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Leseprobe "Prominente in Berlin-Grunewald"

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Inhalt

Zum Geleit Burkhardt Sonnenstuhl

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Vorwort Rüdiger Reitmeier

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Aus der Geschichte der Villenkolonie Grunewald Harry Balkow-Gölitzer

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Salonkultur Rüdiger Reitmeier

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Grunewald – Ein Kapitel vom Leben und Tod des deutschen Judentums Rüdiger Reitmeier

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Grunewald im Nationalsozialismus Harry Balkow-Gölitzer

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Grunewald und die Musik Rüdiger Reitmeier

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Karl Abraham Rüdiger Reitmeier Edith und Fritz Andreae Rüdiger Reitmeier

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Ingeborg Bachmann Harry Balkow-Gölitzer Vicki Baum Bettina Biedermann Willy Birgel Harry Balkow-Gölitzer Georg Bondi Rüdiger Reitmeier Isadora Duncan Jörg Riedel Hans Ehrenbaum-Degele Rüdiger Reitmeier Samuel Fischer Rüdiger Reitmeier Hans Frank Harry Balkow-Gölitzer Joachim Gottschalk Harry Balkow-Gölitzer Gustaf Gründgens Harry Balkow-Gölitzer Maximilian Harden Rüdiger Reitmeier Theodor Heuss Harry Balkow-Gölitzer Engelbert Humperdinck Jörg Riedel Harald Juhnke Harry Balkow-Gölitzer Helene Lange und Gertrud Bäumer Bettina Biedermann Else Lasker-Schüler Rüdiger Reitmeier Brigitte Mira Harry Balkow-Gölitzer Friedrich Wilhelm Murnau Rüdiger Reitmeier Richard Oswald Rüdiger Reitmeier Bruno Paul Bettina Biedermann

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Max Pechstein Bettina Biedermann Walther Rathenau Harry Balkow-Gölitzer Max Reinhardt Jörg Riedel Romy Schneider Harry Balkow-Gölitzer Gustav »Bubi« Scholz Harry Balkow-Gölitzer Walter Spies Rüdiger Reitmeier Richard Tauber Jörg Riedel

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Anmerkungen

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Gräber von berühmten Persönlichkeiten in Grunewald Harry Balkow-Gölitzer

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Sieben Rundgänge durch Grunewald

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Auf einen Blick – Prominente in Grunewald Harry Balkow-Gölitzer

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Die Autoren Abbildungsnachweis Danksagung

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Die Villenkolonie im Grunewald ist heute noch beliebter Treffpunkt f端r Prominente.

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Vorwort Wenn Nimmersatt Die Riesenstadt Ins Herz der Forste bricht. Dann sieht man bald Den Grunewald Vor lauter Villen nicht. (Ludwig Fulda)

Alfred Kerr reihte sich ein in die Kritiker-Riege, als die »reichen Leute« sich anschickten, im Grunewald »Zauberparks und Wundergärten« aus dem elenden Sand zu kitzeln. »Eine Natur aus Draht, der man ansieht, wie viel Humus aufgeschüttet werden musste. Künstlich alles!« Die große Seinestadt Paris war das Vorbild, Wilhelm I. und Fürst Otto von Bismarck hatten von jeher die Metropole mit ihren prächtigen und breiten Straßen im Boulogner Gehölz bewundert. Die berühmteste dieser Prachstraßen war die Avenue des Champs Elysées. Wenn Berlin weiter so wachsen würde, wie in den letzten Jahren, überlegte Bismarck, dann könnte der Grunewald der »bois de Boulogne« Berlins werden, und eine »Hauptvergnügungsschlagader« dorthin wäre mit »einer Breite wie die Elyseeischen Felder durchaus nicht zu groß bemessen«. 1889 ging die große Holzauktion im Grunewald los. Am laufenden Meter wurde von den Terrainspekulanten im westlichen Umland, am Ende des Kurfürstendamms, nicht nur Holz verscherbelt, sondern auch Land. Die Grundstückspreise waren gewaltig in die Höhe geschossen, aber wegen der Steuerersparnisse gegenüber der Stadt Berlin wohnte man draußen im Grunewald fast umsonst. Um die Jahrhundertwende war aus der Villenkolonie Grunewald eine Luxusstadt geworden, die allerdings nur den oberen Klassen die »vollkommendste Befriedigung des Wohnbedürfnisses« ermöglichte. Paul Voigt beobachtete, wie in Grunewald schon 1900 »landschaftliche und architektonische Schönheiten sich zu einem Bilde von höchstem malerischen Reize vereinigten«. Wenige dreißig Jahre später beschrieb Christopher Isherwood in seinem Roman »Leb’ wohl in Berlin« den Gru-

