EDITION BREITKOPF
BUSONI Märchen für Klarinette und Klavier
Fairy Tale for Clarinet and Piano K 123
EB 8713
FERRUCCIO BUSONI 1866–1924
MÄRCHEN
für Violoncello (Klarinette) und Klavier
FAIRY TALE
for Violoncello (Clarinet) and Piano K 123 Erstdruck | First Printing
herausgegeben von | edited by
Joachim Draheim
Ausgabe für Violoncello und Klavier Ausgabe für Klarinette und Klavier
EB 8712 EB 8713
Edition for Violoncello and Piano Edition for Clarinet and Piano
EB 8712 EB 8713
Edition Breitkopf 8713 Printed in Germany
Vorwort Das Interesse am Leben und Werk des Komponisten, Pianisten, Dirigenten, Bearbeiters, Herausgebers, Kompositionslehrers, Musiktheoretikers und -ästhetikers Ferruccio Busoni ist in den letzten Jahren stetig gestiegen, was sich auch an einer Vielzahl von Neuerscheinungen auf dem Bücher-, Noten- und Tonträgermarkt ablesen lässt. Die faszinierende und zugleich rätselhafte Gestalt dieses wahrhaft universellen Musikers ist durch starke und schmerzhafte Spannungen geprägt: zwischen sei nen beiden Heimatländern Italien und Deutschland und ihren Sprachen und Kulturen, zwischen dem grandiosen Klaviervirtuosen, dem wohl besten seiner Generation, der aber viel lieber komponieren als konzertieren wollte, zwischen seiner engen, ja beinahe symbiotischen Bindung an die Tradition (Bach, Mozart, Beethoven, Liszt) und dem kühnen, mehr gedachten als voll zogenen Aufbruch in neue Klangwelten („Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“), der ihm den wütenden Protest ewig gestriger musikalischer Reaktionäre und den absurden Vorwurf des „Futurismus“ einbrachte. Dabei hat es Busoni, der zu den Vätern der „modernen“ Musik zählt, wie kaum ein anderer verstanden, Tradition und Fortschritt, musikalisches Handwerk und Emotion, Bewahrung der Form („Ich bin ein Anbeter der Form! Dazu bin ich reichlich genug Romane geblieben.“) und Suche nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten („Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung.“) in Einklang miteinander zu bringen. Busoni war Sohn eines Klarinettenvirtuosen und einer Pianistin, die auch, was kaum bekannt ist, komponierte. Als Wunderkind erhielt er die denkbar beste, wenn auch nicht immer pädagogisch glücklichste Förderung. Bei den zahlreichen kleinen Kompositionen des 7–13-jährigen Knaben, die zwischen 1873 und 1879, dem Beginn des gründlichen Kompositions unterrichts bei Wilhelm Mayer in Graz entstanden und anfangs noch vom Vater aufgeschrieben wurden, beeindrucken allerdings mehr die Fülle, die harmonische, rhythmische und formale Sicherheit und der meist durchaus routinierte Klaviersatz als die musikalische Substanz, die selten über eine Stilkopie hinausgeht. Da Busoni später fast alle seine Jugendwerke verworfen hat, auch seine Opuszählung mehrmals neu ansetzte und den eigentlichen Beginn seines Komponierens sogar erst in der zweiten Violinsonate e-moll op. 36a (Edition Breitkopf 5198) von 1898 sah, sollten Werke aus dieser Zeit nur nach gründlicher Prüfung ediert oder auf CD eingespielt werden. Dass unter Busonis ersten Kompositionen besonders viele Stücke für Klarinette zu finden sind, lässt sich leicht erklären, wenn man einen Blick in ein autobiografisches Fragment wirft, in dem es u. a. heißt: „Die Mutter war eine in kleinerem Kreis sehr geschätzte und, wie ich urteilen kann, begabte Pianistin … Mein Vater war Clarinettbläser; er behandelte sein Instrument auf besondere, solistische Weise; bald von der Geige, bald vom italienischen Gesange ausgehend.“ Die in den Jahren 1878/79 entstandenen Charakterstücke für Klarinette und Klavier wurden erst 1991 von Georg Meerwein veröffentlicht, der auch drei davon, die im nicht immer ganz zuverlässigen Werkverzeichnis von Jürgen Kindermann (1980) noch als verschollen gemeldet
