Skip to main content

BV 350 – Eisler IX Briefe 3

Page 1

1

HANNS EISLER GESAMTAUSGABE


II

HANNS EISLER GESAMTAUSGABE herausgegeben von der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft

Serie IX Schriften Band 4.3


III

HANNS EISLER Briefe 1952–1956 herausgegeben von Maren Köster

unter Verwendung von Vorarbeiten von Jürgen Schebera


IV

EDITIONSLEITUNG Hartmut Fladt EDITIONSBEIRAT . Hartmut Fladt Werner Grünzweig . Elmar Juchem Roland Kluttig . Giselher Schubert Albrecht Betz . Albrecht Riethmüller Jürgen Schebera . Friederike Wißmann Herausgegeben im Zusammenwirken mit Stephanie Eisler (†) und dem Archiv der Akademie der Künste, Berlin Die Editionsarbeiten wurden gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft Die Briefe-Edition in der Serie IX (Schriften) der Hanns Eisler Gesamtausgabe wurde von Jürgen Schebera durch jahrelange Sammelund Recherchetätigkeit vorbereitet. In gemeinsamer Herausgeberschaft mit Maren Köster entstanden die ersten beiden Bände. Der vorliegende dritte Band wurde von Maren Köster erarbeitet. Gedruckt mit Unterstützung des Kulturfonds der VG Musikedition

BV 350 ISBN 978-3-7651-0350-6 © 2020 by Breitkopf & Härtel, Wiesbaden Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Doris Jausly, Wiesbaden Umschlagfoto: Gerda Goedhart Satz: Thomas Neumann / neumgraf.de Bad Langensalza GmbH Druck: BELTZ XXXXXXXXXXXXXXX Printed in Germany


1

Briefe 1952–1956


3

1952 670. An Erich Honecker (Zentralrat der FDJ), Berlin Berlin, 19. Januar 1952 19. Jan. 1952

5

Freie Deutsche Jugend Zentralrat, Genosse Erich Honecker, Berlin NW 7 Unter den Linden 36/38 Werter Genosse Honecker,

10

ich erhalte von R a h n s c h, Lehrer an der Hochschule für Musik und einer meiner Schüler, beiliegendes Schreiben, das sich bitter über die Arbeit der Kulturabteilung des Zentralrats beschwert. Könnte man nicht rasch der Beschwerde Rahnsch nachgehen? Mit sozialistischem Gruß (Hanns Eisler) Anlage: 1 Brief

671. An John Peet (Redaktion „Democratic German Report“), Berlin Berlin, 22. Januar 1952 (Entwurf) 22. Januar 1952 Democratic German Report Berlin W 8 Friedrichstr. 167 / III. 5

Dear Jonny, Thanks for German Report and congratulations. Here are very important addresses for America: Mrs. Freyda A d l e r,

10

Mr. Harold C l u r m a n,

1 West 89 th Str. New York City, N. Y. (USA) 119 E – 57 Str. New York City (22), N. Y. (USA)


4

1952

Mr. Charles C h a p l i n,

15

20

25

30

35

1084 Summit Drive Beverly Hills, California (USA) Österreichischer Friedensrat, Wien I für Frau Hilde G l ü c k, Gonzagagasse 19. (Österreich) Frau Gerda G o e d h a r t, Scheveningen Zeekant 15 a (Holland) Mrs. Paul H e n r i e d, 255 Chadbourne Ave. West Los Angeles 24, California (USA) Senor Francisco J o l e s c h, Casilla 1570, Santiago de Chile (South-America) Mrs. Editha M o r r i s, Rosay en Brie Seine et Marne (Frankreich) Mr. Dr. Thomas M a n n, 1550 San Remo Pacific Palisades, California (USA) Mr. Donald S t e p h e n s, Arden, Delaware (USA) Mr. Scott N e a r i n g, R.F.D. Box 23, Jamaica, Vermont (USA) Miss Clara M a y e r, c./o. New School for Social Research 66 West / 12th Str., New York City, N. Y. (USA) Mr. Clifford O d e t s, 26 East 81. Str. New York City, N. Y. (USA) Mr. Wolodja P o s n e r, 52 rue Mazarine Paris VIe (Frankreich) Mr. Lion F e u c h t w a n g er, 520 Paseo Miramar Pacific Palisades (California) (USA)

672. An Peter E. Erichson (Hinstorff Verlag), Rostock Berlin, 23. Januar 1952 23. Januar 1952 Herrn Peter E. Erichson Carl Hinstorff-Verlag, Rostock 5

Lieber Herr Erichson, ich danke Ihnen vielmals für die schönen Bücher. Die Liederbände sind besonders hübsch gemacht. Es ist wirklich sehr freundlich von


Nr. 674 / 24. Januar 1952

5

Ihnen, mir immer Ihre Publikationen zu schicken. Hoffentlich sehen wir uns bald hier oder in Ahrenshoop. 10

Sehr herzliche Grüße Ihr (Hanns Eisler)

673. An Wilhelm Weismann (Verlag Edition Peters), Leipzig Berlin, 24. Januar 1952 24. Januar 1952 C. F. Peters, Leipzig Talstr. 10. 5

Betr.: Ihr Schrb. v. 21.1. W/CK Sehr geehrter Herr W e i ß m a n n, ich danke Ihnen für Übersendung der drei Exemplare meiner „Ouverture zu einem Lustspiel“.

10

Mit bestem Gruß i. A. ?Hildbrand?. (Hanns Eisler)

674. An Georg Hillner (Verlag Edition Peters), Leipzig Berlin, 24. Januar 1952 24. Januar 1952. C. F. Peters Leipzig Talstr. 10 Ihr Schreiben v. 21.1. CK. 5

Sehr geehrter Herr H i l l n e r, bezugnehmend auf Ihr oben angeführtes Schreiben teile ich Ihnen mit, daß ich mit Ihren Vorschlägen einverstanden bin und bitte Sie um Übersendung der entsprechenden Vertragsformulare.


6

1952

Mit bestem Gruß 10

(Hanns Eisler)

675. An Wilhelm Götz (Zentralstelle für wissenschaftliche Literatur), Berlin Berlin, 29. Januar 1952 29.1.1952 Dringend!

5

An die Zentralstelle für wissenschaftliche Literatur z. Hd. v. Herrn Dr. Götz Berlin NW 7 Unter den Linden 8 Sehr geehrter Herr Dr. Götz! Betr.: Bücher und Zeitschriften.

10

15

20

25

Auf meinen Brief vom 18. Dezember 1951 haben Sie mir zwar freundlicherweise eine Sondergenehmigung Nr. 1600 eingeschickt, trotzdem bekomme ich aber die Zeitschriften, die mir direkt aus Amerika gesendet werden, die ich also nicht erst bestellen muss, noch immer nicht durch die Post ins Haus geliefert. Ich bitte Sie dringend, mir diese aus Amerika eingegangenen Zeitschriften und Zeitungen sofort zusenden zu lassen und die ausliefernden Stellen der Post- und Zollverwaltung aufzufordern, alles auszuliefern, da ich durch die Zurückhaltung dieser Zeitschriften in meiner Arbeit sehr gehindert bin. Da die Sache sehr dringend ist, bitte ich Sie, mir postwendend zu antworten, was mit diesen Zeitschriften ist und warum sie mir nicht zugestellt werden. Ich möchte nochmals betonen, daß es sich nicht um Zeitschriften handelt, die ich erst bestellen muß, sondern die bereits aus Amerika mir ständig zugeschickt werden und die ich immer nur mit großer Verzögerung erhielt. Mit bestem Dank für Ihre Mühe Ihr Es handelt sich vor allem um folgende Zeitschriften: Masses & Mainstream


Nr. 676 / 30. Januar 1952 30

35

7

The New Yorker National Guardian Daily Worker Sunday Worker Oesterreichisches Tagebuch. Diese Zeitungen und Zeitschriften bekomme ich regelmäßig wöchentlich. Sie sind aber wieder 3 Wochen lang ausgeblieben. Bitte, teilen Sie mir sofort mit, wo sie liegen. Nochmals vielen Dank!

676. An die Oberpostdirektion Berlin Berlin, 30. Januar 1952 30. Jan. 1952

5

Magistrat von Groß-Berlin, (Oberpostdirektion) Berlin W 8 Jägerstr. 67–68 Betr.: I A 7 – 2330 Nr. 708, Herr R e e t z Sehr geehrter Herr Reetz,

10

15

20

ich telefonierte heute in Ihrer Abwesenheit mit der Sie vertretenden Dame, mit welcher ich auf Grund Ihres oben genannten Schreibens die Vereinbarung traf, daß alle Sendungen wie bisher an meine Privatadresse in Berlin-Niederschönhausen, Pfeilstr. 9 geschickt werden und somit eine Abholung durch eine Vertrauensperson (Ihr Absatz 2) entfällt. Ihre Vertreterin gab mir die Anweisung diesen Zusatz auf Ihrem Vordruck hinzuzufügen. Ich bin dieser Aufforderung nachgekommen und habe den Zusatz rot umrändert auf beiden Formularen nachgeholt. In der Hoffnung, daß ich nunmehr keinerlei Schwierigkeiten mit der Weiterreichung der Brief-, Zeitschriften, etc. -Sendungen mehr haben werde, zeichne ich hochachtungsvoll (Hanns Eisler)


8

1952

677. An den Förderungsausschuss für die Deutsche Intelligenz, Berlin Berlin, 31. Januar 1952 31.1.1952

5

Förderungsausschuß z. Hd. v. Herrn Prof. Krüger Berlin W 8 Friedrichstr. 153 Sehr geehrter Herr Professor Krüger!