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newald als einen »Slum für Millionäre«, in dem es bis auf die wenigen großen Gärten, die sich die Reichen leisten konnten, nur noch »Aussicht auf den benachbarten Hinterhof, der jeweils durch einen Drahtzaun und einen bissigen Köter geschützt wird«, gab. Man mag es sehen, wie man will, aber wäre der damals noch unbekannte Isherwood im Grunewald nicht nur als Englischlehrer vorgelassen, sondern ebenso als berühmter Autor in die großbürgerlichen Salons eingeführt worden, hätte sich seine Perspektive vielleicht ein wenig gewandelt. Schließlich gab sich auch Alfred Kerr versöhnlich: »Wenn ich heut an den Eitelkeitsmarkt solcher Landhausnachmittage und Abende zurückdenke, muß ich zwar geziemend lächeln […], aber ich weiß, daß Schönheit, Schönheit, Schönheit in alledem oftmals war…«. Diese Schönheit der Landhausvillen und Waldpalais kann man heute noch bestaunen, in manchen Straßenzügen Grunewalds wird man unmittelbar in die Atmosphäre einer der schönsten Villenkolonien des 19. Jahrhundert zurückversetzt. Es sind ganz andere Berlin-Bilder, als sie die Medien aus der immergleichen Stadtmitte und aus den Problemkiezen ausstrahlen. Gelegentlich, wenn Prominente wie die deutsche Fußballnationalmannschaft im Schlosshotel im Grunewald übernachten, weht der vornehme Duft dieser »kunstvollen Siedelung« auch über Berlins Grenzen hinaus. Als Alfred Kerr von der Schönheit der Landhausnachmittage sprach, meinte er damit nicht allein die exquisit eingerichteten Palais, sondern vor allem ihre Bewohner. Schön deshalb, weil sich an solchen Abenden von der Kaiserzeit an bis zum Ende der Weimarer Republik die berühmtesten Repräsentanten aus Hochfinanz, Regierung, Wissenschaft, Literatur und Kunst versammelten und austauschten. Sie wohnten alle in Grunewald, und die gastlichen Abende potenzierten den »Synergie-Effekt« einer unglaublich reichen, kreativen und produktiven Nachbarschaft. Völlig eingebunden darin war die jüdische Elite Deutschlands, nicht etwa weil sie hier unter sich sein wollte, sondern weil sie es selbstverständlich fand, mit den Kinder Weihnachten in der Grunewaldkirche zu feiern und den protestantischen Pfarrer aktiv an der Einweihung der Grunewalder Synagoge teilnehmen zu lassen. Den antijüdischen Keil haben die Nazis mit ihrem »braunen Haus« in den Vorort getrieben. Der Exodus der »Jüdischen Renaissance« im Grunewald ist an der Rampe des S-Bahnhofs Grunewald zu besichtigen. Wer seinen Rundgang im Grunewald beginnt oder beendet, sollte diese berührende Deportations-Gedenkstätte aufsuchen, sie liegt fernab des Rummels der Eisenmannschen Stelen von Berlin-Mitte. Als wir begannen, für unser Buch mit Prominentengeschichten aus dem Grunewald zu recherchieren, hatten wir ein Problem: anders als bei unseren Dahlem- oder Wannseeforschungen fluteten die Namen der

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Der Schriftsteller Ludwig Fulda im Grunewald.

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Am Hasensprung, um 1900.

Grunewalder Berühmtheiten nur so herein. Der umfangreiche Adressteil im Anhang spricht hierfür Bände. An Grunewald-Literatur hat es auch nicht gerade gefehlt. Neben der unerschöpflichen Quelle der Wochenzeitung »Grunewald-Echo«, die Oswald Kohut seit 1899 herausbrachte, gab es viele andere Autoren, die vor uns Recherchen angestellt haben, stellvertretend seien hier nur Karl-Heinz Metzger und Helga Gläser genannt, oder auch die Denkmaltopographie des Ortsteils Grunewald und die Veröffentlichungen aus dem Gemeindeblatt der evangelischen Kirche, herausgegeben von Helga Frisch. Helga Frisch bewegte sich ja schon lange, bevor wir mit Dahlem angefangen haben, auf den Spuren der GrunewaldBewohner und ihrer Villen, als Pfarrerin wurden ihr intime Einblicke in ganz vergessene Familiengeschichten gewährt. Aber bei all der vorliegenden Literatur scheint sich im Laufe der Zeit doch eine feste Grunewald-Provenienz festgeschrieben zu haben, die stark an den Gedenktafeln und ihren Biografien ausgerichtet ist. Eine Gedenktafel am Hause F. W. Murnaus ist unbedingt angebracht, sie verdeckt allerdings auch die Geschichte nicht minder interessanter Hausbewohner wie Hans Ehrenbaum-Degele oder Walter Spies. Walther Rathenau darf in keinem Buch über den Grunewald fehlen, aber auch seine Schwester Edith Andreae ist Teil dieser Geschichte. Harald Juhnke, Brigitte Mira oder

