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MN 714 – Schafer, Anstiftung zum Hören

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R. Murray Schafer

Anstiftung zum Hören Hundert Übungen zum Hören und Klänge Machen


R. Murray Schafer

Anstiftung zum Hรถren


Anstiftung zum Hören Hundert Übungen zum Hören und Klänge Machen R. Murray Schafer

Anstiftung zum Hören Hundert Übungen zum Hören und Klänge Machen Herausgegeben von Justin Winkler Übersetzung aus dem Englischen: Klaus Wittig

MN 714

Herausgegeben von Justin Winkler Übersetzung aus dem Englischen: Klaus Wittig

MN 714

Edition Nepomuk MN 714


Englische Originalausgabe: A Sound Education, © R. Murray Schafer, 1992 Englische Originalausgabe: Arcana Editions, Indian River, Ontario, KOL1992 2B0, Canada A Sound Education, © R. Murray Schafer, Arcana Editions, Indian River, Ontario, K0L 2B0, Canada Deutsche Ausgabe: Edition Nepomuk MN 714 Deutsche Ausgabe: ISBN 978-3-7651-9912-7 © 2002 HBSNepomuk Postfach CH-5001 Aarau, Schweiz © 2002 HBSNepomuk, Aarau (Schweiz) www.hbs-nepomuk.ch 2011 assigned to Breitkopf & Härtel, Wiesbaden Alle 714 Rechte vorbehalten MN Umschlag: Ben Foster (USA, 1852–1926): Von den murmelnden Wellen gewiegt (1899), Musée National d’Art Moderne, Paris Alle Rechte vorbehalten Satz: Druckerei Schüler AG, Biel Umschlag: Ben Foster (USA, 1852-1926): Von den murmelnden Druck: AZ Druck(1899), und Datentechnik GmbH, Kempten Wellen gewiegt Musée National d’Art Moderne, Paris PrintedEdiprim in Germany Druck: AG, Biel www.978-3-907117-14-9 breitkopf.com ISBN


Für Keiko Torigoe und Yu Wakao, die mich ermunterten, diese Übungen zusammenzustellen. Für Marisa Fonterrada und Violeta de Gainza, in deren Klassen ich die Übungen ausprobieren durfte.


Inhalt Vorwort des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Anstiftung zum HĂśren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Ăœber den Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133


Vorwort des Herausgebers Die jetzt auf Deutsch vorliegende Sammlung von Übungen hat bereits ihr zehnjähriges Jubiläum hinter sich. Im Herbst 1991 erschien die englische Ausgabe von Raymond Murray Schafers «A Sound Education», nachdem das Büchlein im Frühling desselben Jahres bereits auf Japanisch erschienen war. Wie kam es, dass der Autor sich mit Hilfe der Japaner gewissermassen selbst überholt hat? Und wie kommt es, dass man auf die deutsche Übersetzung zehn Jahre warten musste – zehn Jahre, während deren die japanische Ausgabe vier Neuauflagen erlebte und 1998 Tadao Imada sie auch als Ausgabe für Kinder gestaltete? Dies ist nicht der Moment, vorschnell ein Klagelied über die «hörfaulen» Europäer anzustimmen. Jede Zunahme der Sensibilität für die Qualitäten der Klangumwelt erzeugt als erste Reaktion Schuldzuweisungen für das Weghören und schlechtes Gewissen für die verlärmten Stadtlandschaften. Japan steht mit seiner technischen Zivilisation an einem vergleichbaren Punkt der Entwicklung und geht dennoch einen anderen Weg. Nur so viel kann an dieser Stelle gesagt werden: Die japanische Kultur misst dem Klang eine andere, insgesamt grössere Bedeutung bei als die europäische. Und wenn Japan unter dem Lärm der grossen Städte ebenso leidet wie Europa, so hat es einen Begriff von klanglicher Poesie, der von seiner traditionellen Musik in die Umweltklänge hinüberreicht. Unter diesen Voraussetzungen ist für die Japaner die Idee, dass nicht nur musikalische Klänge, sondern auch solche der physischen und kulturellen Umwelt – der Klanglandschaft – gestaltet werden können und sollen, nichts Neues und nichts Fremdes. Es herrscht also «bei uns» nicht ein allgemeines Defizit an diszipliniert standhaftem Hören auf alles Mögliche – man verlangt im Gegenzug ja auch ein Recht auf das gelegentliche «Abschalten». 9


Es wirkt hier eher der kulturelle Grundsatz, dass Sprache von Musik und Musik von Geräusch zu unterscheiden und zu schützen sei. Während Sprache als nützlich und poetisch gilt, Musik vor allem als poetisch und erbaulich, wird das Geräusch als nutzlos und lästig bewertet – allenfalls für die akustische Orientierung nützlich, die einen davor bewahrt, von einem herandröhnenden Fahrzeug überfahren zu werden. Wenn der künstlerische klangliche Ausdruck und der Ausdruck der klanglichen Umwelt auf diese Weise voneinander isoliert werden, hat jede Bemühung um eine Öffnung es schwer, eine Wirkung zu entfalten. Die Erfahrung bestätigt denn auch, dass – trotz Ausnahmen – gerade jene, denen man aufgrund ihrer Hörkompetenzen die grössten Sensibilitäten für alles Klingende zuschreibt, die heftigsten Abwehrbewegungen dem geräuschhaft Umweltlichen gegenüber machen: die Musiker. R. Murray Schafer hatte die Musiker – aber nicht nur diese – im Visier, als er Mitte der 1960er Jahre an der Simon Fraser University an der kanadischen Westküste mit seiner Didaktik der Klangumwelt begann. Aus der Militanz gegen das übermächtige Verkehrslärmproblem entstand ein Wille zu einem differenzierenden Hören auf Umweltklänge. Ende der 1970er Jahre sind dank Forschungprojekten die ersten Grundlagenwerke entstanden, darunter «The Tuning of the World» (eine verbesserte deutsche Übersetzung ist in Vorbereitung). Unabhängig davon gab es schon damals in Europa Ansätze zu institutionalisiertem Forschen und Gestalten, namentlich in Grenoble und Paris. Sonst fand man die Pioniere eher in den hörsensiblen Kulturen Ostasiens oder Südamerikas, wovon Schafers Widmung der vorliegenden Übungssammlung zeugt. Die Vereinzelung der Menschen, die sich damals auf das Thema der Klanglandschaft eingelassen haben, verringerte sich erst in den 1990er Jahren. 1993 fand in Banff in den kanadischen Rocky Mountains die erste internationale Konferenz für Klangökologie statt, die zur Gründung einer internationalen und interdisziplinären Vereinigung führte. Regionale Gesellschaften, darunter diejenige 10