10

Ich benötige nochmals dringend (ich hab damals nicht alles bekommen, wofür ich den Antrag stellte) Brennmaterial, und zwar 200 Ztr. Briketts. Ich habe überhaupt kein Brennmaterial mehr, die Sache ist sehr dringend. Mit bestem Dank für Ihre Mühe Ihr

678. An das Musikaktiv der Deutschen Investitionsbank, Berlin Berlin, 4. Februar 1952 4.2.1952

5

Deutsche Investitionsbank Filiale Berlin Berlin C 111 Kurstr. 36/52 Werte Genossen!

10

Besten Dank für Euren Brief vom 28. v. Mts. Leider ist unter meinen Werken nichts für Eure Besetzung. Ich rate Euch, Euch mit dem Verband Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler in Berlin W8, Jägerstr. 1, Telefon: 425991, in Verbindung zu setzen; er wird Euch sicher jemanden für Eure Besetzung empfehlen können. Mit den herzlichsten Grüßen


Nr. 680 / 4. Februar 1952

9

679. An den Verlag Edition Peters, Leipzig Berlin, 4. Februar 1952 4.2.1952

5

Einschreiben Musikverlag C. F. Peters Leipzig C 1 Talstr. 10 Sehr geehrte Herren! Ich bitte Sie, mir noch weitere 5 Freiexemplare meiner Lustspiel-Ouvertüre zuzuschicken.

10

Mit bestem Gruß Anlage: 2 Verträge.

680. An Rudolf Seidel, Leipzig Berlin, 4. Februar 1952 4.2.1952

5

Herrn Rudolf Seidel Leipzig N 25 Mockauerstr. 16 Sehr geehrter Herr Seidel! Ihr Gedicht habe ich an den Verband Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler in Berlin W 8, Jägerstr. 1, weitergeschickt. Hoffentlich findet sich ein Komponist, der es für Sie komponiert.

10

Mit besten Grüßen


347

Kommentar


349

KOMMENTAR 1952 670. An Erich Honecker (Zentralrat der FDJ), 19. Januar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 4999; Typoskript, 1 Blatt. Textkonstituierung: Der erste Teil des Typoskripts ist ein Durchschlag, ab Könnte (Zeile 11) wurde der Text direkt auf das Blatt getippt. 10–11 beschwert. | Könnte] beschwert. | Ich wäre dankbar Könnte Erläuterungen Erich Honecker (1912–1994; Staatsoberhaupt der DDR 1976–1989) fungierte von 1946 bis 1955 als Vorsitzender der FDJ. 8 R a h n s c h] Helmut Rahnsch (1920–197?) gehörte von Februar 1951 bis Sommer 1952 zu Eislers Meisterschülern an der Deutschen Akademie der Künste. Im Abschlussbericht des ersten Jahres der Meisterklasse 1950/51 äußerte sich Eisler über Rahnsch mit Besorgnis: „Er ist ein sehr anständiger Mensch und hat sich besonders mit der Zentrale der FDJ in die Vorbereitung der Weltjugendfestspiele eingeschaltet. Vielleicht ist seine mangelhafte Kompositionsleistung auf Überlastung durch gesellschaftliche Arbeit zurückzuführen“ (HEA 2264). 14 Anlage: 1 Brief] Nicht erhalten; weitere Dokumente zu Rahnschs Beschwerde konnten nicht ermittelt werden.

671. An John Peet (Redaktion „Democratic German Report“), 22. Januar 1952 (Entwurf) Quelle: AdK Berlin, HEA 8115; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt, recto und verso beschriftet. ◊ Besonderheiten: Grußzeile fehlt, verso nur die Adresse Feuchtwangers; das erhaltene Typoskript ist vermutlich ein Entwurf, es könnte sich aber auch um einen unvollständigen Durchschlag handeln. Textkonstituierung: 18 H e n r i e d] Die Schreibeigenheit „Henried“ (recte: Henreid bzw. von Hernried [Lisl/Elisabeth], siehe Komm. zu Nr. 528) findet sich auch in Notizen von Louise Eisler von 1947/48 (siehe Komm. zu Nr. 441 und 501, Marginalien). Erläuterungen Der britische Journalist John Peet (1915–1988) hatte seit 1945 als Reuters-Chefkorrespondent in Wien, Prag und West-Berlin gearbeitet und war 1950 wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der westlichen Militärpolitik demonstrativ in die DDR übergesiedelt.


350

Kommentar

2 German Report] Die Ost-Berliner Zeitschrift Democratic German Report erschien vierzehntäglich ab Januar 1952 (bis 1975) und diente vor allem der Repräsentation der DDR im englischsprachigen Ausland. Peet war Herausgeber und Chefredakteur, er hatte Eisler das erste Heft zugeschickt und ihn gebeten um „any English or American addresses for my free subscription list“ (HEA 8116). 8–37 Mrs. Freyda A d l e r … F e u c h t w a n g e r] Die Liste enthält größtenteils prominente Freunde der Eislers aus der Exilzeit, jedoch nicht nur amerikanische Adressen, sondern auch Gerda Goedhart, Edita Morris und Vladimir Pozner, die aus den USA nach Europa zurückgekehrt waren. Hinzugefügt sind außerdem Hanns Eislers Wiener Freundin Hilde Glück (siehe Korrespondenz in HEGA IX/4.2) sowie Louise Eislers geschiedener Mann Franz Jolesch (zur Biographie siehe Komm. zu Nr. 457; Jolesch hatte die KZ-Haft überlebt; da der Restitutionsprozess um seine Textilfabrik erfolglos verlief, emigrierte er 1951 nach Chile; statt Franz nannte er sich seitdem Francisco).

672. An Peter E. Erichson (Hinstorff Verlag), 23. Januar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 4986; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen 8 Publikationen zu schicken] Erichson hatte im November 1951 ein Barlach-Buch überreicht und schickte nun „zwei kleine Liederbücher aus unserer Landschaft – und eine Erzählung vom Fischland“ (Grußkärtchen vom 21. Januar 1952, HEA 4986); siehe auch Nr. 660.

673. An Wilhelm Weismann (Verlag Edition Peters), 24. Januar 1952 Quelle: StA-L Leipzig, 21109 VEB Edition Peters, Leipzig, Nr. 42; Typoskript, 1 Blatt. ◊ Besonderheiten: Kopfbogen A5; stellvertretend von einer Sekretärin (?) unterzeichnet. Erläuterungen 6 W e i ß m a n n] Wilhelm Weismann (siehe Komm. zu Nr. 509) hatte 1951 die Publikation der Ouvertüre zu einem Lustspiel für kleines Orchester (Nonett) betreut (siehe Komm. zu Nr. 579).

674. An Georg Hillner (Verlag Edition Peters), 24. Januar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8121; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt.


Nr. 676 / 30. Januar 1952

351

Erläuterungen 4 Ihr Schreiben] Für die beiden vom Peters-Verlag 1950/51 herausgebrachten Werke, Goethe-Rhapsodie und Ouvertüre zu einem Lustspiel (Nonett), existierten noch keine Verträge. Verlagsleiter Georg Hillner hatte deshalb am 21. Januar 1952 (HEA 8121) bezüglich der Tantiemenregelungen geschrieben: „Für Werke dieser Art sind bisher die Urheber am Verleih des Aufführungsmaterials mit 25 % und bei einem etwaigen Verkauf mit 10 % vom Ladenpreis beteiligt worden. Bitte haben Sie die Freundlichkeit, uns durch eine Zeile wissen zu lassen, ob Ihnen dieser Modus zusagt, damit wir Ihnen dann die entsprechenden Vertragsformulare übersenden können.“

675. An Wilhelm Götz (Zentralstelle für wissenschaftliche Literatur), 29. Januar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8119; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen 10–11 meinen Brief … Sondergenehmigung] Eisler erhielt aufgrund seiner prominenten Stellung nach mehreren Beschwerden eine Sondergenehmigung für den uneingeschränkten Bezug von Presseerzeugnissen aus dem Ausland (siehe auch Nr. 654, 667, 676 und Komm.). 20–21 postwendend zu antworten] Wilhelm Götz, Direktor der Zentralstelle für wissenschaftliche Literatur, teilte am 25. Februar 1952 (HEA 8119) mit: „Ihr dringendes Schreiben vom 29.1.52 war für uns Veranlassung, sofort fernmündlich die zuständigen Stellen zu bitten, die aufgetretenen Schwierigkeiten zu beheben. […] Ich nehme an, daß inzwischen die aufgetretenen Schwierigkeiten behoben sind.“ 36 Oesterreichisches Tagebuch] Das 1946 gegründete Österreichische Tagebuch wurde 1950 umbenannt in Tagebuch. Zeitschrift für Kultur und Politik.

