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Lao Tse
„Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.“

«Tradition ist nicht die Verehrung der Asche, sondern die Bewahrung des Feuers.»
Gustav Mahler
«Alle suchen einen perfekten Lehrer; das Problem ist nur, dass Lehrer Menschen sind, auch wenn ihre Lehren göttlich sein mögen, und das ist etwas, was den Menschen schwerfällt zu akzeptieren. Man darf den Lehrer nicht mit dem Unterricht verwechseln, das Ritual nicht mit der Ekstase, den Übermittler des Symbols nicht mit dem Symbol selbst. Die Tradition ist mit der Begegnung mit den Kräften des Lebens verbunden und nicht mit den Menschen, die sie weitergeben.»
Paulo Coelho
«Tradition: Unaufhörliche Schöpfung. Die Tradition war den Traditionalisten nie zugänglich.»
Luis Cardoza y Aragón
«Bildung schafft Schüler, Nachahmer und Anhänger von Routinen, keine Pioniere neuer Ideen und keine kreativen Genies. Schulen sind keine Kindergärten des Fortschritts und der Verbesserung, sondern Konservatorien der Tradition und festgefahrener Denkweisen.»
Ludwig von Mises
Vor einigen Monaten kontaktierte mich Professor Jean Michelle Mollier aus Japan, der seit 22 Jahren dort lebt und mit einer Japanerin verheiratet ist. Sein Interesse an der japanischen Kultur und Traditionen veranlasste ihn, Kontakt aufzunehmen und bei verschiedenen lokalen Meistern zu studieren. Im Laufe der Jahre stellte er fest, dass viele dieser alten Schulen mit dem Tod ihrer alten Meister kurz vor dem Aussterben standen; ihre Dojos lebten in einem Meer von Desinteresse und Mangel an Nachwuchskandidaten, seien es Familienerben, die sich nicht darum kümmerten, oder sogar junge Studenten, die nicht bereit waren, ihre Traditionen fortzuführen.
Jean Michelle schlug mir vor, den Vorsitz einer Organisation zu übernehmen, die sich der Rettung solcher Situationen widmet. Ich dankte ihm für das Angebot, stellte mich ihm zur Verfügung, wies jedoch auf meinen Zeitmangel hin und erklärte ihm, dass mir die meisten Fälle unvermeidlich erschienen, ich aber gerne auf ihre Existenz aufmerksam machen würde.
Alles, was einen Anfang hat, wird auch ein Ende haben. So lautet das unerbittliche Gesetz der Natur. Alles, was sich materialisiert, beginnt mit einem Impuls, der seinen Höhepunkt erreicht und dann an Kraft verliert, bis er verschwindet. Es gibt jedoch Spiralen, die Verbindungspunkte finden, die ihrer Bewegung eine Fortsetzung geben und sich als Spannungen etablieren, die so lange bestehen bleiben, wie es Energie gibt, die sie nährt.
Es ist die Variabilität der Energieladungen, die, um sich aufrechtzuerhalten, Schwingungsphasen oder -frequenzen durchlaufen muss, mit ihren Höhen und Tiefen, die wir Spannungsfrequenzen nennen, und zwei Punkte miteinander verbindet, die eine Ladung besitzen, die einerseits ähnlich genug ist, um miteinander zu kommunizieren, und andererseits die notwendige Polarität aufweist, um aus ihrer komplementären oder gleichwertigen Spannung Energie zu erzeugen. So verhält es sich beispielsweise mit der Elektrizität in unseren Häusern.
Hier kommt der dritte entscheidende Faktor ins Spiel: die Umgebung. Stellen wir uns vor, das Haus wird verlassen oder vom Netz getrennt. Ohne einen sinnvollen Zweck neigen Dinge dazu, zu verfallen. Die grösste Kraft, die den Dingen eine Abfolge gibt, ist ihre Anpassungsfähigkeit, nicht ihre Stärke; wenn es auf Stärke ankäme, würden die Dinosaurier weiterhin die Erde beherrschen!
Die Anpassungsfähigkeit hängt von zwei Faktoren ab: der Widerstandsfähigkeit in Bezug auf die Struktur und der Flexibilität in Bezug auf die Funktion. Grosse Veränderungen werden beide Punkte auf die Spitze treiben, denn alles, was entsteht, geschieht aus Notwendigkeit, und alles, was verschwindet, verschwindet, weil es überflüssig geworden ist. Jede extreme Anpassung beinhaltet sogar eine notwendige Mutation, die ausreicht, um dem Leben jeder Tier- oder Pflanzenform eine Reihenfolge zu geben. Die Natur, der einzige Lehrer, der sich nie irrt, lehrt uns dies, indem sie die wunderbare Vielfalt hervorbringt, die sie auszeichnet.
Diese Prozesse müssen nicht unbedingt langsam sein. Dies war der Fall bei den Finken der Galapagosinseln, die für Charles Darwin von grundlegender Bedeutung waren, um seine Evolutionstheorie aufzustellen. Darwin beobachtete, dass die Finken auf jeder Insel sehr unterschiedliche Schnäbel hatten, die der Art, der ihnen zur Verfügung stehenden Nahrung entsprachen: dickere und stärkere Schnäbel zum Aufbrechen von Samen, kleinere Schnäbel zum Fressen von Insekten... Moderne Naturforscher beobachteten, dass dieser Prozess, den man für allmählich hielt, sich vor ihren Augen in nur wenigen Jahren vollzog. Eine Art von Finken, die so spezialisiert war, dass sie sich nur von einer bestimmten Frucht ernährte, verschwand aufgrund einer Dürre, die ihre



Nahrungsquelle fast bis zur Ausrottung dezimierte, praktisch vollständig. Jahre später wurden einige Exemplare dieser Art beobachtet, die jedoch einen dickeren Schnabel hatten; diese hatten es geschafft, sich von einer alternativen Pflanze zu ernähren; diese «abnormalen» Exemplare mit dieser Eigenschaft wurden innerhalb nur eines Jahrzehnts zur Norm der Art. Was können wir daraus lernen? Zweifellos ist Spezialisierung ein Schlüssel zum Erfolg, aber wenn sie auf die Spitze getrieben wird, wird sie auch zu einer Schwäche. Eine plötzliche Veränderung der Umwelt kann alles zunichte machen. Wir haben diesen Prozess sowohl in der Geschäftswelt als auch in der Natur beobachtet (erinnern Sie sich an die Telefone von Nokia!). Der einzige Weg zu überleben, basiert auf dem hermetischen Satz: «Damit sich nichts ändert, muss sich alles ändern!». Die Erstarrung und Unangepasstheit der Systeme führen zu ihrem funktionalen Verschwinden. Im besten Fall werden sie zu Museumsstücken, zu Bildern an der Wand, zu Stelen, die uns von den Eroberungen dieses oder jenes babylonischen, Maya- oder Hindu-Königs erzählen. Die Kulturen, das Wissen, das sie gehortet haben, ihre Sprache, ihre Spiritualität gehen verloren, und es bleiben nur die Erinnerungen, die Formen, die Rituale ... alles wird im Zuge des unerbittlichen Gesetzes der Evolution vergessen.
Das Gleiche wäre mit dem Ju-Jutsu (Jiu-Jitsu, sogar der Name wurde versehentlich geändert!) passiert, wenn ein Mann namens Jigoro Kano nicht eine an seine Zeit und besonderen Umstände angepasste Version namens Judo geschaffen hätte. Heute erlebt Ju-Jutsu ein starkes Comeback, aber wäre das möglich gewesen, ohne dass Judo die Türen geöffnet hätte? Die drei grossen japanischen Kampfkunsttraditionen, die der Welt die japanische Kampfkunstkultur nähergebracht haben, Judo, Karate und Aikido, basieren auf Mutationen von drei anderen alten Formen, die zu ihrer Zeit als Verrat angesehen wurden. Aber sie sind da! Millionen von Menschen praktizieren sie, und unter diesen Millionen haben einige das alte Wissen erforscht und wiederbelebt und ihm in unserer Zeit neue Bedeutung und Form gegeben. Die anderen Schulen, die zu sehr erstarrt und an eine idyllische Vergangenheit gebunden sind, werden in ihrer Lähmung verhungern. Folglich hat sich gezeigt, dass die Formel des Zurückziehens (mehr Tradition!) allein nicht funktioniert. Anpassung ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Die Diskussion wird sich hier um das «Was» und das «Wie» drehen, aber niemals um die Notwendigkeit von Veränderungen, und dies erfordert enorme Anstrengungen in Sachen Flexibilität. Die Strukturen müssen maximal beansprucht werden, und die Ankerpunkte dieses Wandels werden enormen Spannungen ausgesetzt sein, da sie als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft fungieren. Es gibt jedoch keine Alternative: entweder Anpassung oder Aussterben. Wenn wir nur den Anachronismus der alten Schulen und der modernen Zeiten betrachten, finden wir allein darin schon einen außergewöhnlichen quantitativen Sprung. Wenn wir zu dieser zeitlichen Spannung noch die räumliche hinzufügen, andere Orte, andere Kulturen, wird die Sache noch komplizierter.
Angesichts dessen, was Jean Michelle in Japan beobachtet hat, liegt der Schwerpunkt jedoch nicht so sehr auf dem zweiten Punkt, da die Menschheit in ihrem Evolutionsprozess, der auch die Globalisierung hervorgebracht hat, die räumliche und damit auch die kulturelle Frage ausgeglichen hat. Die jungen Menschen auf der ganzen Welt ähneln sich sehr! Und letztendlich werden sie es sein, die darüber entscheiden, ob alte Traditionen fortgeführt werden oder nicht. Wir können über die kulturellen Unterschiede zwischen einem Japaner von heute und einem europäischen oder nordamerikanischen Jugendlichen philosophieren, wie wir wollen, aber sicher werden wir beide die meiste Zeit damit verbringen, ihre Daumen auf einem Smartphone zu bewegen und viele gemeinsame Inhalte aus dem Netz zu konsumieren.
Jede Medaille hat zwei Seiten, und je grösser die Medaille, desto grösser die Kehrseite. In diesem Szenario ergibt sich ein unerwarteter Vorteil: Die Entfremdung ist ebenfalls allen gemeinsam! Wir erleben daher eine neue Suche nach Wurzeln angesichts der Notwendigkeit, sich inmitten der Unsicherheit destrukturierter Gesellschaften zu verankern; eine Aufgabe, die früher zuerst die Religion und dann der Kapitalismus übernommen haben, die beide in einer tiefen Krise stecken.
Diese Wurzeln müssen nun jedoch tragfähig sein und sich an alle Böden anpassen können; ihr Wesen liegt also nicht in der Tiefe, mit der sie in ihre ursprünglichen Böden eindringen (*), – interessanterweise waren es gerade diese, die sie als erste verachteten... Niemand ist Prophet in seinem eigenen Land! –, sondern in der Nützlichkeit ihres Wesens, ihrer ursprünglichen Verbindung mit den ewigen Bedürfnissen des Menschen.
Wir erleben daher eine Wiedergeburt der vorchristlichen Kulturen, des Schamanismus, der hermetischen Weisheiten, der alten Kulturen, die in der Lage sind, einen Bezugsrahmen zu schaffen und eine Kosmogonie beizusteuern, wenn alles Etablierte zusammenbricht.
Ein Beispiel für diese Situation, das ich selbst erlebt habe, ist die Shizen-Kultur (Hagumo) und ihre heiligen Traditionen, das Ebunto. Im letzten Jahrhundert von Japan nach Brasilien gebracht, gelang es ihnen, in diesen Ländern auf aussergewöhnliche Weise wieder aufzuleben, während sie in Japan offenbar einen Prozess des offenen Niedergangs durchliefen.
Nachdem die Führer jener Zeit verstorben waren, war der einzige ihrer Schüler, der die Tradition fortsetzte, interessanterweise nicht mehr schlitzäugig. Er zahlte dafür zwar einen hohen Preis, aber es bereitete ihn auch darauf vor, praktisch der Einzige zu werden, der das Wissen und das Gewicht einer ganzen Kultur bewahren konnte.
(*) Es sei denn, diese Traditionen sind lebendig und somit an die heutige Zeit angepasst und bewahren aufgrund ihrer Formen und Inhalte eine außergewöhnliche Vitalität. Dies trifft auf den Stierkampf in Spanien, Südamerika und Frankreich zu, der entgegen dem Trend der Umwelt- und Tierrechtsbewegungen die Arenen füllt und Leidenschaften entfacht. Ein wahrhaft außergewöhnliches Beispiel für die Fortführung einer Tradition, die Anlass zu vielen Diskussionen geben würde.


Shidoshi Jordan Augusto, mein Lehrer, hat nun erneut, in anderen Ländern, einer ganzen Tradition, einem Wissen und einer ganzen Kultur, sogar mit einer eigenen Sprache, eine Fortsetzung gegeben, wobei er selbst der Dreh- und Angelpunkt ist, der das gesamte Gewicht dieses Wandels, dieser Anpassung, trägt. Eine schwierige Position, zumal er Einwanderer und in einem fremden Land ist. Das Paradoxe daran ist, dass weder er noch ich jemanden einweihen wollten, aber eines Tages im März, in den Bergen von Madrid und zum ersten Mal im alten Europa, setzte diese Zeremonie den Stein für eine neue Etappe in Bewegung.
Heute hat Shidoshi Jordan viele Menschen initiiert, mehrere Shidoshi ausgebildet, mehrere Priester (KotomaTonbo) geweiht und neue Gruppen in anderen Ländern (und mehrere in Spanien) gegründet. Wir führen diese Tradition manchmal etwas holprig, aber entgegen allen Erwartungen kontinuierlich fort.
Über die spirituelle Kraft hinaus, die die Fortführung dieses Juwels der Menschheit, das Ebunto ist, vorantreibt, über die Legionen von Geistern, die seinen Kult und seine Praktiken fortsetzen, passt Ebunto zu einem dringenden Bedürfnis der heutigen Welt, da es in der Lage ist, Antworten zu geben und Mängel zu beheben, die im Alltag der Paradigmen des 21. Jahrhunderts sehr präsent sind.
Es stimmt, dass dieser Prozess eine gewisse Akkulturation erfordert, bei der die Trennung des Wesentlichen vom Unverzichtbaren eine Entscheidung ist, die Geschicklichkeit, Flexibilität und Belastbarkeit erfordert. Zweifellos werden viele Dinge auf der Strecke bleiben, vielleicht einige grossartige, die in diesem neuen Kontext jedoch undurchführbar sind, aber trotz aller Hindernisse machen wir weiter und setzen all dies fort, sogar ich, der ich mich nie in dieser Rolle gesehen habe, sondern eher als Vermittler, habe heute einige wenige Schüler. Ich finde dieses Projekt sehr edel und bewundere die Haltung meines Meisters so sehr, dass ich sie mir selbst nicht wünschen würde.
Die alten Kampfkunstschulen in Japan sterben aus. Im Bereich der Kampfkunst verlangen die heutigen Zeiten Pragmatismus und Effizienz, sei es im sportlichen oder im kämpferischen Kontext, die die Formalität verdrängt haben. Die schnelllebigen Zeiten haben das langsame Lernen, den Purismus und die Rituale verschlungen und durch Vermischung, Cross-Fighting und Wochenendkurse ersetzt. Die grossen Meister von einst hatten ihre Dojos voll, je nach Situation, Bedarf und Nachfrage, die sich gewandelt hat; heute sterben sie, weil sie sich nicht anpassen können.
Gibt es Ausnahmen von der Regel? Ja, aber es sind eben Ausnahmen; der Wind der Veränderung weht in eine ganz klare Richtung, und wenn niemand dafür bezahlt, das Museum offen zu halten, wird es wahrscheinlich nicht einmal Besucher geben.
Man kann sich entscheiden, mit seiner Vernunft zu sterben oder mit dem Wandel zu überleben; einige in diesem Bereich haben nicht einmal die Möglichkeit zu entscheiden, da sie aufgrund ihrer Ausbildung in ihrem Lernen und ihrer Positionierung gefangen sind... Je traditioneller die Formen sind, desto schwieriger wird es für eine Schule, zu überleben. In der Armee widmeten sich diejenigen, die unter den schmerzhaften Schikanen litten, wenige Monate später selbst deren Ausübung; nur wenige von uns hatten die Persönlichkeit, um dem negativen Kreislauf des Schmerzes zu entkommen, die meisten fielen, oft sogar unbewusst, hinein. Denn die Vergangenheit war nicht unbedingt besser... Das Einzige, was sicher ist, ist, dass «die Vergangenheit... vorüber war», wie «Les Luthiers» sagten. Die Last der Melancholie, die mit der Vergangenheit verbunden ist, ist eine der grössten Schwierigkeiten, sich weiterzuentwickeln; wir können nicht vorwärts gehen, wenn wir den Kopf nach hinten drehen! Diese Sentimentalität, wenn man den Blick von der Gegenwart abwendet, führt dazu, dass die Menschen immer wieder denselben Fehler machen.
Alles, was geboren wird, stirbt; seine einzige Möglichkeit, fortzubestehen, besteht in der Transzendenz oder Sublimierung, indem es auf einer anderen Ebene wiedergeboren wird. Traditionen wie eine kaputte Schallplatte fortzuführen, funktioniert nicht; es bedarf eines «Sprungs», der «das Lied» vorantreibt, und dieser Sprung muss eine gewisse Verwandlung mit sich bringen. Da wir jedoch wissen, dass Orangenbäume am Pol nur in Gewächshäusern wachsen können, müssen wir verstehen, dass es strukturelle Einschränkungen gibt; aber der Planet ist voller Klimazonen, in denen der Orangenbaum, der sich an vielfältige Situationen anpasst, blühen wird und wo die Orangenblüten viele verschiedene Länder mit ihrem köstlichen Duft erfüllen können. Ob man ihre Blüten zur Herstellung von Parfüm verwendet oder die Orangen isst, ist eine andere Frage.
Das Wesen des Überlebens ist die Notwendigkeit, der Nutzen; wenn die Strukturen erstarrt sind, sehen wir nicht über unseren Tellerrand hinaus und verwandeln uns, und auch das erfordert und verdient Anerkennung und Würde, die Würde des letzten Kapitels einer ganzen illustren Linie. Wenn das Ende das Heilmittel ist, die Medizin, die die Natur verschreibt, dann soll es so sein, aber am Ende wird es, wie am Anfang, sein komplementäres Gegenteil sein, die Dinge, die es in sich trägt, müssen in diesem letzten Lichtblitz leuchten, der das Ende und die Geburt allen neuen Lebens ankündigt; die Frucht ist die letzte Phase des Baumes... Wie köstlich!





Interview mit Enrique de Vicente
Interview mit Enrique de Vicente
an Shidoshi Alfredo Tucci auf seinem Youtube-Kanal über den Ebunto Japanischen Schamanismus
an Shidoshi Alfredo Tucci auf seinem Youtube-Kanal über den Ebunto Japanischen Schamanismus
der Ureinwohner Japans
der Ureinwohner Japans




«Wenn es Gottes Wille ist»
Vor einem Jahrzehnt gab ich meine Rebellion auf und ergab mich. Es hatte ein halbes Jahrhundert gedauert – so tief war meine Auflehnung.
Allein.
Mit dem Gesicht zum Boden. Ohne Publikum.
Keine Ankündigung.
Nur Gott.
Fünfzig Jahre lang hatte ich meinen Körper darauf trainiert, nicht niederzuknien. Ich hatte meinen Geist darauf konditioniert, nicht nachzugeben. Ich hatte mir eine Identität aufgebaut, die auf Ausdauer, Kontrolle und Eroberung beruhte. Stärke war nichts, was ich trainierte – sie war das, was ich zu sein glaubte.
Und 2015 brach diese Identität zusammen.
Nicht öffentlich.
Nicht feierlich.
In stiller Abgeschiedenheit.
Die Nacht, in der ich auf den Boden fiel und Jesus Christus als Herrn und Erlöser bekannte, war nicht der Beginn einer öffentlichen Verwandlung.
Es begann eine verborgene.
Zehn Jahre lang habe ich nicht darübergeschrieben.
Zehn Jahre lang habe ich nicht laut darüber gesprochen.
Zehn Jahre lang liess ich Gott mich zerlegen, verfeinern, neu ordnen und heiligen, bevor ich darüber sprach.
Es gab viele Momente, in denen ich den Drang verspürte, mein Zeugnis laut zu verkünden, um bekannt zu machen, was 2015 geschehen war. Doch jedes Mal hielt mich etwas zurück. Es war keine Angst – es war der richtige Zeitpunkt. Jetzt, zehn Jahre später, glaube ich, dass das Schweigen seinen Zweck erfüllt hat. Ich spreche nicht mehr aus Emotion, sondern aus Gehorsam.
Die Hingabe kam zuerst.
Das Zeugnis kommt jetzt.
Als die Leser auf meine jüngsten Artikel stiessen –
Dezember 2025: «Ode an Ritter Kilbo»
Januar 2026: «Sei die Säule»
Februar 2026: «Über Freude und Trauer»
März 2026: «Stolz»
Sie sahen nicht einen Mann, der sich der Kapitulation näherte.
Sie lasen die Gedanken eines Mannes, der sich bereits ergeben hatte.
Diese Artikel waren keine Vorbereitung für mich.
Sie waren eine Vorbereitung für dich.
Als ich im Dezember 2025 über Kilbo, meinen treuen Begleiter, schrieb, habe ich nicht nur Erinnerungen wiedergegeben. Ich schloss ein zehnjähriges Kapitel, das in der Nacht begann, als ich 2015 niederkniete. Kilbo hatte mich durch Demütigung, Versöhnung, Exil und Wiederaufbau begleitet. Er war mehr als ein Begleiter; er war mein Schutzengel, den mein Herr gesandt hatte, um mir zu helfen, den Bund zu halten, den ich in dieser Nacht auf dem Boden geschlossen hatte. Durch
Zeiten der Schwäche und Erneuerung blieb er standhaft. Sein Tod bedeutete nicht nur einen Verlust – er signalisierte auch den Abschluss dieser heiligen Zeit.
Als ich im Januar 2026 über Säulen schrieb, strebte ich nicht nach Stabilität – ich erkannte das Fundament an, das bereits unter mir gelegt worden war.

Als ich im März 2026 den Stolz analysierte, ging es mir nicht um die Analyse einer Theorie.
Ich habe Erinnerungen gestanden.
Als ich im Februar 2026 über Freude und Trauer schrieb, formulierte ich eine Wahrheit, mit der ich mich ein Jahrzehnt lang auseinandergesetzt hatte – dass Hingabe das Leiden nicht beseitigt, sondern es erlöst.
Die Artikel waren nicht der Durchbruch.