Japans als die zahlenmässig stärkste, koordinieren seither die regionalen Aktivitäten. Es gehörte und gehört zu Schafers Überzeugung, dass die Wahrnehmung und Erfassung der Klangphänomene nicht ohne Not an andere Instrumente als das eigene Hören delegiert werden soll. Folglich spielt die Hörsensibilität des Hörenden die zentrale Rolle. Die «Anstiftung zum Hören» richtet sich in diesem Sinne ebenso an die Wissenschaftler, die «Soundscape Studies» betreiben, wie an die Bürger, die ihrer Alltagsumgebung mit der sozialen Kompetenz des Hörens begegnen wollen, wie an Kinder, die aus beschleunigten, aber potenziell langweilig werdenden Sinnesumwelten neue Energien gewinnen können. Das Hören kann niemandem abgenommen werden; der Mensch kann aber dazu angestiftet werden, kompetent hören zu lernen. Die Welt der Klänge bildet im Widerspruch zur Flüchtigkeit des Erklingenden eine solide (was «sound» im Englischen auch heisst) Basis für den Umgang mit allen kulturellen und natürlichen Erscheinungen. In neuester Zeit hat «Musik als Unterrichtsprinzip» diese Erkenntnis aufgenommen und zur Praxis hin vermittelt. Der Übersetzer dieser deutschen Fassung von «A Sound Education», Klaus Wittig, und der Herausgeber haben sich praktisch ausübend mit Aspekten der von Schafer formulierten Begegnung mit der Klangumwelt befasst. Man kann den «soundwalk» – den Hör- oder Klangparcours – als das Grundelement der Schaferschen Übungsstrategie bezeichnen. Er führt in konkrete, nicht in absolute Welten, er erschliesst auf «banalen» Wegen alltägliche Umgebungen neu. Der Musikwissenschaftler Wittig hat sehr viele Hörspaziergänge geführt und einen Klangparcours «gebaut»: Sein Hörlehrpfad «Mikado-Soundwalk» befindet sich auf der Grossen Höhe bei Delmenhorst zwischen Oldenburg und Bremen. In den letzten zehn Jahren sind bei zahlreichen Konferenzen und Forschungsunternehmungen Hörparcours angeboten und durchgeführt worden. Es ist dafür kein Eingeweihten- oder Experten11


wissen nötig, sondern einfach Mut zum Anfangen. «Anstiftung zum Hören» möchte Mut machen; es zeigt praktisch, wie man anfangen kann und welche freie Ausgestaltungen das aktive Hören zulässt. Die Übersetzung hat den von den kanadisch-amerikanischen Verhältnissen abweichenden europäischen Umständen dort Rechnung getragen, wo es nötig und möglich war. Vor allem die lautmalerischen Beispiele waren unübersetzbar. Wir hoffen, in einer späteren Ausgabe europäische Übungserfahrungen einsetzen zu können. Und wir hoffen, dass sie den Spass widerspiegeln, den Hören machen kann. Basel, März 2002, Justin Winkler Wenn es Sie beim Hören und Horchen «erwischt», finden Sie mehr zu Soundscape Studies und Akustik unter den folgenden InternetAdressen: WFAE World Forum for Acoustic Ecology: http://interact.uoregon.edu/medialit/wfae/home/index.html, wo auch Hinweise auf die Zeitschrift «Soundscape» zu finden sind; FKL Forum Klanglandschaft in Basel: http://www.rol3.com/vereine/klanglandschaft als deutschsprachige Regionalorganisation; SDH Schule des Hörens Projektkreis e.V. in Köln: http://www.sdh. de DEGA Deutsche Gesellschaft für Akustik: http://www.dega.itap.e/nad_main.htm

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Einleitung Das Thema dieses Buches ist Klang. Es soll Lehrern Methoden an die Hand geben, mit deren Hilfe sie ihre Schüler zu einem effektiveren Hören anleiten können. Als Musiker habe ich natürlich ein besonderes Interesse daran. Aber das Hören spielt eine wichtige Rolle in allen Bereichen der Erziehung – überall dort, wo sprechend und hörend Kommunikation stattfindet. Das Hören vollzieht sich kontinuierlich, ob wir es wollen oder nicht; es entfaltet sich in der Zeit. Das Vorhandensein von Ohren ist jedoch noch keine Garantie dafür, dass gehört wird. Ich weiss von vielen Lehrern, dass sie bei ihren Schülern eine zunehmende Verschlechterung der Hörfähigkeit feststellen. Da wird es ernst. Nichts ist von so grundlegender Bedeutung wie die Schulung der Sinne, und unter den Sinnen ist das Hören einer der wichtigsten. Ganz offensichtlich hören wir verschiedene Dinge auf verschiedene Weisen. Es gibt auch viele Hinweise darauf, dass nicht nur Individuen, sondern ganze Gesellschaften verschiedenartig hören. Zum Beispiel gibt es einen Unterschied zwischen dem, was man fokussiertes Hören und peripheres Hören nennen könnte. Warum konzentrieren wir uns auf bestimmte Klänge und hören andere bloss zufällig, wenn überhaupt? Werden bestimmte Klänge von der Kultur diskriminiert, so dass sie gar nicht gehört werden? (Ein Afrikaner sagte einmal: «Apartheid ist ein Klang!») Werden bestimmte Klänge ausgeblendet oder von anderen überdeckt, so dass sie unhörbar sind? Und welche Auswirkung hat der Wandel der Klangumwelt auf die Klänge, die zu hören oder zu ignorieren uns beliebt? Ich nenne die Klangumwelt Soundscape – Klanglandschaft – , womit jeweils das gesamte Klangfeld gemeint ist, unabhängig davon, wo wir uns gerade befinden. Das englische Wort leitet sich von landscape, Landschaft, ab. Dabei muss es sich nicht unbedingt um 13