676. An die Oberpostdirektion Berlin, 30. Januar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8120; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen 9 Ihres … Schreibens] Am 28. Januar 1952 (HEA 8120) hatte die Oberpostdirektion „in doppelter Ausfertigung eine Vereinbarung über den Bezug von nicht in der Postzeitungsliste aufgeführten Zeitschriften wissenschaftlicher Art aus Westdeutschland und dem Ausland“ übersandt, die Eisler am 4. Februar 1952 zurückschickte. Damit waren die Zustellungsprobleme allerdings weder prinzipiell noch langfristig gelöst (siehe Nr. 806, 838 und 850).


352

Kommentar

677. An den Förderungsausschuss für die Deutsche Intelligenz, 31. Januar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 4997; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen Der dem Ministerpräsidenten unterstellte „Förderungsausschuss für die Deutsche Intelligenz“ war zuständig für die privilegierte Versorgung der „herausragenden Wissenschaftler, Techniker, Schriftsteller und Kunstschaffenden“. Er bestand aus einem Vorstand und Ausschussmitgliedern (dies waren ehrenamtliche Vertreter aus allen Bereichen der Zuständigkeit) sowie den hauptamtlichen Mitarbeitern des „Büros“.

678. An das Musikaktiv der Deutschen Investitionsbank, 4. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8072; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen 8 Eure Besetzung] Das Laienmusikerensemble der Bankangestellten hatte die Besetzung 2+2 Violinen, 2 Celli, 1 Kontrabass, 1 Klavier. Es suchte für die Teilnahme am Wettbewerb der „Deutschen Festspiele der Volkskunst 1952“ ein anspruchsvolles Werk für die Kategorie „Deutsches Gegenwartsschaffen“ (Brief vom 28. Januar 1952, HEA 8072). Siehe auch Nr. 713.

679. An den Verlag Edition Peters, 4. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8121; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt.

680. An Rudolf Seidel, 4. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8139; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen 7 Ihr Gedicht] Rudolf Seidel, Braunkohle-Schichtarbeiter in den Böhlener Werken, hatte am 24. Januar 1952 („Wertgeschätzter Herr Professor!“, HEA 8139) sein Gedicht „Berliner Aufbaulied“ geschickt. Er habe es für die „Jugend“ seines Betriebes geschrieben und es habe „sofort begeisterte Zustimmung“ gefunden, aber leider fehle noch die Vertonung. „,Schick’s doch mal an Eisler Hanns‘ sagte ein jugendlicher Kumpel und ,Nee wird er doch nicht sagen‘ ein anderer.“ Seidel hoffte aufgrund dieses Zuspruchs, dass Eisler dem Lied durch eine seiner „zündenden Melodien (ich denke hierbei an die begnadete Vertonung der Blauen Fahnen) Leben verleihen“ würde.


Nr. 684 / 12. Februar 1952

353

681. An die Kulturbund-Ortsgruppe Berlin-Pankow, 5. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8089; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen Hanns und Louise Eisler versäumten auch weiterhin die Zahlungen ihrer Kulturbund-Mitgliedsbeiträge von monatlich DM 2,–. Im Eisler-Archiv befinden sich hierzu vier weitere Kurzmitteilungen, alle aus dem Jahr 1952 (zwei Schreiben von Eisler und zwei von der Ortsgruppe Pankow, HEA 8089).

682. An Franz Josef Bierent, 12. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 4964; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Textkonstituierung: 1 den 12.2.52] den 12.2.51⎡2⎤ Erläuterungen Der Rostocker Arbeiter Franz J. Bierent hatte Eisler ein Jahr zuvor ein selbstverfasstes Gedicht zukommen lassen, dessen Vertonung Eisler jedoch abgelehnt hatte (siehe Nr. 584 und Komm.). 7 Dein Lied] Bereits am 26. September 1951 („Lieber Genosse!“, HEA 4964) hatte Bierent seinen „musikalischen Vortrag für unsern Friedenskampf“ geschickt. Er meinte, dass dieses Lied „speziell bei Frauen sehr zu Herzen gegangen“ sei, und hatte Eisler um „ehrliche Kritik“ gebeten.

683. An Rudolf Engel (Deutsche Akademie der Künste), 12. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, AdK-O OM5; Typoskript, 1 Blatt, hs. und ms. unterzeichnet. ◊ Besonderheiten: Eingangsstempel Deutsche Akademie der Künste fehlt. Erläuterungen 8 Bericht] Rudolf Engel (siehe Komm. zu Nr. 559; 1950–1957 Direktor der Deutschen Akademie der Künste, ab 1955 zugleich Mitarbeiter des Außenministeriums) hatte um Mitarbeit bei der Zusammenstellung eines Jahrbuchs über die Tätigkeit aller Akademiemitglieder gebeten (HEA 5923).

684. An Gustav A. Hahn, 12. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8054; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen 6 Ihre Zuschrift] Bereits am 4. November 1951 (HEA 8058) hatte Gustav A. Hahn, Orchestermusiker am Landestheater Dessau, eine eigene Streich-


354

Kommentar

quartett-Fassung der Nationalhymne geschickt und sich erkundigt, ob Eisler dieser Satz oder die „Bearbeitung von Hans Sachs“ besser gefalle. Zum Fortgang siehe Nr. 694 und 714. 7 von Herrn Sachs] Peters hatte 1949 nicht nur Eislers Originalfassung der Nationalhymne herausgebracht, sondern auch mehrere Fremdbearbeitungen, darunter drei von Hans Sachs (mit Akkordeonbegleitung, in Orchesterbesetzung sowie für Frauen- oder Jugendchor).

685. An Willi Kaufmann, 12. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8075; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Textkonstituierung: 11–12 daß Partituren] daß eine meiner Partituren Erläuterungen Willi Kaufmann (1908–1978) war der Leiter des Orchesters der Berliner Volkspolizei. Er hatte 1950 eine von Eisler autorisierte BlasorchesterFassung der Nationalhymne hergestellt (siehe Komm. zu Nr. 536). 7 Ihr Schreiben] Kaufmann hatte Eisler am 4. Januar 1952 (HEA 8075) um Unterstützung durch neu komponierte oder vorhandene Werke für Blasorchester gebeten, da er „große Sorgen betreffs Original-Kompositionen moderner sinfonischer fortschrittlicher Blasmusik“ habe. 11–12 Köln … Partituren dort] Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zu der Anfrage von Hermann Scherchen im November 1951 wegen eines Konzerts mit dem Blasorchester seines „Kölner Schülers [Fritz] Straub“, siehe Nr. 648 und Komm. – Kaufmann hatte mitgeteilt, er sei zufällig in einer westdeutschen Musikzeitung auf ein Programm gestoßen, „in dem in Köln ein sinfonisches Blasorchester sinfonische Blasmusik spielte. Darunter waren auch zwei Werke von Ihnen.“

686. An Ingeborg Manderla (Sekretariat Johannes R. Becher), 12. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, JRBA 4621; Typoskript, 1 Blatt. Textkonstituierung: 10–11 eine konventionelle] eine gewiß konventionelle Erläuterungen 9 richten Sie … aus] Bechers Sekretärin Ingeborg Manderla hatte „eine aus Westdeutschland zugegangene Komposition mit der Bitte um Beurteilung“ übersandt (Anschreiben vom 6. Februar 1952, JRBA 4618). 10 Lied … Ruth Weitbrecht] Die Stuttgarter Pianistin Ruth Weitbrecht war eine begeisterte Becher-Leserin und hatte als persönliche Danksagung an den Dichter dessen Sonett Für diesen Blick vertont. Der Text war in zwei verschiedenen Gedichtsammlungen von Becher publiziert worden (in: Heimkehr. Neue Gedichte, Berlin: Aufbau-Verlag, 1946, S. 99,


Nr. 687 / 15. Februar 1952

355

sowie in: Lob des Schwabenlandes. Schwaben in meinem Gedicht, Konstanz: Asmus-Verlag, 1947, S. 39).