Sie waren die Enthüllung. Die Kapitulation erfolgte 2015.
Was Sie gleich lesen werden, ist der Preis dafür.
Und in dem folgenden Artikel werde ich die Berufung offenbaren, die sich durch all das hindurch entfaltet hat.
Ich bin nicht damit aufgewachsen, zu lernen, wie man sich ergibt. Ich wurde dazu erzogen, durchzuhalten.
Von dem Moment an, als ich mir meiner selbst bewusstwurde, war mein Leben auf Widerstand ausgerichtet – gegen Schwäche, gegen Angst, gegen alles, was auch nur im Entferntesten an Zögern erinnerte. Mir wurde nicht beigebracht, um Hilfe zu bitten. Mir wurde beigebracht, Schmerzen zu ertragen und weiterzumachen. Rückzug war keine Option, die in meinem Wortschatz existierte. Kapitulation war keine Tugend. Sie war ein Charakterfehler.
Ich wurde in eine Kriegerfamilie hineingeboren, nicht als romantische Idee, sondern als Verpflichtung. Ich war der erstgeborene Sohn und wuchs mit dem Verständnis auf, dass mein Leben nicht ganz mir gehörte. Ich gehörte nicht nur mir selbst, sondern einem Erbe, das vor mir da war und mich überleben würde.
Mein Vater war nicht nur ein Kampfkünstler oder Lehrer. Er war ein Mann, der in den unerbittlichsten Kapiteln der modernen Geschichte Koreas geschmiedet wurde – geprägt von Krieg, Hunger, Gesetzlosigkeit und Überleben. Nach dem Koreakrieg war Südkorea nicht das prosperierende Land, das die Welt heute sieht. Es war eines der ärmsten Länder der Erde. Die Strassen von Seoul wurden nicht vom Gesetz beherrscht, sondern von Banden, Schlägern und kriminellen Syndikaten. Angst war normal. Gewalt war an der Tagesordnung. Gerechtigkeit war selten.
Unter diesen Umständen wartete mein Vater nicht darauf, dass Institutionen, die es noch nicht gab, die Ordnung wiederherstellten. Er sorgte selbst dafür.
Durch Hwa Rang Do bekämpfte er gewalttätige Kriminelle, unterwarf Banden und schützte Gemeinden. Seine Schulen waren keine Freizeiteinrichtungen, in denen Kinder
Selbstvertrauen oder Disziplin erlernen konnten. Sie wurden gefürchtet. Sie wurden respektiert. Sie waren effektiv. Über dreissig Schulen in ganz Seoul waren der Beweis dafür, dass Ordnung durch Stärke, Disziplin und kompromisslose Entschlossenheit hergestellt werden konnte.
Das war die Welt, die ihn geprägt hat.
Und ich wurde erzogen, um sie zu erben.
Aber Vererbung wird nicht nur durch Blut weitergegeben.
Es prägt sich in das Nervensystem ein, als wäre es in das Wesen eines Menschen eingeschrieben.
Bevor ich Theologie verstand, bevor ich Philosophie hinterfragte, bevor ich Ehrgeiz verspürte, lernte ich bereits ein Credo: Kontrolliere, was du kannst, beherrsche, was sich widersetzt, zeige niemals Schwäche.
Und doch – unter der Ausbildung, unter den Erwartungen –regte sich etwas Weicheres.
Selbst in den bitteren Wintern meiner Kindheit, als ich durch den Schnee zu Kirchen ritt, deren Sprache ich nicht verstand, erkannte etwas in mir eine Stille, die tiefer war als Stärke.
Damals wusste ich es noch nicht.
Aber Gott klopfte bereits an.
Stärke wurde nicht gefördert – sie wurde verlangt. Schwäche war nicht unmoralisch – sie war inakzeptabel. Angst wurde nicht diskutiert – sie wurde überwunden. Von meinen frühesten Jahren an verinnerlichte ich eine einzige, unausgesprochene These: Die Welt respektiert Macht. Nicht Freundlichkeit. Nicht Absicht. Nicht Aufrichtigkeit. Macht. Die Fähigkeit, seinen Willen durchzusetzen, wenn Widerstand auftritt. Mitgefühl ohne Stärke ist Hilflosigkeit. Moral ohne Gewalt ist irrelevant. Das Überleben gehört den Starken.
Als ich in Südkorea in die Grundschule kam, schickte mich mein Vater ein Jahr früher als alle anderen in die erste Klasse. Ich war jünger, kleiner und umgeben von älteren Jungen, die instinktiv die Hierarchie durch Dominanz testeten. Aber Jahr für Jahr wurde ich Klassensprecher. Nicht weil ich charmant oder beliebt war, sondern weil ich nicht besiegt werden konnte.
Dominanz schuf Ordnung.
Ordnung schuf Sicherheit.
Diese Logik wurde zur Grundlage meines Weltverständnisses.
Ich lernte schon in sehr jungen Jahren, wie schwer Verantwortung und Rechenschaftspflicht wiegen. Als ältester Sohn von vier Geschwistern verstand ich früh, dass meine Rolle nicht optional war. Ich war für sie verantwortlich. Wenn eines meiner Geschwister einen Fehler machte, ungehorsam war oder durch körperliche Züchtigung bestraft wurde, wurde auch ich bestraft. Ihre Handlungen wirkten sich auf mich aus.
Ich lernte schnell, dass Verantwortung nicht nur symbolisch ist. Sie hat Konsequenzen. Verantwortlich zu sein bedeutete, dass ich für das leiden musste, was ich zugelassen, übersehen oder nicht verhindert hatte. Führung in ihrer frühesten Form war kein Privileg – sie war eine Last.
Als ich neun Jahre alt war, wanderte meine Familie in die Vereinigten Staaten aus. Alles wurde grösser – Gebäude, Autos, Essensportionen, Menschen. Wieder einmal war ich die Kleinste.
Diesmal war ich auch das einzige asiatische Kind in einer ausschliesslich weissen Schule. Ich sprach kein Wort

«Ich habe schnell gelernt, dass Verantwortung nicht nur symbolisch ist.»

Englisch. Ich war aufgrund meines Aussehens, meiner Sprache und meiner Kultur isoliert. Kinder können grausam sein, wenn Unterschiede ohne Schutz auftreten. Ich wurde täglich provoziert.
Also kämpfte ich täglich.
Nicht zum Spass. Nicht aus Stolz – zumindest nicht bewusst. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich nicht wegen etwas angegriffen, das ich getan hatte, sondern wegen etwas, das ich war: wegen meines Aussehens, meiner Abstammung, meiner Herkunft, die ich weder ablegen noch verbergen konnte. Mein Geburtsrecht selbst wurde in Frage gestellt – meine blosse Existenz wurde als Provokation angesehen. Ich kämpfte, weil ein Rückzug undenkbar war. Ich kämpfte, weil Unterwerfung sich wie Auslöschung anfühlte. Mich dominieren zu lassen, war keine Demütigung – es war Vernichtung. Ich kämpfte nicht nur für mich selbst, sondern auch für mein Land, meine ethnische Zugehörigkeit, meine Abstammung. Und als meine Familie wieder umzog – wie so oft –, fing ich von vorne an, trug dieselbe Last und stellte mich derselben Herausforderung. Die Anweisung meines Vaters zum Umgang mit Mobbing war einfach und eindeutig:
«Such dir den Grössten aus. Vor allen Leuten. Beende es mit einem Schlag. Dann wird dich niemand mehr anfassen und du wirst viele Freunde gewinnen.»
Für viele klingt das brutal. Für meinen Vater war es praktisch. Es war dieselbe Methode, die er im Nachkriegskorea angewendet hatte, um gewalttätige Männer zu unterwerfen, die nur Gewalt verstanden. Und sie funktionierte auch in Amerika. Die Kämpfe waren nie sauber. Sie waren chaotisch, unordentlich und auf ihre Weise demütigend. Aber ich setzte mich durch. Und sobald meine Dominanz etabliert war, hörte die Schikane auf.
Dieses Muster hat sich tief in mir verankert: zuerst konfrontieren, niemals nachgeben.
Doch selbst in diesen Jahren – unter der Rüstung, unter dem Kulturschock, unter der ständigen
Bereitschaft, mich zu verteidigen – war noch etwas anderes vorhanden. Etwas Leiseres. Etwas, das ich nicht erklären konnte.
In den Jahren vor meinem siebten Geburtstag, in den langen, bitteren Wintern Koreas, erinnere ich mich, dass ich mich auf unerklärliche Weise zu Weihnachten hingezogen fühlte. Unsere Familie war damals buddhistisch, doch ich freute mich auf die Weihnachtszeit mit einer Sehnsucht, die ich nicht verstand.
In Korea war es im Winter kalt. Es schneite stark. Ich saß auf dem Gepäckträger des Fahrrads meines Onkels – er war nur acht Jahre älter als ich – und wir fuhren von Kirche zu Kirche, um die Weihnachtsmesse zu sehen und an der Eucharistie teilzunehmen. Wir verstanden nichts von Theologie. Wir verstanden nichts vom Sakrament. Wir wussten nicht, was dort geschah. Aber ich liebte die Atmosphäre.
Die Zeremonie hatte etwas Feierliches. Die Stille fühlte sich geordnet an. Die Kerzen, die Gesänge, die Bewegungen – alles sprach eine Sprache, die mein Geist erkannte, bevor mein Verstand sie interpretieren konnte. Etwas zog mich an. Es brachte ein Gefühl von Frieden und Erhabenheit mit sich – als würde man in eine Realität eintreten, die älter ist als die Welt draussen.
Ich wusste noch nicht, was ich da empfand.
Als wir nach Amerika auswanderten, konvertierten meine Grosseltern zum Christentum und begannen, eine koreanische presbyterianische Kirche in Los Angeles zu besuchen. Wenn die Ältesten gingen, gingen wir alle. Ich war noch jung – im Mittelschulalter – und ich erinnere mich, dass wir jeden Sonntag nach LA fuhren, um eine koreanische Kirche zu besuchen, in der die Predigten in formellem Koreanisch gehalten wurden, das schwer zu verstehen war.
Ich schlief die meiste Zeit.
Es war ganz anders als die katholische Weihnachtsmesse, an die ich mich aus Korea erinnerte. Das Kindheitswunder kehrte nicht zurück. Schliesslich entdeckte ich eine Bowlingbahn in der Nähe der Kirche mit Flipperautomaten. Ich lernte, mich während der Predigt davonzuschleichen und kurz vor Ende zurückzukommen, als wäre ich die ganze Zeit da gewesen.
Das war meine frühe Beziehung zur Kirche: Struktur ohne Begegnung. Anwesenheit ohne Präsenz. Religion als etwas, das Menschen taten – nicht als etwas, das ihnen etwas antat.
Ich war ein sehr neugieriges Kind. Ich stellte mir ständig Fragen über den Himmel – wie weit er reichte, wo er endete, was jenseits davon existierte. Ich träumte davon, wie Einstein zu werden, ein Raumschiff mit unendlichem Treibstoff zu erfinden, um an den Rand des Universums zu reisen und zu sehen, ob der Himmel wirklich existierte.
Ich verschlang Wissenschaftsbücher – vor allem solche, die ich günstig in Secondhandläden kaufen konnte. Ich war besessen von Science-Fiction-Filmen. Ich markierte sie im Fernsehprogramm, viele wurden um 3 Uhr morgens ausgestrahlt. An Schultagen stellte ich meinen Wecker, wachte auf, um sie anzuschauen, und schlief dann vor der Schule noch ein paar Stunden.
Ich glaubte, dass Wissen die Realität erschliessen würde. Aber die Pubertät erschütterte diese Gewissheit.
In der High School wandte ich mich von der Wissenschaft ab und hin zur Literatur, Philosophie und existentiellen Gedanken. Es wurde mir schmerzlich klar, dass ich kein Einstein war; der Traum, das Universum durch Physik zu entschlüsseln, begann zu verblassen. Stattdessen schrieb ich mich für einen Geisteswissenschaftskurs ein, der Englisch, Klassiker und Staatskunde kombinierte – eine ungewöhnliche Kombination, die mir Fragen aufwarf, auf die ich nicht vorbereitet war.
Wir verschlangen jede Woche mehrere Bücher – griechische Philosophie, klassische Epen, moderne Theorie, existenzielle Schriftsteller – Weltanschauungen, die in meinem Kopf wie Klingen im Kampf aufeinanderprallten. Gewissheiten, an denen ich einst festgehalten hatte, begannen zu bröckeln. Das Universum fühlte sich nicht mehr mechanisch und vorhersehbar an, sondern wurde vielschichtig, mehrdeutig und beunruhigend persönlich.
Zum ersten Mal ging es bei den Fragen nicht mehr darum, wie die Welt funktionierte.
Sie drehten sich darum, warum sie überhaupt existierte.
Ich begann, alles in Frage zu stellen – insbesondere Gott.
Dann verhärtete ein einziger Moment meinen Widerstand. Während einer Bibelstunde nach dem Gottesdienst stellte ich eine Frage – ich kann mich jetzt nicht einmal mehr an die

genaue Frage erinnern, nur noch an den Tonfall meiner Sehnsucht nach Verständnis. Der junge Pastor – wie auch immer sein Titel lautete – sah mich an und sagte mir, ich solle «die Klappe halten».
Das reichte mir.
Wenn die Wahrheit einer Überprüfung nicht standhalten konnte, wollte ich nichts damit zu tun haben. Von diesem Tag an weigerte ich mich, zur Kirche zu gehen.
Ironischerweise war es nicht die Theologie, die mich zurück in die Kirche brachte.
Es war die Liebe.
Meine Eltern wollten, dass ich zur Kirche ging – nicht, weil sie gläubig waren, sondern weil sie etwas Praktisches verstanden hatten: Glaube führt oft zu Moral, und Moral schützt junge Männer. Sie waren sich auch bewusst, dass ich mich entfernte – unruhig, scharfsinnig, alles hinterfragend.
Also versuchten sie es mit einer einfachen Taktik.
«In der Kirche gibt es ein süsses Mädchen.»
Ich ging hin.
Und ja – sie war süss.
Ich setzte mich neben sie. Ich umwarb sie mit derselben Direktheit, mit der ich auch alles andere angegangen bin. Bald stellte ich sie und ihre Schwester meinen Eltern vor. Sie wurde
meine erste Liebe, meine erste Freundin. Dann erfuhr ich, dass ihr Vater Pastor war, und wieder einmal fand ich mich in der Kirche wieder – nicht auf der Suche nach Gott, sondern in dem Bestreben, der Frau, die ich liebte, würdig zu sein.
Nach nur wenigen Monaten, mit siebzehn Jahren, beschloss ich, das zu tun, was ich für ehrenhaft hielt. Ich setzte mich mit ihrem Vater zusammen und bat ihn um seinen Segen, seine Tochter heiraten zu dürfen.
Er hustete – fast erstickt an der Dreistigkeit eines Siebzehnjährigen, der eine solche Frage stellte – und sagte dann Worte, die wie eine Prophezeiung, die ich immer wieder ablehnte, mein Leben lang nachhallten:
«Zu gegebener Zeit. Warten wir ab. Wenn es Gottes Wille ist.»
Dieser Satz wurde mir zu einem Dorn im Auge: «Wenn es Gottes Wille ist.»
Meine Freundin wiederholte ihn oft – so oft, dass ich es leid war, ihn zu hören. Ich sagte ihr, dass Gott vielleicht einen Willen habe, aber dass wir uns entscheiden müssten. Wir müssten handeln. Es seien unsere Anstrengungen, die über Erfolg oder Misserfolg ents-

chieden.
Ich war mir nicht bewusst, dass ich damit die Theologie meines gesamten Lebens zum Ausdruck brachte:
Autonomie ist Stärke.
Unterwerfung ist Schwäche.
Im Nachhinein betrachtet war das nicht nur jugendliche Arroganz.
Das war Eden.
Das war die erste Weigerung, sich zu beugen.
Als ich siebzehn war, wurde sie schwanger.
Als Junge hatte ich immer von einer grossen Familie geträumt –zehn Kinder, meine eigene Armee. Aber als ich mit der Realität der Vaterschaft konfrontiert wurde, geriet ich in Panik. Ich redete mir ein, ich sei zu jung. Ich hatte zu viel zu tun. Eine Welt zu erobern. Ein Vermächtnis aufzubauen. Ich konnte mich jetzt nicht binden.
Wir beschlossen, das Kind abzutreiben.
Wir erzählten es unseren Eltern nicht – ein Schweigen, das ich später zutiefst bereuen sollte, denn ihre Weisheit und ihre Führung hätten den Weg, den wir eingeschlagen hatten, vielleicht verändert.


Als sie aus der Klinik kam, konnte sie kaum stehen. Ich eilte zu ihr – und sie brach in meinen Armen zusammen. In diesem Moment brach etwas in mir. Ich spürte die ganze Last einer Entscheidung, die niemals rückgängig gemacht werden konnte.
Die Reue kam sofort. Die Schuld war total. Es gab keine Rechtfertigung, die stark genug war, um die Realität dieses Augenblicks zu überstehen. Später versuchten wir, uns zu versöhnen. Wir versuchten, wieder zueinander zu finden. Wir scheiterten.
Also tat ich, was Krieger tun, wenn sie an einer Stelle verwundet sind, die sie nicht zeigen können:
Ich begrub es.

Ich wurde hart.
Ich machte weiter.
Ich stürzte mich in Ehrgeiz, in Hwa Rang Do, in die Eroberung jedes möglichen Bereichs. Und ich verstand noch nicht die gefährlichste spirituelle Realität:
Unausgesprochene Sünden verschwinden nicht.
Sie wird zum Treibstoff.
Sie wird zum verborgenen Motor, der den Stolz antreibt.
Schuld lähmt einen Menschen nicht immer.
Manchmal treibt sie ihn an.
Manchmal überzeugt sie ihn davon, dass Erfolge das Bekenntnis kompensieren werden. Dass, wenn er genug aufbaut, genug erobert, genug expandiert, die Vergangenheit unter dem Fortschritt begraben wird.
Und so rannte ich.
Nicht vor der Welt.
Vor mir selbst.
Als ich erwachsen wurde, begann alles, was mir beigebracht

worden war, zu funktionieren.
Das ist ein wichtiger Satz, denn Erfolg ist weitaus gefährlicher als Misserfolg. Misserfolg macht dich schnell demütig. Erfolg überzeugt dich davon, dass du die ganze Zeit Recht hattest.
Ich war erfolgreich.
Nicht nur gelegentlich. Sondern durchgehend.
Die Disziplin, die mich als Kind am Leben gehalten hatte, wurde zu einer Waffe in der Welt der Erwachsenen. Ich arbeitete härter als alle um mich herum. Ich ertrug Druck, den andere mieden. Ich übernahm Verantwortung, vor der andere flohen. Wo Unordnung herrschte, schuf ich Struktur. Wo Unsicherheit herrschte, traf ich Entscheidungen. Wo andere zögerten, handelte ich.
Und die Welt belohnte mich dafür.
Der Applaus der Welt ist ein gefährliches Betäubungsmittel.
Er betäubt den Schmerz, ohne die Wunde zu heilen.
Jeder Erfolg verstärkte die Illusion, dass ich nicht nur fähig, sondern auch notwendig war. Dass das Leben nachgeben würde, wenn ich nur diszipliniert genug, stark genug und unerbittlich genug blieb.


Aber das Leben gibt nicht nach.
Es entlarvt.
Und wenn es entlarvt, verhandelt es nicht mit Stolz.
Menschen verwechseln Stolz oft mit Arroganz. Das ist zu einfach. Stolz tarnt sich in seiner gefährlichsten Form als Tugend. Er sieht aus wie Verantwortung. Er klingt wie Pflicht. Er fühlt sich an wie Opferbereitschaft. Und weil er Ergebnisse bringt, wird er selten in Frage gestellt.
Ich redete mir ein, dass ich durch Dienstbereitschaft motiviert sei. Durch Loyalität. Durch Verpflichtung. Ich überzeugte mich selbst davon, dass Demut bedeutete, härter zu arbeiten als alle anderen, mehr zu tragen als alle anderen, mehr zu ertragen als alle anderen, ohne sich zu beschweren.
Aber hinter dieser Erzählung verbarg sich eine dunklere Überzeugung, die langsam wuchs und durch Ergebnisse bestätigt wurde:
Ich bin notwendig.
Und sobald ein Mensch glaubt, dass er notwendig ist, glaubt er nicht mehr, dass er rechenschaftspflichtig ist. Er mag zwar weiterhin die Sprache der Verantwortung sprechen, aber innerlich hat er sich selbst auf den Thron gesetzt. Wenn die Dinge funktionieren, dann wegen ihm. Wenn die Dinge scheitern, dann weil andere nicht stark genug waren. Das ist keine Führung.
Das ist Selbstvergötterung –getarnt als Pflicht.
Dies ist das Muster, vor dem die Heilige Schrift mit erschreckender Präzision warnt: Sieg um Sieg kann einen Führer vergessen lassen, dass Führung anvertraut und nicht ergriffen wird.
Ich habe Organisationen aufgebaut. Ich habe Krieger ausgebildet. Ich habe Hwa Rang Do über das hinaus erweitert, was viele für möglich gehalten hätten. Ich habe Aufgaben übernommen, von denen andere sagten, sie seien unmöglich, und empfand eine berauschende Befriedigung dabei, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Jedes Hindernis wurde zu Treibstoff. Jeder Zweifel, der mir entgegengebracht wurde, stärkte meine Entschlossenheit.
Ich lebte nach dem Ethos, über das ich später mit voller Überzeugung schrieb: Es gibt keinen Plan B. Verbrenne die Schiffe. Schliesse den Rückzug aus. Dränge vorwärts.
In vielerlei Hinsicht hat dieses Ethos Grösse geschaffen. Es hat das Engagement geläutert. Es hat den Fokus geschärft. Es hat Ergebnisse geschaffen.
Aber es schuf auch etwas anderes:
Eine Welt ohne Gnade.
Nicht für andere.
Und schon gar nicht für mich selbst.
Freude begleitete den Erfolg, aber sie war scharf und flüchtig. Sie hielt nie lange an. Sobald ein Ziel erreicht war, tauchte das nächste auf. Zufriedenheit war immer gerade ausser Reichweite. Ich verwechselte diese Unruhe mit Ehrgeiz. In Wahrheit war es ein Hunger, der durch Erfolge nicht gestillt werden konnte.
Wenn etwas zusammenbrach – und das tat es immer –, kam die Trauer ohne Vorwarnung. Ich glaubte, Freude und Trauer seien Gegensätze: das eine sollte man anstreben, das andere besiegen. Ich verstand noch nicht, was ich später klar formulieren würde: Freude und Trauer sind untrennbar miteinander verbunden, sie entspringen derselben Tiefe.
Jede Freude trug den Keim der Trauer in sich, denn Anhaftung garantiert Verlust.
Und Trauer, ob ich es zugab oder nicht, offenbarte das Ausmass meiner Liebe.
In dieser Zeit schärfte sich mein Denken. Ich beschäftigte mich intensiv mit Philosophie. Ich beschäftigte mich mit Existentialismus, Ethik, Metaphysik, der Natur des Geistes und der Bedeutung. Ich wurde wortgewandt. Präzise. Ich konnte Glaubenssysteme analysieren, Widersprüche aufdecken und meine Positionen klar verteidigen.
Ich überzeugte mich selbst davon, dass Verständnis gleichbedeutend mit Weisheit sei.
Aber subjektive Wahrheit hat einen fatalen Fehler. Sie bricht unter dem Leiden zusammen.
Die Philosophie schärfte meinen Intellekt. Aber das Leiden schärfte die Realität.
Ideen können neu geordnet werden.
Verluste nicht.
Als mich der Herzschmerz durchbohrte, umging er jedes Argument, das ich aufgebaut hatte. Er ignorierte Rang. Er ignorierte Ansehen. Er ignorierte Meisterschaft.
Es traf mich an einer ungeschützten Stelle.
Und ich hatte keine Verteidigung mehr.
Keine Philosophie half, als der Verlust ungebeten kam. Keine Disziplin verhinderte den Verrat. Keine Meisterschaft schützte mich vor dem Herzschmerz. Und jedes Mal, wenn das Leben die Rüstung durchbohrte, klopfte Gott an.
Ich überlebte Autounfälle, die mich hätten töten müssen. Ich überlebte einen Sturz aus dem fünften Stock auf Beton, der die Ärzte in Erstaunen versetzte. Jedes Mal interpretierte ich das Überleben nicht als Gnade, sondern als Bestätigung.
Ich sagte mir, dass ich stark sei.
Ich sagte mir, ich sei auserwählt.
Ich sagte mir, ich sei unbesiegbar.
Ich verstand noch nicht, dass Überleben keine Bestätigung ist.

«Als ich neun Jahre alt war, wanderte meine Familie in die Vereinigten Staaten aus. Alles wurde grösser: Gebäude, Autos, Essensportionen, Menschen. Wieder einmal war ich der Kleinste.»
Es ist Geduld.
Und Geduld ist oft die erschreckendste Form der Liebe – weil sie dich weitergehen lässt, bis du schliesslich an deine Grenzen stösst.
Während dieser Zeit lebte ich unter einer immensen Last von Erwartungen – einige davon geerbt, viele selbst auferlegt. Ich glaubte, dass ohne mich alles zusammenbrechen würde. Dass meine Schüler, meine Organisation, meine Familie, mein Vermächtnis von meiner ständigen Wachsamkeit abhingen.
Dieser Glaube fühlte sich edel an.
Er war aber auch eine Lüge.

Eine der schwersten Wahrheiten, die Krieger zu akzeptieren haben, ist diese: Training kann dich verfeinern, aber es kann dich nicht zu Gott machen.
Wir halten nicht die Waage in der Hand. Wir haben nie die Balance besessen. Es gibt einen Hüter – eine höchste Autorität – und wenn der Moment gekommen ist, werden alle unsere Leistungen auf die Waage gelegt.
Diese Wahrheit ist für den stolzen Menschen unerträglich.
Denn sie bedeutet: Du warst nie souverän.
Und ich wollte nicht, dass das wahr ist.
Ich wollte, dass die Welt von Stärke und Anstrengung regiert

«Da wurde mir klar, wie sehr ich Stärke missverstanden hatte.»
wird, denn das war die Welt, in der ich gewinnen konnte.
Doch das Leben hat eine Art, etwas zu präsentieren, das sich nicht durch Geschicklichkeit bezwingen lässt: Ein Traum zerbricht, eine Beziehung endet, Verrat schlägt zu, der Körper beginnt zu versagen. In solchen Momenten erweisen sich alle Techniken und Erkenntnisse als wertvoll – aber begrenzt. Und jenseits dieser Grenze wartet Gott.
Ich näherte mich dieser Grenze.
Und ich wusste es noch nicht.
Stolz stirbt nicht laut.
Er stirbt in einem stillen Raum, wenn der Jubel verstummt – wenn es nichts mehr zu beweisen gibt, niemanden mehr zu beeindrucken und keine Kraft mehr, die man als Waffe einsetzen könnte. Stolz stirbt, wenn die Seele endlich die Wahrheit zugibt, vor der sie jahrzehntelang geflohen ist:
Ich kann das nicht tragen.
Meine Verlobte hat unsere Beziehung beendet.
Ohne Vorwarnung.
Ohne Verhandlungen.
Ohne Wiedergutmachung.
Sie sagte gerne, dass sie nach zwei Regeln lebte –niemals klagen, niemals erklären –, als ob das Schweigen der britischen Monarchie als Stärke durchgehen könnte. Und ich, mit meinem eigenen Credo «niemals zurückweichen, niemals aufgeben», erkannte nicht, dass zwei kompromisslose Willen auf einen Zusammenstosszusteuerte. Wir schufen keinen Frieden, wir rasten auf den Zusammenprall zu.