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Romy Schneider haben in die »seriöse« Literatur keinen Eingang gefunden, für uns nehmen sie ebenso ihren festen Platz in Grunewald ein wie Engelbert Humperdinck oder Max Pechstein. Schließlich überlassen wir es den Lesern, anhand der Adressen und der vorgeschlagenen Rundgänge sich ihre ganz eigene »Hitliste« zusammenzustellen, nicht anders haben wir es mit unseren Porträts gemacht. Die unterschiedliche »Herangehensweise« an unsere Lieblings-Prominenten entspricht übrigens ganz dem kaleidoskopischen Prinzip der Grunewalder Salons, wo kunterbunt die Tischnachbarn durcheinander gemischt wurden. Rangfolge bei uns ist einzig das Alphabet. Nur bei den jetzt lebenden Bewohnern Grunewalds sind wir dem Wunsch nachgekommen, uns mit Adressangaben zurückzuhalten. Die Zeiten, da man gern offene Abende für Überraschungsgäste gab, sind längst vorbei. Auch wenn wir sie in unserer Dankesliste gesondert benennen, sei hier noch einmal auf unsere »Mitarbeiter« hingewiesen. Ohne sie hätten viele unserer Porträts nicht jenen persönlichen Touch bekommen, der uns so wichtig ist. Tausend Dank den Archivexperten, Privatsammlern und Erben, die uns ihr Wissen, seltene Dokumente und unveröffentlichte Fotos zur Verfügung gestellt haben und die uns geduldig mit Korrekturen beiseite standen. Oft haben sie sich über Jahrzehnte mit einer Persönlichkeit beschäftigt, von der wir nur eine kurze Skizze anfertigen können. Doch bei aller Archivgrübelei und Schriftgelehrtheit; dieses Buch ist als Wanderlektüre für draußen gedacht. Wer selbst nicht unter blühenden Tulpenbäumen im Garten des Löwenpalais saß, nicht auf den Spuren von Ingeborg Bachmann, Vicki Baum oder Stefan George in heißer Julischwermut am Dianasee Kühlung fand, nicht am herbstlichen Kiefernrand einen Blick in Brigitte Miras einstige Kemenate wagte, wer nicht verfolgte, wie über die vereisten Deportationsgeleise gefrorene Blüten rollten, der hat vor lauter Buchstaben den Grunewald nicht gesehen. August 2006 Rüdiger Reitmeier

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Berlin und Umgebung, Plan von 1889.

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Ingeborg Bachmann 1926 Klagenfurt (Österreich) – 1973 Rom (Italien) Schriftstellerin

Hasensprung 2, Koenigsallee 53 Es war an einem der vielen schönen Sommertage des Jahres 1963. Ingeborg Bachmann, die beinahe kultisch verehrte österreichische Schriftstellerin, war wieder einmal mit ihrem Fahrrad im Grunewald unterwegs, wie so oft nahm sie die gewohnte Route vom Dianasee zum Grunewaldsee, durch das Naturschutzgebiet Hundekehlefenn, vorbei am Jagdschloss, bis nach Schlachtensee. Sie liebte diese Fahrradausflüge, aber auch an diesem Tag war sie nicht allein. Begleitet wurde sie von den vielleicht berühmtesten deutschen »Bodyguards«. Vor ihr fuhr Hans Werner Richter, auf dessen Initiative hin die Schriftsteller- und Kritikervereinigung »Gruppe 47« gegründet wurde und der mit seiner Frau in der Erdener Straße 8, dem ehemalige Haus des Verlegers Samuel Fischer, wohnte, hinter ihr passte Uwe Johnson auf seine Literatenkollegin auf. Ingeborg Bachmann, die in ihren Vorträgen und Lesungen jedermann mit der Geschliffenheit der Sprache und ihrer unverwechselbaren brüchigen Stimme faszinierte, hatte Angst, große Angst vor den Menschen bekommen. Sie durchlebte einen der schwierigsten und dunkelsten Abschnitte ihres Lebens.41 Fünf Jahre hatte sie mit Max Frisch, dem Schweizer Schriftsteller zusammengelebt, die Zeit zwischen 1958 und 1963 war für beide, beruflich wie privat, glücklich und überaus erfolgreich. Ihm gelangen mit »Biedermann und die Brandstifter« und »Andorra« am Züricher Schauspielhaus zwei Theaterstücke, die schnell zu internationalen Erfolgen wurden, sie veröffentlichte ihren autobiographischen Erzählband »Das dreißigste Jahr« und wurde dafür 1961 mit dem Berliner Kritikerpreis geehrt. In diese Zeit fiel auch die Erstsendung ihres mit dem Preis für Kriegsblinde ausgezeichneten Hörspiels »Der gute Gott von Manhattan«. Und immer wieder waren

