Hans-Jürgen Gaudeck · Roman Hinke
Antonio
VIVALDI
Die vier Jahreszeiten
Hans-Jürgen Gaudeck · Roman Hinke
Antonio Vivaldi – Die vier Jahreszeiten
Hans-Jürgen Gaudeck · Roman Hinke
Antonio Vivaldi Die vier Jahreszeiten
edition federchen
Ste≈en Verlag
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Prolog Musik und Bilder zu vereinen, Töne und Farben – das ist ein uralter Traum. Geträumt von Musikern und Malern gleichermaßen. Wieder und wieder. Über die Jahrhunderte hinweg. Ein musikalisch-bildnerischer Versuch über die Jahreszeiten könnte demnach ein recht bequemer Spaziergang sein. Ein Ausflug in vertrautes, allzu vertrautes Terrain, entlang vorhersehbarer Wegmarken und hübscher Blickfänge. Ein lässiger Bummel durch die verschiedenen Aggregatzustände einer Landschaft, gesäumt von braver Selbstverständlichkeit. Könnte – muss er aber nicht, wie unser Buch zeigen wird. Denn es spricht durchaus für einigen Wagemut, den sattfarbenen Pinselstrich des venezianischen Barockkomponisten Antonio Vivaldi, seinen ebenso kunstfertigen wie handfesten, mitunter herrlich naiven Realismus mit dem zart andeutenden Filigran in der reduzierten Bildsprache des Berliner Aquarellisten Hans-Jürgen Gaudeck zusammenzuführen. Von Wagemut und Neugier zugleich. Denn je kleiner der gemeinsame Nenner, je offenkundiger die Unterschiede in der Art und Weise sich mitzuteilen, desto spannender die Gegenüberstellung. Desto aufschlussreicher zu beobachten, wie aus augenscheinlichen Widersprüchen ein vielgestaltiger Dialog sich gegenseitig bereichernder Sichtweisen entsteht. Und desto lohnender, hörend zu schauen, schauend zu hören, ob nicht mehr Gemeinsamkeiten im Detail verborgen liegen, als zunächst gedacht. In einem jedenfalls stehen Maler und Komponist zweifellos eng beieinander: in der Wiedergabe von Stimmungen. Beide erspüren die spezifischen Wirkungen der sich wandelnden Natur auf den Menschen. Empfindungen und Reflexionen, die so universell sind, dass geografische Distanz jede Bedeutung verliert.
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Stille mit Störenfried Szenenwechsel. Dämmerung liegt über dem Schauplatz. Abendfrieden. Wie aus dem Nichts heraus zieht eine einsame, ziemlich traurige Melodie durch die Landschaft, fast so, als sei sie aus dem Traum heraus geboren. Der Solist scheint hier die Rohrflöte eines Schäfers nachzuahmen, während ein kaum wahrnehmbares Murmeln in den übrigen Vio linen die gedämpften, nur schwer definierbaren Grundgeräusche im schwindenden Licht des Sonnenscheins imitiert: Blätterrauschen, minimale Luftbewegungen. Das erste Terzett des vorangestellten Gedichts schafft Klarheit über das Sujet: Man erblickt einen vor sich hin dösenden Hirten auf blühender Wiese mit seinem ergebenen Hund an der Seite. Wie zuckersüß und trivial zugleich könnte dieses Bild andächtiger Stille sein, wäre da nicht das fortgesetzte Bellen des treuen, aber etwas übereifrigen Gefährten. Zu hören in einem völlig unsanglichen, mitunter quer zur Tonart stehenden Motiv der Bratschen. Penetrant wiederholt, immer stramm gegen das Metrum der Kantilene. »Il cane che grida« notiert Vivaldi direkt in der betreffenden Stimme, fordert eine laute, hart angerissene Spielweise und gibt dadurch zu verstehen, wie mit diesem musikalischen Widerhaken der derben Sorte umzugehen ist. So kontrapunktieren die Bratschen nicht nur die träumerische Melodie der Solovioline, sie drücken der gesamten Szene ihren Stempel auf. Man sieht Vivaldi beim Füllen der Notenblätter vor sich hin schmunzeln, amüsiert über seinen ebenso erlesenen wie augenzwinkernden Kunstgriff. Gleichwohl: Am Ende kehrt Versöhnung ein. Die Melodie klingt mit leisem Triller aus, das Flüstern der Natur versiegt im Schlaf. Und selbst der nervige Kläffer gibt endlich Ruhe.