Rückblickend kann ich etwas erkennen, was ich damals nicht sehen konnte.
Selbst hier antwortete mir Gott.
Er gab mir alles, was ich mir von einer Frau wünschte – Schönheit, Leidenschaft, Glamour, Intensität –und etwas, um das ich nicht einmal gebeten hatte: Reichtum. Es fühlte sich wie eine Gunst an. Es fühlte sich wie eine Belohnung an. Es fühlte sich wie ein Beweis dafür an, dass ich nach allem, was ich durchgemacht hatte, endlich das bekam, was ich verdiente.
Aber es war kein Geschenk.
Es war eine Abrechnung.
Er liess mich vollkommen begreifen, was mich meiner Meinung nach glücklich machen würde – nicht, um mich zu verwöhnen, sondern um mich zu entlarven. Ich erhielt das Objekt meiner Begierde im Überfluss, damit ich erkennen würde, wie fehl am Platz diese Begierde tatsächlich war.
In dem alten Sprichwort «Sei vorsichtig mit deinen Wünschen» steckt eine Warnung.
Ich habe sie nicht nur geliebt.
Ich habe mich Hals über Kopf verliebt.
Ich war besessen.
Sie stand über allem – über meiner Familie, über Hwa Rang Do, über meiner Berufung. Ohne es zu merken, hatte ich sie über die Freundschaft hinaus zur Ultimativität erhoben.
Sie wurde mein Idol.
Und Idole müssen fallen.
Ich hatte Gewalt, Rassismus, unerbittlichen Druck


und jahrzehntelange Verantwortung überstanden. Ich hatte aufgebaut und wieder aufgebaut. Ich war zu Boden gegangen und wieder aufgestanden. Ich redete mir ein, dass ich alles ertragen könnte.
Aber dieser Verlust war anders.
Denn zum ersten Mal schützte meine Meisterschaft nicht das, was mir am wichtigsten war. Ich hatte mir endlich erlaubt, auf etwas zu hoffen, das über mein Vermächtnis hinausging – über die ständige Forderung, würdig zu sein. Ich erlaubte mir, mir Ruhe vorzustellen. Kameradschaft. Eine gemeinsame Zukunft. Ein Leben, das nicht nur davon bestimmt war, mich zu beweisen.
Und als es endete, hat es mich nicht nur verletzt.
Es zerstörte die Architektur meiner Identität.
Was zusammenbrach, war nicht nur eine Beziehung.
Es war die Illusion, dass ich mein Glück durch Besitz sichern könnte.
Es war der falsche Glaube, dass ich, wenn ich nur genug erreichte, genug Disziplin aufbrachte, intensiv genug liebte, das, was ich mir wünschte, auch behalten könnte.
Dieser Verlust bewirkte, was Jahrzehnte des Kampfes nicht geschafft hatten.
Er legte mein Herz bloss.
Und was ich dort fand, war keine Hingabe. Es war Götzendienst.
Ich zog mich völlig zurück.
Einer meiner Schüler, der spürte, dass die Einsamkeit für mich gefährlich geworden war, bot mir eine Unterkunft in Los Angeles an. Es war kein Trost, es war Zuflucht – ein ruhiger Rückzugsort, damit ich nicht verschwinden würde. Und selbst unter dem Dach eines anderen, umgeben von Fürsorge, isolierte ich mich.

Ich erzählte weder meiner Familie noch den meisten meiner Freunde davon. Nur wenige vertraute Vertraute kannten die Wahrheit.
Ich wollte keine Ermutigung. Ich wollte keinen Rat. Ich wollte keine Lösungen. Ich wollte nicht hören, dass ich «stark bleiben» solle.
Ich war mein ganzes Leben lang stark gewesen.
Stärke rettete mich nicht.
Stärke war das, was mich davon abgehalten hatte, aufzugeben.
Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich darüber nachdachte, mir das Leben zu nehmen.
Das erste Mal war Jahre zuvor, als ich noch jung war und bereits unter der Last der Verantwortung, meiner Position und der Erwartungen zusammengebrochen war. Ich habe damals keinen Selbstmordversuch unternommen – aber ich ging mit meinem Leben so rücksichtslos um, dass es kaum von Gleichgültigkeit zu unterscheiden war.
Eines Nachts sprang ich, um eine Gruppe junger Männer zu

beeindrucken, die mit einer Yakuza-Familie in Verbindung standen, von meinem Balkon im fünften Stock. Ich schätzte die Entfernung falsch ein, verfehlte das Geländer, an dem ich mich festhalten wollte, und stürzte.
Während dieser wenigen Sekunden des freien Falls zog mein ganzes Leben vor meinen Augen vorbei.
Ich lag bewusstlos auf der Betonauffahrt. Ich wachte in einem Krankenhausbett auf, verschont aus Gründen, die niemand erklären konnte.


Ich überlebte ohne schwere Verletzungen. Im Krankenhaus erfuhr ich, dass ein Mann im Nachbarzimmer bei einem Sturz aus nur zwei Stockwerken Höhe ums Leben gekommen war. Ärzte und Assistenzärzte kamen immer wieder, um den «Wunderknaben» zu sehen, der einen Sturz aus fünf Stockwerken überlebt hatte.
Ich konnte das nicht vergessen.
In dieser Nacht gab ich ein Versprechen, das ich noch nicht verstand: «Gott, ich weiss nicht, ob es dich wirklich gibt. Aber wenn ja, danke ich dir. Und ich schwöre, dass ich nie wieder so leichtsinnig mit meinem Leben umgehen werde.»
Dieses Mal war es anders.
Nicht dramatisch.
Nicht impulsiv.
Still.
Es war nicht nur Schmerz – es war Erschöpfung. Die Erschöpfung, immer alles zu tragen. Immer alles zu reparieren. Immer zu siegen. Immer diejenige zu sein, die aushalten musste, ohne zu zerbrechen.
Ich begann zu erkennen, wie sich Stolz als Verantwortung tarnt – und wie Verantwortung, wenn sie nicht hinterfragt wird, zu einem Gefängnis wird.
Als dem Krieger schliesslich die Antworten ausgingen, klopfte Gott an.


Nicht durch Sentimentalität.
Durch Konfrontation.
Ein hochrangiger koreanischer Hwa Rang Do-Meister aus Korea kontaktierte mich. Obwohl er mir im Rang unterlegen war, war er zehn Jahre älter als ich – ein älterer Bruder im Leben. In meiner tiefsten Trauer verbarg ich meinen Schmerz, wie ich es immer getan hatte. Jahrelange Disziplin hatte mich gelehrt, Brüche unter Gelassenheit zu verbergen. Während wir sprachen, erfuhr ich etwas, das mich verblüffte: Er war Christ geworden. Nur wenige Jahre zuvor hatte ich unzählige schlaflose Nächte damit verbracht, mit ihm in

Korea zu feiern und zu trinken – umgeben von schönen Frauen und unerbittlichen Versuchungen, lebten wir wie ungebundene Krieger und gaben uns der Illusion hin, dass unsere Stärke uns vor Konsequenzen schützte.
Nun zu hören, dass er sich Christus zugewandt hatte, war verwirrend – fast unwirklich.
Er sprach von einem Entwicklungsprojekt in Papua-Neuguinea, von der Errichtung eines Hwa Rang Do-Heiligtums dort. Als er von abgelegenen Dschungeln und isolierten Gemeinden erzählte, regte sich etwas in mir.
Zuerst dachte ich: Das ist ein Geschenk Gottes.
Eine Flucht.
Ein Ausweg aus meiner Trauer.
Ich stellte mir vor, die Welt hinter mir zu lassen und in den urzeitlichen Dschungel Papua-Neuguineas zu verschwinden – weg von

den Erinnerungen, weg vom Schmerz, weg von dem Ort, an dem mein Herz gebrochen worden war. Die Fantasie fühlte sich gnädig an: ein Leben voller Training, Dienst und Isolation – niemand, der mich beim Zusammenbrechen beobachtete.
Aber er bot mir kein Mitgefühl an.
Und ich erklärte ihm meine Situation nicht.
Es gab keinen Austausch von Trauer, kein Teilen von Wunden. Wir sprachen nur von Christus.
Er tröstete mich nicht.
Er forderte mich heraus.
Gott klopfte nicht mit Trost an.
Er klopfte mit Konfrontation.
Er schickte keinen Therapeuten.
Keinen Sympathisanten.
Sondern einen Bruder, der eine einzige Frage stellte, die

Jahrzehnte intellektuellen Stolzes zunichte machte:
«Hast du die Bibel gelesen?»
Die Frage war keine Anschuldigung.
Sie deckte auf.
Er fragte mich erneut direkt: «Hast du die Bibel gelesen?»
Ich antwortete reflexartig, mit einer Zuversicht, die eher aus meinem Intellekt als aus Gehorsam herrührte. Ich sagte ihm, dass ich die biblischen Geschichten wahrscheinlich besser kenne als die meisten anderen. Ich hatte mit vielen bekennenden Christen diskutiert. Ich kannte ihre Sprache. Ich kannte ihre Logik.
Er durchschaute mich:
«Nein. Hast du die Bibel gelesen?»
Ich hielt inne. «Du meinst von vorne bis hinten? Nein. Hast du das?»
Ich erwartete, dass er nein sagen würde.
Das tat er aber nicht.
«Ja», sagte er. «Viele Male.»
Es folgte Stille.
In diesem Moment brachen alle Argumente zusammen, die ich jemals vorgebracht hatte. Ich konnte ein Buch nicht kritisieren, das ich nie wirklich gelesen hatte. Mein Verstand, der es so gewohnt war, andere zu widerlegen, hatte keinen Standpunkt mehr.

Als das Gespräch beendet war, wusste ich, was von mir verlangt wurde.
Ich musste die Bibel aufschlagen.
Unter den wenigen Besitztümern, die ich noch hatte, gab es nur eine Bibel – die, die ich seit dreiunddreissig Jahren mit mir trug.
Ein in Leder gebundener Band mit meinem Namen in Goldprägung. Ein Geschenk von meinem allerersten schwarzen Gürtel, meinem engen Freund aus der Highschool.
Dreiunddreissig Jahre lang – die irdische Lebensspanne Jesu Christi – begleitete mich dieses Buch ungeöffnet.
Ich bin mit ihm über Kontinente gezogen.
Durch Triumphe und Niederlagen.
Durch Identitäten, die aufgebaut und wieder abgebaut wurden.
Durch Verlust, Ehrgeiz, Stolz und Neuerfindung.
Es war immer da.
Und ich habe es nie geöffnet.
Die Symmetrie war mir später nicht entgangen: Es dauerte genauso lange, wie Christus auf dieser Erde gewirkt hatte, bis ich endlich Sein Wort öffnete.
In dieser Nacht griff ich danach.
Und sofort lehnte ich mich dagegen.
Alles in mir sträubte sich dagegen. Ich war nicht religiös. Ich misstraute religiösen Menschen. Ich verachtete moralische
Selbstgerechtigkeit und oberflächlichen Glauben. Ich glaubte, dass viele Christen «Sünde» als Waffe einsetzten und «Gnade» wie ein Kostüm trugen. Mein Verstand hatte ihre Argumente unzählige Male widerlegt.
Aber dies war kein Argument.
Es war ein Befehl – ausgesprochen mit spiritueller Autorität – und er traf mich wie ein Messerstich.
In dieser Nacht, als ich nichts mehr zu verteidigen und

nichts mehr zu bewahren hatte, öffnete ich die Bibel. Nicht strategisch. Nicht ehrfürchtig. Verzweifelt.
Ich wusste nicht einmal, was die Evangelien waren, aber ich hatte gehört, dass Johannes wichtig war. Also wandte ich mich ihm zu – allerdings nicht dem Johannesevangelium, sondern einem seiner Briefe, als würde ich trotz meiner
Unwissenheit geführt werden.
Was mich dort erwartete, fühlte sich nicht alt an.
Es fühlte sich unmittelbar an.
Christus sprach nicht wie ein Philosoph, der Ideen zur Kontemplation anbot. Jahrelanges Studium der Philosophie hatte mich ihre Grenzen gelehrt: ein endloses Sich-nachinnen-Wenden. Gedanken, die sich von Gedanken nähren. Fragen, die weitere Fragen hervorrufen. Beeindruckender

Intellekt, der keine Autorität, keine Endgültigkeit, keine Wahrheit hervorbringt, die Gewicht hat. Er schärfte den Verstand, aber er verankerte nicht die Seele.
Christus war ganz anders.
Er sprach mit Autorität – klar, kompromisslos, endgültig. Es gab keinen Raum, ihn in etwas Handhabbares umzudeuten. Seine Worte luden nicht zur Bewunderung ein.
Sie verlangten Gehorsam.
Und das Erste, was mich traf, war nicht Trost.
Es war ein Gebot.
Liebt einander.
Liebt eure Feinde.
Vergebt denen, die euch Unrecht getan haben.
Nicht symbolisch.
Nicht selektiv.
Vollständig.
Dann kam der Schlag, der mich kaltstellte: Wenn ich auch nur einem einzigen nicht vergab, würde ich nicht in das Himmelreich kommen.
Für einen Krieger war das unerträglich.
Ich war darauf trainiert worden, Bedrohungen zu erkennen und zu neutralisieren. Gerechtigkeit bedeutete Konsequenz. Verrat erforderte eine Reaktion. Ordnung wurde durch Stärke aufrechterhalten. Vergebung war, so wie ich es verstand, Schwäche – eine Einladung, das Unrecht zu wiederholen.
Aber Christus ging noch weiter.
Das Urteil steht dem Menschen überhaupt nicht zu.
Gerechtigkeit gehört allein Gott.
In diesem Moment brach etwas in mir – nicht emotional, sondern strukturell. Ein ganzes Gerüst stürzte ein. Ich erkannte, dass meine Besessenheit von Bestrafung, Kontrolle und Vergeltung keine Gerechtigkeit gewesen war.
Es war Stolz gewesen.
Und wenn Gott wirklich Gott ist, dann übersteigt seine Gerechtigkeit alles, was ich jemals vollbringen könnte.
Das bedeutete, dass mein Durst nach Rache keine Tugend war.
Es war Trotz.
Als ich weiterlas, stieß ich auf etwas noch Verheerenderes: den Gehorsam Christi. Verrat. Demütigung. Folter. Tod – erlitten, ohne etwas Unrechtes getan zu haben.
Er hat sich nicht gewehrt.
Er rechtfertigte sich nicht.
Er verteidigte seine Unschuld nicht.
Er unterwarf sich.
Nicht weil er schwach war.
Sondern weil er souverän war.
Da wurde mir klar, wie sehr ich Stärke missverstanden hatte. Ich glaubte, Stärke bedeute Herrschaft. Christus offenbarte Stärke als Gehorsam gegenüber der Wahrheit – selbst


wenn es einen hohen Preis kostet.
Und dann, ohne Vorwarnung, kam die Wahrheit, die ich dreiunddreissig Jahre lang verdrängt hatte, an die Oberfläche. Ich sah klar, was ich getan hatte, als ich siebzehn war. Ich hatte mein eigenes Kind ermordet.
Nicht metaphorisch.
Nicht als Ideologie.
Als Tatsache vor Gott.
Jede Verteidigung löste sich in Luft auf. Jeder Vergleich mit anderen wurde bedeutungslos. Jede Illusion moralischer Überlegenheit zerbrach. Ich hatte die christliche Behauptung, dass wir alle Sünder sind, verachtet – ich hielt sie für psychologisch destruktiv und spirituell manipulativ.
Jetzt verstand ich, dass dies der einzig ehrliche Ausgangspunkt war.
Und noch etwas anderes traf mich mit vernichtender Klarheit.
Dreiunddreissig Jahre.
Wenn dieses Kind gelebt hätte, wäre es jetzt dreiunddreissig Jahre alt.
Das gleiche Alter, das Christus hatte, als er gekreuzigt wurde. Die Symmetrie war unerträglich.
Dreiunddreissig Jahre lang trug ich eine ungeöffnete Bibel mit mir herum.
Dreiunddreissig Jahre lang begrub ich ein Leben, das ich ausgelöscht hatte.


Dreiunddreissig Jahre lang habe ich mich gegen den Einen gewehrt, der sein Leben im gleichen Alter hingegeben hat.
Es war, als hätte ich in meiner Rebellion nicht nur mein Kind abgelehnt, sondern Christus selbst.
Diese Erkenntnis hat mich nicht theatralisch angeklagt. Sie hat mich zerstört. Ich bin zusammengebrochen.
Die Schleusen brachen auf – Jahrzehnte begrabener Schuld und Trauer strömten in einem Strom durch mich hindurch, den ich weder kontrollieren noch eindämmen konnte.
Nicht theatralisch.
Nicht symbolisch.
Sondern körperlich.
Meine Beine gaben nach. Ich fiel zu Boden und streckte mich aus, mit dem Gesicht nach unten, in völliger Unterwerfung.
Mein ganzes Leben lang hatte ich geglaubt, dass man beten sollte, wenn man aufrecht steht – gefasst, kontrolliert, mit dem Blick zum Himmel gerichtet. Ein Krieger neigt sein Haupt nicht in Schwäche. Er blickt nach oben. Er spricht deutlich. Er präsentiert sich mit Würde, als würde er sich zum Dienst melden.
Aber in dieser Nacht konnte ich nicht stehen.
Mein Körper gab auf, bevor mein Stolz Worte finden konnte.
Ich streckte mich ganz aus, mit dem Gesicht nach unten. Ich drückte meine Stirn auf den Boden, als könnte ich darunter versinken. Ich versuchte, mich noch weiter zu senken, als gäbe es Stufen der Demut und ich hätte noch nicht den Tiefpunkt erreicht.
Ich drückte mein Gesicht noch fester auf den Boden.
Tiefer konnte ich nicht sinken.
Ich wollte, dass die Erde den Mann verschluckte, der ich gewesen war.
Und an diesem tiefsten Punkt – mit dem Gesicht zum Boden, meiner Titel beraubt, meiner Verteidigung beraubt, meiner Argumente beraubt – erwartete ich die Vernichtung.
Ich erwartete Verdammnis.
Ich erwartete, dass das ganze Gewicht der göttlichen Gerechtigkeit auf mich fallen würde.
Stattdessen begegnete mir Gnade.

Keine Leugnung dessen, was ich getan hatte.
Keine Verharmlosung.
Kein psychologischer Trost.
Die Wahrheit blieb unberührt. Aber sie war nicht erdrückend. Sie war schützend.
In diesem Moment verstand ich etwas, gegen das ich mich mein ganzes Leben lang gewehrt hatte: Das Kreuz war nicht abstrakt. Es war persönlich.
Christus starb nicht theoretisch für die Menschheit. Er starb tatsächlich für die Sünder.
Für die Stolzen. Für die Aufständischen. Für die Selbstgerechtigen.
Für Menschen wie mich.
Die Erkenntnis, dass ich mit siebzehn ein Leben beendet hatte, verschwand nicht. Sie wurde noch deutlicher. Aber damit einher ging etwas Grösseres. Wenn meine Sünde real war, dann musste auch seine Sühne real sein. Wenn meine Schuld konkret war, dann musste sein Opfer ausreichend sein.
Gnade ist nur für diejenigen beleidigend, die immer noch glauben, sich selbst retten zu können.
Als ich 2015 auf dem Boden lag, wusste ich, dass ich es nicht konnte.
Ich habe nicht verhandelt.
Ich habe nicht verhandelt.
Ich habe keine Besserung im Austausch für Vergebung versprochen.

Ich habe einfach gestanden.
Und mit meinem Geständnis gab ich mich geschlagen.
Die Last, die ich dreiunddreissig Jahre lang getragen hatte, verschwand nicht augenblicklich aus meinem Gefühlsleben. Aber ihre Macht über mich war gebrochen.
Das ist ein Unterschied. Die Reue blieb. Aber die Verurteilung nicht.
Die Erinnerung blieb. Aber die Scham verlor ihre Macht.
Ich hatte gedacht, das Christentum sei Schwäche.
Ich entdeckte, dass es den grössten Mut erforderte, den ich je aufgebracht hatte.
Es ist viel einfacher, andere zu beherrschen, als vor Gott niederzuknien.
Es ist viel einfacher, zu rechtfertigen, als zu bekennen.
Es ist viel einfacher, ein Vermächtnis aufzubauen, als sein Ego aufzugeben.
In dieser Nacht im Jahr 2015 habe ich etwas verloren.
Ich verlor meine Rebellion.
Und indem ich sie verlor, fand ich Frieden, den ich nie durch Disziplin, Meditation oder Gewalt erzeugt hatte.
Nicht, weil ich etwas Aussergewöhnliches empfand.
Sondern weil ich endlich gehorcht hatte. Und Gehorsam ist der Geburtsort des Friedens.

Der Krieger, der sich durch Widerstand definierte, entdeckte, dass Widerstand das wahre Gefängnis gewesen war. Kapitulation war keine Niederlage.
Sie war Befreiung.
Und ich öffnete die Tür für den einen, der die ganze Zeit geklopft hatte.
Bald darauf traf ich eine Entscheidung, die klein erschien, sich aber als zutiefst symbolisch erwies: Ich schaffte mir einen Hund an – Kilbo.
Er war nicht nur ein Begleiter. Er war ein lebender Spiegel. Ein Begleiter, der die Wahrheit hinter meiner Stille spüren konnte. Mit der Zeit verstand ich, dass er auch Barmherzigkeit war: ein

Schutzengel in Form eines Hundes.
Kilbo verlangte etwas, das mein Stolz nicht gut beherrschte: Liebe, die nicht auf Gegenleistung beruht. Fürsorge, die keine Leistung verlangt. Verantwortung ohne Dominanz. In meinen dunkelsten Zeiten gab er meinen Morgen einen Sinn und meinen Tagen einen Rhythmus – denn ob ich mich nun würdig fühlte oder nicht, Kilbo brauchte mich.
Und durch ihn lehrte mich Gott etwas, das ich mein ganzes Leben lang zu vermeiden gelernt hatte:
Wie man weich wird, ohne schwach zu werden.
Wie man präsent sein kann, ohne zu kontrollieren.
Wie man liebt, ohne zu erobern.
Nicht lange danach kehrte ich nach Hause zurück – nicht nach Korea, sondern ins Haus meiner Eltern.
Ich hatte mein Zuhause mit achtzehn verlassen, um zur Universität zu gehen, und in meinen Gedanken war ich nie wirklich zurückgekehrt. In meiner Vorstellung sollte die «Rückkehr nach Hause» triumphierend sein: ein Krieger, der mit Tribut, Beweisen und Sieg zurückkehrt.
Stattdessen kehrte ich mit leeren Händen zurück.
Keine Frau.

Keine Kinder.
Keine sichtbaren Beweise für ein Leben, das «so verlief, wie es sollte».
Als ältester Sohn sollte ich heiraten, einen Haushalt gründen, Kinder großziehen und die Familie fortführen. Das war die Ehre geboten. Ich hatte es mir gewünscht. Ich hatte es versucht. Aber ich konnte es nicht erfüllen.
Die Scham über dieses Versagen sass tiefer, als ich zugeben wollte.
Also kehrte ich nicht in den komfortablen Flügel des Hauses zurück, in dem ich einst gelebt hatte. Ich entschied mich für das Zimmer der Dienstmädchen –einen kleinen Eckraum. Das war kein Zufall. Es war eine Selbststrafe. Ich glaubte nicht, dass ich Komfort verdiente. Ich glaubte nicht, dass ich Platz verdiente. Ich glaubte nicht, dass ich es verdiente, gesehen zu werden.
Ich blieb mit Kilbo drinnen. Ich las täglich in meiner Bibel. Ich kam nur zum Essen heraus. Die Heilige Schrift, Stille, Scham.
Die Spannung mit meinem Vater war unerträglich.
Wir waren beide von Haus aus Kämpfer, und meine Mutter stand zwischen uns – als Puffer, Vermittlerin, stiller Schutzschild. Stolz war die Sprache, die wir fliessend sprachen, obwohl keiner von uns das zugeben würde. Und obwohl ich gebrochen war, versuchte ich dennoch, meine Fassung zu bewahren. Ich konnte ihn mich nicht zusammenbrechen sehen, auch wenn genau das gerade passierte.
Wenn ich ehrlich bin, wollte ich nur eines: seine Akzeptanz.
Keine Anweisungen. Keine Ratschläge.
Seine Akzeptanz. Aber er konnte sie mir nicht geben.
Dann, eines Abends, kam es zum Eklat.
Ein heftiger Streit – scharf, gewalttätig, Jahre der Enttäuschung

«Kilbo verlangte etwas, das mein Stolz nicht gut beherrschte: Liebe, die nicht auf Gegenleistung beruht.»
und Erwartungen, die endlich offen zutage traten. In diesem Moment lernte ich etwas, das ich theoretisch schon immer gewusst hatte, aber in der Praxis gefürchtet hatte:
Versöhnung kommt nicht durch Vermeidung zustande. Konflikte müssen angegangen werden, wenn eine Lösung möglich sein soll. Doch sowohl mein Vater als auch ich befürchteten, dass eine Konfrontation zwischen uns katastrophale Folgen haben könnte. Er war ein beeindruckender Mann, und er hatte mich dazu erzogen, nicht weniger unnachgiebig zu sein. Wir verstanden uns zu gut. Wenn unser Stolz ungebremst entflammt wäre, hätte der Schaden irreparabel sein können.
Und doch wurde Versöhnung nur möglich, indem wir uns in dieses Feuer stürzten – indem wir den Konflikt ehrlich an die Oberfläche kommen liessen.
Wäre ich nicht gezwungen gewesen, nach Hause zurückzukehren, hätte sich diese Spannung – meine Scham und die Enttäuschung meines Vaters – vielleicht nie aufgelöst. Wir hätten distanziert, höflich, stolz und unversöhnt bleiben können, bis uns der Tod getrennt hätte.
Stattdessen drängte Gott mich in die Enge.
Ich sehe jetzt, dass ich nicht als Verlierer zurückgekehrt bin.
Ich wurde geläutert.
Er nahm mir alles, worauf ich mich verlassen hatte – meine Position, meine Unabhängigkeit, meinen Stolz, meine Illusionen. Er reduzierte mich auf das, was ich unter all meinen Titeln und Errungenschaften wirklich war: nackt, blossgestellt, schutzlos.
Und in dieser Entblössung reinigte er mich.
Nicht durch Demütigung.
Sondern durch die Wahrheit.
Diese Reinigung musste geschehen, wenn ich vorankommen wollte – nicht als ein Mann, der immer noch versucht, sich zu beweisen, sondern als ein versöhnter Sohn, als ein gehorsamer


«Kilbo hatte mich durch Demütigung, Versöhnung, Exil und Wiederaufbau begleitet. Er war mehr als ein Begleiter; er war mein Schutzengel, den mir mein Herr geschickt hatte, um mir zu helfen, den Bund zu halten, den ich in jener Nacht auf dem Boden geschlossen hatte. In Zeiten der Schwäche und Erneuerung blieb er standhaft. Sein Tod bedeutete nicht nur einen Verlust –er signalisierte auch das Ende dieser heiligen Zeit.»
Diener als ein durch Hingabe geläuterter Krieger.
Nach dieser Nacht im Jahr 2015 war die Hingabe noch nicht vollständig.
Sie hatte begonnen.
Als ich täglich in meiner stillen Abgeschiedenheit die Heilige Schrift las, drängte sich mir eine Wahrheit mit zunehmender Klarheit auf: die Taufe. Wasser.
Reinigung.
Der Tod des alten Menschen.
Wenn ich mich Christ nennen wollte, wenn ich wirklich zu Christus gehören und ihn nicht nur bewundern wollte, konnte ich nicht abstrakt bleiben. Die Hingabe erforderte Verkörperung.
Ich war niedergekniet.
Jetzt musste ich gewaschen werden.
Der Gedanke beunruhigte mich zunächst. Ich hatte bereits

gebeichtet. Ich hatte mich bereits hingegeben. War das nicht genug?
Aber die Heilige Schrift ließ keinen Raum für teilweisen Gehorsam.
Der Glaube muss bekundet werden.
Und das alte Ich muss begraben werden.
Also wandte ich mich an den Bruder des Freundes, der mir dreiunddreissig Jahre zuvor die Bibel geschenkt hatte. Inzwischen war er Pastor geworden. Ich fragte ihn, ob er mich taufen würde.
Er war überglücklich, nach so vielen Jahren von mir zu hören. Zunächst willigte er ein.
Aber Wochen vergingen. Keine Antwort.
Das war sehr ungewöhnlich für ihn. Aber ich drängte nicht weiter.
Ich hatte inzwischen etwas gelernt: Wenn eine Tür verschlossen bleibt, muss man warten.
In diesem Sommer reiste ich zu unserer jährlichen Veranstaltung in die Toskana, Italien. Obwohl ich innerlich noch immer am Heilen war, erfüllte ich meine Pflichten – ich hielt Seminare ab, gab Intensivkurse und unterrichtete meine Schüler in der Lehre der Hwarang.
Äusserlich blieb ich Grossmeister. Innerlich hatte ich mich neu ergeben.
Und dort, inmitten der sanften Hügel der Toskana, kam mir die Erkenntnis.
Christus selbst war von Johannes dem Täufer getauft worden –der später sein Jünger wurde.
Der Meister kniete vor dem Diener nieder. Die Autorität beugte sich vor dem Gehorsam.
In diesem Moment verstand ich.
Ich brauchte keine Zeremonie.
Ich brauchte keine Anerkennung.