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es ihre Gedichte, ihr »Medium der Kritik an den restaurativen Kräften der Nachkriegszeit«,42 die Aufmerksamkeit, mitunter auch Aufregung erzeugten. »Gedichte zu schreiben scheint mir das Schwerste zu sein, weil hier die Probleme des Formalen, des Themas und des Vokabulars in einem gelöst werden müssen, weil sie dem Rhythmus der Zeit gehorchen und dennoch die Fülle der alten und neuen Dinge auf unser Herz hinordnen sollen, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschlossen sind.«43 Nach der Trennung von Max Frisch fiel Ingeborg Bachmann, der »Männermythos, dessen Zauber aus Mädchenscheu und lyrischer Kraft Dichterkollegen, Leser und Kritiker gleichermaßen verfielen«44, in eine tiefe Krise, aus der sie sich lange nicht erholen konnte. Ein Ortswechsel schien die beste Therapie. Ausgestattet mit einem amerikanischen Stipendium kam sie 1963 nach Berlin und nahm sich eine Wohnung im Hasensprung, einem kleinen Weg zwischen der Winkler Straße und der Koenigsallee, dort, wo eine kleine Brücke die Verbindung zwischen Koenigsund Dianasee überspannt. Jetzt war sie ganz in der Nähe ihrer Dichterkollegen aus der »Gruppe 47«, die ihr Hilfe und Halt waren. Und sie war ganz in der Nähe des Komponisten Hans Werner Henze. »Du bist für mich der kostbarste Mensch«45 sagte sie ihm nach der Trennung von Max Frisch. Bereits seit den Fünfzigerjahren hatte sie mit ihm zusammengearbeitet, 1955 lieferte sie die Texte zu seinem Ballett »Der Idiot«, fünf Jahre später schrieb sie das Libretto zu seiner Oper »Der Prinz von Homburg«. Hans Werner Henze, der sich zu dieser Zeit vornehmlich in Österreich und Italien aufhielt, hatte eine Wohnung in der Trabener Straße 16 gemietet, in jenem Haus, in dem einst Isadora Duncan und Engelbert Humperdinck gewohnt hatten. Und er war glücklich, Ingeborg Bachmann in Berlin zu wissen, die ihm nun endlich seine »seltsame Einsamkeit« nahm. »Einsam«, sagte Hans Werner Henze, »sind Sie natürlich auch, wenn Sie beim Schreiben niemanden haben, der sie ermutigt. Ingeborg Bachmann und ich, wir waren ja ein paar Jahre in Berlin. Ich wohnte am Bahnhof Grunewald, sie etwa zehn Minuten von mir entfernt. Wenn man etwas geschrieben hatte und froh darüber und ganz stolz mit sich selber, dann konnte man zu Fuß hingehen und es jemandem erzählen, der das zu schätzen wusste. Und vice versa ebenfalls. Manchmal schob man das Manuskript auch nur unter der Tür her, um nicht zu stören. Da gab es einen Zusammenklang, der von hoher Produktivität war.«46 Es war eine »große Freundschaft«, wohl auch eine »merkwürdige Liebe« zwischen der Dichterin und dem homosexuellen Komponisten entstanden. Sie war seine Muse. »Ich lehnte mich an sie an, ihr Geist half meiner Schwachheit auf«47. Im Kreis ihrer Freunde konnte sich Ingeborg Bachmann sichtlich erholen, und sie nahm auch wieder am gesellschaftlichen Leben teil. Leicht fiel

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es ihr anfangs nicht, und sie versuchte, durch manchmal übertriebenen Aktionismus ihre Scheu nach außen hin zu überspielen. Bei einem Empfang im Haus Opel entdeckte sie Paul Hubschmid, den in Deutschland äußerst populären Schweizer Schauspieler. Sie, der die Literaturwelt zu Füßen lag, warf sich vor dem Frauenhelden auf die Knie und rief: »Mein Schwarm! Endlich steht er leibhaftig vor mir.« Hubschmid hätte an diesem Tag alles von ihr bekommen können, aber außer einem hilflosen »Aber nicht doch, nicht doch ...« und einer linkische Geste, ihr aufzuhelfen, fiel ihm nichts ein. Ingeborg Bachmann rettete die Situation mit einer Einladung zum Schnitzelessen in ihre Grunewalder Wohnung. Bis Ende 1965 blieb Ingeborg Bachmann in Berlin, dann zog es sie in den europäischen Süden, um im März 1966 wieder in die geteilte Stadt zu kommen. Während einer Lesereise durch den Norden Deutschlands erfuhr das Publikum von einem Romanprojekt, das sie während ihrer Berliner Zeit auf den Weg bringen wollte. In aller Abgeschiedenheit waren an ihrem Schreibtisch in Grunewald Tausende von Manuskriptseiten entstanden, unbemerkt von ihren Freunden und Kollegen. Das »Buch Franza« war ihre persönliche Aufarbeitung der Trennung von Max Frisch und ihrer damit verbundenen psychischen Krankheitsgeschichte. Sie schrieb von den »Viren des Verbrechens«, von Franzas »Reise durch die Krankheit.48 Nach einer Lesung resümierte »Der Tagesspiegel«: »Schlimmes muss vorhergegangen sein.«49 Schlimmstes sollte sie 1973 ereilen. Ingeborg Bachmann starb an den Folgen einer Brandverletzung. Sie, die ihre künstlerische Heimstatt in der »Gruppe 47« hatte, wurde 47 Jahre alt. Ihre getreuen Jünger glauben noch heute nicht an einen Zufall.