Landschaften draussen vor der Tür handeln. Bereits die Welt meines Zimmers ist, während ich darin sitze und schreibe, eine Klanglandschaft. Durch das offene Fenster höre ich, wie der Wind die Blätter einer Pappel rascheln lässt. Die Jungvögel sind gerade flügge geworden – es ist Juni – , und die Luft ist voll von ihrem Gesang. Drinnen springt plötzlich der Kühlschrank mit schrillem Getöse an. Ich atme tief durch und ziehe dann weiter an meiner Pfeife, was paffende Geräusche erzeugt. Die Feder meines Füllers gleitet sanft über das Papier, mit einem unregelmässig wirbelnden Klang und einem ganz bestimmten, festen Klickgeräusch, wenn ich den Punkt auf ein ‹i› oder ans Ende eines Satzes setze. Das alles ist die Klanglandschaft eines friedvollen Nachmittags in meinem Haus auf dem Lande. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, diese Eindrücke mit der Klanglandschaft zu vergleichen, in der Sie sich beim Lesen dieser Zeilen gerade befinden. Blicken Sie auf, horchen Sie auf! Die Klanglandschaften der Welt sind unglaublich vielfältig; sie hängen von der Tages- und Jahreszeit, von Kultur und Ort ab. Die akustische Umwelt verändert sich heute überall stetig. In dem Masse, in dem wir uns mit Maschinen umgeben, vermehren sich Klänge und Geräusche sogar schneller als die Menschheit selbst. Unsere Umwelt ist dadurch geräuschvoller geworden, und es wird immer deutlicher, dass sich die moderne Zivilisation mit dem selbstproduzierten Lärm taub macht, Hörstürze provoziert und Ohrgeräusche auslöst. Abgesehen von den physiologischen Gefahren des Lärms muss man sich fragen, wie sich diese Veränderungen psychologisch auf das Hören auswirken. Haben wir noch die Möglichkeit, unerwünschte Geräusche auszublenden, ohne die erwünschten Botschaften auszuschliessen? Oder macht uns das Trommelfeuer der Sinnesreize am Ende willfährig und hörig, sofern wir nicht schon völlig verzweifelt sind? 14


In Verzweiflung gerät man schnell. Als ich 1965 am Institut für Kommunikationswissenschaften der Simon-Fraser-Universität in Vancouver einen Kurs über Lärm und Lärmschutz anbot, begriff ich bald, welches Gefühl der Sinnlosigkeit dieses ausschliesslich negative Thema bei den Studenten hervorrief. Es waren Experten zu Gast, die den Studenten Zeichnungen des Innenohrs und Diagramme mit Dezibel-Werten von Düsentriebwerken zeigten. Rechtsanwälte referierten darüber, wie schwierig es ist, einen Prozess um Schadenersatz wegen völligen Hörverlusts zu gewinnen. Städteplaner verlasen Verordnungen zum Lärmschutz, die kaum durchgesetzt werden. Akustik-Ingenieure liessen sich darüber aus, dass mehr Zeit und Geld nötig sei, um weitere Untersuchungen anzustellen. Es war offensichtlich, dass viele dieser Fachleute ein Interesse daran hatten, den Lärm eher zu schützen als zu bekämpfen, da sie damit ihr Geld verdienten. Meine Studenten reagierten lustlos: «Die Welt ist also voller Lärm», sagten sie, «was wollen Sie denn, dass wir tun?» Tatsächlich hat die moderne Klangumwelt den Appetit auf laute Geräusche eher noch stimuliert. Mit zunehmendem Geräuschpegel am Arbeitsplatz und auf der Strasse stieg das Verlangen nach lautstärkeren Klängen in Musik und Freizeit. Der moderne Bürger – der sich im allgemeinen der Gefahr für seine Gesundheit nicht bewusst ist – wird vermutlich gegen eine rigide Herabsetzung des Geräuschpegels sein, weil er ahnt, dass damit sein Leben die Würze verlieren könnte. In The Tuning of the World, das zum Standardwerk der Geschichte der Klänge in unseren Alltagsumgebungen geworden ist, habe ich eine Methode beschrieben, wie man das ganze negative Thema der Lärmbekämpfung in einen positiven Ansatz verwandeln kann. Ich nenne diesen Ansatz «Klanglandschafts-Design» (soundscape design) und meine damit nicht ein «Design von oben», sondern Gestaltung von unten, von innen heraus. Das liesse sich realisieren, wenn mehr und mehr Menschen dazu angehalten würden, den Klängen der Umgebung aufmerksamer und zugleich kritischer 15


Gehör zu schenken. Welche Klänge möchten wir bewahren? Wie können sie betont werden, so dass der Grundcharakter der jeweiligen Umgebung erhalten bleibt und angenehmer wird? Ich glaube, dass der Weg zu einer Verbesserung der globalen Klangsphäre im Grunde sehr einfach ist. Wir müssen hören lernen. Hören scheint etwas zu sein, das in Vergessenheit geraten ist. Wir müssen unser Ohr für die wundervolle Welt der Klänge um uns herum öffnen. Wenn wir unser Gehör verfeinert und eine kritische Unterscheidungsfähigkeit entwickelt haben, können wir uns grösseren Projekten mit sozialen Wirkungsmöglichkeiten widmen, so dass sich andere eventuell von unseren Experimenten anregen lassen. Das Fernziel wäre, dass wir unsere Umwelt akustisch bewusster gestalten. Ich habe mich gefragt, wie ich das alles in eine für Lehrer und Einzelpersonen angemessene Form bringe; für Leute, die sich dafür interessieren, einen solchen Weg zu gehen. Ich kam zu dem Schluss, dass die einfachste Form die beste ist: eine Sammlung von Übungen. Ich nenne sie in Anlehnung an das Freimachen des Gehörganges auch ear cleaning – Ohrenputzen. Im Rahmen meiner Lehrtätigkeit habe ich diese Übungen sowohl mit Erwachsenen als auch mit Kindern ausprobiert. Die meisten Übungen setzen kein besonderes Training voraus. Viele können allein ausgeführt werden, die meisten aber eignen sich vorzüglich für die Gruppe. Nun ist es nicht meine Absicht, Sie die Übungen systematisch von der ersten bis zur letzten durchexerzieren zu lassen. Die vorliegende Auswahl an Übungen soll sich für verschiedene Gelegenheiten eignen. Ich habe sie so geordnet, dass Übungen zur auditiven Wahrnehmung und zur Imagination am Anfang stehen, Übungen zum Klangerzeugen in der Mitte und Übungen, die auf Klänge im Alltag und in der Gesellschaft hinweisen, am Schluss. Einige der Aufgaben enthalten Aufstellungen mit Beispielen, die das Ergebnis 16