Ich brauchte Gehorsam.
Und Gehorsam erfordert keinen Rang.
Er erfordert Ausrichtung.
Ich wandte mich an einen meiner Schüler – den Cheftrainer von Italien – und fragte ihn, ob er mich taufen würde.
Er war verblüfft.
Zunächst lehnte er ab und fragte demütig, wie er seinem Grossmeister eine solche Ehre erweisen könne.
Ich erzählte ihm von Johannes dem Täufer.
Von Christus, der niederkniete.
Davon, dass die Ordnung des Himmels nicht die Hierarchie der Menschen widerspiegelt.
Er verstand.
Wir fanden einen kleinen Bach in der toskanischen Landschaft, eingebettet zwischen sanften Hügeln. Das Wasser floss klar über glatte Steine. Es war still. Einfach. Unberührt von Spektakel.
Und da ich wusste, dass diese Hingabe bezeugt werden musste, bat ich meine Schwester, uns zu begleiten.
Dort, in diesem Bach, kniete ich vor meinem Schüler nieder. Nicht als Grossmeister. Als Gläubiger, als Diener.
Er las aus meiner Bibel vor – derselben Bibel, die ich dreiund-

dreissig Jahre lang ungeöffnet mit mir herumgetragen hatte. Wasser aus dem lebendigen Bach wurde über mich gegossen.
Und in diesem Moment empfand ich etwas Tieferes als Emotionen.

Ich fühlte Begräbnis. Der alte Mann – der auf Stolz, Eroberung und Unentbehrlichkeit aufgebaut war – wurde symbolisch zu Grabe getragen.
Und ich stieg aus diesem Wasser nicht erhöht, sondern gereinigt empor.
Wieder einmal war es nicht mein Wille – sondern Sein Wille.
Es war nie meine Absicht, von meinem Schüler in einem toskanischen Bach getauft zu werden.
Es war eine Angleichung. Und kurz darauf öffnete sich der Weg nach Luxemburg.
Nicht als Flucht. Als Gehorsam.
Ich ging mit zwei Koffern nach Luxemburg.
Selbst die Ankunft dort war nicht mein Verdienst. Ich hatte noch nie von Luxemburg gehört. Meine ursprüngliche Absicht war Italien. Wir hatten dort eine starke Hwa Rang DoPräsenz, eine solide Anhängerschaft, eine bereits vorhandene Infrastruktur. Es war logisch. Es war strategisch. Es machte Sinn.
Italien wollte mir kein Visum erteilen.
Der Prozess kam zum Stillstand. Verzögerungen. Ablehnungen. Jeder Versuch stiess auf Widerstand. Die Tür, von der ich glaubte, dass sie sich öffnen würde, ging einfach nicht auf.
Vor Jahren hätte mich das wütend gemacht. Ich hätte mehr Druck ausgeübt. Meinen Einfluss geltend gemacht. Einen anderen Ansatz gefunden. Mit Willenskraft etwas bewegt.
Aber dieses Mal war es anders.
Einer unserer jüngsten Trainer – aus dem kleinsten Verein im kleinsten Land – bot an, es für Luxemburg zu versuchen.
Jahre später würde ich mich an ihn nicht als Trainer erinnern, sondern als einen nervösen Jungen bei den ersten italienischen Meisterschaften. Es war ein schwüler Sommertag. Seine Handflächen waren schweissnass, als er vortrat, um seine Schwertform vorzuführen. Mitten in der Übung verlor er den Halt. Die Klinge flog aus seiner Hand und zerschnitt die Luft.
Durch Gottes Gnade stand niemand in ihrer Bahn. Wäre jemand dort gewesen, hätte das katastrophale Folgen gehabt.
Ich gab ihm die härteste Zurechtweisung seines jungen Lebens. Ich bestrafte ihn streng. In diesem Moment war er ein Junge, der unter Druck versagt hatte – streng zurechtgewiesen, an die Last der Verantwortung erinnert.
Und doch war es derselbe Junge, der später, als er zum Mann herangewachsen war, mir die Tür öffnete, die mich rettete.
Diese Wahrheit birgt eine stille Ironie.
Derjenige, den ich einst in meiner Schwäche
zurechtgewiesen hatte, wurde zum Instrument meiner Befreiung. Das Unerwartete wurde zum Wesentlichen. Das Kleinste wurde zum Kanal. Es ist wahr: Gott nutzt das, was wir übersehen. Er erhebt diejenigen in niedrigen Positionen, um das zu erreichen, was der Stolz nicht vorhersehen kann. Was in einer Jahreszeit unbedeutend erscheint, wird in einer anderen entscheidend.
Er wirkt auf eine Weise, die keine Strategie vorhersagen kann.
Und in diesem Fall wirkte er durch einen einst zitternden Jungen mit schwitzigen Händen und einem fliegenden Schwert.
Mit der Unterstützung des Cheftrainers in Italien begannen sie den Prozess. Ich glaubte nicht, dass es gelingen würde. Luxemburg war bekannt als eines der Länder in Europa, in denen es am schwierigsten war, ein Arbeitsvisum zu erhalten. Die Anforderungen waren streng. Sie mussten nachweisen, dass meine Fachkenntnisse weder innerhalb des Landes noch im Ausland reproduzierbar waren.
Die Ironie war bitter.
Nachdem ich mein ganzes Leben lang geglaubt hatte, ich sei unentbehrlich, stand ich nun da und wartete darauf, dass Bürokraten entschieden, ob ich überhaupt gebraucht wurde.
Und dann, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, wurde das Visum erteilt.
Nicht, weil ich es so arrangiert hatte.
Nicht, weil ich es manipuliert hatte.
Nicht, weil ich es erzwungen hatte.
Es wurde einfach erteilt.
Rückblickend sehe ich klar, was ich damals nicht vollständig artikulieren konnte: Das war kein administrativer Erfolg. Es war Vorsehung.
Italien war mein Plan.
Luxemburg war Sein Plan.
Und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich, als ich mit etwas konfrontiert wurde, das nicht meinen Vorlieben entsprach, nicht dagegen gewehrt.
Ich gehorchte.
Es gab eine Zeit – als ich siebzehn war –, in der ich den Satz «Wenn es Gottes Wille ist» verspottete. Ich lehnte ihn ab. Ich glaubte, dass das Schicksal den Mutigen gehörte, nicht den Gehorsamen. Ich glaubte, dass Ergebnisse geschmiedet und nicht empfangen wurden.
Dieser junge Mann hätte gegen Luxemburg gekämpft.
Er hätte auf Italien bestanden.
Er hätte Widerstand als Herausforderung gesehen, die es zu überwinden galt.
Aber der Mann, der auf dem Boden kniete und sich Christus ergab, interpretierte verschlossene
Türen nicht mehr als Hindernisse.
Er sah sie als Wegweisung.
Was ich einst als Schwäche abgelehnt hatte – die Unterwerfung unter den Willen Gottes – war zum Fundament meiner Stärke geworden.
Also kam ich mit zwei Koffern in Luxemburg an.
Ohne Gefolge.
Ohne Ruf.
Kein Publikum.
Nur Gehorsam. Und in diesem Gehorsam begann ich etwas zu verstehen, was ich fünfzig Jahre lang auf die harte Tour gelernt hatte:
Der Wille Gottes ist keine Einschränkung. Er ist Ausrichtung. Und in dieser Ausrichtung liegt die wahre Kraft. Jahrelang lebte ich in einem Land, das nicht mein eigenes war – ohne Sprache, ohne Einfluss, ohne Geschichte. Ich war nur dafür bekannt, wer ich im gegenwärtigen Moment war, nicht für das, was ich in der Vergangenheit aufgebaut hatte.
Das war Heiligung.
Heiligkeit ist keine Erhebung.
Sie ist Trennung zu einem bestimmten Zweck.

Dort entfernte Gott die letzten Überreste meiner alten Identität: das Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen, das Bedürfnis, unentbehrlich zu sein, den Glauben, dass alles von meiner Stärke abhing.
Langsam, bewusst lehrte er mich, was Mut wirklich ist. Stärke zwingt anderen ihren Willen auf.
Mut unterwirft sich der Wahrheit.
Und je mehr ich das lernte, desto mehr verstand ich das letzte Paradoxon des Kriegerpfades: Nur dem Krieger, der niederkniet, kann man vertrauen, dass er steht.
Als ich gelernt hatte, mich zu beugen, begann ich Muster zu erkennen, die ich zuvor als Zufall bezeichnet hatte.
Geschlossene Türen waren keine Hindernisse. Sie waren Umleitungen.
Italien schloss sich.
Die Rückkehr nach Hause wurde verweigert.
Luxemburg öffnete sich durch die kleinsten Instrumente.
Die Vorsehung schreit nicht. Sie arrangiert.
Sieben Jahre lang diente ich still in Luxemburg. In vielerlei Hinsicht fühlte es sich wie eine Busse an. Es gab kein Imperium aufzubauen. Kein Vermächtnis zu erweitern. Nur Gehorsam in
kleinen Dingen. Ich glaubte, dass diese Zeit nur vorübergehend war – dass ich, sobald sie vorbei war, nach Hause zurückkehren, mich um meine alternden Eltern kümmern und Verantwortung in unserer Weltzentrale übernehmen würde, damit mein Vater, mein geschätzter Hwa Rang Do-Meister, endlich in den Ruhestand gehen konnte.
Es schien richtig zu sein.
Es schien ehrenhaft.
Es schien logisch.
Aber wieder einmal war das, was logisch erschien, nicht der Wille Gottes.
Als meine Eltern 2023 Luxemburg besuchten, teilte ich ihnen meine Absichten mit. Ich sprach mit Überzeugung. Ich glaubte, dass ich bereit war, zurückzukehren. Ich glaubte, dass es meine Pflicht war.
Mein Vater hörte zu. Dann lehnte er sanft, aber bestimmt ab.
Er bestand darauf, dass ich in Europa bleiben und meine Arbeit fortsetzen sollte. In seiner charakteristischen Art drückte er mir seine Dankbarkeit und Liebe aus und versicherte mir, dass er keine Pflege benötigte. Seine Worte waren nicht abweisend – sie waren wohlüberlegt.
In diesem Moment erkannte ich etwas Vertrautes.

Geschlossene Türen. Wieder einmal.
Italien hatte sich verschlossen.
Die Rückkehr nach Hause war verschlossen.
Und dieses Mal interpretierte ich es nicht als Widerstand. Ich hörte die Anweisung.
Mit seinen Worten noch im Ohr begannen wir, nach einem dauerhaften Zuhause in Luxemburg zu suchen – nicht als vorübergehender Aufenthaltsort, sondern als Ort, an dem wir Wurzeln schlagen konnten.
Die erste Immobilie, die wir fanden, war bescheiden. Erschwinglich. Ein renovierungsbedürftiges Haus inmitten der ruhigen Landschaft. Es musste umfassend renoviert werden, aber das war machbar. Vernünftig. Innerhalb unseres Budgets.
Aber der Verkäufer zögerte.
Die Zeit verging. Die Unsicherheit wuchs. Meine Familie kehrte nach Hause zurück. Ich blieb allein zurück und setzte die Suche fort.
Dann entdeckten wir etwas Unerwartetes.
Im Norden Luxemburgs, an der Grenze zu Belgien, stand ein weitläufiges Landgut, das über hundert Jahre alt war. Verwittert. Abgenutzt. Ohne Pläne oder Bauzeichnungen – ein Relikt aus einer anderen Zeit. Es hatte einst als katholischer Rückzugsort

gedient. Seine Scheune war zu einer Kapelle umgebaut worden. Generationen von Gläubigen hatten sein Gelände betreten.
Als ich davorstand, war ich überwältigt von dem Umfang der erforderlichen Arbeiten.
Doch ich sah auch etwas anderes. Potenzial. Nicht für Komfort. Für eine Berufung.
Dies war keine Junggesellenbude. Es war kein privater Luxus. Es würde erfordern, unter meinen Schülern zu leben, Privatsphäre aufzugeben, Gemeinschaft anzunehmen. Wieder einmal kollidierte meine persönliche Vorliebe mit meinem Ziel.
Die eine Option bot Unabhängigkeit und Komfort. Die andere verlangte Hingabe.
Die Junggesellenbude fiel weg. Der alte katholische Rückzugsort blieb.
Die Vorsehung schreit selten. Sie schliesst leise eine Tür und lässt eine andere offen.
Anfangs skeptisch, reichte ich ein Angebot für die Immobilie ein. Es wurde sofort abgelehnt.
Also tat ich etwas, was ich Jahre zuvor nicht getan hätte.
Ich schrieb einen Brief.
Keine Verhandlung. Keine Druckmittel.
Ein Zeugnis.
Ich schüttete mein Herz aus. Ich erklärte meine Vision – die Immobilie nicht nur als Wohnhaus, sondern als Zufluchtsort für Lernen, Wachstum und Bildung wiederherzustellen. Ein Ort, an dem zukünftige Hwarang-Ritter sowohl in Disziplin als auch in Charakter unterrichtet werden könnten.
Zu unserer Überraschung überlegten es sich die Eigentümer noch einmal.
Sie akzeptierten. So begann die Umgestaltung.
Die Renovierungsarbeiten begannen fast genau sieben Jahre nach meinem ersten Tag in Luxemburg. Sieben – die Zahl der Vollendung. Die Zahl Christi. Ein vollständiger Zyklus.
Es war kein Zufall. Es war göttliche Choreografie.
Seit meiner Kindheit hatte ich Geschichten darüber gehört, wie mein Vater als Teenager von zu Hause weggegangen war und geschworen hatte, erst zurückzukehren, wenn er Erfolg gehabt hätte. Sieben Geschwister. Armut. Er erwarb mit meiner Mutter ein kleines Haus, das gleichzeitig als Trainingshalle diente. Nachts huschten Ratten herum. Er verfeinerte seine Fähigkeiten im Messerwerfen nicht zum Spass, sondern um unter den harten Lebensbedingungen zu überleben.
Diese Geschichten weckten einen Traum in mir: eines Tages einen Zufluchtsort zu schaffen, an dem Krieger ausgebildet werden – nicht nur in ihrer Technik, sondern auch in ihrem Charakter. Einen Ort, an dem Tradition und Erleuchtung zusammenkommen. An dem Disziplin und Zielstrebigkeit aufeinandertreffen.
Über Jahrzehnte hinweg veränderte sich diese Vision. Sie wechselte Länder. Sie veränderte sich in ihrem Umfang. Sie entwickelte sich mit meinem Ehrgeiz weiter.
Nie – nicht ein einziges Mal – hätte ich mir vorstellen können, dass sie sich in einem alten katholischen Rückzugsort im ländlichen Luxemburg manifestieren würde.
Und doch stehe ich hier.
Inmitten von verwitterten Mauern, in denen einst Gebete widerhallten. Ich verwandle eine ehemalige Kapelle in ein Hwa Rang Do-Heiligtum. Ich renoviere alte Steine, nicht um mich selbst zu verherrlichen, sondern um etwas zu bewahren, das mir
anvertraut wurde.
Rückblickend sehe ich, dass es nicht nur der Höhepunkt von sieben Jahren war.
Es war das Ergebnis von fast sechs Jahrzehnten.
Jedes Scheitern.
Jeder Erfolg.
Jede Sünde.
Jede Kapitulation.
Nichts war umsonst.
Was ich einst als Unterbrechung interpretierte, war Inszenierung.
Was ich einst als Verzögerung empfand, war Schutz.
Was ich einst kontrollieren wollte, wurde sorgfältig umgeleitet.
Denn alle Dinge sind vergänglich.
Der Ruf verblasst. Die Kraft schwindet. Institutionen entstehen und vergehen. Freude und Trauer wechseln sich ab wie die Jahreszeiten. Selbst das Vermächtnis, wenn es vergöttert wird, zerfällt zu Staub.
Aber es gibt eine Konstante.
Gott.
Unveränderlich. Ewig. Unbeeindruckt von der Zeit.
Sein Wille schwankt nicht mit unseren Vorlieben. Seine Pläne beugen sich nicht unseren Ambitionen. Seine Absichten beschleunigen sich nicht auf unser Verlangen hin.
Und doch lädt er uns in seiner Souveränität ein – nicht, das Schicksal zu besiegen, sondern daran teilzuhaben.
In ihm habe ich Zuflucht gefunden.
Nicht, weil das Leben leichter geworden ist.
Sondern weil ich meinen Willen nicht mehr mit seinem verwechsle.
Selbst jetzt, während ich diese Worte schreibe, ringe ich mit Gott. Frustrationen bleiben bestehen. Herausforderungen vermehren sich. Es gibt Tage, an denen ich das Ausmaß dessen, was vor mir liegt, in Frage stelle.
Aber ich interpretiere Widerstand nicht mehr als Verlassenheit. Ich erkenne darin eine Läuterung.
Meine Kämpfe entstehen nicht, weil Er mich im Stich gelassen hat, sondern weil Seine Pläne von meinen eigenen abweichen.
Und diese Abweichung ist Glaube.
Glaube ist kein passives Vertrauen.
Es ist Vertrauen, das in Widersprüchen geschmiedet wird.
Es ist Gehorsam, wenn die Ergebnisse unklar bleiben.
Es ist Kapitulation, wenn der alte Instinkt dazu drängt, sich durchzusetzen.
Und so baue ich.
Nicht um zu erobern.
Nicht zur Bestätigung.
Nicht, um zu beweisen, dass ich unentbehrlich bin.
Sondern weil ich im Einklang bin.
Und Übereinstimmung – nach fünfzig Jahren des Widerstands –ist die grösste Stärke, die ich je gekannt habe.
Zwei Jahre später stand mein Vater neben mir.
Nicht als Richter.
Nicht als Befehlshaber.
Als Zeuge.
Wir standen zusammen in Luxemburg während unseres jährlichen Treffens, genau an dem Ort, den Gott hinter verschlossenen Türen und mit unwahrscheinlichen Mitteln inszeniert hatte. Das alte



katholische Retreat – einst verwittert und vergessen – war wieder lebendig. Obwohl noch unvollendet und mit viel Arbeit vor sich, trainierten die Schüler. Gelächter hallte wider. Disziplin und Hingabe existierten unter alten Balken nebeneinander. Und mein Vater sah zu.
Als er mir ein grosszügiges Geschenk überreichte, dankte ich ihm – förmlich, respektvoll, wie ich es mein ganzes Leben lang getan hatte.
Und dann sagte er etwas, das ich noch nie zuvor gehört hatte.
«Es macht mich sehr glücklich. Du hast es verdient.»
Er hatte diese Worte noch nie zu mir gesagt.
Nicht ein einziges Mal in sechzig Jahren.
Ich hatte mein ganzes Leben lang darauf hingearbeitet, sie zu hören.
Als Junge lernte ich, um Strafen zu vermeiden.
Als junger Mann trainierte ich, um meinen Wert zu beweisen.
Als Erwachsener arbeitete ich, um mir mein Erbe zu sichern.
Ich glaubte, Anerkennung müsse man sich durch Siege verdienen.
Und doch hörte ich zum ersten Mal «Du hast es verdient» erst, nachdem ich alles aufgegeben hatte.
Das war die Ironie.
Denn zu diesem Zeitpunkt glaubte ich nicht mehr, dass ich irgendetwas verdient hatte.
Als ich niederkniete und mich Christus hingab, sah ich mich mit einer Wahrheit konfrontiert, die keine Disziplin mildern konnte: Ich war unwürdig. Nicht berechtigt. Nicht gerecht. Nicht selbstständig. Ich hatte gesündigt. Ich hatte versagt. Ich hatte Götzen geschaffen. Ich hatte Stolz mit Tugend verwechselt.
Und doch – mir wurde vergeben.
Gnade ist für den stolzen Menschen beleidigend, weil sie nicht verdient werden kann.
Barmherzigkeit hebt Hierarchien auf.
Am Fusse des Kreuzes gibt es keine Ränge. Keine Titel. Keine Vermächtnisse.
Nur Söhne.
Als ich endlich verstand, dass ich nichts davon verdient hatte, wurde ich für alles dankbar.
Und in dieser Haltung – frei von Ansprüchen, ohne Selbstrechtfertigung – hörte ich die Worte, nach denen ich sechs Jahrzehnte lang gesucht hatte:
«Du hast es verdient.»
Nicht, weil ich genug erreicht hatte.
Nicht, weil ich genug bewiesen hatte.
Nicht, weil ich genug ausgehalten hatte.
Sondern weil die Kapitulation mich neu geordnet hatte. Erbschaft wird nicht ergriffen. Sie wird empfangen.
Und es kann nur von einem Menschen empfangen werden, der nicht mehr glaubt, dass er ein Recht darauf hat.
Ich habe mein ganzes Leben lang gekämpft, um nicht niederzuknien.
Ich glaubte, sich zu beugen bedeute Niederlage.
Aber an dem Tag, als ich mich mit dem Gesicht zu Boden warf und Jesus Christus als Herrn bekannte, verlor ich nicht meine Kraft.
Ich verlor meine Rebellion.
Stärke ohne Hingabe wird zu Tyrannei.
Disziplin ohne Demut wird zu Stolz.

«Als junger Mann trainierte ich, um mich zu beweisen. Als Erwachsener baute ich auf, um mein Erbe zu sichern. Ich glaubte, dass man sich Anerkennung durch Siege verdienen musste. Und doch hörte ich zum ersten Mal ‘Du hast es verdient’ erst, nachdem ich alles aufgegeben hatte.»
Meisterschaft ohne Gehorsam wird zu Isolation.
Aber Stärke, die sich Christus hingibt, wird zu Verantwortung.
Disziplin, die sich der Wahrheit unterwirft, wird zur Heiligung.
Meisterschaft, die sich Gott unterwirft, wird zu Dienst.
Früher habe ich die Worte «Wenn es Gottes Wille ist» abgelehnt.
Jetzt geben sie mir Halt.
Denn der Wille Gottes ist keine Einschränkung. Er ist Ausrichtung.
Und Ausrichtung ist Freiheit.
Und Disziplin führt zu Freiheit:
Die Disziplin, dem Willen Gottes zu folgen. Die Freiheit, sich in Seine Arme zu begeben. Ich wurde dazu erzogen, niemals zurückzuweichen. Niemals aufzugeben.