Koenigsallee 53.

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Theodor Heuss 1884 Brackenheim/Württemberg – 1963 Stuttgart Politiker, Bundespräsident

Koenigsallee 71 Im Sommer 1945, kurz nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes, machte sich ein amerikanischer Colonel im Auftrag der US-Militärverwaltung in Stuttgart auf den Weg in das nicht weit entfernt gelegene Heidelberg. In der Tasche hatte er einen Brief mit dem Vorschlag, Theodor Heuss das Amt des württembergischen Kultusministers anzutragen. Die Suche nach dem integren Publizisten und promovierten Agrarwissenschaftler gestaltete sich zunächst schwierig, der etwas verschlafen wirkende Heilbronner Vorort Handschuhsheim, wohin sich Theodor Heuss noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges zurückgezogen hatte, war nicht leicht zu finden. Handschuhsheim atmete auch an diesem Tag Stille, Ruhe und Beschaulichkeit, nur manchmal unterbrochen von rhythmischem Klopfen, das aus einem Garten hinter einem hübschen Einfamilienhaus kam. Der Colonel ließ seinen Jeep halten, öffnete die Gartentür und sah sich auf dem Anwesen um. An einer Teppichklopfstange stand ein älterer, weißhaariger Mann und war intensiv mit dem gewiss ungerechten Verprügeln eines höchst wertvoll erscheinenden Teppichs beschäftigt. Auf die Frage des Colonels, ob er wisse, wo Herr Heuss wohne, antwortete der mit kurzer Turnhose und Unterhemd bekleidete Teppichreiniger: »Na, hier!« Und ob der Herr Heuss vielleicht zu sprechen wäre, fragte der Colonel weiter. »Ja, sicher«, lautete die nächste, wiederum sehr knappe Antwort. Aber wo, please, ist denn nun der Herr Heuss? Leicht genervt, ließ sich der Amerikaner zur nächsten Frage hinreißen. Da endlich wurde ihm Hilfe zuteil. Schwitzend, mit zerzaustem Haar, ging der ältere Herr auf ihn zu, gab ihm die Hand und stellte sich vor, aber nun war es an ihm, die Fragen zu stellen. »Woher komme Sie? Was wolle Sie denn von mir?«

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Später, bei einem guten trockenen badischen Weißwein überbrachte der Colonel dem Hausherren, der inzwischen einen gutsitzenden Anzug trug, den Beschluss der amerikanischen Verwaltung, für WürttembergBaden eine deutsche Zivilregierung einzusetzen. Eines der wichtigsten Ministerämter sollte im Verständnis der Amerikaner das Kultusressort werden, beinhaltete es doch die Verantwortungsbereiche Kultur, Universitäten, Schulen, Hochschulen, Bibliotheken und Theater, und dem zuständigen Minister sollte somit die Schlüsselposition bei der Einrichtung, neuer, demokratischer Bildungsstrukturen zufallen. Theodor Heuss hörte sich die griffigen Argumente seines amerikanischen Gastes sehr genau an und gab schließlich seine Zusage. Allerdings anders, als sie sich der Colonel vorgestellt hatte. Der wollte zumindest einen Heuss’schen Monolog über Pflicht und Verantwortung für den Neuaufbau eines demokratischen Gemeinwesens hören, aber Heuss sagte nur: »Ja, ich mach das. Aber nur, wenn Sie mir e Dienstmädle beschaffe.«152 Theodor Heuss brauchte keine großen Worte, wenn es um Pflicht und die Übernahme von Verantwortung ging. Am 24. September 1945 hatte er sein Dienstmädchen – und das Land Württemberg-Baden seinen Kultusminister. Der politische Werdegang des

Villa Tietz, Koenigsallee 71, Berliner Wohnsitz von Theodor Heuss in den 1950er-Jahren.