früherer Kurse sind. Wenn sie auf Ihre Situation passen, gehören sie Ihnen – und fügen Sie weitere hinzu! Das Projekt «Anstiftung zum Hören» ist zur Zukunft hin offen – es lebt vom unaufhörlichen Ringen um eine bessere Welt. Wie diese sich anhört, hängt ganz und gar von den Träumen ab, die Menschen mit guten Ohren haben. R. Murray Schafer Indian River Ontario (Canada), August 1991 Anmerkung des Übersetzers: Für das englische sound steht in der Übersetzung Klang oft auch dort, wo im Deutschen Geräusch stehen würde. Dieser manchem Leser vielleicht ungewohnte Sprachgebrauch entspricht ganz der Absicht des Autors, ein Bewusstsein von der akustischen Welt als von etwas Ganzem, Umfassendem zu vermitteln.

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Anstiftung zum Hören Wir beginnen mit einer einfachen Übung. Notieren Sie alles, was Sie gerade hören. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit dafür. Wenn Sie mit anderen zusammen sind, so lassen Sie alle ihre Notizen laut vorlesen, um Vergleiche anzustellen. Jeder hat dann seine eigene Liste von Klängen, denn das Hören ist ein sehr individueller Vorgang. Die Listen werden verschieden lang sein, aber: alle Antworten sind richtig. Diese einfache Übung kann von jedem Menschen jederzeit ausgeführt werden. Man kann sie auch mehrere Male hintereinander in jeweils anderen Umgebungen machen, um sich die Praxis des Hörens anzueignen.

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1.


2.

Wir werden nun die Hör-Notizen auf verschiedene Arten ordnen. Weisen Sie jedem Klang einen der Buchstaben N, M oder T zu, je nachdem, ob es sich um einen Klang der Natur, einen menschlichen Klang oder einen technischen Klang (z. B. einer Maschine) handelt. Welche Kategorie überwiegt? Dann markieren Sie jeden Klang, den Sie selbst verursacht haben, mit einem X. Wer von der Gruppe hat die meisten Klänge auf Ihrer Liste hervorgerufen – Sie selbst oder andere? Einige Klänge haben die ganze Zeit, während Sie Ihre Notizen machten, angedauert. Andere haben sich in dieser Zeitspanne vielleicht einige Male wiederholt. Und wieder andere haben Sie nur ein einziges Mal gehört. Weisen Sie den entsprechenden Klängen wieder Buchstaben zu: D für dauerhaft, W für wiederholt und E für einmalig. (Nebenbei gefragt: Können Sie sich einen Klang vorstellen, der während der Zeit der Übung andauernd vorhanden war, obwohl Sie ihn vielleicht bis zu dem Augenblick, in dem Sie diese Frage lasen, nicht bemerkt hatten?)

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Nehmen Sie einen neuen Bogen Papier. Stellen Sie sich vor, dass oben das Reich der lauten Klänge und unten das der leisen ist. Ordnen Sie die Klänge, die Sie hören, auf dem Bogen so an, wie es der von Ihnen empfundenen Lautstärke entspricht.

Leseprobe

Jetzt soll Oben für angenehm und Unten für unangenehm stehen. Ordnen Sie die Klänge entsprechend neu. Nehmen Sie dann die Rückseite des Papiers. Zeichnen Sie einen mittelgrossen Kreis in die Mitte. Schreiben Sie alle Klänge, die Sie selbst hervorgerufen haben, in den Kreis. Arrangieren Sie alle anderen Klänge so ausserhalb des Kreises, dass ihre relative Position ungefähr der Richtung und Entfernung entspricht, aus der sie zu Ihnen drangen. Der kluge Lehrer wird während dieser Übungen Sorge tragen, dass über die Klänge und ihre Klassifikation auch gesprochen wird. Klang an sich kann offensichtlich von ganz unterschiedlichen Seiten her verstanden werden. Kein Klang lässt sich in die Schub-lade eines einzigen Ordnungssystems stecken. Klänge sind vielgestaltig, sind in steter Veränderung begriffen: Ständig nehmen sie neue Bedeutungen an.

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4.

Es gibt Klänge, die sich an Ihnen vorbeibewegen. Andere verharren an ihrem Ort, während Sie an ihnen vorübergehen. Und dann gibt es solche, die sich mit Ihnen mitbewegen. Diese Übung könnte mit der Sammlung von Beispielen zu den folgenden Erscheinungsweisen beginnen:

Leseprobe

Ortsfeste Klänge

Bewegliche Klänge

Kirchenglocken Verkehr Fabriksirenen Flugzeuge Heizungs- und Lüftungsaggregate Vögel

Von Ihnen in Bewegung gebrachte Klänge Ihre Stimme Ihre Schritte Ihre Kleider und Schmuck Ihr Auto oder Fahrrad

Apparate

Klänge verändern ihren Charakter, wenn sie in Bewegung sind. Ich verdeutliche das gerne so: Ich bitte die Gruppe, mit geschlossenen Augen meiner Stimme zu lauschen, während ich herumgehe. (Es wird noch einige Übungen in diesem Büchlein geben, die mit geschlossenen Augen durchzuführen sind. Ihre Schüler sollen sich von Anfang an daran gewöhnen!) Ich schlendere also sprechend herum und die Gruppe folgt mir mit den Ohren. Können die Schüler meine Stimme lokalisieren, indem sie auf mich zeigen? Durch den herumwandernden Sprecher können viele Feinheiten und Unterschiede in der Klangqualität aufgezeigt werden: Bin ich ihnen zu- oder von ihnen abgewandt?