Doch der grösste Sieg meines Lebens war nicht, eine Schlacht zu gewinnen, eine Organisation zu vergrössern oder mich als würdig zu erweisen.
Es war das Niederknien.
Denn als ich endlich kniete, stand ich aufrechter da als je zuvor.
Nicht als Meister, der sich selbst bewies, sondern als Sohn, der nach Hause gekommen war.
Die Worte meines irdischen Vaters waren wichtig, weil ich einst verzweifelt nach ihnen gesucht hatte.
Aber die Gnade meines himmlischen Vaters war wichtig, weil ich sie nicht verdient hatte.
Das erste schuf Disziplin.
Der zweite stellte meine Identität wieder her.
Der eine formte einen Krieger.
Der andere erlöste einen Sohn.
Das ist mein Zeugnis.



Mit fünfzig zum Sensei werden: Ein Leben im Zeichen des Schwertes
Meine Reise in die Welt der Kampfkünste begann 1982 während des Krieges im Libanon. Als junger israelischer Soldat sah ich im jordanischen Fernsehen eine BBC-Sendung mit dem Titel «The Way ofthe Warrior». Auf dem Bildschirm sah ich meinen zukünftigen Karate-Sensei, Morio Higaonna. In diesem Moment beschloss ich, nach Beendigung meines Militärdienstes nach Japan zu gehen.


Mitte der 1980er Jahre gab es noch kein Internet und nur wenige Informationen über Japan. Doch 1984, an meinem zweiten Tag nach der Landung, traf ich Sato Sensei im Nippon Budokan. Er führte mich zum Kyumeikan Dojo, wo ich mein lebenslanges Studium unter Kubo Akira Sensei begann. Erst als ich fünfzig Jahre alt war, wurde ich eingeladen, neben ihm auf dem Shinza Platz zu nehmen und offiziell als «Sensei Avi» vorgestellt. Dieser Moment war nicht der Erwerb eines Titels, sondern die Übernahme einer Verantwortung. Ich hatte auch die Ehre, andere klassische Künste zu erlernen. Durch Hanshi Patrick McCarthy lernte ich Sugino Yoshio Sensei kennen, den Meister des TenshinShōden Katori Shintō-ryū (天真正伝香取神道流 ), einer der ältesten noch existierenden Kampfkunsttraditionen Japans. Ich trainierte

auch Musō Shinden-Ryū Iaido (夢想神伝流 ), gegründet von Nakayama Hakudō, während ich meine tägliche Praxis im Kyumeikan als Uchi-Deshi (Internatsschüler) fortsetzte. Das war mein Kurashi ( 暮らし ) – nicht nur Training, sondern eine Lebensweise, geprägt von Disziplin, Demut und Achtsamkeit.
Kurashi bedeutet mehr als nur «Lebensstil», es ist die Art und Weise, wie man jeden Tag bewusst, aufmerksam und ausgeglichen lebt. Meine Lehrer zeigten mir, dass Budō nicht vom täglichen Leben getrennt ist; es drückt sich darin aus, wie man sich bewegt, spricht, lehrt und Schwierigkeiten mit Würde erträgt.

Das Kyumeikan Dojo selbst wurde 1957 von Kubo Kahei Sensei gegründet, zu einer Zeit, als Japan nach dem Krieg arm und spirituell verwundet war. Seine Vision war es, mit Hilfe des Kendo Werte wie Respekt, Anstrengung und Vertrauen zu bewahren. Nach Kahei Senseis plötzlichem Tod übernahm Kubo Akira Sensei in jungen Jahren das Dojo und führte es trotz aller Widrigkeiten weiter, sodass es schliesslich mehr als 13’000 Schüler aus 47 Ländern willkommen heissen konnte. Kyumeikan wurde zu einer kleinen, aber bedeutungsvollen Brücke zwischen Japan und der Welt.
Kendo (剣道 ), «der Weg des Schwertes», stammt aus dem Kenjutsu und bewahrt den Geist der Samurai durch moderne Übungen mit Shinai und Bōgu. Über die Technik hinaus lehrt es die Achtsamkeit des Geistes. Eine wichtige Lehre ist Shikai (四戒), die vier Krankheiten des Geistes:
• Kyo (驚): Überraschung oder Schock
• Ku (恐): Angst
• Gi (疑): Zweifel
• Waku (惑): Zögern

Diese Zustände trüben das Urteilsvermögen und führen zu Schwäche. Durch Kihon, Engagement und Achtsamkeit strebt der Praktizierende nach Heijōshin (平常心) – einem ruhigen, beständigen Geist – oder Mushin (無心), einem Geist ohne Gedanken. Darüber hinaus gibt es ein Prinzip, das in der heutigen Wohlfühlpsychologie und Selbstbestätigung fehlt. Dieses Prinzip stammt aus der japanischen Shuhari-Methodik. Shu, Ha und Ri sind drei Phasen, die man auf dem Weg zur Meisterschaft durchläuft. Shu bedeutet «gehorchen» und ist die erste Phase, in der man noch ein Anfänger ist. Dies beinhaltet, die Form zu schützen, die Bewegungen und Techniken des Meisters nachzuahmen und das Ego bewusst zu unterdrücken, während man Formen wiederholt, durch Konformität korrigiert und auf die Tradition vertraut, um Muskelgedächtnis und moralische Disziplin zu entwickeln. Sobald man Shu durchlaufen hat, ist man bereit für Ha, was «loslassen» bedeutet. In der Ha-Phase bricht man die Form korrekt und kann beginnen, Regeln zu beugen und selektiv von den strengen Formen abzuweichen. Erst in der HaPhase ist es erlaubt, dem Meister Fragen zu stellen.
Schliesslich ist der Schüler bereit für die Ri- oder «Transzendieren»Phase. An diesem Punkt wird der Meister dem Schüler Fragen stellen, deren Antworten sogar dem Meister, der die Frage stellt, neue Erkenntnisse vermitteln können. Der Schüler transzendiert in dieser Phase die Technik, und es gibt keine Form mehr, sondern nur noch korrektes Handeln. In dieser Phase integriert der Schüler alles, was er von seinem Meister gelernt hat, was er selbst getestet hat und seine selektiven Abweichungen von seinem eigenen Meister, und er wird bereits ermutigt worden sein, bei anderen Meistern zu lernen, um seinen eigenen Stil zu entwickeln. Obwohl es für jede dieser Phasen keinen festgelegten Zeitrahmen gab, verbrachte ein Schüler in der Regel 5-10 Jahre in der Shu-Phase, 5-15 Jahre in der Ha-Phase und erreichte manchmal nicht einmal die Ri-Phase, was normal war. Wenn er jedoch sein Leben seiner Kunst widmete und alle Schritte befolgte, konnte er nach 20-30+ Jahren die Ri-Phase erreichen.
Heute sehe ich viele, die ohne Geduld oder Demut behaupten, Meister zu sein. Titel werden leichter verkauft als verdient. Meine Lehrer lehrten mich, dass wahres Budō Jahrzehnte dauert und nicht durch Zertifikate erworben wird. Mit fünfzig Sensei zu werden, war kein Ende, sondern eine Fortsetzung der Verantwortung – den Geist weiterzugeben, nicht das Ego.
Dieser Artikel ist nur ein kleiner Teil der Weisheit, die mir vermittelt wurde. Wenn er eine Botschaft vermittelt, dann diese: Der Weg ist lang, und genau darin liegt sein Wert.

«Dieser Artikel ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Weisheit, die mir vermittelt wurde. Wenn er eine Botschaft vermittelt, dann diese: Der Weg ist lang, und genau darin liegt sein Wert.»

Gespräche mit Shmulik über die Yamato-Nadeshiko-Frauen-Ära
Shmulik ist ein Freund aus den 80er Jahren, der unter Soke Oyama Kyokushin Karate trainierte, damals, als ich selbst Student in Japan war. Er ist seit dieser Zeit in Japan geblieben und hat nun eine Familie, aber wir unterhalten uns oft stundenlang über alte Zeiten und Freundschaft, vor allem aber über die japanische Kultur und ihren Anteil an der Entwicklung des Budo-Geistes aus seiner Perspektive und meiner Erfahrung, sowohl,aus der Zeit, als ich dort lebte, als


auch aus meinen vielen Reisen in den letzten Jahren. Ich habe die starken Veränderungen in der Kultur von den «alten Zeiten» in Japan bis heute beobachtet. Um diese Veränderungen zu verstehen, müssen wir uns die Geschichte der Beziehung Japans zu Frauen ansehen, die guten und schlechten Seiten ihrer Geschichte und Kultur und die Beziehung der japanischen Mentalität zu Kampfkunst und Innovation.




Ich erkläre meinen Schülern oft, wie wichtig die Frau des Lehrers ist. In den chinesischen Kampfkünsten wird der männliche Lehrer «Sifu» genannt, während die Frau «Simo» oder «Shimu» (was «Lehrerin-Mutter» bedeutet) genannt wird und eine wichtige und verehrte Rolle in chinesischen Kampfkünsten wie Kung Fu spielt. In den japanischen Kampfkünsten wird der Begriff «Sensei» für den männlichen Lehrer verwendet, während es keinen traditionellen Namen oder eine traditionelle Rolle gibt, die ausschliesslich aufgrund ihrer Beziehung zu ihrem Partner für die Ehefrau des Sensei verwendet wird.
Wie in jedem Land gab es auch im alten Japan einige beschämende Traditionen:
Trostfrauen waren Frauen und Mädchen, die vor und während des Zweiten Weltkriegs von den japanischen Streitkräften in besetzten Ländern und Gebieten zur sexuellen Sklaverei gezwungen wurden. Der Begriff «Trostfrauen» ist eine Übersetzung des japanischen «ianfu» (慰安婦 ) und obwohl wir die Vergangenheit nicht ändern können, können wir diese Zeit bedauern und in eine neue Ära eintreten.
Der Begriff «Yamato Nadeshiko» (やまとなでしこ oder 大和撫子) wird oft verwendet, um eine zurückhaltende junge Frau zu beschreiben, und im heutigen Kontext nostalgisch für Frauen mit guten Eigenschaften, die als zunehmend selten wahrgenommen werden. Dies ist ein japanischer Begriff, der die Personifizierung einer idealisierten japanischen Frau


bedeutet und der Archetyp konservativer und traditioneller Weiblichkeit ist. Dieses Konzept war während des Zweiten Weltkriegs besonders beliebt und stand für eine idealisierte japanische Frau: anmutig, schön, bescheiden, aber dennoch mit einer stillen inneren Stärke, wie eine zarte Blume mit starken Wurzeln. In ähnlicher Weise verkörpert «Yamato Damashii» (japanischer Geist) innere Stärke, Loyalität und Widerstandsfähigkeit.
Unter der Oberfläche der japanischen Kultur verbirgt sich eine Kaste von Unberührbaren. Auch wenn diese im Laufe der Zeit allmählich verschwunden ist, sehen wir immer noch die Überreste von Vorurteilen gegenüber Ausländern, Frauen, der historischen Kaste der «Unberührbaren» und denjenigen, die aufgrund der Nachwirkungen der Atombombe an Krankheiten litten. Glücklicherweise gibt es einen Trend zur allgemeinen gesellschaftlichen Gleichstellung, der nicht nur in der Gesellschaft insgesamt, sondern auch in den Kampfkünsten zu beobachten ist. Alle Ausländer sind «Gaijin» (外人), ein japanisches Wort, das «Ausländer» oder «Außenseiter» bedeutet. Es ist eine Kurzform von «Gaikokujin» (外国人), was «Person aus einem anderen Land» bedeutet und oft für Nicht-Japaner in Japan verwendet wird. Seine Verwendung kann nuanciert sein, manchmal als neutral angesehen werden, während es andere Male aufgrund seiner Betonung des «Aussenseitertums» als potenziell abwertend angesehen wird, insbesondere von Menschen japanischer Abstammung, die in Japan geboren sind. Während einige es als einfache Beschreibung ansehen, finden andere, dass es ihre «Andersartigkeit» hervorhebt, obwohl einige bemerken, dass seine Verwendung in ungezwungenen Situationen zurückgegangen ist. In der Geschichte gab es einige Frauen, die in einer Gesellschaft, in der Frauen normalerweise im Hintergrund standen, herausragten. Eine dieser Frauen war Tomoe Gozen. Während des Genpei-Krieges diente Tomoe Gozen unter Minamoto no Yoshinaka als vertraute Kommandantin, führte 300 Samurai gegen 2’000 Krieger des rivalisierenden Clans an und besiegte sie. Sie enthauptete Honda no Morishige, den Anführer des Musashi-

Clans, bevor sich das Kriegsglück gegen sie und Yoshinaka wendete. Yoshinaka drängte Gozen zur Flucht, da er wusste, dass das Ende nah war, und Tomoe Gozen lebte fortan ein friedliches Leben als buddhistische Nonne und wurde 90 Jahre alt. Kōdai-in war eine weitere bemerkenswerte Frau der japanischen Geschichte. Durch ihre Heirat mit Hashiba Hideyoshi, einem der drei grossen Einiger Japans, gewann sie an Einfluss. Obwohl Hideyoshi viele andere Frauen hatte, wurde Kōdai-in schnell zu einer seiner wichtigsten Beraterinnen und Vertrauten. Da sie aus einer Samurai-Familie stammte, verschaffte sie ihm Zugang zu vielen einflussreichen Samurai und beriet ihn oft in Fragen der Regierungsführung und Logistik, wobei sie ihre Gelehrsamkeit und Fähigkeiten bei vielen Gelegenheiten unter Beweis stellte. Durch die Invasionen Koreas, die Vereinigung Japans und die Regierung eines ganzen Reiches erlangte Kōdai-in Respekt und Popularität und erhielt sogar den Titel «Juichii» vom Kaiser. Auch nach Hideyoshis Tod und ihrem Eintritt ins Kloster bewies Kōdai-in ihre Weisheit und Güte, indem sie einige der mächtigsten Menschen Japans beriet und deren Entscheidungen beeinflusste. Gleichzeitig half sie vielen Frauen, die nach der Schlacht von Sekigahara den Verlust ihres Mannes oder Sohnes zu beklagen hatten, indem sie ihnen Unterkunft und Unterstützung gewährte.
Heute der japanische Premierminister Naikaku Sōri Daijin (内閣総理大臣 ) ist der Regierungschef Japans. Der Premierminister ist Vorsitzender des japanischen Kabinetts und hat die Befugnis, die Minister zu ernennen und zu entlassen. Der Premierminister ist ausserdem Oberbefehlshaber der japanischen Selbstverteidigungskräfte. Die amtierende Premierministerin, Sanae Takaichi, trat ihr Amt am 21. Oktober 2025 an; sie ist die erste Frau, die entweder als Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei oder als Premierministerin amtiert.
Eine weitere Frau, die als Vorreiterin hervorsticht, ist die erste Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike, die 2016 gewählt wurde und derzeit ihre dritte Amtszeit absolviert. Koike hat den Schwerpunkt auf die Stärkung der Rolle der Frau und Nachhaltigkeit gelegt. Neben ihr schrieb Satoko Kishimoto Geschichte als erste Bürgermeisterin des Tokioter

Stadtbezirks Suginami und steht damit für eine wachsende, aber immer noch schwierige Bewegung für Frauen in der japanischen Politik gegen tief verwurzelten Sexismus.

Weitere Veränderungen sehen wir innerhalb des Kastensystems, das historisch als Burakumin (was «Dorfbewohner» bedeutet) bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um Nachkommen der ausgestossenen Gruppen aus der Feudalzeit Japans, die historisch gesehen zu «unreinen» Berufen (Schlachten, Lederverarbeitung, Hinrichtungen) verdammt waren und in segregierten Gemeinschaften lebten. Trotz der Abschaffung des Kastensystems im Jahr 1871 sind diese Gruppen nach wie vor Diskriminierung ausgesetzt, wobei anhaltende Vorurteile bis heute Auswirkungen auf Bildung, Beschäftigung und sozialen Status haben. Sie teilen Sprache und Kultur mit anderen Japanern, bleiben jedoch eine stigmatisierte Gruppe und können insbesondere in Bezug auf Ehe und Beschäftigung immer noch sozial geächtet werden.
Teil der Burakumin sind auch die Hibakusha (爆心地) oder «vom Bombenabwurf betroffene Menschen», die Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945. Diese Menschen erlitten schreckliche Verbrennungen, Strahlenkrankheit, Leukämie und Krebs, waren sozialer Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt und wurden zu starken Verfechtern der nuklearen Abrüstung und des Friedens, um sicherzustellen, dass ihre erschütternden Erfahrungen mit der atomaren Verwüstung niemals in Vergessenheit geraten.


Die Yakuza sind Mitglieder traditioneller, transnationaler organisierter Verbrechersyndikate aus Japan, die von der Polizei auch als bōryokudan (暴力団) oder «gewalttätige Gruppen» bezeichnet werden. Sie selbst sehen sich jedoch als ninkyōdantai (任侠団体) oder «ritterliche Organisationen» mit einem Ehrenkodex, bekannt für aufwendige Tätowierungen, strenge Rituale und Aktivitäten wie Erpressung, Glücksspiel und Schmuggel, deren Ursprünge möglicherweise mit herrenlosen Samurai oder Glücksspielern und Händlern aus der Edo-Zeit zusammenhängen. Ihre moderne Struktur festigte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und sie kontrollieren verschiedene Unternehmen und sind international tätig, obwohl sie zunehmendem Druck seitens der Strafverfolgungsbehörden ausgesetzt sind. Japan hat eine lange Geschichte traditioneller Kampfkünste, die fest in der Disziplin verwurzelt sind und sich auf Perfektion durch eine fast spirituelle Erleuchtung konzentrieren. Historisch gesehen bedeutete dies in Bezug auf Kendo eine Kriegerklasse ohnegleichen. Dieser Fokus konnte jedoch auch nachteilig sein, da die Hingabe an diese traditionelle Art Veränderungen gegenüber resistent war. Als Veränderungen einmal akzeptiert waren, kam es zu einem fast kometenhaften Anstieg an Einfluss und Macht, da die japanische Kultur Disziplin und den Fokus auf Perfektion auf die neuen Technologien übertrug. Dies zeigte sich in Japans Abneigung gegenüber westlicher Technologie bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Als diese jedoch einmal akzeptiert und in die japanische Kultur integriert war, kam es zum Aufstieg Japans als Supermacht, die zahlreiche Länder im ostasiatischen Raum übernahm, darunter auch schockierende Siege gegen China, Russland und Korea.
In den Kampfkünsten lehren viele japanische Schulen noch immer die traditionellen japanischen Kampfkünste. Diese legen zwar einen starken Fokus auf Spiritualität und Selbstvervollkommnung, sind jedoch oft wenig effektiv, da die neuesten Prinzipien und die Verschmelzung von Stilen sowie Methodik ignoriert werden. Die Schulen jedoch, die in der Lage sind, moderne Konzepte aus Krav Maga, MMA und anderen Kampfsystemen zu integrieren, haben erstaunliche Fortschritte in ihrer Effektivität gemacht und sind in der Lage, ihren Schülern komplette Systeme anzubieten, die sowohl die Disziplin und Spiritualität integrieren, die in anderen Kulturen verloren gegangen sind, als auch von den neuesten Entwicklungen in den Kampf- und Kampfsportarten profitieren.



Baamaapii (bis später)
Training im Norden: Kampfkunst, Überleben und Lektionen aus den Gemeinschaften der First Nations
Die Zusammenarbeit mit meinem alten Freund, Schüler und Lehrer Carlos Newton – ehemaliger UFC- und MMA-Champion – brachte mich zurück zu den Wurzeln meiner Reise in den Kampfkünsten. Als Bob Maslanka mich anrief und bat, sofort nach Kanada zu kommen, um einen Kämpfer namens «Furacão» zu trainieren und vorzubereiten, fühlte es sich an, als würde ich wieder in das Feuer der alten Tage zurückkehren.



«Furacão», ein portugiesisches Wort für Hurrikan oder Wirbelsturm, war mehr als nur ein Spitzname. Odin verdiente ihn sich bei Bamba Capoeira aufgrund seiner explosiven Kraft, Schnelligkeit und seinen scharfen, unvorhersehbaren Bewegungen. Er begann das Training mit der Intensität eines Sturms, und unsere Aufgabe war es, diese Kraft in Disziplin für MMA-Wettkämpfe umzuwandeln.
Um dem Training einen echten Überlebensvorteil zu verleihen, brachte Bob uns auf Christian Island in Georgian Bay, Ontario, einem Gebiet der Beausoleil First Nation. Die Insel ist bekannt für ihre natürliche Schönheit – Wälder, Strände und offenes Wasser –, aber im Winter wird sie zu einer Ausdauerprüfung. Das Volk der Ojibwe (Anishinaabe) lebt seit Generationen in dieser Region und ernährt sich von der Jagd, dem Fischfang, der Ahornsirupgewinnung und der Wildreisernte. Das Training auf diesem Land war geprägt von einem Gefühl der Verantwortung und des Respekts gegenüber den Menschen, die es schon lange vor uns ihr Zuhause nannten.

Unsere Tage waren von Entbehrungen geprägt. Wir trainierten im Freien bei brutaler Kälte, schnitten manchmal Löcher in den zugefrorenen See und tauchten als Teil der mentalen und körperlichen Konditionierung in das eisige Wasser ein. Der Wind, der Schnee und die Minustemperaturen nahmen uns jeden Komfort und liessen nur noch Konzentration zu. Wenn die Bedingungen zu gefährlich wurden, trainierten wir drinnen und verfeinerten unsere Technik und Strategie. Chris Cotter begleitete uns beim Sparring und bei den Brazilian-Jiu-Jitsu-Einheiten und förderte die technische Seite der Vorbereitung. Manchmal machte das Eis das Reisen unmöglich und wir liessen unsere Autos auf der Insel zurück, um später das Training bei Bamba Capoeira in Mississauga und Toronto fortzusetzen. Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Gemeinschaft. Sidney Copegog und Angie Beedie empfingen uns täglich mit Tee und Gesprächen. Tim, Dan und viele andere unterstützten uns auf unzählige Weise – manchmal sogar, indem sie unsere eingefrorenen, kaputten Autos von den vereisten Strassen retteten. Ihre Grosszügigkeit öffnete die Tür zu tieferen Gesprächen über die schmerzhafte Geschichte der First Nations in Kanada.
Durch sie erfuhren wir mehr über den Nationalen Tag der Wahrheit und Versöhnung, auch bekannt als Orange Shirt Day, der jedes Jahr am 30. September begangen wird. Die Botschaft «Every Child Matters» (Jedes Kind zählt) ehrt indigene Kinder, die in Internate gebracht wurden und von denen viele nie nach Hause zurückkehrten. Die Bewegung wurde von Phyllis Webstad inspiriert, deren orangefarbenes Hemd ihr an ihrem ersten Tag in einer Missionsschule, weggenommen wurde. Diese Geschichten sind keine Geschichte aus ferner Vergangenheit – sie sind lebendige Erinnerungen, die auch heute noch Familien und Gemeinschaften prägen.


Tim erzählte, wie sein Grossvater ihn einmal im Wald versteckte, als die Behörden kamen, um Kinder mitzunehmen. Dank dieser mutigen Tat überlebte er. Als wir während des Trainings auf diesem Land solche Geschichten hörten, veränderte sich die Bedeutung unserer Strapazen. Die Schmerzen durch Kälte und Erschöpfung erschienen uns gering im Vergleich zu dem Leid, dass diese Gemeinschaften erdulden mussten. Das Training wurde nicht nur zur Vorbereitung auf einen Kampf, sondern auch zu einer Übung in Demut und Erinnerung.




MMA und Freikampf sind immer mit Risiken verbunden. Das Streben nach dem Sieg kann Kämpfer über sichere Grenzen hinaustreiben, und die Geschichte erinnert uns daran. Im Jahr 564 v. Chr. weigerte sich Arrichion von Phigalia, zweifacher Olympiasieger im Pankration, sich zu ergeben, als er in einem tödlichen Würgegriff gefangen war. Er renkte seinem Gegner das Sprunggelenk aus und zwang ihn so zur Aufgabe – starb jedoch kurz darauf an Strangulation. Er wurde nach seinem Tod zum Champion gekrönt. Seine Geschichte ehrt Mut, warnt uns aber auch vor den Folgen, wenn man die Sicherheit im Kampfsport ignoriert.
Unsere Zeit im Norden hat mein Verständnis von Kampfsportarten neu geprägt. Disziplin formt Kämpfer. Entbehrungen stärken die Widerstandsfähigkeit. Aber Gemeinschaft, Geschichte und Respekt geben dem Training Bedeutung. Bei der Vorbereitung von Furacão ging es darum, einen Wettkämpfer zu formen – aber auch darum, sich daran zu erinnern, dass Stärke ohne Weisheit leer ist. Auf gefrorenem Land, umgeben von Geschichten über Überleben und Verlust, wurde Kampfsport mehr als nur ein Sport. Er wurde zu einer Brücke zwischen Kampf, Erinnerung und Respekt.





