














Urheberrechtlich geschütztes Material

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MÜNCHEN • LONDON • NEW YORK

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Innentitel: Tsukioka Yoshitoshi, Beim Durchqueren des Flusses Hidaka verwandelt sich Kiyo hime in eine Schlange, 1902, Ausschnitt
Philadelphia Museum of Art
S. 1: Unbekannter Künstler, Nachtparade der 100 Dämonen (Hyakki yagyō), Ausschnitt.
Tokio, Nationale Parlamentsbibliothek, Digitale Sammlungen
S. 2: Tsukioka Yoshitoshi, Fuwa Bansaku, 1865, Ausschnitt
Amsterdam, Rijksmuseum
S. 4: Tsukioka Yoshitoshi, Fürst Kurokumo und die Erdspinne, 1867, Ausschnitt Oxford, Ashmolean Museum
S. 6/7: Tsukioka Yoshitoshi, Nachtparade der 100 Dämonen (Hyakki yagyō), 1865, Ausschnitt Egenolf Gallery, USA
S. 8: Tsukioka Yoshitoshi, Die Geschichte vom Spatz mit der abgeschnittenen Zunge, 1865, Ausschnitt Minneapolis Institute of Art
S. 10/11: Unbekannter Künstler, Die vier Diener des Raikō und das Kerzenungeheuer, um 1868 Boston, Museum of Fine Arts
S. 12: Unbekannter Künstler, Der Gott Susanoo no Mikoto tötet Dämonen, um 1868, Ausschnitt Boston, Museum of Fine Arts

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PHILIPPE CHARLIER •
»Die [Wesen], die wir Missgestaltete nennen, sind dies nicht in den Augen Gottes, der in der Unermesslichkeit seines Werkes die endlose Vielfalt der Formen sieht, die er geschaffen hat.«
Michel de Montaigne, »Über ein missgestaltetes Kind« (1595), in: Essais, Zweites Buch, Kapitel 30, Übersetzung Birgit LamerzBeckschäfer
»Es ist die Eigenheit der Hölle, dass bis in den letzten Winkel alles deutlich sichtbar ist. Und das bei völliger Dunkelheit!«
Yukio Mishima, Der Goldene Pavillon (Orig. 1956), Übersetzung Ursula Gräfe, Zürich/Berlin 2020/2023, S. 121
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Sie sind in die Farben unserer Träume gehüllt, eher noch unserer Albträume. Yōkai, wörtlich »überirdische Wesen«, so sagt man, verkörpern unsere Ängste, unsere Furcht vor der Natur, vor dem Unbekannten, vor der Dunkelheit. Sie sind Fleisch gewordene Angst und als solches abscheuliche Monstren. So etwa die Schlange mit dem Menschenkopf – eigentlich eine Witwe aus Bishu, die sich in ihrer zügellosen Eifersucht Nacht für Nacht in eine gehörnte Schlange mit wirrem Haarschopf verwandelt und mit ihrer messerscharfen metallischen Schwanzspitze ihre glücklich verheirateten Geschlechtsgenossinnen attackiert. Yōkai hausen überall, wo die blanke Angst uns packt: in Wäldern, Brunnenschächten, düsteren Zimmern, Burgverliesen, abgelegenen Tempelhallen, einsamen Pavillons, in Höhlen, auf Friedhöfen und Dachböden. Überall, wo es uns eiskalt den Rücken hinunterläuft, begegnen uns yōkai . Doch während der Mensch weiterhastet, bleiben sie an Ort und Stelle zurück wie eine unauslöschliche Spur, eine nie verblassende Narbe. Dort, wo uns eine Urangst erfüllt, lebt der yōkai weiter und versetzt auch die nächste und die übernächste Person, die ihm begegnet, auf immer gleiche Weise in Angst und Schrecken. Diese Furcht ist ansteckend und treibt endlose bizarre Blüten, wie sie nur die menschliche Fantasie hervorbringen kann.
In all diesen Geschichten ist es dunkel, denn die Finsternis schürt das Unbehagen. In der EdoZeit (1603–1867) waren die Straßen – wie man sich unschwer vorstellen kann – mit Ausnahme der Vergnügungsviertel nach Einbruch der Nacht in tiefes Dunkel gehüllt, allenfalls erhellt von den Laternen der wenigen, die sich um diese Zeit hinauswagten. Eine Stimmung, wie geschaffen für Geisterscheinungen, seien sie real oder nur