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L’Estate | Der Sommer In der harten Jahreszeit, bei gleißender Sonne schmachten Menschen und Herde, und die Pinie verbrennt. Der Kuckuck erhebt seine Stimme, und bald erklingt auch der Gesang von Turteltaube und Stieglitz. Der Zephyr weht sanft, aber plötzlich beginnt der Nordwind einen Streit mit seinem Nachbarn. Und der Hirte weint aus Furcht vor dem aufziehenden heftigen Gewitter und um sein Schicksal. Seine müden Glieder werden aus der Ruhe herausgerissen aus Angst vor furchtbarem Blitz und Donner und durch einen rasenden Schwarm von Fliegen und Brummern. Ach, wie bald seine Ängste doch wahr werden: Der Himmel donnert und blitzt, und riesige Hagelkörner schlagen die Ähren der reifen Getreidehalme ab. 38
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Freund Bacchus und die Folgen Die Stimmung, in der Vivaldi die Ankunft des Herbstes begrüßt, erinnert auf verblüffende Weise an den Beginn seines Frühlingskonzerts. Auffallend ähnlich ist der Duktus der schlichten Motive, die hier einen ausgelassenen, rhythmisch gleichwohl etwas stolprigen Freudentanz der Dorfbewohner begleiten. Wirkungsvoll aufgeteilt zwischen Orchester und Solist, dabei putzmunter und bäuerlich derb zugleich. Ähnlich sind aber auch die handwerklichen Mittel ihrer Verarbeitung: Auch diesmal wechseln Forte und Piano einander ab, bringen Kontraste ins Geschehen, Farbe wie räumliche Tiefe. Und selbst die Harmonik, diesmal auf pastoralem F-Dur gründend, folgt denselben Wegbiegungen und Zielmarken. Es klingt, als schlage Vivaldis Musik ganz bewusst eine gedankliche Brücke zwischen dem Aufbruch der Natur im Lenz und der opulenten Fülle ihrer Erträge zur Erntezeit. Was im Frühling keimte und spross, wird nun glücklich eingefahren. Vergessen die Plagen des Sommers, vergessen die Albträume und Wetterkapriolen. Der Zyklus des Reifens hat sich geschlossen. Auf idealtypische Weise. Unbeschadet. Wundergleich. Doch wie nicht anders zu erwarten, hat auch dieser Satz manch Unerwartetes im Gepäck. So lenken die nun folgenden solistischen Passagen den Fokus auf eine ganz spezielle Frucht des Herbstes. Und abermals hat ein übernatürliches Wesen seine Finger im Spiel. Denn dank Bacchus, den Römern heilig als Gott der Fruchtbarkeit und des Weines, verwandelt sich die Szene unversehens in ein Schelmenstück der grotesken Art. Wir hören von einem göttlichen Getränk und seinen allzu irdischen Folgen: stark alkoholisierte Musik. 54
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Von Winden verweht Einen kleinen Vorgeschmack von den unfreiwillig komischen Seiten des Winters hatte schon der erste Satz gegeben. Der letzte nun wartet mit einer Handvoll neuer musikalischer Pointen auf: Zu Anfang hören und sehen wir einen Spaziergänger, der sich vorsichtig tastend und stets um sein Gleichgewicht besorgt auf der starren Fläche des Eises bewegt. Unschlüssige, etwas ziellose Motive der Solovioline und hohen Streicher über unbeweglichem Bassfundament deuten es an. Wir werden Zeuge, wie jede noch so kleine Leichtfertigkeit mit Stürzen bestraft wird, womit die Unsicherheit stetig wächst. Letztlich geschieht, was geschehen musste: Unser Held gerät in Panik, lässt alle Umsicht fahren und beschleunigt sein Tempo. Immer abenteuerlicher wird sein Straucheln, immer bizarrer die Sprünge des Violinparts, bis beide gänzlich den Boden unter den Füßen verlieren. Die bis hierher stabile, verlässliche