sind, in der Biblioteka Jagiellońska in Kraukau wiederfand – es handelte sich um Bestände der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek in Berlin, die während des Zweiten Weltkrieges in den Osten ausgelagert worden waren. Diese Stücke bestechen weniger durch besondere musikalische Originalität als durch die unbeschwerte Frische ihrer Einfälle, ihren melodischen Charme und die souveräne Beherrschung der Form und der spezifischen klanglichen Möglichkeiten beider Instrumente, die von den Eltern gespielt wurden. Zum Kreis dieser Werke gehört auch das etwas umfangreichere Märchen für Violoncello und Klavier (Oktober 1879), für das aber bezeichnenderweise keine Cellostimme, sondern eine arrangierte Klarinettenstimme herausgeschrieben wurde. Der dramatisch-erregte Mittelteil in f-moll weist auf die dritte Nummer seiner Racconti fantastici op. 12 (EB 8128) für Klavier, La Caverna di Steenfoll („Die Höhle von Steenfoll“) nach einem Märchen (!) von Wilhelm Hauff, voraus. Das Märchen für Violoncello und Klavier und die aus dem gleichen Jahr stammenden Variationen über ein Minnesängerlied aus dem 13. Jahrhundert op. 22 (EB 8686) gehören ebenfalls zu den von Kindermann fälschlich als Kriegsverluste abgeschriebenen Jugendwerken. Es ist sicher im Sinne des jungen Komponisten, auch die Alternativfassung des Märchen für Klarinette als Einzelausgabe vorzulegen, zumal die Bearbeitung mit dem für den jungen Busoni typischen Einfühlungsvermögen in die klanglichen Möglichkeiten der Klarinette gemacht ist. Die vorliegende Erstausgabe folgt dem Autograph, das sich heute im Besitz der Biblioteka Jagiellońska, Krakau (BusoniNachlass Nr. 121) befindet. Es besteht aus einer autographen Partitur (sechs Notenseiten im Querformat) und einer autographen Klarinettenstimme (zwei Notenseiten im Querformat). Eine Cellostimme und Titelblätter fehlen. Die Überschrift in der Partitur lautet: Märchen | für | Violoncell und Clavier | com ponirt | von | Ferruccio Benv. Busoni. Die Opuszahl 34 scheint nachträglich mit Bleistift hinzugefügt worden zu sein. Für die Ausgabe war die relativ deutlich geschriebene Partitur, die Rein schriftcharakter hat, aber ab der dritten Seite fast keine dynamischen und Artikulationszeichen mehr enthält, maßgeblich. Die Klarinettenstimme, die vollkommen unbezeichnet ist, wurde der Violoncellostimme angepasst. Offensichtliche Fehler und Unstimmigkeiten (z. B. fehlende Akzidenzien, Vorsichtsakzidenzien und Pausen) wurden stillschweigend verbessert, die ori ginale Notation der Bögen als „Girlanden“ beibehalten; wenige ergänzte dynamische Zeichen stehen in eckigen Klammern. Es wurde nicht versucht, die teilweise etwas chaotischen bzw. unvollständigen Anweisungen und die unorthodoxe Notierungs weise des jungen Busoni anzugleichen, zu normalisieren oder zu ergänzen. Der Biblioteka Jagiellońska, Krakau, danke ich für die prompte Bereitstellung eines Mikrofilms und die Erlaubnis zur Publikation sehr herzlich.