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Stehe ich in einer Ecke oder gehe ich durch eine Tür? Wird meine Stimme gedämpft, wenn ich hinter einen Vorhang schlüpfe? All diese Veränderungen können wahrgenommen werden. Schon nach ein paar Minuten geduldigen Hörens ist eine Gruppe in der 22


Lage, «akustische Schatten» zu hören: Das Vorbeigehen hinter kleineren Objekten wie einem Pult oder einem Stuhl verursacht sehr feine Veränderungen im Klang. Die Gruppe wird staunen, wie gut sie mit den Ohren zu «sehen» beginnt – genau wie die Blinden es tun.

Leseprobe

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5.

Hier eine Übung, mit der die Wahrnehmung von sich bewegenden Klängen trainiert werden kann: Eine Person wird gebeten, einen tragbaren Klang zu finden und mit ihm im Raum umherzuwandern, während die Gruppe – mit geschlossenen Augen – darauf zeigt. Irgendetwas wird sich leicht finden lassen: Das Klimpern eines Schlüssels, ein Klappergeräusch, ein ständig wiederholtes Wort.

Leseprobe

Darauf wird eine zweite Person gebeten, einen kontrastierenden Klang zu finden und mit diesem andere Wege zu gehen. Die Gruppe soll nun auf beide Klänge zeigen, zum Beispiel mit der rechten Hand auf den ersten Klang und mit der linken auf den zweiten. Dann machen wir es allmählich komplizierter: Stellen Sie zwei neue Klänge dazu, die sich wiederum nach Belieben bewegen. Die eine Hälfte der Gruppe folgt dem ersten Klangpaar, die andere Hälfte dem zweiten Klangpaar. Gestatten Sie allen Teilnehmern, in regelmässigen Zeitabständen die Augen zu öffnen, um sich der Klangquellen zu vergewissern. Die vier Klänge sollten mit Sorgfalt gewählt sein. Sie müssen sich genügend voneinander unterscheiden, damit sie genau geortet werden können. Es ist anfänglich nicht leicht, die zwei gewünschten Klänge zu isolieren und dabei die anderen zu ignorieren; doch mit zunehmender Übung verbessert sich das Unterscheidungsvermögen schnell.

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Noch schwieriger wird es, wenn zwei Töne eines Intervalls zu verfolgen sind, während vier Sänger diese im Raum umherbewegen. Ein Beispiel:

Leseprobe Meine Erfahrung ist, dass Menschen jeden Alters sich von der Herausforderung angesprochen fühlen, die diese Übung stellt. Sie kann von Zeit zu Zeit wiederholt werden, da sie für die Menschen in der modernen Welt von grosser Wichtigkeit ist, denn immer mehr Klänge bewegen sich immer schneller als je zuvor. Konventionelle Übungen für das Gehör behandeln nur statische Klänge. Daher diese dynamische Übung. Sie zeigt, dass Klänge nicht an einen festen Ort gebunden sein müssen, um studiert zu werden.

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Wo im Alltag finden wir eine Vielzahl von sich bewegenden Klängen? – An einer Strassenecke! Wir können uns eine aussuchen, dort einige Zeit still und mit geschlossenen Augen verharren und auf alle Bewegungen achten, die wir hören. Wenn wir uns eine sehr belebte Ecke ausgesucht haben, werden uns die meisten Klänge, die wir hören, sehr nahe sein, oft beängstigend nahe. Wenn unsere Strassenecke weniger belebt ist, werden wir eher entferntere Klänge wahrnehmen.

Leseprobe

Daraus folgt, dass der akustische Raum entsprechend dem Grad der in ihm herrschenden Aktivität sich weitet oder sich zusammenzieht. Das trifft generell auch auf den visuellen Raum zu. Inmitten hoher Gebäude ist unser Sehraum auf wenige Meter begrenzt, während wir im freien Land über grössere Entfernungen sehen und hören können. Horchen Sie auf den am weitesten entfernten Klang, der Ihnen zu Ohren kommt. Welcher ist es? Können Sie die Entfernung schätzen? Als die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten in die Städte zogen, entwickelten sie eine Vorliebe für Klänge der Nähe, die sich heute noch in den modernen Aufnahme- und Übertragungstechniken äussert. Man könnte auch sagen: Wir haben die Fähigkeit verloren, in die Ferne zu hören. Und doch haben die auf diese Weise wahrgenommenen Klänge ihren eigenen Charme, und es wird sich lohnen, auf die Hörerfahrung an der belebten Strassen-ecke als Kontrast das Horchen in eine offene Umgebung folgen zu lassen.

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Nehmen wir an, Sie haben eine belebte Strassenecke gewählt. Die Übung besteht nun darin, die Aufmerksamkeit auf eine einzige Art von Klängen zu richten – zum Beispiel auf Autohupen. Zählen Sie sie eine Weile! Zehn Minuten können genug sein. Diese Übung ist besonders für Kinder geeignet, denn Kinder lieben es, Dinge zu zählen, genau so wie die Wissenschaftler. Aber natürlich kann die Übung allen nützen, denn während Sie die Klänge zählen, merken Sie, auf wie verschiedene Weise Autofahrer ihre Hupen benützen – manchmal wie in einer Konversation.

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Zum Vergleich gebe ich hier eine Liste wieder, die die durchschnittliche Häufigkeit pro Stunde angibt, mit der an verkehrsreichen Kreuzungen einiger Grossstädte eine Hupe zu hören war. Die Zahlen stammen aus den Jahren 1974 bzw. 1975, und die Vermutung drängt sich auf, dass sie heute höher ausfallen würden. Im Rahmen des World Soundscape Project haben wir über einen Zeitraum von neun Stunden hinweg zu jeder Stunde zehn Minuten lang gezählt und aus den Ergebnissen dann Durchschnittswerte gebildet: Moskau 17, Stockholm 25, Toronto 44, Sydney 62, Wien 64, Amsterdam 87, London 89, Tokyo l29, Rom 153, Athen 228, New York 336, Paris 461, Kairo 1150.