Basis der Basstöne bricht abrupt ein. Das Eis birst und reißt sein beklagenswürdiges Opfer mit sich. Als sei dies noch nicht fatal genug, kehrt Vivaldi im Nachsatz noch einmal zu seinem Lieblingsthema zurück und erteilt den Winden das letzte Wort. Der gemäßigte Schirokko aus den fernen Wüstenregionen der Sahara wagt erste Gehversuche, nährt dabei mög licherweise sogar die Hoffnung auf Frühling, gibt sich aber, wie die zaghaften, von Pausen zerpflückten Motive erkennen lassen, viel zu schüchtern um seiner Gegenspielerin, der kalten Bora, ernstlich Paroli bieten zu können. So enden Satz wie Konzertzyklus in einem ganz und gar unversöhnlichen Furor der Naturgewalten. Einem Krieg der Winde, dem nichts widersteht. 70
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»Gaudeck lotet optisch mit allen Facetten aus, was der Schriftsteller so vielschichtig notiert hat ...« Berliner Zeitung
Theodor Fontane, Hans-Jürgen Gaudeck
Ein weites Land 84 Seiten, 40 Abbildungen, Festeinband ISBN 978-3-941683-37-2 16,95 €
Theodor Fontanes Reiseschilderungen machen selig – gleich, ob grüngemusterte Gärten oder Havelforsten beschrieben werden, neue Orangeriehäuser und Schilfgürtel, fester Lehm oder weißes Gewölk. Zuneigung zu Land und Leuten ist es auf jeden Fall, und Zuneigung birgt Licht. Dieses Licht ist den Aquarellen Hans-Jürgen Gaudecks eigen und so besticht der Band in Wort und Bild.
Weitere Bände von Hans-Jürgen Gaudeck unter www.steffen-verlag.de
»Wer dieses schön gestaltete Buch besitzt, wird es immer wieder gern hervorholen, um darin zu blättern und sich ein ums andere Mal verzaubern zu lassen.« Der Tagesspiegel
Rainer Maria Rilke, Hans-Jürgen Gaudeck
Oh hoher Baum des Schauns 92 Seiten, 43 Abbildungen, Festeinband ISBN 978-3-941683-46-4 16,95 €
Rainer Maria Rilke zählt zu den großen deutschen Dichtern der literarischen Moderne, seine Lyrik zu den Sternstunden der Dichtkunst. Noch heute bewegen und begeistern seine Gedichte mit ausdrucksstarken poetischen Botschaften Generationen. Rilkes sensible Lyrik und die Bilder des Berliner Aquarellisten Hans-Jürgen Gaudeck vertiefen sich gegenseitig im Dialog.
Weitere Bände von Hans-Jürgen Gaudeck unter www.steffen-verlag.de
Impressum Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 1. Auflage 2018 © edition federchen im Steffen Verlag GmbH Berliner Allee 38, 13088 Berlin, Tel. (030) 41 93 50 14 info@steffen-verlag.de, www.steffen-verlag.de Herstellung: STEFFEN MEDIA | Friedland – Berlin – Usedom www.steffen-media.de ISBN 978-3-941683-83-9
Der bezauberndste Jahresreigen der Musikgeschichte zum Lesen und Schauen Ob Vogelzwitschern oder Blätterrauschen, Gewitterkrachen oder Kälteklirren – Antonio Vivaldi fing Naturstimmungen so plastisch ein in seinen Violinkonzerten »Die vier Jahreszeiten«, dass sie immer wieder aufs Neue faszinieren. In ebenso geistreichem wie instruktivem Stil setzt sich Musikessayist Roman Hinke mit dem venezianischen Meister auseinander, mit dem Komponisten und seinem Werk, das weit über den Kreis von Klassikliebhabern hinaus geschätzt wird. Fantastik und Tonmalerei der berühmten Konzerte inspirierten auch Aquarellmaler Hans-Jürgen Gaudeck, den Wandel der Jahreszeiten auf Papier zu bannen: vom Knospen der Bäume über die lähmende Sommerhitze in Wald und Feld bis hin zur Winterstarre des gefrorenen Sees. Ein Kleinod zum Lesen und Schauen, Vivaldis Musik im (inneren) Ohr. ISBN 978-3-941683-83-9
www.ste≈en-verlag.de