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auch bei den Amtskollegen von SPD und KPD überaus beliebten Professors in der Stuttgarter Allparteienregierung setzte sich mit der Wahl zum Vorsitzenden der Demokratischen Volkspartei (DVP) fort, aus der 1948 die Freie Demokratische Partei (F.D.P.) hervorging, und gipfelte am 12. September 1949 mit seiner Wahl zum ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. »Wer selbst Liebe besitzt, hat auch die Chance, Liebe zu wecken.«153 Theodor Heuss, der gesellige, mitunter spitzbübisch witzige Freund von intelligenten Sinnsprüchen und tiefschürfenden Sentenzen, hat diese Liebe erfahren. Als allgemein geachteter, noch heute tief verehrter Präsident, und auch in seinem erfüllten, manchmal aber auch hochkomplizierten Privatleben. 1908 hatte er Elly Knapp geheiratet, eine »Persönlichkeit von beinahe bezaubernder Ausstrahlungskraft. In ihrem Wesen vereinigten sich hohe Intelligenz und praktische Begabung, große Natürlichkeit und feines Einfühlungsvermögen mit starkem Willen und Begeisterungsfähigkeit. Das alles auf dem Fundament eines tiefen christlichen Glaubens.«154 Getraut wurden sie in der Straßburger Thomaskirche, ein junger Vikar, der später Weltrum erlangen sollte, hielt die Traurede, in der viel von Achtung, Liebe und Vertrauen zu hören war: Albert Schweitzer hieß der angehende evangelische Pfarrer, Arzt und Organist, der 1913 ins afrikanische Gabun ging, um dort bis 1965 als legendärer »Urwalddoktor« in Lambarene zu wirken. Mit Albert Schweitzer fühlte sich die Familie Heuss zeitlebens verbunden. Als »überzeugter Württemberger« hatte Theodor Heuss seine Wurzeln selbstverständlich in dem Landstrich, der noch heute respektvoll »Ländle« genannt wird, aber als seine zweite Heimat sah er immer Berlin an, die frühere Reichshaupt- und später geteilte Stadt. Hier studierte er das Fach Nationalökonomie und promovierte 1905 mit der Arbeit »Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn«. Der junge Doktor wohnte 1906 in der Wilmersdorfer Fürbringer Straße 5a, nach der Heirat mit Elly Knapp bezog das junge Ehepaar für drei Jahre ein Haus im Königsweg 6 a. Beinahe vergessen ist heute, dass er auch eine Wohnadresse in Grunewald hatte. Das sanft hügelige Grundstück an der Koenigsallee, heute mit Mehrfamilienhäusern neu bebaut, liegt in unmittelbarer Nähe des malerischen Hundekehlesees an dessen Ostufer. Sechs Jahre lang arbeitete Theodor Heuss, der Kenner und Genießer guter Weine, als Journalist in Heilbronn, aber 1918, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zog es ihn nach Berlin zurück. Ein Jahr später wurde er, der nun mit seiner Frau in einem prachtvollen Haus mit einer »besonders hübschen, stuckverzierten Fassade«155 in der Friedenauer Fregestraße 80 wohnte, zum Bezirksverordneten in Berlin-Schöneberg ge-

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wählt. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten war er Dozent an der Hochschule für Politik, saß für die Deutsche Demokratische Partei im Reichstag und warnte bereits 1932 in seiner Schrift »Hitlers Weg« vor den Gefahren der künftigen, selbsternannten »Erneuerer Deutschlands«. Dieses Buch, eine politische, historische und soziologische Kritik am Nationalsozialismus, wurde ebenso wie die Bücher von Erich Maria Remarque, Karl Kautsky, Erich Kästner und vielen anderen, nach den Befehlen von Preußens Bildungsminister Bernhard Rust und dessen Handlanger, Professor Alfred Baeumler, am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz verbrannt. Während der Zeit des »Dritten Reiches«, die Familie war längst in ein Haus in der Lichterfelder Kamillenstraße gezogen, ereilte auch Theodor Heuss das Los vieler Autoren. Nachdem er mehrere Biografien über Persönlichkeiten der deutschen Zeitgeschichte veröffentlicht hatte, wurde er 1942 von den Nationalsozialisten, nach mehreren Verwarnungen aus Goebbels’ Propagandaministerium mit einem Schreibverbot belegt. Aber nicht alle Zeitungen und Zeitschriften hielten sich daran. Immer wieder konnte er unter dem Pseudonym »Thomas Brackheim« kleinere, unpolitische Essays platzieren, aber längst war Elly Heuss, die hochbegabte Werbetexterin, zur Haupternährerin der Familie geworden. Ihr Mann, zurückgezogen in die innere Emigration, fand Kontakt zum bürgerlichen Widerstand um Carl Goerdeler und Fritz Elsas. Der berufliche und politische Lebensweg von Theodor Heuss mag dem besagten amerikanischen Colonel, der mit seinem Angebot letztlich Auslöser für die große politische Nachkriegskarriere eines bedeutenden Deutschen war, durchaus bekannt gewesen sein. Den Heuss’schen Humor aber hat er an diesem Tag in Heilbronn-Handschuhsheim zum ersten Mal erlebt, doch sollte der Sprachwitz des späteren Bundespräsidenten während seiner beiden Amtszeiten noch oft genug für Lachen, auch für Erstaunen und Nachdenklichkeit sorgen. »Daß einmal das Wort Tierschutz erfunden werden musste, ist eine der blamabelsten Angelegenheiten menschlicher Entwicklung«,156 beklagte er einst, ging aber auch kritisch, vielleicht gar selbstkritisch, mit den Politikern ins Gericht, denn nur »wer immer die Wahrheit sagt, kann sich ein schlechtes Gedächtnis leisten.«157 Theodor Heuss, dem geselligen, launigen, beinahe sprichwörtlichen »Präsidenten des Volkes« war es nicht nur politische Wichtigkeit, sondern gelebtes Bedürfnis, so nah wie möglich an den Menschen zu sein. Dies brachte er mit seinem berühmt gewordenen Zitat auf den Punkt: »Von München, Kiel bis Neuss – keine Feier ohne Heuss.«158