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8.

Ganz ähnlich könnten wir auch auf andere Klänge achten, zum Beispiel darauf, wie oft das Quietschen von Bremsen zu hören ist, oder Hundegebell, oder wie viele Motorräder vorbeifahren. Indem wir uns so auf bestimmte und charakteristische Klänge konzentrieren, machen wir uns mit der Gesamtheit der akustischen Umgebung vertraut.

Leseprobe

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Achten wir einmal auf Schritte. An einer Strassenecke oder in einer Fussgängerzone werden Sie viele verschiedene Arten von Schritten und Schuhen hören können. Keine zwei Fussgänger hören sich gleich an. Einige haben einen phlegmatischen Gang mit schleppenden Schritten, andere ziehen mit entschlossenem, weit ausholendem Schritt vorbei, und dazwischen gibt es alle möglichen Varianten. Dann gilt es, das Material der Schuhe zu unterscheiden – und davon gibt es in der Welt eine enorme Vielfalt. Wie viele verschiedene Arten von Schuhen hören Sie an Ihrer Strassenecke?

Leseprobe

Ich habe einmal in der Literatur nach dem Klang von Schuhen geforscht und diese Textstellen gefunden: «... die klappernden Absätze der Männer und das Schlurfen ihrer Sohlen ...» (Irland) «... das Klack-Klack der hochhackigen Schuhe auf dem harten Boden ...» (Kanada) «... wattierte Sohlen, die den Schnee dennoch ärgerlich knirschen lassen ...» (Russland) «... Sandalengeklapper klapperte ...» (Nigeria) «... die Holzschuhe der Müllerstöchter auf dem Kopfsteinpflaster der Strasse ...» (England) «... das Schlupp-schlupp schlurfender Pantoffeln ...» (Kanada) «... die flachen, leisen Schritte der Barfüssigen ...» (ländliches Kanada) «... Schritte, sanft wie die Schläge eines Holzhammers ...» (England) «... das solide Kopfsteinpflaster von Zürich klackte unter seinen Füssen ...» (Schweiz) «... das wilde Getrappel ihrer genagelten, holzbesohlten Schuhe ...» (ländliches Frankreich)

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Ich möchte Ihnen an dieser Stelle eine Übung der brasilianischen Musikerzieherin Marisa Fonterrada vorstellen: Jeder bringt ein Paar Schuhe mit in die Klasse. Die Schüler werden gebeten, diejenigen 29

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Schuhgeräusche zu finden, die ihren eigenen ähnlich sind: Stiefel, hohe Absätze, Sandalen, Turnschuhe usw. Jede so entstandene Gruppe hat dann zehn Minuten Zeit, um eine kleine Improvisation auszuarbeiten. Die Improvisationen werden vorgeführt und miteinander zu einer grösseren Komposition verwoben. Ich habe diese Übung häufig wiederholt. Sie werden staunen, wie viele verschiedene Geräusche und Rhythmen mit so unscheinbaren Objekten wie Schuhen erzeugt werden können.

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Hier noch einige weitere Übungen für Ihre Strassenecke: Horchen Sie auf einen Dauerton (elektrisches Brummen, Lüftung o. ä.) und summen Sie diesen Ton. Gehen Sie einmal um den Häuserblock und summen diesen Ton weiter, bis Sie wieder zu seiner Quelle gelangen. Haben Sie noch die richtige Tonhöhe? Wenn Sie schnell gegangen sind, könnte es sein, dass Ihr Ton höher wurde. Wenn Sie langsam gegangen sind, ist der Ton vielleicht um einen Halbton nach unten gerutscht. Um wie viel hat sich der Ton bei welcher Person verändert? Womit könnte dies zusammenhängen?

Leseprobe

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Besuchen Sie nun verschiedene Läden. Welcher hat das leiseste Raumambiente? Was wird dort verkauft? In wie vielen Geschäften hört man ein Radioprogramm oder Hintergrundmusik?

Leseprobe

Welche anderen Klänge hören Sie, die typisch für bestimmte Läden oder öffentliche Einrichtungen sind?

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Machen Sie einen Ort ausfindig, an dem Menschen eine Treppe auf und ab laufen: Machen die Leute, die nach oben gehen, dieselben Schrittgeräusche wie die, die nach unten gehen? Welche Schritte sind lauter?

Leseprobe

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13.

Machen wir auf unserem Weg zurück in den Übungsraum einen Hörspaziergang. Um sicherzustellen, dass jeder einzelne möglichst ungestört horchen kann, werden wir hintereinander gehen – und zwar mit soviel Abstand voneinander, dass wir die Schritte des anderen gerade nicht mehr hören. Wenn Sie die Schritte Ihres Vordermanns hören, sind Sie zu dicht dran – also gehen Sie einfach langsamer! Bei der Ankunft im Übungsraum bitten Sie die Teilnehmenden, Antworten auf die folgenden Fragen zu notieren (Sie können die Fragen selbstverständlich abwandeln, um sie den Gegebenheiten anzupassen):

Leseprobe

a) Welches war der lauteste Klang, dem Sie unterwegs begegnet sind? b) Welches war der leiseste Klang? c) Nennen Sie einen leisen Klang, der von einem lauten übertönt wurde d) Der Klang mit dem höchsten Ton e) Drei Klänge, die sich an Ihnen vorbeibewegten f) Drei Klänge, die sich mit Ihnen mitbewegten g) Drei Klänge, die von oben kamen

Sample page h) Ein Klang, der seine Bewegungsrichtung änderte i)

Ein Klang, der auf einen anderen antwortete

j)

Der hässlichste Klang

k) Ein Klang, der genau zweimal zu hören war l)

Der Klang von etwas, das geöffnet wurde

m) Ein anderer, aus der gleichen Öffnung vernehmbarer Klang n) Der einprägsamste Klang auf dem Weg 34


o) Ein Klang mit einem exakten Rhythmus (Können Sie den Rhythmus notieren oder nachmachen?) p) Der schönste Klang q) Der Klang aus der grössten Entfernung (Von wie weit her kam er?)