687. An Egon Rentzsch (Zentralkomitee der SED, Kulturabteilung), 15. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 2274; Typoskript, 10 Blätter. ◊ Marginalien: oben rechts Stempel des Empfängers Egon Rentzsch | 1138 Berlin | Giesestraße 32 | Telefon 5278971. ◊ Besonderheiten: paginiert. Provenienzvermerk auf der Archivmappe: „abgeschickte Fassung | erh. v. Egon Rentzsch | Mai 1984“. Dieser verschickte Brief ist ein Durchschlag auf dünnerem Papier, er enthält originale maschinenschriftliche Korrekturen und Bleistiftkorrekturen von Eisler sowie zahlreiche Unterstreichungen und Randbemerkungen von Rentzsch (Tinte und Bleistift). – Erhalten sind außerdem: 1.) Das Original zu dem verschickten Durchschlag, mit etlichen hs. Korrekturen von Eisler, die sauber auf den Durchschlag übertragen wurden, das Pressezitat (Zeile 15–29) war hier ursprünglich als Zeitungsausschnitt eingeklebt (HEA 2277). 2.) Eine Abschrift des verschickten Briefes, sie enthält den eingeklebten Zeitungsausschnitt sowie geringfügige abweichende Korrekturen in nicht identifizierter Hs. (HEA 2279). 3.) Zwei gleiche Durchschläge von einem weitgehend textidentischen Entwurf (HEA 2280 und JRBA 13227), letzterer mit kleinen stilistischen Korrekturvorschlägen, die vermutlich von Johannes R. Becher stammen. 4.) Ein unvollständiger Entwurf mit hs. Korrekturen von Eisler, weitgehend textidentisch (HEA 2276). 5.) Ein Entwurf mit zahlreichen Bleistiftkorrekturen von Eisler, signifikante Textabweichungen (siehe Erläuterungen) bei Abschnitt II (HEA 2278). 6.) Ein anfänglicher Textentwurf (16 Seiten) mit zahlreichen hs. Korrekturen von Eisler, ohne Anrede und Grußzeile (HEA 2275); wegen der gravierenden Unterschiede wird diese Entwurfsfassung komplett im Kommentar wiedergegeben (s. u.). Textkonstituierung: 2 Rentsch] sic! 8 rate, ihn] rate Dir, ihn 34 der bürgerlichen] einer ⎡der⎤ bürgerlichen 38 dem provisorischen] Deinem ⎡dem⎤ provisorischen 42 Du behauptest] Leder behaupptest Du ⎡behauptest⎤ 44 Historisch falsch ist] ⎡Historisch⎤ falsch sind die ⎡ist⎤ 51 Personen] Persönlichkeiten ⎡Personen⎤ 63 wurden erst] wurden bekanntlich erst 89 zu Patrioten zu machen] als ⎡zu⎤ Patrioten zu beschreiben ⎡machen⎤ 110 zeugt eher von Neid] zeigt eher von Neid 123 Kunstenthusiasten auf.] Kunstenthusiasten auf. wie heute die sowjetischen Offiziere. 131–132 Ihn … huldigen] Ihm ⎡n⎤ ein ⎡mit einem⎤ symphonisches ⎡n⎤ Stück zu schreiben ⎡huldigen⎤ 137 war der Beginn] ist ⎡war⎤ der Beginn 164–165 unter … aufgeführt wurden] mit ⎡unter⎤ …aufgeführt werden konnten ⎡wurden⎤ 171 [in der Fußnote *] das Verhältnis] den Unterschied ⎡das Verhältnis⎤ 176 Deine Behauptung] Deine Darstellung ⎡Behauptung⎤ 184 Er war … Bürgertums.] Er kämpfte ⎡war⎤ für seine Klasse? ⎡die neuen Ideen des Bürger-


356

Kommentar

tums.⎤ 189–190 die Vergangenheit … beweist es.] wie die Vergangenheit … beweist. ⎡es.⎤ 201 wilde Burschen] bösartige und wilde Burschen Erläuterungen Egon Rentzsch (1915–1992; kaufmännische Lehre, 1930 KJVD, 1934– 1939 Zuchthaus- und KZ-Haft, „wehrunwürdig“, Arbeit als Lagerist und Monteur in Dresden; 1946–1948 Stadtrat für Volksbildung in Dresden, 1949/50 Lehrgang an der Parteihochschule, seit 1950 Leiter der Abteilung Schöne Künste und Kultur beim ZK der SED, 1953 der Funktion enthoben und versetzt in die SED-Bezirksleitung Rostock) war damit beauftragt, die Erklärung des Zentralkomitees der SED zur BeethovenEhrung 1952 zu entwerfen. Hierfür hatte er am 9. Februar 1952 (HEA 4957) Unterstützung gesucht: „Lieber Genosse Eisler! | Wie soeben telefonisch mit Dir vereinbart, überreiche ich in der Anlage provisorischen Entwurf eines Parteibeschlusses zum 125. Todestages [sic!] von Ludwig van Beethoven.“ Rentzsch bat ausdrücklich um kritische Durchsicht sowie „entsprechende Bemerkungen und Ratschläge“. Eisler notierte als Randbemerkung: „Verflachung | und Vulgarisierung eines so komplicierten Menschen ⎡Personli⎤ u. Künstlers wie Beethoven.“ 5 Deinen Entwurf] Im Eisler-Archiv befindet sich ein sauberes Exemplar von Rentzschs zehnseitigem Entwurfstext (möglicherweise eine später angefertigte Abschrift, HEA 2274). 32–33 EROICA … faschistischen Parteitag … Furtwängler] Gemeint ist wahrscheinlich der Reichsparteitag der NSDAP 1935, auf dem die Nürnberger Rassegesetze verkündet wurden. Wilhelm Furtwängler, der nicht direkt beim Parteitag auftreten wollte, dirigierte am Vorabend die von Hitler gewünschte Aufführung der Wagner-Oper Die Meistersinger von Nürnberg. Auf dem Parteitag selbst dirigierte Peter Raabe (Präsident der Reichsmusikkammer) Beethovens Egmont-Ouvertüre und 5. Symphonie, es spielte das Gewandhausorchester Leipzig. 42 Du behauptest … Gegenteil.] Der Entwurf HEA 2278 lautet hier: „Leider behauptest Du fast das Gegenteil. Die Folgenlosigkeit der großen kulturellen Leistungen, die Flucht der großen Künstler in die Abstraktion hat übrigens Lukacs sehr gut dargestellt.“ 46 Bauern verraten.] Im Entwurf HEA 2278 folgt ein gestrichener Satz: „[…] Bauern verraten. Humanisten wie Erasmus von Rotterdam, Hutten und andere haben über die Bauernkriege geschwiegen oder sie verraten.“. 55–56 nicht der bedeutendste Ausspruch] Darunter steht eine Randbemerkung von Rentzsch: „Aber ein sehr charakteristischer!“ 65–70 Christoph Bach in London … Christian Bach] Der sogenannte „Londoner Bach“ ist Johann Christian Bach, Johann Christoph Friedrich Bach ist der „Bückeburger Bach“. 82–83 Albrechtsberger und Schenk] Die Komponisten Johann Georg Albrechtsberger und Johann Baptist Schenk, beide gehörten zu Beethovens Kontrapunktlehrern. 89 sein Vaterland meidet] Dazu Rentzschs Randbemerkung: „Irrtum | Wien war für B. die deutsche Hauptstadt“.


Nr. 687 / 15. Februar 1952

357

97 k o m m u n i s t i s c h e n] Rentzsch strich dieses Wort durch und notierte am Rand: „Natürlich ,humanistisch‘“. 105 Schindler] Anton Schindler, Beethovens Sekretär und erster Biograph. 122–123 Offiziere … als Kunstenthusiasten] Eislers Text enthält hier eine durchgestrichene Formulierung, die einen bemerkenswerten historischen Vergleich andeutet: „Die französischen Offiziere traten in dem besiegten Land als Kunstenthusiasten auf ⎡.⎤ wie heute die sowjetischen Offiziere.“ 149 Becher … helfen] Rentzsch setzte an dieser Stelle den Randvermerk „J. R. B. hat mich an H. E. verwiesen! | Re“. Die Kennzeichnung mit dem Namenskürzel zeigt, dass Eislers Schreiben nicht nur vom Adressaten zur Kenntnis genommen wurde. 169 –171 Grundlagen … österreichische.] Randbemerkung von Rentzsch: „Richtig!“ 206–213 Der Unterschied … geben.] Randbemerkung von Rentzsch: „Einverstanden jedoch die Ode an die Freude wurde m. W. von dem dt. National-Dichter Friedrich von Schiller geschrieben, den später die Nazis so übel mißbraucht haben! Re“. 218–219 Chrenikow … Artikel] Der russische Komponist Tichon Chrennikov (1913–2007; Generalsekretär des sowjetischen Komponistenverbands 1948–1992) fungierte als führender Vertreter des Kampfs gegen den Formalismus in der Musik. Beim Prager Musikkongress 1948 hatte er auch Eisler modernistische Neigungen vorgeworfen. In der DDR erschien 1951 in Musik und Gesellschaft ein Beitrag von Chrennikov anlässlich der VDK-Gründung, jedoch handelt es sich hier um eine Aneinanderreihung offizieller Phrasen. Eislers Verweis auf den nicht belegten „Artikel“ dürfte rein rhetorisch zu verstehen sein. Der anfängliche Textentwurf zum vorliegenden Brief (HEA 2275, siehe Besonderheiten) lautet: Einfügung, doch wo: deren Banalität nachzuweisen wäre Zu I Der erste Abschnitt scheint mir äußerst unglücklich. Auch wenn er im allgemeinen etwas ⎡bemüht⎤ Wahres aus ⎡zu⎤ sagt ⎡en⎤ , ist ⎡er doch zu⎤ er phrasenhaft und schwülstig formuliert. Außerdem muß endlich einmal festgestellt werden, daß niemand daran denkt, Beethoven dem deutschen Volk „zu rauben“. Beethoven wird von jeder Nation und Klasse geehrt werden. Es ist bekannt, daß sowohl die amerikanische Bourgeoisie, der deutsche Faschismus, die Franco-Banditen und ein ⎡jeder⎤ xbeliebiger südamerikanischer Staat Beethoven geehrt hat und ehren wird. (Die EROICA wurde zum ⎡am⎤ faschistischen Parteitag in Nürnberg aufgeführt, übrigens von Furtwängler dirigiert.) An einen so großen Mann will sich alles anreiben und es ist sinnlos, zu behaupten, daß irgendjemand ⎡die Bourgeoisie⎤ ihn dem deutschen Volk „rauben“ will. Der Unterschied zwischen der bürgerli-