心機一転Shinki Itten – Lassen Sie die Misserfolge und Zweifel der Vergangenheit hinter sich. Mit einer neuen Mentalität und dem Mut, neu anzufangen, ebnen Sie den Weg für eine bessere Zukunft.
以心伝心 Ishin Denshin – Manchmal sind Worte überflüssig. Lassen Sie Ihr Herz, mit dem eines anderen Menschen kommunizieren und vertiefen Sie Ihre Bindung durch intuitives Verständnis und echte Empathie.
自然体Shizentai – Seien Sie sich selbst treu, ohne Künstlichkeit. Ein natürliches und authentisches Leben bereichert die Tiefe Ihres Charakters.
Lao Tse hatte Recht, als er sagte: «Alles, was auf der einen Seite erleichtert, erschwert auf der anderen Seite.» Die Ankunft der Moderne hat uns das Gefühl gegeben, dass die Welt, einschliesslich unseres eigenen Lebens, in ein Meer der Unsicherheit getaucht zu sein scheint. Ist das so? Wenn Sie zurückblicken, was sehen Sie dann?
Vielleicht ist dies eine Frage, die nicht beantwortet werden kann, ohne zuvor zu klären: In welchem Jahr sind Sie geboren? Das ist sehr wichtig. Die Realität, die wir mit unseren Augen wahrnehmen, kann insbesondere im Zeitalter des Internets und der Globalisierung durch die Fülle an Informationen, Gegeninformationen und Fehlinformationen verfälscht werden. Was ist in diesem Meer von Informationen wahr und was ist falsch?
Immer wenn ich mit einem Gelehrten spreche – und die Person, die ich in diesem Artikel vorstelle, ist einer dieser aussergewöhnlichen Gelehrten, ein erfahrener Kenner der Kunst, die er ausübt und lehrt –, überdenke ich meine Konzepte der Beobachtung und Projektion meiner Wahrheiten. Das bringt mich zu



der Überzeugung, dass wir Sklaven dessen sind, was wir verstehen, und mehr noch, dessen, was wir begreifen. Das erste führt dazu, dass man «etwas» aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, das zweite dazu, dass man dieses «etwas» aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.
Unabhängig von den Objektivierungslinien, die jeder festlegt, um dem Wissen Sicherheit zu verleihen, schafft das Denken Regeln und Verfahren, die es dem «wissenden» Subjekt ermöglichen, alle Schritte zu messen und zu kontrollieren, die es beim Erkennen eines Objekts oder einer Gruppe von Objekten unternimmt.
Platon beispielsweise war der Ansicht, dass der beste Weg zu wahrem Wissen derjenige sei, der es dem Denken ermögliche, sich vom sinnlichen Wissen (Glauben, Meinungen), d.h. von den Bildern und Erscheinungen der Dinge, zu befreien. Diese befreiende Rolle schrieb er der rationalen Diskussion in Form des Dialogs zu.
Aristoteles war jedoch der Ansicht, dass Objekte, die durch Erfahrung und nicht nur durch reines Denken erkannt werden, einer induktiven Methode folgen sollten, bei der der Syllogismus das Endergebnis des Wissens darstellt.
In der Moderne (d.h. ab dem 17. Jahrhundert) wurde die Notwendigkeit einer Methode noch dringlicher als zuvor. Descartes nennt daher die drei Hauptmerkmale:

- Gewiss (die Methode gibt dem Denken Sicherheit);
- Einfach (die Methode spart unnötige Anstrengungen);
- Sie ermöglichen es, alle für das menschliche Verständnis möglichen Erkenntnisse zu erlangen.
Francis Bacon wiederum definierte die Methode als den sicheren und richtigen Weg, «die Vernunft auf die Erfahrung anzuwenden», d.h. logisches Denken auf die Daten anzuwenden, die das sinnliche Wissen liefert.
Die Methode hatte in den verschiedenen Formulierungen, die sie im Laufe der Geschichte der Philosophie und der Wissenschaften erhielt, immer die Rolle eines Regulierers des Denkens, d.h. eines Prüfers und Bewerters von Ideen und Theorien: Sie leitet die intellektuelle Arbeit (Produktion von Ideen, Experimenten, Theorien) und bewertet die erzielten Ergebnisse.
Die Geschichte Japans ist voller Punkte oder Lücken, die Wissen und Reflexion erfordern, um verstanden zu werden. Der Grund dafür? Der Zugang zu Informationen hat verschiedene «Blickwinkel» auf diese Vergangenheit hervorgebracht, die voller Geheimnisse und Anpassungen an die Moderne ist. In diesem Gewirr von Widersprüchen sehen wir Methoden zum Verständnis und zur Interpretation der Bedeutung von Handlungen, Praktiken, Verhaltensweisen, sozialen und politischen Institutionen, Gefühlen, Wünschen und historischen Veränderungen entstehen, denn der Mensch, der Hauptakteur in diesem Szenario, ist ein historisch-kulturelles Wesen, das Institutionen und deren Bedeutung hervorbringt.



Aus der Perspektive des Lernens in einer traditionellen Schule, wobei der Schwerpunkt dieses Artikels auf den japanischen Künsten liegt, ist es nicht schwer zu beobachten, dass «der Weg der Kampfkunst» für die meisten Praktizierenden zu einem Hobby geworden ist (da nur wenige die Verantwortung für die Aufrechterhaltung einer Linie tragen). Es ist leicht zu beobachten, dass es im eigentlichen Sinne keine Samurai mehr auf den Strassen gibt, die in einer Sekunde über das Leben eines Vasallen oder einer Person aus einer niedrigeren sozialen Schicht entscheiden; einen Anhänger einer Tradition, der auf den Strassen umhergeht und diese Rolle erfüllt. Diese Ära ist angeblich vorbei.
Die Beziehung zwischen Senpai und Kohai, zwischen Herr und Vasall, ist nicht mehr dieselbe. Dennoch spiegelt sich auch im 21. Jahrhundert die innere Logik jeder kulturellen Realität in den Bräuchen, der Art der Behausung, der Kleidung, der Arbeit und vielen anderen Ausdrucksformen wider.
Wenn wir die Unterschiede zwischen den Gruppen als kulturelle Fragen verstehen, beginnen wir, sie umfassender und weniger vorurteilsbehaftet zu begreifen. Im Allgemeinen haben Anthropologen den menschlichen Geist immer aus einer externen Perspektive betrachtet und sich direkt oder indirekt mit den Produkten der geistigen Aktivität einer Gesellschaft befasst.
Bei der Interpretation der kulturellen Ereignisse einer Zivilisation werden manchmal auch mentale Aspekte diskutiert, sei es aus der externalen und exklusiven Perspektive der klassischen Anthropologie oder durch die Einbeziehung anderer verwandter Disziplinen. Damit stehen wir im 21. Jahrhundert vor einem Problem: Was ist der Vorteil, einem traditionellen «Ryu» anzugehören? Um all dies zu erklären, überlasse ich das Wort DAISHIHAN Márcio Deshi. Viel Spass!




Wir sind nicht die Fortsetzung der Geschichte, sondern das Bindeglied, das sie am Leben erhält.
Ninjutsu gehört nicht zurzeit: Es ist formlos, zeitlos.
«Das Wasser bleibt niemals gleich: Es fliesst unaufhörlich in Richtung Meer, bis es durch die Kraft des Schicksals in den Himmel aufsteigt und den Kreislauf ewig wiederholt.»
Chōryū, Marcio Deshi – Daishihan Bujinkan Dojo
Bevor wir uns näher mit dem Ninjutsu-Stil Togakure befassen, muss man sich bewusst machen, dass dieser seit seiner Formalisierung als Kampfkunsttradition im 12. Jahrhundert ständigen Veränderungen unterworfen war. Diese Veränderungen erfolgten jedoch ohne Verlust seiner grundlegenden Merkmale, sodass sich das System an die verschiedenen Epochen und die spezifischen Bedürfnisse jeder historischen Periode anpassen konnte. Diese kontinuierliche Bewegung der Anpassung und Bewahrung lässt sich durch das Konzept des Nagare, des natürlichen Flusses der Tradition, verstehen.
Wie die meisten japanischen Kampfkunsttraditionen entstand und entwickelte sich Ninjutsu im Laufe der Geschichte in einem Stammes-, Militär- und Milizkontext und wurde geheim und restriktiv weitergegeben. Was heute als «Ninja-Kunst» bekannt ist und praktiziert wird, stellt nur einen kleinen Teil dieses Erbes dar, das in der Neuzeit durch eine philosophischere und urbanisierte Lesart der traditionellen Kampfkünste in Friedenszeiten öffentlich wurde. Dieser Prozess fand nicht isoliert statt, sondern wurde von grossen Meistern vorangetrieben, die die historischen Veränderungen verstanden und die traditionellen Lehren neu interpretierten, ohne ihre Grundprinzipien zu verfälschen.
In diesem Sinne spielten zentrale Persönlichkeiten im Laufe verschiedener historischer Epochen unterschiedliche Rollen bei der Bewahrung und Neubewertung der japanischen Kampfkunsttraditionen. Meister, die mit der klassischen Überlieferung verbunden waren, wie Toda Shinryuken, agierten in einem Kontext, der noch tief mit dem realen Kampf verbunden war. Namen wie Sakakibara Kenkichi hingegen repräsentierten die Übergangsphase zwischen dem feudalen Japan und der Moderne. Später interpretierten Meister wie Jigoro Kano, Morihei Ueshiba und Gichin Funakoshi diese Traditionen im Lichte des sozialen Wandels neu und nutzten sie als Instrumente der menschlichen Bildung. In jüngerer Zeit spielte Masaaki Hatsumi eine wichtige Rolle bei der Bewahrung und Weitergabe dieses Wissens über Japan hinaus. Obwohl sich einige dieser Wege zu Sportformen entwickelt haben, bleibt ein wesentlicher Unterschied zwischen traditionellen Kampfkünsten und Kampfsportarten bestehen, der für den ernsthaften Praktizierenden immer wichtiger wird und im Laufe dieser Studie beobachtet werden wird.
Bei der historischen Analyse des Ninjutsu in diesem militärischen, stammesbezogenen oder milizartigen Prozess wird deutlich, dass sich der zeitgenössische Praktizierende senkrecht zu dieser Zeitachse befindet. In Japan fanden die bedeutendsten Bewegungen dieser Senkrechten zwischen den 1910er und 1960er Jahren statt, in den Vereinigten Staaten und Europa ab den 1970er Jahren und in Lateinamerika vor allem zwischen den 1980er und 1990er Jahren. Diese Zeit wurde als «Boom der Kampfkünste» bekannt. Im westlichen Kontext erfolgte dieser Kontakt jedoch vorwiegend über die Unterhaltungsindustrie.



Obwohl die Unterhaltungsindustrie ein wichtiger Faktor für die Verbreitung war, trug sie auch zur Veränderung – und in einigen Fällen zur Verfälschung – der ursprünglichen Bedeutung der Kampfkünste bei. Aus historischer, sozialer und anthropologischer Perspektive lässt sich beobachten, dass Praktiken, die ursprünglich in einem militärischen Kontext angesiedelt waren, insbesondere nach Ereignissen wie der Meiji-Restauration Funktionen im Bereich der menschlichen Entwicklung, der Charakterbildung und des sozialen Aufbaus übernahmen.
Im konkreten Fall des Ninjutsu verlief dieser Prozess nicht anders. Filmwerke wie «Shinobi no Mono» sowie die Arbeiten japanischer Meister und Forscher wie Saikō Fujita, Itto Gingetsu, OkuseHeishichiro, Yumio Nawa und Masaaki Hatsumi sowie des amerikanischen Schriftstellers Andrew Adams waren von grundlegender Bedeutung, um dieses Wissen der westlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dennoch bleibt ein Grossteil dessen, was unter Ninjutsu verstanden wird, vom sogenannten «Ninja-Mythos» umgeben.
Die Trennung von Mythos, Unterhaltung und historischer Tradition stellt eine der grössten Herausforderungen für Forscher, Historiker, Praktiker und Studenten auf diesem Gebiet dar und erfordert methodische Vorsicht und eingehende Studien. Historisch gesehen war das, was heute als Ninjutsu bekannt ist, in Zeiten der Bürgerkriege als Shinobi noHō bekannt: eine spezialisierte Streitmacht im Dienste der Samurai-Armeen, die für Spionage, Gegenspionage, Informationsanalyse und Desinformation zuständig war und integriert in die regulären Armeen agierte.
Obwohl die japanischen Militärsysteme im Laufe der Zeit durch ausländische Einflüsse tiefgreifend verändert wurden, sind traditionelle Methoden und Taktiken in den klassischen Kampfkünsten erhalten geblieben. Der heutige Praktizierende ist jedoch nicht in einem aktiven militärischen Kontext tätig. Daher kann das heute praktizierte Ninjutsu als eine senkrechte Anpassung eines militärischen Kontexts (Bujutsu) an einen sozialen und menschlichen Kontext (Budō) verstanden werden. In diesem Szenario verlagert sich der Fokus vom Überleben auf dem Schlachtfeld hin zur Entwicklung des menschlichen Potenzials, wobei die Philosophie des Schwertes als Instrument genutzt wird, um innere Schwächen zu korrigieren, die den Einzelnen daran hindern, in seinem Leben voranzukommen, selbst angesichts von Widrigkeiten.
Die traditionellen japanischen Kampfkünste, insbesondere diejenigen, die als Koryū klassifiziert werden – Systeme, die vor der Meiji-Restauration strukturiert wurden –, durchliefen verschiedene Phasen der technischen und konzeptionellen Entwicklung. Drei Merkmale sind für das Verständnis dieses Prozesses von grundlegender Bedeutung: Kaisha Kenpō, das sich auf Feldschlachten in Rüstung bezieht; SuhadaKenpō, dass durch Duelle zwischen mit Schwertern oder Bokken bewaffneten Kriegern ohne Rüstung gekennzeichnet ist; und KahōKenpō, die aktuelle Phase, die sich auf die Erhaltung der Technik, die künstlerische Verfeinerung und die traditionelle Weitergabe konzentriert. Diese Kategorien ergeben sich aus der Analyse der tatsächlichen Anwendbarkeit der Techniken in bestimmten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontexten, fernab von der Logik der Unterhaltung oder des sportlichen Wettbewerbs.
Auch wenn es widersprüchlich erscheint, spielte die Unterhaltung eine wichtige Rolle bei der Erhaltung und Verbreitung der Kampfkünste. Für den Praktizierenden, der sich dem Weg der Kampfkunst verschrieben hat, ist es jedoch unerlässlich, zwischen Kampfkunst und Kampfsport zu unterscheiden. DieseUnterscheidung ermöglicht es, den wahren Zweck des Trainings zu verstehen, der im Laufe der persönlichen Entwicklung immer wieder neu definiert werden kann. Sakakibara Kenkichi, ein Samurai, der den Übergang zwischen der Tokugawa-Zeit und der MeijiRestauration erlebte, drückte dieses Verständnis aus, als er sagte: «Das Schwert allein kann keinen Krieg mehr gewinnen, aber Männer mit dem Geist des Schwertes können eine starke Gesellschaft aufbauen und durch den Weg des Schwertes Frieden und Harmonie schaffen.» In diesem Zusammenhang ist Krieg als jede Form menschlichen Konflikts zu verstehen, sei er physischer, emotionaler oder sozialer Natur.
Die traditionellen Kampfkünste zielen auf den ganzheitlichen Schutz von Körper, Geist und Seele ab und vereinen Studien aus den Bereichen Philosophie, Religion, traditionelle Medizin, Politik und Kampfmethoden. Im Ninjutsu sind Techniken und Waffen Teil eines von Generation zu Generation weitergegebenen Erbes, und die Kata fungieren als lebendige Strukturen, in denen Prinzipien, Werte und Tugenden bewahrt und vom Meister während des Trainings weitergegeben werden. Im Bereich der körperlichen Auseinandersetzung bietet Ninjutsu vielfältige Werkzeuge, darunter vor allem die Fähigkeit zur Antizipation und Prävention, um Gefahren und direkte Konfrontationen nach Möglichkeit zu vermeiden. Traditionelle Maximen wie «Gewalt sollte vermieden werden, Ninpo ist Bujutsu» und «das Schwert sollte zum Erreichen des Friedens eingesetzt werden» spiegeln diese Philosophie deutlich wider. Heutzutage entsteht das Interesse an Ninjutsu häufig durch Filme, Spiele oder Animationen, die oft mit der Erwartung schneller Ergebnisse oder vereinfachter Wege verbunden sind. Das traditionelle Training erfordert jedoch Geduld, Ausdauer und kontinuierliches Lernen. Ninjutsu erforderte schon immer ein gründliches Studium, da der Ninja als Geheimdienstagent tätig war, sowie ständiges Training, da er körperlich, geistig und psychisch fit sein musste. Obwohl sich der historische Kontext verändert hat, bleibt sein Wesen unverändert. Das Togakure des 12. Jahrhunderts ist nicht dasselbe wie das des 21. Jahrhunderts, aber es bleibt Togakure. Die Frage, die sich stellt, lautet: Von welchem Togakure sprechen wir?
Um zu verstehen, von welchem Togakure wir sprechen, müssen wir nicht weit in die Vergangenheit unserer Tradition zurückgehen. Obwohl viele dies tun, um bestimmte Dinge zu rechtfertigen oder zu erklären, glaube ich, dass wir durch Studien und Forschungen höchstens bis ins letzte Jahrhundert zurückgehen können, als Meister Takamatsu lebte.
Um diese Sichtweise zu verstehen, ist es wichtig, Takamatsus Kampfkunstausbildung zu berücksichtigen. Er lernte Judo nicht im modernen Sinne, wie es von Kanō Jigorō etabliert wurde. Seine Ausbildung begann direkt im Shinden Fudō-Ryū und in anderen Ryū-ha unter der Anleitung von Toda, später im Takagi Yōshin-Ryū bei Mizuta und schließlich im Kukishin-Ryū, Takagi Yōshin-Ryū und anderen Traditionen unter Ishitani. Seine Grundlage wurde vollständig innerhalb des klassischen Ju-Jutsu und der traditionellen Kampfschulen aufgebaut.
Im Gegensatz zu den modernen Körpertechniken, die im Judo, Kendo oder Aikido zu finden sind, wurde Takamatsu von Bushi aus der Bakumatsu-Zeit ausgebildet. In diesem Zusammenhang war die Verwendung des Körpers stark vom Einsatz von Waffen und Rüstungen beeinflusst, mit Zielen, die mit dem Überleben im realen Kampf und nicht mit Sport oder Wettkampf verbunden waren.



Aus diesem Grund kann man sagen, dass Takamatsu die mit dem Judo verbundenen Techniken aus einer klassischen JuJutsu-Perspektive verstand, was es ihm ermöglichte, grundlegende Prinzipien klar und zugänglich zu vermitteln, selbst einem breiten Publikum, ohne dabei die Tiefe seines martialischen Verständnisses zu verlieren.
Nach einem Leben, das von intensiven Erfahrungen und direktem Kontakt mit verschiedenen Kampfkunsttraditionen geprägt war, hielt Takamatsu seine ausgereiftesten Lehren im Ninjutsu Hiketsu-Bun fest, einem Dokument, das sein endgültiges Verständnis der wahren Bedeutung des Ninjutsu tiefgründig zum Ausdruck bringt. Der Text ist mehr als ein technisches Kompendium, er offenbart eine ausgereifte Sichtweise des Kampfkunstweges als Instrument der inneren Transformation.
In seinen Schriften bekräftigt Takamatsu, dass Ninjutsu nicht nur als 忍術, sondern auch als 認術 verstanden werden sollte. Obwohl beide Ideogramme als nin gelesen werden, sind ihre Bedeutungen unterschiedlich und ergänzen sich gleichzeitig. Diese Idee wird in dem Satz zusammengefasst: 私は忍術を認術とも言う。Watashiwaninjutsu o ninjutsutomoiu.
Mit dieser Aussage weist Takamatsu darauf hin, dass der Weg des Ninjutsu gleichermassen ein Weg der Erkenntnis und des Bewusstseins ist. Das Kanji 忍 wird traditionell mit den Begriffen «ertragen», «widerstehen», «durchhalten» und «Selbstbeherrschung angesichts von Widrigkeiten bewahren» assoziiert. Das Kanji 認 hingegen hat die Bedeutungen «erkennen», «zugeben», «wahrnehmen», «akzeptieren», «klar urteilen» und «die Realität so betrachten, wie sie ist».
Aus dieser Perspektive ist Ninjutsu für Takamatsu auch die Kunst, sich selbst zu erkennen. Es geht um die Fähigkeit, die eigenen Fehler zu erkennen, Grenzen zuzugeben, die eigene Unwissenheit anzuerkennen, wenn es notwendig ist, und Situationen ehrlich und mit Urteilsvermögen zu bewerten. Dieses Verständnis zeigt, dass echtes Training sich nicht auf technische oder körperliche Fähigkeiten beschränkt, sondern innere Reife und persönliche Verantwortung erfordert.
Der Praktizierende muss daher die Fähigkeit entwickeln, die Realität zu beobachten, ohne sich von seinem Ego, seinem Stolz oder seinen Wünschen beherrschen zu lassen, und dabei klares Urteilsvermögen und Selbstbeherrschung zu kultivieren. So ist Ninjutsu, wie Takamatsu es ausdrückt, gleichzeitig die Kunst des Widerstands und die Kunst des Erkennens. t ein Weg der Selbstbeherrschung, Klarheit und ständigen Selbstbewertung, auf dem wahre Stärke aus der Fähigkeit entsteht, sich selbst zu sehen, zu akzeptieren und zu korrigieren, indem man versteht, dass Krieg und Konflikte, insbesondere innere Konflikte, Teil unseres Weges sind.
Das Leben ist in seiner rohesten Form ein Kampf. Vom Samenkorn, das den Felsen durchbricht, bis zum Menschen, der um Territorium, Ressourcen und Überleben kämpft, dreht sich die Existenz um Konflikte. Krieg ist in diesem Sinne keine Anomalie der Menschheitsgeschichte, sondern einer ihrer authentischsten und wiederkehrendsten Ausdrucksformen. Hohe Ziele, moralische Ideale und philosophische Konstrukte existieren – aber sie existieren im Kopf des Menschen und heben die Realität der Natur nicht auf.
Der Mensch wird zerbrechlich geboren. Im Gegensatz zu vielen Tieren hat er keine Krallen, Reisszähne oder aussergewöhnliche Kraft. Sein Vorteil war schon immer ein anderer: die Fähigkeit zu träumen und diesen Traum durch seinen Intellekt in die Tat umzusetzen. So beherrschte er seine Umgebung, entwickelte Werkzeuge, Waffen und Strategien. Aber als er die Natur eroberte, wandte er sich unweigerlich gegen seinen letzten und gefährlichsten Gegner: sich selbst. Aus diesem Kampf entstand die Zivilisation.
Der Ausdruck «zivilisierter Mensch» klingt angenehm, birgt jedoch oft einen tiefen Widerspruch. Der zivilisierte Mensch neigt dazu zu glauben, dass er die Gewalt überwunden hat, obwohl er sie in Wirklichkeit nur ausgelagert hat. Er tötet nicht, sondern lässt andere für sich töten; er lehnt Krieg ab, profitiert aber von dessen Ergebnissen; er glaubt an die Heiligkeit des Lebens, solange dies seinen Komfort nicht beeinträchtigt. Diese Entfernung von der Realität schafft eine innere Spaltung –eine Leugnung der eigenen animalischen Natur.
Die Zivilisation wurde als Werkzeug geschaffen, als Mittel, um vielen Individuen das Zusammenleben auf begrenztem Raum mit weniger direkten Konflikten zu ermöglichen. Mit ihrem Wachstum kommt es jedoch zu einer gefährlichen Umkehrung: Die Gesellschaft wird nicht mehr vom Menschen geprägt, sondern prägt ihn. Anstatt Individuen darauf vorzubereiten, mit Konflikten umzugehen, konditioniert sie sie darauf, diese, um jeden Preis zu vermeiden, und verwandelt Raubtiere in Schafe. Das Problem ist, dass es weiterhin Wölfe gibt.
Gewalt zu leugnen, beseitigt sie nicht. Jede Gesellschaft hängt von der kontrollierten Anwendung von Gewalt ab. Daraus entsteht der Beruf des Soldaten. Krieger, Soldaten und Polizisten sind keine gewöhnlichen Bürger; sie sind Spezialisten für Gewalt und akzeptieren die reale Möglichkeit des Todes als Teil ihrer Aufgabe. Diese Entscheidung versetzt sie in eine einzigartige Position und erfordert von ihnen eine physische, psychologische und moralische Ausbildung, die mit den üblichen zivilen Werten unvereinbar ist.