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r) Ein Klang, dessen Tonhöhe langsam anstieg oder fiel s) Der Klang, den Sie am liebsten austilgen würden

t) Ein Klang, den Sie vermissten und doch gerne gehört hätten Diskutieren Sie die verschiedenen Antworten!

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Ich bitte Sie, ein Klangtagebuch zu führen, während Sie die übrigen Übungen durchnehmen. Es wäre gut, wenn Sie jeden Tag etwas eintragen würden – Notizen über ungewöhnliche Klänge, die Sie wahrgenommen haben, Ihre Reaktionen darauf, Imaginationen und allgemeine Gedanken über die Klangumgebung Ihrer Wohnung; einfach alles, was Ihnen besonders auffällt.

Leseprobe

Natürlich dienen Ihre Aufzeichnungen Ihnen selbst, Sie müssen sie mit niemandem teilen – andererseits wäre es interessant, Auszüge aus den Tagebüchern aller Teilnehmenden laut vorzulesen und zu diskutieren. Ich liess manchmal sogar die Kursteilnehmer ihre Tagebücher austauschen, um ihnen die Erfahrung zu vermitteln, wie verschieden unsere Reaktionen auf Klänge und Geräusche sein können.

Sample page 36


Hier einige kurze Fragen für Ihr Tagebuch: Welches war der erste Klang, den ich heute morgen beim Aufwachen vernommen habe? Welches war der letzte Klang, den ich am Vorabend vor dem Einschlafen gehört habe? Welches war der lauteste Klang heute? Und welches war der schönste Klang vom Tage?

Leseprobe

Sample page 37

15.


16.

Und noch etwas fĂźr Ihr Tagebuch: Welches war das bemerkenswerteste HĂśrerlebnis in meinem Leben? Beschreiben Sie es!

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Nun eine scheinbar unlösbare Aufgabe: Verhängen Sie ein Schweigegebot für ... Stunden! Sie beschliessen vorher, wie lange Sie mit dem Schweigen durchhalten wollen, und halten sich daran. Es dürfte sinnvoll sein, Freunde und Familie vorzuwarnen, damit Ihre Weigerung zu sprechen nicht missverstanden wird. Eine Vierundzwanzig-Stunden-Schweige-Zeit wäre ideal, obwohl dies in den meisten Fällen nicht realisierbar sein dürfte.

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Viele Philosophien und Weltreligionen sprechen von Zeiten der Stille und Kontemplation, um der Hektik und Verwirrung unseres Lebens entgegenzutreten. Ich sehe darin einen Weg zur Erlangung besonderer Hellhörigkeit. Letztendlich bringen uns alle Hörübungen dahin, Kontemplation zu üben und die Stille zu respektieren. Wer zu lauschen versteht, wird auf seinem Weg viel Hörenswertes finden. Halten Sie Ihr Tagebuch während dieser Übung bereit und schreiben Sie von Zeit zu Zeit Ihre Eindrücke auf.

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Stellen Sie sich folgende Frage: Ist es möglich, einen Menschen an den Klängen zu erkennen, die er macht? Können Sie Freunde und Bekannte schon daran erkennen, wie schnell sie gehen, oder am Geräusch ihrer Schuhe oder ihrer Kleider?

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Alle schliessen die Augen. Jemand geht vor der Gruppe auf und ab. Wer ist es? Auch wenn sich die Identität der Person nicht ganz enthüllt – lässt sich sagen, welchen Geschlechts, von welchem Gewicht und Körpergrösse sie ungefähr ist? Wenn die Person an Ihnen vorübergeht, können Sie dann sagen, aus welchem Material ihre Kleidung ist? Trägt sie Schmuck oder andere Accessoires, die kleine Klangtupfer setzen? Und angenommen, sie spricht einen einzigen Satz wie «Ich bin die grosse Unbekannte!», können Sie die Person nun erraten? Probieren Sie diese Übung mit verschiedenen Teilnehmern aus, die Sie natürlich erst auswählen, nachdem alle ihre Augen wieder geschlossen haben.

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Fast alle tragen wir einen Schlüsselbund mit uns herum. Würden Sie den Klang Ihrer eigenen Schlüssel erkennen? Alle geben ihre Schlüsselbünde ab und lauschen mit geschlossenen Augen, während der Gruppenleiter einen nach dem anderen klimpern lässt. Wer glaubt, seine Schlüssel erkannt zu haben, hebt die Hand. Der Schlüsselbund wird hinter ihm oder ihr niedergelegt. Haben am Ende alle Schlüssel ihre rechtmässigen Besitzer wiedergefunden?

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In jeder Gesellschaft unterscheiden sich einzelne Gruppen durch ihre Klangattribute voneinander. So klingen zum Beispiel nicht nur die Stimmen von Frauen und Männern unterschiedlich, sondern jedes Geschlecht verfügt über ein breites Repertoire an Klängen, durch die es sich abgrenzt. Listen Sie einmal auf, welche Klänge mit dem eigenen beziehungsweise dem anderen Geschlecht verbunden sind!

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Nun eine kleine Hausaufgabe! Suchen Sie einen Park auf. Verharren Sie lauschend – vielleicht mit geschlossenen Augen – an einer Stelle Ihrer Wahl, bis in alle vier Himmelsrichtungen Klänge an Ihnen vorübergezogen sind: einer nach Osten, einer nach Süden, einer nach Westen und einer nach Norden. Welche vier Klänge waren es?

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Hier ist es weniger wichtig, welche Klänge das konkret sind. In dieser Übung geht es um die Konzentration. Während Sie auf die vier Klänge warten, die Sie erlösen, hören Sie Myriaden von anderen. Die Übung kann von Ihnen allein oder in der Gruppe gemacht werden – wahrscheinlich ist sie in Gesellschaft anderer sogar spannender.

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Die nächste Übung erfordert etwas Vorbereitung. Sie ist vielleicht nicht immer durchführbar, aber ich empfehle sie sehr, denn sie ermöglicht eine tiefe Erfahrung, die nicht so leicht vergessen wird. Es geht darum, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit Augenbinden an einen ihnen unbekannten Ort zu versetzen.

