, wenn es leicht ist, gibt es kein Leiden. Aber wenn du gibst, was du nicht hast, wenn du zum Wohl eines anderen ausharrst, wenn du

dich für das Richtige entscheidest, obwohl es dich Ansehen, Bequemlichkeit, Zuneigung, Beziehungen, ja sogar alles kostet – dann beginnst du, Liebe zu verstehen.

Und wenn wir opfern, was erhalten wir dafür? Leiden. Das ist der Preis der Liebe. Das ist der Weg Christi. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Johannes 3,16). Das Maß seiner Liebe war das Opfer, und die unmittelbare Erfahrung des Opfers ist das Leiden. Dies ist auch der wahre Weg der Hwarang. Jede große Erzählung über die Hwarang-Ritter ist eine Geschichte von Opfer, Treue, Leiden und Selbsthingabe für König, Land, Familie und Bruderschaft. Auch hier sah ich keinen Widerspruch, sondern eine tiefe Übereinstimmung mit dem Evangelium.

Dies führte mich auch zu einer düsteren, aber notwendigen Erkenntnis hinsichtlich meiner eigenen Berufung. Derjenige, der züchtigt – sei es als Elternteil, Lehrer, Mentor oder Führer –erntet selten Dankbarkeit. Häufiger erfährt er Ablehnung, Groll, Verleumdung und Verlassenheit. Niemand lobt den, der korrigieren muss. Kein Kind sagt: „Danke für deine Strafe.“ Kein Schüler freut sich darüber, bloßgestellt zu werden. Der Züchtigende wird oft wie ein Lappen, der Schmutz wegwischt. Der Lappen selbst wird schmutzig. Oder wie die Männer, an die ich mich aus Seoul erinnerte, die in den 1970er Jahren große Eimer mit menschlichen Exkrementen durch enge Gassen trugen. Sie verrichteten die Arbeit, die niemand tun wollte, eine Arbeit, die absolut notwendig war, damit andere mit einem gewissen Maß an Hygiene und Würde leben konnten, doch sie selbst wurden gemieden, weil sie nach dem rochen, was sie trugen. Dieses Bild verfolgte mich, weil ich mich darin wiedererkannte. Jahrelang, vielleicht mein ganzes Leben lang, wehrte ich mich dagegen, zu akzeptieren, dass dies meine Rolle war. Ich wollte geliebt, bewundert, ge schätzt werden. Doch was Gott mir zeigte, ist, dass es nicht meine Aufgabe ist, gemocht zu werden. Meine Aufgabe ist es, Seinen Willen zu tun.

Und so sehe ich es jetzt klarer denn je: Meine Berufung ist es, zu disziplinieren und diszipliniert zu sein. Zu lehren und zu verkörpern, was richtig ist. Anderen zu helfen, auf dem schmalen Pfad zu bleiben, indem ich stark und mutig genug werde, den Schmerz zu ertragen, der mit Gehorsam einhergeht. Die Welt zu verlieren, wenn es sein muss, um der Seele willen. „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert?“

Das ist die wahre Frage, vor der jeder Krieger nach der Hingabe steht.

Und eine letzte Warnung und Erinnerung als Kampfkünstler, die dem Weg des Kriegers folgen: Für viele, die den Weg Christi gehen, besteht die unmittelbare Annahme, dass Ihm zu folgen bedeutet, den Weg des Kriegers aufzugeben – dass sich zu ergeben bedeutet, das Schwert vollständig niederzulegen, sich aus Konflikten zurückzuziehen, angesichts von Widrigkeiten passiv zu werden. Doch das ist nicht, was Christus lehrt.

Christus sagt nicht: „Erhebt das Schwert nicht.“

Er sagt: „Wer durch das Schwert lebt, wird durch das Schwert sterben.“ (Matthäus 26,52)

Und in dieser Unterscheidung liegt eine Wahrheit, die so tiefgreifend ist, dass sie mein gesamtes Verständnis davon, was es bedeutet, sowohl Krieger als auch Diener Gottes zu sein, neu geprägt hat. Denn ich hatte nach dem Schwert gelebt. Ich hatte es nicht nur geführt – sondern nach ihm gelebt. Da liegt ein Unterschied.

Vom Schwert zu leben bedeutet, sein Vertrauen in es zu setzen. Es bedeutet zu glauben – ob bewusst oder unbewusst –, dass deine Stärke, dein Können, deine Disziplin, dein Wille … ausreichen. Dass du durch Meisterschaft die Ergebnisse kontrollieren kannst. Dass du durch Gewalt das Schicksal formen kannst. Dass du durch bloße Entschlossenheit alles überwinden kannst, was sich dir in den Weg stellt.