Der Fehler moderner Gesellschaften besteht darin, vom Krieger zu verlangen, dass er wie ein Zivilist denkt, während sie gleichzeitig von ihm erwarten, dass er bei Bedarf wie ein Raubtier handelt. Gleichzeitig sind diejenigen, die über Kriege entscheiden, selten diejenigen, die sie führen. So entsteht eine Kluft zwischen Entscheidung und Konsequenz – ein fruchtbarer Boden für schlecht geführte Konflikte und sinnlose Opfer.
Krieg bleibt, unabhängig von den eingesetzten Mitteln, im Wesentlichen dasselbe: der Versuch eines Menschen, einen anderen zu beherrschen. Die Techniken ändern sich, die Waffen entwickeln sich weiter, aber die Prinzipien bleiben bestehen. Daher liegt das wahre Verständnis des Krieges nicht nur in der Technik, sondern auch in der Strategie, im tiefen Verständnis des menschlichen Verhaltens. In diesem Bereich haben nur wenige Kulturen eine so hohe Raffinesse erreicht wie die japanische, in der die Strategie zur Kunst erhoben wurde.
Wirklich zivilisiert zu sein bedeutet nicht, die eigene Natur zu leugnen, sondern sie zu verstehen. Ein Mensch, der seine Fähigkeit zur Gewalt erkennt und lernt, sie zu kontrollieren, ist sicherer – für sich selbst und für die Gesellschaft – als einer, der vorgibt, sie nicht zu besitzen. Nur wenn der Mensch akzeptiert, dass Zivilisation eine künstliche Hülle und nicht das Wesen des Seins ist, kann er in Frieden leben, ohne wehrlos zu werden.
Es gibt verschiedene Arten von Krieg, je nach Epoche und Bedarf. In Zeiten der flüchtigen Moderne beschränkt sich die Entwicklung des Individuums durch die Kampfkünste nicht auf den Erwerb physischer, psychologischer oder intellektueller Werkzeuge; es geht darum, den Menschen zu befähigen, autonom zu sein, seinen Weg und seine Identität zu definie-




ren und mit den Unsicherheiten und Hindernissen der heutigen Welt umzugehen. Der erste Schritt dieses Prozesses ist eine tiefe Selbsterkenntnis: das reale Ich dem idealen Ich anzunähern und zu verstehen, dass unsere Eigenschaften oft so geformt sind, dass sie sozialen Erwartungen entsprechen, die nicht unseren organischen Wünschen entsprechen. In einer technisierten und mechanisierten Gesellschaft sind nur wenige Krieger bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen.
Historisch gesehen hatten die Kampfkünste für verschiedene Völker und Kulturen immer eine grosse Bedeutung und dienten als Mittel zum Schutz und zur menschlichen Entwicklung. Heute gibt es jedoch einen Gegenpol. Die meisten Praktiken werden als Unterhaltung, Gewalt oder Modeerscheinung mit geringer sozialer Relevanz wahrgenommen. Dies unterscheidet sich von der Vergangenheit, als Kampfkünste gleichbedeutend mit Disziplin, Ordnung, Mut, Bildung und persönlichem Wachstum waren.
In der heutigen Zeit gibt es Spitzensportler, die grosse Preise und Aufmerksamkeit gewinnen, aber auch kleine, isolierte oder oft eingeschränkte, geschlossene Gruppen, die ausserhalb ihres eigenen Kreises kein Interesse wecken. Die erlangte Bekanntheit beschränkt sich in vielen Fällen auf die eigene Gruppe oder von politischen Vereinbarungen abhängig und schadet letztendlich dem Wesen der Kunst, deren Hauptziel es ist, anderen zu dienen.
Der wahre Weg, wie es die alten Samurai und Bushi lehrten, besteht darin, zu dienen, bevor man sich selbst nützt. Wir müssen unser Wissen zum Wohle aller einsetzen, ohne nur persönliche Interessen oder Bequemlichkeiten zu privilegieren. Wenn Lehrer der Kampfkünste diese Verantwortung übernehmen, leisten sie einen wirksamen Beitrag zur Gesellschaft und machen die Kampfkünste zu relevanten Instrumenten der menschlichen Entwicklung.
Die Rolle des Meisters ist in diesem Prozess von zentraler Bedeutung. Ein grosser Meister zu sein, geht über die technische Beherrschung hinaus: Es erfordert, Verantwortung zu übernehmen, seine Position einzunehmen und zu zeigen, dass die Kampfkunst nicht nur eine körperliche Praxis ist, sondern ein wesentliches Instrument zur Charakterbildung, Disziplin und Selbstbewusstsein. Nur innerhalb einer geschlossenen Gruppe anerkannt zu sein, ist wie das Tragen eines Bambusschwertes auf dem Schlachtfeld; der Anschein von Können reicht nicht aus, wenn man sich nicht dem wahren Kampf stellt. Der wahre Kampf ist innerlich und äusserlich, spirituell und sozial und erfordert die Verpflichtung zu Prinzipien, die über persönliche Interessen hinausgehen.
Dienen ist daher das Wesen des modernen Kriegers. Es geht nicht nur darum, den Gegner zu besiegen oder Titel zu erringen, sondern darum, ein zielgerichtetes Leben zu führen, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und die Tradition zu ehren, die die alten Meister geprägt hat. Nur so kann sich der Einzelne wirklich verwandeln, indem er Kraft, Bewusstsein und Verantwortung in Einklang bringt und nicht nur ein Kampfkünstler, sondern ein Akteur mit positiver Wirkung in der Welt wird.
Ein weiterer entscheidender Punkt in diesem Universum aus Konflikt, Kraft und Gewalt findet sich auch in der Volksvorstellung, in der der Krieger oft nur mit roher Gewalt, Kampfkunst und der Fähigkeit, physische Auseinandersetzungen zu gewinnen, in Verbindung gebracht wird. In der klassischen japanischen Tradition wurde diese Sichtweise jedoch immer als unvollständig angesehen. Der wahre Krieger war nicht nur derjenige, der die Kunst des Krieges, das Bu, beherrschte, sondern auch derjenige, der sich mühelos in der Welt der schönen Künste, dem Gei, bewegen konnte. Dieses Universum, bekannt als Yūgeino Sekai, repräsentiert die Welt der eleganten Künste, deren Ausübung als wesentlich für die ganzheitliche Ausbildung eines Samurai angesehen wurde.
Seit der Heian- und Kamakura-Zeit und später während der Sengoku-Zeit festigte sich die Erkenntnis, dass der Krieger ein Gleichgewicht zwischen Bu, der Kriegskunst, und Bun, der intellektuellen, künstlerischen und spirituellen Bildung, anstreben sollte. Ein Krieger, der sich nur dem Kampf widmete, wurde grob, impulsiv und leicht von seinen Emotionen beherrscht; andererseits wurde derjenige, der sich ausschließlich den Künsten und Wissenschaften zuwandte, ohne die Realität des Konflikts zu verstehen, naiv und unvorbereitet. Yūgeino Sekai entsteht genau als Schnittpunkt zwischen diesen beiden Welten, indem es den Charakter des Kriegers verfeinert und seine Wahrnehmung schärft.
Praktiken wie Kalligrafie (Shodō), Poesie (Waka und Haikai), Teezeremonie (Sadō), Musik, Nō-Theater, Malerei (Sumi-e) und sogar die Beherrschung der Etikette und der formellen Sprache waren keine blossen Zeitvertreibe. Sie dienten als Instrumente der Selbstbeobachtung, der mentalen Disziplin und der emotionalen Kontrolle. Beim Zeichnen eines Ideogramms lernte der Krieger etwas über Rhythmus, Absicht und Präsenz; in der Teezeremonie verstand er den Wert der Stille, der Einfachheit und der Achtsamkeit; in der Poesie übte er die Fähigkeit, die Welt mit Sensibilität zu beobachten und entwickelte Empathie und Wahrnehmung – Eigenschaften, die für jemanden, der in ständigem Wachzustand lebte, unerlässlich waren.


Im Kontext des Ninjutsu und der Überlebenskünste war die Verfeinerung nicht nur ästhetischer, sondern auch strategischer Natur. Ein Mensch, der sich in kultivierten Umgebungen natürlich bewegen, Symbole verstehen, soziales Verhalten interpretieren und künstlerische Ausdrucksformen erfassen konnte, hatte Zugang zu Informationen, bewegte sich zwischen den sozialen Schichten und blieb unbemerkt. Die Verfeinerung wurde somit zu einer hohen Form der Tarnung. Darüber hinaus trainierte Yūgeino Sekai den Krieger darin, Feinheiten wahrzunehmen: Stimmungsänderungen, Stimmungen, verborgene Absichten – Fähigkeiten, die in realen Situationen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen konnten.
Der ständige Kontakt mit den feinen Künsten förderte Demut, Selbstbeherrschung und das Bewusstsein für das Vergängliche. Durch das Verständnis der Unbeständigkeit der Dinge, des mujo, lernte der Krieger, losgelöst zu handeln und Entscheidungen zu vermeiden, die von Ego, Wut oder Eitelkeit getrieben waren. Dieser Prozess der inneren Läuterung stärkte den Geist (kokoro) ebenso wie das Training den Körper stärkte. Das Schwert war somit kein Instrument blinder Gewalt mehr, sondern wurde zur Verlängerung eines klaren und ruhigen Geistes.


In der heutigen Zeit ist Yūgeino Sekai nach wie vor äusserst relevant. Der moderne Krieger – sei es ein Kampfsportler, ein Berufstätiger, der ständig unter Druck steht, oder jemand, der auf der Suche nach Selbsterkenntnis ist – steht vor inneren Kämpfen, die ebenso intensiv sind wie die physischen Konflikte der Vergangenheit. Sich heute zu verfeinern bedeutet, Sensibilität, emotionale Intelligenz, Konzentration und Anpassungsfähigkeit zu entwickeln. Es bedeutet zu verstehen, dass Kraft ohne Weisheit destruktiv ist und dass Wissen ohne Handeln unfruchtbar ist, was die Vorstellung bekräftigt, dass der wahre Krieger derjenige ist, der bu und bun, Körper und Geist, Technik und Weisheit vereint.
Allerdings stellen die Kommerzialisierung und Gourmetisierung der Kampfkünste heute eine Herausforderung für diejenigen dar, die nicht nur einen Lebensweg suchen, sondern auch einen verantwortungsbewussten Lehrer, der sich vor allem der Weitergabe von Wissen verschrieben hat. Daher ist es wichtig, zwischen einem Dojo und einer Schule oder einem Fitnessstudio zu unterscheiden, zwischen dem Verhalten eines Kunden und der Haltung eines Schülers.
Das Ziel einer Schule ist es, einem Menschen neue Dinge beizubringen; das Ziel eines Dojo ist es, den Menschen selbst in etwas Neues zu verwandeln. Auf der ganzen Welt gibt es unzählige Einrichtungen, die dem Training der Kampfkünste dienen; jedoch verdienen nur wenige wirklich den Titel Dojo. Begriffe wie Studio oder Fitnessstudio sind im Allgemeinen passender,da die meisten dieser Einrichtungen nur einen oberflächlichen Teil der Kunst lehren, ohne ihre tiefere Bedeutung zu verstehen oder zu vermitteln. Für den durchschnittlichen Schüler ist dies kein Problem, da sein Interesse in der Regel auf die körperliche Transformation beschränkt ist, ohne dass er tiefere Veränderungen seines Charakters oder Geistes anstrebt.
Das Wort Dojo kann wörtlich mit «Ort des Weges» übersetzt werden und bezeichnet einen Raum, in dem der Schüler die letzte Realität der Kunst, der er sich verschrieben hat, zu erfahren sucht. Techniken werden sowohl in Schulen als auch in Dojos gelehrt, aber in letzteren dienen sie nur als Mittel – niemals als Zweck. Die Beherrschung der Technik ist nur der Anfang des Lernprozesses, nicht sein Ende. Während eine Schule das Töten lehrt, lehrt ein Dojo das Sterben. Das Mitglied des Dojo denkt nicht daran, zu kämpfen oder Konfrontationen zu vermeiden, sondern versucht, diese Ebenen zu überwinden und das Wesen des Konflikts selbst zu verstehen.
Obwohl die anfängliche Ausbildung in einer Schule und in einem Dojo ähnlich erscheinen mag, unterscheiden sich die Ziele und Methoden grundlegend. Eine Schule hat Lehrer und Schüler; ein Dojo hat Meister und Schüler, die Deshi. Der Schüler besucht den Unterricht, um Wissen zu erwerben, während der Deshi eine spirituelle Transformation anstrebt. Deshi zu werden ist der erste Schritt in diesem Prozess, und der Anwärter muss die richtige Einstellung zeigen, bekannt als Nyūnanshin, einen flexiblen Geist, der vom Dojo geformt werden kann.
Das Dojo ist keine Kirche, obwohl es einige institutionelle Merkmale mit ihr teilt, es ist auch nicht nur eine Turnhalle, auch wenn körperliche Aktivität auf den ersten Blick seine Hauptfunktion zu sein scheint, und es ist auch keine Kaserne, obwohl die Disziplin der militärischen ähnelt. Kleidung und Haltung müssen sowohl innerhalb als auch ausserhalb des
Dojo tadellos sein. Uniformen sind genau das: Uniformen. Individuell gestaltete oder verzierte Kleidung repräsentiert das Ego, genau das, was der Schüler zu überwinden versucht.
Der Sensei ist nicht nur ein Lehrer, sondern ein Wegweiser. Wörtlich bedeutet Sensei «derjenige, der vor dir geboren wurde» und bezeichnet jemanden, der den Weg, den die Schüler zu beschreiten versuchen, bereits gegangen ist. Als Kancho, der Leiter des Dojo, ist es seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Schüler in die richtige Richtung gehen, indem er ihnen den Weg weist, während die Reise selbst Aufgabe des Deshi ist. Ein guter Sensei beeindruckt mehr durch sein Potenzial und die Intensität seiner Präsenz als durch explizite Handlungen. Auch wenn er niemals Respekt einfordert, legen die älteren Schüler Wert darauf, ihn zu erzwingen, nicht um den Mann zu ehren, sondern weil sie den Wert der Disziplin verstehen. Die Verehrung des Sensei ist eine spirituelle Übung, die dem Schüler selbst zugutekommt, und in seltenen Fällen, wenn der Sensei befiehlt, dass keine Verbeugungen mehr gemacht werden sollen, muss der Deshi mit «Ja, Herr!» antworten und sich tief verbeugen – eine Geste der Anpassung an die Disziplin, nicht des blinden Gehorsams.
Selbst der Sensei nimmt vor dem Shinza, dem Altar des Dojo, eine untergeordnete Position ein. Ob gross oder klein, schlicht oder verziert, der Shinza nimmt den höchsten Platz in der Hierarchie des Raumes ein und repräsentiert die Seele des Dojo. Wie gross eine Person auch sein mag, der Altar dient als ständige Erinnerung daran, wie viel noch zu tun ist. Die Kombination aus der Disziplin der Deshi, der Anwesenheit des Sensei und den physischen Eigenschaften des Dojo schafft eine einzigartige Atmosphäre, die für Anfänger herausfordernd und für Veteranen tief beeindruckend ist. Demut und Autorität koexistieren, oft konzentriert in einer einzigen Person. Während der Trainingsstunden nähert sich der Schüler seinen physischen und mentalen Grenzen und spürt eineEnergie, die auf das Ego einwirkt, es formt und verwandelt. Das Training ist nicht nur körperlich, sondern auch ein Prozess der psychologischen und spirituellen Verfeinerung.
Die Deshi eines traditionellen Dojo sind entschlossene, reife und engagierte Männer. Es handelt sich nicht um Kinder, Dilettanten oder Träumer. Wir treffen Erwachsene aus allen Bereichen, darunter viele Fachleute: Militärs, Ingenieure, Führungskräfte, Polizisten – allesamt Menschen, die es gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen, und sich ihres Wertes bewusst sind. Sie suchen im Dojo etwas Tieferes als körperliche Kraft: die Verwandlung ihres Charakters und ihres Geistes.







Die Brücke zwischen der Schweiz und Brasilien bilden - 30 Jahre sind es nun her!
Auch wenn mein Bruder Demetrio und ich damit begonnen haben, im Jahr 1991 Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) in unser Unterrichtsprogramm zu integrieren, beziehungsweise das damalige JKD-Grappling, dass wir unter anderem von unseren damaligen JKD-Lehrern Larry Hartsell und Dan Inosanto erlernt hatten, damit zu ersetzen. Für uns alle im Team Vacirca Brothers war es ein absolutes Highlight, als wir über Guy Mialot aus Frankreich, der die Funktion als Präsident der ersten BJJ-Union in Europa und Kontaktperson nach Brasilien innehatte, die offizielle Einladung von Meister Carlos Gracie Junior, dem Begründer und Präsidenten der CBJJ (Confederação Brasileira de Jiu-Jitsu), zur Teilnahme an der ersten BJJ-Weltmeisterschaft im Jahr 1996 erhielten. Wir sind Meister Carlinhos Gracie, diesem Visionär, viel schuldig. Ohne seine


grossartige Unterstützung wäre die International BJJ Federation (IBJJF) niemals entstanden und es gäbe nicht diese internationale Wettkampfplattform, die heute weltweit existiert. Natürlich ist es nicht die Arbeit eines einzigen Mannes, sondern die vieler Personen, aber es brauchte einen Anführer wie Meister Carlinhos, der diese Aufgabe ernsthaft und professionell anging. Natürlich wurde es seitdem auch zu einem grossen Business, das müssen wir

zugeben, aber tatsächlich ist die IBJJF heute international auf verschiedenen Kontinenten vertreten. Keine andere Organisation vertritt das BJJ (mit und ohne Kimono*) so professionell und vollständig wie die IBJJF. (Kimono ist die «brasilianische» Bezeichnung für den Gi/die Kleidung.)
Ich möchte auch nochmals meinen tiefen Dank an Guy Mialot aussprechen, der uns damals mit Meister Carlinhos und der Gracie Barra in Tijuca in Kontakt brachte. Ein besonderer Dank geht an meinen Bruder Demetrio sowie an meine beiden Schüler Nikos Bachzetsis und Martin Hardmeier. Sie glaubten an meine BJJ-Vision in Europa und folgten mir nach Rio de Janeiro. Nach harter Arbeit und unzähligen Trainingsstunden an der Vacirca Academy brachten sie ihre verdienten Medaillen in die Schweiz zurück.
Willkommen an der Copacabana!
Nach einem kurzen Aufenthalt in Madrid, wo wir eine umfangreiche Tapas-, Wein- und BierTour unternahmen, bevor es mit dem Flugzeug weiter nach Rio de Janeiro ging, landeten wir ausgeschlafen und enthusiastisch in Brasilien. Als Meister Carlinhos Gracie und sein Fahrer uns am Flughafen abholten, sagte er: «Willkommen in Brasilien! Zuerst fahre ich euch ins Hotel. Dort könnt ihr euch ausruhen und später frühstücken.» Wir wurden ins Hotel Ouro Verde (Grünes Gold) gefahren. Unsere Zimmer wurden anteilmässig von der CBJJ gesponsert. Die Unterkunft lag direkt an der weltberühmten Copacabana und unser Zimmer bot einen direkten Blick auf den Strand. Diese Aussicht war atemberaubend, einfach wunderbar.
Unser Flug landete am frühen Morgen und die Stadt war noch in dichten Nebel gehüllt. Durch diesen Nebel konnte man die Strassen und Gebäude kaum erkennen, was es noch spannender machte. Als wir im Hotel ankamen, das keine zwanzig Schritte vom Strand entfernt war, stieg die Spannung von einer Minute zur nächsten.
Am Hoteleingang wurden wir von einem höflichen Rezeptionisten empfangen. Nachdem wir unsere Pässe abgegeben und uns als Gäste eingetragen hatten, erhielten wir die Zimmerschlüssel. Wir erhielten zwei Doppelbettzimmer, die praktisch nebeneinander lagen. Nach einem kurzen, aber intensiven Erholungsschlaf in einem richtigen Bett ging es in den Frühstücksraum. Als wir diesen betraten, konnten wir es kaum glauben: Der Kaffeeduft kam uns gleich entgegen, und das Buffet war so farbenfroh und voll mit Delikatessen gefüllt; so was hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Wir bekamen auch gleich einen der besten Tische im Restaurant, wo wir unsere leeren Mägen zufriedenstellen konnten.
Anschliessend gingen wir nochmals ins Hotelzimmer, um uns frisch zu machen und bequeme Kleidung anzuziehen. Wir

hatten vor, zuerst kurz die Copacabana zu erkunden und später mit einem Taxi zur Gracie Barra zu gelangen. Dort wollten wir uns offiziell in die Wettkampfkategorie eintragen und mit Meister Carlinhos Gracie über die erste WM sprechen, um alle notwendigen Details zu bekommen. Wir hofften auch, unsere Freunde aus Frankreich, den Niederlanden, Hawaii und den USA zu treffen. Das nordamerikanische Team wurde von den Machado-Brüdern und ihren Schülern vertreten. Aus Hawaii waren Enson und Egan Inoue gekommen, die eigentlich aus Japan stammen, aber mit einer Gruppe die Insel vertraten. Aus Japan war ein kleines Team unter der Leitung von Yuki Nakai angereist. Guy Mialot war der Gruppenchef der Franzosen. Aus den Niederlanden war Remco Pardoel, mein langjähriger Freund, Weltlevel Judoka und UFC-Veteran, angereist worden.
Nachdem wir am Ende der Copacabana entlanggelaufen waren, nahmen wir ein Taxi, das uns zu Meister Gracie fahren sollte. Der Taxifahrer machte uns jedoch darauf aufmerksam, dass wir an diesem schönen Strand nicht surfen sollten, da die Einheimischen in Barra da Tijuca «ein bisschen aggressiv» seien, wenn es darum ginge, ihnen eine Surfwelle wegzustellen. Wir nahmen den Tipp des Taxifahrers gerne an und beschlossen, diesen Strandabschnitt eher aus der Distanz zu betrachten. Als wir angekommen waren, stand Meister Carlinhos schon vor der Tür, begleitet von einigen lokalen BJJMeistern, darunter Alexander Paiva, einem der Mitbegründer des bekannten Alliance Teams. Sie alle wollten uns kennenlernen. Wir hatten ein «Ass im Ärmel»: Wer hätte jemals gedacht, dass eine Vierergruppe aus der kleinen Schweiz zur BJJWM kommen würde! Es war die erste in dieser Form und für Meister Carlinhos war es wichtig zu zeigen, dass seine Arbeit als Präsident in der ganzen Welt angekommen war. Für uns war es eine grosse Ehre.

Die anwesenden Meister luden uns sofort in ihre Schulen ein. Wir wollten uns jedoch in keinem Fall in Meister Carlinhos' Pläne einmischen und hielten uns daher eher zurück und warteten ab, was als Nächstes passieren würde. Nach der offiziellen Anmeldung vor Ort kam die Frage, ob wir schon die Beste «Açai de Guarana» ausprobiert hätten. Das war damals das, was absolut jeder Jiu-Jitsuka zu sich nahm, um fit und stark zu bleiben. Meine kleine Schüssel enthielt auch verschiedene Fruchtstücke, und ich kann euch sagen, es war tatsächlich eine Energiebombe, die ich zu mir nahm.
Die nächsten Tage verbrachten wir mit Training an verschiedenen Orten und Meistern. Als sich der Wettkampftag näherte, entschlossen wir, dass wir vielleicht doch besser unter uns trainieren sollten, denn man spürte, wie die Luft um uns herum immer dichter wurde. Man sollte wissen, dass wir damals einige Athleten trafen, die ihren Lebensunterhalt mit Sportwettkämpfen bestritten, was für uns in der Schweiz oder gar in Europa damals nicht möglich gewesen wäre. Die einheimischen Athleten hatten teilweise zwei oder mehr Sponsoren. Mit grossem Stolz trugen die Athleten oft die Patches dieser Sponsoren auf ihren Kimonos und hatten sich natürlich auch verpflichtet, bei der WM unter die ersten drei zu kommen. Schliesslich gelangten wir zur «Academia Augusto Cordeiro de Judo & Jiu-Jitsu» in der Copacabana, wo wir vom Jiu-JitsuMeister Gorginhio auf seinem Tatame trainieren durften. Er half uns, uns auf den Wettkampftag vorzubereiten.
Tagsüber schauten wir uns verschiedene Dinge an und wurden oft auch eingeladen, uns dies oder das anzuschauen. So besuchten wir auch den Shop des Kimono-Herstellers Viking, der eine der ersten stylischen Anzüge (Marke Krugans) für unseren Sport herstellte. Im gleichen Einkaufszentrum hatte ein Schüler von Grossmeister Carlson Gracie einen mega-coolen TShirt-Shop und so deckten wir uns mit Kimonos und T-Shirts für die nächsten Jahre ein.