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Damit sie den «Ort der Verbannung» auch wirklich als Fremde wahrnehmen, ist es wahrscheinlich nötig, sie in Autos oder in einem Bus dorthin zu bringen. Dem Übungsleiter sollten einige Helfer assistieren, welche die Nichtsehenden behutsam an die ausgewählte Stelle führen. Dort setzen sich diese nieder, mit der Aufgabe, die Umgebung allein über die klanglichen Eindrücke zu beschreiben. Anfänglich wird es für die Lauschenden schwierig sein, die Umgebung in all ihren Feinheiten zu beschreiben. Wenn aber der Übungsleiter die richtigen Fragen stellt, können sie schon bald die Umgebung klar «vor Augen» haben. Der Wind verrät die Anwesenheit von Bäumen, von Gras, Fahnen, eines Tunnels usw. Ruft der Übungsleiter in verschiedene Richtungen, so werden Mauern und andere Hindernisse am Widerhall erfahrbar. Kleinere Objekte werfen akustische Schatten, wenn der Übungsleiter laut sprechend um diese herumgeht. Zäune oder Pfosten zeigen sich, wenn sie angetippt werden, und die Beschaffenheit des Bodens wird erkundet, indem man darauf schreitet. Die akustisch vermittelte Imagination wird nie mit dem tatsächlichen Bild identisch sein. Immer wieder habe ich erlebt, dass der Augenblick, in dem die Augenbinde abgenommen wird, zu einer unvergesslichen Erfahrung des Staunens wird.

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Auf Ăœbung 22 kĂśnnen Sie ein Gespräch mit einem Blinden folgen lassen. Laden Sie einen blinden Menschen ein, der bereit ist, vor der Klasse zu sprechen. Welches ist seine Erfahrung mit der Orientierung in einer akustischen Welt?

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Das Hören führt uns an Orte, zu denen das Sehen nicht vordringt. Ohren «blicken» um Ecken herum und durch Wände hindurch. Der Klang der Dinge enthüllt Lage und Bedeutung auch von Verborgenem. Wühlen Sie in Ihrer Erinnerung und machen Sie eine Liste von Klängen, die von verborgenen Orten kommen, beziehungsweise von Klängen, deren Ursprung Sie nie gesehen haben.

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Hier einige Beispiele, die mir kanadische Studenten aufgezählt haben: Wasser in einem Entwässerungsrohr Erdhörnchen auf dem Dach Wind Donner ein Echo Stimme im Radio, im Telefon Souffleur im Theater Mäuse in den Wänden Magenknurren

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Einige Klänge, die Ihnen bei der letzten Übung in den Sinn kamen, stammen vielleicht von Ihrem eigenen Körper. Verharren Sie einige Zeit bewegungslos, schliessen Sie die Augen und lauschen Sie auf die Klänge unter Ihrer Haut. Welche der folgenden Geräusche können Sie hören?

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Atmen Herzklopfen Magengeräusche Schlucken Knacken von Gelenken, Knöcheln etc. Klingeln in den Ohren Hören Sie noch andere?

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Manchmal entsteht ein Widerspruch zwischen Klang und klangerzeugendem Gegenstand. Der Klang mag attraktiv sein, der verursachende Gegenstand abstossend – oder umgekehrt. Welche angenehmen, aber von unansehnlichen Dingen verursachten Klänge können Sie sich vorstellen?

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Die folgenden Beispiele wurden von kanadischen und amerikanischen Studenten gegeben: Fülliger Tenor mit einer grandiosen Stimme Wassergurgeln in einem verschmutzten Fluss Regentropfen auf der Fensterscheibe an einem trüben Tag Frosch Frischgeschlüpftes Rotkehlchen Ticken einer Bombe Toilettenspülung

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Versuchen Sie sich unangenehme Klänge vorzustellen, die schöne Ursachen haben! Einige Beispiele: Gutaussehender Mann, der rülpst Fauchende Katze Überschall-Knall der «Concorde» Kreischender Pfau Kind, das auf einem Klavier herumhämmert Neue Schuhe, die quietschen Platzender Ballon Zerbrechen von Kristallglas Quietschtöne einer Oboe

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Wie viele Klänge können Sie aufzählen, deren Entfernung zu Ihnen so gross ist, dass Sie die sie erzeugenden Objekte nicht mehr sehen können? Einige Beispiele: heulende Wölfe weit entferntes Flugzeug Pistolenschuss Autos auf einer Landstrasse Open-Air-Konzert Zugpfeife Wasserfall in Waldtal

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Unsere klangliche Umwelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend gewandelt und verändert sich weiter in rasendem Tempo. Auf dem Gebiet der Erforschung dieser akus­tischen Umwelt ist R. Murray Schafer der Pionier: Er hat in den 1970er-Jahren in Kanada das Forschungsvorhaben World Soundscape Project initiiert, welches den Begriff Soundscape (Klanglandschaft) auf eine empirische Grund­lage stellte und in der Folge in alle Welt hinaus trug. Zentrales Element in der Arbeit R. Murray Schafers ist der Soundwalk, der Hörparcours. Er erschliesst alltägliche Situationen und Erfahrungen auf neue Art und Weise und führt so zum bewussten Hören. Dieses wiederum leitet ein waches Wahr­nehmen der Qualitäten der uns umgebenden Klanglandschaft an, sei es in der Grossstadt oder auf dem Dorf, im Einkaufscenter oder im Garten-Restaurant, auf einer Boots­fahrt oder bei einer Wanderung im Gebirge. Diese Anstiftung zum Hören enthält hundert Übungen. Sie richten sich ebenso an die Bürger, die ihrer Alltagsumgebung als kompetent Hörende begegnen wollen, wie an die Wissenschaftler, die Sound­ scape Studies betreiben, wie an Kinder und Jugendliche, die aus den mannigfachen Sinnesumwelten neue Energien gewinnen. Das Hören kann niemandem abgenommen werden. Von dieser Erkenntnis ausgehend gelingt es R. Murray Schafer mit diesen Hundert Übungen 9 783765 199127 ausgezeichnet, zu einem bewussten, differenzierten und kritisch reflektierenden Hören anzustiften.

ISBN 978-3-7651-9912-7

9 783765 199127

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MN 714 – Schafer, Anstiftung zum Hören by Breitkopf & Härtel - Issuu