Ich glaubte daran. Und für einen Großteil meines Lebens schien es wahr zu sein.

Jedes Hindernis, dem ich begegnete, griff ich an. Jede Herausforderung überwand ich. Jede mir auferlegte Beschränkung wurde zu etwas, das es zu zerschlagen galt. Ich blühte in Widrigkeiten auf. Widerstand gab mir Kraft. Ich baute meine Identität auf dem unerschütterlichen Glauben auf, dass mich nichts aufhalten könne. Doch was ich damals nicht verstand – was ich erst begriff, als ich gebrochen, entblößt und in die Knie gezwungen wurde –, ist, dass das Schwert Schlachten gewinnen kann … aber es kann deine Seele nicht retten.

Und irgendwann kommt eine Schlacht, die das Schwert nicht gewinnen kann. Das ist die unvermeidliche Wahrheit, der sich jeder Krieger stellen muss.

Als Hwarang sind wir nicht zur Schwäche berufen. Das war nie unser Weg.

Wir werden durch Disziplin, durch Not, durch unerbittliches Training geschmiedet – nicht nur, um stark zu werden, sondern um fähig zu werden. Fähig, zu stehen, wenn andere fallen. Fähig, zu handeln, wenn andere zögern. Fähig, Lasten zu tragen, die andere nicht tragen können. Doch mit dieser Berufung geht etwas weit Größeres einher als Stärke. Es geht mit Konsequenzen einher.

Ein Hwarang zu sein bedeutet, zu akzeptieren, dass jede Handlung Gewicht hat. Dass jede Entscheidung ihren Preis hat. Dass man jedes Mal, wenn man das Schwert erhebt – sei es körperlich, geistig oder seelisch –, einen Bereich betritt, in dem man den Ausgang nicht mehr selbst bestimmen kann. Das ist keine Theorie. Das ist die Realität. Und es ist eine Wahrheit, die ich selbst erlebt habe.

Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich glaubte, meine Rolle sei unentbehrlich – dass ohne mich alles auseinanderfallen würde, dass es meine Verantwortung sei, alles zu tragen, alles in Ordnung zu bringen, alles zu ertragen. Doch auch das war eine Illusion – eine, die aus dem Ego geboren

war und sich als Pflicht tarnte. Der Krieger muss sich dieser Illusion stellen. Denn zu glauben, dass alles auf deinen Schultern ruht, ist keine Stärke – es ist Stolz. Und Stolz ist genau das, was dich an das Schwert bindet.

Je tiefer ich diesen Weg beschritt, desto mehr begann ich, das Paradoxon des Kriegers zu erkennen. Die Welt sieht im Schwert Macht. Doch die wahre Last des Schwertes ist nicht Macht – es ist Verantwortung.

Kämpfen bedeutet, Verlust zu riskieren. Führen bedeutet, Konsequenzen zu tragen. Disziplinieren bedeutet, Last zu tragen.

Und als Krieger zu leben bedeutet, zu akzeptieren, dass man zur Rechenschaft gezogen wird – nicht nur von der Welt, sondern von Gott selbst. Deshalb ist die Warnung Christi keine Verurteilung des Schwertes – sondern eine Offenbarung seiner Grenzen. Denn wenn deine Identität in Stärke verwurzelt ist, dann wirst du fallen, wenn die Stärke versagt. Wenn deine Identität in Kontrolle verwurzelt ist, dann wirst du zusammenbrechen, wenn dir die Kontrolle felt. Und wenn deine Identität im Schwert verwurzelt ist … dann wirst du nichts mehr haben, wenn das Schwert nicht mehr ausreicht. Ich habe diese Wahrheit nicht nur in meinem eigenen Leben, sondern auch im Leben unzähliger anderer Menschen gesehen. Männer, die stark, aber gebrochen waren. Männer, die diszipliniert, aber innerlich leer waren. Männer, die alles erreichten, was sie sich vorgenommen hatten … und doch keinen Frieden in ihren Siegen fanden. Denn sie lebten nach dem Schwert. Und das Schwert, egal wie scharf es auch sein mag, kann die Leere der Seele nicht durchschneiden.

Hier muss sich der Weg ändern. Nicht, indem man das Schwert aufgibt – sondern indem man es überwindet.

Der unreife Krieger klammert sich an die Stärke. Der erfahrene Krieger verfeinert sie. Aber der erleuchtete Krieger … ist nicht mehr auf sie angewiesen. Denn er versteht, dass das Schwert nicht sein Fundament ist. Gott ist es.