358

Kommentar

chen Beethoven-Ehrung und der unseren wäre herauszuarbeiten, nämlich, daß wir Beethoven besser verstehen und besser interpretieren können als die schwachsinnigen, veralteten und verlogenen Musikhistoriker und Apolegeten ⎡der Bourgeoisie.⎤ Vorschlag: Zu I) müsste neu geschrieben werden. Sachlich ist der Gedanke, daß Beethoven in einer tragischen und gefährlichen Situation Deutschlands, nämlich der Spaltung und der Kriegsgefahr, gefeiert wird, richtig. (Ich möchte noch darauf hinweisen, daß S. 1 ⎡I⎤ vor allem Geschmack und Niveau haben muß.) Zu II) Daß Beethoven’s Werk der „Nationalisierung des zersplitterten Deutschlands“ diente, ist doch wohl zu simplifiziert. Historische Etappen oder geschichtliche Persönlichkeiten simplifizieren heißt sondern komplizierte und widerspruchsvolle Verhältnisse in sich zu begreifen. Auch ⎡Es⎤ ist davor zu warnen, sich geschichtliche Perioden oder Persönlichkeiten für ⎡die⎤ Tagespolitik gewissermaßen zurechtzuschnitzen, ⎡und⎤ es sich dadurch sehr ⎡so⎤ bequem zu machen. So ist es auch mit Beethoven. Beethoven ist der Repräsentant der Wiener Schule. (Die Wiener Schule zählt als Komponisten Haydn, Beethoven, Schubert, Brahms, Mozart. Davon sind zwei Deutsche, nämlich Beethoven und Brahms, aber auf sie hat die österreichische Musikkultur abgefärbt.) Wir haben ⎡übrigens⎤ gelernt, ⎡oder sollten lernen⎤ daß ⎡ie⎤ marxistisches Denken nicht ⎡Methode nicht⎤ historische Etappen oder geschichtliche Persönlichkeiten nach dem Tagesbedarf gewissermaßen zuschnitzen soll ⎡darf⎤ , sondern daß ⎡sie⎤ es solche in seiner ganzen Kompliziertheit und Widersprüchlichkeit aufzufassen hat ⎡, so „unbequem“ es auch sein mag.⎤ Unglücklich erscheint mir die historische Darstellung. Hingegen finde ich sehr gut die (mit Ausnahme der letzten 5 Zeilen) die die historische Bedeutung Beethovens durchaus richtig charakterisiert ⎡aufgefaßt⎤ . Aber auch die ⎡das⎤ sollten, da es sich um einen Beschluß des Zentralkomitees handelt, ⎡sprachlich⎤ noch besser formuliert werden. Vorschlag: Nr. 2 sollte sich ausschließlich mit der historischen Bedeutung Beethovens befassen, wobei man sich vor der Tatsache, daß Beethoven von seinem 22. Lebensjahr an in Wien gelebt hat und nie mehr in Deutschland war, nicht zu drücken braucht. Ebenso muß man, so schwer es auch ist, auf der Verhältnis der österreichischen und deutschen Kultur in der damaligen Epoche hinweisen. Es gab bekanntlich keine Spaltung zwischen ⎡den⎤ beiden. So hat z. B. Mozart der italienischen Oper gegenüber eine d e u t s c h e Oper schaffen wollen (er sagte nicht, ⎡aber nicht⎤ eine ö s t e r r e i c h i s c h e). Heute sind ⎡bekanntlich⎤ die Verhältnisse durchaus verschieden. denn es gibt seit 1918 einen Unterschied zwischen der österreichischen und der deutschen Nation und damit auch der Kultur. Zu III) Auch das Biographische ist nicht ganz in Ordnung (Banalität wäre zu vermeiden). Die deutsch-patriotischen Aussprüche sind für Beethoven


Nr. 687 / 15. Februar 1952

359

nicht charakteristisch. Man sollte ihn nicht daran festnageln, auch wenn es uns heute bequem ist. ⎡Das ist ja absurd!!!⎤ Gewiss ist Beethoven ⎡ist⎤ (ich sage, scheint, da wir darüber nichts Genaueres wissen) praktisch von der französischen Revolution beeinflusst. Falsch da ⎡hin⎤ gegen ist, daß Beethoven wirklich Johann Sebastian Bach kannte. Er war nur vertraut mit dem wohlseparierten [sic!] Klavier, und die Goldberg-Variationen, kannte hingegen die historischen ⎡größten⎤ Werke Bachs, wie die Passionen und die H-Moll-Messe, nicht. Er war äußerst ⎡hingegen mehr⎤ beeindruckt von Händel, den er scheinbar Bach vorzog. (Uebrigens ist auch der deutsche Komponist Händel sehr wenig ⎡fast nie⎤ in Deutschland gewesen. Er war in seiner Jugend in Italien, später in England. Die deutsche Misere hat die besten Komponisten aus Deutschland ausgetrieben und sie an die Höfe der ⎡ausländischen⎤ Großmächte gebracht. Das sind für einen ⎡Ein⎤ Marxisten gar keine unbequemen Gedankengänge ⎡hat festzustellen⎤ , daß zwei der größten deutschen Musiker nicht in Deutschland gelebt haben, sondern sich international fühlten.) Dieser „Internationalismus“ ist der der großen bürgerlichen Revolution, des großen neuen ⎡bürgerlichen⎤ Humanismus. ⎡(Man sollte den Internationalismus⎤ „Die ..... Situation des deutschen Singspiels ist eine leichtfertige Behauptung und man müsste unterscheiden zwischen Oper und Singspiel, wobei festzustellen wäre, das beide höfischen Ursprungs sind. Dies gilt sowohl für die Opern-Periode (Anbeginn des 17. Jahrhunderts) in Italien als auch für die ersten Opern in Deutschland. Das Singspiel im eigentlichen Sinne existierte eigentlich damals nicht und Beethoven konnte davon nicht beeinflusst werden. Ebenso fragwürdig erscheint mir: „Früh lernte er auch das Schaffen der Komponisten der französischen Revolution und ihr hohes kämpferisches Arbeits-Ethos kennen.“ Ganz abgesehen davon, daß die Wortbildung „Arbeits-Ethos“ ⎡(Naziformulierung Anklang)⎤ unangenehm klingt, ist auch die Behauptung überhaupt falsch. Beethoven lernte nicht von den französischen Komponisten, denn bekanntlich hat die französische Revolution keine bedeutenden Komponisten hervorgebracht, sondern seine Vorbilder waren die Wiener Komponisten Haydn und Mozart und der Theorielehrer Albrecht ⎡b⎤ Berger. Um von diesen Meistern zu lernen, ging er nach Wien. Wäre es anders gewesen, wäre er nach Paris gegangen. Wien war das Zentrum der europäischen Musik und in diesem Zentrum hat sich ein Spiel ⎡ein⎤ der neue ⎡der Stil⎤ der großen Ideen der bürgerlichen Revolutionsausdrücke ⎡Musik⎤ ausgebildet. Vergleich ?Beethoven? Ihr hervorragendster Repräsentant ist eben Beethoven. Zu IV) Hier ist das Musikleben Wiens im allgemeinen richtig beschrieben. (Ich würde als Lehrer Beethovens Salieri nicht erwähnen, da er ein zu schlechter Musiker ist.) Die Behauptung, daß Beethoven im Verkehr mit Bernadotte und dem General Hullin seine republikanische Ueberzeugung festigte und ferner, daß diese beiden ihm „eine Vorstellung von einem kämpferischen kommunistischen Heldentum gaben“, scheint mir reichlich übertrieben