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Brigitte Mira 1910 Hamburg – 2005 Berlin Schauspielerin, Sängerin

Koenigsallee 83 »Sagen Sie mir bitte, liebe Frau Mira, wie schafft es eine Frau, fünfmal verheiratet gewesen zu sein, ohne kochen zu können?« Alfred Biolek, der Mann der scharfen Küche und der messerscharfen Fragen, hatte sich ausgerechnet die Galaveranstaltung zu Brigitte Miras 90. Geburtstag für diese Frage ausgesucht. Bei »Alfredissimo« wird bekanntlich fettarm gekocht, aber in kleinere Fettnäpfchen kann auch der beste Showmaster, sicher ungewollt, dennoch schnell und leichtfüßig, treten. Bioleks nicht ganz chevalereske Frage beantwortete Brigitte Mira in der ihr eigenen Schlagfertigkeit, allerdings etwas gereizt und mit funkelnden Augen: »Es freut mich ja für Sie, dass Sie kochen können, ich hatte eben andere Qualitäten.«189 Brigitte Mira, von ihren Freunden und ihrer Fan-Schar nur »Biggi« genannt, gehörte zu den bekanntesten Gesichtern Berlins. Obwohl in Hamburg und Düsseldorf aufgewachsen, wurde sie ein ebenso beliebtes »Aushängeschild« der Hauptstadt wie Günther Pfitzmann und Harald Juhnke, mit denen sie eine lebenslange Freundschaft und viele gemeinsame Drehtage verband. Ihre Wohnung hatte sich Brigitte Mira im Stadtteil Grunewald ausgesucht. Am Grunewald wäre nun doch richtiger, denn hinter dem freundlichen Mehrfamilienhaus in der Koenigsallee 83 gibt es wirklich nur noch Wald, aufgelockert durch den malerischen Hundekehlesee, an dessen Westufer ein Wanderweg entlangführt, der bei einem Spaziergang alle gängigen Grunewald-Klischees bedient. Man trifft Jogger und Schocker, glücklich badende und wild spielende Vierbeiner sagen sich kläffend Guten Tag – und nicht nur die Füchse Gute Nacht.

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Im Herbst 1988 hatte der Autor das Glück und die Gelegenheit, mit Brigitte Mira in ihrer Wohnung, ihrem »Hexenhäuschen«, ein Interview zu führen. Ich habe sie als ungemein herzliche Gastgeberin erleben dürfen, die sich an der Wohnungstür über den artig dargebotenen Blumenstrauß – champagnerfarbene Rosen – mit den Worten »Na, Sie ha’m aber ‘nen guten Geschmack« freute, mich in die Küche schubste und sofort in ein vertrautes »Du« überging. Ihr »Da, nimm Dir Kaffee, Schätzchen« hatte mich etwas verwirrt, aber schnell war zu spüren, dass auch ich – ein ihr bis dahin völlig unbekannter Rundfunkjournalist – ein dankbares Opfer ihrer »Verwöhnmentalität« geworden war. »Willst Du ein Stückchen Kuchen? Möchtest Du lieber Tee statt Kaffee? Willste ‘n Bier? Haste noch Hunger, ich habe auch noch anderen Kuchen ...«. Immer wieder wurde unser Interview, das längst den Charakter einer zwanglosen, gemütlichen Nachmittagsplauderei angenommen hatte, von ihren fürsorglichen Fragen unterbrochen, und obwohl ich diese mit höflichstem »Danke, sehr freundlich, ganz reizend, vielen Dank« beantwortete, hatte ich keine Chance. Leere Teller, Tassen und Gläser gab es nicht auf Brigitte Miras Küchentisch. Jetzt wusste ich, warum sie ihre TV-Parade-Rolle als »Dame vom Grill« so überzeugend gestalten konnte. Irgendwann kamen wir auf den eigentlichen Anlass meines Besuches. Brigitte Mira hatte gerade entschieden, ein neues musikalisch-literarisches Programm aufzulegen, mit dem sie dann sehr erfolgreich durch die Republik tourte. »Quer durch den Garten« nannte sie es, und mich interessierte, warum sich Brigitte Mira nun auch als »singende Schauspielerin«, die es seinerzeit zu Dutzenden gab, betätigte. Vielleicht hätte ich mich auf dieses Gespräch besser und gründlicher vorbereiten müssen, denn ihre Antworten waren überraschend. »Es ist immer wieder interessant für mich, wenn ich nach meinem Programm gefragt werde. Wir haben ja gar nicht gewusst, dass Sie auch singen können, höre ich da, und ein allgemeines Staunen setzt ein. Das ist natürlich eine Generationsfrage. Ich habe, und das wissen vielleicht noch die Älteren, meine Karriere einst als Sängerin begonnen. Lange Jahre war ich so genannte Operettensoubrette. Das ist ein Fach, das es heute in dieser Form nicht mehr gibt, denn durch das Musical als direkter Nachfolger der Operette hat sich natürlich auch das Erscheinungsbild einer Sängerin und die künstlerische Anforderung in der Verbindung Gesang – Tanz – Mimik geändert. Ich komme also von der Musikbühne und bin dann erst viel später ins Schauspielfach gewechselt. Mein jetziges Programm ist in erster Linie für mich eine Form der Abwechslung, des Ausgleichs zu meinen Film- und Fernseharbeiten, wobei ich mich allerdings grundsätzlich von den musikalisch-literarischen Abenden meiner Schauspielerkollegen unterscheide. Die stürzen sich vornehm-