Das ist die Verwandlung,

die nach der Hingabe stattfinden muss. Das Schwert bleibt in der Hand – aber nicht mehr im Herzen. Du handelst immer noch. Du trainierst immer noch. Du kämpfst immer noch, wenn es nötig ist. Aber du verlässt dich nicht mehr auf diese Dinge als deine Quelle. Denn in dem Moment, in dem du das tust – kehrst du in denselben Kreislauf zurück. Den Kreislauf des Strebens, der Kontrolle, der Illusion. Den Kreislauf, den ich jahrzehntelang gelebt habe. Den Kreislauf, der durchbrochen werden musste. Und diesen Kreislauf zu durchbrechen … erfordert etwas weit Größeres als Stärke. Es erfordert Hingabe.

Nicht die Hingabe aus Schwäche – sondern die Hingabe der Kontrolle. Die Hingabe des Egos. Die Hingabe der Identität. Die Hingabe des Glaubens, dass du derjenige bist, der das Ergebnis bestimmt. Denn die Wahrheit – die schwierige, demütigende, befreiende Wahrheit – ist diese: Du hast keine Kontrolle. Du hattest sie nie. Und sobald du dies akzeptierst … sobald du dies wirklich akzeptierst … geschieht etwas Außergewöhnliches. Die Last hebt sich. Der Druck löst sich auf. Und zum ersten Mal bist du frei.

Dies ist der Weg der Hwarang nach Christus.

Nicht schwächer – sondern klarer.

Nicht passiv – sondern im Einklang.

Nicht vom Schwert abhängig – aber nicht länger von ihm versklavt.

Du gehst weiterhin den Weg der Disziplin. Du trägst weiterhin die Konsequenzen deiner Handlungen. Du trägst weiterhin ehrenhaft Verantwortung.

„Wer durch das Schwert lebt, wird durch das Schwert sterben.“

Aber wenn du nach Gott lebst … Dann wirst du selbst im Tod – das Leben haben.

Denn sobald Christus Herr wird, gehörst du nicht mehr dir selbst. Deine Gaben gehören nicht dir. Dein Erbe gehört nicht dir. Deine Kraft gehört nicht dir. Dein Leiden gehört nicht dir. All das wird zum Werkzeug für den Willen Gottes. Manche sind berufen zu predigen. Manche zu bauen. Manche zu bes-

chützen. Manche zu führen. Manche zu schreiben. Manche zu disziplinieren. Manche still und im Verborgenen zu dienen. Doch alle sind berufen, Gott von ganzem Herzen zu lieben, andere aufrichtig zu lieben und das Richtige zu tun, koste es, was es wolle.

Das, so verstehe ich jetzt, ist meine Berufung durch Hwa Rang Do.

Sie nicht aufzugeben.

Sondern sie durch Gehorsam zu erlösen.

Es nicht über Gott zu stellen.

Sondern es ganz unter Ihn zu stellen.

Nicht, um durch sie meinen eigenen Ruhm zu suchen.

Sondern es als Mittel zu nutzen, um Disziplin, Mut, Opferbereitschaft, Wahrheit und Liebe in einer Welt zu pflegen, die in Genusssucht, Feigheit, Verwirrung und Selbstvergötterung versinkt.

Jetzt weiß ich, dass nur zählt, was Gott von mir hält. Nicht, was die Welt sagt. Nicht, ob die Menschen es verstehen. Nicht, ob sie mich loben oder verurteilen. Meine Pflicht ist es, Seinen Willen zu tun, ob es mir gefällt oder nicht, ob es mich erhöht oder demütigt, ob ich dadurch Anhänger gewinne oder verliere. Wenn durch mein Leiden jemand anderes zurechtgewiesen, gestärkt, geläutert oder Gott einen Schritt nähergebracht wird, dann hat dieses Leiden einen Sinn.

Das ist es, was ich tun muss, jetzt, da ich mich Jesus Christus hingegeben habe.

Ich muss gehorchen.

Ich muss lieben.

Ich muss opfern.

Ich muss gut leiden.

Ich muss mich disziplinieren.

Ich muss ausharren.

Und vor allem muss ich auf dem Weg bleiben – nicht meinem Weg, sondern Seinem.

Denn letztendlich besteht die höchste Berufung des Kriegers nicht darin, andere zu besiegen, sondern sich selbst zu besiegen, indem er sich dem Herrn aller hingibt.