360

Kommentar

unsinnig⎤ . Bernadotte und Hulin waren keine bedeutenden Persönlichkeiten und von ihnen als ⎡kaum⎤ Vertreter eines „kommunistischen Heldentums“ zu sprechen, scheint mir absurd. Bernadotte und Hulin gehören eher dem Typ des jakubinischen Haudegens an, die in Wien als verhasste Sieger betrachtet werden. (Lieber …, hast Du darüber etwas gelesen? Es würde mich sehr interessieren!) Absurd scheint mir folgende Formulierung: „Je mehr sich in Oesterreich und den anderen Ländern Europas die Eruption festigte, umso eifriger hielt Beethoven Kontakt mit den revolutionär gesinnten …“ Dieses ist absurd formuliert, denn der ⎡Dieser⎤ Kausalzusammenhang steht auf schwachen Füßen. Interessant ist (übrigens mir unbekannt) ⎡Merkwürdig ist⎤ , daß der Bohemien Schindler (übrigens mir unbekannt), den ich nur als Laufburschen Beethovens kenne, ⎡bekannt ist, von dir⎤ zum Revolutionär erhoben wird. Die Geschichte mit der Widmung der EROICA ist gewiss richtig dargestellt, aber ein Satz wie: „Verfolgte er ⎡Napoleon⎤ später mit leidenschaftlichem Haß“, ist unmöglich ⎡falsch⎤ . Beethoven hat nicht in leidenschaftlichem Haß überhaupt etwas verfolgt. Er war ⎡gewiß⎤ von Napoleon enttäuscht, aber er hat nie aufgehört, ihn zu bewundern. Und die Bewunderung auch des Kaisers Napoleon teilte er mit den besten Köpfen Deutschlands. ⎡siehe Hegel⎤ Das hieße, ⎡Man darf⎤ Beethoven ⎡nicht⎤ in eine Reihe mit ⎡dem patriotischen Schwachkopf⎤ Theodor Körner stellen. Beethoven war ein so ⎡In Wahr⎤ ⎡Der⎤ großer Humanist und auch vielleicht, wie der ⎡Beethoven war gewiß für⎤ Code Napoleon, ⎡für⎤ das bürgerliche Recht, für einen ⎡den bürgerlichen⎤ Fortschritt gegenüber dem Feudalrecht in Deutschland und Oesterreich war. Die Widersprüchlichkeit Napoleons als Unterdrücker, der aber doch die bürgerliche Freiheit auf den Bajonetten nach Deutschland gebracht hat ⎡brachte⎤ , muss begriffen werden. Auch der Ausspruch nach der Schlacht bei Jena zeugt eher vom Neid und der Bewunderung Beethovens für Napoleon als von seinem Haß. Stilistisch unglücklich ist auch folgendes: „schleuderte er einem französischen Offizier, dem er begegnete, mit g e b a l l t e r F a u s t die Worte entgegen: Was die patriotischen Ideen in den Arbeiten Beethovens betrifft, muß man sehr vorsichtig formulieren. Sowohl Beethoven – als auch Goethe übrigens – haben den Widerspruch zwischen nationaler Unterdrückung und der Möglichkeit der sozialen Befreiung durchaus begriffen. Das Gelegenheitswerk „Wellington’s Sieg bei Vittoria“ ist eine der schwächsten Kompositionen von Beethoven, ein Kniefall vor der Reaktion. Denn Wellington ist nicht das Werkzeug der deutschen Einigung (zu der es bekanntlich nicht kam), und für Beethoven, der in Oesterreich lebte, waren die politischen Zustände Oesterreichs weitaus dringlicher. Auch vor diesem Gedanken, so unbequem er auch heute sein möge, kann man sich nicht drücken. Das oben Gesagte gilt auch für die mit Recht vergessenen Werke „Der glorreiche Augenblick“ und „Germanias Wiedergeburt“. Der vom kaiserlichen Hof bezahlte Beethoven hatte selbstverständlich Huldigungswerke ⎡


Nr. 687 / 15. Februar 1952

361

anläßlich des Wiener Kongresses abzuliefern, und es war für den Lehrer Erzherzogs Rudolf eine Selbstverständlichkeit, die seiner ⎡und es hat seiner⎤ Größe in keiner Weise Abbruch tut. ⎡gewiß nicht geschadet.⎤ Hingegen ist sehr gut die Darstellung der Entwicklung ⎡Depression⎤ Beethovens über die ⎡in⎤ Restauration ⎡speriode⎤ . Ueber die „Missa solemnis“ und die IX. Symphonie muß man Bedeutenderes sagen. So ist z. B. die „Missa“ das erste kirchliche Werk ⎡Sujet⎤ , das mit w e l t l i c h e m Geist erfüllt ist. Zum ersten Mal in der Musikgeschichte ist eine Messe von der Kirche in den Konzertsaal gebracht. Damit beginnt der Verfall der Kirchenmusik und der Aufstieg des bürgerlichen Konzertlebens. Auch auf die IX. Symphonie als eines der bedeutendsten Werke der Musikgeschichte wäre genauer einzugehen. Um nur einiges anzudeuten: Um neue Empfindungen aussagen zu können, braucht es eine neue Technik. In der gibt es ⎡N⎤ neue Tempis, neuartige Formen und eine neue ⎡Satz-⎤ Art, für ⎡neuartige⎤ Orchester ⎡ation⎤ zu schreiben. Beethoven hat uns gezeigt, daß ⎡hat⎤ Aufschwung und Optimismus in der Musik nur dargestellt werden kann ⎡ausgedrückt⎤ als ein Gegenstand ⎡Gegensatz⎤ zur tiefsten Verzweiflung. So ist z. B. der erste Satz einer der düstersten ⎡e⎤ und wildesten Musikstücke ⎡die gewiß dem billigen Seelenleben eines Spießers entspricht⎤ die wir kennen. Das Adagio von ⎡drückt⎤ größter Trauer und Verlassenheit ⎡aus⎤ , das Scherzo von ⎡ist von⎤ einer ⎡fast⎤ zynischen Lustigkeit – man kann es ⎡kann es sogar⎤ Galgenhumor nennen – und der letzte Satz erst bringt die Ueberwindung aller dieser Ausdruckszustände ⎡Verzweiflung;⎤ und wirkt dadurch besonders ⎡er wirkt durch die Gegensätzlichkeit⎤ großartig und erschütternd. Denn Schweres ⎡stes⎤ wurde überwunden. Und nicht ein billiges Heldentum war es, sondern ein schwer erkämpftes. Die technischen Neuerungen dieser Symphonie haben einen sehr großen Einfluß auf die musikalische Komposition des 19. und 20. Jahrhunderts ausgeübt (besonders das Adagio). Der ganze Absatz IV ist sprachlich sehr schwach und phrasenhaft. Ich schlage vor, daß man für die ganze Arbeit als ⎡durch die⎤ Hilfe ⎡von⎤ Johannes R. Becher oder ⎡und⎤ Bertolt Brecht hinzuzieht, um eine schöne ⎡bessere und⎤ Sprache und saubere Formulierung ⎡en⎤ zu erreichen ⎡t⎤ . Zu V) „Für Beethoven war es selbstverständlich, daß eine Musik … volkstümlich und verständlich sein müsse.“ Das ist eine sehr vage Behauptung, denn was damals volkstümlich war, wurde von Beethoven verachtet. (Rossini, Tanzmusik etc.) Beethoven verlangte von seinem Hörer ein sehr hohes ⎡Niveau – und eine besondere⎤ musikalisches Verständnis Bildung. Er hat sich oft ⎡immer wieder⎤ mit Bitterkeit über die musikalische Dummheit und den schlechten Geschmack seiner Zeit geäußert. Sein Begriff von Verständlichkeit und Volkstümlichkeit ist ein eigentümlicher und kann dem heutigen Begriff der Volkstümlichkeit nicht ohne weiteres gleichgesetzt werden. Kompositionen wie die Hammer-KlavierSonate, und die letzten Streichquartette, ferner die Fuge für Streichquartett und die Diabelli-Variationen sind auch heute nicht als volkstümlich zu