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Brigitte Miras Hexenhäuschen.

lich auf Tucholsky und Brecht oder spielen diverse Berlin-Programme. So etwas mache ich nicht. Ich bin weder politisch noch literarisch. Friedrich Hollaender ist bei mir noch das literarischste. Es ist ein rein unterhaltendes Programm, bis hin zur absoluten Klamotte, wo ich mit Federhut und Boa auftrete, natürlich mit etwas Berlin-Kolorit, aber das Berlinischste an diesem Programm bin ich selbst.«190 Seit den Vierzigerjahren war Brigitte Mira in Berlin. Nach erfolgreichen Engagements in Graz und Kiel entdeckte Willi Schaeffers ihr komisches Talent für sein »Kabarett der Komiker«. Vorher aber lief sie Walter Felsenstein über den Weg. »Ach, der Felsenstein, das war für mich der größte Regisseur der Oper und der klassischen Operette. Bei ihm habe ich die Adele in der ›Fledermaus‹ gesungen, es war eine große Ehre für mich, und noch heute bezeichne ich diese Zusammenarbeit als Höhepunkt meines künstlerischen Schaffens.«191 Irgendwann kippte unser Interview. Zwei prachtvolle Katzen, eine Maincoon und eine Perser Chinchilla, kamen beinahe lautlos aus dem Wohnzimmer in die Küche, legten sich demonstrativ auf den Herd und beäugten argwöhnisch, beinahe herablassend-majestätisch, den unbekannten Besucher. Theater, Fernsehen, Schauspielerei, Gesang – all das

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Grunewald Layout 11.09.06 END

19.09.2006

19:31 Uhr

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war auf einmal in den Hintergrund gedrängt. Eine Fachsimpelei über Katzen schloss sich an, und es wurde sehr spät an diesem Nachmittag in der Grunewalder Koenigsallee. Fast zu spät für Brigitte Miras »dritten Untermieter«, einen quirligen Yorkshire-Terrier, der mich offensichtlich nicht leiden konnte und, nachdem er stundenlang unser Gespräch ertragen musste, dabei vor Eifersucht kochte, nun endlich mit seinem Frauchen spazieren gehen durfte. Über die vielen Jahre ist mir aus diesem Gespräch sehr viel in Erinnerung geblieben, und immer wieder habe ich beim wiederholten Abspielen des Kassettenmitschnittes Neues entdeckt, Nebensätze, Nuancen, die für mich erst später eine Bedeutung erhalten sollten. »Manchmal nehme ich mein Publikum auf die Schippe«, sagte Brigitte Mira, »aber ich mache das mit einem freundlichen Augenzwinkern. Bei mir wird niemand verklapst für den Lacher um jeden Preis. Dies tut man nicht, aber wenn ich mir die Entwicklung im Fernsehen anschaue, dann wird mir diesbezüglich angst und bange. Die Zeit kommt, wo alles ganz oberflächlich wird, wo alles sehr, sehr schnell gehen muss, wo Entertainer ihr Publikum hassen. Und die Leute, die viel und gutes Geld für den Eintritt bezahlt haben, werden es nicht einmal merken.«192 Seherische Fähigkeiten habe ich bei Brigitte Mira nicht erkennen können, aber ihre große Erfahrung und ihre Ahnung um die Entwicklung der Unterhaltungsmaschinerie ließen sie bereits 1988 zu dieser Meinung kommen. »Ich bin keine Intellelle«193, sagte sie während unseres Gespräches. »Doch«, hätte ich antworten müssen. Damals habe ich ihr nicht widersprochen, heute würde ich es jederzeit tun.

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