KICKTORO: OPERATIVE DISZIPLIN UND VOLLKONTAKT

Was ich heute vertrete und praktiziere, entspringt keiner Theorie, sondern einem Leben, das dem Studium des Kampfes unter Druck gewidmet ist. Mein Charakter ist von Natur aus funktional und operativ, und meine Erfahrung ist das technische Ergebnis tausender Trainingsstunden auf höchstem Niveau; all dies geschmiedet in Szenarien, in denen kein Platz für Fehler war, von einer gemeinsamen Einsatzbasis in den 80er Jahren bis hin zur harten Realität der Nachtarbeit.

Die Schmiede der Disziplin: Umfang und gemeinsame Manöver

Meine Struktur wurde durch die extremen Anforderungen der CAI (Comandos de AcciónInmediata) gestählt. Das war keine konventionelle Praxis; es waren Tage maximaler Leistung, die mit einem 8-Kilometer-Lauf begannen und auf der American Track fortgesetzt wurden.

Der wahre Gradmesser für unser Niveau war jedoch das hohe Trainingsvolumen, das wir durch ständige gemeinsame Manöver erreichten. Bei diesen Einsätzen, bei denen wir Seite an Seite mit Eliteeinheiten anderer Armeen operierten, lernte ich die Bedeutung von Koordination und Anpassungsfähigkeit. Als Scharfschütze bei diesen Manövern sammelte ich unzählige Stunden an Konzentration und Herzfrequenzkontrolle unter realem Stress. Diese operative Präzision ist das Rückgrat meiner Methodik: absolute Ruhe und Effektivität im Moment des Treffers zu bewahren.

„Meine Struktur wurde durch die extremen Anforderungen der CAI (Comandos de AcciónInmediata) gestählt. Das war kein konventionelles Training; es waren Tage maximaler Leistung, die mit einem 8-Kilometer-Lauf begannen und auf der Sprintbahn fortgesetzt wurden.“

Die Elite vs. die „martiale Zierde“

Meine Vision wurde von den Besten geprägt. Meine Ausbildung in der Nationalmannschaft, wo ich Trainingseinheiten mit Größen wie Jean Pierre Carbila, Oscar Zazo oder den Brüdern Torres absolvierte, lehrte mich, was reine Technik ist. Doch dieser Erfahrungsschatz ließ mich auch schnell erkennen, was ich an bestimmten Kampfkunstkreisen hasse: die Zeitverschwendung durch Schnörkel, die übertriebene Starrheit, die im Chaos nichts nützt, und das Ego derer, die glauben, dass ein Grad oder ein Gürtel vor einem echten Schlag schützt.

Im Verein, zusammen mit meinem Partner Juan (spanischer Boxmeister im Weltergewicht), haben wir die Bewährungsprobe bestanden. Wir maßen uns in einem ständigen, umfassenden Austausch mit Spezialisten aus American Karate, Kenpo, Muay Thai und Full Contact. Dort zählten weder unnötiges Geschrei noch ästhetische Posen; entweder war man effektiv oder man wurde übertrumpft. Diese Jahre des Aufeinandertreffens lehrten mich, die martialische Show zu verachten. Ich begriff, dass Karate nur dann nützlich ist, wenn es einsatzfähig ist.

Die Realität vor Ort: Die Nacht und die „Hitze“

Zu diesem Hintergrund kommt die Erfahrung hinzu, nachts gearbeitet zu haben. Dort wird der Charakter endgültig geschliffen und dort verabscheut man billige Theorie am meisten. Die Nacht verzeiht weder Fehler noch choreografierte Bewegungen. Die Nachtarbeit lehrte mich, die Körpersprache zu lesen und den Vollkontakt selektiv anzuwenden. Ich habe gesehen, wie vermeintlich unfehlbare Systeme aufgrund mangelnden Realismus zusammenbrachen. Deshalb meide ich in meinem Ansatz alles Künstliche; es geht darum, die Distanz zu beherrschen und mit Stress umzugehen, wenn die Situation kritisch wird und die „Hitze“ der Konfrontation real ist.

Fazit: Die Wahrheit des Kampfes

Nach jahrzehntelanger Erfahrung ist meine Schlussfolgerung eindeutig: Sportkarate ist nur eine Facette, ein Spiel mit Regeln und kontrollierten Distanzen. Funktionales Karate ist das Ziel des Karate, der Punkt, an dem die Technik zu einem echten Einsatzwerkzeug wird. Aber erst effektives Karate vermittelt dir die Realität der Hitze; jene Wahrheit, die man nur findet, wenn die Konfrontation ohne Schnörkel ist und es einzig darauf ankommt, als Sieger hervorzugehen. Mein Werdegang ist das Vermächtnis dieser Entwicklung: Immer bereit sein, immer präzise sein und vor allem die Einsatzmentalität bewahren.

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