Karlsruhe, Herbst 2000
Joachim Draheim
Preface In recent years, there has been a continually growing interest in the life and works of the composer, pianist, conductor, arranger, editor, composition teacher, and theorist of music and music aesthetics Ferruccio Busoni. This emerges, for example, in a number of new books, music and CDs that have recently been released. The fascinating yet at the same time enigmatic personality of this truly universal musician is marked by a strong and often torturous antagonism between his two native countries – Italy and Germany – and their languages and cultures; between his status as the arguably best piano virtuoso of his generation and his inner need to compose rather than concertize; between his intimate, nearly symbiotic relation to tradition (Bach, Mozart, Beethoven, Liszt) and the bold departure – more planned than accomplished – into new worlds of sound (“Sketch for a New Aesthetic of Music”) with which he reaped the angry protests of eternally backward-looking musical reactionaries and the absurd reproach of being a “futurist”. Busoni, who takes his place among the fathers of “modern” music, knew better than most composers how to reconcile progress and tradition, musical craftsmanship and emotion, preservation of form (“I am a worshipper of form! I am still far too much of a Latin in this respect.”) and the quest for new formative possibilities (“The art of music was born free and its destiny is to become free.”) Busoni was the son of a clarinet virtuoso father and pianist mother who – and this is a little-known fact – also composed. As a child prodigy, he had always enjoyed the enthusiastic encouragement, even if not always the most judicious pedagogical advice. Between 1873 and 1879, at the beginning of his compre hensive training in composition under Wilhelm Mayer in Graz, Ferruccio, who was then between the ages of 7 and 13, wrote many little works, the earliest of which were notated by his father. What strikes us in these works is their density, their harmonic, rhythmic and formal confidence, and the generally very adroit piano writing. Less impressive is their musical substance, which rarely surpasses the level of a stylistic copy. Busoni, who later rejected nearly all of his early works and changed the enumeration of his opus numbers several times, actually considered the Violin Sonata No. 2 in E minor Op. 36a (Edition Breitkopf 5189) of 1898 as the start of his composing career. Seen in this light, works from his early years should be edited or recorded only after careful examination. An unusually large amount of clarinet pieces can be found among Busoni’s first works; this can easily be explained by a glance in an autobiographical fragment in which we can read: “My mother was a pianist who was most highly esteemed in a small circle and was, as far as I can judge, a talented pianist… My father was a clarinetist. He treated his instrument in a special, soloistic manner which was derived in part from violin playing and in part from Italian singing.” The Charakterstücke (Character Pieces) for clarinet and piano composed in 1878/79 were first edited by Georg Meerwein in 1991. He also found
three of these pieces in the Biblioteka Jagiellońska in Cracow, in stocks from the former Prussian State Library in Berlin which had been evacuated to the East during World War II. Jürgen Kindermann had listed these pieces as lost in his 1980 work catalogue, which is not always reliable. The Character Pieces are notable less for any particular musical originality than for the lighthearted freshness of their ideas, their melodic charm and the unerring mastery of both the form and the sonorities idio matic to each instrument, which were those of his parents. Also taking its place among these works is the considerably longer Märchen (Fairy Tale) of October 1879 for violoncello and piano and for which, tellingly enough, a clarinet part was arranged and transcribed instead of a cello part. The dramatic, agitated middle section in F minor anticipates the third number of his Racconti fantastici Op. 12 (EB 8128) for piano, La Caver na di Steenfoll (The Steenfoll Cavern) after a fairy tale (!) by Wilhelm Hauff. The Märchen for violoncello and piano, and the Variationen über ein Minnesängerlied aus dem 13. Jahrhundert Op. 22 (Variations on a Minnesinger Lied from the 13th Century) (EB 8686), composed the same year, also belong to the early pieces and were also falsely listed by Kindermann as war losses. It is certainly in accordance with the young composer’s intentions to present the alternative version of the Märchen for clari net as a separate edition, particularly since the arrangement was made with the sensitivity for the sonorities of the clarinet typical of the young Busoni. This first edition follows the autograph which is located today in the Biblioteka Jagiellońska, Cracow (Busoni Estate No. 121). It consists of an autograph score (six pages of music in horizontal format) and an autograph clarinet part (two pages of music in horizontal format). There are no title pages or cello part. The heading in the score reads: Märchen | für | Violoncell und Clavier | componirt | von | Ferruccio Benv. Busoni. The opus number 34 seems to have been added in pencil at a later date. We have based our edition essentially on this score, which has the appearance of a fair copy even though it hardly contains any dynamics and articulation signs after the third page. The clarinet part, which is completely unmarked, was adapted to the cello part. Obvious errors and irregularities (e.g. missing accidentals, cautionary accidentals and rests) were tacitly corrected, and the original notation of the slurs as “garlands” retained. The few supplemented dynamic signs have been placed in brackets. We have not attempted to adjust, normalize or supplement the young Busoni’s sometimes rather chaotic and incomplete indications, as well as his unorthodox style of notation. I wish to express my cordial thanks to the Biblioteka Jagiel lońska, Cracow, for promptly putting the microfilm at my disposal and for allowing the work to be published. Karlsruhe, Autumn 2000
Joachim Draheim
Märchen für Violoncello (Klarinette) und Klavier
Ferruccio Busoni K 123
herausgegeben von Joachin Draheim
Edition Breitkopf 8713
© 2000 by Breitkopf & Härtel, Wiesbaden
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