362

Kommentar

bezeichnen ⎡äußerst schwer verständlich und waren in Deutschland noch nie ‚volkstümlich‘.⎤ (Eine rühmliche Ausnahme bildet das Musikleben ⎡in⎤ der Sowjet-Union. So berichtet der Dirigent Her mann Abendroth, daß er in Moskau in einem Konzert vor 2.000 Hörern die Diabelli-Variationen mit größter Anteilnahme gespielt werden konnten. Das wäre bei uns vorläufig noch unmöglich.) Beethoven macht es seinem Hörer oft im allgemeinen sehr schwer. Aber er versteht es, zu differenzieren differenziert. So sind seine Symphonien im allgemeinen populärer wie seine als die ⎡mehr⎤ komplexe Kammermusik. Was soll übrigens so etwas das bedeuten: „Er verkörpert die Ideen der schöpferischen Tätigkeit des Volkes“. Solche Phrasen sollte man vermeiden. denn sie besagen nichts. Man kann sollte auch nicht ohne weiteres ⎡nicht⎤ sagen, daß die Grund lage von Beethovens Musik die deutsche Volksmusik bildet, ohne auch ⎡sofort⎤ dazu zu fügen: die österreichische. Man muß sagen: auch die österreichische. Es entspricht nicht dem ⎡Dem⎤ Charakter Beethovens, zu sagen: ⎡entspricht nicht:⎤ „Beethoven betrachtet den Frieden nicht als ein Geschenk des Himmels.“ Das ist nicht der Stil ⎡die Art⎤ Beethovens. Und weiter würde er auch nicht sagen ⎡Auch:⎤ „Für ihn bildet der Friede ein Ziel, das den Einsatz unerschrockener Kämpfer und Helfer erfordert“. Das heißt, eine große historische Persönlichkeit für die Tagespolitik zurechtschnitzen, eine Methode, die ⎡wir⎤ Marxisten ablehnen. Der Der weitere Satz Absatz, der mit den Worten ⎡Der Absatz:⎤ „In diesen Werken zeigt er etc.“ ist ebenfalls phrasenhaft gestellt und sollte gestrichen werden. Zu V) [VI] Der Beginn des Abschnittes ist nicht uneben, aber es müsste folgendes hinzugefügt werden: Beethoven war der erste ⎡als⎤ Komponist, der nicht provinziell war, sondern der ⎡hat⎤ einen Stil geschaffen hat für die großen Städte ⎡die Metropolen,⎤ wie Wien, Berlin, Paris, London. ⎡etc.⎤ Er ist ein bürgerlicher Humanist größten Stils und nur Goethe gleichzusetzen. Ihn hingegen als friedensliebenden provin ziellen Charakter zu beschreiben, scheint mir abwegig ⎡ist unmöglich⎤ . Es ist auch schlecht ⎡Man darf eben⎤ Beethoven auf ⎡nicht auf einige⎤ Aussprüche „festzunageln“. Bekanntlich war Beethoven taub und hat vieles ⎡. Er hat vielerlei⎤ in seinen Skizzenbüchern notiert, das mehr einer Laune entsprach als einer soliden ‚Weltanschauung‘. Außerdem muß hinzugefügt werden, daß ⎡Der Rheinländer⎤ Beethoven, der im Rheinland geboren wurde, ⎡war⎤ ein Trinker war. Im Totenschein steht als Grund seines ⎡des⎤ Ablebens folgendes: „B ⎡S⎤ edebat et bibebat“, das heißt zu deutsch: Er saß zu viel und trank zu viel. So hat er oft in Weinlaune (siehe die Tagebücher Grillparzers) Aeußerungen gemacht, auf die man ihn, wie schon oben gesagt, nicht festlegen soll, und vor allem, aus denen man keine „Weltanschauung“ machen soll. Es ist immer ⎡wäre⎤ wieder zu wiederholen, daß Beethoven der ⎡ein⎤ große ⎡r bürgerlicher⎤ Humanist war, ein Jakobiner, der ⎡n⎤ in der ⎡ie⎤ Restauration ⎡bitter⎤ enttäuscht ⎡e⎤ war (hiermit ⎡so⎤ erklärt sich die Eigentümlichkeit ⎡Depression⎤ seiner letzten Werke), aber in keiner Weise das, was wir heute mit Recht einen Patrioten nennen. Für ihn war der ⎡Auch war sein⎤ Humanismus nicht landschaftlich ⎡nicht⎤ gebunden. Es


Nr. 687 / 15. Februar 1952

363

ist bekannt, daß die englische Bourgeoisie, die französische Bourgeoisie und die deutsche Bourgeoisie Beethoven sehr geehrt hat ⎡und auch geholfen hat⎤ . Es muß erinnert werden an die außerordentlich kritischen Essays der Beethoven-Werke von E.T.A. Hoffmann und Robert Schumann. ⎡So hat⎤ Die englische Kaufmannschaft hat Beethoven öfters mit Geld ausgeholfen. So hat mann ⎡Man hat⎤ das Arrangement ⎡s⎤ schottischer Lieder bei ihm bestellt (er hat keine ⎡kaum⎤ deutschen Volkslieder ar rangiert); hingegen hat sich d ⎡D⎤ er österreichische Adel ⎡benahm sich⎤ miserabel gegen Beethoven ⎡: Es gab eine Menge Prozesse um die versprochenen Jahresgelder, die durch die Inflation entwertet waren und die der Adel nicht aufwenden wollte.⎤ benommen, obwohl er u ⎡U⎤ m ihn in Wien zu halten (denn er wollte ⎡beabsichtigte⎤ zum König Jerôme als Hofmusiker gehen, ⎡)⎤ und es spricht nicht für seinen Patriotismus, daß er als Deutscher nicht hingegangen ist). Als er auf dem Sterbebett lag, schickte ⎡sandte überwies⎤ die englische Philharmonie ⎡Beethoven⎤ eine große Summe Geldes; die österreichische und die deutsche Bourgeoisie hat sich um ihn ⎡hingegen⎤ nicht ⎡um ihn⎤ gekümmert. Beethoven war über diese Geldzuwendungen der englischen Bourgeoisie äußerst gerührt und begeistert. Er hatte übrigens Schwierigkeiten (die zu Prozessen führten) mit dem österreichi schen Adel, der seine finanziellen Versprechungen nie hielt. ⎡Auch war Angestellter⎤ ⎡Auch der Kaiser Hof!⎤ Solche Dinge müssen erwähnt werden, denn i ⎡I⎤ ch wiederhole: Beet hoven war ein so großer Humanist und hat ⎡bürgerlicher Jakobi ner, und zwar ein⎤ ⎡enttäuschter.⎤ es ⎡Es ist⎤ nicht notwendig, ⎡ihn⎤ zu einer Provinzfigur zurechtgeschnit ⎡en⎤ zt zu werden. Zu korrigieren wäre auch folgende Phrase: ⎡Unmöglich ist folgende Formulierung:⎤ „Dem flammenden Sänger der brüderlichen Verbundenheit der Völker, dem flammenden Sänger der Botschaft des Frie dens“. Das sind, an Beethoven angewendet, Phrasen, die zu ver meiden wären. Außerdem ist es ein miserables Deutsch, banal und kitschig. Der Friede und die Verbundenheit der Völker ist eine viel zu ernste Sache, um so banal formuliert zu werden. Daß es für Beethoven selbstverständlich war, volkstümlich und verständlich ⎡zu sein⎤ sein zu müssen, ist falsch. ⎡fragwürdig.⎤ Beethoven hatte Neues auszudrücken, brauchte ⎡also⎤ eine neue Technik, die in kei ner Weise sofort verstanden wurde. Es ist bekannt, daß noch 1840 von Spohr die IX. Symphonie von Beethoven als das Werk eines Schwachsinnigen bezeichnet wurde. Und es gab immer Leute, die die letzten Quartette von Beethoven (die zu den größten Kunstwerken der Musikgeschichte zählen) als unverständlich, absurd, unspielbar, verworren, ablehnen. Dass Beethoven „mit großem Scharfblick“ die rasch wechselnden politischen Situationen seiner Zeit als Aufgabe des Tages erkannt hat, ⎡ “⎤ scheint mir reichlich übertrieben. Man soll nie vergessen, daß er ein Komponist am Kaiserlichen Hof war und Verpflichtungen zu erfüllen hatte, ob er wollte oder nicht. Es gibt so etwas in der Kunst wie Zwang für den Künstler, ⎡aus finanziellen und politischen Ursachen⎤ und er ⎡man⎤


364

Kommentar

soll ⎡te⎤ genannt werden. ⎡davon sprechen.⎤ Die Größe Beethovens ist, daß er eigentlich der erste Komponist war, der diesen Zwang überwinden konnte und sich wie ein ⎡und⎤ Jakobiner benahm ⎡war und nie ein Renegat⎤ . Vom „Scharfblick etc.“ zu reden, ist völlig falsch. Auch der weitere Absatz, der mit den Worten „So brachte er seinen Zeitgenossen etc.“ beginnt, ist nicht stichhaltig. Beethoven war, da er eine neue musikalische Sprache zu sprechen hatte, um neue Inhalte auszudrücken, sehr interessiert an der musikalischen Technik. Es ist immer wieder an ⎡notwendig⎤ diesem ⎡n⎤ provisorischen Entwurf ⎡scharf⎤ zu kritisieren ⎡, denn⎤ die Unmenge von Phrasen, die ⎡verfälschen⎤ das BeethovenBild verfälschen. Der Heroismus Beethovens ist, d ⎡D⎤ aß er trotz allem Beethoven war. Dies ist nicht verstanden und herausgearbeitet worden. Brauchbar ist der Abschnitt: „In seinen Instrumentalwerken…“, obwohl auch das besser und nicht so feurig formuliert werden sollte. Ich verstehe nicht: ⎡Unverständlich ist:⎤ „Die Bearbeitung deutscher Volkslieder von Beethoven“. Was soll das? Das ist doch für Beethoven nicht charakteristisch. Es ist sinnlos ⎡zu versuchen⎤ , Beethoven zum Mitglied des Komponistenverbandes der DDR zu machen. ⎡also⎤ „So wie Beethoven, der große deutsche Patriot, selbst alle Völker in aufrechter demokratischer Gesinnung achtete und liebte, so hat er auch das deutsche Volk erzogen, mit allen Völkern in Freundschaft und Frieden zu leben“ sind ⎡Das sind⎤ Phrasen, die zu vermeiden wären. Hingegen ist ⎡wäre⎤ der Ausspruch Lenin’s über die „Appassionata“ (sie ⎡er⎤ wäre ausdrücklich zu nennen, weil Lenin sich darauf bezieht) wörtlich zu zitieren. Lenin hatte es bekanntlich abgelehnt, Beet hoven weiter zu hören, weil ⎡da⎤ es ihn zu sehr erregte und er sich gewissermaßen vor so viel Leidenschaft fürchtete ⎡ablehnte⎤ . Er sagte ungefähr: „Es wäre schön, solche Musikstücke zu hören, aber leider erlaube es die Zeit nicht. Solche Musik verleitet, Menschen zu streicheln; aber wenn man heute Menschen streicheln würde, würden sie einem den Finger abbeißen. Man müsse sie eher schlagen.“ Ich gebe zu, daß dieses großartige Lenin-Zitat in der jetzigen Periode überdacht werden soll. Ich stelle anheim, ob ein solcher Ausspruch von Lenin heute zitiert werden soll, da er den Geist des Kriegskommunismus widerspiegelt. Lenin würde sich in einer späteren Periode ⎡vielleicht⎤ anders geäußert haben. „Beethovens geniales Werk gab der deutschen Musik der letzten 125 Jahre entscheidende Impulse.“ Das ist richtig, aber es werden nur einige Komponisten genannt. In Wahrheit hat er allen Komponisten Impulse gegeben und ⎡, er⎤ schuf eine neue musikalische Technik. Seit Beethoven gibt es das, was wir die ⎡man⎤ „moderne Musik“ nennen. Es ist sehr interessant, festzustellen, daß die heutige moderne Musik ⎡Arnold Schönberg z. B. gerade⎤ an die letzten Streichquartette von Beethoven anknüpft, die heute noch als ⎡äußerst⎤ kühn zu bezeich nen sind. Ich würde einen Satz wie „Welch erhabenes künstlerisches Ethos spricht aus seinen Worten etc.“ als geschmacklos streichen.