In den 1950er Jahren verbreitete sich Judo weltweit, auch in Brasilien. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Dai Nippon Butokukai, unterstützt vom Haupt-Dojo des Judo, dem KodokanInstitut, endlich die Möglichkeit, Nord- und Südamerika zu erreichen. Der Gründer des Jiu-Do (später Judo), Jigoro Kano, hatte eine einfache Vision: Judo nicht als Kampfstil zu nutzen, sondern vielmehr das Wohlbefinden zu fördern und Menschen für einen positiven Zweck zusammenzubringen.
Zu dieser Zeit war Jiu-Jitsu fast ausgestorben, da seine traditionellen Praktiken, wie beispielsweise der Einsatz von Waffen, nicht mehr relevant waren. Selbst in Japan verschwand diese Kunst, und nur noch wenige Meister und Schüler praktizierten sie in kleinen, privaten Trainingsstätten.
In Rio de Janeiro veranstaltete eine Gruppe von Menschen das erste Jiu-Jitsu-Turnier als Gegenstück zum Judo. Schulen wie Gracie, Fadda und Cordeiro sowie einige andere Akademien nahmen an dieser Veranstaltung teil. Der stärkste und grösste Rivale der Familie Gracie in Rio war die JiuJitsu-Schule von Augusto Cordeiro, die den Ogawa Budokan vertrat. Oswaldo Fadda, der gerade seine Schule in Bento Ribeiro im Bundesstaat Rio de Janeiro eröffnet hatte, nahm ebenfalls an dem Turnier teil.
Im folgenden Jahr beschloss Meister Cordeiro, sich im Kodokan-Judo zu engagieren und reiste regelmässig nach Japan, um am Institut zu studieren. Jiu-Jitsu blieb jedoch Teil seines Lebens, und er unterrichtete es weiterhin in seiner Schule und unterstützte es in Rio de Janeiro.
Während Jiu-Jitsu nur an wenigen Orten praktiziert wurde, wurde Judo von Tag zu Tag beliebter und gewann immer mehr Schüler. Jiu-Jitsu-Schüler begannen, an Judo-Turnieren teilzunehmen, jedoch mit wenig Erfolg. Das war nicht einfach, da im Judo natürlich die Kodokan-Regeln (Wurftechniken) galten, mit

denen die Jiu-Jitsu-Kämpfer – die sich hauptsächlich auf den Bodenkampf (Newaza) konzentrierten – nicht so vertraut waren. Erst Mitte der 1960er Jahre, als die erste Jiu-Jitsu-Föderation von Guanabara von den Meistern Hélio Gracie, Pedro Hemetério und Hélio Vigio gegründet wurde, änderte sich dies. Die neue Föderation hatte eine vollständige Gürtelstruktur, Alters- und Gewichtsklassen sowie Kampfregeln einschließlich eines Punktesystems. Am 12. Juli 1973, nach mehreren Jahren des Versuchs, das Brazilian Jiu-Jitsu als Gegenstück zum Judo in Rio de Janeiro zu etablieren, wurde der neu benannte Jiu-

Jitsu-Verband von Rio de Janeiro (JJ.F.RJ.) schliesslich von Jeronimo Bastos, dem Präsidenten des brasilianischen Sportverbandes, anerkannt.
Der Wettkampftag zog sich in die Länge, aber es war interessant zu sehen, dass die Gastgeber damals schon viel weiter waren als wir alle. Heute ist das ganz anders, aber seitdem sind über 30 Jahre vergangen.
Der Tag verlief für uns sehr gut: Am Ende kämpften mein Bruder Demetrio und ich um den 4. Platz. Martin Hardmeier schaffte es sogar, noch einen Schritt weiterzukommen, und durfte gegen den Superathleten und JiuJitsuka Murillo Bustamante antreten. Martin verlor diesen Kampf, holte sich aber die Bronzemedaille. Nikos Bachzetsis, unser «Spiderman», ging noch ein Stück höher auf dem Siegerpodest und gewann gegen den Franzosen Christian Derval, einen Top-Judo-Meister. Im Finale verlor er gegen den amtierenden brasilianischen Champion und holte sich die Silbermedaille.
Am nächsten Tag lud uns Meister Carlinhos Gracie zum Essen ein und fragte mich, ob ich interessiert wäre, den Schweizerischen BJJ-Verband zu gründen und zu leiten. In der Schweiz (in zahlreiche andere europäische Länder) ist es ganz normal, dass praktisch jede Kampfsportschule ihren «eigenen» nationalen oder gar internationalen Verband hat. Leider kennt man hier das Zusammenarbeiten sehr selten! Aber trotzdem nahm ich die Herausforderung und Aufgabe an. So entstand aus der CBJJ die International BJJ Federation (IBJJF.com), die heute weltweit vertreten ist. Dies wurde dann auch notariell beurkundet, denn für Meister Carlinhos Gracie war dieser Schritt enorm wichtig, um das Brazilian Jiu-Jitsu auch international fördern zu können.

Während dieser Zeit hatte ich bereits engen Kontakt zu Meister Sylvio Behring, der uns auch bei der WM unterstützt hatte. Meister Behring kommt aus einer der bekanntesten BJJ-Familien und ist ein ausgezeichneter Lehrer, von dem wir, auch später nochmals, sehr profitieren und lernen konnten. Ich kannte damals auch schon Meister Royler Gracie von der bekannten Gracie Humaita, der Hauptschule von Grossmeister Hélio Gracie. Ihn hatte ich in den USA erstmals kennengelernt. Auch Renzo Gracie war anwesend, um sein amerikanisches Team zu unterstützen und als Schiedsrichter zu partizipieren.
Alles in allem war es ein riesiger Erfolg für das Team Vacirca Brothers als offizieller Vertreter der Schweiz. Seitdem sind über 30 Jahre vergangen, aber ich denke noch heute daran. Auch die nächste Generationen des Team Vacirca Brothers profitierten von diesem ersten wichtigen Schritt nach aussen. Seitdem wurden mein Bruder Demetrio und ich zu zahlreichen Seminaren in ganz Europa und Russland eingeladen. Unsere Vacirca Academy – Gracie Jiu-Jitsu Zürich – wurde zur Hochburg des BJJ in Europa. Zahlreiche Leute kamen und trainierten mit uns. Unser Team nahm an sämtlichen nationalen und internationalen BJJ- und Grappling-Meisterschaften teil. Wir haben grossartige Menschen kennengelernt.
Auch wenn einige Freunde und Schüler heute ihren eigenen Jiu-Jitsu-Weg gehen oder ihn gar verlassen haben, ist das absolut in Ordnung und nachvollziehbar. Das geschieht in den besten Familien … Wichtig ist jedoch, dass der Respekt weiterhin besteht und dass man ehrlich sagt, wo man seinen Ursprung hat, ohne sich selbst als Erfinder des Rades darzustellen. Keep it real!
“Der Wettkampftag zog sich in die Länge, aber es war interessant zu sehen, dass die Gastgeber damals schon viel weiter waren als wir alle. Heute ist das ganz anders, aber seitdem sind über 30 Jahre vergangen.”




Die Muay-Thai-Lehrer der Vergangenheit unterteilten die Kampffähigkeiten in verschiedene Stile: Die fortgeschrittensten Fähigkeiten wurden als Kon Kae klassifiziert, die Strategien, die zur Lösung von Kampfproblemen eingesetzt wurden. Mit anderen Worten, Kon Kae bedeutet die Fähigkeit zum Gegenangriff und repräsentiert die höchste Kunst des Muay Thai, die Kunst der wahren Champions.
Heutzutage folgen die meisten Muay-Boran-Lehrer der Klassifizierung der Kon-Muay-Kae-Techniken, die Meister Yod Ruengsa in seinem 1971 veröffentlichten Muay-Thai-Handbuch mit dem Titel Tamrap Phra Chao Sua vorgenommen hat.
Der Titel ist ein offensichtlicher Verweis auf den König von Ayutthaya Phra Chao Sua (bekannt als der Tigerkönig) und den Kampfstil seiner Elitesoldaten, der Krom Nak Muay. Tatsächlich bestand dieses Regiment von Muay-Kämpfern aus hochqualifiziertem Militärpersonal mit einer langen Vergangenheit im Muay Thai. Diese äusserst fähigen Soldaten wurden viele Jahre lang eingesetzt, um die Sicherheit des Königs und der königlichen Familie zu gewährleisten. Der Kampfstil dieser Elitetruppen wurde als Muay Luang oder königliches Muay bezeichnet und war laut den meisten Quellen der Ursprung des Kon Muay KaeStils, den wir noch heute praktizieren.
Der Kern des Kon-Kae-Kampfstils besteht darin, zu lernen, mit jeder Art von Angriff des Gegners umzugehen und entsprechend zu kontern. Die Angriffe sind nach dem klassischen «Zyklus der natürlichen Waffen» aufgelistet, d.h. Mahd (Schläge), Thao (Tritte), Kao (Knie) und Sok (Ellbogen). Wer sich verteidigt, muss jede Art von Waffe einsetzen können, um die Angriffe des Gegners abzuwehren und zurückzuschlagen. Auch Kampftechniken (Hebel und Würfe) können als Gegenmaßnahmen eingesetzt werden, um den Gegner mit einer schnellen und entschlossenen Aktion zu überwältigen.
Das Konter-Kämpfen wird im Allgemeinen als «defensiver Stil» angesehen, insbesondere wenn wir diesen strategischen Ansatz mit dem deutlich offensiveren Chern-Muay-Stil vergleichen. In Wirklichkeit ist der wahre Kon-Muay-Kae-Experte in der Lage, die Offensive des Gegners als Mittel zu nutzen, um seinen eigenen Angriff erfolgreich abzuschliessen. Auf höchstem Niveau ist ein erfahrener Kon Kae-Kämpfer in der Lage, «den Gegner angreifen zu lassen, wann und wo er will». Er plant seine eigenen


Bewegungen und nutzt alle defensiven Mittel des Muay (Finte, Einladungen, Ausweichmanöver, Ablenkungen, Blocks), um den Gegner in eine schwache Position zu bringen, in der er seinen Gegenangriff leicht ausführen kann. Es ist klar, dass ein guter Konterkämpfer ein ausgeprägtes Zeitgefühl entwickeln muss, um im richtigen Moment mit schnellen und harten Schlägen zu reagieren, bevor der Gegner eine Chance hat, sich von seinen verfehlten Angriffen zu erholen. Nicht alle Muay-Thai-Kämpfer verfügen über die Eigenschaften, um erfahrene Konterkämpfer zu werden: Auch wenn einige technische Fähigkeiten durch entsprechendes Training entwickelt werden können, ist ein angeborenes Gespür für

das richtige Timing erforderlich, um in diesem schwer fassbaren Stil zu glänzen.
Dennoch können alle Nak Muay (Muay-Kämpfer) von einem regelmässigen Training der Kon-Kae-Techniken profitieren: Dieser Stil bietet eine Vielzahl von Verteidigungs- und Gegenangriffen, sodass jeder Praktizierende diejenigen finden kann, die am besten zu seinen technischen und psychologischen Eigenschaften passen.
Dieser alte Stil ist sehr komplex und umfasst einige universelle Prinzipien des waffenlosen Kampfes. Die siamesischen Traditionen im Zusammenhang mit dem waffenlosen Kampf sind vielfältig: Nur durch eine gründliche Analyse des Erbes der wichtigsten Meister dieser Kunst kann man zum wahren Wesen des Muay gelangen.

Einer der lebenden thailändischen Meister, der sein umfangreiches Wissen klar und logisch strukturiert hat, sodass es auch für ausländische Schüler verständlich ist, ist Meister Chaisawat Tienviboon. Er hat das Erbe der Muay-Meister der Vergangenheit mit offenem Geist und logischem Verstand analysiert. Er ist nicht nur einer der führenden Khru Muay mit über 50 Jahren Erfahrung in den siamesischen Kampfkünsten, sondern war auch außerordentlicher Professor an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften der King Mongkut University of Technology. Ich hatte das große Glück, von Meister Chaisawat viele Tipps und detaillierte Anweisungen zu verschiedenen Aspekten des Muay-Thai-Unterrichts zu erhalten. Bei verschiedenen Gelegenheiten gab er mir auch detaillierte Anweisungen zu den Kampfstufen. Dieses Konzept steht in engem Zusammenhang mit der Analyse des Rückkampfkampfs, die ich in diesem Artikel vorstelle.
Sehen wir uns nun an, wie Meister Chaisawat die vier Kampfstufen im Muay Thai Boran beschreibt.
Die erste Stufe entspricht einer Straßenrauferei, bei der die Gegner Schläge austauschen, ohne sich um ihre Verteidigung zu kümmern. Unkontrollierte Wut ist das vorherrschende Gefühl, das die Straßenkämpfer dazu zwingt, blindlings anzugreifen und zu versuchen, sich gegenseitig zu überwältigen. Es werden keine Blocks oder Ausweichmanöver eingesetzt, und beide konzentrieren sich ausschließlich darauf, den härtesten und schnellsten Angriff zu landen. In der Regel gewinnt derjenige den Kampf, der als Erster einen wirksamen Schlag landet. Diese Stufe hat eindeutig nichts mit Kampfkunst zu tun, weshalb thailändische Meister sie mit «den Gegner mit Schlamm bespritzen» vergleichen.
Die zweite Stufe ist viel ausgefeilter und entspricht dem grundlegenden Lehrsystem, dass in den meisten Muay-ThaiSchulen verwendet wird. Wenn ein Kämpfer die Stufe 2 erreicht hat, bedeutet dies, dass er die einfachsten Verteidigungsstrategien anwenden kann, um die Offensive seines Gegners abzuwehren, und auch in der Lage ist, entsprechend zu reagieren. Die grundlegenden Verteidigungsstrategien, die auf dieser Stufe verwendet werden, sind: Pong, Pad, Pid, Poed. Schauen wir uns die Bedeutung dieser thailändischen Wörter an.
Pong: Bezieht sich auf das Abwehren von Schlägen mit der Handfläche. In einigen Fällen können Angriffe auch nur durch das Hochnehmen der Abwehr gestoppt werden.
Pad: Ablenken von Schlägen mit der Hand oder dem Unterarm. Der Angriff kann nach innen oder außen, nach unten oder nach oben abgelenkt werden.

Pid: Schließen der Tür. Dies kann durch Abdecken der Schwachstellen oder durch Blockieren der Angriffe mit den härtesten Knochen des Körpers erfolgen. Du kannst Schläge mit der Stirn, der Schulter, dem Unterarm, dem Ellbogen, dem Schienbein oder dem Knie abwehren.
Poed: Öffnen der Deckung des Gegners. Das Ablenken des Angriffs beim Durchbrechen der Deckung des Gegners kann mit einem oder beiden Armen, mit einer oder beiden Händen erfolgen.
Sobald die grundlegende Verteidigungsaktion erfolgreich angewendet wurde, muss der Verteidiger sofort mit einem oder mehreren Schlägen kontern. Dazu müssen seine Manöver sehr präzise und gut geplant sein. Aus diesem Grund wird diese Kampfstufe im Allgemeinen als «scharfes Kämpfen» bezeichnet.
Einer der Nachteile dieses Systems besteht darin, dass der Körper des Verteidigers stark genug sein muss, um den Schlägen standzuhalten, die er einstecken muss, bevor er mit seinen eigenen Gegenangriffen reagieren kann. Im Muay Thai, wo die Boxer nach strengen Gewichtsklassen eingeteilt werden, ist dies möglicherweise kein grosses Problem. Im Gegensatz dazu spielt bei «Kampfspielen» der Gewichtsunterschied eine wichtige Rolle zugunsten des schwereren Kämpfers. Daher galt diese Kampfstufe im alten Muay als eher elementar, und ein Nak Muay (Thai-Boxer), der den Status eines «scharfen Kämpfers» erreicht hatte, war noch weit davon entfernt, die Spitze seiner Kunst erreicht zu haben.

Stufe 3 ist schwer zu meistern. Nicht viele Kämpfer werden jemals die Fähigkeiten dieser Stufe besitzen. Der Nak Muay, der den Angriffen seines Gegners ausweichen, sie vermeiden oder umgehen und mit blitzschnellen Gegenangriffen reagieren kann, wird in den meisten Fällen der Sieger sein. Wenn die Waffen (des Körpers) deines Gegners dich nicht treffen können, können sie dir auch nichts anhaben. Das Problem hierbei ist, dass das auf dieser Stufe verwendete Verteidigungssystem sehr fortgeschritten ist und nicht alle Kämpfer es beherrschen können, es sei denn, sie verfügen über bestimmte natürliche Eigenschaften. Die erste und wichtigste Eigenschaft für einen Kämpfer der Stufe 3 sind gute Reflexe. Ohne die Fähigkeit, den Angriff des Gegners zu erkennen, bevor er ausgeführt wird, ihm auszuweichen und ihn knapp am Ziel vorbeischlagen zu lassen, wird ein Boxer diese Stufe nie erreichen und muss seinen Stil weiterhin auf einen grundlegenderen Ansatz (d.h. Stufe 2) ausrichten. Ist ein Kämpfer hingegen in der Lage, diese fortgeschrittenen Taktiken zu beherrschen und sie im Kampf anzuwenden, wird es jeder Gegner sehr schwer haben, ihn zu besiegen. Egal wie schwer der Gegner ist, ein Kämpfer der Stufe 3 wird immer ausserhalb der Reichweite der Schläge des Angreifers bleiben und keine harten Treffer einstecken müssen. Zu weit weg oder zu nah, er wird ein Netz um den Angreifer spinnen, ihn aus unerwarteten Winkeln treffen und auf die schwächsten Punkte seiner Anatomie zielen. Aus diesem Grund wird diese Kampfstufe als «umhüllend» bezeichnet.
Die Stufe 4 ist noch komplexer und schwieriger zu meistern. Bevor ein Nak Muay in die Feinheiten dieser Stufe eingewiesen wird, sollte er die Stufen 2 und 3 gut beherrschen. In Stufe 4 ist es tatsächlich der Verteidiger, der die Initiative ergreift: Das

Schliessen der Distanz und der erste Angriff können leicht mit einem «einfachen» direkten Angriff verwechselt werden. Der Kämpfer, der den Gipfel des Muay erreicht hat, greift jedoch tatsächlich den Angriff des Gegners an. Einfach ausgedrückt: Sobald er die „Absicht” des Gegners zu schlagen (oder vorzurücken, um zu schlagen) erkennt, antizipiert der Verteidiger dessen Angriff und schlägt wie eine Kobra zuerst zu. Das Geheimnis dieser höchsten Fertigkeit besteht darin, sich zu bewegen, wenn der Gegner bereits «mit dem Angriff beschäftigt» ist. Wenn der Verteidiger in den Angriffsmodus wechselt und zum Angreifer wird, verliert er alle strategischen Vorteile des Gegenangriffs. Direkte Angriffe haben nichts mit dem Kon-Kae-Stil und Kämpfen der Stufe 4 zu tun. Der mentale Aspekt ist in dieser Phase vorherrschend: Es ist keine leichte Aufgabe, einem starken Gegner mit klarem Verstand (dem sogenannten leeren Geist) gegenüberzutreten. Der Körper muss entspannt sein, die Atmung muss kontrolliert werden und im Herzen des Verteidigers darf kein Anflug von Zögern zu spüren sein. Wenn jemand dieses Kampfniveau erreicht hat, sind seine Verteidigung und sein Angriff eins, und nur sehr wenige Gegner können ihm widerstehen, da er die begehrte Meisterschaft im «plötzlichen Angriff» erreicht hat.

Marco De Cesaris & Grand Master Chaisawat Tienviboon

Weitere Informationen über Muay Boran IMBA:
• Offizielle Website der IMBA: www.muaythai.it
• Europa: Dani Warnicki (IMBA Finnland) dani.warnicki@imbafinland.com
• Südamerika: Juan Carlos Duran (IMBA Kolumbien) imbacolombia@gmail.com
• Ozeanien: Maria Quaglia (IMBA Australien) imbaaust@gmail.com
• Generalsekretariat: Marika Vallone (IMBA Italien) imbageneralsecretary@gmail.com



Die vier Ebenen der Kampfkunst: Körper – Geist – Emotion – Spiritualität
Kampfkunst besteht nicht nur aus Techniken wie Kopfstössen, Knien oder Ellenbogen usw. Hinter der physischen Anwendung verbirgt sich eine tiefere Dimension man erkennt sie jedoch erst, wenn man bewusst danach sucht. Die Entwicklung beginnt auf der körperlichen Ebene. Hier werden Distanzgefühl, Kontrolle, Druckaufbau und effektive Bewegungsmuster trainiert. Techniken werden so lange wiederholt, bis sie unter Belastung abrufbar sind und in realen Situationen funktionieren.
Darauf folgt die mentale Ebene. Sie entsteht durch konsequentes, langfristiges Training und fördert Disziplin, Durchhaltevermögen und Fokus. Diese innere Stabilität bildet die Grundlage dafür, auch in stressreichen Momenten klar zu denken.
Die emotionale Ebene zeigt sich besonders unter Druck. Wer in einer gefährlichen Situation ruhig bleibt, Entscheidungen präzise trifft und nicht von Angst oder Adrenalin überwältigt wird, besitzt einen entscheidenden Vorteil. Die Fähigkeit, selbst im Extremfall kontrolliert zu handeln, relativiert viele andere Herausforderungen im Leben.
Aus dieser Entwicklung entsteht schliesslich die spirituelle Dimension. Sie bedeutet nicht Spiritualität im abstrakten Sinn, sondern Verantwortung und Weitergabe. Wer Wissen und Erfahrung gesammelt hat, trägt auch die Aufgabe, sie weiterzugeben. In dieser Haltung findet sich echte Erfüllung unabhängig von äusserem Erfolg oder materiellen Umständen.
"Wahre Kampfkunst beginnt mit dem Körper, wird durch den Geist geschärft, im Feuer der Emotion geprüft und findet ihre Erfüllung darin, Stärke mit Verantwortung weiterzugeben"


Im Nahkampf gibt es keine unüberschaubare Vielfalt an Möglichkeiten. Es gibt Struktur. Der menschliche Körper bietet nur drei Angriffsebenen: Hoch, Mitte, Tief. Mehr nicht. Jede Bewegung, jede Deckung, jeder Angriff spielt sich innerhalb dieser drei Linien oder auch genannt Angriff Zonen ab. Und daraus ergibt sich ein einfaches Gesetz: Wird eine Linie geschlossen, öffnet sich zwangsläufig eine andere.
Deckt jemand seine Mitte, bleibt oben oder unten Raum. Sind zwei Ebenen blockiert, ist die dritte frei. Wären tatsächlich alle drei vollständig verschlossen, wäre kein Kampf möglich denn wer alles schützt, kann nicht handeln.
Nahdistanz ist deshalb kein Ort für komplizierte Techniken oder spektakuläre Bewegungen. Komplexität erhöht das Risiko zu scheitern. Ein weiter Drehkick kann verfehlen, weil Distanz, Timing und Präzision stimmen müssen. Im engen Raum jedoch, wo bereits Körperkontakt besteht, reduziert sich alles auf einfache Entscheidungen entlang offener Linien. Man muss kein Ziel suchen. Es ist bereits da.
Entscheidend ist nicht Technikvielfalt, sondern Klarheit. Nicht Geschwindigkeit, sondern Struktur. Wer versteht, dass jede geschlossene Linie eine Öffnung an anderer Stelle erzeugt, handelt nicht hektisch, sondern folgerichtig. Im Kern bedeutet das: Sehen, was offen ist. Und es unmittelbar besetzen. Was landläufig unter Selbstverteidigung verstanden wird, ist häufig ein Sammelsurium unterschiedlichster Techniken, die aus verschiedenen Kampfkünsten entnommen und neu kombiniert wurden. Kurse, Bücher und Videos vermitteln meist ein Repertoire festgelegter Abläufe, die so lange wiederholt werden, bis sie automatisiert erscheinen. Daraus entsteht leicht der Eindruck, Selbstverteidigung sei eine Ansammlung von Tricks, die man lediglich auswendig lernen müsse, um im Ernstfall zu bestehen. Aus dieser Vorstellung speisen sich Mythen über Geheimtechniken, vitale Punkte oder mysteriöse innere Energien. Doch Selbstverteidigung ist kein intellektuelles Konstrukt und kein mechanisches Abrufen gespeicherter Bewegungsmuster. Sie ist eine Fähigkeit und wie jede Fähigkeit entsteht sie durch Praxis. Sie verlangt regelmässiges Training, eine klare Methode und ein eindeutiges Ziel. Wird nicht kontinuierlich daran gearbeitet, schwindet sie allmählich.

Eine funktionierende Methode muss drei grundlegende Voraussetzungen entwickeln: psychologische Stabilität, strategische Klarheit und körperliche Einsatzfähigkeit. Dabei steht nicht die Maximierung von Kraft, Schnelligkeit oder Kondition im Vordergrund. Ein realistisches Selbstverteidigungssystem muss für den Durchschnittsmenschen praktikabel sein auch für Frauen, Senioren oder körperlich Unterlegene. Entscheidend sind Strategie und mentale Vorbereitung.
Die psychologische Schulung zielt nicht darauf ab, Angst zu beseitigen, sondern darauf, trotz Angst handlungsfähig zu bleiben. Die Strategie wiederum muss einfach, klar und universell anwendbar sein unabhängig von Grösse, Kraft oder Anzahl der Angreifer. Komplexität versagt unter Stress; Einfachheit bleibt abrufbar.
Das eigentliche Ziel der Selbstverteidigung ist nicht der Sieg über den Gegner, sondern der Schutz der eigenen körperlichen Unversehrtheit. Konfliktvermeidung und Flucht sind daher stets die bevorzugten Optionen. Erst wenn diese Möglichkeiten scheitern, werden Mittel eingesetzt, die entweder die unmittelbare Gefahr beenden oder einen gesicherten Rückzug ermöglichen.


Eine glaubwürdige Selbstverteidigung muss daher zentrale Fragen beantworten:
•Welche mentale Haltung erlaubt es, eine bedrohliche Situation heil zu überstehen?
•Welche Strategie funktioniert auch gegen physisch überlegene oder mehrere Angreifer?
•Welche körperlichen Voraussetzungen sind notwendig und wie lassen sie sich mit vertretbarem Aufwand entwickeln?
•Und schliesslich: Welches Ziel verfolge ich überhaupt? Wettkampf und Stärke oder Selbstbewusstsein und Schutzfähigkeit?
Systeme, die lediglich Techniken anhäufen, bleiben oft eine methodische Antwort schuldig. Ein strukturiertes System hingegen reduziert Komplexität auf wenige tragende Prinzipien.
Im OLIVA Combat System basieren alle Handlungen auf klaren strategischen Grundsätzen, die auch unter Stress Bestand haben. Das erste Prinzip besteht darin, dem Gegner geschützt entgegenzutreten: Die eigene Körpermitte wird konsequent abgeschirmt, sensible Zonen werden durch Arme und Beine gesichert. Schutz und Angriff sind dabei keine Gegensätze, sondern erfolgen gleichzeitig. Öffnet sich eine Linie, wird sie unmittelbar besetzt nicht durch Zögern, sondern durch entschlossenes, strukturiertes Handeln.
Selbstverteidigung ist somit keine Technikensammlung, sondern eine methodisch aufgebaute Kompetenz. Ihre Wirksamkeit entsteht nicht durch Geheimwissen, sondern durch Klarheit, Übung und die Konzentration auf das Wesentliche.
„Im Nahkampf entscheidet nicht die Vielfalt der Techniken, sondern die Klarheit des Blicks jede geschlossene Linie offenbart eine Öffnung, und wer sie erkennt, handelt ohne Zögern.“