Nr. 687 / 15. Februar 1952

365

Zu VII) Zu dem Satz „Beethovens humanistisches Werk und das kämpferische Beispiel seines Lebens sind heute eine scharfe Waffe im Kampf um die nationale Einheit Deutschlands“. Auch das ist ein leichtfertiger Satz. Wie ich schon oben festgestellt habe, hat sowohl Herr Hitler Beethoven benutzt, die ⎡benutzt als auch und heute benutzen die⎤ amerikanischen Banditen benutzen Beethoven täglich, ebenso die französische Bourgeoisie, Franco-Spanien und Bonn ⎡etc⎤ . Sinnlos z ⎡Z⎤ u behaupten, daß Beethovens Werk die Einheit Deutsch lands fördert. ⎡ist ein falsch. Er tut es leider nicht.⎤ Hingegen wäre durchaus ⎡es⎤ richtig ⎡und notwendig⎤ , daß der ⎡sein⎤ 200. Geburtstag Beethovens ein Anlaß sein kann ⎡soll⎤ zu einer gemeinschaftlichen ⎡gemeinsamen⎤ Feier ⎡von⎤ (Ost und West). Aber auch d ⎡D⎤ as ist äußerst ⎡sehr⎤ schwierig, da, wie ich von meinem Freund Mayer [Ernst Hermann Meyer] höre, d ⎡D⎤ ie Bonner Banditen alles machen werden, um eine solche Einheitskundgebung zu sabotieren. Sehr gut finde ich den Abschnitt der Beschreibung Beethovens als Gipfel der großen deutschen Musiktradition, obwohl ich das Wort „Gipfel“ aus sprachlichen Gründen vermeiden würde. Man sollte aber den Namen ⎡Richard⎤ Wagner im Zusammenhang mit Beethoven weglassen ⎡nicht nennen⎤ , denn Wagner hat Beethoven mißverstanden und verfälscht. Falsch ist, daß die amerikanischen Kulturbarbaren das Andenken Beethovens schänden. Beethoven wird in Amerika sehr viel gespielt und hoch geehrt. Das möge für uns unbequem sein, ist aber ein Fakt. Es wäre zu erinnern, daß es keine Nation und keine Klasse gibt, die Beethoven nicht auf das höchste ehrt. Beethoven in Zusammenhang mit „kosmopolitischen Zersetzungsversuchen“ zu bringen, ist unsinnig. ⎡sinnlos, da er überall gespielt und gefeiert wird.⎤ Auch benütze man ihn nicht, um das „Nationalbewusstsein der Deutschen zu zerstören“, das übrigens äußerst entwickelt ist. (Ich erinnere nur an die Soldatenbünde, die gewiß nicht an Mangel an Nationalbewusstsein leiden, ebenso ⎡an⎤ die faschistischen Generäle.) ⎡etc. und ähnliche Verbrecher die Ruhrindustriellen, die gewiß nicht an einem Mangel von Nationalbewußtsein leiden.⎤ Es ⎡Auch⎤ ist bekannt, warum Bonn als Sitz des Bundestages gewählt ⎡wurde.⎤ worden ist und nicht eine andere Stadt. Es war eine Schiebung, über die übrigens der „Spiegel“ genaues Material gegeben hat. Es handelt ⎡e⎤ sich um Bestechung und hat mit Beethoven überhaupt nichts zu tun. „Das Bemühen jedes deutschen Patrioten muß es sein … (ein unmögliches Deutsch), diese Schmach von Beethovens Geburtsstadt … abzuwenden“ ⎡er⎤ gibt keinen Sinn, denn wir wenden uns an die Nationale Front und haben sehr vorsichtig zu formulieren, um jedes Sektierertum zu vermeiden. Es ist gewiss richtig, daß sich „die Einheit von Mensch und Werk bei Beethoven findet“, hingegen habe der „aufrichtige Deutsche nicht ⎡durch ihn⎤ die Kraft gefunden“ – wie Du behauptest. Das sind Phrasen. Wenn wir heute Deutschland betrachten, so gibt es sehr wenig aufrichtige Deut-


366

Kommentar

sche, und von „Kraft“ kann bei 2/3 unseres Landes kaum gesprochen werden. Daß durch seine Musik alle friedliebenden und fortschrittlichen Kräfte der Menschheit verbunden werden, ist falsch. Die ⎡Übrigens werden unsere⎤ erbittertsten politischen Geg ner werden Beethoven auf das höchste ehren, ohne ihre Gegnerschaft nur für einen Moment aufzugeben.

688. An Kurt Lade (Deutsche Akademie der Künste), 18. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8091; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen Der Grafiker und Maler Kurt Lade (1905–1973; ab 1936 Exil in Prag und ab 1939 in London) war als stellvertretender Direktor der Akademie auch für die Nachwuchsförderung zuständig. 8 Zeilen vom 15. ds. Mts.] Lade hatte zur Sitzung der Aufnahmekommission für Meisterschüler am 29. Februar 1952 eingeladen (HEA 8091).

689. An den Dietz Verlag, 21. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 4974; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt. Erläuterungen 9–10 Ihren Brief … Adresse] Der Verlag hatte die „wärmsten Grüsse“ von Albert Maltz übermittelt (Brief vom 15. Februar 1952, unterzeichnet „I. A. Kimmel“) und schickte am 22. Februar 1952 (HEA 4974) die erbetene Adresse in Cuernavaca, bei Mexico City. Daraufhin kam es zu einem Briefwechsel zwischen Maltz und Louise Eisler (je 5 Briefe, 26. Februar bis 8. Dezember 1952, HEA 4743), die daran interessiert war, seine Theaterstücke zu übersetzen. Außerdem erlangten die Eislers durch diesen Kontakt authentische Informationen über Clifford Odets’ Verhalten bei den HUAC-Hearings und die Reaktionen amerikanischer Künstler (siehe auch Komm. zu Nr. 664 und 691). 10 M a l t z] Der US-amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Albert Maltz (1908–1985) war einer der sogenannten „Hollywood Ten“, die wegen ihrer Aussageverweigerung vor dem HUAC verurteilt wurden. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe (1950/51) emigrierte Maltz nach Mexiko. Der Ost-Berliner Dietz Verlag publizierte ab 1949 mehrere seiner Romane erstmals in deutscher Übersetzung. Die Eislers waren Maltz zuerst 1935 in New York begegnet (siehe Nr. 125 u. 168).

690. An Maximilian Scheer (Deutschlandsender), 23. Februar 1952 Quelle: AdK Berlin, HEA 8127; Typoskript, Durchschlag, 1 Blatt.


Dies ist eine Leseprobe. Nicht alle Seiten werden angezeigt. Haben wir Ihr Interesse geweckt? Bestellungen nehmen wir gern Ăźber den Musikalienund Buchhandel oder unseren Webshop entgegen.

This is an excerpt. Not all pages are displayed. Have we sparked your interest? We gladly accept orders via music and book stores or through our webshop.


Hanns Eisler Gesamtausgabe

Serie I

Chormusik

Serie II

Musik für Singstimme und Instrumentalensemble oder Orchester

Serie III

Musik für Singstimme und Klavier

Serie IV

Instrumentalmusik

Serie V

Bühnenmusik

Serie VI

Filmmusik

Serie VII

Skizzen und Fragmente

Serie VIII

Bearbeitungen fremder Werke

Serie IX

Schriften

A 20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
BV 350 – Eisler IX Briefe 3 by Breitkopf & Härtel - Issuu